Friedrich Spielhagen In Reih' und Glied. Erster Theil Roman   Sechste Auflage Verlag von L. Staackmann Leipzig 1883   Erste Auflage: 1866 Erstes Capitel. Es war an einem Spätsommerabend. Die Sonne stand schon hinter den Wäldern, aber ihre Strahlen erreichten noch den wolkenlosen Zenith, von dem ein Meer weichsten, mildesten Lichtes auf die müde Erde herabsank. Kein leisester Hauch regte die stattlichen Wipfel der prachtvollen Eichen und Buchen. In der lautlosen Stille vernahm man deutlicher das Zirpen der Schwalben, die mit ihren Jungen um den Giebel des Försterhauses kreisten. Die Glocke aus dem Dorfe Tuchheim, das jenseit des Hügelrückens und wohl eine halbe Stunde von der Försterei entfernt lag, klang so hell herüber, man konnte mit Bequemlichkeit die Schläge zählen. Es ist sieben Uhr, sagte einer von den zwei Männern, die vor der Hausthür auf der Bank links unter der alten Linde saßen, indem er eine große Uhr in einem Doppelgehäuse von Tomback aus der Tasche seiner schwarzen Weste nahm und vor die kurzsichtigen Augen hielt; sieben Uhr, ich muß fort. Nicht doch, lieber Anton, erwiederte der Andere. Malchen hat darauf gerechnet, daß Ihr zum Abend hier bleibt; Du hörst, wie sie in der Küche rumort; ich habe die Witterung von Eierkuchen – nicht wahr, Ponto? Und er legte die braune Hand auf den Kopf eines schönen, langhaarigen Hühnerhundes, der sich schweifwedelnd an seine Kniee schmiegte. Anton antwortete nicht; er ließ das Haupt wieder auf die Brust sinken und starrte auf den Boden. Von Zeit zu Zeit hustete er leise. Der Förster dampfte mächtig aus einer kurzen Meerschaumpfeife; seine scharfen blauen Augen blickten nach einem Raubvogel, der in ungeheurer Höhe seine Kreise durch den sonnig hellen Aether zog. So saßen sie eine kleine Weile. In Anton's düsterem Gesichte zuckte es unruhevoll. Ein Entschluß, der ihm schwer werden mochte, schien sich aus seiner Seele loszuringen. Er hüstelte stärker als zuvor, schaute verstohlen nach dem Bruder hinüber, setzte ein paarmal zum Reden an, hüstelte wieder und sagte endlich: Höre, Fritz! Was giebt's, Anton? erwiederte der Förster, ohne seine Augen von dem kleinen beweglichen schwarzen Punkte in der Höhe abzuwenden. Du könntest mir einen Gefallen, einen großen Gefallen erweisen. Von Herzen gern, sagte der Förster. Wie stehst Du jetzt mit dem gnädigen Herrn? Nun, ich denke, nicht schlechter als gewöhnlich – weshalb? erwiederte der Förster, die rechte, zusammengeballte Hand an die Backe legend und über den ausgestreckten Daumen nach dem Raubvogel visirend, den er jetzt deutlich als einen Bussard erkannte. Ich – ich möchte Deine Vermittlung in Anspruch nehmen in einer Sache, deren Entscheidung allein oder doch fast allein von ihm abhängt, und an der mir, das heißt nicht sowohl meinetwegen als im Interesse Leo's, sehr viel gelegen ist. Aber Du hörst nicht, was ich sage. Doch, doch, Bruder, erwiederte der Förster. Der Bussard, seiner Beute sicher, fiel wie ein Stein in gerader Linie herunter und verschwand, hinter dem Walde. Der Förster wandte sich zu dem Bruder und wiederholte: Doch, doch! Ich bin ganz Ohr. Du hast ein Anliegen bei dem gnädigen Herrn – sagtest Du nicht so? Der alte Gemeindeschreiber Müller in Tuchheim ist gestern gestorben, erwiederte der Andere in einer Aufregung, die seine bleichen Wangen mit einer hektischen Röthe übergoß und ihm das Athmen hörbar erschwerte; es wird eine Neuwahl stattfinden; die Stelle bringt über fünfzig Thaler ein; wenn der Freiherr mir seine Stimme giebt und sich für mich beim Landrath verwendet, ließe es sich wohl machen, daß ich in diese Stelle rückte. Der Förster nahm die Pfeife aus dem Munde, blickte den Bruder verwundert an, schüttelte dann den Kopf und sagte: Gemeindeschreiber in Tuchheim! Ei, ei, Anton, Du würdest es dabei so wenig aushalten als bei irgend einer andern Hantierung. Du würdest nach vier Wochen – was sage ich – nach vier Tagen, kommen und brummen: Mag Der oder Jener Gemeindeschreiber sein; der Teufel hole die langweilige Arbeit, die mich von meinen Büchern abzieht. – Nun, Anton, ich wollte Dich nicht kränken. Du bist ein gescheidter Kopf und hättest was Besseres verdient, als in dem elenden Nest, dem Feldheim, zu verkümmern; aber Du hast Dich nicht in's Leben finden können, Anton, nicht in die Menschen schicken können. Sie haben's auf dem Schlosse gut mit Dir gemeint, wie mit uns Allen. Du hast Dir dein Lager selbst machen wollen; es ist nicht meine oder eines Andern Schuld, daß es so hart gerathen ist. Der Förster klopfte seine Pfeife aus, während er das sagte, und weil er dabei lauter sprechen mußte, um gehört zu werden, kam es wohl, daß seine Worte rauher klangen, als sie gemeint waren. Die hagere Gestalt des bleichen Mannes an seiner Seite zuckte zusammen; er schloß die Augen wie in einem plötzlichen physischen Schmerz. Es ist hart, sehr hart gerathen, sagte er tonlos. Nun, nun, beschwichtigte der Förster, wir haben Jeder unser Theil zu tragen. Wie wir's tragen – das ist die Hauptsache. Dabei hängt gar viel von uns ab: ob wir's auf die leichte oder schwere Achsel nehmen, und ob wir ein wenig Geduld haben oder partout mit dem Kopfe durch die Fangnetze wollen. Aber, um auf Deine Idee zurückzukommen – Bemühe Dich nicht, rief der Andere aufspringend; ich habe genug gehört; ich brauche Deine Vermittlung nicht; ich brauche des Freiherrn Gnade nicht; ich werde meinen Weg zum Grabe allein finden, wie ich meinen Weg durch's Leben allein gegangen bin. Es ist mir schwer genug geworden, daß ich den Mund geöffnet habe; ach, ich wußte es ja, welcher Theilnahme ich mich von den Menschen zu versehen hatte, hätte es wenigstens wissen können. Es ist gut, ich werde Dich nicht wieder belästigen. Und er setzte hastig die Mütze auf, steckte mit zitternden Händen die hölzerne Tabaksdose und das Taschentuch ein und suchte mit den Augen nach dem Stock, der von der Bank, an welcher er gelehnt hatte, unter den Tisch gefallen war. Aber Anton, sagte der Förster ärgerlich, ist das nun gehandelt und gesprochen – ich will nicht sagen wie ein Bruder, sondern wie ein Christenmensch und ein vernünftiger Mann? Komm', komm', Anton! Wir haben uns vor vierzig Jahren in den Haaren gelegen, wenn Du immer die Exempel richtig rechnetest und ich dafür die meisten Vogelnester wußte. Da waren wir eben dumme Jungen und verstanden es nicht besser; sollen wir uns heute noch zanken, wo wir graue Haare haben und Keiner zwischen uns den dritten Mann spielen kann, wie der Vater sagte, wenn er uns Beide beim Kragen nahm? Die tiefe Stimme des Mannes klang ordentlich weich, als er so sprach und dem Bruder die braune, kräftige Hand entgegenstreckte. Den kostete es eine sichtbare Ueberwindung, die dargebotene Versöhnung anzunehmen. Ich wollte, der Vater hätte mich todtgeschlagen, oder ich wäre nie geboren, sagte er, während er vor der Bank, auf welcher der Förster saß, mit heftigen Schritten auf und ab ging. Was hat mir das Leben gebracht? Kummer, Sorge, Krankheit! Ich bin ein schwächliches, häßliches Kind gewesen. Der Vater hat mich stets verachtet; Ihr Alle habt es gethan, obgleich Ihr es natürlich nie habt Wort haben wollen. Aber ich fühlte es wohl; ich wußte es wohl, und das hat mich frühzeitig so scheu und so feig, so versteckt und so stolz gemacht. Und doch hatte ich Euch lieb, ich hatte die Menschen lieb. Sie haben es mir nach ihrer Weise vergolten. Sie haben mich von sich gestoßen, und dann haben sie gesagt, ich wäre vor ihnen geflohen. Ja wohl, und mit wie offenen Armen hätten sie mich aufgenommen, hätte ich Erfolge gehabt! Ich habe keine gehabt – das ist es. Das verzeiht die Welt nicht. Arm und verhöhnt, krank und verachtet! Der Förster schüttelte den Kopf. Es ist das alte Lied, sagte er. Nun, nun, man kann von einem Vogel nicht verlangen, daß er die Weise umlernt, die er sein Leben lang gesungen. So wahr mir Gott helfe, Anton, ich habe Dich nie verachtet, im Gegentheil, ich habe immer einen großen Respect vor Dir gehabt, obgleich Du der Jüngere warst. Und daß Du ein Herz hast, das lieben kann, Anton – ei, das weiß ich auch. Hättest Du das nicht gehabt, Du würdest Dich nicht, Deiner seligen Frau zuliebe, in Dein Dorf eingeschlossen haben, Du, dem die ganze Welt offen stand. Und machst Du es nicht jetzt mit Deinem Jungen wiederum so? Du lebst nur für ihn; Du studirst Dir Deine armen schwachen Augen fast blind, damit er nur recht gelehrt wird; mein Walter sagt mir, es sei ganz erschrecklich, was der Leo Alles wisse; er könne jeden Augenblick nach Prima kommen. Warum nimmst Du mein Anerbieten nicht an? Ich habe Dir schon vor drei Jahren, als ich den Walter in die Stadt auf die Schule schickte, gesagt, Du solltest den Leo mitgehen lassen; ich wollte schon für die beiden Buben sorgen. Du hast es nicht gewollt; ich hätte an der Sorge für den Einen schon zu viel; nun meinetwegen; es wäre mir nicht leicht geworden, die Pension aufzubringen; aber jetzt steht die Sache anders. Walter hat genug lateinische und französische Vocabeln im Kopf; er muß jetzt ernstlich an seine Hantierung denken, sonst wird im Leben kein ordentlicher Forstmann aus ihm. Der Junge bleibt nun hier, und ich habe die Hände wieder frei, Leo kann in seine Stelle treten. Willst Du, Anton? Schlag' ein, alter Kerl! Anton hatte sich wieder gesetzt; in seinem hagern Gesichte zuckte es wehmuthsvoll; offenbar hatte ihn des Bruders rauhe Herzlichkeit wohlthätig berührt. Er nestelte verlegen in seinem grauen dünnen Haar und sagte: Ich glaube es, Fritz, ich glaube es, aber es geht nicht. Dein Junge wird Dich auch in Zukunft noch genug kosten, wenn er Soldat wird und was noch sonst dahin gehört. Dann mußt Du auch an Deine Tochter denken, die Du nicht immer wirst hier auf dem Lande bleiben lassen wollen. Schließlich hast Du für Malchen zu sorgen, und mich hast Du, die paar Thaler Pacht, die der Freiherr nicht von mir nehmen will, abgerechnet, auch noch auf dem Halse; deshalb wiederhole ich meine Bitte wegen der Gemeindeschreiberstelle. Fünfzig Thaler mehr sind in meinen Verhältnissen ein ganzes Vermögen; ich brauche wenig, mein Leo ist nicht verwöhnt. Ich kann ihn dann auf die Schule schicken, vielleicht später auf die Universität, ohne seine junge Freiheit durch Verpflichtungen gegen Andere zu lähmen. Willst Du also mit dem Freiherrn wegen meiner sprechen, so will ich selbst mich in der Stadt bei dem Landrath umthun. Man kann es mir nicht abschlagen; ich habe noch niemals um etwas gebeten. Vielleicht nimmst Du Dich, während ich fort bin, meines Leo an. Du siehst, ich kann auch demüthig sein und bitten, wenn es sein muß. Willst Du, Anton? Der Förster war in großer Verlegenheit. Er wußte besser als irgend Einer, daß das neueste Project seines Bruders wiederum nichts als eine Seifenblase war, die bei dem ersten Anhauch der Wirklichkeit zerplatzen würde. Dennoch durfte er, wenn er den gerade heute besonders Verstimmten und unter dem Einflusse seiner Krankheit Leidenden nicht auf das Empfindlichste kränken wollte, kein Wort von seinen Zweifeln und Bedenken verlauten lassen. Er nickte deshalb eifrig und sagte: Natürlich, Anton, natürlich – ei, das versteht sich ja von selbst; aber seine Augen bewegten sich unruhig, als suchten sie einen Gegenstand, der dem Gespräche eine andere Wendung geben könnte. Plötzlich flog es über sein wettergebräuntes Gesicht wie ein Sonnenstrahl. In dem tiefen Schatten der Bäume zwischen den mächtigen Stämmen bewegte sich eine leichte Mädchengestalt in hellem Gewande, jetzt halb verdeckt, dann ganz verschwindend, dann wieder hervortauchend und vollkommen sichtbar, wie die glänzende Mondessichel, die durch Wolken segelt. Sie bückte sich häufig nach feinen Gräsern und Moosen und schaute dann wieder an den Bäumen hinauf, in deren dichten Laubkronen hie und da noch ein Vöglein zirpte. So kam sie näher und trat jetzt aus dem Rande des Waldes in das rothe Abendlicht, so daß sie wie von einer Glorie umflossen dastand. Dem Vater hüpfte das Herz beim Anblick seines Lieblings. So schön war sie ihm noch nie erschienen. Wie schlank und zierlich die leichte Gestalt, und wie groß das dreizehnjährige Ding! Ordentlich wie ein erwachsenes Mädchen! Und wie kleidete sie der Eichenkranz, den sie lässig auf das hellbraune Haar gedrückt hatte, das in fast zu üppiger Fülle anmuthiger Locken von dem schön geformten Haupte herabfloß! Silvia, rief er, komm' her, Mädchen! Komm' Du hierher, Papa, sagte das Kind, es ist hier viel schöner als vor der Thür; wir wollen noch ein wenig umherlaufen. Der Förster hatte sich schon halb erhoben. Du verziehst Deine Kinder, Fritz, sagte der Anton in verweisendem Tone. Ich glaube, Du hast Recht, erwiederte der Förster lächelnd, aber was ist da zu thun? Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es, sagte der Andere. Wenn der Onkel nicht mit will, so mag er bleiben, wo er ist, rief Silvia, die aus den Mienen der Männer den Inhalt ihres Gesprächs errathen hatte; ich habe ihn nicht zu kommen gebeten. Schäme Dich, Silvia, rief der Förster. In diesem Augenblicke erschien eine kleine bewegliche Frauengestalt in der Hausthür. Das schmale, altjüngferliche Gesicht, das von Gutmüthigkeit und dem Wiederschein des Küchenfeuers glänzte, war hie und da mit Mehlflecken betupft. Sie trug einen hölzernen Löffel in der Hand und rief, sobald sie die Schwelle betreten: Fritz, Anton, Silvia! Wo sind die Jungen? Das Essen ist in zehn Minuten fertig. Wo sind die Jungen? Wo sind die Jungen, Silvia? rief der Förster. Dort, sagte Silvia, seitwärts in den Wald deutend, unter der großen Buche, ich will sie holen. Thu' das, mein Mädchen! sagte der Förster. Komm', Anton, in der Laube ist gedeckt; ich wollte Dir meine Bienenstöcke zeigen; wir haben noch eben Zeit. Zweites Capitel. Leicht und anmuthig wie ein Reh lief Silvia in den Wald hinein, aber schon nach kurzer Zeit mäßigte sie ihre Schritte und blieb endlich stehen, unschlüssig, ob sie den erhaltenen Auftrag ausführen solle oder nicht. Hatte sie sich doch erst vor einer halben Stunde in hellem Zorn von den Knaben getrennt! glaubte sie doch vollauf Ursache zu haben, den Uebermüthigen zu zürnen! Freilich, der Leo war immer so stolz und hochmüthig, aber Walter, der sonst ohne die Schwester nicht leben konnte, der jeden ihrer Wünsche mit Freudigkeit erfüllte, ihr jede Laune nachsah, ja oft sich von ihr gutwillig quälen ließ – selbst Walter hatte den ganzen Nachmittag für sie keine Augen und Ohren gehabt. Das versteht ihr Mädchen nicht, hatte er mehr als einmal gesagt, wenn sie sich in das Gespräch hatte mischen wollen. Zuletzt hatten sie sogar angefangen, lateinisch zu reden, blos, um sie zu kränken, blos, um sie ihre Unwissenheit fühlen zu lassen, denn sie konnten es offenbar selbst nicht, Leo noch so ungefähr, obgleich er auch nach jedem dritten Worte stockte; Walter aber – du lieber Himmel, was der Walter sich nur denkt? Auf der Censur, die er gestern mitgebracht hat, steht: Lateinisch – mittelmäßig! Aber ich habe ihn auch daran erinnert, und da ist er roth geworden, und Leo hat verächtlich gelächelt, wie er immer lacht, wenn er es nicht der Mühe werth hält, mir zu antworten. Und ich sollte den Ungezogenen wieder vor die Augen treten, mich noch einmal von ihnen verspotten und verhöhnen lassen? Nein, mag sie zu Tische rufen, wer will, ich werde es nicht thun, ich nicht! Silvia fühlte sich sehr beleidigt und dabei sehr zornig und sehr unglücklich; sie nahm den Kranz, den sie vorhin, als sie durch den Forst schritten, gewunden hatte, von ihrem Haupte, zerriß ihn und warf die Blätter auf die Erde. Dann setzte sie sich in das Moos, drückte das Gesicht in die flachen Hände und fing an zu weinen, bitterlich, leidenschaftlich. Nach kurzer Zeit indessen erhob sie den Kopf wieder, schüttelte die Locken in den Nacken und lachte: Die albernen Jungen, wie sie sich freuen würden, wenn sie mich könnten weinen sehen! Wie leicht hätte das geschehen können! Sie müssen hier vorbei! Sie stand und lauschte. Kein Lüftchen regte sich. Die lautlose Stille hatte etwas Beängstigendes. Silvia legte die Hand auf das pochende Herz. Sollte sie wieder umwenden? Wenn die Knaben nicht mehr auf dem Platze waren, wo sie sie verlassen hatte, und sie allein zurückkehren müßte durch das dämmrige Revier? So hätten die Uebermüthigen doch Recht, daß alle Mädchen feig seien? Nicht Alle! Sie nicht! So schritt sie weiter, und bald blickte das Zwielicht durch die hier am Rande weniger dicht stehenden Stämme. Sie hatte die Richtung gut getroffen. Da war die große Buche am Saum des Waldes, und da saßen auch die Knaben, wie sie sie verlassen hatte; Leo, an den Stamm gelehnt, hinausblickend in die Ebene, die im Abendschein verdämmerte; Walter, halb zu seinen Füßen in das Gras gelagert, den Kopf auf den gebogenen Arm stützend, hinaufschauend in den lichten Himmel und in die dunklen Augen seines Freundes. Und wo liegt denn dies Land mit den armen, wilden Menschen? Nördlich vom Orangefluß erstreckt es sich in unendliche Ferne, erwiederte Leo und deutete mit der Hand nach dem Horizont; hier ein Dorf und da eins, aber alle meilenweit von einander entfernt, wie Inseln in diesem Ocean von grasigen Steppen, in denen Strauße und Antilopenheerden schweifen. Wer sich da hineinwagt, hinter dem schlägt das mannshohe Gras zusammen wie die Wellen über dem Ertrinkenden. Er muß sich auf Alles gefaßt machen; Leben und Tod müssen ihm wie zwei Brüder sein. So steht es in der Broschüre, die mir der Schulmeister geliehen hat. Die Zahl der Missionäre hat sich mit jedem Jahr verringert, und deshalb fordert der englische Missionsverein Alle, die den Beruf in sich fühlen, das große angefangene Werk fortzusetzen, auf, sich zu melden. Ich fühle den Beruf in mir, und ich werde mich melden, sobald meine Zeit gekommen ist. Aber Du verstehst ja kein Englisch, Leo! Ich werde es lernen. Du wirst in jenen Ländern nicht leben können. Du kannst große Sonnenhitze gar nicht gut vertragen. Ich werde mich abhärten. Walter konnte diesem neuesten Plane des planreichen Freundes keinen Beifall schenken. Er konnte sich nicht denken, daß man außerhalb des Waldes, in welchem seines Vaters Haus lag, glücklich leben könne. Wenn's aus den Ferien wieder zur Schule ging und der Leiterwagen mit den zwei munteren Braunen lustig auf der Chaussee dahinrasselte, da hatten seine Blicke sehnsuchtsvoll an dem lieben Wald gehangen, und an einer bestimmten Stelle, wo die Chaussee eine scharfe Biegung machte, und eine Hügelkette die Aussicht auf seine Heimath verdeckte, waren ihm noch jedesmal die Thränen in die Augen gekommen. Und dann – wie hatte er sich stets von den Schulbänken und den engen Gassen der Stadt und aus den drückenden Wänden seines Zimmerchens hinaus gesehnt in das grüne Revier nach Sonnenschein und Regenrauschen und Falkenschrei! Wie hatte ihm das Herz geklopft, als er gestern mit dem Ränzel auf dem Rücken nach Hause wanderte, um nicht wieder zur Schule zurückzukehren, und endlich, endlich die langen vier Meilen durchmessen waren und der Bergrücken auftauchte mit dem weißschimmernden Schloß, das sich so prächtig abhob von dem Walde, der von hier aus meilenweit die Hügel bedeckte, dem dunklen Walde, seinem Walde – dem Walde, der in seinem kühlen Schatten Alles einschloß, was dem Knaben lieb und werth und schön und heilig war. Ich könnte mich nicht von hier trennen, sagte Walter. Du hast es auch nicht nöthig, erwiederte der Andere. Du hast ja hier, was Du bedarfst – für jetzt und für die Zukunft. Wenn Du ausgelernt und dann vielleicht dem Vater ein paar Jahre zur Seite gestanden hast, wird er sich zur Ruhe setzen und Dir sein Amt abtreten. Sollte es dann noch an etwas fehlen, so wird der gnädige Herr aushelfen. Nein, Walter, für Dich ist gesorgt; Du hast, wo Du Dein Haupt hinlegen kannst. Aber mit mir ist es anders. Mein Vater ist arm und kränklich; ich fürchte, er wird nicht lange mehr leben. Wenn er stirbt, so stehe ich allein; ich muß mir meinen Weg durch die Welt bahnen; ich will es und werde es. Aber nicht für mich; ich denke nicht an mich. Ich will gelehrt werden, damit ich Andere lehren; ich will stark sein, damit ich Andere stützen; ich will klug sein, damit ich Andern rathen kann. Darum möchte ich der Papst zu Rom sein, oder zum wenigsten Jesuiten-General. Da könnte man im Großen und Ganzen thun, was wir Kleinen im Kleinen und Einzelnen thun müssen. Aber auch so darf man nicht müßig sein. Die Ernte ist groß, und wir Alle sind zu Schnittern berufen. Vielleicht, daß ich zu den wenigen Auserwählten gehöre. Ja, Walter, ich gestehe es Dir. Manchmal ist es mir, als ob ich eine grenzenlose Kraft in mir spürte, als ob ich nur zu wollen brauchte – und ich könnte Berge versetzen, es nur auszusprechen brauchte, und siehe, es müßte Alles so geschehen! Da pocht es mir in den Schläfen, meine Brust ist voll, als wollte sie zerspringen, ich möchte weinen, ich möchte laut aufschreien vor Schmerz und Lust. Und ach, ich darf das Alles ja Niemandem sagen, außer Dir. Die Andern alle würden mich ja verspotten und verhöhnen. Wer glaubt denn sonst noch an mich? Ich, schluchzte eine von Thränen halb erstickte Stimme; und Silvia, die auf den leichten Füßen lautlos näher und näher, zuletzt ganz nahe gekommen war und Alles gehört hatte, streckte die beiden gefalteten Hände wie anbetend ihm entgegen. Mit einem zornigen Ausruf fuhr der Knabe in die Höhe. Hat man denn keinen Augenblick vor Dir Ruhe, rief er, mußt Du uns immer umschleichen und belauschen? Silvia war bei diesen ihr im heftigsten Tone zugeschleuderten Worten sehr blaß geworden. Sich vor dem unfreundlichen Knaben abermals gedemüthigt zu sehen, das fuhr ihr wie ein Schwert durch's Herz. Sie war schnell ein paar Schritte zurückgetreten und blickte, die Arme über der Brust verschränkend, mit großen trotzigen Augen zu ihm hinüber. Ich habe Euch nicht umschlichen und habe Euch nicht belauscht, sagte sie, ich bin hergeschickt worden, um Euch zum Essen zu rufen; ich kann nichts dafür, wenn ich das dumme Zeug, das Ihr schwatztet, gehört habe. Leo lächelte. Komm' Walter, sagte er, wir können uns doch nicht mit einem Mädchen streiten. Diese kalte Geringschätzung war zu viel für das Kind. Sie wurde noch blasser und wollte heftig, trotzig etwas erwiedern, aber tonlos bewegten sich die Lippen. Thränen, die sie vergeblich zurückzuhalten suchte, tropften aus ihren Augen. Laß es gut sein, Silvia, sagte Walter beschwichtigend, Leo hat es so bös nicht gemeint. Du kamst so plötzlich heran, ich war auch erschrocken; laß es gut sein, Silvia! Und der treuherzige Knabe versuchte, der Schwester die Hände von dem thränenüberströmten Gesicht zu ziehen. Silvia fuhr ein paar Schritte zurück. Rühr' mich nicht an! rief sie, keiner von Euch! Ich hasse Euch, einen wie den andern; ja, ja, Walter, Dich auch. Du bist feig, sonst würdest Du Dich meiner annehmen gegen diesen hochmüthigen – Bettler. Das Wort war kaum heraus, als aus Leo's Brust ein heiserer Wuthschrei brach. Er ballte die Fäuste und sprang auf Silvia zu. Das kühne Mädchen blieb ruhig stehen und schaute ihrem Feind, ohne mit den Wimpern zu zucken, in die zornglühenden Augen. Nun, sagte sie, schlag' doch zu! Ich bin ja nur ein Mädchen! Leo ließ die Arme sinken und wandte sich, heftige, unverständliche Worte durch die Zähne murmelnd, ab. Silvia lachte laut auf: Adieu, Ihr schönen jungen Herren, rief sie, Eure Gesellschaft ist zu gut für mich. Sie machte eine spöttische Verbeugung und lief dann in den Wald zurück. Bald war die lichte Gestalt zwischen den dunklen Stämmen verschwunden. Die Knaben hörten ihre Stimme, aber sie konnten nicht unterscheiden, ob sie ein lustiges Lied trällerte oder laut weinte. Langsam folgten sie. Sie hatten Beide das Gefühl, ein Unrecht begangen und dazu noch den Kürzeren gezogen zu haben. Von Leo's kühnen Projecten war nicht mehr die Rede. Schweigend gingen sie neben einander hin. Nur einmal sagte Walter: Du bist auch immer so barsch gegen Silvia. Bettler, weißt Du, Walter, haben wenig Lebensart. Sie meint es nicht so bös. Nun, warum sollte sie es nicht sagen? sie hat ja Recht; sagte Leo mit finsterem Lachen. Drittes Capitel. Ziemlich früh am nächsten Morgen machte sich der Förster, nachdem er die laufenden Geschäfte besorgt hatte, auf, zum gnädigen Herrn auf's Schloß zu gehen und den wöchentlichen Rapport abzustatten, bei welcher Gelegenheit sich dann auch vielleicht die Sache des Bruders mochte anbringen lassen. Man konnte nicht leicht einen anmuthigeren Weg finden, als den, auf welchem der Förster jetzt einherschritt. Dieser Theil des Waldes, auf dem lang sich hinstreckenden Ausläufer des Schloßberges, gehörte schon zum herrschaftlichen Park; aber man hatte sich darauf beschränkt, die Pfade durchaus gangbar zu machen und an passenden Stellen einen einfachen Ruhesitz anzubringen, im Uebrigen aber der ursprünglichen Waldnatur keinerlei Zwang angethan. Selbst die Aussichten, die sich von Zeit zu Zeit – hier in ein friedliches Wiesenthal, dort in die reichbebaute Ebene des fruchtreichen Landes – öffneten, verdankte man nicht dem berechnenden Kunstsinn eines Parkgärtners, sondern sie waren ganz zufällig, wie es eben die launenhafte Formation des Terrains bedingte. Einzelne Stellen des Weges ließen sogar eine künstliche Nachhilfe entschieden wünschen. Hier hatte das Unkraut den Pfad übersponnen, dort ein Quellchen den lehmigen Boden ringsumher aufgeweicht. Einmal war sogar eine vom Sturme entwurzelte Tanne quer über den Weg gesunken. Hm, hm, murmelte der Förster, indem er einen Augenblick stehen blieb und gewohnheitsmäßig mit den Augen die Länge und Breite des Baumes maß und den ungefähren kubischen Inhalt berechnete; hm, hm – ich fange an, alt und nachlässig zu werden. Die Tanne liegt hier schon mindestens ihre vierzehn Tage – seit dem Ungewitter in der Nacht vom Zehnten auf den Elften – und ich weiß nichts davon. Und wie schlecht der Weg geworden ist! Was würde die gnädige Frau selig sagen, wenn sie ihre Lieblingspromenade so verwahrlost sähe! Aber seitdem sie todt ist, kümmert sich Keiner mehr um dies Revier, nicht einmal ich, dessen verdammte Pflicht und Schuldigkeit es doch wäre. Der brave Mann schüttelte den Kopf und schritt langsam weiter. Wenn er sonst durch den Wald streifte, entging ihm kein Vogellaut, kein Knistern und Knacken in den trockenen Zweigen der Bäume, kein Rauschen in den Büschen. Aber heute Morgen waren es andere Dinge, die ihn beschäftigten – Familiensorgen, Pläne für die Zukunft seiner Kinder, zu denen er seit gestern Abend noch den Sohn seines Bruders rechnete. Wie lange konnte denn der arme Anton noch leben! Es war ja ein Jammer, wie seine Kräfte in den letzten paar Wochen abgenommen hatten: die Wangen hohl, die Augen so groß und starr, und die Stimme so klanglos, so rauh! – Der arme Anton! ja, ja – er hat wohl Recht: wenig Freude ist ihm geworden in seinem Leben! Was wollte er nicht Alles entdeckt haben: Luftballons, die dem Steuer folgten, Schiffe, die unter dem Wasser fuhren, Bomben, mit denen man ganze feindliche Regimenter auf einmal vernichtete! Und was von allen diesen großen Dingen war zu Stande gekommen? Nichts, weniger als Nichts! Was war aus dem Projectenmacher selbst, der es mit so Vielem im Leben versucht, der immer gerechnet und sich immer verrechnet hatte, geworden? Ein alter, kranker Mann, der in einem elenden Dorfe das bittere Brod der Almosen aß! »Ein tief unglücklicher Mensch, und dem in keiner Weise zu helfen, weil er, ohne irgend die Kraft, welche zur Durchführung eines Planes erforderlich ist, zu besitzen, von seinem allzeit geschäftigen Geiste ruhelos, wie ein von den Furien Gejagter, umhergetrieben wird«. – Das hatte der Freiherr mehr als einmal gesagt, und jetzt sollte er ihm eine Bitte vortragen, die von Jemand, der den Charakter des Anton so genau kannte, gar nicht gewährt werden konnte! Der Förster seufzte. Er setzte seinen Stolz darein, von seinem gnädigen Herrn niemals etwas zu erbitten, weil er auch den Schein meiden wollte, als glaube er ein Recht zu haben, Bitten zu stellen und die Bitten, die er stellte, erfüllt zu sehen. Gerade von dem Punkte aus, auf welchem der Förster jetzt stand, konnte er den Versteck sehen, in welchen er in jener Schreckensnacht – anno dreizehn – die Herrschaft gerettet hatte – eine von düstern Tannen umstarrte Schlucht, durch die ein Waldbach in schäumenden Cascaden brauste. Dieser Ort, zu jener Zeit eine fast undurchdringliche Wildniß, war seitdem sehr viel lichter geworden. Der Förster nahm die Mütze ab und fuhr sich nachdenklich mit der Hand über die Stirn; es fiel ihm dabei ein, daß sein Haar auch nicht mehr so dicht war, als vor vierunddreißig Jahren. Das war lange her, und doch war es, als ob es gestern gewesen wäre! Damals, gleich nach Beendigung der Krieges, war es, wo der alte Freiherr selig das Friedensfest auf dem Schlosse feierte und die vier freiherrlichen Kinder mit den vier Försterkindern die Quadrille tanzten. Das waren vier Paare! immer zwei und zwei genau von demselben Alter, ja einander so ähnlich – zum wenigsten in dem gleichen Quadrille-Costüm – daß – zum größten Ergötzen der Gesellschaft – die Förstermädchen den ganzen Abend hindurch von einigen Gästen als die Fräulein vom Hause und diese wieder als jene angesprochen wurden. – Auch von mir sagten sie, daß ich in Gang und Haltung etwas von dem Freiherrn hätte. Nun, so viel ist gewiß, daß wir unser Leben lang Einer des Andern Röcke haben tragen können, und was den General und Bruder Anton anbetrifft, die glichen sich wirklich damals zum Erstaunen. Das war das letztemal, das wir beisammen waren, da haben wir unserer Jugend den Kehraus getanzt. Seitdem ist jeder seinen eigenen Weg gegangen; wollte Gott, es wäre immer und überall der rechte gewesen! Des Försters Gesicht wurde noch nachdenklicher, als er jetzt, die Augen fest auf den Boden geheftet, langsam weiter schritt; ja in den herabgezogenen Mundwinkeln und einem gelegentlichen Zucken der festgeschlossenen Lippen drückte sich ein gewisser Unmuth aus, ein unterdrückter Zorn, wie man ihn bei einer bösen Erinnerung empfindet, die unversehens in uns aufsteigt. Der Förster stand vor einer Stacketthür, die aus dem Park in den eigentlichen Schloßgarten führte. Er drückte die Klinke auf und trat hinein. Mit braunem Sand bestreute, sorgsam geharkte Gänge schlängelten sich zwischen reizenden Boskets seltener, zum Theil ausländischer Büsche und zwischen Beeten, auf denen Spätsommerblumen in reicher Fülle blühten, mälig bergauf. Die Durchblicke auf den Wald hinab und weiter in die Ebene waren hier häufiger und augenscheinlich mit reiflicher Ueberlegung und großem Verständniß gewählt. Die landschaftlichen Bilder, die man so in den natürlichen Rahmen schlanker Baumstämme und wehender Wipfel gebracht hatte, waren oft von zauberischer Wirkung. Da die Anlagen den ganzen oberen Theil des Bergkegels einnahmen und die Wege in der Weise geführt waren, daß man, um bis zum Schloß zu gelangen, den ganzen Kreis durchmessen mußte, so hatte man in den verhältnißmäßig kleinen Raum eine unglaubliche Mannigfaltigkeit reizender und sinniger Gartenanlagen zu concentriren verstanden. Hier führte eine Brücke aus Baumstämmen und Aesten, denen man die Rinde gelassen hatte, über einen Einschnitt, in dessen Tiefe eine Quelle murmelte; dort sah man von dem Rande eines aus unbehauenen Steinen aufgemauerten Altans auf dieselbe Brücke hinab. Auf einer anderen Stelle verengte sich der Weg, bis er zuletzt in ein Felsenthor mündete, aus dessen feuchtem Halbdunkel heraus man auf eine lichte Höhe trat, von der man den freiesten Blick in das weite Land hatte. Auch fehlte es nicht an dämmrigen Lauben, an kühlen Grotten und ein paar kleinen Springbrunnen, deren liebliches Plätschern die duftige, warme Stille des Gartens nur noch stiller zu machen schien. Der Förster hatte sich, trotzdem er nun bereits seit einem halben Jahrhundert hier aus- und einging, an all' diesen Herrlichkeiten noch immer nicht satt gesehen, und so blieb er denn wiederum heute an mehr als einer Stelle bewundernd stehen; auch bückte er sich manchmal, eine Pflanze aufzurichten, die der Wind in der Nacht umgelegt hatte, oder um den Duft der hier und da noch blühenden Rosen einzuathmen. Er hatte es nicht eben eilig, denn der gnädige Herr verließ immer erst gegen zehn Uhr sein Arbeitszimmer, um eine Promenade durch den Garten zu machen, wo er dann – wie der Förster aus langjähriger Erfahrung wußte – stets am zugänglichsten und leutseligsten war. Indem er noch bei sich überlegte, wie er wohl das wunderliche Gesuch des Bruders am schicklichsten anbringen könne, sah er sich plötzlich von einem kleinen Blumenregen überschüttet. Astern, Georginen, Nachtviolen fielen ihm auf Haupt und Schultern, und ein silberhelles Lachen ertönte gar lieblich zu der anmuthigen Ueberraschung. Der Förster blickte empor. Ueber ein hölzernes Geländer, das eine steilere Stelle des höher gelegenen Weges einfaßte, schaute das rosige Gesicht eines Mädchens von etwa dreizehn Jahren, dessen braune Schelmenaugen vor Vergnügen über den eben vollführten Streich wie Sterne funkelten. Guten Morgen, Herr Gutmann, rief die Kleine, hast Du mir Silvia nicht mitgebracht? Nein, Fräulein Amélie, erwiederte der Förster, ich bin in Geschäften hier. Ach, Du böser Herr Gutmann! Dann kannst Du wieder nach Hause gehen, klagte die Kleine. Meine schönen Blumen! Wenn ich das gewußt hätte! Da würde ich sie einem Andern geschenkt haben. Ich glaubte, Sie hätten sie mir an den Kopf geworfen, erwiederte der Förster lachend; aber freilich, wenn Sie sie mir geschenkt haben, muß ich sie wohl auch wieder aufsammeln? Damit das Kind immer unbändiger wird – wann werden Sie lernen, mit Kindern umzugehen, lieber Gutmann? sagte hier eine sanfte Frauenstimme; und eine Dame, die hinter dem Kinde gestanden hatte und jetzt, dasselbe mit dem einen Arm umschlingend, an das Geländer trat, grüßte freundlich still zu dem Förster herab. Der Förster nahm die Mütze ab. Guten Morgen, gnädiges Fräulein, sagte er, wie geht's? Besser geschlafen nach dem Thee? Danke, ja – der Thee bekommt mir vortrefflich; ich fühle mich ordentlich wieder jung. Man sieht's, sagte der Förster. Sie sehen so wohl und frisch aus, wie – Wie vor dreißig Jahren, nicht wahr? unterbrach ihn die Dame lächelnd. Der Förster erröthete durch seine kupferbraune Gesichtsfarbe hindurch. Sie bleiben immer dieselbe, sagte er einfach und doch mit einer gewissen Lebhaftigkeit. Sie sind immer derselbe: ritterlich und galant. Adieu. Sie finden den Bruder auf dem Belvedere. Er erwartet Sie schon. Fräulein Charlotte grüßte in ihrer stillen, anmuthigen Weise noch einmal herab; Amélie warf Kußhände, und die beiden Gestalten verschwanden von dem Geländer. Der Förster setzte seinen Weg nicht eher fort, als bis er die Blumen alle aufgesammelt und in ein Sträußchen zierlich geordnet hatte. Er hätte wissentlich so wenig eine Blume wie ein Thier zertreten. Und dann war ihm, als ob die Blumen ursprünglich für Fräulein Charlotte bestimmt gewesen wären, und Alles, was mit Fräulein Charlotte in einer näheren und entfernteren Beziehung stand, hatte für ihn noch eine ganz besondere Wichtigkeit und Bedeutung. Vor dreißig Jahren! Sonderbar! Er hatte heute Morgen so viel an jene Zeit gedacht, und nun mußte er auch noch durch ihren Mund daran erinnert werden! Ja, sie war dieselbe noch, die sie damals war, dieselbe unveränderlich gütige, gnädige Dame; es waren noch immer dieselben freundlichen, sanften Augen, dasselbe milde, herzige Lächeln! Es gab eine Zeit, wo diese Augen, wo dies Lächeln dem armen Fritz Gutmann manche unruhige Stunde, manche schlaflose Nacht gemacht hatten; eine Zeit, wo er im Begriffe stand, dieser Augen wegen nach Amerika und bis an's Ende der Welt zu wandern – Herr Gutmann war so in's Träumen gerathen, daß er ordentlich zusammenschrak, als er sich plötzlich auf dem Belvedere – einem der schönsten Punkte des Gartens, von dem man die weiteste Aussicht in die Gegend hatte – dem Freiherrn gegenüber fand. Des Freiherrn schönes Gesicht trug heute Morgen nicht den Ausdruck einer milden, sorglosen Heiterkeit, durch welchen es sich sonst auszeichnete. Er saß an einem steinernen Gartentischchen und starrte mit düsteren Augen in einen Brief, den vor einer Stunde der Postbote gebracht hatte. Da er den Schritt des Herankommenden überhört hatte, so fuhr er auch ein wenig zusammen, als er, den Kopf mit einem Seufzer emporrichtend, plötzlich den Förster vor sich stehen sah. Guten Morgen, alter Freund, sagte er, Du kommst gerade zur rechten Zeit. Hast mir ja schon so manchen guten Rath in diesem Leben gegeben. Nun rathe auch hier, und vorher lies einmal. Bei diesen Worten reichte er dem Angekommenen den Brief und deutete zugleich nach einem Stuhl auf der andern Seite des Tisches. Setz' Dich, sagte er, und lies mit Bedacht. Die Sache pressirt nicht eben, aber sie will wohlerwogen sein. Der Freiherr erhob sich und fing an mit langsamen Schritten auf dem Belvedere hin und her zu gehen. Der Förster setzte sich und las. Der Brief war von dem Director des Gymnasiums in der Residenz, bei welchem sich Henri zugleich in Pension befand. Nach einer umständlichen Einleitung, in welcher der Pädagog sich des Weiteren über seine Erziehungsmethode und die Resultate, die er mit derselben bis jetzt noch immer erzielt habe, ausgelassen hatte, fuhr er fort: »Leider sehe ich mich zu dem Geständniß gezwungen, daß ich mich bei Ihrem Sohne eines gleichen Erfolges nicht rühmen kann. Seine bedeutenden intellectuellen Fähigkeiten würden ihn auf dem wissenschaftlichen Gebiete Vortreffliches leisten lassen, wenn die Lebhaftigkeit seines Naturells ihm ein stetiges Arbeiten – ich muß es leider sagen – nicht geradezu unmöglich machte. Ich sowohl, wie meine Herren Collegen, die sämmtlich dem so glücklich beanlagten, liebenswürdigen Knaben herzlich gewogen sind, wir Alle haben uns die äußerste Mühe gegeben, ihm für diese oder jene Disziplin ein lebhaftes Interesse einzuflößen. Der Schnelligkeit und Gewandtheit, mit welcher er alles Neue erfaßt und anfaßt, gleicht nichts als der Ueberdruß, mit welchem er Alles, sobald der erste Reiz des Neuen verflogen ist, aus der Hand wirft. So kommt es, daß er hinter Schülern zurückbleibt und zurückbleiben muß, die er sonst weit überholen würde. Indessen könnten wir uns über diese Uebelstände, da sie nur die Geduld der Lehrer in erhöhten Anspruch nehmen und Niemand schaden, als ihm selbst, wegsetzen, wenn wir wenigstens in moralischer Hinsicht mit Henri zufrieden sein dürften. Wir sind es – ich bin Ihnen die gewissenhafteste Offenherzigkeit schuldig, Herr Baron – weniger als je. Sein leichter Sinn, den ich bis dahin immer vertheidigt habe, ist in letzterer Zeit in einen entschiedenen Leichtsinn, ja in eine beklagenswerthe Leichtfertigkeit umgeschlagen. Weder seine Mitschüler, noch seine Lehrer sind auch nur eine Stunde vor seinen Streichen sicher, die bei weitem nicht immer den Charakter der Harmlosigkeit tragen. Erst gestern – und dies ist der eigentliche Grund meines diesmaligen Schreibens – erst gestern, am letzten Tage vor den großen Ferien, hat er sich in Gegenwart der ganzen Classe eines Betragens gegen einen seiner Lehrer – einen ausgezeichneten Pädagogen und vorzüglichen Gelehrten – schuldig gemacht, das die Grenzen dessen, was allenfalls übersehen und verziehen werden kann, durchaus überschreitet, und – ich schreibe dies mit schwerem Herzen – seine sofortige Entfernung von der Anstalt nöthig machen wird.« Der Director schloß mit der Bitte an den Freiherrn, entweder selbst in die Residenz kommen, oder dann wenigstens schriftlich bestimmen zu wollen, was mit Henri, nachdem er seine Carcerstrafe, die ihm nicht geschenkt werden könne, überstanden habe, geschehen solle. Nun, was sagst Du? was räthst Du? rief der Freiherr, als der Förster zu Ende gelesen hatte. Da ist schwer zu rathen, gnädiger Herr, erwiederte der Förster, indem er den Brief auf den Tisch legte und mit der flachen Hand leise darüber hinstrich. Die gelehrten Herren mögen es thöricht genug angefangen, und Henri wird es ja auch wohl darauf angelegt haben. Ja, ich glaube, daß unser junges Herrchen ganz gut weiß, was es will. O ja, rief der Freiherr, ich weiß aber auch, was ich will. Ich will ihm seine Narrenspossen austreiben. Soldat – das fehlte mir noch! Ei, Fritz, wir Beide sind Soldat gewesen, und ich glaube, keine schlechten. Wenn es ernstlich gilt, so würden wir uns heute nicht weniger brav halten, als damals, und wir wären gewiß die Letzten, die ihre Jungen dem Dienst des Vaterlandes vorenthalten wollten. Aber ein Soldat im Frieden! So ein adeliges Bürschchen, das die besten Jahre, die Jahre, in denen der Mensch den soliden Grund für seine ganze künftige Existenz legen muß, auf dem Paradeplatze und im Ballsaale vertrödelt und vertändelt, das in allen ehrlichen Künsten klein und nur im Nichtsthun groß ist und sich noch etwas dabei dünkt, daß es nicht arbeitet und nicht arbeiten kann wie andere ehrliche Leute – sieh', Fritz, der Gedanke regt mir die Galle auf, und ich sage Dir, der Junge soll nicht Soldat werden, und wenn ich ihn – Der Freiherr beendigte seinen Satz nicht. Er ging mit großen Schritten auf und ab, offenbar bemüht, seine Bewegung zu meistern. Nach einer kleinen Weile blieb er, die Hände auf dem Rücken, vor dem Förster stehen und sagte in ruhigerem Tone: Du hast mich oft meines Leichtsinns wegen gescholten; ich weiß, daß Du immer Recht gehabt hast, auch wo ich es nicht Wort haben wollte. Ich kenne mich besser, als ich mir oft den Anschein gebe, und so glaube ich auch Henri's Natur ziemlich gut zu verstehen. Aber eben deshalb möchte ich seinen Fuß vor den Steinen bewahren, über die ich oft genug gestrauchelt und auch wohl manchmal gefallen bin. Welchen Vortheil hätten wir von unsern Thorheiten, wenn unsere Kinder den ganzen Cursus wieder durchmachen müßten! In ihnen ein reineres und edleres Leben zu leben, als wir selbst es vermochten – das ist doch schließlich unsere letzte und unsere beste Hoffnung. Du, alter Freund, darfst in dieser Beziehung zufrieden sein. Ja, wenn ich Dich um etwas beneiden könnte, so wäre es um das sichere Vertrauen, mit dem Du der Entwickelung Deines Walter entgegensehen kannst. Das ist ein Junge, wie ich ihn mir immer gewünscht habe: gescheidt und brav, treu und wacker, und dabei so bescheiden, daß er roth wird, wenn er doch nun einmal gar nicht umhin kann, zu zeigen, wie tüchtig er ist. An dem wirst Du Deine Freude haben. Ja, ja, sagte der Förster, den dies reichliche Lob seines Sohnes, der doch am Ende sein Fleisch und Blut und also ein Stück von ihm selbst war, ganz verlegen machte; ja, ja, er ist ein braver Bursch, der Walter, und ich freue mich gewiß, daß er so gut einschlägt, wenn ich mich auch manchmal nicht so recht in ihn finden kann. Manchmal fürchte ich fast, es wird doch sein Lebtag kein ordentlicher Förster aus ihm. Ich glaube, sein Auge ist nicht scharf; er schießt nicht besonders, ich hätte mich als zehnjähriger Bube geschämt, so zu schießen. Und dann hat er ja gewiß den Wald lieb, aber nicht, wie ein Försterjunge, der einmal ein Förster werden will, sondern – ja, das läßt sich schwer sagen, wie. Der Freiherr lachte und sagte: Ueber uns thörichte Menschen, die wir nicht zufrieden sind, das Gute zu wollen, es sei in welcher Gestalt auch immer, sondern die wir es durchaus in der uns bequemsten Form, in der Form, an die wir nun einmal gewöhnt sind, wollen. Andere Zeiten, andere Sitten; andere Vögel, andere Weisen! Was ist es denn nun, wenn Dein Walter kein so excellenter Forstmann wird, wie sein Vater und sein Großvater war und jedenfalls noch eine lange Reihe von Gutmännern, deren Andenken die Geschichte nicht aufbewahrt hat? So wird er eben etwas Anderes. Und da will ich Dir auch sagen, wie der Junge den Wald ansieht. Wie Du ihn selber oft genug ansiehst, wenn Dein Tagewerk vollbracht ist: wie ein Poet. Du hast mir neulich seine Schulaufsätze gebracht, weil ich sehen wollte, ob sich etwas Bestimmtes in dem Jungen herausbildet. Es ist wenig daran zu sehen, wenn nicht das Eine, daß ihm die Sonne bis in's Herz hineinscheint. Mir ist, als ich die Hefte durchblätterte, der Gedanke gekommen, ob in Deinem Walter die Poesie, die Euch Allen in den Gliedern liegt, nicht einmal zum Durchbruch kommen sollte; ob unter all' diesen Träumern, Knittelversmachern – Du warst früher stark in Knittelversen, Fritz, – unter all' diesen phantastischen Menschen nicht einmal ein wirklicher Poet sein sollte. Ich habe die Hefte Charlotten gezeigt, und sie ist, ohne daß ich ihr ein Wort gesagt hätte, auf denselben Gedanken gekommen. Ja, sagte der Förster, mir ist dergleichen auch wohl schon durch den Kopf gegangen; er hat manchmal so hübsche Worte, der Junge, wie – wie wenn ein Stern am Himmel aufblinkt; aber ich habe immer gedacht, es sei dabei doch kein rechter Segen für einen Försterburschen, und so habe ich ihn denn, mit schwerem Herzen freilich, jetzt aus der Schule genommen. Der Freiherr hatte das Gewehr des Försters ergriffen, nach dem Schloß gesehen, die Versicherung auf- und zugedreht, es an die Wange gelegt und mehrmals mit großer Sorgsamkeit in den blauen Himmel gezielt; plötzlich stellte er mit einer energischen Wendung das Gewehr fort, trat dicht vor den Förster ihn und sagte: Du mußt mir den Jungen lassen, Fritz. Es ist das immer ein Lieblingsgedanke von mir gewesen, und jetzt ist der Moment, ihn zur Ausführung zu bringen. Ich will ihn Dir nicht rauben; ich will nur die Erlaubniß haben, ihn studiren lassen zu dürfen und weiter für ihn zu sorgen, bis er Dich und mich nicht mehr braucht. Die Erlaubniß aber mußt Du mir geben. Sperr' Dich nicht, Fritz! Ich bin Dir im Laufe unseres Lebens so viel schuldig geworden, daß dies höchstens die Zinsen vom Kapital sind. Und dann – wenn ich jetzt so auf die Ausführung dieses Projectes dringe, so habe ich natürlich meine sehr egoistischen Absichten dabei. Henri auf ein drittes Gymnasium zu bringen, ist verlorene Zeit und Mühe; er würde es dort gerade so treiben, wie bisher. Ich muß ihn wieder nehmen, natürlich nicht in mein Haus. Doctor Urban trägt sich schon lange mit dem Gedanken, so eine Art von ländlicher Akademie zu errichten, und er ist, wir mögen sonst sagen was wir wollen, ganz der Mann dazu: gelehrt, energisch und klug genug. Mag er mit unseren beiden Buben den Anfang machen. Henri's dumme Streiche verpuffen hier in der freien Landluft unschädlich, und Dein Junge kommt in den Wissenschaften weiter, ohne den Duft der Schulstube, der ihm so verhaßt ist. Was sagst Du, Fritz? Der Freiherr legte dem Förster beide Hände auf die Schultern und blickte ihn mit den immer noch schönen braunen Augen so gütig und so froh an, daß Fritz Gutmann mit Freuden sein Leben zum dritten Mal für den geliebten Herrn in die Schanze geschlagen hätte; aber dann dachte er an die bleiche, bekümmerte Gestalt, die gestern Abend neben ihm auf der Bank vor seiner Hausthür gesessen hatte, und an den düstern Knaben mit den großen, scheuen Augen, und er sagte: Ich weiß Ihre Güte zu schätzen, gnädiger Herr, gewiß und wahrhaftig, und wenn aus meinem Walter etwas Besseres würde, als seine Väter gewesen sind, so wären damit ja nur meine heißesten Wünsche erfüllt. Aber – Was: aber! sagte der Freiherr mit einiger Ungeduld. Ich weiß Jemand, der noch ein gut Theil geeigneter wäre, unseres Junkerleins Kamerad zu sein, sagte der Förster entschlossen. Und der wäre? fragte der Freiherr. Der Förster faßte sich ein Herz und erzählte von Leo, und wie Jeder, der den Knaben gesehen, behaupte, daß, wenn er nur die Mittel hätte, weiter zu kommen, etwas ganz Außerordentliches aus ihm werden müsse. – Und weil er nun doch einmal im Zuge war, erzählte er auch weiter, um was ihn sein Bruder gebeten habe, und wie der Anton hoffe, der Freiherr werde zu seiner Bitte nicht Nein sagen. Der Freiherr hatte, nicht ohne lebhafte Zeichen von Ungeduld, dem Förster zugehört. Jetzt sagte er: Aber Fritz, das geht doch nicht, und Du weißt doch eben so gut wie ich, daß es nicht geht. Warum also quälst Du Dich und mich mit dergleichen! Bruder bleibt Bruder, murmelte der Förster, man thut und spricht für den Bruder, was man um Alles in der Welt nicht für sich selbst thun und sprechen möchte! Armer, guter Kerl, sagte der Freiherr. Was hast Du dieses Bruders halber nicht schon Alles gelitten, und das geht nun immer so fort! Wir waren so froh, daß wir den Schwärmgeist in Feldheim endlich zur Ruhe gebracht hatten, nachdem er auf tausenderlei Weise bewiesen, daß er mit der Welt nicht fertig werden konnte. In seinem kleinen Hause mit Frau und Kind war es schließlich doch besser als in dem Schuldthurm. So sagte er selbst; die Freude hat nicht lange gedauert. Die Frau starb. Er hatte bis dahin den Trost gehabt, sich einzubilden, er bliebe nur der Frau halber, die ja auch wirklich nicht weg wollte, in dem Dorfe. Jetzt sah er, daß er mittlerweile zu alt und zu kränklich und in jeder Beziehung zu hilflos geworden war. Das hat er uns nie vergeben können. Aber ihn jetzt hierher nach Tuchheim nehmen, den krausen, unklaren Menschen, mit dem ich mich schon, als wir noch Jungen waren, nicht habe vertragen können – wie Du Dich nicht mit dem General vertragen konntest, weißt Du noch? – nein, das kann er von mir nicht verlangen. Ich will ihm herzlich gerne seine kleine Pension verdoppeln, wenn er – Der Freiherr schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn: Aber mein Gott, rief er, was quälen wir uns denn über eine so einfache Sache. Es ist ja klar, daß Anton die Stelle hier nur haben will, um besser für den Leo sorgen zu können, und daß er von dem Wunsche, der mich in eine solche Verlegenheit setzt, sofort zurücktreten würde, wenn er des Knaben Zukunft gesichert sähe. Nun, und wenn der Junge wirklich etwas so Außergewöhnliches zu werden verspricht – und gescheidt sieht er aus, das muß man ihm lassen – so ist es ja geradezu Pflicht, dafür zu sorgen, daß so ein volles Korn in den rechten Boden kommt. So nehme ich die beiden Jungen, da ich schon sehe, daß ich den Walter nicht ohne den Leo haben kann. Und übrigens lernen und erziehen sich drei Jungen so viel besser als zwei, daß der Prosit immer noch auf meiner Seite ist. So mußt Du das auch dem Anton darstellen; man muß ja immer scheinen, sich selbst einen Gefallen zu thun, wenn man ihn am Zopfe aus dem Wasser zieht. Und nun, Fritz, ist die Sache abgemacht. Wir haben uns noch über Alles im Leben geeinigt, und so werden wir in diesem wichtigen Falle nicht auseinander gehen. – Was bringt denn der da? Mit einem expressen Boten, sagte der herantretende Bediente, welcher dem Freiherrn einen Brief überreichte. Es scheint, daß heute der Tag der Ueberraschungen ist, murmelte der Freiherr, den Brief, dessen Aufschrift von der Hand seines Bruders, des Generals, war, erbrechend. Nun, das ist nicht übel, murmelte er, während er das Blatt mit den Augen überflog. Das große Manöver, das in vierzehn Tagen seinen Anfang nimmt, wird sich bis in unsere Gegend hinaufziehen – coupirtes Terrain – günstig für combinirte Gefechtsformen – der König und der Kronprinz kommen – der König hofft, bei seinem alten Freunde auf zwei oder drei Tage vorsprechen zu können. Das heißt, ich soll schleunigst um die Gnade nachkommen, ihn bewirthen zu dürfen, rief der Freiherr, halb ärgerlich und halb lachend. Wie findest Du das, Fritz? Da müssen wir doch gleich zu Charlotte. Komm' mit herein, Fritz. Du darfst in dem Kriegsrath nicht fehlen. Und die beiden Männer verließen die Terrasse, sich nach dem Schlosse zu begeben. Die neue, unerwartete und dem Freiherrn keineswegs sehr erwünschte Nachricht hatte vorläufig alle anderen Interessen in den Hintergrund gedrängt. Viertes Capitel. Es war in der ersten Morgenfrühe desselben Tages, als Anton Gutmann in der Giebelstube seines Häuschens an Leo's Bett trat. Er legte ein Bündelchen, das er in ein baumwollenes Taschentuch geschlagen hatte, und Mütze und Stock auf den Tisch und weckte sanft den Schläfer, der die dunklen, schlafumflorten Augen aufschlug und mit einem leeren Blick auf den Vater starrte. Ich wollte Dir Lebewohl sagen, Leo. Er hatte ihm gestern, als sie von der Försterei durch den Wald kamen, mitgetheilt, daß er am nächsten Morgen in die Stadt müsse – zum Herrn Landrath; er werde einen, vielleicht zwei, drei Tage ausbleiben, Leo solle indessen zum Onkel gehen; es sei schon mit dem Onkel verabredet. Auf das Alles hatte der Knabe, der mit seinen Gedanken vollauf beschäftigt gewesen war, wenig geachtet, und jetzt war er noch so müde. Leb' wohl, murmelte er, während sich die Augen schon wieder schlossen und der Kopf sich auf die Seite neigte. Anton Gutmann seufzte. Er strich mit leiser Hand dem Schlummernden das Haar aus der heißen Stirn, beugte sich über ihn und küßte ihn auf die Stirn. Dann nahm er sein Päckchen, griff nach Stock und Mütze, schlich auf den Zehen nach der Thür, warf von dort noch einen langen, traurigen Blick nach dem Schläfer und drückte sich hinaus. Die Purpurstreifen, welche die Morgenröthe an die weiße Wand gemalt hatte, erblaßten allmälig; heller und heller wurde es in der Kammer; die Sonne, die über den Waldrand heraufstieg, sendete ihre ersten horizontalen Strahlen durch das weinlaubumrankte Fensterchen und weckte den Schläfer. Er richtete sich empor. Hatte es ihm nur geträumt? War der Vater nicht hier gewesen und hatte ihm Lebewohl gesagt? Lebewohl auf einen Tag, auf zwei, drei Tage? Er sollte allein sein, frei sein, zum erstenmal in seinem Leben, frei zu schlafen oder zu wachen, zu kommen oder zu gehen – das war ein Fest, das gefeiert werden mußte! Mit einem Sprunge war der Knabe aus dem Bette und begann sich mit vor freudiger Aufregung zitternden Händen anzukleiden, ja er fing an zu singen; aber gleich nach den ersten Tönen schwieg er; er hatte nie gesungen, und seine eigene Stimme klang ihm unheimlich fremd. Wenn der Vater doch nicht fort wäre – wenn er plötzlich den Kopf zur Thür hereinsteckte, verwundert, ärgerlich über den ungewohnten frühen Lärm! Behutsam öffnete er die Kammerthür und lauschte hinaus. Die alte Katze schlüpfte durch die Spalte und strich miauend um seine Beine, sonst war Alles still. Er ging auf den Zehen über den niedrigen Boden, in welchem noch die schwüle, dumpfe Luft des vergangenen Tages lag, und stieg vorsichtig die knarrenden Stufen der morschen Treppe hinab. Die Thüren unten in dem kleinen Hausflur, rechts in die trostlos leere Küche, links in des Vaters dürftig ausgestattetes Zimmer standen auf. Der Vater war wirklich fort. Der Knabe athmete tief, kehrte mit etwas erleichtertem Herzen in sein Kämmerchen zurück und setzte sich an den Tisch am Fenster, an welchem er viele Stunden des Tages über seiner Arbeit saß, manchmal den ganzen Tag lang. Was sollte er anders thun, als arbeiten? So lange er zurückdenken konnte, hatte er nichts gethan, als gearbeitet. Wenn die Dorfkinder auf der Gasse spielten oder singend aus dem Walde kamen, hatte er gesessen und Vocabeln gelernt, Exercitien gemacht oder doch wenigstens in seinen Geschichtsbüchern gelesen. Er konnte so wenig spielen, als singen. Der Vater hatte es ihm so früh verleidet. Dumme Jungen spielen, hatte der Vater gesagt; kluge arbeiten, damit sie reich und mächtig werden und das Gesindel – dabei hatte er verächtlich auf die sich balgenden Dorfkinder gewiesen – beherrschen, es wie eine Schafheerde vor sich her treiben können. Du bist ja doch auch klug und hast so viel gelernt, Vater, hatte der Knabe gefragt, warum bist Du denn so arm, daß wir oft kaum Brod haben, uns satt zu essen? – Ich habe Unglück gehabt, hatte der Vater murmelnd geantwortet, ich bin auch nicht klug genug gewesen, hatte auch nicht genug gelernt. Du aber, Leo, Du mußt klug werden, klüger als alle andern Menschen, dann wirst Du auch mächtiger als alle andern Menschen sein. Wie des Knaben Herz brannte, wenn diese und ähnliche Worte wie Feuerflocken in seine Seele fielen! Sollte das Wissen wirklich das Zauberwort sein, auf das sich die kahle Felswand öffnet zu den weiten Sälen, in denen es von Gold und Edelsteinen glänzt und funkelt? Sollte in den lateinischen Vocabeln eine Kraft stecken, die eine niedrige, strohgedeckte Hütte in einen stolzen Palast umwandeln kann – einen Palast, von dessen breiter Marmortreppe der Königssohn herabschreitet, die Schaar der Bauernknaben gnädiglich aufzuheben, die an der untersten Stufe ehrfurchtsvoll auf den Knieen liegt? Das waren kindische Träume, über die der zum Jüngling herangewachsene Knabe lächelte. Solche Zaubermacht hat das Wissen nicht; aber eine andere, die vielleicht nicht minder groß ist. Ueberredung ist auch Macht. Keine andere stand den Propheten des alten Testaments zu Gebote, und doch vermochten sie oft das ganze Volk nach ihren Absichten zu lenken; und der Herr selbst hat nichts gehabt als sein Wort, und doch hat das Wort die halbe Welt bezwungen und wird die ganze noch dereinst bezwingen. O, wie des Knaben Stirn glühte bei diesem Gedanken! Ein Prediger zu sein des Herrn, und hinauszuziehen in alle Lande, zu verkünden seine Lehre, die Lehre von der Freude, von dem Frieden, dem ewigen Frieden, dem eine ganze Welt voll schöner, unschuldiger Menschen lächelnd huldigt! Und der Knabe versenkt sich immer tiefer in diesen Gedanken. Was er thut, ist nur Mittel zu dem großen Zweck. Er fastet und hungert, denn der Prediger in der Wüste darf nicht fragen: was werde ich essen oder trinken; er schläft oft auf dem harten Boden, denn des Menschen Sohn hatte auch nicht, wo er sein Haupt hinlegte; er zwingt sich, halbe, ganze Nächte hindurch zu wachen, denn die Stunde auf dem Oelberg wird auch für ihn kommen, die Stunde, wo er für die Wahrheit seiner Lehre wird zeugen müssen, wo er wird beweisen müssen, daß er die Menschen, seine Brüder, ebenso und mehr geliebt hat, als sich selbst. Die Menschen, seine Brüder! Er hat nie einen Bruder, nie eine Schwester gehabt; seine Mutter hat er kaum gekannt. Und seinen Vater – liebt er den? Liebt denn der Vater ihn? Wodurch beweist er es? Ist er je so freundlich zu mir, wie der Onkel es stets gegen seine Kinder, ja selbst gegen mich ist? Weiß ich es nicht noch recht wohl, wie er mich früher geschlagen, ja mit Füßen getreten hat, wenn ich meine Lection nicht ohne Anstoß hersagen konnte? Ist er nicht stets verdrießlich, mürrisch, launisch? Kann ich ihm je das Mindeste recht machen? Beobachtet er mich nicht überall? lauert hinter mir auf Schritt und Tritt? Was kann ich dafür, daß er so viel Unglück gehabt hat? Es ist seine eigene Schuld gewesen; sagt er doch selbst, Niemand sei arm und elend ohne eigene Schuld. Warum ist er arm und elend und macht mich mit elend? Nun, heute wenigstens, vielleicht auf ein paar Tage, bin ich allein – und frei und frei – Und wieder versuchte der Knabe zu singen, und wieder schwieg er nach den ersten Tönen, erschrocken vor der eigenen Stimme. Er schlug seine lateinische Grammatik auf und begann, die Seite mit der Hand zudeckend, sich selbst seine Lection von gestern zu überhören. Es fehlte ihm auch nicht ein Wort; er lächelte stolz und zufrieden, und vertiefte sich in seine Arbeit. Aber die Sonne störte ihn; sie kam auf seinen Tisch und schien auf das Blatt; er rückte weiter; die Sonne kam ihm nach. Unwillig klappte er das Buch zu. Draußen lag der goldene Schein so warm auf den Wiesen und auf dem Waldrande, über dem ein Raubvogel seine Kreise zog. Der Knabe stützte den Kopf in die Hand und schaute hinaus. Und wie er so schaute, ergriff ihn stärker und stärker eine Empfindung, die er schon öfter gehabt, wenn er Vögel im Fluge beobachtet hatte, als könne er auch fliegen, hoch, hoch über der Erde, ja über den Wolken in den Himmel hinein. Es litt ihn nicht mehr in der Kammer; in der nächsten Minute war er die Treppe hinab, hinten zum Häuschen hinaus auf der Wiese, und eilte dem Walde zu. Wie schattig und kühl war es im Walde. Oben in den breiten Kronen der Buchen und Eichen spielte der Morgensonnenschein; aber nur hie und da drang ein Strahl bis unten auf den moosigen Grund. Es war ganz still; nur manchmal knackte es rechts oder links im Dickicht unter den leichten Tritten eines Rehes, das der frühe Wanderer aufgeschreckt hatte; zuweilen ging ein Rauschen durch die Wipfel, das aus den Tiefen des Forstes zu kommen schien und raunend und flüsternd in der Ferne erstarb. Leo war noch nie so früh im Walde gewesen; der neue Eindruck entzückte seine empfängliche Seele. Er genoß zum ersten Male in seinem Leben das Gefühl vollkommener Freiheit; aber alsbald störte die Seligkeit, der er sich kaum überlassen hatte, der traurige Gedanke, daß er allein sei, daß er Niemand habe, mit dem er sein Glück theilen könnte. Zwar Walter liebte ihn gewiß, und er seinerseits hatte Waltern ja auch recht gern; Walter hörte wohl zu, wenn er von seinen Plänen, von seiner Zukunft sprach, aber das war ja auch Alles. Das rechte Verständniß für das, was ihn interessirte, hatte Walter doch nicht. Wie oft hatte er das schmerzlich empfunden; noch gestern Abend, als er von seiner Absicht sprach, als Missionär in die weite Welt zu gehen, und jener behauptete, sich nicht von seinem Walde trennen zu können. Und Silvia? – Des Knaben Lippe krümmte sich verächtlich, als er den Namen seiner Cousine laut ausgesprochen. Sie hatte ihn einen Bettler gescholten, das stolze, trotzige, wilde Ding; er hatte ein gutes Gedächtnis; und wußte, daß er ihr das nicht vergessen würde. Einen Bettler, ihn! Wann hätte er je gebettelt? je einen Menschen um ein Stück Brod, ja nur um ein freundlich Wort gebeten, so oft er auch schon im Leben nach Brod gehungert und nach Liebe gedürstet hatte? Und doch! War er nicht im Begriffe, die Gastfreundschaft des Försterhauses in Anspruch zu nehmen? Sollte er zurückkehren in seine einsame Kammer, zu der Gesellschaft seiner Katze, die heute Morgen schon vor Hunger geschrieen? Wie allein sich der arme Knabe fühlte! Wie allein und wie verlassen und unglücklich! Wohin war nun die ambrosische Schönheit des Morgens geflohen? Wie war der helle Sonnenschein so falb geworden! Wie ahnungsreich und schwermuthsvoll rauschte es in den Bäumen! – Allein und verlassen! So irrte er weiter und weiter, stundenlang querwaldein, zuletzt unter den Wipfeln mächtiger Tannen, deren herabgefallene, vertrocknete Nadeln den unebenen, mit Steingeröll überdeckten Boden noch weniger gangbar machten. An manchen Stellen war die Erde von Wasser durchsickert, das hie und da ein Rinnsal bildete. Mit dem Raunen des Windes in den Wipfeln vermischte sich ein stärkeres, gleichmäßiges Rauschen; es kam von dem Waldbach, der, oben im Gebirge entspringend, hier auf den letzten Terrassen der Vorberge dem nahen Flusse in der Ebene ein bedeutendes Wasser zuführte. Unwillkürlich lenkte Leo seine Schritte dem Bache zu. Er wußte nicht, wie lange er bereits in dem Walde war, aber er fühlte sich müde, hungrig und durstig. Auch konnte ihm der Lauf des Baches, der, wie er wußte, nicht weit von dem Försterhause aus dem Walde in die Wiesen trat, als Führer in der pfadlosen Wildniß dienen. In dem Maße als das Rauschen lauter und lauter ertönte, bedeckte sich der Boden mit immer größeren Felsblöcken, zwischen denen der Knabe mühsam hinabklomm. Auf einmal, ehe er es sich versah, stand er, aus den dichten Stämmen heraustretend, unmittelbar über dem Bache. Es war ein prächtiger Anblick. Von einer Felsentreppe kam das Wasser in mächtigen Sprüngen herabgestürzt, hier in glatter Masse über eine breite Stufe schießend, dort, zwischen großen Steinen gewaltsam zusammengepreßt, in kühneren Bogen hervorbrechend, strudelnd, wirbelnd, kochend, zu Schaum zerspritzend, unter beständigem, in solcher Nähe fast betäubendem Brausen, Rauschen und Donnern. Leo hatte diesen Ort noch nie betreten, obwohl er in der Familie seines Onkels oft schon von den Wasserfällen hatte sprechen hören. Wäre er weniger hungrig und durstig gewesen, so würde ihn das herrliche Schauspiel wohl angezogen haben; aber jetzt machte ihn das starke Geräusch, das seine überreizten Nerven allzu sehr erschütterte, nur noch ungeduldiger. Er wollte trinken, aber da, wo er stand, war das Ufer viel zu steil, als daß man bis zum Wasser hätte hinabgelangen können. So kletterte er denn an den Felsen weiter, bald unmittelbar über dem Bache, bald, wo der Absturz allzu jäh war, genöthigt, sich wieder in den Wald zu wenden und dort zwischen den dichten Stämmen über die knorrigen Wurzeln, die wie Polypenarme die moosigen Blöcke umklammert hielten, sich einen mühsamen Weg zu bahnen. Dann ging es mäliger hinab nach dem Uferrand. Uralte Bäume umragten eine kleine Bucht, die mit chaotisch übereinander gewirrten, von dichtem Moos und riesigen Farrenkräutern ganz übersponnenen Felsblöcken angefüllt war. Zwischen den Blöcken waren kleinere und größere Höhlen, von denen die eine mehreren Menschen zugleich vor einem plötzlichen Ungewitter einen sichern Zufluchtsort gar wohl gewähren mochte. Zwischen dieser Stelle und dem gegenüberliegenden Ufer, das viel sanfter zum Wasser hinabstieg, hatte der Bach ein kleines Bassin gebildet, dessen spiegelklare, friedliche Fläche mit dem brausenden Ungestüm der oberen Katarakte gar anmuthig contrastirte. Nach unten zu wurde das Bassin durch einen Felsenriegel begrenzt, der ursprünglich diese Aufstauung der Gewässer bewirkt hatte und über den sie jetzt, wie über ein natürliches Wehr, in fast gleichmäßiger Stärke mehrere Fuß herabfielen. Die Kühle des Ortes, das durch die hohen Bäume gedämpfte Licht, das gleichmäßige, hier weniger betäubende Rauschen des Wassers, die unendliche Einsamkeit und Abgeschlossenheit – das Alles stimmte so wunderbar zusammen, daß Leo sich wie von einem Zauber berührt fühlte. Er warf sich zwischen den Felsen auf den moosigen Grund, stützte den Kopf in die Hand und blickte auf die kaum bewegte Fläche des Wassers und nach dem gegenüberliegenden Ufer, wo auf dem glatten Sande, den die Strömung dort hingespült hatte, schlanke Bachstelzen ihr zierliches Wesen trieben. In dieser Einsamkeit fühlte sich der Knabe noch einsamer und verlassener, aber nicht mehr so unglücklich als vorher. Auch der Hunger war jetzt, nachdem er seinen Durst gestillt, nicht mehr so nagend. Eine große, allgemeine Erschöpfung, die aber nichts Beängstigendes hatte, ergriff ihn; er fühlte sich müde, todmüde. Er hätte einschlafen mögen, um nicht wieder aufzuwachen. Wer würde ihn vermissen? Vielleicht würde man seinen Leichnam ein paar Tage hindurch vergeblich suchen, und sich dann beruhigen, als sei eben nichts geschehen. Wer kümmerte sich um ihn? Und seine großen Pläne? Die sollten nun alle bloße Träume gewesen sein? Er sollte nicht die fremden Länder sehen mit den seltsamen Menschen, den ungeheuerlichen Pflanzen und den wunderlichen Thieren? Und Papst und Jesuiten-General? – das waren Alles kindische Wünsche, – Visionen eines Bettlerknaben, der tief im einsamen Walde vor Erschöpfung und Hunger umkommt? Solche Gedanken zogen durch das junge überreizte Gehirn; bald aber mischten sich in die wachen Gedanken wunderliche traumhafte Gebilde. Er sah sich inmitten eines prachtvollen Saales, von dessen Marmorwänden die Lichter eines großen Kronleuchters blitzend zurückgeworfen wurden, an einer großen runden Tafel, die mit den herrlichsten Schüsseln voll der leckersten Speisen bedeckt war. Er war nicht allein; eine Menge Männer in den prächtigsten Kleidern saßen um den Tisch; er kannte die Männer nicht, konnte auch ihre Gesichter kaum unterscheiden, mit Ausnahme des Einen, der zu seiner Linken saß, eines jungen Mannes mit blauen, übermüthigen Augen und hoher, weißer Stirn, vor dem sich Alle ehrfurchtsvoll neigten, der sich aber mit Niemandem beschäftigte, als mit ihm, und nicht müde wurde, seinen Teller zu füllen mit Kuchen und Früchten, bis der Teller nichts mehr fassen konnte und der junge Mann mit den übermüthigen Augen übermüthig zu lachen anfing und plötzlich in die Hände klatschte: Husch, husch! Und Saal und Tafel und Speisen und Gäste – Alles war verschwunden. Drüben auf dem flachen, sandigen Ufer stand Silvia. Das Klatschen hatte den Bachstelzen gegolten, die jetzt in wiegendem Fluge über die Fläche zogen. Husch, husch! rief die Kleine noch einmal und hüpfte und lachte. Dann trat sie bis an den äußersten Rand, schaute, sich so weit als möglich vornüber beugend, hinein und nickte ihrem nickenden Spiegelbilde zu. Im Nu hatte sie die Strümpfe und die Schuhe abgestreift. Jetzt ein halber Schritt in das Wasser und dann noch ein halber und dann in einem Sprunge zurück auf den trockenen, warmen Sand. Aber das sonnendurchleuchtete Wasser lockte nun erst recht. Ach, so einmal ohne die lästige Aufsicht der Tante zu baden – wie lange hatte sie das gewünscht! Jetzt war es Zeit, so gut kam die Gelegenheit nicht wieder. Wer sollte sie sehen in dieser Einsamkeit! Sie stand und lauschte. Eine Holztaube kam vorbeigeschwingt und ließ dann aus der Nähe, wo sie sich niedergelassen hatte, ihren Ruf ertönen. Silvia athmete tief auf. Noch einmal horchte und lauschte sie nach allen Seiten. Still – Alles still – und mit hastigen Händen entkleidete sich das Kind. Leo hatte sich, als er, aus seinem Halbschlummer erwachend, Silvia erblickte, leise auf die Kniee erhoben. Seine erste Regung war gewesen, sich weiter zwischen die Felsen zu schleichen, dann hatte ihn die Besorgniß, ein Geräusch zu verursachen, und zuletzt eine sonderbare Neugier, die ihm das Blut stürmisch zum Herzen trieb, festgehalten. Erst war es Silvia gewesen, die übermüthige, ihm verhaßte Silvia, und dann war es nicht mehr Silvia – ein ganz fremdes, unheimliches Geschöpf, dessen weiße, rundliche, halb in das Wasser getauchte Glieder im Sonnenschein glänzten, während sie mit den flachen Händen auf das Wasser klatschte, daß es hoch aufspritzte, und sich dann lachend die Tropfen aus den langen Locken schüttelte. Eine seltsame Starrheit bemächtigt sich des Knaben. Etwas nie Gefühltes geht in ihm vor. Er kann den Blick nicht von dem lieblichen Schauspiel abwenden, trotzdem ihm eine Stimme im Innern sagt, daß jeder Augenblick, den er länger zögert, ein Verbrechen ist. Ein Schwindel erfaßt ihn, es saust ihm in den Ohren, sein Athem geht schwer; es flimmert ihm vor den Augen; wie hinter einem durchsichtigen Schleier erscheint ihm jetzt die zierliche Gestalt; seine Sinne verwirren sich; mit einer letzten Kraftanstrengung rafft er sich auf; sein Haupt, dem die Mütze entglitten ist, stößt heftig gegen die scharfe Kante des vorspringenden Felsens, unter dem er gekniet hat, und, ohne eine Klage auszustoßen, sinkt er ohnmächtig in das weiche Moos. Fünftes Capitel. Als er erwachte, sah er das braune Gesicht seines Onkels über sich. Der Förster hatte, als er von dem Schlosse kam, sich sogleich nach Feldheim begeben, um mit dem Bruder zu sprechen. zu seinem Leidwesen erfuhr er dort von einem Bauer, der auf dem Felde arbeitete, daß der Doctor – so wurde Anton, der fortwährend in seiner chemischen Küche Getränke kochte und unter anderen Herrlichkeiten auch ein Lebenselixir erfunden haben wollte, von Allen in der Nachbarschaft genannt – schon vor Tagesanbruch mit einem langen Stock in der Hand und einem rothen Bündelchen unter dem Arm das Dorf verlassen habe. Von Leo wollte Niemand etwas wissen. Der Junge ist ja wie eine wilde Katze, meinte eine alte Frau aus der Nachbarschaft; wenn es dämmert und dunkel wird, streicht er aus dem Hause; ich wohne schon an die zehn Jahre ihnen gegenüber und weiß noch heutigen Tages kaum, wie er aussieht. – Der Förster beunruhigte sich nicht, als er das Häuschen verschlossen fand und Niemand auf sein Rufen antwortete. Leo hatte sich ohne Zweifel, der Verabredung gemäß, bereits nach dem Försterhause begeben. Dahin machte sich denn nun auch Fritz Gutmann auf, und er schlug, um schneller nach Hause zu kommen, denselben wenig betretenen, ihm freilich wohlbekannten Waldpfad ein, den heute Morgen Leo zuerst gegangen und hernach in seiner schweifenden Laune verlassen hatte. Der Pfad führte direct auf eine Brücke, die man aus ein paar Baumstämmen und daran befestigtem schwankendem Geländer ein paar Schritte unterhalb der Wasserfälle über den Bach geschlagen hatte. Von der Brücke gelangte man über eine schöne Wiese und durch ein Stück Waldland zur Försterei. Als Fritz Gutmann in die Nähe der Brücke kam, fiel ihm ein, daß er seit längerer Zeit nicht an den Wasserfällen gewesen war. Sie hatten heute Morgen, als er über den Schloßberg ging, so erinnerungsreich zu ihm herauf gegrüßt; es packte ihn plötzlich eine Sehnsucht, die Moosgrotte wiederzusehen, in welcher er die Fräulein und den kranken jungen Herrn verborgen hatte. Er bog rechts ab und kletterte am Ufer des Baches hin. Drüben auf dem Ufer flog etwas Weißes durch die Stämme, als er in die Nähe des Bassins kam; es war der Eindruck aber so flüchtig gewesen, daß selbst sein scharfes Auge nicht hatte ausfindig machen können, was es war. Er setzte sich an dem Rande des Bassins auf einen Steinblock, nahm das Gewehr zwischen die Kniee und lehnte den Kopf in die aufgestützten Hände. Wie eine Melodie, die man nicht wieder loswerden kann, wenn sie uns einmal die Seele bewegt hat, verfolgte ihn das Bild der alten Zeit. In dem langen Gespräch mit dem Freiherrn war es ihm immer gewesen, als hörte er die Knabenstimme von damals, und hernach, als die Unterhaltung im Schlosse fortgesetzt wurde, hatte Fräulein Charlotte ein paarmal »lieber Herr Gutmann« zu ihm gesagt, und das hatte so geklungen, als ob es nicht heute Morgen, sondern vor dreißig Jahren gesagt worden wäre. – Hier war die Stelle. Auf diesem Steine hatte er gesessen in jener Schreckensnacht, und da war Charlotte zu ihm getreten und hatte zu ihm gesagt: Du läßt mich nicht lebend in ihre Hände fallen. Versprich es mir! Und er hatte es ihr versprochen. Das war das erste und das letzte Mal im Leben gewesen, daß sie ihn Du genannt hatte; in einem Augenblicke, von dem sie in ihrer Aufregung glaubte, daß es der letzte sein würde. Und wenn es nun der letzte gewesen wäre! für sie und für ihn! Wäre er da nicht gestorben in der Gewißheit, von ihr geliebt zu sein? Mit ihr gestorben? Konnte das spätere Leben die Seligkeit dieses Augenblickes ersetzen? So saß der Förster, das Gewehr zwischen den Knieen, das Haupt in die Hände gestützt, und sann und sann. In den Wipfeln zu seinen Häupten rauschte es alte, vergessene Geschichten; die plätschernden Wasser zu seinen Füßen erzählten von Lenz und Jugend und Sonnenschein – vor dreißig Jahren! Plötzlich fuhr der Förster jäh aus seinen Träumereien auf. Ein Laut wie das Aechzen eines Sterbenden hatte sein Ohr berührt. Noch einmal, lauter, vernehmlicher hörte er den Klageton; und als er sich hastig durch das dichte Farrenkraut nach der Stelle, von der das Aechzen kam, hingearbeitet hatte, sah er seines Bruders Sohn mit zerschmettertem Schädel, todt oder sterbend. Dem Förster stand das Herz still bei diesem furchtbaren Anblick; aber der alte, vielerprobte Mannesmuth verstattete kein müßiges Entsetzen. Und als er mit dem Wasser aus dem Bache das Blut von der Stirn und den Augen des Knaben weggewaschen hatte, athmete er tief auf, und etwas wie ein Lächeln flog über das ernste, wettergebräunte Gesicht. Es war keine Todeswunde, nur eine ganz tüchtige Schramme, die einen starken Blutverlust zur Folge gehabt. Dennoch dauerte es eine geraume Zeit, bis es dem Förster gelang, den noch immer halb Bewußtlosen ganz in's Leben zurückzurufen. Der verständige Mann vermied es, den Verstörten, Bleichen durch vieles Fragen zu belästigen. Er ließ ihn einen tüchtigen Schluck aus seiner Flasche nehmen und ein Stück Brod essen, das er beständig in seiner Jagdtasche bei sich trug. Dann geleitete er ihn auf dem kürzesten Wege zur Försterei, wo Tante Malchen schon über das lange Ausbleiben des Bruders, das sein Lieblingsessen zu gefährden drohte, in große Ungeduld gerathen war. Leo's bleiches Gesicht und blutige Stirn erregten einiges Erstaunen, das der Förster indessen klug zu beschwichtigen wußte. Er selbst glaubte gern, was Leo ihm noch unterwegs in abgerissenen Worten erzählt hatte, daß er im Walde sich verirrt habe und zuletzt vor Hunger und Müdigkeit umgefallen sei. Und das glaubten natürlich auch die Anderen. Silvia machte eine bestürzte Miene, als sie hörte, daß der Vater den Leo an den Wasserfällen gefunden habe. Aber da in der Verwirrung sich Niemand um sie bekümmerte und ihre langen Locken, noch ehe sie nach Hause kam, wieder trocken gewesen waren, so beruhigte sie sich bald. Uebrigens sprach schon am nächsten Morgen Niemand mehr von Leo's Unfall. Der Förster besonders hatte ganz andere Sorgen. Die Rückkehr des Bruders aus der Stadt verzögerte sich über alle Gebühr. Der brave Mann hatte sich mit seiner lebhaften Phantasie schon alle möglichen Unglücksfälle ausgemalt, die den Kranken, der Unruhe einer Stadt seit Jahren Entwöhnten betroffen haben könnten, und er war am Abend des zweiten Tages eben im Begriff, anspannen zu lassen und mit dem Knecht nach der Stadt zu fahren, als Anton gänzlich erschöpft, mit Staub bedeckt, hochgerötheten Gesichtes, aus dem eine weiße Nasenspitze gespenstisch hervorstarrte, auf dem Försterhofe ankam. Und augenscheinlich war es nicht blos körperliche Hinfälligkeit, was aus diesen düsteren, abgespannten Mienen sprach. Der Förster sah sogleich, daß seine Befürchtung eingetroffen und Anton den Zweck seiner Wallfahrt verfehlt habe. Anton war von dem Landrathe, Herrn v. Hey, welcher in dieser Angelegenheit das Decernat hatte, unfreundlich empfangen worden. Herr v. Hey hatte zwar sein Bedauern ausgesprochen, einen Mann in diesem Alter und von dieser Bildung in einer so abhängigen Lage zu sehen, aber auch sogleich hinzugefügt, daß die Regierung mehr als je Ursache habe, nur solche Leute in die Gemeindeämter kommen zu lassen, auf die sie sich unter allen Umständen verlassen könne. Außerdem habe ja die Regierung in diesem Falle nur das Bestätigungs-, nicht das Wahlrecht; dieses sei, wie Supplikant wisse, in den Händen der Gemeinde, oder genauer des Freiherrn von Tuchheim. Ob er die Stimme des Freiherrn zu haben glaube? Als Anton, im Vertrauen auf die Fürsprache des Bruders, dies bejahen zu können versicherte, hatte der Rath wieder mit den Achseln gezuckt und gemeint, er müsse sich sehr wundern, daß der Freiherr seine Wahl auf keine jüngere und rüstigere Kraft gelenkt habe; ob Supplikant ein ärztliches Zeugniß über eine ausreichende Gesundheit beibringen könne? Er habe sich darauf, um die Sache schneller zur Entscheidung zu bringen, zu dem ihm schon von früher her bekannten Kreisphysikus begeben und dieser eine sorgfältige Untersuchung mit ihm angestellt. Als Anton in seiner Erzählung bis hierher gekommen war, schwieg er plötzlich und starrte gesenkten Hauptes düster vor sich auf die Erde. Dann entrang sich seiner kranken Brust ein Seufzer und er murmelte: Es ist aus mit mir, Fritz; es kann sich noch eine Zeit so hinziehen, aber es kann auch sehr bald vorbei sein, sagte der Doctor. Nun, mir ist es recht; ich habe das Leben satt, und wenn ich nur weiß, daß es dem Leo nicht schlechter geht, stürbe ich lieber heute als morgen. Der Förster hatte schon seit längerer Zeit für das Leben des Bruders gefürchtet, dennoch erschütterte es ihn sehr, seine Vermuthungen durch den Kranken selbst bestätigt zu hören. Sein mitleidiges Herz floß über. Er wollte nichts vom Sterben wissen; die Gutmanns seien eine langlebige Familie, der Vater sei achtzig, der Großvater gar fünfundachtzig Jahre alt geworden; auch Mutter und Großmutter hätten sich eines langen Lebens erfreut. Anton sei allerdings niemals so rüstig gewesen, wie die übrigen Familienmitglieder, aber das schade nichts; kränkliche Leute lebten oft am längsten. Es komme nur darauf an, daß er in seinem Gemüth ruhiger werde und vor Allem seine Absicht, Leo aus eigenen Mitteln erhalten zu wollen, durchaus aufgebe. Der Förster, der zu bemerken glaubte, daß seine kräftigen, herzlichen Worte nicht ohne Eindruck blieben, kam dann auf die Absicht des Freiherrn zu sprechen. Er zählte Anton die unschätzbaren Vortheile auf, die dem Knaben auf diese Weise erwüchsen; er erklärte es für ein Verbrechen gegen die Kinder, für eine Impietät gegen den Freiherrn, der allezeit der Familie Gutmann ein gar gnädiger Herr gewesen sei, wenn man ein so großmüthiges Anerbieten zurückweisen wollte. Der Förster hatte, in der geheimen Furcht, bei Anton auf den entschiedensten Widerstand zu stoßen, noch lebhafter und eindringlicher, als es sonst schon sein Wesen war, gesprochen. Er war deshalb freudig überrascht, als jener, ohne eine Spur seiner gewöhnlichen Empfindlichkeit, sich sofort mit dem Plane einverstanden erklärte. Macht, was Ihr wollt, sagte er mit einem matten Lächeln; ich habe seit gestern, wo ich Doctor Homann's Stubenthür hinter mir zumachte, nichts mehr zu sagen. Da er den Bruder in so unverhofft günstiger Stimmung fand, wagte der Förster auch noch mit einem zweiten Wunsche hervorzutreten. Die beiden Jungen hätten sich in den paar Tagen so aneinander gewöhnt, daß es eine rechte Freude für Beide sein würde, wenn man sie jetzt nicht wieder trennte, sondern beisammen ließe, wie sie ja später in der Pension bei Doctor Urban in innigster Gemeinschaft leben würden. Des Försters Beredtsamkeit feierte heute Abend einen Triumph nach dem andern. Auch diesen Vorschlag fand Anton durchaus annehmbar; ja es schien fast, als ob er sich mit einer gewissen Hast aller weiteren Verantwortung für seines Sohnes ferneres Wohlergehen zu entledigen wünsche. Dann aber erfaßte ihn die alte Unruhe. Er wollte sogleich nach Hause; nur mit Mühe behielt man ihn zum Abendbrode, bei dem er die Speisen nur eben berührte. Kaum aber, daß gegessen war, machte er sich bei aufgehendem Vollmonde nach Feldheim auf den Weg, die ihm angebotene Begleitung der Försterfamilie und selbst seines Sohnes entschieden ablehnend. So war denn Leo ein Gast in seines Onkels Hause, und die Sorgfalt, mit welcher Tante Malchen seine wenigen Kleidungsstücke und seine dürftige Wäsche nachsah, ausbesserte und ergänzte, bewies, daß die gute Dame das bedeutsame Wort des Bruders: sie müßten fortan Leo als zu ihnen gehörig betrachten, vollständig begriffen hatte. Tante Malchen's Gemüth war in diesen Tagen so vielfach und tief bewegt, daß sie kaum wußte, woher die Zeit zur Arbeit und zugleich zu allen Thränen nehmen, die zu weinen sie dringende Veranlassung hatte. Des armen Anton so nahe bevorstehendes Ende, des Bruders Fritz unbegreifliche Halsstarrigkeit, der jetzt, wo die Tage bedeutend abnahmen und es manchmal schon empfindlich kühl war, noch immer bei offenem Fenster schlafen wollte; der Anblick des armen Leo, der nun so bald verwaist sein sollte; der beiden anderen Kinder, die, wenn ihr Vater fortfuhr, so auf seine Gesundheit einzustürmen, auch wohl allzu bald allein in der Welt stehen würden – diese Sorgen und Befürchtungen hätten auch wohl ein stärkeres Herz, als das der guten Dame erschüttern können. Aber selbst dies, so viel es war, war noch nicht Alles. Einen noch heftigeren Kummer bereitete ihr der neue Entschluß, den man plötzlich über Walter's Zukunft gefaßt hatte. Warum in aller Welt sollte der Walter nun nicht werden, was sein Vater und sein Großvater gewesen war: ein rechtschaffener, gottesfürchtiger, gelernter Förster? War es recht und billig, einen Menschen, dem seine Laufbahn so gleichsam von Gott vorgezeichnet war, in andere Bahnen zu locken, von denen Niemand zu sagen vermochte, wohin sie führen würden? Was hatte den beiden Geschwistern Gutmann, die sich aus dem grünen, frischen Wald in die graue, staubige Welt gewagt hatten, ihr Vorwitz Anderes, als Kummer und Elend und höchstens sehr fragliche Vortheile gebracht? War der Anton mit all' seinen Talenten nicht ein elender Mensch geworden? War der Sara Gewissen so rein, wie sie wünschen mußte, wenn sie des Abends vor dem Einschlafen zu dem Herrn, ihrem Gott betete? Ja, betete die Sara überhaupt wohl? Malchen hatte über diesen Punkt die ernstesten Zweifel und unterließ daher niemals, die Schwester, als möglicherweise der Fürbitte gar sehr bedürftig, in ihr Gebet einzuschließen. Und nun sollte ihr Liebling, ihr Abgott, ihr Walter in dieselben verhängnißvollen Fußstapfen treten? sollte Gefahr laufen, sein reines Gemüth mit dem Schmutz dieser Welt zu beflecken? seinen gesunden Kopf durch übermäßige Anstrengungen zu zerrütten? Das Lernen war ihm ja nie so außergewöhnlich leicht geworden, wie etwa der Silvia, die Alles behielt, was sie nur einmal mit den Augen überlaufen hatte, oder dem Leo, der ja überhaupt anders war, als alle anderen Knaben, und den man gar nicht mit gewöhnlichen Kindern vergleichen konnte. Und angenommen auch, Walter studirte Theologie und würde ein Prediger des Herrn, ein Verkündiger des Evangeliums – so bliebe doch immer die schreckliche Frage: Wer wird an Fritzen's Stelle treten, wenn ihn der Tod oder das Alter einmal abrufen? Tante Malchen mußte sich sagen: Ein Fremder wird es thun, ein Unbekannter wird schalten und walten in den durch so viele Erinnerungen, durch das Andenken an geliebte, längst dahingeschiedene Menschen geheiligten Räumen; und sie, die hier geboren war und hier zu sterben gehofft hatte, würde genöthigt sein, ihren Fuß über eine fremde Schwelle zu setzen, ihre Kniee an einem fremden Heerd zu wärmen, ihren letzten Seufzer in einem Zimmer auszuhauchen, in welchem sie vielleicht das Muster der Tapeten nicht einmal genau kannte! Dieser trübe Gedanke verfolgte die gute Dame bei Tag und bei Nacht, denn sogar in ihre Träume schlich er sich in einer oder der andern Gestalt; und dabei war ihr, als ob das Försterhaus nie so ganz ihre Heimath gewesen sei, als eben jetzt, wo sie im Geiste schon von ihm Abschied nahm. Das traute einstöckige Haus mit dem niedrigen, weitvorspringenden Dache! Die drei Fenster, welche es auf jeder Seite der Thür hatte, standen sämmtlich ein wenig schief, hinüber und herüber, und waren für den Uneingeweihten kaum zu öffnen oder gar nicht zu schließen; aber desto blanker waren die Scheiben und desto weißer die Gardinen. Ueber der Thür erhob sich ein in seiner Spitze mit einem mächtigen Hirschgeweih geschmückter Giebel mit noch zwei Fenstern, vor denen große, grün angestrichene Blumenbreter befestigt waren, auf welchen den ganzen Sommer hindurch die schönsten Blumen in Töpfen blühten. Diese Giebelstube hatte Tante Malchen seit so langer Zeit bewohnt, sie wußte kaum, wie lange. Die Blumenbreter waren ihr vorzüglicher Stolz; aber noch nie, so lange sie zurückdenken konnte, hatten sie in solchem Flor gestanden, wie in diesem Herbst. Sie mußte immer wieder unwillkürlich hinauf blicken, wenn sie des Abends auf der kleinen Wiese, die sich vor dem Hause bis an den nahen Wald erstreckte, ihre Promenade machte. Durch wie viele Erinnerungen war diese Wiese geheiligt! Hier hatte sie als kleines Kind mit den Geschwistern um die Kniee der Eltern, um die Kniee des Großvaters, dessen Bild in der Wohnstube über dem Sopha hing, die schönsten Spiele gespielt – im Zwielicht, wenn die Sterne aus dem Blau des Himmels zu funkeln begannen – jene Spiele, von deren trauter Heimlichkeit und halb mystischer Seligkeit das kältere Herz der Erwachsenen kaum noch eine Ahnung hat. Hier auf diesem Platze hatte der Fritz in jener Schreckensnacht gestanden, als ihn die Franzosen aus dem Hause schleppten. Hier hatte sie zu dreien Malen sich die Trauerzüge ordnen sehen, welche die Särge des Großvaters, des Vaters, der Mutter zum Kirchhof in Tuchheim geleiteten; hier hatte sie die Festtafel hergerichtet, als Fritz die Försterstochter aus dem benachbarten Schwarzenbach heimführte, das schöne, blasse, junge Mädchen mit den schönen, sanften, blauen Augen, das fortwährend kränkelte und so bald starb. Da war Tante Malchen nun wieder in ihre alten Rechte eingesetzt, und eine wie große, neue, verantwortliche Pflicht mußte sie dazu übernehmen! die Erziehung der armen, so früh der Mutter beraubten Kinder! Hier war endlich für das liebevolle, fleißige, aufopferungsfähige Weib ein schrankenloses Feld der Wirksamkeit. Nun konnte sie sich plagen, Tage durcharbeiten, Nächte durchwachen, Freuden und Leiden durchkosten und erdulden in dem guten, mitfühlenden Herzen. Aber wie vergalten die Kinder auch ihre unermüdliche Sorge! Gab es einen Jungen wie ihren Walter, einen Jungen mit einem Paar so treuherziger, blauer Augen, der so muthig und so bescheiden, so brav und so gut war! Und Silvia! – Die gute Dame verfiel in tiefe Nachdenklichkeit, so oft sie den Versuch machte, den Charakter dieses Kindes zu ergründen. Manchmal glaubte sie den Schlüssel zu dem Räthsel zu haben; aber noch viel öfter mußte sie unter vielem Kopfschütteln sich bekennen, daß sie weiter als je davon entfernt sei. Nun hatte Tante Malchen noch ein drittes Pflegekind, das ihre Sorgenlast wahrlich nicht verringerte. Sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß der düstere Knabe, so wenig wie sein Vater, zum Glück geboren sei. Schon daß er die dunklen Augen seiner Mutter hatte, die aus einer böhmischen, zur Zeit des alten Fritz in Feldheim eingewanderten Familie stammte, war äußerst bedenklich. Tante Malchen hatte noch nie glückliche Menschen mit schwarzen oder schwarzbraunen Augen gesehen. Der junge königliche Förster Hartwig, der sich vor fünfundzwanzig Jahren in dem benachbarten Nesselbruche erschoß, hatte auffallend dunkle Augen gehabt. Es konnte die Gute bis zu Thränen wehmüthig stimmen, wenn sie Leo's braune Augen oft mit einem seltsam starren und doch unbestimmt ziellosen Blick voll unergründlicher Schwermuth in die Ferne gerichtet sah. War es nicht, als ob der Knabe in solchen Momenten in dem Buche seines Schicksals lese? Sie hatte schon ein paarmal die Karten in die Hand genommen, um endlich einmal zu wissen, wie wenig sie für den armen Jungen zu hoffen, wie viel sie zu fürchten habe; aber immer hatte sie ein geheimnißvoller Schauder verhindert, die Antwort des Orakels abzuwarten. Sechstes Capitel. Dennoch waren diese Tage die glücklichsten, welche Leo noch erlebt hatte. Befreit von der fortwährenden Gesellschaft eines vor der Zeit alt gewordenen, kränklichen, grillenhaften Mannes, der ihn, ohne es zu wollen und zu wissen, auf das grausamste tyrannisirte; erlöst von einer Lebensweise, die bereits seine kräftige Constitution zu untergraben angefangen, fühlte der Knabe etwas von dem trauten Frieden, der über dem Försterhause lag, auch in sein junges Herz einziehen. Und in dem Maße, daß die unnatürliche Anspannung seiner geistigen Kräfte, mit welcher ihn der Vater heimgesucht, nachließ, trat auch die lichtere Seite seines Wesens mehr und mehr hervor. Es war wie mit dem Wetter, das jetzt nach einer Periode unerträglicher Hitze, welche häufige und furchtbare Gewitter nicht hatten abkühlen können, eine ungemeine Lieblichkeit und gleichmäßige Milde zeigte. An solchen schönen Tagen des frühen Herbstes war das Forsthaus von Tuchheim ein entzückender Aufenthalt. In einem Paradiese konnte die Sonne nicht sanfter scheinen, der Himmel nicht reiner, durchsichtiger blauen, als hier. Die alten Eichen und Buchen, welche den Platz, auf dem das Haus mit den Nebengebäuden lag, umgaben, standen so still da, als hätten sie bereits Abschied genommen von dem Sonnenschein, dessen goldene Lichter noch eben so lieblich in dem dunkelnden Laube spielten, und erwarteten nun in ruhiger Ergebung den Winter, der sie ihres Schmuckes berauben und das Leben in ihnen erstarren würde. In dem Garten hinter dem Hause blühten die Astern und Georginen, auch noch einzelne Rosensträuche; aber die weißen Sommerfäden, die in der klaren Luft schwebten, sagten, daß die Zeit der Blumen nun unwiederbringlich vorbei sei. Dafür fingen die Aepfel an, durch das spärlichere Laub zu glänzen, und dunkler und dunkler färbten sich die mächtigen Trauben der breitblättrigen Reben, die an den Spalieren der nach Süden gelegenen Giebelwand bis fast auf den First des Daches hinauf rankten. Diese und die anderen Züge des herbstlichen Angesichts der Natur trugen hier in dieser gänzlichen Abgeschlossenheit ein besonders deutliches Gepräge, und erregten das poetische Gemüth des leidenschaftlichen Knaben, bis es, in bald schwermüthigen, bald heiteren, jetzt ruhig klaren, jetzt wild verworrenen Weisen zu tönen begann. Besonders des Abends, wenn die Stimmen der Natur noch vernehmlicher zu seinen aufgeschlossenen Sinnen sprachen, fühlte er sich oft von der sonderbarsten Unruhe erfaßt. Das dumpfe Klappen einer fallenden Frucht, das Säuseln des Nachtwindes in den Blättern, auf denen der Schimmer des Mondes lag, das ferne Geschrei hoch oben in der Luft vorübersegelnder Kraniche – das Alles floß für ihn zu Melodien zusammen, für die er nie vergeblich nach Worten suchte. Oft überraschte es Walter, der mit ihm in derselben Giebelstube schlief, wenn er des Morgens beim Aufstehen auf einem Blatt, das am Abend, als sie zu Bett gingen, rein gewesen war, Verse geschrieben fand, die dem gläubigen Knaben das Größte zu sein schienen, was der menschliche Geist jemals ersonnen. Walter dachte nicht daran, Verse zu machen; er hatte keine Ahnung, wie man Verse machen könne, wo Leo all' die herrlichen Worte, all' die tönenden Reime hernahm. Walter kam sich so dumm vor, wenn er sah, wie sein begabter Genoß das Alles nur so spielend hinwarf; öfters betrübte es ihn auch, wenn er Vieles nicht gleich beim ersten Hören vollständig verstand und Manches, trotz wiederholter Lectüre, gar nicht verstehen konnte. Aber nie erwachte ein Neidgefühl in seinem Herzen und noch viel weniger ein Zweifel an dem Genie seines Vetters. Es fiel ihm nicht ein, sich zu fragen, ob denn die schönen Phrasen, in die er keinen Sinn hineinbringen konnte, überhaupt einen Sinn hätten. Leo war ihm sein Vorbild, sein Stern, sein Ideal. Leisten zu können, was Leo leistete, daran dachte Walter so wenig, als mit den Schwalben und Störchen nach Afrika zu fliegen. So bildete sich zwischen den Knaben immer mehr eine Freundschaft aus, die wenigstens von Walter's Seite aufrichtig und enthusiastisch war und die den auffallendsten Gegensatz des sonderbaren Verhältnisses abgab, welches zwischen Leo und Silvia bestand. Seit Leo's Ankunft auf dem Försterhause war eine große Veränderung in diesem Verhältnisse vorgegangen. Wenn der Knabe früher das um einige Jahre jüngere Mädchen stets als ein Wesen niedrigerer Gattung angesehen und demgemäß behandelt hatte, so schien er jetzt vielmehr eine Art von Scheu vor ihr zu empfinden. Er widersprach ihr nicht mehr heftig und hochfahrend, wie er es sonst bei jeder Gelegenheit zu thun pflegte, sondern nahm ihre wunderlichen und nicht selten unvorsichtigen Aeußerungen, auch wo dieselben unmittelbar gegen ihn gerichtet waren, mit einem verlegenen Schweigen hin, wie Jemand, dessen Zunge durch Rücksichten entschieden gebunden ist. Dieser Wechsel seines Betragens war zu groß, um nicht von Allen bemerkt zu werden, und Silvia selbst war nicht die Letzte, die ihn bemerkte. Aber merkwürdigerweise blieb sie, die sonst durch Nachgiebigkeit so leicht gewonnen wurde, von Leo's Sanftmuth scheinbar vollkommen ungerührt; man mußte glauben, daß er sie neulich Abends auf eine Weise beleidigt hatte, die durch keine Sühne wieder gut gemacht werden konnte. Natürlich ließ es Tante Malchen an Ermahnungen zu einem freundlichen Betragen nicht fehlen. Das trotzige Mädchen wollte nichts von Versöhnung wissen. Was will er hier? Was thut er hier? rief sie heftig; soll ich ihm dafür gut sein, daß Ihr mich seinetwegen vom frühen Morgen bis zum Abend ausscheltet? Was kann ich dafür, daß ich den häßlichen Zigeunerjungen nicht mag? Glaub' ihm doch nur nicht, Tante, wenn er so sanft und freundlich thut! Er verachtet uns Alle, weil er ein bischen Lateinisch und Verse machen kann, wie Walter sagt. Lateinisch! Verse machen! Das könnte ich auch, wenn ich nur wollte! und das Kind krümmte verächtlich die Lippe und schüttelte seine langen Locken. Mit dieser Abneigung, die Silvia ordentlich geflissentlich zur Schau trug, stimmte es wenig, daß sie die größten Anstrengungen machte, sich dem Verhaßten in geistiger Hinsicht so viel als möglich zu nähern. Sie suchte sich die Bücher zu verschaffen, aus denen er seine Kunde von fremden Ländern und Völkern geschöpft hatte; sie lernte französische Vocabeln zu Hunderten und Hunderten, um doch etwas vor ihm voraus zu haben; ja sie ließ sich zu der Bitte herab, ob er ihr nicht Unterricht im Lateinischen geben wolle; und als er sich sofort dazu bereit erklärte, folgte sie in den Stunden seinem Vortrage mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, so daß sie wirklich in kürzester Zeit die Anfangsgründe überwunden hatte. Aber diese gemeinschaftlichen Studien konnten sie gegen ihren Vetter nicht milder stimmen. Verlegen und mürrisch nahm sie die Mühe hin, die er sich mit ihr gab, ohne ein Wort, ein Zeichen des Dankes. Er kann es ja bleiben lassen, wenn er nicht will – er kann froh sein, daß ich mich von ihm unterrichten lasse, sagte sie trotzig, wenn die Tante ihr eine so schreiende Undankbarkeit vorwarf. – Du bist eifersüchtig auf Leo, sagte Walter, Du möchtest gern ebenso viel wissen wie er, und ebenso leicht lernen wie er; darin liegt's. – Wenn ich so alt wie Leo bin, werde ich so viel wissen wie Leo, erwiederte Silvia, und was das Lernen betrifft, so fragt sich's noch sehr, wer leichter lernt, er oder ich. – Auch der Vater, den Silvia's wunderliches Betragen ernstlich betrübte, redete ihr in's Gewissen. Er sagte ihr, daß, wer die Gastfreundschaft verletze, sich eines schweren Vergehens schuldig mache; daß wir unseren Nächsten lieben müssen, wie uns selbst, daß der Hilfsbedürftige unser Nächster und der arme Leo doch gewiß der Hilfe bedürftig sei. Keines anderen Vergehens als der Lieblosigkeit gegen einen Unglücklichen habe sich Ahasver schuldig gemacht, und doch könne er, der Sage nach, keine Ruhe im Grabe finden. – Das paßt sehr gut auf Leo, unterbrach Silvia den Vater, der Unglückliche, den Ahasver von seiner Schwelle stieß, war Christus, und Leo bildet sich ein, er sei auch ein Heiland. – Wie Du nur so dummes Zeug schwatzen kannst, Mädchen, fuhr der Förster auf. – Ich weiß, was ich weiß, sagte Silvia. Der brave Mann schwieg ganz bestürzt und theilte bald darauf Schwester Malchen des Kindes wunderliches Wort mit. Was ist dabei zu thun, sagte er, das Mädchen ist wie eine schlanke, junge Edeltanne; man kann sie brechen, aber nicht biegen. Tante Malchen schüttelte den Kopf. Es ist dafür gesorgt, Fritz, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, sagte sie; und so wird auch schon der liebe Gott unser Kind in Gnaden vor Hochmuth und Sünde bewahren. Aber, Fritz, unsere Verantwortung ist deshalb nicht geringer, und die Strafe für unsere Nachlässigkeit wird uns nicht minder hart treffen. Der Förster, welcher aus langer Erfahrung ganz genau wußte, worauf dies hinausging, würde unter allen anderen Umständen das Gespräch hier mit einem ärgerlichen Brummen abgebrochen haben; diesmal aber fühlte er sich wirklich so rathlos, daß er die Strafpredigt, die ihn erwartete, geduldig hinnehmen zu müssen glaubte. Mit wortreicher Beredtsamkeit und unter vielen herzlichen Thränen entwickelte Malchen nun die Folgen des schlimmen Einflusses, den der Unglauben ihres Bruders auf die Kinder ausüben müsse. Sie behauptete, daß Gottesfurcht die Quelle aller menschlichen Tugenden sei; daß Kinder, welche nicht in der Furcht Gottes aufwüchsen, wie Tannensamen seien, der in der Luft umherfliege und aller Wahrscheinlichkeit nach in den Bach oder auf den harten Weg fallen werde. Sie erinnerte an den Spruch von dem bösen Beispiel, das zuletzt die besten Sitten verderbe, und ob es ein gutes Beispiel sei, wenn ein Vater des Jahres vielleicht einmal in die Kirche gehe und den Tisch des Herrn seit zwanzig Jahren, das heißt seit seiner Verheirathung, nicht ein einziges Mal besucht habe? Schließlich ergriff die gute Dame des Bruders braune Hände, benetzte sie mit ihren Thränen und beschwor ihn, sich ihrer, die vor Angst um sein und der Kinder Seelenheil fast sterbe, zu erbarmen und, wenn nicht um seinet-, so doch um der Kinder willen, Gott zu geben, was Gottes sei. Der Förster konnte nicht gut Jemand weinen sehen, am allerwenigsten, wenn es in seiner Macht stand, die Thränen zu trocknen. Ueberdies hatte Silvia's Halsstarrigkeit und Herzenshärtigkeit ihn wirklich erschreckt und seine reine Seele mit dem Schatten einer geheimnißvollen Schuld, die er, Gott weiß wie, auf sich geladen habe, umschleiert. So gab er denn fast kleinlaut zu Malchen's Vorschlag, man wolle in Gemeinsamkeit am nächsten Sonntage in die Kirche gehen, seine Einwilligung. Siebentes Capitel. Der Mensch ist nicht dazu auf Erden, daß er blos nach seinem Wohlgefallen lebe, sagte der Förster zu sich selbst, als er eine Viertelstunde darauf mit der Büchse auf der Schulter in sein Revier ging; für sich leben kann Keiner; Andere müssen für uns leben, und so müssen wir wiederum für Andere leben, zumal für unsere Kinder, wie diese wieder für ihre Kinder leben werden, und so fort in alle Ewigkeit. Anders kann das Menschengeschlecht nicht bestehen; es erzeugt sich aus sich selbst wie der Wald. Hier schirmt auch ein Baum den anderen, daß die Stürme nicht schaden und Regen und Sonnenschein jedem im rechten Maße zu Theil werden. Darum ist es auch so herrlich im Walde, weil hier so Viele sind, die sich Alle dem gleichen Gesetze willig fügen, darum braust der Wind hier so mächtig, darum scheint die Sonne hier doppelt lieblich. Der Förster hing diesem Gedanken weiter nach, und es dauerte nicht lange, so fühlte er sich wieder ganz mit seinem Gott versöhnt. Aber Malchen hatte doch am Ende Recht, schloß er seine Betrachtungen. Es kommt nicht Jeder auf dieselbe Weise zu Gott, und ich kann nicht verlangen, daß meine Kinder es just auf meine Weise thun. Deshalb soll man ihnen den Weg nicht verschließen, der ja seit so vielen Jahrhunderten von unzähligen Menschen betreten worden ist und gewiß recht, recht oft zum Ziele geführt hat. Weise doch auch ich Jemanden, der durch den Wald will, nicht aus die gewundenen Fußpfade, in denen ich mich allein zurechtfinde, sondern auf die große, breite Straße, von welcher Niemand so leicht abirren kann. Es war ein wundervoller Herbstmorgen, der Morgen des nächsten Sonntags, an welchem die Försterfamilie nach Tuchheim in die Kirche ging. Der Weg war in der ersten Hälfte derselbe durch den Wald, der auch auf das Schloß führte. Goldige Lichter spielten in den Zweigen, die ein sanfter Wind leise bewegte. Eine unendliche, lebensmüde Ruhe, ein süßer, sterbeseliger Frieden säuselte in den bräunlichen Blättern, duftete aus dem feuchten Laube, das hie und da schon ziemlich dicht die Erde bedeckte. Von Zeit zu Zeit ertönten, melodisch abgedämpft, einzelne Rufe hoch in der klaren Luft vorübersegelnder Wandervögel. Auf einer großen Lichtung am Rande des Holzes standen ein Paar Hirsche, die aus der Ferne neugierig, aber nicht ängstlich nach den friedlichen Pilgern hinüberäugten. Der Förster schritt still und nachdenklich mit gleichmäßig langsamen Schritten dahin. Er hatte seinen besten grünen Uniformrock angezogen, der ganz neuerdings mit der kurzen Taille und den engen Aermeln wieder in die Mode gekommen war, und seine Sonntagsmütze aufgesetzt, deren Façon nach dem Muster der Landwehrmützen aus den Befreiungskriegen genommen schien. Dazu trug er ein schwarzseidenes Halstuch, über welches er den Hemdkragen herausgeschlagen hatte, eine weiße Weste, die bis oben hinauf zugeknöpft war, und Beinkleider aus gelbem Nanking, die in grauen Gamaschen steckten. Uebelwollende behaupteten, er trage diese Gamaschen nur, um seine wohlgeformten Beine und seine kleinen, trotz der nicht eben feinen Schuhe, zierlichen Füße besser zu präsentiren. Wie dem aber auch sei, er war ein stattlicher Mann, der Förster Fritz Gutmann, und man glaubte es gern, daß er in seiner Jugend der beste Tänzer, Läufer und Springer fern und nah und trotz seines nicht eben schönen Gesichtes der erklärte Liebling der Frauen gewesen sei. In Schwester Malchen's Augen hatte er noch wenig oder nichts von seinen einstigen Vorzügen eingebüßt, und so erschien er ihr auch heute Morgen, während er wenige Schritte vor ihr dahin wandelte, als der schönste Mann. Mit dem reinsten Wohlgefallen, das ein Herz empfinden kann, hingen ihre Blicke an seiner rüstigen Gestalt, und sie bat ihren Gott, daß die beiden Knaben an seiner Seite so stattlich und stark, und vor Allem so gut und brav werden möchten wie er. Neben der Tante ging Silvia. Die blauen Augen, die sonst so groß und forschend umher blickten, suchten den Boden. Tante Malchen hatte es heute Morgen nicht an thränenreichen Ermahnungen, wenigstens den Sonntag nicht durch Heftigkeit und Lieblosigkeit zu entheiligen, fehlen lassen; und weil es eben Sonntag und das Wetter so schön und Silvia's Herz durch die Aussicht auf den hübschen Spaziergang und durch die Glockenklänge, welche von Tuchheim durch die klare Luft herübertönten, sehr milde und feierlich gestimmt war, hatten die Worte der Guten ihre Wirkung auch nicht verfehlt. Auf der halben Höhe des Schloßberges führte der Weg thalwärts in das Dorf. Man erreichte die Kirche – zu Tante Malchen's nicht geringem Entsetzen – als eben nach Absingung des ersten Liedes, vor dem Beginn der Predigt, die Thüren geschlossen werden sollten. Eiligen, geräuschlosen Schrittes huschte Tante Malchen zu ihrem Platz vorauf; ihr folgten Silvia und die Knaben. Der Förster zog es vor, in der Nähe der Thür an einem Pfeiler, der ihn vor dem Prediger und der Gemeinde so ziemlich verdeckte, stehen zu bleiben. Die Kirche war heute außergewöhnlich voll. Die sonore Stimme des Predigers erfüllte den nicht unbedeutenden Raum bis in die letzte Mauernische. Doctor Urban war sich des Vorzuges eines klangreichen, biegsamen Organs wohl bewußt, und er hatte es nach vielen mühsamen Versuchen der Akustik seiner Kirche vollkommen angepaßt. Er verstand es meisterlich, den Ton ausklingen zu lassen, und brachte dadurch, besonders am Schlusse einer längeren Phrase, die prächtigsten Wirkungen hervor. Doctor Urban hatte zu seinem Texte die Worte des Apostels: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.« Er sprach von den Kindern dieser Welt, den glattzüngigen, redegewandten, wie sie so schön Herr! Herr! zu sagen und Jedem nach dem Munde zu sprechen wüßten, und inwendig sei doch Alles eitel Lug und Trug. So seien viele Blumen mit herrlichen Farben geschmückt, aber kein mild erquickender Duft entströme ihren Kelchen; so spielten die Leiber der Schlangen in warmem Schimmer, und doch seien es kalte, widerliche Geschöpfe, die der Herr verflucht habe, auf dem Bauche zu kriechen und Staub zu fressen. Aber diese Vergleiche seien noch bei weitem zu günstig: der liebeleere Mensch sei viel häßlicher, als eine geruchlose Blume, als ein schleimiges Reptil. Der Mensch, dem die Liebe fehle, begnüge sich nicht damit, Anderen nicht wohlzuthun; er müsse ihnen wehethun, wenn er seine Lust haben solle; er müsse schaden, zerstören, vernichten können. Der Mensch ohne Liebe sei schlimmer als die wildeste Bestie; die Welt ohne Liebe sei das Chaos – eine heulende Finsterniß, in der es von Ungeheuern wimmle, die mit gierigen Zähnen gegenseitig auf einander hackten, die kein Recht gelten ließen als das des Stärkeren über den Schwächeren, kein Gesetz als die Gesetzlosigkeit – Nacht und Graus, Würgen und Morden überall. Unter den wuchtigen Accenten, mit denen der Prediger so fürchterliche Worte ausstattete, bebte das Haus, bebten die Herzen seiner andächtigen Zuhörer. Es war, als ob der Tag sich verdunkle und die Nacht, deren Schrecken er so eindringlich zu schildern wußte, heraufdämmere. Man wagte kaum zu athmen, aus Furcht, das Verderben, mit dem die ganze Atmosphäre erfüllt schien, auf sich herab zu ziehen. Plötzlich aber war es, als ob ein anderer Mann spräche – ein anderer Mann mit einer weichen, einschmeichelnden, angstbeschwichtigenden Stimme. Aber was ist das? sagte die weiche Stimme. In dem Ungeheuern Chaos verbreitet sich plötzlich eine milde Wärme, und wo die Wärme sich zumeist concentrirt, da blitzt eine Flamme auf, erst hier, dann dort, zuletzt überall, wie am nächtlichen Himmel ein einzelner Stern auftaucht, dann ein zweiter, dritter, und endlich das ganze Gewölbe mit Myriaden leuchtender Welten übersäet ist. – Diese Wärme nun, lieben Brüder und Schwestern, diese Flamme, dieses Licht ist die Liebe; die Liebe, die so lieblich ist, daß die Engel selbst ihre Herrlichkeit nicht hinreichend preisen können, und die Menschen, die sie im Herzen fühlen, gar verstummen und in Demuth ihr Haupt beugen; die Liebe, die alle Menschen zu Kindern des Einen Vaters macht, des Vaters, in dem wir Alle leben und weben, und der selbst der Urquell aller Wärme, alles Lichtes und aller Liebe ist. Hallelujah! Vielleicht gab es in diesem Augenblicke, wo das Hallelujah an der Decke verhallte, Niemand in der Versammlung, den die bedeutende Rede des Predigers ungerührt gelassen hätte; aber Leo's erregbares Herz hatte sie ganz und gar in Flammen gesetzt. Seine Wangen glühten; auf seiner Stirn standen dunkle Wolken, als von den Schauern des Chaos die Rede war, und helle Tropfen hingen in seinen Wimpern, während der Preis der Liebe in Worten, die ihm unmittelbar vom Himmel zu kommen schienen, verkündet wurde. – So, so wollte auch er einst predigen in der Wüste unter den Heiden! In seiner Extase hatte sich der Knabe von seinem Sitze erhoben. Hoch aufgerichtet stand er da, das schwarze lange Haar zurückgeschlagen von der weißen Stirn, die großen, von Thränen umflorten Augen starr auf den Prediger gerichtet. Aber er sah den Prediger nicht mehr. Die Kanzel verschwand; die hohe Decke des Gewölbes that sich auf, und ein wolkenloser Himmel blaute herein; die starken Pfeiler wurden zu mächtigen Tannen, durch deren Zweige der Morgenwind rauschte. In das Waldesrauschen brausten die strudelnden Wasser der Fälle, und drüben, halb noch im kühlen Schatten der Bäume, halb in dem hellen Sonnenlichte, tauchten die nackten weißen Glieder des lieblichsten Geschöpfes in die durchsichtigen Wasser. Gewaltiger flutheten die Klänge der Orgel, und der Träumer erwachte aus seinem Traume. Neben ihm stand Silvia; sie hatte seine Hand ergriffen; ihre blauen Augen, die demüthig bittend zu ihm aufblickten, hatten geweint. Willst Du mit aus meinem Buche singen, Leo? sagte sie, indem sie sich wieder setzte und Leo neben sich Platz machte. Ich kann nicht singen, sagte der Knabe zögernd. So sieh' wenigstens mit hinein. Durch die hohen, schmalen Fenster fielen schräge Sonnenstreifen, in denen die Staubatome sich wirbelnd drehten; die Orgel brauste, lauter und kräftiger erhob sich der Gesang. Tante Malchen, welche die beiden Kinder mit, wie es ihr schien, verklärten Gesichtern einträchtiglich nebeneinander sitzen sah, weinte helle Freudenthränen und pries die Güte Gottes, der seinem Diener Kraft gebe, die Herzen der sündigen Menschen zu rühren und die Liebe in ihnen zu erwecken, ohne die wir nichts sind, als ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. So sagte sie auch zu Silvia, als sie sich Alle vor der Kirchthür auf dem Friedhofe zusammengefunden hatten. Silvia erröthete bis in die Schläfen. Ich hätte viel lieber mein Buch für mich allein gehabt, sagte sie, indem sie den Kopf mit den langen Locken trotzig in den Nacken warf. Achtes Capitel. Ein paar Minuten später traten der Förster und die beiden Knaben – Tante Malchen mit Silvia war auf das Schloß vorausgegangen – in den schattigen Pfarrhof. Die dämmerige Kühle unter den mächtigen Kastanienbäumen, die tiefe Stille, in der das Summen des letzten Glockentons verzitterte, das stattliche, alterthümliche Pfarrhaus, dessen schmale Spitzbogenfenster von Epheu zum Theil dicht umrankt waren – das Alles verfehlte nicht, einen tiefen Eindruck auf die Knaben zu machen, und selbst des Försters braunes Gesicht zeigte ein paar nachdenkliche Falten. Er blickte nach der Thurmuhr hinauf und schien zu überlegen, ob man nicht lieber noch ein paar Minuten warten solle; dann aber mochte ihm dieses Zagen vor einem ihm allerdings wenig angenehmen Besuch doch unmännlich vorkommen, wenigstens zog er die Glocke an der Thür mit einer gewissen energischen Heftigkeit, die durch die Umstände kaum gerechtfertigt schien. Die öffnende Magd führte den Besuch in ein Zimmer zu ebener Erde, in welchem er alsbald von der Frau Pastorin begrüßt wurde. Die kleine, blasse Dame reichte dem Förster mit großer Herzlichkeit die Hand und wandte sich dann zu den Knaben, deren Anblick ihre schmalen gerötheten Augen sogleich mit Thränen füllte. So groß würden meine Zwillinge sein, rief sie, wenn sie nicht gestorben wären. Die Erinnerung an den bereits vor fünfzehn Jahren erfolgten, nie wieder ersetzten Verlust dieser Kinder, von denen das eine todt zur Welt kam und das andere nicht den nächsten Tag erlebte, hatte der kleinen Dame ihre geringe Haltung vollends geraubt. Sie trocknete sich die reichlich hervorquellenden Thränen ab, lächelte, und bat den Förster und die Knaben um Entschuldigung, daß sie ihnen keinen besseren Empfang bereite; nöthigte sie darauf, sich um den Sophatisch zu setzen, wobei sie eine hübsche, mit Blumen gefüllte Porzellanvase, die auf dem Tische stand, umwarf. Die Vase brach entzwei, das Wasser strömte auf die Decke, von dort auf die blank gescheuerten Dielen. Frau Doctor Urban rief: O mein Gott! lächelte dann wieder und bat die Ankömmlinge, sich doch über eine solche Kleinigkeit nicht zu beunruhigen. Dabei wuchs ihre Unruhe sichtbar mit jeder Minute und erreichte den höchsten Grad, als sich in dem Zimmer nebenan ein fester Schritt in knarrenden Stiefeln vernehmen ließ. Eilends erhob sie sich von dem Sopha, auf das sie sich kaum niedergelassen hatte, sagte mit ängstlicher Stimme: Mein Mann, o mein Gott! und lächelte dann wieder. Doctor Urban hatte seinen Priestertalar mit einem bequemen schwarzen Hausrock vertauscht, in welchem sich seine große und starke Gestalt noch stattlicher ausnahm. Seine grauen Augen schossen für einen Moment einen kalten, strafenden Blick auf seine Gattin, in welcher er die Urheberin des Unglücks mit der Vase sofort erkannte, und versuchten dann, indem sie sich auf den Förster und die Knaben wandten, einen freundlicheren Ausdruck anzunehmen. Ein seltener Gast trat über meine Schwelle – kann ich wohl mit dem Dichter sagen! Aber auch so willkommen, mein werther Herr Gutmann! Willkommen, mein guter Walter, mein braver Leo! ich höre, daß Sie bereits gute Fortschritte im Griechischen gemacht haben. Doctor Urban reichte den also Angeredeten einem nach dem andern die Hand, wandte sich darauf zu seiner Frau und sagte, mit einer Bewegung nach der zerbrochenen Vase, in einem Tone, dessen Scherzhaftigkeit nicht eben erquicklich war: Du hättest unseren lieben Gästen wohl eine andere Erfrischung anbieten können, als kaltes und, wie ich glaube, nicht einmal frisches Wasser. Die kleine Dame versicherte mit zitternder Stimme, daß sie dazu noch gar nicht einmal Zeit gehabt habe. Der Pastor runzelte die Stirn und sagte lächelnd: Wozu hättest Du auch Zeit, meine Liebe! – Der Förster sagte, daß er und die Knaben gefrühstückt hätten, ehe sie von Hause weggegangen seien, und daß sie überdies um ein Uhr das Mittagessen auf dem Schlosse erwarte. Ja, ja, der gnädige Herr meint es gut mit Ihnen und den Ihrigen, erwiederte der Pastor und bat dann, wenn man doch einmal von leiblicher Nahrung nichts wissen wolle, in sein Zimmer zu treten, wo die beiden Knaben wenigstens geistige Speise genug finden würden. Mit diesen Worten öffnete Doctor Urban die Thür zu dem Zimmer, aus dem er gekommen war. Es war ein stattliches, ringsumher an den Wänden mit hohen Büchergestellen ausgestattetes Gemach. Auf einem einfachen Teppich in der Mitte stand ein viereckiger, mit grünem Tuch überdeckter Tisch. Ein mit schwarzem Leder bezogener Polsterstuhl und drei Rohrstühle waren an den Tisch gerückt. Grüne Vorhänge dämpften das durch die hohen Fenster hereinfallende Licht. Ach! wie prächtig muß es sich hier arbeiten lassen, rief Leo entzückt. Meinen Sie, mein junger Freund? sagte Doctor Urban, indem er dem Knaben zum Zeichen des Wohlwollens die breite Hand auf die Schulter legte. Nun, nun, das freut mich. Da können Sie sogleich beginnen. Hier ist Tinte, Feder, Papier; hier ist ein Lexikon, hier ist Schiller's Geschichte des dreißigjährigen Krieges . Getrauen Sie sich wohl, eine halbe Seite daraus in's Lateinische zu übersetzen? Ja, sagte Leo. Und Sie, mein Freund? Ich will's versuchen, sagte Walter, der sehr roth geworden war, mit einem verlegenen Blick zu Leo hinüber. Brav, brav, sagte Doctor Urban; und wir, lieber Gutmann, wollen unterdessen in meinem Cabinet ein wenig plaudern. Der Pastor nahm den Arm des Försters und führte ihn in das anstoßende Gemach, das kleiner als das Bibliothekzimmer und mit größerem Comfort, ja mit Luxus ausgestattet war. Hier nöthigte er ihn in einen Lehnstuhl, während er selbst auf einem zweiten, ihm gegenüber, Platz nahm und sagte: Nun lassen Sie uns einmal recht vertraulich mit einander reden, mein lieber Herr Gutmann; wohlmeinende, verständige Männer verständigen sich ja leicht, und in Anbetracht des nahen Verhältnisses, in welches wir zu treten im Begriffe sind, thut Offenheit ja vor allen Dingen noth. Verstatten Sie mir also zuvörderst die Frage: Was ist für unseren Freiherrn der Beweggrund, sich eine so große Verantwortlichkeit und – verzeihen Sie, daß ich ganz gerade mit der Sprache herausgehe – eine so große Last, als die Sorge für zwei fremde Knaben im besten Falle ist – auf sich zu nehmen? Der Förster blickte etwas verwundert auf. Ich verstehe Sie nicht ganz, Herr Pastor, sagte er. Freilich, freilich, meinte Doctor Urban; die Frage ist auch so, wie ich sie gestellt habe, ein wenig wunderlich. Ich kenne ja die große Huld, welche Ihnen der Freiherr von je bewiesen hat! Ich wollte eigentlich sagen: Glauben Sie, daß der Freiherr, außer durch das Wohlwollen, welches er nun einmal gegen alle die Ihrigen empfindet, sich diesmal noch durch ein anderes Motiv leiten läßt? Sie können gegen mich offen, vollkommen offen sein, lieber Herr Gutmann. Ich habe durchaus nicht die Absicht, nicht gegen Sie offen zu sein, sagte der Förster, unwillkürlich über diese sonderbare Geheimnißkrämerei lächelnd; aber ich will nie wieder eine Büchse abschießen, wenn ich weiß, was ich vor Ihnen verbergen soll. Doctor Urban lächelte und sagte: Was haben wir uns auch schließlich um die Motive zu kümmern, wenn die Handlungen so edel, so – ich möchte sagen: greifbar gut sind. Ich für meinen Theil gestehe ganz offen, daß ich dem Freiherrn großen Dank weiß, wenn er mir die ländliche Akademie, die ich schon lange intendire, endlich einmal in's Werk richten hilft. Womit soll man die Muße eines jahrelangen und – was soll ich es Ihnen verschweigen – unfreiwilligen Aufenthalts auf dem Lande ausfüllen? Die Predigten – nun, du lieber Himmel! – das macht sich zuletzt von selbst, und die Seelsorge – ja, großer Gott, die Seelsorge! lieber Herr Gutmann, da kommt man zuletzt zu der Einsicht, daß es auch hier am besten ist, wenn man es eben gehen läßt, wie's Gott gefällt. Kinder, deren Erziehung meine freie Zeit ausfüllen könnte, habe ich nicht; meine Frau macht wenig Ansprüche an mich; sagen Sie selbst, ob ich zum Vorstand einer kleinen Gelehrtenschule auf dem Lande nicht geradezu prädestinirt bin. Das wäre also, was mich bestimmt hat, sogleich auf den Vorschlag des Freiherrn einzugehen. Der junge Springinsfeld, der Henri, wird uns freilich das Leben wohl im Anfang etwas sauer machen; indessen in der Gesellschaft zweier tüchtiger Jungen wird der hohle Uebermuth wohl bald verfliegen. Ihr Walter gefällt mir recht, Herr Förster, recht sehr; ein braver Knabe mit offener Stirn, wie ich sie liebe. Und der Leo – er heißt doch Leo? – ich wundere mich, daß ich nie vorher von ihm gehört habe – der Freiherr sagte mir, daß er schon ein halber Gelehrter sei, und Alles durch eigenen Fleiß, zum wenigsten doch nur unter Anleitung des Vaters, der, soviel ich weiß, selbst keine gelehrte Bildung genossen hatte. Merkwürdig, sehr merkwürdig! Ihr Herr Bruder muß nach Allem, was ich von ihm höre, ein ungewöhnlicher Mann sein. Aehnelt er Ihnen? Der Knabe hat durchaus keinen Familienzug, ich meine, keinen Gutmann'schen Familienzug. Nach den dunkeln Augen zu schließen, könnte er eher in die freiherrliche Familie gehören. Doctor Urban warf bei diesen Worten einen schnellen Blick auf den Förster und fand sich sehr getäuscht, als er in dem braunen, offenen Gesicht desselben durchaus keine Miene der Verlegenheit oder der Bestürzung wahrnehmen konnte. Die Unterhaltung gerieth hier in's Stocken und wollte, trotzdem der Pastor noch verschiedene Themata anschlug, nicht wieder in Gang kommen. Endlich erhob man sich, nachdem man zuletzt über einige Einzelnheiten, die bei der Uebersiedelung der Knaben in das Pfarrhaus in Frage kamen, flüchtige Rücksprache genommen hatte. Die Exercitien der Knaben sah Doctor Urban dann im Vorbeigehen an, fand Leo's Arbeit vortrefflich, und Walter's – der sie sich von Leo hatte dictiren lassen – ganz gut, und verabschiedete sich in der Thür des Bibliothekzimmers von seinen Besuchern mit verbindlichstem Lächeln und ausgesuchten Höflichkeitsphrasen. Auf dem Hausflur huschte die Frau Pastorin an ihnen vorüber. Sie hatte jetzt ganz roth geweinte Augen. Offenbar wollte sie den Fortgehenden einige freundliche Worte des Abschieds sagen; aber Rührung oder Aengstlichkeit ließen sie nicht dazu kommen. Sie begnügte sich zu lächeln, Allen wiederholt die Hände zu drücken, nochmals zu lächeln, und entfernte sich dann eilends. Auf dem Hofe wurde den Knaben endlich die Brust wieder frei genug, um sich gegenseitig die Fülle der gemachten Beobachtungen mittheilen zu können. Walter fand, daß die Frau Pastorin eine gute alte Dame und der Doctor gar nicht so schlimm sei, wie er ihn sich vorgestellt hatte; Leo sagte, daß er die Bibliothek auf ein paar tausend Bücher schätze, und versicherte dem Onkel mit strahlenden Augen, daß er sie alle durchlesen werde. Der Förster ließ die Knaben plaudern. Doctor Urban hatte einen unangenehmeren Eindruck auf ihn gemacht, als je zuvor, und er sagte sich, daß die arme Frau Urban, die er heute zum ersten Male in ihrer Häuslichkeit gesehen hatte, eine sehr, sehr unglückliche Frau sein müsse. Sodann hatte ihm die Weise, in welcher der Doctor mit ihm gesprochen hatte, gar nicht gefallen. Weshalb hatte sich der gelehrte Herr so viel Mühe gegeben, den Freundlichen, den Herzlichen zu spielen? Der wackere Mann seufzte tief, während die Knaben an seiner Seite eifrig schwatzten. Er bedauerte jetzt beinahe, daß er sich den Wünschen des Freiherrn so leicht gefügt. Es hatte dem Sohne des Waldes zu sehr mißfallen in dem kühlen, stillen Hause mit der klösterlich dumpfen Luft. Neuntes Capitel. Als Tante Malchen und Silvia auf dem Schlosse anlangten, fanden sie die Familie in einer halb freudigen, halb schmerzlichen Aufregung. Henri war vor einer halben Stunde gekommen, gänzlich unerwartet und auch einigermaßen unerwünscht. Der lebhafte braunlockige Knabe erzählte unter vielem Lachen, wie er, dem Wunsche seines Papa's folgend, nach überstandenem Carcer mit der Familie seines Onkels, des Bankier Sonnenstein, die projectirte Rheinreise angetreten habe, daß aber der Onkel mit seinen ewigen Residenzwitzen, Cousin Alfred durch seine großen Manieren, die Cousine Emma mit ihrem unaufhörlichen Schwatzen so unausstehlich gewesen seien, daß er es schon nach den ersten Stationen nicht mehr habe aushalten können. Glücklicherweise hatte ich noch genug Geld in der Tasche, rief der Knabe; und da war denn die Sache leicht gemacht. In – ach wie heißt es doch nur gleich, wo die Bahnen sich kreuzen – gleichviel – in Dingsda sprang ich aus dem Wagen, nahm ein Retourbillet, setzte mich in ein Coupé, und da mein Zug früher abging, als der, in dem Sonnensteins saßen, so fuhr ich stolz an ihnen vorbei und schrie ihnen Halloh! in das Fenster hinein. Aber die erstaunten Gesichter! Papa, die Gesichter hättest Du sehen sollen! Emma kreischte, Alfred konnte nicht mit seiner Lorgnette fertig werden, und der Onkel – schickt sich nicht, so von seinen Verwandten zu sprechen? Pah, Tante, der Onkel ist mit uns verschwägert, aber, Gott sei Dank, nicht verwandt – ein Freiherr von Tuchheim und ein Bankier von Sonnenstein verwandt! Das fehlte noch! – Na, Tante, wir wollen uns nicht streiten. In dem anderen Dingsda, wo die Bahn aufhört – Gott, bringt mich denn Keiner darauf – habe ich Extrapost genommen und bin die fünf Meilen heruntergerasselt wie ein Prinz. Na, Tante, da bin ich nun. Wegschicken könnt Ihr mich nicht wieder, also macht gute Miene zum bösen Spiel. Und der übermüthige Knabe umarmte zuerst den Vater, dann die Tante und zuletzt auch noch Amélie's englische Gouvernante, Miß Ethel Jones, die eben in den Gartensalon trat, um anzukündigen, daß der Förster mit den Knaben angelangt und das Mittagmahl angerichtet sei. Ein paar Stunden später, nach Tische, waren der Freiherr und der Förster nach den Ställen hinabgegangen, um die Einrichtungen, welche man zu der bevorstehenden Aufnahme von hundert königlichen und prinzlichen Pferden hatte treffen müssen, zu besichtigen. Die junge Gesellschaft spielte unter Anführung der wackeren Miß Jones auf dem Rasen vor dem Schlosse Reifen; Fräulein Charlotte und Tante Malchen saßen in der Veranda und schauten, häufig von ihrer Arbeit aufblickend, dem anmuthigen Treiben zu. Fräulein Charlotte war heute noch ernster als gewöhnlich. Die bevorstehende Ankunft der hohen Gäste warf schon zum voraus einen Schatten auf ihre Seele, einen um so tieferen, als sie sich über die Weise, wie man dieselben zu empfangen und zu bewirthen habe, mit ihrem Bruder durchaus nicht hatte einigen können. Dies war nun freilich ein Thema, über welches sie mit Tante Malchen nicht wohl sprechen durfte; um so ausführlicher äußerte sie sich über eine zweite Sache, die ihr kaum minder schwer auf dem Herzen lag. Ich wundere mich, sagte sie, daß mein Bruder diesen neuesten Streich, den uns der Henri gespielt hat, so ruhig hinnimmt. Er ist am meisten dadurch getroffen. Sie wissen, Malchen, wie sehr mein Bruder Henri's so oft und so leidenschaftlich ausgesprochenem Wunsche, Soldat zu werden, entgegen ist; ja, ich kann Ihnen sagen, daß er ihn hauptsächlich deshalb aus der Residenz mit ihren Wachtparaden und Kasernen entfernt, und nun kommt der Junge, als ob er es darauf angelegt habe, zu einem militärischen Schauspiel, das ihm vollends den Kopf verrücken wird. Ich hatte es mir schon so schön ausgemalt, wie die drei Knaben von nun an einträchtiglich mit einander leben und lernen würden; in unserer unmittelbaren Nähe, gleichsam unter unseren Augen. Es war einer der glücklichsten Gedanken, die mein Bruder je gehabt hat, und nun – Fräulein Charlotte stützte den Kopf in die Hand und schaute wehmüthig dem Treiben der Kinder zu. Tante Malchen versuchte einige Trostgründe aufzuführen, aber was sie sagte, mochte wohl nicht eben von Bedeutung sein, wenigstens war es nicht im Stande, Charlotte aus ihren Träumereien zu erwecken. Wie doch beim Anblick dieser glücklichen Geschöpfe die Zeit meiner Jugend mir wieder in die Erinnerung kommt, sagte sie, und ihre sanfte Stimme zitterte ein wenig, während sie so sprach; meine Jugend und Ihre Jugend, liebes Malchen – sind wir doch zusammen jung gewesen, wie wir nun anfangen zusammen alt zu werden – wie oft haben auch wir auf diesem Platze Reifen gespielt; meine Mutter liebte das Reifenspiel so – man könne dabei so viel Grazie entwickeln, meinte sie. Sie sagte es aber französisch, denn Sie erinnern sich, Malchen, wenn von Grazie die Rede war, wußte sie sich deutsch nicht auszudrücken. Aber Ihr Bruder Fritz war doch der Gewandteste und Schnellste von der ganzen Schaar. Wenn er lief, so schienen die Füße kaum den Boden zu berühren, und über Gräben und Hecken sprang er mit den Hirschen um die Wette. Er war eigentlich nicht hübsch, Ihr Bruder Fritz, bis auf seine schönen blauen Augen – aber ich habe doch schon manchmal gedacht, solche Knaben giebt es jetzt nicht mehr. Tante Malchen's Augen waren, sobald Fräulein Charlotte auf die goldene Jugendzeit zu sprechen kam, feucht geworden, aber das Lob ihres geliebten Bruders entlockte ihr helle Freudenthränen. Daß er nicht hübsch gewesen sein solle, wollte ihr allerdings nicht zu Sinn, aber, du lieber Himmel, der Geschmack der Menschen ist ja auch so sehr verschieden! Die junge Generation ist schöner geworden, fuhr Fräulein Charlotte fort. Walter ist viel hübscher, als sein Vater jemals war, und Silvia hat etwas ganz Eigenes in Ausdruck, Haltung und Manieren. Mir ist manchmal, als wäre sie eigentlich gar kein Menschenkind, sondern eine Nixe oder sonst ein Feengeschöpf, das sich in Eure Familie eingeschlichen hat. Nun, nun, Malchen, Sie brauchen nicht so bestürzt auszusehen, sie wird sich ja nicht eines schönen Tages in einen Bach oder Baum verwandeln; aber sie ist ein merkwürdiges Kind. Sehen Sie nur, wie sie sich dort mit Henri neckt und ihre Locken nach hinten schüttelt! Welch' merkwürdig volles, lockiges Haar das Mädchen hat, und jetzt sieht sie auch wirklich beinahe schön aus, bis auf den übermüthigen Zug, der, glaube ich, dem Leo gilt. Sie scheinen sich nicht eben zu lieben, Leo und die Silvia, wenigstens macht er jetzt ein Gesicht, so düster wie eine Gewitterwolke. Ist er gut, der Leo? Ich kann mich in sein Gesicht nicht finden; ich verstehe es so zu sagen nicht, aber ich gebe zu, es liegt etwas durchaus Ungewöhnliches darin, etwas, vor dem man unwillkürlich Achtung empfindet. Es ist schwer zu glauben, daß dieses Knaben Leben wie anderer Menschen Leben dahinfließen sollte; aber ich fürchte – ich fürchte – besonders glücklich wird es nicht sein. Doch lassen wir die düsteren Gedanken, die sich für diesen entzückend schönen Abend gar nicht passen. – Ach, das ist herrlich, das kommt wie gerufen, wie lieblich das klingt! Die Kinder, die unterdessen mit ihrem Spiel aufgehört hatten, waren in den Gartensaal, dessen geöffnete Thüren auf die Veranda führten, getreten, und Miß Jones hatte sie dort um den Flügel zu einem kleinen Quartett gruppirt. Miß Jones begleitete und setzte mit einer etwas rauhen Altstimme kräftig ein, wenn die Accorde nicht ganz rein herauskamen, oder es mit dem Tacte nicht recht fort wollte. Dies war aber nur äußerst selten der Fall. Die jugendlichen Sänger waren von Anfang an ihrer Sache so ziemlich sicher und wurden es mit jedem Liede mehr. Es war für Charlotte ein hoher Genuß, diese thaufrischen, unentweihten Stimmen zu hören, besonders bei einigen Volksliedern, wo sie den einfachen Text und die schmucklose Melodie wie mit Morgensonnenschein verklärten. Aber kaum weniger gut gelangen einige moderne Compositionen, in denen wieder das sentimentale Pathos mit der hellen Klangfarbe des Tones einen eigenthümlich wehmüthigen Contrast bildete. Besonders ein Duett, das die beiden Mädchen sangen, war von einer ganz zauberischen Wirkung – die rührendste Klage um eine verlorene Liebe, die thränenreichste Sehnsucht nach einem auf immer dahin geschwundenen Glück. Charlotte trocknete sich die Augen. Aber was ist das, sagte sie aufstehend, alle Welt scheint es heute darauf angelegt zu haben, mich melancholisch zu stimmen. Ich will einen Spaziergang durch den Garten machen. Das wird mir ja wohl die Grillen vertreiben. Ich weiß, Sie sind keine Freundin von müßigen Promenaden, Malchen, so will ich Sie denn auch nicht auffordern, mich zu begleiten. Es dämmerte bereits, als Charlotte jenseits des Rasenplatzes in einen der laubigen Gänge des Gartens trat. Die Luft war frisch, ohne kalt zu sein; man spürte eben nur den Hauch des Herbstes. Der energische Duft des an der Erde modernden Laubes, das Säuseln des Windes in den braunen Blättern, das gelegentliche Fallen einer reifen Frucht, die ahnungsvolle Beleuchtung der hinter die Wälder sinkenden Sonne – Alles sprach von Scheiden und Meiden und erfüllte Charlotten's Herz mit immer größerer Wehmuth. Die Melodie des Liedes, das sie soeben von den beiden hellen Mädchenstimmen gehört hatte, klang ihr fortwährend im Ohr, und seufzend wiederholte sie den Text: Ach, wie so bald verhallet der Reigen! Ach, wie so bald! Ist es mir doch, als wenn es gestern gewesen wäre, daß ich mit eben solcher klaren Stimme meine Lieder sang! daß ich mit eben der lauten Fröhlichkeit auf dem Rasenplatze spielte! Ich könnte mir manchmal denken, ich wäre dieselbe noch. Aber Malchen war damals auch jung und frisch, und wie alt und unschön ist sie jetzt! Kann ich hoffen, daß die Zeit gnädiger mit mir verfahren ist? Und wenn auch, verwelkt ist sie doch, die holde Jugend, wie diese Rose hier verwelkt ist; verweht sind sie doch, die goldenen Tage, wie diese Blätter hier unhörbar von den Zweigen wehen. Ach, wie so bald! Ein Vögelchen zirpte in den Bäumen über ihr. Charlotte schaute hinauf. Sie konnte das Vögelchen nicht sehen, aber eine weiße, von der untergehenden Sonne röthlich angestrahlte Abendwolke, die hoch oben in dem blauen Aether schwamm. Noch indem sie hinaufschaute, verschwand das rosige Licht; Charlotte seufzte und wandelte weiter. Das Lied kam ihr wieder in den Sinn: War't ihr ein Traum, ihr Liebesgedanken? War't ihr ein Traum? Sie hatte vorhin so ruhig gesagt, daß Fritz Gutmann häßlich gewesen sei. Er war ihr nicht immer so erschienen, nicht so erschienen, als er in jener Nacht bleich und blutig in das Zimmer trat, wo der verwundete Bruder lag, und als er hernach auf den starken Schultern die schwere Last von dannen trug; nicht so erschienen, als er am folgenden Tage, während sie das Rufen der suchenden Franzosen im Walde hörten, in dem Eingang der Höhle stand, still und ernst, die nie fehlende Büchse halb im Anschlage, bereit zum Sterben, aber entschlossen, sein Leben so theuer als möglich zu verkaufen. Wohl waren sie ein Traum gewesen, diese Liebesgedanken – ein kurzer Traum, und doch ein schöner Traum, ein Traum, so schön, daß die Erinnerung an ihn dreißig Jahre hindurch frisch geblieben war. Charlotte lächelte und wurde dann auf einmal wieder sehr ernst. Er mochte ja lächerlich sein, der Gedanke, daß ein Freifräulein von Tuchheim einen herrschaftlichen Förster heirathen könnte, aber, sagte sich Charlotte, wenn man dreißig Jahre länger gelebt und gesehen hat, wie eitel sie sind, die irdischen Herrlichkeiten, wenn man erfahren hat, wie gleichgültig im Grunde die Welt, der wir unser Glück zum Opfer brachten, an unserem Glück und Unglück vorübergeht; wenn man Schönheit, Jugend, Gesundheit, Frohsinn zu Grabe getragen hat und sich sagen muß, daß man hätte leben und lieben können, und daß man nun alt ist, und Leben und Liebe wie bleiche Schatten an dem Rande der Ewigkeit schweben – dann, ja dann sehen die Dinge sehr anders aus, und selbst die Liebe eines Freifräuleins zu einem Försterburschen steigt auf aus dem Grabe der Vergessenheit und fragt: weshalb sie nicht leben durfte, weshalb sie ein Traum bleiben mußte? Und soll unter diesem harten Joche, das sie sich selbst aufgebürdet, die Menschheit ewig seufzen? Sollen in alle Zukunft die reinsten Quellen des Glückes verschüttet werden und die edelsten Herzen verschmachten? Soll jene Kinder, die heute so glücklich miteinander spielten, dasselbe Loos treffen? Ist es möglich, daß die beiden Mädchen sich heute selbst ihr Schicksal gesungen haben? daß die Knaben einst in Gram und Wehmuth an diese Stunde zurückdenken? Ist es möglich? Charlotte war eben um einen jener Felsen gebogen, welche den Weg gänzlich zu hemmen schienen, und doch nur eine liebliche Aussicht künstlich verdeckten. Auf der Bank, die man auf einem kleinen, von einer Hängeweide überschatteten Platze angebracht hatte, saß Jemand, der den Arm auf die Lehne der Bank und den Kopf auf den Arm gelegt hatte und in seine Träumereien so vertieft war, daß er den leichten Schritt der Herankommenden überhörte. Fräulein Charlotte glaubte ein leises Schluchzen zu vernehmen. Voll Mitleid trat sie noch näher und legte dem Knaben leise die Hand auf die Schulter. Das bleiche Gesicht, das erschrocken zu ihr aufstarrte, war von Thränen überströmt. Warum sind Sie nicht bei den Anderen, die im Saale singen? fragte Charlotte, welche dieser Anblick selbst verlegen gemacht hatte. Ich kann nicht singen, antwortete der Knabe. Es lag eine solche Verzweiflung in diesen einfachen Worten und in dem Tone, in welchem sie gesprochen wurden, daß Charlotte sich auf das Innigste gerührt fühlte. Aber bevor sie noch für das Mitleid, das sie fühlte, einen passenden Ausdruck finden konnte, hatte Leo schon seine Thränen getrocknet, und in dem Ausdruck seines Gesichts lag viel mehr Scham, daß er sich so hatte überraschen lassen, als der Wunsch, sich mittheilen zu dürfen. Die feinsinnige Charlotte fühlte das sehr wohl, und sie machte keinen Versuch, in diesem Augenblicke das Vertrauen des Knaben zu gewinnen. Mit dem Tact einer Dame von Welt sprach sie, während sie zusammen nach dem Schlosse zurückschritten, über andere Dinge; fragte nach Leo's Studien, nach dem Pastor und welchen Eindruck derselbe auf ihn gemacht habe. Leo antwortete einsilbig und zerstreut. Zehntes Capitel. Acht Tage später – die Stoppeln standen jetzt überall auf den Feldern, und hie und da fing man auch schon an, die Trauben zu pflücken – nahm die Gegend um Tuchheim herum plötzlich ein sehr kriegerisches Aussehen an. Die fünfzehntausend Mann starke Besatzung der ein paar Meilen entfernten Festung und Hauptstadt des Regierungsbezirkes war von einem detachirten feindlichen Corps, das man aus zwanzig-, ja auf fünfundzwanzigtausend Mann schätzte, überfallen worden. Die Feinde schienen es auf eine regelmäßige Belagerung abgesehen zu haben, die in der Festung, dieser Gefahr um jeden Preis begegnen zu wollen. Es verging kein Tag, ja kaum eine Nacht, wo sie nicht mit bald größeren, bald geringeren Streitkräften Ausfälle machten, bei denen es wohl recht heiß herging, denn die stillen Berge und Wälder widerhallten von dem schrecklichsten Kanonendonner und unaufhörlichen Flintengeknatter. Indessen waren diese großen und ohne Zweifel heldenmüthigen Anstrengungen von keinem sichtbaren Erfolge begleitet. Wenigstens setzte sich der hartnäckige Feind überall in den Dörfern fest, ja errichtete an passenden Stellen stehende Lager, die sehr zierlich anzusehen waren und Schaaren friedlicher Land- und Städtebewohner von nah und fern herbeilockten. Was gab es da nicht Alles zu schauen! Marschirende, in dichte Wolken von Staub gehüllte Colonnen; muntere Jäger auf Vorposten am Waldeshag unter schattigen Bäumen; Husaren, die ihre Pferde striegelten, Cürassiere, die ihre Harnische putzten, lange Reihen von Gewehrpyramiden, die gelegentlich wie ein Kartenhaus umfielen! Marketenderwagen, die von Neugierigen und Durstigen umlagert, Marode und Kranke, die von den Lazarethgehilfen hinter die Front geführt wurden; zwischendurch Ordonnanzen, auf keuchenden Rossen hügelauf jagend und schon durch ihren Anblick die Seele der Zuschauer mit dem Gefühl der ungeheuren Wichtigkeit der Dinge, die hier vor sich gingen, erfüllend. Nicht geringer war die Aufregung, die auf dem Tuchheimer Schlosse herrschte. Den Monarchen, der am vierzehnten Tage mit seinem Gefolge eingetroffen, den jungen Kronprinzen mit seiner Begleitung, die große Zahl der höheren und niederen Hofbedienten so unterzubringen, daß sich jeder nach den Ansprüchen, die er machen durfte, logirt sah, war eine schwere Aufgabe, die indessen von Charlotten auf das Vollkommenste gelöst wurde. Sie hatte mit Hilfe Tante Malchen's, deren Tüchtigkeit in solchen Dingen erprobt war, ihre Dispositionen so klug und umsichtig getroffen, daß nicht die geringste Verwirrung einriß und Alles sich gleichsam wie von selbst machte. Wenigstens war der Abend der Ankunft und die erste Nacht glücklich vorübergegangen, und so ließ sich hoffen, daß jetzt, nach Ueberwindung der ersten und größten Schwierigkeiten, auch die folgenden beiden Tage ohne Unfall verlaufen würden. Es war am Morgen des ersten Tages. In der Veranda vor dem Gartensaale gingen die beiden Brüder von Tuchheim, der Freiherr und der General, auf und ab. Die Luft war empfindlich kühl, obgleich die Sonne hell genug schien und die Schatten der mit wildem Wein umrankten schlanken Säulen, welche das leichte Dach der Veranda trugen, auf den Fußboden zeichnete. Der Freiherr schien die Kühle nicht zu empfinden; er hatte nicht einmal einen Ueberrock an, nur oben einen Knopf seines Fracks über der weißen Weste zugeknöpft; der General dagegen hüllte seine lange, magere Figur dicht in den faltigen Mantel, und sein bleiches Gesicht sah sehr frostig aus, obgleich er sich augenscheinlich Mühe, gab, den rüstigen Bruder nicht merken zu lassen, wie wenig ihm die kühle Morgenlust behagte. Es ist mir lieb, sagte der General, daß ich Dich sprechen kann, bevor der König Dich rufen läßt; ich möchte mir erlauben, Dir einige Andeutungen zu machen, die Dir in der Unterredung doch vielleicht von Nutzen sein können. Ich bin Dir sehr verbunden, erwiederte der Freiherr lächelnd; aber Du weißt, Joseph, daß ich unvorbereitet am besten spreche, und überhaupt mich nur dann schicklich benehme, wenn ich vollkommen unbefangen bin. Ich weiß es, sagte der General; aber was ich Dir sagen wollte, ist von solcher Wichtigkeit, daß Du mir schon verstatten mußt, Dir für dies eine Mal Deine undiplomatische Sorglosigkeit zu rauben. Du machst mich in der That neugierig, murmelte der Freiherr, der bereits ungeduldig zu werden begann. Der General warf schnelle prüfende Blicke nach allen Seiten, um sich zu vergewissern, daß kein Lauscher in der Nähe sei, und sagte in einem noch leiseren Tone, als in welchem er sonst schon zu sprechen pflegte: Der König wird alt, Karl; das heißt, wenn er auch nicht älter ist, als wir, so hat er doch nicht unsere zähe Natur, – mit einem Worte, er ist nicht mehr, der er noch vor kurzer Zeit war, und ich habe die feste, übrigens auch von anderer Seite her verbürgte Ueberzeugung, daß er nur noch wenige Jahre zu leben hat. In der That! erwiederte der Freiherr; ich habe ihn gestern Abend zwar nur sehr flüchtig gesehen, indessen – Verlaß Dich auf mich und meine Quellen, unterbrach ihn der General; der König hat nicht lange mehr zu leben, und eines schönen Morgens werden wir durch den Ruf überrascht werden: » Le roi est mort, vive le roi !« Der Freiherr knöpfte an seinem Frack. Die Wendung, welche die Unterredung mit dem Bruder zu nehmen drohte, mißfiel ihm ausnehmend; indessen sagte er nichts. Es wäre ja nicht das erste Mal gewesen, daß der General mit geheimnißvoll feierlichen Falten ein Nichts bedeckte. Der General fuhr fort: Du kennst meine Stellung bei Hofe, oder vielmehr Du kennst sie nicht, denn nichts ruht auf künstlicheren Schrauben, als diese meine Stellung. Der König will mir wohl, das heißt, er würde mir wohler wollen, wenn ich dümmer oder er klüger wäre. So hat er einfach vor mir nur den Respect, den eine vulgäre Natur nothwendig vor einer höheren empfindet; aber Respect ist nicht Liebe; Respect haben zu müssen, ist unbequem, besonders, wenn man König ist, und so wäre denn dieser Respect eine der künstlichen Schrauben, von denen ich vorhin sprach. Kommt mein Verhältniß zum Kronprinzen. Es sieht ganz anders aus und ist im Grunde doch dasselbe, welches ich zum König habe. Auch der Kronprinz liebt mich nicht; er ist bei all' seiner bedeutenden Begabung zu launisch, wetterwendisch und flatterhaft, und vor allen Dingen zu eitel, als daß er, wenn er erwachsen sein wird, den Anblick eines Mannes, der ihn so oft klein gesehen hat, ertragen könnte. Wenigstens bin ich meiner Sache keineswegs sicher, und auch von ihm und mir möchte es dermaleinst heißen, es war ein neuer König im Lande, der wußte nicht von Joseph. Der Freiherr, dessen Mund sich während dieser Auseinandersetzung schon ein paar Mal spöttisch verzogen hatte, konnte sich hier nicht enthalten, gerade heraus zu lachen. Das Citat war so trefflich! hieß doch auch der General Joseph, wie der Minister jenes alten Pharao! Nun ja, sagte der General, warum sollten wir nicht für einen Moment die Sache von ihrer komischen Seite betrachten; die ernste drängt sich uns schon von selber auf. Denn siehst Du, lieber Karl, für mich ist die Aussicht, in Kurzem meinen Einfluß bei Hofe einzubüßen, nichts weniger als erfreulich. Ich bin nicht unabhängig wie Du – der Rest meines Vermögens wird eben noch hinreichen, meiner Josephe eine anständige Aussteuer zu geben – enfin , ich muß mich halten, halten auf jeden Fall, durch jedes Mittel, und wenn ich nicht mehr auf eigenen Füßen stehen kann, muß ich suchen, mich auf andere zu stützen. Jedenfalls würde ich in der Wahl einer solchen Stütze sehr vorsichtig sein, meinte der Freiherr. Ich flehe Dich an, Karl, sagte der General, höre mir aufmerksam zu; es handelt sich um sehr wichtige Dinge, und unsere Zeit ist knapp gemessen. Wir leben in einer wunderbaren Periode, Karl; überall keimt und treibt es und drängt nach Entwickelung. Ich bin, wie Du weißt, kein Neuerer, keiner jener ungestümen Schwarmgeister – ein Lieblingswort unseres Vaters, Karl! – die da glauben, mit ein paar tönenden Phrasen Alles von Grund aus reformiren zu können; aber so viel sehe ich doch – etwas müßte geschehen, und es geschieht nichts. Man denkt nicht daran, die Bewegung zu leiten, ihr eine bestimmte Richtung – die wünschenswerthe Richtung zu geben – im Gegentheil, man hemmt sie, so viel man kann, und thut es in der ungeschicktesten, täppischsten, plumpsten Weise. Daß dem so ist, kann freilich den Eingeweihten nicht Wunder nehmen. Der König ist stumpf, ist es stets gewesen, ist es jetzt mehr als je. Er haßt instinctiv Alles, was nur den Anschein einer Aenderung, einer Neuerung hat; er möchte eine chinesische Mauer um den Staat, ja um jede Provinz, womöglich um jeden Regierungsbezirk und um jedes Stadtgebiet ziehen, damit es nur ja so bliebe, wie es vor fünfzig Jahren gewesen ist. Dieser Zustand kann nicht ewig dauern. Selbst wenn wir einer gewaltsamen Katastrophe entgehen – die ich nebenbei keineswegs zu den Unmöglichkeiten rechne – muß ein Umschwung stattfinden, und der Tod des Königs wird das Signal dazu sein. Der Prinz ist, trotz seiner despotischen Gelüste, bei seiner unglaublich lebhaften Phantasie für alles Neue sehr empfänglich, und seine Eitelkeit wird ihn die Beute eines Jeden werden lassen, der ihm die Rolle eines Reformators aufzuschwatzen versteht. Wer in jenem Augenblicke, den ich mit vollster Deutlichkeit kommen sehe, sein Vertrauen besäße, der würde der Mann der Situation und würde allmächtig sein. Es scheint, daß ich die Anwartschaft zu diesem Glücke hätte, aber, wie ich schon vorhin sagte, es scheint nur so. Er wird nach dem Ruhme trachten, der Thäter seiner Thaten zu sein, und die Erinnerung an das, was er mir verdankt, würde ihm die Illusion allzu grausam zerstören. Sein Verhältniß zu dem Manne, dem er dann sein Vertrauen schenkte, müßte bis zu dem Momente ein mehr oberflächliches gewesen sein. Es müßte den Anschein haben, als ob er den Mann gleichsam erst entdeckt hätte, und doch, damit er ihn entdecken könnte, müßte der Mann bereits seit längerer Zeit, des Stichwortes gewärtig, hinter der Coulisse sich aufgehalten haben, um sofort auf der Bühne zu erscheinen. Du verstehst mich doch, Karl? Halb und halb, erwiederte der Freiherr, den das politische Schachspiel, das der Bruder so vor seinen Augen aufstellte, unwillkürlich zu interessiren begann. Du wirst mich hoffentlich alsbald ganz verstehen, sagte der General. In diesem Augenblicke schlug die Schloßuhr. Der General horchte auf. Bereits acht Uhr, murmelte er; der König wird Dich sogleich rufen lassen. Wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Höre! Eine lebhafte Röthe hatte sich über seine bleichen Wangen ergossen; er sprach das Folgende in einem schnelleren, fast leidenschaftlichen Tempo: Der Mann, den ich meine, der Mann, der Alles leisten kann, was der große Augenblick erfordert, weil er alle Eigenschaften dazu in sich vereinigt, ist kein anderer als Du. Ich bitte Dich, laß mich ausreden, ohne mich zu unterbrechen. Der König hat sich mit Messenbach, der ihm nicht geschmeidig genug ist, überworfen; der Bruch ist irreparabel. Messenbach ist nur darum noch im Amte, weil sich ein Nachfolger, der dem König zusagte, bis jetzt noch nicht gefunden hat. Ich habe Dich vorgeschlagen, und der König ist mit einer an ihm ganz ungewöhnlichen Lebhaftigkeit auf meine Idee eingegangen. Das würde unter anderen Umständen kein besonderes Compliment für Dich sein, denn für gewöhnlich fällt die Wahl Sr. Majestät nicht mit Vorliebe auf bedeutende Menschen; diesmal aber gereicht Dir Deine landständische Opposition gegen Messenbach's Verwaltung zur Empfehlung; es würde den Mann entsetzlich kränken, wenn gerade Du sein Nachfolger würdest, und das ist dem Könige in der Laune, in welcher er sich befindet, eben recht. Ueberdies hat der König aus der Zeit, wo Ihr zusammen im Felde standet, stets ein besonderes Faible für Dich gehabt. Du gehörst zu den wenigen Menschen, die er – vielleicht gegen seine Ueberzeugung – wirklich liebt, wie ja denn Jeder dergleichen Idiosynkrasien hat. Mit Einem Worte, es bedurfte von meiner Seite nur eines geringen Anstoßes, um ihn für Dich einzunehmen. Du wirst jetzt begreifen, weshalb ich den König dazu bestimmte, gerade in Deinem Hause das Hauptquartier aufzuschlagen, und warum er so bereitwillig darauf eingegangen ist. Die Sache macht sich nun wie von selbst. Du brauchst nur zuzugreifen; nur an Dir wird es liegen, wenn Du nicht binnen vierundzwanzig Stunden, binnen einer Stunde vielleicht, Minister der öffentlichen Bauten, des Handels und der Gewerbe bist. Von da aber bis zum Vorsitzenden in dem Cabinet des Königs il n'y a qu'un pas . Hier wurde die Unterredung der beiden Brüder durch einen der königlichen Kammerherren unterbrochen, welcher meldete, daß Se. Majestät Excellenz zu sprechen wünschten. Der General warf seinen Mantel ab und entfernte sich mit dem Kammerherrn, nachdem er noch vorher dem Bruder einen bedeutenden Blick zugeworfen hatte. Der Freiherr blieb in der Veranda zurück, durch des Generals Mittheilungen in einer Weise erregt, daß er selbst darüber erstaunt war. Ist es möglich, sprach er bei sich, während er mit raschen Schritten auf und ab ging, daß dieser Traum von Macht für alle Menschen gleich berückend ist? Was habe ich, der ich mich mein Lebenlang von diesen Dingen geflissentlich ferngehalten habe, damit zu schaffen? Und doch, und doch! wenn es gelänge, wenn ich mir wirklich den Einfluß verschaffen könnte, den ich brauchte – ich habe so Manches auf dem Herzen – in der Forstverwaltung – in den Gemeinde-Angelegenheiten – da ist noch Unendliches zu thun – aber nein, nein! es geht ja nicht, kann ja nicht gehen. Ja, wenn man dabei auf geradem Wege fortschreiten dürfte, aber davon ist ja nicht die Rede, und durch Schliche und Ränke zu meinem Ziele zu kommen, das war ja wohl meine Sache nie. Soll ich mich, der ich so stolz darauf gewesen bin, aus meinem von den Eltervätern ererbten Grund und Boden zu sitzen, der ich den stellenjägerischen, decorationshungrigen Hofadel so verachtet habe, nun auf meine alten Tage zum Höfling machen? Meinem alten Rücken Geschmeidigkeit lehren? Jetzt noch lernen Ja sagen, wo ich Nein meine? Unterwürfigkeit blicken, wo ich vielleicht Verachtung im Herzen fühle? Unmöglich! Der Freiherr nahm den Hut ab und trocknete sich die Stirn; die Sache sollte abgethan sein, aber sie war es noch nicht. Wie summende Fliegen umschwirrten ihn die quälenden Gedanken. Und wenn ich nun Nein sage, wird der König nicht die Schuld auf Joseph schieben, der ihn besser hätte unterrichten sollen? Kann meine Weigerung ihn nicht seine Stellung kosten! Wer hieß den vorsichtigen Diplomaten so unvorsichtig sein? Oder ist auch das nur schlaue Berechnung? Hat er mich überrumpeln wollen, in der Voraussicht, daß in dieser Sache durch Ueberzeugung nicht auf mich zu wirken ist? So hätte er sich freilich in seinem eigenen Netz gefangen, denn, Bruder oder nicht, das Opfer kann Niemand von mir verlangen. Des Freiherrn schönes Gesicht wurde immer finsterer, je länger er nachdachte. Er lehnte sich an eine der Säulen und schaute gesenkten Hauptes düster vor sich hin. Es hätte freilich auch noch andere Vortheile, murmelte er. Meine Angelegenheiten stehen schon seit einigen Jahren nicht mehr so gut als sonst. Ich habe Charlotten die zehntausend Thaler, die sie mir zum Ankauf des Vorwerks geliehen hat, noch nicht wieder bezahlen können, und wo ich bei der jetzigen Klemme Geld aufbringen soll, diese neuen Ausgaben zu bestreiten, weiß ich vorläufig auch noch nicht; ich müßte denn eine neue Anleihe bei Charlotten machen – wovor mich Gott bewahre! Der Ministergehalt wäre unter diesen Umständen ein trefflicher Zuschuß, ich müßte dann freilich die Güter wieder verpachten, und ich habe mich nun bereits fünfundzwanzig Jahre darauf gefreut, sie endlich einmal selbst bewirthschaften zu können. Und doch, überlegen müßte man es; eine so glänzende Gelegenheit von der Hand zu weisen, wäre thöricht. Aber der König wird in seiner täppischen Weise eine definitive Antwort haben wollen. Daß Joseph auch nicht vorher den Mund aufgethan hat! Es ist seine eigene Schuld, wenn die Sache nicht den von ihm gewünschten Ausgang nimmt. Der General kam zurück. Du wirst heute Morgen keine Audienz mehr erhalten, sagte er verdrießlich. Des Königs Kopf ist mit albernen Manövergedanken angefüllt, er hat die Pferde zu satteln befohlen. Der Freiherr athmete auf. Einestheils ist es mir lieb, fuhr der General fort; ich fürchtete doch schon, die Sache sei Dir zu schnell gekommen, und, gewissenhaft wie Du bist, würdest Du lieber Nein sagen, als auf etwas, das Dir nicht ganz unbedenklich schien, eingehen. Wir sprechen noch darüber, nicht wahr? Ja wohl, sagte der Freiherr. Und was ich sagen wollte, wir müssen heute Alle mit, auch der Prinz. Aber für den Nachmittag haben wir eine besondere Partie vor. Du weißt, wie sehr der Prinz an Sara Gutmann attachirt ist. Sara hat ihn gebeten, er möge sich, wenn er hierher komme, ihre Verwandten vorstellen lassen. Der Prinz hat so viel von dem alten Försterhause gehört, daß er es durchaus sehen will. Ich habe nichts dagegen, au contraire , ich finde es ganz vortheilhaft, dergleichen menschliche Empfindungen, aus denen sich hernach doch vielleicht politisches Kapital schlagen läßt, zu nähren. So wollen wir denn heute Nachmittag, vielleicht auch erst gegen Abend, eine Excursion dahin machen. Dein Henri muß natürlich dabei sein. Auch an diese Begegnung läßt sich später wohl einmal wieder anknüpfen. – Ach, da sind Sie ja, lieber Graf! Der Hofmarschall, Graf Stotternheim, einer von des Generals Nebenbuhlern in der Gunst der höchsten Herrschaften und sein geschworener Gegner, trat heran. Der General und der Graf begrüßten sich mit der Cordialität zweier intimer Freunde; es kamen noch andere Herren aus dem Gefolge, hauptsächlich hohe Militärs. Der General mußte zum Prinzen, der Freiherr selbst zum Könige, den er bereits in voller Uniform zum Ausritt fertig traf. Der Monarch war sehr gnädig und sprach seinen Dank für die Bewirthung mit ein paar freundlichen Worten aus, welche einige Höflinge für die zusammenhängendste Rede erklärten, die Se. Majestät seit fünf Jahren gehalten habe. Dann ging es auf den Platz vor dem Portal des Schlosses, von wo die Cavalcade aufbrach. Die verschieden uniformirten, ordensgeschmückten Reiter schwangen sich in die Sättel. Von dannen sprengte die Schaar, voran der König auf einem stattlichen Rappen; unmittelbar hinter ihm der jugendliche Prinz und der General; dann das Gewimmel der glänzenden Suite, zuletzt der Troß der Gensd'armen, Diener und Reitknechte. Der Freiherr war am Fuße der Treppe stehen geblieben. Das verbindliche Lächeln, mit dem er seine Abschiedsverbeugung gegen den Monarchen begleitet hatte, war sofort verschwunden, und der besorgte, nachdenkliche Ausdruck von vorhin lag wieder auf dem schönen Gesicht. Er hätte dem Bruder so gern noch zugeflüstert, in der besprochenen Angelegenheit auf keinen Fall weiterzugehen; aber es war nicht möglich gewesen. Auch der Ausflug nach dem Försterhause, welchen der General beabsichtigte, hatte aus mehr als einem Grunde gar nicht seinen Beifall. Nun ließ sich auch dagegen nichts mehr thun. Der Freiherr hatte die größte Lust, die glänzende Ehre des königlichen Besuches, die ihm so viel Sorgen bereitete, herzlich zu verwünschen. Glücklicherweise kam, wie ein guter Geist, Charlotte in diesem Augenblicke. Er athmete ordentlich auf, als er das sanfte, bleiche Gesicht erblickte. Lebhaft trat er auf sie zu und sagte, indem er ihren Arm nahm: Ich habe Dir Manches mitzutheilen, Charlotte, hast Du Zeit? Für Dich immer, erwiederte Charlotte mit freundlichem Lächeln. Die Geschwister machten eine lange Promenade durch den morgenfrischen Garten, von welcher der Freiherr sehr erquickt und um vieles ruhiger in seinem Gemüthe zurückkam. Elftes Capitel. Auch die Stille des Försterhauses hatte der kriegerische Lärm, welcher die ganze Gegend durchhallte, hin und wieder gestört. Patrouillen, die sich verlaufen hatten, waren von Tante Malchen mit Brod und Milch erquickt und vom Förster auf den rechten Weg gewiesen worden; eine Schwadron Husaren hatte auf dem freien Platze vor dem Hause Halt gemacht und ihre Pferde gefüttert; einmal hatte sogar in unmittelbarster Nähe des Gehöftes ein lebhaftes Tirailleurgefecht stattgefunden, das die Hunde im Zwinger, welche das fortwährende Flintengeknatter für eine Jagd im großen Maßstabe hielten, fast zur Verzweiflung brachte und Tante Malchen's Tauben, welche eben zu ihrem Morgenausfluge aufgebrochen waren, so verschüchterte, daß sie erst am folgenden Tage wieder nach ihrem Schlag zurückzukehren wagten. In einer kaum geringeren Aufregung befand sich die junge Welt, zu welcher jetzt auch Henri gehörte, der den beiweitem größten Theil seiner Zeit in dem Försterhause zubrachte. Henri's entschiedene, an Schwärmerei grenzende Neigung für das Soldatenthum und Alles, was damit in Verbindung stand, hatte die Uebrigen, zum wenigsten Walter und Silvia, in Mitleidenschaft gezogen. Er wußte immer genau, was am nächsten Tage geschehen, wo man die verschiedenen Truppentheile finden und an welchen Orten und zu welcher Stunde es wahrscheinlich zum Gefecht kommen werde. Zuschauer eines solchen Gefechts zu sein, war, da er doch einmal nicht als Mithandelnder theilnehmen durfte, die höchste irdische Glückseligkeit, die Henri's Phantasie sich ausmalen konnte, und so bat und quälte er denn so lange, bis der Förster seine zwei Braunen an den kleinen Leiterwagen spannen und die junge Gesellschaft von dem Knechte nach dem von Henri bezeichneten Orte fahren ließ. Einmal verfehlte man die Richtung und mußte, ohne etwas gesehen und gehört zu haben, nach Hause zurückkehren; ein anderesmal aber genoß man von dem Rande des Waldes aus den Anblick eines Reiterangriffs auf ein paar Infanterie-Quarrés und konnte, als man nach Hause zurückgekommen war, nicht Rühmens genug davon machen, wie prächtig es ausgesehen habe, als plötzlich die unabsehbare Linie der zwei Reiter-Regimenter – Cürassiere und rothe Husaren – über dem langgestreckten Hügelrücken auftauchte und in vollem Jagen auf die marschirenden Colonnen zukam, die sich mit Blitzesschnelle nach der Mitte in Colonne, Quarré fertig! formirten, und Salve auf Salve den Angreifern entgegendonnerten; wie dann die Reiter-Regimenter in Zügen rechts abgeschwenkt und wieder hinter dem Rücken des Hügels verschwunden seien. Und das war noch nicht Alles gewesen. Als die Colonnen sich wieder in Bewegung setzten, hatten sie an dem etwas erhöhten Waldrande, auf dem das leichte Fuhrwerk hielt, vorbei gemußt. Der Anblick Silvia's, die hoch aufgerichtet im Wagen stand, hatte die größte Sensation hervorgebracht; die Officiere, von denen Henri einige persönlich bekannt waren, hatten mit dem Degen salutirt, die Soldaten hatten Hurrah gerufen, das Spiel war gerührt worden, und so waren sie vorübergezogen zum Triumphe Silvia's, deren Wangen vor freudigem Erstaunen über so viel Huldigungen glühten, zum Entzücken Henri's und Walter's, welche sich in Erwiederung der Hurrahs der Soldaten heiser schrieen, und zum Entsetzen des Knechtes, der die durch all' den Lärmen erschreckten Pferde kaum noch hatte halten können. Indessen waren es nur Silvia, Walter und Henri gewesen, die an diesen Ausflügen theilnahmen; Leo war unter diesem oder jenem Vorwande zu Hause geblieben. Einmal fühlte er sich nicht wohl, ein anderesmal hatte er zu arbeiten, wieder ein anderesmal mußte er seinen Vater in Feldheim besuchen. Walter, der von Henri's kriegerischem Fieber angesteckt war, versuchte wohl, Leo zum Mitkommen zu bewegen; Henri und Silvia aber schienen froh zu sein, wenn der Platz auf dem kleinen Wagen nicht unnöthig beengt wurde. So kam der Tag nach der Ankunft des Königs heran. Für den Nachmittag hatte Henri einen Ausflug nach einem Hügel projectirt, von welchem aus man den König mit seinem ganzen Stabe und ein großes Artilleriegefecht, das vor den Augen Sr. Majestät stattfinden sollte, sicher würde übersehen können. Bereits hatte der Förster seine Einwilligung gegeben, die Pferde waren schon vor den Leiterwagen gespannt, als ein königlicher Reitknecht im vollen Jagen angesprengt kam und dem Förster ein Billet überbrachte, das dieser sofort erbrach und mit einer Miene las, die den harrenden Knaben nicht viel Gutes verkündete. Was giebt's, Herr Gutmann? fragte Henri, ich soll doch wohl nicht nach Hause kommen? Im Gegentheil, sagte der Förster, wieder in den Brief blickend; der Herr General schreibt, daß Sie sich unter keinen Umständen von hier entfernen dürften, da gegen fünf Uhr Se. königliche Hoheit der Kronprinz mit ganz kleinem Gefolge uns mit einem Besuche beehren werden. Der Förster machte ein sehr nachdenkliches Gesicht und fing an mit langsamen Schritten vor dem Hause auf und ab zu gehen. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick in den Brief, wie um sich zu versichern, daß wirklich Alles so auf dem Papier stehe. Endlich rief er laut nach seiner Schwester. Tante Malchen kam aus der Speisekammer, wo sie Butterbrode, welche die Kinder auf ihrer Ausfahrt mitnehmen sollten, gestrichen hatte, herbeigetrippelt. Die Nachricht von dem bevorstehenden Besuche des Prinzen, welche ihr der Bruder ohne weitere Einleitung mittheilte, brachte die gute Dame ganz außer sich. Sie wurde zuerst blaß vor Schreck, dann dunkelroth bei dem Gedanken, daß sie heute Nachmittag – es war gerade Samstag – in der guten Stube hatte scheuern lassen. Außerdem habe sie heute nichts, aber auch gar nichts im Hause, womit sie so hohe Gäste würdig bewirthen könne. Die Wirkung so vieler zu gleicher Zeit auf Tante Malchen einstürmender Schrecken war, daß sie sich auf die Bank vor der Thür setzte, das Gesicht mit der Schürze bedeckte und bitterlich zu weinen anfing. Der Förster gerieth in die übelste Laune. Er sagte Malchen, daß durch ihre Thränen die gute Stube nicht trocken würde, und wünschte zu wissen, ob es eines Christenmenschen würdig sei, sich vor Jemandem, der doch schließlich auch Gottes Creatur wäre, so zu ängstigen. Ein Försterhaus sei kein Schloß – das wüßte jedes Kind, und der Kronprinz habe schon längst die Kinderschuhe ausgetreten. Tante Malchen, die so harte Worte seit undenklicher Zeit nicht von ihres Bruders Lippen gehört hatte, eilte schluchzend in's Haus und versuchte in ihrer leeren Speisekammer sich über die Schelte ihres Bruders und über die Schande, welche dem Försterhause bevorstand, so gut es gehen wollte, zu trösten. Der Wagen stand noch immer bespannt vor der Thür. Silvia, Henri und Walter saßen noch immer auf den Strohsäcken und sahen sich mit erstaunten Gesichtern an; der Förster fragte, ob sie denn ewig sitzen bleiben wollten; der Knecht möge sich sputen, fertig zu werden, der Prinz werde alsbald kommen, und wer dann die Pferde in den Stall ziehen solle. Leo hatte aus einiger Entfernung dieser Scene zugesehen. Jetzt trat er heran und bat den Onkel um die Erlaubniß, zu seinem Vater nach Feldheim hinübergehen zu dürfen. Mach' Du mir nicht auch noch den Kopf warm! rief der Förster ärgerlich, was willst Du denn heute in Feldheim? Ist Dir vielleicht die Gesellschaft des Kronprinzen nicht gut genug? – Na, Junge, ich wollte Dir nicht weh' thun; aber Ihr solltet doch auch vernünftig sein und Einem nicht in solchem Augenblicke durch den Sinn fahren. Dachte ich es doch, da kommt der Kronprinz schon. Eine Cavalcade von vier oder fünf Reitern kam den breiten Weg durch den Wald daher gesprengt; voran auf einem feingebauten arabischen Pferdchen der fürstliche Knabe. Vor der Thür des Försterhauses hielten sie still. Die Begleiter schwangen sich aus den Sätteln. Der Förster eilte herbei, dem Prinzen das Pferd zu halten. Sind Sie der Herr Gutmann? fragte der Prinz mit einer sehr hellen Stimme. Zu Befehl, königliche Hoheit! Und wer ist das hübsche Kind da auf dem Wagen? Meine Tochter, königliche Hoheit! Der Prinz wendete sich um und rief dem General, der neben ihm stand, einige Worte in französischer Sprache zu, die der Förster, der sein Französisch ziemlich vergessen hatte, nicht verstand. Dann schwang er sich aus dem Sattel und reichte dem Förster die Hand. Ich denke, es wird mir bei Ihnen gefallen, lieber Gutmann, sagte der Prinz. Es würde mir das eine große Freude sein, königliche Hoheit, erwiederte der Förster. Der Prinz wendete sich wieder zum General und flüsterte ihm, abermals französisch, lächelnd etwas zu, woraus der General, ebenfalls lächelnd, in derselben Sprache antwortete. Der Förster wurde roth und verlegen. Er hätte es lieber gehabt, wenn der Prinz lauter, und vor Allem, wenn er nur deutsch gesprochen hätte. Zwölftes Capitel. Indessen war der Prinz so leutselig, daß es gewiß nicht an ihm lag, wenn sich nicht Alle vollkommen frei fühlten. Er ließ sich sämmtliche Bewohner des Försterhauses vorstellen; dankte Tante Malchen, die jetzt mit rothgeweinten Augen und einer frischen bänderreichen Mütze erschien, für ihren guten Willen, aber er komme eben von der Tafel; bat dann die Knaben, ihn ein wenig in Hof und Garten umher zu führen, bewunderte ausnehmend den prächtigen Falken, die erst kürzlich gefangenen jungen Füchse, Silvia's zwei zahme Häschen und was denn sonst noch die Knaben Merkwürdiges und Interessantes von ihren langen Streifzügen im Walde zurückgebracht hatten. Zuletzt, als er von der großen Buche hörte, die sechs Mann nicht umklaftern könnten und deren Alter man auf tausend Jahre berechne, wendete er sich an den General und fragte, ob sie wohl Zeit hätten, bis dorthin zu gehen. Der General sah nach der Uhr und meinte, er glaube es verantworten zu können. So machte sich denn die ganze Gesellschaft auf den Weg, voran der Prinz in Begleitung der Knaben und Silvia's, denen der General und der Förster in einiger Entfernung folgten. Noch weiter zurück waren die beiden riesenhaften Bedienten, die durch die gemeine Umgebung, in welche sie die Laune ihres prinzlichen Gebieters versetzt hatte, ernstlich beleidigt schienen. Dem General war der Vorschlag des Prinzen sehr erwünscht gekommen; er mußte auf diesem Spaziergange Gelegenheit finden, sich mit dem Förster, der ihm bisher sichtlich ausgewichen war, ausführlich zu unterhalten. Der Förster seinerseits, der dies voraussah, hatte keine besonders freundliche Miene zu dem Vorschlag des Prinzen gemacht und ging jetzt ernst und schweigsam neben dem General her. Der Wind hatte sich erhoben und rauschte durch die Wipfel, über denen dunkle Wolken sich gegen Westen wälzten und die safranfarbene Helle, die von dort durch die Bäume schimmerte, mit jedem Augenblicke mehr verdunkelten. Unter den Füßen der Dahinschreitenden raschelte das dürre Laub. Dem Förster war es schier unheimlich. Er wußte nicht, was es war: der heraufziehende Sturm, den er bereits in allen Gliedern spürte, oder die Nähe des vornehmen Mannes an seiner Seite, gegen den er so viel auf dem Herzen hatte. Der General brach zuerst das Schweigen. Er sprach von vergangenen Zeiten, wo sie zusammen durch den Wald gestreift wären und Vogelnester gesucht hätten; er erinnerte sich Anton's als eines schlanken, vielversprechenden Knaben und bedauerte, daß dieser talentvolle, regsame Mensch in Folge seiner grenzenlosen Unbeständigkeit so ganz verarmt und körperlich wie geistig gebrochen sei. Dann kam er auf Fräulein Sara Gutmann zu sprechen, wie sie noch immer ihre schöne Wohnung im Schlosse habe und bis an ihr Lebensende behalten werde; in welcher hohen Gunst sie bei dem Prinzen, ja selbst beim Könige, in welchem Ansehen sie überhaupt bei Hofe stehe. Leider hätten gichtische Anfälle in letzterer Zeit die sonst so bewunderungswerthe Rüstigkeit der trefflichen Dame beeinträchtigt und sie bei allen ihren gesellschaftlichen Verbindungen die Vereinsamung und die Trennung von ihrer Familie bitter empfinden lassen. Er sei vollkommen der Ansicht seiner Freundin, daß Mißhelligkeiten in der Familie zumeist auf Mißverständnissen beruhten, die, ohne daß man etwas zu ihrer Berichtigung thue, sich mit der Zeit ganz von selbst aufklärten. Sehen Sie, lieber Herr Gutmann, sagte der General, ich bin davon so fest überzeugt, daß ich mich keinen Augenblick besonnen habe, von Seiten des Fräulein Gutmann der Ueberbringer einer Bitte zu sein, deren Erfüllung ganz von Ihnen abhängt und durch deren Gewährung, glaube ich viel Gutes nach allen Seiten hin bewirkt werden könnte, Fräulein Gutmann fühlt sich, wie ich schon sagte, einsam, inmitten einer großen und anregenden Gesellschaft; sie verlangt nach einem Wesen, das sie lieben, dem sie, wenn sie dermaleinst stirbt, ein nicht unbedeutendes Vermögen, welches ihre Sparsamkeit im Laufe dieser Jahre aufhäufte, mit gutem Gewissen vermachen kann. Wo soll sie ein solches Wesen finden, als da, wo es des Suchens gar nicht bedarf, ich meine, im Schooße ihrer Familie? Mein lieber Herr Gutmann, ich mache nicht gern lange Umschweife, am wenigsten, wo die Sache so einfach ist. Wenn Sie sich entschließen könnten, Ihr Töchterchen von sich zu geben, ich glaube – nein, ich bin fest überzeugt, daß Sie mit diesem Einen Schritt dem liebenswürdigen, anmuthigen Kinde die glänzendste Zukunft eröffnen würden. Ein heftigerer Windstoß sauste durch die raschelnden Blätter; der Förster fühlte ein Beben durch den ganzen Körper, aber er bezwang sich und sagte so ruhig, als er irgend vermochte: Excellenz sind kein Freund von langen Umschweifen, Excellenz wissen wohl von früher her, daß ich es ebenso wenig bin, und so will ich Excellenz denn ohne Umschweif sagen, daß ich mein Kind lieber todt zu meinen Füßen sehen möchte, als in dem Hause und der Obhut meiner Schwester Sara. Der General erbleichte. Sie sprechen von einer Dame, die ich schätze, die sich der vollen Achtung des Kronprinzen erfreut, sagte er. Ich spreche von meiner Schwester, erwiederte der Förster mit unterdrückter Leidenschaft, und das will wohl noch etwas mehr sagen. Ja, Excellenz, ich wäre sicher nicht auf dies Capitel gekommen, aber weil Sie mich denn doch einmal darauf gebracht haben, so mag nun auch herunter, was mich auf dem Herzen drückt. Die Sara hat nicht gehandelt, wie meines Vaters Tochter handeln mußte; sie hat sich, als sie noch bei den Eltern lebte, vor übler Nachrede nicht zu bewahren gewußt, und als sie nach der Eltern Tode, sehr gegen meinen Willen, in die Residenz zog und Haushälterin beim Minister v. Falkenstein wurde, ist das Ding schlimmer und schlimmer geworden. Zum Minister v. Falkenstein, der nie verheirathet und wegen seiner schlimmen Lebensweise bekannt war, zöge kein ehrliches Mädchen. Das haben mir die Leute in's Gesicht gesagt, und ich habe es hinunterschlucken müssen. Dann haben die Leute noch mehr gesagt – und Excellenz wissen, was die Leute gesagt haben, und das sage ich Euer Excellenz: wenn meine Ehrfurcht vor Ihrer Familie und insbesondere vor dem Freiherrn, meinem gnädigen Herrn, minder groß wäre, als sie ist, der Förster Fritz Gutmann wäre damals zu Ihnen gekommen und hätte Sie zur Rechenschaft gezogen von wegen – was Excellenz nun, da so viel Wasser darüber bergab gelaufen, mit Gott und Ihrem Gewissen abmachen mögen. Der Förster schwieg, weniger weil er sich ganz ausgesprochen hatte, als weil ihm die Leidenschaft für einen Moment den Athem raubte. Der General war noch blasser geworden. Gut, sehr gut, wir wollen das nicht vergessen, murmelte er durch die Zähne. Machen Excellenz damit, was Sie wollen und können, sagte der Förster. Ich wiederhole, daß es mir nicht in den Sinn gekommen wäre, alte Geschichten, die vergessen sein sollten, wieder an's Licht zu ziehen, wenn Excellenz mich nicht selber darauf gebracht hätten. Es thut mir sehr, sehr leid, daß so etwas an einem solchen Tage, wo ich durch die Anwesenheit des Kronprinzen so hoch geehrt werde, zur Sprache kommen mußte. Der Förster hatte das kaum gesagt, als von der großen Buche her, von der sie noch eine Strecke entfernt waren, die helle Stimme des Kronprinzen in lautem, ja kreischendem Tone scheltend und hilferufend sich vernehmen ließ. Der General beschleunigte seine Schritte; der Förster folgte ihm, voller Unruhe über die Veranlassung dieses seltsamen Lärmens. Der Kronprinz war mit seiner jungen Begleitung unter Lachen und Scherzen den Waldpfad hinaufgegangen. Er sprach über die Achsel gewandt lebhaft zu den Knaben, die unwillkürlich ein wenig zurückblieben. Gegen Silvia war er besonders zuvorkommend; er erklärte, daß sie seiner Cousine, der Prinzeß Mathilde, sprechend ähnlich sehe, nur daß sie noch zehnmal hübscher sei; sie müsse durchaus nach der Residenz kommen, er wolle ihr selbst alles Sehenswürdige zeigen. Auch müsse sie reiten lernen, wie Prinzeß Mathilde – er habe einen kleinen arabischen Zelter, der solle für sie zugeritten werden, und so auf dem Zelter in langem Reitkleide von dunkelblauem Sammet und einem kleinen Barret, von dem weiße Straußenfedern nickten, wolle er sie malen lassen. Das Bild werde natürlich in seinem Zimmer über seinem Arbeitstische hangen – oder besser noch in seinem Schlafgemach, dem Bette gegenüber, so daß seine Augen beim Erwachen sogleich darauf fielen. In diesem Tone plauderte der Prinz unaufhörlich, und Silvia, die das beklommene Gefühl, welches sie im ersten Augenblicke gehabt hatte, längst losgeworden war, blieb ihm keine Antwort schuldig. Sie lachte und scherzte so frei und unbefangen, daß Henri und Walter nicht ihren Ohren trauten. Leo hatte kaum ein Wort gesprochen; er hielt sich, wo es irgend anging, in scheuer Ferne; auf ein paar Fragen, welche der Prinz an ihn gerichtet, hatte er nur zögernd und stockend, geantwortet. So waren sie bis zur großen Buche gekommen – derselben Buche, an welcher an jenem Abend der Streit zwischen ihm und Silvia stattgefunden hatte. Die ganze Scene kam ihm wieder in die Erinnerung. Er sah sie vor sich stehen, bleich, mit Thränen in den großen blauen Augen; er hörte sie sagen: Schlag' zu, ich bin ja nur ein Mädchen! Henri und Walter waren davon gesprungen, den Reitknechten zu sagen, daß sie die Pferde bereit halten sollten. Der Prinz scherzte mit Silvia, die er an der Hand gefaßt hatte. Ich reite nun fort, aber ich komme morgen wieder, soll ich? Ganz wie Sie wollen. Du mußt aber eben so hübsch sein, wie heute. Dazu kann ich nichts. Der Prinz sah sich um; es war Niemand da außer Leo. Du mußt mir einen Kuß geben, Silvia. Das werde ich nicht thun. Warum nicht? Weil ich nicht will. So nehme ich mir einen. Der Prinz suchte einen Kuß zu erhaschen, Silvia riß sich los und sprang lachend seitwärts, der Prinz ihr nach; plötzlich fühlte er sich von hinten an dem rechten Armgelenke festgehalten. Er wendete sich um und erschrak ein wenig, als er unmittelbar in Leo's dunkle, zornblitzende Augen blickte. Aber der Schreck dauerte nur einen Moment, dann kam dem Fürstensohne das Unerhörte zum Bewußtsein, daß Jemand es wage, an ihn die Hand zu legen. Laß los! sagte er mit leiser, heftiger Stimme. Nicht, bis Sie versprechen, Silvia nicht zu küssen. Laß los! rief der Prinz lauter und versuchte seinen Arm frei zu machen, aber die Finger, die ihn umspannt hielten, schlossen sich fest und fester. Laß los! schrie der Prinz und schlug mit der linken Faust seinem Gegner, der jetzt vor ihm stand, in das Gesicht. Das Blut spritzte aus Leo's Lippen, aber er biß nur die Zähne über einander, und seine Augen glühten wie brennende Kohlen. Hilfe, Hilfe! kreischte der Prinz, vor Wuth und Zorn und Angst weinend. Hilfe, Hilfe, der Junge ist verrückt; er will mich umbringen, Hilfe! Der General, der Förster, die Bedienten eilten herbei. Silvia stand an der großen Buche, bleich und an allen Gliedern zitternd; Leo, der den Prinzen nun losgelassen hatte, blickte wild und scheu, wie ein junger Löwe, dem man die Beute abgejagt hat; der Prinz tobte. Er werde es dem Könige sagen, der Junge solle auf die Festung, solle gehängt werden. Nur mit Mühe gelang es dem General, ihn einigermaßen zu beruhigen. Er versicherte Sr. Hoheit, daß der Bursche exemplarisch bestraft werden solle. Nur jetzt möge Se. Hoheit die Sache auf sich beruhen lassen, um so mehr, als es die höchste Zeit sei, daß sie nach dem Schlosse zurückkehrten. In übelster Laune wurde der kurze Weg nach dem Försterhause zurückgelegt. Dort stieg der Prinz alsbald zu Pferde und sprengte im Galopp von dannen, ohne den Förster, Tante Malchen, ja nicht einmal Silvia, geschweige denn die Knaben, eines Blickes zu würdigen. Du gehst auf Deine Stube und bleibst da, bis ich komme, sagte der Förster ernst zu Leo. Schweigend, gesenkten Hauptes entfernte sich der Knabe. Der Förster machte seinem Aerger in heftigen Worten Luft. War es doch wirklich, als ob heute Alles quer gehen sollte! Zum erstenmale vielleicht, so lange sie lebte, zankte er seine Silvia tüchtig aus. War sie doch schließlich – wie er sich im Geheimen sagte – an Allem schuld. Um ihrethalben hatte er dem General, der doch am Ende seines Herrn Bruder und überdies sein Gast gewesen war, so harte Dinge gesagt; um ihretwillen war – nach dem, was er in der Eile über den Vorgang hatte ermitteln können – Leo mit dem Prinzen in Streit gerathen. Den Förster überlief es ganz kalt, wenn er dachte, was daraus für ein Unglück hätte entstehen können; er war über die Folgen noch keineswegs beruhigt, und der alte Glaube, in dem er groß geworden war, flüsterte ihm etwas von Antastung der gesalbten Person des Thronfolgers, von Majestätsverbrechen und ähnlichen Schrecknissen in's Ohr. Aber dann sagte ihm eine andere Stimme: Der Leo hat brav gehandelt; er durfte es nicht leiden, daß Jemand, er sei, wer es sei, das Mädel küßte; so ein Kind ist sie nicht mehr, daß sie sich von Jedermann küssen zu lassen braucht. Ja, was hatte der Junge denn im Grunde anders gethan, als die Ehre seiner Familie vertheidigt, just so, wie ich selbst gethan, als ich dem General die Vergangenheit in die Zähne rückte. Der Förster war schon auf dem Wege, Leo aus seiner Haft zu befreien, aber auf der untersten Stufe der Treppe blieb er stehen und sagte bei sich: Schaden kann es dem Jungen nicht, wenn man ihm einmal Gelegenheit giebt, über die Folgen seiner Heftigkeit ernstlich nachzudenken. Je älter man wird, je schwerer lernt sich das. Habe ich es doch heute an mir selbst erfahren. Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es, pflegt ja mein Bruder Anton zu sagen. So will ich denn einmal in seinem Geiste mit dem Jungen verfahren. Fritz Gutmann nahm seine Flinte vom Pflock, hing sich die Jagdtasche um und ging in den Wald, sein aufgeregtes Gemüth zu beruhigen, was ihm, wie er aus langjähriger Erfahrung wußte, nirgends besser, als unter dem freien Himmel gelang. Dreizehntes Capitel. Als Leo auf sein Zimmer kam, warf er sich auf sein Bett, drückte das Gesicht in die Kissen und überließ sich einer Leidenschaft, die seinen Körper wie mit Fieberschauern durchrüttelte und sich in leisem Stöhnen aus seiner zusammengeschnürten Brust rang. Weinen konnte er nicht. So lag er lange Zeit, darniedergehalten von einem Jammer, der sein Gehirn betäubte. Endlich fühlte er den Schmerz seiner verwundeten Lippen, die jetzt zu bluten aufgehört hatten. Er erhob sich und wusch sein Gesicht und seine Hände. Es war fast ganz dunkel geworden. An dem Himmel schwankte die Sichel des abnehmenden Mondes durch schwarze Wolkenmassen, die ein heftiger Wind vor sich hin trieb. Er öffnete behutsam das Fenster und lauschte hinaus. Die Wetterfahne auf dem Dachfirste über ihm drehte sich kreischend in ihren verrosteten Angeln; die Eichenriesen des wenige Schritte entfernten Waldes knarrten und stöhnten; in dem vergilbenden Laub der Reben unter dem Fenster raschelte es unheimlich. In dem Hause war Alles still, nur aus den offenen Fenstern der nach hinten gelegenen Küche hörte er das Klappern von Pfannen und Tellern. Die Familie, das wußte er, war um diese Zeit in der Wohnstube versammelt, jetzt war es Zeit. Noch einmal lauschte er mit vornüber gebogenem Körper hinaus, dann stieg er auf das Fensterbret und kletterte an dem Spaliere hinab. Eine der morschen Leisten brach in seiner Hand, dennoch kam er glücklich unten an. Mit möglichst leisen Schritten eilte er über den schmalen Hof, wo die Hunde, als er an dem Zwinger vorbeikam, bellend gegen die Latten sprangen, in den Garten; aus dem Garten durch das unverschlossene Gitterpförtchen die paar Schritte hinüber an den Waldrand. Dort angelangt, wendete er sich einen Augenblick, um sich zu vergewissern, daß er nicht verfolgt werde. Alles war still, die Hunde hatten aufgehört zu bellen. Niemand hatte seine Flucht bemerkt. Er konnte gehen, wohin er wollte. Wohin? Daran dachte er jetzt zum ersten Male. Er hatte nur fort gewollt aus einem Hause, wo Niemand Liebe genug für ihn hatte, sich seiner in solcher Lage anzunehmen; wo man ihn ungehört verdammen, ohne Mitleid zu empfinden, mißhandeln lassen konnte. Aber jetzt wohin? wohin? Zurück zu seinem Vater? Was sollte er da? Das alte Leben auf der Dachkammer, wo es im Sommer so heiß und im Winter so kalt war, von Neuem beginnen? Mit der Katze um die Wette hungern? Ueberdies mußte man ihn dort ja sofort finden, und er wollte nicht gefunden sein; er wollte, daß Niemand, der ihn je gekannt, ihn wieder mit Augen erblickte – er wollte sich vor den Menschen verbergen. Wohin? Der arme Knabe hatte so gut wie nichts von der Welt gesehen; aber so viel wußte er doch recht gut, daß man ohne Geld nicht leben könne. Er hatte keins; das Taschengeld, das ihm der Onkel geschenkt, hatte er neulich, als er in Feldheim war, dem Vater gegeben; er besaß keinen Pfennig, nichts, woraus er hätte Geld lösen können, nichts, als die Kleidung, die er auf dem Leibe trug, und die war dürftig genug; nicht einmal eine Mütze hatte er in der Eile der Flucht aufgesetzt. Das bemerkte er erst, als ihm der Wind sein langes Haar in's Gesicht wehte. Die Nacht war immer dunkler und stürmischer geworden. Schauerlich sauste es in den zum Theil schon entblätterten Kronen der Bäume, als Leo jetzt auf dem Pfade, der zu dem Stege über den Bach führte, eilends dahinschritt. Er hatte diese Richtung eingeschlagen, weil er hier herum keinen anderen Weg wußte. So kam er bis an den Steg. Er trat auf die Planke, die den Steg bildete, und blickte, sich auf das schwankende Geländer lehnend, in den Bach. Bei dem schwachen Lichte des Mondes, der von Zeit zu Zeit aus den jagenden schwarzen Wolken hervortrat, konnte er dicht unter sich das Wasser in schäumenden Wirbeln vorüberfließen sehen. Es blinkte und murmelte und lockte. Ein Druck gegen das Geländer, und es stürzte mit ihm hinunter. Der Bach war hier sehr tief. Der Onkel hatte, wenn sie hinüber gegangen waren, stets zur Vorsicht gemahnt. Was würden sie sagen? Er ist aus Furcht vor Strafe in den Bach gelaufen und hat sich ertränkt. Leo erinnerte sich eines ganz ähnlichen Falles aus seinem Dorfe. Ein Bauer hatte seinen Pferdejungen am Abend gezüchtigt und ihm gedroht, am nächsten Morgen mit der Züchtigung fortzufahren; aber in der Nacht verschwand der Junge und wurde erst vier Wochen später im Bach gefunden. Der Fall hatte in dem Dorfe nicht das mindeste Mitleid erregt. Es ist ihm ganz Recht geschehen, hatten die Leute gesagt; Einige hatten gemeint, so müsse es jedem Taugenichts ergehen. Was würden die Leute diesmal sagen? Vielleicht dasselbe. Hatten sie ihn doch jetzt schon immer mit verwunderten Augen angesehen! Und nun sollten sie Recht gehabt haben, und Silvia sollte nach wie vor lachen und mit Henri und dem Prinzen schön thun dürfen, und mit ihnen über den Bettlerjungen spotten, der nichts Besseres zu thun gewußt hatte, als in das Wasser zu laufen? Die Lust wollte er ihr nicht gönnen. Aus den tiefziehenden Wolken begannen einzelne Tropfen zu fallen; bald darauf fing es an, stark und immer stärker zu regnen; Leo suchte jenseits des Baches Schutz unter den Bäumen. Er dachte wohl an die Höhlen am Wasserfall, aber er fürchtete, daß es ihm in der Dunkelheit unmöglich sein würde; über die Steinblöcke in dem dichten Tann den Weg bis dahin zu finden. Sicherer war es, den Pfad durch den Forst weiter zu verfolgen. Das that er denn auch, als das Unwetter ein wenig nachgelassen hatte. Der kalte Nachtwind und der Regen durchschauerten ihn. Er fühlte sich sehr unglücklich, aber doch nicht mehr so unglücklich als vorhin. So finstere Nacht es um ihn her und in ihm selbst war, in seinem Herzen glühte noch ein Funke – ein einziger Funke; aber er fühlte ganz deutlich die belebende Kraft, die von diesem Funken ausging. Er sagte nur immer vor sich hin: sie sollen nicht über mich spotten. Ein helles Licht erglänzte durch die Bäume; Leo ging darauf zu, weil er in seiner Verwirrung anfänglich glaubte, es seien schon die Lichter seines Dorfes. Aber bald überzeugte er sich, daß dies nicht der Fall sein konnte; die Helligkeit war viel zu groß; auch sah er, daß er sich noch tief im Forste befand. Es war ein Wachtfeuer, welches sich das Soutien einer Vorpostenkette auf einer kleinen Lichtung im Walde angemacht hatte. Ein paar kleine aus Tannenzweigen und Stroh gebaute Hütten bezeichneten die Lagerstätte der Officiere; die Mannschaften lagen in ihre Mantel gehüllt auf der dichten Nadeldecke unter den Bäumen, zum Theil hockten sie rauchend und plaudernd um das Feuer, das von den übermüthigen Burschen auf Kosten des Freiherrn von Tuch heim mit jungen Tannen, die sie unten an der Wurzel abgehauen hatten, reichlich genährt wurde. Manchmal schlug die Flamme bis fast zu den Gipfeln der Bäume empor und beleuchtete mit grellem Schein die wunderliche Scene. Leo wäre gern an das Feuer getreten, seine halberstarrten Glieder zu wärmen; aber er wagte es nicht. Würde man ihm auch nicht gerade etwas Böses thun, so konnte er doch den Fragen nach Woher und Wohin nicht entgehen, und was sollte er darauf antworten? Vielleicht schickt man ihn wieder zurück; vielleicht behielt man ihn bis zum Morgen da, und er begegnete dann dem General, oder etwa gar dem Prinzen. Und nun kam ihm zum ersten Male der Gedanke, daß er durch sein Betragen gegen den Prinzen eine schwere Strafe verwirkt haben könne. Wenn man ihn als einen Verbrecher behandelte? Wenn man ihn in das Gefängniß würfe, wie ihm der Prinz gedroht hatte? Eine Patrouille, die von der Ronde zurückkehrte, kam querwaldein gerade auf den Platz zu, wo er stand. Er duckte sich hinter ein paar große Stämme; dann, als sie vorüber war, eilte er, so schnell er konnte, auf den Pfad, den er verlassen hatte, zurück und erreichte, denselben verfolgend, bald den Rand des Waldes. Ein wunderbares Bild zeigte sich seinen Blicken. Links und rechts von seinem Dorfe, das ebenfalls durch viele Lichter ungewöhnlich hell war, zogen sich die Bivouakfeuer der lagernden Truppen in ungeheurem Halbkreise an dem Rande der Höhen und des Waldes nach der Ebene zu. Um die zunächst gelegenen sah er die Leute sich bewegen; er sah die Bajonette der Gewehrpyramiden in dem Wiederschein des Feuers erglänzen; er hörte dumpfes Rufen und Singen, das Gewieher der Pferde und das Bellen der aufgeschreckten Dorfhunde. In seiner durch das Grauen der Nacht doppelt verschüchterten Phantasie sah der Knabe in diesen Feuern ebenso viele Augen von Ungeheuern, die alle auf ihn stierten; alle diese schattenhaften Menschen lauerten nur auf ihn; jene Gewehre standen nur darum so sorgfältig aufgereiht, um sofort ergriffen und auf ihn abgefeuert werden zu können. Seines Vaters Häuschen lag an der ihm zugekehrten Seite des Dorfes; eine Wiese und ein paar Gärten waren nur zu durchschreiten. Sein Vater würde ihn mürrisch aufnehmen, aber er würde ihn aufnehmen. Seine Kniee wankten unter ihm, als er mit Aufbietung aller seiner Kräfte das Häuschen erreicht hatte. Aus dem Dorfe her, das starke Einquartierung hatte, klangen die wüsten Lieder zechender Soldaten, klang Musik und das rohe Jauchzen der Tanzenden. Leo hörte das Alles nur noch im Traum. Er trat in die Hütte; durch die Ritzen der Thür, die in seines Vaters kleines Zimmer zu ebener Erde führte, dämmerte ein schwaches Licht. Er tastete nach der Klinke; öffnete; auf dem wackligen Tisch, an welchem der Vater zu schreiben pflegte, stand das Lämpchen, dem Erlöschen nahe. Der Vater hatte sich wohl, wie er es oft that, wenn Müdigkeit ihn überwältigte, angekleidet auf das Bett gelegt. Aber er, den sonst das leiseste Geräusch erweckte, erhob sich bei Leo's Eintreten nicht; und als er näher trat, sah der Knabe, daß der Vater bleichen Gesichtes, die Hände über der Brust gefaltet, dalag, gerade als ob er todt wäre. Vater, sagte der Knabe, seine zitternde Hand leise auf, die Hände des Schläfers legend. Keine Antwort, die Hände waren kalt; das Licht des Lämpchens flackerte noch einmal auf und erlosch. Von namenlosem Entsetzen erfaßt, taumelt der Knabe empor und wankt nach der Thür. Aber ehe er sie erreicht, vergehen ihm die Sinne, und er stürzt zur Erde, in demselben Augenblicke, wo der Wagen des Försters, der dem Flüchtling auf gut Glück hierher gefolgt ist, vor dem Häuschen vorfährt. Vierzehntes Capitel. Das Kriegsgewitter, welches so plötzlich über den Bergen und Thälern in der Umgegend von Tuchheim losgebrochen war, hatte sich ebenso plötzlich wieder verzogen. In dem Publikum circulirten darüber die verschiedensten Gerüchte. Die Einen behaupteten, von Schnabelsdorf habe die Prophezeiung seines Gegners, des Generals von der Hasenburg, wahr gemacht und sein Pulver bereits bei der Ankunft des Königs bis auf die letzte Patrone verschossen gehabt; Andere, die Erbitterung der beiden kämpfenden Parteien sei so groß geworden, daß die Soldaten ihre Gewehre zuletzt mit kleinen Steinen und anderen gefährlichen Projectilen geladen hätten, was denn natürlich auf beiden Seiten viele und schwere Verwundungen, besonders von mißliebigen Officieren, zur Folge gehabt habe. Noch Andere munkelten von offenen Meutereien der durch den unaufhörlichen Wacht- und Vorpostendienst bis auf's Höchste erbitterten Soldaten. Wie dem nun auch sein mochte, man ließ es nicht bis zu der großen Parade, mit welcher die kriegerischen Spiele auf das Würdigste hatten geschlossen werden sollen, kommen. Eines Morgens ertönten in den Dörfern und Höfen überall in der Runde die Signale zum Sammeln, und bevor noch die Herbstsonne für den Tag ihren höchsten Punkt erreicht hatte, waren die Musketiere und die Jäger, die Husaren und die Ulanen – Kanonen und Train, war Alles von dannen gezogen. Von Schloß Tuchheim hatten sich die Gäste ebenfalls entfernt, und als ob in so schlimmer Zeit die Verleumdung selbst die höchsten Regionen nicht mehr verschonen wollte, hieß es: auch auf dem Schlosse sei die Stimmung beim Abschiede keineswegs ganz heiter gewesen. Man erzählte von einer geheimen Unterredung, die der König mit seinem edlen Wirthe kurz vor der Abreise gehabt habe. Der König sei in dieser Zusammenkunft so heftig geworden, daß man seine Stimme durch zwei Zimmer hindurch gehört habe, und der Freiherr sei bald darauf in das Vorzimmer getreten mit vor innerer Erregung gerötheten Wangen und mit blitzenden Augen. So viel stand fest, daß gleich nach diesem Ereigniß der Befehl zur Abreise gegeben wurde, die denn auch einige Stunden darauf mit einer gewissen Hast und Ueberstürzung stattfand – zum größten Schmerz des Generals, der von allen Plänen, mit welchen sich sein diplomatisches Herz bei der Ankunft getragen hatte, auch nicht einen hatte in's Werk setzen können. So war er voll Groll gegen seinen Bruder und nicht minder gegen seine Schwester, in der er – nicht mit Unrecht – eine entschiedene Gegnerin seiner hochfliegenden Pläne sah, mit seinem königlichen Gebieter von dem Schlosse abgereist, und der Bruder und die Schwester athmeten hoch auf. In dem Bewußtsein, dem größeren Uebel des Hofdienstes glücklich entgangen zu sein, trug der Freiherr das kleinere Uebel der enormen Kosten der fürstlichen Bewirthung noch leichter, als er es sonst gethan hätte; und Fräulein Charlotte war herzlich froh, daß Henri keinen ernstlichen Versuch gemacht hatte, die gefährliche Gelegenheit zur Ausführung seines Lieblingswunsches zu benutzen. Wahrscheinlich war dem Knaben der Abmarsch der Truppen zu schnell gekommen. Wenigstens hatte er sehr bestürzt ausgesehen, als nun ganz plötzlich der Aufbruch erfolgte und der General viel zu beschäftigt und viel zu verstimmt war, um bei dem Vater oder gar bei Sr. Majestät ein Wort zu seinen Gunsten zu sprechen. Fräulein Charlotte tröstete sich damit, daß bei Henri's Flatterhaftigkeit aus den Augen auch aus dem Sinn sein werde; und sie drang darauf, daß man mit seiner Uebersiedelung in das Pfarrhaus und mit dem Beginn des Unterrichts keinen Tag länger zögere. Am wenigsten, meinte sie, dürfe man diesen Termin von Leo's Genesung abhängig machen, da die Krankheit des armen Knaben sich in die Länge zu ziehen drohe. Fünfzehntes Capitel. Wenn wir ihn nur erst über den Berg haben, das Andere findet sich schon, pflegte der Förster Schwester Malchen mit bedeutsamer Miene zuzuflüstern, so oft er in das Krankenzimmer kam. Und der Berg, der steile, in Nacht und Graus gehüllte Berg, über den die ängstlich flatternde Psyche sich so mühsam hatte schwingen müssen, war endlich überwunden; ein neues Leben breitete sich vor den Augen des Genesenden aus, ein neues Land, in welchem Alles auf den ersten Anblick neu erschien. Und doch war dies dasselbe Zimmer, aus welchem er in jener Nacht, wie ein Dieb, in seiner Verzweiflung kaum wissend, was er that, geflohen war. Doch war dies dasselbe Bett, in dessen Kissen er damals seinen Jammer gestöhnt hatte. Doch war dieser Schein der herbstlichen Sonne, welcher des Morgens durch die blanken Scheiben fiel und die schwankenden Schatten des vergilbenden Weinlaubs auf den Fußboden streute, derselbe Sonnenschein, der so oft schon gleichgiltig seinem Unmuth, seiner Sehnsucht geleuchtet hatte. Die Tage vergingen; die Sonne schien oft nur matt durch wogende Nebel, und nicht selten war sie ganz hinter dunkeln Regenwolken verschwunden. Die letzten, gelben Blätter tanzten in der Luft; die nasse schwarze Erde war ihres Schmuckes bar. Noch immer lag Leo mit halbgeschlossenen Augen regungslos in seinem Bette, halb träumend, halb wachend, fortwährend unterhalten von den Bildern seines allzeit geschäftigen Gehirns. Sein bleiches, durch die furchtbare Krankheit noch mehr vergeistigtes Gesicht sah dabei manchmal so verklärt aus, daß Tante Malchen ihrem Bruder mit Thränen in den Augen versicherte, der Leo könne nicht mehr lange leben. Es sei ein alter Erfahrungssatz, und ihre Karten, an die Bruder Fritz leider nicht glauben wollte, hätten es noch immer bestätigt, daß das letzte Stündlein von Menschen, die ihre Natur so plötzlich veränderten, mit unabweislicher Gewißheit bevorstehe. So erinnerte sie sich, daß der königliche Förster Hartwig, der sich vor fünfundzwanzig Jahren in dem Nesselbruche erschoß, acht Tage vor seinem Tode plötzlich angefangen habe, Branntwein in großen Quantitäten zu trinken, trotzdem er vorher als der nüchternste junge Mann in der Gegend bekannt war. Fritz Gutmann hatte gegen so schlagende Argumente nichts einzuwenden; desto aufmerksamer beobachtete er den Knaben, dessen Wesen auch ihm, freilich aus ganz anderen Gründen, ernstliche Sorge machte. Der Junge liebt uns nicht, brummte er oft vor sich hin; er blickt auf uns, als wären wir nicht Menschen von Fleisch und Blut – geschweige denn seine leiblichen Verwandten – sondern Schattenspiele an der Wand. Der Förster sprach oft über Leo mit dem Freiherrn und Fräulein Charlotte, welche Beide das lebhafteste Interesse an ihrem neuen Schützling nahmen, und obgleich sie die Besorgnisse des Försters nicht so ganz theilten, wenigstens darin mit ihm übereinstimmten, daß einem solchen Charakter eine energische Leitung, wie man sie, sich von Doctor Urban versprechen zu dürfen glaubte, dringend noththue. So kam endlich der Tag, an welchem Leo in das Pfarrhaus übersiedeln sollte, heran. Walter und Henri waren in des Freiherrn kleiner Chaise gekommen, ihn abzuholen. Tante Malchen war, trotzdem die Entfernung von dem Försterhause bis zu dem Pastorhause nicht ganz eine halbe Stunde betrug und sie die gegründete Aussicht hatte, Leo am nächsten Sonntage wieder zu sehen, in einer sehr feierlichen und thränenreichen Stimmung. Sie hatte den Knaben sechs oder sieben Wochen lang Tag und Nacht gepflegt, und betrachtete ihn demzufolge gewissermaßen als ihr Eigenthum, obgleich es schwer zu sagen gewesen wäre, was sie denn nun an ihm verlor. Unterdessen war Leo mit dem Onkel in dem Zimmerchen hinter der Wohnstube, welches die Ehre genoß, des »Vaters Stube« genannt zu werden. Der Förster saß vor einem aus gutem Tannenholz gearbeiteten Pulte, das schon die Schätze und Geheimnisse von mindestens drei Generationen der Familie Gutmann bewahrt hatte. Auf der Klappe vor ihm waren Briefschaften, Papiere, Packete ausgebreitet. Neben dem Pulte stand Leo. Du gehst nun fort, mein Junge, sagte der Förster, vorläufig nicht eben weit; aber wohin Du auch gehst, ich denke, Du wirst das alte Haus hier stets als Dein Vaterhaus betrachten. Ich will thun, was an mir ist, daß Du der Liebe eines Vaters nimmer entbehren sollst. Zwar werde ich Dir nach der einen Seite hin nicht viel oder besser gar nichts helfen können; Du bist jetzt schon viel gelehrter, als ich es je in meinem Leben gewesen bin; aber Leo, es kommen gar viele Fälle im Leben vor, wo Einer mit aller seiner Gelehrsamkeit sich nicht zu rathen und zu helfen weiß, und wenn Du in solchen Stunden an Deinen alten Onkel denken willst, so wird es Dich hoffentlich nicht gereuen. Des Försters Stimme wurde bei den letzten Worten ein klein wenig unsicher; er beugte sein Gesicht tiefer und kramte zwischen den Papieren. Hier habe ich Alles, mein Junge, fuhr er fort, was man so braucht, um sich die Polizei vom Leibe zu halten: den Trauschein Deiner Eltern, Deinen Taufschein, Impfschein und was denn sonst dahin gehört. Ich will es Dir aufheben. Du kannst es zu jeder Zeit von mir bekommen. Dann sind hier auch die Hefte und Schreibereien, die ich bei Deinem Vater gefunden habe; es ist nicht viel, wie Du siehst. Ich habe nur eben so darin geblättert und will nun Alles in ein Packet binden; auch darüber magst Du einmal später bestimmen. Dies, lieber Junge, ist Deines Vaters ganze Hinterlassenschaft. Aber laß Dir das nicht zu Herzen gehen. So lange der Freiherr und ich leben, soll es Dir bis zu dem Augenblicke, wo Du Dir Dein Brod selbst verdienen kannst, an nichts, was zu Deinem Fortkommen nöthig ist, fehlen; und, wie gesagt, Leo, da der Mensch einmal nicht vom Brod allein lebt, sondern zu dem Leben, wenn es nicht gar öde und unfruchtbar sein soll, ein wenig Liebe gehört, so weißt Du, wohin Du Dich dieserhalb zu wenden hast. Na, mein Junge, jetzt habe ich Dir genug vorgepredigt, und es ist Zeit, daß Du in den Wagen kommst. Der Förster, der während der letzten Worte die Papiere weggekramt und den Schrank verschlossen hatte, erhob sich, umarmte den Knaben und küßte ihn auf die Stirn. Dann gingen sie aus dem Hause, wo sich die übrige Bewohnerschaft desselben nebst einigen wedelnden Jagdhunden eingefunden hatte. Das Mädchen, der Forstgehilfe reichten dem Scheidenden die Hand; Tante Malchen weinte; der Förster rief: Fort! Die Pferde zogen an, die Hunde bellten; Henri und Walter riefen Hurrah, und der Wagen rollte davon. Sechszehntes Capitel. Eine Strecke vom Dorfe entfernt, an den Hügel, welchen die Kirche krönte, sich anlehnend, war der Pfarrhof von Tuchheim mit seinen alterthümlichen, epheu-umrankten Gebäuden, zwischen denen stattliche Bäume mächtig emporragten und ihre gewaltigen Arme wie segnend über die Dächer breiteten, ein Bild des tiefsten ungestörten Friedens. Das dumpfe Bellen der Dorfhunde, das Krächzen der Dohlen, wenn sie des Abends aus dem Walde kamen, der blecherne Ton der Thurmuhr, die in unendlicher Monotonie die Stunden zählte, das tiefe Summen der Glocke, welche die Gläubigen zur Andacht rief – das waren so ziemlich die einzigen Töne, welche von außen her in die Stille des Pfarrhofes drangen, und dieser Stille draußen entsprach die Ruhe, die – für den Eintretenden fast beklemmend – in dem alten, weitläufigen Hause herrschte. Wenn Doctor Urban die weißgescheuerte Treppe hinaufstieg, um die Schlafzimmer der Knaben, die sich in dem breiten Giebel des Hauses befanden, zu revidiren, so hörte man das Knarren jeder einzelnen Stufe und jeden seiner schweren Tritte über den langen Corridor, und wenn in der Küche den unsicheren Händen der Frau Urban ein Teller entglitt und auf dem Estrich in Scherben brach, so konnte sie mit Sicherheit darauf rechnen, daß ihr Gatte über Tisch die lächelnde Frage an sie richtete: wer denn heute Morgen schon wieder das häusliche Concert arrangirt habe. Es war, als ob die dicken Wände nicht blos Ohren hätten, Alles zu hören, sondern auch einen Mund, Alles wieder zu erzählen, und als ob sie sich dieser Mühe einzig und allein im Auftrage und Interesse des Doctor Urban unterzögen. Ohne Zweifel war Se. Hochwürden die Seele des Hauses, und es war vielleicht eben deshalb, daß es so still und kühl und immer etwas dumpfig im Hause war, so oft und viel man auch die Fenster öffnete. Dabei war Doctor Urban keineswegs ein Kopfhänger oder schweigsamer Murrkopf. Im Gegentheil, er war sehr gesprächig, und selbst wo er sich genöthigt sah, einen Tadel auszusprechen, eine Rüge zu ertheilen, sehr höflich; ja er wurde immer höflicher und lächelte immer entschiedener, je kälter in solchen Momenten seine Augen blickten und je spitzer er seine Worte setzte. Ich wollte lieber, er würfe mir einmal das Buch an den Kopf, als daß er mir jeden meiner Fehler lächelnd vorzählt, meinte Walter, und Henri, bei welchem doch die Phantasie gerade nicht vorzugsweise rege war, behauptete, Doctor Urban sei ein Vampyr und fräße heimlich Menschen. Henri bedeckte auch die Blätter seiner Diarien mit entsetzlichen Carricaturen der starken Züge und der großen Gestalt des Doctors; er wußte die Stimme desselben auf das Ergötzlichste nachzuahmen; besonders gelang ihm eine Scene zwischen dem Pastor und der Pastorin, in welcher es sich um einen der vielen kleinen Unglücksfälle handelte, die der guten Dame so ziemlich täglich begegneten und die dem Doctor stets seine witzigsten und schärfsten Worte entlockten. Walter, der ein unermüdlicher Zuhörer und Zuschauer von Henri's Schwänken und Schnurren war, wurde jedesmal böse, sobald der unbarmherzige Spötter auch Frau Urban nicht verschonte. Sie ist eine gute Frau, Henri, sagte der Knabe, und dabei glühten seine Wangen vor innerer Erregung; sie hat es nicht verdient, daß wir uns über sie lustig machen. Meinetwegen, erwiederte Henri leichthin, und höre, Walter, wir haben ein paar Stunden frei, wollen wir die Mädchen abholen und sie Schlitten fahren? Das Eis auf dem Dorfteich ist excellent. Dagegen hatte Walter nichts einzuwenden. Er hatte nie etwas gegen eine Partie einzuwenden, bei welcher er voraussichtlich in Amélie's braune Augen schauen konnte; und dergleichen Partien kamen jetzt oft zu Stande, da Silvia noch immer auf dem Schlosse zum Besuch war und Walter selbst sich der besonderen Gunst sowohl des Freiherrn als auch Fräulein Charlotten's erfreute. Auf Fräulein Charlotten's Wunsch, die jenen Abend, als die jungen Leute in dem Gartensaale sangen, nicht wieder vergessen hatte, war ein regelmäßiges Quartett eingerichtet worden, das unter der energischen Leitung der Miß Jones den erfreulichsten Fortgang nahm. Miß Jones unterzog sich auch der Mühe, ihre musikalischen Zöglinge in der Tanzkunst zu unterrichten, zum unsäglichen Ergötzen Henri's, dessen mimisches Talent aus den grotesken Attitüden und entschiedenen Pas der etwas corpulenten Miß die fruchtbarste Nahrung zog. Nur Fräulein Charlotten's Gegenwart war im Stande, die tolle Laune des Uebermüthigen in Schranken zu halten. Glücklicherweise war die treffliche Erzieherin über den Verdacht, die Zielscheibe irgend eines Spottes zu sein, weit erhaben. Sie lebte ganz ihrem Berufe, freute sich jedes Fortschrittes ihrer Zöglinge, liebte Alle und betete Silvia an, von der sie behauptete, daß sie mehr Genie besitze, als die sämmtlichen sechsunddreißig jungen Damen, die ihr bereits ihre accomplishments verdankten, zusammengenommen. Fräulein Charlotte gab der corpulenten Enthusiastin Recht, obgleich sie sich sehr hütete, die Bewunderung, welche ihr das junge Mädchen einflößte, merken zu lassen. Sie wird nur allzu früh erfahren, daß sie wenig ihresgleichen hat, meinte Fräulein Charlotte. An diesen Hebungen und gesellschaftlichen Genüssen nahm Leo so gut wie keinen Theil. Den Aufforderungen, an den Musikabenden mitzuwirken, setzte er hartnäckig sein »ich kann nicht singen« entgegen, und was das Tanzen anbetraf, so scheute selbst die resolute Miß Jones, die sonst Jedem Jedes zumuthete, vor dem Gedanken zurück, von dem düsteren Knaben im Ernste dergleichen zu verlangen. Leo war zufrieden, wenn man ihn sich selbst überließ; er verlangte nichts weiter. Der Hunger nach Liebe, oder doch wenigstens Anerkennung, von dem er früher so viel gelitten hatte, war in dem Streben nach Heiligung, das seine leidenschaftliche junge Seele jetzt ganz erfaßt hatte, verschwunden. Schon hier auf Erden heilig zu sein! Es war ja nicht unmöglich, hatte doch der Herr selbst die Vollkommenheit zum Gebote gemacht! Aber wie zu diesem Ziele gelangen? Durch die Flucht in die Einsamkeit, in jene Einsamkeit, in welche sich die großen Männer aller Zeiten begeben haben, um rein zu bleiben, oder im Kampf mit dem Teufel, dem Versucher, rein zu werden. O, das Leben eines Anachoreten, der am Rande der Wüste in der Grabkammer, die vor Jahrtausenden braune Hände in die Felsen meißelten, seine Wohnung nimmt! Wie groß die Stunde, wenn der glühende Sonnenball in dem wasserlosen Meere versinkt und nun das Dunkel heraufzieht mit den Myriaden leuchtender Gestirne! Wie beredt das feierliche Schweigen ringsumher! Wie innig die Zwiesprache mit dem Geiste, der über den Wassern schwebt und dessen Athem das lauschende Ohr noch in dem Wehen des Windes vernimmt, der in feierlichen Tönen über die grenzenlose Oede rauscht! Oder durch eines Klosters altersgraue Mauern abgeschlossen sein von der Welt und ihrem wirren Treiben, in Gemeinschaft gleichgesinnter Seelen ein der Beschallung, der Andacht, dem Studium guter Schriften geweihtes Leben zu führen! Des Morgens in dem thaufrischen Klostergarten der Blumen und Bäume zu pflegen, des Abends im trauten Gespräch mit den Brüdern in den dämmerigen Laubgängen zu wandeln, durch die Gitterpforte in das Thal hinabzusehen und auf den Fluß, dessen schöne Windungen das Rosalicht des Himmels wiederspiegeln! Und war denn nicht ein Theil dieser Klosterträume schon in Erfüllung gegangen? War es nicht still, klösterlich still in dem Pfarrhaus von Tuchheim? Mit einer unendlichen Lust versenkte er sich in diese Stille. Er hatte es durchgesetzt, daß er sein Zimmer für sich allein hatte, während Henri, der ohne Gesellschaft nicht leben konnte, Walter's Stuben- und Schlafkamerad geworden war. Da war es nun seine Seligkeit, wenn Alles im Hause schlief, über seinen Büchern zu sitzen, oder am Fenster zu träumen, wenn der Mondschein aus dem schneebedeckten Dache und den Fenstern der Kirche glitzerte, die hohen, alten Bäume im Winde knarrten und die Käuzchen in den Mauerlöchern vor Kälte und Hunger schrieen. Welche Phantasien zogen dann durch des Knaben Hirn! Bilder ferner Wunderländer jenseits des rollenden Oceans; Inseln der Seligen, wo stille, fromme Menschen am Tage im Schatten wehender Palmen ruhen und des Nachts, umkost von lauen Lüften, hinaufschauen zu der Herrlichkeit der ewigen Sterne. Dazwischen Träume von einer unendlichen Macht, heiße Gebete um den Glauben, der Berge versetzt und zu jener Gewalt verhilft, die da bindet und löset im Himmel und auf Erden. Und warum sollten es nur Träume bleiben? Warum sollten diese Gebete nicht in Erfüllung gehen? Hatte der Herr nicht alles dies den Seinigen versprochen? Kann des Herrn Wort Lüge sein? Nimmermehr! Wo Zwei versammelt sind in seinem Namen, da ist er mitten unter ihnen, und wo Einer ihn inbrünstig rufet, da will er ihn erhören! Aber noch immer fehlte ein sichtbares Zeichen, das ihm selbst seine höhere Mission unwiderleglich bewiesen hätte; ein Wunder, wie sie so viele aus dem Leben der Propheten und Apostel berichtet werden. Und eines Nachts erhob sich der Knabe von seinem Lager und schlich auf den Zehen durch den Gang, welcher das Pastorhaus mit der Sakristei verband, nach der Kirche. Nun stand er in dem geheiligten Raum. Der Mond schien hell auf die Gegenstände, welche in dem Bereich der schmalen hohen Fenster lagen, während der weite Raum im Halbdunkel verdämmerte, oder in tiefe Finsterniß getaucht war. In der lautlosen Stille hörte man deutlich das langsam-gleichmäßige Tiktak des Pendels in der Thurmuhr und gelegentlich das Pfeifen des Windes durch die Schalllöcher und das Sprengewerk des Dachstuhls. Die Eisesluft der Winternacht erfüllte die Kirche, aber Leo spürte nichts davon. Jetzt oder nie würde er die Losung empfangen, die ihm der Himmel erschloß! Wenn die Engel jetzt nicht herniederstiegen und ihm dienten, so war er nicht mehr als die anderen Menschen! Auf dem Altar, zu den Füßen des großen Crucifixes kniet der Knabe in heißem Gebet, zuerst schweigend, dann im erhöhten Eifer abgebrochene Worte murmelnd; zuletzt mit lauter Stimme den Herrn anflehend, sich seiner zu erbarmen, ihn aus dem Staube zu erheben, aus der Grabesnacht der Erde, ihm wenigstens von ferne die Glorie zu zeigen, mit der seine Himmel gefüllt sind. Vergebens sein Rufen, vergebens sein Bitten, vergebens auch seine Verzweiflung. Kein Gott will ihn erhören und ihm seine Himmel öffnen, wie spottend hallt das Echo den Ton seiner eigenen Stimme wieder. In tiefster Entmuthigung lehnt er sein Haupt gegen das Holz des Crucifixes; er kann nicht mehr beten, er kann nichts mehr denken; wie früher von den Menschen, so fühlt, so weiß er sich auch von dem Gott verlassen, an den er geglaubt, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hat. Die grimme Kälte erfaßt ihn und schüttelt seine Glieder. Gebrochen in seiner Kraft, gebrochen in seinem Muth, grenzenlos elend erhebt er sich und schleicht auf demselben Wege, auf welchem er gekommen, wieder zurück in seine Stube, wo er die Lampe erloschen findet. Beim Schein des Mondes tappt er nach seinem Lager und drückt die pochenden Schläfen in das Kissen, bis der Schlaf sich seiner erbarmt und ihn auf einige Stunden von seinen Qualen erlöst. Siebenzehntes Capitel. Seit dieser Nacht ging mit Leo eine Veränderung vor, die Allen auffiel. Nicht blos, daß sein für gewöhnlich schon blasses Gesicht noch blasser geworden war – in seiner ganzen Haltung, in seiner Stimme selbst zitterte eine Unsicherheit, die man früher nicht an ihm bemerkt hatte. Sonst war er wohl scheu und zurückhaltend gewesen, aber durch diesen Schleie hatte immer der Stolz mit trotzigen Augen hervorgeblickt; von diesem Stolz war jetzt wenig mehr zu spüren, die dunklen, flammenden Augen suchten den Boden. Auch in seinem Betragen gegen die Anderen vermißte man jetzt die frühere Selbstständigkeit. Ja, manchmal hatte er die Miene eines bösen Schuldners, der jeden Augenblick fürchtet, man werde das geliehene Capital von ihm zurückfordern. Nur in Einem Punkte war er derselbe geblieben, in seinem eisernen, durch nichts zu brechenden Fleiße. Die meisten Stunden des Tages, und vorzüglich die Abendstunden, verbrachte er in der Bibliothek unter seinen Büchern. Hier war er in der Nähe des Doctor Urban, der entweder in seinem Zimmer nebenan, oft auch in der Bibliothek arbeitete. Leo hatte die Nähe des Lehrers nie wie die beiden anderen Knaben möglichst gemieden; jetzt schien er dieselbe mit Eifer zu suchen. So saßen sie eines Abends – Henri und Walter waren auf dem Schlosse, Frau Doctor Urban war schon zu Bett gegangen – an dem großen viereckigen Tisch mit der grünen Tuchdecke gegenüber. Zwischen ihnen brannte eine doppelarmige Lampe. Der Doctor, welcher an seiner Predigt für den nächsten Sonntag arbeitete, schrieb eifrig mit leichter, ja beinahe fliegender Feder; Leo, der in einem griechischen Classiker gelesen hatte, stützte jetzt den Kopf in die Hand und blickte lange und nachdenklich zu dem eifrigen Gelehrten hinüber. Doctor Urban, der eben mit einer Seite zu Ende war, legte die Feder hin, um das Geschriebene mit den Augen noch einmal zu überlaufen. Er nickte wohlgefällig; was er da las, hatte augenscheinlich seinen vollständigen Beifall. Wollen Sie es nicht laut lesen, Herr Doctor? fragte plötzlich Leo. Der Doctor schaute auf, nicht eben verwundert; er war dergleichen bei seinem Zögling schon gewohnt. Warum? fragte er. Thun Sie's doch, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, bat Leo noch dringender. Sie sind ein wunderlicher Christ, sagte der Doctor mit einem eitlen Lächeln; was ich da eben geschrieben – es ist allerdings ganz aus dem Zusammenhange – aber Sie haben ein Ohr für stilistische Schönheiten; ich glaube, der Rhythmus in diesen Perioden ist mir gut gelungen. Also hier: Es ist ein eigen Ding um den Glauben, meine Geliebten im Herrn. Er ist nicht wie der Schaum des Meeres, der oben auf den Wellen schaukelt und den die Winde verspritzen hierhin und dorthin, sondern wie die Perle, die in der purpurnen Tiefe ruht. Darum, so Ihr den Glauben gewinnen wollet, die kostbare, glänzende, unschätzbare Perle, müßt Ihr tauchen in die Tiefe, ja in den Abgrund! Müßt Euch nicht abschrecken lassen durch die Ungeheuer, von denen der Abgrund wimmelt – den grinsenden Zweifel, den zähnefletschenden Hohn, den beißenden Spott. Tief und tiefer, liebe Brüder und Schwestern, tief und tiefer! Die Perle des Glaubens entgeht Euch nicht! Ihr habt sie, Ihr haltet sie, und der Abgrund verschwindet mit all' seinen Grauengestalten – auf dem sanften Grün himmlischer Wiesen wandelt fortan Euer heiliger Fuß; tröstend und dienend umschweben Euch die lichten Gestalten lieblicher Engel. Der Pastor hatte seinen weichsten Kanzelton bei den letzten Worten angeschlagen. Er schaute von seinem Blatte auf, den sicher erwarteten Beifall seines Schülers zu vernehmen. Und haben Sie denn selbst diesen Glauben? fragte Leo. Die Stimme des Knaben klang hart und rauh, wie die eines Kranken, dessen Geduld erschöpft ist. Doctor Urban hatte ein feines Ohr und hörte, daß jene Stimme aus einer Brust kam, die einst übervoll gewesen, jetzt aber leer und durch bloße Phrasen nimmer wieder zu füllen war. Sie sind ein wunderlicher Mensch, sagte er ausweichend. Ich möchte eine offene Antwort, Herr Doctor, sagte Leo; ich frage nicht aus müßiger Neugier; es handelt sich um meine Seligkeit. Wenn das wahr ist, was Sie da geschrieben haben, so bin ich ein Elender, ein Verworfener; ist es aber nicht wahr, was ist denn das Wahre? Und warum sagt man es nicht, sondern leere Worte, an die man selbst nicht glaubt? Der Pastor lächelte; es war ein sonderbares, unheimliches Lächeln. Sie verlangen viel zu wissen, lieber Leo, sagte er endlich; ich könnte Ihnen beim besten Willen dies Alles nicht so auf der Stelle und so auf einmal beantworten; aber da Sie ein guter Kopf sind und ich Respect vor Ihnen habe – was ich von sehr wenigen Menschen sagen kann, lieber Leo – so will ich Sie wenigstens nicht ganz ohne Antwort lassen, wenn ich auch hie und da für Sie werde in Räthseln zu sprechen scheinen. Etwas, das nothwendig ist, ist, vernünftig, und selbst wenn es nicht vernünftig ist, muß man es doch gelten lassen. Der Glaube aber ist nothwendig; ich will nicht sagen für alle Menschen, nicht für die zum Beispiel, welche, wie wir, den wahren Zusammenhang der Dinge durchschauen, wohl aber für den Pöbel, der eben, weil er seine Blindheit nicht los werden kann, Pöbel ist und immer bleiben wird. Wollen Sie, um mit dem Dichter zu reden – dem Dichter der Freiheit, lieber Leo! – daß man dem ewig Blinden des Lichtes Himmelsfackel leihe? Eine Welt in Flammen ist das Resultat noch jedes Versuches der Art gewesen. Das haben die Weisen aller Zeiten gewußt und haben danach gehandelt. Sie werden den Schlüssel zu diesem Räthsel finden, wenn Sie älter sind. Es ist im Menschenleben nicht anders, als in der ganzen Natur. Damit der Starke nicht auch zum Schwächling werde, müssen die Schwächlinge Schwächlinge bleiben. Fragen Sie Ihren Onkel, ob er es anders in seinen Schonungen hält. Sie sind eine starke junge Tanne, Leo, und dürfen und werden sich durch Ihre Nebenbäume – ich hätte beinahe Nebenmenschen gesagt – nicht in Ihrem Wachsthum hemmen lassen. Ich glaubte eine Zeit lang, das Schicksal habe noch in anderer Weise für Sie gesorgt; aber gleichviel, bei einem Kopf und einer Arbeitskraft, wie Sie sie besitzen, können Sie füglich des Geburtsadels entbehren. Vielleicht – wer kann es wissen – kommt einmal die Zeit, wo Sie mir wiedererstatten können, was ich jetzt für Sie thue; vielleicht erklimmen Sie eine Höhe, auf welcher Sie nur die Menschen achten werden, die zu verachten gelernt haben; wo es Ihnen vollkommen klar sein wird, daß dies scheinbar so fürchterliche Gesetz von der Herrschaft der Starken und Klugen über die Schwachen und Dummen auch eine Ordnung Gottes ist, die aufrecht erhalten sein will, und am besten, sichersten durch gewisse Mittel, deren sich, wie gesagt, die Weisen aller Zeiten bedient haben, aufrecht erhalten wird. Und Leo, wenn Sie einmal auf jene Höhe sich hinaufgeschwungen haben, dann erinnern Sie sich dieser Worte, und erinnern Sie sich auch dessen, der sie Ihnen gesagt hat. – Doch da höre ich die Anderen nach Hause kommen. Was wir hier mit einander verhandelt haben, bleibt natürlich unter uns. Der Anfang der Weisheit ist Verschwiegenheit. Der Pastor lächelte abermals und reichte Leo die Hand – eine große, kalte, etwas feuchte Hand, die der Knabe mit einem gewissen Schauder berührte. Bis heute war er stumm und trauernd um die Pforten des Paradieses geschlichen, immer harrend, sie könnten sich doch noch einmal wieder öffnen. Nun war auch diese Hoffnung ihm geraubt; die Thür war und blieb verschlossen. Und warum sollte sie nicht verschlossen bleiben? Was dahinter lag, war ja kein Etwas – war nur eine glänzende Phantasmagorie, ein schöner kindischer Traum, ein Nichts. Achtzehntes Capitel. Die Monde rollen dahin. Aus dem Winter ist Frühling, aus dem Frühling wieder Sommer geworden. Die liebliche Tuchheimer Landschaft prangt im vollsten Schmuck. Wälder und Felder, Wiesen und Gärten haben sich zu einem Riesenteppich vereinigt, durch den sich die Silberfäden kristallener Bäche schlingen. Unendlicher Thau fällt in den milden Nächten, und die Sommersonne, wenn sie nach kurzer Rast am wolkenlosen Himmel aufglüht, findet eine erfrischte Welt. In den blauen Lüften jubiliren die Lerchen; sie singen aus einer Brust, so voll der innigsten Lebensfreude; es scheint ein Wunder fast, daß diese kleine Brust nicht springt. Unterdessen sorgen und schaffen die Menschen, wie sie's gewohnt sind und die Zeit es heischt. Der Freiherr hat den Winter hindurch viel gearbeitet und gerechnet; er hat sich entschlossen, die Güter, die zu Martini außer Pacht kommen, von da an selbst zu bewirthschaften. Er trägt sich mit großen Verbesserungsplänen; Fräulein Charlotte hat genug zu thun, seinen Eifer in Schranken zu halten, seine Aufmerksamkeit auf das Nothwendige zu richten. Der Förster kommt jetzt kaum vom Schlosse fort, und wenn er nicht auf das Schloß kommen kann, so steht des Freiherrn Pferd oft stundenlang im Schatten der Linde vor dem Forsthause. Fritz Gutmann weiß nicht blos seinen Forst zu verwalten, er kann eine Scheune oder einen Pferdestall projectiren, berechnen und billig herstellen trotz dem besten Architekten, und was die Landwirthschaft betrifft, so gilt er in diesem Punkt drei Meilen in der Runde für die erste Autorität. Da giebt es nun zwischen dem Freiherrn und ihm gar viel zu verhandeln und zu berathen. Der Freiherr wünscht, daß Fritz die Försterei aufgiebt, weil er ihm als Verwalter in Feldheim und überhaupt als Stellvertreter viel besser nützen kann; aber dazu kann sich Fritz nicht entschließen. Wenn der Freiherr ihm ein kräftiges und schnelles Pferd in den Stall stellen will, glaubt er alles Nöthige vollkommen gut besorgen zu können. Der Freiherr erklärt sich damit einverstanden, vorausgesetzt, daß Fritz sich eine bestimmte Summe als Zulage zu seinem bisherigen Gehalt gefallen läßt. Diese Bedingung kann der Förster nicht annehmen: er meint, der Arbeiter sei freilich seines Lohnes werth; wenn aber Jemand über seine Arbeit hinaus bezahlt werde, so komme ihm das vor, als ob man Hasen mit der Büchse schießen wolle. Der Freiherr habe schon, indem er die Pension für die beiden Jungen bei dem Pastor bezahle, genug und mehr als genug gethan. Damit müsse aber der Freiherr seiner Güte ein Ziel setzen. Fräulein Charlotte, welcher der Bruder den Fall vorlegt, sagt, Fritz Gutmann habe vollständig Recht. Silvia ist noch immer ein Gast auf dem Schlosse. Sie hatte ursprünglich nur während Leo's Krankheit auf einige Wochen aus dem niedrigen Hause in dem herbstlich-feuchten Walde entfernt werden sollen; aber man kann sich nicht so schnell von dem lieben Kinde trennen. Es sprechen auch gar so viele Gründe für ihr Bleiben. Die beiden Mädchen lieben sich so sehr – wenigstens behauptet Amélie, daß sie sterben müsse und werde, wenn man ihr ihre Silvia, ihre Silvi raube. Miß Jones ist aus pädagogischen Gründen ebenfalls gegen die Rückkehr Silvia's in ihr Vaterhaus. Sie behauptet, daß Tante Malchen sich zur Erzieherin eines so begabten und so gearteten Kindes genau so gut eigne, wie eine kleine Gartengießkanne zur Bewässerung eines Weizenfeldes; daß es ihres Wissens überhaupt nur eine Person gebe, welche diesem Unternehmen gewachsen, und daß diese Person eine Dame sei, deren Namen zu nennen ihr die Bescheidenheit verbiete. Der Förster hat nichts dagegen, wenn Silvia oben bleibt; er gönnt dem Kinde von ganzem Herzen die gute Gesellschaft, den guten Unterricht und die Liebkosungen, mit denen man sie von allen Seiten überhäuft, wenn er auch manchmal – besonders des Abends nach abgethanen Geschäften – schmerzlich nach seinem Liebling verlangt. Und dann sieht er sie ja doch auch alle Tage, oder so ziemlich alle Tage. Das muß ihm genügen. Was soll denn aus den Kindern werden, wenn die Eltern nicht die Entsagung haben, sie beizeiten der Welt abzutreten, für die sie geboren sind! In dem Pastorhause ist, so viel man sehen kann, Alles beim Alten geblieben. Doctor Urban zum mindesten sieht so stark und kräftig aus, wie nur je; auch hat sein Lächeln nichts von seiner Kälte verloren, haben seine Zähne nichts an ihrer Weiße eingebüßt. Frau Urban ist vielleicht noch einen Ton blasser geworden und ihre Augen etwa um ebenso viel röther; auch scheint ihr Verhältniß mit den Tellern und Schüsseln in der Küche noch immer kein ganz geregeltes zu sein; dafür ist sie aber von derselben Verbindlichkeit gegen Jedermann, Hoch und Niedrig, Reich und Arm, und noch immer kann ein freundliches Wort, das man ihr sagt, die geringste Aufmerksamkeit, die man ihr erweist, sie zu Thränen rühren. Sie hat von dergleichen wenig zu erzählen, die arme Frau. Auf das Schloß oder überhaupt in Gesellschaft kommt sie sehr selten, da ihr Gemahl ihr gesagt hat, er habe nicht geheirathet, um anderen Leuten ebenfalls den Genuß der Ungeschicklichkeit und Unwissenheit einer gewissen Dame zu gewähren; und in ihrem eigenen Hause zittert sie vor ihrem Gatten, zittert sie vor Leo, der noch nicht drei Worte mit ihr gewechselt hat, zittert sie vor Henri, der ihr stets die Flaschen und Gläser bei Tische so stellt, daß sie sie umwerfen muß, zittert sie selbst vor ihren beiden Dienstmädchen, welche sie verhöhnen, sobald sie es wagt, einen Wunsch auszusprechen; und nur in Ein Paar treuer Augen blickt sie ohne Furcht, nur Eine Hand hält ihre bebenden Finger mit warmem, treuherzigem Druck. Dafür aber liebt sie auch Walter, wie sie ihre Zwillinge (wenn sie nicht gleich nach der Geburt gestorben wären) geliebt haben würde, und in ihrer einsamen Kammer vor dem Einschlafen vergißt sie nie zu ihrem Gott zu beten, er möge den lieben Walter tausend- und tausendfältig belohnen für seine Güte und Treue gegen eine unglückliche, von aller Welt sonst verlassene Frau. Der arme Walter! Er ist gegen alle Menschen gut, und so würde er es ohne Zweifel gegen Frau Urban gewesen sein, auch wenn er sie weniger unglücklich gefunden hätte; aber daß ein Menschenkind ohne sein Verschulden so viel Leid erfahren könne – das bringt den armen Jungen, der bisher nur Liebe und Güte, Freude und Frieden um sich hat walten sehen, ganz außer sich. Er erklärt seinen Kameraden, daß er den Doctor für einen sehr gelehrten Mann halte, daß aber des Doctors Predigten von christlicher Liebe und Barmherzigkeit nicht mit seinem Thun übereinstimmten, und daß er für sein Theil einem Manne, dessen Handlungen nicht mit seinen Worten übereinstimmten, seine Achtung versagen müsse. So habe er es von seinem Vater gelernt, und so wolle er es – mit der Erlaubniß des Herrn Doctors – auch weiter halten. Auf dergleichen Ausfälle pflegt Leo die Achseln zu zucken; Henri aber ruft: Was wollen wir uns über den alten Burschen noch streiten! Ihr mögt Euch über ihn den Kopf zerbrechen; das gehört zu Eurem Stande; ich, als Edelmann, weiß auch ohne das, was ich von dergleichen Leuten zu halten habe. Leo hat, wenn Henri sich so gehen läßt, stets eine beißende Antwort in Bereitschaft; auch Walter ist nicht unempfindlich gegen den Hochmuth, der aus den Worten des Junkerleins hervorschaut; aber er verschluckt seinen Aerger; er darf es ein- für allemal mit Henri nicht verderben. Henri ist ihm so nothwendig wie Jemand, der in ein verschlossenes Haus will, der Schlüssel, der ihm das Haus erschließt; ja, er liebt Henri mit der ganzen Uneigennützigkeit. mit welcher ein sechzehnjähriger Knabe an dem Bruder des Mädchens hängt, das ihm tausendmal theurer ist, als sein eigenes, harmloses Leben. Neunzehntes Capitel. Das war nun so gekommen, allmälig, wie das Frühroth kommt, wie eine Knospe sich entfaltet; am wenigsten hätte der arme Junge es selbst zu sagen gewußt. Er wußte überhaupt nicht so recht, was es war; er wußte nur, daß Amélie braune Augen hatte, und wenn sie lachte – was sie oft that – die Spitzen von zwei Reihen blendendweißer Zähne und in der Wange ein allerliebstes Grübchen zeigte, das schon im nächsten Augenblicke wieder verschwand. Außerdem wußte er freilich auch noch, daß Amélie, so oft er sie sah, die allerzierlichsten Schnürstiefelchen trug, und daß sie ihren Dompfaffen mehr als Alles in der Welt liebte. Dieser Dompfaffe war eigentlich die Veranlassung, oder doch wenigstens der erste Anfang von Walter's Leiden gewesen. Sie hatten – Amélie, Silvia, Henri und Walter – einmal an einem Herbsttage – noch während Leo's Krankheit – einen Spaziergang durch den Garten und weiter den Schloßberg hinab durch einen Theil des Parkes gemacht, und waren Alle sehr ausgelassen und gewiß sehr harmlos gewesen, als Amélie plötzlich eines Dompfaffen ansichtig wurde, der auf einem schwanken Baumzweige saß und so melancholisch aussah und so melancholisch-monoton dazu pfiff, wie es eben nur ein Dompfaff vermag. Amélie, die noch nie einen solchen Vogel gesehen hatte, war über sein buntes Gefieder ganz entzückt gewesen und hatte in ihrer lebhaften Weise das Verlangen geäußert, das allerliebste Thierchen zu besitzen. Henri hatte gefragt, was sie mit dem dummen Gimpel wolle? Aber Walter war von dem Augenblicke an sehr still geworden, denn daß dieser Gimpel oder irgend ein anderer Gimpel gefangen werden müsse, hatte bei ihm sofort festgestanden, und die Frage war nur noch, wie dieses Ziel zu erreichen sei. Seine Gedanken drehten sich von der Stunde an um diesen Einen Punkt; er dachte nur im Vorübergehen daran, daß sein Vater dem Knaben das Fangen von Singvögeln auf das Strengste verboten hatte. Der Gehilfe des Vaters, der in's Vertrauen gezogen wurde, fand die Sache bedenklich, sagte aber zuletzt doch seinen Beistand zu, als Walter mit der größten Leidenschaftlichkeit erklärte, daß, wer ihm in dieser Sache hülfe, für immer und immer sein bester Freund sein würde. So zogen denn die Beiden mehrere Tage lang hintereinander beim ersten Morgengrauen in den Wald, und der Zufall wollte, daß sie nach einer Woche fieberhafter Aufregung für Walter, der zuletzt am hellen Tage mit offenen Augen Gimpel auf den Stuhllehnen und Schränken sitzen sah, fingen, was sie suchten. Walter's Freude war grenzenlos. Er gab dem Gehilfen zwei blanke Thaler, die er bei seinem letzten Geburtstage von dem Vater erhalten hatte, und eilte dann in athemloser Hast mit dem kleinen hölzernen Bauerchen, in welchem der unglückliche Gefangene saß, nach dem Schlosse. Hier kam er gerade in dem Augenblicke an, als Miß Jones mit den beiden jungen Mädchen ihre gewöhnliche Morgenpromenade vor Anfang der Lectionen antreten wollte. Er konnte nur seine Mütze ziehen, einige gänzlich unverständliche Worte stammeln, das Bauerchen auf einen Gartentisch stellen und so schnell davonlaufen, als er gekommen war. Nach dieser Heldenthat wagte sich Walter acht Tage lang nicht auf das Schloß und würde auch wohl noch sehr lange in dieser freiwilligen Verbannung gelebt haben, wenn nicht eines Tages Miß Jones mit den beiden Mädchen auf den Pfarrhof gekommen wäre, die beiden Knaben zu einem Spaziergang abzuholen. Walter's erste Empfindung, als der Besuch angekündigt wurde, war gewesen, auf die Gefahr hin, beide Beine zu brechen, aus dem Fenster zu springen und das Weite zu suchen; er wurde aber hieran von der resoluten Miß Jones gehindert, die etwas der Art geahnt haben mochte und in eigener Person ihn zu holen kam. Die Begegnung mit Amélie ging viel leichter von statten, als er zu hoffen gewagt hatte. Amélie reichte ihm die Hand und sagte, es sei ein reizendes Thierchen und sie sei ihm auch so dankbar. Das war Alles. Als ob das nicht genug gewesen wäre! Es war ein wonniger Spaziergang durch den herbstlichen Park, in Begleitung einer wunderbaren Musik, zusammengesetzt aus dem sanften Rauschen des Windes, dem Rascheln des Laubes und den hellen Stimmen der neckischen Mädchen. Dazu schien das Abendroth durch die Zweige, und Walter, der sehr still war, hatte eine dumpfe Ahnung, daß dies Alles wunderbar schön und viel zu schön sei, um länger als einen flüchtigen Augenblick dauern zu können. Von diesem Abende an stellte sich zwischen dem Schlosse und dem Pastorhause ein lebhafter Verkehr her, in welchen seit dem Anfang des Winters durch die Quartett- und Tanzstunden-Abende eine gewisse Regelmäßigkeit kam. Im Anfang war es Walter in der duftenden Atmosphäre der großen stattlichen Schloßzimmer – zwischen all' den prunkenden Möbeln, den Oelgemälden, Vasen, Statuetten, in dem Schein der großen Lampen, die von der Decke herabhingen und ihr mildes Licht auf die großen Blumen der Fußteppiche warfen, auf denen man fast lautlos dahinschritt – etwas ängstlich und beklommen gewesen; aber da Alle so gut gegen ihn waren und er sah, daß Silvia, die, wenn sie auch in jeder Hinsicht ein besonderes Kind war, doch am Ende immer seine Schwester blieb, gleichsam auf den Händen getragen wurde und recht eigentlich thun konnte, was sie wollte, so lernte er auch bald in dieser Luft freier athmen und sich wenigstens mit einiger Sicherheit bewegen. Einiges blieb freilich, was nicht so leicht wegzuschaffen war. Walter hatte den lebhaftesten Sinn für alles Schöne und Zierliche, einen Sinn, der bis dahin in der Einfachheit seines väterlichen Hauses vielfach geschlummert hatte, nun aber in dieser Umgebung, die in jedem Punkte den Stempel eines durchgebildeten Geschmackes trug, schnell und kräftig erwachte. So sah er denn auch mit diesen seinen geöffneten Augen, daß er recht unschön, ja geradezu lächerlich angezogen war, wenn er seine plumpen, unbequemen Dorfkleider mit den hübschen, nettsitzenden Kleidern aus den feinsten Stoffen verglich, in welchen, wie Walter bald heraushatte, ein großer Theil von Henri's Grazie bestand. Mochte er thun, was er wollte, er konnte in seinen groben Stiefeln keine so zierlichen Pas wie sein glücklicherer Nebenbuhler machen, und das kränkte ihn tief, weil er fühlte, daß er es besser machen könne und es auch Amélie's halber, die für gewöhnlich sein Partner war, gern besser gemacht hätte. Silvia hatte gut lachen. Mädchen sind immer zierlicher gekleidet, und dann hatte Amélie, die mit Silvia von Einer Größe und Gestalt war, nicht geruht, bis ein nicht geringer Theil ihrer Garderobe aus ihrem Besitz in den Silvia's übergegangen war. Silvia hatte gut lachen. Aber er! Er hätte manchmal weinen mögen, wenn er seine Garderobe musterte. Wie diesen abscheulichen Rock mit den blauen Stahlknöpfen und den hochaufgepauschten Achseln hatte er in seinem Leben noch nichts gehaßt, es hätte denn die Weste mit dem Muster aus weißen und blauen Blümchen sein müssen, die Henri beständig mit mitleidslosem Spott die Bratenweste nannte. Henri fiel es nicht ein – Walter hätte nichts von ihm angenommen, ganz gewiß nicht – aber Henri fiel es auch nicht einmal ein, seinem so dürftig ausgestatteten Kameraden etwas von seinem Ueberfluß anzubieten. Er fand es auch ganz in der Ordnung, daß der Sohn von seines Vaters Förster so wie andere Bauernknaben, oder doch ungefähr so gekleidet sei; ja er sprach das, wenn er zu den Schloßabenden Toilette machte – was immer eine geraume Zeit in Anspruch nahm – ganz naiv aus. Walter, der sich seiner abhängigen Stellung vollkommen bewußt war, konnte nichts dagegen einwenden, obschon er unter der Härte des socialen Gesetzes, auf das Henri sich beständig berief, so empfindlich litt. Henri fuhr fort – selbst in Gegenwart der Anderen – von Walter's Bratenweste zu sprechen, bis der Freiherr es eines Abends hörte und mit einer Heftigkeit, die man sonst bei ihm nicht gewohnt war, sich dergleichen unwürdige Albernheiten auf das Ernstlichste verbat. Das war kurz vor Weihnachten gewesen, und zu Weihnachten wurde Walter von seinem Vater mit ein paar ganz neuen Anzügen beschenkt, die mit dem verhaßten Rock und der Bratenweste sehr wenig Aehnlichkeit hatten. Walter war dem Vater sehr dankbar; er hatte keine Ahnung davon, daß der Freiherr der eigentliche Geber war. Doch das Alles waren am Ende nur Kleinigkeiten – Staub-Atome, die vor einem glänzenden Gemälde vorübertanzten. Amélie blieb bei alledem doch die reizende kleine Fee, die nur in die Hände zu klatschen brauchte, um Alles rings umher in ein Zauberland zu verwandeln. Sie war für den armen Jungen der Inbegriff der Zierlichkeit, Schönheit, überhaupt jeder Tugend des Leibes und der Seele. Je häufiger er auf dem Schloß war und sie sah, desto voller wurde sein Herz von ihrer holden Anmuth, bis, als der Frühling kam und der Sommer, sein volles Herz überfließen mußte, nur daß der arme Junge leider nicht wußte, wem er den kostbaren Schatz seiner Gefühle anvertrauen könne. Leo suchte mehr als je die Einsamkeit; Henri sprach immer so leichthin von den Damen im Allgemeinen und nahm sich gegen das hübsche junge Dienstmädchen im Pastorhause allerhand Freiheiten heraus, die Walter entschieden mißbilligte – Henri konnte man dergleichen unmöglich sagen; Tante Malchen sah er jetzt sehr selten – so blieb denn Niemand als Frau Urban, die stets so unendlich gut gegen ihn war und die er in Folge dessen und ihres Unglücks wegen sehr schätzte und liebte. Walter dachte nicht daran, ein Geständniß abzulegen, er wußte kaum, daß er etwas zu gestehen hatte – er wollte nur Jemand haben, mit dem er über Amélie sprechen konnte, und da war Frau Urban ganz die geeignete Person. Sie wurde nicht müde, dem Knaben zuzuhören, wie er nicht müde wurde, zu erzählen – harmlose Geschichten, in denen allen eine braunäugige Schönheit von vierzehn Jahren die Hauptrolle spielte, während ein unbeholfener Knabe von sechszehn sich scheu im Hintergrunde bewegte. Aber so erquickend auch diese Plaudereien waren, sie erschöpften doch nicht das Meer von zärtlichen Empfindungen, das in dem Herzen des armen Walter wogte, und eines Abends, als er sich allein in den Park gestohlen hatte bis zu einer Stelle, von der aus man das Schloß und besonders einen Erker, in dessen Fenster ein Vogelbauer stand, übersehen konnte, schrieb er mit zitternder Hand etwas in seine Brieftasche, was, wenn es keine Verse waren, mit Versen wenigstens eine große Aehnlichkeit hatte. Walter hatte nie geglaubt, daß er es bis zu einem Gedicht bringen könne, und Leo stets um sein poetisches Genie beneidet; er hätte auch nicht gewagt, was er geschrieben, irgend einem Menschen, selbst nicht einmal seiner guten Frau Urban, zu zeigen; aber der einmal entfesselte castalische Quell war nicht mehr zu hemmen. Er ging umher, Trochäen und Jamben fingerirend, und dabei beständig in Verzweiflung, daß sich auf Amélie so wenig reimen wollte. Was redete sich der gute Junge nicht Alles ein, und welche wunderbare Dinge sagte er nicht von sich aus, wenn sie gerade in den Reim paßten! Wenn man ihm glauben wollte, so war es in seiner Brust öde, in seinem Herzen tiefe Nacht gewesen, bevor er »sie« gesehen; »sie« hatte ihm eine »neue Religion« gegeben; durch »sie« war er ein anderer, ein guter Mensch geworden, wobei er Andeutungen von einem früheren Seelenzustand machte, dessen Qualen in der That entsetzlich gewesen sein mußten. Er gelobte bei den grauen Locken seines Vaters – der Förster erfreute sich noch der ursprünglichen braunen Farbe seines schlichten Haares – daß er keinen andern Gedanken habe, als »sie zu beglücken«, daß er »sie«, wenn das möglich sei, noch mehr »achte als liebe«, daß er dieser Liebe treu bleiben werde, wenn auch »von ihren schönen Wangen der Reiz der Jugend abgeblüht.« Dazwischen liefen dunkle Hinweise auf ganz ungeheure Thaten, die er für »sie« vollbringen werde, die er – da diesmal der theure Name durchaus nicht in das Versmaß wollte – nicht nennen zu dürfen behauptete, damit die Engel nicht eifersüchtig würden und »sie« ihm raubten. Mit dieser erhabenen Lyrik bedeckte Walter nach und nach viele Blätter, die er auf das Sorgsamste sammelte und nicht minder sorgsam vor den profanen Blicken der Anderen versteckte. In der einzig verschließbaren Schublade seines kleinen Pultes ruhten in einem mit rothem Papier überklebten Pappkasten, in welchem Tante Malchen einmal Baumwollenstrümpfe für Silvia aus der Stadt geschickt bekommen hatte, diese kostbaren Blätter, und auf dem Deckel des Kastens war ein Zettel befestigt, mit der melancholischen Inschrift, daß er (Walter), im Falle ihn ein plötzlicher Tod aus einem Leben, das keinen Reiz mehr für ihn habe, abrufen sollte, den, welchem dieser Kasten zuerst in die Hände falle, »bei Allem, was ihm heilig sei«, beschwöre, den Inhalt desselben ungelesen zu verbrennen und »die Asche in die vier Winde zu streuen.« Zwanzigstes Capitel. Für Leo hatte der Frühling, hatte der Sommer keine Mumm gebracht. Wie Mehlthau auf die jungen Blätter, so war die Geheimlehre des Doctor Urban von der Religion, die man als Mittel zum Zweck zu benutzen habe, in seine Seele gefallen. Zu feurig, um von der herzlosen Kälte dieser Doctrin nicht empört zu werden, nicht reif genug, um die Sophismen, auf welche der Meister seine Grundsätze stützte, widerlegen zu können, zu ernst, als daß er im Stande gewesen wäre, ohne einen ideellen Inhalt nur eben so hinzuleben, irrte er jetzt rathlos, hilflos umher, wie am Rande eines Abgrundes. Von seiner Familie fühlte er sich seit der Nacht seiner Flucht innerlich getrennt. Er konnte es nicht verzeihen, daß man ihn, wie er meinte, in seiner bitteren Noth verlassen habe: alle Güte des Onkels, alle Sorgsamkeit der Tante, selbst Walter's Freundschaft konnten den Einen bösen Eindruck nicht wieder verwischen; und was er am wenigsten begreifen konnte, war, daß er in Silvia jemals etwas Anderes habe sehen können, als ein naseweises, vorlautes, ungezogenes Ding. So vereinsamte der arme Knabe immer mehr; man war es schon so gewohnt, ihn seine eigenen Wege gehen zu sehen, daß man sich gar nicht mehr die Mühe nahm, ihn in die Gesellschaft zu ziehen. Wenn Leo und Herr Tusky sich nicht des Nachts in Eulen verwandeln und Mäuse fressen, so will ich nie wieder auf einem Pferde sitzen, pflegte Henri zu sagen. Herr Conrad Tusky war seit dem Frühling in Tuchheim als Schullehrer angestellt. Das Consistorium hatte ihn hergeschickt; Niemand kannte ihn, und Herr Tusky seinerseits schien keine besondere Neigung zu haben, die Tuchheimer kennen zu lernen. Dies durfte allerdings um so mehr ausfallen, als Herr Tusky nicht nur ein noch sehr junger Mann, sondern auch nach dem Urtheil einiger jungen Tuchheimerinnen, die es doch am besten wissen mußten, ein ganz hübscher Mann war – etwas steif und hölzern allerdings und ohne Zweifel sehr ernst, aber doch mit seiner hohen breitschulterigen Figur eine gar stattliche Erscheinung. Herr Tusky war dem Doctor Urban ungemein gelegen gekommen. Doctor Urban war ein ganz vorzüglicher classischer Philologe; auch in der Mathematik, in neueren Sprachen und in der Geschichte hatte er die gediegensten Kenntnisse, aber die Naturwissenschaften hatte er nicht ebenso cultivirt, und um seine Schüler doch auch in diesen Disciplinen schnell vorwärts zu bringen, sich bereits entschlossen, einen Hilfslehrer zu engagiren. Nun traf es sich, daß Doctor Urban auf seinen Spaziergängen ein paarmal seinem neuen Lehrer begegnete, der eine Botanisirtrommel um die Schulter und einen Spatenstock in der Hand trug. Doctor Urban war sonst principiell gegen dergleichen Liebhabereien, welche der guten Gesinnung junger Dorfschulmeister so leicht gefährlich werden können; diesmal aber paßte ihm die Sache so, daß er ein Auge zudrücken, ja sich mit Herrn Tusky über seine botanischen Studien und ähnliche Themata in ein Gespräch einlassen zu müssen glaubte. Doctor Urban merkte bald, daß der schweigsame, verschlossene junge Mann nicht blos in der Botanik, sondern auch in der Mineralogie, ja, in der Chemie ausgezeichnete Kenntnisse hatte. Das Resultat der Unterredung war eine längere Conferenz mit Herrn Tusky am folgenden Tage, in welcher sich derselbe – obschon nicht ohne einiges Widerstreben – verpflichtete, den Knaben für ein bestimmtes Honorar wöchentlich vier Stunden in den genannten Wissenschaften zu geben. Bereits am folgenden Tage wurde Herr Tusky den Knaben vorgestellt, auf welche er den verschiedensten Eindruck machte. Henri erklärte: der Mann sehe aus wie eine Vogelscheuche, und er hoffe, sie würden einen Teufelsspaß mit ihm haben; Walter fand nichts Besonderes an dem neuen Lehrer, konnte aber allerdings auch nicht sagen, daß er sich zu demselben eben sehr hingezogen fühle; Leo dagegen kam Herrn Tusky mit einer Wärme entgegen, die Jedem, der den Knaben kannte, unbegreiflich war, um so unbegreiflicher, als Herr Tusky seinerseits nach wie vor gegen ihn wie gegen jeden Anderen dieselbe Zurückhaltung beobachtete. Gieb Dir nur keine Mühe, Leo, sagte Henri; der plumpe Kerl ist noch unliebenswürdiger als Du, an dem hast Du Deinen Meister gefunden. Henri haßte Herrn Tusky bald mit der ganzen Energie, mit welcher ein kleiner spieliger Schoßhund einen großen mürrischen Karrenhund hassen mag. Henri that sich für gewöhnlich in dem Ausdruck seiner Empfindungen wenig Zwang an, nichtsdestoweniger wollte es mit dem Teufelsspaß, den er sich von den Lectionen des Herrn Tusky versprochen hatte, nicht so recht von der Stelle. In Herrn Tusky's Mienen und Benehmen lag ein Etwas, das Achtung heischte. Leo sprach dies oft aus; Henri bestritt es, er werde demnächst den Beweis führen, daß er sich nicht im Mindesten vor einem solchen trockenen Pedanten fürchte, er sei schon mit ganz anderen Leuten fertig geworden. Die Gelegenheit zur Ausführung dieser dunkeln Drohungen kam nur zu bald. Henri fing in der Stunde erst an zu gähnen, dann sich zu recken, dann mit den Fingern auf dem Tisch zu trommeln, zuletzt leise vor sich hin zu pfeifen. Herr Tusky verbot ihm Eines nach dem Andern in derselben ruhigen Weise. Vielleicht würde Henri von seinem Vorhaben abgestanden sein, wenn Herr Tusky in einem erregteren Ton gesprochen oder sonst irgendwie zu erkennen gegeben hätte, daß er sich ärgere; aber die gleichmäßige Ruhe reizte ihn nur noch mehr. Er fuhr fort zu pfeifen und sich behaglich auf seinem Stuhle zu schaukeln, wobei er Herrn Tusky mit einer Miene herausfordernder Unverschämtheit anblickte. Plötzlich – mit dem Satze eines Tigers – sprang Tusky auf den Herausforderer zu, riß ihn aus dem Stuhl auf die Erde, packte ihn dann mit beiden Händen am Genick und an den Beinen, hob ihn hoch in die Höhe, als ob er es mit einem Kinde zu thun hätte, und schien ihn im nächsten Moment gegen die Erde schmettern zu wollen. Sein Gesicht war leichenblaß, seine blauen Lippen bebten, seine blutunterlaufenen Augen stierten wie wahnsinnig – so stand er einen Moment. Dann ließ er den an allen Gliedern Zitternden aus den Händen gleiten und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, das Zimmer. Henri, der vor Angst und Wuth weinte, rieb sich die Stellen, wo die Eisenfinger Tusky's ihn gepackt hatten, worüber denn Walter, trotzdem ihm gar nicht lächerlich zu Muthe war, laut lachen mußte. Als sie sich nach Leo umsahen, war dieser verschwunden. Einundzwanzigstes Capitel. Leo hatte Tusky noch auf der Dorfstraße eingeholt. Darf ich Sie begleiten? hatte er gefragt. Warum nicht? hatte jener geantwortet. Dann waren sie schweigend neben einander hergegangen, aus dem Dorf über die Felder in den Wald hinein, bis sie zu den Wasserfällen gelangten, die schon einigemal das Ziel ihrer botanischen Excursionen gewesen waren. Hier ist gut sein, sagte Tusky, indem er um sich schaute und tief aufathmete; hier ist es schattig und kühl – hier kann man vielleicht auf ein paar Augenblicke das Elend des Daseins vergessen. Er ließ sich in das weiche Moos sinken, und Leo folgte seinem Beispiele. Vor ihnen lag das dunkelklare Wasser des Bassins, in welchem sich die mächtigen Stämme hoher Tannen spiegelten, deren Wipfel der rothe Abendschein küßte; würziger Harzduft erfüllte die Luft; von den Katarakten her plätscherte und rauschte es ununterbrochen. Es schien ein seliger Friede über diesem Ort und über dieser Stunde zu schweben, aber die beiden jungen Leute empfanden nichts von diesem Frieden. So lagen sie geraume Zeit. Der rothe Schein verschwand von den Wipfeln, der Abendwind begann sein melancholisches Lied. Wenn ich den Buben getödtet hätte, begann Tusky plötzlich, würde man mich zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurtheilt haben, und doch – was wäre mein Verbrechen gewesen? Ich hätte eine junge Natter zertreten, die sich von Eitelkeit und Selbstsucht nährt, und nur darum groß wird, um ihre Giftzähne in das gesunde Leben zu schlagen. Tusky köpfte mit seinem Stocke einige allzu lang aufgeschossene Gräser. Leo legte ihm die Hand auf den Arm und blickte ihn an, als wollte er sagen: Sprich weiter! Nicht als ob ich mich vor dem Zuchthaus gefürchtet hätte, fuhr Tusky fort, wer denkt in solchen Augenblicken an dergleichen? – wenn ich ihn leben ließ, so war es, weil mir der Gedanke durch den Kopf fuhr, daß dieser Bube ja schließlich nichts für seine Büberei könne, daß er nur der Repräsentant einer Rasse ist, und daß wir es mit der Rasse, nicht mit dem Peter oder dem Paul zu thun haben. Tusky köpfte noch immer die Gräser. Wer war denn eigentlich Ihr Vater, Leo? fragte er. Ein sehr unglücklicher Mann, erwiederte der Knabe. Tusky lächelte. Das heißt: er war Einer von Millionen, sagte er; aber erzählen Sie mir mehr. Wer war er? Wo lebte er? Leo berichtete, was er von seinem Vater wußte. Tusky hörte aufmerksam zu. Nun ja, sagte er, als Leo zu Ende war; er war eben Einer von den Vielen, die fröhlich hätten gedeihen und Früchte bringen können, hundert- und tausendfältig, wenn die Disteln nicht gewesen wären, die den fruchtbaren Boden, welcher für Alle bestimmt ist, für sich allein haben wollen. Fluch den Disteln! Ich weiß auch davon ein Lied zu singen. Mein Vater war Kuhhirt da oben auf dem Walde. Er war so arm, daß seine Kinder, so wie sie zur Welt kamen, geborene Bettler waren, und vom Bettler zum Vagabunden, vom Vagabunden zum Dieb – das ist kein langer Weg. Einer von meinen Brüdern wurde als Wilderer erschossen, ein anderer sitzt im Zuchthaus, ein dritter ist in die Welt hinausgelaufen, Keiner weiß wohin; die einzige Schwester, die ich habe, ist zu Hause, das heißt in einer elenden Hütte bei der Mutter, die blind und gelähmt ist und nicht leben und nicht sterben kann. Mein Vater hatte sich aus Kummer und Gram über all' dies Leid dem Trunk ergeben und starb im Irrsinn; die Commune hat sich meiner angenommen; so bin ich aus dem Sumpf gerettet, in welchem ich sonst, wie die Meinen, hätte umkommen müssen. Sehen Sie, Leo, das ist auch ein Menschenleben, und so wie dies sind heutzutage unzählige. Fluch den Disteln! Sie sagen: heutzutage! Ist das nicht immer so gewesen? fragte Leo. Nein! antwortete Tusky, es ist nicht immer so gewesen. Unsere Vorfahren in der Urväter Zeiten waren so frei wie der Wind auf den Bergen. Ihnen gehörte das Wild im Walde und die Frucht auf dem Felde; für ihren Genuß kelterten sie die Trauben. Aber in wilden und unbändigen Zeiten, die über unser armes Vaterland hereinbrachen, wurde die Kriegerkaste die oberste im Volke und unterdrückte zuletzt das ganze Volk. Da wurden aus den Freien Knechte, aus Unabhängigen Hörige, und dieser Zustand befestigte sich im Laufe der Jahrhunderte und schändete so den Leib und die Seele der Nation, daß sie beinahe bis auf die letzte Spur die Erinnerung ihrer einstigen Freiheit verloren hat und die Last der Knechtschaft auf sich nimmt, geduldig und demüthig, wie der Stier sein Joch. Wie Viele unter uns giebt es denn, die sich das Bewußtsein bewahrt haben, daß sie von demselben Stoff sind, wie der Edelmann, dessen Livrée sie tragen! Leo dachte an seinen Onkel, mit welchem Stolz der sich einen Diener der freiherrlichen Familie nannte; er dachte an die Ehrfurcht, mit welcher Walter beständig von allen Mitgliedern dieser Familie sprach – und es fiel ihm auf, wie Recht Tusky mit seiner Behauptung hatte. Ja, er mußte sich gestehen, daß er bis vor kurzem dies Verhältniß kaum in einem andern Lichte gesehen habe. Sie haben viel für unsere Familie gethan, sagte er nachdenklich, wenigstens behauptet es der Onkel, während mein Vater anders darüber sprach. Ich glaube, den Rock selbst, den ich trage, verdanke ich ihrer Güte. Tusky hatte vollkommen verstanden, was Leo meinte. Und was wäre nun das, sagte er, wenn sie wirklich den Sclaven, der ihnen dient, genährt und gekleidet haben? Es waren vielleicht die Zinsen vom Capital, das sie Euch gestohlen haben, und vielleicht noch nicht einmal so viel. Aber die Zeit wird kommen, wo sie Euch und uns Allen das Capital selbst zurückerstatten sollen; die Zeit wird kommen, ja sie ist vielleicht näher, als selbst die Kühnsten unter uns sich träumen lassen. Aber wer einmal im Besitze ist, wird sich nicht von seinem Eigenthum trennen wollen, sagte Leo; und dann wären wir die Reichen, und sie würden die Armen sein, der Reichthum hätte nur seinen Herrn gewechselt. Auch das könnten wir uns zur Veränderung einmal gefallen lassen, sagte Tusky; aber in Wirklichkeit wird sich die Sache doch anders stellen. Jetzt sind die Wenigen im Besitz, hernach werden es die Vielen sein. Je größer der Divisor, desto kleiner der Quotient. Wenn es geschieht, wie ich wünsche und hoffe, wird die Armuth zugleich mit dem Reichthum aufhören, oder, um es anders auszudrücken, es wird Niemand arm und Niemand reich sein; Alle werden haben, was sie bedürfen, und das scheint mir das einzig richtige Verhältniß. Ich glaubte früher, sagte Leo, so Großes könne nur die Religion bewirken; ich glaubte, diese Gleichheit müsse ein Werk der Liebe sein. Das habe auch ich einst geglaubt, sagte Tusky; und mit welcher Inbrunst habe ich an diesem Glauben gehangen! Und schließlich will ich ja auch nichts Anderes, als was Christus selbst gewollt hat; ich bin nur überzeugt, daß wir mit frommen Wünschen nicht zu unserm Ziel gelangen, sondern daß, was auf Erden geschehen soll, auch mit irdischen Mitteln in's Werk gerichtet werden muß. Vielleicht würde Christus zu derselben Einsicht gekommen sein, wenn er länger gelebt hätte. Die Dämmerung war während dieser Unterredung stark hereingebrochen; in der Tiefe der Schlucht, in der sich die Beiden befanden, dunkelte es bereits. Lauter schienen die Wasser zu brausen, vernehmlicher rauschte der Abendwind in den schwankenden Wipfeln. Die beiden jungen Leute erhoben sich und gingen auf dem Wege, den sie gekommen waren, zurück durch den Wald. Leo war von Allem, wa3 er aus dem Munde seines jungen Lehrers gehört hatte, tief bewegt. Sprechen konnte er nicht, obgleich er noch eine Welt zu fragen hatte; auch Tusky war still geworden. So erreichten sie das Dorf, in dessen niedrigen Häusern hie und da schon die Lichter brannten. Ein paar spielende Kinder auf der Straße, aus den Höfen heraus das Brüllen einer Kuh, das Knarren des Ziehbrunnens, um dessen Steinrand ein paar Mädchen schwatzten, das war Alles, was man von Leben sah und hörte. So kamen sie an das Haus des Bauern, bei dem Tusky von der Gemeinde, bis das neue große Schulhaus fertig sein würde, eingemiethet war. Leo ergriff Tusky's Hand und drückte dieselbe zu wiederholten Malen. Sie meinen es gut, sagte Tusky; ich hätte mich Ihnen auch sonst nicht so rückhaltslos mitgetheilt. Leider fürchte ich, daß wir die längste Zeit miteinander verkehrt haben. Man wird es mir nicht verzeihen, daß ich die Frechheit hatte, unserem Junkerlein Mores zu lehren. Tusky trat in das Haus; Leo ging wie im Traum weiter. Er hatte nie daran gedacht, daß, was er für sein individuelles Unglück gehalten hatte, das Unglück eines ganzen Standes, eines ganzen Volkes sei. Wenn er sonst des Abends, von einem einsamen Spaziergange heimkehrend, durch die Dorfgasse kam, war er, von der Dämmerung und seinen Gedanken eingesponnen, ohne nach rechts oder links zu sehen, dahingeschritten, ja er hatte in diesem traumhaften Dahinwandeln einen besonderen Genuß gefunden; heute war es, als wären ihm plötzlich die Augen aufgethan über all' das Elend um ihn her. Er begegnete einem alten Manne, der unter einem schweren Bündel dürren Holzes, das er im Walde aufgelesen, mühsam keuchte; er sah durch die Fenster der Hütten in das Innere der ärmlichen Wohnungen, und was er sah, war Elend – nichts als Elend. Hier erblickte er eine alte Wittwe, die er von der Kirche her kannte, beim trübseligen Lichte eines rauchenden Lämpchens am Spinnrocken, mit den zitternden, runzligen Händen emsig den Faden drehend; dort eine zahlreiche Familie, die um den Tisch saß und ihr Abendbrod verzehrte, das aus nichts als aus Kartoffeln und Salz bestand; in einer dritten zankten sich der Mann und die Frau, und ein paar halbnackte Kinder schrieen in den Lärm hinein. Und auch dies sind Menschen, sprach der Jüngling zu sich selbst, und sie Alle sind elender als du. Was klagst du denn, als ob du allein zum Leide geboren wärest? Zweiundzwanzigstes Capitel. Am nächsten Tage schickte der Freiherr in das Dorf und ließ Herrn Tusky ersuchen, sich gelegentlich zu ihm auf das Schloß bemühen zu wollen. Tusky kam noch an demselben Abend. Der Freiherr lud den Besucher zum Sitzen ein und bat um Entschuldigung, daß er ihn habe incommodiren müssen. Sie sind meinen Wünschen nur zuvorgekommen, Herr Baron, erwiederte Tusky. Der Bericht, welchen ein Knabe in solchem Falle seinen Eltern abstattet, pflegt gerade nicht ein Muster von Wahrhaftigkeit und Unparteilichkeit zu sein. Ich bin stets der Ansicht gewesen, daß eines Mannes, geschweige eines Knaben Rede in solchem Falle keine Rede ist, erwiederte der Freiherr mit seinem verbindlichen Lächeln. Tusky erzählte nun die Scene. Er räumte unumwunden ein, daß er sich durch seinen Zorn zu einer Heftigkeit habe hinreißen lassen, die ihm jetzt, im Interesse seines Selbstgefühls und seiner Selbstachtung, leid thue. Im Uebrigen aber sei er noch diesen Augenblick der Ansicht, daß Henri von Anfang an durch ein täglich kecker werdendes Betragen eine solche Katastrophe geflissentlich herausgefordert habe. Der Freiherr hatte Tusky's Bericht aufmerksam zugehört; als der junge Mann zu Ende war, sagte er: Ich danke Ihnen, Herr Tusky, für die loyale Weise, mit welcher Sie die Sache so dargestellt haben, daß weder Ihr Unrecht, wenn ein solches wirklich vorhanden ist, beschönigt, noch die unzweifelhafte Schuld meines Sohnes über ihr natürliches, reichliches Maß hinaus vergrößert erscheint. Es ist für einen Vater immer hart, sein eigen Fleisch und Blut verurtheilen zu müssen; aber, wie ich mich stets bestrebt habe, ehrlich gegen mich selbst zu sein, so habe ich auch den Muth, mich selbst in meinen Kindern zu züchtigen. Wenn wir es für eine Pflicht halten, unsern Vätern nachzuahmen, so ist es eine noch heiligere Pflicht, nach Kräften dafür zu sorgen, daß unsere Kinder uns womöglich in allen Tugenden des Leibes und der Seele übertreffen. Zum wenigsten habe ich von jeher gemeint, daß hier, in diesem unablässigen Streben nach Vervollkommnung, in dieser von Generation zu Generation sich steigernden Trefflichkeit der eigentliche Adel eines Geschlechts gesucht werden muß und einzig und allein gefunden werden kann. Meinen Sie nicht auch, Herr Tusky? Es ist für Jemand, der nicht weiß, wer sein Großvater gewesen ist und dessen Vater im Säuferwahnsinn starb, sehr schwer, in solchen Dingen überhaupt eine Meinung zu haben, Herr Baron, antwortete Tusky. Da sind Sie in der That sehr zu beklagen, sagte der Freiherr; denn sicher trägt wenig so zur Bildung unseres Herzens bei, als die Bravheit eines Vaters, die Liebe einer Mutter. Eine freudlose Jugend ist nur zu oft das traurige Vorspiel zu einem freudlosen, vergrämten, menschenscheuen, ja menschenfeindlichen Alter. Ich habe eine hinreichende Anzahl von Jahren vor Ihnen voraus, um Sie auf diesen alten Erfahrungssatz, aus dem Sie vielleicht für sich selbst eine oder die andere Nutzanwendung ziehen können, aufmerksam machen zu dürfen. Tusky stand auf. Ich fürchte, den Herrn Baron zu lange von wichtigeren Dingen abzuhalten, sagte er. Ich bin nicht pressirt, entgegnete der Freiherr, der sich trotz Tusky's abstoßenden Benehmens zwang, die gewohnte Höflichkeit bis zu Ende zu bewahren; vor Allem müssen Sie mir erst noch sagen, welche Satisfaktion Sie für die Beleidigungen, die sich Henri gegen Sie hat zu Schulden kommen lassen, verlangen. Ich wünsche, daß er mich in Gegenwart der beiden andern Knaben um Entschuldigung bittet, sagte Tusky nach einigem Zögern. Das ist das Wenigste, sagte der Freiherr. Das ist hinreichend, erwiederte Tusky, indem er eine hölzerne Verbeugung machte und sich mit steifstelliger Würde zur Thür hinausbewegte. Nun, was sagst Du, Charlotte? fragte der Freiherr, durch die heruntergelassene Portiere in das Zimmer nebenan tretend, wo seine Schwester mit einer weiblichen Arbeit am Fenster saß; wie gefällt Dir der Mann? Er spricht, wie er geht, erwiederte Charlotte, indem sie Tusky, der eben über den Rasenplatz am Fenster vorüberschritt, beobachtete; und er geht, wie – er spricht. Das sind Räthsel, sagte der Freiherr, indem er sich vor seine Schwester auf einen niedrigen Stuhl setzte und mit den dunkelklaren Augen zu ihr aufschaute. Nur für den Uneingeweihten, erwiederte Charlotte lächelnd; sind Sprache und Gang nicht die wichtigsten Ausdrucksweisen der Seele und des Körpers? Der Gang ist die sichtbare Sprache des Leibes; die Sprache ist die hörbar sich bewegende Seele. Laß mich einen Menschen sprechen hören, und ich will Dir sagen, weß Geistes Kind er ist; laß mich ihn gehen sehen, und ich kenne sein Temperament und seinen Charakter. Nun, sagte der Freiherr gespannt, und was hältst Du denn von diesem Menschen? Ich halte dafür, daß er gar kein Mensch ist, erwiederte Charlotte. Das wäre! rief der Freiherr, was denn sonst? Ein Automat, erwiederte Charlotte. Hast Du denn nicht gehört, daß seine Stimme hart ist wie eine Walze aus Hagebuche und klanglos wie eine verstimmte Blechtrompete? Und sieh ihn doch nur gehen! Siehst Du, wie er sich da eben bückt, ein Gras abzupflücken? So bückt sich kein Mensch von Fleisch und Blut, so klappt sich nur ein Gestell aus Holz und Eisen und Leder zusammen und auseinander. Meine milde, großherzige Schwester ist heute in einer verzweifelt grausamen Laune, sagte der Freiherr. Nicht doch, erwiederte Charlotte; der Mann da hat mir weher gethan, als ich ihm durch meine machtlosen Pfeile thun kann. Ich empfinde es jedesmal fast als einen physischen Schmerz, wenn ich einen jungen Menschen sehe, der so offenbar, wie jener Mann, nicht verlernen kann zu lieben, weil er es niemals gelernt hat. Aber, Charlotte, das ist doch zu hart, sagte der Freiherr. Ich wollte, es wäre zu hart, sagte Charlotte in sanftem, traurigem Ton; wie gern wollte ich mich in diesem, wie gern in einem anderen Falle geirrt haben, der mir noch mehr zu Herzen geht. Du sprichst von Leo? sagte der Freiherr. Ja, entgegnete Charlotte; die Zukunft dieses Knaben, der kaum noch ein Knabe zu nennen ist, liegt mir schwer auf der Seele. Sind wir doch, die wir seine Erziehung übernommen haben, bis zu einem gewissen Punkte für ihn verantwortlich! Ich habe gethan, was in meinen Kräften stand, ihn an uns heranzuziehen, ihm sein scheues Mißtrauen zu nehmen; es ist mir nicht gelungen. Wie ein gefangenes Raubthier zieht er sich bis in die fernste Ecke zurück und blickt von unten mißtrauisch aus den wilden, glänzenden Augen. Und nie habe ich in seiner Zukunft so deutlich gesehen, als eben jetzt, wo jener Mann bei Dir war. Ich sehe kein Glück für Leo darin, daß er jahrelang unter der Leitung eines kalten Egoisten, wie Doctor Urban, stehen soll; aber der möglicherweise sehr große Einfluß, den dieser Tusky auf ihn üben wird, scheint mir ein offenbares Unglück. Du siehst zu schwarz, sagte der Freiherr; ich kann mich nicht entschließen, auf ein Vorurtheil hin einen unzweifelhaft tüchtigen Mann zu verdammen, oder ihn gar aus einer Stelle zu entfernen, für die er sonst in jeder Weise sich eignet und die nicht leicht so gut wieder zu besetzen sein würde. Eine kleine Härte zur rechten Zeit hat schon oft ein großes Unglück verhütet, sagte Charlotte. Aber Schwester, Schwester, ich kenne Dich heute nicht wieder! rief der Freiherr, aufspringend; wo ist Deine Milde, Deine Gerechtigkeit, Deine Heiterkeit? Wo der weiche Mantel der Liebe, mit dem Du sonst die Schäden und Gebrechen einer halben Welt gnädig verhüllst? Ich fürchte ernstlich, Du bist krank, liebe Charlotte. So wird man auch wohl zu Kassandra gesagt haben, als sie in ihres Geistes Auge die Mauern der stolzen Troja bereits in Flammen sah. Nun aber reite ich aus! rief der Freiherr halb lachend, halb ärgerlich; mir ist zu Muthe, als brennten alle meine Vorwerke in der Runde. Adieu, Kassandra! Adieu, liebe, geliebte Schwester! Der Freiherr zog Charlotte an sich und küßte sie auf die weiße Stirn. Dann eilte er hinaus. Dreiundzwanzigstes Capitel. So war die Sache, welche sich anfänglich so schlimm anließ, scheinbar ohne alle weiteren Folgen beigelegt. Am leichtesten schien Henri selbst darüber wegzukommen; er benahm sich fortan in den Stunden mit großer Vorsicht. Im Vertrauen aber äußerte er gegen Walter: er werde es dem Tusky nicht vergessen. Walter konnte eine solche rachsüchtige Gesinnung nicht loben, wenn er sich auch jetzt noch weniger als im Anfang zu dem starren, kalten Manne hingezogen fühlte; Leo verhielt sich vollkommen schweigend. Dafür benützte er eifriger als je die Abendstunden zu einsamen Spaziergängen, auf denen er zufällig an dieser oder jener Waldecke, diesem oder jenem Kreuzwege mit dem Schulmeister zusammentraf. Sie begrüßten dann einander mit einem kurzen, energischen Händedruck und setzten ihren Spaziergang gemeinschaftlich fort, wobei sie geflissentlich die einsamsten Wege aussuchten. Der alte Postbote, der ihnen öfter begegnete, hörte stets, so lange er noch entfernt war, unterdrückte, aber eifrige Stimmen sprechen, die jedesmal verstummten, sobald er in die Nähe kam. Manchmal erstreckten sich diese Spaziergänge bis zu den entfernteren Dörfern; selten, daß sie vor Einbruch der Dunkelheit nach Tuchheim zurückkehrten. Ein- oder das anderemal geschah es, daß Leo, wenn er des Abends spät auf sein Zimmer gekommen, ein Zeitungsblatt, eine Flugschrift, eine Broschüre, die unterwegs aus Tusky's Tasche in die seine gewandert war, hervorlangte und beim matten Licht einer der dünnen Kerzen, welche im Sommer in dem Pfarrhause für ausreichend erachtet wurden, in diesen Blättern eifrigst studirte. Aber es gab zu dieser Zeit noch einen Bewohner des Pfarrhauses, der eine entschiedene Neigung für einsame Spaziergänge in der Dämmerstunde nicht ganz verbergen konnte. Walter hatte, wie es in einem seiner erhabensten Gedichte lautete, »den Dämon wilder Leidenschaft mit Löwenmuth bekämpft«; aber der Erfolg hatte der Anstrengung nicht entsprochen, oder, wie es in einem andern Gedicht hieß, das sich durch seine thränenreiche Stimmung auszeichnete, »die tiefe Wunde schloß sich nicht und wird sich nimmer schließen, bis einst aus meines Grabes Rand die treuen Veilchen sprießen«. Wie dem aber auch sein mochte – in dem sanften Schein des Abendlichts durch wogende Kornfelder zu schreiten, oder hügelauf in den Wald zu steigen bis zu einem der vielen Punkte, von welchem aus man freie, freundliche Blicke in die liebliche Ebene hatte – das war dem armen Jungen in seiner weichen Stimmung ein anmuthiger Trost, umsomehr, als die leeren Blätter in seiner Brieftasche sich niemals schneller mit poetischen Hieroglyphen bedeckten, als wenn die Waldwiesenblumen zu seinen Füßen im Abendwinde nickten und aus dem dämmerigen Forst leise abgerissene Vogellaute ertönten. Da sowohl Walter, als Leo die Einsamkeit suchten und ziemlich genau ihre gegenseitigen Lieblingspromenaden kannten, so hatten sie sich bis jetzt noch immer auszuweichen vermocht; aber eines Abends geschah es, daß sie sich in der scharfen Biegung eines tiefen Waldweges, wo an ein Ausweichen nicht zu denken war, begegneten, der Eine mit einer offenen Brieftasche, der Andere mit einem bedruckten Blatte in den Händen. Bei der Plötzlichkeit, mit welcher die Begegnung stattfand, war Walter außer Stande, die ziemlich umfangreiche Brieftasche zu verbergen. Er erröthete, sagte aber doch freundlich: Guten Abend, Leo! Leo, der mit seinem Blatte schneller in die Tasche gekommen war, erwiederte den Gruß, aber nichts weniger als freundlich. Die Begegnung war ihm störend und peinlich, da er eben an dieser Stelle Tusky erwartete, der jeden Augenblick – er wußte nicht, aus welcher Richtung – kommen mußte. Wir sind lange nicht so draußen gewesen, sagte Walter. Nein, sagte Leo. Wollen wir nicht zusammen weiter gehen? fuhr Walter gutmüthig fort. Ich fürchte, ich bin zu müde, sagte Leo, sich in der Hoffnung, so von Walter am besten loszukommen, am Fuße einer schönen alten Buche etwas abseits vom Wege auf den moosigen Grund werfend. Nun, ich bin auch schon genug herumgelaufen, sagte Walter, indem er sich neben Leo auf den Boden gleiten ließ. Da hier kein Entrinnen möglich war, hielt Leo es für das Gerathenste, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und Tusky's Kommen ruhig abzuwarten. Unterdessen fragte er, um doch etwas zu fragen, was für Geheimnisse Walter denn da seiner Brieftasche anvertraue. Walter erröthete noch tiefer als zuvor. Die Furcht, sein Geheimniß zu verrathen, kämpfte mit der Begierde, gerade Leo, der ihn gar nicht von dieser Seite kannte, etwas von den poetischen Früchten, welche ihm jetzt so reichlich in den Schoß fielen, mitzutheilen. Zufällig befand sich unter den letzten Gedichten der Brieftasche eines, auf das der Verfasser ganz besonders stolz war, und glücklicherweise hatte sich auch in die Reime dieses Gedichtes der theure Name nicht schicken wollen, und es war in Folge dessen durchweg nur von »ihr« die Rede. Du wirst mich auslachen, sagte Walter, indem er die Brieftasche schon halb geöffnet hatte. Das wird darauf ankommen, erwiederte Leo. Es ist, sagte Walter entschuldigend, aus einem größeren Cyklus, den ich »Spanische Lieder« betitelt habe. Also ein Gedicht, sagte Leo, nicht ohne einige Verwunderung. Wie kommst Du denn dazu? Darauf mag das Gedicht selbst die Antwort sein, sagte Walter, und mit vor innerer Aufregung bebender Stimme zählte er jetzt seinem Gefährten eine nicht kleine Anzahl von Trochäen zu, in welchen irgend Jemand einen grauen Fährmann auffordert, ihn über irgend ein Gewässer nach irgend einer Villa zu fahren, deren stattliche Façade man sich in der Mondesdämmerung weißlich schimmernd denken sollte, und schließlich, nachdem schneebedeckte Sierren, das goldene Ufer des Tajo und der gelbe Sand der Mancha wacker mitgewirkt hatten, eine gewisse dunkeläugige Schöne gebeten wurde, mit dem Sänger nach Deutschlands Gauen zu ziehen, wo sie als Aequivalent ihrer verlassenen spanischen Herrlichkeiten und Schlösser an den grünen Ufern des Rheins eine Hütte erwartete, deren einziger Schmuck das liebende Paar sein sollte. Der Sänger machte seine Brieftasche zu, wobei er noch um ein gutes Theil verlegener aussah, als vorher. Leo verscheuchte ein ironisches Lächeln, das während der Lectüre ein paarmal seine Lippen umspielt hatte, und sagte: Nicht übel, Walter! die Zahl der Versfüße scheint nicht immer zu stimmen; auch würde ich nicht den Reim Façade Serenade zweimal brauchen – aber sonst recht schön. Wie kommst Du nur in aller Welt jetzt auf das närrische Zeug? Aber Du hast doch früher auch Gedichte gemacht, meinte Walter etwas kleinlaut. Früher! erwiederte Leo, früher – nun ja – und darin liegt auch die ganze Entschuldigung. Bedarf es zum Dichten einer Entschuldigung? rief Walter. Wenn die Zeit ernstere Fragen zu lösen hat, ja – erwiederte Leo. Walter sah etwas erstaunt drein. Er konnte sich unter Leo's Worten nichts Bestimmtes denken; aber die Worte selbst und der Ton, in welchem sie gesprochen waren, imponirten ihm. Was meinst Du? fragte er bescheiden. Ich würde Dir das nicht so auf einmal beantworten können, erwiederte Leo, selbst wenn Du den Sinn für diese Dinge hättest, den Du freilich nicht hast. Und hast Du diesen Sinn? fragte Walter erstaunt. Ich hoffe es, sagte Leo nicht ohne Selbstgefühl; wenigstens gebe ich mir redliche Mühe, den eigentlichen Grund der heillosen Schäden, an denen der Staatskörper krankt, zu erkennen und die Heilmittel zu entdecken, sollten sie auch aus Feuer und Eisen bestehen. Walter sah Leo erschrocken an; er hatte ihn dergleichen noch nie sprechen hören; er wußte nicht, daß Leo seine grimmigen Phrasen aus der Flugschrift, die er vorher in der Hand trug, so ziemlich wörtlich entlehnt hatte. Was sind denn das für heillose Schäden, von denen Du sprichst? fragte er neugierig. Schöne Frage, erwiederte Leo höhnisch, die sich selbst beantwortet, sobald man sich nur die Mühe nimmt, die Augen aufzumachen und mit offenen Augen in die Welt zu sehen. Oder hältst Du das für gesunde Zustände, wenn der Edelmann aus goldenen Schüsseln Lampreten speist und der Bauer froh ist, wenn er Salz zu seinem trockenen Brod hat? Hältst Du es für billig, daß das Wild in dem Forst und auf den Feldern, das Gott für alle Menschen erschaffen hat, dem Einen gehört, während die Anderen die Erlaubniß haben, es für den Tisch des gnädigen Herrn mit ihrem Schweiß zu mästen? Sind das keine heillosen Schäden? Und sollte man nicht wünschen, daß Feuer und Schwefel vom Himmel regne, um solche Greuel zu vertilgen, Schloß und Edelmann und ihre ganze Sippe? Da der Artikel, aus dem Leo citirte, lang und sein Gedächtniß ausgezeichnet war, hätte er noch geraume Zeit so fortdeclamiren können, wenn Walter nicht plötzlich aufgesprungen wäre und mit großer Energie gerufen hätte: Und ich leide es nicht, daß Einer mit Feuer und Schwefel an das Schloß kommt! Ich leide es nicht, daß einem seiner Bewohner auch nur ein Haar auf dem Haupte gekrümmt wird! Ich wollte sehen, wer das wagen wollte – ich wollte es nur einmal sehen! Leo war ruhig geblieben. Er lächelte verächtlich, als er sagte: Ich wußte es ja, daß Du keinen Sinn für Politik habest, woher solltest Du auch? Wer im Besitze ist, wohnt Dir im Recht, und was grau vor Alter ist, das ist Dir heilig. Es ist möglich, rief Walter, der noch immer, wie Jemand, der einen lebhaften physischen Schmerz empfindet, auf und ab lief; ich sehe wenigstens nicht ein, daß etwas, weil es altersgrau ist, unheilig, oder Jemand, der etwas besitzt, deshalb schon im Unrecht ist. Und was Du von den goldenen Schüsseln erzählst, aus denen der Edelmann Lampreten speisen soll, so scheint mir das, mit Deiner Erlaubniß, aus der Luft gegriffen. Im Schlosse essen sie von Porzellan und nicht von Silber, geschweige denn von Gold. Und was die Lampreten betrifft, so weiß ich nicht, was das ist, ob Fisch oder Fleisch – und ich glaube, Du weißt es auch nicht. Und übrigens, Leo, finde ich es gar nicht schön von Dir, daß Du für all' das Gute, das uns schon im Schloß geworden ist, keinen Dank hast. Der gnädige Herr und Fräulein Charlotte, und – und – Hier gerieth Walter in's Stocken, da er doch unmöglich Amélie's heiligen Namen in einem so profanen Streit nennen konnte. Leo benützte die Verwirrung seines Gegners, um ihm zu beweisen, daß, wer so spreche, eine knechtische Gesinnung an den Tag lege, und daß Knechtsinn in Sachen der Freiheit nicht mitzureden habe. Ich bin kein Knecht, erwiederte Walter erregt, und ich habe keinen knechtischen Sinn. Ich verachte den Doctor Urban, aber nicht, weil er Pfarrer, sondern weil er ein schlechter Mann ist, der seine arme Frau auf das Grausamste quält und anders handelt, als er redet; und ich verehre den Freiherrn, nicht weil er unser Herr, sondern weil er so gütig und edel ist. Und wenn Du das nicht mit mir empfindest und nicht alles Heil und allen Segen auf ihn und die Seinen herabwünschest, so hast Du kein Herz in der Brust, und nimmer, nimmer wird es Dir gut gehen. Der arme Junge, dessen Stimmung jetzt für gewöhnlich etwas hoch gespannt war, hatte sich so in Aufregung gesprochen, daß er in Thränen ausbrach, die er indessen schnell mit dem Rücken der Hand abwischte. Dann aber zog er seine Mütze tiefer in die Augen, murmelte einige unverständliche Worte, sprang von der Böschung, auf der die Unterredung stattgefunden hatte, in den Hohlweg und entfernte sich eilends in der Richtung nach dem Dorfe. Er war kaum verschwunden, als es in dem dichten Gebüsch zur Seite der Buche zu rascheln begann. Gleich darauf stand Tusky auf dem Plan. Wie konntest Du dem Jungen von unsern Geheimnissen mittheilen? fragte er unwillig. Du hast Alles gehört? erwiederte Leo. Ja, sagte Tusky, er wird nun hingehen und dem Freiherrn und dem Pastor erzählen, was er gehört hat. Nie, rief Leo mit Wärme, das würde Walter nie! Er würde nie zum Verräther werden! Bist Du dessen so sicher? fragte Tusky mit finsterem Lächeln. Ich möchte Dir dennoch rathen, ein anderesmal vorsichtiger zu sein. Du weißt, daß wir uns über Alles, was zwischen uns verhandelt wird, unverbrüchliches Geheimniß gegen Jeden, er sei, wer er sei, gelobt haben. Leo blickte trotzig auf. Ich bin kein Kind, sagte er, und ich weiß, was ich thue. Wenn ich nicht davon überzeugt wäre, hätte ich mich Dir jemals anvertraut? erwiederte Tusky, indem er Leo die Hand auf die Schulter legte und ihn mit einer Zärtlichkeit, die man in seinen kalten grauen Augen nicht gesucht haben würde, anschaute. – Nein, nein, mein Junge, fuhr er fort, Du bist kein Kind. In Dir steckt mehr Intelligenz und vor Allem mehr Energie und mehr Leidenschaft, als in den meisten Männern, die ich kenne. Ich habe unbedingtes Vertrauen zu Dir, und ich bin in der Absicht gekommen, Dir heute davon einen Beweis zu geben, der Dir hoffentlich genügen wird. Du hast doch heute Abend frei? Ja. Die beiden Anderen sind auf dem Schlosse; da habe ich Doctor Urban, unter dem Vorwande, zum Onkel gehen zu wollen, gebeten, mich vom Abendbrod zu dispensiren. Vortrefflich! erwiederte Tusky. Wir werden so schon Mühe haben, nicht allzu spät zurückzukommen. Was hast Du vor? Ich sag' es Dir unterwegs. Und die Beiden begannen mit rüstigen Schritten die Bergschlucht hinauf zu steigen. Vierundzwanzigstes Capitel. Der anfänglich ziemlich steile Pfad begünstigte nicht eben eine lebhaftere Unterhaltung, auch waren die beiden jungen Leute zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. So gingen sie denn schweigend neben einander hin, bis sie aus dem Hohlwege und dem Walde heraus auf eine der vielen Stufen des in Terrassen abfallenden Gebirges gelangten. Hinter und unter ihnen lag der Wald, den sie soeben durchschritten hatten, jenseits des Waldes die fruchtbare Ebene, aus welcher hie und da die Bäche im Abendsonnenschein blinkten. Es war ein lachender, friedlicher Anblick, der auf eine sonderbare Weise mit der unmittelbaren Umgebung contrastirte; denn das allmälig aufsteigende Plateau, auf dem sie sich befanden, verdeckte mit seinem höchsten Rande die schönen waldbedeckten Höhen des eigentlichen Gebirges, und was man um sich her sah, war anzuschauen wie eine gewaltige Tafel, auf die eine Teufelsfaust mit grausigen Zügen das Wort Vernichtung geschrieben hat. Kein Baum, kein Strauch, nur hie und da Büschel von gelbblühendem Ginster und hartem dürftigen Grase zwischen den zahllosen großen und kleinen Steinen. Der Wind, der keinen Widerstand, fand, wehte hier schärfer und kühler, als in der Ebene, und der Gesang einer einzelnen Lerche, welche die Wanderer aufgescheucht hatten, und die nun langsam in die Höhe stieg, klang in der lautlosen Stille rings umher einförmig und klagend. Als die Beiden über die steinige Ebene weiter schritten, und Leo, der selten bis hierher gekommen war, mit lebhaftem Interesse die Wüste um sich her betrachtete, fragte Tusky plötzlich: Hast Du das Buch, das ich Dir das letzte Mal gab, gelesen? Ja. Nun, was sagst Du? habe ich übertrieben? Ist nicht Alles, wie ich es Dir geschildert habe? Furchtbarer, noch viel furchtbarer ist es, rief Leo; ja es ist so furchtbar, daß es eigentlich Menschenworte gar nicht schildern können, und der Autor deshalb das Entsetzlichste so ruhig und wortkarg berichtet, als wäre es das Gewöhnlichste, als könnte es eben nicht anders sein. All' dies Spießen und Köpfen, Sengen und Brennen, Rauben und Morden – mir steht das Herz still, wenn ich daran denke, wenn ich denke, daß es Menschen waren, die es thaten. Nein, keine Menschen! Heißhungrige Wölfe! Wilde, blutdürstige Bestien, die würgen, weil ihnen das Würgen eine Lust ist, weil das dampfende Blut sie rasend macht. Warum hast Du mir dies Buch gegeben? Es hat mir so weh gethan, wie noch nichts im Leben. Meinst Du, es hat mir Freude gemacht? erwiederte Tusky; meinst Du, ich habe gern gelesen, daß man meine Väter wie Hasen gehetzt und niedergeschossen, oder auch vielleicht bei lebendigem Leibe am langsamen Feuer gebraten hat? Und warum ich es Dir gegeben habe? Weil Du zweifeltest, weil ich Dir den Rest von blindem Glauben an die Güte der Menschennatur austreiben, weil ich Dich in die Gesetze des großen Kampfes einweihen wollte, der zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen, zwischen den Reichen und den Armen von je geführt worden ist und geführt werden wird, so lange nicht dieser Unterschied, der viel schlimmem ist, als der der Religion oder der Rasse, bis auf die letzte Spur getilgt ist. Und warum es mich noch furchtbarer ergriffen hat, sagte Leo in dumpfem Ton, ist, daß ein langer Act des grausen Dramas hier in unserer Gegend, in unserer unmittelbarsten Nähe gespielt hat. Was gehen mich schließlich die Meder und die Perser, die Griechen und die Römer an! Sie sind so lange todt, und die Länder, in denen sie lebten, wird mein Fuß vielleicht nie betreten. In unseren Bauernkriegen aber ist Alles für mich von greifbarer Wirklichkeit. Dieser Himmel hier ist von dem Schein der brennenden Dörfer geröthet worden! das Echo dieser Berge hat das Wuthgeheul der Würger, den Angstschrei der Erwürgten wachgerufen: ja, wer weiß, ob diese Stätte, auf der wir jetzt gehen, nicht der Schauplatz solcher Mordscenen gewesen ist? Wer es weiß? rief Tusky; ich weiß es und kann es Dir sagen. Diese Stelle ist der Schauplatz einer Mordscene, einer der grausigsten Mordscenen des ganzen Krieges gewesen. Hier auf dieser wüsten Stelle haben einst zwei Dörfer gelegen, nicht eben blühende, reiche Dörfer, aber doch von Obstbäumen und Feldern umgebene Wohnungen armer bescheidener Menschen, die zufrieden gewesen waren und ihrem Herrn unterwürfig gefrohndet hatten jahrhundertelang. Aber als sie das neue Evangelium überall in dem Lande zu predigen begannen, da standen die armen braunen Menschen still vor ihrem Pflug, den sie mit den eigenen Schultern durch den mageren steinigen Boden zogen, und horchten hoch auf; und als hie und da in nächtlicher Weile die Flammen brennender Schlösser aus der Ebene heraufleuchteten, da glaubten sie, daß es Zeit sei, den kämpfenden Brüdern zu Hilfe zu ziehen, und sie ließen den Pflug auf dem Felde, ergriffen die alten Hellebarden, die von der Urväter Zeiten in dunklen Ecken der Hütten lehnten, nahmen Abschied von Weib und Kind und kämpften als die Wackersten der Wackeren mit bei allen Gelegenheiten; wo es ernstlich galt, Leib und Leben daran zu setzen. Und als nach der Schlacht bei Mühlhausen die letzten Bande der Ordnung in dem Bauernheer sich vollends lösten und auf keine Hilfe und keine Rettung mehr zu hoffen war, thaten sich jene Wackeren, so viel ihrer sich noch fanden, zusammen und schlugen sich und stahlen sich durch tausend Gefahren bis in ihre Heimathberge, wo sie vor aller Verfolgung sicher zu sein hofften. Eines Abends, so erzählt die Sage, die noch heute hier in den Bergen umgeht, eines Abends bei Sonnenuntergang gelangten sie in den Wald, den wir soeben durchschritten. Sie waren todmüde von dem ungeheuren Marsch; aber die Freude, der Gefahr nun doch entronnen zu sein, und die fröhliche Erwartung des Wiedersehens ihrer Lieben gab den ermatteten Gliedern frische Kraft und stärkte die wunden Füße. Wir wollen kommen wie Schnitter von der Ernte, rief ein junger Bursch, brach ein Eichenzweiglein ab und steckte es an den Hut; die Anderen folgten seinem Beispiel. So zogen sie geschmückt, fröhlichen Muthes, singend durch den Wald. Aber, so erzählt die Sage weiter, schon nach kurzer Zeit hörte Einer zu singen auf, und dann ein Zweiter und Dritter, und es dauerte nicht lange, so schwiegen sie Alle, und Allen wurde so feierlich zu Muthe, und Allen wurde das Herz so schwer, als ob ihnen ein Furchtbares bevorstände. Und die Ahnung hatte sie nicht betrogen. Das Verderben, das sie hinter sich gewähnt hatten, war vor ihnen hergeschritten und hatte bereits ihr Theuerstes getroffen. Die beiden Dörflein waren nur noch zwei rauchende Trümmerstätten, verglimmende Scheiterhaufen der mitleidslos hingeopferten Greise, Weiber und Kinder. Nicht Einer war übrig geblieben, zu sagen, was die Anderen gelitten, nicht Einer! – Was das Feuer verschont hatte, hatte das Schwert gewürgt! – Da standen sie nun, die armen Dörfler. Das Glück hatte sie nie als Schoßkinder behandelt; sie hatten von Jugend auf der Noth und des Elends die Fülle gehabt, und gar die letzte Zeit hatte sie rauh genug gepackt; aber jetzt war geschehen, was nicht mehr zu tragen war. Das fühlten Alle, das sagten Alle. Und weiter berichtet die Sage, daß die Schaar der Dörfler noch in derselben Nacht weiter in das Gebirge hinaufgezogen ist bis an eine Stelle, von der sie wußten, daß das Heer der Sachsen sie passiren würde. Dort haben sie sich in einem Hohlwege auf die Vorüberziehenden gestürzt, wie hungrige Wölfe in eine Heerde, und dort sind sie, nachdem sie ein furchtbares Blutbad angerichtet, in stundenlangem, entsetzlichem Kampfe Mann für Mann erschlagen worden. Tusky schwieg. Die Lerche hatte sich wieder auf die Erde gesenkt; kein Ton, als der des Windes, der über die steinige Oede strich; an dem westlichen Himmel erloschen allmälig die rosigen Gluthen; über den östlichen Rand des Plateaus dämmerte der Abend herauf. Leo war in tiefster Seele bewegt. Die grausigen Bilder, die Tusky heraufbeschworen, standen noch vor seinem Auge; aber das Ende der unseligen tapferen Schaar erfüllte ihn mit neidvoller Bewunderung. O! rief er plötzlich aus, was macht ein solcher Heldentod nicht Alles wieder gut! Wenn es doch auch mir vergönnt wäre, so für die heilige Sache der Freiheit zu sterben! Wichtiger und ersprießlicher wäre, für die heilige Sache zu leben, sagte Tusky mit Bedeutung. Wie können wir das, rief Leo; was vermögen wir in unserer Zeit? in dieser zahmen, jämmerlichen Zeit! Sehr viel, erwiederte Tusky, wenn wir ernstlich wollen, und wenn wir das Stück Gefahr, das auf dem Wege liegt, nicht scheuen. Tusky's trockene, harte Stimme nahm, wenn er sehr erregt war, einen eigenthümlich hellen, schwingenden Ton an. Leo kannte diesen Ton, und jetzt, als dieser Ton sein Ohr berührte, horchte er hoch auf. Was meinst Du? fragte er eifrig. Du hast Dich oft genug selbst über all' die tausend Mittel und Mittelchen beklagt, welche sich ein weiser Despotismus ausgeklügelt hat, den Trotz seiner Unterthanen gründlich zu brechen. Der Flurschütz, der am Tage durch die Felder, der Wächter, der am Abend durch das Dorf streift, der Schulmeister, der den Buben das A-B-C lehrt, der Pfaff, der sie einsegnet, und der Unterofficier, der sie drillt – wenn die Fünf zusammenhalten, hast Du gesagt, kann die Regierung ihre Bauern scheren, wie der Hirt seine Schafe. Wenn sie nun aber nicht zusammenhalten, sagte Tusky; wenn nun ein Glied in dieser Kette bricht? Wenn sie gerade in der Mitte reißt, wie dann? Und wenn ich nun dieses Glied wäre? Oder glaubst Du etwa, daß ich hiehergekommen bin, um den Willen meiner gleißnerischen, scheinheiligen, tyrannischen Auftraggeber zu erfüllen? Glaubst Du, daß ich mich für die Schmach, die dreijährige Schmach der Sklaverei, die ich erduldet habe, nicht rächen will? Daß mich der Gehorsam, den ich dem Doctor Urban erweisen muß, nicht rasend macht? Ich will Rache haben; ich will die Schmach abwaschen, ich will, daß ein Tag kommt, wo ich diesen Gehorsam wie eine Narrenkappe von mir schleudern kann – und Leo, so wahr die Sonne hinter uns versunken ist und vor uns die Nacht heraufzieht, der wieder ein Morgen folgt – dieser Tag wird kommen. Nicht umsonst habe ich Dich zu dieser Stunde an diesen Ort geführt, nicht umsonst habe ich die Schatten heraufbeschworen, die der Sage nach in nächtlicher Weile zwischen diesen Steinen umgehen. Ich wollte, daß Du den Finger an die Freiheitsader legtest, die einst in dem sehnigen Arme unseres Volkes schlug, und dann wollte ich Dir sagen, daß diese Ader nicht vertrocknet ist, daß noch bis zu dieser Stunde, wenngleich in langsameren Intervallen, die Lebenswelle steigt und fällt. Wie das Gedächtniß des Volkes das Schicksal der beiden Unglücksdörfer und ihrer Bewohner bewahrt hat, so hat es auch nicht vergessen, daß es einst frei war und dann in Bande geschlagen wurde, und daß es einmal versucht hat, diese Bande zu sprengen. Und noch bis auf den heutigen Tag kennt man die alten Sprüche, die man sich damals in's Ohr raunte, und mit denen man die Geister aus ihrem langen Schlummer rief; noch kennt man die heiligen Zeichen, welche die Fahne schmückten, um die sich das arme Volk schaarte zum Kampf auf Leben und Tod um das Leben, das ihm der Ritter und der Pfaff so sauer machten. Sieh' her! Tusky zog ein dünnes Tuch von weißer Baumwolle aus der tiefen Seitentasche seines Rockes und breitete es aus. Der Bundschuh! rief Leo, sobald er die wunderliche Figur, die mit rother und brauner Farbe sauber und zierlich auf das Tuch gemalt war, erblickte. Der Bundschuh! wiederholte Tusky, indem er das Tuch wieder zusammenrollte. Das ist noch immer das Zeichen, das Blinde sehend, Lahme gehen und Taube hören macht. Und dies Zeichen ist wirklich noch gekannt? Hie und da, erwiederte Tusky; es ist wie eine alte, halbverklungene Melodie, von der die zusammenhangslosen Töne den inneren Sinn beunruhigen. Man braucht nur ein paar Tacte kräftig anzuschlagen, da fällt der Träumer freudig ein und findet das Uebrige zu seiner eigenen Ueberraschung von selbst. Und wo die Erinnerung ganz gestorben ist, da ist dies Zeichen ein vortrefflicher Lebenswecker. Du siehst, dies ist ein Taschentuch mit einem etwas seltsamen Muster, nichts mehr und nichts weniger. In der Wirthsstube, wo ich meiner Sache sicher zu sein glaube, ziehe ich es heraus und breite es wie zufällig aus. Da sieht denn der Eine oder der Andere den Schuh und fragt, was denn das seltsame Ding bedeute? Ich sage, daß ich es von meiner Mutter habe, die es wieder von ihrer Mutter hat, die es von ihrer Urgroßmutter geerbt haben will. Und daß sich wunderliche Geschichten an dies Tuch knüpfen, Geschichten aus längst vergangener Zeit, als noch der Edelmann über Leib und Leben seiner Hintersassen gebot, und Schoß und Steuern schier nach Gutdünken auferlegte, und es so lange und so weit trieb, bis der arme Konz überall, von den Alpen bis in unsere Berge, aufstand. Da giebt denn so ein Wort das andere; sie fragen und hören und trinken Branntwein und bekommen heiße Köpfe, und schließlich finden sie meistens, daß sie noch sind, was ihre Vorfahren waren: elende, arme Tröpfe, die von ihren Drückern genergelt und gehudelt werden, und die sich doch nur auf ihre Kraft zu besinnen brauchten, um freie Menschen zu sein. Auf den Gedanken kommen sie freilich nicht von selbst, den muß ich Ihnen beibringen – nicht auf einmal, wie Du Dir denken kannst – ganz allmälig, ganz geduldig, nach manchen Prüfungen, manchen Zögerungen, bis ich dann sehe, daß ich mich vollkommen verlassen kann. Ich sage Dir, Leo, ich habe tüchtige Männer gefunden, selbst dort unten bei Euch in den wohlhabenden Dörfern, vor Allem aber da oben unter den Holzfällern, Kohlenbrennern und Nagelschmieden. Wie der Herr den Armen und Einfältigen sein Evangelium predigte, weil die Reichen und Klugen es nicht hören wollten, so verkünde ich die neue Botschaft am liebsten Denen, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit in unserem Sinne, nach der Gerechtigkeit, die Jedem das Seine giebt, die aber nicht geduldig wartet, bis es dem lieblosen Reichen gefällt, liebreich zu werden, sondern die auch mit rauher Hand zu nehmen weiß, wo und wann es noththut. Das ist der neue Bund, Leo, der neueste und letzte Bund; denn in ihm ist die ganze Menschheit eingeschlossen, die gute, weil sie will, die schlechte, weil sie muß. Diesen Bund zu fordern, das ist die Aufgabe meines Lebens, an die ich mein Leben selber setzen will. Tusky war stehen geblieben; das fahle Licht des Abends ließ sein blasses Gesicht noch bleicher erscheinen. Seine große, knochige Gestalt ragte mächtig aus der Fläche auf; seine helle Stimme klang wie eherner Weckruf. Es war der Prophet der Wüste, der sein: Thut Buße und bessert Euch! kühn in die Welt hineinschleudert; es war der Geist der Oede, der einen Körper angenommen hatte; der Dämon des armen Volkes, dessen jahrhundertelanger Schrei nach Brod und wieder Brod jahrhundertelang ungehört verhallt ist. So wenigstens erschien der mächtige Mann dem jüngeren Freunde. Hier war der Held, der ihn retten konnte aus dem Labyrinth unseligster Zweifel; ja, der ihn schon gerettet hatte, in diesem Augenblicke gerettet hatte, für nun und für immer! Seine Augen füllten sich mit Thränen der Begeisterung; mit beiden Händen ergriff er Tusky's Hände und flehte: So nimm auch mich auf in Deinen Bund! Wie Du mich bis jetzt belehrt und geleitet hast, so lehre mich und leite mich weiter; laß mich Alles wissen! Du sollst keinen treueren Schüler, keinen ergebeneren Diener haben, als mich. Du meinst, die heilige Sache soll keinen ergebeneren Diener, keinen treueren Schüler haben! erwiederte Tusky. Was ist denn an dem Einzelnen gelegen! Und um der Sache willen mußt Du schwören! Was soll ich schwören? Schwöre, daß Du der Sache des armen Volkes treu sein willst bis in den Tod! Ich schwöre es! Ein Bergfalke flog über die Haide und ließ zu wiederholten Malen seinen heiseren Schrei ertönen; der Wind hatte sich lebhafter ausgemacht und zischelte durch den Ginster und das lange Gras. Die beiden jungen Leute hielten sich noch bei den Händen gefaßt und blickten sich in die Augen. Möge Dich nie gereuen, was Du soeben versprochen hast! sagte Tusky. Fünfundzwanzigstes Capitel. Sie schritten weiter über die steinige Oede, bis sie den Rand des Plateaus erreichten. Vor ihnen erhob sich jetzt ein bewaldeter Höhenzug, über den die dunklen Massen des eigentlichen Gebirges ragten; zwischen der Stelle aber, wo, sie standen, und dem Höhenzug war ein tiefer Einschnitt, und in dem Grunde dieses Einschnitts sah man die Dächer eines winzigen Dorfes, aus dessen Schornsteinen der Rauch in dünnen blauen Säulchen emporstieg und, von dem Winde an die Berglehne getrieben, sich dort zu einem leichten grauen Gewölk auseinander breitete. Du wirst, sagte Tusky, während sie den steilen Hang hinabstiegen, in dem Nest da unter uns einen kleinen Beitrag zu der langen Leidensgeschichte unseres Volkes finden. Es wird fast ausschließlich von Nagelschmieden bewohnt, die bei ihrem kümmerlichen Gewerbe, das sie von ihren hungernden Vätern überkommen haben, ebenso weiter hungern. Sie haben es nicht ganz so gut wie die Ratten. Die Ratten verlassen das Haus, wo es nichts mehr zu nagen und zu beißen giebt, aber wohin sollen sich diese armen Menschen wenden? zur Auswanderung gehört noch immer ein wenig Muth und ein wenig Geld; sie haben weder das Eine, noch das Andere, und die Regierung denkt natürlich nicht daran, die lästigen Bettler auf gute Weise von ihrer Thür fortzuschaffen. Die Fracht nach Amerika kostet zu viel; das Tannenholz ist noch ziemlich billig in dieser Gegend, und schließlich kann man ja die armen Teufel auch ohne Särge verscharren. Ich habe einige Sympathie für die armen Teufel, denn ich stamme väterlicher- und mütterlicherseits von ihnen ab, und meine Mutter und meine Schwester wohnen noch hier. Die Dörfer hier oben und ihre Bewohner stehen bei Euch in einem üblen Geruch. Mir freilich ist diese Beziehung wenig störend; ein paar Bettler und Diebe mehr in der Verwandtschaft zu haben, verschlägt bei mir nicht viel, und dann finde ich, wie ich Dir schon sagte, hier einen trefflichen Boden für meine Saat. So hast Du unter ihnen schon Mitglieder für den Bund geworben? fragte Leo. Ja, erwiederte Tusky, freilich nur sehr wenige vorläufig, denn ich wäge die Münzen wieder und wieder, bevor ich sie als echt annehme. Einige Andere sind halb gewonnen, wieder Andere, denen nicht ganz zu trauen ist, spare ich für den Augenblick der Entscheidung auf. Es sind Schafe, die, wenn es brennt, blindlings dem Leithammel nachspringen. Und wirst Du – wirst Du mich als Wissenden zu den Wissenden führen? Nein; Deine Jugend, Deine städtische Tracht und Deine feinen Manieren würden meinen braven Freunden Mißtrauen einflößen. Die Zeit wird kommen, wo Du handelnd auftreten kannst. Für jetzt mußt Du noch im Schatten bleiben und es Dir, während ich im Dorfe meinen Geschäften nachgehe, in der Stube bei meiner Mutter genügen lassen. Die Mutter kann nichts zu Deiner Unterhaltung beitragen, sie ist für Alles, was um sie vorgeht, abgestorben; aber meine Schwester wird Dich gut genug unterhalten, wenn sie nicht übler Laune ist, was ihr freilich öfter begegnet. Sie waren, zuletzt auf sehr unregelmäßigen Steinstufen hinabsteigend, an dem Fuße des steilen Hanges und zugleich bei dem Dorfe angelangt. Es war ein unsäglich elender Ort, ohne eine Spur der Poesie, die er aus der Entfernung, von der Höhe aus gesehen, gehabt hatte: voller Schmutz, mit sehr vielen bleichen, krank aussehenden Kindern auf den Schwellen der jämmerlichen Hütten, die eher den Erdhöhlen wilder Thiere, als menschlichen Wohnungen glichen. Kein Blöken von Schafen, kein Brüllen von Kühen, kein Schwatzen und Singen von Mägden und Knechten, keins der Zeichen, die sonst das gesunde Leben eines Dorfes verkünden; Alles still und todt; die einzigen Laute das gleichmäßige Klopfen der Hämmer in den Hütten, auf deren Herden man armselige Kohlenfeuer mühsam unterhielt, und auch das Klopfen hatte wenig Aehnlichkeit mit rüstiger Schmiedearbeit: es klang schwach und dumpf und hilflos, als ob man ringsumher Särge zunagelte. Dazu war die ganze Atmosphäre mit Braunkohlenrauch angefüllt, der das matte Licht des Abends, das in diese Tiefe so schon spärlich genug drang, noch verdunkelte. Leo, der von seinem väterlichen Dorfe keineswegs verwöhnt war, wurde es unheimlich in dieser Umgebung, und er warf einen scheuen, fragenden Blick auf seinen Begleiter. Tusky lächelte. Kein Paradies, Leo? sagte er, wie? Aber das kommt vom aristokratischen Umgang, mein Junge; Unsereiner ist schon mehr daran gewöhnt. Da wären wir. Er blieb vor einer der kleinsten Hütten, die etwas abseits von der Dorfstraße lag, stehen, und klopfte an das einzige, von innen durch ein spärliches Licht matt erhellte Fenster. Gleich darauf erschien ein junges Mädchen in der niedrigen Thür, deren untere Hälfte angelehnt war. Bist Du's, Hans? fragte das Mädchen. Diesmal nicht, sagte Tusky, hinter der oberen Hälfte der Thür, die ihn verdeckt hatte, hervortretend; Du mußt schon mit mir vorlieb nehmen. Das Mädchen prallte zurück. Du kommst auch immer so! sagte sie mit unterdrückter Heftigkeit. Habe keinen Bedienten, daß ich mich vorher anmelden lassen könnte, sagte Tusky. Das Mädchen verzog den hübschen Mund und warf aus den grauen Augen einen Blick auf den Begleiter des Bruders. Der Anblick des schönen Jünglings schien sie etwas milder zu stimmen. Sie lächelte, wobei sie zwei Reihen schneeweißer Zähne zeigte, und sagte freundlich: Willst Du nicht hereinkommen, Conrad? Ich nicht, sagte Tusky; aber dieser hier wird eine halbe Stunde bei Dir bleiben – es kann auch eine Stunde währen. Tusky ging weiter in das Dorf und trat in eins der Häuschen, aus welchem, wie so ziemlich aus allen, das Pochen von Hämmern heraustönte. Leo folgte dem Mädchen, das vorher den Fensterladen anlegte und dann auch die Thür verschloß, auf den schmalen Flur der Hütte, aus welchem man links in ein niedriges, weißgetünchtes Gemach kam. Im Hintergrunde standen zwei Betten: ein großes, mit einem Vorhang von buntgeblümtem Kattun versehenes, und ein kleines ohne Vorhang. In der Mitte stand ein kleiner Tisch, auf dem ein Küchenlämpchen flackerte. In der Ecke ein plumper Ofen aus braunen Kacheln, ein Küchenschrank, ein paar Schemel – das war die ganze Ausstattung. Das Mädchen trat an das große Bett, schlug den Vorhang ein wenig auseinander und blickte hinein. Leo hörte eine röchelnde Stimme etwas murmeln, was er nicht verstand. Das Mädchen rief in gleichgiltigem Tone: Ja, Mutter! und ließ den Vorhang wieder fallen. So ist sie immer, sagte sie dann, sich zu Leo wendend, tagaus, tagein, jahraus, jahrein. Und ich muß immer so dabei sitzen – das ist langweilig. Steht sie niemals auf? fragte Leo mit leiser Stimme. Sie können laut sprechen, antwortete Eve, sie hört es nicht, und wenn sie es hört, versteht sie es nicht. Ob sie aufsteht? Sie kann nicht stehen oder gehen; ich hebe sie aus dem Bett in das Bett. Sie ist, Gott sei Dank, nicht schwer. Leo fühlte sich in der seltsamen Umgebung, in der er sich so plötzlich und so eigentlich ohne alle Vorbereitung versetzt sah, sehr beklommen. Das verhüllte Bett mit der geheimnißvollen Kranken, von der er blos einen Augenblick die röchelnde Stimme gehört hatte und die nun so still war wie ein Todter – das unsichere Licht des Lämpchens, das Alles in einem zitternden Halbdunkel ließ – die dumpfe Luft in dem Gemache, die ihm, der eben von draußen kam, fast den Athem benahm – es war wie in einem wirren, wüsten Traum. Er wäre am liebsten aus der Stube und aus dem Hause fort gestürzt, aber er fand nicht den Muth dazu. Es scheint Ihnen nicht eben bei uns zu gefallen, junger Herr? sagte das Mädchen. Sie hatte sich an den Tisch gesetzt, den Kopf mit den langen dunklen Haaren in beide Hände gestützt, und Leo mit den grauen funkelnden Augen starr ansehend. O doch, erwiederte Leo. So setzen Sie sich, sagte sie; aber nehmen Sie sich in Acht, der Schemel wackelt ein bischen. – Nur immer heran, ich werde Sie nicht aufessen. Sie lachte kurz und heftig, wobei sie wieder ihre weißen Zähne zeigte. Leo lachte aus Höflichkeit mit. Sie brauchen nicht zu lachen, wenn Sie nicht Lust haben, sagte Eve; ich lache auch gewöhnlich nur, wenn es so stundenlang still um Einen her ist, daß das Blut in den Ohren saust. Da weiß man doch, daß man noch nicht todt ist. Nun, warum sprechen Sie denn nicht? Sind Sie immer so stumm wie ein Fisch? Ist das bei Euch vornehmen Leuten so Sitte, dazusitzen und die Menschen anzugaffen, als wenn man ein wildes Thier wäre? Ich gehöre nicht zu den vornehmen Leuten, sagte Leo; ich bin ein Bauernkind wie Sie. So? sagte Eve, Sie sehen nicht danach aus. Sie brauchen mir nichts weiszumachen, ich bin nicht so dumm. Wo sind Sie denn her? Wie heißen Sie? Leo nannte seinen Namen; er sagte, daß sein Vater im vergangenen Jahre in Feldheim gestorben und daß er jetzt auf Kosten des Freiherrn bei dem Pastor in Tuchheim sei. Eve hatte aufmerksam zugehört. Da haben Sie's besser als Unsereiner, sagte sie; meiner wird sich Niemand annehmen, wenn die da – sie wies über die Schulter nach dem Bette – gestorben ist. Der Conrad wird über kurz oder lang heirathen, dann kann er mir nichts mehr geben, und ich mag sehen, wie ich durchkomme. Im Sommer, wenn die Tage lang und die Nächte kurz und warm sind, ist's schon ganz lustig oben im Walde – aber im Winter! Da findet sich nichts, und arbeiten mag ich nicht. Aber ich weiß, was ich thue; ich gehe in die Stadt. Da giebt's große Häuser, die im Winter ganz warm sind, und viele, viele Menschen, die nichts zu thun haben, als zu essen und zu trinken und zu schlafen. Aber in der Stadt muß man auch arbeiten, wenn man leben will, sagte Leo. Das Mädchen blickte ihn erstaunt an. So? sagte sie. Sie schien über den unerwarteten Einwurf nachzudenken. Es ist nicht wahr, sagte sie; man braucht da nicht zu arbeiten. Ich habe eine Tante in der Stadt. Sie kam als sechszehnjähriges Mädchen hin; ein Jahr darauf war sie verheirathet an einen Mann, der Bedienter bei einem großen Herrn ist. Die braucht nicht zu arbeiten. Das weiß ich von meinem Bruder, der gar nicht gut auf die Tante zu sprechen ist, weil sie uns nichts abgiebt, obgleich sie es hat. Das ist ein Zufall, daß es Ihrer Tante so gut gegangen ist, sagte Leo; wenn sie nun nicht geheirathet hätte? Ja, warum sollte sie nicht geheirathet haben? erwiederte Eve; einen Mann kriegt man immer, wenn man einen will. Pah! Ich könnte hier an jedem Finger einen haben; aber ich danke schön! Die haben Alle selber nichts. Der Hans ist noch am reichsten; aber viel ist's auch nicht, so daß man eben nicht verhungert. Da thut mir's denn leid. Wenn er Sie aber liebt und Sie ihn lieben, da müßten Sie ihn doch heirathen, erwiederte Leo. Sieh' einmal! sagte Eve, müßte ich das? Woher wissen Sie denn das so genau? Haben Sie vielleicht auch schon einen Schatz? Leo stieg bei dieser Frage das Blut in die Wangen. Wie sollte ich dazu kommen? murmelte er. Das Mädchen schien sich an seiner Verlegenheit zu weiden. Ihre Augen funkelten, ein seltsames Lächeln zog um ihre üppigen Lippen. Sie rückte mit ihrem Schemel nahe an Leo heran und fragte, indem sie sich weit vornüber lehnte und den Kopf auf den linken gebogenen Arm stützte, so daß sie dem Jüngling bequem in das erröthende Gesicht sehen konnte: Wie alt sind Sie denn eigentlich? Ich wurde im letzten Frühling siebenzehn Jahre, antwortete Leo. Ich auch, sagte Eve, da passen wir ja gut zusammen. Sie gefallen mir auch viel besser, als der Hans. Sie haben so schöne braune Augen und so feine lange weiße Finger. Der Hans hat Hände – so breit! und wenn er was getrunken hat, glotzen seine grünen Augen wie Fischaugen. Wollen Sie mich heirathen? Leo fand auf diese sonderbare Frage keine Antwort; er versuchte zu lächeln, aber es wollte nicht gelingen; seine Lippen zitterten, sein Herz schlug heftig gegen seine Rippen. Er vermochte die Augen nicht aufzuschlagen, obgleich das Gesicht des Mädchens so nahe vor seinem Gesicht war, daß er den heißen Athem deutlich fühlte. Eve wartete seine Antwort nicht ab. Was hat Ihnen der Conrad von mir erzählt? fragte sie in einem leiseren Tone, als in welchem sie bisher gesprochen hatte. Er hat mir nichts von Ihnen erzählt, stotterte Leo. So? sagte Eve, nichts erzählt? Er hätte nicht erzählt, daß ich ein Ding bin, das niemals hat gutthun wollen? Daß ich früher immer weggelaufen bin, bis mich der Landjäger wiederbrachte und mich der Vater halb todt schlug? Das hat er Ihnen nicht erzählt? Nein, versicherte Leo. Warum fürchten Sie sich denn vor mir, wie vor einer Katze, die kratzt? Ich fürchte mich nicht, erwiederte Leo und machte eine große Anstrengung, Eve anzusehen. Ihre Augen sind hübsch genug, sagte Eve; wenn man ordentlich hineinsieht, schaut man sein Gesicht wie in einem Brunnen. Sie legte ihren rechten Arm um seine Schulter. Ein Schauder durchrieselte den Jüngling; es war ihm, als ob er ersticken müßte; er versuchte aufzustehen, aber seine Glieder versagten ihm den Dienst. Das wacklige Tischlein, an dem sie saßen, gerieth ins Schwanken, die Kranke stöhnte laut in ihrem Bette; zugleich pochte Jemand vernehmlich gegen den Laden. Es ist Conrad, sagte Eve in hastigem Tone. Wollen Sie morgen, oder wann Sie können, ohne ihn kommen? Wieder pochte es gegen den Laden. Ja, ja! rief Eve, wart' nur! Und sie eilte, die verschlossene Thür zu öffnen. Tusky trat mit ihr herein. Er warf einen prüfenden Blick auf seine Schwester und auf Leo, der, sich halb abwendend, die Gluth seiner Wangen zu verbergen suchte, machte aber keine Bemerkung, sondern trat an das Bett, schien nach dem Puls und dem Kopf der Kranken zu fühlen und ließ den Vorhang dann wieder fallen. Wie ist die Mutter gewesen? fragte er, zu Eve gewendet. Wie immer, antwortete Eve, die sich an dem kleinen Schrank in: Hintergrunde des Zimmers zu schaffen machte. Tusky zählte einiges Geld auf den Tisch. Du hast der Ursel das Brod nicht bezahlt, Eve; warum nicht? fragte er unterdessen. Ich hatte nichts mehr, antwortete Eve kurz. Weil Du Dir von dem Hausirer ein seidenes Band gekauft hast, sagte Tusky. Wenn Du es weißt, warum fragst Du mich? antwortete Eve. Um Dich daran zu erinnern, daß ich kein Geld für seidene Bänder habe, sagte Tusky; merk' Dir das, Eve, und komme nicht wieder auf Deine alten Streiche. Du weißt, ich lasse nicht mit mir spielen. Eve blickte trotzig auf. Du wärst der Letzte, den ich mir zum Spielen aussuchen würde! sagte sie. Da sind wir ja einig, erwiederte Tusky; wir müssen fort, Leo, es ist die höchste Zeit. Er schritt nach der Thür. Leben Sie wohl! sagte Leo. Eve, die noch immer an dem Schrank schaffte, wendete sich nicht um und erwiederte nichts. Leo zögerte noch einen Augenblick auf der Schwelle, dann folgte er dem Freunde, der bereits draußen auf der Gasse stand. Es war mittlerweile fast dunkel geworden. Sie schritten durch das Dorf. Die Kinder waren von den Thüren verschwunden. Ein paar dunkle und, wie es Leo schien, zerlumpte und verhungerte Gestalten strichen an ihnen vorbei. Aus den niedrigen Hütten schienen die matten Feuer von den kleinen Herden und klang das dumpfe, unheimliche Klopfen. Leo athmete freier, als das Dorf hinter ihnen lag und sie wieder die Berglehne hinaufzusteigen begannen. Es wurde auf dem Rückwege wenig gesprochen und nichts von den Gegenständen, die auf dem Herwege mit solchem Ernst verhandelt waren. Nur einmal, als sie, aus dem Walde heraustretend, im Schein des Vollmondes, der unterdessen leuchtend am blauen Himmel aufgestiegen war, das herrschaftliche Schloß auf der Höhe und am Fuße derselben die Kirche liegen sahen, sagte Tusky, mit der Hand hinabdeutend: Nimrod und Baal! So haben sie damals den Ritter und den Pfaffen getauft – vor drei Jahrhunderten! Und heute stehen wir noch am Anfang des Anfangs! Und doch, was Menschenhände bauten, können Menschenhände stürzen, und die Lügen, die Menschengehirne ersonnen, können andere Menschengehirne in ihr Nichts auflösen. Aber es geht langsam, verzweifelt langsam. Dann wieder schweigend bergab und schweigend durch das Dorf. Vor Tusky's Wohnung trennten sich die Freunde. Leo hatte sich schon einige Schritte entfernt, als Tusky ihn zurückrief. Ich habe ganz vergessen, Dich zu fragen, wie Dir meine Schwester gefallen hat? fragte er in seinem scherzhaften Tone. O, gut, erwiederte Leo ausweichend. Das freut mich, sagte Tusky; aber nichtsdestoweniger möchte ich Dich doch vor ihr warnen und Dir den Rath geben, immer das Gegentheil von dem zu thun, was sie von Dir verlangt. Gute Nacht! Leo ging weiter. Was er auch thun mochte, er konnte das Bild des Mädchens mit dem dunklen üppigen Haar, den funkelnden Augen und den rothen Lippen nicht los werden. Selbst als er schon im Bette lag, sah er es noch immer; und als er endlich eingeschlafen war, stahl es sich sogar in seine wirren phantastischen Träume. Sechsundzwanzigstes Capitel. Charlotten's Befürchtung, daß dem Bruder aus der Uebernahme der Güter zu eigener Bewirthschaftung wenig Segen erwachsen würde, schien in Erfüllung zu gehen. Zum Theil lag die Schuld auf seiner Seite. Er hatte bisher in der Landwirthschaft nur immer dilettirt; er wußte Manches, aber nicht im Zusammenhang; er kannte aus Büchern und Journalen alle neuesten Maschinen, und weil die Vortheile augenscheinlich waren, wollte er so vortreffliche Hilfswerkzeuge auch nicht einen Augenblick entbehren. Er ließ sie also sofort, oft mit den größten Kosten, kommen, und wenn die theuren Instrumente auch nicht immer unbrauchbar waren, so leisteten sie doch keineswegs, was sie hätten leisten sollen. Fritz Gutmann stemmte sich vergeblich gegen diese Neuerungssucht, deren verderbliche Folgen sich bereits deutlich zeigten. Die Tagelöhner, welche sich bald mit diesen, bald mit jenen modernen Ungeheuern vergeblich abquälten, wurden ungeduldig, arbeiteten verdrossen, ja, da sie sich durch diese Maschinen in ihrem Verdienste geschmälert glaubten, verdarben sie wohl gar muthwillig etwas an dem Mechanismus. Der Freiherr beklagte sich dann bei den Fabrikanten über die unsolide Arbeit, und diese, welche sich bewußt waren, ihre Pflicht gethan zu haben, blieben die Antwort nicht schuldig. So gab es, Alles in Allem, ein unsicheres Tasten und Experimentiren, und wie in diesem Falle, so war es ziemlich in allen anderen. Nachdem der Freiherr einmal angefangen hatte, auf die Einzelheiten zu achten, sah er so viel, daß er nicht wußte, wo und wie er Alles unterbringen sollte, und das Ungehörige fiel ihm natürlich immer zuerst in die Augen. Hier war ein Strohdach, dort ein Zaun, hier eine Gartenmauer, dort eine Brücke, die sämmtlich geflickt, ausgebessert oder erneuert werden mußten. Die alten Wirthschaftsgebäude in Tuchheim waren dem Einsturz nahe, und das neue Pächterhaus in Feldheim so über alle Begriffe geschmacklos, daß es, nach des Freiherrn Meinung, unmöglich so stehen bleiben konnte. Vergebens, daß Charlotte vor Ueberstürzung warnte, vergebens, daß Fritz Gutmann ein genaues Register alles dessen, was wirklich einer Reparatur bedürftig war, aufnahm und den Freiherrn so in den Stand setzte, das Nothwendige nach und nach in Angriff zu nehmen. Ihr seht nicht, was ich sehe, rief der Freiherr; von Dir ist das überhaupt nicht zu verlangen, Charlotte, und was den Fritz betrifft, so meint er es gewiß gut, und es fällt mir nicht ein, ihm Tüchtigkeit und sicheres Erfassen des Einzelnen abzusprechen; aber es fehlt ihm der Blick für das Ganze, und den traue ich mir zu, wenn ich auch gern zugebe, daß ich in den praktischen Details noch viel zu lernen habe. Worauf es jetzt vor Allem ankommt, ist, den Leuten, die bei dem Schlendrian der Pächter gründlich verdorben sind, einen anderen Geist einzuflößen. Mit solchen trägen, unwissenden Subjecten ist nichts auszurichten. Hier muß der Hebel zuerst eingesetzt werden, oder das Ganze rückt nicht aus der Stelle. Leider hatte der Freiherr nur zu gegründete Veranlassung, mit dem schlechten Geist der Leute unzufrieden zu sein. Hie und da, und oft, wo er es am wenigsten vermuthete, stieß er auf eine versteckte Widerspenstigkeit, auf einen störrischen, bösen Willen. Bald war es einer der freien Bauern, mit dem er sich über eine Sache, die so klar war wie die Sonne, nicht einigen konnte; bald ein zinspflichtiger Häusler, der sich bitter über eine Last beklagte, die seine Väter wer weiß wie lange schweigend getragen und gegen die er selbst bis dahin noch nie gemurrt hatte; bald ein Tagelöhner, der eine schlecht gethane Arbeit besser bezahlt haben wollte. Allerdings konnte man sich nicht verhehlen, daß die Zeit selbst der Unzufriedenheit der Leute das Wort zu reden schien. Die Kartoffelernte war sehr dürftig ausgefallen, und überdies zeigten sich bereits jetzt, nachdem die Früchte kaum aufgenommen waren, die ersten Spuren der verderblichen Krankheit, so daß für den Winter das Schlimmste zu befürchten stand. Ebenso war bei dem unaufhörlichen Regen, der gerade in die Erntezeit gefallen war, das reichliche Korn zum Theil noch auf dem Felde verdorben, zum Theil hatte es, nicht gehörig ausgetrocknet, eingefahren werden müssen und moderte nun in den Scheunen. Dies traf die Tagelöhner, welche, wie es in der Gegend Brauch war, ihren Lohn nicht in baarem Gelde, sondern in einem bestimmten Theil des Getreideertrages erhielten, besonders hart. Sie murrten laut, was sie mit den nassen, kümmerlichen Garben, die kaum für das Vieh gut genug seien, anfangen sollten? Vergebens, daß der Freiherr ihnen zu beweisen suchte, wie er selbst unter der allgemeinen Calamität nicht minder leide, um so mehr leide, als ein nicht geringer Theil seiner Einkünfte in Zehnten und ähnlichen Abgaben, also ebenfalls in Naturalien bestehe, die ihm noch dazu bei dem allgemeinen Mangel fast nirgends in der vorgeschriebenen Quantität abgeliefert würden, während er seinerseits dem Tagelöhner gegenüber die schlechte Qualität durch ein reichlicheres Maß zu ersetzen suche. Und übrigens müsse man sich gedulden. Vorläufig sei wirklicher Mangel noch nirgends vorhanden. Komme es zum Aeußersten, so wüßten Alle aus langjähriger Erfahrung, daß ihr Gutsherr noch keiner Noth, die er habe lindern können, den Rücken gewendet habe; ihn aber vor der Zeit mit Bitten zu bestürmen, die er, ohne der Zukunft vorzugreifen, gar nicht erfüllen könne, das halte er für ungerechtfertigt, und er bitte seinerseits, daß man ihn damit verschone. Der Freiherr hatte diese kleine Rede vor der Thür seines Hauses an eine Schaar von mindestens zwanzig Leuten gehalten, die eines Sonntagmorgens aus verschiedenen Dörfern zu gleicher Zeit auf dem Hofe angelangt waren, um ihre Beschwerden dem gnädigen Herrn persönlich vorzutragen. Schon oft genug im Laufe der Jahre hatten ähnliche Scenen stattgefunden, und der Freiherr hatte noch jedesmal die Freude gehabt, daß die Petitionirenden ihm schließlich Recht gegeben und vor Allem in vollem Vertrauen zu seinem guten Willen von ihm gegangen waren. Diesmal war sein Erfolg kein so günstiger. Die Leute hatten seinen Worten mit dumpfen, mißmuthigen Mienen gelauscht und entfernten sich nach vielem Hin- und Widerreden, zum Theil in düsterem Schweigen, zum Theil murrend; ja, sie hatten, wie treuergebene Knechte dem Freiherrn berichteten, als sie eine Strecke vom herrschaftlichen Hofe entfernt gewesen waren, laute Scheltworte und Drohungen ausgestoßen. Der Freiherr kehrte nachdenklich und sorgenvoll in das Haus zurück. Ich weiß nicht, sagte er zu Charlotte, die Leute sehen heute ganz anders aus wie sonst. Ich habe Augen auf mich gerichtet gesehen, die eher in ein Rudel polnischer Wölfe, als in eine Schaar deutscher Landleute zu gehören schienen. – Und ist Dir denn nicht aufgefallen, sagte Charlotte, daß die Leute von Tuchheim, Feldheim und dem Vorwerke fast Alle zu gleicher Zeit kamen? Das wäre doch ohne eine vorhergegangene Verabredung gar nicht möglich gewesen. – Du hast Recht, rief der Freiherr, daran habe ich gar nicht gedacht! Sieh' einmal, sind wir bereits so weit? Complotiren und conspiriren wir schon? Das ist ja Wasser auf unseres Landraths Mühle; jetzt können die Räder seiner Polizeimaschinen, die in der letzten Zeit auch gar zu wenig zu thun hatten, wieder lustig klappern. Wahrhaftig, Charlotte, da kommt er auf den Hof gefahren! Tante Malchen hat Recht: Man soll um Gotteswillen den Teufel nicht an die Wand malen! Aber neugierig bin ich denn doch, was der uns bringt. Siebenundzwanzigstes Capitel. Der Freiherr war seinem Besucher bis an die Thür des Zimmers entgegengegangen und hatte ihn mit größerer Herzlichkeit, als es sonst wohl seine Gewohnheit gegen Leute, die er nicht leiden konnte, war, begrüßt; Fräulein Charlotte hatte sich zurückgezogen. Die Herren saßen sich am Frühstückstisch gegenüber; der Freiherr aß mit großem Appetit; Herr von Hey, der die Speisen kaum berührt hatte, schien ungeduldig darauf zu warten, daß der Andere seinen Hunger gestillt haben würde. Warum essen Sie denn nicht? fragte der Freiherr, indem er sich einen anderen Teller reichen ließ; ich denke, Sie haben noch nicht gefrühstückt? Ich danke verbindlichst, sagte der Andere; mein Appetit ist nie ausgezeichnet, besonders nicht, wenn ich, wie in diesem Augenblick, präoccupirt bin. Ich habe Ihnen das schon angesehen, sagte der Freiherr; was ist es denn? Der Landrath richtete seine Brillengläser nach dem Bedienten, der an dem Büffet beschäftigt war. Du kannst uns allein lassen, Johann, sagte der Freiherr. Herr von Hey verfolgte den Bedienten mit den Blicken, bis derselbe aus der Thür war; dann rückte er mit seinem Stuhl näher an den Freiherrn heran und sagte mit vorsichtig gedämpfter Stimme: Wir leben in einer verhängnißvollen Zeit. Es hat wenigstens schon harmlosere gegeben, erwiederte der Freiherr; worin sehen Sie gerade das Verhängnißvolle? In dem Sichlossagen von aller Ueberlieferung und Autorität und in der frechen Neuerungssucht, die damit Hand in Hand geht, erwiederte der Landrath; danke, schenken Sie mir nicht mehr ein, mir ist der Kopf so schon warm genug. Aber Sie machen mich ganz ängstlich, sagte der Freiherr, indem er sein Glas langsam füllte; es hat irgend etwas Besonderes gegeben, das ist sicher. Nun, kommen Sie zur Sache, und lassen Sie mich nicht wer weiß wie lange zappeln! Sie sehen, wie ich vor Neugier und Ungeduld fast vergehe. Thäten Sie es doch nur, sagte der Landrath, ich gönnte es Ihnen von ganzem Herzen! Sie haben so lange keine Gefahr sehen wollen, haben uns Andere so oft mit unserer Schwarzseherei ausgelacht, uns so oft in unseren verständigsten, nothwendigsten polizeilichen Präventivmaßregeln gehindert, daß es Ihnen eigentlich ganz recht wäre, man überließe Sie ungewarnt dem Schicksale, das Sie sich gewissermaßen selbst bereitet haben. Aber, Hey, nun hören Sie endlich einmal auf, in diesem Unglückston zu orakeln! rief der Freiherr ungeduldig; entweder Sie haben mir etwas Bestimmtes mitzutheilen, bon! oder Sie haben es nicht – dann lassen Sie uns von diesem Thema abbrechen. Erlauben Sie mir nur die Eine Frage, sagte der Landrath: wie sind Sie mit dem Geist Ihrer Arbeiter zufrieden? Sind Sie sehr zufrieden? Der Freiherr blickte überrascht auf. Was war zum Beispiel nur gleich die Veranlassung, welche die zwanzig Leute, denen ich vor dem Schlosse begegnete, heute Vormittag – noch dazu während des Gottesdienstes – zu Ihnen geführt hat? Die Kerle sahen nicht aus, als ob sie in einer sonntäglichen Laune wären; es fehlte nicht viel, so hätten sie durch ihr wüstes Geschrei meine Pferde scheu gemacht. Der Freiherr zog die Augenbrauen zusammen und richtete sich in den Hüften auf. Herr von Hey, sagte er, ich kann nicht umhin, Ihnen zu bemerken, daß mir die Weise, in der Sie über Angelegenheiten, die doch schließlich meine Angelegenheiten sind, sprechen, nicht eben wohlthuend ist. Ich bitte um Verzeihung, sagte der Landrath; ich habe nicht beleidigen wollen. Im Gegentheil, mich führt nichts hierher, als freundnachbarliches Interesse. Ich weiß schon seit längerer Zeit, daß hier, auf Ihren Gütern, auch auf meinem Gute, dann besonders in dem Hasenburg'schen Complex, vor Allem aber in den Dörfern, die weiter in den Wald hinauf liegen, also in Schwarzenbach, Fichtenberg und Tannenstädt ein Geist der Unzufriedenheit und Widerspenstigkeit unter den Leuten umgeht, der etwas sehr Beunruhigendes hat, weil in dem Dinge eine Art von System zu sein scheint. Beantworten Sie mir nur gütigst diese Eine Frage, Herr Baron: Waren die Leute, die soeben von Ihnen kamen, alle aus Tuchheim? Nein, erwiederte der Freiherr, Charlotte hat auch schon dieselbe Bemerkung gemacht. Was könnte dem Scharfblick des Fräuleins entgehen! sagte der Landrath höflich; aber da haben Sie wieder einen Beweis; und so wie hier, so ist es fast überall. Mein Bruder, der Hauptmann, hat auf der Controlversammlung vorgestern die gräßlichsten Erfahrungen gemacht. Er kam hernach auf's äußerste bestürzt zu mir und sagte, daß er ein widerspenstigeres, frecheres Gesindel noch gar nicht beisammen gehabt habe. Nun, und Sie wissen, daß das Bataillon hauptsächlich aus Ihren, den Hasenburg'schen, meinen Leuten und aus den Nagelschmieden der Gebirgsdörfer zusammengesetzt ist. Damit stimmen die Beobachtungen, welche meine Schulzen, meine Landjäger machen, genau; ja, es geht schon so weit, daß nur noch meine entschlossensten Leute kräftig durchzugreifen, zum Beispiel eine Verhaftung vorzunehmen wagen. Der Freiherr hatte der lebhaften Auseinandersetzung des Landraths nachdenklich zugehört. Er konnte sich nicht verhehlen, daß das Bild, welches jener entwarf, wenn auch vielleicht im Einzelnen etwas dunkel gefärbt, im Ganzen mit der Wahrheit übereinstimmte. Der Landrath, welcher die funkelnden Brillengläser nicht von dem Gesichte seines Wirthes abwendete, fuhr fort: Wir haben uns selten über Verwaltungsmaximen einigen können, lieber Baron, und ich finde das begreiflich. Ihr Grand Seigneurs könnt Eure ehemalige Reichsfreiherrlichkeit nicht vergessen; Ihr möchtet das alte patriarchalische Verhältniß zwischen Euch und Euren Unterthanen aufrecht erhalten, respective wieder hergestellt wissen, und seht in uns, den Vertretern des modernen Staates, Eure natürlichen Widersacher. Aber es kommen denn doch Lagen, in welchen es sich klärlich zeigt, daß, nachdem einmal die Bande der Zucht und Sitte, der Gottesfurcht und des Gehorsams gegen die weltlichen Herren gelockert, ja zerrissen sind, ein anderes Bindemittel, wie wir es in unseren polizeilichen Einrichtungen haben, in Anwendung gebracht werden muß; und wenn mich nicht Alles trügt, ist die Lage, in welcher wir uns in diesem Augenblicke befinden, eine solche. Wir wollen unseren alten Streit nicht von neuem beginnen, erwiederte der Freiherr verdrießlich. Er schenkte sich ein Glas Wein ein und trank es in einem Zuge aus. Dann fing er mit hinter dem Rücken zusammengelegten Händen an schweigend auf und ab zu gehen. Auch der Landrath wußte nicht gleich, wie er die abgebrochene Unterhaltung wieder anknüpfen sollte. Er verabschiedete sich, sobald er es schicklicherweise thun konnte, augenscheinlich nicht heiterer, als er gekommen war. Achtundzwanzigstes Capitel. Der Freiherr hatte mit seiner Schwester in den folgenden Tagen noch manche lange Unterredung über die wichtigen Dinge, welche der Besuch des Landraths in Anregung gebracht hatte. Charlotte behauptete, daß die Verhältnisse auf den Gütern des Bruders eher besser als schlimmer seien, als in den anderen Districten, in welchen sich die Leute vollkommen ruhig verhielten; und daß mithin die offenbar herrschende Unzufriedenheit aller Wahrscheinlichkeit nach nur von einigen wenigen unruhigen Köpfen hervorgerufen sei und künstlich genährt werde. Sie deutete zuletzt, als der Freiherr in sie drang, auf Tusky und wünschte, daß derselbe unter irgend einem passenden Vorwand wenigstens von seiner einflußreichen Stellung als specieller Lehrer der Knaben entfernt werde. Der Freiherr erklärte eine solche Handlungsweise für unlogisch. Entweder Tusky sei ein gefährlicher Mensch, oder er sei es nicht. Im ersteren Falle müsse man ihn überhaupt unschädlich zu machen suchen, im zweiten ihn ein- für allemal in Ruhe lassen. Er sehe nicht ein, weshalb er nicht gelegentlich einmal mit dem Pastor Rücksprache nehmen solle. Der Pastor sei klug; die Klugheit des Pastors sei die beste Garantie für die Moralität des Lehrers. Der Freiherr, der sonst auf Charlotten's Urtheil stets den höchsten Werth legte, schien in diesem Falle entschlossen, seinen eigenen Weg zu gehen. Eine Kirchenangelegenheit, in welcher er mit Doctor Urban conferiren mußte, bot schon in den nächsten Tagen die schicklichste Gelegenheit, das Gespräch auf das von Herrn von Hey angeregte Thema zu bringen. Zu seinem nicht geringen Erstaunen vernahm er nun, daß Doctor Urban die Beobachtungen, welche der Landrath gemacht haben wollte, von seinem Standpunkte nur bestätigen könne. So habe – was auf dem Lande stets ein sicheres Symptom sei – in letzterer Zeit der Kirchenbesuch ganz auffallend abgenommen; zum Tische des Herrn kämen jetzt fast nur noch alte Frauen; ebenso sei es in der Beichte. Dafür stehe aber das Wirthshausleben im vollsten Schwange; der Schulmeister Tusky, welcher, selbst ein Sohn des Volkes, viel mit dem Volke verkehre und ein merkwürdiges Verständniß des Volkes habe, könne sich nicht genug über diesen mit erschreckender Schnelligkeit einreißenden Geist der Zuchtlosigkeit wundern. Damit war man denn auf dem Punkte, der den Freiherrn zumeist interessirte, angekommen. Er tastete vorsichtig weiter und vernahm nun aus dem Munde des Pastors ein glänzendes Lob des verdächtigen Menschen; Herrn Tusky's Manieren ließen Manches zu wünschen, aber er sei ein trefflicher Lehrer von unbedingt wackerer, streng loyaler Gesinnung. Der Freiherr dankte dem Pastor für diese Erklärung, durch die ihm eine wirkliche Last vom Herzen genommen sei; und so sagte er auch zu Charlotten, als er ihr das Resultat seiner Unterredung mit dem Pastor, nicht ohne einen gewissen Triumph, mittheilte. Charlotte schwieg; aber beruhigt war sie keineswegs. Im Gegentheil hatte ihr Verdacht gegen Tusky nur neue Nahrung erhalten. Ein Mensch mit dieser Stimme, in welcher die einzelnen Worte kurz und scharf und fest wie Hammerschläge fielen, konnte unmöglich aus Ueberzeugung ein Muster von Loyalität, wie Doctor Urban ihn geschildert hatte, sein. Wie viel Gesichter hatte dieser Mensch? Ohne Frage war er dem Pastor anders gegenübergetreten, als er neulich dem Bruder sich gezeigt hatte. Den Einen hatte er durch seine Gesinnung zu bestechen, dem Anderen durch seine Haltung zu imponiren gewußt. Vielleicht, ja wahrscheinlich, war keines von diesen Gesichtern das echte. Wie konnte sie sich einen Einblick in den Charakter dieses räthselhaften Mannes verschaffen, der, nach Allem, was sie wußte, jetzt Leo's vertrautester Freund war? Was trieb Leo, den sie schon seit Wochen nur immer auf flüchtige Augenblicke gesehen hatte? Eines Nachmittags, wo diese Fragen Charlotten wieder einmal das Herz schwer machten, nahm sie Shawl und Hut und begab sich in das Pfarrhaus. Es war ein düsterer Novembertag. In dem Pfarrhofe wirbelten die braunen Blätter von den breitästigen Wallnußbäumen, auf dem Thurme der Kirche drehte sich kreischend der Wetterhahn. Das Pfarrhaus war so still und dumpf, und Frau Urban, die dem Fräulein aus der Tiefe einer Fensternische, wo sie beim verlöschenden Schein des Zwielichts gelesen hatte, entgegenkam, so nervös und weinerlich, wie nur je. Nichts gleiche der Freude, die sie über diesen Besuch empfinde, der nur ach! leider so selten komme! Womit sie dem gnädigen Fräulein aufwarten könne? einer Tasse Kaffee? die sei so bald gemacht; oder würde das gnädige Fräulein bei der rauhen Witterung ein Glas Warmbier vorziehen? Dabei trippelte das gute Geschöpf ängstlich um Charlotte herum, rückte drei oder vier Stühle herbei und entschuldigte sich dann, daß sie die Unschicklichkeit begangen habe, dem Fräulein nicht den Sophaplatz anzubieten. Charlotte dankte für Alles und bat, sich zur Frau Urban in die Fensternische setzen zu dürfen. Es plaudere sich da so behaglich; wo denn die Knaben seien? man höre ja nichts von ihnen! Frau Urban war so hoch erfreut, daß das gnädige Fräulein mit der dürftigen Unterhaltung, die sie arme, unwissende Frau ihr gewähren könne, vorlieb nehmen wolle. Die jungen Herren seien sämmtlich aus, da sie heute, in Folge einer Amtsreise des Doctors, einen freien Nachmittag hätten. Der Junker und Walter würden wohl nach dem Forsthaus gegangen sein; Leo habe erst vor wenigen Augenblicken das Haus verlassen. Es war nicht schwer, Frau Urban im Reden zu erhalten, wenn man sie erst einmal zum Reden gebracht hatte. Ein gelegentlich eingestreutes aufmunterndes, bedauerndes, bewunderndes Wort genügte vollkommen, um sie mit ihrer dumpfen, weinerlichen Stimme rastlos weiter sprechen zu machen, wobei sie dann, ohne daß man wußte wie, von einem Gegenstand auf den anderen kam. Sie erzählte von ihrem Brautstande, und wie ihr Mann als Student in dem Hause ihres Vaters, eines Schneidermeisters in der Residenz, jahrelang gewohnt, und wie glücklich sie gewesen sei, als ihr Bräutigam endlich die Pfarre in Tuchheim erhielt. Aber ach! das Glück habe nicht lange gedauert. Sie wolle keinen anklagen. Es sei Gottes Rathschluß gewesen, daß die Zwillinge sterben mußten, und mit den beiden unschuldigen Engeln sei freilich ihr Glück für immer begraben worden. Wer könne es ihrem Gatten verdenken, daß ihn der Gedanke, mit einer Frau auf immer verbunden zu sein, die ihn so grausam betrogen habe und dabei so entsetzlich unwissend sei, oft zur Verzweiflung bringe? Und er selbst sei ein so grundgelehrter Mann, der eine viel glänzendere Carrière hätte machen müssen, wenn es mit rechten Dingen zuginge. Das habe auch noch neulich der Herr Landrath gesagt und hinzugefügt: er hoffe, den Doctor noch als Bischof zu sehen, worauf der Doctor witzig bemerkt habe, dies werde vermuthlich den Tag nach dem Tage sein, an welchem Herr von Hey das Portefeuille des Cultus übernommen habe. Herr von Hey und der Doctor paßten so gut zusammen und seien in der letzten Zeit so viel beisammen gewesen. Herr von Hey sei gewiß ein vortrefflicher Herr, wenn er auch manchmal so sonderbar scherze, und zum Beispiel sage: ein Bauer sei kein Mensch, sondern ein Bauer, und Aehnliches, so meine er das gewiß nicht so. Und dann sei es ja jetzt allerdings eine heillose Zeit. Von der Magerkeit der Gänse, die auf den Pfarrhof geliefert würden, habe das gnädige Fräulein gar keinen Begriff; nichts als Haut und Knochen, und sie habe dadurch einen so schweren Stand! Der Doctor habe ihr ein für allemal auf das Strengste verboten, dergleichen Gerippe als vollwichtige Zehnten-Gänse anzunehmen, und doch breche es ihr fast das Herz, wenn sie die Leute wieder wegschicken müßte, die oft selbst so elend und verhungert aussähen. Am schlimmsten stehe es natürlich mit den armen Menschen weiter oben auf dem Walde. Da sei der Jammer grenzenlos. Es verginge kein Tag, wo sie nicht schaarenweis herabkämen und ihre Nägel feil böten, eigentlich sei es ihnen aber nur um Betteln, ja um Stehlen zu thun. Neulich – hier rückte Frau Urban etwas näher und flüsterte noch aufgeregter – neulich gegen Abend, als es schon fast dunkel war, kam eine junge Person hier auf den Hof, die auch Nägel verkaufen und sich gar nicht abweisen lassen wollte, so daß ich meine rechte Noth mit ihr hatte. Und denken Sie sich, gnädiges Fräulein, als die Person, die übrigens recht verwegen aussah, endlich fort war, erzählt mir meine Ursel, die auch vom Walde ist, das sei des Schulmeisters Schwester, die wilde Eve, die immer aus der Schule gelaufen sei. Was aber noch viel merkwürdiger: die junge Person hat sich bis in den Abend spät auf dem Kirchhof und hinter der Kirche herumgetrieben, und Ursel will gesehen haben, daß sie in der Nacht unter Herrn Leo's Fenster, das, wie Sie wissen, gnädiges Fräulein, auf dem Giebel nach dem Kirchhofe zu liegt, gestanden und mit dem Herrn Leo gesprochen habe. Ich habe noch keinem Menschen außer Ihnen ein Wort davon erzählt, und habe auch der Ursel streng verboten, davon zu sprechen, denn der Herr Leo und der Herr Tusky sind so gute Freunde, und ich möchte um Alles in der Welt nicht, daß ich den Einen oder den Anderen beleidigte. Ach, gnädiges Fräulein, eine arme Frau, wie ich, hat gar viele Sorgen! Der Junker macht mir auch Sorgen, Ihnen darf ich es ja am Ende sagen. Die Ursel ist ein hübsches Ding, und die ist manchmal recht bös auf den Junker, der sich wohl mehr mit ihr einläßt, als einem so vornehmen jungen Herrn anständig ist. Nicht, als ob ich nur etwas Böses dabei dächte! Gott soll mich bewahren! nein! aber es giebt immer Gerede und Unfrieden, und ich muß es büßen. Ach, da lobe ich mir meinen Walter, meinen guten Engel, wie ich ihn manchmal nenne! Und auch er kostet mir in der letzten Zeit recht, recht viele Thränen; ich habe ihm freilich versprechen müssen, gegen Niemand darüber zu reden, aber Sie sind ja so engelsgut, liebes, gnädiges Fräulein, und vielleicht wissen Sie doch einen Trost oder eine Auskunft. Er reimt jetzt nur noch Herz auf Schmerz und Noth auf Tod, und gestern hat er mir gar eine blaßrothe Schleife gegeben, die er bei sich nicht sicher glaubt, und die ich ihm, wenn er im Sarge liegt, auf sein Herz legen soll. Ja, was soll nur daraus werden, liebstes, himmlisches, gnädiges Fräulein? Heirathen kann er sie doch auf keinen Fall, und überdies sagt der arme Junge, – dann laufen ihm aber jedesmal die Thränen über die Backen, – daß er gar nicht daran denke, von ihr wieder geliebt zu werden, daß sie viel zu hoch und schön für ihn sei. Ach, liebes Fräulein, der arme Junge! es ist ein wahrer Jammer, und er ist so gut! Wenn Sie wüßten, wie gut der ist! Und Sie wollen schon fort, gnädiges Fräulein? Ich habe Sie gewiß durch mein Gespräch vertrieben; ich kann immer kein Ende finden, wenn ich einmal in's Reden komme. Frau Urban erhob sich eilends, Charlotten den Shawl umzuhelfen, was ihr denn auch endlich gelang, nachdem sie alle Formen, in denen derselbe nicht sitzen konnte, durchprobirt hatte. Der Abend war bereits stark hereingebrochen, als Charlotte den Pfarrhof verließ und den Schloßberg, der sich fast unmittelbar dahinter erhob, hinaufzusteigen begann. Dicht in ihren Shawl gehüllt, des ihr so wohlbekannten Weges kaum achtend, schritt sie rasch vorwärts, ganz erfüllt von den Gedanken, welche die Plauderei der Frau Urban in ihr wach gerufen hatte. Sie hatte so viel mehr gehört, als die gute Dame gesagt hatte, hatte sagen wollen! Das herzliche Verhältniß zwischen Herrn von Hey und dem Doctor, – Leo's Freundschaft mit dem Tusky – das verdächtige Erscheinen des Mädchens – zuletzt Walter's Liebe zu Amélie. Der liebe, liebe Junge! also hatte sie sich nicht über den eigenthümlichen Ausdruck getäuscht, den des Knaben große blaue Augen in letzter Zeit so oft gehabt hatten! Und die kleine Amélie! die eigentlich gar keine kleine Amélie mehr war, aber gewiß keine Ahnung davon hatte, welche Bestimmung blaßrothe Schleifen, die man in einer neckischen Laune dem Spielkameraden ins Knopfloch bindet, haben können. Jetzt durfte man darüber lachen; aber würde man einige Jahre später auch noch darüber lachen können, wenn der Jüngling, an Leib und Seele herangereift, sich das treue Herz bewahrt hatte, und in dem treuen Herzen die Poesie, die Träume seiner Jugend? In Charlotten's Herzen wallte ein heißer Strom schmerzlicher Wehmuth auf; Thränen brachen aus ihren Augen, ihre Kniee zitterten – sie ließ sich auf eine Bank sinken, die in dem dichten Laubgang, in welchem sie sich gerade befand, weißlich aus dem Dunkel schimmerte. Versunken in Erinnerungen, gänzlich vergessend, wo sie sich befand, mochte Charlotte ein paar Minuten so gesessen haben, als plötzlich aus nächster Nähe Schritte sich vernehmen ließen und das undeutliche Gemurmel von Stimmen. Aus Ueberraschung mehr, als aus Furcht, welche Charlotten fremd war, drückte sie sich in die Ecke; das Dunkel, das an der Stelle herrschte, und ihr schwarzer Anzug ließen sie hoffen, daß die Vorübergehenden sie nicht gewahr werden würden. Die Schritte kamen langsam näher, die Stimmen wurden deutlicher – besonders die eine tiefere, härtere – eine Stimme, die Charlotte nur einmal gehört hatte, um sie nicht wieder zu vergessen. Charlotten's Herz begann heftig zu klopfen; sie hielt unwillkürlich den Athem an; all' ihre Fassungskraft schien sich auf ihr leises Ohr concentrirt zu haben. Habe keine Sorge, sagte die harte Stimme; ich weiß, wie man die wilde Katze geschmeidig macht. Sie soll sich nicht wieder hier unten sehen lassen. Aber das hat sie doch nicht um mich verdient, daß ich sie so verrathe, sagte die zweite, eine wohlklingende, von Leidenschaft vibrirende Stimme. Wie Du sprichst! Verrathen, was heißt verrathen! Wer den Zweck will, muß die Mittel wollen. Und übrigens brauch' ich Dich gar nicht zu nennen; es kann sie ja Jemand anders, der sie kennt, gesehen haben; Johann Brandt etwa, oder einer der anderen jungen Leute oben vom Walde. Ja, es ist wahrscheinlich, daß dies der Fall gewesen ist, und das macht mich eben so wüthend. Das tolle, unbedachte Geschöpf! Geh' nicht zu rauh mit ihr um! Die ist von guter Rasse, die zerbricht nicht so leicht. Du erwähntest eben Johann Brandt; ich wollte, Du ließest Dich nicht zu tief mit dem ein! Was hast Du gegen den Burschen? Er hat böse, tückische Augen, wie ein Hund, der beißen will; ich meine: die Hand, die ihn füttert, eben so leicht, als die ihn züchtigt. Und dazu sieht er aus, wie ein Judas, der seinen Herrn und Meister für dreißig Silberlinge verkaufen würde. Er ist ein ganzer Mann, der Johann Brandt. Nicht älter, als ich. Bist auch ein ganzer Mann, mein Junge. Nimm Dich in Acht: es führen hier ein paar Stufen hinab. Die Redenden waren so dicht an Charlotte vorübergegangen, daß sie fast ihr Kleid gestreift hatten. Sie waren die Treppe hinabgestiegen; ihre Schritte, ihre Stimmen verwehte der Nachtwind, der in den dürren Blättern raschelte. Charlotte erhob sich, lauschte in die Dunkelheit hinein und setzte dann ihren Weg nach dem Schlosse eiliger fort. Sie wußte nicht, was sie denken, was sie fürchten sollte. Aber sie war sogleich fest entschlossen, gegen ihren Bruder nichts von diesen dunklen Räthseln verlauten zu lassen. Wirklich gelang es ihr, noch bevor sie das Schloß erreicht hatte, das klopfende Herz zu beruhigen und dem Freiherrn, der schon über ihr langes Ausbleiben besorgt gewesen war, mit einem freundlichen Wort und einem Lächeln auf den Lippen entgegen zu treten. Neunundzwanzigstes Capitel. Am Nachmittag des nächsten Tages ließ Charlotte anspannen, um mit Miß Jones und den beiden Mädchen einen Besuch im Försterhause zu machen. Fritz Gutmann war gerade im Begriff, nach Feldheim zu reiten, als der Wagen mit den Damen aus dem Walde auf den freien Platz vor dem Försterhause bog; er ließ aber das Pferd wieder in den Stall führen, als Charlotte ihm sagte, daß sie gekommen sei, um über wichtige Dinge ausführlich mit ihm zu sprechen. Während Tante Malchen und die jungen Mädchen dem Falken und den zahmen Hasen einen Besuch abstatteten, gingen Charlotte und der Förster in dem breiten Gartengange zwischen den entblätterten Johannesbeersträuchern auf und ab, Charlotte eifrig sprechend, der Förster gesenkten Hauptes aufmerksam zuhörend. Charlotte hatte sich mit ihrem Tuche wiederholt die Augen getrocknet, und auch der Förster war sichtlich bewegt. Er hatte bis jetzt nur dann und wann ein kurzes Wort eingeschaltet; jetzt, als Charlotte schwieg, sagte er, und seine tiefe Stimme zitterte ein wenig: Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein, ich danke Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie mir dies Alles mitgetheilt haben. Wenn mir dergleichen anstände, so würde ich sagen: Ich bin stolz auf Ihr Vertrauen, aber darum handelt es sich hier nicht. Was den Leo anbetrifft, so werde ich Ihnen leider wohl Recht geben müssen. Er ist meines Bruders Sohn, aber die fremde Ader, die in dem Anton schlug, ist in dem Jungen übermächtig geworden, daß ich oft meine, er gehöre gar nicht zu uns. Das würde ich nun Niemandem weiter sagen, außer Ihnen, denn Niemand sonst kann sich denken, wie es mich schmerzt. Ich habe es kommen sehen von seiner Krankheit im vergangenen Herbst. Ein waidwunder Hirsch kann sich nicht scheuer im Dickicht verbergen, als es der Junge vor uns that. Darum habe ich ihn auch mit schwerem Herzen zum Doctor Urban gehen lassen. Mir ahnte nichts Gutes, und ich bin bös auf mich, daß ich damals nicht die Kraft hatte, Nein zu sagen. Der Doctor hat nicht gut auf ihn gewirkt; nun ist der Schulmeister dazu gekommen, das hat Oel in's Feuer gegossen. Sie müssen mit ihm reden, sagte Charlotte. Das würde wenig helfen, fürchte ich, erwiederte der Förster kopfschüttelnd, ich könnte nicht so fest sein, wie ich müßte, weil ich nie vergessen würde, daß er eine Waise ist und Niemand hat, der für ihn eintritt, wenn ich ihm ja Unrecht thäte. Und dann, der Junge ist mir auch zu gelehrt, er setzt die Worte so fein und spitz, daß ich nicht dagegen aufkommen kann. Aber wir können den Knaben doch nicht ungewarnt in sein Verderben laufen lassen, sagte Charlotte. Gewiß nicht, erwiederte der Förster, und darum müssen Sie, meine ich, so bald als möglich mit ihm reden. Ich? Charlotte sann eine zeitlang nach und sagte dann mit bewegter Stimme: Sie haben Recht, mein Freund. Manches könnt und wollt Ihr nur aus einem Frauenmunde hören, und wehe dem, welchem in solchen Stunden nicht eine Frau zur Seite stand – eine Geliebte, eine Schwester, eine Mutter! Das ist ja des Knaben Unglück, daß er, ausgestattet mit diesen Gaben, zerwühlt von diesen Leidenschaften, sein ganzes Leben hindurch der milden, warnenden, tröstenden Stimme der Mutter hat entbehren müssen. Sie soll ihm in dieser Stunde, wo er sie vielleicht am nöthigsten braucht, nicht fehlen, so weit ich sie ersetzen kann. Gott segne Sie! sagte der Förster. Sie schritten ein paarmal schweigend den Gartengang entlang. Dann nahmen sie das Gespräch wieder auf, das sich nun um die allgemeine Lage drehte, und was etwa von Seiten der Herrschaft geschehen könne, den bösen Geist, der sich immer offener und drohender zeigte, zu bannen. Der Förster entwickelte einen Plan, mit dem er sich schon seit einiger Zeit getragen hatte. Daß die Noth groß sei und daß geholfen werden müsse, sei offenbar. Deshalb wünsche, er, daß Charlotte an die Spitze eines Vereins trete, der aus sämmtlichen wohlhabenden Frauen der Nachbarschaft bestehen würde. Wo es irgend gehe, solle man den Leuten Arbeit verschaffen, und wo das in der Gegend unmöglich sei, den Männern behilflich sein, einen andern Arbeitsmarkt aufzusuchen, und sich unterdessen der zurückgebliebenen Frauen und Kinder mit desto größerer Sorgfalt annehmen. Nur so könne man hoffen, dem bösen Willen der Leute, der meistens nur der Ausdruck ihrer schlimmen Lage sei, zu begegnen und den Einfluß der Einbläser und Aufhetzer, von denen der Schulmeister Tusky leicht einer der schlimmsten sein möchte, zu brechen. Ich weiß von dem Herrn Tusky nicht mehr, als die meisten Leute, fuhr der Förster fort. Der Vater war Hirt oben auf dem Walde, ein schlechter, wüster Mensch, den sein Unglück, das er freilich selbst verschuldete, vollends verdorben hat, der Gott und die ganze Welt verfluchte und sein armes Weib und seine Kinder aus dem Schlimmen in's Schlimmste brachte. Die Kinder liefen davon, sobald sie laufen konnten, und es war ihnen auch just nicht zu verdenken. Für das Unglück, aus solcher Familie zu stammen, kann, wie gesagt, der Tusky nichts; aber ein Unglück ist und bleibt es, und er hat sicher noch schwer daran zu tragen. Wenn wir uns begegnen, blickt er auf die andere Seite, und wo er mich nicht vermeiden kann, thut er jedesmal, als ob er mich vorher noch nie gesehen hätte. Das hat mich denn von vornherein mißtrauisch gegen ihn gemacht, denn ich meine immer, Niemand versteckt sich, als wer's muß. Und dann habe ich so Manches von ihm gesehen und noch mehr von ihm gehört, was mir nicht gefallen hat. Ich habe bisher geschwiegen, aber da Sie so viel schon geahnt haben, mögen Sie auch noch das Andere wissen. Fritz Gutmann erzählte nun ausführlich, wie Holzfäller, Kohlenbrenner, Fuhrleute, Bettler ihm wiederholt mitgetheilt hätten, daß sie dem Schulmeister da und dort – und immer des Abends, manchmal mitten in der Nacht – begegnet wären, im Walde, auf der Landstraße, im Wirthshause, wie er sich mit ihnen in Gespräche eingelassen und dabei so sonderbare Reden geführt habe; wie schon jetzt in der Gegend das Gerücht gehe, daß der Schulmeister von Tuchheim mehr könne, als andere Leute, und vor Allem das Geheimniß besitze, von einem Orte zum andern zu kommen, ohne daß er deshalb seine Beine zu bemühen brauche. – Mit solchen Geschichten trägt sich unser abergläubisches Volk nur zu gern, und ich halte den Schulmeister für schlau genug, daraus für sich den möglichsten Vortheil zu ziehen. Hier wurden die Redenden durch die jungen Mädchen unterbrochen, welche mit den Hasen, die keinen Kohl mehr fressen wollten, und mit dem Falken, der noch gerade so aussah, wie vor vier Wochen, nichts mehr anzufangen wußten und jetzt in den Garten stürmten, ihnen voraus in mächtigen Sprüngen Ponto, der große, langhaarige Lieblingshund des Försters, den sie mit Kränzen aus verblühten Astern und verwelktem Weinlaub gar seltsam ausstaffirt hatten, und der jetzt bei seinem Herrn vor den Quälgeistern Schutz suchte. An eine Fortsetzung des Gesprächs war nun nicht mehr zu denken, auch wußte Charlotte jetzt, was sie zu thun hatte. Dreißigstes Capitel. Es war vier Wochen nach dieser Unterredung. Der Winter war jetzt völlig hereingebrochen und hatte die Reize der Tuchheimer Landschaft mit rauher Hand weggewischt. Am grauen Himmel zogen schwer und träg unheimlich aussehende Wolken vor dem eisigen Winde, der über die kahlen Felder und durch die raschelnden Hecken fegte. Dann war auch Schnee gefallen – für diese Gegend ungewöhnlich viel Schnee; in dem Walde sollte er so hoch liegen, wie man es sich seit Menschengedenken nicht erinnern konnte. Die Bauern klagten, daß die Hasen und wilden Kaninchen bis in ihre kleinen Gärtchen kämen und ihnen den Kohl unter dem Schnee wegfräßen; die Füchse hatte man in sternklaren Nächten bellen hören, noch nie waren sie so raubgierig und frech gewesen. Es fehlte auch sonst nicht an bösen und bösesten Zeichen. Kurz vor dem Eintreten des Frostes hatte es ein schreckliches Gewitter gegeben, das auf einem der Tuchheim'schen Güter zweimal – freilich ohne zu zünden – in die Gebäude einschlug. Um den vollen Mond hatte sich drei Nächte hinter einander ein Regenbogen gezeigt; die Krähen waren noch mitten in der Nacht lärmend geflogen, und die Käuzchen hatten so geschrieen, daß es ganz grausig anzuhören gewesen war. Diese und ähnliche Geschichten erzählte man überall in der Gegend, und sie fanden meistens nur zu geneigtes Gehör. Es war eben eine schwere, hungrige Zeit; warum sollte der Himmel nicht ein Einsehen in die Noth seiner Menschenkinder haben und seinen Zorn über so schlimme Zustände an den Tag legen? So sprach man in den Gemeinden hin und her; aber wer recht genau zugehört hätte, würde vernommen haben, daß in diese lauten Stimmen noch andere hineinsprachen, beiweitem nicht so verständlich, wenn auch vielleicht eifriger, leidenschaftlicher, und daß der Ton dieser Stimmen noch ein gut Theil unheimlicher war, als das Bellen der Füchse vom Walde und das Gekrächz der Dohlen, die um den altergebräunten, epheuumrankten Kirchturm von Tuchheim flogen. In einer schmalen Seitenpforte dieses Thurmes stand an einem Spätnachmittage im Anfang des December der Schullehrer Tusky. Er war in Amtsgeschäften hier, das zeigte ein großes Schlüsselbund, welches er in der Hand hielt und mit dem er von Zeit zu Zeit ungeduldig klirrte. Dennoch zögerte er, die schmale Pforte zu öffnen. Seine scharfen Augen schweiften oft über die Grabsteine und Kreuze des Friedhofes zu einem Gitterthürchen, das von der Seite des Pfarrhofes hineinführte; dann richteten sie sich wieder nach dem Himmel, über den ungeheure Wolkenmassen sich gegen Abend wälzten und den blutrothen Streifen, welcher den Horizont umsäumte, bald erdrücken mußten. Nur zu, nur zu, murmelte er, löscht es aus, das fahle, scheinheilige Licht! das freche Licht, das sich nicht schämt, tagaus, tagein auf diese vermaledeite Erde zu scheinen; auf all' diese Lumpen, all' diese Narben und Wunden! Nur zu, nur zu! Ballt euch nur immer zusammen, zeigt euch in eurer unwiderstehlichen Kraft! Entfesselt den Sturm, den ihr in euren Riesenleibern tragt! Fegt sie weg die Kirchen und die Paläste, und meinetwegen fegt auch die Hütten weg, in denen diese Sclaven wohnen, die ihr Loos verdienen, weil sie es tragen! Macht aus der Erde einen großen Friedhof, aus jeder Menschenwohnung ein Grab, aus jeder Ruine einen Leichenstein! Schwarze Wolke, die du den Arm so drohend ausstreckst, bist du der Engel, der vom Himmel fährt und den Schlüssel zum Abgrund hat, und den Drachen greift, die alte Schlange, welche ist der Teufel und der Satan, und ihn tausend Jahre bindet und in den Abgrund wirft und den Abgrund versiegelt? – Tausend Jahre! Also doch wieder nur ein Tag, auf den ein Morgen kommt, der Alles wieder beim Alten findet! Das ist das Furchtbare, das ist, was uns die Sehnen durchschneidet, den zum Schlage erhobenen Arm machtlos sinken läßt. Was du auch thust, es ist doch Alles vergebens. So wie du ringst, haben Andere, haben ganze Völker vor dir gerungen; sie sind an's Kreuz geschlagen, sie sind mit Feuer und Schwert zur Ruhe gebracht – zur Todesruhe. Und nun zu wandeln, der einzige Lebendige unter diesen Leichen! Ihnen in die hohlen Augen zu sehen, ihre seltsam schleppenden Bewegungen zu beobachten, wie sie gehen und arbeiten und sprechen, und weinen und lachen, gerade als ob sie lebten. – Ja, sie lachen wirklich, diese seltsamen Gespenster! Ich habe heut' eine Dirne lachen hören, die ihr Schatz verlassen hat, und die auf der weiten Welt nicht weiß, wohin mit dem Kinde, das sie unter dem Herzen trägt. Ein Windstoß fegte um die Kirche und wirbelte den lockren Schnee in dichten Massen von dem hohen, steilen Dache. Ein paar Krähen, die auf dem First gesessen und geschrieen hatten, waren in die Luft geschleudert, und suchten, hin und her taumelnd, die Kirche wieder zu erreichen. Tusky's Blicke blieben an den schwarzen, beweglichen Punkten haften. Und was haben die von ihrem Leben? murmelte er, das arme, hungernde, frierende Geschlecht! Und doch kämpfen sie wacker gegen den Sturm, und wenn sie wieder auf dem Dache balanciren, schreien sie noch in freudigem Stolz. Ist denn wirklich das nackte Leben ein Etwas, das sich der Mühe, das sich so vieler Mühe verlohnt? Was ist das für ein seltsamer Krampf, der unser Fleisch zusammenschrumpfen macht, wenn wir dem Tode in's Auge blicken? Sagt er uns nicht deutlich, daß wir mit der elenden Wirklichkeit noch immer nicht zu Ende sind, so sehr wir es uns auch einbilden? Daß diese Wirklichkeit, elend wie sie ist, doch die Basis einer grenzenlosen Möglichkeit ist, auf die wir nicht verzichten dürfen? Er fuhr aus seiner brütenden Stellung auf und streckte den Arm drohend gegen den Horizont aus: Auf die wir nicht verzichten dürfen! rief er, auf die wir nicht verzichten wollen! Hörst du's, bleiches Gespenst des Tages! Schleich dich hinein in die Ewigkeit, belastet mit dem Raube, den du an uns begangen, mit all' den glücklichen Stunden, die du uns nicht gewährt hast! Dein Bruder Dieb kommt morgen und beginnt sein Tagewerk, still, geschäftig, als ob es das ehrlichste Handwerk von der Welt wäre! Aber wir wollen ihm auf die Finger sehen! Aus den schwarzen Wolken begannen jetzt Schneeflocken zu fallen; erst einzeln, dann schnell dichter und dichter. Tusky trat aus der schützenden Pforte hinaus auf den Friedhof und blickte nach der Gitterthür. Wo er nur bleibt, murmelte er; er müßte längst hier sein, und ich hätte ihn so gern gesehen! Plötzlich hörte er einen Schritt hinter sich. Er wendete sich um und erkannte Leo. Gott zum Gruß, mein Junge! rief er, Du hast mich lange warten lassen. Woher so spät? Ich komme vom Schlosse, sagte Leo, der Tusky's herzliche Begrüßung nur sehr flüchtig erwiedert hatte. So tritt herein, sagte Tusky; es spricht sich drinnen besser, als hier im Schneegestöber. Komm! Er schloß die Pforte auf und wieder zu, nachdem sie Beide und ein verkrüppelter alter Mann, der plötzlich irgendwoher aus einer Mauernische auftauchte, eingetreten waren. Der Alte war ein armer, halb blödsinniger, taubstummer Mensch, dessen Rest von seelischem Leben sich um die Kirche bewegte, auf deren Friedhof die Seinigen schon seit einem Menschenalter moderten. Er war in jungen Jahren ein guter Musikant gewesen, und jetzt in seinen uralten Tagen war es sein größtes Glück, wenn er die Bälge treten und sich dabei Melodien träumen durfte, die sein Ohr nicht mehr vernahm. Tusky schritt voran die wohlbekannten Gänge und Stufen bis zu dem engen Raum vor der Orgel, hier entzündete er die Stumpfen von ein paar dicken Lichtern, die von dem Altare auf die Empore gewandert waren. Der Schein flackerte an den Orgelpfeifen hinauf und erhellte nothdürftig die Balken und Leitern in der Nähe; aber in das Innere der Kirche drang kaum ein schwacher Schimmer, und die Tiefe unter ihnen gähnte wie ein Grab. Tusky hatte sich an die Orgel gesetzt und mit geübter, sicherer Hand ein paar Accorde gegriffen, deren gewaltige Tonwellen sich machtvoll am Gewölbe brachen und in einem Augenblick den weiten Raum bis in den fernsten Winkel mit harmonischer Fluth erfüllten. Er schien ganz versunken in sein Spiel, ganz unachtsam des jungen Freundes an seiner Seite. Leo legte ihm die Hand auf den Arm. Ich habe mit Dir zu sprechen, Conrad, sagte er. Sprich! Er neigte sich zu Leo und nahm die linke Hand von den Tasten; mit der rechten griff er leise, verzitternde Töne. Es ist das letztemal, daß wir hier unter dem Vorwande, Musik zu machen, zusammenkommen, sagte Leo. Warum? Es scheint mir, als ob sie Alles wüßten. Mit einer heftigen Bewegung wendete sich Tusky zu Leo: Was wissen Sie? Wer weiß? rief er leidenschaftlich. Ich habe es schon seit einiger Zeit gemerkt, erwiederte Leo mit dumpfer, hastiger Stimme; sie waren Alle so besonders freundlich zu mir, der Freiherr, die Mädchen, besonders das gnädige Fräulein. Sie hatte mich schon ein paarmal so angesehen, als ob sie mir etwas Besonderes sagen wollte; ich habe aber immer gethan, als ob ich nichts merkte, denn ich meinte, sie wolle nur meine Mitwirkung in den lebenden Bildern, die sie zu Weihnachten arrangirt und zu denen sie die ganze Nachbarschaft zusammengebeten hat. Ich weiß, ich weiß, sagte Tusky; der Ertrag ist natürlich für die Armen bestimmt – eines ihrer elenden Pflaster, mit denen sie die eiternde Wunde zu verkleben suchen. Ja, ja, sagte Leo. Ich war ihr immer ausgewichen, aber heute war es nicht möglich. Sie faßte mich plötzlich bei der Hand und sagte: Ich habe mit Ihnen zu sprechen. Dann saßen wir in ihrem Zimmer; ich weiß nicht recht, wie wir dahingekommen sind. Nun? fragte Tusky ungeduldig, was sagte sie? Was wollte sie von Dir? Ich weiß es selbst kaum, erwiederte Leo, indem er die Augen mit der Hand bedeckte. Sie hat eine so schöne Stimme; ich hörte anfänglich nur die Stimme. Sie sprach von meiner verstorbenen Mutter, von meinem Vater – ich erinnere mich nicht mehr, was; aber es klang so hold und lieb; ich hätte immer so zuhören können; ich vergaß ganz, wie wunderlich doch eigentlich dies sei, und warum sie just heute von dem Allen sprach. Da plötzlich weckte mich Dein Name. Wie sie auf Dich gekommen ist, ich kann es nicht sagen; aber als sie jetzt von Dir sprach, hatte ihre Stimme nicht mehr den sanften Klang von vorher, und ihr seines, bleiches Gesicht hatte einen ganz anderen Ausdruck angenommen. Sie warnte mich vor Dir, sie sagte, sie könne mir nicht Alles mittheilen, was sie von Dir in Erfahrung gebracht habe, weil sie nicht wisse, wie weit Du mich in Deine Geheimnisse eingeweiht, oder ob ich im Stande sein würde, Dir gegenüber zu schweigen. Ja, sie verlange das nicht einmal; denn selbst in dem Falle, daß ich der Feind der Familie geworden wäre, daß ich mit Dir gegen ihr Wohl mich verschworen hätte, wollte sie doch nicht, daß ich zum Verräther würde; auch die schlechteste Sache sei nach der Seite hin heilig. Das verlange sie nicht, das wünsche sie nicht; aber sich von einer schlechten Sache, wenn man sie als schlecht erkannt habe loszusagen – sei Pflicht, und der Zweck dieser Unterredung mich auf diese Pflicht aufmerksam zu machen. Und was hast Du auf das Alles geantwortet? fragte Tusky. Ich hatte keine Zeit, irgend etwas zu antworten, erwiederte Leo. Als sie ausgesprochen, legte sie mir die Hand auf die gesenkte Stirn. Als ich wieder aufschaute, war sie nicht mehr da. Dann habe ich mich heimlich aus dem Zimmer und aus dem Schlosse gestohlen. Und was hast Du beschlossen? Was kann ich beschlossen haben? Was soll ich beschließen? rief Leo, die Hände ringend, – als das Eine, daß ich nicht länger die Wohlthaten dieser Familie annehmen darf! O, Tusky, es drückt mir schon lange das Herz ab, und es ist gut, daß es einmal zur Sprache kommt. Ich hätte es nie thun dürfen, und von Anfang an warnte mich eine Stimme davor; aber jetzt, jetzt trage ich es nicht länger. So gehe hin, wirf Dich ihnen zu Füßen, wie der verlorene Sohn in der Bibel, sage zum Fräulein: Ich habe gesündigt vor Dir, und zum Freiherrn: Ich kann nicht länger Dein Sohn heißen. Zum wenigsten: Ich kann nicht länger wie ein Spion in eurem Hause aus- und eingehen. Dafür aber den Freund an euch verrathen. Das habe ich nicht gethan. Und wenn Du es thätest, Du würdest es bei Gott bald zu bereuen haben. Tusky hatte Leo an beiden Schultern gepackt; die Adern an seiner weit vorgewölbten Stirn waren plötzlich wie Aeste angeschwollen; seine Augen waren blutunterlaufen. Ich weiß, daß Du sehr stark bist, sagte Leo ruhig; Du könntest mich hier ermorden, ehe mir Jemand zu Hilfe käme; aber ich fürchte mich nicht vor Dir. Tusky ließ ihn los und stützte den Kopf in die Hand. Der Zornesblitz war verschwunden, wie er aufgezuckt war; die strengen energischen Züge trugen jetzt einen Ausdruck von Trauer und Schmerz, und seine harte Stimme klang weich, als er leise sagte: Es ist ja nicht darum, die Sache würde auch ohne Dich und mich nicht untergehen; aber Leo, ich kann es nicht ertragen, es macht mich rasend, wenn Du davon sprichst, mich zu verlassen – mich zu verlassen, um dieser reichen Sünder willen. Sie haben Alles in Ueberfluß: Licht und Wärme und Kleidung und Nahrung des Leibes und der Seele, Sonnenschein und Liebe – ich habe nichts als Dich. So lange ich lebe, Leo, habe ich nichts geliebt als Dich. Ich könnte mich für Dich von wilden Pferden zerreißen lassen, ich würde für Dich mein Blut tropfenweise hingeben. Das weißt Du, wenn ich es Dir auch noch nie gesagt habe; wenn ich mich auch morgen schämen werde, daß ich es Dir heute gesagt habe, und doch kannst Du mich verlassen? Das ist das Bitterste! Ich kann und werde Dich nicht verlassen! sagte Leo, indem er Tusky's beide Hände ergriff; ich schwöre es Dir, – nimmermehr; aber nimm diese Last von meiner Seele, diese Last des schwärzesten Verraths, des entsetzlichsten Undankes! Mag sie und ihre Vorfahren der Fluch der Menschheit treffen, gegen mich sind sie gut und gütig gewesen; das Brod, das ich esse, wird mir zu Gift. Armer Junge, sagte Tusky, liebevoll dem Jüngling das dunkle Haar aus der feinen Stirn streichend; armer, lieber Junge! aber das konnte Dir nicht erspart bleiben. Wer im Dienste der Idee steht, muß bereit sein, das schwerste Opfer zu bringen, das Opfer der Gefühle, die man sonst als die edelsten preist. Es ist nicht unsere Schuld, daß wir mit solchen Waffen kämpfen müssen. Man hat uns die stolzen Locken abgeschoren, man hat uns unserer Kraft beraubt, man hat uns geblendet, man hat uns in die Tretmühle geschickt; man hat uns verhöhnt und seine freiherrliche Kurzweil mit uns getrieben. Will man es dem armen, blinden Sclaven nun zum Verbrechen machen, daß er nicht in offener Feldschlacht seinen Peinigern entgegentritt, sie nicht wie früher schlägt mit eines Esels Kinnbacken? Will man es Verrath nennen, daß, als sie ihn holen ließen, damit er vor ihnen spiele, er zu dem Knaben, der ihn bei der Hand leitete, sprach: Laß mich, daß ich die Säulen taste, auf welchen das Haus steht, daß ich mich daran lehne? – Und Du weißt, Leo, das Haus war voll Männer und Weiber, es waren auch der Philister Fürsten alle da. Und er faßte die zwei Mittelsäulen und sprach: Meine Seele sterbe mit den Philistern; und neigte sich kräftiglich. Da fiel das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk, das drinnen war. Leo, Leo! Wenn ich der Simson wäre, den der Herr sich erkoren hat zur Errettung seiner Kinder; wenn er mich mit der Kraft ausgerüstet hätte, die Säulen zu brechen, auf denen sie die Feste ihrer hochmüthigen Tyrannei errichtet haben; wenn das wäre, Leo, wolltest Du nicht der Knabe sein, der den Blinden leitet? Wolltest Du seine Hand plötzlich aus der Deinen lassen und schreien: Verrath, Verrath! Der blinde Geiger will euch erschlagen? Leo hatte das Haupt tief gesenkt; er starrte düster vor sich nieder. Die Worte des Freundes hatten all' die wilden Phantasien, in denen seine Seele so gern schwelgte, wachgerufen, und sie berührten seine pochenden Schläfe mit ihren Geisterflügeln; dann legte sich wieder eine weiche, zarte Frauenhand auf seine Stirn, und eine sanfte, melodische Stimme sprach gute, milde Worte, die sein Herz mit Wehmuth erfüllten. O, Conrad, bat er, laß uns fort, fort von hier, gleichviel wohin, und wäre es in das äußerste Elend. Du hast mir selbst gesagt, der Kampf, den wir kämpfen, ist über die ganze Erde entbrannt. Nun denn, so laß uns eine andere Stelle des Schlachtfeldes aufsuchen, eine andere Stelle – Wo die Kugeln weniger dicht fliegen, unterbrach ihn Tusky; nein, Leo, das hieße für mich den Kampf aufgeben. Die Frucht des Samens, den ich hier gesäet, kann Niemand ernten, als ich selbst. Niemand hat die Fäden in der Hand, als ich; gehe ich fort, so fiele Alles auseinander. Und es sagt mir etwas, daß die Zeit der Ernte gekommen ist. Ueberall auf dem platten Lande gährt ein dumpfer Unmuth; schon beginnen sie in den Städten zu murren; es ist ein Feuer, das in dem Gebälke schwelt und schwelt, ein einziger kräftiger Windstoß, und das ganze Haus steht in Flammen. Was helfen da die Häufchen Erde, die sie ängstlich herbeitragen, den Brand zu ersticken! Was hilft es, daß der Freiherr jetzt mit theurem Gelde Korn kauft, um es für nichts an seine Taglöhner zu geben? Daß seine Schwester seit vier Wochen im ganzen Lande umherkutschirt, Suppen-, Kranken- und Gott weiß was noch für Vereine stiftet und in jede schmutzigste Hütte ihre freifräulichen Füße setzt? Mit diesen kümmerlichen Abschlagszahlungen werden sie die Riesenschuld nicht tilgen, die sich während so vieler Jahrhunderte aufgehäuft hat. Und ich für meinen Theil fürchte sie nicht. Die gute Dame mag so eine unbestimmte Ahnung haben, daß ich ihr ihre Bettelsuppen häßlich versalze – aber darüber wird es nicht hinausgehen. Den Schlüssel zu dem Schloß, mit dem ich den Brüdern den Mund verschließe, hat noch Niemand gefunden – das gnädige Fräulein sicherlich auch nicht. Sie nannte auch den Namen Deiner Schwester, sagte Leo; ich habe nicht genau verstanden, ob sie in Tannenstädt gewesen ist, aber ich vermuthe es. Das müßte ganz kürzlich, vielleicht heute erst gewesen sein. Ich weiß es nicht. Tusky blickte nachdenklich vor sich nieder. Also auch das, sagte er; so wäre man wirklich auf der Spur? Traust Du Even nicht? Nur halb, aber ich kann sie nicht entbehren, sie ist schlau, gewandt, muthig und fürchtet sich vor nichts auf der Welt, als vor mir. Das ist immer eine Garantie; freilich keine ausreichende, und jetzt haßt sie mich überdies doppelt und dreifach. Nun, nun, Du brauchst nicht roth zu werden, mein Junge! Was kannst Du dafür, daß sich das tolle Geschöpf bis hierher gewagt hat? Oder hast Du mir nicht Alles gesagt, Leo? Doch, doch! Ich habe sie weder vorher, noch nachher gesehen oder gesprochen. Und das eben verzeiht sie mir nicht, sagte Tusky; ich könnte ihren Zorn sehr leicht beschwichtigen, wenn ich Dich wieder einmal mitnähme – So thue ihr doch den Gefallen, sagte Leo; glaubst Du, daß ich ein solches Kind bin, oder daß die Eve so gefährlich ist? Tusky lachte. Allerdings glaube ich das, sagte er, Eines und das Andere. Dein Blut ist heiß, und in Eve's Adern fließt kein Schneewasser. Aber wer, wie Du, zu großen Dingen geboren ist, muß rein bleiben wie polirter Stahl. Hüte Dich vor dem ersten Flecken, Leo; der erste Flecken bleibt nicht lange der einzige. Und nun geh', mein Junge, und sage Deinem Pastor, daß Du aus der Musikstunde kommst, und wir hätten heute Generalbaß getrieben. Und schlag' Dir die Grillen aus dem Kopf. Wenn wir die Welt betrügen, so ist es, weil sie durchaus betrogen sein will. Geh'! Leo stand auf dem Kirchhofe. Es hatte aufgehört zu schneien; die Erde lag still und kalt wie eine Leiche. Als er den Kirchberg hinabstieg, begann die Orgel mächtig zu brausen, aber der sausende Wind zerriß die Töne, als ob Geister, die auf den schwarzen Himmelswolken über die Erde fuhren, einander Worte zuriefen, für die das Menschenohr kein Verständniß hat. Einunddreißigstes Capitel. Die Zeitungen waren in der letztvergangenen Zeit voll von düstern Prophezeiungen gewesen; aber die, welche an diesem Abend der Postbote brachte, enthielten wirklich Bedenkliches. In der Residenz hatten ernste Unruhen stattgefunden. Die erste Veranlassung schien eine geringfügige gewesen zu sein – ein Krawall auf einem Gemüsemarkte – aber die Aufregung hatte bald größere Dimensionen und einen gefährlicheren Charakter angenommen. Beim Schluß der Zeitung hoffte man indessen, daß das energische Einschreiten der in großer Menge aufgebotenen Polizeimannschaften weiterem Unglück vorbeugen werde. Wir wollen es auch hoffen, sagte der Freiherr; aber es ist so schon schlimm genug, einmal als Zeichen der Zeit und Beweis der Noth, die jetzt schon gar nicht mehr sporadisch auftritt, und dann als böses Beispiel, das unsere Schreier und Murrer gehörig auszubeuten wissen werden. Aber am nächsten Tage lauteten die Nachrichten noch um Vieles bedenklicher. Die Polizei hatte der Tumultuanten nicht Herr werden können, es war Militär requirirt worden, man hatte an einzelnen Stellen auf das Volk geschossen, Blut war geflossen. Darüber war die Nacht herangebrochen. Man fürchtete, daß das Einschreiten der bewaffneten Macht die Sache eher verschlimmert, als verbessert habe, und daß man sich auf noch Schlimmeres gefaßt machen müsse. Der Freiherr schüttelte den Kopf. Das sieht bös aus, sagte er; der König ist stumpf, und seine Minister sind Dummköpfe; sie haben bei ruhigem Wetter und glattem Meere kaum zu steuern verstanden; was soll das geben, wenn es wirklich stürmt? Ein mit zwei tüchtigen Pferden bespannter Schlitten kam, während der Freiherr so sprach, sehr schnell auf den Hof gefahren. Der Herr, welcher darin saß, hatte den Kragen seines Pelzes in die Höhe geschlagen und seine Pelzmütze so tief in die Stirn gezogen, daß die Brille, die er trug, nur eben aus der dichten Hülle hervorblickte. Es ist Hey; rief der Freiherr mit einiger Bestürzung; der Mann hat mir noch selten etwas Gutes gebracht, was wird er heute bringen? Ich weiß Alles! rief er dem Eintretenden entgegen. Nichts wissen Sie, sagte der Landrath, indem er sich vor Charlotte verbeugte und dem Freiherrn eine eiskalte Hand reichte. Die Sache steht viel schlimmer, als die Zeitungen melden. Die Truppen in der Residenz sind unzuverlässig, ja sie haben zum Theil offen mit dem Pöbel fraternisirt. Man hat auf telegraphischem Wege die Neunundneunziger aus unserer Festung requirirt. Denken Sie diesen Wahnsinn! Unsere geringe Macht, die wir vielleicht selbst so nöthig brauchen werden, um die Hälfte zu verringern! Ich beschwor den Präsidenten; ich beschwor den General von Schnabelsdorf, gegen diese Maßregel zu remonstriren. Es geschah; Bitte um Zurücknahme des Befehls, um Aufschub – nichts half. Unverzüglich kommen! Gefahr im Verzuge! – so lautete die letzte Depesche; vor einer halben Stunde ist denn das Regiment mit Extrazug abgegangen. Herr von Hey warf sich vor dem Kamin ganz erschöpft in einen Polsterstuhl. Ich kann diese Maßregel nicht mißbilligen, sagte der Freiherr; ein Aufstand in der Residenz, wenn er nicht bald niedergeschlagen wird, kann für das ganze Land, ja für die Welt von unberechenbaren Folgen sein. Aber wir, wir! was soll aus uns werden? rief der Landrath. Wir wollen uns schon selbst helfen, wenn es zum Schlimmsten kommt, erwiederte der Freiherr. Das ist leichter gesagt, als gethan, meinte der Landrath; Sie haben es nicht Wort haben wollen, aber Sie werden, fürchte ich, nur zu bald erkennen, daß wir auf einem Vulkane stehen. Ich denke mit Entsetzen an die Wirkung, welche die Nachricht von den Ereignissen in der Residenz auf unsere Taglöhner und Zehentner haben wird. Ich glaube, Sie sehen die Dinge ein wenig zu schwarz, lieber Hey, sagte der Freiherr; ich gebe zu, wir haben Schreier genug, aber vom Schreien bis zum Handeln ist ein großer Schritt, den die Leute nur wagen, wenn sie einen sehr entschlossenen und energischen Führer haben. Wo sollten sie den herbekommen? Die paar intelligenten tüchtigen Köpfe, die wir allenfalls in der Gemeinde zählen, sind entschieden für uns. Nein, nein, wir haben nichts zu fürchten. Charlotte war der Unterredung der beiden Männer mit einer Spannung gefolgt, die sich deutlich genug auf ihrem feinen, blassen Gesichte ausprägte. Ein wichtiges, entscheidendes Wort schien auf ihren Lippen zu schweben; sie machte eine lebhafte Bewegung, als ob sie zu sprechen wünsche; aber in diesem Augenblicke ließ sich auf dem Vorsaal eine Stimme vernehmen, die eifrig nach dem Freiherrn verlangte. Gleich darauf trat, dem Bedienten auf dem Fuße folgend, Doctor Urban in das Gemach. Ein Blick genügte, um zu erkennen, daß sich der geistliche Herr in einer Aufregung befand, vor welcher die kühle Ruhe, deren er sich sonst befleißigte, nicht Stand gehalten hatte. Ich bringe seltsame Nachrichten, sagte er, nachdem er sich kaum Zeit zu einer Begrüßung der Anwesenden genommen – Man brachte mir vor ungefähr einer Stunde die Botschaft, daß die Bauern in dem Kruge eine Versammlung abhielten, bei der es ziemlich wild hergehe; ich hielt es für meine Pflicht, die Leute zur Ruhe und Ordnung zu ermahnen, und begab mich sofort nach der bezeichneten Stelle. Welches Bild hatte ich da, meine Herren! Ich habe diese Brutalität, diese Frechheit nie für möglich gehalten. Vergebens, daß ich zu Worte zu kommen suchte! Wüster Lärm, ein satanisches Pfeifen und Heulen – das waren die Begrüßungen, mit denen man mich empfing. Und wer, wer glauben Sie, Herr Baron, mein gnädigstes Fräulein, Herr von Hey – wer, glauben Sie, an der Spitze dieser Bösewichter steht? Wer nach dem, was ich habe sehen, habe hören müssen, ganz unzweifelhaft die Seele dieser Empörung ist? Der Schullehrer Tusky! rief Charlotte; ich habe es längst gewußt. Sie hatte sich von ihrem Platz am Kamin erhoben und stand den Männern, die verwundert zu ihr aufschauten, gegenüber. Ich habe es längst gewußt, wiederholte sie, aber ich habe geschwiegen, aus einer falschen Großmuth, wie ich jetzt wohl sehe, und weil ich keine Beweise in Händen hatte und anders Euren sicheren Glauben zu erschüttern nicht hoffen durfte. Ja, ja, sagte der Freiherr, Du hast es schon damals gesagt; erinnern Sie sich, Herr Doctor? Ich fragte Sie nach dem Menschen, Sie stellten ihm ein günstiges Zeugniß aus. Er hat mich getäuscht, wie er mit Ausnahme des gnädigen Fräuleins uns Alle getäuscht hat, murmelte Doctor Urban. Nun, und was will er denn, was wollen denn die Leute? fragte der Freiherr. Ich weiß es nicht, erwiederte Doctor Urban; es war mir unmöglich, aus den zwanzig oder dreißig Stimmen, die zu gleicher Zeit auf mich einschrieen, klug zu werden; überdies habe ich mich natürlich entfernt, als ich sah, daß meine Anwesenheit den Tumult offenbar nur vermehrte. Ich bin heraufgeeilt, Ihnen die Nachricht zu bringen, bevor die Bösewichter kommen. Das werden sie nicht wagen! rief der Freiherr. Doctor Urban zuckte die Achseln. Da sind sie schon! rief Charlotte. Auf dem Hausflur ließen sich laute, heisere Stimmen vernehmen, die in drohendem Tone nach dem Freiherrn fragten und riefen, dazwischen die ärgerliche, hohe Stimme Christian's, des alten Kammerdieners, der sich vergeblich Gehör verschaffen zu wollen schien. Der Landrath und Doctor Urban sahen sich mit blassen, erschrockenen Mienen an; Charlotten's Blicke hingen an dem Gesichte des Bruders, auf dessen hoher Stirn eine rothe Zorneswolke lag. Seine braunen Augen blitzten, er wendete sich hastig nach der Thür. Was willst Du thun? rief Charlotte, sich ihm in den Weg werfend. Mein Hausrecht wahren! erwiederte der Freiherr, indem er die Schwester von sich weg zu drängen versuchte. Da erscholl neuer Lärm: Er muß zu Hause sein! Er soll zu Hause sein! Laß sie herein und sprich ruhig mit ihnen! flehte Charlotte. Um Deinetwillen, erwiederte der Freiherr. Er ging und öffnete die Thür und rief, auf der Schwelle stehen bleibend: Was will man von mir? Wir sind hier im Namen der Gemeinde, antwortete eine Stimme, und wünschen eine Unterredung mit Herrn von Tuchheim. So kommen Sie herein! sagte der Freiherr. Von ein paar Männern gefolgt, trat Tusky in das Zimmer. Die Männer drängten sich, Verlegenheit in Haltung und Mienen, um die Thür; Tusky aber kam festen Schrittes näher und blieb vor der am Kamin versammelten Gesellschaft, welche die Unruhe schon längst von ihren Sitzen aufgetrieben hatte, stehen, herausfordernden Trotz in den strengen Zügen. Was wünschen Sie von mir? fragte der Freiherr. Ich wünsche Ihnen die Forderungen vortragen zu dürfen, welche soeben von der versammelten Gemeinde einstimmig beschlossen worden sind. Ich gehöre auch zur Gemeinde, sagte der Freiherr mit Ironie; ist meine Stimme schon mitgezählt? Wir kommen eben, uns Ihre Zustimmung zu erbitten, antwortete Tusky sehr ruhig. Wir verlangen nichts, als was Sie nicht verweigern können! Warum nicht verweigern können? Aus zwei Gründen. Einmal, weil wir, wie ich glaube, die Macht in Händen haben; sodann, weil Ihr Gerechtigkeitssinn Ihnen nicht erlauben wird, uns vorzuenthalten, was Ihnen nicht gebührt. Und worin bestände das? In Folgendem: Wir verlangen zuerst unentgeltliche Befreiung von allen Spann- und Hofdiensten, welcher Art sie auch immer seien; zweitens den sofortigen Wegfall des Zehents an den Pfarrer und aller Naturalienlieferungen an den Hof, auf welchen scheinbaren Rechtstitel sie sich auch gründen; drittens das Aufhören aller und jeder Privilegien, die sonst noch auf diesem Gute und auf Ihren anderen Gütern haften, insonderheit das Freigeben der Gemeindewiesen zur Vertheilung an die Dürftigen in der Gemeinde; viertens die Ausstellung eines Reverses, daß Sie dies Alles aus voller Ueberzeugung von dem guten Rechte der Gemeinde und somit ganz aus freien Stücken für sich und Ihre Nachkommen auf ewige Zeiten abgetreten haben. Und wenn ich, mich zu nichts von dem Allen verstehe, was dann? Dann würden wir, wie gesagt, was man uns ehemals mit Gewalt genommen, uns mit Gewalt zurückholen. Nun denn, sagte der Freiherr, indem er sich strack in den Hüften aufrichtete, so sagen Sie denen, die Sie aufgehetzt haben und als deren Sprecher Sie sich hier geriren, daß, von einem Privaten zu verlangen, was nur der Staat aus dem Wege der Gesetzgebung gewähren kann, einfach ein Unsinn ist; und zweitens sagen Sie ihnen, daß ich an der Abschaffung so ziemlich alles dessen, was sie verlangen, seit ungefähr dreißig Jahren arbeite und also mehr dafür gethan habe, als Ihr Alle zusammengenommen; und drittens sagen Sie ihnen, daß ich nichtsdestoweniger jeden, der mir, was ich freiwillig freudig hingeben würde, mit Drohungen abfordert, als einen Räuber, der bei nächtlicher Weile in mein Haus dringt, ansehen und demgemäß behandeln werde. Das sagen Sie den armen Leuten, und – damit wären wir ja wohl für heute fertig. Für heute, ja, – ob auch für die Zukunft, hängt ganz von Ihnen ab. Das heißt? Das heißt, daß ich demnächst wieder anfragen werde, ob Sie noch derselben Meinung sind, und daß, wenn dies der Fall sein sollte, ich Sie allerdings für die Folgen verantwortlich machen müßte. Man wird Mittel finden, Ihnen zu begegnen, rief hier Herr von Hey, dem die Festigkeit des Freiherrn Muth gemacht hatte. Tusky wendete sein finsteres Gesicht nach dem Manne mit der Brille und sagte mit herbem Spott: Ich rathe Ihnen, Herr Landrath, Ihre Anwesenheit hier so wenig wie möglich bemerklich zu machen. Ich kenne Leute, die Sie gern der Mühe, sich von hier nach Hause zu begeben, überheben würden. Sie haben von Anfang an ein falsches Spiel mit uns getrieben, junger Mann, rief Doctor Urban, und Sie werden es verlieren! Möglich, erwiederte Tusky, aber ich hoffe es noch lange genug fortzusetzen, um Sie zu zwingen, Ihre Karten aufzudecken, Herr Pastor. Genug! rief der Freiherr; ich bin des Geredes satt! Gehen Sie, Herr Tusky, und nehmen Sie die Ueberzeugung mit, daß Sie sich in Ihrer Hoffnung, mich einzuschüchtern, schmählich betrogen haben. Ich habe weder die Hoffnung, noch den Wunsch gehabt, Sie einzuschüchtern: ganz im Gegentheil! Ich wünsche Ihnen einen guten Abend. – Kommt, Leute! Tusky ging nach der Thür. Er mußte dabei an Charlotten vorüber, die sich während der Unterredung, wie es schien absichtlich, an diese Stelle begeben hatte. Als Tusky in ihrer unmittelbaren Nähe war, sagte sie mit so leiser Stimme, daß nur er es hören konnte: Denken Sie an Ihre alte Mutter! Meine Mutter starb heute Morgen, erwiederte Tusky in demselben Tone; mögen die Todten die Todten begraben! Es mußten vor dem Schlosse noch mehr Leute versammelt gewesen sein, denn gleich nachdem Tusky das Zimmer verlassen hatte, hörte man draußen mißtönendes Geschrei, das sich aber bald entfernte. Es dauerte eine geraume Zeit, bis die im Zimmer Versammelten ihren Zorn, ihre Entrüstung, ihren Schrecken so weit bewältigt hatten, um mit der nöthigen Ruhe die Frage, was man unter diesen Umständen zu thun habe, erörtern zu können. Der Landrath war entschieden dafür, sofort Militär zu requiriren, die Rädelsführer, Tusky an der Spitze, zu verhaften und so den Aufstand im Keime zu ersticken. Der Freiherr wollte davon nichts wissen. Diese Menschen, rief er, sind nur fürchterlich, wenn wir Furcht zeigen. Haben wir uns ein einzigesmal so weit einschüchtern lassen, daß wir offen gestehen, wir können ohne fremde Hilfe nicht mit ihnen fertig werden, so ist unser moralisches Ansehen für immer untergraben. Der Pastor hatte die Ansicht des Landraths auf das Lebhafteste unterstützt. Von dem Freiherrn gedrängt, gab er zu, daß er, nach den Erfahrungen von vorhin, sich persönlich nicht mehr sicher fühle. Der Freiherr maß ihn mit einem halb verwunderten, halb verächtlichen Blicke. Das wäre freilich schlimm, sagte er; wenn Sie, Herr Doctor, der Sie von berufswegen nur Wohlthaten zu spenden haben, sich die Liebe der Leute nicht erwerben konnten, was soll dann aus uns werden, den Herren, auf denen sichtbar und unsichtbar der Fluch unserer Herrlichkeit ruht? Die Gäste hatten sich verabschiedet. Der Landrath saß bereits in seinem Schlitten, als Doctor Urban noch einmal herantrat. Ist es nicht reine Tollheit? murmelte er, mit einer bezeichnenden Kopfbewegung nach dem Schlosse. Die reine Tollheit, erwiederte von Hey, aber ich werde nicht so toll sein, mich daran zu kehren. Wir dürfen ihn die Suppe, die er sich selber eingebrockt hat, nicht aufessen lassen – um unsertwillen nicht. Ich fahre so schnell die Pferde laufen können in die Stadt. In drei Stunden spätestens kann eine Compagnie hier sein. Ich darf mich darauf verlassen? Ganz sicher. Der Landrath hatte seinem Kutscher die Zügel abgenommen und begann jetzt den Schloßberg mit einer Eile herunter zu fahren, als ob auf dem glitzernden Schnee Schaaren hungriger Wölfe hinter ihm her galoppirten; der Pastor schlug den Weg nach dem Dorfe ein. In seiner gebückten Stellung, seinen scheuen Mienen war keine Spur seines sonstigen Hochmuths zu entdecken. Warum wiesest Du die militärische Hilfe zurück? sagte Charlotte, indem sie sich, nachdem jene kaum das Zimmer verlassen hatten, mit Lebhaftigkeit zum Bruder wendete. Du hast den wahren Grund nicht genannt. Nein, erwiederte der Freiherr, weil ich zu stolz war, einzugestehen, daß ich mich – nicht fürchte, wie jene Memmen, aber mich grenzenlos unglücklich fühle, und daß ich entschlossen bin, dies Unglück, komme was da komme, allein zu tragen. So lange ich lebe und denke, hat es an meinem Herzen genagt, das Bewußtsein des Unrechts unserer exceptionellen Stellung, und doch ist sie so mit meinem Leben verwachsen, daß ich sie nicht aufgeben kann, ohne mein Leben zugleich aufzugeben. Wehe dem, der zuerst die Hand ausstreckte nach ungerechtem Gut! Er hat damit zugleich den ersten verhängnißvollen Schritt auf der schiefen Ebene gethan, die allmälig, aber unaufhaltsam abwärts führt. Ich weiß, daß ich auf Kosten Anderer bin, was ich bin, und doch und doch – entsetzlicher Widerspruch, grausige Sphinx, deren Geheimniß wir lösen sollen, ja lösen müssen und nicht lösen können! Charlotte, Charlotte, wenn wir feiner fühlen, edler denken, als jene Unglücklichen, könnten wir es, wenn wir uns plagen müßten, wie sie? Und, liegt nicht unsere Selbstachtung, unsere Selbstschätzung, liegt nicht Alles, was uns das Leben lebenswerth macht, in einem Vorzug, der in seinem tiefsten Grunde ein Raub ist? So gieb ihnen, was sie fordern, sagte Charlotte; Du mußt es, wenn Du überzeugt bist, daß sie Recht haben. Gewiß haben sie Recht, rief der Freiherr; zehnmal haben sie Recht; heute, wie sie vor Jahrhunderten Recht hatten. Aber was hilft es, daß ich davon überzeugt bin, wenn die Anderen diese Ueberzeugung nicht theilen? Ist heute ein vierter August? Ist dies Zimmer hier der Sitzungssaal einer National-Versammlung? Charlotte, Du, und Du allein weißt, daß ich mich keinen Augenblick besinnen würde, die fadenscheinige Freiherrlichkeit auf den Scheiterhaufen zu den übrigen Fetzen des Mittelalters zu werfen. Aber hier ist keine welthistorische That zu thun. Entwickelt sich aus diesem Treiben und Drängen eine Revolution, so wird meine kleine Rechnung mit der großen Rechnung, die das Volk aufstellen wird, zugleich geregelt werden; verläuft sich aber Alles wieder im Sande, so sind die Zugeständnisse, die der Einzelne gemacht hat, gar nichts nütze, ja, der Einzelne ladet, indem er in einer politischen Zeit den gutmüthigen Patriarchen spielt, den Fluch der Lächerlichkeit und – was wohl noch schlimmer ist – den Verdacht der Feigheit auf sich. Wer wird mir glauben, daß ich nur aus freien Stücken nachgab? Er that es, werden Sie sagen, weil er sich fürchtete, weil er seine Kornschober, seine Scheunen, seine Häuser, weil er sein Leben retten wollte. Nein, nein, Charlotte, das soll von keinem Tuchheim gesagt werden! Sie wissen, daß ich es gut mit ihnen meine, daß ich mehr für sie gethan habe, mehr zu thun bereit bin, als irgend ein Edelmann im Lande. Sie wissen es, sie müssen es wissen, und wenn sie es nicht wissen zu wollen scheinen, so sind sie Schurken, und mit Schurken verhandle ich nicht. Schlimm genug, daß ich mich so weit mit ihnen eingelassen habe. Eine Kugel dem Ersten vor den Kopf, der es wagt, gewaltsam in mein Haus zu dringen – das wäre in diesem Falle die einzig richtige Antwort gewesen. Wenn ich sie nicht gegeben, wenn ich die Beleidigungen dieses frechen Menschen erduldet habe – Der Freiherr beendete den Satz, der in einen Vorwurf für Charlotten ausgelaufen wäre, nicht. Er ging mit heftigen Schritten in dem großen Gemache auf und ab, augenscheinlich bemüht, seiner Bewegung Herr zu werden. Charlotte beobachtete ihn mit tiefbekümmerter Miene; sie sah, wie der Widerspruch zwischen Ueberzeugung und Neigung, zwischen Kopf und Herz, an dem er sein Leben lang gekrankt hatte, in dieser wichtigen, entscheidungsvollen Stunde in ihm so ungelöst war wie nur je; sie mußte fürchten, daß der Moment der Entscheidung ihn unvorbereitet, unentschlossen finden würde, und dieser Gedanke war ihr der entsetzlichste von allen. Karl, sagte sie, und ihre sanfte Stimme war sehr fest und ruhig; Du mußt an das Aeußerste denken, denn sei versichert, er wird es auf das Aeußerste ankommen lassen. Das wird er nicht thun, sagte der Freiherr. Er wird es auf's Aeußerste ankommen lassen, wiederholte Charlotte. Ich habe es immer geahnt, wenn ich mir ihn in solchen oder ähnlichen Lagen dachte; seit heute Abend weiß ich es. Dieser Mann ist wie eine Naturgewalt, consequent, mitleidslos; nur von einer Kraft auszuhalten, die stärker ist, als er. Konnte man ihm ansehen, konnte man ihm anhören, daß heute Morgen seine Mutter gestorben ist? In der That! sagte der Freiherr zerstreut. Und doch hat er sie geliebt, fuhr Charlotte wie mit sich selbst redend fort; ich glaube es beschwören zu können. Gestern erst hatte ich die Frau zum erstenmale gesehen dort oben in Tannenstädt, – eine alte, vom Schlage gelähmte Frau, die seit zehn Jahren nicht aus dem Bett gekommen war. Er hat sie stets mit aller Sorge umgeben; er hat weit über seine Kräfte an ihr gethan – ich weiß es aus dem Munde der Leute, aus dem Munde seiner Schwester, die im Uebrigen gar nicht gut auf den Bruder zu sprechen war. Und vorhin – vorhin, als er aus dem Zimmer ging, hat er mir gesagt, daß die alte Frau gestorben, heute gestorben ist, so ruhig, so kühl, so nüchtern – es ist furchtbar, furchtbar! Charlotte unterdrückte mit Mühe einen Schauder und sagte wieder in ruhigem Tone: Wir müssen an die Knaben denken, Karl. Wir können sie nicht unten im Dorfe allen Gefahren und Verführungen ausgesetzt lassen. Verführungen? sagte der Freiherr, wie meinst Du das? Ein Diener, der eilig und mit schreckensbleichem Gesicht in das Zimmer trat, ließ Charlotte nicht zur Antwort kommen. Es brennt im Dorf, gnädiger Herr, sagte der Mann. Die Geschwister eilten aus dem Zimmer über den Vorsaal auf die Rampe des Schlosses. Sowie sie aus der Thür traten, sahen sie, wie ein rother Schein, der mit jedem Augenblick an Stärke zunahm, sich über den dunklen Winterhimmel gebreitet hatte. Es ist das Pfarrhaus, sagte der Freiherr; sonst liegen keine Häuser so weit links. Ja, ja, es ist die Pfarre, bestätigten die Leute, die sich in ängstlichen Gruppen um den Herrn drängten. Man soll mir ein Pferd satteln, schnell! rief der Freiherr. Charlotte faßte des Bruders Hand. Nimm mich mit, Karl! bat sie leise und dringend. Hier ist kein Augenblick zu verlieren, rief der Freiherr ungeduldig. Ich will Dich nicht aufhalten, aber wir kommen auf dem Fußweg eben so schnell hinunter, wie Du zu Pferde auf dem Fahrweg. Was willst Du unten? sagte der Freiherr, glaubst Du, daß die Wüthenden Dich hören, Dich respectiren werden? Dies ist keine Zeit für Frauen; bleib' hier, Charlotte! und er begab sich eilends auf sein Zimmer, sich zu dem Ritte zurecht zu machen. Charlotte hüllte sich in den Shawl, den ihr unterdessen Miß Jones gebracht hatte. Sie wollte sich auf keinen Fall von ihrem Bruder trennen. Der Anblick der beiden jungen Mädchen, die bleich und zitternd dastanden und die ängstlich starren Augen bald auf sie, bald auf den Himmel richteten, der den Schein des Feuers machtvoll zurückwarf, hätte sie fast in ihrem Entschlusse wankend gemacht; aber dann dachte sie, daß Miß Jones muthig und klug sei und sie allenfalls ersetzen könne. Sie flüsterte der braven Dame einige Worte in's Ohr, worauf diese ernsthaft mit dem großen, viereckigen Kopfe nickte; küßte die Mädchen, welche sofort in Thränen ausbrachen, auf die Stirn und stand bereit, dem Freiherrn zu folgen, als plötzlich ein Reiter in vollem Jagen auf den Hof gesprengt kam, bis an die Rampe, wo er vom Pferde sprang und die Zügel einem der Leute zuwarf. Gott sei Dank, Gott sei Dank! rief Charlotte, indem sie dem Ankommenden entgegeneilte und ihm beide Hände entgegenstreckte; wie habe ich Sie erwartet! Der Förster hielt einen Augenblick die zarten Hände in festem, liebevollem Druck. Ach, da ist der Fritz! rief der Freiherr, der eben wieder aus seinem Zimmer trat; Du siehst, Fritz, der Teufel ist los. Willst Du mit oder willst Du hier oben bleiben? Mir wäre es lieber, Du bliebst hier. Auch Sie müssen hier bleiben, gnädiger Herr, sagte der Förster leise; verstatten Sie mir einige Worte. Er trat mit dem Freiherrn auf die Seite und sagte zu ihm und zu Charlotte, welche den Männern gefolgt war: Es ist vergebens, daß Sie den Unsinnigen entgegentreten; sie sind von Wuth und Branntwein außer sich, sie hören auf Niemand. Ihr hauptsächlicher Haß gilt dem Pastor; ich wußte es; vor einer Stunde erfuhr ich auch, daß man die Pfarre heute Abend anzünden wolle. Da habe ich die Pastorin und die Knaben in meinem Schlitten abgeholt und sie vorläufig nach der Försterei gefahren; dem Pastor bin ich soeben unterwegs begegnet; ich habe ihm gesagt, daß er umkehren müsse; er folgt mir auf dem Fuße. Und sollen wir die Hände müßig in den Schooß legen? rief der Freiherr ungeduldig. Das Dorf ist in den Händen der Aufrührer, erwiederte der Förster. Der Freiherr machte eine Bewegung der Ungeduld. Er konnte sich nicht verhehlen, daß es sehr wenig wahrscheinlich sei, er werde den Leuten in einem solchen Augenblicke durch persönliches Entgegentreten imponiren, daß er mithin sich und die Schwester, die sich nicht von ihm trennen wollte, voraussichtlich ganz nutzlos einer dringenden Gefahr aussetze. In diesem Augenblicke entstand eine Bewegung und Geschrei unter den Leuten auf der Rampe. Dazwischen rief eine vor Angst und Eile erschöpfte Stimme: Lassen Sie mich durch – um Gotteswillen, schnell! Ein junges Mädchen, in welchem Charlotte sofort des Schulmeisters Schwester erkannte, kam auf den Vorsaal gestürzt. Ihre Kleider waren naß und hie und da eingerissen, ihre Stiefel mit hartgefrornem Schnee überdeckt; von ihren langen schwarzen Zöpfen, die sich zum Theil aufgenestelt hatten, tropfte das Wasser; ihre grauen Augen fuhren unruhig suchend umher und blieben auf Charlotte haften. Was willst Du, mein Kind? fragte Charlotte, indem sie auf sie zutrat. Sie kommen, sie kommen! rief Eve, Charlotte anstierend. Beruhige Dich, besinne Dich, sprich deutlich, sagte Charlotte, das Mädchen bei der kalten Hand ergreifend; von wem weißt Du es? Von ihm – von meinem Bruder – und von Herrn Leo. Die Tannenstädter sollten auch kommen, aber die werden nun nicht kommen, das hat er davon – und Eve lachte gellend auf und fiel dann wie todt in die Arme von Miß Jones und einer der Dienerinnen, die sich neugierig herzugedrängt hatten. Wir wollen sie in das Zimmer schaffen, sagte Charlotte. Nach einigen Augenblicken trat Charlotte wieder zu den Männern. Es ist mir kein Zweifel, sagte sie, daß die Eve eine ganz bestimmte Kunde von den Plänen ihres Bruders hat. Warum sie ihn verräth, weiß ich nicht; aber daß sie ihn verräth, ist offenbar. Sei versichert, Karl, es ist, wie das Mädchen gesagt hat. So müssen wir das Schloß in Vertheidigungszustand setzen! rief der Freiherr. Ich glaube, daß Ihnen nichts Anderes übrig bleibt, sagte der Förster. Dem Freiherrn röthete sich die Stirn; diesmal aber nicht Vor Zorn, vielmehr vor einer seltsamen freudigen Erregung, die ihm durch die Adern rieselte, in dem Augenblicke, als der Ruf zu den Waffen an sein Ohr und sein Herz drang. Seine Augen blitzten, seine Brust hob sich. Wie viel Gewehre haben wir? rief er. Ein Dutzend in Allem, erwiederte der Förster; das heißt, wenn Walter meine Gewehre, wie ich ihm geheißen habe, im Schlitten herausgebracht hat. Ich erwarte ihn jeden Augenblick. Und auf wie viel Leute glaubst Du, daß wir rechnen können. Auf ungefähr eben so viel, sagte der Förster. Unmöglich! rief der Freiherr, wo sollten die herkommen? Sechs sind wir, uns eingerechnet, hier im Schlosse, antwortete der Förster; die sechs Anderen habe ich heute Nachmittag auf jeden Fall geworben. Es sind alles zuverlässige Leute von Ihren Gütern, die für Sie wie für das gnädige Fräulein durch Feuer und Wasser gehen. Punkt sechs Uhr brechen sie auf, um sieben ist der Letzte hier. Der Freiherr blickte seine Schwester, dann den Förster an; er legte Fritz Gutmann die Hand auf die Schulter und wollte etwas sagen, aber seine Lippen zuckten nur leise. Dann wendete er sich rasch ab und rief mit starker Stimme: Halloh! Ihr da! Was steht und gafft Ihr! Kommt herein, und seid ruhig und verständig, und thut das, genau das, was ich und Herr Gutmann Euch zu thun heißen! Zweiunddreißigstes Capitel. Leo war seit vorgestern Abend, wo er in der Kirche mit Tusky die Unterredung gehabt hatte, wie in einem schweren Traume umhergeirrt. Was der Freund auch gesagt hatte, ihn vom Gegentheil zu überzeugen: er fühlte es wie ein zermalmendes Gewicht auf seiner Seele, daß er in dem Hause des Pfarrers nicht mehr bleiben könne, daß er das Band, das ihn an die Familie des Freiherrn, an seine eigene Familie knüpfen sollte und innerlich längst zerrissen war, auch äußerlich, in Aller Augen, lösen müsse. Aber auch zwischen ihm und dem Freunde war es nicht mehr, wie es gewesen war. Es war Leo nicht entgangen, daß Tusky sein Versprechen, ihn nach und nach in alle Einzelheiten des Bundes einzuweihen, nicht erfüllte. Es gingen Dinge in der Gemeinde und in der Nachbarschaft vor, die Leo auf Tusky zurückführen mußte, und über die doch Tusky vorher nicht mit ihm gesprochen hatte und hernach nicht mit ihm sprechen wollte. Wer hatte die Kornschober auf den Hasenburg'schen Gütern, auf dem Hey'schen Vorwerk angezündet? Wer hatte die drei großen Dreschmaschinen, die der Freiherr auf seinen Gütern hatte aufstellen lassen, in einer Nacht zerstört? Tusky wollte, als er ihn fragte, nichts davon wissen. Dergleichen führt zu nichts, antwortete e, oder höchstens den, welcher sich mit solchen Albernheiten abgiebt, in's Zuchthaus. Welchen Nutzen hätte dies Brandstiften für meine, für unsere Sache? – Vielleicht den, erwiederte Leo, daß die gegenseitige Erbitterung immer größer wird und die Leute sich nach und nach an Gewalttaten gewöhnen, ohne die es schließlich, wie Du mir oft gesagt hast, doch nicht abgeht. In Tusky's Augen hatte es, als Leo so sprach, seltsam geleuchtet; aber auch diesmal hatte er geschwiegen, war er Leo ausgewichen, wie früher. Und nun kamen die Nachrichten aus der Residenz, und mit diesen Nachrichten Verwirrung für die ganze Gemeinde, eine sonderbare Aufregung, die jedem Scharfblickenden beweisen mußte, daß hier seit langer Zeit mit kluger Hand ein Zunder aufgehäuft war, den der erste Funke in Flammen setzen mußte. Und die Flammen hatten nicht gezögert, hervorzubrechen, als der folgende Morgen die Nachrichten des vorigen nicht nur bestätigte, sondern noch viel wunderbarere brachte, die von den scharfen Winden in der Luft umhergewirbelt zu werden und, wo es ihnen beliebte, hinzufallen schienen, wie die Schneeflocken. Die ganze Gegend war in Aufregung, zumeist aber das Dorf Tuchheim, das von jeher durch seine Größe – es zählte über tausend Seelen – den Mittelpunkt der Landschaft abgegeben hatte. Von allen Seiten strömte es aus den umliegenden Ortschaften herbei – Bauern, Hinterhäusler, Tagelöhner – und alle hatten ihre besonderen, ganz besonderen Nachrichten, von denen die einen immer abenteuerlicher waren, als die andern. Der alte König hatte abgedankt, war gefangen, war ermordet; die Residenz hatte gestern gebrannt, brannte heute noch, war ein Schutthaufen – nein, nicht die Residenz, wohl aber die benachbarte Festung und Kreisstadt. Die Truppen waren mit klingendem Spiele zum Volke übergegangen; alle Reichen sollten ermordet werden, waren schon ermordet; ihr Geld war unter die Armen vertheilt. Jeder hatte dreißig – nein, hundert Thaler bekommen. Das mußte auch aus dem Lande geschehen; hier war die Sache noch einfacher; wie viel Pastoren und Herren gab es denn todtzuschlagen, und wer sollte sie daran hindern? Solche Reden hörte man schon am Morgen. Im Laufe des Vormittags, während dessen die Schänktische in den drei oder vier Wirthshäusern, die Tuchheim hatte, von rohen, zechenden Gesellen belagert waren, steigerte sich die Wuth. Man sprach, man schrie, man umarmte sich, die Bier- und Schnapsgläser in der Hand; man zankte, man tobte, weil man sich über die Vertheilung der Beute, die in Aussicht stand, nicht verständigen konnte. In dem Pfarrhause, das abseits des Dorfes und von dem Dorfe durch den Ausläufer des Kirchberges eigentlich getrennt lag, hatte man erst gegen Mittag von der großen Aufregung, die in Tuchheim herrschte, Kunde erhalten. Doctor Urban hatte die Sache leicht genommen und spöttisch gemeint: es sei doch eigentlich ein gutes Zeichen für den Wohlstand in der Gemeinde, daß die Männer an einem Werkeltage feiern könnten; aber Leo war vom Hause fort geschlichen, um zu sehen, was es gäbe, und womöglich den Freund zu sprechen, den er seit vorgestern Abend nicht gesehen hatte. Er fand Tusky vor der Thür des größten Wirthshauses auf einer Bank stehend und einen Kreis von vielleicht fünfzig Menschen anredend, die nach jedem seiner Sätze Hurrah schrieen. Gerade als Leo herantrat, sprang Tusky von der Bank herunter, drängte sich durch die Halbbetrunkenen, die mit den vollen Gläsern auf ihn eindrangen, faßte seinen jungen Freund unter den Arm und führte ihn etwas abseits. Es geht vortrefflich, Leo, sagte er; ich glaube, der Tag der Ernte ist gekommen; ich will versuchen, wie weit ich's treibe. Glaubst Du denn wirklich an die Nachrichten aus der Residenz? Sie enthalten wenigstens nichts, was unmöglich wäre. Und da es mir nun einmal paßt, das Mögliche für wirklich zu nehmen, so habe ich den braven Burschen die Köpfe gehörig heiß gemacht. Fürchtest Du nichts für Dich selbst? Das kann nicht verborgen bleiben – und was dann? Was dann? wiederholte Tusky; ja. Bester, das weiß ich nicht. Einmal mußte doch die Maske fallen; habe ich sie zu früh, habe ich sie zur rechten Zeit fallen lassen – der Erfolg wird's lehren. So hat auch für mich die Stunde der Freiheit geschlagen! rief Leo. Tusky antwortete nicht. Ein Schwarm von schreienden Menschen drängte sich heran; man wollte wissen, was der Schulmeister zu dem Plan sage, die Reichen leben zu lassen, aber die Kinder der Armen an die Reichen zu vertheilen? Der Schulmeister sei ein gar gescheidter Mann! Der Schulmeister soll leben! Hurrah hoch! Leo kehrte nicht wieder in das Pfarrhaus zurück. Das noch nie gesehene Schauspiel einer aufgeregten Volksmenge, so widerlich es ihm auch in seinen Einzelnheiten sein mochte, übte eine dämonische Anziehungskraft auf ihn aus. Er sah hier leibhaftig die Gestalten aus den Bauernkriegen vor sich, mit denen sich seine Phantasie so viel beschäftigt hatte: den rohen Ackerknecht, den verkommenen Häusler, den flachshaarigen Dorfbuben, der auf den herbstlichen Treibjagden mit der Klapper über die kahlen Felder keucht; den dicken Wirth, der im Interesse seines Ausschanks für Freiheit und Gleichheit ist, aber noch mehr dafür, daß jedes Glas Bier der Ordnung gemäß bezahlt werde; den Bandjuden, der auch auf Pfänder leiht und mißtrauisch aus der Ferne dem Lärm zuschaut – und inmitten dieses bunten Treibens die Gestalt seines Freundes, des Agitators, des Einbläsers, der all' diese Menschen, von denen Keiner weiß, was er will, ohne daß sie es merken, nach dem Ziele hinlenkt, das er allein deutlich sieht. Seine Augen hingen fast unausgesetzt an dieser merkwürdigen Gestalt, die er so genau zu kennen glaubte und die ihm heute in einem ganz neuen Lichte erschien. Wie hätte er je gedacht, daß Tusky, auf dessen großen, harten Zügen sonst der Stempel tiefinnerlichsten Ernstes, ja einer fast krankhaften Schwermuth geprägt war, dessen dünne, für gewöhnlich festgeschlossene Lippen sich höchstens zu einem grimmigen Lächeln verzogen – lachen und scherzen könne, und anstoßen könne mit Jedem, der sich an ihn drängte! Freilich entging Leo auch nicht, daß diese laute Fröhlichkeit keineswegs aus dem Herzen kam; ja er bemerkte, wie des Mannes ausdrucksvolles Gesicht in Augenblicken, wo er sich unbeachtet glaubte, plötzlich wie in Nacht getaucht war. So erschien es ihm wenigstens, als Tusky am Nachmittage an ihn herantrat und sagte: Du mußt mir einen Gefallen thun. Ich muß die Tannenstädter zum Abend hier haben; ich habe sie mit Willen so lange oben gelassen, weil ich die alte Eifersucht zwischen ihnen und den Tuchheimern fürchtete; jetzt hat dies nichts mehr zu sagen. Bei Nacht sind alle Katzen grau. Du brauchst nicht bis nach Tannenstädt zu gehen; Eve wartet an der Waldecke vor der Steinhalde und trägt die Botschaft weiter. Du kommst zurück und bringst mir Bescheid. Ich höre, Ihr wollt auf das Schloß ziehen? Ist das wahr? Sie sprechen davon, ich weiß nicht, ich glaube nicht. Aber Du mußt eilen, Leo, sonst kann es uns nichts mehr helfen. Es war kaum vier Uhr, als Leo aus dem Dorfe heraus in die Felder gelangte, die sich mälig bis zu den waldbedeckten Stufen des Gebirges erhoben, aber der Winterabend begann bereits hereinzubrechen. Der Himmel war mit schwerem, grauem Gewölk bedeckt; seltsam stachen die weißen Schneeflächen der Hügel von diesem dunklen Hintergrunde ab. Ein kalter Wind wehte vom Untergang her und raschelte in den dürren Blättern der Hecken an der Wegseite. Hie und da auf dem Schnee saßen ein paar Krähen, andere zogen vom Walde durch die trübe Luft nach dem Dorfe. Das schienen die einzigen lebenden Wesen in dieser Oede. Rastlos, mit pochendem Herzen eilte Leo hügelauf dem Walde zu. Es hatte sich seiner Seele der Gedanke bemächtigt, daß von der Schnelligkeit, mit welcher er den ihm gewordenen Auftrag erfülle, der gute oder schlimme Ausgang des Aufstandes abhange, und dennoch wußte er nicht, ob er einen guten oder einen schlimmen Ausgang mehr fürchten solle. Auf jeden Fall aber war jetzt der Würfel geworfen; der Schritt, der ihn auf immer und immer von den Menschen trennte, auf welche das Schicksal ihn angewiesen hatte, war gethan. In das Pastorhaus, in das Försterhaus, in das Schloß würde er nie wieder seinen Fuß setzen – aber wohin, wohin würde er sich dann wenden? Gab es noch ein Dach, das ihn schützte? Ihn, der jedes Band, das sonst den Menschen heilig ist, zerrissen hatte? War für ihn nicht die Welt eine kahle, obdachlose Wüste, wie sie hier in grimmiger Unnahbarkeit vor seinen Blicken lag? Weiter, weiter durch den tiefen Schnee des Hohlweges hinein in den sausenden, ächzenden Wald! An der Stelle vorbei, wo er mit Walter vor ein paar Monaten an dem schönen Sommerabend unter der Buche, die jetzt ihre kahlen Aeste gegen den Himmel streckte, im Moose gelegen und Walter ihm das Gedicht vorgelesen hatte. Er hatte nie wieder an diese Begegnung gedacht; nie daran, wem wohl das Gedicht gegolten haben möchte. Jetzt wußte er mit einemmale, daß es Niemand anders als Amélie gewesen sein konnte. Es war in dem Gedichte so viel von sanften braunen Augen die Rede gewesen: wer hatte so sanfte braune Augen wie Amélie? Es war ihm das aufgefallen, als er vorgestern auf dem Schlosse gewesen war. Die ganze Familie, mit Ausnahme des Freiherrn, hatte an dem runden Tische unter der großen Hängelampe gesessen – Fräulein Charlotte, Miß Jones, die beiden Mädchen – Alle eifrig mit Weihnachtsgeschenken für arme Kinder beschäftigt. Es war ein friedliches, schönes Bild gewesen, und das Lachen und das Geplauder der Mädchen und dazwischen Miß Jones' sonorer Alt und Fräulein Charlotten's milde Stimme! – Silvia hatte ein großes Stück blauen Zeuges, bevor es zerschnitten wurde, sich um die Schultern geschlungen und die Worte der Kassandra zu declamiren begonnen. Sie hatte sehr schön ausgesehen mit ihren wallenden Haaren und den leuchtenden blauen Augen. Es war noch nicht zwei Jahre her, da war sie ein Kind gewesen, damals, als sie im Bache unter den Wasserfällen sich gebadet hatte – ein wildes, übermüthiges, phantastisches Ding. Er hatte sie damals ein paar Wochen lang sehr lieb gehabt und auch Gedichte auf sie gemacht, wie jetzt Walter auf Amélie's braune Augen. War das schon der Ausgang des Waldes? Unmöglich. Wie konnte er in der kurzen Zeit den weiten Weg zurückgelegt haben? Und doch mußte es sein. Er mäßigte seinen Schritt und trocknete sich den Schweiß ab, der ihm trotz der eisigen Luft von der glühenden Stirn rann. Auf der Steinhalde hinter dem Walde sollte er Eve treffen. Er hatte sie nicht gesehen, seitdem sie sich an einem Abend im Spätherbst – kurz nach der ersten Begegnung in Tannenstädt – unter sein Fenster geschlichen und ihn erst leise und dann lauter gerufen, und als er sie bat, wegzugehen, ihm gedroht und ihn verwünscht hatte. Wie würde sie heute sein? Dem Jüngling schlug das Herz. Er wäre in diesem Augenblicke lieber einem wilden Thiere begegnet, als dem jungen Mädchen mit den grauen, stechenden Augen. Aber hier war keine Wahl. Er hatte die letzten einzelnstehenden Bäume des Waldes erreicht, und dort – ein paar hundert Schritte weiter die kahle, schneebedeckte Halde hinauf – auf einem Stein saß eine weibliche Gestalt – es mußte die Eve sein. Sie hatte den Kopf in beide Hände gestützt und regte sich nicht, selbst als Leo in ihre unmittelbare Nähe gekommen war. Was man von ihrem Gesichte, das die Hände fast bedeckten, sehen konnte, war bläulich bleich, wie die Hände. Leo faßte ein jäher Schrecken. Eilends trat er auf sie zu und legte seine Hand auf ihre Schulter. Eve, Eve! Die Hände sanken von dem Gesicht schwer herab auf die Kniee; das bleiche Gesicht wendete sich; die Lider mit den langen Wimpern hoben sich langsam, und die gerötheten Augen starrten ihn an, ausdruckslos, ohne eine Spur von Erkennung, ja nur von seelischem Leben. Aber in den starren Augen zuckte es wie schwaches Wetterleuchten; die bleichen Wangen begannen sich zu röthen; sie strich sich langsam mit der Hand über die Stirn, und plötzlich sprang sie von dem Steine empor und schwankte auf Leo zu, der, von dem unheimlichen Ausdruck in dem Gesichte des Mädchens betroffen, zurücktaumelte. Eve blieb stehen und brach in ein gellendes Gelächter aus. Sie hat er geschickt, rief sie, Sie! Ja, sagte Leo, und ich soll – Weiß es schon! sagte Eve; die Tannenstädter sollen kommen. Und dann geht's auf's Schloß! Ich will auch mit; ich will einmal in einem seidenen Bette schlafen. In der Stube mit der Todten kann ich so heute Nacht nicht bleiben. Mit der Todten? rief Leo. Nun ja, sagte Eve; die Alte ist heute Morgen gestorben, oder heute Nacht, ich weiß nicht; heute Morgen war sie schon kalt. Und weiß Conrad – weiß Ihr Bruder es? Ja, natürlich weiß er es, erwiederte Eve; ich hab' ihm Botschaft geschickt. Unmöglich, rief Leo; er hat mir kein Wort davon gesagt; er – er hat die Botschaft nicht erhalten. Eve lachte. Nicht erhalten? sagte sie höhnisch; warum denn nicht? Hat er mir doch durch denselben Boten sagen lassen, es wäre gut, und ich sollte von Mittag an hier warten, bis er heraufschickte. Seit vier Stunden warte ich hier und hungere und friere. Was kümmert er sich um irgend einen Menschen, wenn er nur seinen Willen hat. Und wer ihm seinen Willen nicht thut, der mag sich in Acht nehmen Sie haben sich in Acht genommen, schöner junger Herr! Sie sind mir aus dem Wege gegangen, als wenn ich ein Molch oder eine Natter wäre. Aber dafür hasse ich Sie auch; ja, ich hasse Sie, und ich hasse ihn! O, wie ich ihn hasse! Und Eve stampfte mit dm Füßen, ballte die Fäuste und knirschte mit den starken weißen Zähnen. Leo war über dies Alles entsetzt. Tusky sollte von dem Tode seiner Mutter Kunde haben? Und konnte mit den Bauern trinken und schwatzen und ihnen Reden halten? Und Eve selbst, die so wenig Gefühl für den Tod ihrer Mutter hatte, wie der Bruder; Eve, die auch mitwollte, die sich freute, heute Nacht in einem seidenen Bette schlafen zu können! Ueber die Halde heulte der Wind; die Kälte schüttelte den durch den raschen Lauf Erhitzten bis in's Mark. Er wendete sich, unverständliche Worte murmelnd, von dem Mädchen ab und begann, so schnell es der steinige, schneebedeckte Boden gestattete, den Berg hinabzusteigen. Er glaubte hinter sich her Eve's höhnisches Lachen zu hören, doch konnte er sich auch irren; der Wind machte sich von Minute zu Minute stärker auf und sauste eben durch das trockene Laub einer Eiche, die vor dem Walde Wache stand. Aber er hatte sich nicht geirrt. Eve, die dem Enteilenden, bis er zum Walde gelangte, mit starren Augen nachgeschaut hatte, lachte in diesem Augenblicke laut und gellend, und murmelte dann zwischen den weißen Zähnen: Einer wie der Andere – nicht Ein freundliches Wort für mich, die ich ihretwegen friere und hungere. Aber ich will es Euch anstreichen! Ihr sollt an mich denken, wartet! Die Dame vom Schlosse giebt mir doch wenigstens zu essen. Ich will ihr sagen, daß Ihr sie todtschlagen wollt. Und Eve, anstatt nach Tannenstädt zurückzukehren, lief über die Halde nach einer Stelle, wo, wie sie wußte, ein sehr beschwerlicher, aber auch viel kürzerer Fußpfad von dem Walde über die Berge nach dem Tuchheimer Schlosse führte. Leo hatte gehofft, den Heimweg mit geringerer Anstrengung zurücklegen zu können, aber darin hatte er sich getäuscht. Das Hinabsteigen auf dem steilen, durch Thau und Frost zerrissenen, zum Theil mit Schnee ausgefüllten Wege war unendlich mühevoller. Ueberdies begann es im Walde bereits stark zu dunkeln, und dann fühlte er plötzlich, daß seine Kräfte fast gänzlich erschöpft waren. Er mußte sich entschließen, langsam und immer langsamer zu gehen, ja endlich sich an der Wegseite auf einen Baumstumpf zu setzen, um wenigstens einige Minuten auszuruhen. Er stützte den Kopf in die Hände, und wie er so dasaß, überfiel ihn eine unbezwingliche Traurigkeit. Thränen, die er seit seiner Kindheit Tagen nicht geweint, rannen aus seinen Augen. Alles, was er heute gesehen und gehört hatte, kam ihm auf einmal so widerlich, so entsetzlich vor. War dies die Erfüllung der Träume seiner Knabenjahre? Dies ein Stück des Weges, den er weit in die Zukunft hinein hatte schimmern sehen, wenn er in einsamen nächtlichen Stunden in der stillen Giebelstube seines väterlichen Hauses am weinlaubumkränzten Fenster saß und zu dem Monde aufschaute, dessen goldene Schale in dem wolkenlosen Aether schwamm? Waren die trunkenen, lärmenden Gesellen, die er heute um Tusky sich drängen sah, waren sie die Menschheit, der er das Evangelium des Friedens und der Liebe hatte predigen wollen? Und Tusky selbst, war er der Apostel, der Mann der Zukunft, der Held sonder Makel, als welchen er ihn bis heute verehrt hatte? Wenn Tusky nur sein Spiel mit ihm getrieben? Wenn er ihm die furchtbaren Consequenzen seiner Lehre von der Freiheit und Gleichheit geflissentlich verheimlicht hatte, um ihn weiter und weiter zu locken, bis dahin, wo eine Umkehr nicht mehr möglich war? Warum nicht möglich? Wessen bedurfte es weiter, als auf das Schloß zu gehen, anstatt zurück in das Dorf? Man würde ihn, wenn er käme, gewiß freundlich empfangen – die Mädchen, die in letzter Zeit immer so artig zu ihm gewesen waren, das gnädige Fräulein, das noch vorgestern so gütig mit ihm gesprochen hatte – war es nicht seine theure Pflicht, die Familie seines Wohlthäters von dem Verderben zu benachrichtigen, das über sie hereindrohte? Aber war dies, nicht in demselben Athem Verrath an Tusky – an Tusky, dem er die reinsten Freuden seines Lebens, dem er die schönsten Weihestunden gemeinsamer Begeisterung für die höchsten Ideale verdankte? Verrath dort und Verrath hier! Wo – wo ein Ausweg aus diesem Irrsal? Die Flucht in die weite – in die öde, winterliche Welt, in die Nacht, die drohend heraufzog, in den Wald, der mitleidslos mit seinen finsteren, schneebelasteten Tannen ihn umstarrte! Leo fuhr von seinem Sitze empor und blickte wirr um sich. Ihm war gewesen, als wenn Tusky durch den Wald daherkäme, rufend – nach ihm, dem Säumigen, dem Freunde, dem er alle seine Geheimnisse anvertraut, und der ihn nun so schnöde verrathen: Leo, Leo! Aber es war Niemand da; auf der höchsten Spitze der Tanne auf der anderen Seite des Weges saß eine Krähe und krächzte. Die Dunkelheit hatte sehr zugenommen; in den Wipfeln der Bäume sauste der Wind. Es war die höchste Zeit, daß er zurückkehrte. Mit welcher Sorge mußte Tusky der Botschaft harren! Die kurze Rast hatte ihn ein wenig erquickt, und er begann wieder das mühsame Hinabklettern auf dem steilen, zerrissenen Waldwege. Nun war der Ausgang des Waldes erreicht. Es ging noch immer bergab, aber weniger steil; dafür aber begann es jetzt aus den dunklen schweren Wolken, die fast bis auf die Erde herabhingen, zu schneien, dichter und immer dichter – in wenig Minuten waren die undeutlichen Umrisse der Landschaft vor ihm verdeckt, und als er sich umwendete, war der Wald, den er eben erst verlassen hatte, verschwunden. Er sah nichts, als das Stück Boden unmittelbar zu seinen Füßen und rings um sich her, eine grauschwarze Dämmerung, durch welche in rasendem Durcheinander die großen Flocken wirbelten. Leo schritt, so schnell er konnte, vorwärts; aber er mußte sich oft gegen den Schnee die Augen mit der Hand bedecken und manchmal auch stehen bleiben, um Athem zu schöpfen. Plötzlich hörte er unmittelbar zu seinen Füßen ein starkes Brausen. Es mußte der Bach sein, über den eine steinerne Brücke führte, aber es war keine Brücke da; weder rechts, noch links – nur überall der Bach, welcher zwischen seinen steilen Ufern über mächtige Steine dahinschoß. Leo konnte nicht länger daran zweifeln, daß er vom Wege abgekommen war. Ein jäher Schrecken erfaßte ihn – nicht um seinethalben, obgleich seine Lage übel genug war – aber um Tusky, der jetzt ohne Botschaft blieb, sich in der Ungewißheit vielleicht zu falschen, unbedachten Schritten verleiten ließ, die seinen Untergang herbeiführen konnten. Und doch, was thun? Der Bach, welcher die Schneewasser aus dem Walde in trüben Strudeln zu Thal wälzte, war ohne augenscheinliche Lebensgefahr nirgends zu durchschreiten; und dann führten ja außer der Hauptbrücke noch ein paar Stege über den Bach, von denen sich doch einer oder der andere finden lassen mußte, um so sicherer, als der Schneesturm vorüber war und er jetzt nur noch mit der Dunkelheit des Abends zu kämpfen hatte. Mit der Dunkelheit – und dann mit der Müdigkeit, die zum zweiten Male, aber in viel stärkerem Grade, als vorhin im Walde ihn überfiel. Er konnte kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen – hier am Rande des Baches, wo jeder Fehltritt ihm Verderben bringen mußte; dazu fühlte er heftige Stiche in der Brust, und seine Schläfe begannen ihn grausam zu schmerzen. Der Tod, den er sich gewünscht hatte, schien seinen Ruf vernommen und ihn mit seiner grimmigen Faust gepackt zu haben. Zu seiner Linken fing ein rother Schein, der mit jedem Augenblick heller wurde, an, die trübe Schneeluft zu färben; aber der von tödtlicher Erschöpfung Gefolterte wußte nicht mehr, ob dies ein Spiel seiner überreizten Sinne oder ob es Wirklichkeit sei. Er hatte keine Kraft, darüber oder über irgend etwas nachzudenken; er hatte nur den einen Wunsch, eine trockene, warme Stelle zu finden, auf der er die entkräfteten Glieder ausstrecken könnte. Da tauchte ein Licht unmittelbar vor ihm aus der Dunkelheit auf. Mechanisch schwankte er darauf zu. Wenige Schritte auf einem ebenen Pfade brachten ihn zu einer Hütte, in deren Thür eine junge Frau stand. Leo kannte sie wohl. Ihr Mann, ein Weinbauer, der ein vertrauter Freund Tusky's gewesen, war vor einigen Wochen gestorben; Leo war in der Hütte wohl bekannt. Die Gewißheit der Rettung aus Todesgefahr gab ihm auf Augenblicke die Besinnung wieder. Er hörte Ausrufe der Verwunderung über sein plötzliches Erscheinen von den Lippen der jungen Frau; dann hörte er eine andere Stimme – die der Schwester der Frau – sagen, daß es im Dorf brenne. Er murmelte ein paar Worte, daß er sich verirrt habe, daß er sich einige Minuten ausruhen müsse – aber nur einige Minuten, weil Tusky ihn erwarte – Dann aber schwand Alles in Nacht. Die beiden mitleidigen Frauen geleiteten den Schwankenden, Halbohnmächtigen in das niedrige Zimmer, legten ihn auf das Bett und deckten ihn warm zu. Die Frauen standen wieder an der Thür und blickten nach dem rothen Schein, der jetzt bis zum Zenith hinaufreichte. Ich hab' gewußt, daß es heute ein Unglück geben würde, sagte die Eine; die Todtenuhr, die seit dem Tage, wo mein Mann starb, stillgestanden ist, hat gestern die ganze Nacht durch gepickt. Dummes Zeug! erwiederte die Andere, das Unglück kommt nicht davon her. Die schlechten Menschen machen es. Hab' Deinen Mann und Conrad oft genug davon sprechen hören. Ich fürcht', es giebt heut' Mord und Todtschlag im Dorf. Dreiunddreißigstes Capitel. Tusky saß, den Kopf in die Hand gestützt, an dem Tisch in der Nähe des Ofens und schaute unverwandt in die Gluth; die Weinbäuerin und ihre Schwester gingen, emsig schaffend, hin und her, so daß ihre Schatten bald unförmlich bis an die Decke ragten, bald sich scharf von der weißen Wand abhoben. Die alte Schwarzwälderuhr rief ihr monotones Ticktack; draußen um die Hütte heulte der nächtliche Sturm. Leo sah und hörte das Alles, lange bevor es ihm gelang, sich zu erinnern, wie er in diese Umgebung gekommen war. Endlich richtete er sich auf dem Ellbogen in die Höhe. Tusky, der das Geräusch vernommen hatte, erhob sich und trat an das Bett. Wie geht es Dir, Leo? Die Frage brachte den Jüngling ganz wieder zu sich. Was ist geschehen? Wie kommst Du hierher? rief er und stand im nächsten Augenblicke vor dem Bette. Er fühlte noch eine große Schwere in den Gliedern, aber er achtete nicht darauf. Seine Blicke hingen an Tusky's düsterem Gesicht. Er faßte eifrig des Freundes Hand. Ich bin unschuldig, Tusky! Ich habe mich geeilt, so viel ich vermochte, der Abend brach so schnell herein und ich konnte nicht weiter. Was ist geschehen? Ich will Dir Alles erzählen, erwiederte Tusky, aber nicht jetzt; ich habe keinen Augenblick zu verlieren; ich muß fort. Ich gehe mit Dir. Unmöglich! Ich gehe mit Dir, wiederholte Leo noch heftiger; wohin es auch sei. Für mich giebt es hier keine Heimath mehr. Tusky schien zu überlegen. Es ist unmöglich, sagte er, Du hast die Kraft nicht. Sie werden mir bald genug auf der Spur sein. Es ist eine Jagd um Tod und Leben, und Du kannst Dich kaum auf den Beinen halten. Ich kann Alles, was ich muß; und ich fühle mich vollkommen gestärkt. Tusky legte ihm beide Hände auf die Schultern und sagte durch die Zähne: Ich gönne Dich ihnen auch nicht. Dann wendete er sich zu der Weinbäuerin. Er will mit, ich dachte es mir wohl; schaff schnell noch etwas zu essen und zu trinken. Und Du, Käthe, geh' vor die Thür und hab' scharfe Wacht! Käthe hatte rothgeweinte Augen, und sie wäre offenbar lieber in der Stube geblieben, aber sie ging ohne weiteres hinaus. Das wird schlimm für die Käthe werden, sagte die Weinbäuerin, während sie Brod, Butter und Kirschbranntwein auf den Tisch stellte. Tusky antwortete nicht; er nöthigte Leo, sich für die lange Wanderung durch die Winternacht, die ihnen bevorstand, zu stärken, während er selbst noch andere Eßvorräthe und Wäsche in einen schäbigen Ranzen packte, den die Bäuerin aus einem Winkel der Hütte hervorgekramt hatte. Ich bin fertig, sagte Leo. In diesem Augenblick riß Käthe die Thür auf und rief athemlos: Sie kommen! Ich habe sie deutlich gesehen, als der Mond auf die Gewehre schien. Sie fiel Tusky schluchzend um den Hals. Dieser drückte die Weinende von sich und sagte mit rauher Stimme: Laß das jetzt Käthe! Sei vernünftig! Du, nimm Dich der Käthe an! Suche die Soldaten aufzuhalten, und sieh', daß Du sie auf eine falsche Fährte bringst. Lebt wohl! Er riß sich von Käthe los, und eilte mit Leo aus der Hütte. Sie hatten keinen Augenblick zu verlieren, denn die Soldaten, welche von einem Bauer, der Tusky's Zufluchtsstätte kannte und verrathen hatte, geführt wurden, waren schon ganz nahe an der Hütte gewesen, bevor Käthe ihrer gewahr wurde. Glücklicherweise kam das vielfach zerklüftete Terrain, das den Soldaten das unbemerkte Herannahen möglich gemacht hatte, auch den Flüchtigen zu Gute. Kaum aus der Hütte getreten, nahm sie ein Hohlweg auf, der sie nach kurzem beschwerlichen Steigen bis an den Wald führte. Bis dahin hatten die Freunde kaum ein Wort gesprochen, ja sich kaum nach dem Thale umgeblickt, aus welchem noch immer zwei Feuerscheine heraufleuchteten. Nur ein paarmal hatte Tusky mit kurzen Worten nach seines Gefährten Befinden gefragt und immer ein »Gut, ganz gut!« zur Antwort bekommen. Jetzt mäßigte er seinen Schritt und sagte: Wir brauchen uns nicht mehr so abzumühen, Leo. Sie sind uns nicht gefolgt, und selbst wenn sie nach Tannenstädt gingen, so ist dies doch der beiweitem kürzeste Weg, und sie können uns nicht mehr überholen. Hinter Tannenstädt aber, im Gebirge, dürfen wir nun gar ihrer Verfolgung spotten. Während sie in den Forst hineinschritten, über dessen schneebedeckte Bäume der jetzt aufgegangene Mond seltsame Lichter schweifen ließ, frug Leo nach den Ereignissen des Abends; aber Tusky gab nur spärliche Auskunft. Ich will es Dir ein andermal erzählen, Leo, sagte er; heute ist mein Herz bis an den Rand von Scham und Wuth und Zorn angefüllt. Sie kamen, die Bluthunde, als wir das Schloß fast schon genommen; weiß der Teufel, wer uns verrathen. Ich gönne ihnen den Sieg nicht, wahrhaftig nicht; und doch muß ich sagen, daß wir ihn nicht verdient hätten. O, des Elends, des Elends! wenn das Messer, mit dem wir uns aus unserm Gefängniß herausarbeiten wollen, uns in der Hand zerbricht! Klirrend fällt es auf den Estrich, und wir sind ärmer und hoffnungsloser als zuvor. Vielleicht war es ein Irrthum, fuhr er nach einer kleinen Weile fort, ein Thoren- und Narrenstreich; es kommt mir jetzt schon beinahe so vor; aber es mußte einmal geschehen, und ich bin gerade heute dreißig Jahre! Ein Menschenalter nennen sie es – ein Menschenalter! Und in der langen, langen Zeit nichts gethan für die Menschheit; nichts, als gehofft und gewünscht, und abermals gehofft und gewünscht; und, wenn es hoch kam, die Hände in der Tasche geballt! Mir preßte es das Herz ab, ich wäre erstickt; Blut mußte ich sehen, und wäre es mein eigenes gewesen. Ich habe mich nicht geschont; aber in die Hände dieser Henker zu fallen, mein Leben hinter Kerkermauern und Eisengittern hinzuknirschen – vor dieser Aussicht bin ich geflohen und fliehe ich. Wohin, Konrad? In die weite Welt, unsre Heimath. Treffen wir doch überall: auf allen Landstraßen, in den schmutzigen Winkeln jeder Stadt unsere Vettern und Freunde, die Armen und die Elenden. Wohin? Was kümmert uns das? Und doch vorläufig nach Tannenstädt; ich habe dort von Jemandem Abschied zu nehmen. Er hatte die letzten Worte in einem sehr bewegten Tone gesagt; ja, es war Leo, als ob der eiserne Mann mit Thränen kämpfte. Er fragte nicht, wem dieser Abschied gelte; er wußte es durch Eve. So schritten sie immer hügelauf durch den Wald. Leo fühlte keine Müdigkeit, keine Schwäche, wie sie ihm heute Abend die Wanderung zur Höllenpein gemacht hatten. Schlaf, Speise und Trank hatten seine jungen Kräfte wieder hergestellt, und das Abenteuerliche dieser nächtlichen Flucht übte den vollen Zauber auf seine lebhafte Phantasie. Der Weg, den sie gingen, war verhältnißmäßig wenig mit Schnee bedeckt; nur an einzelnen Stellen lag er unbequem tief. Sie konnten im Ganzen mühelos rüstig ausschreiten. Der beinahe volle Mond stand hoch am Himmel; der funkelnde Aldebaran, der Stern der Zigeuner, ganz in der Nähe; dann wieder in weiter Entfernung aus den dunkleren Regionen andere schimmernde Lichter. Die Eiszapfen, die von den Zweigen hingen, glitzerten in dem magischen Schein, und die schneebedeckten Aeste streckten und dehnten sich in gespenstische Formen. Der Wind hatte nachgelassen, es war sehr still, so still, daß der heisere Schrei eines nächtlichen Raubvogels tief aus dem Forste wie eine ärgerliche Menschenstimme klang, und kein Stöhnen, kein Knarren der Bäume dem aufmerksamen Ohre entging. Manchmal war es, als ob es neben dem Wege her durch die Büsche schleiche, als ob es an der Ecke hinter den Stämmen auf der Lauer stehe – und Leo's Blick richtete sich ängstlich auf den schweigsamen Gefährten. Tusky aber schüttelte nur das Haupt, wenn Leo seine Aufmerksamkeit auf dieses Geräusch, auf jenen Schatten lenkte. Wir haben einen zu großen Vorsprung, sagte er. Immer weiter hügelauf, durch dichten Wald, über öde Halden, vorbei an tiefen Schluchten, die sich im Laufe der Jahrtausende die Bergwasser gegraben hatten, auf beschwerlichen Forstwegen bald, und bald auf glatter Chaussee, dann wieder ohne Weg und Steg durch den dichten Forst, ohne daß der merkwürdige Mann auch nur ein einzigesmal über die einzuschlagende Richtung gezögert oder geschwankt hätte. So in die weite Welt hinein! An der Seite des Mannes, den er von allen Menschen, die er kannte, am meisten schätzte und liebte, dessen Kraft, Klugheit, Muth er unbedingt vertraute – wie anders war das, als vorhin, wo er im einsamen Revier sich den Tod gewünscht hatte, weil er sich von Allen verlassen wähnte! In die weite Welt! Aber zuerst hinab in das enge Tannenstädt, das plötzlich zu ihren Füßen lag. Bald war das Dorf und war das Haus erreicht, in welchem Leo im vergangenen Herbst einmal einen Besuch abgestattet hatte. Tusky bat Leo, draußen ein wenig zu warten; dann trat er in das Haus, in welchem Alles dunkel und still war. Leo faltete unwillkürlich die Hände; er wußte, daß in diesem Augenblicke ein Sohn von seiner todten Mutter Abschied nahm. Für ein paar Minuten hatte Licht durch die Ritzen des geschlossenen Fensterladens geschimmert, dann erlosch das Licht und Tusky trat wieder aus der Hütte. Der Mond schien ihm gerade in's Gesicht, als er aus der Thür kam. Sein Gesicht erschien todtenbleich in dem bleichen Licht, und Leo war es, als wenn die sonst so kalten, grauen Augen von Thränen schimmerten. Sie gingen die stille Dorfstraße hinab. Vor einem der Häuschen blieb Tusky abermals stehen und klopfte dreimal in eigenthümlicher Weise an die Fensterladen. Der that sich alsbald von Innen auf, und ein rußiges Gesicht, über dem eine schmutzige Zipfelmütze nickte, schaute heraus. Tusky und der Mann flüsterten eine Zeitlang mit einander; auch hörte Leo, der in der Entfernung stehen geblieben war, Geld klingen, das, wie es schien, von Tusky in die harte Hand des Nagelschmieds gezählt wurde. Der Kopf mit der Mütze verschwand; Tusky drückte den Laden an und wendete sich zu Leo. Kannst Du noch weiter, ohne Dich auszuruhen? fragte er; wo nicht, so sag' es; wir können, wenn es sein muß, hier eine Stunde rasten. Ich fühle mich vollkommen frisch. Dann komm! Und wieder stiegen sie bergauf; jetzt aber steiler, mühsamer. Bald lagen die Hügel, über die sie bis dahin gegangen waren, wie die Stufen einer Treppe unter ihnen. Auf einem einsamen Felsen, der trotzig aus der Berglehne hervorsprang, machten sie für einen Augenblick Halt. Der Wind, der das Herannahen des Morgens verkündete, wehte aus der Niederung herauf und kühlte die heißen Wangen der Wanderer. Der Mond hing wie eine ungeheure Feuerkugel über dem Horizont, und zahlreicher als während der Nacht leuchteten und blitzten die Sterne. Nach Norden aber, in dem Thal, dämmerte von der Erde auf ein matter Schein, der von einem erlöschenden Brande herrühren mochte. Tusky's Blicke hingen an dieser Stelle. Es erlischt, wie meine Hoffnung, murmelte er. Es sollte eine Flamme werden, darein ich alle Vorurtheile werfen wollte, durch welche sich die Menschen gängeln lassen, alle Vorrechte, alle Unbill und allen Wahn. Es sollte ein großes Freudenfeuer werden für die Armen, für die Unterdrückten, ob sich auch die Reichen und Ueppigen daran ärgern möchten. Es ist nicht geworden, was es sollte; ist ein elend Feuer geblieben, das einige Ställe und Scheunen verzehrt und sonst die Welt gelassen hat, wie sie war. Er lachte bitter; dann aber kochte der Zorn mächtig in ihm auf, und die geballte Faust ausstreckend, rief er mit lauter Stimme: Ihr habt mich ausgestoßen für immer! So lange ich lebe, wird mein Fuß eines Flüchtlings, eines Vertriebenen Fuß sein; nimmer und nimmer werde ich mir eine Hütte bauen! Das Mädchen, das mich liebt, habe ich zum letztenmale in den Armen gehalten; der Mutter, die mich gebar, habe ich die Augen zugedrückt; Euer Fluch liegt auf mir, und so seid auch Ihr von mir verflucht! Verflucht seid Ihr, Ihr Reichen, die Ihr die Armen und die Kranken mehr verabscheut, als Kröten und Molche; verflucht seid Ihr, Ihr Mächtigen, die Ihr in der Wollust der Herrschaft schwelgt; verflucht zuletzt Ihr Schmeichler des Reichthums, Ihr Diener und Schergen der Gewalt! Eure Hand ist erhoben wider mich, und so ist meine Hand wider Euch. Ihr oder ich! Er ließ den erhobenen Arm sinken, daß er schwer gegen die starke Hüfte fiel, und wendete sich von der Stelle weg gegen den Wald, eiligen Schrittes. Mit klopfendem Herzen folgte Leo. Vierunddreißigstes Capitel. In Tuchheim war nach der gewaltsamen und schnellen Unterdrückung des von Tusky erregten Aufstandes die alte winterliche Stille wiedergekehrt. Ja es war still, ausnehmend still auf den Gassen des großen Dorfes. Die Leute hielten sich in den Häusern; der Nachbar wagte kaum mit dem Nachbar über den Zaun hinüber zu sprechen. Die von dem Landrath alarmirte, unter Führung seines Bruders, des Hauptmanns, im Sturmschritt herbeigeeilte und so rechtzeitig eingetroffene Compagnie Soldaten lag noch im Dorf, und es war schon ein paarmal vorgekommen, daß ein vorlauter Bursch auf ein unbedachtes Wort, das er im Wirthshause hatte fallen lassen, verhaftet und nach dem Kreisgefängnisse zu den Uebrigen gebracht war. Zwanzig waren jetzt, Alles in Allem, eingezogen; in zwanzig Hütten fehlten ein paar starke Arme, die einzigen Arme vielleicht, welche das Brod für die Familie herbeischafften. Und dabei gingen über das Schicksal, das den Gefangenen bevorstehe, die trübsten Gerüchte. Langwierige Zuchthausstrafe war das Mindeste, was sie erwartete. Vielleicht fiel sogar ein oder das andere Todesurtheil. Dergleichen Schreckensnachrichten theilte Einer dem Andern flüsternd mit. Den ganzen Tag lang knarrten die Wagen, welche den Schutt des eingeäscherten Pfarrhauses über die hartgefrorene Straße fuhren. Sonst war es still, ausnehmend still im Dorfe. Und still, sehr still, war es auch oben auf dem Schlosse. Der Freiherr ließ sich selten in dem Familienkreise sehen, und wenn er an der Mittags- oder Abendtafel erschien, war wenig von der sonnigen Heiterkeit an ihm zu bemerken, die sonst seine Mienen und sein Gespräch belebte. – Ich habe eine Menge verdrießlicher Geschäfte, sagte er wohl entschuldigend, wenn er bemerkte, daß sein düsteres Wesen den Anderen auffiel; ich bitte, sich nicht an mich zu kehren. So etwas kommt und geht vorüber. Mit den verdrießlichen Geschäften hatte es freilich seine Richtigkeit. Die Voruntersuchung der Gefangenen hatte in der Kreisstadt ihren Anfang genommen; der Freiherr selbst mußte seine Aussagen zu Protocoll geben; er hatte es mit dem sichtbarsten Widerstreben gethan. Es schien fast, als ob nicht er der Geschädigte, sondern der Schädiger wäre und sich durch seine Auslassungen zu compromittiren fürchtete. Man sagte ihm das auch; er erwiederte ganz gegen seine sonstige Weise – kurz und hochfahrend. Schon während der Schreckensnacht war es zwischen ihm und dem Landrath von Hey zu den heftigsten Scenen gekommen. Er hatte dem Landrath ein Ueberschreiten seiner Befugnisse vorgeworfen und sich der weiteren Verfolgung der Dörfler, die sich bei dem Herannahen der Soldaten in ihre Häuser geflüchtet hatten, auf das Lebhafteste widersetzt. Sie haben Ihre Pflicht zu erfüllen, Herr Landrath, hatte er gerufen, und nicht mehr als das. Stellen Sie Ruhe und Ordnung her, wie Sie es nennen, aber ich protestire gegen die Mißhandlungen Wehrloser, wie sie hier von Ihren Soldaten verübt werden. Die beiden Brüder von Hey wußten von dem sonderbaren, unverantwortlichen Benehmen des Freiherrn nicht genug zu erzählen. Der Landrath sprach davon, den Freiherrn wegen Beleidigung eines Beamten im Dienst belangen zu wollen; der Hauptmann von einer Herausforderung, die er Jenem zukommen lassen würde. Aber die beiden Herren hatten es aus diesem oder jenem Grunde vorgezogen, den persönlichen Beleidigungen und Kränkungen, die sie erfahren zu haben behaupteten, keine weitere Folge zu geben. Vielleicht waren sie selbst nach und nach zu der Ansicht gekommen, daß sie sich allerdings in jener Nacht von ihrem dienstlichen Eifer zu weit hatten hinreißen lassen. Uebrigens machte die Sache das allergrößte Aufsehen im Lande. Die Revolution in Tuchheim war das Lieblingsthema der Zeitungen geworden. Besonders fielen die liberalen Blätter, welche um diese Zeit die Flügel kräftiger zu regen begannen, heißhungrig über ein Ereigniß her, das sich so köstlich in ihrem Sinne ausbeuten ließ. Nach ihrer Ansicht war die Bauernrevolte in Tuchheim ein viel schlimmeres Symptom der Mißregierung, als selbst die schnell unterdrückten Krawalle in der Residenz, oder der in gewissen Fabrikdistrikten chronisch gewordene Nothstand. Daß in großen bevölkerten Städten sich ein hungriges Proletariat ansammelte, daß die Ungunst der Conjunctur ein paar tausend Webestühle auf längere Zeit zum Stillstand brachte – ließ sich am Ende sehr wohl begreifen; aber die schlimme Lage der ländlichen Bevölkerung in einer nicht geradezu armen Gegend, eine Lage, die so schlimm war, daß sie die unglücklichen Menschen zuletzt zur Verzweiflung und in das offenbare Verderben trieb – welche Erklärung gab es dafür? Und in welchem Lichte zeigte es den Besitzer jener Güter? Wie mußte er durch schlechte Verwaltung, durch Ungerechtigkeit, durch Mißbrauch seiner Privilegien die von ihm Abhängigen gequält haben, bis sie die Hand gegen ihren Peiniger erhoben! Es dauerte nicht lange, so wurde der Freiherr von Tuchheim der ganzen civilisirten Welt als ein Leuteschinder, als ein würdiger Nachkomme seiner Vorfahren, jener grimmigen Feudalherren des Mittelalters, denuncirt. Man erging sich in haarsträubenden Schilderungen dieses entsetzlichen Menschen; man brachte die greuliche Geschichte mit kaum veränderten Namen in schlechte Reime und sang sie auf den Jahrmärkten zur Drehorgel. Der Freiherr litt unter diesen Angriffen umsomehr, als ihm sein Stolz nicht erlaubte, den Widersachern offen entgegen zu treten. Es sollte mir einfallen, mich mit dem anonymen Gesindel herum zu zanken, sagte er zu Charlotten; mögen sie ihr Aergstes thun; ich bleibe doch, der ich bin, vor mir selbst wenigstens, und vor Dir, an deren guter Meinung mir mehr gelegen ist, als an der von einem Heer obscurer Winkelscribenten. Dabei versuchte er zu lächeln; aber es war das nur ein sehr flüchtiger Sonnenblick, und dann trat wieder der tiefe Schatten hervor, der jetzt beständig auf dem schönen Gesichte lag. Er hatte stets der unbeschränkten Preßfreiheit das Wort geredet, stets behauptet, daß der Mangel dieser Freiheit die Hauptquelle alles socialen und politischen Unglücks sei – jetzt, wo er seinen alten Namen, der ihm so heilig war, durch den Koth geschleppt sah, kamen ihm Augenblicke, wo er das ganze »Schreibervolk« am liebsten von der Erde vertilgt hätte. Und doch war er klug und ehrlich genug, um sich zu sagen, daß er sich damit der größten Inconsequenz schuldig mache. Ich gebe zu, rief er, daß, wenn irgendwo, so hier, das Schwert, das die Wunde schlug, auch allein im Stande ist, die Wunde zu heilen; daß es nur an mir liegt, wenn ich das Publicum, das immer dem Marktschreier, der die besten Lungen hat, zuläuft, nicht auf meine Seite bringe – ich gebe es zu: hier ist eine Rettung möglich – vorausgesetzt, daß man sich vor der Berührung von Pech nicht scheut – aber wer rettet uns vor den Windungen der Bureaukratie, die unser bestes Leben ersticken, wie die Schlangen den Priester des Apollo? Ist es nicht entsetzlich, daß die beiden Menschen, welche allein das ganze Unglück angerichtet haben, jetzt von der Regierung auf jede Weise ausgezeichnet werden? In der That hatte die Regierung sich beeilt, dem Landrath und dem Pastor für die Unbilden, welche sie bei der Tuchheim'schen Affaire erlitten hatten, die glänzendste Genugthuung zu geben. Wenige Wochen nach der Katastrophe wurde Herr von Hey nach der Residenz befohlen, um als vortragender Rath im Ministerium des Innern seine tiefen Einsichten in die Verhältnisse der ländlichen Bevölkerung besser verwerthen zu können; und wiederum war es wohl dem Einflusse des neuen Ministerialraths zuzuschreiben, wenn kurze Zeit darauf Doctor Urban eine Vocation als Hauptprediger an die Michaeliskirche in der Residenz und zugleich Sitz und Stimme im Landes-Consistorium mit dem Titel und dem Gehalte eines Consistorialraths erhielt. Wenn ich je daran gezweifelt hätte, daß diese Regierung es noch bis zu einer Revolution bringen wird, rief der Freiherr, jetzt wäre es mir nicht länger zweifelhaft! Der Freiherr übertrieb diesmal nicht. Die eingeleitete Untersuchung hatte eine Menge Dinge zur Sprache gebracht, welche sowohl auf die Amtsführung des Landraths, als auch auf den Charakter des Pastors ein sehr häßliches Licht warfen, und unzweifelhaft würde noch viel derartiges zu Tage gekommen sein, wenn man nicht die Vorsicht gebraucht hätte, einen dichten Schleier darüber zu decken. Nach Allem, was man erfahren konnte, schien es, daß die beiden Winkeltyrannen im vollsten Einverständniß mit einander die ihnen anvertraute Heerde an Seele und Leib geknechtet und die Gemüther auf das Aeußerste mit Furcht und Schrecken anzufüllen verstanden hatten. Lange Jahre hindurch, bis in die letzte Zeit hinein, hatte man sich sehr selten zu beklagen, zu beschweren gewagt, und wenn man sich beklagte und beschwerte, hatte man vorsichtig die Namen der Gehaßten und Gefürchteten aus dem Spiel gelassen. Es mußte ein halbes Wunder genannt werden, daß ein einziger Mann in einer verhältnißmäßig so kurzen Zeit eine feige, willenlose Heerde zur Wuth der Empörung treiben konnte. Jetzt sehe ich erst recht, welch' ein ungewöhnlicher Mensch dieser Tusky war, hörte man den Freiherrn öfter sagen. In der trotzigen Selbsthilfe, zu der Tusky gegriffen hatte, lag etwas, was den romantischen Sinn des Freiherrn wahlverwandtschaftlich berührte. Er ließ der Selbstbeherrschung, der Entschlossenheit, dem persönlichen Muth des Mannes volle Gerechtigkeit widerfahren. Der Schulmeister, meinte er, hat nur das Unglück gehabt, ein paar Jahrhunderte zu früh oder zu spät geboren zu sein, und – setzte er seufzend hinzu – ich glaube, Alles in Allem ist das auch mein Unglück. Man hatte von den Flüchtigen seit jener Schreckensnachricht nichts gehört. Daß sie zuletzt in der Hütte der Weinbäuerin gewesen, war durch die Untersuchung festgestellt worden; seitdem war alle und jede Spur verschwunden. Niemand zweifelte daran, daß ein Mann von Tusky's Verschlagenheit und Kühnheit Mittel und Wege gefunden haben werde, sich und seinen Schützling in Sicherheit zu bringen. Wir haben es Beide gut mit dem Leo gemeint, tröstete der Freiherr den Förster, aber der Junge paßte nicht in unsere Verhältnisse. Er ist sträflich undankbar gegen uns gewesen, ohne Frage; er hat als ein unbedachter Knabe gehandelt, aber doch als ein Knabe, der einmal ein Mann zu werden verspricht – ich wollte nur, ich könnte dasselbe von meinem Sohne sagen. Das niemals gute Verhältniß zwischen dem Freiherrn und Henri hatte sich seit der Schreckensnacht wesentlich verschlimmert. Was dem Vater ein Act traurigster Nothwehr gewesen, bei dem ihm das edle Herz geblutet, war dem Sohn im Licht eines herrlichen Sports erschienen; der Freiherr hatte ihm das Gewehr, welches er noch einmal auf die bereits in wilder Flucht Davonstürzenden abdrücken wollte, zürnend aus der Hand gerissen. – Ich kann viel verzeihen, sagte der Freiherr, beinahe Alles – kalte Grausamkeit nie! Charlotte drang auf Henri's Entfernung. Soldat zu werden hatte Henri jetzt selbst aufgegeben; er erklärte seine Absicht, die Rechte studiren zu wollen. Man trat – durch die Vermittelung Herrn von Sonnenstein's, des Schwagers des Freiherrn – mit einem Privatgelehrten in der Residenz in Verbindung, der sich anheischig machte, Henri und Walter in kürzester Frist zur Universität vorzubereiten. So reisten denn die beiden jungen Leute ab – Henri mit verbissenem Groll wegen der Kränkungen und Demüthigungen, die er während der letzten Wochen in dem Hause seines Vaters nach seiner Behauptung hatte erdulden müssen – Walter mit einem Herzen, das von Schmerz und Wehmuth und Liebe übervoll war. Was konnte ihm die weite Welt, in die er jetzt hinausfuhr, bringen, das schöner war, als was er hier verließ? Er hatte, seitdem es beschlossen, daß er in die Residenz gehen würde, die gewaltigsten Pläne entworfen, in deren Perspective immer ein junger Ritter stand, dem zum Lohne für seine Heldenthaten ein wunderschönes Mädchen mit schlankem Leib und braunen Augen den Siegerkranz auf die Stirn drückte. Aber in dem Momente des Abschieds konnte er durch den Thränenschleier hindurch, der plötzlich über seine Augen fiel, das vielverheißende Bild nicht sehen, und sein einziger Trost war die blaßrothe Schleife, die er Amélie vor einem Jahr eines Abends beim Pfänderspiel glücklich entwendet und seitdem stets, zusammen mit den neuesten Gedichten, in der Brieftasche auf dem treuen Herzen getragen. Nach der Abreise der beiden Jünglinge war das Leben im Schlosse noch stiller, aber nicht, wie Charlotte gehofft, wärmer und behaglicher geworden. Trotzdem der Freiherr jetzt nicht mehr die Berührung mit seinem Sohne zu scheuen brauchte, hielt er sich doch viel mehr als sonst in seinem Zimmer, und die körperlichen Uebungen, denen er sonst mit Leidenschaft ergeben gewesen war, schienen jeden Reiz für ihn verloren zu haben. Er begann, was er früher nie gethan, über Langeweile zu klagen, und verwünschte die Einförmigkeit des Landlebens, das so gar keine Anregung biete. Es war ganz auffällig, wie sehr er in den wenigen Wochen gealtert hatte. Sein Zustand flößte Charlotten die ernstesten Sorgen ein, und sie glaubte dem Freunde kaum, wenn er sie beständig auf das Frühjahr, das Alles wohl besser machen werde, vertröstete. Unter solchen Umständen war der Schwager, welcher ganz unerwartet eines Nachmittags mit Extrapost ankam, Charlotten hoch willkommen. Das Bankierhaus Sonnenstein hatte die Geldangelegenheiten der Familie Tuchheim schon seit langen Jahren vermittelt; die Väter der beiden jetzt lebenden Chefs der Familien hatten sich Freunde genannt; der verstorbene Freiherr hatte dem verstorbenen Bankier, der zum Christenthum übergetreten war, den Adel verschafft, und dieser hatte jenem wiederum zur Zeit der französischen Revolution die allerwesentlichsten Dienste geleistet. Es war ein Hinüber und Herüber von freundlichen Beziehungen gewesen, die sich zuletzt in der Verbindung Elfrieden's von Tuchheim, Charlotten's älterer Schwester, mit dem einzigen Sohn des Bankiers gipfelten. Man hatte auf keiner Seite Ursache gehabt, die eingegangene Verbindung zu bereuen. Das Geld und der Credit des Bankierhauses hatten sich dem freiherrlichen Hause seitdem noch mehrmals sehr nützlich erwiesen; und wenn Herr von Sonnenstein versicherte, daß er die Ehre, welche ihm die Familie Tuchheim erwies, als sie ihm eine ihrer Töchter zur Frau gab, stets als das höchste Glück ansehen werde, so konnte man ihm darin auf das Wort glauben. Er war stolz auf seine Verbindung mit der stolzen Familie und beklagte es bei jeder schicklichen Gelegenheit, daß ihm seine Gattin so früh durch den Tod entrissen wurde. Nichtsdestoweniger hatte sich der gewandte Mann der Gunst des Freiherrn nicht zu erfreuen. Wie in so vielen Dingen des Freiherrn theoretische Ueberzeugung mit seiner Praxis nicht ganz stimmen wollte, so konnte er, der sich stets für Emancipation der Juden erklärt hatte, im Grunde seines Herzens sich nicht darüber wegsetzen, daß sein Schwager von Abstammung ein Jude – und noch dazu wie der Freiherr meinte – von reinster Rasse war. Wenn ihm Charlotte eine solche Verstocktheit vorwarf, so pflegte er sich lachend hinter Gretchen's: »Ich habe nun einmal die Antipathie« zu flüchten. Und dann, sagte er, ist mir der Mann zu positiv. Er rechnet mir zu gut. Er ist wie eine Naturkraft, die mit uns, ich meine mit unserm Seelenleben, eigentlich gar keine Gemeinschaft hat. Ich glaube, daß er mich gern hat, soweit ihm das möglich ist, aber ich bin überzeugt, daß er mich kaltblütig aus dem Leben hinausrechnen würde, wenn ich ihm so oder so in seinen Calcul nicht mehr paßte. Daß der vielbeschäftigte Mann im Winter nicht eine so beschwerliche Reise ohne triftige Gründe unternommen haben würde, mochte Jeder, der ihn kannte, leicht ermessen; und in der That wartete er auch nur bis nach dem Frühstück des nächsten Tages, um die Geschwister von der eigentlichen Ursache seines Kommens zu unterrichten. Es habe ihm schon lange auf der Seele gelegen, daß der Freiherr aus den Gütern keineswegs den Ertrag ziehe, der daraus gezogen werden könne. So lange die Güter verpachtet gewesen seien, habe man daran nicht denken dürfen, jetzt aber müsse etwas Ernstliches geschehen. – Und ich weiß auch, was geschehen muß, fuhr er fort, und das danke ich, lieber Herr Schwager, den zahllosen Artikeln, in welchen die fatale Decembergeschichte von den Zeitungen ausgepreßt wurde. Man hat ja damals die Verhältnisse Ihrer Gegend in jeder Beziehung so gründlich auseinandergesetzt, daß man, wie Sie, in diesen Verhältnissen groß geworden sein muß, um nicht zu sehen, wo der Hase im Pfeffer liegt. Um es mit einem Worte zu sagen, dieser District, der, wenn je einer, zur fröhlichen Entfaltung des Fabrikwesens destinirt ist, quält sich ab, ein Ackerbaudistrict zu sein – und das geht freilich nicht. Oder man hat auch hie und da in dem Gebirge die Anfänge des Fabrikwesens – wie denn Eure elenden Nagelschmiededörfer nichts Anderes sind, als embryonische Fabrikstätten – aber man hat bis jetzt ohne Einsicht, ohne Umsicht und vor Allem ohne Kapital gearbeitet, und ist allerdings auf diese Weise über den Anfang des Anfangs nicht hinausgekommen. Haben Sie denn nie daran gedacht, lieber Herr Schwager, daß ein Bach von einer geradezu unerschöpflichen Wassermasse über eine halbe Meile lang auf Ihrem Grund und Boden fließt und, kaum aus dem Gebirge herausgetreten, sich in ein schiffbares Flüßchen ergießt, das wiederum nach kurzem Lauf in eine unserer größten Wasserstraßen fällt? daß Sie Holz, Kohlen und das schönste Roheisen in nächster Nähe haben, und – was die Hauptsache ist – einen Arbeitermarkt, auf dem das Angebot massenhaft, und so gut wie gar keine Nachfrage ist, das heißt, wo Arbeiter für ein Minimum zu haben sind? Ich habe mir schon Alles überlegt und ausgerechnet. Mit einem Anlagekapital von höchstens zweimalhunderttausend Thalern können wir ein Dutzend Eisenhämmer und Schneidemühlen herstellen und mit einem zweiten Zweimalhunderttausend eine Maschinenfabrik, die uns bald unsere hundert Procent und darüber abwerfen soll. Herr von Sonnenstein setzte nun sein Project in den Einzelheiten auseinander und bewies, daß er wirklich Alles überlegt und ausgerechnet hatte. Es war kein Zweifel, der Plan hatte Hand und Fuß; die hohen Erwartungen, welche sich der Bankier von dem Gewinn des Unternehmens machte, schienen keineswegs übertrieben. Dennoch bewies der Freiherr wenig Lust, die goldenen Hoffnungen, die sich ihm so plötzlich aufthaten, zu verwirklichen. – Er habe zu so großen Dingen kein Kapital, und überdies passe dergleichen gar nicht in seine Lebensgewohnheiten und Neigungen. Das Klappern der Maschinen, das Klopfen der Hämmer, der schrille Ton der Dampfpfeife, der Rauch der Schornsteine würden ihm das Landleben, das er so schon nur noch halb liebe, vollends verleiden. Der Bankier wollte diese Einwürfe nicht gelten lassen. Wenn der Herr Schwager kein baares Geld habe – und er habe allerdings in der letzten Zeit ein wenig mehr gebraucht, als sonst – so würde er gern das Nöthige herleihen. Und was die Aversion des Freiherrn gegen den Steinkohlengeruch betreffe, so habe er ihm schon längst den Rath geben wollen, endlich einmal in die Residenz überzusiedeln, in der es jetzt, wo die Nachrichten von allen Seiten immer bedenklicher lauteten, lebhaft genug hergehe. Wenn ihn nicht Alles täusche, so stehe ein Gewitter in der Luft, das auf dem Punkte sei, loszubrechen. Es verlohne sich wohl der Mühe, dergleichen einmal aus der Nähe mit anzusehen. Herr von Sonnenstein erschöpfte seine ganze Beredsamkeit, den Schwager für seine Projecte zu entscheiden, aber es gelang ihm nicht, wenigstens nicht ganz. Der Freiherr sagte nicht Ja, nicht Nein; er wolle sich die Sache überlegen. Herr von Sonnenstein mußte sich vorläufig mit diesem Erfolge begnügen. Wichtige Geschäfte riefen ihn nach der Residenz zurück. Kaum war er fort, als es dem Freiherrn leid that, ihn mit so unbestimmten Hoffnungen entlassen zu haben. Das ganze Unternehmen zeigte sich ihm plötzlich von der heitersten Seite; der Gewinn, den es abzuwerfen versprach, sei wahrlich nicht zu verachten; ein armer Adel sei kein Adel; wenn der Adel nicht dem aufstrebenden Bürgerthum den Platz, der ihm gebühre, ganz räumen wolle, müsse er mit jenem im Erwerben Schritt halten. Sonst werde es in Deutschland gehen, wie in England, wo die Cotton-Lords und Geldsäcke bereits anfingen, die erste Rolle in der Gesellschaft und im Staate zu spielen. Charlotte war betrübt, den Bruder so reden zu hören; aber sie enthielt sich weislich alles Widerspruches, der in diesem Augenblicke nur schaden konnte. Sie hoffte, daß die Zeit die Wunden der Kränkung, die der Aufstand dem Herzen des Bruders geschlagen hatte, heilen und daß der Frühling, der vor der Thür stand, Alles wieder gutmachen werde. Es kam anders, als Charlotte gehofft hatte. Die Prophezeiungen des weit vorausschauenden Geschäftsmannes gingen mit wunderbarer Eile in Erfüllung. In Frankreich war die Revolution ausgebrochen, überall im eigenen Lande gährte es – man glaubte den Boden unter sich wanken zu fühlen. Der Freiherr vernahm die Nachrichten, die jetzt jede Zeitung brachte, mit sichtbarer Genugthuung. Ich kann nun mit ruhigerer Seele die Trümmerstätte meines eingeäscherten Hofes betrachten, rief er; es war eben ein Funke von dem großen Brande so weit vorweg dorthin geweht. Der Tusky war ein Sturmvogel; ich wette, wir werden ihn in den allernächsten Tagen hier unter uns erscheinen und sein angefangenes Werk fortsetzen sehen. Der Freiherr hatte sich geirrt. Tusky kam nicht, und merkwürdigerweise blieb auf den Tuchheim'schen Gütern Alles ruhig, während rings umher die ganze Landschaft in hellem Aufruhr war und hie und da die gröbsten Excesse verübt wurden. Es war, als ob die Leute die derbe Lection, welche ihnen ihre verfrühte Revolution eingetragen, noch nicht vergessen hätten. Desto ungeduldiger war der Freiherr selbst. Der Boden brannte ihm unter den Füßen; es duldete ihn nicht länger auf seinem schönen, stillen Gute. Charlotte sah, daß alles Abmahnen vergeblich war. So wurde denn die Uebersiedelung in die Residenz beschlossen und mit Eile, ja mit athemloser Hast vorbereitet. In weniger als acht Tagen war Alles zur Abreise bereit. Niemand sah dem Augenblick derselben mit größerer Spannung und Freude entgegen, als Eve. Eve hatte das Schloß seit jener Nacht nicht wieder verlassen. Fräulein Charlotte hatte, mild und gütig wie immer, sich der durch den Tod der Mutter und die Flucht des Bruders gänzlich Verwaisten angenommen und durch ihre stets gleiche Freundlichkeit nach und nach den starren Trotz des Mädchens zu mildern gewußt. Sie hatte mit Erstaunen unter der abstoßenden Hülle der Unwissenheit und sittlichen Verwahrlosung Spuren eines ungewöhnlichen Scharfsinns und eines leidenschaftlichen, nicht unedlen Herzens entdeckt und eine wirkliche Theilnahme für das Mädchen gefaßt, das sich auch an sie mit ganz besonderer Neigung anzuschließen schien. Dennoch war es dem Fräulein nicht unlieb, als vor einigen Tagen ein Brief von dem Castellan im Palais Sr. königlichen Hoheit des Prinzen, Herrn Amadeus Lippert, einlief, welcher im Namen seiner Frau, der Tante Eve's, die Nichte reclamirte. Das Kind werde es gut, sehr gut bei ihm haben; er werde für ihre Ausbildung gewissenhaft Sorge tragen. Fräulein Charlotte zog in aller Eile Erkundigungen über Herrn Amadeus Lippert ein, und als diese befriedigend ausfielen, Herr Lippert ihr von ihren Correspondenten als ein in seiner Weise sehr angesehener Mann bezeichnet wurde, schrieb sie zurück, daß sie selbst den Anverwandten ihren jungen Schützling zuführen werde. In der That hätte sie dieselbe doch auf jeden Fall anderweitig unterbringen müssen. Eve hatte den Trotz, den sie dem Fräulein gegenüber abgelegt hatte, gegen die jungen Mädchen in schroffster Weise herausgekehrt, besonders gegen Silvia. Durch nichts hatte sie bewogen werden können, Silvia auch nur einen freundlichen Blick zu gönnen; ja ein paarmal hatte Charlotte ihre ganze Autorität aufbieten müssen, um dem Ausbruch eines Hasses zu begegnen, der, wie keine bestimmte Ursache, so auch keine Grenzen zu haben schien. Als ihr angekündigt wurde, daß sie zu dem Onkel und der Tante in die Residenz solle, strich sie sich zuerst mit der Hand über die dichten Augenbrauen, und dann fiel sie Charlotten zu Füßen und küßte ihr leidenschaftlich Kleider und Hände. Mit Mühe brachte Charlotte heraus, daß, zu der Tante in die Residenz zu kommen, von Kindesbeinen an ihr höchster Wunsch gewesen sei. Früher hatte sie geglaubt, sie werde da nichts zu arbeiten haben und alle Tage herrlich und in Freuden leben; jetzt denke sie daran nicht mehr; jetzt denke sie nur daran, recht viel zu arbeiten und zu lernen, und auch eine feine Dame zu werden, die sich nicht mehr von einem Mädchen, das aus keinem besseren Stande sei, als sie, über die Achsel ansehen zu lassen brauche. Es war am Abend des Tages, in dessen Frühe die zwei hochbepackten Reisewagen das Schloß und das Dorf verlassen hatten. Fritz Gutmann saß unter der großen Linde, die ihre ersten hellgrünen Blätter zu treiben begann, auf der Bank vor der Thür seines Hauses. In den Zweigen über ihm lärmten die Sperlinge, aus dem Walde rief der Kukuk, und vor ihm auf der Wiese schossen die ersten Schwalben im Zickzackflug hinüber und herüber. Aber Fritz Gutmann sah und hörte von dem Allen nichts; er sah nur immer die beiden großen Reisewagen um die Ecke biegen, er hörte nur immer die Stimmen derer, die er nun in so langer, langer Zeit nicht hören sollte, vielleicht – wer konnte es wissen? – nimmer wieder hören würde. War es denn wirklich also? Sein Herr, sein geliebter Herr, hatte sich in den Tagen des herannahenden Alters, da jeder Mensch nach Ruhe verlangt, ruhelos losgerissen von dem Erbe seiner Väter, auf dem er geboren war, auf dem sterben zu wollen er oft und oft erklärt hatte? Losgerissen, weil, wie er sagte, er nach dem, was geschehen sei, sich nicht mehr Herr auf seinem Grund und Boden fühle; weil er das Bewußtsein, von seinen Leuten nur gefürchtet und nicht geliebt zu werden, nimmermehr ertragen könne! Würde er in der großen Stadt, wo Einer an dem Andern so gleichgültig vorübertreibt, mehr Liebe finden? nicht bald – ach, nur zu bald! – seinen Entschluß bereuen, sich dann doppelt und dreifach unglücklich fühlen, und doch zu stolz sein, seinen Fehler einzugestehen und zurückzukehren zu der Stätte, an die er mit tausend und tausend Banden der Heiligsten Erinnerungen gefesselt war? Ja, es war so! Und jene allzu große Empfindlichkeit des Herzens, aus der alle seine Tugenden und Schwächen flossen, hatte endlich doch in der zwölften Stunde den Sieg davongetragen! Der Förster hob die Augen. Sein Blick fiel auf eine Tanne am Rande des Waldes, ihm gegenüber. Er selbst hatte sie vor dreißig Jahren gepflanzt, ein schwaches Reis, aus dem jetzt ein stattlicher Baum geworden war, in dessen Zweigen die Vögel nisteten. Das hat sie werden können, weil sie nichts hat werden wollen, als sie selbst, immer nur sie selbst, durch Sonnenschein und Regen, durch Sommer und Winter. Ach, könnte doch der Mensch, der so viel mehr ist, als ein Baum, von dem Baume lernen, immer stetig aus sich heraus zu wachsen und seine edle Kraft zusammen zu halten! Was hilft es, das Gute zu wollen, wenn man es heute so will und morgen so, und übermorgen wieder anders? Das war meines armen Anton Krankheit; an der Krankheit ist er zu Grunde gegangen; und nun muß ich dasselbe an dem geliebten Herrn erleben! Ist es doch, als wenn er Anton's Wankelmuth nur deshalb immer so stark verurtheilt hätte, weil er sich selbst nicht sicher fühlte. Wie bald hat er den Muth verloren, die Güter selbst zu bewirthschaften, und doch hatte er sich fünfundzwanzig Jahre darauf gefreut! Jetzt freut er sich auf den Augenblick, wo hier in unsern stillen Wäldern das Pochen der Hämmer und das Rascheln der Maschinen erschallen wird – wie lange wird die Freude dauern? Der Förster seufzte tief und verbarg das Gesicht wieder in den braunen Händen. Er dachte nicht an sich, nicht an die Arbeitslast, die ihm der Herr auf die Schultern gewälzt hatte; nicht daran, daß er unumschränkte Vollmacht hatte, Inspectoren ein- und abzusetzen, Leute zu miethen, zu entlassen, Gelder einzucassiren und zu verausgaben; daß er zwei Reitpferde im Stalle stehen hatte und eigentlich Herr war auf den schönen, großen Gütern. Er dachte nur immer daran, daß das Band, das ihn von seiner frühesten Erinnerung an mit dem geliebten Herrn eng und enger verbunden, nun doch zerrissen und die alte, gute Zeit unwiederbringlich vorbei sei. Die alte, gute Zeit! Ja, ja, sie war vorbei. Die Welt war eine andere geworden, und die Menschen waren wie ausgetauscht. Das trieb und drängte, und wünschte und hoffte, und hatte keine Ruhe, keine Rast, und stellte sich ungeberdig, und that, als ob die Welt bis dahin ein Brachland gewesen wäre, das sie nun an einem Tage umzuackern, und nicht blos umzuackern, sondern auch fertig zu bestellen hätten, um wo möglich noch vor Abend die Ernte unter Dach und Fach zu haben. Nun ja, es könnte Manches anders und besser sein; aber so über Hals und Kopf läßt es sich denn doch auch nicht schaffen, und was man nicht mit saurer Mühe vorbereitet hat, das bringt auch nicht den rechten Segen. Und dann mögen die Jungen sehen, wie weit sie es bringen! Sie haben frische Säfte, und wenn die auch wohl einmal ein wenig toll gähren und treiben – es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Für den Walter ist mir gar nicht so bange. Er ist aus ganzem Holz und gesund bis in's Mark. Und selbst der Leo kann noch werden, wenn er die Welt sieht, wie sie ist, und begreift, wie viel die Liebe werth ist, die er so kalt verschmäht hat. Mögen sie irren – sie haben Zeit, von ihrem Irrthum zurückzukommen; aber wenn Jemand in unseren Jahren einen falschen Weg geht – er hat keine Zeit, die verlorene Zeit wieder einzuholen, keine Kraft, die verlorene Kraft wieder zu ersetzen. Der Förster hob das Haupt, und es flog wie ein Sonnenblick über sein braunes Gesicht. Aber warum sorge ich denn so um ihn? sagte er, steht sie ihm nicht zur Seite, die von jeher sein guter Engel gewesen ist und jedes Menschen guter Engel ist, dem der Himmel das Glück gab, in ihre Nähe zu kommen? Sie, vor deren Augen nichts Schlechtes bestehen kann, die Alles zum Besseren und Besten lenkt – sie, der ich ohne Bedenken meiner Seelen Seligkeit in die reinen Hände legen würde – sie, der ich mit gläubiger Seele meinen kostbarsten Schatz anvertraut habe! Aus den dunklen Stämmen trat es wie eine schlanke Mädchengestalt mit blauen, strahlenden Augen und flatternden Locken hervor, aber nur für einen flüchtigen Moment; dann deckte sich ein undurchsichtiger Schleier über das helle Bild und über die ganze Welt, und der Förster drückte sein Gesicht in beide Hände. Tante Malchen erschien in der Thür des Hauses. Als sie den Bruder erblickte, wie er dasaß, der starke Mann, und weinte, liefen auch ihr die heißen Thränen über die gefurchten Wangen; sie faltete die Hände und betete inbrünstiglich. Dann trat sie auf den Tiefgebeugten zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Bruder Fritz, sagte sie, Du mußt nun mit mir vorlieb nehmen. Es ist wenig, sehr wenig, was ich für Dich thun kann – ich weiß es wohl. Aber das Wenige ist auch für Dich – heute, wie alle Tage, bis mich der Herr zu sich ruft. Der Förster schaute auf, er fuhr sich mit der Hand über die Augen, aber ohne Hast; er schämte sich vor der Guten seiner Thränen nicht. Wir haben ja schon so manches Jahr zusammen durchgewettert, sagte er mit einem schwermüthigen Lächeln, manche Freud' und manches Leid. So werden wir auch wohl mit diesem fertig werden. Tante Malchen wischte sich mit einem Zipfel der Schürze über die Wangen und nahm neben ihrem Bruder auf der Bank Platz. So saßen sie lange nebeneinander, still, in sich gekehrt. Die Schwalben schossen hinüber und herüber, und wurden nicht müde, zu erzählen, daß der Frühling wieder da sei; aber den beiden guten Menschen unter der knospenden Linde war es, als ob sie verloren hätten, was ihnen kein Frühling zurückbringen konnte. Fünfunddreißigstes Capitel. Die Jahre rollen dahin. Siebenmal ist aus dem Frühling Sommer, aus dem Sommer Herbst und Winter geworden. Jetzt ist es Herbst, der sich dem Winter zuneigt. Und Manchem ist es, als würde es nie wieder Frühling und Sommer werden; als habe die Sonne der Freiheit, die in jenen Märztagen so wunderherrlich aufging über Deutschland und es aus schwerem Winterschlaf zu frischem Leben erweckte, sich auf immer verborgen hinter düstersten Wolken einer Reaction, die aller Freiheit und allem Leben Tod und Verderben geschworen. – Durch die langen, geraden Straßen der Residenz fegte ein kalter Wind, die Flammen der Gaslaternen flackerten unheimlich; von Zeit zu Zeit entlud sich ein mit Eiskörnern vermischter Regenschauer und prasselte gegen die Scheiben. So oft dies geschah, und besonders wenn zu derselben Zeit eine Droschke die vereinsamte Straße heraufrollte, trat Walter an das Fenster und spähte eifrig auf die Gasse hinab. Es war nicht sehr wahrscheinlich, daß das Fuhrwerk den Erwarteten bringen würde; er konnte nur mit dem Neunuhrzuge, oder mit dem, welcher um elf Uhr eintraf, ankommen, und jetzt war es gerade zehn – aber die Freude, den Freund seiner Jugend nach so langen Jahren endlich einmal wieder zu sehen, hatte Walter's Herz in eine unruhige Bewegung versetzt, die mit dem Ticktack der alten Uhr, die in einer dunklen Ecke des Zimmers schwatzte, durchaus nicht Schritt halten wollte. Er trat wieder an den Tisch vor dem Sopha. Das Wasser brodelte leise in dem Kessel über der Berzeliuslampe; das Viertelpfund Butter und der gekochte Schinken von dem Victualienhändler an der Ecke waren sorgsam zugedeckt. Die sehr ungleich großen Stücke des etwas gelblichen Zuckers schimmerten in ihrer Glasschale, ein Fläschchen feinen Arraks stand entpfropft da, die Stängellampe verbreitete über dies Alles ein helles, sanftes Licht – es war ein bescheidener Theetisch ohne Zweifel, aber sehr reinlich, einladend und behaglich, und entsprach insofern vollkommen der Physiognomie des Zimmers, nur daß dieses letztere außerdem noch einige Züge darbot, welche auf eine gelehrte Thätigkeit des Bewohners hindeuteten. Zwar die Anzahl der Bücher, welche auf dem offenen Bücherbrett, auf dem Schreibtisch, auf den Stühlen standen und lagen, war nicht sehr groß; aber man sah, daß sie häufig gebraucht wurden; auch die wenigen Kupferstiche und Lithographien, die (zum Theil ohne Rahmen) an den Wänden hingen, waren nach alten guten Meistern, und der schöne Kopf einer antiken Muse blickte von seinem Platz über dem Schreibtisch unter den schweren, süßgeschweiften Augenlidern still und sinnend herab. Der Theetisch war in Ordnung; auch in dem kleinen Zimmer linker Hand, Walter's Schlafzimmer, und dem größeren zur rechten Hand, dem Putzzimmer der Frau Rehbein, welches diese dem erwarteten Besuche ihres lieben Miethers bereitwilligst eingeräumt hatte, war seit den letzten zehn Minuten keine bemerkbare Veränderung eingetreten; auf der Gasse war es still – nur der Wind heulte und pfiff um die Giebel und Schornsteine – so setzte sich Walter denn auf seinen Studirsessel, den er an den Theetisch gerückt hatte, um noch einmal den Brief zu lesen. Der Brief lautete:   »Wenn Du, lieber Walter, zuerst nach der Unterschrift gesehen hast, um zu erfahren, wer diese Zeilen schrieb, so ist es wahrlich nicht Deine Schuld – in sieben Jahren kann man wohl eines Menschen vergessen, geschweige denn eines Menschen Hand – und so lange ist es ja wohl, daß zwischen uns – außer dem Wenigen, was gemeinschaftliche Bekannte hinüber und herüber getragen haben – alle Verbindung abgebrochen war. Sieben Jahre! – Ein breites, tiefes Bett, durch das sich für einen Jeden von uns viele Ereignisse, gleich ebensoviel rastlosen Wellen, gedrängt und die Uferränder steil und steiler gemacht haben! Werden wir eine Brücke über diesen Abgrund finden? Nach meinen sonstigen Erfahrungen darf ich es kaum wagen zu hoffen; aber Jugendfreundschaften, sagen sie ja, sind wie ererbte Uebel: man wird sie nicht wieder los, so viel man auch darum sorge. Ich bin begierig, zu sehen, wie wir uns zu der allgemeinen Regel stellen werden. Gelegenheit dazu werde ich uns schon in einigen Tagen geben. Ich komme nach der Residenz, um dort das Terrain zu recognosciren, und, wenn sich meiner Absicht nicht allzu große Hindernisse in den Weg stellen und mir im Uebrigen die Atmosphäre zusagt, einige Zeit, das heißt einige Jahre, das heißt, ich weiß nicht wie lange, zu bleiben. Kannst Du mich die ersten Tage beherbergen, soll es mir um so lieber sein. Deine Adresse, wie Du siehst, kenne ich. Ein Brief von Dir, in welchem Du mir Deine Bereitwilligkeit, mich bei Dir aufzunehmen, mittheilst, trifft mich in N., wo ich mich einen Tag aufhalten muß, Poste restante . Ich komme am fünfzehnten mit dem Abendzuge. Also auf Wiedersehen! Leo Gutmann, Dr. med. « Doctor medicinae Leo Gutmann! sagte Walter, indem er den Brief vor sich zwischen die zugedeckte Butter und den zugedeckten Schinken auf den Tisch legte. Er hat es bis zum Doctor gebracht und ist mir also auch hier einen Schritt voraus, wie er es stets gewesen ist. Ich könnte doch höchstens Doctor der Philosophie werden. Ja, wenn man damit zugleich ein Philosoph würde! Aber so, der leere, schale Titel – das verlohnt sich wirklich der Mühe nicht. Und Doctor der Medicin! Danach stand früher sein Sinn nicht; es scheint, daß aus dem Idealisten ein Realist geworden ist. Freilich, freilich, ein Mensch von solchen Talenten kann werden, was er will, und wird überall etwas Tüchtiges. Ob er sich wohl sehr verändert hat? Schwerlich. Er war damals ja fast schon ein Mann. Vielleicht in dem Maße, als seine Handschrift eine andere geworden ist. Es ist dieselbe, wie sie mir noch aus seinen deutschen Aufsätzen so deutlich vor der Seele steht, und doch ist sie nicht mehr dieselbe: freier, kühner – ein prachtvoller, großer Zug wahrlich in diesen flüchtig hingeworfenen Zeilen. So könnte ein König oder Lord Protector schreiben. Er wollte ja auch immer hoch hinaus, und er hatte ja auch ein Recht dazu. Welch ein Mensch war das! Ich habe hernach manchmal gemeint, ich hätte ihn wohl überschätzt; mein jugendliches Auge hätte in einem gewöhnlichen Sterblichen einen Halbgott gesehen, aber je deutlicher ich meine Erinnerungen zurück rief, je klarer ich mir sein Bild machte, desto mehr befestigte sich bei mir die Ueberzeugung: so Einen hast du doch nicht wiedergefunden unter so vielen bedeutenden Menschen. Ich meine, so muß Patroklus gefühlt haben, wenn er seinen Achill mit den übrigen Danaern verglich. Und was werden die Anderen sagen: Amélie? der Freiherr? Silvia? – Wie werden sich der Vater, die Tante freuen, wenn sie hören, daß der Langentfernte, Nichtvergessene, der wie in einer Wunderwolke unversehens entschwand, uns unversehens wiedergegeben ist? Wiedergegeben? Das Wort paßt auf den Leo nicht. Wer so eigenmächtig, selbstherrlich durch das Leben schreitet, wie er, der giebt sich höchstens selbst; und ach! er hat das eigentlich nie gethan. Er ist, wie ein Komet, seine einsame, unberechenbare Bahn über unseren Kreis hingewandelt, strahlend in seltsamem, mystischem Feuer, uns anziehend, aber nicht von uns angezogen; ein Phänomen, ein Räthsel, zu dem uns die Lösung fehlte. Lag es an ihm? Lag es an uns? O gewiß! an uns! Das war ja von Alters her der Fluch der Propheten, daß sie nichts galten in ihrem Vaterlande, daß ihre eigenen Eltern, Geschwister nicht an sie glauben wollten. Wie oft hat er in jenen Jahren geklagt, daß Niemand ihn verstehe, Niemand ihn liebe, bis er zuletzt an jenen seltsamen Mann gerieth, den Fanatiker, der die sündige Welt mit unheiligem Feuer taufen zu müssen meinte. Ob er in ihm gefunden hat, was er suchte? Und werde ich ihm heute mehr sein können, als ich ihm damals war? Walter erhob sich und ging in dem Zimmer auf und ab. Es war ihm beinahe so zu Muthe, wie damals, als er zum ersten male vor den Doctor Urban treten sollte mit dem vollen Bewußtsein der Kärglichkeit seines Wissens. Seitdem waren manche Jahre vergangen, in denen er Vieles gesehen, Vieles erlebt, in denen er sich redlich bemüht hatte, seine Gaben, wie sie nun einmal waren, auszubilden, zu lernen, zu schaffen. Und wenn er nun die Summe seiner geistigen Existenz zog – durfte er mit sich zufrieden sein? Wie manche Gelegenheit, sich zu unterrichten, hatte er unbeachtet gelassen? Wie Vieles, das er hätte wissen sollen, wußte er nicht! Und seine eigenen dichterischen Versuche – die einzigen aufweisbaren Früchte, die ihm seine Arbeit gebracht hatte – wie unbedeutend erschienen sie ihm! wie dürftig im Verhältniß zu der aufgewendeten Mühe! Es half ihm in diesem Augenblicke nichts, sich zu erinnern, daß seine Schüler mit Liebe an ihrem jugendlichen Lehrer hingen; daß unabhängige, vorurtheilsfreie Kritiker mit Anerkennung und Achtung sich über die Erstlingswerke des unbekannten Autors geäußert hatten; daß gewiegte Politiker es nicht verschmähten, sich mit dem um so viel jüngeren Manne eingehend über die Tagesfragen zu unterhalten – Walter dachte zu groß von den Menschen und ihren Aufgaben, um von sich selbst und seinen Leistungen nicht gelegentlich recht klein zu denken. Und dann war er von früher so gewohnt, sich neben Leo in den Schatten zu stellen. Für ihn war die Kluft der Jahre, von der Leo in seinem Briefe sprach, nicht vorhanden, und wenn er sich damals vor dem glänzenden Genius des Freundes willig gebeugt hatte, so empfand er jetzt wie der Jünger, der nach jahrelanger Trennung den Meister bei sich erwartet. Die Klingel zum Vorsaale ertönte; gleich darauf hörte Walter die langsame Stimme seiner Wirthin und dann die tiefe Stimme eines Mannes. War das Leo? Hatte er das Rollen des Wagens überhört? – die Thür wurde geöffnet; von Frau Rehbein und der Magd, die einen Koffer trug, gefolgt, trat eine hohe, dunkle Gestalt herein. Walter eilte mit ausgebreiteten Armen dem Jugendgenossen entgegen. Leo, lieber Leo! Willkommen, tausend- und tausendmal willkommen! Ich möchte, Eure Polizei auf dem Bahnhofe hätte dasselbe gesagt, so wäre ich schon seit einer Stunde hier – ist das ein Wetter! erwiederte Leo, mit einer festen, kalten Hand Walter's warme, von der inneren Erregung zitternde Hand schüttelnd. Sechsunddreißigstes Capitel. Warum siehst Du mich immer so prüfend an? fragte Leo, als sie sich am Theetisch gegenübersaßen; man sollte glauben, Du hättest meinen Paß zu visiren und verglichest mit dem Argwohn der heiligen Hermandad, ob auch Alles mit dem Signalement stimme. Ich vergleiche Dich auch, erwiederte Walter lachend, vergleiche den Mann vor mir mit dem Jüngling-Knaben meiner Erinnerung; vergleiche Dich, wie ich Dich hier sehe, mit Dir, wie ich Dich vor wenigen Minuten mit meines Geistes Auge sah – und das ist nicht so schnell geschehen. Habe ich mich denn so sehr verändert? – danke, ich nehme keinen Arrak zum Thee. Ja und nein! Das heißt, die Veränderung hat sich so ganz im Sinne Deines Wesens vollzogen; ist, ich möchte sagen, so logisch, daß man erst nach und nach dahinterkommt, wie groß sie in Wirklichkeit ist. In der That! Ich kann Dir das Compliment, wenn es anders eins ist, nicht zurückgeben. Du hast Dich sehr verändert – und scheinbar gar nicht logisch, wie Du es nennst. Aber Du kannst damit zufrieden sein. Der Vortheil ist ganz auf Deiner Seite. Du warst in Deiner Jugend ein ziemlich gewöhnliches Menschenkind, nicht hübsch und nicht häßlich, nicht groß und nicht klein, keineswegs auf den Kopf gefallen, aber auch nicht ungewöhnlich gescheidt. Du versprachst dermaleinst einen gewissenhaften Beamten, einen loyalen Unterthanen und vor Allem einen musterhaften Familienvater abzugeben. Jetzt sehe ich wohl, daß meine Diagnose falsch gewesen ist. Deine Augen blicken noch immer sehr gewissenhaft, aber keineswegs beamtlich; Deine Stirne sieht gar nicht mehr loyal, der schöne Schnurrbart, den Du über Deinen Mund gezogen, gar nicht unterthänig aus, und in Allem bist Du ein so hübscher Kerl geworden, daß Dir die Weiber, fürchte ich, das musterhafte Familienvatersein einigermaßen erschweren werden. Walter lachte von ganzem Herzen. Der scherzhafte Ton war ihm bei Leo neu. So mußte doch der finstere Dämon, der früher des Knaben Seele gänzlich beherrscht hatte, freundlicheren Genien gewichen sein. Er sagte das auch, und Leo erwiederte: Wir Deutschen sind doch das sonderbarste Volk von der Welt, von denen wenigstens, die ich gesehen habe. Ich glaube, nur in Deutschland kann es vorkommen, daß zwei Jugendfreunde nach jahrelanger Trennung sich wiederfinden, und bevor sie noch gefragt haben: Wie geht's? erst einmal über ihren beiderseitigen philosophischen Standpunkt in's Reine zu kommen suchen. Wir sind eben unverbesserliche Idealisten, und dann wundern wir uns noch darüber, daß wir es in der realen Welt zu nichts bringen. Du hast Recht, sagte Walter, aber ich weiß wirklich vor Freude nicht ganz genau, wo mir der Kopf steht. Kann ich mich doch noch immer nicht von dem Erstaunen erholen, Dich hier leibhaftig auf meinem Sopha sitzen zu sehen. Bist Du uns doch wie ein Geist entschwunden, und haben wir doch alle diese Jahre hindurch mit Dir nur, wie mit einem abgeschiedenen Geiste verkehren können! Uns nicht ein Wort zu senden! Nicht ein Lebenszeichen! Das war grausam, Leo! Jetzt sollst Du nachholen, was Du versäumt hast; jetzt sollst Du Alles der Wahrheit gemäß berichten, welcher Menschen Geist und Sinn Du erkundet, welche Leiden zu Wasser und zu Lande Du erduldet hast in Deiner lieben Seele. Aber vorerst wollen wir einmal die Theesachen beseitigen und uns dafür diesen edlen Wein credenzen, den mir der Freiherr auf die Kunde, daß Du heute Abend kämest, vor ein paar Stunden in's Haus gesendet hat. Mit diesen Worten langte Walter aus einem Körbchen, das neben dem Sopha gestanden hatte, eine Flasche. Ah! das ist der Rüdesheimer mit dem gelben Siegel, rief er lustig, indem er die Flasche entkorkte und mit dem goldigen Weine die Gläser füllte; den kann ich Dir empfehlen. Stoß' an, Leo; es lebe – Die Freiheit! sagte Leo. Von ganzem Herzen, erwiederte Walter; ich wollte eigentlich sagen: die Freundschaft und die Liebe, aber a Jove principium ! Ehre, dem Ehre gebührt! Was wäre Freundschaft und Liebe ohne Freiheit – ein Helotenbacchanal – ein Tanz von Sklaven auf dem Deck des Sklavenschiffes! Es lebe die Freiheit! Und er leerte mit einem Zuge sein Glas und füllte es von neuem. Die Aufmerksamkeit des Freiherrn beweist, daß Ihr noch immer auf dem alten guten Fuße steht, begann Leo, der eben nur an dem Weine genippt hatte; und das nimmt mich einigermaßen Wunder. Du bist, nach Allem, was ich von Dir gehört habe und jetzt von Dir selbst höre, ein Ritter vom Geist, und der Ritter von Gottes Gnaden – will sagen der Freiherr – war in seinen besten Tagen ein irrlichterirender Romantiker und muß nach menschlicher Berechnung jetzt mit beiden Füßen in dem Sumpf der Reaction stecken. Da irrst Du sehr, mein weiser Merlin, erwiederte Walter; der Freiherr ist ein Mensch, wie wir Alle, das heißt: er ist dem Irrthum unterworfen; aber er ist ein viel zu edler Mensch, um sich jemals so weit verirren zu können. Bedenke, Leo, diese Aufmerksamkeit gilt nicht sowohl mir, als Dir – Dir, seinem Schützling von früherher, an dem er damals das regste Interesse nahm und später zu nehmen nicht aufgehört hat, trotzdem er wahrlich wenig Ursache hatte, Deiner mit Freundlichkeit zu gedenken. Seid Ihr nicht als Feinde geschieden? mit den Waffen in der Hand? Und, Leo, ich will nicht untersuchen, auf wessen Seite damals das Unrecht war; ob auf der Seite des Mannes, der sein väterliches Erbe, das Haus, das sein Kind einschloß, mannhaft vertheidigte, oder auf der Seite des Knaben, der die Hand gegen seinen Wohlthäter aufhob. Aber laß das Vergangene vergangen sein! Die Fluthen der Revolution sind darüber hingerauscht und haben Euch, und vor Allem Dich, der Du noch so jung warest, gewissermaßen entsühnt. Ihr habt am Ende nur gethan, was kaum ein Vierteljahr später allerorten geschah. So sieht der Freiherr auch die Sache an; aber daß er, gerade er, sie so ansieht, sei Dir ein Beweis seines Edelmuthes, seines geraden und gerechten Sinnes. Ja, ich kann noch mehr sagen. Der Freiherr hat die Revolution mit freudiger Seele begrüßt; er ist, wie Du weißt, auf der Stelle hierher übergesiedelt, der Bühne der Ereignisse nahe zu sein, und, wenn der Ruf dazu an ihn erginge, eine thätige Rolle in dem großen Drama zu übernehmen. Ich habe ihn in jenen großen Tagen mit der Begeisterung eines Jünglings die Sache des Volkes vertheidigen hören. Walter's Stimme bebte, während er so sprach, und so zitterte auch die Hand, mit der er sein Glas an den Mund führte. Um Leo's Lippen spielte ein feines, blitzschnell verschwindendes Lächeln. Und später? fragte er. Später, fuhr Walter fort, hat sich allerdings seine Begeisterung sehr bald abgekühlt. Er hörte auf, die Prinzessin liebenswerth zu finden, als ihr bei jedem Wort eine Kröte aus dem Munde sprang. Nicht daß er, der vorher Hosiannah gerufen, nun kreuziget! kreuziget! geschrieen hätte; aber er konnte sich in die neuen, formlosen Formen nicht finden; er hatte nicht die Geduld, die Spreu von dem Weizen zu sondern; verstand nicht die Kunst, den Sinn herauszuhören, während der Unsinn seine Fanfaren von der Plattform seiner Bude schmetterte: und er zog sich – nicht voll Haß, aber doch enttäuscht, ich möchte sagen verwirrt, fassungslos von dem lauten Markte zurück. Und jetzt? fragte Leo. Jetzt beklagt er das Unheil, das über uns gekommen ist; fühlt er drückend, wie wir Anderen auch, den Alp der Reaction, der uns die Brust zusammenpreßt; fühlt ihn um so drückender, als die Reaction gerade die Form angenommen hat, die ihm die verhaßteste ist, die Form der polizeilichen Willkür, der büreaukratischen Satrapenwirthschaft. Hat er es doch erleben müssen, daß der Mann, in welchem er stets das verabscheute System verkörpert sah, der Landrath von Hey, jetzt allmächtiger Minister ist. Und er ist nie wieder nach Tuchheim zurückgekehrt? Wenigstens immer nur auf kurze Zeit, und ich kann's ihm auch nicht verdenken, wenn er sich dort nicht mehr wohl fühlt. Er kann jene Nacht nicht vergessen, die der guten alten Zeit, wie er sie verstand, zu Grabe geleuchtet hat. Er glaubte, geliebt zu sein von seinen Untergebenen; er wurde eines Andern belehrt. So mag die neue Zeit ihren Einzug in meine Heimathsberge halten, sprach er; und die neue Zeit ist denn auch gekommen in Gestalt von Schneidemühlen und Eisenhämmern und Maschinenfabriken. Daß sich Gott erbarme! Ich habe unsere alte Waldherrlichkeit nicht wiedergefunden, als ich zum letztenmale im vorigen Sommer den Vater besuchte. Das klappert und hämmert und dampft und raucht vom Morgen bis zum Abend, und selbst in der Nacht schlägt das Feuer mannshoch aus den riesigen Schloten und verscheucht die zarten Geister, die im Mondscheine auf den Wiesen weben. Waldgeister sind gewiß sehr poetisch, aber stehen nicht in dem Rufe, viel einzubringen. Schneidemühlen und Maschinenfabriken sind rentabler; ich hätte nie geglaubt, daß der Freiherr ein Mann sei, der die Zeichen der Zeit so gut verstände. Er hat auch hier, wie überall, das Beste der Anderen viel mehr im Auge, als seinen eigenen Vortheil, erwiederte Walter lebhaft. Sonnenstein bewies ihm, daß die Anlegung dieser Werke eine wahre Wohlthat für die ganze Gegend, besonders für die armen Dörfer weiter hinauf in den Wald sein würde. Ohne das wäre der Freiherr niemals auf den Vorschlag des Finanzmannes eingegangen, denn kein Mensch auf der Welt ist weniger als er ein Plusmacher. Ich glaube, daß er kaum weiß, wie viel ihm die Werke jährlich abwerfen, ich höre ihn nur immer fragen: Wie viel Menschen man beschäftige und ob man wohl noch mehr beschäftigen könne? Manchmal fürchte ich fast, er traut den Rechenmenschen zu sehr, und irgend ein Rückschlag der gewagten Speculationen, denen die Firma Sonnenstein und Sohn ihr kolossales Vermögen verdankt, könne auch ihn treffen. Und Sohn? fragte Leo; hat denn der Patriarch auch einen Sohn? Mir däucht, ich hätte nur immer von einer Tochter gehört? Eine Tochter und einen Sohn, sagte Walter: ach! und was für einen! Einen kostbaren Sohn, insofern wenigstens, als er, glaube ich, dem Vater ein enormes Geld kostet. Aber wenn es sich der Alte etwas kosten läßt, so hat er auch was dafür. Es ist keine Kleinigkeit, einen Jungen zu besitzen, der nur mit Grafen, Baronen, Garde-Lieutenants und Gesandtschafts-Attachés umgeht, der die besten Pferde reitet, die feinsten petits soupers giebt und in dem Rufe steht, in der beau monde und demi-monde die greulichsten Verwüstungen anzurichten. Es ist wahrlich keine Kleinigkeit. Du willst die Schwester dieses semitischen Lovelace heirathen? Ich? Weshalb? Weil Du so verzweifelt witzig über den Bruder bist. Walter lehnte sich in seinen Stuhl zurück und lachte wie ein übermüthiger Schulknabe. Und doch, rief er, ist dieser Ausbund von Liebenswürdigkeiten, dieser Neuntödter, dieser Blaubart nur eine Copie; und kannst Du denken von wem? – Von unserm, zum wenigsten doch meinem guten Kameraden aus der seligen Schulzeit – von Henri. Die junge Natter zischte damals schon ganz erträglich gut, meinte Leo; aber Du hast dem Burschen stets das Wort geredet. Du behauptetest, wie alle Welt, er habe bei allen seinen Schwächen Gott weiß welche liebenswürdigen Eigenschaften. Und die hatte er auch! rief Walter eifrig; er war ein aufgeweckter, gewandter, witziger Bursch, der kein Spiel verdarb und überall, wohin er seinen Lockenkopf und seine schelmischen Augen brachte, Lust und Leben trug. Nun, aufgeweckt, gewandt und witzig ist der Herr Assessor freilich auch, aber bei alledem verbreitet er keine Heiterkeit mehr um sich her, wenigstens nicht in dem Kreise seiner Familie. In der Politik ist er natürlich royalistischer als der König. Sein einzig Verdienst in diesem Punkte ist, daß er von Anfang an consequent gewesen ist. Er hat sich selbst während der Revolution über die Strohfeuer-Begeisterung, wie er es nannte, moquirt und den Katzenjammer, der folgen würde, mit einer Sicherheit vorausgesagt, die leider die Folgezeit nur zu sehr gerechtfertigt hat. Uebrigens ist er ein ausgezeichneter Jurist, und man prophezeit ihm allgemein eine glänzende Carrière. Was sagt denn der Freiherr zu dem Allen? Walter schüttelte den Kopf. Der arme Herr! sagte er; es ist vielleicht das schwerste Unglück seines Lebens, daß er in seinem einzigen Sohn einen Fremden sieht, mit dem er kaum einen Gedanken, ein Gefühl gemein hat. – Auf jeden Fall ist dies Verhältniß zwischen Vater und Sohn das Skelet, das, nach dem Ausspruche des satirischen englischen Dichters, in jedem Hause irgendwo in einem verborgenen Winkel steht. Du verkehrst viel in der Familie? Nein; das heißt, ich komme so alle acht Tage einmal, wenn sie ihren öffentlichen Abend haben – manchmal allerdings auch außer der Zeit – aber meistens nur so im Vorübergehen – wir wohnen ziemlich weit auseinander – beinahe eine Viertelstunde – Das ist keine große Entfernung für eine große Stadt. Nein, es ist aber immer ein Hinderniß – und dann habe ich ja auch viel zu thun, weißt Du – indessen, wenn ich es recht überlege, bin ich doch ziemlich häufig dort. Auf Walter's offenem Gesicht lag eine leichte Verlegenheit, während er so sprach. Auch hatte er die Augen niedergeschlagen, und als er jetzt die Wimpern hob, lag in dem Blick, mit dem er Leo ansah, ein eigenthümlicher, halb fragender und halb bittender Ausdruck. Leo lächelte. Walter wurde roth und lächelte ebenfalls. Warum lachst Du? fragte er. Warum lachten die römischen Auguren, wenn sie einander in's Gesicht sahen? Weil sie wußten, daß sie einander nichts weismachen könnten. Vielleicht lachen wir eben Beide aus einem ähnlichen Grunde. Trink aus, Walter! Ich sehe, Du bedarfst des Weines, den Rest der Schüchternheit, die Dir noch aus den Tagen Deiner holden Jugend anklebt, zu besiegen. Was scheust Du Dich, mir zu sagen, daß Du Amélie liebst? Ja, ich liebe sie! rief Walter, indem er aufsprang und lebhaft gesticulirend im Zimmer auf und ab zu gehen begann; ich liebe sie, aber woher weißt Du es? Denkst Du, erwiederte Leo, sich in die Sophaecke zurücklehnend, des schönen Sommerabends, als wir uns in dem Hohlwege, der nach Tannenstädt hinaufführt, begegneten und Du mir unter der großen Buche das Gedicht vorlasest, in welchem Du den Reim Façade auf Serenade zweimal angebracht hattest und von einem gewissen Paar brauner Augen nicht genug Rühmens machen konntest? Ich befand mich damals gerade in dem ersten Stadium politischer Glühhitze und hatte wenig Sympathie für Dein Liebesfeuer, aber soviel sah ich denn doch, daß Du in der Narrheit Orden getreten warst; ich wußte auch, welcher Dame Handschuh Du an den Helm gesteckt hattest, und daß Du der treueste der treuen Ritter sein würdest. Ja, beim großen Gott der Liebe, rief Walter, ich bin ihr treu gewesen mit jedem Schlag meines Herzens, mit jedem Gedanken meiner Seele. Ich schaudere, wenn ich denke, was ich ohne diese Liebe wäre; oder vielmehr, ich kann dies gar nicht denken. In die erste Dämmerung meines Bewußtseins leuchten mir ihre Augen wie zwei glänzende Sterne, und haben mir seitdem geleuchtet Tag und Nacht. Oft, wenn ich es am wenigsten vermuthete – in der Wüstheit einer Studentenkneiperei, in dem Morgengrauen durch die Fenster einer Wachtstube, in den schrägen Nachmittags-Sonnenstrahlen eines schläfrigen Hörsaales, in der schwülen Luft eines Examinations-Zimmers – sah ich plötzlich die lieben, lieben Augen, und ich wußte, was ich sollte, was ich wollte. Ich habe mich oft gefragt, wie dies möglich sei, wie ein Menschenkind eine solche Gewalt über uns ausüben könne, daß wir im eigentlichsten Sinne ihm gehören. Aber, Leo, was würde dies Wesen sein, was könnte es uns gelten, wenn es nicht die Verkörperung des Schönen und Guten wäre, wenn wir in ihm nicht die Idee anbeteten, die eben in ihm zur Erscheinung kommt! Also, was man in der Aesthetik ein Ideal nennt, sagte Leo, nur daß die unhöfliche Wissenschaft lehrt, daß diese verkörperte Idee, dies Ideal nur ein Kunstwerk, nimmermehr aber ein Mensch sein könne, der im Gedränge der Wirklichkeit steht und somit an allen Mängeln der Endlichkeit Theil hat, woraus denn hervorgeht, daß ein lebendiger Mensch nicht im höchsten Sinne schön sein kann, und das wirklich schöne Kunstwerk leider immer todt ist. Walter war stehen geblieben und hatte aufmerksam, aber offenbar voller Ungeduld zugehört. Ja, ja, rief er jetzt, das ist richtig, gewiß richtig; es fällt mir nicht ein, etwas, das so klar ist, anzuzweifeln; aber, Leo, das Leben ist mächtiger als die Wissenschaft. Ich weiß, daß die Erde sich um die Sonne, und nicht umgekehrt die Sonne sich um die Erde dreht; wir Alle wissen es und werden deshalb doch in alle Ewigkeit nicht aufhören, von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zu sprechen. So ist es mit der Liebe. Wir machen die Geliebte zum Centrum des Daseins, um das sich Sonne, Mond und alle Sterne drehen, nicht, weil wir naiv genug sind, in treuem Ernste an diese Weltordnung zu glauben, sondern weil wir fühlen, daß wir in dem Wirbel der sich drängenden Erscheinungen eines Mittelpunktes bedürfen, auf den wir Alles, es sei, was es sei, zurückbeziehen, und daß, wenn ein solcher Mittelpunkt nicht vorhanden wäre, wir uns ihn schaffen müßten. Aber weshalb zu diesem Mittelpunkt nicht lieber eine unsterbliche Idee, als einen sterblichen Menschen nehmen? fragte Leo. Weil, erwiederte Walter, keine Idee die Wärme der geliebten Hand, die in unserer Hand ruht, ersetzen kann, und nicht den süßen Klang der geliebten Stimme, und nicht das holde Licht der geliebten Augen; weil das Wort, das über den Wolken schwebt, erst dann vernehmlich zu uns spricht, wenn es Fleisch geworden. Ach, Leo, was soll ich sagen, was unsäglich; was soll ich Dich lehren, was Du nicht minder gut weißt als ich! Ja, Leo, gestehe es nur, auch Du liebst; auch Du kennst ein Weib, in dessen Liebe Du die Vollendung Deines Wesens siehst. Komm, laß uns trinken auf ihr Wohl! Sprich mir von ihr, erzähle mir von ihr! Ich bin in einer Stimmung, Alles gestehen und Alles hören zu können; ich bin so zu sagen in einer allwissenden Stimmung. Dann solltest Du auch wissen, daß ich nach dieser Seite hin nichts mitzutheilen habe, erwiederte Leo lächelnd. Aber wir sind mit Dir noch nicht ganz fertig. Es scheint mir, daß der Weg zu Deinem Ziel nicht ganz so frei ist, wie es wohl in Deinem Interesse wünschenswerth wäre. Daran habe ich noch gar nicht gedacht, sagte Walter. Hm! Das klingt fast wie Leichtsinn – aber vielleicht ist diese holde Gedankenlosigkeit gerade das Geheimniß Deines Glückes, an das Du gar nicht rühren darfst, wenn Dir der funkelnde Schatz nicht zehntausend Klafter tief versinken soll. Du machst ein bedenkliches Gesicht. Das Thema ist Dir peinlich. Laß uns von was Anderem sprechen. Nein, nein, sagte Walter eifrig; ich bitte Dich, sag' mir, was Du meinst. Du meinst, ein Gymnasiallehrer mit sechshundert Thalern Gehalt, der noch dazu Novellen schreibt, die Niemand liest, ist gerade keine besondere Partie für die einzige Tochter eines reichen Edelmannes? Genau das meine ich, erwiederte Leo; aber freilich, Du warst ja immer der Liebling des alten Herrn. Vielleicht hat er mittlerweile vergessen, daß Du der Sohn seines Försters bist; vielleicht antwortet er, wenn Du zu ihm kommst und um die Hand seiner Tochter bittest, mit wohlwollendem Lächeln, wie der gutmüthige Onkel in der Comödie: Da habt ihr euch, Kinder! Seid glücklich! Du bist grausam, sagte Walter; Du weißt recht gut, daß er das nicht antworten wird; daß er – o mein Gott! Ich habe mir das wahrlich nie so überlegt; ich habe, sozusagen, immer die Augen zugemacht, sobald ich an diesen Punkt kam. Aber Du hast Recht, es ist ein Abgrund, tief genug, um all' mein Glück zu verschlingen – all' mein Glück! – all' mein Glück! Und Walter lief in dem Zimmer umher und gesticulirte mit den Händen. Was sagt denn Deine Schwester dazu? fragte Leo. Ich habe nie mit ihr darüber gesprochen; ich weiß nicht, ich habe in diesem Punkt kein Herz zu Silvia; sie denkt über die Liebe so ganz anders wie ich, oder vielmehr, ich glaube, sie denkt nur eben über die Liebe und hat nie geliebt. Wie hat sie sich denn entwickelt, Deine Schwester? Sie ist groß und schlank, nicht? Hier ist sie, so ähnlich wie ein Bild einem lebendigen Menschen sein kann, sagte Walter, indem er aus einer Mappe eine sehr schöne Bleistiftzeichnung nahm und sie vor Leo hinlegte. Es ist ein Meisterstück Amélie's, der Wirklichkeit mit dem feinsten Verständniß abgelauscht. Hier dieser Zug um den Mund, dieser Trotz um die Unterlippe, und die Melancholie in den großen Augen – das ist prachtvoll. Findest Du nicht? Leo antwortete nicht; er blickte, die Stirn in die Hand gestützt, lange auf die Zeichnung; endlich legte er das Blatt auf den Tisch und lehnte sich in die Sophaecke zurück. Walter hatte sich wieder an den Tisch gesetzt. Er schlürfte langsam seinen Wein und sagte: Sie ist eine eigene, eigene Natur, meine Schwester; und so verschieden Ihr auch sein mögt, sie hat mich oft an Dich erinnert. Ja, wenn ich Dich recht betrachte, so habt Ihr selbst im Ausdruck eine gewisse Aehnlichkeit. Von ihrer Stirn leuchten, wie von Deiner, die Spuren origineller Gedanken; auch aus ihren Augen blickt, wie aus Deinen, eine Welt; aber schmerzlich, wie um Deinen Mund, zuckt es auch um ihre Lippen; und glücklich, Ihr armen Seelen, glücklich und zufrieden seid Ihr wohl Beide nie gewesen. Glück und Zufriedenheit, sagte Leo, das sind curae posteriores , wie wir Aerzte sagen, Dinge, nach denen man so wenig fragen darf, wie in der christlichen Moral nach Essen und Trinken und Kleidung. Und ohne die wir doch nicht leben, zum wenigsten nicht vollkräftig leben können, rief Walter. Ach, es ist gewiß ein wahres Wort, daß Freudigkeit die Mutter aller Tugenden ist. Wie können wir Wohlwollen gegen andere Menschen empfinden, wenn uns selbst nicht wohl ist? Wie können wir Kraft für Andere haben, wenn wir unsere Kraft verbrauchen in dem Kampf und Hader mit dem Geschick, das wir rauh und mürrisch nennen, um uns nicht selbst unfreundlich schelten zu müssen? Du guter Junge, sagte Leo, Du denkst, weil in Deinem Herzen die Blumen duften und die Nachtigallen schlagen, müsse es in allen Herzen Frühling sein. Nein, lieber Walter, in meiner Brust ist kein Frühling und keine Frühlingsluft. Ein Stern ist's, der einsam in der kühlen Winternacht meines Daseins leuchtet, der immer vor mir her leuchtet und dem ich folge unermüdet, oft auf sehr rauhen, sehr beschwerlichen Bahnen! Aber um das zu können, um der Freiheit zu dienen aus allen Kräften, muß ich selbst frei sein. Ich muß mich, wenn es sein muß, in den Tod stürzen können, wie der Sturmvogel in die Fluth, und darf keine andere Heimath haben als des Lebens schaukelnde Wellen. Baut ihr euch euer warmes Nest am sichern Felsenstrand, aber laßt mir den Ocean, der mir vorläufig genügen muß, obgleich auch er irgendwo seine Grenzen hat. Leo hatte die letzten Worte mit plötzlich abfallender Stimme, wie mit sich selbst, gesprochen. Walter starrte nachdenklich in sein Glas, dann sagte er: Du bist eine heroische Natur, Leo, wie ich glaube, daß Silvia in ihrer Art eine heroische Natur ist. Ja, ich will Dir gestehen, ich hatte Dich, kurz bevor Du kamst, noch so recht lebhaft in diesem blendenden Lichte gesehen und war Dir deshalb doppelt dankbar, und hieß Dich mit doppelt frohem Herzen willkommen, weil ich zu bemerken glaubte, daß Du jetzt einer freundlicheren Lebensanschauung huldigtest. Nun aber sehe ich wohl: Du bist, was Du warst und warum soll ich es nicht aussprechen: das erfüllt mich mit schwerer Sorge. Glaube mir, Leo, ich bin kein Philister; ich habe ein Herz, das höher schlägt, sobald in der Geschichte einer der Helden die mühevolle steile Bahn zur Unsterblichkeit an mir vorüber wandelt. Aber, wenn nicht alle Zeichen trügen, so ist die Zeit des Heroenthums vorüber – vorüber die Zeit, wo die Helden auf ihren Streitwagen das Blachfeld durchdonnerten und die kopf- und herzlose Heerde schreiend, thatenlos hinterdrein zog. Wohl mag es der groß angelegten Natur schwer werden, sich zu beugen unter das allgemeine Gesetz, schwer, von dem Irrthum zurückzukommen, daß sie allein schon ein Ganzes sei. Und doch ist es ein Irrthum. Das Feldgeschrei heißt jetzt nicht mehr: Einer für Alle, sondern: Alle für Alle. Das ist der große demokratische Gedanke, der freilich schon mit der Menschheit geboren wurde, aber doch erst mit dem Christenthum die rechte Weihe empfing, der dann scheinbar wieder verloren ging, bis er in unseren Tagen aus der Asche des Mittelalters, wie ein Phönix verjüngt, sich erhoben hat, um nun nie und nie wieder verloren zu gehen. Wie könnte verloren gehen, was in so vielen Köpfen und Herzen lebt, was so viele Kinder schon mit der Muttermilch einsaugen! Glaube mir, Leo, wie das Wort der Liebe für die Menschheit gesprochen ist, die mühselige und beladene, so soll auch der einzelne Mensch unter diesem milden Gesetz von seiner Mühsal, seiner Last befreit werden. Keiner soll jetzt mehr tragen, als er tragen kann; kein Heiland unter der Kreuzeslast zusammenbrechen, kein Decius Mus den Speer weit hinein in die Feinde schleudern, und so, indem er seinem kühnen Ziele nachjagt, den Heldentod finden. Nein, nein, Leo, und abermals nein! Wir wissen jetzt, daß alle Länder gute Menschen tragen, und diese guten Menschen bilden eine einzige große Armee; der Einzelne ist nichts weiter, als ein Soldat in Reih' und Glied. Rechts und links Fühlung zu behalten und im Tact zu marschiren, und wenn zur Attaque commandirt wird, aus voller Brust Hurrah zu schreien und sich mit voller Gewalt auf den Feind zu werfen – das ist seine Ehre, denn darin liegt seine Kraft. Als Einzelner ist er nichts – als Glied des Ganzen unwiderstehlich; den Einzelnen streckt eine Kugel in den Staub, aber die Reihe schließt sich über ihm, und die Colonne ist, wie sie war. Sieh, Leo, das ist die Macht der Disciplin, der Keiner, er sei wer er sei, sich zu entziehen das Recht hat; denn, sei er noch so stark, – in Reih' und Glied ist er stärker, und sei er noch so schwach, – in Reih' und Glied füllt er doch noch seine Stelle aus. In diesem Gedanken, den ich mir immer klarer und klarer zu machen suche, habe ich schon längst Trost, Ruhe und Freudigkeit gefunden. Walter hatte die innere Erregung wieder von seinem Sitze getrieben; hoch aufgerichtet stand er da, die schöne, freie Stirn und die Wangen von der Gluth des Weines und dem Feuer der Begeisterung leicht geröthet, den linken Fuß vorgeschoben, die breite Brust auf und nieder wogend, den Arm leicht gehoben. Leo hatte die Stirn gesenkt, sein bleiches Gesicht schien unbewegt, nur daß die feinen Lippen noch fester zusammengepreßt waren. Auch seine Stimme klang herber, und die Worte kamen noch schärfer accentuirt, als er jetzt sagte: Dein Gleichniß ist schön und hat nur mit anderen Gleichnissen den kleinen Fehler, daß es die verglichene Sache nicht deckt. Wenn Du behauptest, daß die Kämpfe der Menschheit jetzt mehr als sonst Massenkämpfe sind, daß der starke Arm des einzelnen Kriegers nicht mehr das Gewicht hat, als wohl sonst, so ist das gewiß richtig; aber wenn Du daraus den Schluß ziehst, daß das Genie nun überflüssig geworden ist, so ist das gewiß falsch. Im Gegentheil! Was soll aus Deiner Colonne werden, wenn sie keinen Führer hat, der ihre Bewegungen leitet, der das Ganze übersieht, das der Einzelne nicht sehen kann? der in dem rechten Augenblick das Zeichen zum Angriff giebt, der mit Einem Worte erst einen Sinn bringt in die allgemeine Sinnlosigkeit? Die große Masse ist heute noch, was sie von jeher war und ewig bleiben wird. Sie will und muß geführt sein, sie erzeugt aus sich heraus nicht den bewegenden Gedanken. Weil der Gedanke, den der große Kopf dachte, jetzt schneller als sonst das Gemeingut der Vielen wird, ist er darum weniger das Eigenthum des großen Kopfes? Weil die Ursache sich jetzt schneller in die Wirkung umsetzt und die Wirkung in ihrer Breite die concentrirte Ursache verdeckt, stehen wir deshalb weniger unter dem Causalgesetz? Freilich, wer denkt, wenn er eine complicirte Maschine arbeiten sieht, über all' den Rädern, Walzen und Kämmen an den, aus dessen Gehirn diese Wunder entstanden? Wer in einer Volksversammlung, die sich nach stundenlangen stürmischen Debatten endlich zu einer Resolution entschließt, an den, welcher die ganze Geschichte schon Wort für Wort schwarz auf weiß in seiner Tasche mitgebracht? –Und jetzt, mon cher , laß uns zu Bette gehen, denn die Nacht ist weit vorgerückt, und ich bin müde von der langen Fahrt. Walter war mit diesem Vorschlage gar nicht zufrieden. Er hatte noch eine Welt zu sagen und zu fragen; das Gespräch war auf einen Gegenstand gekommen, der ihn ganz besonders interessirte – und sollte nun mit einemmale abgebrochen werden, bevor die zweite Flasche geleert war. Aber Leo tröstete, daß morgen auch noch ein Tag sei, und daß er ja überhaupt so bald nicht wieder wegzugehen gedenke. Walter erfuhr dabei, was eigentlich Leo's Plan für die nächste Zukunft war. Er wollte, gestützt auf die Prüfungs-Atteste einer süddeutschen Universität, auf eine bereits mehrjährige Praxis in der Schweiz und glänzende Empfehlungen namhafter Gelehrten, sich um eine Assistenzarztstelle an einer der Kliniken der Residenz bewerben, oder, wenn das fehlschlage, sich eine selbstständige Praxis zu verschaffen suchen. Er sagte das, während er seinen Koffer aufschnallte; dann hielt er mit mühsam unterdrücktem Gähnen Waltern, der mit dem Lichte dabei stand, die Hand hin. Ich gehe ja schon, rief dieser lachend; morgen werden wir uns vor elf Uhr nicht sehen. Ich habe zwei Stunden zu geben, und dann will ich beim Freiherrn vorsprechen und sagen, daß Du gekommen bist. Gute Nacht, lieber Junge, schlaf wohl! Leo war allein. Er ordnete seine Toilettensachen und sah sich dabei manchmal im Zimmer um, das seltsamlich herausgeputzt war mit gestickten Fenster-, Sopha-, Fußkissen, und vor Allem mit zahllosen Nippsachen, welche in Glasspinden, auf Commoden, auf Eckbrettern, aus dem Fußgestell eines schmalen Trumeau, sogar auf dem Vorsprung des weißen Kachelofens standen. An den Wänden hingen die Bilder des verstorbenen Königspaares, sowie die des jetzt regierenden jugendlichen Königs mit seiner jugendlichen Gemahlin und der andern Prinzen und Prinzessinnen aus dem Herrscherhause. Eine reizende Umgebung und – eine reizende Gesellschaft! sagte Leo. Er leuchtete mit dem Licht die Reihe der Porträts entlang. Vor dem Bilde des jungen Königs hielt er an und betrachtete es aufmerksam. Das Bild ist gut, murmelte er, muß gut sein; ich sehe noch in diesem Gardegeneral den halbwüchsigen Burschen von damals. Er trug einen blauen Rock und eine blaue Mütze mit ziemlich langem Schirm; die Mütze war ihm abgefallen, als er sich aus meinen Händen winden wollte; ich dächte, seine Stirn wäre damals schon etwas kahl gewesen. Er hatte um den Mund einen alten verlebten Zug, und auch der hat sich nicht verloren. Nur seine Augen erkenne ich nicht wieder. Ich erinnere mich, daß sie damals vor Angst und Wuth wahnsinnig stierten; hier blicken sie freundlich genug, beinahe geistvoll; man sagt ihm ja nach, daß er ein geistig hochbegabter Mensch sei. Leo hatte das Licht wieder auf den Tisch gestellt und ging nun mit leisen Schritten im Zimmer auf und nieder. Was sagt man von einem Fürsten nicht? Er wird vom Schicksal durch das Leben getragen, wie die alten Helden von Götterhänden durch das Kampfgewühl. Tausend und tausend Köpfe denken, tausend und aber tausend Arme arbeiten für ihn. Was fehlt ihm am Gottsein, als die Unsterblichkeit? Und auch die kann er sich schaffen, der Ueberglückliche, wenn er nur seine Allmacht nicht mißbraucht, wenn er nur ein wenig für die Menschheit thut. Daß noch keiner von ihnen auf den Gedanken kam: den Namen, welchen Schmeichler so gern im Munde führen, wahrhaft zu verdienen, wahrhaft der Vater, der Wohlthäter des Volkes zu sein. Und wäre es auch blos der Originalität wegen! wäre es auch blos, um in der Geschichte der Unbegreifliche genannt zu werden! Wer könnte ihm Widerstand leisten, wenn er ernstlich wollte? wenn er zur rechten Zeit an das Volk appellirte und sich unter den Schutz des Volkes stellte? Er könnte die Republik proklamiren und sich zum Präsidenten wählen lassen; er könnte ungeheure Thaten vollbringen, eine friedliche Revolution, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Aber kommen sie je auf den Gedanken? nicht einmal welterobernde Xerxesse, die Alles erschöpft haben und für eine neue Lust die höchsten Preise zahlen, nicht einmal die! geschweige denn kleine Dutzend-Fürsten, die in ihren Lastern und ihren Tugenden mit ihren Kammerdienern wetteifern. Der Mensch da regiert nun schon vier Jahre, und was hat er gethan? die Revolution, deren reiche Erbschaft er antrat, verlumpt und sich die Reaction zu einem enormen Preis in's Land gekauft. Der Armselige! und doch! hätte ich ihm damals die Kehle zugeschnürt, sie hätten mir den Kopf vor die Füße gelegt, oder mich als einen Wahnsinnigen zeitlebens hinter Gittern und Mauern vergraben. Er aber, er durfte mich in's Gesicht schlagen, daß mir das Blut aus den Lippen rann! – was war an dem Bauerjungen gelegen? – er hätte mich tödten können, und würde darum heute doch ein allergnädigster, großmächtigster König und Herr sein. Leo trat an's Fenster und schaute hinaus. An dem Himmel schwankte die Mondsichel durch schwarze Wolkenmassen; die Häuserreihe drüben war dunkel, aus einer Mansarde nur dämmerte ein schwaches Licht. Der Schein der Laternen glitzerte in den Wasserlachen auf dem Straßenpflaster; die Straße selbst war wie ausgestorben; der Wind heulte die Häuserfronten entlang und klapperte mit den Läden und Dachluken. So also sieht diese langersehnte Station der Pilgerfahrt meines Lebens aus? Kein schöner Anblick, fürwahr! Ich hatte mir das immer anders gedacht: Paläste, um deren stolze Zinnen der Morgensonnenschein fluthet; ein Volk von Königen, das durch die breiten Straßen wallt – so stand sie vor dem Auge des Knaben; und später war sie mir immer die Stadt der Revolution, die Wahlstatt des Kampfes, die Stätte der Entscheidung für die Geschicke unseres Volkes. Deshalb mußte ich hierher, und deshalb bin ich hier; und weil ich einmal hier bin, will ich mir meinen Weg bahnen, und dieser Weg soll in die Höhe führen, denn – trotz Walter und allen Philistern! – heute so gut wie vor tausend Jahren, liegen die Geschicke der Nationen in der Hand der Mächtigen. Als er vom Fenster nach dem Bett ging, das im Hintergrunde des Zimmers in einem Alkoven stand, streifte sein Blick noch einmal das Bild des jungen Königs. Es ist eine sonderbare Aehnlichkeit – wo habe ich doch nur das andere Gesicht gesehen? – Nicht das des Prinzen-Knaben – ein anderes Gesicht, das ich aber auch ebensogut nur geträumt haben mag – mit hoher Stirn und lebhaften, lachenden Augen – gerade wie dies! – Es war um Silvia's halber, daß wir aneinander geriethen. Eine wunderliche Begegnung! Ob sie die erste und letzte gewesen ist? – Wo habe ich nur das Gesicht gesehen? – und warum muß ich dabei an Silvia denken, wie ich sie an jenem Morgen im blinkenden Wasser unter den wehenden Bäumen sah? – Ich fange an zu träumen, bevor ich schlafe. – Gute Nacht, chinesischer Ungeschmack; gute Nacht, bunter Kinderkram – gute Nacht, Welt! Siebenunddreißigstes Capitel. Die Gesellschaftszimmer im Hotel des Freiherrn waren zum Empfang der Freunde des Hauses, die sich allwöchentlich am Mittwoch Abend hier zu versammeln pflegten, bereit. Die Kronleuchter waren angezündet, und die hohen Spiegel zwischen den heruntergelassenen dunklen Vorhängen warfen das helle Licht energisch zurück. Der alte Christian ging mit leisen Schritten ab und zu, warf prüfende Blicke nach der Decke, nach den Wänden, auf den Boden, rückte hier einen Stuhl zurecht und dort ein Bild, nahm hier mit dem Wischtuche noch einen Staubrest weg und fuhr dort mit dem Wedel einer Büste über das Gesicht. Sonst war Niemand in den Zimmern. Der Alte war mit seinen Einrichtungen zufrieden; er blickte nach der Uhr, nahm seine Sachen zusammen und schritt nach der Thür, die kaum hörbar hinter ihm in's Schloß fiel. Ein paar Minuten waren die schönen, hohen Räume sich selbst überlassen. Dann öffnete sich eine Tapetenthür, die nach den inneren Wohngemächern führte, und ein junges Mädchen trat herein. Sie durchschritt erst die ganze Flucht der Zimmer, wie um sich zu überzeugen, daß sie allein sei; dann kam sie langsam zurück und setzte sich endlich in dem blauen Zimmer in einen der niedrigen, bequemen Lehnsessel, die um den Kamin herum standen. Sie stützte den Kopf in die Hand und blickte starr auf die Spitze des zierlichen Fußes, die unter dem Saum des Kleides hervorsah; aber es war das keine Regung der Eitelkeit; sie dachte in diesem Augenblicke nicht an den zierlichen Fuß – sie war auch vorhin, als sie durch die Zimmer schritt, an den Spiegeln vorübergegangen, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Sie nahm einen Brief aus der Tasche und begann zu lesen; aber vor den Thränen, die ihr in die Augen traten, schwammen die Worte in einander, und bald fielen große Tropfen auf das Papier. Weinte sie über den einsamen alten Vater? Weinte sie über die junge Tochter, die nun mit dem Alten einsam sein wollte? Aber war sie hier denn nicht so gut einsam, wie dort auf dem Forsthause? Hatte sie sich in den sonnigen Tagen der Jugend, wenn sie des Morgens durch den Wald streifte, wo die Vögel sangen und die Mücken im Schatten Ringeltanz spielten, je so allein gefühlt, wie jetzt? Es war ja kaum ein Opfer, das sie brachte; es war ja eigentlich nur die Erfüllung eines Wunsches, den sie selbst längst schon gehegt, und den auszusprechen sie sich nur der Menschen wegen gescheut hatte, die seit so vielen Jahren mit nie getrübter Liebe und Freundschaft an ihr hingen. – Und doch muß es sein! sagte das Mädchen, indem sie sich mit einer gewissen Ungeduld aufrichtete. Was muß sein, Silvi? flüsterte eine sanfte Stimme, und eine leichte Gestalt in weißem Gewande kniete an ihrer Seite und schlang den Arm um ihren Leib. – Wie, Du hast geweint, Silvi? fuhr sie fort, als sie der Freundin in das Gesicht gesehen hatte. Du hast geweint? Warum kommst Du auch gerade jetzt! sagte Silvia, indem sie zu lächeln versuchte und sich schnell die Thränen abtrocknete. Würdest Du nicht weinen, auch wenn ich nicht gerade jetzt gekommen wäre? erwiederte Amélie mit sanftem Vorwurf; was ist's, Silvi, liebe Silvi? Das ängstigt mich so, wenn ich Dich weinen sehe. Was ist geschehen? Was ist das für ein Brief? – von – von – Nicht von ihm – nicht von Deinem jungen Helden – der Brief ist von meinem alten Vater – und, um es kurz zu sagen und Dich nicht länger zu ängstigen: ich muß zurück. Das heißt – Du meinst – Du willst – Das heißt – komm', setze Dich her zu mir, mein Liebling, hier auf diese Fußbank, und leg' Deine Arme auf meinen Schoß und sieh mit den guten braunen Augen nicht so angstvoll zu mir empor! Wir wollen einmal recht verständig zusammen sprechen; es plaudert sich so schön, wenn man sich hübsch angezogen hat und die Lichter brennen und die Leute jeden Augenblick kommen können. Man ist noch nicht in Gesellschaft und ist doch nicht mehr für sich, und so ist man auch im Herzen halb warm und halb kühl, halb häuslich mittheilsam und halb gesellschaftlich reservirt. Das ist die rechte Stimmung, um so wichtige Dinge zu besprechen. Sieh', mein, Mädchen, der Winter steht vor der Thür, und da, weißt Du, ist es draußen auf dem Lande öde und traurig, zumal im Walde, wo die letzten Blätter von den Eichen rascheln und durch die kahlen Zweige die wilden Stürme sausen. Und mitten im öden, stürmischen Walde, in dem kleinen Hause auf der Waldwiese, sitzt ein alter Mann und horcht, wie es draußen stürmt, und manchmal horcht er noch schärfer auf. Es ist ihm gewesen, als ob er durch den Sturm ganz deutlich das Rollen eines Wagens höre. Und wenn er sich überzeugt hat, daß er sich geirrt, dann schüttelt er seufzend das Haupt und beugt sich wieder über die alten dicken Rechnungsbücher. Und – aber Amélie, Kind – Laß mich! Laß mich! Ich habe nichts von dem, was Du gesagt hast, gehört, außer das Eine, daß Du fort willst. Ach, Silvi, Silvi, wie kannst Du mir das anthun? – Und jetzt, wo die Saison eben anfängt, wo ich gar nicht ohne Dich leben kann, Du mein Trost, meine Stütze und mein Stab in allen gesellschaftlichen Fährlichkeiten! – Und Du bist ja erst diesen Sommer sechs Wochen lang bei dem Vater gewesen, und ich lasse Dich nicht weg, oder ich gehe mit Dir! O Silvi, Du darfst nicht fort! Und Amélie legte beide Arme um der Freundin schlanken Leib und küßte sie leidenschaftlich unter Lachen und Weinen. Vielleicht hätte ich gar nie hier sein sollen! erwiederte Silvia. Nein, Kleine, Du mußt mich nicht so entsetzt ansehen und Dir die hübschen Augen roth weinen, sonst sage ich gar kein Wort mehr. – Ich meine, ich hätte die Sphäre nie verlassen sollen, in der ich geboren bin. Ich hätte dann nie gewußt, was es heißt, Ansprüche an das Leben machen, Ansprüche, zu denen man nicht berechtigt ist. Ich bin zu einer Höhe emporgestiegen, auf die ich nicht gehöre, von der ich über kurz oder lang herunter muß und also nicht früh genug heruntersteigen kann. Zu einer Höhe, auf die Du nicht gehörst? Du nicht gehörst! sagte Amélie, und ihre großen braunen Augen drückten die aufrichtigste Verwunderung aus. Wer in aller Welt gehört denn dahin, wenn Du es nicht thust? Du, die, wohin sie kommt, als die Erste anerkannt wird, der Alle willig huldigen, Männer wie Frauen, Jung und Alt? Du scherzest, Silvia, und Du scherzest grausam. Was schreibt Dein Vater? Ist er nicht wohl? Warum will er Dich auf einmal? Mein Vater will mich nicht, wenigstens schreibt er nichts darüber, sagte Silvia; aber durch seinen Brief zieht, wie ferner Glockenton, ein leises Klagen, das in meinem Herzen ein Echo findet. Er ist nicht glücklich, der Vater und – Und Du bist es auch nicht! Ach, Silvi! Das ist ja schon lange mein stiller Schmerz gewesen. Du bist nicht glücklich, und wir, wir vermögen es nicht. Dich glücklich zu machen. Amélie legte ihre Stirn auf Silvia's Kniee; Silvia streichelte das dunkle, weiche Haar. Ich bin nicht glücklich, sagte sie leise; wie könnte ich es sein? Du hast von den Huldigungen gesprochen, die man mir von allen Seiten gewähre. Nun ja! Man rühmt meine Stimme, meinen Vortrag; man ist erstaunt, daß ich ein paar fremde Sprachen nothdürftig sprechen kann; man amüsirt sich über meine Lebhaftigkeit und nennt mich ein geistreiches Mädchen. Rechne von diesen Huldigungen einfach ab, was erlogen ist, und dann, was auf den Unverstand und die Einsichtslosigkeit der Leute kommt, und sage mir, was noch bleibt? Nimm mich aus diesen Räumen heraus, bringe mich in einen Concertsaal, auf die Bühne – es fragt sich sehr, ob ich mir auch nur mein ehrlich Brod mit allen meinen hochgepriesenen Talenten verdienen könnte. Und wäre das auch wirklich der Fall – dahin geht mein Ehrgeiz nicht. Ich möchte nicht auf den Brettern, die die Welt bedeuten – ich möchte in der wirklichen Welt eine Rolle spielen, und nicht blos eine Rolle spielen, sondern etwas sein – und was kann unsereine da sein! Direct einzugreifen, verbietet uns Gesetz und Sitte. Wir können es nur indirect durch die Männer; und großer Gott, was für Männer sind das, die wir da um uns sehen? die wir überall in Gesellschaften finden? Das bischen Wissen, das sie vor uns voraushaben, hat sie nicht innerlich stärker, hat sie nur schwerfälliger gemacht; sie mäkeln an Allem herum, zucken die Achseln über Alles, wissen Alles besser, aber kein Einziger hat den Muth der Initiative, kein Einziger die Leidenschaft eines großen Gedankens. Ich kenne sie, diese mittelmäßigen Acteurs, kenne alle ihre Rollen, alle ihre Stichwörter. Ich mag sie nicht noch einmal sehen, und deshalb will ich fort, ehe der Vorhang wieder aufgezogen wird. – Siehst Du, Amélie, das war's, was mir durch den Kopf ging, als ich hier, mit des Vaters Brief in der Hand, in dem stillen Zimmer, unter den stillen Möbeln saß und mir die bekannten Räume nach und nach mit den bekannten Menschen füllte. Ich erinnere mich der Zeit, wo mir dies Spiel der Phantasie innigstes Vergnügen gewährte; Ihr wundertet Euch immer, daß ich stets die Erste war! Ach, wie reizend war es, dies Grübeln über die Charaktere, die Verhältnisse, die Beziehungen der Menschen, die man zu sehen erwartete, und das Beobachten eben dieser Menschen, wie sie nun Einer nach dem Andern in's Zimmer traten! Das ist vorbei; ich habe mich zu früh auf's Beobachten gelegt und habe zu viel gesehen, und jetzt bin ich blasirt; ich sehne mich, zu vergessen, was ich gesehen habe; sehne mich, mich selbst zu vergessen. Ich bin nicht mehr gut; ich habe keine reine Empfindung mehr in meinem Herzen. Während ich jetzt sprach und Deine sanften Augen so ängstlich auf mich gerichtet waren, hörte ich mich sprechen und freute mich, daß ich so gut, so fließend sprach. Nicht wahr, das ist schlecht? Ich bin eine Kokette! Ich höre, daß man es vielfach von mir behauptet; glaube mir, ich bin, was die Leute sagen! Du bist meine Silvi, meine einzig geliebte Silvi, rief Amélie, mein geliebtes, angebetetes Mädchen, mein Ideal! Und ich will nicht hören, daß Du so schlecht von Dir sprichst. Ach Silvi, Silvi, wüßte ich doch nur Einen, den Du lieben könntest, der Deiner würdig wäre! Ich bitte den Himmel so oft darum, daß er mir das Glück gewährt. Dich einmal glücklich zu sehen. Du bist es? Ja, ich bin's und würde es ganz sein, wenn – Du weißt, warum ich nicht ganz glücklich bin. Aber das wird sich Alles finden, ich weiß nicht wie und wann? Aber es wird sich finden. Ach, er war heute so froh. Er ist so stolz auf Leo, wie ich es auf Dich bin, und er war dem Vater so dankbar, der darauf bestand, daß er ihn heute Abend mitbringen müsse. Hast Du denn gar nicht daran gedacht, Silvia? Freust Du Dich gar nicht, ihn wiederzusehen? Freuen? erwiederte Silvia, weshalb sollte ich mich freuen? Ich habe den Leo nie gern gehabt, im Gegentheil, er war ein hochmüthiger, unliebenswürdiger Knabe, und, wenn ich mich recht erinnere, haßte ich ihn mehr, als ich ihn liebte. Ich hatte immer einen heillosen Respect vor ihm, sagte Amélie; das ist aber auch wirklich fast das Einzige, dessen ich mich erinnere, und dann, daß er dunkle Augen und einen düstern Blick hatte. Komm' mir heute Abend nur zu Hilfe, wenn ich mich mit ihm unterhalten muß. Nicht wahr, liebste, beste Silvi, Du verläßt Deine kleine Amélie nicht? Silvia hatte keine Zeit zu antworten, denn man hörte nebenan die Thür gehen, die auf den Vorsaal führte, dann das Rauschen eines seidenen Gewandes, und alsbald erschien die Gestalt eines jungen, sehr brünetten Mädchens mit lebhaften Augen und lebhaften Zügen und Geberden, das eiligen Schrittes und mit ausgestreckten Händen auf die beiden jungen Damen am Kamin zueilte. Ah, mon Dieu ! rief die junge Dame. So allein, Mesdames , und auch nicht eine Dame zur Begleitung? Das wundert mich. Guten Abend, wie geht's? Ich komme früh und toute seule ! Ich konnte den Papa wie gewöhnlich nicht persuadiren, mitzugehen; und was Alfred betrifft, nicht in dem Saal, nicht auf dem Flur fand ich von Alfred eine Spur. Da bin ich denn auf den Flügeln der Sehnsucht vorausgeeilt. Fährt es sich gut in dem neuen Wagen? fragte Silvia. Sehr gut, excellent – aber, Sie Spötterin, Sie wollen mir nur die Flügel der Sehnsucht stutzen. Ich weiß, Sie lieben meine allegorische Redeweise nicht. Qu 'importe ! Lassen Sie die Flügel und glauben Sie an die Sehnsucht. Ach, was das reizend ist, daß ich die Erste bin! So ganz unter uns Mädchen! Da können wir noch ordentlich ein Stück plaudern. Werden heute viel Leute kommen? wird es sehr amüsant werden? Emma von Sonnenstein ließ sich in einen der niedrigen Fauteuils sinken, strich mit der kleinen Hand das bauschige Kleid glatt und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, in demselben Tone fort: Aber das muß ich sagen, Ihr seid die geheimnißvollsten Zwei, die ich kenne; die wahren Sphinxe, wahrhaftig. Was haben wir denn verbrochen? sagte Amélie und lachte. Du nicht so viel, rief Emma, denn Dich geht er ja eigentlich nichts an, obgleich er mir sagte, daß Ihr früher viel zusammen gewesen seid. Aber daß Silvia nie von ihrem Vetter gesprochen hat, das finde ich jetzt, nachdem ich ihn gesehen habe, erstaunlich. Du hast ihn gesehen? fragte Amélie mit offener Neugier. Du fragst ja, als ob Du ihn nicht gesehen hättest? Nein, er ist noch nicht bei uns gewesen; aber – Ist noch nicht bei Euch gewesen? Aber das ist ja noch viel erstaunlicher! rief Emma und hob die beiden Hände in höchster Verwunderung. So komme doch nur endlich aus Deinem Erstaunen heraus und erzähle uns, sagte Amélie, indem sie Silvia mit den Augen winkte. Wir sprachen noch eben von ihm und überlegten, ob wir ihn wohl einladen könnten, auch wenn er uns keinen Besuch machte. Er soll ja so scheu sein – ein wahrer Menschenfeind, sagt Walter. Und bei Euch ist er schon gewesen? Gleich am ersten Tage? Gleich am ersten Tage, erwiederte Emma, indem sie den Kopf zurücklehnte und schmachtend nach der Decke schaute. Nun, Kinder, eifersüchtig braucht Ihr deshalb nicht auf mich zu sein, denn eigentlich galt der Besuch nicht mir, sondern dem Papa, obgleich er sich beinahe eine halbe Stunde mit mir unterhalten hat. Er hatte Empfehlungen an den Papa von – ich weiß nicht welchen politischen Größen aus der Schweiz und Süddeutschland oder Frankreich – ich erinnere mich dessen nicht so genau. Der Papa sagt, ein so junger Mann mit so viel Kenntnissen und so viel Welt sei ihm im Leben noch nicht vorgekommen. Nun, die Kenntnisse lasse ich dahingestellt, wenigstens habe ich ihn darauf hin nicht prüfen können; aber Welt, Welt hat er – eine Welt von Welt, möchte ich sagen. Eine Sicherheit des Auftretens, eine Präcision des Ausdrucks, die wirklich entzückend ist. Nicht ein Wort zu viel, nicht ein Wort zu wenig – Sie wissen diesen Vorzug zu schätzen? warf Silvia ein. Sie meinen, ich mache zu viel Worte? sagte Emma, aber, mon Dieu ! Ich bin nun einmal ein Naturkind und kann mich nicht in vornehmes Schweigen hüllen, wo mein Herz mich sprechen heißt. Also bis zum Herzen sind wir schon! rief Amélie lachend; armer Henri! Nun das mit dem Herzen war nur so eine façon de parler , sagte Emma und versuchte die Lage, welche die schlanke Silvia auf ihrem Fauteuil eingenommen hatte, zu copiren. Mein Herz gleicht ganz dem Meere, vor Allem darin, daß es nicht so leicht zu ergründen ist. Was ist mir Hekuba? was Henri? was die Andern? Ich sollte Euch nun eigentlich nichts mehr erzählen, aber ich will gutmüthig sein, wie immer, und wirklich, das Interessanteste habe ich noch in petto . Kaum hatte ich nämlich ein Stündchen oder so mit dem Herrn Doctor gemüthlich geplaudert, und ich wollte mich eben über eine Anekdote, die er ganz vortrefflich erzählt hatte, todtlachen – wer läßt sich melden? Natürlich Henri. Der Doctor steht auf. – Ich will nicht stören. – Ganz und gar nicht, bleiben Sie doch! – Da war Henri schon da. – Erlauben die Herren, daß ich Sie – weiter kam ich nicht, denn Henri's Gesicht nahm, während er den Doctor scharf in's Auge faßte, einen so seltsamen Ausdruck an – aber ich sage Euch, einen wahrhaft erschreckenden Ausdruck, daß ich selbst erschrak und schnell den Doctor ansah. Der blickte so ruhig wie der steinerne Gast, und als ich wieder Henri ansah, hatte der auch seine gewöhnliche Miene wieder angenommen. Ich habe schon früher das Vergnügen gehabt, sagte er. – Es freut mich, wenn Sie sich der alten Zeit mit Vergnügen erinnern, sagte der Doctor; vielleicht habe ich sonst noch die Ehre – damit empfahl er sich. – Wo kommt denn der her? rief Henri, als der Doctor kaum zur Thür hinaus war. – Das hättest Du ihn selber fragen sollen, sagte ich, ein wenig empört über diese Rücksichtslosigkeit. – Es scheint, daß Du heute in sehr ungnädiger Laune bist. – Findest Du? – Mit einem Worte, es gab eine kleine Scene. Ist das Alles nicht sehr merkwürdig? O, gewiß, sagte Amélie, sehr merkwürdig, sehr interessant. Aber eine Hauptsache hast Du noch vergessen: Wie sieht er denn aus? Ich sagte ja schon, wie der steinerne Gast – in Schwarz, und dreißig Jahre oder so jünger, aber mit derselben Grandezza. Ich kann wohl sagen, er hat mir sehr imponirt. Groß, schlank, dunkle Augen, dunkles Haar, dunklen Bart, dunkle Gesichtsfarbe, kurz Alles dunkel, wie ein spanischer Grande oder ein venetianischer Nobile in Frack und weißen Handschuhen. Das muß ja ein wahrer Ausbund sein – von wem ist denn die Rede? fragte eine sanfte Stimme. Ah, ma chere tante ! rief Emma aufspringend und Fräulein Charlotte die Hand küssend. Charlotte wiederholte die Frage und sagte, als sie gehört, von wem die Rede war: Emma mag Recht haben. Leo's Wesen hat mich früher oft an das hübsche Goethe'sche Wort von den edlen Knaben Venedigs erinnert, die so eigen und stolz seien, weil sie dermaleinst doch Doge werden konnten. Jetzt trat auch der Freiherr herein und begrüßte die Damen in seiner anmuthigen Weise. Ihr wundert Euch, daß ich heute so zeitig komme, sagte er, und, der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich gestehen, daß nicht Ihr es seid, um derenthalben ich mich von einer Broschüre über die sociale Frage losgerissen habe, deren Lectüre mich heute den ganzen Nachmittag beschäftigte. Ich stimme mit dem Autor keineswegs ganz überein; aber er behandelt seinen Gegenstand doch von einem so hohen Standpunkte aus und mit einem so weiten, großen Blick, wie sie in den platten Doctrinen unserer heutigen Liberalen geradezu unerhört sind. Vielleicht – so sind wir Menschen nun einmal – würde das Büchelchen einen noch größeren Eindruck auf mich gemacht haben, wenn ich nicht wüßte, daß der Verfasser ein junger Mann ist, ein junger Mann, den ich noch vor wenigen Jahren als Knabe fast gesehen habe. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich von Leo spreche. Er ist nach Allem, was ich darüber urtheilen kann, ein bedeutender Mensch geworden, und es gereicht ihm in meinen Augen nicht zum Nachtheil, daß er es auf eigene Hand geworden ist. Ich verstehe jetzt auch zum ersten Male die Motive seiner damaligen Handlungsweise. Er hat gefehlt, ohne Frage, aber nicht wie ein Thor, aus Unverstand, oder wie ein schlechter Mensch, aus Bosheit, sondern in dem Fanatismus einer noch nicht abgeklärten Ueberzeugung. Es kommt in der Broschüre eine schöne Stelle vor, die offenbar auf die Tuchheimer Affaire Bezug hat. Ueberdies hat mir Walter erzählt, daß Leo nicht persönlich oder doch nicht direct bei dem Angriff auf unser Haus betheiligt war. Dennoch lobe ich Walter's Tact, der Leo heute Abend mitbringen zu dürfen bat. Nach dem, was geschehen, hat eine erste Begegnung unter vier Augen immer etwas Peinliches für beide Theile; in der Gesellschaft macht sich dergleichen glatt und leicht. Ich bin recht, recht begierig, ihn wiederzusehen – und der Freiherr rieb die schönen weißen Hände und ging, in Gedanken schon wieder bei seiner Broschüre, im Zimmer auf und ab. Die Damen hatten die Worte des Freiherrn mit einer Aufmerksamkeit angehört, die sich in ihren Mienen und Geberden auf die verschiedenste Weise ausdrückte, und das Gespräch, das sich noch immer um Leo drehte, war bald ein allgemeines. Nur Silvia, die von Anfang an etwas abseits und halb abgewendet, den Arm auf den Sims des Kamins stützend, dagestanden hatte, mischte sich nicht in die Unterhaltung und entfernte sich nach einigen Minuten. Amélie ging ihr nach und traf sie im Nebenzimmer am Clavier, in einem Notenhefte blätternd. Ich bin heute so in Sorge um Dich, Silvia, daß ich Dich nicht aus den Augen lassen kann. Sobald Du den Rücken wendest, denke ich, Du gehst und kommst nicht wieder. Was hast Du? Ist Dir Emma's Geschwätz so unangenehm? Du weißt, ich höre das Wenigste von dem, was sie sagt, erwiederte Silvia; nein, das ist es nicht. Es ist mir eben wunderlich gegangen. Während Dein Vater sprach, fühlte ich ganz deutlich, wie die alte Abneigung gegen meinen Vetter sich wieder in meinem Herzen regte. Es ist so unbequem, Jemand loben zu hören, wenn man in das Lob nicht einstimmen kann. Das hat mir damals den Leo verleidet, und ich wollte wenigstens versuchen, ob ich ihm nicht jetzt unbefangen und ohne Vorurtheil entgegentreten kann. Da kommt ja Miß Jones. Ist es denn schon acht Uhr? Miß Ethel Jones hatte schon seit vier Jahren das freiherrliche Haus verlassen. Sie erklärte plötzlich, daß die jungen Damen ihrem Unterricht vollständig entwachsen seien und daß sie es mit ihren Begriffen von Moral nicht vereinigen könne, in einer Stellung zu verharren, wo sie nichts mehr nütze. Vergebens, daß der Freiherr und Fräulein Charlotte in sie drangen; vergebens, daß die Mädchen sie mit Thränen beschworen, – die resolute Miß ließ sich von ihrem Entschlusse nicht abbringen, packte ihre Koffer und errichtete mit den reichen Ersparnissen ihrer fast zwanzigjährigen Gouvernanten-Laufbahn in einem der fashionabelsten Quartiere der Stadt ein »Pensionat für junge Damen aus edlen und respectablen Familien«, das sich bald eines ungewöhnlich großen Zuspruchs erfreute. Miß Jones stand ihrem Institut mit einer Gewissenhaftigkeit vor, welche der Mißgunst und dem Neide ihrer zahlreichen Concurrentinnen auch nicht die mindeste Blöße gab, nur daß sie während des Winters regelmäßig einen Abend in der Woche in einer Miethkutsche ihr Haus verließ, um zehn Minuten später, mit dem Glockenschlage acht, in einem schweren braunen Seidenkleide, die breiten Schultern in einen gelben Shawl gehüllt, und auf dem viereckigen Kopf einen abenteuerlichen Putz aus Federn und Blumen, in den Salon des Freiherrn einzutreten, wo sie alsbald hinter dem Theetisch Platz nahm. Dort verweilte sie bis zum Glockenschlage Zehn und rauschte dann stattlich, wie sie gekommen war, davon. Miß Jones war eine stereotype und allerseits gern gesehene Figur in dem Salon des Freiherrn; sie stand in dem Rufe, den besten Thee in der ganzen Residenz bereiten zu können, und Jedermann bewarb sich um ihre Gunst. Ihren Platz hinter dem Theetisch verließ sie nur, wenn Silvia sang. Sie behauptete, daß Niemand außer ihr Silvia begleiten könne, und es war gewiß, daß diese junge Dame sich von Niemand lieber begleiten ließ. Miß Jones' breites Gesicht, dessen Farbe stets ein wenig mit dem lebhaften Regenbogen ihrer Toilette wetteiferte, war heute noch ganz besonders geröthet, und sie war der jungen Dame kaum ansichtig geworden, als sie mit lauter Stimme rief: Ist es denn möglich, was mir Walter heute geschrieben hat? Ist der sonderbare Knabe wirklich zurück? Wo ist er? Silvia zuckte ungeduldig die Achseln, während Amélie der bewährten Freundin, was sie wußte, mittheilte. – Es ist noch ganz wie damals, dachte Silvia, sie haben ihn immer verwöhnt und überschätzt, und können nun damit nicht zeitig genug wieder beginnen. Wenn alle Welt ihm so geschmeichelt hat, welch' ein widerwärtiger, anmaßlicher Mensch muß das geworden sein! Ich hätte fast Lust, wenigstens heute ihm aus dem Wege und auf mein Zimmer zu gehen. Unterdessen waren die ersten Gäste eingetreten, denen bald andere und andere folgten.. Die Gesellschaft war heute Abend ganz besonders zahlreich. Das neue Abgeordnetenhaus war eben zusammengetreten, und es waren sofort einige wichtige Dinge angeregt worden, über die man sich auf einem neutralen Boden freimüthig auszusprechen wünschte. Um diese ernsteren Gruppen, die heute ihre Plätze besonders standhaft behaupteten, bewegten sich im bunten Durcheinander die munteren Schaaren der Vielen, die sich nur angenehm unterhalten wollten – Herren, wie Damen, plaudernd, scherzend, mit verbindlichen Manieren und mit wohlwollendem Ausdruck auf den lächelnden Gesichtern. Nur auf Silvia's schöner Stirn lag es wie eine dunkle Wolke; selbst die witzigsten, geistvollsten Bemerkungen bedeutender Männer – und diese drängten sich vorzüglich gern in ihre Nähe – konnten ihr heute keine der treffenden Antworten, keines jener hübschen bezeichnenden Worte, die ihr sonst in Fülle zu Gebote standen, ja kaum ein Lächeln entlocken. Doctor Paulus, der Arzt des Hauses, der sich sonst ihrer besondern Gunst erfreute, wagte, auf ihre Schweigsamkeit anspielend, an das horazische Wort zu erinnern, daß Apollo nicht immer den Bogen spanne, und war nicht wenig erstaunt, ja erschrocken, als Silvia, wie aus einem Traum erwachend, mit einem fast zornigen Licht in den ausdrucksvollen Augen erwiederte: der Bogen des Apollo erinnere sie an den Bogen in der Lessing'schen Fabel, der von dem Künstler so fein geschnitzt wurde, daß er, als jener ihn spannen wollte, zerbrach. – Das ist das Bild unserer heutigen Menschen, rief sie; Jeder von uns, ohne Ausnahme, gleicht diesem verschnitzelten Bogen, der zu nichts in der Welt gut ist, als ihn in einem Salon als Zierrath aufzuhängen. Sie trat aus dem Kreise, der sie umgeben hatte, heraus und setzte sich auf ein kleines Sopha in der Nähe des Fensters, wohin ihr Niemand so leicht folgen konnte, neben eine alte, gutmüthige Dame, die sofort in ihrer behaglichen Weise ein Gespräch anfing, dessen Kosten sie gern allein übernahm. Aber der blecherne Klang der schwatzlustigen Stimme neben ihr berührte nur eben Silvia's Ohr; durch ihre Seele zogen düstere Gedanken wie dunkle Wolken, die, mit jedem Augenblick ihre phantastische Gestalt verändernd, über einen heißen Sommernachmittagshimmel ziehen. Vor ihrem starren Blick verschwamm die sich vielfach bewegende Menge zu einem leeren Schattenspiel, und zuletzt sah sie nichts mehr von alledem, was um sie her war. Im Geiste war sie bei den Stätten ihrer Kindheit – dem lieben alten Hause auf der Waldwiese, dem lauschigen Garten, dem majestätischen Walde, in dem so wunderbare Stille herrschte, daß die Vögel ganz anders sangen, und daß, wenn man die eigene Stimme erhob, sie klang wie die Stimme der Prinzessin im Märchen! O, des Sonnenscheins auf den duftigen Wiesen! Und das Murmeln des Baches über die glatten Kiesel und sein zorniges Donnern die Felsentreppe hinab! O Paradies der Kindheit, das so bald, so bald dem entzauberten Blicke des heranwachsenden Mädchens entschwand! – So hab' ich den Wald zum letzten Male gesehen am Morgen des Tages, an welchem Leo zu uns in's Haus kam; – ich weiß es ganz genau, ich hatte mich an dem Morgen bei den Wasserfällen gebadet, und ich war kaum in's Haus zurückgekehrt, als ihn der Vater brachte, bleich und blutend, und darüber merkte die Tante nicht, daß mein Haar noch naß war. Ist es doch, als wenn mit der Gestalt des düstern Knaben ein Schatten in unser Haus und in mein Leben gefallen wäre! Und doch erinnere ich mich, daß er im Anfang in seiner Weise freundlich zu mir war; er lieh mir seine Bücher, er wollte mich sogar lateinisch lehren, und es hat wohl nicht an ihm gelegen, wenn ich nicht mehr gelernt habe; ich dagegen ließ meinen Uebermuth gern an ihm aus, ich nannte ihn den häßlichen Zigeunerjungen, obgleich er eigentlich gar nicht häßlich war. Vielleicht habe ich es hauptsächlich zu verantworten, wenn wir später immer so schlecht gegen einander standen. In Erinnerungen verloren saß Silvia da. Die alte Dame an ihrer Seite hatte mit einer andern alten Dame, die sich zu ihr gesellt, zu plaudern begonnen. Silvia blieb ungestört. Sie sann und sann. Es war, als ob ihr die Tage ihrer Jugend in einem Zauberspiegel vorübergeführt würden – Bild an Bild; zuletzt war es die große Buche am Saum des Waldes, wo sie sich mit dem Kronprinzen haschte, der sie küssen wollte und sie geküßt haben würde, wenn Leo nicht plötzlich dazwischen getreten wäre. Warum trat er dazwischen? – Silvia hatte sich in all' den Jahren, die seitdem verflossen waren, nie diese Frage vorgelegt, wenn sie, was selten genug geschah, an jene wunderliche Scene dachte. Es war eben einer von den vielen, vielen Nebelflecken an dem Sternenhimmel der Kinderzeit. Und heute wußte sie auf einmal den ganzen Zusammenhang; heute sah sie, was in den Seelen der Betheiligten in jenen Augenblicken vorgegangen, so klar, als hätte sich die Scene jetzt, hier vor ihrem durch so viel Beobachtung geschärften Auge ereignet. Sie wußte, daß der Prinz in Haltung, Blick und Ton die Frechheit eines Wüstlings zur Schau getragen; sie wußte, daß Leo, der kluge, stolze, scheue Leo sich nicht in eine Gefahr, die er sehr gut zu schätzen wußte, gestürzt haben würde, wenn er das kokette Mädchen nicht in seiner knabenhaften Weise geliebt hätte. Ja, ja – er hatte sie geliebt; es war das wilde Feuer der Eifersucht gewesen, das in seinen düsteren Augen brannte, als er den Prinzen an den Armen festhielt, während das Blut von seinen Lippen rann. – In dem traumhaften Zustand, in welchem sich Silvia befand, wirkte diese Entdeckung wie ein Licht, das durch einen plötzlich geöffneten Laden in ein dunkles Zimmer fällt. Sie fuhr erschrocken aus ihrem Brüten auf. Der Zauber, der sie umstrickt hatte, war gebrochen; sie hörte wieder die blecherne Stimme an ihrer Seite, das Summen der conversirenden Gesellschaft; sie sah die lächelnden Herren und Damen sich gegen einander beugen und neigen und mit höflichem Ausweichen aneinander vorüberhuschen – und plötzlich sah sie in der Mitte des sehr großen Gemachs, gerade unter dem Kronleuchter, den Freiherrn mit einem jungen Manne sprechen, in dem sie auf den ersten Blick Leo erkannte. Und doch! wie hatte er sich verändert! – War es die von oben herabfallende scharfe Beleuchtung, oder war das Gesicht wirklich so blaß und die Züge so plastisch scharf ausgeprägt? Auch mußte er noch gewachsen sein, denn jetzt hatte er beinahe die stattliche Größe des Freiherrn, und welche Wandlung war mit dem scheuen, ungelenken Knaben vorgegangen, bis aus ihm der Mann wurde, dessen ruhig-sichere Haltung dem tiefen Ernst seiner Züge entsprach! Silvia's Blicke blieben auf dieser Gestalt haften; sie merkte mechanisch auf jede seiner Bewegungen, seiner Geberden; sie glaubte zu hören, was er mit dem Freiherrn sprach. Walter trat zu den Beiden mit, wie es schien, vor Freude strahlendem Gesicht; der Freiherr lächelte und machte eine Bewegung, Leo verbeugte sich, Walter faßte ihn unter den Arm und führte ihn in's Nebenzimmer, wo, wie Silvia wußte, Fräulein Charlotte und Amélie waren. Augenscheinlich hatte man sie in ihrer Ecke nicht bemerkt. Es war dies sehr erklärlich; dennoch kränkte es sie. Sie erhob sich, trat mit raschen Schritten in den Saal und sah sich alsbald von einigen Herren umgeben, die ihr lachend mittheilten, sie hätten eben ein Complot fertig gehabt, sie aus ihrer Ecke heraus zu locken. Silvia ging auf den Scherz ein, und es hatte sich Niemand mehr über ihr düsteres Wesen zu beklagen. Sie lachte und warf die Witzworte, mit denen sie ein wegen seiner Bonmots bekannter Abgeordneter neckte, so geschickt zurück, daß die Unterhaltung in dem kleinen Kreise sich immer lebhafter entzündete und immer mehr Zuhörer heranzog. Dennoch war Silvia nicht mit ganzer Seele bei der Unterhaltung. Sie richtete oft den Blick auf die Thür des Nebenzimmers, und wohl Niemand der um sie Versammelten konnte sich die seltsame Blässe erklären, die plötzlich ihr Gesicht bedeckte. Leo und Walter waren wieder aus dem Nebenzimmer getreten und hatten sich der Gruppe genähert, offenbar in der Absicht, bis zu Silvia durchzudringen. Aber Silvia kam dieser Absicht nicht entgegen; sie wollte nicht sehen, daß Walter ihr gelegentlich einmal mit den Augen winkte; sie hatte so viel zu sagen, zu hören. Leo zuckte die Achseln und wendete sich ab: – er hatte es leicht aufgegeben. Ein paar Musiker waren kühner, als Leo und Walter. Sie machten sich bis zu Silvia Bahn und baten sie im Namen der ganzen Gesellschaft, ein paar Lieder zu singen. Miß Jones, die man davon benachrichtigt, habe bereits ihren Platz am Theetisch mit dem am Flügel vertauscht. Silvia sagte zu und ging in das Nebenzimmer auf der andern Seite, wo das Instrument stand, und in dem nächsten Augenblicke schon ertönte ihre Stimme, deren starker, edler Klang die hohen Räume ganz erfüllte und das durcheinander schwirrende Gesumm der Conversation wie mit einem Zauber zum Schweigen brachte. Es waren ihr sehr bekannte und sehr liebe Lieder, die sie zu singen hatte; und sie sang mit einem Feuer und einem Ausdruck, der Alle entzückte; aber auf einmal wurde ihre Stimme unsicher, und ein eben angefangenes Lied kurz abbrechend und sich bei den Umstehenden mit einer Heiserkeit, die sich plötzlich eingestellt habe, flüchtig entschuldigend, trat sie schnell von dem Instrumente zurück. Man überhäufte sie mit den schmeichelhaftesten Lobeserhebungen, die sie nicht ohne sichtbare Ungeduld nun sich abwies und an den dabeistehenden bescheidenen Componisten zu richten bat. Ich weiß nicht, wie Sie gesungen haben, sagte Henri, der eben mit Alfred von Sonnenstein herantrat; denn wir kommen diesen Augenblick, und ich bin deshalb nicht in der glücklichen Lage, in das begeisterte Lob einstimmen zu können. Fräulein Silvia muß man wie eine Gottheit immerdar loben und preisen, sagte Alfred; haben wir nicht das Glück gehabt, Sie zu hören, haben wir doch das Glück, Sie zu sehen. Die Herren kommen von einem Diner? fragte Silvia trocken. Errathen! rief Henri lachend. Sie sind die wahre Herzenskundigerin. Das würde mir Ihnen gegenüber wenig helfen. Weil ich kein Herz habe, meinen Sie? erwiederte Henri; ich weiß, Sie haben mich stets in diesem Verdacht gehabt, weil ich eine Cordelianatur bin und mein Herz nicht in der Hand trage. Fragen Sie Alfred! Fragen Sie lieber meine Schwester! rief Alfred. Oder seine Schwester, sagte Henri; sie ist in der That die Einzige, die mir von Zeit zu Zeit Gerechtigkeit widerfahren läßt. Aber wo ist denn der Wundermann, von dem heute der Papa so viel Wesens machte und heute Abend der halbe Salon sich unterhält? sagte Alfred und klemmte sein Lorgnon in's Auge. Ich kann Ihnen darüber keine Auskunft geben, erwiederte Silvia; Sie thäten wohl am besten, wenn Sie ihn suchen gingen. Was meinst Du, Alfred? sagte Henri, als Silvia sich mit leichtem Kopfnicken von ihnen entfernte; sollte man wohl glauben, daß diese Prinzessin, die uns so grausam abfallen läßt, die Tochter von meines Vaters Förster ist? Aber schön ist sie, verteufelt schön! sagte Alfred, nach der Thür lorgnettirend, durch welche Silvia verschwunden war; grands dieux, combien elle est jolie ! Heirathen kann man sie freilich nicht, aber – Du bist der wahre Don Juan. Pah, sagte Alfred, sein Lorgnon fallen lassend und selbstgefällig lächelnd: was ist's denn groß? Ich kann mit dem guten Horaz sagen: militavi . Non sine gloria , wie Du aus Bescheidenheit hinzuzusetzen vergissest. Aber, um auf den Leo zurückzukommen, sieh' zu, daß der Bursche sich nicht in Eurem Hause festsetzt. Dein Vater scheint großen Appetit zu haben, einen Narren an ihm zu fressen, und Deine Schwester nicht minder. Pah, rief Alfred. Ich sage Dir, der Bursche ist gefährlich; ich kenne ihn von Tuchheim her sehr genau, und was ich jetzt von ihm gehört habe, und was ich jetzt von ihm sehe, hat mich nur in meiner alten Ueberzeugung bestärkt. Er ist ein Fanatiker unter der Maske eines Mannes von Welt. Mit solchen Leuten ist nicht zu spaßen. Wir wollen uns den greulichen Löwen einmal in der Nähe besehen, sagte Alfred, seinen Arm in den seines Vetters legend und ihn nach dem großen Saal ziehend. Silvia war in ein Zimmer getreten, das mit den übrigen Gesellschaftsräumen in einer Reihe lag, aber selten von der Gesellschaft benutzt wurde, weil es sehr klein und in Folge dessen der freien Bewegung nicht günstig war; von den Hausfreunden wurde es wegen der rothen Tapeten und der rothen Ueberzüge der Möbel die rothe Grotte genannt. In der einen Ecke stand auf einer Säule die Statuette einer schönen Muse, in einer anderen eine antike Vase; von der Decke hing eine Ampel, deren mattes Licht den kleinen Raum nur eben schicklich erleuchtete. Die Dämmerung und die verhältnißmäßige Stille thaten Silvia wohl. Sie wollte allein sein; sie wollte nichts mehr hören und sehen von dem Treiben, das ihr früher so reich, so entzückend erschienen war, und das sie jetzt so inhaltslos, so lästig fand. Was sollte sie hier? Weshalb war sie hier? Wem nützte sie hier? Besser noch als diese Existenz, die fortwährend, wie eine Fata morgana , eine reiche Küste spiegelt, welche man nie erreicht, die vollkommene Einsamkeit; besser freilich ein Leben, in dem sich die thätigen Kräfte machtvoll entfalten, im feurigen Streben nach den höchsten Zielen durchaus erproben können. Leben, ohne zu leben, sterben, ohne gelebt zu haben – giebt es ein größeres Elend? Und Silvia ergriff mit beiden Händen die Platte des kleinen Marmortisches, der vor ihr stand, und, rüttelte daran und legte dann, wie voll Scham über ein so kindisches Beginnen, ihre heiße Stirn auf den kalten Stein. Sie mochte einige Minuten in dieser Stellung verharrt haben, als sie durch das Rascheln der Ringe der Portiere aus ihrem schmerzlichen Träumen aufgeschreckt wurde. Den Kopf schnell emporrichtend, sah sie eine schlanke, dunkle Gestalt, die einen Augenblick, den Vorhang mit der Hand zurückschiebend, in der Oeffnung stehen blieb und dann rasch an sie herantrat. Ein sonderbares Erschrecken, wie sie es noch nie empfunden, überfiel Silvia. Ihre erste Regung war, zu fliehen; ihre zweite, mit sich selbst zu zürnen, daß sie sich so hatte erschrecken lassen. Ich suche Dich schon lange, sagte Leo, aber Du warst stets so umlagert, daß ich nicht bis zu Dir durchdringen konnte. Deine Hand zittert, ich habe Dich durch mein plötzliches Kommen erschreckt; darf ich mich etwas zu Dir setzen? Leo rückte einen der Lehnstühle heran und nahm Silvia gegenüber an dem Marmortischchen Platz. Ich freue mich recht, Dich wiederzusehen, fuhr er fort, ohne Silvia Zeit zur Antwort zu lassen, und freue mich, Dich fast ebenso wiederzufinden, wie ich Dich verlassen habe und Du noch in meiner Erinnerung lebst. Du bist noch größer geworden, sonst hast Du Dich, däucht mir, wenig verändert. Leo's Worte waren freundlich, aber der Ton, in welchem er sie sprach, hatte für Silvia's feines Ohr einen kalten, gleichgiltigen Klang, der sie mehr als Alles an ihr früheres Verhältniß zu ihrem Vetter erinnerte. Sie zog ihre Hand zurück und sagte in Bezug auf Leo's letzte Worte: Das ist eben kein Compliment. Es sollte keins sein; aber weshalb ist es keins? erwiederte Leo. Sich in sechs oder sieben Jahren nicht verändert haben, heißt: während dieser Zeit nichts erlebt haben; heißt: geblieben sein, was man war; in diesem Falle, ein unbedeutendes, ungeschicktes Mädchen ohne Bildung und ohne Welt. Silvia machte eine Bewegung, als habe die Unterredung nun lange genug gedauert, oder als wünschte sie wenigstens, dieselbe nicht hier, in dieser Abgeschiedenheit von der übrigen Gesellschaft, fortzusetzen; aber Leo schien ihre Ungeduld nicht zu bemerken und erwiederte ruhig: Geblieben zu sein, was man war, wenn man etwas Tüchtiges war, halte ich für kein Unglück, und ein unbedeutendes, ungeschicktes Mädchen bist Du nie gewesen. Woher weißt Du das? antwortete Silvia. Du hast Dich nie um mich bekümmert; ich glaubte, Du wüßtest kaum noch, daß ich überhaupt vorhanden gewesen bin. Wir erleben Vieles, was uns in dem Augenblicke, in welchem wir es erleben, sehr gleichgiltig erscheint, das uns aber später von der größten Bedeutung wird. Solltest Du diese Erfahrung nicht selbst gemacht haben? O gewiß! aber es würde mich äußerst wundern, wenn Du sie in Beziehung auf mich gemacht hättest. Wenigstens habe ich öfter an Dich gedacht, als Du wohl glauben magst; ja, ich kann sagen, daß Du in meinem Seelenleben eine Rolle spielst. Und was für eine Rolle wäre dies? Eine, deren Du Dich nicht zu schämen brauchst. Ich habe in meinem Leben sehr, sehr wenig Menschen gefunden, die das ganz entschiedene Streben hatten, sich über den gewöhnlichen Troß, der sich auf der breiten Heerstraße einhertreibt, zu erheben. Diese wenigen Menschen sind mir immer ein Trost und ein Sporn gewesen, wenn die Trägheit und Dummheit der großen Heerde mich zur Verzweiflung brachte; Du gehörst zu diesen wenigen Menschen. Ich? Ja, Du. Silvia zeigte keine Ungeduld mehr, die Unterredung abzubrechen. Sie hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute Leo zum ersten Male während dieser Unterredung voll in das Gesicht. Und wieder erstaunte sie, wie vorhin, über die Herbheit und Strenge der schönen Züge und über die stetige Ruhe der dunklen, glänzenden Augen. Du möchtest Recht haben, sagte sie langsam; ich ersticke hier. Leo lächelte. Die Luft in jenen Salons könnte etwas weniger drückend sein, erwiederte er mit einer Bewegung des Kopfes nach den Zimmern nebenan, aus denen der Lärm der Gesellschaft ertönte. Kleine Menschen mit kleinen Ansichten und Gesinnungen! Welch breites Feld von Gemeinplätzen habe ich heute Abend schon durchwandern müssen! Es wird einige Anstrengung kosten, bevor man sich da acclimatisirt. Warum bist Du überhaupt zurückgekommen? Weil der Prophet nichts in seinem Vaterlande gilt, und doch nur von seinem Vaterlande aus auf die Welt wirken kann. So sprichst Du Dir wirklich die Mission eines Propheten zu? fragte Silvia mit sonderbarem Eifer. Ich erinnere mich, daß ich das vor langen Jahren von Dir behauptet habe und deßhalb von dem Vater und der Tante sehr ausgescholten worden bin. Da freut es mich, zu hören, daß ich doch Recht hatte. Und worin besteht Deine Prophetie? Was lehrst Du? Du hast nach Frauenart das Bild für die Sache genommen, erwiederte Leo; ich wollte nur sagen, daß man das Wenige, das man zu wirken berufen ist, allein im Vaterlande zu wirken vermag, wie man auch nur in seiner Muttersprache wahrhaft denken, sprechen und schreiben kann. Und dann ist Deutschland trotz alledem das einzige Land für die Freiheit, die ich meine. Ich kenne England und Frankreich, ich war auch drüben in Nordamerika. Die Freiheit; die jene Völker sich errungen haben, oder nach welcher sie streben, gleicht der, welche uns werden muß, wie das Handwerk der Kunst gleicht. Wie können Menschen frei sein, die nicht denken mögen! die vor den letzten Resultaten der Speculation sich bekreuzigen, wie vor dem leibhaftigen Satan! ja, die zum größten Theil nicht einmal eine Ahnung von diesen Resultaten haben! Die wahre Freiheit wird von Deutschland ausgehen, wie die wahre Kunst von Griechenland über alle Welt ausgegangen ist. Und hast Du – bist Du im Besitze dieser letzten Resultate? fragte Silvia, und ihr Athem ging schneller, und ihre großen Augen wurden dunkler und glänzender. Das will ich nicht behaupten, erwiederte Leo; was ich behaupten kann, ist, daß ich in philosophischen und politischen Dingen Einiges erkannt zu haben glaube, was gerade nicht das Eigenthum der großen Menge ist; und weiter, daß ich jede praktische Consequenz meiner politisch-philosophischen Doctrin ziehen werde, möge das führen, wohin es wolle. Silvia wollte lebhaft etwas erwiedern, aber sie holte nur tief Athem und sagte dann nach einer Pause: Ich denke, Du bist Arzt und bist hieher gekommen, Dir eine Praxis zu schaffen? Wie stimmt das mit Deinen politischen Plänen, auf die Du so hohen Werth zu legen scheinst? Ich bin Arzt, ja – und ich glaube kein schlechterer, als die Durchschnittszahl meiner Collegen, – aber die medicinische Wissenschaft füllt meine Seele nicht aus, oder, wenn Du willst, ist nur ein Theil meiner Wissenschaft – der großen Wissenschaft von den Leiden der Menschen, insonderheit der Leiden meiner Nation. Jeder Arzt ist von berufswegen auch Politiker, denn die pathologischen Zustände eines Volkes stehen mit seinen socialen Zuständen im innigsten Zusammenhang, und die Therapie muß alle Augenblicke bekennen, daß sie machtlos ist gegen Uebel, die nur eine große politische Reform, vielleicht nur eine vollständige Revolution heilen könnte. Ich für meinen Theil habe früher gewußt, daß es kranke Seelen, als daß es kranke Leiber gebe, und die Völker sind mir früher hilfsbedürftig erschienen, als die Individuen. So schreibe ich politische Broschüren, wie ich Recepte schreibe, und alle nach dem hippokratischen Grundsatz: Quod medicamenta non sanant, ferrum sanat, quod ferrum non sanat, ignis . – Du verstehst doch noch genug Latein, zu wissen, was das heißt? O ja, sagte Silvia. Was Arzeneien nicht heilen, heilt das Eisen, was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer. Sie blickte starr vor sich nieder. Das ist, sagte sie, wie ich mir eines Mannes Wirken denke – aus dem Vollen und Ganzen. Aber was kann da der Einzelne? Was kann er gegen das Meer von Plagen? Sehr viel – wenn er die Macht hat. Die Macht, wozu? Die Macht, den Menschen, die nicht frei und nicht gesund sein wollen, die Freiheit und die Gesundheit aufzuzwingen. Und hast Du diese Macht? Für's erste noch nicht. Glaubst Du, Du wirst sie später haben? So gewiß, als ich lebe. Aber wie? Das weiß ich nicht, aber, wie der Engländer sagt: Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Silvia's Gesicht hatte während dieser Unterredung einen immer düstereren Ausdruck angenommen, und jetzt lag ein starrer Schmerz auf ihren sonst so beweglichen Zügen. Plötzlich fuhr ein Zucken darüber hin, und hastig sagte sie: Du bist kein Prophet, sagst Du; mir sollst Du einer sein, wenn Du, mir dies beantwortest: was denke ich jetzt – jetzt in diesem Augenblicke? Ihre Augen blickten fest in Leo's Augen, und Leo erwiderte den Blick. Du denkst, auch ich würde meinen Weg finden, wenn ich ein Mann wäre; antwortete er langsam. Silvia wurde noch bleicher als zuvor und rückte ihren Stuhl zurück, als müsse sie sich aus einer gefährlichen Nähe entfernen. Wollen wir zu der Gesellschaft zurückkehren? Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern erhob sich und trat in das Zimmer nebenan, wo eben ein Virtuose auf dem Flügel vorzutragen begonnen hatte. Leo war, den Kopf in die Hand gestützt, sitzen geblieben. Er war so in Gedanken vertieft, daß er kaum einen Ton von den Trillern und Läufern des fingerfertigen Pianisten hörte. Erst bei dem lauten Klatschen der entzückten Gesellschaft blickte er auf und sah Walter in der Thür stehen. Ich suche Dich überall, sagte Walter. Und ich wollte eben zu Dir. Ich denke, wir gehen. Es ist noch sehr früh; aber wie Du willst. Bald darauf hatten die beiden Freunde den Salon des Freiherrn verlassen. Achtunddreißigstes Capitel. Der Winter hatte mit Nebelwetter und Schneesturm seinen Einzug gehalten, und in Walter's stiller Straße war es jetzt noch stiller und einsamer geworden. Das Rollen der Droschken tönte wie aus weiter Ferne, die Kinder hatten es endlich aufgegeben, die Dämmerstunde auf der Gasse zu verspielen, und der Obstverkäufer mit der Stentorstimme mußte sein Geschäft liquidirt oder in mildere Regionen getragen haben. Dafür erschallten jetzt häufiger als sonst von dem Hofe her die Klänge mehr oder weniger verstimmter Drehorgeln, und die junge, musikbeflissene Dame in der Bel-Etage, die ihr Clavier genau unter Walter's Schreibtisch stehen hatte, übte mit größerer Energie und mit für den Zuhörer fast ermüdender Ausdauer ihre unendlichen Etüden. Walter stand am Fenster seines Arbeitszimmers und schaute, die Arme übereinander geschlagen, durch die Scheiben. Es war einer seiner freien Nachmittage, und er hatte geschrieben, bis ihm das Licht zu fehlen begann. Es hatte heute mit der Arbeit gut geschafft; ein schwieriges Capitel in seinem Roman war ihm heute wider alles Erwarten fast wie von selbst aus der Feder geflossen; er fühlte sich leicht und gehoben und freundlich gegen alle Welt, selbst gegen die junge musikbeflissene Dame unter ihm. Er hätte in diesem Augenblicke gern Jemand gehabt, dem er sich hätte mittheilen können. Er glaubte während des Schreibens Alles zu sagen, was er zu sagen hatte, und jetzt fühlte er, daß Anderes und Anderes sich herzu drängte, den Schneeflocken vergleichbar, die draußen zu fallen begannen. Er hatte nur den einen Ton angegeben, und nun hatte er den Nachklang des ganzen vollen Accordes in seiner Seele; und das tönte und wogte, und wollte Form und Gestalt annehmen, und nahm Gestalt an: die leichte, anmuthige Gestalt eines zarten, sanftblickenden Mädchens. Der junge Mann breitete die Arme aus, und ein seliges Lächeln flog über sein Gesicht; aber alsbald war das Lächeln wieder verschwunden, und nachdenklich drückte er die Stirn gegen das Fensterkreuz. Wie würde Amélie das Capitel, das er soeben beendigt, lesen? Würde sie es verstehen? Ganz so verstehen, wie er es verstanden zu sehen wünschte? Den Stoff seines Romans hatte Walter aus dem Leben, aus seinem Leben geschöpft, und bei der Ausarbeitung – im Feuer der Begeisterung, im Kampfe für seine Ideen – hatte er sich, ohne es zu wollen und zu wissen, der Wirklichkeit, von der er ursprünglich ausgegangen war, immer mehr genähert, so daß zuletzt Wahrheit und Dichtung zusammenfielen. Sein Held war ein junger Gelehrter, der sich durch seinen Freimuth den Haß der Dunkelmänner zugezogen hatte, und seiner Ueberzeugungstreue sein Vermögen, seine Stellung im Leben, seine Ruhe, seine Gesundheit, zuletzt auch seine Liebe zum Opfer brachte. Aber dies letzte Opfer wurde nicht angenommen, denn in dem entscheidenden Augenblicke zeigte die hochgeborene Geliebte, daß sie ihre Liebe noch höher achte als Rang und Stand, daß auch sie groß zu denken und groß zu handeln im Stande sei. Gerade die Scene, in welcher die Heldin den ungleichen Kampf mit der erbarmungslosen Welt aufnimmt, war es, von der Walter eben herkam. – Würde Amélie, wenn das Schicksal sie in dieselbe Situation bringen sollte, ebenso sprechen? ebenso handeln? Walter hatte neulich gegen seinen Vetter behauptet, daß er die Größe der Hindernisse, die sich der Erfüllung seiner Wünsche entgegenstellten, niemals ernstlich erwogen habe. In der That hatte seine Liebe zu dem holden Mädchen so früh begonnen, war ihm schon so lange in's innerste Herz gedrungen und hatte sich von da aus so jeder Faser seines Wesens bemächtigt – er wußte, daß diese Liebe für ihn nicht aufhören könne, und im Vergleich zu dieser beseligenden Gewißheit war ihm das Aeußere – die Form und Gestalt, in welcher sein höchster Wunsch in die Wirklichkeit treten würde – klein und unbedeutend erschienen. Der Umgang mit Leo hatte ihn aus diesem träumerischen Dämmerleben gerissen, wie ein frischer Morgenwind duftige Wiesennebel zerreißt. Wenn er sah, wie klar sich Leo über seine Ziele war, wie resolut er auf diese Ziele losging, wie kräftig er Hindernisse aus seinem Weg räumte, oder wie geschickt er dieselben, wo sie unüberwindlich waren, zu umgehen wußte – mußte sich Walter wie ein unpraktischer Schwärmer vorkommen, der in seinen Phantasien, in seinen Gedanken einen Ersatz für die Wirklichkeit sucht, die er nicht zu bewältigen weiß. Voll ernsten Strebens, wie er war, fühlte er sich durch diese Mahnung zu einer Vertiefung seines Lebens, zu einer energischeren Entfaltung seiner Kräfte aufgeregt. Er machte sich mit neuem Eifer an die Vollendung seiner poetischen Arbeit, und während der Arbeit verschärfte er noch den Conflict, in welchen sein Held gerieth, ja trieb denselben bis auf's äußerste, um sich gleichsam wenigstens theoretisch mit allen Consequenzen seiner Handlungsweise vertraut zu machen. Aber er war einsichtsvoll genug, sich zu sagen, daß das Leben selten so reine Resultate liefert, daß Zufall und Willkür die Situationen verschieben und verrücken, Ueberlegung und Zaghaftigkeit die Leidenschaften abdämpfen, die Entschlüsse verwirren und in den meisten Fällen die Sache schließlich weder zum Weinen, noch zum Lachen, weder tragisch, noch komisch ist – eine alltägliche Geschichte, von der die Leute sagen: Nun, das war ja vorauszusehen. Walter trommelte in einer plötzlichen Anwandlung von Unwillen und Ungeduld gegen die Scheiben und überhörte so, daß Jemand in die dämmerige Stube getreten war, der mit gleichmäßig ruhigen Schritten herankam und ihm nun die Hand leise auf die Schulter legte. Er wendete sich rasch um und blickte in ein freundlich-ernstes, gedankentiefes Gesicht. Ach, Herr Doctor! rief Walter überrascht; das ist sehr liebenswürdig von Ihnen. Ich störe also nicht? sagte Doctor Paulus. Wenigstens nicht in etwas, worin man sich nicht gern stören ließe, erwiederte Walter, indem er den verehrten Mann auf das Sopha nöthigte; ich war in melancholische Betrachtungen über die sehr triviale Wahrheit versunken, daß die Poesie poetischer ist, als das Leben. Und sollte das schon eine so ausgemachte Wahrheit sein? sagte Doctor Paulus; von Aristoteles freilich bis zu dem neuesten Aesthetiker haben es noch Alle behauptet; und vom ästhetischen Standpunkte werden sie wohl auch Recht haben; ich meine in dem, was die Form, das Arrangement, die Gruppirung und Beleuchtung betrifft; aber in stofflicher Hinsicht, habe ich immer gemeint, verhalten sich Leben und Poesie, wie das Wasser im Eimer zu dem Tropfen, der am Eimer hängt, und da nehme ich selbst die paar Dutzend großer Dichter, welche bis jetzt existirt haben, nicht aus. Wenn man sich – so weit das überhaupt möglich ist – das große, das ganze volle Menschenleben vorzustellen sucht, wie es von Pol zu Pol sein Wesen treibt: in Städten, Dörfern, in Feldern und Wäldern, in Einöden, Wüsten, auf dem Meere, über und unter der Erde; wie täglich, stündlich eine Hölle von Verbrechen, von namenlosen Greueln und Schandthaten zum Himmel dampft, während Millionen und aber Millionen braver Herzen in allen Ländern und Zonen unermüdlich klopfen; und wenn man nun bedenkt, daß, was heute ist, vor tausend und tausend Jahren war und nach tausend und tausend Jahren noch sein wird, und doch, so viel Menschen auch leben, lebten und leben werden, nicht Einer dem Andern vollkommen gleicht, geglichen hat oder gleichen wird, und in derselben unerschöpflichen Verschiedenheit die Schicksale der Individuen aus dem Urgrund des Seins hervorquellen – wenn man, sage ich, sich das Alles vorstellt, das Alles bedenkt, so kann man sich über die Kühnheit der Poeten gar nicht genug verwundern, die in diesen ewig lebendigen, brausenden Strom ihre Hände tauchen und daraus soviel schöpfen – als ihnen eben zwischen den Händen bleibt. Das klingt sehr entmuthigend für uns, die wir Dichter sind, oder doch gern sein möchten, erwiederte Walter. Ich habe es nicht so gemeint, sagte Doctor Paulus; ich wollte nur, Euch Poeten gegenüber, dem Leben sein gutes Recht, der Wirklichkeit ihre unvergängliche ewige Souveränetät vindiciren. Vielleicht bin ich etwas parteiisch in dieser Frage, und neige mich, als Diener der Wissenschaft und praktischer Politiker, etwas zu sehr zu der Ansicht Plato's, der ja auch in seiner Republik den schönen Künsten eine sehr bescheidene Stelle anweist. Ja, ich gestehe Ihnen, daß ich in der That der Ansicht bin, es könne weder die Religion, noch die Kunst den Menschen, die sich in sie versenken, eine finale Befriedigung gewähren; jene nicht, weil sie die Lösung der Fragen, vor denen wir rathlos stehen, in ein unbestimmtes Jenseits verweist, diese nicht, weil sie nie das Ganze, sondern nur ein winziges Bruchstück, nie die Regel, sondern nur einen bestimmten Fall aufstellen kann, der, wer weiß es? vielleicht ein Ausnahmefall ist. Ich denke mir deshalb, daß beide: Religion und Kunst, nur Durchgangspunkte für das Menschengeschlecht auf seiner Wallfahrt nach der höchsten Entwickelung sind; daß die Religion sich immer mehr in angewandte Moral, in werkthätige Liebe, und die Kunst ebenso in schöne Lebensformen, ich möchte sagen, in lebendige Schönheit umsetzen muß. Und was ich hier vom Menschengeschlecht behaupte, gilt auch von den Individuen. Und damit bin ich, wohin ich wollte, nämlich zu Ihnen selbst, mein junger Freund, gekommen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß Sie mir von dem ersten Augenblicke, als ich Sie im Salon des Herrn von Tuchheim kennen lernte, ein großes Interesse eingeflößt haben. Ich fand in Ihnen, was man heutzutage so selten findet, bei großer Klarheit des Urtheils eine nicht minder große Fähigkeit der Begeisterung für die höchsten Ideale; und den Eindruck, den Sie in der Unterhaltung und im persönlichen Verkehr auf mich machten, fand ich bestätigt, als ich später Ihre Bücher las. Ich bewunderte und lobte und lobe durchaus die Kühnheit, mit der Sie – im Gegensatz zu so vielen unserer Salondichterlein – den Fragen, deren Lösung unsere Zeit bewegt, auf den Leib gehen, den Freimuth, mit welchem Sie Ihre Ueberzeugung aussprechen, und ohne alle Umstände das Todte todt nennen und das Begrabene begraben sein lassen. Ich hatte ungeachtet der guten Meinung, die ich von Ihnen hegte, so viel nicht erwartet. Trotz alledem, oder gerade deswegen, kamen mir, als ich die Bücher aus der Hand legte, einige Bedenken, von denen ich wohl möchte, daß ich sie Ihnen mittheilen dürfte. Darf ich? Sie können mir keinen größeren Gefallen erweisen, sagte Walter, indem er die Hand des verehrten Mannes ergriff und mit Wärme drückte. Doctor Paulus erwiederte freundlich den Druck und fuhr in seiner milden, einnehmenden Sprechweise fort: Es kann Sie, da ich mich in Fragen der Poesie von vornherein für incompetent erklärt habe, wenig kümmern, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich Ihre Novellen keineswegs für Meisterwerke halte; aber ich bin Ihnen die Gründe für mein abfälliges Urtheil schuldig, und diese hangen genau mit dem zusammen, was ich vorhin über den Werth der Poesie im Allgemeinen sagte. Ihre Schwächen als Dichter liegen, meine ich, gerade in dem, was Sie mir als Menschen lieb und werth macht, in dem, woran ich in Ihnen den wahrhaften Sohn unseres Jahrhunderts, den Bürger des freien Staates der Zukunft erkenne. Es scheint mir, daß Sie – gleichviel ob bewußt oder unbewußt – von dem Principe ausgehen, Leben und Poesie seien im Grunde identisch, und was die Wirklichkeit producire, müsse sich auch, künstlerisch gestalten lassen. Nun vermesse ich mich keineswegs, bestimmen zu wollen, bis zu welchem Punkte das möglich ist, denn dem Genie sind die Schranken weit gestellt; aber ich glaube eben nicht an diese Identität, zum wenigsten hat sie mir kein Dichter praktisch bewiesen. Im Gegentheil, ich finde, die Poesie macht es überall, wie jene palermitanische Procession, von der Goethe erzählt, daß sie sich durch den Schmutz und den Unrath der Straße einen mühsam zurechtgefegten Schlangenweg mühsam hinaufwindet; sie sieht und will nicht sehen, was rechts und links von ihr liegt, ja sie breitet, um ihn nur dem Auge zu entziehen, über den Kehrichthaufen einen kostbaren Teppich. Das wollen, das können Sie Ihrer ganzen Richtung nach nicht. Sie fragen sich, was gilt mir eine Poesie, die bald dies nicht sagen kann, und bald jenes nicht, die hier einen Umweg und dort gar Halt machen muß? Ich wäre nun der Letzte, der Jemandem diese Frage verargen wollte; im Gegentheil, mir gilt deshalb die Poesie in der That weniger als andern Leuten; aber wenig oder viel – jedes Land hat seine Gesetze, denen man sich fügen muß, so lange man im Lande weilt, und wem die Stege des Parnassus gar zu abgezirkelt vorkommen, der kann eben meiner Meinung nach nichts Anderes thun, als in die prosaische Ebene hinabsteigen, wo er sich frei bewegen darf. So rathen Sie mir, es bei meinen bisherigen poetischen Versuchen bewenden zu lassen? fragte Walter etwas kleinlaut. Ich bin mit der Aufzählung meiner Bedenken gegen Ihre poetische Thätigkeit noch nicht zu Ende, entgegnete der Doctor. Wie Sie nämlich innerlich durch die Gesetze der Poesie verhindert sind, das zu sagen, worauf es Ihnen hauptsächlich ankommt, so sind Sie es äußerlich durch Ihre Stellung in demselben Maße. Sie haben Ihre Novellen anonym erscheinen lassen – gewiß nicht aus Menschenfurcht, deren ich Sie für unfähig halte – sondern ich glaube, eher aus einer gewissen Bescheidenheit, und aus der Scheu, sich offen zum Handwerke zu bekennen. Dennoch kann ich diese Anonymität nicht billigen. Ich meine, der Name ist gar nicht eine so gleichgiltige Sache. Wir müssen nach allen Seiten hin vertreten, was wir thun; der Name aber vertritt uns, so müssen unsere Thaten mit unserm Namen gezeichnet sein. Wenn Sie nun aber, vielleicht schon das nächstemal, Ihren Namen nennen, welche Folgen wird das haben? Oder glauben Sie, man werde Ihnen Ihre Angriffe auf Adel und Kirche, Ihre Verhöhnung der »Regierung«, wie sich die brutale Polizeiwirthschaft, unter der wir leiden, naiv genug nennt – man werde Ihnen dies und Aehnliches derart ungestraft hingehen lassen? Nein, erwiederte Walter, ich bin im Gegentheil überzeugt, daß mich, sobald ich öffentlich mit meinem Namen auftrete, eine Disciplinaruntersuchung, Verwarnung, vielleicht Entsetzung vom Amte erwartet. Und Sie sind entschlossen, es darauf ankommen zu lassen? Fest entschlossen! Ein paar Augenblicke herrschte Stille in dem dämmerigen Gemach, dann sagte Doctor Paulus: Das hoffte ich. Sie werden manche schwere Stunde durchzumachen haben. Ich, der ich, von armen jüdischen Eltern geboren, eine armselige, freudlose Jugend durchgemacht habe, weiß, was es heißt, sich seinen Weg durch das Leben über tausend und tausend Hindernisse bahnen zu müssen. Ich weiß, was es heißt, nichts auf der Welt sein zu nennen, als die Liebe zur Wahrheit, den Glauben an sich selbst, und die Hoffnung, daß der Messias, ich meine die Erlösung aus der Knechtschaft, kommen wird – dennoch sage ich: Es ist besser so! Kein Glück der Erde kann sich auch nur entfernt mit der Seligkeit vergleichen, die darin besteht, daß man mit sich selbst übereinstimmt. Das ist das Eine, was noththut; alles Andere ist im Vergleich dazu mehr oder weniger irrelevant. Glückauf also, mein lieber junger Freund! Glückauf aus der Dämmerung des Zweifels zu dem hellen Licht der Selbsterkenntniß! Walter hatte sich erhoben und war ein paarmal auf und ab gegangen; jetzt nahm er wieder neben dem Doctor Platz und sagte: Verzeihen Sie, wenn mich das Licht, das Sie auf meinen Lebenspfad werfen, für den Augenblick blendet. Was hinter mir liegt, das sehe ich deutlicher, als ich es bis jetzt vermochte; aber wie nun weiter? Wo hinaus führt der neue Weg, auf den Sie mich hinweisen? Mißverstehen Sie mich nicht, mein junger Freund, erwiederte Doctor Paulus. Ich rathe Ihnen keineswegs, die Werkzeuge, deren Sie sich bis heute bedienten, ohne weiteres wegzuwerfen. Weiß ich doch gar nicht, wie weit Sie es noch in der geschickten Handhabung derselben bringen können, und ob Sie, gerade Sie, nicht berufen sind, die alten Formen mit einem neuen Inhalt zu beleben, vielleicht die Formen selbst zu erweitern? Dichten Sie immer fort! Aber erschrecken Sie nicht, wenn Sie eines Tages die Entdeckung machen, daß Sie als Dichter nicht ganz sein können, was Sie sein müssen. Und was Sie außerdem sein können! Ein Mann der That, ein Reformer, vielleicht ein Revolutionär – ein Mann, der von der Rednerbühne laut verkündet, was er in seinem Pult verschlossen halten mußte, ein Mann, der sich nicht länger müht, in der Fata Morgana seiner Dichtungen Zauberpaläste zu spiegeln, sondern der das staubige Schurzfell um die Hüften bindet und mit Hammer und Kelle an dem Hause baut, in welchem freie Menschen neben freien Menschen wohnen werden. Und nun muß ich Sie verlassen, trotzdem ich noch gern über so Manches, vor Allem über Ihren Vetter gesprochen hätte. Ich habe in einer Vorstadtkneipe ein Rendezvous mit Rehbein und mit anderen Ketzern. Sie sollen mir über die freien Gemeinden, deren Angelegenheit nächstens in der Kammer zur Sprache kommen wird, Auskunft geben; hernach ist eine Parteiversammlung bei Sonnenstein, zu der auch Ihr Vetter kommen wird. Leben Sie wohl! Auf baldiges Wiedersehen! Doctor Paulus war gegangen. In das dunkle Zimmer warf das Licht der Gaslaterne auf der Straße einen matten Schein. Walter blieb noch lange, in Gedanken verloren, sitzen. Ja, ja, sagte er endlich laut, er hat Recht. Es ist eine Fata Morgana, es ist nicht das Letzte, das Höchsterrungene! Leo wird es erringen; er ist auf dem rechten Wege. Wem fällt es ein, mich zu jener Versammlung einzuladen? Aber Leo wird da sein; das versteht sich von selbst. Ihm öffnen sich alle Thüren – und alle Herzen, sagt Emma Sonnenstein. Nun wahrlich, ich freue mich seines Erfolges; aber ganz ruhmlos möchte ich doch auch nicht zum Hades hinabgehen. Frau Rehbein brachte die angezündete Lampe herein und einen offenen Zettel, der eben abgegeben worden war. Der Zettel war von Leo und enthielt die Bitte an Walter, um zehn Uhr in einem bestimmten Weinhause mit ihm zusammenzutreffen. Es war heute der Abend beim Freiherrn, aber Walter fühlte sich nicht in gesellschaftlicher Stimmung. Die Gedanken, die in ihm angeregt waren, wühlten fort und fort. Leo's Einladung kam ihm gerade recht. Frau Rehbein war bereits an der Thür, als sie sich wieder umwandte und Walter mit einem ängstlich fragenden Blick ansah. Haben Sie noch etwas, liebe Frau Rehbein? fragte Walter. Ach ja; sagte Frau Rehbein, mit beiden Händen verlegen an ihrer Schürze zupfend; aber Sie müssen es mir nicht übel nehmen. Habe ich das während der sieben Jahre, die ich bei Ihnen wohne, jemals gethan? Ach nein, im Gegentheil; aber Sie haben mir auch nach den ersten vierundzwanzig Stunden gesagt, daß es Ihnen bei uns gefällt, und Ihr Herr Vetter wohnt nun bereits fünf Wochen hier, und ich weiß noch immer nicht einmal, ob er gut in seinem Bette schläft. Vortrefflich, liebe Frau Rehbein, gewiß vortrefflich! obgleich er sich, offen gestanden, noch nicht darüber ausgesprochen hat. Noch nicht ausgesprochen, auch Ihnen gegenüber nicht? sagte Frau Rehbein seufzend. Darüber nicht, und über manches Andere nicht, was mir mindestens ebenso interessant ist! Frau Rehbein verließ kopfschüttelnd das Zimmer; Walter setzte sich wieder an seine Arbeit. Neununddreißigstes Capitel. Walter lebte so zurückgezogen, daß er das von der vornehmen jungen Männerwelt sehr besuchte Restaurant, in welchem er zur festgesetzten Stunde pünktlich eintraf, nicht einmal vom Hörensagen kannte. Er war deshalb über die strahlenden Kronleuchter, die kostbaren Teppiche, die Marmorkamine, die Wandgemälde und die übrige kostbare Ausstattung der vielen und schönen Räume einigermaßen erstaunt, und nicht viel weniger darüber, daß ihm sein demokratischer Vetter gerade dieses Lokal zum Rendezvous bestimmt hatte. Indessen Leo, der ja so fremd in der Stadt war, mochte den Ort ebensowenig gekannt haben, und übrigens war der Ort ja auch gleichgiltig. So setzte sich denn Walter in einem der Säle, der noch am leersten schien, an einen der vielen Tische, bestellte bei dem Kellner, der ihn über die Achsel ansah, eine halbe Flasche Wein und etwas zu essen, und hoffte, daß Leo ihn nicht lange in Gesellschaft der Diana im Bade auf einem großen Bilde ihm gerade gegenüber und der vier oder fünf Herren, welche an dem andern Ende des Gemaches um einen runden Tisch saßen und Champagner tranken, allein lassen werde. Aber Leo ließ lange auf sich warten, und Walter hatte überreichlich Zeit, sich über die badende Diana und die champagnertrinkende Gruppe ein Urtheil zu bilden. Die Diana war eine mittelmäßige Copie nach einem alten Meister, und die jungen Herren schienen auch gerade keine Originale zu sein – flache, unbedeutende, vom Wein geröthete Gesichter, ganz in Harmonie mit der Unterhaltung, die sich wesentlich um Pferde, Hunde und die Geheimnisse der Theaterwelt, insonderheit des Ballets drehte. Walter konnte nicht umhin, einen Theil dieses Klatsches mit anzuhören, denn man sprach, wenn auch nicht eben eifrig, doch ziemlich laut. So verfloß eine halbe Stunde, die Walter sehr lang vorkam, und er begann bereits über Leo's Unpünktlichkeit ungeduldig zu werden, als das Eintreten eines neuen Gastes, der sich zu der Gruppe am Tische gesellte, seine Aufmerksamkeit von neuem und ernstlicher als vorher erregte. Es war ein schlanker Mann in Mittelgröße, von etwa dreißig Jahren, mit einem Gesichte, das Walter seltsamerweise ganz bekannt vorkam, trotzdem er sich sogleich sagen mußte, er könne es nie zuvor gesehen haben, denn sein physiognomisches Gedächtniß war sehr gut, und das Gesicht war so merkwürdig, daß es wohl Niemand, der es auch nur einmal gesehen, so leicht vergessen hätte. Das reiche Haar, der lockige Schnurrbart, die geistvollen Züge, die etwas dunkle Farbe der Haut, die schöne Form des Kopfes – das Alles stimmte zusammen, als wäre es ein Porträt von Van Dyk. Besonders frappirten Walter die großen braunen, glänzenden Augen, die, als der Fremde an ihm vorüber schritt, mit einer flüchtigen Neugier auf ihn gerichtet gewesen waren. Die Kleidung des Mannes war elegant, aber sehr bequem, gerade so wie seine Haltung, sein Gang und seine Manieren. Einen hohen Rang in der Gesellschaft, die hier verkehrte, konnte er nicht einnehmen; denn Walter bemerkte, wie die Herren am Tische ihn nur mit nachlässigem Kopfnicken empfingen, während sie es bei einigen anderen Ankömmlingen an ceremoniösen Verbeugungen nicht hatten fehlen lassen. Sobald er unter den jungen Herren – denn sie waren fast alle jünger als er – Platz genommen, nahm die Unterhaltung einen lebhafteren Gang, und meistens trug er die Kosten derselben allein. Er mußte unerschöpflich an Geschichten und Anekdoten sein, die er mit leiser Stimme vortrug, und deren Charakter man aus der gespannten Aufmerksamkeit seiner Hörer und aus dem Gelächter, das regelmäßig folgte, abnehmen konnte. Dann pflegte er ein Glas Champagner hinunterzugießen und sich mit einer schnellen Bewegung nach rechts oder links zu wenden, und auf einen andern Gegenstand überzuspringen, als ob es sich nicht der Mühe verlohne, bei dem eben verhandelten noch länger zu verweilen. In diesem Hinüber und Herüber, in diesem Heben und Senken der Stimme, in diesem überreichen Spiel der Geberden und Mienen lag eine Effecthascherei, die Walter um so unangenehmer berührte, je lebhafter ihn anfänglich die ausgezeichnete Schönheit des Mannes überrascht hatte. Zuletzt wendete er sich mit Widerwillen von einem Schauspiel ab, in welchem er die schönsten Mittel zu den häßlichsten Zwecken vergeudet sah. Schon war er im Begriff aufzubrechen, da auch Leo vermuthlich nun nicht mehr kommen würde, als dieser plötzlich mit raschen Schritten in den Saal trat und ihn mit Lebhaftigkeit begrüßte. Entschuldige, rief er, daß ich so spät komme: man kann nicht schnell weiter, wenn man mit lahmen Pferden Schritt halten soll. Leo war augenscheinlich sehr aufgeregt; seine dunklen Augen hatten einen stechenden Glanz, seine sonst bleichen Wangen waren lebhaft geröthet, und er trank ganz gegen seine Gewohnheit schnell hinter einander ein paar Gläser Wein. Wer sind die lahmen Pferde, mit denen Du hast Schritt halten müssen? fragte Walter. Eure liberale Partei, entgegnete Leo, die ich heute zum ersten male von Angesicht zu Angesicht gesehen habe. Ich habe nie zu denen gehört, die ein besonderes Verdienst darin sehen, die Person von der Sache zu trennen. Das ist – zum wenigsten in der Politik – ein Unsinn. Die vernünftigste, weiseste politische Doctrin kann zum Aberwitz werden, wenn Narren und Dummköpfe sie in's Leben führen sollen, und die schlechteste Sache gedeiht, ja wandelt sich nach und nach in eine gute um, wenn ein tüchtiger Mann sie in die Hand genommen hat. Ich habe mir das Schwanken, die Inconsequenz in der Taktik Eurer liberalen Partei nie recht erklären können, so lange ich in der Fremde war; ich suchte die Gründe dafür in tausend Nebendingen; seit heute weiß ich, daß die halben Menschen, die sich anmaßen, die Leiter der Partei zu sein, die eigentliche Quelle aller dieser halben Maßregeln sind. Bei den Göttern, welche Menschen sind dies! Armselige Philister, deren Gesichtskreis nicht weiter als bis zur Spitze ihrer Nase reicht; hohle Schwätzer, die den Mangel eigener Gedanken durch den Schwall ihrer Worte zu verdecken suchen; silbenstechende Pedanten, die an dem Pünktchen über dem i kleben; schlaue Sophisten, die wohl wissen, was noththut, aber aus tausend unlauteren Motiven sich wohl hüten, die Wahrheit zu sagen; ehrgeizige Stellenjäger, die in der Opposition nur eine Leiter zu dem erhabenen Ziele eines Minister-Portefeuille sehen; Lebemänner, denen ein gutes Diner wichtiger ist, als ein gutes Gesetz; protzende Geldsäcke, die nicht den Pfifferling für eine Freiheit geben, bei welchen ihre Actien um ein halbes Procent fallen könnten. Um Himmelswillen, höre auf mit Deinem Sündenregister! rief Walter lachend. Wenn man Dich hört, könnte man glauben, unsere Partei sei ein politisches Sodom ohne einen einzigen Lot, der gerettet zu werden verdiente. Und in der That kenne ich keinen, erwiederte Leo. Du kommst aus einer Versammlung bei Sonnenstein; so mußt Du auch Doctor Paulus kennen gelernt haben? Ich kenne ihn brieflich schon seit Jahren, persönlich seit dem zweiten Tage meines Hierseins. Und rechnest Du auch ihn zu jenen Menschen, auf die und mit denen nicht zu rechnen ist? Wenn ich es offen sagen soll, ja! Du bist in leidenschaftlicher Aufregung, sagte Walter nach einer Pause, während welcher Leo mit düsterem, aufmerksamem Blick die Gesellschaft an dem anderen Tische musterte, und in Deiner Leidenschaft zertrümmerst Du die Tafeln des Gesetzes und rufst Wehe über Gerechte und Ungerechte. Daß unsere Partei nicht die Energie entfaltet, die sie entfalten müßte, daß sich manche unlautere, ja fremde Elemente hineingemischt haben – darüber sind alle wahren Patrioten einig. Aber wir haben doch nun vorderhand kein besseres Material, mit dem wir bauen können, und so lange noch solche Männer wie Paulus und Andere, die Du mir in auffallender Weise zu unterschätzen scheinst, auf dem Plane sind, will und kann ich an unserem Werke nicht verzweifeln. Wie kommst Du heute wieder und immer wieder auf den Paulus? fragte Leo. Weil ich den Mann eigentlich heute erst in seinem wahren Werthe kennen und schätzen gelernt habe, erwiederte Walter, und er erzählte ausführlich seine Begegnung mit dem Doctor. Leo hatte nicht mit der Aufmerksamkeit und Theilnahme zugehört, die Walter in einer Sache, die ihm so am Herzen lag, erwarten durfte. Für ihn schien es sich nur um Doctor Paulus, nicht um Walter zu handeln, denn er sagte, als dieser zu sprechen aushörte: Ja, ja, ganz recht! Das ist der Mann, wie er leibt und lebt! Der moderne Diogenes, der am hellen Tage mit der Laterne nach Menschen sucht; der Vorrates, der über das Verhältniß von gut und schön und wahr die herrlichsten Reden führt, und wenn ihn die heilige Polizei beim Kragen nimmt, ganz gelassen in's Gefängniß spaziert und mit der Geduld eines Engels den Schierlingsbecher trinkt! Ein moralischer Holländer, der mit seiner unausstehlichen Reinlichkeit sich und Anderen das Leben sauer macht; ein politischer Fatalist, der den Proceß, an welchem sein und der Seinigen Glück und Vermögen hängt, durch seine Halsstarrigkeit ruhig verloren gehen läßt, weil nach tausend, tausend Jahren doch einmal ein weiser Richter kommen, die Acten revidiren und die längst zu Staub gewordenen Märtyrer in integrum restituiren wird! – Gerade Paulus war es, der mich heute Abend durch seine heillose Vermischung von Moral und Politik zur Verzweiflung gebracht hat. Du weißt, oder Du weißt auch nicht, um was es sich in diesem Augenblicke für uns handelt. Die Bourgeois, welche, Gott sei es geklagt, gegenwärtig die liberale Partei repräsentiren, fühlen, daß ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird und daß sie sich, koste es was es wolle, so oder so stützen, an eine andere Kraft, die ihnen wieder auf die Beine hilft, anlehnen müssen. Anstatt nun der einfachen politischen Logik zu folgen und die mangelnde Kraft aus dem mütterlichen Boden zu ziehen, aus dem sie selbst erwachsen und nur mit der Zeit zu einer faulen Frucht entartet sind, das heißt aus dem vierten, aus dem Arbeiterstande, wendet man sich in dummstolzem Hochmuth und feigem Egoismus von diesem ab, liebäugelt mit der Partei des Prinzen. Und worauf beruht dieser ganze herrliche Plan? Der König, sagen sie, ist trotz seiner Jugend physisch gebrochen und kann nicht lange mehr leben; der Kronprinz liegt in der Wiege und kann jeden Tag an einer Kinderkrankheit sterben. Jedenfalls folgt dann eine langjährige Regentschaft, und der Prinz ist Herr der Situation. Machen wir uns den Mann zum Freunde, so lange ihm unsere Freundschaft noch etwas werth ist. Er leidet jetzt unter der Eifersucht der Minister, ähnlich wie wir. Er wird es uns nie vergessen, was wir ihm heute Gutes thun. Freilich ist er scheinbar ein starrer Aristokrat, aber er soll in seinem Herzen echt demokratische, zum wenigsten volksthümliche Regungen haben, er soll mit verschiedenen notorisch freisinnigen Staatsmännern des In- und Auslandes Correspondenzen pflegen, die, wenn sie bekannt würden, ihm theuer zu stehen kommen könnten; er soll – ja, ich weiß nicht, was er, wenn man diesen Geschichtenträgern glauben will, noch Alles soll! – Aber in diesem mehr als fraglichen Liberalismus des Prinzen finden sie ein Feld, auf dem ihnen der Same der Zukunft reifen muß. Freilich wird es ohne Concessionen nicht abgehen, aber, Du lieber Gott, mit der Zange des Compromisses sind noch alle Fortschrittskinder zur Welt gebracht worden. Man schwelgt bereits in zarter Sehnsucht nach dieser herrlichen Verbindung, und fordert, Arm in Arm mit dem Liberalismus in usum Delphini , das Jahrhundert in die Schranken. Und Paulus sollte zu dieser Felonie Ja und Amen sagen? rief Walter mit zornerglühter Wange, das ist unmöglich, absolut unmöglich! Ich wollte, er sagte Ja, anstatt daß er Nein sagt, wie er es sagt, erwiederte Leo. Warum sagt er nicht Ja? Etwa weil er, wie ich, fest überzeugt ist, daß es mit der Freisinnigkeit des Prinzen blauer Dunst und die ganze heiß erstrebte Coalition ein todtgebornes Kind? Bewahre! Sein Gewissen verbietet es ihm! Sein Gewissen! Als ob die Politik ein Gemüsemarkt wäre, wo, wenn man auf einen Thaler aus Versehen zu viel herausbekommen hat, man die Differenz ehrlich zurückgiebt! Als ob in der Politik das Soll und Haben stimmen müßte, wie in ihren Hauptbüchern! Als ob die Vorfahren unserer Junker nicht wer weiß wie oft den Gefangenen und das Lösegeld dazu behalten hätten! Als ob jene Bursche jetzt ruhig dasitzen und champagnern könnten, wenn ihre Ahnen ebenso biedere Ideologen gewesen wären, wie Doctor Paulus und Gesinnungsgenossen. Walter's Augen und Stirn hatten sich während Leo's Worten merklich verdunkelt. Dennoch hielt er an sich und sagte so ruhig, als er vermochte: So viel ich sehen kann, ist der Umstand, daß die Väter nicht rechtmäßig zu ihren Freiheiten und Privilegien gekommen sind, der Grund, weshalb das Gut in ihren Händen so schlecht gediehen ist und die Söhne in die schiefe Lage gekommen sind, in der sie sich jetzt der Bildung und dem Fortschritt gegenüber befinden. Ueber Leo's dunkles Gesicht zuckte ein finsteres Lächeln; ein bitteres, höhnendes Wort schwebte auf seinen feinen Lippen, aber er sprach es nicht aus. Die Gesellschaft am andern Tische war aufgebrochen und kam eben, lachend, säbelklappernd, an dem Platze, wo Leo und Walter saßen, vorüber. Niemand achtete auf die Beiden, mit Ausnahme des Mannes, der Walter vorhin so aufgefallen war. Er bemerkte, daß der Mann die glänzenden Augen mit einer Art Verwunderung auf Leo heftete und Leo den Blick ebenso erwiederte. Wer mag das sein? fragte Leo, als die Gesellschaft sich entfernt hatte. Ich weiß es nicht, erwiederte Walter, ich bin noch nie in diesem Local gewesen und wollte Dich schon immer fragen, wie in aller Welt Du gerade hierher kommst? Gefällt Dir der Ort nicht? Mir sagt er zu. Ich finde, es ist eine Erquickung, wenn man sich den Tag über in unseren Alltagsstuben herumgedrückt hat, des Abends eine Stunde oder so in hohen, schönen Räumen zuzubringen. Walter erstaunte weniger über diese Antwort, als über den Ton, in welchem Leo sie hinwarf. Ich denke, es ist für uns ebenfalls Zeit, aufzubrechen, sagte er und rief den Kellner, der sich nicht sonderlich beeilte, dem Rufe Folge zu leisten. Indeß kam der Fremde wieder in den Saal, setzte sich an denselben Tisch, an welchem er vorher mit seiner Gesellschaft gesessen hatte, und bestellte eine halbe Flasche Champagner. Willst Du nicht mit? fragte Walter, als Leo keine Anstalt machte, ihm zu folgen. Aufrichtig, ich möchte noch etwas bleiben. Wohl, aber verzeihe, wenn ich Dich verlasse, ich habe morgen viel zu thun und muß früh anfangen. Die Vettern sagten sich gute Nacht und reichten sich die Hände, aber nicht mit der Warme, wie sonst wohl. Walter war ernstlich böse auf Leo, und Leo's Gedanken waren augenscheinlich mit anderen Dingen oder Personen beschäftigt. Vierzigstes Capitel. Das vorher sehr gefüllte Local hatte sich mittlerweile ziemlich geleert; aus den anderen Räumen ertönte nur noch zuweilen Lachen und Gläserklirren; in dem Saal aber, in welchem Leo war, befand sich außer ihm nur noch der Herr, der seine Aufmerksamkeit schon vorhin erregt hatte und zu dem er auch jetzt wieder über das Zeitungsblatt weg, das er zur Hand genommen, hin und wieder forschende Blicke schweifen ließ. Dabei bemerkte er denn, daß jener in seine Zeitung ebensowenig vertieft war. Endlich legte der Mann das Blatt hin, trank ein Glas Wein, erhob sich, trat vor einen der Spiegel, ging ein paarmal auf und ab, blieb dann, als er zum zweitenmale an Leo vorüberkam, stehen und sagte: Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich Sie neugieriger, als es die Schicklichkeit erlaubt, mit Blicken verfolgt habe, aber Sie sind selbst Schuld daran. In der That? erwiederte Leo, sein Blatt ebenfalls hinlegend, mit einer leichten Neigung seines Hauptes. Ganz gewiß, fuhr der Andere fort; wenn man, wie Sie, nicht aussieht wie andere Menschen, muß man sich dergleichen gefallen lassen. Da man in so höflichem Tone Beleidigungen nicht vorzubringen pflegt, nehme ich an, daß Sie eine derartige Absicht nicht haben, sagte Leo. Beleidigen! rief der Andere, seit wann ist es eine Beleidigung, wenn Einem gesagt wird, daß er nicht aussieht wie andere Menschen? Ist es je eine gewesen, so ist es heutzutage gewiß keine mehr. Und warum heute nicht mehr? Das wissen Sie genau so gut, wie ich; oder weshalb sitzen Sie hier, nachdem Mitternacht vorüber ist und Sie Ihren Freund mit den unschuldigen blauen Augen zu Bett geschickt haben? Sie sitzen hier, weil Sie allein sein wollen, weil Sie gewohnt sind, allein zu sein; und würden Sie diese bittersüße Gewohnheit haben, wenn Sie wären, wie andere Menschen, und in Folge dessen aussähen, wie andere Menschen? habe ich bewiesen, was zu beweisen war? Vollkommen, sagte Leo lächelnd. Nun denn, so erlauben Sie mir, meinen Wein in Ihrer Gesellschaft zu trinken? Der Fremde wartete Leo's Antwort nicht ab, befahl dem Kellner, ihm eine neue Flasche zu bringen, setzte sich und sagte: Es sind nicht Alle frei, die ihrer Ketten spotten. Ich, der ich, ohne ein weiser Nathan zu sein, mich freue, in dieser späten Stunde gegen alles Erwarten einen Menschen gefunden zu haben, und der sich also daran genügen lassen sollte, kann doch nicht umhin, der stupiden Gewohnheit zu folgen und mich Ihnen vorzustellen. Mein Name ist Doctor Ferdinand Lippert, Privatsecretär des Prinzen – ich habe Ihnen schon tausendmal gesagt, Jean, daß ich diese Marke nicht trinke! Diese Zurechtweisung hatte Ferdinand Lippert verhindert, zu bemerken, daß, als er seinen Stand nannte, Leo sich verfärbte und es dann sonderbar durch sein ganzes Gesicht zuckte. Entschuldigen Sie, sagte er, man hat seine Noth mit dem Gesindel – ich habe wirklich Ihren Namen überhört, oder nicht? Leo nannte sich, und Ferdinand sagte, während er nach dem Kellner ausblickte, der ihm zu lange zu bleiben schien: Den Namen sollte ich, däucht mir, schon gehört haben. Das wäre kein Wunder; der Adreßkalender füllt jährlich einige seiner Spalten damit aus. O nein, nicht so – in einer eigenen Beziehung, auf die ich mich aber in der That in dieser Stunde nicht besinnen kann; es ist sonderbar, wie günstig der Champagner der Entfaltung aller übrigen Geistesthätigkeiten ist und sich doch mit dem Gedächtniß nicht vertragen kann. Es ist sonderbar, sehr sonderbar. Er stützte den Kopf in die Hand. An der weißen, schmalen Hand waren die Adern sehr stark hervorgetreten und ebenso an den Schläfen, während es auf der Stirn wie eine rothe Wolke lag und der vorherige schöne Glanz der Augen sich in ein düsteres Feuer verwandelt hatte. Es bedurfte nicht Leo's kundigen Blickes, um zu erkennen, daß der Kellner sich in dem Zustande seines allabendlichen Gastes nicht eben sehr verrechnet hatte und daß Ferdinand in der That mehr als halbbetrunken war. Der Champagner war gebracht; Leo füllte die Gläser und sagte: Das ist so sonderbar nicht, und vor Allem scheint es mir eine weise Einrichtung. Nunc vino pellite curas ! Wie könnte man dem frommen Befehle folgen und die Sorgen vergessen, wenn der Wein das Gedächtniß aufmunterte, anstatt es einzuschläfern? Sorgen! sagte Ferdinand, was haben Sie und ich, die wir Beide noch nicht dreißig Jahre alt sind, mit Sorgen zu thun? Ich eben nicht, aber Sie, ein Mann in einer wichtigen, verantwortlichen Stellung; ein Mann, der sich fortwährend in der höchsten Gesellschaft bewegt, jedes Wort auf die Wagschale legen, jeden Blick berechnen, jeden Ton harmonisch abstimmen muß; ein Mann, der eine so schwierige Position in jedem Moment behaupten und sie nur durch das Uebergewicht seines Geistes behaupten kann, da ihm nicht einmal der Vortheil einer adeligen Geburt zur Seite steht – ein solcher Mann, sollte ich denken, muß in der That manchmal das Bedürfnis haben, seine Seele im Champagner von allen Sorgen rein zu baden. Ja, bei den Göttern, Sie haben Recht! rief Ferdinand; der Champagner bringt Alles an seine rechte Stelle; von Zwölf bis Zwei in der Nacht seh' ich die Welt wie sie ist! Da fallen alle Masken, da fällt der übrige Plunder, mit dem sie sich herausstaffiren auf diesem närrischen Mummenschanz! O, es ist ein lustig, lustig Ding, Alles zu wissen. Alles zu sehen! Was wollen Sie? Ich sehe den Jean, wie er mir hinter dem Rücken eine Faust ballt! Ich sehe in Ihren Augen ein Licht, ein klares Licht, das durch den Weindunst nur unten ein klein wenig blau gefärbt ist, sonst aber nicht im Mindesten flackert, und mit dem Sie mir über Stirn und Augen leuchten, ganz ruhig, ganz methodisch-wissenschaftlich. Ist das nicht köstlich? Ich muß Ihnen glauben, was Sie mit so großer Bestimmtheit aussprechen, sagte Leo. Ja, ja, glauben Sie mir immerhin, sagte Ferdinand. In meinen Augen werden Sie dadurch nicht schlechter. Es ist ein Genuß, ein Gesicht sich gegenüber zu haben, das ordentlich componirt ist und dessen großartige Plastik Einem immer imponirender entgegentritt; es ist ein hoher Genuß, selbst wenn man seinen Meister gefunden hat, selbst wenn man hinaufschauen muß, wie – ja, wie der knieende sichelschleifende Sclave, den ich einmal in einem Sculpturensaal sah. Es lag so viel Erdenjammer in den gedrückten und doch auch wieder so schlaffen Zügen dieses stumpfen Menschengesichtes, in der faltenreichen Stirn, in den heruntergezogenen Lippen. Ich stand lange davor; es wurde mir wehe um's Herz. Die langgeschlitzten Augen waren mit einem bittenden, klagenden Ausdruck in die Höhe gerichtet, ganz starr, ganz starr! Ich folgte endlich dem starren Blick, und da sah ich einen mit dichtem Epheukranz und breitem Diadem geschmückten Bacchuskopf – Lippen, die alle Grazien geküßt hatten, Wangen von einer Zartheit der Formen, die aller Beschreibung spottet, herrlichste, große, feuchte, träumerische, mitleidige Augen, die immerfort auf den sichelschleifenden Sclaven schauten und deutlich sagten: Du armer Sohn des Lasters und der Noth! ich kann Dir nicht helfen – Gott, wie ich bin, und wie oft ich mich auch im Nektar berausche – ich habe keinen Dreier in der Tasche, und ohne Geld kann man unten bei Euch auf Erden keinen Champagner trinken. So sichle Du immer fort, bis der große Schnitter kommt und Dich mit dem übrigen Grase abmäht! – Was wollte ich doch nur mit den beiden Marmorpuppen? Ja so – die Eine, der Bacchus, sollten Sie sein, und der Andere ich. Sie sehen nicht aus wie ein Bacchus – wahrhaftig nicht! eher wie der Apoll, der in das Lager der Danaer die tödtlichen Geschosse schleudert – gleichviel! hinaufblicken muß man; das ist eine Wollust, schon der Abwechselung wegen. Aber hinabblicken zu müssen, wie es mir alle Abende, so oft ich hier bin, in diesem Saale passirt; sehen zu müssen, wie die glatten, dummen Gesichter immer glatter und immer dummer werden, bis man zuletzt gar keine Menschengesichter, sondern lauter Thierfratzen, meckernde Böcke, blökende Hammel, wiehernde Pferde um sich hat – das ist ein Spuk, bei dem man vor greulichem Ekel sterben müßte, wenn man die Sache nicht leider so gewohnt wäre! Aber weshalb suchen Sie sich keine bessere Gesellschaft? warf Leo ein. Weil es die beste, die anerkannt beste ist, und diese beste Gesellschaft mich sucht! Sie können ohne mich nicht fertig werden, die Tröpfe! Ich bin das Salz in ihrer mageren Bettelsuppe. Und dann, ist es denn nicht überall comme chez nous ? Nur daß die Anderen ihren Unsinn bei Bier vorbringen und wir bei Champagner. Ich für meinen Theil trinke lieber Champagner. Und Ferdinand stürzte Glas auf Glas hinunter, und die Adern auf seinen Schläfen schwollen wie Aeste an, und das ganze schöne Gesicht sah aus wie ein blühender Garten, den der Sturm zerzaust. Er knirschte mit den Zähnen, stieß das Glas heftig auf den Tisch, daß der Stiel zerbrach und der Wein verschüttet wurde. Weshalb soll ich das Leben nicht genießen, wenn ich dazu Lust habe? flüsterte er in heiserem Ton, weil ich kein Von vor dem Namen führe, weil mein Vater nicht Kammerherr, sondern ein ganz gewöhnlicher Bedienter ist, der sich Castellan tituliren läßt? Ich habe mir den Namen nicht ausgesucht und den Vater auch nicht; ich hätte einen besseren Geschmack bewiesen. Wer sagt, daß ich meines Vaters Sohn bin? Meine Mutter sagt Alles, was mein Vater sagt. Ich will wissen, wer ich bin. Warum kann ich nicht ausgetauscht oder untergeschoben sein? Wer war der Mann in dem rothseidenen Schlafrock, zu dem mich meine Mutter einmal gebracht hat? Ich war vielleicht drei Jahr alt, und aus der Zeit weiß man gewöhnlich nicht viel; aber einzelne besonders merkwürdige Eindrücke bleiben denn doch in dem weichen Gehirn haften, und so ein Eindruck war das! Von der Decke hing eine Lampe, und ihr Licht fiel hell auf den rothen Schlafrock. Einen rothseidenen Schlafrock zum Vater haben, ist das nicht merkwürdig? Man könnte eine spukhafte Novelle im romantischen Styl daraus machen, wie man sein Leben lang nach seinem Pater sucht und ihn eines schönen Tages auf dem Trödel kauft, mit nach Hause nimmt und an den Nagel hängt. Auf einmal fängt der Kerl an mit den Schößen zu wehen und zu ächzen, und bittet uns, wir möchten ihn um Gotteswillen abschneiden, denn, Schuft wie er sei, das habe er doch nicht um uns verdient; und wie man genauer hinsieht, ist es gar kein Schlafrock, sondern ein guter alter Herr unserer Bekanntschaft in Kammerherrn-Uniform, der die Augen verdreht und mit den Beinchen zappelt, daß wir ihn schnell vom Nagel nehmen – und da rasselt uns ein Haufen Knochen vor die Füße. Warum soll mir dergleichen nicht passiren? Mir kann in dieser Welt Alles passiren, denn ich bin die Welt; in meinem Gehirn drehen sich Sonne, Mond und Sterne; – ich bin ich – und sie soll keine Götter haben außer mir. Sie denkt, weil sie meine schönste Bacchantin ist, könne sie mit mir, dem Gott Bacchus, spielen! Aber, bei meiner Götterschaft, das soll sie nicht! Ich will sie zerreißen lassen! Nackt will ich sie meinen Panthern vorwerfen – nackt, nackt! Ferdinand hatte sich bei den letzten Worten erhoben; plötzlich sank er wie todt in seinen Stuhl zurück. Leo befahl dem Kellner, ein Glas Wasser zu bringen; als aber jener damit herankam, taumelte Ferdinand schon wieder in die Höhe und stand endlich aufrecht da. Er fragte mit lallendem Tone, ob Nachtdroschken da seien, versicherte Leo in trunken-verbindlicher Weise, daß er sich ausnehmend freue, eine so interessante Bekanntschaft gemacht zu haben, und schritt zur Thür hinaus, die ihm Jean dienstbeflissen öffnete. Jean kam zurück, lächelnd. Ist der Herr – Immer so? I nun, er ist manchmal schlimmer; freilich immer erst, wenn er allein ist, dann geht's oft ein wenig wild zu, daß wir unsere liebe Noth mit ihm haben. Er darf sich mehr erlauben, als der reichste Graf oder Baron, denn mit ihm würden wir die halbe Kundschaft verlieren. Und das ist, wie gesagt, immer nur, wenn er zum zweitenmale kommt. Aber das erstemal in der feinen Gesellschaft – ei, da können sie Alle von ihm lernen! Und das Geld sieht er nicht an. Wenn er manchmal auch ein bischen ausfallend wird – er bezahlt's, und anständig. – Danke ergebenst, mein Herr! Leo wanderte, in tiefes Sinnen verloren, die langen, geraden Straßen nach seiner Wohnung zurück. Er wiederholte sich die Reden, die er heute in der politischen Versammlung gehört hatte, er wog die vorgebrachten Argumente gegen einander ab. Es sind unpraktische Träumer, sagte er endlich zu sich, und ich will es ihnen beweisen, daß sie ihre Rechnung ohne den Wirth gemacht haben. Dieser Lippert kommt mir wie gerufen. Er wird morgen nicht mehr wissen, was er heute gesagt, aber er kann schon übermorgen in demselben Zustande sein, vielleicht bringt man ihn auf interessantere Themata, als über die er heute Abend radotirte. Ein alberner Mensch, der den großen Mann spielen will, ohne das Zeug dazu zu haben, und der sich wunder wie erhaben über andere Menschen vorkommt, wenn er als der letzte Gast aus der Kneipe geht. Man kennt das Gelichter! Aber brauchbar! sehr brauchbar! Auf seinem Tische fand Leo einen Brief mit einem englischen Postzeichen. Endlich! rief Leo, mit Lebhaftigkeit die Hand nach dem Briefe ausstreckend. Aber er beeilte sich nicht, denselben zu erbrechen, sondern wog ihn sinnend in der Hand. Auch Patroklus ist gestorben, murmelte er; einst war er mein Achill! Aber man wächst aus seinen Freunden heraus, wie ein Junge aus seinen Kleidern. Da liegt so ein Kleid! und er deutete mit einem melancholischen Lächeln nach der Thür, die zu Walter's Zimmer führte. Der Brief lautete:   »Du siehst, ich habe es ohne Dich nicht lange in der Schweiz ausgehalten. Uebrigens war meine Anwesenheit hier dringend nöthig. Der Handstreich gegen *** mußte berathen werden; die Häupter **, **, **, alle waren hier! man wunderte sich sehr, Dich nicht auch hier zu sehen, noch mehr aber, als man den Grund erfuhr, der Dich bewogen hat, so Knall und Fall Deinen Posten in unserm Lager zu verlassen, und Dich in das der Feinde zu begeben. Man würde über Verrath geschrieen haben, wenn ein Anderer als Du dies gewagt hätte. Du darfst mehr, weil Du mehr kannst. Und dennoch! – Liebling meiner Seele, es ist lange her, daß ich meine Mentorschaft über Dich aufgegeben habe, aber heute laß Dir ein warnendes Wort gefallen; bedenke noch einmal, was Du thust! Du behauptest, daß wir mit unseren unorganisirten Kräften nicht von der Stelle kämen, daß Du eine disciplinirte Masse – wie sie die liberale Partei unseres Landes sei – und wäre sie noch so schwerfällig, noch so stupid, bei weitem vorzögest; daß man wenigstens den Versuch machen müsse, ob es nicht möglich sei, diese Macht in Bewegung zu setzen, ihr einen neuen Geist einzuhauchen, endlich eine Coalition derselben mit dem Arbeiterstande zu bewerkstelligen. zu diesem Zwecke sei es freilich nöthig, daß Du Dich für einige Zeit in einen Bourgeois verwandeltest, denn nur auf einen Menschen in rangirten oder scheinbar rangirten Verhältnissen würden sie hören; jeder Andere würde ihnen von vornherein verdächtig sein. So, oder ungefähr so, in kurzen Worten Dein Plan. Ein schöner Plan – wenn er ausführbar wäre! Aber ist er das? Ich sage nein – und tausendmal nein! Mit diesen Menschen ist das Kanaan, nach dem wir streben, nicht zu erobern; sie müssen umkommen in der Wüste, sie müssen – und sie werden. Keiner vermag dies Schicksal von ihnen abzuwenden. Selbst Du nicht! Du wirst Dich bald genug davon überzeugen – hast Dich vielleicht schon jetzt davon überzeugt. Das Ganze wäre also im schlimmsten Falle ein verfehltes Experiment. Das möchte noch sein, obgleich es immer schade ist um die kostbare Zeit, die Du nutzlos darauf verwendet. Aber, wenn die Leute erst einmal in's Experimentiren kommen, finden sie nicht leicht ein Ende. Und könnte es Dir nicht auch so gehen? Könntest Du nicht – werde nicht zornig, Leo, sondern lies ruhig weiter! – könntest Du nicht auf den Einfall kommen, nun auch mit dem Königthum einen Versuch anzustellen? Das Eine würde in meinen Augen nicht schlimmer sein, als das Andere, wenn es nicht so viel gefährlicher für Dich wäre. Diese Täuschung dürfte länger dauern als jene erste, denn Du findest dort, was Du vor Allem respectirst: Macht! und Deine Sache wäre es dann, die Macht zu Deinen Zwecken zu verwenden. Auch von diesem Irrthum würdest Du zurückkommen! Aber wie weit, wie weit wäre der Umweg! Bleib' auf der geraden Straße, Leo! auf der, die Dein Fuß in jener Nacht betrat, als wir unserm Heimathsthal den Rücken wendeten, und die Flammen der Häuser, die sich an unserm Grimme entzündet hatten, uns den Pfad wiesen, den wir wandeln müssen! Zwischen uns und ihnen ist kein Bündniß! Wir sind, was wir sind, oder wir sind nichts. In der gänzlichen Lossagung von allen und jeden Vorurtheilen, die sonst die Menschen in ihrem Denken und Handeln binden, liegt unsere Kraft. Hier ist der archimedeische, feste Punkt, von dem aus wir die Welt aus ihren Angeln heben können. Leo, Leo! Raube Dir nicht den Glauben an Dich selbst! Doch, was will ich denn? Und wohin treibt mich meine Sorge um Dich? Vielleicht lachst Du in diesem Augenblick über mich! Lache nur, ich will es gern verdient haben.«   Aber Leo lachte nicht, als er den Brief aus der Hand legte und mit leisen Schritten auf und ab zu gehen begann. Seine Stirn war in düstere Falten gezogen und die feinen Lippen wie in Schmerz übereinander gepreßt. – Den Glauben an sich selbst! Wie doch! Hat den nicht jeder Narr? Auch der Geck vorhin glaubte an sich selbst, an sein Geistreichsein, an seine Unwiderstehlichkeit. Was hilft der Glaube an uns selbst, wenn wir die Menschen nicht haben, mit denen wir unsere Idee in's Werk setzen? Was bringen jene Manchaner denn fertig? Was wird es sein, was sie in London einmal wieder aushecken? Irgend eine eclatante Dummheit, die ihnen den Helm des Mambrinus noch tiefer auf die tollen Schädel drückt! Du bist der Edelste unter ihnen! Du wärest eines besseren Looses werth! Aber der Fanatismus hat auch Dich hohl gebrannt. Du hast nichts vergessen, aber Du hast auch nichts gelernt; hast nicht gelernt, daß, wer den Zweck will, auch die Mittel wollen muß. Wie lange wird es dauern, und auch wir werden aufgehört haben, uns zu verstehen! Es ist nicht meine Schuld. Wer nicht für mich ist, ist wider mich. Er nahm den Brief wieder zur Hand. An dem Rande standen noch ein paar Zeilen.   »Ich vergaß, als wir schieden, Dir den Namen von Eve's Onkel zu sagen, bei dem sie sich, so viel ich weiß, noch befindet. Der Mann heißt Lippert und ist, glaube ich, Castellan oder etwas derart im Schlosse des Prinzen. Du thust mir die Liebe und siehst Dich nach dem Mädchen um. Ihr seid ja alte Bekannte«.   Das trifft sich sonderbar, sagte Leo; wenn ich abergläubisch wäre, könnte mich das fast stutzig machen. Er lachte; es war kein heiteres Lachen. Von dem Thurme der nahen Kirche schlug es zwei Uhr. Es fing Leo an zu frösteln; er fühlte sich ermattet, seine Schläfen schmerzten ihn. Er zählte die Schläge seines Pulses. Kein Wunder, murmelte er, wie kann man, wenn man so fiebert, an sich selbst glauben! Einundvierzigstes Capitel. Das Palais des Prinzen unterschied sich in seiner Façade nicht eben von den Minister- und Gesandtschaftshotels, deren eine ganze Anzahl in demselben stillen Quartier lag. Ein großes, massives Hauptgebäude im zopfigen Geschmack der ersten Jahre des vorigen Jahrhunderts, von zwei Seitengebäuden, die ihre Giebel nach der Straße richteten, flankirt; die offene Seite des so gebildeten Hofes mit einer Colonnade geschlossen, zwischen deren plumpen Säulen plumpe Statuengruppen aus Sandstein in allerlei wunderlichen Stellungen ihre ungeschlachten Glieder verrenkten; in der Mitte des düsteren Hofes auf einer Säule von polirtem Granit ein colossaler vergoldeter Adler mit weit ausgespannten Flügeln – offenbar ein Werk aus neuester Zeit und in seiner glänzenden Neuheit mit der grauen Umgebung seltsam contrastirend – das war so ziemlich Alles, was das prinzliche Palais dem Auge des Vorübergehenden darbot. Nichtsdestoweniger war es in den Sehenswürdigkeiten der Residenz aufgeführt und wurde auch hin und wieder von durchreisenden Fremden und von einheimischen Künstlern und Kunstliebhabern besucht, denn es enthielt einige werthvolle Sammlungen von Münzen und geschnittenen Steinen und eine Galerie von Gemälden, zumeist älterer Meister, die von Kennern sehr gepriesen wurde. An der Thür des linken Flügels war eine Klingel angebracht, dazu ein kleines Schild, auf welchem die Worte: »Zum Castellan« zu lesen waren. Vor dieser Thür stand einige Tage später in der Mittagsstunde Leo. Er war im Begriff zu klingeln, als die Thür von innen geöffnet wurde und ein Officier heraustrat, in welchem Leo den General von Tuchheim erkannte. Der General schlug den Kragen seines Mantels in die Höhe und schritt, Leo's nicht achtend, nach einem Wagen, der in einiger Entfernung an der Ecke der Straße hielt. Der Jäger öffnete den Schlag, der General stieg ein, und der Wagen rollte schnell davon. Er ist alt geworden, dachte Leo, sehr alt! Wie lange ist das nun her? Neun Jahre etwa! Und ein schlimmer Tag war's, an dem ich dies kluge, kalte Gesicht sah! Oft hab' ich es seitdem gesehen, wenn ich im Traum wieder durch den Wald fliehe wie in jener Nacht und sie hinter mir her sind mit Halloh und Hussa – voran der Prinz auf dem schwarzen Pony und jener alte Mann auf einem hochbeinigen weißen Gerippe! Es ist kein gutes Omen, daß er mir hier auf der Schwelle begegnet! Der General hatte beim Herausgehen die Thür aufgelassen, als er Jemanden unmittelbar davor stehen sah; Leo brauchte nur eben in's Haus zu treten. Auf dem hohen, geräumigen Flur fand er Niemand, an den er sich hätte wenden können; aber an einer Thür rechts trug ein Schild wiederum die Aufschrift: »Zum Castellan«. An diese Thür pochte er; er öffnete sie zögernd, als auf sein mehrmaliges Klopfen keine Antwort erfolgte. In der einen der beiden tiefen Fensternischen des niedrigen, aber sehr weiten Gemaches saß eine Frau vor einem Nähtischchen. Sie hatte das Gesicht in die Hände gedrückt und war so in sich versunken, daß sie den Schritt Leo's nicht hörte, bis dieser fast unmittelbar vor ihr stand. Dann erst fuhr sie mit einem leisen Schreckensruf jäh in die Höhe, und ihre erste Bewegung war, von ihrem gutmüthigen Gesicht, das einst recht schön gewesen sein mochte, die Spuren der reichlichen Thränen zu vertilgen, die sie soeben geweint hatte. Sie fragte mit leiser, schüchterner Stimme, was dem Herrn zu Diensten stehe? Leo erwiederte, daß er gekommen sei, die Kunstsammlungen des Schlosses zu sehen. Die Verwirrung der Frau steigerte sich, als Leo sein Gesuch vorbrachte; sie murmelte, daß ihr Mann, der sonst die Fremden herumzuführen habe, ausgegangen und sie selbst in diesem Augenblicke nicht gut abkommen könne. Leo sagte, daß er zu gelegenerer Zeit wiederkommen wolle, und war schon im Begriff, sich zu entfernen, als durch eine Thür, welche in die anderen Wohnungsräume führte und, wie es schien, nur angelehnt gewesen war, eine Frauengestalt rasch hereintrat, die, als ob der unerwartete Anblick des Fremden sie erschrecke, mit einem gut gespielten Erstaunen zurückprallte. Ach, Verzeihung! sagte sie, ich glaubte, die Tante sei allein; und sie, wollte sich mit einer Verbeugung entfernen. Der Herr möchte das Schloß sehen, Eve, sagte die Frau, der Vater ist ausgegangen; ich – Vielleicht vertraut sich der Herr meiner Führung an, unterbrach Eve die Tante; ich kann freilich nicht viel mehr, als die Thüren aufschließen – wenn der Herr damit zufrieden ist. Leo beeilte sich, zu versichern, daß er damit vollkommen zufrieden sei, daß er es aber nicht verantworten könne, das Fräulein von jedenfalls interessanteren Beschäftigungen abzuhalten. Die Tante schien unzufrieden und ängstlich. Sie flüsterte mit Eve, und es verging noch einige Zeit, bis diese, die Schlüssel in der Hand, an Leo's Seite durch den langen Corridor schritt, der, den Flügel in seiner ganzen Länge durchschneidend, nach dem Hauptgebäude führte. Leo hatte unterdessen Zeit gehabt, von seinem Erstaunen zurückzukommen; er würde Eve, wäre er nicht vorbereitet gewesen, schwerlich wieder erkannt haben. Das Bauernmädchen hatte sich in eine Dame verwandelt, deren einfache, elegante Toilette einen nicht gewöhnlichen Geschmack bekundete. Ihre Sprache, ihre Haltung, ihre Manieren trugen den Stempel einer Bildung, deren Echtheit nur sehr feinen Ohren und Augen zweifelhaft sein mochte. Auch schien sie Leo größer und schlanker und trotzdem in ihren Formen noch voller und üppiger als sonst – ja, er mußte sich sagen, als sie jetzt vor ihm her ein paar Stufen hinaufschritt, daß er selten eine Gestalt gesehen habe, in welcher sich Kraft und Weichheit so harmonisch mischten. Aus ihrem Gesicht war das Bäuerischrohe vollständig verschwunden, obgleich ihre grauen Augen einen Glanz hatten und auf ihren Wangen eine Frische lag, die den Städterinnen nicht eigen zu sein pflegt. Das überaus reiche, sehr dunkle Haar, das sonst in ein paar unschöne Zöpfe geflochten war, umgab jetzt in einer modischen kleidsamen Frisur den wohlgeformten Kopf, und Leo fiel das Wort Ferdinand's von der schönen Bacchantin ein, die jener nackt den Panthern vorwerfen wollte. Sie haben keinen besonders günstigen Tag gewählt, mein Herr, sagte Eve, während sie in dem ersten Saal, in welchen sie jetzt eingetreten waren, die Vorhänge von den hohen Fenstern aufzog; bei dem trüben Himmel werden die alten Bilder, die viel Licht brauchen, wenig Wirkung machen. Diese Gemälde stammen von Prinz Eduard, dem Großonkel Sr. Hoheit, der sie zum größten Theil selbst in Italien sammelte. Es sollen sich einige werthvolle Stücke aus dem fünfzehnten Jahrhundert darunter befinden. Diese Madonna mit dem Kinde wird von Einigen für ein Werk Rafael's gehalten, von Anderen wird es dem Bernardo Luini, einem Schüler Leonardo da Vinci's, zugeschrieben. Diese Kreuzabnahme ist von Gianantonio Nazzi, genannt Il Sodoma – aber was fällt mir denn ein! rief sie, sich plötzlich mit einem koketten Lachen unterbrechend; da krame ich Ihnen meine Weisheit aus, und Sie werden ohne Zweifel von diesen Dingen mehr verstehen als ich, wozu, nebenbei gesagt, nicht viel gehört. Ich bin nur ein Liebhaber, kein Kenner, sagte Leo, der sich ohne Ihre Güte schwerlich unter diesen alten Herrlichkeiten zurechtfinden würde, und Sie sind, wie ich sehe, in der Kunstgeschichte sehr bewandert. Das lernt sich so, erwiederte Eve leichthin, ich habe ein gutes Gedächtniß für Namen, und vielleicht auch ein Auge für Zeichnung und Farbe. Früher bin ich oft mit Fremden durch diese Räume gewandert: jetzt komme ich nur selten hierher. Ihre Frau Tante schien Ihnen nur mit Widerstreben die Schlüssel auszuhändigen, sagte Leo. Eve zeigte lächelnd ihre weißen Zähne. Sie beobachten scharf, mein Herr. Und höre nicht minder scharf, sagte Leo; als Sie einen Augenblick mit der Tante flüsterten, hörte ich die Worte: Er wird es ja nicht erfahren. habe ich recht gehört? Mein Herr! rief Eve und trat mit einer erkünstelten Miene der Entrüstung einen Schritt zurück. Nun, nun, Eve, unter alten Freunden nimmt man das nicht so genau; sagte Leo, Eve's Hand ergreifend. Diesmal zitterte die Hand wirklich, die Farbe auf ihren blühenden Wangen kam und ging, ihr schöner Busen hob und senkte sich hastig, und ihre Augen waren mit dem gespanntesten Ausdruck auf Leo's Gesicht geheftet. Kennen Sie mich wirklich nicht mehr, Eve? Eve that einen leisen Schrei und blickte noch einmal in Leo's Augen, auf Leo's Mund. Leo faßte auch die andere Hand. Eve lehnte, wie in plötzlicher Ohnmacht, ihren Kopf an seine Schulter. Leo hielt die schöne Gestalt in seinen Armen, ihr Gesicht war zu ihm emporgewendet; er fühlte den warmen Athem; wie er sie noch näher an sich zog, drückte sie ihre Lippen auf die seinen. Eve richtete sich wieder auf. Sie böser, böser Mensch, sagte sie, wie haben Sie mich erschreckt! Wie kommen Sie hierher? Seit wie lange sind Sie hier? und wie haben Sie sich verändert! Wie groß und stattlich und – schön sind Sie geworden! Wo sind Sie gewesen? Nein, wie freue ich mich, Sie wiederzusehen! So fragte und lachte Eve durcheinander, und jetzt war wieder etwas von der Eve von damals in ihr, dem heißblütigen Mädchen, das keine anderen Gebote kannte, als die Regungen und Triebe ihrer eigenen, unbändigen, halb verwilderten Natur. Sie hatten auf einem niedrigen Divan in einer Nische des Saales Platz genommen. Eve konnte sich noch immer über das Wiedersehen ihres Jugendbekannten nicht beruhigen. Nach ihrem Bruder fragte sie nicht weiter, als Leo ihr die Grüße desselben mittheilte. Es genügte ihr zu, hören, daß er nicht mit Leo zurückgekommen sei. – Konrad hat mich immer tyrannisirt, sagte sie, ich will von Niemand tyrannisirt sein, höchstens von Einem, den ich liebe, und ich habe meinen Bruder nie geliebt. Er hat mir jede Freude verdorben, wenn es in seiner Macht stand, und so hat er auch Sie aufgehetzt, daß Sie so schlecht gegen mich waren. Ja, ja, Sie waren schlecht gegen mich, sehr schlecht. Was konnte ich dafür, daß ich Sie liebte? Sie sahen so seltsam aus mit Ihren dunklen Augen und dem dunklen Haar und dem mageren braunen Gesicht! Und Sie waren ein Waisenkind, wie ich, das allein stand, wie ich, hilflos war, wie ich, und doch nach etwas Höherem strebte, gerade wie ich. Nun, Sie haben erreicht, wonach Sie strebten: Sie haben gewiß eine glänzende Carrière gemacht – Noch nicht, sagte Leo lachend. Oder werden es doch noch einmal, fuhr Eve eifrig fort. Sie haben tausend Mittel dazu; aber ich! – Ich bin geblieben, was ich war. Leo wollte diese letztere Behauptung nicht zugeben; er sagte, daß er noch nie an Jemand eine so gewaltige Veränderung in verhältnißmäßig so kurzer Zeit beobachtet habe; daß er diese Veränderung für unmöglich halten würde, wenn er sie nicht mit seinen eigenen Augen wahrnähme. Eve lachte, daß ihre weißen Zähne in dem Halbdunkel glänzten. Ich war damals sehr garstig? sagte sie. Das meine ich nicht, erwiederte Leo, jedenfalls hatten Sie sehr schöne Augen. Die Erklärung des Wunders wird überhaupt wohl nur darin liegen, daß der siebenzehnjährige Bursche zu dumm war, einen Demant von einem Stück Glas zu unterscheiden. Aber wissen möchte ich, wer der Künstler war, der diesen kostbaren harten Stein zu schleifen verstand, so daß nun Niemand über seinen Werth im Unklaren sein kann. Wer der Künstler war? entgegnete Eve. Wenn Sie es im Ernst wissen wollen: die Eifersucht. Das müssen Sie mir erklären, sagte Leo. Ich wäre eine Närrin, rief Eve, wenn ich es thäte. Soll ich Sie etwa noch eitler machen, als Sie es jedenfalls schon jetzt sind? Und ich schwöre Ihnen, sagte Leo lachend, daß Sie auf die Gefahr hin ruhig reden mögen. Ich bin so eitel, daß ich eitler gar nicht mehr werden kann. Nun, entgegnete Eve, wenn wirklich an Ihnen nichts mehr zu verderben ist – und je länger ich Sie ansehe, desto mehr möchte ich glauben, daß Sie in diesem Punkte die Wahrheit sagen – darf ich Ihnen ja wohl das Geständniß machen, daß ich Sie in jener Zeit leidenschaftlich geliebt habe. Lassen Sie meine Hände in Ruhe! Sie brauchen sich nicht dafür zu bedanken. Sie haben nichts dazu gethan; Sie haben nie ein freundliches Wort für mich gehabt; ja, Sie haben mich eigentlich von sich gestoßen, und doch war ich bereit, für Sie durch Wasser und Feuer zu gehen. Noch an jenem Winternachmittage – ich werde es nie vergessen – als meine Mutter gestorben war und Ihr in Tuchheim das Schloß stürmen wolltet, glauben Sie, ich hätte um Konrad's willen die langen, langen Stunden oben auf der Bergeshalde im schneidenden eiskalten Winde gesessen und geduldig gewartet? Ich that es, weil ich wußte, daß er Sie schicken würde, den ich so lange nicht gesehen hatte und wiederzusehen mich so unendlich sehnte; und als Sie endlich kamen und vor mir zurückschauderten wie, vor einem wilden Thier, ja, da wollte ich nichts weiter sein, als wofür Sie mich nahmen; und wie ein wildes Thier lief ich durch den Wald und Schnee hügelabwärts, hügelaufwärts, bis ich oben beim Schlosse ankam und dem gnädigen Fräulein ohnmächtig in die Arme fiel. Das Schloß wurde gerettet, aber der Lohn meines Verrathes blieb nicht aus. Ich sagte mir immerfort, Tag und Nacht, daß ich es sei, die Sie in die Ferne getrieben; ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber ich glaubte es und konnte es mir nicht verzeihen. Ich haßte mich, ich haßte alle Menschen, am meisten aber Ihre Cousine, die eitle Silvia, an die ich jetzt noch nicht denken kann, ohne daß sich mir das Blut zum Herzen drängt. Sie war so klug und übermüthig, und Alle trugen sie auf den Händen, und einmal hörte ich Walter erzählen, daß Sie früher Gedichte auf sie gemacht hätten, und ich erinnere mich nicht mehr, was er noch weiter und was die Anderen sagten: aber ich wußte nun, warum ich Silvia haßte. Von dem Augenblick habe ich keinen anderen Gedanken gehabt, als auch so klug zu werden und mir eine Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen. Was war jene denn mehr als ich? Warum sollte mir das Alles nicht ebenso gut erreichbar sein, wie ihr? Deßhalb bin ich mit Freuden hierher gegangen, denn in dem Hause des Freiherrn, in der Nähe der Verhaßten, konnte und wollte ich nicht bleiben – und seit der Zeit bin ich hier gewesen und habe mich mittlerweile so zu meinem Vortheil verändert, wie Sie, ich fürchte mit mehr Galanterie als Aufrichtigkeit, zu sagen belieben. – Nun, mein Herr, Sie sind ja ganz nachdenklich geworden! Empfinden Sie Reue über das Unglück, das Sie angerichtet haben? Beruhigen Sie sich; das arme Opfer Ihrer Herzenshärtigkeit vergiebt Ihnen, hat Ihnen schon lange vergeben und freut sich nur herzlich, einen alten Freund nach so langen Jahren endlich einmal wiederzusehen. Eve reichte mit anmuthigem Lächeln die Hand hin, die Leo eifrig drückte. Ich danke Ihnen nicht minder herzlich, liebe Eve, sagte er. Wer, wie Sie und ich, in der Welt allein steht, kann wohl von Glück sagen, wenn er einen Freund findet, der ihm mit Rath und That zu Hilfe kommt. Ich werde wohl noch Gelegenheit haben, beides von Ihnen in Anspruch zu nehmen, aber lassen Sie uns für diesmal von mir schweigen, und halten Sie es nicht für Neugierde, sondern für aufrichtige Theilnahme von meiner Seite, wenn ich von Ihnen selbst, von Ihren Verhältnissen, mehr zu erfahren wünsche. Ich habe vorhin im Scherz die Indiscretion gehabt, zu fragen: wer es nicht gleich erfahren soll, daß Sie einen Unbekannten in diesen Räumen umher führen; ich wiederhole jetzt im Ernst die Frage: Sind Sie verlobt, Eve? Und wer ist es, der die Schätze dieses Herzens einmal sein nennen soll? Eve's frische Wangen glühten, aber in ihren glänzenden Augen, um ihre vollen Lippen spielte ein kokettes Lachen. O, über diese Männer! rief sie, also verlobt, oder verliebt zum wenigsten muß ein Mädchen sein, wenn sie Anstand nimmt, mit dem ersten besten hübschen jungen Mann, der des Weges kommt, sich auf ein paar Stunden in eine einsame Bildergalerie einzuschließen? Sie weichen mir aus, Eve, sagte Leo, aber die Sache ist wichtig, und ich, als Freund, habe das Recht, in einer so wichtigen Sache klar zu sehen. Uebrigens hatte Ihre alte gute Tante offenbar stärkere Bedenken, als Sie, woraus hervorgeht, daß Sie der Liebe des Mannes, um den es sich handelt, sehr sicher sind, oder sich nicht viel daraus machen, oder vielleicht, daß beides zugleich der Fall ist. Wissen Sie nicht noch mehr? fragte Eve, indem sie sich, nicht eben mit Erfolg, zu lachen bemühte; wollen Sie mir nicht auch gleich den Namen des betreffenden Herrn nennen? Wenn Sie wünschen – warum nicht, erwiederte Leo, Eve scharf in die Augen sehend; der Herr nennt sich Doctor Ferdinand Lippert, Privatsecretär Sr. Hoheit des Prinzen. Eve erröthete bis in die Schläfen hinauf und wurde dann auf einmal sehr blaß. Wer – wer hat Ihnen das gesagt? stammelte sie. Niemand, erwiederte Leo lächelnd, seien Sie nicht böse, Eve; es war ein Scherz. Nein, nein, es ist kein Scherz, sagte Eve eifrig; Sie wissen mehr, als Sie sagen wollen; was wissen Sie? Nichts weiß ich, erwiederte Leo und erzählte, daß er vor einigen Abenden mit Ferdinand zusammengetroffen sei und ein gleichgiltiges Gespräch mit ihm gehabt habe. Jetzt habe er sich auf's Rathen gelegt, und er sei nicht wenig erstaunt, daß er so richtig gerathen. Ja, erwiederte Eve, Sie haben richtig gerathen. Ferdinand liebt mich schon seit Jahren, aber – ich kann mich nicht entschließen, ihn von Herzen wieder zu lieben. Er ist ja ein so schöner Mann, und er könnte große Erfolge haben, wenn er wollte; aber ich fürchte, er wird nicht wollen. Er hat keinen Willen, er hat blos Launen, sehr liebenswürdige zuweilen, aber was soll man mit einem Manne, der blos Launen hat? Und dazu hat er auch sehr unliebenswürdige, zum Beispiel die, daß er wahnsinnig eifersüchtig ist, ohne daß ich ihm jemals ein Recht gegeben hätte, es zu sein. Er verfolgt mich auf Tritt und Schritt. Er hat es verboten, daß ich Fremde im Schloß herumführe, das heißt, er hat mir so entsetzliche Scenen deswegen gemacht, daß ich es wirklich nur noch ausnahmsweise thue und wenn ich sicher bin, daß er es nicht erfährt. O, Sie glauben nicht, was er für ein wilder Mensch ist! Ich bin überzeugt, er würde mich schlagen, wenn ich seine Frau wäre, und ich wundere mich manchmal, daß er es jetzt nicht schon thut. Nicht viel besser geht er übrigens mit seinen Eltern um, besonders mit dem Onkel, mit dem er alle Augenblicke die schrecklichsten Auftritte hat. Eve war in's Erzählen gekommen, und Leo mußte endlich selbst sie daran erinnern, ob es nicht Zeit sei, den Saal wieder zu verlassen. Eve erschrak. Es war die Stunde vor Tisch, wo Ferdinand aus dem Cabinet des Prinzen kam und vorzusprechen pflegte. Die Tante in ihrer Dummheit und Schwäche habe ganz gewiß nicht reinen Mund gehalten; das werde wieder einen schönen Lärm geben. Leo erklärte sich bereit, mit Eve zu gehen; er sei überzeugt, daß Ferdinand in Gegenwart eines Dritten seine Heftigkeit zügeln werde; überdies müsse er ja doch die Bekanntschaft des Herrn und der Frau Lippert machen. Warum haben Sie sich nicht gleich zu erkennen gegeben? fragte Eve, während sie sich schon wieder auf den langen Corridoren befanden, die aus dem Hauptgebäude zur Lippertschen Wohnung führten. Ich wollte, offen gestanden, das Terrain erst einmal recognosciren, erwiederte Leo; ich dachte, es wäre dann noch immer Zeit, die Rechte eines alten Freundes geltend zu machen. Und was werden Sie meinen Verwandten sagen? fragte Eve. Daß ich als Knabe Sie öfters gesehen, daß ich in der Fremde die Bekanntschaft Ihres Bruders gemacht habe und von ihm mit Grüßen an Sie und Herrn und Frau Lippert beauftragt sei. Ich denke, das wird genügen. Vollkommen, sagte Eve, ich möchte sogar nicht, daß Sie mehr sagten – aus, aus – Aus Gründen, die ein alter Freund, wie ich, zu respectiren weiß, sagte Leo, indem er Eve's Hand nahm und drückte. Eve schien nicht abgeneigt, dem Freunde ihre Dankbarkeit für die versprochene Discretion noch lebhafter zu erkennen zu geben, als sie plötzlich aus der Lippert'schen Wohnung, vor deren Thür sie jetzt standen, die laute und heftige Stimme eines Mannes vernahmen. Sagte ich es nicht? rief Eve, die ganz blaß geworden war. Lassen Sie uns gemeinsam den Sturm aushalten, erwiederte Leo, indem er Eve die Thür des Zimmers öffnete. Zweiundvierzigstes Capitel. Es bedurfte für Jemand, der in die Lippert'schen Familienverhältnisse bereits so eingeweiht war, wie Leo, nur eines Blickes, um die Scene, die hier vorging, zu übersehen. Mitten im Zimmer, mit dem Rücken nach der Thür, stand Ferdinand, laut sprechend und dabei heftig gesticulirend. Sein Hut lag in einiger Entfernung von ihm auf der Erde und war augenscheinlich von dem Zornigen dahin geschleudert worden. Die Mutter saß noch am Fenster auf demselben Fleck, ja in derselben Haltung wie vorhin, denn sie hatte wieder das vornüber gebeugte Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Interessanter als diese beiden ihm schon bekannten Figuren war für Leo die Gestalt eines sehr langen, hageren Mannes, welcher zwischen den beiden Anderen, und etwas abseits, als ginge ihn die Sache nichts an, die Hände auf den Rücken gelegt, ruhig am Ofen stand. Er war in den langen Rock mit den auf Aermel und Kragen angebrachten Abzeichen der Diener des prinzlichen Haushaltes gekleidet; was von den Beinen noch zu sehen war, stak in braunen Gamaschen; und sorgsam zugeknöpft, wie Rock und Gamaschen, erschien auch das Wesen des Mannes. Keine Miene regte sich in dem blassen Gesicht, dessen etwas plumpes, unschönes Profil Leo deutlich gegen das helle Fenster sehen konnte. Das kurze, krause Haar auf dem auffallend kleinen Kopf war bereits stark ergraut; er trug den Kopf etwas geneigt und hatte die Augen halb geschlossen, als stünde er fortwährend vor einer Thür, hinter der es für den, welcher Ohren dazu hatte, viel zu hören gab. Er war auch der Einzige im Zimmer, der das Eintreten der Beiden sofort bemerkte; dennoch beeilte er sich nicht, seinen Sohn zu unterbrechen, der noch immer seiner Heftigkeit die Zügel schießen ließ und überlaut rief: Ich sage es Euch jetzt zum letzten Male: ich leide es nicht, und ich mache Euch dafür verantwortlich. Warum lauft Ihr alle Sonntage zweimal in die Kirche und spielt vor den Leuten die Heiligen, wenn Ihr keine Zucht und Ordnung in Eurem Hause haltet! – Plötzlich verstummte Ferdinand; er hatte in dem Spiegel die Gestalt Eve's und eines Fremden gesehen. Ein kaum merkliches Lächeln flog über Herrn Lippert's kaltes Gesicht. Er ließ die Hände von dem Rücken herabsinken und wendete sich nach der Thür; Ferdinand nahm seinen Hut auf und bemühte sich, möglichst unbefangen das Bild Sr. Hoheit an der Wand zu betrachten; die Mutter richtete sich aus ihrer gebückten Haltung auf. Mit wem habe ich die Ehre? fragte Herr Lippert. Leo nannte sich, und bei dem ersten Ton seiner Stimme fuhr Ferdinand herum und starrte ihn, Scham und Schrecken im Gesicht, an. Leo riß ihn aus der Verlegenheit, indem er ihm seine Freude ausdrückte, eine so interessante Bekanntschaft so bald erneuern zu können. Wie hätte ich gedacht, rief er, daß ich denselben Abend noch aus dem Briefe eines Freundes erfahren sollte, in welcher nahen Beziehung Sie und Ihre verehrten Eltern zu Fräulein Eve stehen, die mir aus der Zeit meiner Jugend eine liebe, wenn auch allerdings nur flüchtige Erinnerung ist; und wie freue ich mich, jetzt die ganze Familie kennen zu lernen und meinem Freunde aus eigener Anschauung ein Bild des behaglichen Loses entwerfen zu können, das seiner Schwester gefallen ist! Ihm ist nicht ganz so wohl geworden, dem braven Menschen! – Und Leo erzählte von Tusky und der Schweiz und dem Leben der Flüchtlinge – der armen Teufel, die das Vergnügen, ihrer Ueberzeugung zu leben, so theuer erkauften! – und war sehr gesprächig, während Herr Lippert zugeknöpft blieb, wie immer, und nur zuweilen ein unbestimmtes Lächeln durch seine bleichen, unbestimmten Züge irrte. Frau Lippert hörte andächtig, Eve voller Vergnügen, daß Alles so gut abgelaufen, und Ferdinand mit einer Miene zu, die – gewiß sehr gegen seinen Willen – seine getheilten Empfindungen deutlich genug verrieth. Endlich schien es Leo Zeit, sich zu verabschieden; Ferdinand bat, ihn begleiten zu dürfen. Kaum auf der Straße angelangt, faßte Ferdinand Leo's Hand und sagte: Lassen Sie uns zusammen speisen! ich habe Ihnen Manches mitzutheilen. Wollen Sie? Leo war es zufrieden, und bald saßen die neuen Freunde in einer benachbarten Weinstube sich einander gegenüber; Ferdinand bestellte Essen und sein Lieblingsgetränk und sagte, sobald sie allein waren: Es ist mir sehr sonderbar mit Ihnen gegangen. Sie haben einen wunderbaren Eindruck auf mich gemacht, wie ich mich nicht erinnere, je einen ähnlichen von einem Menschen empfangen zu haben. Nach unserer Begegnung habe ich die ganze Nacht von Ihnen geträumt – seltsame Träume, wie sie, glaube ich, nur mein Gehirn erzeugen kann – heute sehe ich Sie wieder ohne mein Zuthun in meine Familie eingeführt, das heißt, es ist kein Zweifel, daß Sie bestimmt sind, in meinem Leben eine große Rolle zu übernehmen. Alle außergewöhnlichen Menschen sind abergläubisch – Sie ohne Zweifel auch – ich bin es in hohem Maße. Ich weiß, oder ich ahne, daß mir von Ihnen viel Glück oder viel Unglück kommen kann, und daß ich Sie deshalb zum Freunde haben muß. Sehen Sie, Doctor, ich glaube an gar nichts, absolut an nichts. Gott und Teufel, Himmel und Hölle waren von je für mich Erfindungen überspannter Köpfe; ich habe auch den Autoritäten dieser Erde den Proceß gemacht und gefunden, daß sie hohl sind, alle, ohne Ausnahme! Für gewöhnlich ist mir ganz behaglich in diesem reinen Aether, in welchem gar nichts existirt und man sich also, man mag gehen, wohin man will, an nichts stoßen kann. Aber manchmal hat man doch das Verlangen nach einem festen Punkte. Ich habe immer von einem solchen festen Punkt geträumt, und dieser feste Punkt sollen Sie mir sein – der einzige Mensch, der, ich kann es mit einem Eide versichern, mir je imponirt hat. Und nun lassen Sie mich Ihnen danken für die Gewandtheit und Zartheit, mit der Sie mir vorhin aus einer mich beschämenden Situation geholfen haben. Es ist immer ärgerlich, sich von einer Heftigkeit hinreißen zu lassen, selbst wenn man so gutes Recht hat, heftig zu sein, wie ich vorhin. Damit Sie aber das verstehen, müssen Sie mir erlauben, etwas weiter auszuholen. Ferdinand stürzte ein Glas Wein hinunter und fuhr, ohne Leo's Erlaubniß abzuwarten, fort: Ich bin das einzige Kind meiner Eltern. Meine Mutter stammt aus Ihrer Gegend und kam als ganz junges Mädchen hierher, und nun weiß ich auch, weshalb mir Ihr Name an dem Abend so bekannt in's Ohr klang. Die Tante, die Sie vorhin in dem Gespräch mit meinen Eltern erwähnten, Fräulein Sara Gutmann, welche Bonne des Königs war und jetzt noch im Schloß wohnt, ist es, die meine Mutter aus ihrem Dorfe hierher zog. Sie kennen ohne Zweifel diese Tante und haben sie auch wohl schon besucht? Nein, erwiederte Leo; um es offen zu gestehen, dieses Fräulein Sara ist schon seit langen Jahren mit meiner Familie gänzlich zerfallen. Ich weiß nicht so recht eigentlich, was man ihr vorwirft. Ich glaube, Ihnen darüber Auskunft geben zu können, sagte Ferdinand, wie so ziemlich über allen Hof- und Stadtklatsch seit fünfundzwanzig Jahren. Ihre Tante war Wirthschafterin oder Haushälterin bei dem Minister von Falkenstein, dem Onkel des jetzigen Oberjägermeisters von Falkenstein. Es war damals, gegen das Ende der Zwanzigerjahre, eine etwas stille Zeit, wie Sie wissen; die Leute waren lüderlich aus lieber langer Weile, und Falkenstein, der nicht verheirathet und lange Jahre Gesandter in Paris gewesen war, galt dafür, ein abgesagter Feind der langen Weile, oder um es positiv auszudrücken, ein geschworener Freund der Lüderlichkeit zu sein. Jene Jahrgänge unserer chronique scandaleuse enthalten Dinge, wie sie in den schlüpfrigsten französischen Romanen nicht schlimmer vorkommen können, und was diesen Höllen-Breughel noch interessanter und pikanter macht, war der Schleier des Geheimnisses, den man, der spießbürgerlichen Ehrbarkeit des alten Königs zu Liebe, darüber decken mußte. Neben Falkenstein galt der General von Tuchheim als einer der galantesten Cavaliere, und es ist wirklich rührend, daß diese Beiden es waren, die sich der höchsten Gnade und des intimsten Vertrauens Sr. mürrischen Majestät erfreuten. Nun, und in das Haus jenes Falkenstein wurde auch meine Mutter als ein siebenzehnjähriges Mädchen von Ihrer Tante geleitet – und ein Jahr darauf wurde ich geboren. Meine Mutter hatte meinen Vater, der bei der Gelegenheit aus den Diensten des Ministers in die des Prinzen – des Vaters meines Herrn – überging, vierzehn Tage vor meiner Geburt geheirathet. Es ist ja wohl möglich, daß dabei Alles mit rechten Dingen zugegangen ist, recht wohl möglich – aber unwahrscheinlich ist es doch, Alles in Allem. Meinen Sie nicht auch? Es schien, als ob Ferdinand die Erwähnung seiner zweifelhaften Abstammung immer in besonders gewaltsame Erregung versetzte. Leo hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Er hatte in letzter Zeit, wo er so eifrig mit den verschiedenen Parteien im Staate rechnete und sich ihm die Nothwendigkeit, überall seine Agenten zu haben, immer klarer herausstellte, oft schon im Vorübergehen an die von seiner Familie geächtete Tante gedacht, und ob sich durch sie, die mit dem Könige noch immer in einem intimen Verkehr stehen sollte, nicht Manches von Wichtigkeit erfahren ließe; jetzt schien sich der in der Luft müßig hin und her wehende Faden an diesem Punkte ansetzen zu wollen, und hier kam ein anderer Faden, der sich wieder mit jenem ersten verknüpfte. Den General von Tuchheim hatte er vor ein paar Stunden an dem Eingang des Flügels im Palais gesehen – demselben Eingang, der auch in die Lippert'sche Wohnung führte! – dieselbe Wohnung, in deren Familienzimmer er Ferdinand's Mutter in Thränen gefunden hatte! Kennen Sie den General? fragte Leo. Nun, gewiß, erwiederte Ferdinand, den Kopf, den er in die Hand gestützt hatte, erhebend; ich kenne ihn von Kindesbeinen an. Er wohnte vordem links vom Palais in dem Hotel, das ihm der verstorbene König eingeräumt hatte und das er erst bei dem Regierungsantritt des jetzigen, der ihn zum Schloßhauptmann machte, mit einer Dienstwohnung im Residenzschlosse vertauschte. Der Garten des Hotels stieß an unsern Park, und da habe ich manchen Sommerabend mit Josephe von Tuchheim Haschens und Versteckens gespielt. Sie war ein paar Jahr jünger als ich, und schön genug, und wir liebten uns sehr, obgleich sie jetzt nichts mehr davon wissen will, und wenn wir uns einmal in Gesellschaft begegnen, thut, als ob sie mich zum ersten Male im Leben sähe. Der alte Herr war immer sehr freundlich zu mir, klopfte mich auf den Kopf, so oft ich ihm in den Weg lief, fragte, was ich treibe und ob ich fleißig in der Schule sei, und schenkte mir einen Thaler. Ueberhaupt hat er sich meiner sehr angenommen, bei meinem Vater durchgesetzt, daß ich studirte, mir auch hernach die Stelle beim Prinzen verschafft; und diese offene Theilnahme, die er mir stets bewiesen hat, ist der einzige Grund, weshalb ich nicht glaube, daß er selbst mein Vater ist. Er ist klug genug, um, wenn er es wäre, sein Spiel versteckter zu spielen. Möglich, daß er meine Mutter, als sie in das Falkenstein'sche Haus kam, auch hübsch gefunden hat; aber der Minister, sagt man, ließ sich nicht gern ins Gehege kommen, und wenn mein Vater nicht mein Vater ist, so ist es kein Anderer, als der verstorbene Minister. Ferdinand brach in ein lautes cynisches Lachen aus, leerte sein Glas mit einem Zuge und füllte es von neuem. Pah! rief er, warum soll ich es nicht sagen? Ich halte es mit dem Bastard Gloster im »König Lear«. Die Natur weiß, was sie will, und der Apfel fällt nicht weit von seinem Stamme. Welche Aehnlichkeit hätte aber ich mit meinem Vater? So lange ich denken kann, haben wir Beide nicht über eine und dieselbe Sache dasselbe gefühlt. Er ist so kalt wie ein Eiszapfen, und in mir gährt es, daß es mir manchmal fast die Hirnschale sprengt. Ich sympathisire mit meiner Mutter gerade auch nicht sehr, aber dann ist sie eine geknickte, unglückliche Frau, die wie eine ängstliche Schnecke überall vorsichtig mit den Fühlhörnern herumtastet und sich bei der leisesten rauhen Berührung in ihr Häuschen zurückzieht. Was ich unter diesen Verhältnissen als Kind und Knabe gelitten habe, kann ich Ihnen nicht sagen: ewige Kälte hier, ewige Thränen dort – nirgends ein Halt – und dazu im Herzen den Brand der Leidenschaften und den unauslöschlichen Durst nach Genuß – und so bin ich durch's Leben getaumelt, und ich möchte den sehen, der dabei immer fest auf seinen Füßen gestanden hätte! Auf Ferdinand's Stirne lagerte sich schon wieder die rothe Wolke, die bei ihm das heraufziehende Gewitter verkündigte. In seinen sonst so schönen Augen spielte ein fahler, gläserner Schein, und seine Stimme klang rauher, als er nach einer Pause wieder zu sprechen begann: Ich habe oft gelesen, und es mag auch wohl seine Richtigkeit damit haben, daß solche Menschen, wie ich, nur durch eine edle Liebe vom Untergange gerettet werden können. Aber auf den Wegen, die ich gewandelt bin und wandle, wo soll man die kostbare Perle finden? An mir hat es nicht gelegen, und an den Frauen wahrhaftig auch nicht, denn sie haben es mir leicht genug gemacht – die guten Dinger! Und das ist der Grund, weshalb ich nicht mit meinen Eroberungen prahle, weshalb ich aber auch nicht gefunden habe, was mir noth that. Ich habe keine Frau gekannt, der ich nicht in Allem überlegen gewesen wäre. Wie kann man lieben, was man selbst hat, und in reicherem Maße hat? und wenn uns nun auch noch das Einzige geopfert wird, was man nicht hat: Unschuld und Tugend – was in aller Welt könnte uns zwingen, vor einem solchen zerbrechlichen thönernen Götzen auf den Knieen liegen zu bleiben? Mögen blöde Thoren es thun, denen die Selbsttäuschung ein angeborenes Bedürfniß ist. Ich ward mit sehenden Augen geschaffen und will nicht dienen, wo ich herrschen kann. Sie lachen, Doctor? Sie denken an die Scene, von der Sie vorhin Zeuge gewesen sind und aus der Ihr beobachtender Scharfsinn so viel Schlüsse gezogen haben wird, daß ich das Bedürfniß fühle, Ihnen Alles zu sagen. Ja, ich liebe Eve, das heißt, ich liebe sie nicht eigentlich, ich bin blos in sie verliebt, aber zum Rasendwerden. Ich weiß, daß sie es nicht verdient, und doch könnte ich, wenn ich ein Gott wäre, meine Götterschaft für das Mädchen verkaufen. Sie kennen Eve, oder Sie kennen sie auch nicht, denn, um sie zu kennen, muß sie Einen jahrelang gequält haben, wie sie mich gequält hat. Ich war noch Student, als sie zu meinen Eltern in's Haus kam – ein blutjunges, sonnverbranntes, brünettes Ding, hager und üppig zugleich, wie eine Zigeunerdirne, und mit Augen, die unter den dichten Brauen wie die Augen einer wilden Katze funkelten. Und wie ein eingefangenes Raubthier bewegte sie sich in unserer steifen, engen, langweiligen Häuslichkeit, immer rastlos, rastlos, und dabei immer leise, leise, nirgends anstoßend, Alles beobachtend, und scheinbar jeden Augenblick bereit, die Hand, die unvorsichtig durch das Gitter langte, zu zerfleischen. Sie war so unwissend, daß sie kaum lesen und schreiben konnte, und von dem, was in der Welt vorgeht, hatte sie die abenteuerlichsten Vorstellungen. Das war aber nur in der allerersten Zeit, denn mit einer Schnelligkeit, die mir noch heute unbegreiflich ist, lernte sie in wenigen Monaten Alles, was unseren Mädchen auf höheren Töchterschulen in ebenso viel Jahren beigebracht wird; nur etwas brauchte sie nicht zu lernen, denn das besaß sie bereits in der höchsten Vollkommenheit: die Kunst, anzuziehen, so weit es ihr gefiel; abzustoßen, sobald es ihr beliebte. Ich sagte Ihnen, daß ich noch Student war, ich brauche wohl kaum hinzuzufügen: ein toller Student, und Sie können sich leicht denken, welche herrlichen Blüthen meine studentische Tollheit in der Nähe dieser Zauberin trieb. Sie machte eben aus mir, was sie wollte. Es war ein ewiges Suchen und Meiden, Flüstern und Zanken, Streicheln und Kratzen, Lieben und Hassen, ein wahrer Hexensabbath von Leid und Lust, bis ich zuletzt fand, daß ich, dem sie tausendmal geschworen hatte, ihn mehr zu lieben, als ihr Leben, ihr nichts weiter war, als ein gefälliger Spiegel, vor dem sie ihre Grimassen einübte, ein dummes Modell, dem sie ihre Garderobe anprobirte. Ich sah ganz deutlich, daß ich meinen Einsatz verloren hatte, daß ich gegen mein eigenes Geld spielte, aber es war, als wenn der Teufel mich an dem Unglückstische festhielte – es war nicht mehr der Gewinn, der mich reizte, es war das Spiel selbst, die fieberhafte Aufregung, die ich nicht mehr entbehren konnte. Und sie hat redlich dazugethan, mich in diesem Fieber zu erhalten. Die Sonne kann nicht gleichmäßiger auf Gerechte und Ungerechte scheinen, als sie auf Alle, die in ihre Nähe kommen, ihren Zauber wirken läßt. Ich glaube, die halbe Stadt kennt sie unter dem Namen der schönen Castellanin, und es giebt keinen schlanken Garde-Officier, der nicht seine Reiterkünste vor ihrem Fenster probirt und mir hernach vorgeschnarrt hätte, daß meine Cousine auf Ehre ein famoses Mädchen sei. Ich habe mich schon oft gefragt: Wo soll das hinaus, was will Eve? Schließlich nimmt doch Alles ein Ende, auch die lockendsten Reize verblühen – und Eve ist fünfundzwanzig Jahre! Und da ist mir ein Verdacht gekommen, der in mir frißt wie ein brennendes Gift, und den aller Champagner der Welt nicht ersäufen kann. Sehen Sie mir nicht so prüfend auf die Stirn – ich bin vollkommen nüchtern. Ich weiß ganz gut, daß ich Ihnen noch immer die Erklärung der Scene von vorhin schuldig bin. Sie sind ein kluger Mann, Sie sind von anderem Kaliber, als die elenden Bursche, die sich von mir amüsiren lassen. Denen kann ich nicht vertrauen; ich brauche Jemand, dem ich vertrauen kann, und nun beantworten Sie mir die Eine Frage: Warum hat der Mann, mein Vater, dies Mädchen kommen, warum sie so sorgfältig erziehen, sie in Allem unterrichten lassen? Warum verschwendet er – der Geizhals – seine halbe Einnahme an ihrem Putz? Warum ließ er sich von ihr Alles gefallen? Warum? Ich flehe Sie an, beantworten Sie mir das eine Warum! Aus allgemeiner Menschenliebe? aus Verwandtenliebe? Pah! Was weiß der Mann, mein Vater, davon? Worauf rathen Sie? Nun, ich will Ihnen die Antwort ersparen. Ein schönes Mädchen, und ein Mädchen, das geistreich und gewandt ist, ist für Jemand, der bei Hofe Carrière machen will, ein unschätzbarer Schatz. Er kann durch sie erreichen, was er sonst durch nichts in der Welt erreichen würde. Nun, und wenn sich der Mann, mein Vater, einen solchen niedlichen, rentablen Schatz in diesem Mädchen hätte anlegen wollen? Und wenn er, als ein verständiger Mann, entschlossen wäre, sein Geld nur zu den höchsten Zinsen auszuleihen? und das liebe, kluge Geld ganz auf die kluge Absicht des Besitzers einginge? Wie? Oder wäre so etwas noch gar nicht vorgekommen? Giebt es etwa, in unseren Fürstenschlössern keine Hintertreppen mehr, durch die man zu einer höchst behaglichen Sophaecke in dem Boudoir einer verschwiegenen Villa so in der Nähe, oder zu einem Schaukelstuhl in der schattigen Veranda eines Lusthauses am Comersee gelangt? Hat es noch kein Bürgermädchen gegeben, dem sein hübsches Mäskchen den Titel einer Gräfin von so oder so einbrachte? Und war die erste Katharina von Rußland denn mehr als eine Bauerndirne? Das Alles sind gar nicht aufzuwerfende Fragen, und – das Palais hat viele Hintertreppen. Können Sie es mir verdenken, wenn ich nicht leiden will, daß Eve Fremde im Schlosse herumführt, Fremde, die vielleicht die Gefälligkeit haben, zu gelegener Zeit zu verschwinden, zum Beispiel, nachdem sie ihnen die Privatgemächer des Prinzen aufgeschlossen hat? Leo versuchte, den Aufgeregten einigermaßen zu beruhigen, indem er ihm vorstellte, daß dies Alles doch nur ein leerer Verdacht sei; aber es war vergeblich. Was wollen Sie? rief Ferdinand, Beweise sind schwer zu schaffen, wenn man es mit einer so geschmeidigen Schlange zu thun hat; aber Verdachtgründe habe ich mehr als zu viel. Er rückte näher an Leo heran und sagte in leiserem Tone: Es sind nun bereits fünf Jahre, daß ich in dem persönlichen Dienst des Prinzen bin, und ich glaube ohne Übertreibung sagen zu können, daß ihn kein Mensch besser kennt, als ich. Er hat mich gern, wie ein so hoher Herr einen Mann unseresgleichen gern haben kann; er vertraut mir viel; Correspondenzen, bei deren Anblick sehr klugen Diplomaten die Augen übergehen würden, laufen durch meine Hand, und dann andere Correspondenzen, die für die Ruhe von Privatpersonen, die zufälligerweise hübsche Töchter oder Weiber haben, gefährlicher sind, als für die des Staates. Gegen Leute, wie ich, braucht man sich natürlich nicht zu geniren, da kann man seiner Zunge freien Lauf lassen! Sagen Sie, lieber Lippert, wer ist denn das hübsche Mädchen, das ich da öfter unten beim Castellan am Fenster sitzen sehe? – Meine Cousine, Hoheit. – Ach, Ihre Cousine! Weiß der Teufel, was für hübsche Cousinen Ihr immer habt. Ein sehr hübsches Mädchen! – Dergleichen Reden hat er ein paar Jahre lang geführt, und ich habe nicht viel darauf gegeben; jetzt hat er aufgehört von Eve zu sprechen, aber ich weiß, daß er sie nicht vergessen hat, denn ich fand neulich auf seinem Schreibtische einen Bogen, auf dem ein Brief angefangen war, und dann verschiedene Schnörkel, und dann so ganz verloren: »Süße Eve!« Haben Sie sich auch nicht getäuscht? fragte Leo, man täuscht sich leicht, wenn man – Es Schwarz auf Weiß hat? unterbrach ihn Ferdinand. Hier haben Sie es Schwarz auf Weiß! Er nahm ein Blatt aus seinem Portefeuille und breitete es vor Leo aus. Leo's Augen flogen gierig über die Zeilen, die der fürstliche Briefsteller offenbar nicht ohne manches Bedenken mit vorsichtiger Feder hingeschrieben hatte. Ferdinand hatte den Kopf in die Hand gestützt und bemerkte durchaus nicht, daß es sehr lange dauerte, bis Leo mit der Untersuchung des Blattes fertig war. Nun, sagte er endlich, zweifeln Sie noch? Nein, erwiederte Leo; aber an wen ist dieser Brief? An den Fürsten von M.! an wen sonst! murmelte Ferdinand; er hat mich eine Abschrift davon machen lassen und mir den Rest in die Feder dictirt. Und dies Original? Nun dies Original ist verschwunden, verzettelt, verbrannt – was weiß ich! Aber sie soll es sehen, mit eigenen Augen sehen, daß ich nicht blind gewesen bin, daß ich längst gewußt habe, wie sie mich am Narrenseile führt. Das könnte Sie leicht Ihre Stelle kosten, sagte Leo; ich glaube, es wäre besser, wir verbrennten den Brief. Und er näherte das Blatt der Flamme des Lichtes, welches der Kellner vorhin mit dem Kaffee auf den Tisch gestellt hatte. Unmöglich! rief Ferdinand, mit Heftigkeit Leo's Hand zurückreißend. So geben Sie den Brief mir, sagte Leo; er ist bei mir besser aufgehoben, als bei Ihnen. Sie können von mir verlangen und haben, was Sie wollen, rief Ferdinand. Und nun lassen Sie uns noch eine Flasche trinken; mir ist von all' dem Zeug, das ich geschwatzt, ganz wüst im Kopf geworden. Dreiundvierzigstes Capitel. Aber weshalb waren Sie gestern nicht im Handwerkerverein? fragte Herr Rehbein von seinem Zuschneidetische aus, als Walter an einem der nächsten Morgen, bevor er zur Schule ging, einen Augenblick in seines Wirthes Werkstatt vorsprach. Ich mußte die letzten Correcturbogen machen, erwiederte Walter, indem er sich in Herrn Rehbein's Nähe auf den Tisch setzte. Keine Entschuldigung, keine Entschuldigung! rief Rehbein, eifrig messend und schneidend; Gottesdienst – siebenundzwanzigdreiviertel – geht vor Herrendienst – achtzehneinhalb – die Aermellöcher müssen ausgeschnitten werden, Leuthold, und die Knöpfe sind näher aneinander zu rücken, Leuthold! der Kerl kommt ja sonst nicht hinein – ich meine, Doctor, man muß das Eine thun und das Andere nicht lassen! Ich hätte Ihnen nachher bei der Correctur geholfen, und Sie könnten mir dafür jetzt helfen, mir die verdammte Rede auf den Leib zu passen, die mir nirgends so recht sitzen will. Was für eine Rede? fragte Walter. Was für eine Rede? wiederholte der Meister, indem er die Scheere für einen Moment sinken ließ; fallen Sie denn aus dem Monde, Walter? Haben Sie nicht von der Rede gehört, die Ihr Vetter vorgestern im Arbeiterverein gehalten hat? und von der heute alle Blätter Referate bringen? Ich sage Ihnen, Walterchen, er hat geredet, daß Moses auf dem Sinai ein Lehrjunge dagegen ist; zwei Stunden lang, meisterhaft – aber die Sache, Walterchen, die Sache, der Gehalt, meine ich, die Idee, die paßt mir nicht, Walterchen, paßt mir nicht; 's ist Flickwerk – er mag sagen, was er will, und hält nicht! bloßer Kettelstich – ritsch! da saß die Naht – die ist auch nicht viel besser, Klapproth; die haben Sie mit Staatssubvention genäht – nähen Sie nur auf eigene Rechnung und Gefahr noch einmal! Walter wünschte zu wissen, was denn diese Rede Leo's eigentlich behandelt habe; aber Rehbein behauptete, das in solcher Eile nicht auseinandersetzen zu können. Kommen Sie, wenn wir Feierabend gemacht haben, zu mir, sagte er; oder ich komme zu Ihnen, da können wir uns in Ruhe darüber aussprechen; so viel kann ich Ihnen schon sagen, das kommt davon, wenn Einer sich nicht praktisch um die Sache bekümmert, sich mit dem Handwerk und dem Handwerker nicht vertraut macht; und hat er wohl in den drei Monaten, die er bei uns wohnt, je die Nase in meine Werkstatt gesteckt? oder sich von mir über die hiesigen Handwerkerverhältnisse unterrichten lassen? Hut ab vor dem Genie, und allen Respect vor den Büchern! aber Genie und Bücher sind nur Kopf und Hand, und Nadel und Scheere – aber das Zeug, Walterchen, das Zeug, das zugeschnitten werden soll, das ist das praktische Leben, Walterchen, das praktische Leben! Walter mußte zur Schule, und es wurde ihm heute nicht leicht, seine Stunden mit der gewohnten Gründlichkeit zu geben; das Schicksal seines Romans, der nun im Druck vollendet war und in wenigen Tagen mit seinem vollen Namen auf dem Titelblatte ausgegeben werden sollte, bewegte ihn: die Seele und ließ ihm die pomphaften Phrasen, mit denen der gute Cicero den bösen Catilina überschüttet, ziemlich interesselos erscheinen. Dann dachte er wieder an Leo's Rede, die er versäumt und über die er noch auf dem Wege in die Schule ein Referat in einer liberalen Zeitung gelesen hatte, das Rehbein's Urtheil vollkommen bestätigte. Ein ganz außergewöhnliches Talent – staunenswerthe Gelehrsamkeit – aber Verkennung der praktischen Verhältnisse, Experimentiren mit socialistischen Systemen, deren Gemeinschädlichkeit nun schon des Oefteren erprobt sei. Dergleichen Urtheile über seinen Vetter hörte Walter heute nicht zum erstenmale, und, was das Schlimmste war, er konnte nicht anders, als im Guten und Bösen dies Urtheil zu dem seinen machen. Er zweifelte keinen Augenblick an Leo's Redlichkeit; aber die Verschiedenheit ihrer Anschauungen in Beziehung der Mittel, durch welche man zu den Zielen gelangen könne und müsse, trat doch immer offener zu Tage. Das that ihm herzlich leid, denn er liebte Leo und wünschte innig, daß der, welchen er so hoch hielt, mit dem ihn die Bande des Blutes und tausend liebliche Erinnerungen der Kindheit verknüpften, ihn auch ein wenig wieder liebe; aber die Erfüllung dieses Wunsches hatte jeder Tag ihres Zusammenseins in weitere und weitere Ferne gerückt. Leo schien der Freundschaft, der traulichen Mittheilung, des gemütlichen Verkehrs, der Liebe nicht zu bedürfen. Frau Rehbein hatte es erfahren; sie war durch die kalte Höflichkeit, mit welcher Leo ihr unausgesetzt begegnete, halb zu Tode geängstigt. Sie meinte es doch gewiß gut, und wenn sie auch, Walter zu Liebe, sich aus dem gestickten Paradiese ihrer Putzstube und der beseligenden Nähe der Bilder ihres angestammten Herrscherhauses mit Freudigkeit verbannt hatte – ein Opfer war es immer, und es stritt in ihrer Meinung gegen alles menschliche Gefühl, der Anerkennung eines solchen Opfers keinen Ausdruck zu geben. Das hatte Leo nie gethan – ja, was vielleicht noch schrecklicher war, er schien nicht einmal für Vergeßlichkeiten, wie sie auch der sorgsamsten Wirthin je zuweilen passiren können, eine Empfindung zu haben. So war es vorgekommen, daß sie ihm einmal Abends keine Lichter hingestellt, an einem anderen Abend nicht eingeheizt hatte – er war das einemal im Dunkeln zu Bett gegangen und hatte das anderemal in der eiskalten Stube, wie ihr Walter nachher mittheilte, die halbe Nacht hindurch gearbeitet. Frau Rehbein überkam ein Grausen vor diesem seltsamen Menschen; ja sie fing an darüber zu grübeln, ob Leo überhaupt ein Mensch, oder nicht vielmehr einer jener Abgesandten des Bösen sei, von denen ihr Schwager, der Consistorialrath Urban, in seinen berühmten Predigten so viel zu berichten wußte. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Eines Tages wurde ihr durch Walter die Mittheilung gemacht, daß Leo ausziehen werde – freiwillig, muthwillig, frevelhaft aus ihrem gestickten Paradiese ausziehen werde. Ja, dies war – wenn es nicht ein Scherz sein sollte – ein Frevel! Sie kannte in der Nachbarschaft bereits fünf Handwerkerfamilien, die gar keinen Arzt hatten, und eine Straße, in welcher Scharlach und Bräune so grassirten, wie in ihrer Straße, gab es in der ganzen Stadt nicht. Wo in aller Welt hatte ein junger Doctor so viel Aussicht zu lohnender Praxis? Walter und auch Herr Rehbein, der dazu kam, waren ebenfalls der Ansicht, daß Leo in der That in ihrem Quartier die vortrefflichsten Chancen habe; aber trotz Walter's Abmahnung, Herrn Rehbein's verständigen Vorstellungen und Frau Rehbein's schweigender Indignation stand Leo's Entschluß fest. Noch bevor der frühe Winterabend hereinbrach, war das gestickte Paradies von seinem undankbaren Bewohner verlassen. Vierundvierzigstes Capitel. Walter suchte, sobald es ihm seine Zeit erlaubte, Leo in der neuen Wohnung auf und war nicht wenig erstaunt, als er das neue Doctorschild an dem Portal eines der stattlichsten Häuser der schönsten Straße des vornehmen Quartiers erblickte. Kopfschüttelnd erstieg er die mit einem Teppich bedeckte Treppe zur Bel-Etage und klingelte. Ein jugendlicher Diener in einfacher, kleidsamer Livrée öffnete die Thür: ob der Herr die Güte haben wolle, einen Augenblick in dem Vorzimmer zu verziehen, während er dem Herrn Doctor die Karte des Herrn bringe? Zufällig hatte Walter keine Karte bei sich; der Jugendliche schien darüber einigermaßen betreten und sagte mit sehr nachdenklichem Gesicht, er wolle sehen, ob der Herr Doctor noch zu Hause sei. Das Vorzimmer war ein großes Gemach, in pompejanischem Styl decorirt: schwebende Gestalten auf den braunrothen Wänden, mit Arabesken, welche die einzelnen Gemälde umschlossen und verbanden; zwischen den beiden Fenstern in einer Nische eine schöne Büste des Aeskulap; in der Mitte ein zierlicher antiker Tisch, auf der Marmorplatte desselben Wassercaraffe und Gläser; ringsumher an den Wänden leichte Sessel und Bänke, die dem Geschmack der übrigen Ausstattung vollkommen angepaßt waren. Der Chamotteofen an der Wand dem Fenster gegenüber hatte die Form einer schlanken Säule, die oben mit einer Kugel, auf die eine geflügelte Victoria ihre Fußspitzen setzte, abschloß. Walter war eben mit der Musterung dieser Herrlichkeiten fertig, als der Jugendliche wieder erschien und die Thür zum nächsten Gemach öffnete; der Herr Doctor werde sogleich erscheinen. Die Einrichtung dieses nächsten Gemaches stand mit der classischen Einfachheit des Vorzimmers im auffallendsten Gegensatz: modern-bequeme Stühle und Sophas in verschiedenen Formen, elegante Möbel aller Art, an den Wänden kostbare Kupferstiche, Nippessachen auf dem Marmorsims des Kamins, schwere Vorhänge an den Fenstern in derselben Farbe wie die faltigen Portieren über den Thüren. Walter wußte nicht, was er zu diesem Luxus sagen sollte, und es kam ihm der Gedanke, er sei am Ende gar aus Versehen in eine falsche Wohnung gerathen. Aus diesem Zweifel wurde er indessen von Leo selbst gerissen, der jetzt durch eine Tapetenthür herein trat und seinem Vetter die Hand entgegenstreckte. Guten Tag, Walter! wie freundlich, daß Du den Flüchtling so bald aufsuchst. Willst Du nicht Platz nehmen? Sogleich! sagte Walter; laß mich nur erst von meinem Erstaunen zu mir kommen. Von Deinem Erstaunen? worüber? fragte Leo. Nun wahrhaftig! rief Walter, Du verdientest, daß ich mich gar nicht wunderte, sondern dies Alles als etwas Selbstverständliches ansähe. Aber dagegen sträubt sich meine Ehrlichkeit, und so wundere ich mich denn, wie man sich nur immer wundern kann, und frage ganz naiv: Wie zum Teufel, Leo, kommst Du in diese luxuriöse Wohnung? Ja so! sagte Leo; ich habe Dir bei der Schnelligkeit, mit der sich die Sache machte, nichts Näheres mittheilen können. Wie ich hierher komme? Auf die einfachste Weise von der Welt. Mein Vorgänger, oder vielmehr mein Wirth und der Besitzer dieser Kostbarkeiten, ist ein Attaché der französischen Gesandtschaft, Marquis de Sade, den ich nach Egypten geschickt habe. Aus Dankbarkeit hat er mir dieses sein Quartier zur Disposition gestellt. Ich fürchte nur, er stirbt, ehe er die Pyramiden sieht. Aufrichtig, Leo, Du nimmst mir einen Stein vom Herzen, entgegnete Walter; ich dachte schon, Du hättest Dich auf eigene Rechnung und Gefahr, wie mein guter Rehbein sagen würde, in diese kostbare Speculation eingelassen. Nun, ganz umsonst wohne ich auch nicht, sagte Leo; indessen steht der Miethspreis, den ich dem großmüthigen Marquis aufgenöthigt habe, in keinem Verhältniß mit dem Werth der Wohnung, die in jeder Beziehung für meinen Zweck, in möglichst kurzer Zeit ein sehr gesuchter Arzt zu werden, wie gemacht ist. Und Du glaubst wirklich, diesen Zweck so besser zu erreichen? Ganz gewiß, erwiederte Leo; es giebt nichts Falscheres, als die Annahme vieler Leute, man könne mit einem kleinen Anlagekapital große Erfolge erzielen. Wer seine Carrière in einem Winkel anfängt, hat alle Aussicht, sie in demselben oder irgend einem anderen Winkel zu beschließen. Der Einsatz muß dem erhofften Gewinn entsprechen; aus nichts ist, so lange die Welt besteht, noch nichts geworden. Ich habe mit dem, was ich mitgebracht, und einem ausnahmsweise sehr anständigen Buchhändlerhonorar, das ich kürzlich eingenommen, für ungefähr ein halbes Jahr zu leben. Wenn ich nach dieser Zeit nicht so weit gekommen bin, – aber warum sollte ich es nicht! So lange ich auf eigenen Füßen stehe, habe ich immer der göttlichen Macht des Zufalls gläubig vertraut. Wollte ich jetzt anfangen, jeden Schritt vorsichtig abzumessen, jede Ausgabe ängstlich zu berechnen, so würde ich dadurch in Widerspruch mit mir selbst, das heißt, in das eigentliche Unrecht hinein gerathen und könnte allerdings dann nur lieber gleich das Spiel verloren geben. Mag sein, erwiederte Walter mit freundlichem Ernst; aber auch der eigenste Charakter, der noch so sehr mit sich selbst übereinstimmt, kann in Verlegenheit, zumal in Geldverlegenheit kommen, und wenn dieser Fall je bei Dir eintreten sollte, so bitte ich Dich um Eins: Wende Dich an Niemanden, als an mich! Ich selbst habe, um einer doch möglichen Katastrophe in meinem Leben besser begegnen zu können, Einiges zurückgelegt, und was ich nicht selbst besitze, kann ich mir zu jeder Zeit von guten Freunden verschaffen, ohne daß auch nur Dein Name dabei genannt wird. Wenn ich doch einmal aus Deines Herzens Rath verbannt sein soll, Leo, so versprich mir dies zum wenigsten! Das bist Du dem Blut, das in meinen Adern wie in Deinen fließt, das bist Du dem Andenken an unsere Jugend schuldig. Leo hatte keine Zeit, etwas zu erwiedern, denn, von dem Jugendlichen, dem er auf dem Fuße folgte, angekündigt, trat Ferdinand in das Zimmer und begrüßte – zu Walter's nicht geringem Erstaunen – erst Leo mit der Cordialität eines alten Bekannten, dann Walter mit feiner Höflichkeit in Haltung und Worten. Er habe Walter's Gesicht nicht vergessen und immer bedauert, daß er nicht schon an jenem Abend in der Weinstube seine persönliche Bekanntschaft gemacht. Er hoffe, daß ihm Walter Gelegenheit geben werde, das Versäumte nachzuholen. Wir leben heutzutage zu schnell, sagte er, als daß man irgend etwas, es sei, was es sei, auf den morgenden Tag verschieben dürfte. Ach, diese Räume mahnen den, der sie kennt, mit sonderbar beredter Stummheit an die Flucht der Zeiten und die Vergänglichkeit aller irdischen Freuden! Es ist mir sehr lieb, Doctor, daß nicht ich an Ihrer Stelle hier zu wohnen habe; mich würden die Geister der Stunden, die ich hier verlebte, nicht schlafen lassen. Sie würden zu mir kommen in stiller Nacht. Da würde ich das verlockende Klingen von Goldstücken zu hören glauben, die von einer Seite des Tisches auf die andere rouliren; da würde sich mir die Luft anfüllen mit den feinsten Parfüms, wie mit magischen Wolken, und aus den magischen Wolken würden sie nach und nach hervortreten, die lieblichen, schönen Weiber mit den glänzenden Augen und den allzu nackten Schultern, und die braven Jungen, von denen mehr als Einer jenes sonderbare Spiel des Stirnmuskels über den Augenbrauen hat, das Hoffmann an seinem Don Juan bemerkte; und ach, zuletzt würde er selbst kommen, Mr. le Marquis, dieser aus der Sündfluth so vieler Revolutionen gerettete echte Brillant der Aristokratie mit den Facetten, wie sie nur in dem Faubourg St. Germain nach treu überlieferten Kunstregeln des ancien régime so fein geschliffen werden. Pauvre homme ! Was konnte er dafür, daß Messieurs les Marquis , seine Ahnen, bei den Festen von Trianon und den Orgien des Palais Royal so wenig an ihre Nachkommenschaft gedacht hatten und in Folge dessen auf den Letzten des Hauses nur ein Minimum des Familienmarkes gekommen ist! Die unbeschreibliche Anmuth, mit der er sich ruinirte, war doch sein eigen, und sie wird ihn nicht verlassen, bis er den letzten Seufzer aus seiner müden, jungen Brust ausgehaucht hat. Walter hatte, während Ferdinand so declamirte, seine Handschuhe angezogen; er war nicht gekommen, um geistreich zu schwatzen oder schwatzen zu hören; und dann klang hie und da in Ferdinand's Rede ein falscher, gemachter Ton mit an, der sein Ohr empfindlich beleidigte. Er nahm es seinem Vetter ernstlich übel, daß er seiner Gesellschaft den Umgang mit diesem Schwätzer vorziehe, und er empfahl sich mit einer kühlen Zurückhaltung, die bei ihm nicht eben häufig war. Ich habe Ihren Herrn Vetter vertrieben, sagte Ferdinand, sobald Walter zur Thür hinaus war; sonderbar, wie schnell sich Verwandtes findet und entgegengesetzte Naturen einander abstoßen. Ihr Herr Vetter und ich, glaube ich, würden nie Freunde werden. Das glaube ich ebenfalls, meinte Leo trocken. Aber weshalb ich eigentlich gekommen bin, fuhr Ferdinand fort, ich wollte mir einen neuen Beweis Ihrer Freundschaft und Ihres Vertrauens erbitten, und dieser Beweis sollte darin bestehen, daß Sie mir die Frage erlauben, ob Sie vielleicht jetzt, wo Sie gewiß ungewöhnlich viel Auslagen haben, baares Geld brauchen. Unsereiner braucht immer Geld, und Sie sind noch fremd hier und könnten leicht an die falsche Quelle gerathen. Geniren Sie sich nicht, ich habe in den letzten Tagen enormes Glück gehabt und weiß wirklich nicht, wo ich mit all' dem Zeug hin soll. Wollen Sie? Ich danke, erwiederte Leo, Sie werden Ihren Ueberfluß schon wieder los werden, ich bin vorläufig reichlich versehen. Das thut mir leid, sagte Ferdinand, denn ganz aufrichtig, ich hätte Sie mir gern verpflichtet und so von dem Dank, den ich Ihnen schulde, ein wenig abgetragen. Dank? Und wofür Dank? Für alles Mögliche! rief Ferdinand, für die schönen Stunden, die ich mit Ihnen verlebt, für die bessere Meinung, die Sie Even von mir beigebracht haben. Wem anders als Ihnen verdanke ich es, daß Eve jetzt gütiger und liebevoller gegen mich ist, als früher. Seitdem Sie des Abends ein paarmal dagewesen sind und vernünftig mit ihr gesprochen haben, ist das Mädchen wie ausgetauscht. Sie schmollt nicht mehr, sie kokettirt nicht mehr, und gestern hat sie mir mit dem reizendsten Lächeln von der Welt die Hand gereicht und dabei gesagt: Laß uns Frieden schließen, Ferdinand, ich denke, wir gefallen ihm so besser; und dann hat sie mich mit einem Blick angesehen, daß es mir wunderbar durch alle Adern rieselte. O, mein Freund, jetzt erst weiß ich, wie reizend dieses Mädchen ist! Sie ist hinreißend in ihrem tollen Uebermuth, ihrer unberechenbaren Launenhaftigkeit; aber mit dem sinnenden Ernst in den heißen Augen, auf den üppigen Lippen ist sie unwiderstehlich. Wer diesen schönsten Busen sich nur einmal so ahnungsvoll hat heben und senken sehen, wie ich es gestern sah, als sie mit mir im halbdunklen Fenster flüsterte – der ist auf ewig verloren. Helfen Sie mir dies Weib gewinnen, und ich will Zeit meines Lebens Sclavendienste für Sie verrichten! Aber nun muß ich fort. Ich habe um sieben Uhr ein Rendezvous, das ich versäumen würde, wenn ich nicht das Bedürfniß hätte, diese insipiden Liaisons alle Knall und Fall abzubrechen. Treffen wir uns später vielleicht bei Tavolini? Schwerlich, ich bin für den Abend anderweitig versagt. Sie Vielumworbener! Nun denn, auf baldiges Wiedersehen! Ferdinand war schon an der Thür, als Leo plötzlich sagte: Apropos, Herr Doctor! Ich habe noch immer den Brief. Welchen Brief? Den von neulich. Ach so! Behalten Sie ihn nur. Ich mag ihn nicht wieder haben; jetzt zum wenigsten nicht, wo ich mit Eve so gut stehe. Adieu! Adieu! Und Ferdinand eilte davon. Leo ging in sein Schlafzimmer, sich umzukleiden. Es ist nothwendig, murmelte er. Es muß ihnen der letzte Vorwand genommen werden, und dieser Brief wirft alle ihre feinen Argumente über den Haufen. Vielleicht bedarf es, wenn sie zur rechten Zeit Vernunft annehmen, gar nicht einmal, daß ich diesen Lippert opfere. Und wenn es nöthig wäre? Nun denn, so fliegt bei einer Explosion, die eine mächtige Bresche in den Wall des Feindes reißt, ein Narr mit in die Luft. Er ist ein Narr und nicht einmal ein amüsanter. Ich kann es Eve nicht verdenken, daß sie ihn nicht will, obgleich sie wahrlich nicht besser ist, als er. Nicht besser, aber klüger, und doch nicht klug genug. Leo entließ den Jugendlichen für heute seines Dienstes und machte sich auf den Weg zu dem Bankier Sonnenstein, der ihn hatte bitten lassen, ihn heute Abend zu einer vertraulichen Unterredung zu besuchen. Fünfundvierzigstes Capitel. Leo hatte nicht weit zu gehen, denn das Haus Sonnenstein's lag in derselben Straße, deren ganz besondere Zier und vorzüglicher Schmuck es, wenigstens in den Augen des Besitzers, war. Andere wollten den Geschmack nicht ganz loben und tadelten besonders die Ueberladung mit Ornamenten. Wie dem auch sein mochte, das gewaltige Haus machte einen stattlichen Eindruck, besonders jetzt in der trüben Dämmerung eines hereinbrechenden Winterabends, wo der frischgefallene Schnee jede vorspringende Kante und Verzierung von der grauen Hauptmasse abhob. Gerade als Leo die Portierglocke zog, kam eine glänzende Equipage schnell die Rampe heraufgefahren, und Emma stieg aus. Sie traf mit Leo noch in der Thür zusammen. Ach, das ist charmant, rief die junge Dame, das trifft sich herrlich! Ich habe doch einen wahrhaft divinatorischen Geist. In dem reizendsten tête-à-tête mit einer Busenfreundin ließ es mir keine Ruhe; ich ahnte, daß Sie kommen würden; ich habe sehr, sehr nothwendig mit Ihnen zu sprechen. Leo verbeugte sich, konnte aber nicht leugnen, daß er nicht der Tochter, sondern des Vaters wegen, der ihn erwarte, gekommen sei. Die bösen, bösen Männer! rief Emma; gewiß soll wieder politisirt werden, aber hernach erwarte ich Sie bestimmt. Ich muß um acht Uhr in's Concert; wenn Sie so lange bleiben, kann ich Ihnen noch Jemand vorstellen, der Sie interessiren wird. Damit rauschte Emma davon, und Leo folgte dem harrenden Diener in das Cabinet des Bankiers. Herr von Sonnenstein empfing Leo heute mit besonderer Freundlichkeit. Er ließ Rheinwein bringen, schob eigenhändig die schweren Lehnstühle näher an den Kamin, fragte, wie Leo sich in seiner neuen Wohnung gefalle, und kam nach dieser Einleitung zu seinem Thema. Einem klugen Mann wie Ihnen gegenüber, sagte er, an dem Wein nippend, ist unumwundene Aufrichtigkeit immer die beste Politik, und so sage ich Ihnen denn ganz aufrichtig, lieber Doctor, daß ich – daß Sie mir einen großen Dienst leisten können, und daß ich im Begriffe bin, Sie um diesen Dienst zu ersuchen. Leo erklärte seine Bereitwilligkeit und hoffte, daß er im Stande sei, sich so, wie er wünsche, dienstbar zu erweisen. Sie sind dazu im Stande, sagte der Bankier, Sie oder Keiner, wie es im Lustspiel heißt – schmeckt Ihnen der Wein? – ja, Sie oder Keiner, denn Keiner steht den beiden Parteien so nahe, wie Sie, ohne von der einen oder der anderen Seite beeinflußt zu sein, und besitzt zugleich Geschäftskenntniß genug, um in der Sache ein competentes Urtheil zu haben. Sie ahnen wohl schon, daß es sich um eine Differenz handelt, die zwischen meinem Schwager und mir nun schon seit vier Jahren obwaltet. Ich ahnte etwas der Art, erwiederte Leo mit leichtem Lächeln; denn der Freiherr hat mir ganz kürzlich einige Andeutungen über dieselbe Angelegenheit gemacht. Und was hat er Ihnen gesagt? rief der Bankier eifrig; aber warum frage ich danach? denn was er Ihnen auch gesagt haben mag, das Wahre haben Sie auf jeden Fall nicht erfahren; das können Sie nur von mir, von einem Geschäftsmanne hören, dem es schon tausendmal leid gewesen ist, daß er sich mit einem Grandseigneur in ein Geschäft eingelassen hat. Herr von Sonnenstein sagte dies in einem spöttischen Ton, war überhaupt erregter, als Leo ihn je gesehen. Er nippte an dem Wein und fuhr mit einer Stimme fort, welcher er vergeblich einen gleichmäßig ruhigen Klang zu geben versuchte: Die Sache ist für Jemand, der überhaupt denken kann, die einfachste von der Welt. Ich brauche Ihnen die Motive, die mich vor nun sieben Jahren bewogen, auf den Gütern meines Schwagers die Fabriken anzulegen, nicht lange zu detailliren. Ich wollte Geld verdienen, das versteht sich, und hier lag es sozusagen auf der Straße: billige Arbeitslöhne, wohlfeile Betriebsmittel, Wasser in Fülle, Kohlen in der Nähe, fahrbare Straßen, in Aussicht stehende Eisenbahnen. Ich dachte sogleich an Eisenhämmer und Maschinenfabriken; es konnten in dem Artikel große Geschäfte gemacht werden. Wir vereinigten uns auf Grund der folgenden Bestimmungen: Ich gab das ganze Anlage- und Betriebskapital, nebenbei viermalhunderttausend Thaler, aus meiner Tasche, jedoch in der Weise, daß die Hälfte dieser Summe von mir für Rechnung meines Schwagers, der damals gerade keine baaren Mittel verfügbar hatte und dem es zu unbequem war, sich durch Hypotheken oder sonstigen Realcredit das nöthige Geld zu verschaffen, gezahlt wurde, natürlich gegen die üblichen Zinsen. Zu meiner Sicherheit ließ ich dieses Kapital als erste Hypothek auf die Fabrikgrundstücke eintragen. Der Werth des Grund und Bodens ward zu einem niedrigen Taxwerthe dem Unternehmen zur Last und dem Conto des Freiherrn gutgeschrieben. Ich habe mich Ihnen doch deutlich gemacht? Vollkommen, sagte Leo. Sie hatten bei dieser Einrichtung von vornherein den Freiherrn in den Händen. Der Bankier warf unter seinen buschigen Augenbrauen einen schnellen, prüfenden Blick auf seinen Gast; dann, als er Leo's unbewegtes Gesicht sah, sagte er lächelnd: Nun ja, er hätte mit Jemand, der die Situation rücksichtslos ausgebeutet hätte, schlimmer fahren können: mit mir war das natürlich anders. Ich machte die Proposition, weil ich auf andere Weise nicht hoffen konnte, meinen Schwager bei der Sache zu interessiren, und dann, weil ich bei allem meinem guten Glauben an die Rentabilität der Unternehmung ein doch immer mögliches Risico als vorsichtiger Geschäftsmann nicht allein tragen mochte. Gewiß, sagte Leo, denn, gaben Sie auch das ganze Kapital her, so war Ihnen der Freiherr doch für die Hälfte Garant und konnte Ihnen im Verlustfalle aus seinem Vermögen Ersatz leisten, ohne daß zu einer Subhastation der Fabriken geschritten zu werden brauchte. Im ungünstigsten Falle, wenn der Freiherr andere Zahlmittel nicht schaffen konnte, blieb Ihnen immer die Hypothek, durch welche Sie sich das Eigenthumsrecht auf das ganze Unternehmen sicherten. Ich bemerke dies blos, um Ihnen zu zeigen, daß ich Ihnen mit Aufmerksamkeit gefolgt und, wie ich glaube, au fait bin. Durchaus, sagte der Bankier, Sie haben einen herrlichen Kopf für Geschäfte. Nun, die Sache kam in Gang. Fremde Arbeiter, die wir unter annehmbaren Bedingungen acquirirten, gaben den einheimischen die nöthige Anleitung; ein ansehnlicher Gewinn ward erzielt; die Harmonie zwischen mir und meinem Compagnon und Schwager, der, wie Sie wissen, unterdessen in die Stadt gezogen war und – unter uns – ein großes, ein zu großes Haus machte – konnte nicht vollkommener sein; er war mit seinem Gewinnantheil sehr zufrieden und dankte mir wiederholt für die Hartnäckigkeit, mit der ich ihn in die Unternehmung gedrängt hatte. – Aber schon gegen Ende des zweiten Jahres bekam das Ding ein anderes Aussehen. Ich hatte immer gefürchtet, daß die Concurrenz sich alsbald gierig auf die von mir aufgedeckte Fährte stürzen werde, und den etwaigen Ausfall auch von vornherein in Rechnung gebracht; aber es kam schlimmer, als ich gefürchtet hatte; die Fabriken wuchsen rings am Walde wie Pilze in die Höhe, zum Theil unter noch günstigeren Bedingungen; dazu wurden gerade damals die Conjuncturen in unserer Branche überhaupt schlechter; wir hatten an Außenständen große Verluste, und um das Unglück voll zu machen, brachten uns ein paar Waldbrände oben nach Tannenstädt und den anderen Dörfern hinauf – die jedenfalls angelegt sind, obgleich die Untersuchung nichts herausgebracht hat – einen solchen Wassermangel, daß wir uns entschließen mußten, einen artesischen Brunnen anzulegen. Sie wissen, was das sagen will! Kurz, es ward nicht nur kein Gewinn erzielt: es wurden neue Kapitaleinschüsse zur Deckung der Verluste erforderlich. Der Freiherr, der vertragsmäßig die Hälfte beizusteuern hatte – Zahlte natürlich nicht, warf Leo ein. Zahlte natürlich nicht, wiederholte eifrig der Bankier; er verlangte vielmehr, daß ich seinen Theil mit übernähme unter denselben Bedingungen, wie den ursprünglichen Kapitalantheil. Das konnte ich nicht und das wollte ich nicht. Ich war in meinem Bankiergeschäft bedrängt; ich verlangte von meinem Schwager nicht allein die Zinsen des Anlagekapitals, sondern auch mit Bestimmtheit die neuen Einzahlungen. Die der Freiherr verweigerte, sagte Leo. Die der Freiherr verweigerte, fuhr der Bankier fort, trotzdem ich bat, wo ich ein Recht hatte, zu fordern, bis ich endlich sogar mit Subhastation drohte. Zu der Sie es selbstverständlich nicht kommen ließen, sagte Leo. Bewahre, sagte der Bankier, es sollte nur ein Schreckschuß für ihn sein; aber die Drohungen hatten nicht besseren Erfolg, als die Bitten. Können Sie sich ein solches Benehmen erklären? Nur durch eine Annahme, erwiederte Leo. Und die ist? Der Freiherr traut Ihnen nicht. Hat er das gesagt? Ich erwähnte schon vorher, daß der Freiherr sich nur in den allgemeinsten Andeutungen gegen mich bewegt hat, erwiederte Leo ruhig, während Sonnenstein's schwarze Augen fast ängstlich an seinem Gesichte hingen; oder vielleicht hat er wirklich kein Geld. Unmöglich! rief der Bankier. So bleibt eben nur die erste Annahme; aber Sie haben mir die Sache noch nicht zu Ende erzählt. Wir waren bei den mageren Jahren; es folgten denselben, wenn ich nicht irre, respectabel fette, die ja wohl auch noch andauern. Nun ja, sagte der Bankier; ich hatte die Fabrik natürlich fortwährend im Gange erhalten; ich lebte mich in die Concurrenz ein, machte sie zum Theil todt; die Preise stiegen, während die Arbeitslöhne so ziemlich auf der ursprünglichen Höhe blieben; das Geschäft ging gut und geht gut, aber – Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche, sagte Leo, weiß das der Freiherr? Nun ja, ohne Frage, das heißt – Das heißt, er hat seit dem Ausbruch des Conflicts nie wieder Abrechnung erhalten? Aber mein Gott, rief Herr von Sonnenstein, das ist ja selbstverständlich. Was hilft es, mit einem Partner abrechnen, der todter als todt ist? Dann ist es, wie ich vorhin muthmaßte, sagte Leo; der Freiherr kann sich nicht denken, daß ein Unternehmen, welches in den ersten Jahren so gute Früchte getragen, sich von einigen Calamitäten, die es im dritten und vierten Jahre betroffen und deren Größe er jedenfalls unterschätzt, unter glücklicheren Conjuncturen, wie sie seitdem eingetreten sind, nicht schon längst erholt haben, und nicht die bedeutendsten Gewinne jetzt abwerfen sollte. Eine Rechnungsablegung, die ihn über den Stand der Dinge aufklären würde, kann er nicht gut fordern, da er zuvor zahlen müßte. Er ist also mißtrauisch und glaubt Ihnen nicht; er muthmaßt, daß Sie ihn hintergehen, daß Sie alleiniger Eigenthümer der Fabriken werden wollen, bildet sich auch vielleicht ein, daß Sie von vornherein die Sache darauf angelegt haben, denn ohne Zweifel ist für ihn die Eintragung seines Kapitalantheils als Hypothek auf die Fabrikgrundstücke im Anfang eine reine Formsache gewesen, bis ihm allmälig über die sehr ernste Bedeutung dieses Factums die Augen aufgegangen sind. Das war doch das Mindeste, was ich zu meiner, zu des Geschäftes Sicherheit thun konnte! rief der Bankier. Ich behaupte nicht das Gegentheil, erwiederte Leo, aber aus der dem Freiherrn so spät gewordenen Einsicht, die jeder Andere von vornherein gehabt hätte, nämlich: daß Sie die Situation von Anfang an beherrschten, ist sein Mißtrauen entsprungen und erhält ohne Zweifel aus derselben Quelle fortwährend Nahrung. Er ist über den Stand des Geschäftes im Unklaren, weil er nicht zahlt, und er zahlt nicht, weil er im Unklaren ist. Das ist, so viel ich sehen kann, der circulus vitiosus , in welchem sich der Freiherr seit vier Jahren bewegt und aus dem er schwerlich herauszubringen sein wird. Aber er muß heraus, rief der Bankier hitzig, er muß heraus, oder er muß aus dem Geschäft, und Sie, lieber Freund, Sie müssen ihn herausbringen. Aus dem Geschäft? fragte Leo lächelnd. Nun, vorläufig aus den unsinnigen Einbildungen, die er sich in den Kopf gesetzt hat. Ich wiederhole es, Sie sind meine letzte Hoffnung. Ich weiß durch meine Tochter, daß der Freiherr die größten Stücke auf Sie hält; daß er sich über die Seltenheit Ihrer Besuche bitter beklagt, daß er Ihre Talente, Ihre Kenntnisse, besonders Ihre Einsicht in volkswirthschaftlichen Dingen höchlichst preist. Das Letztere sollte mir bei Ihnen nicht zur Empfehlung dienen, warf Leo ein; Sie wissen, daß unsere Ansichten auf diesem Felde über sehr viele und sehr wichtige Punkte bedeutend auseinander gehen. Ah bah! sagte der Bankier, das sind theoretische Wortgefechte; in der Praxis sieht das Alles ganz anders aus, und hier handelt es sich um einen rein praktischen Fall, an dem gar nichts zu drehen und zu deuteln ist. Leo war im Grunde nicht abgeneigt, die ihm anvertraute schwierige Mission zu übernehmen. Er zweifelte nicht, daß in diesem Falle, wie in den meisten Fällen der Art, auf beiden Seiten Uebergriffe und Ungehörigkeiten vorgekommen sein würden; jedenfalls mußte sein Einfluß hier wie dort steigen, und die Kunde von dem ehrenvollen Amte eines Vermittlers, das ihm in einer so wichtigen Angelegenheit geworden war, sein Ansehen bei der Partei und selbst bei dem Publikum – das dergleichen immer erfährt – vermehren oder gründen. Außerdem – und das war das Wichtigste – erlangte er so das Recht, von dem Bankier einen Gegendienst zu fordern. Erst in Sonnenstein's Händen gewann der Brief des Prinzen die rechte Bedeutung, das rechte Gewicht. Während er dies bei sich überlegte, drang der Bankier mit tausend Gründen in ihn, alle Bedenken fahren zu lassen. Einsicht in die Bücher, so weit sie ihm zur besonderen Information nöthig scheine, verstehe sich von selbst; überhaupt sei er zu jeder Auskunft bereit; er könne es bei Groschen und Pfennig nachweisen, daß der Freiherr sich gröblich irre, wenn er glaube, daß die Verluste, welche die Firma inzwischen auf sein Conto übernommen habe, bereits gedeckt seien. Dann kam er wieder darauf zurück, daß Leo der einzige schickliche Vermittler sei. Alfred habe nicht den rechten Sinn für Geschäfte, sei zu sehr der glänzende Cavalier; Henri, der übrigens dem Onkel vollkommen Recht gebe, stehe mit dem Vater auf einem zu schlechten Fuße; er selbst habe früher wiederholt versucht, dem Freiherrn das Sachverhältniß darzulegen, aber es sei unmöglich gewesen. Wie wollen Sie Geschäfte abmachen mit einem Manne, der die Person nicht von der Sache zu trennen weiß? der mir seine Ahnen vorrückt, wenn er sich verrechnet hat? und seinen unbescholtenen Namen, wenn er nicht zahlen will? Was thu' ich mit der Unbescholtenheit? Warum hat sich mein Großvater taufen lassen, wenn ich noch immer der Jude bin, der dem vornehmen Herrn das Blut aussaugt? Warum hat der König meinem Vater den Adel gegeben, wenn mein Wort nicht gelten soll, wie eines anderen Edelmannes Wort? Warum hat man mir die Tochter antrauen lassen, wenn die Schwägerschaft nur so lange dauert, als ich geduldig alle Grobheiten einstecke, mit denen man mir mein gutes Geld verzinst? Die schwarzen Augen des Bankiers funkelten unter den buschigen Augenbrauen, und seine zarte, schlanke Gestalt bebte. Es war das erste Mal während dieser Unterredung, daß die verhaltene Leidenschaft des Mannes blitzgleich hervortrat, und schnell wie ein Blitz war sie auch wieder verschwunden. Mit Ihnen ist das anders, fuhr er, sich zum Lächeln zwingend, fort. Sie sind ein Mann der Wissenschaft – da gilt Jeder so viel, als er werth ist. Ueberdies haben Sie beneidenswerth starke Nerven und lassen sich nicht imponiren durch Blicke von oben herab. Sie müssen mir helfen, ich kann nicht offen brechen mit meinem Schwager; damit würde aller Vortheil der Verschwägerung mit den Tuchheims zum Kukuk sein. Die alten Geschlechter hangen an einander wie die Kletten, und wenn der Freiherr auch jetzt politisch ein wenig anrüchig ist – wehe mir, wenn ich es wagte, ihm die Hüfte zu rühren! Der Adel, der Adel, lieber Freund! Sie wissen nicht, was das bedeutet! Vielleicht doch, erwiederte Leo; man sammelt das so am Wege auf, wenn man die Augen nicht verschließt. So finde ich zum Beispiel diesen Brief aus der Feder eines höchst Adeligen sehr lehrreich. Kennen Sie die Handschrift? Und er breitete den Brief, den ihm Ferdinand gegeben, vor dem Bankier aus. Herr von Sonnenstein hatte nur einen Blick darauf geworfen, als er im höchsten Erstaunen ausrief: Wie kommen Sie dazu? Sie kennen also die Handschrift? wiederholte Leo. Nun natürlich! rief der Bankier; ich habe sie wiederholt gesehen; der alte General von Schnabelsdorf, dessen Angelegenheiten ich besorge und zu dem ich häufig komme, hat mindestens ein Dutzend eigenhändiger Briefe von ihm. Aber wie um Alles in der Welt – Lesen Sie! sagte Leo. Der Bankier nahm seine Lorgnette wieder vor die Augen und begann, unterbrach sich aber alsbald und rief mit dem Ausdruck fast des Schreckens: Das ist ja offenbar an den Fürsten von – Lesen Sie! sagte Leo. Der Bankier kam nicht schnell mit der Lectüre zu Ende; als er nach einiger Zeit das Blatt auf den Tisch sinken ließ, trug sein Gesicht den Stempel äußerster Rathlosigkeit. Das ist unerhört, sagte er. Durchaus nicht, erwiederte Leo, wenn Sie und Ihre Freunde nur hätten hören wollen – ich habe es Ihnen schon vor Wochen gesagt. Das beste Einvernehmen mit dem Erzfeind aller europäischen Freiheit, dem alten schlauen Intriguanten; der offenste Hohn aller Constitutionen, cynischer Spott, sobald er auf die Bestrebungen der liberalen Parteien zu sprechen kommt – es ist unglaublich! Aber um Gottes Willen, Doctor, von wem haben Sie dies? Und Herr von Sonnenstein legte seine zitternde Hand auf Leo's Arm. Leider ist es nur das Brouillon eines Briefes, sagte Leo ausweichend; daß es aber der Brief selbst sein sollte, läßt sich aus der Handschrift der ersten Seite deutlich ersehen. Uebrigens weiß ich mit Bestimmtheit, daß der Brief abgesendet ist. Ich verbürge mich dafür. Das muß Ihnen genügen. Und Sie wünschen, daß ich dieses Blatt Anderen, ich meine den politischen Freunden zeige? Ich habe es vorzüglich zu diesem Zwecke mitgebracht; ja, daß Sie Ihren ganzen Einfluß aufbieten, diesem Briefe in der Partei die Beachtung zu verschaffen, die er verdient, ist die einzige Bedingung, unter der ich mich verpflichten kann, meinerseits zu versuchen, wie weit mein Einfluß bei dem Freiherrn reicht. Ich will sehen, was sich machen läßt, sagte der Bankier, Leo die Hand reichend. Und so will ich mich Ihnen für heute empfehlen. Ich hatte noch vor, Ihrem Fräulein Tochter meine Aufwartung zu machen. Thun Sie das, thun sie das, lieber Freund! rief der Bankier, und er begleitete Leo mit einer Höflichkeit in Worten und Geberden, die fast an Unterwürfigkeit grenzte, durch sein Vorzimmer bis auf den Corridor, rief dort einen Bedienten und befahl demselben, den Herrn Doctor zum gnädigen Fräulein zu führen. Leo fand Emma nicht allein. Ihr gegenüber an dem Kamin in einer behaglichen Stellung saß Henri. Er war offenbar auf Leo's Kommen nicht vorbereitet gewesen, und die Ueberraschung mußte keine angenehme sein, denn seine lebhaften Züge nahmen einen sehr düsteren Ausdruck an. Auch Leo verlor für einen Augenblick die sichere Haltung, als er sich so plötzlich – zum zweiten Male in Emma's Salon – dem alten Schulkameraden gegenüber sah. Die beiden jungen Männer begrüßten sich sehr ceremoniell und wurden Beide nach dieser stummen Einleitung mit einem Male sehr gesprächig und mittheilsam. Emma war entzückt, sich so gut unterhalten zu hören. Sie lachte über Henri's Anekdoten, fand Leo zu sarkastisch, zu schlecht! und verlangte zu wissen, weshalb sich die Herren nicht öfter bei ihr träfen? – O, wie reizend wäre das! rief sie; wie sollte dies bescheidene Gemach ein Tempel des Geistes und Witzes werden! aber so lauft Ihr in Eure abscheulichen Clubs, oder vertändelt Eure Zeit bei dem Onkel Freiherrn; und an mich armes verlassenes Mädchen denkt Keiner. Aber ich weiß, was ich thue; ich werde in ein Kloster gehen und Nonne werden. Was soll ein sinniges, dem Höheren zugewendetes Gemüth, wie das meine, in dieser kalten, liebeleeren Welt? Und. Emma stellte ihre kleinen Füße auf das Kamingitter und lehnte ihren Kopf hintenüber in das weiche Polster des Fauteuils. Alfred von Sonnenstein unterbrach diese Unterhaltung, indem er, Hut und Reitpeitsche in der Hand, hereintrat und schon im Hereintreten rief: Aber, Henri, was soll denn das heißen! Ich warte und warte! Es ist die allerhöchste Zeit! Was giebt es nun schon wieder, Ihr Barbaren! rief Emma. Wir haben heute Probe, die letzte vor der Generalprobe; sagte Alfred. Willst Du fort, Du böser Mensch! rief Emma, zu Henri gewendet. Sie müssen wissen, Herr Doctor, daß sie am Geburtstage des Kronprinzen ein Caroussel im Costüm reiten wollen. Henri commandirt – ich freue mich so darauf, mit ihm Ehre einzulegen, und nun will er nicht zur Probe! Fort, fort, Du Ungethüm! Und Emma trieb Henri mit Fächerschlägen zum Zimmer hinaus, kam dann zu Leo an den Kamin zurück, warf sich in ihren Lehnsessel und brach in ein Gelächter aus, das gar nicht enden wollte. Nein, das war zu schön, zu schön! rief sie einmal über das andere; haben Sie denn sein Gesicht nicht beobachtet, als Alfred in's Zimmer kam, und er sah, daß er fort mußte. Orestes hätte fast seinen Pylades verleugnet! Er schien in der That sehr ungern zu gehen, sagte Leo; aber was finden Sie dabei so wunderbar? Daß die Leute Sie ungern verlassen, müssen Sie doch gewohnt sein. Emma warf Leo einen dankbaren Blick zu. Ach! sagte sie, daß es keine wahre Freundschaft giebt! Was hat er nur davon, daß er mir dieses ungestörte Zusammensein mit Ihnen nicht gönnt! Was ist der Grund – leugnen Sie es nicht, ich habe es wohl bemerkt – daß Sie selbst ihn lieber gehen, als hierbleiben sahen? Können wir nicht in Liebe und Unschuld zusammenleben, zumal jetzt, da wir Nachbarn sind? O, Doctor, Ihre Wohnung soll ja ein wahres kleines Museum sein! Pompeji und Versailles! Ich muß einen Blick in dies Heiligthum werfen, und wenn es nicht anders geht, werde ich vor Sehnsucht krank werden und mich in Ihrer Sprechstunde einfinden. Dann dürfen Sie mich ja nicht abweisen. Sie müssen überhaupt mein Arzt werden, Doctor! mein Seelenarzt! Unser alter Geheimrath versteht von meiner complicirten Natur nichts. Er hat keine Ahnung von dem feinen Zusammenhange meines psychischen und physischen Lebens. Deshalb darf er wagen, mir in's Gesicht zu sagen, daß mir gar nichts fehle. Nun, ich kümmere mich wenig darum, ob mein harmloses Dasein ein paar Jahre länger oder kürzer dauert; aber mein Bruder, mein armer Bruder! Emma drückte ihr Taschentuch an ihre Augen und sagte hinter dem Tuche hervor in düsterem Tone: Geben Sie meinem Bruder ein langes Leben? Leo erwiederte, daß er ohne vorhergegangene genaue Untersuchung eine solche Frage zu beantworten gar nicht im Stande sei. Alfred sehe allerdings ein wenig angegriffen aus, das könne aber auch ebensogut die Folge des etwas raschen Lebens sein, das er in Gesellschaft seiner Altersgenossen zu führen scheine. O, diese Männer, diese Männer! seufzte Emma; es ist entsetzlich, es muß entsetzlich sein, obgleich wir keuschen Frauen gar keine Ahnung haben, was Ihr eigentlich treibt. Ich vermuthe, Ihr spielt bis in die Nacht hinein und trinkt über die Gebühr viel Champagner. Oder ist das noch nicht Alles? Antworten Sie mir, Doctor! Oder antworten Sie mir lieber nicht! Ich will nichts weiter wissen, wenn das nicht Alles ist! Leo hatte Emma's Geschwätz herzlich satt und wollte sich entfernen, aber Emma hielt ihn zurück. Sie dürfen nicht fort, Doctor! Ich habe Ihnen ja noch eine interessante Bekanntschaft versprochen. Sie muß in wenigen Minuten kommen, mich zum Concert abzuholen. Wer ist es? Meine Cousine, Josephe von Tuchheim. Ich glaubte, Sie hätten mit jenem Zweige Ihrer Familie gar keinen Verkehr? sagte Leo. O Gott, das ist auch wieder so ein Beispiel der Argheit dieser Welt! rief Emma. Wir armen Mädchen müssen es büßen, daß unsere Väter nicht harmoniren, als ob wir auch nur das Mindeste dazu oder davon thun könnten! So gehe ich nun schon seit Jahr und Tag fast stets allein zu dem Freiherrn, denn der Vater und der Onkel können sich gar nicht miteinander stellen, und der Onkel hat sich ja auch wohl gegen den Vater in der Fabrikangelegenheit sehr schlecht benommen, und mit dem General steht der Vater ja auch nur so, daß es nicht Krieg und nicht Frieden ist. In Folge dessen sehen wir Mädchen uns auch so selten, daß es immer ein wahres Fest für uns ist, wenn es einmal geschieht. Welcher Ihrer Cousinen geben Sie den Vorzug? fragte Leo. O, ich liebe sie Beide so! rief Emma; aber wenn ich mich entscheiden soll, würde ich es für Josephe thun. Amélie ist, ganz unter uns, Doctor, eigentlich nur ein Gänschen von Buchenau. Sie ist lieblich, sanft und bescheiden; aber sie hat auch nicht einen Funken vom prometheischen Feuer, so ganz ohne Esprit, ich soll noch das erste Bonmot aus ihrem Munde hören. Josephe hat auch keinen Esprit; aber sie weiß, daß sie schön ist, und dies Bewußtsein giebt ihr ein Relief für ihre großen Manieren. O, sie hat Manieren, während Ihre prätentiöse Cousine Silvia nur gern welche hätte. Es ist ein Unterschied, wie zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Styl und Manier. Finden Sie Ihre gute Cousine nicht auch ein wenig manierirt? Leo wurde die Antwort auf diese Frage erspart, denn in diesem Augenblicke meldete der Bediente Baronesse Josephe von Tuchheim. Emma flog der Hereintretenden entgegen; aber wenn es, wie sie vorhin behauptete, für die Cousinen ein Fest war, sich einmal zu sehen, so wußte Josephine die lebhaften Empfindungen trefflich zu beherrschen; es regte sich nichts in ihrem schönen Gesichte, während Emma sie mit übertriebener Zärtlichkeit umarmte und sie unter einem Schwall von Worten an den Kamin zog. Leo war ein wenig zurückgetreten. Emma stellte ihn als einen werthen Hausfreund vor; Josephe erwiederte seine Verbeugung mit einer kaum merklichen Neigung ihres Hauptes. Es ist so lieb von Dir, daß Du so pünktlich gekommen bist! rief Emma, und ich Treulose habe noch nicht einmal Toilette gemacht. Sei nicht böse, Liebe! es soll nicht lange dauern. Fünf Minuten! Nur eine bescheidene Blume in's Haar, wie es sich für mich unbedeutendes Mädchen schickt. Der Herr Doctor wird Dir Gesellschaft leisten. Emma eilte aus dem Gemache; Josephe saß, die schöngeschweiften Brauen unwillig in die Höhe gezogen, da und blickte, an Leo vorüber, auf ein Bild an der Wand; Leo stand in der Nähe, an einen Tisch gelehnt, und blätterte in einem Album. Die Stutzuhr auf dem Sims des Kamins tickte leise durch die Stille. Ich höre, das Concert heute Abend wird eines der schönsten in dieser Saison sein, sagte Leo emporschauend. Ich glaube, ja, erwiederte Josephe, den Blick auf die Wand geheftet. Man ist sehr musikalisch in der Residenz, sagte Leo. Ich glaube, ja, erwiederte Josephe, ohne ihre Haltung zu ändern. Ueber Leo's Gesicht flog ein Lächeln; er begann wieder in dem Album zu blättern. Die Stutzuhr auf dem Kamin tickte noch lauter als vorhin. Die fünf Minuten, die sich Emma für ihre Toilette erbeten, waren längst vorüber, ohne daß eine von den beiden Personen im Zimmer die Lippen geöffnet hätte. Endlich kam Emma zurück in einem andern Kleide, mit einem reichen Putz in dem dunklen Haar und einem fliegenden Ueberwurf um die nackten runden Schultern. Verzeihung, Verzeihung! Meine neue Jungfer ist ein Monstrum von Langsamkeit und Ungeschicklichkeit. Aber ich wußte Dich in der Gesellschaft des unterhaltendsten Mannes, Liebe! Das war mein einziger Trost. Warum lächeln Sie, Sie böser Mensch? Ist er nicht entsetzlich sarkastisch, Liebe? Wollen wir gehen? sagte Josephe, indem sie sich erhob und nach der Thür schritt. Ich habe den Wagen warten lassen. Nun, wie gefällt sie Ihnen? flüsterte Emma, indem sie beim Herausgehen Leo's Arm streifte; hat sie nicht große Manieren? Ich glaube, ja, erwiederte Leo laut. O, Sie sind horribel! Gehen Sie und kommen Sie das nächste Mal in einer weniger sarkastischen Laune. Die Damen rauschten an Leo vorüber aus der Thür. Der Bediente warf den Schlag zu. Als der Wagen sich eben in Bewegung setzte, trafen Leo die schwarzen Augen Josephe's, die sich vorübergebeugt hatte und ihm voll in's Gesicht sah. Sie ist in der That sehr schön! murmelte Leo. Sechsundvierzigstes Capitel. An einem der letzten Abende war Walter zu einer früheren Stunde als sonst in das Haus des Freiherrn gekommen und hatte seinen Roman mitgebracht, der nun mit seinem Namen auf dem Titel und mit einem kurzen Vorwort, in welchem er sich zur Autorschaft der Novellen bekannte, erschienen war. Er hatte mit diesem Werke geheimnißvoller gethan, als mit seinen früheren, hatte den Plan nur in den allgemeinsten Zügen angedeutet und die Damen, wenn sie neugierig in ihn drangen, immer auf das Buch selbst vertröstet. Nun war es da, und Amélie stand am Tische und legte die zitternden Hände auf das schön gebundene Exemplar, als wollte sie das Werk des Geliebten seien, daß ihm auf seinem Laufe durch die Welt nur Gutes und Liebes begegnen möge. Charlotte stand an der andern Seite des Tisches; ihre sanften Augen ruhten mit inniger Zärtlichkeit auf den Beiden. Sie bat Walter, nun auch das oft gegebene Versprechen zu erfüllen und sein Werk vorzulesen. Walter erröthete; es fiel ihm plötzlich ein, daß er noch einen großen Packen lateinischer Exercitien zu corrigiren habe, und ob es nicht besser sei, einen Abend zu wählen, an welchem Silvia, die heute bei Emma von Sonnenstein zum Besuche war, ebenfalls zuhören könne. Dann mußte er über seine Heuchelei lachen und gutmüthig gestehen, daß er im Stillen gehofft, ja halb und halb gewußt habe, Silvia werde nicht zugegen sein. Ich weiß, sagte er, daß Silvia gewisse Stellen, auf die ich mir nebenbei gerade besonders viel einbilde, nicht billigen würde, und ich möchte heute Abend nur gelobt sein. Und sind Sie dessen von unserer Seite so sicher? Fragte Amélie mit schalkhaftem Lächeln. Kommt, kommt, Kinder, und verschwatzt die schöne Zeit nicht, sagte Charlotte, Walter an der Hand nehmend und ihn auf einen Stuhl dicht neben der Lampe weisend, während sie selbst in seiner Nähe Platz nahm und Amélie sich ein wenig weiter fort in den Schatten setzte. Walter begann zu lesen – anfangs etwas unsicher, denn seine Gedanken waren nicht bei dem Buche, sondern bei seinen Zuhörerinnen; aber bald kam der Künstlergeist, der nur in seinem Werke wahrhaft lebt, über ihn; und wenn er auch der lieben Beiden nicht vergaß, so schwebten sie doch nur wie selige Geister an dem Rande seiner erträumten Welt. Jetzt erst, wo er mühlos auf den breiten Schwingen der nachschaffenden Phantasie diese Welt durchmessen durfte, schien sie ihm ganz zu gehören, während er doch das Einzelne, weil er es nun im Zusammenhange sah, kaum wieder erkannte. Jetzt auch erst konnte er sich des Gelungenen wahrhaft freuen, und das minder Gelungene, ja selbst das Mißlungene entlockte ihm nur ein ironisches Lächeln, denn er wußte nun, warum es nicht gelungen war, warum es mißlingen mußte. So las er ohne Unterbrechung mehrere Stunden. In gleich tiefem Schweigen, mit gleich tiefer Theilnahme und doch mit sehr verschiedenen Empfindungen lauschten die Frauen. Charlotte saß in ihren Stuhl zurückgelehnt, die Hände in dem Schoß gefaltet, die Augen unverwandt auf den Vorleser gerichtet. Ihrem fein gebildeten Kunstsinn entging es nicht, einen wie großen Fortschritt ihr junger Freund in diesem Werk gemacht, mit wie viel größerer Sicherheit er diesmal seinen Stoff beherrschte, wie viel plastischer diesmal seine Gestalten hervortraten, wie sehr seine Sprache an Fülle und Klarheit gewonnen. Sie überzeugte sich, daß er mit diesem Werke die Gleichgiltigkeit und den Widerstand der Welt besiegen, daß sein Name von jetzt an unter den Dichtern der Nation gezählt werden würde. Dennoch konnte sie sich nicht wahrhaft freuen, und ihr Auge wurde trüber und trüber, je weiter Walter in seiner Geschichte kam. Es war ja Walter's Schicksal, das sich da vor ihrem inneren Blicke entrollte; es war ja Walter selbst, mit dem sie da nach Freiheit rang, mit dessen lieber Seele sie diese Leiden erduldete – diese Leiden, von denen sie nur zu gut wußte, daß sie nicht erdichtet waren, daß sie sich jeden Augenblick in leidvolle Wirklichkeit verwandeln konnten. Und würde Walter so mächtig wie sein Held den Stürmen trotzen? Und wenn er es that – war der liebliche Garten ihrer Träume nicht doch zerstört? der kräftige schöne Baum für immer seiner Blüthen beraubt? die holde Blume, die sie so sorgsam gepflegt, für immer geknickt? Sie wendete ihr trübes Auge nach Amélie, und ein schmerzliches Zucken flog über ihre feinen Züge, als sie in das verklärte, jugendliche Antlitz schaute. Was wußte Amélie von den schweren Sorgen, den bangen Ahnungen, die den Busen ihrer Tante erfüllten? Für sie war, des Geliebten beredten Worten zu lauschen, ungemischte Seligkeit. Sie erfüllte nur der Eine Triumphgedanke: das hat er schreiben, das hat er dichten und denken können! Und er, der so erhaben ist über Dich, er liebt Dich! Dein, Dein sind alle Schätze dieses edlen Geistes, Dein, Dein alle Paradiese dieses großen Herzens! Du bist die Seele, die in dieser Stimme zittert! Du bist das Licht, das aus diesen Augen leuchtet! Du bist die Muse, die diese Stirn geküßt hat in den stillen, arbeitsamen Nächten, während er dies schrieb – und Alles bist Du durch seine Liebe! Sie regte sich nicht, sie wagte kaum zu athmen, als wäre es ein holder Zauber, der sie gefangen halte, als könne der leiseste Laut, ein Blick nach rechts oder links diesen Zauber zerstören. Sie hatte nicht bemerkt – und Keiner von den Dreien hatte bemerkt, daß schon vor einer halben Stunde Jemand über den weichen Teppich des Nebengemaches an die offene Thür herangeschritten war und seitdem mit verschränkten Armen an dem Pfosten der Thür dagestanden und aufmerksam zugehört hatte. Jetzt, als Walter den ersten Band, an dessen Schluß sich der Knoten scheinbar unentwirrbar verknüpfte, beendet hatte und leise das Buch zumachte, trat die Gestalt aus dem Schatten hervor und auf den Tisch zu. Es war der Freiherr. Bei seinem unerwarteten plötzlichen Erscheinen erhoben sich Walter und Amélie in einiger Bestürzung; Charlotte konnte sich nicht erheben; ein Blick in ihres Bruders Antlitz belehrte sie, daß der Augenblick, den sie so lange gefürchtet, gekommen sei. Ich bitte um Entschuldigung, sagte der Freiherr, nachdem er die Drei mit einem leichten Kopfnicken begrüßt hatte, aber es war mir unmöglich, als ich vorhin durch das Nebenzimmer ging und Walter lesen hörte, nicht ein wenig zu horchen, denn ich dachte mir gleich, daß es sich um das neueste Buch unseres jungen Freundes handeln werde. So weit ich mir ein Urtheil habe bilden können, lieber Walter, haben Sie ein im poetischen Sinne tüchtiges Werk geschaffen, voll Feuer, Kraft und Leben; und wenn die Welt Ihnen das danken wird, so haben wir, denen Sie in jeder Beziehung so viel näher stehen, gewiß noch viel mehr Ursache, uns zu Ihrem Erfolge Glück zu wünschen. Der Freiherr hatte diese Worte nicht in seinem gewöhnlichen gesellschaftlich-heiteren Ton gesprochen, sondern mit einer gewissen vorbedachten Abgemessenheit, wie Jemand, der sich bewußt ist, etwas Entscheidendes auszusprechen, und deshalb sorgsam Acht giebt, daß er nicht zu viel und nicht zu wenig sage. Ich für meinen Theil, fuhr er fort, freue mich dieses Erfolges recht sehr, und meine Freude würde ganz ungemischt sein, wenn ich nicht ein Bedenken hätte, lieber Walter, das Sie mir auszusprechen verstatten wollen. Sie sind ein ernsthafter Mensch, Walter, wie Ihr Vater auch, und wie ich glaube, Ihr Gutmanns alle. Sie nehmen es ernst mit dem Leben und nehmen es ernst mit der Kunst. Sie tragen Ihren Idealismus in's Leben hinein, und Sie erfüllen gleichsam die Gestalten Ihrer Phantasie mit dem Blute der Wirklichkeit. Das verbürgt Ihnen Ihren Erfolg als Dichter, aber eben deswegen sind Sie meiner Meinung nach einer Gefahr ausgesetzt, die für leichtlebige Naturen nicht existirt; der Gefahr nämlich, Leben und Kunst mit einander zu vermischen, ja mit einander zu verwechseln. Aus einer solchen Vermischung, einer solchen Verwechslung kann aber nichts als Unheil und – verzeihen Sie mir das häßliche Wort – Unsinn kommen. Nun zweifle ich keinen Augenblick, lieber Walter, daß Sie weise genug sind, der Sie bedrohenden Gefahr zu entgehen; ja der Roman hier ist, wenn ich nicht irre, der Beweis dafür. Wenn ich nach dem, was ich gehört habe, urtheilen darf, versuchen Sie eben die Schicksale eines Menschen zu schildern, der fortwährend die Grenzen der poetischen und der realen Welt vermischt. Ihr Held von niederer Abstammung, in einer ehrenhaften, aber dunklen Lebensstellung, liebt eine Dame, die sich in den höchsten Sphären der Gesellschaft, für die sie geboren ist, bewegt. Es fällt ihm gar nicht ein, sich zu fragen, ob hier Hindernisse zu überwinden, Schranken aus dem Wege zu räumen sind, ja vielleicht die ganze Basis, auf der unser gesellschaftlicher Zustand nun einmal ruht, zu verändern ist. Durch seine naive Etourderie bringt er sich in die schlimmste Lage, die Dame, die er zu lieben behauptet, in eine unleidliche Situation, Alles in Verwirrung. So schließt Ihr erster Band. Ich hoffe und wünsche, lieber Walter, daß Sie in dem zweiten Ihren Helden zur Besinnung kommen lassen, daß Sie ihn zur Einsicht bringen, wie sehr der Mensch vom rechten Wege abirrt, der sein individuelles Wünschen und Wähnen für das Gesetz der Gesellschaft nimmt; ich wünsche und hoffe es um Ihretwillen, lieber Walter, und nicht minder um meinet-, ja um unsertwillen. Ihr Held hat eine gewisse Aehnlichkeit mit Ihnen, lieber Walter; es wäre mir sehr schmerzlich, wenn Sie mir diese Aehnlichkeit verleideten, wenn Sie Ihren Held eigensinnig einen Standpunkt behaupten ließen, auf dem ich Sie in Wirklichkeit um Alles in der Welt nicht erblicken möchte. Der Freiherr hatte die Gemessenheit seiner Redeweise bis zu Ende bewahrt, aber ein gewisses Schwingen und Zittern seiner Stimme bewies, welche Anstrengung es ihn kostete. Auch schien er nicht im Stande, die Fassung länger zu behaupten, denn er wendete sich nach den letzten Worten plötzlich ab und verließ ohne Gruß das Zimmer; Charlotte erhob sich, wollte etwas sagen, aber sie konnte die Worte, sie konnte die Stimme nicht finden; sie machte eine stumme bittende Geberde gegen Walter und eilte dem Freiherrn nach, den man eben die Außenthür des Nebengemachs schließen hörte. Walter und Amélie waren allein. Amélie war sehr bleich und zitterte an allen Gliedern. Sie wußte eigentlich nicht, was geschehen war, sie hatte auch die Worte des Vaters kaum gehört; aber der Ton, in welchem er gesprochen, die geisterhafte Blässe, die Walter's Gesicht bedeckt hatte, um dann plötzlich einer flammenden Röthe zu weichen, die Geberde der Tante, als sie dem Vater nacheilte – das Alles hatte ihre Seele mit der Ahnung eines furchtbaren Unheils, das plötzlich über sie, über Walter, über sie Alle hereingebrochen sei, erfüllt. Ihre starren Augen hingen an Walter, der mit langsamen Schritten in dem Zimmer auf und nieder ging und nun an sie herantrat, ihr die Hand bot und mit einer Stimme, die sich mühsam aus der gequälten Brust hervorrang, sagte: Leben Sie wohl, Amélie! Walter wollte sie verlassen, in dieser Verwirrung, in dieser Angst, dieser Noth sie verlassen! Ihre Sinne verwirrten sich. Sie wollen fort, Walter? fragte sie kaum hörbar. Kann ich denn, darf ich denn bleiben? antwortete Walter. Haben Sie es denn nicht gehört? Amélie, liebe, geliebte Amélie! Amélie berührte nicht Walter's ausgestreckte Hand. Sie führte die beiden Hände nach der Stirn, dann plötzlich breitete sie die Arme aus und warf sich an seine Brust. Walter hielt die holde Gestalt umfangen, er streichelte mit zitternden Händen das weiche Haar, er flüsterte ihren Namen mit dem Schmeichellaut der innigsten Liebe. Und Du bist dennoch mein, dennoch, dennoch mein! Amélie richtete das Haupt empor, sie sah den Geliebten unter Thränen lächelnd an; die Lippen der Seligen begegneten sich in dem ersten Kuß. Das Rauschen eines Gewandes erweckte sie. Charlotte stand vor ihnen; sie war noch immer sehr blaß, aber ein Lächeln schwebte auf den feinen Lippen und glänzte in ihren feuchten Augen. Meine Kinder, meine lieben Kinder! sagte sie mild. Amélie schluchzte an ihrem Busen, Walter küßte ihre Hände. Charlotte machte sich sanft aus Amélie's Umarmung los und ließ die Zitternde sich setzen. Als Amélie wieder aufblickte, verließ Walter eben das Zimmer, die Augen bis zuletzt auf sie gerichtet. Walter, rief das junge Mädchen schmerzlich und strebte empor; aber die Tante hielt sie mit sanfter Gewalt zurück. Er geht, er muß gehen, liebes, geliebtes Kind, aber nicht für immer. Nein, nein, nicht für immer! nicht für immer! rief Amélie und ließ an dem treuesten Herzen den stürmischen Thränen freien Lauf. Siebenundvierzigstes Capitel. Es war keine augenblickliche Laune gewesen, was Silvia bewog, der Einladung Emma's, welche sie am Morgen zusammen mit Amélie ausgeschlagen hatte, plötzlich am Nachmittage dennoch Folge zu geben. Leo, der von dem Freiherrn kam, war ihr heute begegnet, als sie sich aus ihrem Zimmer in die Wohngemächer begeben wollte. Er hatte ihr gesagt, daß er am Abend bei Herrn von Sonnenstein einige andere Politiker treffen werde, und daß Emma gebeten habe, die Herren möchten nach Beendigung ihrer Conferenz in ihrem Salon den Thee einnehmen. – So werden wir uns dort sehen, hatte Silvia geantwortet und war dann rasch an ihm vorüber den Corridor hinaufgegangen. Silvia traf Emma allein. Emma rauschte ihr in einem prachtvollen weißen Kleide entgegen; ihr volles schwarzes Haar war in einer phantastischen Frisur gekräuselt, ein glänzender Schmuck blitzte an ihrem weißen Halse. Sie umarmte Silvia: es war so lieb von Silvia, nun doch noch zu kommen, die einzige von sechs eingeladenen Damen, die alle im Laufe des Tages hatten absagen lassen. – Es ist kein Bedürfniß nach wahrer Freundschaft mehr unter den Menschen, rief sie aus, indem sie aus den halb zugedrückten Augen einen Blick nach der Zimmerdecke warf; nur ernsthafte Menschen, wie Sie und ich, haben noch das schmerzliche Gefühl der Vereinsamung auf dem Markte des Lebens. Die halbe Stunde, welche Emma in ihren luxuriösen Gemächern voll Sorge, daß Niemand kommen und ihre neue Robe bewundern werde, allein zubringen mußte, hatte sie sehr sentimental gemacht, und mit Silvia konnte man ihrer Meinung nach überhaupt nicht von Alltäglichkeiten sprechen. Silvia war heute entschlossen, sich durch Emma's Plattheiten nicht wie sonst aus der Fassung bringen zu lassen, und Emma war ganz entzückt, als sie sah, daß sie heute immer Recht behielt; sie habe freilich stets geglaubt, daß sie mit Silvia in allen Stücken sympathisire, aber man komme ja in dem wirren Treiben der Gesellschaft weder zur Erkenntniß seiner selbst, noch seiner Mitmenschen; die Einsamkeit und besonders die schönste aller Einsamkeiten, die Einsamkeit zu Zweien, sei die Atmosphäre, in welcher allein die zarten Blumen der Liebe und Freundschaft gedeihen könnten. Wundern Sie sich nicht, Liebe, rief Emma, mich heute so ganz anders zu finden als sonst wohl! Ich bin nicht, was ich scheine, und muß oft kindisch und übermüthig scheinen, nur, um mein bewegtes Gemüth nicht den Blicken der profanen Menge preiszugeben. Und dann, gestehe ich Ihnen auch gern, daß in neuester Zeit der intime Umgang mit Ihrem ausgezeichneten Vetter mir manche Tiefen des Lebens, über die ich sonst leichtsinnig hinweg flatterte, bedeutungsvoll erschlossen hat. Silvia's große Augen hoben sich in einem schnellen finstern Blick und senkten sich alsbald wieder; aber Emma bemerkte das nicht und fuhr, ohne sich zu unterbrechen, fort. Ich weiß nicht, Liebe, wie Sie mit Ihrem Vetter stehen; vermuthlich gar nicht, wenigstens erinnere ich mich nicht, daß Sie seiner, oder er Ihrer Erwähnung gethan hätte; aber das ist freilich so der Welt Lauf. Was man so nahe hat, achtet man nicht; nur das Fremde lernen wir wirklich kennen und schätzen. Und doch, welch ein Mann ist dies! Wie gleicht er so gar nicht unseren übrigen jungen Herren! Ich muß gestehen, er ist für mich ein Phänomen, das an dem dunklen Himmel dahinfährt und alle Sterne, an denen es vorübereilt, gänzlich verdunkelt. Emma war nun auf ein Thema gekommen, das ihr einen unerschöpflichen Stoff bot. Indem sie Leo's glänzende Eigenschaften in ihrer Weise mit Uebertreibung pries, ließ sie sehr deutlich durchblicken, daß sie sich an der ausgezeichneten Aufnahme, welche Leo in dem Cirkel ihres Vaters und überhaupt in der Gesellschaft zu Theil geworden sei, das größte Verdienst zuschreibe; sie habe Alle auf eine so bedeutende Erscheinung aufmerksam gemacht und für ihren Theil ein Beispiel gegeben, wie man das Ungewöhnliche nicht mit dem gewöhnlichen Maßstabe messen dürfte. Was soll die conventionelle Form, rief sie, wo das Herz zum Herzen, der Geist zum Geiste spricht! Ich bin vorsichtig in der Wahl meiner Freunde, und man muß mich lange suchen, ehe man mich findet; aber in diesem Falle wäre eine solche Zurückhaltung kindisch. So hat sich denn zwischen mir und ihm in überraschend kurzer Zeit ein Verhältniß ausgebildet, das ich ein geschwisterliches nennen würde, wenn die Welt weniger geneigt wäre, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen. Was ist Ihnen, Liebe? Silvia hatte sich plötzlich erhoben und stand jetzt, nachdem sie ein paar hastige Schritte gethan, abgewendet da. Emma, die ihr nachgeeilt war, mußte ihre Frage nochmals wiederholen, bis Silvia mit dumpfer Stimme antwortete, sie finde es sehr heiß in dem Zimmer, die Hitze habe ihr das Blut nach den Schläfen getrieben, es werde wohl bald wieder vorübergehen. Emma holte dienstfertig Essenzen aller Art herbei, mit denen sie Silvia überreichlich besprengte; sie selbst leide oft an dergleichen Zufällen, es sei ihr eine Freude, zu finden, daß sie mit ihrer Freundin – denn als solche dürfe sie Silvia erst von heute Abend an betrachten – selbst in dem geheimen Leben der Nerven eine so entschiedene Aehnlichkeit habe. Silvia bat, sich nicht weiter zu bemühen. Indem Emma noch immer zwischen ihren Fläschchen kramte, meldete der Bediente die Ankunft der Herren. Sie traten plaudernd und lachend herein und begrüßten die Damen. Der Bankier stellte Silvia die beiden Herren vor, die ihr noch nicht bekannt waren – einen höheren Beamten und einen Gutsbesitzer, Beide Kammermitglieder von großem Ansehen in der liberalen Partei; Doctor Paulus sei, wie er wisse, ein alter Bekannter von ihr, Leo ein noch älterer, obgleich er der Jüngste in der Gesellschaft, die Damen hier wie überall selbstverständlich ausgenommen. Herr von Sonnenstein war ganz besonders scherzhaft, und so waren auch die Anderen sehr aufgeräumt und mittheilsam; aber unter dieser heiter-geselligen Oberfläche war dem schärferen Blick eine gewisse Erregtheit, ja Gereiztheit deutlich genug erkennbar. Nur Doctor Paulus hatte sich aus der stürmischen Conferenz, die stattgefunden haben mochte, den Gleichmuth der Seele auch diesmal gerettet. Er setzte sich zu Silvia und fragte sie nach ihrem Bruder, ob sie sein neuestes Werk, das, wie er höre, jetzt im Druck vollendet sei, schon gelesen habe? – Ich sehe, fuhr er fort, als Silvia die Frage verneinen mußte, dem Buche mit der äußersten Spannung entgegen. Es wird, wenn ich nicht irre, für Walter's Zukunft entscheidend sein; nicht blos deshalb, weil er der Partei der Dunkelmänner diesmal offen den Handschuh hinwirft und sie nicht zaudern werden, denselben in ihrer Weise aufzunehmen, sondern weil jetzt, wo Walter ein großes Thema groß zu behandeln gezwungen ist, es sich herausstellen muß, ob er ein Poet von Gottes Gnaden ist, oder nicht. Mir wird er nicht schlechter, wenn er es nicht ist, denn ein tüchtiger Mensch wird er alle Wege bleiben; und so habe ich ihn denn schon vor Wochen auf die Möglichkeit des Falles, daß er seine Kraft auf ein anderes Feld werfen muß, vorzubereiten gesucht. Silvia hörte nur mit halbem Ohre zu: der Doctor bemerkte ihre Zerstreutheit, und der Richtung, welche ihre Blicke hatten, folgend, sagte er: Haben Sie einen großen Einfluß auf Ihren Vetter, Fräulein Silvia? Nein – weshalb? erwiederte Silvia, die Augen schnell zu dem Doctor wendend. Weil, entgegnete dieser, ich gern einen guten, klugen Menschen wüßte, der etwas, oder genauer, der viel, sehr viel auf ihn wirken könnte. Von Walter, das weiß ich, hat er sich mehr und mehr zurückgezogen, und doch wäre Walter gerade der rechte Mann, wenn es überhaupt ein Mann vermag. Vielleicht vermag es nur eine Frau, und es fuhr mir eben durch den Kopf, Sie könnten diese Frau sein. Aber um was handelt es sich, Herr Doctor? fragte Silvia, und ihre Stimme und ihre Mienen verriethen eine ungewöhnliche Bewegung. Eine große Kraft vor einem großen Irrthum, vielleicht vor dem Untergang zu bewahren. Denn welcher Irrthum, zumal für einen Politiker, wäre großer, verhängnißvoller, als der, zu wähnen, er könne gegen den Strom schwimmen, ja diesen Strom selbst umlenken, zurückstauen und zwingen, dahin zu fließen, von wo er kommt? Ich will nicht sagen, daß Ihr Vetter schon auf diesem Punkte hält – wäre dies der Fall, so vermöchte ihm Niemand mehr zu helfen – ich meine nur, daß er sich in einer Richtung bewegt, die bis zu diesem Punkte führen kann. Vorläufig wähnt er nur – und das ist freilich schon schlimm genug – ein einzelner Mann sei im Stande, in sich die Summe der Kräfte, der Einsichten, der Kenntnisse zu vereinigen, die sonst eine gute Zahl tüchtiger Parteiführer nur mit Mühe, und auch dann niemals vollständig, unter sich gegen- und wechselseitig zusammenschießt. Wie verderblich ein solcher Wahn werden kann, ist leicht begreiflich. Wenn wir auch dann und wann einmal in der Maßlosigkeit der absoluten Selbstgenügsamkeit Berge versetzen zu können glauben, so bricht sich diese Ueberhebung an der unveränderlichen Schwere der Dinge, und der Verzweifelnde, mit Fug und Recht an seinen Kräften Verzweifelnde, greift nach Allem und Jedem, was nur ungefähr so aussieht, als könne es seiner Ohnmacht zu Hilfe kommen. Der Arzt machte eine Pause, als er eine unruhige, vielleicht ungeduldige Bewegung Silvia's bemerkte, und sagte: Ich weiß nicht, ob Sie mir gefolgt sind, Fräulein? Doch, ja, erwiederte Silvia, ich bin Ihnen gefolgt; ich meine nur, daß große Menschen nicht mit dem Maßstab der Alltäglichkeit gemessen werden dürfen. Große Menschen, erwiederte Doctor Paulus lächelnd, große Menschen! Wer ist groß? Wenn ich ein Gläubiger wäre, würde ich antworten: Niemand, denn der allmächtige Gott; so aber sage ich: Der ist groß unter uns, der sich zu dem Gedanken der Solidarität der menschlichen Interessen durchgerungen hat, der diesen Gedanken in alle Modificationen, so weit es ihm möglich ist, verfolgt, und dessen ganzes Thun in Folge dessen nun auch nichts weiter, als die Objectivirung dieses Gedankens ist. Diese Größe aber, liebes Fräulein, ist, wenn mich nicht Alles täuscht, keineswegs die, nach welcher Ihr Vetter strebt. Und verzeihen Sie, Herr Doctor – warum sagen Sie, der Sie ja, wie ich weiß, zu ihm schon seit langer Zeit in genauerer Beziehung stehen, ihm das nicht Alles selbst? Würde ich mich an einen Dritten wenden, wenn ich, was in meiner Macht steht, nicht schon vergeblich versucht hätte? erwiederte der Arzt mit sanftem Vorwurf. Silvia erhob sich rasch. Ich will versuchen, was ich vermag, sagte sie und ging dann zu den Uebrigen, die um den Kamin herum saßen. Doctor Paulus folgte ihr langsam. Die Unterhaltung war jetzt eine allgemeine geworden; man sprach vom Theater, von neuen Büchern, von der Schwierigkeit, mit der sich in Deutschland selbst gute Werke einen Weg bahnen, und welche Ursachen diese Erscheinung in einem wegen seiner hoher Bildung gepriesenen Lande doch haben möchte. Man erörterte mit Einsicht und Kenntniß die Vortheile und Nachtheile, die dem Deutschen, der nur Hauptstädte, aber keine Hauptstadt hat, aus dieser Decentralisation auch für die ästhetische Cultur erwüchsen. Man war im Allgemeinen der Ansicht, daß, welche Förderung auch in einer früheren Epoche die politische Zersplitterung unserer Literatur gewährt habe, heutzutage davon nur in einem sehr beschränkten Sinne die Rede sein könne. Leo wollte selbst dies nicht zugeben. Ich liebe die Unterscheidung nicht, sagte er, die Goethe in dem bekannten Worte zwischen dem Talente und dem Charakter macht. Wenn der Charakter sich nur im Strome der Welt bilden kann, so gilt das wahrlich vom Talente nicht minder. Ein Talent, das sich in der Stille gebildet hat, ist ganz gewiß eine Treibhauspflanze, deren Blüthen in der rauhen Luft der Wirklichkeit bald verwelken. Giebt es überhaupt ein Talent ohne Charakter? Ich behaupte nein. Ein Mensch ohne Charakter kann nicht nur nicht richtig handeln, er kann auch nicht richtig denken. In seinen feinsten Schlußfolgerungen wird ihm seine Charakterlosigkeit plötzlich in die Quere kommen, und seinen bis dahin richtigen Gedankengang zum Falschen umbiegen. Davon bin ich umsomehr überzeugt, sagte Doctor Paulus, als diese Erfahrung, die Jeder im täglichen Leben machen kann und die sich nur auf zu vielen Seiten unserer schönen Literatur findet, durch die höchste Philosophie auf das Herrlichste bestätigt wird. Eines und Alles! Denken und Ausdehnung; ideelles und reales Sein – es sind nur Anschauungsweisen der einen untheilbaren, unveränderlichen Substanz. Der Doctor hatte dies, zu Leo gewendet, gesagt mit einem Ausdruck, dem man das herzliche Verlangen, eine Brücke der Verständigung zu finden, deutlich anhörte; aber Leo schien nichts davon zu bemerken, oder bemerken zu wollen, und fuhr in dem Tone schneidender Kälte, in welchem er bisher gesprochen hatte, fort: Man nennt uns im Auslande ein Volk von Denkern; ich meine, wir sollten uns sehr besinnen, bevor wir ein so zweideutiges Compliment acceptiren. Wenn Denken und Handeln, wie soeben behauptet wurde, im höchsten Sinne identisch sind, so denken wir entweder gar nicht, oder unsere Gedanken sind trübe, verworrene Phantasien eines überreizten und erschöpften Gehirns. Sind wir doch so weit gekommen; daß wir jene Identität, die allen kräftigen Völkern, ja allen kräftigen Individuen angeboren ist, und von ihnen ohne langes Besinnen bethätigt wird, geradezu leugnen, daß man alle Tage in tausend Wendungen den Satz ausstellen hört: Warum sollen wir unseren Arm nach den Früchten ausstrecken, die, wenn sie reif sind, uns von selbst in den Schooß fallen? Und zu solchen Axiomen, die weiter nichts sind, als die Erklärung unseres vollständigen, schmachvollen Bankerotts an jeder Energie, jeder Virtus; zu solchen Argumenten, die den Sätzen der Philosophie, den Lehren der Geschichte, ja dem gesunden Menschenverstande Hohn sprechen, rufen die Erwählten der Nation, die Verwalter ihres geistigen und materiellen Kapitals: Ja und Amen! Sie werden es rufen, bis einmal wieder der Genius des Volkes einen Mann erweckt, der das Verhältniß von Recht zu Macht ein wenig anders faßt und aus diesem Konglomerat von dumpfen Träumern ein Volk von handelnden Menschen macht. Silvia hatte, während Leo so sprach, unwillkürlich die Mienen der anderen Männer beobachtet, und da konnte ihr nicht entgehen, daß Leo's Worte in einem genauen Zusammenhange mit dem, was in der Conferenz verhandelt war, stehen mußten. Man blickte einander verlegen an, und selbst auf Doctor Paulus' Stirn legte es sich wie eine Wolke. Mit schneller Gewandtheit sagte Silvia: Du hast die Unterhaltung von dem literarischen Gebiet auf das politische gelenkt, das heißt auf ein Feld, wohin wir Frauen Euch Männern nicht folgen können. Ich dächte, wir kehrten zu unserem ursprünglichen Thema zurück, das mir überdies noch lange nicht erschöpft scheint. Doctor Paulus fiel sogleich mit einem Scherz ein, aber die Verstimmung wollte nicht weichen, trotzdem Emma, der bei den ernsthaften Gesprächen ganz ängstlich zu Muthe geworden war, alle ihre gesellschaftlichen Talente aufbot. Einer von den Herren erinnerte sich, daß er noch eine Verabredung für heute Abend, ein anderer, daß er noch einen Commissionsbericht für die morgende Sitzung zu beenden habe. Silvia fand, daß es schon sehr spät sei, und wollte nach Hause, trotzdem der Wagen des Freiherrn, der sie hätte abholen sollen, noch nicht da war: sie zöge es vor, zu gehen. Leo bot ihr seine Begleitung an, die sie annahm. Emma war sehr verwundert, als ihre Gesellschaft so plötzlich auseinander fiel. Sie umarmte Silvia beim Scheiden und nannte Leo einen bösen Menschen, weil sie überzeugt sei, daß er durch sein conversationelles Talent die Gesellschaft hätte halten können. Leo schien dies Compliment nicht zu hören, wenigstens erwiederte er nichts. Silvia blickte finster drein. Gleich darauf hatten sie zusammen das Haus des Bankiers verlassen. Achtundvierzigstes Capitel. Es war eine stille, sternenklare Mitternacht. Der vor einigen Tagen gefallene Schnee war hart getreten, die Fußgänger eilten munteren Schrittes über die Trottoirs. Doch gehörte dieses Quartier nicht zu den belebten. Nur manchmal rollte eine von zwei feurigen Pferden gezogene Equipage rasch vorüber. Leo hatte Silvia, als sie das Haus des Bankiers verließen, seinen Arm geboten; sie hatte ihn angenommen, obgleich sie es sonst vorzog, allein zu gehen. Die ungewohnte Haltung, die halbe Abhängigkeit von einem Anderen, nach dessen Bewegungen sie ihre Bewegungen abmessen mußte, machte sie befangen, umsomehr, als Leo kein Wort sprach. Sie selbst wußte nicht, was sie sprechen sollte, ob sie sprechen sollte. Dennoch hatte sie schon seit Wochen eine ungestörte Unterredung mit ihrem Vetter auf das Sehnlichste herbeigewünscht; ja, sie hatte Emma's Einladung nur in der unbestimmten Hoffnung, es werde sich diesmal die Gelegenheit zu einer solchen finden, angenommen; sie hatte ihn nach so Vielem zu fragen, ihm so viel zu sagen – und nun war ihr die Zunge gefesselt, und die Anstrengung, sich von dem Bann, der auf ihr lag, zu befreien, machte ihr Herz heftig schlagen. Endlich brachte sie die Worte heraus: Warum bist Du in der letzten Zeit so selten zu uns gekommen? Ich war sehr beschäftigt, antwortete Leo. Aber Du konntest den Freiherrn besuchen? Auch nur in geschäftlichen Angelegenheiten, erwiederte Leo und versank dann wieder in seine Gedanken. Es konnten keine angenehmen Gedanken sein. Silvia hörte, während sie schweigend an seiner Seite weiter schritt, deutlich sein rasches, zorniges Athmen; auch sah sie, indem sie die Augen schüchtern nach ihm wendete, daß sein Gesicht sehr finster und sein Blick unverwandt auf den Boden gerichtet war. Ein paarmal murmelte er unverständliche Worte durch die festgeschlossenen Zähne. Warum sprach er nicht zu ihr? Warum theilte er ihr nicht mit, was seine Seele so mächtig bewegte? War sie seines Vertrauens nicht würdig? Hatte sie kein Verständniß für seine Gedanken, seine Pläne? keine Theilnahme für seine Enttäuschungen, seinen Schmerz? Aber was wußte er denn von ihr? Was wußte er davon, daß sie keines der Worte, die er an jenem ersten Abend zu ihr gesprochen, vergessen hatte, daß diese Worte eine Offenbarung für sie gewesen waren, die Offenbarung eines Lebens, wie sie es sich seit Jahren wünschte, träumte, eines Lebens im Vollen und Ganzen, eines Lebens, dessen mächtige Wogen den Menschen – gleichviel, ob zu seinem Glück oder Unglück – hoch emportragen über die sumpfigen Niederungen, in denen eine freie, große Seele verschmachtet? Was wußte er davon, daß sie ihn mit gespanntester Aufmerksamkeit auf seinem Wege begleitet, jeden seiner Erfolge triumphirend begrüßt hatte? daß sie an ihn glaubte, an die Unermeßlichkeit seiner Kraft, an die Größe seines Geistes, an die Lauterkeit seiner Absichten? vielleicht mehr an ihn glaubte, als er an sich selbst, jedenfalls tausendmal inniger, als die Menschen, die er dennoch seines Vertrauens würdigte, als eine Emma von Sonnenstein zum Beispiel, die damit prahlte, daß sie seine Erfolge gemacht, die sich rühmte, daß sie mit ihm einen geschwisterlichen Bund geschlossen habe? War es möglich? Konnte er, der Kluge, der Menschenkenner, wirklich so blind sein? Ist Emma wirklich Deine Vertraute, Leo? Silvia hatte die letzte Frage laut gethan. Wer sagt das? erwiederte Leo. Sie selbst. Leo lachte bitter. Da könnte ich doch ebenso gut dem schwatzhaften Rohr meine Geheimnisse anvertrauen; aber weshalb fragst Du das? Um Dich zu warnen, falls es nöthig wäre. Ich glaube, daß Du großmüthig genug bist, wie es der Starke immer ist, und daß Du deshalb die Neigung hast, unbedeutende Menschen, wenn sie sich an Dich drängen, höher zu schätzen, als sie verdienen. Um so mehr freue ich mich, daß Du ihr nicht Dein Vertrauen geschenkt hast. Aber, wenn dies nicht der Fall ist, warum verkehrst Du so viel mit ihr, mit ihrem Vater, mit all' diesen Männern, die Dir gar nicht wohl gesinnt scheinen? Weil ich sie brauche, oder vielmehr, weil ich sie brauchen zu können glaubte. Ja, Silvia, Du hast Recht: es ist eine Thorheit, an diese Menschen zu glauben, in denen der letzte Funke des heiligen Feuers längst erloschen ist. Kann Asche brennen? Ach, ich habe die ganze Zeit, die ich hier bin, nur in Asche gewühlt, und ich fühle den Geschmack auf meiner Zunge – den bitteren Geschmack! Und kamst mit so großen Hoffnungen hierher, mit solchem Glauben an unser Volk, von dem Du mir an jenem ersten Abend sagtest, daß es allein zur Freiheit berufen sei, weil es allein unter allen Völkern zu denken vermöge! Das Volk, ja; aber jene Männer, denen ich vorhin sagte, daß sie nicht denken könnten, sie sind nicht das Volk. Sie sind weiter nichts als eine Kaste, die in dem Fortgang unserer Entwickelung vielleicht einmal nothwendig war, die sich aber längst überlebt hat und jetzt nur noch die Vernunft zum Unsinn und die Wohlthat zur Plage macht. Sie, die Träger der Intelligenz, der Bildung! Lug und Trug und frevelhafte Anmaßung! Der Schatz unserer Bildung, der in den Werken unserer großen Dichter und Denker liegt, ist zu gediegen, zu schwer, als daß solche Hände ihn zu heben vermöchten. Sie haben diesen Schatz nicht münzen, sie haben ihn nur falschmünzen und so das arme, bethörte Volk um sein reiches Erbe betrügen können. Welche schwächste Spur der Hoheit und Majestät unserer geistigen Ahnen wäre denn auch in diesen elenden Epigonen! Was haben sie von dem umfassenden weltbürgerlichen Sinn eines Goethe, von dem idealen Pathos eines Schiller, von dem kampffrohen Muthe eines Lessing, von dem protestantischen Trotze eines Kant! Daß sie keine Dichter, keine Philosophen sind – ich wäre der Letzte, der ihnen das zum Vorwurf machte. Die Zeit braucht keine Dichter und Philosophen! Aber sie braucht Politiker, Staatsmänner, die auf diesem Gebiete das wären, was Jene in den rein geistigen Sphären waren, und wahrlich! noch soll von diesen Menschen der erste Gedanke kommen, durch den sie ihre politische, ihre staatsmännische Mission in jenem großen Verstande documentirten. Nein, wenn wir ihnen folgten, so würden alle Errungenschaften unserer Bildung auf die schmählichste Weise vergantert, wir würden noch unter das Niveau der übrigen Culturvölker herabgedrückt, unter das Joch des schnödesten Materialismus gebeugt werden. Schon triumphiren diese Baalspriester, diese Anbeter des goldenen Kalbes, aber sie triumphiren zu früh. Der Sinn des Volkes ist noch nicht erstorben; sie hoffen und harren, daß der Propheten Einer erstehen und ihnen das Gesetz deuten möge. Und das Gesetz ist für sie. Es will, daß die Niedrigen erhöht und die Hohen erniedrigt werden; es will, daß auch nicht der Geringsten Einer verloren gehe. Das verstehen sie nicht und können sie nicht verstehen. Ich verstehe es, ich fühle es, wie es aus meinem tiefsten Herzensgrunde quillt und immer quillt, oft in qualvollen Tropfen wie aus einer Todeswunde, oft in überfließender Seligkeit, die meine ganze Seele erfüllt, und wie der Mensch es doch nun einmal nicht weiter bringen kann auf dieser Erde, als dem höchsten Gedanken seines Geistes Ausdruck und Gestalt zu geben, so – bei den ewigen Sternen droben, die in demselben Glanze leuchten, wenn unser Leib längst zu Staub zerfallen ist! – will ich mein Alles an dies Eine setzen! Leo hatte, während er so sprach, seine Schritte beschleunigt; Silvia hing an seinem Arm, zitternd vor innerer Bewegung, die Augen voll Thränen der Seligkeit und des Schmerzes. So lebte denn wirklich das Ideal ihrer Träume! Es gab einen Menschen, den das Gemeine nicht bändigte, der mit den ungeheuersten Entwürfen sich trug, wie Andere mit ihren Alltäglichkeiten – und dieser Mann war ihr so nahe, sie durfte ihn sehen, hören, sie durfte ihn bewundern, vielleicht mit ihm im Geiste leben. Aber wird er vollenden können, was er begonnen? Wird er nicht zusammenbrechen unter der ungeheuren Last? Leo – sie sagen, Du sännest auf Unmögliches, Unausführbares; sie sagen, Du lehntest Dich auf gegen den Geist der Zeit und müßtest deshalb zu schlimmen Mitteln greifen. Sagen sie das? Leo ging eine Zeit lang schweigend weiter, dann fing er mit leiser Stimme wieder an: Ich frage nicht, Silvia, wer Dir das gesagt hat; ich weiß, wie diese Tugendschwätzer über mich denken, aber ich möchte ungern, daß Du Dir ein falsches Bild von mir und meinen Bestrebungen machtest, und wie kannst Du ein richtiges haben, da Du mich so wenig kennst, da Dir die Dinge, um die es sich handelt, so fremd sind. Doch vielleicht nicht so fremd, wie Du denkst, fiel ihm Silvia eifrig in die Rede; ich habe – sie stockte und fuhr dann in verlegenem Tone fort: ich habe Deine Schriften gelesen, die Du dem Freiherrn geliehen hast, und sonst auch wohl noch eines oder das andere Buch über dieselben Materien. Auch habe ich in diesem Winter die Zeitungen eifrig verfolgt. In der That, erwiederte Leo, wer hätte geglaubt, daß aus dem romantischen Mädchen sich eine Politikerin entwickeln könnte! Aber freilich, ein ernsthafter Geist muß sich früher oder später den höchsten Fragen, die an den Menschen herantreten können, zuwenden; und wer der Sphinx einmal in das räthselhafte Angesicht geschaut hat, den hält ein Zauber gefangen, er muß weiter auf der gefährlichen Bahn hinauf, hinauf, ob auch Dohlen und Raben ihn warnend umkrächzen, ob auch der Abgrund drohend unter ihm gähnt. Du hast das Geschrei der Unglücksvögel vernommen, Silvia; nun höre auch einmal meine Summe. Und Leo begann nun in großen Zügen ein Bild der politischen Lage, wie es sich seinem Auge darstellte, zu entwerfen. Er schilderte den Wirrwarr der Parteien, die Ohnmacht, die sich hüben und drüben offenbare, und unter diesen auf der Oberfläche vom Winde hin und her getriebenen, unerquicklich durcheinander rauschenden Wellen das dumpfgährende Meer des Volkes, in dessen Tiefe sich allmälig die ungeheuerste Revolution vorbereite. Er bewies, wie diese nothwendige, unvermeidliche Revolution in ihren Folgen unabsehbar schrecklich sein werde, wenn man ihr nicht entgegenkomme und so ihre Gewalt breche; wie dies aber von keiner Seite geschehe, weil man überall mit dem kleinlichsten Egoismus die kleinlichsten Zwecke verfolge, und wo wirklich einmal eine tiefere Einsicht sich finde, diese wieder durch Furcht oder Ohnmacht paralysirt werde. Silvia hatte mit einer fast fieberhaften Spannung zugehört; jetzt athmete sie tief. Ja, ja, murmelte sie, nun erst verstehe ich, warum sie ihn immer fragten: Bist du der Juden König? Warum seine Anhänger ihn zum Könige salben wollten, warum seine Feinde immer fürchteten, er werde sich zum Könige machen. Sie wußten es, sie fühlten es, die Einen wie die Anderen, daß so Großes nur von einem König ausgehen könne, daß, wenn es Dauer und Bestand haben sollte, es von einem Könige ausgehen müsse. O, Leo, daß Du ein Mächtiger der Erde, daß Du ein König wärest! Wer, der Großes plant, hätte den Wunsch noch nicht gehabt, liebe Silvia? erwiederte Leo lächelnd; ich kann Dir sagen, daß ich noch nie in nächtlicher Stunde an diesem Schlosse vorübergegangen bin und nicht in meiner Seele gedacht habe: er, dessen Ahnen sich diese gewaltige Veste thürmten, die wie ein Gebirge die Häusermassen privater Menschen ringsum überragt, er könnte ein Zeus sein mit olymposerschütternden Locken, und er ist nichts – als ein armseliger Mensch. Sie standen und schauten zu dem Königsschloß hinauf. Aus den gewaltigen Portalen dämmerte das Licht von den großen Höfen; hie und da in den oberen Stockwerken waren einige Fenster hell; sonst lag das ungeheuere Bauwerk, als erzeuge es aus sich selbst die Nacht, die es umgab. Auch ich gehe nie, ohne einen seltsamen Schauder zu empfinden, hier vorüber, sagte Silvia. Ich denke immer, wie mag es sich wohl athmen in diesen hohen Sälen? Welche Reden mögen diese vor allen Sterblichen bevorzugten Menschen führen, wenn sie unter sich sind? Welche Träume mögen ihnen kommen, wenn sie in stiller Nacht auf ihrem Lager ruhen? Wie kann man in einem solchen Hause wohnen und nicht groß denken und groß handeln? In einem Hause, wo jede Thür, jedes Fenster, jede Wand, jede Decke sagt: schämst du dich nicht, so klein zu sein? Leo stand in düsteres Sinnen verloren. Ja, ja, sagte er, die Mauern predigen schon deutlich genug, wenn sie nur Ohren hätten, zu hören; aber sie können ja nicht einmal die Menschenrede verstehen. Und wenn einmal ein freier Mensch zu ihnen zu sprechen wagt, dann ist es die alte Geschichte vom König Philipp und dem Marquis Posa. Wir haben uns ja schon einmal getroffen, er und ich, weißt Du noch, Silvia? Es war keine freundliche Begegnung, und Du warst, wenn ich nicht irre, ein wenig schuld daran, daß es eine so unfreundliche war. Wunderlich genug war diese kindische Scene, und wunderlich ist es doch, daß da oben, vielleicht hinter den erhellten Fenstern eine Verwandte von uns sitzt, die wir nicht kennen, die dem König in seinen jungen Jahren eine sorgsame Pflegerin gewesen ist, und, wie ich höre, noch bis auf den heutigen Tag sich seiner besonderen Gunst und Gnade erfreuen soll. Hast Du sie nie gesehen, diese unsere Tante, Silvia? Nein, nie. Wenn wir nun die breiten Treppen hinaufstiegen und uns bei der alten Tante melden ließen? Sie hätte gewiß viel merkwürdige Dinge zu erzählen. Was meinst Du, Silvia? Ein Schauder schüttelte Silvia. Komm, laß uns weiter gehen; es geht so eisig um das alte Königsschloß. Sie schritten eiliger weiter und kamen bald in die Straße, in welcher das Hotel des Freiherrn lag. Als sie vor der Thür anlangten und Leo die Glocke zog, strich eine Frauengestalt, die ihnen schon den ganzen Weg vom Hause des Bankiers an in der Ferne gefolgt war, dicht an ihnen vorüber. Sie hatte einen dunklen Schleier in's Gesicht gezogen, konnte aber ihrerseits die Gesichter Leo's und Silvia's, auf die der Schein der Hauslaterne fiel, deutlich genug erkennen. Hast Du die schwarze, verhüllte Gestalt gesehen? fragte Silvia. Nein, erwiederte Leo. Der Portier hatte die Thür geöffnet. Die Beiden reichten sich die Hand. Deine Hand ist heiß und fieberhaft, sagte Leo. Ich habe heute Abend so Manches gehört, was mein Herz heftig bewegt hat. Das mußt Du Dir abgewöhnen, wenn wir, wie ich hoffe und wünsche, uns von jetzt an öfter über diese Dinge unterhalten sollen. Die wahren Leidenschaften sind die des Kopfes, nicht die des Herzens. Er drückte ihr die Hand; Silvia erstieg rasch die Stufen, die von der Thür aufwärts führten. Dann wendete sie sich um und grüßte hinab. Das Licht der Flurlaterne fiel hell in ihr blasses Gesicht. Sie lächelte freundlich und winkte. Leo mußte an die verklärte Geliebte denken, die dem gefangenen Egmont im Kerker erscheint und ihn sich nach aus irdischen Banden zur himmlischen Freiheit ruft. Neunundvierzigstes Capitel. Vor Leo's Augen schwebte, als er aus dem Flur in die dunkle Nacht trat, noch das schöne, helle Bild. Aber bald verwischte es die Erinnerung der Scenen im Sonnenstein'schen Hause. Es war der Anfang des Endes seines guten Vernehmens mit der liberalen Partei gewesen. Zwar hatte sich Doctor Paulus diesmal wie stets mit aller Entschiedenheit gegen die Concessionen erklärt, die man der Partei des Prinzen zu machen gedenke, aber auch er hatte von einer weiteren Verbreitung des Briefes nichts wissen wollen, da er sich nicht zu dem Grundsatz, daß der Zweck die Mittel heilige, zu bekennen vermöge. In einer Zeit, wo Tyrannei und Willkür, Verrath und Meineid in den regierenden Kreisen fast unumschränkt herrschten, sei es sich die liberale Partei doppelt und dreifach schuldig, ihre Hände rein zu erhalten. Nur so könne sie ihren Einfluß auf das Volk, der, er gebe es zu, in beklagenswerther Weise abgenommen habe, wiedergewinnen. Daß der Prinz trotz alledem ein eingefleischter Reactionär sei, lasse sich dem Volke auch ohne aufgefangene und unterschlagene Briefe klar machen. Und mit diesen Phrasen, knirschte Leo in sich hinein, suchen sie ihr schlechtes Gewissen zu salviren. Sie scheuen vor jedem entscheidenden Schritt zurück. Sie wollen nicht ehrlich mit dem Volke gehen, so müssen wir über sie hinweg. Sie müssen in ihrer Selbstsucht, in ihrer geschwätzigen Ohnmacht an den Pranger gestellt werden. Schlimmer, als es jetzt ist, kann es nicht werden, denn was ist schlimmer als der hohle Schein, der sich trügerisch über die nackte Wahrheit deckt? Und die Wahrheit ist, daß das Volk verhungert, daß ungeheure Reformen nothwendig sind, um die furchtbaren socialen Uebel zu beseitigen, und daß jene Geldsäcke und Tugendschwätzer nicht helfen wollen und nicht helfen können. In solchen Gedanken verloren, bemerkte Leo nicht, daß die verhüllte Gestalt, welche vorhin an ihnen vorüberstrich, ihm wiederum gefolgt war, bis er an einer der nächsten Straßenecken das Rascheln eines Gewandes dicht hinter sich hörte. Er wendete sich um. Die Gestalt blieb ebenfalls stehen und schlug den Schleier zurück. Es war Eve. Verzeihen Sie, Herr Doctor, sagte sie mit einer Stimme, die vor Eile oder Aufregung zitterte, ich war an Ihrer Wohnung, um Sie zu meiner Tante, die plötzlich heftig erkrankt ist, zu rufen. Ich hörte, daß Sie bei Sonnensteins seien. Ich begab mich dorthin und traf Sie gerade, als Sie mit einer Dame das Haus verließen; ich wagte nicht, Sie zu stören, und so bin ich Ihnen bis hierher gefolgt. Eine Nachtdroschke kam vorüber. Leo rief den Kutscher an, nöthigte Eve einzusteigen und setzte sich zu ihr. Als er ihre Hand berührte, fiel ihm die Kälte derselben auf, und er dachte flüchtig an die warme Hand, die er noch soeben in der seinigen gehalten. Er fragte Eve, was der Tante fehle. Ob es die Kopfschmerzen seien, an denen sie, wie er wüßte, häufig litt? Eve erwiederte, sie glaube ja, aber der Anfall sei diesmal so sehr heftig, sie habe sich in ihrer Angst nicht zu helfen gewußt. Sie selbst scheinen krank, liebe Eve, sagte Leo; Ihre Hand ist kalt, und Ihr Puls geht fieberhaft. Eve antwortete nicht, aber sie ließ ihm ihre Hand, und Leo glaubte einen leisen Druck zu verspüren. Bald darauf langten sie an dem Palais an. Eve schloß die Hausthüre auf und führte Leo durch das Wohnzimmer, in welchem eine Lampe brannte, in das Gemach nebenan, wo die Kranke stöhnend und wimmernd im Bette lag. Leo überzeugte sich bald, daß sich der Zustand der Frau Lippert in der That nicht wesentlich von den früheren Anfällen der Art unterschied. Er verordnete einen kühlenden Trank, den Eve selbst in der nahe gelegenen Apotheke holen wollte. Leo blieb unterdessen am Bette sitzen. In dem weiten Zimmer herrschte eine trübe Dämmerung, so daß die entfernten Gegenstände in dem Dunkel verschwammen. Eine Stutzuhr, die irgendwo aufgestellt war, tickte unheimlich laut durch die tiefe Stille; von Zeit zu Zeit ächzte die Kranke. Dann fing sie in gebrochenen Worten an zu phantasiren von kühlen Wiesengründen, durch die sich klare Bäche unter Erlen und Weiden schlängelten, von schattigen Wäldern, durch deren Wipfel erfrischende Winde rauschten. Dann weinte sie heftig und immer heftiger: sie habe ja nichts verbrochen; das Kind sei todt gewesen; weshalb man sie so schlecht behandle? weshalb sie ganz verlassen sterben solle? weshalb denn Niemand Mitleid mit ihr habe? Leo drückte der Fiebernden die naßkalten Tücher, die er ihr bereitet hatte, fester auf die Stirn; das schien ihr wohl zu thun; sie weinte leiser und leiser; es gebe doch noch Engel, die sich ihrer erbarmten; ganz gewiß müßten es Engel sein, denn bei den Menschen sei kein Erbarmen. Wovon sprach die Frau? Was war das für ein Kind, das gestorben war und für das sie ihr Leben lang büßen mußte? Ferdinand war nicht Herrn Lippert's Sohn; Leo hielt das, nachdem er die Personen und Verhältnisse im Lippert'schen Hause genau kennen gelernt hatte, für sehr wahrscheinlich; aber, wenn er auch der Sohn des verstorbenen Ministers war – er lebte ja doch! Hatte die Aermste der Kinder mehrere gehabt? Es gab ein Geheimniß in dieser Familie, das aus der dumpfen Stille der Wohnung, aus dem gekniffenen Lächeln des Herrn Lippert, aus dem scheuen Blick der Frau, aus des Sohnes wüstem Leben hervorschaute. Das Gespenst irgend einer bösen Erinnerung, das am hellen Tage fast sichtbar durch die großen, niedrigen Zimmer schwebte, mußte jetzt in der stillen, dunklen Nacht um das Lager der Kranken kauern, denn plötzlich fing sie wieder an zu jammern und zu rufen, man solle ihr das Kind nicht nehmen, es sei ja doch ihr eigenes Kind, sie wolle es auch gewiß nicht tödten, sie wolle es so gut pflegen und keinem Menschen damit lästig fallen. Eve kam mit der Medizin zurück; Leo flößte der Patientin davon ein; sie wurde ruhiger und neigte den Kopf auf die Seite, als ob sie nun schlafen könne. Leo blieb noch eine Zeit lang am Bette sitzen, dann stand er auf und sagte zu Eve, die ihm in die Wohnstube gefolgt war, er könne für den Augenblick nichts weiter thun, überdies sei der Anfall im Abnehmen, die Nacht würde voraussichtlich ruhig vergehen, er wolle morgen wiederkommen. Sie standen sich am Tische gegenüber. Eve blickte starr in sein Gesicht; sie mußte nicht wohl gehört haben, was er gesagt, denn sie antwortete ganz verworren. Leo trat an sie heran und sagte, ihre Hand nehmend: Und auch Sie, liebe Eve, legen sich zu Bett, sonst habe ich morgen hier zwei Patienten statt eines. Eve behielt seine Hand in der ihrigen und sagte: Bleiben Sie doch noch ein wenig; es ist noch nicht so spät, und es ist schauerlich einsam hier. Leo legte den Hut wieder hin und setzte sich neben Eve an den Tisch, auf dem ihre Näharbeit lag. Eve nähte jetzt sehr viel, seitdem Leo einmal geäußert, er möge die Frauen nicht, die nur immer Bücher in der Hand hätten, aus denen sie schließlich doch nichts Ordentliches lernten. Sie sehen, sagte sie, auf die Näharbeit deutend, ich befolge Ihren Wunsch, aber nun müssen Sie mich auch die Kunst lehren, meine Lage so vollständig beim Nähen vergessen zu können, wie ich es beim Lesen vermag. Müssen Sie sich so selbst vergessen? fragte Leo zerstreut. Und das fragen Sie? erwiederte Eve in vorwurfsvollem Tone; Sie? Ich meine, wird Ihnen das so schwer? – Aber mein Gott, Eve, was ist Ihnen denn? fuhr Leo fort, als Eve zu weinen anfing und ihr Tuch gegen die Augen drückte. Was haben Sie? Sie sind nervös aufgeregt! Sie sollten zu Bett gehen, liebe Eve. Lassen Sie mich! rief das Mädchen, indem sie seine Hände zurückwies; Sie sind gerade so gefühllos wie die Anderen! Sie! Sie können mich fragen, ob ich mich selbst zu vergessen habe, ob es mir schwer wird, mich selbst zu vergessen! Und ich glaubte an Ihre Freundschaft! Leo suchte die Aufgeregte zu beruhigen, und es gelang ihm nach einiger Zeit. Das leise Weinen des schönen Mädchens, dessen volles Haar er mit leiser Hand streichelte, die lauschige Stille des Zimmers, die nächtliche Stunde – Leo sprach milder und weicher, als es wohl sonst seine Gewohnheit war. Eve trocknete sich die Thränen und sagte: Ich glaube, daß Sie es gut mit mir meinen, ich muß es glauben, ich weiß nicht, was aus mir werden würde, wenn ich es nicht glauben könnte: aber wie wenig wissen Sie, was mich drückt, was ich leide! Sie selbst finden, daß die Kräfte der Tante in der letzten Zeit sehr abgenommen haben – und wenn sie stirbt, was soll aus mir werden? Sie ist die Einzige, zu der ich Vertrauen habe, wenn ich sie auch nicht liebe. Zu dem Onkel habe ich kein Vertrauen, kann ich kein Vertrauen haben. Ich kann selbst Ihnen nicht Alles erzählen, aber der Onkel ist nicht gut – er ist nur vor den Augen der Leute so heilig, aber wenn wir allein sind, ist er ein anderer Mann. Und dann geht er alle Abend in's Wirthshaus und kommt manchmal sehr spät nach Haus, und wenn er nach Haus kommt, führt er so schlimme Reden und mißhandelt die Tante; o, er ist nicht gut, der Onkel! zu wem soll ich also meine Zuflucht nehmen? zu meinem Bruder? Wo ist mein Bruder? Ja, ich möchte fragen, wer ist mein Bruder? Ich weiß es heute so wenig, wie damals, als wir uns zuerst trafen – wissen Sie noch, Leo? in der kleinen Stube in Tannenstädt? Wissen Sie wohl noch? Ist es doch fast heute so, wie in jener Nacht! Meine Mutter lag krank im Bette, wie jetzt meine Tante, und wir saßen nebeneinander an dem Tische, gerade wie jetzt. Ach! Leo, und Sie waren so schön mit Ihren dunklen Augen und den wirren Locken und dem blassen Gesicht! Ich hatte so etwas Schönes noch gar nicht gesehen, und ich glaube, ich sagte es Ihnen auch, denn ich war damals ein wildes, unbändiges Ding und machte aus meinen Empfindungen kein Geheimniß, wie ich es seitdem gelernt habe. Sie aber, Sie waren damals schon so kalt und klug wie jetzt, gelt, Leo? Ein bezauberndes Lachen schwebte um Eve's üppige Lippen, während sie sich näher zu Leo beugte und ihm mit den grauen, feuchtglänzenden Augen tief in die seinen sah. Sie irren sich, liebe Eve, erwiederte Leo, ich war damals ein heißblütiger, leidenschaftlicher Knabe, und Ihr Bild hat mich lange verfolgt. Es war nicht meine Schuld, daß ein rauhes Geschick mir die frischen Blüthen meiner Jugend so bald und so grausam zerstört hat; es ist nicht meine Schuld, wenn ich im Laufe der Jahre kalt und klug geworden bin, wie der wohl sein muß, der sich in einen Kampf mit dieser Welt einläßt. Aber wir wollen nicht von mir sprechen, Eve. Es handelt sich um Ihr Schicksal, und verzeihen Sie mir, ich glaubte in letzterer Zeit, es würde sich mit dem Ferdinand's auf immer verknüpfen. Eve zuckte zurück, als Leo diese Worte sprach. Sie glaubten, glaubten das wirklich? murmelte sie. O, wie schlecht, wie schlecht kennen Sie mich doch! Sie stützte ihre Stirn in die Hand. Leo konnte den Ausdruck ihres Gesichts nicht erkennen, aber er sah, wie ihr Busen heftig wogte, und er dachte an das Entzücken, mit dem Ferdinand von Eve's Schönheit in einer ähnlichen Situation gesprochen hatte. Ich habe Sie nicht kränken wollen, liebe Eve, sagte er sanft. Eve verharrte noch in derselben Stellung, nur daß die Hand, auf die sie ihr Haupt stützte, jetzt ebenfalls zu zittern begann. Leo wiederholte seine letzten Worte, indem er dabei Eve's andere Hand, die in ihrem Schoße lag, zu erfassen suchte. Eve zog dieselbe hastig zurück. Sie haben mich nicht kränken wollen, murmelte sie, aber Sie haben mich gekränkt, und doch, ich kann es Ihnen nicht übel nehmen, Sie kennen mich ja nicht. Sie sollen mich kennen lernen, Sie müssen mich kennen lernen, ich bin verloren, wenn ich Sie nicht in mein innerstes Herz sehen lasse. Hören Sie: Ferdinand wird nie mein Gatte werden. Wenn ich heirathe, einen Mann heirathe, der mir für die Freiheit, die ich ihm opfere, nicht Reichthum und Stellung bieten kann, so muß ich ihn grenzenlos lieben. Ich liebe Ferdinand nicht; ja er ist, trotz seiner Schönheit, nicht einmal meinen Sinnen gefährlich. Wenn ich in solche Schlingen fallen könnte, müßte ich schon längst gefallen sein. Es werden mir viele Schlingen gestellt, Schlingen, Leo, denen andere Menschen in meiner Lage und mit meinen Leidenschaften vielleicht nicht entgangen wären. Ich habe Leidenschaften, Leo, und ich liebe den Glanz und die Macht. Der Gedanke, mich weit zu erheben über die Anderen meines Geschlechts, das Elend meiner Jugend in schwelgerischem Ueberfluß zu vergessen – dieser Gedanke, Leo, hat etwas Berückendes für mich. Und die Versuchung ist an mich herangetreten, Leo; eine ungeheure Versuchung, der ich unterliege, wenn Sie mich nicht retten. Eve hatte sich bei den letzten Worten von ihrem Stuhl herab zu Leo's Füßen gleiten lassen. Ihr Haupt lag auf seinen Knieen. Leo versuchte sie aufzurichten. Nein, nein, murmelte sie, laß mich, laß mich so! Das ist der Platz, an den ich hingehöre. Leo befand sich in der seltsamsten Stimmung. Er hatte Eve zu genau beobachtet, er hatte aus Ferdinand's Munde zu viel über sie gehört, als daß er sie noch eines echten Gefühls hätte für fähig halten sollen. Und jetzt war ihm, gewohnt wie er es war, in einer Unterhaltung den logischen Faden genau zu verfolgen, keiner der feinen Uebergänge entgangen, deren sich Eve, um auf diesen Schluß zu kommen, bedient hatte. Der Verdacht, daß Eve in diesem Augenblick, gleichviel mit einer wie großen oder kleinen Beimischung von Empfindung, einen wohlberechneten Plan gegen ihn ausführe; die Ueberlegung, daß sie ihn in diese Situation hineingezwungen, ihm gewissermaßen die Freiheit der Entschließung genommen habe – es regte die Herrschsucht seiner Natur auf, und jene vielerprobte Kraft, Alles, was sich ungerufen an ihn drängte und ihm den Weg zu kreuzen versuchte, mitleidslos von sich zu weisen. Stehen Sie auf, Eve, sagte er; ich dachte, wir wollten uns einander gegenseitig aufklären, nicht, wie wir es jetzt thun, in unauflösliche Räthsel stürzen. Eve erhob sich und trat rasch ein paar Schritte zurück. Der Ausdruck ihres Gesichtes war gänzlich verändert; ihre Züge waren starr, nur um ihren Mund zuckte es, und ihre Augen glänzten in einem unheimlich kalten Licht. Also doch! rief sie heftig, also doch das hoffärtige, eitle Geschöpf, die naseweise Försterdirn, die ist es, die Sie lieben! Nun, ich gratulire! Ich gratulire von ganzem Herzen! – und Eve brach in das kurze, rauhe Lachen aus, das Leo seit jenen Jugendtagen nicht wieder von ihr gehört hatte. Die Kranke nebenan stöhnte. Nehmen Sie wenigstens Rücksicht auf Ihre Tante, sagte Leo rauh; dann setzte er freundlicher hinzu: Sie sind sehr erregt; Eve, in solcher nächtlichen Stunde treiben die Dämonen ihr Spiel mit uns. Wir werden morgen Beide ruhiger sein. Leben Sie wohl, Eve. Eve starrte ihn noch immer an; ihre zitternden Lippen murmelten etwas, das Leo nicht verstand, dann wendete sie sich von ihm und eilte in das Nebengemach, wo die Tante lag. Und ich hätte ihr beinahe geglaubt, sagte Leo zu sich selbst, als er auf der Straße stand und noch einen Blick nach dem Palais warf, dessen plumpe Masse wie ein finsteres Geheimniß in die Nacht emporwuchs. Fünfzigstes Capitel. Einige Wochen später – der Winter ging bereits zur Rüste, und der Frühling schaute durch die jagenden Wolken manchmal schon ganz dreist mit blauen Augen hernieder auf die Erde – saß Frau Rehbein eines Abends in ihrem behaglichen, mitten zwischen der Werkstatt und der Putzstube gelegenen Wohnzimmer. Es ging auf neun Uhr, die Stunde, in welcher Herr Rehbein, wenn er nicht abgesagt hatte, aus seiner bescheidenen Bierstube oder aus einem seiner zahlreichen Vereine nach Hause kam, mit seiner Frau den Thee zu trinken. Die Minuten des Wartens an dem wohlversorgten Theetisch pflegte Frau Rehbein der Lectüre zu widmen; es sei dies ihre einzige freie Zeit, behauptete sie. Ob seine Frau wirklich lese, oder ob sie es sich nur einbilde, darüber konnte der würdige Meister niemals recht mit sich in's Klare kommen. Es war ihm kein einziger Fall bekannt, aus dem mit Sicherheit der Einfluß irgend welcher Lectüre auf ihre Denkart hätte nachgewiesen werden können, und so viel stand fest, daß er sie noch jedesmal, so oft er hereintrat, über ihrem Buche in ihrem Lehnstuhl eingenickt gefunden hatte. – Es, geht mir eigen, pflegte Frau Rehbein entschuldigend zu sagen, wenn ich ein Buch recht liebgewinnen soll, muß ich erst ein paarmal darüber eingeschlafen sein. Aber heute schlief sie nicht; sie las, las sehr eifrig; die runden, gutmüthigen Augen starr durch die große Hornbrille auf das Buch gerichtet, das sie dicht neben der Flamme der Lampe etwas von sich entfernt hielt, unter fortwährender, langsamer Bewegung der dicken Lippen. Rehbein würde erstaunt, ja erschrocken gewesen sein, hätte er seine Gattin so gesehen; aber freilich war das Buch, das im Stande war, so die Gewohnheit eines langen Lebens umzustoßen, ein Buch ganz besonderer Art. Frau Rehbein hatte einen speciellen Theil an diesem Buche; einen specielleren als alle anderen Menschen, behauptete sie. Sie hatte es entstehen sehen, Seite um Seite, wenn sie des Morgens, nachdem Walter zur Schule gegangen war, jedes der auf dem Tisch herumgestreuten Blätter mit irgend einem Gegenstand beschwerte, damit Walter beim Nachhausekommen Alles so wiederfand, wie er es verlassen hatte. Sie hatte Walter hundertmal über diese Blätter gebeugt sitzen sehen, wenn sie ihm am Abend den Thee brachte; sie hatte oft genug, wenn sie in der Nacht aufwachte und Alles im Hause still war, dumpfe Schritte gehört und gewußt, daß es Walter war, den sein Buch einmal wieder nicht schlafen ließ. Daß dieses Buch, sozusagen, das Buch der Bücher und so groß wie die größte Bibel oder die dicken Lexika, die zu ihrem Jammer immer auf den Stühlen herumlagen, werden müsse – das hatte die gute Frau sich nach und nach fest eingeredet, und sie war deshalb nicht wenig enttäuscht gewesen, als ihr Walter vor einiger Zeit ein paar mäßig große, zierlich gebundene Bände in die Hände legte. Indessen: es war doch das Buch, das erwartete Buch! da stand es mit ordentlich schauerlich großen Lettern auf dem Titelblatte, und, wenn ja noch ein Zweifel übrig blieb, so war auf dem Schmutzblatte in Walter's eigener Hand zu lesen, daß der Verfasser dieses Exemplar in dankbarer Gesinnung seiner lieben Frau Rehbein gewidmet habe. Das gute Geschöpf weinte helle Freudenthränen, als sie das las, und jedesmal, wenn sie am Abend das Buch aufschlug, weilten ihre Augen einige Minuten lang mit zärtlichem Ausdruck auf den paar einfachen Zeilen. Es ging nicht eben schnell mit der Lectüre. Frau Rehbein's Gewohnheit war es niemals gewesen, sich beim Lesen zu übereilen, und bei diesem Buche wäre es nun gar Frevel gewesen. Und dann war es zum Theil doch auch schwer verständlich, so daß man Manches zwei-, dreimal und auch öfter lesen mußte, und darüber hatte man wieder vergessen, wie die Heldin mit ihrer Mutter in Streit gerathen war, und man entschloß sich, lieber beim Capitel zwanzig noch einmal anzufangen. Indessen das that nichts. Frau Rehbein hatte Zeit; sie hatte um diese Stunde nichts zu versäumen. So saß sie denn heute Abend und las und las; die Brille glitt immer tiefer auf die kleine, stumpfe Nase, die dicken Lippen bewegten sich immer eifriger, das Theewasser kochte über – sie achtete nicht darauf, sie hörte nicht, daß draußen auf dem halbdunklen Flur Jemand an allen Thüren herumhuschte und endlich auch auf den Drücker der Thür faßte, die zu ihrer Stube führte. Sie hörte und sah nichts, bis die Eingetretene dicht vor ihr stand und einige Laute ausstieß, die halb ein verlegenes Husten, halb ein unterdrücktes Weinen waren, durch das man das Wort »Lieschen« nur eben hindurchhören konnte. Frau Rehbein fuhr erschrocken in die Höhe, warf einen ängstlichen Blick über die Hornbrille auf den Eindringling, stieß dann einen Schrei der Ueberraschung aus, der ungefähr wie »Jettchen!« klang, und breitete die Arme aus, in die sich die Andere mit ängstlicher Hast stürzte. Es dauerte eine geraume Zeit, bevor sich Frau Rehbein von der großen Aufregung, in die sie das plötzliche Erscheinen der Schwester versetzt hatte, nur einigermaßen erholen und die Worte hervorstammeln konnte: Um Gottes willen, Jettchen, wie kommst Du hierher? Ist Dein Mann gestorben? Frau Urban schüttelte den Kopf und lächelte. Der Gedanke, daß ihr Gatte, der ihr in jeder Beziehung ein Herkules erschien, vor ihr sterben könne, kam ihr wunderlich vor. Aber das Lächeln auf ihrem bleichen, abgehärmten Gesicht war wie ein flüchtiger Sonnenblick an einem melancholischen Herbsttage; alsbald traten ihr die Thränen wieder in die schüchternen, verweinten Augen. Sie drückte ihrer Schwester die Hände, die sie noch immer gefaßt hielt, und sagte: Du meinst, weil ich während der vielen Jahre, die wir hier sind, nicht ein einziges Mal gewagt habe, zu Dir zu kommen, Lieschen; aber, wenn Du wüßtest – Ach, ich weiß Alles, mein armes, armes Jettchen, rief Frau Rehbein; aber setze Dich doch, Jettchen, Du zitterst ja an allen Gliedern, und Deine armen Hände sind ganz kalt, und Dein Tuch ist ganz naß, Du armes Kind! Regnet es denn? Und nicht einmal einen Schirm erlaubt er Dir, der Barbar! Ach schilt nur nicht auf ihn, schluchzte Frau Urban; er hat ja auch so viel in seinen Kopf zu nehmen; er hat gar nicht Zeit, sich um mich zu bekümmern. Ich darf schon einen Schirm nehmen, wenn ich einmal ausgehe; aber heute Abend bin ich in solcher Eile und Hast vom Hause fortgestürzt; ich weiß noch gar nicht, wo mir der Kopf steht. Und die arme Frau faßte sich mit beiden Händen nach den Schläfen und blickte so verwirrt umher, daß Frau Rehbein der entsetzliche Gedanke kam, die Schwester könne in Folge der Mißhandlungen des Mannes den Verstand verloren haben. Ach, wenn doch nur Rehbein nach Hause kommen wollte! seufzte sie aus der Tiefe ihres Herzens. Als ob der wackere Schneidermeister gewußt hätte, wie nöthig seine Gegenwart sei, öffnete er in diesem Augenblicke die Thür und blieb, als er die weinenden Frauen erblickte, wie vom Blitz getroffen auf der Schwelle stehen. Frau Geheimerath Urban – die Geliebte seiner Jugend, das Weib des Mannes, der ihn um das Glück seines Lebens betrogen, hier in seiner Wohnstube – auch er hatte nur Eine Erklärung für ein so wunderbares Ereigniß. Ist er todt? flüsterte er, indem er hastig an seine Frau herantrat. Ach, das habe ich sie schon gefragt, erwiederte Frau Rehbein, aber sie sagt nein; ich weiß nicht, was es ist. Dann gieb ihr eine Tasse Thee, und gieb mir auch eine, sagte Rehbein entschlossen, indem er seinen Hut mit Heftigkeit auf die Commode stellte. Gleichmuth der Seele, sagt Doctor Paulus, Gleichmuth der Seele! das ist die Hauptsache; dann findet sich das Andere schon. Der kleine Mann lief mit ungleichen Schritten in dem kleinen Gemach auf und nieder, indem er sich dabei fortwährend sagte, daß es, angesichts dieser seltsamen Situation, seine Pflicht sei, ruhig zu sein. Endlich ging er auf Frau Urban zu, faßte ihre beiden zitternden Hände und sagte: Seien Sie mir herzlich gegrüßt, liebe Frau – liebes Jettchen – und wenn Sie wieder sprechen können, so sagen Sie mir, was Sie hierher geführt hat, und seien Sie überzeugt, daß von meiner Seite Alles, was in meinen Kräften steht, geschehen soll. Dann zog er mit dem Fuße einen Stuhl heran, setzte sich der Frau Urban, ihre Hände in den seinen haltend, gegenüber, schaute sie mit ruhig-mitleidigen Augen an, wie ein humaner Arzt einen schwer Kranken, und fuhr fort: Was in meinen Kräften steht. Sprechen Sie, als ob – als ob die letzten fünfundzwanzig Jahre nicht gewesen wären. Ich habe mich wohl ein wenig verändert – Sie auch, Jettchen – aber im Grunde bin ich doch der Alte geblieben. Frau Urban lächelte – diesmal aber ein beinahe glückliches Lächeln. Sie hatte eine so gütige Stimme seit langen Jahren, seit Walter aus ihrem Hause war, nicht wieder gehört. Und jetzt wußte sie auch, weshalb sie gekommen war. Er ist wohl nicht hier? sagte sie. Wer? Walter. Walter? nein, erwiederte Rehbein; er wird heute erst spät nach Hause kommen. Sie hätten ihn gern gesehen, nicht wahr? Ach ja, ich hätte ihn sehr, sehr gern gesehen. Ich habe ihm so wichtige Dinge zu sagen. Aber ich darf nicht lange vom Hause bleiben. So sagen Sie's mir! rief Rehbein eifrig; ich bin Walter's Freund, er soll Alles von mir erfahren. Nun, fassen Sie sich ein Herz! Mit einem warmen Eisen bügelt es sich am besten. Und Frau Urban faßte sich ein Herz und erzählte. Sie hatte heute Abend – vor einer Stunde etwa – in dem Wohnzimmer, das an ihres Mannes Arbeitscabinet stieß, im Dunklen gesessen, als ihr Mann nach Hause kam, in Begleitung eines anderen Herrn, den Frau Urban sogleich an der Stimme als den Gymnasialdirector Moritz, Walter's Vorgesetzten, der mit ihrem Manne sehr befreundet war, erkannte. Die Thür des Zimmers hatte halb aufgestanden; die Herren hatten Niemand in dem dunklen Zimmer vermuthet und in Folge dessen eine Unterhaltung, die sie schon auf der Straße angefangen haben mochten, fortgesetzt. Frau Urban hätte sich gern zurückgezogen, aber sie wagte es nun nicht mehr, und dann hörte sie wiederholt Walter's Namen nennen – da war es ihr gewesen, als ob eine geheime Gewalt sie festhalte; sie regte sich nicht, sie athmete kaum; nichtsdestoweniger hörte oder verstand sie nicht Alles von dem, was nebenan gesprochen wurde; aber was sie hörte und verstand, war genug, um ihr Herz mit einem tödtlichen Schrecken zu erfüllen. Sie hörte den Director sagen: Der Mensch ist mir schon lange fatal gewesen, aber es war ihm nicht beizukommen; nun bin ich froh, daß er endlich einmal vor aller Welt bekannt hat, weß Geistes Kind er ist. Dann las er, wie es ihr schien, Stellen aus einem Buche vor, und dazwischen hörte sie die Herren rufen: Er ist ein Gottesleugner, das ist klar! und andere Anschuldigungen der schrecklichsten Art. Endlich sagte der Director: Ich darf also ruhig gegen ihn vorgehen und Ihres Schutzes sicher sein? Und ihr Mann antwortete: Das dürfen Sie. Ich kenne den Burschen länger als Sie, und meine Aversion ist womöglich noch größer als die Ihre. Was ich thun kann, ihm den Hals zu brechen, soll mit Freuden geschehen. – Das war das Letzte, was die vor Angst und Schrecken Halbtodte hörte. Gleich darauf verließen die beiden Herren wieder das Zimmer, und sie hatte sich, kaum wissend, was sie that, aufgemacht, ihren lieben Walter vor der schrecklichen Gefahr, die ihn bedrohe, zu warnen. Ach Gott, schluchzte sie, ich weiß ja nicht, was er gethan hat; aber es ist gewiß lange nicht so schlimm, wie sie es machen; er ist früher stets so gut gegen mich gewesen, und ich habe immer den lieben Gott gebeten, daß er ihn in seinen gnädigen Schutz nehme; es ist unmöglich, daß er so ganz vom lieben Gott verlassen ist und so etwas grausam Schlechtes begangen hat. Frau Urban faltete die Hände und schaute mit thränenden Augen bald ihre Schwester, bald ihren Schwager an. Frau Rehbein saß in ihrem Lehnstuhl – ein Bild geistiger Hilflosigkeit. Es fiel ihr ein, daß sie so Vieles in Walter's Buche nicht verstanden, und daß doch möglicherweise gerade darin die Schlechtigkeiten, von denen die gelehrten Herren gesprochen, verborgen sein könnten. Ueberdies war ja ein Roman, wenn man die Sache ernsthaft nahm, doch immer ein mehr oder weniger gottloses Buch. Und sie hatte zu der Entstehung des Buches noch beigetragen! Am Ende wurde sie gar in den Fall verwickelt! Ihr armes Gehirn konnte eine solche Fülle entsetzlicher Vorstellungen nicht fassen; sie brach in Weinen aus und rief: Ach, Rehbein, hilf uns doch nur, daß sie uns nicht auch einstecken, wie Dich damals bei dem Communistenprozeß! Rehbein wollte auffahren, aber er besann sich und sagte: Ihr seid ein paar – nun, es ist ganz gleich; aber Ihr versteht nichts von diesen Dingen; Walter wird zu verantworten wissen, was er gethan hat; er arbeitet stets auf eigene Rechnung, und die Hal – nun, es ist ganz gleich – wenn sie ihm den Hals brechen wollen, werden sie sehen, mit wem sie es zu thun haben. Ja, ja, mein braver Höllenrachen, das wäre so ein Bissen für Dich! Aber Du sollst vergeblich Deine Zähne schlecken! Die beiden Frauen sahen den Aufgeregten erstaunt an; Rehbein rieb sich die Stirn; die Sache ging ihm viel näher, als er es sich merken lassen wollte und durfte. Er wäre am liebsten gleich fortgerannt, um Walter aufzusuchen; aber vorerst mußte er doch Frau Urban nach Hause bringen, die sich jetzt erhoben und sich wieder in ihr nasses Umschlagetuch gewickelt hatte. Frau Urban wollte seine Begleitung nicht annehmen, aber Rehbein bestand auf seinen Willen; so verließen sie denn zusammen das Haus, nicht ohne eine gewisse eifersüchtige Regung in dem Busen der braven Schneidersfrau erweckt zu haben. Frau Rehbein hätte ganz ruhig sein können. Es war ihrem Gatten allerdings ein wenig wunderlich zu Muthe, während er an der Seite seiner schüchternen, stummen Begleiterin lautlos dahinschritt. Er dachte der Zeit vor fünfundzwanzig Jahren, als er mit seinem Jugendfreunde, dem armen Studenten der Theologie Urban, dasselbe Mansardenzimmer bewohnte. Ach, damals waren sie so innige Freunde gewesen: der arme Schneidergeselle und der arme Student! und sie hatten so viel über die Liebe im Allgemeinen und über die hoffnungslose Liebe des schüchternen Gesellen zu Jettchen, der ältesten der zwei Töchter des wohlhabenden Hofschneidermeisters, seines Brodherren, disputirt! so viel, daß Urban sich ganz in die Lage des Freundes versetzen zu können behauptete, ihm bei dem gestrengen Herrn Hofschneidermeister, dessen Kindern er Privatstunden gab, das Wort zu reden versprach und sein Versprechen so gut hielt, daß der Gesell mit Schimpf und Schande zum Hause hinausgeworfen wurde, während der Student als Hahn im Korbe zurückblieb und Jettchen's Bräutigam und, als er bald darauf eine Pfarrstelle bekam, Jettchen's Gatte wurde, ein paar Tage, bevor das Vermögen des Herrn Hofschneidermeisters in Folge einer mißlungenen Speculation zum Rauchfang hinausging. Da war denn der schlaue Fuchs gefangen gewesen, aber die arme blöde Taube nicht minder; und der weggejagte Gesell und verrathene Liebhaber hatte Lieschen, die zweite Tochter, die gänzlich hilflos zurückgeblieben war, geheirathet aus purem Mitleid. Das Alles zog in bunter Reihenfolge durch das geschäftige Gehirn des braven Rehbein; er dachte auch jenes Frühlingsabends, als er Jettchen von einer ihrer Freundinnen abgeholt und ihr unterwegs seine Liebe gestanden hatte. Das waren dieselben Straßen sogar, durch die sie gegangen waren; an dieser Brücke, im Schatten der Reiterstatue, hatten sie sich den ersten Kuß gegeben, und gerade so wie heute hatte damals der Mond durch leichtes Gewölk vom Himmel geschaut, hatten seine Strahlen in dem dunklen Wasser des Flusses geglitzert. Rehbein wußte das Alles noch sehr gut; er konnte sich der Worte erinnern, die er, die sie gesprochen; er dachte der Seligkeit, die ihn damals erfüllt, des Jammers, der ihn erfaßte, als sein Jettchen ihm untreu wurde und ihm den Absagebrief schrieb, den ihr der verrätherische Freund dictirt; aber dann war ihm doch wieder, als ob das Alles einem Andern passirt wäre. Und es war auch ein Anderer gewesen, – ein junger leidenschaftlicher Mensch, der in einem Paar geliebter Augen den Himmel auf Erden sah. Du lieber Gott! Wie hatten sich diese Augen verändert! Was war aus dem schlanken, blassen, hübschen Mädchen geworden! Rehbein war durch seine Frau, die mit der Schwester ein paarmal beim Herausgehen aus der Kirche ein heimliches Rendezvous gehabt hatte, auf diese Veränderung vorbereitet gewesen; aber so groß hatte er sie sich doch nicht gedacht. Nein, Frau Rehbein konnte ruhig sein! Es war nicht Liebe, was ihres Gatten Herz jetzt erfüllte, sondern Mitleid, Mitleid mit dem armen schwachen Weibe, das dem brutalen Egoismus ihres Gatten so hilflos zum Opfer gefallen war, wie eine Taube dem Habicht; und nicht blos Mitleid mit ihr, Mitleid mit dem schwachen Geschlecht überhaupt, auf dessen zarten Schultern, wie Rehbein meinte, der schwerere Theil des über das Menschengeschlecht verhängten Elends laste. Ja, ja, murmelte er, nachdem er sich von Frau Urban noch in einiger Entfernung von ihrer Wohnung mit freundlichen Worten verabschiedet hatte und nun eiligen Schrittes durch die fast leeren Gassen der Wohnung des Doctor Paulus zustrebte, wo er Walter zu finden hoffte; sie sind die wahren Sclaven der modernen Zeit, besonders in den unteren Ständen; aber auch überall sonst, wo Rohheit, und wäre es auch unter den feinsten Formen, herrscht. Wer hätte so viel Interesse daran, daß Bildung und Aufklärung, die Liebe und das Verständniß der Freiheit sich überallhin verbreiten, als gerade die Frauen? Und doch sind sie es, die sich am willigsten unter das Joch der Tyrannei beugen, am eifrigsten unter die Fahne des Obscurantismus schaaren. Sie suchen Schutz und Trost da, von wo all' ihr Unheil kommt, und sind glücklich, wenn sie ihre Söhne in das Lager ihrer schlimmsten Feinde treiben und so die Roth verewigen helfen. Und dennoch! Welche edle Regungen leben in diesen zerknickten, mißhandelten Seelen! Dieses arme Geschöpf wagt es um ihrer Liebe willen zu einem jungen Manne, von dem sie nicht einmal weiß, ob er ihrer noch gedenkt, der möglicherweise nach ihren Begriffen sich aller der Verbrechen schuldig gemacht hat, deren man ihn zeiht – sie wagt es, ihn zu warnen, wagt es auf die Gefahr hin, von ihrem Gatten über dieser Frevelthat, die er furchtbar an ihr rächen würde, ertappt zu werden. Wunderbare Mischung von Klugheit und Beschränktheit, von Muth und Zaghaftigkeit, von Energie und Schlaffheit! – Da ist Lieschen, die gute, gedankenlose Frau! Sie war nahe daran, Walter zu verleugnen, und würde doch für ihn, wenn es sein müßte, durch Feuer und Wasser gehen. – Aber die Sache mit Walter ist allerdings von größter Wichtigkeit. Er hat ihnen den Kampf angeboten, sie haben ihn angenommen, und nun geht es los, Hurrah! Ein Nachtwächter, der vorüberstrich, herrschte dem enthusiastischen kleinen Manne zu, er solle, wenn er nicht arretirt zu werden wünsche, sich ruhig verhalten. Man kenne seine Leute. In Rehbein's Herzen kochte es; er war schon unzählige Mal mit der Polizei in Conflict gerathen; es war Grundsatz bei ihm, daß man der Gewaltherrschaft, sie trete in einer Form auf, in welcher sie wolle, jedesmal und unter allen Umständen Widerstand leisten müsse, aber heute Abend machte er eine Ausnahme. Es drängte ihn, Walter zu sprechen. Er sah im Geiste Walter, wie er sich mit Flammenworten vor der obersten Schulbehörde verantwortete und die souveräne Freiheit der Bildung und Poesie vertheidigte. Das war doch ein anderes Ding, als der Schneidermeister Rehbein im Verhör vor dem Revierlieutenant auf dem Polizeibüreau. Einundfünfzigstes Capitel. An demselben Abend und um dieselbe Stunde saßen an dem Kamin in dem Salon des Bankiers Fräulein Emma und ihre Cousine Josephe von Tuchheim. Emma las mit pathetischer Stimme aus einer Brochüre, die vor einigen Tagen erschienen war und in den politischen Kreisen der Residenz das größte Aufsehen gemacht hatte. Ist es nicht prachtvoll? rief Emma, indem sie mit einer Miene des Triumphes das Schriftchen auf die Marmorplatte des neben ihr stehenden Tisches sinken ließ. Du weißt, liebe Emma, ich verstehe nichts von diesen Dingen, erwiederte Josephe. Und wenn Du nichts davon verstündest, sagte Emma eifrig – ich will es einmal annehmen, aber ich glaube es nicht – so müßte doch die Grazie des Styls Dich entzücken. Und dann wieder diese foudroyante Suade, diese – enfin , ich finde es himmlisch, göttlich. Professor Schneider, der heute bei uns dinirte, sagte, es habe seit den Lettres of Junius oder Julius – ich weiß nicht, wie er heißt – er soll ein berühmter englischer Publicist, ich weiß nicht, um welche Zeit gewesen sein – Niemand die Geißel der Ironie mit solcher Meisterschaft geschwungen. In der That! sagte Josephe, die schöngeschweiften Augenbrauen hebend. Geißel der Ironie! Ist das nicht auch schön gesagt, fuhr Emma fort; aber so ist es immer! Ein Funke vermählt sich mit dem andern; wie oft habe ich mir das gesagt, wenn ich mich in der Gesellschaft eines geistreichen Mannes befand. Wie oft ist mir da schon gewesen, als müsse ich laut rufen: Anch' io son' pittore ! Ach, der Geist, der Geist! Freilich, ein Unterschied ist es immer; aber wer könnte sich auch mit ihm messen! Mit wem? fragte Josephe, ein leises Gähnen mühsam unterdrückend. Emma ließ ihren Fächer spielen und lächelte. Nun, sagte sie, es ist am Ende ein öffentliches Geheimnis, oder: wie der Professor Schneider wahrhaft geistreich sagt: Er kann Alles, nur nicht sich selbst verleugnen. Sie ist von ihm – ich meine von Doctor Gutmann. Emma sagte dies in einem Tone, der gleichgiltig klingen sollte, aber ihre Augen verriethen die Begierde, zu erfahren, wie ihre Cousine diese Nachricht aufnehmen würde. In der That belebten sich die schönen, kalten Züge der Dame ein wenig. Derselbe, sagte sie, der den Roman geschrieben hat, von dem sie jetzt allenthalben reden? Bewahre! rief Emma, das ist sein Vetter – ein junger, unbedeutender Mensch, den ich hin und wieder bei dem Onkel getroffen habe und der, unter uns, unserer geistreichen Cousine in etwas auffallender Weise den Hof macht. Uebrigens soll an dem Roman gar nichts sein, sagte mir vor einigen Tagen Henri – unbedeutend, wie der Verfasser. Nein, dieser Doctor Gutmann – aber Du hast ihn ja selbst schon bei mir gesehen – erinnerst Du Dich nicht, vor einigen Wochen, oder ist es schon länger her? – die vielen Gesellschaften machen einen ganz confus! – der schöne dunkle Mann, den ich Dir hier – o, jetzt erinnere ich mich ganz genau, als wir hernach in die Bach-Soiree fuhren. Du kannst ihn unmöglich vergessen haben. Josephe hatte allerdings die Scene mit Leo nicht vergessen; aber die Erinnerung war durchaus keine freundliche. So sagte sie denn, es thue ihr leid, aber ihr Gedächtniß für Personen, besonders solche, die sie nicht interessirten, sei sehr mangelhaft. Emma schlug die fetten Händchen zusammen, daß die goldenen Armbänder klirrten. Wen Leo nicht interessirte, an wem nahm der dann noch Interesse? Josephe unterbrach die Begeisterte, indem sie in schneidendem Tone sagte: Liebes Kind! Du beweist durch das Alles nur, daß der Herr Doctor Dich interessirt, und zwar sehr, wie es scheint. Ueber den Geschmack läßt sich ja nicht streiten; ich hatte freilich geglaubt, daß Deine Ansprüche etwas höher hinauf reichten. Emma ließ sich in die weiche Lehne ihres Stuhls sinken und blickte mit einem halb schmachtenden und halb verlegenen Blick nach der Decke. Indessen, fuhr Josephe fort, Du mußt ja wissen, was Du thust. Der Reichthum Deines Vaters macht Vieles gut, und Du bist ja auch nicht gebunden, wie wir Anderen. Emma nahm die Miene Jemandes an, der ein Unglück tief beklagt, aber weiß, daß er es nicht ändern kann, und entschlossen ist, es über sich ergehen zu lassen. Josephe war freilich sonst in Allem ihr Ideal, aber in Herzensangelegenheiten war sie immer von auffallender Beschränktheit gewesen. Die höchste Freiheit – fing Emma an, war aber außer Stande, die Phrase zu vollenden, denn in diesem Augenblicke traten ihr Bruder Alfred und ihr Vetter Henri von Tuchheim in das Gemach. Die Herren kamen von einem Diner, das sich über dem Nachtisch bei Wein und Würfeln etwas in die Länge gezogen hatte. Die rothen Flecke auf Alfred's Wangen waren heute größer als sonst, und seine großen langgeschlitzten Augen hatten eine unheimliche gläserne Starrheit. Auch schien die Stimmung des jungen Mannes keine besonders freundliche. In der That hatte er sehr viel mehr getrunken, als er vertragen konnte, und so viel verloren, daß es selbst ihm, trotz des fürstlichen Jahrgeldes, das ihm die Eitelkeit des Vaters sicherte, unbequem war. Henri dagegen war in seiner glänzendsten Laune. Er trank schon seit Jahren nie mehr, als er vertragen konnte, und hatte heute im Spiel ganz besonders Glück gehabt. Es lag ein schwacher Abglanz seiner frischen Jugend auf dem noch immer hübschen Gesicht, und seine Stimme klang hell und munter, als er jetzt auf die Damen am Kamin zutrat, ihnen die Hand reichte und sich neben sie in einen der Fauteuils sinken ließ. Alfred streckte sich in einiger Entfernung auf eine Causeuse und betrachtete melancholisch die Spitzen seiner Lackstiefel, die ihm keineswegs so bequem saßen, als es für Jemand, dessen Nerven angegriffen sind, wünschenswerth ist. Ihr kommt gewiß einmal wieder von einem Eurer schwelgerischen Mahle, rief Emma; wenn ich doch nur einmal mit Sicherheit erfahren könnte, was Ihr lockeren Zeisige eigentlich treibt, wenn Ihr von vier bis neun Uhr an Euern Tafeln sitzt! Mon dieu ! Was sollen wir treiben? rief Henri lachend; wir stellen Betrachtungen an über die Vergänglichkeit und den Wechsel alles Irdischen und lassen dabei den Becher kreisen. Nicht wahr, Alfred? Alfred stöhnte. O, die Männer, die Männer! sagte Emma, die Herren der Schöpfung, denen Alles erlaubt ist, die Alles usurpiren; Alles für sich beanspruchen, überall das große Wort führen und in uns nur ein Spielzeug ihrer Laune sehen! Uns bücken und beugen, ihnen immerdar schmeicheln, das ist unsere interessante Aufgabe. Wehe uns, wenn wir zu denken, oder gar – Politik zu treiben wagen! unterbrach sie Henri, indem er die Broschüre, aus welcher Emma vorher der Cousine vorgelesen, von dem Marmortischchen nahm. Sieh' einmal! Also auch damit beschäftigt sich unser allumfassender Geist! Und noch dazu mit dem Allerneuesten! Das hat Dich wohl sehr interessirt? Sehr! sagte Emma; aber ihr Ton war nicht mehr so zuversichtlich wie vorher. Nun natürlich! meinte Henri, wir lieben das Ueberraschende. Und überraschend ist es doch, seinen Vater und die Freunde, die er täglich um seinen Tisch versammelt, auch einmal in bengalischer Beleuchtung zu sehen. Es muß reizend sein! Zum Beispiel – Ach, bitte, lieber Henri, verschone mich! sagte Josephe; ich habe an einem Male vollkommen genug, und Emma liest wunderschön. Und wenn sie nun gar erst wüßte, wer der Feuerwerker ist, der alle diese Witzraketen steigen und knattern läßt, sagte Henri mit einem boshaften Lächeln, in der Broschüre blätternd. O, rief Josephe, wie kannst Du glauben, daß sie über einen so wichtigen Punkt nicht unterrichtet sein sollte! Wie sagt Professor Schneider? Er kann Alles, nur nicht sich selbst verleugnen. War's nicht so, Emma? Henri's Stirn zog sich in Falten; er warf die Broschüre mit einiger Heftigkeit aus der Hand. Josephe schien sich an Emma's Verlegenheit zu weiden. Emma blickte hilfesuchend zu Alfred hinüber. Alfred stierte, theilnahmlos an Allem, was um ihn vorging, auf seine Lackstiefel. Professor Schneider, sagte Henri, das ist auch einer von den geistreich sein wollenden Schwätzern, die für ein Bonmot ihre Seligkeit verkaufen, an die sie freilich nicht glauben. Du wirst Dir durch den Umgang mit diesen haltlosen Kautschuckmännern noch Deinen Geschmack und Deinen Charakter verderben, liebe Emma. Ich glaube das Recht zu haben, mir meinen Umgang auszusuchen, wie Du Dir den Deinigen, erwiederte Emma gereizt; ich glaube auch nicht, daß der Umgang mit Graf Rebenstein für Deinen Charakter und Geschmack sehr bildend ist. Das ist ganz etwas Anderes! Ich wüßte nicht. Ihr zieht es gewiß vor, Euch ungestört untereinander aussprechen zu können, sagte Josephe, indem sie sich erhob und mit einem schadenfrohen Blick nach Emma hinüber, die keinen Versuch machte, sie zu halten, und mit einem Lächeln für Henri, der ihr die Thür öffnete, das Zimmer verließ. Du hättest Dir Deine Anspielung auf Rebenstein, der noch dazu mit Josephe halb und halb verwandt ist, wohl ersparen können, sagte Henri, zu seinem Platz am Kamin zurückkehrend. Und Du Dir Deinen Ausfall auf Schneider. Nur mit dem Unterschiede, daß ich Recht habe und Du Unrecht. Ich weiß, was ich will, und deshalb kann mir das Verhältniß mit Rebenstein, der nebenbei besser ist, als sein Ruf, nicht schaden. Du aber – O, ich weiß auch, was ich will, unterbrach ihn Emma, ebenso gut wie Du. Daß sich Gott erbarm'! rief Henri, das ist das Erste, was ich höre! Du weißt, was Du willst? Seit wann denn? Nein, liebe Emma, Scherz beiseite! Es ist Zeit, daß wir uns einmal über einen gewissen Punkt verständigen. Du machst Dich mit Deiner Protection dieses Menschen, der weiter nichts ist, als ein ganz gemeiner Abenteurer, nicht blos lächerlich, Du kannst durch ihn in ganz ernste Ungelegenheiten kommen, und davor möchte ich Dich als Dein guter Freund bewahren. Er ist kein Abenteurer, schluchzte Emma hinter ihrem Taschentuche. Er ist einer, sagte Henri heftig, lehre Du mich meine Leute kennen. In jeder Beziehung ist er einer. Er ist ein politischer Parteigänger, der nur so lange bei der Fahne bleibt, als er Aussicht auf gute Beute hat; er ist aber auch sonst der Mann der Verhältnisse. Ich weiß es mit Bestimmtheit, daß er nur von seinem Credit lebt, zu dem ihm der Verkehr in reichen Häusern verhelfen muß; die brillante Wohnung, mit der er kokettirt, gehört dem Marquis de Sade, der kindisch genug gewesen ist, sie ihm während seiner Abwesenheit zu leihen – und so ist es in allen Dingen. Und ich habe noch eine besondere Rechnung mit ihm. Er ist es, wie ich jetzt sicher weiß, der hinter meinem Vater steckt und ihn zu seinem unverantwortlichen Benehmen Deinem Vater gegenüber, mir gegenüber, uns Allen gegenüber aufstachelt. Dafür kannst Du freilich nichts, das hat sich Dein Papa ja selbst zu verdanken. Ich dächte, Ihr ließet den Papa aus dem Spiele, sagte Alfred aus seiner Sophaecke heraus. Henri wollte heftig etwas erwiedern, aber er besann sich, daß der sonst so apathische Alfred in Allem, was den Vater betraf, sehr empfindlich war. Er wendete sich also nach dem ersten Angriffspunkt zurück. Sein Haß gegen Leo, der ihm noch immer, so oft das Leben sie zusammengeführt, im Wege gestanden hatte, war grenzenlos; er glaubte die Zeit, sich über Leo frei aussprechen zu dürfen, gekommen und er that es nun in maßloser Weise. Emma, die anfangs vergeblich gesucht hatte, sich gegen Henri's Redeschwall zu stemmen, begnügte sich damit, hinter ihrem Taschentuche laut zu weinen. Und das soll nun eine Siesta sein, sagte Alfred, indem er sich gähnend aus seiner Causeuse aufrichtete. Ihr seid wirklich unbequem, alle Beide, Du mit Deinem Weinen, und Du, Henri, mit Deinem Schreien. Du solltest Dir Deine Eifersucht nicht so merken lassen. Ich eifersüchtig? lächerlich! sagte Henri. Ja, ja, bestätigte Emma, eifersüchtig ist er, das ist das Ganze. Er ist von Anfang an auf Leo eifersüchtig gewesen. Und welches Recht habe ich ihm zur Eifersucht gegeben? Welches Recht hat er, mich zu hofmeistern? Ich habe die Ehre, Dein Cousin zu sein. Du lieber Himmel, rief Alfred ärgerlich, was soll ich denn thun, der ich ihr Bruder bin? Nein, Henri, was zu weit geht, geht zu weit. Ich finde, daß Du Emma ganz einfach tyrannisirst. Alfred hatte heute so viel an Henri verloren, daß er die Autorität desselben weniger stark fühlte, als sonst; Henri war sehr zornig, als er sich jetzt auch von Alfred angegriffen sah. Er nahm nach ein paar heftigen Worten seinen Hut und ging nach der Thür. Hier stieß er auf den Bankier. Weshalb so eilig, mon cher ? Laß es Dir von den Beiden sagen, ich will mich nicht noch mehr ärgern. Gute Nacht! Der Bankier schaute dem jungen Mann verwundert nach und blickte dann fragend Alfred an, der sich von seinem Sopha erhoben hatte und die Achseln zuckte. Emma weinte noch immer hinter ihrem Taschentuche. Ich weiß es selbst nicht recht, flüsterte Alfred, sie haben sich gezankt; das Hauptthema war Doctor Gutmann. Der Bankier ließ unter den zusammengezogenen Brauen seine scharfen Blicke umherschweifen. Er sah die Broschüre auf dem Tischchen liegen – er konnte sich die Entstehung und den Fortgang des Streites denken, als wäre er selbst dabei gewesen. Wie geht es Dir, mein Sohn? sagte er, zu Alfred gewendet, Du siehst nicht gut aus. Wir waren bei Rebenstein, erwiederte der junge Mann mit einiger Verlegenheit. Ein kleines Jeuchen gemacht, he? Hm, ja. Verloren? Hm, ja. Viel? Hm, ja. Das heißt? Tausend Thaler etwa. Des Bankiers Augenbrauen zogen sich wieder zusammen. Du hast in letzter Zeit viel Unglück gehabt. Nun, nun, fuhr er fort, das soll kein Vorwurf für Dich sein. Man kann das Glück nicht zwingen, und ausschließen kannst Du Dich nicht – das versteht sich von selbst. Laß Dir das Geld morgen früh geben und leg' Dich zu Bett, mein Junge; Du siehst wirklich übel aus, und ich habe noch – Er nickte nach Emma hin. Alfred erhob sich, reichte dem Vater die fieberheiße Hand und verließ das Zimmer. Der Bankier ging, das Kinn in die Hand gestützt, ein paarmal auf und ab, trat dann auf Emma zu, legte ihr die Hand auf den Kopf und sagte: Emmchen! Emma's Antwort war ein verstärktes Schluchzen. Der Vater zog sich einen Stuhl heran. Laß das Weinen, Emma, Kind; das Weinen hilft zu nichts, und mit wem soll ich vernünftig sprechen über das, was mir am Herzen liegt, wenn ich es nicht mit meiner klugen Tochter kann? Emma trocknete sich die Augen und lächelte den Vater dankbar an. Ich habe den Alfred weggeschickt, fuhr dieser fort; Alfred ist noch zu jung und hat keinen Kopf für Geschäfte. Ist auch nicht nöthig. Wenn er unser Haus würdig repräsentirt, thut er genug. Das Geld, das er verliert, ist gut angelegt, kann ich Dir sagen. Aber je weniger er für sich sorgen kann, umsomehr müssen wir die Augen offen halten. Und nun sag' mir einmal aufrichtig, Emmchen, wie stehst Du eigentlich mit dem Leo? Emma wollte wieder anfangen zu weinen, aber der Vater schnitt ihr diesen Ausweg ab, indem er mit Bedeutung hinzufügte: Es ist das eine Geschäftsfrage, Emmchen, mindestens ebenso sehr als eine Herzensfrage. Emma legte das Taschentuch beiseite und antwortete: Aber, Vater, wie soll ich mit ihm stehen? Du weißt ja Alles! Ich weiß, daß ich ihn bei Dir eingeführt habe, daß ich Dich gebeten habe, freundlich zu ihm zu sein, daß Du zu ihm freundlich gewesen bist. Aber was ich jetzt wissen möchte, ist, ob Du Dich für ihn interessirst? Da Emma hierauf nicht gleich eine Antwort bereit hatte, fuhr der Bankier fort: Nun, nun, ich will Dich nicht quälen mit Fragen, die sich am Ende selbst beantworten. Man scherzt, man witzelt, man ist geistreich, man sagt sich gegenseitig Schmeicheleien – vielleicht auch einmal ein Händedruck – ich kenne das. Man ist dadurch zu nichts verpflichtet und kann jeden Augenblick abbrechen – das ist es eben, worauf ich Dich aufmerksam machen wollte. Junge Mädchen sind in solchen Dingen meistens etwas befangen. Damit will ich nicht gesagt haben, daß Du sofort mit ihm brechen sollst. Keineswegs. Die Sache ist vielmehr die: Hast Du die Broschüre gelesen, die ich Dir gestern gegeben habe? Ja? Nun wohl! Der Doctor hat sich durch dieselbe mit unserer Partei überworfen. Ich nehme ihm das nicht übel, ich finde es sogar sehr begreiflich; würde es vielleicht auch thun, wenn ich könnte, das heißt, wenn es mir entschieden Vortheil brächte. Aber für einen Mann in meiner Stellung ist ein gemäßigter Liberalismus doch vielleicht noch immer die zweckmäßigste Politik. Mit dem Doctor ist das anders. Er kann es auch einmal mit den Extremen versuchen. Die Arbeiterfrage tritt wieder einmal in den Vordergrund; ich zweifle nicht, daß er sich derselben bemächtigen wird, und wäre es auch nur, um sich ihrer als Schwungbrett in die höchsten Regionen zu bedienen. Vielleicht beabsichtigt er in diesem Augenblicke gar nichts Anderes, als einen Druck auf uns, speciell auf mich, zu üben. Nun, lieber Himmel, Du bist jung, schön, voll Witz und Geist, hast die feinsten Manieren – brauchst nicht roth zu werden, Kind, würde Dir Alles nichts helfen, wenn Dein Vater nicht ein reicher Mann wäre. Der Bankier ging immer im Zimmer auf und ab. Dann blieb er wieder vor seiner Tochter stehen und sagte: Auf keinen Fall darf man ihn vor den Kopf stoßen, ihn zum Aeußersten treiben, wie Doctor Paulus das will. Ich darf es am wenigsten, so lange ich Hoffnung habe, daß er in der Geschichte mit dem Freiherrn sich schließlich auf meine Seite stellt. Und darum wollte ich Dich nun bitten, Kind – sei vorsichtig, vorsichtig in Deinem Benehmen gegen den Doctor, als wenn Du Wein einzuschenken hättest in das feinste Stengelglas. Halt ihn mir warm; aber fange mir nicht an zu sprechen von Liebe und dergleichen, wenn der Moment gekommen ist, mit ihm zu brechen. Schreibe ihm morgen früh eines von Deinen hübschen Billets und lade ihn zu übermorgen Mittag ein. Wir würden entre nous sein, verstehst Du? Ganz entre nous . Und nun will ich Dich verlassen. Die Broschüre kann ich wohl wieder mitnehmen. Es ist ein erstaunlicher Mensch. Gute Nacht, mein liebes Kind! Der Bankier drückte seiner Tochter einen Kuß auf die Stirn. In der Thür blieb er noch einmal stehen. Und was ich sagen wollte, Emma! Du mußt gegen den Henri nicht so schroff sein. Er geht Dir nicht so leicht verloren, das weiß ich wohl, aber es ist doch nicht wohlgethan, ihn zu brüskiren. Er ist mir schon bös genug, daß ich mit seinem Vater so glimpflich verfahre. Lieber Gott, man kann nicht Alles, was man will. Der Bankier seufzte, grüßte seine Tochter noch einmal mit der Hand und ging hinaus. Emma blieb nicht lange mehr vor dem Kamin sitzen. Sie liebte die Einsamkeit nicht, zumal wenn ihr so viele Gedanken durch den Kopf zogen, wie heute Abend. Sie hatte in solchen Fällen, wie sie aus Erfahrung wußte, einen immer bereiten Tröster – den Schlaf. Und dann war es gleichsam ein Act kindlicher Liebe, heute ausnahmsweise um elf Uhr zu Bett zu gehen. Es stimmte so zu der nachdenklichen Rolle, die ihr der Vater vorgezeichnet hatte. Sie klingelte ihrem Kammermädchen. Zweiundfünfzigstes Capitel. Auf Leo's Studirtisch hatte der jugendliche Diener die Lampe angebrannt. Der Tisch – ein prachtvolles, reich mit Schnitzwerk verziertes Möbel aus massivem Eichenholz – war mit Büchern, Broschüren, Zeitungen, Briefen, Papieren aller Art bedeckt. Auf einem Tischchen neben dem Studirsessel lag das im Laufe des Tages Angekommene, sorgfältig geordnet. Der Diener wußte, daß strengste Pünktlichkeit und Ordnung unverbrüchliches Gesetz seines Herrn war und also auch sein eigenes Gesetz sein mußte. Er schraubte, als er einen Wagen vorfahren hörte, die Lampe heller, warf einen prüfenden Blick umher und eilte dann seinem Herrn entgegen, ihm im Vorzimmer die Sachen abzunehmen. Leo trat herein und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Er war seit heute elf Uhr Morgens, mit Ausnahme der kurzen Zeit, wo er in einem Hotel ein flüchtiges Mahl eingenommen, unterwegs gewesen – und dies war die Erholung, die er sich gönnte. Er war von Jugend auf nicht gewohnt, sich zu erholen – er hatte niemals Zeit dazu gehabt, und jetzt weniger als je. Er setzte sich an den Schreibtisch und musterte das während seiner Abwesenheit Eingelaufene. Zuerst die Briefe, unter ihnen drei mit ansehnlichen Summen beschwerte Briefe, in welchen ihm die Herren Commerzienrath Winkler, Verlagsbuchhändler Treibel und Bankier Neidhardt mit fast gleichlautenden Worten anzeigten, daß sie gewohnt seien, in ihrem Hausarzt zugleich einen Hausfreund zu sehen, und daß sie mit einem Manne, auf dem auch nur der Verdacht der Autorschaft der Broschüre: »Was sie sein sollten, und was sie sind!« ruhe – Und so weiter, und so weiter, murmelte Leo, ich habe es erwartet, daß sie abfallen würden: der beste Beweis, daß die Rotte meine Geißel gefühlt hat; aber ihr sollt noch mit Scorpionen gezüchtigt werden! Und dies hier? »Wenn Sie der Verfasser von ... sind, wie man sich überall erzählt, weshalb nennen Sie sich nicht? Sie sind nicht, wie ich, eine Stimme aus dem Volke, die namenlos bleiben mag. Volkstribune müssen einen Namen haben. Oder fürchten Sie sich vor Ihren Gegnern in demselben Athem, mit dem Sie uns dieselben verächtlich machen? Das ist unmöglich. Anonymus.« Leo stützte den Kopf in die Hand. Wie das fortbrennt! Das Material ist aufgeschichtet, bergehoch. Ein einziger Funken, und er steht in Flammen. Das würde Tusky und seinesgleichen genug sein. Sie gehen von dem Principe aus, daß man das Alte nur einfach umzustürzen brauche, das Neue wachse eben von selbst. Aber das ist im besten Falle die Philosophie von Titanen, bei der der Kosmos zu Grunde geht. Nur wer sich bewußt ist, eine Welt schaffen zu können, soll sich vermessen, eine Welt zu stürzen. Wie wenig in dem chaotischen Gewirr von durcheinander arbeitenden Zerstörungskräften, die fortwährend aufeinander platzen und sich gegenseitig paralysiren, geleistet werden kann – das weiß ich aus eigenster Erfahrung. Es thut mir leid um Sie, mein Herr Anonymus; so, wie Sie es wollen, kann ich Ihnen nicht helfen. Was ist denn dies für ein duftiges Billet?   »Mein trotziger Freund! Weshalb halten Sie sich, dem zürnenden Peliden gleich, in Ihrem Zelte verborgen? kommen zum wenigsten nicht zu mir? Wer ist Ihr Patroklus? Ich beneide ihn. Oder bedürfen Sie nicht einer theilnehmenden Seele, jetzt, da mehr als je über Sie gesprochen wird – Gutes und Schlechtes, wovon ich, wie Sie sich denken können, nur das Erstere glaube? Und gerade so macht es der Papa. Ach! er will Ihnen so wohl! Zeigen Sie, daß Sie auf unsere Freundschaft noch einigen Werth legen, und diniren Sie morgen zu der gewöhnlichen Stunde mit uns. Wir werden ganz entre nous sein! Ihre beste Freundin Emma v. S.« Leo lächelte. – Sie thun, als ob sie nicht daran glauben. Natürlich, es ist ihnen das Bequemste, so lange sie mich nicht fallen lassen können. Und sie läßt sich als Lockvogel gebrauchen! Schämen Sie sich, Fräulein Emma! Eine Dame mit so großen Prätensionen von Geist und Feinheit so geistlos-plump! Pah! Er warf das rosafarbene Papier verächtlich fort und nahm ein anderes Billet, das ganz zu unterst gelegen hatte. Als er die zugleich feste und zierliche Handschrift erkannte, erbrach er es hastig. »Ich habe Deine Broschüre gelesen. Sie ist, wie ich sie erwartet habe: scharf und kühn, wie Trompetengeschmetter, das zum Kampfe ruft. Ja, zum Kampfe! Ich sehe ein, daß Du nicht länger schweigen, nicht länger diesen Schwätzern das Feld unbestritten lassen konntest – und dennoch! Jetzt, da das Signal gegeben ist, erzittert mein Herz. Welches wird der Ausgang sein – nicht für die Sache, denn hier theile ich ganz Deine Hoffnungsfreudigkeit; aber für Dich! Stark wie Du bist, Du bist ein einzelner Mann. Aber ziemt es mir. Dich anzuhauchen mit banger Sorge? Nein, nein! muthiger Ritter! wackere Lanze! und höchstens einmal ein: Vorgesehen, Herr Ritter! – nichts Anderes soll über meine Lippen kommen, während ich vom sicheren Balcon aus dem blutigen Spiele zuschaue. Könnte ich doch theilnehmen! Das ist mein Wunsch bei Tag und Nacht; aber ein so schönes Loos ist uns Frauen nicht beschieden. Wir können große Thaten nur träumen und, erwachend, uns sagen, daß wir machtlos sind, daß wir thatenlos unser Leben vertrauern müssen. Heute Nachmittag ist mir ein sonderbares Abenteuer begegnet. Ich kam von ... und mußte eine Strecke durch den Park. Vor mir her ging eine ältliche Dame, die von einem Diener geführt wurde; auf dem Fahrwege, der neben dem Fußsteig hinlief, fuhr langsam eine Kutsche. Da ich schneller ging als die Dame, erreichte ich sie bald, und ich weiß nicht, was mich plötzlich, sobald ich in ihr Gesicht blickte, auf das Lebhafteste an Dich erinnerte – aber ich zuckte zusammen und hatte Mühe, meine Ueberraschung, die auch der alten Dame aufgefallen war, zu bemeistern und weiter zu gehen. Ich hatte noch keine zehn Schritte gethan, als aus einem Reitwege, der den großen Weg rechtwinklig durchschnitt, ein Reiter in Galopp dahergesprengt kam. Nun weiß ich nicht, wie es geschehen war, ich hörte plötzlich hinter mir einen Schrei. Als ich mich umwendete, sah ich die alte Dame am Boden liegen, den Diener neben ihr knieen, den Reiter im Begriff, von dem sich bäumenden Pferde zu springen. Ich eilte hinzu. Glücklicherweise war die alte Dame nicht verletzt, die Brust des Pferdes hatte nur eben ihre Schulter gestreift und sie heftig zu Fall gebracht. Der Reiter – ein auffallend schöner junger Mann – stammelte höchst verworrene Entschuldigungen, hielt sich aber, als er sah, daß er kein größeres Unglück angerichtet, nicht länger auf, sondern schwang sich auf sein Pferd, es mir und dem Diener überlassend, der noch immer halb Ohnmächtigen in ihren Wagen zu helfen. Ich stieg mit hinein, da ich die Dame unmöglich in diesem Zustande allein lassen konnte, und hieß den Kutscher, so schnell als möglich nach Hause zu fahren. Wir gelangten in die Stadt. Das Rollen der Räder auf dem Pflaster brachte die Dame wieder zu sich; sie dankte mir mit verbindlichen Worten, und dabei blickte sie mich so verwundert an, wie ich sie vorhin im Park angeblickt hatte. Ich hatte im Gespräche mit ihr des Weges nicht geachtet. Als ich aufblickte, sah ich, daß wir uns am Schlosse befanden. Der Wagen bog in eines der Portale und hielt auf dem Hofe vor einer Thür in einem Seitenflügel. Ein jäher Schreck durchzuckte mich. Ich wußte, auch ohne daß sie sich mir nannte, wer die alte Dame war; um so überraschter war sie, als ich in grenzenloser Verwirrung meinen Namen stammelte. Dann bin ich davon gestürzt; ich erinnere mich kaum noch, wie ich wieder aus dem Schloßhofe gekommen bin. Jetzt schäme ich mich meines kindischen Betragens. Die abergläubische Furcht vor der Schloßtante, in die man uns Kinder hineingeängstigt hatte, einfach dadurch, daß man ihrer so selten und dann immer mit einer so seltsamen Miene Erwähnung that – diese Furcht lebt also noch immer in meiner Seele – und ich nenne mich einen freien Geist! habe ich mir je die Mühe gegeben, in dem Leben und dem Charakter dieser gewiß merkwürdigen Frau mit meinen Augen zu sehen? und verdamme sie ungehört! und fürchte mich vor ihr wie ein blödes Kind vor dem schwarzen Manne? Was ist denn Aberglaube, wenn dies keiner ist? Und dann, Leo! Denkst Du des Abends, als wir an dem Schlosse vorübergingen und das Licht aus ein paar Fenstern im oberen Stock hernieder dämmerte und Du im Scherze fragtest, ob wir nicht der Schloßtante einen Besuch abstatten wollten? Du wirst mich eine romantische Träumerin schelten – aber wenn Du nun doch einmal das alte Königsschloß und seine erlauchten Bewohner in Deine kühnen politischen Pläne ziehen müßtest! – Ich stand an der Schwelle einer Thür, die in das dunkle Labyrinth führt, und habe sie nicht überschritten! habe eine Gelegenheit versäumt, die vielleicht nie wiederkommt! Theseus und Ariadne! Ja, wohl! Es giebt noch Helden, aber keine Heldenweiber mehr! Lache mich aus! Ich verdiene es gewiß; so oder so! –«   Dieser Brief trug keine Unterschrift. Leo ließ ihn aus der Hand gleiten; dann erhob er sich und ging, die Arme über der Brust verschränkt, mit langsamen Schritten in dem Gemach auf und nieder. Sie hat den Geist und den Muth eines Mannes, murmelte er. Dann dachte er nicht mehr an Silvia. Er hatte die Schwelle überschritten, vor der sie stehen geblieben war; durch hohe Corridore und weite Säle war er in ein großes Gemach gelangt und stand dort einem Manne gegenüber, der vor ihm das Haupt senkte, den er mit der Kraft seines Geistes, mit der Gewalt seines Wortes beherrschte, er – des Herrschers Herrscher! Man nennt ihn einen Schwächling – mag sein; aber er hat schon mehrere Male bewiesen, daß er sich für eine Idee begeistern kann. Gerade so einen Mann brauche ich. Ein Dummkopf würde mich nicht verstehen, ein tüchtiger Mensch im gewöhnlichen Sinne mir seine Schwerfälligkeit als Charakterfestigkeit verkaufen wollen; hier ist nun ein Mensch, der wie Thon ist in der Hand des Künstlers: weich und gefügig und bildsam! und – zerbrechlich! Nun ja! Es soll ja nicht für immer sein. In wenigen Jahren, in wenigen Monaten schon ließe sich Unendliches schaffen. Und doch! Es ist ein Traum; was habe ich mit Träumen zu thun? Er trat wieder an den Tisch und legte den letzten Brief zu mehreren von derselben Hand in einen Kasten, den er verschloß. Dann setzte er sich wieder. Mit den Briefen war er zu Ende. Und dies hier? Er zog eine kleine Broschüre aus einem Kreuzband. Das Schriftchen – es war nur zwei Bogen stark – konnte eben erst die Presse verlassen haben. Das Papier war noch feucht. Der Titel lautete: «Was er sein könnte, und was er ist.« Ueber Leo's Gesicht flog ein leises Zucken. Dies war eine Antwort auf seine Broschüre – eine Antwort, die über die Sache weg an seine Person gerichtet war. Er begann zu lesen, und sein Gesicht wurde immer finsterer, je weiter er las. Er hatte sich geirrt. Es war kein Angriff gegen seine Person; wenigstens nicht gegen den wirklichen Leo, nur gegen einen idealen Leo: gegen einen Mann, der, mit solchen Talenten begabt, mit solchen Einsichten ausgestattet, so schreibt, wie Leo geschrieben hatte. Von einer Anspielung auf seine persönlichen Verhältnisse war nicht die leiseste Spur. – Der Verfasser von: »Was sie sein könnten, und was sie sind«, hieß es, ist uns der Repräsentant einer ganzen Gattung, einer jener hochbegabten Menschen, die, angeekelt durch die Erbärmlichkeit des Materials, mit welchem sie bauen sollen, durch die Langsamkeit, mit welcher in Folge dessen der Bau vorwärts schreitet, es machen, wie jene sagenhaften Bauherren des Mittelalters, die sich, damit es schneller ginge, ihre Burgen oder Tempel vom Teufel bauen lassen wollten. Der Teufel aber kann nichts vollenden, nur der Menschenfleiß kann es. Die über Nacht aufgethürmten Massen stürzen beim ersten Morgengrauen zusammen; was die tausend arbeitsamen Hände in langsam-mühseliger Arbeit schufen, dauert durch Jahrhunderte. Das freilich geben wir dem Verfasser zu: die Basis, auf der wir bauen, ist zu klein; wir müssen alle Schichten des Volkes mit in unsern Plan hineinziehen; aber er bedenke doch ja: je breiter die Basis, desto langsamer wird das Werk gefördert werden. Wenn er das bedacht hat – und er hat, diesen Gedanken auszudenken, die volle Kraft – dann wird er nicht sein, was er jetzt ist: ein Agitator, der die Verwirrung vermehrt – dann wird er einer der Werkmeister sein, denen ein Gott gegeben hat, die ganze Herrlichkeit des vollendeten Baues im Geiste zu schauen, und die sich doch die Mühe nicht verdrießen lassen, den Arbeitern zu lehren, wie man die Steine bricht. Das ist er, wie er leibt und lebt! rief Leo, laut auflachend, Paulus, der Steinbrecher, sollte er heißen! Und das soll der Titel meiner nächsten Broschüre sein. Der Anonymus hat Recht; es geht nicht an, daß ich noch länger verborgen bleibe. Und eigentlich war ja dies auch nur ein Alarmschuß. Ich wollte sie aus ihrer faulen Ruhe aufschrecken; ich wollte ihnen zeigen: Ihr könnt nicht in alle Ewigkeit hineinschwadroniren. Es ist noch Jemand da, der Euch zwingen kann und zwingen wird, Eure Pflicht zu thun. Er griff nach den Abendblättern. Landtagsverhandlungen – der alte Schlendrian! Aber hier: Arbeiterunruhen – also endlich! Das ist Oel in's Feuer! Und die Sache scheint ernst zu sein, und noch dazu in unserer Gegend! Da sollte es mich wundern, wenn der gute Samen, den Tusky gesäet, nicht fröhlich wieder aufginge. Haben sie doch in den letzten Jahren den Boden trefflich zubereitet. Leo stützte den Kopf in die Hand. Das Bild jener Tage, wo er, fast noch ein Knabe, halb wider seinen Willen in die von Tusky hervorgerufene Bewegung hineingerissen wurde, trat vor seine Seele. Wie begrenzt war damals sein Horizont gewesen, wie naiv sein Glaube an die Mission jenes Schwärmers, an die welterschütternde Bedeutung des Aufstandes, jenes Sturmes in der Waschschale, wie er später oft im Scherz die Bauern-Emeute in Tuchheim genannt hatte. Damals und jetzt! Damals ließ er sich willenlos treiben; jetzt fühlte er in sich die Kraft, der Bewegung eine bestimmte Richtung zu geben. Nicht umsonst wollte er alle Schmerzen einer Seele, die sich zur Freiheit durchringt, empfunden haben. Er, dessen heißes Knabenherz damals in Verzweiflung sich zusammengekrampft hatte, er hatte sich das Recht erworben, jetzt mit kaltem Blut und klarem Kopf die Mittel zu dem großen Zweck zu benutzen. Mochten ihn die Schwärmer einen Abtrünnigen, die guten Seelen einen gewissenlosen Egoisten schelten. Er wußte, was für klägliche Rollen die Schwärmer und guten Seelen in der rauhen Welt der unerbittlichen Thatsachen zu spielen sich nicht entblödeten. Amboß oder Hammer! Hier giebt es kein Drittes! Er griff wieder nach der Zeitung. Mit geübtem Blick durchflog er die langen Spalten; plötzlich blieb sein Auge auf ein paar Zeilen haften:   »Soeben erfahren wir, daß heute Nachmittag die noch vorhandenen Exemplare eines kürzlich erschienenen, von dem Publikum mit großem Beifall aufgenommenen Romans in der betreffenden Verlagshandlung confiscirt worden sind, auch daß bereits eine Vernehmung des Autors – eines jungen, allgemein geachteten Lehrers an dem hiesigen *** Gymnasium – stattgefunden hat. Der incriminirten Stellen soll eine große Zahl sein; ja man soll beabsichtigen, der ganzen Tendenz des Buches, als einer allgemein gefährlichen, gegen göttliche und menschliche Ordnung sich auflehnenden, den Proceß zu machen. Es ist, so viel wir uns erinnern, das erste Beispiel, daß gegen ein rein belletristisches Werk, ein unzweifelhaftes Product der Poesie, die Paragraphen unsres Preßgesetzes angerufen werden. Wir würden Anstand genommen haben, eine so wunderbare, kaum glaubliche Nachricht weiter zu tragen, wenn sie uns nicht aus sicherster Quelle zugekommen wäre.«   Leo hatte diese Zeilen eben zum zweitenmale überlesen, als der Diener hereintrat, um zu melden, daß ein Herr, der heute schon ein paarmal dagewesen, den Herrn Doctor zu sprechen wünsche. Ich muß Dich nothwendig sprechen, Leo, sagte Walter, in der Thür erscheinend und den Diener bei Seite schiebend; ganz nothwendig; eine Viertelstunde wirst Du wohl für mich erübrigen können. Walter's Stimme war bewegt, auch in seinen Mienen drückte sich eine starke innere Erregung aus. Ich habe es in diesem Augenblick erst gelesen, sagte Leo, die Lampe von seinem Arbeitsbureau auf den Tisch vor dem Sopha tragend. Unmöglich! rief Walter. Es steht in dem Abendblatt; ich glaubte, die Notiz sei von Dir selbst. Wovon sprichst Du? Wovon? Nun von Deiner Collision mit unserem Preßgesetz. Ja so, sagte Walter, ich hatte wirklich nicht daran gedacht. Was mich zu Dir treibt – ich war heute schon zweimal hier – ist ein Brief, den ich heute Morgen vom Vater erhielt und der – wir sind doch ganz ungestört? – der Einiges enthält, das mich mit bangster Sorge erfüllt hat und worüber ich gern, wenn es möglich ist, von Dir Auskunft haben möchte. Es handelt sich um den Freiherrn. Der Vater schreibt: »Aber was mich mehr ängstigt« – er hat von Tante Malchen gesprochen, deren Gesundheit in letzter Zeit sehr wankend ist – »sind gewisse Anzeichen, die mich befürchten lassen, daß es mit den Vermögensverhältnissen meines guten Herrn nicht so steht, wie es stehen sollte. Nicht nur, daß er die sehr bedeutenden Summen, die ich ihm aus dem Ertrage der Güter schicken kann, vollständig aufbraucht, so daß für die Bewirthschaftung kaum das Nothwendigste, und oft auch das nicht einmal übrig bleibt; er verlangt mehr und mehr und ist ungeduldig, wenn ich erklären muß, daß ich das Aeußerste geleistet habe und meine Kasse leer ist. Und gestern befiehlt er mir in ein paar trockenen Zeilen, den Buchenschlag auf dem Finkenberge – unseren Stolz –abholzen zu lassen und zu Gelde zu machen, das heißt ein Kapital, das in dreißig Jahren fünfzigtausend Thaler unter Brüdern werth ist, heute für fünftausend weggeben. Das ist noch nicht Alles. Ich habe erfahren, daß er eine neue sehr bedeutende Hypothek auf Feldheim, das schon so hoch belastet ist, hat eintragen lassen, in demselben Augenblick, wo er mir in geschäftsmäßiger Kürze mittheilt, er habe das Forsthaus nebst dazu gehörigem Garten, Wiesen und Feldstücken mir und Euch und Euren Kindern als freies Erbe für alle Zukunft testamentarisch vermacht! Was soll ich davon denken? Ich habe darüber noch mit Niemand ein Wort gesprochen, aber die Angst quält mich zu sehr; ich muß Jemand haben, dem ich mich mittheilen kann, wen hätte ich da außer Dir? Auch bist Du am ersten im Stande, mir Aufklärung zu geben, vielleicht Beruhigung. Du bist ja doch so oft in seinem Hause. Ist Dir denn gar nichts aufgefallen? Vielleicht kannst Du auch von Leo etwas erfahren; er verkehrt, wie Du mir schreibst, viel bei dem Freiherrn und erfreut sich seines Vertrauens in besonders hohem Grade.« Walter faltete den Brief zusammen, seine Hand zitterte dabei. Er blickte auf Leo und fuhr, als dieser schwieg, fort: Du siehst, Leo, der Vater glaubt, daß zwischen mir und – und ihnen noch Alles beim Alten ist; er weiß noch nicht, daß ich schon seit Wochen nicht mehr dort gewesen bin. Ich habe auch sonst außer einigen Zeilen von Fräulein Charlotte keine Nachricht; Amélie schreibt mir nicht, weil ich es nicht wünsche; Silvia scheint mich vergessen zu haben, Dich sehe ich jetzt so selten. Ich kann dem Vater nichts Beruhigendes schreiben, ich stehe wie vor einem unheimlichen Räthsel. Vielleicht weißt Du mehr, ja, nach Allem, was ich von Deinem eifrigen Verkehr mit dem Freiherrn gehört habe, mußt Du mehr wissen. Steht es wirklich so schlimm mit ihm? Walter blickte forschend in Leo's Gesicht; Leo machte sich mit der Lampe zu schaffen. Du fragst mich mehr, als ich Dir beantworten kann, erwiederte er. Der Freiherr hat mich in der Angelegenheit mit Sonnenstein zu Rathe gezogen, und auch das ist eigentlich schon zu viel gesagt. Wir haben im Grunde nur immer über den vorliegenden Fall und die mancherlei ökonomischen und politischen Fragen, die sich daran knüpfen, theoretisirt. Einen Einblick in seine Verhältnisse habe ich dabei nicht gewonnen. Offen gestanden, ich habe auch kein besonderes Interesse daran. Mein Interesse bei der ganzen Sache ist, wie Du Dir denken kannst, ein rein politisches. Der Freiherr ist mir wichtig, ja er wird mir, wenn die Arbeiterunruhen sich, wie es ganz den Anschein hat, auch über den Tuchheimer District verbreiten sollten, noch viel wichtiger werden. Um Gottes willen, Leo, wie kannst Du über diese Angelegenheit mit einer solchen Gleichgültigkeit sprechen, rief Walter in schmerzlichster Erregung. Ich fasse es nicht. Ist Dir denn das Haupt des Mannes, dem wir so viel verdanken – Dem Du so viel verdankst, wolltest Du sagen, warf Leo ein. Gleichviel! Es muß Dir ehrwürdig sein, dieses Haupt, so lange Du noch menschlich Menschliches empfindest. Ich fürchte, wir haben aufgehört, uns zu verstehen, sagte Leo kalt. Verzeihe mir, erwiederte Walter, der in seiner Erregung vom Stuhle aufgesprungen war; der Gedanke, daß den Freiherrn in seinen alten Tagen – denn er ist jetzt ein alter Mann geworden – ein solches Unglück, wie der Verlust seines Vermögens für ihn sein würde, treffen sollte – quält mich mehr, als ich sagen mag. Ich gebe zu: Du, der Du die Tuchheims – ja, Leo, und wohl auch uns – von Jugend auf als Fremde betrachtet hast, kannst nicht dasselbe empfinden; aber so fremd sind wir Dir nicht, daß Du in dem, was uns Alle so schmerzlich berührt, nur eine Ziffer sehen könntest, mit der Du zu rechnen hast. Ich bitte Dich, vergiß, was ich gesagt, und gieb mir, wenn Du kannst, eine Aufklärung über die Lage des Freiherrn. Ich kann nur sagen, erwiederte Leo, daß ich die Befürchtungen Deines Vaters nicht ganz theile. Wozu er die großen Summen braucht, weiß ich freilich nicht; ich halte es aber nicht für unwahrscheinlich, daß er sich auf die Eventualität, dem Bankier, der mit einem Processe droht, starke Abzahlungen leisten zu müssen, vorbereitet. Wenn er sich überwinden kann, sich mit Sonnenstein gütlich auseinander zu setzen, so kann – da die Fabriken vortrefflich rentiren, – seine Situation nicht unbedingt schlecht sein; im anderen Falle freilich – Und kannst Du Deinen Einfluß nicht dazu benutzen, ihn zu einem gütlichen Vergleich zu bestimmen? fragte Walter. Ich fürchte, daß Du meinen Einfluß auf den Freiherrn weit überschätzest, sagte Leo ausweichend. Walter stand auf, seine Miene war tief traurig. So hatten sie also wirklich aufgehört, sich zu verstehen. Sein Blick fiel auf die Broschüre. Er kannte sie sehr genau; er hatte den Inhalt und selbst die Form vorher mit Doctor Paulus auf das Genaueste durchgesprochen; er konnte fast sagen, daß er sie selbst geschrieben. Paulus und er hatten das Beste von dem Eindruck erwartet, den das Schriftstück auf Leo machen würde. Er muß ja einsehen, daß wir schließlich mit ihm auf demselben Standpunkte stehen! hatte Paulus mehr als einmal ausgerufen, und nur Rehbein hatte hartnäckig das kahle Köpfchen geschüttelt. Rehbein war der Klügere gewesen. Da lag die Schrift; Leo hatte sie gelesen, er hatte nichts von dem herzlichen Verlangen nach Verständigung, von dem das Schriftchen dictirt war, empfunden. Das sagten seine Züge, sagten seine Worte, sagte die Hand, die er jetzt Walter zum Abschied reichte. Leo sprach von Walter's Fall, welches Aufsehen derselbe machen würde, von der Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit einer Verurtheilung; er scherzte, daß unter allen Umständen der Erfolg des Romans nun gesichert und eine zweite, oder gar dritte Auflage gewiß sei. Walter hörte nur mit halbem Ohre zu; er war in diesem Augenblick nicht im Stande, an sich selbst zu denken. Er hatte die Empfindung, daß er jetzt zum letztenmale dem Freunde seiner Jugend, den er wie einen Bruder geliebt hatte und noch liebte, gegenüber stehe; daß, wenn er das Zimmer verlassen, sich zwischen ihnen ein Abgrund aufthun würde, über den keine Brücke der Verständigung mehr führte. Leo, rief er plötzlich, versuche es einmal mit uns! Geh' den einsamen Weg, den Du eingeschlagen hast, nicht einsam weiter! Du mußt doch wieder Menschen haben, um wirken zu können, und wir stehen Dir am nächsten, viel näher, als Du glaubst. Vertraue mir! Männer wie Paulus – und ich könnte Dir hier manchen guten Namen nennen – empfinden den Jammer unserer Verhältnisse so tief, wie Du, sind, wie Du, von der Nothwendigkeit einer radicalen Reform überzeugt. Verbinde Deine Kraft mit der ihren, tritt mit ihnen in Reih' und Glied! Was vermögen denn die Guten, wenn sie nicht zusammenhalten! Leo machte eine abwehrende Bewegung. Wir haben dieses Thema schon des öftern besprochen, sagte er. Du und Deine Freunde, Ihr habt mich nicht zu überzeugen vermocht – auch durch jene Broschüre nicht. Sie ist doch von Euch? Nein, lieber Walter, wir müssen Jeder unseren Weg gehen, wie ihn die Sterne uns vorgezeichnet haben. Wir können so wenig unsere Rollen tauschen, wie die Väter, die uns erzeugten, und die Mütter, die uns zum Leben geboren. Wäre ich, wie Du, in geordneten Verhältnissen, wo Alles sich harmonisch ineinander fügt, aufgewachsen, vielleicht hätte ich dann mehr das Bedürfniß, Hand in Hand mit Anderen zu gehen, mich auf Andere zu stützen, in Reih' und Glied zu stehen, um mich Deines Lieblingsausdrucks zu bedienen. Vielleicht – vielleicht auch nicht. Nun aber, da ich fromme Denkungsart nicht mit der Muttermilch eingesogen habe, da mich der Vater mit Fußtritten zum Gelehrten machte und ich dann, nachdem ich durch eines Heuchlers und eines Fanatikers Schule gegangen, fast noch ein Knabe, hinausgetrieben wurde in das rauhe Leben, nun will ich auch sein, wozu mich Natur und Umstände schufen: ein einsamer Mensch, der das Große, das er erst geträumt und hernach erkannt hat, auf seine Weise in's Leben führt, oder, wenn ihm das nicht gelingt, wenn er in seinem Streben scheitert, beladen mit dem Hohn und dem Spott, den die Welt für Abenteurer und Narren in Vorrath hat, aus dem Leben scheidet. Leo's dunkle Augen leuchteten in seltsamem Feuer, während er, die schlanke Gestalt hoch aufgerichtet und mit der Rechten gleichsam in die dunkle Zukunft deutend, die letzten Worte sprach. Der fast mystische Zauber, den Leo's Persönlichkeit in früheren Jahren auf ihn ausgeübt hatte, umschauerte Walter wieder. Wie hatte er, wie hatte Paulus wähnen können, sie seien im Stande, diese dämonische Natur zu bändigen! So mochte man auch der Sturmeswolke sagen: Komm' hieher! Er drückte Leo stumm die Hand und verließ das Zimmer. Als sich die Thür hinter ihm geschlossen hatte, that Leo schnell ein paar Schritte, als wolle er ihn zurückrufen. Aber noch ehe er die Thür erreicht, blieb er stehen. – Was könnte es helfen, murmelte er, über lang oder kurz müßten wir uns doch trennen; warum nicht heute ebenso gut wie morgen? Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als ständen da die friedlichen Bilder, die in seiner Seele auftauchten – Bilder aus der Jugendzeit, aus seinem Zusammenleben mit Walter in den schattigen Tiefen der Tuchheimer Wälder, in dem kleinen Giebelzimmer des Försterhauses, aus dessen niedrigem, weinumlaubtem Fenster sie so oft gemeinsam zu den blitzenden Sternen aufgeschaut hatten. Er war doch nicht immer so einsam gewesen, brauchte jetzt vielleicht wiederum nicht einsam zu sein. Hatte sich nicht Walter in einer Weise entwickelt, wie er es nie für möglich gehalten? Konnte, durfte er im Interesse der Sache einen solchen Bundesgenossen zurückweisen? Und doch! und doch! Er kannte sie ja, diese Ideologen, die ihre Kämpfe im reinen Aether der Gedanken führen und deren Streiche deshalb immer in die leere Luft treffen! diese Gefühlsmenschen, die Großes erreichen wollen und sich dann immer wieder durch Privatrücksichten von ihrem Wege ablenken lassen! Was hat Walter in diesem Augenblicke, wo er sich seiner Haut wehren muß, wo für ihn so viel auf dem Spiele steht, an des Freiherrn Angelegenheit zu denken? Sie wollen Politiker und Privatmann, mitleidloses Werkzeug einer Idee und gemüthvolle Familienmenschen – Alles in einem Athem sein und sind darüber nichts! Leo schleuderte sich mit einem Ruck empor, als jetzt die Klingel zum Vorsaal scharf angezogen wurde. Er hörte seinen Diener mit einer – wie es ihm schien – weinenden Frauenstimme sprechen. Was giebt's? rief er dem Eintretenden entgegen. Der Diener meldete, das Dienstmädchen von Frau Castellan Lippert sei dagewesen und habe gesagt, daß der Herr Doctor doch schleunigst hinkommen möchte. Sie habe noch Anderes gesagt, was er aber vor dem Weinen und Schluchzen des Mädchens nicht verstanden habe. Das Mädchen sei gleich wieder fort gelaufen. Leo schloß die Briefe und wichtigen Papiere in den Secretär und befahl dem Diener, die Lampe brennend zu erhalten. Er werde bald zurückkommen. Dreiundfünfzigstes Capitel. Seit jener Nacht, in welcher Leo sich von Eve unter so eigenthümlichen Verhältnissen getrennt hatte, war er nur ein paarmal in der Lippert'schen Wohnung gewesen, und immer nur, um die kranke Frau Lippert zu besuchen. Eve hatte er nicht wieder gesprochen und nur einmal flüchtig gesehen, während sie, als er eintrat, schnell durch eine zweite Thür das Krankenzimmer verließ. Er hatte nicht versucht, sich ihr wieder zu nähern; er wußte, daß sie ihm seine Zurückweisung nun und nimmer vergeben würde. In der That hatte Eve kein Interesse mehr für ihn, seitdem er durch sie und Ferdinand Lippert so ziemlich Alles über den Prinzen erfahren, was er zu wissen gewünscht. Auch Ferdinand war ihm nicht weiter wichtig; er hatte seinen Dienst gethan, und mochte immerhin seinen Prinzen auf dessen Inspectionsreisen begleiten. Er hatte an den jungen Wüstling nur gedacht, so oft ihm in seinen politischen Berechnungen der Wunsch gekommen war, den Brief des Prinzen, den er noch immer in Händen hatte, zu veröffentlichen. Aber dieser Brief war ein Trumpf, der, wenn er das Spiel gewinnen helfen sollte, in dem rechten Moment gezogen werden mußte. Es war ein Todesstoß, wenn das Opfer schon am Boden lag. So weit war es mit der liberalen Partei noch nicht. Diese Gedanken gingen durch Leo's Kopf, als er schnell durch die langen Straßen, in denen ein Frühlingssturm brauste, nach dem prinzlichen Palais schritt. Er dachte auch des Geheimnisses, das über der Familie Lippert wie eine schwere Wolke hing und, wenn der Tod den Mund der Frau auf ewig schloß, wohl niemals gelöst werden würde. Was war auch schließlich daran gelegen, ob Ferdinand der Sohn dieses oder jenes Wüstlings war? immer war der Apfel nicht weit vom Stamme gefallen. Als Leo beim Palais anlangte, fand er die Thür zur Lippert'schen Wohnung offen. Aus dem Wohnzimmer hörte er trotz der dicken Wände und sehr gut schließenden Thüren Ferdinand's heftige Stimme. Er mußte des Tages denken, als Eve ihn zum erstenmale in die Familie eingeführt hatte; er machte sich darauf gefaßt, heute einer ähnlichen Scene zu begegnen. Leo öffnete die Thür des Wohnzimmers. Ein Blick genügte, zu sehen, daß hier etwas Außerordentliches vor sich gegangen sein mußte. In dem sonst so sauber gehaltenen Gemache sah es wüst aus; Frauenkleider, Wäsche, eine Menge Dinge waren auf die Erde geworfen, wie wenn hier ein Rasender seine Wuth ausgetobt hätte. Und wirklich glich Ferdinand, der, mitten im Zimmer stehend, gegen seinen Vater die geballte Faust ausstreckte und dazu kaum verständliche Worte kreischte, ganz einem Tobsüchtigen. Herr Lippert stand am Ofen, die Hände auf dem Rücken, den kleinen Kopf mit dem kurzen, struppigen grauen Haar leicht geneigt, die Augen halb geschlossen, wie es seine Gewohnheit war. Nur ein sehr Scharfsichtiger mochte bemerken, daß hinter dieser Maske eisiger Kälte eine innere Unruhe sich nur mühsam versteckte und daß er unter den gesenkten, borstigen Wimpern mißtrauisch spürend nach dem Eintretenden schielte. Selbst Leo's Anblick war nicht im Stande, Ferdinand's Leidenschaft zu mildern. Sie ist fort! schrie er ihm entgegen, seit gestern Abend schon; und er – dabei deutete er mit vor Aufregung zitternder Hand nach dem Manne am Ofen – er hat ihr fort geholfen. Aber er soll es bereuen, sie Alle sollen es bereuen; ich will's ihnen beweisen, daß ich nicht mit mir spielen lasse. Herr Lippert, an den dies Alles gerichtet war, lächelte. Das geht nun schon so eine halbe Stunde fort, sagte er, zu Leo gewendet. Leo erklärte, daß er nicht gekommen sei, sich in einen Streit zwischen Vater und Sohn zu mengen, und trat, ohne sich aufzuhalten, in das Zimmer nebenan. Das gute Mädchen, das auch eben erst zurückgekommen war, kam ihm auf den Zehen entgegen. – Ich glaube, sie schläft, sagte sie, die arme Frau! Ach, sie stöhnte so entsetzlich, und da habe ich sie zu Bett gebracht und bin zu Ihnen gelaufen. Die da haben sich gar nicht um sie bekümmert. Sie wissen nicht einmal, daß ich dort gewesen bin. Was giebt es denn? fragte Leo. Wissen Sie es denn nicht? Das Fräulein ist ja weg; seit gestern Abend; sie sagen ja – Leo trat an das Bett. Der Schein der Lampe, welche das Mädchen in der Hand trug, streifte über das blasse Gesicht. Mochten sie immerhin nebenan streiten und toben – diesen Schlaf konnten sie nicht mehr stören; mochten sie immerhin sich untereinander das Leben zur Hölle machen – diese gebrochenen Augen konnten nun keine Thränen mehr darüber vergießen. Das Mädchen kreischte laut, ließ die Lampe fallen und stürzte heulend hinaus – Leo tastete sich nach dem Wohnzimmer. Die Streitenden hatten den gellenden Schrei gehört. Ferdinand blickte verstört, als Leo hereintrat. Was giebt es? fragte er. Ihre Mutter liegt nebenan – todt! erwiederte Leo. Ferdinand taumelte zurück und stierte ihn wie wahnsinnig an; auch Herr Lippert zuckte zusammen. Leo nahm die auf dem Tische stehende Lampe und ging wieder in das Schlafgemach. Nur Herr Lippert folgte ihm. Es war nicht schwer zu bestimmen, wie und wodurch der dünne Faden des Lebens der Unglücklichen nun so schnell zerrissen war. Es mußte vielmehr als ein halbes Wunder gelten, wie ihr armes, zuckendes Herz so viel Qualen nur noch so lange hatte ertragen können. Dennoch ließ sich Leo Zeit bei einer vorläufigen Untersuchung, während Herr Lippert sich in einiger Entfernung auf einen Stuhl gesetzt und mit einem Tuche sein Gesicht bedeckt hatte. Und ist sie wirklich – wirklich todt? murmelte er. Ja, erwiederte Leo, und wenn Sie, wie ich das für sehr wahrscheinlich halte, über diesen Tod froh sind, so seien Sie es nicht minder darüber, daß die geheime Geschichte der Krankheit Ihrer Frau nicht vor die Geschworenen gebracht werden kann – es dürfte Ihnen übel ergehen. Nein, Mann, machen Sie keine pathetischen Geberden! Lassen Sie in den Zeitungen drucken: Gestern Abend starb meine geliebte Frau nach langem Leiden am Herzschlage. Aber sparen Sie sich die vergebliche Mühe, mir Ihre Unschuld beweisen zu wollen! Ich sage Ihnen, Sie haben diesen Tod auf dem Gewissen, und Hallunke, wie Sie sind, so hoffe ich doch, es kommt noch einmal eine Zeit in Ihrem Leben, wo Ihnen die Todte hier unbequemer sein wird, als Ihnen die Lebende je gewesen ist. Herr Lippert nahm, während Leo ruhig, als handle es sich um eine ärztliche Verordnung, diese Worte sprach, das Taschentuch von dem blassen, von Angst und Wuth verzerrten Gesicht; er wollte etwas erwiedern, aber Leo wendete sich von ihm ab und verließ, nachdem er draußen in der Küche der heulenden Dienerin einige Aufträge ertheilt hatte, die Wohnung. Nach Ferdinand hatte er sich vergebens umgesehen. Er hatte sich indessen kaum ein paar Schritte von dem Palais entfernt, als er Jemand schnell hinter sich her kommen hörte. Es war Ferdinand. Der Mond, der durch die jagenden Wolken schaute, schien hell in das Gesicht, dessen Schönheit jetzt zu einer wahren Grimasse verzerrt war. Ist es denn wahr? stammelte er. Ja, erwiederte Leo. Aber, mein Gott, wie ist denn das möglich? Sie war ja doch, däucht mir, ein paar Augenblicke vorher noch in dem Zimmer; ich habe gar nicht gesehen, wie sie hinausgekommen ist; ich weiß ja von gar nichts. Leo antwortete nicht. Ferdinand, der neben ihm her ging, legte ihm die Hand auf den Arm. Um Gottes willen, Doctor, sprechen Sie, sagen Sie mir ein Wort, daß Sie mich nicht für ihren Mörder halten! Ich habe sie nicht getödtet! Ich bin wohl sehr zornig gewesen, aber nicht eigentlich gegen sie. Sie konnte ja nichts dafür, wenn sie auch vielleicht nicht so lange hätte schweigen dürfen. Ach, ich bin ein elender, unglücklicher Mensch! Und Ferdinand schlug die Hände vor das Gesicht und fing an zu weinen. Leo fühlte kein Mitleid mit dem Unglücklichen. Lassen Sie das! sagte er rauh; Ihr Lamentiren hilft zu nichts. Sie haben mir wer weiß wie oft gesagt, daß Sie nicht einen Funken Liebe für Ihre Mutter hätten, daß Sie nichts, gar nichts für sie fühlten, ja daß Sie öfter zweifelten, ob es wirklich Ihre Mutter sei. Was soll das Alles jetzt? Ja, rief Ferdinand, ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Ich habe meine Mutier nie geliebt. Und wenn Sie mich tausendmal einen Elenden nennen – ich kann nicht anders. Sie müssen es am besten wissen, sagte Leo trocken, und hier – trennen sich wohl unsere Wege. Sie wollen mich verlassen? rief Ferdinand voller Entsetzen, mich jetzt verlassen, in diesem Zustande verlassen? Um Gottes willen, thun Sie das nicht, wenn Sie nicht wollen, daß ich mich hier von der Brücke in den Fluß stürze. Ich bin sehr beschäftigt, erwiederte Leo, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen kann. Verlassen Sie mich nur nicht, flehte der Andere, ich bin rasend, ich weiß nicht, was ich thue; ich wäre im Stande, sie zu ermorden, den Prinzen zu ermorden. Retten Sie mich vor mir selbst! Leo hörte kaum auf des Andern wirre Reden. Er dachte an Eve, wie er sie einst vor Jahren in einer dumpfen Bauernstube oben im Walde zuerst gesehen hatte – ein junges, üppiges, verwahrlostes Ding; er selbst ein düsterer, leidenschaftlicher Knabe. Er erinnerte sich, daß er das Bild des eigenthümlichen Mädchens damals wochenlang nicht hatte loswerden können; und daß Eve seiner nicht vergessen, dafür hatte die Erkennungsscene in der Bildergalerie den Beweis geliefert. Und jetzt? Die beiden jungen Männer schritten eine Zeit lang schweigend durch die nächtlichen Gassen. Ferdinand begann von Neuem: Und daß die Mutter gerade jetzt sterben mußte! als ob mein Herz nicht schon schwer genug wäre! Glauben Sie, Doctor, daß eine rechte Mutter sich einen solchen Moment zum Sterben gewählt hätte! Freilich, freilich, für sie ist es ein Glück, daß sie gestorben ist. Ich bin nicht daran Schuld, ich wahrlich nicht! Sie sind daran Schuld – sie, die Metze, und er, der sie verkuppelt hat! Und er soll sie in seinen Armen halten! er soll schwelgen in diesen Reizen! Himmel und Hölle! Wie soll ich das ertragen! Aber ich will mich rächen, an ihm, an ihr und allen Weibern, allen, allen! Sie taugen alle nichts! Und dann ist ein Trost, Doctor; er wird sie nach ein paar Wochen, nach ein paar Tagen vielleicht, wieder fortschicken. Ich kenne ihn besser als irgend Jemand. Oder glauben Sie wirklich, Doctor, das könne Bestand haben, glauben Sie? Ich weiß kaum, wovon Sie sprechen, erwiederte Leo; bis jetzt habe ich von Ihnen wenig Anderes als zerrissene Phantasien eines Fieberkranken gehört. Ferdinand riß den Hut vom Kopfe und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Ja, ja, sagte er, ich erinnere mich, Sie wissen ja eigentlich noch nichts. Es ist eine kurze, hübsche Geschichte. Ich bin mit dem Prinzen zwei Wochen lang auf Reisen gewesen; er war während der ganzen Zeit ungewöhnlich gnädig zu mir: es wäre unrecht, daß er mich noch länger im Dienst behalte und es mir so unmöglich mache, meine Talente in einer höheren Sphäre zu verwerthen. Der Staat brauche tüchtige Köpfe mehr als je. Ob er mit dem Justizminister sprechen solle, oder ob ich es vorzöge, in die diplomatische Carrière einzutreten? – Ich Narr, der ich war, hielt diese Heuchelei für wahre Freundschaft; ich hatte keine Ahnung davon, daß er mich los sein wollte, und weigerte mich, ihn zu verlassen – ich habe mir meine Schande nicht einmal bezahlen lassen! Ich Narr der Narren! Vorgestern kamen wir zurück. Noch an demselben Abend fuhr der Prinz nach seinem Sommerschloß – ohne mich – was mir sehr auffiel, da ich wußte, daß es viel zu thun gab und ich kaum zu entbehren war. Eine Ahnung von bevorstehendem Unheil erfaßte mich; ich konnte es in meiner Wohnung nicht aushalten; ich ging und fragte nach Eve. Die Mutter sagte, sie sei ausgegangen. Die Mutter hatte gelogen, gewiß nur aus Angst vor ihm, aber doch gelogen; ich erinnere mich jetzt, daß ihre Lippen bebten und daß sie blaß war wie eine weiße Wand. Wenn ich gewußt hätte, daß sie so bald sterben würde – Ferdinand seufzte tief. Nun? fragte Leo. Mein Verdacht, daß mit Eve etwas passirt sei, ließ mir keine Ruhe, fuhr Ferdinand fort, indem er sich mit dem Tuche den kalten Schweiß von der Stirn wischte; ich ging nach einer Stunde wieder in die Wohnung, diesmal gleich in die Küche. Das Mädchen ist gut und dumm. Ich hatte es denn auch bald heraus. Eve war schon seit dem Abend vorher aus das Sommerschloß des Prinzen gefahren, um die Tochter des dortigen Castellans zu besuchen. Die Tochter des Castellans – ein rothhaariges, buckliges Geschöpf, das Eve niemals hatte ausstehen können, das sie stets auf das Grausamste verhöhnt hatte! Die Nachricht traf mich wie ein Dolchstich. Ich wußte, was geschehen war, als hätte ich mir selbst den Kuppelpelz verdient. Ich stürzte fort nach dem Bahnhof. Der Inspector ist mir befreundet; auch er hatte Eve einmal seine Hand angeboten. Er wollte nicht recht mit der Sprache heraus; endlich gestand er: in demselben Zuge, in welchem der Prinz gestern Abend gefahren, sei auch eine schwarz gekleidete, tief verschleierte Dame gewesen in Begleitung eines Herrn in Civil, in dessen Gesellschaft er mich öfters gesehen habe. Das habe ihn aufmerksam gemacht. Er habe die Dame nicht aus dem Auge gelassen und im Moment der Abfahrt denn auch Eve, die den Schleier bereits zurückgeschlagen hatte, richtig erkannt. – Ich hatte genug gehört, die ganze Welt drehte sich mit mir im Kreise; ich vergaß, in den Zug zu springen, der eben abging; erst in vier Stunden ging wieder einer. Unterdessen konnte ich zu Pferde längst dort sein. Ich fuhr nach Hause, sattelte mein Pferd und jagte, was das Thier laufen konnte, durch den Park auf dem kürzesten Wege. Ich muß halb wahnsinnig gewesen sein; ich erinnere mich, daß ich eine alte Dame, die in Begleitung eines sehr schönen Mädchens war, überritten habe, daß die Leute mich überall verwundert anstaunten. Mein Pferd stürzte zusammen, als ich in der Nähe des Schlosses war; ich ließ es liegen; ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ich ging nach dem Schloß; ich fragte nach Eve. Sie war heute Morgen mit der buckligen Castellanstochter auf Besuch zu einer Verwandten der Letzteren, einer Maierstochter auf einem der prinzlichen Güter, gefahren. Und der Prinz? Der Prinz war auf seinem Jagdschloß – dem Jagdschloß, Doctor, in dessen unmittelbarer Nähe das Gut liegt, auf dem Eve zum Besuch bei einer Freundin war! War das nicht fein, Doctor? Das edle, gefällige Wild, das so gehorsam in das Fanggarn läuft! Eine noble Jagd, eine wahrhaft prinzliche Jagd! Ha, ha, ha! Und Ferdinand schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn und knirschte mit den Zähnen. Warum liebe ich sie nur? Ich könnte mich dafür mit meinen eigenen Händen erwürgen! habe ich nicht schon viel schönere Frauen besessen? War die Dame, der ich heute im Park begegnete, nicht viel schöner als Eve? Ich Narr! Ich Narr! Ich Narr! Leo war sehr nachdenklich geworden. So hatte Eve doch ihr großes Ziel erreicht. Von dem Bauernmädchen aus Tannenstädt bis zur Maitresse des Prinzen war immerhin kein kleiner Schritt. Wird sie sich in dieser schwankenden Stellung halten können? Wäre sie wirklich im Stande, einen Einfluß auf den Prinzen zu gewinnen, oder wird er sie wieder fortschicken, wenn er ihrer satt ist? Und war dies beschlossen gewesen, als sie sich ihm vor ein paar Wochen antrug? Oder war sie eine Dirne geworden, weil der Mann, den sie liebte, sie verschmäht hatte? Ferdinand erzählte nun weiter, wie er gegen Abend auf der Eisenbahn zurückgekehrt sei und sich in das Palais begeben habe, um den Mann – seinen Vater – zur Rede zu stellen. Dann aber wisse er nicht mehr, was geschehen sei; er sei nicht eher wieder zur Besinnung gekommen, als bis Leo mit der Nachricht von dem Tode der Mutter hereintrat. Er wisse noch jetzt kaum, wo ihm der Kopf stehe und was er spreche; er wisse nur, daß er sich rächen, blutig rächen werde, daß die Helfershelfer – denn ohne die sei es nicht abgegangen – ihre schändliche That theuer bezahlen sollten. Leo hatte den leidenschaftlichen Menschen, ohne ihn zu unterbrechen, lange in dieser Weise reden lassen; endlich sagte er: Ihr Zorn ist, Alles in Allem, sehr begreiflich; nur wundere ich mich, daß Sie immer nur von einer Rache sprechen, die Sie an den Helfershelfern nehmen wollen. Warum nicht direct an die Hauptperson sich wenden? Was kann ich der thun? rief Ferdinand. Erinnern Sie sich des Briefes, den Sie mir vor einigen Wochen gaben, des Briefes vom Prinzen, der Sie zuerst auf die rechte Fährte brachte? Ja wohl, was soll's damit? Der Brief hatte für Sie nur ein Privatinteresse, er hat aber auch ein sehr bedeutendes öffentliches Interesse, wenn man ihn veröffentlichte. Der Brief ist ein unumstößlicher Beweis der tyrannischen Gesinnung des Prinzen und zugleich der Dummheit und Perfidie unserer sogenannten Liberalen, die mit diesem Prinzen verhandeln zu können glauben. Dem Prinzen und den Liberalen könnte kaum etwas Schlimmeres passiren, als die Veröffentlichung dieses Briefes. Wo ist der Brief? Geben Sie mir den Brief, ich will ihn selbst in eine Druckerei tragen. Her mit dem Brief! Und Ferdinand packte Leo an Arm und Schulter. Seien Sie vernünftig. Der Brief liegt bei mir zu Hause, wohl verschlossen. Wenn ich ihn morgen drucken lasse, sind Sie übermorgen um Ihre Stelle; vielleicht – doch ich glaube nicht, daß man unter diesen Umständen, wo ihnen Alles daran liegen muß, die Unechtheit des Briefes zu beweisen, weiter gegen Sie vorschreiten würde. Und wenn sie mich mit glühenden Zangen zwickten – es ist mir gleich – Rache will ich – Rache! Rache um jeden Preis! Wohl, sagte Leo, wenn Sie so darüber denken, kann uns Beiden geholfen werden. Hier ist Ihre Wohnung, gehen Sie zu Bette und legen Sie sich kaltes Wasser auf den Kopf. Ich sehe Sie morgen. Gute Nacht! Vierundfünfzigstes Capitel. Und allabendlich bis tief in die Nacht hinein – manchmal die ganze Nacht hindurch bis an den hellen Morgen – konnte man von jetzt an den Schein der Lampe auf Leo's Studirtisch durch die Vorhänge der Fenster dämmern sehen. Der Handschuh war hingeschleudert und aufgenommen worden, die Fehde war entbrannt, und Leo war entschlossen, den Kampf bis zum Ende durchzuführen. Ja, der Gedanke, daß er – wenigstens in diesem Stadium des Kampfes, so lange nur noch mit Worten gestritten wurde – allein, so gut wie allein stand, war viel mehr geeignet, seinen Muth zu entflammen, als einzuschüchtern. Eine zweite Broschüre, die seinen Namen auf dem Titelblatte trug und in welcher er die Autorschaft jener ersten für sich reclamirte, machte selbst in Kreisen, die sich sonst herzlich wenig um Politik bekümmerten, das größte Aufsehen. Die schönen Seelen schwelgten in den Feinheiten dieses Styls und verglichen das Schriftchen mit einem blanken Dolch, der aus der Scheide fährt; der gemeine Mann las mit Verwunderung, zu welch' hohen Dingen, die man alle bis dahin vor ihm geheimgehalten hatte, er berufen war; die Gouvernementalen jubelten über die Grausamkeit, mit welcher der Autor alle Schwächen der liberalen Partei aufgedeckt hatte. Es war, meinten sie, wie wenn die Seitenwand eines Hauses plötzlich eingerissen wäre, und die Vorübergehenden könnten in alle Verborgenheiten des Haushaltes hineinsehen. Und nun erschien zu derselben Zeit in auswärtigen Zeitungen der Brief des Prinzen, der den Mann, auf welchen die Liberalen im Geheimen ihre Hoffnungen setzten, als einen eingefleischten Reactionär, als eine despotische Natur enthüllte. Leo hatte die ungeheure Wirkung, die dieser Brief hervorbringen würde, richtig berechnet. Die liberale Partei gab sich den Anschein, als ob der Schlag nebenbei in die Luft gegangen sei, und zeigte dadurch, wie schmerzlich sie sich getroffen fühlte; die einsichtigen Anhänger des Prinzen mußten sich sagen, daß es Jahre dauern würde, bevor der schlimme Eindruck, den dieses unfreiwillige Selbstbekenntniß hervorgebracht hatte, sich verwischen würde. Aber selbst die Gouvernementalen, denen doch die Verdächtigung ihres mächtigen Gegners zumeist zu gute kam, waren wie betäubt von einer Kühnheit, die keine Schranken respectiren zu wollen schien, und nur der junge König, sagte man, sei entzückt über die angerichtete Verwirrung, aus der er, wie man weiter erzählte, als der Heiland und Retter hervorzugehen hoffe. Ich habe es ja immer gesagt, rief Herr Rehbein, der mit Leo's neuer Broschüre: »Die Steinbrecher und die Baumeister« in der Hand von seinem Zuschneidetisch herab den eintretenden Freunden entgegen hüpfte, ich habe es ja immer gesagt: er hat nie etwas getaugt; er hat nie ein Herz für das Volk gehabt. Es ist ihm ganz gleich, was aus den Arbeitern wird, wenn er nur seine Rache befriedigen, seinem schändlichen Ehrgeize fröhnen kann. Er ist ein Judas Ischariot, ein Abtrünniger! Walter schüttelte den Kopf und sagte: Richten wir nicht zu hart! Ist er ein Abtrünniger, so ist er es nicht aus gemeinen Rücksichten, so ist er es geworden, wie Satan, der der herrlichsten Engel einer war: aus gewaltigem Schaffensdrang, der in der Welt, wie sie nun einmal war, keinen Raum mehr für sich fand. Ach was, entgegnete der kleine Mann hitzig: Schaffensdrang hin, Schaffensdrang her! Jeder ordentliche Kerl findet noch immer eine Stelle, wo er die Schulter an's Rad stemmen kann. Zum Kukuk! Ich will nicht von mir sprechen, obgleich ich den sehen will, der radikaler ist, als ich; aber da sind Sie selbst, da ist hier unser Doctor! Sind Sie denn nicht ganz in derselben Lage? Und fällt es Ihnen auch nur ein, den Großmogul spielen zu wollen und die ganze Karre kurz und klein zu schlagen, weil sie nun mal für den Augenblick feststeckt? Erhitzen wir uns nicht, lieben Freunde! sagte Doctor Paulus, soll er auch noch den Triumph haben, uns untereinander zu veruneinigen? Ich glaube, Sie haben Beide nicht ganz Recht: Walter nicht, wenn er Leo's Handlungsweise durchaus von dem Makel eines sträflichen Ehrgeizes reinigen möchte; Sie nicht, Rehbein, wenn Sie annehmen, es könne durch seine Agitation der guten Sache ein unwiederbringlicher Schaden zugefügt werden. Eine Idee ist nicht in solcher Weise von dem Thun und Lassen eines Einzelnen abhängig. Der Einzelne, und sei er noch so gewaltig, ist immer nur der Träger, nicht der Schöpfer einer Idee, und so kann er vielleicht die Idee auf eine kurze, sehr kurze Zeit verdunkeln, nimmermehr sie ganz aufhalten oder zerstören. In weltgeschichtlichen Dingen gilt immer noch das alte Wort jenes philosophischen Juden: Ist es von Gott, so wird es bestehen; ist es nicht von Gott, so wird es untergehen. Ja, ich möchte behaupten, daß Leo's Auftreten der guten Sache nur Nutzen bringen wird. Daß die liberale Partei einer gründlichen Reform bedarf, darüber sind wir ja Alle längst einig. Der von Leo hervorgerufene Sturm wird dazu dienen, die Spreu schneller vom Weizen zu sondern. Und die Arbeiterfrage? fragte Rehbein, die Arbeiterfrage, die jetzt nach den neuesten Vorgängen in Tuchheim so brennend geworden ist? Auch für die Arbeiterfrage, erwiederte Paulus, kann es nur vortheilhaft sein, wenn die Unausführbarkeit von Leo's socialistischen Doctrinen sich einmal wieder eclatant herausstellt. Die Köpfe werden sich erhitzen, die Geister werden aufeinander platzen, das ist natürlich. Es werden Spaltungen hervorgerufen werden, neue Parteien, neue Schulen sich bilden. Um so besser. Die Ansichten werden sich klären, das Licht wird heller werden, und ich für meinen Theil wüßte nicht, was ich mir Lieberes wünschen sollte. Und Leo selbst? fragte Walter. Leo selbst? erwiederte Paulus, und sein edles, durchgeistetes Gesicht nahm einen Ausdruck tiefer Traurigkeit an; Leo selbst wird, fürchte ich, die Richtigkeit meiner Diagnose mit seinem moralischen, vielleicht auch physischen Untergang bestätigen: Er wird sich eine Zeit lang halten, vielleicht eine glänzende Rolle spielen, und dann werden dem Zauberlehrling die Wasser, die er heraufbeschworen hat, über dem Kopf zusammenschlagen. Nach seiner letzten Rede in seinem neuen Arbeiterverein ist mir das nicht mehr zweifelhaft. Er weist die Arbeiter an den Staat, und der Staat ist ihm irgend eine Willkürherrschaft, mag sie sich nun comité de salut public , Directorium, Dictator oder Kaiser nennen. Aber, liebe Freunde, es handelt sich jetzt für uns um andere Dinge. Ich habe unseren Rechtsanwalt gebeten, hierher zu kommen; ich dächte aber, wir fingen immer an, es ist gar Manches zu erwägen. Und die Freunde traten in Berathung über Walter's Angelegenheit, die allerdings bereits eine Wendung genommen hatte, welche die ernsteste Erwägung nothwendig machte. Mit nicht geringerem Interesse, als in dem Rehbein'schen Hinterzimmer von den versammelten Freunden, wurde Leo's Thun und Treiben in dem Sonnenstein'schen Salon von den verschiedenen Mitgliedern der Familie besprochen. Henri hatte Leo's Verkehr in dem Hause des Oheims stets mit scheelen Blicken betrachtet und aus der Abneigung, die er gegen den alten Schulkameraden empfand, seinen Verwandten gegenüber nie ein Hehl gemacht. Aber in der letzten Zeit hatte sich diese Abneigung zu einem Hasse gesteigert, der sich in den bittersten Ausdrücken kaum genug that. Er versicherte, wenn man dem anrüchigen Menschen nicht in aller Form das Haus verbiete, nie wieder einen Fuß über die Schwelle setzen zu wollen, und als Emma unter einem Strom von Thränen, aber mit nicht geringer Heftigkeit, erklärte, daß er durchaus freier Herr seiner Handlungen sei und thun und lassen könne, was ihm beliebe, gerieth er vollends außer sich. Aber ist es denn möglich, rief er, ist es möglich! Habt Ihr Geldmenschen denn keine Eingeweide! Ein Mensch, der seine Laufbahn notorisch als Verbrecher angefangen und dann in den verdächtigsten Verhältnissen fortgesetzt hat, kommt hieher, um hier zu schwindeln, wie er überall geschwindelt hat. Ihr, anstatt ihn wie besudelndes Pech zu meiden, empfangt ihn mit offenen Armen; der Onkel setzt ihm seine besten Weine vor, Emma macht ihm jede Tasse Thee eigenhändig zurecht. Ihr lobt und preist ihn, daß die anderen Leute ordentlich stutzig werden – mit einem Worte: es ist ein Scandal. Dann zum Dank verräth der Mann Eure sogenannte Partei, macht sich über Deinen Vater öffentlich lustig – und was thut Ihr? Ihr ladet ihn weiter ein, während sich selbst Eure intimsten Bekannten von ihm zurückziehen. Und wenn ich Euch auf die Ungeheuerlichkeiten Eures Benehmens aufmerksam mache, wird mir zum Dank die Thür gewiesen! Und Henri lief mit zornigen Schritten im Salon auf und ab. Warum gehst Du denn nicht, wenn es Dir nicht bei uns gefällt? fragte Emma hinter ihrem Taschentuche hervor. Aber Henri, ich begreife Dich nicht, sagte Herr von Sonnenstein; ich dächte, mein Verhalten wäre vollkommen verständlich und logisch. Ich habe den jungen Mann protegirt, weil ich ihn in der Angelegenheit mit Deinem Vater brauchen zu können glaubte; stellt es sich heraus – und ich muß das jetzt beinahe fürchten – daß er mir nicht helfen kann und nicht helfen will, so lasse ich ihn fallen. Voilà tout . O, Ihr Barbaren, herzlose Barbaren! wimmerte Emma. Habe ich denn nicht von vornherein gesagt, daß er Dich nur an der Nase führt! rief Henri, zu seinem Onkel gewendet, daß er mit Dir nur sein Spiel treibt, daß er Dich ausnützt, während Du ihn zu nützen wähnst? Aber ich sage Dir, Onkel, ich habe das Ding satt. Entweder Du trittst jetzt anders gegen den Papa auf und stellst ihm einfach ein Ultimatum, oder ich gehe selbstständig vor. Ich will nicht ruhig zusehen, wie der Papa mein Vermögen durch seine Finger laufen läßt; zum wenigsten will ich Klarheit haben, mag daraus werden, was da will. Mein Gott! sagte der Bankier, glaubst Du denn, Henri, daß mir weniger als Dir daran gelegen ist, endlich zu wissen, woran ich bin? aber Du kennst doch die Lage; es wird ein furchtbarer Scandal, und Dein Vater ist der Chef der Familie. Ueber kurz oder lang werde ich der Chef sein, rief Henri; und überhaupt: ein Chef, der die Familie nicht repräsentirt, wie es ihm die Pflicht gebietet, ist kein Chef. O, Henri, das ist nicht schön, sagte Alfred, der auf dem Balcon gesessen hatte (das Wetter war seit einigen Tagen, besonders um die Mittagsstunde, außerordentlich lieblich gewesen) und jetzt wieder in das Zimmer trat. Fange Du auch noch an! rief Henri, seinem Vetter einen halb zornigen, halb verächtlichen Blick zuwerfend. Ich fange nicht an, sagte Alfred, ich mag nur nicht hören, daß Du so über Deinen Papa sprichst. Bekümmere Dich nicht um Dinge, mon cher , die Du absolut nicht verstehst. Da ist gar nichts zu verstehen, sagte Alfred; Papa ist Papa, und es ist unschicklich, sich so über seinen Papa zu äußern. Alfred zündete sich eine Cigarette an und setzte sich wieder rittlings auf einen Stuhl auf dem Balcon, die Insassen der vorüber rollenden Wagen durch die Lorgnette musternd. Also Ihr wollt nicht, wollt nicht? rief Henri, den Alfred's Zurechtweisung um den letzten Rest seiner Selbstbeherrschung gebracht hatte. Nein, nein! ich will nicht tyrannisirt sein, rief Emma schluchzend. Aber so nehmt doch Beide Vernunft an! sagte der Bankier beschwichtigend. Adieu! Und Henri eilte aus dem Zimmer, die Thür unsanft hinter sich zuwerfend. Er kommt nicht wieder! rief Emma, indem sie hastig das Tuch vom Gesicht zog. Er wird schon wiederkommen, tröstete sie der Vater; die Leute kommen immer wieder, wenn sie Geld brauchen. Aber er hat Recht: die Affaire mit dem Leo muß entschieden werden, und mit dem Alten muß ich auch in's Klare kommen. Emma, mach' schnell! rief Alfred vom Balcon; die Prinzessin Philipp Franz in offenem Wagen und deliciösem Frühlingscostüm. Wo, wo? und Emma flog nach dem Balcon. Henri hatte das Haus seines Onkels in einer fürchterlichen Stimmung verlassen. Ich will dem Dinge ein Ende machen, knirschte er durch die Zähne, als er sich in eine Droschke warf; soll ich ewig verdammt sein, in einem elenden Miethswagen zu fahren, während mein Herr Vater in seinen kindischen Launen das Vermögen, das nicht ihm, sondern der Familie gehört, vergeudet? Ich bin der Chef der Familie, ich! Ich will es ihm beweisen, ihnen Allen beweisen. Diese feigen Judenseelen sollen noch lernen, vor mir zu zittern; die alberne Emma soll mir noch auf den Knieen danken, daß ich sie aus den Händen dieses Menschen gerettet habe. Ihn in die Familie heirathen lassen! O ja! Das könnte ihm gefallen, dem Prahler! Und wie lange wird's denn der alberne Alfred noch treiben, der Schwächling! Und dann hätte er die Million beisammen. Wie er mich dann über die Achsel ansehen würde! Tod und Hölle! Er soll zu Boden; ich will über ihn weg, ich will! Henri fuhr in seine Wohnung und schrieb dort an den ihm befreundeten Marquis de Sade, der, wie er wußte, Egypten bereits wieder verlassen hatte und sich jetzt in Nizza aufhielt. Er hielt es für seine Pflicht, dem Marquis mitzutheilen, daß leider seine Befürchtungen eingetroffen seien. Die Unwürdigkeit des Doctor Gutmann, vor dem er stets gewarnt hatte, sei jetzt erwiesen. Der Mann habe sich in die wildesten socialistischen Umtriebe eingelassen, ja, es bestehe der gegründete Verdacht, daß er in ein hochverrätherisches Unternehmen, das mit einem Depeschendiebstahl in dem Cabinet einer allerhöchsten Person begonnen, verwickelt sei. Alle Welt ziehe sich scheu von dem Manne zurück, den jeden Augenblick entehrende Zuchthausstrafe treffen könne. Der Marquis könne unmöglich noch einen Augenblick einen solchen Menschen in seiner Wohnung dulden. Ja, er gebe dem Marquis zu bedenken, ob er in seiner officiellen Eigenschaft durch Protection eines so anrüchigen Menschen nicht seine Regierung compromittire. Er bitte um die Vollmacht, dem Mißbrauch, den ein frecher Abenteurer mit der Gutmüthigkeit des Marquis getrieben habe, in geeigneter Weise zu steuern. Das wäre ein kleiner Anfang, murmelte Henri, als er auf dem Wege zum Prinzen diesen Brief in einen Kasten warf. Der Prinz war eben von dem Ausfluge nach seinem Jagdschlosse zurückgekommen. Die Briefaffaire hatte ihn, nachdem er sich eine Zeit lang eingebildet, die Sache ignoriren zu können, schließlich doch zur Rückkehr in die Residenz gezwungen. Henri wurde sogleich vorgelassen, aber er fand seinen hohen Gönner in der allerungnädigsten Laune. Henri hätte den Charakter des Menschen besser kennen, hätte wissen müssen, wozu dieser Mensch im Stande sei. Und nun kann man den Kerl nicht 'mal einstecken, oder ihm den Proceß machen; ja man muß ihn vorderhand ganz unangetastet lassen, oder die verdammten Zeitungen schreien im Chore: Da haben wir's ja! der Brief ist also doch echt! Und das Alles verdanke ich Ihnen, mein lieber Tuchheim, Ihnen! Ich hätte mich von Ihrer so oft gerühmten Ergebenheit eines Besseren versehen. Henri war keineswegs in der Laune, Vorwürfe, und noch dazu wirklich ungerechtfertigte, geduldig hinzunehmen. Er erwiederte deshalb in etwas gereiztem Tone, daß er nichtsdestoweniger zu behaupten wage, daß königliche Hoheit keinen ergebeneren Diener habe, daß es ihm aber unmöglich gewesen sei, alle Folgen einer Intrigue, in die ihn königliche Hoheit überdies so spät einzuweihen die Gnade gehabt, zu übersehen. Er habe sich eifrigst bemüht, das Versäumte nachzuholen, und könne jetzt bereits mit Bestimmtheit versichern, daß Ferdinand Lippert in dieser unglückseligen Briefaffaire nur Werkzeug in der Hand eines weitaus bedeutenderen Menschen gewesen sei. Henri machte nun den Prinzen mit Leo's Umtrieben – wie er sich ausdrückte – bekannt. Er würde das Unglück, mit einem solchen Menschen jahrelang zusammen erzogen worden zu sein, noch tiefer beklagen, wenn er eben in Folge dessen nicht auch wieder besser, als irgend Jemand sonst, in der Lage wäre, diesen gefährlichen Charakter beurtheilen und hoffentlich unschädlich machen zu können. Der Prinz hörte sehr aufmerksam zu; er ließ sich aus Leo's Broschüren, die Henri mitgebracht hatte, die schlimmsten Stellen, die ihn speciell betrafen, vorlesen; aber Henri hatte heute das Unglück, es dem Prinzen nirgends recht machen zu können. – Warum kommen Sie damit jetzt erst, rief der Prinz; weshalb warnen Sie mich heute vor einem Menschen, den man vielleicht noch vor ein paar Wochen für ein Billiges hätte kaufen oder durch die Polizei aus der Stadt hätte schaffen können? Warum geschieht das nicht noch jetzt? Aber freilich, Herr von Hey ist mein Freund nicht, und Sie sagen, daß die Broschüre dem Könige gefallen habe? Ich glaube es gern. Aber er muß weg! Er soll weg! Sie sorgen mir dafür, daß er fortkommt. Zucken Sie nicht mit den Achseln. Ich sage Ihnen, er soll! Ich bitte nur um die Gnade, mich zu einer diesfälligen Unterhandlung mit dem Minister, mit dem ich, wie königliche Hoheit wissen, noch von Tuchheim her bekannt bin, zu ermächtigen, erwiederte Henri. Ja, ja, ich ermächtige Sie dazu; aber machen Sie es fein; ich kann mich dadurch nicht zu weiß Gott was für Concessionen verpflichten. Und Sie sagen, daß der Mensch sich auch in das Vertrauen Ihres Vaters einzuschleichen gewußt hat? Ja, königliche Hoheit. Nun wohl! so haben Sie ja eben so viel Interesse daran als ich, daß der Mensch aus der Stadt kommt. Ich hoffe, daß Sie für sich selbst scharfsichtiger und umsichtiger sind, als für mich. – Und nun muß ich Sie entlassen, ich habe noch ein paar Leute zu empfangen. Adieu! Der ungnädige Empfang und die ungerechten Vorwürfe des Prinzen hatten Henri's Stimmung keineswegs verbessert. Er konnte, während er die Vorgemächer durchschritt, sich kaum enthalten, in laute Verwünschungen auszubrechen. Er verschwor sich, diesem undankbaren Prinzen nie wieder dienen zu wollen, und doch mußte er sich sagen, daß er des Prinzen Protection jetzt nöthiger habe, als je. Wenn man die Polizei auf Leo hetzen wollte, so mußte ein Mächtigerer dahinter stehen. Aber wem hatte er diese neue Demüthigung zu verdanken, als Leo! dann freilich auch dem Vater. Wer anders, als der Vater war Schuld daran, daß er auf eigenen Füßen nicht stehen, die Gunst der Großen nicht entbehren konnte? Der Vater hatte es leicht, den Militär-, Hof- und Beamtenadel zu verachten! Ist der arme Adelige nicht zum Dienen gezwungen? Und wer hatte ihn arm gemacht? Der Vater! – aber meine Geduld ist erschöpft; ich will mich nicht länger nasführen lassen. Henri fühlte sich ganz in der Stimmung, seinem Vater gegenüber zu treten, und befahl dem Kutscher, nach dem Hotel des Freiherrn zu fahren. Fünfundfünfzigstes Capitel. Leo war bei dem Freiherrn in dem Bibliothekzimmer. Die Nachmittagssonne schien freundlich in das große, wohlausgestattete Gemach, und die Staubatome tanzten lustig in den schrägen Lichtstreifen, die durch die geöffneten Fenster fielen. Vom Garten herauf, der sich unter den Fenstern ausbreitete, trug die laue Frühlingsluft den Duft der ersten Knospen und den Gesang der Vögel herein. Leo saß an einem mit Broschüren und Zeitungen bedeckten Tisch in der Nähe eines der Fenster; der Freiherr ging mit auf den Rücken gelegten Händen in dem Gemache auf und ab. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und blickte auf Leo mit den braunen Augen, die noch immer schön zu nennen waren, trotzdem sie viel, sehr viel von ihrem alten Glanze verloren hatten; dann setzte er wieder seine Promenade langsam fort. So steht es also jetzt, schloß Leo seine Auseinandersetzung; geben Sie nachträglich Ihren Namen her zu jener Fabrikordnung, die Herr von Sonnenstein, ohne Sie zu fragen, in Gemeinschaft mit den übrigen Fabrikherren erlassen hat und die wenigstens die Gelegenheitsursache dieses Strike ist, so stellen Sie sich auf eine Stufe mit den Stockjobbern, und ich würde glauben, mich einer schweren Beleidigung gegen Sie schuldig zu machen, wenn ich das auch nur einen Augenblick für möglich hielte. Leo faltete die Zeitung, aus welcher er dem Freiherrn einen Bericht über die Arbeitseinstellung in Tuchheim und Umgegend vorgelesen hatte, zusammen; der Freiherr blieb mitten, in der Stube stehen und sagte, halb mit sich selbst und halb zu Leo sprechend: Sie haben Recht, ganz Recht! Es wäre eine Beleidigung für mich, wollte man mich mit diesen Menschen auf eine Stufe stellen. Wann hätte ich je auf die Noth des armen Mannes speculirt! Sie sind zu jung, lieber Doctor, als daß Sie wissen könnten, was ich in früheren Jahren für meine Leute gethan habe; hätten Sie's gewußt, Sie hätten sich damals nicht an der Revolte betheiligt. Verzeihen Sie, daß ich hier auf diese unglücklichste Periode meines Lebens zurückkomme, aber sie steht in der That mit dem, was uns hier beschäftigt, im genauesten Zusammenhang. Damals war es, wo mir das Herrsein auf meinen Gütern für immer und immer verleidet wurde; damals war es, wo alle Blätter mich für einen Tyrannen ausgaben, für einen bornirten, mittelalterlichen Baron, der keine Ahnung habe von moderner, rationeller Wirthschaft und in Folge dessen seine verhungernden Leute zur Empörung treibe; damals war es, wo ich, einzig und allein um dem wuchernden Proletariat der armen Gebirgsdörfer zu steuern, auf die Pläne des Herrn von Sonnenstein einging und ihm die Erlaubniß gab, auf meinem Grund und Boden die Fabriken zu errichten. Hätte ich ahnen können, daß diese meine menschenfreundliche Absicht sich in das Gegentheil verkehren, daß die Armuth, anstatt abzunehmen, nur steigen, sich wenigstens nur in eine andere, wo möglich noch abschreckendere Gestalt kleiden, daß eine Zeit kommen würde, wo man das alte Geschrei: Er ist ein Tyrann! von Neuem erhebt, ich wäre lieber verhungert, als daß ich zu diesen Schändlichkeiten meine Hand geboten hätte. So kann ich mich also Ihres Beistandes in dieser Frage versichert halten? fragte Leo. Gewiß, gewiß, rief der Freiherr; aber ich sehe nur nicht, was Ihnen meine Weigerung, mich nachträglich zu jener verruchten Fabrikordnung zu bekennen, die ich nie mit Augen gesehen habe, nützen wird. Sehr viel, erwiederte Leo; eine Erklärung von Ihrer Seite, daß jene Fabrikordnung nicht nur ohne Ihr Mitwissen erlassen ist, sondern daß Sie zu derselben, wären Sie davon unterrichtet gewesen, niemals Ihre Zustimmung gegeben haben würden, vielmehr jetzt öffentlich constatirten, daß Sie eine solche Ausnützung der Arbeiter auf das Aeußerste perhorrescirten – ich sage, eine solche Erklärung, in klaren, runden Worten abgefaßt, mit Ihrem vollen Namen unterzeichnet und in allen Blättern veröffentlicht, würde von der ungeheuersten Wirkung sein. Und – verzeihen Sie, wenn ich mich wiederhole – ich meine, Herr Baron, Sie, gerade Sie, sind sich persönlich, ganz abgesehen von der politisch-socialen Tragweite dieses Schrittes, eine solche Genugthuung schuldig. Ja, ja, sagte der Freiherr, ich fühle das vollkommen; ich habe genug unter der Tyrannei dieser Geldsäcke gelitten, um ihnen eine Demüthigung von ganzem Herzen zu gönnen. Zehnmal lieber mit dem gemeinen Manne aus einer Schüssel essen, als sich den Hochmuth dieser Blutsauger gefallen lassen. Aber, aber – Er rieb sich die hohe, an den Schläfen jetzt kahle Stirn und fuhr nach einigen Augenblicken mit unsicherer Stimme fort: Aber sie haben die Macht; zum wenigsten die Macht, uns zu schaden. Sonnenstein würde eine derartige Erklärung von mir als einen Absagebrief ansehen und mit offener Feindseligkeit gegen mich vorgehen. Ich fürchte zwar seine Drohungen nicht und bin mehr als je von meinem guten Rechte überzeugt. Diese Arbeiterstrikes beweisen, daß die Fabriken gut gehen, daß er mich also schon jahrelang um meinen Gewinnantheil betrogen hat – indessen: ich will es Ihnen gestehen, ein Proceß mit meinem Schwager käme mir in diesem Augenblicke doch ungelegen. Processe kosten Geld, und ich bin gerade jetzt, wo ich im Begriffe stehe, der Hauptactionär bei einer sehr – sehr rentablen Unternehmung zu werden, stark engagirt. Der Freiherr nestelte mit einer gewissen Verlegenheit in seinen Haaren; seine Stimme war bei den letzten Worten rauh geworden. Dann will ich nicht länger in Sie dringen, sagte Leo, sich erhebend, umsoweniger, als ich, wie Sie wissen, immer der Meinung gewesen bin, daß, wollen Sie Ihren Schwager zur Abrechnung zwingen, Sie sich vorerst mit ihm auf gleichen Fuß stellen und die Einzahlungen leisten müssen. Aber das sind zweihunderttausend Thaler, ohne die Zinsen und die Nachzahlungen! rief der Freiherr sehr erregt. Leo warf einen scharfen Blick auf das bleiche, von innerer Aufregung durchwühlte Gesicht. Verzeihen Sie, sagte er, ich habe nicht indiscret sein wollen. Ich habe kein Recht, Ihnen in Ihren Angelegenheiten einen Rath zu geben; ich kann Ihnen nur meine Ansicht sagen, wenn Sie mich um dieselbe fragen. Der Freiherr hatte nicht genau gehört, was Leo gesagt hatte. Die Sperlinge in dem Birnbaum unter dem Fenster schwatzten so laut, und drüben in dem letzten langen Gange des Gartens sah er seine Schwester und seine Tochter Arm in Arm gehen und, wie es schien, eifrig sprechen. Er erinnerte sich, daß er Beide seit vorgestern Mittag nicht gesehen hatte, und seufzte tief. Er wendete sich vom Fenster. Bleiben Sie, bleiben Sie noch einen Augenblick! rief er hastig. Die Aufregung von vorhin war sichtbar noch größer geworden. Leo blickte ihn fragend an. Wie geht es ihm, ich meine: Walter? stieß der Freiherr heraus. Ich selbst habe ihn seit mehreren Tagen nicht gesprochen, erwiederte Leo. Und wie steht es mit seinem Proceß? Ich höre, die Sache ist in vollem Gange. Glauben Sie, daß er verurtheilt werden wird? Bei der augenblicklichen Lage der Verhältnisse halte ich es kaum für zweifelhaft. Das sollte mir sehr, sehr leid thun, murmelte der Freiherr. Der arme Junge, er hat es wahrlich nicht verdient; und dann die – die Damen – er wies mit zitternder Hand zum Fenster hinaus nach den beiden dahinwandelnden Gestalten – sie werden es sehr, sehr schwer empfinden. Und auch derenthalben möchte ich gerade jetzt nicht den Kampf mit meinem Schwager aufnehmen. Es ist in der letzten Zeit gar dunkel in meinem Hause geworden – gar dunkel. Und der Freiherr drückte sich die Hand gegen die Augen. Leo zuckte die Achseln; über seine festen Züge flog ein unmuthiges Lächeln; er machte dem Freiherrn eine Verbeugung und verließ das Zimmer. In dem Vorsaal fand er Henri in einem Wortwechsel mit dem alten Kammerdiener Christian. Ich habe Befehl, Niemand vorzulassen, hörte er den Alten sagen. Ich bin nicht Niemand, entgegnete Henri heftig; ich sage Dir, daß ich ihn sprechen will und muß; und nun schere Dich zum Teufel! In diesem Augenblicke bemerkte er Leo. Ein häßliches Zucken flog über sein erbleichendes Gesicht. Der Anblick des Verhaßten an dieser Stelle hatte noch gefehlt, das Maß seines Zornes zum Ueberlaufen zu bringen. Er trat an Leo heran, aber es gelang ihm nicht, die Worte, nach denen er suchte, zu finden. Leo wartete ein paar Augenblicke, lächelte verächtlich und schritt, ohne Henri weiter eines Blickes zu würdigen, nach der Thür. Henri knirschte mit den Zähnen, wendete sich dann gegen den alten Mann, der ihm den Eintritt verweigerte, stieß denselben unsanft beiseite und riß die Thür auf, die zu seines Vaters Zimmer führte. Der Freiherr war in derselben Stellung, in welcher Leo ihn zuletzt gesehen hatte, stehen geblieben. Erst das Geräusch der schnell geöffneten Thür ließ ihn die Hand wieder von den Augen nehmen. Er trat einen Schritt zurück und starrte den Eingetretenen mit düsteren Blicken an. Was heißt das? Ich glaubte, daß Du, wenn Du für jenen – Herrn zu sprechen warst, auch wohl mich empfangen könntest, erwiederte Henri. Die beiden Männer standen mitten im Zimmer, ein paar Schritte von einander entfernt. In dem Ausdruck ihrer Augen, wie sie sich jetzt gleichsam mit den Blicken maßen, war kein schwächster Strahl von Sympathie und Liebe. Der Freiherr rang sichtbar nach Haltung und Fassung, während seine Glieder vor innerer Erregung bebten; aber auch Henri, obwohl er sich lange auf diese Unterredung vorbereitet hatte und durch die Unbilden, die er den Tag über erfahren, auf's Aeußerste gereizt war, hielt die Lippen fest geschlossen und bemühte sich, den fliegenden Athem zu regeln. Und was führt Dich zu mir? fragte der Freiherr. Der Wunsch, mich mit Dir über Verschiedenes auseinander zu setzen, das schon längst einmal hätte unter uns zur Sprache kommen sollen. Das sieht ja fast wie ein Verhör aus, sagte der Freiherr, indem er einen Versuch machte, zu lächeln, sich aber zugleich auf einen Stuhl niederließ, denn er fühlte, daß ihm seine Glieder die Kraft versagten. Henri war die Schwäche des Vaters nicht entgangen; seine Entschlossenheit wuchs in dem Maße, als sie dem Vater abhanden zu kommen schien. Er lehnte sich an einen Tisch in seiner Nähe und sagte: Ich bin von der Gerechtigkeit meiner Sache überzeugt, und so kommt es wohl nicht eben auf die Form an. Deine Sache muß sehr gerecht sein, denn die Form ist in der That äußerst geschmacklos. Aber was wünschest Du? Vorerst wünsche ich zu wissen, wie Du es mit Deinen bekanntlich so hohen Begriffen von der Würde Deines Standes und Deiner persönlichen Würdigkeit in Einklang bringst, jenen Abenteurer, dem ich soeben in Deinem Vorzimmer begegnet bin, bei Dir zu empfangen. Wünschest zu wissen – Würde meines Standes – persönliche Würdigkeit! – ich glaube, Du bist toll geworden. Dem Freiherr hatte die lange gesellschaftliche Uebung, seine Empfindungen zu beherrschen, äußerlich wenigstens die Ruhe wiedergegeben; Henri fand seine Situation schwieriger, als er sich gedacht hatte. Ich bin nicht toll, rief er, im Gegentheil, ich sehe sehr klar, und eben weil ich sehr klar sehe, will ich auch nicht länger thun, als ob ich blind wäre. Ich wiederhole: Deine Protection dieses Mannes ist unverantwortlich und kann höchstens dadurch erklärt werden, daß Du die saubere Rolle nicht kennst, die der Herr neuerdings zu spielen sich nicht entblödet. Wenn Du, wie ich aus Deinen noch immer sehr formlosen Worten schließen muß, mich über die Stellung, welche Herr Doctor Gutmann in der politischen und socialen Frage einnimmt, aufzuklären wünschest, so muß ich Dir sagen, daß ich Deiner freundlichen Beihilfe vollkommen entrathen kann; ich habe die »Rolle« des Herrn Doctors von seinem ersten Auftreten bis jetzt mit größtem Interesse und größter Genauigkeit verfolgt. So wirst Du auch wissen, daß er auf dem Punkt steht, wegen eines an dem Prinzen verübten Depeschendiebstahls vor den Staatsanwalt zu kommen. Der Herr Doctor muß Dir ja sehr im Wege stehen, daß Du Dich nicht scheuest, zu so schmählichen Verleumdungen Deine Zuflucht zu nehmen. Uebrigens muß ich Dir sagen, daß ich diese sonderbare, unschickliche Unterredung herzlich satt habe und Dich bitte, mich jetzt allein zu lassen. Der Freiherr hatte sich erhoben und machte eine Handbewegung nach der Thür; Henri rührte sich nicht aus seiner Stellung. Ich bin noch nicht fertig, sagte er, und muß Dich dringend bitten, mir nicht die Thür zu weisen wie einem hergelaufenen Supplicanten. Ich habe ein Recht, hier zu sein und Aufklärung von Dir zu fordern. Ja, ein Recht, Du magst darüber noch so sehr die Stirn runzeln. Ich will nicht länger in der kindischen Abhängigkeit leben, in der Du mich hältst; ich will wissen, was Du für Gründe hast, auf Onkel Sonnenstein's sehr vernünftige und juridisch unanfechtbare Propositionen nicht einzugehen; ich will wissen, weshalb Du geflissentlich einen Scandal provocirst, indem Du den Onkel zwingst, gegen Dich öffentlich aufzutreten; ich will schließlich wissen, wie es mit unserem Vermögen steht. Der Freiherr hatte sich wieder gesetzt, seine Kniee zitterten; die Worte des Sohnes hatten ihn gepackt wie eine derbe Faust, die einen zerbrochenen Arm schüttelt. Alles Blut war aus seinen Wangen gewichen, dennoch gelang es ihm, mit ungeheurer Anstrengung gemessenen Tones zu erwiedern: Ich glaubte bis jetzt, das Tuchheim'sche Vermögen sei kein Majorat. Ich gestehe, es entspricht ganz meinen persönlichen Wünschen, daß es keins, sondern mein freies Eigenthum ist. Ich bestreite das durchaus, erwiederte Henri; ein Vermögen, das man von seinen Vätern ererbt hat, ist so recht eigentlich ein freies Vermögen nicht; man ist verpflichtet, es seinen Kindern in demselben Zustand zu überliefern. Ich bin Dir sehr dankbar für Deine freundlichen Belehrungen; aber Du wirst mir doch verstatten müssen, bei meiner Ansicht zu bleiben. Kinder, die in keiner Weise sind, wie wir sie wünschen, sind so recht eigentlich unsere Kinder nicht. Leute, die stets Ja sagen und Alles, was Du thust, vortrefflich finden, sind Dir natürlich lieber. Wenigstens sind sie mir lieber, als ein Sohn, der den Vater auf seinem Zimmer überfällt, um ihn zu insultiren. Ich bitte Dich zum letztenmal, mich allein zu lassen. Ich dächte, die alte Geschichte hätte oft genug herhalten müssen. Um so weniger Veranlassung hättest Du, mich daran zu erinnern. Henri zitterte vom Kopf bis zu den Füßen; sein Gesicht war verzerrt, seine Stimme heiser: Wohl, ich sehe, daß es ganz unmöglich ist, sich mit Dir vernünftig auseinander zu setzen. Aber das muß ich Dir noch sagen: Du hast Dich stets beklagt, daß ich Dir nicht die hinreichende Achtung zollte, und hast Dich nie bemüht, mir diese Achtung abzuzwingen. Du hast noch in keiner Lage Deines Lebens Consequenz bewiesen – in keiner! Du hast Dich weder in die patriarchalischen Zustände vor der Revolution, noch in die neuen Verhältnisse zu finden gewußt. Du hast nach einander den Grandseigneur, den Landwirth und den Industriellen gespielt, Alles ohne Energie und Ausdauer und Einsicht, auf Kosten unseres – hörst Du? – unseres Vermögens! Ich habe geschwiegen, weil ich schweigen mußte; ich habe es, ohne klagen zu dürfen, jahre- und jahrelang mit angesehen, aber es hat Alles sein Maß, und so auch meine Geduld. Du willst Dich durchaus ruiniren; gut! so habe wenigstens den Muth, es offen und ehrlich zu sagen, damit man sich beizeiten vorsehen kann. Du brauchst nicht nach der Klingel zu greifen; ich fürchte, was hier zwischen uns verhandelt ist, wird nur zu bald unter die Leute kommen. Und Henri stürzte zur Thür hinaus. Der Freiherr war in der fürchterlichsten Erregung; er ging mit ungleichen Schritten in dem großen Gemache auf und ab, bald hier, bald dort stehen bleibend, ein Buch, ein Stück Papier, eine Stuhllehne ergreifend, und Alles wieder fallen und fahren lassend, da er sich nicht besinnen konnte, was er damit gewollt hatte. Dahin hatte es kommen müssen, dahin! sein Sohn hatte es wagen dürfen, solche Sprache gegen ihn zu führen! und er hatte es schweigend angehört, schweigend anhören müssen. Es war ja Alles wahr; er hatte nie in seinem Leben Consequenz bewiesen, niemals Energie, niemals wirkliche Einsicht! Er hatte Alles, was er unternommen, auf Kosten seines Vermögens unternommen. Er war verschuldet gewesen, so lange die Güter verpachtet waren; er hatte den Ministerposten ausgeschlagen, um die Güter selber bewirthschaften und so den höchsten Ertrag, die höchsten Einnahmen erzielen zu können; er hatte die Güter selber bewirthschaftet und dabei Tausende in unbrauchbaren Maschinen und unnützen Neubauten vergeudet; er hatte vielleicht sogar die Leute durch seine ungleichmäßige Behandlung und seinen Mangel an der rechten Fürsorge zur Revolte getrieben. Dann hatte er wieder Knall und Fall die Wirtschaft aufgegeben, hatte sich auf industrielle Unternehmungen eingelassen, von denen er nichts verstand; hatte, im Vertrauen auf die unfragliche Rentabilität der Fabriken, in der Stadt einen noch größeren Aufwand gemacht als sonst; hatte, als die sicher erwarteten Einnahmen ausblieben, in der festen Ueberzeugung, daß sein Schwager doch einmal werde zahlen müssen, seine Güter mit Hypotheken überbürdet; dann, als die Gläubiger ungeduldig wurden und der Schwager immer noch nicht zahlte, an der Börse speculirt, und wieder speculirt, um anfänglich kleine, später mit Riesenschnelle wachsende Verluste zu decken – und jetzt, jetzt war er, wenn der letzte gewagteste Coup fehlschlug, ein ruinirter Mann, ein Bankerotteur – er, der Chef einer der ältesten Familien des Landes! So rechnete das grausame Gedächtniß dem unglücklichen Mann, während er, wie vom Wahnsinn getrieben, in seinem Zimmer hin und her irrte, alle Fehler, die er Zeit seines Lebens je gemacht, mit unerbittlicher Schärfe vor. Er kam in die Nähe des Fensters, aber er prallte zurück. als sein Blick auf die beiden Frauen fiel und es ihm war, als hätten sie eben zu ihm hinauf geschaut. Sie durften ihn nicht sehen, jetzt nicht! Er zog sich etwas vom Fenster zurück, aber er mußte immer wieder hinabblicken. Was würden sie sagen, wenn sie wüßten, was in seinem Innern vorging! Oder wußten sie es? ahnten es wenigstens? Sagten ihre bleichen Gesichter, ihre verweinten Augen nicht, daß sie es ahnten? Nein, nein, das war es nicht! Es war der Kummer um Walter – den verbannten Walter! Nun, nun, nachdem der Vater sich ruinirt hatte, brauchte die Tochter ja so sehr große Rücksichten nicht mehr zu nehmen. Und dann war ja doch auch immer noch das Vermögen Charlotten's da, wenn es auch durch die verschiedenen Anleihen, die er in seinen Verlegenheiten bei der Schwester gemacht hatte, beträchtlich zusammengeschmolzen war. Für die Frauen war im schlimmsten Falle gesorgt. Und was Henri betraf – Der Freiherr trat vom Fenster zurück und begann wieder seine Wanderung durch das Zimmer. Was Henri betraf! – ein Sohn, der sich das gegen seinen Vater unterfängt, hat selbst die Bande zerrissen, die den Vater an den Sohn knüpfen. Er lügt! Ich habe ihn nicht immer, nicht von jeher wie einen Taugenichts behandelt! Ich habe ihm die wilden Streiche seiner Knabenjahre siebenmal siebzigmal vergeben; ich hatte noch, als ich damals gezwungen war, ihn nach Tuchheim zurückzunehmen, das Beste mit ihm im Sinn; ich denke noch des Morgens, als mir der Bote den Brief brachte und ich und der Fritz beschlossen, die Knaben zusammen bei dem Pastor in Pension zu thun. Er hat sich von mir abgewendet; er hat nie ein Herz für uns gehabt, denn er hat überhaupt nie ein Herz besessen. Und der Bube wagt, mich zu schmähen! wagt, mir Charakterlosigkeit vorzuwerfen! mir, der ich stets nach meiner besten Ueberzeugung gehandelt habe, ohne zu bedenken, ob ich dabei zu Schaden kommen würde oder nicht! Und so will ich bleiben, entstehe daraus, was da wolle. Diese Genugthuung bin ich mir selber schuldig. Er setzte sich an den Tisch und schrieb an Leo:   »Ich habe mich anders besonnen, lieber Doctor! Setzen Sie die Erklärung, die Sie von mir in der Tuchheimer Arbeiterangelegenheit wünschten, in meinem Namen mit meiner vollen Namensunterschrift auf, und lassen Sie dieselbe in so viele Zeitungen, als Sie für gut befinden werden, einrücken. Ich selbst reise noch heute in der Angelegenheit, von der ich Ihnen sprach, an den Rhein und bedauere sehr, Sie vor meiner Abreise nicht mehr sehen zu können.«   Dann schrieb er an seinen Rechtsanwalt und beauftragte ihn, die bewußten Verhandlungen wegen des Kohlenbergwerks auf telegraphischem Wege abzuschließen; er selbst werde sich, um das Weitere zu veranlassen, an Ort und Stelle begeben. Er athmete tief auf, als er diese beiden Briefe couvertirt hatte. Das alte sanguinische Temperament regte sich in ihm; es konnte ja noch Alles gut werden, jetzt, da er sich entschlossen hatte, zur Entscheidung zu bringen, was doch einmal entschieden werden mußte. Seine Haltung war wieder die gewöhnliche, und nur seine Stimme zitterte vielleicht noch etwas, als er jetzt dem eintretenden Diener befahl, sogleich für eine Reise von ein paar Wochen die nöthigen Sachen zu packen. Wir fahren mit dem Schnellzuge um halb Acht. Also expedire Dich! Die Damen sind nicht mehr im Garten? Ich will sie in ihrem Zimmer aufsuchen. Der Freiherr verließ das Zimmer. Der alte Christian sah ihm mit verwundertem Kopfschütteln nach. Was hat das nun wieder zu bedeuten? Er hat, so lange wir hier sind, nicht an Reisen gedacht; und nun mit einem Male? Ich wollte, wir wären erst wieder hier, oder wir wären nie hierher gekommen. Sechsundfünfzigstes Capitel. Der Freiherr hatte nur zu Recht gehabt, wenn er sagte, daß es in letzter Zeit sehr dunkel gewesen sei in seinem Hause. Und doch hatte er, der so selten sein Zimmer verließ, und selbst wenn er einmal in der Familie erschien, eingesponnen war in seine eigene trübe, oft verzweifelte Stimmung, wohl nur das Wenigste von dem bemerkt, was um ihn her vorging. Er hatte nicht gesehen und nicht gehört, wie die Dienerschaft die Köpfe zusammensteckte und sich lange, unheimliche Geschichten erzählte; er hatte nicht die zahllosen Thränen gesehen, die Charlotte in ihrem einsamen Zimmer vergoß; er hatte nicht das heimliche Schluchzen gehört, mit dem die arme Amélie sich nur zu oft in den Schlaf weinte. Charlotte hatte keinen Versuch gemacht, den Bruder in Bezug auf Walter umstimmen zu wollen. Sie hatte nur einmal über Walter mit ihm gesprochen, und das war schon am nächsten Tage nach der Katastrophe gewesen, als Walter an sie schrieb: er halte es für seine Pflicht, das Haus, das ihm heilig, zu meiden, nun, seitdem es auch dem Freiherrn kein Geheimniß mehr sei, daß er Amélie liebe und der Freiherr diese seine Liebe so streng verurtheilt habe; und daß er sie bitte, diesen seinen Entschluß dem Freiherrn mitzutheilen, an den er nicht selbst schreibe, weil er in der That dazu außer Stande, und doch nicht wünsche, daß dem Freiherrn auch nur einen Augenblick länger eine Erklärung vorenthalten werde, die er selbst vielleicht schon vor Jahren hätte machen müssen. Charlotte hatte diesen Brief dem Bruder gegeben; er hatte denselben mit augenscheinlicher Erregung gelesen und ihn dann schweigend zurückgegeben. Du billigst Walter's Entschluß? hatte Charlotte dann mit leiser Stimme gesagt. Ich wüßte nicht, wie er jetzt nach dem, was geschehen ist, anders handeln könnte, hatte der Freiherr geantwortet. Weiter war nichts zwischen den Geschwistern geredet worden; und was hätten sie sich auch sagen können, sie, die seit so langen, langen Jahren gelernt hatten, Eines in des Andern Seele zu lesen! Der Freiherr wußte, daß die Schwester in Amélie's und Walter's Vereinigung nun und immerdar die Erfüllung ihres höchsten Wunsches sehen würde; Charlotte wußte, daß es für den Augenblick vollkommen nutzlos sei, den Bruder mit einem Gedanken befreunden zu wollen, der seine aristokratischen Vorurtheile so grausam verletzte. Und doch war Charlotte nicht ganz ohne Hoffnung für ihre geliebten Kinder. Der Bruder war schon so oft von Entschlüssen zurückgekommen, die er mit großer Heftigkeit für unerschütterlich ausgegeben hatte, und diesmal baute sie nicht blos auf den Wankelmuth seines Charakters, der ihr schon so viel Sorge und Kummer im Leben bereitet und ihr dafür auch wohl einmal etwas Gutes bringen konnte; sie baute noch viel mehr auf den Edelmuth seines Sinnes und die Güte seines Herzens, die noch jedesmal, wenn auch oft erst nach langem schwerem Kampfe, den Sieg über seine Launen und Vorurtheile davongetragen hatten. Und dann, er liebte ja Walter! Er wußte gewiß nicht, wie sehr er ihn liebte; es bedurfte vielleicht eines solchen Conflicts, damit er einsähe, was er an Walter gehabt, was er mit Walter verlieren würde. Wie oft hatte er es Charlotten gegenüber mit dankbarer Rührung ausgesprochen, daß ihm das Licht in Walter's treuen, blauen Augen wie ein Widerschein jener seligen Jugendzeit sei, als er im Ueberschwang von Lebenskraft und Lebensmuth mit Fritz Gutmann die Wälder von Tuchheim durchstreifte. Wie oft hatte er auf Walter hingewiesen, als auf das Muster eines jungen Mannes nach seinem Sinn! Wie oft hatte er vertraulich seine Hand auf Walter's Arm gelegt und war mit ihm, harmlos plaudernd, wie er es sonst mit Niemand that, in den Zimmern, in dem Garten auf und ab gegangen. Das Alles sollte er vergessen haben, sollte er auf immer vergessen können? Charlotte wollte, Charlotte konnte es nicht glauben. So suchte sie sich selbst zu trösten, zu beruhigen, um ihre geliebte Amélie trösten und beruhigen zu können; und Amélie ihrerseits gab sich die größte Mühe, der geliebten Tante nur immer ein heiteres Gesicht zu zeigen. Du sollst mich Deiner nicht unwürdig finden, sagte Amélie oft; Du bist im Leben so unglücklich gewesen, und bist so edel und gut – was hätte denn ich für ein Recht, zu murren und zu klagen! Und Walter's Proceß, mein süßes Kind? Ich muß Dich darauf gefaßt machen, daß Walter verurtheilt wird, er selbst, Doctor Paulus, seine anderen Freunde geben seine Sache verloren; man will eben ein Opfer haben. Wirst Du auch das so geduldig hinnehmen? Wie lange kann seine Haft dauern? fragte Amélie mit bebender Stimme. Vielleicht nur ein paar Wochen, vielleicht auch ebenso viel Monate. Und was sagt Walter? Walter sagt, daß ein Sieg ohne Kampf kein Sieg sei, und ist überhaupt, wie immer, voll frohen Muthes und voll freudiger Hoffnung einer besseren Zukunft. So will ich es auch sein, so bin ich es auch! rief Amélie, in ihrer Aufregung der Tante Hände leidenschaftlich küssend und mit Thränen benetzend. Still, still, mein Kind, ich höre Silvia kommen. Du weißt, sie liebt es nicht, uns sentimental zu finden. Charlotte sagte das wohl lächelnd, aber doch mit einer gewissen Hast, die keineswegs ganz unbefangen war. Und dann, wenn Silvia wirklich in das Zimmer trat und ihren Platz am Fenster eingenommen hatte, erhielt das Gespräch eine andere Wendung, wenn es nicht ganz ins Stocken gerieth. Das war früher nie geschehen; aber seltsamerweise schien Silvia diese Veränderung, die für die beiden anderen Frauen so schmerzlich war, kaum zu bemerken. Was ist mit Silvia vorgegangen? Was geht mit Silvia vor? So fragten die Blicke, mit denen Charlotte und Amélie an der schönen, stummen Gestalt im Fenster hingen; so fragten Charlotte und Amélie oft einander, und Keine wußte etwas, was die Andere über Silvia's Wesen hätte beruhigen oder aufklären können. Wohin war Silvia's Munterkeit entschwunden? ihre sonnige Heiterkeit? ihr herzliches Lachen? wohin die Schlagfertigkeit ihres Witzes? wohin die kampffrohe Lust, die sie früher am Disputiren hatte? die schöne Freude an holder Wechselrede, die Niemand besser zu führen wußte, als sie? Einsilbig, ernst, schwermüthig wandelte sie jetzt durch den Tag, ohne eine Spur von Interesse für das, was sonst ihr Leben auszufüllen schien: an der Gesellschaft, an der Lectüre, an der Musik. Sie mied die Gesellschaft, selbst die Charlotten's und Amélie's, wo es irgend ging; sie, die oft stundenlang musicirte, hatte seit Wochen, seit Monaten keine Taste berührt, keines ihrer Lieder, die sie so bezaubernd zu singen wußte, angestimmt; sie las, las sogar sehr viel, aber es waren Bücher, Broschüren, die sie sich aus der Bibliothek des Freiherrn geholt, oder die ihr Leo dagelassen oder geschickt hatte, und niemals las sie dieselben in Gegenwart der beiden anderen Damen. Und verändert wie ihre Beschäftigungen und ihr Wesen war auch ihr Aussehen. Um die herb geschlossenen Lippen spielte nie mehr das reizende Lächeln von ehemals; die großen, sonst so strahlenden, blauen Augen waren tiefer in die Höhlen gesunken und blickten wie durch einen Schleier von Melancholie, wenn sie nicht, was jetzt bei dem leisesten Widerspruch geschehen konnte, in Zorn oder Leidenschaft aufflammten; selbst ihr sonst so elastischer Gang war schleppend geworden, als sei sie des ewigen Kommens und Gehens müde, das doch nur immer in der Irre umher und nie zu einem Ziele führe. Nicht, daß sie es an rücksichtsvoller Aufmerksamkeit gegen Fräulein Charlotte, an gefälliger Freundlichkeit gegen Amélie hätte fehlen lassen; aber allzu oft waren es nur die alten gewohnten Formen ohne den Geist der Liebe, der dieselben früher beseelt hatte. Was war aus dem Liebereichthum dieses Herzens geworden? Wie war es möglich, daß sie Charlotten's Sorge nicht zu ahnen, daß sie Amélie's Kummer nicht zu kennen, daß sie Walter's Fortbleiben kaum zu bemerken schien? Und auch an ihren alten Vater dachte sie kaum; sie sprach wenigstens jetzt sehr selten von ihm, und nie war sie auch nur mit einem Worte auf den Wunsch, nach Tuchheim zurückzukehren, den sie im Anfang des Winters wiederholt und mit Lebhaftigkeit geäußert hatte, je wieder zurückgekommen. Charlotte und Amélie liebten Silvia viel zu innig, als daß das veränderte Wesen derselben irgend eine andere Empfindung, als tiefste Sorge und das herzlichste Mitleid hätte erwecken können, und auch hier war es wieder Charlotte, die, selbst des Trostes bedürftig, trösten mußte. Ich habe es immer geahnt, daß eine solche Zeit in Silvia's Leben kommen würde, sagte sie; Silvia mußte einmal den Versuch machen, sich eine Existenz nach ihrem Bilde zu schaffen: eine Existenz, die ihr Raum giebt, die ungemessene Kraft ihres Kopfes und ihres Herzens frei zu entfalten. Ich habe diesen Moment kommen sehen, schon seit Jahren, und jetzt ist er da. Es ist eine Krisis in ihrem Leben, aber ich vertraue der Tüchtigkeit und Bravheit ihrer Natur. Sie wird einsehen, daß ihr Loos eben nur allgemeines Menschenloos; daß Keinem von uns vergönnt ist, sich nach allen Seiten auszuleben; daß uns in sehr vielen Fällen schlechterdings nichts Anderes übrig bleibt, als stumm zu resigniren. Ich habe immer gedacht, wenn Silvia lieben könnte, ich meine, wenn sie Jemanden fände, den sie lieben könnte, so wäre Alles gut, sagte Amélie mit Lebhaftigkeit. Charlotte lächelte. Du, liebes Kind, denkst, daß Alle sich aus derselben Quelle Erquickung und neuen Muth des Lebens trinken müssen. Wenn uns das Schicksal nun nicht so gnädig ist. Wir müßten doch auch so unsern Weg durch's Leben finden. Und ich weiß nicht einmal, ob Silvia eine individuelle Liebe genügen könnte. Ideale Naturen, wie sie, streben immer in's Große und Ganze; und wenn ich hoffe und wünsche, daß sie lernen wird, zu resigniren, so will ich damit nicht sagen, daß sie nicht berechtigt ist, sich einen Wirkungskreis zu suchen, wo sie mehr arbeiten und schaffen kann, als sie es hier bei uns vermag. Ich habe oft schon gedacht, sie sollte sich als Schriftstellerin, als Künstlerin versuchen. Hat sie dann Erfolg, so kann sie in ihrer Weise glücklich, ja, ich möchte sagen, in ihrer Weise unglücklich sein; hat sie keinen Erfolg, so ist es immer noch besser, gekämpft zu haben und nicht zu siegen, als sich fortwährend sagen zu müssen: du würdest Großes leisten können, wenn dir nicht jede Gelegenheit, es zu beweisen, genommen wäre. Aber sieh' nur, wie der Kirschbaum dort in vollen Blüthen prangt! Ach, mein Kind, ich habe auch eine Sehnsucht im Herzen, und die ist: Dich, den Vater, uns Alle aus der Stadt zu bringen, zurück nach unserem Tuchheim, daß wir genesen von so Manchem, was uns hier drückt. Der Vater muß fort, er verkommt hier in einem Leben, das seiner Natur wie seinen Gewohnheiten widerspricht. So unterhielten sich Charlotte und Amélie, während sie in dem langen, breiten Gange an der sonnigen Gartenwand unter den knospenden Bäumen wandelten und der Freiherr, Gram und Verzweiflung im Herzen, sich hinter den Gardinen seines Fensters verbarg, um nicht von ihnen gesehen zu werden. Sie waren kaum in's Haus getreten, als er herabkam, ihnen zu sagen, daß er nothwendig auf einige Tage, vielleicht auf einige Wochen, verreisen müsse. Eine Stunde später war er wirklich abgereist. Und jetzt hatte Charlotte vollauf Gelegenheit, ihren Muth, ihre Seelenstärke zu beweisen. Es war nicht, daß der Bruder so plötzlich, so ohne alle Vorbereitung verreiste. Wenn er auch seit sieben Jahren keine größere Reise gemacht, ja kaum noch ausgefahren war, weshalb sollte er nicht einmal plötzlich genöthigt sein, zu verreisen? Auch war seine Miene beim Abschied viel heiterer gewesen, als in der ganzen letzten Zeit, und er hatte, wie er davonfuhr, freundlich mit Kopf und Hand genickt und gegrüßt – aber was war das für eine Geschäftsangelegenheit, die seine Gegenwart so gebieterisch in Anspruch nahm, in dem Augenblick, nachdem er mit Henri eine so heftige Unterredung gehabt, daß der alte Christian noch zitterte, als er dem gnädigen Fräulein davon in aller Eile erzählte? Und vor Henri war der Herr Leo dagewesen, und auch er hatte eine lange Unterredung mit dem gnädigen Herrn gehabt, und der junge Herr und Herr Leo hatten sich im Vorzimmer getroffen und sich mit so zornigen Blicken gemessen – ich sage Ihnen, gnädiges Fräulein, noch viel schlimmer, als sonst bei uns zu Hause, obgleich sie auch dazumal schon oft aneinander vorüberstrichen, wie zwei Hunde, die sich am liebsten zerreißen möchten. Der alte Christian hatte das Alles so verwirrt berichtet, während er die Sachen des Herrn in die Koffer packte, und hatte dabei so recht angstvoll aufgeblickt und mit leiser, heiserer Stimme gefragt: Was giebt es denn eigentlich, gnädiges Fräulein? daß sich Charlotten's Herz in namenloser Angst zusammen krampfte. Der Bruder war abgereist; die Nacht brach herein – eine lange, bange Nacht für Charlotte. In ihre Augen kam kein Schlaf. Sie sann und sann, und hoffte, wünschte, fürchtete; sie begleitete den Bruder auf seiner nächtlichen Fahrt, sie wußte kaum, wohin – an den Rhein – zu welchem Zwecke? Oder war es nur ein Vorwand? Wollte er – heiliger Gott, nein, das war nicht möglich! Er hatte ja freundlich gelächelt, als der Wagen davon rollte! Er konnte mit der Tochter, der Schwester nicht so gräßlich spielen, sie nicht so fürchterlich täuschen wollen. Er hatte sie ja nie getäuscht! Nie? und diese ganze letzte Zeit? wo offenbar so viel in seinem Kopfe, in seinem Herzen vorging, das er sorgfältig verbarg? War diese plötzliche Reise nicht blos das Ende all' der Heimlichkeit, in die er sich nun schon monatelang gehüllt hatte? So kauerte die Schattengestalt der Sorge an Charlotten's Lager; so huschte die Sorge immer hinter der Aermsten her, während sie trostlos durch die großen, leeren Zimmer irrte. Endlich kam der Morgen und mit dem Morgen neue Hoffnung und neuer Muth. Was war denn so Bedenkliches geschehen? Ich freue mich, daß der Vater so prächtiges Wetter zu seiner Reise hat; der Aufenthalt in der frischen Luft, der Wechsel der Umgebung, der Verkehr mit neuen Menschen, die Beschäftigung mit anderen Dingen – das Alles wird ihm gewiß wohlthun. Und wie lange hat er nun schon an den Rhein gewollt, den er Achtzehnhundertfünfzehn, als er aus Frankreich zurückkam, zum letztenmale gesehen hat. Es wird ihm die schöne Zeit seiner Jugend wieder in Erinnerung bringen; er wird wieder Freude am Leben gewinnen, er, der wie selten Jemand befähigt ist, die Schönheit der Welt zu empfinden. Amélie stimmte der Tante mit Ueberzeugung zu. In der That sah sie, die von des Vaters Angelegenheiten so wenig wußte, diese Reise nur in dem allerbesten Licht, ja sie knüpfte daran die schönsten Hoffnungen für die Zukunft. Wenn der Vater nur erst so weit wieder kam, wie sonst zu lächeln und zu scherzen und mit den schönen, braunen Augen freudig in das Leben zu blicken, wie sollte er seine kleine Amélie ansehen können, und dabei wissen, daß sie unglücklich war – unglücklich durch ihn! Das konnte ja gar nicht sein. Der Morgen verging; die warme Luft, der helle Sonnenschein, der blaue Himmel lockten in's Freie. Charlotte ließ anspannen und machte mit ihrer Nichte eine lange Spazierfahrt. Es war bereits ziemlich spät am Vormittage, als sie zurückkehrten. Charlotte hörte, daß Doctor Paulus dagewesen sei. Der Herr Doctor habe ein Billet für das gnädige Fräulein dagelassen. Die frohe Zuversicht, die Charlotte von ihrer Spazierfahrt zurückgebracht hatte, war sofort wieder verschwunden. Sie öffnete mit zitternder Hand das Billet. Es lautete:   »Verehrte Freundin! Ich höre, daß Ihr Herr Bruder seit gestern Abend verreist ist, aber an den Rhein, nicht nach Tuchheim, wie man nach seiner heutigen Erklärung in den Zeitungen vermuthen sollte. Sie können sich denken, wie sehr es mich verlangt, Sie zu sprechen. Ich werde heute Nachmittag vier Uhr wiederkommen.«   Charlotte stand erstarrt. Also auch der kluge, umsichtige, immer muthige Mann war voller Unruhe, voller Sorge. Das konnte man nur zu gut den hastig mit Bleistift hingeworfenen Zeilen ansehen. Und was war das für eine Erklärung, die der Bruder in die Zeitungen hatte rücken lassen? Sie griff nach den Morgenblättern, die auf dem Tische lagen. Sie suchte und konnte es nicht finden, und doch mußte es darin stehen. Und hier war es! Charlotte war so verwirrt, daß sie kaum verstand, was sie las. Sie mußte mehr als einmal absetzen; endlich begriff sie, daß ihr Bruder in der Arbeiterangelegenheit, die jetzt so viel von sich sprechen machte, eine in den schärfsten Ausdrücken abgefaßte Erklärung erlassen hatte, in der er sich ganz auf die Seite der Arbeiter stellte und sich von dem »Aussaugungs- und Bedrückungssystem der Fabrikherrn« feierlich lossagte. Das also war es! Die gespenstische Sorge, von der sie heute Nacht verfolgt worden war, hatte Form und Gestalt angenommen. Der Bruder hatte mit dem Schwager unwiderruflich gebrochen. Der Kampf, der schon lange hereindrohende Kampf, hatte begonnen – für den Bruder, der mit für seine Verhältnisse ungeheuren Summen engagirt war, ein Kampf auf Tod und Leben. Charlotten fiel das Blatt aus der Hand. Eine kleine Weile blieb sie gesenkten Hauptes stehen; sie konnte nichts fühlen, nichts denken; dann stieg die Lebenswelle wieder auf aus dem tiefsten Grund der Seele, und Charlotte erhob das Haupt, nahm das Blatt abermals und las die Erklärung ruhig, aufmerksam, genau. Sie wußte nun, was sie zu thun hatte. Sie hieß den Wagen wieder vorfahren und unterrichtete Amélie, die, eben ein Sträußchen Frühlingsblumen in der Hand und die Wangen noch von der Spazierfahrt geröthet, in's Zimmer trat, von dem, was geschehen war. Du mußt es doch einmal erfahren, so ist es besser jetzt als später. Die erbleichende Amélie wollte die Tante nicht allein lassen, aber Charlotte lehnte ihre Begleitung entschieden ab. Ich habe manche Besuche zu machen, auf denen Du mich nicht wohl begleiten kannst. Amélie mußte sich darein finden; Charlotte stieg in den Wagen, der vor dem Hause hielt, und befahl, zu Herrn von Sonnenstein zu fahren. Siebenundfünfzigstes Capitel. Henri wußte schon seit gestern Abend durch einen der Bedienten, der ihm schon lange Alles zutrug, was im freiherrlichen Hause vorging, um die Abreise des Vaters. Er war sogleich zu Herrn von Sonnenstein geeilt; weder dieser, noch er selbst hatten für die Richtung der Reise des Freiherrn eine Erklärung finden können. Henri überlegte an diesem Morgen, wie man es anzufangen habe, den Vater oder Herrn von Sonnenstein zu einem entscheidenden Schritt zu zwingen, als ihn die Erklärung des Freiherrn in den Morgenblättern alles weiteren Nachdenkens nach dieser Seite überhob. Sonnenstein mußte jetzt den hingeworfenen Handschuh aufheben. Henri war dessen froh. Gestern war geschehen, was auch das äußerliche Verhältniß zwischen seinem Vater und ihm, um dessen willen er bis jetzt geschwiegen, vernichtet hatte; und was gab es nun noch zu schonen? Der junge Mann eilte wieder zu dem Bankier, den er mit dem Zeitungsblatte in der Hand und in großer Aufregung traf. Das hätte ich nicht erwartet! rief Herr von Sonnenstein, während seine Augen unter den buschigen Brauen unruhig hin und her fuhren. Mir zuvorzukommen, mir, der ich die Macht und das Recht zugleich auf meiner Seite habe! Ich glaube, Henri, Dein Vater ist von Sinnen. Aber ich weiß, wer uns diesen Streich gespielt hat. In diesem Moment, wo das Feuer lichterloh brennt, noch Oel hineingießen – das sieht ihm ähnlich. Das kann der ganzen Sache eine neue Wendung geben; es wird die Arbeiter vollends toll machen und uns auch in den Augen des übrigen Publikums unendlich schaden. Henri hatte eine Ahnung, daß sein gestriger Streit mit dem Vater vielleicht mehr als alles Andere die Erklärung beschleunigt oder gar hervorgerufen haben müsse; aber es war ihm sehr recht, daß die Schuld auf den verhaßten Leo zurückfiel. Ihr habt mir ja nie glauben wollen! rief er. Ihr habt es Euch selbst zuzuschreiben. Ich will nur hoffen, daß Du wenigstens durch den Schaden klug wirst und endlich den entscheidenden Schritt thust. Der Bankier selbst hatte vielleicht eine Veranlassung, die das unleidliche Verhältniß mit dem Schwager zum Austrag brachte, herbeigewünscht; nun aber, im Augenblick der Entscheidung, war ihm gar nicht gut zu Muthe. Es wird einen heillosen Lärm machen, lieber Freund, sagte er kopfschüttelnd, und daran kann mir nichts gelegen sein, wie Du sehr wohl weißt. Ich habe mich um Euret-, ich meine um des Prinzen willen, der über kurz oder lang doch die Geschicke unseres Landes in der Hand haben wird, beinahe mit der liberalen Partei überworfen. Paulus und Consorten betrachten mich jetzt schon als einen Abtrünnigen; soll ich es nun auch noch mit dem Adel verderben? Und was die eigentliche Demokratie betrifft, nun – ich kann Dich versichern, mon cher , es ist kein Spaß, in einem Augenblick, wie dieser, wo man so ein Tausend krawallirender Arbeiter auf dem Halse hat, einen Mann, wie Leo, sich zum Feinde auf Tod und Leben zu machen. Der Bankier rieb sich bedenklich die dichten Augenbrauen. Henri trommelte ungeduldig auf dem Tische. So ist es denn wirklich wahr! rief er, was Euch Eure Feinde nachsagen, daß Ihr keinen Muth habt, selbst nicht der Beste unter Euch! Hier, wo wir jetzt halten, können wir nicht bleiben, also müssen wir weiter. Es ist ein ganz einfaches Exempel. Je länger Du zögerst, eine gerichtliche Entscheidung zwischen Dir und meinem Vater herbeizuführen, um so sicherer kannst Du sein, nicht wieder zu Deinem Gelde zu kommen. Du fürchtest die Folgen eines offenen Bruches mit meiner Familie. Gut, gieb mir Emma zur Frau; eine eclatantere Genugthuung kannst Du nicht haben; als wenn der letzte Tuchheim Deine Tochter heirathet, und ich bekomme als Dein Schwiegersohn das Vermögen oder doch wenigstens einen Theil des Vermögens wieder, das ich als Sohn meines Vaters verloren habe. Die Sache läßt sich hören, sagte Herr von Sonnenstein; aber Henri – ich sage nicht, daß es sein wird, indessen ist es doch eine Möglichkeit – wenn Emma Dich nun nicht will? Das Mädchen ist in der letzten Zeit wie ausgetauscht. Ich glaube, sie hat ein ernstes Attachement für den Doctor. Nun, meiner Treu', das wäre in der That spaßhaft! rief Henri. Du glaubst wirklich, Onkel, Emma könne, wenn die Frage an sie herantritt, ob sie noch länger mit einem Charlatan kokettiren oder mich heirathen will, auch nur einen Augenblick ernstlich im Zweifel sein? Wenn sie es ist, so seid Ihr und Ihr allein schuld, die Ihr sie so grenzenlos verzogen habt. Aber ich glaube, ich kenne Emma besser als Ihr, und jedenfalls gebe ich Dir mein Wort darauf: der Mensch, der Leo, wird uns nicht lange mehr schaden – ich habe mir Alles überlegt, und ihm ist von mehr als einer Seite beizukommen. Du bist ein guter Rechner, Henri, aber ich fürchte, in diesem Punkte möchtest Du Dich verrechnen, erwiederte der Bankier nachdenklich. Henri wollte eben lebhaft etwas entgegnen, als der Bediente eine Karte hereinbrachte. Deine Tante! rief der Bankier erschrocken, Henri die Karte hinreichend. Henri sprang auf; willst Du sie annehmen? Um Gotteswillen! sagte der Bankier, das fehlte noch; ich habe so immer mit ihr einen schweren Stand gehabt. Es ist auch besser, Du siehst sie nicht, sagte Henri, und dann zu dem an der Thür harrenden Bedienten: Herr von Sonnenstein ist ausgefahren, Johann! Verstehen Sie, ausgefahren! Der Bediente ging verwundert. Das gnädige Fräulein war noch immer angenommen worden. Henri sah ihm mit höhnischem Lächeln nach. Sie wird das ja hoffentlich verstehen, murmelte er, mag sie! sie hat mir nie das Wort geredet und hat mir stets den Tropf, den Walter, ja selbst den Leo vorgezogen. Ich gehe jetzt zu Emma, Onkel! Auf die Erklärung meines Vaters müssen wir mit einer Verlobungs-Anzeige antworten. Der Bankier zuckte die Achseln. Als Henri über den Flur kam, sah er eben die Equipage seiner Tante wieder davonfahren. Er ließ sich bei Emma melden. Emma saß auf dem Balcon. Henri fand den Moment und die Situation für seine Absicht nicht eben günstig; aber er wußte, daß Emma ihren Lieblingsplatz um diese Stunde schwerlich verlassen würde. So setzte er sich denn zu ihr. Nun, Du ungerathener Mensch, sagte Emma, ohne die Lorgnette von den Augen zu nehmen, war das nicht der Tante Equipage, die eben da vorfuhr? Setze Dich nicht auf mein Kleid! Kommst Du endlich, mich um Verzeihung zu bitten? Endlich? Dies ist sehr schmeichelhaft für mich. Pourquoi ? Weil es kaum vierundzwanzig Stunden her ist, daß wir uns erzürnt haben. Gott, wie die Zeit schleicht! Vierundzwanzig Stunden! Ich glaubte, es wäre ein Monat. Ach, da fährt der Graf Rebenstein mit seiner jungen Frau. Wie reizend! Ich habe es immer gesagt, er hat den feinsten Geschmack von allen unseren jungen Cavalieren. Hm, meinte Henri, es geht so; obgleich ich für meinen Theil nicht mit einem Handpferd fahren möchte, das entschieden spatlahm ist. Auch würde ich meinem Wagenfabrikanten die hellblaue Farbe, oder dann wenigstens meiner Frau die gelben Kleider verbieten. O, Du heilloser, heilloser Mensch! rief Emma, mit dem Taschentuche nach Henri schlagend. Henri ergriff die kleine fette Hand und drückte sie an seine Lippen. Um Gotteswillen, Henri! Hier auf dem offenen Ballon. Was kann ich dafür, daß Du Deine Visiten auf dem Balkon empfängst. Emma ließ die Lorgnette fallen und blickte ihren Vetter an. Sie hatte ihn immer hübsch gefunden; heute Morgen fand sie ihn sehr hübsch. Die kurzen, braunen Locken, das allerliebste Schnurrbärtchen – und wie elegant er sich zu kleiden verstand! Ja, er hatte Geschmack; er würde seine Frau nicht in einem gelben Kleide in einer hellblau ausgeschlagenen Kutsche fahren lassen. Nun, fragte Henri mit einem Lächeln, das die Spitzen seiner weißen Zähne zeigte, warum blickst Du mich so nachdenklich an? Ich denke darüber nach, warum Du immer so unliebenswürdig bist, während Du doch manchmal passabel liebenswürdig sein kannst. Passabel liebenswürdig? Ich schmeichle mir, sehr liebenswürdig sein zu können, und es ist wahrhaftig nicht meine Schuld, wenn ich es nicht immer bin. Wessen Schuld denn? Emma hatte wieder die Lorgnette vor die Augen genommen. Henri beugte sich näher zu ihr und sagte: Deine Schuld, ma belle cousine ! Pah, weshalb meine Schuld? Weil, wenn man so reizend ist, wie Du, man die Leute nicht noch muthwillig reizen darf. Ich finde, es zieht hier etwas, sagte Emma. Abscheulich, sagte Henri. Emma erhob sich und ging durch die offene Fensterthür in das Zimmer; Henri folgte ihr mit einem Lächeln, das Emma, die an ihre Goldfischvase getreten war, nicht bemerkte. Henri legte seinen Arm um ihre Taille. Du bist heute unerträglich! rief Emma, sich losmachend und nach einer Causeuse eilend, um, sobald sie sich in dieselbe geworfen, ihr Taschentuch vor das Gesicht zu drücken und in Thränen auszubrechen. Henri beeilte sich, an ihrer Seite niederzuknieen, und sagte, während er ihr die Hände vom Gesicht zu ziehen versuchte: Emma, liebe Emma, was fehlt Dir? Was hast Du? Laß mich; ich bin so unglücklich, so grenzenlos unglücklich! rief Emma schluchzend. Henri rückte sich einen Stuhl heran und sagte, indem er eine von Emma's Händen in seinen Händen festhielt: Laß uns einmal ein vernünftiges Wort miteinander sprechen, Emma! Wir müssen endlich in's Klare kommen. Du weißt, ich liebe Dich, oder wenn Du es nicht weißt, so sage ich es Dir jetzt. Du hast mich immer, gern gehabt, und ich glaube, wir wären schon lange einig, wenn unsere Familienhändel nicht immer als ein Hinderniß zwischen uns gestanden hätten. Nun ist aber seit gestern etwas Entscheidendes geschehen. Dein Vater und ich haben mit meinem Vater unwiderruflich gebrochen, oder vielmehr mein Vater mit uns. Er hat sich öffentlich auf die Seite der Arbeiter gestellt und ist darauf abgereist, wir wissen nicht, wohin, vermuthlich auf einem Umwege nach Tuchheim, um dort mit den Arbeitern zu fraternisiren, oder Gott weiß, welche neue Thorheit zu begehen. Mein Vater hat für sich selbst zu solchen Schritten nicht den Muth. Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, wer hinter ihm steht. Emma, die sehr eifrig zugehört hatte, fing von neuem an zu schluchzen; Henri kniff die Augenbrauen zusammen, aber fuhr in einem noch milderen Ton, als in welchem er bisher gesprochen hatte, fort: Ich will Dir keine Vorwürfe machen, liebes Kind! Du bist ein geistreiches Mädchen! das Außergewöhnliche zieht Dich unwiderstehlich an, und ich lasse ihm – Du weißt, wen ich meine – die Gerechtigkeit widerfahren, daß er kein gewöhnlicher Mensch ist. Aber, liebes Kind, wir leben nun einmal in sehr bestimmten Verhältnissen, in denen das Außergewöhnliche meistens eine sehr bedenkliche, und manchmal, was noch schlimmer ist, eine lächerliche Rolle spielt. Mit dem außerordentlichsten Menschen, wenn er kein »von« vor dem Namen hat, kann man nicht bei Hofe erscheinen, aber man kann mit ihm sehr leicht in die Lage kommen, einen Handwerkerball oder eine ähnliche noble Gesellschaft mit seiner Gegenwart verherrlichen zu müssen. Nun waren Tabaksrauch und Biergeruch früher wenigstens gar nicht nach Deinem Geschmack – nein, lache nicht, liebe Emma! ich rede ganz ernsthaft, denn die Sache hat auch eine sehr ernsthafte Seite. Emma, die eben nicht abgeneigt gewesen war, in ein Gelächter auszubrechen, begann von neuem zu schluchzen. O diese Männer, diese Männer! hartes, grausames Geschlecht! was habt Ihr davon, ein armes Mädchenherz zu zertreten! Was fragt die Liebe nach Rang und Stand! Das ist ja lauter dummes Zeug, liebes Kind, sagte Henri ärgerlich; in unseren Verhältnissen fragt die Liebe allerdings sehr nach Rang und Stand. Ja, und nach Reichthum, rief Emma spöttisch; ach, ich wollte, ich wäre ein armes Bürgerkind! Ich wollte, Du wärest einen Augenblick vernünftig! Ich versichere Dich auf meine Ehre, Emma, daß sich Dein außerordentlicher Freund auf gar nicht spaßhafte Dinge eingelassen hat. Du hast mir es gestern nicht glauben wollen, aber ich wiederhole es: es ruht der dringendste Verdacht auf ihm, daß er den Doctor Lippert – Du kennst ihn ja – zu dem Depeschendiebstahl, von dem jetzt so viel die Rede ist, verleitet hat. Es vergeht vielleicht keine Woche mehr, so sitzt Lippert wegen des Diebstahls und der Andere wegen der moralischen Mitschuld an diesem Diebstahle. Ich war gestern beim Prinzen; der Prinz ist außer sich und wird die Sache nicht, wie wir anfänglich vermutheten, auf sich beruhen lassen. Nun bedenke, Kind, in welche Lage Du Dich bringst, wenn Du diese gefährliche Spielerei mit dem Menschen weiter treibst. Du weißt, unsere Gesellschaft verzeiht gewisse Dinge auch dem reichsten, hübschesten, zierlichsten, liebenswürdigsten Mädchen nicht. Und Henri streichelte und küßte Emma's Hand. Emma hatte ihre Koketterie mit Leo noch nie in einem so trüben Lichte gesehen. Sie hatte mit ihm glänzen wollen, sie hatte mit ihm geglänzt; sie mußte weiter mit ihm glänzen können – das war die selbstverständliche Bedingung, auf die hin sie ihn auch geheirathet haben würde. Wenn Henri die Wahrheit sprach – und er war heute Morgen so beklemmend ernsthaft – so stand die Sache natürlich anders. Aber weshalb konnte er sich diese Geschichten nicht ausgesonnen haben, um sie zu einem übereilten Entschlusse zu drängen! Und selbst, wenn auch Alles war, wie Henri sagte, wenn man Leo wirklich fallen lassen mußte – das konnte ja noch immer geschehen, aber man mußte sich doch sehr hüten, Henri nachzugeben, oder ihn gar merken zu lassen, wie wirklich entzückend liebenswürdig er heute Morgen war. So seufzte sie denn nur tief, während er eifrig ihre Hände küßte, und erklärte noch einmal, daß sie das unglücklichste Mädchen von der Welt sei, und daß sie in ein Kloster gehen wolle, wo sie doch wenigstens ihrem Herzen und ihren Idealen leben könne. Henri's Geduld war erschöpft, und überdies mußte er noch vor Tische zu seines Vaters Anwalt, von dem er Wichtiges zu erfahren hoffte. Er machte noch einen letzten Versuch, indem er sich neben der Causeuse auf die Kniee niederließ und Emma umfaßte; als diese ihn aber von sich stieß, sprang er auf und rief: Nun wohl! Du willst die Närrin spielen! thu's; aber verlange weiter nicht, daß wir Dich schonen, wie bisher. Er kommt nicht wieder in dieses Haus, das schwöre ich Dir; ich kann Dir vielleicht die Erlaubniß verschaffen, ihm im Gefängnisse Deine Aufwartung zu machen. Emma hatte sich ebenfalls erhoben. Sollte sie dem Scheltenden um den Hals fallen, nachdem sie den Liebkosenden von sich gestoßen? Einen Augenblick hatte sie nicht übel Lust dazu; aber sie besann sich noch zur rechten Zeit und antwortete schnippisch. Ein heftiger Wortwechsel folgte, der, wie schon mancher vorangegangene, damit endete, daß Emma in Thränen ausbrach und Henri voller Zorn das Zimmer verließ. Emma war nun wirklich in Aufregung gerathen. Henri hatte ihr zu harte Dinge gesagt! Wie sollte sie sich rächen? sollte sie sich von Leo entführen lassen? sollte sie ihn im Gefängnisse besuchen! die Geliebte eines politischen Verbrechers! das war etwas Neues und würde Henri außer sich bringen. Das Wenigste war, daß sie an Leo schrieb – sie war ganz in der Stimmung! warum machte man sie unglücklich, während die Sonne so hell durch die hohen Fenster in die Zimmer schien und die Goldfische so lustig durch das Wasser fuhren, und ihr Canarienvogel so laut schmetterte, und draußen die Equipagen rollten! Und Emma setzte sich und schrieb zwischen den Nippesfiguren, Obelisken en miniature und den anderen Spielereien, mit denen ihr Schreibtisch ausgestattet war, an Leo, daß sie unglücklich sei. Achtundfünfzigstes Capitel. Charlotte war von Herrn von Sonnenstein nach Leo's Wohnung, von dort zu ihres Bruders Anwalt gefahren. Sie hatte Niemand zu Hause getroffen, oder vielleicht: war nirgends angenommen worden. Aber sie empfand nichts von persönlicher Kränkung; sie dachte nur an ihren Bruder, wie schlimm seine Sache wohl stehen müsse, daß man mit seiner Schwester nicht mehr zu sprechen wagte. Als sie zurück kam, fand sie Doctor Paulus schon vor. Er kam ihr entgegen und führte sie nach dem Sopha. Charlotte fühlte sich sehr angegriffen; sie konnte für des Freundes Aufmerksamkeit nur durch einen schwachen Druck der Hand danken. Ich entschuldige mein Hiersein nicht, sagte Doctor Paulus, sich zu ihr auf das Sopha setzend: in gewissen Stunden ist es kindisch, mit einander Versteckens zu spielen, und so gestehe ich offen, daß mich und uns Alle die Erklärung Ihres Herrn Bruders in Verbindung mit seiner plötzlichen Abreise mit großer Sorge erfüllt. Vielleicht bin ich im Stande, Ihnen so oder so von Nutzen zu sein, und daß Sie über mich verfügen können, brauche ich wohl nicht zu versichern. Charlotte nickte dem bewährten Freunde traurig lächelnd zu, und Doctor Paulus fuhr fort: Ich vermuthe, daß Sie ausgewesen sind, um Erkundigungen einzuziehen, Aufklärungen zu erhalten. Haben Sie mehr, als Sie bereits wußten, erfahren? Man hat mich nirgends angenommen, sagte Charlotte. Sie waren bei Herrn von Sonnenstein, denke ich, und bei dem Rechtsanwalt Ihres Herrn Bruders? Ja, und bei Leo – ich meine bei Herrn Doctor Gutmann; ich habe Grund, anzunehmen, daß er meinem Bruder den unseligen Rath gegeben hat, und Charlotte erzählte dem Freunde ausführlich von Leo's eifrigem Verkehr mit dem Freiherrn und wie er erst noch gestern kurz vor der Abreise desselben über eine Stunde dagewesen sei. Sie sagen mir da wenig, was ich nicht schon wüßte, erwiederte der Doctor: Walter und ich haben mit schmerzlicher Theilnahme diesen immer mehr wachsenden Einfluß Leo's auf Ihren Herrn Bruder verfolgt; ja, ich kann Ihnen noch mehr sagen: jene Erklärung ist aller Wahrscheinlichkeit nach Wort für Wort von Leo abgefaßt: es sind seine Gedanken in der knappsten, energischsten Form, die ihm so wunderbar zu Gebote steht. Ich zweifle keinen Augenblick, daß er seine ganze Ueberredungskunst aufgeboten hat, den Freiherrn zu diesem Schritte zu drängen. Aber mein Gott, welches Interesse hat er denn daran? rief Charlotte in schmerzlicher Erregung. Ein sehr großes, erwiederte Paulus, es ist ihm jetzt Alles daran gelegen, die liberale Partei zu demüthigen, unter die Füße zu treten. Zu diesem Zweck nimmt er die Bundesgenossen, wo er sie bekommen kann. Der Freiherr ist ihm nur ein Repräsentant unseres alten Adels, den er so mit in den Kampf zu ziehen sucht, und wäre es auch nur scheinbar. Man stutzt, man fragt, man glossirt, man erwägt das nahe Verhältniß des Freiherrn zu Herrn von Sonnenstein, und der Refrain ist: Ja, ja, die bösen Liberalen! Das ist der einzige Zweck, den Leo im Auge gehabt hat, und diesen Zweck wird er erreichen. Und darum – darum wird er zum Verräther an dem Manne, dessen Schuld es nicht ist, wenn er dem verwaisten Knaben nicht ein zweiter Vater wurde! Paulus zuckte die Achseln. Er erkennt nur Eine Tugend an: seinem Principe zum Siege zu verhelfen, und nur Eine Schwäche: sich durch Nebenrücksichten aus seiner Bahn lenken zu lassen. Er würde seinen besten Freund, er würde die Geliebte opfern, wenn er einer Sache damit zu nützen glaubte. Aber wir wollten nicht von Leo sprechen. Charlotte erröthete. Sie fühlte sehr wohl, daß der Doctor ihr Gelegenheit zu geben wünschte, in der Angelegenheit ihres Bruders seinen Rath, seinen Beistand, wenn es nöthig war, in Anspruch zu nehmen. Sie wußte auch, daß Niemand zu diesem Liebesdienst so bereit und so geschickt war, wie er – aber es war doch immer ein Dienst. Sie hatte in ihrem Leben so Vielen geholfen – jetzt sollte sie sich zum erstenmal helfen lassen. Und wie konnte sie über des Bruders Angelegenheit sprechen, ohne ihn direkt oder indirekt anzuklagen? Sie glaubte vor einer Stunde auf Alles gefaßt zu sein – auf die Vorwürfe des Schwagers, auf die Insolenz des Anwalts, auf Leo's kalte Zurückweisung – auf diese Demüthigung war sie nicht gefaßt gewesen. Sie kannte nur Einen Menschen, dem sie dieses letzte, dieses schwerste Opfer gebracht hätte – und der war fern. Wie steht es mit Walter? fragte sie nach einer langen Pause mit leiser, unsicherer Stimme. Der Doctor hatte von Charlotten's Gesicht die geheimsten Regungen ihrer Seele gelesen. Er sah, daß es vergeblich sein würde, jetzt weiter in sie zu dringen, und antwortete, als ob er gerade diese Frage erwartet hätte: Man hat den Termin auf heute über acht Tage festgesetzt. Er wird sich selbst vertheidigen und ich billige das. Er wird den Richtern sagen und beweisen, daß sie in diesem Falle gar nicht competent sind; daß die Frage, um die es sich handelt, vor ein ästhetisches, und nicht vor ein juridisches Forum gehört. Seine Rede ist in jeder Hinsicht vortrefflich, auch wird sein Advocat – wie Sie wissen, einer unserer vorzüglichsten Juristen – thun, was er kann. Dennoch sind wir vollkommen darauf gefaßt, daß er verurtheilt wird. Er hat die Dunkelmänner, seinen gleißnerischen Director Moritz und den einflußreichen Urban an der Spitze, zu tief beleidigt, und die Corruption unserer Richter kennt schon längst keine Scham mehr. Hier wurde die Unterredung durch Miß Jones unterbrochen, die, von Amélie gefolgt, in das Zimmer trat. Miß Jones war in größter Aufregung. Amélie hatte ihr gestern Abend noch die Nachricht von der Abreise des Vaters gebracht, und heute Morgen hatte sie die Erklärung des Freiherrn in der Zeitung gefunden; auch sie hatte sogleich geschlossen, daß Leo der Verfasser derselben sei: Ich weiß, was Styl ist, rief sie, ich! Nun hatte sie sich verpflichtet gefühlt, Leo zur Rede zu stellen, wie er dem Freiherrn einen solchen Rath habe geben können. Sie hatte durch ihn den Freiherrn womöglich zu einem Widerruf, oder doch wenigstens zu einer Milderung bewegen wollen, denn der Ausfall gegen Sonnenstein sei doch zu grausam. Leo war nicht zu Hause gewesen; aber Miß Jones war ihm auf der Straße begegnet, als er eben in einen Wagen steigen wollte. Sie hatte ihm in's Gesicht gesagt, daß er die Erklärung verfaßt habe, und er hatte es nicht geleugnet. Aber, mein Gott! rief ich, wie konnten Sie das, da Sie wissen, daß dies das Signal zu einer Familienfehde sein würde, wie sie die Montagues und Capulets nicht schlimmer unter sich geführt haben! Und was antwortete er mir? Madame, die Proletarier Verona's werden sich, Alles in Allem, bei dem Streit der beiden edlen Häuser nicht schlechter befunden haben; und Sie wissen, daß ich auf Seiten der Proletarier stehe. Damit machte er mir eine ironische Verbeugung und ließ mich auf dem Trottoir – mich, die ich ihn gekannt habe, als er, wie ein schwarzbraunes Zigeunerkind, in den Gassen von Feldheim umherschlich und davonlief, wenn sich ihm ein Mensch näherte; mich, der er das gute Englisch verdankt, in welchem er mich heute so grenzenlos beleidigt hat. Und die erzürnte Miß fächerte ihr erhitztes Gesicht mit dem Zeitungsblatt, das sie vom Tisch genommen hatte. Doctor Paulus hatte schon lange die tiefe Erschöpfung bemerkt, unter der Charlotte litt. Er erhob sich und nahm Miß Jones, der er wichtige Nachrichten von Walter zu bringen habe, mit. Charlotte ließ sich von Amélie auf ihr Zimmer begleiten. Als die Thür sich hinter ihnen schloß, erhob Silvia in dem kleinen, rothen Cabinet neben dem Zimmer, in welchem diese Unterredungen stattgefunden hatten und das nur durch eine Portiere aus schwerem Damast von demselben getrennt war, ihr Haupt von der Marmorplatte des Tischchens. Sie wußte nicht, wie lange sie so gesessen hatte; es mochte eine Stunde, es mochte den ganzen Vormittag gewesen sein. Sie wußte nur, daß, während sie hier saß – glücklich wenigstens darin, daß sie allein war – sein Name an ihr Ohr schlug und sie aus ihren Träumen erweckte. Und dann hatte sie über ihn sprechen hören in Ausdrücken, die ihr bald das Blut im Herzen stocken machten, bald in mächtigen Wellen nach dem Gehirn trieben. Und wer waren die Sprechenden! Fräulein Charlotte, die milde Charlotte, – Doctor Paulus, der gerechte Paulus! Wenn die Milde und die Gerechtigkeit so sprachen, wie mochte die Härte sprechen und die Ungerechtigkeit! Und was würden nun erst die Feinde thun! Er hatte Feinde vollauf; aber er hatte keinen Freund, nicht Einen, der für ihn das Wort nahm und ihn gegen alle diese Anklagen vertheidigte! Nicht einmal sie selbst, die ihn besser kannte – nicht einmal sie hatte den Versuch gemacht, jene Beschuldigungen in ihr Nichts zurückzuschleudern! Silvia machte ein paar rasche Schritte nach der Portiere und griff in die Falten; dann ließ sie die Hand wieder sinken. Was könnte es mir helfen? Sie würden mich nicht einmal begreifen, geschweige denn mir Recht geben. Wann hätten sie je begriffen, was das Maß des Gewöhnlichen nur eben überschreitet! So ist es von jeher gewesen; sie haben ihn nie verstanden, sie haben nie geahnt, was in der Seele des düsteren Knaben vorging, wenn er ihrer Gesellschaft die Einsamkeit vorzog, wo er ungestört Zwiesprach halten durfte mit seinem Genius. – Wie sagte sie? ein schwarzbraunes Zigeunerkind, das in den Gassen von Feldheim umherschlich? – und ich war, wie sie Alle; ich schalt ihn: Zigeunerjungen! ich habe ihn geneckt und gequält und verhöhnt! Und doch hatte ich eine Ahnung von seinem Werthe, von seiner Größe. Ich neidete ihm seine Geisteskraft; ich wußte noch nicht, daß es gegen die grenzenlose Bewunderung nur ein Mittel giebt: grenzenlose Liebe! Silvia drückte die Hand gegen die Augen; ihr Athem ging tief und schwer, unendliche Wehmuth füllte ihren Busen, aber sie zerdrückte die hervorquellenden Thränen. Nein, nein! – die wahren Leidenschaften sind die des Kopfes, nicht des Herzens – das sind seine Worte. Er würde die Geliebte opfern, wenn er seiner Sache damit zu nützen glaubte! – ja, ja, er würde und er müßte! Wer darf ihn tadeln! Soll ich ihn mit dem Maßstab der gewöhnlichen Menschen messen, wie jene Alltagsseelen? Silvia dachte des Abends, als sie Leo nach so langen Jahren zum erstenmale wieder gesehen: hier in diesem kleinen Raume! Er hatte sie im Anfang durch seine Herbheit abgestoßen, ganz wie ehemals, und doch wieder wie mit einem Zauber angezogen; sie hatte das Gefühl gehabt, daß sie vor ihm niederknieen und ihn anbeten müsse. Und dann war die Furcht über sie gekommen, ob er nicht ein falscher Prophet sei, wie so viele vor ihm, und sie hatte ein Zeichen von ihm gefordert, wie die frommen Juden, die nicht glauben konnten und doch das tiefste Bedürfniß dazu hatten, vom Heiland. Sie hatte ihn gefragt: was denke ich in diesem Augenblicke? und er hatte ihr geantwortet: daß auch Du Deinen Weg durch's Leben würdest zu finden wissen, wenn Du ein Mann wärest. Es war kein Wunder, nur der Scharfblick des Psychologen, – gleichviel, er hatte Recht: ich würde meinen Weg zu finden wissen. Ich kann und darf nicht sein, was ich sein könnte und möchte; er kann es und soll es. Und vermag ich nicht, ihm zu helfen, so will ich ihm wenigstens den Muth erhöhen, jetzt, wo selbst die, die sich seine Freunde nannten, ihn verlassen. Silvia eilte auf ihr Zimmer und schrieb an Leo, ruhiger, einfacher, als sie je an ihn geschrieben. Er sollte in einer Zeit, wo ihm der Gleichmuth der Seele gewiß so nöthig war, nicht auch noch durch sie verwirrt werden. Als Silvia den Brief durchlas, wurde sie selbst von der Kühle, die darin wehte, seltsam berührt. Es war so gar nicht ihre Weise sich auszudrücken; nicht die leiseste Spur von der Unruhe, dem Zorn, der Wehmuth, der Bewunderung, der Sehnsucht – von dem Frühlingssturm, der durch ihre Seele brauste. Ein schmerzliches Lächeln zuckte um ihre Lippen, während sie mit starren Blicken auf die Adresse des Briefes sah. Es ist ja nur, was er will. Keine Leidenschaft des Herzens, nur eine Leidenschaft des Kopfes; nur die Leidenschaft der Wahrheit und Gerechtigkeit, der einen großen Idee der Freiheit, der er dient, und der ich dienen möchte, indem ich ihm diene. Neunundfünfzigstes Capitel. Einige Tage später war Henri in dem Cabinet des Prinzen. Der Prinz ging mit lebhaften Schritten auf und nieder; Henri, der in einiger Entfernung stand, verfolgte ihn mit den Augen, deren für gewöhnlich kalter und stechender Ausdruck heute noch besonders finster war. Auf des Prinzen Gesicht lag es wie ein tiefer Schatten. Sie haben es auch gewiß danach angefangen, sagte der Prinz. Verzeihen königliche Hoheit, erwiederte Henri. Ich habe keinen Augenblick gezögert, die delicate Mission, die königliche Hoheit mir anzuvertrauen die Gnade hatten, zu übernehmen. Ich darf es wohl als einen glücklichen Zufall bezeichnen, daß ich das Mädchen von früher her kannte, und also keine besondere Schwierigkeit hatte, mich bei ihr einzuführen. Ich machte die Rechte einer alten Bekanntschaft geltend; ich sprach als Freund; ich ließ – natürlich mit der nöthigen Discretion – durchschimmern, daß ich nicht ohne Vollmachten komme. Alles vergeblich. Ja, aber was will sie denn eigentlich? fragte der Prinz. Ich glaube, sie weiß das genau selbst nicht, erwiederte Henri. Vorläufig jammert sie ohne Zweifel trotz alledem über ihre verfehlten Hoffnungen, obgleich sie klug genug ist, einzusehen, daß es hier nichts zu repariren giebt. Indessen, das wird sich legen; ihr Charakter neigt sich zu müßiger Sentimentalität. Und die angenehme Lage, in welche Eurer königlichen Hoheit bekannte Liberalität sie ja ohne Zweifel versetzen wird, ist doch immer eine Art von Aequivalent. Da sind wir ja wieder bei dem Punkte, von dem wir ausgegangen sind! rief der Prinz eifrig. Natürlich soll sie haben, was sie verlangt; aber wenn das Ding nicht sofort unter die Leute kommen soll, muß sich ein Liebhaber finden, dessen Vorhandensein den Luxus, den sie wird treiben wollen, erklärt, das heißt also: ein reicher Liebhaber. Ich fürchte, die junge Dame wird königlicher Hoheit den Gefallen nicht thun, erwiederte Henri. Aus Rancüne? Einestheils und anderntheils – Anderntheils? Königliche Hoheit wird, fürchte ich, wieder einmal finden, daß ich nicht der eifrige Diener gewesen bin, der ich mich zu sein rühmen möchte. Wieder einmal? rühmen möchte? Sie sind die seltsamste Mischung von Unhöflichkeit und Geschmeidigkeit, die mir noch vorgekommen ist. Ich werde Sie nie zu meinem Ministerpräsidenten machen; Sie sind unerträglich. Und doch würde ich einen ganz erträglichen Ministerpräsidenten abgeben, erwiederte Henri mit einer Verbeugung. Der Prinz lachte. Ich glaube es; nur nicht für mich; – aber wir sind von unserem Thema abgekommen. Weshalb glauben Sie, daß sich das Mädchen sträuben wird, sich einen anderen Liebhaber gefallen zu lassen? Weil ich entdeckt zu haben glaube – heute Morgen in ihren wirren, leidenschaftlichen Reden – daß sie einen Andern liebt, sagte Henri. Heute Morgen – très-bien ! weiter! und wen! den Lippert etwa? Nein, königliche Hoheit! denselben Doctor Leo Gutmann, den ich königliche Hoheit neulich als den Verfasser gewisser Broschüren bezeichnen mußte. Treffe ich schon wieder auf den Menschen? rief der Prinz. Sie wollten ihn ja einstecken lassen? Haben Sie nicht mit Hey gesprochen? Noch nicht, königliche Hoheit. Und weshalb nicht? Ich war und bin keineswegs sicher, daß Herr von Hey meine Insinuationen wird verstehen wollen, und ich hatte selbstverständlich keine Eile, mich, das heißt in diesem Falle Eure königliche Hoheit, einem Refus auszusetzen. So ist denn außer der Depeschengeschichte – an die darf man selbstverständlich nicht rühren – gar nichts da, womit man dem Halunken beikommen könnte? Höchstens seine Vergangenheit, die politisch ziemlich anrüchig ist; indessen ist jetzt nach der Amnestie bei der Thronbesteigung Sr. Majestät auch damit nichts zu machen. Und was treibt der Mensch denn jetzt? seinen Broschüren nach muß er ja ein Erzdemagoge sein? Ich zweifle nicht, daß es eine Kleinigkeit wäre, ihn in irgend einen Preßproceß zu verwickeln, oder ihm wegen Uebertretung irgend eines Paragraphen des Vereinsgesetzes beizukommen; indessen habe ich auch nach dieser Seite hin vorzugehen gezögert. Und weshalb? Um mir nicht nachträglich einen vielleicht nicht ungerechtfertigten Tadel zuzuziehen. Königliche Hoheit wissen, daß in der Arbeiterfrage von der äußersten Linken ein Antrag eingebracht werden soll. Es ist dies ein Versuch der liberalen Partei, im letzten Augenblicke ein Stück des verloren gegangenen Bodens wieder zu gewinnen, ein Versuch, der ohne Zweifel fehlschlagen wird, denn es wird sich bei der Debatte und bei der Abstimmung klar herausstellen, daß die Partei überhaupt in sich ganz und gar zerfallen ist. Nun wäre es vielleicht nicht übel, und würde entschieden dazu beitragen, die seit dem Bekanntwerden des bewußten Briefes im Volk etwas erschütterten Sympathien für Eure königliche Hoheit wieder zu erwecken, wenn man den Schein annähme, sich für den Antrag zu interessiren. Man würde dabei freilich den der Sache Eurer Hoheit zugethanen Theil der liberalen Partei vor den Kopf stoßen – indessen – Der Prinz stampfte ungeduldig mit dem Fuße. Ach, rief er, lassen Sie mich mit diesen Dingen ungeschoren. Wenn Sie mit solchen Plänen reussiren wollen, wenden Sie sich an unsern geistreichen König. Ich bin für dergleichen Winkelzüge nicht geschaffen. Ich bin ein ehrlicher Mann, mein Weg muß gerade sein. Schlimm genug, daß ich Ihrem Onkel und seinesgleichen einige Concessionen machen muß; aber mit dem Pöbel will ich ein- für allemal nichts zu thun haben. Ich will kein Pöbelregiment. Sonst hätten königliche Hoheit nichts zu befehlen? Ja, was ich zu wissen wünschte: Sie haben sich wirklich mit Ihrem Vater irreparabel überworfen? Irreparabel, königliche Hoheit. Das gefällt mir gar nicht. Es wird einen abscheulichen Eclat geben, der vielleicht mit etwas Nachgiebigkeit von Ihrer Seite hätte vermieden werden können. Es war nicht möglich, königliche Hoheit. Ich will mich heute mit Ihnen nicht noch mehr streiten. Sie sind und bleiben ein unverbesserlicher Trotzkopf. Nun, nun, ich wollte Ihnen nicht wehe thun, lieber Tuchheim; ich glaube, daß Sie mich lieb haben. Speisen Sie morgen bei mir. Und hören Sie, lieber Tuchheim, was meinen Sie, wenn man dem Lippert nun doch jetzt den Laufpaß gäbe? Sehen mag ich den Menschen ohnedies nicht wieder. Was meinen Sie? Es käme nur darauf an, einen passenden Vorwand zu finden. Wohl, wohl! wir können morgen weiter darüber sprechen; ich muß den spanischen Gesandten empfangen. Adieu, lieber Tuchheim. Der Prinz reichte Henri mit gnädigem Lächeln die Hand. Henri verbeugte sich tief und ging. Er verließ diesmal seinen hohen Gönner zufriedener als neulich; ja es schwebte ein stolzes Lächeln um seine Lippen, wie er durch die Vorgemächer an den sich bückenden Hofbedienten vorbeischritt. Es war klar – der Prinz konnte ihn nicht mehr entbehren, und wenn der hohe Herr auch, Alles in Allem, nur ein beschränkter Kopf war – er hatte offenbar den politischen Schachzug, den ihm Henri gerathen, kaum verstanden – so war das vielleicht für den Günstling und künftigen Premierminister gar so übel nicht. Henri fühlte sich vollkommen in der Stimmung, der schwierigen Situation, in welcher er sich befand, Herr zu werden. Von dem Vater war noch keinerlei Nachricht eingelaufen; aber Herr von Sonnenstein war jetzt wirklich klagbar geworden und hatte auf Subhastation der Fabriken angetragen. Das war die Hauptsache. Sodann hatte der Anwalt des Vaters, mit bedauerndem Achselzucken über die Unvorsichtigkeit und Halsstarrigkeit seines Clienten, einige allerdings sehr vorsichtige Winke über dessen Verhältnisse fallen lassen, die man in der verwickelten Angelegenheit vortrefflich brauchen konnte. Auch Emma's kindischen Trotz hoffte er mit der Zeit zu besiegen. Vielleicht war es ihr mit ihrer neulichen Weigerung gar so ernst nicht gewesen – er erinnerte sich, daß sie ihn ein paarmal ganz verliebt angeblickt hatte; es war ja auch Alles gut gegangen, bis Leo's Name erwähnt wurde. Henri's Miene wurde dunkel, wie jetzt das Bild des Mannes, den er mehr als jeden Anderen haßte, vor seine Seele trat. Er soll und muß in den Staub, murmelte er, und ich denke, ich habe ihn jetzt in der Hand. Unwillkürlich faßte Henri nach einem Brief, den er, als er sich zu dem Prinzen begeben wollte, erhalten hatte. Es waren ein paar Zeilen von dem kranken Marquis aus Nizza, des Inhalts, daß Henri den unbequem gewordenen Miethsmann aus der Wohnung entfernen möge, »aber convenablement, mein Lieber, und vor allem so, daß die Reputation des jungen Mannes, dem ich doch schließlich Dank schuldig bin, nicht unnöthig darunter leidet.« Ueber die gutmüthigen Seelen, sagte Henri, als er den Brief wieder in die Tasche steckte. Ich denke, ich mache es so, wie es mir convenirt. Und dann, nachdem ich den guten Buffone, der doch nun endlich wissen muß, wem er eigentlich sein Fiasco verdankt, auf ihn gehetzt habe – werde ich schließlich Herrn von Hey wohl begreiflich machen können, daß es für das Wohl des Staates absolut nothwendig ist, den Herrn Doctor auf einige Zeit verschwinden zu lassen. Bliebe also nur noch für Fräulein Eve ein Liebhaber zu finden. Henri bog in die Promenade, die jetzt bei dem herrlichsten Frühlingswetter von Carossen, Reitern und Spaziergängern wimmelte. Unter den Letzteren entdeckte er Alfred von Sonnenstein, der, das Lorgnon im Auge, mit verdrießlicher Miene dahergeschlendert kam. Sieh' da, Alfred! nach wem blickst Du denn so eifrig? Nach irgend einem hübschen Mädchen, in das ich mich verlieben könnte. Ich langweile mich schauderhaft. Möglicherweise kann ich Dir helfen, sagte Henri, seinen Arm in. den seines Vetters legend. Wo ist sie? rief der Dandy, das Lorgnon, das er hatte fallen lassen, wieder in's Auge klemmend. Nicht hier, mon brave ! Keine dieser Lilien auf dem Felde. Eine Dornenrose oder richtiger eine Rose in Dornen, die ich durch das sonderbarste Spiel des Zufalls aufgefunden. Ich bringe Dich gelegentlich zu ihr; vorderhand laß uns erst noch einmal die Lilien betrachten, wie sie der Vater im Himmel so herrlich gekleidet hat. Sechzigstes Capitel. In derselben Mittagsstunde war Leo's Vorzimmer von einer Gesellschaft angefüllt, wie sie diese Räume schwerlich jemals gesehen: Männer mit schwärzlichen Gesichtern und knorrigen, unbehandschuhten Händen, in Kleidern, die offenbar aus den Werkstätten ehrbarer Dorfschneider hervorgegangen waren; zwölf an der Zahl, Alle die Hüte in den Händen, die Meisten mit dem Blick scheuer Neugier die Herrlichkeiten ringsumher betrachtend. Das dauert lange, sagte einer der Männer, eine lange, hagere Gestalt mit einem ernsten, nachdenklichen Gesicht, zu einem jüngeren Manne von trotzigem, verwegenem Aussehen. Ich hab' es ja gleich gesagt, daß wir nicht zu dem Rechten kämen, antwortete der jüngere mürrisch und fuhr dann nach einer kleinen Pause mit verbissenem Ingrimm fort: Ich weiß noch ganz gut, wie er immer an uns vorüberstolzirt ist, als ob unsereiner gar nicht auf der Welt wäre. Und ist denn das hier eine Wohnung für einen Volksmann? Was meint Ihr? wird er mit uns sprechen? fragte ein Dritter, der eben herantrat. Wenn er nicht will, läßt er's bleiben, sagte der mit dem verwegenen Gesicht grollend. Die Thür zu dem Nebengemache ging auf, und statt des jugendlichen Dieners, der sie angemeldet hatte, erschien Leo's schlanke, hohe Gestalt auf der Schwelle. Sein Auge flog schnell über die Gesichter, die plötzlich alle auf ihn gerichtet waren, und ein Lächeln spielte um seinen Mund, als er jetzt auf den Hageren zuging und ihm die Hand reichte. Sieh' da, Herr Krafft! das ist lange her, daß wir uns nicht gesehen; und auch Sie, Johann Brandt, wahrhaftig, ich hätte Sie kaum wiedererkannt. Der Verwegene, der sich so plötzlich angeredet sah, machte ein verblüfftes Gesicht, legte aber doch, obgleich zögernd, seine Hand in Leo's dargebotene Rechte. Ich weiß – zum Theil wenigstens – aus Ihrem gestrigen Schreiben, was Sie zu mir führt, meine Herren, fuhr Leo fort, und ich kann bis jetzt nur sagen: was in meinen Kräften steht, Ihnen zu dienen, oder vielmehr: uns Allen zu helfen – das soll geschehen. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort, und nun treten Sie näher, damit wir die Sache in aller Ruhe besprechen können. Er lud mit einer Handbewegung die Männer ein, in das Studirzimmer zu kommen. Es dauerte einige Zeit, und er mußte seine einladende Geste noch manchmal wiederholen, bis sie Alle an ihm vorüber waren. Hatte die elegante Einrichtung des Vorzimmers schon das Staunen, zum Theil das Mißtrauen der einfachen Männer erregt, so war die Verwunderung, mit welcher sie die prachtvolle Ausstattung dieses Gemaches, der Anblick all' dieser kostbaren Möbel, Teppiche, Bilder und Büsten erfüllte, noch viel größer und prägte sich zu deutlich auf ihren Mienen, selbst in ihren Geberden aus, um von Leo nicht bemerkt zu werden. Er sagte lächelnd: Sie wundern sich, meine Freunde, einen Mann, der sich einen der Ihren nennt, in einer so luxuriösen Wohnung zu finden; aber ziehen Sie nicht auch Ihren besten Rock an, wenn Sie bei dem Pastor, dem Landrath ein Anliegen haben? Sie thun das nicht für sich – denn Sie wissen, daß Sie bleiben, wer Sie sind und was Sie sind – Sie thun es, weil jenen Herren gegenüber Kleider Leute machen, und eine Arbeitsblouse in den Augen derselben keineswegs, was sie doch sein sollte, die beste Empfehlung ist. Sehen Sie, so habe ich es gerade mit meiner Wohnung gehalten. All' dieser Plunder ist nur ein Kleid, das mich in den Augen des Bourgeoisphilisters zu einem Manne von Bedeutung erhebt, in demselben Maße, als er mich in Ihren gesunderen Augen verdächtigt. Ja, es ist sehr zweifelhaft, ob ich ohne dies traurige Mittel im Stande gewesen wäre, die Erfolge zu erringen, die ich den Bourgeois gegenüber denn doch errungen habe. Aber Sie wollten ja nichts von dem Kleide des Mannes, sondern von dem Manne selber. Lassen Sie mich nun in aller Ausführlichkeit hören, was Sie beabsichtigen, und dann wollen wir überlegen, was zu thun ist. Der Sprecher der Leute – jener hagere, ernste Mann – nahm nun das Wort. Er sprach in anfänglich stockender, dann aber, je weiter er kam, immer leichter fließender Rede von der Lage der Arbeiter in den Tuchheimer und den benachbarten Fabriken, von der geistigen und leiblichen Noth, die schwerer und immer schwerer auf ihnen laste, so daß es schier nicht mehr zu tragen sei, und wie sie dann endlich, als Mahnungen, Bitten, Vorstellungen vergeblich gewesen wären, Alle zusammen – an die tausend Mann in den Tuchheimer und Feldheimer Fabriken, und vielleicht noch einmal so viel in den benachbarten – den Entschluß gefaßt hätten, die Arbeit einzustellen und nicht eher wieder aufzunehmen, als bis ihren bescheidenen Forderungen Genüge geschehen. Nun aber könnten sie in dieser Lage nur noch kurze Zeit verharren. Ihre kargen Vorräthe und Hilfsquellen seien erschöpft; sie müßten entweder sich unter das Joch beugen, oder zur Gewalt schreiten. In dieser äußersten Noth sei ihnen die Erklärung des Freiherrn wie ein Evangelium erschienen. Aus dieser Erklärung hätten sie ersehen, daß es doch noch große Herren gäbe, die ein Herz hätten für das arme Volk, und so wären sie auf den Gedanken gekommen, ein letztes Mittel versuchen zu wollen – zuzusehen nämlich, ob es einer aus ihrer Mitte erwählten Deputation möglich sein würde, in der Residenz auch andere angesehene Herren, besonders unter den Mitgliedern der noch tagenden Kammer, für ihre Sache zu gewinnen. Sollten sie dann auch erfahren, daß für den Augenblick keine Hilfe für sie sei, so wollten sie sich gern gedulden, falls man ihnen das Versprechen gäbe, sich ihrer ernstlich mit allen Mitteln und aus allen Kräften anzunehmen. – Das war, fuhr der Redner fort, in einer letzten allgemeinen Arbeiterversammlung in Tuchheim beschlossen worden; aber wir sahen auch alsbald ein, daß es nothwendig sei, einen klugen, uns wohlgesinnten Mann zu gewinnen, der uns in der großen Stadt in so schwierigen Dingen mit Rath und That zu Hilfe käme und gleichsam unser Anwalt in dieser Sache würde. Und da habe denn ich, und manch' geborner Tuchheimer mit mir, sogleich an Sie gedacht, der uns durch seine Schriften bewiesen hat, wie sehr ihm die Sache der Arbeiter am Herzen liegt, und der Sie ja überdies unter uns aufgewachsen und so recht eigentlich unser Vormann sind. Der Hagere schwieg und wischte sich mit dem kleinen baumwollenen Taschentuch die kahle Stirn; die Anderen, welche die Rede ihres Sprechers mit gelegentlichem Beifallsgemurmel und manchem Kopfnicken begleitet hatten, blickten auf Leo. Leo saß da, das Haupt in die Hand gestützt. Während er doch Alles hörte und genau faßte, was der Mann sprach, schweifte sein Geist in die Vergangenheit und in die Ferne. So war denn wirklich erfüllt der stolze Traum seiner Jugendzeit, daß die Kinder seines Dorfes kämen und sich vor ihm neigten? erfüllt der heiße Wunsch jener Jahre, wo er, aus der Heimath vertrieben, in der Fremde umherschweifte, der Wunsch: es möge ihm vergönnt sein, zurückzukehren und in dem Herzen seines Volkes für sein Volk zu streben und zu wirken – ein Tribun ihrer Rechte im Kampf gegen die Unterdrücker! Er hatte gestrebt und gewirkt, was er konnte; und hier war der Beweis, daß er es nicht vergeblich gethan; hier waren die Männer aus den Bergen und Wäldern seiner Heimath, und sie sprachen: sei Du unser Herzog, wir wollen Dir folgen, wohin Du uns führst. Ich danke Ihnen, meine Freunde, sagte er mit bewegter Stimme; ich hoffe Ihnen beweisen zu können, daß Sie Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen geschenkt haben. Es sind Einige unter Ihnen, die da wissen, daß ich schon einmal treu zu Ihnen gestanden habe in einer ernsten, entscheidungsvollen Stunde. Ich habe damals, als ich an der Seite des wackern Mannes, dessen Andenken Ihnen theuer sein muß, von Ihnen ging, bei dem letzten Scheideblick von den Höhen hinab in mein Heimaththal, über dem der Morgen heraufdämmerte – ich habe mir damals mit heiligem Eidschwur gelobt, der Sache des Volkes treu zu bleiben bis in den Tod. Ich kann sagen, daß ich noch mit keinem Athemzuge diesem Schwure untreu geworden bin; aber gerade deshalb darf ich es aussprechen: es war ein thörichtes Beginnen, unser Aufstand an jenem Wintertage, und so sind Sie auch jetzt auf dem Wege nach einem falschen, trügerischen Ziel. Sie glauben, Freunde in den Menschen finden zu können, die von jeher Ihre bittersten Feinde gewesen sind. Diese Menschen haben Ihre hilflose Lage immer nur zu gut auszubeuten verstanden; haben immer nur zu gut gewußt, wann Simson schlief, um ihm die Locken seiner Kraft abzuschneiden und ihn des Lichtes seiner Augen zu berauben, daß der arme blinde Sclave sich ja nicht auflehnen könne wider den ungerechten Herrn. Von diesen Menschen Unterstützung, ja selbst nur Verständniß Ihrer Lage und Mitleid für Ihre Noth hoffen, hieße Feigen pflücken wollen von dem Dornstrauch. Sie haben meine Schriften gelesen. Wohl! so wissen Sie auch, daß es nicht der ohnmächtige Adel, nicht die in sich zerbröckelnde Kirche ist, die Ihren Ansprüchen auf ein menschenwürdiges Dasein sich entgegenstemmen, sondern die Bourgeoispartei, die Partei des allmächtigen Capitals, der ruchlosen, schrankenlosen Ausbeutung des Arbeiterstandes. Nun, meine Herren, und aus Anhängern dieser Partei besteht der Theil der Kammer, auf welchen Sie Ihre Hoffnungen setzen. Ja, was wollen Sie? Ihr Peiniger und Dränger, Ihr Fabrikherr, der Herr von Sonnenstein, ist ein und zwar sehr einflußreiches Mitglied dieser Partei. Wollen Sie bei den Hehlern über den Stehler Klage führen? Die Wenigen aber, die es besser meinen, wie Doctor Paulus und seine Gesinnungsgenossen, sind gute, aber unbedeutende Männer, die weder die geistige Kraft haben, die Frage bis in ihre Tiefe zu durchschauen, noch die moralische Kraft, auch nur das Wenige, was sie erkannt, zu verwirklichen. Ja, meine Herren, ich schwöre es Ihnen zu, es ist meine heilige Ueberzeugung, es giebt nur zwei Wege für Sie, die zum Ziele führen: den einen Weg wollen Sie nicht gehen, und, wie die Sachen jetzt liegen, würde eine gewaltsame Erhebung auch nur die Folgen haben, Ihnen das Joch fester auf den Nacken zu drücken. Der zweite Weg – Leo schwieg und blickte scharf in die eifrigen Gesichter rings um sich her. Der zweite Weg, begann er langsam von neuem, liegt scheinbar weit, sehr weit ab von jenem ersten und fällt doch schließlich mit ihm zusammen. Der erste Weg war die Revolution von unten; der zweite ist die Revolution von oben, die Revolution, die von der Macht ausgeht, welche von dem Schicksal dazu bestimmt ist, dem Volke zu dienen, während sie nur immer ihren eigenen Vortheil im Auge hat. Ich spreche vom Königthum; ich spreche vom König. Sehen Sie zu, daß Sie sich bei ihm Gehör verschaffen, er ist der Einzige, der Ihnen helfen kann. Die Männer blickten staunend einander an; der mit dem verwegenen Gesicht lächelte höhnisch. Sie sind verwundert, mich so sprechen zu hören, fuhr Leo fort, und Einige unter Ihnen lächeln über mich, wie über einen Thoren oder entlarvten Betrüger; aber glauben Sie mir, Johann Brandt, wenn vor acht Jahren, als wir vor der Schänke von Tuchheim allen Adeligen den Tod schworen, ja nur noch vor einem Jahre, ein Freund so zu mir gesprochen hätte, wie ich jetzt zu Ihnen, ich würde es genau so gemacht haben, wie Sie. Es ist nicht eben mein Verdienst, daß ich jetzt ein wenig weiter blicke; die Erfahrungen, die ich in dem Lager der sogenannten Liberalen gemacht habe, hätten wohl Jedem, hätten auch Ihnen die Augen geöffnet, daß Sie die Lage der Dinge genau so sähen, wie ich sie jetzt sehe. Ich wiederhole es: nicht von der Kammer, die als solche ohnmächtig ist und Ihnen nicht helfen könnte, selbst wenn sie wollte; nicht von der Bourgeoispartei überhaupt, die leider nur zu mächtig ist, aber Ihnen ganz gewiß nicht würde helfen wollen, so gut sie es auch könnte – nur von dem Könige haben Sie noch zu hoffen. Erweist sich auch diese Hoffnung trügerisch, nun – die Revolution bleibt Ihnen noch immer. Da möchte ich lieber gleich dreinschlagen! rief Johann Brandt, indem er heftig in die Höhe fuhr; kommt, Brüder, was wollen wir weiter hier! Ich kann und will Sie nicht halten, sagte Leo, Sie sind gekommen, meinen Rath zu hören; ob Sie meinem Rathe folgen wollen oder nicht, steht natürlich bei Ihnen. Der Hagere nahm wieder das Wort: Lieben Brüder, wir haben uns geschworen, treu zu einander zu stehen und keinen Streit oder Unfrieden unter uns aufkommen zu lassen, auch nicht rechthaberisch zu sein und mit heftigen Worten aufeinander loszufahren. Johann Brandt! Du bist der Jüngste von uns und hast nicht Frau und Kind und Niemanden, für den Du zu sorgen brauchtest, so kannst Du bald mit der Faust bereit sein. Nehmen Sie es ihm nicht übel, Herr Doctor, und sagen Sie uns weiter, wie Sie sich das denken mit dem König. Wir vermeinten immer, es würde nicht besser werden, als bis wir gar keine Könige mehr hätten, weder gute noch schlechte, sondern eine einzige große Republik wie in Nordamerika? Ich sage nicht, daß dies nicht das Ziel und das Ende der ganzen Entwickelung ist, die sich jetzt in Europa vollzieht, erwiederte Leo, aber wie die Gebilde der Natur sich streng gesetzmäßig und allmälig entwickeln, so ist es nicht anders mit den politischen Gestaltungen. Das Königthum hat uns schon einmal geholfen, das Joch der Feudalherrschaft abzuschütteln, es muß uns auch helfen, die Fesseln des Capitals abzustreifen und mag dann, wenn es uns diesen letzten Dienst gethan, aus der Reihe der Mittel der Erziehung und Fortbildung des Menschengeschlechts verschwinden. Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Morgen findet in der Kammer die Debatte über die Arbeiterangelegenheit statt. Faßt die Kammer einen Beschluß, wie Sie ihn von Männern erwarten müssen, die ein Herz für Ihre Sache, ja die nur eine Ahnung davon haben, daß die Zukunft Ihnen gehört, daß es nicht ein Stand, sondern die Menschheit ist, die in Ihnen und mit Ihnen nach einer menschenwürdigen Existenz ringt – ich sage: können Sie auch nur diese Sympathien, dieses Verständniß aus der Debatte heraushören – nun wohl, so verharren Sie in Ihrem Glauben, daß Ihnen die Bourgeosie helfen kann und will; ist das Resultat aber, wie ich voraussehe, so kommen Sie wieder zu mir, und wir überlegen dann gemeinschaftlich, was wir thun können. So soll es sein, Herr Doctor, sagte der Hagere, indem er aufstand und die Uebrigen seinem Beispiele folgten. Wir sind es den dreitausend Brüdern schuldig, daß wir Alles ernstlich prüfen. Haben wir so lange berathschlagt und sind zu keinem Entschluß gekommen, so können wir auch wohl noch ein paar Tage zugeben. Adieu, Herr Doctor, und nichts für ungut. Er reichte Leo die große, schwielige Hand mit treuherzigem Druck. Auch die anderen Männer traten einer nach dem andern heran; nur Johann Brandt hielt sich in mürrischer Ferne und drängte sich, einer der Ersten, zur Thür hinaus. Einundsechzigstes Capitel. War es die durch die Anwesenheit so vieler Menschen verdorbene Luft, war es die dumpfe Ahnung der Zukunft, über welche der Moment entschieden hatte – Leo fühlte sich seltsam beklommen, als er wieder allein in seinem Zimmer war. Er riß die Fenster auf, die goldene Frühlingsluft hereinströmen zu lassen. Dann wendete er sich wieder in das Zimmer, durchmaß es ein paarmal mit heftigen Schritten und warf sich endlich in der Nähe des Fensters auf eines der Sophas, Stirn und Augen in die Hand gepreßt, verloren in tiefstes Sinnen. Ja! es war entschieden! Der Moment hatte einmal wieder seine Allmacht bewährt. Das Wort, das er so lange in seiner Brust verschlossen gehalten – es war über seine Lippen gesprungen und stand nun da, ihm gegenüber, des eigenen Lebens voll, durch keine Kunst zu bannen, durch keine Gewalt zu vernichten. Er hatte es nicht mehr; die Männer hatten es, die eben gegangen waren, die Männer mit den leidendurchfurchten Gesichtern und den treuen guten Augen, die Repräsentanten des Volkes, des vielgeprüften, arbeiterdrückten, hungergequälten, geschändeten Volkes! Der arme Konz der Bauernkriege, da war er wieder in kaum veränderter Gestalt, immer noch auf der letzten Stufe civilisirten Daseins, immer noch das Lastthier, das den Herrn schleppen und jede Unbill, jede Rohheit dazu tragen muß! Und das sollte so fortgehen in alle Ewigkeit! Immer wieder sollten Mütter in Schmerzen gebären, blos damit das Maß des Elends niemals kleiner würde! Geschöpfe zum Dasein bringen, die niemals frei das Haupt erheben, deren Seelen nie von der Herrlichkeit der Wissenschaft, von der Wonne der Kunst begnadigt werden könnten! Welcher Teufel wäre teuflisch genug, zu diesem grausen Fluch Ja und Amen zu sagen! Nein, nein, und tausendmal nein! Es muß einen Weg aus dieser Hölle geben. Daß er noch nicht gefunden ist, kann das beweisen, er werde nie gefunden werden? Ist die Welt deshalb zu Ende, weil unsere Sehkraft nicht weiter reicht? Und ich sehe sie in dämmernden Umrissen, die Gebilde der Zukunft, und deshalb darf ich es wagen, die Gegenwart nach meinem Sinne gestalten zu wollen. Es ist nur ein Versuch – meinetwegen; auch nur gestrebt und sich geregt zu haben, ist schon Verdienst inmitten dieser verdumpften Masse, die sich widerstandslos von der eigenen Schwere zu Boden drücken läßt. Und wen opfere ich denn schließlich – als mich selbst? Selbst wenn mein Experiment fehlschlagen sollte – die Lage der armen Menschen kann nicht schlimmer werden; ist die Sonne nun doch schon so viele Jahrhunderte nicht müde geworden, dasselbe Elend zu bescheinen! Aber ich könnte es anders haben; ich könnte mich die paar Lebenstage im Sonnenschein wiegen, wenn mir an dem Mückentanz gelegen wäre. Sie machen es mir ja leicht genug. Es kostete mich nicht mehr Zeit und Mühe, für diese Menschenmückler zu schreiben, wie ich gegen sie geschrieben habe, und der reiche Laban gäbe mir seine Lea und die Hälfte von Allem, was sein ist. Wie sagte sie? – Mein stolzer Adler – die demüthige Taube harret Deiner, sich mit Dir zu schwingen durch alle Lüfte – war es nicht so? Pah! ich könnte ihren kleinen üppigen Leib und ihre kleine üppige Seele haben, wenn mich danach gelüstete. Der Diener unterbrach Leo's Meditationen, indem er mit einem Briefe hereintrat, der soeben von einer jungen Dame, die sich sogleich wieder entfernt habe, abgegeben worden sei. Leo sah nach der Aufschrift und erkannte Eve's Hand. Eine unangenehme Empfindung, als ob er unversehens die Spitze eines Dolches berührt hätte, durchzuckte ihn, und er ließ den Brief neben sich auf das Sopha fallen. Er hatte seit jener Schreckensnacht von Eve nichts gehört; er wußte nur durch Ferdinand Lippert, den er aber auch schon seit mehreren Tagen nicht wiedergesehen hatte, daß sie noch immer auf dem Jagdschlosse des Prinzen sich befand. In der leidenschaftlichen Verfolgung seiner politischen Pläne hatte er des sonderbaren Mädchens und ihres merkwürdigen Schicksals kaum mehr gedacht; jetzt trat ihr Bild vor ihn hin, in drohender Gestalt – ein Gespenst am hellen Tage. Er machte eine heftig abwehrende Bewegung, aber der Brief lag noch immer da. Es wäre das erstemal in meinem Leben, daß ich einer meiner Handlungen nicht gerade in das Gesicht gesehen hätte. Her damit! Leo erbrach das Siegel und las:   »Ich schreibe, nicht, wie Sie in Ihrer Eitelkeit vielleicht wähnen, Ihnen noch einmal eine Liebe nachzuwerfen, die Sie nicht verdienen; ich schreibe, nicht, Sie um ein Mitleid anzuflehen, dessen Sie nicht fähig sind – ich schreibe, Ihnen zu sagen, daß ich Sie hasse, wie eine Elende den haßt, der sie in's Elend stürzte. Ja, ja, runzeln Sie nur immer zornig Ihre Stirn und krümmen Sie verächtlich Ihre Lippen. Sie, Sie sind schuld an meinem Unglück, Sie haben mir, die ich am Abgrund taumelte, nicht die rettende Hand gereicht – was sage ich – nicht einmal ein Wort des Rathes, der Warnung haben Sie für mich gehabt, und das, das allein schon hätte mich retten können. Sie, Mann der Pflichttreue, der heroischen Tugend! Hatten Sie mir gegenüber keine Pflichten? Verbot Ihnen Ihre Tugend, mir gegenüber tugendhaft zu sein? Wenn Sie keine Liebe für mich fühlten, durften Sie auch nicht die allergewöhnlichste Nächstenliebe an mir üben? War ich auch der nicht würdig? Hatte Ihnen die Energie, mit der ich aus der Tiefe der Unwissenheit, der Verwilderung hinaufstrebte zum Wissen und zur Bildung, keine Achtung abgenöthigt? Rührte Sie der verzweifelte Kampf nicht, mit dem ich mich rein erhalten hatte in der unreinen Atmosphäre, die mich umgab? War ich Ihnen auch als Schwester meines Bruders nichts, meines Bruders, den Sie Ihren besten Freund nennen, von dem Sie eingestehen, daß Sie ihm Unendliches zu danken haben? Wäre es zu viel der Dankbarkeit gewesen, hätten Sie seine Schwester vor der Schande bewahrt? Aber was rede ich denn von dem Allen, als ob Sie das verständen, als ob Sie ein Herz hätten, wie ein anderer Mensch? Wann hätten Sie das gehabt? Damals vielleicht, als Sie dem Manne, der Sie genährt und gekleidet, den Feuerbrand in sein Haus schleudern wollten? Oder als Sie meinen Bruder verließen, um sich hier zum großen Manne zu lügen und zu trügen. Ja, Mann! Sie haben gelogen und getrogen! Ich selbst bin Ihnen nicht zu schlecht gewesen, Ihre Künste an mir zu versuchen. Können Sie es leugnen? leugnen, daß Sie mich aufgesucht haben? daß Sie mir unter der Maske eines Jugendfreundes entgegengetreten sind? daß Sie sich in mein Vertrauen eingeschlichen? daß Sie mich mit gütigen Worten beglückten? daß Sie sich meine Liebe, die Sie, der Kluge, der Vielerfahrene, recht gut erkennen mußten, gefallen ließen, so lange – so lange es Ihnen paßte, so lange, als Sie mich brauchen konnten, so lange ich noch ein Rechenpfennig in Ihrem politischen Exempel war! Und das ist es, was ich Ihnen nicht vergeben kann, nimmer und nimmer vergeben werde. Um zu erfahren, was Sie von dem Prinzen und über den Prinzen zu wissen wünschten, haben Sie mich geopfert, haben Sie Ferdinand geopfert, der jetzt um Ihrethalben schimpflich aus dem Dienst gejagt ist. Welches Recht hatten Sie dazu? Ich sage Ihnen: Ferdinand, so tief er gesunken sein mag, er ist, verglichen mit Ihnen, der bessere Mann! Aber ich! Freilich ich habe kein glücklicheres Loos verdient! Ein Mädchen, das für die Verzweiflung seines Herzens kein anderes Mittel weiß, als Maitresse eines Fürsten zu werden! ... Mann der Politik, was wissen Sie, der Sie kein Herz haben, von der Pein verschmähter Liebe! Und wenn ich die Kokette wäre, für die Sie mich halten, würde ich jetzt hier in einer elenden chambre garnie , Wand an Wand mit einer Dirne wohnen, die sich ihre Liebhaber beim Schein der Straßenlaterne sucht? Glauben Sie, es sei so schwer, einen Sultan bei guter Laune zu erhalten? oder daß eine Buhlerin sich so leichten Kaufs hätte abfinden lassen, wenn man ihrer wirklich überdrüssig war? – O, dann überschätzen Sie das ganze sogenannte starke Geschlecht ebenso hochmüthig, wie Sie sich selbst überschätzen. Doch der Tag der Abrechnung zwischen mir und Ihnen wird kommen; nicht morgen oder übermorgen, denn Sie haben Ihre Bahn noch nicht vollendet; aber er wird kommen. Bis dahin – aber auch nur bis dahin, lachen Sie über das Geständniß, daß ich Sie hasse, wie ich noch keinen Menschen auf Erden gehaßt habe.«   Leo ließ den Brief, der, wie man der hastigen, manchmal fast unleserlichen Handschrift deutlich ansah, in größter Leidenschaft geschrieben war, aus der Hand gleiten. Er blickte düster vor sich nieder. Des Anklägers Heftigkeit hatte ihn erschüttert; es schien kaum möglich, daß die Klage so ganz unbegründet, daß der Angeklagte so ganz schuldlos sei. Ganz schuldlos? Wer ist das? Ja, welcher tüchtige Mensch verlangt das? Doch der nur, der das Wort des Philosophen, daß es die Ehre großer Charaktere ist, schuldig zu sein, nie begriffen hat. Was soll mir der Unkenruf aus dem unreinen Munde? Wenn ich nach einer anderen Stimme verlange, als die mir im eigenen Busen vernehmlich spricht, so sei es wenigstens eines reinen, großherzigen Weibes Stimme. Er trat an den Schreibtisch und nahm aus einem der Kasten einen Brief, den er, über das Pult gebeugt, langsam las, als ob er ihn auswendig lernen wollte.   »Sie schelten Dich einen Egoisten, weil sie die Leidenschaft der Idee nicht kennen; einen kalten Rechner, weil sie nicht begreifen, daß Du, um des Gemeinwohls willen, von dem Einzelnen Opfer fordern mußt! Laß Dich nicht irre machen, Leo! Dir ziemt das Zagen und Zaudern kleiner Seelen nicht. Groß und still und ruhig mußt Du Deinen Weg wandeln; es darf Dich nicht kümmern, was sie auf den Seiten neben Dir schreien. Unverrückt mußt Du Dein Ziel im Auge behalten. Daß sie nicht mit den Augen winken, daran erkennt der Inder seine Götter und daran erkennt man die Menschen, die von dem Schicksal begnadigt sind, Träger einer großen Idee zu sein. – Wenn mich nicht Alles trügt, steht jetzt für Dich und Deine Sache Großes auf dem Spiel. Sei stark und groß! Ich habe nur den Einen heißen Wunsch, wie ich nur Ein Furchtbares kenne: Du könntest Dich je schwach und klein zeigen, könntest je vergessen, daß Du nicht Dir gehörst. Könige schulden sich ihrem Volk, große Menschen ihren Zwecken.«   Leo athmete tief auf und richtete sich empor. Seine Seele war erquickt; er fühlte sich wieder stark genug, um das verhängnißvolle Wort einzulösen, mit dem er sich und seien Zukunft den Männern von Tuchheim verpflichtet hatte. Zweiundsechzigstes Capitel. Ich kann Ihnen mit Bestimmtheit nichts versprechen, sagte Herr von Hey und machte eine Bewegung in seinem Sessel, als ob er die Unterredung, die bereits eine Stunde gedauert hatte, nun abgebrochen zu sehen wünsche. Leo erhob sich. Ich fürchte, Excellenz, sagte er, die Zeit ist nicht fern, wo Sie es sehr bereuen werden, eine so günstige Gelegenheit nicht eifriger ergriffen zu haben. Der Minister schob sich die goldene Brille fester gegen die kleinen Augen und starrte vor sich nieder. Leo entging dieser Ausdruck der Unentschlossenheit nicht. Denn die Gelegenheit ist günstig, fuhr er in demselben Tone ruhiger Ueberzeugung, in welchem er während der ganzen Zeit gesprochen hatte, fort; das müssen mir Excellenz selbst zugeben. Die Kammer hat sich durch ihren gestrigen Beschluß um den Rest der Achtung und des Vertrauens gebracht, dessen sie in den radicalen Arbeiterkreisen etwa noch genoß. Die Stimmen der paar wirklich liberalen Männer sind ohne Wirkung geblieben, man wird diese Männer einfach mit zu den Todten werfen. Die Tafel ist, so zu sagen, rein; in Ihrer Hand liegt es, eine neue Ordnung der Dinge darauf zu schreiben. Ich sage Ihnen, es geht nicht, es geht nicht! rief der Minister, sich jetzt ebenfalls erhebend. So lassen Excellenz die Entscheidung wenigstens von Sr. Majestät ausgehen, sagte Leo dringender, bedenken Excellenz die ungeheure Verantwortung, die Sie auf sich nehmen, wenn Sie die Deputation nach Hause schicken, ohne sie auch nur vorgelassen, ohne die Beschwerden der Männer auch nur angehört zu haben. Excellenz kennen aus eigener Erfahrung den revolutionären Geist jener Gegend. Sie wissen, welcher Zündstoff dort bereits vor acht Jahren aufgehäuft war, und wie es nur eines Funkens bedurfte, um die Flamme hoch emporlodern zu machen. Damals hatten Sie es mit einem verdummten ländlichen Proletariat zu thun, heute mit dem um Vieles gewitzigteren, fanatischeren Proletariat der Fabriken. Die Menge, die damals nach Hunderten zählte, zählt jetzt nach Tausenden. Damals reichte eine Compagnie hin, die Empörer zu Paaren zu treiben; heute würde schwerlich ein Regiment ausreichen. Wir haben mehr als ein Regiment disponibel, sagte der Minister. Und wen wird das Odium des blutig unterdrückten Aufstandes treffen? Die Regierung Sr. Majestät, ja den König selbst, denn das Volk hat noch keineswegs gelernt, den König von seinen Ministern zu trennen. Mir däucht, der Dank des Königs für diesen Dienst kann nicht groß sein. Durch Herrn von Hey's Gesicht flog ein Zucken; er bezwang sich indessen und sagte mit einer Miene, die lächelnde Ueberlegenheit bezeichnen sollte: Ich habe Sie ruhig aussprechen lassen, da Sie ein junger Mann sind, dessen Fähigkeiten mir von einer Seite, auf die ich Gewicht lege, als bedeutend gerühmt wurden. Indessen, so willig ich Ihnen auch eine das gewöhnliche Niveau übersteigende Geistesbildung einräume, so fehlt es Ihnen doch an aller Erfahrung in so wichtigen Dingen. Als ich so jung war, wie Sie, dachte ich etwa wie Sie; Sie würden so denken wie ich, wenn Sie wie ich im Staatsdienst ergraut wären. Herr von Hey deutete nach seiner blonden Perrücke, in welcher, seitdem er Ministerpräsident geworden, sich einige silbergraue Härchen hatten blicken lassen, und verbeugte sich, zum Zeichen, daß die Audienz beendigt sei. Auf Leo's Lippen schwebte ein bitteres Wort, aber er sprach es nicht aus, sondern erwiederte die Verbeugung und entfernte sich schweigend. Der Minister sah ihm mit bösem Blick nach. Ein frecher Mensch, murmelte er, ganz das Ebenbild seines Vaters, der mich vor neun oder zehn Jahren einmal um die Gemeindeschreiberstelle in Tuchheim bat: der Kerl drohte mir damals förmlich, so daß ich auf dem Punkte stand, ihn verhaften zu lassen. O, ich habe ein gutes Gedächtniß. Der Minister reckte seine kleine untersetzte Gestalt behaglich in dem bequemen Fauteuil. Wie lange war es denn her, daß er ein kleiner Landrath war – und jetzt war er ein großer Minister! Damals mußte er vor dem Freiherrn von Tuchheim sich neigen, mußte sich eifrig um die Gunst des vornehmsten Mannes im Kreise bemühen; heute war der Mann allem Anscheine nach ein Bankerotteur, eine gefallene Größe – und er, der Minister, hatte das Heft in Händen. Herr von Hey hatte den Freiherrn immer gehaßt, ja eigentlich die ganze Familie. Der Freiherr war jetzt unschädlich, aber stand ihm der General nicht noch immer im Wege? Scheinbar freilich hatte er ihm den Rang vollständig abgelaufen; der General, der die ersten Schritte des jungen constitutionellen Königs geleitet hatte, war gefallen, als die Fluthen der Revolution sich verlaufen hatten und die Solidarität der dynastischen Interessen zu einer energischen Reaction drängte. Aber der General war doch immer noch in der Nähe des Königs und erfreute sich unfraglich einer besseren Behandlung von Seiten des heftigen jungen Monarchen, als irgend einer der actuellen Minister. Wer wußte, ob nicht wieder einmal eine Zeit kam, wo der alte Schleicher der öffentliche Beirath des Königs wurde, wie er jetzt der geheime Rathgeber war! Wenn es eine Möglichkeit gab, dem General zu schaden, so durfte man die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen. Und die Gelegenheit war offenbar günstig. Der Freiherr hatte durch seine Erklärung der Tuchheimer Arbeiterbewegung unzweifelhaft bedeutenden Vorschub geleistet; der junge Mensch vorhin hatte eingeräumt, daß die Leute gerade in der Hoffnung auf den Beistand des Freiherrn den Gedanken gefaßt hatten, eine Deputation in die Hauptstadt zu senden. Konnte man nun dem Könige das Schädliche, Verdammliche dieser ganzen Bewegung begreiflich machen – und warum sollte man das nicht können? – so fiel ein großer Theil der Schuld auf den Freiherrn, das heißt auch auf den General. Und dann konnte man bei dieser Gelegenheit so zu sagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Es war politisch nothwendig, den Einfluß des Prinzen auf die öffentlichen Angelegenheiten möglichst zu paralysiren, aber ihm privatim einmal eine Gefälligkeit zu leisten, verbot die Klugheit nicht. Und man durfte das umsomehr wagen, da der Mantel der Liberalität, in welchen sich der Prinz in letzter Zeit zu hüllen gesucht hatte, durch die Briefaffaire so fadenscheinig geworden war. Er wünschte den Mann, der aller Wahrscheinlichkeit nach der moralische Urheber des Diebstahls gewesen war, bestraft zu sehen; nun wohl, so werde er bestraft. Der Minister dachte weiter darüber nach, welchen Grund wohl der Unterhändler des Prinzen, der junge Tuchheim, gehabt haben mochte, die Sache mit einem so großen Eifer zu betreiben. Aus bloßem Eifer für seinen hohen Freund, oder aus persönlichem Interesse? Die Motive waren jedenfalls nicht ganz klar; aber gleichviel! So viel stand fest: der gestörte Frieden in der Familie Tuchheim würde durch die Parteinahme des Sohnes gegen den Rathgeber seines Vaters ganz gewiß nicht wieder hergestellt werden. Herr von Hey lächelte. Und dann hatte der junge Tuchheim gewisse Andeutungen in Betreff eines möglicherweise schnelleren Avancements des Bruders fallen lassen, der noch immer erst Oberstlieutenant und leider von dem Prinzen, dem man das Präsidium im Militärcabinet hatte lassen müssen, abhängig war. Herr von Hey faßte nach der Schelle. Aber der Ministerialrath Urban hatte auf den Doctor Gutmann als einen Mann hingewiesen, der, wenn er sich erst die Hörner abgelaufen, ein ganz vortreffliches Werkzeug abgeben würde. Urban hatte einen scharfen Blick, pflegte fast immer den Nagel auf den Kopf zu treffen. Nun wohl, so helfen wir dem jungen Manne sich die Hörner ablaufen; ein paar Monate Untersuchungshaft sind herrlich dazu geeignet, einen Menschen mürbe zu machen. Herr von Hey klingelte und ließ seinen Secretär kommen. Auf wann ist die Arbeiterversammlung angesagt? Auf Sonnabend Abend, Excellenz, ein halb acht Uhr, in der Musenhalle. Noch vier Tage. Morgen ist das Souper bei dem Polizeipräsidenten. Da kann ich die Sache bequem mit ihm besprechen. Es ist gut, Mühlbach! Dreiundsechzigstes Capitel. Leo hatte mit dem Eindrucke, daß der engherzige Bureaukrat nichts für ihn und die Sache, die ihm so sehr am Herzen lag, thun würde, das Hotel des Ministers verlassen. Er war auf diesen Mißerfolg vorbereitet gewesen, dennoch kochte es in ihm, wie er sich jetzt, während er an dem Rande des Parkes nach der Sommerwohnung des Generals von Tuchheim fuhr, sagen mußte, daß er abgewiesen sei, wie ein unverschämter Bittsteller – er, der Anwalt der Armen, der Anwalt der Zukunft; abgewiesen von einem dumm-pfiffigen Bureaukraten, in dessen enge Seele nie ein Strahl der Menschenliebe, nie ein Schimmer der Erkenntniß von dem, was da war und sein würde, gefallen war. Und doch steht dieser Zwerg wie ein Riese zwischen mir und meinem Ziele, wie zum Hohn für Walter's Theorie von der Ohnmacht der Einzelnen und her Allmacht der Masse! Der Wagen hielt vor der Wohnung des Generals, die ein kleiner Garten von der Parkstraße trennte, auf welcher zu dieser Stunde prächtige Equipagen unaufhörlich rollten, elegante Reiter vorübersprengten und die Schaaren der Promenirenden hin und wieder zogen. Leo hatte sich schon am Tage vorher schriftlich bei dem General angemeldet und wurde sogleich vorgelassen. Die Anmuth der Haltung, welche den General, wie alle Mitglieder seiner Familie, auszeichnete, stach sehr vortheilhaft gegen die plumpen Manieren ab, in denen sich Herr von Hey bewegte. Leo fühlte sich durch den verbindlichen Empfang angenehm berührt; er faßte wieder einige Hoffnung, er werde hier Verständniß für seine Ideen finden, und er trug mit Beredsamkeit seine Wünsche, seine Pläne vor. – Aber gar bald mußte er bemerken, daß der General mit ganz anderen Gedanken beschäftigt war. Ich fürchte, ich mache meine Meinung Excellenz weniger deutlich, als es mir wünschenswerth ist, sagte Leo. Doch, doch, mein junger Freund, erwiederte der General, ich bin Ihren so klaren, so überzeugenden Auseinandersetzungen mit der größten Aufmerksamkeit gefolgt; aber ich gestehe allerdings, daß mir eine Episode dieses Dramas noch ganz besonders nahe geht. Sie sagten, daß die Erklärung meines Bruders mehr als alles Andere die Leute bewogen habe, diesen Schritt zu thun. Ich ahnte vom ersten Augenblicke und erkenne es jetzt immer deutlicher, daß jener Schritt ein sehr verhängnißvoller war. Sie sehen, werther Herr Doctor, daß das Gerücht, welches Sie zum intellectuellen Urheber jener unglückseligen Erklärung macht, auch zu mir gedrungen ist – auf privatem Wege, wie ich hinzuzufügen wohl verpflichtet bin – durch meine Tochter, der es– ich weiß nicht, ob von meiner Schwester oder von meiner Nichte – im Hause meines Bruders mitgetheilt wurde. Ich frage nicht, ob diese Nachricht begründet ist, denn ich wünsche nicht, Sie zu einer Antwort zu drängen, der auszuweichen Sie vielleicht durch andere Rücksichten genöthigt sind. Verzeihen Sie, Excellenz, unterbrach Leo den General, ich kann weder, noch will ich es leugnen, daß ich es bin, der den Freiherrn zu jener Erklärung bestimmt hat. Aber was, um Gottes willen, bewog Sie dazu? rief der General in schmerzlicher Erregung. Die Rücksicht auf das Gemeinwohl, Excellenz. Der Sie die Ruhe einer Familie zum Opfer brachten Verstatten Excellenz, daß ich eine Verantwortung ablehne, die offenbar eine Beleidigung der intellectuellen Fähigkeiten Ihres Herrn Bruders in sich schließt. Ich sage nicht, daß Sie Unrecht haben, erwiederte der General; ich muß annehmen, daß Sie weder die etwas schwankenden Verhältnisse, noch das nur zu leicht bestimmbare Wesen meines Bruders hinlänglich kannten. Wenn Sie gewußt hätten, was eintreten würde und nun zum Theil eingetreten ist: der offene Bruch zwischen meinem Bruder und Herrn von Sonnenstein – ein beide Theile compromittirender Proceß, trotz Allem, was ich in diesen Tagen auf dem Wege der Vermittelung versucht habe – der sehr wahrscheinlich folgende Ruin meines Bruders, des Chefs einer der ältesten Familien des Königreichs – Der General bedeckte sich die Augen mit der Hand; um Leo's Lippen zuckte ein tiefer Unmuth. Verzeihen Excellenz, sagte er, wenn Jemand, der, wie ich, niemals so recht eigentlich dem Banne einer Familie angehörte, für Familienglück und Unglück nicht die lebhaften Sympathien anderer in dieser Hinsicht mehr vom Schicksal begünstigter Menschen besitzt. Mein Blick war von Jugend auf unverwandt auf die öffentlichen Interessen gerichtet; die alte Gewohnheit ist so mächtig, daß ich auch in diesem Augenblicke nicht davon lassen kann und mir erlauben muß, Euer Excellenz daran zu erinnern, daß ich in der so überaus wichtigen Angelegenheit, um derentwillen Sie mir eine Audienz zu bewilligen die Güte hatten, noch immer des Bescheides harre. Der General bewegte die weiße, sorgsam gepflegte Hand nach dem Mund und affectirte einen leichten Hustenanfall, aber bevor er noch zur Antwort kommen konnte, trat der Kammerdiener herein, der ihm einen Brief überreichte und ihm dabei einige Worte in's Ohr flüsterte. Leo sah, wie der General sich entfärbte, während er, nachdem er sich flüchtig entschuldigt, den Brief durchflog. Er gab dem harrenden Kammerdiener einen Auftrag und sagte dann zu Leo gewendet: Sie müssen mich für einen Augenblick entschuldigen, Herr Doctor; ich bin in der Lage, Jemanden in einer dringenden Angelegenheit empfangen zu müssen. Da aber auch Ihre Angelegenheit schleunige Erledigung heischt, möchte ich Sie ersuchen, so lange bei meiner Tochter einzutreten. Der General sagte das mit einer gewissen Unsicherheit und Verlegenheit. Auch ließ er Leo keine Zeit zu antworten, sondern schlug hastig die Portiere zurück, öffnete die Thür und sagte, Leo vorstellend: Herr Doctor Gutmann, liebe Josephe, von dem Du mir schon öfter gesprochen hast. Es wird Dir eine Freude sein, ihn einige Minuten unterhalten zu dürfen, während ich einen Besuch, den ich leider annehmen muß, abfertige. Damit schloß er die Thür und Leo hörte, wie nebenan die Portiere wieder zugezogen wurde. Josephe von Tuchheim hatte in einer tiefen Fensternische des großen, mit vielem Geschmack ausgestatteten Gemaches gesessen. Sie erhob sich auf die Anrede des Vaters und lud Leo, indem sie sich verneigte, mit einer Handbewegung ein, auf einem Sessel in ihrer Nähe Platz zu nehmen. Leo war erstaunt über das ihm unerklärliche Benehmen des Generals, ja er fühlte sich verletzt in dem Gedanken, zu einer Unterredung, der er wohl sonst entschieden ausgewichen wäre, so gleichsam gezwungen zu sein. Dennoch konnte er nicht umhin, zum andern Male die Schönheit der Dame, der er jetzt gegenüber saß, zu bewundern. Er hatte sie seit jenem Abend bei Emma von Sonnenstein nicht wieder gesehen; aber er fand, daß er keine Einzelheit des Bildes vergessen hatte, nicht die schöne Form des Kopfes, den Glanz der dunklen Haare, die fast antike Harmonie der großen Züge, die Blässe des Gesichtes, welche seltsam mit dem Lichte der tiefbraunen, von langen Wimpern überschatteten Augen contrastirte. Und was ihm an jenem Abend entgangen war, wo Josephe ihre Gestalt in eine weite Spitzenmantille gehüllt hatte: der hohe, schlanke Wuchs entsprach dem edlen Gesicht; ja, die Contouren von Schultern und Büste, die ein enganliegendes, dunkles Gewand heute Morgen scharf und doch zart hervortreten ließ, waren von seltenster Vollkommenheit. Leo's Augen weideten sich an so viel Schönheit, die ihn um so sonderbarer bewegte, je weniger dieser Eindruck mit den Gedanken zu schaffen hatte, die seine Seele erfüllten; aber es war nur für einen Moment, dann empfand er diese ganze Scene nur als eine ungeschickte und unschickliche Unterbrechung seines Besuches beim General, und er betonte es, daß es durchaus nicht in seiner Absicht gelegen habe, die Muße des Fräuleins zu stören. Man hat in letzter Zeit so viel von Ihnen sprechen hören, daß ich mich glücklich schätzen muß, eine Ungerechtigkeit, die ich mir gegen Sie habe zu Schulden kommen lassen, wieder gut zu machen, erwiederte Josephe mit einer Neigung des Hauptes. Von welcher Ungerechtigkeit reden Sie? Von der, Sie nicht hinreichend beachtet zu haben, als ich das erstemal das Vergnügen hatte, Sie zu sehen. Wer, wie Sie vermuthlich, sich sehr viel in der Gesellschaft bewegt, hat das Recht, vorsichtig zu sein. Das Recht – und auch die Pflicht. Auch die Pflicht. Ein Satz, den meine gute Cousine Amélie schwerlich unterschreiben würde. Josephe sagte es in einem Tone leichten Hohnes und fuhr dann nach einer kleinen Pause in derselben Weise fort: Die arme Amélie – Sie kennen sie ja von früher her und haben sie ja auch wohl in letzter Zeit öfters gesehen – sie weiß nichts von Vorsicht, das gute Kind. Dieser Zweig unserer Familie hat uns von jeher viel Sorge gemacht und scheint es ja in jüngster Zeit ordentlich darauf anzulegen, unsern Namen in die Oeffentlichkeit zu bringen. In der That! sagte Leo, aber er hatte kaum verstanden, was das Fräulein sprach, denn sein leises Ohr hatte von nebenan eine Stimme gehört, die ihm sehr bekannt vorkam und nicht angenehme Erinnerungen in ihm wachrief. Vielleicht wurde die laute Stimme schnell beschwichtigt, denn man hörte sie jetzt nicht mehr, und das Fräulein fuhr fort: Sie kennen ja die Familie meines Onkels so lange; war denn meine Cousine von jeher dieses schwärmerische, romantische Wesen, das immer nur in seinen Empfindungen lebt und von dem wirklichen Leben kaum eine Ahnung zu haben scheint? Und was mich sehr interessirt und worüber Sie mir gewiß Auskunft zu geben im Stande sind: meine Cousine, Emma von Sonnenstein, hat schon wiederholt auf ein zartes Verhältniß angespielt, das zwischen Amélie und einem jungen Gelehrten, den man mir als Ihren Vetter bezeichnete, existiren soll. Ist denn etwas daran? Ich weiß es in der That nicht, erwiederte Leo zerstreut. Josephe zog die schöngeschweiften Augenbrauen in die Höhe. Sie hatte auf eine bequeme Weise ihre Neugier nach den Verhältnissen der Familie ihres Onkels in der Form einer gnädigen Unterhaltung mit diesem Doctor befriedigen wollen; sie fand es unerhört, daß der Mann sich nicht einmal die Mühe gab, auf diese Unterhaltung einzugehen. Leo merkte nichts von dem Verstoß, den er begangen hatte. Er war in keiner Weise zu einer medisanten Conversation aufgelegt, und überdies hatte er wiederum, und diesmal noch deutlicher als zuerst, die laute Stimme von nebenan vernommen. Es war ihm nicht länger zweifelhaft, wer der Besuch war, dem er so eilig hatte Platz machen müssen. Welches Recht hatte der Mann, dem General sein Anliegen in dieser Weise vorzutragen? Und welcher Art war dieses Anliegen? Leo's Stirn zog sich in düstere Falten; das Fräulein blicke, halb von ihm abgewendet, durch die Spiegelscheiben auf die sonnige Parkstraße und schien seine Anwesenheit vergessen zu haben. Die Thür zu des Generals Zimmer wurde geöffnet, und der General erschien auf der Schwelle. Entschuldige, liebe Josephe, daß ich Dich des Vergnügens der Unterredung mit dem Herrn Doctor so bald berauben muß. Darf ich bitten? Leo stand auf, verbeugte sich vor dem Fräulein, das ihm mit einem kaum merklichen Nicken dankte, und folgte dem General in sein Cabinet. Der General deutete nach einem Sessel, nahm selbst aber nicht Platz, sondern ging mit sichtbarer Unruhe auf und ab. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen eine Frage vorlege, die um so indiscreter klingt, als sie mit der Angelegenheit, die Sie zu mir führt, nicht direct zu thun hat. – Sie kennen die Familie des Castellan Lippert? Ja, Excellenz. Ich bin Ihnen, ehe ich weiter gehe, eine Erklärung schuldig. Die Familie hat mich von je interessirt, und stand und steht so zu sagen unter meinem Schutz. Die Frau, die kürzlich gestorben ist – Sie haben sie in ihrer letzten Krankheit behandelt, höre ich – war – ich spreche mit einem Mann von Ehre und darf offen sein – die Geliebte eines sehr, sehr lieben Freundes, des verstorbenen Ministers von Falkenstein. Der Sohn war der Protégé des Ministers; ich habe Grund, zu vermuthen, daß er zu dem Verstorbenen in einem noch näheren Verhältnisse stand. Auf jeden Fall war er mir ein theures Vermächtnis des Jugendfreundes; ich habe die Erziehung des Knaben überwacht, habe ihm zu der verantwortlichen Stellung verholfen, die er bis gestern bekleidete. Bis gestern! Lassen Sie mich kurz sein. Soeben war der junge Mann mit allen Zeichen der schrecklichsten Aufregung bei mir. Er theilte mir mit, daß er seit gestern aus dem Dienst Seiner Hoheit entlassen sei; noch mehr, er theilte mir den Grund mit, der diese Entlassung herbeigeführt hat; er gestand, daß er den Brief, dessen Mittheilung kürzlich so ungeheures Aufsehen machte, unterschlagen habe, daß aber – ich nehme Anstand, es auszusprechen – daß Sie, Sie mein Herr, die moralische Schuld an diesem entsetzlichen Vergehen tragen. Mißverstehen Sie mich nicht, ich sage nicht, daß dem so ist, im Gegentheil, ich harre Ihrer Erklärung, daß der Unglückliche – verführt durch ich weiß nicht welchen Schein, der gegen Sie sprechen mag – Sie fälschlich beschuldigt. Der General blickte aus seinen dunklen Augen, die in diesen letzten Minuten tiefer in ihre Höhlen zurückgesunken waren, Leo forschend in das Gesicht. Leo erwiederte fest den spähenden Blick des Generals und sagte ruhig: Auch ich habe die Ueberzeugung, mit einem Manne von Ehre zu sprechen, und so antworte ich denn: der Doctor Lippert hat Excellenz nur die Wahrheit gesagt; ich habe ihn veranlaßt, mir den bewußten Brief auszuliefern, von dem ich dann den Ihnen bekannten Gebrauch gemacht habe. Aber, um Himmels willen, wie konnten Sie das wagen! rief der General in dem Tone des höchsten und zugleich schmerzlichsten Erstaunens. Ich glaubte, meiner Partei dies Opfer schuldig zu sein, erwiederte Leo; überdies war das Wagniß für mich minder groß, als es scheint. Ich war und bin überzeugt, daß der Prinz niemals daran denken kann, den oder die Thäter öffentlich zu verfolgen, weil er dadurch und damit eingestehen würde, daß der Brief echt ist. Aber Sie hören ja, daß der Doctor Lippert auf diesen Grund hin seines Dienstes entlassen ist. Ob auf diesen Grund hin, Excellenz, muß ich bezweifeln. Man wird sich irgend eines andern Vorwandes bedient haben. Und auch so ist diese Entlassung eines Mannes, auf den sich selbstredend der Verdacht concentrirt, eine Unvorsichtigkeit, die ich den Rathgebern Sr. Hoheit nicht zugetraut hätte, und die man, glaube ich, betreffenden höchsten Ortes sehr bald bereuen wird. Der General stand ganz erstarrt. Er hatte in seinem Leben so manche Intrigue eingefädelt und durchgeführt; aber seine Nerven, die nie die stärksten gewesen waren, hatten immer sehr dabei gelitten. Die kühne Sicherheit, mit welcher dieser junge, nur auf seine Kraft gestellte Mann seine gefährliche Position behauptete, imponirte ihm durchaus. Jedenfalls, fuhr Leo, da der General nichts erwiederte, fort, hätte ich geglaubt, mich um die Partei am Hofe, zu welcher man im Publikum auch Excellenz rechnet, durch die Veröffentlichung dieses Briefes gewissermaßen verdient gemacht zu haben. Wie meinen Sie das? fragte der General. Excellenz würden mich hinterher belächeln, wenn ich naiv genug wäre, diese Frage alles Ernstes beantworten zu wollen, erwiederte Leo. Der General wußte am besten, wie richtig dies war. Hatte er doch Ferdinand nur zu dem Posten verholfen, um einen Mann, dessen Ergebenheit er mit so schweren Opfern erkaufte, in der unmittelbaren Nähe des Prinzen zu haben! Hätte er doch mit Vergnügen jeden Brief, der dem Prinzen in der öffentlichen Meinung schaden konnte, drucken lassen, wenn er den Muth dazu gehabt hätte! Vor Allem deshalb traf ihn die Entfernung Ferdinand s von seiner Stelle als ein harter Schlag. Und nun auch der Plan, Eve zur Maitresse des Prinzen zu machen, ein Plan, den er so fein ersonnen, so warm unterstützt, über dessen Gelingen er schon so triumphirt hatte, nun doch gescheitert – er hatte aus Ferdinands Bericht nicht recht abnehmen können, weshalb – das Alles war so plötzlich über ihn gekommen – der alte Höfling fühlte sich verwirrt, betäubt; er glaubte sich einer Ohnmacht nahe. Verzeihen Sie, wenn ich Sie bitten muß, die Unterredung jetzt abbrechen zu dürfen, sagte er mit blassen Lippen; ich bin schon den ganzen Vormittag unwohl gewesen, und mein Kopfschmerz nimmt überhand. Ich werde mich freuen, Sie in nächster Zeit wieder bei mir zu sehen. Ueberdies habe ich so den Vortheil, mir die wichtigen Mittheilungen, die Sie mir gemacht haben, bis dahin reiflicher überlegen zu können. Leo erhob sich. Ich wäre gern mit einem bestimmten Bescheide von Ihnen gegangen, Excellenz, sagte er; auf Sonnabend Abend ist eine Arbeiterversammlung anberaumt. Wenn bis dahin nichts Entscheidendes in unserer Sache geschehen ist, dürfte es allerwegen zu spät sein. Sie drängen mich sehr, sagte der General. Leo zuckte die Achseln. In drei Tagen läßt sich viel thun, Excellenz – wenn man will. Nun, nun, ich werde sehen, werde sehen, murmelte der General. – Leo verbeugte sich und ging. Die Sonne schien ihm hell in's Gesicht, als er auf dem braunen Kieswege zwischen den glattgeschorenen Rasenbeeten nach der Ausgangsthür schritt. Der Himmel blaute in unendlicher Tiefe; in den frischbelaubten Büschen und Hecken jubilirten die Vögel; auf der Parkstraße fuhren noch immer die glänzenden Carossen, sprengten noch immer auf schönen Rossen elegante Reiter; auf dem Fußwege, der neben der Fahr- und Reitstraße hinlief, promenirten noch immer die Schaaren der Damen und Herren – aber Leo sah von dem Allen nichts; er durchschnitt den bunten Strom, um die Einsamkeit des Parkes zu suchen. Ohne sich aufzuhalten, eilte er weiter und weiter, immer tiefer in das grüne Revier. Aber auch jetzt, als das Rollen der Wagen nur noch eben sein Ohr berührte, als er sich allein fand unter den ehrwürdigen Bäumen, kam die Ruhe, die er instinctmäßig mehr als absichtlich suchte, nicht über ihn. Seine Seele war voll Zorn, denn er mußte sich sagen, daß auch durch den General schwerlich seine Sache gefördert werden würde. Ueber die bedenklichen, kleinsinnigen Menschen, daß nicht Einer die Situation begreift! Nicht Einer! Elende Rücksichtnahme auf die Stellung hier, auf die lieben Verwandten dort! Und mit solchen Menschen soll man Geschichte machen! Leo warf sich auf eine Bank, die im Schatten einer breitastigen Buche nicht weit vom Rande eines Teiches stand, dessen baum- und buschumgebene Fläche in den Sonnenstrahlen glitzerte. Den Kopf in die Hand gestützt, versuchte er, sich die Unterredungen mit den beiden Staatsmännern noch einmal zu wiederholen, ob nicht doch etwa ein Wort gefallen sei, an das sich eine Hoffnung knüpfen ließe; aber je energischer er seine Erinnerung auf das eben Geschehene zu concentriren strebte, desto willkürlicher schien sie in das längst Vergangene schweifen zu wollen. Das Bild des Generals verwandelte sich immerfort in das seines verstorbenen Vaters, wie er an jenem Morgen, als er zum Landrath in die Stadt wollte, sich über den halb Schlummernden gebeugt hatte. Es mußte irgendwo eine Aehnlichkeit stattfinden – in den dunklen Augen vielleicht, die tief in den großen Höhlen lagen, oder in dem unruhigen Zucken der hageren, bleichen Züge. Es war ein verhängnißvoller Morgen gewesen. Als er sein Kämmerchen verließ, hatte er nicht gedacht, daß er die Schwelle desselben niemals wieder überschreiten würde. Dann war er in dem morgenfrischen Walde umhergeirrt, in grenzenloser Trauer, bis er an den Wasserfällen, von Hunger und Müdigkeit überwältigt, zusammenbrach. Weshalb war es nicht für immer gewesen? Weshalb mußte er erwachen, jenes lieblichste aller Bilder zu schauen – das reizende, badende Mädchen – eine trügerische Spiegelung gleichsam, mit der uns ein schadenfrohes Schicksal weiter und weiter in die Wüste des Lebens narrt. Nein! Noch ist die Hoffnung nicht verloren; und wäre sie es, so gilt es, weiter zu leben, weiter zu streben ohne Hoffnung; so gilt es, größer zu sein, als das Schicksal, das uns zermalmen, aber nicht erniedrigen kann! Ein Rascheln in dem vorjährigen Laube dicht hinter ihm ließ Leo sich aus seiner gebückten Stellung aufrichten; im nächsten Moment stand Ferdinand vor ihm. Ein Blick sagte Leo, daß dies Zusammentreffen kein zufälliges, daß der Mann ihm vorsätzlich bis hierher gefolgt war. Ferdinand's schönes Gesicht war bleich, nur auf seinen Wangen brannten rothe Flecken, die dunklen Augen sprühten Zorn und Haß, die ganze Gestalt bebte, die Lippen zuckten, als er in heiseren, kaum hörbaren Tönen sagte: Ich wünschte mit Ihnen zu sprechen, mein Herr. Sie haben den Ort gut gewählt, es stört uns hier Niemand, erwiederte Leo. Leo hatte sich erhoben und stand nun – ruhig, wie bei einer zufälligen, harmlosen Begegnung – vor seinem leidenschaftlichen Gegner. Was haben Sie mir zu sagen? fuhr er fort, als Ferdinand ihn noch immer, ohne weiter zu sprechen, anstierte. Was ich zu sagen, Ihnen zu sagen habe, murmelte Ferdinand durch die Zähne, das fragen Sie mich? Lassen Sie die Phrasen und kommen Sie zur Sache, sagte Leo; ich habe keine Lust, am hellen Tage Blindekuh zu spielen. Sie haben keine Lust? In der That? rief Ferdinand mit wildem Hohn; ich glaube es gern. Und ich sage Ihnen, daß ich ebensowenig Lust habe, weiter mit mir spielen zu lassen. Lächeln Sie nicht so verächtlich! Sie haben kein Recht, mich zu verachten! Sie haben an mir gehandelt, wie Sie nicht durften! Ich spreche nicht von dem Brief, obgleich Sie mir auch den nur wie ein geschickter Taschenspieler escamotirt haben. Ihnen war an dem Briefe sehr viel gelegen und an mir sehr wenig; und dann konnten Sie sich zur Noth damit entschuldigen: er ist alt genug, um wissen zu können, was er thut. Aber in einer anderen Angelegenheit haben Sie mich ganz einfach verrathen, und dafür sollen Sie mir Rechenschaft geben. Wenn ich diesen Wunsch erfüllen soll, erwiederte Leo, muß ich zuvor bitten, Sie wollen sich in Ausdruck und Haltung einer größeren Ruhe befleißigen. Die Aufregung, in der Sie sich augenscheinlich befinden, beeinträchtigt die Klarheit der Auseinandersetzung und dürfte schließlich eine Verständigung unmöglich machen. Ich werde sehr ruhig sein, sagte Ferdinand, indem er sich gewaltsam zusammennahm; ganz ruhig, Sie sollen keinen Vorwand haben, mir auszuweichen. Ganz ruhig und höflich frage ich Sie also: Warum haben Sie mir nie gesagt, daß Sie, als Sie noch in Tuchheim lebten, als Schüler schon ein intimes Verhältniß mit Eve hatten? Weil ich damit eine grobe Unwahrheit gesagt haben würde. Sie stellen es in Abrede? Auch dann, wenn ich es aus – aus Eve's eigenem Munde weiß? Auch dann. Gut. Sie kommen also hierher, kannten Eve – denn gekannt haben Sie sie doch wohl? – nur ganz oberflächlich. Nichtsdestoweniger betreten Sie nicht den einzigen, ich meine den einzig schicklichen Weg, sich in die Familie einzuführen, indem Sie dort einfach einen Besuch machten; Sie melden sich als ein Fremder, der die Galerie sehen will, und verweilen mit Eve wohl über eine Stunde in den Sälen – ich bitte um eine Erklärung. Die sehr einfach ist. Es lag mir in jener Zeit viel mehr an der Bekanntschaft mit Ihnen, als an der mit Ihrer Familie; die letztere – Eve eingerechnet – war mir nur so weit interessant, als sie zur Befestigung der eben mit Ihnen angeknüpften Bekanntschaft beitragen konnte. Ich würde mich gar nicht zu erkennen gegeben haben, wenn ich nicht alsbald gesehen hätte, daß ein Ende des Fadens, dem ich nachging, in Eve's Hand war. Die Folge hat bewiesen, wie sehr ich Recht hatte. Gut. Sie sollen Recht haben. Und nun weiter! Ich machte Sie zum Vertrauten meiner Leidenschaft für Eve. Sie ließen mich selbst nicht einmal ahnen, daß Sie, Sie selbst sich um die Liebe des Mädchens bewarben, daß Ihre Bewerbung nur zu erfolgreich war, daß Sie geliebt wurden mit verzehrender Leidenschaft, daß Sie wieder liebten, oder sich wenigstens den Schein der Gegenliebe gaben, bis die Unglückliche Ihnen nichts mehr zu gewähren hatte; und weil das gerade in den Moment fiel, wo auch das Spiel, das Sie mit ihr spielten, zu Ende ging, zeigten Sie endlich Ihr wahres Gesicht, stießen die Aermste, die auf Sie gehofft, die Ihren Schwüren getraut hatte, von sich und trieben sie so der Verzweiflung und dem Prinzen in die Arme. Leugnen Sie das Alles? Auch dann, wenn ich es aus Eve's Munde habe? Auch dann! So sind Sie – Behalten Sie, was Sie sonst zwischen den Zähnen haben, für sich: es trifft mich nicht. Aber unsere Unterredung ist hiemit zu Ende. Ich würde jedes Wort, das ich noch spräche, für verloren erachten, da Sie nicht Willens, vielleicht nicht einmal im Stande sind, das Gewebe von ganzen und halben Lügen, das Ihnen Eve so geschickt über den Kopf gezogen hat, zu zerreißen. Und Leo wendete sich, um zu gehen. Sie kommen nicht von der Stelle, murmelte Ferdinand, indem er Leo am Arm packte. Leo machte sich mit einer raschen Bewegung los, trat einen Schritt zurück und sagte, indem er Ferdinand, der seinen Blick vergeblich zu erwiedern suchte, fest auf Stirn und Augen sah: Ich rathe Ihnen zum Guten, Herr Ferdinand Lippert! Ich dächte, Sie kennen mich hinreichend! Was wollen Sie? Sich etwa mit mir schießen? Ich habe ganz andere Dinge zu thun, als daß ich mich von Ihnen oder Ihresgleichen todtschießen lassen könnte. Sehen Sie, Mann, Sie sind nicht nur ein Thor, sondern auch ein Feigling. Was hindert Sie, mir jetzt auf der Stelle die Kehle zuzuschnüren, oder mich hier im Teich zu ertränken? Die Stelle ist einsam genug, um Hilfe werde ich nicht schreien, und Sie sind offenbar, nach Ihrem Körperbau und Ihrer Muskulatur zu schließen, stärker als ich. Aber Sie sehen, meine Hand ist ruhig, und Sie, Sie zittern vom Kopf bis zu den Füßen; ich würde Sie, so gewiß, als die Sonne scheint, zu Boden schlagen, wenn Sie mir jetzt oder später einmal in den Weg zu treten wagen. Und nun gehen Sie hin und hetzen Sie Ihre vornehmen Patrone, oder die jungen Wüstlinge, mit denen Sie Ihre Orgien feiern, gegen mich, oder thun Sie, was Sie wollen – ich habe mit Ihnen nichts weiter zu schaffen. Aus dem Wege, sage ich! Ferdinand wich zurück, wie ein Raubthier, das zum Sprunge Raum gewinnen will; aber er fand in dem bebenden Herzen nicht den Muth, zur Gewalt zu schreiten, und mußte sich begnügen, mit Blicken tödtlichen Hasses, wilde Drohungen zwischen den Zähnen murmelnd, Leo nachzustieren, der jetzt, ohne seine Schritte zu beschleunigen, den Weg einschlug, welcher aus den Büschen hinaus nach der belebten Straße am Rande des Parkes führte. Vierundsechzigstes Capitel. Als Leo nach Hause kam, empfing ihn der Diener mit einiger Bestürzung in den Mienen; es warteten schon seit mehreren Stunden zwei Herren, die erklärt hatten, nicht gehen zu wollen, als bis der Herr Doctor nach Hause gekommen; er wisse nicht, was das zu bedeuten habe. In dem Vorzimmer fand Leo den Einen am Fenster stehend, den Anderen am Tische sitzend und mit den Fingern auf der Platte trommelnd. Sie erhoben sich bei seinem Eintreten. Der Erstere, ein junger, elegant gekleideter Mann mit sehr dunklem Haar und dem ersten Anflug eines Bartes, näherte sich ihm in schlotteriger, vornehm sein sollender Haltung und sagte mit näselnd-matter Stimme: M. Markus von der Firma A. von Sonnenstein; ich habe Ihnen diesen Wechsel zu präsentiren, Herr Doctor. Unterdessen war auch der andere Herr, ein untersetzter Mann in mittleren Jahren, mit einem Paar verschmitzter Augen unter einer breiten, niedrigen Stirn, herangetreten und hatte Leo einen Brief überreicht. Von dem Bureau des Herrn Rechtsanwalts Hellfeld. Bitte um Antwort. Leo erbrach das Schreiben des Rechtsanwalts. Es enthielt nur wenige Zeilen: »Werther Herr und Freund! Ich habe nun doch Ihr Papier aus meinem Portefeuille geben müssen, hoffe, daß Ihnen keine Ungelegenheit daraus erwächst. Außerdem hat Ueberbringer dieses eine Vollmacht von Seiten des Marquis de Sade, von der Sie mich gütigst wissen lassen wollen, ob Sie dieselbe als vollgültig anerkennen.« Das Papier, welches der Mann jetzt aus einer umfangreichen Brieftasche nahm, war ein schmaler Streifen, auf welchem in französischer Sprache die Worte standen: »Ich ersuche und autorisire den Herrn Baron Henri von Tuchheim, meine dem Herrn Doctor Leo Gutmann überlassene Wohnung für mich zu reclamiren. Alphons de Sade.« Die Wohnung wird morgen früh zu Ihrer Disposition stehen, sagte Leo zu dem Untersetzten, und dann zu dem jungen Commis sich wendend: Wollen Sie mir gütigst in mein Arbeitszimmer folgen. Eine Minute später verschloß Leo die Thür hinter dem Commis, der sich mit einer nachlässigen Verbeugung, das empfangene Geld in eine Maroquin-Brieftasche schließend, entfernt hatte. Die Schlinge hielt noch nicht, murmelte Leo, und doch war sie geschickt genug geknüpft. Es war gleich im Anfange seines intimen Verkehrs mit dem Freiherrn gewesen, daß Leo auch zu dem Anwalt desselben, Herrn Hellfeld, in nähere Beziehung trat. Herrn Hellfeld's politische Tendenzen waren so radical, daß er ein- für allemal nichts mit der liberalen Partei zu thun haben wollte. Seine Praxis war nicht eben ausgedehnt, dennoch machte er einen Aufwand, welcher auf ein sehr bedeutendes Vermögen schließen ließ. Seine kleinen Diners und Soupers – Herr Hellfeld war Junggeselle – erfreuten sich eines großen Rufes; auch rühmte man die spirituelle Unterhaltung, welche bei solchen Gelegenheiten an der Runde seiner Tafel gepflogen wurde. Leo war er mit ganz besonderer Freundlichkeit entgegengekommen; ja er hatte den jungen Mann, der in der Schätzung der Gesellschaft so rasch eine Staffel nach der anderen erstieg, mit Freundschaftsbezeugungen überschüttet. Er hatte ihm seine Bibliothek, seine Equipage zur Verfügung gestellt; er hatte ihm wiederholt Geld angeboten. Leo hatte endlich, da die Bahn, die er sich vorgezeichnet, ohne größere Mittel, als über die er verfügen konnte, nicht zurückzulegen war, von diesem Anerbieten Gebrauch gemacht, aber er war weder verwundert noch beleidigt gewesen, als der großmüthige Freund – um Lebens und Sterbens willen, wie er sagte – sich für sein Geld einen Wechsel ausbat. Wußte er doch längst, mit wem er zu thun hatte, und wollte er doch lieber einem Wucherer in die Hände fallen, als Walter oder Paulus verpflichtet sein, die sein Treiben mißbilligten, oder dem Freiherrn, der selbst in Verlegenheit war! So hatte er sich denn auch durch Hellfeld's Versicherung, er betrachtete das einem Freunde geliehene Geld als ein unkündbares Capital, nicht täuschen lassen, und für den Nothfall die für seine Verhältnisse bedeutende Summe, mit welcher sich der schlotterige Jüngling aus dem Comptoir von A. von Sonnenstein entfernt hatte, zurückgelegt. Es war freilich, bis auf einen winzigen Rest, alles Geld, über das er in diesem Augenblicke verfügen konnte, und er wußte nicht, wie er sich weiter helfen würde. Aber er hatte sich in seinem vielbewegten, abenteuerreichen Leben oft in ähnlichen und schlimmeren Lagen, als diese war, befunden und sich noch immer weiter geholfen. Das also war es nicht, was ihn stutzig machte. Wohl aber die Ueberzeugung, die er jetzt gewonnen, daß seine Feinde den Handschuh aufgenommen, und daß er zu einem harten Kampfe auf Tod und Leben bereit sein müsse. Hellfeld hatte den Wechsel an Sonnenstein verkauft, und der Marquis hatte Henri von Tuchheim zu seinem Bevollmächtigten gemacht, das hieß: Henri war die Seele des Complots. Und war es nicht mehr als wahrscheinlich, daß Henri auch Even und Ferdinand gegen ihn aufgehetzt hatte? Ja, konnte ihm Henri nicht bei dem Minister von Hey und bei dem General von Tuchheim zuvorgekommen sein? Leo sprang auf und ging in heftiger Bewegung hin und her. Er dachte der Scene im Schulzimmer von Tuchheim, als Tusky den Buben, der ihn beleidigt hatte, in den starken Armen emporhielt und am Boden zerschmettern wollte; er dachte der Worte, die Tusky hernach an den Wasserfällen sprach: Hätte ich ihn getödtet – was wäre mein Verbrechen gewesen? Ich hätte eine junge Natter zertreten, die sich von Eitelkeit und Selbstsucht nährt, und nur darum groß wird, um ihre Giftzähne in das gesunde Leben zu schlagen. Eitelkeit und Selbstsucht! Leo blickte in dem Zimmer umher. Es hatte sich so schön hier gewohnt; es hatte sich so behaglich gesessen in diesen Sammetdivans! das arbeitmüde Auge hatte sich so gern ausgeruht auf diesen herrlichen Gemälden, sich so tief erquickt an diesen reizenden Marmorbildern! Es war das Alles nur ein Mittel zum Zweck gewesen – wohl! Aber hatte er nicht – auf Momente wenigstens – den Zweck über dem Mittel vergessen? Durfte er das? er, dessen Blick unverwandt nur auf das eine hohe Ziel gerichtet sein mußte? Erkannte man nicht daran, daß sie nicht mit den Augen winkten, die Götter? Und war er denn wirklich nicht mehr als die anderen Menschen? Aber dieses Fragen und Klagen, dieses Hangen und Bangen – das ist ja auch nur wieder Winken mit den Augen! Dazu ist Zeit am Ende meiner Bahn, und wenn auch dann nicht – um so besser! Noch ist es Tag, noch leuchtet mir die Sonne, noch ist es Zeit, zu wirken und zu schaffen – Zeit zum Ruhen bringt allein das Grab! Fünfundsechzigstes Capitel. Von dieser Stunde an konnte Leo das hurtige Wühlen seiner Feinde auf jedem Schritte seiner Bahn bemerken. Wohin er auch ging – sie waren vor ihm schon dagewesen, oder doch ganz gewiß bald nach ihm an Ort und Stelle. Der Wirth des Hotels, in welchem er Wohnung genommen, kündigte ihm schon am nächsten Tage mit höflichem Bedauern, aber es sei ihm unmöglich, in seinem Hause einen Gast zu haben, der Arbeiter mit nägelbeschlagenen Stiefeln in seinem Zimmer empfange; auch wolle und könne er nicht verschweigen, daß mehrere seiner vornehmsten Gäste sich geradezu geweigert hätten, mit dem Herrn Doctor unter einem Dache zu wohnen und an Einem Tische zu speisen. Leo zog in einen anderen Gasthof, wo ihm dasselbe Lied gesungen wurde; endlich fand er in einem Hotel garni, dessen ehrsame Wirthin sich um die Welthändel nicht bekümmerte, wenigstens für den Augenblick ein Unterkommen. Und das war noch nicht Alles. Die liberalen Zeitungen brachten Berichte über die Arbeiterdeputation, in welchen seine Protectorrolle, wie man es nannte, auf das Entschiedenste verurtheilt, ja auf das Grausamste verhöhnt wurde. Endlich erzählte das Feuilleton eines reactionären Blattes, dessen Talent in der Verdächtigung des Privatcharakters öffentlicher Personen berüchtigt war, eine pikante Geschichte von einer Krähe, die es sich in dem Nest eines Edelfalken bequem gemacht habe und endlich, nachdem man ihr die gestohlenen Federn (bis auf einige, die nicht wieder hätten herbeigeschafft werden können) ausgerupft, auf Verwendung des großmüthigen Edelfalken diesmal noch ohne Strafe davongekommen sei. Leo hatte für diese Gemeinheiten nur ein verächtliches Lächeln, aber mit Zorn erfüllte es ihn, als der Minister von Hey ihn auf sein Gesuch, der Arbeiterdeputation eine Audienz bei dem Könige bewirken zu wollen, mit wenigen dürren Worten abschlägig beschied, und an demselben Tage ein Schreiben von dem General von Tuchheim eintraf, in welchem derselbe mittheilte, daß er sich leider noch immer unwohl befinde und daher zu seinem tiefsten Bedauern außer Stande sehe, dem jungen Freunde in seinem kühnen und edlen Projecte irgendwie förderlich zu sein. So kam der Tag, an welchem er die Arbeiterversammlung ausgeschrieben hatte, heran. Der Morgen fand ihn nach einer schlaflosen Nacht in fieberhafter Erregung. Er konnte sich nicht verhehlen, daß die ungeheure Arbeit dieser letzten Monate vergeblich gewesen war. Wo er auch den Hebel angesetzt hatte, die Last, die er fortwälzen wollte, war unbeweglich geblieben. Eine tiefe Traurigkeit wollte sich seiner bemächtigen; mit der äußersten Anstrengung gelang es ihm, sich empor zu raffen. Die letzte Scene des Dramas sollte ihn seiner selbst nicht unwürdig finden. Die letzte Scene, ja! Es war vorbei. Hier war seines Wirkens nicht mehr. Von der Versammlung heute Abend hoffte er nichts, wie er denn längst den Glauben aufgegeben, das arme, unwissende Volk könne aus sich heraus, durch eigene Kraft zu Wohlstand und Bildung gelangen. Er wollte nichts, als diese seine Ueberzeugung noch einmal öffentlich aussprechen. Was dann weiter kommen sollte – er wußte es nicht, er dachte auch nicht daran; vorläufig hatte er mit der Gegenwart abzuschließen. So bereitete er denn Alles zu einer schleunigen Abreise vor. Er ließ von Philipp, dem jungen Diener, der seinen ernsten, schweigsamen Herrn in seiner Weise liebgewonnen hatte und sich ernstlich über dessen Beschluß, die Stadt verlassen zu wollen, betrübte, seine Sachen und Bücher packen, während er selbst seine Papiere ordnete. Es war da nicht eben viel zu thun. Seit Jahren bald hier, bald dort lebend, jeden Augenblick bereit, das schnell errichtete Zelt wieder abzubrechen, überdies fortwährend in hochverrätherische Unternehmungen verwickelt, hatte er längst die Gewohnheit angenommen, jede Zeile, die auch nur im Entferntesten eine andere Person bloßstellen konnte, zu vernichten. Indem er das Wenige, was er noch vorfand, auf den glühenden Aschenhaufen im Ofen warf, kam ihm ein kleines Packet, das sorgfältiger als die übrigen zusammengebunden war, in die Hände. Es waren Silvia's Briefe. Er wog sie sinnend in der Hand. Nur wenige dünne Blätter – und doch war es ihm, als ob sie ein besonderes Gewicht hätten, wie Goldstücke zwischen anderen Münzen. – Was wird sie sagen, wenn sie erfährt, daß du über Nacht abgereist bist, wie ein Spieler, der seinen letzten Gulden am grünen Tisch verloren hat? Sie ist das einzige Wesen, das dich verstand; das einzige, das dich vermissen wird. Leo zauderte; dann warf er das kleine Packet in die Flamme. Was soll die sentimentale Regung? Den indischen Priestern ist verboten, zweimal unter einem und demselben Baume zu schlafen, daß auch nicht der Schatten einer Anhänglichkeit, selbst nicht an ein lebloses Wesen, in ihre Seele falle. Laß sie nach Liebe jammern, die ohne einen Spiegel, der ihr Bild verschönernd zurückwirft, nun einmal nicht leben können; laß sie um Freundschaft buhlen, die im Bewußtsein ihrer Schwäche, sich im Dunkel des Lebens fürchten – ich gehöre weder zu den Einen, noch zu den Anderen. Die Sachen waren gepackt; Philipp hatte sich – mit Thränen in den Augen – verabschiedet; Leo trat an das offene Fenster. Die Luft war lind und weich, der letzte Schein der untergehenden Sonne lag röthlich auf den Dächern der gegenüberliegenden Häuser; auf der breiten Straße ebbete der Strom des geschäftlichen Lebens, während sich die Spaziergänger mehrten und die Kinder aus den dumpfen Hof- und Kellerwohnungen hervortauchten, in der Abendfrische zu spielen. Das treibt und drängt und geht seinen Geschäften nach, wie sie nun eben sind, und genießt sein Dasein, wie es eben kann! Was fragen sie, im Einzelnen und Einzelsten verloren, nach dem Zusammenhange der Dinge, von dem doch eines Jeden Schicksal bedingt wird! Was kümmert sie der einsame Denker, der in diesen Zusammenhang schaut und aus dem Ganzen heraus dem Einzelnen helfen möchte! Er ist ihnen ein Narr, oder ein Betrüger, und wenn er an ihnen vorüber zum Richtplatz wankt, schreien sie: Kreuziget, kreuziget! Sie wissen nicht, was sie thun, und können es nicht wissen, und so mag ihnen vergeben sein; aber wie sollen die Vergebung finden, die da wissen, daß sie übel thun, und es dennoch thun: die Gelehrten und Klugen, die Pharisäer und Schriftgelehrten; und sie, die Reichen und Mächtigen, die keine Noth zwingt, nur an das eigene, kümmerliche Dasein zu denken, und die dennoch Auge, Ohr und Herz dem Jammer rings um sie her verschließen! Durch Leo's Erinnerung zogen die Stunden, die er während des Winters in der besten Gesellschaft, welche die Residenz bot, verlebt hatte. Wie oft war er die Seele dieser Gesellschaft gewesen! wie oft hatten sie andächtig seiner Rede gelauscht! wie eifrig seine Bekanntschaft gesucht! wie oft mit begeisterten Worten ihm ihre Billigung, ihre Bewunderung zu erkennen gegeben! Wie mancher bedeutende Mann hatte ihm die Hand gedrückt und ihm zugeflüstert: Ich bewundere Ihre Kühnheit, aber Sie haben Recht! Wie manche geistvolle Frau ihm mit strahlenden Augen zugelächelt: Es ist Alles, wie Du sagst! Und das war Lug und Trug und aber Lug und Trug gewesen! Ein leeres Spiel des Witzes und der Phantasie, ein schnödes Buhlen mit Empfindungen, die nur die glatte Zunge bekannte, und von denen das kalte Herz nichts wußte! Wenn es mehr gewesen, als das – warum war er jetzt allein – allein und einsam und verlassen? Nun denn! so fahrt dahin! Ich habe vergeblich versucht, mit Euch Frieden zu machen. Ihr wollt den Frieden nicht – so sei denn Krieg! Krieg zwischen mir und Euch, den Bildungsheuchlern und Wahrheitsfälschern! – Willkommen, meine Freunde! Ich habe gethan, was ich konnte; ich bin bereit, mit reinem Herzen Zeugniß abzulegen für Ihre, für unsere Sache! Die Männer von Tuchheim waren eingetreten, Leo, der Verabredung gemäß, zur Versammlung abzuholen; aber ihre Zahl hatte sich fast um die Hälfte verringert. Die Deputation hatte die Zeit, die sie in der Residenz zugebracht, nicht unbenutzt gelassen, sich vielfach in den Fabriken umgesehen, sich mit den Verhältnissen ihrer großstädtischen Kameraden nach allen Seiten vertraut gemacht. Da war ihnen denn so mancher Einblick in den Weltverkehr, in das Verhältniß zwischen Angebot und Nachfrage, das den Arbeitsmarkt regelt, verstattet gewesen; und während sich Einige von ihnen durch diese Beobachtungen und Erfahrungen nur in ihren fatalistischen Ansichten bestärkt hatten, waren Andere wieder schwankend geworden und wieder Andere hatten geradezu erklärt, daß auf diesem Wege überall nichts zu erreichen sei, im Gegentheil ihre Lage nur noch schlimmer werden würde. Am wenigsten aber sei von Leo's Vorschlägen etwas Ersprießliches zu erwarten. Mit der Staatshilfe, die Leo verlangte, habe es gute Wege, und daß der König für seine Person nicht helfen wolle, oder helfen könne, sei ja schon dadurch, daß er die Deputation nicht einmal vorgelassen habe, deutlich ausgesprochen. Ja, wer wisse, ob Leo's Plan nicht ein von der Reaction gelegter Fallstrick und Leo selbst, wie ja einige Blätter geradezu behaupteten, ein Werkzeug im Solde der Reaction sei? Diese Männer – unter ihnen Johann Brandt, der von Anfang an Leo des Verraths bezichtigt hatte – hatten sich von ihren Brüdern getrennt. Aber auch die Gesichter der Uebrigen waren noch ernster und sorgenvoller als neulich. Sie hatten aus der Heimath böse Nachrichten erhalten. Der Freiherr sei nach Tuchheim gekommen und habe versprochen, sich von jetzt an persönlich um die Arbeiter zu bekümmern und den Uebelständen in den Fabriken gründlich abzuhelfen; aber es gehe das Gerücht, die Angelegenheiten des Freiherrn seien gänzlich zerrüttet, und er werde gezwungen sein, seinen Antheil an den Fabriken an Herrn von Sonnenstein abzutreten. In Folge dessen hätte der größte Theil der Arbeiter es für das Gerathenste gehalten, wieder an die Arbeit zu gehen, umsomehr, da es den Anschein habe, als ob man in kürzester Zeit gegen die Renitenten mit Gewaltmaßregeln einschreiten werde. Bereits sei der Regierungspräsident aus der benachbarten Hauptstadt des Bezirkes zur Untersuchung der Streitigkeiten eingetroffen, mit ihm der Oberstlieutenant von Hey. Ein Bataillon des Regiments sei bereits in den benachbarten Orten einquartiert, und was man von dem Herrn Oberstlieutenant und seinen Leuten zu gewärtigen habe, das wisse man doch wohl noch von dem Bauernaufstande vor acht Jahren. So seien denn auch sie entschlossen, morgen wieder in die Heimath zurückzukehren; sie hätten es aber für eine Pflicht der Dankbarkeit erachtet, Leo, der sich so viel um sie bemüht, das gegebene Versprechen zu halten und der von ihm angesetzten Versammlung beizuwohnen, um auch ihrerseits für ihn, der so schlimm verleumdet werde, Zeugniß abzulegen. Das Alles theilten die beiden Männer Leo mit, während sie durch die abendlichen Straßen nach dem weit entfernten Vereinslokale gingen. Der Eine sagte Dies, der Andere Jenes; Leo schritt düster und schweigsam in ihrer Mitte. Es war, als wenn er von allen Seiten an die Erfolglosigkeit seiner Bestrebungen erinnert werden, als ob er den Kelch der Enttäuschung bis auf den letzten bitteren Tropfen leeren sollte. Das Lokal, in welchen, Leo seine Vereinsabende abhielt und wo auch heute die Versammlung stattfinden sollte, lag in einem obscuren Quartier der gewaltigen Stadt, in einer engen, fast nur von Arbeitern bewohnten Straße. Leo hatte mit Absicht diese Gegend gewählt, dennoch war der erwartete Zufluß ausgeblieben. Der Verein hatte es in den besten Tagen nicht über ein paar hundert Mitglieder gebracht, und auch diese kleine Gemeinde war selten vollzählig gewesen, ja in letzter Zeit noch sichtlich zusammengeschmolzen. Umsomehr fiel es Leo auf, daß heute Abend, je näher man dem Orte kam, ein ungewöhnliches Leben sich in den um diese Zeit sonst ziemlich stillen Straßen regte. Ueberall standen Leute eifrig sprechend vor den Thüren; kleine Trupps von Arbeitern eilten vorüber; in den Bierstuben und Branntweinschenken ertönte aus den geöffneten Fenstern wüster Lärm; eine Menge halbwüchsiger Buben schwärmte pfeifend und schreiend umher; zwischendurch patrouillirten Polizisten, die heute kein Auge für den Straßenunfug zu haben schienen. An der letzten Ecke stand ein Mann, der auf Leo gewartet hatte, und nun eilig herantrat. Es war ein junger Arbeiter, der sich voller Begeisterung an Leo angeschlossen hatte und von demselben auch besonders ausgezeichnet war. Der junge Mann zog Leo ein wenig auf die Seite und theilte ihm mit hastigen Worten mit: es gingen seltsame Dinge vor; das Vereinslokal sei überfüllt mit Arbeitern, zum Theil der schlechtesten Sorte, die sich keineswegs, den Statuten des Vereins gemäß, an der Eingangsthür in die Listen hätten eintragen lassen, sondern mit Gewalt den Zutritt erzwungen hätten. Auch einzelne besser gekleidete Personen seien darunter, die aber ganz in den Ton der Anderen einstimmten. Die Polizei, die zahlreich zugegen sei, mische sich gar nicht in den Lärm, der von Minute zu Minute größer werde. Alles in Allem sei kein Zweifel, daß man etwas gegen den Verein im Schilde führe und es wohl hauptsächlich auf Leo selbst abgesehen habe. Er für seinen Theil bitte Leo, nicht in dem Lokale zu erscheinen; der Vorsitzende habe dann einen triftigen Grund, die Versammlung zu vertagen und so auf die einfachste Weise die Anschläge der Feinde zunichte zu machen. Der junge Mann sprach lebhaft, eindringlich im Interesse des Vereins, der ihm ein Heiligthum war, im Interesse Leo's, an dem er mit größter Liebe hing. Aber Leo war nicht in der Stimmung, auf den wohlgemeinten Rath zu hören. Die Erbitterung, mit welcher ihn die Mißerfolge der letzten Tage zum Uebermaß erfüllt hatten, lohte in hellem Zorne auf. Mit heftigen Worten schalt er den jungen Freund. Was hilft das Zagen und Zaudern! rief er, indem er hastig weiter schritt; zurück können wir nicht mehr: so mag denn kommen, was will! Ich bin dabei! rief der Arbeiter, an Leo's Seite bleibend, und so wollten auch die Männer von Tuchheim sich nicht von ihrem Führer trennen, sondern drängten mit ihm in das Lokal, das in der That einen Anblick bot, der auch einen Muthigen hätte stutzig machen können. Der sehr weite Raum, welcher mit seiner breiten Galerie wohl an tausend Personen fassen konnte, war von einer lärmenden, wild durcheinander wogenden Menge erfüllt, deren Treiben um so unheimlicher war, als man auch heute, wie sonst an den Vereinsabenden, nur Einen der drei Kronleuchter an dem einen Ende des Saales, dem Präsidententische und der Rednerbühne zunächst, angezündet hatte, so daß die anderen Theile des Raumes, zumal die Galerien, im Halbdunkel oder ganz im Dunkeln blieben. Nur mit großer Mühe gelang es Leo, bis zu dem Tische durchzudringen, in dessen Nähe der Vorsitzende des Vereins (ebenfalls ein Arbeiter) nebst einigen von Leo's getreuesten Anhängern rathlos standen. Sie erschraken bei Leo's Anblick und baten ihn auf das Dringendste, sich nicht auf der Rednerbühne zu zeigen; noch habe man ihn offenbar nicht bemerkt, noch könne Alles gut ablaufen. Aber Leo wollte nichts von diesen Vorschlägen hören; die Versammlung müsse abgehalten werden, der Vorsitzende sollte dieselbe eröffnen. Mit Widerstreben bestieg der Mann die Plattform; aber was er sprach und selbst den Ton der Glocke, mit welcher er läutete, verschlang der Lärm im Saale. Gleich nach ihm trat Leo auf die Tribüne. Und nun erhob sich ein Getöse durcheinander rufender, schreiender Stimmen, ein Pfeifen, Heulen, Stampfen, daß es war, als müsse der Bau über den Unsinnigen zusammenbrechen. Bleich, aber ohne eine Regung in der Miene, die großen, dunklen Augen ruhig auf das wogende Meer brutaler Gesichter, die zu ihm aufgrinsten und aufdrohten, gerichtet, stand Leo da. – Dies waren die Menschen, für die er arbeitete! Und während jetzt ein Gefühl bitterster Verachtung allmälig seine Brust erfüllte, war es ihm, als ob eine Stimme dicht an seinen Ohren sagte: Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und plötzlich war es die Kirche von Tuchheim. Die Orgel brauste, der fromme Gesang fluthete, der Morgensonnenstrahl fiel goldig durch die hohen Spitzbogenfenster, und neben ihm stand ein blauäugiges Mädchen und lispelte, seine Hand ergreifend: Willst du mit aus meinem Buche singen? Leo reckte den Arm aus; wie durch ein Wunder war es plötzlich so weit still geworden in dem Saale, daß seine ersten Worte, hellen, ehernen Klanges, bis in die fernsten Winkel vernehmbar ertönten. Und immer stiller wurde es, je länger er sprach; und je stiller es wurde und je länger er sprach, um so mächtiger rauschte der Strom seiner Rede, um so voller tönte seine Stimme, daß es wie ein Zauber die rohen Seelen umfing. War es nicht eine zaubermächtige Kraft, die dem ernsten, blassen Manne da oben den Muth gab, ein Einzelner, ihnen gegenüber zu treten, die ihn in Stücke zerreißen konnten, wenn sie wollten? Oder war seine Sache wirklich besser, als man ihnen gesagt hatte? Ja, war im Grunde nicht Alles ganz richtig, was er da sagte, von dem Elend, in dem sie versunken wären? dem Elend der Armuth und der Unwissenheit, die sie taub und blind mache, daß sie selbst die von sich stießen, die keinen anderen Wunsch, keinen anderen Gedanken hätten, als ihnen diese Bürde des Elends abzunehmen, daß sie sich aufrichten und aufathmen könnten in dem Licht der Sonne, die für Alle scheine? War es nicht die reine Wahrheit, was der blasse Mann, dessen Wangen sich allmälig in der Gluth der Begeisterung rötheten, da weiter sprach: daß diese Sonne trotz alledem noch nicht ein einzigesmal im Laufe der Jahrtausende auf ein freies Volk geschienen habe, auf ein Volk, in welchem jedem Einzelnen nicht blos das Recht, sondern auch die Möglichkeit eines menschlichen Daseins gewährt sei? Und daß der Arbeiter der Neuzeit von dem Sclaven des Alterthums, von dem Leibeigenen des Mittelalters sich nur im Namen, aber nicht in der Sache unterscheide? Ja, daß dies vermeintliche Recht zu einem menschenwürdigen Dasein, auf das man den murrenden Arbeiter wieder und wieder verweise, in der Hand des Capitalisten zu einem Fallstrick werde, furchtbarer als die Kette, mit welcher der stolze Römer seine Sclaven fesselte, oder das Joch, mit welchem der finstere Baron des Mittelalters seinen Leibeigenen an die Scholle heftete? Eine Kette kann man zerbrechen, ein Joch abschütteln, aber ein Recht ohne Wahrheit, das ist wie eine Schlange, in deren tausendfachen Windungen die zäheste Kraft allmälig hoffnungslos erlahmt. Glaubt Ihr, daß ich übertreibe, daß ich Euch nur gegen Eure Herren hetzen will, wie man Euch gegen mich gehetzt hat? Ich will es Euch beweisen Wort für Wort und Buchstab für Buchstab aus dem Gange der Geschichte, aus der Wissenschaft, das heißt: aus der Lehre von dem, was ist. Glaubt ihm nicht, Leute, er lügt! Jedes Wort, das aus seinem Munde geht, ist eine Lüge! Der Zauber war gebrochen. Die Stimme, die so rief – es war nicht eines Arbeiters Stimme – wurde verschlungen von dem Toben, das jetzt mit Einem Schlage fürchterlicher als vorher losbrach. Die Anhänger Leo's, die der wunderbare Verlauf der Versammlung mit neuem Muth erfüllt hatte, heischten Ruhe und wollten ihr Hausrecht wahren; eine große Anzahl Anderer, die blos die Neugier oder die Lust am Skandal herbeigeführt, und die Leo's Wort wider Willen ergriffen hatte, schloß sich ihnen an; die größere Menge derer aber, die beinahe schon vergessen hatten, weshalb man ihnen Branntwein und Geld so reichlich gespendet, wollte nun nicht umsonst hierher gekommen sein, und erwiederte Schimpf mit Schimpf und Gewalt mit Gewalt. Im nächsten Augenblicke war das Ganze dieser Menschenmasse ein tobendes, greuliches Chaos, in welchem durch den aufgewühlten Staub hindurch kaum noch etwas Einzelnes: zornglühende Gesichter, geballte Fäuste, drohend erhobene Arme, hin und her wogende Gestalten, sichtbar wurden. Leo hatte sich, seitdem der Lärm begann, nicht von der Stelle bewegt. Er stand da, die Arme über die Brust verschränkt, mit einer Miene halb des Mitleids, halb der Verachtung. Da traten ein paar der ihm befreundeten Männer an ihn heran und beschworen ihn, sich wenigstens jetzt zu entfernen. Eine kleine Thür, die aus dem Saal auf einen Nebencorridor führte, sei noch frei. Man könne von dort leicht auf die Straße gelangen; in der nächsten Minute sei es vielleicht schon zu spät. Während die Männer noch so sprachen, drang plötzlich ein Knäuel wüster Gesellen an die Rednerbühne heran mit wildem Geschrei, durch das eine Stimme, dieselbe Stimme, die vorhin das Signal zu dem Unfug gegeben, deutlich genug hindurch tönte. Leo fuhr zusammen, als diese Stimme 'sein Ohr zum zweitenmale berührte; er wendete sich hastig um, und sein scharfes Auge erkannte, trotz der Verkleidung, in die sich Jener gehüllt, Ferdinand Lippert, der seinerseits mit wildem Gelächter seinen Todfeind zu verhöhnen und herauszufordern schien. Bei diesem Anblick loderte in Leo die Leidenschaft, die er so lange mühsam niedergekämpft, in hellen Flammen aus. Mit einem Satze war er von der Rednerbühne herab mitten in dem Haufen, Ferdinand gegenüber, der, als er das zornglühende Antlitz dicht vor sich sah, mit bleichen Lippen hinter seine Gesellen zurücktaumelte. Plötzlich fühlte Leo sich an beiden Armen festgehalten und zurückgerissen. Die Waffen von Polizeisoldaten umblinkten ihn, und ein Officier schrie ihm entgegen: Ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes! Sagen Sie Ihren Leuten, daß sie es mit keinem Banditen zu thun haben! rief Leo, indem er die Hände, die ihn gepackt hatten, von sich schüttelte, ich werde Ihnen folgen.   Ende des ersten Theils.