Friedrich Spielhagen Quisisana I. Warum wecken Sie mich, Konski? Sie lagen wieder einmal auf der linken Seite, erwiderte der Diener, indem er seinen Herrn, den er um Brust und Schulter gefaßt hielt, vollends von dem Sofa in die Höhe richtete; und Champagner haben Sie bei Tisch auch getrunken – über eine Flasche, sagt der Johann; das ist nun der reine – Konski brach kurz ab und wandte sich zu den Koffern, deren einer bereits aufgeschlossen war; er begann den Inhalt in die Kommode zu packen und sagte dabei, scheinbar mehr mit sich selbst, als zu seinem Herrn sprechend: Ich tue nur, was mir der Herr Sanitätsrat befohlen, noch gestern abend in Berlin, als ich ihm hinunterleuchtete. Konski, hat er gesagt, wenn Ihr Herr auf der linken Seite liegt und so zu stöhnen beginnt, wecken Sie ihn bei Tag oder Nacht – auf meine Verantwortung. Und, Konski, Champagner ist nicht – für mindestens sechs Wochen, und am liebsten gar nicht mehr; und wenn ihr erst in Italien seid, den Wein immer nur mit Wasser, Konski, und – Und nun tun Sie mir den Gefallen und schweigen Sie. Bertram war von dem Sofa, auf dem er, die Stirn in die Hand gedrückt, sitzengeblieben war, rasch aufgestanden und trat jetzt, nachdem er ein paarmal, unmutige Blicke auf Konski werfend, in dem Gemach hin und wider geschritten, an eines der Fenster. Die Sonne mußte im Untergehen sein; nur noch die bewaldeten Berge drüben waren hell beleuchtet, während der Terrassengarten, der in das Tal hinabstieg, und das Tal selbst mit dem Dorfe bereits in tiefem Schatten lagen. Das landschaftliche Bild, dessen Anmut er doch sonst so zu schätzen wußte, übte nicht den mindesten Zauber auf seinen dumpfen Sinn. Konski hatte recht: der Champagner, den er gegen das ausdrückliche Verbot des Arztes heute zum erstenmal nach der Krankheit getrunken, war ihm nicht gut bekommen; aber er hatte getrunken, um sich die Kehle, die ihm von dem vielen Sprechen trocken geworden, anzufeuchten; und hatte so viel gesprochen, weil die häufigen Pausen, die in der Unterhaltung eintraten, ihn nervös machten. Es war positiv langweilig gewesen; die schöne Freundin und der gute Freund hatten sich in den letzten drei Jahren sehr zu ihrem Nachteil verändert. Oder war er's, der sich verändert hatte? fing er wirklich an, alt zu werden? Man darf mit fünfzig Jahren nicht schwer erkranken, wenn es nicht auf einmal bergab gehen soll. Das war nun das zweite energische Memento mori – nach einer Zwischenzeit von zwanzig Jahren! Und das erste – das hatte er ihr verdankt – ihr, die ihm Treue geschworen unter tausend Küssen – da – drüben am Bergeshang, wo die Rieseneiche ihre Krone hoch heraushob aus dem bronzenen Blätterdach der Buchen. Warum, zum Kuckuck, gab man ihm denn immer diese Zimmer? Er wollte sich noch heute abend andere von Hildegard ausbitten, gleich – ehe der Dummkopf, der Konski noch alles auspackt. Lassen Sie das! rief er, sich umwendend; ich will nicht in diesen Zimmern bleiben – ich will überhaupt nicht bleiben; wir reisen vielleicht morgen schon wieder ab. Konski, der bereits in der Tiefe des zweiten Koffers kramte, glaubte nicht recht gehört zu haben. Er hob den Kopf und blickte den Herrn verwundert an. Morgen, Herr Doktor? ich denke, acht Tage mindestens. Tun Sie, was ich Ihnen sage! Konski legte das Paket Hemden, das er in der Hand hielt, wieder in den Koffer zurück und erhob sich langsam von den Knien. Der Herr war offenbar in einer greulichen Laune; aber das hält bei ihm niemals lange an, dachte Konski, und dann der Champagner – Es wird mit der Einquartierung nicht so schlimm, sagte er; Sie können sich darauf verlassen, Herr Doktor; ich weiß alles ganz genau von Mamsell Christinen. Dann ein Oberst, ein Major, zwei Hauptleute und ein Dutzend! Leutnants höchstens, und vielleicht noch ein Oberstabsarzt und so was; von unseren Prinzen und von denen hier nun schon gar keiner. Na, und die paar Menschen verkrümeln sich ja in dem großen Hause wie eine Handvoll Korinthen in einer Stolle, und besonders, wenn Sie in diesen Zimmern bleiben, wo wir noch immer gewohnt haben! und kein Mensch nicht hinkommt; und im Garten werden sie ja wohl nicht manövrieren – Ich weiß gar nichts was Sie mit Ihrem Manöver wollen! rief Bertram. Er hatte sich wieder an das offene Fenster gestellt, durch welches ein lebhafter Zug kam; Konski ging und schloß die Tür nach dem Zimmer nebenan, trat dann in respektvoller Entfernung hinter seinen Herrn und sagte in bescheidenem, halblautem Ton: Nehmen Sie es nicht übel, Herr Doktor; aber was ist denn am Ende daran gelegen, wenn das gnädige Fräulein nun wirklich kommt – Was soll das nun wieder? sagte Bertram, ohne sich umzudrehen; was hat das mit meinem Bleiben oder Gehen zu tun? weshalb soll die Kleine nicht kommen? Konski kraute sich, verstohlen lächelnd, in dem starren schwarzen Haar, senkte die Stimme noch mehr und sagte: Nicht das junge gnädige Fräulein Erna; das andere Fräulein – das nie kommen darf, wenn Sie hier sind – Lydie? Fräulein von Aschhof? sind Sie toll? Bertram hatte, sich blitzschnell wendend, es mit rauher Stimme gerufen, und die sonst so freundlichen Augen leuchteten zornig. Konski erschrak, doch war die Neugier größer als der Schrecken. Er hätte so gern endlich das Richtige über das Fräulein gehört, das nicht kommen durfte, wenn der Herr in Rinstedt zu Besuch war, und das er infolgedessen noch nie gesehen, trotzdem er im Laufe der Jahre nun schon ein halbes dutzend Male mit ihm hier gewesen. Aber er wurde auch diesmal in seiner Erwartung getäuscht; der Herr war plötzlich ganz ruhig geworden, oder gab sich doch wenigstens den Anschein, und hatte auch seine gewöhnliche Stimme wieder, als er jetzt fragte: Von wem haben Sie denn das? von Mamsell Christinen natürlich. Natürlich von Mamsell Christinen, erwiderte Konski. Und die hat es von der Frau Amtsrätin? Direkte von der Frau Amtsrätin, bestätigte Konski. Und wann wird die Dame erwartet? Heute abend zusammen mit Fräulein Erna; und außerdem der Herr Baron von Lutter oder Lotter – ich hab's nicht recht verstanden; sie sprechen ja hier in Thüringen alles kauderwelsch. So, so? Bertram hatte des Barons von Lotter-Vippach über Tisch mehr als einmal von Hildegard erwähnen hören. Auch von Lydie hatte sie, trotzdem er grundsätzlich nie auf das Thema einging, immer wieder angefangen zu sprechen, wie es jetzt klar war, in der Absicht, ihn auf den Überfall vorzubereiten. Aber sie hatte sich verrechnet, die schöne Frau; es war dies eine Rücksichtslosigkeit, ja schlimmer: es war eine Perfidie. Er brauchte sich das nicht gefallen zu lassen, und er wollte es sich nicht gefallen lassen. Wo sind die Herrschaften? fragte er. Der Herr Amtsrat ist in den Wald nach den Braunkohlengruben geritten; die Frau Amtsrätin ist ins Dorf gegangen; sie haben hinterlassen, daß sie zurück sein würden, bevor Sie aufwachten, und wenn Sie sich nicht auf die linke Seite gelegt hätten – Es ist gut – ins Dorf, sagten Sie? geben Sie mir meinen Hut! Nehmen Sie auch den Überzieher, sagte Konski, es kommt ganz kalt vom Tal herauf, und vor Erkältungen, meinte der Herr Sanitätsrat – Bertram, der bereits den Hut auf dem Kopfe hatte, wies das dargereichte Kleidungsstück mit einer Handbewegung zurück. In der Tür wandte er sich: Machen Sie sich keine unnötige Mühe mit den Koffern; wir reisen in einer Stunde wieder ab. Und noch eins: wenn Sie Mamsell Christinen oder irgend jemand hier im Haus jetzt oder in Zukunft ein Wort – Sie verstehen mich – und ich erfahre es – so sind wir geschiedene Leute – trotz alledem. Damit war er zur Tür hinaus, und schon in der nächsten Minute sah ihn Konski, der nun, sich das Haar krauend, am Fenster stand, mit langen Schritten durch den Garten bergabwärts eilen. Sollte man denken, daß der vor noch nicht sechs Wochen auf den Tod gelegen hat? murmelte er. – Und heute abend fort? in einer Stunde! Fällt mir gar nicht ein; erst wird das mit Christinen in Ordnung gebracht, und das geht nicht so fix. – Er hat sich damals von dem Fräulein einen Korb geholt, sagt Christine – na, das verstehe ich nicht: vor zwanzig Jahren muß er doch ein blitzschöner Kerl gewesen sein – ist's ja beinah noch – und arm war er auch nicht, obgleich wir ja seitdem viel dazugeerbt haben. Ich bin höllisch neugierig auf das alte Fräulein; daß sie heute abend kommt, steht bombenfest. Konski warf einen zweifelhaften Blick auf die unausgepackten Koffer. Es war vielleicht wirklich unnötige Mühe. Aber es wird ja nichts so heiß gegessen, wie es gekocht ist; und daß der Herr vor einem Frauenzimmer weglaufen sollte, wenn sie auch ihre vierzig Jahre oder so was – Konski schüttelte ungläubig den Kopf und machte sich getrost daran, die Koffer vollends auszupacken. II. Unterdessen hatte Bertram schon die Brücke, welche am Fuße der Gartenterrasse über den Bach führte, passiert und eilte auf dem Wiesenrain dem Dorfe zu. Hildegard hatte über Tisch gesagt, daß sie heute, wie immer am Donnerstag nachmittag, ihre neugegründete Spielschule besuchen werde; er glaubte also, die Dame leicht finden zu können. Kannte er doch von seinen häufigen Besuchen in Rinstedt jedes Gäßchen, und die Spielschule sollte an der Hauptgasse, nicht weit von der Pfarre, liegen. Was wollte er Hildegard sagen, wenn er sie traf? Zuerst natürlich die Tatsache feststellen. Aber dessen bedurfte es nicht; Konski war ein geriebener Bursche, der sich nicht leicht verhörte, und er stand mit der allwissenden Christine auf einem so guten Fuße! Also sie fragen, was sie bewogen habe, den nun schon durch beinahe zwanzig Jahre festgehaltenen Pakt diesmal zu brechen. Unnötige Frage! wann wären denn jemals Weiber konsequent gewesen! wann hätten sie sich denn nicht in solchen Dingen einander beigestanden und in die Hände gearbeitet, selbst wenn sie sich im übrigen keineswegs liebten! Und auch die Liebe schien ja jetzt zwischen den beiden groß zu sein! Hatte die schöne Frau doch, ganz gegen ihre Gewohnheit, Lydies Lob in allen Tönen gesungen! und der Umstand allein, daß sie die Tochter zu ihr in Pension gegeben, drei Jahre in dieser Pension gelassen, sagte ja mehr als genug. Die arme Erna! drei Jahre unter der Obhut des überspannten Frauenzimmers! das schöne, anmutige Geschöpf mit den großen blauen, tiefen Augen! es hätte nicht sein dürfen; es war eine Beleidigung für ihn! hatte er nicht abgeraten, was er konnte? eine vortreffliche Pension in Berlin ausgemittelt? sich erboten, die Oberaufsicht selbst zu übernehmen; dringend gebeten, ihm das Kind anzuvertrauen, dem Kinde Gelegenheit zu geben, einen Blick in größere Verhältnisse zu werfen? Und man hatte zu allem ja gesagt; war so dankbar gewesen für seine Bemühungen, seine Güte, um im letzten Augenblicke in den geliebten Sumpf der Misere der kleinen Residenzstadt zurückzuplumpen. Freilich, man war ja selbst in dem Sumpfe groß geworden, schwärmte noch immer sanft von der versunkenen klassischen Herrlichkeit, beklagte im stillen das traurige Los, welches dem Freifräulein von Unkerode nicht wie Lydien hatte gewähren wollen, sich zeitlebens in den unmittelbaren Strahlen fürstlicher Gnade zu sonnen; daß sie einen Mann hatte heiraten müssen, der, wie reich auch immer, doch ein Bürgerlicher war mit dem höchst bürgerlichen Namen Bermer und bürgerliche Freunde halte, an die man die allerfreundschaftlichsten, liebenswürdigsten Briefe unweigerlich seit zwanzig Jahren mit Sr. Wohlgeboren adressierte. Da war denn freilich ein Baron von Lotter-Vippach vorzuziehen! Und ihm den Menschen aufzudringen, trotzdem er doch ausdrücklich befürwortet, daß er, als halber Rekonvaleszent, der größten Ruhe bedürfe; und, wenn sie Gesellschaft hätten, lieber auf das Vergnügen, die Freunde zu sehen, jetzt verzichten wolle und vorsprechen werde, wenn er im Frühjahr aus Italien heimkehre! So! das war's ungefähr, was er der schönen Frau sagen wollte – in aller Ruhe und Freundschaft natürlich – nur mit einem feinen ironischen Anfluge – und das neue Gebäude da mußte die Spielschule sein. Es war die Spielschule; aber das junge Mädchen, das die in dem Vorgärtchen sich herumtummelnden Kinder beaufsichtigte, sagte durch das Gitter, die gnädige Frau sei bereits vor einer halben Stunde fort; sie glaube, in die Pfarre. Ein paar halbwüchsige Jungen, die herbeigelaufen waren, berichteten, die Frau Amtsrätin sei mit dem Herrn Pfarrer zu dem Herrn Schulzen. Des Schulzen Hof lag an dem anderen Ende des Dorfes. Bertram wollte dorthin; aber als er bereits den halben Weg gemacht, fiel ihm ein, daß der Pfarrer Hildegard sehr wahrscheinlich zurückbegleiten würde, und er dann doch keine Gelegenheit hätte, sich mit jener auszusprechen. Er kehrte also wieder um, sie an der Pfarre, an der sie auf dem Heimweg vorüber mußte, zu erwarten. Indessen, wie konnte er warten, da er gar nicht wußte, ob ihm dann noch Zeit blieb, seine Flucht zu bewerkstelligen, er vielmehr jeden Augenblick fürchten mußte, daß der Wagen, der sie aus der Stadt brachte, die Dorfstraße herauf an ihm vorüberkam. Und hier so zu stehen und sie grüßen zu sollen – nimmermehr! Links ab führte ein schmales Gäßchen unmittelbar in den Wald, der sich auf der Höhe bis hart an das Schloß heranzog. Der Weg war ein wenig länger als der, welchen er gekommen, auch etwas steiler, aber jedenfalls viel kürzer als die Fahrstraße, die, nachdem sie sich am Eingange des Seitentales von der Chaussee im Haupttale abgezweigt, erst das ganze Dorf durchschnitt und sich dann in einer langen Serpentine den Schloßberg hinaufwand. So hatte er noch immer den Vorsprung von mindestens einer halben Stunde. Hoffentlich war Otto mittlerweile von dem Braunkohlenwerke, das nach der anderen Seite im Walde lag, zurück. Er wollte dann dem Freunde reinen Wein einschenken und ihn zum Überbringer seiner Empfehlungen an Hildegard machen. Es würde ein schlimmer Auftrag für den armen Pantoffelhelden sein; aber schlimm oder nicht: jeder ist sich selbst der Nächste, und man stand ja einmal in dem Ruf eines eingefleischten Egoisten! Dann brachte ihn ein schnell angespannter Wagen – Konski mochte, wenn es sein mußte, mit den Koffern zurückbleiben – in zwei oder drei Stunden erst durch den Wald, nachher wieder auf der Chaussee nach Fichtenau. Er liebte Fichtenau. Er würde in dem immergrünen Tal ein paar Tage bleiben, sich von den Strapazen der Reise und dem Ärger des heutigen Tages zu erholen. Auf jeden Fall war er Lydie entgangen, der Schlinge entwichen, welche die Weiber für ihn gestellt – das war eine Genugtuung, die er sich schuldig war, und die ihm den rauhen Waldpfad, den er jetzt betreten, ebnen mochte. Freilich, der Pfad war rauh, viel rauher, als er ihn in der Erinnerung hatte. Viel rauher und auch viel steiler, in der Tat abscheulich steil – gleichviel, er mußte – immer an dem Bächelchen hin, das in der Schlucht neben ihm murmelte und unten in den Dorfbach fiel – bald an den Steg gelangen, der auf die andere Seite führte; dann ging es glatt oder doch so ziemlich glatt auf der halben Höhe bis zum Schloß. Was hatte sie nur mit dem Pfarrer bei dem Schulzen zu suchen? Einquartierungsangelegenheiten vermutlich – die Vielgeschäftige bekümmerte sich ja um alles! – oder auch wieder irgend ein wohltätiger Zweck: Armenpflege, Krankenpflege – sie gönnte sich keine Ruhe und Rast in der Verfolgung so edler Ziele, seitdem die Landesmutter mit leuchtendem Beispiele vorangegangen – nur, sich bis zum anderen Ende des Dorfes zu begeben, wenn man bereits einen Gast im Hause hatte und andere Gäste jede Minute eintreffen konnten, war doch etwas sehr rücksichtslos von der Rücksichtsvollen. Vielleicht wollte man gerade dem einen aus dem Wege gehen, und der Weg der anderen führte an dem Schulzenhause vorüber. Man setzte sich dann zu ihnen in den Wagen und hatte auf der Fahrt durch das Dorf noch Zeit zu ein paar vertraulichen Mitteilungen und nützlichen Winken betreffs der Behandlung des mit solcher Schlauheit eingefangenen dummen Vogels. Noch nicht gefangen, meine Gnädigste, noch nicht! Aber wo blieb der Steg? er hätte längst da sein müssen. Und die tiefe Schlucht hinunter- und auf der anderen Seite wieder hinaufzuklettern, nachdem man sich unten im Bach nasse Füße geholt – hatte sich denn heute alles gegen ihn verschworen! Endlich: ein nagelneuer Steg, den man an Stelle des morschen alten ein verteufeltes Ende bachaufwärts regelrecht gezimmert mit obligaten schmuckhaften Geländern aus geschwungenen und verschlungenen Baumästen. Der Pfad drüben war neu wie der Steg – ein richtiger Promenadenpfad, jedenfalls in das System der Pfade gehörig, womit Hildegard bereits seit Jahren die Wälder ringsum zu durchflechten sich bemühte. Die Verschönerungsleidenschaft Charlottens aus den Wahlverwandtschaften – das gehörte ja notwendig zu den Requisiten einer Chatelaine hierzulande – selbstverständlich ohne zarte Hinneigung für die wohlgeborenen Freunde ihres Gatten. Nun, er hatte die unnahbare Tugend der schönen Frau nie bezweifelt; und wenn sie sich jetzt ein ganz klein wenig aufs Kuppeln legte, so war das gewiß nur ein Ausfluß der überschwenglichen Güte ihres keuschen, kühlen, menschenfreundlichen Herzens. – Möchte nur wissen, ob die Menschenfreundlichkeit vor dem Klopfen und Bohren hier auch nur fünf Minuten standhielte! Jetzt fehlte bloß, daß ich mir durch das unsinnige Laufen und Klettern einen Rückfall geholt; dann könnte die Geschichte schließen, wo sie angefangen, und Lydie käme gerade zur rechten Zeit, um sich zu überzeugen, daß, was die Leute vom Herzbrechen erzählen, doch nicht so ganz ein Märchen ist. Pah! wenn meines bricht, so ist's, weil es einen bösen Klappenfehler hat und ich zur Unzeit Champagner getrunken. Er hatte sich auf eine Bank fallen lassen, die an der Wegseite stand, und saß da, zusammengekrümmt, das Taschentuch vor den Mund pressend, damit sein Stöhnen nicht zu laut in den stillen Wald hallte. Der Anfall ging vorüber; in der Brust wurde es wieder still; mit den wilden Schmerzen war die grimme Leidenschaft entwichen, in die er sich hineingearbeitet. Dafür fühlte er eine peinliche Schwere und Mattigkeit in den Gliedern, und im Kopf war es so dumpf und wüst. Wenn es nun gebrochen wäre! so hier im Walde, wer weiß wie lange, ein toter Mann, zu sitzen und den Armen, der zuerst vorüberkam, grausam zu erschrecken – der Gedanke war nicht behaglich; aber das war denn auch das Schlimmste. Vor dem Tode fürchtete er sich nicht: der Tod war nur das Ende des Lebens. Und das Leben? wenn er sich sagen durfte, daß er niemand zuleide lebte, außer etwa dem braven Konski, den er mit seinen Grillen quälte – so lebte er auch niemand zur Freude – am wenigsten sich selbst. Die paar armen Schlucker von Studenten und jungen Künstlern würden ihre Pensionen auch nach seinem Tode die bestimmte Zeit ausgezahlt erhalten, und ein paar gemeinnützige Institute mochten sich in den Rest teilen. Das würde ganz glatt und geschäftsmäßig abgehen und keinen Menschen auch nur eine Träne kosten; es hätte denn Konski sein müssen, nur daß es unmöglich war, sich den leichtlebigen Gesellen in Tränen zu denken. Auf dem Wipfel der Buche, an deren Fuße er saß, schrie eine Krähe. Du wirst dich schon noch ein wenig gedulden müssen, sagte Bertram aufblickend. Aber der Krähenschrei hatte wohl nicht ihm gegolten, sondern der Dame, die er jetzt den Seitenpfad herabkommen sah, der aus dem Walde gerade auf die Bank zuführte. Sein Herz wollte sich wieder zusammenkrampfen; aber er hatte sich mit dem zweiten Blick überzeugt, daß es nicht Lydie war. Lydie war größer und hatte aschblondes Haar, und die Dame hatte dunkles, sehr dunkles; sie ging auch anders: in einem leichten, gleichmäßigen Schritt, so daß es war, als ob sie den ziemlich steilen Pfad herabschwebte, trotzdem er die Füße deutlich unter dem hellen Kleide sich bewegen sah. Und jetzt war sie bis dicht vor ihn gelangt. Sie schrak ein wenig zusammen, denn sie hatte, nach der schreienden Krähe emporschauend, ihn nicht bemerkt, und er war so plötzlich von der Bank aufgefahren; doch faßte sie sich bald wieder, und ebenso schnell entwich die Röte, die sich über ihre Wangen ergossen. Ist es möglich? – Erna! Onkel Bertram! Es war ein melodischer Klang in der Stimme, aber nicht die leiseste Spur von der freudigen Erregung, die er beim Erblicken seines Lieblings empfunden. Sein Herz zog sich zusammen, er wollte sagen: du hast mich sonst anders empfangen, aber er schämte sich, dem schönen Mädchen als ein Bettler gegenüberzutreten, und sagte nur, indem er ihre Hände losließ: Du hast mich hier nicht vermutet? Wie konnte ich? erwiderte sie. Sehr richtig! dachte Bertram; wie konnte sie! es war eine dumme Frage. Er wußte nicht, was er weiter vorbringen sollte, und schwieg verlegen. Die Krähe, die während der letzten halben Minute still gewesen, brach in ein abscheuliches Krächzen aus und flog über ihre Häupter weg in den Wald. Sie hatten beide unwillkürlich in die Höhe gesehen und gingen dann schweigend nebeneinander hin den Pfad entlang. III. Das mattere Licht des hereinbrechenden Abends drang nur spärlich durch das dichte Unterholz, das den Pfad auf beiden Seiten begrenzte, während die ineinandergreifenden Kronen der Buchen ihn oft genug gänzlich überdachten; an einer abschüssigen Stelle waren ein Paar rauhe Stufen eingefügt. Willst du meinen Arm nehmen, Onkel Bertram? fragte Erna. Es war das erste Wort, seitdem sie vor ein paar Minuten, die bleiern auf Bertram gelastet, die Bank verlassen hatten. Ich wollte dieselbe Frage eben an dich richten, erwiderte er. Ich danke, sagte Erna; – ich kenne hier jeden Schritt, aber du – und du bist krank gewesen. Das mochte ja freundlich gemeint sein, nur daß es wieder so kühl herauskam – so almosenhaft, dachte Bertram. Gewesen, entgegnete er, und längst hergestellt – völlig. Ich denke, du gehst für den Winter nach Italien zu deiner Erholung? Ich gehe nach Italien, weil ich hoffe, daß ich mich in Rom ein wenig weniger langweilen werde als in Berlin – das ist alles. Und wenn du dich nun auch in Rom langweilst? Du meinst, langweilige Leute langweilen sich überall? Das meine ich nicht; es wäre auch recht häßlich gewesen, wenn ich es gemeint hätte; – ich wollte nur wissen, wohin man von Rom geht, wenn man noch weiter will – nach Neapel – nicht wahr? Ja wohl: nach Neapel – Capri. Auf Capri steht mitten in Orangengärten mit herrlichstem Ausblick in die blaue Unendlichkeit des Meeres ein weißes, rosenübersponnenes Gasthaus: Quisisana. Ich war vor langen Jahren dort, und seitdem hat's mich immer dahin sehnlich gezogen, Qui si sana! Das klingt so tröstlich! so verheißend: Hier gesundet man! Auch wenn man sich leidlich gesund fühlt – zu gesunden hat man immer, zum Beispiel vom Leben, das im Grunde doch eine lange Krankheit ist, von der uns gründlich nur der Tod kuriert. Wieder trat eine Pause ein. Er hatte die Unterhaltung nicht wieder ins Stocken kommen lassen wollen, und doch war, was er da eben noch unter dem Eindruck der krankhaften Verstimmung gesagt, wohl recht wenig geeignet, das schöne, wortkarge junge Mädchen an seiner Seite zum Sprechen zu bringen. Er hätte es gern getan; es fiel ihm nicht bei, ihre Schweigsamkeit auf Gedankenlosigkeit oder auch nur Befangenheit zurückzuführen. Im Gegenteil: sie interessierte ihn mit jedem Augenblicke mehr, und er hatte durchaus den Eindruck, daß er es mit einem höchst eigenartigen, in seiner Kraft sicher ruhenden Wesen zu tun habe, in dem er von dem Kinde, das er gekannt und geliebt, und dessen Bild er treu in der Erinnerung bewahrt, kaum einen Zug wieder zu entdecken vermochte. Du weißt, Onkel Bertram, daß du Fräulein von Aschhof – Tante Lydie – heute abend sehen wirst? begann sie plötzlich. Bertram zuckte zusammen; der Name hatte aus diesem schönen, keuschen Munde einen doppelt häßlichen Klang. Ich weiß es – nicht von deinen Eltern – aber ich weiß es, erwiderte er. Sie werden sich gescheut haben, es dir mitzuteilen, fuhr Erna fort; Mama hat sehr ungern ihre Erlaubnis gegeben, daß Tante kommen durfte; aber Tante hat so sehr gebeten, sie möchte dich nur noch einmal wiedersehen, und sie dachte, jetzt, wo du schwer krank gewesen bist und auf so lange Zeit verreist, wärest du vielleicht in einer milderen Stimmung. Und doch fürchtet sie sich, dir zu begegnen; sie war unterwegs so nervös, es fehlte, glaube ich, nicht viel, so wäre sie ausgestiegen und hätte uns allein weiterfahren lassen. Ich konnte ihre Unruhe kaum noch mit ansehen und fühlte mich ordentlich erleichtert, als ich selbst ausgestiegen war, um über den Berg zu gehen – von Fischbach aus, weißt du – und während ich herüberkam, fragte ich mich, ob ich dich, wenn ich vor ihnen nach Hause käme, nicht bitten dürfte, ein bißchen freundlich gegen die Tante zu sein; du bist – aber ich weiß nicht, ob ich weitersprechen darf – Ich bitte dich darum. Ich wollte nur noch sagen: du bist es ihr schuldig. Bin ich das? Ich sollte meinen, denn sie hat doch nichts getan, als daß sie dich geliebt hat und noch liebt, während du – Ich bitte dich, liebes Kind, sprich ohne Scheu weiter; es liegt mir viel, sehr viel daran. Während du sie verlassen hast, nachdem ihr ein ganzes Jahr lang verlobt gewesen seid. Und dann habe ich ihr einen Absagebrief geschrieben, nicht wahr? und die Verlassene hat sich in ihrer Verzweiflung vierundzwanzig Stunden später mit dem Grafen Finkenburg verlobt, der sich schon lange um ihre Hand beworben? und dem alten Herrn ist die Freude darüber so zu Kopfe gestiegen, daß er nach kaum einer Woche vom Schlage getroffen wird und stirbt, ohne nur die Zeit zu haben, die schöne Braut in seinem Testamente zu bedenken? Ist es nicht so? Laß uns abbrechen, Onkel Bertram, erwiderte Erna, ich höre aus deinen Worten und aus deinem Tone, daß du erregt bist, und ich fühle jetzt doppelt die schwere Unschicklichkeit, die ich beging, als ich um der Tante willen die Rede auf eine Angelegenheit gebracht habe, von der ich freilich nicht einmal wissen, geschweige denn sprechen sollte. Ich kann dich leider so nicht loslassen, liebes Kind, sagte Bertram; ich muß dich noch fragen, von wem du es weißt? von Fräulein von Aschhof natürlich. Ich finde es wenigstens nicht unnatürlich, erwiderte Erna, wenn Tante Lydie in der Aufregung, in der sie seit dem Tage ist, wo dein Besuch angekündigt war, und sie den Entschluß gefaßt hatte, dich wiederzusehen – wenn sie da ihr übervolles Herz gegen mich ausgeschüttet und mir alles gesagt, was ich ja zum größten Teil schon wußte oder doch ahnte. Und sie hat mich auf das dringendste gebeten, dir kein Wort wiederzusagen, und ist auch gewiß überzeugt, daß ich es nicht tun würde; aber ich habe es ihr versprochen, denn ich – ich habe dich immer lieb gehabt, Onkel Bertram, sehr lieb; und es tat mir weh, daß du – daß ich dich nun nicht mehr lieb haben könnte. Ich habe immer in meinem Herzen für dich Partei genommen, wenn sie sagten, daß du kalt seiest und selbstsüchtig und niemand liebtest als dich selbst. Ich habe immer gedacht: er hat nur keine gefunden, die seiner wert gewesen wäre. Und jetzt, da ich alles weiß, möchte ich sagen: vielleicht ist es auch Tante Lydie nicht gewesen; sie hat viele Eigenschaften, die mir gar nicht gefallen – aber sie wäre gewiß anders geworden, wenn du Geduld mit ihr gehabt, wenn du sie nicht verrat – verlassen hättest. Wie kann ein Mädchen gut bleiben, das der Mann, den sie liebt, verläßt! wie kann sie, hat sie ein leicht bewegliches Herz, anders als gefallsüchtig und kokett werden und Manieren annehmen, über welche die Leute spotten und lachen, oder – wenn sie stolz ist und sich ihres Unglücks schämt – kalt und herzlos und voller Verachtung gegen alle Männer, ja gegen alle Menschen. Die kühle, leise Stimme war bis zum letzten Worte dieselbe geblieben, aber mit dieser Ruhe und Selbstbeherrschung kontrastierte auf das eindringlichste der leidenschaftliche Glanz der großen, dunkeln Augen, die jetzt zu Bertram aufblickten mit einer wundersamen Festigkeit, wie sich die Alten den Blick der Götter gedacht haben mochten, die nicht wie die Sterblichen mit den Wimpern zucken. Das schoß durch Bertrams Seele, während sie sich so für ein paar Momente auf der Lichtung, wozu sich der enge Waldpfad erweitert hatte, gegenüberstanden; und daß keine Rücksicht ihn verdammen könne, vor diesen Augen als ein Schacher dazustehen, und daß er das graue Gespinst, welches die Lüge zwischen ihr und ihm gewoben, zerreißen müsse, es koste, was es wolle. Er nahm ihren Arm, wie um sich zu versichern, daß sie ihm nicht entfliehe, und sagte, indem er sie hastigen Schrittes fast mit sich fortzog: Und nun höre auch mich und verachte mich, wenn du es noch kannst, nachdem du mich gehört. Verlassen, sagst du, verlassen und verraten! ja wohl! aber wer den Verrat geübt, das war sie – den schmählichsten, greulichsten Verrat, dem auch keine Spur einer Entschuldigung innewohnt, wenn anders irgend etwas den Verrat entschuldigt. Ich habe sie geliebt – ich sage nicht, wie nur ein Mensch lieben kann – ich weiß nicht, wie andere Menschen lieben – ich weiß nur, daß ich sie geliebt mit meines Herzens bester, reinster Kraft. Ich war kein Jüngling mehr, als ich die Jugendfreundin deiner Mutter auf deiner Eltern Hochzeit kennen lernte; ich war ein Mann von fast dreißig Jahren – ich lebte in Leipzig, wie du weißt, als Privatgelehrter, wie sie's nannten, denn ich hatte den Plan meiner Studien allzu groß angelegt, und da ich's mit der Wissenschaft und der Kunst ernsthaft nahm, wie mit allen übrigen Dingen, arbeitete ich jahrelang an Aufgaben, die Leute, die weniger Zeit oder mehr Genie haben, in ebenso vielen Monaten lösen. Auch hatte ich, was ich zum Leben gebrauchte, vielleicht etwas mehr – ich war nicht gewohnt, darauf zu achten. Das wurde nun mit einem Schlage anders, als ich sie liebte und mich wiedergeliebt glaubte – wir hatten uns hier bei deinen Eltern noch wiederholt gesehen und hatten uns verlobt, wenn auch nur in aller Heimlichkeit, um die ich selbst gebeten. Ich begriff, daß der Bräutigam, der Gatte eines so glänzenden, gefeierten Mädchens, wie Lydie von Aschhof, etwas Besseres sein mußte als ein obskurer Privatgelehrter; es kostete mich keine Mühe mehr, mich zusammenzuraffen, entschlossen auf meine Ziele loszugehen. Aber freilich, einige Zeit dauerte es denn doch, bis mein großes Werk vollendet. Ihr dauerte es zu lange; oder zweifelte sie an dem Erfolge, oder galt ihr ein derartiger Erfolg im Grunde nichts trotz der Schwärmerei, die sie für meine Bestrebungen affichierte, und trotzdem sie die Güte hatte, mir tausendmal zu sagen, daß mein Geist, mein Talent sie gefesselt habe und gefesselt halten werde, und wenn man ihr eine Krone zu Füßen legte? Es brauchte, wie sich dann erwies, noch keine Fürstenkrone zu sein, nur eine freiherrliche – auf einem eisgrauen, dekrepiten Haupte dazu – und da schrieb sie mir den großmütigsten Absagebrief: daß sie mein stolzes Streben nur hemme, daß der Künstler, der Gelehrte frei sein müsse, daß ihr mein Ruhm teurer sei als ihre Liebe, und so noch ein paar Seiten tönender Phrasen in der zierlichsten Handschrift mit dem selbstverständlichen Schluß der Verlobungsanzeige, durch die sie, als durch ein fait accompli , ihrem schwankenden Herzen zu Hilfe kommen müsse. Der Brief war hier von Rinstedt aus geschrieben; ich stürzte zur Eisenbahn, nahm auf der letzten Station einen Wagen – die armen abgetriebenen Gäule konnten nicht weiter, als wir in Fischbach waren; ich erklomm auf dem kürzesten, steilsten Pfade den Hirschstein, über den du eben heraufgekommen bist; ich stürzte hier oben zusammen, raffte mich wieder auf, wankte weiter, weiter – bis zum Hause. Sie mochte denn doch gefürchtet haben, daß ich es nicht so geduldig nehmen würde; sie war bereits seit einer Stunde fort – nach Fichtenau, den Weg, den ich – nicht kommen konnte. Ich bin ihr nachträglich recht dankbar gewesen für ihre Umsicht und Vorsicht: ich war einfach rasend, und es war für uns beide ein Glück, daß meine Kraft gebrochen war, daß ich der Entflohenen nicht weiter nachsetzen konnte und deinen Eltern hier zur Last liegen mußte, ein todkranker, aufgegebener Mann, der sich nach sechs oder acht Wochen doch wieder erholte, um weiter zu leben, wie man denn so mit einem wunden Herzen – und diesmal nicht bloß im moralischen Sinne – weiter lebt. Was war es mir, daß, während ich hier oben mit dem Tode rang und mich dann an zwei Stöcken durch die Gartenterrassen schleppte, mein Werk herauskam und mich mit einem Schlage zu dem machte, was man hyperbolisch einen berühmten Mann nennt? daß einem alten, kinderlosen Geizhals von Onkel in derselben Zeit das Sterben ankam und mir, in Ermangelung anderer Erben, das ganze große Vermögen zufiel? Ich hatte genug erfahren von dem Lug und Trug irdischer Herrlichkeit. Ruhm, Liebe – pah! ich wurde, wofür ich meinen Bekannten gelte, und wie sie mich auch dir gegenüber genannt haben: ein kalter Selbstling, der, wenn er trotzdem die Hände nicht in den Schoß legte und weiterarbeitete und ein freies Wort, wozu andere, weniger Unabhängige, nicht den Mut fanden, hineinrief in den Streit des Tages und zu gemeinnützigen Unternehmungen anregte oder nach Kräften beitrug und hier und da einem armen Schlucker über eine Dornenhecke seines Lebensweges half – das alles nicht tat um Gottes willen, sondern um vor sich selbst das bißchen Respekt nicht zu verlieren, das zu den notwendigen Requisiten eines anständigen Egoisten gehört. Und da ich gerade von Respekt spreche, fühle ich schmerzlich, daß ich das besagte Bißchen stark vermindere, indem ich dir dies alles sage. Denn ein Gentleman muß in einer Herzenssache der Dame das erste Wort abnehmen und das letzte lassen; und wenn sie behauptet, daß er der Don Juan und sie die Elvira sei, noch obendrein sich für die zugeteilte glänzende Rolle bedanken. So, liebes Kind, und nun sei deinem alten schwatzhaften Onkel wieder gut, wie du ihm vordem gewesen – willst du? Die erwartete Antwort blieb aus; das Gefühl der Beschämung, das über Bertram schon während seiner Erzählung gekommen war und das er durch die humoristische Wendung zuletzt vergeblich hatte abschwächen wollen, wurde durch Ernas Schweigen auf das peinlichste gesteigert. Wie hatte er sich nur so weit vergessen, sich so viel vergeben können: das tiefste Geheimnis seiner Brust, an dem er selbst abgewandten Antlitzes vorüberzugehen sich gewöhnt, einem jungen Mädchen zu enthüllen, das noch ein halbes Kind war, ohne Verständnis für so traurige, schmerzliche, häßliche Erfahrungen! und das überdies mit ihr, die er so leidenschaftlich angeklagt, in dem intimen und zarten Verhältnis der Schülerin zur Erzieherin stand! – Es war abscheulich, unwürdig! wie ein unreifer Knabe hatte er gehandelt! er wünschte sich tausend Meilen weit fort; er verwünschte seinen Mangel an Entschlossenheit, daß er nicht vor einer Stunde Knall und Fall aufgebrochen und so all diesem Wirrsal entronnen war. Jetzt wollte er, mußte er noch heute abend auf der Stelle abreisen, ohne womöglich jemand zu sehen, zu sprechen; ohne sich jedenfalls auf eine Erklärung einzulassen. Was bei den Erklärungen herauskam, er hatte es eben gekostet! er würde den bitteren Nachgeschmack sobald nicht von der Zunge verlieren! Sie waren aus dem Walde heraus und schritten über einen Wiesenplan dem Pförtchen zu, das hier durch die dicke alte Mauer auf den Schloßhof führte. Und du hast das alles bisher niemand gesagt? fragte Erna plötzlich. Nein, antwortete er; – es kostete ihn Mühe, das kurze Wort herauszubringen. Sie traten in das Pförtchen; auf dem schon von dichter Dämmerung erfüllten Hofe, in der Nähe der Rampe vor der Haustür, stand ein großer offener Reisewagen, aus welchem Diener die Sachen der abgestiegenen Herrschaften räumten; ein mit Koffern beladener kleiner Leiterwagen kam eben durch das Haupttor auf der anderen Seite, dem Pförtchen gegenüber. Onkel Bertram! sagte Erna. Sie hatte, gerade als sie die Schwelle des Pförtchens überschreiten wollten, mit leichtem Druck seine Hand gefaßt; er blieb unwillkürlich stehen. Sie blickte wieder zu ihm empor, aber nicht mit dem strengen Ausdruck wie vorhin im Walde. War es das Licht der Mondsichel, die drüben im Abenddämmer über den Häusern schwebte, waren es Tränen, was in den großen Augen schimmerte? Du willst fort, Onkel Bertram? Wer hat dir das gesagt? Gleichviel! du willst fort? Ja! Bleib! ich bitte dich! um meinetwillen! Sie ließ die Hand los, die sie bis dahin festgehalten, und eilte über den Hof nach dem Schlosse, während er das Treppchen zu dem Seitenflügel, wo seine Zimmer lagen, emporstieg, die Seele erfüllt von dem Bilde des wundersamen Mädchens, dessen Worte, dessen Blicke so zauberkräftig waren, daß er gegen ihren Willen einen eigenen Willen nicht mehr zu haben schien. IV. Das lange Ausbleiben des Herrn hatte nachgerade angefangen, den treuen Konski ernstlich zu beunruhigen. Zwar wußte er aus zehnjähriger Erfahrung, daß er auf Befehle, die der Herr in solcher Erregung gab, nicht viel Gewicht zu legen brauchte; und je später es wurde, desto unwahrscheinlicher wurde ja auch die angekündigte Abreise; aber wenn ihm nun unterwegs etwas zugestoßen war? Der Doktor hatte ihm auf die Seele gebunden, ernstlich darauf zu achten, daß der Herr sich wenigstens in den nächsten Wochen vor allen Strapazen sorgsam hüte, und er war die Terrassentreppen hinabgesprungen wie toll! Dies vertrackte Fräulein, das nicht kommen durfte, wenn sie hier waren! weshalb hatte er nicht reinen Mund gehalten? weshalb dem Herrn die große Neuigkeit brühwarm zutragen müssen? Er wäre ihm am liebsten in das Dorf nachgeeilt; aber er wagte nicht, seinen Posten zu verlassen. Und nun kam auch der Amtsrat und fragte nach dem Herrn und schien sehr betreten, als er, um seine eigene Sorge zu beschwichtigen, andeutete, der Herr habe die Nachricht, daß noch andere Gäste erwartet würden, nicht eben gut aufgenommen, und nur so als seine Vermutung hinzufügte, er sei wohl ausgegangen, um nicht beim Empfange zugegen zu sein. Dann ließ ihn die Frau Amtsrätin, die eben heimgekehrt war, rufen, und er mußte der Gnädigen, vor der er einen heillosen Respekt hatte, wiederholen, was er dem Herrn Amtsrat gesagt; und die Gnädige hatte ihn mit ihren großen braunen Augen so durchbohrend angesehen, daß er heilfroh war, als er wieder auf seinem Beobachtungsposten am Flurfenster stand, von dem er den ganzen Hof überblicken konnte, und da fuhr auch schon die offene Equipage in den Hof; es saßen nur zwei darin: ein Herr und eine Dame – Gott sei Dank! Konski hatte in der Dämmerung Züge und Gestalt der Dame nicht mehr zu erkennen vermocht; aber wer sollte es denn sein, als Fräulein Erna? Und vor der lief der Herr sicher nicht weg! nun war alles gut, wenn er selbst nur erst wieder zurück wäre! Unten ging die Tür; Konski hörte den Schritt des Herrn auf der Treppe. Er lief ihm entgegen und berichtete freudig seine Beobachtungen; vielleicht wüßte der Herr schon, daß nur Fräulein Erna angekommen sei? Der Herr hatte sich in dem Wohnzimmer, wo Konski die Lichter bereits angezündet, in einen Lehnstuhl geworfen und starrte so vor sich hin, strich sich wiederholt über Stirn und Augen, richtete sich dann plötzlich auf und fragte: Was sagten Sie? Konski hatte während der letzten Minute gar nichts gesagt, fragte nun aber, ob der Herr sich nicht für die Abendtafel umkleiden wolle? Er glaube, es sei die höchste Zeit. Bertram erhob sich und ging in das Schlafzimmer, wo Konski einen Anzug, den er für die Gelegenheit passend erachtet, zurechtgelegt hatte. Er leistete die nötige Hilfe, nicht wenig verwundert, daß der Herr nicht das kleinste Wörtchen sprach, während er gerade beim Anziehen am meisten mit ihm zu plaudern pflegte. Merkwürdig war auch, daß er sich, was er sonst nie tat, wiederholt sehr aufmerksam im Spiegel betrachtete und sogar, was Konski sich nie gesehen zu haben erinnerte, an dem Schnurrbart zupfte und drehte. Indessen, da er dabei wohl eine sehr ernste, aber keineswegs verdrießliche oder zornige Miene machte, war es Konski zufrieden. Mit der Abreise heute abend hatte es unter allen Umständen gute Wege. Man pochte an die Tür; es war der Amtsrat, der so eilfertig eintrat, als es seine Korpulenz immer gestattete. Gott sei Dank, daß du hier bist! rief er, dem Freunde wie einem sehnlich Erwarteten, eben Angekommenen, beide Hände wieder und wieder schüttelnd. Hast du uns Angst und Sorge gemacht! Hildegard war so bös, daß ich dich allein gelassen! ich sagte: er ist ja doch kein Kind mehr, dem man überall aufpassen muß. Das heißt: ich habe es nicht gesagt, sondern nur gedacht; Hildegard ist heute so nervös; ich hatte ihr gleich – Der Übereifrige bemerkte jetzt erst die Gegenwart des Dieners und brach verlegen ab; Bertram war mit seiner Toilette fertig; die beiden Herren verließen das Zimmer. Während sie über den langen Korridor nach dem Haupthause schritten, legte der Amtsrat seinem schlanken Freunde den Arm um die Hüfte und sagte mit vorsichtig leiser Stimme: Ich hatte es Hildegard gleich gesagt, daß du es übelnehmen würdest, oder es ihr doch wenigstens angedeutet, denn du weißt, sie verträgt Widerspruch nicht gut; und es war ja auch zwischen den Weibern beschlossene Sache, wie ich bald merkte. Nun sagt mir Erna – ist es nicht ein liebes Kind, wie? ein bißchen sehr eigen, sehr apart, aber immer gut gegen mich – wie hübsch, daß ihr euch getroffen habt! – ja, sie sagt mir, du wärst nicht weiter bös, daß Lydie mitgekommen ist. Das heißt: Erna weiß nichts von den alten Geschichten oder hat die Glocken nur läuten hören, daß ihr euch nicht leiden könnt, oder du Lydie nicht – na, das ist ja nun ganz gleich. Sag mir nur, daß du nicht weiter bös bist. Ich war es im ersten Augenblick, aber bin es nicht mehr. Das ist alles, was ich verlange. Und im Grunde, alter Kerl, na – Mißverständnisse und so weiter, und so weiter! Aber die Schuld liegt doch gewiß auf deiner Seite, oder doch zum größten Teil; liegt ja immer auf unserer Seite – das weiß ich als alter Eheknüppel – wie? Der Amtsrat lachte; Bertram, um der Antwort auszuweichen, fragte, wo die Gesellschaft sei. Die Damen sind auf der Veranda – der Baron war noch auf seinem Zimmer. Wer ist denn eigentlich dieser Baron? fragte Bertram; ihr habt über Tisch öfter von ihm gesprochen, aber ich gestehe, ich habe nicht recht hingehört. Lotter! sagte der Amtsrat. – Du, höre, das ist ein famoser Kerl, der dir sehr gefallen wird; höllisch gescheit, hat alles gelesen, spielt Klavier, malt – prachtvoll, sage ich dir: Porträt, Landschaft – was du willst. Ist eigentlich wegen der Malerei hierher gekommen – Schüler unserer Akademie, weißt du. Und geht natürlich bei Hofe aus und ein – Aus eurer Gegend? Gott bewahre; aus Württemberg, uralte Familie: Lotter-Vippach; Vater war General, glaube ich, Onkel Minister – kurz, in den höchsten Würden. Selbst Offizier gewesen, Kampagne von 1870 mitgemacht; aber ein bißchen unruhiges Blut – fabelhaft in der Welt herumgewesen: Algier, Südamerika – was weiß ich. Habe ihn dringend gebeten, während des Manövers hier zu bleiben, ein bißchen die Honneurs zu machen – war selbst nie Soldat, weißt du. Freut sich riesig darauf, dich kennen zu lernen, hat alles von dir gelesen – wo sind denn unsere Damen? werde mal nachsehen, bleib hier – du hast keinen Hut auf. Das letzte war bereits in dem Gartensaal gesprochen, in welchem die großen Fenstertüren nach der Veranda offen standen. Der Amtsrat war davongeeilt, die Damen zu suchen; Bertram schritt auf und nieder in dem weiten, halb dunkeln Raum. Hatte er sich Ernas Befehl nicht doch zu willig gefügt? Wenn ihm das Gehorchen leicht, wenn es ihm nur möglich sein sollte, durfte sie ihn wenigstens nicht verlassen. Und jetzt war selbst ihr Bild vor seinem inneren Auge entschwunden, und das der einst so heiß Geliebten stand da, als wären nicht zwanzig Jahre hingegangen, seit er sie zum letztenmal gesehen; als ob sie nur eben mit der schönen Freundin in den Garten gegangen, um alsbald unter irgend einem Verwand zurückzukommen, in seine Arme zu fliegen, ihn mit Küssen zu überschauern – hier, hier – wie oft, wie oft – in diesem Saale, in dem noch der Duft des Veilchenparfüms zu schweben schien, das sie so liebte und das ihm, fern von ihr, stets ein Talisman holdester Erinnerung gewesen war! Er befand sich in der Tiefe des Saales, mit dem Rücken nach der Veranda; ein leises Rauschen kam die Stufen herauf; er wandte sich. In dem Rahmen einer der Türen, auf dem lichteren Hintergründe des abendlichen Himmels, war die Silhouette einer Dame, die auf der Schwelle ein paar Momente zögerte und dann auf ihn, der in banger Starrheit regungslos stand, mit erhobenen Armen zueilte. Sie war, ehe er es verhindern konnte, vor ihm in die Knie gesunken, hatte seine Hände, die er, sie emporzuheben, niederstreckte, ergriffen und an ihren Busen, an ihre Lippen gedrückt. Eine dichte Wolke von Veilchenduft wallte zu ihm auf: Gnade, Karl, Gnade! Ich bitte Sie – gnädiges Fräulein – um Himmels willen – Er hatte es nur so stammeln können, denn in seinem Herzen schnitt und bohrte es wie von Dolchstößen; kalter Schweiß bedeckte seine Stirn, und eiskalt waren die Hände, die Lydie noch immer festgehalten und jetzt erschrocken losließ, indem sie sich zugleich von dem Boden aufrichtete. Gnädiges Fräulein! – murmelte sie – gnädiges Fräulein – ich wußte es ja! Der Krampf an seinem Herzen war vorüber; es schlug nur noch dumpf und schwer, und so hatte sich der zornige Schmerz in sanfte Trauer aufgelöst. Lassen wir das Vergangene vergangen sein, sagte er. Wenn das möglich wäre, flüsterte Lydie. Es muß möglich sein. Sie hörte an dem leisen und doch festen Ton, daß sie für den Augenblick nicht weitergehen dürfe; und wenn sie sich auch sagen mußte, daß sie sich in der Hoffnung, mit einem ersten großen Ansturm sein Herz zurückzugewinnen, betrogen habe, so schien doch gesichert, was in zweiter Linie wünschenswert und notwendig war: ein leidliches Verhältnis der Gesellschaft gegenüber. Die liebe Stimme! flüsterte sie; – die alte, liebe, sanfte Stimme! und die harten, grausamen Worte! Aber ich habe kein Recht, mich zu beklagen, und ich will nicht klagen: es muß ja möglich sein! Bertram wurde zu seiner großen Erleichterung einer Antwort überhoben, denn jetzt kamen der Amtsrat, seine Frau und Erna, zu denen sich mittlerweile Baron Lotter gesellt hatte, aus dem Garten herein; in demselben Augenblicke öffnete der Diener die Flügeltür zu dem Speisezimmer; die beiden Herren wurden einander vorgestellt, der Baron bot der Frau vom Hause den Arm, Lydie hatte sich an den Amtsrat gehängt, so fiel Erna Bertram zu. Sie waren ein wenig hinter den anderen zurückgeblieben. Wie gut du bist! flüsterte Erna. Und ich komme mir recht erbärmlich vor, erwiderte Bertram. V. In der Tat war die Empfindung des Unrechts, sich gegen Erna so weit ausgelassen zu haben, Bertram in doppelter Stärke wiedergekommen, da er sich sagen mußte, daß sein Gebot, das Vergangene vergangen sein zu lassen, kurz vorher von ihm selbst in so bedenklicher Weise übertreten sei. Das Vergangene war fürder kein Geheimnis mehr zwischen den Beteiligten; und was nun weiter geschah – jedes Wort, das sie miteinander sprachen, jeder Blick, den sie wechselten – es hatte alles, alles Sinn und Bedeutung für ein Drittes: für das schöne, über seine Jahre ernste Mädchen mit den großen, stillen, götterhaften Augen. So war denn seine Ablehnung von Ernas Lob sehr ernstlich gemeint, aber er hatte doch gehofft, es werde das Schlimmste nun überstanden sein. Wie sehr er sich darin getäuscht, wurde ihm peinlich klar mit dem ersten verstohlenen Blick, den er bei dem taghellen Schein der Kerzen im Speisesaal in das Gesicht Lydies wagte, die ihm an dem runden Tische gegenübersaß. War das wirklich Lydie? oder hatte ein heimtückischer Dämon eine Karikatur an Lydies Stelle gezaubert? das Bild des geistvollen, von Scherz und Neckerei, Laune und Witz übersprudelnden Mädchens mit den unregelmäßigen, pikanten Zügen, den großen, lichtblauen, schelmischen Augen, den frischen, rosigen Farben, dem flatternden, aschblonden Lockenhaar verwandelt in das einer alternden Kokette, welche die dünnen Lippen fortwährend spitzt, selbst beim Lachen, um die plombierten Zähne nicht zu zeigen; die Lider schauspielermäßig bald senkt, bald hebt, den starren Augen einen Glanz zu verleihen, der ebenso trügerisch ist wie das allzu helle Rosa auf den mageren Wangen oder das allzu dunkle Karmin der Ohren, in deren Läppchen kleine Diamanten funkeln? und den mit Gold durchwirkten, weißseidenen Schal jetzt von den spitzen Schultern gleiten läßt, um ihn sofort wieder hoch hinaufzuziehen und eine malerische Drapierung zu versuchen, die nicht recht gelingen will, so daß das Spiel in der nächsten Minute wiederholt werden muß? Und dies geschminkte, aufgeputzte, zudringlich gefallsüchtige Wesen hatte er geliebt – mit seines Herzens bester, reinster Kraft, wie er vorhin Erna mit leidenschaftlicher Erregung versichert! Es war fürchterlich. Würde Erna glauben, daß der dürre Strauch da je im Frühlingsblütenschmuck geprangt? konnte sie es glauben, wenn sie Lydies Jugendfreundin, die eigene Mutter, ansah, deren hohe Schönheit die Flucht der Jahre kaum gestreift hatte? deren große, braune Augen noch immer samtweich leuchteten? deren rabenschwarzes Haar noch immer in bläulichem Schimmer erglänzte? War aber das Mißverhältnis in der Erscheinung und dem Wesen der beiden Damen jetzt so groß, mußte es nicht immer bestanden haben? und der Geschmack eines Mannes, dessen Gefühl sich so weit verirren konnte, allezeit ein kläglicher gewesen sein? Und wenn ihm das erbarmungslose Kerzenlicht eine so greuliche Entdeckung gebracht hatte, wie mochte denn er selbst nun erscheinen vor Ernas prüfenden Blicken? War nicht etwa mit ihm eine ebenso schauerliche Metamorphose vorgegangen? Hatten doch die zwanzig Jahre selbst Ernas Vater, der auf der Universität den Beinamen des Schönen mit Recht geführt, in einen übermäßig korpulenten Herrn mit stark verschwommenem Gesicht verwandelt, dessen mächtiger Schädel um die Schläfen herum schon bedenklich kahl wurde! Und er selbst hatte sich nie durch Schönheit ausgezeichnet; das schlichte Haupthaar war zwar noch dunkel wie ehemals, und er hatte vorhin im Spiegel ein blasses und scharfes, aber, wie er wähnte, trotz alledem nicht verwüstetes Gesicht erblickt. Was konnte der gefällige Spiegel der blinden Eitelkeit nicht alles weismachen, nicht alles aufbinden? In Lydies Gemach hing jedenfalls gerade solch ein Spiegel! Immer trüber wurde es Bertram zu Sinn; die Augen, die er nicht mehr aufzuschlagen wagte, starr vor sich nieder auf die Teller heftend, welche die Diener wechselten, ohne daß er die Speisen, die er sich mechanisch genommen, berührt hätte, saß er da, kaum ein Wort von dem Gespräch hörend, das hauptsächlich von Lydie und dem Baron geführt wurde. Es schien sich um Verhältnisse bei Hofe zu handeln, die sehr amüsant und pikant sein mußten, denn es wurde, wenigstens von den beiden, viel gelacht; und die schöne Hildegard erinnerte mehrmals mit erhobenem Finger an den Respekt, den man unter allen Umständen den höchsten Herrschaften schuldig sei. Dann kam die Rede auf das bevorstehende Manöver, dessen Disposition der Baron bis in die kleinsten Details zu kennen behauptete, indem er den Damen mit Messerbänken, Dessertlöffeln, Brotkügelchen die ursprünglichen Stellungen der Angreifer und der Angegriffenen zu verdeutlichen suchte und die Eventualitäten erwog, die eintreten könnten und müßten, je nachdem die Kommandierenden so oder so operierten. Unter allen Umständen werde es in unmittelbarer Nähe von Rinstedt, wenn nicht in Rinstedt selbst, zum Entscheidungskampf kommen, der freilich, da sich das Terrain für Kavallerie so wenig eigne, fast ausschließlich zwischen Artillerie und Infanterie auszufechten sei. Das bedauere er, der gewesene Kavallerist, besonders; aber auf ein glorioses Schauspiel könnten die Damen nichtsdestoweniger mit Sicherheit rechnen; schade, daß er, trotz seiner vielen Verbindungen in der Armee, gerade unter den Offizieren des Regiments, das in Rinstedt in Quartier kommen sollte, gar keine persönlichen Bekannten habe. Ich dafür eine ganze Menge, sagte der Amtsrat; die Neunundneunziger standen ja bis vor einem Jahre in Erfurt; ich bin oft genug mit den Herren auf den Jagden zusammengewesen. Da müssen Sie doch auch einen und den anderen kennen, meine Gnädigste, sagte der Baron, sich zu Lydie wendend; die Herren sind gewiß gelegentlich zu unseren Hofbällen befohlen worden. Natürlich, erwiderte Lydie, zum Theater kommen sie ja ebenfalls immer in Scharen herüber – aber wer kann einen roten Kragen vom anderen unterscheiden? ich nicht! ich liebe einfache, solide bürgerliche Farben. Fragen Sie Erna! die muß Bescheid wissen; sie ist noch im vorigen Sommer sechs Wochen in Erfurt bei Tante Adelheid gewesen; und da stiegen die Offiziere ein und aus; nicht wahr, Erna? Du vergißt, daß Tante gerade damals Trauer hatte, sagte Erna; es war von Gesellschaften nicht die Rede. Aber man kommt doch auch, ohne geladen zu sein, selbst in ein Trauerhaus, wenn es sechs heiratsfähige Töchter birgt, wie das der Frau Geheimrätin, sagte der Baron. Mag sein; so ist mein Unterscheidungsvermögen hinsichtlich der roten Kragen nicht stärker als bei Tante Lydie; jedenfalls erinnere ich mich keines der Herren mehr. Das war in einem so herben, abweisenden Tone gesagt – Bertram schaute unwillkürlich auf; das feine Gesicht war vollkommen ruhig; nur die blauen Augen, die sie nicht auf den Baron, sondern auf ihn richtete, schienen einen noch tieferen Glanz zu haben wie von verhaltenem Unmut. Es war das erstemal über Tisch, daß ihre Blicke sich begegneten, und ein seltsamer Schauer durchrieselte ihn. Er fühlte, daß ihm das Blut in die Schläfen schoß, und fragte, nur um seine Verlegenheit zu verbergen, wer das vielbesprochene Regiment kommandiere? Oberst von Waldor, erwiderte der Baron prompt. Ich kannte einen Offizier seines Namens, sagte Bertram, vor langer Zeit – in Berlin – er war damals zur Kriegsschule kommandiert; ich blieb auch später ein Paar Jahre mit ihm in Korrespondenz und habe ihn dann aus den Augen verloren. Aber mich deucht, er stand bei einem anderen Regiment? Bei den Zweihundertzehnern, erwiderte der Baron; – ganz richtig; bekam das Regiment vor einem Jahre etwa; hat in der Kampagne viel von sich reden gemacht. Für einen sehr schneidigen Offizier galt mein Freund schon damals, sagte Bertram. Es ist kein Zweifel, daß es derselbe ist, sagte der Baron; soviel ich weiß, existieren auch gar nicht zwei Waldors in der Armee, oder doch nicht unter den Regimentskommandeuren, deren Namen ich wohl sämtlich im Kopfe habe. Ist übrigens ein toller Christ, der Herr Oberst! Was ist das: ein toller Christ? fragte Lydie, den Arm des Barons mit dem Fächer berührend. Das ist leichter gefragt als beantwortet, meine Gnädige, erwiderte der Baron lachend. So antworten Sie lieber nicht, sagte die Amtsrätin mit einem Blick nach Erna. Weshalb nicht, gnädige Frau! rief der Baron; es ist ganz unverfänglich, wenn man die Tatsachen sprechen läßt, und Tatsache ist, daß Waldor, der – ich kenne ihn nicht persönlich, aber der Herr Doktor wird es gewiß bestätigen – nicht bloß wegen seiner Bravour, sondern auch wegen seiner Schönheit in der ganzen Armee berühmt war und folglich unzählige Herzen gebrochen hat, bis auf den heutigen Tag unbeweibt geblieben. Sie sagen: folglich! rief Lydie, und denken folglich sehr klein von unserem Geschlechte. Wie das, meine Gnädige? Nun, Sie scheinen anzunehmen, daß die Schönheit eines Mannes allein hinreicht, Frauenherzen zu rühren oder zu brechen, wie Sie es auszudrücken belieben. Ach, lieber Baron, wie wenig kennen Sie das weibliche Gemüt! Bitte tausendmal um Verzeihung, meine Gnädige! aber ich habe das nicht gesagt. Tapferkeit mit Schönheit im Bunde! nun, und wie kräftig diese Allianz in der betreffenden Richtung ist, darüber wissen, deucht mir, die Dichter viel zu erzählen. Wir haben ja einen Dichter unter uns; er wird für mich sprechen. Der Baron wandte sich bei diesen Worten an Bertram; der Ton und die begleitende Geste hatten etwas beleidigend Protektorhaftes, wie denn in Bertrams Augen das ganze Wesen des großen, fast hünenhaften jungen Mannes von einer prahlerischen Selbstgefälligkeit, die auf den Beifall aller unbedingt zu rechnen schien, durchtränkt war. Nichtsdestoweniger antwortete er mit ruhiger Höflichkeit: Ich halte mich weder für einen Dichter, noch werde ich, soviel ich weiß, von irgend jemand dafür gehalten, der die paar versifizierten Armseligkeiten, die ich vor langen Jahren veröffentlicht, gelesen hat. Ich protestiere dagegen auf das allerentschiedenste! rief Lydie; ich habe diese Armseligkeiten – entsetzliches Wort! – gelesen; ich kenne sie auswendig und halte ihren Verfasser für einen Dichter – für einen Dichter von Gottes Gnaden. Verbindlichsten Dank, erwiderte Bertram; indessen, wozu man geboren, das pflegt sich doch früher oder später im Herzen laut anzukündigen. Bei mir schweigt die Stimme, und so dürfte ich wohl mit Fug und Recht das von mir gewünschte Zeugnis verweigern. Als Unberufener aber und völlig Unbeteiligter möchte ich davor warnen, den Dichtern gerade in dem beregten Punkte allzu großes Vertrauen zu schenken. Um den Beifall der Menge buhlend, wie ihr Metier es zu erfordern scheint, akkommodieren sie sich nur zu leicht dem Geschmack der Menge, die bekanntlich wie ein Kind nach dem Bunten, Glänzenden gierig greift. Wie sollten sie also nicht die Heldin als unvergleichlich schön, den Helden als unbändig tapfer schildern und im übrigen alle Ehrenqualitäten auf die gebenedeiten Häupter häufen! Ob die eine Qualität etwa die andere mehr oder weniger ausschließt, ob sie nicht an und für sich alles Maß des erfahrungsmäßig Möglichen überschreitet – ei nun, man wird ja nicht so genau zusehen! und wenn es einer tut, so ist er eben ein Pedant, und für Pedanten existieren Romanhelden so wenig wie wirkliche Helden für ihre Kammerdiener. Oh, Sie Spötter, oh, Sie Schalk! rief Lydie; werden Sie uns jetzt nicht noch beweisen, daß Schönheit, Tapferkeit und jede Tugend der Welt in das Reich der Fabel gehören! Es ist doch etwas Schreckliches um diese eingefleischten Skeptiker! Aber so war unser Freund immer! Habe ich nicht vorhin gesagt, Hildegard: ich glaube nicht, daß er ein anderer geworden; er kann sich nicht verändern! und siehe: er ist derselbe, der er war! Das wäre ein starkes Stück in Anbetracht der beinahe zwanzig Jahre, die seitdem – Der Amtsrat, der diese Worte lachend gerufen, brach vor einem strengen Blick aus den dunkeln Augen seiner Gattin mit einem Räuspern ab, schenkte sich das erst halb leere Glas übervoll und verlangte zu wissen, weshalb die Herren denn heute abend gar nicht tränken? Fräulein von Aschhof, sagte Bertram, um dem verlegenen Freunde zu Hilfe zu kommen, beweist nur durch ihre gütige Behauptung meiner Unveränderlichkeit, daß sie allerdings Welt und Menschen mit dichterischen Augen sieht. Aber vergessen wir nicht: selbst die Dichter lassen nur das schöne Geschlecht an dem holden Vorrecht der leicht lebenden, ewig jungen Götter partizipieren, und sie dürfen die Täuschung wagen, weil der Zuhörer getäuscht sein will. Wer wäre je so entgeistert gewesen, einer Antigone, Iphigenie, einer Helena ihre Jahre nachzurechnen; sie sind, was sie waren, oder sie sind nicht; – aber selbst des Dichters Schmeichelkunst kann den Mann vor dem Altern nicht schützen, und wen er jung bewahren will, muß er jung sterben lassen wie den Achilleus. Ich bestreite das! rief Lydie mit Lebhaftigkeit; ich behaupte, daß Heroen so wenig altern wie Heroinnen. Das würde noch immer nicht für mich sprechen, der ich kein Heros bin, erwiderte Bertram lächelnd, selbst wenn Sie recht hätten; aber ich möchte mir einen bescheidenen Zweifel erlauben. Wenigstens erscheint der Held der Odyssee offenbar als ein gereifter Mann, um es milde auszudrücken, an dem Athene erst ihre göttliche Kosmetik üben muß, um ihn bei den Phäaken würdig einzuführen. Der Baron hantierte wieder mit Messerbänken und Brotkügelchen; offenbar war er verdrießlich, so lange nicht zu Wort gekommen zu sein; Bertram tat, als ob er es nicht bemerkte; er sprach wahrlich nicht um jenes willen; er wollte sich für sein Teil von dem Verdacht, daß er wie die Kokette drüben eine Jugendlichkeit prätendiere, die längst entschwunden, in Ernas Augen frei machen, und er sah diese Augen unverwandt auf sich gerichtet. So nahm er allen Mut zusammen und fuhr in demselben Ton behaglicher Laune fort: Goethe – als ein moderner und in diesem Falle auch als tragischer Dichter, der ja alles bar bezahlen muß – verzichtete in seinen Nausikaa-Fragmenten klüglich auf jene nur dem antik-naiven epischen Dichter erlaubte Verschönerungskunst und nimmt, den klaffenden Abstand der Jahre zu überbrücken und das augenscheinlich Unwahrscheinliche in ein wenigstens Glaubliches zu verwandeln, zur Illusion seine Zuflucht, die aus dem Herzen des lieben Kindes, ihre reinen Augen, ihren klaren Sinn umnebelnd, aufsteigt. »Und immer ist der Mann ein junger Mann, der einem jungen Weibe wohlgefällt«, sagt die alte Wärterin, Nausikaa das Wort von den keuschen Lippen nehmend. Ein rührendes Wort, rührend wie der Glaube der Kinder an die Allmacht der Eltern! Was es mit jener Jugend, die nirgend existiert als in dem holden Wahn einer jungen, unerfahrenen, großmütigen Seele, auf sich hat – nun, derselbe Goethe hat es uns mit künstlichem Humor, der wie aller echte Humor nicht ohne einen Anflug von Wehmut ist, erzählt in der Novelle des Mannes von fünfzig Jahren. Der arme Major! er hat mir immer von Herzen leid getan! wie er sich von dem theatralischen Freund den kosmetischen Kammerdiener ausbittet; wie der vielgewandte Mann den alternden Herrn balsamiert und wattiert, und doch alles den kranken Vorderzahn nicht retten kann und ganz gewiß nicht verhindert, daß die schöne Hilarie für den jungen Flavio entbrennt, bloß weil sie ihn für die geistreiche Witwe entbrannt sieht; bloß weil ihr zum erstenmal in Flavios Raserei das Bild der echten heißen Jugendleidenschaft vor Augen steht – das ist alles so wahr wie reizvoll, so reizvoll wie melancholisch – zum wenigsten für den Leser, der in der Lage ist, die Erfahrungen und Empfindungen an seinen eigenen Empfindungen und Erfahrungen prüfen zu können. Freilich, Alter schützt vor Torheit nicht, sagte der Baron; das ist denn doch wohl das Lange und das Breite von der Geschichte. Wollen Sie in Dingen nicht mitsprechen, die Sie nicht verstehen, Sie prosaischer Mensch! rief Lydie mit einem Fächerschlage nach dem Hünen; – hier ist von Alter nicht die Rede; ein Mann von fünfzig ist nicht alt, ist in den besten Jahren und oft zehnmal jünger als ihr sogenannten jungen, blasierten Herren. Aber auch gegen unseren gelehrten Freund muß ich Goethe in Schutz nehmen. Ja, ja, mein Freund; ich kenne die Novelle ganz genau – ich selbst habe sie vor noch nicht acht Tagen bei Hofe vorgelesen. Wer heißt Sie eine Komödie tragisch nehmen? denn die Novelle ist eine Komödie – eine Komödie der Irrungen. Hilarie bildet sich ein, den Onkel zu lieben, und liebt doch den Flavio; Flavio die junge Witwe, während er Hilarien liebt; der Major endlich – nun, ich dächte, die letzte Szene in dem Gasthause beweist klar, daß er seine Empfindungen nur an die falsche Adresse, wenn ich so sagen darf, gewandt hat; und daß er und die geistreiche Dame nachträglich ein glückliches Paar geworden sind, ist mir wenigstens völlig gewiß. Oder meinen Sie nicht? Ein warnender Blick aus Hildegards dunkeln Augen traf Lydie, die durch die Schminke hindurch rot wurde: sie hatte ihre Karte allzu offen gezeigt! Bertram überkam nur mit Mühe ein Lächeln; ja, es regte sich etwas wie Mitleid mit der Unvorsichtigen. Er sagte: Gewiß, gewiß haben Sie recht, vor allem, wenn Sie die Novelle eine Komödie nennen. Wie wenig, wie so gar nicht es Goethe um einen tragischen Konflikt zu tun war, geht schon daraus hervor, daß er die Verhältnisse für einen heiteren Schluß so günstig wie möglich gewählt und jedem seine Rückzugslinie von vornherein gesichert hat. Der Major ist der Onkel Hilariens, seiner verwitweten Schwester einzige Tochter, an der er ohne Zweifel Vaterstelle vertreten, die er bis dahin wie sein eigenes Kind geliebt hat. Der Nebenbuhler, vor dem er zurücktritt, ist sein eigener einziger Sohn, den er ebenfalls sehr liebt, mit dem er auf dem besten, auf einem kameradschaftlichen Fuße verkehrt. Sodann steht hinter der davongleitenden Hilarie wieder die junge Witwe, in deren Armen der Major die kleine Demütigung bald genug vergessen wird. Und schließlich, was mir die Hauptsache scheint: Goethe hat wohlweislich das eine Moment vermieden, durch das er freilich im Handumdrehen die Komödie in eine Tragödie hätte verwandeln können, ja verwandeln müssen; er hat – aber ich sehe es Ihnen an, liebe Freundin, Sie wünschen die Tafel aufgehoben. Verzeihen Sie meine unschickliche Redseligkeit. In der Tat hatte Hildegard die Wendung, die das Gespräch genommen, um Ernas willen keineswegs behagt. Sie ergriff die dargebotene Gelegenheit sofort und erhob sich. Erna, die, ohne einen Blick von Bertram abzuwenden, dagesessen hatte, atmete auf wie jemand, der aus tiefer Träumerei zum Bewußtsein der Gegenwart zurückgerufen wird, und folgte dem Beispiel der anderen. Sie und Bertram waren wieder das letzte Paar, das den Speisesaal verließ, um sich in den Gartensaal zurückzubegeben, in dem mittlerweile die Diener die Lampen angezündet hatten; es kam Bertram vor, als ob sie mit Absicht langsam gehe. Was war das eine, Onkel Bertram? fragte sie. Welches eine? Er wußte, was sie meinte; aber er hatte vorhin abgebrochen, weil er sich selbst vor dem letzten Worte gefürchtet. So zögerte er mit der Antwort, und nun kam der Amtsrat mit Zigarren; man könne auf der Veranda rauchen, während Lydie ein wenig spiele. Du weißt doch noch, Karl, die Sonate pathétique – das war immer dein Lieblingsstück. Sie hat's seitdem nicht verlernt, unser gnädiges Fräulein – he? Lydie war sofort bereit; aber Bertram bat, ihn für heute entschuldigen zu wollen. Er fühle sich doch von der Reise angegriffen; die liebenswürdige Gesellschaft habe ihn vergessen lassen, daß er noch Rekonvaleszent sei. Kaum ließ er der Amtsrätin Zeit, ihn auf die Seite zu ziehen und ihm zuzuflüstern: Sie sind der Liebenswürdige! wie gut von Ihnen, es so freundlich zu nehmen! ich hatte heute mittag nicht den Mut zu meiner Beichte; ich habe Ihnen überhaupt so viel zu beichten, zu sagen – morgen – Auf morgen also, liebe Freundin! sagte Bertram, der schönen Frau die Hand küssend und sich mit einer Verbeugung gegen die übrigen rasch zur Tür wendend. Aber er hatte sie noch nicht erreicht, als Erna ihn einholte. Du pflegtest mir sonst weniger förmlich gute Nacht zu sagen. Er wagte keinen Kuß auf die Stirn, die sie ihm bot, sondern nahm nur ihre Hand. Die großen, ernsten Augen blickten ihn an, als wollten sie lesen, was in seiner Seele vorging. Gute Nacht, liebes Kind, sagte er hastig. Gute Nacht, erwiderte sie langsam, indem sie seine heiße, zitternde Hand aus ihrer kleinen kühlen Hand gleiten ließ. Es ist ein Glück, sprach Bertram bei sich, nachdem er Konski entlassen und nun in seinem Schlafzimmer am offenen Fenster stand; – ein rechtes Glück, daß es nicht so leicht ist, zu lesen, was in der Seele eines anderen Menschen vorgeht. Sie würde viel dümmstes Zeug zu lesen bekommen haben. Er lehnte sich an das Fensterkreuz und starrte in die Nacht hinein. Kein Lüftchen regte sich. Aus dem Garten unten stieg der Duft der Reseda und der Levkojen fast betäubend zu ihm empor; laut rauschte der Bach; durch den weißlichen Schleier, der über dem Tale lag, dämmerte hier und da ein mattes Licht. Am wolkenlosen, schwarzbläulichen Himmel hing des Mondes goldene Schale, in der Nähe funkelte rötlich ein einsamer Stern. Bertram dachte einer solchen Nacht vor langen Jahren, als ihm und Ernas Vater in Bonn auf der Sternwarte der befreundete Assistent das Schauspiel des Durchganges jenes Sternes – des Aldebaran – durch den Mond gewährt hatte. Dann hatte er Otto nach Poppelsdorf zurück und dieser ihn wieder von Poppelsdorf nach dem Pförtchen in Bonn geleitet; und so hin und her die laue Sommernacht, bis das Morgenlicht kam und die Vögel in den Kronen der Kastanien zu zwitschern begannen. Und sie hatten von Freundschaft und Liebe geschwärmt – von der Liebe, die sie beide in brüderlicher Gesinnung für eine und dieselbe schwarzäugige Professorentochter hegten, und waren so beseligt gewesen trotz all ihres Unglücks, denn die Schwarzäugige liebte notorisch einen Dritten – großer Gott, wie lange war das nun her? ein volles Menschenalter und sogar noch ein wenig darüber – und heute? Heute bist du auf dem Wege, dich in die Tochter des Mannes zu verlieben, mit dem du damals dich in holder Jugendeselei überbotest – in ein achtzehnjähriges Mädchen, deren Vater du ebensogut sein könntest. Das wäre denn wohl nicht mit ein paar durchphantasierten Nächten und diversen mittelmäßigen Sonetten abgemacht. Sei vernünftig, alter Freund! laß fahren dahin, laß fahren! Du weißt: du hast auf Erden kein bleibend Quartier, so wenig wie der piccolominische Reiter. Auch hinter dir auf dem Gaule kauert der dürre Kamerad und klammert sich an dich mit den Knochenarmen und fühlt so gelegentlich nach deinem Herzen, ob's immer noch dumm genug ist, für ein schönes Mädchen zu klopfen, das da an der Straßenseite zwischen den Gelbveigelein und Rosmarin am Fenster sitzt. Und hinter der Gardine steht der Liebste und beugt sich über, den tollen Reiter zu sehen, der sich den Hals nach dem Liebchen ausrenkt. Und der plumpe Gesell mit dem Stiernacken runzelt die alberne Stirn, zwirbelt den blonden Schnurrbart, streichelt sich den Henriquatre: mort de ma vie! und er ballt die plumpe Faust. Sie aber schmollt und kichert und lacht und fällt dem Eifersüchtigen um den Hals – Nein – nein! es kann nicht sein! Du willst nur noch von ihr hören, daß es nicht ist. Dann zum Tore hinaus in einen schnellen, ehrlichen Tod – und Gottes Segen über dich, du holdes, du schönes, geliebtes Kind! Er schloß leise das Fenster und suchte das Lager, ohne alsbald die Ruhe zu finden, deren er innigst bedurfte. Der Bach rauschte so laut – oder war es das Blut in den Schläfen? Und wollte er eben entschlummern, fuhr er wieder auf, hielt ihre Hand in der seinen wie am Abend, und sie bot ihm die Stirn zum Kusse. Nein! nein! führe mich nicht in Versuchung! und frage mich nicht nach dem einen! – ich würde es dir nicht sagen, wenn es wäre, wie ich zu Gott hoffe, daß es niemals sein wird. Ich will mich von dir nicht in eine Tragödie verwickeln lassen, so wenig wie in eine Komödie von der anderen! VI. Der Gedanke, der zuletzt die wild erregten Lebensgeister beruhigt, war auch sein erster, als Bertram aus tiefem, traumlosem Schlaf spät am nächsten Morgen erwachte: keine Tragödie und keine Komödie! ruhig-klares Dreinschauen und Betrachten, wie es dem Einsamen ziemt, der für sich mit dem Leben abgeschlossen hat! für sich von dem Schicksal weder etwas hofft noch etwas fürchtet; – wohlwollende Teilnahme an dem Schicksal der anderen, soweit das Wohlwollen verdient, die Teilnahme berechtigt ist, immer in der Überzeugung, daß schließlich jeder seines Glückes Schmied, Dreinreden und Dreinhandeln selten viel nützt, meistens gründlich schadet, und im besten Falle das Mittlergeschäft das undankbarste von der Welt. In dem hellen Lichte dieser Betrachtungen des köstlichen Morgens, der warm und sonnig über der lieblichen Landschaft lag, erschienen Bertram die Szenen des vergangenen Abends wie der dunkel-verworrene Traum eines Fieberkranken; ja, es war ihm tröstlich, annehmen zu dürfen, daß er wirklich krank gewesen und mithin für sein wunderliches Gebaren eigentlich nur halb verantwortlich sei. Ganz unverantwortlich blieb freilich immer, daß er sich seines Zustandes nicht früher bewußt geworden. Er mochte Gott danken, daß er in der Aufregung nicht noch Tolleres begangen, sich nicht noch seltsamer benommen hatte; vor allem, daß er sich – zum erstenmal seit der letzten schweren Krankheit – heute frisch und kräftig fühlte wie in seiner besten Zeit. Wahrlich: der Morgen hatte alles besser gemacht! viel besser, als er erwarten durfte, als er verdiente! Je heiterer die Stimmung des Herrn war und einen je freundlicheren Ausdruck er ihr gab, indem er nach alter Gewohnheit während des Umkleidens sich zu einer behaglichen Plauderei mit Konski geneigt zeigte, um so verdrießlicher und wortkarger war dieser. Was fehlt Ihnen? fragte Bertram endlich. Wenn Ihnen die baldige Abreise, von der ich gestern sprach, nicht paßt, so beruhigen Sie sich: wir bleiben die bestimmte Zeit. Ausgepackt ist, wie ich sehe. Meinetwegen können wir heute wieder einpacken, erwiderte Konski mürrisch. Also heraus mit der Sprache! was haben Sie? Sie wissen, daß ich die Kopfhängerei nicht ausstehen kann. Ist es etwas mit Mamsell Christine? Nun natürlich! erwiderte Konski; und da soll einer nicht den Kopf hängen lassen, und die Ohren dazu! Ich hatte ihr geschrieben, daß dies meine letzte Reise mit Ihnen wäre, und wenn wir im März aus Italien zurückkamen, könne es losgehen. Ich hab's Ihnen gar nicht sagen mögen; aber man wird mit jedem Jahre älter, und einmal muß es doch sein, und – Nun wollt ihr gleich heiraten, und Sie wollen Ihren Abschied haben? Hat sich was mit gleich heiraten, sagte Konski; gar nicht will sie, wenigstens nicht mich, nachdem wir nun fünf Jahre lang verlobt gewesen sind! Aber verlaß sich einer auf die Weiber! und erst auf die alten! Fünfundvierzig ist sie, noch ein Jahr älter als ich, und nun nimmt sie einen Grünspecht von fünfundzwanzig! Es dauerte einige Zeit, bis der sonst so Gelassene sich hinreichend beruhigt hatte, um seinem Herrn erzählen zu können, wie schändlich man ihm mitgespielt. Nach seiner Darstellung hatte Mamsell Christine ihm bis vor kurzem die zärtlichsten Briefe geschrieben und sich mit allen seinen Vorschlägen einverstanden gezeigt, während jetzt aus dem Berichte der anderen Leute, welche er selbst abgefragt, hervorging und die Treulose notgedrungen bestätigen mußte, daß sie schon seit langer Zeit ein Verhältnis gehabt mit dem Peter Weißenborn, der früher Obergärtner in Rinstedt gewesen und seit einem halben Jahre in der Stadt etabliert sei und nun ja wohl durch die Fürsprache des Herrn Baron Hofgärtner werden solle. Der Herr Baron habe ihr auch bei der Frau Amtsrätin ausgemittelt, daß sie ohne weitere Kündigung jederzeit den Dienst verlassen könne; wie denn die Leute sagten, daß, wenn man etwas von der Gnädigen erlangen wolle, man sich nur hinter den Baron zu stecken brauche, dann sei die Sache so gut wie gewiß. Auch sei die Frau Amtsrätin sehr für die Heirat von Mamsell Christine mit dem Herrn Hofgärtner; sie habe dann doch gleich ein paar von ihren alten Leuten in der Nähe und bei der Hand, so oft sie nach der Stadt komme, und das werde ja wohl demnächst recht häufig geschehen, wenn sie nicht für immer hineinzöge, was allerdings von einigen behauptet werde, zum Beispiel von Aurora, ihrer Kammerjungfer, die nach Mamsell Christine am besten bei der Gnädigen angeschrieben sei. Bertram versuchte, den armen Schelm, so gut es gehen wollte, zu trösten: er solle froh sein, von einer Person loszukommen, die es offenbar niemals ehrlich gemeint habe und voraussichtlich in der Ehe ebenso treulos gewesen sein würde wie vorher. Diese Überzeugung sei denn auch der Grund, weshalb er gar nicht einmal wünsche, daß die Sache sich wieder zurechtziehe, wie das in solchen Fällen, auch in höheren Kreisen, manchmal geschehe; sonst würde er seinen Einfluß bei der Frau Amtsrätin geltend zu machen suchen, der denn doch wohl hoffentlich noch so viel bedeute wie der des Herrn Baron. Konski schüttelte den Kopf. Ich danke Ihnen bestens, sagte er; ich bin schon ganz zufrieden, wenn Sie mich behalten wollen, nachdem ich mich als ein rechter Esel gezeigt habe. Und was das Sprechen mit der Gnädigen betrifft, das würde nur vergeblich sein; der Herr Baron ist zu sehr Hahn im Korbe. Darüber konnte ich noch viel sagen, aber ich weiß: Sie lieben so etwas nicht. Bertram stutzte; die letzte Bemerkung des treuen Burschen konnte nur eine Bedeutung haben, und das Bild von dem Mädchen hinter den Gelbveigelein und dem eifersüchtigen Liebsten tauchte wunderlich klar hervor aus den Fieberphantasien von gestern abend. Er wäre gern seinem Grundsatze, niemals nach dem Geklatsch der Küche und Bedientenstube hinzuhorchen, für dies eine Mal untreu geworden; aber da Konski nicht von selbst weitersprach, schämte er sich, direkt zu fragen, und in dem Moment klopfte auch ein Diener, um zu melden, daß die gnädige Frau gehört habe, der Herr Doktor sei aufgestanden, und ob sie den Herrn Doktor in der Veranda mit dem Tee erwarten dürfe? Bertram folgte alsbald der Einladung. Unten kam ihm Hildegard entgegen, die allein an dem Frühstückstische in einer schattigen Ecke der Veranda gesessen hatte. Als sie sich in ihrem gemessenen Schritte auf ihn zubewegte, mußte er des Gespräches von gestern abend über die Wandellosigkeit dichterischer Heroinnen denken: so jugendlich schlank erschien die hohe Gestalt, so klar und tief zugleich das Inkarnat des unvergleichlich schönen Gesichtes, so leuchtend das bläuliche Schwarz des vollen Haares, das, an den Schläfen glatt herabgestrichen, mit einer dichten, um den Scheitel gewundenen Flechte das herrliche Haupt krönte. Das Lächeln auf den seinen Lippen vertiefte sich noch ein wenig, als sie die sprechenden Augen des Gastes mit unverhohlener Bewunderung auf sich gerichtet sah. Während sie sich teilnehmend nach seinem Befinden erkundigte, hielt sie seine Hand fest, bis sie ihn zu dem Tische geleitet, wo er nun vor dem brodelnden Kessel neben ihr Platz nehmen mußte. Otto ist wie immer in der Wirtschaft, sagte sie; – der Baron malt auf der untersten Terrasse ein Stück des Dorfes; Lydie leistet ihm, glaube ich, lesend Gesellschaft; Erna finden Sie wohl nachher auf ihrem alten Lieblingsplatze unter der großen Platane – ich habe sie sämtlich weggeschickt, weil mich danach verlangt, endlich einmal mit Ihnen behaglich zu plaudern; wir sind ja gestern nicht dazugekommen. Und nun vor allem Dank, herzlichen Dank, lieber Freund, für Ihre gütige Verzeihung eines Vertrauensbruches, dessen ich mich notgedrungen schuldig gemacht habe. Nein, lehnen Sie nicht ab! ich habe wohl gesehen, wie schwer es Ihnen wurde, unbefangen und heiter zu erscheinen – um so mehr danke ich Ihnen! Aber ich wußte, Sie würden mit Ihrer gewohnten Klugheit sofort den rechten Standpunkt finden: den des Bedauerns. Was auch immer hinüber und herüber zwischen euch geschehen und verschuldet ist: sie ist die Bedauernswerte. Ein armes, alterndes Mädchen, und wenn sie auch noch in diesem Augenblick fester als je in der Gunst unseres Hofes steht und von den Herrschaften wirklich mit Liebenswürdigkeiten überschüttet wird – es füllt ihren lebhaften Geist nicht aus – aber ich sehe, daß Ihnen der Gegenstand peinlich ist – Er ist mir nicht peinlich, erwiderte Bertram, oder doch nur so weit, als uns immer die Schilderung einer unbefriedigten, friedlosen Seele sein wird, der Befriedigung und Frieden zu geben ganz außerhalb unserer Macht liegt. Ich verstehe Sie, sagte Hildegard, wie Sie mich verstehen werden, wenn ich Sie bitte, der armen Seele die völlig törichte Hoffnung, an der sie leider mit unglaublicher Zähigkeit festhält, nicht ganz zu rauben. Sie können es so leicht; Sie brauchen nur freundlich und höflich gegen sie zu sein, wie Sie es gegen alle Menschen sind – nicht mehr, freilich auch nicht weniger. Wollen Sie? Ich will es versuchen – weil Sie es wünschen; unter einer Bedingung. Und diese Bedingung? Ich habe den für mich eigentlich selbstverständlichen Entschluß gefaßt, in dem Schauspiel des menschlichen Lebens fortan meinen wohlerworbenen Platz im Parkett nicht mehr zu verlassen und unter keinen Umständen auf der Bühne selbst eine Rolle zu übernehmen, keine tragische und am allerwenigsten eine komische. Vor der letzteren, erwiderte die schöne Frau lächelnd, sind Sie durch Ihre Klugheit unter allen Umständen geschützt; vor der ersteren – Durch meine Jahre. Ich wollte sagen: abermals durch Ihre Klugheit; oder, wenn Sie lieber wollen: durch den kühlen, leidenschaftslosen Sinn, in den Sie sich hineingelebt haben, und – um den ich Sie so oft beneide. Bertram blickte erstaunt auf und beschäftigte sich dann schnell mit seiner Tasse. Hildegard ihn beneiden um seine Kühle! sie, die ihm von jeher als das Urbild selbstbewußter Leidenschaftslosigkeit erschienen war! Das mag Sie wundernehmen aus meinem Munde, fuhr sie fort; aber müssen wir denn nicht alle lernen zu resignieren, früher oder später? und für mich ist längst die Zeit der Resignation gekommen. Ja, sie ist eigentlich immer gewesen; auf was habe ich nicht alles in meinem Leben resignieren müssen! Oder glauben Sie, daß der Reichtum des Gatten eine stolze Frau über das Bewußtsein wegtäuschen kann, nicht so geliebt zu werden, wie sie geliebt zu sein wünscht und vielleicht verdient? Bertram kannte diese Phrasen von alters her; aber er sagte sich, daß er heute, wenn je, gute Miene zu dem Spiele machen müsse. Meine liebe Freundin, rief er; ist es möglich! tragen Sie sich noch immer mit einer hypochondrischen Furcht, die Sie mir auch wohl früher schon geäußert haben, von der ich Sie indessen längst geheilt glaubte! Sie über Mangel an Liebe klagen, die von ihrem Gatten auf Händen getragen, angebetet wird? die keinen Wunsch zu äußern braucht, weil, was sie wünschen könnte, bereits erfüllt ist? oder die nur zu wünschen hat, damit es sofort in Erfüllung gehe? Sie plädieren für den Jugendfreund, erwiderte Hildegard, die dunkeln Augenbrauen hebend; aber vergessen Sie nicht: ich klage ihn nicht an, ich bin resigniert. Und stürbe ich heute, was ginge ihm verloren? was würde er vermissen? Den Schmuck seines Lebens, erwiderte Bertram galant. Wenn er Sinn hätte für den Schmuck des Lebens! sagte Hildegard; – ist denn das der Fall? teilt er eine einzige meiner Neigungen, meiner unschuldigen Liebhabereien? gibt er sich nicht nur mühsam den Anschein, ein Interesse für schöne, stilvolle Sachen zu zeigen, mit denen ich mich zu umgeben, meine Räume auszustatten liebe? Hat er nicht mit sichtbarem Widerstreben darein gewilligt, daß unser Haus restauriert wurde, wie es sich für das ehemalige fürstliche Schloß ziemte? daß ich die alten verwachsenen Parkwege wieder aufsuchte und erneuerte? unterstützt er mich in meinen humanen Bestrebungen? habe ich die paar tausend Taler für meine Spielschule, mein neues Armenhaus nicht förmlich von ihm erbetteln müssen? lebt er nicht ausschließlich für seine Porzellanfabrik, seine Zuckerfabrik, seine Braunkohlengruben, sein neues Eisenbahnprojekt? Ich wiederhole: ich habe das alles als unvermeidlich und selbstverständlich hingenommen, solange es mich nur selbst betraf, solange ich nur selbst darunter litt. Aber freilich, auch Erna in dies banale Treiben einzuführen, das liebe Kind in einer Sphäre zu lassen, wo sie nichts sieht, nichts hört, was dem Geiste und dem Herzen die geringste Nahrung brächte, wo alles sich nur um den Mammon dreht, alles dem Mammon geopfert wird – das geht über meine Kraft. Also, verehrte Freundin, wenn ich Sie recht verstehe: Sie möchten Erna verheiraten? Durch den weichen Samtglanz der braunen Augen zuckte ein tieferes Licht. Die Frage war offenbar nicht erwartet worden oder doch zu plötzlich gekommen; aber schon im nächsten Moment hatten die Augen wieder den gewöhnlichen Ausdruck, und sie gewann dem schönen Munde sogar ein Lächeln ab, als sie im Tone leisen Vorwurfs erwiderte: Drücken wir es ein wenig weniger selbstisch aus: ich möchte, daß Erna einen ihrer würdigen Gatten fände. Ein sehr begreiflicher Wunsch! welche Mutter hegte ihn nicht für ihre erwachsene Tochter! und ich für mein Teil, als alter Freund des Hauses, schließe mich diesem Wunsche aus voller Seele an, zweifle auch keinen Augenblick, daß wir uns über die Anforderungen, die wir an Ernas Gatten zu stellen haben, leicht verständigen werden. In diesem Punkte bin ich denn doch nicht ganz so sicher. Versuchen wir es immerhin. Zuerst: der Mann müßte von Adel sein. Das ist nicht Ihre Überzeugung! So ist es eine Konzession. Wenn man sich verständigen will, muß man immer Konzessionen machen. Und diese akzeptiere ich gern; bitte also: weiter. Der Mann dürfte kein Gelehrter sein; aber er müßte weltmännische Bildung besitzen, Geschmack an den schönen Künsten, enfin: wir verlangen einen Kavalier, im besten Sinne natürlich. Einverstanden. Er brauchte nicht reich zu sein; es wäre sogar vorzuziehen, daß er kein Vermögen hätte, er würde dann Erna um so mehr zu verdanken haben. Sehr war! Kein Gutsbesitzer, oder doch wenigstens kein Mann, dem, auf dem Lande zu leben, Landwirtschaft zu treiben, absolutes Bedürfnis ist. Am liebsten: gar kein bestimmter Beruf, oder doch höchstens einer, der keine schweren, lästigen Pflichten auferlegt; eine Stellung, sagen wir, die es von selbst mit sich bringt, daß der Betreffende sich in der besten Gesellschaft bewegt, vielleicht auch mit den höchsten Kreisen gelegentlich in angenehme Berührung kommt. Mein Gott, lieber Freund, wie Sie in dem Herzen einer Mutter zu lesen verstehen! So lassen Sie mich ganz auf den Grund blicken, wo der Name des Betreffenden vielleicht schon geschrieben steht. Wenn ich die verschlungenen Züge recht deute, lauten sie – Jetzt bin ich wirklich begierig! Baron Kuno von Lotter-Vippach. Das haben Sie von Lydie! Ich schwöre Ihnen, nicht von Fräulein von Aschhof oder von irgend wem. Aber das ist geradezu wunderbar! Von einem alten Freunde, mit dem Sie so manches Wichtigste in Ihrem Leben besprochen, den Sie so oft mit Ihrem intimsten Vertrauen beehrt haben? Was wäre denn da so wunderbar! Nun, so ist es desto schöner, desto dankenswerter; und ich danke Ihnen herzlich, innig – Sie hatte seine beiden Hände ergriffen; das schöne, von freudiger Röte übergossene Gesicht war nie schöner gewesen, und doch erschien es Bertram wie eine Fratze. Ich kann Ihren Dank nicht annehmen, sagte er, seine Hände mit flüchtigem Drucke zurückziehend. – Ich könnte es ehrlicherweise nur, wenn ich Ihre Wünsche ebenso, wie ich sie erraten, auch billigte, teilte. Das ist leider nicht ganz der Fall; der Eindruck, den Baron Lotter gestern auf mich gemacht hat, war kein besonders günstiger; ganz offen, er war ein ungünstiger. Das macht mir keine Sorge, erwiderte Hildegard eifrig; ihr Männer gefallt einander selten bei der ersten Begegnung und findet euch bei der zweiten scharmant. Für Lotter hat es einer zweiten nicht einmal bedurft, er ist des Lobes über Sie voll; er nennt Sie den geistreichsten, liebenswürdigsten Mann; er ist glücklich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben; und ich bin überzeugt, auch Sie, lieber Freund, werden Ihr Urteil – ich möchte fast Vorurteil sagen – bald ändern, sobald Sie Lotter näher kennen lernen. Er ist ein wenig verwöhnt wie alle schönen Männer; ein wenig eitel meinetwegen; aber im Grunde der bescheidenste, lenksamste Mensch, ein goldreines Gemüt. Er wird Ihnen gefallen, glauben Sir mir; mehr als gefallen! Sie werden ihn schätzen und lieben. Ist die wichtigere Frage, mir die wichtigste, bereits erledigt: denkt Erna ebenso günstig über den Baron? liebt sie ihn? denn daß er sie liebt, muß ich doch Wohl annehmen? Das letztere steht außer allem Zweifel, erwiderte Hildegard; was Erna betrifft – ich hoffe es, ich glaube es; sie spricht sich wenigstens nicht ungünstig über ihn aus, und das will viel bei Erna sagen, die sehr anspruchsvoll ist und mit ihrer Abneigung, wenn eine solche vorhanden, nicht zurückzuhalten pflegt. Es ist freilich schwer, ein richtiges Urteil über Ernas Empfindungen zu gewinnen; für mich um so schwerer, als sie jetzt so lange von mir entfernt gewesen ist, und wir in unseren Ansichten und Neigungen nicht immer übereinstimmen. Zu Lydie wiederum hat sie nie rechtes Vertrauen gehabt – ich finde das nebenbei auch sehr begreiflich. Ich kenne nur einen Menschen, dem sie völlig vertraut – und das sind Sie, lieber Freund! Ich? Überrascht Sie das? aber wie wäre das möglich? hat das Kind denn nicht immer Onkel Bertram geliebt, daß wir Eltern wirklich hätten eifersüchtig werden können? ist sie nicht von jeher Ihr Liebling gewesen? Ist sie es nicht mehr, dann lassen Sie es das arme Mädchen um Himmels willen nicht merken; sie würde untröstlich sein. Jetzt spotten Sie meiner. Nein, wahrhaftig nicht. Fragen Sie Lydie! Daß Lydie oft von Ihnen spricht, werden Sie begreiflich finden, und daß dabei manchmal ein bitteres Wort unterläuft, verzeihlich. Erna verzeiht es nicht. In ihren Augen sind Sie ein für allemal über jeden Tadel erhaben; Sie sind sozusagen ihr Ideal. Es ist eine richtige Schwärmerei, die so weit geht, daß Sie einmal mit der ganzen Ernsthaftigkeit eines Kindes – sie war damals noch ein halbes Kind – behauptet hat, wenn sie einmal heirate, so könne es nur Onkel Bertram sein, und sehr böse wurde, als Lydie und ich sie auslachten. Die schöne Frau lächelte, und Bertram gelang es, mitzulächeln. Das ist freilich drollig genug, sagte er; indessen die Schwärmerei sehr junger Mädchen für ihre Literaturlehrer ist sprichwörtlich, und diese erhabene Stelle habe ich von jeher in Ernas Augen bekleidet. Man liebt den Mentor und meint den Telemach. Nun, der Telemach wäre ja bereits da, wenn – Sie richtig gesehen. Gerade das zu entscheiden, darf der Mentor seinen Dienst noch nicht quittieren, sagte Hildegard. Im Gegenteil, ich bitte ihn auf das dringendste, der Mutter mit seiner Einsicht, seinem Rat zu Hilfe zu kommen, den alten Einfluß bei der Tochter geltend zu machen. Ich darf mich darauf verlassen, nicht wahr, lieber Freund? Sie hatte ihm die Hand hingestreckt, die er nahm und an seine Lippen führte. Seien Sie überzeugt, sagte er, daß mir Ernas Wohl teuer ist wie nichts auf der Welt. Hildegard hatte eine andere, bestimmtere Antwort gewünscht und erwartet; jetzt blieb es doch zweifelhaft, ob sie sich in ihm wirklich einen Bundesgenossen erworben. Indessen die Hauptsache war erreicht, sie hatte die Initiative ergriffen, die Angelegenheit in ihrem Sinne dargestellt, an Bertrams Freundschaft, an seinen Beistand appelliert, ihm einen Beweis ihres Vertrauens gegeben, das er sicher für unbedingt halten würde. So etwas schmeichelt immer, verpflichtet immer. Man muß den Männern ja schmeicheln, wenn man sie sich verpflichten will. Auch hatte sie für den Moment keine Zeit, eine bestimmtere Zusicherung von Bertram zu erlangen, denn nun kamen der Baron und Lydie die große Mitteltreppe der Terrassen herauf, der Baron, seiner zeitweiligen Eigenschaft als Künstler zuliebe, in hellen Beinkleidern, braunem Samtjacket und einem Panamastrohhut mit ungeheuer breitem Rande; Lydie in einem so abenteuerlichen Morgenkostüm, als hätte sie eben dem Künstler zu irgend einer phantastischen Studie Modell gestanden. Allerdings figurierte sie auch auf dem Bilde, aber nur als Staffage des Vordergrundes – eines Stückes der Terrasse, über die man in das Tal mit dem Dorfe hinabsah, hinter dem sich drüben die bewaldeten Berge erhoben. Der Baron war augenscheinlich mit seiner Arbeit sehr zufrieden, obgleich er ein Mal über das andere behauptete, noch nicht zur Hälfte fertig zu sein; überdies dürfe man an eine flüchtige Skizze nicht den Maßstab eines Atelierbildes legen, da werde natürlich alles ganz anders herauskommen. Bertram meinte im stillen, daß dies allerdings sehr wünschenswert und nur nicht ebenso wahrscheinlich sei. Die sogenannte Skizze war unzweifelhaft ein bereits wiederholt retuschiertes, stellenweise doppelt und dreifach übermaltes Bild, in welches dilettantisches Herumtasten vergeblich Harmonie und Stimmung hineinzubringen versucht hatte. Dennoch pflichtete er höflich dem Lob der Damen bei, das denn freilich von Hildegards schönen Lippen reichlicher floß, während sich Lydie gewohnterweise in Überschwenglichkeiten erging. Es sei bewunderungswürdig, welche Fortschritte der Baron mit jedem Tage mache; hier sei endlich einmal wieder ein Künstler mit dem entschiedensten Zuge nach der so sträflich vernachlässigten großen historischen Landschaft. Die Ähnlichkeit seines Genies mit dem eines Rottmann, eines Preller trete immer mehr hervor. Auch stehe sie nicht allein mit dieser Ansicht. Noch neulich, als bei Hofe von den Schülern der Akademie gesprochen und des Barons Name genannt sei, habe Prinzeß Amalie mit Nachdruck gesagt: das ist kein Schüler, meine Damen, das ist ein Meister, und ein großer dazu. Der Baron ist keine Akquisition für unsere Kunstschule, er ist ein Triumph. Ja, ja, sie ist mir immer sehr gnädig gesinnt, die hohe Dame, sagte der Baron, seinen Henriquatre streichend; ich bin wirklich begierig, was sie zu meinen neuen Skizzen sagen wird. Zum Glück für Bertram, der eben unter einem Vorwand der peinlichen Szene entrinnen wollte, kam jetzt der Amtsrat, den Freund zu begrüßen und anzufragen, ob er sich kräftig genug fühle und Lust habe, eine kleine Wagenpromenade mit ihm zu machen. Nur nach der Porzellanfabrik, man könne in einer Stunde zurück sein. Bertram war sofort bereit. Der Baron würde euch gewiß gern begleiten, sagte Hildegard, mit ihrem Gatten Blicke wechselnd; aber ich fürchte, in deinem kleinen Wagen ist kaum für zwei bequemer Platz. Der Baron beeilte sich zu versichern, er könne sowieso nicht mit, da er Fräulein Erna versprochen habe, ihr ein paar neue Lieder zu begleiten; Hildegard fragte Bertram, ob er nicht erst Erna guten Morgen sagen wolle; sie werde es schmerzlich empfinden, wenn er es nicht täte. Man rief nach Erna – vergeblich. Es schien Bertram, als ob Hildegard nur Zeit gewinnen wollte, ihm auf die Seite zu winken und zuzuflüstern: was sie vorhin hinsichtlich Ernas gesprochen, brauche kein Geheimnis vor ihrem Gatten zu bleiben; im Gegenteil! sie wünsche dringend zu erfahren, wie Otto eigentlich über die Angelegenheit denke; er werde gegen den Freund offener sein, als er leider gegen sie zu sein pflege; und daß Bertram in ihrem Sinne sprechen werde, dessen sei sie ja nun sicher. Aber Erna kommt nicht, rief sie; ich will die Herren nicht länger aufhalten. Auf Wiedersehen also in einer Stunde! VII. Das Jagdwägelchen war so leicht und der Weg so gut gehalten, daß man trotz der ziemlich bedeutenden Steigung im Trab fahren konnte, selbst als man nach wenigen Minuten in den Wald gelangte. Die angenehm-bequeme Bewegung, der herrliche Morgen, das zum erstenmal völlig ungestörte Beisammensein der Freunde – alles schien einen vertraulichen Austausch der Gedanken zu begünstigen. Dennoch waren beide Männer schweigsam; kaum daß dann und wann ein gleichgültiges Wort gewechselt wurde. Endlich sagte Otto, nachdem er den Freund ein paarmal verstohlen von der Seite angesehen: Was meinst du, Karl? glaubst du, daß wir hier ein bißchen gehen könnten? der Weg bleibt eine ganze Strecke so gut wie eben. Bertram nickte; der Wagen hielt; Otto hieß den Kutscher langsam bis zur Fabrik vorausfahren. Man kann niemals sicher sein, daß die Kerle nicht mehr hören, als sie hören sollen, fing er an, wie sie jetzt auf dem wohlgehaltenen Fußpfade neben dem Fahrwege hinschritten; und ich möchte dich etwas fragen. Sage – aber ganz aufrichtig: wie gefällt dir der Baron? Kommen wir ohne lange Umschweife zur Sache, erwiderte Bertram; ich habe mit deiner Frau gesprochen. Sieh! sieh! rief Otto, seine Verlegenheit so gut es gehen wollte, hinter einem lauten Lachen verbergend, das er aber plötzlich abbrach. – Das heißt: ich dachte es mir; ich hätte es auch gern getan: hätte auch gern mit dir gesprochen – schon gestern, aber Hildegard hatte es mir ausdrücklich verboten; na – man muß ja den Damen immer den Vortritt lassen. Gut also! so will ich mit dir da anfangen, wo ich in der Unterredung mit deiner Frau aufgehört habe: mit der Frage, die sie mir nicht beantworten konnte oder wollte, und die mir doch die weitaus wichtigste scheint: liebt Erna den Baron? habt ihr, hast du irgend einen Beweis, einen Anhalt dafür? irgend eine Beobachtung gemacht, aus der du es schließen könntest? Höre, du, sagte Otto, du fragst so viel auf einmal; da kann ich nicht nachkommen: Beweis – Anhalt – Beobachtung! großer Gott, wer kann in den Kopf oder das Herz von so einem Mädel sehen! Mir hat sie nichts gesagt, und ehe ich sie fragte – höre, du, das ist eine kuriose Frage, man richtet dadurch am Ende nur Unheil an und erführe schließlich doch nichts, am wenigsten die Wahrheit. Sie ist mir ja Wohl gut und hat Vertrauen zu mir, und wie ich sie lieb habe, das weiß der liebe Gott; aber Vater und Tochter, weißt du – oder auch nicht: du hast ja nie eine gehabt – das ist so eine wunderliche Sache. Er hatte den Hut abgenommen und kraute sich den breiten Schädel; Bertram sah, daß er auf diesem Wege nicht weiterkommen werde. Er sagte nach einer Pause: Nehmen wir also an – so schwer es mir, offengestanden, wird, gleichviel: nehmen wir an, Erna liebt den Mann; würdest du mit gutem Gewissen dazu »ja und Amen« sagen können? auf deutsch: bist du überzeugt, daß der Mann Erna glücklich machen wird? daß er zum mindesten die Eigenschaften hat, die nach menschlichem Ermessen dieses Glück wenigstens ermöglichen; daß er ein Mann von Ehre, von anständiger, rechtlicher Gesinnung, daß er mit einem Worte ein Gentleman ist? Ein Gentleman? rief Otto erstaunt; – ja mein Gott, das – ein Mann von solcher Familie, mit einem solchen Namen, der bei Hofe aus und ein geht – auf jedem Balle, jeder Soiree und jede Woche ein paarmal zum Tee im kleinen Kreise – das versteht sich doch am Ende von selbst. Den Teufel versteht es sich von selbst! rief Bertram zornig; wenn du keine besseren Garantien hast als Hofbälle und solchen Firlefanz! Aber was verlangst du mehr? sagte Otto; was kann man mehr verlangen? wenn das keine Garantie ist, so weiß ich nicht, was du so nennst. Ich habe es positiv von Lydie, daß seine Ernennung zum Kammerherrn im Kabinett bereitliegt, und Lydie selbst muß es wohl wissen, denn gerade sie ist es – entre nous  –, die mit unserem Hofmarschall, der ein alter Freund von Lotters Vater ist, die Sache besonders bei Hof betrieben hat. Lotter ist ihr auch sehr dankbar dafür, sagt ganz offen, daß er ohne sie noch lange hätte warten können – was doch gewiß ein hübscher Zug von ihm ist –, obgleich ich – davon darfst du dir aber um Gottes willen nichts merken lassen – überzeugt bin: Lydie hat sich nicht sowohl Lotters willen so ins Zeug gelegt und alle Minen springen lassen, sondern um sich bei Hildegard lieb Kind zu machen, weil die durchaus den Baron in einer Hofstelle sehen will; und weshalb Lydie Hildegard auch sonst bei guter Laune erhalten muß, na, alter Junge, sie hat's ja endlich durchgesetzt, daß sie hier mit dir zusammen sein darf – du siehst, eine Hand wäscht die andere. Das sehe ich allerdings, sagte Bertram; – und nun muß wieder Hildegard mich bei guter Laune erhalten, damit ich wieder dich bei guter Laune erhalte – da müßte es ja sonderbar zugehen, wenn wir nicht alle in der allerbesten wären. Was vorläufig bei dir noch nicht der Fall zu sein scheint, trotz deines Lachens, sagte Otto. Ebensowenig wie hoffentlich bei dir! rief Bertram. Warum hoffentlich? Bertram antwortete nicht. Sein Herz war voll Gram und Zorn. Er sah, es war beschlossene Sache – bei den beiden Weibern jedenfalls, und der gutmütige Pantoffelheld an seiner Seite würde zu allem ja sagen, hatte es Wohl schon getan, und dies war nur die zweite Szene heute morgen in einer wohlarrangierten Komödie mit zum voraus sorgfältig verteilten Rollen. Offenbar hatte die Spazierfahrt keinen Zweck, als Otto Gelegenheit zu geben, die seine herzusagen. Und er selbst, der sich eben erst der schönen Direktrice gegenüber feierlich verwahrt, daß er keine mehr übernehmen wolle! Und sie hatte es angehört, ohne geradeheraus zu lachen! Nun, es ließ sich doch wohl noch verschiedenes in den Text einlegen, woran die kluge Dame nicht gedacht hatte! Du bist mir bös, sagte Otto kleinlaut, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander gegangen. Welches Recht hätte ich dazu, erwiderte Bertram; – ich bin weder verwandt mit euch, noch verschwägert; ich bin weiter nichts, als euer Freund, habe als solcher keinerlei Rechte, höchstens die Pflicht, ehrlich zu antworten, wenn ihr mich in einer wichtigen Angelegenheit zu Rate zieht. Und eigentlich ist auch davon hier nicht mehr die Rede – ich meine vom Rat geben. Ihr braucht keinen mehr: ihr, die Eltern, seid entschlossen; es fehlt weiter nichts, als die Kleinigkeit von Ernas Einwilligung, die sich ja auch wohl rechtzeitig einstellen wird. Die Sache ist klar und abgemacht, und so sprechen wir denn von etwas anderem. Nein, nein! rief Otto; es ist noch nichts abgemacht! und klar – klar – mir nicht – in meinem Kopfe nicht – Hildegard hat ja keine leiseste Ahnung, wie die Sache eigentlich liegt. Sie denkt, es ist nur so meine Unentschlossenheit. Und weil sie weiß, wieviel ich auf dein Urteil gebe – ja, wenn ich dir alles sagen dürfte – Du darfst es aber nicht, es würde dich nachträglich gereuen; also versuche es lieber gar nicht. Ich muß es aber jemand endlich einmal sagen, und ich habe sonst keinen Menschen auf der Welt, dem ich es sagen könnte. Höre! – ich – ich – Durch das volle, gutmütige Gesicht zuckte es unheimlich hin und her; die starr auf den Freund gerichteten blauen Augen schienen mit Tränen zu kämpfen: Ich – ich bin ein ruinierter Mann. Er hatte es nur eben in heiseren Tönen herauspressen können und war wie gebrochen auf einen Baumklotz zusammengesunken, der hart am Rande des Weges lag. Bertram hatte im ersten Moment mit dem Entsetzen zu kämpfen, daß der Freund plötzlich wahnsinnig geworden sei. Aber die Miene, wie verzweiflungsvoll auch immer, war nicht die eines Wahnsinnigen. Was redest du, Otto? das ist ja unmöglich! sagte er, neben dem ganz Gebrochenen Platz nehmend; oder sprich wenigstens weiter, damit ich sehen kann, was daran ist. Ich bin zum voraus überzeugt, daß nichts daran ist; aber sprich, um Himmels willen sprich! Der Amtsrat nickte und murmelte: Ja, ja, ich will's – nichts daran! – großer Gott! – es ist – ich sah's schon lange kommen, lange – seit vier Jahren wenigstens – seit ich nun auch noch die verdammte Zuckerfabrik gegründet – auf Aktien – aber ich habe sie jetzt alle auf dem Halse; ich wollte die armen Schelme, die im Vertrauen auf mich die anderen genommen, nicht unglücklich machen. Es hat mich eine Unsumme gekostet, und die ganze Geschichte steht für den Abbruch da und wäre schon abgebrochen, wenn es nicht wieder Kosten machte; dazu tausend Morgen von meinem besten Boden für Runkeln, mit denen ich die Schweine füttern kann. Und da, an der Porzellanfabrik, jedes Jahr eine Unterbilanz von Tausenden, und die Gruben – ja, früher! aber jetzt – Es war eine lange, lange Liste geschäftlicher Unternehmungen, von denen die eine immer unrentabler und in der Folge verderblicher sich ausgewiesen wie die andere, und die in immer steigender Schnelligkeit immer größere Summen verschlungen und ein sehr bedeutendes Vermögen wenigstens aufs ernstlichste erschüttert hatten. So viel ging für Bertram mit Gewißheit aus den Angaben des Freundes hervor, wenn er auch von den technischen und merkantilischen Details nur den kleinsten Teil verstand. Aber wie konntest du ruhiger und vernünftiger Mensch, rief er, dich um alles in der Welt auf diese schiefe Ebene begeben? eine waghalsige Spekulation auf die andere pfropfen? die schönen, von den Vätern ererbten Güter vernachlässigen, ruinieren? Deine Ruhe, dein Glück aufs Spiel setzen? Und wenn's sich nur um dich handelte! aber dein Kind – deine Frau – Er brach jäh ab. Armer Kerl! murmelte er; ich versteh's am Ende doch – armer, guter Kerl! Er hatte Ottos Hand genommen und gedrückt. Ihre Blicke begegneten sich; der unglückliche Freund lächelte – ein trübseliges Lächeln. Gelte? sagte er, ich wollt's nur nicht an die Glocke hängen; ich wußte ja, du würdest es finden. Ich, ich – du grundgütiger Himmel – was hätte ich danach gefragt! Ich hätte mich weiß Gott mit den Gütern und den Gruben begnügt, und mit den Gütern allein, wenn die Gruben doch nichts mehr abwerfen wollten. Du weißt, ich hab mich als junger Mensch immer des vielen Geldes geschämt, von dem ich keinen Groschen selbst verdient, wenn ich sah, wie sich bessere Leute als ich plagen mußten. Ich wußte ja auch, daß ich nicht gut genug für sie war, daß es eine Gnade von ihr war, als sie mich schließlich heiratete; daß ich ihr immer noch alles schuldig blieb. Ich hab ihr von Anfang an völlig freie Hand gelassen – sie sollte nicht sagen, daß ein so bürgerlicher Gutsbesitzerssohn nicht weiß, was sich für ein hochadeliges schönes Fräulein ziemt und schickt. Ach, Karl, lache mich nicht aus: ich wollte mich adeln lassen; sie wünscht es sehr; ich habe Opfer über Opfer dafür gebracht; die ganze unselige Porzellanfabrik – ich hatte erfahren, daß man es bei Hofe gern sah – sie nehmen ja auch ihren Bedarf aus der Fabrik, aber nur für die Küche und die Dienerschaft – und so noch manches, manches! Und wenn sie die Terrassen und den Park und das Schloß wiederhergestellt haben wollte – im Stil, heißt es ja wohl – und Geschmack findet an all dem Krimskrams von blinden Spiegeln, wackeligen Stühlen und wurmstichigen Schränken, kaffeebraunen Bildern und alten Töpfen, die mir ein Greuel sind – großer Gott, ich möchte ihr die ganze Welt kaufen, wenn ich – wenn sie mich nur ein bißchen wieder dafür lieben wollte. Aber, siehst du, Karl: es ist umsonst gewesen, ganz umsonst! Der große Mann hatte das Gesicht in beide Hände gedrückt und schluchzte wie ein Kind: Bertrams Seele war von Mitleid erfüllt. Des Freundes haltlose Schwäche der schönen, heißgeliebten, kalten Frau gegenüber und die traurigen Konsequenzen – er begriff alles jetzt zu gut, um es nicht bis zu einem gewissen Punkte zu verzeihen. Aber das mochten die Gatten unter sich ausmachen, unter sich tragen – nur Erna sollte nicht in das Verderben mit hineingerissen, nicht der maßlosen Selbstsucht ihrer Mutter auch zum Opfer gebracht werden. Und hier mochte die einzig lichte Stelle in dem dunkeln Bilde sein, das der Freund von seiner Lage entworfen hatte. Du hast dem Baron gegenüber eine Klarlegung deiner Situation nicht versucht? fragte er. Um Himmels willen! rief Otto, sich erschrocken aus seiner gebückten Haltung aufrichtend; das fehlte gerade! Und doch wirst du es müssen, sobald er in aller Form um Erna bei euch anhält. Wie kann ich ihm reinen Wein einschenken? er würde auf der Stelle zurücktreten. Otto, schämst du dich nicht? Und solchem Elenden wolltest du Erna geben? Was soll ich tun? Wozu du, von dem Vater einmal ganz abgesehen, einfach als Mann von Ehre verpflichtet bist. Und er erzählt es weiter – hier, in der Stadt, bei Hofe – und mir liegt alles, alles daran, daß mein Kredit wenigstens noch einige Zeit unangefochten bleibt. Wenn die Eisenbahn hier oben durchgelegt wird anstatt unten im Tal, tut man es hauptsächlich meiner Etablissements willen. Und dann bin ich gerettet, ja ich muß reicher werden, als ich es je gewesen. Nun ist aber die Konzession trotz unseres Landtags schließlich in den Händen der Regierung, und gerade Lotter bei seinen Verbindungen, seinem notorischen Einfluß – Der Amtsrat stockte und fuhr dann in einem weniger sicheren Tone fort: Wenn ich also jetzt nicht gegen ihn mit der Sprache herausgehe, wo es nebenbei noch gar nicht nötig ist, so handele ich nicht unehrlich, sondern in unserem allerseitigen Interesse. Das wirst du mir doch zugeben. Natürlich! erwiderte Bertram; nur fürchte ich, du wirst dies vorteilhafte Schweigen nicht lange bewahren können. Es kann ja jeden Tag der Fall eintreten, daß die jungen Leute sich untereinander verständigen und – vielleicht morgen oder heute schon – vor euch hintreten und um eueren Segen bitten. Es wäre mein Tod! rief der Amtsrat. Es wäre jedenfalls sehr mißlich für dich. Und deshalb möchte ich dir folgenden Vorschlag machen. Ich bin von deiner Frau autorisiert, Erna zu sondieren, ich erbitte mir von dir denselben Auftrag; und du sagst deiner Frau, daß du mit mir in diesem Sinne gesprochen hast. Ihr habt dann also beide die Sache gewissermaßen in meine Hand gelegt. Nun finde ich Erna eueren Plänen entweder entschieden zugeneigt, oder entschieden abgeneigt, oder schwankend. Im letzteren Falle würde ich diese Empfindung zu verstärken suchen und deiner Frau beweisen, daß ein unbedacht rasches Vorgehen alles in Frage stellen, ja verderben muß. Aber auch wenn Erna den Baron wirklich liebt, oder umgekehrt, sich darüber klar ist, daß er nicht der Mann, der ihrem Ideal entspricht – alle Mädchen träumen ein solches Ideal –, nun, so glaube ich, habe ich hinreichenden Einfluß auf sie oder besitze im Notfalle so viel diplomatisches Talent, daß ich – auf eine oder die andere Weise – die Entscheidung hinauszuschieben vermag. Auf wie lange, ist eine nachträgliche Sorge, wenn wir – du und ich – uns erst so weit verständigt haben. Aber, lieber Junge, rief Otto, ich gebe mich ja ganz in deine Hände; ich werde keinen Schritt tun ohne dich. Mein Gott, was ist es doch für ein Glück, daß du gekommen bist! was hätte aus mir – aus der ganzen Geschichte werden sollen! Er schüttelte und drückte dem Freunde in überfließender Dankbarkeit beide Hände, sah seine Lage bereits in einem viel freundlicheren Lichte, kam wieder auf die neue Eisenbahn zu sprechen und die ungeheuren Chancen, die ihm im günstigen Falle, den er plötzlich als höchst wahrscheinlich, ja als sicher annahm, erwachsen müßten. Darüber bemerkte er gar nicht, daß Bertram den Wagen, der sie am Ausgange des Waldes erwartete, hatte umwenden lassen und sie nun den Weg, den sie gekommen, zurückfuhren. Die Inspektion der Fabrik war also wirklich nur ein Vorwand gewesen, um ungestört mit Bertram beisammen sein zu können. Bertram saß schweigsam neben dem jetzt, des Kutschers wegen, mit halblauter Stimme fortwährend auf ihn einsprechenden Freunde. Er hörte kaum, was derselbe sagte. Er sah auch nur wie im Traum die goldenen Sonnenlichter durch die Wipfel der Riesentannen um die braunen Stämme auf dem moosigen Grunde spielen und die lieblichen Fernsichten, die hier und da eine freie Stelle auf das prangende Tal tief unter ihnen gewährte. Sein geschäftiger Geist arbeitete und modelte unablässig an der Rolle, die er sich nun doch in dem Familiendrama hatte aufdrängen lassen, die er nicht hatte zurückweisen dürfen – um Ernas willen. VIII. Um Ernas willen! wie oft im Laufe des Tages wiederholte er sich die Worte! Er wollte ja nichts für sich. Was hätte er für sich auch wollen können! Nicht mehr als jemand, der ein unbedachtes Kind auf der Straße im Gedränge der Wagen erblickt und hinzuspringt und das Kind herausträgt zur sicheren Stelle; nicht mehr als ein Reisender, der den Mitwanderer einen Weg einschlagen sieht, dessen Unsicherheit ihm von früher bekannt ist, und der den Sorglosen vor diesem Wege warnt, ihm rät, lieber einen anderen zu wählen. Man tut dergleichen, weil es Menschenpflicht ist; man tut's, weil einen das Herz dazu treibt, weil man nicht anders kann. Ja, man handelt und spricht in solchen Lagen, wie man um seiner selbst willen kaum handeln und sprechen würde. Man ist mutiger oder ängstlicher, als man wäre, wenn das eigene Wohl und Wehe in Frage stände. Man wächst über sich selbst hinaus oder – sinkt unter sein moralisches Alltagsniveau. Und das letztere ist vorderhand mein Fall, sagte sich Bertram, während er mit allem Eifer und, wie er zu bemerken glaubte, mit bestem Erfolge seine Rolle spielte. Die Rolle brachte es mit sich, daß er Hildegard nachträglich eine kleine Strafpredigt hielt, weil sie ihn nicht bereits gestern ins Vertrauen gezogen; daß er mit dem Freunde verstohlene Blicke des vollen Einverständnisses wechselte; gegen Lydie – zu deren augenscheinlichem Entzücken – einen halb melancholischen, halb scherzhaften Ton anschlug, der eine tiefere Empfindung halb ausdrücken und halb verbergen zu wollen schien; und in Gesellschaft des Barons die kühle Reserve, die er gestern beobachtet, durchaus fallen ließ. Wie sollte er sonst ein Urteil über den Mann gewinnen? und wie konnte er Erna ein treuer Berater sein ohne dieses Urteil? So durchblätterte er denn mit geduldiger Aufmerksamkeit des Barons Skizzenmappe, während dieser die Blätter umwandte und erklärte. Die Mappe wäre ein unermeßlicher Schatz gewesen, hätte die Qualität der Quantität entsprochen. Es fanden sich Skizzen aus fast allen Ländern Europas; auch die Nordküste Afrikas – Algier, Tunis – war reichlich illustriert. Und dabei verbreitete sich das Talent des Künstlers über alle Genres: Landschaft. Architektur, Stilleben, Porträt – nichts war dem unermüdlichen Pinsel entgangen, nichts ihm zu schwer erschienen. Im Gegenteil: die extravagantesten Beleuchtungen, die bizarrsten Szenerien, die gewagtesten Standpunkte, welche die tollsten Überschneidungen und halsbrecherische Verkürzungen notwendig machten – in solchen Vorwürfen schien der tollkühne Skizzist förmlich zu schwelgen. Und dabei mußte sich Bertram gestehen, daß hier ein nicht unbedeutendes Talent, das bei sorgfältiger Schulung schöne Früchte getragen haben möchte, leichtsinnig vergeudet war, wie er denn auch sonst Leichtsinn als den bestimmenden Charakterzug des Mannes zu erkennen glaubte. Wenigstens entsprach der wortreiche Text, womit er seine Bilder begleitete, völlig der saloppen Malerei. Überall schlechte und gute, nicht selten originelle Einfälle in dieselbe flüchtige, leichtfertige, oft barocke Form gekleidet; ein rascher, niemals tiefer Blick in die Verhältnisse der Gesellschaft, die Einrichtungen, Sitten der Völker; große und doch sporadische Belesenheit, ausgebreitete und doch unzusammenhängende Kenntnisse. Der Mann sprach, wie er malte, und er malte, wie er musizierte; und so, meinte Bertram: leichtsinnig, oberflächlich, flackerhaft, wie sein Tun und Reden, wird seine Liebe, muß seine Liebe sein. Konnte eine derartige Liebe Erna auf die Dauer genügen? Es schien unmöglich; aber gibt es in der Wunderwelt des menschlichen Herzens eine Unmöglichkeit? Werden tief sittliche Frauennaturen nicht oft heimgesucht von einer unwiderstehlichen und unausrottbaren Leidenschaft für schwankende, haltlose, ja moralisch unwürdige Männer? Scheint es nicht fast die Ständigkeit eines Naturgesetzes zu haben, daß völlig entgegengesetzte Charaktere trotz des inneren Widerstrebens sich zueinander hingezogen, voneinander festgehalten fühlen? War bei Erna dieser verhängnisvolle Zug erkennbar? Bertram hielt seine Aufmerksamkeit unverwandt auf den entscheidenden Punkt gerichtet, aber ohne zu einem bestimmten Resultate gelangen zu können, wobei er sich freilich gestehen durfte, daß auch ein schärferer Beobachter an dieser Aufgabe sich vergeblich abgemüht haben würde. Erna nahm heute an den gemeinschaftlichen Gesprächen fast noch weniger direkten Anteil als gestern; ja, er glaubte zu bemerken, was gestern nicht der Fall gewesen oder ihm doch entgangen war, daß ihr sonst so fester Blick manchmal ins Leere starrte, dann wieder ganz nach innen gekehrt schien, jedenfalls nicht auf ihrer Umgebung weilte – ein Symptom, das dem Beobachter gar nicht gefallen wollte, da man aus ihm doch wohl auf eine tiefere, das seelische Leben absorbierende Empfindung schließen durfte. Und diese Empfindung war schwerlich Abneigung gegen den Baron, mit dem sie sich vielmehr noch am meisten in ihrer ruhigen Weise unterhielt, wiederholt im Laufe des Tages musizierte und nach dem Abendbrot in ihrer aufmerksamen, ernsthaften Weise Schach spielte. Bertram mußte sich zum Überfluß diese Einzelheiten von Hildegard deuten lassen. – Glauben Sie mir, sagte sie, ich kenne Erna. Denken Sie an meine Worte von heute morgen! Es mag lange währen, bis sie einem Manne ihre Neigung gesteht; aber wen sie nicht leiden kann, der würde es bald genug erfahren. Ich fürchte, ich erfahre etwas der Art, erwiderte Bertram. Wieso? Haben Sie nicht bemerkt, daß sie den ganzen Abend nicht drei Worte mit mir gesprochen hat? Sie Unersättlicher! genügt Ihnen Lydie nicht, die alle ihre Register, eines nach dem anderen, aufzieht? es soll Ihnen wohl die ganze Frauenwelt zu Füßen liegen! Ich werde Lotter vor Ihnen warnen als seinem schlimmsten Rivalen. Zerstören Sie unsere junge Freundschaft nicht! Aber, Scherz beiseite, kann er keinen Nebenbuhler haben? Wo denken Sie hin! wäre es der Fall, wüßte ich es unbedingt von Lydie, die wie alle älteren Mädchen nach dieser Seite eher zu viel als zu wenig sieht. Auch haben wir, Lydie und ich, das Kind niemals aus dem Auge gelassen, und in Erfurt, wo sie freilich während der letzten Jahre ein paarmal allein gewesen ist, war sie wieder in beständiger Gesellschaft meiner Schwester und ihrer sechs Mädchen – und nie ein Wort, eine Andeutung! Übrigens kommt Agathe – die dritte, Ernas liebste Freundin – in diesen Tagen – ein gutes, bescheidenes, verständiges, wenn auch leider wenig hübsches Mädchen. Aber Sie kennen Agathe von früher! Ich werde sie noch ein bißchen ausfragen, aber ich weiß im voraus, daß sie nichts wird zu erzählen haben. Sie müssen also Ihre Eifersucht auf den einen Lotter konzentrieren. Hildegard mußte sich sehr sicher fühlen, sie wäre sonst nicht gegen ihre Gewohnheit so scherzhaft gewesen. Bertram ging auf den Ton ein und war bei der Partie Whist, zu der er sich dann mit Otto und den beiden älteren Damen niedersetzte, überaus heiter und gesprächig. Desto düsterer und einsilbiger fand ihn zwei Stunden später Konski, und so zerstreut, daß er den Gutenachtwunsch des Getreuen nicht einmal erwiderte. Es ist die Alte, die ihm den Kopf warm macht, monologisierte Konski, als er in seinem Zimmerchen nachdenklich die Stiefel des Herrn putzte. – Lieber Herr Konski hier – bester Herr Konski da; das kennen wir: den Sack schlägt man, und den Esel meint man. Einen ganzen Taler! na, sie hat keinen übrig, das sieht man ihr an trotz des Geflinkers und der Bammelage. Und die sollte das Regiment bei uns führen? Prost Neujahr! Nun heiraten wir beide erst recht; aber ein Paar ganz schmucke, junge; und der Teufel hole alle alten Weiber! IX. Es war für heute morgen nach dem Kaffee eine gemeinschaftliche Spazierfahrt zu einem hochgelegenen Punkte verabredet, von welchem Lotter der Gesellschaft das Manöverfeld demonstrieren wollte. Bertram hatte im letzten Augenblick hinabsagen lassen, er habe zu seinem Bedauern vergessen, daß er für die mittags fällige Post einige notwendige Briefe zu schreiben habe und zu Hause bleiben möchte, aber dringend bitte, man möge um seinetwillen die Partie nicht aufgeben. Sie wollten erst nicht, berichtete Konski; na, da habe ich einen Trumpf darauf gesetzt, und eben wird angespannt, für die Damen heißt es; die Herren reiten. Sie können nun ruhig noch eine Stunde schlafen; es war wohl wieder eine miserable Nacht? In der Tat war diese Nacht für Bertram noch schlimmer gewesen als die vorige, und heute hatte der Morgen nicht wie gestern »alles besser gemacht«. Das mußte er sich sagen, nachdem er sich vergeblich bemüht, den Rat seines Getreuen zu befolgen, und endlich verdrossen aufgestanden war und sich angekleidet hatte, um zu versuchen, ob eine Promenade in den Terrassengängen des Gartens ihm die heiße Stirn kühlen und die müde Seele erquicken wollte. Er durfte nicht müde sein; er mußte, wenn sie zurückkamen, ihnen heiter und frisch entgegentreten – das gehörte zu seiner Rolle; wie soll man jemand sein Vertrauen schenken, der zu sich selber: der eigenen Kraft, dem eigenen Mut, keines zu haben scheint. Und er würde alles Mutes bedürfen, um Erna, wenn es sein könnte, tiefer, als es bis jetzt geschehen, in die Augen und in das Herz zu blicken; und all seiner Kraft, wenn dieser Blick ihm bestätigte, was er gestern noch für eine Unmöglichkeit gehalten und die schlimme Nacht ihm als durchaus möglich, ja als wahrscheinlich gezeigt hatte. Sollte es aber sein, so war damit auch der ganze schöne Plan, den er gestern dem Freunde entwickelt, hinfällig geworden. Ottos Verlegenheiten waren schwerlich so groß, als er sie dargestellt; und hatte der Wankelmütige nicht übertrieben, was konnte es nützen, die Entscheidung hinauszuzögern? Im Gegenteil: je schneller sie eintrat, um so besser für alle Teile. War der Baron ein Ehrenmann, würde er nicht zurücktreten, wenn er erfuhr, daß das Mädchen, das er liebte, nicht reich sei; hatte er Einfluß bei Hofe, war dieser Einfluß von Bedeutung, so würde er nun erst recht alles daran setzen, ihn für den zukünftigen Schwiegervater geltend zu machen. Sie mochten sich dann arrangieren, wie sie konnten; und sie würden sich arrangieren: hinüber und herüber Opfer bringen, auf gewisse Hoffnungen verzichten. Was opfert man nicht, worauf verzichtet man nicht, wenn man von Herzen liebt! Dem Schauspiel aber dieser opferfreudigen, herzlichen Liebe zuzusehen – nimmermehr! die Flucht war Feigheit – zweifellos; aber die Tapferkeit ist doch auch wie die Ehrlichkeit nur da am Platze, wo sie nötig ist und nützt. Man mußte beizeiten auf einen schicklichen Vorwand denken, der eine plötzliche Abreise ermöglichte. So, in trübste Gedanken verloren, war Bertram die Terrassengänge auf und nieder geschritten, jetzt an sonnigen Spalieren hin, wo durch die breiten Blätter sich die Trauben bereits rötlich drängten, jetzt zwischen Buchenhecken, die über seinem Haupte sich zu dämmerigen Lauben wölbten. An dem Ende eines dieser Laubengänge angelangt, blieb er erschrocken stehen. Vor ihm auf dem Altan, zu dem sich die Terrasse erweiterte, saß Erna unter der großen Platane, die den ganzen Platz mit ihren breiten Ästen überschattete. Auf dem runden Tische lag ein Buch aufgeschlagen; nun schrieb sie eifrig, über eine Mappe gebeugt. Die anmutige Gestalt, das feine Gesicht waren im scharfen Profil auf der grünen Seitenwand der höheren Terrasse abgezeichnet. In dem gedämpften Licht schien die zarte Wange noch bleicher als sonst; und als sie jetzt, die Feder in der Hand behaltend, die lange Wimper hob und nachdenklich zu dem Blätterdach aufschaute, erglänzte das große Auge musenhaft. Einen Labetrunk für den schattenlosen Rest des Weges, und – geh! geh! sprach Bertram bei sich. Er hätte, ohne daß sie ihn bemerkte, zurücktreten können; er tat es nicht; sein starrer Blick hing an dem holden Bilde, wie des Durstigen Lippe an dem Rande des vollen Bechers; und da wandte sie sich. Onkel Bertram! Sie hatte es ganz ruhig gesagt! und so, ohne Hast, legte sie die Feder hin und klappte die Mappe zu, indem sie zugleich aufstand und ihm, der nun herantrat, die Hand reichte: Ich fühlte, daß mich jemand ansah – Während du doch ungesehen, wenigstens ungestört bleiben wolltest. Aber wie konnte ich dich hier vermuten? Weshalb bist du nicht mit? Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. Ich hatte ebenfalls Briefe zu schreiben. Du hast wenigstens geschrieben. Du nicht? das ist freilich bös. Wenn man sich ausredet, muß man auch mit der Ausrede Ernst machen. Hinterher bildet man sich ein, es sei einem damit Ernst gewesen. Ich will es mir für die Zukunft merken. Aber weshalb sagst du mir so auf den Kopf zu, daß mein Briefschreiben eine Ausrede gewesen? Ich dachte es mir: du mochtest eben nicht; und ich glaube, ich weiß weshalb. Da wäre ich neugierig. Ich will es dir sagen – ich wollte es gestern abend schon – denn ich bemerkte gestern abend wohl, wie gern du dich von der Partie entschuldigt hättest, nur daß dir vielleicht nicht gleich ein schicklicher Vorwand einfiel – aber ich hätte es in ein paar Worten nicht sagen können und deshalb heute jedenfalls versucht, einmal ungestört mit dir zu sprechen. Wollen wir uns nicht setzen? Sie hatten Platz genommen, Erna vor ihrer Schreibmappe, Bertram ihr gegenüber. Die großen Augen zu ihm aufgeschlagen – er hatte noch eben so sehr danach verlangt, tief, bis auf den Grund der Seele, in diese Augen schauen zu können; und jetzt, da es sein konnte, sein sollte, bangte er davor zurück, wünschte den Moment hinausgeschoben. Er erfuhr es ja noch immer zu früh. Onkel Bertram – ich wollte dir sagen, daß – Die dunkeln Lider waren nun doch herabgesunken; so sah sie wenigstens nicht die atemlose Erregung, mit der er an ihren Lippen hing. Er hörte ja schon die folgenden Worte: – ich mich gestern abend mit dem Baron verlobt habe. – Die sekundenlange Pause dünkte ihm eine Ewigkeit. Liebes Kind, sagte er mit tonloser Stimme. Daß du dir um meinetwillen nicht eine Last auferlegen sollst, die du auf die Dauer nicht tragen kannst. Die großen Augen sahen ihn wieder fest an, wahrend er in tödlicher Verwirrung die seinen senkte. Du bist zu gut, um mich verstehen zu wollen; aber das Übermaß deiner Güte drückt mich, ängstigt mich. Ich weiß, daß du mich lieb hast, daß du es nur mir zuliebe tust; aber ich habe dich auch lieb, Onkel Bertram, sehr lieb, viel mehr als früher, wo ich dich doch eigentlich noch gar nicht kannte, gar nicht begriff. Ich bin kein Kind mehr, und so solltest du mir auch nicht wie einem verzogenen Kinde jeden Willen tun, noch dazu, wenn ich eingesehen, daß ich etwas verlangt habe, was ich nicht durfte. Ich durfte nicht verlangen, ich durfte dich nicht bitten, daß du gegen Tante Lydie freundlich sein solltest. Und jetzt bitte ich: sei es nicht, nicht in dem Maße! Ich kann es nicht ertragen. Sie hat dich so furchtbar gekränkt, wie – wie nur ein böses Menschenherz ein gutes kränken mag. Und sie soll deine Hand fassen dürfen, dir ins Auge sehen, mit dir scherzen dürfen, als wäre nichts geschehen? Wenn ich – wenn mir – ich würde es nicht dulden –, nimmermehr! Ihre Stimme bebte, ihre Lippen zitterten; die bleichen Wangen waren gerötet, die großen Augen blitzten. Sie hatte ihn nicht gekannt, nicht begriffen; aber was hatte er denn von ihr gewußt? von der Kraft der Empfindung eines Herzens, das so gemessen zu schlagen schien! Seine Blicke hingen unverwandt an ihr in entzücktem Staunen, wie eines Menschen, dem sich ein Göttliches offenbart. Aber schon im nächsten Moment hatte das wunderbare Mädchen die leidenschaftliche Wallung bezwungen; die Züge gewannen wieder den früheren Ausdruck, und in ruhigem Tone fuhr sie fort: Und du, Onkel Bertram, darfst es auch nicht dulden; du am allerwenigsten. Du kannst nicht heucheln, nicht lügen. Das mögen die anderen tun; dir steht es schlecht, es ist deiner unwürdig. Ich kann nichts Unwürdiges an dir sehen; ich will es nicht. Ich will einen Menschen haben, dem ich unbedingt glauben und vertrauen kann. Dieser eine bist du, mußt du sein; nicht wahr, Onkel Bertram? Sie reichte ihm über den Tisch herüber die Hand. Er konnte sie nicht zurückweisen; und doch, als er die schlanken Finger berührte, durchzuckte es ihn, als habe er sich einer Entweihung schuldig gemacht. Du denkst zu gut und zu groß von mir, sagte er; – so kann ich dir nur erwidern: ich will versuchen, dein Vertrauen zu verdienen. Und ich will dir gleich dazu Gelegenheit geben. Auch ich bin mit mir nicht zufrieden; auch ich bin – um anderer willen – Papa und Mama zuliebe, die es sehr zu wünschen schienen – freundlicher zu jemand gewesen, als es mir ums Herz ist, und muß mein Betragen gegen ihn künftig ändern. Du weißt, wen ich meine? Er hat dir einen Antrag gemacht? Einen Antrag? mir? Um die seinen Lippen zuckte es spöttisch. Verzeihe, liebe Erna! Er war gestern so sehr um dich bemüht; du selbst gibst zu, daß du freundlicher zu ihm gewesen, als es dir nachträglich lieb ist. Und der Mann scheint mir zu denen zu gehören, welche die Hand nehmen, wenn man ihnen den kleinen Finger reicht. Und dann, ich weiß, daß deine Eltern ihn protegieren – sehr; und er weiß das jedenfalls auch. So war denn meine Frage nicht völlig grundlos; dennoch bitte ich dich um Verzeihung. Du bedarfst derer wirklich in diesem Falle, Onkel Bertram. Oder sollte ich mich so kindisch benommen haben, daß ein so kluger Mann, wie du, es auch nur für möglich halten konnte? Nein, nein! bitte, suche zu vergessen, was ich so unbedacht gesagt! oder nimm es als Beweis, daß ich recht hatte, daß ich weder so gut noch so klug bin, wie du dachtest. Es klang schüchtern, fast demütig; aber in seinem Inneren war eitel Stolz und Jubel; und die Vögel oben in den schattigen Tiefen der Platane schienen bisher geschwiegen zu haben und nun alle auf einmal hell zu zwitschern und zu singen, und von den Terrassen unten wogte der Duft der Levkojen und Nelken in süßen Wolken herauf. Wie schön, wie zauberhaft schön war der Morgen! Wir wollen gegeneinander in Zukunft offener sein, erwiderte Erna, dann werden dergleichen Mißverständnisse nicht mehr vorkommen. Dies ist freilich für mich beschämend genug. Der Baron wäre der letzte, für den ich mich auch nur interessieren könnte. Ich finde das meiste, was er sagt, dumm und albern, und wenn einmal ein leidlicher Einfall dazwischenläuft, kann man doch keine Freude daran haben, weil man sich fragt: Welcher Unsinn wird nun kommen? Übrigens lerne ich ihn eigentlich jetzt erst kennen; er ist freilich schon sehr oft hier gewesen, aber dann war ich es nicht; und in der Stadt bei Tante Lydie, die er manchmal besuchte, bin ich ihm immer aus dem Wege gegangen. Du hast überhaupt noch wenig junge Männer kennen gelernt? Und die wenigen haben mir die Lust verleidet, die anderen kennen zu lernen. Das klingt sehr hart; aber, offengestanden, du bist nicht das erste Mädchen, das ich so reden höre. Ich wundere mich nur, daß nicht alle so reden oder doch so denken. Ich meine, die Männer sind von Haus aus eigennützig, leichtsinnig, eitel, und werden erst in späteren Jahren gut und edel und liebenswürdig – das heißt, die paar Ausnahmen, denn die meisten bleiben wohl, wie sie waren. Ist das dein Ernst? Mein völliger Ernst. Und deshalb habe ich dir vorgestern abend durchaus nicht recht geben können, als du behauptetest, ein junges Mädchen könne einen älteren Mann nicht lieben, oder begehe doch eine Torheit, wenn sie es tue; und werde es früher oder später zu ihrem Schaden einsehen, und also je früher, je besser. Es ist auch gar nicht diese Einsicht, was Hilarie abwendig macht und sie dem jungen Menschen, der sich so kindisch und toll benimmt, dem Flavio, in die Arme treibt – der Grund ist ein ganz anderer. Du kanntest die Novelle? Nein, ich habe sie erst eben jetzt gelesen und lange suchen müssen, bis ich sie in den Wanderjahren fand – da liegt das Buch. Und nun weiß ich auch das eine, wovon du vorgestern sagtest, Goethe habe es nicht angebracht, oder in Anwendung gebracht – wie sagt man in dem Fall? –, weil sonst aus der Komödie eine Tragödie geworden wäre. Was ist das eine? Daß ihr Onkel sie gar nicht liebt. War es nicht das? Allerdings; ich staune nur, daß du es herausgefunden. Und ich, daß Hilarie es nicht früher entdeckt hat. Sie muß sehr blind gewesen sein, nicht zu sehen, wie der Onkel ihre Liebe aus schierer Barmherzigkeit erwidert oder vielmehr nicht erwidert, daß seine Neigung im besten Falle ein matter Widerschein ihrer Liebe ist. Sieh hier: Du machst mich zum glücklichsten Menschen unter der Sonne! rief er aus und fiel ihr zu Füßen. – Wie matt und geziert ist das! Und sie ist damit zufrieden – glücklich! Ich hätte mich geschämt. Du mußt den Geist der Zeit, die Manieren und Ausdrucksweise der Menschen in Rechnung bringen – da erscheint und klingt es freilich nicht ganz so schlimm. Aber die andere Seite der Medaille! du meinst: Hilarie habe den Onkel wahrhaft geliebt und würde ihrer Liebe treu geblieben sein trotz aller Flavios, wäre ihre Leidenschaft erwidert worden? Ganz gewiß. Gut also: er liebe, liebe mit Leidenschaft. Nun kommt Flavio und liebt, liebt mit Leidenschaft. Der Vater sieht es; sieht, daß seine eigene Liebe das Unglück des geliebten Sohnes besiegelt; – weiter: er ist überzeugt, er muß es sein, wenn er kein eitler Tor, wenn er ein Mann von Herz und Verstand – daß Hilarie die Liebe des Sohnes zweifellos erwidern würde, wenn er nicht unglücklicherweise zwischen ihnen stände; daß die Liebe des jungen Mädchens zu dem jungen Manne, und umgekehrt, das einzig Natürliche, das heißt Richtige – und eben deshalb Hilarie ihn gar nicht wahrhaft lieben kann, ihre Liebe vielmehr, wenn nicht Unnatur, so doch ein Irrtum, eine Verirrung ist, von der sie zurückkommen wird und muß – habe ich unrecht, zu behaupten, daß die Komödie sich dann in eine Tragödie verwandelt – eine Tragödie, deren verschwiegener Schauplatz allerdings nur das Herz des älteren Mannes sein wird? Gibst du mir nicht recht? Ich muß es wohl, wenn ich dir zuvor deine Voraussetzungen und Annahmen zugegeben habe, vor allem die, daß die Liebe eines jungen Mädchens zu einem älteren Manne in jedem Falle ein Irrtum, eine Verirrung ist. Dann sehe ich aber wieder nicht ein, weshalb die Liebe des älteren Mannes zu dem jungen Mädchen nicht ebenfalls auf eine Selbsttäuschung hinauslauft, hinter die er, als der Weitsichtigere, Klügere, Verständigere, doch um so schneller kommen wird; und wo bleibt dann die Tragödie? Die großen Augen blitzten, auf der Stirn lag eine Wolke von Unmut, die zarten Lippen bebten. In seinem Herzen schrie es: hier! hier! denn ich liebe dich! und es ist unmöglich, daß je in dein jungfrisches Herz ein Funken von dem Brande fällt, der hier lodert; – aber es gelang ihm auch jetzt, den Aufruhr in seiner Brust zu bändigen und lächelnd zu sagen: Ich hoffte, vielmehr ich wußte, daß du diesen Einwand machen würdest, der vollkommen richtig ist und dem Meister wieder zu der absoluten Souveränität und unfehlbaren Richtigkeit in Herzenssachen verhilft, die ich ihm mutwillig zu bestreiten suchte. Ja, so liegt die Sache, man mag sie drehen und wenden, wie man will: die Liebe Hilariens ist eine Illusion, genauer: eine Vorahnung der echten, wahren Leidenschaft, welche sie einst empfinden wird; die des Majors eine Reminiszenz, eine Erinnerung dessen, wovon sein Herz durchglüht war in seiner Jugend längst entschwundenen Tagen, und nun und nimmer wieder durchglüht sein kann. Was dann etwa noch von wärmeren Gefühlen in ihm lebt, das mag ausreichen für eine Vernunftheirat mit der geistreichen Witwe, bei deren Empfindungen für ihn die Reminiszenz wiederum die Vermittlerrolle spielt, und – aber ist das nicht – wahrhaftig, sie sind schon zurück! Wollen wir ihnen entgegengehen? Von der Veranda her hatte sich die laute Stimme Lotters vernehmen lassen; Lydie rief nach Erna. Bertram war aufgestanden, froh der Unterbrechung; er fühlte, daß seine Kraft zu Ende ging; er ließ die Hand auf der Stuhllehne ruhen, damit Erna, wenn er sie ihr reichte, nicht fühlen möchte, wie sie zitterte. Aber Erna blickte mit demselben düsteren Ausdrucke gerade vor sich nieder. Ich möchte meinen Brief zu Ende schreiben, sagte sie. So will ich nicht länger stören. Er war gegangen, ohne ihr die Hand zu bieten; Erna saß noch eine Weile so, dann schlug sie die Mappe auf und überlas die Seite, an der sie zuletzt geschrieben: »– immer sehe ich ihn, auch wenn er nicht zugegen ist, sein bleiches, edles Gesicht, die tiefen, sinnenden Augen, den Mund, der so fein spotten und scherzen kann und doch so oft für mich schmerzlich zuckt vor Gram und Weh um ein verfehltes Leben, sein verwüstetes Glück. Für mich! die anderen sehen's freilich nicht – wie sollten sie! Für sie ist er der kalte Egoist, der ewige Spötter, der an nichts glaubt, am wenigsten an die Liebe. Freilich, wer so verraten wurde, wie – ach! Agathe, das ist es ja eben, was mich so unwiderstehlich zu ihm zieht –, daß ich so tief, so tief in sein edles Herz blicken kann, alle Schmerzen nachfühlen kann, die es zerrissen haben und jetzt zerreißen müssen in der Gegenwart der Schlange, die – oh, wie ich sie hasse! Und er gewinnt es über sich, noch gütig zu ihr zu sein, weil ich ihn darum gebeten, ehe ich wußte, wie sich alles verhielt. Er soll es nicht mehr; ich ertrage es nicht, wenn er dann die lieben, treuen Augen auf mich wendet, als wollte er fragen: ist es so recht? Nein, es ist unrecht tausendmal! Aber ist es nicht auch unrecht, daß ich in seinem Herzen lesen darf, und er nicht in dem meinen? soll ich ihm alles sagen? es schwebt immer auf meinen Lippen, aber dann – nein, ich würde mich vor dem Gütigen nicht schämen; er würde mich ja verstehen! Er würde mich die letzten heißen Zornestränen, die mir noch manchmal in die Wimpern kommen, und die ich unwillig abwische, an seiner Brust ausweinen lassen, und ich würde seine Gnade dankbar hinnehmen, aber nur unter einer Bedingung, daß ich da weiterruhen dürfte, daß er mir verstattete, ihn zu lieben, ihm zu dienen – heute und immer als seine Freundin, seine Tochter, seine Sklavin – soll ich es ihm sagen?« Erna lächelte bitter, nahm das Blatt in beide Hände, um es zu zerreißen. Dann legte sie es wieder hin und griff nach der Feder. »Die dies geschrieben hat, ist eine eingebildete Närrin, die für ihren Hochmut eine exemplarische Strafe verdient, welche Strafe darin bestehen soll, daß sie ihrem Großmütterchen dies schickt, um umgehend die nötigen Schelte zurückzuerhalten, auch wenn Großmütterchen, um was sie flehentlich gebeten wird, übermorgen kommt. Denn gesprochen wird zwischen mir und ihr nicht ein sterbendes Wörtchen hierüber (und über das andere und – den anderen erst recht nicht!); und damit, liebes Großmütterchen –« Da ist ja unser gnädiges Fräulein! rief der Baron, der eben mit Lydien aus dem Terrassengange heraustrat. Wir suchen dich überall, sagte Lydie; großer Gott, wie sich die Kleine das Köpfchen heiß geschrieben hat! An Agathe natürlich! Wer den Brief lesen könnte! rief der Baron. Sie kommen nicht darin vor – das kann ich Sie versichern, wenn es Sie beruhigt, sagte Erna, indem sie die Mappe mit dem unbeendigten Briefe zumachte und sich erhob. X. Haben Sie die Gelegenheit benutzt, um mit Erna zu sprechen? fragte Hildegard, sobald sie sich mit Bertram allein befand. Bertram hatte die Frage erwartet und Zeit gesucht und gefunden, sich auf die Antwort vorzubereiten. Seine erste Regung war gewesen, den Triumph voll auszukosten und Hildegard der Wahrheit gemäß zu versichern, daß der Baron nun und niemals daran denken dürfe, Ernas Neigung zu gewinnen. Dann aber kam die Erwägung, wie eine so brüske Erklärung unzweifelhaft einen Sturm des Unwillens bei der stolzen Frau hervorrufen und Erna in eine widerwärtige Lage bringen, vielleicht in unliebsamste Szenen verwickeln würde. An dem schwachen Vater hätte sie keinen Rückhalt gehabt – im Gegenteil! er wünschte ja dringend eine Entscheidung soweit wie möglich hinausgerückt. Und zuletzt, es war ihm jetzt völlig klar, daß Hildegards dringende Einladung zu einem längeren Besuch den ganz bestimmten Zweck gehabt hatte, sich an ihm, dem einflußreichen Freunde, einen Bundesgenossen in der Ausführung ihrer Pläne zu sichern. Nun war seine diplomatische Mission gescheitert; man würde ihm das Vertrauensamt nicht offen abnehmen, ihn aber auch ebenso gewiß nicht mehr zu Rate ziehen. Was dann geschah, spielte sich hinter seinem Rücken ab, und je früher er den Rücken wandte, desto besser. Und jetzt sollte er gehen? es war ihm, als ob er ebensowohl vom Licht der Sonne Abschied nehmen könnte. So war seine Antwort nichts als ein geschicktes Ausweichen. Er habe es an nichts fehlen lassen und auch von Ernas Seite das herzlichste, vertrauensvollste Entgegenkommen gefunden. Gerade aber deshalb halte er sich für berechtigt, zu konstatieren, daß von einer entschiedenen Neigung für den Baron bei Erna vorläufig nicht die Rede sei, und er nur den Rat geben könne, sich in Geduld zu fassen, klüglich abzuwarten und von der allmählichen, aber um so sichereren Einwirkung täglichen Beisammenseins das Beste zu hoffen. Die scheinbare Treuherzigkeit, mit der dies alles vorgebracht wurde, täuschte die schöne Frau vollständig. Ihre Annahme, daß Erna sich für den Baron interessiere, hatte sich vor allem auf Lydies Aussagen gestützt, die immer Heiratsprojekte spann, in ihrer Überschwenglichkeit aus einem Nichts alles machte und in diesem Falle, nur um sich bei Hildegard in Gunst zu setzen und in Gunst zu erhalten, vollauf bestätigte und versicherte, was Hildegard hören wollte. Nun, da diese für den Moment durch des Freundes klarere und, wie sie glaubte, unbefangene Augen sah, mußte sie die Richtigkeit seiner Beobachtungen gelten lassen: es war in Ernas Betragen dem Baron gegenüber wirklich von wärmerer Empfindung recht wenig zu entdecken, so wenig, daß die Ungleichmäßigkeit, mit der sie ihn behandelte, sogar noch als ein Trost erschien. Bertram fragte sich, weshalb Hildegard auf ein augenscheinlich ziemlich aussichtsloses Projekt nicht verzichtete, da doch Erna bei ihrer Jugend und Schönheit wahrlich keinen Mangel an Freiern haben würde; sie ihrerseits von der mißlichen finanziellen Lage ihres Gatten keine Ahnung hatte, mithin bei ihren Heiratsplänen für Erna auch die Anziehungskraft des Reichtums in Rechnung bringen mußte und sogar sehr stark in Rechnung brachte. Es schien ein Widerspruch, mindestens eine starke Wunderlichkeit, für die er aber bei reiflicherem Nachdenken die Erklärung gefunden zu haben glaubte. Die schöne Frau selbst war durch die stattliche Erscheinung, das sichere Auftreten des Barons aufs angenehmste berührt, durch seine Huldigung ihrer Schönheit, ihrer Klugheit, ihrer Güte, der er sogar in der Gesellschaft einen sehr verständlichen und in den häufigen Tête-à-têtes sicher den überschwenglichsten Ausdruck gab, aufs höchste geschmeichelt. Und der Umstand, aus welchem nebenbei der Baron gar kein Hehl machte, daß er – nach seinem eigenen Ausdruck – so arm sei wie eine Kirchenmaus, gereichte ihm in ihren Augen zur allerbesten Empfehlung. – Ich sehe darin die Fügung eines gerechten, ausgleichenden Schicksals, sagte sie zu Bertram. Ich weiß, lieber Freund, Sie sind zu aufgeklärt, mir meine aristokratische Schrulle nicht zu verzeihen: es sei und bleibe das beste, wenn der Adel unter sich heiratet, und das Bürgertum, das ich ja achte und ehre, ebenfalls. Nun habe ich, das arme Freifräulein, die erste in meiner Familie, deren Traditionen doch nach Jahrhunderten rechnen, eine bürgerliche Ehe schließen müssen; ich beklage mein Los nicht – es war eben mein Los; aber ich habe Gott stets gebeten, daß er meinem einzigen Kinde ein anderes bescheiden möge. Und wird dadurch einer Familie, die noch älter ist als die der Unkerode, wieder zu der Stellung in der Welt verholfen, die ihr gebührt, so wüßte ich wahrlich nicht, was ich mir Lieberes wünschen sollte, vorausgesetzt, daß Erna, wie es hier doch unzweifelhaft der Fall sein würde, einen Gatten erhält, der sie liebt, und der, von seinen kleinen Kavalierfaibles abgesehen – über die eine kluge Frau gern die Augen zudrückt, weil sie weiß, daß dergleichen sich von selbst gibt – ihrer Liebe durchaus würdig ist. Und den ich ebenso vollständig unter mein Kommando zu bringen hoffe, wie ich meinen Gatten beherrsche – fügte Bertram im stillen hinzu. Er war überzeugt, daß dieser Gedanke in der Kalkulation der selbstsüchtigen Frau der bestimmende war, trotz der Sorgfalt, mit der sie auch den leisesten Anschein jeder eigennützigen Absicht zu vermeiden suchte. Wie sie ihr Leben als eine Kette von Opfern darzustellen liebte, welche sie für andere gebracht habe, so war sie auch jetzt bereit, um Ernas willen auf ihr eigenes Behagen zu verzichten. Man werde das Kind selbstverständlich nicht in der Stadt unter fremden, gleichgültigen Menschen allein lassen können und sich entschließen müssen, fortan den Winter dort zuzubringen. Das mache freilich die Akquisition eines eigenen Hauses notwendig; aber der Kostenpunkt dürfe nicht in Frage kommen, wenn es sich um das Glück des Kindes handele, und zufällig stehe eine neu erbaute Villa höchst preiswürdig zum Verkauf – in der unmittelbaren Nähe des Parkes, umgeben von einem hübschen Garten, und groß genug, um Eltern und Kindern ein bequemes Beisammensein zu gewähren; mit geringen Kosten werde sich sogar ein Atelier für den Baron anbauen lassen. Ob Bertram nicht heute noch mit Otto hineinfahren wolle? Otto könne – wie gewöhnlich – zu keinem Entschlusse kommen, trotzdem die Villa eine ausgezeichnete Kapitalanlage sei, selbst für den Fall – der nicht eintreten werde, trotz der augenblicklich scheinbar so wenig günstigen Aspekten. Denn auch darin werden Sie mir beistimmen, lieber Freund, schloß Hildegard ihre Auseinandersetzung, je sorgfältiger wir alles Nötige vorbereiten und so dem Kinde gleichsam ein Bild des sicheren, rings umfriedeten Glückes zeigen, das ihrer harrt, um so schneller und lieber wird sich ihre Phantasie mit diesem Bilde beschäftigen, und von dem schönen Bilde zur schöneren Wirklichkeit – il n'y a qu'un pas . Vorläufig bringen wir die Angelegenheit mit der Villa in Ordnung; es wird nicht schwer halten, wenn Sie mit Otto ein ernstes Wort reden. Ich verspreche Ihnen, daß ich das tun werde, erwiderte Bertram. Der Zwischenfall kam ihm sehr gelegen. Hier drohte für Otto, der sich so schon von allen Seiten bedrängt sah, eine neue große Ausgabe, vor der seine unselige Nachgiebigkeit, als vor einem unüberwindlichen Hindernis, endlich haltmachen mußte. Die Konsequenzen ergaben sich dann von selbst. Es konnte bei der bloßen Weigerung nicht sein Bewenden haben; es mußte zwischen den Gatten zur Aussprache kommen; es würde ein furchtbares Gewitter geben, das aber notwendig war, die schwüle Atmosphäre zu reinigen, die gespannte Situation zu lösen. Hildegards frivoler Plan zerplatzte wie eine Seifenblase, Erna war mit einem Schlage von dem lästigen Bewerber, ihr Vater aus einer unwürdigen und unerträglichen Lage befreit. Er war gestern schon entschlossen gewesen, treu zum Freunde zu stehen durch alle Widerwärtigkeiten, Bedrängnisse und Gefahren, die ja nicht ausbleiben konnten. Heute klopfte sein Herz diesen Gefahren ungeduldig entgegen, denn mit jeder, die er aus dem Wege räumte und siegreich überwand, legte er eine Trophäe ihr zu Füßen, für die er sein Herzblut gegeben haben würde, Tropfen um Tropfen. Wie erschrocken, wie empört war er nun, als er auf dem Wege nach der Stadt Otto weiter als je von einem mannhaften Entschlusse entfernt fand. – Der Ankauf der Villa, lieber Himmel, wenn Hildegard nun einmal so großen Wert darauf legte – es war doch schließlich im Vergleich mit seinen übrigen Sorgen eine reine Bagatelle! – Und was ich dir gestern hinsichtlich meiner Lage mitgeteilt, nun, mein Gott, du kennst mich nicht seit gestern! Ich bin eben ein Mann des Augenblicks; da sehe ich dann, je nachdem, alles schwarz oder weiß, und gestern hatte ich so einen allerschwärzesten Moment. Meine Fabriken rentieren nicht, freilich, geben auch wohl einmal eine starke Unterbilanz; dafür steht meine Ackerwirtschaft, wie du mir zugeben wirst, im prächtigsten Flor, und ich kann schon noch ein gutes Ende daraufhin sündigen, zumal die Ernteberichte aus Rußland und Ungarn ganz miserabel lauten, und wir ein Heidengeld machen müssen. Und da! lies mal hier die Notiz in unserer Zeitung über den Stand der Eisenbahnfrage! Sie ist noch dazu unzweifelhaft aus der Feder unseres Landstandspräsidenten, der nebenbei mein langjähriger Anwalt und guter Freund ist. Was sagst du nun? Daß die Sache genau so liegt, wie du sie mir gestern geschildert hast. Dein Freund vertritt offenbar nur seine, meinetwegen eure Ansichten, eure Wünsche; will nebenbei natürlich eine Pression auf die Regierung ausüben, indem er es als eine Unmöglichkeit hinstellt, sie könne sich anders entscheiden, als ihr eben wünscht und hofft. Aber die Regierung, und das heißt bei uns der Hof, ist schon mehr als halb gewonnen. Lotter versichert – Laß mir um Himmels willen den Mann aus dem Spiele! Freilich, wenn du so gegen ihn eingenommen bist, daß du ihm selbst die einfache Glaubwürdigkeit absprichst, die du jedem sonst gewährst! Hier ist von Glaubwürdigkeit oder Unglaubwürdigkeit keine Rede, rief Bertram entrüstet, sondern nur davon, daß du deine Illusionen und Hoffnungen für Wirklichkeiten und Tatsachen nimmst; daß du dich wissentlich verblendest, um den Abgrund nicht zu sehen, in den du hineinrennst. Und bedenke doch nur dies: durch dein unseliges Zaudern beschleunigst du den Moment, den du fürchtest, ja machst ihn um so furchtbarer. Heute kannst du noch vor deine Frau hintreten und sagen: ich habe Verluste gehabt, starke Verluste, wir müssen uns einschränken – so und so; willst du es dahin kommen lassen, daß du gestehen mußt: wir haben nichts mehr zu verlieren? Ich beschwöre dich: wirf den Ballast über Bord, mit dem dein Schiff bis zum Untersinken belastet ist! Du wärst Manns genug, es zu tun, handelte es sich um dich allein; und du kannst es nicht, wo du Weib und Kind an Bord hast, die du mit ins Verderben ziehst, wenn du es nicht tust! Otto sagte nicht ja und nicht nein, und Bertram schwieg verzweifelt. Was sollte daraus werden? Man gelangte in die Stadt, ohne kaum noch ein Wort gewechselt zu haben; auch bei Besichtigung der Villa tauschte man nur eine und die andere gleichgültige Bemerkung. Aber Bertram sah recht gut, daß die Verdrossenheit, die der Freund zur Schau trug, im Grunde wieder eine Maske war, seine Unentschlossenheit zu verbergen. – Ich weiß schon, sagte dieser endlich mürrisch, wir beide kommen nicht zusammen; es wäre wirklich das beste, wir machten einen gemeinschaftlichen Besuch bei meinem Rechtsanwalt und hörten, was er zu der Geschichte meint. Er ist überdies dein politischer Parteigenosse und wird sich sehr freuen, dich kennen zu lernen. – Bertram ergriff mit Freuden einen so vernünftigen Vorschlag, aber, bereits vor der Tür des Anwalts, besann sich Otto, daß er noch einige Aufträge Hildegards zu besorgen habe: wegen der Einquartierung, weißt du; sie kann nicht Vorräte genug anschaffen – na, das ist einmal so ihre Art. Und deine, alles halb zu tun, sprach Bertram bei sich, der breiten Gestalt nachschauend, welche die einsame, sonnige Straße hinabschritt; es wäre denn, daß du die Verantwortung ganz auf meine Schultern wälzen könntest. Das war denn auch des Rechtsanwalts Ansicht. Glauben Sie mir, sagte dieser, als man nach herzlicher Begrüßung schnell vertraulich geworden war, er wünscht dringend, daß wir uns gegenseitig offen über seine Angelegenheiten aussprechen, und er hat nur nicht dabei sein wollen, um all das Mißliebige nicht zu hören, was ihm dann freilich nicht erspart werden könnte, und hinterher jedem einzelnen von uns unter vier Augen einen Widerstand entgegenzusetzen, zu dem er, wenn wir gemeinschaftlich gegen ihn Front machen, nicht den Mut fände. So halte ich es für keine Indiskretion, sondern glaube im Sinne und jedenfalls im Interesse unseres Freundes zu handeln, wenn ich zu allem, was Sie bereits wissen, einige Erläuterungen hinzufüge, die Sie vollständig au courant setzen werden. Der Rechtsanwalt schilderte nun eingehend Ottos Lage, und Bertram fand zu seiner Verwunderung seine Auffassung durchweg bestätigt. Selbst das Bild von dem Ballast, der über Bord geworfen werden müsse, um das Schiff wieder flott zu machen, figurierte in der Auseinandersetzung. Freilich erfuhr er jetzt erst, wie schwer dieser Ballast war. So hatte Otto nie mit einer Silbe des Umstandes Erwähnung getan, daß die Schwester Hildegards, die verwitwete Geheimrätin von Palm, nebst ihrer ganzen Familie gänzlich aus Ottos Tasche lebte. – Und das ist ein furchtbares Item, sagte der Rechtsanwalt. Die Dame ist in jeder Beziehung die Schwester der Frau Amtsrätin. Sie meint sterben zu müssen, wenn sie nicht auf einem großen Fuße leben kann. So ist denn ihr Haus in Erfurt der Sammelpunkt von allem, was auf die Ehre, dort zu erscheinen, Anspruch machen kann: der pensionierten Generäle, Obersten, von denen die Stadt wimmelt, sämtlicher aktiven Offiziere der Garnison und so in infinitum . Die Töchter sind wie die Mutter, mit Ausnahme eines lieben, verständigen, freilich auch nicht eben hübschen Mädchens, das Sie, wie ich höre, demnächst in Rinstedt kennen lernen werden. Und treiben es die Töchter arg, so tun die beiden Söhne, Offiziere, wie Sie wissen, als ob in der Kasse des Onkels kein Grund zu finden wäre. Drei- oder viermal hat er bereits die Schulden der Herrchen bezahlt, die er nebenbei nicht ausstehen kann – alles in majorem gloriam Hildegardis , seiner geliebten Gattin, geborenen Freifräuleins von Unkerode, deren Neffen selbstverständlich mit einem anderen Maßstabe zu messen sind als andere gewöhnliche Sterbliche. Und sehen Sie keinen Ausweg aus dem verderblichen Zirkel, in dem unser Freund umherirrt? fragte Bertram. Es ist derselbe, auf den Sie ihn bereits gewiesen haben, erwiderte der Rechtsanwalt. Aber wie ist jemand zu helfen, der sich nicht raten lassen will, oder vielmehr jeden Rat annimmt, ohne ein einziges Mal zu folgen? Auch darin haben Sie durchaus richtig gesehen: es ist noch keineswegs zu spät. Gibt er die unseligen Fabriken auf, die niemals rentieren werden, auch wenn, worauf er seine ganze Hoffnung setzt, die Eisenbahn durch seine Güter gelegt wird; tritt er seiner Gnädigen mit einem Sic volo, sic jubeo! entgegen und trennt mit einem Schnitt die unsinnig kostbare Schleppe von dem Kleide, das dann immer noch ein ganz anständiges bleibt, so kann er seine übrigen Verbindlichkeiten nach und nach ablösen, oder mit einem Male, wenn ihm jemand zu einem soliden Zinsfuß ein größeres Kapital vorstreckte, was allerdings bei den schlechten Zeiten schwer halten wird, zumal wenn es sich herumspricht, daß er in Verlegenheit ist. Wie groß, meinen Sie, daß dieses Kapital sein müßte? Ich glaube, ich würde mit hunderttausend Talern alles arrangieren können, ohne daß es zu einem Akkord, ja nur zu einer freiwilligen Subhastation käme. Dann stelle ich Ihnen eventuell die genannte Summe zur Verfügung. Der Anwalt blickte erstaunt auf. Ich wußte nicht, daß Sie so reich seien, sagte er. Es ist noch nicht einmal die Hälfte meines Vermögens. Überdies, ich riskiere ja im Grunde nichts. Gewiß nicht, erwiderte der Anwalt; ich würde das Geld vollständig sicherstellen können – zu einem sehr niedrigen Zinsfuß, wie ich bereits bemerkte. Aber ich sage zum voraus, daß Ihr großmütiges Anerbieten zurückgewiesen werden wird. Ich kenne unseren Freund. Er würde lieber von dem blutigsten Halsabschneider Geld borgen, als von Ihnen, vor dem er, wie ich weiß und durchaus begreife, den tiefsten Respekt hat. Denn, wie befreundet Sie immer sein mögen – Sie sind nicht sein Bruder, sein Vetter, nicht verwandt, nicht verschwägert mit ihm. Wenn Sie sagen könnten: du bist es unserer Familie schuldig – einen solchen Appell an die Familienehre, die er überaus hochhält, würde er schon eher verstehen. So wird sich gerade sein Stolz, seine Eitelkeit – denn Eitelkeit ist die ruling passion seiner Seele – verletzt fühlen; er wird Ihnen scheinbar überaus dankbar sein, sagen, daß Sie sein Retter sind, und – keinen Heller von Ihnen nehmen, solange er noch einen anderen Ausweg sieht oder zu sehen glaubt. Vielleicht, daß er zur Vernunft kommt, wenn seine letzte Hoffnung, die Eisenbahn, sich als illusorisch erweist, und ich fürchte – denn ich selbst bin, wenn auch aus anderen Gründen, der eifrigste Befürworter des Projekts – es wird das bereits in den allernächsten Tagen geschehen. Inzwischen versuchen Sie immerhin Ihr Heil – oder sein Heil, was richtiger wäre. Ich wiederhole aber: Sie werden mit dem bloßen Freundschaftstitel nicht reüssieren. Bertram stellte auf der Heimfahrt, zu welcher er den Freund von einem vorausbestimmten Orte abholte, diesen Versuch an. Die Prophezeiung des Anwalts ging buchstäblich in Erfüllung. Otto floß über von Dankesversicherungen für ein Anerbieten, das ganz im Geiste seines großmütigen Freundes sei, und das er – um der alten Freundschaft willen – unbedingt annehmen würde, wenn die Notwendigkeit vorläge. Das sei denn aber, Gott sei Dank, nicht der Fall. Und nun kam das alte leidige Lied, das Bertram bereits auswendig kannte, und dem er doch jetzt nicht wie auf der Hinfahrt mit Widerwillen, sondern mit einer seltsam bangen Beklommenheit lauschte. Es war ja klar: der Freundschaftstitel genügte nicht; es mußte ein anderer sein, der ein Recht gab, zu fordern, um was er so vergeblich bat. Sollte er das Wort wagen, das ihm auf den Lippen zitterte und immer wieder feig zum bebenden Herzen zurückschlich? Feig? Nein! Feigheit, elende Feigheit wär's gewesen, hätte er es gesprochen; Feigheit, die sich die Tore einer Festung, welche dem Mute und der Tapferkeit unbezwinglich ist, mit schnödem Golde öffnen will; Feigheit – und Verrat an der Heiligkeit einer Liebe, die bis jetzt selbstlos gewesen und rein wie das Herz der Wasser. Wenn es so weit kam, wenn es galt, das geliebte Kind vor der gemeinen Sorge des Lebens zu schützen, die der schwache, verblendete Vater nicht mehr von dem teuren Haupte abzuwehren vermochte – nun, sie würde groß genug denken; sie würde die Hilfe, die Hand des Freundes, des Beschützers nicht zurückweisen. Aber wehe ihm, wenn diese Hand nicht makellos war! wenn auf diese Hand nur der Schatten des Verdachtes schnöder Selbstsucht fiel! Und während sie so in den dunkeln Abend hinein heimwärts fuhren, hatte er den Blick aufwärts gerichtet zu den himmlischen Lichtern, die immer zahlreicher und glänzender aus dem Äther hervortraten; und er wiederholte sich andachtsvoll das hehre Wort des Dichters von den Sternen, deren Pracht der Mensch sich freuen solle, ohne ihrer zu begehren. XI. Aber kein Dichterwort mochte fürder die Glut bannen, die in seinem Herzen brannte, und jeder Gedanke, mit dem der Geist nach Ruhe und Klarheit rang, erwies sich als ein feiger Söldner, der die erste Gelegenheit benutzt, zu dem mächtigeren Feinde überzugehen. Vergebens, daß er sich ins Gedächtnis rief, womit er in jener merkwürdigen Unterredung Ernas Behauptungen zu widerlegen gesucht – es war ja eitel Lüge gewesen und höchstens theoretisches Geschwätz. Seine Liebe Reminiszenz? woran denn? an die traurige Verirrung eines dreißigjährigen und doch immer noch gläubigen, unerfahrenen Herzens! oder an die koketten Spiegelfechtereien und häßlichen Zerrbilder der Leidenschaft, mit denen ein Herz, das an die Liebe nicht mehr glaubt, sich über seine wahren Bedürfnisse wegzutäuschen sucht! – Dich, rief er, dich habe ich immer geliebt; mein ganzes Leben ist nur eine ununterbrochene Sehnsucht nach dir gewesen; und jetzt, da ich das gelobte Land endlich erreicht, soll ich nichts weiter dürfen, als es schauen, Gott loben und sterben! Ich bin nicht sterbemüde; wie mir das Leben noch nie so schön erschienen, habe ich niemals so das Verlangen und die Kraft gefühlt, es zu genießen. Und muß gestorben sein – nun denn: man stirbt schließlich am Leben, und wenn es noch so öde war, so stirbt sich's doch besser in der Liebe vollem Glück! Nein, nein! wenn ich sie liebe, so erinnere ich mich an nichts als an die Wüstenweite, die ich mich durchschleppen mußte bis zu ihr; wenn sie mich lieben könnte – ihre Liebe würde keine Fata Morgana sein einer Oase der Zukunft: Palmen sollten ihr zu Häupten rauschen, Silberbäche zu ihren Füßen rinnen, hat Liebe überall die Zaubermacht, ein Paradies zu schaffen auf Erden. Und aus diesen gaukelnden Zukunftsträumen schreckte ihn dann der Gedanke auf, Ernas Herz müsse schon einmal einen mächtigen Eindruck empfangen haben. Es war doch auffallend, daß sie so manches der geheimnisvollen Zeichen im Buche der Leidenschaft so gut zu deuten wußte; daß sie offenbar gern in diesem Buche las. Aber da alle seine vorsichtigen Fragen durchaus zu keinem Resultate führten, sie über die wenigen jungen Männer, die sie zu kennen schien, entweder mit Gleichgültigkeit oder gar, wie über ihre beiden Vettern, mit einem sehr merklichen Anfluge von Ironie sprach, mußte er wohl von seinem Verdachte zurückkommen und sich immer mehr in eine Hoffnung einwiegen, vor der er zuerst wie vor einer Verlockung zum Wahnsinn zurückgeschreckt war. Und er hatte ja doch noch den vollen Gebrauch seiner Sinne, und niemals waren diese Sinne so scharf gewesen. Wie sollte er es denn aber deuten, daß der Ton ihrer Stimme, so oft sie sich zu ihm wandte, und besonders, wenn er sich mit ihr allein befand, ein so ganz anderer war als sonst, weicher, tiefer, inniger? wie es deuten, daß sie – sicher, ohne es zu wissen – manchmal über Tisch, wenn er lebhaft sprach, minutenlang den Blick auf ihn geheftet hielt – jenen seltsam festen Blick, den er noch aus keinem Menschenauge gesehen, und der ihn wieder und wieder an jenen Blick der Götteraugen mahnte; und sie dann, wenn er zu sprechen aufhörte, wie aus einem Traume erwachte, mit einem tiefen Atemzuge, der den zarten Busen hob und senkte? An anderen glückverheißenden Zeichen fehlte es nicht. Er hatte guten Grund gehabt, Ernas Gebot, gegen Lydie fürder weniger freundlich zu sein, zu mißachten; ja er hatte seine Aufmerksamkeiten und Höflichkeiten verdoppelt, nicht bloß gegen die gefallsüchtige Dame, sondern auch gegen den Baron. Es kostete ihn jetzt so gar nichts, zu verzeihen, Nachsicht zu üben, alles von der besten, liebenswürdigsten Seite zu sehen; und die Höflichkeit ist ein Schleier, hinter dem sich so viel verbergen läßt! Nun hatte er sich anfänglich auf Widerspruch oder ernsthaftes Zürnen von seiten des stolzen, eigenwilligen Mädchens gefaßt gemacht, aber nichts der Art trat ein; sie schien seinen Ungehorsam entweder nicht zu bemerken oder ihn gar zu billigen, denn ein und das andere Mal, wenn er die Komödie allzu weit trieb, spielte ein feines Lächeln um ihre Lippen. Und was noch mehr war: sie folgte, wenn auch offenbar zögernd, seinem Beispiele; sie hatte für Lydies Überschwenglichkeiten nicht jene kurzen, herben Abfertigungen mehr, oder jenes kalte Übersehen, das tiefer schneidet als direkter Tadel; sie fuhr fort, wie in den ersten Abenden, mit dem Baron zu musizieren; sie duldete sogar, daß auch sie auf dem famosen Terrassenbilde angebracht wurde, und hatte die Geduld, ein paar Stunden lang dem Künstler zu sitzen, der immer einen Pinselstrich vorwärts und zwei zurück tat und ein Mal über das andere schwur: dies sei die dankbarste, aber auch die schwierigste Aufgabe, die er je in seinem Leben ausgeführt. Und noch eines, was ihm als besonders seltsam und gewichtig aufgefallen. Erna hatte die Gewohnheit, den Namen dessen, mit dem sie sprach, oft in die Unterhaltung zu mischen und selbst gleichgültigen Phrasen und Fragen hinzuzufügen. So klang ihm noch immer aus den ersten Tagen ihr: wie geht es dir, Onkel Bertram? – ja, Onkel Bertram; – nein, Onkel Bertram! süß im Ohr. Aber süßer, unendlich süßer dünkte es ihn, als er es jetzt nicht mehr hörte, auch nicht ein einziges Mal; daß ihre Rede ja und nein war, nach dem Bibelwort, und entsprechend den wilden Wünschen seines Herzens. Auch Hilarie hatte sicher den Liebhaber nicht mehr Onkel genannt! Der arme Major! Aber schließlich war ihm doch nur recht geschehen: denn nicht sowohl die Jugend fehlte ihm, als der Mut und die Kraft der Leidenschaft. »Und immer ist der Mann ein junger Mann, der einem jungen Weibe wohlgefällt«; und er gefällt ihr wohl, weil sie mit dem sicheren Instinkt der Liebe fühlt, daß er Liebe für Liebe geben kann und geben wird. Und als wollte er das Schicksal zwingen, ihm alles zu gewähren dafür, daß er sein alles an dies alles setzte, sah er lächelnden Blickes zu, wie das Feuer seiner Liebe mit jedem Tage, jeder Stunde gewaltiger auflohte, gieriger um sich griff, sein ganzes Wesen in sich schlang. Er war stolz darauf, daß er nichts mehr denken, nichts mehr fühlen konnte als nur sie, einzig sie. War sie entfernt, wie leer und öde erschien ihm die Welt! mit wie schmerzlicher Ungeduld harrte er des Augenblicks, wo er sie wiedersehen würde; und sah er sie wieder, war's, als hätte er sie nie zuvor gesehen, als hätte der Herr nur eben erst sein: Werde Licht! gesprochen, und die Welt läge vor ihm im taufrischen Glanze des Schöpfungsmorgens. Dann, wenn die Qual der Lust schier übermächtig wurde, floh er vor ihr, um in der Einsamkeit des Waldes, in tiefversteckter Felsenschlucht, auf sonniger Halde hoch oben in den Bergen stundenlang von ihr zu träumen, durch die tiefe Stille dem Nachklang ihrer Stimme in seinem Herzen zu lauschen, den verschwiegenen Gräsern und Bäumen ihren Namen zu flüstern; ihren Namen zu hören aus dem Rieseln der Quellen, dem Rauschen des Windes, aus jedem Vogellaut; ihr holdes Bild zu sehen zwischen weißen Wölkchen, vom blauen Himmel auf ihn niederlächelnd, aus Dämmerschatten des ragenden Waldes ihn ernst und sinnend anschauend mit großen, stillen, göttermächtigen Augen. Daß diese Augen seltener lächelten, daß sie immer ernster, sinnender blickten, oft mit jener süßen Starrheit innerster Konzentration, war ihm nicht entgangen, und er hatte es nicht zu seinen Ungunsten gedeutet: wie sollte, wie konnte es anders sein, wenn in ihre junge Seele auch nur ein schwächster Widerschein des Glanzlichtes fiel, von dem seine Seele bis in ihre Tiefen erfüllt war! Aber ebensowenig entging es ihm, und er wußte es sich nicht zu deuten, als jener sinnende Ernst, aus dem seine hoffende Liebe – wie eine Biene aus dem sich erschließenden Kelche der Blume – wonnige Nahrung sog, sich in trüben Unmut wandelte, der nicht bloß die geliebten Augen stetig umschleierte, sondern oft das zarte Gesicht mit den seinen, energischen Zügen in dunkle, von Zornesblitzen durchzuckte Nacht hüllte. Diese Wandlung war ganz plötzlich vor sich gegangen, und seltsamerweise fiel sie mit dem Tage, fast mit der Stunde von Agathens Ankunft zusammen. XII. Er hatte bei früheren Besuchen in Rinstedt Agathen wiederholt gesehen und immer auf dem besten Fuße mit dem stets gleichmäßig freundlichen, liebenswürdigen Kinde gestanden. Nun war sie freilich, eben wie Erna, in den letzten Jahren zur Jungfrau herangereift, wenn man auch nicht sagen durfte, daß sie bei dieser Metamorphose gewonnen hätte. Das blonde Haar fiel jetzt stark ins Rötliche, die Sommersprossen drängten sich auf Stirn und Wangen zur Ungebühr hervor, und eine bedenkliche Neigung nach der einen Seite hatte sich in zweifellose Schiefheit verwandelt, so daß man, alles in allem, wohl versucht sein konnte, den Spitznamen »Großmütterchen«, welchen Erna ihrer Cousine und Busenfreundin gab, nicht bloß in moralischem Sinne zu nehmen. Aber die hellblauen Augen hatten den alten lieben Ausdruck treu bewahrt; ja noch offener als früher sprach aus ihnen eine Seele, die aller Welt wohlwollte, mit aller Welt in Frieden und Freundschaft zu leben wünschte und die bedenklichen und schlimmen Regungen und Leidenschaften der Menschenbrust weniger zu verabscheuen als nicht zu begreifen schien. Ein so gutes, nur zur Mitfreude und zum Mitleid geschaffenes Wesen hätte wohl kaum den Mut gefunden, die banalen Illusionen eines Dutzendherzens grausam zu zerstören, und wäre wohl vor dem bloßen Versuche zurückgeschaudert, gewaltsam in ein Herz wie Ernas einzugreifen, mochten dessen Empfindungen auch noch so sehr von der alltäglichen Schablone abweichen. Wiederum mußte Bertram den Verdacht, der sich ihm in seiner Ratlosigkeit zuerst aufgedrängt: daß Agathe leichtsinnig oder gar absichtlich ausgeplaudert hatte, was ihr Erna etwa anvertraut, alsbald fallen lassen. Eine solche Handlungsweise widersprach völlig dem Charakter des ebenso klugen wie guten Mädchens; und daß er sich selbst den anderen gegenüber verraten haben sollte, war vollends unmöglich. Er war sich zu genau bewußt, von der ersten Stunde an sein Betragen auf das peinlichste überwacht, jedes Wort erwogen, jede seiner Mienen, jeden seiner Blicke kontrolliert zu haben. Schauderte er doch schon vor dem Gedanken zurück, daß Erna sein großes Geheimnis entdecken möchte, war er doch sicher, daß sie es nicht entdeckt hatte – wie sollte es jenen gelungen sein? Aber weshalb sollten sie nicht mit Mißgunst, Neid und Schrecken gesehen haben, was zu sehen ihm die höchste Wonne war? Hatte er sich, im vollen Bewußtsein seiner Liebe, in dem angstvollen Zweifel, ob diese Liebe nicht eine Torheit, ein Verbrechen sei, den strengsten Zwang auferlegt – Erna war in dem Ausdrucke von Empfindungen, deren wahre Bedeutung sie vielleicht ahnte, aber sicherlich nicht ermessen konnte, keineswegs ebenso vorsichtig gewesen; und wie mochte man selbst das Harmloseste, Unschuldigste – die Aufmerksamkeiten, mit denen sie ihn verwöhnte, die kleinen Dienste, die sie ihm ohne Aufsehen, im Vorübergehen gleichsam, leistete – wie mochte man alles hämisch bekrittelt und gehässig ausgelegt haben, nachdem einmal – so oder so – der Verdacht erregt war? Und daß dies der Fall sein mußte, darüber konnte er kaum noch zweifeln, indem er jetzt das Verhalten der anderen ihm gegenüber während der letzten Tage einer nachträglichen Prüfung unterwarf. Da trat denn in dem neugewonnenen Lichte so manches hervor, was er entweder nicht beachtet oder doch anders gedeutet hatte. Die schöne Frau, die sonst jedes Tête-à-tête benutzte, das Gespräch auf Erna und den Baron zu bringen, war nicht wieder auf ihr Lieblingsthema gekommen, während umgekehrt Lydie plötzlich ein unendliches Interesse für Erna zur Schau trug und nicht müde wurde, über die Eigenschaften ihres Zöglings Betrachtungen anzustellen, und wie man sich wohl die Zukunft eines so eigenartigen Wesens zu denken habe. Der Baron war noch immer, so oft er mit ihm zusammen gewesen, von Höflichkeiten übergeflossen, aber hatte ihn doch seltener als sonst mit Aufforderungen zu Billardpartien und zum Pistolenschießen nach der Scheibe heimgesucht, dafür seine einsamen Jagdausflüge – auch Otto war kein Jäger – immer häufiger unternommen und immer weiter ausgedehnt. Otto endlich war ihm ersichtlich aus dem Wege gegangen, wie er anfangs geglaubt hatte, um neue peinliche Erörterungen über seine Lage zu vermeiden; wie er jetzt annahm, um ihn nicht merken zu lassen, daß er ihm um Ernas willen gram sei oder – was ja bei dem Schwachen auf eins hinauskam – auf Befehl der Gebieterin gram sein müsse. Es waren seltsam gemischte Gefühle, welche die Erkenntnis der neuen Lage, in die er sich so plötzlich versetzt sah, in seiner Brust wachriefen. Er sagte sich, daß das, was seinen Widersachern Sorge und Schrecken bereite, für ihn ein Gegenstand der Freude und des Triumphes und der klarste Beweis sei, daß er nicht einen wonnevollen Traum geträumt habe. Und seine Liebe konnte doch nicht immer in der Sternenhöhe bleiben; sie mußte einmal in Erdennähe kommen, für die Maulwurfsaugen dieser Menschen sichtbar werden. Aber indem er sich nun auf den Standpunkt dieser Menschen versetzte, mit sich, seiner Liebe ins Gericht ging, wie jene es unzweifelhaft tun würden und taten, hörte er aufs neue, und jetzt aus dem Munde wütender Ankläger, die alten, bösen Fragen, die er längst abgetan glaubte: ist dein Sehnen, dein Wollen wirklich rein von jeder Selbstsucht, jeder frivolen Beimischung? hat die Befriedigung der Eitelkeit, daß du, der Fünfzigjährige, die Liebe eines so jungen, in jeder Hinsicht bevorzugten Mädchens erringen kannst – gegen den Willen der Eltern, vor den Augen derer, die dich einst verschmäht, in Gegenwart und zur Scham und Schande eines so viel stattlicheren Nebenbuhlers – nichts, gar nichts zu tun mit deiner Liebe? Und wenn er sich durch das Drängen seiner Widersacher zu einer Erklärung zwingen ließ vor der Zeit, oder diese Zeit nicht jetzt war und nie sein würde, wenn er und sie alle sich geirrt hatten, Ernas Herz nichts von Liebe wußte, sie seine Liebe verwundert, erschrocken, beleidigt zurückwies – was dann? großer Gott, was dann? wo war auch nur die Rückzugslinie, die Goethe seinem Helden so klug zugesichert? Er empfand es als einen jener schauerlich häßlichen Widersprüche des menschlichen Lebens, daß, während sich so vor seinem inneren Blicke die Möglichkeiten seines Schicksals wie in einem Brennpunkte konzentrierten, er eifrig vor dem Spiegel beschäftigt war, die Krawatte, welche Konski ihm für die Mittagstafel zurechtgelegt – die Glocke hatte schon zum ersten Male geläutet – mit einer anderen zu vertauschen, von der Erna einmal gesagt, daß sie ihn besonders gut kleide. Unwillig trat er von dem Spiegel an das offene Fenster. Durch die blaue, sonnige Luft schwebte ein Sommerfaden heran und heftete sich an seine Schulter. Eine tiefe Traurigkeit überkam ihn. Eine Rückzugslinie gab's immer: das war der Tod. Hing sein Leben vielleicht an einem Faden so schwach wie dieser hier? Aber war nicht eben deshalb seine Liebe ein Wahnsinn und ein Frevel? War das Liebe, die im Grunde doch immer nur an sich dachte, und nicht zuerst und zuletzt daran, ob nach menschlichem Ermessen man auch die Bürgschaft für das Wohl derer übernehmen konnte, die man zu lieben vorgab? ob für sie nicht Wohl in Wehe sich allzubald verwandeln werde, aus dem ihr, wenn die Zeit und wenn die Jugendkraft, die sich nicht brechen ließ, auch die Wunde heilte, ein ganzes, volles Glück nun und nimmer wieder blühen konnte? Und so den Tod, dem er doch schon ein und das andere Mal in die hohlen Augen gesehen, von Stund' an fürchten zu müssen wie die Dutzendseelen! Er fuhr von einem Geräusch hinter ihm erschrocken zusammen. Konski war wieder eingetreten mit einem Briefe. Die Post, die heute morgen ausgeblieben, sei nun eben doch noch gekommen; auch für die Herrschaften wären Briefe eingelaufen, die wohl von Wichtigkeit sein müßten, denn die gnädige Frau habe befohlen, das Mittagessen eine Viertelstunde zu verschieben: jedenfalls könne der Herr Doktor seinen Brief in aller Ruhe lesen. Konski hatte sich wieder entfernt; Bertram hielt den Brief noch immer uneröffnet in der Hand. Wie wunderlich, daß sein Arzt und Freund ihm gerade jetzt schrieb! der Überbeschäftigte ihm so schnell antwortete auf einen Brief, in dem er am zweiten Tage seines Aufenthaltes die gewünschte Nachricht über sein Befinden gegeben, und der gar keiner Antwort bedurfte! Kündigte er ihm sein Todesurteil an? Nun, dann kam es gerade zur rechten Zeit! Und er erbrach den Brief mit zitternder Hand und las: »Liebster Freund! Lachen Sie mich meinetwegen aus, soviel Sie wollen. Aber wie ich eben Ihren Brief – ich pflege Briefe von Ihnen nicht in den Papierkorb zu werfen – zum zweiten Male lese, kommt mir, und in verstärktem Maße, derselbe Gedanke, den ich schon bei der ersten Lektüre hatte, nämlich: daß, Ihnen vielleicht selbst unbewußt, zwischen Ihren Zeilen eine Frage steht, welche außer dem allwissenden Schicksale nur der ergebenst Endesunterschriebene beantworten kann, und die er, weil auf das Schicksal in dieser Beziehung kein rechter Verlaß ist, hiermit zu beantworten sich die Ehre gibt und nebenbei das spezielle Vergnügen macht. Die Frage aber lautet, auf die einfachste Formel reduziert: Darf ich heiraten? Da Sie, wie ich sehe, nicht lachen, im Gegenteil ein sehr ernsthaftes Gesicht machen, will ich zum Lohne dafür mit meiner Antwort nicht zurückhalten und sie ebenfalls gleich auf den kürzesten Ausdruck bringen: Ja, liebster Freund, Sie dürfen heiraten, trotz Ihrer letzten schweren Attacke, ja, seltsamerweise: nun gerade erst recht. Denn wenn ich auch schon vorher nicht daran zweifelte, es werde Ihre selten kräftige Natur noch jahrelang dem schweren Schaden, der ja leider nicht wegzuleugnen war, Widerstand leisten, so habe ich jetzt nach dieser Seite kaum noch eine Sorge. Ihre letzte Krankheit war nichts als ein überaus energischer Versuch der Natur, sich selbst zu helfen, und dieser Versuch ist so gut wie gelungen. Was ihr zu tun übrig bleibt, ist wenig, und daß dieses Wenige möglichst schnell und gründlich getan werde – dazu können Sie selbst sehr viel beitragen. Wie das möglich ist? Nun eben dadurch, daß Sie heiraten, daß Sie, der ewig Bedenkliche, übertrieben Gewissenhafte, der immer nur für seine idealen Zwecke und für andere gelebt, endlich einmal sich selbst leben, endlich einmal ein ruhiges Glück finden, das Sie in so reichem Maße verdienen, und – in diesem Glücke glücklich sind! zu welchem letzteren freilich mehr Verstand gehört, als die meisten Menschen aufzuwenden haben. Sie, lieber Freund, haben diesen Verstand; ergo: heiraten Sie, in Gottes Namen, zu Ihrem eigenen Heile, zum Heile derer, die Sie lieben, und schließlich mit meinem Konsens, ohne den Sie es ja doch nicht tun würden. Nun aber, da Sie der Leiden gewohnt sind, um ohne sie mit ruhigem Gewissen leben zu können, bin ich Ihnen für die, von denen ich Sie fürder dispensiere, andere schuldig; und so sollen Sie denn gleich eins der allerschlimmsten auf sich nehmen, mit welchem ein freier Mann in dieser schweren Not der Zeit behaftet werden kann: Sie müssen sich in den Reichstag wählen lassen. Es geht nicht anders. Unser braver S. kann die Last nicht länger tragen; er wird sein Mandat niederlegen; ich würde jetzt peremptorisch darauf bestehen, wenn er nicht schließlich selbst zur Einsicht gekommen wäre. Für ihn, der dem sicheren Tode zuwankt, haben Sie, der mit kräftigen Schritten der völligen Gesundung entgegengeht, einzutreten – par ordre unseres Komitees, das gestern noch in später Abendstunde zusammengetreten ist und sich zuletzt einstimmig für Sie entschieden hat. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß anfangs O. und B. und einige andere dagegen waren, die behaupteten, Sie könnten der guten Sache draußen mehr nützen, als drinnen. Gerade die völlige Unabhängigkeit Ihrer Stellung in der Partei habe es Ihnen bisher möglich gemacht und werde es Ihnen fürder möglich machen, gewisse Dinge zur Sprache zu bringen, die ausgesprochen werden müssen, und aus Rücksichten, die innerhalb des Hauses zu nehmen sind, von uns nicht ausgesprochen werden können. Die große, ja unschätzbare Wirksamkeit, die Sie auf diese Weise entfaltet, würde durch ihren Eintritt in die geschlossene Phalanx der Fraktion brach gelegt. Nun bin ich ja immer dieser Ansicht gewesen; aber, Herr, die Not ist groß! Wir haben außer Ihnen faktisch niemand. So drangen wir denn durch, und die Bitte, die ich im Auftrage der Partei nun an Sie richte, ist, wie gesagt, eine einstimmige. Da ich Sie so genau kenne und weiß, daß Sie sich schwer entschließen, um an dem einmal gefaßten Entschlüsse unverrückbar festzuhalten, gebe ich Ihnen drei Tage Bedenkzeit. Vielleicht überlegen Sie die Sache mit Freund G. in W., dessen Bekanntschaft Sie gewiß mittlerweile gemacht haben, nicht damit er Ihnen das Gewissen schärfe – bei Ihnen ist vielleicht das Gegenteil besser am Platze – sondern weil er Ihnen, als ein alter Veteran, mit seiner unendlichen Erfahrung doch vielleicht einen und den anderen Wink geben kann, der Ihnen bei Ihrer Kandidatur von Nutzen ist. Daß Sie bald auf den Kampfplatz treten müssen, ist sehr wahrscheinlich; die Regierung, die ihrer Sache in B. sicher zu sein glaubt, wird nicht zögern, die Wahl anzusetzen. Binnen vier Wochen kann alles abgetan sein; Sie behalten dann bis zum Wiederzusammentritt des Reichstages noch immer vielleicht ebenso lange Zeit, sich von den Strapazen der Kampagne zu erholen; mit Italien ist es freilich für diesmal nichts. Indessen kann man nicht zween Herren dienen; und die Eifersucht der Herrin – wenn mein obiges Aperçu ebenso richtig wie geistreich ist – fürchte ich nicht. Und wäre der Zweifel erlaubt, daß Sie sich in Ihrer Wahl geirrt haben, oder bedürfte es noch eines Prüfsteins – hier ist der feinste, den es geben kann. Das Gold echter Frauenliebe glänzt niemals heller, als wenn es gilt, ein Opfer zu bringen, auf daß der Wert des Mannes klar hervortrete. Empfehlen Sie mich der holden Unbekannten angelegentlichst und seien Sie selbst aufs herzlichste gegrüßt.« Die Tischglocke hatte bereits zum zweiten Male geläutet, und noch immer starrte Bertram in den Brief. Ging dies mit rechten Dingen zu? Durch welchen wunderbaren Scharfsinn hatte der Freund aus Andeutungen, die gar keine hatten sein sollen, den Zustand seines Herzens richtig gedeutet? Nun, war's ein Wunder, so war es doch ein gutes, so doch eines, das nur der hohen Kraft echter Freundschaft möglich ist; der Versucher konnte sich nicht in die Gestalt des Besten, Edelsten der Menschen kleiden! Er drückte den Brief des Freundes an seine Lippen. Als er aufschaute, sah er den Sommerfaden, der sich bei der Bewegung, die er machte, losgelöst hatte, zum Fenster hinausschweben in die blaue Himmelsluft. Mit leuchtenden Augen blickte er ihm nach. – So ist's recht! und zieht und flieht mit ihm, ihr feigen Rückzugsgedanken! Wer den Tod nicht fürchtet, hat schon halb gesiegt! XIII. Bertram traf unten im Gartensaale vorerst nur Otto und den Baron, die ein lebhaft geführtes Gespräch bei seinem Eintreten jäh abbrachen; Otto sah sehr verlegen aus, der Baron warf ihm einen bösen Blick zu und wandte sich nach den jungen Damen, die auf der Veranda wanderten. Es scheint, ich habe gestört, sagte Bertram. Nimm's ihm nicht übel erwiderte Otto; er hat – schon seit gestern abend – unangenehme Nachrichten von zu Hause, die heute bestätigt werden und ihn zu einer Reise dorthin zwingen – und nun gerade jetzt – in dieser gespannten Lage – er wünscht natürlich – es ist sehr fatal – Mit einem Worte: er hat seinen Antrag offiziell bei dir vorgebracht? Nicht eigentlich offiziell – wir wissen ja gar nicht, wie Erna – du wolltest uns au courant setzen, raten – helfen; aber du läßt uns ganz im Stiche. Ich kann dir sagen: Hildegard ist darüber etwas pikiert. Das habe ich bemerkt, und so, um das Versäumte nachzuholen, gebe ich euch den Rat: macht, daß ihr ihn los werdet! erspart Erna die Demütigung, dem Menschen einen Korb geben zu müssen. Demütigung, dem Menschen! mein Gott, wie redest du! Wie mir's ums Herz ist. Er ist Ernas unwürdig – völlig. Das sagst du! aber warum? Bertram antwortete nicht. Was sollte es auch jetzt noch helfen, sich mit Otto über den Wert oder Unwert des Barons zu streiten! Siehst du, daß du nichts Positives vorbringen kannst, sagte Otto triumphierend; und dann, als er die tiefernste Miene des Freundes sah: Ich weiß ja, daß du es gut meinst – mit Erna, mir – mit uns allen. Du hast auch vielleicht recht wenigstens darin, daß Erna schließlich nein sagt. Tut sie es – na, dann ist die Geschichte zu Ende, und Hildegard und er müssen sehen, wie sie sich darein finden. Wenn es nur noch ein paar Tage währte – ich habe den Kopf auch ohne das voll genug – die Einquartierung morgen – die Schlußdebatte über die Eisenbahn, und dabei denke ich soeben daran, daß ich, ebenfalls morgen, eine Hypothek, die mir gekündigt ist, zu zahlen habe; es ist nicht viel – fünftausend Taler – aber es kommt mir sehr ungelegen – sehr – ich wollte schon vorhin zu dir, fürchtete dich zu stören – vielleicht nach Tisch oder heute abend – da ist meine Frau – nur keinen Eklat – ich beschwöre dich! Hildegard trat herein; Lydie folgte bald; die jungen Damen und der Baron kamen von der Veranda; man ging zur Tafel. Die Unterhaltung wollte nicht recht von der Stelle; jeder schien mit seinen Gedanken beschäftigt, die, nach den Mienen zu schließen, keine erfreulichen sein konnten, außer bei Hildegard. Sie lächelte wiederholt geheimnisvoll vor sich hin und unterbrach endlich eine minutenlange Pause, indem sie zwei Briefe, die sie neben ihr Kuvert gelegt hatte, in die Höhe hielt und sagte: Aber das ist doch zu arg; ich sitze hier mit einem ganzen Schatz der interessantesten Überraschungen, und es gibt sich keiner die Mühe, auch nur die mindeste Neugier zu verraten. Ihr wäret wirklich wert, daß ich euch kein Wort sagte, aber ich will gnädig sein, wie immer, und euch an meiner Freude teilnehmen lassen. Also zuerst: deine Mama, Agathe, hat nun doch meinen Bitten nachgegeben. Es ist so lieb von ihr; sie hat morgen selbst eine größere Gesellschaft – an die zwanzig Offiziere, schreibt sie – und könne die Kinder eigentlich nicht entbehren; aber sie sehe ein, daß ich sie in unserer Einsamkeit hier noch nötiger brauche, wenn das Gewimmel der Uniformen nicht gar zu monoton werden soll – enfin : sie schickt uns zwei von deinen Schwestern, Luise und Auguste – heute schon – wir können jetzt wirklich morgen abend einen kleinen Ball arrangieren, wenn wir die Oberförster- und Pastormädchen dazu laden, und Eckarts aus Fischbach, Sulzers aus Lengefelde und die anderen kommen. Nun, was sagt ihr? Erna antwortete nicht, sie schien es kaum gehört zu haben; Agathe sagte: Du bist so gut, liebe Tante! – es kam ein wenig gepreßt heraus. Das ist alles? rief Hildegard; freilich bin ich gut, viel zu gut für euch Undankbare, Blasierte, die ihr euch nicht einmal an der Aussicht auf einen Ball erwärmen könnt. Aber Sie, Baron? Ich beneide die Herren, denen ihre Güte zu Nutzen kommen wird, erwiderte der Baron; ich für mein Teil werde, wie Sie wissen, schwerlich daran teilnehmen können. Hildegard zog die Augenbrauen in die Höhe. Ich dachte, das wäre ein für allemal abgemacht, sagte sie; Ihre Verwandten mögen sehen, wie sie ohne Sie fertig werden; ich will nichts wieder davon hören. Das ist mein letztes Wort, Sie werden es respektieren. Der Baron verbeugte sich und murmelte etwas von force majeure ; Hildegard achtete nicht darauf; sie hatte bereits den zweiten Brief zur Hand genommen. Hier eine andere Überraschung, sagte sie, eine ganz echte, wie Sie mir zugeben werden, wenn ich Ihnen dies gelesen habe. Bitte aber im voraus um Nachsicht wegen meines schlechten französischen Akzentes. Der Brief ist aus unserer Residenz, wie ich zum besseren Verständnis bemerken muß. Von der Prinzeß Amalie? fragte der Baron hastig. Nicht von unserer gnädigen Prinzeß, erwiderte Hildegard mit huldvollem Lächeln; aber doch von einer Prinzessin – Fürstin, wenn Sie wollen, denn so müssen wir ja wohl das la princesse übersetzen. Möchtest du nicht lieber gleich alles übersetzen? sagte Otto zaghaft. Auch das! erwiderte die schöne Frau; ich war sogar schon im Begriffe, da ich weiß, du kaprizierst dich darauf, kein Französisch zu verstehen. Also: »Madame! Werden Sie einer Ihnen völlig Unbekannten verzeihen, die es wagt, Sie um eine Gunst zu bitten, die man nur seinen Freunden oder völlig akkreditierten Personen zu gewähren pflegt – um die Gunst, für kurze Zeit Ihr Gast sein zu dürfen? Sie staunen, Madame; aber weshalb besitzen und bewohnen Sie ein Schloß, dessen klassische Architektur und stilvolle innere Ausstattung die Wunder des Landes sind? weshalb werden Sie als Meisterin vollendeter Gartenkunst von allen Einsichtigen gerühmt? Ich bereise Deutschland hauptsächlich zu dem Zwecke, das Beste und Schönste in diesen Genres zu studieren, um es auf meinen Gütern in Livland wenigstens nachahmen zu können. Ich werde Sie, wie gesagt, nicht lange belästigen – einen, vielleicht zwei Tage; morgen und übermorgen, wenn es Ihnen recht ist, da ich leider über meine Zeit nicht anders disponieren kann. Und was die Unbequemlichkeit betrifft, die ich Ihnen verursachen muß, werde ich mich bemühen, sie auf das kleinste Maß zu reduzieren. Ein Gärtner oder Förster, der mich draußen, ein Kastellan, der mich drinnen ein wenig umherführt; ein Eckchen an Ihrem Kamin, ein Plätzchen an Ihrem Tische, ein Kämmerchen, in dem ich schlafen kann – das ist alles! zu viel freilich schon, wenn ich bedenke – aber man darf nicht bedenklich sein, wenn man die vollendete Egoistin ist, welche die Ehre hat sich zu nennen, Madame, Ihre ergebenste – die Fürstin Alexandra Paulowna –« Hildegard blickte von dem Briefe auf und sagte lächelnd: Ja, wer den Hauptnamen lesen könnte! Sie hatte den Brief Bertram, der zu ihrer Rechten saß, gereicht. Also eine Russin jedenfalls, sagte der Baron zu ihrer Linken. Ohne Zweifel – nun, lieber Freund? Ich kann es nicht entziffern, erwiderte Bertram. Darf ich? rief der Baron. Bertram gab den Brief an Hildegard zurück, die ihn dem Baron reichte. Nun, das ist doch ganz deutlich! rief er; Bo – Bo – Er stockte. Bo – Bo – Bo – Bo –, rief Lydie lachend; geben Sie mir! Auch Lydie kam nicht weiter; das Billett machte die Runde über Otto und Agathe bis zu Erna, die, ohne einen Blick darauf zu werfen, es an Bertram reichte. Du willst nicht versuchen? fragte Bertram. Nein. Es kam so kurz und scharf heraus; Bertram blickte erschrocken auf. Das ist sehr unfreundlich von dir, sagte die Amtsrätin. Auch Bertram hatte zuerst diese Empfindung; aber er kannte Erna zu genau, es mußte noch etwas anderes in ihrer Seele vorgehen, was in dem schroffen Nein einen Ausdruck gesucht hatte. Sie war sehr bleich und hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gepreßt, während ihre Augen mit unheimlicher Starrheit gerade vor sich hin schauten. Es war, als ob sie im nächsten Moment in Tränen ausbrechen müsse. Um die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken und die eigene Unruhe zu überkommen, begann er von neuem eifrig an dem Namen zu buchstabieren und rief: Ich glaube, ich habe es! Bolinzow – Alexandra Paulowna Volinzow! Zeigen Sie, bitte! rief Hildegard; wahrhaftig: Bolinzow – es ist ja ganz deutlich – wie man doch so blind sein kann – mein Gott, was ist Ihnen, lieber Baron? Ich bitte tausendmal um Verzeihung, sagte der Baron hinter seinem Taschentuche, das er an das Gesicht gedrückt hatte, indem er sich zugleich von der Tafel erhob und den Saal eiligen Schrittes verließ. Hildegard schaute ihm mit betrübtem Blicke nach. Der Arme! sagte sie; wie leid er mir tut! er ist in einer Aufregung – und nun diese Nachrichten aus seiner Familie – wenn ich nur wüßte, um was es sich handelt – er ist die Diskretion und das Zartgefühl selbst. Bertram hatte, während er nach einer Erklärung für Ernas Betragen suchte, fast mechanisch den ganzen Brief mit den Augen überlaufen. Er wurde sich dessen erst bewußt, als er an eine Stelle kam, die er sich nicht erinnerte, in Hildegards Übersetzung gehört zu haben. Hier ist noch eine Zeile, liebe Freundin, sagte er, die Ihnen entgangen ist, und die mir doch von Wichtigkeit scheint; es steht da – vollendete Egoistin, die den Mut hat, ihrem Briefe auf dem Fuße zu folgen – und die Ehre und so weiter. Unmöglich! rief Hildegard. Aber es ist nicht anders: sehen Sie! Sie sind aus der drittletzten Zeile gleich in die letzte geraten. Hildegard erschrak. Aber, mein Gott, rief sie, was fangen wir an! sie wird noch dinieren wollen! doch das ist das geringste, aber unsere Zimmer sind ja von morgen nachmittag an sämtlich besetzt. Die Herren Offiziere müssen ein wenig zusammenrücken, sagte Otto; es wird schon gehen. Nein, es wird nicht gehen, rief Hildegard, wenn jeder von den Herren sein eigenes Zimmer haben soll; und den beiden Majoren und gar dem Oberst können wir doch nicht weniger als zwei zur Disposition stellen. So muß ich Ihnen schon aus der Verlegenheit helfen, liebe Freundin, sagte Bertram. Sie wissen, ich wollte morgen früh fort; bleiben wir bei dem alten Plan, um so mehr; als ich soeben einen Brief erhalten habe, der meine schleunigste Rückkehr nach Berlin notwendig macht. Das ist eine Ausrede! rief der Amtsrat. Keine Ausrede, lieber Freund. Der Brief steht dir zur Verfügung; ich will übrigens zur Aufklärung gleich sagen, um was es sich handelt: eine Kandidatur für den Reichstag, zu der ich von meinen politischen Freunden beabsichtigt bin. Du wirst dich doch auf dergleichen nicht einlassen, rief der Amtsrat. Ich bin in der Tat dazu entschlossen. Und deine italienische Reise? Bleibt der Zukunft vorbehalten. Deine Krankheit? Ich befinde mich, dank Eurer vortrefflichen Pflege, so wohl wie nie. Es ist unmöglich! rief der Amtsrat; ich dulde es nicht; es wäre geradezu – Er war, indem er so in den Freund drang, nur dem Zuge seines gutmütigen Herzens ohne alle Nebenrücksicht auf seine speziellen Interessen gefolgt: erst jetzt schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß Hildegard erst heute morgen noch Bertrams Anwesenheit ein positives Unglück genannt und ihn beschuldigt hatte, als einziges Hindernis zwischen ihr und der Ausführung ihres Lieblingsplanes zu stehen. So brach er denn erschrocken ab mit einem ungeschickt verlegenen Blicke auf seine Frau. Hildegard errötete bis in die Schläfen. Jetzt mußte sie zum Bleiben auffordern, wenn nicht alles, was sie in diesen letzten Tagen mit Lydie und dem Baron, zuletzt auch mit ihrem Gatten, heimlich verhandelt, so gut wie offen vor Bertram liegen und es zu einem endgültigen Bruche kommen sollte, den sie denn doch, solange es irgend möglich war, zu vermeiden wünschte. Um den wahren Grund ihres Errötens zu verbergen, ergriff sie, wie von einer übermächtigen Wallung getrieben, seine beiden Hände und sagte: Sie sehen mich bis zur Sprachlosigkeit bestürzt, lieber Freund! Otto hat vollkommen recht: es ist unmöglich; es wäre geradezu abscheulich – denn das wolltest du gewiß sagen, lieber Otto? Sie können, Sie dürfen uns jetzt nicht verlassen – in ein paar Tagen, wenn es denn wirklich sein muß; aber nicht jetzt. Ich habe – ganz abgesehen von uns – schon in der freudigen Überraschung geschwelgt, mit der Herr von Waldor hier auf der Schwelle eines fremden Hauses einen alten Freund begrüßen wird. Und hat alte Freundschaft keine Macht über Sie – lockt Sie denn nicht die geheimnisvolle Russin, deren Namen Sie allein entziffern konnten, und die sich mit niemand wird unterhalten wollen, als mit Ihnen, wenn sie erst gehört hat, wie wundervoll Sie Französisch sprechen? Aber Otto – Lydie – Agathe – so helft doch bitten. Man hatte sich in der allgemeinen Erregung von der Tafel, die überdies zu Ende ging, erhoben und war auf die Veranda hinausgetreten; auch der Baron hatte sich wieder eingefunden, aber hielt sich in einiger Entfernung; er schien sich von dem Anfall noch nicht völlig erholt zu haben. Die von Hildegard Angerufenen beeilten sich, der Aufforderung Folge zu leisten und sprachen durcheinander auf Bertram ein. Er hörte nicht, was sie sagten; er sah sie nicht; er sah nur Erna. Sie war, als ob das Verhandelte kein Interesse für sie habe, aus der Veranda hinab an eines der Beete auf dem Rasenplätze getreten. Plötzlich wandte sie sich, kam langsamen Schrittes zurück, die Stufen herauf und trat vor ihn hin. Ihre vorhin so bleichen Wangen waren lebhaft gerötet, die großen Augen glänzten, während um die zarten Lippen ein trotziges Lächeln spielte. Sie befestigte eine köstliche rote Spätrose, die eben ihren Kelch entfalten wollte, in seinem Knopfloche. Ich habe dich am ersten Abend gebeten – ich bitte dich nochmals: bleibe hier – mir zuliebe! Komm, Agathe! Sie hatte ihre Cousine an der Hand ergriffen und sie mit sich fort in den Garten gezogen; Bertram war in das Billardzimmer getreten und klapperte dort mit den Bällen; die übrigen blickten erstaunt, verlegen, erschrocken, höhnisch drein. Aber wie sehr ihre verschiedenen Empfindungen nach einem Austausch verlangten, und wie gelegen auch der Augenblick schien, sie kamen vorläufig nicht dazu. Denn im nächsten Moment schmetterte von dem Hofe her ein Posthorn und verkündete zu Hildegards Schrecken, daß die Fürstin Volinzow ihre Anmeldung buchstäblich genommen hatte und ihrem Briefe auf dem Fuße gefolgt war. XIV. Der sonnig-heitere Tag endigte nach einem plötzlich heraufgezogenen Gewitter mit einem dunkel-stürmischen Abend. Von den Wäldern herab, aus dem Tale herauf wallten dicke, graue Nebel, die sich in heftigen Regengüssen entluden. Es war empfindlich kühl geworden; die »Ecke am Kamin« in dem Billett der Fürstin erschien keine Phrase mehr, sondern ein sehr berechtigter Wunsch, den Hildegard zu erfüllen sich beeilte, indem sie überall in den Kaminen der Salons des oberen Stockes die sonst nur zur Schau aufgetürmten Scheiter anzuzünden befahl. Man konnte heute abend fast von einer Gesellschaft sprechen. Eine Stunde nach der Fürstin waren auch Agathes Schwestern gekommen; dann hatte sich uneingeladen der Oberförster eingefunden, des bösen Wetters wegen ohne seine Damen, aber in Begleitung des Forstkandidaten, eines Herrn von Busche, der die Woche über verreist gewesen war und, wie er lachend versicherte, sich nun sehr dazuhalten müsse, wenn er so viel versäumte schöne Stunden einigermaßen wieder einbringen wolle. Er schien eifrig bemüht, diesen Vorsatz auszuführen, indem er unermüdlich neue gesellschaftliche Spiele und Scherze auf die Bahn brachte und die vier jungen Damen in fortwährendem Lachen erhielt. Qu'y a-t-il de plus beau , sagte die Fürstin, wie bisher bald Französisch, bald Deutsch mit gleicher Geläufigkeit sprechend, als so aus dem Nebenzimmer das Lachen junger Mädchen zu hören, während man mit einer Freundin behaglich plaudernd am Kamin sitzt. Vergangenheit und Gegenwart stießen da zusammen und sondern sich wieder, wie die roten und blauen Flämmchen auf den Kohlen; und manchmal blitzt dazwischen eine grüne auf, die wir für ein Licht nehmen wollen, das in die Zukunft leuchtet, schon deshalb, weil es so bald wieder verschwindet. Wie behaglich und schön ist es bei Ihnen, meine Liebe! wie danke ich Ihnen, daß Sie mir so den Vollgenuß Ihres reizenden Heims gewähren! Sie hatte Hildegards beide Hände ergriffen mit einer Lebhaftigkeit, daß die Braceletts an ihren runden weißen Armen klirrten. Ich habe Ihnen zu danken, Prinzessin – Um Gottes willen, nennen Sie mich nicht länger so! Sagen Sie Alexandra! wollen Sie? Wenn Sie Hildegard sagen? Cela va sans dire – Hildegard – ein schöner Name – schön wie sie, die ihn führt! Wovon sprachen wir gleich? von der Zukunft – ja! Ihnen blüht eine herrliche in Ihrer wundervollen Tochter. Gefällt Ihnen Erna? Gefällt! mon dieu ! so kann doch nur die Bescheidenheit der Mutter fragen! gefällt, sie ist einfach himmlisch. Nicht als ob ich nicht schon schönere Mädchen gesehen hätte – Sie sehen, meine Liebe, ich bin ganz aufrichtig – aber in ihrer Haltung – wie sie geht, wie sie steht – jede Bewegung – ihr Mienenspiel – der Aufschlag der Augen – ihr Lächeln – ihr Ernst selbst – das ist von einer Anmut, einem Zauber, der mich völlig berauscht, die ich doch ein Weib bin. Wie mag es dabei den Männern zumute sein! arme Männer! arme gebrochene Herzen! ich beklage euch! Sie hat bis jetzt kaum Gelegenheit gehabt, Herzen zu brechen, erwiderte Hildegard lächelnd; sie verläßt eben die Pension. Auch diese jungen Damen sollen es manchmal fertig bringen, sagte die Fürstin; ich fürchte, ich habe selbst ein oder zwei gebrochen, während ich in der Pension war, und in einer sehr strengen dazu – Gott sei's geklagt! aber sprechen wir ernsthaft! Haben Sie schon für das schöne Kind gewählt? Unsere jungen Mädchen pflegen diese Wahl für sich selbst in Anspruch zu nehmen, erwiderte Hildegard, indem sie dabei einen scheuen Blick auf Bertram warf, der mit Otto, durch den Salon auf und ab promenierend, sich gerade jetzt in unbequemer Nähe befand. Eine schlimme deutsche Eigentümlichkeit, sagte Alexandra. Wenn ein junges Mädchen, das die Welt nicht kennt, die Männer nicht kennt – außer ihrem Vater, vor dem sie sich fürchtet, und ihren Brüdern, die sie lächerlich findet – sich einen Gatten aussuchen darf nach den konfusen Illusionen ihres kleinen dummen Kopfes – es ist ja hundert gegen eins zu wetten, daß dabei eine bêtise herauskommt oder ein malheur – was freilich nach dem Ausspruch des witzigen Franzosen identisch ist. Sie sprechen mir aus dem Herzen, liebe – Alexandra, sagte Hildegard, sich mit verbindlichem Lächeln zu der neuen Freundin hinüberbeugend; – ganz aus dem Herzen. Kluge Frauen verstehen sich eben à demi mot , entgegnete Alexandra. Aber es gibt Ausnahmen, meine Liebe, und Ihre Erna ist so eine Ausnahme. Ihr würde es nie einfallen, sich in einen Mann zu verlieben, bloß weil er sechs Fuß mißt, sich zu frisieren und zu ajustieren versteht, es mag dabei unter dem glatten Scheitel noch so wüst aussehen und unter dem gestärkten Kambrik ein noch so verrottetes Herz schlagen. Hildegard wagte sich nicht aus ihrer Stellung zu bewegen; sie hatte bemerkt, daß während der letzten Worte der Fürstin der Baron nur zwei Schritte von ihnen stand, offenbar in der Absicht, sich zu ihnen zu gesellen. Da aber keine der Damen ihn zu sehen oder sehen zu wollen schien, betrachtete er eine Vase, die in der Nähe auf einem Marmortische stand, und kehrte wieder um; Hildegard atmete auf. Sie konnten unbesorgt sein, sagte Alexandra; ich hatte absichtlich, als ich ihn kommen sah, Französisch gesprochen; ich habe mich überzeugt, daß er es sehr schlecht spricht und noch schlechter versteht, was übrigens für einen Kavalier, der einen Hofdienst ambitioniert, recht auffällig ist. Hildegard erschrak, obgleich es ganz unmöglich war, daß die Fürstin den Baron mit dem »Mann von sechs Fuß« gemeint haben konnte. Sie wissen, daß der Baron mit unserem Hofe sehr liiert ist? fragte sie etwas unsicher. Ich war gestern abend bei Hofe, erwiderte Alexandra; – zum Tee. Wir Russen sind an Ihrem Hofe gut akkreditiert, wissen Sie; überdies kenne ich die Herrschaften von ihrem letzten Petersburger Besuche – besonders ist mir Prinzeß Amalie sehr gewogen, und sie ist es auch, die den Baron protegiert. Nicht wahr? sagte Hildegard eifrig. Bitte, erzählen Sie! es interessiert mich sehr. Ich habe nicht viel zu erzählen; ich erwähnte im Laufe der gemeinschaftlichen Konversation, daß ich Ihnen heute einen Besuch abzustatten gedächte; bei der Gelegenheit wurde denn auch Fräulein Aschhofs und des Barons Erwähnung getan. Für die extravagante Dame schien alle Welt nur ein Lächeln zu haben – das ich nebenbei ziemlich begreiflich finde –, über den Baron – nun, chère amie , da Sie sich für den jungen Mann interessieren, muß ich schon die Indiskretion begehen, Ihnen den Inhalt eines sehr intimen Gesprächs mitzuteilen, das ich dann in einer Fensternische mit dem lieben Manne, dem alten Grafen Dirnitz, dem Hofmarschall, über den Baron hatte. Er sagte mir, daß die Ansichten über den Baron bei Hofe mindestens sehr geteilt seien; besonders könne der regierende Herr selber eine gewisse Antipathie, die er gegen ihn habe, nicht überwinden, und das sei auch der Grund, weshalb die Bestallung zum Kammerherrn, die übrigens sonst ausgefertigt ist, nicht aus dem Kabinett herauskomme. Er, der Graf, obwohl ein intimer Freund des Vaters des jungen Mannes, wisse nicht, wozu er raten solle. – In diesem Augenblicke trat der gnädigste Herr heran. Er hatte die letzten Worte gehört und sagte lachend: Das passiert Ihnen öfter, lieber Graf; aber um was handelt es sich, wenn man fragen darf? und als Dirnitz, wie er wohl nicht anders konnte, es ihm mitgeteilt: Nun, in diesem Falle geht es mir freilich ebenso; ich möchte der Prinzeß gern gefällig sein, indessen – plötzlich wandte er sich zu mir: Apropos, liebe Fürstin, Sie gehen ja morgen nach Rinstedt. Sehen Sie sich doch einmal unseren Mann genau an. Ihrem unbefangenen Urteile will ich trauen. Wenn Sie finden, daß er für uns taugt – eh bien , so will ich es mit ihm wagen. – Ah, wie scharmant ist der Plafond! das ist wirklich ein Kunstwerk! Alexandra hatte sich in ihrem Sessel zurückgelehnt und betrachtete durch ihre Lorgnette das Gemälde der Decke. Eine freie Nachahmung des Guercino in der Villa Ludovisi, sagte sie; – süperb, ganz süperb! Hildegard war in der peinlichsten Aufregung. Die junge Fürstin hatte ihr auch ohnedies höchlichst imponiert; nun diese ungeahnte, freilich sehr erklärliche Intimität mit den Herrschaften, und gar eine solche Mission, auf deren Ausführung es vielleicht bei dem Besuche einzig und allein abgesehen war! und von deren Resultat das Schicksal des Barons abhing! Ihr schwindelte fast; sie mußte ihre ganze Kraft aufbieten, um auch nur mit einiger Ruhe sagen zu können: Verzeihen Sie, liebe Alexandra! aber Sie haben die Hauptsache vergessen. Die Hauptsache? welche Hauptsache? Wie Ihr unbefangenes Urteil über den Baron denn nun lautet? Ja so! Sie blickte jetzt wieder auf Hildegard; um den feinen Mund spielte ein eigentümliches Lächeln. Wenn mein Urteil doch unbefangen wäre! Aber Wie kann es das sein, da die Freunde unserer Freunde auch die unsrigen sind, oder wenigstens sein sollen. So entkommen Sie mir nicht! sagte Hildegard, deren tief gesunkenen Mut das Lächeln der schönen Dame einigermaßen gehoben hatte. Ich will Ihnen nicht entkommen, erwiderte Alexandra; nur daß es mir schwer fällt, Ihnen einen albernen Streich zu beichten, den mir mein übrigens sonst passabel gutes physiognomisches Gedächtnis mit dem Baron spielt. Aber man kann sich nun einmal von dem Einfluß, den Ähnlichkeiten auf uns ausüben, nicht freimachen; und bei dem ersten Erblicken des Barons kam mir die höchst fatale Reminiszenz einer Episode der letzten Reise, die ich mit meiner verstorbenen Mama durch Italien machte. Übrigens ist, wie ich zum voraus bemerken muß, die Sache völlig unverfänglich, da der Baron, den ich selbst darum gefragt, in jenem Jahre nicht in Monako gewesen ist. In Monako? rief Hildegard. Leider! Meine Mama, die Gräfin Lassounska, müssen Sie wissen, war eine große Verehrerin des grünen Tisches. Nun, sie durfte sich eine Leidenschaft verstatten, die bei den Damen unserer Aristokratie nicht selten übrigbleibt oder sich einstellt, wenn sie alle anderen zu Grabe getragen haben. Und meine Mama hatte viel Unglück gehabt mit ihren anderen Leidenschaften; desto größeres Glück hatte sie bei dieser ihrer letzten. So hatte sie auch eines Abends – nebenbei im Herbste zweiundsiebzig – sie starb im folgenden Frühjahr – vier Wochen nach meiner Vermählung mit dem Fürsten, der uns damals nach Monako gefolgt war, und mit dem ich mich eben – sechzehn Jahre alt – verlobt hatte – großer Gott! und er ist nun auch schon zwei Jahre tot – wie schnell die Zeit vergeht! was wollte ich sagen? ja! meine Mama hatte eines Abends ungewöhnlich viel gewonnen, so viel, daß sie zuletzt kaum noch auf ihre Einsätze achtete, und als sie eines Bekannten ansichtig wurde, sich, ohne übrigens ihren Stuhl zu verlassen, zu demselben umwandte und mit ihm plauderte, bis dieser selbst sie darauf aufmerksam machte, ob sie nicht ihren Gewinn einziehen wolle. Sie meinte, das habe Zeit und plauderte ruhig weiter, zum Staunen ihrer Nachbarn und zum Entsetzen der Bank, die in eine Serie gegen Rot geraten war, auf das meine Mama gehalten hatte. Endlich wandte sie sich – durch die verschiedenen Ahs und Ohs neugierig gemacht – doch in dem Moment, als ein Herr, der bereits den ganzen Abend neben ihr gesessen, den Haufen Geldrollen und Billetts, der sich angesammelt hatte, für sich einzog. Meine Mama reklamierte natürlich ihr Eigentum; der Herr versicherte, daß sie sich irre. Meine Mama wußte, es war nicht der Fall; aber ein Wortwechsel in einem Spielsaale – wissen Sie, meine Liebe – das ist ein Horror für eine Dame von aristokratischen Nerven wie meine Mama; zumal nun auch der Bekannte, mit dem sie geplaudert, und einige Umstehende sich hineinmischten, so daß das Spiel suspendiert werden mußte. Meine Mama erklärte, wenn der Herr behaupte, es sei sein Geld, so lasse sie für ihr Teil jeden Anspruch darauf fallen, erhob sich, nahm den Arm des Bekannten und verließ den Saal. Damit war für sie die Sache zu Ende, die auch sonst keine Folgen hatte, da der Herr es vorzog, noch in derselben Nacht nach Nizza abzureisen. Da soll er denn seinen Raub bald wieder losgeworden sein, wenigstens zeigte man uns, als wir vier Wochen später dorthin kamen, in dem Spielsaale als eine Merkwürdigkeit einen Herrn, der in der letzten Zeit fabelhafte Summen verloren habe. Bei der Gelegenheit habe ich ihn gesehen, zum ersten Male – ich durfte die Spielsäle sonst nicht betreten – und zum letzten Male, denn er war unserer Gesellschaft kaum ansichtig geworden, als er vom Tische aufstand und verschwand, wahrscheinlich auch aus Nizza, wenigstens kam er während unseres Aufenthaltes nicht wieder zum Vorschein. Übrigens hatte meine Mama unseren Herren strengen Befehl gegeben, sich in keiner Weise um den Abenteurer zu kümmern. Und dieser – Abenteurer hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Baron? fragte Hildegard. Eine entfernte? nein, meine Liebe, eine frappante! das ist ja eben das Unglück. Alexandra lehnte sich wieder in den Sessel zurück und spielte mit ihren Ringen; Hildegard blickte düster vor sich nieder. Der Ausführung ihres lange gehegten Planes, der Erfüllung ihres innigen Wunsches drohte ein Hindernis, das schlimmer schien als irgend eines der früheren; und sie war doch schon über allen den Widerwärtigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatte, fast verzweifelt. Ein Unglück in der Tat, sagte sie, ein großes Unglück für unseren Freund, der einen Zufall, an dem er unschuldig ist, nun so schwer büßen muß. Wieso büßen, meine Liebe? Sagten Sie nicht vorhin selbst, daß die leidige Ähnlichkeit Ihnen ein unbefangenes Urteil über den Baron unmöglich mache? Nun aber muß ihm so viel daran liegen, daß dieses Urteil nicht nur ein unbefangenes, sondern ein günstiges sei. Und – um es zu gestehen – auch mir – auch uns liegt daran, sehr viel daran. Alexandra richtete sich auf, um ihre Lippen spielte wieder das undefinierbare Lächeln. Liegt Ihnen wirklich so viel daran? sagte sie; verstehe ich Sie recht? Nehmen wir an, daß es der Fall ist; erwiderte Hildegard, mit einem Versuch, das Lächeln der Fürstin nachzuahmen. Dann kann ich nur antworten: Je n'en vois pas la nécessité ! Wovon? Daß gerade dieser Mann Ihre Erna heiratet. Wo liegt da die Notwendigkeit? Wenn sie ihn liebte, müßte man wenigstens darüber sprechen. So verlohnt es sich gar nicht der Mühe. Ein Mädchen wie Ihre Erna – stolz, eigenwillig, hochherzig – wird niemals einen Mann lieben wie diesen Baron – niemals! es ist unmöglich; es ist gegen die Natur – ich meine gegen die Natur eines genialen Herzens: es gibt geniale Herzen, wie es geniale Köpfe gibt. Man darf beiden, ja man muß ihnen unbedingt vertrauen, selbst in dem Falle, daß sie sich – vor allem Übermaß der Empfindungen oder Gedanken – selbst nicht zu vertrauen scheinen. Man muß sie nur gewähren lassen; sie können auf die Dauer nicht irren. Aber Sie können doch irren, erwiderte Hildegard bitter. Würden Sie es nun keinen Irrtum nennen, würden Sie es mit der Natur des genialen Herzens, von dem Sie sprechen, vereinbar finden, wenn die Betreffende sich für einen Mann interessierte – sagen wir: einen Mann liebte, der an Jahren ihr Vater sein könnte, einen Mann von fünfzig Jahren? Die Frage mußte für Alexandra sehr überraschend kommen. Sie hatte sich fast aus dem Sessel aufgerichtet und starrte Hildegard mit großen Augen an, während ein dunkles Rot auf ihren feinen Wangen brannte. Aber bereits im nächsten Moment waren Miene und Farbe wie vorhin, und sie kauerte sich noch tiefer in den Sessel, indem sie langsam sagte: Die Frage läßt sich nicht so unbedingt weder mit ja noch mit nein beantworten. Es käme auf die Betreffende und den Betreffenden an. Zuerst die Betreffende. Sie sprechen natürlich – Von Erna. Unter den langen Lidern der jetzt fest geschlossenen Augen zuckte es wie ein Blitz. Natürlich, wiederholte sie gedehnt. – Und der Betreffende? Hildegard winkte mit den Augen nach dem anderen Ende des Salons, wo Bertram mit dem Oberförster plauderte. Ah! sagte Alexandra, und dann nach einer langen Pause, in welcher sie den Bezeichneten durch die Lorgnette fixiert hatte: Sie sind Ihrer Sache sicher? Vollkommen. Man irrt sich in solchen Dingen nur zu leicht. Hier ist der Irrtum ausgeschlossen. Wodurch? Hildegard zögerte mit der Antwort. Aber ihr Herz war zu voll; der mühsam zurückgedrängte Schmerz, den sie über die bedingungslose Verurteilung des Barons empfand, der Groll gegen Bertram, der Zorn gegen Erna – das alles wollte sich endlich Luft schaffen, wie sehr der Stolz sich dagegen bäumte. Sie bog sich dicht an Alexandra heran und flüsterte mit hastiger Stimme: Sie werden eine Mutter nicht verdammen, auch wenn sie in ihrer Verzweiflung zu verzweifelten Mitteln greift, oder doch geschehen läßt, wozu sie selbst sich freilich nie entschließen würde. Ich war sogar völlig ahnungslos; aber Lydie – Fräulein von Aschhof – sie hatte ihre speziellen Gründe, das Benehmen des Herrn genau zu kontrollieren – wollte es herausgefunden haben. In der Tat teilte sie mir Beobachtungen mit, die sie gemacht hatte – Worte, die sie vernommen, Blicke, die sie aufgefangen – ich fand es so fabelhaft, so unglaublich, so abscheulich; aber mein Vertrauen war erschüttert – ich sah mit anderen Augen, hörte mit anderen Ohren – sah und hörte, was mich schaudern machte. Dennoch hätte ich mich gewiß noch lange gegen eine Überzeugung gesträubt, die mir jeder Tag und jede Stunde von neuem aufdrängte – da bringt mir Fräulein von Aschhof vorgestern einen Brief, den meine Tochter an ihre Cousine Agathe geschrieben, aber nicht abgeschickt hat – ich weiß nicht, aus welchem Grunde. Ich weiß auch nicht, wie Lydie – Fräulein von Aschhof – zu dem Briefe gekommen ist – ich glaube – Weiter, weiter! sagte Alexandra, als Hildegard eine verlegene Pause machte; – darauf kommt es ja gar nicht an. Die Hauptsache ist, daß Sie den Brief gelesen haben. Und was stand in dem Briefe? daß sie den Mann liebte? Nicht mit diesen Worten, aber in Worten, die sich nicht anders verstehen ließen. Haben Sie den Brief noch? Leider nein; Lydie hat ihn wieder – Dahin gelegt, wo sie ihn fand – natürlich, wenn es auch schade ist. Es ließe sich vielleicht doch eine andere Interpretation denken. Indessen, nehmen wir an, daß es sich so verhält. Was haben Sie beschlossen? Lieber zu sterben, als meine Einwilligung zu geben – tausendmal lieber. Die Blicke der beiden Damen begegneten sich und ruhten auf ein paar Momente fest ineinander. Alexandra nickte und sagte: Ich sehe, daß es Ihnen ernst damit ist; ich begreife es – noch mehr: ich will Ihnen helfen, daß Sie nicht zu sterben brauchen; ich verspreche es Ihnen. Werden Sie meine Hilfe verschmähen? Sie hatte Hildegards Hände ergriffen. Ich werde Ihnen ewig dankbar sein, sagte Hildegard; aber – Kein Aber! ich gehöre zu den Leuten, die ausführen, was sie sich vorgenommen haben. Sie sollen mit mir zufrieden sein. Ich fürchte, es kommt alles zu spät. Das werden wir sehen. Fürs erste: bringen Sie mir den Herrn einmal her und lassen Sie uns allein. Noch eine Bedingung: Sie fragen mich nie, welche Mittel ich in Anwendung gebracht habe. Wollen Sie? Ich will alles, was Sie wollen – meine gütige Freundin! Sie hätte die kleinen, beringten Hände, die sie noch immer gefaßt hielt, an ihre Lippen gedrückt, nur daß Alexandra es mit einer raschen Bewegung verhinderte: Um Himmels willen, keine Demonstration; man darf nicht sehen, daß wir so gute Freundinnen sind. Hildegard war gegangen, Bertram zu holen. Alexandra blickte wieder durch die Lorgnette nach dem Deckengemälde; aber ihre Gedanken weilten nicht bei Apollo und den Nymphen. – Also jetzt kämen wir erst an den Rechten: der andere verlohnte sich auch kaum der Mühe; aber dieser ist nicht so leicht zu nehmen. Armer Kurt! es wäre eine süße Rache! Nein, nein! ich habe es mir gelobt, bei der Liebe, mit der ich dich geliebt habe, mit der ich dich noch liebe – wie einen Bruder: ich wolle dir die Geliebte zurückbringen, und sollte ich sie aus der Hölle holen. Ich will meinen Schwur halten; ich will dir morgen mit reinem Herzen vor die schönen Augen treten. – Ah, Herr Bertram! das ist freundlich von Ihnen! Ich fing schon an, sehr beleidigt zu sein. Ich bin nicht gewohnt, von den geistreichen Leuten vernachlässigt zu werden. Sehen Sie zu, wie Sie es wieder gutmachen; vor allem: setzen Sie sich! XV. Es fiel Bertram nicht schwer, auf den munteren Ton der schönen Dame einzugehen. In seinem Kopfe tummelten sich die heitersten Gedanken, in seinem Herzen wogte ein Meer von Glückseligkeit, die ganze Welt war ihm mit dem Duft der Rose erfüllt, die sie ihm heute mittag geschenkt, der Rose, die er seitdem auf dem Herzen trug, und von der die feindseligen Blicke Hildegards und der anderen wie von einem zauberkräftigen Talisman machtlos abglitten. Trotz der Menschen Neid, es mußte kommen, was die Götter ihm gnädig zugeteilt; es war ja schon da! Hätte es für ihn noch einer Bestätigung bedurft, welche entzückendere konnte ihm werden, als die fast ausgelassene Heiterkeit, in die sich der schwermütige Ernst des geliebten Kindes plötzlich umgewandelt? Wie holdeste Musik erklang ihm ihr Lachen aus dem Nebenzimmer, wo sie in dem Kreise ihrer Cousinen die scherzhaften Kunststücke des unermüdlichen Forstkandidaten nicht minder unermüdlich bewunderte. Und so mochte er es denn in Geduld ertragen, daß sie während des ganzen Abends von den Freundinnen völlig in Anspruch genommen war, wie er von der übrigen Gesellschaft; und er so auch nicht einen Augenblick gefunden hatte, in dem er sich ihr hätte nähern, ihr hätte sagen können, was – sie wußte, was nicht mehr gesagt zu werden brauchte, nicht anders gesagt werden konnte, als mit einem Kusse auf die reinen, süßen Lippen. In so wonnevollen Träumen wiegte sich seine Seele, während er mit der schonen Russin behaglich plauderte. Und Wonne war's auch wieder, diese fremde Schönheit, von der, trotz ihrer Jugend, der herbe und schwerlich immer reine Anhauch der großen Welt längst den seinen Blütenduft abgestreift, zu vergleichen mit der keuschen Anmut des geliebten Kindes. Sie bedurfte nicht funkelnder Diamanten, nicht des Geklirres goldener Armspangen; sie mochte leicht all dieser raffinierten Toilettenkünste entbehren, dieser Koketterie, welche jede Stellung des kleinen üppigen Körpers, jede Bewegung der runden Arme und weißen Hände, jedes Heben und Senken der dunkeln Lider, jeden Blick, jedes Lächeln der schwarzen Augen berechnete; sie war doch die Schönere und Vornehmere, die geborene Prinzessin! In dem Gespräche, das von seiner Seite um so lebhafter geführt wurde, je weniger sein Herz dabei beteiligt war, und zu welchem Alexandra, mit Vogelleichtigkeit von einem Gegenstand zum anderen hüpfend, fortwährend neuen Stoff emsig herzutrug, wurden sie durch lautes Lachen der jungen Mädchen unterbrochen. Es kamen auch zwei der Schwestern in den Salon gestürzt, die dort Befindlichen zur Bewunderung eines ganz unglaublichen Kunststückes aufzufordern, das der Forstkandidat eben produziert habe und zu wiederholen bereit sei – aber nur auf ganz allgemeines Verlangen! Sie zogen den Onkel, die Tante, den Oberförster, den Baron mit sich fort. Sie möchten hin, sagte Alexandra; genieren Sie sich meinethalben nicht. Ich habe Sie schon zu lange den übrigen entzogen. Sie schicken mich fort? Man soll den nicht halten, der fliehen will. Was aber hat mir einen so schlimmen Verdacht zugezogen? Ihre Augen, die fortwährend, wenn auch noch so verstohlen, nach jener Tür wandern, in deren Rahmen sich die Gruppe der jungen Damen freilich so reizend präsentiert wie ein Tableau von Winterhalter: vier Mädchen, von denen das eine, vermutlich des Kontrastes willen, den geistreichen Einfall hat, häßlich zu sein, während die drei anderen sich an Schönheit zu überbieten suchen. Welches halten Sie für das schönste? Ich dächte, die Frage könnte gar nicht aufgeworfen werden. Finden Sie? Aber da ich sie einmal aufgeworfen, werden Sie schon die Galanterie haben müssen, sie zu beantworten. Sie meinen das Fräulein mit dem entzückenden Nacken und dem köstlichen tizianischen Haar? ich wette darauf. Tun Sie es nicht; Sie würden verlieren. Dann erkläre ich, daß Sie ein parteiischer Richter sind, oder gar ein bestochener – bestochen durch die Rose, die Sie da im Knopfloch tragen. Alexandra hatte die Lorgnette, durch welche sie die Gruppe der jungen Mädchen betrachtet, fallen lassen und blickte, mit rascher Wendung sich zu Bertram beugend, ihm lachend in die Augen. Das war indiskret, sagte sie; nicht? Durchaus nicht, erwiderte Bertram. Die Rose ist allerdings das Geschenk einer jener jungen Damen und in der Tat derjenigen, die mir als die weitaus schönste erscheint: der Tochter des Hauses, wenn ich es doch einmal sagen soll. Aber es ist kein heimliches Geschenk; ich bin angesichts der ganzen übrigen Gesellschaft damit dekoriert worden, nebenbei zur Rekompens dafür, daß ich ein Paar Tage länger hier bleibe, als ich ursprünglich versprochen. Sie sehen, hier wie in so vielen Fällen steht das geringe Verdienst in keinem Verhältnis mit der großen Belohnung. Also so ganz unrecht hatte ich nicht, sagte Alexandra, ein bißchen Bestechung war dabei, obgleich es ihrer nicht bedurft hätte. Offengestanden, ich kann Ihr Urteil nur bestätigen. Fräulein Erna ist die weitaus schönste, anmutigste, interessanteste nicht bloß von den paar jungen Damen dort, sondern von allen, die ich in letzter Zeit, die ich vielleicht je gesehen. Und mein Zeugnis ist gewiß unbefangen und unbestochen, noch mehr: es ist großmütig, denn, unter uns, Fräulein Erna behandelt mich nicht eben freundlich. Es ist das sicher nur scheinbar, erwiderte Bertram eifrig; die Cousinen nehmen sie so in Anspruch; vielleicht auch, daß sie, die noch so wenig in der Welt gewesen, ein wenig Scheu vor der Dame aus der großen Welt hat. Mag sein, sagte Alexandra, obgleich das letztere wenig schmeichelhaft für mich wäre, die ich mir einbilde, neben dem bißchen Weltdame ein großes Stück bonne enfant , geblieben zu sein. Ich habe auch noch keineswegs die Hoffnung aufgegeben, dem lieben Kinde zu beweisen, daß ich ihre Freundin bin. Ich glaube herausgefunden zu haben, daß sie einer solchen bedarf. Meinen Sie nicht? Bertram stutzte; aber sie hatte es so treuherzig gesagt, so ganz im Tone jemandes, der gewohnt ist, sein Herz auf der Zunge zu tragen. Wer bedürfte nicht der Freunde! erwiderte er lächelnd. Sehr wahr, erwiderte Alexandra, und – sehr diplomatisch. Ich begreife diese Diplomatie. Sie sind der Freund des holden Geschöpfes; es ist Ihre Pflicht, anderen Leuten, die sich in die Freundschaft drängen, scharf auf die Finger zu sehen, besonders wenn es unerfindlich scheint, woher denn jenen Leuten die plötzliche Teilnahme kommt, welche sie prätendieren. Aber que voulez-vous ? Eine junge Frau, deren Herz völlig unbeschäftigt ist, und die von diesem unbeschäftigten Herzen in der Welt umhergetriebcn wird wie ein Luftballon, der den Ballast verloren, – was soll sie anderes und was könnte sie besseres tun, als Interesse an dem Interessanten nehmen, das ihr der Zufall entgegenbringt? Es ist mein Metier. Jedes Metier macht den über kurz oder lang zum Virtuosen, der es ernsthaft nimmt. Ich habe das meinige von jeher ernsthaft genommen und habe es lange genug getrieben, um auf einige Virtuosität Anspruch machen zu können. Hier nun liegen die Verhältnisse so einfach, daß auch der simpelste Verstand in sechs Stunden sich ein erträglich richtiges Bild von ihnen machen kann: ein Mann, der seiner Tochter ein Muster von einem liebevollen Vater sein würde, wenn er nicht ein Exemplar von einem gehorsamen Ehemann wäre; eine Frau, die jeden Eid darauf schwört, daß sie nichts im Sinn hat, als ihr Kind zu beglücken, und es so unglücklich macht, wie nur eben eine bornierte, engherzige Mutter eine geistvolle, großherzige Tochter machen kann; eine alte medisante, intrigante Vertraute, die das Wasser aufrührt, um im Trüben besser zu fischen; ein junger Bewerber, der geborene premier homme auf einem Theater zweiten Ranges; ein älterer Freund des Hauses, der mit seinen klugen Augen natürlich alles durchschaut, dessen Sympathien, ebenso natürlich, dem schönen Mädchen gehören, das er hat heranwachsen und heranblühen sehen – ich dächte, das läge auf der Hand wie die Geheimnisse eines Dutzendromans. Und wenn es Ihnen um eine kompliziertere Fabel zu tun ist, so brauchen Sie nur den Hausfreund für das liebe Kind eine ernsthafte Leidenschaft fassen zu lassen, so haben Sie für einen zweiten Band reichlichen Stoff. Bertram erschrack. Dies konnte unmöglich noch die Eingebung des Augenblicks und eine harmlose Plauderei sein. Hier war Verrat im Spiel, der offenbar von Hildegard ausging, mit der die Dame eben erst solange und angelegentlich gesprochen hatte. Und wenn die Dame, wie bei der Lebhaftigkeit ihres Temperaments allerdings möglich war, bereits Partei genommen: auf welcher Seite stand sie? auf Ernas? oder auf der der Mutter? vermutlich das letztere, sie hatte sich über diese gar zu herb geäußert; man tut dergleichen, um den Gegner herauszulocken. Aber dann mußte die feine Dame es doch feiner anfangen. Ich bewundere Ihre Phantasie, sagte er, und wenn ich ein Dichter wäre, würde ich Sie beneiden. Welche Lust, überall poetische Stoffe zu sehen und auch über das Arrangement, das den Herren Poeten soviel Kopfzerbrechen verursacht, gleich im reinen zu sein. Sie sollten wirklich daraus ein Buch machen! Wenn das Thema nicht absolut neu ist – wo gäbe es noch dergleichen! – der geistreiche Autor gewinnt auch einem alten Stoffe neue Seiten ab. Mich würde natürlich der zweite Band besonders interessieren, der, wo der alte Hausfreund in Aktion tritt, für den die Geschichte selbstverständlich einen übeln Ausgang nimmt. Bitte, sagte Alexandra, verderben Sie mir meinen Text nicht! Ich habe keineswegs gesagt, daß mein Held alt ist. Er ist im Gegenteil in den besten Jahren, in den Jahren, wo wir Frauen erst anfangen, euch Männer liebenswürdig zu finden, und mit Recht, weil ihr dann erst anfangt, liebenswürdig zu werden; also etwa so um die Fünfzig herum. Bertram verbeugte sich. Tiefgefühlten Dank! sagte er; in meinem eigenen Namen, der ich in dem liebenswürdigen Alter stehe, und im Namen meiner sämtlichen zahlreichen Genossen. Sie nehmen mir wirklich eine Last von der Seele, denn der Ausgang braucht nun ebenso selbstverständlich kein übler zu sein. Die Chancen für und Wider stehen sich mindestens gleich. Da gehen Sie mir doch zu weit, entgegnete Alexandra; notwendig ist der üble Ausgang freilich nicht, wahrscheinlich bleibt er immer. Immer? Ich glaube, selbst in dem günstigsten Falle. Was würden Sie so nennen? Davon später. Zuerst einen besonders ungünstigen, der vielleicht um so ungünstiger ist, je weniger er es scheint. Es scheint zum Beispiel, um in der Nähe zu bleiben, daß unsere junge Freundin den Unterschied der Jahre und alles Mißliche, was damit zusammenhängt und daraus folgt, weniger schwer empfinden würde. Sie ist – ich beurteile sie wenigstens so, und das genügt für unseren Zweck – eine jener tiefernsten Naturen, die sehr geneigt sind, die Schwärmerei des Kopfes mit dem Enthusiasmus des Herzens zu verwechseln, und was sie einmal erfaßt, was sie einmal zugesagt haben, gewissenhaft halten werden bis aufs äußerste. Aber ich vermute, daß sie ebenso leidenschaftlich ist wie gewissenhaft; und wenn diese Leidenschaft mit dem Gewissen in Konflikt gerät, so muß der Kampf ein furchtbarer werden. Sie mag aus dem Kampfe als Siegerin hervorgehen, aber was ist das für ein Sieg, der mit Resignation endet? Da hätten wir denn einen Ausgang, der für den älteren Herrn Gemahl freilich bequem genug sein mag, aber seine Bequemlichkeit und ihr Glück – das sind denn doch sehr verschiedene Dinge. Wenn ich Sie recht verstehe, entgegnete Bertram, so plädieren Sie für denselben Satz, dem auch ich unbedingt zustimme, und den ich zufälligerweise in den letzten Tagen wiederholt in unserer Gesellschaft verteidigen mußte: der altere Mann kann nicht der Gegenstand der leidenschaftlichen Liebe eines jungen Mädchens sein, oder ist es doch nur gewissermaßen irrtümlicherweise und dann selbstredend nicht für die Dauer. Genau das meine ich, sagte Alexandra eifrig; wir stoßen da auf ein Naturgesetz, das wir zu akzeptieren haben, wie andere auch, obgleich sie für unseren Stolz keineswegs schmeichelhaft, oder geradezu beschämend sind. Vielleicht ist freilich andererseits für unseren Fall die Gefahr des Irrtums, und somit des Konfliktes, nicht ganz so groß, da der seltsame verschleierte Glanz der wunderbaren Augen des holden Kindes dafür zu sprechen scheint, daß sie von jener bösen Leidenschaft bereits mehr als eine Ahnung, – daß sie geliebt, vielleicht unglücklich geliebt hat, und also die schlimmen Erfahrungen, durch welche wir klug und vernünftig und resigniert werden, nicht erst eine nach der anderen in der Ehe machen müßte. Aber wer in der Welt kann die Bürgschaft übernehmen, daß dies letztere in der Tat der Fall ist! Ich könnte Ihnen davon eine merkwürdige Geschichte erzählen, wenn Sie sie hören wollen. Sie sind mir die Geschichte einfach schuldig, gnädigste Frau, als einen Beleg unserer gemeinschaftlichen Theorie. Auch ist sie glücklicherweise nicht lang, und ich sehe, daß die Gesellschaft an uns verzweifelt. Also, hören Sie! Alexandra hatte ihre Blicke durch das weite Gemach schweifen lassen, wo sie jetzt völlig allein waren, da alle übrigen in dem Nebenzimmer den Tisch des Tausendkünstlers lachend und scherzend umstanden. Sie bog sich, während Bertram ihr ebenfalls höflich näher rückte, in ihrem Sessel vor und begann mit leiserer Stimme, als sie bisher gesprochen, während die schwarzen Augen unter den halb geschlossenen Lidern fest auf ihr Gegenüber gerichtet waren: Die Geschichte spielt in Paris vor ungefähr zwei Jahren. Die Heldin ist eine Freundin von mir, eine Dame aus der vornehmsten französischen Gesellschaft, welche insofern mit mir dasselbe Schicksal gehabt hatte, als auch sie, blutjung – mit sechzehn Jahren – verheiratet, nach kurzer kinderloser Ehe Witwe geworden war. Damit ist denn freilich die Ähnlichkeit zu Ende. Claudine – ich nenne den Vornamen – der andere tut ja nichts zur Sache, – war nicht nur, wie sich von selbst versteht, viel schöner als ich – in der Tat ungewöhnlich schön – und viel geistvoller; sie war auch – im Guten und, wie ich, ohne mich zu rühmen, sagen darf, im Schlimmen – eine viel bedeutender angelegte, energischere Natur. Nicht daß ich ihr etwas sehr Schlimmes nachzusagen hätte, der lieben Claudine, oder doch nichts Schlimmeres, als noch so mancher nachgesagt wurde, die vielleicht nicht so triftige Entschuldigungsmomente anführen konnte. Ihre Ehe, in die sie ihre Mutter, welche ihre Gründe dazu hatte, hineingeredet, war eine sehr unglückliche gewesen. Ihr Gatte, trotzdem er, wenn man den Unterschied der Geschlechter bedenkt, bei der Verheiratung kaum älter war als sie – nämlich zweiundzwanzig, hatte es doch bereits fertig gebracht, anerkanntermaßen einer der vollendetsten Roués von Paris zu sein trotz der eifrigen Konkurrenz seiner Standesgenossen. Er hatte in dem jungen unschuldigen Mädchen nur eine Mätresse mehr gesehen, die man nach kurzer Zeit um so ungestrafter vernachlässigen konnte, als man sie ja sicher zu haben glaubte, und sie überdies, trotz oder vielmehr wegen ihres Stolzes, nicht zu den lästigen Weibern zu gehören schien, welche »Szenen« machen. Sie machte ihm denn, nachdem sie begriffen hatte, was man ihr von anderer Seite möglichst begreiflich zu machen suchte, in der Tat auch nur eine Szene – eine furchtbare Szene, deren Wiederholung ebenso unmöglich wie unnötig war. Er hatte sie völlig verstanden, und sie war hundertmal die stärkere. Er durfte sein Leben weiterführen unter der Bedingung, daß er sich um das ihre nicht im mindesten kümmerte. Und ihr Leben? ich habe Ihnen gesagt: sie war eine leidenschaftliche Natur, und sie war eine unglückliche Frau; aus solcher Kombination kann nur wieder Unglück kommen. Zum Glück für sie fiel bald der schlimmste Anreiz fort, der ihre Leidenschaftlichkeit zur Tollheit vergiftet hatte: ihr Gatte starb. Sie war wieder frei; sie schwur sich, frei zu bleiben. Nicht als ob sie nicht zum zweiten Male hätte heiraten wollen; in den Kreisen, in welchen sie lebte, konnte sie nur auf diesem Wege der Sklaverei jener Verhältnisse entrinnen, in die man hineingezwungen wird wie in die neueste Mode, obgleich man sie abscheulich findet. Die zweite Ehe sollte ihr nur eine klare Position in der Welt garantieren, die anderen Garantien ihres Friedens und ihrer Freiheit glaubte sie in sich selbst zu tragen. Von diesen Gesichtspunkten traf sie ihre Wahl. Es war in diesem Stadium meiner Geschichte, als ich Claudinen, der ich auf Reisen flüchtig begegnet, näher trat und ihre Freundin wurde – in Tronville –, man schließt sich so leicht in einem Bade aneinander an. Sie stellte mir den Sieger in der unendlichen Reihe ihrer Bewerber vor. Ich konnte nach sorgfältiger Prüfung mit ihrer Wahl nicht ganz einverstanden sein. Zwar in den meisten Punkten entsprach der Betreffende völlig dem Programm. Er war über die erste Jugend längst hinaus: in dem Anfang der Fünfziger; ein höherer Offizier der Armee, brachte er ihr zur Mitgift eine rühmliche, ja eine ruhmreiche Vergangenheit, an der, trotzdem er ein wildbewegtes Leben geführt hatte und der Held zahlloser Abenteuer gewesen war, auch nicht der leiseste Makel haftete, wenigstens nicht in den Augen der Gesellschaft. Überdies war er, wenn kein geistreicher Kopf, der ihr lästig gewesen wäre, doch einer jener Männer, die durch ihre rasche Fassungskraft, ihr lebhaftes Temperament, die Fülle und die Buntheit ihrer Erfahrungen, aus denen sie mit Hilfe eines ausgezeichneten Gedächtnisses und einer natürlichen Beredsamkeit jederzeit beliebig schöpfen können, auch eine verwöhnte Gesellschaft in angenehmster Weise zu fesseln wissen. Das alles war, wie gesagt, so weit vortrefflich; aber eines fand ich bedenklich: es schien mir nicht unmöglich, daß der Mann noch einer ernsthaften Leidenschaft fähig sei und – was beinahe auf dasselbe hinauskommt – eine ernsthafte Leidenschaft einflößen könnte. Eines wie das andere lag sicherlich außerhalb des Programms meiner Freundin. Ich teilte Claudinen meine Bedenken mit; sie suchte sie mir auszureden: Was du für reelles und direktes Licht hältst, sagte sie, das ist nichts weiter als der Widerschein einer Sonne, die längst untergegangen auf eisigen Alpenfirnen. Das sieht wundervoll aus, und die Leute schreien Ah und Oh, und ich möchte es, der Leute halber, nicht entbehren. Aber sich daran erwärmen? davon entbrennen? liebes Kind, mit der ganzen Glorie kann man nicht eine Tasse Tee kochen, geschweige denn ein Frauenherz in Glut versetzen, das so völlig bittere Asche ist wie das meine. Hinsichtlich des Herrn mochte Claudine recht haben, wenigstens entsprach, soweit ich es zu beurteilen vermochte, die etwas prahlerische Galanterie, mit der er ihr huldigte, vollkommen ihrer Voraussage; wie sehr sie sich über sich selbst geirrt, sollte schon die nächste Zukunft beweisen. Die Heirat kam nicht so schnell zustande. Claudine sowohl wie ihr Freund hatten sich aus zarten Verhältnissen loszulösen. Das wollte mit Schonung und Vorsicht getan sein. Überdies war sie mit der Familie ihres verstorbenen Gemahls in einen Rechtsstreit verwickelt, der für sie – ich weiß nicht aus welchen Gründen – einen übeln Ausgang nehmen konnte, sobald es bekannt wurde, daß sie eine zweite Heirat intentierte. Genug, eine unbedingte Geheimhaltung des Verhältnisses war auf längere Zeit geboten, und die beiden hatten daraufhin ihre Maßregeln getroffen. Claudine hatte sich aus der Gesellschaft zurückgezogen und lebte in tiefer Verborgenheit in der Nähe von Paris auf dem Landgute einer verwitweten Schwester ihres Freundes, welche natürlich von allem unterrichtet war. Der Freund besuchte sie, so oft es ihm möglich; aber das war nicht eben oft. Sein gerade damals besonders strenger Dienst erlaubte ihm nicht häufige Abwesenheiten, die auch sonst bei einem Manne, den die Gesellschaft nicht entbehren mochte, und dessen Tun und Treiben sie auf das sorgfältigste kontrollierte, aufgefallen sein würden. Die Situation wurde noch bedenklicher, als Claudinens Aufenthalt trotz alledem nach kurzer Zeit entdeckt war, und sie sich von ihren Feinden auf Tritt und Schritt beobachtet sah. Man wagte sich zuletzt nicht mehr zu schreiben, aus Furcht, es könnte durch den Verrat bestochener Dienstleute ein Brief aufgefangen oder entwendet werden. Eine durchaus sichere und zugleich unverdächtige Mittelsperson war absolut notwendig, und diese fand sich in einem jungen Offizier von dem Regimente des Freundes, dem Sohne eines alten, in einer der letzten Kampagnen gebliebenen Waffenkameraden, den der Freund wie einen eigenen Sohn liebte, und der seinem Chef ebenso in treuester Liebe ergeben war. Der junge Mann hatte bald Gelegenheit, diese Liebe und Ergebenheit im höchsten Maße zu bewähren. Alexandra tat einen tiefen Atemzug, als ob das leise, schnelle Sprechen sie angegriffen habe. In ihren schwarzen Augen, die sie jetzt nach einem flüchtigen Blick durch das noch immer leere Gemach wieder auf Bertram wandte, flackerte es unruhig, und die weiche Stimme bebte, als sie noch leiser und schneller wie vorhin, so daß es Bertram schwer wurde, ihr zu folgen, fortfuhr: Ich muß mich kürzer fassen, wenn ich mit meiner Geschichte zu Ende kommen soll. Weshalb auch einem Manne wie Ihnen ausführlich schildern, was er aus dem Vorhergegangenen ohne Kommentar begreift, und weil er begreift – verzeiht. Die arme Claudine! Sie glaubte der Verzeihung nicht zu bedürfen; sie glaubte in ihrem vollen Rechte zu sein, wenn sie sich fast ohne Widerstand einer Leidenschaft überließ, die auch keinen Widerstand zu dulden schien. Ich hatte nie bei einer anderen Frau – und, Gott sei Dank, am wenigsten bei mir selbst – etwas Ähnliches beobachtet; ja, ich hatte es nicht für möglich gehalten. Es war ein Orkan, ein Charybdis – es war furchtbar. Ich zitterte für die Vernunft, für das Leben der Unglücklichen. Denn sie konnte sich nicht verhehlen, daß ihre Leidenschaft keine Erwiderung fand, trotzdem sie. auch sonst wenig gewohnt, sich zu beherrschen, und in diesem Falle völlig die Sklavin übermächtiger Empfindungen, dem Geliebten aus ihrer Liebe ein Geheimnis weder machen wollte, noch machen konnte. Glücklicherweise kam für sie bald die Katastrophe. Vielmehr: sie führte sie, entschlossen und energisch, wie sie war, und in dem Gefühl, daß sie sich so nur vielleicht noch retten konnte, selbst herbei. Sie zwang ihm das Geständnis ab, daß sein Herz nicht mehr frei, daß es ganz ausgefüllt sei von der Liebe zu einem jungen, reizenden Mädchen, das er in einer entfernten Garnisonstadt, wo ein Teil des Regiments bis vor kurzem kommandiert gewesen, kennen gelernt, und mit dem er sich heimlich verlobt habe. Der junge Mann war blutarm; die Eltern des Mädchens waren reich und hoffärtig; er wollte nur erst mit seinem Kapitänspatent vor sie hintreten, und – mein Gott! sie waren beide so jung und romantisch, und sie liebten sich und waren in ihrer Liebe ihrer Zukunft so sicher! Weshalb da mit dem Augenblick geizen! und die Heimlichkeit ist die phantastische Maske, durch deren dunkle Höhlen das Licht geliebter Augen doppelt hell und verführerisch glänzt. Claudine war von einem Schlage, der sie trotz alledem – welches liebende Herz läßt den letzten Hoffnungsschimmer erlöschen! – unvorbereitet traf, im ersten Augenblicke zerschmettert; dann brach die Eifersucht wie ein rasendes Fieber herein; dann versuchte sie sich in ihren Stolz zu hüllen und in dem Abgott ihres Herzens den letzten der Knechte zu sehen; und dann warf sie sich ihm zu Füßen und flehte ihn an, sie als seine, als seiner Geliebten Sklavin zu betrachten, das Äußerste von ihr zu fordern, ihr zu gebieten, sie werde es ausführen bei ihrer Seelen Seligkeit. Es währte nicht lange, und er nahm sie beim Wort. Eines Tages trat er vor sie verstörten Antlitzes, in einem Zustande der Verzweiflung, kaum weniger schlimm als der, den sie selbst eben erst überwunden. Jenes Mädchen hatte ihm das halbe Dutzend Briefe, das er im Laufe des Jahres, seit welchem sie getrennt waren, geschrieben, und die kleine Kollektion von Bändern und Blumen und anderen Zeichen, mit denen unschuldige Liebe sich ihr märchenhaftes Dasein zu beweisen sucht, zurückgeschickt. Auf welche Weise sie sein Verhältnis zu Claudine erfahren, nicht das wahre selbstverständlich, sondern ein Zerrbild, wie es die plumpe Hand der guten Freunde und die subtile der Feinde gleich wirkungsvoll und gleich widerwärtig zu entwerfen und auszumalen versteht – ich weiß es nicht; es kommt auch nichts darauf an. Jedenfalls hatte die junge Dame ihren Entschluß gefaßt, und da sie zu jenen energischen Charakteren gehörte, die an ihren Irrtümern mit Zähigkeit festhalten, sah die Sache für Claudinens jungen Freund wirklich verzweifelt aus. Jeder Versuch seinerseits, eine Verständigung herbeizuführen, wurde schroff zurückgewiesen; der Ärmste wußte sich nicht mehr zu raten und zu helfen; er klagte Claudinen sein Leid; sie sagte ihm, daß sie ihm die Geliebte, die er um ihretwillen verloren, wiederbringen wolle; er blickte sie mit ungläubigem Lächeln an; wie wollte sie das anfangen, gerade sie! Aber sie hatte sich noch nie durch Hindernisse schrecken lassen, wenn es galt, ihren Willen durchzusetzen, und wäre es eine Kaprice gewesen. Hier trieb sie das Höchste, was eine Frauenseele erfüllen kann, zum energischen Handeln. Vor allem: sie hatte sich selbst und mir, gegen die sie sich so gerühmt, zu beweisen, daß sie, wenn sie ihrem Programm untreu geworden und sich vor einer Leidenschaft nicht hatte behüten können, die sie die einzig wahre ihres Lebens nannte, doch die Kraft besaß, diese Leidenschaft zu besiegen und den Frieden ihres Herzens zurückzuerobern. Nur persönliches Eingreifen konnte zu dem gewünschten Ziele führen, so viel war ihr sofort klar; aber das allein genügte nicht; auch der Freund, für den sich der junge Mann ebenso geopfert wie für sie, mußte hervortreten. Damit war es denn freilich mit dem Geheimnis ihres Verhältnisses völlig zu Ende, und das in einem Augenblicke, wo ihr Prozeß entschieden werden sollte und alles daran lag, den Schleier möglichst dicht zu ziehen. Eine derartige Rücksicht existierte für sie nicht; aber sie war keineswegs sicher, daß der Freund, der ja ihre eigentlichen Motive nicht kannte und niemals kennen lernen durfte und die Angelegenheit folglich viel kühler nahm, ebenso dachte; und noch viel weniger, ob der junge Mann das Opfer annehmen würde. Es mußte also eine Lage geschaffen werden, die jenen beiden keine Wahl ließ, wollten sie mithandeln oder nicht; und während sie sich den Kopf zermarterte, wie sie eine solche Situation herbeiführen könne, hatte ein unerhört glücklicher Zufall bereits alles nach ihrem Wunsch, ja über ihre kühnsten Wünsche hinaus in unübertrefflicher Weise arrangiert. Den speziellen Zusammenhang auseinanderzusetzen, wäre zu weitläufig und ist auch unnötig, genug: zwingende Verhältnisse mußten an einem bestimmten Tage die beiden Herren zu dem Wohnort, in das Haus der Eltern der betreffenden jungen Dame führen. Claudine, ohne ein Wort zu sagen, gewann ihnen den Vorsprung eines Tages ab und introduzierte sich, – ich habe wirklich vergessen, durch welches Mittel –, in die ihr übrigens völlig unbekannte Familie, von der sie, die sich vermutlich mit den besten Empfehlungen ausgerüstet hatte, auf das freundlichste aufgenommen wurde, mit Ausnahme natürlich der jungen Dame, die mit leicht begreiflichen Gefühlen die Feindin plötzlich in dem sicheren Lager des elterlichen Hauses sah und ihr auf jede Weise auswich. Claudine war darauf gefaßt gewesen; sie freute sich im voraus auf den folgenden Tag, der alle Mißverständnisse beseitigen, alle Rätsel lösen mußte. Aber wer beschreibt ihren Schrecken, als sie, die ihre Augen und Ohren überall hatte und nach wenigen Stunden auf dem fremden Terrain völlig orientiert war, in der Gesellschaft, die sie in dem Hause vorfand, neben einem Bewerber sans conséquence einen Mann entdeckte, den eine Fülle ausgezeichneter Eigenschaften und eine Reihe spezieller Verhältnisse, die ihm alle günstig waren, zu einem furchtbaren Nebenbuhler ihres jungen Freundes machen konnten, ja, wenn sie nicht alles trog, bereits gemacht hatten. Denn – Alexandra unterbrach sich, indem sie zu gleicher Zeit einen Blick nach dem anderen Zimmer warf, und sagte mit einem Lachen, das völlig natürlich klang: Aber ich kann es wirklich nicht verantworten, Sie der Gesellschaft länger zu entziehen und die Probe, ob Ihre Geduld oder meine Schwatzhaftigkeit größer ist, bis zu Ende zu führen. Überdies gehört, was noch folgt, eigentlich nicht mehr zu der Geschichte, wenigstens nicht zu der, die ich Ihnen erzählen wollte. Kommen Sie! Sie hatte sich rasch erhoben; Bertram folgte so zögernd ihrem Beispiele, daß sie nicht Wohl alsbald fort konnte. Und auch dann blieb er, den Arm auf den Kaminsims lehnend, stehen und sagte: Schade, jammerschade! ich hatte das Folgende so gern gehört! um so mehr, als ich glaube, es enthält eine neue Illustration zu der Moral der Fabel. Oder irre ich, wenn ich annehme, daß jener Nebenbuhler, der so unerwartet auftaucht, ebenfalls ein älterer Mann war. Seine Lippen lächelten; aber es war Alexandra, als ob die großen, ausdrucksvollen Augen mit einem vielsagenden, prüfenden Blicke auf ihr ruhten; trotzdem gelang ihr die Miene der Überraschung, die ihr hier unumgänglich schien. In der Tat! rief sie, wie merkwürdig! aber euch geistreichen Männern ist nichts verborgen. Doch, doch! zum Beispiel gleich, wer von den beiden Bewerbern reüssierte: der ältere und jüngere, oder der jüngere und ältere? Ein reizendes Wortspiel! Eure Sprache eignet sich köstlich zu Wortspielen, wenn man sie so in der Gewalt hat! wer reüssierte? nun, selbstverständlich der erstere. Mir würde das so selbstverständlich nicht sein; ich würde mich nicht wundern, wenn die Empfindungen der jungen Dame für ihn, trotz alledem, nicht wieder den früheren Wärmegrad erlangt hätten. Ihre schöne, geistreiche Freundin – ich bewundere sie ausnehmend; aber – Sie dürfen mir nicht zürnen – ich mußte, während Sie sie schilderten, immerfort an Circe denken. Es kam nur einer ganz ungestraft aus dem Palaste der Zauberin, und auch der nur mit Hilfe eines Krautes, das ihm ein Gott gab. Junge feurige Offiziere sollen dem Gotte sehr selten begegnen. Aber ich kann die Geschichte doch nicht anders machen, als sie sich in Wirklichkeit zugetragen! rief Alexandra, halb schmollend und halb lachend. Gewiß nicht. Und der ältere Mann? was wurde aus ihm? wie trug er den Verlust von Hoffnungen, an die er sich gewiß um so zäher geklammert, als er nicht viele mehr zu verlieren hatte? Das sollen Sie, zur Strafe für Ihren Skeptizismus, selber sagen. Wie kann ich das? Wenn er ein Dichter gewesen wäre – nun, so würde er vielleicht einen Roman im Sinne der Wahlverwandtschaften geschrieben und seine Seele aus dem Fegefeuer der Eifersucht und der Demütigung erlöst haben. Aber da er kein Dichter war – Woher wissen Sie das? Ich vermute es – ich bin ja auf Vermutungen angewiesen! Nun also? So ist mir sein ferneres Schicksal völlig problematisch. Der Möglichkeiten sind zu viele und verschiedenartige. Vielleicht hat er sich das Leben genommen, oder – er hat Ihre Freundin geheiratet. Meine Freundin – Claudine? nein, das ist zu köstlich! Alexandra lachte laut, und Bertram lachte. Eigentlich, sagte er, ist es gar nicht so lächerlich, zum wenigsten nicht so unwahrscheinlich. Auf der Basis gegenseitiger Leidenschaftslosigkeit, deucht mir, kann man Verhältnisse bauen und umwerfen und andere bauen – wie Kartenhäuser. Wie boshaft! rief Alexandra; aber auch wie wahr! Das muß Claudine hören, das muß ich Claudine schreiben! Um Himmels willen, gnädige Frau! oder nennen Sie mich wenigstens nicht! Ich reise viel, die Dame jedenfalls auch. Wir könnten einmal zusammentreffen, durch einen unglücklichen Zufall, wie der glücklichste mich mit Ihnen zusammengeführt hat. In welche gräßliche Verlegenheit käme ich da! Also nicht in Ihrem Namen! meine Hand darauf! Sie reichte ihm die kleine beringte Hand. Aber nun muß ich Ihr Tête-à-tête wirklich stören! sagte Hildegard, durch den Salon kommend. Es ist eben beendet! rief ihr Alexandra entgegen; und dann, wieder zu Bertram gewandt: Haben Sie Dank für das reizende Plauderstündchen! Ich habe zu danken, gnädige Frau. Ihre Geschichte war so interessant! und Sie haben sie so vortrefflich erzählt! Er berührte die zierlichen Finger mit den Lippen; Alexandra eilte auf Hildegard zu, die, mit großen, verwunderten Augen die Gruppe am Kamin betrachtend, stehengeblieben war; und ihren Arm durch den Arm der schönen Frau schlingend und sie mit sich fortziehend, flüsterte sie: Sie haben sich total geirrt, oder – der Mann ist der größte Schauspieler, den ich je gesehen! Bertram hatte sich über den Kamin gebeugt und schürte mit dem Eisen, das er in der Linken hielt, die verglimmenden Kohlen. Aber die Rechte griff nach der Rose, die er auf seiner Brust über dem zusammengekrampften Herzen trug: Asche zu Asche! Die Hand sank schlaff herunter: Nein, murmelte er, noch nicht! Ich will es von ihr selber hören. XVI. Die Gesellschaft war nur noch wenige Minuten beisammen geblieben; die Herren aus der Oberförsterei wollten den regenfreien Augenblick benutzen, Alexandra hatte, Übermüdigkeit vorschützend, sich alsbald zurückgezogen, und dann Hildegard auch für die übrigen das Signal zum Aufbruch gegeben. Es wird morgen ein anstrengender Tag für uns werden, sagte sie; wir bedürfen alle der Ruhe. Was besonders euch jungen Damen gesagt sein mag! ich bitte dringend, daß heute nicht in gewohnter Weise bis tief in die Nacht hinein getollt und geplaudert wird. Der unerwartete Besuch der Fürstin hatte die Zahl der Fremdenzimmer, die disponibel blieben, wenn für die Einquartierung morgen hinreichend gesorgt werden sollte, noch um ein Bedeutendes verringert, da Alexandras Protest gegen den ihr aufgenötigten prachtvollen Salon nebst Toilettenzimmer und zwei Schlafzimmern für sie und ihre Kammerjungfer kein Gehör gefunden. Es sei überflüssig Raum vorhanden, hatte Hildegard versichert, und sie schäme sich ohnehin, einem so verehrten und lieben Gaste eine so dürftige Wohnung anzubieten. In der Tat aber waren die beiden Schlafzimmer ursprünglich für die drei Schwestern Palm bestimmt gewesen, von denen Auguste und Luise nun ein kleines Gemach im Turm beziehen mußten, während für Agathe in Ernas Schlafzimmer ein Bett aufgestellt wurde. Glücklicherweise mündete der Korridor, an welchem Ernas Zimmer lagen, nach wenigen Schritten auf die Tür zum Turmgemach, und so gab es denn doch, trotz Hildegards Verbot, für eine Stunde ein Herüber- und Hinüberhuschen und Lachen und Kichern und eifriges, geheimnisvolles Plaudern, bis endlich Agathe das Licht im Gemache der Schwestern auslöschte und Erna, welche in übermütigen Possen heute gar kein Ende finden konnte, mit sich ziehend, tastend die Tür gewann. Ich konnte deine Lustigkeit nicht länger mit ansehen, sagte sie, als sie in ihrem Zimmer angekommen waren; ich dachte jeden Augenblick – großer Gott! ich wußte es! Sie hatte angefangen, vor dem Spiegel ihr Haar aufzubinden, und fuhr jetzt vor einem leisen Stöhnen erschrocken herum. Erna saß in dem niedrigen Sessel vor ihrem Bette, das Gesicht in beide Hände gedrückt. Der schlanke Leib wurde wie von Fieberschauern geschüttelt, der zarte Busen hob und senkte sich ungestüm, während der gepreßte Atem in wimmernden Tönen kam und ging. Dann sank ihr Haupt an der Freundin Schulter, die neben ihr niedergekniet war und sie mit beiden Armen umfaßt hielt; die zurückgehaltene Tränenflut brach gewaltsam hervor; sie weinte, als sollte ihr das Herz brechen. Arme, arme Erna, süße geliebte Seele! weine dich aus! es ist besser so, viel, viel besser als deine fürchterliche Lustigkeit! dir wird wieder wohl werden! du wirst wieder meine kluge, verständige Erna sein! du unglückliches, geliebtes Kind! Es wird ja alles gut; es ist ja unmöglich, dich nicht zu lieben, und so liebt er dich auch noch, glaube es mir! Ich will seine Liebe nicht; ich denke nicht mehr an ihn; ich hasse, ich verabscheue ihn! Wenn es wäre, würdest du so weinen! Erna richtete sich jäh empor, Agathens Arme von sich schleudernd. Ich um ihn weinen! Sie war aufgesprungen und schritt in dem Gemache hin und wieder. Das Haar, das sie vorhin schon gelöst hatte, floß ihr in langen, dunkeln Strähnen über Busen und Nacken, ihr Gesicht glühte, ihre Augen sprühten Flammen. Um ihn! sage das nicht noch einmal! um ihn! der Schmach habe ich geweint, daß diese Frau es wagt, vor meine Augen zu kommen, daß ich es dulden muß! daß ich nicht vor sie hintreten und ihr in das angemalte Gesicht schleudern darf: fort aus diesem Hause! hier wohnen ehrliche Leute! Auch die Frechheit muß ihre Grenzen haben, und diese ist grenzenlos! Agathe hatte sich von den Knien erhoben und saß nun in dem Sessel, kummervolle Blicke auf Erna richtend; geduldig wartend, bis wenigstens der erste Zornessturm sich gelegt hätte. Ich bin überzeugt, sagte sie jetzt, er weiß gar nicht, daß sie hier ist; und – du bist auch davon überzeugt. Und wenn es wäre, rief Erna, was wird dadurch anders? daß sie es wagen kann, darin liegt es. Sie würde es nicht, wüßte sie nicht im voraus, wie es von ihm aufgenommen wird. Er wird vielleicht im ersten Augenblicke erschrecken, ich glaube es wohl, und ihr dann dankbar sein, daß sie die Stirn hatte, ihm zu dem schnöden Triumphe zu verhelfen. Sie sind eben eines des anderen würdig. Es wäre zu entsetzlich, sagte Agathe, den Kopf schüttelnd; so schlecht können die Menschen nicht sein; es ist unmöglich. Gewiß! rief Erna höhnisch; ganz unmöglich! ebenso unmöglich, wie daß er selber morgen kommt. Aber Erna! ein Offizier muß dahin gehen, wohin er kommandiert wird! In solchem Falle hat er keinen eigenen Willen. So sollte er eine Pistole haben, um sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen, lieber, als sich von einer schamlosen Frau in einem solchen Schauspiele aufführen lassen, wenn es doch nun einmal ein Schauspiel sein soll, das die Elende arrangiert hat, um mich zu demütigen. Aber sie irrt sich! ich werde ihr den Triumph nicht bereiten; ich, ich werde es sein, die triumphiert! Mag sie mit ihrer Eroberung prahlen; ich kann sie überbieten tausendmal! Ah! wie ich mich auf morgen freue! wie ich mich freue! was sind tausend seinesgleichen neben dem besten, dem einzigen Manne! Erna, Erna! rief Agathe, die gefalteten Hände flehend erhebend; ich beschwöre dich: treibe es nicht zum Äußersten! mache dich nicht für immer unglücklich! mache Kurt nicht unglücklich – Nenne seinen Namen nicht! rief Erna, ich will nichts weiter hören! Ich muß seinen Namen nennen, denn ich muß von ihm sprechen, und du mußt mich anhören, damit du nicht tust, was dich ewig und ewig gereuen wird. Weshalb gereuen? ich liebe Bertram. Du liebst ihn nicht. Kannst du in meinem Herzen lesen? Ja, Erna, und besser als du, die du von Leidenschaft verblendet bist. Und wenn du mich noch so zornig anblickst mit deinen schönen Augen, in die ich selbst verliebt bin, und wenn du mich für immer wegschickst, und ich mich vor Sehnsucht nach dir totweine – ich würde dich nicht lieben, und ich wäre nicht dein armes, unglückliches Großmütterchen, wenn – Das gute Kind konnte nicht weiter. Wie vorhin Erna, so saß sie jetzt, die Hände vor das Gesicht gedrückt, krampfhaft weinend, und Erna kniete neben ihr und wollte ihr die Hände von dem Gesichte ziehen und bat sie, sich zu beruhigen und sie wieder liebzuhaben und ihr liebes Großmütterchen zu sein. Dann – sie hätten nicht zu sagen gewußt, wie der Szenenwechsel vor sich gegangen – lag Erna in ihrem Bette, und Agathe, auch schon im Nachtgewande, saß auf dem Rande, und was während dieser Tage zwischen ihnen in vielen abgerissenen Unterredungen verhandelt, kam noch einmal alles im Zusammenhange zur Sprache. Aber wenn das kluge Mädchen sich geschmeichelt hatte, ihr liebes Beichtkind dadurch zur Einsicht zu bringen, wie es doch um seine Seele nicht so schlimm stehe, als es in der Aufregung selbst geglaubt, so ging diese Hoffnung keineswegs in Erfüllung; ja das Gegenteil trat ein. Mit jedem Worte schien sich Erna mehr in eine Leidenschaft hineinzureden, an deren Existenz Agathe nicht glauben mochte und doch fast glauben mußte, wie jene nun von der ersten Begegnung im Walde bis heute abend ihr Verhältnis zu Bertram rekapitulierte und aus hundert Einzelheiten, die sie mit erstaunlicher Logik eine an die andere reihte, zu beweisen suchte, daß hier ihrerseits von keiner Grille, keiner Kaprice, keiner Verirrung der Phantasie, keiner Befriedigung verletzten Stolzes, keiner Verzweiflung die Rede sei, sondern von echter, wahrer Liebe, die keine Grenzen und nur den einen Zweifel kenne, ob sie selbst des geliebten Mannes würdig. Aber nicht etwa deshalb unwürdig, weil sie vorher schon zu lieben geglaubt! Das sei ein notwendiger Irrtum gewesen, um sie über sich selbst aufzuklären; sie darüber zu belehren, daß die Liebe kein Rausch, sondern eine klare, tiefe Empfindung, die alles übrige Empfinden und Denken in sich ziehe, wie ein mächtiger Strom die Quellen und Bäche rings um sich her; und in der sich, wie in den Fluten eines Stromes die Ufer, ihre ganze Existenz: Vergangenheit und Gegenwart, widerspiegele, nur schöner und herrlicher als in der Wirklichkeit. Dem Gegenstände des Bildes gleich, in welchem sie ihr Leben und Lieben sah, floß Ernas Rede; und ihre Stimme, trotzdem sie leise sprach, hatte einen so eigenen, eindringlichen Klang, und die großen Augen, die sie weit geöffnet hielt, glänzten so wundersam in dem flackernden Scheine der Kerzen auf dem Nachttische – die arme Agathe befiel eine entsetzliche Angst. Wußte Erna noch, was sie sagte? phantasierte sie? konnte sie nicht über dem allen wahnsinnig werden? Erna! Erna! rief sie, beide Hände der Freundin ergreifend und pressend, wache auf! – ich habe es ausgerechnet, wenn du achtunddreißig bist wie deine Mama, ist er siebzig Jahre, nur daß er nie so alt werden wird. Um Ernas Lippen zuckte ein verächtliches Lächeln. Dachte ich es doch! sagte sie; als ob die Zeit etwas mit der Liebe zu tun hätte! als ob nicht ein Jahr, in dem ich ihm dienen, ihn lieben darf, ein Jahrhundert aufwöge! Ach, Agathe, wie kleinlich denkst du von der Liebe! Und wenn er morgen stirbt, so sterbe ich mit ihm – das ist meine Rechnung; ich denke, sie ist einfach genug. Die Verzweiflung gab Agathen Mut, auf den Punkt zurückzukommen, der, wie sie bereits während dieser Tage mehr als einmal erfahren, für Erna der empfindlichste war. Ich will dir alles zugeben, rief sie, ich will dir alles glauben, was du von dir selbst behauptest; ich kann ja nicht in dein Herz sehen. Aber Herrn Bertrams Herz ist nicht dein Herz, und was in seinem Herzen vorgeht, das mag der liebe Gott wissen: du weißt es nicht; wenigstens hat er es dir nicht verraten, mit keinem Worte und keinem Blicke. Und ich meine, das hätte er längst getan, wenn er dich wirklich liebte. Welche Gründe hätte er, sich so vor dir zu verstecken? Tausend für einen! rief Erna; oder ist es keiner, daß er sich tagelang mit dem Gedanken gequält hat, ich könnte mich für den Baron interessieren? Davon ist er sicher mittlerweile zurückgekommen. Dann, daß die Mama außer sich sein wird? Darum kann er dir doch sagen, was er für dich empfindet. Und wenn er an meiner Liebe zweifelt? Großer Gott, Erna, wie kann er daran zweifeln? Er kann es sehr wohl. In den ersten Tagen war ich noch selber über mich unklar. Und als ich fühlte, daß ich ihn liebe, bin ich oft so wunderlich gewesen, so launisch und trotzig; und nun gar, seitdem ich entdeckte, daß der Brief aus meiner Mappe fehlte, und ich überall nach ihm suchte, und er plötzlich wieder da war und während der Zeit jedenfalls, ich weiß nicht durch wie viele Hände gegangen und ganz gewiß auch von Mama gelesen ist – ich war so empört; ich habe ihm angesehen, er wußte manchmal gar nicht, was er von mir denken sollte. An ihm hast du deine Empörung nicht ausgelassen – im Gegenteil! ihm ein Zeichen deiner Gunst über das andere gegeben. Und daran habe ich recht getan, ich wollte Mama zeigen, daß ich mich vor ihrem Zorne nicht fürchte. Und die Rose heute! und deine Bitte, daß er bleiben solle – dir zuliebe – Erna, war das auch recht? Sollte ich ihn morgen reisen lassen? Wenn er nun reisen wollte, durftest du ihn halten? Erna, da fehlt doch nur, daß du zu ihm fügst: willst du mich zu deiner Frau haben? Und ich würde mich nicht schämen, es zu sagen, wenn ich überzeugt wäre, daß er es von mir wünschte. Ja, ja, er wünscht es; ich sehe es jetzt ganz klar; er will auch den Schein des Verdachtes vermeiden, als habe er mich bestrickt, mich überredet – er will es meiner Eltern wegen. Nun weiß ich, was ich morgen zu tun habe. Gott sei Dank! Nein, Erna, Gott sei's geklagt, daß du so reden kannst; denn daß du es wirklich denkst, daß du es wirklich tätest, ist eine Unmöglichkeit. So weit kann sich meine stolze Erna nicht vergessen. Ich beschwöre dich bei unserer Freundschaft, Erna, folge mir nur in dem einen: wenn es denn sein soll, lasse ihm das erste Wort; es muß ja zugleich das entscheidende sein; und dann mag Gottes Wille geschehen! Agathe hatte die Hände wie im Gebet gefaltet: große Tränen rannen ihr über die Wangen. Der schlichte Ausdruck so tiefen Kummers rührte Erna. Sie umarmte die geliebte Freundin und küßte sie und versprach endlich zu tun, um was jene wieder und wieder bat. Und nun geh zu Bett, du armes Kind! du bist so müde, und ich bin es auch. Agathe hatte bereits, traurigen Herzens alles noch einmal überdenkend, wohl eine Stunde, ohne sich zu regen, in ihrem Bette gelegen, annehmend, daß Erna, die sich ebenfalls nicht regte, längst schlafe, als sie Plötzlich leises Schluchzen zu vernehmen glaubte. Erna! Es kam keine Antwort. Erna! wenn es sich nun herausstellen sollte, daß Kurt unschuldig ist, was willst du tun? Wiederum keine Antwort. Hatte sie sich verhört? hatte Erna im Schlafe geweint? hatte sie es wirklich gefragt? oder hatte sie es nur gedacht? XVII. Es war ein Tag höchster Aufregung für sämtliche Bewohner Rinstedts. Die große Einquartierung war zwar erst für die vierte Nachmittagsstunde angesagt, aber man wußte, daß die Armee, zu welcher die Neunundneunziger gehörten, seit derselben Morgenstunde von Norden her auf dem Abmärsche war, um in die Stellungen einzurücken, aus denen sie gegen die Festung operieren sollte. Und das konnte ein böses Stück Arbeit werden, denn die Festung war nicht nur sehr stark besetzt, es nahte sich auch von Westen her in Eilmärschen ein bedeutendes feindliches Korps, gegen das man auf der Hut sein mußte, wenn man nicht zwischen dasselbe und das Festungskorps geraten wollte, welches nur auf den Augenblick wartete, um einen Ausfall zu machen. Da konnten die nun zu Angegriffenen gewordenen Angreifer in eine verzweifelte Lage kommen! So hatte der Schulze den Bauern die Situation erklärt, und der Schulze mußte es wissen. Er hatte vor drei Tagen in Erfurt seinen Schwager, den Kommandanturschreiber, besucht, war selbst im Französischen Kriege Feldwebel gewesen und hatte als solcher in den Kämpfen gegen Orleans eine Kompagnie, deren sämtliche Offiziere tot oder kampfunfähig waren, wochenlang geführt. Und da fast die Hälfte seiner Zuhörerschaft aus alten gedienten Soldaten bestand, die nur in den Schatz ihrer Erfahrungen und Erinnerungen zu greifen brauchten, um die Angaben ihres Oberen zu bestätigen oder ihnen zu widersprechen, hatte es an lebhaften Diskussionen in der Dorfschenke nicht gefehlt – doch war der Widerspruch von Anfang an sehr vereinzelt gewesen und zuletzt völlig zum Schweigen gebracht. Das ganze Dorf stand jetzt wie ein Mann auf seiten der Angreifer, und die Neunundneunziger hießen nur noch »unser Regiment«. Man sah ihrer Ankunft mit ungeduldiger Spannung entgegen, als brächten sie die Befreiung von einem lange ertragenen Joch. Der dringenden Aufforderung der Frau Amtsrätin, »unserem Regiment« einen glänzenden Empfang zu bereiten und es auch sonst an nichts fehlen zu lassen, war man um so bereitwilliger nachgekommen, als sie mit gewohnter Liberalität nicht nur die Kosten für alle »Extraordinaria« – wie der Herr Schulze sagte – auf sich genommen, sondern da, wo es bei ärmeren Leuten hinsichtlich des Quartiers und der Menage mißlich stand, alles zu vergüten zugesagt, ja im voraus zu diesem Behufe Geld mit vollen Händen ausgeteilt hatte. Auch sah man, daß das Schloß dem Dorfe mit bestem Beispiele voranging. Der lange Zickzackweg zum Schlosse hinauf war in eine Siegesstraße verwandelt mit ragenden Stangen, von denen die deutschen und die thüringischen Farben flatterten, mit Tannengirlanden, die sich von Baum zu Baum schlangen, bis zum reichgeschmückten Tore, das sich auf den nicht minder reichdekorierten Hof öffnete. Und am Abend großer Ball im Schloß und Feuerwerk auf dem Gemeindeanger vor den unteren Stufen der Terrassen mit bengalischer Beleuchtung – die Dorfjugend wäre nicht zu bändigen gewesen, wenn sie nicht glücklicherweise bis zu den kleinen Jungen und Mädchen herab an dem Aufbau aller dieser Herrlichkeiten schon seit Tagen hätte mitschaffen müssen. Dennoch stand es dahin, ob man würde fertig werden, zur höchsten Beunruhigung Hildegards, die wahrlich drinnen von den Vorbereitungen für Diner und Ball bereits mehr als billig in Anspruch genommen war und nun – im letzten Augenblicke – das Oberkommando der Angelegenheiten draußen in neue Hände legen mußte – in die des Forstkandidaten, der bereitwillig an die Stelle Lotters trat, als diesen gegen Mittag unaufschiebbare Geschäfte in die Stadt riefen. Noch gestern hätte ihn Hildegard unter keinen Umständen reisen lassen; aber seit gestern abend war sein Stern in beständigem rapidem Sinken gewesen. Für die Fürstin selbst, nachdem sie gestern abend ihr Urteil über ihn abgegeben, war er nicht mehr vorhanden; sie hatte sein Eintreten heute morgen in den Frühstückssaal nicht gesehen, seine Begrüßung nicht erwidert, als wäre der beträchtliche Raum, den der Mann einnahm, von Luft erfüllt. Und dieser Mann war dem Landesherrn »antipathisch«! der alte Freund selbst des Vaters, der einflußreiche Hofmarschall, wagte nicht energisch für ihn einzutreten; es protegierte ihn niemand als Prinzeß Amalie, deren Launen notorisch wechselten wie der Mond! Und die häßliche Geschichte, die in Monako gespielt! Es war ja nicht möglich, daß Lotter der Held gewesen – um Gottes willen nein! das hatte ja auch Alexandra nicht behauptet! aber man darf keine unbequeme Ähnlichkeit mit Leuten haben, die im Gedächtnis hoher Gäste so übel figurieren; und – was die Sache für Hildegard so besonders peinlich machte – sie wußte, daß der Baron, wenn er kein Spieler war, so doch gern und hoch spielte. Bis gestern abend war das eines seiner Kavalierfaibles gewesen; heute war es eine böse Leidenschaft, der der Mann nicht frönen durfte, der sich um Erna bewarb! Es war bereits gegen elf Uhr, als der Baron Otto aufsuchte, um einen Wagen in die Stadt zu erbitten und ihm bei der Gelegenheit den eigentlichen Inhalt der Nachrichten mitzuteilen, die er aus der Heimat erhalten. Ein jüngerer Bruder, selbstverständlich Offizier, hatte Schulden gemacht und stand auf dem Punkte, kassiert zu werden, wenn diese Schulden – bei deren Kreierung es nicht ganz reinlich zugegangen zu sein schien – nicht sofort gedeckt würden. Die Verwandten, sämtlich vermögenslos, waren außerstande, für den jungen Mann einzutreten; man hatte sich als letzte Zuflucht an ihn – den älteren Bruder – gewandt, der, wenn er auch schwerlich das Nötige selbst besitze, es doch vielleicht von den reichen Freunden, mit denen er auf einem so guten Fuße stehe, geliehen erhalten könne. Ob Otto ihm aus einer Verlegenheit helfen wolle, die schwerer auf ihn drücke, als es je eine andere getan, die er sich selbst bereitet? Es handelte sich um keine große Summe – um elende dreitausend Taler. Otto geriet in die peinlichste Verwirrung. Seine Barkasse war durch die unaufhörlichen Forderungen erschöpft, die Hildegard in den letzten Tagen gemacht, und morgen hatte er die Hypothek von fünftausend Talern, deren er gegen Bertram Erwähnung getan, zu zahlen, ohne zu wissen, woher er das Geld nehmen sollte. Der Augenblick, von dem Bertram gesagt, daß er kommen werde, stand bevor, ja war eigentlich schon da: der furchtbare Augenblick, wo er Hildegard seine Lage entdecken mußte. Und wieder war es Hildegard, die ihm wenigstens den ersten Stoß abwehren konnte. Er hatte ihr im Laufe der Jahre bei verschiedenen Gelegenheiten bedeutende Schenkungen gemacht, die in sicheren Papieren angelegt waren, wenn sie auch die Zinsen immer voraus verbrauchte. Es war ihm ein gräßlicher Gedanke, ihr einen Teil dieses Geldes wieder abfordern zu sollen, und er hatte sich zugeschworen, es nicht zu tun, es komme nun, wie es wolle. Aber man tut für einen Freund, wozu man für sich selbst nicht den Mut hätte, und so sagte er denn dem Baron, daß er, selbst momentan außerstande, ihm gefällig zu sein, diese Gefälligkeit von Hildegard erbitten wolle, überzeugt, wie er sich halte, sie werde ihrem Protegé mit Freuden den kleinen Dienst leisten. Der Baron schien zu schwanken, meinte aber dann, dergleichen Angelegenheiten könne man nicht mit Frauen verhandeln; er werde sich auch so Rat verschaffen; bestieg, nachdem er vorher noch Lydie aufgesucht und Otto gebeten hatte, ihn bei den anderen Damen, die nicht sichtbar wurden, zu entschuldigen, den inzwischen angespannten Wagen und fuhr davon mit dem Versprechen, wenn nicht zum Diner, so doch spätestens zum Beginn des Balles zurück zu sein. Otto wäre so gern mit ihm gefahren. Der Boden brannte ihm unter den Füßen. Heute war die entscheidende Kammersitzung. Fiel die Abstimmung für ihn, durfte er, ohne allzu sanguinisch zu sein, durch die Steigerung des Wertes seiner Fabriken auf eine Steigerung seines Kredits hoffen, mit Hilfe derer er den hereindrohenden Sturm beschwichtigen konnte. Im entgegengesetzten Falle war er, wie er sich selbst im Inneren fortwährend wiederholte, ein verlorener Mann, er hätte denn jenen äußersten Schritt tun und sich an Bertram um Hilfe wenden müssen, der sie ihm ganz gewiß nicht verweigern würde, von dem er sie aber ebenso gewiß nicht verlangen durfte, in Anbetracht des mißlichen Verhältnisses, das um Ernas willen zwischen dem Freunde und der Gattin obwaltete. Hildegard hatte nach langem Bedenken ihm vorgestern den Verdacht mitgeteilt, daß niemand als Bertram der von ihr so sehr gewünschten Verbindung im Wege stehe. Die unlautere Quelle, aus der sie ihren Verdacht geschöpft – sie sprach freilich nicht von Verdacht, sondern von einem Faktum – nannte sie weislich nicht. Der arme Otto mußte natürlich ganz entsetzlich finden, worüber er im Inneren nichts weniger als unzufrieden war. Er hätte Erna gewiß einen jüngeren Gatten gewünscht; aber er selbst liebte und bewunderte den Jugendfreund aufrichtig, und wenn Erna ihn in ihrer Weise liebte, nun – sie hatte immer ihren besonderen Geschmack gehabt; er hatte sie nie begriffen – sie würde schon wissen, wie es um ihr Herz stand; und – wenn ihm schon der Freund geholfen haben würde, der Schwiegersohn tat es gewiß, und er für sein Teil würde dann auch die Scheu, sich an ihn zu wenden, überwunden haben. Aber es konnte nicht sein; Hildegard würde es nimmer zugeben, und nun – in dem Augenblicke, wo er in das Haus zurückkehrte, nachdem er den Baron bis zum Wagen begleitet – erklärte ihm Hildegard, daß sie sich völlig hinsichtlich Bertrams geirrt, daß Bertram durchaus unschuldig sei, daß sie ihm viel abzubitten habe und untröstlich wäre, wenn er nun doch abreiste, wie sie aus Mitteilungen, die Konski gemacht, schließen müsse. Otto möge sofort hinaufgehen und sich seines Bleibens versichern; sie selbst würde es tun, wenn sie auch nur einen Moment erübrigen könnte; aber er sehe selbst, wie die Fürstin sie nicht von ihrer Seite lasse. Otto wußte nicht, ob er über die neue Wendung, welche die Angelegenheit genommen, sich freuen oder betrüben sollte. Er hatte unter der Spannung zwischen dem Freunde und der Gattin peinlich gelitten, und daß nun alles wieder gut und besser als zuvor, war gewiß sehr schön. Aber mit Hildegards Versicherung, daß Bertram gar nicht an Erna denke, schwand wieder der letzte Hoffnungsstrahl, es werde ihm von jener Seite die Rettung kommen. Dabei sagte er sich, Bertram würde nicht reisen, ohne noch einmal – zum letzten Male – die Rede auf das oft Besprochene zu bringen und sein Anerbieten zu wiederholen; und er fürchtete sich vor sich selbst, er könne schwach genug sein, es anzunehmen. So versicherte er denn Hildegard, er werde alsbald zu Bertram gehen und ihn auf jede Weise zum Bleiben zu bewegen suchen; aber er tat es nicht. Es hatte wohl keine so große Eile. Bertram konnte nicht fort, ohne ebenfalls einen Wagen zu bestellen. Das war bis jetzt nicht geschehen. Vielleicht geschah es überhaupt nicht; und weshalb sich so die schreckliche Aufregung unnötig bereiten? Und dann: der Forstkandidat kam ohne ihn mit der Ausschmückung des Tores schwerlich zurecht. Hildegard hatte immer gesagt, daß der alte gotische Bau, als der Endpunkt der via triumphalis , auch der Glanzpunkt werden müsse. Hildegard sollte zufrieden sein. Und fünf Minuten später war Otto in hitzigem Streite mit Herrn von Busche, der die Landesfahne auf dem linken Erker haben wollte, während doch Hildegard ausdrücklich angeordnet, sie müsse vom rechten flattern. Unterdessen war Hildegard wieder zu Alexandra geeilt, sie hatte nicht übertrieben; Alexandra kam kaum noch von ihrer Seite. Sie wollte durchaus wissen, wie es bei einer solchen Gelegenheit in einem deutschen Hause zugehe. Sie könne sich keine Vorstellung davon machen, da bei ihr zulande alles in den Händen des Hausmeisters und der anderen Leute liege und bei der Aufführung des Stückes die Wirtin ebenso im Parkett sitze wie ihre Gäste. Es gewähre ihr ein unglaubliches Vergnügen, nun auch einmal einen Blick hinter die Kulissen zu werfen; wenn Hildegard sie ein wenig liebhabe, dürfe sie ihr dies Vergnügen nicht versagen. Es fiel Hildegard nicht allzu schwer, die erste Scheu zu überwinden, die sie bei dieser wunderlichen Zumutung empfand. Die Einrichtung ihrer Küchen, Speisekammern und Vorratsräume war so glänzend und in einem so großen Stil, wie nur immer in einem fürstlichen Palais, ganz entsprechend den kolossalen Vorbereitungen, die man zu dem Feste traf – sie durfte die Ausrufe des Erstaunens, der Bewunderung, in welchen sich die junge Fürstin erging, als einen ihr gebührenden Tribut mit Bescheidenheit entgegennehmen. Aber jene ließ es nicht bei der müßigen Bewunderung; sie wollte selbst Hand anlegen, und die Spitzenärmel von den weißen Armen zurückstreifend und eine Kelle ergreifend, begann sie zum Jubel des ganzen Küchenpersonals einen Pudding zu rühren. Bei diesem Übermut war Alexandra von einer so hinreißenden Liebenswürdigkeit, so völlig frei von jeder Affektation, und selbst die tollsten Possen, die sie trieb, standen ihr so drollig – Hildegard war außer sich vor Entzücken und forderte im Vorübergehen Lydie auf, an dem Bilde und Benehmen der Fürstin den Unterschied zu studieren, der zwischen einer genialen Frau bestehe und einer, die das Geistreichsein affektiere und dadurch nur den Spott der wirklich Geistreichen hervorrufe. Das grausame Wort war zugleich das erste, das sie seit gestern abend an Lydie richtete. Der Baron konnte nicht in so plötzliche, tiefe Ungnade fallen, ohne Lydie in seinen Sturz hineinzuziehen; ja, in Hildegards Augen traf diese womöglich noch schwerere Schuld. War sie es doch gewesen, die unablässig des Barons Lob gesungen, dem Baron das günstigste Zeugnis ausgestellt, das Ansehen, dessen er sich bei Hofe erfreuen sollte, gar nicht groß genug hatte schildern können, – alles natürlich nur, um die ahnungslose Freundin zu umgarnen und über ihre eigentlichen auf Bertram gerichteten Absichten zu täuschen. Es geschah der Betrügerin recht, daß sie sich in diesen Absichten so völlig betrogen hatte! Und nun, als wäre das Maß ihrer Sünden nicht schon übervoll gewesen, zuletzt noch auf den unschuldigen Bertram einen so schweren Verdacht zu wälzen; zur Bekräftigung dieses Verdachtes einen Diebstahl zu begehen, sie – die Mutter – zur Mitschuldigen zu machen, ihr den unglücklichen Brief aufzudrängen, der, wie es sich nun zeigte, nichts gewesen war, als die im Grunde harmlosen Ergüsse einer etwas überspannten Empfindung, in welcher sich junge Mädchen gefallen – nun, die Zeit würde kommen, wo sie der Intrigantin dies lange Sündenregister vorhalten durfte, inzwischen mochte schweigende Verachtung die gerechte, sehr gelinde Strafe sein. Sie hatte dies verhängnisvolle Schweigen nun doch gebrochen; aber die unglückliche Lydie kannte die Freundin zu genau, um nicht auch ohne das zu wissen, in welche üble Lage sie geraten war. Und hatte sie noch daran zweifeln können, wäre sie durch die Vorwürfe, mit denen der Baron sie überhäufte, sicher aufgeklärt worden. Bereits gestern abend hatte er seiner übeln Laune in allerlei bitteren und höhnischen Worten Luft gemacht; heute aber, als er unmittelbar vor der Fahrt in die Stadt, nach der Unterredung mit Otto, unter dem Vorwande, sich bei den Damen verabschieden zu wollen, Lydie im Garten aufsuchte, kannte sein Zorn keine Grenzen mehr. Das also sei die vielgerühmte feste Position, die er in diesem Hause einnehme! Eine beliebige Abenteurerin brauche bloß zu kommen, um ihm im Handumdrehen die Gunst der Mutter zu entwenden – an die der Tochter habe er sowieso schon längst nicht mehr geglaubt! – ihm die Freundschaft des Vaters zu rauben; ihn, alles in allem, einer Behandlung auszusetzen, die sich kein Commis voyageur gefallen ließe! Und er werde es sich nicht gefallen lassen, davon möge Lydie überzeugt sein! Er werde der Schleppenträgern, der Achselträgerin, die ihre Freunde wechsle wie ihre Handschuhe, er werde dem Pantoffelhelden, dem Knicker, der für einen Freund in Verlegenheit nicht einmal ein paar lumpige tausend Taler übrig habe, beweisen, daß sich ein Lotter-Vippach nicht ungestraft an der Nase führen lasse; und vor allem solle es ihm der hochmütige, verliebte Pedant entgelten, der ihm doch schließlich die Geschichte eingerührt habe! Wenn Lydie, wenn die anderen nicht sehen wollten oder nicht sehen könnten – er habe offene Augen, er lasse sich kein X für ein U machen; er wisse, wie der Hase laufe; aber der Hase möge sich in acht nehmen vor jemand, der ihm den Balg noch übel zausen werde, ehe er sich's vermute! Es sei noch nicht aller Tage Abend; und was den heutigen Abend betreffe, so werde er jedenfalls – zum Trotz und Ärger aller, die ihn ins Pfefferland wünschten – rechtzeitig sich einstellen. Ob das gnädige Fräulein die Gnade haben wolle, ihm den ersten Kontertanz zu reservieren? Damit und mit einer höhnischen Verbeugung war er davongestürmt, Lydien in Kummer und Schrecken zurücklassend. Aber der Schrecken war größer, als der Kummer. Sie hatte den Baron nie so gesehen, nie für möglich gehalten, daß der Mann so sein könne. Wenn er seine Drohung wahr machte! Seine Augen waren mit Blut unterlaufen gewesen und hatten so gläsern stier geblickt; und er hatte so gräßlich gelacht; und war ein so großer, starker Mann, dem kränklichen Bertram an Körperkräften gewiß weit überlegen. Wenn er eine Szene provozierte, zur rohen Gewalt griff! wozu greifen diese Männer nicht in ihrer Wut und Verzweiflung! Die alte Liebe zu Bertram, die sie denn doch in ihrer Weise empfunden, und die sie damals ihrer Eitelkeit und Weltlust zum Opfer gebracht, regte sich wieder. Sie fühlte es zu ihrem Entzücken. Ja, sie hatte gelogen und getrogen, um zu einem Ziele zu gelangen, das die pure Berechnung sich ausgeklügelt! Aber sie war besser, als wofür sie selbst sich gehalten. Sie hatte ihrem Verstande zu folgen geglaubt und war, ohne es zu wissen, ihrem Herzen treu gewesen. Sie wußte es in dem Augenblicke, da den Geliebten eine ernstliche Gefahr bedrohte. Und seltsam! sie, die in den letzten Tagen jede Hoffnung, den Geliebten zurückzugewinnen, aufgegeben, die ihn voll Neid und Mißgunst in den Banden der Liebe zu der jungen, schönen Nebenbuhlerin gesehen – einer beglückten, erwiderten Liebe noch dazu –, sie zweifelte plötzlich an der Richtigkeit ihrer Beobachtungen; die alten Träume kamen wieder und behaupteten, daß sie die Wirklichkeit und alles andere Schimäre. Jetzt konnte, jetzt mußte noch alles gut werden! Die Lüge freilich und die Heuchelei waren ohnmächtig gewesen; die Wahrheit freilich und die Liebe würden allmächtig sein! Und indem sie nun den unglückseligen Brief, den sie entwendet, um sich über Ernas Empfindungen aufzuklären, in Gedanken rekapitulierte und jedem Wort, das sich auf Bertram bezog, eine mildere Auslegung gab, dachte sie auch wieder jener Stelle, die auf ein früheres Verhältnis Ernas anzuspielen schien. Sie sowohl als Hildegard erpicht darauf, zu entdecken, was sie zumeist oder vielmehr einzig fürchteten: eine Neigung Ernas für Bertram, hatten auf die betreffende kurze Andeutung nicht das mindeste Gewicht gelegt; eine Tanzstundenliebe, hatte Hildegard gesagt, und sie ihrerseits hatte es bestätigt, schon um von sich den Vorwurf fernzuhalten, als habe sie in ihrer verantwortlichen Stellung, als Ernas Erzieherin und zweite Mutter, eine ernsthaftere Neigung des Kindes übersehen oder gar geduldet. Jetzt erschien ihr plötzlich, was sie für Phrase gehalten, als bedeutende und hoffnungsreiche Tatsache. – »Der Verratene, die Verratene!« – die Verratene? das war doch am Ende sehr verständlich und erklärte so manches, obgleich es in sich selbst wenig verständlich oder geradezu unerklärlich war. Ein so entzückendes Geschöpf wie Erna verrät wahrlich so leicht keiner, verrät niemand, der seine gesunden Sinne beisammen hat, wie es denn doch die jungen Herren heutzutage zu haben pflegen. War die Geschichte also mehr als eine flüchtige Phantasie – und das mußte man bei Ernas aller Frivolität abholdem Wesen annehmen –, so hatte Ernas leicht verletzlicher Stolz einen Bruch herbeigeführt, der – sich noch heilen ließ, der, wenn er geheilt wurde, das Kind von ihrer Kaprice für Bertram zurückbrachte, Bertram, falls er sich wirklich durch des Kindes unverhehlte Bewunderung hatte kaptivieren lassen, wieder frei machte – frei für sie, seine erste, seine wahre, seine einzige Liebe! So irrte die aus Hildegards Gunst und Nähe Verbannte durch die Gartenterrassen, jetzt in Tränen zerfließend und ihr bitteres Los beklagend, jetzt selbstgefällig lächelnd und sich zu einem Glück gratulierend, das desto köstlicher war, je länger sie darauf hatte harren müssen. Wenn sie jetzt Erna begegnete! sich mit ihr aussprechen, sich mit ihr aussöhnen, dem Kinde durch Rat und Tat beweisen könnte, wie gut sie es mit ihm meine! Sie fühlte sich ganz in der Stimmung dazu, und – da kam Erna ihr entgegen! Die Scheu, die sie stets vor der Stolzen, Eigenwilligen empfand, wollte sich wieder regen; aber ein schneller Blick überzeugte sie, daß Erna noch eben geweint hatte, und daß sie es wagen durfte. Erna hatte noch eben geweint; aber das hatte sie freilich seit gestern abend getan, so oft sie sicher war, daß niemand ihre Verzweiflung sah. Das holde Geschöpf war verzweifelt. Die ganze schlaflose Nacht hindurch hatte sie die letzte leise Frage Agathens: Was willst du tun, wenn es sich nun herausstellt, daß Kurt unschuldig ist? wie eines mahnenden Engels Stimme zu hören gemeint, und ihr Kopf und ihr Herz hatten nichts antworten können als immer wieder: Dann bist du es, die an ihm zur Verräterin geworden und ihn unglücklich gemacht. Konnte er unschuldig sein? Sie hatte sich so lange gesträubt, an seine Schuld zu glauben! hatte es erst getan, als er erklärte, über sein Verhältnis zu der russischen Dame sich nicht aussprechen zu dürfen, auch ihr gegenüber nicht, von der er um ihrer Liebe willen erwarten müsse, daß sie ihm vertraue, denn Vertrauen sei die Seele und zugleich der Prüfstein der Liebe. Ach, sie kannte noch einen anderen fürchterlichen Prüfstein: das war die Eifersucht, die sie heimlich gegen die Unbekannte genährt, und die in hellen Flammen aufgeschlagen war, als sie nun gestern vor ihr erschien, die Verhaßte, die Verführerin, in dem Glänze ihrer Jugend, Schönheit und Anmut. Vergebens, daß sie sich gegen den Zauber wehrte, der von dieser Frau ausstrahlte; vergebens, daß sie alles an ihr für unecht erklärte, außer etwa ihren Diamanten! sie fühlte sich mit jedem ihrer verstohlenen Blicke, die sie auf die Nebenbuhlerin richtete, mehr und mehr gefesselt, bestrickt, hingezogen; und in demselben Maße gedemütigt, besiegt, zuletzt vernichtet. Ein entsetzlicher Zustand, der ihre geängstete Seele in völlige Nacht hüllte, aus der doch alsbald wieder ein Hoffnungsstern aufdämmerte. Wenn Kurt sie je geliebt – und er hatte es doch einmal getan –, wie konnte er diese lieben, die – wie reizend und verführerisch immer – doch in allem und jedem der volle Gegensatz von ihr war? er, der ihr so oft versichert, daß er allen Prunk und alle Eitelkeit hasse, und daß er sie liebe, weil sie nicht Prunke und nicht eitel und seine taufrische Rose sei, die er nicht hingeben würde für eine Welt von strahlenden Treibhausblumen. Und seine großen braunen Augen hatten dabei so ernst, so liebevoll auf sie herabgeleuchtet, und seine Lippen hatten gezittert vor innerster Rührung, und das wäre alles nur Lüge gewesen von ihm, den sie wiederum geliebt, weil er ihr als ein hochherrliches Bild der Wahrhaftigkeit und Treue erschienen war? Es konnte ja nicht sein! Aber dann, was hatte sie getan? was sollte sie tun, wenn der andere, der Gute, Edle, dem sie, wie Agathe sagte und ihr Herz bestätigte, so unzweideutige Beweise ihrer Neigung gegeben, vor sie trat und sprach: Ich komme, dein Wort einzulösen: alle Flavios der Welt hätten Hilarie nicht verhindert, den Oheim zu lieben, wenn sie überzeugt gewesen wäre, daß er sie wahrhaft liebte. Und du weißt es: ich liebe dich! – was konnte sie tun, als mit Hilarien sprechen: Ich bin dein auf ewig. Er würde ihr nicht zu Füßen fallen und rufen: du machst mich zum glücklichsten Menschen unter der Sonne! aber sie wußte, er würde glücklich sein! Ach, weshalb war sie nicht der Stimme gefolgt, die ihr zurief – an jenem ersten Abende, da sie ihn im Walde traf, und er ihr sein Herz öffnete –, öffne auch ihm dein Herz, sage ihm alles! Da wäre es Zeit gewesen, die einzige; denn schon am nächsten Tage hatte sie in seinen Augen gelesen, was sie so stolz machte – so glücklich! – glücklich? großer Gott! Das war das Glück, daß sie jetzt auf der Stelle sterben wollte, um den Qualen zu entrinnen, die ihr das Herz zerrissen. Ahnte er denn gar nichts von diesen Qualen? weshalb war er nicht gestern abend zu ihr gekommen? ein Augenblick hätte sich schon gefunden; hatte er doch für die Fürstin eine volle Stunde gehabt. Es mochte für ihn eine Erholung gewesen sein, nachdem er so lange einer geistreichen Unterhaltung entbehrt. War sie die schöne Witwe der Novelle, die den Oheim über den Verlust Hilariens tröstete? und Hilarie schon auf dem Punkte angelangt, diesen Trost zu wünschen, herbeizusehnen? Ihr scheuer Blick irrte zu den Fenstern Bertrams hinauf, unter die sie doch nicht absichtslos geraten war. Wenn er sich jetzt da oben zeigte? winkte: Ich komme hinab! warte auf mich! Wie ein aufgeschrecktes Reh huschte sie in einen der Terrassengänge, hinter dessen Mauer sie von jenen Fenstern nicht gesehen werden konnte, und brach in Tränen aus, als sie sich ihrer Feigheit bewußt wurde. Lydie erschien an dem anderen Ende des Ganges; sie konnte ihr nicht ausweichen; sie bog sich an das Weinspalier, ihre Augen zu trocknen, und da war auch Lydie schon an ihrer Seite, zu ihren Füßen, ihre Knie umklammernd, das Gesicht in ihr Kleid drückend, schluchzend. Es war ein Theatercoup, von dem Lydie bei allen möglichen Gelegenheiten, gleichviel ob passend oder unpassend, Gebrauch machte – Erna wußte es wohl; aber heute hatte sie nicht den Mut, sich loszureißen, heute fand sie kein herbes oder ironisches Wort; ja sie beneidete fast ein Wesen, das für seine Gefühle, welcher Art sie auch seien, einen solchen Ausdruck fand. Sie suchte die Knieende emporzuheben. Ich bleibe so liegen, bis du mir verziehen, murmelte Lydie. Ich tue, was du willst; aber steh auf – ich beschwöre dich! Sie hatte Lydie in eine Nische gezogen, die sich in der Mauer öffnete und wenigstens Schutz vor den Blicken der Leute gewährte, die noch überall, die Terrassen hinauf und hinab, mit den Vorbereitungen zu der Illumination beschäftigt waren. In der Tiefe der Nische befand sich eine steinerne Bank, vor der ein runder steinerner Tisch stand. Lydie ließ sich auf die Bank sinken, bog das mit den Händen bedeckte Gesicht auf den Tisch und murmelte mit einer vor Schluchzen und Weinen oft kaum vernehmlichen Stimme ihr Schuldbekenntnis: sie habe sich durch Umfrage bei den Leuten überzeugt, daß der Brief, den Erna an jenem Morgen unter der Platane geschrieben, und von dem sie mit Bestimmtheit angenommen, er sei an Agathe gerichtet, nicht abgeschickt worden, und außerdem durch scheinbar arglose Anspielungen von Agathen selbst herausgebracht, daß diese vor ihrer Abreise keinen Brief erhalten. Da habe sie, durch Ernas Zimmer kommend, die Mappe liegen sehen – unverschlossen, wie sie zu ihrem Staunen bemerkt. Sie habe der Versuchung nicht widerstehen können, nachzuforschen, ob der Brief noch vorhanden. Der Brief habe dagelegen; ein Schwindel habe sie erfaßt – Ich sagte mir, daß du vor Agathen keine Geheimnisse hast, daß du ihr geschrieben haben würdest, wie du für Bertram fühlst, ob du ihn liebst – ich mußte es wissen –, meine Zukunft, mein Glück, meine Seligkeit – alles, alles war in der einen Frage. Habe Mitleid mit einer Unglücklichen, welche die Eifersucht zur Verbrecherin gemacht hat – an ihrem eigenen Kinde; ich habe dich immer so geliebt; ich hätte dir jedes Opfer gebracht; nur dieses nicht – es ging über meine Kräfte! So jammerte Lydie, und Erna empfand es wieder als ein Seltsames, daß sie nicht von dem Platze neben der Weinenden aufsprang und sie allein ließ mit ihrer Albernheit und Verlogenheit, daß sie dem sentimentalen, übertriebenen Gerede zuhören konnte, ohne Ekel zu empfinden. Ja, es regte sich etwas in ihr, vor dem sie erschrak; etwas, das wie ein Wunsch aussah, es möchte Lydie diesmal nicht gelogen haben. Lydie bemerkte durch den Tränenschleier, in den sie sich hüllte, sehr wohl, daß Erna ihre Bekenntnisse viel günstiger aufnehme, als sie irgend zu hoffen gewagt. Das gab ihr den Mut, den errungenen Vorteil bis aufs äußerste zu verfolgen. Ich kann und will mich nicht von aller Schuld freisprechen, rief sie; ich bin eitel und leichtsinnig gewesen; ich bin der Lockung, Gräfin von Finkenburg zu werden, erlegen – es würden noch manche erlegen sein, die nicht wie wir Aschhofs die Reihe ihrer Ahnen bis zu den Kreuzzügen zurückleiten und drei Mohrenköpfe im Wappen führen. Aber Eitelkeit und Leichtsinn waren es doch nicht allein. Ich war aufrichtig überzeugt, daß ihm die Verbindung mit dem armen adligen Mädchen, das ihm nichts mitbrachte als ihre Prätensionen, nur hinderlich sei; daß er eine bessere, passendere Wahl hätte treffen können und nachträglich treffen werde, sobald ich ihm sein Jawort zurückgegeben. Wenn ich freilich geahnt hätte, er würde es so schwer nehmen! um nichts in der Welt würde ich gehandelt haben, wie ich es getan; aber um alles in der Welt möchte ich gutmachen, was ich getan, soweit es noch möglich ist. Sollte es denn so ganz unmöglich sein, Erna? Sieh, er ist doch nun beinahe fünfzig, und wie lange wird es dauern, so ist er ein alter Mann. Kränklich ist er überdies; ich weiß von seinem Diener, daß er an Herzklopfen leidet und an Schlaflosigkeit, und sein Arzt in Berlin ihm alle möglichen Vorsichtsmaßregeln auf die Reise gegeben hat. Da braucht er doch jemand, der ihn pflegt und seine schlechten Launen geduldig erträgt – denn alle kranken Leute sind launisch. Ich hab's bei meinem Onkel, dem Minister, erlebt, den alle Welt für ein Lamm von Güte und Gleichmut hielt, und der es auch war, bis ihm seine asthmatischen Anfälle kamen, wo es denn kein Mensch bei ihm aushalten konnte. Ja, das muß man durchgemacht haben, und Gott möge dich bewahren, du liebes, süßes Kind, daß du es erfährst und dein junges, duftiges Leben an der Seite eines gebrochenen Mannes hintrauern solltest, der keine Leidenschaft mehr hat, als seine Bücher und seine Politik. Wenn die ihn ruft, da muß er freilich folgen und Konski die Koffer packen. Der arme Mensch – ich habe ihn vorhin gesprochen – er bliebe so gern und machte die Tage hier mit; überdies hat er sich, glaube ich, in die Aurora verliebt; aber da hilft nichts, sagt er; morgen werde unwiderruflich gereist. Es ist vielleicht recht gut, denn der Baron ist in einer entsetzlichen Wut gegen ihn, und ich weiß nicht, was er in seiner Verzweiflung tut, wenn du ihn nicht überzeugst, daß er sich, daß wir alle uns geirrt haben. Ach, hätten wir es doch! mein süßes, geliebtes Kind! Du würdest uns allen Ruhe und Frieden bringen, und ich wollte dir unablässig deine lieben Hände, den Saum deines Kleides küssen. Sie bedeckte Ernas Hände und Gewand mit Küssen; Erna ließ es geschehen; sie achtete nicht auf Lydies Tun, auf ihre Rede: sie saß da, starren Auges hinausblickend über den Garten und über das Dorf nach den Bergen drüben, an deren Hang ein Stück der Chaussee sichtbar wurde, welche von Norden her über das Gebirge in das Rinstedter Tal schnitt. Lydies scharfe Augen nahmen die Richtung von Ernas Blick auf, und sie sah, was Erna sah: die von Waffenblitzen durchzuckte Staubwolke, die sich auf der Chaussee in Schlangenlinie herabsenkte; und jetzt kam, abgedämpft durch die große Entfernung, aber doch deutlich vernehmbar, ein dumpfer Schall herüber: Trommelschlag; und unten, vom Eingange des Dorfes, krachte ein Böllerschuß, verkündend, daß das Regiment im Anmarsch sei. Erna war emporgefahren, als habe sie der Schuß ins Herz getroffen. Um Gottes willen, Kind, was ist dir? rief Lydie, über das blasse Gesicht und die starren Augen erschrocken. Und abermals erschrak sie, als das seltsame Kind sich plötzlich in ihre Arme warf, wie Hilfe suchend vor einer hereindrohenden Gefahr, sie dann ebenso plötzlich wieder losriß, den Gang hinaufeilte und alsbald hinter einem Mauervorsprung verschwand. Was bedeutet denn das? fragte sich Lydie. Wie zur Antwort kam der Trommelschlag deutlicher als vorhin über das Tal. Ah! sagte Lydie. Ein Lächeln zuckte über ihr Gesicht. Unmöglich wäre es nicht, murmelte sie; und wenn es ist, will ich es schon herausfinden. Sie wandte sich, ins Schloß zu gehen, von dessen Turme eben die große Fahne emporflatterte, welche »unser Regiment« in dem Augenblicke begrüßte, als die Tete ihren Fuß auf die Dorfstraße setzte. XVIII. Auch zu Bertram war der kriegerische Ton gedrungen. Er lehnte sich in dem Schreibsessel zurück und lauschte mit angehaltenem Atem. Wie mag nun erst ihr das Herz klopfen, sprach er vor sich hin. Er erhob sich und trat an das offene Fenster. Von seinem höheren Standpunkte konnte er ein größeres Stück der Chaussee überblicken und deutlicher das Blinken der Bajonette sehen durch die Staubwolke, die ein lebhafterer Wind auf Momente auseinandertrieb, so daß Bruchstücke der marschierenden Kolonnen hervortraten. Unten im Dorf wurden die Böller gelöst; von den Bergen drüben rollte das Echo. Und wie mag das durch ihr Herz dröhnen! Aus dem Schlafzimmer nebenan, wo er für die morgen bevorstehende Abreise die Sachen zusammenzulegen angefangen hatte, kam eilfertig Konski; ob sich der Herr Doktor noch nicht anziehen wolle? es sei die höchste Zeit. Ich habe keine Eile, bedeutete ihn Bertram. Es ist nur, sagte Konski, weil die Frau Amtsrätin so dringend wünscht, Sie möchten bei dem Empfange der Herren Offiziere zugegen sein. Die Aurora ist schon zweimal deshalb an der Tür gewesen. Konski deutete nach dem Schlafzimmer und lächelte. Ich will nicht bei dem Empfange zugegen sein, sagte Bertram; aber ich kann mich immerhin zurechtmachen. Er war Konski in das Schlafzimmer gefolgt. Wie stehen Sie mit dem Mädchen? fragte er, während Konski ihn bediente. Sie werden sich beeilen müssen, wenn Sie noch mit ihr ins reine kommen wollen. Ist bereits alles in schönster Ordnung, erwiderte Konski, – seit gestern abend. Bei uns geht so was immer fix, wissen Herr Doktor, und da habe ich denn noch gleich eine recht große Bitte. Die Aurora – kurioser Name, nicht wahr, Herr Doktor? und die anderen, die sie hat, sind auch nicht besser: Amanda, Rolline – ich danke! na, dafür kann sie nicht; ich werde sie in Berlin ein bißchen umtaufen; aber, was ich sagen wollte, Herr Doktor: sie besteht partout darauf, daß wir schon Anfang Oktober heiraten, weil Ende Oktober die Hochzeit von der Christine und dem Peter Weißenborn sein soll, und sie die Christine damit ärgern will – sagt sie; ich glaube aber eher, den Weißenborn, der ihr höllisch die Kur geschnitten und ihr auch wohl die Ehe versprochen hat. Und wenn der Herr Doktor nun doch erst später und vielleicht in diesem Jahre gar nicht mehr nach Italien geht, so dachten wir – Sie wissen, wie ungern ich Sie verliere, sagte Bertram; aber ich will Ihrem Glücke nicht im Wege sein. Mein größtes Glück wäre es, Zeit meines Lebens bei Ihnen bleiben zu dürfen, Herr Doktor, sagte Konski; und es gäbe ja eine Möglichkeit, meint die Aurora – Nun? Konski zögerte etwas mit der Antwort, faßte sich dann ein Herz und sagte, verlegen schmunzelnd: Wenn Sie die große Gütigkeit hätten und auch heirateten, Herr Doktor! Da müßt ihr schon auf einen anderen Ausweg denken. Bertram hatte sich abgewandt; Konski entfernte nachdenklich ein paar Stäubchen von der schwarzen Weste, die er in der Hand hielt, und sagte: Sie müssen mir nicht bös sein, Herr Doktor. Das Weibsvolk kann's nicht lassen, sich so was in seinem Kopf zurecht zu denken, und die Aurora hat einen sehr anschlägigen Kopf. Sie meint, es wäre doch gar zu pläsierlich, wenn ich Bedienter bei dem Herrn Doktor bliebe und sie Kammerjungfer bei der jungen gnädigen Frau würde; dann können die Herrschaften nach Italien gehen oder wohin sie wollten – wir vier wären doch immer schön beieinander. Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, sagte Bertram; geben Sie mir meine Weste. Dann bitte ich um Entschuldigung, fuhr Konski fort, indem er dem Herrn das verlangte Kleidungsstück reichte und den Frack zur Hand nahm. – Aber sie läßt mir keine Ruhe und sagt, mit dem Baron das sei ganz aus; und was sie so gehört habe, wie die Frau Amtsrätin noch heute morgen mit dem Herrn Amtsrat über den Herrn Doktor gesprochen, so könne der Herr Doktor man dreist fordern und er kriegte sechse, bloß daß Sie man eine haben; – und was die eine, das junge gnädige Fräulein, ist, na, das weiß ich doch besser als alle, wieviel die von dem Herrn Doktor hält. Der gute Mensch konnte zu seinem Leidwesen nicht wahrnehmen, welchen Eindruck diese Rede auf den Herrn gemacht, denn der hatte sich wieder von ihm abgewandt; und nun kam ein eiliger, schwerer Schritt durchs Arbeitszimmer; es klopfte, und der Amtsrat steckte den Kopf zur Tür herein, ob er einen Augenblick stören dürfe? Bertram bat, näher zu treten, und winkte Konski, das Schlafzimmer zu verlassen. Ich wollte heute schon zehnmal zu dir, sagte Otto; Hildegard ist in der größten Sorge, du möchtest abreisen – und, weiß es Gott – du hast gepackt! Für morgen, erwiderte Bertram, länger kann ich auf keinen Fall bleiben. Für heute, siehst du, bin ich bereits wie du in Gesellschaftstoilette. Nur müßt ihr freilich entschuldigen, wenn ich erst zum Diner erscheine; ich bin mit meinen Briefen noch nicht fertig; und, offengestanden, ich möchte mich gern um die Empfangsszene drücken. Ich mich auch, wenn ich dürfte, sagte Otto: sie kommen in höchstens zehn Minuten; ich habe keinen Augenblick zu verlieren – keinen Augenblick. Aber er rührte sich nicht aus dem Stuhle, auf den er sich hatte fallen lassen. Seine Miene war die eines Zerstreuten, ja mit seinen Gedanken völlig Abwesenden. Wenn der Landtag sich gegen die Eisenbahn entschieden hat, murmelte er. Wir müssen darauf gefaßt sein, erwiderte Bertram. Es ist jetzt halb fünf; die Sitzung ist jedenfalls schon beendet. Du erfährst das Resultat morgen noch früh genug. Ich denke, Lotter, der in der Stadt ist, wird so lange gewartet haben – ich hatte ihn darum gebeten. Er wollte zum Diner zurück sein. Ich habe übrigens kein Vertrauen mehr zu Lotters Einfluß. Desto besser. Die Freunde sprachen mit dumpfer Stimme, als ob ein schwerer Druck gleichmäßig auf ihnen laste; Bertram, der, die Arme auf dem Rücken verschränkt, dastand, starrte vor sich nieder, Ottos Blicke irrten im Gemache umher, er fingerierte mit beiden Händen auf den Lehnen des Sessels, die er nun plötzlich krampfhaft umfaßte. Ich muß hinunter, sagte er. Er hatte sich jäh aufgerichtet und ein paar Schritte nach der Tür gemacht. Otto! Du kommst mit? Nein. Ich habe dich um eine kleine Gefälligkeit zu bitten, die du mir nicht abschlagen wirst. Bertram war auf den Freund zugetreten mit ausgestreckter Hand, in die jener mechanisch die seine legte. Ich wollte dich bitten, über mich zu verfügen, im Falle du, was ich bei dem Wirrwarr, in dem du jetzt lebst, sehr begreiflich fände, für die morgen fällige Hypothek noch nicht anderweitig für Deckung gesorgt hast. Ich habe deswegen noch nicht einmal nach Berlin zu schreiben brauchen. Aus meiner italienischen Reise wird nichts, und ich hatte mich, wie du weißt, auf lange Zeit eingerichtet Mein Kreditbrief lautet auch auf deinen Bankier in der Stadt; ich wollte dort die erste größere Summe entnehmen; ich kann – unter irgend einem Vorwande – das Geld auf einmal flüssig machen. Es reicht gerade. Das hatte ja alles bis morgen Zeit, murmelte Otto; indessen ich danke dir – für deine gute Absicht. Ich fahre vielleicht morgen, wenn du durchaus fort willst, mit hinein – wir werden ja dann sehen. Seine Wangen brannten; die Hand, welche Bertram noch immer hielt, zitterte wie die eines Menschen, der einen großen physischen Schmerz erduldet. Bertram bemerkte es wohl. Es tut mir herzlich leid, daß ich dich so quälen muß, sagte er; aber du hast mir die Wahl des Augenblicks nicht gelassen. Ich spreche dich ganz sicher heute nicht mehr, und wer weiß, ob morgen. Also kurz und bündig: ich habe außerdem alle Vorbereitungen getroffen, um von meinem Vermögen so viel in kürzester Zeit flüssig zu machen, wie du zum Arrangement deiner Angelegenheiten brauchst. Du erinnerst dich unserer Unterredung, als wir vergangenen Sonnabend aus der Stadt zurückfuhren. Bedingungen stelle ich heute sowenig wie damals; denn daß du das Arrangement unter Mitwirkung des Rechtsfreundes vornimmst, daß du ihm in den Bestimmungen über die Fabriken möglichst freie Hand läßt, und endlich, daß deine Frau vollständig eingeweiht wird – sind nicht sowohl Bedingungen als Notwendigkeiten. Die letzte und dir jedenfalls peinlichste will ich dir auch abnehmen, wenn du willst. Aus Ottos Wangen war die Röte bis in die Stirn gestiegen. Es ist unmöglich, stieß er heraus; ich kann es nicht annehmen. Wenn ich dir das Geld schenken wollte! das will ich doch nicht. Das Geld – das Geld – aber Hildegard! Der Glanz heute – die Fürstin – all die Offiziere – die große Gesellschaft – an die hundert Kuverts und morgen die Misere – es ist unmöglich! und selbst wenn du wirklich den Mut – wenn du mit ihr sprechen wolltest, meine ich – ihr steht jetzt wieder so gut, sie wollte selbst zu dir kommen – und ich hatte schon gedacht – aber das – das würde sie dir nie vergeben – nie! Ich bin darauf vorbereitet, erwiderte Bertram; – offengestanden: an deinem Wohle liegt mir mehr als an der Gnade deiner Frau. Otto, hier ist keine Zeit zu langem Parlamentieren; ein einfaches Ja von dir, und die Sache ist abgemacht – jetzt oder nie – hörst du! Vom Schloßweg herauf erschallte volltönige Militärmusik; auf dem Hofe wurde es laut von durcheinander rufenden Stimmen. Otto stand noch immer unentschlossen. Es geht nicht, murmelte er wieder; ich kann es nicht. Und dann, plötzlich auch Bertrams andere Hand ergreifend: So heirate wenigstens Erna! Hildegard wird sich darein finden, wenn sie alles weiß. Erna ist dir gut – laß mich mit ihr reden! Ein Wort von dir, und – ich werde meinen Entschluß nicht ändern – er steht ein für allemal fest; aber du und ich, wir sehen uns niemals wieder. Bertram hatte sich heftig losgerissen und ein Paar schnelle Schritte gemacht; jetzt kam er zu Otto zurück, der in gänzlicher Ratlosigkeit dastand, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: Otto, denke daran, was wir uns geschworen haben in den lieben Bonner Tagen: Freunde zu sein und zu bleiben in Freud' und Leid, in Not und Tod. Ich meine, das reicht aus; und so bitte ich dich, sprechen wir von Erna nicht, oder bringen wir sie wenigstens nicht mit der Angelegenheit in eine Verbindung, die für mich beleidigend ist, weil sie die Reinheit meiner Motive verdächtigt. Ich kann dir noch mehr sagen, worüber ich mir bis auf weiteres deine Verschwiegenheit erbitte. Ich habe triftigen Grund, anzunehmen, daß Erna über ihr Herz bereits entschieden hat, was denn gewisse Sonderbarkeiten in ihrem Betragen, die euch und auch mir aufgefallen sind, erklären mag. Ich glaube, daß ich bald erfahren werde, wie es damit steht. Ich habe dir und deiner Frau, indem ich euch vor Lotter warnte, einen Beweis meiner scharfen Beobachtung und meiner treuen Freundschaft gegeben. Traut mir ferner; ihr werdet es nicht bereuen. Und nun, alter Junge, geh mit leichterem Herzen, als du gekommen bist, und empfange deine Gäste; oder die große Hauptaktion geht ohne dich in Szene, und das wäre etwas, das Hildegard mit Recht nie verzeihen würde. Er drängte den Zaudernden, Fassungslosen zur Tür, als diese von Konski aufgerissen wurde: Herr Amtsrat, Herr Amtsrat! die gnädige Frau ist außer sich; sie kommen eben auf den Hof! Otto war davongeeilt; Bertram stand noch in der Nähe der Tür, auf die sein starrer Blick gerichtet blieb. Das war der erste Schritt, murmelte er; nach allem, was ich schon erlitten, hätte ich nicht geglaubt, daß er mir so schwer werden würde; aber er mußte getan werden. Er ging langsam hin und her und blieb wieder stehen. Mußte er getan werden? und so? Ware es nicht besser gewesen, ich hätte nicht völlig geleugnet? ich habe doch nicht in jedem Falle entsagt; nur in dem, daß alles sich so verhält, wie ich fürchte? Wenn es sich nun nicht so verhält? wenn der junge Mann, der durch die Schule einer Fürstin Volinzow gegangen, nicht der ist, den eine Erna lieben darf und lieben kann? wenn die schöne Dame sich über diesen ganzen Teil der Geschichte getäuscht hat oder von ihm, der seine guten Gründe dazu haben mochte, getäuscht worden ist, wenn alles im besten Falle auf eine Tändelei hinausläuft, über die Erna sich längst beruhigt hat? und ich fachte die fast erloschene Flamme durch meine Diplomatenkünste von neuem an, triebe sie, die ich von mir stoße, in seine Arme, die sich willig genug öffnen werden? Er streckte die Hände wie zur Abwehr von sich. Drangen sie doch alle wieder auf ihn ein im hellen Lichte des Tages, jene Grauengestalten, mit denen er gekämpft im fürchterlichen Dunkel der Nacht. Da hatte er sie besiegt; jetzt sollte er unterliegen? war seine Kraft erschöpft? Nein, nein! das Schlimmste stand noch bevor. Hatte er sich auch eingeredet, es sei einfache Billigkeit und Schicklichkeit, wenn er nicht Zeuge ihrer ersten Wiederbegegnung war – er würde sie ja doch beisammen sehen, mit dem ersten Blicke vielleicht erfahren, daß sie sich bereits wiedergefunden und das große Opfer, das die schöne Fürstin ihrem Liebling brachte, völlig unnötig gewesen. Desto besser! so war die Qual der Ungewißheit desto schneller vorüber! so brauchte er wenigstens nicht die Donquichotterie der Großmut auf die Spitze zu treiben und den aufdringlichen Mittler zu spielen, der alle Hindernisse aus dem Wege räumt und schließlich die Hände der Liebenden ineinanderlegt. Er hatte sich an den Schreibtisch gesetzt, das Programm zu beenden, das er seinen Wählern vorlegen wollte. Aber er konnte nicht schreiben, nicht denken. Die Feder in der Hand haltend, saß er da, auf jeden der verworrenen Töne hörend, die vom Hofe, aus dem Garten, aus dem Schlosse zu ihm herauf-, herüberdrangen. Die Musik, die ein paar Minuten geschwiegen, setzte wieder ein in langgezogenen, schmetternden Fanfaren – wohl der Gruß, den das Regiment dem Hause brachte, das jetzt seine Fahne barg, und dessen schöner Herrin, wie sie auf der Schwelle erscheint, der stattliche Oberst, seinen Offizieren vorauseilend, galant die Hand küßt. Und nun tritt aus dem Kreise der Damen, welche die Herrin umgeben, eine hervor, bei deren Anblick der tapfere Mann bis ins Herz erschrickt. Sie aber lächelt und winkt mit den beweglichen Wimpern: Ruhig! mein Freund! ruhig! ich werde dir in der ersten Minute, wo wir allein sind, alles erklären, oder – da das nicht meine Gewohnheit ist – so viel, wie du zu wissen brauchst. Es handelt sich natürlich um jene dort! – Und sie deutet seitwärts nach einem anderen Paare, das sich neigt und verbeugt und – eine flüchtige Bekanntschaft erneuert: Ich weiß nicht, mein gnädiges Fräulein, ob ich noch die Ehre habe – Ach, der Komödie! Und ach, der Tragödie, deren verschwiegener Schauplatz sein Herz war – des Verlassenen, Einsamen! So, in trübem Brüten, dumpfem Träumen saß er – er wußte nicht wie lange. Draußen war es still geworden. Sollte man ihn vergessen haben? hätte man es doch! und er durfte sich still wegschleichen aus dem Hause – aus der Komödie – aus dem Leben! Aber man würde nicht so barmherzig sein! Da, das war Konskis eiliger Schritt! Ich bitte um Verzeihung! aber die gnädige Frau läßt so sehr dringend bitten! Es soll zur Tafel gegangen werden; man wartet nur noch auf den Herrn Doktor! XIX. Es war ein fürstliches Mahl, das Hildegard ihren Gästen in dem Speisesaale des einstmals herrschaftlichen Schlosses angerichtet hatte. In dem Scheine der zahllosen Kerzen auf den drei großen Kronleuchtern, auf den Wandkandelabern hatte der ungeheure, vom Beginn durch die geschlossenen Vorhänge verdunkelte Raum in Tageshelle gestrahlt; die von Silber und Kristall funkelnde, mit den prächtigsten Blumen geschmückte, schier endlose, von einer so glänzenden Gesellschaft umgebene Tafel – fünfundzwanzig Offiziere hatte Hildegard gezählt – bot einen zauberhaften Anblick. Alles ging nach der Herrin Wunsch, ja, über ihre Erwartung gut. Die aus der Stadt beorderten, in Livree gesteckten Diener konnte sie selbst von den eigenen Dienern kaum unterscheiden; die Kapelle des Regiments spielte im Nebensaale, – Oberst von Waldor hatte darauf bestanden, daß die Gnädige dem Regiment diese Ehre gewähren müsse, wenn er auch höre, daß sie eine Kapelle aus der Stadt in Bereitschaft habe. Die Toaste, vor denen sie so sehr gebangt, wurden zu Glanzpunkten. Otto war in dem ersten, der selbstverständlich Sr. Majestät dem Kaiser galt, nicht steckengeblieben; dann hatte Bertram, den sie, als man bereits bei Tische saß, durch einen Zettel darum gebeten, als ältester Freund des Hauses im Namen des Hausherrn die Gäste bewillkommnet und ein Hoch auf das Regiment ausgebracht. Oberst von Waldor antwortete in längerer, überaus gewandter, von übermütiger Laune und guten Einfällen sprudelnder Rede. Er nannte den glänzenden Empfang, der dem Regiment zuteil geworden, eine posthume Feier der Taten, die es in der Kampagne verrichtet, und eine kolossale Abschlagszahlung auf die, welche es in Kampagnen der Zukunft dereinst noch verrichten werde. Indem er dann diesen Empfang in seinen Einzelheiten schilderte, bezeichnete er unter all den Überraschungen als die ihm köstlichste den Umstand, daß er in dem Vorredner, der mit so herzlichen Worten das Regiment in diesem gastfreundlichen Hause willkommen geheißen, seinerseits einen alten, überaus werten und lieben Freund nach langen Jahren der Trennung habe begrüßen dürfen; und endlich, mit geschickter Wendung, von dem Vertreter des Hausherrn auf diesen selbst übergehend, ließ er »den übermilden Wirt und die schöne, die gütige, gnadenreiche Herrin des Hauses, an deren Seite er zu sitzen das hohe Glück habe«, leben. Und die übrigen vierundzwanzig Offiziere waren aufgesprungen wie ein Mann und hatten in wunderbar scharf bemessenen Pausen ein dreimaliges Hoch gerufen, welches das Hoch der übrigen Gäste, wie Kanonendonner das Kleingewehrfeuer, überdröhnte, und die Musik hatte dreimal Tusch geblasen; und alles hatte sich mit erhobenen Champagnergläsern um Hildegard gedrängt; Hildegard sah, diese Huldigungen entgegennehmend, strahlend schön aus, und der Oberst sagte es ihr, und daß sie die Schönste an ihrer Tafel sei, und küßte, indem sie sich wieder niederließen, feurig ihre Hand, Hildegard dankte dem bezaubernden Oberst mit huldvollem Lächeln für seine Schmeichelei und mit warmen Worten für den wundervollen Toast, an dem sie nur eines vermißt: eine geistreiche Anspielung, eine feine Hindeutung auf ihren schönen Gast, die Fürstin, die von ihrem Ehrenplatze aus neben Otto an der entgegengesetzten Seite der Tafel dem Redner mit größter Aufmerksamkeit gefolgt sei und etwas dergleichen augenscheinlich erwartet habe. Der Oberst zuckte lächelnd mit den Achseln: Ich habe auch daran gedacht, meine gnädige Frau, aber es ging auf Ehre nicht. Weshalb? Ich sagte der gnädigen Frau bereits, daß ich im vorigen Herbste mit der Fürstin ein paar Wochen zusammen in Teplitz war. Da mir die gnädige Frau nun – wofür ich mich ihr nachträglich zu Füßen lege – gestern abend wiederholt die Ehre erwiesen, meines Namens gegen die Dame zu erwähnen, ohne, wie es scheint, eine Erinnerung in ihr wachzurufen, durfte ich meinerseits doch wahrlich nicht in Erinnerungen schwelgen. Das verbot mir peremptorisch die gekränkte Eitelkeit. Und übrigens datiert die Kränkung schon von jener Zeit. Es ist für einen etwas verwöhnten Oberst kein Spaß, wenn ihm ein junger Offizier, noch dazu von seinem eigenen Regiment, vorgezogen wird, und das war damals unzweifelhaft der Fall. Der Herr, der wie ich an den Folgen einer schweren, in der Kampagne erhaltenen Verwundung laborierte, hatte mich nämlich nach Teplitz begleitet und war mein unzertrennlicher Gefährte, so daß er in der Geschichte als klassischer Zeuge gelten darf. Die Reminiszenz jener Demütigung meiner Eitelkeit ist in diesem Augenblicke um so lebhafter, als der Betreffende sich hier am Tische befindet. Und der Oberst deutete auf einen jungen, schlanken, dunkelhaarigen und dunkeläugigen Offizier, der zwischen Agathe und Auguste saß und sich eben lebhaft mit der ersteren unterhielt, während die schöne und kokette Auguste sehr gelangweilt dreinblickte. Auf Hildegard hatte die Erscheinung des jungen Mannes bereits bei der Vorstellung einen so angenehmen Eindruck gemacht, daß sie sogar seinen Namen und Rang behalten hatte: Premierleutnant Ringberg, Regimentsadjutant. Sie glaubte aber klüglich zu handeln, wenn sie jetzt an dem Aussehen des Herrn »nichts Besonderes fand«. Zu ihrem Erstaunen nahm der Oberst das fast übel: Ringberg sei wirklich in jeder Hinsicht ein besonderer Mensch, sein kenntnisreichster und zugleich schneidigster Offizier, ein vortrefflicher Charakter, der liebenswürdigste Kamerad, an dem er mit einer Art von Vaterliebe hänge, wie er denn auch an ihm, dem früh verwaisten Sohne eines lieben Freundes, Vaterstelle vertreten habe, und dem er jedes Glück der Erde gönne, auch daß er die schöne Russin mit allen ihren Millionen heimführe. Dazu scheint aber wenig Aussicht, unterbrach Hildegard lächelnd den Listigen; soviel ich habe bemerken können, ist Ihr Protegé für meine schöne Freundin gar nicht vorhanden. Wenn das keine ihrer Masken ist, erwiderte der Oberst; ich glaube, die Dame hat einen ganzen Laden voll davon. Das dürfen Sie mir nicht sagen; ich bete Alexandra an. Aber, gnädige Frau, das tue ich ja ebenfalls; würde ich sonst so schlecht von ihr sprechen! Auch das verbiete ich Ihnen. So will ich darauf schwören, daß sie gar nicht weiß, was eine Maske ist, und will es gegen eine ganze Welt verfechten, rief der Oberst lachend, und Hildegard lachte ebenfalls und warf Alexandra über den Tisch hinüber eine Kußhand zu, die von der Russin enthusiastisch erwidert wurde. Hildegard fühlte sich an der Seite ihres brillanten Kavaliers so glücklich, daß sie sich kaum entschließen konnte, die Tafel aufzuheben. Endlich mußte es doch geschehen, nachdem sie mit dem Forstkandidaten, der hinter ihren Stuhl geschlichen war, ein paar Worte gewechselt. In dem Augenblicke, als sie dann – ein paar Minuten später – ihren Stuhl rückte, flogen die Vorhänge von den Fenstern und Türen des Saales, die Türen taten sich auf, und vor den erstaunten Blicken der Gesellschaft lag der Garten in feenhafter Beleuchtung. Farbige Ballons zogen sich in Girlanden die Terrassen entlang, die Terrassen hinab, und jeder hervorragende Punkt, deren es nicht wenige gab, war zu einem bedeutenden Effekt benutzt: zu einer Sternenpyramide, einem Lichterkranz, einer Strahlenkrone. Und kaum hatten sich die von den Tischen herbeieilenden Gäste auf der Veranda vollzählig versammelt, als sie sich von dem blendenden Scheine einer bengalischen Flamme überstrahlt sahen, in deren Purpurglut die wundervolle Fassade des Schlosses herrlich in die Nacht hineinwuchs, während eine tiefgrüne Flamme ihr fünftes Licht die Terrassen hinaufsandte und auf dem großen Rasenplatze vor der Veranda mit dem roten Lichte zu einer magischen Dämmerung zusammenfloß. Und noch waren die Gluten nicht erloschen und die bewundernden Rufe der Überraschten nicht verhallt, als ein Böllerschuß dröhnte und von dem weiten Anger unterhalb der Terrassen eine Rakete ihre glänzende Bahn aufwärts nahm, der alsbald andere folgten, so schnell, daß die in höchster Höhe zerplatzenden Feuerkörper den dunkeln Himmel mit leuchtenden Sternen zu füllen schienen, während in der Tiefe Schwärmer zischten, Frösche sprudelten und Feuerräder prasselten. Nun aber war die Jugend nicht länger zu halten. Vergebens, daß besorgte Mütter zur Geduld mahnten und nach Schals und Tüchern riefen; die Mädchen hatten keine Zeit zu warten, und glücklicherweise durfte man in der lauen, windstillen Nacht der schützenden Umhüllung wohl entraten; die Herren Offiziere mußten sowieso barhaupt bleiben, wenn sie nicht zu den Helmen greifen wollten, mit denen sie zum Diner erschienen waren. So hüpfte und sprang denn alles die Treppen hinab; schon in den nächsten Minuten hatte sich das muntere Völkchen über die Terrassen zerstreut, und von überallher ertönte Lachen und Rufen der einander Suchenden, sich unerwartet an einer Wendung des Gartenlabyrinths Begegnenden, auch wohl voreinander Fliehenden – ein lustiges Spiel, in dem die jungen Damen des Hauses und der Nachbarschaft, als mit der Örtlichkeit völlig vertraut, gern die Führerschaft übernahmen oder ihre bessere Kenntnis zu ihrem Vorteil geschickt ausbeuteten. Unterdessen hatte sich der größere Teil der übrigen Gesellschaft allmählich in die beide Seiten des großen Speisesaales flankierenden Räume zurückgezogen, die Damen in die Musik- und Teezimmer links, die Herren rechts in das Billardzimmer, woran sich Rauch- und Spielzimmer reihten. Zwar ging man noch zu den Türen, die sich sämtlich auf die Veranda öffneten, aus und ein; aber auf der Veranda selbst war es verhältnismäßig leer geworden, so daß Bertram nur ein oder das andere Mal den Oberst ermahnen mußte, die sonore Stimme ein wenig zu mäßigen. Die beiden Freunde schritten, Arm in Arm, auf und ab; an Waldors Uniformrock waren nur noch wenige Knöpfe geschlossen; er dampfte mächtig aus seiner Zigarre, das schöne martialische Gesicht glühte in der Nachwirkung des Champagners und in der Aufregung, in die er sich mit jedem Worte mehr hineinsprach. Glauben Sie mir, lieber Freund, rief er, wenn etwas meine Anbetung für die einzige Frau noch hätte steigern können, so wäre es die Bravour, mit der sie für Ringberg ins Feuer gegangen ist. Aber leider decken sich bei den holden Geschöpfen Absicht und Ausführung nie. Eine meisterhafte Überflügelung des Gegners, ein Flankenangriff comme il faut ; aber nun gleich der kolossale Reinfall! Ich möchte mich totlachen! Keine Ahnung, daß Sie mir ein so lieber Freund sind! und Ihnen unsere ganze Geschichte haarklein erzählen wie einem Wildfremden, der die Geschichte nicht, wenigstens nicht in den Details, aus dem Französischen ins Deutsche zurückübersetzen kann, weil ihm die Kenntnis der wahren Persönlichkeiten fehlt. Und diese ungeheure Unvorsichtigkeit – weshalb? um Sie abzuschrecken! wovon? daß Sie sich nicht in das kleine Dämchen verlieben oder, wenn Sie es bereits getan, sofort gefälligst Retraite blasen sollen! Als ob unsereiner, die wir den Rummel kennen, sich durch eine Rekognoszierung der Art, und wenn sie noch so forciert ist, gleich ins Bockshorn jagen ließe! Danken Sie Ihrem Schöpfer, habe ich zu ihr gesagt, daß der Mann bessere Dinge in den Kopf zu nehmen hat als die Kindereien, die Sie ihm imputieren! Sie schwört freilich, davon sei sie schon gestern abend überzeugt gewesen, denn Sie seien vollkommen ruhig geblieben, und das Gegenteil wäre ihr gewiß nicht entgangen, denn sie hätte jede Ihrer Mienen auf das sorgfältigste beobachtet; aber ihre eigene Miene, als sie mir das sagte, bewies, wie erleichtert sie sich fühlte, daß alles so glücklich abgelaufen. Und was haben Sie nun in Ringbergs Angelegenheit beschlossen? fragte Bertram. Wollen Sie sich nicht wenigstens Erna und dann wohl auch selbstverständlich den Eltern entdecken? Den Teufel will ich das! rief Waldor. Ich würde mich wahrhaftig nicht besinnen, Ringberg aus einem verlorenen Posten herauszuhauen, es koste, was es wolle; aber hier handelt es sich nicht um ein Opfer, das ich zu bringen habe, sondern um eines, das Alexandra bringen muß und nicht bringen kann, wenn sie nicht ihr halbes Vermögen opfern will, das zum Kuckuck geht, sobald man von unserer Verlobung Wind bekommt. Ich brauche aber das ganze Vermögen und nicht das halbe. Ich habe mir schon als Leutnant geschworen, daß ich als Feldmarschall sterben und bis dahin wie ein Fürst leben will. Sie können doch nicht verlangen, daß ich mein Wort breche – noch dazu mir selbst? Bertram hielt es nicht für geraten, den Freund auf die Widersprüche hinzuweisen, die er sich in einem Atemzuge zuschulden kommen ließ. Er sagte: Ich meine, das Opfer wäre zu umgehen, wenn man die Betreffenden zur Verschwiegenheit verpflichtete; es würde sich unzweifelhaft jeder dazu verstehen, diese Verpflichtung zu übernehmen. In solchen Sachen darf man sich auf keines Menschen Verschwiegenheit verlassen, erwiderte der Oberst; würde doch jetzt schon alles verraten sein, wenn Alexandra mit ihren Indiskretionen einen anderen als Sie beehrt hätte. Aber wenn die Fürstin jenes Opfer absolut bringen will? So werde ich es nicht minder absolut verbieten. Die Dienste, die uns Kurt geleistet, sind groß, ich gebe es zu; aber sie gelten doch in erster Linie mir; wie kann ich von ihr verlangen, ja wie kommt sie dazu, so die Übergroßmütige zu spielen! Mehr würde man, mehr könnte man nicht für einen Geliebten tun! Und soviel ich weiß, liebt sie mich und nicht Ringberg! Der Oberst schleuderte die erloschene Zigarre fort und nahm eine neue, die er an einem der auf der Veranda brennenden Windlichter anzündete. So sah er das Lächeln nicht, das Bertram, wie wenig sein Gemüt auch zur Heiterkeit gestimmt war, bei den letzten Worten des selbstbewußten Freundes nicht hatte unterdrücken können. Dann müßte freilich die Fürstin mit Domingo sagen: »wir sind vergebens hier gewesen«, begann er von neuem, als Waldor sich wieder zu ihm wandte. Allerdings, entgegnete dieser; und ich habe sie auf das dringendste gebeten, morgen wieder abzureisen. Hier, im Kreise meiner Offiziere, von denen einer und der andere ganz gewiß schon mehr weiß, als mir lieb ist, sind wir keinen Augenblick vor einer eklatanten Enthüllung sicher. Ich glaube so gute Nerven zu haben wie irgend wer, aber die Situation auf einem Pulverfaß, wenn es ringsum brennt, ist denn doch für den Tapfersten verzweifelt unbehaglich. Was ist unbehaglich, mein Herr Oberst? fragte Alexandras Stimme hinter ihnen. Der Oberst wandte sich auf den Hacken und schloß ein paar Knöpfe an der Uniform. Ah! meine gnädige Fürstin. Nennen wir uns vor unserem Freunde bei unseren Namen, sagte Alexandra. Geben Sie mir Ihren Arm, lieber Herr Bertram! und Sie, mein Freund, kommen Sie an meine andere Seite. So können wir vertraulich plaudern. Darf ich rauchen? Ich täte es gern selbst, wenn ich dürfte; aber nun schnell zur Sache! Was haben Sie beschlossen? Das ist genau dieselbe Frage, die ich soeben Waldor vorlegte, erwiderte Bertram. Ich habe beschlossen, daß die jungen Leute sehen müssen, wie sie zurechtkommen, sagte Waldor. Das ist ein abscheulicher Entschluß! rief Alexandra. Aber ein notwendiger. Nicht für mich; ich werde mit der jungen Dame sprechen. Sie werden es nicht tun, wenn Sie nur das mindeste auf meinen Rat geben. Überdies, wenn Sie Ihrer Sache so sicher waren, warum haben Sie es nicht gestern bereits getan? Weil ich Ihrer Mitwirkung bedarf. Die nun eben ausbleibt. Es war ein erregter, fast heftiger Ton, in dem die beiden diese Wechselrede im schnellsten Tempo führten. Eine Pause folgte, die auch für Bertram unbehaglich war, obgleich er sich sagte, daß die Uneinigkeit des Paares ihm ja nur willkommen sein könne. Er hatte Erna und Ringberg scharf beobachtet: es war zwischen ihnen während der Tafel, an der sie sich schräg gegenüber gesessen hatten, kein Wort gewechselt worden; und während Erna vorhin den anderen jungen Damen in den Garten folgte, war Ringberg auf der Veranda geblieben und dann in den Billardsaal getreten. Eine Annäherung der Getrennten schien, in Anbetracht von Ernas stolzem Charakter, schwierig, fast unmöglich ohne eine wohlwollende und gewandte Vermittlung, zu der denn doch so wenig Zeit und Gelegenheit blieb. Morgen schon ging die Einquartierung zu Ende; sie waren wieder auf lange Zeit getrennt – auf immer, wenn er den Einfluß, welchen er doch unzweifelhaft bei Erna besaß, geltend machen wollte und nur ein Etwas von dem robusten Egoismus aufbieten konnte, mit dem sich der ordengeschmückte Soldat an seiner Seite den Weg zu höchstem Rang und ungemessenem Reichtum ebnete. So weiß ich nur noch ein Mittel, das zum Ziele führen kann, begann Alexandra mit gepreßter Stimme. Ich wußte, daß Sie etwas der Art finden würden, rief Waldor; aber worin besteht es? Es besteht darin, daß – Alexandra brach ab, denn als sie sich jetzt, am Ende der Veranda angelangt, alle zugleich wandten, kam der, mit dem sich ihre Gedanken beschäftigten, auf sie zu und war nur noch wenige Schritte entfernt. Sie wollen etwas von mir, lieber Ringberg? rief der Oberst. Zu Befehl, Herr Oberst; eine Stafette vom Kommandierenden. Hole ihn der – zischte der Oberst durch die Zähne. Er trat an den jungen Offizier heran, der seine Meldung mit leiser Stimme abstattete, während Alexandra und Bertram in der Nähe stehenblieben. Sie sahen, wie Waldor ärgerlich seine Zigarre auf den Boden warf und sich den Uniformrock vollends zuknüpfte. Ich danke Ihnen, lieber Ringberg; Sie können hier bleiben; es ist genug, daß einem von uns der Spaß versalzen wird. Keine Widerrede, Herr! eine Ordonnanz soll mit, und den Fuchswallach satteln, wenn Sie die Güte haben wollen, es im Vorübergehen zu sagen. Zu Befehl, Herr Oberst! Ringberg war gegangen, Waldor wandte sich. Da haben sie drüben, scheint es, eine etwas andere Aufstellung genommen, als Exzellenz erwartet hatten, und nun trommelt er uns Regimentskommandeure zusammen, um die Omelette mit möglichst viel Geräusch zu backen. Über den alten Faselanten! Das sollte im Kriege sein, ich wollte ihm Bescheid sagen, wenn er mich zu einer solchen Stunde eine halbe Meile weit von einem Posten wegrufen wollte, wo ich jeden Augenblick alarmiert werden kann. Indessen, das hilft nun nicht. Ich werde Almansor nicht schonen, aber ich fürchte, ich bin vor ein Uhr nicht zurück, und Punkt zwölf müssen meine Herren Offiziere im Quartier sein; da wird denn auch wohl die übrige Gesellschaft verduften. Ich nehme an, daß wir zwischen zwei und drei Uhr angegriffen werden. Wenn ich Sie also nicht wiedersehe, teure Alexandra, bleibt's bei der Verabredung: Sie fahren morgen in die Stadt und bleiben dort, bis ich übermorgen hoffentlich auf einen Augenblick vorsprechen kann oder Nachricht sende. Adieu, Teuerste! Sie, lieber Freund, sind wohl noch auf, wenn ich zurückkomme; ich besuche Sie auf Ihrem Zimmer und höre, was die liebenswürdigste und geistreichste der Frauen im Interesse unserer Schützlinge ausgedacht hat. Der Oberst hatte Alexandra noch einmal die Hand geküßt und eilte davon. Alexandra schaute ihm, die Arme unter dem Busen gekreuzt, düsteren Blickes nach, bis er in der Tür des Billardsaales, wo ihm ein paar der höheren Offiziere entgegentraten, verschwunden war. Dann wandte sie sich mit leidenschaftlicher Bewegung zu Bertram. Er irrt sich; Alexandra Volinzow läßt sich nicht kommandieren wie ein Haufe Rekruten; ich reise morgen nicht; ich gehe nicht eher von hier fort, als bis ich mein Ziel erreicht habe; und Sie, Sie müssen es mir erreichen helfen! Sie hatte heftig den Zipfel ihres Schals über die Schulter geschlagen und hing sich an Bertrams Arm, ihn von der Veranda in den Garten ziehend, aus welchem die Jugend eben paarweise oder in größeren Trupps lachend und scherzend eilfertig die Treppen heraufkam, angelockt von den Klängen der Kapelle, die in dem mittlerweile ausgeräumten großen Saale zur Polka aufspielte. Und worin soll meine Hilfe bestehen? fragte Bertram. Sie müssen mit Erna sprechen, Sie müssen ihr alles erklären. Ich bin machtlos ohne Waldors Mitwirkung; und Sie haben gehört, daß er uns im Stiche läßt. Mehr noch: er hat, wie ich vorhin von Hildegard herausgebracht, sein Verhältnis mit mir geflissentlich in Abrede gestellt und, da er mich nicht ganz verleugnen konnte, alles auf eine oberflächliche Badebekanntschaft zurückgeführt; ja, die Perfidie so weit getrieben, den alten Verdacht eines Verhältnisses zwischen mir und Kurt wieder wachzurufen; mit einem Wort: das Äußerste getan, meine Glaubwürdigkeit den Eltern gegenüber, Erna gegenüber zu erschüttern, mein Eingreifen, wollte ich es wagen, zu einer lächerlichen, häßlichen Farce zu machen. Sie sind der intime Freund der Eltern; Sie sind Ernas ganz eigentlichster Beschützer, Vormund, – sind ihr mehr als der eigene Vater. Die törichte Furcht der Mutter, daß Sie das holde Kind in einer anderen Weise liebten, habe ich gründlich zerstört; von allen Seiten wird man Ihnen Vertrauen entgegenbringen; und sollten noch Zweifel obwalten, Bedenken erhoben werden – Sie sind so klug, so fein, so beredt – Sie werden jeden Einwand mit Leichtigkeit hinwegräumen, mit sicherer Hand alles zum guten Ende führen, der Retter, der Erlöser jener beiden armen lieben Seelen sein aus der Höllenpein der Eifersucht, des Zweifels, der Verzweiflung. Daß es an mir nicht fehlen wird, daß ich alles, was Sie sagen, bestätigen, mit meiner Person voll und ganz eintreten werde – das versteht sich von selbst. Es ist mein fester Entschluß; es ist meine einfache Pflicht; ich werde sie erfüllen, mag Waldor es nehmen, wie er will. Alexandra hatte das alles mit fliegendem Atem gesprochen; Bertram fühlte das ungestüme Wogen des Busens, gegen den die Leidenschaftliche seinen Arm drückte. Seine Erregung war nicht geringer, dennoch gelang es ihm, in ruhigem Tone zu erwidern: Sie fordern viel von mir, gnädige Frau. Sie nennen mich Ernas Vormund, Ernas zweiten Vater. Ich akzeptiere das; versetzen Sie sich, wenn es Ihnen möglich ist, in die Lage eines Vormundes, eines Vaters in einem solchen Falle! Sie haben mir in der Geschichte Claudinens Ihre eigene Geschichte erzählt, ich zweifle keinen Augenblick: mit dem vollsten Bestreben der Wahrhaftigkeit, in der Sie, dem Unbekannten gegenüber, keine Gefahr sahen, und zu der Sie überdies Ihr lebhaftes Temperament und die leidenschaftliche Teilnahme gleicherweise trieben. Aber nun: hatte Ihre Wahrhaftigkeit auch die Wahrheit zutage gebracht? nicht die Wahrheit von gestern und von heute, sondern die von morgen? die Wahrheit, das wahrhaftige Bild der Zukunft, in der Sie den einst so heiß Geliebten in Ihrer fortwährenden nächsten Nähe sehen werden an der Seite einer Frau, die nicht viel jünger ist als Sie, die nicht so schön ist wie Sie, nicht so geistreich wie Sie; die, wie anmutig immer, jenes namenlosen Zaubers entbehrt, der von einer schönen, geistreichen Dame der vornehmen Welt ausstrahlt und die Herzen der Männer umstrickt – können Sie – ich spreche jetzt nur von Ihnen, gnädige Frau, – nur von dem, was in Ihrer Macht steht, können Sie für Ihr Teil, für Ihr eigenes Herz die Verantwortung dieser Zukunft übernehmen? Ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist: können Sie mit gutem Gewissen dem Vormund, dem Vater diese Versicherung geben? Bei allem, was mir heilig ist, ja, erwiderte Alexandra; und daß ich lieber sterben will, als meinen Schwur brechen. Sie hatte sich plötzlich herabgebeugt und wollte Bertrams Hand an ihre Lippen ziehen; er wehrte mit sanfter Gewalt ab. Wir dürfen einander nicht erweichen, sagte er mit bebender Stimme, dürfen nicht durch Tränen der Rührung die Klarheit unseres Blickes trüben. Ich nehme Ihren Schwur an. Jetzt bitte ich vom Schicksal die Gnade, mir einen Blick, einen tiefen Blick in das Herz des jungen Mannes zu vergönnen, und – in Ernas Herz! Er hatte die letzten Worte nur noch eben durch die zitternden Lippen gemurmelt; auch Alexandra war zu bewegt, um sprechen zu können. So waren sie schweigend die Stufen zur Veranda wieder hinaufgestiegen, absichtslos auf die weit offene Tür zu, welche in das Spielzimmer führte. Alexandra blieb mit einem leisen Rufe stehen. Was haben Sie, gnädige Frau? Sie antwortete nicht, zog rasch ihren Arm aus dem seinen und eilte von ihm fort in das Spielzimmer. Bertram folgte ihr nicht; verwundert und verletzt, daß sie ihn so plötzlich verlassen»konnte, angelockt, wie es schien, durch den großen ovalen Tisch, den eine ziemlich dichte Schar Herren umstand, entweder selbst pointierend oder den Chancen des Spiels folgend, das wohl jedenfalls ein Hasardspiel war, bei welchem Baron Lotter die Bank übernommen hatte. Wenigstens sah Bertram den Verhaßten an der schmalen Seite des Tisches sitzen und die Karten austeilen. Und jetzt hörte er auch die laute, ihm so widerwärtige Stimme rufen: Faites votre jeu, messieurs ! Alexandra war bis unmittelbar an den Tisch herangetreten, als ob sie sich an dem Spiele beteiligen wolle; Bertram wandte sich unmutig ab. Wie konnte er beim besten Willen volles Vertrauen zu einem Wesen haben, das jeder Regung des beweglichen Herzens, jeder Lockung der leichtbeschwingten Phantasie zu folgen gewohnt war? Nein, nein! wenn er entsagen sollte, so mußte Ernas Glück auf einem sicheren Grunde befestigt sein! Er lehnte gegen die Tür des Saales, wo sich die Paare eben zu einem Kontertanz ordneten. Erna stand mit ihrem Partner, einem jungen Offizier, wenige Schritte von ihm. Sie unterhielt sich in ihrer gemessenen Weise; er konnte jede leise Bewegung der lieben Lippen sehen, wenn sie sprach oder ein Scherzwort ihres Tänzers mit einem flüchtigen Lächeln erwiderte. Das reine Profil wurde manchmal ein wenig von der zarten Wangenlinie überschnitten; er meinte jeden Moment, sie müsse sich vollends wenden und ihn erblicken. – Ich fühlte, daß mich jemand ansah, hatte sie an jenem Morgen gesagt, als er sie schreibend unter der Platane fand; jetzt fühlte sie es nicht. Was hatte die Magie seines Blickes gebrochen? daß seine Liebe nicht mehr selbstlos war? daß ihn ein wütendes Verlangen ergriff, die schlanke weiße Gestalt in seine Arme zu pressen, den süßen Mund mit wilden Küssen zu bedecken? Nein, nein! das war es nicht! Es war, daß ihr Herz nichts mehr wußte von ihm; es war, daß neue junge Götter in den Tempel eingezogen waren, und die alten mochten ruhmlos von dannen weichen und in dem Dunkel der Nacht ihre Schmach verbergen! Die Musik setzte ein, Erna reichte ihrem Partner die Hand und schwebte nach der anderen Seite des Saales; er stürzte davon, die Verandatreppe hinab, in den Garten. Dort irrte er ziellos umher, wilde Worte ausstoßend, die Hände ringend, verzweifelt. Der verlassene Garten mit den im Nachtwinde schaukelnden, erloschenen und verlöschenden Laternen erschien ihm als das Bild seines verödeten, verwüsteten Lebens, während die von dem lichterfüllten Schlosse herabrauschende Musik und das Johlen und Singen unten von dem Dorfe herauf den einsamen Selbstquäler verhöhnte. Er fühlte, so konnte es nicht bleiben, wenn er nicht wahnsinnig werden wollte; er fragte sich, die Hände in die pochenden Schläfen drückend, ob er es nicht bereits sei? das unselige Opfer, das die Furien der Eifersucht vor sich her hetzen, bis es zusammenbricht, es löse sich denn von ihnen durch freiwillige Entsagung? Aber entsagen kann man doch nur dem, was einem gehört, was man zur Not behaupten, dessen Besitz man wenigstens dem Gegner bis zum letzten Atemzuge streitig machen würde. Die Verzweiflung entsagt nicht; sie läßt nur fahren, was sie nicht festzuhalten vermag. Oder was hatte er denn getan, um Erna zu halten? was tat er in diesem Augenblicke, als wiederum das Feld dem Gegner räumen, für den auch ohnedies Sonne und Wind – die Jugend und das Vorrecht einer ersten Neigung stritten? Er war es wert, besiegt zu werden, er, der weder die Kraft hatte, sich selbst zu besiegen, noch den Mut, sich mit dem Nebenbuhler zu messen. Mochte es sich denn entscheiden! XX. Er hatte sich auf der untersten Stufe der Terrassen befunden, als sich aus der verstörten Seele, welche die Qual nicht länger tragen konnte, dieser Entschluß losrang. Eine schmale, steile Treppe führte hier an der Grenze des Gartens ohne Absätze hinauf; er nahm zwei, drei Stufen auf einmal; er war oben. Nun wandte er sich rechts über den Rasenplatz nach der Veranda, als plötzlich die Musik im Saale schwieg und auch sofort aus allen Türen die Tanzgesellschaft strömte, sich in der lauen Nachtluft zu erfrischen. Er wollte ihr in dem bunten Durcheinander der Schwatzenden, Lachenden nicht begegnen. Einzelne Paare kamen die Stufen herab; er wich zurück in das Dunkel der Bosketts, die den Wintergarten umgaben. Der Wintergarten war erleuchtet; er konnte durch ihn ungesehen und unbelästigt in die Gesellschaftszimmer gelangen; soweit er durch die Fenster den Raum überblickte, schien sich niemand dort aufzuhalten. Er trat hinein. Zwischen Palmen und breitblättrigen Gewächsen führte ein schmaler Gang, der in der Mitte von einem kürzeren und breiteren durchschnitten wurde. Da, wo die Gänge sich kreuzten, ragte die höchste Palme aus mächtigem Kübel fast bis zum Glasdach auf. An dem Hinteren Ende des Querganges befand sich in der Wand eine mit zierlichen eisernen Gartenmöbeln ausgestattete Nische. Er wußte, es war ein Lieblingsplatz Ernas, wo sie bei regnerischem Wetter stundenlang verweilte. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, die Stätte zu betreten, die ihm durch sie geheiligt war. Während er sich in einen der Stühle sinken ließ, beugte er das Haupt über den Tisch auf die gefalteten Hände. Und wie er so in der Gebärde des Betenden saß, wurden seine Gedanken zum Gebete: es möge dem Schicksal gefallen, sein Los zu entscheiden, jetzt und hier, es sei nun Seligkeit oder Tod. Er wolle eines und das andere nehmen als ein demütiger Mensch, der da weiß, daß er den himmlischen Mächten Untertan ist, die mit ihm schalten nach ihrem unerforschlichen Ratschluß. Er hob den Kopf und richtete sich langsam auf, langsam zögernd. War sein Gebet nicht erhört? vermochte die Liebe nicht Wunder zu wirken, wie der Glaube, der doch geringer ist denn sie? Ja, sie mußte kommen, die er herbeisehnte mit seines Herzens ganzer Kraft! Und da – wie er die Augen nach der Tür wandte, wurde die Portiere auseinander gezogen, und sie stand auf der Schwelle, die schlanke weiße Gestalt, vornüber geneigt, in die stille grüne Wildnis hineinspähend, lauschend. Nun kam sie leichten Schritts die Stufen herab, den Gang herauf bis zu der hohen Palme und blieb abermals stehen, von ihm abgewandt, die eine Hand auf den Rand des Kübels stützend, die andere gegen den Busen drückend. Erna! Er hatte es, in der Furcht, sie zu erschrecken, sehr leise gesagt; doch zuckte sie aus ihrer Stellung, aber wandte sich nicht um zu ihm, der nur durch einen kleinen Raum von ihr getrennt war, sondern lauschte nach der anderen Seite; und in demselben Moment hörte er auch die kleine Tür öffnen, durch die er selbst aus dem Garten eingetreten; es kam jemand den Gang entlang eilig auf Erna zu, die eine Bewegung machte, als ob sie fliehen wolle, und dann nicht mehr fliehen konnte. Mein gnädiges Fräulein – Sie antwortete nicht, und er schien Kraft und Geistesgegenwart mit diesen ersten, in sehr unsicherem Tone gesprochenen Worten erschöpft zu haben. So blieben sie ein paar Sekunden regungslos. Dann sagte Erna: Fräulein von Aschhof hat mir mitgeteilt, daß Sie mich zu sprechen wünschen. Ich bin nur gekommen, Sie zu ersuchen, Fräulein von Aschhof nicht weiter mit Ihrem Vertrauen zu beehren; ich – ich bin empört, daß Sie es überhaupt tun konnten. Um Himmels willen, hier muß ein Mißverständnis obwalten. Ich würde nie gewagt haben, mich an Fräulein von Aschhof zu wenden. Sie hat das erste Wort gesprochen mit einer Sicherheit, die keinen Zweifel bei mir aufkommen ließ; ich konnte nicht anders glauben, als daß Sie – Sie selbst, mein gnädiges Fräulein – Das ist zu viel! Der atemlose Lauscher vernahm das Rascheln ihres Gewandes und dann ein paar hastige, flehende Worte, die sie doch wieder festhielten. Sie hatten dabei ihre Stelle verändert; er konnte durch das dichte Blättergewirr eines hohen Schilfgewächses, das sich zwischen sie und ihn geschoben, kaum noch etwas von ihnen sehen, aber desto deutlicher jedes leiseste Wort verstehen. Sie dürfen mich ein Mißverständnis nicht büßen lassen, an dem ich – ich schwöre es Ihnen – unschuldig bin, so daß ich nicht einmal ahne, wodurch es hat herbeigeführt werden können. Wie es aber auch sei – ich segne es als eine Gnade des Himmels, der nicht wollte, daß ich ungehört von Ihnen verurteilt würde. Ich bitte, ich flehe Sie an: hören Sie mich. Was haben Sie mir zu sagen? Was ich Ihnen in meinem letzten Briefe schrieb: lassen Sie mir, wenn Sie meinen Versicherungen keinen Glauben schenken wollen – und ich begreife es ja, daß, wie die Verhältnisse liegen, der Schein gegen mich spricht –, lassen Sie mir Zeit, nur ein wenig Zeit, bis diese leidigen Verhältnisse sich geklärt haben, und der Schein damit von selbst in nichts zerfließt. Nur so viel darf ich, muß ich sagen: ich liebe die Fürstin nicht, habe es nie getan; habe nie etwas für sie empfunden, als Teilnahme, Achtung, Freundschaft – wenn Sie wollen – Gefühle, welche die seltene Frau in jedem erwecken wird, der sie näher kennt. Sie ist zu keinem anderen Zwecke hier, als für mich zu sprechen; mit Aufopferung großer persönlicher Vorteile das unselige Geheimnis zu lösen, das mir Schweigen auferlegt. Aber sie ist dabei auf einen Widerstand gestoßen, den sie nicht beseitigen kann, und der sie und auch mich in der alten schlimmen Lage zu verharren zwingt. Darum noch einmal: lassen Sie mir Zeit! eine Gnadenfrist! Man gewährt sie ja dem Verbrecher; und ich habe keine andere Schuld, wenn es eine ist, als daß ich die Pflichten, die mir Dankbarkeit und langjährige Freundschaft auferlegten, heilig halte, selbst jetzt, wo es mir so unendlich schwer gemacht wird, wo es mich in Gefahr bringt, das Glück meines Lebens darüber einzubüßen. Das ist alles, was Sie mir zu sagen haben? Alles. Denn was ich sonst noch sagen könnte, es würde keinen Glauben finden, wenn Ihr Glaube an meine Wahrhaftigkeit nicht einmal so weit reicht. Leben Sie wohl! Erna! – ist es möglich! schweigt denn alles in ihrem Herzen? spricht denn, regt sich denn da gar nichts mehr für den, den Sie doch einst – ich wage das Wort nicht mehr auszusprechen; ich muß ja fürchten, Sie aufs neue zu beleidigen, erinnere ich Sie an das, was einstmals war. Großer Gott! und ich habe gedacht, wenn deiner Feder keine Kraft innewohnt, wenn auf dem Papier alles ungeschickt und tot ist, – du brauchst nur wieder ihr gegenüberzustehen, ihr in die geliebten Augen zu blicken, sie in deine – da wird sie dir glauben, noch bevor du sprichst. Und jetzt – jetzt – mein Blick hat keine Kraft, meine Worte sind leerer Schall – ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll; ich stehe da wie ein Bettler, der seine bittere Not geklagt hat, und vor dem sich die Tür verschließt, an die er mit zagendem Finger pochte. Bin ich so arm geworden? Nun denn, es kommt mir schwer an, die Hilfe eines Fremden anzurufen; aber Sie lassen mir keine Wahl. Es lebt in Ihrer unmittelbaren Nähe jemand, der in dem Besitze des Geheimnisses ist, dem es die Fürstin mitgeteilt hat, – halb unfreiwillig, fortgerissen von der Lebhaftigkeit ihres Temperaments, das sie zu zügeln nie gelernt hat, halb aus freien Stücken, in der Hoffnung, sie verrate dem Manne nichts, als was heute bereits alle, wenigstens alle Beteiligten wissen würden. Diese Hoffnung ist nun eben nicht in Erfüllung gegangen; jener Mann weiß das, und so, weil er sich unter diesen Umständen nicht für berechtigt hält, zu sprechen, wird er schweigen, wenn ich ihn richtig beurteile, trotzdem die Fürstin ihm bereits volle Freiheit gegeben, ja ihn dringend gebeten hat, Ihnen alles zu sagen. Ich gestehe, ich war bestürzt, als sie es mir vorhin mitteilte, es war mir – abgesehen von anderen Rücksichten – peinlich, den Schlüssel zu dem verhängnisvollen Rätsel in den Händen eines Dritten zu wissen. Nun aber, da ich schmerzlich meine Ohnmacht fühle, mag er für uns – für mich eintreten, wenn er will. Und er wird es wollen, wenn auch ich ihn bitte. Ich habe noch nicht drei Worte mit ihm gewechselt; aber eine Miene, so voll Seelenadel, wie die seine, kann nicht trügen. Und ihm – ihm werden Sie glauben! Nimmermehr! Sie werden ihm nicht glauben? Ich will lieber sterben, als von ihm hören – mit ihm sprechen über – Oh, das ist schändlich, schändlich! Das ist das Äußerste! Was bis jetzt geschehen – aber dies – dies – Großer Gott, was ist Ihnen? was heißt das? Das heißt, daß dies mein letztes Wort ist: gehen Sie! Ich gehe. Doch noch eines – mein letztes Wort, das sich qualvoll aus meiner Seele losringt: es gibt ein größeres Unglück, als seine Liebe verkannt, mißachtet, verworfen zu sehen. Das ist, sich sagen zu müssen, daß sie, die man mehr, tausendmal mehr geliebt hat, als sein Leben, von anderen Frauen, die man ihr nie gleichzustellen, kaum mit ihr zu vergleichen wagte, an Güte und Großmut übertroffen wird. Ein rascher Schritt über die Fliesen des Ganges, das Öffnen und Schließen der kleinen Fenstertür nach dem Garten und dann ein Schrei, halb unterdrückt und nur um so fürchterlicher wie eines zum Tode Getroffenen. Bertram eilte um das Gebüsch herum auf sie zu, die mit erhobenen Armen und weiten, starren Augen dastand. Und abermals ein Schrei, und im nächsten Moment lag sie an seiner Brust, ihn umschlingend, ihn umklammernd, wie ein Ertrinkender den Felsen umklammern mag. Onkel Bertram! ach, lieber, lieber Onkel Bertram! Geliebtes Kind! Rette mich! rette mich! Ein Tränenstrom erleichterte den gepreßten Busen; sie schluchzte laut, auf seine Schulter gebogen. So war's erfüllt, was er noch vorhin als das Glück herbeigesehnt, dessen er nur für einen Moment teilhaftig werden wollte, um dann freudig zu sterben: er hielt sie an seinem Herzen – den schlanken jungfräulichen Leib, den zarten klopfenden Busen – ihr süßer Atem umwehte seine heiße Wange – und wußte, sie war in seine Hand gegeben; er hatte die Macht, sie festzuhalten, es kostete ihm ein einzig Wort, – und war doch alles nur ein Traumgeschenk, das man noch ein Paar Sekunden mit geschlossenen Augen bannt, und das, so man die Augen öffnet, entweicht auf Nimmerwiederkehr. Ich will dich retten vor dir selbst, indem ich dich dir selbst wiedergebe, die du dich verloren hast. Sie blickte ihn, den Kopf aufrichtend, verwirrt fragend an. Heute nicht, liebes Kind, morgen! aber du mußt ein gutes, ein folgsames Kind sein. Ich will alles tun, was du willst, was du mir befiehlst, Lieber, Geliebter! es ist ja niemand so gut, so edel wie du! ich liebe niemand, wie ich dich liebe! Sie umschlang ihn von neuem und heftiger als vorhin; ihre heißen Lippen zitterten auf seinen Lippen. Aber er erwiderte den Kuß nicht, und um seine Lippen schwebte ein melancholisches Lächeln, als er, sie sanft von sich drückend und ihr das dunkle Haar streichelnd, sagte: Und nie hat ein Vater sein liebstes Kind besser geliebt, als ich dich liebe. Und wieder blickte sie zu ihm auf mit einem seltsamen Ausdruck von Angst und Scham. Geh liebes Kind, geh jetzt! wir sprechen morgen; ich reise morgen nicht; ich reise nicht eher, als bis – du meiner nicht mehr bedarfst. Auf Wiedersehen morgen! und dann dürfen diese lieben Augen nicht mehr weinen. Er ließ sie, die sich noch immer – aber jetzt unsicher, schüchtern – an ihn schmiegte, aus seinen Armen gleiten: Geh, liebes Kind, geh! Sie ging – langsam, zögernd, das Haupt tief gesenkt. Auf der obersten der Stufen, in der Tür des Teezimmers, blieb sie stehen und wandte sich, als erwarte sie, daß er sie zurückrufe. Er aber winkte mit Hand und Augen: Geh! Sie verschwand hinter der Portiere. Er war allein. XXI. Die Festlust hatte ihren Höhepunkt erreicht. Um zwölf Uhr mußten, nach der Order des Chefs, die Herren Offiziere – auch die in die Oberförsterei, in das Haus des Schulzen und andere ansehnliche Häuser des Dorfes gewiesenen – in ihren Quartieren sein, und es war bereits über elf. So galt es, aus dem Becher der Freuden, die das gastliche Haus schier im Übermaße bot, die letzten vollen Züge zu schlürfen. – Vivat Champagner! rief Kamerad von Saldern, das volle Spitzglas von dem Teller des repräsentierenden Dieners nehmend. – Und schöne Mädchen! rief Kamerad von Köppingen zurück, indem er das mit einem Zuge geleerte auf den Teller setzte und sich auf den Hacken wandte, um zu Auguste von Palm zu eilen, mit der er den Rheinländer tanzen sollte, dessen erste Takte eben vom Orchester herabrauschten. – Wo haben Sie denn gesteckt, Ringberg? fragte Kamerad von Mollwitz, ein bißchen gejeut? – Sie wissen, ich spiele nicht, erwiderte Kurt, der in der Saaltür lehnte. – Und tanzen auch nicht? na, Sie sind, wie immer, der Vernünftige. Mir sind die Beine wie gerädert, auf Ehre; und dabei bin ich zum Rheinländer mit der Ballkönigin engagiert. Ich suche sie überall; haben Sie sie nicht gesehen? ah! da ist sie! Von Mollwitz flog quer durch den Saal auf Erna zu, die eben aus dem Teezimmer hereintrat. Eine Minute später wirbelte das Paar an Kurt vorüber; von Mollwitz mit glückstrahlendem, glühendem Gesichte, selbst wahrend des Tanzes schwatzend; Erna still und bleich, die dunkeln Wimpern tief gesenkt. Kurt blickte ihnen mit düsteren Blicken nach; dann wandte er sich nach der Veranda, auf der er ein paarmal hin und her schritt. Wieder einmal an dem einen Ende angelangt, sah er, umkehrend, an dem anderen Ende einen Herrn die Stufen heraufsteigen, in dem er, sobald er in das hellere Licht trat, Bertram erkannte. Der junge Mann machte ein Paar schnelle Schritte und blieb dann zaudernd stehen. – Weshalb das noch? murmelte er; es ist ja doch nun alles vergebens. Bertram, der an eines der Fenster des Ballsaals getreten war, kam langsam die Veranda herauf. Es war Kurt peinlich, dem Manne zu begegnen, an den er sich noch vor wenigen Minuten als Bittender hatte wenden wollen. So schlüpfte er in das Spielzimmer, vor dessen Tür er sich gerade befand. Er weicht mir aus, dachte Bertram; da muß denn freilich der Berg zum Propheten kommen. Im Begriff, Kurt im Spielzimmer aufzusuchen, sah er, an den Türen des Ballsaals vorüberstreichend, Lydie, die dort mit einem der älteren Offiziere in ihrer gewohnten Weise unter vielen Bewegungen und lebhaftem Fächerschwingen konversierte. Er näherte sich ihr, die nur wenige Schritte entfernt stand; und sie, deren Blicke immer überall umherfuhren, hatte ihn, wie er gehofft, alsbald entdeckt. Ein Winken mit den Augen genügte der Vielerfahrenen. Sie rief dem Major noch lachend ein Scherzwort zu und tänzelte zu Bertram. Sie haben mir etwas mitzuteilen, lieber Freund? Wenn Sie mir eine Minute schenken wollen. Eine Minute? Ihnen? Sie sah Bertram mit einem schmachtenden Blicke an und erschrak. Großer Gott, rief sie, Sie sind krank! wir sollen nach dem Arzte – aber hier ist ja einer – zwei sogar – ich bitte, lassen Sie mich – Und ich bitte, bleiben Sie, sagte Bertram, sie, die bereits fort wollte, an der Hand ergreifend. Ich fühle mich allerdings etwas angegriffen – Folge der Unruhe und des Lärmens, an die ich nicht gewöhnt bin – aber sonst vollkommen wohl. Bitte, setzen wir uns dort! Er deutete auf einen Diwan in der Nähe und ging voran; Lydie folgte mit wankenden Knien, am ganzen Körper zitternd, während ihr das Herz bis in die Kehle schlug. Die ganz ungewöhnliche Annäherung des sonst so Zurückhaltenden, seine Blässe, seine Feierlichkeit – es konnte ja nur einen Grund, eine Bedeutung haben – was sollte sie erwidern? die Überraschte, Erschrockene spielen –jedenfalls! aber nicht zu lange, nur ein paar Momente halber Ohnmacht – mit an die Wand zurückgelehntem Kopfe und nach dem Kronleuchter gerichteten verzückten Augen. Liebe Freundin – denn ich muß an Ihre Freundschaft appellieren – an Ihre Liebe – Großer Gott! murmelte Lydie. An die Liebe, mit der Sie doch unzweifelhaft an Erna hängen, und die Sie auch, nehme ich an, zu dem letzten, allerdings recht bedenklichen Schritt verleitet hat. Großer Gott, murmelte Lydie abermals, aber diesmal mit dem Ausdrucke tiefsten Schreckens, wie jemand, dem der Boden plötzlich unter den Füßen versinkt. Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, fuhr Bertram fort, zu denen ich kein Recht habe. Im Gegenteil: ich selbst empfinde es als ein Unrecht, daß ich Ihnen in Ernas Angelegenheit nicht das nötige Vertrauen schenkte, mich in Schweigen und Geheimnis hüllte und Sie dadurch fast zwang, allein und selbständig vorzugehen, um unserem lieben Kinde zu seinem, hoffen wir, dauernden Glücke zu verhelfen. Aber das von Ihnen angewandte Mittel kam zu plötzlich, war zu stark; es hat nicht gut gewirkt, wenigstens nicht für den Moment, wo die Sache vielmehr ein verzweifeltes Aussehen angenommen hat. Fragen Sie mich nicht, wie ich das erfahren. Ich sage es Ihnen wohl später, wo Sie mir dann vielleicht auch mitteilen, auf welchem Wege Sie hinter das von den beiden sorgfältig gehütete Geheimnis gekommen sind. Das alles ist vorderhand gleichgültig; aber von der äußersten Wichtigkeit ist – und eben darum möchte ich Sie herzlich bitten: wir müssen von jetzt an gemeinschaftliche Sache machen, niemand ins Vertrauen ziehen, von dem wir nicht überzeugt sein können, daß er dasselbe will, was wir wollen: Ernas Glück; und ich glaube, Sie tun am besten, wenn Sie das Urteil darüber, ob dies der Fall ist, mir überlassen. Sind Sie einverstanden? Lydie befand sich in bitterer Verlegenheit. Für die schreckliche Enttäuschung war es immer ein Entgelt, daß Bertram doch offenbar keine Absichten auf Erna hatte, daß er ihr seine Bundesgenossenschaft, seine Freundschaft antrug. Wie gern hätte sie eingeschlagen! wie gern zu allem ja gesagt, und daß er nur zu befehlen brauche, und sie werde blindlings gehorchen! Und nun hatte sie neben der ersten Unvorsichtigkeit, die er so gütig verziehen, bereits eine zweite begangen, die er schwerlich verzeihen würde! Ich komme zu spät, sagte Bertram, den der verstörte Ausdruck ihrer beweglichen Miene nicht entgangen war; Sie haben bereits Hildegard von allem unterrichtet! Nein, nein – nicht Hildegard – schlimmer! viel schlimmer! murmelte Lydie mit niedergeschlagenen Augen und gefalteten Händen; – in meiner Angst, meiner – großer Gott, ja, ich kann mich nicht anders entschuldigen – meiner zärtlichen Angst um Sie – Sie – der Baron – Sprechen Sie deutlich, sagte Bertram, seinen Zorn zurückdrängend; ich muß alles wissen. Der Baron – Er war so wütend auf Sie, seitdem der unselige Brief – mein Gott, ich kann Ihnen das nicht sagen – ich schäme mich zu sehr; aber Erna hat mir schon verziehen, und Sie werden es auch. Wir hatten alle den Kopf verloren. Er behauptete, Sie allein wären schuld, daß er nicht bei Erna reüssiert. Und wenn Otto ihm nicht das Geld gegeben – eine horrende Summe – dreitausend Taler – so ständen Sie wieder dahinter. Schon heute morgen, als er wegfuhr, schwur er Ihnen in meiner Gegenwart die fürchterlichste Rache, und über Tisch – er saß ja neben mir – hat er so gräßliche Reden geführt und so viel Champagner getrunken – und ich wußte, ich glaubte zu wissen, zu sehen, daß Erna und Ringberg – Erna hatte ihn doch ganz verleugnet, und von den Mädchen – Auguste und Luise – erfuhr ich: er hat so viel in dem Hause verkehrt, und als das Regiment kam, war Erna so aufgeregt, und – Weiter, weiter! rief Bertram. Und Sie sollten nun dafür büßen! und ich sollte es zugeben, die ich selbst vielleicht dazu beigetragen, daß der Baron gegen Sie – Und da haben Sie dem Baron alles gesagt? Lydie saß mit starren, tränenerfüllten Augen da und fuhr entsetzt mit in die Höhe, als Bertram sich schnell erhob. Was haben Sie vor? Versuchen, ob ich das einigermaßen wieder reparieren kann. Lassen Sie mich! ich beschwöre Sie; ich will dem Baron sagen – Und ich will, daß Sie ihm nichts sagen, daß Sie hier bleiben und möglichst unbefangen tun gegen alle Welt; vor allem Erna, wenn sie zu Ihnen kommt – ich glaube freilich nicht, daß sie es tun wird – kein Wort von dem, was wir hier gesprochen haben, verraten. Versprechen Sie mir das? Alles, alles – was Sie wollen! Sie verpflichten sich keinem Undankbaren! Lydie blickte dem Enteilenden mit schwimmenden Augen nach: Sie verpflichten sich keinem Undankbaren – und dabei hatte er ihr die Hand gedrückt – zum ersten Male wahrend dieser ganzen Zeit! wenn es sich nun doch noch erfüllte! Der Major von Keberstein trat wieder zu ihr und rief lachend: Das war ja eine lange, intime Unterhaltung mit dem Herrn, der Sie mir in so ungalanter Weise entfuhrt hat! Dabei soll nun ein alter Hagestolz, wie ich, nicht eifersüchtig werden! Ich will mein möglichstes tun, es wieder gutzumachen. Da müssen Sie sich dazuhalten, mein gnädiges Fräulein; noch zehn Minuten, und dann: marsch, marsch! in die Quartiere! Legen Sie noch eine halbe Stunde zu! Nicht um eine Welt! rief der Major, die Uhr wieder einsteckend; ich habe strenge Order. Dann bitte ich wenigstens um die zehn Minuten! Wären es doch zehn Jahre! rief der korpulente Herr, indem er sich mit sauersüßer Miene neben sie, die ihre Robe zusammenraffte, in den Diwan sinken ließ. Auch im Spielzimmer suchte man die letzte Feststunde nach Möglichkeit auszubeuten, indem man die bereits allzu hohen Einsätze verdoppelte und verdreifachte. Die Spielenden waren jetzt ausschließlich Herren vom Zivil: Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, substantielle Leute, die den Verlust von ein Paar hundert Talern verschmerzen konnten. Von den Offizieren hatten sich allerdings ein paar an dem Spiele beteiligt, aber nur im Anfange und mit ganz kleinen Einsätzen, wie um zu zeigen, daß es sich für sie höchstens um einen unschuldigen gesellschaftlichen Scherz handle. Auch hatten sie sofort aufgehört, als größere Summen zu roulieren begannen, und sich dann einer nach dem anderen entfernt; der Oberförster, der ebenfalls nur zuschaute, wollte wissen, auf einen Wink, der vom Kommandierenden selbst ausgegangen war in dem Augenblicke, als er, im Begriff fortzureiten, durch das Spielzimmer kam. – Desto besser, hatte der Baron ironisch gemeint, so bleiben wir gemütlich unter uns; faites votre jeu, messieurs ! Der Baron hatte allerdings, nach der Ansicht der Herren, alle Ursache, die Situation gemütlich zu finden. Er gewann fast unaufhörlich; die neben ihm ausgebreitete Masse der Goldstücke und Billetts war in beständigem Zunehmen; unter den Billetts fanden sich bereits nicht wenige Zettel, auf welche der Betreffende die Höhe seines Einsatzes und seinen Namen verzeichnet hatte; man taxierte seinen Gewinn allgemein auf mehrere tausend Taler. Er behauptete, es sei nicht annähernd so viel, und erbot sich wiederholt, die Bank, die er von Anfang an gehalten, abzugeben; aber es fand sich keiner, der sie übernehmen wollte; so durften die Verlierenden denn freilich nicht murren, obgleich sie fast ohne Ausnahme schon seit geraumer Zeit nur noch, wie einer unter ihnen es bezeichnete: ihrem eigenen Gelde nachliefen. Sie mußten sich sehr beeilen, wenn sie das immer fliehende einholen wollten. Man hatte – auf den Antrag des Barons – ausgemacht, daß das Spiel pünktlich um ein halb zwölf – dem Moment, für den auch das Ende des Balles angekündigt war – aufhören solle, und es war beinahe ein viertel. Der Baron sah bereits bei den kolossalen Einsätzen, die man riskierte, da die Karten mehr als je für ihn schlugen, seinen Gewinn verdoppelt; eine tolle Lustigkeit gab Zeugnis von der Aufregung, in der er sich befand; er begleitete jede Karte, die er austeilte, jeden Gewinn, den er einstrich, mit einem übermütigen Worte, wahrend seine Augen glühten und die geschäftigen Hände zuckten. Plötzlich wandte sich das Blatt. Einer der Spieler hatte seinen ganzen bisherigen Verlust auf einmal gesetzt, und gewonnen; das geglückte Wagnis reizte die anderen, und alle Karten schlugen wie durch Zauberei gegen den Bankier; im Nu war die Masse auf die Hälfte zusammengeschrumpft; es war ersichtlich, daß, wenn die Bank während der restierenden fünfzehn Minuten von ebensolchem Unglück verfolgt würde, sie mit einem namhaften Defizit enden mußte. Die Scherzreden des Barons nahmen einen immer bittereren Beigeschmack an; dann pfiff er nur noch durch die Zähne oder murmelte Verwünschungen; große Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn; seine unruhig umherschweifenden Blicke schienen wiederholt jemand in der Gesellschaft zu fixieren. Plötzlich hielt er mitten im Austeilen der Karten inne und rief mit einem halblauten Fluche: Sie bringen mir Unglück, mein Herr! Sie genieren mich, mein Herr! Diese im heftigsten Tone herausgestoßenen Worte waren mit einem abermaligen wütenden Blicke auf Kurt begleitet, welcher, seitdem er vor wenigen Minuten, Bertram auszuweichen, in das Zimmer getreten war, mit untergeschlagenen Armen zwischen den Zuschauern gestanden hatte, die, von dem rasenden Spiele angelockt und festgehalten, sich mit jedem Moment dichter um den grünen Tisch scharten. Für ihn hatte die Szene keine Anziehungskraft gehabt; er hatte so mechanisch hingestarrt, ohne etwas zu sehen; er hatte auch die Worte des Barons nicht vernommen; er empfand es nur als etwas Unbehagliches, daß er die Augen mehrerer Herren in seiner unmittelbaren Nähe auf sich geheftet sah. Einer glaubte ihm flüsternd mitteilen zu müssen, daß der Baron »ihn gemeint habe«. Kurt, der nicht anders glaubte, als daß Lotter eine Aufforderung an ihn gerichtet, sich am Spiele zu beteiligen, erwiderte, da er es nicht laut sagen wollte, dem Herrn, der ihm zugeflüstert, in leisem, höflichem Tone: Ich bedauere, ich spiele nie, und begleitete diese Worte mit einem entschuldigenden Achselzucken nach dem Baron, worauf er sich wandte und, sobald er aus dem ihn umgebenden Knäuel heraus war, auch schon die Tür nach der Veranda erreicht hatte, wo er hoffen durfte, sich selbst und seinen traurigen Gedanken überlassen zu sein. Der Baron war, als Kurt sich zum Gehen anschickte, in ein heiseres, höhnisches Gelächter ausgebrochen, während er mit zitternden Händen die Karten weiter verteilte. Plötzlich sprang er auf die Füße. Ich muß denn doch den Herrn fragen, wie ich sein Achselzucken zu verstehen habe. Entschuldigen Sie! Er hatte den Rest der Karten auf den Tisch geschleudert und stürzte durch die Erstaunten, Erschrockenen, die er rücksichtslos auf die Seite schob, wenn sie ihm nicht schnell genug Raum gaben, nach der Tür. Aber er hatte dieselbe noch nicht erreicht, als ihm Bertram den Weg vertrat. Was wollen Sie? knirschte der Baron durch die Zähne. Ich wollte Sie darauf aufmerksam machen, daß Sie der Gast dieses Hauses sind, und daß Sie im Begriff stehen, die Ihnen gebotene Gastfreundschaft in schnöder Weise zu verletzen. Bertram hatte in festem Tone, aber so leise gesprochen, daß ihn allein der Baron verstehen konnte. Dabei war seine Miene vollkommen ruhig, selbst die zunächst Befindlichen, die nur ihm ins Gesicht blickten, während ihnen der Baron den breiten Rücken wandte, mußten glauben, es handle sich um eine indifferente Mitteilung. Den Baron hatte der Zorn sprachlos gemacht; Bertram ließ ihm keine Zeit, auszubrechen; er fuhr in demselben leisen, eindringlichen Tone fort: Ich sehe, Sie haben mich vollkommen begriffen; übrigens brauche ich wohl kaum hinzuzufügen, daß ich jederzeit zu Ihren Diensten stehe, falls Sie trotzdem noch eines Kommentars zu der Lektion zu bedürfen glauben. Sie werden von mir hören! und das sofort! Je früher, desto besser. Er verbeugte sich leicht und sagte, die Stimme erhebend, indem er sich zu den übrigen wandte: Ich bitte dringend um Verzeihung; aber ich hatte von unserem liebenswürdigen Wirte den Auftrag, daran zu erinnern, daß die Herren vom Militär sich leider schon zurückziehen müssen und sich Ihnen werden empfehlen wollen. Wie zur Bestätigung von Bertrams Worten schwieg in diesem Moment nebenan im Ballsaale die Musik, zugleich sprang die Tür auf, und ein Schwarm von Offizieren drang in das Zimmer. Von einer Wiederaufnahme des Spiels, auch wenn man dazu geneigt gewesen wäre, was aber durchaus nicht der Fall schien, konnte nicht mehr die Rede sein. Bereits waren ein Paar ältere Damen eingetreten, die ihre Gatten suchten; es folgten andere, auch von den jungen; das Zimmer war förmlich überschwemmt; die Spieler hatten Mühe, wieder an den Tisch zu gelangen und ihre Gelder einzustecken. Nicht wenige hatten noch mit dem Baron ihr Konto zu regeln; sie umdrängten ihn, der den Rest seiner Kasse – Gold, Billetts, Bons – alles durcheinander, in die Taschen schob, mit mürrischer Miene und kurzen Worten die mancherlei an ihn gerichteten Fragen mehr zurückweisend als beantwortend: man möge sich morgen melden; heute in dem Wirrwarr möge der Teufel Bescheid wissen oder geben. Bertram hatte in der Nähe der Tür nach der Veranda die Szene aufmerksam beobachtet. Er überzeugte sich, daß der Baron vorläufig durchaus in Anspruch genommen war und nicht daran denken konnte, Kurt aufzusuchen und etwa eine neue Veranlassung zum Streite, da die erste Gelegenheit erfolglos vorübergegangen, vom Zaune zu brechen. Unter allen Umständen hatte der Mann sich erst mit ihm abzufinden; und da sah er, wie er, sich aus dem Knäuel der ihn Umdrängenden freimachend, dem Forstkandidaten, der eben erhitzt aus dem Ballsaale trat, entgegeneilte. Die beiden Herren standen, soviel Bertram wußte, als Jagdgenossen wenn auf keinem freundschaftlichen, so doch auf einem guten Fuße; jedenfalls konnte kein Zweifel darüber sein, was sie jetzt miteinander in der fernsten Ecke des Zimmers verhandelten, der Baron mit vielen heftigen Gestikulationen, Herr von Busche eifrig zuhörend, zuweilen den Kopf schüttelnd, zuletzt aber mehr höflich als beifällig nickend. Es war hohe Zeit für Bertram, daß er sich ebenfalls nach einem Sekundanten umsah. Er entdeckte den, welchen er suchte, auf der jetzt ebenfalls von den Gästen überschwemmten Veranda in einer kleinen Gruppe von Offizieren, die, bereits behelmt und in Paletots, von ihm Abschied nahmen. Es waren die im Dorfe einquartierten Kameraden; sie hatten es sehr eilig; auch standen schon zwei Diener mit Laternen bereit, den Herren den kürzeren Weg die Terrassen hinabzuleuchten; die vorsichtige Hildegard hatte eben für alles gesorgt. Bertram paßte den Moment ab, wo jene den Rücken wandten, und trat dann rasch auf Kurt zu. Können Sie mir eine Minute gönnen, Herr Leutnant Ringberg? Kurt war augenscheinlich sehr überrascht; aber er verbeugte sich sofort zustimmend. Freilich wird es mit einer Minute nicht abgetan sein, wenn Sie mir meine Bitte gewähren, wie ich hoffe. Die braunen Wangen des jungen Mannes färbten sich noch tiefer: Ich bitte, sprechen Sie; und seien Sie von vornherein überzeugt, daß es mir ein Vergnügen und eine Ehre sein wird, Ihnen auf irgend eine Weise dienen zu können. Dann haben Sie die Güte, mir Ihren Arm zu geben und mich in den Garten zu begleiten, damit ich Ihnen ungestört mitteilen kann, um was es sich handelt. – Die Sache ist in aller Kürze die: der Baron Lotter – ich weiß nicht, ob Sie das zweifelhafte Vergnügen seiner Bekanntschaft bereits gemacht haben – ein Freund des Hauses nebenbei, mit dem ich die letzten acht Tage hier zusammen gewesen bin – fühlt sich von mir beleidigt und hat auch – nach den landläufigen Begriffen und nach meiner eigenen Überzeugung, gegründete Ursache dazu. Es ist eine alte Fehde – hervorgegangen aus einer gewissen gegenseitigen Rivalität hinsichtlich des respektiven Ansehens und Einflusses, auf welche der Herr und ich hier in diesem Hause Anspruch machen, oder glauben, machen zu dürfen – die endlich zum Austrage gebracht wird, so daß die aktuelle Veranlassung eben nur eine Gelegenheitsursache und als solche völlig irrelevant. Ich bemerke das ausdrücklich, um die Bitte daran zu knüpfen, daß Sie in den folgenden Verhandlungen – angenommen, daß Sie – gut, gut! – ich danke Ihnen herzlich – also daß Sie auf jene Veranlassung absolut kein Gewicht legen, ja es vermeiden, sie auch nur zu berühren. Die Bedingungen des Renkontre akzeptieren Sie, wenn ich bitten darf, wie dieselben von der Gegenpartei beliebt werden; ich habe spezielle Gründe, in dieser Beziehung kulant zu sein. Nur macht mir die Anberaumung des Ortes und der Stunde einige Sorge. Hier kann das Duell selbstverständlich nicht stattfinden; ich schlage deshalb einen Platz in der Nähe der Stadt vor. Das würde mir um so mehr passen, als ich meine Abreise von hier für morgen angekündigt habe und also dort ohne Aufsehen solange bleiben kann, während andererseits auch der Baron morgen abreisen wollte, und mithin, da er ebenfalls durch die Stadt muß, der verursachte Aufenthalt für ihn von möglichst kurzer Dauer ist. Es fragt sich nun freilich, ob Sie und wann Sie sich selbst losmachen zu können glauben? Vor morgen nachmittag keinesfalls, erwiderte Kurt; dann aber zweifellos, da ich, auch wenn die Verhältnisse weniger günstig lägen, vom Obersten, ohne übrigens selbstverständlich die Veranlassung zu melden, Urlaub erhalten würde. Die Verhältnisse liegen aber sehr günstig insofern, als, wenn unsere Voraussetzungen irgend eintreffen, das Regiment nach Abbruch des Gefechtes morgen um die Nachmittagszeit zwischen hier und der Stadt zu stehen kommen, respektive zur Nacht biwakieren wird. Unter allen Umständen werde ich die vereinbarte Stunde pünktlich einhalten können. Vortrefflich, sagte Bertram, so wären wir auch dieser Sorge überhoben, und das wäre wohl alles, über was wir beide uns vorläufig zu verständigen hätten. Nun dürfte es das beste sein, wenn Sie sich alsbald mit dem Forstkandidaten, Herrn von Busche, in Verbindung setzten. Ich zweifle nicht, daß er dem Baron sekundieren wird; eine Frage von Ihnen, ob er etwa Aufträge für mich hat, würde Sie eventuell darüber ins klare bringen. Sie hatten sich der Veranda wieder genähert, als eben der Forstkandidat aus dem Spielzimmer trat und sich suchend umzublicken schien. Sie gingen schneller auf ihn zu, und er seinerseits hatte Bertram kaum erblickt, als er sich lebhaft zu ihm wandte. Ich bin glücklich, Sie endlich getroffen zu haben, Herr Doktor, sagte er, da ich mir die Ehre geben wollte, einen Auftrag an Sie auszurichten, der einigermaßen eilig ist. Ich suchte Sie bereits vergeblich in allen Zimmern. Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, erwiderte Bertram; inzwischen bin ich in der betreffenden Angelegenheit nicht müßig gewesen und erlaube mir, Ihnen hier in der Person des Herrn Premierleutnant Ringberg – Hatte bereits die Ehre, sagte der Forstkandidat, sich verbeugend. Desto besser. So will ich die Herren nicht länger stören. Sie treffen mich auf meinem Zimmer. Auf Wiedersehen also. Er schüttelte Kurt die Hand, verneigte sich vor Herrn von Busche und ging, während jene beiden in das Halbdunkel der Bosketts zurücktraten, an der Veranda und dem Seitengebäude hin bis zu einer Tür, die eine Treppe abschloß, auf der er unmittelbar aus dem Garten zu seinen Zimmern gelangte. XXII. Konski hatte auch an diesem bewegten Abend seiner Pflicht nicht vergessen. Er wußte aus Erfahrung, daß sein Herr aus einer Festlichkeit sich gern vor dem Schlusse zurückzog, und so fand Bertram, als er die Zimmer betrat, die Lichter bereits angezündet und die Vorbereitungen für die Nacht getroffen. Er lobte den Getreuen wegen seiner Sorgfalt, sagte aber, es habe heute mit dem Zubettegehen keine Eile; er erwarte noch den Besuch des Leutnant Ringberg; Konski möge immerhin dem Zuge seines Herzens folgen und wieder zu seinem Schatze eilen. Er hatte es in seinem gewöhnlichen scherzhaften Tone gesagt, zu Konskis wahrhafter Freude, der daraus entnahm, daß seine Befürchtung, es möchte dem Herrn der Trubel wieder einmal schlecht bekommen sein, unnötig gewesen war. Er erlaubte sich eine Bemerkung in diesem Sinne. Ich wundere mich selbst darüber, erwiderte Bertram; es scheint, daß Sie recht haben: wir hatten uns zu früh ins Altenregister geschrieben. Er lächelte, und Konski meinte nicht anders, als daß seine Mahnung von heute mittag auf fruchtbaren Boden gefallen sei und sein Lieblingswunsch trotz alledem noch in Erfüllung gehen werde. Vielleicht wußte Aurora etwas Näheres. Die Frau Amtsrätin hatte zwar strengen Befehl gegeben, daß zehn Minuten, nachdem der letzte Wagen fortgefahren, niemand im Schlosse sich noch regen dürfe, damit die Herren Offiziere nicht im Schlafe gestört würden. Aber Aurora würde schon für ein verschwiegenes Plätzchen Rat wissen. Der Getreue hatte das Zimmer verlassen, und sofort war Bertrams heitere Miene in eine ernste, angstvolle verwandelt. Er stand da, lauschend, ob der Schritt des Erwarteten sich nicht bereits mit dem des sich Entfernenden kreuze; dann, als das letzte Geräusch auf dem Korridor und der Treppe nach dem Hofe verschwunden war und alles stillblieb, fing er an, mit leisen Schritten hin und her zu gehen und blieb dann wieder lauschend stehen. Wenn Kurt erführe, daß das Duell um seinethalben stattfand? so war alles gegen nichts zu wetten: er würde die Priorität für sich beanspruchen und den Baron fordern. Mußte er sich doch schon ein Gewissen daraus machen, den jungen Mann über den wahren Sachverhalt nicht aufgeklärt zu haben und ihn so der Möglichkeit auszusetzen, daß einer oder der andere der Herren, welche Zeugen des Auftritts gewesen, sein Verhalten mißdeutete und behauptete: er habe die beleidigenden Worte Lotters nur nicht verstehen wollen, was dann, nach Offiziersbegriffen, mit dem Vorwurfe der Feigheit identisch gewesen wäre. Aber hoffentlich hatte in dem wüsten Durcheinander und der tollen Aufregung kein einziger Zeit gehabt, den kleinen Zwischenfall genau genug zu beobachten, um sich oder anderen hinterher darüber Rechenschaft ablegen zu können. Zank und Streit und Wortwechsel gab's ja nicht selten bei solchen Gelegenheiten; und von den Anwesenden hatte niemand so ausgesehen, als ob er die Gewohnheit habe, dergleichen Vorkommnisse mit einem Ernste zu nehmen, der an und für sich schon dem munteren thüringischen Blute sehr fremd war. Von den Kameraden Kurts war aber in jenem Moment glücklicherweise kein einziger zugegen gewesen, auch der Forstkandidat erst ganz zuletzt gekommen. Es fragte sich also, ob der Baron die, wie er überzeugt sein mußte, ohne Kurts Verschulden wirkungslos gebliebene Beleidigung nachträglich an den Mann zu bringen versuchen würde, wozu ihm ja nun die beste Gelegenheit gegeben war. Daß er auch der Stimme, die in ihm rief: wähle Kurt zu deinem Sekundanten! blindlings gefolgt! Es war die einzige Möglichkeit der Erfüllung seines heißen Gebetes: einen tiefen Blick werfen zu dürfen in des jungen Mannes Herz. Aber war diese Erfüllung nicht zu teuer erkauft, wenn dadurch wieder angebahnt wurde, was er eben mit Preisgebung des eigenen Lebens verhindern wollte? Doch sagte er sich, daß er noch nicht ganz zu verzweifeln brauche. Freilich wußte Lotter jetzt, wer sein eigentlicher Nebenbuhler war; und diesen Nebenbuhler seinen Zorn fühlen zu lassen, ihn womöglich zu vernichten – wie sollte dies Verlangen nicht übermächtig werden in der Brust eines raschblütigen, jähzornigen, von Gewissensskrupeln nicht behelligten, um seine Mittel niemals verlegenen Mannes, der Erna leidenschaftlich liebte? Aber war das der Fall? nein, und abermals nein! Der Mann hatte Erna niemals geliebt; seine ganze Bewerbung von Anfang bis zu Ende war nichts gewesen als eine gemeine Spekulation auf Ernas vermeintlich kolossales Vermögen, durch das er sich aus bösen momentanen Verlegenheiten zu befreien und die Mittel zu gewinnen dachte, sein nichtsnutziges Schlaraffenleben in großem Maßstäbe fortzusetzen. Die glänzenden Zukunftsträume waren aber schon vor Kurts Erscheinen sehr eingedunkelt; man hatte ihn bereits fallen lassen; und er war sicher scharfsinnig genug, um bald herausgefunden zu haben, wer ihm dies Schicksal bereitet. Seine wütenden Auslassungen Lydien gegenüber bewiesen zur Genüge, daß er völlig genau wußte, wer vom Anbeginn zwischen ihm und Erna selbst gestanden, dann die Entscheidung hinausgezögert, jede weitere Annäherung verhindert, das Mißtrauen der Eltern erregt, den Sinn der Tochter gewandt und schließlich alles zum Schlimmen und Schlimmsten verkehrt hatte. – Gab's einen, der seinen Zorn, seinen Haß verdient, den seine Rache treffen mußte – der Mann war es. Weshalb sich noch einen anderen auf den Hals laden? Man war kein Feigling – Gott bewahre! – aber hier hatte man, als ein vollendeter Pistolenschütze, mit einem Gegner, der kaum einmal die Scheibe traf, leichtes, glattes Spiel; man gibt doch nicht der anderen Partei die Atouts, wenn man sie selbst in der Hand behalten kann? So, seinen Scharfsinn aufbietend, jedes Für und Gegen sorgsam abwägend, kalkulierte Bertram, während ihm die Minuten zu schleichen schienen und jede folgende schwerer auf seiner Seele lastete. Erfuhr er denn nicht noch immer früh genug, daß sein kühner Versuch, für Ernas Geliebten einzutreten, ihr junges, schon so gefährdetes Glück vor einer neuen, sehr ernsten Gefahr zu bewahren, mißglückt sei? und – daß er für sich selbst die günstige Gelegenheit, zu sterben, verpaßt habe? dies Leben, das seinen Inhalt verloren, das keinen Sinn mehr für ihn hatte, weiterleben müsse. Bereits eine halbe Stunde war verflossen; sie hätten längst zu Ende sein können mit ihrer Beratung, in der es ja kaum etwas zu beraten gab – es wäre denn das andere Duell gewesen! Auf dem Hofe, von wo fortwährend das Rollen der abfahrenden Equipagen, Rufen und Lärmen aller Art ertönt war, fing es an still zu werden. – Bertram konnte die Ungeduld nicht länger zügeln; er trat auf den Korridor an eines der Fenster, die auf den Hof gingen, über welchen der Erwartete kommen mußte. Da hörte er bereits einen schnellen, elastischen Schritt auf der Treppe; er ging rasch dem Eilenden entgegen, die Hand ausstreckend: Es ist alles in Ordnung? Alles! Ein Gott sei Dank! wollte Bertrams Lippen entschlüpfen; er verkehrte es noch eben in: Haben Sie besten Dank! Er hatte Kurts Hand festgehalten, während er ihn in sein Zimmer führte. Hier drückte er ihn in das Sofa und nahm an seiner Seite Platz. Kurt meinte, daß man einen lieben Freund, der die erfreulichsten Nachrichten bringt, nicht wärmer und froher empfangen könnte. Diese Empfindung wurde noch verstärkt, als der seltsame Mann alsbald wieder aufsprang und aus seinem Reisevorrat, der unter diesen Umständen schwerlich andere Verwendung finde, eine Flasche Wein herbeiholte, die er selbst entkorkte, dazu die nötigen Gläser; auch eine kleine Kiste mit Zigarren, die er für Liebhaber stets bei sich führe, obgleich er selbst kein Raucher sei. Er hatte die Gläser gefüllt und hielt das seine Kurt entgegen: Daß alles nach Wunsch ausfalle! Von Herzen! erwiderte der junge Offizier. Er hatte es mit einem tiefen, fast traurigen Ernste gesagt, der in einem wunderlichen Gegensatze zu der aufgeregt fröhlichen Stimmung des älteren Mannes stand. Auch nippte er nur eben, indes dieser hastig, gierig sein Glas leerte und alsbald wieder vollschenkte. Ich habe fast den ganzen Tag gefastet, sagte er wie zur Entschuldigung; eine große Gesellschaft raubt mir immer Stimmung und Appetit; aber nun, bitte, erzählen Sie! Man war also mit allem einverstanden? Kurt berichtete in knapper Weise, als gälte es die Erstattung eines Rapports. Die einzige Schwierigkeit habe die Feststellung der Zeit gemacht, da der Baron anfänglich behauptet, seine Reise nicht länger als bis morgen mittag spätestens hinausschieben zu können; schließlich habe er doch die vorgeschlagene sechste Stunde des Nachmittags angenommen; als Rendezvous sei ein Platz in dem großen fürstlichen Walde, ziemlich genau in der Mitte zwischen Rinstedt und der Stadt, gewählt, an dem Ufer eines kleinen Sees, von wo man sich tiefer in den Forst begeben würde, falls der vorüberführende, sonst ganz vereinsamte Weg morgen infolge des Manövers frequentiert sein sollte. Ich kenne die Stelle von früheren Spaziergängen her sehr genau, warf Bertram ein. Das beseitigt eine andere Schwierigkeit, fuhr der junge Mann fort; wie Sie nämlich von der Stadt aus den Weg dorthin finden möchten. Für mich ist der Ort besonders bequem, da unser voraussichtlicher Biwakplatz keine Viertelmeile entfernt sein wird. Ich habe vergessen zu erwähnen, daß ich mich bereits der Assistenz unseres sehr geschickten Stabsarztes versichert habe, und daß Herr von Busche für einen Wagen sorgen will. Zuletzt: es schien uns im Interesse der Geheimhaltung der Affäre wünschenswert, daß sich der Herr Baron nicht direkt von hier zum Rendezvous begebe. So hat er denn unter dem Vorwande; mit Herrn von Busche morgen einen Ausflug auf das Manöverfeld machen zu wollen, um am Abend wieder zurück zu sein und übermorgen definitiv abzureisen, sich bei den Herrschaften hier bis morgen abend entschuldigen lassen und ist bereits in diesem Augenblicke mit Herrn von Busche nach der Oberförsterei unterwegs, dort die Nacht zuzubringen. Das ist ja alles vortrefflich, rief Bertram; alles mit so viel Umsicht und Vorsicht arrangiert! – ich danke Ihnen sehr. Auch Herr von Busche scheint ja recht trätabel gewesen zu sein? Er war von der liebenswürdigsten Zuvorkommenheit, erwiderte Kurt; ja er sagte mir ganz offen, daß er den Dienst, um den der Herr Baron ihn gebeten, sehr ungern, sehr wider Willen, nur aus Rücksichten der hergebrachten Courtoisie leiste und viel darum geben würde, wenn es in seiner Macht läge, die ganze Affäre beizulegen. Ich gestehe, in dem letzten Punkte völlig mit ihm zu sympathisieren. Es war uns beiden ein überaus schmerzlicher Gedanke, daß ein Mann wie Sie gegen einen Baron Lotter, der sich, wie es scheint, bei niemand einer besonderen Sympathie erfreut, sein Leben aufs Spiel setzen sollte, noch dazu mit allen Chancen gegen sich – Wieso mit allen Chancen? Herr von Busche sagte, Ihr Gegner sei einer der eminentesten Pistolenschützen, die er kenne, von einer fast unfehlbaren Sicherheit des Auges und der Hand. Herr von Busche hat Sie freilich nicht auf dem Scheibenstande gesehen, aber er fürchtet – und ich mit ihm – daß – Ich ein miserabler Schütze sei, rief Bertram lächelnd; sprechen Sie es nur dreist aus! Ja, ja, ihr Herren traut uns Gelehrten in solchen Dingen herzlich wenig zu. Aber ihr irrt euch glücklicherweise: ich bin etwas aus der Übung freilich; indessen ich stehe meinen Mann, noch dazu in der kurzen Entfernung. Ich freue mich außerordentlich, das von Ihnen zu hören, erwiderte Kurt; dennoch möchte ich mir die Frage erlauben, ob denn gar keine Möglichkeit ist, die Sache gütlich beizulegen. Es wäre dazu noch immer nicht zu spät. Das ist auch Herrn von Busches Ansicht, nur daß wir beide bei der gänzlichen Unkenntnis über die eigentliche Veranlassung – Aber ich sagte ihnen bereits, daß es eine alte Fehde sei, die hier zum Austrag komme! entgegnete Bertram mit einiger Ungeduld. – Die momentane Veranlassung – nebenbei eine kleine Lektion in der gesellschaftlichen Höflichkeit, die ich dem Baron gegeben – spielt gar keine Rolle. So ungefähr war auch Herr von Busche von seinem Auftraggeber informiert, und wir sind übereingekommen, uns dabei zu beruhigen, in Anbetracht, daß ein Mann wie Sie nicht anders als mit vollem Bedacht in einer solchen Sache zu Werke gehe, und daß wir Jüngeren seine Beweggründe ehren müßten, auch wenn sie uns leider verborgen bleiben. Um so mehr danke ich Ihnen beiden für das Opfer, das Sie mir bringen, rief Bertram, dem jungen Manne die Hand reichend. Dann will ich mich für jetzt empfehlen; Sie werden der Ruhe bedürfen. Kurt wollte sich erheben; Bertram hielt ihn zurück. Bleiben Sie noch ein wenig, sagte er, wenn Sie nicht zu müde sind. Ich bin es gar nicht. Nun macht mir freilich das Renkontre morgen auch nicht die mindeste Sorge, ich bin vielmehr von meinem guten Glücke so fest überzeugt, wie Cäsar von dem seinen, und hoffe zuversichtlich, daß wir beide uns noch recht oft im Leben begegnen werden; aber man soll, was die Gegenwart bietet, nicht von der Zukunft fordern, und da lassen Sie mich denn den gegenwärtigen Augenblick benutzen, um ein wenig von einer Angelegenheit zu sprechen, die Sie sehr speziell berührt, und die mir, weiß es Gott, mehr am Herzen liegt, als die leidige, mit der wir nur schon zu viel kostbare Zeit verloren haben. Auf den Wangen des jungen Offiziers flammte ein tiefes Rot; seine dunkeln Augen irrten seitwärts vor dem intensiven Lichte der großen blauen Augen, deren ungewöhnliche Klarheit und Schönheit er bereits wiederholt im Laufe der bisherigen Unterredung bewundert hatte. Sie wissen, wovon ich sprechen will? fragte Bertram weiter; und wieder fiel es dem jungen Manne auf, wie der Klang dieser Stimme doch so ganz mit dem milden Glänzen der Augen harmonierte. Ich glaube es zu wissen, erwiderte er leise. Dann werden Sie auch im allgemeinen das Verhältnis kennen, in dem ich zu Erna stehe – Kurt wagte noch immer nicht aufzuschauen; er nickte zustimmend. Aber Sie können nicht wissen, fuhr Bertram fort, wie sehr innig dies Verhältnis ist, so daß ich dafür keine ganz zutreffende Bezeichnung finde. Ich würde sagen: des Vaters zu einem liebsten Kinde, wenn sich nicht in meine Empfindung für sie ein Ton mischte, den ich – Sie werden mich vielleicht verstehen – ritterliche Zärtlichkeit nennen möchte. Doch mag diese Nuance auch wohl sonst in der Liebe eines Vaters zu seiner Tochter vorkommen – ich habe leider selbst nie eine gehabt; und ich erwähne dieses Moment nur, weil es mir erklären hilft, weshalb Erna, die mir sonst unbedingt vertraut, ihre Liebe vor mir geheimgehalten hat. Vielleicht war das auch nur die einfache Folge der langen Zeit, in der wir uns nicht gesehen – wo ja dann immer eine Art von Entfremdung eintritt, die freilich, sobald sie erst überwunden, eine desto herzlichere Annäherung im Gefolge zu haben pflegt. Vor allem aber: das liebe Kind wähnte sich verschmäht, verraten. An ihrem Glücke würde sie den väterlichen Freund gern haben teilnehmen lassen – das Unglück verschließt stolzen Seelen stets den Mund; und doch weiß ich, daß mehr als einmal das Geheimnis auf ihren lieben Lippen gezittert hat. Hätte sie die Scheu überwunden! sie würde sich und Ihnen, mein Freund, viel Leid erspart haben; und die Palmen im Wintergarten wölbten sich vor einer Stunde über zwei Glücklichen, Seligen, anstatt über zwei jungen Toren, die sich vor aller Liebe die armen Herzen gegenseitig zerrissen. Kurt zuckte zusammen und machte eine schnelle, heftige Bewegung, als wollte er vom Sofa aufspringen; aber die Augen des Mannes leuchteten wieder so herrlich, und um den Mund schwebte ein so gütiges Lächeln. Ein seltsamer Schauer durchrieselte des jungen Mannes Herz, wie vor etwas unnahbar Hohem, dem sich demütig unterzuordnen, gläubig anzuvertrauen gebieterische Pflicht sei. Er senkte die Augen, die zornig aufgeblitzt waren. Ich danke Gott, daß er Sie zu der Stelle geführt hat, sagte er leise. Und ich danke Ihnen für das Wort, das mich von jeder Zurückhaltung befreit und mir die letzte Scheu nimmt, erwiderte Bertram, indem er beide Hände des jungen Mannes nahm und drückte. – Wer empfände diese Scheu nicht, wenn es gilt, die zarten Fäden zu berühren, die sich von Herz zu Herzen spinnen und sich, so Gott will, zu jenem starken Gewebe vereinigen, das selbst der Tod nicht trennen kann? Was Gott zusammengefügt, soll der Mensch nicht scheiden; was Gott scheidet, soll der Mensch nicht zusammenfügen wollen. Hier nun, was sich zwischen euch gedrängt hat, ist eitel Mißverständnis, hervorgerufen durch ungewöhnliche Verhältnisse, die auch dem Älteren, Erfahreneren zu raten aufgegeben haben würden, und in denen ihr Jungen, Leidenschaftlichen, Unbedachten euch nicht zu raten und zu helfen wußtet. In dieser eurer Rat- und Hilflosigkeit habt ihr denn sicher beide hinüber und herüber Fehler begangen, über die der Dämon des Stolzes, der die Engel zu Fall gebracht, seine helle Freude gehabt haben wird. Nicht, damit ich euch eure gegenseitigen Fehler registriere, nur auf daß wir, die Vergangenheit rekapitulierend, klarer in die Zukunft blicken, sagen Sie mir ein wenig, wie alles gekommen ist. Wo lernten Sie Erna kennen? in dem Hause ihrer Tante in Erfurt? nicht wahr? Ja, erwiderte Kurt, und sie kennen und lieben, war dasselbe; ich darf ohne Übertreibung sagen: sie sehen und sie lieben. Eines Abends – in größerer Gesellschaft – ich verkehrte schon lange in dem Hause und interessierte mich, glaube ich, ein wenig für Auguste, die jetzt auch hier ist, während ich mit Agathe, dem lieben Mädchen, gute Freundschaft geschlossen. Aber auch sie hatte mir nicht gesagt, daß Erna zum Besuch kommen würde – sie wollte mich überraschen. Und so sah ich sie, ganz unerwartet, in dem Kreise der jungen Damen. Es wäre ganz vergeblich, versuchte ich zu schildern, was da in meinem Herzen vorging. So muß den Menschen zumute gewesen sein, habe ich später oft gedacht, von denen die Bibel erzählt, daß sie einer himmlischen Erscheinung gewürdigt wurden. Der Atem stockte mir in der Brust; die ganze übrige Gesellschaft verschwand; ich sah nur sie, und eigentlich nicht sie, nur ihre Augen. Und das war wie ein Doppelstrom überirdischen Lichtes, der doch wieder ein Strom war, auf dem ich machtlos, widerstandslos fortgetragen, emporgehoben wurde in Gefilde der Seligen, von welchen ich eine Stunde vorher nichts gewußt, nichts geahnt hatte, und die doch – ich fühlte es völlig klar – meine eigentliche Heimat waren, zu der ich zurückkehrte aus ziel- und zwecklosem Irren in der Fremde. Die Stimme des jungen Mannes bebte; er leerte das Glas, das er bis dahin kaum berührt hatte, auf einen Zug. Bertram füllte es von neuem; der andere bemerkte nicht, wie die einschenkende Hand zitterte, und wie eigen verschleiert der Ton war, in welchem Bertram, die eingetretene Pause unterbrechend, sagte: Sonderbar, oder vielmehr weniger sonderbar als hoch erfreulich, daß ich endlich einmal jene zündende Wirkung von der Liebe Götterstrahl, welche die Dichter aller Zeiten und Orte gepriesen und besungen, in der Wirklichkeit bestätigt finde. Ich schäme mich fast, einzugestehen, ich habe es, trotzdem ich kein hoffnungslos prosaischer Mensch zu sein glaube, immer nur für einen holden Traum der Phantasie gehalten. Und ist ja auch insofern ein Traum, erwiderte Kurt, als die Verhältnisse der Wirklichkeit sich auf das wundersamste verrücken und verschieben, und man von dem, was geschieht, was man tut, kaum bessere Rechenschaft zu geben weiß, als ein Schlafwandelnder. Ich erinnere mich nicht, wie ich an jenem Abend nach Hause gekommen bin; ich weiß schlechterdings nicht, ob nun mehrere Tage dazwischen liegen, oder ob es bereits an dem folgenden war, daß ich, auf einer Landpartie, abseits von der Gesellschaft mit ihr durch einen Hain wandelte. In den vom Abendlicht durchzitterten Bäumen tönten ein paar leise Vogelstimmen. Sonst tiefe Stille. Und wir gingen stumm nebeneinander; sie bückte sich manchmal, eine Blume zu pflücken für den kleinen Strauß, den sie in der Hand hielt, und als sie sich wieder einmal bückte und ich ihr zuvorkommen wollte, berührten sich unsere Hände. Wir richteten uns dann beide erschrocken auf und blickten uns in die Augen, und der Strauß glitt aus ihrer Hand und – es war eben ein Traum, ein wonnevoller, kurzer Traum. Wer kann einen Traum erzählen! Der junge Mann war aufgestanden und an das offene Fenster getreten. Bertram blieb sitzen; er hatte den Kopf in die Hand gestützt. Als Kurt wieder zum Tische zurückschritt, wollte es ihn bedünken, als sei das edle Gesicht, das jetzt freundlich lächelnd zu ihm aufschaute, bleicher als zuvor. Verzeihen Sie, sagte er; ich glaube Ihnen anzusehen, Sie bedürfen der Ruhe. Lassen Sie mich hier abbrechen. Was nun kam, wissen Sie ja. Aber nicht so ganz, wie es kam, erwiderte Bertram; und das ist für mich von höchstem Interesse. Bitte, setzen Sie sich wieder zu mir. Sie müßten denn selbst zu müde sein. Was mich betrifft, ich bin eine alte erprobte Nachteule. Wie es kam – ja! wie kam zum Beispiel die Kunde von Ihrem Verhältnis zur Fürstin Erna zu Ohren? Es muß sich da ein Verräter gefunden haben und ein recht böswilliger dazu. Wäre das doch nur der Fall gewesen, erwiderte Kurt; einen Verräter würde Erna mit ihren klaren Augen bald durchschaut haben. Aber der es ihr mitteilte, war ein lieber Freund von mir, ein Kamerad, der auf einem Besuche in unserer alten Garnison – unser Regiment war unterdessen, wie Sie wissen, nach Magdeburg versetzt – sie kennen lernte, keine Ahnung von unserem Verhältnisse hatte und, als die Rede auf mich kam, unter dem Siegel der Verschwiegenheit das Geheimnis ausplauderte, jedenfalls auch in seiner Weise ausschmückte und vervollständigte, um das enorme Glück, das ich zu machen im Begriffe stehe, im höchsten Glanze schimmern zu lassen. Da er notorisch mit mir sehr liiert war, ich ihn selbst an das Palmsche Haus, speziell an Erna, empfohlen hatte, mußte sie wohl glauben, daß seine romantische Geschichte pure Wahrheit sei, ja, es stieg der fürchterliche Gedanke in ihr auf, ich – ich selbst hätte den Freund zu diesen Mitteilungen autorisiert, oder, wenn das auch freilich allzu schmachvoll gewesen wäre: er sei von mir beauftragt, sie vorzubereiten, und habe nur seinen Auftrag in plumper Weise ausgeführt, so daß ich, wenn nicht für die Form, so doch für die Sache selbst verantwortlich sei. Ihr nächster Brief – die Briefe gingen durch Agathens Hände unter dem Deckmantel einer Korrespondenz mit einer Freundin in meiner jetzigen Garnison – enthielt weiter nichts als die Frage, ob es wahr sei, daß ich mit der Fürstin in irgend einer Verbindung stehe? Ich konnte die so gestellte Frage nicht anders als mit »ja« beantworten, indem ich sie zugleich bat, über alles, was diese sogenannte Verbindung angehe, niemand, es sei, wer es sei, Gehör zu schenken als nur mir selbst. Die Bitte kam freilich sehr spät, verfehlte aber doch ihre Wirkung nicht auf Ernas Herz, das sich gewiß mit äußerstem Widerstreben dem schrecklichen Verdachte geöffnet hatte und nun befreit aufjauchzte. Sie neckte den Kameraden wegen seiner fruchtbaren Phantasie, die sich Geschichten erdichte, an denen kein wahres Wort sei, wie sie jetzt von anderer zuverlässiger Seite erfahren. So, in die Enge getrieben und empfindlich darüber, daß ihm alle Glaubwürdigkeit abgesprochen wurde, erklärte der Kamerad, er habe es, wenn nicht aus erster, so doch aus zweiter sicherer Hand, denn sein Gewährsmann sei kein Geringerer als der Oberst, dessen Zeugnis Erna doch schwerlich zurückweisen werde. Er bat abermals um Verschwiegenheit, ließ aber durchblicken, daß auch andere Kameraden von der Sache unterrichtet seien und ebenfalls durch den Oberst. Jetzt verkehrte sich für Erna der Zweifel, den sie besiegt zu haben glaubte, in Verzweiflung. Sie kannte durch mich selbst das intime Verhältnis, das zwischen mir und Herrn von Waldor bestand, den ich wiederholt meinen besten, gütigsten Freund, meinen Beschützer und zweiten Vater genannt hatte. Eine neue Anfrage von Erna: ob Herr von Waldor meine Beziehungen zur Fürstin kenne. Und wiederum mußte ich diese Anfrage bejahen, ohne den Verdacht hinzufügen zu dürfen, der jetzt – und jetzt zum ersten Male – in mir aufstieg, daß Herr von Waldor diese Beziehungen in seinem, Ihnen ja wohlbekannten Interesse geflissentlich falsch dargestellt habe. Was soll ich weiter die unselige Lage schildern, in die ich nun geriet: wie sich das Netz, in das ich mich verstrickt – oder in welches man mich verstrickt – immer enger und verderblicher über mir zusammenzog, so daß ich alle Hoffnung aufgegeben, mich daraus zu lösen, um so mehr, als Erna, wie sie ja selbst gehört, gerade Ihre Vermittlung, die ich anrufen wollte, mit so leidenschaftlicher Entrüstung zurückgewiesen hat – ich gestehe, nicht zu ahnen, aus welchem Grunde. Die dunkeln Augen des jungen Mannes hoben sich fragend zu Bertram, ohne daß dieser für den Moment den Blick erwiderte. Er hatte sich eben ein wenig gewandt, die Gläser aufs neue zu füllen; er schien nicht zu bemerken, daß er das zweite übervoll goß und der Wein reichlich auf die Tischdecke floß. Ah! sagte er, Verzeihung! ich war so in Gedanken. Aus welchem Grunde? Nun, wir stellten ja schon vorhin fest, daß erfahrungsmäßig junge Mädchen ihre Väter ungern zu Vertrauten ihrer Herzensgeheimnisse machen. Sie fürchten die väterliche Eifersucht, die väterliche Voreingenommenheit gegen den, der es sich herausnimmt, die Hand zu begehren, für welche ja der Beste der Besten selbstverständlich weitaus nicht gut genug ist. Aber seien Sie ohne Sorge: Erna soll an mir einen Freund und Beschützer und Berater finden, der den Beweis zu liefern hofft, daß man wie ein Vater lieben kann, ohne wie ein Vater verblendet zu sein, und der es vor allem ehrlicher mit ihr meint, als ich leider von Herrn von Waldor in bezug auf Sie sagen kann. Über das offene Gesicht des jungen Mannes flog ein dunkler Schatten. Ich danke Ihnen, sagte er mit leiser Stimme, danke Ihnen aus tiefstem Herzensgrunde für so viel Güte, die zu verdienen die schönste Aufgabe meines Lebens sein wird; aber schelten Sie mir Herrn von Waldor nicht! Es ist unmöglich, ihn mit dem gewöhnlichen Maßstabe zu messen. Todesverachtung und Lebensgier, königliche Großmut und kleinlicher Egoismus, zarteste Liebe und stahlharter Haß – das alles liegt in der Seele des Mannes dicht nebeneinander, durchkreuzt sich in einer Weise, die selbst mir, der ich ihn besser zu kennen glaube als irgendwer, oft ein völliges Rätsel ist. Aber wenn ich mich dann einmal gar nicht in ihn zu finden weiß, wenn ich, wie in diesem Falle, sehen muß, daß er selbst mich und mein Glück – ich darf nicht sagen: opfern, aber aufs Spiel setzen kann, meint er, dadurch das eigene gewagte Spiel zu gewinnen – dann brauche ich nur zu gedenken, was er dem verwaisten Knaben gewesen ist, nachdem er meinen zum Tode verwundeten Vater auf den eigenen Schultern aus dem Kampfgewühle der Düppler Schanzen getragen – wie er – der Ungeduldigste der Menschen – mit der Geduld einer Mutter an meinem Bette gewacht hat, wenn ich krank war, und von neuem zu studieren begonnen hat, um meine Studien überwachen und leiten zu können; und wie er mich auf der Kadettenanstalt unterhielt, den Fähnrich, den jungen Offizier equipierte, unterstützte; dem Blutarmen, Bürgerlichen, damit er in dem aristokratischen Regiment standesgemäß leben könne, überreichliche Zuschüsse aufnötigte und außer sich geriet, als ich mich weigerte, sie länger anzunehmen, weil ich erfuhr, daß er sich das Geld zu Wucherzinsen borgen mußte – gewiß, Sie werden mir einräumen: wer so tief in der Schuld ist, wie ich es gegen Herrn von Waldor bin, der hat das Recht, ja er hat die Fähigkeit verloren, sich zu sträuben und zu widersetzen, auch wenn die Hand, die ihm so viel Gutes erwies, schwer, furchtbar schwer auf ihn drückt. Ich glaube, Ihnen das nachfühlen zu können, erwiderte Bertram, obgleich Waldor in meinen Augen dadurch nicht entschuldigt wird – im Gegenteil: ich halte mich streng an das Bibelwort, daß die rechte Hand nicht wissen soll, was die linke tut, und daß, wer Dank begehrt, seinen Lohn dahin hat. Überdies, war denn das Opfer, das Waldor Ihnen zumutete, indem er Sie in eine so verhängnisvolle Lage drängte, notwendig? Im moralischen Sinne ist das gleichgültig, aber ich möchte über diesen Punkt, der mir bis jetzt dunkel geblieben ist, womöglich aufgeklärt sein. Wie sich die Sache genau verhält, wüßte auch ich nicht zu sagen, entgegnete Kurt; ich nehme an, daß in dem Ehekontrakt der Fürstin gewisse Bedingungen enthalten sind, die ihr den größten Teil ihres jetzigen Vermögens, sobald sie eine neue Ehe eingeht, entziehen, oder vielmehr zu entziehen scheinen. Denn um die richterliche Interpretation dieses fraglichen Punktes handelt es sich in dem Prozeß, der jetzt in die letzte Instanz getreten ist. Es läßt sich weiter annehmen, daß die Auffassung der Fürstin nach den Gesetzen einer gesunden Logik die einzig richtige; aber sie fürchtet – ich weiß nicht, ob mit Recht oder Unrecht – man werde sich gegen sie entscheiden, sobald man erfährt, daß sie ihre Wahl auf einen Ausländer gelenkt hat. Aber Sie waren doch auch ein Ausländer, warf Bertram ein. Kurt zuckte die Achseln: Ein obskurer bürgerlicher Leutnant und die Fürstin Bolinzow! das brauchte man nicht ernsthaft zu nehmen, das würde man nicht ernsthaft genommen haben, ebensowenig wie ein Dutzend anderer Liaisons – Der junge Mann brach ab, bis in die Schläfen errötend. Pfui! rief er, das war schändlich von mir! Mag ein anderer über das unglückliche Opfer greulichster Mißerziehung und der entsetzlichsten Verhältnisse den Stab brechen, ich darf es nicht, ich darf gegen sie nichts empfinden, als Bewunderung und Dank und immer wieder Dank, ich, der ich weiß und es an mir erfahren, daß sie sich durch alles Schlimme und Arge, das sich an sie herangedrängt von ihren Kindesbeinen, die Fähigkeit einer großen heroischen Liebe bewahrt hat, deren wir Männer Wohl nie und von den Frauen auch nur die allerbesten, alleredelsten fähig sind. Kurt hatte erst bei den letzten Worten den Blick zu erheben gewagt und senkte ihn sofort wieder. Die großen Augen des Mannes ihm gegenüber leuchteten in einem wundersamen Glanze, während ein seltsames, halb wehmütiges, halb ironisches Lächeln um seine Lippen schwebte. Gewiß, sagte er langsam, Sie haben vollkommen recht: nur die alleredelsten Frauen! Wir Männer sind egoistische Halunken; das ist unser stolzes Herrenrecht; und wer sich dieses Rechtes begibt, ist wert, daß er zwischen elenden Schachern ans Kreuz geschlagen wird. Er hatte sich vom Sofa erhoben, schritt ein paarmal im Zimmer auf und ab und trat dann an das offene Fenster. Kurt war sitzengeblieben, meinend, daß jener sich bald wieder zu ihm wenden werde. Aber das geschah nicht. Der junge Mann geriet in Verlegenheit. Den Träumer dort zu stören, verbot ihm die Ehrfurcht. Er war nie einem Menschen begegnet, dessen Nähe ihn so durchschauert hätte mit dem Anhauch des höchsten, reinsten Lebens. Und zu diesem Bewußtsein, mit dem er sich über sich selbst hinausgehoben fühlte, gesellte sich die schmerzliche Empfindung, die ihn vor sich selbst erniedrigte; daß er eben noch klein genug gewesen, über die Frau ein herbes Wort zu sprechen, von der er doch wußte, sie war hierher gekommen, der Opfer größtes zu bringen, das ein liebendes Herz bringen kann. Und jener wußte es nicht minder – hatte ihm doch Alexandra gestanden: ich habe ihm alles gesagt. Welcher schrille Mißton mußte für des Mannes reingestimmte Seele das schlimme Wort gewesen sein! Und nun hatte der Mann dem, welchen er als einen Undankbaren erfunden, die auf guten Glauben hin geschenkte Sympathie entzogen und hatte sich von ihm gewandt – für jetzt und für immer. Er wollte, er mußte fort. Aber es war, als ob er von unsichtbaren Banden an seinen Platz gefesselt sei; und jetzt, wie er so, mit sich selbst grollend, in dumpfem Brüten dasaß, waren es nicht bloß die müdeschweren Glieder, die ihm den Dienst versagten. Die Gedanken schweiften und zerflatterten. Über seine Augen senkte es sich wie ein dichter Schleier, durch den er nur noch auf Momente undeutlich die Umgebung sah; die Lichter auf dem Tische schienen Biwakfeuer in weiter Ferne und dann rötliche Sterne, die im Dunkel erloschen. Bertram hatte die Lichter nach dem Schreibtische getragen, so daß nun Schatten über den Schläfer fiel; dann kam er zum Sofa zurück und breitete ihm eine Decke über die Knie. Armer Junge, ich sah, wie du mit dem Schlafe kämpftest; das Examen war zu lang, aber ich konnte es dir nicht ersparen, und du hast es gut bestanden. Er blieb im Anschauen versunken. Und so wird sein Haupt neben dem ihren ruhen – auf einem Kissen. Er strich sich über die Augen, trat geräuschlos an den Schreibtisch zurück, und leicht und leise glitt seine Feder über das Papier. »Mein liebes Kind! Ich darf Dich von jetzt an mit Recht so nennen, jetzt, wo mir das Schicksal selbst eine Gelegenheit nach der anderen gibt, mich als ein guter, und ich hoffe auch einsichtiger Vater Dir gegenüber zu bewahren. Vor einer Stunde kaum hatte ich mein geliebtes Kind zu beruhigen, zu trösten, und durfte ihr doch den rechten Trost nicht geben, durfte ihr nicht meine volle Überzeugung aussprechen: daß ein gutes, gerades Herz mit seinem ersten vollen Schlage immer das Rechte trifft. Denn gut und gerade, wie das Herz meines lieben Kindes ist, so ist es doch auch ein gar trotzig Ding, das lieber nach seiner Fasson unselig, als nach der von anderer Leute Herzen selig sein will, und sich gegen mein Zureden verschlossen und mein Zeugnis verworfen hätte, und immer wieder darauf zurückgekommen sein würde: du kennst ihn nicht! Nun aber sage ich Dir: ich kenne ihn; und Du mußt mein Zeugnis annehmen als eines Vielerfahrenen, Herzenskundigen, dem die Liebe zu Dir, die Sorge um Dein Glück die menschlich scharfen Augen mit göttlicher Klarheit gefüllt hat. Ich kenne ihn nach dieser einen Stunde, die ich hier auf meinem Zimmer im vertraulichsten Gespräche mit ihm verbracht, als hätte ich ihn von seinen Kindesbeinen gekannt, den stattlichen Mann, der, während ich dies schreibe, unter meiner Obhut den süßen Schlaf erschöpfter Jugendkraft schläft, trotz seiner schmerzlichen Sorgen und seines Herzens bitterer Not. Ich habe den Schläfer beobachtet. Der Schlaf ist ein furchtbarer Verräter für die engen Geister und die schlaffen Herzen. Hier hatte er nichts zu verraten; hier hatte er nur seinen weichen und doch untrüglichen Stempel zu drücken auf das schöne Abbild einer großen und edeln Seele. Und so, wie diese Seele, gleichsam wehr- und widerstandslos, mir ausgeliefert ist, empfange sie denn, Du Liebe, aus meiner Hand, als ein hochherrliches Geschenk der Götter, die mich gewürdigt haben, der Bote und Vollstrecker ihres heiligen Ratschlusses zu sein. Ich habe Dir versprochen, nicht zu reisen, solange Du meiner noch bedürftest. Du bedarfst meiner nicht mehr; so reise ich morgen früh, ohne Abschied von Dir zu nehmen. Auch Deiner Mutter werde ich mich nur schriftlich empfehlen: sie kennt meine Passion, geräuschlos aus der Gesellschaft zu verschwinden. Es ist eine lange Reise, die ich vorhabe, und wir sehen uns wohl sobald nicht wieder. Trennung ist ein zeitweiliger Tod, und die Zeit wieder nichts als ein winziger Erdenwinkel, der zu seinem Komplement die Unendlichkeit hat. Der edlere Mensch sollte sein Denken und sein Handeln nicht auf jenen, sondern auf diese berechnen; und so lasse Dir, was für die kurze Spanne, die wir einander nicht sehen werden, gesagt ist, für immer gesagt sein: lebe Wohl! das heißt: lebe nach dem Gebote Deines Herzens, wie Du es vernimmst, wenn Du in heiliger Stille und Andacht seiner Stimme lauschest! Wie es sich dann gestaltet dieses unser Leben – es ist nicht mehr unsere Sache, sondern die von Mächten, über welche wir ein für allemal keine Gewalt haben, und geht uns deshalb nichts an. Also noch einmal: lebe wohl! Grüße mir die liebe Agathe auf das herzlichste! sie ist Deine wahre Freundin; mir war immer, als könne sie Dir nichts raten, was nicht auch ich Dir raten würde. Und eine andere ist Deine Freundin, obschon Du sie nicht dafür hältst. Du weißt, daß ich von der Fürstin spreche. Auch sie wird sich morgen von Euch verabschieden, nicht ohne den Versuch gemacht zu haben, Dir zu beweisen, daß sie Deine Freundin ist. Empfange sie gut um meinetwillen; dann, bin ich überzeugt, wirst Du mit freundlich dankbaren Gefühlen von ihr scheiden, die sie selbst Dir eingeflößt hat. Was immer sie Dir mitteilt – ich übernehme die Bürgschaft der Wahrheit. Sie gehört zu den Herzen, die oft irren mögen, aber niemals lügen. Solltest Du mir noch eine Botschaft zu senden haben – gib sie Deinem Vater mit, den ich im Laufe des morgenden Tages in W. sehe. Falls ich Dir noch etwas zu sagen hätte, soll es Dir Kurt überbringen, den ich ebenso morgen noch sehe und spreche. Und nun gedenke Deines Versprechens, mein gutes und gehorsames Kind zu sein, und zum letzten Male: lebe wohl!« Er hatte den Brief kuvertiert und wandte sich in seinem Sessel nach dem Sofa. Sein junger Gast lehnte in derselben Stellung; nur der Kopf war ein wenig mehr hintenüber gesunken. Und mochte es nun sein, daß die Schatten tiefer auf die Stirn und die geschlossenen Augen fielen, während Kinn und Lippen in ein helleres Licht traten – die vorhin so weichen Züge schienen scharfer und der Ausdruck fast frauenhafter Milde und Sanftheit in den mannhafter Entschlossenheit, ja zürnenden Unmuts umgewandelt. So mochte Simon Petrus die Brauen zusammengezogen, so mochte es um seine Lippen gezuckt haben – in jener Nacht! Und konnte doch schlafen, obschon er wußte, was geschehen würde! wie dieser hier es weiß und doch schlafen kann! Er stand wieder am offenen Fenster, sich gegen das Kreuz lehnend. Tiefe Stille; nur manchmal strich der Nachtwind vorüber; dann rauschte und raunte es in den Büschen und Bäumen. Aus dem Dorfe dämmerte hie und da durch dichte Nebelschleier ein rötliches Licht. Jezuweilen kam verworrenes Geräusch herauf wie von Rosseshufen und dem gleichmäßigen Schritte eines Kriegshaufens und Waffengeklirr. Dann wieder tiefe Stille, und durch die tiefe Stille das halberstickte Krähen eines Hahns. Über dem Rande der Berge drüben hing der beinahe volle Mond blutrot in dem Dunste, der ihm aus den Wäldern entgegendampfte. Hast du auch ihn so trübselig angeblickt in jener Nacht? und mußten auch ihm alle himmlischen Sterne verlöschen, damit er des Himmels eingedenk sei, den er in seiner Brust trug? Ach, und er wußte, daß er für die Welt starb; ich verlange ja in Demut nichts, als für sie zu sterben, die meine Welt ist. Man kann sich sein Gethsemane nicht wählen; man muß es nehmen, wie es kommt: unter dem Klange der Posaunen des Weltgerichts, der durch die Herzen aller nachwachsenden Menschengeschlechter dröhnt, oder in tiefer, weltverschollener Heimlichkeit, in welche nie ein Menschenauge schauen wird, so wenig, wie in den Abgrund des Meeres. Und dies hier nun ist mein stilles Gethsemane. – Der Mond war hinter den Bergen versunken; der Morgenwind wehte kühl herein; er war im Begriff, das Fenster zu schließen, als aus der Ferne ein kurzer, dumpfer und doch starker Ton herüberklang, dem alsbald andere ähnliche folgten, so schnell, daß das Echo bereits die zerstückten Töne zusammenfassen und als anschwellenden Donner zurückbringen konnte. Und nun schmetterten aus dem Dorfe langgezogene Trompetentöne, und die Trommeln rasselten drein. Bertram hatte sich schnell zu dem Schläfer gewandt, der nicht um seinethalben die Pflicht des Dienstes versäumen sollte. Der aber war bereits von seiner Sofaecke aufgetaumelt mit weit offenen Augen, welche noch der Schlaf umschleiert hielt, und weit ausgestreckten Armen, die in der Luft wie nach Waffen griffen. Ich, ich! nicht Sie! ich will's ausfechten! geben Sie mir die Pistole! Bertram berührte seine Schulter: Man schlägt im Dorfe Generalmarsch. Ja so! ich meinte – Er fuhr sich mit den Händen über die Augen. Ich habe geschlafen – verzeihen Sie! wie sind Sie so gut, daß Sie für mich gewacht haben! – Ist das schon lange? Er deutete nach dem Fenster. Keine halbe Minute. So komme ich noch zur rechten Zeit. Er hatte den Degen bereits angesteckt und den Helm ergriffen. Verzeihen Sie meine Eile – Sie wissen – Keine Entschuldigung! das versteht sich von selbst. Auf Wiedersehen! Er hatte dem jungen Manne die Hand gereicht. In dem schönen männlichen Gesichte des Jünglings, der jetzt wieder zum vollen Leben erwacht war, zuckte es seltsam. Er wollte offenbar etwas sagen, für das er nicht den rechten Ausdruck fand. So drückte er nur kräftig die Hand, die er in der seinen hielt. Nun denn – auf Wiedersehen! Er war davongeeilt; Bertrams Blick blieb auf die Tür geheftet, durch welche die schlanke Gestalt entschwunden. Gott sei Dank! es ist wenigstens keine Unehre, ihm zu weichen; an ihm ist Kern und Schale süß. XXIII. In dem eben noch so stillen Schlosse war es laut geworden von durcheinanderrufenden Stimmen; vom Hofe erscholl Pferdegetrappel. Ein schneller, wuchtiger Schritt kam den Korridor herauf: Welche Tür? Die zweite, Herr Oberst; erlauben der Herr Oberst! Aber Bertram hatte bereits geöffnet; Waldor stürmte herein. Guten Abend, lieber Freund, oder guten Morgen! ein Glück, daß ich gleich Ihren Diener traf – hätte lange suchen können – habe nur einen Augenblick Zeit – wo ist Ringberg? Ihr Diener sagte, er sei hier? War hier – noch vor fünf Minuten – bis zum Generalmarsch. Das kam unerwartet? he? rief der Oberst. Eine Stunde früher – hab's auf meine Kappe genommen – Exzellenz werden außer sich sein – Angriff abwarten – jawohl! bei der exponierten Stellung! – zurück müssen wir schließlich doch – da will ich ihnen wenigstens das Leben sauer machen. Aber das geht Sie nichts an. Hier etwas, das Sie ein wenig angeht und sehr freuen wird. Lesen Sie! Waldor hatte zwischen ein paar Knöpfen seiner Uniform ein zusammengefaltetes Papier hervorgezogen und Bertram gereicht. Es war eine Depesche in französischer Sprache: »Der Frau Prinzessin meine aufrichtigsten Glückwünsche – Prozeß definitiv gewonnen – Ihr sehr ergebener Diener Odintzow.« Odintzow ist unser Rechtsanwalt und chargé d'affaires in Petersburg; absolut zuverlässig, erklärte Waldor. – Was sagen Sie nun? Daß ich ebenfalls von Herzen gratuliere. Wie kam das in Ihre Hand? Man muß eben Glück haben. Wußte, daß die Entscheidung in der Luft schwebte, obgleich Alexandra es nicht glauben wollte. Hatte Auftrag gegeben, bei Tag und bei Nacht jede einlaufende Depesche durch einen Reitenden unverzüglich hierher zu senden. Wie ich eben von meinen Vorposten komme, dicht bei Rinstedt, überhole ich auf der Chaussee einen Kerl, der vor mir hertrabt. – Depesche nach Rinstedt? – Jawohl. – Fürstin Volinzow? – Jawohl! – Her damit! – Der Kerl war die Depesche los, ehe er wußte, wie ihm geschah. Beim Schein meiner Zigarre gelesen – deshalb der Brandfleck. Bitte, geben Sie mir ein Kuvert – oder wollen Sie die Güte haben, sie der Fürstin morgen früh zu überreichen mit meinem ehrfurchtsvollen Gruß? Wird ihr doppelt Freude machen; kann Ihnen sagen: haben noch immer das alte Glück bei Frauen; Alexandra schwärmt für Sie. Richtig! und da mögt ihr denn auch gleich eure klugen Köpfe zusammenstecken, wann und wie ihr nun die gewonnene Schlacht im Interesse unserer jungen Schützlinge ausbeuten wollt. Gebe euch plein pouvoir . Ich dächte, wir ließen sie bis morgen abend zappeln; käme dann mit Kurt herüber, dem natürlich kein Wort sage. Kleines behagliches Souper: meine Herrschaften, habe die exquisite Ehre, Ihnen in der Prinzessin Alexandra Paulowna meine teure Braut – prachtvoll! die verwunderten Augen von der schönen Frau Amtsrätin! – das ist ja allein den Spaß wert! und dann die jungen Leute gleich hinterdrein – ihr müßt natürlich die Kleine vorher ordentlich ins Gebet nehmen – scheint mir ihren Kopf für sich zu haben – na, ihr werdet's schon machen. Adieu, mon cher ! adieu! sehen verteufelt abgespannt aus! kommt vom Stubensitzen! ich bin seit heute morgen um vier auf den Beinen und fühle mich frisch, wie wenn ich aus dem Bette käme. Ist das Kurts Glas? keine Umstände! es wäre nicht das erstemal, daß er und ich aus einem Glase getrunken! Waldor hatte sich das Glas vollgeschenkt und auf einen Zug geleert. Ein vortrefflicher Wein! Adieu! und à revoir ! Und der Oberst war davongestürmt. So erobert man die Welt, sagte Bertram lächelnd; es sieht vielleicht schwerer aus, als es in Wirklichkeit ist. Er hatte sich wieder an den Schreibtisch gesetzt und ein neues Blatt zur Hand genommen. »Meine gnädige Fürstin! Soeben verläßt mich Waldor, nachdem er mir die Einlage, zu welcher ich schönstens gratuliere, zur Weiterbesorgung an Sie übergeben hat. Ich muß das leider schriftlich tun, da ich in wenigen Stunden – heimlich vor aller Welt – von hier aufbreche, um nicht zurückzukehren. Auch Waldor habe ich den letzteren Umstand, den mir unabweisliche Geschäfte oktroyieren, verschwiegen. Er hofft vielmehr, mich am Abend noch hier zu finden, damit ich Zeuge des Erstaunens sei, welches die Ankündigung Ihrer Verlobung, der ja nun nichts mehr im Wege steht, in dem hiesigen Freundeskreise hervorrufen wird. Es tut mir aufrichtig leid, ihm diese Freude – es würde wirklich eine für ihn sein – nicht machen zu können. Und noch mehr, daß ich ihm eine schlimmere Enttäuschung bereiten muß. Ich halte es nämlich – im Interesse unserer Schützlinge – für wünschenswert – für notwendig, wenn Sie wollen – daß Sie, meine gnädige Frau, ebenfalls morgen abreisen, ohne Waldors abendlichen Besuch zu erwarten. Die Mitteilungen, welche Sie unserer jungen Freundin zu machen entschlossen waren, noch bevor Ihnen Waldor » plein pouvoir « gegeben – wie er es jetzt durch mich tut – werden die rechte beruhigende Wirkung nur haben, wenn Sie den in Ernas Herzen angeschlagenen Akkord voll und rein ausklingen lassen. Im Leben wie in der Komödie muß man auf gute Abgänge sehen. Man verfehlt sie, wenn man nach dem letzten entscheidenden Worte noch auf der Bühne zögert. Was die Mitteilungen selbst betrifft? Ich würde es für anmaßend halten, der klugen Freundin Claudinens nach dieser Seite einen Rat geben zu wollen. Sie weiß, daß man nur vor dem Gerichte verpflichtet ist, die ganze Wahrheit zu sagen. Im Leben genügt es, ja ist es oft im Interesse der Menschlichkeit geboten, freilich nichts als die Wahrheit, aber von der Wahrheit nur so viel zu sagen, wie es – um mit dem weisen Nathan zu reden – nötig ist und nützt. Und jetzt – zu allen diesen Bitten – einen Dank, einen tiefgefühlten: den Dank, daß Sie mich gewürdigt haben, Claudine kennen zu lernen und – Sie selbst. Ihre Freundin ist vielleicht interessanter und geistreicher – Sie behaupten es wenigstens – aber Sie, Sie haben tausendmal das edlere Herz. Ich für mein Teil machte stets die schuldige Reverenz vor dem geistreichen Kopfe; aber vor dem edeln Herzen beugte ich immerdar willig meine Knie.« – Längst war es wieder still im Schlosse; auch das in unmittelbarer Nähe engagierte Gefecht hatte sich weit weggezogen und grollte nur noch in dumpfen Donnern wie fernes Gewitter. Die Lichter auf Bertrams Schreibtische waren fast bis in die Sockel heruntergebrannt; er wandte die müden Augen nach dem Fenster, durch das der Morgen grau hereinblickte. Konski trat in das Zimmer. Was ist die Uhr? Eben fünf, Herr Doktor. So spät! nun, ich bin fertig. Wie steht's? haben Sie einen Wagen aufgetrieben? Hält schon unten an der Brücke. Vom Schulzen? Ja, Herr Doktor. Er machte zuerst etwas Sperenzchen; sie wollen nämlich alle Mann hoch aufs Manöver fahren; und Herr von Busche hat für den Nachmittag auch einen bestellt. Der kriegt nun einen Leiterwagen mit Strohsäcken; na, das ist am Ende nicht so schlimm. Weshalb machen Sie denn dazu ein so trübseliges Gesicht? Dazu noch lange nicht, Herr Doktor. Nun? Daß ich den Herrn Doktor so allein wegfahren lassen soll. Können Sie mich nicht mitnehmen? Unmöglich. Sie sehen selbst, daß Sie noch ein Paar Stunden zu tun haben. Die versiegelten Pakete kommen in den kleinen Koffer, den Sie bei sich behalten. Die Briefe dort geben Sie an die Herrschaften, sobald sie auf sind. Das Geld ist zu Trinkgeldern an die Leute. Daß Sie mir keinen vergessen! und nicht geknausert, Konski! Grüßen Sie auch Ihre Aurora von mir. Und nun meinen Mantel! Adieu, Konski! Ja, soll ich denn den Herrn Doktor nicht wenigstens bis zum Wagen bringen? Nein. Herr Doktor, seien Sie mir nicht bös! Ich meine es gewiß gut mit Ihnen, und die Aurora tut es auch. Wir haben noch vorhin wieder von nichts anderem gesprochen. Und sie schwört Stein und Bein darauf, wenn der Herr Doktor nur wollten, Sie könnten das gnädige Fräulein jeden Tag haben. Dann sagen Sie Ihrer Aurora, der Herr Doktor wolle nicht; der Herr Doktor habe mehr zu tun, als verliebte Narrenspossen zu treiben wie ihr beide. Er hatte dem treuen Menschen die Hand gereicht und war gegangen. Eine Minute später sah jener, der traurig am Fenster stand, die dunkle Gestalt rasch an dem Rasenplätze hinschreiten und hinter einer Terrassenmauer verschwinden. Seufzend schloß er das Fenster. Bertram aber hemmte seinen Schritt, sobald er sich unbeobachtet wußte. Langsam stieg er die Stufen zu der zweiten Terrasse hinab. Es war der Laubengang, der links auf den Altan unter der Platane mündete. Er warf einen scheuen Blick nach jener Seite. Sein Fuß hatte schon die nächste Treppe berührt; er wollte hinab – fort; aber wie mit magischer Gewalt zog's ihn doch hin. Da, in jenem Stuhle hatte sie gesessen; er hier, ihr gegenüber. Und die goldigen Sonnenstrahlen waren durch das dichte Gezweig geschlüpft, in dem die Vögel jubilierten; von den Beeten herauf wogte der Blumenduft, und in seinem Herzen war eitel Licht und Jubel und Frühlingswonne gewesen. Und nun! und nun! Du heilige Morgenfrühe, vergib mir! ihr stillen Büsche und Bäume sagt's nicht weiter! ich habe ertragen, was ein Mensch ertragen kann; ich kann nicht mehr! Und die Hände in sein Gesicht drückend, weinte er. XXIV. In dem kleinen Garten unter breitkronigen Kastanien saßen um die vierte Nachmittagsstunde der Rechtsanwalt und Bertram an einem mit Büchern, Akten und Papieren bedeckten Tische. Aus dem kleinen Garten sah man über einen schmalen Hof in die Fenster der Expedition, wo man eben angefangen hatte, das nach langer Beratung festgestellte Testament ins reine zu schreiben. Und nun, Sie Ernsthaftester und Gewissenhaftester aller Menschen, der Sie in die Wahlkampagne gehen wie in einen wirklichen Krieg, lassen Sie uns darauf anstoßen, daß der Sieg auf Ihrer, das heißt auf unserer, das heißt auf der Seite der Freiheit und des Rechtes ist, und daß dem Sieger als Dotation eine stattliche Reihe rühmlicher Jahre – mindestens so viele, als dieser Rüdesheimer Achtundsechziger zählt – zu den ihm sonst beschiedenen extra zugelegt werde. Der Anwalt füllte aus einer ehrwürdigen Flasche von einem Nebentischchen die grünen Kelchgläser und hielt das seine Bertram entgegen. Ich tue Ihnen Bescheid, erwiderte Bertram, obgleich ich, wie Sie wissen, gegründete Ursache habe, anzunehmen, daß Ihr freundlicher Wunsch nicht in Erfüllung gehen wird. Ei was! rief der Anwalt, ich bin ebenfalls kein Riese, aber des guten Glaubens, daß ich sämtliche gleichalterige Riesen überleben werde. Es ist der Geist, der sich den Körper bauet, sagt Wallenstein, und ich sage: er ist's auch, der das Gebäude zusammenhält, kracht's gleich in allen Fugen, was denn doch bei Ihnen wahrhaftig noch lange nicht der Fall ist. Bertram lächelte zerstreut. Sein Blick schweifte nach der Gartenpforte. Wo nur Otto bleibt, sagte er. Ich hatte ihn auf das dringendste gebeten, bis spätestens vier Uhr hier zu sein. Ich habe gar keine Eile, erwiderte der Anwalt; nachdem ich Sie den ganzen Vormittag warten lassen mußte, steht Ihnen dafür mein ganzer Abend zur Verfügung. Oder, wenn Sie durchaus um fünf aufbrechen wollen, nehmen wir einen anderen zweiten Zeugen, und Sie teilen dann unserem Freunde diejenigen Punkte, die sich speziell auf ihn beziehen, brieflich mit. Es liegt mir viel daran, daß es mündlich geschehe. Auf dem schlimmen Pflaster der schmalen Straße, welche hinter der Gartenmauer hinlief, donnerte ein eiliger Wagen heran. Lubus in fabula , rief der Anwalt; von Rinstedt muß man durch diese hohle Gasse. Und da erschien auch schon Ottos breite Gestalt auf dem kleinen Hofe. Die beiden unter den Kastanien hatten sich erhoben und waren dem Kommenden entgegengegangen. Was machst du für Streiche! rief dieser schon von weitem, bei Nacht und Nebel fortzufahren in einem Wagen, den man sich aus dem Dorfe requiriert! Was müssen die Leute von mir denken! doch wahrhaftig, daß ich meine Gäste aus dem Hause jage! Aber natürlich, ihr geistreichen Leute könnt nichts tun wie wir anderen Sterblichen. Das muß immer was Apartes sein. Gelt, alter Kerl? Er schlug Bertram lachend auf die Schulter; aber das Lachen war gezwungen, wie denn auch sonst aus seinen Mienen und seinem Wesen eine peinliche Hast und Unruhe sprach. Ich muß die Herren zu meinem Bedauern ein wenig allein lassen, sagte der Anwalt mit einem Blicke auf Bertram. Sie können mich aber jeden Augenblick aus der Expedition abrufen. Apropos! da steht noch ein leeres Glas, Bermer! Sie werden durstig sein nach dem heißen Wege, und einen besseren Rüdesheimer führen Sie selbst in Rinstedt nicht. Der Anwalt hatte den Rücken gewandt, und sofort war auch die letzte Spur der forcierten Lustigkeit aus Ottos Gesicht verschwunden. Er hatte sich in einen der Gartenstühle geworfen und saß da, mit den Ellbogen auf den Knien, die vollen Wangen in die Hände drückend, starren Auges vor sich niederblickend. Das war ein Tag, sagte er, an den werde ich denken! Du hast mit deiner Frau gesprochen? Otto nickte. Ausführlich? Nun ja; das heißt – Daß du ausführlicher hättest sein können. Indessen darauf kommt es nicht an, wenn du sie nur im ganzen und großen von deiner Lage unterrichtet hast. Das ist doch geschehen? Ob es geschehen ist! rief Otto; großer Gott, es war furchtbar. Sie meinte wohl anfangs, ich sei verrückt geworden; wenigstens sah sie mich so an – so scheu, weißt du – und wollte klingeln. Ich sagte aber, ich sei noch leider ganz gut bei Sinnen und völlig nüchtern, wenn ich auch gestern vielleicht in meiner Verzweiflung ein wenig zu viel getrunken hätte. Und nun weiß ich nicht mehr, wie es kam: ein Wort gab das andere; und als sie mir sagte, das sei alles einzig und allein meine Schuld und die Folge meiner schlechten Wirtschaft und meiner vornehmen Passionen – womit sie doch höchstens sagen wollte, daß ich gern ein gutes Glas Wein trinke und eine anständige Zigarre rauche – höre, du, da ging etwas in mir vor, was ich nicht beschreiben kann: als wenn sich mir das Herz im Leibe umdrehte, und als ob ich sie in meinem Leben nicht geliebt hätte. Und da brauchte ich nicht länger nach Worten zu suchen; es kamen mehr und härtere, als mir schließlich lieb war. Es war grauenhaft. Otto seufzte tief und leerte sein Glas. Es ist wirklich ein guter Wein, sagte er, die Flasche zur Hand nehmend und nach der halb vermoderten Etikette sehend; wo mag er den nur her haben? Aber, was geht's mich an! für mich sind die Trauben von jetzt an sauer geworden. Ich hoffe nein, sagte Bertram; jedenfalls danke ich dir, daß du, was ich dir heute nacht geschrieben, so beherzigt und so treulich befolgt hast. Es war in der Tat der erste notwendige Schritt, sollte die Ausführung meines Planes, von dem ich dir gleich die Details mitteilen werde, möglich sein. Vorher noch eine Frage: du hast nichts von dem Inhalt der Unterredung zwischen dir und deiner Frau gegen Erna verlauten lassen? und wie ich deine Frau kenne, wird sie, solange es möglich ist, vor Erna geheimhalten, was sie weniger für ein Unglück, als für eine Schande ansieht? Darauf kannst du dich verlassen, erwiderte Otto; sie würde sich eher die Zunge abbeißen. Aber wie lange kann es denn dauern, so muß Erna doch alles erfahren. Ich hoffe, das wird nie der Fall sein, erwiderte Bertram; und nun zur Sache. Ich habe dich gebeten, dich heute hier einzufinden, um mir als Zeuge bei Abfassung meines Testamentes zur Seite zu stehen. Ich hätte dir gestern schon den Inhalt des Testamentes mitteilen können. Ich habe es nicht getan, weil ich – ganz offengestanden – fürchtete, du würdest nicht reinen Mund halten, und so möchte der Eindruck der ganzen Wahrheit auf deine Frau bedenklich abgeschwächt werden. Wenn sich nun doch alles zum besseren wendet, wird sich – sie ist ja nicht bös, deine Frau, nur verwöhnt und ohne tiefere Einsicht – etwas von Dankbarkeit in ihrer Seele regen. Und wäre es wirklich nicht der Fall, beherrsche ich ein wenig sozusagen die Situation, und ihr werdet euch fügen, du gutwillig, sie, weil sie muß. Also: in meinem Testament, welches sie da eben in der Expedition mundieren, habe ich, abgesehen von einigen kleineren Legaten, unter denen sich auch eine auskömmliche Rente auf Lebenszeit für Lydie befindet, Erna zur Universalerbin eingesetzt. Von ihrer dereinstigen Erbschaft wird sofort die Summe abgezweigt und flüssig gemacht, deren du bedarfst, um, unter Assistenz unseres Rechtsfreundes, völlige Ordnung in deine Angelegenheiten zu bringen. Er garantiert dafür, daß, wenn du dich seinen Anordnungen, vor allem hinsichtlich der Fabriken, fügst, der größte Teil deines Vermögens noch zu retten sei. Jene Summe wird zu sicherer Hypothek – unser Freund soll dir sagen, wie das trotz alledem zu ermöglichen ist – auf deine Güter eingetragen zu einem mäßigen Zinssatz, dessen Gesamtbetrag Erna zufließt von dem Tage ihrer Verheiratung. Hinsichtlich dieser etwaigen Verheiratung hat Erna selbstverständlich absolut freie Wahl, obgleich ich für mein Teil hoffe, daß sie den Wünschen, die ich ihr nach dieser Seite ans Herz gelegt, nachkommen wird. Und nun gib mir die Hand, lieber Otto, und verzeihe, wenn ich zu der schlimmen Stunde, die ich dir heute schon bereitet, eine zweite fügen mußte. Tu l'as voulu ! Von mir wolltest du nichts nehmen; ich hoffe, mit deinem eigenen Kinde wirst du weniger Umstände machen. Es bleibt doch immer dein Geld, murmelte Otto. Solange ich lebe; wer weiß, wie lange das ist. Und da kommt unser Freund mit dem ausgefertigten Dokument, das du dir nun vorlesen lassen und mit deiner Unterschrift, als einer der zwei Zeugen, verzieren sollst. Der andere wird hier mein Herr Casper sein, sagte der Anwalt, der eben mit seinem Bureauvorsteher herantrat. Nehmen Sie Platz, Casper, und lesen Sie! Während der Lektüre des ziemlich umfangreichen Aktenstückes wechselte auf Ottos Gesicht die Farbe fortwährend; die geröteten Augen hielten nur mit Mühe die Tränen zurück. Als ihm der Anwalt dann zur Unterschrift die Feder reichte, zitterte die mächtige Hand; kaum daß er ein paar Züge zustande brachte, die seinen Namen bedeuten sollten. Das Dokument war in allen Formen Rechtens hergestellt; der Anwalt war selbst gegangen, es an sicherem Orte in Verwahrung zu tun, kam aber sogleich zurück. Die Herren möchten entschuldigen: der Oberhofmarschall, Exzellenz Dirnitz, sei eben im Bureau erschienen und wünsche ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Es wird wohl nicht so wichtig sein, sagte der Anwalt; ich hoffe, es ist in wenigen Minuten abgemacht; wir plaudern dann noch gemütlich. Die Freunde waren abermals allein. Otto schien das Kommen und Gehen des Anwaltes gar nicht beachtet zu haben; er saß noch an dem Tische, den Kopf aufgestützt, düsteren Blicks vor sich hinstarrend; Bertram bog sich zu ihm hin und legte ihm die Hand auf die Schulter. Otto, du darfst die Sache nicht so tragisch nehmen. Man soll es wohl noch lustig nehmen, wenn man sein Todesurteil selbst unterschrieben hat, murmelte Otto, ohne sich aus seiner Stellung zu rühren. Das hast du nicht getan, erwiderte Bertram; ich möchte sagen: im Gegenteil, es beginnt für dich von heute ein neues Leben, ein Leben der Klarheit, der Nüchternheit, der Energie, der Selbständigkeit, so wunderlich dir auch gerade das letztere klingen mag. Aber bis heute lebtest du kein selbständiges Leben; nur ein Scheinleben, nur eines, das in dem sklavischen Dienste der Launen deiner Frau stand, der du dein Vermögen und, was schlimmer ist, deine bessere Einsicht zum Opfer brachtest. Jetzt, da du zur Einsicht gekommen, kannst du mit einer Unterstützung, die doch wahrlich kein Almosen, sondern ein Darlehn ist, für das du in jeder Beziehung verantwortlich und haftbar bist, dein Vermögen oder doch den größten Teil desselben zurückerobern; und wer weiß, ob nicht dazu, was du nie besessen: die Liebe, mindestens die Achtung deiner Frau, die sie nur dem Willenlosen vorenthielt, dem tätigen, selbstbewußten, willenskräftigen Manne aber nicht versagen wird. Ja, ja, sagte Otto, das klingt alles sehr schön, und ich will gewiß versuchen, wieder gutzumachen, was ich so mordsmäßig schlecht gemacht habe; aber das weiß ich heute schon: es wird doch nichts – ich meine, ich werde die Energie, von der du sprichst, nicht haben, ja, ich werde mir wie ein ganzer Lump vorkommen und nicht meiner Frau und keinem Menschen in die Augen zu blicken, geschweige denn fest entgegenzutreten wagen, solange ich keine Möglichkeit sehe, dir meine ungeheure Schuld abzutragen. Nicht bei Heller und Pfennig – das mag ja möglich sein – sondern in meinem Herzen – ich weiß es nicht so recht auszudrücken, du wirst mich schon verstehen – dadurch, daß ich dir etwas als Entgelt gebe, was dir kein anderer geben kann. Er hob die Augen mit ängstlicher Frage zu Bertram auf. Bertram schüttelte den Kopf. Ich glaubte, wir wollten nicht wieder davon sprechen, sagte er. Auch hätt' ich's sicher nicht getan, erwiderte Otto; denn, wenn man jemand noch so lieb hat und ihm noch so sehr verpflichtet ist – das einzige Kind bleibt das einzige Kind, und gar jetzt – mich von ihr trennen zu sollen – in dem großen Hause allein zu leben mit – aber ich kann den Gedanken nicht los werden, wenn nun auch auf einmal gar nichts daran sein soll, nachdem sie – meine Frau und Lydie – mir erst schwarz auf weiß zu beweisen suchten, daß ihr einander liebtet, oder wenigstens Erna dich – Ich weiß kaum, wovon du sprichst, unterbrach Bertram ungeduldig den Freund; und was heißt das: schwarz auf weiß? Eine dumme Geschichte, erwiderte Otto verlegen, in die mich die Frauenzimmer hineingerudert haben, und von der ich dir auch gestern noch nichts sagen mochte, weil ich Hildegard schonen wollte. Aber jetzt mag das so mit dem anderen in eines weg gehen. Also höre! Und Otto erzählte von dem Briefe, den Erna an Agathe geschrieben und Lydie auf einige Stunden entwendet hatte. Der Brief war ihm von Hildegard vorgelesen worden, und er vermochte mit seinem vortrefflichen Gedächtnis wenn nicht den Wortlaut, so doch den Inhalt zu reproduzieren. Auch die Stelle, die sich auf ein gewisses Verhältnis bezog, das Erna gehabt zu haben schien, und der die Damen keine weitere Bedeutung beigemessen, hatte er wohl behalten. Nun siehst du, schloß er seinen Bericht, weshalb dir meine Frau, die doch partout Lotter zum Schwiegersohne haben wollte, in den letzten Tagen so gram und aufsässig war, und ich weiß auch nicht, was daraus geworden wäre, wenn die Fürstin sie nicht gestern zur Räson gebracht hätte. Wie die es angefangen, ist mir ein Rätsel; aber das Faktum steht fest: Lotter ist ein für allemal abgetan. Hildegard ging heute morgen sogar so weit, zu behaupten, ich wäre es gewesen, der Lotter protegiert hat«, und – um dir doch alles zu sagen – du erschienst ihr plötzlich, als Gatte Ernas, nicht nur akzeptabel – sie sah vielmehr in eurer Verbindung die einzige Möglichkeit, wenn wir auch durch meinen Leichtsinn zugrunde gerichtet wären, wenigstens Erna zu salvieren und ihr eine Position in der Gesellschaft zu erhalten, für die sie nun einmal geboren sei. Na, alter Kerl, nun habe ich es vom Herzen herunter; und es wäre trotz alledem und alledem der schönste Tag meines Lebens, wenn du mir sagen könntest: es kommt das freilich ein bißchen spät, aber doch noch nicht zu spät. Es kommt zu spät! erwiderte Bertram. Er hatte es in heftiger Bewegung herausgestoßen, indem er zugleich von seinem Stuhle aufsprang und mit ungleichen Schritten unter den Kastanien hin und her zu gehen begann. Aber er kam alsbald zu Otto, der erschrocken sitzengeblieben war, zurück und sagte in seinem gewöhnlichen ruhigen Tone: Es würde zu spät sein, auch wenn alles wäre, wie es nun eben nicht ist. Ich wollte nicht davon sprechen, weil ich keinen Auftrag dazu habe, und es mir also die Beteiligten mit Fug und Recht verübeln könnten, hätte ich euch davon benachrichtigt, bevor sie selbst den Zeitpunkt für gekommen hielten. Ich wollte mich damit begnügen, alles so weit herzurichten, daß der Erfüllung ihrer Wünsche nichts im Wege stehe. Nun aber, da du von der wunderlichen Idee einer Verbindung mit mir und Erna nicht loskommen zu können scheinst, deine Frau selbst seltsamerweise daran Gefallen findet, und ihr am Ende gar in dem Umstände, daß ich Erna zu meiner Erbin mache, eine indirekte Bestätigung eurer Meinungen seht, so sage ich dir: ich weiß, daß Erna ihr Herz bereits vergeben hat, daß sie seit einem Jahre den Leutnant Ringberg liebt und von ihm geliebt wird. Es ist mein innigster Wunsch, es mögen sich der Verbindung der Liebenden keine Hindernisse in den Weg stellen, und mein fester Glaube, es werde diese Verbindung zu Ernas höchstem Glücke ausschlagen. Und nun, damit auch ich dir gegenüber nichts auf dem Herzen behalte: ich habe mich nicht umsonst so beeilt, meine und hoffentlich auch deine Angelegenheiten zu ordnen und Ernas Zukunft zu sichern; ich habe schon in der nächsten Stunde einen Gang zu tun, von dem ich nach menschlicher Voraussicht nicht mit heilen Gliedern und möglicherweise nicht einmal mit dem Leben davonkomme. Und Bertram erzählte nun dem Freunde in möglichster Kürze seinen Wortwechsel mit dem Baron gestern abend und dessen Folgen. Die eigentliche Veranlassung verschwieg er auch jetzt, wie er sie heute nacht Kurt verschwiegen. Otto geriet über diese Mitteilung völlig außer sich. Das darf nicht sein, das soll nicht sein! rief er ein Mal über das andere; das ist ja absoluter Wahnsinn! wie kannst du auf Pistolen losgehen, du, der kaum weiß, wie er eine Pistole abdrücken soll! und mit Lotter, der jedes Pare annimmt und auf zwanzig Schritt das As aus der Karte rein herausschießt! das ist kein Duell, das ist Mord und Totschlag – das gebe ich nimmermehr zu! Ich bitte dich, sprich wenigstens weniger laut, sagte Bertram; sie können es ja dort in dem Bureau hören. Desto besser, rief Otto, alle Welt soll hören, daß du dich mit dem Menschen nicht schießen darfst. Da ist doch, weiß es Gott, der Ringberg vernünftiger, der gestern abend getan hat, als ob er die Impertinenz des Menschen nicht bemerkte und, ohne ein Wort zu erwidern, vom Spieltische weggegangen ist. Von wem hast du das? rief Bertram erschrocken. Vom Oberförster, erwiderte Otto; er war heute morgen zum Frühstück gekommen; die Ereignisse von gestern wurden durchsprochen – ich war nicht recht bei der Sache, denn die Szene, die ich mit Hildegard haben würde, lag mir auf der Seele, aber jetzt fällt es mir wieder ein. Die Damen stritten sich, ob Ringberg recht getan, Lotters Unverschämtheit zu ignorieren. Lydie meinte: ja, aber die Fürstin behauptete, es könne sich nicht so verhalten, weil – ich weiß nicht mehr, warum nicht; es interessierte mich nicht; wenn ich hatte ahnen können, daß Ringberg und Erna – daß du – War Erna zugegen? Erna? nein, das heißt, ich weiß nicht – ich war sehr zerstreut – sie ist nachher mit der Fürstin ausgeritten, die mir sagen ließ, ich möchte nur allein zur Stadt fahren. Der verdammte Kerl! mit aller Welt anzubinden! und wir sind schuld – ich bin schuld, daß du – großer Gott! ich dachte, schlimmer könne es nicht kommen; dies ist schlimmer als alles. Aber ich geb' es nicht zu – nimmermehr. Wann, sagst du, daß es vor sich gehen soll? und wo? Ich sage dir gar nichts mehr, und es tut mir leid, dir überhaupt etwas gesagt zu haben. Bertram erhob sich rasch, Otto sprang ebenfalls auf: Ich gehe mit dir! rief er. Die Herren sind im Begriff, aufzubrechen? fragte eine dünne Stimme hinter ihnen. Beide hatten in ihrer Aufregung nicht bemerkt, daß der Anwalt und der Oberhofmarschall in den Garten getreten waren und sich ihnen bereits bis auf wenige Schritte genähert hatten. Wollen Sie die Güte haben, mich mit dem Herrn Doktor bekannt zu machen, fugte der Oberhofmarschall, nachdem er verbindlich Otto die Hand gereicht. Der Anwalt stellte vor. Es ist eigentlich unrecht, daß ich so spät die Ehre habe, sagte der Oberhofmarschall. Ich höre, Sie sind bereits über acht Tage auf Rinstedt bei unserem Herrn Amtsrat zu Besuch und haben keine Minute für uns gehabt? nicht für unser Theater, nicht für unsere Kunstschule, unser Museum? von meiner Wenigkeit gar nicht zu sprechen, obgleich ich seit Jahren gewöhnt bin, daß distinguierte Fremde nicht achtlos an meiner Schwelle vorübergehen. Sie müssen das nachholen, wahrhaftig, das müssen Sie! Bertram erwiderte dem alten Herrn ein paar höfliche Worte, indem er zugleich dem Anwalt einen bittenden Blick zuwarf. Exzellenz wollen entschuldigen, sagte der Anwalt, wenn ich mir erlaube – bei der knapp bemessenen Zeit des Herrn Doktors – Ganz recht, ganz recht! sagte der alte Herr; ich bemerkte ja bereits selbst, daß die Herren im Begriffe seien, aufzubrechen. Kommen wir zur Sache – einer leidigen, leidigen Sache, in der ich auf den Rat unseres gemeinschaftlichen Rechtsfreundes, mit dem ich ursprünglich nur die juridische Seite des Falles in Betracht ziehen wollte, Ihre Beihilfe, mein lieber Herr Amtsrat, in Anspruch zu nehmen mir verstatten möchte. Ich darf dann wohl um die Erlaubnis bitten, mich entfernen zu dürfen, sagte Bertram, dem der Boden unter den Füßen brannte, und der so die günstigste Gelegenheit sah, von Otto loszukommen. Ich bitte, bitte dringend, verehrter Herr Doktor, bleiben Sie! rief der Oberhofmarschall lebhaft. – Ganz abgesehen von dem schmerzlichen Interesse, das einem so tiefen Menschenkenner die Sache vom rein psychologischen Standpunkte gewähren wird, so ist es mir ein moralisches Bedürfnis, eine Angelegenheit, die dem Richter entzogen werden soll, von einem Forum erleuchteter Intelligenzen und ehrenwerter Charaktere abgeurteilt und – leider, leider! – verurteilt zu sehen. Die Sache ist – Wenn Exzellenz mir verstatten wollen, sagte der Anwalt auf einen zweiten, dringenderen Blick Bertrams. Bitte, bitte sehr! erwiderte der Oberhofmarschall, indem er die Priese, die er eben aus der Dose genommen, etwas schnell an die Nase führte. Die Sache ist, fuhr der Anwalt fort, ohne sich an die Empfindlichkeit des alten Herrn zu kehren, Ihr Bekannter, lieber Bermer, der Baron Lotter, hat sich eine Handlung zuschulden kommen lassen, die sich als Betrug und Urkundenfälschung qualifiziert. Er hat ein paar Rassepferde, mit deren Ankauf er im Laufe des Sommers – in Bayern irgendwo – von unserem Hofe betraut war, und wozu er das Geld – dreitausend Taler nebenbei – auf eine Anweisung von Exzellenz aus der Privatkasse Seiner Hoheit enthoben, nicht mit diesem Gelde, sondern mit einem Wechsel bezahlt, auf dem er das Akzept des Hofmarschallamtes, respektive Seiner Exzellenz, gefälscht hatte. Ist es nicht unerhört? rief der alte Herr; als ob das Oberhofmarschallamt jemals mit Wechseln bezahlte! Die Frechheit ist in der Tat ganz kolossal, fuhr der Anwalt fort, in Anbetracht des Faktums, das Exzellenz soeben konstatiert hat, und das auch dem Herrn Baron bekannt war. Er hatte denn auch wirklich die Vorsicht gebraucht, den Rendanten, in dessen Hände der präsentierte Wechsel notwendig zuerst kommen mußte, zu avisieren, indem er dem Dinge einen möglichst unverfänglichen Anstrich zu geben suchte; der Rendant dürfe ganz unbesorgt sein: noch acht Tage vor der Verfallzeit werde er ihm das Geld einhändigen; der kleine Dienst solle ihm – dem Rendanten – nicht unbelohnt bleiben, sobald er – der Baron – erst einmal den Fuß im Bügel habe, auf deutsch, sobald er Kammerherr sei. Der arme Mensch war schwach genug – Es ist unglaublich, murmelte der Oberhofmarschall, völlig unglaublich. Gewiß, Exzellenz, sagte der Anwalt; nichtsdestoweniger war er schwach genug, auf den offenbaren Betrug einzugehen, bis ihn denn heute, zwei Tage vor der Verfallzeit, als noch immer das vom Baron versprochene Geld nicht eingelaufen, die Angst getrieben hat, sich Seiner Exzellenz zu entdecken. Unterdessen war der Wechsel bereits gestern abend an einen hiesigen Bankier zur Einkassierung geschickt worden. Der Mann, dem so etwas selbstverständlich in seiner Praxis noch nie vorgekommen war, hielt es für geraten, sich bei Exzellenz melden zu lassen, um bei Exzellenz, vorläufig vertraulich und privatim, anzufragen, wie es sich wohl damit verhalten möge. Das war in derselben Stunde, als der Rendant sein Bekenntnis abgelegt, und so hatte denn Exzellenz den Beweis in Händen. Der kleine alte Herr, der den Bericht des Anwalts mit manchem Kopfnicken und lebhaftem Mienenspiel begleitete, öffnete den Mund, der Anwalt fuhr schnell fort: Exzellenz begab sich sogleich zu Seiner Hoheit – Verzeihung! rief der Oberhofmarschall; ich habe eine Stunde lang gekämpft, ob ich unserem gnädigsten Herrn nicht den Schmerz ersparen könnte. Überdies, der Vater des jungen Mannes war mein alter, lieber Freund, der sich im Grabe umdrehen würde, könnte er hören, daß ein Lotter, daß sein eigener Sohn – es ist entsetzlich! Und seien die Herren versichert, wenn ich der reiche Mann wäre, der ich, wie alle Welt weiß, nicht bin, so – Würde sich Exzellenz nicht zu Serenissimus begeben haben, fuhr der Anwalt fort, was nun freilich nicht zu vermeiden stand. Der hohe Herr, großmütig wie immer, resolvierte unverzüglich – Das heißt, unterbrach der Oberhofmarschall – auf meinen dahin zugespitzten Vortrag – Natürlich! auf Exzellenz' dahin zugespitzten Vortrag, daß der Wechsel bezahlt werden solle, als ob alles in bester Ordnung wäre, unter der Bedingung, daß ihm der Herr Baron nie wieder unter die Augen komme und ohne Verzug abreise. Den letzteren Punkt erklärte Serenissimus mit sehr begreiflicher Erregung – Bitte dringend, sagte der Oberhofmarschall ablehnend. Mit sehr entschiedenem Nachdruck als die conditio sine qua non der Gnade, die er ergehen lassen wolle, anstatt des Rechtes, das denn freilich kurzen Prozeß mit dem Schuldigen machen würde. Und hier nun ist der Punkt, wo – Ich Ihre guten Dienste in Anspruch nehmen muß, fiel der Oberhofmarschall ein, indem er sich zu Otto wandte. Sie haben, verehrter Herr Amtsrat, das – ich kann ja leider nur sagen: große Unglück, mit dem Herrn Baron befreun– wollte sagen, bekannt zu sein – er ist in diesem Augenblicke ein Gast Ihres Hauses. Mein Erscheinen dort, wie hoch ich auch eine lange ersehnte Ehre zu schätzen wüßte, würde vielleicht ein Aufsehen erregen, das gerade Serenissimus um jeden Preis zu vermeiden wünscht. Schon Serenissimus deutete an – und unser gemeinschaftlicher Freund hier verstattet sich, direkt vorzuschlagen, ob – Sie, lieber Bermer, fuhr der Anwalt fort, nicht dem jungen Herrn den betreffenden deutlichen Wink geben möchten, der durch einen Brief, den Exzellenz eben in meinem Bureau aufgesetzt – Und den ich hiermit zu produzieren mir verstatte, sagte der Oberhofmarschall – Noch einen besonderen, allerdings nur im moralischen Sinne, sehr wünschenswerten Nachdruck erhalten würde, schloß der Anwalt. Ich bitte, vertrauen Sie mir den Brief an, Exzellenz, sagte Bertram. Zufällig weiß ich, wo der Herr Baron, der schon seit gestern abend meines Freundes Haus verlassen hat, eben jetzt zu finden ist. Ich muß freilich, um den Augenblick nicht zu versäumen, unverzüglich aufbrechen. Ich denke, du begleitest mich, Otto? Versteht sich, rief Otto; mein Wagen hält noch vor der Tür. Und deine Pferde sind schneller, als es die Mietsgäule sein würden, die ich zu fünf Uhr hierher bestellt habe. Es ist bereits dreiviertel. Wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Aber mit möglichster Schonung, ich flehe Sie an! rief der Oberhofmarschall den Freunden nach, als sie bereits über den kleinen Hof schritten. Bertram winkte und grüßte zurück. Eine Minute später rasselte der Wagen durch die schmale Gasse hinter dem Garten des Rechtsanwaltes der breiteren Straße und dem Tore zu. XXV. Bertram hatte gleich im Einsteigen Otto die Stelle im Walde bezeichnet, wo am Ufer des kleinen Sees das Rendezvous sein sollte, und Otto erwidert, daß sie in einer halben Stunde bequem dorthin gelangen könnten, erst auf der Chaussee, dann rechts ab auf Feldwegen, die letzte kürzeste Strecke durch den Wald. Aber sie waren kaum zum Tore hinaus, als sich ihnen unerwartete Hindernisse entgegenstellten. Die Chaussee, die noch vorhin, als Otto kam, völlig frei gewesen war, wimmelte von den Truppen des siegreich vorgedrungenen Korps, welche die bequeme, in ihrem Besitze verbliebene Straße benutzten, um sich für das Gefecht, das morgen wieder aufgenommen werden sollte, zu rangieren. So berichtete sehr höflich ein höherer Offizier, der an den Wagen herangesprengt kam, während sich Otto vergeblich gegen die Bedienungsmannschaft eines Geschützes ereiferte, das in dem Chausseegraben umgeworfen war, und dessen Bespannung quer über den Weg stand. Die Herren täten besser, einen Umweg zu machen, als die Chaussee zu forcieren, die weiterhin noch stärker besetzt und an einzelnen Stellen für die nächste halbe Stunde vermutlich ganz unpassierbar sei. Man konnte dem vernünftigen Rate sofort folgen, da sich gerade hier ebenfalls nach rechts ein Feldweg abzweigte. Er ist freilich ein verteufeltes Teil länger, sagte Otto – wir müssen über Neuenhof und Viehburg, indessen, das ist nun nicht anders, wir kommen immer noch zur rechten Zeit. Wir haben bereits eine Viertelstunde verloren, sagte Bertram. Bringen wir reichlich wieder ein, erwiderte Otto; du siehst, der Weg ist gut und ganz frei. Fahr ordentlich zu, Johann! schlanken Trab! Otto war weit entfernt, den Eifer, den er an den Tag legte, wirklich zu empfinden. Im Gegenteil trug er sich mit der Hoffnung, der Umweg werde sich schließlich als zu lang erweisen. Und dann, wenn sie wirklich noch zur rechten Zeit kamen: das unsinnige Duell konnte unter diesen Umständen unmöglich stattfinden. Damit war die einzige Sorge gehoben, die noch etwa auf sein elastisches Gemüt drückte. Im übrigen hatte sich ja alles in einer vortrefflichen Weise arrangiert. Wie hatte er das vor einer Stunde denken können, als er in heller Verzweiflung zur Stadt fuhr, auf seinem gepreßten Herzen den Alp der schrecklichen Szene mit Hildegard! Was würde sie jetzt sagen? wie würde sie es nehmen? schlecht, natürlich: eine entsetzliche Demütigung! eine schmachvolle Abhängigkeit! Unsinn! es war das einfachste, loyalste Verhältnis von der Welt. Weshalb sollte Bertram, der weder Kind noch Kegel hatte, Erna, die er von jeher so lieb gehabt, nicht zu seiner Universalerbin machen? Daß Erna Bertram Onkel nannte, war Hildegard immer widerwärtig gewesen; in Zukunft würde sie wohl nichts dagegen haben. Und die große Anleihe? gerade die Größe war das Gute daran. Ein Paar tausend Taler hier, ein paar tausend Taler da – wie unwürdig, wie gemein! Aber hunderttausend – das war anständig, dabei vergab er sich nichts, das würde selbst Hildegard einsehen müssen. Und überdies, wenn Erna es doch einmal erben sollte, blieb das Geld, sozusagen, in der Familie. Ob sich Hildegard wohl mit dem Leutnant stellen würde, den sie, den er gestern zum ersten Male gesehen? Nun, schließlich muß man seinen Schwiegersohn immer einmal zum ersten Male sehen. Ein reizender Mensch, allem Anscheine nach! Wäre er nur von Adel! denn das war doch wohl in Hildegards Augen Lotters hauptsächliches Verdienst gewesen. Der arme Kerl! leid konnte er einem schon tun! Wozu ein Mensch in seiner Verlegenheit nicht kommt! Gräßlich! um lumpige dreitausend Taler! wenn er sie ihm nur gestern gegeben oder Lotter sie im Spiele gewonnen hätte, so wäre vielleicht die ganze Geschichte vertuscht und der Mensch nicht wie ein Berserker in der Gesellschaft umhergerannt, um alle Welt zu beleidigen. Er war im Grunde ein gutmütiger Kerl, mit dem es sich leicht leben ließ! Und welcher Satan war nur in Bertram gefahren, der doch sonst allen gesellschaftlichen Reibungen und Konflikten aus dem Wege ging? und, schlimmstenfalls, mit einem Scherz, einer höflichen Wendung klug einzulenken, die bedenklichste Situation im Handumdrehen zu beseitigen wußte? der, selbst als Student, nie ein Duell gehabt, aus seinem Abscheu vor Duellen nie ein Hehl gemacht hatte? Und wo war hier die Nötigung zu einem Duell? Er wußte ja, daß Lotter seine Rolle in Rinstedt ausgespielt, daß Hildegard ihn unwiderruflich hatte fallen lassen! Dem fliehenden Feinde soll man goldene Brücken bauen, anstatt ihm einen Knüttel zwischen die Beine zu werfen! Nun, hoffentlich war wenigstens Lotter mittlerweile zur Einsicht gekommen und hatte das Feld geräumt. Ja, ja, so würde es sein: der geriebene Bursche hatte diese ganze Duellgeschichte nur in Szene gesetzt, um die Verfolger, die hinter ihm her waren, auf eine falsche Fährte zu bringen, und während sie ihn im Walde suchten, war er längst über alle Berge. Wenn der leichtlebige Mann sich bei diesem tröstlichen Resultat nicht vergnügt die Hände rieb, war es nur aus Rücksicht auf den Gefährten, der so stumm und düster neben ihm saß, als bereite ihm das Nichtzustandekommen des Duells den schwersten Kummer. So war es in der Tat. Bertram war zumute wie einem Todmüden, der zum vielwillkommenen Schlafe die Decken um sich zieht und jäh durch Feuerlärm aufgeschreckt wird. Er hatte den Tod gewollt, aber freilich von einer ehrlosen Hand konnte er ihn nicht empfangen um seiner selbst willen und der anderen willen, die sich auf einen Handel eingelassen, den sie für ehrenhaft hielten, und der nun unwiederbringlich entehrt war. So sollte er denn weiterleben und durfte niemand merken lassen, daß ihm dies Leben eine Qual – niemand und am wenigsten Erna. Nicht einmal ahnen durfte sie, daß er sich hatte opfern wollen. Wie aber sollte ihr diese Ahnung nicht kommen, wenn sich allmählich der Zusammenhang herausstellte zwischen der Beleidigung Kurts durch Lotter und seiner eigenen Intervention, die an demselben Orte und in der nächsten Minute stattgefunden? Bewies doch die Äußerung des Oberförsters, daß man bereits auf der richtigen Spur war! Hatte er denn gar nicht daran gedacht? oder hatte er's und dabei sich beruhigt, sein Tod werde einen dichten Schleier über den eigentlichen Sachverhalt breiten; und wenn dieser Schleier sich wirklich einmal vor Ernas Augen hob, und sie sich sagen mußte, daß er für sie gestorben, so würde es nur eben ein schwermutsvoller Ton sein, der sich rein auflöste in dem vollen Akkord ihres längst befestigten Glückes. War das so sicher? oder hatte er noch zu guter Letzt doch Komödie gespielt und sich die leichteste und dankbarste Rolle zugeteilt? sich im Sterben heroisch drapiert auf Kosten seines Nebenbuhlers, der hinterher sehen mochte, wie er mit der mißlichen zweiten Rolle zurechtkam? Und jetzt war das Stück nicht zu Ende; er blieb auf der Bühne in der heroischen Attitüde, und Erna würde Zeit haben, Vergleichungen anzustellen, die alle zuungunsten Kurts ausfallen mußten. Und das sollte die stolze Erna ihrem Liebhaber vergeben? und das war das Resultat seiner selbstlosen Hingabe für Ernas Glück? Der Selbstquäler stöhnte unter der Last der Vorwürfe, die er auf sein Gewissen wälzte. Ja, ja, sagte Otto, das ist nun nicht anders, wenn man so darauflos fährt. Na, jetzt wird es wohl wieder eine Zeitlang dauern. Sie waren nach rascher, kurzer Fahrt in das erste Dorf gelangt und hier auf die Arrieregarde des sich gegen die Wälder zurückziehenden zweiten Korps gestoßen. In der engen Dorfstraße hatte sich eine kompakte Masse gestaut, die nicht vorwärts konnte, da die Vormarschierenden noch den Ausgang sperrten. Man hatte die Gewehre zusammengesetzt; an der Straßenseite, auf der Straße selbst hockten, lagerten ermüdete Leute, andere drängten sich um die Türen der Häuser, aus denen ihnen mitleidige Hände Wasser in allen möglichen Gefäßen zulangten; vor der Schenke hatte sich die Menge zu einem undurchdringlichen Knäuel zusammengeballt. Der Kutscher war gezwungen, in ein Seitengäßchen zu lenken, aus dem er sich mit Mühe auf das freie Feld herausarbeitete, um endlich über Stoppeläcker weg den Weg zurückzugewinnen, wo es dann, manchmal neben marschierenden, widerwillig Raum gebenden Kolonnen hin, langsam weiterging. Viel zu langsam für Bertram, dessen fieberhafte Ungeduld mit jeder Minute wuchs, trotzdem er nichts zu erwidern wußte auf Ottos Einwand, daß denn doch gar nichts daran liege, wenn man nun auch wirklich eine Viertelstunde oder so zu spät eintreffe. Und was in diesem Falle überhaupt zu spät heiße? Zu der leidigen Auseinandersetzung mit Lotter komme man immer noch früh genug. Ja, er wolle nur gestehen, er hoffe sehr, Lotter nicht mehr zu finden. Ich glaube doch, erwiderte Bertram; trotz seiner sittlichen Verwilderung, ein Feigling ist er nicht. Ein Mann mit schwächeren Nerven hätte die Gefahr, entdeckt zu werden, nicht so lange ertragen. Und er muß ja annehmen, daß er bis übermorgen Ruhe hat. Jedenfalls können wir nicht schneller vorwärts kommen, sagte Otto, mit den breiten Achseln zuckend. Auch ging es jetzt, nachdem man das zweite Dorf passiert und die marschierenden Truppen hinter sich hatte, im schnellsten Trabe auf glattem Wege bis zu dem nahen Walde. Hier freilich mußte wieder Schritt gefahren werden. In den weichen Boden des alten, schlecht gehaltenen Weges hatten die Räder von Kanonen fußtiefe Furchen gedrückt. Es waren auch sonst Spuren genug, daß hier ein hitziges Gefecht stattgefunden: Patronenhülsen lagen überall zerstreut, Zweige waren abgebrochen; Büsche geknickt; und nun stießen sie auf einen Verhau, den man nicht umfahren konnte, da nach beiden Seiten hochstämmiger Wald den Weg einsäumte. Die verdammten Kerls, sagte Otto; sie treiben es wie in Feindesland. Wir müssen absteigen und zu Fuß weiter, während Johann das Ding, das glücklicherweise nicht sehr fest scheint, so weit abräumt, daß er durchkommt. Übrigens ist der See nicht hundert Schritte von hier. In der Tat tat sich der Wald alsbald zu einer mäßig weiten Lichtung auseinander, auf welcher der Weg zwischen dem schilfbewachsenen Ufer des kleinen Sees links und dem Rande des Forstes rechts hinlief. Dieser Wegabschnitt war für das Rendezvous bestimmt. Anfänglich hinderte das hohe Schilf den freien Blick; aber bald hatten die Eilenden die Mitte erreicht, von wo sie den anderen Teil, bis der Wald sich wieder schloß, übersehen konnten. Es war alles leer und still. Als sie kamen, wird es ihnen hier wohl noch zu lebhaft gewesen sein, sagte Otto; verlaß dich darauf, sie sind durch die Schneise gegangen und auf der zweiten Lichtung; komm nur, ich kenne jeden Fußbreit. Siehst du, hier hat ein Wagen gehalten und ist dann in die Schneise eingebogen. Und Hufspuren die schwere Menge – ich weiß nicht, wo die alle herkommen. Wagen und Hufspuren setzten sich in die Schneise fort; aber kaum hatten sie in ihr ein paar Schritte getan, als Otto meinte, Johann könne, wenn er auf der bezeichneten Stelle niemand finde, den Waldweg weiterfahren, womöglich bis nach Rinstedt. Dumm genug sei der Kerl. Er wolle zurück und ihm Bescheid sagen; Bertram möge nur ruhig weitergehen. Fehlen sei unmöglich. Otto kehrte um; Bertram eilte vorwärts. Schon bezeichnete eine hellere Stelle die von Otto angekündigte Lichtung, zu der die Schneise allmählich aufstieg, so daß er noch immer keinen Blick auf sie gewinnen konnte, trotzdem er schon ganz nahe sein mußte, denn er vernahm Menschenstimmen und ein einzelnes Pferdewiehern. Und jetzt trat wenigstens ein Teil der Lichtung heraus, auf der zu seiner Verwunderung eine beträchtliche Anzahl Pferde von Reitknechten gehalten wurde. Ein zweiter Blick ließ ihn gewahren, daß mehrere der Tiere Damensättel trugen. Eine jähe Ahnung durchzuckte ihn. Unwillkürlich prallte er zurück und ein paar Schritte seitwärts, wo sich ihm, der nun hinter ein paar dicken Tannenstämmen hart am Rande der Lichtung stand, in seiner unmittelbarsten Nähe eine Szene darbot, die ihn im ersten Moment vor Schreck erstarren machte. Vier oder fünf Männer – unter ihnen der Oberst und Herr von Busche – hoben eben einen Verwundeten oder Toten auf den niedrigen, mit Stroh ausgepolsterten Leiterwagen, wo er von dem Arzte und seinem Gehilfen in Empfang genommen und im Stroh sorgsam gebettet wurde, so daß das Haupt aufgerichtet blieb. Das Abendlicht fiel hell in das bleiche Antlitz – Kurts! Gott sei gepriesen: des verwundeten, nicht des toten! die Augen waren geöffnet, und jetzt flog ein Lächeln über die bleichen Züge, als von der anderen Seite Erna, die auf den Wagentritt gestiegen war, sich über ihn beugte. Ihr holdes Antlitz, das der Reithut überschattete, war so bleich wie seines; aber auch sie lächelte und beugte sich noch tiefer und schloß die Lippen, die sprechen wollten und nicht sprechen sollten, mit einem Kuß, und sprang hinab, um sich sofort mit Herrn von Busches Hilfe auf das Pferd zu schwingen, das unterdessen herangeführt war. Auch der Oberst war bereits im Sattel; sofort setzte sich der Wagen in Bewegung, auf dem der Gehilfe geblieben war, während der Arzt sich ebenfalls beritten machte und sich dem Zuge anschloß, der in die Fortsetzung der Schneise auf der anderen Seite der Lichtung einbog und alsbald im Walde verschwand. Es blieben auf dem Plane nur Herr von Busche und Alexandra, die Bertram erst sah, als der Wagen fortfuhr; zwei Reitknechte führten die Pferde heran, bei denen sich noch ein lediges befand, das Kurt geritten haben mochte. Die ganze Szene hatte sich binnen weniger Minuten abgespielt, in welchen Bertram freilich Zeit genug gehabt, das erste lähmende Entsetzen zu überkommen. Was ihn dann festhielt in dem schützenden Dunkel der Bäume, war eine Flut von gemischten Empfindungen, aus denen mit zwingender Kraft die Mahnung auftauchte: tritt nicht noch einmal zwischen sie, die sich gefunden haben für Tod und Leben! laß endlich die plumpe Hand von dem feinen Räderwerke des Schicksals, das deiner Berechnungen also spottet! Er wäre am liebsten, von niemand gesehen, fortgeschlichen, aber jetzt kam Otto, laut seinen Namen rufend, die Schneise herauf. Alexandra, die im Begriff stand, sich von Herrn von Busche in den Sattel heben zu lassen, stutzte; Herr von Busche antwortete dem Rufenden; Bertram trat unter den Bäumen hervor; Alexandra lief auf ihn zu, ihr langes Reitgewand mit der einen Hand zusammenraffend und ihm die andere entgegenstreckend. Lieber Freund! Sie! Gott sei Dank! ich überlegte eben, ob ich Sie nicht doch lieber selbst erwarten sollte, anstatt einen der Leute hier zurückzulassen! Ist Kurt schwer verwundet? Woher wissen Sie – gleichviel – nein! nicht schwer; das heißt: es wird eine langwierige Kur werden, aber der Doktor verbürgt völlige Heilung, und eine Gefahr für sein Leben sei ausgeschlossen. Er hat die Kugel sofort gefunden; wir waren bereits hier – großer Gott, welch heroisches Geschöpf ist Erna! Otto war unterdessen herangekommen; es gab hinüber, herüber ein Fragen und Antworten, aus dem sich wenigstens der ungefähre Zusammenhang dessen, was geschehen war, schnell ergab. Herr von Busche war freilich am besten imstande, die gewünschte Auskunft zu erteilen. Er hatte von dem Oberförster, als dieser aus Rinstedt zurückkam, die Szene erfahren, in der Kurt, offenbar ohne sein Wissen, die sonderbare, mit der Offiziersehre unverträgliche, Rolle eines Mannes gespielt, der für eine schwere, angesichts einer großen Gesellschaft ihm zugefügte Beleidigung keine Antwort hat als stummes Ausweichen. Der Oberförster war noch ganz erregt gewesen von dem Streite, den er mit den Damen über den Fall in Rinstedt beim Frühstück gehabt; er hatte hinzugefügt, daß auch andere Herren, die gestern abend zugegen waren, ihm ihr Erstaunen über das Benehmen des jungen Offiziers zu erkennen gegeben hätten. Ich bin selbst Offizier – in der Reserve – fuhr Herr von Busche fort, und meine Pflicht war mir klar. Ich mußte so schnell wie möglich Ringberg den ehrenrührigen Verdacht mitteilen, der über ihn umlief. Von dem Baron Auskunft zu erbitten, war unmöglich: er hatte bereits seit mehreren Stunden die Oberförsterei verlassen, um, wie er mir sagte, Abschiedsbesuche in der Nachbarschaft zu machen, nebenbei, glaube ich, sich das Pferd zu verschaffen, auf dem er nachher zum Rendezvous gekommen ist. Unsere Verabredung war, daß wir erst hier uns wieder treffen wollten. Hier mußte ich ja auch Leutnant Ringberg finden; aber das wäre zu spät gewesen. Es hätte zwei Ehrenhändel statt eines gegeben, und der Ringbergs mußte offenbar vorangehen. Auch war für Ringberg kein Sekundant da, es hätte denn Herr Doktor Bertram diese Rolle übernehmen müssen, was nicht wohl anging. Mit einem Worte: ich setzte mich auf und ritt das Manöverfeld die Kreuz und Quer, bis ich, nachdem ich die Hoffnung bereits aufgegeben, Ringberg fand in dem Augenblicke, als das Regiment die Gewehre zusammensetzte. Das war um fünf Uhr; halb sechs sollte das Renkontre stattfinden. Ringberg war im Begriff, sich beim Oberst abzumelden, den er schon vorher unter einem anderen Vorwande um Urlaub für zwei Stunden gebeten. Ich sagte ihm, was ich zu sagen hatte. Er ersuchte mich, mit zum Oberst zu kommen, dem er den Fall melden müsse. Sie kennen den Herrn Oberst: Ich bin Ihr Sekundant! rief er; und den Baron wollen wir Mores lehren. Nach wenigen Minuten waren wir – dazu der Stabsarzt und ein Gehilfe – im Sattel und jagten hierher. Wir fanden den bestellten Wagen bereits am See, und in demselben Moment erschien der Baron. Ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er nicht nur nicht in Abrede stellte, die beleidigende Äußerung getan zu haben, sondern sich auch sofort bereit erklärte, die verlangte Satisfaktion zu erteilen. Wir begaben uns hierher; der Ausgang war leider, wie ich es bei der immensen Fertigkeit des Barons erwarten mußte, oder vielmehr: der Ausgang würde wohl noch betrübender gewesen sein, wenn nicht eben, als die Schüsse fielen, die Damen erschienen waren. Ich bin überzeugt, der Baron, der mit dem Gesicht nach der Schneise stand, hat sie kommen sehen, bevor wir anderen den Hufschlag auf dem weichen Boden hörten, und der unerwartete Anblick ihm die sonstige untrügliche Sicherheit geraubt. Ich finde es auch sehr begreiflich, daß er unter diesen Umständen vorzog, das Feld zu räumen. Vermutlich erwartet er mich auf der Oberförstern, obgleich, offengestanden, meine Sehnsucht, ihn wiederzusehen, nur mäßig groß ist. Während der junge Mann in seiner lebhaften Weise so erzählte und Otto dann kurz berichtete, infolge welcher Hindernisse er und Bertram eine halbe Stunde zu spät gekommen, hatte die Gesellschaft das Ende der Schneise und den Weg erreicht, wo der Wagen hielt. Wie klug war es, daß wir schon vorhin beschlossen hatten, uns zu teilen, sagte Herr von Busche. Die Eskorte des Verwundeten wäre wirklich gar zu groß geworden. Ohne einiges Aussehen wird es freilich auch so nicht abgehen, obgleich sie erst kurz vor Rinstedt aus dem Walde herauskommen. Wenn wir uns nun abermals teilten? sagte Alexandra. Ich fühle mich, offengestanden, denn doch ein wenig angegriffen, und möchte gern die Nachricht über das Befinden des Patienten, dessen Zustand mir nach den positiven Versicherungen des Arztes keine Sorge einflößt, in der Stadt abwarten, wo man mich überdies heute abend bei Hofe erwartet. Ich weiß, lieber Herr Amtsrat, Sie überlassen mir gütigst Ihren Wagen und besteigen dafür das Pferd vom Leutnant Ringberg. Es wird Ihnen daran gelegen sein, möglichst schnell nach Hause zu kommen, obgleich Ihre Frau Gemahlin durch einen Diener, den wir sofort abgeschickt, auf alles vorbereitet ist. Aber, meine gnädigste Frau, sagte Otto, Sie können doch unmöglich allein – Ich hoffe, der Herr Doktor erweist mir die Freundlichkeit und begleitet mich. Alexandra hatte sich bei diesen Worten zu Bertram gewandt, der in Sinnen verloren dastand, wie er auch sonst an den bisherigen Gesprächen kaum Anteil genommen. Jetzt hob er die Augen, und die Blicke der beiden begegneten sich. Ich wollte eben um die Ehre bitten, sagte er. Otto schaute verwundert drein, wagte aber keinen Einwand. Ein Achselzucken hinter Alexandras Rücken schien Bertram ausdrücken zu sollen, daß er ihn für das beklagenswerte Opfer einer Damenkaprice halte. Er wies den Kutscher an, auf dem kürzesten Wege die Chaussee zu gewinnen, die mittlerweile sicher wieder frei sei und den Herrschaften ein schnelleres und glatteres Fortkommen gewähre. Die Frau Fürstin möchte, wenn es kühl würde, nicht versäumen, sich der im Wagen liegenden Decken zu bedienen. Alexandra dankte ihm für seine Güte; sie werde sich morgen persönlich überzeugen, wie es in Rinstedt stehe. Dasselbe nehme ich von dir an, Bertram, sagte Otto. Bertram nickte. So will ich die Herrschaften nicht länger aufhalten. Man reichte einander die Hände; die beiden Herren bestiegen die Pferde und sprengten, gefolgt von den Reitknechten, davon, während sich der Wagen langsamer nach der anderen Seite in Bewegung setzte. XXVI. Eine Zeitlang saßen Alexandra und Bertram stumm nebeneinander; dann sagte Alexandra: Wir sind uns in der Überzeugung begegnet, daß es im Interesse unserer Schützlinge ist, wenn wir jetzt den Platz räumen? Durchaus, entgegnete Bertram; ich leide nur schon zu schmerzlich unter der Erkenntnis des Frevels, den der Mensch begeht, der für andere die Vorsehung spielen will. Dann hätte ich mich desselben Frevels schuldig gemacht, sagte Alexandra; aber ich bin keineswegs mit mir unzufrieden; im Gegenteil, ich glaube, es ist gut, daß es so gekommen ist; es war notwendig. Und Sie werden mir recht geben, wenn Sie alles wissen. Sie müssen es wissen, um der Zukunft willen, die noch große Anforderungen an uns stellt; also hören Sie geduldig zu. Ich habe mich streng an Ihre Instruktion gehalten. Ich kündigte heute morgen meine Abreise für die Mittagsstunde an; bereits gegen zehn fuhr die Kammerfrau mit dem Gepäck voraus; der Amtsrat wollte es sich nicht nehmen lassen, mich persönlich in die Stadt zu geleiten. Dann ließ ich mich bei Erna melden. Wir hatten eine merkwürdige Unterredung, die ich in ihren Einzelheiten nicht wiedergeben kann, deren Resultat aber dieses war: Erna zweifelte nicht mehr an meinem aufrichtigen Wunsche für ihr Glück; aber ihr Stolz sträubte sich, dies Glück aus meiner Hand zu empfangen, oder, wenn das zuviel gesagt ist, sie hatte das peinliche Gefühl, daß dieses ihr Glück nur auf Kosten meines Glückes zustandekomme, mit anderen Worten, daß ich Kurt noch immer liebe und meine Verheiratung mit Herrn von Waldor, die ich ihr als demnächst bevorstehend ankündigte, ein Akt der Resignation, wenn nicht der Verzweiflung sei. Sie sprach das natürlich nicht aus; sie deutete es nicht einmal an; so etwas fühlt man eben nur. Und nun ein Zweites, das sich zwischen sie und die Aussicht auf ein ruhiges Glück an Kurts Seite stellte. Lieber Freund, leugnen Sie es nicht länger – mir nicht länger, wenn auch sonst aller Welt: Sie lieben Erna! – Ich danke Ihnen für diesen Händedruck. Er verrät mir kein Geheimnis, und doch danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Sie waren mir für Claudinens Geschichte diese Genugtuung schuldig, und wie Claudinens Geschichte in Ihrem Busen begraben ist, so wird es die Geschichte des edelsten der Herzen in dem meinigen sein. Alexandra zog ihre Hand mit freundlichem Druck aus Bertrams Hand zurück. Beide waren zu bewegt, um für eine Zeitlang sprechen zu können. Endlich sagte Bertram: Und Erna glaubt sich von mir geliebt nach allem, was ich getan, sie davon abzubringen? Ich möchte nicht behaupten, daß ihr Glaube nicht erschüttert gewesen wäre, erwiderte Alexandra; aber sie stand doch noch unter der Herrschaft jenes instinktiven Gefühls, das uns Frauen ja fast immer richtig leitet und sich bei ihr in hundert Wendungen verriet, die alle Ihr künftiges Wohlergehen, Ihr Glück zum Gegenstande hatten. Und nun, lieber Freund, hatten Sie zu guter Letzt das direkte Gegenteil von dem getan, was Sie tun mußten, um Erna zu beruhigen und ihre Zukunft aufzuhellen. Danken Sie Gott, daß Erna das eigentliche Motiv, das Sie geleitet hat, nicht ahnt; daß sie zwischen den beiden Duellen mehr, ich möchte sagen, einen mechanischen Zusammenhang der Zeit und des Ortes sieht, als den wirklichen seelischen. Aber trotzdem: wären Sie in dem Duell gefallen, nun und nimmer hätte Erna in eine Verbindung mit Kurt gewilligt, nun und nimmer hätte sie es ihm auch nur im Herzen vergeben, daß er nicht der Erste auf dem Wahlplatze war. Ob es ihm möglich gewesen wäre, Ihnen zuvorzukommen, danach fragt ein weibliches Herz nicht. Der Geliebte muß nicht nur der Beste, der Edelste, der Tapferste – er muß auch der Klügste sein; wie er es anfängt, das ist seine Sache. Ich freilich, in deren nächster Umgebung Dutzende von Duellen ausgefochten sind, deren direkte Veranlassung ich leider manchmal selbst war, ich durchschaute den Zusammenhang – als der geschwätzige Herr Oberförster beim Frühstück den Vorfall erzählte, und ich dann von Ihrem Diener, den ich examinierte, Ihre lange Unterredung mit Kurt erfuhr, der wiederum Verhandlungen zwischen Kurt und Herrn von Busche vorausgegangen waren, und mir schließlich auch noch Fräulein von Aschhof, die tolle Person, die greulichen Indiskretionen gegen den Baron beichtete und Ihre Äußerung, lieber Freund, Sie wollten versuchen, das zu redressieren – ich durchschaute den Zusammenhang, sage ich, als hätte sich alles vor meinen Augen abgespielt. Damit wußte ich denn auch, was ich zu tun hatte. Ich begab mich zum zweiten Male zu Erna und sagte ihr, wie Ihr Leben, wie Kurts Ehre auf dem Spiele stehe, wobei ich natürlich Sorge trug, die Sache so darzustellen, daß der Gedanke, Sie hätten sich direkt für Kurt opfern wollen, bei ihr nicht wohl aufkommen konnte. Sie wies die Möglichkeit, Kurt habe sich nur den Anschein gegeben, die Beleidigung des Barons zu überhören, mit Verachtung zurück; ich brauchte ihr nicht erst zu sagen, daß Kurt auf der Stelle alles erfahren müsse. Ich bin überzeugt, sie fühlte, daß sich jetzt ihr Geschick entschied; überzeugt, daß sie sich jetzt wieder ihrer Liebe zu Kurt voll und ganz bewußt wurde. Die große, willensstarke Natur des herrlichen Mädchens trat hervor in leuchtender Klarheit; ich hätte vor ihr niederfallen und sie anbeten mögen. Ich darf sagen, ich vergaß mich völlig; und daß ich ihn, für den diese Leidenschaft himmelhoch aufflammte, selbst bis zur Raserei geliebt. Ich ging so weit, zu verschweigen, was ich wußte: daß der Baron, in dem ich gestern abend, als ich ihn am Spieltische sah, bestimmt den Mann wiedererkannte, der meine Mama einst, ebenfalls am Spieltische, um hunderttausend Franks betrogen – daß der Baron, sage ich, nicht satisfaktionsfähig sei. Ich fürchtete, durch diesen Einwand zu zerstören, was ich jetzt so prächtig sich aufbauen sah. Wie wir nun über das Manöverfeld geirrt, das Regiment endlich fanden, unmittelbar, nachdem die Herren fortgeritten; ein Gehilfe, den sie zurückgeschickt, vergessenes Verbandzeug zu holen, uns auf die rechte Spur brachte; wir im schnellsten Rosseslaufe auf dieser Spur nachjagten, ans Ziel gelangten, um Kurt stürzen zu sehen, während der elende Gegner die Pistole auf den Boden schleuderte und vor meiner Gegenwart die Flucht ergriff – Sie wissen das alles oder mögen sich alles leicht vorstellen und ausmalen. Ich aber male mir aus, wie Erna jetzt den Geliebten in ihr elterliches Haus führt, um ihn da ganz zu eigen zu haben – denn was ist mehr, was wird mehr das Eigen einer Frau als der geliebte Mann, den sie pflegen, um dessen Besitz sie mit dem Tode ringen muß; und wie sie jetzt erst schaudernd erkennt, welchen unermeßlichen Schatz sie um ein Weniges eingebüßt hätte durch zu weit getriebenen Stolz und Eigenwillen, und welche Paradiesesseligkeit auf die beiden herabschauert! – Und wenn ich dann uns beide hier sehe, wie wir, die wir ihnen denn doch ihr Paradies erschlossen, zwei Ausgestoßenen und Vertriebenen gleich, in den dunkeln Abend hineinfahren – sagen Sie, mein Freund, hätten wir wirklich Ursache, uns der Rolle, die wir gespielt, zu schämen? oder nicht vielmehr Fug und Recht, uns unseres Erfolges zu freuen und stolz auf unseren Erfolg zu sein? Ja, mein Freund, wir müssen uns freuen, wir müssen stolz sein. Woher sollen wir sonst die Kraft nehmen, zu gesunden, die wir krank sind, todkrank? und doch nicht sterben dürfen, sondern leben und glücklich leben müssen, um jenen beiden zu beweisen, daß sie glücklich sein dürfen um unseretwillen? Ich, lieber Freund, ich will leben; ich will gesunden, und ich werde es. Ich werde heute abend bei Hofe erscheinen und womöglich schön und geistreich, und auf alle Fälle munter und in bester Laune sein. Und wie heute, so morgen und alle Tage, gar an Waldors Seite, der die Fürstin Alexandra wahrlich nicht heiratet, um eine Kopfhängerin zur Frau zu haben. Irgend ein heimlich stiller Winkel, wo man sich einmal ordentlich ausweinen und die Wunde ausbluten lassen kann, findet sich schon. Und Sie, lieber Freund, was werden Sie beginnen? was werden Sie tun, um zu gesunden? Ich hätte keine ruhige Stunde, müßte ich denken, Sie könnten es nicht. Geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie gesunden werden, geben Sie mir Ihre Hand darauf! Bertrams Antwort kam nicht sogleich. Er hob die Augen und sah rings von den Bergen herab durch die weite Ebene hin die Wachtfeuer lodern. Sein Ohr vernahm den Ruf der Ronden, Pferdewiehern, das Sprechen und Lachen der Lagernden, dumpfes Getös marschierender Kolonnen. Es war ein Bild des Krieges nur, aber es mahnte ihn wundersam an ein sehr wirkliches Streiten, an einen sehr ernsthaften Kampf, zu dem er jetzt berufen war, einzutreten als ein Soldat in Reih' und Glied, seine Pflicht zu tun, solange seine Kraft vorhielt – es mochte nun Jahre währen oder Tage. Und er reichte Alexandra die Hand und sagte: Ob ich gesunde – ich weiß es nicht. Aber ich schwöre Ihnen, daß ich's versuchen will! XXVII. Sie bleiben also dabei, morgen in die Debatte eingreifen zu wollen? sagte der Medizinalrat. Ich schmeichle mir, daß es notwendig ist, erwiderte Bertram. Als Parteimann muß ich konzedieren; als Ihr Arzt wiederhole ich: es ist unmöglich. Bitte, lieber Freund, Sie sagten vorhin: nicht wünschenswert; das scheint mir denn doch eine kühne Steigerung. Ich denke, wir bleiben bei dem bescheidenen Positiv. Der Medizinalrat, der bereits seit einigen Minuten Hut und Stock zur Hand genommen, legte beides wieder hin, drückte Bertram in seinen Arbeitssessel vor dem Schreibtische, nahm abermals ihm gegenüber Platz und sagte: Daß Sie sich mindestens ein paar Tage vollkommen ruhig verhalten, ist für den Augenblick – ich meine: nach Ihrem momentanen Befinden, allerdings nur wünschenswert; ich fürchte aber sehr, die Aufregung, ohne die es morgen nicht abgeht, wird Ihren Zustand verschlimmern, und die Notwendigkeit tritt alles Ernstes ein, und nicht bloß für ein paar Tage. Lassen Sie mich ganz offen sprechen, Bertram; ich weiß, ich erschrecke Sie dadurch nicht, obgleich ich es eigentlich möchte. Sie bereiten mir ernsthafte Sorge. Ich beklage tief, Sie im Herbste von Ihrer italienischen Reise zurückgehalten, in die Strapazen der Wahlkampagne, die Mühen und Sorgen des parlamentarischen Lebens gedrängt und getrieben zu haben. Ich nahm an, diese energische Tätigkeit werde zu Ihrer vollkommenen Genesung beitragen – ich habe mich arg verrechnet. Und dabei weiß ich nicht, wo der Rechenfehler eigentlich steckt. Sie haben sich die Handgriffe des Berufs mit einer so spielenden Leichtigkeit zu eigen gemacht, Sie traten so von Kopf zu Fuß gerüstet auf den Kampfplatz, Sie handhaben die Waffen mit der Virtuosität eines alten Meisters, Sie werden, was doch auch nicht zu unterschätzen ist, so vom Erfolg getragen – nach aller menschlichen Einsicht und Erfahrung müßte die glanzvolle und relativ leichte Erfüllung eines Berufs, zu dem Sie so augenscheinlich auserwählt sind, zu Ihrem Wohlergehen beitragen, und – das gerade Gegenteil tritt ein. Ich finde, wie ich auch grüble, dafür nur eine Erklärung. Trotz des schönen Gleichmuts, den Sie stets bewahren, trotz der ungetrübten Heiterkeit Ihrer Stimmung und Ihrer Miene, durch die Sie Ihre Freunde entzücken und Ihre Gegner so oft entwaffnen – es muß in Ihrer Seele ein verborgenes Etwas sein, das an Ihrem Leben nagt, ein tiefer, dunkler Unterstrom von Gram und Leid. Habe ich recht? Sie wissen, ich frage nicht aus müßiger Neugier. Ich weiß es, erwiderte Bertram, und so antworte ich Ihnen: Sie haben recht und auch nicht recht; oder das erstere doch nur, wenn Sie mich für die Wirkung einer Ursache verantwortlich machen, die ich nicht verschuldet habe. Sie antworten in Rätseln, lieber Freund. Lassen Sie mich's mit einem Bilde versuchen. Es ist jemand gezwungen, in einem Hause zu wohnen, bei dessen Fundamentierung oder bei welchem wichtigen Punkte immer der Baumeister ein arges Versehen begangen hat. Der Bewohner ist ein ruhiger, ordentlicher Mann, der das Haus gut und sauber hält; aber da kommt ein Sturm, und das schlecht konstruierte Gebäude kracht in allen Fugen. Der ordentliche Mann repariert die Schäden nach besten Kräften, und so geht's eine Zeitlang wieder, eine lange Zeit, bis ein zweiter, noch schlimmerer Sturm kommt und ihm das Haus über dem Kopfe zusammenwirft. Des Arztes dunkle Augen hatten prüfend und teilnahmvoll auf dem Sprecher geruht. Jetzt sagte er: Ich glaube, Ihr Bild zu verstehen; es geht ihm wie allen Bildern: es deckt die Sache nur teilweise. Ich kenne das Haus, von dem Sie sprechen, zufällig sehr genau; es war freilich an ihm, trotz seiner übrigens sehr soliden Konstruktion, von vornherein ein schwacher Punkt; aber – Kein Aber, lieber Freund! rief Bertram lebhaft. Räumen Sie mir den schwachen Punkt ein, so resultiert daraus alles andere mit Notwendigkeit. Ihnen, dem treuen Anhänger Spinozas, brauche ich doch wahrlich nicht zu demonstrieren, daß Denken und Ausdehnung nur Attribute einer und derselben Substanz sind, daß es keinen physiologischen Fall gibt, der nicht, recht betrachtet, in einen psychologischen sich verwandelte und umgekehrt; daß ein so erregliches Herz wie das meinige sich eben auch alles anders zu Herzen nimmt, als es andere Herzen tun, deren Reifen nicht springen, es geschehe, was auch geschehe, und stürme auf sie ein, was da wolle. Oder sind Sie nicht überzeugt, wenn Sie die Herzen von Werther oder dem Eduard der Wahlverwandtschaften zu untersuchen gehabt hätten, Sie würden da Dinge gefunden haben, von denen sich die Herren Ästhetiker nichts träumen lassen? Ich nun, ich bin aus ihrem Geschlecht. Ich rühme mich dieser Abstammung so wenig, wie ich mich ihrer schäme; ich konstatiere eben ein Faktum, das zugleich mein Fatum ist, unter dessen Gewalt ich mich beuge; vielmehr: dessen Gewalt mich beugt, trotz meines Widerstrebens. Denn, wie sehr ich vielleicht meiner Naturanlage nach in das vorige Jahrhundert gehöre, ich bin doch auch ein Bürger meiner Zeit und nicht taub gegen ihre Gebote. Ich weiß sehr wohl, daß der moderne Mensch nicht mehr seinen privaten Freuden und Leiden ausschließlich leben und sterben darf; ich weiß sehr wohl, daß ich ein Vaterland habe, dessen Ruhm und Ehre und Größe ich heilig halten muß und dem ich verpflichtet bin, solange noch ein Atemzug meine Brust hebt. Ich weiß es und glaube es betätigt zu haben, nach meinen Kräften, früher und wieder jetzt, wo – Er bedeckte sich Stirn und Augen mit der Hand und saß so eine Weile in tiefer Bewegung, die der ärztliche Freund durch sein Schweigen ehrte. Dann fuhr er, aufschauend, mit leiser Stimme fort: Lieber Freund, der letzte der Stürme war sehr, sehr hart. Er hat den morschen Bau bis in seine Grundfesten erschüttert. Was Sie jetzt in Sorge versetzt, es ist in der Tat nur Folge jenes fürchterlichen Sturmes. Die schauerlich süßen Einzelheiten – es kennt sie bis jetzt niemand außer einer Frau, die ein fast identisches Schicksal zu meiner Vertrauten machte, die das Geheimnis unverbrüchlich bewahren wird. Auch Sie würden es; ich weiß es. Und Sie sind ja schon oft mein Rater und mein Beichtiger gewesen. Also vielleicht ein andermal, wenn Sie es wünschen und es Ihnen nötig scheint. Für heute nur noch dies – zu Ihrer Beruhigung, denn ich lese in Ihrem ernsten Gesichte dieselbe inhaltschwere Frage, die auch die Freundin an mich richtete, ob ich genesen will? Ich antworte darauf nach meinem besten Wissen und Gewissen: ja; ich halte es für meine Pflicht, daß ich es will. Für eine Pflicht einfach meinen Wählern gegenüber, die mir mein Mandat nicht daraufhin gegeben haben, daß ich mich hinlege und an unglücklicher, unerwiderter Liebe sterbe. Wenn mir das letztere – ich meine das Sterben – doch passiert, so werden Sie mir bezeugen, daß es durchaus gegen meinen Willen geschah, nur infolge des bewußten Konstruktionsfehlers, den sich der Baumeister zuschulden kommen ließ. Aber damit mir es nicht oder doch nicht so bald passiere, lieber Freund, müssen Sie mir gerade das erlauben, was Sie mir vorhin verboten haben. Der Traum, den ich geträumt, war seltsam schön, und das wirkliche Leben kommt mir, offengestanden, im Vergleich dazu recht kahl und nüchtern vor. Der Gegensatz ist zu groß, ich kann ihn nur ungefähr dadurch verwischen, daß ich in die schale Speise die Würze der Aufregung mische, wie sie uns unsere parlamentarische Küche in bester Qualität gerade jetzt liefert, und von der unser Oberkoch morgen noch ganz besonders reichlich zustreuen wird. Und deshalb muß ich morgen meinen gewöhnlichen Platz in unserer Tafelrunde einnehmen und meine Tischrede halten. Quod erat demonstrandum . Er reichte lächelnd dem Freunde die Hand. Auch der Freund lächelte; es war ein sehr trübes Lächeln und verschwand auch alsobald wieder. Daß doch gerade die geistreichsten Patienten immer die unträtabelsten sind, sagte er; aber ich habe mir geschworen: nach Ihnen nehme ich keinen wieder an. Ich mache Ihnen auch wahrlich mehr als billig zu schaffen, erwiderte Bertram. Sie, lieber, guter Freund, kommen da zu mir in beinahe nachtschlafender Zeit, wo Sie jedenfalls von Ihres Tages schweren Mühen längst ausruhen sollten, aus freien Stücken, getrieben von treuer Sorge um mein Wohl, um schließlich, mit Undank belohnt, den Heimweg anzutreten. Nun, Gott besser's! und auf Wiedersehen morgen! Konski war eingetreten, um dem Doktor, da die Hauslichter bereits verlöscht waren, hinabzuleuchten. Die Herren reichten sich zum Abschiede nochmals die Hände; die des Arztes glitt nach dem Gelenk der Freundeshand hinauf. Er schüttelte den Kopf. Konski, sagte er, sich zu jenem wendend, wenn Ihr Herr in diesen Tagen einmal ein Glas Champagner trinken will, so können Sie ihm ausnahmsweise eines geben; aber auch nur eines. Merken Sie sich das, Konski! sagte Bertram. Wird wohl nicht mehr passieren, brummte Konski. Er will mich morgen verlassen, sagte Bertram erläuternd. Will? gar nicht will ich; aber – Schon gut, sagte Bertram, wir dürfen den Herrn Medizinalrat nicht mit unseren Privatangelegenheiten behelligen. Leben Sie wohl, lieber Freund! Wenn es Ihnen recht ist, speise ich morgen bei Ihnen. Der Arzt war gegangen; Bertram hatte sich sofort wieder an seinen Schreibtisch gesetzt und die Arbeit vorgenommen, in der ihn der späte Besuch unterbrochen. Es war eine verschleppte Wahlprüfungsangelegenheit, über die er morgen berichten sollte. Im Interesse seiner Partei lag es, daß die Wahl, bei der einige Unregelmäßigkeiten vorgekommen waren, annulliert wurde; mit desto größerer Gewissenhaftigkeit hatte er den ziemlich komplizierten Fall bis dahin geprüft. Aber jetzt war ihm der Faden der Untersuchung entschlüpft; er blätterte hin und her in den Akten; dabei fiel ihm ein feines, zusammengefaltetes Blatt entgegen – ein Brief – Mein Gott, wie kommt er dahin? Er hatte hastig danach gegriffen, wie ein irrender Bettler nach einem Goldstück, das aus dem Straßenstaub zu ihm heraufblinkt. Das Blut siedete ihm aus dem kranken Herzen in die Schläfen; die Hand, die das leichte Blatt hielt, zitterte. Jetzt würde er wohl nicht mehr über meinen matten Puls schelten. Gestern morgen bereits hatte er den Brief erhalten, aber es nicht über sich gewinnen können, mehr als ein paar Zeilen zu lesen. Vielleicht wenn er aus dem Reichstage zurückkam, war er in gesetzterer Stimmung. Dann hatte er den beiseite gelegten Brief nicht wiederfinden können, trotzdem er, zuerst allein, dann mit Konski, stundenlang gesucht. Und nun – die Akten hatte er beiseite geschoben – starrte er wieder wie gestern auf das Blatt, und wieder wie gestern schwammen die Zeilen ineinander; aber er schüttelte unwillig den Kopf, fuhr sich über die Augen und las: »Capri, den 24. April. Geliebter Onkel Bertram! Wenn ich heute zum ersten Male von unserer Reise an Dich schreibe, so nimm es als gelinde Strafe dafür, dass Du nicht zu unserer Hochzeit gekommen bist; nimm es – nein! Dir darf ich auch im Scherz nicht lügen. Wir – ich meine Kurt und ich – empfanden wohl Dein Fortbleiben schmerzlich, aber zürnten nur der leidigen Politik, die Dich nicht loslassen wollte gerade in jenen Tagen, in welchen es sich, wie mir Kurt erklärte, um so wichtige Dinge handelte. Nimm also, ich bitte Dich, mein langes Schweigen als einen Beweis der Verwirrung, die sich meiner unter den tausend neuen Eindrücken der Reise bemächtigt, und der Eile, mit der wir gereist sind. Kurt hat just vier Wochen Urlaub; da müssen wir uns freilich beeilen; und so sind wir denn auch direkt von Genua mit dem Dampfer (er legt nur in Livorno an) nach Neapel gefahren, wo wir gestern abend ankamen, um heute morgen bei dem köstlichsten Wetter mit frischer Tramontana hierher nach Capri zu segeln. Und so schreibe ich denn diesen meinen ersten Brief von dem Balkon eines Hauses – Kennst Du, geliebter Onkel Bertram, auf Capri ein Haus, das ›mitten in Orangengärten steht mit wundervollem Blick auf das blaue, unendliche Meer? ein weißes, von Rosen übersponnenes Haus?‹ Es sind Deine eigenen Worte, und weißt Du, wo und wann Du mir das sagtest? An dem ersten Abend, als ich Dich im Walde auf dem Hirschstein traf. Du hast's gewiss vergessen, aber ich habe es wohl behalten und ist mir immer in der Seele herumgegangen auf unserer Reise: ich wolle von allen Herrlichkeiten Italiens zuerst das Haus sehen, das Dir so lieb in der Erinnerung geblieben, daß ›Du Dich immerdar nach ihm sehntest‹ und dessen Name ›so tröstlich, so verheißend klingt: Quisisana!‹ Und da sind wir nun, wir, die keines Trostes bedürfen, wir, an denen, was immer an Paradiesesseligkeit auf Erden verheißen werden kann, erfüllt ist – und trinken die blaue Himmelsluft und atmen den süßen Duft der Rosen und Orangen. Du aber, geliebter Onkel Bertram, Du weilst – das Herz voll Sehnsucht nach dem holden Quisisana– da oben im grauen Norden, vergraben unter Parlamentsakten, abgearbeitet, müde – und, siehst Du, Onkel Bertram, dieser Gedanke, das ist die graue Wolke, die einzige am weiten, blauen Himmelsgewölbe, die da drüben über der schroffen Felsenstirn des Monte Solaro schwebt, und von der Federigo, der junge Wirt, behauptet, dass sie uns eine ›burasca‹ bringen werde. Ich habe ihn ausgescholten und gesagt, ich wolle Sonnenschein, viel Sonnenschein, nur Sonnenschein, und dabei nicht an uns, sondern an Dich gedacht. Und nicht wahr, Du Guter, Edler, auch Dir scheint die Sonne – auch Du wandelst im Lichte – im Sonnenlichte des Ruhmes! Ja, Onkel Bertram, wie bescheiden Du auch bist, es muss Dir doch Freude bereiten, es muss Dich doch mit Stolz erfüllen, zu sehen, wie du anerkannt und bewundert wirst – ich spreche nicht von Deinen Freunden – das versteht sich von selbst, sondern auch von Deinen politischen Gegnern. In Genua an der Table d'hôte hatten wir die Bekanntschaft eines vornehmen Herrn gemacht – eines Grafen aus Pommern – ich habe den Namen vergessen – mit dem Kurt viel über Politik geplaudert. Am Abend brachte uns der Graf eine Berliner Zeitung, in welcher Deine letzte große Rede stand. – Sehen Sie, sagte er, das ist ein Mann, von dem können wir alle lernen, auf den müsste jede Partei stolz sein! – Er hatte keine Ahnung, weshalb Kurts Augen stolz aufleuchteten, und warum ich, als ich Deine herrlichen Worte las, in Tränen ausbrach. Nein, denke Dir, Onkel Bertram! – da bringt mir eben Signor Federigo, den ich darum gebeten, ein altes Fremdenbuch – aus dem Jahre 1859 – dem Jahre, in welchem Du, wie ich wusste, hier gewesen. Es waren viele Blätter herausgerissen, aber das, auf welchem Du Dich eingeschrieben, war erhalten, und das Datum des Tages – desselben Tages, an dem ich geboren! Ist das nicht wunderbar? Signor Federigo hat mir natürlich das kostbare Blatt schenken müssen, was er mit der anmutigsten Verbeugung – in der einen Hand das Blatt und die andere auf dem Herzen – tat, und wir haben beschlossen, den Tag Deiner Ankunft auf Capri und meiner in der Welt hier zu feiern. Weshalb sollten wir auch so schnell weiterreisen; schöner als hier kann es nirgends sein. Sonne, Rosenduft, Himmelsbläue, das ewige Meer – meinen Kurt und die Erinnerung an Dich, dessen liebes Bild mir jeder Fels, jede Palme – alles, alles vor die Seele zaubert – nein, nein, wir bleiben hier bis zu meinem Geburtstage. Signor Federigo ruft aus der Veranda herauf, Madame müsse in fünf Minuten fertig sein, wenn der Brief heute noch fort solle. Freilich soll er fort, wenn ich nur nicht die schreckliche Empfindung hätte, bis jetzt rein gar nichts geschrieben zu haben. Aber das hilft nun nicht. Also das nächstemal von allem, was heute nicht darangekommen ist: von den Eltern, die sehr zufriedene Briefe schreiben, besonders Papa, der ja ganz glücklich darüber scheint, dass er – zu meiner großen Verwunderung – die Fabriken aufgegeben; von der Verlobung Agathens und Herrn von Busches, über die ich mich nicht gewundert habe, denn ich sah es schon an meinem Polterabend kommen; von – Signor Federigo, Sie sind unausstehlich – Lieber Kurt, ich kann Dir den übrigen kleinen Raum von zwei Zeilen nicht geben, denn ich brauche ihn notwendig selbst, um meinem geliebten Onkel Bertram vielherzlichen Gruß und Kuss zu senden aus Quisisana.« Bertram hatte das Blatt leise auf den Tisch gelegt; er beugte sich, einen Kuss darauf zu drücken; aber bevor seine Lippen es noch berührten, richtete er sich jäh empor. Nein! Sie weiß nicht, was sie tut. Du weißt es – deines Nachbars Weib! Schmach und Gram! Reiß das Auge aus, das dich ärgert, und das verbrecherische Herz dazu! Er griff nach den Akten. Bis zu ihrem Geburtstage! – ein paar freundliche Worte – sie erwartet sie sicher, darf sie erwarten; mehr noch: Sie könnte es anders auslegen – ob es wohl noch Zeit ist? Wann mag es sein? sie hat das Datum nicht genannt – mir deucht: So im Anfang Mai. An welchem Tage bin ich denn dort angekommen? Er brauchte in den alten Tagebüchern, die er methodisch geführt und sorgfältig aufbewahrt hatte, nicht lange zu suchen. Da: »Am ersten Mai. In Capri angekommen und in einem Hause abgestiegen, zu dem ich mühselig hinaufgeklettert, weil der Name mich unwiderstehlich lockte: Quisisana. Sit omen in nomine! « Am ersten Mai! der wäre morgen. Ein Brief natürlich nicht, aber ein Telegramm, wenn es sofort abgeschickt würde. Konski! Lieber Konski, es tut mir Leid, Sie müssen schleunigst auf das Telegraphenamt. Fräulein Ernas – nun, Sie wissen – ihr Geburtstag ist morgen. Da darf ich doch nicht fehlen. Er hatte die paar Zeilen deutsch geschrieben; dann fiel ihm ein, ob er sie nicht zu größerer Sicherheit gleich in der Sprache des Landes abfassen sollte. So schrieb er sie noch einmal italienisch. Konski, der sich unterdessen zu dem Gange zurechtgemacht, trat wieder ein. Sie werden vor zwölf schwerlich zurück sein und – ja, Konski, wir müssen den morgenden Tag festlich begrüßen. Stecken Sie den Kellerschlüssel zu sich und bringen Sie eine Flasche Champagner mit herauf! Keine Widerrede! ich schreibe Ihnen sonst morgen in Ihr Zeugnis: Entlassen wegen Ungehorsam. XXVIII. Es war gegen drei Uhr, als der Arzt, zu dem Konski, der den Herrn nicht hatte verlassen wollen, den Hausdiener entsandt, eilig hereintrat. Konski nahm ihm Stock und Hut ab und deutete – sprechen konnte er nicht – nach dem großen Diwan in der Tiefe des Zimmers. Der Arzt ergriff im Vorübergehen die Lampe vom Schreibtische und leuchtete in das bleiche Gesicht. Konski war ihm gefolgt und hielt nun die Lampe, während jener seine Untersuchungen anstellte. Er muß bereits über eine Stunde tot sein, sagte er aufblickend, weshalb haben Sie erst jetzt zu mir geschickt? Tragen Sie die Lampe auf den Schreibtisch zurück und sagen Sie mir, was Sie wissen. Er hatte sich in Bertrams Sessel gesetzt. Nehmen Sie sich einen Stuhl! erzählen Sie. Und Konski erzählte. Er war ein viertel nach zwölf vom Telegraphenamt zurückgekommen und hatte den Herrn emsig schreibend gefunden, als er die Flasche Champagner, die der Herr ihm mit herauszubringen anbefohlen, hereingetragen. Der Herr hatte ihn ausgescholten, weil er nur ein Glas gebracht; er, Konski, müsse sich auch eines holen, mit wem er denn sonst auf das Wohl der jungen Frau anstoßen solle? Da habe ich denn ihm gegenüber gesessen – zum ersten Male in meinem Leben – da hinten in der Ecke an dem kleinen runden Tische, er in dem einen Stuhle, und ich in dem anderen. Und hat mit mir geplaudert, nicht wie ein Herr mit seinem Diener, nein, gerade – ich kann das nicht beschreiben, Herr Medizinalrat; aber Sie wissen ja, wie gut und freundlich er immer war. Ich hab' kein böses Wort gehört aus seinem Munde die zehn Jahre, die ich nun bei ihm bin, und wenn er einmal heftig war, da wußte er hinterher nicht, wie er's wieder gutmachen sollte. Und morgen wollte ich nach Rinstedt, um Hochzeit zu machen, und er hat uns die ganze Ausstattung geschenkt und den Laden eingerichtet mit allem, was dazu gehört. Da haben wir denn natürlich viel von Rinstedt gesprochen und von dem Manöver im letzten Herbste, und von der jungen gnädigen Frau, und von Italien, wo ich ja, wie der Herr Medizinalrat wissen, mit dem Herrn vor zwei Jahren war. Das heißt natürlich: ich sprach nicht viel, sondern der Herr; ich hätte nur immer zuhören mögen, wie er von Capri erzählte, wo wir damals nicht hingekommen, und wo die junge gnädige Frau jetzt ist. Dabei leuchteten seine Augen, daß es eine Pracht war; aber getrunken hat er so gut wie gar nicht, bloß so viel, um mit mir auf das Wohl der jungen gnädigen Frau anzustoßen – einen oder zwei Schluck höchstens, und der Rest ist noch in dem Glase. Ich mußte mir aber immerfort einschenken, denn ich könnte es vertragen und er nicht, und er wolle hernach noch die Arbeit fertig machen, zu der die Akten da auf dem Tische vor dem Herrn Medizinalrat liegen. Auf einmal sagte er, Konski, sagte er, ich werde müde; ich will mich eine halbe Stunde hinlegen. Derweilen trinken Sie ruhig die Flasche aus, und Punkt halb zwei wecken Sie mich. Es war eben ein Uhr. Da hat er sich denn hingelegt, und ich habe ihn zugedeckt, und – ach, Herr Medizinalrat, ich werde es mir nie vergeben; aber ich hatte den Tag über gar viel Lauferei gehabt mit meinen Sachen, und zuletzt in der Nacht der lange Weg nach dem Telegraphenamt, und der Champagner mochte mir auch Wohl ein bißchen zu Kopf gestiegen sein – ich habe sicher keine fünf Minuten da so still allein gesessen, da bin ich eingeschlafen. Als ich aufwachte, war es nicht halb zwei, sondern halb drei, daß ich einen rechten Schreck kriegte. Aber er schläft so fest und so ruhig, dachte ich, noch als ich vor ihm stand; es ist ein Jammer, daß du ihn wecken sollst, wenn er sich auch wieder auf die linke Seite gelegt hat, was er sonst gar nicht vertragen konnte und der Herr Medizinalrat ihm ja auch streng verboten haben. Ich weiß noch in Rinstedt – an dem ersten Abend – aber da ist er doch wieder aufgewacht, und nun ist er tot. Sie sind nicht schuld daran, sagte der Doktor, indem er dem Weinenden die Hand reichte; Sie hätten ihn nicht am Leben erhalten können, so wenig wie ich. Und nun lassen Sie mich hier allein; Sie mögen im Nebenzimmer bleiben. Der Doktor schritt, als Konski gegangen, zu dem kleinen runden Tische, auf dem die leere Flasche stand und ein leeres und ein halbvolles Glas. Über dem Sofa in der Ecke brannte rechts und links auf den Gaskandelabern an der Wand je eine Flamme. Er hielt das halbvolle Glas empor. Als er es schüttelte, stiegen aus dem klaren Naß helle Perlen. Er hat nie die Unwahrheit gesprochen, murmelte er, indem er das Glas niedersetzte. Es war ja sowieso nur noch eine Frage der Zeit. Den Tod hat er sich schon vor einem halben Jahre getrunken. Man kann sich nur wundern, daß er es so lange ertragen hat. Auf dem Schreibtische lag Ernas Brief. Der Arzt las ihn fast mechanisch. Es ist alles so ziemlich, wie ich mir dachte, murmelte er. Ein so geistvolles und dazu, wie es scheint, hochherziges Mädchen, und doch – aber sie sind sich alle gleich. Ein einzelnes Blatt mit Bertrams Hand siel ihm in die Augen. Er griff danach; es war die deutsche Depesche: »Heil und Glück und Segen heute und immerdar meinem lieben Kinde in Quisisana.« Der Arzt hatte sich erhoben und schritt mit untergeschlagenen Armen auf und nieder in dem Gemach. Aus dem Nebenzimmer, dessen Tür nur angelehnt war, hörte er leises Schluchzen. Der Jammer des treuen Menschen hätte fast das tiefe Leid in seiner eigenen Brust entfesselt. Er wischte sich über die nassen Augen, trat an das Lager des Toten und streifte die Decke zurück. Lange stand er, in staunende Betrachtung versunken. Die hohe, schöne Stirn, beschattet von dem vollen, weichen Haar, dessen tiefes Dunkel kein einziger silberner Faden erhellte; die feingeschwungenen, wie zu einem geistreichen Wort geöffneten Lippen, deren Blässe die weißen, nur eben hervorschimmernden Zähne beschämten; die breite, gewölbte Brust – was Wunder, daß der Mann von fünfzig Jahren im Leben empfunden hatte wie der Jüngling, für den der Tod ihn genommen. Und aus dessen reinen Zügen er jede leiseste Spur von dem Weh getilgt, das dies edle Herz gebrochen. Und das nun still war für immer. Er legte die Hand auf das stille Herz. Qui si sana! sagte er leise.