Friedrich Spielhagen In Reih' und Glied. Zweiter Theil Roman   Sechste Auflage Verlag von L. Staackmann Leipzig 1883   Erste Auflage: 1866 Erstes Capitel. Seit jener Winternacht, als sie zusammen aus der Gesellschaft bei Sonnenstein nach Hause gingen, hatte Silvia Leo wohl ein paarmal gesehen, aber immer in Gegenwart von Anderen, und jene Fragen, die damals so leidenschaftlich von ihnen besprochen wurden, waren nie wieder berührt worden. Nach der Abreise des Freiherrn hatte Leo das Haus nicht wieder besucht. Fräulein Charlotte und Amélie vermieden es, seiner zu erwähnen, seitdem sie wußten, daß er der Urheber jener verhängnißvollen Erklärung war; Leo hatte auf ihren letzten Brief nicht geantwortet – so war Silvia in Allem, was ihn betraf, auf die Nachrichten beschränkt, welche über sein Thun die Zeitungen brachten. Niemand im Hause kümmerte sich um Zeitungen, sie hatte die Lectüre derselben ausschließlich für sich allein. Eine schmerzliche Lectüre! Denn für jeden scharfgeschliffenen Pfeil, den Leo von seinem Bogen auf seine Feinde entsenden konnte, schütteten diese aus ihren vollen Köchern eine Wolke auf ihn herab. Er aber stürzte sich immer wieder in das Kampfgewühl, unerschöpflicher Kraft und unbezwingbaren Muthes voll, gleich einem Gott – aber nicht unverwundbar wie ein Gott. Sie fühlte, sie wußte es, daß er aus mehr als Einer Wunde bluten, daß er oft und oft grausame Qualen leiden mußte. Und Silvia's Herz blutete mit: alle Qualen litt sie in ihrer stolzen Seele doppelt mit. Mußte er nicht endlich in diesem ungleichen Kampfe erliegen, einfach der Uebermacht erliegen, wie Roland in dem Thal von Roncesvalles? Leo hatte in einer seiner Streitschriften einmal das Lessing'sche Wort: »Ich komme zu Niemandem, und Niemand kommt zu mir«, auf sich angewendet. Das Wort verfolgte sie, wo sie auch war, und selbst im Traume hörte sie eine geliebte Stimme traurig und schmerzlich rufen: Ich komme zu Niemandem, und Niemand kommt zu mir! Niemand kommt zu ihm! Kein Freund, dem er sich anvertrauen, mit dem er seine Pläne durchsprechen, kein wackerer Genosse, der ihm gegen seine tückischen Widersacher auch nur auf einen Augenblick den Rücken decken kann. Wo waren sie, die sich früher in dem überschwänglichen Lobe Leo's nicht hatten genug thun können? Wo jener Abgeordnete, der einst – wie deutlich sie sich der Scene erinnerte, und wie ihr Herz jetzt noch bei der Erinnerung schlug! – der einst mit einer neuen Broschüre Leo's in der Hand in einen Cirkel geistvoller Männer und Frauen trat, und, das Büchlein hoch emporhaltend, mit blitzenden Augen rief: Auf die Kniee! auf die Kniee vor diesem Propheten, dem wahrhaftigen Künder einer neuen Zeit! Wo war er? wo die anderen? Hatte Keiner den Muth, sich offen zu dem zu bekennen, was sie doch in ihrem innersten Herzen als die Wahrheit erkannten? Waren die Wände des Salons die Grenze, über die hinaus man das große Geheimniß nicht ausplaudern durfte? War es wirklich ein todeswürdiges Verbrechen, dem harrenden Volke auf der Gasse zu verkünden, worüber man sich drinnen am behaglichen Theetisch vollkommen geeinigt hatte? Silvia schauderte vor der Berührung mit diesen Männern, die sich in ihren Augen so furchtbar am heiligen Geiste der Wahrheit versündigten. Sie wich selbst Doctor Paulus aus, dem langjährigen Arzte der Familie, der ihr früher ein so lieber Freund gewesen war. Zwar hatte er von Anfang an Leo's Pläne für unausführbar erklärt; aber wenn er wirklich der begeisterte Anwalt der Armen und Unterdrückten war, für den sie ihn gehalten hatte, durfte er sich jetzt von Leo zurückziehen? Mußte er nicht, um die Idee zu retten, bei dem Freunde ausharren, wenn er auch in der Wahl der Mittel noch so weit von ihm abwich? War Walter's Sache so viel edler, daß er nur immer von dieser sprechen, nur für diese sich begeistern konnte? Nein, auch Paulus war nicht besser als sie Alle: ein Tugendschwätzer, ein halber Bekenner der halben Wahrheit; und galt nicht auch dasselbe von Walter? Seine Seele war liebevoll, gewiß! aber es war doch schließlich jene kleinliche, individuelle Liebe, die in der Gegenliebe des geliebten Wesens ihr Ziel und ihre Grenze findet. Walter war opferfähig – sicher! aber er hatte doch noch immer seine Herzensneigungen mit seinen Ueberzeugungen zu vereinigen gewußt. Seine Liebe zu Amélie war dieselbe geblieben, obschon er das einfache Mädchen weit überflügelt hatte; seine Verehrung für den Freiherrn hatte sich nicht vermindert, obgleich er von jeher bei tausend Dingen nicht mit ihm übereingestimmt hatte und jetzt der Bruch zwischen ihren beiderseitigen Ueberzeugungen offen zu Tage getreten war. Walter hatte das Wort: Wer nicht für mich ist, ist wider mich, nie begriffen. So machte sich Silvia innerlich immer mehr von Allem los, was der in ihr wühlenden Leidenschaft nicht Nahrung bot, oder gar die Nahrung zu entziehen drohte. Sie hatte das dumpfe Gefühl, daß ihr eine große Katastrophe bevorstehe, und daß sie sich auf diesen Augenblick vorbereiten müsse. Konnte doch der Kampf, in den Leo verwickelt war, sich nicht immer so hinziehen; mußte doch so oder so eine Entscheidung eintreten! Und schneller noch, als sie halb gefürchtet und halb gehofft hatte, kam die Entscheidung. Sie sah, wie sich der Kampf, den sie mit so fieberhafter Spannung verfolgte, immer mehr auf einen bestimmten Punkt zusammenzog; sie sah, wie man – zum erstenmale – selbst Leo persönlich angriff und seine Ehrenhaftigkeit verdächtigte; sie las, las mit bebender Lippe die Geschichte von der Krähe, die es sich in eines Edelfalken Nest bequem gemacht und die man mit Schimpf und Schande daraus vertrieben habe. Und Niemand kommt zu ihm! schrie es in ihrer Seele, während sie, die Hände verzweiflungvoll ringend, in ihrem Zimmer auf und ab schritt und einzelne brennende Thränen aus ihren Augen tropften. Am Abend war die Versammlung, in welcher Leo über die Schritte, die er gethan, der Deputation Eingang beim König zu verschaffen, Rechenschaft ablegen wollte. Diesen Abend konnte sie durch die Zeitungen nicht mehr erfahren, ob ihm der große Wurf gelungen sei. Aber wenn sie sich selbst Gewißheit verschaffte? Man würde sie nicht vermissen; war man doch daran gewöhnt, daß sie ganze Abende allein auf ihrem Zimmer zubrachte. Aus ihrem Parterrezimmer in den Garten, aus dem Garten durch die Pforte auf die Straße zu gelangen, war leicht. Sie lauschte in den abendlichen Garten hinein; Alles war still; durch die Baumwipfel blickte von dem klaren Himmel der volle Mond; aus dem Souterrainfenster hörte sie das Klappern der Küchensachen und die Stimmen der Leute; – Niemand würde ihr Fortgehen, ihr Wiederkommen bemerken. Sie huschte durch den Garten; der Schlüssel in der Pforte drehte sich schwer, sie mußte mehrmals ansetzen; dann kreischte die kleine, eisenbeschlagene Pforte in den verrosteten Angeln; sie meinte, man müßte es rings in der Runde gehört haben – aber es kam Niemand, nachzusehen; endlich stand sie auf der dunklen Gasse. Ihr Herz schlug zum Zerspringen. Sollte sie wieder umkehren? Noch konnte sie es ohne die mindeste Gefahr. Und wenn sie wieder umkehrte, was erwartete sie auf ihrem einsamen Zimmer, als die alte Ungewißheit, die alte Angst? Sie konnte ihm nicht helfen, aber sich doch vielleicht selbst befreien von jener öden Qual. Eilenden Schrittes huschte sie das Gäßchen hinab. Hier und auf dem mit Bäumen besetzten Platz, auf welchen das Gäßchen mündete, begegnete ihr Niemand. Nun aber mußte sie hinaus auf die breite prachtvolle Straße in das Gewimmel der Fußgänger. Sie hüllte sich dichter in den Shawl und faltete den schwarzen Schleier enger zusammen. Niemand konnte sie erkennen; und wenn auch – was war am Ende daran gelegen? Dennoch wich sie so viel als möglich den ihr Begegnenden aus und vermied, wo es ging, das blendende Licht, das aus den Schaufenstern der Läden fiel. Sie wußte, in welcher Straße die Versammlung abgehalten wurde und in welchem Theile der Stadt die Straße lag; aber der Stadttheil war ihr unbekannt, und bald befand sie sich in Gassen, die ihr Fuß noch nie betreten hatte: engen Gassen mit niedrigen Häusern, wo auf den schmalen Trottoirs eine geschäftige Menge sich drängte und wo selbst noch in dieser Stunde Lastwagen rasselten. An einer Stelle waren ein paar solcher Wagen an einander gefahren; die Fuhrknechte fluchten, die zusammengelaufene Menge pfiff und schrie, Polizisten stießen einen Menschen, den sie verhaftet hatten, vor sich her – ein altes Weib, das neben Silvia stand, schimpfte in gemeinen Ausdrücken auf die schlechte Polizei, die auf Ordnung halten solle und dabei nur die Unordnung vergrößere. Silvia drückte sich schaudernd auf die Seite und eilte, sobald sie aus dem Gedränge heraus war, in die erste Straße, die sich ihr öffnete. Sie stand still, um Athem zu schöpfen und sich zu vergewissern, wo sie sich befand. Sie hatte die Richtung verloren; den Namen der Straße, den sie beim trüben Schein einer Laterne entzifferte, hatte sie nie gehört; die kleinen Häuser, die schmutzigen Menschen, der Lärm – das alles flößte ihr Entsetzen ein; ihr Beginnen schien ihr zwecklos, wahnsinnig; sie wollte zurück; aber sie getraute sich nicht, nach dem Wege zu fragen. Ein Fiaker rumpelte vorüber; sie war im Begriff, denselben anzurufen, als ihr einfiel, daß sie kein Geld bei sich habe; sie mußte sich entschließen, auf gut Glück weiter zu gehen. Endlich gelangte sie wieder in eine breitere Straße, aber auch diese wimmelte von Menschen, die aber alle aus einer Richtung zu kommen schienen. Gruppenweise gingen sie neben einander, sich unter den Armen fassend, singend und schreiend, Andere in lautem, heftigen Gespräch. Silvia wurde von dem Strom mit fortgedrängt; sie konnte nichts von dem, was diese Leute so eifrig verhandelten, verstehen. Plötzlich schlug Leo's Name an ihr Ohr; dicht vor ihr gingen Arm in Arm zwei Männer, von denen der eine, seiner Kleidung nach, den höheren Ständen anzugehören schien. Sie hörte den Einen sagen: Jetzt sitzt er fest; sorgen Sie nur dafür, daß er nicht so bald wieder loskommt. Der Andere erwiederte etwas, das sie nicht verstand; dann sagte der Erste: Machen Sie, daß Sie aus dem Gedränge kommen; es wäre nicht gut, wenn Sie Jemand hier sähe; mich erkennt Keiner so leicht. Die Beiden waren stehen geblieben; Silvia mußte an ihnen vorbei. Sacré! Lassen Sie sie laufen! Sie sehen ja, wie eilig sie's hat! Silvia hörte Lachen hinter sich; sie beschleunigte ihren Schritt und gerieth wieder in das Gedränge. Die Menschen waren alle von dem, was sie eben erlebt hatten, erfüllt; Niemand achtete auf sie. Endlich mündete der Menschenstrom in eine Straße, die sie kannte, von der sie ihren Weg nach Hause nicht mehr verfehlen konnte; sie eilte weiter, weiter, ohne nach rechts und links zu sehen; glänzend erleuchtete Schaufenster, vorüberdonnernde Carossen, Fußgänger ohne Zahl, das stille Wäldchen, die dunkle, menschenleere Gasse, die Pforte, der Garten – und da war sie wieder in ihrem Zimmer. Sie warf den Shawl, den Hut ab und sank in das Sopha, die Augen in gänzlicher Erschöpfung schließend. Als sie wieder zu sich kam, blickte sie mit Erstaunen um sich. Da brannte die Lampe auf ihrem Schreibtisch, da tickte die Stutzuhr auf der Console unter dem Spiegel, da stand der Tisch mit den Büchern, da das geöffnete Clavier, da die schöne Muse auf der Marmorsäule – war denn Alles nur ein wirrer, häßlicher Traum gewesen? hatte sie wirklich die keusche Stille dieses Gemaches mit dem wüsten Lärm der Gassen vertauschen können? Und doch, und doch! Sie hatte das Alles gehört, gesehen! auf diesen Arm hatte das alte keifende Weib ihre knöcherne Faust gelegt, dieses Kleid hatten die trunkenen Gesellen, die Arm in Arm die Straße hinablärmten, gestreift! Silvia drückte das Gesicht in die Hände. Sie hatte wohl manchmal geglaubt, sie könne einmal wahnsinnig werden; war sie es wirklich schon? Wenn ein Mensch, der sie kannte, erführe, was sie heute Abend gethan – wenn Jemand sie gesehen hätte! Mit jähem Schreck richtete Silvia ihr Haupt empor. Ihr Ohr hatte auf der lärmenden Straße, was die beiden Männer unter einander sprachen, gefaßt, ohne daß sie in ihrer Angst einen Sinn damit verbunden hätte. Jetzt mit Einemmale wußte sie es. Von wem als von Leo konnten sie gesprochen haben? Die Menschen, die alle aus einer Richtung kamen, woher sollten sie gekommen sein, als aus jener Versammlung? So waren alle ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt und Leo ein Opfer seiner Feinde geworden! Aber nein, nein! das waren ja Fieberträume eines überreizten Gehirns! Wäre Leo nicht der Erste, sie zu tadeln, daß sie sich so willen- und haltlos von ihrer Phantasie beherrschen ließ? Sie wollte zu Bette gehen und schlafen, der nächste Morgen würde alles wohl besser machen. Aber kein süßer, erquickender, angstbeschwichtigender Schlaf umfing Silvia, nur eine dumpfe Betäubung, durch welche wildverworrene Traumbilder schwankten. Bald war es das alte Weib, das sie am Arme packte, bald zwei Männer, die hinter ihr her kamen und sie umfassen wollten, bald wieder war es Leo, der an ihrer Seite ging und ihr sagte, daß alle die wimmelnden Gestalten eben von seiner Hinrichtung kämen. Er hätte bis zum letzten Augenblicke geglaubt, daß seine Freunde ihn befreien würden; aber Du weißt, Silvia: es kommt ja Niemand zu mir! Er lächelte schmerzlich und drückte ihr die Hand, und seine Lippen waren blaß, und seine Hand war kalt. Unendliche Wehmuth erfüllte Silvia's Herz; sie weinte heiße, heiße Thränen, weinte, als ob sie sich zu Tode weinen möchte – und weinend erwachte sie. Zweites Capitel. Amélie saß auf dem Rande ihres Bettes und hatte sich mit besorgter Miene über sie gebeugt. Wie geht es Dir, Silvia? Ich sitze hier schon eine ganze Weile, Du schliefst so unruhig und weintest und schluchztest, da habe ich Dich geweckt. Wie geht es Dir? Gut, ich glaube; – ich weiß es nicht. Der Kopf schmerzt mir etwas. Wir haben uns schon so um Dich geängstigt; soll ich zu Doctor Paulus schicken? Nein, um keinen Preis! Ich will sehen, wie mir ist, wenn ich aufstehe. Aber Du selbst siehst heute ein wenig blaß aus, däucht mir. Ich habe auch nicht besonders geschlafen, sagte Amélie, sich abwendend. Silvia erinnerte sich, daß auf heute der Termin für Walter's Proceß angesetzt war. Sie empfand es als ein Unrecht, daß ihr Herz in dem Augenblicke, wo ihr der Gedanke kam, stumm blieb; und doch, er hatte ja so viele Freunde! Er konnte der Schwester wohl entbehren! Es werden vieler Menschen Schicksale an Einem Tage entschieden, sagte sie dumpf. Amélie blickte sie fragend an; aber Silvia bat, sie allein zu lassen. Ich komme, wenn ich mich besser fühle. Unterdessen schicke mir das Frühstück. Silvia war bereits angezogen, als man ihr das Frühstück brachte. Auf dem Brett lag auch die Zeitung, welche man ihr jetzt regelmäßig auf's Zimmer schickte. Silvia schlug das Blatt auf. Die ersten Worte, auf die ihr Auge fiel, lauteten:   »Gestern Abend fand in der Musenhalle die angekündigte öffentliche Versammlung des von Doctor Leo Gutmann gestifteten Arbeitervereins statt. Die Tagesordnung: Bericht des Doctor Gutmann über seinen (bekanntlich verunglückten) Versuch, der Tuchheimer Arbeiterdeputation bei dem Könige Eingang zu verschaffen, und Debatte über etwa weiter vorzunehmende Schritte, konnte nicht durchgeführt werden, da sich schon nach den ersten Worten des Redners ein Tumult erhob, in Folge dessen der Redner selbst nebst mehreren anderen Personen verhaftet wurde. Nur mit großer Mühe gelang es der in bedeutender Zahl anwesenden Polizei, das überfüllte, bekanntlich sehr große Local und die benachbarten Straßen zu räumen. Mit diesem neuen Unfall hat die Doctor Gutmann'sche Agitation ihr allerdings klägliches, aber natürliches und von uns längst vorausgesagtes Ende erreicht.«   Das Blatt entsank Silvia's Hand. Gesenkten Hauptes starrte sie vor sich hin – stundenlang. Amélie, Fräulein Charlotte kamen, sich nach ihr zu erkundigen. Sie sprach mit ihnen, ohne, als die Thür sich hinter ihnen schloß, zu wissen, wovon die Rede gewesen war, ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken. Sie konnte nur Eines denken: Er ist gefangen und Niemand kommt zu ihm! Sie treten seinen reinen Namen in den Schmutz und Niemand spricht für ihn; sie verlästern und verhöhnen seine großen Gedanken, und Niemand ruft: Ihr frevelt und Ihr lügt! So kam der Mittag heran; es wurde Nachmittag und Abend. Da erhob sie sich und klingelte. Ich gehe auf eine Stunde aus. Sagen Sie das, wenn man nach mir fragt. Sie sind gewiß recht krank, Fräulein, sagte das gutmüthige Mädchen. Sie sehen so blaß und angegriffen aus. Sie sollten lieber zu Hause bleiben, Fräulein; oder doch wenigstens anspannen lassen und ein wenig spazieren fahren. Soll ich es dem Kutscher sagen, Fräulein? Ich weiß es nicht, antwortete Silvia. Sie hatte nichts gehört. Das Mädchen schüttelte den Kopf und sah verwundert zu, wie Silvia sich zum Ausgehen zurecht machte und mit starrem Blicke, als sei sie gar nicht mehr im Zimmer, an ihr vorüber zur Thür hinausging. Was das nun wieder ist, sagte das Mädchen. Die gnädigen Fräulein haben verweinte Augen, und wie es mit Fräulein Silvia steht, das ist ja ordentlich schrecklich. Und der Herr kommt auch nicht von seiner Reise zurück. Ich weiß nicht, wie das werden soll. Eine halbe Stunde später saß Doctor Paulus bei Charlotten im Wohnzimmer. Wir können nichts thun, sagte Charlotte; eine Natur wie die Silvia's muß sich selber helfen, oder ihr ist nicht zu helfen. Sie abstrahiren diesen Satz aus der Erfahrung Ihres eigenen Lebens, erwiederte Doctor Paulus, und doch, wenn Sie zurückdenken wollen, kommt Ihnen nicht die Erinnerung mehr als Einer Situation, über die Sie mit einer viel geringeren Einbuße an Kraft und Lebensfreude fortgekommen wären, wenn Sie Ihr Inneres einem bewährten Freunde rückhaltslos hätten aufschließen können? Ich meine, es ist in gewissen Lagen des Lebens Pflicht, sich mitzutheilen, wie es andererseits Pflicht ist, dem Bedrängten jederzeit ein williges Ohr zu leihen. In der Weltanschauung, in welcher wir leben, haben wir keinen Priester, dem wir beichten können, der uns absolviren dürfte; so müssen wir unter einander diese heiligen und heiligenden Pflichten erfüllen. Wir haben kein Recht, den Tempel niederzureißen, wenn wir nicht im Stande sind, ihn in uns selbst wieder aufzubauen. Ich bin von der Wahrheit dessen, was Sie sagen, vollkommen überzeugt, erwiederte Charlotte, und Ihnen als Arzt muß es vor Allem klar sein, daß Sie in Ihrer Kraft zu helfen gelähmt sind, wenn Ihnen der Leidende nicht auf halbem Wege entgegenkommt. Aber diese Scheu, aus sich herauszugehen, ist doch nun einmal dem Menschen angeboren; Sie können das nicht leugnen. Allerdings leugne ich es, erwiederte Paulus lebhaft; nicht angeboren ist uns diese Scheu, sondern vielmehr anerzogen: eine falsche Scham, in die uns die Härte oder der Unverstand unserer Erzieher hineinzwang und die wir dann hernach in mißverstandener Begier, ein Ganzes in uns selbst zu sein, noch weiter künstlich in uns nährten. Ein Kind, das sich geliebt weiß, ist wortreich in seinem Kummer, und so ist der naive Mensch; die homerischen Helden schämen sich ihrer Thränen nicht. Das Himmelreich auf Erden kann nur kommen, wenn wir, in einem höheren Sinne freilich, wieder wie die Alten und wie die Kinder werden; wenn wir uns Eines wissen mit dem All und mit Allen, wie in dem antiken Menschen das Gefühl dieser Einheit noch ungebrochen war und noch heute in dem Kinde ungebrochen ist. Ich will mich bessern, sagte Charlotte, indem sie dem Doctor die Hand reichte. Es ist manchmal zu spät dazu; erwiederte Paulus mit Bedeutung. Der Doctor war gekommen, um über den Stand von Walter's Angelegenheiten zu berichten. Die Sitzung hatte bereits seit dem Morgen um zehn Uhr gedauert; Paulus, den seine Berufsgeschäfte in Anspruch nahmen, war nur immer auf wenige Minuten dort gewesen, das letztemal vor ungefähr einer Stunde, als die Richter eben zur Berathung zusammengetreten waren. Jetzt wollte er wieder hin, zu hören, ob das Urtheil schon gesprochen sei. Er verabschiedete sich von Charlotte und sagte in der Thür: Ich komme jedenfalls noch einmal vor. Beunruhigen Sie sich also nicht. Charlotte blickte ihm traurig nach. Es ist manchmal zu spät dazu – ist vielleicht jetzt schon zu spät. Charlotte nahm einen Brief, den sie kurz bevor der Doctor kam, erhalten hatte, um ihn zum zweitenmale zu lesen. Der Brief war von Fritz Gutmann und lautete:   »Der Herr ist vorgestern Abend hier angekommen, ohne mich vorher von seiner Absicht unterrichtet zu haben. Das hätte nun just nichts zu sagen gehabt, denn es ist hier Alles stets zu seinem Empfange bereit – und der Himmel weiß, wie manchen langen Sommertag ich jede Stunde vergeblich nach ihm ausgeschaut habe! – wenn er nur anders gekommen wäre, oder, wenn er nur gerade nicht jetzt gekommen wäre! Denn nach Allem, was mir der Herr mitgetheilt hat, und dem, was ich mir so zurechtgelegt habe, ist seine Gegenwart in der Stadt viel nöthiger als hier, wo er nicht helfen, höchstens die Sache noch schlimmer machen kann. Zwar hat bereits der größere Theil der Leute die Arbeit wieder aufgenommen, aber ein anderer Theil, und gerade die, von denen die ganze Bewegung ausgegangen ist: die entschlossensten, verwegensten und auch vielfach schlechtesten Leute – für alle diese ist die Anwesenheit des Herrn ein Grund mehr, die Sache durchzusetzen, wie sie's nennen; sie berufen sich auf die Erklärung, die der Herr in den Zeitungen hat drucken lassen, es geschehe ihnen Unrecht, und es müsse ihnen geholfen werden. Nun sei er da, nun solle er sein Wort einlösen. Und der Herr verspricht ihnen, was er nie wird erfüllen können, und gießt so Oel in das lodernde Feuer. Ja, nicht genug, daß er die Leute, die schon auf dem Wege waren, einzulenken, wieder auf die alte falsche Fährte bringt – er erregt durch sein Gebahren böses Blut auch bei den königlichen Commissären, von deren gutem Willen doch gar Vieles abhängt. Und nun muß unglücklicherweise auch der Oberstlieutenant von Hey noch hier sein, den der Herr nie hat leiden können, und mit dem er nicht zusammenkommen kann, ohne mit ihm in Streit zu gerathen. Ich habe, was ich nur konnte, den Herrn gebeten, den Dingen hier ihren Lauf zu lassen und nach der Residenz zurückzukehren, aber er will nicht auf mich hören. Warum soll ich es leugnen: mein Herz ist voll schwerer Sorge; ich sinne Tag und Nacht, wie da zu helfen ist, und weiß mir doch keinen Rath. Ich habe nur noch Eine Hoffnung, daß Sie vermögen, was weder ich, noch ein Anderer vermag. Zwar weiß ich von dem Herrn selbst, daß er Sie gebeten hat, nicht hierher zu kommen; aber ich meine doch, Sie sollten sich dadurch nicht abschrecken lassen. In solchen Lagen ist mit Briefen gar wenig gethan; man muß eben selber für sich eintreten. Ich hoffe viel von Ihrer Gegenwart.«   Charlotte preßte die Hände, denen der Brief entglitten war, an die pochenden Schläfen. Was sollte sie thun? Dem ausdrücklichen Wunsche ihres Bruders zuwider handeln und dem Rath des Freundes folgen? Der Bruder hatte nur einmal geschrieben: er sei wiederum, wie schon so oft im Leben, der Narr des Glückes gewesen, indem gegen alle menschliche Voraussicht das Unternehmen, auf dessen reichen Ertrag er mit Sicherheit gerechnet, im letzten Augenblick, im eigentlichsten Sinne des Wortes, zu Wasser geworden sei. So etwas gehe ohne Verluste nicht ab, die sich freilich jetzt noch nicht übersehen ließen, indessen zu keiner ernsten Sorge Veranlassung böten. Der bewährte Rechtsfreund in der Residenz habe Auftrag, diese Angelegenheit mit den übrigen zu ordnen; er selbst werde, ohne die Residenz zu berühren, direct nach Tuchheim gehen, wo die noch immer nicht beigelegten Arbeiter-Unruhen seine persönliche Anwesenheit dringend erheischten. Er bitte die Schwester, sich seinetwegen nicht zu beunruhigen, am wenigsten aber ihren Wunsch, Tuchheim wiederzusehen, jetzt auszuführen, da Tuchheim für die nächsten Wochen voraussichtlich ein wenig gemüthlicher Aufenthalt sein werde. Dieser Brief, dessen auffallende, und wie es fast schien, absichtliche Flüchtigkeit, ja Leichtfertigkeit, so wenig zu dem schweren Inhalt stimmte, war gewiß nicht geeignet gewesen, Charlotten zu beruhigen. Und nun kam heute, nach einigen angstvollen Tagen, in denen sie ohne alle Nachricht geblieben, der Brief des Freundes! Was sollte sie thun? Sie wollte sich die Situation ruhig überlegen, aber je mehr sie sich bemühte, ruhig und klar zu sein, um so ängstlicher schlug ihr Herz, um so dumpfer wurde es in ihrem Hirn. Nein, Nein! rief sie, sich erhebend, diese Qual ertrage ich nicht. Lieber mich seinem Unwillen aussetzen! Ich muß nach Tuchheim, und das auf der Stelle; noch eine Nacht in dieser Angst würde mich wahnsinnig machen. Sie wußte, daß der nächste Zug um sieben Uhr ging, jetzt war es sechs. In einer Stunde konnte, mußte Alles zur Abreise bereit sein. Charlotte schritt nach der Thür – aber auf halbem Wege blieb sie stehen. Amélie! was sollte sie Amélie sagen? Sie war auf ihrem Zimmer, dem Vater zu schreiben. Vor Kurzem erst hatte Charlotte sie hinaufgeschickt, nachdem sie das arme Kind, so gut es gehen wollte, über Walter beruhigt hatte. Und jetzt sollte sie sie verlassen – in dieser doppelten Sorge um den Geliebten, um den Vater? Oder sie mitnehmen zu traurigen Scenen, wie sie Tuchheim jetzt wohl nur bieten konnte? Während Charlotten's Fuß noch zauderte, öffnete sich die Thür, auf welche sie zuschritt, und Walter erschien auf der Schwelle. Walter, lieber Walter! – Aber mein Gott, Walter, was ist Ihnen? fuhr sie erschrocken fort, als sie jetzt, wie sie dicht vor ihm stand, den verstörten Ausdruck seines blassen Gesichtes bemerkte; Sie sind verurtheilt? Zu schwerer Strafe verurtheilt? Walter machte eine abwehrende Bewegung, dann ergriff er Charlotten's beide Hände und drückte sie mit innigster Liebe an seine Lippen, an seine Augen. Ich komme nicht um meinetwillen, sagte er leise, ich erhalte soeben eine Nachricht vom Vater, die Ihnen mitzutheilen Pflicht ist. Auch ich habe einen Brief von Ihrem Vater, sagte Charlotte; er räth mir, zu kommen. Ich stehe im Begriffe abzureisen. Aber, Walter, Sie wissen mehr!. Was schreibt der Vater Ihnen? Ich habe keinen Brief; eine telegraphische Depesche, die bereits heute Morgen aufgegeben worden ist, mir aber erst jetzt, als ich den Gerichtssaal verließ, ausgeliefert wurde. Charlotte blickte in Walter's Augen. Um Gottes willen, Walter! sagen Sie, was es ist. Wir sollen sofort kommen, der Freiherr ist schwer erkrankt. Ich habe es gedacht, rief Charlotte; es war unmöglich, daß er alle diese Aufregungen überwand! Wo ist die Depesche? Hier! Aber liebstes gnädiges Fräulein! wir haben keine Minute zu verlieren. Wo ist – Sie ist oben; ich will sie rufen, sagte Charlotte, Walter das Blatt zurückgebend. Lassen Sie unterdessen anspannen. Silvia ist vor einer halben Stunde ausgegangen; sie war den ganzen Tag sehr unwohl; schreiben Sie ihr ein paar Worte, es ist vielleicht besser, wenn sie hier bleibt. Auch an Henri – An Henri habe ich bereits geschrieben, sagte Walter, und daß wir ihn auf dem Bahnhof erwarten. Sie begleiten uns, Walter! Blicken Sie mich nicht so angstvoll an! Sie Lieber, Guter! Daß wir uns so wiedersehen müssen. Charlotten's bleiche Lippen zuckten schmerzlich, und die Hand, die sie Walter reichte, war kalt; Walter verbarg seine Verwirrung, so gut er vermochte; Charlotte ging, mit dem Versprechen, in kürzester Zeit mit Amélie bereit zu sein. Als die Thür sich hinter ihr geschlossen, blickte sich Walter verstört um in dem schönen, ihm durch tausend liebe Erinnerungen geheiligten Gemach. Er hatte nicht gedacht, daß es ihm so schwer werden würde, und doch hatte er ja nur erst einen Theil der furchtbaren Wahrheit gesagt, nichts von der zweiten Depesche, die der Vater zugleich mit jener ersten abgeschickt hatte: daß der Freiherr im Duell mit dem Oberstlieutenant von Hey tödtlich verwundet und nicht die entfernteste Hoffnung auf Rettung sei, und daß Walter die Frauen allmälig auf das Aeußerste vorbereiten möge. Wenn der Vater sagte, daß keine Hoffnung sei, so war es entschieden. Der Vater wußte, ob eine Kugel tödtlich getroffen habe, oder nicht. Walter stöhnte laut auf; aber hier war keine Zeit zu müßigem Jammer. An Charlotten's Schreibtisch – es fiel ihm ein, wie er als Knabe um dieses Möbel wie um einen Altar in scheuer Ehrfurcht herumgeschlichen war! – schrieb er an Silvia. Aber auch jetzt war er nicht im Stande, die ganze furchtbare Wahrheit zu enthüllen. Er bat Silvia nur, sich zur Reise bereit zu halten, im Falle man ihrer in Tuchheim bedürfen sollte; dasselbe schrieb er an Miß Jones. Dann eilte er, das Uebrige zu besorgen, die Leute zu instruiren, das Anspannen zu befehlen. Als er in das Wohnzimmer zurückkehrte, fand er Charlotte und Amélie. Amélie kam ihm entgegen und legte für einen Moment ihren Kopf an seine Brust. Der Wagen fuhr vor. Charlotte trat heran. Wir müssen fort, meine Kinder, sagte sie sanft. Amélie richtete sich auf. Sie legte Charlotten den Shawl um, den sie in der Hand getragen hatte, und griff geschäftig nach den Reisetaschen, die auf dem Tische lagen. In der nächsten Minute rollte der Wagen davon. Drittes Capitel. Silvia hatte, nachdem sie kaum die breite Straße erreicht, einen Fiaker herangewinkt. Nach dem Schlosse! Vor welcher Seite soll ich halten, Fräulein? Fahren Sie mich nur nach dem Schlosse. Ist es hier recht, Fräulein? fragte der Kutscher, als er am Schlosse angelangt war, den Schlag öffnend. Ich weiß es nicht, es kommt nichts darauf an. Soll ich warten? Nein. Herr meines Lebens, das ist gewiß eine Prinzessin gewesen, sagte der Kutscher, den Thaler, den ihm Silvia gegeben, in der Hand wiegend; sie sah auch ganz curios aus. Silvia schritt in das Portal hinein. Ein Schloßdiener begegnete ihr. Zu wem wünschen Sie, meine Dame? Zu Fräulein Sara Gutmann. Wollen Sie nur gefälligst hier gleich in den ersten Hof links gehen, die erste Thür, drei Treppen. Silvia stieg die ziemlich schmalen steinernen Treppen, die auf breitere Flure mündeten, hinauf. Niemand begegnete ihr; keine der vergoldeten Thüren öffnete sich; kein Laut als das Rauschen ihres eigenen Kleides. Oben angelangt, stand sie still, sich umzusehen. Von dem Flur liefen Corridore nach beiden Seiten. Der Treppe gegenüber war an einer der Thüren ein Schild befestigt. Auf diesem Schilde stand: »Fräulein Sara Gutmann. Bitte stark zu klingeln.« Silvia zog die Glocke und lauschte. Sie hörte nichts – nichts als das Klopfen ihres Herzens. Eine halbe Minute, die Silvia eine Ewigkeit dünkte, verstrich. Sie wollte eben zum zweitenmale schellen, als sie hörte, daß innen von der Thür der Riegel zurückgeschoben wurde. Ein auffallend hübsches, zierlich, fast kokett gekleidetes Dienstmädchen erschien in der halbgeöffneten Thür. Ich wünsche zu Fräulein Sara Gutmann. Das Fräulein ist um diese Zeit für Niemand zu sprechen. Bringen Sie ihr diese Karte, und fragen Sie, wann ich wiederkommen darf. Das Mädchen warf einen Blick auf die Karte und sah dann Silvia mit einigem Erstaunen an. Wollen Sie gefälligst näher treten, Fräulein; ich will Ihnen sogleich Antwort bringen. Sie schloß die Thür hinter Silvia und öffnete ihr eine andere, die aus dem kleinen Vorplatz in ein großes Gemach führte. Das Gemach war niedrig im Verhältniß zu seiner Größe und erschien noch niedriger durch die schwere Stuccatur des Plafond. Der Fußboden war mit dicken Teppichen bedeckt, zu deren modernen Mustern die alterthümlichen Möbel aus geschnitzten, und künstlich geschwärztem Eichenholze nicht recht passen wollten. Auf dem breiten Sims des Kamins stand eine Uhr aus der Zeit des Rococo, in Form eines phantastischen Tempels, um dessen Malachitsäulen goldenes Weinlaub rankte und goldene Amoretten kletterten. Die Luft in dem Zimmer war drückend und von einem eigenthümlichen Parfüm durchduftet, der Silvia das Athmen erschwerte. Oder war es nur die fieberhafte Aufregung, in der sie sich befand, und die sie dadurch zu beschwichtigen suchte, daß sie ihre Aufmerksamkeit auf die Gegenstände um sich her richtete? Sie wollte stark, sie wollte ruhig sein. War doch dieser Schritt nicht in einer momentanen Wallung von ihr beschlossen, sondern das Resultat des langen schmerzlichen Nachdenkens von heute Morgen, wo sie die Nachricht von Leo's Verhaftung in der Zeitung gelesen hatte, bis zu diesem Augenblicke. Sie hatte ihr Gehirn zermartert, ein Mittel zu finden, wie sie ihm helfen könne, dem Niemand helfen wollte. Sie hatte keins, keins gefunden – als dies. In der Uhr auf dem Kamin, an dem sie, den Arm aufgestützt, stand, fing es an zu schnarren und zu klirren; ein Elfenbein-Gerippe trat in den offenen Raum des Tempels und holte mit der Sense zum Schlage aus. Silvia fuhr mit einem leisen Schrei vom Kamin zurück. O, ich habe Sie erschreckt, sagte das hübsche Mädchen, das plötzlich neben ihr stand; bitte um Verzeihung! Mein Fräulein läßt Sie bitten, näher zu treten. Wollen Sie die Gewogenheit haben, mir zu folgen? Das Mädchen strich sich über das blendend weiße Schürzchen und lächelte. Als sie aber vor Silvia her durch das Zimmer ging, verzog sie höhnisch den Mund und lächelte dann wieder, als sie Silvia die Thür zu einem zweiten Gemache öffnete, das von ähnlicher Größe wie das erste und ähnlich ausgestattet war. Silvia kam es vor, als ob die Luft hier noch drückender wäre und der eigenthümliche, berauschende Duft noch energischer. Das Mädchen blieb abermals vor einer Thür stehen und sagte: Hier finden Sie das Fräulein. Ein Lichtglanz, der von vielen rings im Zimmer auf Candelabern und Armleuchtern brennenden Kerzen ausging, strömte Silvia entgegen. In der Mitte des Gemaches zwischen der Thür und zwischen dem mit Sophas und Fauteuils umgebenen Tisch, auf dem eine sehr große und schöne Lampe brannte, stand eine mit sonderbaren Gewändern drapirte Gestalt, die sich auf einen Stock stützte und der Eintretenden die andere Hand weit entgegenstreckte. Sei mir herzlich willkommen, mein liebes Kind! Das ist so lieb von Dir, daß Du Dich endlich einmal nach Deiner alten Tante umsiehst. Sei mir herzlich willkommen! Und sie zog Silvia, die ihre zitternde Hand in ihre Hand gelegt hatte, zu sich heran und küßte sie auf die Stirn. Nun hilf mir wieder auf meinen Platz zurück, mein liebes Kind. Du triffst mich gerade heute etwas leidend. So, danke, danke tausendmal! Wie lieb Du zu führen verstehst! Danke tausendmal! Lisette! Nimm dem Fräulein den Shawl ab und den Hut, und trage die Sachen in das Nebenzimmer, und – höre Lisette! Fräulein Gutmann flüsterte dem Mädchen etwas in's Ohr; das Mädchen entfernte sich. Silvia hatte der Tante auf eine Causeuse, auf der sie vorher gelegen haben mochte, geholfen und mußte sich nun in ihre unmittelbare Nähe auf einen der Fauteuils setzen. Die Tante hatte wieder ihre Hand ergriffen und sagte: O, ein wie großes, schönes Mädchen Du bist! und welch prachtvolles Haar Du hast! Es ist ja eine Lust, Dich anzusehen! Ich hätte Dich kaum wieder erkannt. Du mich auch wohl nicht? Am Abend bei Kerzenlicht sieht man so ganz anders aus. Bei mir ist es, wie Du siehst, schon Abend; ich kann das Dunkel nicht leiden, und die Dämmerung am wenigsten, da meine armen, alten Augen um die Zeit fast erblinden. Deine großen Augen wissen von solchen Leiden nichts. Ach! wie mich Deine Augen an die Vergangenheit mahnen. Das sind die Augen meiner lieben, seligen Mutter, Deiner Großmutter. Sie hätte sich die schönen Augen blind geweint, wie ich, wenn sie gewußt hätte, daß die Kinder, die ihre Kniee umspielten, sie nicht mehr kennen würden. Sara drückte ein Taschentuch gegen ihr Gesicht, und eine Wolke von dem Parfüm, mit dem die ganze Wohnung erfüllt war, strömte Silvia entgegen. Sie wollte etwas erwiedern, aber die Zunge war ihr wie gelähmt. Der Glanz der vielen Lichter, die üppige Ausstattung des Gemaches mit den kostbarsten Möbeln, die weinende alte Dame vor ihr in ihrem Schlafrock von violettem Sammet und mit der sonderbaren, turbanähnlichen Kopfbedeckung, unter der einige graue Löckchen hervorquollen – das Alles berührte sie so seltsam-phantastisch, daß sie nur mit der größten Anstrengung ihre Gedanken zu sammeln vermochte. Die Tante nahm das Tuch wieder von den Augen, lächelte und sagte, indem sie sich abermals Silvia's Hand geben ließ: Aber hier ist ja kein Grund zum Weinen, nur ein Grund zur Freude, daß ich endlich, endlich ein liebes Kind aus meiner Familie in meinen Armen halte. Denn unsere neuliche Begegnung war doch nur ein glücklicher Zufall. Dies aber ist kein Zufall. Dies ist der Frieden, die Aussöhnung mit meiner Familie, die mir ein Engel bringt. Verzeihen Sie, liebe Tante – Nein, liebes Kind, das kann ich nicht verzeihen! Sie zu mir! der Schwester Deines Vaters – Verzeihe! O, das ist so lieb von Dir! was wolltest Du sagen, Kind? Ich wollte sagen, daß ich nicht im Auftrage des Vaters komme, sondern aus freiem Antrieb – Ein Schatten flog über die welken Züge der alten Dame. Nicht von Deinem Vater! Nun, so sollst Du mir für Deine Person doppelt und dreifach willkommen sein. Ich will Dich das Unrecht, das die Deinen an mir gethan haben, nicht entgelten lassen. Sie sind – Du bist sehr gütig, liebe Tante; aber auch ich, obgleich ich den Familienzwist tief beklage, dessen Ursache ich nicht einmal kenne, oder nur sehr mangelhaft kenne – ich weiß nicht, ob ich im Stande gewesen wäre, mich von dem so früh eingesogenen Vorurtheil frei zu machen, wenn ich nicht ein Anliegen an Dich hätte, eine Bitte, von der ich allerdings nicht weiß, ob Du im Stande bist, dieselbe zu erfüllen. Du machst mich neugierig, Kind! sagte die Tante, indem sie sich in die Ecke der Causeuse zurücklehnte und die Augen mit der flachen Hand gegen das Licht schirmte, so daß ein Schatten auf ihr Gesicht fiel; in der That sehr neugierig. Der Ton, in welchem sie diese Worte sprach, war weit weniger herzlich, und Silvia hörte das wohl. Ich habe nie, soviel ich weiß, eine Unwahrheit gesprochen, sagte sie, und in diesem Falle würde auch jeder Versuch dazu vergeblich sein, weil ich Dir doch im nächsten Augenblicke die Wahrheit bekennen müßte. Auch betrifft meine Bitte nicht mich, aber doch einen aus unserer Familie, und das hat mir vorzüglich den Muth gegeben, mich an – an Dich zu wenden. In der That – sehr neugierig! murmelte die Tante, die noch immer in derselben Stellung verharrte. Du hast gewiß in den Zeitungen gelesen – Nicht wohl möglich, ma chère ! Ich lese nie Zeitungen – Silvia entsank der Muth. Wie sollte sie sich der Tante verständlich machen? wie das Interesse derselben erwecken für eine Sache, die sie nicht kannte? für einen Mann, der ihr fremd war? So haben Sie – so hast Du vielleicht doch von Leo gehört – dem Sohne von Onkel Anton – meinem Vetter, Deinem Neffen? Sein Name ist jetzt soviel genannt worden – Leo? Leo Gutmann? sagte die Tante; das ist doch nicht am Ende gar der Doctor Gutmann, der Demokrat, der – Derselbe, Tante! Sie haben ihn in's Gefängniß geworfen; er hat Niemand, der ihm hilft, der ihm helfen will. Und doch ist seine Sache die edelste, die reinste, die je ein Mensch verfochten hat. Er wollte eine Deputation von Arbeitern aus Tuchheim zum Könige führen, damit die armen Leute dem Könige ihre Noth klagen könnten, denn vom Könige allein, sagte Leo, könne ihnen die Rettung kommen. Seine Feinde wußten, daß er die Wahrheit sprach, und weil sie das wußten, und ihm den Triumph nicht gönnten, haben sie ihn in jeder erdenklichen Weise verleumdet und es endlich so weit gebracht. Der König weiß gewiß nicht, daß Leo unschuldig ist, daß Leo im Begriffe stand, ihm und dem Lande den höchsten Dienst zu leisten. Wüßte er es, könnte er es erfahren – o gewiß! nicht eine Stunde brauchte Leo noch länger im Kerker zu schmachten. Und da habe ich nun gedacht: Du, Tante, gegen die der König ja so gnädig sein soll, Du könntest ihm sagen, was er sonst von Niemandem hört. Es ist ja doch eine Möglichkeit, daß der König so in den Besitz der Wahrheit kommt. Sie sagen mir, Tante, Du habest seine ersten Schritte im Leben geleitet, habest ihn den ersten freien Gebrauch der reichen Kräfte gelehrt, welche die Natur in ihr Geschöpf legte. Die Wohlthat ist groß, wie klein sie scheint, und er ist gut und edel genug, sie Dir noch bis auf den heutigen Tag zu danken. Was aber ist diese Wohlthat im Vergleich mit der, die Du ihm jetzt erzeigen würdest, wenn Du ihm die Wahrheit brächtest, und mit der Wahrheit den Schlüssel zu der ganzen, von ihm wohl kaum geahnten Fülle seiner Macht! Dann würde er ein König sein, königlicher als je ein König war. Millionen und Millionen der jetzt lebenden Menschen und der nachwachsenden Geschlechter würden seinen Namen und sein Andenken segnen. Tante, Tante – das ist Alles ja kein leerer Traum; es fehlt ja so wenig zur Verwirklichung: nur eine Menschenseele, die, über alle kleinlichen Bedenken hinweg, sich nicht schämt und sich nicht fürchtet, die Wahrheit dem zu sagen, der sie gewiß so gern vernehmen würde, und vom Schicksal verurtheilt ist, sie nie zu hören. Eine solche Menschenseele, Tante – wäre denn das wirklich eine so große Seltenheit? Ja, schönes Mädchen – eine große Seltenheit! rief eine helle Stimme ganz in der Nähe. Sara fuhr mit einem leisen Schrei aus ihrer Ecke heraus; auch Silvia, die in der Erregung von ihrem Platze sich erhoben hatte, wendete sich um, aber ohne Schrecken. Die Gluth, die sie beseelte, lag noch auf ihren Wangen; mit den großen, leuchtenden Augen sah sie auf den Mann, der vor einigen Minuten leise in das Zimmer getreten war und jetzt dicht neben dem ovalen Tische, an welchem sie gesessen hatte, stand. Eine große Seltenheit, wiederholte er, eine so große Seltenheit, daß ich fast daran zweifle, selbst Sie würden dem Könige das Alles, was Sie eben Ihrer Tante sagten, mit demselben Freimuth wiederholen. So wäre es denn ein Glück, daß es der König schon gehört hat und ich es also nicht zu wiederholen brauche. Silvia sagte das mit sanfter, leiser Stimme, indem sie, das Haupt beugend und die beiden Hände langsam herabsinken lassend, einen Schritt zurücktrat. Des jugendlichen Königs lichte Augen weilten noch einen Moment auf der schönen Gestalt, dann wendete er sich lachend zu Sara, die sich, Verlegenheit in den Mienen, an der Lehne des Sopha's hielt. Lassen Sie es gut sein, liebe Sara! Ihre Lisette ist nicht schuld; sie hat ganz gute Wache gehalten und hatte nur das Unglück, auf ihrem übereilten Rückzuge zu stolpern, so daß ich sie überholen konnte. Sie müssen nämlich wissen, mein Fräulein, daß ich mir das Vergnügen, bei Ihrer geistreichen Tante ein Stündchen zu verplaudern, nur mit einer gewissen romantischen Heimlichkeit verstatten kann und mir Ihre Tante die Freundlichkeit erweist, um diese Zeit jeden Besuch, außer dem meinigen, abweisen zu lassen. Meine Neugier, die erste Ausnahme von dieser Regel kennen zu lernen, an der wir nun schon jahrelang unverbrüchlich festgehalten haben, war also verzeihlich genug, und meine Neugier wuchs, als ich hörte, daß dieser seltsame Besuch eine junge Dame sei, die ja eigentlich eine alte Bekannte von mir war. Ja, ja, liebe Gutmann, Ihre schöne Nichte und ich sind alte Bekannte. Sie brauchen sich des Zusammentreffens nicht zu erinnern, mein Fräulein, denn Sie waren damals noch ein halbes Kind; ich war etwa fünf oder sechs Jahre älter, und Könige, wissen Sie, haben das meistens sehr traurige, in diesem Falle aber sehr freundliche Vorrecht, nichts vergessen zu dürfen. Mein Gedächtniß ist nun besonders königlich, und so erinnere ich mich denn jenes Nachmittags mit allen Einzelheiten. Sie hatten ein weißes Kleidchen an – das heißt später; zuerst trugen Sie ein blaues, und das weiße war Ihnen erst hernach, in aller Eile vermuthlich, angezogen worden. Die Haare trugen Sie frei, wie jetzt auch, aber länger, däucht mir; ich weiß auch. daß ich Sie um eine Locke bat und Sie mir die Bitte abschlugen, was ich Ihnen sehr übel nahm. In unserer Gesellschaft waren außer Ihrem Vater, einem würdigen, wackeren Manne, ein paar Knaben. Der Eine war Ihr Bruder – ein hübscher gefälliger Junge; der Andere mochte ein paar Jahr älter sein, oder sah wenigstens mit seiner braunen Gesichtsfarbe und seinen dunklen Augen älter aus. Es war ein merkwürdiger Kopf; ich sehe ihn in diesem Augenblicke so deutlich, als wäre es gestern, daß ich mit ihm – Ihretwegen, mein Fräulein – in Streit gerieth. Ich schlug den armen Burschen, glaube ich; es hat mir hernach sehr leid gethan, und ich habe oft gewünscht, ich könnte mein Unrecht wieder gut machen. Sie können es, Majestät! rief Silvia; Sie können es! Der König wendete sich schnell zu Sara: Warum sagten Sie mir nicht, Sara, daß der junge Mann, dessen Agitation gerade jetzt ein gewisses Aufsehen erregt, Ihr Neffe sei? Meine Tante wußte es bis zu diesem Augenblicke nicht, Majestät. Oder wollte es nicht wissen – gleichviel. Was ist denn aus ihm geworden? Er ist im Gefängniß, sagten Sie? Seit wann? Seit gestern Abend, Majestät. Und weshalb? Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit. Die Blätter haben nur das Factum selbst berichtet, nicht, was man ihm zur Last legt. Nun, die Sonne wird auch das wohl an den Tag bringen. Aber, meine Damen, bedenken Sie wohl! Was Sie da wünschen, ist nicht so leicht zu erfüllen, selbst für einen König nicht. Wir leben in einem gesetzlichen – ja, was sage ich! – in einem constitutionellen Staate. Jetzt kann man nicht mehr den Harun al Raschid spielen. Jetzt ist der Staatsanwalt der allmächtige Mann, vor dem sich die Majestät beugen muß. Bringen Sie mich nicht mit meiner Staatsanwaltschaft in Conflict, liebes Fräulein! Der König lachte; es war kein herzliches Lachen. Er hatte sich in einen Fauteuil fallen lassen. Silvia stand – zum erstenmale während dieser wunderlichen Unterredung – befangen da. Sie war dem Könige gegenüber, so lange er ernsthaft mit ihr sprach, nicht um Worte verlegen gewesen; dem Lachenden wußte sie nichts zu sagen. Sara hatte eine sehr aufmerksame stumme Beobachterin der ganzen Scene abgegeben. Jetzt wendete sie sich mit Lebhaftigkeit zu Silvia und sagte, indem sie ihr die eine Hand auf die Schulter legte: Sei ruhig, liebes Kind! Die Sache ist in den besten Händen. Ich kenne das gute Herz und den edlen Sinn des Königs zu genau. Nicht wahr, Majestät, ich darf es wagen, dem armen Kinde Hoffnung zu machen, daß Sie sich unseres Verwandten annehmen? Und nun, liebes Kind, geh, damit man Dich im Hause des Freiherrn nicht vermißt. Geh, vertraue ihm, der die Macht und den Willen hat, dem Hilfesuchenden Hilfe zu gewähren. Der König warf einen unwilligen Blick auf Sara, verneigte sich dann aber lächelnd gegen Silvia, die sich mit der hübschen Kammerjungfer, die auf den hellen Ton einer silbernen Glocke sofort erschienen war, entfernte. Die Thür hatte sich kaum hinter Silvia geschlossen, als der König rief: Weshalb schickst Du die junge Dame fort? Keine Ausflüchte! Du hast Dich geärgert, daß ich nur mit ihr und nicht mit Dir sprach, als ob ich das letzte Vergnügen nicht alle Tage haben könnte! Er machte hastig die letzten Knöpfe an seinem Uniformrock auf und schlug die Aufschläge weit zurück, riß auch die weiße Weste zum Theil auf. Ach! Da langweilt man sich ein paar Stunden an der Tafel, und wenn man sich dann einmal erholen will, steckt eine übereifrige Duenna ihre lange Nase dazwischen. Warum hast Du die Donna fortgeschickt, frage ich. Damit sie morgen wiederkommt, Majestät. Darf ich mich setzen, Majestät? Ich wüßte nicht, weshalb Du Deine Unverschämtheiten nicht auch sitzend vorbringen könntest. Meinst Du, sie wäre nicht wiedergekommen, wenn ich mich länger mit ihr unterhalten hätte? Ja, Majestät! Und der maliciöse Grund dieses maliciösen Ja? Weil Majestät um diese Stunde gewohnt sind, ein Glas Thee zu nehmen, und dann eine ernsthafte Unterhaltung, wie die junge Dame sie wünschte, gar nicht lieben. Darf ich den Thee bringen lassen, Majestät? Der König antwortete nicht. Eine gewisse Röthe, die von Anfang an auf seiner hohen Stirn gelegen hatte, trat jetzt noch mehr hervor. Seine großen blauen Augen nahmen einen starren Ausdruck an, während er unverwandt auf die Spitzen seiner Füße, die er weit von sich gestreckt hatte, blickte. Er sah nichts davon, daß Lisette mit geräuschloser Gewandtheit die Theesachen auf den Tisch stellte und Sara ebenso den Thee bereitete. Mechanisch nahm er von dem Teller, den ihm Sara präsentirte – das Mädchen hatte sich sogleich wieder entfernt – das nur halb gefüllte Krystallglas und goß aus der Flasche auf dem Teller reichlich Arrak hinein, nahm mechanisch ein paar Züge des dampfenden Getränkes und sagte dann, wie aus einem Traum erwachend: Es war eine sonderbare Scene; ich schlug ihn in's Gesicht, daß das Blut aus den Lippen sprang. Und Du hast wirklich nicht gewußt, Sara, daß dieser Doctor Gutmann Dein Neffe ist? Ich schwöre es, Majestät. Bin ich doch seit Jahren außer allem Zusammenhang mit meiner Familie. Ich erinnere mich, Du sagtest mir früher davon. Was war der Grund, daß Ihr auseinander kamt? Mein Bruder, der Vater dieses schönen Mädchens, ist ein wunderlicher Mann mit beschränktem Kopf und unbegrenzten Vorurtheilen. Er konnte es mir nicht vergeben, daß ich gegen seinen Willen in die Stadt zog, und hat nie glauben wollen, daß es bei meiner Laufbahn, die so über alle seine Begriffe glänzend wurde, mit rechten Dingen zugegangen sein könne. Indessen scheint er in den letzten Jahren etwas vernünftiger in diesem Punkte zu denken; wenigstens hat er diese Tochter im Hause des Freiherrn von Tuchheim erziehen lassen, wo sie, so viel ich weiß, noch heute lebt. Der Freiherr liebt sie, höre ich, wie ein eigenes Kind, und sie könnte dort leicht eine glänzende Fortune machen, nur daß die Angelegenheiten des Freiherrn sehr schlecht stehen, hauptsächlich in Folge des Streites mit seinen, Schwager, dem Bankier von Sonnenstein. Welches Streites? Du bist heute entsetzlich confus. Differenzen wegen des Antheils, den Jeder an den Tuchheimer Fabriken haben will; ich erzählte Majestät schon früher davon. In diesen Streit hat sich denn auch, wie es scheint, mein Neffe gemischt. Zuletzt hat es sich um eine Deputation der Tuchheimer Arbeiter gehandelt, die mein Neffe Majestät zuführen wollte. Wie es nun geschehen ist, daß der junge Mann dabei seine Freiheit eingebüßt hat, und ob es Majestät wirklich möglich sein wird, den Wunsch des schönen Mädchens zu erfüllen und etwas für ihren Vetter zu thun – Sara's Blicke hatten, während sie dies Alles im leichten Conversationston vorbrachte, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit in den Mienen des jungen Königs gelesen, ob es ihr wohl gelingen würde, die fingirte Unbekanntschaft mit der Angelegenheit Leo's, die sie durch den General von Tuchheim bereits sehr genau kannte, zu behaupten. Der General hatte ihr dringend gerathen, den Leo, der ein sehr gefährlicher Mensch scheine, so lange es gehen würde, zu verleugnen. Das hatte sie auch anfänglich Silvia gegenüber gethan. Jetzt wollte sie versuchen, ob die Sache sich nicht mit größerem Vortheile anders wenden lasse. Gewiß, daß man durch Protection Leo's sich Silvia's Dankbarkeit sicherte und so vielleicht ihr alter Lieblingswunsch, das Mädchen zu sich zu nehmen, in Erfüllung ging. Aber man mußte sehr vorsichtig zu Werke gehen. Der König hatte sich sein Glas zum zweitenmale füllen lassen und schlürfte den Inhalt so hastig, als es die Hitze des Getränkes erlaubte. Was soll ich für ihn thun? sagte er mit leichtem Achselzucken. Vielleicht ihn sich einmal kommen lassen und hören, was er will. Sein Vater war ein eminent gescheidter Mensch – Und seine Tante ist auch nicht auf den Kopf gefallen – Wenigstens hatte Majestät wiederholt die Gnade, mir dieses Zeugniß auszustellen. Solche Leute, wie mein Neffe, haben manchmal einen oder den andern geistreichen Gedanken, und da Majestät immer behauptet, mit dieser Waare von Ihrer officiellen Umgebung nicht allzu reichlich versehen zu werden – Nein, bei Gott, ich müßte grausam lügen, wenn ich es anders sagen wollte, rief der König, halb ärgerlich, halb lachend. Die Menschen werden wahrlich von Tag zu Tag stupider. Dein alter Protégé, der General Tuchheim, fängt auch an, stumpf zu werden. Gott! Und der Mann war bisher noch mein Salz. Wenn nun auch noch dies Salz dumm wird, womit soll man salzen! Mein Hey-Fisch mit seinen grünen Glotzaugen metamorphosirt sich immer mehr zum reinen Stockfisch; Messenbach war schon zu meines Vaters Zeiten ein Esel, und seine Ohren sind seitdem nicht kürzer geworden. Majestät zupfen vielleicht zu viel daran, warf Sara ein. Was soll man mit dem Gethier machen! Sie langweilen mich, daß ich manchmal rasend werden könnte; soll ich sie dafür nicht hudeln? Diese Freiheit bin ich so frei, mir zu nehmen, obgleich sie mir, so viel ich weiß, durch keinen bestimmten Verfassungsparagraphen verbürgt ist. Verantwortliche Minister nennt man das! Na, meinetwegen, ich möchte ihre Dummheiten auch um keinen Preis der Welt zu verantworten haben. Das Beste daran ist, daß diese Menschen die sogenannte Verfassung noch vollends in Mißcredit bringen und daß die Leute endlich froh sein werden, sich allen Ernstes von mir regieren zu lassen. So hätte Majestät doch vielleicht gar nicht so übel gethan, wenn sie die Arbeiterdeputation angenommen hätte, warf Sara ein. Ja, mein Gott! rief der König, sie wollten es ja nicht, der Hey-Fisch und die anderen Salamander und Molche. Es wäre eine hübsche Gelegenheit gewesen, einmal direct zu dem Volke zu reden, eine Gelegenheit, die Majestät gewiß meisterhaft ausgebeutet haben würde. Und würde nebenbei die Molche so geärgert haben! Aber warum kommst Du mir jetzt damit, da es zu spät ist? Ich wußte nicht, daß der Führer der Leute mein Neffe war, Majestät. Der arme Junge! Nun haben sie ihn eingesperrt, gewiß aus keinem andern Grunde, als um ihn aus dem Wege zu räumen! Sehr wahrscheinlich! Aber man hat mir ihn als einen greulichen Demagogen geschildert, und wenn er wirklich mit dem schwarzbraunen Jungen identisch ist – Majestät, lassen Sie sich einmal den schwarzbraunen Jungen kommen; ich sterbe vor Begierde, das seltsame Geschöpf kennen zu lernen! Wie ist das anzufangen? Befehlen Sie, daß man ihn wieder frei giebt, und lassen Sie ihn sich vorstellen. Majestät wissen: aus den Wolken muß es fallen, aus der Götter Schooß das Glück! Nun, meinetwegen, rief der König aufspringend; ich will ihn mir einmal ansehen, und wäre es auch blos, um Hey und seine Compagnie zu ärgern. Wie viel ist die Uhr? Halb acht, Majestät! Schon! So ist es ja die höchste Zeit, daß ich meinen officiellen Nachmittagsschlaf beende. Ach, wie das wohl gethan hat! Der König reckte und dehnte sich in der närrischsten Weise, wie Jemand, der aus einem tiefen Schlaf erwacht. Sara lachte, der König stimmte ein, indem er sich dabei mehrmals tief verneigte und rief: »Adieu, liebwertheste Prinzessin aus Tausend und Eine Nacht! Adieu, alter Drache, treue Hüterin des Schatzes meiner gelegentlichen heimlichen Freuden.« Sara erwiederte, auf ihren Stock gestützt, die Verneigungen mit wunderlicher Grandezza und antwortete: Adieu, liebwerthester Prinz von tausend und einigen Tagen! Adieu, junger Held, erhabener Gegenstand meiner beständigen mütterlichen Sorgen. Der König lachte unmäßig und warf der alten Dame Kußhände zu, während er sich nach der Tapetenthür bewegte, die in dem Hintergrunde des Gemaches, von der Wand kaum zu unterscheiden, angebracht war. Als er die Thür erreicht hatte, wendete er den Kopf noch einmal über die Schulter und rief: À popros ! Wie heißt Deine Nichte? Silvia, Majestät! Ein schöner Name für ein schönes Mädchen! Du sorgst dafür, daß ich sie wieder bei Dir treffe. Bon soir ! Die Thür schloß sich hinter dem Könige. Sara ließ sich wieder in ihrer Causeuse nieder und starrte vor sich hin. Der Ausdruck von Schalkhaftigkeit und guter Laune, der während der Anwesenheit des Königs fortwährend auf ihren Zügen gelegen hatte, war gänzlich verschwunden. Sie sah mit einemmale zwanzig Jahre älter aus. Ihr kranker Fuß, auf dem sie so lange hatten stehen müssen, schmerzte sie sehr; sie murmelte unwillig: Verdammte Narrenspossen! Und er wird mit jedem Tage anspruchsvoller! Aber die Silvia muß ich haben. Eine Zeitlang hielte es doch vor, und es wäre etwas Anderes, als die dummen Dinger, die ihn nach acht Tagen langweilen. Er hat die Lisette heute nicht einmal angeblickt, und neulich schwur er, er habe nie ein hübscheres Mädchen gesehen. Es wird sich schwer machen lassen. Aber es wird sich machen lassen. Warum löscht denn die Gans die Lichter nicht aus! Soll ich am Ende gar für mich selbst Comödie spielen! Lisette! Lisette! Viertes Capitel. Der Frühlingsabend lag warm und goldig über der gewaltigen Stadt, als Silvia aus dem Schlosse trat und den Weg nach Hause einschlug. Langsam, sinnend wandelte sie dahin. Was sie in der letzten Stunde erlebt hatte, war so viel seltsamer, als Alles, was sie bis jetzt erfahren, daß sie sich ernstlich fragte, ob sie träume oder wache. Hier fluthete der Abendschein noch um die Kuppeln der Tempel, um die Zinnen der Paläste, der Himmel blaute hoch hernieder – und eben erst war es um sie her kerzenerhellte Nacht gewesen; die Menschen drängten an ihr vorüber – Niemand sah ihr an, woher sie kam; dort trat die Wache vor der Prinzessin Philipp-Franz, die in offenem Wagen fuhr, in's Gewehr, und Spaziergänger auf den Trottoirs machten Front, lüfteten die Hüte und schauten sehr glücklich und befriedigt, wenn die schöne hohe Dame mit dem Kopfe nickte – und mit ihr hatte der König gesprochen, er hatte ihre Hand in der seinen gehabt und sich tief verbeugt. Gab es denn noch Wunder? Und war es viel weniger als ein Wunder, daß sie genau zu der Stunde bei ihrer Tante sein mußte, als der König dort eintrat? Ja, wem hätte sie geglaubt, der ihr gesagt, daß der König sich durch die Corridore seines Schlosses stehle, um Tante Sara zu besuchen, Tante Sara, des Vaters Schwester, die man dem Kinde so verdächtigt hatte, und die schließlich doch nur eine originelle, geistreiche alte Dame war, die allerdings in die alltägliche, hausbackene Wirklichkeit nicht paßte. Und ihr selbst, die sie durch diese Wunder hindurchschritt, ihr würde der Wunder größtes gelingen: die Befreiung des Mannes, den Alle verlassen und verrathen, der trotz seiner göttergleichen Stärke seinen Feinden unterlegen war! Ihr würde das gelingen, ihr, die noch vor wenigen Stunden die Hände in hilfloser Verzweiflung gerungen! Das junge Mädchen blickte stolz um sich, und im nächsten Moment senkte sie wieder die Augen. Nein, nicht stolz! – demüthig wollte sie sein, demüthig und reines Herzens, dann – aber dann auch gewiß – mußte Alles herrlich gelingen. So langte sie beim Hotel des Freiherrn an. Sie wunderte sich, die Thür auf und den Portier und den Diener Paul in eifrigem Gespräche mit einigen Bedienten aus einem benachbarten Hause zu finden. Als die Gruppe der jungen Dame ansichtig wurde, trat sie auseinander. Was giebt's? fragte Silvia den geschmeidigen Bedienten. O, die gnädigen Fräulein sind vor einer halben Stunde weggefahren, nachdem sie bis zum letzten Augenblick auf Fräulein Silvia gewartet hatten; drinnen liegt ein Brief für Fräulein Silvia. Soll ich ihn holen? Es ist nicht nöthig. Silvia's Herz schlug heftig, als sie den Flur entlang nach dem Wohnzimmer ging. Was hatte dies zu bedeuten? Auf dem Tische lag ein Brief von Walter's Hand: »Liebste Silvia! Soeben erhalte ich die Nachricht, daß der Freiherr sehr gefährlich erkrankt ist. Ich bringe Fräulein Charlotte und Amélie nach Tuchheim. Bleib Du bis auf Weiteres hier. Ich schreibe Dir, sobald ich kann, jedenfalls morgen.« Gerade jetzt! Das war Silvia's erster Gedanke. Gerade jetzt mußte dies neue Unheil kommen! – Bleib bis auf Weiteres – was heißt das? Bis morgen. Und dann? Dann fort von hier, während vielleicht noch nichts mit Leo entschieden ist. Sind wir denn nur die Schleppenträger dieser Familie, und haben kein eigenes Schicksal? Die Thür wurde aufgerissen, und Miß Jones stürzte in das Gemach. Sie hatte in der Eile den runden, hochgelben Strohhut verkehrt aufgesetzt, daß die breiten Lilabänder über die Schulter herab auf die blaue Mantille hingen. Ihre Gesichtsfarbe war von der Eile und der Aufregung sehr geröthet, ihre Augen standen voll Thränen, und ihre Stimme war von Schluchzen unterbrochen, als sie, Silvia umarmend, rief: Oh, Theuerste, Theuerste, haben Sie es gehört? Ist es nicht schrecklich? Armes, armes Mädchen! Wie wird sie es tragen? Silvia antwortete nicht, aber in ihr sagte eine Stimme: Wer hat mich gefragt, wie ich es trage? Ich bin positiv, daß er sterben wird, fuhr Miß Jones fort, positiv! Was gedenken Sie zu thun, Silvia? Heute Abend elf Uhr geht der Courierzug, der aber keine Verbindung mit Tuchheim hat. Ich kann nicht fort, sagte Silvia. Des Hauses wegen? Theuerste, lassen Sie das mir! Uebermorgen beginnen meine Pfingstferien; es ist sehr glücklich, daß diesmal alle meine jungen Damen nach Hause reisen. Ich bin gänzlich frei, zu kommen und zu gehen. Wollen Sie heute Nacht fort, ich werde in einer Stunde hier sein, und Sie wissen, ich kann ein Haus verwalten! Miß Jones ging mit entschlossenen Schritten in dem Salon auf und ab. Sie fühlte das Bedürfniß, in dieser Lage irgend etwas zu thun. Dann aber überkam sie die Trauer um das neue Unglück, das so plötzlich über die Familie hereingebrochen war; sie setzte sich in einen Stuhl und klagte um den gütigen, milden Herrn, aus dessen Munde sie nie ein rauhes, unfreundliches Wort gehört habe die fünfzehn Jahre hindurch, die sie in seinem Hause verlebte; der, wenn er mit Frauen und Kindern sprach, nie die Stimme erhoben habe, und der, wenn je ein Mensch, ein Gentleman im schönsten Sinne des Wortes gewesen sei. Und wie das edle Haus, dessen Herr jetzt dahin gehe, einst so stolz dagestanden habe, und wie seine Säulen eine nach der andern gebrochen seien, und jetzt nur noch die Frauen da wären, über den Trümmern zu weinen. Miß Jones wischte sich die Augen, setzte ihren Hut wieder auf den großen Kopf, umarmte Silvia mit den Worten: Senden Sie zu mir, wenn Sie meiner bedürfen! und stürmte zur Thür hinaus. Silvia blieb allein – unruhig, verwirrt. Der tiefe, edle Schmerz der treuen, wackeren Miß hatte kein volles Echo in ihrer Brust gefunden. Sie hatte nicht weinen können, als sie die Thränen der älteren Freundin fließen sah. Jetzt aber, wie sie sich umblickte in den Zimmern, die sie so oft mit heiteren, geistreichen Menschen belebt gesehen, und die nun öde und leer standen, um sich vielleicht nie wieder zu füllen, als ihr Auge auf diese Möbel fiel, an deren jedem so viele ihrer Erinnerungen hafteten, auf jenes Sopha mit dem Ueberzug von blauem Damast, das sie als Kind so unendlich bewundert und das ihr nun fast fadenscheinig vorkam; als ihr Blick die Bilder an den Wänden streifte – die feinen, blassen Züge Charlotten's, das rosige, von dunklem Haar umflatterte Mädchengesicht, das Amélie in ihrem zwölften Jahre vorstellte und ihr noch heute ähnlich sah, das schöne, freundliche Antlitz des Mannes, der immer nur Güte und Liebe gegen sie gewesen und der jetzt dem Tode verfallen sein sollte – da athmete sie tief und schwer, aber weinen konnte sie auch jetzt nicht. Sie brauchen mich ja nicht, rief es in ihr, sie haben, Alle, Alle so viel Liebe im Leben und im Tode; er hat Niemand – nicht Vater, nicht Mutter, nicht Geschwister oder Freunde – Niemand, Niemand als mich! In dem Zimmer wurde es dunkel, das Kammermädchen kam, brachte Licht und fragte, ob das Fräulein befehle, daß zur gewöhnlichen Stunde servirt werde? Das Mädchen hatte den lebhaften Wunsch, das Fräulein in eine Unterhaltung zu verwickeln, aber Silvia antwortete nicht, und das Mädchen schlich davon. Sie hatte dem Bedienten Paul nie glauben wollen, daß es mit der Herrlichkeit bald zu Ende sein werde – jetzt ließ es sich freilich mit Händen greifen, daß es zu Ende sei. Endlich fand sich Silvia in ihrem Zimmer am offenen Fenster sitzend. Sie hätte nicht zu sagen gewußt, wie sie dorthin gekommen sei. Von dem Garten wehte die lauliche Luft herein. Der sanfte Schimmer des Mondes lag auf den hohen Bäumen, die Lilien auf den Beeten schienen weißlich durch das Dunkel. Aus einem benachbarten fürstlichen Garten kam fernher der Gesang der Nachtigallen. Wie konnte ich früher schwelgen in der Schönheit solcher Nacht! früher! die ganze Herrlichkeit der Welt trank meine Seele in der Ahnung eines Glückes, das mir die Zukunft bringen mußte und von dem mir das Säuseln des Windes in den Blättern, die Strahlen des Mondes und die Flötentöne der Nachtigallen nur ferne, verworrene und doch so süß berauschende Kunde brachten. Ich wußte noch nicht, daß ich mein Leben in dieser Sehnsucht, die mir damals so köstlich dünkte, verzehren, daß die goldene Zukunft, der ich entgegenharrte, niemals kommen, daß man mich einspinnen würde in die Erbärmlichkeiten eines engbegrenzten Daseins ohne Ziel und ohne Zweck. Er hat mich herausgerissen aus dieser Qual, und deshalb muß ich ihm dienen als meinem Heiland und Erlöser. Das ist das holde Glück nicht, das ich mir erträumte; es hat nichts zu thun mit alledem, was sonst ein Mädchenherz beseligt. Es ist kein Kosen in blühenden Lauben; – es ist der strenge Dienst der Priesterin in der kühlen Halle ihrer Gottheit. Einsam ist die Priesterin, aber der Gott ist es nicht minder. – Ja, du bist einsam, du Schöner, Stolzer! Einsam, wie der Mond da droben! Jetzt bedecken schwarze Wolken deinen Glanz: aber herrlicher denn zuvor wirst du daraus hervorgehen und hoch und höher deine leuchtende Bahn durch die Himmelsräume ziehen. Ich will nichts von dir! nichts als den Schimmer, der von deinem Glanz in meine Dunkelheit fällt! Sie legte das Haupt auf den Arm an der Fensterbrüstung. So saß sie lange, lange Zeit. Fünftes Capitel. Unterdessen donnerte durch die warme, mondhelle Frühlingsnacht der Schnellzug, der Charlotte, Amélie und Walter gen Süden trug. Wälder und Felder, Wiesen und Seen schwebten wie in einem Zauberspiegel vorüber. Auf einer Station hörte man, als der Zug hielt, aus den weißschimmernden Blüthenbäumen eines Wäldchens in der Nahe die Nachtigallen schlagen. Wie schön ist die Nacht! sagte Charlotte; liegt die Erde nicht da, als ob sie nur ein Aufenthalt für selige Geister sein könnte? Das Signal zur Wiederabfahrt ertönte, die Locomotive pfiff gellend, der Zug setzte sich in Bewegung und donnerte rastlos weiter durch die ambrosische Nacht. Die Drei im Wagen lehnten wieder still in ihren Ecken; selten nur, daß ein leises freundliches Wort zwischen den Frauen gewechselt wurde. Auch Walter wurde immer schweigsamer, je weiter die Nacht vorschritt; Charlotte glaubte, daß er mit der Müdigkeit kämpfe und bat ihn, schlafen zu wollen. Wie sollte er schlafen mit dieser Sorge im Herzen! Stunde um Stunde verrann, nur noch zwei oder drei Stationen, und den geliebten Beiden, die sich gegenseitig Muth und Trost einsprachen, konnte das Furchtbare nicht länger verborgen bleiben. Und was dann? Wieder eine Station, an welcher sonst angehalten wurde und der Schnellzug jetzt in rasselnder Eile vorüberbrauste. Schon die nächste war der Ort, von welchem die neue Zweigbahn nach dem Gebirge abging. Walter dachte der ersten Fahrt, die er auf dieser Bahn gemacht, vor drei Jahren, als er nach seinem letzten Examen den Vater in Tuchheim besuchte. Er hatte es so eilig gehabt, dem Vater selbst in Person die gewünschte Nachricht zu bringen; denn daß Fräulein Charlotte mit den beiden jungen Damen in eben der Zeit zu einem kurzen Besuch in Tuchheim war, mochte er sich als den Hauptgrund seiner Eilfertigkeit nicht eingestehen. Aber sicher hatte ihm dieser Zufall ein paar der schönsten Tage seines Lebens verschafft, deren Erinnerung ihm später so manche Widerwärtigkeit des neuen Amtes getreulich überwinden half. Als sie zusammen zurückfuhren, hatte er erfahren, daß Amélie ihn liebte. Sie hatten sich einander gegenüber gesessen in dem halbdunklen Coupe, fast wie jetzt, und immer waren die geliebten Augen auf ihn gerichtet gewesen, die Frühlingsnacht hindurch, immer mit demselben glückselig beseligenden Licht, und als die Morgendämmerung heraufkam und die goldenen Sterne am rosigen Himmel erloschen, da hatten die zwei lieben Augensterne ihm noch immer gestrahlt, milder freilich und weicher und verschämter, als während der Nacht, aber noch immer selig und beseligend. Auch heute sah er diese holden Augen wieder auf sich gerichtet, aber mit wie anderem Ausdruck! Und doch wußte Amélie nicht, welcher Jammerscene sie entgegenfuhr. Sie hatte sich nach den Einzelheiten seines Processes erkundigt, als Charlotte bat, ihnen aufrichtig zu sagen, wie das Urtheil ausgefallen sei; sie war erschrocken gewesen, als Walter antworten mußte, daß man ihn zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt habe, daß aber seine Freunde hofften, die zweite Instanz werde die Strafe entweder ganz aufheben, oder doch wesentlich verringern. Es war ihm unheimlich, von sich und seinen Angelegenheiten zu sprechen, während in diesem Augenblicke vielleicht dem geliebten Mädchen der Vater starb. Wie würde sein eigener Vater es tragen? Mit stiller Würde, wie er Alles ertrug, gewiß! Aber doch wie schwer, wie schwer! War ihm doch der theure Herr die Hälfte seines Lebens gewesen! Hatte er ihn doch geliebt mit der ganzen romantischen Treue, die ein schottischer Clanman für seinen Häuptling hat, und mit der ganzen Zärtlichkeit, mit der der Bruder einen Bruder liebt; hatte ihn vielleicht um so mehr geliebt, je mehr Sorgen dem Ernsten, Gewissenhaften das unberechenbare Wesen des Andern gemacht hatte. Wie hatte er sich damals vor drei Jahren – ganz gegen seine Gewohnheit – mit kühnen Projecten getragen, den Ertrag der Güter jetzt, da die Eisenbahn sie durchschnitt, vielleicht doch noch zu steigern, um den Freiherrn unabhängig von seinem Schwager zu machen, ihn womöglich zurückzulocken nach Tuchheim, damit sie den Rest ihres Lebens zusammen verleben könnten, wie sie die Jugendzeit zusammen verlebt hatten! ... Und nun! Häuser, Signallichter, der schrille Ton der Dampfpfeife, schon wieder eine Station – die letzte! Die Bahnhofsuhr zeigte auf drei, die Morgenkühle wehte in den Wagen. Walter schloß das Fenster und öffnete es alsbald wieder, da es ihm war, als müßte er ersticken. Charlotte breitete einen Shawl über Amélie, die nun doch die Müdigkeit überwältigt hatte, und setzte sich zu Walter, seine Hand in die ihre nehmend. Sie haben heute einen schweren Tag und eine schlimme Nacht gehabt, lieber Walter, sagte sie leise; Ihre Hand ist fieberhaft; Sie sollten hier nicht am offenen Fenster sitzen, daß Sie uns nicht auch krank werden und Sorge machen, Sie, der jede Sorge von uns nehmen, der uns am liebsten auf seinen Händen durch das Leben tragen möchte. Lieber Walter, seien Sie nicht so traurig! Es wird noch Alles gut werden. Liebe kann nur Liebe lohnen, und meiner Liebe, Amélie's Liebe sind Sie sicher. Ja, Walter, und auch mein Bruder liebt Sie, ich weiß es gewiß, weiß es besser, als er es selber jetzt wohl weiß. Er hat viel Leiden erfahren in diesen letzten Jahren, und das hat für den Augenblick seinen Geist verdüstert und sein Herz verwirrt. Aber edle Menschen gehen schließlich aus den Leiden edler hervor. Vielleicht, daß diese Krankheit, die gewiß schon lange an ihm nagte, eine wohlthätige Krisis ist, die ihn sich selbst und uns Allen zurückzieht. Walter konnte es nicht länger tragen. Er nahm Charlotten's beide Hände und sagte: Edle Menschen gehen aus Leiden edler hervor! Daran will ich festhalten, daran müssen wir Alle festhalten in der nächsten Stunde. Und seine Lippen an ihr Ohr neigend, sagte er ihr Alles, was er selber wußte. Charlotte erwiederte nichts; sie lehnte sich in ihren Platz zurück und bedeckte die Augen mit der Hand. Walter versuchte nicht, dies Schweigen zu unterbrechen; er sagte sich, daß eine so schöne große Seele in einem solchen Augenblick mit sich allein sein müsse. In der That, obgleich er die unendliche Liebe kannte, mit der Charlotte an diesem ihrem Lieblingsbruder hing, hatte er doch viel weniger für sie als für Amélie gefürchtet, deren weiches, unerfahrenes Herz der entsetzliche, unerwartete Schlag furchtbar treffen mußte. Für sie war der Vater eben nur krank; würde sie sich vom Schlaf haben überwältigen lassen, wenn sie eine Ahnung davon gehabt hätte, daß sie vielleicht schon binnen einer Stunde über dem theuren Todten würde weinen müssen? Walter schaute voller Mitleid in das liebliche Antlitz, an dessen milder Schöne sein Auge so oft in trunkener Seligkeit gehangen: die reine Stirn, die anmuthig geschweiften Brauen, die langen Wimpern, die jetzt die zarte Wange berührten, die feinen keuschen Lippen, die jetzt im Schlafe leise sich geöffnet hatten. Die Schlummernde wendete den Kopf, daß das Licht noch heller auf ihr Gesicht fiel. Wie schön es sich mit seiner Umrahmung dunkler Locken von dem Purpur des Sammets abhob! Wie schön und wie blaß! Und täuschte Walter das trügerische Licht, oder zuckte es schmerzlich und immer schmerzlicher um den reizenden Mund? Charlotte wendete sich zu ihr; Amélie weinte und schluchzte im Schlaf, richtete sich jetzt, als Charlotte sie berührte, jäh empor, blickte scheu um sich und warf sich in Charlotten's Arme. O, Tante, ich hatte einen so fürchterlichen Traum! Mir träumte, ich ging mit dem Vater im Walde, und da trat aus den Bäumen ein Mann hervor, der auf den Vater anlegte und schoß, und der Vater lag todt zu meinen Füßen, und aus der Brust tropfte das rothe Blut – o, mein Gott! Amélie drückte, noch immer heftig weinend, ihr Gesicht fester an Charlotten's Busen; Charlotte blickte auf Walter und fragte, mehr mit der Bewegung der Lippen als mit Worten: Wie weit noch? Walter deutete auf ein rothes Licht, das eben an dem Fenster vorüberglitt. Der Dampfpfeife greller, langgezogener Ton – eine halbe Minute später hielt der Zug. Der Perron wimmelte von dunklen Gestalten; es waren Arbeiter aus den Fabriken, welche ihre Deputation, die mit diesem Zuge kommen mußte, erwarteten. Ein Hurrah für unsere Brüder! rief eine laute rauhe Stimme, und hundert rauhe Stimmen wiederholten den Ruf. Ihr Wagen hält gleich hinter dem Perron, sagte der Bahnhofs-Inspector, der selbst die Thür geöffnet hatte. Es war ein junger Mann, ein Tuchheimer Kind, und der freiherrlichen Familie sowie auch Walter wohl bekannt. Wie steht es auf dem Schlosse? fragte Walter flüsternd. Der Inspector zuckte die Achseln mit einem vielsagenden Blick auf die Damen und rief einen Mann herbei, die Gesellschaft zum Wagen zu führen. Sie drängten sich mühsam durch die Menge. Macht Platz, gute Leute! sagte Walter. Macht Platz! riefen ein paar Stimmen, seht Ihr denn nicht, daß es das Fräulein ist? Man gab Raum; Mehrere zogen die Mützen; es waren Leute aus den umliegenden Dörfern, in deren Hütten Charlotte in früheren Jahren so oft Rath und Trost und Hilfe gebracht hatte; Andere blickten teilnehmend oder neugierig und theilten sich, als die Gruppe vorbei war, ihre Bemerkungen mit. Walter drängte zur Eile; er hob die Damen in den Wagen, den Knecht, der die Pferde lenkte, zur Eile antreibend. In dem Dorfe fiel durch die niedrigen Fenster und Thüren hie und da schon der Schein der Lichter oder der eben entzündeten Morgenfeuer von den Herden. Die Fabrikgebäude, die man in der Ferne sah, lagen noch still und dunkel; nur aus einem der hohen Schlote stieg eine ungeheure Rauchwolke, in ihrem unteren Ende dann und wann von rothen Flammen durchzuckt. Von dem Kirchthurm – wie gut Walter den blechernen Klang der alten Glocke kannte! – schlug es Vier. Als sie langsam den Schloßberg hinauffuhren, blickte aus der Ebene herauf der erste Purpurstreifen des kommenden Tages; in den stillen Büschen an der Wegseite tönten einzelne Vogellaute; immer weiter breitete sich die Dämmerung über den grauen Himmel, und immer bleicher erschienen die Gesichter der Drei im Wagen. Charlotte hielt Amélie's Hand in der ihren; gesprochen wurde nichts. Endlich tauchte der Wagen aus den Büschen heraus und fuhr im schnellen Trabe vor das Schloß. Auf dem weiten Rasenplatze standen einzelne Gruppen, Männer und Frauen, die nach ein paar matt erleuchteten Fenstern in dem Erdgeschoß geblickt hatten und jetzt, als der Wagen vorbeikam, sich näher nach der Freitreppe drängten. Walter hob die Damen aus dem Wagen; Charlotte stieg festen Schrittes die wenigen Stufen hinan; Amélie klammerte sich an Walter's Arm. Alle blickten nach dem Portal und der weit geöffneten Thür, über deren Schwelle jetzt eben Fritz Gutmann ihnen mit raschen Schritten entgegentrat. Der Morgenwind spielte mit dem ergrauenden Haar und das Morgenlicht schien hell genug auf seine braunen Wangen, über welche Thränen rannen. Er streckte Charlotten beide Hände entgegen. Todt? fragte Charlotten's starrer Blick. Todt! antworteten des Försters zuckende Lippen. Armes, armes Kind! murmelte Charlotte, indem sie die wankende Amélie in ihre Arme faßte und aus dem Portale in die Halle führte; armes, armes Kind! Sechstes Capitel. Der helle Morgen weckte Silvia aus verworrenen Träumen. Erst nach und nach gelang es ihr, mit klarem Bewußtsein die Ereignisse des vergangenen Tages überschauen zu können. Und nun sah sie, daß von den glänzenden Hoffnungen, denen sie sich gestern so vertrauensvoll überlassen, noch nichts erfüllt, daß noch Alles in Frage gestellt sei. Wer bürgte ihr, daß der König nicht schon heute über anderen Dingen vergessen hatte, was er gestern zugesagt? daß die Tante den Muth haben würde, den König zu erinnern, wenn er sie merken ließ, daß er nicht erinnert sein wollte? Die Angst um Leo erwachte von neuem. Wenn auch seine Gefangenschaft nur von kurzer Dauer sein würde – seine Sache lag doch hoffnungslos danieder, und nicht um seine Person, um die Sache, die er verfocht, war es dem Stolzen zu thun. Mit fieberhafter Spannung harrte Silvia der Zeitung. Endlich kam das Mädchen mit dem Frühstück und der Zeitung. Silvia konnte kaum erwarten, daß sie wieder allein war. Hastig entfaltete sie das Blatt; sie brauchte nicht lange zu suchen. In einem langen Artikel war das vorgestern Abend Geschehene mitgetheilt, und in einer Weise, welche Silvia die Röthe des Zornes in Stirn und Wangen trieb. Der in der Versammlung ausgebrochene Tumult wurde beklagt, aber doch als eine ganz natürliche Reaction der soliden Arbeiter gegen das wühlerische Treiben von Leo's Partei bezeichnet, die denn auch schließlich das nothwendig gewordene Einschreiten der Polizei zu verantworten habe. Aus wie unlauteren Motiven übrigens die ganze Agitation hervorgegangen, werde leider wohl die gegen Leo eingeleitete Untersuchung ergeben. Wie man aus guter Quelle höre, seien in der Wohnung des Agitators eine Menge der compromittirendsten Papiere vorgefunden worden. Und doch will ich ihnen die Beute, die sie so sicher zu haben glauben, entreißen, sagte Silvia. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und schrieb mit fliegender Hast an Tante Sara:   »Du liest keine Zeitungen, Tante Sara! Wie leicht kannst Du also glauben, daß meine Sorge für Leo nur der Ausfluß unverständiger Furcht sei. Lies, ich bitte Dich, die Einlage! Dein kluges, welt- und menschenkundiges Auge wird zwischen den Zeilen lesen, wie man sich freut, den edlen Hirsch niedergehetzt zu haben, während man sich die Miene giebt, sein Schicksal zu bedauern. Tante Sara! Er ist verloren, wenn Deines königlichen Freundes machtvolle Hand sich nicht schützend über ihn ausstreckt. Wer weiß, was man heute schon dem Könige berichtet, wie man sich mühen wird, sein offenes Herz gegen den edelsten der Menschen zu verschließen! Und doch! Sie würden sich verstehen, könnten sie sich nur einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Es würde die Zusammenkunft zweier Könige sein. Tante Sara – es ist viel in Deine Hand gelegt! Könntest Du es herrlich ausführen – ich würde vor Dir niederfallen und Dich anbeten.«   Sie überlas nicht, was sie geschrieben; hastig schnitt sie aus der Zeitung die Stelle über Leo aus, legte sie in den Brief und klingelte. Dieser Brief muß sogleich besorgt werden. Fräulein Sara Gutmann wohnt im Schlosse; wenn Paul nicht hinfinden kann, muß er sich bei dem Castellan erkundigen. Silvia hatte das Mädchen nicht angeblickt, als sie mit hastiger Stimme diese Worte vorbrachte. Der Name ihrer Tante war noch nie den Leuten gegenüber genannt worden. Als das Mädchen das Zimmer verlassen hatte, athmete sie tief auf. Ist es möglich, daß man sich so sclavisch von den Vorurteilen beherrschen läßt? Wie kann ich diesen Weg gehen, wenn ich schon bei den ersten Schritten strauchle? wie ihm helfen, wenn ich mich immer nach den Anderen umsehe, was die dazu sagen? Aber trotz alledem wollte es nicht ruhiger in ihrer Seele werden. Bei jedem Geräusch im Hause fuhr sie zusammen, als ob jetzt eine Entscheidung kommen müsse. Sie wollte ihre Unruhe weglesen, wegschreiben, wegspielen, wegsingen – es gelang nicht. So vergingen die Stunden. Endlich – es war schon gegen Abend – brachte man ihr einen Brief, aber nicht von der Tante, sondern von Miß Jones. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen: »Theure Silvia! Ich empfange soeben eine telegraphische Depesche aus Tuchheim; des Freiherrn Zustand hat sich noch verschlimmert. Ich komme zehn Minuten nach acht Uhr, um bei Ihnen zu bleiben; meine alte Stube ist ja immer für mich bereit. Ich habe meine letzten jungen Damen heute schon weggeschickt und bin für mehrere Tage ganz frei.« Silvia starrte auf den Brief, den sie in ihren Schoß hatte sinken lassen. Sie hatte den Freiherrn immer sehr geliebt, wie sie denn auch von ihm mit unendlicher, sich immer gleichbleibender Güte, so lange sie denken konnte, behandelt war. Der Freiherr hatte oft im Scherz behauptet, daß er und Silvia wahlverwandte Naturen seien; sie hatten in ihrem Geschmack, in ihren Ansichten, in ihren Gefühlen fast immer harmonirt. Gerade dies schöne Verhältniß zu dem stattlichen Herrn war für Silvia in den letzten Jahren verzehrender Ungeduld und rastlosen Sehnens in die Ferne das Band gewesen, das sie stärker als alle anderen in diesem Hause festgehalten hatte. Nun mußte auch dieses Band zerreißen, als ob nichts mehr den Flug zu einem neuen energischeren Leben hemmen sollte. Silvia empfand es als eine Schmach, daß sie in diesem Augenblick daran zuerst denken konnte, und doch kam sie immer wieder darauf zurück. Ich kann nicht anders, sagte sie endlich zu sich selbst, sie haben zu lange den Strom meines Lebens künstlich eingedämmt. Sie saß mit dem Brief in ihrem Schoße, als Paul, der Bediente, hereintrat und ihr eine Karte überbrachte. Die Dame wartet auf Antwort, sagte Paul. Silvia nahm die Karte und las: »Fräulein Sara Gutmann.« In der Ecke: » Tournez, s'il vous plait ;« auf der Rückseite: »Hast Du eine Stunde für mich übrig? Laß mich nicht warten!« Wo ist die Dame? fragte Silvia. Vor der Thür; in ihrer Equipage. Sagen Sie ihr, daß ich sogleich kommen werde. Sehr wohl, Fräulein. Der Bediente Paul hatte ein paar lebhafte schwarze kleine Augen, deren Blick für gewöhnlich etwas unstet war. Er konnte die Leute nur ansehen, wenn sie ihn nicht ansahen, pflegte aber solche Momente gut zu benutzen. So hatte er denn auch jetzt bemerkt, daß des Fräuleins Hände gezittert hatten, als sie die Karte entgegennahm, und daß, während sie unverwandt auf dieselbe schaute, ihr das Blut in die Wangen geschossen war. Der Anblick einer jungen Dame, die zur Unzeit roth wurde, hatte etwas besonders Ergötzliches für den Bedienten Paul; er schnitt, als er aus dem Zimmer ging, eine lustige Grimasse. Mit vor Aufregung zitternden Händen machte sich Silvia zur Ausfahrt zurecht. Welche Nachricht brachte die Tante? War schon Alles entschieden? War Leo frei? Und während sie sich die Hutbänder zuband und die freudige Erwartung ihr Thränen des Dankes in's Auge trieb, dachte sie, was Fräulein Charlotte und Amélie wohl sagen würden, wenn sie vorn im Salon am Fenster wären, während Tante Sara in ihrem Wagen mit der goldenen Lorgnette vor den halb erloschenen Augen bald nach den beiden Damen im Fenster, bald an dem Hause in die Höhe blickte. Und da saß Tante Sara in einer zweisitzigen Hofkutsche, die Lorgnette vor den Augen, durch die geöffnete Wagenthür, an der ein Bedienter mit der königlichen Livrée stand, nach dem Bedienten Paul blickend, der in der offenen Hausthür auf Fräulein Silvia wartete. Ach, da bist Du endlich, Liebe! rief Tante Sara, in die Ecke links rückend, während die beiden Bedienten, der königliche und der freiherrliche, der jungen Dame in den Wagen halfen. In den Park! rief Tante Sara. Zu Befehl! sagte der königliche und lief hinter dem Wagen herum, um auf seinen Platz neben dem Kutscher zu gelangen. Wie die Pferde anzogen, winkte er über das niedrige Verdeck des Wagens dem freiherrlichen, der noch in der Thür stand, mit dem Auge – ein Zeichen, das jener sogleich mit einer entsprechenden Geberde beantwortete. Du liebes Kind, sagte Sara, als der Wagen sich in Bewegung setzte, mußt mir verzeihen, daß ich nicht ausgestiegen bin und mich Fräulein Charlotte vorgestellt habe, ich hätte mich recht gefreut, sie nach so vielen Jahren wiederzusehen – wir waren früher große Freundinnen! – aber das Gehen wird mir schwer, weißt Du, und überdies muß ich mich heute vor allen Emotionen hüten; ich habe so leise Anzeichen einer heranziehenden Migräne. Was sagst Du, süßes Kind? Ich höre schlecht auf diesem Ohr. Du hättest Fräulein Charlotte nicht gefunden – sie und Amélie sind gestern Abend nach Tuchheim zurück. Der Freiherr soll sehr krank sein; vor einer Stunde habe ich die Nachricht erhalten, daß sein Zustand sich noch verschlimmert hat. O, mon dieu ! sagte Tante Sara, indem sie sich in die Ecke zurücklehnte und ihr parfümirtes Tuch vor die Augen hielt. Silvia hatte ihr durchaus nichts Neues gesagt. Der Bediente Paul, der Silvia's Brief überbrachte, hatte in der schönen Lisette eine Bekannte aus einer sehr heiteren Episode seines vielbewegten Lebens gefunden. Die guten Bekannten hatten sich in der Eile ihre neuesten Erlebnisse mitgetheilt. Dabei hatte denn Paul auch der plötzlichen Abreise seiner Herrschaft und des Grundes dieser Abreise Erwähnung gethan und Lisetten von diesen Neuigkeiten der Herrin getreulichen Rapport abgestattet. Fräulein Sara hatte diese Nachricht als einen ganz unverhofften Glücksfall begrüßt, der einem Plan, welchen sie heute Morgen ausgesonnen und über den sie bereits mit dem kranken General von Tuchheim correspondirt hatte, außerordentlich förderlich zu werden versprach. Mon dieu, mon dieu ! wiederholte Tante Sara, indem sie das Tuch von den Augen nahm und Silvia mit einer Miene tiefsten Beileids anblickte. Du armes, armes Kind, was mußt Du gelitten haben – was mußt Du leiden! Und dazu die Sorge um unsern lieben Leo! Ach, süßes Kind! Es hätte Deines Briefes nicht bedurft! Ich habe die lange, lange Nacht gesessen und gesonnen und gesonnen, und heute den ganzen Tag Briefe geschrieben, Personen empfangen, ausgefragt, instruirt – mit Einem Worte: für ihn, für Dich rechtschaffen gearbeitet. O, es bedarf bei mir nicht langer Zeit, mich in einer verwickelten Angelegenheit zurecht zu finden; aber mein Kopf, mein armer Kopf! Gute, beste Tante, wie soll ich Dir danken! sagte Silvia, Sara's schmale, knöcherne Hand, die in dem feinsten Lila-Glacé-Handschuh steckte, ergreifend und herzlich drückend. Ich will keinen Dank, liebes Kind! Ich bin daran nicht gewöhnt, ich habe niemals im Leben Dank für das, was ich an Anderen Gutes that, gehabt. Silvia verlangte sehr zu wissen, wie Leo's Angelegenheit jetzt stehe, aber sie scheute sich, direct zu fragen. Sara hatte sich wieder in ihre Ecke zurückgelehnt; der Lärm der Straße schien sie sehr anzugreifen. Als aber der Wagen aus dem Thor in den Park bog und die chaussirte Straße das Geräusch der Räder verminderte, richtete sie sich wieder auf und sagte in ihrer munteren Weise: Nicht so blaß, mein süßes Kind, so blaß und so angstbeklommen! Ich bin in meinem Leben in so viel schwierigen Situationen gewesen, habe so viel erfahren und erduldet, daß ich ein Recht habe, den Kopf oben zu behalten, wo Andere ihn verlieren. Aber ich müßte mich sehr irren, wenn Du nicht aus demselben Stoffe wärest. Und Du bist jung und stark, ich bin eine alte, gebrochene Frau. Ich kann nichts weiter, als meine letzten Stunden für die benutzen, die mich nicht von sich gestoßen haben würden, wenn sie mich gekannt hätten. Und Tante Sara verneigte sich tief vor den jugendlichen Insassen einer fürstlichen Equipage, die eben an ihnen vorüberflog. Man war mittlerweile zu dem belebtesten Theile des Parkes gelangt, der um diese Abendstunde von Fußgängern, Equipagen und Reitern wimmelte. Der Wagen war oft genöthigt, langsam zu fahren, man konnte mit aller Bequemlichkeit die Vorüberfahrenden, Reitenden, Promenirenden mustern und von ihnen gemustert werden. Die Tante, welche die goldene Lorgnette nicht von den Augen nahm, hatte sehr viel zu grüßen. Sie schien alle Welt zu kennen, und während sie herablassend mit dem Kopfe nickte, oder sich verneigte und fortwährend dabei lächelte, erzählte sie unaufhörlich kleine Geschichten, pikante Anekdoten, von denen die wenigsten für die betreffenden Personen schmeichelhaft waren. Ah, sieh da! Der Baron von Kerkow! Der tausend! Wie kommt denn der wieder zu dem reizenden Gig mit dem Vollblutfuchs? Ich denke, seine Gläubiger haben ihm die letzte Pferdedecke, geschweige denn das letzte Pferd abgepfändet! Aber der Himmel weiß, wie diese edlen Herren hinter dem letzten Wucherer noch den allerletzten entdecken! – Herr Graf von Rebenstein! Ergebenste Dienerin! Arme Gräfin! Wie sie da sitzt, auf diesem unsinnigen Gestell von einem Wagen! Sie ist die nervöseste kleine Person, die man sich denken kann, und er findet, halb blödsinnig wie er ist, seine Freude daran, sie in Situationen zu bringen, wo sie vor Angst fast umkommt. Ein guter Freund von Henri von Tuchheim, Silvia! Wundere mich, daß er und sein Telemach sich heute nicht sehen lassen. Quand on parle des loups ! ... Da sind sie! da drüben in der Allee, sie können uns wohl nicht sehen. Schön beritten! Wieviel die beiden Thiere wohl dem alten Sonnenstein kosten! Henri ist einer der besten Reiter – nun, die Tuchheims sitzen alle gut zu Pferde! – aber auch Alfred von Sonnenstein – gar nicht so schlecht! Sollte nicht so scharf reiten, der arme Junge; sieht übel aus. – Vor wem machen sie denn da Front! Ach! Prinzeß Philipp Franz! Ja, ja! das scheint der Himmel auf Erden, jung, bildschön, Prinzessin – aber, aber – es prüfe, wer sich ewig bindet! Gott, wie schön sie heute wieder ist! So plauderte Tante Sara, halb mit sich selbst, halb mit Silvia sprechend, immer fort. Silvia war ganz verstummt. Sie konnte sich heute in die Tante noch viel weniger finden, als gestern. Gestern hatte die Tante in ihrem phantastischen Hausanzug etwas ganz Eigenartiges gehabt; heute, in elegantester Promenadentoilette, sah sie aus wie Hunderte von Damen, die da in den tiefsitzigen Wagen, bequem in die weichen Kissen zurückgelehnt, vorüberglitten. Und doch, je länger die Fahrt währte, desto mehr fühlte sich Silvia wieder von dem Wesen der Tante angezogen. Es war doch etwas Besonderes um diese intimste Kenntniß der Verhältnisse von Hunderten und Hunderten mehr oder weniger hochgestellter Personen. War es Schuld der Tante, daß diese große Welt, wenn man sie so aus der Nähe durch goldgeränderte Lorgnettengläser ansah, so klein erschien? Konnte man es der Tante, die sich über ein Menschenalter in dieser Welt bewegt hatte, zum Vorwurf machen, daß sie skeptisch und satyrisch und zum Theil recht bitter geworden war? Und bewies nicht auf der andern Seite ihre rege Theilnahme für Leo, wenn sie dieselbe auch auf ihre Weise an den Tag legte, daß sie sich inmitten dieser frivolen Welt ein Herz bewahrt hatte, das mit den Leidenden fühlen konnte? Dennoch athmete Silvia leichter, als man sich nach einer Stunde wieder dem Thore näherte. Wie die Tante beinahe Alle, die ihnen begegnet, kannte, so mußte sie auch von beinahe Allen gekannt sein, und dies fortwährende Sichneigenmüssen vor Personen, die ihr ganz fremd waren, hatte für Silvia etwas unbeschreiblich Peinliches; peinlicher aber waren ihr die verwunderten, fragenden Blicke nicht weniger Herren und Damen aus dem Kreise, der sich in des Freiherrn Hause zu versammeln pflegte, so daß sie sich zuletzt in die Ecke des Wagens zurücklehnte, um diesen Blicken so viel als möglich auszuweichen. Du bist ja so still geworden, süßes Kind, sagte Tante Sara. Was soll ich sagen, da Du die Kosten der Unterhaltung in so anmuthiger Weise trägst? Schmeichlerin! Aber ich fühle, daß ich zu viel gesprochen habe. So etwas rächt sich bei mir sehr grausam. Ach, mein armer Kopf. Es ist wohl nur, daß wir jetzt wieder auf das Straßenpflaster kommen. Tante Sara antwortete nicht. Sie hielt sich ein Riechfläschchen an die Nase, indem sie in die Kissen des Wagens zurücksank. Ihre lebhaften Züge hatten plötzlich den Ausdruck heftigen Leidens angenommen. Soll man langsamer fahren, Tante? Um Himmelswillen nicht! Es ist die höchste Zeit, daß ich nach Hause komme! o, mein Gott, mein Gott! In wenigen Minuten war man beim Schlosse angelangt. Der Wagen hielt im Hofe vor der Thür. Tante Sara versuchte sich aufzurichten: Leb' wohl, mein süßes Kind! Habe tausend Dank! Oh, mon dieu ! und sie sank wieder in die Kissen zurück. Der Bediente öffnete den Schlag. Wir werden das Fräulein hinaufführen müssen, sagte Silvia, ihr ist plötzlich unwohl geworden. Sie umfaßte die Tante, der Diener empfing sie in seinen Armen. Auf den Diener und auf Silvia sich stützend, so daß ihr Kopf an der Schulter des jungen Mädchens ruhte, begann Tante Sara die Treppe zu ersteigen. Glücklicherweise war sie sehr leicht, und so wurde es denn möglich, sie ohne weiteren Beistand bis nach oben zu schaffen. Die Thür wurde auf das kräftige Schellen des Dieners sogleich geöffnet. Ach, mein armes Fräulein! rief Lisette; ich habe es mir doch gedacht! Ich werde, wenn Sie erlauben, Ihnen das Fräulein zu Bett bringen helfen! sagte Silvia. Siebentes Capitel. Sie hatten Tante Sara in das prachtvolle Himmelbett gelegt. Lisette hatte sich entfernt, der Herrin einen Thee zu bereiten, der ihr in diesen Zuständen immer besonders gut that. Silvia saß an dem Bette und lauschte den unregelmäßigen Athemzügen und dem gelegentlichen Stöhnen der Kranken. Silvia! Liebe Tante! Verlaß mich noch nicht, ich habe Dir Manches zu sagen; der König – o, mein Gott! Quäle Dich nicht, liebe Tante, ich bleibe bei Dir – auf jeden Fall! Man wird Dich vermissen. Ich werde ein paar Zeilen schreiben. Thu' das, mein Kind! Es wird mich so beruhigen – Du findest dort Papier und Tinte – o! Silvia schrieb an Miß Jones, die um diese Zeit schon in dem Hause des Freiherrn angelangt sein mußte, daß sie sich bei Tante Sara auf dem Schlosse befinde, und, da die Tante plötzlich heftig erkrankt sei, nicht wisse, wann sie zurückkehren könne. Lisette brachte den Thee. Silvia fühlte eine seltsame Beklommenheit, als sie Lisetten das Briefchen gab, damit dieselbe es von einem Schloßdiener besorgen lasse. Wie sollte Miß Jones in diesen wenigen, ungeschickt gefaßten Zeilen sich zurechtfinden? Was sollte sie, die das Verhältniß zu Tante Sara sehr gut kannte, von dem Allen denken! Aber zu einem andern, ausführlicheren Briefe war keine Zeit, und Silvia mußte sich sagen, daß auch ein solcher Brief in der Sache nichts ändern könne. So setzte sie sich denn wieder an das Bett der Tante. Es war mittlerweile dunkel geworden. Die Kranke bewegte sich unruhig. Silvia. Liebe Tante! Sind wir allein? Ja. Die Sorge um Leo läßt mich nicht in Schlaf kommen, und doch ist Schlaf das einzige Mittel, mich von den furchtbaren Schmerzen zu befreien. Die Tante sprach so leise, Silvia hatte Mühe, sie zu verstehen. Wir müssen das Beste hoffen, sagte sie. Hoffen und harren, mein Kind – Du kennst das Wort. Könige haben ein sehr kurzes Gedächtniß, wenn ihnen die Erinnerung irgendwie unbequem ist, und in diesem Falle thut Eile noth. Ist die Untersuchung gegen Leo schon zu weit vorgeschritten, so kann auch der König nichts mehr thun. Du wirst morgen wieder wohl sein. Vielleicht, ich weiß nicht, es kommt mir sehr ungelegen. Wenn der König – heute Abend – Um Gottes willen, Tante; erwartest Du ihn? Erwarten? Nein, das heißt, er kann jeden Augenblick kommen; seit fünf Jahren ist kein Tag gewesen, wo ich nicht um diese Stunde bereit war, ihn zu empfangen. Er läßt sich oft wochen-, monatelang nicht sehen, und kommt dann wieder mehrere Abende hintereinander. Er weiß nicht, welche Opfer ich ihm bringe, wie oft ich mich krümme vor Schmerzen oder mich vor Müdigkeit kaum auf meinen alten Beinen halten kann; aber wehe mir, wenn ich ein einziges Mal auf meinem Posten fehlte! Er würde es mir nie vergeben. Was sollen wir thun? Ich will versuchen, ob ich aufstehen kann. O, mein Himmel, diese rasenden Schmerzen! Sara, die sich auf den Ellbogen erhoben hatte, sank wimmernd in die Kissen zurück. Bleib liegen, Tante, sagte Silvia; ich will den König empfangen, falls er kommt. Mir wird er glauben, daß Du krank bist. Du gutes, muthiges Kind! Willst Du? Es ist originell, aber das gefällt dem Könige. Sprich mit ihm, wie Deine Klugheit es Dich lehrt. Geh' in den Salon. Vielleicht, daß Leo's Schicksal jetzt in Deine Hand gegeben ist. Ich denke, jetzt kann ich schlafen. Sie wendete sich mit dem Gesichte nach der Wand. Silvia erhob sich leise und begab sich in das Zimmer nebenan. Sie war nicht erstaunt, die große Lampe auf dem Tisch, die Lichter auf den Wandleuchtern bereits angezündet und auf einem Nebentischchen die Theesachen bereit zu finden. Vielleicht hatte Lisette geglaubt, ihre Herrin würde wieder aufstehen, vielleicht – es war ja gleichgiltig; wie sollte sie dem Könige gegenübertreten, wenn er kam? Was sollte sie ihm sagen? Silvia ging in dem Gemache auf und ab. Die weichen, elastischen Teppiche machten den Schritt unhörbar; selbst das gelegentliche leise Rauschen ihrer Gewänder klang Silvia seltsam fremd. Die große Pracht der Ausstattung des Gemaches, die sie heute erst in ihren Einzelheiten kennen lernte, die kostbarsten Vasen aus dem reinsten Alabaster auf Säulen von grauem Marmor, ein wunderschöner Venustorso, ein paar herrlichste Götter- und Heroenköpfe – Alles offenbar Antiken; eine Reihe der seltensten Gemälde italienischer und niederländischer Meister – unter ihnen ein paar Frauengesichter von unsäglichem Liebreiz – dann wieder diese Möbel in den reichsten, phantastischen Formen, diese Spiegel, die breit von dem Boden bis an die Decke reichten; dazu der Glanz der Lichter, in welchem diese Herrlichkeiten wie in ihrem eigentlichen Element glänzten, funkelten und strahlten – Silvia war es, als gebe es doch eine Erfüllung dieser kühnen Träume, an der sie gestern noch gezweifelt hatte. Hier stand sie in einem königlichen Gemach des alten Königsschlosses, einen König erwartend. War sie es denn wirklich selbst? War die hohe Gestalt im dunklen Gewande mit dem blassen Gesicht, aus dem ein Paar großer Augen leuchtete – war das wirklich Silvia, oder war es ein lebensgroßes Bild in eines Spiegels Rahmen? Aber das Bild bewegte die Hand nach dem Busen, der sich unruhig hob und senkte. Fürchtest Du Dich, bleiches Mädchen, in dieser glänzenden Einsamkeit? Bist Du Dir nicht selbst genug? Kannst Du nur einen Augenblick vergessen, daß Leo's Schicksal jetzt in Deine Hand gelegt ist? Wenn es wäre! O, mein Gott, wenn es das wäre! Silvia breitete beide Arme aus, als wollte sie die Macht aller guten Geister auf sich herabziehen. Und war es nicht, als ob eine übernatürliche Kraft sie beseelte? Wann war es je in ihrem Kopf so licht gewesen? Sie wendete ihre Augen auf die Thür, durch die, wie sie wußte, der König kommen würde. Als läge ein Zauber in ihrem Blick, so that sich in diesem Momente die Thür auf, und der König trat herein – ganz wie gestern, in einem Uniformrock ohne Epaulettes, mit heiterer Miene, als freue er sich schon im voraus auf eine ungenirte Unterhaltung mit seiner alten Freundin. Bon soir , Sara, rief er, wo hast Du – Majestät, sagte Silvia, indem sie dem König entgegenging. Der König stutzte, dann kam er mit raschen Schritten auf Silvia zu. Ach, Sie sind's, mein Fräulein! Verzeihen Sie dem Kurzsichtigen! Nun, das ist aber charmant von Ihnen! wo steckt meine alte Freundin? Der König reichte ihr, so sprechend, eine Hand, die Silvia ohne Befangenheit nahm. In kurzen Worten erzählte sie dem Könige, wie es gekommen sei, daß sie an Stelle der kranken Tante ihn heute empfangen müsse. Nun, meiner Treu, rief der König, das ist ein Qui pro quo , das man sich schon gefallen lassen kann. Mein altes, getreues Quo wird sich schon wieder erholen, und das ganze Malheur reducirt sich schließlich darauf, daß ich heute um meinen Thee komme, den mir das junge liebenswürdige Qui schwerlich so gut wird bereiten können. Der König sagte das in munterster Laune, und Silvia mußte ebenfalls lächeln. Die hohe freie Stirn des jugendlichen Monarchen, seine freundlichen blauen Augen, die weichen, beweglichen Formen seines bartlosen Gesichtes, der Zug von Geist und Schalkhaftigkeit um den ausdrucksvollen Mund – es war ihr, als sähe sie wieder den königlichen Knaben von damals, und mit dieser Erinnerung kam ihr auch etwas von dem Uebermuth jener Jahre zurück. Ob so gut, Majestät, erwiederte sie, das wage ich nicht zu behaupten, aber wenn Majestät mit mir Nachsicht haben wollen – und sie wies mit anmuthiger Verbeugung nach dem Theetisch. Ah, wahrhaftig! Nun, das ist ja charmant, ganz charmant. Bin neugierig, wie Sie sich aus der Affaire ziehen. Silvia fand auf dem Theetisch Alles in Ordnung, das Theewasser kochend, die Theebüchse daneben. Liebte der König den Thee sehr stark zu trinken? vermuthlich! Aus einem Glase? wahrscheinlich, denn es war keine Tasse da. Mit Arrak? was hätte sonst die Krystallflasche, aus der, als sie den Stöpsel abnahm, ein feines Aroma aufstieg, gesollt? Mit geschickten Händen bereitete sie Alles und bot nun das dampfende Getränk dem Könige. Der König hatte, in einen Lehnstuhl zurückgelehnt, jede Bewegung Silvia's so aufmerksam verfolgt, daß er darüber das Sprechen vergessen hatte. Jetzt kostete er und rief: Deliciös, ganz deliciös, mein Fräulein! wenn ich Kaiser des weiland Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation wäre, ich machte sie sofort zur Schänkin. Silvia schlug die Augen auf und sah den König groß an. Sie sollten Kaiser sein, Majestät. In der That, ich habe es auch oft schon gedacht. Warum aber meinen Sie? Weil ein jeder Mensch das sein sollte, was er sein kann. Ein großes Wort: wer aber sagt Ihnen, daß ich das sein könnte? Sie selbst, Majestät! Sie haben den Gedanken gedacht – sagen Sie – oft schon gedacht! Was ist denn aber unser Denken, als ein Vorahnen der Wirklichkeit, die doch nur dadurch Wirklichkeit wird, daß wir sie dachten. So könnte ein speculativer Philosoph sagen. Und so sagt die Erfahrung, Majestät. Die eigene? Die eigene. Ihres ganzen Lebens? Dieses Augenblickes, der wenigstens die theilweise Verwirklichung des kühnsten Wunsches meines Lebens ist. Der König blickte das junge Mädchen fragend an. Ja, Majestät, fuhr Silvia fort, denn wie ich jetzt hier vor Ihnen stehe und Sie mich gütig anhören, so habe ich mir schon lange Jemanden vor Ihnen stehend gedacht, Jemanden, von dessen kühnen Gedanken mein eigen Denken nur ein matter Widerschein ist. Wie sollte nun das Schicksal dem Würdigen vorenthalten, was es der Unwürdigen so gnädig gewährt? O, gewiß, gewiß! ehe noch viel Tage vergehen, ist auch sein heißer Wunsch erfüllt, und dann wüßte ich nichts mehr, was mir das Leben noch Höheres bieten könnte. Das ist viel behauptet von einem so jungen und – verzeihen Sie! – einem so schönen Mädchen. Und ist doch nur die buchstäbliche Wahrheit. Sie lieben Ihren Vetter? Silvia schoß das Blut in die Wangen. Ich würde so unter allen Umständen für ihn sprechen; sagte sie mit leiserer Stimme. So lieben Sie ihn doch? Die Gluth auf Silvia's Wangen wich schnell, wie sie gekommen. Sie hob die Augen mit ernstem, fast strengem Ausdruck zum König auf. Majestät, wenn ich mir zutraute, besser als irgend Jemand, selbst als meine gute Tante, meinen Vetter vertreten zu können, so war es, weil ich wußte, daß alle Andern Persönliches in eine Sache mischen würden, die so rein ist, wie das Licht der Sonne. Was man ihm auch vorwerfen mag – er hat nie etwas Anderes gewollt, als die Mauer, die man zwischen dem Könige und seinem Volke aufgethürmt hat, niederreißen, und hat dafür gesprochen und geschrieben. Dieses Verbrechens ist er schuldig – er wird sich vor Euer Majestät offen dazu bekennen; aber ich glaube nicht, daß Majestät ihn gerade wegen dieses Verbrechens verdammen werden. Des Königs Blicke hatten mit steigender Bewunderung an Silvia's Gesicht gehangen, das sich in dem Feuereifer, der sie durchglühte, immer mehr verklärte. Fast verlegen wendete er jetzt die Augen ab und sagte: Sie sind ein Anwalt, der die schlechteste Sache zu einer guten machen könnte – womit ich keineswegs gesagt haben will, daß die Sache Ihres Vetters so schlecht ist, wie etwa ein bornirter Staatsanwalt sie machen wird. Es ist der Fluch der Könige, wissen Sie, bornirte Menschen zu Vollstreckern ihres Willens zu haben, und hat denn in einem constitutionellen Staate der König überhaupt einen Willen? Indessen, hier läßt sich vielleicht doch noch etwas thun. Ich gestehe, es sind mir heute so viel andere Dinge durch den Kopf gegangen, aber ich werde mich morgen früh dieser Stunde erinnern. Das verspreche ich Ihnen. Sind Sie mit mir zufrieden? Ach, ich sehe, Sie tragen da eine Uhr, wollen Sie nicht einmal nachsehen, welche Zeit es ist? Oh, mon dieu ! Schon so spät! Ich habe versprochen, die Königin während des dritten Actes der Oper in ihrer Loge zu besuchen. Leben Sie wohl, mein liebes Fräulein, à revoir ! Er gab Silvia die Hand und wendete sich zum Gehen. Plötzlich blieb er stehen und sagte, indem er wieder an sie herantrat: Grüßen Sie mir Ihre Tante, und das à revoir nehme ich buchstäblich. Nicht wahr? Silvia verneigte sich stumm. Ihre Hand darauf! Zögernd legte Silvia ihre Hand in die des Königs. Der König schien das nicht zu bemerken; er drückte die dargebotene lebhaft und entfernte sich dann schnell. Silvia war allein. Durfte ich das versprechen? Ein Gefühl von Bangigkeit, als hätte sie ein Unrecht oder wenigstens eine Unschicklichkeit begangen, wollte in ihrer Seele aufsteigen; aber das war nur für einen Augenblick. Dann kam die Hoffnung, die ja jetzt fast Gewißheit war, daß das Große nun endlich errungen sei, allmächtig über sie, und heiße Freudenthränen strömten aus ihren Augen. Sie sank in die Kniee und stützte ihr Haupt auf die niedrige Lehne von Tante Sara's Causeuse. Dann erhob sie sich, da sie die Tante nebenan rufen zu hören glaubte. Sie sah nicht, daß Lisette, die vor einer Minute in den Salon getreten, aber still an der Thür stehen geblieben war, ihr mit einem höhnischen Lächeln auf den hübschen Lippen nachschaute. In dem Schlafzimmer der Tante brannte ein Lämpchen in einer Ampel von rosa Krystall, die von der Decke herabhing. Sie näherte sich vorsichtig dem Bett und sah durch die halb aufgezogenen Vorhänge, daß die Tante, wie vorhin mit dem Gesicht nach der Wand, anscheinend in Schlummer lag. Ihre Athemzüge gingen ruhig, und Silvia wagte ihre leise Frage, wie sie sich fühle, nicht zu wiederholen. In der Nähe des Bettes stand ein großes, bequemes Sopha, auf dem die Tante wohl während des Tages ruhen mochte; wenigstens lag auch eine große purpurne Decke aus weichster Wolle darauf. Silvia setzte sich auf das Sopha, in der Absicht, bei der Tante zu wachen; aber sie hatte nicht lange so in dieser rosigen Dämmerung gesessen, als die Abspannung nach so vielfachen gewaltigen seelischen Erregungen sich unwiderstehlich geltend machte. Vergebens, daß sie sich der Müdigkeit, die sich bleiern auf ihre Wimpern legte, erwehren wollte. Sie sah nur noch ein paarmal die rothe Ampel, die hin und her zu schwanken schien; dann war es ihr, als ob das Gesicht der Tante sich über sie beugte, und dann versank sie, gänzlich erschöpft von Allem, was sie durchlebt und durchlitten, in tiefen, traumlosen Schlaf. Achtes Capitel. Als sie erwachte, dauerte es eine geraume Zeit, bis sie sich auch nur einigermaßen in ihre Situation finden konnte. Die Ampel brannte nicht mehr; trotzdem war das Zimmer von der rosigen Dämmerung durchflossen; nach und nach überzeugte sich Silvia, daß das Licht von dem Tage herrühre, der durch die dichten rothseidenen Gardinen hereinschien. So hatte sie also nicht, wie sie anfangs wähnte, eine Stunde – sie hatte die ganze Nacht hier geschlafen. Mit einem Gefühl des Schreckens richtete sie sich vollends auf und blickte verstört im Zimmer umher. Da stand das Bett der Tante; die Vorhänge waren zugezogen; schlief die Tante noch? welche Zeit war es? Sie hatte ihre Uhr noch im Gürtel, aber diese war auf Zwölf stehen geblieben. Es war das erstemal, daß Silvia vergessen hatte, die kleine hübsche Uhr, die ihr vor nun fünf Jahren der Freiherr einmal zu Weihnachten geschenkt hatte, aufzuziehen. Der geringfügige Umstand berührte sie sonderbar. Es war ihr, als ob hier eine ihr vertraute Seele gelebt hätte, die nun todt sei, als ob zwischen gestern und heute eine Kluft sei, die das Heute vom Gestern unwiderruflich trenne; als ob sie von heute an ein neues Leben zu beginnen habe. Sie hatte gestern zum letzten Male auf die Uhr gesehen, als der König fragte, welche Zeit es sei. Daran dachte sie jetzt. Was war doch zwischen ihnen gesprochen worden? War der König nicht mit einem bestimmten Versprechen geschieden? Und hatte sie nicht ihrerseits auch dem Könige etwas versprechen müssen? Was? Daß er, der König, sie wiedersehen solle. Warum? Hatte denn der König nicht sein Wort gegeben, er wolle Leo's gedenken? Silvia saß noch auf dem Sopha, den Kopf in die Hand gestützt, als die Thür, die nach dem Salon führte, geöffnet wurde und die Tante vorsichtig den Kopf hereinsteckte. Silvia blickte auf; die Tante kam, so schnell es ihre Gebrechlichkeit gestattete, die freie Hand weit vorstreckend, auf sie zu: Bist Du endlich wach, mein Liebling? Ei, das nenne ich mir geschlafen. Und auf einem Sopha! Ich hätte Dich so gern in ein ordentliches Bett gebracht; aber Du ruhtest so sanft, da dachte ich: Was sollst Du das arme Kind wecken, eine Nacht wird sie's schon einmal aushalten. Wie geht es Dir, mein Herz? Tante Sara hatte sich neben Silvia auf das Sopha gesetzt und ihr einen Kuß auf die Stirn gedrückt. Gut, ganz gut, erwiederte Silvia, und Dir? Nun, passabel! Ich bin schon lange auf und habe schon ein halbes Dutzend Briefe empfangen und beantwortet. Und Du, Wundermädchen, was hast Du denn dem Könige für einen Zaubertrank gemischt? Denke Dir nur, der König – aber das hat Zeit. Erst muß sich mein holdes Mädchen nach einem solchen romantischen Nachtlager in einen behaglich-modernen Zustand versetzen. Nebenan – Aber welche Zeit haben wir denn, Tante? Es ist wohl schon sehr spät? Ich werde nach Hause müssen? In diesem Desordre? Unmöglich, mein Liebling? Es ist heller Tag, neun Uhr, glaube ich, bereits vorüber. Was sollen Eure Leute sagen, wenn Du so erscheinst? Vermissen werden sie Dich dort nicht eben sehr, und hier bist Du unentbehrlich. Spute Dich nur, daß wir unsern Kriegsrath beginnen können. Nebenan findest Du Alles, was eine junge Dame zu ihrer Toilette bedarf. Komm, mein Liebling, laß Dich in das Ankleidezimmer führen! Tante Sara erhob sich und hinkte eifrig voraus, während Silvia langsam folgte. Die Tante hatte ja ganz Recht: sie konnte so nicht nach Hause gehen; und doch! sie war so wenig gewohnt, sich ihr Thun von einem andern Menschen vorschreiben zu lassen, daß sie sich wie eine Gefangene vorkam, die keinen eigenen Willen mehr hat oder haben darf. In dem kleinen behaglichen Ankleidezimmer war rosiger Tag anstatt der rosigen Dämmerung im Schlafgemach; denn die fest zugezogenen rothen Gardinen waren hier von dünnerem Stoff. Tante Sara hatte nicht zu viel behauptet: Alles war vorhanden, dessen eine junge Dame zu ihrer Toilette bedurfte; sie zeigte geschäftig die schneeweiße Wäsche von feinstem Linnen, die auf dem niedrigen Divan ausgebreitet war; den Stellspiegel im schweren goldenen Rococo-Rahmen auf dem Marmortisch, und was dann noch Alles an nützlichen und zierlichen Dingen das Zimmer barg. Ich hoffe, liebes Kind, sagte sie, ich habe es Dir recht gemacht. Willst Du ein Bad? Dort, jene angelehnte Thür führt in ein Badezimmerchen. Soll ich Dir die Lisette schicken; sie ist sehr gewandt,. Du wirst mit ihr zufrieden sein. Aber, Tante, sagte Silvia, wozu diese Umstände? Ich – Umstände, Kind, gar keine Umstände! Ich will es meinem lieben Gast behaglich machen, so gut ich es vermag. Das thätest Du auch. Nun, ich verlasse Dich, liebes Kind, und erwarte Dich zum Kaffee im Salon. Ich habe Dir eine Welt mitzutheilen. Tante Sara küßte Silvia abermals auf die Stirn und hinkte davon. Silvia schaute ihr trüben Auges nach: Sie ist so gut, und doch ist mir dies Alles wie ein böser Traum. Sie machte sich daran, sich anzuziehen; aber sie war so verwirrt, daß sie sich mehr als einmal besinnen mußte, was sie eigentlich wollte. Es dauerte lange, bis sie mit ihrer Toilette zu Stande kam. Unterdessen saß Tante Sara zusammengekauert in ihrer Causeuse und dachte so eifrig nach, daß sie ganz vergaß, gut auszusehen, und in Folge dessen recht häßlich aussah. Bisher war Alles noch ziemlich gegangen; der erste schwere Schritt war gethan; ihres Bruders Kind war für eine Nacht ihr Gast gewesen. Den Besuch des Königs freilich gestern hatte sie durchaus nicht erwartet, da ihr der General geschrieben hatte, daß der König zu einer Revue gefahren sei und erst spät zurückkehren werde. Sie hatte die höchste Angst ausgestanden, der König könne das hochsinnige junge Mädchen durch irgend eine Unzartheit für immer zurückschrecken. Sie hatte, so sauer ihr auch die gebückte Stellung geworden war, an dem Schlüsselloche gehorcht und den General verwünscht, dessen falsche Nachricht sie in diese Situation gebracht, war aber nicht im Stande gewesen, dem Gespräche der Beiden genau zu folgen. Als der König ging, war sie in ihr Bett zurückgeeilt. Dann war ihr eingefallen, es sei vielleicht doch besser, wenn sie die Rolle der Kranken fortspiele, und sie hatte sich wieder schlafend gestellt. Die List war trefflich gelungen. Jugend und Uebermüdung waren für Silvia der Schlaftrunk gewesen, den Tante Sara ihr gar zu gern gemischt hätte. Aber jetzt war es Morgen; wie sollte sie das Mädchen halten? Eine Nacht unter ganz besonderen Umständen bei Tante Sara zugebracht, das wollte am Ende so viel nicht sagen. Und wenn Silvia nun gar erführe, daß der Freiherr todt sei – wie der General von Tuchheim heute Morgen in aller Frühe der Freundin nebst manchen Nachrichten von höchstem Interesse gemeldet hatte – und Silvia aus dem Briefe von Miß Jones, der vor einer Stunde aus dem freiherrlichen Hause gesendet war, jedenfalls erfahren würde – was dann? Würde dann ihre Liebe zu Leo – an der nicht zu zweifeln war – groß genug sein, sie über die Rücksichten, die sie der Tuchheim'schen Familie schuldete, über den sehr wahrscheinlichen Wunsch des Vaters, daß sie zurückkehren möge, wegzusetzen? Offenbar kam sehr viel darauf an, was gestern zwischen ihr und dem Könige gesprochen war. Das Billet des Königs war vieldeutig: »Guten Morgen, liebe Sara! wie geht es Dir, und wie geht es Deiner liebenswürdigen Nichte? Sage ihr, daß ich mich meines Versprechens erinnern werde, aber sie soll auch das ihre halten.« – – Was bedeutete das? Konnte Silvia sich aller Sorgen wegen Leo's entschlagen, so war die Wahrscheinlichkeit, sie halten zu können, sehr gering. Der Fall durfte nicht so einfach werden; man mußte neue Momente einmischen; die gestrigen und heutigen Mittheilungen des Generals, dazu der Einfluß, den der Tod des Freiherrn von der Hand des Bruders des Minister-Präsidenten auf die augenblickliche Lage der Dinge doch möglicherweise haben konnte – Tante Sara verließ sich auf ihren oft erprobten Scharfsinn und murmelte Verwünschungen gegen den General, der sie einmal wieder, wie gewöhnlich, im Stiche gelassen habe. Sie hörte Silvia kommen und richtete sich schnell aus ihrer Ecke auf, strich sich mit der Hand die Falten aus dem Gesichte und lächelte der Eintretenden möglichst freundlich entgegen. Ach, da bist Du ja, mein Liebchen! Und wie schön und stattlich! Die Sonne scheint schon lange, und doch ist mir, als gehe sie jetzt erst auf. Setze Dich, süßes Kind! Hier ist Kaffee, hier Chocolade. Du siehst nach den Briefen? davon später. Wir haben eine Welt zu durchsprechen; ich will erst die Beruhigung haben, daß Du nicht den heutigen Tag hungrig anfängst, wie Du den gestrigen beschlossen hast. Lisette sagte mir, Du könntest nicht einen Tropfen getrunken, nicht ein Krümchen gegessen haben. Und Du kluges, feines Mädchen, Du hast den König – aber nein, nein! Nicht ein Wort mehr, bevor Du Deine Chocolade getrunken hast. Tante Sara zog sich die seidene Decke höher auf die Kniee, lehnte sich wieder in ihre Ecke zurück und schirmte ihre schwachen Augen gegen das Licht, um Silvia's Gesicht besser betrachten zu können. Der Ausdruck desselben gefiel ihr gar nicht. Die niedergeschlagenen Wimpern verriethen Mißmuth, zum wenigsten Unbehaglichkeit, um den Mund lag ein Zug von Trauer, aber auch von Festigkeit, ja Starrheit, der Tante Sara noch nie so bedenklich aufgefallen war. Sollte sie ihr den Brief von Miß Jones vielleicht lieber gar nicht zeigen? Aber das würde nichts helfen – im Gegentheil, irgend eine Nachricht aus dem freiherrlichen Hause war besser, als die unbestimmte Sorge. Und nun zu den Geschäften, Kind, sagte Tante Sara entschlossen; da unter den Briefen liegt einer an Dich; von Miß Jones, wie der Bediente sagte, der ihn brachte. Aber, mein Gott, Kind, was ist Dir? Silvia hatte schnell das Couvert erbrochen. In demselben befand sich ein noch geschlossener Brief vom Vater in einem Blatt, auf dem von Miß Jones' Hand in englischer Sprache folgendes stand:   »Ich habe die Ehre, Fräulein Silvia den beifolgenden Brief ihres Vaters zu übersenden. Da derselbe jedenfalls die Trauernachricht enthalten wird, die ich bereits gestern telegraphisch von Tuchheim erhalten hatte und Ihnen, um Sie zu schonen, persönlich überbringen wollte – eine Vorsicht, die, wie ich jetzt sehe, wohl jedenfalls unnöthig war – so habe ich Ihnen nur mein größtes Bedauern und meine tiefste Indignation über einen Schritt auszudrücken, von dem ich nur sagen kann, daß er Ihrer in jeder Beziehung unwürdig ist, und mich zu unterzeichnen als Ihre ergebenste Ethel Jones.«   Kind, was ist Dir? wiederholte die Tante, da Silvia's Hände immer heftiger zitterten. O, nichts; – nichts wenigstens, worauf ich nicht hätte gefaßt sein müssen! rief Silvia, während der Zorn aus ihren Augen blitzte und auf ihren Wangen brannte. Derselbe engherzige Quäkergeist, der sich vor Allem, was nicht gewöhnlich ist, bekreuzigt, weil er es nicht zu fassen vermag; derselbe Geist, mit dem sie mich schon so viel gequält haben! Und Silvia warf das Blatt heftig auf den Tisch und brach in Thränen aus. Darf ich es lesen? sagte Tante Sara mit feinem Lächeln, ich bin keine Quäkerin. Wenn Du willst, sagte Silvia, schnell ihre Thränen trocknend; wir sind am Ende nicht verantwortlich für die Engherzigkeit Anderer. Gewiß nicht, erwiederte Tante Sara, das Blatt, nachdem sie es gelesen, wieder auf den Tisch legend; und doch thut es mir – nicht meinethalben, aber Deinethalben thut es mir leid, die Veranlassung gewesen zu sein, daß diese Dame so an Dich zu schreiben wagen durfte. Sehr, sehr leid! Nein, nein, Tante, und tausendmal nein! rief Silvia. Es soll Dir nicht leid thun, es soll mir nicht leid thun. Welcher Mensch hat das Recht, über einen anderen den Stab zu brechen, ohne ihn auch nur gehört zu haben! Das ist einfach Tyrannei. So haben sie es mit Leo gemacht; so machen sie es jetzt mit mir. Ich habe geahnt, daß es so kommen würde, eben noch; nun bin ich froh, daß es gekommen ist. Du wirst diesen kühnen Muth brauchen, liebes Kind, sagte Tante Sara nachdenklich; Fesseln, die man Jahre lang getragen hat, hat tragen müssen, brechen nicht auf einmal. Da ist noch ein Brief. Ich habe die Handschrift Deines Vaters lange nicht gesehen, doch weiß ich, daß er von Deinem Vater ist. Er wird Dir den Tod des Freiherrn melden, dessen Veranlassung Dich erschüttern wird. Ich hatte heute Morgen schon auf anderem Wege Nachricht von dem tragischen Fall. Mit starren Augen blickte Silvia die Tante an. Der Freiherr also wirklich todt – war denn die ganze Welt aus den Fugen? Sieh doch, was der Vater schreibt, sagte Sara, als Silvia sie noch immer wie abwesend anstarrte. Mechanisch erbrach Silvia den Brief und las, dann ließ sie das Blatt in den Schooß sinken und blickte wieder regungslos vor sich nieder. Tante Sara fand dieses Benehmen sehr unheimlich; sie fragte sich, ob das Mädchen wohl oft so sei? und ob sie nicht vielleicht doch, Alles in Allem, besser thue, die ganze Sache aufzugeben. Darf ich den Brief lesen? fragte sie in ihrem mütterlichsten Tone und nahm, als Silvia eine Wiederholung selbst dieser Frage unbeantwortet ließ, den Brief. Der Brief lautete:   »Mein liebes Kind! Es war wohl nicht recht von Walter, daß er Dir nicht gleich die ganze furchtbare Wahrheit mitgetheilt hat, ich würde Dich dann ganz gewiß, während Du dies liest, in meinen Armen halten und mit Dir weinen über den Tod des gütigsten Herrn. Fräulein Jones, an die Walter eben ausführlich schreibt (er hat heute Morgen gleich an sie telegraphirt), wird Dir Alles mittheilen. Ich kann es nicht, mein Herz ist zu tief betrübt. Uebermorgen früh wollen wir ihn der Erde übergeben. Du fährst am besten mit dem Mittagszuge. Wärest Du erst hier! Im grünen Walde heilen die Wunden am besten.«   Tante Sara legte den Brief leise auf den Tisch; Silvia hatte noch immer den Ausdruck nicht verändert. Tante Sara wußte durchaus nicht, wie sie das sonderbare Mädchen in diesem Augenblicke zu nehmen habe, und fühlte sich deshalb sehr erleichtert, als Silvia, mit dem Haupte nickend, sagte: Wie würde ich weinen um diesen Mann, wenn sie es nicht von mir erwarteten, wenn sie meine Thränen nicht controlirten! Wie werde ich noch einst um ihn weinen! Jetzt kann ich es nicht. Es ist so dumpf hier und hier (sie zeigte auf die Stirn und das Herz), sie wollen mir mein Eigenstes, mein Bestes rauben. Was hätten sie dann von mir? Dann könnten sie mich auch nur sterben lassen. O, mein Kind, rief Tante Sara, das habe auch ich an mir erfahren. Dein Schicksal ist dasselbe Schicksal, das auch mich traf! Aber davon ein andermal. Jetzt gilt es, einen Entschluß fassen. Dein Vater erwartet Dich. Du sollst mit dem Mittagzuge fahren; es ist bereits halb zehn. Es läßt sich wohl noch machen, aber wie es nun mit Leo werden soll, ich weiß es nicht. Tante Sara's Gesicht hatte den Ausdruck tiefster Niedergeschlagenheit. Ich denke, wir dürfen seinetwegen ruhig sein, sagte Silvia; der König hat mir versprochen, daß er sich seiner erinnern will; und sie erzählte der Tante, was gestern Abend zwischen ihr und dem Könige gesprochen worden war; nur daß sich der König darauf die Hand hatte geben lassen, daß er sie wiedersehen werde, verschwieg sie. Tante Sara lächelte. Du bist ein kluges Mädchen; was gäbe manche Hofdame um Deinen Geist, Deine Schlagfertigkeit! Wie sehr der König, der selbst so voll Geist ist, diese Gaben bewundert, das zeigt dies Billet, das ich vor einer halben Stunde empfing. Sieh selbst! Sie gab das Briefchen des Königs an Silvia und freute sich der lebhaften Röthe, die die Wangen des jungen Mädchens färbte, während sie die Zeilen überflog. Da steht, wenn ich mich nicht irre, auch etwas von einem Versprechen, das Du gegeben hast. Was ist es damit, liebe Silvia? Mir däucht, Du erwähntest nichts davon? Tante Sara hatte das so ruhig gefragt, dennoch erröthete Silvia noch stärker und erwiederte zögernd: Ich erwähnte des Umstandes nicht, weil ich nicht wußte, wie ich es sagen sollte, ohne daß es albern herauskäme. Der König hoffte, er werde mich wiedersehen. Ich habe das für eine höfliche Phrase gehalten und nehme es auch jetzt noch dafür. Die Tante schüttelte den Kopf. Du kennst den König nicht; er hat den Geist eines Mannes und das Herz eines Knaben. Was er liebt, liebt er ausschweifend; was er wünscht, wünscht er heftig, und wehe, wenn seinen unschuldigen Wünschen – denn er ist im Grunde das unschuldigste Gemüth, das es geben kann – nicht Rechnung getragen wird! Dann kann er in seiner knabenhaften Heftigkeit Dinge thun, die er über kurz oder lang noch immer bereut hat; aber geschehen ist geschehen, besonders bei Königen, und die Reue kommt meistens zu spät. Er interessirt sich für Dich. Laß ihn heute Abend kommen und Dich nicht finden – ich wiederhole es, ich weiß nicht, wie das werden soll. Aber, Tante, er hat es versprochen! A boy's will is the wind's will sagte Tante Sara; ich kenne ihn besser, als irgend ein Mensch auf der Welt. Ich würde tief betrübt sein, wenn Du in diesem Falle Recht hättest. Ein Knabe würde einen Mann wie Leo schwerlich begreifen. Ich sage Dir, daß dieser Knabe den Kopf eines Mannes hat; vielleicht ist gerade diese Mischung so entgegengesetzter Eigenschaften genau diejenige, die sich Leo bei einem Fürsten, auf den er Einfluß gewinnen will, wünschen muß. Silvia war nicht überzeugt, aber sie schwieg, um die Tante nicht zu verletzen. In diesem Augenblicke brachte Lisette auf silbernem Präsentirteller einen Brief herein: Von Seiner Majestät. Es ist gut. Du kannst die Sachen fortnehmen, oder laß sie doch lieber noch etwas stehen, ich habe mit meiner Nichte zu sprechen. Das ist seltsam, sagte Tante Sara, diesmal selbst aufrichtig erstaunt; zum zweitenmal binnen zwei Stunden! – Nun, das ist's ja! Eben wollte ich davon zu sprechen anfangen. Da siehst Du, ob er sich für Dich interessirt und ob es ein feiner Kopf ist! Ich verstehe dies nicht, sagte Silvia, in das Billet blickend, das weiter nichts als die Worte enthielt: »Der Tuchheimer Fall kommt sehr ungelegen, sage das Deiner Nichte.« Und kannst es nicht verstehen, erwiederte die Tante, weil Dein Bruder Dir die Wahrheit verschwiegen, Dein Vater sich auf Miß Jones verlassen und Miß Jones es für gut befunden hat, Dich wieder zu schonen, wie sie es ja wohl nennt. Der Freiherr – ich weiß es aus einem Briefe, den ich heute Morgen vom General Tuchheim, meinem langjährigen Freunde, erhielt – ist – erschrick nicht, armes Kind! – im Duell gefallen, in einem Duell mit dem Oberstlieutenant von Hey, und die Veranlassung des Duells sind die Arbeiterwirren in Tuchheim, in denen der arme Freiherr leidenschaftlich die Partei der Arbeiter und der Andere nicht minder heftig die entgegengesetzte Partei ergriffen hatte. Nun weiß ja aber alle Welt – so schreibt der General – daß jene Arbeiterunruhen ohne Leo's Agitation niemals diese gefährliche Höhe erreicht haben würden. Du siehst doch also, liebes Kind, wie Recht der König hat, wenn er sagt, daß dies sehr ungelegen komme. Nicht ganz, erwiederte Silvia. Aber bedenke doch nur, liebes Kind! Ein Mann von der Bedeutung des Freiherrn fällt von der Hand des Bruders unseres Ministerpräsidenten in einem Streit, dessen moralischer Urheber in diesem Augenblicke im Gefängnisse sitzt. Hältst Du einen solchen Moment wirklich für sehr geeignet, daß der König diesem Manne seine Gnade zuwendet und seinethalben den Gang der Gerichte unterbricht? Silvia vermochte nichts zu erwiedern. Die Nachricht vom Tode des Freiherrn war ihr erst jetzt zur Schreckensnachricht geworden. Bleich, verstörten Antlitzes saß sie da, mit der ganzen Energie ihres Wesens danach ringend, sich von diesen Eindrücken nicht überwältigen zu lassen, sich der Freiheit, die sie für sich beanspruchte, würdig zu erweisen. Sie durfte der Tante nicht die ganze Arbeit aufbürden, durfte sich nicht Alles, was Leo betraf, von ihr vordenken lassen. Sie war gestern mit dem beseligenden Gefühle, Leo's Schicksal in der Hand gehabt und wie ein Heiligthum bewahrt zu haben, eingeschlafen; sollte das Glück so bald zu Ende sein? Weshalb war der Kopf der Tante klar? Auch sie mußte können, was die Tante konnte. Indessen, fuhr Tante Sara fort, die Sache ist noch viel verwickelter, wenn ich die Nachrichten, die ich eingezogen habe und für deren Richtigkeit ich mich verbürgen zu können glaube, in Erwägung ziehe. Ueberhaupt, liebes Kind, sollte man in solchen Fällen, vielleicht in keinem Falle von einer Sache sprechen; es sind immer die Personen, um die es sich handelt. Die muß man kennen, und die Motive, aus denen heraus sie handeln, muß man kennen – dann weiß man Alles, was man zu wissen braucht. Danke dem Himmel, Kind, daß Du eine alte, welterfahrene Tante hast, die zwar auf einem Ohr taub und auf beiden Augen halb blind ist, die aber nichtsdestoweniger mehr hört und sieht, als die meisten Menschen mit ihren gesunden Sinnen. Ich habe also, um kurz zu sein, bestimmte Kunde, daß die schlimmsten Feinde Leo's keineswegs da sind, wo Du sie suchst. Die Herren Liberalen mögen schlecht auf ihn zu sprechen sein, aber von dem, was die Menschen über uns reden, stirbt man nicht. Leo hat noch ganz andere Leute beleidigt; Leute, die nicht schwatzen, sondern handeln, und diese Leute haben ihn zu Fall gebracht. Ich weiß nicht, liebes Kind, ob Du von einem gewissen Briefe des Prinzen gehört hast, der, ich weiß nicht wie, in Leo's Hände gekommen ist und den Leo veröffentlicht hat. Dieser Brief – ich habe ihn, wie Du Dir denken kannst, nicht gelesen – soll furchtbare Dinge enthalten, die den Prinzen in den Augen des Publikums tief herabsetzen, und der Prinz soll seit der Zeit ganz außer sich sein. Er hat geschworen, daß der Mann, der ihm diesen Streich gespielt hat, dafür gestraft werden soll; und solche hohe Herren, liebes Kind, finden immer Leute, die für sie die Kastanien aus dem Feuer holen. Der Helfershelfer des Prinzen aber ist kein anderer, als der junge Baron Tuchheim. Du wirst mir ja am besten sagen können, ob es wahr ist, daß die Beiden, der Leo und der Henri – er heißt ja wohl Henri? – sich niemals haben leiden können; neuerdings soll ihm nun Leo auch noch in der Gunst der Tochter des Bankiers von Sonnenstein den Rang abgelaufen haben, und dazu die Rolle, die Leo in dem Streit zwischen dem Bankier und dem verstorbenen Freiherrn gespielt hat – mit einem Worte, Henri hat nicht weniger Interesse daran gehabt, als der Prinz selbst, Leo unschädlich zu machen, und ist deshalb auf die Insinuation des Prinzen, dessen geschworener Anhänger er ist, bereitwilligst eingegangen. Ein Individuum, das die gröbere Arbeit übernahm, fand sich natürlich auch – und so mit des Prinzen Gelde und mit Hilfe jenes Individuums hat Henri von Tuchheim glücklich jenen Tumult zu Stande gebracht, der die ostensible Veranlassung von Leo's Verhaftung geworden ist. Tante Sara hatte, während sie so sprach, Silvia immerfort scharf beobachtet. Sie hatte gesehen, wie es in dem beweglichen Antlitze des jungen Mädchens zuckte, als sie Emma's von Sonnenstein erwähnte, wie ihre Unruhe von Secunde zu Secunde wuchs. Tante Sara war mit dem Eindrucke, den sie hervorgebracht hatte, sehr zufrieden und fuhr in zuversichtlicherem Tone fort: Wie gesagt, liebes Kind, es kommt in solchen Dingen immer zuerst darauf an, die handelnden Personen zu kennen. Die zweite Aufgabe ist dann, die so erlangte Einsicht klar und tapfer für die eigenen klar erkannten Zwecke auszubeuten. Laß uns sehen, was hier zu machen ist. Offenbar ist uns der Umstand, daß weder der Prinz noch Henri sich offen zu ihrer That bekennen können, sehr günstig; der König braucht keine Rücksicht auf seinen Vetter zu nehmen, wenn er nicht will, und nun ist der Humor von der Geschichte, daß ihm die ganze Brief-Affaire sehr gelegen gekommen ist. Der König haßt den Prinzen, und er hat – unter uns – alle möglichen Ursachen dazu. Die Veröffentlichung des Briefes hat ihm – ich weiß das aus den besten Quellen – die größte Freude gemacht. Er hat sich, als er den Brief gelesen, einmal über das andere die Hände gerieben und gerufen: Geschieht ihm recht, geschieht ihm ganz recht! Er, wie jeder Eingeweihte, hat keinen Augenblick an der Echtheit des Briefes gezweifelt. Erfährt er nun, daß Leo es war, dem er diese Freude verdankt – und das muß unsere Sorge sein – so wird er sich über die Rücksichten, die er jetzt auf das Publikum nehmen zu müssen glaubt und die ihn, wie sein zweites Billet zeigt, für den Augenblick bedenklich machen, gern hinwegsetzen. Der König hat ein romantisches Gemüth. Das Geheimniß – die Intrigue, um es genauer zu sagen – üben einen unwiderstehlichen Zauber auf ihn aus. Ein Agitator, der sein Geschäft auf offenem Markte betreibt, könnte ihm nur unter ganz besonderen Umständen imponiren; vor einem Manne aber, der in aller Stille, mit kluger Berechnung eine Mine gräbt, die seinen Feind in die Luft sprengt, zieht er unter allen Umständen den Hut. Von jenem würde er, wenn er ihm wohlwollte, sagen: Laßt ihn laufen! von diesem aber: Den Mann muß ich kennen lernen. Das sind meine Calculationen, liebes Kind, und ich hoffe, ich werde die Rechnung nicht ohne den Wirth gemacht haben. Tante Sara lehnte sich mit einer Erschöpfung, die halb wirklich und halb fingirt war, in ihre Ecke zurück. Sie wollte Silvia Zeit lassen, die lebhaften Eindrücke, die sie empfangen, zu verarbeiten; sie wollte die Wirkung ihrer Mittheilungen, von der sie sich sehr viel versprach, erst einmal abwarten. Sie hatte keine Ahnung, daß diese Wirkung das genaue Gegentheil von dem war, was sie erwartete. Silvia war zwar durch Alles, was sie eben gehört, auf das Aeußerste bestürzt. In ihrer Bestürzung vergaß sie sogar zu bemerken, wie wunderbar es doch eigentlich sei, daß Tante Sara in dem Laufe weniger Stunden so viele und so detaillirte Nachrichten über eine Angelegenheit, von der sie vorher so gut wie gar nichts gewußt, hatte einziehen können; daß sie, die niemals Zeitungen zu lesen behauptete, binnen so kurzer Zeit so tiefe Blicke in das Getriebe der Parteien hatte thun können. Aber Silvia war noch viel mehr verletzt, als bestürzt. Die heroische Tragödie, deren Held Leo in ihren Augen war, in ein gewöhnliches Intriguenstück verwandelt zu sehen, beleidigte ihre hochgespannten Empfindungen auf das Grausamste. Sie hatte von jenem Briefe natürlich in den Zeitungen gelesen, sie hatte oft in der Gesellschaft davon sprechen hören, aber sie hatte die Behauptung, daß Leo der Herausgeber dieses Documentes sei, stets zu den Verdächtigungen gerechnet, mit denen man ihn verfolgte. Und was hatte Emma von Sonnenstein, die eitle, oberflächliche Emma, in diesem Kampf der Männer zu thun? Eine herrliche Helena, fürwahr, und werth, daß ihrer Koketterie ein Mann wie Leo zum Opfer fiel! Von wem dahingestreckt? Von Henri, dem Stutzer! Und dergleichen Erbärmlichkeiten, die noch dazu – und Gott sei Dank! – erfunden waren, sollten dem geistvollen Könige mehr imponiren, als die großen Ideen, für die Leo in den Kampf gegangen war? Wenn das sich Alles so verhielt, dann wahrlich beging sie ein Verbrechen, wenn sie ihre ganze Theilnahme, all' ihr Denken, ihr Sinnen, ihre ganze Seele diesem Einen Mann und seiner Sache zuwendete; aber sie wußte es besser. Was konnte Leo dafür, daß in engen Köpfen sein Riesenwerk zu einem Pygmäenspiel wurde! Es war ja immer seine gerechte Klage gewesen, daß ihn die Menschen nicht verstanden. Sie hatten es vorher nicht gethan, weshalb sollten ihnen jetzt die Augen aufgegangen sein? Freilich, die Tante meinte es gut! Aber wehe Leo, wenn ihr und Menschen, die wie sie dachten, die Entscheidung seiner Sache in die Hand gegeben war! Und in dieser Stunde, in der sich wohl sein Schicksal, das Schicksal seiner gerechten Sache, vielleicht für immer entschied, sollte sie die Stadt, sollte sie ihn verlassen! Sollte aus der Ferne ruhig zusehen, wie die Tante, bei dem besten Willen zu helfen, alles schon Errungene wieder in Frage stellen, vielleicht dem hochherzigen, jugendlichen Könige durch dieses Hineinziehen von lauter Persönlichkeiten jede directe Einmischung gründlich verleiden würde? Wer konnte das von ihr verlangen? Wer verlangte das von ihr? Doch nur Solche, die schlechterdings keine Ahnung von dem hatten, um was es sich handelte, keine Ahnung davon, daß für sie Alles, Alles auf dem Spiele stand! In einer entsetzlichen Aufregung erhob sich Silvia und schritt in dem Gemache auf und ab. Sie trat an's Fenster und blickte – zum erstenmale – auf den herrlichen Platz vor dem Schlosse mit den Prachtgebäuden, die ihn weit umgaben und deren Säulen und Bilderschmuck die Frühlingssonne vergoldete. Da unten hatte sie mit Leo gestanden in dunkler Nacht und hinaufgeschaut zu eben diesen Fenstern, und jetzt, wo sie fast das Ziel des Weges, welches damals noch unabsehbar in der Ferne winkte, erreicht hatte – jetzt sollte sie Halt machen, sollte wieder umkehren in die alte, drückende Enge des Empfindens, Denkens und Wirkens? Sie wendete sich wieder vom Fenster ab. Dort war die Stelle, wo sie mit dem Könige gesprochen hatte, gestern Abend, als er ihre Hand mit herzlicher Wärme drückte und sich von ihr sagen ließ, daß er sie wiedersehen werde. Was hatte den König bewogen, so zu reden, was, als die Ueberzeugung, die ihm wohl selten genug kommen mochte, mit einem Menschen zu sprechen, der keine Menschenfurcht kannte, der einfach das sagte, was er fühlte, dachte – nichts mehr und nichts weniger. Wie denn? Gehörte sie sich noch selbst? Oder war sie nicht vielmehr ein Werkzeug jener höchsten Macht, die über den Geschicken der Menschheit waltet und zur Ausführung ihrer erhabenen Zwecke so Viele braucht und so Wenige findet, nur die findet, die ihr Ohr und ihr Herz nicht verschließen, sondern, wenn der Ruf an sie ergeht, in Demuth sprechen: Hier bin ich! Tante Sara! Mein liebes Kind! Ich möchte dem Könige schreiben! Gott segne Dich! rief Tante Sara, die nicht recht wußte, wie sie diesen neuesten Einfall ihrer Nichte nehmen sollte. Ich habe so viel auf dem Herzen, fuhr Silvia fort, so viel, was ich ihm noch nicht gesagt habe, wovon ich noch nicht weiß, ob ich es ihm werde sagen können, selbst in dem ungewissen Falle, daß ich ihn wiedersehe, so viel, was ich ihm sagen muß, bevor es zu spät ist. Er ist so gut und so gütig; er wird menschlich mild dem unerfahrenen Mädchen ihre Kühnheit verzeihen. Hat doch der Geringste im Volke das Recht, sich als Bittender dem Throne zu nahen, und ich will ja nichts für mich! Nicht wahr, Tante Sara, er wird mich anhören? O gewiß, gewiß wird er das! rief Tante Sara, die noch immer nicht wußte, ob sie besser thäte, Ja oder Nein zu sagen. Das heißt, ich glaube, daß es sich machen lassen wird. Ich bin in diesem Punkte wirklich nicht ganz sicher – ich habe noch nie an ihn geschrieben – so viel ich weiß, liest der König das Einlaufende nicht selbst – man müßte natürlich Jemanden haben, von dem man überzeugt wäre, daß er es in des Königs eigene Hände gäbe – indessen, das wird sich machen lassen – ich muß mir erst den Fall ein wenig überlegen. Und Tante Sara lehnte sich in ihre Ecke und bedeckte sich die Augen mit der flachen Hand. Sie hatte aber kaum diese sichernde Stellung eingenommen, als Lisette eine Visitenkarte hereinbrachte und ihrem Fräulein, während sie dieselbe übergab, einige Worte in's Ohr flüsterte. Tante Sara schnellte wieder auf und sagte hastig: Einen Augenblick warten! und dann zu Silvia: Kind, das ist ein glücklicher Zufall! Der General von Tuchheim, der recht krank war, läßt sich melden und schreibt mir hier (sie deutete auf die Karte), daß er in einer Stunde zum Könige berufen sei. Wenn Einer Deinen Brief übergeben kann, so ist es dieser mir ganz ergebene Freund. Geh, mein Kind, und schreib', Du brauchst Dich nicht zu übereilen, ich habe viel mit dem General zu besprechen, ich will ihn ganz in Deine Gedanken einweihen, Dein Brief wird das Uebrige thun. In der Schlafstube auf dem Schreibtische findest Du Alles – Du weißt ja – geh' mit Gott, mein süßes Kind! Sie zog Silvia an sich und drückte ihr einen Kuß auf die Stirn. Silvia verließ das Zimmer. Tante Sara blickte ihr mit einem bösen Lächeln nach, dann legte sie den Finger auf den Knopf der silbernen Glocke. Plötzlich besann sie sich eines Andern. Die Phantastin könnte eben so leise Ohren haben, als sie helle Augen hat. Sie erhob sich und hinkte, auf den Stock gestützt, durch das weite Gemach. Als sie die Thür zum anderen öffnete, kam ihr der General bereits entgegen. Bitte, bleiben wir hier! sagte Tante Sara. Neuntes Capitel. Habe ich endlich einmal das Vergnügen? fuhr Tante Sara fort, indem sie auf einem der Sophas Platz nahm und den General mit einer Handbewegung einlud, sich zu ihr zu setzen; welchem Umstande verdanke ich denn die hohe Ehre? Wozu der spottende Ton, liebe Sara? sagte der General, und weshalb die Frage? Sie wissen, daß ich krank bin und das Zimmer nicht verlassen haben würde, wenn mich der König nicht hätte rufen lassen. Der General sah in der That so grau und verfallen aus, daß kein Unbefangener an der Wahrheit seiner Behauptung gezweifelt haben würde. Nichtsdestoweniger rief Tante Sara höhnisch: Sie wissen? Weiß sie wirklich? O ja, sie weiß! Nun ja, Sie wissen! entgegnete der General; wenn Sie es noch nicht wissen, daß ich es aufrichtig meine, würden Sie allen meinen heiligsten Versicherungen ebensowenig trauen. Ganz richtig! Den Leuten allzusehr trauen, ist gar nicht meine Sache. Aber was in aller Welt haben Sie mir vorzuwerfen? rief der General; ich habe Sie von Allem unterrichtet – brieflich, da ich es mündlich nicht konnte. Sagen Sie lieber, nicht wollte. Und ich will Ihnen auch sagen, warum. Weil Sie wieder einmal hinter meinem Rücken gehandelt hatten, weil Sie wieder einmal hätten eingestehen müssen, daß Alles, was Sie auf diese Weise unternehmen, dummes Zeug ist, und schlimmer als das. Ich dulde diesen Ton nicht länger, rief der General, trotz seiner Gebrechlichkeit heftig vom Sopha auffahrend. Bleiben Sie sitzen, mon cher , und alteriren Sie sich nicht! Ich will Ihnen beweisen, daß ich Recht habe. Wer ist es, der stets gegen die Affenliebe gepredigt hat, mit der Sie Ihren Herrn Sohn behandeln? der Ihnen stets prophezeit hat, es werde Sie noch einmal gereuen? Es ist Ihr Sohn, wie es mein Sohn ist, murmelte der General. Unterbrechen Sie mich nicht! Ich habe Ihnen von der ersten Stunde an gerathen, Sie sollten den Jungen irgendwo weit weg thun, damit er uns nicht einmal zur ungelegenen Zeit in den Weg liefe. Ihr mildes Herz konnte sich natürlich nicht dazu entschließen. Sie mußten ihn in Ihrer Nähe hoben, mußten ihn sich zum Vertrauten – zu Gott weiß was Allem erziehen; bildeten sich nicht wenig darauf ein, als Sie ihn endlich beim Prinzen placirt hatten. Und was ist die Folge? Daß der Junge aus dem Dienst gejagt wird und Sie froh sein können, wenn der getreue Berichterstatter bei der Gelegenheit nicht aus der Schule plaudert, die er in Ihren Bureaux durchgemacht hat. Das ist doch nicht meine Schuld, sagte der General achselzuckend. Kommt Nummer zwei, fuhr Sara fort; ich habe Ihnen hundertmal gerathen, Sie sollten diesen Lipperts nicht weiter trauen, als eben unumgänglich nöthig war. Sie haben nie hören wollen und werden es noch einmal fühlen. Seien Sie froh, daß die dumme Trine von Frau gestorben ist, ohne geplaudert zu haben, wenn sie nicht geplaudert hat. Und wollten Sie wirklich den alten, schlauen Fuchs von Lippert nicht dahinter kommen lassen, daß Ferdinand nicht Falkenstein's, sondern Ihr Sohn ist, hätten Sie den Jungen die Person heirathen lassen sollen. Was ging das Sie an? Sie haben Ferdinand nie gesehen, begann der General in dumpfem Tone. Und will ihn nicht sehen, – rief Sara, heftig mit ihrem Stock auf die Decke stampfend. Ich wünsche es jetzt kaum noch, fuhr der General fort; ich wollte nur sagen, wenn Sie ihn gesehen hätten in seiner Jugendblüthe – den schönsten Jüngling, den meine Augen je erblickt haben – vielleicht hätten Sie ihn geliebt, wie ich ihn liebte und – liebe. Ich konnte es nicht über's Herz bringen, ihn diesem Mädchen zu lassen, das nichts Besseres als eine Dirne ist. Werden Sie nicht sentimental, mein Lieber, sagte Tante Sara, Sie stecken mich sonst mit Ihrer Rührung an und machen mich glauben, daß Ihnen wirklich in erster Linie um eine brave Frau für Ihren Herrn Sohn, und nicht vielmehr um eine brave Maitresse für den Prinzen zu thun war. Was gilt die Wette, Sie hätten, wenn's nur gegangen wäre, am liebsten die beiden Fliegen mit Einer Klappe geschlagen? Sie werden mit jedem Tage cynischer, sagte der General, sich unwillig abwendend. Unter alten Freunden, wie wir, kommt es auf den Ausdruck nicht so sehr an. Also zugegeben! Nur wäre doch aber wenigstens zu wünschen gewesen, daß sich die glücklich Liebenden nicht so sehr bald satt bekommen hätten. Wie ließ sich das voraussehen, rief der General ärgerlich. Schämen Sie sich nicht, sich selbst ein so schlechtes Zeugniß auszustellen? Ein so alter Meister im Handwerk! und so jämmerlich zu pfuschen! Pfui! Nun ja, sagte der General, ich hätte vielleicht vorsichtiger sein können, und, um Ihnen nicht Böses mit Bösem zu vergelten, will ich nur wünschen, daß Ihnen Ihr Plan, auf den Sie sich so viel zu gute zu thun scheinen, nicht schlechtere Früchte trägt. Das lassen Sie meine Sorge sein. Der General schwieg ein paar Augenblicke, während derer er älter und verfallener aussah, als je; dann wendete er sich zu Sara und sagte, indem er den stechenden Blick derselben auszuhalten versuchte: Sie werden mir zugeben, liebe Sara, daß ich Ihre wahrlich nicht im freundlichsten Tone gemachten Vorwürfe mit der größten Geduld hingenommen habe, daß ich diesmal, wie immer, Ihnen Recht gegeben habe, wo sie Recht hatten. Nun hören Sie aber auch mich ruhig an, wenn ich Ihnen sage, was ich gegen Ihr neues Project auf dem Herzen habe. Es gefällt mir, offen gestanden, ganz und gar nicht. Tante Sara hatte ihre defensive Stellung in der Ecke eingenommen. Warum nicht? rief sie kurz und scharf. Lassen Sie mich mit ein paar Fragen antworten. Welchen Grund haben Sie, diesen Plan, der doch ein ganz zufälliger ist, mit solchem Eifer zu betreiben? Vielleicht eben, weil er ein zufälliger ist und ich zu den Leuten gehöre, die einen glücklichen Zufall auszunutzen verstehen. Das ist keine Antwort, liebe Sara. So will ich deutlicher sein. Der König wird mit jedem Tage anspruchsvoller, launenhafter; ich dächte, das wüßten Sie selbst am besten; zum wenigsten kann ich Sie versichern, daß er sich noch vorgestern Abend über die Abnahme Ihres Witzes in Ausdrücken ergangen hat, die für das Ohr einer alten Freundin etwas tief Verletzendes hatten. Aber beruhigen Sie sich, wenn Ihnen das eine Beruhigung ist; er macht es mit mir nicht besser; meine besten Späße verfangen nicht mehr, und ich sehe die Stunde kommen, wo er mich eine alte Bête nennt und mir den Stuhl vor die Thüre setzt. Diese Stunde möchte ich nun so weit wie möglich hinausschieben – ich fühle mich ziemlich behaglich in diesen Räumen, und wenn ich auch jetzt, Gott sei Dank, nicht gerade mehr auf die Gnade Seiner Majestät angewiesen bin, so macht es mir Spaß, alle Leute vor mir kriechen zu sehen; enfin , ich will noch nicht abdanken. Da ich nun meine Stellung nicht mehr wohl allein behaupten kann, muß ich eine Gehilfin haben. Sie haben selbst seinerzeit sehr darauf gedrungen, und es ist ja auch jahrelang recht gut gegangen. Nun aber ist es nicht meine Schuld – ich hatte nur die unschuldige Kindheit Seiner Majestät zu übermachen! – daß die spiritualistische Natur bei unserem Herrn so sehr früh die Oberhand über die materialistische Seite seines Wesens gewinnt. Die äußere Schönheit zieht ihn nur noch wenig an. Aeußere Schönheit ist eben nur ein Bild, und ein so feiner Kunstkenner ermangelt nicht, gar bald die Fehler an dem Bilde herauszufinden. Meine letzte Gesellschafterin – Sie werden mir das zugeben – war ein auffallend schönes Mädchen, überdies Italienerin – also eine Tochter des von ihm so geliebten Landes – ich hielt sie drei Tage lang für eine wahre Acquisition, bis am vierten Seine Majestät fragten, ob ich gewiß wüßte, daß die junge Dame aus Florenz, und nicht aus Rom wäre. Weshalb, Majestät? – Weil ich schwören möchte, eine von den capitolinischen Gänsen sei ihre Großmutter gewesen. – Nun gestehen Sie selbst, mein Lieber, dergleichen Witze, wenn sie auch sehr billig sind, schmerzen aus so erhabenem Munde. Dies ewige Suchen nach einer beauté , die immer nur so kurze Zeit vorhält, langweilte mich, mein Lieber, und brachte mich in den unverdienten Ruf einer Xantippe, da ich doch irgend einen Vorwand haben mußte, die dummen Dinger wieder wegzuschicken. Nun führt mir der Zufall dieses Mädchen zu, das wie geschaffen für die Rolle ist: jung, aber nicht mehr so sehr, um nicht ihre Erfahrungen zu haben; klug, geistreich, gebildet, gewandt in jeder Beziehung und dabei so ahnungslos, daß ich sie schon manchmal in Verdacht gehabt habe, eine ganz durchtriebene Kokette zu sein. Und einen solchen Ausbund soll ich gehen lassen, nachdem ich ihn einmal habe? Daß ich eine Närrin wäre! Tante Sara lächelte höhnisch. Der General schüttelte den Kopf. Was wollen Sie denn? fuhr Sara fort, haben Sie nicht selbst vor neun oder zehn Jahren für den Gedanken, mir in meiner Nichte eine Freundin für mein gebrechliches Alter heranzuziehen, geschwärmt, mehr noch als ich? Kamen Sie nicht ganz betrübt zurück, daß Ihnen der Coup mißlungen war? Mußte ich Sie nicht selber trösten? Was sträuben Sie sich nun auf einmal gegen etwas, das Ihnen damals so glatt herunterging? Die junge Dame paßt nicht für die Rolle, die Sie ihr zugedacht haben. Und weshalb nicht? Ich habe sie mehr als einmal in der Gesellschaft gesehen und habe sie beobachtet, weil sie mich interessirte. Sie erschien mir stolz und hochmüthig und – Gerade deshalb paßt sie für mich, unterbrach Tante Sara den General. Warum kann ich die Gänse nicht brauchen? Weil sie dem König nicht imponiren. Sie hat ihm imponirt, sage ich Ihnen; gründlich hat sie ihm imponirt! Der König ist bezaubert im eigentlichsten Sinne. Es wird eine ganze Zeit dauern, bis er sich diesen Zauber weggewitzelt hat. Und dann? bedenken Sie doch, liebe Sara! Dieses Mädchen ist keine Person ohne Anhang, ohne Namen, möchte ich sagen. Man hat sie in der guten Gesellschaft gesehen, bewundert sogar. Es würde einen Eclat machen, den Sie doch wohl jedenfalls vermeiden möchten. Mein Gott, rief Tante Sara, was wollen Sie denn? Es soll ihr ja nichts geschehen. In einer Geßner'schen Idylle kann es nicht unschuldiger hergehen, als in unserer Theestunde. Und Ihre Familie, Sara? Ihr Bruder, der sein Kind lieber todt sehen wollte, als unter Ihrer Obhut? Sara's Gesicht nahm einen so bösen Ausdruck an, daß selbst der General davor erschrak. Er machte sich auf einen leidenschaftlichen Ausbruch gefaßt, aber Sara schwieg und nickte nur ein paarmal mit dem Kopfe, wobei sie hastig an der Unterlippe nagte. In der Uhr auf dem Kamin ihnen gegenüber fing es an zu rasseln und zu klingen; der Sensenmann schritt durch den Tempel und winkte dreimal mit der Sense. Tante Sara streckte die dürre Hand nach der Uhr aus und kreischte: Willst du still sein! Ich hoffe, daß ich die Freude habe, ihn noch vor mir sterben zu sehen. – Wissen Sie, was er von Ihnen will? sagte sie dann plötzlich, sich wieder zum General wendend. Nein; ich vermuthe: das Wenige von mir hören, was ich über den Tod meines armen Bruders weiß. Sara betrachtete den General mit höhnischer Miene. Sie fangen wirklich an, alt zu werden, liebe Excellenz, sagte sie. Sie machen ja nicht einmal mehr in den Personen, mit denen Sie sprechen, einen Unterschied. Glauben Sie denn, Sie könnten mir weismachen, daß Sie nicht im Grunde herzlich froh sind, diesen Bruder los zu sein, dessen Leben in letzter Zeit nur noch eine Kette von Dummheiten war? Glauben Sie, ich wisse nicht, daß Sie heute Abend wieder einen heftigen Anfall Ihres Unwohlseins haben werden, der Sie nöthigt, nach Tuchheim zu telegraphiren: Sie seien leider verhindert, morgen zum Begräbniß zu kommen? – Und was der König von Ihnen will, wissen Sie auch nicht? Dann muß ich es Ihnen wohl sagen. Er will von Ihnen hören, weshalb Sie ihm nicht den Rath gegeben haben, die Arbeiterdeputation von Tuchheim zu empfangen. Und um nun ganz kurz zu sein, cher ami , merken Sie sich Folgendes. Wenn Sie sich so gut, oder so schlecht Sie können, deshalb entschuldigt haben, wird der König von Leo Gutmann zu sprechen anfangen und fragen, ob Sie nicht meinten, daß dem jungen Manne Unrecht geschehen und daß man ihm eine Genugthuung schuldig sei. Haben Sie dies nun selbstverständlich mit allem Eifer bejaht und dabei die Briefaffaire recht geschickt einfließen lassen, so werden Sie begreiflich, sehr begreiflich finden, daß Seine Majestät den Wunsch äußert, sich einen Mann, von dem er nun schon so viel Interessantes gehört hat, in Person vorstellen zu lassen. Sie nehmen sich die Freiheit, anzudeuten, daß dies im gegenwärtigen Augenblicke seine Inconvenienzen haben dürfte, und wenn der König, wie sich von selbst versteht, in Folge Ihrer Bedenklichkeiten äußerst ungeduldig wird, kommen Sie auf den Einfall, Seiner Majestät vorzuschlagen, den jungen Mann an einem dritten Orte, vielleicht in Ihrer Villa,, zu sehen. Majestät wird den Einfall vortrefflich, und Sie werden hoffentlich, wenn Sie erst so weit sind, den übrigen Theil des Weges allein finden. Und noch Eins: die kleine Närrin schreibt eben drinnen an den König, um ihm den Leo noch einmal zu empfehlen. Es wird dummes Zeug sein, was sie vorbringt, aber es kann uns vielleicht doch nützen. Natürlich müssen Sie den rechten Moment abwarten, das interessante Schriftstück zu übergeben. Ich will sehen, ob sie fertig ist. Sara kam aus ihrer Ecke heraus. Aber, liebste Freundin, sagte der General, haben Sie sich auch wirklich – Alles bedacht! verlassen Sie sich darauf: Alles und Jedes. Ich will und muß das Mädchen haben, und kriege sie nicht ohne den Jungen. Können wir den Jungen nicht brauchen, geben wir ihm den Laufpaß; können wir ihn brauchen – und ich glaube, er wird vortrefflich einschlagen – desto besser. Ich bin im Augenblick wieder hier. Sara hinkte fort; der General blieb auf dem Sopha sitzen und stützte die schmale, hohe Stirn in die welke Hand. Ja, ja, sie hatte Recht, er wurde alt! Würde er sich sonst so widerstandslos von dieser Person, die er haßte, beherrschen lassen? Und doch, und doch! Er mußte thun, was sie wollte. Sein Einfluß beim Könige hatte eben so entschieden abgenommen, als der ihre gestiegen war. Und dann hatte sie schon oft die eclatantesten Proben von ihrem durchdringenden Scharfsinn, von ihrer tiefen Einsicht in die feinsten Eigenheiten des Charakters des Königs abgelegt – sollte sie sich diesmal so sehr verrechnet haben? Der General rieb sich die Stirn. Er dachte an seine neuliche Zusammenkunft mit Leo. Damals hatte er das Spiel in den Händen gehabt. Nun war er durch die merkwürdigste Verschlingung der Umstände gezwungen, zu thun, was er damals freiwillig hätte thun können. – Thor, alter blöder Thor, der ich bin! Und was soll ich jetzt Ferdinand sagen? Der General seufzte tief und stand vom Sopha auf. Nun, er wird sich, er muß sich beruhigen lassen. Er hat mich durch seine Heftigkeit erschreckt; er war ja ganz außer sich, der arme Junge, er, der sonst Alles so leicht nimmt. Der Zwischenfall mit der Eve verwirrte mich nun vollends. Er hörte Sara kommen und gab sich Mühe, seinen Mienen einen weniger bekümmerten Ausdruck zu geben; er wollte ihr die Freude nicht gönnen, zu sehen, wie sehr er litt. Sara kam herein, mit einem Brief in der Hand, lachend. Ganz, wie ich dachte! Das tollste Zeug, aber unendlich geistreich – gerade so, wie es sein muß, wenn es ihm gefallen soll. Es ist ein merkwürdiges Geschöpf! Hier! Und geben Sie der besten Freundin, die Sie haben, wenn Sie sie auch manchmal vergiften möchten, Nachrichten von Ihren Erfolgen. Brieflich, hören Sie? Man darf Sie heute nicht zum zweitenmale bei mir sehen. Und nun machen Sie, daß Sie fortkommen, Sie liebe, alte Excellenz! Sara lächelte huldvoll und streckte dem General die magere Hand entgegen. Der General machte einen Versuch, ebenfalls zu lächeln, entfernte sich dann aber sehr schnell. Sara blickte ihm, auf ihren Stock gestützt, nach und murmelte: Er wird wirklich recht alt. Zehntes Capitel. Der Professor Hartung ist noch bei Sr. Majestät, aber Majestät haben befohlen, daß Excellenz sogleich ohne Anmeldung vorzulassen sind, sagte der Oberkämmerer, dem General die Thür zum Cabinet des Königs öffnend. Als der General eintrat, wendete sich der König, der mit einem hochgewachsenen blonden Manne vor einem sehr großen Gemälde stand, das man auf einer Staffelei in die Nähe des Fensters gerückt hatte, mit Lebhaftigkeit um und rief: Nur immer 'ran, lieber Tuchheim! Sie kommen zur guten Stunde. Wer sagte denn, daß die Erbauung der Pyramiden kein malerischer Vorwurf sei? Nun sehen Sie mal, was unser Hartung daraus gemacht hat, und ganz in meinem Sinne. Wenn ich nicht zufällig wüßte, daß dies Hartung gemacht hat, möchte ich schwören, ich wär's gewesen. Der König rieb sich die Hände und schaute mit entzückten Blicken in das Bild. Dann wendete er sich wieder zum General und rief, indem er ihn beim Arme nahm und ein wenig seitwärts schob: Ja, mein Gott, wie stehen Sie denn! Sie pflegen sich doch sonst nicht im Lichte zu stehen! Hier kommen Sie her. Ist das nicht meisterhaft? Welche Technik! Und welche Composition! Großartig! Sehen Sie nur diese Gruppe hier links im Vordergrunde: der Pharao auf seiner Tragbahre im Sessel. Welch feiner Gedanke! Der ruhig thronende Herrscher, getragen von keuchenden Sclaven! Da haben Sie den ganzen Orient. Und welch einfaches Mittel, ihn so herausragen zu lassen aus dem Gewimmel der ihn umgebenden Krieger und Priester, aus dieser Mädchenschaar, die ihm mit Palmblättern Kühlung zuweht. Und welch ein Ausdruck in diesem Kopf! War es nicht Nero, der da sagte, daß er die Größe Egyptens nirgends tiefer empfand, als in den Pyramiden? Nun diese Größe, die dem Herrscher einer späteren Welt so tiefe Bewunderung abzwang, ist sie nicht gleichsam vorausgezeichnet in diesem Gesicht, dessen Ausdruck so bedeutungsvoll an die wunderbaren Rhamsesköpfe vor dem Höhlentempel von Abu Simbel mahnt? Wahrlich, Hartung, Sie verdienen dafür eine Pairie! Der glückliche Maler verbeugte sich und lächelte; aber in seinen Augen lag nichtsdestoweniger eine gewisse Unruhe. Der König fuhr mit der Spitze eines großen Cirkels, den er von einem Reißbrette in der Nähe genommen hatte, gar zu dicht vor dem Gesicht des Pharao herum. Und nun diese zweite Gruppe: der Baumeister, der sich in Begleitung einiger Unterbeamten mit dem auf eine Steinplatte gezeichneten Grundriß dem Herrscher naht. Der König blickt nicht auf ihn. Wie ist das wiederum so bezeichnend! Die Idee ging von ihm aus; der Mann kann ihm nichts mehr sagen; er will das Werk vollendet sehen; ja er sieht's bereits – vollendet in seines Geistes Aug', wie Hamlet sagt, wenn es jetzt auch kaum erst ein paar Fuß aus dem Sande der Wüste hervorragt. Sehen Sie, Hartung, wie Recht ich hatte, als ich Ihnen rieth, den Bau selbst und Alles, was sich darum gruppirt, tiefer in den Mittelgrund zu rücken. Sie brauchten da die größeren Massen, die Sie entwickeln mußten, nicht mehr so zu detailliren. Jetzt vermischen sich die braungelben Kerle mit dem Braungelb der Wüste und dem Gestein, an dem sie arbeiten, als ob das Ganze von selbst aus dem Sande hervorwüchse. Bemerken Sie nur, lieber Tuchheim, welche Ordnung in der scheinbaren Unordnung. Das haben Sie dem Horace Vernet von seinen Schlachtenbildern abgesehen, Hartung; aber freilich: mutatis mutandis ! Da liegt der Unterschied zwischen dem denkenden Künstler und dem schalen Copisten. Und dann, lieber Hartung, diese Wüstenweite, die Sie in das Bild zu bringen verstanden; dieser Himmel, in dessen unendliche Tiefen sich der Blick verliert, dieser fahle Schein, der da am Horizonte heraufdämmert und den herannahenden Samum verkündet – das bleibt Ihnen – das macht Ihnen auch Vernet nicht nach, am wenigsten diese Flamingokette. Der Tausend! Wie das empfunden und wie das gemalt ist! Sehen Sie 'mal durch die hohle Hand, liebster Tuchheim! Ob die Vögel nicht wahrlich von der Stelle zu rücken scheinen. Man glaubt das Schwirren der unzähligen Flügel zu hören. Welche Wollust in dieser anmuthigen Curve! Und wie natürlich die lange Linie hier einsinkt, sich dort wieder aufbläht, wie schlappende Segel eines unsichtbaren Nachens, den ein lauer Wind nach Süden treibt, wo die Sonne scheitelrecht brennt, die hier doch noch kurze, blauschwarze Schatten auf die Wüste malt. Aber Hartung, daß Sie auch den Nil angebracht haben, wenn auch ganz in der Ferne, wenn auch nur als einen schimmernden Streifen – das ist denn doch wohl eine zu große licentia poetica . Der Nil kann von dieser Stelle aus unmöglich gesehen werden. Verzeihen Majestät, sagte der Maler, ich erinnere mich in der That nicht, ob man am Fuße der Pyramiden von Ghizeh den Fluß sehen kann; aber von einer gewissen Höhe derselben erblickt man ihn sehr deutlich. Und dann glaubte ich den Fluß nicht entbehren zu können, da er uns als die große Wasserstraße zur Herbeischaffung dieser großen Steinkolosse gewissermaßen die ganze Scene erst begreiflich macht. Der König schien durch diesen Widerspruch verstimmt. Ich hätte die kahle, wasserlose Wüste nun lieber gehabt, sagte er. Der eifrige Maler bemerkte, da seine Augen auf sein Werk gerichtet waren, die Wolke auf der Stirn des Königs nicht und fuhr lebhaft fort: Auch wäre mir dann diese Doppellinie der Lastwagen und Lastthiere, die sich von der Baustätte nach dem Flusse und vom Flusse wieder nach der Baustätte bewegt, und die, indem sie scheinbar die dargestellte Handlung in das Unendliche fortsetzt, ihr dennoch einen Abschluß giebt, entgangen, und – Ja, ja, das kennt man schon, unterbrach der König den Künstler, Kritik könnt Ihr Herren einmal nicht vertragen, notabene , mit Ausnahme der lobenden. Nun, lieber Hartung, muß ich Sie aber fortschicken, das Bild kann ich doch behalten? Gewiß. Majestät – Ich meinte nur, weil Sie die Bedingung gemacht hatten, daß es vorher noch auf die Ausstellung müßte. Was diese Künstler auf ihren Ruhm eifersüchtig sind, lieber Tuchheim, davon hat unsereiner gar keinen Begriff. Nun, leben Sie wohl, lieber Hartung, leben Sie wohl! Der Maler war bereits an der Thür, als ihm der König noch nachrief: Unter vierzehn Tagen kriegen Sie's aber nicht, und wenn sich die ganze verehrliche Ausstellungs-Commission auf den Kopf stellt. Sagen Sie das den Herren! Nun zu Ihnen, lieber Tuchheim, fuhr er fort, jetzt zum erstenmale dem General in's Gesicht sehend; aber der Tausend, lieber Tuchheim, sind Sie in diesen Tagen alt geworden! wahrhaftig, Sie könnten aus der Pyramide, die da gebaut wird, herstammen. Ich bin krank, Majestät, und habe überdies in den letzten Tagen des Kummers gar viel gehabt, erwiederte der General mit dumpfer Stimme. Ja, ja, sagte der König, das ist es ja eben, weshalb ich Sie habe rufen lassen. Aber setzen Sie sich, lieber Tuchheim, Sie gehören ja nicht mehr zum stehenden Heere. Nun erzählen Sie mir 'mal, was Sie eigentlich von der fatalen Geschichte wissen; oder eigentlich weiß ich bereits Alles, und ich möchte nur hören, wie Sie über die Affaire denken. Ich möchte Ihnen nicht gern wehe thun, und auf der andern Seite thut mir doch auch der arme Teufel, der Hey, leid – er ist ein dummer Kerl, das weiß der Himmel, aber nach Allem, was ich höre, muß er doch sehr stark provocirt worden sein, so daß er den Fall nicht gut von der Hand weisen konnte. Wie nimmt Ihres verstorbenen Bruders Sohn die Sache? Er scheint mir ein heftiger junger Mann und könnte uns leicht in neue Ungelegenheiten bringen. Zwar soll er mit seinem verstorbenen Vater auch nicht besonders gestanden haben; aber das Familiengefühl ist in solchen Momenten oft stärker als die Vernunft. Nun möchte ich gern, daß Sie mit Henri – ich erinnere mich von damals her seines Namens sehr wohl – sprächen. Sie als Aeltester der Familie müssen doch einige Autorität über den jungen Menschen haben, und hören Sie, lieber Tuchheim, Sie können dann auch einfließen lassen, daß ich die Sache gern mit dem Freiherrn begraben sehen möchte. Vergessen Sie das nicht. Der König hatte das Alles, ohne den General zu Worte kommen zu lassen, in seiner schnellen Sprechweise hingeworfen und dabei wiederholt nach dem Gemälde, vor dem er stand, geblickt. Der General, wenn er gleich seinem verstorbenen Bruder in den letzten Jahren sehr entfremdet worden war und ihn der Tod desselben im Grunde von einer großen Verlegenheit befreite, war innerlich über die Leichtfertigkeit empört, mit welcher der König einen so schweren Fall behandelte. Er sagte mit Bedeutung: Ich werde thun, was in meinen Kräften steht, den Wünschen und Befehlen Eurer Majestät nachzukommen, nur bitte ich, daß Majestät nicht vergessen wollen, wie mein Einfluß sich nicht über den Kreis meiner Familie hinaus erstreckt und die natürlicherweise große Aufregung im Publikum sich weniger leicht beschwichtigen lassen wird. Der König wendete sich von dem Bilde ab und sagte, indem er schnell an den General herantrat und ihm die Hand reichte: Verzeihen Sie, lieber Tuchheim; Sie kennen mich ja von Kindesbeinen an und wissen, daß ich es sehr ernst meinen kann, wenn es auch 'mal nicht so scheint. Glauben Sie mir, der Fall geht mir recht nahe. Ihr Bruder war ein Liebling meines hochseligen Vaters; ich selbst bin mehrere Tage lang sein Gast gewesen und erinnere mich des schönen, stattlichen Herrn ganz wohl. Ueberdies Ihr Verhältniß zu mir – die Sache geht mir nahe, sehr nahe – glauben Sie mir. Der General beugte sich tief auf die königliche Hand, welche die seine noch immer umschlossen hielt. Aber, fuhr der König lebhaft fort, indem er die Hand des Generals losließ und sich in einen Fauteuil warf, Sie sind in dieser Affaire auch nicht frei von aller Schuld. Warum haben Sie mein Vertrauen, wenn Sie es nicht gebrauchen? Hätten Sie mich, als es Zeit war, von dem Stande der Dinge in Tuchheim und von der curiosen Haltung, die Ihr Bruder zu den dortigen Verhältnissen eingenommen hatte, unterrichtet – nun, Ihnen zu Liebe hätte ich ja gern die Arbeiterdeputation empfangen und den Leuten ein paar freundliche Worte gesagt. Dann wäre entschieden Alles anders gekommen, als es jetzt gekommen ist. Es wäre Oel für die brausenden Wogen gewesen. Die Arbeiter hätten sich zufrieden gegeben, der Freiherr hätte nicht mehr nöthig gehabt, den Protector so schroff herauszukehren, der alberne Hey wäre in seinem mißverstandenen Eifer nicht so weit gegangen – Ihr armer Bruder lebte heute noch. Nun ist das Unglück da; aber der Himmel weiß, ich bin nicht schuld daran, ich nicht. Müssen Sie mir nicht Recht geben? Weh' mir, daß ich es muß! sagte der General, die Augen mit der Hand bedeckend. Nun, nun, mein alter Freund, sagte der König in gütigem Ton, wir wollen unser Gewissen auch nicht mehr beschweren, als es nöthig ist. Es ist die alte Geschichte von dem Brunnen, den man offen ließ, bis das Kind hineinfiel. Jetzt gilt es, den Brunnen zuzudecken; ich habe mir heute den ganzen Morgen den Kopf darüber zerbrochen, wie man das am besten anfängt. Bis jetzt ist mir nur so viel klar, daß man der ganzen Affaire einen möglichst privaten Charakter geben muß. Ihr armer Bruder und Hey sind in einen Wortwechsel gerathen; Beides Edelleute, Ihr Bruder ein gewesener, Hey ein activer Militär – so etwas kann schließlich alle Tage passiren. Nun schiebt sich aber die verdammte Arbeiterfrage breit hinein, und was man auch anfangen mag – es nimmt gleich Alles einen politischen Charakter an. So würde ich ja gern der lieben alten Gutmann den Gefallen thun und ihrem Neffen eine genauere Bekanntschaft mit der Staatsanwaltschaft ersparen; mir auch, meinetwegen, was sie sehr wünscht, den jungen Mann, von dem sie so viel Rühmens macht, vorstellen lassen – indessen die verdammten demokratischen Blätter würden dann wieder Zeter schreien. Der König hatte sich bei diesen letzten Worten nach dem Bilde hingebeugt und wedelte mit seinem Taschentuche einen Staubfleck weg, der in einer Vertiefung des Rahmens sitzen geblieben war. Der General erinnerte sich der von Sara empfangenen Instructionen; hatte doch die Unterredung bis jetzt genau den von ihr vorbezeichneten Weg eingehalten! Nicht blos die demokratischen, Majestät, sagte er, auch die **Zeitung würde einen solchen Schritt von Seiten Eurer Majestät mindestens nicht loben. Was geht denn die Sache den Prinzen und seinen Anhang an? rief der König ärgerlich. Ich kann die Frage Eurer Majestät nicht beantworten, ohne Majestät eine Entdeckung mitzutheilen, hinter die ich durch die seltsamste Verkettung der Umstände gekommen bin und die auch Majestät interessiren wird. Majestät erinnern sich eines gewissen Briefes, den man vor einiger Zeit – Weiß schon, weiß schon, rief der König, was ist's damit? Der Herausgeber dieses Briefes – Nun? rief der König in der äußersten Spannung. Ist derselbe Doctor Leo Gutmann. Was Sie sagen! Sie wissen das gewiß? Ja, Majestät. Ganz gewiß? Ja, Majestät. Wie kommen Sie zu dieser Entdeckung? Doch ich will nicht indiscret sein; hier – der König deutete dabei nach der Zimmerdecke – sind ohne Frage Damen im Spiel. Aber nun gestehe ich Ihnen offen, daß meine Neugier, den jungen Mann zu sehen, durch Ihre Mittheilung eher zu- als abgenommen hat. Wir haben es hier offenbar mit einem feinen politischen Kopf zu thun, nicht in dem Genre der heutigen Staatsweisen, aber im Charakter der Männer des italienischen Mittelalters, deren Gesichter für mich etwas unwiderstehlich Fascinirendes haben. Schaffen Sie mir diesen Doctor, lieber Tuchheim! Ich muß wissen, welche Absichten er mit dem Brief verfolgt hat. Ein solcher Mensch thut nichts ohne Ziel und Zweck. Sagen Sie, liebster Tuchheim, – hier wendete sich der König wieder nach dem Bilde – haben Sie mit unserer guten Freundin oben vielleicht schon gesprochen? Ich komme eben von ihr, Majestät. Fräulein Gutmann war so aufgeregt, wie ich mich nicht erinnere, sie gesehen zu haben; ich wüßte mir die Theilnahme, welche sie ihrem Neffen jetzt in diesem reichen Maße zuwendet, nicht zu erklären, wenn sie mir nicht mitgetheilt hätte, daß sie eine junge Dame, ihre Nichte, die bei ihr seit einigen Tagen zum Besuche ist und welche sie sehr liebt – Euer Majestät haben die junge Dame als Kind bei Ihrer Anwesenheit in Tuchheim auf dem Försterhause gesehen – durch ihre Fürsprache bei Eurer Majestät sehr verpflichten könne und auf jeden Fall gern verpflichten möchte. Der König blickte durch die hohle Hand nach der Flamingokette auf dem Bilde. Und welches Interesse hat die junge Dame an ihrem Vetter? Liebt sie ihn? Ich weiß es nicht, Majestät. Indessen, ich glaube nicht, daß es nöthig ist, gerade diesen Beweggrund anzunehmen. Die einzelnen Mitglieder dieser Familie haben eine unendliche Anhänglichkeit und Opferfähigkeit eines für das andere, und dann scheint mir die junge Dame, nach Allem, was ich von ihr höre, eine sehr enthusiastische Natur, bei der die Begeisterung für Ideen, in diesem Falle die politischen Ideen ihres Vetters, ganz unabhängig ist von persönlichem Wohlgefallen. Der König schien von dieser Erklärung sehr befriedigt; er ging ein paar Schritte hin und her und sagte dann, indem er vor dem General stehen blieb: Ich will es Ihnen nur gestehen, ich habe die junge Dame oben bei meiner lieben Gutmann gesehen, und ich glaube, daß Sie ihren Charakter sehr richtig beurtheilen. Eine enthusiastische, eine seltene Natur, die ich der höchsten Begeisterung für fähig halte, freilich auch jeder Extravaganz, wenn es gilt, ihre geliebten Ideen durchzusetzen. Da Majestät die Gnade haben, mein physiognomisch-psychologisches Aperçu zu bestätigen, so scheue ich mich schon weniger, eine allerdings etwas extravagante Commission von Seiten der jungen Dame bei Eurer Majestät anzubringen. Es handelt sich um einen Brief – Geben Sie immer her! rief der König; ich bin, wie Sie wissen, ein großer Freund dieser ungeschulten Ergüsse einer ungebrochenen Natur; es pflegt darin so viel natürliche Poesie zu sein. Geben Sie immer her. Der König öffnete hastig Silvia's Brief und stellte sich, während er denselben zu lesen begann, scheinbar um besseres Licht zu haben, so, daß ihm der General nicht in's Gesicht sehen konnte. Das Erstaunen des Generals war während dieser Unterredung, die sich ganz und zum Theil wörtlich in der von Sara angegebenen Weise abspann, fortwährend gewachsen. Es konnte ihm nicht länger zweifelhaft sein, daß er es hier mit einer Thatsache zu thun habe, die ohne sein Wissen, ohne sein Zuthun zu Stande gekommen war und mit der also von diesem Augenblicke an zu rechnen Pflicht sei. Es galt hier, in einem bereits fertigen Stücke noch schnell eine möglichst dankbare Rolle zu übernehmen. Ein wunderbares Mädchen! sagte der König, den Brief zusammenfaltend und auf die Staffelei des Bildes legend. So denke ich mir die Schäferstochter aus dem Dorfe Dom-Rémy. Hier ist doch noch Glauben, Poesie, ein souveränes Sichwegsetzen über die erbärmliche Wirklichkeit; ein Lichtblick aus dem tieferen Himmel, der sich über der glücklicheren Menschheit des Mittelalters wölbte, ein Anhauch aus den Wäldern, in denen der verirrte Königssohn auf sonniger Halde die schönste Schäferin fand. Wahrlich, lieber Tuchheim, ich möchte der jungen Dame herzlich gern ihren Wunsch erfüllen, nur fürchte ich, daß es in diesem Augenblicke doch nicht wohl geht. Meinen Sie nicht, lieber Tuchheim? Es würde einiges Aufsehen machen, Majestät. Der König, der immer mit dem Bilde, anstatt mit dem General gesprochen hatte, wendete sich rasch um und rief: Ja, aber es soll keines machen! Bin ich denn an diesen Racker von Staat gefesselt, wie ein Galeerensclave an den andern, daß ich alle Sprünge und Convulsionen, die ihm zu machen einfällt, mitmachen muß? Und wozu haben Sie so lange in der Welt gelebt, wenn Sie noch nicht gelernt haben, wie man den heulenden Zeitungswölfen – denn wer kümmert sich sonst darum? – eine Beute entreißt! Dieser Ausbruch des königlichen Unwillens befreite den General von den letzten Bedenken, die er bis jetzt noch gegen Sara's Pläne gehabt hatte. Er hob den Kopf und sagte mit festerer Stimme: Ich kann und darf Euer Majestät nicht rathen, in diesem Augenblicke irgendwie öffentlich einen Schritt zu Gunsten des Doctor Gutmann zu thun. Jedermann sieht in Doctor Gutmann die Seele der Arbeiteragitation, wie man in meinem unglücklichen Bruder ein Opfer derselben sieht. Mit einer öffentlichen Bezeigung der königlichen Gnade gegen den Agitator würden Majestät in der ganzen Frage eine bestimmte, und zwar gegen Ihr actuelles Ministerium gerichtete Position einnehmen. Das kann ich nicht, rief der König. Gewiß nicht, Majestät! sagte der General schnell. Aber was dann? Befehlen Euer Majestät, daß die Gerüchte von einer socialistischen Verschwörung, deren Seele Doctor Gutmann sein soll, vollkommen aus der Luft gegriffen sind; befehlen Eure Majestät, daß sich im Gegentheil bei der in der Wohnung des Verhafteten angestellten genauen Untersuchung gravirende Papiere irgend welcher Art nicht vorgefunden haben und in Folge dessen der Verhaftete bereits am dritten Tage wieder auf freien Fuß gestellt werden konnte. Das wäre heute? sagte der König. Majestät, es muß schnell geschehen, wenn es überhaupt geschehen soll. Ganz richtig, frische Fische, gute Fische. Und nun weiter! Dann haben Majestät nur noch zu befehlen, daß Ihnen der junge Mann an einem dritten Orte, etwa im Hause eines Ihrer wahrhaft ergebenen Diener, gelegentlich vorgestellt werde. Zum Beispiel in Ihrem Hause? Ich würde diese Gnade zu würdigen wissen, sagte der General. Vortrefflich, vortrefflich, rief der König, sich die Hände reibend. Es ist ja nur in der Ordnung, daß ich einem alten treuen Diener, wie Sie, lieber Tuchheim, mein Beileid bezeige, umsomehr, als Ihre so schon angegriffene Gesundheit durch die plötzliche Nachricht selbstverständlich erschüttert ist. Sie reisen zum Begräbniß? Majestät, ich glaubte, daß bei der so eigenthümlichen Lage der Dinge Neutralität – Ganz richtig! Sie müssen das auch Ihrem Neffen begreiflich machen. Vergessen Sie das ja nicht. Und mit der Gutmann'schen Sache bleibt es also bei meinem Entschlusse. Ich will, daß die Geschichte todtgeschwiegen wird, und heute Abend um acht werde ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen. Nun machen Sie, daß Sie fortkommen, lieber Tuchheim, ich habe heute Morgen noch viel zu thun. Der König gab dem General die Hand. Der General verabschiedete sich mit einer tiefen Verbeugung. Und hören Sie, lieber Tuchheim, rief ihm der König nach, an die Gutmann brauchen Sie nicht zu berichten; ich will die Dame überraschen, und zu Hey brauchen Sie auch nicht zu gehen, um wegen der verloren gegangenen socialistischen Verschwörung zu condoliren. Das will ich gelegentlich schon selbst besorgen. Der König lachte überlaut; der General lächelte, verbeugte sich noch einmal und ging. Als er unten im Schloßhofe den Fuß auf den Wagentritt setzte, fiel ihm ein, daß der Mittagszug nach Tuchheim erst in einer Stunde abging und daß es noch gerade Zeit sei, Henri und dem Herrn von Sonnenstein von den Wünschen des Königs, soweit sie selbst davon berührt wurden, Mittheilung zu machen. Er befahl deshalb, zu Herrn von Sonnenstein zu fahren. Elftes Capitel. Zu derselben Stunde, als der General beim Könige war, hatte in dem Cabinet des Herrn von Sonnenstein eine Conferenz zwischen diesem, seinem Neffen Henri und dem Advocaten Hellfeld stattgefunden. Es war in dieser Conferenz zu lebhaften Auseinandersetzungen gekommen, man hatte einander harte Dinge gesagt, schließlich aber war doch, vorzüglich durch des Bankiers Bemühungen, etwas, das als Verständigung gelten konnte, herbeigeführt worden. Herr Hellfeld hatte mit lächelnder Miene dem Onkel und Neffen die Hand gereicht und die Beiden allein gelassen. Er kann lachen, sagte Henri grollend, als sich die Thür kaum hinter Herrn Hellfeld geschlossen hatte. Und dabei hat sich der Hallunke stets so zu stellen gewußt, daß ihm mit einem Proceß gar nicht beizukommen ist. Ja, bei Gott, Henri, das ist es ja eben! erwiederte der Bankier; glaubst Du, ich sehe nicht eben so klar wie Du, daß er Deinen Vater zu seinen verrückten Speculationen verlockt hat, um ihn fester und fester in der Hand zu haben? Und übrigens kommt es noch sehr darauf an, ob er seine letzten Fünfundzwanzigtausend trotz seiner Wechsel wiederkriegt; soweit ich jetzt sehen kann, bleibt ein Deficit von mindestens Fünfzigtausend. Der Bankier zündete sich eine Cigarre an; Henri schien durch die letzten Worte des Bankiers keineswegs milder gestimmt. Du kannst auch lachen, sagte er; Du hast Deine sichere erste Hypothek und kommst im schlimmsten Falle mit einem blauen Auge davon; Tante Charlotte hat ihr Vermögen, das sie bei Heller und Pfennig Amélie vermachen wird, die – dann nichts Eiligeres zu thun hat, als den Burschen, den Walter, zu heirathen. Der junge Mann knirschte mit den Zähnen. Ich könnte mir die Haare ausraufen, wenn – Wenn es was hülfe, unterbrach ihn der Bankier; sei vernünftig, Henri! Du weißt, daß ich, trotzdem mir wahrhaftig die Verbindung mit Deiner Familie nicht viel Segen gebracht hat, noch jeden Augenblick bereit bin, für Dich zu thun, was ich kann. Du kannst aber nichts thun! rief Henri; was habe ich von Deinem guten Willen? Uebrigens, Onkel, muß ich Dir sagen, daß in diesem Augenblicke die Segenlosigkeit Deiner Verbindung mit unserer Familie hervorzuheben zum mindesten wenig schonungsvoll ist; ganz abgesehen davon, daß der Name einer Familie, wie die meine, denn doch ein Kapital repräsentirt, das Dir, soviel ich weiß, ganz anständige Zinsen abgeworfen hat. Der Bankier legte die kaum angezündete Cigarre weg und sagte: Aber mein Gott, Henri, Du bist auch seit einiger Zeit von einer erschrecklichen Reizbarkeit. Ich dächte, Du wüßtest, wie viel ich auf Dich halte; ich kann Dir doch wahrhaftig keine bessere Sicherheit dafür bieten, als wenn ich Dir wiederhole, daß ich es als eine Ehre und einen Gewinn betrachte, einem Manne mit Deinem Namen und Deinen Aussichten, auch wenn er keinen Pfennig im Vermögen hat, meine Tochter zur Frau zu geben. So mache auch, daß Emma mich will, entgegnete Henri kurz. Sie wird wollen, sagte der Bankier, aber Du mußt Geduld mit dem Mädchen haben. Der Mensch, der Doctor, hat ihr doch mehr im Sinn gelegen, als wir Beide dachten. Seit gestern Morgen ist sie wie toll, aber so etwas geht vorüber. Die Hauptsache ist, daß des Menschen Angelegenheiten, eine Zeitlang wenigstens, noch möglichst schlecht bleiben. Jammer und Schade, daß wir ihn nicht fassen konnten; ein Wechselarrest ist sicherer als so eine politische Gefangenschaft, aus der Ihr ihn doch wohl werdet herauslassen müssen, besonders, wenn sich, wie Du sagst, nichts Gravirendes unter seinen Papieren vorgefunden hat. Er soll so bald nicht loskommen, sagte Henri; dafür laß mich nur sorgen. Se. Excellenz der Herr General-Lieutenant von Tuchheim, meldete der Bediente. Der Bankier blickte seinen Neffen fragend an. Meinetwegen, sagte Henri. Der Bankier nickte dem Bedienten zu. Was kann er wollen? Henri zuckte mit den Schultern. Der General trat herein. Sein immer blasses und ernstes Gesicht war noch blasser und ernster als gewöhnlich. Er begrüßte die Beiden mit einer gewissen Zurückhaltung. Ich bin sehr erfreut, die Herren beisammen zu treffen, sagte er; meine Zeit ist sehr kurz gemessen, verzeihen Sie daher, wenn ich mich in dem, was ich Ihnen mitzutheilen habe, ebenfalls sehr kurz fasse. Ich komme soeben von Sr. Majestät, der mich heute früh zu sich befohlen und mir eine längere Unterredung zu gewähren die Gnade hatte. Se. Majestät drückte mir in den huldreichsten Worten sein Beileid bei dem schweren Verluste, der uns betroffen hat, aus und befahl mir, von dieser seiner gnädigen Gesinnung den übrigen Gliedern der Familie Mittheilung zu machen. Der General verneigte sich gegen den Bankier und sagte dann, sich zu Henri wendend: Für Dich, mein lieber Neffe, hat mich Se. Majestät noch mit einem speciellen Auftrag beehrt, dessen privater Character indessen eine Mittheilung unter vier Augen erfordert. Ich hatte die Absicht, mich von hier direct zu Dir zu begeben, und fürchtete schon, Dich zu verfehlen, da ich vermuthete, daß Du möglicherweise den Mittagszug benutzen würdest, um noch heute in Tuchheim zu sein, wenn die Bestattung meines unglücklichen Bruders, Deines Vaters, auch erst morgen früh, wie man mir schreibt, stattfinden soll. Ich habe mich auf den Abendzug eingerichtet, fuhr der General, als Henri schwieg, fort, wenn ein heftiges Unwohlsein, unter dem ich leide, mir nicht die Erfüllung einer so theuren und zugleich so schmerzlichen Pflicht unmöglich macht. Ich würde deshalb unter allen Umständen vorziehen, mich des Auftrages Sr. Majestät möglichst bald zu entledigen, und möchte Dich daher ersuchen – Aber meine Herren, sagte der Bankier, wollen Sie mir nicht die Ehre erweisen, sich meines Zimmers zu bedienen? Ich würde um die Erlaubniß bitten, mich in mein Comptoir zurückziehen zu dürfen, wo meine Gegenwart überdies erforderlich ist. Der Bankier verließ das Zimmer; der General wendete sich zu Henri. Wird Herr von Sonnenstein nach Tuchheim gehen? Nein, erwiederte Henri, und ich glaube, wie die Sachen einmal liegen, wird ihm dies Niemand verdenken können. Ich habe nichts derartiges behauptet, sagte der General, und Du selbst, lieber Neffe? Ich reise auf keinen Fall, sagte Henri. Die Angelegenheiten des Vaters sind in einer ungeheuren Verwirrung, und wir haben es mit so gewiegten Gegnern zu thun, daß ich keinen Augenblick abkommen kann. Ueberdies kennt Jedermann in Tuchheim das schlechte Verhältnis, in welchem der Vater und ich in den letzten Jahren zu einander gestanden haben; ich habe keine Lust, von meinen guten Freunden im Forsthause den Tuchheimer Pöbel auf mich hetzen zu lassen. Der General hatte diese Antwort erwartet; er hüstelte in die Hand und sagte: Wie wenig erfreulich auch die Gründe sein mögen, die Dich verhindern, die sterblichen Reste Deines theuren Vaters, meines Bruders, der Erde übergeben zu helfen, so glaube ich andererseits, daß Dein Fernbleiben von einer Scene, in welcher sich allerdings leicht die öffentliche Trauer stürmisch in den stillen privaten Schmerz mischen könnte, den Intentionen Sr. Majestät, Alles in Allem, am meisten entsprechen wird. Majestät wünscht nämlich – und dies ist der allerhöchste Auftrag, dessen ich mich hiermit entledigt haben will – daß Alles vermieden werde, was dazu beitragen möchte, dem Tod meines armen Bruders, Deines theuren Vaters, eine Tragweite über die Bedeutung eines schmerzlichen Familienereignisses hinaus zu geben. Daß Du selbst, lieber Neffe, zu diesem Behufe allen Gefühlen der Rachsucht, die sich etwa in Deinem Busen regen könnten, entsagen mußt, brauche ich wohl nur anzudeuten. Um Henri's Lippen schwebte ein böses Lächeln: Ich komme dabei freilich in die Lage, den Ruf der Poltronerie, in welchem ich, wie ich höre, bei den Freunden meines Vaters stehe, um ein Bedeutendes zu vermehren; indessen, ich werde dies Unglück mit dem übrigen zu tragen wissen. Das wäre es, was ich Dir von Seiten Sr. Majestät zu insinuiren beauftragt war, fuhr der General, als ob er von Henri's letzten Worten keine Silbe verstanden hätte, fort; und jetzt möchte ich mir erlauben; Dir meinerseits eine Mittheilung zu machen, die ich Dir aus verwandtschaftlichen Rücksichten, ich möchte sagen, in Anbetracht der Solidarität verwandtschaftlicher Interessen, schuldig zu sein glaube. Du interessirst Dich sehr für das Schicksal Deines alten Schulfreundes, des Doctor Leo Gutmann – nicht wahr? Henri's Miene, die bis zu diesem Augenblicke einen gleichgiltig-mürrischen Ausdruck zur Schau getragen hatte, veränderte sich mit einem Schlage. Er warf einen erwartungsvollen, fast ängstlichen Blick auf den General, den dieser sehr wohl bemerkte und mit einem feinen Lächeln der Ueberlegenheit erwiederte. Du brauchst nicht erstaunt zu sein, lieber Neffe! Jemand, der wie ich durch die Gnade Sr. Majestät sich in einer Stellung befindet, die nach allen Seiten zu blicken erlaubt, sieht natürlich sehr Vieles, was Anderen, weniger günstig Situirten, nothwendig entgeht. Vielleicht daß die Andeutung, die ich Dir zu machen im Begriff bin, in schicklicher Weise vorgebracht, auch für Se. königliche Hoheit nicht ohne alles Interesse ist. Der König, der erst jetzt erfahren hat, daß Doctor Gutmann und der interessante Knabe, den er damals in Tuchheim kennen lernte, identisch sind, hat den lebhaften Wunsch geäußert, die Sache desselben möglichst schnell beendigt zu sehen; ja – Der General blickte sich vorsichtig um und fuhr mit noch leiserer Stimme fort: Ja, ich kann Dir noch mehr sagen. Eine hochgestellte Person, die mir innig befreundet ist, hat vom Könige den speciellen Auftrag erhalten, sich des Doctor Gutmann, dessen außerordentliche politische und anderweitige Begabung ihm kein Geheimniß geblieben ist, in jeder Beziehung anzunehmen. Dieselbe Person hat mir unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit anvertraut, daß Majestät befohlen hat, ihm an einem der nächsten Tage den Doctor vorzustellen. Sapienti sat , mein lieber Neffe! Die perfecte Discretion, mit welcher Du meine vertrauliche Mittheilung benutzen wirst, soll mir sagen, ob ich auch in Zukunft Deine ersten Schritte auf der glatten Bahn des Staatsmannes mit dem warnenden Rath des Alters und der Erfahrung begleiten darf. Ich bitte, mich noch einmal dem Herrn von Sonnenstein und seiner liebenswürdigen Tochter, die aufzusuchen es mir leider an Zeit gebricht, zu empfehlen. Der General reichte seinem Neffen die Spitzen seiner Finger, weidete sich noch einen Augenblick an der Bestürzung; die Henri, so viel Mühe er sich auch gab, nicht ganz verbergen konnte, und ging – sehr zufrieden mit seinem Erfolge und mit der Weise, wie er diese Unterredung geführt hatte. Ich muß nur erst wieder in Gang kommen, dachte er bei sich, während ihm der Jäger auf dem Flur vor dem großen Spiegel den Paletot anhalf; so etwas verlernt sich nicht, wie es sich auch eigentlich nicht lernt; ich fürchte, mein guter Neffe wird es trotz der Protection seines gnädigsten Herrn niemals sehr weit bringen. Zwölftes Capitel. Die letzten Mittheilungen des Generals hatten in der That Henri die sichere Haltung, deren er sich sonst rühmen konnte, geraubt; aber freilich wußte der General nicht, daß für Henri, wenn, was er gehört, nicht aus der Luft gegriffen war, noch ganz andere Interessen auf dem Spiele standen, als rein politische. Wenn es nicht aus der Luft gegriffen war! Aber dieser schwache Trost, an den sich Henri, nachdem er sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, anzuklammern versuchte, wollte nicht vorhalten. Der alte Schleicher hatte eine zu siegreich überlegene Miene gehabt, hatte in einem zu väterlich beschützenden Tone gesprochen. Ohne Zweifel hatte Buffone geplaudert – und Henri schwur sich zu, dafür an Buffone die eclatanteste Rache zu nehmen – aber wie war es möglich gewesen, den König in diesem Maße zu Leo's Gunsten zu stimmen? Und wer in aller Welt hatte daran ein solches Interesse nehmen können? Wußte Henri doch auf das Bestimmteste, daß Leo sich auch an den General gewendet hatte und vom General abschlägig beschieden war. Wie war denn dieser plötzliche, mächtige Umschwung vor sich gegangen? Wenn die Untersuchung gegen Leo wirklich auf den speciellen Befehl des Königs niedergeschlagen wurde, wenn seine geheimnißvollen Beschützer wirklich eine Zusammenkunft zwischen ihm und dem Könige bewirkten – so war nichts mehr unmöglich – am allerwenigsten eine Verbindung des Abenteurers mit Emma. Emma brauchte nur ein Wort von dem Wechsel in den Glücksumständen dieses Mannes zu erfahren, und sie würde ohne Zweifel sich wie bisher, und hartnäckiger als bisher, den Wünschen, den Befehlen des Vaters widersetzen; ja wer stand ihm dafür, daß der Onkel selbst nicht wieder den Mantel nach dem Winde hing und in dem durch die Gnade Sr. Majestät ausgezeichneten Mann den rechten Gatten, den einzigen seiner Tochter würdigen Gatten erblickte! Henri warf einen scheuen Blick nach der mit einer grünseidenen Gardine verhängten Fensterthür, durch die Herr von Sonnenstein in seine Bureaux gegangen war. Aber die Thür öffnete sich nicht, der Bankier arbeitete mit seinen Procuristen; von dieser Seite war noch Alles sicher. Auf wie lange? Auf nicht lange jedenfalls, aber für den Augenblick doch – der Augenblick mußte benutzt werden. Henri machte ein paar Schritte, blieb plötzlich wieder stehen und öffnete dann mit schnellem Entschluß die Thür, die von dem Cabinet des Bankiers auf den Hausflur führte. Ueber den Marmorboden des Hausflurs ging er mit schnellen, leisen Schritten; aber die breite, gerade, teppichbelegte Treppe stieg er langsamer hinauf, ja, als er oben angelangt war, mußte er sich an dem vergoldeten Gitter festhalten, da seine Kniee wankten. Er wußte, daß Emma es sehr übel aufnahm, wenn Jemand, mit Ausnahme ihres Vaters und etwa ihres Bruders, unangemeldet bei ihr eintrat; aber er hatte seit der letzten Scene schon mehrmals vergeblich versucht, bei ihr vorgelassen zu werden, und wäre auch heute sicher abgewiesen worden. Die Minuten verrannen. Wenn Jemand ihm zuvorkam? Jetzt war noch eine Möglichkeit. Er machte sich mit einem Pah! das nicht recht aus der Kehle wollte, Muth, und trat ein. Emma war nicht in dem ersten Gemach; als er aber die Portière von der Thür zum zweiten zurückschob, sah er sie an ihrem Bureau sitzen und eifrig schreiben. Der Sonnenglanz, der durch die hohen Fenster und die offene Balconthür hereinfiel, erfüllte das große schöne Zimmer; die kostbare, fast überreiche Ausstattung nahm sich prächtig in dieser starken Beleuchtung aus; aber Emma selbst, die in ihrem Eifer und bei ihrer Kurzsichtigkeit sich dicht auf das Papier gebeugt hatte und der bei ihren allzu lebhaften Farben das schwere Kleid von schwarzer Seide sehr schlecht stand, kam dem feinen Kenner der Frauenschönheit heute so unschön, so wenig begehrenswerth vor, daß er die Erbärmlichkeit seiner Situation noch tiefer als vorher empfand. Emma, welche ein Geräusch gehört hatte und aufblickend eine Gestalt in der Thür stehen sah, rief: Wie oft habe ich Dir schon gesagt, Alfred, daß ich um diese Zeit nicht gestört zu sein wünsche! Ich bin es, liebe Emma, sagte Henri, näher kommend. Emma hatte eben eine Freundin von dem Tode ihres Onkels, des Freiherrn, des vortrefflichen Mannes, den sie so geliebt hatte, und von der Gefangenschaft ihres »Adlers« und im Allgemeinen von ihrem »Unglück« unterhalten, das nicht müde werde, mit den schwarzen Schwingen ihr um's Haupt zu wehen. Bei dem Ton von Henri's Stimme erschrak sie so, daß sie, laut aufkreischend, die Feder aus der Hand fallen ließ und, von ihrem Sessel in die Höhe fahrend und sich mit zitternder Hand an ihrem Bureau festhaltend, den auf sie Zukommenden mit weit geöffneten Augen anstarrte. Bin ich Dir so furchtbar? sagte Henri. Die vorwurfsvolle Klage, das bleiche, verstörte Gesicht, die bittende Geberde, wie er ihr jetzt die Hand entgegenstreckte, das Alles beruhigte Emma, ja rührte gewissermaßen ihr leicht bewegliches Herz. Du kamst so unerwartet, sagte sie, tief aufathmend und zögernd ihre Hand in die seine legend. Wem käme ich auch erwartet! rief Henri, indem er ihre Hand preßte und dieselbe dann fallen ließ, um sich in einen der niedrigen Lehnsessel zu werfen und mit düsteren Blicken, scheinbar ganz in seinen Schmerz verloren, vor sich niederzusehen. Ich habe ja Niemanden, der sich um mich bekümmert, fuhr er, wie mit sich selbst redend, fort; mein Vater ist in Groll und Hader mit mir aus der Welt gegangen, meine Schwester folgt blindlings ihrer hocharistokratischen Neigung zu dem poetischen Försterssohn, und dem Mädchen, das ich liebe, ist mein Anblick ein Greuel. Ich wollte, ich wäre nur auch erst todt. Nein, nein, Henri! rief die gutmüthige Emma; sage das nicht, ich kann Dich so nicht sprechen hören; ach, ich fühle mich ja selbst so unglücklich! und sie brach wieder, auf ihren Sessel zurücksinkend, in Thränen aus. Warum bist Du unglücklich? sagte Henri; hast Du nicht Alles, was Dein Herz begehrt: einen Vater, der Dich abgöttisch liebt, der jeden Deiner Wünsche erfüllt, noch ehe Du ihn ausgesprochen hast? einen Bruder, der sich in der Sphäre, die ich ihm erschließen half, wohl fühlt und sein harmloses Leben im Sonnenschein des Glücks vertändelt? Umgiebt Dich nicht der Glanz und die Fülle des Reichthums? Kannst Du nicht Deine schönen Talente frei entfalten, Dir zur Freude und den Andern zur Lust? Hat je die Sorge Deine Wangen gebleicht, je der Kummer eine Furche in Deine Stirn gegraben? Emma, Emma – ich habe nur das Eine Gebet, daß Du nie, nie erfahren mögest, was wirkliches Unglück sei, wie ich es Zeit meines Lebens genug, und jetzt zum Uebermaße erfahren habe. Emma's Thränen flossen noch immer. Sie wußte freilich jetzt noch weniger als vorher, worüber sie eigentlich weinte; aber Henri sprach so gefühlvoll, so ganz anders als er sonst zu sprechen pflegte. Sie hatte so oft behauptet, daß sie das empfindlichste Herz von der Welt habe; und es war ja doch am Ende rührend, wie leicht sie zu rühren war. Ach, Henri, wiederholte sie schluchzend, sprich nicht so, ich kann das nicht hören. Du mußt es hören, sagte Henri, den ein so unerwarteter Erfolg immer kühner machte, Du mußt es hören, weil ich ein Recht habe, von Dir zu verlangen, daß Du mich wenigstens in Zukunft nicht eben so falsch beurtheilst, wie Du mich vielleicht bis jetzt falsch beurtheilt hast. Sieh', Emma, Du hast mir neulich vorgeworfen – und dieser Vorwurf brennt wie ein Feuertropfen der Hölle auf meiner Seele – ich sei niedrig genug, um Dich nicht als um das liebe, geliebte Mädchen zu werben, sondern Deines Reichthums wegen. Nein, laß mich ausreden, Emma! Du hattest neulich kein Recht, mir das zu sagen. Ich wußte damals nicht anders, als daß ich aus einer Familie stammte, die, wenn sie sich auch an Glücksgütern mit der Deinen nicht messen konnte, doch immer noch wohlhabend genug war, und was ihr an Vermögen abging, vielleicht durch den Glanz eines uraltadeligen Namens ersetzte. Ich konnte in aller Ehre um Dich werben. Von heute an ist es anders. Ich weiß nicht, ob der Onkel Dir gesagt hat, daß mein Vater, so weit sich die Sache jetzt übersehen läßt, seine Verhältnisse vollkommen zerrüttet hinterlassen hat. Wußtest Du es noch nicht, so weißt Du es jetzt. Ich bin heute, wofür Du mich damals hieltest: der pfenniglose Baron, der, wenn er seine Stellung in der Welt behaupten will, ein reiches Mädchen heirathen muß. Merke Dir's, Emma, für die Zukunft! Trau' keinem meiner Worte, denn ich will Dich doch nur belügen! Trau' keinem freundlichen Gefühl, das sich etwa für Deinen armen Vetter in Deinem Busen regt, denn es ist doch nur eine Schlinge, in der Du Dich fangen könntest! Henri war aufgesprungen und lief im Zimmer hin und her. Emma hatte die dunkle Vorstellung von einer fürchterlichen That, die ihr Vetter, dessen Energie sie immer bewundert hatte, in diesem Zustande begehen könnte; noch mehr aber quälte sie der Gedanke, daß sie vor den Augen der Welt wirklich um den Ruhm naiver Uneigennützigkeit, den sie von jeher für sich beansprucht hatte, durch Henri gebracht werden könne. Sie rief: Das habe ich nicht verdient, Henri! Ich habe nie danach gefragt, ob der Mann, den ich liebe, reich oder arm ist, und ich dächte, Du wüßtest das am besten. Hast Du mich nicht selbst eine romantische Schwärmerin genannt, weil ich jenen Mann bewunderte, der – Emma wußte nicht, wie sie den Satz beenden sollte und nahm wieder zu ihrem Taschentuch ihre Zuflucht. Ueber Henri's Gesicht zuckte ein unheimliches Lächeln. Er blieb stehen, indem er die Arme über der Brust verschränkte, und sagte: Nun, warum sprichst Du es nicht aus? Ich weiß es ja, daß Dir jener Abenteurer als der Held der Helden erscheint, ich weiß es; und, Emma, Du kannst froh sein, daß nur ich und nicht die Welt es weiß. Auch die Uneigennützigkeit und die Großmuth haben ihre Grenzen, über die hinaus die Welt, die mit ihrem Urtheile im Ganzen und Großen immer Recht hat, nicht mehr von Uneigennützigkeit und Großmuth, sondern einfach von – aber, was soll ich Dich das letzte Mal, daß wir vielleicht uns so frei gegen einander aussprechen können, erzürnen? Ich schwöre Dir, daß, wenn jenes klägliche Fiasco, über das sich jetzt die Zeitungen lustig machen, durch die gerichtliche Verurtheilung des bewunderten Helden eine sehr ernste Bestätigung erhalten hat – kein Wort des Spottes je über meine Lippen kommen soll! Mein Gott! Wer irrte sich nicht einmal in seinen eigenen Empfindungen oder in denen des Andern! Habe doch auch ich einmal für möglich gehalten, daß Du mich liebest! Henri, schluchzte Emma, Du bist grausam, wie kannst Du mir eine momentane Wallung so hoch anrechnen, wie kannst Du – Henri that, als ob er nicht hörte, was Emma sagte; die Gewißheit, daß das so mühsam angestrebte Ziel jetzt oder nie erreicht werden würde, versetzte ihn in jenes Fieber der Erwartung, welches er so oft am Spieltische durchgemacht hatte, und lieh ihm Töne, die auch wohl ein feineres Ohr, als das Emma's, von wahrer Leidenschaft kaum unterschieden hätte. Aber denke nicht, rief er, indem er wieder im Zimmer auf und nieder zu gehen begann, daß ich den schmachtenden Schäfer spielen und die Schläge des Schicksals geduldig hinnehmen werde! Arm, wie ich bin, mein alter Name blieb mir noch, und meine Verbindungen sind noch dieselben. In den höchsten Kreisen, in die ich strebe und die sich mir zum Theil erschlossen haben, kommt es auf ein paar hunderttausend Thaler mehr oder weniger nicht an. Dem Prinzen bleibe ich immer der Baron von Tuchheim, immer ein Mann aus dem Holze, aus welchem ein kluger Fürst seine Vertrauten und seine Minister macht. Wir werden uns sobald nicht wiedersehen, Emma. Möge es Dich nie gereuen, daß Du mich einst wie einen Bettler von Dir gewiesen hast! Und nun gieb mir noch einmal die liebe Hand, und dann sei's geschieden! Henri fuhr sich mit der linken Hand über die Augen und reichte die andere Emma hin. Emma konnte dieselbe nicht erfassen; sie hatte zu viel mit ihrem Tuche zu thun, das sie abwechselnd auf das eine und dann auf das andere Auge drückte. O, geh nicht fort, Henri, verlaß mich nicht so! Wie kann ich bleiben, Emma? Du sollst nie wieder – ich will nie wieder – ach Ich bin so unglücklich, so unglücklich! Henri hatte jetzt gegen einen Ausdruck, der ihn vorhin so beleidigt hatte, nichts einzuwenden. Wie kann ich bleiben, Emma? wiederholte er, da Du mich nicht liebst, da Du mich von Dir stößt? Ich will Dich ja nicht von mir stoßen – ich will – Emma hatte sich von ihrem Sessel erhoben und streckte beide Hände mit dem Taschentuche nach Henri aus. Henri ließ sie nicht weitersprechen, er schloß sie in seine Arme und bedeckte ihren Mund mit Küssen, gegen die sie sich nicht länger sträubte. Ist es möglich? rief Henri, und dann, da ihm einfiel, daß es sehr mißlich sei, etwas auch nur redeweise in Zweifel zu ziehen, was ein- für allemal entschieden sein mußte: Ja, es ist, es ist wirklich, wahr und wahrhaftig! Du bist mein, Emma! Ich habe mir Dich errungen, und keine Macht der Erde soll uns je wieder trennen. Dies ist der unseligste und der seligste Tag meines Lebens! Höchster Schmerz und höchste Lust, mein süßes Mädchen, meine liebe Braut! Aber jetzt muß es der Onkel wissen, fuhr er fort, zwischen uns muß Alles klar sein. Lebe wohl, mein Mädchen! Mein Mädchen! Henri küßte Emma noch einmal stürmisch auf Mund und Augen und eilte fort. Emma nahm ihrem Verlobten die Eile, mit der er sie verließ, keineswegs übel. Sie fühlte das Bedürfniß, allein zu sein. Es war eine so zarte Rücksicht, daß er ihr Zeit gönnte, sich in dies neue Verhältniß zu finden. Da lag der Brief an die Freundin, in welchem sie sich das unglücklichste Geschöpf auf der weiten Welt genannt hatte! Gott! Sie mußte den ganzen Brief umschreiben; es paßte kein Wort mehr. Es war ja Alles anders geworden! War sie denn noch dieselbe? Emma eilte an den Spiegel, sich zu vergewissern, ob sie noch dieselbe war. Unterdessen ging Henri mit sehr anderen Empfindungen, als mit welchen er die Treppe hinaufgestiegen war, dieselbe hinab. Seine Kniee freilich wankten wieder etwas, aber es war auch eine sehr angreifende Scene gewesen. Er hatte sie meisterhaft gespielt, meisterhaft! Mit einem Male verschwand das Lächeln von seinen Lippen. Wenn Emma's Vater nun Nein sagte? Emma's Vater war ein sehr kluger Mann! Er könnte ein Spiel, das doch am Ende ziemlich offen lag, sehr leicht durchschauen. Und was dann? Aber hier war kein Besinnen möglich. Morgen vielleicht schon konnte der General dem Bankier mittheilen, was er ihm vorhin mitgetheilt hatte, und dann war Alles wieder in Frage gestellt oder vielmehr für immer zu seinen Ungunsten entschieden. Henri stand, schwankend und zögernd, auf dem unteren Flur, als er Alfred's leichtes Gig die Rampe herauffahren hörte. Das traf sich glücklich. Alfred hatte sich um das Verhältniß zwischen ihm und seiner Schwester freilich so wenig ernstlich bekümmert, wie um irgend etwas Anderes auf der Welt; aber er zweifelte nicht, daß Alfred sich im entscheidenden Augenblicke auf seine Seite stellen werde. Sieh, da bist Du ja noch! rief Alfred, sobald er seinen Vetter erblickte. Ich dachte eben, ob Du nicht mit dem Mittagszuge gefahren sein würdest. Ich sagte Dir ja gestern schon, daß ich nicht nach Tuchheim reisen werde, erwiederte Henri, indem er Alfred die Hand reichte. Alfred zog seine Hand zurück und sagte, indem er Henri mit seinen großen matten Augen ernsthaft anblickte: Das ist aber gar nicht hübsch von Dir! Ich würde in Deiner Stelle unter allen Umständen hinreisen. Es ist immer Dein Papa, der gestorben ist. Ich finde es schon gar nicht recht, daß Papa nicht hingeht und mir hinzugehen verbietet; aber Du? Alfred schüttelte den Kopf und fing an sich seine Handschuhe auszuziehen. Die schnelle Fahrt durch den Park hatte ihn äußerst angegriffen; er hatte seine Pflicht gethan, indem er seinen Vetter an seine Pflicht erinnerte; jetzt wünschte er zu frühstücken. Na, sagte er, da Du nun einmal noch hier bist, so komm mit mir auf mein Zimmer; der Rappe ist eine Schandmähre, er hat mich mit seinem ewigen Scheuwerden ganz mürbe gemacht; ich muß ein Glas Madeira trinken. Aber zum Tausend, was hast Du denn? Du siehst ja heute ganz curios aus! Alfred, sagte Henri, glaubst Du, daß ich Dein Freund bin? Alfred blickte seinen Vetter fragend an. Wenn Du glaubst, daß ich Dein Freund bin, fuhr Henri mit leiserer Stimme fort, und wenn Du mein Freund bist, so kannst Du es jetzt beweisen. Ich habe mich soeben – frage nicht, wie Alles gekommen ist, ich will es Dir zu einer anderen Zeit erzählen – mit Deiner Schwester verlobt. Wir – sie und ich – sind einig; aber ich muß Deine Zustimmung, ich muß Deines Vaters Einwilligung haben; mein Glück, mein Leben – Alles steht auf dem Spiel. Komm mit nur zu Deinem Vater. Alfred starrte seinen Vetter mit weit geöffneten Augen an. Aber mein Gott, sagte er. Ich wußte es ja, daß ich keinen Freund habe, murmelte Henri. Aber, mein Gott, begann Alfred von neuem. Komm mit zu Deinem Vater! rief Henri, indem er Alfred's Arm ergriff und den Widerstrebenden nach dem Cabinet des Bankiers führte. Herr von Sonnenstein ging mit auf den Rücken gelegten Händen in seinem Cabinet auf und ab. Er hatte, als er aus seinen Bureaux zurückgekommen war, seinem Bedienten geklingelt und durch denselben erfahren, daß Excellenz das Haus verlassen habe und der Herr Baron nach oben gegangen sei. Er war äußerst neugierig, den Inhalt des geheimen Gesprächs zwischen dem General und seinem Neffen zu erfahren. Ein specieller Auftrag des Königs! Worin konnte der bestanden haben? Offenbar handelte es sich um den verstorbenen Schwager. Der hochselige König war ein Freund des Freiherrn gewesen; sehr wahrscheinlich, daß der König sein Beileid zu erkennen gab, vielleicht Henri mit einer Botschaft für die Damen des Hauses nach Tuchheim zum Begräbniß schickte. Das wäre sehr fatal. Der Bankier hatte den lebhaften Wunsch geäußert, daß Henri unter irgend einem Vorwande nicht nach Tuchheim ginge. Was sollte er dort? In solchen Augenblicken der allgemeinen Rührung und Trauer muß man, um dem Augenblick zu genügen, Concessionen machen, die Einen hernach bitter gereuen. Fräulein Charlotte hatte ihm die Fünfzigtausend, die sie in seinem Geschäfte stehen hatte, vor acht Tagen gekündigt, das heißt: sie wollte ihren eigenen Weg gehen. Mochte sie das! je eigener, je besser. Der Bankier wollte in der Tuchheimer Affaire nicht länger genirt sein. Er war es lange genug gewesen. Er brauchte gerade jetzt zu einer gewissen Manipulation Geld, viel Geld. Er mußte freie Hand haben, die Fabriken zu verkaufen, wenn es ihm convenirte, ja und nachträglich vielleicht auch die Güter, die er schon der Fabriken wegen auf jeden Fall an sich bringen mußte und jetzt, wenn er mit den Gläubigern des Freiherrn unter der Hand rechtzeitig accordirte, vielleicht zu einem sehr billigen Preise bekam. Nein, nein! Er durfte nicht genirt sein, durch Niemanden, auch durch Henri nicht. – Will oder kann Henri die Rücksichten gegen seine Familie nicht vergessen, so mag er zusehen, wie er das anfängt; ich muß für mich selber sorgen. Nun, es wird sich ja bald genug entscheiden. Geht er nachträglich doch noch zum Begräbniß, so ist das der erste Schritt, der uns auseinander bringt. Der Bankier war im Begriff, dem Bedienten wiederum zu klingeln und zu fragen, ob der Herr Baron noch immer beim gnädigen Fräulein sei, als Henri mit Alfred hereintrat. Nun, rief er eifrig, Henri, was hast Du für Geheimnisse mit dem General gehabt? Oder darf man's nicht erfahren? Du gehst nun doch noch nach Tuchheim, nicht? Ich gehe nicht nach Tuchheim, sagte Henri mit einem Seitenblick auf Alfred; der König hat nichts Derartiges von mir verlangt; im Gegentheil, er wünscht, daß Alles vermieden werde, was der in Tuchheim herrschenden Aufregung Nahrung geben könnte. Der General, der übrigens selber nicht hingehen wird, ist mit mir einverstanden, daß mein Erscheinen dort gerade nicht zur Beruhigung der Gemüther beitragen würde. Dann gehe ich hin, sagte Alfred, dessen blasse Wangen sich während der letzten Worte Henri's mit einer schwachen Röthe überzogen hatten. Ich finde es unverantwortlich, daß Keiner von uns zugegen sein soll und wir die Damen in solcher Lage allein lassen. Alfred! sagte der Bankier im Tone sanften Vorwurfs, wahrend Henri seinen Vetter finster anblickte. Ja, ja, Papa! fuhr Alfred fort, unverantwortlich. Henri hat ja hinterher noch immer Zeit, seine Werbung – Es ist gut, Alfred, sagte Henri mit blassen Lippen; ich habe Dich in diesem für mich so wichtigen Augenblicke um Deine Freundschaft gebeten – Du verweigerst sie mir. Wir werden künftig zusehen müssen, wie wir ohne einander fertig werden. Aber was habt Ihr nur? rief Herr von Sonnenstein. O, nur dies, erwiederte Henri, ich theile eben Alfred mit, daß der ernste Augenblick über mich und Emma entschieden hat, und deutete ihm an, daß er jetzt Gelegenheit habe, zurückzuzahlen, was ich vielleicht im Leben bis jetzt für ihn habe thun können. Er hat meine Bitte nicht verstehen wollen. Mein Gott! rief Alfred, Du bist aber wahrlich heute Morgen ganz entsetzlich. Es fällt mir ja gar nicht ein, Dir Emma nicht zu gönnen! Du, oder ein Anderer! Und dann habe ich Dich doch schließlich lieber zum Schwager, als Herrn von Erlbach, der mir zum Dank dafür, daß ich ihm immer zum Cotillon mit Emma verhalf, seine Schandmähre von Rappen für ein heilloses Geld aufschwatzt, oder Herrn von Sturmfeld, dessen Leidenschaft für Emma ich mit Gott weiß wie vielen Partieen Ecarté bezahlen muß! Heirathet Euch in Himmels Namen, ich will nur nicht – Du guter, lieber Junge! rief Henri, indem er Alfred's beide Hände ergriff, ich wußte es ja! Wir sind gute Kameraden bis jetzt gewesen und werden es auch bleiben; ja werden es, als Schwäger, erst recht werden. Nicht wahr, Onkel, – Henri wendete sich jetzt zum Bankier und erfaßte dessen Hände, wie er eben die Alfred's erfaßt hatte, wir haben Deine Einwilligung? Die Sache kommt ein wenig plötzlich, sagte der Bankier, seine dunklen Brauen zusammenziehend. Ich habe Dein Wort, Onkel, sagte Henri, sich stolz aufrichtend, daß Du mir Emma geben wolltest, wenn sie selbst mich haben wollte, und eines Edelmannes Wort ist heilig. Hm, hm, sagte der Bankier. Und nun kommt zum Frühstück! rief Alfred, ich bin fast ohnmächtig vor Hunger und Durst. Du siehst übel aus, mein Junge, sagte der Bankier, der jetzt erst auf Alfred's Blässe und hohle Augen aufmerksam wurde. Du mußt Dich mehr schonen, Du mußt in diesem Sommer nach Meran. Der Bankier blickte noch immer seinem Sohne in die hohlen Augen. Zum ersten Male kam ihm der Gedanke, daß sein Stolz, sein Alfred, sein Junge, sein glänzender Cavalier vor ihm sterben könne. Das Herz schwoll ihm vor Angst und Wehmuth. Er griff nach Alfred's Hand. Die Hand war heiß und trocken. Du bist krank, mein Junge! rief der Bankier. Es hat Dich aufgeregt. Warum regt Ihr ihn auch so auf? Ich bin nicht krank, laß uns nur frühstücken! Ja, ja, laß uns nur frühstücken! sagte der Bankier, indem er Alfred's Arm nahm. Oben bei Emma! rief Alfred. Ja, oben bei Emma! sagte der Bankier; wie Du willst, was Du willst, mein Sohn. Der Bankier ging mit seinem Sohne nach der Thür. Alfred bog den Kopf an des Vaters Ohr und flüsterte schnell ein paar Worte. Der Bankier ließ Alfred los und kam zu Henri zurück, der noch auf derselben Stelle stand. Verzeihe, lieber Henri, aber Alfred's Aussehen ängstigt mich sehr – sehr! Die Augen des Mannes füllten sich mit Thränen; er warf sich, der Stütze und des Trostes bedürftig, an Henri's Brust. Henri erwiederte die Umarmung. Emma und ich wollen ihn pflegen, sagte er in einem Tone, der brüderlich klingen sollte. Nun aber kommt! rief Alfred, der noch in der Thür stand. Komm, Henri! sagte der Bankier, sich aus der Umarmung aufrichtend. Du hast jetzt eine doppelte Pflicht, über Alfred zu wachen. Verlaß Dich auf mich! sagte Henri. Dreizehntes Capitel. Der General war erst spät am Nachmittage nach Hause gekommen, gänzlich erschöpft von all' den Anstrengungen, die er seinem geschwächten Körper hatte zumuthen müssen, aber sehr befriedigt von dem Resultat, das schon erreicht war, und voller Erwartung und Unruhe wegen dessen, was noch bevorstand. Er vernahm sehr ungern, daß das gnädige Fräulein in der Meinung, daß Excellenz nun doch nicht mehr zum Mittag zurückkehren würden, eine Einladung der Gräfin Schlieffenbach angenommen habe. Er mußte nothwendig Josephe sprechen und schickte sofort den Jäger, der heimlich über den verwetterten Dienst in den Bart brummte, mit einem Billet, in welchem er seine Tochter bat, ihren Besuch abzukürzen, da er ihr die wichtigsten Mittheilungen zu machen habe, nach dem Hotel der Gräfin. Bei dem Diner, welches ihm in aller Eile servirt wurde, stocherte er nur eben in den Speisen, schenkte sich aber mit zitternder Hand ein paar Gläser alten schweren Rheinweins ein, um seine Nerven wieder etwas zu beleben; befahl, ihm sofort zu melden, wenn das gnädige Fräulein eingetroffen sein würde, und begab sich in sein Zimmer, um einige Augenblicke auf dem Sopha auszuruhen. Aber die Ruhe wollte nicht kommen. Er hatte gar zu viel zu überdenken, zu überlegen. Da war er, ehe er's sich versehen hatte, mitten in einer Intrigue, deren Tragweite freilich noch gar nicht abzusehen war, die aber in Anbetracht der darin verwickelten Personen und der höchst complicirten Verhältnisse in jeder Beziehung sehr bedeutungsvoll zu werden versprach. Was Sara in die Hand nahm, pflegte selten zu mißlingen; aber der wunderbare Scharfsinn, den sie in dieser ganzen Angelegenheit entwickelt hatte, übertraf doch alle ihre früheren Leistungen. War die merkwürdige Unterredung mit dem Könige nicht so verlaufen, als wenn sie dieselbe Wort für Wort soufflirt hätte? Nur in einem Punkte war eine Differenz. Sara hatte ihm ausdrücklich aufgetragen, sobald er etwas erreicht habe, sie sofort zu benachrichtigen; der König hatte sich ebenso ausdrücklich vorbehalten, Tante Sara, oder die junge Dame – es war nicht recht ersichtlich gewesen, ob eine, oder die andere, oder beide – zu überraschen. Der General hatte noch unterwegs diesen schwierigen Punkt reiflich erwogen, war aber zu keinem, Resultate gelangt. Erst jetzt – in der Ecke seines Sophas – sagte er sich, daß es doch wohl gerathener sei, dem Befehle Sara's, als dem Wunsche des Königs Folge zu leisten, und so mußte denn der unglückliche Jäger, der eben erst von seiner Commission zurück war, sogleich wieder zu Fräulein Gutmann auf das Schloß mit einem Billet. Jetzt weiß sie, woran sie ist, sagte der General, als er das Billet expedirt hatte und sich wieder in sein Sopha setzte, um zu überlegen, was er Josephen, die jede Minute eintreten konnte, mittheilen dürfe. Es hält so schwer, ihr eine politische Situation klar zu machen; sie hat durchaus nur für das rein Persönliche Interesse; würde sie begreifen, daß die Pflicht der Klugheit jetzt erfordert, diesen Doctor auf jede nur mögliche Weise zu gewinnen, an uns zu fesseln? Sie hat mir neulich die schwersten Vorwürfe gemacht, wie ich es habe wagen können, ihr diesen Menschen so ohne weiteres auf ihr Zimmer zu bringen – aber dies, dies muß sie doch einsehen; dies ist ja mit Händen zu greifen. Sie möchte immer so gern oben hinaus, und doch hat sie damals so wenig verstanden, den König zu fesseln, als er noch nicht so blasirt wie heute, im Gegentheil von einer Schönheit, wie Josephe, so leicht zu fasciniren war. Nun, die Gelegenheit ist für immer vorüber, aber hier kommt eine zweite, vielleicht noch bessere Gelegenheit, eine große Rolle zu spielen – dieser Doctor Gutmann ist binnen zweien Stunden vielleicht eine Macht im Staate. Er hat mir heute wahrlich noch mehr gefallen als neulich; ich möchte nur wissen, wo ich neulich meine Augen gehabt habe. Aber man muß eben so viel Capital herauszuschlagen suchen, als irgend möglich – und Josephe muß mir helfen. Der General drückte sich die Hände gegen seine Schläfen. Ich lüge wahrhaftig nicht, wenn ich nach Tuchheim telegraphire, daß ich krankheitshalber nicht kommen kann; ich fürchte, ich werde ernstlich krank werden; aber heute freilich muß ich auf dem Posten sein. Gott sei Dank, da ist Josephe! Josephe kam in sehr ungnädiger Laune. Die Gräfin Schlieffenbach, Gemahlin des erst kürzlich am diesseitigen Hofe accreditirten Gesandten, war ein paar Jahre jünger als sie, aus einer notorisch gänzlich verarmten süddeutschen Adelsfamilie, dabei nicht einmal auffallend hübsch, auch nicht eben geistreich, höchstens anmuthig – nichtsdestoweniger hatte sie eine der glänzendsten Partieen gemacht, die sich denken ließen. Die kostbar gediegene Einrichtung ihrer nur wenige Schritte von der Wohnung des Generals gelegenen Villa, die Leichtigkeit, mit der sich diese junge Dame in diesen Glanz hineingefunden hatte, die Ungezwungenheit, mit der sie von ihren und ihres Gemahls Beziehungen zu dem und jenem souveränen Hause sprach – das Alles hatte Josephe mit tiefstem Neid gegen die neue Freundin erfüllt. Und während eben der Graf in's Zimmer zu den Damen getreten war, um seine Gemahlin zu fragen, ob sie vor der Soirée bei dem englischen Botschafter noch eine Stunde in die Oper zu fahren wünsche, mußte sie nach Hause auf Befehl eines alten anspruchsvollen Vaters, der vermuthlich mürrisch und angegriffen von seinen langen Visiten zurückgekommen war, und dessen Laune aufzuheitern das Vergnügen ihres Abends sein würde. Oder sollte sich gar der Vater in der zwölften Stunde nun doch noch entschlossen haben, nach Tuchheim zu gehen? Ueber den letzten Punkt durfte sich Josephe sehr bald beruhigen. Die ersten Worte des Vaters sagten ihr, daß er nichts weniger als eine nächtliche Eisenbahnfahrt beabsichtigte. Wie lange Zeit brauchst Du, um eine recht hübsche Haustoilette zu machen? Weshalb? Wir werden in einer Stunde den Besuch des Doctor Gutmann haben, und eine halbe Stunde später etwa wird der König kommen. Josephe blickte ihren Vater mit großen forschenden Augen an. Sein Aussehen war so sonderbar, so verstört; hatte er zu viel Wein getrunken, oder sprach er irre? Was hatte Doctor Gutmann, der im Gefängnisse saß, mit dem Könige zu thun? Ja, aber so antworte doch, fuhr der General, als seine Tochter noch immer schwieg, in gereiztem Tone fort, wir haben keinen Augenblick zu verlieren; ich habe Dir vorher noch viel zu sagen. Wie lange brauchst Du? Eine Viertelstunde, erwiederte Josephe, die Augen starr auf den Vater gerichtet, dessen Betragen ihr mit jedem Momente räthselhafter erschien. So setze Dich und höre mir aufmerksam zu. Josephe überlegte, ob sie nicht lieber gleich nach Hilfe klingeln solle, bedachte dann aber, daß dazu auch später Zeit sei, und nahm in einiger Entfernung von dem Sopha Platz, jede Miene, jede Bewegung des Vaters scharf beobachtend. Der General fühlte sich sehr unbehaglich unter diesem forschenden Blick, dessen Meinung er allerdings zu ahnen weit entfernt war. Er wußte nicht recht, wie er seiner Tochter das Nothwendige mittheilen sollte, ohne die Intimität seines Verhältnisses zu Sara und die Rolle, welche er bereits Silvia in der ganzen Affaire zugedacht hatte, allzu deutlich durchblicken zu lassen, und diese Unsicherheit machte seinen Bericht im Anfang so verworren, daß Josephe in ihrem Verdacht nur noch bestärkt wurde. Je weiter indessen der General in seiner Erzählung kam, umsomehr erkannte Josephe, daß sie sich geirrt hatte, und daß die Aufregung des Vaters in der That durch das Außerordentliche des Falles hinreichend motivirt war. Und ich kann Dich versichern, Josephe, fuhr der General fort, der Polizeipräsident, Herr von Sturmfeld – der Bruder, weißt Du, von dem andern, der Deiner Cousine Emma so den Hof macht – hatte in den paar Tagen schon herausgefunden, daß es mit dem Manne etwas Besonderes sei. Ich hatte keine besonderen Instructionen, sagte er, aber es war mir nicht möglich, den Herrn wie das übrige Literatengesindel zu behandeln, das von Zeit zu Zeit meiner Obhut anvertraut wird. Ich habe ihm für seine Freistunden meinen Garten zur Promenade angeboten. Er hat es freilich nicht angenommen, ebenso wenig wie die andere Offerte, etwaige Besuche hier in meinem Zimmer zu empfangen, aber ich bin nun doppelt froh, Beides gethan zu haben. Ich hatte Mühe, Sturmfeld's neugierige Frage abzuschneiden. Eine Minute später trat der Doctor, von Sturmfeld, der sich sogleich wieder entfernte, geführt, in das Directorialzimmer. Was soll ich Dir noch lange schildern, wie mir der Mann entgegentrat, so ruhig, so sicher, so selbstbewußt, als ob er bereits ahnte, weswegen ich gekommen war. Ja, er sagte geradezu, daß ihn meine Botschaft keineswegs überrasche. Aber Sie werden noch heute Abend Sr. Majestät vorgestellt werden! Warum nicht, erwiederte er, ich habe diesem Augenblick lange entgegengesehen, ich bedarf dazu keiner Vorbereitung. Du kannst Dir denken, Josephe, daß meine Versicherung, die Verantwortung auf mich zu nehmen, jede Formalität überflüssig machte. Nachdem ich Sturmfeld noch einmal bis auf weiteres die strengste Discretion befohlen hatte, stieg ich mit dem Doctor in meinen Wagen, der während der ganzen Zeit vor Sturmfeld's Dienstwohnung gehalten hatte, und brachte ihn in Schreiber's Hotel, wo ich zwei Stunden in der merkwürdigsten Unterhaltung mit ihm zugebracht habe, bis seine Koffer – durch Sturmfeld's Vermittelung – ankamen. Zuletzt – und zur glücklichen Stunde – fiel mir ein, ihn zu fragen, ob er, im Falle er nicht hinreichend mit Geld versehen sei, mir die Ehre erweisen wollte, ihm bei meinem Bankier einen Credit eröffnen zu dürfen. Er acceptirte das lächelnd; ich verabschiedete mich, fuhr zu Nathanson und besorgte die Sache. Jetzt ist vorläufig Alles von mir gethan, was in meinen Kräften stand; nun kommt die Reihe an Dich, meine liebe Josephe. In einer halben Stunde wird der Doctor eintreffen. Du wirst ihn unterhalten, bis der König kommt. Ich empfange den König im Salon, während der Doctor bei Dir bleibt. Wenn dann der König ihn zu sehen wünscht, hole ich ihn von Dir. Das Andere wird der Augenblick lehren. Nun aber geh', mein Kind, und zieh' Dich einfach, aber recht geschmackvoll an; die Leute dürfen nicht ahnen, daß hier eine Verabredung zu Grunde liegt; es muß sich eben Alles von selbst zu machen scheinen. Ich kann also auf Dich als auf eine gute, kluge Tochter rechnen? Josephe versprach den Wünschen des Vaters möglichst nachkommen zu wollen und ging, einige nothwendig gewordene Befehle zu ertheilen und Toilette zu machen. Die fieberhafte Aufregung des Vaters hatte selbst sie aus ihrer kühlen Ruhe gebracht. Sie hatte ihn noch nie, auch nur annähernd, mit solchem Respect von irgend einem Menschen sprechen hören; und gesetzt auch, es verhielt sich Alles nicht genau so, wie er sagte, etwas mußte doch daran sein! Die einfache Thatsache, daß der König sich zu einem so ungewöhnlichen Schritte verstehen konnte, bewies es ja. Das war allerdings ein entschiedener Erfolg! Die Bewunderung, die der Mann in dem Sonnenstein'schen Kreise erregt hatte, war am Ende sehr gleichgiltig gewesen. Wen und was bewunderten solche Menschen nicht? Auf die Anerkennung, die ihm von Seiten des Freiherrn zu Theil geworden, hatte man auch nichts geben können, man hatte das für eine der beklagenswerthen Extravaganzen halten müssen, ohne die man sich ja den Onkel nicht denken konnte; aber jetzt erschien freilich das Alles in einem anderen Licht. Es mußte doch eine Macht in diesem Menschen sein, obgleich es allerdings räthselhaft war, worin denn nun die Macht so recht eigentlich bestand. Josephe sann über dieses Räthsel nach, während sie nach Beendigung ihrer Toilette vor dem Spiegel ihr schönes Gesicht nachdenklich betrachtete. Wie oft hatte sie so gesessen, nachdem sie für diesen oder jenen Zweck Toilette gemacht hatte: Gesellschafts-Toilette, Ball-Toilette, Theater-, Concert-Toilette. Sie war immer sehr schön gewesen, und man hatte sie immer sehr schön gefunden; hundertmal hatte sie geglaubt, am Ziele ihrer Wünsche angekommen zu sein, und – es war immer noch dasselbe. Diese blonde, insipide Person, die weiter nichts hatte, als ihre weiche Stimme und ihre sanften, blauen Augen, mit denen sie alle Welt anlächelte, war aus einem obscuren Land-Edelfräulein Gräfin Schlieffenbach geworden und hatte das fürstliche Vermögen eines Gemahls, der sie anbetete, zu ihrer Verfügung; und sie, die tausendmal schöner war, der tausendmal gesagt war, daß keine der glänzendsten Partien für sie zu glänzend sei, die, als sie vor acht Jahren zum erstenmale auf dem Hofballe erschien, ein so beispielloses Furore machte, in deren Leben seitdem Triumph sich an Triumph gereiht hatte – sie war noch immer, was sie gewesen war. Und nicht einmal das mehr. Sie hatte es während des verflossenen Winters empfunden. Es waren zum erstenmale Lücken auf ihren Ballkarten gewesen, die häufig nicht ohne Mühe, und manchmal gar nicht ausgefüllt worden waren. Als ihr eifrigster Bewunderer in der letzten Saison hatte sich der junge Graf von der Hasseburg gezeigt. Sie hatte sehr unter dieser jugendlichen Bewunderung gelitten. Hatte doch die alte bissige Baronesse Barton die Frechheit gehabt, ihr noch in der letzten Soirée bei dem spanischen Gesandten zuzuflüstern: Alles sehr schön, meine Liebe; aber einen Fähnrich kann man doch nicht heirathen, auch wenn er Majoratsherr ist. Warten Sie doch wenigstens, bis er seine Epauletten hat! Josephe strich sich eine kleine Falte weg, die sich während dieser peinlichen Reminiscenzen über ihrer linken Augenbraue gebildet hatte. Und weshalb saß sie nun heute hier? Für wen war sie heute schön? Für einen Mann, der doch, Alles in Allem, nichts Besseres als ein Abenteurer war, eines verkommenen Häuslers Sohn, so viel sie wußte, der sich durch Gott weiß welche Mittel dem Könige interessant zu machen verstanden hatte. Wenn sich der Vater nun doch in der seltsamsten Verblendung befände? Wenn doch Alles nur auf einen augenblicklichen Einfall, auf eine wunderliche Laune des Königs hinauslief? Wenn er den Menschen so schnell fallen ließ, als er ihn aufgenommen? Und die Rolle, die der Vater, die sie selbst in dieser seltsamen Geschichte spielte, ausgeplaudert würde? Und sie den Schaden und den Spott zu tragen hätte und sich compromittirte, wie ihre alberne Cousine Amélie sich durch ihre Neigung für den Walter, der ja noch überdies ein Vetter dieses Menschen war, bereits in den Augen aller Verständigen compromittirt hatte! Josephe zog die Augenbrauen in die Höhe. Ich muß für den Vater mit vorsichtig sein, dachte sie, er kann von mir nicht verlangen, daß ich mich für eine Laune des Königs compromittire. Excellenz läßt das gnädige Fräulein bitten, in den kleinen Salon zu kommen, sagte das Kammermädchen, den Kopf zur Thür hineinsteckend. Ist Jemand da? fragte Josephe. Du siehst, ich habe mich schon umgekleidet. Ach, es ist nur ein Doctor, gnädiges Fräulein; ich weiß nicht, wie er heißt. Er war neulich schon einmal bei Excellenz. Es ist gut, ich werde kommen. Es ist nur ein Doctor, sagte Josephe, während sie langsam die Treppe hinabschritt. Vierzehntes Capitel. Als Josephe den kleinen Salon betrat, fand sie die beiden Männer mitten im Zimmer im lebhaften Gespräch, das bei ihrem Eintritte abgebrochen wurde. Der General wendete sich zu seiner Tochter und sagte: Da ich weiß, liebe Josephe, wie gern Du Dich mit dem Herrn Doctor unterhältst, bitte ich nicht um Verzeihung, daß ich Dich habe rufen lassen. Ich will Dir aber nur gleich gestehen, und auch Ihnen, Herr Doctor, ich werde Ihre Gesellschaft auf kurze Zeit verlassen müssen. Seine Majestät hat soeben die Gnade gehabt, sich bei mir melden zu lassen – bitte, nein, das soll Sie eben nicht derangiren, und auch Dich nicht, liebe Josephe! Ich habe befohlen, die Lichter im großen Saale anzuzünden. Majestät kann jeden Augenblick kommen, wird aber, wie er das immer thut, nur einen Augenblick bleiben. Ich will mich deshalb, mit Ihrer Erlaubniß, auf meinen Posten begeben; aber kein Derangement irgend welcher Art, bitte! bitte! Der General ging. Leo hatte ihm freundlich nachgeblickt, und als er auf der Schwelle stand, noch einmal leicht gegrüßt; dann wendete er sich zu Josephe, die unterdessen auf dem Sopha Platz genommen hatte, und sagte in demselben heiter geselligen Tone, in welchem er bisher gesprochen: Das ist nun das drittemal, mein gnädiges Fräulein, daß uns der Schaffner Zufall auf unserer Lebensreise in einem Coupe allein zusammenbringt. Ich weiß mir diese Hartnäckigkeit nicht zu erklären; haben Sie eine Deutung dafür, mein gnädiges Fräulein? Leo hatte sich, ohne Josephe's Aufforderung abzuwarten, in ihrer Nähe, nachlässig bequem, die Arme über eine der Lehnen des Stuhles schlagend, niedergesetzt. Josephe hätte unter allen Umständen auf eine Frage, die nur geistreich spielte, schwer eine passende Antwort gefunden; jetzt vollends, da sie beschlossen hatte, vorsichtig zu sein, gab sie sich nicht einmal die Mühe, sondern begnügte sich mit einem kurzen Nein. Es sind zwei Deutungen möglich, fuhr Leo fort, als ob er das Nein Josephen's gar nicht gehört hätte; die eine ist, daß das Schicksal mich Ihnen und Sie mir im Kampfe des Lebens noch einmal gegenüberstellen und uns vorher Gelegenheit geben will, miteinander unsere schwachen Seiten abzulauern; die andere, daß, wie auch der Schein dagegen sprechen mag, wir von einer höheren Macht prädestinirt sind, einander zu helfen und zu fördern, und die Schuld also nur an uns läge, wenn wir der Hand, die nun zum drittenmale winkt, nicht folgten. Josephe war von ihren Kreisen her an eine Unterhaltung dieser Art in keiner Weise gewöhnt; sie wußte auch nicht genau, ob dieser Mann im Ernst sprach, oder ob er sich einen unziemlichen Scherz mit ihr erlaube, den zurückzuweisen ihre Pflicht sei. Aber sie hatte dem Vater versprochen, artig zu sein; und dann war doch in der sicheren Ruhe des Mannes ein Etwas, das ihr, der Haltung das höchste gesellschaftliche Ideal war, wider ihren Willen Achtung abnöthigte. Ich fürchte nur, erwiederte sie, indem sie sich zu einem Lächeln zwang, wir werden wenig gemeinsame Interessen haben. Sie meinen, weil zwischen unseren gesellschaftlichen Stellungen ein so großer Zwischenraum liegt? Das wollte ich nicht sagen. Weshalb nicht? Sie haben von Ihrem Standpunkte aus vollkommen Recht, diesen Zwischenraum für sehr reell zu halten. Das Gegentheil wird Ihnen so selten bewiesen! Und doch glaube ich, daß Ihre Furcht, unsere Interessen möchten so gar weit auseinander liegen, nicht ganz gegründet ist. Ich wüßte vorläufig keinen gemeinsamen Punkt anzugeben, sagte Josephe mit demselben erzwungenen Lächeln. Ich auch nicht, erwiederte Leo, wenn nicht gleich das Interesse, das wir Beide offenbar haben, die Minuten, die uns Ihr Herr Vater allein läßt, schicklich auszufüllen, ein solcher gemeinsamer Punkt genannt werden darf. Aber nun nehmen Sie noch gleich Folgendes: Ich habe mehr als Einen Grund, zu wünschen, daß Ihr Herr Vater sich der Elasticität seines Geistes, die doch wieder von der größtmöglichen Solidität der physischen Basis bedingt ist, recht lange erfreue; Sie, als liebende Tochter, müssen, wenn nicht ganz aus den nämlichen Gründen, doch ganz den nämlichen Wunsch haben. Sehen Sie, da haben wir schon ein, wie mir däucht, ganz respektables gemeinsames Interesse. Halten Sie meinen Vater für krank? fragte Josephe, die sich des sonderbaren Eindrucks, den das Benehmen des Vaters vorhin auf sie gemacht hatte, und zugleich des Umstandes, daß sie es »nur mit einem Doctor« zu thun habe, erinnerte. Das will ich nicht sagen, mein gnädiges Fräulein; aber es geht durch die ältere Generation der Tuchheim'schen Familie eine nervöse Sensibilität, die geschont sein will. Viele, aber nur mäßig anregende Bewegung in frischer Luft, nicht zu viel und nicht zu anstrengende geistige Arbeit, vor Allem eine möglichst große Freiheit von starken Gemüthsaffecten – ist für solche Constitution dringend geboten; die Hintansetzung dieser Vorsichtsmaßregeln hat sich bei Ihrem Herrn Onkel nur zu schwer gerächt. Ich bin Ihres Herrn Vaters halber sehr froh, daß ihm, wie er mir heute sagte, der König verstattete, die Amtswohnung im Schloß während des Sommers mit dieser reizend gelegenen Villa zu vertauschen. Josephe wußte sich immer weniger in diesen sonderbaren Mann zu finden. Hielt er wirklich den Zustand des Vaters für bedenklich? und woher nahm er den Muth, in diesem Augenblicke, wo doch offenbar für ihn so viel auf dem Spiele stand, so ruhig über andere Dinge zu sprechen? Von der Stelle aus, wo Josephe und Leo saßen, konnte man durch das breite, tief ausgeschnittene Fenster, dessen Vorhänge nicht zugezogen waren, sehr gut sehen, was auf der um diese Zeit sehr stillen Parkstraße vorging, und folglich auch den rothen, geschlossenen, zweisitzigen Wagen, dessen gummiüberzogene Räder lautlos herangerollt wären, wenn das Geklapper der Pferdehufe ihn nicht verrathen hätte, und der nun plötzlich vor der Gartenthür der Villa stand. Josephe warf einen schnellen Blick auf ihren Besucher. Er hatte offenbar den Wagen mit den hellleuchtenden Laternen, von dessen Bock der Jäger rasch herabsprang, so gut gesehen, wie sie; aber keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, und mit unveränderter Stimme fuhr er fort: Selbst für Sie, mein gnädiges Fräulein, muß, däucht mir, dieser Ortswechsel nach den Anstrengungen einer langen Wintersaison unendlich wohlthuend sein. Wenn Sie auch nicht gerade eine idyllische Natur sind, so werden Sie doch hin und wieder die Leere eines überfüllten Ballsaales und die Inhaltslosigkeit von Conversationen, in denen man nur spricht, weil man nicht wohl schweigen kann, empfunden haben. Da thut es denn gar wohl, des Nachts beim leisen Rauschen der Bäume unter unserem Fenster einzuschlafen und des Morgens von dem Gesang der Vögel in den Zweigen eben dieser Bäume geweckt zu werden. Sind Sie darin nicht meiner Meinung, mein gnädiges Fräulein? O, gewiß, erwiederte Josephe. Sie wußte kaum, was sie sagte. Von dem großen Salon nebenan ertönte eine sehr helle, dem Fräulein wohlbekannte Stimme. Sie fühlte, was ihr selten begegnete, ihr Herz ängstlich klopfen; aber noch immer zuckte keine Muskel in dem Gesicht des Mannes ihr gegenüber, und seine Stimme klang wo möglich noch heiterer, als er jetzt zu ihr sagte: Diese Freude an der Harmlosigkeit eines ländlichen Aufenthaltes ist eine sehr erklärliche Reaction unserer wahren Natur gegen die Unnatur, in welche uns die Gesellschaft mit ihren tausend tyrannischen Anforderungen hineinzwingt und der wir uns auch deshalb mit ganzer Seele hingeben sollten; um so mehr, als es bei unserer Lebenseinrichtung im Allgemeinen sehr schwer hält, das nöthige Gleichgewicht zwischen dem Leben in der Natur und dem gesellschaftlichen Leben herzustellen. Wir haben unverhältnißmäßig mehr Zimmerdecke als Himmelsdecke über uns. Das raubt unseren Männern allzu früh die geistige Elasticität und stiehlt unseren Damen vor der Zeit die Rosen von den Wangen. Ich war, als ich zum erstenmale nach England kam, über die Menge blühender Frauen- und Mädchengesichter, die mir überall begegneten, erstaunt; aber freilich, das Schlendern in den weiten, schattigen Parks, das dolce far niente in den Seebädern, ein schneller Ritt auf muthigem Rosse über die schottischen Haiden – das erhält jene Blüthen lange frisch, trotz der Monotonie der drawing rooms und des Staubes und der Hitze auf den überfüllten routs . Die helle Stimme nebenan hatte sich unterdessen wiederholt hören lassen; Josephe war so befangen, daß sie Leo nicht mehr anzublicken wagte. Sie sah nicht, wie seine dunklen Augen, während er scheinbar harmlos plauderte, in fieberhaftem Glanze leuchteten und sich jetzt, als die Thür zum Salon sich öffnete, mit einer blitzgleichen Schnelligkeit dorthin richteten. Der General trat mit leisen, raschen Schritten herein und sagte mit halblauter Stimme: Verzeihe, liebe Josephe, verzeihen Sie, Herr Doctor! Ich hatte im Laufe des Gespräches gegen Seine Majestät erwähnt, daß Sie uns in diesem Augenblicke die Ehre erwiesen, und Seine Majestät, der sich Ihrer von Tuchheim her noch sehr wohl erinnert, hat den Wunsch geäußert, Sie zu sehen. Wollen Sie die Güte haben, mir zu folgen. Majestät weiß, daß Sie ganz unvorbereitet sind: also keine Umstände. Ich hoffe, noch die Ehre zu haben, sagte Leo, indem er sich vor Josephe verbeugte und dem General folgte, der bereits den Griff der Thür zum Salon in der Hand hatte. Fünfzehntes Capitel. Der König stand, als der General und Leo eintraten, an einem Tisch in der Mitte des Salons und blätterte in einem Album. Er blickte mit zusammengekniffenen Augen scharf dem Eintretenden entgegen, senkte dann aber sofort den Blick wieder auf das Album und blätterte weiter, bis die beiden Männer in einiger Entfernung vor ihm stehen geblieben waren. Dann erst hob er das Haupt, legte das Album hinter sich auf den Tisch und sagte: Ach, da ist ja unser junger Freund aus dem Forsthause zu Tuchheim, an dem ich ein schweres Unrecht wieder gutzumachen habe und, Dank meiner lieben Sara Gutmann und meinem würdigen Freunde hier, wieder gutmachen kann. Wir haben uns ja schon einmal bei den Händen gehabt, lieber Doctor; so nehmen Sie denn noch einmal meine Hand und damit die Satisfaction, die ich Ihnen bieten kann. Der König reichte Leo lächelnd die Hand und wendete sich dann zu dem General: Ich kann es nicht verantworten, lieber Tuchheim, daß Ihre liebenswürdige Tochter meinethalben ganz ohne Gesellschaft bleiben soll. Ich habe eine Viertelstunde für unseren jungen Freund – die Zeit der Könige fliegt, lieber Doctor, während die anderer Leute nur stürzt – dann hoffe ich Sie wieder zu sehen, lieber Tuchheim. Der General verbeugte sich und ging. Der König nickte ihm freundlich nach; dann wendete er sich mit Lebhaftigkeit zu Leo und sagte: Nun möchte ich aber aus Ihrem eigenen Munde hören, wie Sie eigentlich in dieses Rencontre mit meiner Staatsanwaltschaft, aus dem ich Sie nicht ohne einige Mühe befreit habe, gekommen sind? Was wollten Sie, was wollten die Leute? Ich wollte zu Ihnen, Majestät; die Leute wollten mich nicht durchlassen, und da sie für den Augenblick die Stärkeren waren, behielten sie natürlich Recht. Natürlich? Warum natürlich? Das sollte gar nicht natürlich sein. Aber es ist, Majestät, und ist ganz besonders natürlich. Mir ist aus meinen naturwissenschaftlichen Studien kein Fall erinnerlich, wo es sich anders verhalten hätte. Ja, in der Naturwissenschaft, da mag das gelten; da mögen Macht und Recht identisch sein; aber wir sprechen hier nicht von der Natur, sondern vom Staate. Der doch auch ein Stück Natur ist, Majestät! In dem Munde der Naturrechtsphilosophen; aber in der Wirklichkeit sieht das verteufelt anders aus, mein Lieber. Sie selbst sind ja ein lebhaftes Beispiel. Man hat Sie sans façon eingesteckt, trotzdem Sie sich darauf köpfen lassen würden, daß Sie Recht hatten, und nicht die, welche Sie einsteckten. Verzeihen Majestät, ich sagte schon, daß meine Gegner Recht behielten, folglich war ich im Unrecht, im bittersten Unrecht, und ich hätte eine viel härtere Strafe verdient. Ein Politiker, der sich in seinen Mitteln verrechnet, ist wie ein Kaufmann, der falsch speculirt. Der Mann mag ein sehr ehrlicher Mann sein, und doch kann ihn in diesem Fall all seine Ehrlichkeit nicht vor dem Bankerott schützen. Der König machte eine ungeduldige Bewegung. Sie haben mir noch immer nicht gesagt, was Sie von mir wollten! Ich wollte Ihnen die Tuchheimer Arbeiterdeputation zuführen, Majestät. Zu welchem Zweck? Damit Majestät Die von Angesicht zu Angesicht sehen, auf die sich meiner Meinung nach die Majestät stützen muß, wenn das Recht, ich meine die Macht, die jetzt noch bei der Majestät wohnt, sich nicht bald in Unrecht, das heißt in Ohnmacht verwandeln soll. Sie sind ein Schwärmer, lieber Freund; diese Verquickung des gesalbten Königthums und der ungesalbten Menge – das ist ein Utopien. Bis ein geistvoller Monarch das Ei des Columbus hinstellt. Louis Philippe hat es versucht. Das Ei hat nicht lange gestanden. Weil er demselben die Basis nicht breit genug gemacht hatte. Mit einem Bürgerkönig ist es freilich nicht gethan. Sie wollen mich doch nicht gar zu einem Bauern- oder Arbeiterkönig machen? Wenn ich es könnte, Majestät, ja! Aber das kann ich nicht. Dazu können Sie sich nur selbst machen. Der König nahm sein Lorgnon und blickte Leo scharf an. Die eigenthümliche, von Anmaßung wie von Schüchternheit gleich weit entfernte Ruhe, mit der Leo Alles, was er sprach, vorbrachte, fing an, ihm unbequem zu werden, während er doch die entschiedene Absicht gehabt hatte, seinerseits durch geistreiche Sicherstelligkeit zu glänzen. Jetzt erregte Leo's dunkles Gesicht mit den stolzen, ernsten Zügen sein künstlerisches Interesse. Wie meinen Sie das? fragte er, oder vielmehr wie kann ich das? Aber setzen wir uns doch! Sie haben freilich ein paar Tage hinter einander gesessen, aber l'apétit vient en mangeant . Wie soll ich das also anstellen? Die Antwort, Majestät, fürchte ich, dürfte so lang werden, als die Frage kurz ist, erwiederte Leo, indem er dem Winke des Königs folgend, auf einem Stuhle Platz nahm. Nun, so zeigen Sie mir wenigstens eine Klaue, wenn ich den ganzen Löwen nicht zu Gesicht bekommen kann. Wie den Leuten wirklich helfen? Da liegt der Hase im Pfeffer! Es geht ihnen zum Theil schlecht genug, ich glaube das recht gern; indessen, so ist es gewesen, seitdem die Welt steht. Ja, sehr wahrscheinlich befinden sie sich jetzt durchschnittlich besser, als zum Beispiel im Mittelalter; aber die Begierden sind schneller gewachsen, als die Mittel, sie zu befriedigen. Machen Sie mir die Menschen wieder schlicht und bescheiden wie damals; machen Sie, daß die Menschen sich wieder andächtig jenem Höchsten zuwenden, das über ihren Geschicken waltet und sich seine Diener und Werkzeuge auf Erden auserwählt; geben Sie ihnen mit einem Worte die Frömmigkeit und den Glauben wieder – und es wäre eine Lust, König zu sein, wie es jetzt eine Qual ist, die freilich wohl nur von den tiefsten Geistern begriffen werden kann. Der König war mit der letzten Phrase sehr zufrieden; überhaupt gefiel ihm die Unterhaltung, in welcher von beiden Seiten mit gleicher Gewandtheit und Schlagfertigkeit gesprochen wurde; er verglich diese Conversation mit einem Violinenduett, das er gestern Abend im Salon der Königin gehört hatte; er war neugierig, zu vernehmen, was Leo nun erwiedern würde. Leo sagte: Diese Frömmigkeit und dieser Glaube, die Majestät mit den Stadtmauern und den Waldeinsamkeiten des Mittelalters verschwunden glauben – sie leben noch heute in den Gemüthern der Menschen, wenn auch die Formen, in welchen sie sich äußern, sich verändert haben. Und selbst diese Veränderung ist nicht einmal so groß. Oder worin unterscheidet sich eine Schaar frommer Pilger, die singend das Land durchzieht nach einem Heiligenbilde, zu dem sie in ihrer Noth beten wollen, denn so sehr von einer Deputation armer Arbeiter, die vielleicht zum erstenmale in ihrem Leben ihr Heimathsthal verlassen, um nach ihrem Könige zu wallfahren, zu dem sie das feste Vertrauen haben, er werde sie aus ihrem Elend erretten? Leo, dessen Augen unermüdlich fest an den beweglichen Mienen des Königs hingen, bemerkte wohl den Eindruck, den dieser Vergleich auf die romantische Phantasie desselben gemacht hatte. Er fuhr, ohne ihm Zeit zur Ueberlegung zu lassen, in eindringlicherem Tone fort: Aber die Bourgeois, auf die sich Louis Philippe von Orleans stützen wollte, die Bourgeois, die ihren Wohlstand und ihren Reichthum mit ihrem moralischen und intellectuellen Bankerott bezahlt haben – sie sind es nicht, bei denen man noch Glauben und Frömmigkeit oder überhaupt eine sittliche Regung, einen großen Gedanken suchen darf. Sie sind dem steinigen Felde vergleichbar, an dem der kluge Säemann, ohne sich aufzuhalten, vorübergeht. Der gute Acker, in welchen er die goldene Saat der Zukunft streut, damit sie fröhlich aufgehe und Frucht bringe hundert- und tausendfältig – das sind eben die Armen und Elenden – diese mit dem Schweiß und dem Blut der Jahrhunderte gedüngte Brache voll unermeßlicher Kraft. Ich bin ein Bauernkind, Majestät; ich bin zwischen den niedrigen Wänden einer Bauernstube, zwischen den dornigen Hecken einer Dorfgasse groß geworden; hernach habe ich als Arzt vielfach Gelegenheit gehabt, den kleinen Mann in der drückenden Enge der Straßen einer volkreichen Stadt, in Keller- und Mansardenwohnungen kennen zu lernen. Welche Frömmigkeit, Majestät, habe ich hier gefunden! Welchen tiefen, leidenschaftlichen Drang nach dem Höchsten! Welch heiligen Glauben an eine Kraft, die, alle Kraft des Einzelnen überragend, das Ganze trägt und hält! an eine Weisheit, welche, erhaben über die individuelle Klugheit, die nur für die Befriedigung des Bedürfnisses sorgt, immerdar das Gemeinwohl im Auge behält und verwirklicht! O, Majestät, wahrlich, es ist kein kleiner Gedanke, ein Bauern- und Arbeiterkönig zu sein! Ich könnte mir vorstellen, daß ein genialer Fürst, der den edlen Ehrgeiz hätte, in den Reihen seiner gekrönten Brüder wie ein hellleuchtender Stern durch die Ewigkeiten zu glänzen, gerade diesen Gedanken mit der ganzen Kraft seines klaren Geistes, mit aller Leidenschaft seines reichen Herzens zu verwirklichen strebte. Ob aber auch verwirklichen könnte! das scheint mir die wichtige Frage, rief der König mit einem Eifer, welcher verrieth, wie lebhaft eine verwandte Saite in seiner Seele berührt war; ich will Ihnen gern zugeben, daß dieses ganze moderne Constitutionswesen nimmermehr im Stande ist, den tiefen und unabweislichen Bedürfnissen des Volkes zu genügen; aber es hat nun einmal den schlimmen Geist der Zeit für sich, der von der natürlichen Gliederung der Stände nichts wissen will. Ohne Concession an die geldstolzen Krämer geht es nun einmal nicht mehr. So werden auch die Herrscher des Mittelalters gedacht haben, wenn sie ihren übermüthigen Baronen und Grafen Freiheiten und Privilegien aller Art einzuräumen genöthigt waren. Der König lachte. Nun, das heißt unseren Bankiers und Cotton-Lords denn doch ein wenig zu viel Ehre anthun! Ich weiß nicht, Majestät, ob sich die Parallele nicht noch weiter ziehen läßt. Der Cotton-Lord ist der Bannerherr der Neuzeit; seine Fabrik ist seine Veste, der Maschinensaal seine Rüstkammer. Rings um die Fabrik entstehen Hütten, die zu Dörfern, zu Städten wachsen, wie im Mittelalter sich die Flecken an die Burgen anlehnten. Wie der Feudalherr jener Zeit über seine Vasallen und Hörigen gebot, ihre Kräfte gebrauchen und mißbrauchen konnte, wie es ihm beliebte, so müssen jetzt dem Fabrikherrn seine Arbeiter frohnden; er drückt ihnen das Joch so fest auf den Nacken, wie es ihm beliebt. Wer kann dem Mächtigen widerstehen, als wer noch mächtiger, das heißt, noch reicher ist? Das Faustrecht ist zum Geldrecht geworden, eine immerwährende wüste Fehde um Mein und Dein, die kein Gottesfriede jemals unterbricht. Und das Recht der Faust war dem gehudelten, an die Scholle gehefteten Sclaven des Mittelalters noch unendlich günstiger, als das Recht des Geldes dem Arbeiter der Jetztzeit ist. Arm und elend, wie jener war, einmal kam doch vielleicht die Stunde, wo das Recht, unter dem Beide, Herr und Knecht, standen, das heißt die Macht auf seiner Seite war, wo er Mann gegen Mann dem Dränger gegenüberstand und Rache nehmen konnte für Alles, was er gelitten. Wann kommt diese Stunde je für den modernen Sclaven, den Fabrikarbeiter? Die Rache ist mein, spricht das Gesetz, aber es hat keine Rache für den Frevler, es leiht ihm im Gegentheil den schützenden Arm; es giebt ihm sicheres Geleit auf seinen Zügen; es baut ihm Schienenwege durch öde Haiden, es überbrückt ihm die Ströme, es dampft ihn über den Ocean, es trägt sein Commandowort mit der Schnelligkeit des Blitzes von einem Ende der Welt zum andern. Hinterher sichert es ihm den unbedingten Besitz seines Raubes und häuft ihm Zins auf Zins des mit dem Schweiß und dem Blut der Armuth gewonnenen Kapitals. Des Königs bewegliche Züge zeigten die Theilnahme, mit welcher er Leo's Schilderung gefolgt war. Er rieb sich die Hände und rief leise: Sehr gut, sehr gut! als ob ihm eine schöne Arie von einem ausgezeichneten Sänger zu seiner Zufriedenheit vorgetragen würde. Dann, als Leo schwieg: Weiter, weiter! Sie haben mir noch nicht Alles gesagt, oder vielmehr, Sie sagen ja nur, was ich auch gesagt habe, daß die geldstolzen Krämer das Recht oder, wie Sie sagen, die Macht für sich haben. Wer soll sie brechen, diese Macht? Der natürliche Schirmherr der Armen und Elenden. Wie der Regulator in einer Maschine die einzelnen Räder, die, wenn sie sich selbst überlassen waren, sich gegenseitig zerreiben und zermalmen würden, in ihrem tollen Umlauf hemmt und regelt, so muß eine Macht existiren, welche die einzelnen Stände des Volkes gegeneinander balancirt, daß keiner auf Kosten des Andern sich nähren, keiner den Andern schonungslos ausbeuten kann. So oft dieses Gleichgewicht, auf das Alles ankommt, das die Gesundheit des Staatsorganismus ist, gestört wird, sei es durch das Uebergewicht dieser oder jener Seite, so findet eben ein Appell statt an die Macht, die der Inbegriff und die Personification der Ganzheit ist: an die königliche Macht. Dann ist es der höchste Ruhm des Herrschers, wenn ihm Ohr und Herz für den Nothschrei seines Volkes erschlossen waren, wie sie die Unglücklichsten unter den gekrönten Häuptern sind, die diesen Ruf mißkannten oder mißachteten. Majestät! das erlauchte Haus, aus dem Sie entsprossen sind – weshalb ist es so groß geworden und so machtvoll, als weil seine Söhne immerdar dem Herzschlag ihres Jahrhunderts lauschten und so im Stande waren, der nach Verwirklichung ringenden Idee Form und Gestalt zu geben! Majestät! Ihre Vorfahren waren es, die, als der freche Uebermuth jener stolzen Ritter von der Faust keine Grenzen mehr kannte und das arme Volk gar in den Staub getreten war, die schützende Hand breiteten über das arme Volk und die Burgen jener stolzen Ritter brachen. Wenn dem Enkel jener großen Fürsten nun eine noch größere, weil unendlich complicirtere Aufgabe gestellt wäre, der er sich nicht entziehen kann, weil es eben seine Aufgabe ist; wenn dieser Enkel das Geldrecht vernichten müßte, wie Jene das Faustrecht, und so die letzte und furchtbarste Form der Sclaverei, die je auf Erden geherrscht hat, zerstörte – unsere Sprache hätte keinen Ausdruck für den Dank, den ihm sein Volk, den ihm die Menschheit zollen würde; in dem Pantheon aller Zeiten wäre kein Platz erhaben genug für ihn! Vortrefflich, ganz vortrefflich! rief der König, magnifique! Sie müssen mir in die Kammer gewählt werden! Früher las ich wohl noch hie und da eine Rede – aber ich mußte es aufgeben: Worte, Worte! nichts als Worte! Mit Ihnen käme doch einmal ein geistreicher Mensch hinein; aber die Leute würden erschrecken, sehr erschrecken – ein Geist hat sich in dem hohen Hause bis jetzt noch nicht sehen lassen. À propros des hohen Hauses. Das ist nun so, um in Ihrem Bilde zu bleiben, eine Zwingburg der modernen Raubritter. Was soll ich – die Frage interessirt mich, da ich sie in den nächsten Tagen ebenfalls beantworten muß – mit meinen Lieben, Getreuen machen? Sie sitzen ja beinahe sechs Monate, Majestät; da ist es wohl die höchste Zeit, daß sie einmal gehen; und daß die Kammer nicht im Stande ist, die Arbeiterangelegenheit zu ordnen, ja nicht einmal die Hand dazu reichen will, hat sie ja durch ihren Beschluß vom Fünfzehnten klar bewiesen. Die Angelegenheit ist jetzt an die höchste Instanz zurückgelangt und wird jetzt in letzter Instanz entschieden werden. Das wäre aber so recht was für unsere Radikalen, die schon seit wer weiß wie lange auf diesem Pferde herumreiten. Aber ohne von der Stelle zu kommen, Majestät! Indem Majestät die Sache selbst in die Hand und damit den Radicalen ihr einziges Agitationsmittel nehmen, setzen Sie nicht blos diese Leute auf den Sand, sondern eben so gut auch die Liberalen, die ja gleichfalls aus diesem Boden und nur aus diesem ihre Lebenskraft saugen. Unterbinden Sie die Adern, durch welche sich diese Parasiten nähren, und das Blut strömt zum Herzen zurück. Der ganze Körper des Staates, der jetzt trostlos dahinsiecht, wird in kürzester Zeit zu neuer, nur von Wenigen geahnter Kraft und Fülle erblühen. Der König rieb sich die Stirn. Sehr gut, sehr gut; aber um solche Operation vorzunehmen, bedarf es geschickter Helfer, geschickterer, als ich zu haben mir schmeicheln kann. Ich fürchte, unter den plumpen Händen meiner Assistenten möchte der arme Teufel verbluten, ehe wir ihm nur den ersten Verband anlegen können. Haben Sie sich denn die Aufgabe, die Sie hier in großen Zügen hingezeichnet haben, nun auch in den Einzelheiten detaillirt? Ich habe Jahre meines Lebens, ja, ich darf sagen, so lange ich logisch denken kann, der Lösung dieser Aufgabe nachgedacht, Majestät; ich glaube, daß mir nicht viele Punkte, auf die es in der Ausführung ankommt, entgangen sein dürften. Sagten Sie mir nicht, Sie hätten die Naturwissenschaft studirt? Ich bin Arzt, Majestät. Und dennoch? Verzeihen Majestät! Gerade deshalb. Ich erlaubte mir schon vorhin zu bemerken, daß auch der Staat ein Stück Natur sei. Das Einzelne ist nur aus dem Ganzen zu erklären, und gute Gesetze sind die besten Recepte. Sie sind ein geistvoller Mensch! Leo verbeugte sich, der König erhob sich und ging vor Leo, der seinem Beispiele gefolgt war, ein paarmal auf und ab, ohne ihn dabei aus dem Auge zu verlieren. Indem wurde die Thür geöffnet, und der General erschien auf der Schwelle. Der König wendete sich schnell um und rief: Ach, lieber General, ist die Viertelstunde schon um? Lassen Sie uns noch einen Augenblick allein; ich habe noch ein paar Worte mit dem Herrn Doctor zu sprechen. Der General verschwand wieder mit einer tiefen Verbeugung. Sie sind ein geistvoller Mensch, wiederholte der König, indem er näher an Leo herantrat; ich möchte sehen, ob Sie ein ebenso geistvoller Arzt sind. Ihre meisten Collegen sind Pfuscher, wissen Sie das? Sehr genau, nur zu genau, Majestät; und es sollte mich gar nicht wundern, wenn Majestät Gelegenheit gehabt hätten, diese Erfahrung auf eigene Kosten zu machen. Warum? Weil ich, soweit der Physiognom und der Psycholog dem Physiologen überhaupt vorarbeiten können, behaupten möchte, daß eine Natur, wie die Ihre, nur von wenigen Aerzten richtig beurtheilt und demgemäß richtig behandelt sein dürfte. Aus welchem Grunde? Der einzelne pathologische Vorgang ist und bleibt freilich immer den allgemeinen Regeln unterworfen, die man dem Stümper zur Noth begreiflich machen kann; aber je reicher, je orgineller, so zu sagen, die individuelle Natur, um so eigenthümlicher, orgineller ist die Modification, welche mit der generellen Krankheit vorgeht, und in demselben Maße selbstverständlich die Diagnose schwieriger. Hier ist es mit der bloßen Gelehrsamkeit – und das pflegt der einzige Maßstab zu sein, den man an die Aerzte der Fürsten legt – keineswegs gethan; hier kann oft nur die Inspiration entscheiden, jenes wissenschaftliche Aperçu, das weiter nichts ist, als die umfassende Synthese der disjecta membra , der Analyse. Der König ging wieder ein paarmal auf und ab, diesmal aber auf Leo nur gelegentliche, fast scheue Blicke werfend. Dann stellte er sich dicht vor ihn hin und sagte in einem leiseren und hastigeren Tone: Und glauben Sie, meine Natur beurtheilen zu können? Ja, Majestät. Sehr kühn! In der That sehr kühn! Auch wenn es sich um einen individuellen, ja individuellsten Fall handelt? Auch dann. Der König blickte Leo fest in die Augen, Leo erwiederte ruhig den Blick, mit wie ungeduldiger Spannung er auch der Mittheilung entgegensah, die der König auf der Zunge zu haben schien. Aber der König athmete nur tief auf und sagte dann, plötzlich in einen andern Ton fallend: Es freut mich, daß ich Sie mir habe kommen lassen, Sie interessiren mich, ich wünsche Sie öfter zu sehen und hoffe dann, mich mit Ihnen über diese Materien ausführlicher zu unterhalten, als es jetzt möglich ist. Ich bin heute Abend sehr pressirt, und da habe ich gleich noch einen Auftrag für Sie. Ich habe Ihrer Tante, meiner lieben alten Gutmann, versprochen, mich Ihrer anzunehmen. Ich habe mein Versprechen erfüllt. Nun gehen Sie hernach zu ihr und grüßen Sie die alte Dame von mir, und sagen Sie ihr, daß Sie statt meiner kämen. Majestät haben über mich zu befehlen. Bei Ihrer Tante werden Sie noch eine junge Dame finden, bei der Sie sich zu bedanken ja nicht vergessen wollen, da sie eigentlich die Anstifterin dieses ganzen Complots ist. Wissen Sie, wen ich meine? Nein, Majestät. Desto besser, und nun will ich Sie meinen liebenswürdigen Wirthen wieder bringen, denen ich Sie so lange entzogen habe. Leo öffnete dem Könige die Thür zu dem Zimmer, in welchem sich der General und seine Tochter befanden. Der König begrüßte Josephe und machte ihr ein Compliment über ihr Aussehen. Er war in der heitersten Laune. Sehen Sie, liebe Baronesse, so muß sich unsereiner abquälen! Da wollte ich eine harmlose Reminiscenz aus der schönen Jugendzeit aufsuchen, und ehe ich mir's versehe, verwickelt mich unser junger Freund hier in ein Gespräch über die wichtigsten Dinge, daß mir noch der Kopf von all den Gedanken, die wir in der Eile aufgestöbert haben, schwirrt. Davon wißt Ihr holden Frauen nun nichts. Euch verschont man wohlweislich mit dergleichen; Euch darf man nur Rosen und Lilien auf den Weg streuen: similis similibus ... Lassen Sie sich das von diesem Jünger Aeskulap's übersetzen. Und auch Sie, mein würdiger Freund, empfehle ich seiner Wissenschaft. Sie sehen angegriffen aus. Und das erinnert mich daran, daß ich Sie Alle nun lange genug incommodirt habe. Adieu, meine liebe Baronesse! halten Sie mir den Doctor nicht zu lange auf, er hat noch einen Auftrag von mir auszuführen. Sie, mein würdiger Freund, geleiten mich doch wohl hinaus? Der König reichte erst Josephen, dann Leo die Hand, faßte den General unter dem Arm und ließ sich von ihm aus dem Zimmer führen, leise und eifrig mit ihm sprechend. Als sie schon aus der Thür waren, hörte man nur deutlich die Worte: Ein ganz merkwürdiger Mensch! Leo und Josephe waren wieder allein. Josephe war über die Vorgänge dieser letzten Stunden auf das Höchste erstaunt. Sie hatte jetzt mit eigenen Augen gesehen, was sie nie geglaubt haben würde, was ihr selbst jetzt kaum glaublich erschien. Sie blickte Leo an, als ob sie eine Erklärung dieser Räthsel von ihm erwartete; aber Leo's Gesicht hatte genau denselben Ausdruck wie vorhin, nur daß seine Augen in einem noch höheren Glanze leuchteten. Sie wußte nicht, wie sie sich diesem Manne gegenüber benehmen sollte. Leo schien ihre Verlegenheit nicht zu bemerken. Er nahm die vorhin abgebrochene Unterhaltung wieder auf und plauderte, als wäre nichts vorgefallen, weiter von England und dem gesellschaftlichen Leben Londons, bis der General nach einigen Minuten in sichtlicher Erregung wieder eintrat. Ich kann Ihnen zu dem Eindrucke, den Sie auf Majestät gemacht haben, gratuliren, sagte er. Ich habe Majestät selten mit einer solchen Befriedigung von einem Menschen sprechen hören. Der König ist eine Natur, die für neue Eindrücke sehr empfänglich ist, erwiederte Leo, und ich muß meinerseits gestehen, daß er meine Erwartungen übertroffen hat. Aber jetzt wollen Sie mir gestatten, den Befehlen Sr. Majestät pünktlich nachzukommen und Sie der Ruhe zu überlassen, deren Sie gewiß bedürfen. Leo empfahl sich. Der General begleitete ihn mit ausgesuchter Höflichkeit bis an die Thür und warf sich dann, vollkommen erschöpft, auf einen Sessel, die Augen mit der schmalen weißen Hand bedeckend. Du sollst sehen, Josephe, murmelte er, dieser Mann ist binnen einem Jahre allmächtig. Josephe saß da, wie sie vorhin vor ihrem Spiegel gesessen hatte. Sie strich wieder mit dem Finger über die linke Augenbraue. Die Worte ihres Vaters hatte sie wohl nicht gehört; jedenfalls erwiederte sie nichts. Sechzehntes Capitel. Tante Sara kehrte von der Unterhaltung mit dem General nicht ohne Sorge zu Silvia zurück. Wenn auch die Wahrscheinlichkeit, daß das junge Mädchen, nachdem es erst einmal so tief in Leo's Angelegenheit verwickelt war, jetzt noch dem Wunsche des Vaters Folge leisten und nach Tuchheim reisen werde, Tante Sara nicht eben groß zu sein schien – möglich war es doch noch immer, und Tante Sara wußte aus langer Erfahrung, daß Vorsicht die Mutter der Klugheit sei. Die Vorsicht aber gebot, Silvia die Hoffnung, aus dieser Intrigue wie aus tausend anderen als Siegerin hervorzugehen, in keiner Weise merken zu lassen, sondern im Gegentheil die Rolle der zweifelnden, besorgten mütterlichen Freundin consequent fortzuspielen. Die Folge würde dann schon lehren, was etwa weiter zu thun sei. Silvia saß noch an dem kleinen Schreibtisch in genau derselben Stellung wie vorhin, als sie der Tante den Brief an den König übergeben hatte, den Kopf in die linke Hand gestützt, während die Rechte schlaff an der Seite herunterhing. Tante Sara umfaßte sie und drückte ihr einen Kuß auf den Scheitel. Silvia blickte auf und lächelte die Tante traurig an. Wir müssen uns in Geduld fassen, liebes Kind, sagte Sara, Rom ist auch nicht an Einem Tage erbaut, und wer, wie ich, erfahren und gelitten, hat auch warten gelernt. Es ist nicht das, Tante, erwiederte Silvia. Jetzt wo wir endlich einmal etwas haben thun können, wo wir gethan haben, was wir konnten, haben wir das Recht, ruhig zu sein, bin ich verhältnißmäßig ruhig. Nein! worüber ich trauere, das ist die Disharmonie des Menschenlebens, die uns nicht Einen vollen Accord gestattet, nicht das reine Ausklingen auch nur Einer Empfindung. So lange ich in dem Bann der Familie so dahinlebte, geliebt, ja verzogen und verwöhnt von Allen, die mich umgaben, verzehrte mich die Sehnsucht nach der Verwirklichung meiner Ideale, der Drang nach etwas, das doch den Anschein wenigstens einer That hatte – und jetzt, wo ich vollbracht, was vollbringen zu können ich schon verzweifelte, wo ich wie von Götterhänden dem Alltagsdasein entrückt bin in eine Sphäre, in welcher Alles, was geschieht, mir noch immer wie ein seltsam-phantastischer Traum erscheint, aus dem ich jeden Augenblick zu erwachen fürchte – jetzt ergreift es mich wie Heimweh nach jenem engbegrenzten Dasein; jetzt denke ich schaudernd des Kummers, den ich, will ich mir selbst gehören, vielleicht den Menschen bereiten werde, die mich nie verstanden, nie verstehen werden, und die ich doch so liebe! Silvia drückte das Gesicht in beide Hände; ihr Athem ging schwer, ihr Busen hob und senkte sich ungestüm, aber keine Thränenfluth erleichterte das beklommene Herz. Tante Sara betrachtete die Gebeugte mit Blicken, die sehr wenig Sympathie, aber desto mehr Ungeduld, ja Aerger verriethen. Um ihre fest zusammengekniffenen Lippen spielte ein böses Zucken, aber ihre Stimme klang sehr weich, als sie jetzt, Silvia das Haar streichelnd, sagte: Mein armer, schöner Edelfalke, den sie so lange eingesperrt gehalten haben, daß er sich nun gar nicht an die Freiheit gewöhnen kann! Komm', setze Dich zu mir, und ich kann Dir vielleicht etwas sagen, was, wenn es Dich auch nicht tröstet – wer zöge Trost aus dem Unglück seines Nächsten? – Dir doch wenigstens zeigt, daß ich nicht blos im Blut, sondern auch in meinem Denken und Empfinden, und vielleicht auch im Schicksal Deine Verwandte bin. Tante Sara legte ihren Arm um Silvia's Nacken. Silvia stand auf und folgte der Tante nach dem Sopha, wo sie neben derselben Platz nahm. Tante Sara ergriff ihre Hand und sagte: Sieh', geliebtes Kind, je länger ich über Dich nachdenke und Dich, wie man denn das ja so thut, mit mir vergleiche – Dich, die in der Fülle der Jugend und der Schönheit blüht, mit mir, die Kummer und Gram vor der Zeit alt gemacht haben – je mehr entdecke ich zwischen uns Beiden die Unglückszüge, die nur durch den einen Theil unserer Familie gehen, während der andere gänzlich davon verschont blieb. Ich habe oft dem Geheimniß nachgedacht, das in der körperlichen und geistigen Verschiedenheit der Kinder eines und desselben Ehepaares scheinbar so offen am Tage und doch in seinem Grunde so unfindbar tief verborgen liegt. Bei uns Kindern ließ sich diese Verschiedenheit fast mit Händen greifen. Anton und ich, die beiden Jüngsten, hatten der Mutter dunkleres Haar und schärfere Züge, Dein Vater und Malchen die helleren Augen und die offen-gutmüthige Miene des Vaters. Vielleicht waren wir Beide auch die Begabteren, jedenfalls hatten wir, im Gegensatz zu den älteren Geschwistern, die Sehnsucht aus der engen Sphäre unseres elterlichen Hauses nach der bunten Welt, die draußen jenseits der Grenze unseres Waldes lag. Jenen genügte die Gegenwart, für die allein sie Sinn und Verständniß hatten; Anton und ich, wir träumten nur von der Zukunft, die wir uns nach unseren Wünschen ausmalten und die wir uns nach unseren Wünschen gestalten zu können wähnten. Jene nannten uns Phantasten und warfen uns vor: wir wollten oben hinaus; wir sagten dagegen: sie seien Duckmäuser und thäten allerdings besser, wenn sie bei ihrem Leisten blieben. So gab es ein Necken hinüber und herüber, und aus dem Necken wurde Hader, aus dem Hader Zank, aus dem Zank offener Krieg, in dem wir Jüngeren stets den Kürzeren zogen, um uns in Folge dessen enger und enger aneinander zu schließen. Daß so der Riß, der nun einmal durch die Familie ging, nur immer größer werden mußte, kannst Du Dir denken. Seltsamerweise wurde in der freiherrlichen Familie dieselbe Tragödie der feindlichen Geschwister abgespielt. Auch dort waren es die Aeltesten: Karl, der Freiherr, und Fräulein Charlotte, die es gegen die Jüngeren, Joseph, den General, und Elfriede, die spätere Frau von Sonnenstein, hielten. Auch dort war die Verschiedenheit der Sinnesart und des Temperaments physiognomisch, ja selbst in der Farbe des Haares und der Augen auf's Deutlichste ausgeprägt. Braune Augen hatten alle Tuchheim'schen Kinder, wie wir blaue; aber die jüngeren hatten das dunklere, glänzendere Braun, wie Anton und ich das dunklere Blau. Der Unterschied war so merklich, daß es Jedem auffiel, und da die jüngeren sich natürlich mehr zu den jüngeren hingezogen fühlten und die älteren wieder zu den älteren hielten, nannte man jene die Lichten und uns die Dunklen, eine Bezeichnung, deren Sinn selbst noch in der Quadrille, die wir vier Paare auf dem Friedensfeste tanzten, von dem Dir Dein Vater und Deine Tante gewiß erzählt haben, in den dunkleren und helleren Schleifen Ausdruck fand. Von diesem Abend, kann ich sagen, datirt mein und Anton's Unglück. Anton hatte sich geschworen, daß dies der letzte Tag des geschäftigen Müßigganges sein sollte, wie er das Leben zu Hause nannte, und er führte diesen Schwur aus, indem er am nächsten Tage in die weite Welt ging; ich, die ich damals siebenzehn Jahre alt war, hatte nicht minder die Einförmigkeit unseres elterlichen Hauses herzlich satt und weinte während der Tanzpausen in dem Gedanken der Trennung von Anton meine heißen Thränen. Freilich stand mir noch ein anderer Schmerz bevor. Der General, damals freilich noch ein blutjunger Lieutenant, war, als er aus Frankreich zurückkehrte, auf kurze Zeit zum Besuche auf dem Schlosse gewesen, und – ich brauche mich nicht zu schämen und schäme mich auch nicht, Dir zu gestehen – ich liebte ihn von Herzen, und er liebte mich. Auf dem Balle sagten wir es uns und sagten uns auch, daß für uns keine Hoffnung auf Erden und der erste Kuß auch der letzte gewesen sei. Tante Sara drückte das parfümirte Tuch gegen die Augen; Silvia ergriff ihre Hand und sagte leise: Arme Tante! So jung und für immer entsagen zu müssen – das ist hart, sehr hart! Es war hart, liebes Kind, fuhr Tante Sara fort, indem sie Silvia dankbar anlächelte; aber härter, sich grenzenlos unglücklich zu fühlen, und doch sich sagen lassen zu müssen, daß man das Unglück nur heuchle, um ein heimliches Glück nur desto sicherer zu verbergen. Niemand glaubte mir, daß ich, die Leidenschaftliche, Entschlossene, so leicht entsagen könne. Als ob nicht die Leidenschaft den Entschluß erzeugte! als ob nur die mattherzigen Menschen ein Recht hätten, tugendhaft zu sein! Leider gab Joseph durch seine Unvorsichtigkeit dem Gerede willkommene Nahrung. Seine Kraft war geringer als die meine. Nicht eben oft, aber doch je zuweilen kam er von der Kreisstadt, wo er in Garnison lag, nach Tuchheim; jeder dieser Besuche war für mich die Quelle unsäglichen Jammers. Ich sollte ihn zu kommen gebeten, ich sollte ihn nicht aus meinen Netzen gelassen, ich sollte ihm heimliche Rendezvous gegeben haben. Es war, als ob die Menschen nichts zu thun hätten, als ein armes Mädchen zu quälen; und leider muß ich Dir hier gestehen, daß Dein Vater zu denen gehörte, welche die Tyrannei, die man gegen mich ausübte, mit am weitesten trieben. Ach, ich weiß es ja, daß er, was er that, nur in seiner jugendlichen Beschränktheit, in der besten Absicht that; aber sind Thränen, die man uns in der besten Absicht auspreßt, deshalb weniger Thränen? Man spürte mir nach, man horchte mir nach, man beobachtete mich auf Tritt und Schritt; man hätte mich am liebsten eingeschlossen. Ich war der Verzweiflung nahe. Kannst Du Dich, kann irgend ein denkender Mensch sich wundern, daß ich, das siebenzehnjährige, heißblütige Mädchen, in dieser Verzweiflung zu verzweifelten Mitteln griff? Daß ich, theils um mich der ewigen Ueberwachung zu entziehen, theils um mich zu betäuben, theils in einer Art von dämonischem Humor mit den gefährlichen Gaben, mit denen die Natur mich ausgestattet haben sollte, zu kokettiren begann? Daß ich auf den ländlichen Festen den plumpen Bewunderern die plumpen Köpfe verrückte? Daß ich die böse Nachrede, in die ich so unschuldig gekommen war, herauszufordern und zu verhöhnen begann, indem ich mich stellte, als ob ich sie verdiente? Ach, meine wilde Lustigkeit sahen die Thoren, aber die unzähligen Thränen, mit denen ich meine Triumphe bezahlte, die sahen sie nicht. So konnte es nicht lange bleiben, wenn ich nicht wahnsinnig werden sollte. Ich gestand das Deinem Vater, der damals, nach dem Tode des Vaters, die Försterei erhalten hatte und für uns jüngere Geschwister – ich brauche Dir das nicht zu sagen – nach Kräften sorgte; und gestand ihm auch, daß ich entschlossen sei, in die Residenz zu gehen, um mir dort – so oder so – mein Brod auf ehrliche Weise zu verdienen. Er wollte nichts davon wissen. Er habe Brod genug für sich und uns; ich könne mich auf der Försterei nützlich genug machen; wolle ich durchaus nicht anders, so könne ich mir eine Stelle als Wirthschafterin oder Gesellschafterin oder Erzieherin – denn ich hatte in dem gemeinschaftlichen Unterrichte mit den Freifräulein Manches gelernt – sehr leicht irgendwo in der Nähe verschaffen. In der Nähe! Als ob es nicht gerade die Ferne gewesen wäre, in die ich strebte; nach Allem, was geschehen war, streben mußte. Wir konnten uns natürlich nicht verständigen; es kam zu einem heftigen Auftritt zwischen uns, und am nächsten Morgen war ich zu Fuß unterwegs hieher. Du erläßt mir die Beschreibung dieser romantischen Wanderschaft; erläßt mir, Dir ausführlich zu erzählen, wie ich hier angekommen, wie ich, mit nur wenigen Thalern in der Tasche, ohne Freunde, dem Untergang rettungslos verfallen schien; wie ein Zufall mich dem alten Sonnenstein, dessen Sohn sich unterdessen mit Elfriede von Tuchheim verlobt und den ich wiederholt in Tuchheim gesehen hatte, in den Weg führte; wie der gute alte Herr sich meiner annahm und mir die Stelle einer zweiten Wirthschafterin oder Helferin der Wirthschafterin in dem Hause des Ministers von Falkenstein verschaffte. Eine schlechtere Wahl hätte der alte Herr freilich nicht treffen können; aber doch habe ich sein Andenken immerdar gesegnet, denn einmal bin ich überzeugt, daß er gewiß nur mein Bestes gewollt hat, und sodann ist es sicher ein wahres Wort, daß dem Guten, oder dem, welcher sich gut zu sein wenigstens ernstlich bemüht, alle Dinge zum Besten dienen müssen. Es dauerte lange, es hat jahrelang gedauert, bevor mir armem Landmädchen die Augen über die arge Welt aufgingen, in der ich so harmlos, wie ein unschuldiges Kind in der Grube des Löwen, gelebt hatte. Daß es in dem mit fürstlicher Pracht eingerichteten Hause hoch herging – ei, das wußte ich freilich – denn ich hatte Arbeit in Hülle und Fülle; aber wenn mir auch diese Arbeit wenig zusagte, es war doch Arbeit, rechtschaffene Arbeit, die rechtschaffen müde machte und mich in meinem Kämmerlein im Hinterhause sehr gleichgiltig gegen das ließ, was unterdessen in den glänzend erleuchteten Sälen des Vorderhauses vor sich ging. Ja, wenn mich einmal die Ungeduld erfaßte und ich mir sagte, daß ich zu etwas Besserem geboren sei, als mein Leben in Küchen und Speisekammern hinzubringen, dann tröstete mich immer der eine Gedanke: prosaischer hätten doch selbst diejenigen, die dich immer als eine Phantastin verschrieen und dir nachsagten, daß du stets oben hinaus wolltest, dir deine Existenz nicht einrichten können. Mag es sein, wie es will, jetzt bist du doch wenigstens sicher, nicht verkannt zu werden! Ach, ich hatte keine Ahnung, daß mir nicht einmal dieser erbärmliche Trost bleiben sollte, daß, während ich eine Buße für Sünden, die ich nie begangen, auf mich nahm, man mich schon längst für verloren ausgegeben hatte! Joseph von Tuchheim war ungefähr um dieselbe Zeit, als ich das Forsthaus für immer verließ, hierher versetzt worden. Natürlich mußte Alles ein zwischen uns abgekartetes Spiel sein, trotzdem ich ihn die vier oder fünf Jahre, die ich nun bereits im Hause des Ministers war, kein einziges Mal gesehen hatte. Aber das war das Wenigste; ich mußte an dem freien Leben, das man im Hause des Ministers führte, theilnehmen; ja man machte mich womöglich dafür verantwortlich. Ich will Deine keuschen Ohren nicht mit Allem, was man mir nachsagte, beleidigen. Durch einen Zufall erfuhr ich, für was ich in den Augen der Leute galt. Jetzt sah ich freilich, was eine Klügere schon längst gesehen haben würde, daß das Haus des Ministers allerdings kein gutes Haus war; – aber ein starker Geist wie der Deine wird das verstehen – jetzt kam der Trotz über mich; jetzt wollte ich die Welt, die mich nun einmal durchaus aufgegeben hatte, brüskiren, nicht dadurch, daß ich schlecht wurde wie mein Ruf, sondern durch eine zur Schau getragene Gleichgiltigkeit gegen dieses sinnlose, grausame, blinde Urtheil der Welt. Mochten sie sagen, mochten sie denken, was sie wollten – ich blieb, was ich war – mir blieb ich es, und das war mir von jetzt an genug. So vergingen Jahre. Endlich kam die Katastrophe. Die unheilbare Krankheit, an welcher der Minister langsam dahinsiechte, trat plötzlich in ein letztes schreckliches Stadium. Seine treulosen Freunde blieben aus; die habgierigen Diener rafften zusammen, was sie erraffen konnten, und machten sich davon; die Maitressen, die er reich gemacht hatte, ließen sich nicht mehr blicken; der Unglückselige war den Händen roher Krankenwärter überantwortet, die, da Niemand sich um ihn bekümmerte, ihn elend verkommen ließen. Da that ich, was mich mein Herz, was mich die Nächstenliebe thun hießen. Ich setzte mich an das Bett des Kranken, Sterbenden, den Alles floh. Ich hätte es gethan, hätte der beste Ruf für mich auf dem Spiele gestanden; warum denn nicht jetzt, wo ich keinen Ruf mehr zu verlieren hatte? Sie haben mich seine Maitresse genannt, dachte ich, wo Hunderte mir den Platz beneidet hätten; jetzt will ich es sein, wo er Niemanden mit all seinem Geld für den Platz mehr kaufen kann. Tante Sara schwieg und blickte sinnend vor sich nieder; Silvia, die sehr bewegt war, nahm die Hand der Tante und drückte sie an die Lippen. Tante Sara lächelte. Ich danke Dir, mein Kind; der Kuß von so reinen Lippen wäre ein süßer, ausreichender Lohn für das, was ich gethan, selbst wenn ich meinen Lohn in der Münze dieser Welt nicht schon längst empfangen hätte. War es doch, als wollte das Schicksal mich ohne mein Zuthun erheben, wie es mich ohne mein Zuthun erniedrigt hatte. Das Ende des unglücklichen Mannes nahte heran. Der verstorbene König, der ihm in den letzten Jahren seine Gnade entzogen hatte, erinnerte sich der Dienste, die der Minister in besseren Jahren seinem Hause geleistet, und wie er ihm einst ein gar gnädiger Herr gewesen war. Eines Tages kam er ganz unversehens, um von dem ehemaligen Freunde Abschied zu nehmen. Er hatte keine Ahnung gehabt von dem Entsetzlichen, das ihn erwartete; sprachlos stand er da, schaudernd wendete er sich ab, schaudernd winkte er mir, ihm zu folgen. Er fragte mich aus; ich hatte weder etwas zu verhehlen, noch etwas hinzuzufügen, ich sagte ihm die reine Wahrheit. Er notirte sich Manches, nickte, sagte in seiner kurzen, soldatischen Weise, er würde an mich denken, und ging. Der Minister starb. Ich sorgte dafür, daß man ihn nicht wie einen Hund begrub; dann ging ich still aus dem verödeten Hause – nicht so reich, wie mir die Verleumdung, die sich natürlich wieder an meine Fersen heftete, nachsagte, aber doch auch nicht so arm, wie ich gekommen. Der Minister hatte mir noch kurz vor seinem Tode in einer Dankbarkeit, die vielleicht nicht übertrieben war, ein Jahrgeld für die Zeit meines Lebens ausgesetzt. Es war nicht viel, aber ausreichend, um mit den geringen Ansprüchen, die ich machte, recht wohl leben zu können. Ich hatte es längst aufgegeben, auf das Urtheil der Welt noch einen Werth zu legen. So wohnte ich denn allein, ganz dem Studium der neueren Sprachen, die ich liebte, der Uebung der Künste, in denen ich mich nicht ohne allen Erfolg versuchte, hingegeben, und in dem Umgang mit Personen, die Geist genug hatten, sich über die engen Vorurtheile wegzusetzen, Entschädigung suchend und zum Theil findend für das Familienglück, das ich entbehren mußte. Unter den geistvollen Personen, die ich in meinem kleinen Salon sah, war auch der General, damals Major von Tuchheim. Er hatte, obschon er mit dem Minister sehr befreundet war, meinen Entschluß respectirt und keinerlei Versuche gemacht, sich mir zu nähern. Jetzt kam er; aber wie ich bald erfuhr, in einer besonderen Mission. Man suchte für das schwächliche, geistvolle prinzliche Kind eine Dame, die Krankenpflegerin, Gespielin, Lehrerin zugleich sein könnte. Der König hatte sich meiner erinnert, seine Wahl war auf mich gefallen. Der General – ich meine der Major – er hatte sich unterdessen verheirathet und war glücklich in seiner Ehe; die Männer haben in Herzensangelegenheiten ein kürzeres Gedächtniß als wir Frauen, liebes Kind – der Major rieth mir, die verantwortliche Stelle anzunehmen. Nach einigem recht sehr erklärlichen Sträuben that ich es, und – meine Geschichte ist zu Ende, liebes Kind, denn das Uebrige weißt Du selbst, siehst Du selbst. Du weißt, daß ich dem Kinde eine Mutter gewesen bin – Du siehst, mit wie königlicher Dankbarkeit er meine für ihn durchwachten Nächte, meine täglichen Sorgen belohnt hat. Und was ist dieser äußere Erfolg gegen die süße Befriedigung, die mir die Ueberzeugung gewahrt, daß ich in aller Stille und Verschwiegenheit – warum soll ich Dir es nicht sagen – des Guten gar Vieles habe wirken können! Des Königs Gemüth ist wie eine reich besaitete Harfe, aber man muß die rechten Saiten zu berühren wissen. Das versteht Niemand, weder die Königin, seine Gemahlin – eine vortreffliche Dame, die der geistvolle Monarch aber zu weit übersteht – noch irgend Einer seiner officiellen Umgebung. Er leidet, wie wohl nur ein König leiden kann, unter dieser geistigen Vereinsamung; er, der, wenn je ein Mensch, nach Menschen schmachtet. Und weil er in mir einen einfachen, ehrlichen Menschen gefunden zu haben glaubt, vielleicht gefunden hat, deshalb hält er zu mir mit einer Treue, die unter diesen Umständen nicht blos rührend, sondern geradezu erhaben ist. Aber schon längst habe ich gefühlt, daß ich ihm nicht mehr das sein kann, was ich ihm gern sein möchte. Meine Kränklichkeit, meine Gebrechlichkeit machen mir es oft unmöglich, ihm mit jener geistigen Frische zu begegnen, die für ihn, der sich eben in meinem Umgang erholen will, nothwendig ist. Der gestrige Abend hat mir bewiesen, wie wenig ich mich noch auf mich verlassen kann, wie sehr ich der Schonung bedarf, wenn der Rest der Kraft, die mir noch blieb, nicht vor der Zeit erschöpft werden soll. Eine jüngere Freundin sollte an meine Stelle treten, die den unermeßlichen Schatz der Freundschaft eines Königs mit eben so reinen, eben so treuen, aber kräftigeren Händen hütete. Und vielleicht kann eine Frau – so sehr ihn auch, den im schönsten Sinne des Wortes frauenhaft Gesinnten, das ewig Weibliche anzieht und hinanzieht – nicht Hüterin, die alleinige Hüterin dieses Schatzes sein. Ein König hat gar Vieles zu erwägen, zu beschließen, auszuführen, was eine Frau, und wäre sie auch die geistreichste, nicht versteht, wobei ihm nur ein Mann zu rathen und zu helfen vermag. Ich will dem Gedanken, den wir Beide jetzt in der Seele hegen, liebes Kind, keinen Ausdruck geben. In großen Dingen ziemt dem edleren Menschen eine ehrfurchtsvolle Scheu, auch nicht einmal mit der Rede dem Erwarteten, Erhofften vorzugreifen. So wollen denn auch wir dem klugen Schatzgräber gleichen, der nicht seitwärts und nicht rückwärts sieht, der sich durch die fälschlich warnenden Stimmen nicht äffen und nicht abschrecken läßt, still und thätig das zu thun, was ihm zu thun obliegt. Und nun, liebes Kind, nachdem Du der Alten Plaudereien so geduldig zugehört hast, thu' ihr den Gefallen und mache mit ihr eine kleine Erholungspromenade durch die Zimmer. Tante Sara erhob sich. Silvia bot ihr den Arm und führte die Gebrechliche mit liebevoller Sorgsamkeit. Sie hatte sich vom ersten Augenblicke zu der interessanten Dame hingezogen gefühlt; jetzt empfand sie Ehrfurcht vor dieser Frau, die so viel gelitten, so Großes gethan hatte und mit einer solchen Einfachheit von ihren Verdiensten sprach. Die kurzen, lügenhaften Bruchstücke, die ihr Sara aus der Geschichte ihres Lebens mitgetheilt, waren der Arglosen einzelne Accorde aus einer großartigen Symphonie gewesen, die sie nun mit nachschaffender Phantasie in Verbindung zu bringen suchte und in ihrem Sinne weiter ausführte. Tante Sara ihrerseits schien von dem tiefen Eindrucke, den ihre Erzählung auf das junge Mädchen gemacht hatte, keine Ahnung zu haben. Sie plauderte scheinbar harmlos weiter, während sie ihre Nichte durch alle Räume der Wohnung führte, selbst in die Küche, in der es wie in einem Schmuckkästchen aussah und in der, wie Sara erzählte, auch nicht eigentlich gekocht werde, da sie ihre Mahlzeiten aus der königlichen Küche erhalte; in das Zimmer, das für die Gesellschafterin des Fräuleins bestimmt war und nun leer stand, nachdem die letzte Bewohnerin – ein schönes, liebes Mädchen, das Tante Sara sehr geliebt und dem sie die kostbare Aussteuer bereitet hatte – kurz vor dem bereits festgestellten Hochzeitstage gestorben war; in die anderen Zimmer, die Silvia bereits gesehen hatte und doch jetzt erst eigentlich kennen lernte. Tante Sara erwies sich vor den Kunstschätzen, die diese Räume in fast verschwenderischer Fülle bargen, als eine geschmackvolle Kennerin. Sie wußte genau, auf welchen Punkt man sich stellen mußte, um dies oder jenes Gemälde, diese oder jene Statue richtig zu sehen; sie holte ihre Mappen hervor und zeigte Silvia, worauf es bei einem Kupferstiche ankomme; sie ließ Silvia ihre Skizzenbücher sehen, die ein nicht gewöhnliches Talent verriethen. So vergingen die Stunden, und Silvia erschrak, als gegen vier Uhr Lisette erschien, zu melden, daß servirt sei. Tante Sara bemerkte den Ausdruck auf Silvia's Gesicht; sie sagte aber nur: wir müssen eben Geduld haben. Nach der Mahlzeit, die sehr schnell beendigt wurde, da Tante Sara stets nur wenig Appetit zu haben behauptete und Silvia vor Aufregung kaum einen Bissen genießen konnte, schlug Tante Sara ein Spazierfahrt vor, aber mit heruntergelassenen Gardinen, – denn ich habe gestern bemerkt, liebes Kind, daß Dir in Deiner augenblicklichen Stimmung der Anblick so vieler Menschen unbehaglich ist, und auch ich möchte für mich alle Aufregung vermeiden, da ich Dir nur gestehen muß, daß sich bei mir die ersten Anzeichen von einer Migräne bereits wieder zu melden beginnen. Diesmal sprach Tante Sara nicht die Unwahrheit. Sie, die sonst den Vormittag mit einem französischen Roman in der Sophaecke zu verdehnen oder mit ihren Besuchern zu verplaudern pflegte, fühlte sich heute, wo sie so viel ernsthafte Dinge hatte sprechen müssen, sehr angegriffen, ja bereits unwohl, und fürchtete – was sie allerdings bei jedem Unwohlsein that – ernstlich krank zu werden. Sie ließ sich denn auch von Silvia, die ihre Hinfälligkeit wohl bemerkte, leicht bereden, die Spazierfahrt für heute lieber aufzugeben, und der Wagen, der bereits im Schloßhofe hielt, wurde wieder weggeschickt. Tante Sara bat dann, ihr etwas vorzulesen, da sie nicht schlafen könne und die Lectüre ihre aufgeregten Nerven beschwichtigen werde. Sie wählte »Wilhelm Meister's Lehrjahre.« Silvia begann, und Tante Sara lehnte sich in ihre Sophaecke zurück. Sie hörte wenig oder nichts von dem, was Silvia las; sie hatte sich um ganz andere Dinge zu bekümmern, als um die Liebesfreuden und Leiden des enthusiastischen Kaufmannssohnes. Bis jetzt war Alles, so weit sie es selbst hatte in die Hand nehmen können, vortrefflich – über ihre kühnsten Erwartungen gut gelungen. Sie hatte Silvia nicht zum ruhigen Nachdenken über ihre Situation kommen lassen, sie aber immerfort in Spannung erhalten, ihr vor allen Dingen eine möglichst günstige Meinung von sich selbst beibringen wollen. Sie konnte nach allen Seiten hin mit ihren Erfolgen zufrieden sein. Nur das Eine machte ihr schwere Sorge: Silvia war auf den Brief des Vaters, demzufolge sie noch heute, spätestens heute Nacht, nach Tuchheim abreisen mußte, mit keinem Worte zurückgekommen. Hielt sie es für selbstverständlich, daß sie reisen müsse, und sprach sie deshalb nicht davon? Oder umgekehrt, hatte sie bei sich selbst schon beschlossen, nicht zu reisen, und scheute sich nur, diesem Entschlusse Ausdruck zu geben? Unter allen Umständen war das entscheidende Wort noch nicht gesprochen, die Partie war noch nicht gewonnen. Aber der General? Hatte er seine Karten gut gespielt? Er pflegte leicht einen Schnitzer zu machen, wenn man ihm nicht über die Schulter sah. Hatte er dem Könige Silvia's Brief gegeben? Was hatte der König geantwortet? Sehr gut konnte die Sache wohl nicht stehen, sonst würde er jetzt nach Verlauf von so viel Stunden wohl schon Nachricht gegeben haben. Oder stand die Sache so schlecht, daß er gar nicht Nachricht zu geben wagte? So peinliche Erwägungen besserten Tante Sara's Zustand keineswegs. Ihre Schläfen schmerzten ihr mit jedem Augenblicke heftiger. Mit fieberhafter Ungeduld erwartete sie Lisette, welche den Auftrag hatte, eine etwa vom General einlaufende Botschaft ihr nicht in Gegenwart Silvia's zu bringen. Endlich erschien Lisette in der Thür und fragte, ob das Fräulein nach ihr geschellt habe. Das Fräulein hatte nicht geschellt, aber, als Lisette das Zimmer verlassen, fiel ihr ein, daß sie dem Mädchen noch einen Auftrag zu geben habe. Sie ging in das Schlafzimmer und erbrach eilig das Billet des Generals, das Lisette ihr schon entgegenstreckte. Der alte Narr! Mußte er nun auch heute der von den beiden Verbündeten angenommenen Gewohnheit, sich sehr wichtige Dinge nur in der Einkleidung eines für Uneingeweihte unverständlichen Bildes mitzutheilen, treu bleiben? Was sollte dies heißen: »Das Wetter ist vortrefflich, noch heute Abend wird das Zusammentreffen des Mondes und des Jupiter, nach dem Sie sich erkundigen, stattfinden, und gerade über meinem Hause culminiren. Es soll für Alle, die, wie wir und Ihre liebenswürdige Nichte, das Schauspiel noch nicht beobachtet haben, in jeder Beziehung eine glänzende Ueberraschung sein. Sie werden heute Abend Gelegenheit haben, den Schöpfer so großer Herrlichkeiten, den Herrn Herrn zu loben.« Sara's Kopf war heute nicht so klar wie sonst. Sie mußte das Billet noch einmal lesen, bevor sie den Sinn erfaßte. War es möglich? Schon heute Abend sollte Leo den König sprechen? Und in dem Hause des Generals? Und was bedeutete der letzte Satz? Wir sollen heute Abend Gelegenheit haben, den Schöpfer so vieler Herrlichkeiten, den Herrn Herrn, also den König, zu loben – das heißt: er wird kommen, wird uns glänzend überraschen. Uns? Vielleicht kommt es ihm mehr auf die liebenswürdige Nichte, als auf mich an. Er ist gestern gar nicht ungehalten gewesen, sie allein zu finden; er wird auch heute nicht ungehalten sein. Sara's Entschluß war gefaßt. Sie kehrte zu Silvia zurück. Silvia, Silvia! O Gott! Die Glieder fliegen mir! Er ist gerettet! Soeben schreibt mir's der General! Der König will uns heute Abend selber die frohe Botschaft bringen; es soll eine Ueberraschung für uns sein. Aber der General that recht daran, es uns zu melden. Von Königen darf man sich nur zum Schein überraschen lassen; aber Mädchen, wie ist Dir denn? Silvia hatte sich bei den ersten Worten Sara's erhoben, bleich, mit großen, starren Augen, dann war sie wieder in den Stuhl zurückgesunken und hatte sich das Gesicht mit den Händen bedeckt Ihr ganzer Körper zitterte. Die gewaltsame Spannung, in der sie alle diese Stunden hingebracht hatte, machte sich in krampfhaftem Schluchzen Luft. O Gott, jammerte Tante Sara, wenn Dich der Muth und die Kraft verlassen, was soll aus uns werden? Meine Kraft ist gebrochen. O! Sara ließ sich auf das Sopha sinken. Silvia kniete bei ihr nieder. Nein, nein! Muth und Kraft haben mich nicht verlassen, Tante! Es war nur die Freude, das Entzücken. Nun ist es wieder gut. Du Gute, Edle! Du sollst nicht Alles allein auf Dich nehmen. Du sollst sehen, daß ich stark bin, daß ich Dir im Blut und im Geist verwandt bin. Du hast nun genug für ihn, für mich, für uns gesorgt; jetzt laß mich auch einmal für Dich sorgen und vertraue mir das Uebrige. Ich will es, sagte Tante Sara, ich müßte es, selbst wenn ich es nicht wollte; ich kann nicht mehr. Sara's Unwohlsein hatte in der That einen ziemlich hohen Grad erreicht, sie brauchte nicht mehr wie gestern die Kranke zu spielen. Auch hatte sie heute, nachdem Silvia sie mit Lisetten's Hilfe zu Bette gebracht hatte, durchaus nichts dagegen, daß nach dem Hofarzt, Geheimrath Weber, gesendet wurde, der denn auch nach kurzer Zeit kam, eine Medicin verschrieb und die größte Ruhe empfahl. Sie sind eine Verwandte unserer lieben Patientin, mein werthes Fräulein? fragte der Geheimrath, als ihn Silvia in das nächste Zimmer begleitete. Ja. Und zu einem längeren Besuche hier, wie ich vermuthe? Ja, erwiederte Silvia zögernd. Nun, das trifft sich ja herrlich, ich meine für unsere liebe Patientin, die wohl einige Tage das Bett wird hüten müssen, und ja nun der sorgsamsten Pflege gewiß ist. Ich habe die Ehre, mich Ihnen ganz gehorsamst zu empfehlen. Siebenzehntes Capitel. Eine Stunde später war Silvia allein in dem Salon, der wieder wie gestern und vorgestern im hellen Kerzenlichte schimmerte. Der König ist es so gewohnt, der König darf seine alten Gewohnheiten nicht vermissen, hatte Tante Sara noch zuletzt gesagt. Der König! Wie sollte sie ihm heute entgegentreten? Heute, wo er als der Gott kam, der das Dankesopfer der Creatur, die er beglückt hat, entgegennehmen will? O gewiß war sie ihm dankbar – aber war es königlich, die Schuld sobald einzufordern, als wenn sie ihm nicht gewiß wäre? Als wenn die Summe des Dankes nicht wüchse, je länger sie sich in den Händen des Schuldners befindet? Silvia konnte von diesem Gedanken nicht loskommen. Wie von einer kleinen dunklen Wolke am Horizonte sich allmälig ein grauer Nebelschleier über den ganzen Himmel breitet, so wurde ihr trüb und trüber zu Sinn, je länger diese Zeit des Wartens auf den königlichen Besuch währte. Wir dürfen warten – wir! Wir müssen jederzeit bereit sein! Was sagte die Tante? Er weiß nicht, was mich diese seine Gnade gekostet hat, wie oft mich meine schmerzenden Glieder kaum aufrecht erhalten haben. Aber freilich! dieses Geduldspiel ist doch auch nicht um nichts und wieder nichts, wie das banale Treiben unserer Salons, bei dem für Niemanden etwas herauskommt als Langeweile und Ueberdruß. Leo ist gerettet! Was will dagegen alles Andere sagen! Tante Sara hatte Silvia nichts von der Zusammenkunft, die heute Abend zwischen dem Könige und Leo im Hause des Generals stattfinden sollte, gesagt; für Silvia war Leo nur aus dem Gefängniß befreit – das war wohl etwas; aber jetzt konnte sie sich des Gedankens nicht erwehren, daß dies noch lange nicht genug sei, daß, wenn Leo nicht jenen seinen höchsten Wunsch, persönlich mit dem Könige zusammenzukommen, ausführen konnte, seine Sache noch immer hoffnungslos daniederlag. Also hatte sie dem Könige nicht blos zu danken, sie mußte abermals eine Bitte an ihn richten, eine Bitte, die gewiß viel schwerer zu erfüllen war, als jene andere. Eine Gefängnißthür öffnen, was will das sagen, wenn man König ist? Dazu bedarf man nur eines einzigen Machtwortes; aber den Traumdeuter anhören, und nicht blos das, sondern auch seinem Rathe folgen, im festen Vertrauen zu dem gottbegnadigten Seher die Vorkehrungen treffen, die das Volk vor dem hereindrohenden Verderben bewahren – das war ein hohes, aber erst aus weiter Ferne herüberschimmerndes Ziel. Und wie würde sie Leo begegnen? Silvia's Herz erbebte, aber nicht in freudiger Erwartung. Was mußte er, der Stolze, gelitten haben in diesen Tagen? Das Scheitern seiner Pläne bis zur persönlichen Entwürdigung! der Hohn seiner Feinde, den Starken entwaffnet, von dem Kampfplatz auf lange Zeit, für immer vertrieben zu haben! Was konnte ihm eine Freiheit sein, die er nicht mehr für die Verwirklichung seiner Idee verwenden konnte? War es Gnade, den Besiegten dem Spotte seiner Sieger preiszugeben? Würden die Menschen nicht jetzt, wenn er in eine Gesellschaft trat, die Köpfe zusammenstecken und lächeln? Würden sie nicht auf der Gasse mit Fingern auf ihn weisen? Ach, es konnte keine freudige Begegnung sein zwischen ihm und ihr! Aber weshalb sich überhaupt begegnen? Es war ja gar nicht wahrscheinlich, daß Leo erführe, wem er seine Rettung verdankte. Verdankte? Abscheuliches Wort! Wollte die Tante Dank? Wollte sie selbst Dank? Und gesetzt auch, er erführe es; Leo war nicht der Mann, um einer sentimentalen Wallung willen einen Schritt aus seiner Bahn zu gehen. Wenn es in seinem Plane lag, die Residenz zu verlassen, wie es ja doch sehr wohl möglich war – keinen Tag, nicht eine Stunde würde er bleiben, einem Mädchen zu Gefallen, an dessen Wohl und Wehe er doch nur immer sehr vorübergehenden Antheil genommen hatte. War doch von ihm in der letzten Zeit gar kein Versuch gemacht worden, sich ihr zu nähern. Waren doch selbst ihre Briefe ohne Antwort geblieben! Er würde sein Zelt abbrechen und in andere, ferne Gegenden tragen! Er hätte am liebsten auf heimischer Erde der Freiheit einen Tempel gegründet, freilich! Aber wenn es nicht möglich war, so würde er, der Weltbürger, auch darüber wegkommen, und gegen Tyrannei zu kämpfen gab es ja doch überall auf der weiten Erde. Und was sollte dann aus ihr werden? Hatte sie nicht ihr Alles auf diesen einen Wurf gesetzt? sich nicht bereits losgesagt von Allem, was ihr bis jetzt ein Halt im Leben gewesen war? unwiderruflich losgesagt? Konnte sie jetzt noch zurück, selbst wenn sie wollte? Zurück in das Haus des Freiherrn, um Miß Jones zu erklären, was Miß Jones in Ewigkeit nicht verstehen würde? Um sich von den alten Dienstboten mit Kopfschütteln, von den jüngern mit Hohnlächeln betrachten zu lassen? Nein, jenes Haus konnte ihr niemals wieder eine Heimath werden, selbst wenn der Freiherr noch lebte. Aber war denn das ihre Heimath? Warum nicht zurück zu ihm? Zurück zum guten alten Vater? Silvia streckte die Arme aus, als wollte sie eine liebe Gestalt umfangen; dann blickte sie, wie aus einem Traum erwachend, verstörten Antlitzes um sich. Es war Alles noch wie vorhin. Da schimmerten die Lichter, da glänzten die Marmorvasen und Marmorbilder in dem schimmernden Licht; da schauten die schönen Frauengesichter aus dem dunklen Hintergrund wie Sterne aus dem nächtlichen Himmel; da blinkte der silberne Kessel, in dem das Wasser brodelte; da funkelten die Krystallflaschen und Gläser; da war an der Wand die Stelle, wo sich die Thür öffnen würde, durch die der König hereintrat. Warum kam er nicht? Die Stunde, in der er gestern und vorgestern gekommen, war bereits vorüber; hatte der General sich nicht doch vielleicht verhört? Oder der König über anderen Dingen seine Zusage vergessen? Aber er war gestern so freundlich, so echt menschlich gewesen, hatte so gar nicht den König herausgekehrt, hatte so ganz dem Bilde entsprochen, das die Tante von ihm entwarf, dem Bilde eines geistvollen, edeldenkenden Mannes, der sich auf seiner einsamen kalten Höhe das warme Herz bewahrt hat und dazu die hellen Augen, zu sehen, und die leisen Ohren, zu hören, nur daß es sein königliches Unglück ist, kein Herz zu finden, das dem seinen ebenso warm entgegenschlüge, niemals ein ungeschminktes, ehrliches Menschenantlitz zu sehen, niemals die unverstellte Stimme der Wahrheit zu hören. Warum kam er nicht? Sie trat an das Fenster. Tief unter ihr brauste und donnerte das rastlose Leben der gewaltigen Stadt, das, wie Meereswogen den Felsen, die altersgrauen Mauern der königlichen Burg umfluthete. Zahllose Lichter schimmerten nach allen Richtungen; hierhin und dorthin drängte sich die geschäftige Menge in dunklen beweglichen Linien, unablässig rollten die Fuhrwerke: von flüchtigen Rossen gezogene Equipagen mit hellschimmernden Laternen, langsame Fiaker, unbehilfliche, mit Menschen überfüllte Omnibus, rasselnde Lastwagen. Und wie sie den Blick nach oben richtete, glänzten ihr aus dem tiefblauen Himmel einzelne Sterne, dieselben Sterne, zu denen sie auch als Kind von der stillen Waldwiese emporgeschaut hatte, wenn die Rehe aus den Büschen traten und aus dem dunklen Walde der Ruf des Nachtaars ertönte. Eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich ihrer. Ich will ja nicht den seligen Frieden der Kindheit wieder, dachte sie, nicht die süße Ruhe jener holden Jugendzeit. Frieden und Ruhe – das sind für mich von jetzt an Märchenträume; nur stark möchte ich sein, stark und – einig in mir selbst, daß meine Seele ein Spiegel wäre seiner Seele. Das Geräusch draußen und die große Aufregung, in der sie sich befand, hatten Silvia nicht hören lassen, daß, von Lisette geführt, ein Mann in's Zimmer gekommen war, der sich zuerst, nicht ohne daß sich eine flüchtige Verwunderung auf seinem Gesichte gemalt hätte, in dem prächtigen Gemache umschaute, dann, als er Silvia im Fenster stehend erblickte, der hübschen Lisette ein Zeichen gab, das Zimmer zu verlassen – und jetzt mit einem Lächeln auf den Lippen an sie herantrat. Silvia! Mit einem leisen Schrei wandte sich Silvia. Ihre erste Regung, als sie den geliebten Mann vor sich sah, war, sich an seine Brust zu stürzen; aber es war nicht Liebe, was um seinen Mund spielte, nicht Liebe, was aus seinen Augen blickte. Die hocherhobenen Arme sanken schlaff herunter; sie athmete tief auf. Du bist's, sagte sie mit kaum hörbarer Stimme. Ich bin's, erwiederte Leo, und Du kannst nicht verwunderter sein, mich hier zu sehen, als ich es bin, Dich hier zu finden. Lieblicher freilich konnte sich das Räthsel, das für mich über all diesen Vorgängen war, nicht lösen. Du bist also die andere Dame, die er mich hier aufsuchen hieß! Leo drückte Silvia's Hand. Silvia entzog sie ihm sanft und sagte: Wer hieß Dich das? Der König. So hast Du ihn gesprochen? Ich komme eben von einer langen Unterredung mit ihm im Hause des Generals von Tuchheim. Er hat mir aufgetragen, die Tante und die andere Dame, die also Du bist, zu grüßen, da er selbst nicht kommen könne. Aber erkläre mir nur, wie kommst Du hierher, wie geschah es, daß ich Dich hier treffe? Später, erwiederte Silvia, erst das Wichtigere. Wie hast Du den König gefunden? Silvia's Stimme bebte, und ihre Glieder bebten; sie schwankte fast, während sie nach einem der Sophas ging, die um den Theetisch herumstanden. Leo nahm an ihrer Seite Platz. Wie ich ihn gefunden habe? Gerade so wie ich ihn zu finden erwartete; vielleicht noch geistvoller, für Ideen empfänglicher, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich habe ihm freilich meine Gedanken in seine romantische Sprache übersetzen müssen, aber gleichviel! Er versteht doch, während man sich mit jenen Tröpfen in keiner Sprache verständigen kann. Silvia drückte die Hände gegen die Stirn; der Uebergang aus der bangen Erwartung zu der vollkommenen Erfüllung war so plötzlich gekommen. Sie konnte es kaum glauben, daß das langersehnte, mühsam erstrebte Ziel nun wirklich erreicht sei. Und Leo schien keineswegs erregt, seine Stimme klang wie sonst. Woher nahm er die Ruhe in einem solchen Augenblick? Was hast Du? fragte Leo, ist Dir nicht wohl? O nein, nein! Es ist nur die Freude, die mich schwindeln macht; die Freude und – die Furcht. Ich sehe Dich auf der Höhe, die Du erstrebt hast, und Du stehst so sicher da, so gar nicht, als ob Du fallen könntest. Auf der Höhe? sagte Leo verwundert, und auf der Höhe, die ich erstrebte? Hab' ich nichts weiter gewünscht, als einmal mit einem Könige zu sprechen, um zu erfahren, was ich längst wußte, daß er ein Mensch ist, wie wir? Nein, Silvia, das ist die Höhe nicht, die ich erstrebte; aber es ist eine Stufe dahin, eine große Stufe vielleicht, aber doch nur eine Stufe. Was ist mir der König, was kann er mir sein, als ein Mittel zum Zweck? Wir müssen abwarten, wie weit ich damit komme. Es ist ein kostbares Mittel, Leo, schwer zu gewinnen, leicht zu verlieren. Sei vorsichtig, Leo, daß Du den rechten Gebrauch davon machst. Die Gunst des Königs, hättest Du sie einmal verscherzt – und wie leicht könnte das geschehen! – würde sich Dir nie wieder zuwenden. Ich kenne Dich nicht wieder, Silvia; wie bist Du, das muthvolle Mädchen, auf einmal so ängstlich geworden? Nein, Silvia, nicht Zagen und Zaudern, nicht Abwägen und Abmessen geziemt dem, der Großes groß erreichen will. Ich glaube heute mehr als je an meinen Stern, und nicht deswegen, weil ich heute auf einen Erfolg blicken kann, sondern weil heute nur geschehen ist, was ich schon seit Jahren wußte, daß es geschehen würde. Silvia blickte erstaunt auf; Leo's für sie so schönes, blasses Gesicht zeigte die plastische Ruhe, die sie immer so sehr bewundert hatte, aber in den dunklen Augen brannte ein Feuer, vor dem sie – sie wußte selbst nicht weshalb – fast erschrocken die Wimpern senkte. Ich bin ein wenig abergläubisch, mußt Du wissen, fing Leo wieder an, so würden wenigstens Andere meine Ueberzeugung nennen, daß die sich an großen Entwürfen abarbeitende Seele mit einer Providenz, die wir wunderbar nennen müssen, weil wir sie nicht recht erklären können, in Momenten ganz besonderer Erregung nicht blos die Erfüllung ihrer Pläne sieht, sondern auch in einem bestimmten Bilde sieht, das scheinbar gar nichts mit jenen Dingen zu thun hat, aber sich dem rechten Deuter eben als Bild für den tieferen Gehalt sattsam offenbart. – Es war in der ersten Nacht, die ich im Gefängnisse zubrachte, in einer engen, dumpfen, dunklen Zelle. Es hatte lange gedauert, bevor ich eingeschlafen war; ein paarmal hatte mich aus dem Halbschlafe ein Klopfen geweckt, das dicht an meinem Ohr an der Wand erschallte. Es mochte ein Gefangener in der Nebenzelle sein, der sich mit seinem Nachbar unterhalten wollte. Erst gegen Morgen schlief ich fest, und da träumte ich einen wunderlichen Traum, den ich genau, aber mit allen Einzelheiten genau so, schon einmal geträumt hatte an jenem Morgen, als mich Dein Vater bei den Wasserfällen schlafend fand. Mir träumte, ich saß an einer großen runden Tafel inmitten eines prachtvollen Marmorsaales, dessen Wände den Glanz unzähliger Lichter machtvoll zurückwarfen. Die Tafel war mit den herrlichsten Speisen bedeckt, Kuchen und Flüchte in goldenen und silbernen Schalen. Ich war nicht allein, viele Männer saßen mit mir an der Tafel in prächtigen, ordengeschmückten Uniformen. Und seltsam, ich konnte keines der Gesichter deutlich sehen, so sehr ich mich auch bemühte; nur das Gesicht des Einen, der mir zur Linken saß, sah ich ganz deutlich. Es war ein junger Mann mit hellen, blauen übermüthigen Augen und hoher weißer Stirn. Er war der Gastgeber und der Herr, denn alle Andern neigten sich ehrfurchtsvoll vor ihm. Aber er achtete der Andern nicht; nur mit mir sprach er, nur mir lachte er zu, und lachend häufte er Kuchen und Früchte auf meinen Teller, und lachte immer heftiger, und häufte immer mehr auf den Teller, daß der Teller nichts mehr fassen konnte, und plötzlich klatschte er lachend in die Hände, und Speisen und Gäste – Alles war verschwunden. Der Gefängnißwärter stand vor mir, um mir zu sagen, daß es Zeit sei aufzustehen und daß er mir mein Frühstück gebracht habe. Und des Traumes Deutung? fragte Silvia, die mit klopfendem Herzen zugehört hatte. Des Traumes Deutung? wiederholte Leo. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und blickte sinnend vor sich nieder. Man möchte sagen, daß gleiche Ursachen gleiche Wirkungen haben; daß ich dieses Mal, wie damals, hungrig und durstig eingeschlafen war, und ich also sehr erklärlich von Essen und Trinken träumen konnte, und meine Phantasie die gefällige Form, in die sich damals mein Verlangen gekleidet hatte, weil sie in meiner Seele unvergessen war, einfach copirte. Das könnte man sagen, ich aber sage es nicht. Denn, Silvia, jener junge Mann, der mir so gnädig war, den ich damals nicht kannte, und auch diesmal nicht kannte – Du kennst ihn jetzt? rief Silvia in einem Schrecken, der ihr das Blut in den Adern stocken machte. Ich kenne ihn jetzt, sagte Leo; so, genau so stand er eben jetzt vor meinen leibhaftigen Augen, mit denselben hellen blauen Augen, mit derselben hohen weißen Stirn; und jenes übermüthige Lachen, das mir noch im Ohre tönte, ich hörte es jetzt aus seinem Munde. Silvia's Glieder flogen; ihre starren Blicke hingen an Leo's Mienen; sie wußte nun, weshalb sie vorhin das Lodern seiner dunklen Augen so erschreckt hatte. Es war ein Abglanz aus dem Geisterreiche gewesen, das sich dem gefeiten Blicke dieses Mannes erschloß. Leo hatte sich erhoben und war ein paarmal vor ihr auf und ab gegangen; jetzt sagte er: Du siehst, was jetzt, was heute geschehen ist, war nur ein Schritt auf die erste Stufe. Es sind noch viele zu ersteigen, bevor ich auf die Höhe gelangt bin; aber ich werde hinaufgelangen, so gewiß, als wir heute in demselben Zimmer stehen, zu dessen Fenstern wir in jener Nacht mit einer dunklen Sehnsucht, die in ihrem Schooße diesen Augenblick trug, hinaufschauten. Dann – aber auch erst dann – mag die Treppe hinter mir zusammenstürzen; der Tempel, den ich bauen will, wird vollendet dastehen. Doch von diesen Dingen ein andermal; jetzt sage mir, nicht, warum Du hier bist – das weiß ich, aber wie kamst Du hierher? Wie ist dies Alles so geschehen? Leo hatte sich wieder zu ihr gesetzt; der Ton seiner Stimme war klar und fest wie sonst; die phantastische Dämmerung, die er heraufgezaubert hatte, war verschwunden, es sollte wieder Tag sein. Silvia suchte ihre Aufregung zu beherrschen und klar und kurz Alles zu erzählen, aber ihre Rede, die sonst so leicht floß, stockte wiederholt; Leo mußte oft fragen, und es wurde ihr schwer, diese Frage immer zu beantworten. Endlich sagte er: Und was gedenkst Du nun zu thun, Silvia? Doch das ist eine jener Fragen, die uns ein Anderer beantworten muß, weil wir selbst in das dunkle Chaos sich widerstreitender Gefühle kein Licht bringen können. Du scheust Dich, Deinem Vater nach dem, was geschehen ist, zu begegnen, und mit Recht. Er wird es Dir schwer vergeben, was Du gethan hast, wird Dir nie glauben, daß er sich in Tante Sara irre, von jeher geirrt habe. Sie ist vielleicht nicht so gut und groß, wie sie Dir bis jetzt erschienen ist; immerhin aber ist sie eine merkwürdige Frau, die von einem anderen Standpunkte aus beurtheilt sein will, als dem einer engherzigen Moral. Warum sollte Dir Dein Vater glauben, was er der Tante selbst nicht geglaubt hat, die doch gewiß in früheren Jahren kein Mittel unversucht gelassen haben wird, den Bruder von ihrer Schuldlosigkeit zu überzeugen? In solchen Dingen wachsen bei gewissen Naturen die Vorurtheile mit den Jahren. Wie kann man überhaupt Jemanden von etwas überzeugen, das er nicht versteht, und brav und gut wie Dein Vater ist – dies versteht er nicht. Ein Geist, wie der der Tante, ein Geist, der mit unwiderstehlicher Kraft die alten hergebrachten Formen sprengt, in die ihn Geburt und Erziehung gebannt hatten, um sich mit froher Werdelust den seiner Individualität genehmen und bequemen Körper selbst zu schaffen – ist für Deinen Vater ein Buch mit sieben Siegeln, ein unheimliches, unheiliges Buch. Die Sympathie seiner Tochter für die von ihm, von der Familie Ausgestoßene muß ihm als eine schwere Verirrung der Natur erscheinen. Silvia's Antlitz war bei diesen letzten Worten sehr blaß geworden. Leo fuhr fort: Ich darf Dir dies nicht verschweigen, denn Du mußt Deine Situation ganz klar sehen. Du bist bereits zu weit gegangen, um ohne Erklärung zurück zu können. Diese Erklärung wird im besten Falle für Dich unendlich peinlich sein; Dein Vater wird eine Entschuldigung wollen, keine Erklärung. So fällt ein Schatten vor Dir her auf Deines Vaterhauses Schwelle, und dieser Schatten wird sich immer weiter breiten und nach und nach das ganze Haus erfüllen. Wie kann da – ich sage nicht von Glück – ein albernes Wort, das ein Narr erfunden hat und das ich hasse – über auch nur von einem Leben, wie es erträglich ist, die Rede sein? Du kannst am wenigsten von allen Menschen lügen, nicht in Deinen Gedanken, geschweige denn mit Worten, ja nicht einmal mit Deinen Mienen. Dein trübes Auge, Dein schmerzlich geschlossener Mund müssen es aussprechen, denn es ist die einfache Wahrheit: Ich kann euch nicht helfen, und ihr nicht mir; ihr müßt mich anders wollen, damit ich zu euch passe; ich aber kann nicht anders sein, als ich bin. So lebe ich euch zur Qual – und mir. Und willst Du wissen, welches Dein Leben in Tuchheim sein würde? Erinnerst Du Dich des schönen jungen Falken, den wir damals in einem großen hölzernen Gitterkäfig auf dem Hofe hielten? Wenn man vorüberging, sträubte er zornig sein Gefieder; wenn er sich unbeachtet glaubte, saß er auf seiner Stange und blickte mit den großen glänzenden Augen in den Himmel hinein. Eines Morgens fanden wir ihn todt in einer Ecke des Käfigs liegen. Er hatte die beste Atzung gehabt, und Schutz vor der Kälte und Alles, wessen er bedurfte – und hatte doch nicht weiter leben können, nicht weiter leben wollen. Das würde Dein Leben sein, Silvia – und so würdest Du es enden. Du würdest sterben, weil auch Du ohne das Stückchen blauer Himmelsfreiheit nicht würdest weiter leben können, nicht weiter leben wollen. Ich möchte Dich vor diesem Schicksal bewahren, Silvia. Du mußt Dich entscheiden, so verlängere die Qual der Entscheidung nicht. Schreibe Deinem Vater; versuche – denn das bist Du ihm schuldig – versuche, ihm begreiflich zu machen, um was es sich für Dich handelt und daß Du jetzt nicht kommen könntest. Es ist ja möglich, daß er Dich versteht – und dann ist Alles gut; versteht er Dich nicht – und das ist wahrscheinlich – nun denn, Du darfst nach Allem, was Du mir gesagt hast, die Tante jetzt nicht verlassen. Du hast dem König versprochen, daß er Dich wieder sehen soll; wenn Du Dein Versprechen nicht hieltest, würde er es die Tante entgelten lassen, die das nicht um uns verdient hat; ja, Silvia, und er würde es mich entgelten lassen. Der König ist einer jener Menschen, die sich immerdar sehnen, von einer Frau zu hören, was sie thun und was sie lassen sollen. Ich würde, und wenn ich die Erde durchsuchte, keine Frau finden, die mich so ganz verstände, wie Du mich verstehst, die meine Gedanken so lauter, so unverfälscht, und höchstens durch eine schönere Form geadelt, an einen Andern weiter zu geben vermöchte, wie Du es vermagst. Ich würde die romantische Sprache, die ich heute mit ihm gesprochen habe, nicht immer sprechen können, nicht immer sprechen wollen. Dann würdest Du, die Meisterin der Form, mit Einem Worte den Mißklang lösen, eine Verständigung herbeiführen. Ja, je länger ich dies Alles bedenke, umsomehr überzeuge ich mich, daß Du die Kette sein mußt, an der ich die schwere königliche Erde zu der olympischen Höhe unserer Weltanschauung emporziehe. Silvia, schreib' Deinem Vater. Willst Du? Leo war aufgestanden, um zu gehen. Er hatte Silvia's Hand ergriffen; Silvia war sehr bleich, und ihre Stimme war sehr unsicher, als sie erwiederte: Ich will; es ist ja nicht für immer. Und wenn es wäre – ich hoffe zuversichtlich, daß es nicht ist – aber wenn es wäre, Silvia? Sieh, ich meine, wenn Du einem Manne vermählt wärest, den Du liebtest, und Du müßtest wählen zwischen Gatte und Vater – so würde doch die Wahl sehr kurz sein. Und ist denn nicht Freundschaft der Ehe bester Theil? Und sind wir nicht Freunde? Ja, haben wir nicht doppelt und dreifach Recht, auf unserm Sinne zu beharren, da wir, frei von jedem kleinlichen Egoismus, nichts für uns wollen? Leb' wohl, Silvia! Ich sehe Dich morgen wieder und dann hoffentlich auch die Tante. Leo war gegangen, Silvia war auf derselben Stelle stehen geblieben, ihre Hand hing noch so herab, wie sie aus Leo's Hand geglitten war. Wenn Du einem Manne vermählt wärest, den Du liebtest! – Ja, ich darf an den Altar treten, und Gott muß mein Opfer annehmen, denn meine Gaben sind ohne Fehl, und rein sind meine Hände. Ich will nichts für mich; Gott weiß es, daß ich nichts für mich will. Silvia's Busen hob sich in unendlicher Wehmuth; sie wollte stark sein, sie wollte nicht weinen, aber wie ein unaufhaltsamer Strom brachen die Thränen hervor; sie sank auf das Sopha zurück und verbarg schluchzend ihr Gesicht in die Kissen. Lisette kam, die Theesachen abzuräumen und die Lichter auszulöschen. Silvia erhob sich und begab sich in Tante Sara's Schlafzimmer. Achtzehntes Capitel. Der Freiherr war am dritten Tage des Morgens in der Frühe in dem Erbbegräbniß der Familie auf dem Kirchhofe von Tuchheim beigesetzt worden. Man hatte ihm die Liebe, die er sich durch seinen guten Willen und durch tausend und tausend thatsächliche Beweise einer bis zur Uebertreibung großherzigen Gesinnung im Laufe der früheren Jahre um seine Dörfler erworben und die man ihm im Leben so arg versagt hatte, mit in das Grab gegeben. Weit und breit aus der Runde waren sie zusammengeströmt: Männer und Weiber, Jünglinge und Mädchen, und die Schaaren der Fabrikarbeiter hatten es sich nicht nehmen lassen wollen, dem Manne, der für sie gefallen war, das letzte Geleit zu geben. Nur der kleinste Theil der Menge, die nach Tausenden zählte, hatte auf dem Kirchhofe Platz gefunden, und Mütter hatten ihre Kinder in die Höhe gehalten, damit sie sähen, wie ein guter Mensch der Erde übergeben werde. Dann war an das offene Grab ein junger Mann getreten, dessen sich gar Viele noch aus früheren Jahren als eines freundlichen blauäugigen Knaben erinnerten. Und der junge Mann hatte seine Stimme erhoben, deren heller Klang selbst diejenigen, welche außerhalb der niedrigen Kirchhofsmauer im Kreise standen, erreichte, und hatte erzählt, warum er hier spreche an des Predigers Stelle, der sich geweigert, dem Todten die letzte Ehre zu erweisen, weil er – wie der fromme Herr sich ausgedrückt – freventlich sein Leben auf's Spiel gesetzt habe. Ich denke anders, hatte der junge Mann gerufen, und Ihr denkt anders, sonst wäret Ihr nicht hier, und weil wir denn nun versammelt sind im Namen des heiligen Geistes der Brüderlichkeit, die alle Menschen umfaßt, so laßt mich Euch sagen, wer dieser Todte war, wie er gelebt hat und warum er gestorben ist. In lautloser Stille und regungslos hatte die Menge diesen Worten und der weiteren Rede Walter's gelauscht, nur daß dann und wann das Schluchzen eines Weibes ertönte und ein und der andere Mann sich abwendete, die Thränen mit den rauhen Händen von den Wangen zu wischen. Und als er, seine eigene Rührung mächtig niederkämpfend, mit tönender Stimme schloß: So wollen wir denn dem Staube geben, was Staub ist; aber die Liebe, die in diesem Herzen lebte, das einst so heiß schlug und nun stillsteht für immer – sie wird nicht mit begraben, denn sie lebt in mir, in Euch, in Jedem, dessen Brust sich beklemmt fühlt beim Anblick der Noth und dessen Hand sich öffnet vor der Stimme der Armuth. Diese Liebe, wie sie der Menschheit bester Theil ist, so ist sie auch unsterblich wie die Menschheit! – als er so sprach und bei den letzten Worten die Arme ausbreitete, als wollte er die freudige Zuversicht, von der seine Seele erfüllt war, auf alle diese armen Menschen herabrufen – da waren wenige Augen thränenleer, kein Haupt bedeckt geblieben, und in feierlichem Schweigen hatte sich die Menge entfernt. Der Tod des Freiherrn, dessen Veranlassung mit den näheren Umständen bald bekannt wurde, hatte in der ganzen Gegend eine ungeheure Aufregung hervorgerufen, die aber, Alles in Allem, nur wohlthätige Folgen gehabt hatte. Es war, als ob die Menschen an diesem tragischen Ereigniß sich auf sich selbst besonnen hätten, als ob sie in diesem einzelnen Fall ein drohendes Beispiel gesehen hätten, wohin die hartnäckige, eigensinnige Verfolgung ihrer Ziele führen könne, ja führen müsse. Das Erste war natürlich gewesen, daß der Oberstlieutenant von Hey sogleich nach dem unglücklichen Ausgang des Duells in seine Garnison abgereist war und sich dem Commandanten gemeldet hatte. Damit war schon viel gewonnen, denn gerade die Gegenwart dieses brutalen Officiers war in den Arbeiterkreisen sehr übel vermerkt worden. Daß jetzt seines Bleibens in Tuchheim nicht mehr sein konnte, nahm man freilich als selbstverständlich an; aber daß schon am zweiten Tage eine telegraphische Ordre aus der Residenz eintraf, auch die zwei Bataillone, die rings um Tuchheim und die übrigen Fabrikstätten in den Dörfern lagen, nach der Garnisonstadt zurückzuziehen, wurde als eine ungewöhnliche und unverhoffte humane Regung der Regierung empfunden und gepriesen. Dazu kam, daß die Fabrikherren, eingeschüchtert durch die abermaligen Zusammenrottungen der Arbeiter, als der Tod des Freiherrn und zugleich die Resultatlosigkeit der Bemühungen der Deputation und die Verhaftung Leo's bekannt wurden, sich nun zu den so lange beanstandeten geringfügigen Concessionen bereit erklärten. Zwar war diese Nachgiebigkeit in der letzten Stunde von einem Theil der noch feiernden Arbeiter als gänzlich unzureichend und als ein Flicken auf ein altes Kleid, der bald genug wieder reißen werde, bezeichnet worden, aber die Mehrzahl war froh gewesen, den verderblichen Streit auf irgend eine ihnen nicht ganz schimpfliche Weise zum Austrage gebracht zu sehen, und diejenigen, welche bereits vorher zurückgekehrt waren, hatten jene Concessionen nun gar als ein unerwartetes Geschenk begrüßt. Zuletzt hätte die Weigerung des zelotischen Nachfolgers des gleißnerischen Doctor Urban, den Mann zur Gruft zu begleiten, in welchem die Arbeiter einen Märtyrer ihrer Sache sahen, die Aufregung beinahe von Neuem entfacht; aber auch diese Gefahr war durch Walter's Rede beseitigt worden. Man hatte seine Mahnung, daß ein Jeder ruhig an sein Tagewerk gehen und in treuer Pflichterfüllung sich der besseren Zukunft würdig machen solle, beherzigt. Noch an demselben Morgen hatten sich die Letzten zur Wiederaufnahme der Arbeit gemeldet; der unselige Streit, der nun schon wochenlang Verwirrung, Angst und Noth über die ganze Gegend ausgestreut hatte, schien, für eine Zeit wenigstens, beseitigt. Am Abend des Tages gingen im Schatten der Bäume am Rande der Wiese, dem Försterhause gegenüber, Fräulein Charlotte und der Förster. Die Sonne stand schon tief, daß nur noch das Dach und der Giebel des Hauses von ihrem milden Scheine getroffen wurden. Die Schwalben, die seit einigen Wochen zu ihren alten Nestern unter dem weit vorspringenden Dache zurückgekehrt waren, schossen lustig über die Wiese, auf der ein paar junge Hunde Haschens spielten, während der alte Ponto, den Kopf zwischen den Vordertatzen, etwas seitab lag und von Zeit zu Zeit nach dem Herrn hinüberblinzelte. In des Försters braune Wangen hatten die letzten Jahre einige tiefere Furchen gezogen, und sein schlichtes Haar war hie und da leicht mit Grau gemischt; auch lagen der Ernst und die Trübsal dieser letzten Tage in schweren Falten um den festgeschlossenen Mund, aber seine Haltung war noch so straff und sein Schritt so fest, wie vordem. Es war ein wundersamer Contrast zwischen dem wettergefesteten, kraftvollen Manne und der zarten, schlanken Frauengestalt mit dem edlen, blassen Gesicht an seiner Seite, und doch lag etwas Wahl- und Schicksalverwandtes in dem klaren, unschuldigen Blick ihrer Augen und selbst in dem herzlichen Klang ihrer Stimmen. Es war das erstemal in diesen Tagen, daß die Beiden auf längere Zeit mit einander allein waren und Charlotte den innigen Wunsch, im Zusammenhange die letzten Schicksale ihres Bruders zu erfahren, gegen den Freund aussprechen konnte. Wenn ich in diesem Leid einen Trost habe, sagte Charlotte, so ist es der, daß mein Bruder in Ihren Armen gestorben ist und daß ich aus Ihrem Munde hören darf, wie er gestorben ist, ja, ich möchte sagen, warum er gestorben ist. Ein Geschenk aus lieber Hand ist uns doppelt lieb, und der Wermuthsbecher, den uns der Freund reicht, reichen muß, hat schon seine schärfste Bitterkeit verloren. Sagen Sie mir Alles, lieber, liebster Freund; ich habe ein Recht, Alles zu wissen. Und fürchten Sie nicht, mich zu kränken, wenn Sie mir das Bild meines Bruders nicht ohne Flecken zeigen können. Ich weiß, wie schwach, wie sehr schwach und wankelmüthig er gewesen ist; aber unedel, nicht wahr, mein Freund, unedel war er nie, war er auch nicht in dieser Katastrophe! Nein, erwiederte der Förster lebhaft, nein, unedel nicht, gewiß nicht. Wäre er weniger edel gewesen – er könnte noch heute unter uns leben. Denn wenn mir auch schon manchmal der Gedanke gekommen ist, daß es am Ende doch nur Verzweiflung war – aber, Sie haben Recht, Sie müssen Alles wissen, mir selbst ist es ein Trost, Ihnen Alles sagen zu dürfen. Es war heute vor acht Tagen, um dieselbe Stunde, als der Gärtnerbursche Gustav mir einen offenen Zettel brachte, der weiter nichts als die Worte enthielt: Ich bin eben angekommen und sehr müde, möchte Dich aber noch sprechen. Meine Verwunderung war nicht gering, doch konnte mich, wie sehr ich mich auch deswegen schalt, die unerwartete Nachricht nicht freuen, und ich zerbrach mir, während ich zum Schlosse hinaufritt, den Kopf, was wohl die Veranlassung, die den Herrn hierhergetrieben habe, sein möchte – daß es nichts Gutes sei, darauf hätte ich schwören mögen. Dennoch war unser Wiedersehen freudiger, als ich gehofft hatte. Der Herr schüttelte mir einmal über das andere die Hand und wiederholte öfters, wie er froh sei, das alte Haus endlich einmal wiederzusehen, und wie sehr er bedaure, es jemals verlassen zu haben. Aber ich bemerkte nur zu bald, daß ihm diese Worte nicht von Herzen kamen, und daß es mit dem Frohsinn auch nicht so rechte Art hatte. Dazu bekümmerte mich sein Aussehen. Ich fand ihn sehr, sehr gealtert, wenn auch die lange Reise mit dazu beigetragen haben mochte, daß seine Augen so tief in die Höhlen gesunken waren und so viel tiefe Falten auf der Stirn und um die Mundwinkel lagen. Er war sichtbar erschöpft und zu gleicher Zeit aufgeregt. Seine Bewegungen waren einmal matt und dann wieder heftig und hastig, und ebenso war seine Sprache. Er fing denn auch bald an, von den hiesigen Wirren zu sprechen, und klagte sich an, daß er selbst doch einen großen Theil der Schuld trage. Wäre ich hier gewesen, rief er, es wäre nie so weit gekommen! Sie wissen, gnädiges Fräulein, wie es mit der größte Schmerz meines Lebens gewesen ist, daß der Herr jemals von hier fortgehen konnte; und so viel ist wohl gewiß, daß gar Vieles besser stände, wäre er niemals fortgegangen; aber daß sein Hiersein, nachdem einmal die Fabriken eingerichtet, den Uebelständen, über welche die Leute, und zum Theil mit Fug und Recht klagen, hätte abhelfen können, das ist nicht meine Ansicht. Denn sehen Sie, gnädiges Fräulein, so etwas hängt gar nicht von dem Willen des Einzelnen ab; er kann, wenn er ein guter Herr ist, vielfach für die Leute sorgen, das versteht sich, kann ihnen manche Erleichterung verschaffen, ihnen über manche einzelne Noth weghelfen, aber den Arbeitslohn – und das ist doch die Hauptsache – kann er auf die Dauer nicht erhöhen, wenn seine Concurrenten nicht wollen, und wenn die es auch wollen, so können sie es wieder nicht, wenn die so vertheuerte Waare auf dem Weltmarkt keinen Absatz findet. Das ist wie ihre großen Maschinen selber, wo ein Rad in das andere greift und man keine Schraube lockern kann, ohne das Ganze in Unordnung zu bringen. Ich hatte über das Alles, was ich täglich vor Augen sah, Manches selbst herausgefunden, mir Anderes mittheilen lassen und in den Büchern nachgelesen, und so sagte ich denn auch dem Herrn an jenem Abend, daß er nicht hätte helfen können und warum er nicht hätte helfen können. Der Herr machte große Augen, als ich so meine Weisheit auskramte, lachte fast in der guten alten Weise und sagte: Ei, Fritz, Du bist ja ein Gelehrter geworden; das würde ja jetzt ein ordentliches Turnier zwischen Dir und dem Leo geben, der freilich aus einer anderen Tonart singt. Das gab nun ein Hin- und Widerreden, denn ich hatte Leo's Bücher eifrig studirt, und wenn ich ihm auch vielfach zustimmen mußte, so war ich doch mit den Mitteln, die er vorschlägt, gar nicht einverstanden. Der Herr wurde, je länger wir sprachen, immer hitziger; Leo habe durchaus und in jedem Worte Recht; Leo sei der Verkünder einer neuen Weltordnung, in der die Allmacht des Capitals – wie genau ich mich seiner Worte erinnere – so sicher gebrochen sein würde, wie man heute nichts mehr von den Raubrittern des Mittelalters wisse. Nein, ich will nichts gegen den Leo hören, ich danke ihm viel; er hat mich mir selbst wiedergegeben, als er mich dazu drängte, diesen Mammonsknechten den Handschuh hinzuwerfen. Das hat mich vor mir selbst wieder ehrlich gemacht. Ich schwieg, als ich ihn so leidenschaftlich erregt sah, und bat ihn, die Unterredung, die wir ja am nächsten Tage fortsetzen könnten, für diesmal abbrechen zu wollen. Ich war schon einmal an der Thür, als er mich noch einmal zurückrief. Er ging in alter Gewohnheit auf und ab, und ich sah wohl, daß es ihm sehr schwer wurde, mir das zu sagen, was er auf dem Herzen hatte. Endlich blieb er vor mir stehen und fragte hastig: Du bist mit Deinem Gelde zu Ende, Fritz? Er hatte mich nicht angesehen, als er das sagte, und das war mir so schmerzlich, daß ich für den Moment das Antworten vergaß. Deine Kasse ist leer? fragte er noch einmal mit dumpfer Stimme, sag's nur gerade heraus! Nein, antwortete ich; ich hatte wirklich in den letzten Tagen einige bedeutende Einnahmen gehabt. Aber es ist keine Kleinigkeit, was ich brauche, und um es Dir mit Einem Worte zu sagen, die Bergwerksgeschichte hat mich um fünfzigtausend Thaler ärmer gemacht; ich brauche nicht gleich die ganze Summe, aber zehntausend Thaler wirst Du wohl in diesen Tagen schaffen müssen. Glaubst Du, daß es geht? Jetzt sah er mich zum erstenmale an. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich über diesen neuen Verlust zu so vielen anderen sehr erschrocken war; aber ich wollte und durfte es ihn nicht merken lassen, und antwortete ruhig: Ich denke, gnädiger Herr, es wird sich machen lassen. Etwas wie ein Lächeln flog – zum erstenmale an diesem Abend – über sein Gesicht. Er legte mir die Hände auf die Schultern und sagte: Ich mache Dir viel Mühe, armer Kerl: Du wirst nun wieder die ganze Nacht sitzen und rechnen. Nur Charlotten laß bei Deiner Rechnung aus dem Spiele, hörst Du? Sonst mache, was Du willst! Ich weiß nicht, wie ich an diesem Abend nach Hause gekommen bin; mein alter Fuchs hat sich den Weg allein suchen müssen. Ich rechnete schon auf dem Pferde, und rechnete, wie der Herr gesagt, die ganze Nacht. Mit den Zehntausend war ich bald im Reinen. Der Herr hatte mir verboten, Ihr Geld anzugreifen, aber von mir hatte er nichts gesagt. Ich hatte in den letzten acht Jahren so gut wie keine Ausgaben gehabt, und diese Ersparnisse zusammen mit denen aus früheren Jahren, – das machte sogar noch etwas über zehntausend Thaler, die ich sicher angelegt hatte und jeden Tag haben konnte. Ich freute mich jetzt, daß ich der Versuchung, dies Geld anzugreifen, die in der letzten Zeit sehr oft an mich herangetreten war, immer widerstanden hatte. Es kann noch schlimmer kommen, hatte ich mir gesagt, nun war der Augenblick da. Aber die anderen Vierzigtausend – das war nicht ganz so leicht. Feldheim konnte keine Hypotheken mehr tragen, aber auf Tuchheim war vielleicht noch eine von Zwanzigtausend anzubringen, und das Vorwerk, das uns freilich in den letzten Jahren sehr genützt hatte, mochte, wenn man es gut verkaufte, auch noch Zwanzigtausend abwerfen. Dann freilich war das einst so schöne Vermögen so gut wie verloren; aber in solchen Momenten hat man keine Zeit, über das Unwiederbringliche zu klagen; man ist froh, wenn man retten kann, was etwa noch zu retten ist. Und dann blieb ja immer der Antheil des Herrn an den Fabriken, denn daß der Streit zwischen den Herren durch einen gütlichen Vergleich zum Austrag gebracht werden könne, daran zweifelte ich nicht. Es kam nur darauf an, dem Herrn klar zu machen, daß in dieser Weise für die Arbeiter Partei zu nehmen ihm selbst schaden und den Arbeitern nicht nützen heiße. Mit diesen Gedanken ritt ich den anderen Morgen auf's Schloß, recht zeitig, um mir Niemanden zuvorkommen zu lassen; ich war aber schon zu spät gekommen. Die feiernden Arbeiter waren, sobald sie erfahren hatten, daß der Herr da sei, noch an demselben Abend hinaufgezogen und hatten ihm ein Ständchen gebracht. Er hatte eine Anrede an sie gehalten und sie auf den anderen Morgen wiederbestellt. Als ich hinaufkam, traf ich ihn schon in voller Verhandlung mit den Leuten. Sie klagten ihm, wie denn die Leute zu klagen gewohnt sind, Gegründetes und Ungegründetes, Alles wirr durcheinander, und er gab ihnen in Allem Recht; ich versuchte hineinzureden, aber der Herr wurde unwillig, daß ich ihm widersprach; die Leute wollten meine Behauptung natürlich erst recht nicht gelten lassen; ich schwieg, um die Verwirrung nicht noch größer zu machen; es war eine peinliche Stunde für mich. Als der Herr und ich allein waren, ließ er sich kaum Zeit, die Berechnungen, die ich aufgestellt hatte, zu prüfen. Seine Seele war ganz und gar erfüllt von der Arbeiterfrage, wie er's nannte. Was bedeutet das Schicksal des Einzelnen, rief er, hier, wo es sich um das von Tausenden und aber Tausenden handelt! Ich habe mich immerdar abgemüht, denen, die von mir abhingen, das schwere Leben leicht zu machen – es ist mir nicht gelungen. Es ist mir Alles mißlungen, was ich auch versucht habe, dem Elend abzuhelfen. Ich habe nur immer Haß statt Liebe geerntet. Sie haben mir damals das Haus über dem Kopfe anzustecken versucht; man hat mich als Beispiel eines schlechten, tyrannischen Herrn der ganzen Welt verdächtigt. Und nun, da ich um der Armen willen meinen Stolz bezwungen habe und unter die Industriellen gegangen bin, jetzt soll ich nur den Blutsaugern in die Hände gearbeitet und zu dem alten Fluch neuen Fluch mit Aufopferung meiner Ruhe, meines Vermögens, meines persönlichen Glückes geerntet haben! Nimmer und nimmermehr will ich das geduldig hinnehmen, mag daraus entstehen, was da will. Dies und Anderes der Art sprach er an jenem Morgen zu mir in seiner hastigen Weise, und dabei blitzten seine Augen mit einem Feuer, das mich ängstigte, wenn ich dachte, daß er mit dieser Erregtheit den Commissären entgegentreten würde. Es war nämlich für die Mittagsstunde eine Zusammenkunft zwischen den Herren anberaumt, an der auch der Baron von Hasseburg und Andere aus der Nachbarschaft theilnehmen sollten. Ich suchte indessen den Herrn auf andere Gedanken zu bringen, indem ich ihn an seine Lieblingsplätze im Park führte und ihm zeigte, was unterdessen etwa Neues eingerichtet und wie ich das Alte im Stande gehalten hatte. Aber er hatte heute für das Alles kaum einen Blick. Die Conferenz und was er den Herren sagen wollte – das ging ihm immerfort im Kopfe herum. Was in der Conferenz geschehen und gesprochen worden ist, weiß ich nicht. Ich mußte in die Stadt, die Geschäfte zu ordnen. Das hielt mich lange auf; ich kam erst, als die Nacht schon hereingebrochen war, zurück, und als ich doch noch auf dem Schlosse nach dem Herrn fragte, hieß es, er sei schon zu Bette gegangen. Ich war dessen froh; Ruhe und Schlaf – das that ihm vor allen Dingen noth. Auch fand ich ihn am nächsten Tage um etwas ruhiger als am vergangenen. Er hätte sich den Herren gegenüber ausgesprochen, und das hätte ihm das Herz leichter gemacht, sagte er. Nun, leicht war sein Herz wohl nicht; im Gegentheil, er war so schwermüthig, wie ich ihn nie gesehen, und mehr als einmal, als wir wieder durch den Park gingen und von den guten alten Zeiten sprachen, kamen ihm die Thränen in die Augen. Heute war es, als ob die Gegenwart kein Interesse für ihn habe und er sich der Erinnerung nicht ersättigen könnte. Hundert kleine Züge aus unserem gemeinschaftlichen Leben, die ich selbst zum Theil vergessen, hatte sein Gedächtniß bewahrt. Er lachte ein paarmal ganz herzlich, aber das war nur wie ein flüchtiger Sonnenblick. Als ich am Abend wiederkam, waren seine Abspannung und seine Schwermuth noch größer geworden. Er saß in dem großen Zimmer vor dem Kamin, in welchem ein helles Feuer brannte; es fröstelte ihn, meinte er, obgleich alle Welt sage, es sei ein warmer Tag. Er fange an, alt zu werden. Und nun begann er wieder zu klagen, wie schlecht sein Spruch: »Leben und leben lassen«, sich doch bewährt habe. Nicht Einen Menschen habe er glücklich, im Gegentheil, er habe Alle unglücklich und gerade, die er am liebsten gehabt, am unglücklichsten gemacht. Ich wollte das natürlich nicht gelten lassen; aber was ich auch sagen mochte, er schüttelte nur den Kopf. Und als ich von meinen Kindern zu sprechen begann, die er doch wie seine eigenen Kinder erzogen und gehalten, sprang er in schmerzlicher Erregung auf und sagte, ich solle den Tag nicht vor dem Abend loben; wir wollten über unsere Kinder sprechen, wenn er sich kräftiger und ruhiger fühle; jetzt könne er es nicht. Ich wußte an jenem Abend nicht, was das zu bedeuten hatte; ich sollte es nicht mehr aus seinem Munde erfahren. Für den nächsten Tag war wieder so eine unglückselige Conferenz angesetzt; diesmal sollten auch Leute, die mit den hiesigen Verhältnissen vertraut sind, zugezogen werden. Unter Anderen war auch ich aufgefordert worden. Ich konnte nicht von Anfang an dabei sein, weil ich nochmals in die Stadt mußte; als ich endlich gegen Mittag kam, hatten die Herren schon ein paar Stunden beisammengesessen. Sehr friedlich konnte es nicht hergegangen sein, denn sie sahen Alle aufgeregt und unruhig aus, besonders der Herr selbst, der mir sogleich entgegenrief: Nun, kommst Du endlich! und dann zu den Anderen gewendet: Sie kennen Herrn Gutmann. Seine Aussagen werden umsomehr in's Gewicht fallen, weil Keiner unter uns auch nur annähernd in den hiesigen Verhältnissen so viel Erfahrung hat, wie er. Der Präsident legte mir nun eine Menge Fragen vor, über die ich Auskunft gab. Es handelte sich darum, festzustellen, ob die Arbeiter mit ihrem Lohn auskommen könnten, oder nicht. Der Herr hatte diese Frage von vornherein entschieden verneint, im Gegensatz zu den übrigen Fabrikanten, und daraus war ja der ganze Streit entstanden. Ich suchte zu beweisen, daß die Wahrheit in der Mitte liege, daß ein fleißiger Arbeiter unter gewöhnlichen Verhältnissen wohl mit seiner Familie zu leben habe, daß aber für unvorhergesehene Fälle und außerordentliche Bedürfnisse damit noch nicht gesorgt sei, und daß der Vorwurf, der die Herren treffe, eben darin bestehe, durch Wittwen-, Kranken- und andere Kassen und Einrichtungen nicht ausreichend für diese Bedürfnisse gesorgt zu haben. Nun ging ich ja in meinen Forderungen lange nicht so weit, als der Herr; aber den Anderen war ich doch schon zu weit gegangen, das zeigte sich deutlich genug in ihren Mienen. Die Meisten begnügten sich freilich damit, Gleichgiltigkeit gegen meine Aussagen zu heucheln oder den Kopf zu schütteln oder dem Nachbar ein paar Worte in's Ohr zu raunen und dabei zu lächeln; nur an dem einen Ende des Tisches, wo der Oberstlieutenant saß, ging es etwas lauter zu. Ich mochte wohl ganz unwillkürlich ein paarmal nach der Stelle hingeblickt und der Herr das wohl bemerkt haben: er stand mit Einemmale auf und bat den Präsidenten, die Herren dort – und dabei machte er eine Bewegung nach dem Oberstlieutenant hin – zu ersuchen, den Gang der Verhandlungen nicht unnöthig aufhalten zu wollen. Der Oberstlieutenant warf einen bösen Blick nach dem Herrn und sagte: er sei mit den Verhältnissen hier ebenso vertraut wie ich, und glaube meine Belehrungen füglich entbehren zu können. Auch wolle er nicht leugnen, daß er auf die Aussage eines Mannes in meiner abhängigen Stellung eben kein großes Gewicht lege. Der Herr richtete sich hoch auf, als er das hörte, und sagte: Herr Gutmann ist mein Freund, der beste Freund, den ich habe. Einen Zweifel an seiner Wahrhaftigkeit würde ich als eine persönliche Beleidigung empfinden und ahnden. Im Uebrigen, Herr Oberstlieutenant, ist seine Unabhängigkeit mindestens ebenso groß wie die Ihre, und möglicherweise noch etwas größer. Der Oberstlieutenant fuhr von seinem Sitze auf und wollte etwas erwiedern, aber der Präsident fiel ihm in die Rede. Er bitte die Herren, bei einer so wichtigen öffentlichen Angelegenheit von allem Persönlichen absehen zu wollen; überdies habe die Verhandlung heute Morgen lange genug gewährt; und so hob er die Sitzung auf, indem er noch ganz besonders freundlich zu mir war. Nun weiß ich nicht, wie es geschehen ist, aber der Herr und der Herr Oberstlieutenant haben sich nachher vor dem Gemeindehause, wo die Sitzung stattfand, noch einmal getroffen und sich in Gegenwart von ein paar anderen Herren harte Dinge gesagt. Darauf hat noch in derselben Stunde der Herr durch den jungen Baron Hasseburg den Oberstlieutenant fordern lassen, und sie haben in aller Stille und Heimlichkeit Alles auf den kommenden Morgen vorbereitet. Als ich gegen Abend auf das Schloß kam, sagte man mir, daß der Herr seit einigen Stunden ausgeritten sei, daß er aber hinterlassen habe, er werde mit Einbruch der Nacht zurück sein, und ich möge doch ja bis dahin warten. Er ist in dieser Zeit in Feldheim und Tuchheim die Kreuz und die Quer geritten und hat von allen Orten und von allen Menschen, die ihm von früherher lieb waren, Abschied genommen. Hier ist er noch zu allerletzt gewesen und hat mit Malchen eine halbe Stunde dort auf der Bank gesessen und sich von ihr erzählen lassen, wie ich lebe und ob ich immer gesund sei, und dabei hat er immer nach den Baumwipfeln und nach dem Himmel geschaut und sich gar nicht trennen können, bis er dann, nachdem er Malchen nochmals die Hand gedrückt, wieder aufgestiegen und gesenkten Hauptes davongeritten ist. Ich war schon ganz ängstlich geworden über sein langes Ausbleiben; da kam er endlich – sehr angegriffen und hinfällig, wie mir schien, obgleich er es nicht Wort haben wollte. Er fing sogleich von seinen Angelegenheiten zu sprechen an und gab mir zum erstenmale einen vollständigen Ueberblick, so weit er selbst es vermochte. Ich ließ mir mein Entsetzen nicht merken, als es sich immer klarer herausstellte, daß er so gut wie ruinirt und die einzige Hoffnung und Rettung ein gütlicher Vergleich mit Herrn von Sonnenstein war. Aber auch jetzt wies er jeden Versuch, den ich machte, ihn zu einem versöhnlichen Schritt zu bewegen, sanft, aber entschieden zurück. Ich kann nicht, sagte er immer wieder, ich kann nicht von der Gnade dieses Menschen leben. Ich schwieg, um ihn nicht wieder zu reizen, und dachte dabei immer an Sie, daß Sie kommen müßten, daß von Ihnen allein Hilfe möglich sei. Dann kam er auf seine Behauptung von gestern zurück, daß er noch Alle, die von ihm ihr Glück erwarteten, unglücklich gemacht habe. Die gnädige Frau selig habe er in jüngeren Jahren durch seine Tollkühnheit halb zu Tode geängstigt; welche Sorge und welche Noth hätte er Ihnen das Leben hindurch verursacht! Mit allen Verwandten sei er zerfallen; sein Sohn stehe ihm in offener Feindschaft gegenüber. Immer tiefer versenkte er sich in diese traurigen Gedanken; nur wunderte es mich, daß er viel mehr von meiner Silvia, als von dem gnädigen Fräulein, und gar nicht von Walter sprach. Ich hatte seine Aeußerung, daß er über unsere Kinder sprechen wolle, wenn er sich kräftiger fühle, nur auf sein Verhältniß zu Henri bezogen; jetzt aber kam mir zum erstenmale in meinem Leben der Gedanke, daß die Zeit eine andere geworden ist und unsere Kinder mit frischerem Muth und einem freieren Sinn in's Leben schauen, als wir es thaten! Fritz Gutmann hatte bis dahin in seiner schlichten, lebhaften Weise gesprochen, ohne sich zu unterbrechen, obgleich die Rührung manchmal seine breite Brust mächtig hob und seine blauen Augen feuchtete. Bei den letzten Worten zitterte seine Stimme hörbar, und wie sehr er sich auch bemühte, seiner Bewegung Herr zu werden, es gelang ihm nicht sogleich. Er blieb stehen und blickte eifrig nach den spielenden Hunden hinüber, als ob daran etwas Besonderes zu sehen sei. Charlotte's Augen weilten auf dem gebräunten Antlitz des Mannes an ihrer Seite. Sie mochte ihn wohl leidenschaftlicher geliebt haben in der holden Maienzeit der ersten Jugend, aber gewiß nicht tiefer als jetzt, wo der Schnee des Alters ihnen schon die ersten Flocken in das Haar gestreut hatte. Sie legte ihre Hand auf den Arm des Sinnenden: Sie wollten sagen, daß unsere Kinder mit klarerem Blick und freierem Herzen in das Leben schauen, als wir es thaten? Fritz Gutmann nickte mit dem Kopfe. Ja, ja, sagte er, und dabei athmete er tief auf, das wollte ich sagen; ich habe mich jetzt, da ich die Beiden so zusammen gesehen, nun schon mit dem Gedanken vertrauter gemacht; aber an jenem Abend war es mir, wie neulich, als wir den Buchenschlag am Finkenberge abgeholzt hatten, und ich nun von einer Seite, von der ich es nie gekonnt, frei in's Thal schauen durfte. Der Herr setzte mehrmals an, über etwas, was ihm, wie ich nun wohl weiß, so schwer auf dem Herzen lag, sich ganz rein auszusprechen, aber es war ihm nicht möglich, selbst in diesem Augenblicke, wo er so gern seine Rechnung mit uns Allen abgeschlossen hätte. Er wiederholte nur zuletzt, als ich gehen wollte, mehrmals ganz außer dem Zusammenhange: Ich habe den Walter sehr lieb. Dann, als ich schon an der Thür war, kam er mir nach, legte mir stumm beide Hände auf die Schulter und blickte mich an. Ich sah, daß ihm die Thränen in den Augen standen, und auch meine Wimpern wurden feucht, daß ich ihn nicht mehr deutlich erkennen konnte. Durch diesen Schleier habe ich ihn zum letztenmale athmend und lebend gesehen, denn als sie mich am nächsten Tage auf's Schloß holten, war er schon besinnungslos und ist auch nicht wieder zum Bewußtsein erwacht. Sie waren, am Rande der Wiese hinschreitend, bis an eine Stelle gekommen, von wo aus man einen Blick in den Garten hinter dem Hause und auf eine Laube hatte, auf die jetzt durch eine Vista im Walde der rothe Schein der untergehenden Sonne fiel. In der Laube saß Amélie, abgewendet, so daß man nur etwas von der leichten Gestalt und die Umrisse des schönen Hauptes sehen konnte, dessen dunkles Haar im Abendsonnenschein erglänzte. Neben ihr, in dem Eingang der Laube, stand Walter. Seine Augen ruhten auf der geliebten Gestalt, er sprach zu ihr, aber so leise, daß nicht einmal der Ton seiner Stimme, trotz der geringen Entfernung, zu den Beiden drang. Die lieben Kinder, sagte Charlotte. Der Förster sagte nichts; er dachte daran, daß sein geliebter Herr nicht Ja und Amen dazu hatte sagen mögen, und er konnte des Anblicks nicht mit ganzer Seele froh werden. In dem Hintergrund des Gartens zwischen den Gemüsebeeten bewegte sich eine kleine weibliche, in tiefes Schwarz gehüllte Gestalt, die sich häufig nach den Beeten bückte, auf die sie etwas zu säen schien, und kaum minder häufig ein weißes Taschentuch gegen die rothgeweinten Augen führte. Es war Tante Malchen. Der Förster und Fräulein Charlotte gingen wieder nach dem Platze vor dem Hause. Sie empfindet es unendlich schmerzlich, die gute Seele, sagte Charlotte; es wird schwer halten, sie nur einigermaßen zu trösten. Sehr schwer, sagte der Förster; wir würden eine recht traurige Gesellschaft für Silvia abgeben, und deshalb bin ich der Ansicht, daß Sie sie nur gleich wieder mit zurücknehmen. Sie erwarten sie heute noch? Mit Bestimmtheit, sagte der Förster; ich weiß nicht, was sie abgehalten haben kann, schon gestern zu kommen; aber krank kann sie nicht sein, sonst hätte sie oder Miß Jones telegraphiren lassen, und da sie nun auch nicht geschrieben hat, kann sie gar nicht anders, als selber kommen. Ich hoffe, sie wird uns etwas Sonnenschein mitbringen. Zum erstenmale in dieser Unterredung flog es über des Försters Gesicht wie ein Lächeln; seine Blicke hingen an der Stelle, wo der Weg aus dem Walde nach der Lichtung mündete, als müßte im nächsten Augenblicke sein Lieblingskind da herauskommen. Charlotte betrachtete nicht ohne Sorge den Freund. Hoffen Sie nicht mit solcher Bestimmtheit darauf, sagte sie; Sie werden Silvia sehr verändert finden. Sie muß nur einmal wieder Waldluft athmen, sagte der Förster zuversichtlich. Wie gern wollte ich, daß Sie Recht hätten, sagte Charlotte; aber ich darf keine Hoffnung in Ihnen aufkommen lassen, die sich nur zu bald als trügerisch erweisen würde. Was Silvia's Leid auch sein mag, es liegt tiefer, als daß es durch Waldluft geheilt werden könnte. Sie will und muß in die große Welt, und nicht in die Einsamkeit; was wir ihr bisher bieten konnten, genügte ihr schon nicht; ich denke mit Kummer daran, wie es jetzt werden soll, wenn sich uns die große Welt verschließt. Ich kann mir nichts Anderes vorstellen, als daß sie dann, wenn sie nicht in der Sehnsucht nach dem, was sie erfüllt, vergehen soll, ihren eigenen Weg wird gehen müssen. Fritz Gutmann nahm die Mütze ab und strich sich das schlichte Haar aus der Stirn. Hm! sagte er, die Silvia ist eigentlich von jeher ihren eigenen Weg gegangen, aber ein so eigenes Kind, wie sie manchmal war, und wie manchesmal ich nicht verstanden habe, was ihr im Sinne lag und wo sie eigentlich hinaus wollte – ihr Herz war immer das gute, treue Herz; in ihrem Herzen habe ich sie immer wiedergefunden, werde sie auch diesmal wiederfinden. Da kommt der Wagen! Eine dunkle Röthe schoß ihm in die braunen Wangen, als er jetzt, ein wenig vornüber gebeugt, in den Wald hinein horchte. Charlotte sagte, sie höre nichts, aber den Förster hatte sein leises Gehör nicht getäuscht. Bald hörte auch Charlotte das Geräusch der Räder und dann das Knallen der Peitsche. Auch die im Garten hatten es vernommen und kamen eilig aus der Pforte. Er fährt sehr langsam, sagte Walter. Es sind ein paar schlechte Stellen im Wege, sagte der Förster, als wollte er seine eigene Ungeduld beschwichtigen. Da tauchten Pferde und Wagen aus dem Walde hervor; aber neben dem Kutscher auf der ersten Bank saß der Postbote, die zweite Bank war leer. Das Fräulein war nicht im Zuge gewesen, da hatte denn Johann den Postboten mitgenommen; der Postbote hatte Briefe für das gnädige Fräulein und für den Herrn Förster. Charlotte war mit ihrem Briefe bald zu Ende. Die wenigen Zeilen lauteten: »Verehrte Tante Charlotte! Es thut mir herzlich leid, durch mein Unwohlsein nun auch verhindert zu sein, an dem Begräbnisse des Vaters teilzunehmen. Doch glaube ich um so mehr berechtigt zu sein, mich zu schonen, als die Familie durch Dich und Amélie auf das Würdigste repräsentirt ist, und die Ordnung der, wie sich leider immer mehr herausstellt, gänzlich zerrütteten Verhältnisse, in welchen der Vater gestorben ist, für die nächste Zukunft meine Kräfte vollauf in Anspruch nehmen wird. Onkel Sonnenstein, der Dir übrigens, wie er mir mittheilt, schon selbst sein Beileid brieflich ausgedrückt hat, trägt mir noch ganz besonders auf, Dich und die Schwester seiner herzlichen Freundschaft zu versichern; dasselbe thut Emma. Das arme Kind kann sich gar nicht darüber beruhigen, daß unsere Verlobung, die wir am Tage, als die Nachricht von dem Tode des Vaters hier einlief, im engsten Kreise der Sonnenstein'schen Familie gefeiert hatten, in eine solche Zeit der Trübsal fallen muß –« Charlotten's Mund war fest geschlossen, und ihre Hände zitterten, als sie den Brief zusammenlegte. Sie wußte, als ob es deutlich zwischen den Zeilen gestanden hätte, daß Henri gelogen und daß die Verlobung nicht an dem Tage, als die Nachricht kam, sondern später stattgefunden, und sie wußte jetzt auch, was die schamlose Eile zu bedeuten hatte. Ihre reine Seele schauderte vor der Berührung mit einer solchen Niedrigkeit, die sie nie für möglich gehalten. Sie wendete sich ab, ihre Bewegung vor den Uebrigen zu verbergen. Aber die Aufmerksamkeit derselben war auf den Förster gerichtet gewesen. Tante Malchen, Walter, Amélie hatten wissen wollen, weshalb Silvia nicht gekommen sei. Fritz Gutmann hatte den Brief hastig erbrochen und hatte erstaunt und fast bestürzt ausgesehen, als er fand, daß der Brief, in welchem er nur eine kurze Nachricht zu finden erwartet hatte, mehrere Seiten lang war. Dann hatte er zu lesen begonnen, aber je weiter er las, desto seltsamer war der Ausdruck seiner Züge geworden. Was ist's, Vater? fragte Walter, herantretend. Was schreibt Silvia? Der Förster antwortete nicht; er strich sich mit der Hand über die Augen und starrte wieder in den Brief. Walter wiederholte seine Fragen; Tante Malchen und Amélie riefen wie aus einem Munde: Ist Silvia krank? O, nein, nein, murmelte der Förster. Sein Gesicht war blaß und wie verzerrt. Er wendete sich ab, als ob er in das Haus gehen wollte, und that ein paar Schritte. Plötzlich strauchelte er; Walter, der ihm besorgt gefolgt war, umfing ihn mit den Armen; aber er richtete sich alsbald wieder auf, drängte Walter von sich und ging tiefgesenkten Hauptes in das Haus. Neunzehntes Capitel. Die auf dem Rasenplatz waren mit bestürzten Mienen zurückgeblieben; Walter wendete sich zu Fräulein Charlotte und fing, etwas abseits mit ihr gehend, ein leises Gespräch an; Amélie blickte den Beiden nach, Tante Malchen, die der Schrecken aller Kraft beraubt hatte, mußte sich auf die Bank vor der Thür setzen. Was war dies für ein neues Unheil? Sie wußte aus ihren Karten, daß auch dem Försterhause ein Unglück bevorstand; sie hatte die böse Karte auf den Tod des Freiherrn gedeutet, der ja auch ihnen gestorben war; jetzt war es offenbar, daß sie, wie immer, eine viel zu günstige Deutung angenommen, und die gute Seele faltete die Hände und betete, daß ihr Hochmuth nur an ihr allein gestraft werden möge. Da trat Fritz Gutmann wieder aus dem Hause. Er hatte Flinte und Jagdtasche umgehängt. Ponto, der seinen Herrn gerüstet sah, kam schnell herbeigetrabt und drückte schweifwedelnd seine Bereitwilligkeit aus, den Gang mitzumachen. Die jungen Hunde bellten und sprangen wie toll umher. Fritz Gutmann legte dem weinenden Malchen die braune Hand auf die Schulter und sagte: Ei, Malchen, wer wird sich so geberden! Die Silvia ist gesund! sie kommt nur nicht, das thut mir leid; ich hatte mich so darauf gefreut. Der Förster sagte das sehr ruhig, aber es zuckte dabei seltsam um seinen Mund; dann wendete er sich zu den Anderen und sagte auch ihnen, daß Silvia nun doch nicht komme, und daß Fräulein Charlotte entschuldigen möge, wenn er jetzt nach Feldheim gehe, wo er noch Einiges für eine Holzauction, die morgen stattfinden solle, zu thun habe. Von der Auction werde er auf's Schloß kommen, und hoffe, dem gnädigen Fräulein dann aufwarten zu dürfen. Fräulein Charlotte reichte dem alten Freunde schweigend die Hand, sie wagte nicht, ihn anzusehen, viel weniger noch, Fragen an ihn zu richten. Sie wußte, daß er kommen werde, wenn er könne, und daß er jetzt allein sein wolle – allein mit dem Briefe, den ihm Silvia geschrieben. Der Förster schritt hinter dem Garten weg in den Wald auf dem Fußpfade, der zu dem Stege über den Bach leitete. Bis in diesen Theil des Waldes hatten sich die Umwälzungen, welche die Anlage der Fabriken in der Tuchheimer Gegend, selbst in der Physiognomie der Landschaft zuwege gebracht, nicht erstreckt. Hier war noch Alles, wie vor zehn oder zwölf Jahren, nur daß die Tannen noch stattlicher geworden waren und so um diese Stunde die Abendschatten noch dunkler auf den rauschenden, schäumenden Bach fielen. Selbst der Steg über den Bach bestand noch immer aus ein paar Balken und einem schwachen Geländer an der einen Seite, und die Felsblöcke zur Seite des kleinen Bassins unterhalb der Fälle hielt das Moos noch immer mit dichter grüner Decke übersponnen. Die Stelle lag etwas abseits von dem Pfade; der Förster hatte nicht eigentlich hierher gewollt. Es hatte ihn eben hingezogen. Er nahm das Gewehr von der Schulter und setzte sich auf einen der Blöcke. In den Wipfeln über ihm rauschte der Abendwind, zu seinen Füßen plätscherte das Wasser zwischen den Steinen, von den Fällen her schallte das dumpfe Brausen. Fritz Gutmann lauschte der lieben Musik seines Waldes: sie hatte schon oft sein bewegtes Herz in Ruhe gewiegt, aber heute wollte der Text nicht passen zu der Melodie. Verloren, verloren! rauschte der Abendwind; dahin, dahin! plätscherte es zwischen den Steinen; armer Vater, armer, armer Vater! schallte es dumpf aus dem Brausen des Wasserfalles. Der unglückliche Mann seufzte tief; immer deutlicher vernahm er das: Armer, armer Vater! Immer heißer quoll es in seiner Brust, bis er vor Wehmuth und Schmerz es schier nicht mehr ertragen konnte und die Hände vor das Gesicht preßte, um laut zu weinen. War es denn möglich? Sein Kind, sein Leben, der Abgott seiner Seele, seine Silvia hatte ihn verlassen? Sie wußte nichts mehr von ihrem alten Vater? nichts mehr von dem grünen Wald, wo das Haus stand, in welchem sie geboren war? Das schlanke, geschmeidige Kind mit den glänzenden, blauen Augen, das in dem Schatten dieser Bäume gespielt, dessen flatternde Locken der Sonnenschein, der durch diese Wipfel fiel, so oft vergoldet hatte – es war nur ein Traum gewesen! Der eitle Traum eines thörichten Mannes, der gehofft hatte, daß dieses holde Geschöpf zu seiner Lust und Wonne so hold sei und sich so immer weiter entfalten werde! War es möglich? Sie hatte so seine Liebe und Treue vergessen können? Hatte thun können, wovon sie wußte, daß es ihrem alten Vater bitterer sein würde, als irgend Etwas, das ihm geschehen konnte? bitterer als der Tod? Und hatte es jetzt thun können, wo sie wußte, wie tief er ohnehin schon gebeugt war? In dieser Stunde thun können, wo er, wenn je, sich nach der Liebe seiner Lieben sehnen mußte bei all' dem Weh und Herzeleid? Nein, es war nicht möglich! Das konnte ja gar nicht in dem Briefe stehen; es war wohl nur eine böse Versuchung gewesen, die sie dem Vater gebeichtet hatte, gebeichtet hatte mit dem Zusatze, daß sie die Versuchung überwunden habe, daß sie in seine Arme zurückkehren werde – er hatte nur den Zusatz übersehen! Mit zitternden Händen knöpfte Fritz Gutmann den alten Uniformrock auf und nahm den Brief Silvia's aus der Seitentasche. Er wollte den Brief noch einmal lesen. Aber war es das trübe Zwielicht des Abends an dieser ringsum eingeschlossenen Stelle – war es, daß die Thränen seine sonst so hellen Augen verdunkelt hatten – er konnte nicht damit zu Stande kommen; die Buchstaben, die Worte verschwammen ihm ineinander. Wie durch einen Nebel hindurch sah er nur einzelne Stellen: »Ich weiß es, daß es Dich kränken wird, aber ich kann nicht anders«; und wieder: »Ich weiß, daß Du mich verloren geben wirst, aber –« Sie weiß das, weiß das Alles – und doch! Dann war sie nie wahrhaft mein Kind! Mein Kind hätte mich nicht so verlassen! Und wieder kochte es in der Brust des Mannes auf; aber diesmal war es nicht die entnervende Wehmuth von vorhin, sondern etwas wie Zorn, der Zorn des Vaters über ein mißrathenes Kind. Er nahm den Brief und zerknitterte ihn in seinen Händen und riß ihn in Stücke und warf die Stücke in den Bach, der zu seinen Füßen vorübereilte. Aber als er die weißen Blätter auf dem dunklen Wasser fortgetragen, und in den Wirbel auf- und niedertauchen, und nun zwischen den Felsen verschwinden sah – schrie er laut auf und fuhr in die Höhe. Es war ihm, als hätte er sein Kind in's Wasser geschleudert und sähe es jetzt vor seinen Augen ertrinken. Mein Kind, mein Kind! rief er und streckte weit die Arme aus. Nein, nein! Thue was Du willst, ich fluche Dir nicht! Er sank wie gebrochen auf den Felsblock zurück und drückte die Hände vor die Augen. War er nicht ein jähzorniger Thor! Hatte er sein Leben lang sich in Geduld geübt, und in stillem, mannhaftem Ertragen von Allem, was ihm das Schicksal beschieden, um jetzt auf seine alten Tage sich wie ein Unsinniger zu geberden? Wie ein Knabe, der, wenn ihm sein Herzenswunsch nicht erfüllt wird, glaubt, daß die Welt nun aus den Angeln gehen müsse? Er hatte sie zu sehr geliebt – er war zu stolz auf sie gewesen. Ach! Er hatte es ja immer gewußt, wie seine Liebe und sein Stolz alles Maß überstieg, und hatte ja auch früh dagegen angekämpft: früh und doch nicht früh genug. Er hatte geglaubt, Wunder welche Entsagung zu üben, als er sie damals ganz auf dem Schlosse wohnen ließ. Das hatte nicht ausgereicht; im Gegentheil, es hatte seine Liebe nur gemehrt, wenn er sie jetzt, anstatt zu jeder Stunde, nur alle paar Tage einmal sah; es hatte seinen Stolz nur noch erhöht, als sie oben auf dem Schlosse von Allen verzogen und vergöttert wurde, wie sie unten im Försterhause der Liebling Aller gewesen war. Wie oft, wenn er Amélie und sie Arm in Arm hatte daherkommen sehen – sie so groß und schlank, und so kühn und frei aus den blauen Augen schauend, als sei das anmuthige Wesen an ihrer Seite ihr zum Schutz übergeben! – wie oft, wenn er die Blicke der Besucher des Hauses staunend an der jungen Försterstochter hangen und über deren Erscheinung das junge, gnädige Fräulein schier vergessen sah, hatte er in sich hineingelächelt und gedacht, so giebt es eben keine Zweite, und wenn sie ein Königskind wäre, könnte sie auch nicht anders sein. Nein! das war noch zu nahe gewesen, und darum hatte er auch kein Wort dagegen gehabt und hatte sein Herz mit beiden Händen gehalten, als sie in dem großen Reisewagen saß, um mit der freiherrlichen Familie in die Stadt zu ziehen. Nun hatte er Ruhe gehabt vor ihr, nun hatte er sich doch nur nach ihr sehnen können, und sich freuen können, daß es ihr so gut ging – fern von ihm, fern von dem alten Vater, den sie doch noch immer liebte. Ihre Briefe, die er so oft las, bis er sie auswendig wußte, hatten es ihm ja bewiesen; die Freude, die aus ihren Augen leuchtete, so oft sie sich auf ihren kurzen Besuchen während dieser Jahre nach so langer Trennung wieder in seine Arme stürzte – hatte es ja gezeigt. Ja, er hatte sein größtes Gut, sein Kleinod nicht verschenkt, nur verliehen; er konnte es jeden Augenblick wieder haben, er brauchte nur zu sagen: Komm' wieder zurück zu Deinem alten Vater! und, wo immer sie war, sie würde freudig dem Rufe folgen. Ach, der Ruf war an sie ergangen, sie war ihm nicht gefolgt! In dem Briefe, den die Wellen des Baches weggespült hatten, war es zu lesen gewesen, daß sein Kleinod, seine Perle ihm verloren, daß dem Vater die Tochter verloren war. Was sollte er thun, sie wieder zu finden? Ihr befehlen zu kommen, wie er sie jetzt gebeten hatte? Aber läßt sich Liebe befehlen? Sie würde kommen, ja – und dann? Was dann? Dann sollte ihr stummer Blick ihm jede Stunde sagen: du hast mich meiner Freiheit beraubt; du hast mich in ein Leben gebannt, in das ich nicht gehöre. Dazu hast du kein Recht. Jedwedes Geschöpf hat das Recht, sich nach seiner Natur zu entwickeln. Du hast in früheren Jahren uns Kindern stets verboten, Waldvögel im Käfig zu halten: den jungen Falken hatten wir dir abgebettelt und als das arme Thier vor Gram gestorben war, warst du sehr zornig auf dich selbst und hast es lange nicht vergessen können. Nun willst du mich in den Käfig sperren? Und dann siehe doch nur dies! Seit wann sorgen denn die alten Thiere für die jungen Thiere, wenn die jungen Thiere groß genug sind, für sich selbst zu sorgen? Ja, welches junge Thier, sobald es die rechte Kraft in sich fühlt, vergißt nicht Vater und Mutter und Geschwister und sucht sich einen eigenen Weg, wie er nun eben ist? Wir Menschen freilich dünken uns noch viel mehr; wir wollen nicht blos von Fleisch und Blut leben, sondern auch im Geiste, und das Einssein im Geiste ist nicht bedingt durch Raum und Zeit, und was sonst noch im Leben der Thiere allmächtig waltet. Aber freilich durch andere Bedingungen, die in ihrer Art auch allmächtig sind, durch die Eindrücke, die Erfahrungen, durch Alles, was wir hören, sehen, lernen – und weil nun eben Jeder doch nur mit seinen Ohren hören, mit seinen Augen sehen kann, kommt es, daß Keiner wie der Andere denkt, sich Jeder bei jeder Gelegenheit etwas Anderes denkt. Einssein im Geiste! Das ist wohl schön, aber hast du es je so recht erfahren, was das heißt? Bist du Eines gewesen mit dem Freunde deiner Jugend, den du so sehr geliebt hast? Bist du nicht alle Augenblicke mit Malchen, der treuen Seele, in Widerspruch? Bist du ganz sicher, daß du und Walter euch immer verstehen? Und selbst Fräulein Charlotte – ja, wären wir wahrhaft Eines gewesen im Geiste, wir wären trotz alledem ein Paar geworden. Nein, du hast es nie erfahren, nie gefunden, und verlangst es nun auf einmal von deinem Kinde? verlangst es deshalb so heftig, weil du nur an dich, nicht an sie denkst, nicht daran, wessen sie bedarf zu dem, worin sie das Glück, und wenn nicht das Glück, so doch den Zweck ihres Lebens sieht. Sagt doch Fräulein Charlotte selbst, daß das Mädchen in große Verhältnisse gehört, daß sie hier nicht leben konnte. Nun denn, so mag es sein! Mag sie sich ihren Lebensweg suchen. Die Erde ist weit. Durch Berg und Thal, durch Flur und Wald führen viele, viele Pfade; und der Himmel ist über allen. So saß der Förster und sann und sann. Das Abenddunkel füllte bereits die ganze Schlucht; lauter rauschte es in den Bäumen, ungeduldiger plätscherte es zwischen den Steinen, kühler athmete es aus dem Walde heraus, den Bach hinab. Ponto, der bis dahin geduldig neben seinem Herrn gelegen hatte, richtete sich empor und legte ihm den Kopf auf die Kniee. Ja, ja, wir wollen weitergehen, alter Freund, sagte der Förster, das treue, bewährte Thier zärtlich an sich drückend. Deine Jungen wollen auch nichts von dir wissen, und wenn du noch älter und stumpfer werden solltest, und – komm, Ponto! Wir müssen unsere Schuldigkeit thun, so lange es geht. Der Förster erhob sich, hing die Flinte über die Schulter und schritt quer durch den Wald, bis er den Pfad nach Feldheim erreichte. Es dunkelte bereits stark im Walde, und Fritz Gutmann's Fuß stieß wiederholt an Baumwurzeln und Steine. Aber es war nicht die Dunkelheit, die seinen Schritt heute so wankend machte; er hatte sonst bei Tag und Nacht seinen Weg mit gleicher Sicherheit gefunden. Zwanzigstes Capitel. Es war am Abend des zweiten Tages. Den ganzen Nachmittag hatte es stark geregnet, jetzt war eine Pause eingetreten, die indessen nicht von langer Dauer werden zu wollen schien; wenigstens zogen noch immer graublaue Dunstmassen der sinkenden Sonne nach, die schon tief am Horizonte stand. Von den Zweigen, von den jungen Blättern tropfte es unaufhörlich; in den steinernen Rinnsalen neben den Gartenwegen, auf denen Walter und Amélie Arm in Arm wandelten, rieselte das Wasser. Amélie hatte ein schwarzes Flortuch über den Kopf gebunden und blickte mit ihren schönen, sanften Augen zu dem Geliebten auf, der ernst und eifrig zu ihr sprach und dabei doch nicht die trockensten Stellen des gerade hier etwas abschüssigen Pfades aufzusuchen vergaß. Ich kann es nicht sehen, wie der Vater leidet, sagte Walter; sein stummer Gram zerreißt mir das Herz. Er ist in diesen letzten Tagen ein alter Mann geworden. Silvia kann das nicht bedacht haben. Sie ist zu einem Fremdling in unserem Kreise geworden, sie hat die Sprache ihrer Heimath verlernt; aber die Erinnerung wird mächtig erwachen, wenn sie diese Sprache wieder einmal hört, und sie soll sie aus meinem Munde hören. Brieflich ist hier nichts zu machen, auf einen Brief ist die Antwort ein anderer Brief. Das bringt uns nicht weiter, bringt uns höchstens noch weiter auseinander. Aug' in Auge soll sie mir sagen, daß ihre ehrgeizigen Pläne ihr höher stehen, ihr theuerer sind, als die Ruhe ihres Vaters, dem sie, wenn sie nicht beizeiten umkehrt, den Abend des Lebens in eine Nacht des Grams verwandeln wird. Amélie schüttelte wieder das Haupt. Sie sind nicht meiner Ansicht? fuhr Walter fort. Sie meinen, auch ich werde nichts über Silvia vermögen? Ich habe es wohl bemerkt, daß Sie es vor uns verbergen; darf ich es nicht wissen? Ja, sagte Amélie, und ich hätte es Ihnen schon gesagt, wenn ich gewußt hätte, wie ich es sagen sollte. Versuchen Sie es, sagte Walter; es läßt sich Alles sagen, wenn man so gut und rein ist wie Sie. Ueber Amélie's zarte Wangen zog eine flüchtige Röthe, und ihre sanfte Stimme zitterte, als sie nach kurzem Bedenken wieder anhob: Ich glaube nicht, daß Sie und daß die Anderen Silvia ganz richtig beurtheilen. Ich kann mir nicht denken, daß Silvia, die so tief und lebhaft empfindet, die ihren Vater so innig liebt, sich das, was Sie ihr sagen könnten, nicht Alles schon selbst gesagt haben sollte. Ja, ich bin überzeugt, daß sie diesen Schritt in Angst und Sorgen und heißen Thränen gethan hat, daß sie vielleicht in diesem Augenblicke die Unglücklichste von uns Allen ist. Wenn sie sich also dennoch von uns wendet, so kann sie es nur thun, getrieben von einer Empfindung, die stärker ist als jede andere. Die Röthe auf Amélie's Wangen wurde dunkler, aber sie fuhr muthig fort: Ihr mögt Silvia besser verstehen, wenn sie so schön von großen Dingen spricht: von Literatur, Politik, was weiß ich; aber ihr Herz, glaube ich, kenne ich besser als Ihr. Ihr habt sie immer für unfähig gehalten, zu lieben wie andere Mädchen; ich habe stets gemeint, daß sie nicht nur lieben, nein, daß sie unendlich, unsäglich lieben könne und lieben werde, sobald sie den Mann gefunden, den sie ihrer Liebe für würdig halten würde. Wenn sie nun diesen Mann gefunden hätte, Walter? Leo! rief er, und seine Stimme verrieth die Angst, mit der dieser Gedanke seine Seele erfüllte, ist es Leo? Amélie ihrerseits war über die Wirkung, die ihre Entdeckung auf den geliebten Mann ausübte, erschrocken. Sie zitterte an allen Gliedern, nur mit Mühe hielt sie ihre Thränen zurück. Verzeihen Sie, Amélie, sagte Walter, indem er ihre Hand ergriff; ich gestehe, daß wenn ich mit meiner Vermuthung Recht habe, dies das Schlimmste ist, schlimmer als alles Andere. Ich will Ihnen alsbald sagen, weshalb. Sagen Sie mir erst, ob ich Recht habe. Und sprechen Sie ganz offen. Sie dürfen es, Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich Sie noch einmal durch meine Heftigkeit erschrecke. Es ist ja nur eine Vermuthung, sagte Amélie, ich habe keinerlei Beweise, das heißt, ich habe nie etwas gesehen oder gehört, was mich irgendwie berechtigte, von Gewißheit zu sprechen. Aber wenn ich mir die plötzliche Umwandelung zurückrufe, die mit Silvia seit dem Anfang des letzten Winters vor sich gegangen ist und die mit Leo's Erscheinen in unserem Kreise zusammenfällt, und noch so Manches, was ich anfänglich gar nicht begreifen konnte und jetzt freilich sehr wohl begreife, ja – dann kann ich nicht anders sagen, als: sie hat ihn von jenem Augenblick an geliebt, und was sie jetzt gethan, hat sie nur aus Liebe zu ihm gethan. Ihr sagt ja, daß dieses Fräulein Sara einen großen Einfluß beim Könige hat; und sie hat dem Manne, den sie liebte, helfen wollen, sie hat ihn retten wollen aus der Noth, in der er sich befindet – und zu dem Zwecke ist ihr kein Opfer zu groß gewesen. Amélie hatte wieder Walter's Arm genommen, sie gingen eine Zeitlang schweigend den Pfad hinab. Je länger Walter über das, was Amélie gesagt, nachdachte, um so mehr überzeugte er sich, daß sie sich nicht geirrt habe, aber um so furchtbarer erschienen ihm auch die Folgen, die dieses Verhältniß für Silvia haben mußte. Jetzt erst, rief er, haben wir sie wirklich verloren. Hätte sie nur ihr Glück, oder das, was sie dafür nimmt, im Auge gehabt – sie wäre bald von ihrem Irrthum zurückgekommen, denn, mag sie noch so ehrgeizig sein, sie ist nicht minder großmüthig und aufopferungsfähig: aber jetzt werden die beiden mächtigsten Empfindungen ihrer Seele für sie in Einen Strom zusammenfließen; jetzt wird sie, indem sie uns aufgiebt, sich nur selbst aufgeben, sich nur selbst zu opfern glauben. Und Leo ist der Mann, dieses Opfer anzunehmen. Er wird sich nicht einen Augenblick bei der Frage aufhalten, was dabei aus Silvia oder gar aus uns werden soll. Was sind wir ihm? Nichts, oder noch schlimmer: politische Gegner, auf die er ganz und gar keine Rücksicht zu nehmen hat. Und Silvia selbst – wird er je eine Ahnung von ihrem wahren Werthe haben? Wird sie ihm je etwas Anderes als ein Rechenpfennig sein, oder meinetwegen ein Goldstück, das genau so viel werth ist, als man sich dafür auf dem großen Markte kaufen kann? Nein, nein! rief Amélie, Walter's Arm leise drückend, er wird nicht so schlecht sein, ist es gewiß nicht. Warum sollte er nicht Silvia lieben? Mir däucht, man kann gar nicht anders, als sie lieben; und, wenn ich mich auch nie zu ihm hingezogen fühlte, er ist doch ein so kluger, so bedeutender Mann, der sie gewiß versteht. Lassen Sie uns nicht richten, Walter! Wir wissen nicht, ob Leo von Silvia dies Opfer gefordert hat. Ich halte es nicht für wahrscheinlich, ich glaube vielmehr, daß sie es ihm aus freien Stücken gebracht hat. Wenn sie ihn aber wirklich liebt, und wenn sie kein anderes Mittel sah, ihm zu helfen – was blieb ihr da noch übrig? Walter antwortete nicht. Er dachte an die Situation, in welcher er sich dem Freiherrn gegenüber befunden hatte, und daß Amélie dabei in einen ähnlichen Conflict gerathen war. Auch sie hätte zuletzt wählen müssen zwischen dem Vater und dem Geliebten. Würde sie wie Silvia gewählt haben? Oder galt derselbe Maßstab nicht für beide Fälle? Ein bitteres Gefühl wollte sich der Seele des jungen Mannes bemächtigen. Nicht zum erstenmale in seinem Leben kam ihm seine Bescheidenheit wie eine Thorheit vor. Sie traten zwischen den Büschen heraus auf das Belvedere, denselben Platz, auf welchem an jenem schönen Herbstmorgen vor so vielen Jahren der Freiherr und Fritz Gutmann den Beschluß gefaßt hatten, ihre Kinder zu dem Doctor Urban in Pension zu geben. Der Platz war des Vaters Lieblingsplatz gewesen, Amélie hatte ihn unzähligemale hierher geleitet, unzähligemal ihn hier sitzend und voller Entzücken in die weite Landschaft hinausschauen gesehen. Die Erinnerung an den lieben Todten überkam sie mit voller Gewalt. Die Thränen stürzten ihr aus den Augen; sie machte sich von Walter los und kehrte sich ab. Dann aber wendete sie sich plötzlich wieder um und streckte ihm beide Hände entgegen. Walter umfing die feine, bebende Gestalt; auch seine Augen waren feucht, und seine Brust hob und senkte sich gewaltsam. Er hatte eine Frage auf den Lippen, aber Amélie kam ihm zuvor. Walter, sagte sie, liebster Walter, ich wäre Dir auch gefolgt, ich hätte auch von Dir nicht lassen können, nicht lassen wollen. Die Sonne, die bis dahin von düsteren Regenwolken dicht bedeckt gewesen war, trat in diesem Augenblicke, schon tief am Horizonte, hervor und strahlte ihr blendendes Licht herüber über die waldigen Hügel und Wiesengründe, hinauf zu den Wolken, deren dunkle Massen plötzlich in tausend brennenden Farben erglühten. Dumpfe Frühlingsdonner grollten aus weiter Ferne, und dann hörte man wieder in der unendlichen Stille das Fallen der Tropfen von den jungen, glänzenden Blättern. Walter küßte der Geliebten die Thränen von den Wimpern; er küßte ihre Stirn, ihre Lippen. Und ich konnte noch eben an Dir zweifeln, flüsterte er, ich konnte glauben, Du liebtest mich nicht so innig, so ganz und voll, wie ich Dich liebe; ich konnte wähnen, Du würdest es, gut und lieb, wie Du bist, doch nie vergessen, daß Du hier oben auf der Höhe geboren bist, und ich dort unten im tiefen Thal. Amélie blickte ihren Geliebten voll an. Ich dachte es mir, sagte sie, ich hörte es aus Deinem Schweigen, aus Deinem raschen, tiefen Athmen. Walter, liebster Walter! Sieh, mir sagte der Vater einst, als wir hier oben standen und die Sonne unterging wie jetzt: So weit Dein Auge reicht, bis zu jenem fernen Hügelzuge – hat alles Land einst unseren Ahnen gehört, und so nach allen Seiten hin, so weit man von der Warte unseres Thurmes schauen kann. – Siehst Du, Walter, wenn ich das Alles mit eigener Hand zu vergeben hätte – ich würde Dich suchen, wo immer Du wärst, und Dich finden und sagen: Nimm mich zu Deinem Weibe! Jetzt aber, wo uns von den Herrlichkeiten nichts geblieben ist, als die Erinnerung, nichts als der Name; jetzt, wo ich so arm bin wie ein Tagelöhnerkind aus einem dieser Dörfer – jetzt muß ich wohl stolz sein und den Mann, den ich liebe, um mich werben lassen. Meinst Du nicht, Geliebter? Es lag ein Glanz auf der Stirn, in den Augen Amélie's, daß Walter die Seligkeit, von diesem holden Geschöpf geliebt zu werden, nicht zu fassen vermochte. Die Sonne war unter den Horizont gesunken, ihr nach drängten sich gewaltsamer schwere Dunstmassen; die brennenden Lichter ringsum in Höhen und Tiefen waren mit einemmale ausgelöscht; näher klang das dumpfe Rollen des Donners; in den Zweigen fing es an zu raunen und zu rauschen; große, warme Regentropfen fielen herab. Hand in Hand schlugen die Beiden den Rückweg nach dem Schlosse ein – durch das Thor, das in den lebendigen Fels gesprengt war – über die Brücke, unter der die Schloßquelle plätscherte – auf dem Wege am schroffen Rande des Berges, wo man auf der einen Seite die Bäume über sich und auf der anderen unter sich hatte – und jeder Fußbreit, den sie zurücklegten, war durch irgend eine Erinnerung geheiligt, und jedes Rauschen des Windes in den Zweigen sprach von der goldenen Jugendzeit, in der sie sich doch in ihrer kindischen Weise schon so lieb gehabt hatten. Weißt Du, sagte Walter, hier war es, wo Du mir die blaßrothe Schleife gabst; sie hat mich lange Jahre treu begleitet und liegt noch im Kasten zusammen mit Deinen Briefen. Und weißt Du, sagte Amélie, hier war es, wo Du uns an, jenem Morgen begegnetest, als wir mit Miß Jones unsere Promenade machen wollten und Du mir den rothen Dompfaffen in dem grünen Bauerchen brachtest; ich sehe noch Miß Jones' Augen und höre noch ihr verwundertes: strange boy ! Der Regen begann stärker zu fallen; sie beschleunigten ihre Schritte. Als sie auf den freien Platz vor dem Schlosse gelangten, tauchte eben, wo auf der anderen Seite der steile Fahrweg vom Dorfe heraufführte, eine sonderbare Gestalt zwischen den Büschen hervor: eine Dame, die ihre Kleider hoch geschürzt hatte und über einen gelben Strohhut mit ungemein breitem Rande einen rothseidenen Regenschirm von den allergrößten Dimensionen trug. Hinter der Dame kam ein Mann mit einem Koffer auf den Schultern. Er hatte Mühe, der rüstig voraus schreitenden Dame zu folgen. Miß Jones! riefen Walter und Amélie wie aus Einem Munde. Miß Jones! Aber die treffliche Dame hörte nicht; sie strebte zu eifrig, aus dem hereindrohenden Regen das schützende Dach des Schlosses zu erreichen. Erst dicht vor der Freitreppe trafen sie zusammen. Guten Abend, meine Lieben, sagte Miß Jones, ohne sich aufzuhalten; wie geht's? Das Unwetter wird gleich losbrechen. Habe ich's nicht gesagt? Und Miß Jones klappte ihren Schirm zusammen und schüttelte den beiden jungen Leuten unter dem Portale die Hände, während der Regen in Strömen zu fallen begann. Einundzwanzigstes Capitel. Was die wackere Dame so plötzlich nach Tuchheim getrieben hatte, erfuhr vorderhand nur Fräulein Charlotte, mit der sie sich nach dem Thee ein paar Stunden zu einer privaten und confidentiellen Unterhaltung, wie sie sagte, in das kleine Zimmer hinter dem Salon zurückzog. Hier war es auch, wo die resolute Miß die sichere Haltung und beinahe joviale Laune, die sie »dem jungen Volk« gegenüber zur Schau getragen hatte, auf kurze Zeit fahren ließ, um über Fräulein Charlotten's Händen, die sie mit ihren großen Händen fest umschlossen hielt, einen Strom von heißen Thränen zu vergießen und in leidenschaftlichen Worten den Kummer, den sie so lange in ihrem treuen Herzen verschlossen gehalten hatte, auszuschütten. Dann aber hob sie den großen Kopf, trocknete sich die Thränen und sagte: Well ! Ich bin nicht gekommen, um Ihnen das Herz noch schwerer zu machen, sondern weil ich glaubte, daß ich Ihnen hier irgendwie nützlich sein könnte, und es in der Stadt für mich nichts mehr zu thun gab. In der That war Miß Jones' Hüteramt des freiherrlichen Hauses einfach dadurch überflüssig geworden, daß schon gestern Abend auf Antrag der Gläubiger eine gerichtliche vorläufige Beschlagnahme stattgefunden hatte – wie aus Miß Jones' Bericht hervorging, nicht ohne energischen, allerdings vergeblichen Protest von Seiten der entschlossenen Dame. Ich bin in dem Grundsatze auferzogen, rief sie, daß my house my castle ist, aber was soll man machen, wenn hier zu Lande kein Mensch so etwas respectirt und die Gerichtsbeamten, als ich ihnen damit entgegentrete, mir in's Gesicht lachen. Dann wollte ich der Gewalt mit Gewalt begegnen, und der alte Christian, der ein ehrlicher Bursche ist und Muth genug hat, war auch bereit genug, mir zu helfen. Aber er ist ein alter, schwacher Mann, und ich, als Dame, konnte doch auch die Schurken nicht die Treppe hinabwerfen, wozu ich allerdings die größte Lust hatte. So habe ich denn noch einmal auf das Feierlichste protestirt und geschehen lassen, was ich nicht ändern konnte. Fräulein Charlotte, die bei dieser Erzählung sehr blaß geworden war, beruhigte die Aufgeregte. Es ist des Unheils nun schon zu viel, sagte sie, daß es auf ein Mehr oder Weniger kaum noch ankommt. Ich bin darauf gefaßt, daß wir den Kelch bis auf den Grund leeren werden, und wenn ich dabei einen Trost habe, so ist es der, daß es meinem Bruder erspart blieb, die bittersten Tropfen zu schmecken. Freilich fürchte ich, daß er in den letzten Tagen dies Alles kommen sah, und ich schaudere, wenn ich denke, was er in seiner stolzen Seele dabei gelitten haben mag. Aber Sie haben Recht, fuhr sie fort, wir dürfen uns einander nicht erweichen. Und nun sagen Sie mir ohne Rückhalt, was Sie von Silvia wissen. Miß Jones warf einen forschenden Blick nach der Thür zum Salon, wiegte nochmals den großen Kopf von einer Seite zur anderen und erwiederte mit unterdrückter Heftigkeit: Sehen Sie, Fräulein Charlotte, ich habe mein Leben lang die Fabel im »König Lear« für eine schlechte Erfindung gehalten, weil ich meinte, daß Shakespeare hier denn doch die Bescheidenheit der Natur verletzt und das Unmögliche für wirklich genommen habe. Jetzt weiß ich, daß er Recht hat, und man kein eitler, närrischer Vater, ja, nicht einmal ein schwachsinniger, achtzigjähriger Mann zu sein braucht, um einer jungen Person, die uns hernach verräth, seine ganze Liebe zu schenken. O, Fräulein Charlotte! Wie habe ich dieses Kind geliebt! und wenn ich ihre Mutter gewesen wäre, ich hätte sie nicht mehr lieben können. Wissen Sie, Fräulein Charlotte, jeder Mensch hat ein Ideal von sich selbst in seinem Herzen. Dieses Mädchen ist mein Ideal gewesen; sie ist Alles, was ich sein könnte und sein würde, wenn, – ja, ich weiß nicht, weshalb ich so bin – kurz, sie ist mein Ideal. Oder vielmehr: war es! Denn jetzt erst hat sie sich in ihrer wahren Gestalt gezeigt, bis dahin war's nur Maske. Miß Jones hatte ihre Stimme so laut erhoben, daß Charlotte sie bat, sich zu mäßigen und ihr zu sagen, ob sie über das Motiv von Silvia's Handlungsweise irgend etwas in Erfahrung gebracht habe. Miß Jones bat um Entschuldigung, daß sie sich so von ihrer Leidenschaft habe hinreißen lassen; aber Niemand, und selbst Fräulein Charlotte nicht, könne auch nur eine Ahnung davon haben, was sie in diesen Tagen durch den »Verrath« Silvia's gelitten habe. Nun erzählte sie, wie sie überrascht gewesen sei, an jenem Abend Silvia nicht vorzufinden und von den Dienstboten zu hören, daß eine Dame in einer Hof-Equipage das Fräulein abgeholt habe; wie sie gewartet und gewartet habe, bis endlich gegen neun Uhr ein Billet von Silvia angekommen sei. In meinem Leben, Fräulein Charlotte, bin ich nicht so erschrocken gewesen. Sie wissen, daß ich starke Nerven habe und jede Schwäche hasse; aber ich war einer Ohnmacht nahe und wundere mich noch diesen Augenblick, daß ich ohne einen Schlagfluß davongekommen bin. In dieser meiner Aufregung schrieb ich ihr; es war kein freundlicher Brief, aber ich konnte mir nicht helfen. Den ganzen folgenden Tag wartete ich von Minute zu Minute, sie werde zurückkommen. Sie mußte zurückkommen, sie war verloren, wenn sie nicht kam; sie ist nicht gekommen und – sie ist verloren. Charlotte wollte etwas erwiedern, aber Miß Jones machte eine abwehrende Bewegung: Ich bin positiv, rief sie, sie ist verloren. Ich kenne diese Charaktere; es läuft in meine Familie. Ich hatte eine Nichte. Sie wissen, Fräulein Charlotte, aus der älteren und reicheren Linie. Sie war die einzige Tochter und Erbin und eine bemerkenswerthe Schönheit. Well ! Sie verliebte sich in einem Badeorte in einen jungen Menschen, der nicht viel Besseres war als ein Schmuggler und Bandit. Vier Wochen darauf war sie mit ihm auf dem Wege nach Australien. Niemals wieder hat man ein Wort von ihr gehört. Aber das ist nicht unser Fall, sagte Fräulein Charlotte. Ganz und gar, versicherte Miß Jones; bis auf den Badeort und einige andere Details von keiner Consequenz. Sie ist das Mädchen, einem Manne, den sie liebt, in die Hölle zu folgen. Einem Manne, den sie liebt? Wovon und von wem reden Sie? fragte Charlotte verwundert. Es ist Alles heraus! rief Miß Jones; ich weiß es von ihrem Kammermädchen, das es wieder durch Paul, den Diener, weiß, der es von dem Kammermädchen des Fräulein Gutmann hat. Noch an demselben Abend, an welchem Leo aus dem Gefängnisse entlassen wurde, ist er bei Fräulein Gutmann gewesen, das heißt bei Silvia; gestern Abend ist sie mit ihm in Fräulein Gutmann's Equipage spazieren gefahren. Aber da wußte ich, was ich zu thun hatte. Ich habe ihr einen großen Koffer mit ihrer Wäsche und ihren besten Kleidern und ihren Lieblingsbüchern und Lieblingsnoten vollgepackt; sie hatte ja Alles stehen und liegen lassen, wie es stand, das arme Geschöpf – und habe ihr den Koffer auf's Schloß zu Fräulein Gutmann geschickt mit ein paar höflichen Zeilen: ich glaubte ihren Wünschen entgegenzukommen. Fräulein Charlotte! Sie ist doch immer unser Kind! Soll sie in dem fremden Hause wie eine Bettlerin auftreten? Durch Miß Jones' breites Gesicht zuckte es seltsam; sie wollte den tiefen brennenden Schmerz, den sie über Silvia empfand, bekämpfen, aber es gelang ihr nicht; sie athmete noch ein paarmal schnell und heftig auf; dann beugte sie ihr Gesicht auf die Lehne des Sophas, auf welchem sie saß, ihr lautes Weinen zu unterdrücken. Charlotte legte ihr die Hand auf den Kopf und sprach ihr mit freundlichen, sanften Worten zu. In Beziehung auf Miß Jones' überraschende Mittheilung ging es ihr, wie es Walter vorhin gegangen war: nachdem das Motiv von Silvia's Handlungsweise einmal aufgedeckt war, erschien es so einfach, so klar, so einleuchtend, daß man schwer begreifen konnte, wie man so lange mit sehenden Augen blind hatte sein können. Es fielen ihr eine Menge Thatsachen ein, die ihr vorher unbegreiflich gewesen waren und sich jetzt so einfach erklärten. Auch sie war über diese Entdeckung tief erschrocken. Wie sollte die Liebe zu einem Manne, der so rücksichtslos auf sein Ziel losging, ein Weib beglücken können, noch dazu ein Weib von Silvia's tiefer, leidenschaftlicher Natur? Hier an dieser Stelle hatte sie mit dem Knaben gesessen und ihn gebeten, bei Allem, was ihm heilig war, von der verderblichen Gesellschaft Tusky's zu lassen, und ein paar Tage darauf hatte er mit Tusky den Feuerbrand in's Schloß geschleudert. Ja, Miß Jones hatte Recht: Jetzt ist sie verloren! Miß Jones hatte noch manches Einzelne mitzutheilen, aber sie fand an Fräulein Charlotte keine aufmerksame Zuhörerin mehr. Wir sprechen noch weiter darüber, liebe Freundin, sagte Charlotte; lassen Sie uns jetzt zu den Kindern zurückkehren, und – denken Sie daran: kein Wort von dem Allen vor Herrn Gutmann! kein Wort! Es waren bitter-süße Tage, die wenigen Tage, welche diese Menschen, die sich so innig liebten, auf dem Schlosse, auf dem Försterhause verlebten. Die Erde hatte sich in ihr buntestes Frühlingskleid gehüllt; Knospen und Blüthen überall, in Feld und Wiese und Garten und Wald, und überall ein Summen und Schwirren der zahllosen Insecten, ein Girren, Locken und Singen der Vögel, von denen gar viele schon die erste Brut zu ernähren hatten. Vom blauen Himmel, über den nur manchmal gegen Abend graue Gewitterwolken blitzeschleudernd und regenspendend schnell vorüberzogen, strahlte eine milde Sonne; es schien fast unmöglich, daß inmitten all der Herrlichkeit, in diesem Ueberschwang von Lebenskraft und Lebenslust Menschen mit verweinten Augen und schweren, sorgenvollen Stirnen wandeln könnten, daß dieser Sonnenschein nicht hell und warm selbst in das trübste Herz hineinschauen sollte. Aber, wenn sich auch Keiner dem milden Einfluß einer gütigen Natur ganz entziehen konnte und wollte, es blieb des Leides noch genug übrig, das kein süßester Vogelgesang wegsingen, kein mildester Sonnenschein fortlächeln mochte. Man hatte so viel Unwiederbringliches verloren, daß alles Andere in Frage gestellt schien; so viel, daß man sich fragte: Ist nicht dies Glück der Gegenwart geliebter Menschen ein Traum? Ist die Liebe selbst nicht vielleicht nur ein Traum im Traume? Und in dies traumhafte Glück drängte sich die unliebsame Wirklichkeit breit und schroff hinein. Es galt, sich mit einer Welt, der das private Glück und Unglück sehr gleichgiltig ist, auseinanderzusetzen; man mußte in einer Zeit, wo man allen Menschen den Frieden gönnte, den man für sich selbst so nöthig hatte, den widerwärtigen Kampf um Mein und Dein kämpfen. Der Rechtsanwalt, welcher Walter vertheidigt hatte, ein noch junger, sehr intelligenter Mann, war auf Walter's Bitten nach Tuchheim gekommen, um die Frauen mit Rath und That zu unterstützen. Der Rechtsanwalt hatte lange Conferenzen mit Charlotte und dem Förster, an denen auch Walter gelegentlich theilnahm. Es stellte sich immer mehr heraus, was Fritz Gutmann Charlotten vorausgesagt hatte, daß die Passiva der Hinterlassenschaft des Freiherrn die Activa weit überstiegen, daß bei der bevorstehenden gerichtlichen Subhastation der Güter und Fabriken auch im günstigsten Falle für die arme Amélie nichts, gar nichts übrig bleiben würde. Es ist unter diesen Umständen ein wahres Glück, gnädiges Fräulein, sagte der Rechtsanwalt, daß wir wenigstens den Rest Ihres Vermögens sicher haben; er hätte gerade hingereicht, den letzten großen Verlust bei dem Kohlenbergwerk zu decken, und ich zweifle nicht, daß Sie, wäre die Katastrophe nicht so schnell gekommen, auch diesen Rest geopfert haben würden. Ich weiß nicht, ob es nicht noch meine Pflicht ist, erwiederte Charlotte nachdenklich. Der Rechtsanwalt sah sie erstaunt an. Es ist mir ein unerträglicher Gedanke, fuhr Charlotte fort, daß auf dem Andenken meines Bruders auch nur der leiseste Makel haften solle. Ich meine, daß, wenn in irgend einem Falle eine Solidarität der Interessen zwischen den Gliedern einer Familie besteht, sie in diesem Falle gewahrt werden müßte. Aber, mein gnädiges Fräulein! rief der Rechtsanwalt; Sie werden doch nicht den Wucherern, denen Ihr Herr Bruder zuletzt in die Hände gefallen ist – Ich weiß nicht, was ich thun werde, unterbrach Charlotte den Aufgeregten, es werden unter den Gläubigern meines Bruders auch solche sein, die wirklich verlieren würden, wenn ihnen nicht die ganze Schuld ausbezahlt würde, und die einen Verlust nicht ertragen könnten. Jedenfalls möchte ich so handeln, wie mein Bruder, wenn es überhaupt denkbar wäre – in der gleichen Lage gegen mich gehandelt haben würde. Aber das ist eben nicht denkbar, murmelte der Advocat. Charlotte zuckte die Achseln. Seltsamerweise war der Förster, der sonst doch stets Fräulein Charlotten's Partei nahm, diesmal mit ihr nicht einverstanden. Er behauptete, daß hier das Gefühl nicht allein entscheiden dürfe und daß, wenn Fräulein Charlotte doch einmal im Sinne und nach dem Wunsche des Todten handeln wolle, sie gewiß ihr Vermögen behalten müsse. Daß Charlotten's Vermögen ganz und gar aus dem Spiele bleibe, sei des Freiherrn ausdrücklicher Wunsch und Wille gewesen. Nun und nimmer würde er seine Zustimmung dazu gegeben haben, die Schwester, die Tochter auch dieser letzten Hilfe zu berauben. Eben so wenig, lieber Freund, als er Ihre zehntausend Thaler genommen haben würde, entgegnete Charlotte. Fritz Gutmann blickte verlegen drein und wußte nichts zu erwiedern; aber mit einer Hartnäckigkeit, die man sonst an ihm nicht gekannt hatte, bekämpfte er Charlotten's Ansicht und erklärte zuletzt, daß er seines Theils den Willen seines gnädigen Herrn ehren und sich auf keinen Fall aus seinem Forsthause, das ihm der gnädige Herr nun einmal zugedacht und verschrieben habe, vertreiben lassen werde. Er schien erwartet zu haben, daß diese Erklärung Charlotten in Erstaunen setzen würde; Charlotte aber reichte ihm nur die Hand und sagte: Ich würde es Ihnen nie vergeben, wenn Sie anders handelten. Ich habe Manches ertragen und kann noch mehr ertragen, aber nicht den Gedanken, daß, so lange Sie leben, ein Anderer als Sie in dem Forsthause von Tuchheim wohnt. Fritz Gutmann schien diese Auffassung der Angelegenheit gar nicht recht; er fing noch an demselben Abend, als Walter und er von dem Schlosse zurückgekehrt waren und unter der Linde vor der Thür saßen, davon zu sprechen an. Sie könnte es nicht ertragen, wenn ich, so lange ich lebe, hier nicht aus- und einginge. Wie ich das aber ertragen soll, daß oben Fremde aus- und eingehen – daran scheint sie nicht zu denken. Als ob ich mit dem Hause verwachsen wäre, oder überhaupt in der ganzen Frage an mich dächte! Nun ja, es würde mir nicht leicht, von hier zu gehen – das weiß Gott! Mein Großvater und mein Vater haben hier als Förster gesessen – das weiß ich gewiß, und wahrscheinlich mein Urgroßvater auch schon; doch ließ sich das nicht mehr feststellen, weil ein Theil des Archivs im siebenjährigen Kriege mit den Forstacten verbrannt ist. Aber darum würde ich mich doch keinen Augenblick besinnen, von hier zu gehen, wenn ich nicht dächte: das alte Haus hier unten kann noch einmal eine Zufluchtsstätte werden für die da oben, und – Der Förster beendete den Satz nicht; er blickte mit starren Augen vor sich hin und erhob sich dann plötzlich, um in's Haus zu gehen. Walter hatte nicht gefragt, für wen der Vater noch sonst das alte Haus im Walde als eine Zufluchtsstätte jederzeit offenhalten wollte. Er wußte es ohne das. Zweiundzwanzigstes Capitel. Die Zeit, welche Miß Jones für ihre Freunde in Tuchheim frei hatte, ging zu Ende; am nächsten Morgen wollte sie abreisen. Fräulein Charlotte und sie saßen nach dem Thee in der Veranda, während Amélie und Tante Malchen auf dem Rasenplatz promenirten. Walter begleitete den Vater, den Geschäfte in die Stadt gerufen hatten. Miß Jones hatte lange von dem Aufblühen ihrer Pension gesprochen; wie es ihr jetzt schon fast unmöglich falle, das Ganze zu übersehen, zumal die mit dem Pensionat verbundene Schule, an der auch junge Damen, die nicht Mitglieder waren, theilnehmen konnten, sich eines immer größeren Zuspruchs erfreue. Es wird nicht lange dauern, und ich muß einen Partner nehmen, sagte Miß Jones. Einen Herrn oder eine Dame? fragte Charlotte. Eine Dame, sicherlich eine Dame! rief Miß Jones; ein Herr würde sich einfallen lassen, den Herrn zu spielen – allerliebstes Wortspiel – finden Sie nicht, daß ich die deutsche Sprache bereits mit einiger Freiheit zu behandeln anfange? – und das würde ich nie erlauben. In diesem Falle nehmen Sie mich, sagte Fräulein Charlotte. Miß Jones lachte sehr. Das würde in der That nicht übel sein. Dann könne sie nur gleich das Haus nebenan, das man ihr angeboten habe, kaufen; einem Pensionat, dem ein Freifräulein von Tuchheim vorstände, würde der ganze Adel des Landes seine Töchter anvertrauen wollen. Es ist mir lieb, sagte Charlotte, daß Sie meinem Namen ein solches Gewicht beilegen; mein Name würde wohl auch das einzige Capital sein, das ich Ihnen zubrächte. Miß Jones hörte auf zu lachen; Fräulein Charlotte hatte so ernsthaft gesprochen und so ernsthaft dabei aus den großen Augen geblickt. Denn sehen Sie, fuhr Charlotte fort, mit meinem sogenannten Vermögen kann und will ich nicht rechnen. Wollen Sie mich also als Partner haben, so ist in der That mein Name die ganze Einzahlung, die ich in die Geschäftskasse mache. Im Uebrigen bin ich Ihnen so viel werth, wie jede andere Dame, die das Etablissement würdig repräsentiren, zur Noth die Haushaltung führen und ein erträgliches Französisch sprechen kann. Miß Jones öffnete ihre kleinen, tiefliegenden, langgeschlitzten Augen, so weit es ihr möglich war. Ist das – ist das Ihr Ernst? stammelte sie. Ganz gewiß, erwiederte Charlotte; ich bin in der Lage, mich nach einer respectablen Beschäftigung umsehen zu müssen, und ich wüßte keine, die mir, Alles in Allem, mehr convenirte. Aber ich komme nicht allein. Ich muß auch für mein Kind, meine Amélie, sorgen. Sie, liebe Freundin, wissen am besten, was Amélie kann und vermag, denn Ihnen selbst verdankt sie das Beste davon. Jetzt können Sie von dem Capital der Liebe und Sorge, das Sie so viele Jahre hindurch an die geistige und leibliche Pflege des Mädchens verwendeten, die Zinsen haben. Ich habe natürlich mit Amélie gesprochen, und es fehlt uns nur noch Ihre Zustimmung. Wollen Sie? 't is strange ! murmelte Miß Jones um sich blickend, als wisse sie nicht recht, ob sie träume oder wache. Gar nicht, liebe Freundin, sagte Charlotte, es ist vielmehr das Einfachste und Natürlichste von der Welt. Sie nehmen nur für mich in diesem Augenblicke erst Abschied von diesem Hause, diesem Garten, von Allem, was Sie bis jetzt von uns unzertrennlich dachten: ich habe schon längst Abschied genommen. Wir sind jetzt nur noch Fremde, kaum noch Geduldete in diesen Räumen; es ist Zeit, daß wir sie verlassen. Und betrachten Sie die Sache doch einmal nicht von der romantischen, sondern von der rein praktischen Seite. Nennen Sie mir ein Asyl, das so sicher, so in jeder Beziehung erfreulich für uns wäre, wie Ihr Haus? Wer soll, wenn ich es nicht mehr kann, Mutterstelle an Amélie vertreten, als Sie? Sie kennen Walter's Lage. Es wird vielleicht lange dauern, bis er in den schwierigen Verhältnissen, mit denen er zu kämpfen hat, sich eine Situation erringt, in welcher ihm verstattet ist, Amélie sein zu nennen. Und wenn wir Amélie die Möglichkeit verschaffen, selbst etwas zur schnelleren Erreichung ihres Zieles beizutragen, wenn wir sie in die Lage bringen, dem geliebten Manne später einen Theil der Arbeit, auf die sie angewiesen sind, abnehmen zu können – so wäre das die schönste Aussteuer, die ich ihr wünsche, die sie sich selber wünscht. Aber, liebe Freundin, ich hätte wirklich nicht gedacht, daß ich so viel Mühe haben würde, Ihre Einwilligung zu unserm Projecte zu erlangen. Miß Jones hatte sich mittlerweile überzeugt, daß es Charlotte mit dem, was sie sagte, voller Ernst sei. Wehmüthig zuckte es um ihren breiten Mund, aber ihre schmalen Augen blitzten vor freudiger Erregung; sie ergriff Charlotten's dargebotene Hand, schüttelte sie kräftig und rief: So helfe mir Gott, wie dies die glücklichste und stolzeste Stunde meines Lebens ist! Dann wären wir also einig, sagte Charlotte, und nun bin ich begierig, zu erfahren, was die Herren, die dort kommen, zu unserem Beschlusse sagen werden. Der Förster und Walter, die eben aus der Stadt zurückkehrten, traten heran, die Damen zu begrüßen. Amélie und Tante Malchen kamen, auch der Rechtsanwalt, der morgen früh mit Miß Jones in die Stadt zurück wollte und eben seinen Koffer gepackt hatte. Es schien, daß Charlotte absichtlich zu ihrer Mittheilung eine Gelegenheit wählte, die einer eingehenden Discussion des Für und Wider ihres Entschlusses nicht eben günstig war, denn erst, als Alle beisammen waren, die Herren dem Weine, den sie hatten bringen lassen, zusprachen und die Unterhaltung eine allgemeine geworden, sagte sie, was sie zu sagen hatte, mit einer Stimme, die ein wenig zitterte, während ihre schönen, sanften Augen auf Fritz Gutmann gerichtet waren, als ob für diesen allein ihre Mittheilung von Interesse sei. Charlotte hatte sich geirrt, als sie annahm, daß der alte Freund auch diesem Entschlusse seine Billigung versagen werde. Jedenfalls behielt er die Gründe, die er etwa dagegen haben mochte, für sich. Nur lächelte er schmerzlich, als wollte er sagen: du willst deinen Weg allein gehen, ich habe kein Recht, dich daran zu verhindern. Auch Walter war sehr überrascht, und wenn er sich auch sofort sagen mußte, daß Charlotten's Handlungsweise vollständig zu seinen Principien stimmte, so vermochte er doch in dem ersten Moment ein peinliches Gefühl der Enttäuschung nicht zu unterdrücken. Er hatte sich die ganze Zeit mit Plänen getragen, wie er, wenn Charlotte wirklich bei ihrem Vorsatze, auf ihr Vermögen zu verzichten, beharrte, möglichst schnell in eine Lage kommen könne, die ihm verstattete, Amélie seine Hand zu bieten – jetzt sah er, daß für ihn, wenigstens nach dieser Seite hin, nichts zu thun blieb. Da nun Tante Malchen selbstverständlich nach Charlotten's Worten, die ihr wie ein Märchen im Ohr klangen, sprachlos blieb, so entstand eine Pause, bis der junge Rechtsanwalt mit großer Geistesgegenwart die Stimme erhob, um in einer kleinen, anmuthigen Rede Charlotten zu ihrem Entschlusse zu gratuliren und die Zeit glücklich zu preisen, in welcher alle erleuchteten Köpfe in der Arbeit allein den wahren Adel sähen – der, im Gegensatze zu dem Adel der Geburt, nicht ererbt, sondern nur verdient werden könne und, im weiteren Gegensatze, durchaus nicht exclusiv sei, sondern das ganze Menschengeschlecht in sich aufzunehmen strebe. Charlotte dankte dem Rechtsanwalt für seine gute Meinung; sie wolle sehen, ob sie sich den wahren Adel zu verdienen im Stande sei. Miß Jones und der Rechtsanwalt waren abgereist; die Erstere mit dem Versprechen, binnen acht Tagen Alles zum Empfang der Damen bereit zu halten; der Letztere mit einem Plane zur Gründung einer neuen Zeitung, den er mit Walter gemeinschaftlich entworfen hatte und den Parteigenossen in der Hauptstadt zur Genehmigung vorlegen sollte. Walter selbst war zurückgeblieben, da er in dieser Lage der Dinge die Damen nicht allein lassen mochte. Auch bereitete ihm der Vater schwere Sorge, obgleich er sich freilich davon nichts merken lassen durfte. Der Förster war für Jeden, der ihn nicht genauer beobachtete, derselbe, der er gewesen war; aber das Auge der Liebe sah nur zu gut, wie schwer ihn die Schicksalsschläge der letzten Zeit getroffen und, für den Augenblick wenigstens, seine Kraft, die man bis dahin für unverwüstlich halten konnte, erschüttert hatten. Seine Augen hatten nicht mehr das alte Feuer, sein Gang nicht mehr die Elasticität, seine Stimme nicht mehr den vollen Klang. Er suchte viel mehr als sonst die Einsamkeit, und wenn er früher leicht zum Widerspruch zu reizen war und seine Meinung mit großer Lebhaftigkeit, ja manchmal mit Heftigkeit verfocht, so mischte er sich jetzt selten in die Unterhaltung, und wenn er es that, vermied er geflissentlich jede positive Ausdrucksweise, vergaß auch selten hinzuzufügen, daß er Niemandem die Möglichkeit, sich die Sache anders zu denken, bestreite. Von Silvia sprach er nie; man hätte glauben können, daß er sie ganz aus seinem Gedächtnisse gestrichen habe. Freilich waren Alle vom Gegentheil überzeugt; dennoch überraschte es Walter, als ihm der Vater eines Tages mittheilte, er habe an Silvia geschrieben. Walter fragte, ob er den Inhalt des Briefes wissen dürfe. Der Förster schwieg einen Augenblick und antwortete dann: Ich glaube, es ist besser, wenn Du es weißt. Ich habe ihr geschrieben, daß, wenn sie ein Unrecht gethan hätte, es darin bestände, mich nicht sogleich von dem Schritte, den sie gethan, benachrichtigt zu haben, und zwar habe sie dies Unrecht noch mehr an sich selbst, als an mir begangen, denn sie habe sich dadurch gewiß viele schlimme Stunden bereitet. Daß ich ihren Schritt billigen solle, werde sie auch wohl jetzt von mir nicht erwarten, aber darauf komme es nicht so sehr an; sie sei vollkommen im Stande, zu prüfen und zu wählen, und es sei fern von mir, ihr dies Recht irgend bestreiten oder verkümmern zu wollen. Sollte sie über kurz oder lang einsehen, daß sie nicht recht geprüft und falsch gewählt habe, so solle sie es als einen verfehlten Versuch betrachten, auf einem Richtwege durch den Wald zu finden, und sich in dem Hause ihres Vaters von der Mühe und der Angst einer vergeblichen Wanderung erholen. Der Förster hatte diese letzten Worte mit etwas unsicherer Stimme und ohne Walter anzusehen gesprochen, dann aber wendete er sich zu ihm und sagte: Ich möchte nicht, Walter, daß sich in Silvia das Gefühl, keine Heimath zu haben und von denen, die ihr am nächsten stehen, getrennt zu sein, ausbildete, und ich wünschte wohl, daß, wenn Du an sie schreibst, Du in diesem Sinne an sie schriebest. Walter hörte aus dem Tone, in welchem der Vater sprach, zu deutlich heraus, daß derselbe seinen Entschluß gefaßt habe, als daß er die Frage, die sich ihm aufdrängte, ob auf einen Charakter wie Silvia diese Resignation einen guten Eindruck machen würde, nicht hätte unerörtert lassen sollen. Noch weniger fühlte er sich versucht, dem Vater die Vermuthung Amélie's und Miß Jones', die allerdings jetzt auch bei ihm fast zur Gewißheit geworden war, mitzutheilen. Er sagte sich, daß hier überhaupt nach einem vorgefaßten Plane gar nicht zu handeln sei und daß der Augenblick entscheiden müsse, was man zu thun, was man zu lassen habe. Mit um so größerer Ungeduld aber sah er den erwarteten Nachrichten aus der Residenz entgegen, die denn auch schon am nächsten Tage in Briefen des Rechtsanwaltes und des Doctor Paulus einliefen. Der Erstere theilte dem Freunde mit, daß es ihm bereits gelungen sei, das auf das Stadthaus des Freiherrn gelegte Sequester aufzuheben, und daß er Herrn von Sonnenstein zu einem gütlichen Vergleich wider Erwarten geneigt gefunden habe. Er rathe noch einmal dringend, diese Gelegenheit zu benutzen und Fräulein Charlotte zu veranlassen, für ihre Mündel auf die Erbschaft zu Gunsten Henri's zu verzichten, der sich dann, wie er könne, mit seinem Onkel und Schwiegervater auseinandersetzen möge. Da unter keinen Umständen für Amélie auch nur das Geringste herauskomme, so sei dies das Einfachste und Zweckmäßigste, Fräulein Charlotte könne dann mit ihrem Vermögen noch immer machen, was sie wolle. Sodann berichtete er über die Zeitung, deren Zustandekommen jetzt so gut wie gesichert sei – es fehlten nur noch zehntausend Thaler, die man aber in Kürze herbeizuschaffen hoffe. Das Nähere über diesen Gegenstand werde Doctor Paulus schreiben. Doctor Paulus setzte sehr ausführlich seine Ansichten über das projectirte Unternehmen auseinander. Er hatte reiche Erfahrungen auf diesem Gebiete, die er jetzt sammt einem kleinen Kapital, über das er zu verfügen hatte, den Unternehmern anbot. Sie können, schrieb er, die paar Tausend Thaler ruhig nehmen, lieber Freund; von meinem Schweiß klebt nichts daran, ich habe sie von einem alten Geizhals von Onkel geerbt und bin eigentlich froh, daß ich sie auf anständige Weise wieder los werde. Denn daß wir unser Geld los werden, lieber Freund, ist, wenn nicht gewiß, doch wahrscheinlich. Die Reaction ist einem angeschwollenen Strome zu vergleichen, der momentan jeden Widerstand besiegen wird. Und dennoch, oder vielmehr gerade deshalb rathe ich dringend, das Experiment zu versuchen. Ich bin überzeugt, daß man die so ungnädig entlassene Kammer nur wieder zusammenkommen lassen wird, um sie in kürzester Frist wieder nach Hause zu schicken, wenn man uns nicht für die bevorstehenden Wahlen ein noch bequemeres Gesetz octroyirt. In dieser Lage der Dinge thut also eine Zeitung, die das Maß ihres Freimuthes nicht nach dem Augenwinken irgend eines preßpolizeilichen Jupiter regulirt, sehr noth. Ueberdies ist unsere Partei eigentlich schon lange ohne Organ, und wenn wir nicht mehr zum Reden kommen, so würde man uns gar für todt halten. Eine politische Partei aber, die man für todt hält, ist meistens auch todt, denn Leben und Lebenszeichen von sich geben ist hier identisch. Ich für meinen Theil bin noch nicht so müde, daß ich mich zu meinen früheren Gesinnungs- und Kampfgenossen auf das bequeme Polster des Pessimismus strecken möchte. Dafür übrigens, daß man in den höchsten Regionen einen gewissen Kitzel empfindet, die Ruthen, mit denen man uns bis jetzt gestrichen hat, mit Scorpionen zu vertauschen, spricht eine ganze Reihe von Anzeichen, von denen ich Ihnen nur eines, weil es Sie besonders nahe angeht, mittheile. Sie wissen, daß Leo's Haft, die übrigens in jeder Beziehung ungerechtfertigt war, nur drei Tage gedauert hat. Sie wissen aber nicht das Folgende, das viel schwerer wiegt. Die Entlassung Leo's ist auf Immediatbefehl des Königs geschehen; der König hat noch an demselben Abend Leo in einer geheimen Audienz in der Sommerwohnung des Generals von Tuchheim empfangen und – empfängt ihn jetzt jeden Tag zu Unterredungen, die manchmal stundenlang dauern und bei denen einigemale der General, sonst aber Niemand zugegen gewesen ist. Ich weiß dies Alles aus ganz sicheren Quellen, und übrigens ist die Sache auch gar kein Geheimniß mehr. Man trägt sich in der Stadt mit den abenteuerlichsten Gerüchten. Der König soll in dem letzten Ministerconseil die ganze Sippe so brüskirt haben, daß es selbst diesen Lakaienseelen schier zu viel geworden ist; Hey soll halb wahnsinnig darüber sein und ganz hochverrätherische Reden führen. Man behauptet, daß die Tage des Ministeriums Hey gezählt und ein anderes von romantisch-pietistisch-socialistischer Signatur in der Bildung begriffen sei, in welchem der General das Portefeuille des Auswärtigen, Urban das des Cultus u.s.w. übernehmen, dessen Seele aber kein Anderer – als Leo sein würde. Diese letzte Rechnung hat man nun freilich offenbar ohne den Wirth, d.h. ohne den König gemacht, dessen Hamlet-Natur sich lange mit geistreichen Expectorationen und – Schimpfen gütlich thun kann, bevor sie es zum Handeln bringt. So viel ist aber gewiß, daß Leo bereits in dem Cabinet des Königs beschäftigt ist – die Entlassungsrede soll aus seiner Feder sein – und der Geheime Rath wohl nicht lange auf sich warten lassen wird. – Was Ihre Schwester betrifft – Sie werden sich diese Ideenverbindung zu deuten wissen – so möchte ich, was ich etwa zu sagen hätte, auf unsere demnächstige persönliche Zusammenkunft versparen. Nur das will ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung mittheilen, daß man in dem Publikum – und Sie wissen, ich habe ziemlich leise Ohren – keine Ahnung von dem wahren Zusammenhange hat, sondern die königliche Intervention zu Leo's Gunsten nur für eine Intrigue des Generals hält, der es per fas et nefas wieder zu einer ersten Rolle in der Tragi-Comödie unserer gegenwärtigen Politik bringen will. Der Schluß des Briefes handelte weiter von der politischen Lage und von der Absicht des Doctors, für die nächsten Wahlen in dem Tuchheimer Kreise zu candidiren, da seine Wiederwahl in der Residenz keineswegs gesichert sei. Walter war eben im Begriffe, auf das Schloß zu gehen, mit Fräulein Charlotte über die Vorschläge des Anwalts zu sprechen, als diese selbst mit Amélie kam und Walter mit einer gewissen Hast fragte, ob der Vater zu Haus sei. Fritz Gutmann, der eben von einem Inspectionsritt zurück war, hatte bereits die Stimme der Freundin vernommen und trat aus der Thür. Charlotte ging ihm entgegen und sagte, indem sie ihm die Hand reichte: Nun kommen wir doch, mein Freund, und bitten uns bei Ihnen zu Gast, denn auf dem Schlosse ist unseres Bleibens nicht mehr. Dieselbe Post hatte Charlotten einen Brief von Herrn von Sonnenstein gebracht, in welchem ihr dieser die Mittheilung machte, er sei von seinem Unwohlsein soweit genesen, um die Reise nach Tuchheim wagen zu dürfen, und werde in Folge dessen mit dem Mittagszuge desselben Tages, an welchem diese Zeilen in die Hände der Schwägerin gelangten, von der Residenz abreisen, um am Abend in Tuchheim einzutreffen. Seine Tochter werde ihn begleiten; Henri und Alfred würden nachkommen. Er für sein Theil gebe sich der Hoffnung hin, daß es nur einer persönlichen Zusammenkunft der Familienglieder bedürfe, um die obwaltenden Differenzen auf gütlichem Wege zu beseitigen. Fräulein Charlotte möge versichert sein, daß sein Herz keine anderen Empfindungen hege, als die der tiefsten Verehrung und Liebe, die er von je dem edlen Charakter der Schwägerin und der Anmuth seiner Nichte gezollt habe und die durch das Unglück, das die Damen betroffen, wahrlich nicht vermindert seien. Ich will weder Herrn von Sonnenstein noch Henri sehen, sagte Charlotte; ihr Anblick würde das Maß dessen, was ich etwa ertragen kann, übersteigen und vielleicht gewisse Entschlüsse, an denen ich gern festhalten möchte, erschüttern. Auch Sie sollen ihnen aus dem Wege gehen, mein Freund! Nein, wenden Sie sich nicht ab! Diese Liebe müssen Sie mir erweisen. Walter wird die widerwärtige Aufgabe übernehmen, sie zu empfangen. Er ist jung und Weltmann genug; überdies hat er als Amélie's zukünftiger Gatte Fug und Recht, uns in diesem wie in jedem andern Falle zu vertreten. Es war das erstemal, daß des Verhältnisses zwischen Walter und Amélie von Charlotten in dieser bestimmten Weise Erwähnung geschah; auch verband sie in diesem Momente keine Absicht damit; sie gab nur einfach dem, was sie innerlich bewegte, einen Ausdruck. Das empfand auch Walter sofort, was freilich nicht verhinderte, daß ihm selbst, als er in Amélie's hold erröthendes Gesicht blickte, das Blut in die Wangen schoß. Amélie warf sich in die Arme Charlotten's, die liebevoll die Bebende umfing; dann machte sie sich los, und sich zu dem Förster wendend, ergriff sie dessen braune Hände und drückte sie ehrfurchtsvoll an ihre Lippen. Der Förster ließ es geschehen; er zitterte an allen Gliedern, seine Augen standen voll Thränen. Charlotte winkte den Beiden, zu Tante Malchen in's Haus zu gehen; sie nahm des Freundes Arm und führte ihn an dem Giebel des Hauses vorüber in den Garten, der schon so manchesmal der stille Zeuge ihrer Unterredungen gewesen war. Ich sehe Sie überrascht und bewegt, mein Freund, sagte Charlotte, und ich glaube, daß ich jetzt, wie auch sonst wohl, klar in Ihrer Seele lese. Es ist das Vorrecht der Frauen, in solchen Augenblicken des Wortes mächtiger zu sein, als Ihr Männer, und so lassen Sie mich denn aussprechen, was, wenn es ausgesprochen ist, Ihnen und auch mir das Herz erleichtern wird. Mein Freund, was wir da eben gesehen haben: zwei junge Seelen, die sich den Kuß der Liebe auf die unentweihten Lippen drücken, das sind ja nur wir selbst in einem schönen Spiegel, das ist ja nur die Erfüllung unserer unerfüllten Jugendsehnsucht. Das Glück, welches wir uns in einer Zeit engherzigen Vorurtheils in der Bescheidenheit und Einfalt unserer Herzen versagten – unsern Kindern wenigstens soll es zu Theil werden. Es ist mir ein unendlich tröstlicher Gedanke, daß diese selbe Sonne, vor der wir uns scheu verbargen, um in stiller Nacht unsern Kummer auszuweinen, diesen unsern Kindern voll und freudig die Seelen durchleuchten soll. Der Baum, der mir in meiner Jugend entblättert dastand, er überschattet mich in meinem Alter und schüttet mir die köstlichsten, süßesten Früchte in den Schooß. So habe ich doch wenigstens nicht umsonst gelebt. Ihr Loos, mein Freund, war ein anderes. Sie, als Mann, konnten nicht Ihr Leben lang an einer Erinnerung zehren; Sie mußten versuchen, das entschwebende Glück zu bannen, zu ersetzen. Der Mann, der hart arbeitet, kann nicht, wie wir, von Träumen leben. Sie wählten sich ein Weib, das Sie liebten und lieben durften. Es war eine schwere Stunde für mich – was soll ich es leugnen, jetzt, da wir Beide graue Haare haben – aber es ging vorüber; ich durfte den unterbrochenen Traum fortträumen, durfte weiterträumen, daß Ihre Kinder meine Kinder seien. Aber ein Traum, und wäre er auch noch so deutlich, ist keine Wirklichkeit. Nur im Geiste und im Herzen war ich Mutter, Sie waren Vater mit jedem Tropfen Ihres Blutes. Armer Vater! Sie fürchten, ein Kind verloren zu haben; ich hoffe bei Allem, was mir heilig ist, bei meiner Liebe zu Ihnen, daß Ihnen die verloren Geglaubte nicht verloren ist; aber Sie, Sie fürchten es doch, und ist das nicht schon entsetzlich genug? Und ist es nicht noch entsetzlicher, daß Sie mit dieser Ihrer Furcht allein sind? Sie sind allein, mein Freund, denn Sie fühlen sich allein. Ich weiß es, ich sehe es in Ihren Augen, ich lese es von Ihren Lippen, das furchtbare Wort: allein! Dagegen habe ich keine Macht, aber wie schmerzlich fühle ich diese meine Ohnmacht! Lieber, liebster Freund, jetzt, jetzt erst weiß ich, was das sagen will, daß ich nicht Ihre Gattin, daß ich nicht die Mutter Ihrer Kinder bin. Nicht glücklich sein dürfen mit dem geliebten Mann, das erträgt man zur Noth; aber nicht mit ihm unglücklich sein dürfen, so ganz, wie er es ist – das ist zu viel, zu viel! Charlotten's Thränen flossen, Fritz Gutmann's breite Brust hob und senkte sich gewaltsam; sein Athem ging tief und schwer, er wollte sprechen, aber tonlos bewegten sich seine Lippen. Nein, nein, sagte Charlotte, nicht jetzt, nicht jetzt! Sie führte den ganz Erschütterten in die Laube am Ende des langen Gartenweges. Der Förster setzte sich auf die Bank; sein Gesicht sank in die aufgestützten Hände, aus seiner Brust brach ein dumpfes Wimmern und Stöhnen, das Charlotten das Herz durchschnitt. Dann raffte er sich mit einer gewaltsamen Anstrengung auf und sagte: Ich mache Ihnen viel Sorge, ich habe das Mädchen zu sehr geliebt. Aber Sie haben Recht: unsere andern Kinder haben es nicht um mich verdient, daß ich ihrer um des einen willen gar vergesse. Der gute Sohn in der Bibel! Ja, ja – das ist so geblieben bis auf den heutigen Tag. Charlotte sah, wie seine Seele noch immer ganz von dem Einen Gedanken erfüllt war, aber sie wollte jetzt nicht weiter in ihn dringen, auch kannte sie ihn zu gut, um nicht zu wissen, daß an sein weiches Herz eine liebevolle Mahnung nie vergeblich pochte. Als sie wieder nach dem Hause zurückgingen, wo Walter und Amélie mit Tante Malchen vor der Thür saßen, küßte er Amélie, die ihm entgegentrat, auf die Stirn und sagte zu Tante Malchen, deren rothgeweinte Augen diesmal mit den Freudenthränen gefüllt waren: Gelt, Schwester, das hat nun wohl auch nicht in Deinen Karten gestanden! Die Abreise der Damen war auf den nächsten Morgen festgesetzt. Es war noch Manches bis dahin zu ordnen; des Försters Wagen mußte den Weg nach dem Schlosse hinauf und zum Försterhause zurück ein paar Mal während des Tages machen. Eine halbe Stunde vor der Ankunft des Zuges, mit welchem Sonnensteins kommen mußten, verließen Charlotte und Amélie das Schloß, Beide bleich und ernst, aber ohne Thränen. Walter blieb zum Empfang der Erwarteten zurück. Eine Stunde später war er schon wieder auf dem Försterhause, wo er die Gesellschaft vor der Thür unter der Linde sitzend fand. Es war ein herrlicher Abend. Ueber dem stillen Walde lag die Abendröthe, aus der ein einzelner Stern groß und golden schimmerte. Der Abglanz des hehren Friedens in der Natur lag auch auf den Gesichtern der guten Menschen unter der Linde. Sie sprachen nur mit halblauter Stimme, und die Pausen, die in der Unterhaltung eintraten, waren für Niemanden peinlich. Walter und Amélie gaben sich zum ersten Male vor den Andern das trauliche Du; Charlotten's schöne Augen ruhten oft auf des Försters Gesicht, von dessen ernsten Zügen der Ausdruck des herbsten Schmerzes verschwunden war. Er lächelte sogar ein paar Mal, als er auf Amélie's Wunsch eine Geschichte vom wilden Jäger erzählte, die er früher mit köstlichem Humor und anmuthiger Phantasie oft im Kreise der Kinder erzählt hatte und an der sich die Kinder nie hatten satt hören können. Dann sagte man sich gute Nacht. Die Lichter, die hie und da aus den niedrigen Fenstern geschimmert hatten, wurden ausgelöscht, bis auf eines in der Stube zu ebener Erde rechts hinter dem Wohnzimmer, wo des Försters hartes Lager stand. Der Förster saß vor dem kleinen braun angestrichenen Pulte aus Tannenholz. Vor ihm auf der Platte lag ein großes, in Schweinsleder gebundenes Buch. Es war ein Haushaltungsbuch, das der Großvater angelegt hatte; der Vater hatte es fortgeführt, und Fritz Gutmann hatte da angefangen, wo der Vater aufgehört hatte. Auf den letzten hundert Seiten aber hatte Fritz Gutmann, weil er meinte, daß er doch wohl der Letzte sein werde, der das Buch benutzte, und noch so gar viele leere Blätter da waren, vor langen Jahren bereits begonnen, einzelne Gedanken zu notiren, die ihm auf seinen Streifereien in Feld und Wald gekommen waren und die ihm wichtig genug schienen, sich ihrer gelegentlich zu erinnern; außerdem besonders merkwürdige Ereignisse in seinem Leben mit dem Datum des Jahres und Tages, an welchem sie geschehen waren. In diesem Buche hatte der Förster lange gelesen; endlich nahm er eine Feder und schrieb:   »Heute verlobte sich mein Sohn mit Amélie Charlotte Freifräulein von Tuchheim in meiner, Fräulein Charlotten's von Tuchheim und meiner Schwester Malchen Gegenwart. Die lieben Kinder werden mir verzeihen, daß ich nicht so froh sein konnte, wie es ja sonst wohl meine Art war. Ich dachte meiner lieben Frau, die nun schon achtzehn Jahre in der Erde ruht, und dann dachte ich, daß mein gnädiger Herr nicht Ja und Amen dazu gesagt hat; aber ein vollkommenes Glück giebt es ja auf Erden nicht. Meine Tochter Silvia, die bei meiner Schwester Sara mit meiner Bewilligung zum Besuch ist, fehlt mir auch recht sehr. Dafür stand der Abendstern hellen Glanzes über dem Walde. Es ist ein lieber Gedanke, daß Menschen, die weit von einander entfernt sind, in demselben Augenblicke dieselben Sterne sehen können. Sie hatte den Abendstern vor allen andern lieb. In derselben Nacht schlief auch zum ersten Male Fräulein Charlotte unter meinem Dache. Die Braut meines Sohnes war schon einmal eine Nacht hier, vor vierzehn Jahren, als sie bei meiner Silvia zum Besuch gewesen war und zu Abend das schreckliche Gewitter kam, das in Feldheim und Tuchheim zündete. Mögen sie sanft ruhen und auch meine Tochter Silvia, und möchten alle Seelen Frieden haben!«   Das Licht im Zimmer des Försters erlosch, und nur der matte Schein des abnehmenden Mondes, der in dem klaren Himmel schwebte, flimmerte auf den niedrigen Fenstern des alten Forsthauses von Tuchheim. Dreiundzwanzigstes Capitel. Herr von Sonnenstein war mit seiner Tochter angelangt. Walter hatte sie empfangen und für das Nichterscheinen der Damen, die morgen früh wieder nach der Residenz zurückzureisen gedächten und jede Aufregung zu vermeiden wünschten, um Entschuldigung gebeten. Herr von Sonnenstein war ausnehmend höflich gegen Walter gewesen; sobald derselbe aber den Rücken gewendet hatte, rief er: Und das ist nun der zukünftige Gatte Deiner Cousine Amélie? In der That! rief Emma. Jetzt zweifle ich gar nicht mehr daran; so etwas fühlt sich denn doch heraus, sagte der Bankier. Ich habe nichts gefühlt, sagte Emma; aber er ist ja ganz allerliebst und für Amélie's jetzige Verhältnisse ja auch recht passend. Wie freue ich mich, Amélie morgen wiederzusehen! Der Bankier antwortete nicht; er war verstimmt; Emma war von der Reise abgespannt; man ging früh zu Bett, da man mit dem Abend nichts anzufangen wußte. Herrn von Sonnenstein war das Benehmen Charlotten's unbegreiflich. Von Charlotte oder doch wenigstens von dem Anwalt Charlotten's war der Vorschlag zu einem gütlichen Vergleich ausgegangen; er war, da er sich einen großen Vortheil davon versprechen durfte, dem Vermittler mit großer Bereitwilligkeit entgegengekommen und hatte durch directe Verhandlung mit Charlotte die wichtige Angelegenheit thunlichst beschleunigen wollen. Jetzt wich ihm Charlotte aus. Hatte sie sich anders besonnen? Die Sache war äußerst fatal. Der nächste Morgen brachte ihm eine Aufklärung über Charlotten's Benehmen und zugleich eine Bestätigung seines Scharfblicks. Ein durch die Post übermittelter Brief Charlotten's meldete ihm ihre mit dem Frühzuge erfolgte Abreise, und zugleich, daß Herr von Sonnenstein die Güte haben möge, sich mit Walter in Vernehmen zu setzen, der, als ihr sehr treuer Freund und zukünftiger Gatte Amélie's, die geeignetste Person sei, in ihrem und Amélie's Namen mit Herrn von Sonnenstein über Alles zu verhandeln und, soweit dies ohne Hinzuziehung des Gerichts möglich sei, abzuschließen. Da haben wir's! sagte der Bankier, indem er seiner Tochter den Brief über den Frühstückstisch reichte. O, wie charmant! rief Emma. Ich weiß nicht, ob Henri die Sache ebenso charmant finden wird, bemerkte der Vater. Warum sollte er nicht? meinte Emma; in Amélie's jetzigen Verhältnissen! Was kann sie Besseres thun, als eine Ehe aus Liebe schließen? Gott, mache ich es doch nicht anders! Aber hier wie überall: Les extrêmes se touchent . Der Bankier hörte nicht, was seine Tochter sagte. Er hatte unter den anderen eingegangenen Briefen einen bemerkt, dessen Siegel er sehr schnell erbrach. Der Brief bestand nur aus folgenden Zeilen:   »Ich höre von Hellfeld, der mich heute Morgen besuchte, daß Sie nicht abgeneigt sind, eventualiter die Tuchheimer Fabriken zu verkaufen. Da ich von Sr. Majestät den Auftrag habe, für Rechnung der Privatschatulle Sr. Majestät ein Etablissement in der ungefähren Ausdehnung des Ihrigen zu erwerben, so würden wir vielleicht einig werden. Sollten Sie auf meine Propositionen so weit reflectiren, um mit mir in persönliche Verhandlung zu treten, so bitte ich um telegraphische Nachricht, auf die ich sofort nach Tuchheim kommen würde; im Uebrigen um vorläufige strengste Discretion. Doctor Leo Gutmann.«   Meinst Du nicht auch, Papa? sagte Emma. Der Bankier wußte nicht, wovon Emma sprach. Sie mußte ihre Frage wiederholen. Der Bankier sagte: Gewiß, ohne Zweifel! aber er sagte es sehr zerstreut. Er dachte daran, was Emma wohl zu diesem Briefe sagen würde. Emma, die nie einen Blick in die Zeitung warf, als höchstens um die Anzeigen zu lesen, hatte von dem Umschwung in Leo's Verhältnissen noch nichts erfahren. Wie würde sie, wie würde Henri es aufnehmen, wenn Leo jetzt plötzlich in Tuchheim erschiene? Sollte er Henri telegraphiren, nicht zu kommen? Aber Henri war voraussichtlich schon unterwegs. Sollte er Leo abweisen? Aber die Sache versprach höchst vortheilhaft für ihn zu werden, und überdies war Leo jetzt weniger als je ein Mann, den man ungestraft verletzen durfte. Du bist unerträglich, Papa, sagte Emma, Du hast mir versprochen, sehr liebenswürdig zu sein. Und ich werde mein Versprechen halten, sagte der Bankier; ja, ich glaube Dir ganz ungewöhnliche Ueberraschungen in dieser ländlichen Einsamkeit versprechen zu können. Vorderhand mußt Du mich aber entschuldigen; ich habe die wichtigsten Geschäfte. Er wartete Emma's Antwort nicht ab, sondern raffte seine Briefschaften zusammen und verließ das Zimmer. Emma blieb schmollend zurück und war im Begriff, das Landleben entsetzlich langweilig zu finden, als ihr einfiel, daß sie es sich gestern Abend sehr romantisch gedacht hatte, das Schloß heute Morgen ohne Begleitung zu besichtigen. Sie wollte damit gleich den Anfang machen, indem sie sich erst einmal, von ihrem Platze am Theetisch aus, das Gemach, in welchem sie sich befand, ordentlich durch die Lorgnette betrachtete. Es war der große Salon links zu ebener Erde, welcher in den Tagen des Freiherrn als Wohnzimmer gedient hatte. Emma bewunderte die bedeutenden Dimensionen des Gemaches, die mit einer etwas schwerfälligen Stuccatur verzierte Decke, den gewaltigen Kamin. Es war so recht ritterlich, so ganz und gar romantisch. Und dann die großen, an den Wänden vertheilten Oelgemälde mit den schweren vergoldeten Rahmen, Herren und Damen in seltsamen Trachten mit Perrücken oder mit Puder in den toupirten Haaren; unter den Männern sogar ein Ritter in einem Brustharnisch, über den ein feiner Spitzenkragen und die von dem schönen Kopfe nach beiden Seiten herunterwallenden Locken fielen. Das waren Henri's Ahnen! Es war doch herrlich, einen Mann mit Ahnen, veritablen Ahnen, zum Gatten zu bekommen, und der Einem glücklicherweise diese Ahnen gar nicht vorrücken konnte, da ohne seine Frau alle diese Herren und Damen vermuthlich auf den Trödel gewandert sein würden. Eine neue Plüschdecke durch das Zimmer und ein paar elegante moderne Sophas und Fauteuils – denn diese mit den verblichenen Stickereien und wunderlichen vergoldeten Gestellen waren über alle Begriffe geschmacklos! – und hier war ein Salon, wie er einer Freifrau von Tuchheim würdig war, in welchem eine Freifrau würdig ihre Gäste empfangen konnte. Was klang eigentlich besser: Emma, Freifrau von Tuchheim, geborene von Sonnenstein, oder La Baronne Emma de Tuchheim, née de Sonnenstein ? Gut klang Beides; vielleicht ließ sich dazwischen abwechseln. Emma wollte in das nächste Zimmer, irrte sich aber in der Richtung und gelangte in die Halle. Das war wirklich imposant! Diese Höhe! diese Pannele aus Eichenholz mit schönen alten Schnitzereien! diese kolossalen Hirschgeweihe und dazwischen wieder Porträts, kaum erkennbar aus dem dunklen Hintergrund und den vor Alter geschwärzten vergoldeten Rahmen herabschauend. Und dann zu beiden Seiten der mächtigen Eingangsthür die schmalen hohen Bogenfenster, durch deren kleine Scheiben die Morgensonne schien und lange Lichtstreifen, in denen die Staubatome wie goldene Sterne tanzten, in die tiefe Halle warf! Die Halle! Ja, das war eine jener Hallen, von denen in den englischen Romanen so viel die Rede ist; » hall « klang noch besser als »Halle«; Emma beschloß, diesen Raum nun » The hall « zu nennen. Sie wollte sich diesen Eindruck nicht stören lassen und beschloß, die Besichtigung des Uebrigen für eine andere Zeit aufzusparen. Jetzt wollte sie in den Park, von dem man so viel Wesens machte. Sie ließ sich Hut und Handschuhe bringen und besah sich das Schloß von dem freien Platze aus. Auch dieser Anblick erregte ihre Bewunderung: es war stattlich, unglaublich stattlich! Besonders der hohe abgestumpfte Thurm, über den die weißen Morgenwolken zogen. Auf dem höchsten Rande saß eine Krähe und krächzte. Emma beschloß, die häßlichen Thiere nicht zu dulden. Nur weiße Tauben sollten um die grauen Mauern fliegen! Von dem Hinaufstarren in den glänzenden Himmel thaten ihr die kurzsichtigen Augen weh; sie suchte den Schatten der Bäume und fand es sehr sonderbar, daß sie in den schmalen Gartengängen fortwährend hügelauf, hügelab gehen mußte. Auch kamen Brücken über tiefe Schlünde, Brücken, deren morsches Aussehen beängstigend schien; sodann Steinthore, aus welchen heraus man unmittelbar an einen Abgrund trat, von dem man nur durch eine hölzerne Brüstung oder durch ein unbedeutendes eisernes Gitter getrennt war. Emma hatte sich das Alles viel großartiger und vor Allem viel bequemer gedacht. Es gab da ohne Zweifel sehr hübsche Partien, und an Aussichten auf die Landschaft fehlte es auch nicht, aber an solchen Aussichten sieht man sich schließlich doch sehr bald satt, zumal wenn man kurzsichtig und allein ist. Es war sehr unrecht von Henri, sie vorausreisen zu lassen; warum hatte sie sich mit ihm verlobt, wenn sie sich noch ebenso langweilen sollte, wie vorher? Wie himmlisch mußte es sich in dieser Einsamkeit mit einem hübschen Manne promeniren! Es war grausam von Henri, lieblos! Er konnte sie gar nicht mit der rechten Liebe lieben! So kurze Zeit Emma's Brautstand auch währte, so war ihr dieser Gedanke doch schon ein paar Mal gekommen. Sie sah sein Gesicht jetzt häufiger in unmittelbarer Nähe, und da kamen ihr seine braunen Augen manchmal so kalt vor; auch seine Küsse hätten wohl wärmer sein können. Heirathete er sie wirklich aus Liebe? Oder sie ihn? Ach, wer das so wüßte! Wer doch wirklich und ohne allen Zweifel aus Liebe heirathete, aus Liebe geheirathet würde! Die glückliche Amélie! Gott, was mußte das für eine Liebe sein! Oder hatte sich Walter auch auf eine Erbin Rechnung gemacht und konnte nun blos anstandshalber nicht zurück? Aber diese Gutmanns waren ja alle so wunderlich, so idealistisch! Leo! Was war aus Leo geworden? Wenn sie doch einmal aus Liebe heirathen sollte, weshalb hatte sie denn nicht Leo geheirathet? Er hätte es mit ihrem Gelde gewiß noch weit gebracht, weiter vielleicht als Henri, der Leo nicht so gehaßt haben würde, wenn er nicht so viel Respect vor ihm gehabt hätte. Es war schade, jammerschade um den armen Leo. Emma hatte sich auf die Bank gesetzt und schrieb mit der Spitze ihres Sonnenschirms ein L in den Sand und dann ein E und zog schließlich eine ungeschickte Guirlande um die beiden Buchstaben. Dieses Spiel interessirte sie so, daß sie für die liebliche Aussicht vom Belvedere keine Augen und für das Geräusch sich nähernder Schritte keine Ohren hatte. Sie erschrak deshalb sehr, als in ihrer unmittelbaren Nähe der Sand knirschte und sie, sich umwendend, einen Mann erblickte, der, als er den Platz nicht leer fand, mit einem Gruße vorüber wollte. O, Herr Gutmann! rief Emma, nein, wie charmant, daß ich hier in dieser Einsamkeit einen Menschen treffe, und noch dazu Sie, an den ich eben nur gedacht habe! Ich wollte zu Ihrem Herrn Vater, mit dem ich Wichtiges zu besprechen habe, sagte Walter und verbeugte sich abermals, in der Hoffnung, nun loszukommen. Aber Emma war keineswegs gewillt, den glücklichen Fang so leichten Kaufes fortzulassen. Sie hatte sich freilich nie besonders für Walter, der ihr nicht genug Complimente machte und dessen Neigung für Amélie überdies zu ausgesprochen war, interessirt, aber jetzt, wo er doch, streng genommen, ihr Schwager werden würde, konnte man ihn schon nicht unbeachtet lassen, zumal hier auf dem Lande in diesem stillen Winkel eines einsamen Parkes. So überschüttete sie ihn denn mit Glückwünschen wegen der vortrefflichen Wahl, die er getroffen; Amélie war ein so reizendes, süßes Wesen! Dann fiel ihr ein, daß Walter der Liebling ihres verstorbenen Onkels gewesen und daß die Schicklichkeit erfordere, auch über dieses Thema Einiges zu sagen. Es hat uns Alle so erschüttert! rief sie. Ich wäre am liebsten gleich hierher geeilt; aber man kann der Stimme des Herzens ja nicht immer folgen. Freilich bin ich gewohnt, es zu thun, und habe es auch jetzt wieder bei dem wichtigsten Schritt meines Lebens gethan! Müssen Sie mir das nicht zugeben? Emma blickte Walter mit einem schmachtenden Blick an; Walter, der den tieferen Sinn der Frage nicht verstand, versicherte, nie daran gezweifelt zu haben, und lüftete dann seinen Hut zum dritten Male. O, mein Freund, rief Emma, Sie wollen mich doch nicht hilflos in dieser Einsamkeit lassen? Auch ich muß in das Schloß zurück; Sie sollen mein Führer sein durch dies Labyrinth von Felsenthoren, Grotten und romantischen Lauben. Wer wäre dazu besser im Stande, als gerade Sie? So war Walter gezwungen, denselben Weg, den er neulich mit Amélie gegangen, jetzt mit Emma zurückzulegen; aber Emma schien weder seine düstere Stirn noch seine Schweigsamkeit zu bemerken. Aber, mein Himmel! rief sie plötzlich, wie geht es denn Ihrer Schwester? Nein, wie voll muß mein Kopf in diesen Tagen gewesen sein, daß ich Ihre Schwester ganz vergessen konnte? Wie hat sie es denn getragen? Wo ist sie? Ist sie mit der Tante und Amélie zurückgefahren, oder ist sie noch hier? O, ich muß sie sehen! Sie glauben nicht, wie wir uns in der letzten Zeit gefunden hatten! Bringen Sie mich zu ihr! Sogleich! Sie können mit dem Papa ja noch immer conferiren. Es war das erste Mal, daß Walter mit Jemandem, der ihm im Herzen nicht nahe stand, über Silvia sprechen mußte. Er erwiederte auf Emma's Frage, daß Silvia sich zum Besuch bei seiner Tante auf dem Schloß befinde, zwischen welcher und der übrigen Familie früher einige Differenzen bestanden hätten, die jetzt glücklich ausgeglichen seien. Er sagte das so ruhig als möglich, obgleich ihm das Herz heftig schlug und die Scham, für seine geliebte Schwester lügen zu müssen, ihm das Blut in die Wangen trieb. Glücklicherweise bemerkte Emma die Verwirrung ihres Begleiters ebenso wenig wie die Widersprüche, in die er sich bei der Beantwortung ihrer unzähligen Fragen verwickelte. Sagen Sie mir nur noch das Eine, rief sie, was hat denn Silvia zu dem Schicksale Ihres Vetters Leo gesagt? Ja, was sagen Sie selbst dazu? Ist es nicht schrecklich, daß ein Mann von diesen Talenten, diesen gesellschaftlichen Verbindungen, sich so weit vergessen und mit dem Pöbel fraternisiren konnte? O, ich bin so unglücklich darüber gewesen! Wenn ich mich auch nicht in dem Maße für ihn interessirt habe, wie man mir, höre ich, nachsagt – warum soll ich es Ihnen gegenüber leugnen, daß ich mich für ihn interessirt habe? Ich werde das nie in Abrede stellen, nie, nie! Und Emma blieb stehen und legte zur Betheuerung ihrer Worte die Hand auf's Herz, indem sie dabei Walter mit einem triumphirenden Blick ansah. Ich wundere mich, sagte Walter, daß Sie bei der großen Theilnahme, welche Sie für Leo hegen, so gar nichts von dem Umschwunge wissen, der in seinem Schicksal eingetreten ist. Was sagen Sie? rief Emma in einem Erstaunen, das an Schrecken grenzte. Walter theilte Emma mit, was er über Leo durch Paulus und durch die Zeitung wußte, die heute Morgen gekommen war und des Doctors Nachrichten vollständig bestätigt hatte. Und seit wann ist dies? fragte Emma. Walter nannte ihr den Tag, an welchem nach seiner Berechnung Leo aus dem Gefängnisse entlassen war. Das ist ja mein Verlobungstag! rief Emma, und Sie sagen, daß Leo noch an demselben Abend im Hause des Generals eine Zusammenkunft mit dem Könige gehabt hat? So hörte ich von Miß Jones. Es ist abscheulich! rief Emma in größter Aufregung; es ist abscheulich! Man hat es mir geflissentlich verschwiegen. Warum hat man es mir verschwiegen? Walter zuckte die Achseln. Ich will es Ihnen sagen, rief Emma mit flammenden Augen und brennenden Wangen, weil – Sie stockte, da ihr plötzlich einfiel, daß sie doch unmöglich Waltern, der ihr im Ganzen so fremd war, den vermuthlichen Grund nennen konnte, weshalb man ihr dies Alles nicht mitgetheilt hatte. Ein paar Momente stand sie verlegen da und fing dann – einem Kinde gleich, dem man mit List ein gefährliches Spielzeug entwendet hat – heftig zu weinen an. Walter gerieth bei diesem seltsamen Benehmen Emma's selbst in Verlegenheit. Er wünschte sehr, einer Scene, die ihm so wider seinen Willen die Rolle eines Vertrauten aufdrängen zu wollen schien, ein Ende zu machen. Glücklicherweise für ihn traten sie eben in unmittelbarer Nähe des Schlosses aus den Büschen heraus auf den freien Platz. Emma, die noch immer das Tuch vor den Augen gehabt hatte, blieb stehen und bat Walter, wenn er sie doch jetzt verlassen müsse, über Alles, was er von ihr gesehen und gehört, die strengste Verschwiegenheit zu beobachten. Walter mußte ihr darauf die Hand geben; endlich gelang es ihm, sich loszumachen. Er eilte nach dem Schlosse, während Emma sich dem Schlosse gegenüber unter einer schönen Buche auf eine Bank setzte, um über die merkwürdigen Mittheilungen, die ihr Walter gemacht hatte, weiter nachzudenken. Vierundzwanzigstes Capitel. Walter traf Herrn von Sonnenstein, als dieser eben eine Depesche, in welcher Leo aufgefordert wurde, ungesäumt zu kommen, nach der Residenz expedirt hatte. Es war ihm nicht leicht geworden, diesen Entschluß zu fassen, und seine Nerven hatten sich noch nicht ganz beruhigt, als Walter gemeldet wurde. Er fuhr sich mit der Hand schnell über die dunklen Augenbrauen und streckte die Rechte mit dem freundlichsten Lächeln seinem Besucher entgegen. Er sei eben im Begriffe gewesen, Herrn Gutmann um eine Unterredung bitten zu lassen; es sei so liebenswürdig von Herrn Gutmann, daß er ihm zuvorgekommen sei. Ob Herr Gutmann schon gefrühstückt habe? Ob Herrn Gutmann eine Cigarre gefällig sei? Walter lehnte diese Anerbietungen ab; er trug kein Verlangen nach Beweisen der Gastfreundschaft von Seiten des neuen Herrn. Ja, es war ein neuer Herr jetzt auf Schloß Tuchheim; und in Walter's Herz regte sich eine Bitterkeit, als er den schmächtigen Mann mit den dunklen Brauen, den unruhig blickenden Augen und den lebhaften Gesticulationen verglich mit der hohen, stattlichen Gestalt des verstorbenen Freiherrn, wie er hier in diesem Saale dem Knaben, dem Jüngling so oft in freundlicher Würde entgegengetreten war. Zwischen den Beiden hatte jahrelang ein Kampf stattgefunden, der jetzt entschieden war – entschieden zu Gunsten des schlechteren Mannes; und der schlechtere Mann reckte sich jetzt behaglich in dem Lehnsessel, und der Gegner schlief auf dem Kirchhofe den Todesschlaf, die Hände gekreuzt über der Stelle, wo die tödtliche Kugel in seine Brust geschlagen war. Nicht ohne Mühe gelang es Walter, diese trüben Gedanken so weit zu verscheuchen, um den Auseinandersetzungen des Bankiers, der jetzt von den Geschäften zu sprechen angefangen hatte, folgen zu können. Herr von Sonnenstein gab Walter eine Uebersicht des Verhältnisses, welches anfänglich zwischen ihm und dem Freiherrn bestanden hatte, um dann im Laufe der Jahre die verschiedensten Phasen durchzumachen und sich schließlich so zu gestalten, wie es in dem Momente war, als der Freiherr aus der Compagnonschaft und zugleich aus dem Leben schied. Es war eine lange Auseinandersetzung mit sehr viel mehr großen Zahlen, als Walter zu behalten und im Kopfe zu verrechnen irgend im Stande war. Sie sehen, sagte der Bankier, wie sehr, wie ganz ich während dieser Jahre in meinem Rechte war, ja, welch große, unter andern Umständen unmögliche und unter allen Umständen sehr ungeschäftsmäßige Langmuth ich gehabt habe. Fern sei es von mir, dem Verstorbenen auch nur ein liebloses Wort in das Grab nachzurufen. Aber der gänzliche, ich kann wohl sagen, tragische Mangel an geschäftlicher Einsicht, der alle seine Maßnahmen kennzeichnet, ist zu evident, um sich nicht selbst anzuklagen. Es ist wahrlich nicht meine Schuld, wenn Alles nun so gekommen ist. Ich habe das nicht behauptet, Herr von Sonnenstein, erwiederte Walter, wie es denn auch eigentlich nicht meine Absicht war, unsere Unterredung sich über Dinge verbreiten zu lassen, die Sie mit unserem Anwalt gewiß zu Ihrer viel größeren Zufriedenheit und in viel kürzerer Frist erledigen würden. Was mich zu Ihnen führt, ist ein ganz bestimmter Auftrag, von dem Fräulein Charlotte wohl nicht ohne Grund annimmt, daß ich denselben besser ausrichten würde, als ein Geschäftsmann. Und worin bestände derselbe? sagte Herr von Sonnenstein; seien Sie überzeugt, daß, was in meinen Kräften steht, den Damen zu dienen, von Herzen gern geschehen soll. Verzeihen Sie, sagte Walter, es handelt sich um keine Bitte, es ist vielmehr ein Anerbieten, das ich Ihnen von Seiten meiner Auftraggeberin zu machen habe. Sie haben sich geneigt erklärt, wenn Fräulein Amélie zurücktritt, Henri von Tuchheim die Erbschaft antreten zu lassen, das heißt, wenn ich nicht irre, Henri durch Ihr Geld in den Stand zu setzen, die Gläubiger seines Vaters zu befriedigen. Unser Anwalt räth uns, diesen Weg, als den kürzesten, nebenbei auch billigsten, einzuschlagen; Sie würden später, meinte er, mit den Gläubigern accordiren, und wie der Accord ausfalle, sei ja dann Ihre und der Gläubiger Sache. Fräulein Charlotte nun ist im Ganzen mit dem Arrangement einverstanden – Und sie darf es sein, unterbrach Herr von Sonnenstein eifrig. Auch Amélie darf es sein und Sie selbst, mein werther Herr! Sie haben dann mit der ganzen leidigen Geschichte nichts weiter zu thun, und das hübsche kleine Vermögen meiner Schwägerin bleibt Ihnen unter allen Umständen. Gerade dieses Vermögens wegen bin ich hier, sagte Walter. Fräulein Charlotte ist nicht im Stande, dieses Vermögen als das ihre zu betrachten, so lange noch Schulden ihres verstorbenen Bruders abzutragen sind. Sie beklagt nur, daß sie selbst durch Hingabe dieses Vermögens nicht im Stande sein wird, alle Schulden bis auf den letzten Rest zu tilgen; unter allen Umständen wünscht sie, daß dasselbe den Gläubigern zugute komme. Herr von Sonnenstein blickte Walter mit einer Miene an, die deutlich verrieth, daß er seinen Ohren nicht recht traue. Mein werther Herr, sagte er langsam. Sie überraschen mich auf das Aeußerste. Doch bitte, sprechen Sie aus. Sie wollten hinzufügen, daß Sie, als der künftige Gemahl der voraussichtlichen Erbin Fräulein Charlotten's – Der Ansicht Fräulein Charlotten's bin. In der That? sagte Herr von Sonnenstein. Bis auf einen Punkt. Und der wäre? Mein Vater hat noch wenige Tage vor dem Ableben des Freiherrn, um diesem eine durch die Verluste bei dem Kohlenbergwerk nöthig gewordene Abzahlung von circa zehntausend Thalern zu ermöglichen, sein Vermögen in etwa diesem Betrage liquidirt und ohne Wissen des Freiherrn für Rechnung desselben an den Anwalt Hellfeld ausgezahlt. Mein Vater hat nie auf Rückerstattung des Geldes gehofft und würde es nur auf den ganz bestimmten Wunsch des Fräuleins, und auch dann nur mit schwerem Herzen, sich zurückerstatten lassen. Ich stimme in dieser Sache vollkommen meinem Vater bei; aber Fräulein Charlotte ist anderer Ansicht und besteht darauf, daß ich an des Vaters Stelle das Geld annehme. Ich habe mich, weil ich mich überzeugte, daß eine Weigerung meinerseits die von mir so hochverehrte Dame auf's Tiefste betrüben würde – ich muß es aussprechen: mit einem innerlichen Widerstreben, das ich zu unterdrücken bis jetzt wenigstens nicht im Stande war – zur Annahme desselben bereit erklärt. Um des Bankiers Lippen zuckte jetzt, als Walter nach seinem Hute griff, ein blitzschnelles Lächeln. Der Entschluß Charlotten's war ihm als eine ungeheure Extravaganz erschienen, der Opfermuth des Försters als eine Donquixoterie, die Zurücknahme der letzten zehntausend Thaler war ihm ein erstes Symptom, daß er es nicht mit lauter Verrückten zu thun, daß wenigstens Walter in dieser Gesellschaft thörichter Menschen sich einen Rest gesunden Menschenverstandes bewahrt habe. Daß der Gedanke, sich und seiner zukünftigen Gattin dieses Geld zu retten, von Walter ausgegangen, und der Widerwille, mit welchem er sich dem Wunsche Charlotten's fügte, nur eine Maske sei – daran zweifelte Herr von Sonnenstein natürlich keinen Augenblick. Wann gedenken sie abzureisen? fragte er, als er Walter mit großer Höflichkeit bis an die Thür begleitet hatte. Heute Abend noch. O, das ist ja schade! Ich komme dann um das Vergnügen, Sie mit Ihrem Herrn Vetter zusammen bei mir zu sehen. Ich erwarte ihn heute, spätestens morgen. Wir haben wichtige Geschäfte mit einander abzumachen, sagte Herr von Sonnenstein, die Frage, die auf Walter's Gesicht geschrieben stand, vorweg beantwortend. In diesem Falle würde ich meine Abreise noch einen Tag aufschieben, sagte Walter; auch ich wünschte mit meinem Vetter in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen; mein erster Gang in der Residenz würde ihm gegolten haben. Das trifft sich ja herrlich, sagte der Bankier; also auf Wiedersehen! Als Walter aus dem Schlosse trat, sah er Emma noch immer unter der Buche sitzen. Sie mußte ihn erwartet haben, denn er hatte sich kaum blicken lassen, als sie sich auch bereits erhob und, schon von ferne mit dem Sonnenschirm winkend, auf ihn zukam. Ich habe Ihrer mit Sehnsucht geharrt, rief sie, Sie müssen mir noch ein paar Augenblicke schenken; ich bin in Verzweiflung. Weswegen? fragte Walter, für den die Aussicht auf eine abermalige lange Unterredung mit Fräulein von Sonnenstein nichts Anziehendes hatte. Sie sind ein Dichter, fuhr Emma sehr erregt fort; Ihr Dichter seid geneigt, die gewöhnlichsten Ereignisse des Lebens in einem phantastischen Dämmerlichte zu sehen; wie muß ich nun vorhin Ihnen in der Ueberraschung, mit welcher mich Ihre Nachrichten erfüllten, erschienen sein? Ich schaudere, wenn ich denke, welche abenteuerliche Auslegung Ihre Dichterphantasie meinem Benehmen geben wird. Walter wußte allerdings nicht, wie er es verstehen sollte, daß man Emma über Leo's Schicksal bis auf diesen Augenblick in Unkenntniß gelassen hatte. Wenn sie sich, wie aus Allem hervorging, so lebhaft für ihn interessirte, wie konnte man ihn denn hierher einladen? Aber er hatte keine Lust, sich mit diesen Fragen den Kopf zu beschweren, und er begnügte sich deshalb, zu antworten, daß er sich bemühen werde, das Einfachste und Schicklichste anzunehmen. Emma war damit nicht zufrieden; das sei eine diplomatische Phrase, die sie dem Dichter nicht zugetraut hätte. Giebt es denn keine Treue, keinen Glauben! rief sie; keine Seelenreinheit und Herzenseinfalt, selbst bei Euch Dichtern nicht! Und doch wollte ich Sie gerade bitten, einen Auftrag von mir an Ihren Herrn Vetter mitzunehmen, den ich allerdings nur dem Dichter anvertrauen könnte. Ich fühle tief die Ehre, die Sie mir erweisen, entgegnete Walter, indessen bedarf es, so viel ich sehen kann, zwischen Ihnen und meinem Vetter eines Vermittlers ganz und gar nicht, da Leo, wenn ich Ihren Herrn Vater recht verstanden habe, heute oder spätestens morgen hier eintreffen wird. Walter zog den Hut, verbeugte sich und ging, Emma in maßlosem Erstaunen zurücklassend. Herr von Sonnenstein überlegte eben, wie er wohl Emma am schicklichsten auf Leo's Besuch vorbereiten könnte, als diese, in Thränen aufgelöst, in den Salon stürzte und sich ihm gegenüber in einen der Fauteuils warf. Der Bankier war äußerst erschrocken, seine Tochter in diesem Zustande zu sehen, und bemühte sich, die Ursache zu erfahren. Es dauerte indessen ziemlich lange, bis er aus Emma's Schluchzen und abgebrochenen Klagen heraushörte, was sie so fassungslos gemacht hatte. Ihr habt mich verrathen! rief sie. Ihr habt mir meine erste Liebe gestohlen; Ihr habt mir meinen Liebesfrühling gestohlen! Aber, Emma, sei doch nicht albern! rief Herr von Sonnenstein, Du hast schon zehnmal auf dem Punkte gestanden, zu heirathen, bevor es Dir einfiel, Dich in den Doctor zu verlieben. Du bist grausam, Papa! Du bist ein Barbar, Papa! schluchzte Emma. Der Bankier war in einer peinlichen Lage; er hatte nicht gedacht, daß Emma so schwer über die Sache wegkommen werde; er hatte geglaubt, daß sie Henri, wenn auch nicht eben liebe, so doch gern habe, und daß sie in ihrer Weise glücklich mit ihm sein werde. Ich schwöre Dir, Emma, rief er, daß ich, als Du Dich mit Henri verlobtest, von dem, was dem Doctor bevorstand, keine Ahnung gehabt habe. Aber Henri hat es gewußt, rief Emma. Das weiß ich nicht, ich glaube es nicht, sagte der Bankier. Ich glaube es aber; ich weiß es aber! rief Emma; denkt Ihr denn, daß ich blind bin? Walter hat mir gesagt, daß Leo noch am Abend desselben Tages bei dem General gewesen ist; und ich weiß doch, daß der General kurz vorher, ehe Henri zu mir auf's Zimmer kam, bei Dir war und mit Henri in Deinem Zimmer allein gesprochen hat. Worüber hat er mit ihm gesprochen? Der Bankier zuckte die Achseln; er hatte nicht den Muth, Henri in Schutz zu nehmen; er selbst hielt es jetzt für sehr wahrscheinlich, daß Henri von dem General eine Andeutung in Betreff Leo's erhalten und diesen günstigen Moment mit Klugheit und Muth für seine Zwecke ausgebeutet habe. Das ganze Manöver war zu sehr in Henri's Geist und Charakter: und warum sollte Jemand eine glückliche Conjunctur nicht benutzen, um ein wichtiges Geschäft abzuschließen? Aber ich will nicht seine Frau werden! rief Emma; ich werde es ihm sagen, wenn er kommt, in Leo's Gegenwart werde ich es ihm sagen; ja, in Leo's Gegenwart, den er noch im letzten Augenblicke verleumdet hat. Herr von Sonnenstein fing an zu fürchten, daß Emma in ihrer Aufregung wirklich die Thorheit, die sie in Aussicht stellte, begehen könnte. Er nahm ihren Arm und führte die noch immer Weinende langsam in dem großen Gemache auf und ab, ihr dabei mit dem freundlichen Ernst, den er für die Gelegenheit passend hielt, zuredend. Sieh', liebes Kind, sagte er. Du verkennst mich in diesem Augenblick, verkennst mich ganz und gar. Du hältst mich für einen harten Egoisten, der nichts nach dem Glücke seiner Kinder fragt. Gerade das Gegentheil ist der Fall. Für wen arbeite ich, für wen sorge ich, für wen liege ich des Nachts stundenlang schlaflos in meinem Bett, rechnend und rechnend – wenn nicht für Euch, meine Kinder? Sieh', Emma, es ist jetzt gerade hundert Jahre her, da wanderte eines Morgens an einem Herbsttage in das Thor hinein ein armer Jude, der nichts sein nannte, als das Bündelchen, das er auf dem Rücken trug. Der arme Jude, Emma, war Dein Urgroßvater. Er war bis zum Tode erschöpft von der langen Wanderschaft, und so hatte er sich auf den Eckstein vor dem Wachlocal gesetzt, während der Unterofficier seine Papiere revidirte und die Soldaten und die Straßenjungen um ihn her standen und ihn hänselten. Auf den Stein, auf dem er saß, schien gerade die Sonne, so daß derselbe sich ordentlich warm anfühlte. Das that dem armen Juden wohl, und er dachte: Der Stein ist barmherziger, als die Menschen; nun willst Du aber auch so hart sein wie dieser Stein und von Deiner Wärme nur geben, wer es verdient. Das Wort hat er sich gehalten, der arme Jude, und er ist hernach ein wohlhabender Jude geworden und hat sich in Erinnerung jener Stunde Sonnenstein genannt, da er früher Manasse hieß. – Warum ich Dir die Geschichte jetzt erzähle, mein Kind? Damit Du weißt, was meine Handlungsweise im Leben bestimmt hat und noch bestimmt: der Wunsch, daß die Kindeskinder jenes armen Juden so reich und mächtig seien, als er selber in jenem Augenblicke, wo er gebrochen auf dem Eckstein saß und die Straßenjungen ihn verhöhnten, arm und ohnmächtig gewesen ist. Ist mein Wunsch nicht zum größten Theil in Erfüllung gegangen? Mein Vater war bereits ein reicher Mann, als er Christ wurde und der König ihn adelte; aber ein getaufter und geadelter Jude ist noch immer ein Gegenstand des Spottes, und so ist es mein Vater gewesen, trotz seines Christenthums und des Wappens auf der Wagenthür. Wenn man sein Geld brauchte, machte man ihm Reverenzen und sagte ihm die schönsten Dinge; hinter seinem Rücken aber zuckte man die Achseln, und auf der Gasse riefen die Jungen ihr Hep! Hep! hinter ihm her! Ich hab's selbst noch gehört mit diesen meinen Ohren und habe mir den Schwur des Großvaters erneuert. Das hat mir Segen gebracht und Euch. Ich bin noch einmal so reich, als mein Vater war, den verschiedenen Werth des Geldes von damals und heute mitgerechnet; und ein Freiherr hat mir seine Tochter zur Frau gegeben. Ihr habt altadeliges Blut in Euren Adern, Eure Stellung in der Gesellschaft ist eine ganz andere als die meine war. Ich habe von Jugend auf in dem Comptoir meines Vaters gesessen und gearbeitet, wie ich jetzt noch arbeite; Alfred weiß nicht, was Arbeit ist; es ist mein Stolz, daß er's nicht zu wissen braucht, daß er seinem Vergnügen leben kann, wie irgend ein Cavalier. Ich habe nie eine Karte in der Hand gehabt, Alfred hat schon mehr im Spiel verloren, als zehn solcher adeligen Hungerleider zusammengenommen werth sind. Es ist mein Stolz! Nun kommst Du, meine Emma, meine kluge, schöne Tochter! Dir hatte ich von vornherein eine vornehme Heirath zugedacht, aber ich habe Dich nie gedrängt, ich wollte, daß Deine Wünsche mit den meinen zusammenfielen. Darum, als Du Dich mit Henri verlobtest, habe ich Ja und Amen gesagt. Nein, laß mich ausreden, meine Tochter. Henri ist ein Mann, wie wir ihn brauchen. Besser und älter als sein Adel ist keiner im Lande, und Henri ist klug und energisch. Er kann es noch weit bringen, aber nicht ohne uns; wohin er auch kommt, er muß uns mitnehmen, und wenn er es bis zum Ministerpräsidenten bringt – und ich möchte schwören, daß er es dahin bringt – nun, meine Tochter, so bist Du doch die Frau Ministerpräsidentin, und ich bin Finanzminister. Ich sage Dir, meine Tochter, es ist ein gut Geschäft mit dem Adel zu machen, wie die Sachen jetzt liegen; ich will eine Million in dem Papier anlegen. Warum aber hast Du denn den Leo so protegirt? fragte Emma, die schon lange nicht mehr weinte. Des Bankiers Augenbrauen zogen sich zusammen. Ich habe es mit dem Leo gehalten, sagte er, wie mit einem geistreichen Erfinder. Der Mann wird vielleicht, oder sehr wahrscheinlich nichts Gescheidtes zu Stande bringen, aber, Gott, weshalb soll man ihn nicht unterstützen, wenn man ein reicher Mann ist? Aber Walter sagt ja, daß er jetzt höher und fester steht, als je vorher; und daß Du ihn hierher eingeladen hast, ist ja der beste Beweis dafür. Hm! sagte der Bankier, daß er höher steht, ist nicht zu leugnen, aber fester? Ich sehe nichts von Festigkeit, im Gegentheil, mir scheint, daß er sehr leicht viel tiefer fallen kann, als er hoch gestiegen ist. Das aber kann mich nicht hindern, eine glückliche Conjunctur auszubeuten. Verlaß Dich auf mich, mein Kind, wie ich mich auf Dich verlasse. Auch Henri wird einsehen, daß ich richtig calculire, wenn ich die Hand, die mir der Doctor bietet, nicht zurückweise. Sieht er es nicht ein, nun, meine Tochter! Alles, was Du hier erblickst, ist jetzt mein, so gut wie mein. Henri von Tuchheim ist jetzt nicht mehr Herr in diesem Hause, ich bin der Herr, und Henri wird sich glücklich schätzen, wenn er es mit dieser allerliebsten kleinen Frau zurückerhält. Herr von Sonnenstein lächelte und küßte seiner Tochter galant die Hand; Emma lächelte ebenfalls. Die Rede des Vaters, besonders die Geschichte von dem Urgroßvater auf dem Stein, hatte einen großen Eindruck auf sie gemacht. Sie fand die Geschichte sehr poetisch; auf der anderen Seite war ihr die praktische Moral, die der Vater daraus gezogen, durchaus verständlich gewesen. Besonders freute es sie aber, von ihrem Vater bestätigt zu hören, daß sie die Herrin auf Schloß Tuchheim sei. War sie die Herrin, nun gut, so durfte sie es auch gelegentlich fühlen lassen, und behielt sie das im Auge, so war ein Zusammentreffen der Nebenbuhler, von denen der Eine nun ihr erklärter Bräutigam war, und der Andere vielleicht ihr bevorzugter Freund werden konnte, im Grunde mehr ergötzlich als tragisch. Emma kam über diese Betrachtungen in die beste Laune. Von dem gestohlenen Liebesfrühling war im weiteren Verlaufe der Unterhaltung nicht mehr die Rede. Eine Viertelstunde später ging sie mit der alten Haushälterin nach dem oberen Stock, um sich selbst zu überzeugen, daß die Zimmer für die erwarteten Herren in Bereitschaft seien. Noblesse oblige , sagte sich Emma dabei, wenn man einmal châtelaine ist, muß man es ganz sein. In der Stadt kann man dergleichen den Leuten überlassen; hier auf dem Lande muß man selbst nach dem Rechten sehen. Sie stand an einem der hohen Flurfenster und blickte auf die Bäume des Parkes, deren junges Laub in der Mittagssonne glänzte, und über den Parkweg in die liebliche Landschaft. In diesem Augenblicke fuhr ein Wagen schnell vor dem Schlosse vor. Emma hatte nicht mehr sehen können, wer darin saß. Sollte es schon Leo sein? Ihr Herz fing heftig an zu schlagen; sie lauschte mit verhaltenem Athem in das Haus hinein, wo jetzt auf dem unteren Flur Männerstimmen ertönten. Emma athmete tief auf, und die Enttäuschung prägte sich deutlich auf ihrem Gesichte aus. Es ist nur Henri und Alfred, sagte sie; die man am wenigsten will, kommen immer zuerst. Fünfundzwanzigstes Capitel. Hast Du ihm schon gesagt, daß Du Leo erwartest? fragte Emma ihren Vater, sobald sie Gelegenheit fand, ihm diese Worte ungehört von den Andern zuzuflüstern. Der Bankier schüttelte den Kopf. Ich weiß ja noch gar nicht, ob er kommt, sagte er. Desto besser! erwiederte Emma. Von den beiden Herren war keiner in besonders guter Laune angekommen. Alfred war es gar nicht genehm gewesen, gerade jetzt die Stadt zu verlassen; in Henri erweckte das Wiedersehen seiner Heimath nach so langer Zeit – er war, seitdem er damals vor acht Jahren zusammen mit Walter in die Residenz gezogen, nicht wieder hier gewesen – die verschiedensten Empfindungen. Er hatte seinen Vater – in der letzten Zeit wenigstens – gehaßt; aber dieses Schloß war nicht blos sein Vaterhaus – es war das Haus seiner Väter. Und als diese selbe Stelle, wo jetzt das alte Herrenhaus lag, eine feste Burg mit weiten, die ganze Kuppe des Berges umfassenden Ringmauern krönte, hatten auch die Tuchheims da gesessen. So weit die Erinnerung alter Chroniken zurückreichte, hatten die Tuchheims in diesen Wäldern, diesen Bergen die Herrschaft und die Obmacht gehabt. Und wenn der junge Mann nur zu gut wußte, daß, wie die Sachen nun einmal lagen, die Verbindung mit seiner Cousine ein ganz besonderer Glücksfall war, so konnte er es Emma durchaus nicht vergeben, daß er ihr die Wiedereinsetzung in das Erbe seiner Väter verdanken sollte, um so weniger vergeben, als der geringe Rest von Zuneigung, die er früher allenfalls für sie gehabt hatte, jetzt einer entschiedenen Abneigung gewichen war. Er fand sie mit ihren Prätensionen abgeschmackt und lächerlich; er sagte sich, daß sie nicht einmal jetzt schön sei und in wenigen Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach geradezu unschön sein werde; die Röthe des Zornes stieg ihm in die Stirn, wenn er sich an der Seite einer kleinen, übermäßig corpulenten, wegen ihrer Albernheit verrufenen Frau in den Salons der Minister, an dem Hofe des Prinzen dachte. Die Unterredung, die er noch vor Tische mit seinem Schwiegervater hatte, trug nicht dazu bei, seine Laune zu verbessern. Wenn auf der einen Seite das vorgeschlagene Arrangement die Erbschaftsangelegenheit sehr vereinfachte, so gab es ihn auf der anderen Seite ganz in des Bankiers Hände, und Sonnenstein zeigte sich keineswegs geneigt, auf irgend welche Rechte, die ihm aus dieser Lage flossen, großmüthig zu verzichten. Er schlug sogar wiederholt einen Ton an, der deutlich genug verrieth, daß er sich als Herrn der Situation fühlte. Besonders war dies der Fall, als auf die Fabriken die Rede kam. Ich kann nicht verlangen, lieber Henri, sagte der Bankier endlich, daß Du Dich zu meiner Ansicht bekehrst; aber ebenso wenig kannst Du von mir verlangen, daß ich gegen meine Ueberzeugung nach Deinen Wünschen handle. Und so sage ich Dir denn, daß ich die Fabriken verkaufen werde, sobald ich einen guten Käufer finde; ja, ich will Dir noch mehr sagen, ich habe bereits Jemanden in petto , und nun laß uns zu Tische gehen. Emma erschien bei Tische in einem hellen, einfachen Sommerkleide und mit natürlichen Blumen im Haar. Sie sah hübsch aus und war sehr munter; aber ihre Munterkeit war gar nicht nach Henri's Geschmack. Sie hatte sich vorgenommen, Henri wegen seiner Eifersucht – wie sie es nannte – zu strafen, und glaubte dies am besten durch Anspielungen auf Leo zu können, die sie indessen so zu halten gedachte, daß er möglichst lange darüber im Unklaren blieb, ob sie über Leo's jüngste Schicksale unterrichtet sei oder nicht. Henri wußte gar nicht, worauf ihre wunderlichen Reden gingen, und es wurde ihm deshalb sehr leicht, sich nicht getroffen zu fühlen. Seine Gleichgiltigkeit beleidigte nun wieder Emma, die nicht anders glaubte, als daß er die Mißachtung gegen sie so weit treibe, sie nicht verstehen zu wollen; sie sagte ihm das schließlich gerade heraus. Verzeihe, liebe Emma, entgegnete Henri, aber wie unschuldig ich bin, kannst Du am besten daraus sehen, daß ich selbst jetzt, nachdem Du mich von Deiner gutherzigen Absicht unterrichtet hast, noch immer keine Ahnung habe, was Du eigentlich willst. Seine Karten verdeckt spielen, heißt doch nicht leere Blätter anstatt der Karten auf den Tisch legen. Wo von Karten die Rede ist, muß ich Dir allerdings den Vorzug der größeren Erfahrung einräumen, erwiederte Emma. Erkläre Deiner Schwester doch, was man tertium comparationis nennt, sagte Henri zu Alfred. Ich dächte, Ihr machtet das unter Euch ab, sagte Alfred, nachlässig die Schaumperlen in seinem Champagner betrachtend. Vielleicht hält Henri es nicht der Mühe werth, sich selbst für die Erweiterung meiner Kenntnisse zu bemühen, sagte Emma, ebenfalls zu Alfred gewendet. Ich kann Dir nur wiederholen, was ich schon zu Henri gesagt habe, brummte Alfred. Aber Kinder – sagte Herr von Sonnenstein. Nein, nein, Papa, rief Emma, die ein verächtliches Lächeln, welches sie um Henri's Lippen spielen zu sehen glaubte, vollends außer sich gebracht hatte; laß ihn mich nur quälen, ich verdiene es für die Thorheit, mein Schicksal an einen Mann zu fesseln, der mich nicht liebt. Das alte Lied, liebe Emma! sagte Henri achselzuckend. Ich bin nicht Deine liebe Emma! rief die junge Dame, deren Zorn ihres Verlobten Kaltblütigkeit immer mehr entflammte; ich war blos Deine liebe Emma, so lange ich Dir kein Recht gegeben hatte, mich zu quälen, und war vermuthlich schon damals Deine liebe Emma so wenig, als ein Gewisser, den ich nicht nennen will, jemals der schlechte Mann gewesen ist, zu dem ihn ein gewisser Anderer aus gewissen Gründen machen wollte. Nun endlich! rief Henri; warum hast Du es denn nicht gleich gesagt, daß Du von dem Schwindler sprichst? Herr von Sonnenstein hatte Emma wiederholt Zeichen mit den Augen gemacht, aber Emma hatte weder Zeit noch Lust, an irgend etwas Anderes, als an die Kränkungen, die sie erfahren hatte, zu denken. Das Taschentuch, in das sie eben ihre Thränen geweint, mußte ihr jetzt dienen, ein hysterisches Lachen zu verbergen, und zwischen Weinen und Lachen rief sie: O, das trifft sich ja ganz herrlich! Nicht wahr, Papa? Sich so nennen zu hören, noch dazu von Henri selbst, wird Leo so freuen, wenn er heute Abend oder morgen kommt. Was heißt dies? fragte Henri kurz und scharf. Das sarkastische Lächeln, welches bisher unausgesetzt seine Lippen umspielt hatte, verschwand mit einemmale; er warf einen finsteren Blick auf Herrn von Sonnenstein. Der Bankier fühlte sein Herz schlagen, und die Flasche, aus welcher er sich eben einschenkte, tickte ein paarmal leicht gegen das Glas; aber er überwand diese unzeitige Erregung und sagte, während er sich bemühte, möglichst unbefangen auszusehen und zu sprechen: Ich bedauere, lieber Henri, vorhin, als wir über die Fabriken sprachen, Dir nicht auch gleich den Namen des Käufers genannt zu haben. Es ist kein Geringerer, als Seine Majestät selbst: denn Doctor Gutmann, der mir heute früh sein Kommen mit einem der nächsten Züge zugesagt hatte, ist eben nur der Agent des Königs. Du wirst mir erlassen, mich in diesem Augenblicke – hier blickte der Bankier nach dem Bedienten, der eben mit dem Dessert wieder in den Speisesaal getreten war – ausführlicher über die Angelegenheit zu verbreiten. Henri verneigte sich und fing alsbald an, von dem herrlichen Wetter zu sprechen und von den Aussichten der diesjährigen Ernte. Der Bankier ging auf ein Thema, das ihn als Börsenmann und zukünftigen Gutsbesitzer doppelt interessirte, sogleich ein; auch Emma glaubte in ihrer Eigenschaft als » châtelaine «, und weil sie fühlte, daß sie wieder einmal nach ihrer Gewohnheit viel zu weit gegangen war, mitreden zu müssen; nur Alfred hatte es kein Hehl, daß er wenig Geschmack an dieser Unterhaltung finde, und bat, daß man die Tafel aufheben möge. Bist Du mir noch bös? sagte Emma schmeichelnd, als man sich gesegnete Mahlzeit wünschte. Wie kann man der Liebenswürdigkeit selbst böse sein? erwiederte Henri, indem er ihre Hand an seine Lippen zog. Herr von Sonnenstein's Augen ruhten mit Befriedigung auf dem Paare. Er tappte Henri auf die Schulter und sagte: Wir wollen in der Veranda eine Cigarre rauchen, Henri; Alfred und Emma mögen unterdessen einen hübschen Platz zum Kaffee aussuchen. Ich habe den ernstlichen Willen, mit Dir gute Freundschaft zu halten, fuhr der Bankier fort, als sie aus dem Speisesaal in die Veranda traten; hätte ich diesen Willen nicht gehabt, würde ich nicht meine Einwilligung zu Eurer Verbindung gegeben haben. Nun aber, Henri, liegt es an Dir, zu zeigen, daß Du nicht minder freundlich gegen mich gesinnt bist. Mein Gott, ich kann mir denken, daß es Dich verdrießt, wenn Emma, die nun einmal ein phantastisches Ding ist, eine Phantasie, mit der sie lange getändelt hat, nicht so bald los werden kann; aber was gehen denn uns Männer schließlich dergleichen Albernheiten an! Mit Kindern und Frauen muß man Geduld haben. Ich habe mit Emma's Mutter, Deiner Tante, auch Geduld haben müssen. Sie hatte natürlich ihre Jugendliebe gehabt, wie alle Mädchen, und mit solcher Jugendliebe tragen sich denn die jungen Dinger wer weiß wie lange; aber ich habe ihr deshalb keine Scene gespielt und am allerwenigsten die Eifersucht in meine Geschäftsangelegenheiten hineinreden lassen. Und so, lieber Henri – Du bist mir nicht bös, wenn ich ganz offen spreche – würdest Du ein Thor sein, wenn Du aus Widerwillen gegen den Doctor ein Geschäft von der Hand weisen wolltest, das glänzend zu werden verspricht. Ich begreife Dich nicht. Emma ist Dein; von ihren kindischen Reden stirbst Du nicht; und wenn Du mit dem Doctor noch eine Rechnung auszugleichen hast, so ist hier eine Gelegenheit, wie sie so bald nicht wiederkommt. Wir brauchen jetzt Geld, viel Geld, um die Güter frei zu machen; ich bin, wie Du weißt, nach allen Seiten hin stark engagirt. Für die Fabriken kommt eine schlechte Zeit, verlaß Dich auf mich; was können wir Besseres thun, als sie loszuschlagen, wenn wir, wie jetzt, die größten Chancen haben, sie binnen Jahresfrist vielleicht für den halben Preis wiederkaufen zu können? Weshalb meinst Du denn, daß Leo den König bestimmt hat, die Fabriken zu kaufen? Doch nur, damit er seine socialistischen Experimente daran machen kann. Ich sehe, was kommen wird, so deutlich, als ob es hier in meiner Hand geschrieben stände. Der Bankier blies eine große Wolke aus seiner Cigarre; je länger er über die Sache nachdachte, desto lockender erschien sie ihm. Er setzte sich auf einen Schaukelstuhl, der in der Veranda stand, und wiegte sich ein paarmal hin und her, erhob sich aber alsbald wieder. Der Stuhl ist nicht bequem, Henri! Auch die Stühle im Speisesaale waren unbequem und nichts weniger als geschmackvoll; wir werden das ganze Schloß neu möbliren lassen müssen, der König soll es uns möbliren und tapezieren dazu! Herr von Sonnenstein lachte; er war in der besten Laune. Emma kam über den Rasenplatz daher in einem etwas unregelmäßigen Gang, der ein Hüpfen sein sollte, schon von weitem rufend: Wir haben einen so reizenden Platz gefunden, Papa! Eine wahre Idylle von einem Platz! Gutes Ding! murmelte Herr von Sonnenstein; man kann ihr nicht bös sein, nicht wahr, Henri? Henri antwortete nicht, reichte aber seiner Braut den Arm und erwiederte den leisen Druck und, so gut es gehen wollte, auch den zärtlichen Blick, mit welchem Emma zu verstehen gab, daß sie geneigt sei, das Vergangene vergangen sein zu lassen und sich der Gegenwart zu freuen. Emma war zu diesem Entschluß in Folge einer interessanten Mittheilung gekommen, die ihr, während der Vater und Henri in der Veranda auf und ab spazierten, Alfred in seiner nachlässigen Weise gemacht hatte. Du bist nicht klug, sagte der junge Mann, daß Du Henri fortwährend mit Deinen Grillen quälst. Henri ist ein ganz guter Kerl, wenn man ihm seinen Willen thut; aber ich habe noch nicht gesehen, daß ihn Jemand ungestraft beleidigt hätte. Und in diesem Falle hast Du nun noch dazu entschieden Unrecht. Was kann denn Henri dafür, daß Du Dich in den Leo vergafft hast? Und warum hast Du Dich in den Leo vergafft, der sich, so viel ich habe bemerken können, niemals viel aus Dir gemacht hat, und nebenbei, wie ich aus sehr guter Quelle weiß, nach ganz anderen Seiten engagirt ist. Und Alfred erzählte nun, daß er seit Kurzem eine Dame kenne, deren Namen er aus gewissen Gründen nicht nennen dürfe, die von Leo's Verhältnissen vollkommen unterrichtet sei und auf das Genaueste wisse, daß Leo seine Cousine Silvia liebe und Silvia auch schließlich Leo's Befreiung, seine Zusammenkunft mit dem Könige und alles Uebrige zu Stande gebracht habe. Alfred hatte die Erzählung mit so viel Einzelheiten auszustatten gewußt, und das Ganze war ja auch so durchaus wahrscheinlich, daß Emma nicht den mindesten Zweifel hegte und nur nicht wußte, ob sie sich darüber betrüben oder freuen sollte. So drückte sie denn jetzt aber- und abermals ihres Verlobten Arm und sagte: Laß uns wie die Kinder, laß uns glücklich sein, Henri! Während des Nachmittags war Emma unausgesetzt bemüht, Alle so glücklich zu machen, wie sie sich selber fühlte. Sie wickelte für Alfred Cigaretten, hielt ihrem Vater den Sonnenschirm über den Kopf und fing hernach an, für Henri das Schloß zu zeichnen. Indessen hatten ihre Aufmerksamkeiten nicht den gewünschten Erfolg. Der fleißige Bankier fing an, den Mangel an bestimmter Beschäftigung übel zu empfinden; Alfred fand das Landleben schauderhaft langweilig, und Henri, der aus den Gesprächen, die geführt wurden, nur immer den Uebermuth heraushörte, mit dem die Familie Sonnenstein es sich an der Stelle derer von Tuchheim behaglich machte, war in einer Stimmung, für deren Pein die Hoffnung, sich dereinst so oder so rächen zu können, kaum ein Labsal war. Endlich trennte man sich. Der Bankier wollte nach etwa eingelaufenen Briefen, Emma nach der Küche sehen, Alfred und Henri den Ställen einen Besuch abstatten. Von Leo, der mit dem Abendzuge gekommen sein konnte, sprach Niemand. Die beiden jungen Männer gingen durch den Park nach den auf der halben Höhe des Schloßberges etwas abseits gelegenen Wirtschaftsgebäuden. Durch Henri's Seele zogen Erinnerungen an jene Winternacht, wo von der Stelle aus, der sie sich jetzt näherten, der rothe Feuerschein sich über den dunklen Himmel verbreitet hatte. Er dachte der Rolle, die Leo in jener Nacht gespielt, und daß der Mensch noch immer ihm gegenüberstand, ja der Moment, wo er ihn unter die Füße in den Staub getreten haben würde, weiter als je vorher hinausgeschoben schien. Und dann fiel sein Blick auf die schmächtige Gestalt und das verlebte Gesicht des jungen Stutzers an seiner Seite, und er fragte sich, wie lange der es nun eigentlich noch treiben würde. Länger als bis morgen Mittag bleibe ich aber keinesfalls, sagte Alfred. Hat Eve Dir keinen längeren Urlaub gegeben? Auf Alfred's bleichen Wangen brannten zwei rothe Flecke auf, die alsbald wieder verschwanden. Dummes Zeug! sagte er. Henri legte seinen Arm in den seines Vetters. Aber, mein Junge, Du kannst doch vor Deinem alten Mentor keine Geheimnisse haben wollen! Glaubst Du denn, man denkt sich gar nichts dabei, wenn Du, der Du in den ersten Tagen nur von der schönen Castellana sprechen konntest, jetzt um Dich und sie die goldene Wolke tiefsten Schweigens hüllst? Wärest Du unglücklich? Die tiefen Ränder unter Deinen Augen würden dafür sprechen, wenn sie nicht so sehr dagegen sprächen. Alfred lächelte und strich sich das weiche, dunkle Bärtchen. Du Glücklicher! sagte Henri, es ist gar nicht hübsch von Dir, daß Du mir, der ich Dir zu Deinem Glücke verholfen habe, nicht einmal einen Blick in die Karten erlaubst. Wie lebt Ihr denn? Gefällt sie Dir wirklich noch immer? Gefallen! rief Alfred, gefallen? Bei den Göttern, das kann nur der fragen, der sie nicht kennt. Gefallen! Ich würde für eine Nacht bei ihr barfuß nach dem Nordpol wandern! Wahrhaftig! sagte Henri lachend, Du könntest Dir bei der Gelegenheit den Schnupfen holen. Aber im Ernst, mein Lieber, nimm Dich in Acht, Eve ist eine von den Schlangen am alten Nil, die selbst Helden gefährlich werden können, und Du hast Ursache, Dich zu schonen. Im Gegentheil, ich habe Ursache, mich zu beeilen, wenn ich noch etwas vom Leben haben will. Wie lange wird's denn noch dauern? Ich fürchte, nicht mehr lange. Der junge Mann blickte vor sich nieder, stieß aber nichtsdestoweniger an eine Wurzel, die er in seiner Kurzsichtigkeit nicht bemerkt hatte. Er stolperte, Henri bewahrte die schlaffe, zusammenbrechende Gestalt nur mit einiger Mühe vor dem Fallen. Ich hoffe: nicht mehr lange! dachte Henri, sagte aber in ermuthigendem Ton: Das sind Grillen, Alfred, Folgen von ein paar mehr oder weniger schlaflosen Nächten; die tugendhafte Langeweile hier wird Dir gut thun; Du solltest Dich nicht so beeilen, in das Netz Deiner Zauberin zurückzukommen. Sie bedarf meiner, sagte Alfred, sie kann ohne mich nicht mehr leben, wie ich nicht ohne sie. Sie sprach schon davon, mir nachkommen zu wollen. Ueberdies war ich eben dabei, ihr eine Sommerwohnung einrichten zu lassen, sie wird mit den Möbelhändlern und Tapezierern allein nicht fertig. Und dann, Henri, will ich es Dir gestehen, obgleich Eve mich stets vor Dir warnt und behauptet, ich sollte Dir nicht zu weit trauen, ich fürchte immer, Buffone könne mir einmal einen Streich spielen. Daß er Eve bis zum Rasendwerden liebt, ist klar; was ist der verrückte Mensch nicht im Stande zu thun! Du bist in der letzten Zeit über alle diese Dinge so geheimnißvoll gewesen, daß ich Dich fragen muß: Wie stehst Du mit Buffone? O, ganz gut so weit. Ich habe ihm seine Schulden bezahlt und den Papa gebeten, ihn irgendwo unterzubringen; er kann sehr gut arbeiten, wenn er will; dafür hätte ich nun freilich auch gern gesehen, wenn er Eve mit seinen Besuchen verschont hätte, aber ich wage das nicht zu fordern, bevor Eve es selbst verlangt, und das hat sie bis jetzt nicht gethan. Sie will kleine Diners und Soupers geben und behauptet, Ihr würdet Euch ohne Buffone langweilen. Was meinst Du? Henri zuckte die Achseln. Man muß einige Rücksicht auf ihn nehmen. Er saß im Rohre und kam nicht dazu, sich Pfeifen zu schneiden. Und doch ist es ein merkwürdig schöner Mensch, sagte Alfred nachdenklich; manchmal kann ich mir gar nicht denken, daß Eve ihn wirklich nicht erhört haben sollte. St! sagte Henri, Alfred am Arm zurückhaltend. Sie befanden sich auf einem schmalen Wege, der sich ziemlich steil durch dichtes Gebüsch nach der breiten Fahrstraße senkte, die von dem Dorfe heraufführte. Auf der nach der andern Seite freien Straße, die von der untergehenden Sonne noch hell beschienen war, wandelte ein Herr im Reisecostüm. Er ging sehr langsam, blieb auch manchmal stehen, um mit verschränkten Armen zwischen die Büsche hindurch in die abendliche Landschaft hinauszuschauen, und ging dann langsam weiter. Da sein Blick vorzugsweise nach jener Seite gewendet war, bemerkte er die beiden Gestalten nicht, die jetzt an den Rand der steilen Böschung getreten waren. Kennst Du ihn? fragte Henri. Ist es nicht der Doctor? erwiederte Alfred, sein Lorgnon in's Auge klemmend. St! Henri zog seinen Vetter einen Schritt in das Gehölz zurück und flüsterte, auf die langsam dahinwandelnde Gestalt deutend: Siehst Du, Alfred, das ist der Mann, der Deinem Glück weit gefährlicher ist, als alle Buffones der Welt zusammen. Ich weiß nicht, ob er Eve schon besessen hat; es ist nicht blos möglich, sondern sehr wahrscheinlich, trotz Allem, was Eve jetzt zu beschwören für gut findet. So viel ist aber gewiß, daß er sie jeden Augenblick haben kann, wenn er will. Es giebt wenig Menschen, die Du und noch andere so sehr zu hassen Ursache haben, als diesen da; und deshalb wollen wir sehr freundlich zu ihm sein, ausnehmend freundlich. Die Zeit ist hoffentlich nicht fern, wo wir ihm, was er uns gethan, mit Wucherzinsen heimzahlen können. Sechsundzwanzigstes Capitel. Leo beeilte sich nicht, zum Schloß zu gelangen. Der Abend war wunderschön. In den Büschen an den Wegseiten regte sich kaum ein Lüftchen; die untergehende Sonne strahlte glänzende Lichter über die Wiesen und Felder der fernen Ebene und glitzerte hier und da auf den Fenstern eines Kirchthurmes, der zwischen rothen Dächern und grüner Umbuschung hervorragte. Die Gipfel der nähergelegenen Hügel glühten in purpurnen Lichtern, während die schön geschwungenen Formen des Gebirges, die dann und wann bei einer schnellen Wendung der vielfach gewundenen Straße sichtbar wurden, sich in tiefes Blau gekleidet hatten. An dem lichterfüllten Himmel schwammen in unendlicher Höhe goldgeränderte, weiße Wölkchen. Es war lange her, daß Leo's Augen auf einer schönen Landschaft geruht hatten – ein Jahr fast, als er in der Schweiz an den Ufern des Genfer Sees eine Zusammenkunft mit Tusky und anderen revolutionären Freunden gehabt. Damals war es gewesen, wo beim abermaligen Anhören bereits hundertmal durchgesprochener, unmöglicher Pläne in seiner Seele der Entschluß gereift war, es einmal auf einem anderen Wege zu versuchen. Jetzt – nach Jahresfrist – hatte ihn dieser Weg hierher geführt, zurück zu dem Ort, von dem er ausgegangen, als sollte die Pilgerschaft von vorne beginnen, als sei alles Geschehene nur ein zweckloses Wandern in der Irre gewesen. Nein, zwecklos nicht! Es ist viel erreicht – und doch ist das Erreichte nur ein Anfang des Anfangs von dem, was geschehen muß. Wann werden je diese Thäler, diese Berge von Menschen erfüllt sein, die keine anderen Leiden kennen, als die, welche von der Menschennatur unzertrennlich sind? Und bis auf welches Minimum könnte das Maß dieser natürlichen Leiden reducirt werden! Ja, giebt es außer dem Tod kein einziges Uebel, das nicht mehr oder weniger seine Wurzel in der Dummheit der Menschen hätte! Leiden gegen das Geschick! Ja wohl! Der alte Griechengott hatte mit seinen olympischen Augen bis in den tiefsten Grund der menschlichen Dinge geschaut! Leo blieb wiederum stehen. Wenn dieses landschaftliche Bild der König sähe! Aber er würde es gar nicht sehen! Er sieht nur Bilder, die von einem breiten, goldenen Rahmen umschlossen sind. – Wie weit kann man sich auf diesen Menschen verlassen, dessen physische Basis so gelockert ist und in dessen Seele, wenn man sie ergründen will, man überall in's Bodenlose fällt! Und doch umwittert diesen unberechenbaren phantastischen Geist ein Anhauch der höchsten Ideen! Mit welcher Bereitwilligkeit, ja mit welcher Begeisterung ist er auf meinen Plan eingegangen! Und welch ein menschlich-schönes Wort war es: Sie müssen die frohe Botschaft denen zuerst verkünden, mit denen zusammen Sie einst elend gewesen sind. Oder wäre dies Wort nicht von ihm? Mir ist fast, als hörte ich darin den Ton einer anderen Stimme. Wie werden er und sie sich in Zukunft gegeneinander stellen? Ja, kann überhaupt ein solches Verhältniß von Dauer sein? Wird er die Achtung, die sie ihm jetzt noch zollt, nicht bald verscherzen? Und für einen Geist von Silvia's idealem Gepräge ist eine solche Enttäuschung durch nichts wieder gut zu machen. Das wäre nun freilich auch die einzige Gefahr, die sie dabei läuft. Ein Mann, der solchem Weibe gefährlich werden könnte, müßte wenigstens ein Mann sein. Die Blicke des Wanderers hasteten an einer Stelle der Landschaft, wo, seinen scharfen Augen deutlich erkennbar, eine leichte Rauchwolke sich über die Baumwipfel erhob. Er wußte, daß in dieser Richtung nur Ein Haus lag, von dessen Herde der Rauch aufsteigen konnte. Was würde sie dafür geben, wenn sie jetzt hier stände! Es war ein wehmüthiger Klang in ihrer Stimme, als sie zuletzt noch sagte: Grüße mir meine Heimath! Was heißt Heimath? Sind Baum und Fels Heimath? Menschen, wie wir, haben nur Eine Heimath – die Geister der Menschen, die gedacht haben, denken und denken werden wie wir! Sie hat sich entschieden, und sie ist klug genug, einzusehen, daß Niemand zweien Herren dienen kann. Unser Weg ist nur so lange schwierig, als wir uns noch mit dem Gedanken tragen, zurück zu können; wissen wir erst, daß das unmöglich ist, so giebt es keine, keine Schwierigkeiten mehr. Was kümmern mich die Gesichter, die ich bald mir gegenüber haben werde! Noch eine Wendung des Weges, und vor Leo lag, vom letzten Abendschein beleuchtet, das Schloß. Der Bankier und Fräulein Emma wanderten Arm in Arm in der Veranda auf und ab, als Leo gleich hinter dem meldenden Bedienten herantrat. Emma klammerte sich an ihren Vater an und rief: Ach, mein Gott! Der Bankier machte sich von ihr los und ging dem Kommenden mit ausgestreckten Händen entgegen. Seien Sie mir gegrüßt, herzlich gegrüßt! Ich hoffe, daß unserer kurzen Trennung eine langdauernde Freundschaft folgen soll. Mit anderen Worten: hoffen wir, daß unsere Vortheile recht lange zusammengehen! erwiederte Leo und verbeugte sich dann vor Emma, die, nachdem sie sich einige Augenblicke besonnen, wie sie ihrem Freunde am schicklichsten begegnen könnte, das Beispiel des Vaters nachzuahmen beschloß und, ebenfalls Leo beide Hände entgegenstreckend, rief: Mit unserer Freundschaft hat der Vortheil nichts zu thun! Nicht wahr, Doctor? Herzen, wie das Ihre, mein gnädiges Fräulein, lassen sich nur durch Liebe gewinnen, durch Liebe fesseln. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen meinen Glückwunsch zu Ihrer Verlobung darbringe und diese bescheidene Frühlingsblume, die ich eben am Wege fand. Emma erröthete bis in die Schläfen; Leo hielt noch ihre Hände in den seinen; der Bankier hatte einen leichten Hustenanfall; Henri und Alfred kamen eben über den Platz daher. Meine Söhne werden sich so freuen, Sie zu sehen, Herr Doctor, sagte er; da sind sie! Ich glaube, Du könntest Dich mit der Wirthschafterin über das Abendessen in Verbindung setzen, Emma; unser Diner ließ Vieles zu wünschen übrig. Emma wollte den Wink des Vaters nicht verstehen, sie wollte dem Vater, sie wollte Henri – Allen zeigen, daß sie vergessen und vergeben könne, daß man sich nur unschuldig zu fühlen brauche, um unbefangen zu sein. Unsere letzte Begegnung war nicht ganz freundlich! sagte Henri in einem Ton, dessen gemachte Treuherzigkeit ungemein natürlich klang. Und doch haben Sie mir seitdem schon so manche Beweise Ihrer freundlichen Gesinnung gegeben, erwiederte Leo. Henri lachte: Noch immer der Alte, der nie um eine pikante Antwort verlegen war! Sie müssen mir eigentlich sehr dankbar sein; Sie hätten es ohne die häufige Gelegenheit, die ich Ihnen geboten, nie zu dieser Virtuosität gebracht. Ach, wenn ich Euch doch zusammen als wilde Knaben gesehen hätte! rief Emma. Es muß ein Schauspiel für Götter gewesen sein! Sagte Leo. Emma erröthete, Henri lachte; Emma stimmte mit ein. Sie hatte sich ja nichts Böses dabei gedacht! Sie hatte die Männer ja nur daran erinnern wollen, daß sie einst Freunde gewesen seien, daß sie jeden Augenblick wieder Freunde sein könnten. Emma fühlte sich ungemein glücklich. Die lächelnden Mienen um sie her sprachen nur von Friede und Verträglichkeit. Was konnte sie noch wünschen? Sie hatte einen Gatten gewonnen und hatte den Freund nicht verloren. Und dieser Freund liebte wieder ein Mädchen, das auch ihre Freundin war: hier gab es ein keimendes Glück zu fördern. Und dieses Mädchen hatte wieder einen Bruder, dessen zukünftige Gattin die Schwester ihres zukünftigen Gatten war. Hier war ein Zwiespalt auszugleichen; hier galt es mit sanfter Stimme an die Natur zu appelliren, die mit unauflöslichen Banden Bruder und Schwester aneinander fesselt. Und ihr eigener Bruder! ihr guter, träumerischer, unschuldiger Alfred! Für ihn mußte sie eine Gattin finden, gut und sanft, wie er, die ihn pflegen würde, wenn seine Brustschmerzen ihn quälten. O, diese Perspective einer Zukunft, in der so viele liebe Menschen im Sonnenschein des Glücks und der Zufriedenheit Hand in Hand, umgeben von Schaaren blühender Kinder, wandelten! Es war berauschend! Im Lauf der Abendmahlzeit bildete Emma diesen Traum bis in die Einzelnheiten aus, und ihre Blicke hingen dabei mit solcher Zärtlichkeit abwechselnd an Henri's und Leo's Mienen, daß Henri Mühe hatte, seinen Zorn zurückzuhalten, während Leo es kaum minder schwer fand, ein gelegentlich aufsteigendes Lachen zu unterdrücken. In Folge dieser gespannten Stimmung, und da auch der Bankier mit seiner nicht geringen Unterhaltungsgabe keineswegs kargte, war die Conversation ungemein lebhaft. Nur Alfred mischte sich wenig in das Gespräch und wurde immer schweigsamer, je länger die Tafel währte und je mehr Champagner er trank. Von Zeit zu Zeit nur hob er seine müden Augen, um auf Leo einen Blick zu werfen, in welchem sich eine Abneigung aussprach, die nicht frei von Bewunderung war. Er konnte Henri's Wort nicht vergessen, daß Leo Eve besitzen könne, wenn er wollte; Eve, die er liebte, so weit das seinem welken, gutmüthigen Herzen überhaupt möglich war, und die jedenfalls seine Sinne vollkommen gefangen genommen hatte und gefangen hielt. Es war demüthigend für ihn, erniedrigend, unwürdig, mit seinem Nebenbuhler so dazusitzen und aus Einer Flasche zu trinken; und doch, wenn nicht der Reichthum, sondern die persönlichen Vorzüge in Liebessachen entschieden – was vermochte er gegen diesen Mann, der ihm in jeder Beziehung so unendlich überlegen war? Alfred seufzte, trank und starrte schweigend in das leere Glas. Wie sind Sie mit der Gesundheit Seiner Majestät zufrieden? fragte der Bankier; man giebt ihm im Allgemeinen kein langes Leben. Der König hat eine kräftige Constitution, erwiederte Leo, die noch kräftiger sein würde, wenn die große Irritabilität des Gehirns nicht zu große Anforderungen an den übrigen Organismus stellte. Nichtsdestoweniger glaube ich, daß er noch viele Jahre zu leben hat und daß die, welche auf sein frühzeitiges Ende speculiren, falsch speculiren. Es war nicht zufällig, daß bei diesen Worten Leo's Blick Henri streifte. Ihr Aerzte seid gefährliche Menschen, rief Emma, für Euch wohnen wir Andern in Häusern von Glas! Sie sehen Seine Majestät jetzt häufiger? warf der Bankier hin. Beinahe alle Tage; der König hat Geschmack am Neuen: neuen Büchern, neuen Bildern, neuen Menschen. Da immer Eines das Andere drängt, hat jedes seine liebe Noth, während der kostbaren Augenblicke, in welchen das königliche Auge auf ihm ruht, sich in seinem besten Lichte zu zeigen. Die wunderlichen Anstrengungen, die das Hervorbringen dieses Effectes nöthig macht, haben schon wiederholt meine Lachlust grausam herausgefordert. O, Sie Spötter, Sie Spötter! rief Emma. Sie werden an den Stufen des Thrones das Spotten nicht lassen können; ich habe es ja immer gesagt, daß Sie ein abscheulicher Mensch sind. Wollen wir nicht noch ein wenig draußen promeniren? sagte Henri. Als man sich von der Tafel erhob, brachte der Kammerdiener des Bankiers einige Depeschen, die soeben abgegeben worden waren, eine an den Bankier, die derselbe mit den Augen überflog, und da sie nur die Bestätigung des Abschlusses eines gewissen Geschäftes enthielt, in die Tasche steckte; die andere war an Leo. Es thut mir leid, die Besichtigung der Fabriken, die wir auf morgen verabredet hatten, nun doch nicht mit Ihnen vornehmen zu können, sagte Leo. Was giebt's? fragte der Bankier, kein Unglück, hoffe ich. Durchaus nicht; der König befiehlt mir nur, zurückzukommen. Sehen Sie selbst. Der Bankier blickte in die Depesche: »Majestät wünscht Ihre Anwesenheit morgen um elf Uhr. Unverzüglich kommen. Bolen, Oberkämmerer.« Glauben Sie, daß diese Zurückberufung mit unserer Angelegenheit zusammenhängt? fragte der Bankier. Auf keinen Fall. Ich erinnere mich, daß auf morgen Mittag ein Ministerconseil angesetzt ist; möglich, daß diese Ordre des Königs damit zusammenhängt. Sie wissen wohl, Herr von Sonnenstein, wann der nächste Zug geht? Der nächste Zug ging um zwölf Uhr, ein Anschlußzug an den Courierzug, der weiter vom Süden heraufkam. Es war eben neun Uhr; der Bankier fragte, ob Leo noch aufgelegt sei, die bewußte Angelegenheit in vorläufige Berathung zu nehmen. Es sei doch besser, daß man sich wenigstens in den Hauptpunkten zu verständigen suche. Leo war damit einverstanden, die beiden Herren begaben sich in das an den Salon anstoßende Cabinet. Henri und Emma wollten, bis die Unterredung beendet sein würde, im Park promeniren, um dann dem Gast noch eine Strecke das Geleit zu geben, Alfred war nirgends zu finden. Niemand hatte bemerkt, daß ihm vorhin, als die Herren die Depeschen lasen, von seinem Diener ein Billet zugesteckt worden war, welches er an einem Seitentische gelesen hatte, um sich darauf geräuschlos zu entfernen. O, wie schön der Abend ist, sagte Emma, als sie aus der Veranda heraustraten, o, wie glücklich ich bin! Emma sah dabei nicht ihren Verlobten an, sondern nach dem Monde, dessen goldglänzende Sichel über den Parkbäumen hing. Henri wußte recht gut, daß nicht seine Nähe für Emma den Abend so schön, nicht die Liebe zu ihm Emma so glücklich machte. So wären wir denn in der Hauptsache d'accord , sagte der Bankier, das Resultat einer halbstündigen Unterredung mit seinem Gaste ziehend. In der Hauptsache, ja, erwiederte Leo lachend, das heißt, daß Sie verkaufen wollen und ich kaufen will; in der kleinen Nebensache des Preises werden Sie indessen wohl noch einige Zugeständnisse machen müssen, bevor ich abschließen kann. Aber, liebster Freund, rief der Bankier, wenn Einer, so kennen Sie doch die Verhältnisse auf das Genaueste. Sie wissen, was mich die Anlage kostet, was ich hineingesteckt habe, was die Fabrik abwirft. Und dann bedenken Sie, daß ich bei der Arrangirung dieser miserablen Erbschaftsangelegenheit die größten Verluste erleide, die sich noch gar nicht übersehen lassen, so daß ich in der That nicht weiß, wie theuer mir die Fabrik zu stehen kommen wird. Desto genauer weiß ich, wie viel sie mir werth ist, sagte Leo. Sie sind ein zäher Kunde, sagte der Bankier lächelnd, ich weiß dies nicht seit heute, indessen ich zweifle nicht, wir werden handelseinig werden. Ich kehre morgen ebenfalls mit meiner Familie zurück, wir können dann weiter in der Stadt conferiren. In acht oder vierzehn Tagen fahren wir zusammen wieder her, nehmen die Fabrik in Augenschein und schließen ab. So will ich mich Ihnen jetzt empfehlen. Ich begleite Sie noch, wenn Sie erlauben. Die beiden Männer erhoben sich, der Bankier faßte Leo's Hand. Ich bin Ihnen noch eine Erklärung schuldig, Herr Doctor, obgleich Sie, als Mann von Welt, mir dieselbe erlassen zu haben scheinen. Mein Betragen Ihnen gegenüber ist in der letzten Zeit einigen Schwankungen unterworfen gewesen, die ich tief beklage, obgleich Sie mir zugeben müssen, daß mich dabei nicht alle Schuld trifft. Ich bin in erster Linie Geschäftsmann, und Ihre Aktien, werther Herr, standen schlecht, verzweifelt schlecht. Ueberdies waren Sie öffentlich gegen mich aufgetreten. Sie hatten die härtesten Dinge gegen mich drucken lassen. Können Sie es mir verdenken, wenn mir da auch das Menschliche begegnete, mich zu verrechnen und Sie in dem Moment verloren zu geben, wo Sie nur eben den Anlauf zu einem neuen Sprunge nahmen, der Sie, ich weiß nicht wie weit noch tragen kann? Unter allen Umständen aber bitte ich Sie, mir zu glauben, daß ich, was ich gegen Sie gethan habe, mit schwerem Herzen gethan habe und daß mir nicht leicht eine größere Freude im Leben ward, als in diesem Augenblicke, wo ich die Hand des Mannes wieder halte, die ich am liebsten nie aus meiner Hand gelassen hatte. Sie sind sehr gütig, erwiederte Leo, aber es bedurfte wirklich zwischen uns einer solchen Erklärung nicht. Wir Beide wissen, was den Werth des Menschen auf dem Markt des Lebens bestimmt. Herr von Sonnenstein hätte eine herzlichere, weniger zweideutige Antwort lieber gehabt, aber dieser Mann war nun einmal nicht wie die anderen. Wo ist Alfred? fragte Herr von Sonnenstein, als ihnen, wie sie aus der Veranda traten, Henri und Emma entgegenkamen. Sie hatten Alfred nicht gesehen; auch von den Bedienten, die herbeigerufen wurden, wollte ihn keiner bemerkt haben. Der Bankier bekämpfte ein Gefühl von Bangigkeit und drang darauf, Leo noch eine Strecke zu begleiten. Er hoffte, daß Alfred den mondbeschienenen Fahrweg nach dem Dorfe hinab noch zu einem nächtlichen Spaziergang benutzt habe. In der Stadt würde mir Alfred's Ausbleiben keine Sorge machen; er hat uns leider an dergleichen Unregelmäßigkeiten zu gut gewöhnt. Das Lachen, mit dem Sonnenstein diese Worte begleitete, wollte nicht recht aus der Kehle. Er wurde stiller, je weiter man sich vom Schlosse entfernte, und öffnete den Mund nur noch, um zu bemerken, daß die Nacht dunkler sei, als er geglaubt habe, und daß selbst der Fahrweg an vielen gefährlichen Stellen vorüberführe. Plötzlich blieb er stehen und sagte: Das Ausbleiben Alfred's fängt an mich zu ängstigen: ich möchte doch nach dem Schlosse zurückkehren, um ein paar Leute auszusenden. Du, Henri, hast wohl die Güte, den Herrn Doctor bis zum Bahnhof zu begleiten, im Falle Alfred wirklich diesen Weg verfolgt haben sollte. Der Bankier empfahl sich mit Hast von Leo und zog Emma, der er kaum Zeit ließ, Leo liebevoll die Hand zu drücken, eilig mit sich fort. Die beiden jungen Männer schritten allein auf der mondbeschienenen Straße weiter. Glauben Sie, daß ein Grund zur Besorgniß vorhanden ist? fragte Leo. Ich denke nicht daran, erwiederte Henri lachend. Alfred ist auf irgend einem Sopha eingeschlafen, oder hat heute, als wir durch das Dorf kamen, ein hübsches Mädchen gesehen, dem er noch gute Nacht sagen möchte. Solchen Sonntagskindern wie Alfred stößt kein Unglück zu. Höchstens eine gelegentliche Lungenlähmung; seine Freunde sollten ein wachsameres Auge auf den jungen Mann haben. Meinen Sie wirklich? Die Rasse, aus der er stammt, ist zäh; sie hat schon so ein fünf- oder sechstausend Jahre vorgehalten. Womit nicht gesagt ist, daß ein Sproß nicht vor der Zeit vertrocknen und vom Baume fallen kann. Indessen, was heißt vor der Zeit? Ist das Maß der Lust zugleich das Maß des Lebens, so ist auf Herrn von Sonnenstein sicher schon so viel über die Durchschnittsportion gekommen, daß er getrost zu seinen Vätern versammelt werden kann. Und was heißt wieder Lust? sagte Henri; Champagner und schöne Mädchen? Man trinkt und küßt sich endlich satt. Sie haben sich eine bessere Lust gewählt, die nicht so leicht auszuschöpfen ist. Und die wäre? Herrschsucht. Beurtheilen Sie mich so? Fragen Sie das im Ernst? Mich im Ernst, der ich Sie kenne, so lange Sie oder ich denken können? Oder halten Sie mich für einen schlechten Beobachter? Nein, Herr Doctor, ich habe selten Jemanden gekannt, dessen Charakter in seinen großen Zügen leichter zu durchschauen wäre, wie der Ihre. Ich will Ihnen ein Kriterium, wenn Sie es noch nicht kennen, geben, an dem man den Herrschsüchtigen sehr leicht herausfindet. Ist Jemand stets freundlich und zuvorkommend gegen die, welche schwächer sind, als er, und stets stolz und abweisend gegen die Mächtigeren, so können Sie darauf schwören: das ist ein Herrschsüchtiger. Ich kannte einen solchen Knaben; der Mann hat gehalten, was der Knabe versprach. Sie beobachten schärfer, als ich geglaubt hätte; aber wenn Alle, bei denen Ihr Merkmal zutrifft, Herrschsüchtige sind, so trifft doch Ihr Merkmal nicht bei allen Herrschsüchtigen zu. Ich, zum Beispiel, kannte einen Knaben, der Jedem, der schwächer war als er, seinen Fuß auf den Nacken setzte und Jedem, der es nicht war, aus dem Wege ging, oder ihn durch Schmeicheleien und diplomatische Künste aller Art zu gewinnen suchte. Diesem Knaben war Herrschsucht auf die Stirn geschrieben, und auch hier hat der Mann gehalten, was der Knabe versprach. Das ist interessant, sagte Henri, so läge der Unterschied also bei diesen beiden Menschen nur in der Methode, während das Ziel dasselbe wäre? Doch nicht so ganz; der Erste erstrebt die Herrschaft über Alle, um Vielen uneigennützig dienen zu können, der Zweite dient uneigennützig einigen Wenigen, um über Viele nach Willkür herrschen zu können. Mir scheint der Unterschied nicht gar so groß, erwiederte Henri, denn was das heißt, über Andere herrschen, das ist am Ende ziemlich einfach; unter der Maske des Dienstes aber, den man Anderen zu leisten gedenkt, kann sich gar viel verstecken. Nein, ich glaube, der Unterschied zwischen den beiden Menschen, von denen wir reden, ist derselbe, der von jeher zwischen dem ehrgeizigen Plebejer und dem ehrgeizigen Aristokraten bestanden hat. Weil Jener mit hohen Plänen zwischen niedrig gesinnten Menschen aufwächst, glaubt er sich allein zur Herrschaft berufen; dieser weiß, daß er unter allen Umständen die Herrschaft mit seinen Peers wird zu theilen haben, und es kostet ihn daher auch keine große Ueberwindung, gegen dieselben freundlich, ja, wenn es sein muß, demüthig zu sein. Der Aristokrat, und wäre er noch so hochmüthig, sieht in dem Standesgenossen seinesgleichen; der hochmüthige Plebejer aber bläht sich mit der Ueberzeugung, daß ihm Niemand gleiche, ausgenommen natürlich er selbst. Nicht übel, Herr Baron! Aber ein Jehova, der in erster Linie ein Gott der Gerechtigkeit sein will, darf keine anderen Götter neben sich leiden; die Olympier, denen die Erde nur eine Speisekammer und ein Harem ist, dulden Einer den Anderen an der goldenen Tafel, oder zanken sich höchstens in aller Stille um die besten Plätze. Nicht übel, Herr Doctor! Aber verlassen Sie sich darauf: die Olympier treiben es länger als der Jehova. Die Beiden schritten über eine Stelle, wo man den Felsen hatte wegsprengen müssen, um für den Weg Platz zu schaffen. Die freie Seite war nur mit einer niedrigen steinernen Brüstung eingefaßt. In der Tiefe rauschte ein Waldbach, der vom Schloßberge herabkam, zwischen zerklüftetem Gestein zu Thale. Henri, der bisher auf der rechten Seite gegangen war, bog plötzlich auf die andere hinüber. Leo blieb stehen und sagte lachend: Glauben Sie, ich könnte auf den Einfall kommen, ein Stück Vorsehung spielen zu wollen und zu versuchen, ob ein olympischer Schädel oder die Felsen da unten härter sind? Jedenfalls würde ich dann die Vorsicht brauchen, die Vorsehung mit hinabzunehmen, erwiederte Henri in demselben Ton. Der Mond schien hell genug, daß die Beiden sich in die haßfunkelnden Augen sehen konnten. Wenn wir das Experiment ohne Zeugen anstellen wollen, müssen wir uns beeilen, denn ich höre Jemanden kommen, sagte Leo. Ich denke, wir versparen es deshalb auf eine schicklichere Gelegenheit, erwiederte Henri. In diesem Momente kam der Mann, dessen Schritt sich hatte vernehmen lassen, um den Felsenvorsprung herum. Sowie er aus den Schatten heraus in die Mondhelle trat, erkannte Henri, der näher stand, Walter. In der ersten Ueberraschung fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, daß dies eine Verabredung zwischen den beiden Vettern sei und daß man es auf sein Leben abgesehen habe. Walter seinerseits, der jetzt Leo und an der Stimme auch Henri erkannt hatte, war kaum weniger überrascht, wenn auch weniger erschrocken; auch Leo fühlte sich durch die Seltsamkeit dieser Begegnung eigenthümlich berührt. Eine kurze Zeit standen die Drei sich sprachlos gegenüber; in der Tiefe rauschten die Wasser, eine Wolke zog über den Mond, das trügerische Licht noch mehr verdunkelnd. Henri hatte sich bereits von seinem Schrecken erholt. Das ist ein merkwürdiger Zufall, sagte er, man könnte glauben, wir hätten eben eine englische Lection bei Miß Jones gehabt und unten erwartete uns Ehren Urban mit einer Strafpredigt über zu langes Ausbleiben. Walter hatte Henri's dargebotene Hand nicht genommen. Ich beneide Sie um die Harmlosigkeit Ihrer Erinnerungen, sagte er, und dann sich zu Leo wendend: Ich hörte, Leo, daß Du auf dem Bahnhof ein Zimmer bestellt hättest. Ich komme eben von dort. So will ich die Herren nicht weiter stören, sagte Henri, indem er den Hut zog; guten Abend! Er wendete sich und schlug den Rückweg nach dem Schlosse ein, eine Opern-Arie trällernd. Siebenundzwanzigstes Capitel. Leo hatte sich auf die Brüstung gesetzt; Walter hatte auch ihm nicht die Hand geboten. Ich habe mit Dir zu sprechen, sagte Walter, an ihn herantretend; bist Du in der Stimmung, mich anzuhören? Walter's Stimme klang rauher und fester, als sonst wohl. Das kommt auf das an, was Du mir zu sagen hast, und auf die Art, wie Du mir es sagst. Freundliches in freundlicher Weise – warum nicht? Aber eine politisch-moralische Vorlesung, wie ich sie in letzter Zeit von Dir nur zu oft gehört habe – nein! Ich habe mit dem Politiker nichts mehr zu schaffen, erwiederte Walter. Wer zu Mitteln greift, wie Du, zu schlechten Mitteln, die im Handumdrehen zu noch schlechteren Zwecken werden können, mit dem ist keine Verständigung mehr möglich. Du verfällst ja schon in den Vorleserton. So will ich aus einem anderen Tone sprechen. Wie Du Dich mit Deinem Gewissen in Deiner neuesten Situation abfindest, ist Deine Sache; aber Frauenkleider sind empfindlicher gegen den Schmutz. Warum hast Du Silvia an den unreinen Ort gebracht? Der Ton gefällt mir nicht besser; ich denke, wir gehen Jeder unsern Weg. Nicht, bevor Du meine Frage beantwortet hast. Adieu! Leo war aufgestanden. Du bleibst, rief Walter, Leo am Arme ergreifend. Leo riß sich los und sprang zurück. Ich glaube, dieser Ort macht Alle verrückt! rief er; eben erst verspürte ich das Verlangen, Jemanden hier hinabzuwerfen: jetzt fehlt nicht viel, so hättest Du die Dummheit wirklich begangen. Du bist aufgeregt, Walter, und ich wiederhole Dir jetzt in aller Ruhe meinen Vorschlag: Laß uns Jeder unsern Weg gehen! Und ich wiederhole Dir nicht minder ruhig, daß ich eine Antwort auf meine Frage haben muß. Leo bedachte sich ein paar Augenblicke und sagte: Nun wohl, ich reise in einer Stunde; begleite mich zum Bahnhof zurück. Sie gingen um den Felsenvorsprung. Zu ihren Füßen lag jetzt das Dorf, das während der letzten Jahre die Dimensionen einer kleinen Stadt angenommen hatte. Lichter blickten hie und da durch die Zweige der Bäume; aus einem Schlot der Fabrikgebäude, die sich an den Schloßberg lehnten, stieg eine rothe Lohe, von der eine funkendurchstäubte feurige Wolke in die Nacht hinauswehte; von dem andern Ende des Ortes, nach der Ebene zu, glänzten die Fenster des großen Restaurationsgebäudes und die buntfarbigen Laternen des Bahnhofes. Du willst wissen, begann Leo, weshalb ich Deine Schwester zu Tante Sara gebracht habe; meine Antwort darauf ist: ich habe sie gar nicht dahin gebracht. Verstehe mich recht: in keiner Bedeutung des Wortes, weder durch Ueberredung, List – von Gewalt ganz zu schweigen – noch durch irgend welche andere erlaubte oder unerlaubte Mittel. Silvia war schon vierundzwanzig Stunden bei der Tante, bevor ich sie – und das zu meiner größten Ueberraschung – dort fand. Was sie also gethan, hat sie aus ihrem eigenen Entschluß heraus und auf ihre eigene Gefahr gethan; ich kann in keiner Weise Euch oder ihr selbst gegenüber eine Verantwortung dafür übernehmen. Leo schwieg. Walter antwortete nicht sogleich; dann sagte er – und man hörte deutlich, welche Anstrengung es ihm kostete, ruhig zu sprechen: Ich wußte, daß Du die Sache so fassen würdest, und deshalb bin ich empört. Es giebt nur eine Unsittlichkeit, wenigstens kenne ich nur eine: das ist die Herzenskälte, in der zuletzt jedes Gefühl erstarrt. Liebtest Du Silvia leidenschaftlich, wie sie offenbar Dich liebt, so könntest Du nicht von ihr lassen; versuchtest Du, sie auf jede Weise an Dich zu fesseln, selbst dadurch, daß Du sie mit Dir fortrissest, von wo sie, auch wenn sie wollte, nicht mehr zurück kann – das Alles würde ich verstehen, ich würde sagen: es ist ihr Schicksal, sie können nicht anders. Aber jetzt, ob Silvia sich in einer Umgebung, die ihrer in jeder Beziehung unwürdig ist, namenlos unglücklich fühlt; ob sie ihr Leben lang an der Erinnerung dieser unseligen Verblendung kranken wird; ob ihr alter Vater dem verhängnißvollen Schritt, den sein geliebtestes Kind aus dem bürgerlichen Leben heraus in eine abenteuerliche Scheinwelt gethan hat, als einen tödtlichen Schlag empfindet, von dem er sich nie wieder erholen wird – das Alles mag sein, oder auch nicht sein – auf keinen Fall geht es Dich etwas an. Wer sich für Dich opfern will, opfere sich! und habe er seinen Lohn dahin. Dich verpflichtet das zu nichts, nicht einmal zu der allergewöhnlichsten Dankbarkeit! Bist Du zu Ende? Noch nicht ganz. Was ich bis jetzt gesagt habe, kann keinen Eindruck auf Dich machen, denn es appellirt an eine Seite der menschlichen Seele, die Du in Dir abgetödtet hast. Ich will Dir jetzt ein anderes Argument nennen, vor dem Du hoffentlich mehr Respect haben wirst. Deine Gefühllosigkeit gegen Silvia's Geschick ist nicht nur unsittlich, sie ist auch dumm. Daß der Plan, nach welchem Du Dein Gebäude aufzuführen gedenkst, gänzlich verkehrt und unausführbar ist, darüber will ich, wie gesagt, nicht mehr mit Dir streiten. Aber das wirst Du mir hoffentlich zugeben: ein kluger Meister verwendet doch zu seinem Bau kein unbrauchbares Material! Du hast Silvia nicht in diese schiefe Lage gebracht, sagst Du – es ist nicht wahr, denn indirect hast Du es doch gethan; aber Du läßt sie in dieser Lage. Was wird die Folge sein? Glaubst Du, eine Natur wie Silvia wird das ertragen? auf die Dauer ertragen? Nimmermehr. Die Reaction in ihr muß und wird kommen; der edle Stein, den Du so gewissenlos in Dein Fundament gemauert hast, wird unter der schmachvollen Last zerbrechen, und das könnte Dir theurer zu stehen kommen, als Du berechnet hast. Walter schwieg; Leo wartete eine Weile, dann erwiederte er: Du bist zu Ende? Gut! Du wirst mir einräumen, daß ich recht geduldig zugehört habe, nun höre Du nicht minder geduldig meine Antwort. Nicht als ob ich die mindeste Aussicht, ja, ich kann sagen, auch nur den Wunsch hätte, Dich zu überzeugen! Etwas Unmögliches zu wünschen, ist kindisch, und zwischen uns ist, wie Du sehr richtig bemerkt und nur gleich darauf wieder vergessen hast, eine Verständigung unmöglich. Wir reden nur noch scheinbar dieselbe Sprache, denn was wir mit denselben Worten bezeichnen, das sind im Grunde die verschiedensten Dinge von der Welt. Was Dir sittlich ist, ist mir unsittlich, und umgekehrt. Unsittlich und bis in den tiefsten Grund der Seele verhaßt ist mir Deine Krämermoral, in der es sich immer nur um Mein und Dein handelt, in der Alles mit der Elle des individuellen Vortheils abgemessen wird. Wenn ich Silvia liebte, wenn ich mich nebenbei auch noch in den Besitz ihrer Person zu setzen wünschte, dann konnte ich getrost das Opfer, das sie mir bringt, annehmen! Ist es erhört? Die Gläubige, die ihr Alles, weil es nicht anders sein kann, auf dem Altar des Gottes opfert, sie muß sich also auch noch dem Priester eignen, damit er ihre Gabe im Namen des Gottes annimmt! Die Eine Schäferstunde wäre Lohn und Ersatz! Und das Bild ist nicht einmal richtig. Ich bin kein Priester; ich thue nur dasselbe, was Silvia auch thut: ich opfere mich, so gut, so ganz, wie sie sich opfert. Die selbstlose Leidenschaft des Gedankens, die in sich ihre Seligkeit und Unseligkeit trägt und deshalb nach individuellem Glück und Unglück gar nicht zu fragen braucht – diese edelste, höchste Leidenschaft erscheint Dir als Herzenskälte, in der jedes Gefühl erstarrt! Nun, beim Himmel, mögen sie erstarren, diese Gefühle und Gefühlchen! Ich beneide Euch Andern wahrlich nicht darum. Ich weiß nicht, ob Silvia mich liebt; ich habe sie nie danach gefragt, und sie hat es mir nie gesagt. Das aber weiß ich, daß sie in diesem Punkt denkt wie ich; das weiß ich, daß, wenn sie mich liebt, sie unter Anderm auch diese ihre Liebe opfern könnte. Und dann, was Du meine Dummheit gescholten hast: ich bin kein Pharisäer; aber ich möchte an meine Brust schlagen und rufen: Gott sei Dank, daß ich nicht so klug bin wie Ihr! Mag sein, daß Soll und Haben in dem Hauptbuche meines Lebens nicht in jedem Augenblicke stimmen, wie bei Euch; mag sein, daß ich an mich, an die Andern Forderungen stelle, die nicht erfüllt werden; daß ich ein gewagtes Spiel spiele und es verliere! Mag sein! in dem Verlust gewinne ich noch mehr als Ihr, wenn Euer Conto möglichst glänzend steht. Ich habe doch wenigstens gelebt, doch wenigstens eine Stunde gehabt, die es werth war, daß man für sie geboren wurde. Und ich habe nicht blos für mich gelebt, sondern auch für die Andern. Es ist nicht wahr, daß meine Agitation wirklich so zwecklos ist, wie Ihr sie verschreit; schon jetzt ist ein neues Leben in die Frage gekommen; schon jetzt habt Ihr anfangen müssen, Euch zu rühren, weil Ihr fühlt, daß es mit Eurer Herrschaft zu Ende geht. Und was in aller Welt hättet Ihr denn gethan, daß Ihr ein Recht hättet, groß zu thun? Ihr rühmt Euch Eurer anschwellenden Städte – vom immer wachsenden Proletariat anschwellenden Städte – als ob das Uebel dadurch kleiner würde, daß es an Umfang zunimmt! Eurer Eisenbahnen, auf denen das Elend, das sonst zu Hause saß, nun über die ganze Erde kutschirt! Eurer Telegraphen, mittelst deren sich Eure Börsenkönige nächstens die erfreuliche Nachricht mittheilen werden, daß sie jetzt glücklich alles Geld und damit die ganze übrige Menschheit in der Tasche haben. Und was an diesen Dingen gut ist, habt Ihr das gemacht? Ist es die praktische Folge Eurer Theorien? Ist es durch Euch, oder nicht vielmehr trotz Euch? Glaubt Ihr Denker zu sein, weil das Jahrhundert, weil die Zeit für Euch denkt! Man könnte lachen, wenn die Sache nicht so verzweifelt ernst wäre! Sie waren, im Eifer des Gespräches mächtig ausschreitend, an den Fuß des Schloßberges zum Eingang des Dorfes gelangt. Aus einem der Fabrikgebäude glühte der Schein der Feuer durch die hohen Fenster; schwarze Gestalten bewegten sich an den Feuern vorüber. Leo blieb stehen. Für wen arbeiten die da in dieser späten Stunde? rief er; für sich? für ihre Kinder, die mit einem Stück trockenen Brodes zu Bett gegangen sind? für ihre Weiber, die, wenn sie nicht eben in dieser Hölle an irgend eine Maschine geschmiedet sind, zu Hause sitzen und Wäsche stopfen? Oder arbeiten sie für den Mann da oben, der die Kunst versteht, aus den Schweißtropfen dieser Aermsten den deliciösesten Champagner zu destilliren. Wenn ich nichts weiter zu Stande brächte als dies Eine, daß diese Männer für die übrige Zeit ihres Lebens jeden Abend eine Stunde früher sich den Ruß von ihren Gesichtern waschen – ich würde sagen: ich habe nicht ganz umsonst gelebt! Gewiß, entgegnete Walter, und ich würde der Erste sein, der, wenn Du dies und Anderes der Art vollbrächtest, Dir dankte und huldigte; aber Du kannst und wirst es nicht vollbringen. Du rühmst Dich stets Deines Cultus der Idee und haftest doch immer am Einzelnen und Einzelnsten – an dieser, jener und der dritten Person, mittelst derer Du Deine Gedanken verwirklichen willst. An der Gebrechlichkeit dieser Mittel werden Deine Entwürfe und wirst Du selbst zu Grunde gehen. Walter ging mit schnellen Schritten fort. Leo blickte ihm nach, bis die Gestalt des Enteilenden im Schatten der Häuser verschwunden war. Dann ging er langsam weiter auf dem chaussirten Wege, der neuerdings längs des Dorfes von den Fabrikgebäuden nach dem Bahnhofe geführt war. Als er den freien, mit Stühlen und Tischen versehenen Platz hinter der Restauration erreichte, auf welchem es für ihn, der aus dem Dunkel kam, hell genug war, sah er einen Mann, der zu den erleuchteten Fenstern eines Gastzimmers in der Beletage hinaufblickte, sich aber plötzlich umwendete und, unverständliche Worte murmelnd, dicht an ihm vorüberstrich. Es war Alfred. Leo wollte ihn anrufen, aber unterließ es. Was geht es dich an? Und wer weiß, ob Don Juan erkannt sein will. Er hatte es sehr eilig. Von einem verschlafenen Kellner im öden Wartesaale hörte Leo, daß sein Diener Philipp – es war derselbe gewandte junge Mensch, den er vorher gehabt und der sich alsbald nach seiner Befreiung aus dem Gefängnisse wieder zu ihm gefunden hatte – bereits auf seinem Zimmer sei, die Sachen des Herrn für die Nacht zu ordnen. Leo sagte, daß er mit dem nächsten Zuge abreisen würde, und nahm dem Manne das Licht aus der Hand, sich selbst hinauf zu leuchten. Er hatte die Treppe bereits erstiegen, als ihm ein Luftzug das Licht auslöschte. Umkehren wollte er nicht, da er den Diener auf seinem Zimmer wußte. So tastete er sich auf einem schmalen Corridor weiter. Eine Thür wurde ein wenig geöffnet; er ging dem matten Lichtscheine nach, in der Meinung, daß es die Thür zu seinem Zimmer sei, die der mit den Sachen beschäftigte Diener für ihn geöffnet habe. In dem Augenblicke, als er die Thür erreichte, wurde dieselbe noch weiter geöffnet; eine weibliche Gestalt in lichten Gewändern trat schnell heraus, umschlang ihn und rief: Ich wußte es ja, daß Du wiederkommen würdest! Ich bin es, Eve! sagte Leo lächelnd. Eve stieß einen dumpfen Schrei aus; der jähe Schrecken lahmte ihr die Glieder, sie hing regungslos in Leo's Armen, der sie fester um die Taille faßte und in das Zimmer trug, die Thür hinter sich in's Schloß drückend. Auf einem runden Tisch in der Mitte des Gemaches brannten zwei Lichter; Sachen, wie sie eine Frau, die eben von der Reise kommt, aus der Hand gleiten läßt, lagen chaotisch durcheinander gewirrt daneben. Ein offener Koffer stand auf einem Gestell; Hut, Mantille, andere Frauensachen lagen auf dem Bett, auf den Stühlen. Leo trug die noch immer halb Ohnmächtige auf das Sopha; er wußte sehr gut, daß dieser Zustand nicht fingirt war; ihre Hände waren kalt, ihre Augen halb geschlossen, ihr Athem stockte. Ihre Kleidung konnte sie nicht belästigen: das faltige Nachtgewand, in seiner schneeigen Weiße seltsam abstechend gegen das schwarze, zum Theil aufgelöste Haar, lag nur zu bequem um den schönen Leib. Indem er sich noch über sie beugte, kam wieder Leben in die starren Glieder; sie öffnete die Augen und sah ihn mit einem wilden Blicke an; durch die leise geöffneten Lippen schimmerten die festgeschlossenen Zähne. Mit Einemmale brach sie in ein Gelächter aus, das sich alsbald in krampfhaftes Weinen verwandelte. Sie suchte sich aufzurichten und drückte sich dadurch nur noch fester in seine Arme. Da ertönte dicht unter dem Fenster die Signalglocke. Der Zauber war gebrochen. Der schrille, gellende Ton war wie ein zorniger Ruf von der Welt da draußen, die nicht auf den Säumigen warten konnte, die mit eherner Stimme ihr Eigenthum wieder forderte. Leo riß sich aus Eve's Armen, Sie standen sich gegenüber. Eve, deren funkelnde Augen sich in sein Antlitz bohrten, sah mit einem Blicke Alles, was in ihm vorging. Sie bewegte sich rückwärts, immer die funkelnden Augen auf ihn gerichtet, nach dem Tische zu, auf dem die Lichter brannten. Plötzlich griff sie hinter sich zwischen die Sachen, die dort lagen, und stürzte mit hochgeschwungenem Arm auf Leo zu. Aber ihr Arm fiel in Leo's schnell entgegengestreckte Hand; ein kurzer Kampf, und er schleuderte den Dolch, den er der Rasenden entrungen, weit fort in das Zimmer. Verzeihen Sie, sagte er, aber Sie sehen, nur die eine Seite Ihres Handwerks kennen Sie vollkommen; in der andern haben Sie noch zu lernen. Im nächsten Augenblick hatte er das Zimmer verlassen; wenige Minuten später hörte Eve, die wie eine Löwin, der man die Beute entrissen, durch das Zimmer raste, den Zug, der ihn nach der Residenz trug, aus dem Bahnhof rollen. Achtundzwanzigstes Capitel. Einige Wochen später befand sich an einem warmen Abend der General von Tuchheim in seinem Arbeitscabinet, aus welchem eine Fensterthür in den Garten führte. Der General, der an seinem Bureau saß und schrieb, war nicht allein; mitten in dem Gemach stand, den kleinen Kopf mit dem grauen, kurzgeschorenen Haar auf die linke Seite geneigt, mit den Fingern der rechten Hand an den blanken Knöpfen seines langen Uniformrockes spielend und den Schreibenden mit einem boshaft-frechen Blicke betrachtend, der Castellan Lippert. Der General wendete sich halb um und hielt dem Manne einen Streifen Papier hin. Hier haben Sie die Anweisung, sagte er, und ich wiederhole Ihnen, es ist die letzte. Meine Geduld ist erschöpft. Herr Lippert nahm das Papier, schob es mit einer geschickten Bewegung in die Tasche seines Rockes und lächelte. Es ist unerhört, fuhr der General unmuthig fort: wissen Sie, daß Sie im Laufe dieser Jahre außer den dreihundert Thalern sogenannten Kostgeldes, das schon seit zehn Jahren gar keinen Sinn mehr hat, beinahe zehntausend Thaler erhalten haben? Mit diesen hier neuntausendsiebenhundert, sagte Herr Lippert, aber dann bedenken Excellenz auch, was mich der Junge kostet; zumal jetzt, wo er einmal wieder außer Amt ist und seinem alten Vater auf der Tasche liegt. Der General schien nicht gehört zu haben, was der Andere sagte. Es ist unerhört, wiederholte er, aber treiben Sie mich nicht zum Aeußersten, ich will lieber Ferdinand anerkennen, als mich in dieser Weise von Ihnen schröpfen lassen. Der Castellan schüttelte leise den Kopf und lächelte. Das würden Sie nicht, Excellenz, sagte er; vor zwanzig, vor zehn Jahren noch wäre es vielleicht möglich gewesen; aber für einen älteren Herrn, Excellenz, schickt sich dergleichen wohl nicht. Und wenn Sie's auch wollten, Excellenz, die gewisse alte Dame auf dem Schlosse will es sicher nicht; und was die junge Dame – er deutete durch das Fenster – dazu sagen wird, ist auch noch die Frage. Sonst hätten Excellenz nichts zu befehlen? Nein. Excellenz sind in letzter Zeit sehr sparsam mit Aufträgen gewesen; ich hoffe, daß Excellenz mir Ihre Kundschaft nicht entziehen werden. Der Mann hatte diese letzten Worte in einem sehr bestimmten, fast drohenden Tone gesagt, mit welchem seine bescheidene Haltung, seine tiefe Verbeugung und der leise Schritt, mit dem er sich jetzt entfernte, sowie das vorsichtige Oeffnen und Schließen der Thür in einem merkwürdigen Gegensatz standen. Der General blieb an seinem Tische sitzen, die hohe schmale Stirn in die wohlgepflegte Hand stützend. Er fuhr heftig zusammen, als jetzt mit dem elfenbeinernen Griff eines Sonnenschirmes gegen das Fenster, in dessen Nähe er saß, gepocht wurde. Sofort lächelte er aber der Dame, die draußen stand, zu und rief: Sogleich, sogleich! räumte aber erst die Papiere, die auf dem Schreibtische lagen, in ein besonderes Fach, das er, ebenso wie den Schreibtisch, sorgfältig verschloß. Verzeihe, daß ich Dich so lange habe warten lassen, sagte er, auf den Perron tretend und Josephen den Arm bietend. Die Gräfin scheint nun doch nicht mehr zu kommen, sagte Josephe, die in Visitentoilette und zum Ausfahren fertig war. Damit würde uns ja nur ein Gefallen geschehen. Des Generals Blicke hefteten sich bei diesen Worten auf die Giebelwand einer reizenden Villa, welche, vom letzten Schimmer des Tages beleuchtet, zwischen den Bäumen und Büschen des Nachbargartens herüberschaute. Ich bitte Dich, Papa, sei vorsichtig, sagte das Fräulein, deren Augen ebenfalls an der mattschimmernden Wand hingen. Glaubst Du, mir altem Taktiker das rathen zu müssen? erwiederte der General; sei versichert, Josephe, ich bin's; aber allzu vorsichtig wäre thöricht, und hier haben wir denn noch sichern Grund unter den Füßen. Wenn wir uns ihm nicht jetzt unentbehrlich machen, wo ihm unsere Freundschaft noch etwas sein kann – hernach, wenn alle Welt ihn wird erobern wollen, ist es nicht mehr möglich. Aber der sichere Grund! sagte das Fräulein; ich habe noch nicht das Gefühl der Sicherheit. Und wie nennst Du das? fragte der General, nach der Villa zeigend. Das Grundstück ist doch unter Brüdern sechzigtausend Thaler werth. Ich habe seinem Vater zwanzig Jahre und ihm selbst nicht minder lange gedient, bevor er mir in der Form dieses Hauses eine Anerkennung meiner Verdienste zu Theil werden ließ. Und hier geschieht dasselbe nach eben so viel Tagen. Es ist unerhört; die ganze Stadt, von dem Hof ganz zu schweigen, ist in Aufregung. Wird er sich halten? fragte Josephe, die Spitzenmantille von den Schultern gleiten lassend. Ich will Dir gestehen: ich habe im Anfange selber daran gezweifelt, jetzt zweifle ich nicht mehr. Dieser Mann ist wie ein schönes Vollblut, das ich einmal als junger Lieutenant ritt und mit dem ich viel Geld gewonnen habe. Ich gab meinen Gegnern oft große Distanzen vor, und so lange ich sie nicht eingeholt hatte, schlug mir das Herz; aber hatte ich erst einmal die Tête genommen, konnte ich lachen, denn dann war Niemand mehr im Stande, mir den Sieg streitig zu machen. Er hat die Tête genommen; ich wette auf ihn, so viel man halten will. Josephe berührte schnell den Arm des Vaters; zwischen den Büschen wurde die Gestalt Leo's sichtbar, der eben über den Rasenplatz herankam. Ach! sagte der General, sei so liebenswürdig, Josephe, wie Du sein kannst. Sie traten aus den Büschen heraus auf den Rasenplatz. Der General ließ Josephen's Arm fahren und ging dem Kommenden mit ausgestreckter Hand entgegen. Ah, da sind Sie, cher voisin ! Wie geht es mit der Einrichtung? Dank der Hülfe des gnädigen Fräuleins, vortrefflich, sagte Leo, dem General die Hand reichend und sich dann vor Josephe verbeugend. Sie wissen, ein Junggesell ist bald eingerichtet. Nun, nun, sagte der General lächelnd, die Zeit kommt auch heran, und dann, man richtet sich ja nicht sowohl für sich ein, als für die Welt. Du lieber Himmel, ich würde ein hartes Feldbett, ein paar Möbel von Tannenholz und gute Bücher, gute Freunde allem Luxus vorziehen, aber wir sind nun einmal keine Robinsons, und das Gesetz der Welt ist auch das unsere. Ein Diener kam den Gartenweg herauf, hinter ihm eine Dame. Ach, die liebe Gräfin, rief der General, da kommt sie doch noch! Ich will Ihnen Ihr schönes Töchterchen nur auf ein paar Minuten entführen, sagte die Gräfin Schlieffenbach, nachdem sie Josephe umarmt hatte; aber ich fürchte mich, zu der alten, bissigen Baronesse Barton allein zu fahren; ich denke immer, sie oder ihr Pintscher beißen mich einmal aus Versehen. Und die junge Dame lachte hell und ging, sich anmuthig vor den Herren verneigend, Arm in Arm mit Josephen davon. Eine charmante Frau, sagte der General, der den Damen entzückte Kußhände nachgeworfen hatte; ein wenig insipide vielleicht für einen verwöhnten Geschmack; aber ich ziehe diese holde Natürlichkeit in Haltung und Sprache dem Raffinement der Empfindung vor, in welchem sich unsere Damen nur zu sehr gefallen. Das ist eine Bekanntschaft, die Sie cultiviren müssen, mein Freund, sobald der Graf aus Paris zurück ist. Uebrigens ist es mir lieb, daß die Damen uns auf einige Zeit allein gelassen haben; ich hätte Einiges, das ich Ihnen gern mittheilen möchte, wenn Sie geneigt sind, mich anzuhören. Der General nahm vertraulich Leo's Arm und sagte, während sie langsam auf den glatt geharkten Wegen um den Rasenplatz promenirten, dessen Fontaine in der tieferen Stille des Abends lauter zu plätschern schien: Was ich Ihnen zu sagen hätte, lieber junger Freund – verzeihen Sie, daß ich mich ausdrücke, wie es das Herz mir eingiebt – mag einem Mann wie Ihnen gegenüber sehr überflüssig erscheinen; indessen das Alter hat das Vorrecht der Erfahrung, ein Vorrecht, das kein Genie der Jugend ihm streitig machen kann. Darf der erfahrene Mann sprechen? Ich bitte ihn darum. Der Starke vertraut seiner Stärke gern zu viel – wer die perfide Schnelligkeit kennt, mit der uns das Leben abnutzt, weiß den Werth der bestehenden Verhältnisse zu schätzen, von deren – ich möchte sagen – elementarischer Kraft wir borgen müssen, wo unsere individuelle Kraft nicht ausreicht. Nun, ich will keineswegs behaupten, daß Ihrem durchdringenden Scharfblick ein Satz von so frappanter Wahrheit entgangen sein sollte; aber die Anwendung für den einzelnen Fall, das ist es! Warum – Sie sehen, ich kann auch indiscret sein – warum haben Sie das Anerbieten Sr. Majestät, Sie in irgend einem der Ministerien zu placiren, nicht angenommen? Weil – Sie erlauben, daß ich eben so aufrichtig antworte, als Sie fragen – ich mich nicht gern in der Menge verlieren möchte. Mein Ehrgeiz geht nicht dahin, den Staat in meiner Person um einen Beamten zu bereichern. Ganz wohl, mein Freund, ich gebe Ihnen von vornherein zu, daß es im Staate nur eine Stelle giebt, die Ihrer würdig wäre; aber, um dahin zu gelangen, um dem Beamtenheer befehlen zu können, ich meine so, daß es gern gehorcht, muß man in ihm gedient haben, muß man aus ihm hervorgegangen sein. Sie beugen sich jedem Tropf, der einmal mit ihnen in Reih' und Glied gestanden hat, aber – Höre ich schon wieder das Wort? sagte Leo; also auch hier die öde Kraft der disciplinirten, oder vielmehr abgerichteten Masse? Dies Schlagwort der Liberalen in dem Munde des Aristokraten? Verzeihen Sie, wenn mich das lächeln macht! Lächeln oder lachen Sie immerhin, sagte der General, aber geben Sie mir zu, daß es ohne eine wohlformirte und wohlgeschlossene Masse, auf die man sich stützt, doch nun einmal nicht geht. Was der Adel ist, ist er doch nur durch die Solidarität des Interesses, das jeder Einzelne an dem Bestehen des Instituts hat, und durch die Schulung, in die das bewußte oder unbewußte Verfolgen dieses gemeinsamen Interesses mehr oder weniger systematisch jeden Einzelnen nimmt! Was ich unserem Adel vorzuwerfen habe, ist nicht sein inniges Zusammenhalten, das im Gegentheil gar nicht innig genug sein kann und noch lange nicht innig genug ist, sondern seine Ideenlosigkeit, der Mangel an Einsicht in die Bedingungen der Zeit, seine Unfähigkeit, sich die auf der Hand liegenden Vortheile zunutze zu machen, zum Beispiel die Arbeiterfrage für sich auszubeuten, wie Sie es wollen. Nur mit dem Unterschiede, Excellenz, daß mir Zweck ist, was Ihnen Mittel. Der Unterschied ist bei Lichte besehen nicht so groß, fuhr der General fort. Denn Sie wollen mir doch nicht sagen, daß die quer- und plattköpfige, schaufelhändige, breitmäulige, durch und durch brutale Masse im Stande sein sollte, sich selbst zu regieren? Regiert muß sie immer werden, und – lieber Freund – dem Einzelnen dürfte es denn doch zu schwer werden. Aber da sehe ich, daß mein Diener Licht in den Pavillon gebracht hat – ich denke, wenn es Ihnen recht ist, wir warten dort die Rückkehr meiner Tochter ab. Im Garten wird es schon etwas kühl. Sie bleiben doch zu Abend? Wenn Sie nichts Anderes vorhaben. Durchaus nicht; ich hoffe, daß wir die Gräfin auch werden hier behalten können, der Graf ist in Paris. Bitte, nach Ihnen! Der Pavillon – ein kleines hölzernes Haus auf einem niedrigen, steinernen Unterbau, lag in der Ecke des Gartens. Hinter dem Garten führte ein schmaler Weg, der den Dienstleuten der umliegenden Villen den Umweg durch die Vordergärten ersparte und zum Theil von hohen Hecken eingefaßt war. In dem Augenblicke, als der General und Leo auf den Pavillon zugingen, huschte ein Mann, der bis jetzt von dem schmalen Weg aus durch die Hecken hindurch die Beiden beobachtet hatte, an den Pavillon heran, schlang sich mit großer Kraft und Gewandtheit an der Außenwand hinauf und hielt sich daran fest, indem er die Füße auf den etwas vorspringenden Unterbau setzte und sich mit der einen Hand an einen Träger des weit vorspringenden Daches stemmte. Es war ganz dunkel geworden auf dem schmalen Weg; im Nothfall sprang er herab und entfernte sich nach dieser oder jener Richtung. Aber es kam Niemand, und der Mann konnte durch die dünne Wand sehr deutlich hören, was gesprochen wurde, auch durch ein schlecht verhülltes Fenster wenigstens theilweise sehen, was in dem Pavillon vorging. Die beiden Herren nahmen auf Gartenstühlen an dem runden Tische Platz. Auf dem Tische stand eine Caraffe mit Wein und ein silbernes Körbchen mit Backwerk. Das gute Kind, sagte der General, sie denkt an Alles! Aber um wieder auf unser Thema zurück zu kommen: Was ist es denn, was meinen armen Bruder zu Grunde gerichtet hat? Mein Bruder war ein Mann, dessen Begabung und Kenntnisse, wie Sie wissen, das Durchschnittsmaß weit überstiegen. Er war dem Richtigen überall auf der Spur; aber er kam niemals weit, weil er sich stets isolirt hielt, stets allein auf seine Ziele losging. Die Arbeiterfrage, die von je sein Steckenpferd war! Ja, mein Gott, was hätte er in dieser Frage Segensreiches schaffen können, wenn er meinem Rathe gefolgt und vor zehn Jahren an Stelle Messenbach's, den der hochselige König um jeden Preis los sein wollte, in das Ministerium getreten wäre. Er würde vielleicht die Revolution verhindert haben, anstatt jetzt sein Vermögen zu verzetteln und damit Niemandem in der Welt zu nützen, am allerwenigsten seinen Arbeitern. Und was für meinen Bruder galt, gilt in noch höherem Grade von Ihnen, der Sie nicht einmal das Privileg eines altadeligen Namens haben. Es wäre thöricht, wenn ich einen Mann von Ihrer durchdringenden Klugheit auf die Gefahren aufmerksam machen wollte, die eine so schwindelnd rasche Carrière, wie die Ihre, nothwendig im Gefolge hat. Sie müssen jetzt, wo das Erdreich locker ist, die Wurzeln so tief treiben, daß Sie hernach kein Sturm mehr entwurzeln kann. Schaffen Sie sich Verbindungen, so viel wie möglich, und gehen Sie dabei stets von der Ueberzeugung aus, daß, was ich thun kann, Ihnen zu dienen, jederzeit mit ganz besonderer Freude geschehen soll. Der General nippte an seinem Glase und fuhr, da der Ausdruck von Leo's Gesicht ihn zum Weitersprechen aufzufordern schien, in noch vertraulicherem Tone fort: Mein Gott, wir sind Einer auf den Andern angewiesen; ich auf Sie, Sie auf mich; wir Beide auf einen Dritten, der wieder auf uns, so geht das fort in infinitum . Den Riesen-Vortheil, den uns ein glücklicher Zufall an unsere Insel warf, muß man mit tausend Fäden halten, sonst steht er auf und geht davon, wenn er uns nicht gar noch schlimmer mitspielt. Nun, mein Freund, Sie haben da schon so ein paar Fädchen geschlungen, die darum nicht weniger fest sind, weil sie zart sind. Die stille Kraft allein ist fürchterlich, sagt der Dichter, und welche Kraft ist stiller, also auch fürchterlicher, als die von ein paar schönen geist- und seelenvollen Frauenaugen? Wie schön sind die Augen Ihrer Fräulein Cousine! Auch Ihre Tante hatte in ihrer Jugend schöne Augen, so schöne nicht. Wissen Sie, daß der König fast stirbt vor Neugier, zu wissen, in welchem Verhältnisse Sie eigentlich zu einander stehen? Und Neugierde ist in diesem Falle nicht blos ein ungeziemender, sondern auch wirklich unpassender Ausdruck. Es ist sein sympathetisches Herz, das ihm keine Ruhe läßt, bis er weiß, wie es mit dem Herzen der Menschen, für die er sich interessirt, eigentlich steht. Was habe ich von dem Menschen, wenn ich nicht den ganzen Menschen habe! Wie oft habe ich ihn das sagen hören. Da er nun viel zu discret ist, um irgendwie direct zu fragen, so ergeht er sich unterdessen in den wunderlichsten Vermuthungen. Und Sie selbst, Excellenz? fragte Leo lächelnd. Ich selbst? Ja, mein lieber Freund, wenn Sie es wirklich wissen wollen, ich denke, die Sache ist sehr einfach, und doch thut es mir leid, daß sie so einfach ist. Das heißt? Das heißt – aber Sie wollen in der That meine eigentliche Meinung? Ich bitte Sie darum. Nun denn: das Einfachste und Wahrscheinlichste scheint mir, daß Sie Ihre schöne Cousine lieben, daß Ihre schöne Cousine sie liebt. Und das würde Ihnen leid thun? Aufrichtig: ja; Sie müssen in Ihren jetzigen Verhältnissen eine große Partie machen; heirathen Sie nun die in Rede stehende Dame, so kommen Sie um die große Partie; heirathen Sie sie nicht, so kommen Sie vielleicht – um die Freundin. Aber da höre ich unsere Damen. Nein, es ist Josephe allein. Wo hast Du die Gräfin, Liebe? Die Gräfin läßt sich entschuldigen; ihr fiel ein, daß sie mit dieser Post an ihren Gemahl zu schreiben habe. Die Herren müssen also mit mir allein vorlieb nehmen. Josephe nahm den Hut ab; ihr dunkles, sehr künstlich, aber kleidsam frisirtes Haar erglänzte im Licht der Kerzen. Des Generals Augen ruhten mit Wohlgefallen auf seiner schönen Tochter und streiften dann das Gesicht seines Gastes, dessen Blicke ebenfalls sinnend an der herrlichen Gestalt des Mädchens hingen. Ist angerichtet, Josephe? Sogleich. Ich möchte Friedrich noch einen Auftrag in die unteren Regionen geben, sagte der General, sich erhebend; Du kommst wohl in ein paar Minuten mit unserem lieben Gast nach? Meinen Sie nicht, mein gnädiges Fräulein, sagte Leo, sobald der General den Pavillon verlassen hatte, daß die Frau Gräfin noch einen andern triftigeren Grund hatte, nicht mit Ihnen zurückzukommen? Josephe öffnete die großen Augen noch mehr. Woher wissen Sie das? Ich sah es an ihrer Miene, als sie in den Garten trat und mich erblickte. Ihr erster Gedanke war: wie wirst Du Dich geschickt zurückziehen können. Habe ich Recht? Nicht ganz, sagte Josephe. Sie für ihr Theil – Wäre gern geblieben, unterbrach sich Leo, gewiß; aber sie fürchtet, eine Stunde in meiner Gesellschaft könnte den ***Gesandten compromittiren. Nur bedenkt der Herr Gesandte nicht, daß leicht eine Stunde kommen könnte, wo er wünschen wird, seiner Gemahlin weniger ängstliche Instructionen gegeben zu haben. Und was sagen Sie selbst, gnädiges Fräulein? Ich sage: ganz Unrecht kann ich der Gräfin nicht geben. Sie müssen wissen, wie sehr Papa und ich Sie schätzen, aber die Bedingungen unseres Lebens sind so besonderer Art; Sie glauben nicht, wie viel Sorge es mir macht, daß diese Bedingungen nicht alle bei Ihnen zutreffen. Macht Ihnen das wirklich Sorge? sagte Leo; wer hätte diesen schön geschweiften Brauen zugemuthet, daß sie sich auch besorgt zusammenziehen könnten! Sie spotten. Nein, wahrlich nicht. So glauben Sie, daß ich keinen Theil an Ihnen nehme? Welches Recht hätte ich, das zu glauben? Wollen wir in das Haus gehen? sagte Josephe, nach der Spitzenmantille greifend, die sie von den schönen Schultern auf den Stuhl hatte gleiten lassen. Leo war ihr behilflich, sie wieder umzuthun, dabei kam er mit einer ihrer Hände in Berührung, die er fest hielt und an seine Lippen führte. Verzeihen Sie! Ich entschließe mich schwer, an das zu glauben, worauf ich einen ganz besonderen Werth lege. Josephe! ertönte die Stimme des Generals von der offenen Thür des Gartensaales der Villa. Kommen Sie, Sie Ungläubiger! sagte Josephe, der Papa wird sonst ungeduldig. Sie zog ihre Hand aus Leo's Hand und verließ schnell den Pavillon. Langsamer folgte Leo. Als die Schritte der sich Entfernenden auf dem Kies des Gartenweges nicht mehr zu hören waren, sprang der Mann an der Wand des Pavillons aus seiner unbequemen Stellung herab in den Weg. In dem Wege war es jetzt ganz dunkel, dennoch trat der Mann leise auf und beeilte sich, die breitere Querstraße, auf die der schmale Pfad mündete, zu erreichen. Erst hier richtete er sich auf und ging langsamer, bog dann in eine andere Straße, und blieb vor einer allerliebsten zweistöckigen, mit Holzschnitzereien ausgezierten, von wildem Wein fast ganz überrankten Villa stehen, die, von einem Garten umgeben, etwas abseits von der Straße, in lauschiger Abgeschiedenheit lag. Der Mann zog die Klingel der Gartenpforte und fragte den Diener, der ihm in den mit Blattpflanzen und Statuetten ausgeschmückten Vorflur Ueberrock und Stock abnahm: Ist schon Jemand bei der gnädigen Frau? Auf die verneinende Antwort des Dieners zuckte es über des Mannes schönes Gesicht; er strich sich das lockige Haar aus der Stirn, wirbelte den lockigen Schnurrbart und folgte dem Bedienten, der ihm die Thür zum Salon öffnete. In dem prachtvoll ausgestatteten Gemache befand sich Niemand, außer einer Dame, die in nachlässiger Haltung auf einem niedrigen Divan lag. Bei dem Geräusch der Thür hob sie den Kopf, ließ sich aber sogleich wieder zurücksinken, als sie den Eintretenden erblickt hatte. Ach, Ferdinand! sagte sie; mir däucht, Du kommst sehr früh. Indessen, es ist mir sehr lieb, daß Du gekommen bist, ich hatte Dir Einiges zu sagen. Willst Du die Portière vor der Thür nach dem Flur zuziehen! Ich habe den Menschen im Verdacht, daß er an dem Schlüsselloche horcht. So, danke! Nun setze Dich hierher zu mir! Nicht so sehr nah! So! Und Eve lächelte, indem sie die schweren Falten ihres Kleides zurückschob, die Ferdinand, als er sich zu ihr setzte, mit den Knieen berührt hatte. Neunundzwanzigstes Capitel. Zuerst wollte ich Dir sagen, fuhr Eve fort, daß Dein Vater schon wieder einmal hier gewesen ist und mir durch die Drohung, meinen Ausflug nach dem Jagdschlosse des Prinzen in die Oeffentlichkeit zu bringen, abermals zweihundert Thaler abgeschwindelt hat. Du mußt dem Dinge ein Ende machen. Wie kann ich das, liebste Eve? sagte Ferdinand. Nenne mich nicht liebste Eve, wenn Du das nicht kannst, und sieh nicht so verliebt in den Spiegel, Du hast gar nicht Deinen beau jour ; ich kann heute keinen Staat mit Dir machen. Auch Deine Toilette scheint mir derangirt, wie es sich gar nicht schickt, wenn man zu einer Dame kommt. Schweig! Oder beantworte mir erst die Frage, weshalb Du mich nicht von Deinem Vater befreien kannst? Ja, mein Gott, ist es denn meine Schuld, daß er Sachen von Dir weiß, die er nicht wissen durfte? Sie werden impertinent, mon cher ! Und ich werde Sie bitten müssen, mich zu verlassen! erwiederte Eve, indem sie die Arme kreuzte und sich noch tiefer in den Divan zurücklehnte, die Augen nach der Zimmerdecke gerichtet. Wie Du nun gleich wieder empfindlich bist! sagte Ferdinand, indem er Eve's Hand zu fassen versuchte. Ich will nichts mehr von Dir hören, geh! rief Eve, ihm einen Schlag auf die Hand gebend und sich erhebend. Die Falten ihres schweren seidenen Kleides rauschten, während sie durch das Gemach schritt, um vor einem großen Spiegel stehen zu bleiben und – als ob Niemand bei ihr im Zimmer wäre – ihre Frisur in Ordnung zu bringen. Ferdinand's Blicke hingen an der Gestalt, deren prachtvolle Formen, wie sie jetzt, beide Arme erhebend und den Oberkörper etwas hintenüber beugend, in dem reichen Haar nestelte, auf das Herrlichste hervortraten. Seine Augen glühten, und dabei nagte er zornig an der Unterlippe. Bist Du noch hier? fragte Eve, sich, ohne in ihrer Beschäftigung aufzuhören, halb umwendend. Ich gehe schon, sagte Ferdinand. Und daran thust Du recht. Was soll ich mit einem Menschen, der mich fortwährend compromittirt – ach, gieb mir doch einmal das reizende Kämmchen, das Du in der Tasche zu tragen pflegst – danke – ja, der wie Du mich fortwährend compromittirt! Weißt Du, daß Alfred complett eifersüchtig auf Dich ist und mir schon Deinetwegen ein paar greuliche Scenen gemacht hat? Und anstatt dafür aufmerksamer und dienstfertiger zu werden, wirst Du mit jedem Tage nachlässiger und gleichgiltiger. Es ist beinahe schon acht Tage her, daß ich Dir den Auftrag gab, herauszubringen, wo und wie ein gewisser Herr seine Abende zubringt – ich soll noch heute Antwort haben. Auch das ist nicht meine Schuld, erwiederte Ferdinand; Du weißt sehr wohl, daß es nichts Leichtes ist, was Du von mir verlangst. Das Interesse, das Du noch immer an diesem Menschen nimmst, ist sehr wenig schmeichelhaft für mich. Ich hätte große Lust, Deinem geistreichen Alfred ein Licht darüber anzuzünden, wie unendlich ihn die Dame liebt, die nicht einen Tag von ihm getrennt sein kann, ohne ihm nachzureisen. Das wolltest Du! rief Eve, Du, der Du Dich meinen besten Freund nennst? Du? Sie ließ sich auf einen Sessel in der Nähe des Spiegels nieder und bedeckte ihr Gesicht mit ihrem Battisttuche. Eve, geliebte Eve! rief Ferdinand, sich vor ihr auf's Knie werfend; wie kannst Du glauben, daß ich Dich verrathen könnte? Ich, der ich Dich so unsäglich liebe! Mache mit mir, was Du willst, aber stoße mich nicht von Dir! Und sieh, Eve, wie ungerecht Du bist! Nur eben komme ich von einer Expedition, die ich für Dich unternommen und bei der ich eine halbe Stunde wie eine Fledermaus an der Wand geklebt habe, um besser hören und sehen zu können. Nun? rief Eve, indem sie das Taschentuch vom Gesichte riß, und was hast Du gehört und gesehen? Ich will Dir Alles erzählen. Still! Ich höre Jemanden kommen; steh auf, schnell I Es war Henri, der hereintrat. Er küßte Eve die Hand, nickte Ferdinand nachlässig zu und warf sich auf den Divan, indem er rief: Gott, Eve, wie schön sind Sie heute Abend wieder einmal; Ihr Geschmack vervollkommnet sich wirklich mit jedem Tage. Ich glaube, Sie haben Feen statt Schneiderinnen zu Ihrer Verfügung! Das Kleid sitzt superb, und diese Perlen im Haar – prachtvoll, zu kostbar fast für eine Dame, die bei sich empfängt. Aber ich wollte ja von anderen Dingen sprechen. Wissen Sie, Lippert, daß der König ihm das Haus effectiv geschenkt hat? Ich weiß es aus bester Quelle. Sollte man es glauben? Dies übersteigt alles Dagewesene. Der Prinz ist wüthend, der ganze Hof ist außer sich, die Königin soll vor ihm auf den Knieen gelegen haben – Man wird sich noch an ganz andere Dinge gewöhnen müssen, sagte Ferdinand. Freilich, nach diesem Vorgang kann alles geschehen. Und wird geschehen. Eve hatte die funkelnden Augen von Einem zum Andern gewendet. Und das sagt Ihr so ruhig? rief sie; und Ihr wollt Männer sein? Giebt es denn keine Pistole mehr, mit der man einen Menschen, der Einem so unbequem und verhaßt ist, aus der Welt schießt? Henri zuckte die Achseln. Wir leben in sehr civilisirten Verhältnissen, sagte er; selbst ein Duell will arrangirt sein, und abgesehen davon, daß mein Schwiegerpapa außer sich wäre, wenn ich ihm seinen Goldfisch todtschösse, und Leo schwerlich die Dummheit haben wird, eine Herausforderung möglich zu machen, kann man bei einer solchen Gelegenheit – und wäre es auch nur durch einen ungeschickten Zufall – eben so leicht todtgeschossen werden, als todtschießen. Ich möchte, wie Hamlet, einen Grund, der sicherer ist. Natürlich! höhnte Eve. Wie war es, sagte Henri, zu Ferdinand gewendet; meinten Sie nicht, es würde noch mehr geschehen? War das nur so eine Redensart, oder wüßten Sie wirklich mehr? Ich weiß mehr, erwiederte Ferdinand und erzählte nun, wie er, um Eve's Auftrag zu erfüllen, tagelang schon Leo's jetzige Wohnung vergeblich umschlichen habe, bis es ihm endlich heute Abend gelungen sei. Er theilte sodann mit, was er aus der Unterredung zwischen Leo und dem General behalten hatte; schließlich schilderte er die Scene zwischen Leo und Josephe. O, es war wundervoll! rief er, die zarteste Huldigung von Seiten des Cavaliers, die verschämteste Aufmunterung von Seiten der Dame. Ich kann mitsprechen, denn sie hat das seinerzeit mit mir ebenso gemacht. Henri brach in ein Gelächter aus. Mit Ihnen? rief er, nur mit Ihnen? sagen Sie lieber mit tausend und drei, denn wer war nicht dabei! O, das wird den kleinen Hasseburg göttlich amüsiren, der war ja wohl der Letzte? Aber Scherz beiseite, das wäre wirklich fatal, mehr als fatal! Bekannt wie Josephe ist, oder meinetwegen verrufen, wie sie ist, sie ist immer aus einer alten Familie. Das bleibt; das Andere vergißt sich. Aber das darf nicht sein, nimmermehr, ich danke für eine solche Vetterschaft. Und Henri schritt mit den Zeichen lebhafter Erregung in dem Gemache auf und ab. Aber, lieber Baron! sagte Eve, bedenken Sie doch! Man kann ja auch todtgeschossen werden! Bitte, bitte, vergessen Sie das ja nicht! Ich müßte mir sonst die armen Augen ausweinen. Sie sollten uns lieber einen guten Rath geben, anstatt sich über uns lustig zu machen. Ich dächte, Ihnen müßte denn doch mindestens eben so viel daran liegen, als uns, daß dies nicht zu Stande kommt. Eve hatte sich auf den Divan gesetzt und die Stirn in die Hand gestützt. Was antwortete er dem General? fragte sie mit dumpfer Stimme, was sagte er von Silvia? Ich weiß es nicht, sagte Ferdinand; Josephe kam gerade dazu, und ich mußte die Stellung wechseln. Es wäre wichtig gewesen, murmelte Eve. Hier müssen wir anknüpfen; er soll das arme Kind nicht ungestraft verrathen. Ich glaube freilich jetzt nicht mehr, daß er sie liebt – was, oder wen liebte dieser Mensch, außer sich selbst! desto sicherer aber ist, daß sie ihn liebt, und wenn sie ihn liebt, wird sie ja wohl ein Herz, haben, das bluten kann. O, es soll bluten, dieses eitle, hochmüthige Herz, Tropfen um Tropfen, wie – Eve preßte die Stirn wieder in die Hand; ihre kleinen weißen Zähne nagten geschäftig an der Unterlippe; ihr linker Fuß schlug den ungeduldigen Tact zu den schlimmen Gedanken, die sich durch ihre Seele drängten. Ja, ja! sagte Henri, der Gedanke ist gut, sehr gut! Ich kenne Silvia! Sie ist die stolzeste und hochmüthigste Person, die sich denken läßt. Sie kann die Thaten einer Heiligen thun und die Leiden einer Heiligen leiden, aber wehe dem, der für ihren Heiligenschein keine Augen hat. Das Kokettiren mit Josephe würde sie Leo nie vergeben, und damit wäre sehr viel gewonnen. Sie wird von dem Augenblicke an ein sehr viel weniger beredter Anwalt seiner unendlichen Verdienste sein, und die gute Lisette wird bald ganz andere Dinge durch das Schlüsselloch zu hören bekommen. Aber wie bringen wir es ihr nur bei? Man sollte vielleicht an sie schreiben, einen hübschen, pikanten kleinen Brief. So etwas hat immer seine Wirkung. Ja, ja! sagte Ferdinand. Ihr erbärmlichen Pfuscher! sagte Eve aufblickend; ist das Eure ganze Weisheit? Ein so verbrauchtes Mittel! Ich schäme mich für Euch! Freilich muß Silvia es wissen, aber nicht durch einen Brief. – Ferdinand muß zu ihr hingehen. Ich? rief Ferdinand. Ja, Du. Unter welchem Vorwande? Unter einem sehr einfachen. Daß Silvia einen großen Einfluß auf ihren Vetter hat, wird man ja wissen dürfen, und weshalb sollte Jemand, der von Leo etwas zu erlangen wünscht, sich nicht an Silvia wenden? Das ist doch so harmlos als möglich. Ferdinand ist jetzt ohne Amt und Brod – Bis auf den Fasanenbraten, mit dem Sie uns heute regaliren werden, warf Henri dazwischen. Unterbrechen Sie mich nicht! Leo hat ihn in diese Lage gebracht, Leo's Pflicht ist es, ihn wieder herauszureißen. Diese Mahnung an seine Großmuth wird seiner Eitelkeit schmeicheln. Unter allen diesen Umständen hat Ferdinand einen Vorwand; sich Silvia zu nähern, und seine Schuld ist es dann – Wenn er sein Gewerbe nicht anbringt, rief Henri aufspringend und sich die Hände reibend; der Gedanke ist entzückend! Ich möchte Sie küssen, Eve! Das möchten Sie wohl auch, ohne daß ich Gedanken hätte, sagte Eve, die sich wieder auf den Divan geworfen hatte und, den Kopf hintenüber gelehnt, eine schöne Copie der Io des Correggio, die ihr gegenüber an der Wand hing, betrachtete. Ohne Zweifel, sagte Henri lachend. Wir können und müssen noch mehr, sagte Ferdinand. Ich habe schon gedacht, ob man den bedenklichen Ruf, in welchem das alte Fräulein steht, nicht für unsere Zwecke ausbeuten könnte. Ich weiß so Manches, man könnte leicht noch mehr erfahren. Und was versprechen Sie sich davon? fragte Henri. Fahren Sie fort, lieber Ferdinand! rief Eve; der Baron versteht von solchen Dingen nichts. Ich meine, sagte Ferdinand, dessen dunkle Augen bei dem Lob Eve's aufgeleuchtet hatten, es ist immer gut, einen Feuerbrand in das feindliche Lager zu werfen; man weiß nicht, wie das weiter frißt. Der König ist sehr eifersüchtig auf seinen guten Ruf; bis jetzt hat Niemand so rechtes Interesse daran gehabt, das höchst eigenthümliche Verhältniß, in welchem er zu der alten Dame steht, näher zu beleuchten. Wenn bei dieser Gelegenheit auch der Ruf der jungen Dame leiden sollte, so hat von uns ja wohl Niemand etwas dagegen. Die hochmüthige, naseweise Dirne! rief Eve. Wenn wir nur nicht den Teufel an die Wand malen und sie dem König desto schneller in die Arme treiben. Denn das wird schließlich doch wohl das sündhafte Ende von dem tugendhaften Liede sein. Pah! sagte Henri. Sie glauben ja selbst nicht daran, Eve; das Mädchen ist nicht wie die andern. Meinen Sie? fragte Eve spöttisch, indem sie dabei die Spitzen ihrer Stiefelchen zusammenklappen ließ; haben Sie sich vielleicht auch ihr angetragen und sind zurückgewiesen worden? Und denken Sie, wo Sie geschlagen worden, könnten Andere nicht siegen? O, diese elende Eitelkeit der Männer! Echauffiren Sie sich nicht, meine Gnädige, sagte Henri, das macht auf mich keinen Eindruck. Sie würden Silvia nicht so hassen, wenn sie wäre wie – Nun wie? rief Eve, sich aus ihrer liegenden Stellung aufrichtend und Henri mit drohendem Blicke anstarrend. Wie Fräulein Adèle Vignerol zum Beispiel! rief Henri lachend; ich höre sie eben im Vestibule; wenigstens rasselte Henkel's Säbel, und da pflegt Mademoiselle Adèle nicht weit zu sein. Die Thür wurde mit Geräusch geöffnet, und hinter einer leichten, graziösen Mädchengestalt in hellem luftigen Kleide und mit einer weißen Camelie in dem dunklen üppigen Haar, wurde die überlange und überschlanke Figur eines Cürassier-Officiers sichtbar, der sein blondes Bärtchen wohlgefällig drehte. Ah, cette chere Eve , rief Mademoiselle Adèle, indem sie auf Eve zueilte und sie lebhaft auf die rechte und dann auf die linke Wange küßte; wie lange habe ich Sie nicht gesehen! Seit vorgestern Abend, sagte Henri trocken. O, Sie Ungeheuer, sind Sie auch da? rief die lebhafte kleine Französin, sich zu Henri wendend und einen koketten Streich mit dem Taschentuche nach ihm führend. Sie glaubten, Ihre schwarzen Augen hätten mich vorgestern getödtet! rief Henri, die Hand der Dame fangend und festhaltend; darauf angelegt haben Sie es; aber Sie sehen, mein Herz schlägt noch! und er drückte die gefangene Hand an seine Brust. O, Sie Ungeheuer! wiederholte Fräulein Adèle; befreit mich denn Keiner von diesem Ungeheuer? Ich wundere mich, daß Sonnenstein noch nicht hier ist, sagte der Cürassier, der dem Spiel seiner Geliebten und Henri's mit ziemlich mürrischer Miene zugesehen hatte. Quand on parle du loup ! rief Adèle, als die Thür abermals geöffnet wurde und Alfred in das Gemach trat. Ah! sagte Alfred, schon so zahlreich! und ich glaubte der Erste zu sein. Er trat an Eve heran, küßte ihr die Hand und flüsterte ihr, während er ihr ein Bouquet überreichte, einige Worte zu, die Eve mit einem Lächeln erwiederte. Dann wendete er sich zu den Andern. Er hatte für Jeden ein freundliches Wort und einen freundlichen Blick, trotzdem er noch blasser war als sonst und feine Augen gläsern unter den langen Wimpern hervorblickten. Ich freue mich so, Sie hier zu sehen! sagte er mit matter Stimme; ich denke, wir werden einen recht lustigen Abend haben! Hat man den neuen Champagner geschickt, Eve? Aber in Eis, liebes Kind, in Eis; das vergeßt Ihr immer! Ist's nicht sehr warm hier? Ach! Und der junge Mann warf einen ängstlichen Blick nach dem Fenster und wehte sich mit dem Taschentuche Kühlung zu, während die zwei feurigen Flecke auf seinen bleichen Wangen schärfer hervortraten. Eve öffnete das Fenster und trocknete ihrem Liebhaber, der sich in der Nähe desselben in einen Lehnsessel geworfen hatte und die laue Nachtluft mit Begierde in seine kranke Brust sog, die Tropfen von der Stirn. Unterdessen füllte sich der Salon. Der Fähnrich von der Hasseburg führte seine neueste Eroberung, Fräulein Louise von der Großen Oper, triumphirend ein. Es kam der Baron Kerkow mit seiner Freundin, einer jungen Dame, welche die Tochter eines Gärtners auf einem seiner Güter war und die er, wie er sich gern rühmte, eigens für sich in Hamburg hatte erziehen lassen. Zuletzt kam der Legationsrath von Dirkheim, ein älterer Herr, der trotz seines unbequemen Hustens, seiner zitternden Hände und seiner zwinkernden Augen von den Freuden der Jugend noch immer nicht lassen konnte. Er entschuldigte sich mit näselnder Stimme bei Eve, daß er Fräulein Auguste nicht habe mitbringen können. Das arme Kind, rief er, hat vorgestern und gestern zu viel geschwärmt. Nun liegt sie da und klagt über die schrecklichste Migräne. Ja, ja, die Jugend, die heutige Jugend! Als ich noch jung war – War? Lieber Legationsrath, Sie sind es ja noch. Geben Sie mir Ihren Arm; ich sehe, es ist angerichtet. Und Eve ging lachend und scherzend an der Seite des hüstelnden Legationsrathes in den kleinen Speisesaal, aus dessen geöffneten Thüren von der glänzend gedeckten Tafel das hellste Kerzenlicht strömte. Es war ein lustiges Souper. Die Herren waren sehr gesprächig und die Damen äußerst munter. Es wurde viel gelacht und viel getrunken. Nur einmal wurde die Harmonie vorübergehend gestört, als Fräulein Louise von der Großen Oper Fräulein Adèle vom Ballet eine unverschämte Person nannte, worauf Fräulein Adèle Fräulein Louise für une vipère erklärte. Eve, welche auf den guten Ton bei ihren petits soupers sehr viel hielt, warf den zankenden jungen Damen einen unwilligen Blick zu und hob die Tafel auf in dem Augenblicke, als ihr der Diener eine Karte überreichte. Kennst Du den Herrn? fragte Eve, die Karte an Alfred gebend. O, der Marquis! rief Alfred, das ist herrlich! die gnädige Frau ließe sehr bitten! Wer ist es? fragte Henri. O, unser Marquis! Marquis de Sade! Da ist er! Und Alfred ging einem äußerst elegant gekleideten jungen Manne entgegen, dessen feines, von dunklem Haar und Bart umrahmtes Gesicht durch Ausschweifungen oder Krankheit, vielleicht durch Beides, arg verwüstet war. Der Marquis war eben erst von seiner Erholungsreise nach Egypten und Italien zurückgekommen, da seine Gesandtschaft den Urlaub nicht hatte verlängern wollen. Und in Erwägung, daß ich nicht Ihr Vermögen habe, lieber Sonnenstein, und doch auch leben muß, wie der Schneider zu Herrn von Talleyrand sagte, blieb mir nichts übrig, als in Euer abscheuliches Klima zurückzukehren. Indessen, es geht besser, viel besser, und das danke ich vorzüglich dem lieben Doctor, der nachträglich so dumme Streiche gemacht hat. Jetzt thut es mir doch leid um ihn. Aber Sie wollten es ja nicht anders, Baron! Was ist denn schließlich aus ihm geworden? Ah, das ist eine lange Geschichte, sagte Henri, der bei der Frage des Marquis, sehr gegen seine Gewohnheit, roth geworden war. Ich dächte, die Geschichte wäre kurz genug, rief der junge von Hasseburg, den Henri über Tisch allzu sehr geneckt hatte. Tuchheim glaubte den Doctor zu machen, nun hat der Doctor ihn gemacht. Das ist Alles. Der Marquis blickte von Einem zum Andern. Meine Herren! rief er, Sie vergessen, daß ich als Ausländer nicht die Pflicht habe, in alle Finessen Ihrer eleganten Sprache eingeweiht zu sein. Von den Beiden können Sie die Wahrheit nicht erfahren, rief Baron Kerkow; sie sind Partei. Hören Sie nur auf mich; ich kenne die ganze Geschichte. Aber ich bitte Sie, meine Herren, sagte der Legationsrath, die Sache ist wirklich zu delicat! Ich dächte, wir sprächen von etwas Anderem! Oder arrangirten ein kleines Jeu, rief Alfred, den Marquis unter den Arm nehmend und ihn in den Salon führend, wohin ihnen die Anderen lachend und scherzend folgten. Der Spieltisch war bald in Ordnung. Die Herren und Damen hatten sich um die ovale Tafel gruppirt, über deren grüne Decke das Geld erst in kleineren, dann in rasch wachsenden Haufen hin und her geschoben wurde. Und je größer die Summen, um so gespannter wurden die Züge, um so starrer die Augen der Spieler. Stiller und immer stiller wurde es in dem Gemach; zuletzt hörte man nur noch das monotone: Faites votre jeu! Rien ne va plus ! des Bankiers, das Klingen der Goldstücke und etwa ein kurzes, heiseres Lachen oder eine durch die Zähne gemurmelte Verwünschung. Alfred selbst hielt die Bank. Der junge Mann war sonst durch sein Unglück im Spiel bekannt; heute Abend aber schienen die Karten nur für ihn zu schlagen. Der Haufen Gold und Banknoten neben ihm wuchs mit jedem Augenblick, und mit jedem Augenblick wuchs auch die tiefe Röthe der verhängnißvollen Flecken auf seinen Wangen. Nicht als ob ihn der Gewinn gefreut hätte! Alfred war gleichgiltig gegen Verlust oder Gewinnst, und er hätte heute in seiner Eigenschaft als Wirth sogar lieber verloren als gewonnen. Was seine abgestumpften Nerven erregte, war die Leidenschaft am Spiele selbst, an dem Hinüber und Herüber des Glückes. Hinter ihm, auf die Lehne seines Stuhles gebeugt, stand Eve. Sie war die Einzige in der Gesellschaft, die keinen Theil am Spiel zu nehmen schien. Sie beantwortete wohl lächelnd die kurzen Bemerkungen, die Alfred, halb über seine Schulter gewendet, von Zeit zu Zeit bei einer besonders merkwürdigen Chance des Spieles an sie richtete, setzte auch wohl dann und wann ein Goldstück, das sie von dem Haufen nahm, aber ihre grauen Augen wanderten trotzdem unablässig durch die Gesellschaft, sich bald an dieses, bald an jenes Gesicht heftend, und dann wieder weiter wandernd, als hätte sie alle Schwächen dieser Menschen, wie sie jetzt in der Leidenschaft des Spiels so nackt hervortraten, zu künftigem Gebrauche zu registriren, und dürfte keine auslassen. Am längsten und häufigsten haftete ihr Blick auf dem Gesichte des Marquis de Sade, den sie heute zum ersten Male sah und der neben seiner schwarzäugigen Landsmännin Platz genommen hatte. Eve ärgerte sich über die frechen Manieren des Mädchens, die gegen die vollendete Haltung und liebenswürdige Anmuth des jungen Diplomaten freilich grell genug abstachen; sie fragte sich, ob dieser Mann wohl der Rechte wäre? Aber dieser Mann mit der eingesunkenen Brust und den schmalen Lippen, die über Tod und Leben gleicherweise zu spotten schienen, war's auch nicht, so wenig wie der, auf dessen Stuhl sie lehnte. Wer war es? Sollte sie, die sie die Sitte der Welt, das Gesetz der Gesellschaft so keck unter die Füße trat, nicht einmal vor anderen Frauen den Vorzug haben, sich den Mann ihres Herzens nach ihres Herzens Neigung wählen zu dürfen? Und wenn das nicht der Fall sein sollte, wenn sie nicht wählen durfte, ebensowenig wie die Anderen, so wäre der Prinz denn doch die beste Partie gewesen. Eve's graue Augen blickten immer finsterer, und immer finsterer zogen sich die schwarzen Brauen über den grauen Augen zusammen. Es war eine böse Erinnerung, die Erinnerung an die prinzliche Gastfreundschaft auf dem Jagdschlosse, eine demüthigende, quälende, nagende Erinnerung. Und dann dachte sie an den Mann, den sie wirklich geliebt, oder zu lieben doch wenigstens geglaubt, und der sie grausamer als alle Andern gekränkt hatte. Was er vorher gethan – es mochte vergeben und vergessen sein! Aber dies Letzte, dieser Hohn, sie in seinen Armen gehalten, und sie dann so schmählich verlassen zu haben – das wollte Rache – Rache um jeden Preis! Faites votre jeu, messieurs! – Rien ne va plus! Eve verließ ihren Platz hinter dem Stuhl ihres Liebhabers und streifte, während sie um den Tisch ging, Ferdinand's Schulter. Ferdinand, der eifrig gespielt hatte, blickte auf. Eve lächelte; Ferdinand erhob sich und trat an Eve heran. Wünschest Du etwas, liebe Eve? Ich? Nein; aber da Du einmal von dem langweiligen Spiel fort bist, kannst Du mir auch Deinen Arm geben und mich begleiten; es ist unerträglich heiß hier. Ich glaube, Du hast die neuen Zimmer, die mir Alfred jetzt hat einrichten lassen, noch gar nicht gesehen. Ist dieses kleine Cabinet nicht reizend? Alfred wollte die Tapeten und Möbel hellblau haben; aber Alfred weiß viel, was mir steht. Du siehst, ich habe Deine Lieblingsfarbe genommen: dunkelgelb; das paßt für meinen Teint, meintest Du immer. Ich dachte nicht, daß Du auf mein Urtheil irgend einen Werth legtest, sagte Ferdinand zärtlich. Und wie gefällt Dir diese Einrichtung? fuhr Eve fort, indem sie einen Vorhang von dunkelgelbem Damast ein wenig zurückschlug. Nun, tritt nur näher, Du blöder Schäfer; es ist ja doch nicht das erste Mal, daß Du in meinem Schlafgemache warst. Sie ließ die Portière hinter sich und Ferdinand fallen. Ein mattrothes Dämmerlicht, das von einer Ampel in Gestalt einer Weintraube ausging, welche an goldenen Rebengewinden von der Decke herabhing, durchfloß das ziemlich große Gemach. Im Hintergrunde stand ein prachtvolles Himmelbett, dessen schlanke Pfeiler von vergoldeten Sphinxen getragen wurden und durch dessen halbgeöffnete rothseidene Vorhänge die mit Spitzen eingefaßten Kissen schimmerten. Durch die mit Gazevorsätzen geschützten offenen Fenster wehte von dem Garten herauf der Duft der Rosen und der Reseda; von dem Spielzimmer her vernahm man nur noch ein verworrenes Geräusch; in dem Schlafgemache selbst dämpften dicke Teppiche den Schritt; Ferdinand hörte nur noch das Rauschen von Eve's Kleid und das Klopfen seines Herzens. Und hierher führst Du mich? rief er, mich? Ich verstehe Dich nicht, erwiederte Eve, mit gutgespielter Ruhe in das leidenschaftlich bewegte Gesicht ihres Begleiters blickend. In der That, rief Ferdinand, und doch versteht sich hier eigentlich Alles von selbst. Es versteht sich von selbst, daß ich beim Anblick des Lagers, das Du mit einem Anderen theilst, eine heilige Freude empfinde; es versteht sich von selbst, daß ich mir die Gestalt der Möbel und die Farbe der Stoffe recht genau merke, damit ich mir doch auch die Landschaft vorstellen kann mit der bekannten Staffage! Es versteht sich das ganz von selbst! Und Ferdinand lachte wild auf, indem er mit beiden Händen in sein üppiges Haar griff. Du bist wahnsinnig, sagte Eve. Natürlich, höhnte Ferdinand, ich bin ja Alles, was Dir für den Augenblick bequem ist; warum soll ich da nicht einmal wahnsinnig sein! Aber hüte Dich, Eve, mit Wahnsinnigen ist nicht zu scherzen. Es gehen ihnen manchmal ganz eigene, gar nicht vernünftige Gedanken durch den Kopf, und in solchen Augenblicken kann es ihnen passiren, daß sie ein Weib, das sie sehr lieben, erdrosseln, blos um zu sehen, ob es auch noch nach dem Tode mit blauen Lippen lächeln und lügen kann. Du bist in der That wahnsinnig, sagte Eve. Sagst Du es noch einmal, Weib! schrie Ferdinand, Eve umfassend und mit wilder Gewalt an sich reißend; bei Gott im Himmel – Ferdinand, ich denke, Du liebst mich! Eve's Blick war starr auf den Leidenschaftlichen gerichtet gewesen. Der Blick schien eine magische Gewalt auf ihn auszuüben. Er ließ sie aus seinen Armen und warf sich dann neben dem Bett auf einen niedrigen Sessel, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend. Eve trat an ihn heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. Ferdinand! Laß mich! Sie beugte sich zu ihm nieder, schlang ihren Arm um seinen Nacken und flüsterte ihm einige Worte in's Ohr. Ferdinand warf sich von dem Sessel auf die Kniee und verbarg sein glühendes Angesicht in den Falten ihres Kleides. Aber unter einer Bedingung; wirst Du sie erfüllen? Alles, Alles! Ich könnte für Dich einen Mord begehen, murmelte Ferdinand. Um Eve's Lippen zuckte es seltsam. Er ist Dein Feind, wie er meiner ist; ich verlange von Dir nichts, als was ich thun würde, wenn ich ein Mann wäre. Aus dem Spielzimmer ertönte lautes Geräusch, verworrene Stimmen; Thüren wurden aufgerissen; man hörte die Treppe hinab nach Wasser rufen. Eve eilte aus dem Gemach. In dem gelben Cabinet kam ihr Henri entgegen. Wo zum Teufel stecken Sie denn? Was giebt's? Alfred hat einen Blutsturz; ich glaube, er stirbt uns unter den Händen. Ferdinand hatte, noch auf den Knieen liegend, deutlich gehört, was Henri sagte. Er richtete sich auf. Ein finsteres Lächeln zuckte über sein Gesicht. Schon? murmelte er, das hat nicht lange vorgehalten; ich habe es mir wohl gedacht. Nun, mein Lieber, Sie werden wohl nicht oft mehr in dem Bette schlafen! Curios! Man stirbt, wenn man sie liebt, und soll auch sterben, wenn man sie nicht liebt. Sehr curios! Er lachte laut und brach plötzlich ab. Der durch die Aufregung gesteigerte Rausch umnebelte ihm das Gehirn. Es flirrte ihm vor den Augen, es sauste ihm vor den Ohren, er mußte sich an einer der Säulen des Bettes halten, um nicht umzusinken. Aber er raffte sich gewaltsam auf, als er Tritte von Männern, die eine Last zu tragen schienen, durch die Vorzimmer herankommen hörte. Sie brachten ihn hierher – auf dem Bette dort sollte ein Todter liegen – er wollte es nicht sehen. In der nächsten Secunde war er durch eine Tapetenthür, die er kannte, auf den Vorsaal gestürzt. Dort fand er die meisten Herren und Damen der Gesellschaft, die mit verstörten Gesichtern und hastigen Schritten hinabdrängten. Auch er griff nach Hut und Stock; erst auf der Straße fand er den Muth, den Baron Kerkow, der seiner Dame den in der Eile verkehrt umgenommenen Shawl ordnete, zu fragen, ob Alfred todt sei. Ach, Sie sind's, mon cher ! sagte der Baron. Wo Tausend haben Sie denn gesteckt? Nein, er ist nicht todt; der Marquis, der sich doch darauf verstehen muß, meint, es würde noch einmal so vorübergehen. Tuchheim und der Marquis sind bei ihm. Der Alte wird einen heillosen Schrecken kriegen. Ich soll hin und es ihm melden. Ich werde mich hüten. Da kommt eine Droschke, Gott sei Dank. Gute Nacht, Lippert! Speisen Sie morgen bei uns, um vier. Gute Nacht! Dreißigstes Capitel. Der Morgensonnenschein fluthete um das düstere Königsschloß so hell und goldig, daß der gewaltige altersgraue Bau ordentlich freundlich und wie verjüngt erschien. Die mächtigen Kronen in den Riesenwappen über den Portalen sahen wie neuvergoldet aus; in den weit ausgebauschten Ornamenten des Frieses und den Kapitälen der Säulen lärmten die Spatzen, als gehöre ihnen das Schloß und nicht etwa den Nachkommen der verwitterten Steinriesen, die auf der Balustrade, welche um das ungeheure flache Dach herumlief, mit Scepter und Schwert Wache zu halten schienen für ihre Enkel. Zwischen zweien dieser Steinriesen stand ein junges Mädchen, die Arme auf die Balustrade gelehnt, hinabschauend auf den weiten, mit Prachtgebäuden eingeschlossenen Platz zu ihren Füßen, hinaufschauend zu den weißen Wolken, die über den blauen Himmel zogen, und dann wieder ihren Blick in die Ferne geradeaus richtend, wo sie zwischen den Dächern und über die Dächer der Häuser weg in das weite, flache Land sehen konnte, das zuletzt mit dem Himmel verschwamm. Da die Tante niemals ausging, auch in letzter Zeit, wo ihre Kränklichkeit zugenommen hatte, seltener ausfuhr, hatte Silvia, um die Bewegung in freier Luft, an die sie gewöhnt war, nicht aufgeben zu müssen, sich das Dach des Schlosses zu ihrer Promenade erwählt. An frischer, freier Luft fehlte es dort nicht, und auch sonst hatte der Platz seine Vorzüge. Kein forschender Blick neugieriger Unbekannter oder, was noch schlimmer war, verwunderter Bekannter, störte sie dort oben; und sie hatte unter diesen Blicken in letzter Zeit so viel gelitten! Es half nichts, daß sie sich sagte: Niemand habe ein Recht, ihre Handlungsweise zu tadeln, denn Niemand kenne die Motive dieser Handlungsweise. Jeder dieser forschenden Blicke forderte sie immer wieder auf, sich vor sich selbst zu rechtfertigen, bis sie zuletzt selbst im Traum vor grauen Schattengestalten ihr: Ich bin nicht schuldig! behauptete, und immer wieder: Ich bin nicht schuldig! um endlich aus dem Traume aufzufahren und mit bebenden Lippen in das Dunkel der Nacht hinein ihr: Ich bin nicht schuldig! zu murmeln. Das war hier oben freilich anders. Bis zu dieser Höhe hinauf drang kein Blick der dort unten Vorüberfahrenden, Vorüberwandelnden; vor der hellen Sonne verschwanden die grauen Schattengestalten, und der frische Wind wehte die trüben Gedanken aus dem Gehirn; die lärmenden Spatzen erzählten sich von anderen Dingen; und nur die Krähen, die sich von Zeit zu Zeit auf der Balustrade niederließen, schauten sie immer mit so ernsthaften schwarzen Augen an und flogen dann so schnell davon, als wüßten sie etwas, was nicht recht sei. Was wußten die Krähen? Hatten sie etwa Verwandte dort unten in den Wäldern von Tuchheim? schwarzäugige, krächzende Verwandte, mit denen sie dann und wann auf halbem Wege zusammenkamen? Und hatten diese Verwandten ihnen erzählt von einem einsamen alten Hause im grünen Walde, und von einem einsamen alten Manne, der des Abends nach gethaner Arbeit unter der Linde vor der Hausthür saß und es gar gern sah, wenn er dann Jemanden hatte, dem er die Gedanken mittheilen konnte, die ihm auf seinen Zügen durch Feld und Wald im Laufe des Tages gekommen waren? Und hatten sie erzählt, daß des alten Mannes Gesicht in letzter Zeit blasser und ernster geworden sei, daß seine blauen Augen lange nicht mehr so hell und freundlich schauten wie sonst? Was sollten die Krähen davon wissen? Und doch ist es immer ein unheimlicher Anblick – so ein Vogel, der sich schwarz in den hellen Sonnenschein hineinsetzt und mit heiserer Stimme in den blauen Morgen hineinkrächzt. Vier Wochen war sie nun schon bei der Tante auf dem Schlosse – eine kurze Zeit, und doch lag diese Zeit wie eine tiefe, breite Kluft zwischen dem Heute und dem Einst. Sollte keine Brücke hinüberführen? Manchmal schien es ihr unmöglich, und dann war sie noch trauriger als sonst. Sie wunderte sich manchmal selbst, daß sie so traurig war, daß die Erfüllung ihrer kühnen Wünsche ihr nicht einmal die straffe muthige Stimmung früherer Jahre wiederbringen konnte. Freilich war es etwas öde in den Prunkzimmern der Tante, und die eingeschlossene, parfümirte Luft wurde manchmal unerträglich; auch war die Tante, geistreich und so zuvorkommend wie sie war, nicht frei von den Grillen und Launen einer Kranken; die Vormittage schienen manchmal recht lang, und die Abende, die schon eine Stunde vor Sonnenuntergang begannen, wollten oft kein Ende nehmen. Die Herren und Damen, welche die Tante zu besuchen kamen – zum Theil sehr hochstehende Herren, sehr vornehme Damen – waren keineswegs immer nach Silvia's Geschmack, und die unterwürfige Dienstfertigkeit der hübschen Lisette hatte für sie etwas unerklärlich Widriges. Aber das Alles mußte man schließlich für Nebendinge nehmen, die kein Recht hatten, mitzusprechen, wenn es sich um das große Ziel handelte: zu dem guten Einvernehmen zwischen Leo und dem Könige nach Kräften beizutragen. Und hier, in diesem Hauptpunkte, durfte sie zufrieden sein. Sie hatte weder den König noch Leo in diesen Wochen häufig gesehen – Beide waren wiederholt verreist gewesen – Leo war eben wieder verreist – nach Tuchheim, um die Fabrik im Namen des Königs zu übernehmen – aber, so oft sie sie gesehen, war Einer von dem Lobe des Andern voll gewesen: der König hatte Leo für den ersten Menschen erklärt, dem er in seinem Leben begegnet wäre, und Leo hatte den König den ersten Fürsten genannt, der dieses Namens nicht ganz unwürdig sei. Ueberhaupt war jetzt Leo stets in sehr gehobener Stimmung, voll kühner Entwürfe und kühner Hoffnungen. Es war ihr Glück und ihr Stolz, daß er sein stolzes Haupt so hoch trug und daß sie sich sagen durfte: er könnte es nicht ohne dich! Aber je kühner er das Schiff seines Lebens auf das hohe Meer hinaussteuerte und die Stürme zu verachten, ja herauszufordern schien, um so ängstlicher blickte Silvia in die Ferne, um so banger klopfte ihr das Herz in der Brust. Wenn der kühne Segler nun doch ein Opfer seiner Kühnheit würde! Was hilft dem Schiffer sein starkes Herz, sein helles Auge, seine tiefe Einsicht gegen ein heimliches Riff unter den Wassern, ja nur gegen die Verrätherei eines Nagels, der sich von der Planke löst und das Wasser durch die gelockerte Planke in den Schiffsraum dringen läßt! Durfte der Schiffer seinem Fahrzeug, auf das er all seine Hoffnungen und seine Habe geladen hatte – durfte Leo dem Könige trauen? Das war die Frage, die Silvia sich beständig vorlegte und von deren richtiger Beantwortung doch schließlich Alles abhing. Der König hatte große Eigenschaften, ohne Frage; aber es ging durch sein Wesen ein Zug, den Silvia nicht zu fassen vermochte, weil, wie Leo sagte, gerade das, was sie fassen wollte, das Unfaßliche in der Natur des jungen Monarchen war: ein seltsames, phantastisches Hinüber und Herüber des Meinens und Wähnens, ein Durcheinander an sich richtiger, ja geistvoller Ideen, die, wenn man sie verbinden wollte, niemals zu einander paßten; dazu ein Humor, der oft nur wie eine Freude an der Vernichtung der Schönheit, wie eine Verzweiflung an dem eigenen Werth erschien. Und nirgend in diesem weltweiten Meer oft majestätisch rollender, öfter aber verdrießlich durcheinander plätschernder Gedankenwogen ein Grund, auf dem man sicher hätte ankern können! So war er ihr noch immer erschienen, und dabei hatte die Tante ausdrücklich gesagt, daß sie den König selten in so vorzüglicher Stimmung, so in dem Vollbesitz seiner Geistesgaben gesehen habe. Ja, was noch bedenklicher war: so, genau so, war der König immer von Paulus und den andern Männern der liberalen Partei geschildert worden, und hundertmal hatte man behauptet, daß diesem Manne nicht zu trauen sei, ja daß sich hinter dieser täuschenden Maske von Geist und Bildung die eingefleischte Tyrannei, der frechste Despotismus klüglich versteckten, um gelegentlich in crasser Nacktheit hervorzutreten. Und wenn Silvia die Folgerung auch verwarf, die jene Männer aus den Eigenschaften des Königs zogen – die Eigenschaften selbst waren nicht wegzuleugnen, und ihr klarer Geist fühlte sich schwer bedrückt von diesem Widerspruch. Vor der nahe gelegenen Wache wurde das Spiel gerührt: der König kam in offener Calesche die prachtvolle Straße, welche zum Schloßplatz führte, heraufgefahren; wenige Minuten darauf hielt der Wagen im inneren Hof. Der König stieg aus, und Silvia, die sich nach dieser Seite begeben hatte, sah, wie er, bevor er in's Schloß ging, längere Zeit neben dem Wagen stehend, nach den Fenstern der Tante hinaufblickte. Ihr schlug das Herz; würde der König, wenn er sie hier oben gewußt hätte, noch hinüber nach der andern Seite geblickt haben? Oder nach wem blickte er so eifrig? Ein heiserer Schrei, der dicht in ihrer Nähe ertönte, machte Silvia von der Balustrade zurückfahren; und sie konnte nicht lächeln, als eine Krähe, die beim Anblick einer Menschengestalt nicht minder erschrocken war, mit ungeschickten Sprüngen davonhüpfte, dann die Flügel ausbreitete und sich nach der Richtung, in welcher man das freie Land erblickte, davonschwang. In demselben Augenblick rief sie von der andern Seite Jemand bei ihrem Namen. Es war Lisette, die zu melden kam, daß ein Herr, der sich dem Fräulein selbst nennen wolle, unten im Vorzimmer auf sie warte. Ist es ein älterer Herr? fragte Silvia mit einer Stimme, die sich nur mühsam aus ihrer Brust rang. Lisette lachte. Ein älterer Herr? Nein, Fräulein. Ein junger, sehr schöner Herr. Silvia hatte das Mädchen nicht angesehen – sie sah es jetzt nie an, wenn sie es vermeiden konnte. Sollte es Walter sein? Mit klopfendem Herzen eilte sie hinab, während Lisette vor ihr her tänzelte und lächelnd die Thür zum Vorzimmer öffnete. Einunddreißigstes Capitel. Der Herr, der auf sie wartete, stand auf derselben Stelle, auf welcher sie bei ihrem ersten Besuch der Antwort der Tante geharrt hatte: vor der Uhr auf dem Sims des Kamins, deren wunderliche Form er mit großem Interesse zu betrachten schien. Silvia hatte sich ihm schon auf wenige Schritte genähert, bevor er ihrer Anwesenheit inne wurde. Jetzt wendete er sich schnell herum und blickte sie mit seinen schönen dunklen Augen verwundert an. Die Anrede, die er sich einstudirt hatte, wollte nicht über seine Lippen; er konnte sich nur mit jener Anmuth, die ihn nie verließ, verbeugen. Silvia ihrerseits war nicht minder erstaunt, als sie in dem schönen Fremden jenen Reiter aus dem Park erkannte, dessen Unachtsamkeit oder Ungeschicklichkeit sie vor einigen Monaten ihre erste Bekanntschaft mit Tante Sara verdankte. Ferdinand erholte sich zuerst von seinem Erstaunen so weit, daß er die Worte: Habe ich die Ehre, mit Fräulein Silvia Gutmann zu sprechen? hervorbringen konnte. Mein Name ist Doctor Ferdinand Lippert, fuhr er fort, nachdem ihn Silvia mit stummer Handbewegung zum Sitzen eingeladen hatte. Ich habe ein Anliegen an Sie, mein Fräulein, ein seltsames Anliegen, dessen Seltsamkeit mir jetzt doppelt groß erscheint, da ich in Ihnen eine Dame erkenne, in deren Schuld ich bereits seit langer Zeit stehe. Ich sehe, Sie haben die wunderliche Begegnung nicht vergessen, in welcher ich Ihnen nothwendig als ein Toller erschienen sein muß. In der That war ich in jenem Augenblick in einem Zustand, der an Wahnsinn grenzte, und war es in Folge eines Ereignisses, welches das erste Glied einer langen Kette war, die mich denn jetzt auch hierher geführt hat. Es ist das Alles so wunderlich, so – ich möchte sagen geheimnißvoll verschlungen! Sie würden, wenn Sie Alles wüßten, meine augenblickliche Verwirrung nur zu begreiflich finden. Silvia antwortete nicht. Sie hatte nur halb gehört und deshalb auch nur halb verstanden, was Ferdinand sagte. Sie hätte am liebsten eine Unterredung, auf die sie so wenig gefaßt war und die sich überdies so unschicklich anließ, unter irgend einem Vorwande abgebrochen; aber die auffallende Schönheit dieses Mannes, die seltene Grazie seiner Manieren, ja ein Etwas in dem Klang seiner tiefen, weichen Stimme zog sie unwiderstehlich an. Ueberdies erinnerte sie sich, daß jener Onkel, dessen Obhut Eve damals übergeben wurde, denselben Namen führte wie dieser Herr, auch daß des Doctor Lippert in ihrer Gegenwart wiederholt von Henri, Alfred und anderen Herren des Sonnenstein'schen Kreises Erwähnung geschehen war. Sie konnte, ganz gegen ihre Gewohnheit, zu keinem Entschlusse kommen. Auf der andern Seite war Ferdinand's Verwirrung keineswegs nur gespielt. Er hatte sich von Silvia eine Vorstellung gemacht, die, wie er jetzt sah, der Wirklichkeit sehr wenig entsprach. Ihre eigenthümliche Schönheit war ihm schon damals, bei jener flüchtigen Begegnung, aufgefallen und entzückte ihn jetzt, wo er sie ohne Hut und Mantel sah, noch viel mehr. Dabei war über ihre ganze Erscheinung ein keuscher Zauber ausgegossen, der in dem Wüstling eine Empfindung erweckte, über die er so oft, wenn er sie bei Anderen zu bemerken glaubte, den frechsten Spott ausgeschüttet hatte. Und auch dieses schöne Weib sollte nur für jenen Glücklichen da sein, den Alle blos deshalb zu lieben schienen, damit er sie Alle verrathen könnte! Er war nicht ohne Bedenken hierher gekommen, dem Manne, den er haßte, einen bösen Streich zu spielen; seine Handlungsweise kam ihm jetzt ordentlich verdienstlich vor. War es nicht verdienstlich, ein so schönes, so edles Wesen vor einem Manne, der ihrer durchaus unwürdig war, zu warnen? Dies Alles ging blitzschnell durch seinen Kopf, während er noch die letzten Worte sprach. Er sagte, um Silvia, deren Schwanken er wohl bemerkte, keine Zeit zur Ueberlegung zu lassen, schnell: Sie müssen mir verzeihen, wenn ich zur Begründung der Bitte, die ich an Sie habe, weiter aushole. Damit Sie aber nicht gar zu ungeduldig werden, will ich Ihnen wenigstens gleich jetzt sagen, worin diese Bitte besteht. Ich brauche die mächtige Fürsprache des Herrn Doctor Leo Gutmann, der Ihnen, wie ich weiß, sehr befreundet ist, um eine Anstellung in dem Ministerium des königlichen Hauses, auf die ich reflectire und die er mir mit Einem Worte verschaffen kann, zu erlangen. Nun aber tritt dabei der eigenthümliche Fall ein, daß ich, während ich auf der einen Seite die größten Anrechte auf diese Fürsprache zu haben glaube, auf der anderen Seite in die Lage komme, von einem Manne, mit dem ich heftig verfeindet bin, eine Gefälligkeit beanspruchen zu müssen. Verstatten Sie mir, um Sie nicht noch länger mit Räthseln hinzuhalten, eine kurze Darstellung von gewissen Vorfällen, die ich sämmtlich, um nichts Wichtiges auszulassen, als Ihnen unbekannt annehme, trotzdem Ihnen davon gar wohl Manches zu Ohren gekommen sein mag. Ferdinand erzählte nun den Anfang, den Verlauf und das Ende seines Verhältnisses mit Leo, ungefähr so, wie sich Alles wirklich zugetragen hatte, nur daß er dabei sich selbst in das möglichst beste Licht stellte, ohne deswegen Leo zu verurtheilen. Im Gegentheile, er gab zu, daß Leo in der Briefangelegenheit ohne Zweifel nur den Vortheil der Partei, welcher er damals angehörte, im Auge gehabt habe und daß er Eve ganz gewiß nicht verlassen haben würde, wenn sein Herz ihn nicht nach einer anderen Seite getrieben hätte; er glaube dies um so mehr annehmen zu müssen, wenn ein Gerücht, das jetzt in der Stadt circulire und Leo's Namen mit demjenigen einer der gefeiertsten Schönheiten der höchsten Gesellschaft in Verbindung bringe, sich bewahrheiten sollte. Doch darüber und über so Manches, was ihm selbst in diesen verwickelten Angelegenheiten dunkel geblieben sei, werde das Fräulein, mit dem zu sprechen er die Ehre habe, bei dem nahen Verhältnisse, in welchem sie zu Leo stehe, gewiß mehr wissen, als er selbst. Silvia hatte mit einer Ungeduld zugehört, die sich sehr deutlich in ihren lebhaften Zügen ausprägte und die mit jedem Worte, das Ferdinand sprach, größer geworden war. Sie dachte nicht im entferntesten daran, daß dieser Mann nur mit der Absicht, Leo zu verleumden, zu ihr gekommen sein könne – dennoch klang Alles wie Verleumdung. Sie saß da, die Augen, die mit jedem Momente dunkler wurden, fest auf Ferdinand gerichtet, während von Zeit zu Zeit die innere Erregung, die sie kaum noch beherrschte, ihren ganzen Körper erzittern ließ. Jetzt, als Ferdinand schwieg, erhob sie sich langsam und sagte, indem sie ihm, der sich ebenfalls erhoben, mit der Hand ein Zeichen des Abschiedes machte: Ihre Mittheilungen, mein Herr, haben mich, ich kann und will es nicht leugnen, auf das Peinlichste berührt. Ich lege Ihnen das nicht zur Last; ich nehme selbstverständlich an, daß Sie ein Mann von Ehre sind und als Mann von Ehre mir nichts gesagt haben, als was Sie für wahr halten; dennoch ist Alles, was Sie vorgebracht haben, falsch, gänzlich falsch. Ihre falschen Anschauungen zu widerlegen, ist nicht meine Sache. Sie sind zu mir gekommen, weil Sie mich für die Freundin meines Vetters hielten. In dieser meiner Eigenschaft kann aber ich, wie Sie mir zugeben werden, nichts weiter für Sie thun, als ihm Ihre Bitte und natürlich auch was Sie sonst gesagt haben, mittheilen. Er ist großmüthig genug, um Jedem, der sich an ihn wendet, zu helfen. Suchen Sie unterdessen sich eine andere, bessere Meinung von dem Manne, um dessen Gunst Sie sich bewerben, zu verschaffen; die Wohlthaten, mit denen er das Böse, das Sie ihm thun, vergelten wird, möchten Sie sonst zu schmerzlich drücken. Und Silvia wiederholte entschiedener als vorhin die Geberde, die Ferdinand bedeuten sollte, daß sie die Unterredung als beendigt betrachte. Ferdinand's Augen flammten auf. Dies stolze und schöne Mädchen erschien ihm so begehrenswerth, daß er nicht einmal die Wunde fühlte, die ihr Stolz seiner Eitelkeit schlug. Ich gehe, mein Fräulein! rief er; sagen Sie Ihrem Vetter, was Sie wollen, oder sagen Sie ihm auch nichts. Es kommt mir nicht mehr darauf an, welches Resultat diese Unterredung für mich haben wird. Das Eine: das Glück, Sie kennen gelernt, mit Ihnen gesprochen zu haben, kann mir doch Niemand mehr rauben. Er verbeugte sich tief und bewegte sich nach der Thür, als dieselbe geöffnet wurde und Tante Sara, welche von einer Ausfahrt zurückkehrte, auf der Schwelle erschien. O, ich bitte tausendmal um Verzeihung! rief sie, ich wußte nicht, daß Du Besuch hattest. Aber wie ist mir denn? fuhr sie fort, indem sie Ferdinand's Gesicht erblickte; mir däucht, ich sollte den Herrn kennen. Waren Sie es nicht, der mich vor einigen Monaten so energisch daran erinnerte, daß ich nicht mehr auf so festen Füßen stehe, wie vor dreißig Jahren? Ich hatte das Unglück, meine Gnädigste, sagte Ferdinand, sich abermals verbeugend. Ich will wünschen, daß Ihnen im Leben kein größeres begegnet ist, rief Tante Sara lachend. Mit alten Damen pflegen junge Herren ja nicht viel Umstände zu machen. Warum stehen wir Alten Euch auch überall im Wege! Nun, nun, ich wollte Sie nicht in Verlegenheit setzen; ich glaube gern, daß es nicht Ihr Metier ist, alte Damen umzureiten. Sie sind die Güte selbst, meine Gnädigste! Und Sie würden die Gefälligkeit selbst sein, wenn Sie mich nicht hier zwischen Thür und Angel stehen ließen, sondern mir Ihren Arm gäben, um mich zu jenem Sopha zu führen. Ferdinand beeilte sich, dem Wunsche Sara's zu entsprechen. Sara nahm lächelnd seinen Arm und sagte: Nun, sich von Jemandem umreiten zu lassen, den man nicht kennt, kann passiren; aber sich von Jemandem, den man nicht zu kennen die Ehre hat, in seiner eigenen Wohnung nach seinem eigenen Sopha führen zu lassen, kommt schon seltener vor. Du hast mir immer noch nicht gesagt, liebe Silvia, wie der Herr, den Du nebenbei, wenn ich nicht irre, damals verleugnetest, heißt. Doctor Ferdinand Lippert, erwiederte Ferdinand, da Silvia nicht antwortete. Tante Sara war ganz Güte, ganz Lächeln und Höflichkeit gewesen. Kaum aber hatte der Name, den Ferdinand nannte, ihr Ohr berührt, als sie einen heftigen Schrei ausstieß und den Arm, auf welchen sie sich gestützt hatte, mit einer Geberde des Schreckens, ja des Entsetzens, fahren ließ. O, mein Fuß, mein unglücklicher Fuß! wimmerte sie. Verzeihen Sie, mein Herr! Hilf mir doch, Silvia! Silvia umfaßte die Tante, welche zusammenzubrechen schien, auch Ferdinand wollte Beistand leisten; Tante Sara kehrte ihr Gesicht, das gänzlich verzerrt war, von ihm ab und murmelte wie außer sich: Schick' ihn fort, schick' ihn fort! Warum schickst Du ihn denn nicht fort? Silvia winkte mit den Augen nach der Thür; Ferdinand entfernte sich. Als er an der Thür stand, wendete er den Kopf noch einmal über die Schulter, und seine großen, dunklen, verwunderten Augen trafen die großen, dunklen Augen Sara's, die irgend eine fürchterliche Empfindung fast aus den Höhlen getrieben hatte. Die Thür schloß sich hinter Ferdinand, und plötzlich riß sich Tante Sara aus Silvia's Armen und schrie, indem sie ihren Stock mit beiden Händen faßte und ihn ein paarmal heftig auf den Boden stieß: Was hast Du mit diesem Menschen zu schaffen? Wie kannst Du einen solchen Menschen in meine Wohnung führen? Silvia richtete sich stolz in die Höhe: Entschuldigen Sie, liebe Tante, daß mir der Ton, in welchem Sie diese Fragen an mich richten, selbst durch den lebhaftesten Schmerz nicht hinreichend motivirt scheint. Tante Sara bedeckte Stirn und Augen mit der Hand; als sie die Hand wieder wegnahm, hatte das Gesicht einen ganz anderen Ausdruck angenommen. Nur in den Augen lauerte noch die Nacht, um die schmalen feinen Lippen aber spielte ein Lächeln; sie streckte Silvia die Hand entgegen und sagte: Verzeihe mir, mein Mädchen, es war nicht blos der physische Schmerz – eine peinliche, unendlich peinliche Erinnerung, die mir beim Anblick dieses Mannes plötzlich in die Seele kam – ich will es Dir zu einer anderen Zeit erzählen. Jetzt sage mir nur, daß Du Deiner alten, kindischen, nervösen Tante, die immer noch nicht vergessen kann, daß sie nicht mehr achtzehn Jahre alt ist, verziehen hast. Sie küßte Silvia wiederholt auf die Stirn und ging dann in ihr Zimmer. Silvia stand lange noch auf derselben Stelle. Endlich strich sie sich, wie vorhin Tante Sara, mit der Hand über Stirn und Augen, aber ihr Gesicht verlor dadurch nichts von dem nachdenklichen, sorgenschweren Ausdruck, mit welchem sie zuletzt der Tante nachgeblickt hatte. Zweiunddreißigstes Capitel. Leo war gestern Abend spät von seiner Reise zurückgekehrt, die er zur Einrichtung der jetzt von ihm im Namen und mit dem Gelde des Königs definitiv übernommenen Fabrik nach Tuchheim gemacht hatte. Die Reise war für ihn in manchem Sinne ein Fest gewesen. Schon mehrere Stationen vor Tuchheim hatten die Bahnhöfe voll von Landleuten und Arbeitern gestanden, die aus der Umgegend herbeigeströmt waren, den Mann zu sehen, welcher die armen Leute aus ihrer Noth befreien wollte. In Tuchheim selbst hatten alle Straßen und Häuser mit Kränzen und Fahnen geprangt, vor allem natürlich die ungeheueren Fabrikgebäude, die nun den Arbeitern gehörten, so gut wie gehörten. Die Freude, endlich aus der ehernen Frohnde einer von mitleidslosen Herren aufgestellten und von ihren Vögten streng gehandhabten Ordnung befreit zu sein, hatte sich in einem Jubel Luft gemacht, der zuletzt keine Grenzen mehr kannte. Ausschweifende Wünsche waren laut geworden, die selbst Leo, wie weit er auch schon in seinen Concessionen gegangen war, nicht mehr bewilligen durfte. Von allen Seiten waren die Arbeiter aus den benachbarten Orten herbeigeeilt, und alle hatten in der Tuchheimer Fabrik eingestellt werden, alle an den Vortheilen, die den dortigen Arbeitern gewährt wurden, theilhaben wollen. Es war zu Hader und Streit, zu offenen Raufereien gekommen, denen Leo kaum mit Hilfe der Besonneneren ein Ende hatte machen können. Es waren sehr, sehr aufregende Tage gewesen, und die allzu lebhafte Nachwirkung so merkwürdiger Erlebnisse hatte Leo schon nach wenigen Stunden eines traumreichen Schlafes geweckt. Als er die Fensterthür, die aus seinem Arbeitszimmer auf einen großen Balcon führte, öffnete, lagen die Landhäuser und Gärten still im Morgengrau; die Blumen auf den Beeten zu seinen Füßen hatten noch keine bestimmten Farben; kein Laut, als das Tropfen des in der Nacht reichlich gefallenen Thaus zwischen den dichten Laubkronen der mächtigen Bäume. Leo hatte die stillen Stunden der Nacht und des frühesten Morgens, in denen er wirklich allein sein konnte, immer sehr geliebt. Ich würde dies Glück nun nicht mehr entbehren mögen, sagte er bei sich, während er mit untergeschlagenen Armen in der offenen Thür lehnte. Seine Augen richteten sich auf die Nachbarvilla, die kalt und weiß und stattlich zwischen den Bäumen und Büschen herüberblickte. Gerade die Fenster, die Leo sehen konnte, waren die zu Josephe's Schlafzimmer; sie hatte es ihm vor einigen Tagen, als sie Arm in Arm durch den Garten gingen, bei irgend einer Gelegenheit gesagt, und er hatte sie seitdem ein paarmal in weißen Morgengewändern flüchtig an diesen Fenstern gesehen. Jetzt waren die Rouleaux noch heruntergelassen. Das Bild des schönen Mädchens trat deutlich vor seine Seele. Es ist eine königliche Erscheinung, murmelte er, und selbst der Umstand, daß sie für gewöhnlich so schweigsam ist, macht sie noch königlicher. Es ist, als ob sie mit ihren großen Augen die Welt umspannte und vor der Tiefe und Weite der Gedanken, die ihr aus dieser Welt entgegenströmen, ihr Mund verstummte. Aber das ist es nicht; sie ist seelenlos wie es Undine war, bevor sie liebte. Doch sagt man, daß sie viel geliebt hat. Wer weiß? Ist die Sehnsucht nach Liebe schon Liebe? Ein Theil davon gewiß und am Ende gar der Liebe bester Theil. Nun, das ist ihre Sache, ich habe wenig Talent zum Damon, und so verlangt mich denn auch nicht nach einer Phillis; ich brauche eine Frau, die in der großen Welt zu Hause ist, die meine Gäste mit einer stattlichen Verbeugung empfangen und entlassen kann, die um meine dunkle Herkunft den Mantel ihres alten Adels wirft und von meinen Ideen und Plänen gerade genug versteht, um zu wissen, daß sie nicht hineinreden kann. Leo trat aus der Thür bis an die Brüstung des Ballons, auf die er sich mit beiden Armen legte. Ueber den östlichen Himmel breiteten sich dunkle Purpurstreifen, den neuen Tag verkündend; im Zenith wurde der Himmel lichter; an der Erde konnte man schon die einzelnen Blumen erkennen; verschlafene Vogellaute ertönten hie und da von den Bäumen, aus den Büschen. Wie schön ist diese Stunde! sprach Leo bei sich; wie kann man ihre Schönheit so voll genießen, wenn man, wie ich, das Geschrei der wüsten Menge noch im Ohre hat! Welch elende Heuchelei ist dieses Buhlen um die Gunst der Menge, dieses Zurschautragen einer Liebe, die man nicht fühlt! Wie kann man lieben, was unseren Neigungen, unserem innersten Wesen so gänzlich widerspricht! Liebe! So liebt auch ein Arzt den Aussätzigen, den er curiren, der Exerciermeister den Tölpel, den er drillen, der Constabler den verhungernden Vagabunden, den er aus dem Straßenschmutze auflesen muß! Mitleid, o ja! aber Liebe doch wahrlich nur, so weit Liebe Mitleid ist. Ein Raunen und Rauschen ging durch die Blätter; es war der erste Hauch des Morgens, und er weckte die Welt aus ihrem Schlummer. Die Zweige begannen hin und her zu wehen, überall in der Runde erschallten Vogelstimmen; von der Parkstraße her hörte man das Rollen der Wagen, die zum Markte fuhren; der Tag war da, und mit ihm die Arbeit. Leo ging in die Bibliothek zurück und schloß die Fensterthür. Es war eine wichtige Arbeit, die ihn erwartete: der Bericht an den König über den jetzigen Stand der Tuchheimer Fabrik, an den sich ein wissenschaftliches Gutachten über die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit der Anlage ähnlicher Institute in allen Theilen des Landes mit Hilfe von Geldern, die der Staat aufzubringen haben würde, schließen sollte. Dies Project war die praktische Consequenz von Leo's Theorien in der Arbeiterfrage; es durchzusetzen, zu verwirklichen, die erste der langen Reihe von Aufgaben, die er sich gestellt hatte. Vor dem Zusammentritt der nächsten Kammern im Herbst konnte nichts entschieden werden. Vorläufig galt es, durch unwiderlegliche Gründe das Publikum für die neue Lehre zu gewinnen, damit, wenn die Kammer, wie vorauszusehen war, die eingebrachte Vorlage ablehnte, ein Sturm des Unwillens sich erhebe, aus dem eine neue Ordnung der Dinge hervorgehen konnte. Je länger Leo arbeitete, um so höher schlug die Lohe der Leidenschaft, die ihn erfüllte. Ein paarmal stieß er den Sessel zurück und ging mit großen Schritten und auf den Rücken gelegten oder auf der Brust gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab: sie sollen in den Staub, sie sollen Erde fressen wie die Schlangen! zwischen die Zähne murmelnd. Dann setzte er sich wieder, und seine Feder flog mit vermehrter Schnelligkeit über das Papier. Philipp brachte den Kaffee und breitete die eingelaufenen Briefe und Zeitungen auf einem Nebentische aus. Er machte dabei so wenig als möglich Geräusch und entfernte sich leise, den Blick mit scheuer Ehrfurcht auf den Herrn gerichtet, der ihm von Tag zu Tag mehr als ein übermenschliches Wesen erschien. Die Briefe und Zeitungen lagen schon lange da; endlich, in einem Augenblick der Erschöpfung, fand Leo auch für sie Zeit. Rasch erbrach er ein Siegel nach dem andern und durchflog die Zeilen, die sehr verschiedenen Inhalts waren. Hier empfahl sich ein kleiner Beamter der mächtigen Protection Seiner Hochwohlgeboren; dort bat ein verarmter Handwerker für sich und seine hungernde Familie um Unterstützung; Kaufleute priesen ihre Waaren an, sociale Vereine verlangten Rath, Unterstützung. Dann kam ein Brief, der von einer plumpen Hand, welche vielleicht den Hammer besser als die Feder zu führen wußte, geschrieben war und in welchem Leo ein Verräther, für den der Strick schon gedreht sei, genannt wurde. Der Brief war aus Tuchheim und mußte mit demselben Zuge, wie er, gekommen sein. Alle Gemüther hatte er also nicht befriedigt; ob der Eine wirklich, wie er sich ausdrückte, im Namen Vieler geschrieben hatte, mußte die Zukunft lehren. Wieder keine Einladung, murmelte Leo, indem er sich mit dem Rest der Briefe beeilte; keine Einladung; der Baum will nicht auf einen Streich fallen. Josephe hat Recht, diese Menschen geben ihre Vorurtheile nur mit ihrem Leben auf. Ein Brief von Silvia? was schreibt sie? »Ich habe Dich in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen; kannst Du nicht heute zu mir kommen?« Leo griff nach den Zeitungen, unter welchen ihm ein neues Blatt sogleich in die Augen fiel; es führte den Titel: »Demokratische Zeitung«; als Herausgeber waren die Namen zweier geachteter Publicisten, als verantwortlicher Redacteur Walter genannt. Ein Prospect, in welchem Leo sofort Doctor Paulus' Feder erkannte, eröffnete den Reigen. In einer Zeit, hieß es darin, wo man das Volk um die Wohlthat einer freien Presse offen betrüge und zum Ueberfluß dem schamlosen Betrug den Stempel des Rechts aufzudrücken versuche, thue ein Blatt noth, das schlechterdings keinen andern Zweck habe, als ein gegen die Hochfluth der Reaction aufgeworfener Damm zu sein. Man sei vollkommen darauf gefaßt, daß in Kurzem auch dieser Damm werde weggerissen werden, und man würde sich deshalb beeilen, was man zu sagen habe, möglichst schnell und möglichst verständlich zu sagen. Es sei keine Wahrheit so alt und keine so gut, daß sie nicht immer neuer Zeugen bedürfe. Als einen solchen Zeugen der Wahrheit bitte man das Blatt zu betrachten; jedenfalls werde es sich nach Kräften bestreben, sich dieser Ehre würdig zu erweisen. Sollte ihm der Opfertod erspart bleiben – was freilich nur bei einem gänzlichen Umschwung der Situation möglich sein würde – so sei es natürlich um so besser; aber man hoffe nicht auf den Deus ex machina eines äußeren Ereignisses. In der Kunst und im Leben habe das nur ein Recht zum Sein, was aus dem innersten Wesen der handelnden Personen sich mit Nothwendigkeit ergebe, und bis die Nation zu dieser Einsicht komme und dieser Einsicht gemäß handle, würde wohl leider noch manchesmal aus Morgen und Abend der nächste Tag werden müssen. Die alte Leier! murmelte Leo, das Blatt mit einer Geberde der Verachtung auf den Tisch werfend. Dennoch nahm er es nach einigen Minuten wieder zur Hand. Sein Blick fiel auf einen Artikel über die sociale Frage, in welchem die Selbsthilfe als der einzige Weg bezeichnet wurde, der zur Hebung der arbeitenden Klasse zu führen vermöge. Ein gleich darauf folgender Artikel war der Schilderung einer Association von Schneidern zu gemeinschaftlichem Geschäftsbetrieb im Großen gewidmet, die soeben nach langen Vorarbeiten auf Anrathen des Herrn Jeremias Rehbein in's Leben getreten sei. Also immer noch das jämmerliche Flicken auf das alte Kleid, an dem nicht Stich und Fetzen mehr hält! Ein schneiderhafter Gedanke, einer Schneiderseele würdig! Und wieder warf Leo das Blatt aus der Hand, und wieder griff er danach. Nun natürlich! das durfte ja nicht fehlen! man mußte doch neben dem Heiland mit Nadel und Schere den Gottseibeiuns mit Hörnern und Klauen malen! Nur nicht geziert, ihr Herren! die Farbe nicht gespart! Ein Jahrmarktsbild muß man von weitem sehen können! So rief Leo und lachte laut auf, als er jetzt einen Aufsatz zu lesen begann, der sein eigenes Unternehmen zum Gegenstand hatte. Das Lachen kam ihm nicht vom Herzen und verschwand ganz und gar von seinen Lippen, je weiter er las. Der Artikel war mit einer Sachkenntniß geschrieben, die ihm, sehr gegen seinen Willen, imponirte; aber die Röthe des Zornes stieg ihm in die Stirn, und seine Lippen bebten, als er das Folgende las: »Und nun zum Schlusse noch einige Worte über den Mann, auf dessen intellectuelle Urheberschaft dieses durch und durch verfehlte Unternehmen zurückzuführen ist. Wir lassen gern die Person aus dem Spiel, wo es sich nur um die Sache handelt; in diesem Falle aber ist leider die Person von der Sache nicht zu trennen. Das Werk trägt zu deutlich den Stempel seines Meisters, und er hat uns seinen Meisterbrief zu oft prahlerisch vorgehalten, als daß er sich wundern könnte, wenn wir uns denselben ein wenig genauer betrachten. Seitdem er das letzte Stadium seiner Laufbahn betrat, hat dieser Mann sich das Recht auf Schonung verscherzt. Was war er, als er seine Agitation begann, was ist er jetzt?« Es waren nicht viele Zeilen, die Leo noch zu durchlesen hatte; aber es dauerte lange, sehr lange, bis er damit zu Ende war. Als er sich erhob und in dem Gemache auf und ab zu schreiten begann, war er sehr bleich, und sein Gang war unsicher und schleppend. Einmal hielt er sich sogar im Vorübergehen an der Platte des Tisches, als müsse er der wankenden Kraft zu Hilfe kommen. Er hat es also wirklich gewagt? Wer hätte ihm das zugetraut! Und den Stier gleich bei den Hörnern zu packen? ist das wirklich Muth? es sieht beinahe wie Dummheit aus. Der arme Junge läßt sich das Vergnügen, auch einmal verantwortlich zu sein, seine zehntausend Thaler kosten – das Einzige, was sie aus den Trümmern gerettet haben! Walter, der Märtyrer! Das Blatt, das auf den Boden gefallen war, lag zu seinen Füßen. Er trat zornig mit dem Fuße darauf, und während er das that, murmelten seine Lippen Verwünschungen und Drohungen. Dann lachte er wieder. Nun, wahrhaftig, das könnte auch der König! Man sagt, daß er die Tische und Stühle prügle, an denen er sich gestoßen. Wir wollen die hölzernen Gesellen, die sich so breit machen, ganz gelassen auf die Seite schieben! Er setzte sich wieder an seinen Arbeitstisch und strich die letzten Seiten, die er vorhin geschrieben, durch; das waren sanfte Geißelhiebe, noch nicht die Scorpione, die er sie jetzt fühlen lassen wollte. Er schrieb mit fliegender Feder, ohne kaum von dem Papier aufzublicken, bis der Diener kam, ihn zu erinnern, daß er sich für die Empfangsstunde umkleiden müsse. Diese Stunden waren Leo sehr wichtig; er konnte an der Zahl und der Art der Besucher abnehmen, wie weit und bis in welche Schichten sein Einfluß bereits reichte. Dabei hatte er sehr eigenthümliche, nicht immer angenehme Entdeckungen gemacht. Die, auf welche es ihm jetzt, wo er auf den Rath des Generals und nach seiner eigenen Einsicht seine Stellung bei Hofe sichern wollte, zumeist ankam: der hohe Adel und das hohe Beamtenthum, hielten sich fern. Was zu ihm kam, waren Leute, die ihm nicht helfen konnten, dafür aber seine Hilfe in jeder nur möglichen Weise beanspruchten. Er war deshalb auf das Angenehmste überrascht, als ihm, wie er eben seine Toilette beendigt hatte, der Marquis Alphons de Sade gemeldet wurde. Der junge Mann trat mit dem freundlichsten Lächeln auf den Lippen herein und streckte die beiden, in den feinsten Glacéhandschuhen steckenden Hände mit der anmuthigsten Herzlichkeit nach Leo aus. Mein werther Arzt, mein lieber Freund! rief er auf Französisch; ich komme, Ihnen Satisfaction anzubieten, und bin sehr glücklich, daß Sie mir meine Bètise nicht höher anrechnen. Monsieur de Tuchheim ist an Allem schuld; er machte mir ein so affreuses Bild von der politischen Rolle, die Sie hier spielten, daß ich – ich muß es bekennen – choquirt war. Was wollen Sie? Meine beiden Großväter sind auf der Guillotine gestorben, meine beiden Großmütter haben jahrelang das miserable Leben der Refugiés geführt; können Sie es dem Enkel verdenken, wenn er keinen Sansculotten in seiner Wohnung haben wollte? Sprechen Sie nicht mehr davon, erwiederte Leo; Sie sehen, es fehlt mir auch jetzt nicht an einem Obdach. Nein, wahrhaftig, sagte der Franzose, sich im Zimmer umblickend; ein charmanter Aufenthalt für einen Philosophen sans les toits . Ist diese ebenso kostbare wie geschmackvolle Einrichtung von Ihnen? Zum Theil, erwiederte Leo; einen Theil fand ich bereits vor. Sie wissen, oder Sie wissen vielleicht auch nicht, daß Se. Majestät die Gnade hatten, dieses Haus, das er noch als Kronprinz für einen sehr geliebten militärischen Lehrer bauen ließ, mir zum Präsent zu machen. Das Haus hat einige Jahre leer gestanden; die Einrichtung war schön, aber sehr unvollständig; ich habe sie in demselben Styl ergänzt. Aber was sprechen wir über diese Bagatelle. Wann sind Sie zurück gekommen? und vor Allem, wie geht es Ihnen? Vortrefflich! antwortete der Marquis; so vortrefflich, wie es Jemandem mit einem halben Lungenflügel nur gehen kann. Aber ich werde mich schonen, verlassen Sie sich darauf; ich bin vorläufig der Letzte meines Namens; Messieurs les Marquis , meine Vorfahren, würden es mir nie vergeben, wenn ich definitiv der Letzte bliebe. Ich werde heirathen und solide werden wie ein wohlbeleibter Epicier! Und der junge Mann lächelte und warf einen melancholischen Blick auf seine zarten, abgemagerten Glieder. Sie sehen wirklich viel besser aus, sagte Leo. Und fühle mich auch in der That viel besser, rief der Franzose mit großer Lebhaftigkeit; das danke ich Ihrem vortrefflichen Rath. Würden Sie dafür wohl gelegentlich auch von mir einen Rath annehmen? Gewiß! sagte Leo. Da will ich Sie doch gleich auf die Probe stellen, fuhr der Marquis fort, und zu dem Zwecke ganz undiplomatisch meine Sprache brauchen, um meine wirklichen Gedanken auszudrücken. Ich finde Sie bei meiner Zurückkunft in einer eigenthümlichen Lage. Mißverstehen Sie mich nicht, eigenthümlich für Eure deutschen Verhältnisse, bei uns in Frankreich würde es das Einfachste von der Welt sein. Wir Franzosen sind in den letzten sechzig oder siebzig Jahren unserer Geschichte so an den jähen Wechsel der Verhältnisse gewöhnt; unsere Acteurs lösen einander so schnell auf der Staatsbühne ab, daß selbst das Außerordentlichste nicht mehr wesentlich überrascht. In einem Volke, bei welchem nach dem Ausspruche des großen Kaisers jeder Soldat einen Marschallsstab in seinem Tornister trägt, ist schließlich das Talent der einzige Adel und der Erfolg die einzige Dignität – ein melancholischer Ausspruch in dem Munde eines Abkömmlings aus dem Faubourg St. Germain, der kein Talent und es mit achtundzwanzig Jahren nur zum Gesandtschafts-Attaché gebracht hat; aber vielleicht deshalb um so wahrer. Bei Euch ist dies anders. Ihr seid ein schwerfälliges, pedantisches Volk, das, trotz seiner Originalität im Einzelnen, in gesellschaftlichen Dingen immer nach der Schablone arbeitet. Bei Euch hat das Außerordentliche wenig Chancen, oder höchstens die, alle Tröpfe gegen sich in Aufruhr zu bringen. Bei uns ist es salonfähig; bei Euch muß es in die böhmischen Wälder fliehen. Ihr nennt das moralisch, wir nennen es ennuyant. Es ist traurig, daß die Sachen so bei Euch liegen; aber sie liegen doch nun einmal so, und Sie, cher ami , werden es an sich erfahren, ja erfahren es schon täglich an sich. Ich höre in den Kreisen, in denen ich mich bewege, die schlimmsten Dinge über Sie. Man würde gar nichts gegen Sie haben, wenn Sie ein halbes Dutzend, oder lieber noch ein Dutzend Ahnen hätten, aber dem Plebejer kann man die Freundschaft eines Königs nicht verzeihen. Es ist ein schreckliches Ding um Ihren Adel, lieber Freund! Das ist zum Theil vollkommen antediluvianisch. Da war ich vor einigen Tagen bei einem petit souper , das dieser junge Löwe jüdischer Extraction, Alfred von Sonnenstein, in der Wohnung seiner Maitresse seinen intimeren Freunden gab. Du lieber Gott, man sollte über den armen Teufel nicht spotten, denn es geht ihm, wie Sie wohl gehört haben werden, jetzt schlecht genug; aber die Unfähigkeit Eures jungen Adels, sich auch nur mit Grazie zu ruiniren, trat mir wieder einmal so recht deutlich vor die Seele. Welche Conversation, welche Trivialität! Welcher Mangel an Haltung bei den Männern, und welche Frauen! Oh, mon Dieu ! welche Frauen! Diese kleine Maitresse Sonnenstein's mag gehen; sie steht im Anfang ihrer Carrière und kann sich noch formiren, jedenfalls hat sie Temperament. Aber die Andern! Da hatte Monsieur de Kerkow eine kleine insipide Blondine, aus deren Munde ich nichts als Ja und Nein vernommen habe; ich weiß nicht, ob sie die Stelle einer Kammerjungfer bei der Dame vom Hause ausfüllen könnte; aber sie zu seiner Maitresse machen – horrible ! Da war Mademoiselle Adèle vom Corps de Ballet, eine kleine, nicht ungraziöse, aber gänzlich ungebildete Französin, die ihre Sprache auf das Entsetzlichste mißhandelte und die deshalb der letzte Etudiant im Quartier Latin zu seiner petite femme zu machen Anstand nehmen würde; da war – doch ich wollte ja von etwas anderem sprechen. Auch hier, auch für diese Herren waren Sie die bête noire ; man hat beschlossen, Sie zu ignoriren, wenn es sein kann, Sie zu excludiren, wenn es sein muß. Mein Rath wäre also der: Seien Sie in allen Ihren Schritten einem so zugleich befangenen und fanatischen Adel gegenüber so vorsichtig als möglich. Man wartet auf die erste Blöße, die Sie sich geben, um über Sie herzufallen und Sie zu massacriren. Sie werden lange Zeit brauchen, bevor es Ihnen gelingt, diese stupiden Adelscolonnen zu culbutiren – wenn es Ihnen gelingt! Verstärken Sie deshalb Ihre Macht, indem Sie Hilfstruppen, woher es immer ist, heranziehen. Machen Sie es wie der geniale Kaiser, der stets den Hauptstoß auf einen bestimmten Punkt zu führen wußte und seine Gegner auch stets aus dem Sattel warf, und seien Sie versichert, daß, wenn ich Ihnen einen Freund verschaffen oder einen Feind vom Leibe halten kann, ich mir eine Ehre und ein Vergnügen daraus machen werde. Der Marquis war aufgestanden und hatte sich bei den letzten Worten anmuthig verneigt. Sie sind sehr gütig, Herr Marquis, erwiederte Leo; es wäre undankbar und thöricht, wollte ich leugnen, daß ich die Hilfe, die Sie mir anbieten, nöthig habe und also gern acceptire. Ich fürchte nur, Sie dürften sich bei Ihrem freundlichen Bemühen mehr Ungelegenheiten bereiten, als dem Lebemanne oder gar dem Edelmanne lieb ist. Ah bah , antwortete der Franzose, mit seinem Stückchen einen leichten Schlag durch die Luft führend; mein Adel ist so alt, daß ich mit Jedem, der mir gefällt, ungestraft umgehen kann, und fiele es dennoch Jemandem ein, mich darüber zur Rede stellen zu wollen – nun, auch ich habe die Ehre, aus einem Geschlechte zu stammen, in welchem die Frauen keusch und die Männer – nicht feig sind. Der Marquis lachte, drückte mit seiner schmalen weichen Hand herzlich Leo's Hand und entfernte sich schnell. Verstärken Sie Ihre Macht, indem Sie Hilfstruppen, woher es immer ist, heranziehen, sagte Leo, dem Marquis nachblickend; der Franzose hat Recht. Er hat bei sich zu Hause die praktischen Beispiele für seine Theorie. Der Geheimrath Urban wünscht dem Herrn Doctor aufzuwarten, meldete der Diener. Ueber Leo's Gesicht flog ein finsteres Lächeln. Da kommt er ja schon, den ich eben nur erst an die Wand gemalt, murmelte er, während draußen im Vorzimmer ein schwerer Schritt hörbar wurde. Eine große, schwarz gekleidete Gestalt trat auf die Schwelle, verweilte dort ein paar Augenblicke und kam dann mit ausgebreiteten Armen auf Leo zu. Mein lieber, verehrter junger Freund, sehe ich Sie endlich wieder? Ist es dem alten Lehrer vergönnt, seinen großen Schüler an das treue Herz zu drücken? Der Geheimrath wartete die Antwort nicht ab, er umarmte Leo und hielt ihn dann an beiden Händen fest, die er wiederholt mit seinen großen kräftigen Händen preßte und schüttelte. Man hatte einander gegenüber auf Lehnsesseln Platz genommen, des Geheimraths Augen hingen unverwandt an Leo, als könne er sich des Anblicks des wiedergefundenen Freundes nicht ersättigen. Ich wäre schon längst zu Ihnen gekommen, begann er von neuem, aber eine Scheu, die Sie mir nachfühlen werden, hielt mich zurück. Wer sich den Mächtigen unaufgefordert naht, setzt sich immer einem unschönen Verdachte aus. Sie spotten meiner, erwiederte Leo. Der Geheimrath lächelte. Immer noch der vorsichtige, kluge Kopf, der Dinge und Menschen nicht für das nimmt, was sie scheinen wollen, sondern was sie sind. Daran erkenne ich meinen Schüler. Aber ich bin das, wofür ich mich gebe: Ihr warmer, aufrichtiger Freund, der Ihre Laufbahn mit halb ängstlichen, halb bewundernden Blicken verfolgt hat und nun endlich glücklich ist, Sie auf der Höhe angekommen zu sehen, zu der Sie prädestinirt sind. Sie sind sehr gütig, Herr Geheimrath, antwortete Leo, aber vielleicht beurtheilen Sie, der Sie ja eben meiner Laufbahn nur aus der Ferne gefolgt sind, auch meine jetzige Stellung nicht mit dem vollen Verständniß der einzelnen Momente, durch welche dieselbe bedingt ist. Der Geheimrath warf aus den grauen Augen einen durchdringenden Blick auf Leo, rückte mit seinem Stuhl ein paar Zoll näher und sagte in leiserem Tone: Lassen wir die Maske fallen! Sie sind noch nicht auf der Höhe angekommen, Sie haben noch einige, und zwar sehr schwierige Stufen zu erreichen, und Sie müssen nach aller menschlichen Berechnung sich jetzt nach treuen Bundesgenossen sehnen; die Isolirung, in welcher Sie sich befinden, muß Ihnen unheimlich sein, wie sie Ihrem königlichen Freunde für Sie unheimlich ist. Ich hatte gestern in einer Angelegenheit, auf die alsbald zurückzukommen ich mir erlauben werde, eine Privat-Audienz bei Sr. Majestät. Majestät schien etwas präoccupirt und nicht ganz heiter, er kam dann – Sie wissen, er ist mittheilsam, wo er sich verstanden glaubt, und auch wohl oft genug, wo man sich ein Gewerbe daraus macht, ihn mißzuverstehen – er kam dann, sage ich, auch bald auf Sie zu sprechen, selbstverständlich mit der Wärme, ich kann wohl sagen, mit dem Enthusiasmus, den er Ihren bewunderungswürdigen Talenten, vor Allem aber auch Ihrer persönlichen Erscheinung zollt. Was ist das für ein Mann, rief er, das Muster geradezu eines Mannes! Und ist es nun nicht schändlich, daß mir diesen Mann – Sie kennen seine originelle Ausdrucksweise – Niemand abnehmen will? Wenn Karl August von Weimar das Recht hatte, in einer poetischeren Zeit mit dem Frankfurter Bürgerssohn seinen Herzogsstuhl zu theilen, weshalb soll ich denn nicht in einer politischen Periode diesen Mann, der auf dem socialen Gebiete eine ebenso schöpferische Genialität zu entfalten verspricht, wie Goethe auf dem poetischen, wenigstens nahe an meinen Thron stellen dürfen? – Ich erlaubte mir, Se. Majestät darauf aufmerksam zu machen, daß es auch für Goethe einiger Zeit bedurfte, bevor er sich in den höfischen Adelskreisen Weimars so zu sagen acclimatisirte, und daß Karl August die Vorsicht brauchte, seinen Liebling mit all den äußerlichen Attributen des Ranges und Standes auszustatten, die nun einmal conditio sine qua non sind, will man sich in jenen Kreisen mit Freiheit bewegen. Se. Majestät wurde darauf sehr vertraulich und theilte mir mit, daß er Ihnen bereits Anerbietungen nach dieser Seite gemacht habe, Anerbietungen, die von Ihnen standhaft zurückgewiesen worden seien. Ich würde ihm heute lieber den Adel geben, als morgen, rief er, aber er ist im Stande, mir zu antworten, daß er bereits mit dem Artikel auf Lebenszeit reichlich versehen sei. Ich erwiederte, daß, wenn Se. Majestät mir die Gnade der vertraulichen Commission, in seinem Namen mit Ihnen über diese und ähnliche Punkte Rücksprache zu nehmen, zuwenden wolle, ich vielleicht, als Ihr alter Lehrer und Freund, keine ganz ungeeignete Person sein würde. Seine Majestät nahm – ich darf wohl sagen – meinen Vorschlag mit Freuden an und rief mir noch, als ich mich bereits in der Thür verbeugte, nach: Wer mich jetzt lieb hat, kann es zeigen, indem er zu dem Manne steht, den ich liebe. O, es ist etwas Biblisches, Gesalbtes in diesem Monarchen, das mich jedesmal, so oft ich mich ihm nahen zu dürfen das Glück habe, wie mit Weihrauch und Narden umduftet! Und der Geheimrath drückte die Augen ein und suchte dabei zu ergründen, welchen Eindruck seine Worte wohl auf Leo gemacht haben möchten. Leo wiederholte mit Vorsicht die Gründe, mit denen er bereits dem General gegenüber seine Abneigung, in den Staatsdienst zu treten, motivirt hatte. Der Geheimrath hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu und sagte: Sie dürfen sich nicht in der Menge verlieren! Gewiß nicht! Ich hatte es noch nicht von der Seite angesehen; ich begreife, daß Sie nicht unter meinem vortrefflichen, aber, unter uns, doch etwas beschränkten Freunde Hey arbeiten können. Gut! Warten Sie die Chancen ab, die eintreten können, oder, wenn Sie wollen, eintreten müssen. Aber das kann Sie doch nicht hindern, da, wo es angeht, Einfluß zu gewinnen und sich mit wohlorganisirten Mächten zu befreunden, mit denen Sie schließlich doch werden rechnen, ja Hand in Hand gehen müssen. Glauben Sie mir, Sie können ohne uns Ihre Reformen nicht durchführen. Die letzte sociale Revolution, die wir in Deutschland gehabt haben, ich meine die der Bauernkriege – denn die ziel- und ideenlose Straßen-Emeute von Achtundvierzig rechne ich nicht – ist daran zu Grunde gegangen, daß man die Geister freimachte und die Leiber nicht freimachen wollte; eine solche Revolution, die umgekehrt die Leiber frei macht, ohne den Geistern die Freiheit zu bringen, würde unfehlbar nicht minder kläglich scheitern. Es giebt aber nur Eine geistige Freiheit, das ist die unter dem Joch, das sanft, unter der Last, die leicht ist; es giebt nur Eine Gleichheit – die Gleichheit vor Gott, vor dem wir allzumal Sünder sind. Geister, die nicht mit diesem Zauber, der nun schon ein paar tausend Jahre seine Kraft bewährt hat, gebannt sind, werden Ihnen immer abirren, ja Sie werden sie überhaupt nicht in Bewegung setzen können. Und bedenken Sie wohl, daß Sie es nicht mit gemüthlosen, französischen Ouvriers, nicht mit englischen seelenlosen Workmen, nicht mit befuselten irischen Paddys – sondern daß Sie es mit gemüthlichen deutschen Arbeitern zu thun haben, denen der Mysticismus noch in allen Gliedern steckt. Warum können denn jene schalen Aufklärer, jene liberalen Quacksalber, die Ihnen mit Recht so verhaßt sind, keinen rechten Boden gewinnen, als weil sie sich in ihrer brutalen Stumpfsinnigkeit nur immer an den Geldbeutel und den Brodsack wenden und, wenn es hoch kommt, den urtiefen Drang der armen Menschen nach Seelenerregung, ja nach Seelenrausch, mit ihren langweiligen, nüchternen, sogenannten Festen, bei welchen schauerlicher Quartettgesang, profane Lieder und natürlich Bier und Tabak die Hauptrollen spielen, zu befriedigen wähnen? Der König, dem ich ebenfalls Andeutungen nach dieser Richtung mir zu machen erlaubte, war entzückt; Sie kennen sein tiefes, romantisches Gemüth. Seien Sie versichert, ein Arbeiterzug, der nicht eine Kirchenfahne in seinen Reihen führte, würde ihm nicht gefallen, und er würde eines Propheten, und wenn er mit Engelszungen redete und seinem Herzen nichts zu sagen wüßte, bald überdrüssig werden. Ich will mich nicht weiter über diesen Punkt auslassen. Sie sind der Mann, auf ein halbes Wort hin zu verstehen. Der Geheimrath blickte zu Leo hinüber; er war mit dem Eindrucke, den er hervorgebracht, zufrieden und fuhr in einem noch zuversichtlicheren Tone fort: Da freut es mich denn, daß ich Ihnen sogleich eine herrliche Gelegenheit geben kann, Ihr Interesse an den religiösen Dingen und zugleich das Verständniß, welches Sie meinen schüchternen Andeutungen entgegen bringen, zu beweisen. Ich stehe, in Verbindung mit mehreren namhaften Männern und einigen unserer angesehensten Damen, im Begriff, einen Verein zu bilden, der sich die Linderung, respective Hebung des weiblichen Proletariats zur Aufgabe gemacht hat. Wir gedenken, die Sache im Großen und mit großartigen Mitteln in Angriff zu nehmen. Wir haben Verbindungen mit allen bedeutenden und nicht wenigen kleinen Städten des Königreichs angeknüpft; auch auf dem platten Lande haben wir viele warme Freunde. Wie groß das Vertrauen ist, das man uns schenkt, und wie gelockert das Erdreich, in welches wir säen wollen, dafür will ich Ihnen nur den einen Umstand als Beweis anführen, daß wir auf einen ersten Aufruf zu Beiträgen nicht weniger als zehntausend Thaler zusammengebracht haben. Daß wir zur Erreichung unseres Zieles: die Gründung oder Unterstützung von christlichen Mädchenherbergen, eine Vergrößerung des Einflusses der Geistlichen auf die Armenschulen, die Purificirung der Waisenhäuser von allen unlauteren, rationalistischen Einflüssen, die Ueberwachung des Verhältnisses zwischen dem christlichen Gesinde und seiner christlichen Herrschaft im Auge haben, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Ich habe im Comité, in welchem, um Ihnen nur einige Namen zu nennen, Graf Röder, Baron Schuler, der alte Herr von Kerkow, Commerzienrath Reßler, von Frauen: die alte Baronesse Barton und andere sehr angesehene Damen sitzen, noch einen Platz zu vergeben. Darf ich? Der Geheimrath lehnte sich in seinen Stuhl zurück, drückte die Augen ein und ließ seine beiden Daumen umeinander spielen. Sie würden sich nur dem Widerspruche Ihres Comités, ja den schlimmsten Verdächtigungen aussetzen! erwiederte Leo, dessen verdüsterte Stirn und Augen den inneren Kampf deutlich genug verriethen. Das lassen Sie meine Sorge sein, sagte der Geheimrath schnell; ich glaube einigen Einfluß auf die übrigen Comitémitglieder zu haben; ein halbes Dutzend Besuche vorher, eine kleine Rede in der nächsten Sitzung – und die Sache ist gemacht. Er erhob sich und sagte, während er seinen Stuhl zurückschob, wie mit sich selbst redend: Der König wird sich unendlich freuen! unendlich! dann drückte er wieder Leo's Hände, blickte ihn abermals mit verliebten Augen an und sagte: Erinnern Sie sich, mein Freund, jenes Abends, als wir uns in meiner Studirstube zu Tuchheim an meinem Arbeitstische gegenüber saßen? Sie waren damals ein brausender Most; ich aber schmeckte bereits den edlen Wein, der eines Königs würdig ist. Sie verlangten ungestüm von mir zu wissen, was hinter dem Schleier der Isis stecke. Ich weiß nicht, ob Sie mir damals glaubten; jetzt aber wissen Sie, daß ich nicht gelogen habe. Und ich sagte Ihnen auch, es werde eine Stunde kommen, wo Sie mir zurückzahlen könnten, was ich etwa für Sie gethan. Die Stunde ist da. Versäumen Sie nicht, sie zu benutzen; es wird Ihnen des Himmels reichsten Segen bringen. Leo begleitete den Geheimrath bis zur Thür. Ich lade Sie nicht zu mir ein, sagte der Letztere hier. Sie kennen mein Haus. Es ist dort öder und langweiliger als je. Mein Haus ist mir verleidet. Wenn ich meine Freunde bei mir sehen will, bitte ich sie mir in ein gutes Restaurant. Auf Wiedersehen, mein lieber Freund, auf baldiges Wiedersehen! Der Geheimrath bewegte sich zur Thür hinaus und stieß dabei fast die schmächtige Gestalt des Bankiers von Sonnenstein über den Haufen, der in seiner Ungeduld, Leo zu sprechen, dem meldenden Diener vorausgeeilt war. Die beiden Herren, die sich sehr gut kannten, baten einander um Entschuldigung, aber der Bankier hatte es sehr eilig; er sah erregt, ja verstört aus; so sagte ihm auch Leo, als sie sich in dem Zimmer allein befanden. Sie haben Recht, mein Lieber, erwiederte der Bankier, aber ich habe auch Ursache dazu. Wollen Sie mir einen großen Gefallen thun, so ziehen Sie sich an – nein, Sie sind ja angezogen, sind immer angezogen – kommen Sie also mit mir; ich sage Ihnen unterwegs, um was es sich handelt. Wenige Minuten darauf schritten die beiden Männer Arm in Arm, eifrig sprechend, unter den Lindenbäumen einer jener mit reizenden Villen und schönen Gärten eingefaßten Seitenstraßen, die sämmtlich auf die große Parkstraße mündeten, langsam dahin. So steht die Sache, sagte der Bankier. Nun, mein Gott, Sie wissen, ich bin kein Philister, ich gönne dem Jungen das heitere Leben, das er lebt, von Herzen, wenn es auch ein bischen kostspielig ist; ich habe ihm noch nie das Geld, das er braucht, und wenn es in die Tausende ging, mißgönnt, aber an der Gesundheit des Jungen hat die Sache ihre Grenze. Der Blutsturz, obgleich ihn die Aerzte nicht eben wichtig nehmen, scheint mir denn doch ein Zeichen dafür, daß seine Constitution ernstlich erschüttert ist. Was meinen Sie? Ich kann darüber nicht urtheilen, erwiederte Leo, bevor ich eine genaue Untersuchung angestellt habe. Leugnen will ich nicht, daß mir eine gänzlich veränderte Lebensweise Ihres Sohnes unbedingt geboten scheint. Das ist es ja, was ich will, rief der Bankier stehen bleibend; nun helfen Sie mir, den Alfred zur Vernunft zu bringen! Es ist ein böser Zufall, daß ihm das Unglück gerade in der Wohnung – hier hustete der Bankier verlegen und fuhr dann entschlossen fort – seiner Maitresse begegnen mußte. Wenn ich ihn nur erst wieder bei mir zu Hause hätte. So ist er noch dort? Allerdings. Die Aerzte behaupten freilich, daß er ohne Gefahr transportirt werden könne; er aber behauptet, es ginge nicht. Das ist aber nur ein Vorwand; die Sache ist, er will nicht von ihr, sie will nicht von ihm lassen. Und was kann ich dabei thun? Sie sollen ihm in's Gewissen reden, ihn zu bestimmen suchen. Er wird meine Intervention als eine unberechtigte Einmischung zurückweisen. Das glaube ich nicht; er hält große Stücke auf Sie; er hat noch in diesen Tagen wiederholt gesagt: Leo ist der Einzige, der mir helfen kann. Ich habe mit Schmerzen Ihre Rückkunft erwartet. Der Gedanke, Eve nach der letzten Begegnung auf dem Bahnhofe in Tuchheim wieder gegenüber zu treten, hatte für Leo nichts Anziehendes; auf der anderen Seite erwies er sich nicht ungern dem Bankier in einer Sache gefällig, die so tief in die intimsten Verhältnisse der Sonnenstein'schen Familie griff. Ein so großer, der Familie geleisteter Dienst verpflichtete den Bankier zu Gegendiensten, für die vielleicht bald die passende Stunde kommen konnte. Es wird mir nicht leicht, Ihren Wunsch zu erfüllen, sagte er; mein Verhältniß zu Ihrem Herrn Schwiegersohn ist nicht das beste und dürfte auf diese Weise nicht besser werden. Ueberdies haben früher zwischen der in Rede stehenden Dame und mir Beziehungen stattgefunden, die, wie ich höre, vielfach mißdeutet worden sind, und dieser Schritt könnte leicht noch schlimmer gedeutet werden. Ach was! rief der Bankier ungeduldig, ich habe schon davon gehört. Wenn wir für jeden Kuß, den uns ein hübsches Mädchen giebt, verantwortlich gemacht werden sollten, hört ja am Ende Alles auf. Da sind wir. Sie werden auch meine Emma vorfinden. Sie ließ sich nicht abhalten, Sie kennen sie ja; aber umsomehr ist es Zeit, daß dem Skandal ein schnelles Ende gemacht wird. Kommen Sie! Um Leo's Lippen zuckte es ironisch, als er auf dem Schilde neben der Klingel: »Frau von Tannenstädt« geschrieben fand. Er dachte an das dunkelhaarige, wilde Mädchen oben »vom Walde« und dachte Tusky's, wie er aus der Hütte trat, in welcher er von seiner todten Mutter Abschied genommen. Dreiunddreißigstes Capitel. Die gnädige Frau ist bei Herrn von Sonnenstein, das gnädige Fräulein ist im Salon, berichtete der Diener. Emma kam ihnen mit einem Lächeln entgegen, das sie, als für den Augenblick unschicklich, sofort unterdrückte, um sich mit dem Battisttuche über die Augen zu fahren. Ich will Alfred auf Ihr Kommen vorbereiten, sagte der Bankier und verließ das Zimmer. Emma eilte alsbald auf Leo zu und erfaßte und drückte seine beiden Hände, indem sie ihm dabei fortwährend, ohne ein Wort zu äußern, mit einem undeutlichen Lächeln in die Augen blickte. Endlich brachte sie die Worte heraus: Was werden Sie von mir denken? Ich denke, daß Sie eine barmherzige Samariterin sind, wie es deren wenige geben dürfte. O, ich wußte es ja, rief Emma; Sie sind nicht wie die Anderen! Sie sind erhaben über die Bedenken kleinlicher Seelen. Giebt es etwas Natürlicheres, als daß eine Schwester ihren Bruder pflegen geht, es sei auch, wohin es sei. Kommen die Barmherzigen Schwestern nicht in die Lazarethe zu allen Arten von Kranken? Ist nicht dem Reinen alles rein? Gewiß, gewiß, erwiederte Leo. Aber wann hätte die Welt je ein reines Herz verstanden? Ja, das ist es ja eben, warum ich immer verkannt werde, sagte Emma; und geht es denn meinem armen Bruder anders? Was hat er denn gethan, als dem Zuge seines Herzens folgen? Wie konnte er anders handeln, wenn er das Mädchen liebt? O, wie es mich entzückt, dieses rücksichtslose Sichhingeben an ein allmächtiges Gefühl! Ist nicht die freie Liebe die höchste Blüthe menschlichen Empfindens? Wie geht es Ihrem Herrn Bruder? fragte Leo, um Emma's Gedanken eine andere Richtung zu geben. Ich weiß nicht, erwiederte Emma mit einiger Verwirrung; ich glaube gut, Sie wissen ja, er spricht immer so wenig, und jetzt darf er ja nicht einmal sprechen. Ich habe mich den ganzen Morgen mit Eve unterhalten. O, wie liebe ich dieses sublime Mädchen, das ganz Feuer und Leidenschaft, ganz Geist und Leben ist! Wie beneide ich sie! Sie darf lieben! Sie ist die Glückliche! Emma seufzte tief und blickte Leo traumverloren an. Wie denkt der Baron denn über diese Situation? fragte Leo. Emma wendete sich ab und flüsterte, während sie eine Rose aus einem Bouquet auf dem Tische nahm und zerpflückte: Ich fürchte, wir werden uns nie verstehen. Leo antwortete nicht. Sein Blick ruhte auf der jungen Dame. Sie sah heute Vormittag in dem einfachen staubgrauen Seidenkleide, das ihre kleine, volle Gestalt vortheilhaft zur Geltung brachte, und dem schmucklosen, krausen, dunklen Haar sehr hübsch aus. Leo fragte sich, ob es nicht eine Thorheit von ihm gewesen sei, eine so glänzende Partie von der Hand zu weisen, um sich schließlich seinem schlimmsten Feinde zuzuwenden. Was war das anders, als jener hohle Idealismus gewesen, der ihm an seinen Feinden so verächtlich dünkte? Als Emma's Gatte, im Besitze ihrer fürstlichen Mitgift, wäre er des drückenden Gefühls, dem Könige auch äußerlich verpflichtet zu sein, überhoben gewesen, und wer konnte wissen, wie weit sein Einfluß auf den Bankier gereicht haben würde, nach dessen Tode er ja, so wie so, vollkommen freie Hand gehabt hätte. Aber war denn das nicht noch zu erreichen? Sollte es so schwer halten, Emma von dem Manne, den sie nicht liebte, zu trennen? Warum sprechen Sie nicht? fragte Emma, die noch immer an ihrer Rose pflückte. Ich dachte eben daran, wie groß wohl das Glück einer Ehe sein müsse, die mit der Furcht, sich nie mit dem Gatten verständigen zu können, beginnt. O, ich habe auch schon oft daran gedacht, sagte Emma wehmüthig. Besonders für ein Herz, das, wie das Ihre, so voller Liebe ist, sich so nach voller Liebe sehnt, fuhr Leo fort, als hätte er Emma's letzte Aeußerung nicht gehört. Es ist ein traurig Ding um dies verworrene Menschenleben! Mein Freund! O, mein Freund! rief Emma, sich mit hocherröthendem Gesicht zu ihm wendend und die Hände, wie um Schutz flehend, ihm entgegenreichend. Glauben Sie wirklich, daß ich Ihr Freund bin? sagte Leo, die kleinen Hände fest in den seinen haltend. Ich glaubte es einst, erwiederte Emma, die Augen niederschlagend. In dem Nebengemache ließ sich der Schritt des Bankiers vernehmen. So glauben Sie es auch ferner, sagte Leo leise und schnell, indem er sich neigte und Emma's Hände an seine Lippen zog. Der Bankier blickte zur Thür hinein. Darf ich bitten? Leo folgte ihm. Als sie das Krankenzimmer – Eve's Schlafgemach – betraten, sah Leo nur noch eben den Saum von Eve's Kleide, die durch die Tapetenthür hinaus huschte. Alfred, der in dem prachtvollen Bette lag, nickte Leo freundlich mit den großen, mehr als je gläsernen Augen zu. Laß uns allein, Papa! sagte Alfred mit schwacher Stimme. Kann ich nicht hier bleiben, mein Junge? fragte der Bankier, dem Kranken das dunkle Haar aus der feuchten Stirn streichend. Alfred schüttelte den Kopf, der Bankier zuckte mit einem fragenden Blick auf Leo die Achseln und flüsterte ihm zu: Ich werde im Vorgemache bleiben, wenn Sie mich rufen wollen. Leo hatte sich zu Alfred an das Bett gesetzt und die heiße Hand des Kranken in die seine genommen. Ist es Ihnen genehm, wenn ich eine Untersuchung mit Ihnen anstelle? Ich will Sie nicht allzu lange quälen. Alfred nickte. So, ich danke, sagte Leo, sich nach einiger Zeit in die Höhe richtend, ich weiß vorläufig so viel, als ich zu wissen brauche. Nun lassen Sie uns einmal recht ruhig miteinander sprechen. Das heißt, Sie sollen gar nicht sprechen, ich will versuchen, ob ich die Antworten auf meine Fragen Ihnen von Ihren Lippen lesen kann; wo es sein muß, dürfen sie ein paar Worte sagen, aber ich bitte, möglichst wenig. Zuerst also: Ihr Zustand ist nicht unbedingt gefährlich, aber er erfordert die größte Schonung. Sie fürchten, wie Alle, die das Leben früh begonnen und gründlich ausgekostet haben, den Tod nicht sehr; aber Sie stehen auch noch nicht auf dem Punkte, wo Sie auf jeden Fall sterben möchten, schon um Ihres Vaters willen nicht, den Ihr Verlust untröstlich lassen würde. Alfred winkte ihm mit den Augen zu, und Leo fuhr fort: Sie haben Vertrauen zu mir, das heißt: zu mir, dem Arzte; ich möchte aber auch, daß Sie dem Menschen trauten, und darum verstatten Sie mir noch ein paar Worte. Sie kennen mich nur durch, oder doch hauptsächlich durch das, was Ihnen der Baron Tuchheim und Eve Tusky von mir gesagt haben; das heißt, Sie kennen mich nicht. Henri von Tuchheim ist nie mein Freund gewesen, und ich habe Ursache zu glauben, daß er mich seit geraumer Zeit mit seinem Hasse beehrt. Das Letztere gilt auch von Eve, die es mich, nach Frauenart, büßen läßt, daß ich sie nicht so liebenswürdig finde, wie sie wohl sicher ist. Ich weiß nicht, was sie Ihnen von mir erzählt hat – ich will es nicht wissen. Was ich Ihnen also sage und rathe, sage und rathe ich ohne alle gehässige Nebenempfindung, ohne irgend eine andere Absicht, als die, Ihnen zu nützen, so viel ich kann. Hören Sie zu! Sie müssen aus diesem Hause, müssen, weil Sie hier nicht genesen können. Alfred machte eine unruhige Bewegung, Leo legte ihm die Hand auf die Stirn und fuhr fort: Stille, stille, mein Freund! Ich glaube, daß Sie Eve lieben, aber ich glaube doch auch, daß Sie in Eve's weichen Armen lieber leben als sterben wollen. Dann aber dürfen Sie nicht an einem Orte bleiben, an welchem Sie schon durch das bloße Bewußtsein, daß Sie nicht hierher gehören und in Folge dessen Ihre Familie fortwährend in die schiefste Lage bringen, nicht zur Ruhe kommen können. Sie geben mir darin recht, nicht wahr? Der Kranke schüttelte ungeduldig den Kopf. Ich kann nicht, ich kann nicht, sagte er mit leiser, klangloser Stimme. Ich kann sie nicht preisgeben; man würde sie unwürdig behandeln, sobald ich sie nicht mehr sähe. Das würde man nicht, versicherte Leo, dazu ist Ihr Vater nicht im Stande. Es soll ihr nichts entzogen werden, was Sie ihr gewährt haben; ich verbürge mich dafür. Der Kranke schüttelte wieder den Kopf. Aber mein Gott, lieber Freund, was können Sie mehr verlangen? Was können Sie für eine Frau, die nicht Ihre Gattin ist, die nie Ihre Gattin werden kann, mehr thun? Auf Alfred's bleichen Wangen fingen die verhängnißvollen rothen Flecken an zu glühen. Und wenn ich das Mädchen nun heirathen wollte? murmelte er. Das ist etwas Anderes, erwiederte Leo, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen; das heißt: für die Folge; für den Augenblick ist es nur ein Grund mehr, diese Lage aufzugeben, die für Sie und Ihre Familie eben so compromittirend ist, wie für die Dame selbst. Alfred dachte nach und sagte dann: Sie mögen Recht haben; aber ich kann ohne sie nicht leben; ich muß sie dann wenigstens von Zeit zu Zeit sehen können. Wollen Sie unter dieser Bedingung sich von hier fortbringen lassen? Der Kranke nickte. Nun gut, sagte Leo, sich erhebend, ich will mit Ihrem Vater sprechen. Er ging in das Nebenzimmer und theilte dem dort harrenden Bankier das Resultat seiner Unterredung mit Alfred mit. Sie werden sich zu dieser Concession entschließen müssen, sagte er, ich sehe keinen anderen Ausweg. Gehen Sie zu Ihrem Sohne und bringen Sie ihm selbst Ihre Einwilligung; nehmen Sie Fräulein Emma mit, ich will unterdessen mit dem Mädchen sprechen. Der Bankier seufzte. Es ist hart, sehr hart, sagte er; aber freilich, wenn es sein muß! Es ist mein Einziger! Ich hatte alle meine Hoffnungen auf den Jungen gesetzt. Die Augen des Mannes waren bei diesen Worten feucht geworden. Er wendete sich ab, seine Bewegung zu verbergen. Dann ging er, Emma zu rufen, und begab sich mit ihr in das Krankenzimmer. Leo stand ein paar Augenblicke gesenkten Hauptes da. In dem Salon nebenan ließ sich ein Geräusch vernehmen. Er klopfte an die Thür; nach einigen Augenblicken rief eine etwas unsichere Stimme: Herein! Eve stand, als Leo eintrat, von ihm abgewendet an dem Tische in der Mitte des Gemaches. Ein schweres Seidenkleid fiel in langen, wallenden Falten von ihrer schlanken Taille weit auf die Erde herab. Sie wendete sich langsam um und heftete ihre großen, grauen Augen mit dem Ausdrucke des Hasses und des Trotzes auf sein Gesicht. Sie haben mich nicht erwartet, mein Fräulein, sagte Leo. O doch, erwiederte sie; ich bin es gewohnt, Sie stets zur ungelegensten Stunde in mein Leben eingreifen zu sehen. Was haben Sie mir diesmal mitzutheilen? Sie setzte sich in einen Fauteuil und kreuzte die Arme über der Brust, immer mit demselben trotzigen Hassesblick. Leo nahm ihr gegenüber Platz. Ich werde mich kurz fassen, sagte er. Ich komme im Auftrage des Herrn von Sonnenstein. Des Vaters oder des Sohnes? Beider, wenn Sie wollen. Eve lachte das kurze rauhe Lachen, dessen Leo sich von früher her deutlich erinnerte. Wenn ich will! rief sie höhnisch, als ob ein armes Mädchen, wie ich, überhaupt einen freien Willen haben dürfte! Doch fahren Sie fort! Ich habe also den Auftrag, Ihnen mitzutheilen, daß Alfred von Sonnenstein binnen einer Stunde Ihre Wohnung mit der seines Vaters vertauschen wird. Ich werde das nur glauben, wenn ich es aus seinem eigenen Munde höre, erwiederte Eve. In Gegenwart des Vaters und der Schwester, die ihn bis zu dem Augenblick, wo er in die Sänfte gehoben wird, nicht aus den Augen lassen werden. Eve erbleichte. Und wenn ich die Mittel, die ich habe und die Sie vielleicht unterschätzen, aufbiete, Ihre Absicht zu verhindern. Das werden Sie nicht. Eve's graue Augen funkelten. Es ist gut, murmelte sie; der Tag der Abrechnung zwischen uns wird kommen. Hoffentlich werden Sie sich dabei nicht so verrechnen, wie Sie sich in Allem, was mich betrifft, noch stets verrechnet haben. Freilich! Ich habe immer vergessen, daß ein Mann wie Sie sich niemals giebt, sondern stets verkauft. Ich konnte den Preis nicht zahlen, für den Sie zu haben sind, das ist der ganze Unterschied zwischen mir und – anderen Damen. Es ist mir sehr schmeichelhaft, von Ihnen so hoch geschätzt zu werden; aber auf unsere Angelegenheit zurück zu kommen, so wird es Sie interessiren, zu erfahren, daß Alfred gewünscht hat, Sie auch im Hause seines Vaters von Zeit zu Zeit zu sehen, und daß Herr von Sonnenstein damit einverstanden ist. Eve warf einen lauernden Blick auf Leo. Natürlich stets in Gegenwart des Vaters und der Schwester, und womöglich Ihrer Gegenwart, mein Herr! Ich bitte um einige Bedenkzeit, ehe ich eine Proposition acceptire, die, da sie von Ihnen ausgeht, wohl kaum etwas Anderes, als eine listige Falle sein kann. Halten Sie es damit, wie Sie wollen, erwiederte Leo, sich erhebend; mein Auftrag ist zu Ende. Das Uebrige ist nur ein guter Rath, den ich Ihnen meinerseits geben will. Sie haben die Absicht, Alfred zu heirathen. Lassen Sie diese Absicht gegen Niemand merken, selbst nicht gegen Alfred, am allerwenigsten gegen den Baron. Henri würde, wenn er wüßte, daß Ihr Ehrgeiz so weit geht, Alles aufbieten, Sie zu vernichten, und wird so schon die Concession des Vaters, Sie in seinem Hause aufzunehmen, sehr übel empfinden. Lassen Sie sich also nicht zu weit mit ihm ein, und halten Sie sich lieber an mich, der ich nur durch Ihre Schuld, und auch das nur scheinbar, Ihnen feindlich gegenüberstehe. Und nun noch Eins: Sie sind sehr aufgeregt; ein längerer Spaziergang in dem duftigen Park wird Ihnen gut thun. Die Wegschaffung Alfred's, die sogleich stattfinden wird, würde doch für Sie sehr peinlich sein. Wenn Sie zurückkehren, gehört Ihre Wohnung wieder Ihnen selbst, und Sie haben dann Muße, sich Ihre Situation nach allen Seiten hin ruhig zu überdenken. Leben Sie wohl! Leo ging noch einmal in das Krankenzimmer, um mit dem Bankier was sonst noch nöthig war zu besprechen. Dann verließ er das Haus. Eve hatte sich wieder in den Fauteuil geworfen und den Kopf in die Hand gestützt. Von seiner Gnade leben, murmelte sie, das wäre das Schlimmste! lieber ermorde ich ihn und mich! Vierunddreißigstes Capitel. Leo schritt langsam die Straße hinab. An der Ecke angelangt, wendete er sich um, nach dem Hause, aus dem er eben gekommen, zurückblickend. Eine weibliche Gestalt trat aus der Gartenpforte und entfernte sich, nachdem sie zuerst ein paar Schritte nach der Parkstraße gethan, sich schnell umwendend, in der entgegengesetzten Richtung. Ohne Zweifel hatte sie ihn, trotz der Entfernung, erkannt. Sie ist also doch gehorsam gewesen, die schöne Bacchantin; es mag ihr schwer genug geworden sein! Aber darauf kommt es nicht an, wenn sie nur gehorcht. Leo sah nach der Uhr. Es war Zwei; um Drei hatte er eine Einladung bei dem General angenommen; wenn er sich beeilte, konnte er noch eben den Besuch bei Silvia abstatten. Vielleicht hatte sie, wie schon manchmal, etwas von der Tante oder direct vom Könige erfahren, was für ihn von Wichtigkeit war. Wachte sie doch stets mit treuer Sorge über sein Wohl! Oder wünschte sie heute nur zu hören, ob in Tuchheim bei der Uebernahme der Fabrik Alles nach Wunsch gegangen sei? Nun, sie hatte es verdient, daß er um ihrethalben auch einmal einen Umweg machte, obgleich er sich nach der schlaflosen Nacht und dem anstrengenden Vormittage ungewöhnlich abgespannt und ruhebedürftig fühlte. Ein Fiaker war nicht gleich zur Hand; er mußte sich entschließen, noch ein Stück die Parkstraße hinabzugehen, die, wie immer um diese Zeit, von Fußgängern, Reitern und Carossen wimmelte. Er kam dabei an seiner eigenen Wohnung vorüber. Ein paar Männer in Arbeiterblousen und mit Handwerkszeug auf den Schultern standen an dem Gitter und schauten nach dem Hause. Da wohnt er, sagte der Eine; 's sieht hübsch genug aus. Du, sagte der Andere; dafür sprechen wir uns auch die Kehle ab von Freiheit und Gleichheit; meinst Du nicht? Die Männer blickten so eifrig, daß sie Leo, der hinter ihnen vorüberging, nicht bemerkten. Es waren Männer aus dem von ihm gestifteten Arbeiterverein, der nach seiner Gefangennehmung kläglich zu Grunde gegangen war. Er bog schnell über die Straße hinüber nach der eigentlichen Promenade, die er hatte vermeiden wollen. Die Prinzessin Philipp Franz, deren Equipage man in einiger Entfernung langsam folgen sah, kam in Begleitung einer Hofdame und eines Cavaliers daher. Die schöne Dame grüßte gnädig nach rechts und links. Leo sah, daß der Cavalier, den er in Begleitung Henri's wiederholt gesehen zu haben sich erinnerte, mit einem Blick nach ihm hin der Hofdame und diese der Prinzessin ein paar Worte zuflüsterte. Er trat auf die Seite und zog den Hut. Die Prinzessin, deren liebliche Züge noch eben von huldvoller Freundlichkeit gestrahlt haften, sah ihn mit zusammengezogenen Brauen starr an, ohne auch nur mit der leisesten Neigung seinen Gruß zu erwiedern; die Hofdame blickte nach der anderen Seite, der Cavalier lächelte. Leo knirschte mit den Zähnen; aber er trug seinen Kopf nur noch höher und schaute die ihm Begegnenden nur noch fester aus seinen dunklen Augen an. Besser verachtet, als nicht beachtet sein, sprach er bei sich, und diese Verachtung ist ja im Grunde nur Haß, und dieser Haß nichts weiter als Furcht, und diese Furcht das sicherste Zeichen meines bisherigen Erfolges und die Anwartschaft auf einen noch größeren in der Zukunft. Ich hoffe Alles und fürchte nichts. Nichtsdestoweniger fühlte er sich erleichtert, als er endlich einen Fiakerstand erreichte. Aber auf dem Wege nach dem Schlosse durch die prachtvollen Straßen verließen ihn die düsteren Gedanken nicht; die Höhe, die er noch zu ersteigen hatte, war ihm nie so schroff erschienen. – Ich muß an dieser glatten Wand eine Stelle finden, auf die ich meinen Fuß setzen kann! Der König, sagte Urban, gäbe mir den Adel heute lieber als morgen. Ob das wohl wahr ist? Vielleicht ist ihm die Zeit noch zu kurz; vielleicht fürchtet er wirklich, ich könnte mich weigern. Das wäre so ein Faden, der von Silvia's feinen Händen am besten weitergesponnen werden könnte. Oder wäre die Tante die rechte Vermittlerin? Silvia ist zu schüchtern; die Tante geht dreister auf ihre Ziele los. Leo fand Tante Sara und Silvia beisammen im großen Salon. Tante Sara lag auf der Causeuse; Silvia saß, den Kopf in die Hand gestützt, am Fenster. Sie erhob sich bei Leo's Eintritt und ging ihm entgegen. Ihr Gesicht trug einen gespannten Ausdruck; sie war bleich, und das Lächeln, mit dem sie ihn begrüßte, hatte etwas Gezwungenes. Die Tante dagegen schien in der besten Stimmung. Gott sei Dank, daß Du kommst, Leo, rief sie, Du mußt mir helfen, diesem eigensinnigen Mädchen den Kopf zurecht zu setzen! Um was handelt es sich, meine Damen? fragte Leo, der Tante die Hand küssend. Silvia machte eine abwehrende Bewegung mit dem Kopf. Nein! nein! rief die Tante, er muß es wissen, ich brauche seine Autorität, Dich zur Raison zu bringen. Setze Dich hierher, Leo, zu mir! Die Sache ist die: der König war gestern Abend auf eine halbe Stunde hier und in der entzückendsten Laune, so daß selbst Silvia, die, nebenbei gesagt, in jüngster Zeit sehr misanthropische Anwandlungen hat, fortgerissen wurde. Ich weiß nicht, wie die Rede auf Frauenschmuck kam, und Silvia äußerte, daß das Feuer schöner Brillanten von jeher auf sie einen sonderbaren Zauber ausgeübt habe. Warum tragen Sie denn keine? fragte der König; weil ich keine habe, Majestät, war Silvia's lachende Antwort. Sie dachte nicht weiter daran, und auch ich hatte es vergessen, bis heute Morgen mit einem Billet vom König, das nur die Worte enthielt: »Zur Erinnerung an die brillante Unterhaltung von gestern Abend. Ihr dankbarer« und so weiter, dies Etui kam. Tante Sara nahm von dem Marmortischchen neben der Causeuse ein Kästchen, das sie öffnete. Auf dem dunklen Sammet, mit dem es ausgeschlagen war, lag ein prachtvolles Brillantkreuz an goldener Kette. Tante Sara nahm es heraus und ließ es in der Sonne spielen. Wie das funkelt und blitzt! rief sie, und nun denke Dir, Leo, dieser Trotzkopf sagt, sie könne das nicht vom Könige annehmen! Als ob ein König wäre wie ein anderer Mann! Als ob man sein Thun mit dem gewöhnlichen Maßstab messen könnte, messen dürfte! Aber Kinder, Kinder, es ist ja schon halb Drei; ich erwarte gleich nach Tische die Visite einer sehr vornehmen Dame, die mich in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünscht. Du lieber Himmel, den Leuten sind ihre Angelegenheiten immer wichtig; aber gleichviel, ich bin noch nicht in der nöthigen Toilette und dürfte nachher keine Zeit haben. Also à revoir, mes mignons, à revoir ! Tante Sara ergriff den Stock mit dem Elfenbeingriff und hinkte, Kußhände zurückwerfend, nach der Thür. Leo wendete sich zu Silvia. Wie ist es Dir ergangen? fragte sie, indem wieder das gezwungene Lächeln um ihre Lippen trat. Gut, recht gut, erwiederte Leo, das heißt, bis auf einige Mißklänge in der allgemeinen Harmonie, auf die ich indessen gefaßt gewesen war. Ich soll Zehntausend mit den paar Körben Brod und Fischen speisen – das kann ich nicht; aber von dem Allen ein anderesmal. Jetzt verstatte mir, auf das blitzende Spielzeug da zurückzukommen; ich glaube, die Tante hat Recht. Sprechen wir nicht mehr davon, sagte Silvia, indem sie das Kästchen zudrückte. Wie Du willst, Silvia, ich wollte nur bemerken, daß der König sehr beleidigt sein würde, wenn Du – aber die Sache ist ja gar nicht denkbar. Das sind Concessionen, die man nun einmal machen muß, wenn man mit Königen verkehrt. Mich drückt die königliche Huld auch, dennoch trage ich sie, wie ich das Unvermeidliche zu tragen gewohnt bin. Mit Dir ist es etwas Anderes, erwiederte Silvia, welche sich durch den leichten Ton, in welchem Leo sprach, auf das Peinlichste berührt fühlte. Es ist wenigstens begreiflich, daß er sich für die Dienste, die Du ihm leistest, gegen Dich abzufinden sucht, obgleich ich auch hier gewünscht haben würde, daß er mit einer so großen öffentlichen Gunstbezeigung gewartet hätte, bis Deine Verdienste auch öffentlich mehr anerkannt gewesen wären. Das Alles trifft bei mir nicht zu, ich habe ihm keine Dienste geleistet, am wenigsten solche, die sich belohnen ließen; eine Demonstration dem Publikum gegenüber, also ein politischer Act ist es auch nicht, wenn er mich mit einem sichtbaren Zeichen seiner Gnade ehrt; ich bin nicht seine Gattin und nicht seine Schwester, am allerwenigsten seine Geliebte – wie kommt er also dazu, mir diesen glänzenden Plunder zu schenken! Silvia hatte das in einem erregten Tone gesagt; Leo zuckte die Achseln. Ich erkenne die kluge Silvia heute nicht wieder, sagte er; seit wann hast Du denn diese spießbürgerliche Logik zu der Deinigen gemacht? Seit wann? entgegnete Silvia. Sie stützte den Kopf in die Hand und fuhr nach einer kleinen Pause, wie mit sich selbst sprechend, fort: Ja, seit wann! Ich weiß es nicht, aber ich fühle selbst, daß ich nicht mehr bin wie ich war. Du sitzest zu viel im Zimmer, Du solltest Dir mehr Bewegung machen – in freier Luft; wir wollen häufiger zusammen spazieren gehen, spazieren fahren. Du hast meine Wohnung noch nicht gesehen. Ich bin begierig zu hören, wie Du die neue Einrichtung findest. Vielleicht kommst Du gegen Abend mit der Tante hinaus. Das wird Dich zerstreuen. Silvia lächelte schmerzlich. Ja, ja! Zerstreuung – das ist es, was mir fehlt! Sie richtete den Kopf in die Höhe und blickte Leo mit großen ernsten Augen an. Ich wollte Dich heute nach mehreren Dingen fragen, aber ich fürchte, Du bist nicht in der Stimmung und hast auch wohl nicht die Zeit, mir geduldig zuzuhören, also auch das ein andermal! Man soll nichts bis zur nächsten Stunde verschieben, was man noch in der laufenden abmachen kann. Was hast Du? Nun denn, sagte Silvia, sich mit sichtbarer Anstrengung emporraffend, so will ich es Dir in aller Kürze sagen, und sie erzählte Leo, während sie die Augen dabei auf den Boden heftete und auf ihren Wangen die Farbe kam und ging, ihre Zusammenkunft mit Ferdinand und Alles, was zwischen ihnen verhandelt worden war; nur Josephe's that sie keiner Erwähnung, sie konnte es nicht über sich gewinnen. Leo hatte, ohne sie zu unterbrechen, aber nicht ohne Zeichen lebhafter Ungeduld, zugehört. Jetzt, als sie zu Ende war, sprang er auf, that ein paar hastige Schritte, kehrte dann wieder um, blieb vor ihr stehen und sagte: Aber, Silvia, ahnst Du denn nicht, hast Du denn nicht gleich geahnt, daß das Ganze ein Complot ist, von meinen Feinden ausgesonnen, um uns womöglich auseinander zu bringen? Du hättest dem Menschen die Thür weisen sollen – nach seinen ersten Worten, aber freilich, freilich – so hätten wir auch nicht erfahren, was sie im Schilde führen, diese plumpen Ränkeschmiede! freilich! Und wieder fing er an, mit noch hastigeren Schritten als vorher im Zimmer auf und ab zu gehen. Silvia's Augen hingen mit einem ängstlichen Ausdruck an seinen Mienen. Es ist alles Lüge gewesen, was der Mann vorgebracht hat, sagte sie langsam; nicht wahr, Leo? Alles eitle Lüge? Du hast jenen unglückseligen Brief nie in Händen gehabt? Wer sagt das? rief Leo, sich plötzlich zu ihr wendend; allerdings habe ich den Brief in Händen gehabt und Gott sei Dank, daß ich ihn in Händen gehabt und den rechten Gebrauch davon gemacht habe! Ich stünde wahrscheinlich noch auf demselben Fleck, wie vor zwei Monaten, wenn ich es nicht gethan hätte. Silvia war bei diesen Worten sehr bleich geworden. Also wirklich, murmelte sie kaum hörbar, indem sie Stirn und Augen mit der Hand bedeckte. Ich wundere mich, daß Dich das so Wunder nimmt, sagte Leo mit unwilligem Kopfschütteln, die Sache war nothwendig, also mußte sie geschehen. Und was war an dem Tropf gelegen? Er hat es nicht besser verdient, dieser elende Bediente seiner elenden Auftraggeber! Um Gotteswillen! rief Silvia, die Hände in einer plötzlichen Bewegung nach Leo ausstreckend, sprich nicht so! Ich kann Dich nicht so sprechen hören! Du hast den Mann in's Unglück gestürzt, es ist Deine Pflicht, ihn wieder herauszureißen. Er mag ein schwacher, leidenschaftlicher Mensch sein, aber unedel ist er mir nicht erschienen. Leo lachte bitter. Lehre Du mich den Charlatan kennen, rief er; dieser Thor, der gern den großen Herrn und noch lieber den großen Mann spielen möchte, und zu dem Einen nicht das Geld, zu dem Anderen nicht das Zeug hat. Und wie ich Dir schon sagte, dieser Mensch ist ja nur das Werkzeug, das von anderen Händen geführt wird. Und ich kenne diese anderen Hände. Du meinst Eve, sagte Silvia mit tonloser Stimme. Henri und Eve, rief Leo, und dann setzte er durch die Zähne murmelnd hinzu: Ich sollte das vor einer Stunde gewußt haben! Und Du hast Eve nie geliebt? fragte Silvia nach einer Pause. Die Worte rangen sich nur schwer aus ihrer Brust, und es war ihr, als ob sie in weiter Entfernung von einer Anderen gesprochen würden. Nie! rief Leo. Und hat sie auch nie glauben können, daß Du sie liebtest? fuhr Silvia fort. Leo's Stirn röthete sich. Wie Du fragst! rief er, ungeduldig mit dem Fuße stampfend, bin ich verantwortlich für alle Träume, die ein Mädchengehirn träumen kann? Und dieses Mädchen ist keine Träumerin, sie spielt und hat von jeher ihr wohldurchdachtes Spiel gespielt. Ein Weib, das sich – und wenn sie wirklich vorher geliebt hätte – nicht dem ersten Besten, sondern wohlweislich einem Fürsten in die Arme wirft, und, wenn er sie satt hat, wieder nicht den ersten Besten, sondern wiederum wohlweislich den Reichsten und Dümmsten in ihrem Netze fängt – eine solche schlaue Menschenfischerin hat sich das Recht der Dame verscherzt. Eine Dirne kann sich nicht wundern, wenn sie als Dirne behandelt wird. Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet, sagte Silvia sehr leise. Sie athmete tief auf, und ihre Hände sanken kraftlos in ihren Schoß. Ich sehe jetzt, daß ich sie noch zu gut behandelt habe, fuhr Leo fort; damit Du doch aber die Eve kennen lernst und Dich in Zukunft vor ihren Emissären besser in Acht nimmst, will ich Dir wenigstens die letzte Phase aus dem Leben der Abenteurerin erzählen. Und er sagte Silvia, was sich soeben in der Wohnung Eve's zugetragen hatte. Du siehst, so schloß er, daß sie Carrière machen will um jeden Preis und daß sentimentales Mitleid mit einer so durchtriebenen, scham- und gewissenlosen Kokette die pure Thorheit wäre. Es ist furchtbar, furchtbar! sagte Silvia. Aber den Kopf in die Höhe, Mädchen, rief Leo, plötzlich in einen anderen Ton fallend; wer hat uns denn zu Hütern über die Moralität dieser Menschen gemacht! Sie leben, wie sie können, und wir können nicht machen, daß sie anders leben. Wir können sie nur zu unseren Zwecken benutzen, wie diese Zwecke es fordern. Die Chemie weiß aus den unsaubersten Stoffen die feinsten Wohlgerüche herzustellen, und überhaupt für die Wissenschaft existirt nichts Unreines. Das Leben ist eine Wissenschaft, und der lebt elend, der es mit anderem Auge als dem der Wissenschaft betrachtet. Wer es aber so betrachtet, der kann wohl irren, aber ein solcher Irrthum ist nicht schmerzlich, oder wenn er es ist, so ist dieser Schmerz ein ganz anderer, als die öde Qual, die uns aus der sogenannten moralischen Weltanschauung erwächst, mit der man die großen und kleinen Kinder in Schrecken setzt. Silvia schüttelte den Kopf. Das ist die Philosophie eines Gottes, oder – Eines Teufels! rief Leo lachend, mag sie doch sein was sie will, wenn Du mir nur zugiebst, daß sie nicht die Philosophie der mittelmäßigen Menschen ist, die gar nicht Menschen heißen würden, wenn sie nicht leider die Majorität wären. Silvia blickte Leo mit großen Augen an. Und doch, sagte sie langsam, wie sehr es Deine Zwecke auch förderte, würdest Du nie ein Weib nehmen, das Du nicht von Herzen liebtest. Leo lachte. Ist das eine Frage, auf die eine Antwort erfolgen muß? Nein, erwiederte Silvia, ich wollte Dir nur beweisen, wie wenig undurchdringlich der Stahlpanzer Deiner Philosophie ist. Leo wollte etwas erwiedern, aber in diesem Augenblicke erschien Tante Sara, die ihren Schlafrock von rothem Sammet und die turbanähnliche Kopfbedeckung, welche sie während der Morgenstunden zu tragen pflegte, mit einem Gesellschaftsanzuge vertauscht hatte. Du bleibst doch zu Mittag hier, rief sie, wir wollen einmal ein lustiges Diner haben. Ich führe in meinem Keller ein paar Marken, die auch einem so verwöhnten Herrn, wie Du, gefallen werden. Leo entschuldigte sich. Er habe versprochen, mit dem General zu speisen, es sei die höchste Zeit, daß er aufbreche. Silvia hatte, als Leo den Namen des Generals nannte, ihr Gesicht zwischen die Blumen gebeugt, die auf dem Tische standen; jetzt richtete sie sich wieder auf und sagte lächelnd, indem sie Leo die Hand zum Abschied reichte: Amüsire Dich recht gut! Ja, sagte Tante Sara, und trink' ein paar Gläser Champagner, um die Wolke zu verscheuchen, die auf Deiner Stirn liegt. Gott, Gott! was das jetzt für eine Jugend ist! Fünfunddreißigstes Capitel. Der Tag war sehr regnerisch gewesen; die kiesbestreuten Gänge hatten das Wasser bereits wieder eingesogen, aber es tropfte noch immer von den Zweigen, von den Blättern. Dunkle Wolken zogen tief und schwer unter dem Himmel hin; es konnte jeden Augenblick ein neuer Guß kommen. Ich denke, wir gehen hinein, sagte Josephe, die mit ihrem Vater in dem Garten auf und nieder wandelte. Sie hatte ein schwarzes Spitzentuch um den Kopf gebunden und sah sehr verdrießlich und in Folge dessen gar nicht schön aus. Die Falte über der linken Augenbraue trat scharf hervor; man konnte der Dame die achtundzwanzig Jahre, die sie zählte, bei dem trüben Licht des Regenabends ziemlich genau nachrechnen. Der General blickte nach dem Himmel. Wir haben noch etwas Zeit, sagte er, und können von hier aus besser sehen. Der Doctor ist noch immer nicht zu Hause. Du weißt, ich habe bestimmte Instruction, es ihn wissen zu lassen, wenn der König sich anmelden läßt. Und seine Besuche gelten ja mehr ihm, als uns. Es wäre äußerst fatal, sollten sie sich gerade diesmal verfehlen. Warum gerade diesmal? fragte das Fräulein. Die Abreise des Königs steht bevor, erwiederte der General, und noch ist eigentlich nichts bestimmt. Ich weiß weder, ob ich werde befohlen werden, noch was er mit Leo beabsichtigt. Der König ist in der größten Verlegenheit, er möchte auf dieser langen Tour seine Freunde um sich haben, und möchte doch auch wieder den Hof nicht brüskiren. Leo mitzunehmen, ohne ihn in einer bestimmten Eigenschaft in das Gefolge einzureihen, geht in der That nicht wohl, aber in welcher Eigenschaft? – Das ist die schwierige Frage. Für eine untergeordnete Stellung ist Leo zu groß; für eine, die seiner würdig wäre, besteht das Verhältniß zwischen ihm und dem Könige noch nicht lange genug, sind die Schwierigkeiten überhaupt zu bedeutend. Ich weiß nicht, wie aus diesem Dilemma herauszukommen ist. Es macht mich ungeduldig, sagte Josephe, sich fester in ihren Shawl hüllend. Mich ebenfalls, entgegnete der General. Das ist etwas Anderes. Der General antwortete nicht gleich; endlich erwiederte er, indem er den Arm seiner Tochter nahm und ihr die Hand streichelte: Ich weiß, was Du sagen willst, mein liebes Kind. Allerdings ist es etwas Anderes, aber Du mußt eben auch Geduld haben. Josephe blieb stehen, zog ihren Arm zurück und sagte, ihre dunklen Augen fest auf den Vater richtend: Ist es denn wirklich Dein Wille, daß ich diesen – Mann heirathen soll? Der General blickte sich scheu um. Ich sage nicht, daß es mein Wille ist; ich meine nur, daß es ein gutes Ding ist, diesen Mann auf jede Weise an sich zu fesseln – auf jede Weise! Das hast Du schon vor vier Wochen gesagt, und wir stehen immer noch auf demselben Fleck; ich sehe wenigstens nicht, daß seine Stellung seit der Zeit irgendwie an Festigkeit gewonnen hat; man weicht ihm aus, wo man kann. Wir werden nächstens seinethalben unseren ganzen Cirkel verloren haben. Sei versichert, sie kommen Alle wieder, wenn – Ja wenn! unterbrach Josephe den Vater unmuthig. Wenn nun aber nicht? So sagte auch noch heute die Gräfin zu mir. Das ist ja Alles recht schön und gut, sagte sie, wenn der Mann binnen Jahresfrist Minister-Präsident ist; was soll aber aus Ihnen werden, wenn die Gunst des Königs sich von ihm wendet, oder der König gezwungen ist, ihn fallen zu lassen? Der König allein kann ihn nicht halten, und die alte Baronesse Barton allein kann es auch nicht. Das ist nun so eine Malice von der Schlieffenbach, erwiederte der General lächelnd; wer hätte gedacht, daß die kleine blonde Person so maliciös sein könnte! Aber die Gräfin irrt. Die Barton allein kann ihn freilich nicht halten; aber die Barton steht eben nicht allein, sie ist das sichtbare Haupt einer unsichtbaren Gemeinde, die unter uns sehr viele Mitglieder zählt. Und siehst Du, liebes Kind, daß Leo sich dazu verstanden hat, mit dieser Coterie, die ihm gewiß nicht weniger antipathisch ist, als mir, gemeinschaftliche Sache zu machen, ist mir wiederum ein Beweis seiner durchdringenden Klugheit. Auch ist die Barton an und für sich kein unmächtiger Bundesgenosse. Ihre böse Zunge wird von Jedermann gefürchtet, und sie spricht von Leo, als ob er ihr eigener Sohn wäre. Im Vergleich mit diesem Manne, sagte sie neulich, sind wir Alle dumm; ich habe nie gewußt, wie man die Sache des Adels und der Religion nach Gebühr vertheidigen könne, als bis ich ihn über beide Themata sprechen hörte. Dieser Eine Mann wiegt für unseren Verein tausend Mitglieder auf. Und nun bedenke, meine Josephe! Der König hatte schon als Kind diesen Zug zum Uebersinnlichen, Mystischen – und das stimmt ja auch mit seiner ganzen Natur und seinem Charakter. Während seiner Jünglingsjahre merkte man weniger davon, er hatte eben – andere Dinge zu thun; seit einiger Zeit aber, wo er sich körperlich angegriffen und auch wohl geistig nicht mehr so frisch fühlt, ist jener Hang wieder stark hervorgetreten. Ich glaube, wenn sein Haus nicht einen Stolz darein setzte, protestantisch zu sein, er würde früher oder später einmal zum Katholicismus übergehen; so müssen wir uns nun darauf gefaßt machen – eines Tages sehr fromm zu werden. Nun, und das hat Leo vollkommen richtig herausgefühlt – seine Verbindung mit Urban und der ganzen Coterie ist ein Meisterstück. Sie haben ihn zum Vice-Präsidenten in dem Verein gemacht, da man Urban die Chef-Präsidentschaft nicht mehr nehmen konnte. Wir müssen auch Mitglieder werden, ich werde für uns Beide je hundert Thaler zeichnen. Sie überbieten ja einander in Beiträgen. Da kommt der König schon, sagte Josephe, mit ängstlicher Miene die heute sehr leere Parkstraße hinabschauend, wo in ziemlicher Entfernung eine Carosse sichtbar wurde, die mit Schnelligkeit herankam. Sei liebenswürdig, Josephe! sagte der General, während sie eilig dem Hause zuschritten; er will Dir wohl, aber er will auch, daß man sich dankbar bezeige. In dem Gartensaale waren die Wachskerzen bereits angezündet, man brauchte eben nur noch die Thür zu schließen. Josephe legte auf dem Tische noch schnell einige Kunstblätter und Albums aus und setzte sich für einen Augenblick daneben, um sich die Illusion zu geben, an dieser Stelle beschäftigt gewesen zu sein; der General hatte die Hand auf dem Drücker der halbgeöffneten Thür und eilte, als jetzt wirklich der königliche Wagen vorfuhr, seinem Herrn über den Vorsaal entgegen, während Josephe, nachdem sie vor dem Spiegel ein Lächeln probirt hatte, sich an der Thür aufstellte. Des Königs helle Stimme ließ sich auf dem Vorsaal hören: Eine abscheuliche Kälte, ein barbarisches, langweiliges Klima, in dem wenig Ruhm, aber desto mehr rhume zu holen ist! Ach, da ist ja unsere schöne Wirthin! Wie befinden Sie sich, liebe Josephe? Verzeihen Sie, daß ich bei Ihrem Anblick heute zuerst an Karawanenthee denke, ich bekomme doch eine Tasse? Der König, welcher eben von der Tafel kam, war sichtbar aufgeregt. Er hatte kaum einen Augenblick gesessen, als er schon wieder aufsprang und mit dem General, der Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten, in dem weiten Gemache umher zu gehen begann, während Josephe dem Diener, welcher den Thee brachte, den Teller abnahm, dem Könige die Tasse selbst zu überreichen. Danke, danke, liebe Josephe! Gott, wie schön Sie heute Abend wieder sind! So denke ich mir die Houris im mohamedanischen Himmel. Sie sollten Ihr Haupt eigentlich immer mit Rosen aus Schiras umkränzt haben! Was ich sagen wollte, lieber Tuchheim, warum finde ich unseren Doctor heute nicht hier? Haben Sie sich mit ihm gezankt, Josephe? Josephe lächelte; der General beeilte sich, sein Bedauern auszudrücken, daß Leo nicht zu Hause gewesen sei, daß er aber hoffe, sein junger Freund werde nicht um das Glück kommen, Seine Majestät begrüßen zu können. Es ist mir eigentlich lieb, daß ich Sie Beide allein treffe, erwiederte der König; ich bin eben in Beziehung auf den Doctor um guten Rath verlegen und hätte gar nichts dagegen, wenn Ihr mir mit dieser kostbaren Waare aushelfen könntet. Möchten Sie mir wohl einen guten Rath geben, liebe Josephe? Ich wüßte nichts, was mich glücklicher machen würde, Majestät. Nun ja, glücklich machen, das ist Euer Metier; nur schade, daß Ihr, wie andere Menschen auch, es mit Eurem Beruf meistens so leicht nehmt. Sie sollten wirklich ernstlich daran denken, nächstens irgend einmal Jemanden glücklich zu machen, liebe Josephe. Die Sache ist die – Der König hatte sich neben dem Tische in einen Fauteuil gesetzt. Er begann in einem der Albums zu blättern und sprach zwischendurch: Ich möchte den Doctor gern mitnehmen; ich mag ihn so lange nicht entbehren; die Aussicht, mit dem langweiligen Schweif von geistlosen Gesellen, die ich officiell hinter mir herschleppen muß, als einsamer Komet durch die Welt zu fahren, hat wenig Ergötzliches für mich. Da ist Falkenstein, den ich nicht wieder herausfinde, wenn er aus Versehen einmal in eine Schafheerde gerathen sollte; da ist – erlassen Sie mir, meine Herrschaften, den Katalog meiner Helden! Sie kennen die Göttersöhne, und die schmückenden Beiwörter können Sie sich auch denken. Auf Sie, lieber Tuchheim, muß ich verzichten. Sie müßten sich von Fräulein Josephe trennen, und das will ich um keinen Preis. Nein, reden Sie mir nicht dazwischen! Josephe muß dieses Jahr wieder einmal eine Reise machen, eine große Reise; natürlich mit Ihnen, da sie zur Zeit noch keinen anderen legitimen Cavalier hat. – Sehen Sie, liebe Josephe, dies herrliche Blatt! Es ist der Tempel von Pästum. Sehen Sie diese majestätischen Trümmer inmitten dieser classischen Wüste, deren unkrautüberwucherte Hügelwellen die Grabhügel versunkener Herrlichkeit sind. Da liegt noch eine Säulentrommel, da ein Stück von einem Capitäl, edle Gliedmaßen eines göttergleichen Leibes, welche die Zeit zu vergraben vergessen oder auch wieder an's Licht gebracht hat. Möchten Sie wohl hier auf dieser Stelle stehen? Nicht allein! Wer könnte allein – wer wagte es, allein durch diesen Kirchhof der Jahrtausende zu wandeln! Nein, nicht allein, sondern gestützt auf den Arm eines Geliebten, eines Gatten. Möchten Sie nicht? Der König schaute mit starrem Blick auf das Blatt. Die Ränder seiner Augen rötheten sich, als ob er mit Thränen kämpfte. Er schien ganz vergessen zu haben, wo er sich befand, wovon er gesprochen hatte. Endlich machte er eine Bewegung, ergriff ein anderes Album und blätterte auch in diesem, ohne zu sprechen. Der General und Josephe, welche rechts und links von ihm standen, warfen sich über seine Schulter bedeutsame Blicke zu. Plötzlich fing der König laut an zu lachen, indem er mit dem Finger auf ein Blatt deutete: O, der göttliche Murillo! rief er, sehen Sie nur, wie diese beiden Jungen sich – Er brach auf's neue in ein Gelächter aus, klappte das Album zu und lehnte sich in den Fauteuil zurück. Ich mag nichts weiter sehen, sagte er, das ist das Höchste: Sonnenschein, viel Sonnenschein, der, wenn er auch auf dem Kopfe ein wenig Ungeziefer großzieht, doch so einem armen Jungen das ganze Herz ausfüllt. Ach ja, was ich sagen wollte. Wie fange ich es an, daß ich meine Freunde wie eine Familie bei mir habe, die sich, ohne officiell an mich gebunden zu sein, da aufhalten kann, wo ich mich aufhalte? Man ist auf Reisen so viel weniger abhängig von dem lästigen Ceremoniell, und da ich, Gott sei Dank, meine königliche Prärogative überall mit hinnehme und man auf dem Monte Cavallo wenigstens ebenso gut Jemanden zum Ritter schlagen kann, als auf dem Schloßplatz, so macht sich das Alles leicht, ja leichter als hier. Man geht auf Reisen bartlos und kommt mit einem Barte, eine halbe Elle lang, zurück, warum nicht auch mit einem neuen Adel, einer Verlobten oder Frau? Die Bläue des südlichen Himmels ist den raschen Entschlüssen günstiger, als das Nebelgrau des Nordens. Wenn an dem Tage, da der alte Capulet seinen Ball gab, das Thermometer zehn Grad unter dem Gefrierpunkt gestanden hätte, würden Romeo als Syndicus von Verona und Julia als verwittwete Gräfin Paris mit siebenzehn Enkelkindern, achtzig Jahre alt, zu ihren Vätern versammelt sein. Aber ein wenig guten Willen muß man freilich haben, sonst hilft aller Sonnenschein nichts; selbst nicht einmal der der königlichen Gunst. Es ist betrübend für mein Herz, daß ich die Köpfe und Herzen der wenigen Menschen, die ich, wenn überhaupt welche, meine Lieben und Getreuen nennen darf, nicht zu lenken vermag; was soll ich mich denn wundern, wenn ich die ungetreuen Vielen nicht zusammenhalten kann, sondern sie als zusammenhanglose, von dem Centrum abgefallene Atome im öden Raume ihrer Selbstsucht umherwirbeln lassen muß. – Nein, ich will keinen Thee mehr, liebe Josephe, ich habe keine Zeit; ich muß fort. Denken Sie nach über das, was ich gesagt habe. Ich liebe die Menschen, die mich leicht verstehen. Der König hatte sich erhoben, nahm beim Abschied Josephen's Hand und sagte: Grüßen Sie mir den Doctor bestens, sobald Sie ihn sehen, und sagen Sie ihm, daß – nun ja, sagen Sie ihm, daß auf italienischem Boden die Goldorangen, die wir bei uns mühsam in Treibhäusern ziehen, unter freiem Himmel reif werden. Adieu, liebe Josephe! Adieu, alter Freund! Sie wollen mich hinausbegleiten? Na, meinetwegen, es ist ja noch nicht die letzte Begleitung – die müßte ich mir verbitten. Der General kam nach wenigen Minuten in den Salon zurück, und seine ersten Worte waren: Das war deutlich, Josephe; bist Du jetzt überzeugt? Das Fräulein antwortete nicht; der General öffnete die Thür nach dem Garten; es war sehr warm in dem Salon, und die Unterredung des Königs hatte sein Blut in Wallung gebracht. Josephe trat zu ihm; er legte seinen Arm um ihre Taille und zog sie an sich heran. Mein liebes, geliebtes Kind, sagte er, des Königs Wille ist von jeher die Richtschnur meiner Handlungsweise gewesen, und ich habe mich nicht schlecht dabei befunden. Kannst Du Dich wundern, wenn ich wünsche, daß Du ebenso handeltest? Ist doch die Gunst des Königs das einzige Erbe, sozusagen, das ich Dir hinterlassen kann, wenn ich – und wer weiß, wie bald das geschehen wird! – sterbe. Ich habe stets den Ehrgeiz gehabt, Dich möglichst glänzend zu verheirathen. Du hast meinen Wunsch nicht erfüllt. Hier ist Dir eine Gelegenheit gegeben, die verlorene Zeit wieder einzubringen – und Josephe, verzeihe, wenn ich eine selbst im Munde eines Vaters so wenig galante Aeußerung wage: man lebt in unseren Kreisen schnell; und selbst eine so remarkable Schönheit, wie die Deinige, hört nach einigen Jahren auf zu interessiren. Josephe seufzte unwillkürlich; der General fuhr in leiserem Tone fort: Noch beim Herausgehen hat er mir gesagt, daß er heute Abend blos in der Absicht gekommen sei, Dich zu einem Entschlusse zu bestimmen. Er denkt sich die Sache so, daß Du ihm hier noch das Recht giebst, uns zu folgen, daß aber Euer Verhältnis von der Reise aus nach einigen Wochen publicirt wird. Vor der öffentlichen Verlobung wird er Leo in den Adelstand erheben und ihn mit irgend einem passenden Titel, über den Leo selbst entscheiden soll, ausstatten. Aber das soll nur der Anfang sein, waren seine letzten Worte, ich habe größere Dinge mit dem Manne vor. Kannst Du jetzt noch zweifeln, Josephe? Und der General streichelte das glänzende Haar der schönen Tochter. Josephe machte sich aus den Armen des Vaters los und sagte nachdenklich: Wir sprechen immer nur von mir. Er hat mir bis jetzt keine Gelegenheit gegeben, ihn auszuschlagen. Er hat Dir keine Gelegenheit gegeben? erwiederte der General erstaunt; aber, liebes Kind, der muthigste Mann giebt keine Gelegenheit, er ergreift sie nur, wenn sie ihm gegeben wird. Das ist Deine Sache. Still! Kommt da nicht Jemand durch den Garten? Eine dunkle Gestalt trat aus den Büschen heraus in das Licht, das aus den Fenstern und der geöffneten Thür in den Garten fiel. Es war Leo. Der General rief ihm einen guten Abend zu und begrüßte ihn, als er in den Saal getreten war, mit größter Herzlichkeit und manchen Neckereien. Das heiße man einmal post festum kommen; der König sei über eine Stunde dagewesen und habe seinen Schmerz, Leo nicht zu finden, vergeblich in Thee zu ertränken gesucht. Aber auf diese flatterhaften Junggesellen sei ja nie mit Sicherheit zu rechnen. Das schwärme schmetterlingsgleich umher, und nach Zucht und Ordnung frage man vergeblich. – Dann fiel ihm ein, daß er noch ein paar Briefe zu schreiben habe, und er entfernte sich mit dem Versprechen, in einer halben Stunde wieder zu kommen. Ihr Herr Vater ist in vortrefflicher Laune, sagte Leo, der König muß sehr gnädig gewesen sein. Er war in der That sehr gnädig, erwiederte Josephe. Sie wandelten in dem Saale auf und ab. Durch die noch immer geöffnete Thür wehte die kühlere Abendluft in das schwüle Gemach. Es fing eben wieder an zu regnen; man hörte das Säuseln des Windes in den Zweigen und das leise Fallen der Tropfen. Leo's Blick ruhte auf Josephe. Sie sah in dieser Beleuchtung sehr schön aus, aber etwas bleich; ihre gesenkten Augen hafteten auf dem Boden; Leo glaubte zu bemerken, daß ihr Athem schnell ging. Man könnte die Welt durchwandern und würde kein Weib finden, dachte er, das so dazu angethan wäre, die Herrin eines großen Hauses zu sein. – Die Pause zog sich in die Länge; lauter rauschte draußen der Regen, kühler wehte es von dem Garten herein. Soll ich die Thür schließen? sagte Leo. Ich dächte, es wäre sehr erquicklich; ich finde es recht beklommen hier, erwiederte Josephe. Sie blieben in der Thür stehen, auf derselben Stelle, auf welcher vorhin Josephe mit ihrem Vater gestanden hatte. Josephe's Athem ging langsamer, tiefer als vorhin. Sie scheinen nicht heiter, sagte Leo, sind Sie nicht wohl? Muß man unwohl sein, um nicht heiter zu sein? erwiederte Josephe. Ich wäre der Letzte, das zu behaupten, sagte Leo, ich fühle mich selten unwohl, aber noch viel seltener heiter. Was heißt überhaupt heiter sein? Heiter sein heißt: nicht denken, ist also nur ein Zustand für Kinder und Eichhörnchen. Ich habe wenig Sympathie für heitere Menschen. Da passen wir ja vortrefflich zusammen, erwiederte Josephe. Ihr Lächeln in diesem Augenblicke beweist das mehr als Alles, es war sehr melancholisch, dieses Lächeln. Ich will mir das Lächeln ganz abgewöhnen, sagte Josephe. Sie trat aus der Thür unter den weit vorspringenden Balcon; der Wind, der sich jetzt lebhaft aufgemacht hatte, wühlte in ihren Gewändern. Der Regenstaub sprühte herein und näßte ihr Haar. Leo trat zu ihr und faßte ihre Hand. Kommen Sie herein, Sie werden sich erkälten. Josephe antwortete nicht. Josephe! Er hatte seinen Arm um ihren Leib geschlungen; sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Er zog die schlanke, hohe Gestalt noch fester an sich; er küßte ihre Stirn, ihre Lippen. Ein Geräusch im Salon ließ Josephe sich schnell aus seinen Armen aufrichten. Es war der General, der mit einer Miene gutgespielter Verwunderung hinter ihnen stand und, als Josephe sich zu ihm wendete, die Arme ausbreitete, um sie an seine Brust zu drücken. Excellenz – sagte Leo. Der General ließ Josephe aus seinen Armen und streckte Leo beide Hände entgegen. Nicht Excellenz, mein lieber, junger Freund! Ich will nichts als das Glück meiner geliebten Tochter, und hoffe zu Gott, daß sie an Ihrer Seite glücklich sein wird. Sechsunddreißigstes Capitel. Der General und Josephe waren bereits abgereist, die Abreise der Familie Sonnenstein war auf den nächsten Tag festgesetzt, denselben Tag, der auch für den Aufbruch des Königs zu seiner Badereise bestimmt war. An diese Badereise sollte sich eine Hesperidenfahrt – wie das Publikum die südländischen Reisen des Königs nannte – schließen. Man fand es im Publikum höchst wunderbar, daß der König zu einer Zeit, wo der politische Horizont mit schweren Wolken umzogen war, eine so große Reise unternehmen konnte – noch dazu in die Gegenden, aus denen das Kriegsgewitter drohte. – Die Spötter meinten, Seine Majestät wolle nur beweisen, wie unnöthig er überhaupt dem Staate und im Staate sei, und überschütteten seinen Entschluß mit ironischem Lob. Die Anhänger des Thrones dagegen waren tief bekümmert, und man erzählte sich, daß innerhalb der königlichen Familie wegen dieser Reise die größten Zwistigkeiten ausgebrochen seien und besonders zwischen dem Könige und seinem prinzlichen Vetter eine sehr heftige Scene stattgefunden habe. Aber auch in dem Sonnenstein'schen Hause waren der Stunde der Abreise einige trübe Tage vorausgegangen. Alfred's Zustand hatte sich in den letzten Tagen wieder sehr verschlechtert. Es war fraglich geworden, ob er überhaupt die Reise werde aushalten können, bis Leo's Mahnung, daß, wenn man überhaupt noch etwas versuchen wolle, kein Augenblick zu verlieren sei, den Ausschlag gegeben hatte. Dann war dem Bankier ein Zweifel gekommen, ob man es wagen dürfe, gerade jetzt, wo das Gemüth des Kranken überdies so erregt und verdüstert war, ihn von Eve zu trennen, und auch hier war es Leo gewesen, der die Frage zur Entscheidung brachte, indem er unbedingt für die Trennung stimmte und seinen Gründen zuletzt sogar bei Alfred selbst Gehör verschaffte. Sie sind es sich selbst, Ihrem Vater und Ihrer Schwester schuldig, sagte er, das Mädchen hier zu lassen. Wie wollen Sie die Gegenwart Eve's in einem vielbesuchten Bade, wo Sie Dutzende von Bekannten treffen werden, erklären? Das würde zu hundert und hundert bedenklichen, zweideutigen, widerwärtigen Situationen führen, unter denen Sie um so mehr leiden würden, je aufrichtiger Ihre Liebe zu dem Mädchen ist. Jetzt von Ihrem Zustande Gebrauch zu machen und auf die Schonung, die dieser Zustand erfordert, trotzend, die Einwilligung der Ihrigen zu einer Verbindung mit Eve erzwingen zu wollen, wäre eine Ungroßmüthigkeit, die Ihrer gänzlich unwürdig ist. Sie sind Ihrem Vater, der Sie so liebt, der im Leben so viele Opfer für Sie gebracht hat, auch einmal ein Opfer schuldig; Sie sind das auch Ihrer Schwester, deren Ruf in dem Augenblicke, wo sie sich verheirathen will, Ihnen doppelt heilig sein muß. Sie haben Recht, sagte der Kranke; ich wollte, ich hätte Sie stets mir zur Seite gehabt, ich läge dann vielleicht nicht so elend hier, wie ein überhetzter Gaul. Warum sind Sie nicht mein Schwager geworden? Emma wäre mit Ihnen glücklicher gewesen, als mit Henri. Das ist nun wohl nicht mehr zu ändern, erwiederte Leo; aber auf jeden Fall wird mir Ihre Freundschaft ein kostbares Geschenk sein, für das ich Ihnen von Herzen danke. Der Kranke lächelte. Was kann Ihnen an meiner Freundschaft liegen? an der Freundschaft eines so unbedeutenden Menschen? zumal jetzt, wo Sie, wie ich höre, der mächtigste Mann im Staate sind, während ich nächstens wohl der schwächste sein werde. Und Alfred ließ seine magere, durchsichtige Hand kraftlos auf die Decke fallen, die über seinen Knieen lag, und lächelte melancholisch. Leo, der mit seinen Gedanken beschäftigt war, antwortete nicht gleich: Alfred fuhr fort: Sie sagen: ich werde wiederkommen; ich glaube es nicht; ich wünsche es auch nicht. Wenn ich nicht wieder ganz gesund werde, so würde mein Leben, da ich nie gelernt habe, mich geistig zu beschäftigen, ein Elend sein. Deshalb will ich lieber sterben. Und großer Kummer wird um mich auch nicht sein, das kann ich Sie versichern. Es giebt Leute, die glauben, daß ich ein unverschämter Gesell bin. Es ist nicht wahr. Ich weiß ganz gut, daß, wenn mein Vater nicht Millionär, sondern ein Trödeljude wäre, wie meine Urgroßväter es gewesen sind, ich ein armer, blödäugiger, gehänselter Jude geblieben sein würde. Sehen Sie, das habe ich mir oft gesagt, wenn ich unter meinen Freunden beim Champagner saß oder bei meinen Maitressen war, und der Gedanke hat mich so liederlich und leichtsinnig gemacht. Sie verachten dich im Stillen doch, habe ich mir gesagt; und ich bin überzeugt, daß sie's gethan haben. Er ließ den Kopf auf die Brust sinken, Leo suchte ihm diese trüben Gedanken auszureden. Sie meinen es gut, unterbrach ihn Alfred; aber es hilft Ihnen nichts. Ich gebe zu: mein Vater wird meinen Verlust schwer empfinden, aber doch auch nur, weil ich sein Einziger bin. Wer wird mich sonst vermissen, wenn ich nicht mehr lebe? Kein Mensch, selbst Eve nicht; sie hat mich nie auch nur einen Augenblick geliebt. Und doch wollten Sie sie heirathen? Alfred zuckte die Achseln: Man heirathet ja auch wohl, weil man verliebt ist, und das war ich gründlich, bin's auch wohl noch, so weit einem armen Invaliden, wie mir, das möglich ist. Uebrigens bin ich jetzt, seitdem Papa im Fall meines Todes ihr eine Summe von nebenbei zehntausend Thalern ausgesetzt hat, wenigstens einigermaßen beruhigt. Das wird ihr über die erste Zeit weghelfen, und für die Folge wird mein Nachfolger ja wohl weiter sorgen. Alfred lächelte wieder sein trauriges Lächeln und sagte: Ich bin müde, Doctor, und muß mich zu morgen stärken. Leben Sie wohl, auch wenn wir uns nicht wieder sehen sollten: leben Sie wohl! Ich weiß, Sie werden nicht ganz schlecht von mir denken, und ich werde, ob ich nun morgen oder erst in ein paar Jahren sterbe, bis zu meinem letzten Augenblicke nicht vergessen, was Sie an mir gethan haben. Leben Sie wohl! Er drückte Leo's Hand und wendete den Kopf auf die Seite, die Thränen nicht sehen zu lassen, die ihm aus den Augen drangen. Leo drückte ihm die Hand und ging, an der Thür noch einen Blick auf den Kranken zurückwerfend, mit dem Gefühl, daß er ihn zum letztenmal gesehen habe. Zwar der Aufenthalt unter dem milden Himmel von Egypten hatte schon Wunder an solchen Kranken gethan, aber dennoch war die Hoffnung, Alfred zu retten, sehr gering. Und so würde ihm ein Freund verloren gehen, auf den er jetzt mit Sicherheit hätte rechnen können und der ihm jetzt, da er im Begriffe stand, sich mit der Familie Sonnenstein zu verschwägern, doppelt wichtig war. Mit dem Bankier stand er eben nur durch Alfred in einem leidlichen Verhältniß, und Henri's Empfindungen gegen ihn waren dieselben geblieben, obgleich sie sich jetzt, wenn sie sich sahen, die Hände reichten und sehr freundlich thaten. Was würde Henri thun, wenn er die Verlobung seines Feindes mit der schönen Cousine erführe? Leo lächelte, wie er jetzt, während er die Gemächer, die zum Krankenzimmer führten, langsam durchschritt, daran dachte; aber das Lächeln war nicht ohne Beimischung von Sorge. Bei Emma im Salon fand er Eve, die sich, als er eintrat, rasch erhob und zum Fortgehen anschickte, als er mit Bedeutung gesagt, daß heute Niemand mehr bei Alfred vorgelassen werden könne. Eve nahm in zärtlich-demüthiger Weise von Emma Abschied, während sie Leo kaum zu bemerken schien. Emma begleitete sie zur Thür hinaus und kam dann in großer Rührung zurück. Das arme, arme Mädchen! sagte sie, wie können Sie nur so dastehen und so kalt aus den großen Augen herabschauen; haben Sie denn gar kein Mitleid mit der menschlichen Schwäche? In der Gestalt? sagte Leo, auf die Thür deutend, nein, sonst so viel Sie wollen! Das ist nicht wahr, entgegnete Emma; Sie sind durch und durch kalt und egoistisch; Sie sind sich immer selbst der Nächste und lieben daher auch nur sich selbst. Das haben Sie ja eben erst von Eve gehört; wie können Sie sich zum Echo einer klingenden Schelle machen? Ach, nun schelten Sie mich auch noch, heute, wo mein Herz schon so trübe gestimmt ist, heute, wo wir für so lange Zeit, vielleicht für immer von einander Abschied nehmen! Vielleicht für immer? weshalb für immer? fragte Leo. Wer weiß? sagte Emma nachdenklich; wenn wir wiederkommen, bin ich möglicherweise bereits Henri's Frau – er spricht mit dem Vater davon, die Trauung irgendwo unterwegs stattfinden zu lassen – und wenn ich erst Henri's Gattin bin, und Sie – ach, Leo, wenn Sie mein Freund wären, Sie würden Vertrauen zu mir haben, wie ich zu Ihnen, und mir Alles sagen, wie ich Ihnen Alles sage. Was soll ich Ihnen sagen? Ist es denn wahr, daß Silvia die Geliebte des Königs ist und daß Sie Josephe heirathen wollen? Emma hatte sich so plötzlich herumgedreht und diese Fragen so heftig herausgestoßen, daß Leo für den Augenblick unfähig war zu antworten. Auch diese Vermuthungen mußte Emma von Eve oder Henri haben. Der Gedanke, daß diese Menschen es wieder und immer wieder wagten, sich in sein Leben einzudrängen, machte ihn bitter, und in bitterem Tone antwortete er: Es ist wirklich hohe Zeit, daß Sie in eine andere Umgebung kommen; Sie werden, wenn Sie noch lange unter diesen Geschichtenträgern leben, auch eine Geschichtenträgerin werden. Leo hatte, als er das sagte, auf den Boden geblickt; als er wieder aufsah, stand Emma an seinem Stuhl mit gefalteten Händen, während ihr die Thränen über die Wangen liefen. Er nahm ihre Hände, sie warf sich neben ihm nieder und legte ihren Kopf auf seine Kniee. Stehen Sie auf! sagte Leo, indem er die Weinende aufzurichten suchte; wie leicht könnte Sie irgend Jemand, vielleicht Henri selbst, so sehen. Es ist mir gleich, murmelte Emma, sich, als er sie emporhob, an ihn klammernd und ihren Kopf an seine Brust drückend, so könnte er mich wenigstens nicht heirathen. Leo war in der peinlichsten Verlegenheit; die heruntergelassenen Portièren konnten sich jeden Augenblick auseinanderthun, und Emma war zu erregt, um auf irgend etwas Rücksicht zu nehmen. Sie streichelte und küßte seine Hände, sie lachte, sie weinte und sagte zwischendurch: Ich weiß ja, daß Sie mich nicht lieben, daß Sie die schöne Josephe heirathen wollen; was wollen Sie auch mit einem albernen Mädchen anfangen, und doch würde ich Sie so geliebt haben! Leo wußte, daß Emma diesmal die Wahrheit sprach, daß sie es wenigstens in diesem Augenblicke ehrlich meinte und daß sie jedenfalls besser zu lieben verstehe, als das schöne Mädchen, mit dem er sich vor ein paar Tagen verlobt hatte. Aber das war doch nun einmal geschehen, und der Vater General wußte es, und vor Allem der König wußte es, und der König hatte ihm auf das Lebhafteste zu der Wahl Glück gewünscht, hatte ihm gesagt, daß diese Wahl seinem Herzen ebensoviel Ehre mache als seinem Verstande, daß er jetzt mit Einem Schlage unzählige Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt habe. Wir müssen uns in unser Schicksal fügen, sagte er ausweichend. Es war ihm endlich gelungen, sich mit sanfter Gewalt aus Emma's Armen loszumachen und die noch immer Weinende auf einen Stuhl zu setzen. Er stand bei ihr, ihre Hände und ihr Haar streichelnd, und mit leiser, eindringlicher Stimme zu ihr sprechend, während seine Augen fortwährend nach den Thüren schweiften, ob die Falten der Portièren sich nicht bewegten. Endlich nahte sich ein Schritt; es war ein Diener, welcher die angezündete Lampe brachte und ein paar Damen meldete, die dem gnädigen Fräulein Lebewohl zu sagen wünschten. Emma fuhr mit dem Tuche über die Augen und fragte Leo flüsternd: Ich sehe wohl recht verweint aus? Der Bediente war wieder hinausgegangen; Emma warf sich noch einmal in Leo's Arme und drängte ihn dann durch eine Tapetenthür, welche durch einen Nebengang auf den Flur führte, hinaus. Als er die Thür hinter sich schloß, hörte er in dem Salon die lachenden Stimmen mehrerer junger Mädchen, unter ihnen Emma's Stimme. Sie wird an dem Schmerz nicht sterben, murmelte Leo, als er auf der Straße noch einmal nach dem stattlichen Hause des Bankiers zurückblickte; aber es ist doch schade, daß die Scene nicht acht Tage früher gespielt hat. Leo schlug den Weg nach dem Schlosse ein. Er mußte, da er selbst noch in dieser Nacht abreisen wollte, sich von Silvia und von der Tante verabschieden. Er hatte Silvia, seitdem er sich mit Josephe verlobt, nicht gesehen, obgleich er ein paarmal Veranlassung gehabt hatte, sie aufzusuchen. Silvia's Weise in der letzten Unterredung, die er mit ihr gehabt, hatte ihm mißfallen. Was sollte daraus werden, wenn sie fortfuhr, seine Handlungsweise mit dem Maßstabe der banalen hausbackenen Moral zu messen? Wie lange konnte dann noch ihre Uebereinstimmung währen? Leo hatte es sehr eilig, da noch so Manches vor seiner Abreise zu erledigen war; dennoch ging er langsam und immer langsamer, je mehr er sich dem Schlosse näherte. Die Fenster in der Wohnung der Tante waren erleuchtet. Ich wollte, ich hätte ihr nie einen so großen Einfluß auf mich eingeräumt, murmelte er, während er mit starrem Blick zu den erleuchteten Fenstern emporsah. Siebenunddreißigstes Capitel. Zu derselben Zeit, als Leo das Haus des Bankiers verließ, war der König zu der Tante Sara und Silvia in den Salon getreten. Er fragte, als er kaum Platz genommen, mit hastiger Stimme nach einigen Briefen, die er noch als Kronprinz an Sara gerichtet hatte, ob Sara die Briefe noch besitze? Er habe ein Interesse daran, die Handschrift jener Briefe mit seiner jetzigen Handschrift zu vergleichen. Tante Sara hatte mit einem Lächeln um die schmalen Lippen das Zimmer verlassen; der König wendete sich mit Lebhaftigkeit zu Silvia und sagte: Ich habe Ihre Tante weggeschickt, weil ich mit Ihnen allein zu sein wünsche; ich reise morgen früh. Sie antworten nicht, fuhr er nach einer Pause in gereiztem Tone fort, es ist Ihnen natürlich ganz gleich, ob ich hier bin oder nicht hier bin; ob ich lebe oder todt bin; ich habe selbstverständlich nicht das Recht, Ihre Theilnahme so weit beanspruchen zu können. Silvia hob die Augen. Ich bin mir nicht bewußt, Majestät, diesen Vorwurf verdient zu haben. Bewahre, sagte der König, Vorwürfe verdiene ich nur, und verdiene sie nicht nur, sie werden mir auch gemacht, natürlich nicht mit directen Worten, aber mit indirecten Blicken, mit rothgeweinten Augenlidern, mit einer Stimme, die von heimlichen Thränen verschleiert ist. Man kennt das – man kennt das! Freilich, freilich! Das Opfer ist auch zu groß! Einem Monarchen, der unter der schweren Last, die Gott auf seine Schultern legte, fast zusammenbricht, die Dornenkrone einmal für eine Minute vom Haupte zu nehmen, oder ihm einen Labetrunk an die verdürstenden Lippen zu halten – das ist natürlich viel zu viel! Die Tage des »armen Heinrich« liegen weit hinter uns. Ich soll Sie also wirklich, wenn ich zurückkomme, hier nicht wiederfinden? Sie wollen wirklich fort? Silvia erschrak. Es ist über mein Bleiben noch nichts entschieden, antwortete sie in großer Verwirrung. Nach einer kleinen Pause hob sie den Kopf und sagte, den König anblickend, mit sanfter, trauriger Stimme: Ich will es Majestät nicht verhehlen, da Sie mich nun doch einmal fragen. Ich habe in diesen Tagen oft daran gedacht, meinen Besuch bei der Tante nicht weiter zu verlängern. Ich kann nicht leben, wenn ich nicht wirken kann, und es will mich bedünken, daß, wenn ich fortgehe, mich Niemand hier eben missen würde. Seit wann haben Sie denn gelernt, nicht die Wahrheit zu sagen? fragte der König mit ungeduldigem Kopfschütteln. Sie wissen recht gut, daß Sie nicht überflüssig sind, wissen, daß wir Alle Sie schwer entbehren würden, und am schwersten Ihr König. Aber das ist es nicht. Soll ich Ihnen sagen, was Sie forttreibt? Sie können es nicht mit ansehen, daß Ihr Vetter mit jener bewunderungswürdigen Consequenz, die ihn in seinem Denken und Handeln auszeichnet, und in dem lobenswürdigen Streben, sich in der exceptionellen Stellung, die er meiner Gnade verdankt, zu befestigen, einen Schritt thut, den er über kurz oder lang thun mußte. Ist es nicht so? Aber ich will die Wahrheit wissen – die Wahrheit! Ich habe keineswegs die Absicht, meiner Gewohnheit, die Wahrheit zu sagen, untreu zu werden; aber ich versichere, daß ich nicht das Glück habe, den Sinn der Worte Euer Majestät zu errathen. Und doch sagen Sie das mit so bleichen Lippen? fragte der König, Silvia, um seiner Kurzsichtigkeit zu Hilfe zu kommen, mit weit vorgebogenem Kopfe starr in die Augen blickend; Sie errathen also wirklich nicht, daß ich von der Verbindung spreche, die Ihr Vetter demnächst mit Baronesse Josephe von Tuchheim einzugehen gedenkt? Also doch! Silvia stockte das Blut im Herzen; ihre Wangen wurden noch bleicher; sie war, so sehr sie sich Mühe gab, nicht im Stande, den Blick des Königs auszuhalten. Der König glaubte zu sehen, was er immer gefürchtet hatte: Sie lieben ihn, rief er, wollen Sie es jetzt noch leugnen, was ich Ihnen in den ersten Minuten gesagt habe? Sie lieben Ihren Vetter! Antworten Sie mir, mein Fräulein! Ich befehle es Ihnen! Es sauste ihr vor den Ohren, sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe; aber es durfte nicht so weit kommen, Leo's Zukunft hing vielleicht von diesem Augenblick ab. Mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte brachte sie endlich hervor: Nein, Majestät, ich liebe ihn nicht. Das freut mich, sagte der König tief aufathmend. Er hielt die Starrheit der halben Ohnmacht, in welcher Silvia ihm gegenüber saß, für die sichere Haltung Jemandes, der sich die Wahrheit zu sprechen bewußt ist. Das freut mich, wiederholte er; und nicht blos um Ihret-, sondern vor Allem auch um seinetwillen. Für ihn würde der Gedanke, ein Mädchen, das ihn liebt, dem er so unendlich viel verdankt, unglücklich zu machen, unglücklich machen zu müssen, entsetzlich sein. Ich sage, müssen; denn in der That: er muß Josephe heirathen, um die Phalanx, die ihm gegenübersteht, zu durchbrechen. Es ist mein ganz specieller Wunsch, ja, ich kann sagen: Ich habe diese Verbindung zu Stande gebracht. Möge nur Heil und Segen für ihn daraus fließen! sagte Silvia. Amen! sagte der König. Er stand auf, that ein paar Schritte, setzte sich dann wieder und fuhr fort: Es ist auch dem edelsten Menschen vergönnt, wenn er das Wohl seiner Mitmenschen nach Kräften gefördert und mit seinen besten Wünschen gesegnet hat, einmal an sich zu denken. Und wenn er zu selbstlos ist, das zu können – und ich glaube, Sie haben diese Selbstlosigkeit! – so müssen es seine Freunde für ihn thun. Aber was sollten Ihre Freunde für Sie thun? Sie wehren ja Alles von sich ab; selbst die kleine Gabe, die ich Ihnen neulich scherzend heraufsendete, haben Sie verschmäht. Und doch, was ist der Werth von ein paar funkelnden Steinen gegen die Reichthümer, die ich Ihnen in den Schoß schütten, die ich Ihnen zu Füßen legen möchte! Ihnen, die alle meine glühendsten Träume, meine kühnsten Erwartungen von dem Höchsten, wozu die Menschennatur sich emporschwingen kann, so weit übertrifft – zu der ich beten möchte – ja, zu der ich bete wie zu einer Heiligen! Silvia hatte sich erhoben. Der glühende Blick, mit dem der König sie betrachtete, erschreckte sie viel mehr, als seine Worte; sie war es gewohnt, daß er sich in Worten übernahm. Ich glaubte, sagte sie, seinen Blick streng erwiedernd, der König und das ganze königliche Haus bekennen sich zur protestantischen Kirche, in der, so viel ich weiß, die Heiligenverehrung keine Stelle fand. Das ist ein Mangel, rief der König, indem er sich ebenfalls erhob und mit hastigen Schritten in dem Zimmer auf und ab ging, ein großer Mangel, den ich niemals zugelassen haben würde, wenn ich zu den Stiftern gehört hätte, und den zu beseitigen ich noch jetzt große Lust habe. Warum sollte ich das nicht? bin ich nicht der oberste Bischof der Landeskirche? ist das Volk nicht in jeder Beziehung die mir anvertraute Heerde? und stände es nicht besser um die Gesammtheit, wenn Jeder sich demüthigte vor der wesenhaften Erscheinung des höchsten Geistes auf Erden, wie ich es thue, König wie ich bin? Ach, meine Freundin, zürnen Sie mir nicht, wenn ich Sie mit heftig-leidenschaftlichen Worten erschreckt habe, für die Ihnen, da Sie mich erst seit so kurzer Zeit kennen, das Verständniß abgehen muß; Sie können nicht wissen, wie sehr ich des Trostes bedarf, denn Sie haben keine Ahnung davon, wie unglücklich ich bin. Er warf sich wieder in den Sessel, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und fing mit einem Male laut an zu weinen. Silvia wußte nicht, was sie thun, was sie sagen sollte: das Wesen des Königs war während der ganzen seltsamen Unterredung so unstät gewesen, seine Reden so widerspruchsvoll, seine Stimmungen so wechselnd, und nun noch dieser Ausbruch! Dennoch, so unheimlich sie das Alles berührte, und wie sehr ihr Herz von eigenem Leid bis zum Ueberfließen gefüllt war, jammerte sie der Mann. Ein König, der seine königliche Würde so weit vergessen konnte, mußte wohl – gleichviel ob durch eigene oder fremde Schuld – sehr unglücklich sein. Sie trat an ihn heran und sagte: Majestät, als ich ein Kind war, dachte ich immer, die Könige legten sich mit der Krone auf dem Haupte schlafen; jetzt sehe ich wohl, daß sie dieselbe auch schon während des Tages ablegen und ihr Haupt dem Leide beugen müssen, das unser Aller Erbtheil ist. Aber, Majestät, wie wir dies Leid tragen, das hängt doch gar viel von uns ab, und da meine ich: ein König sollte das seine auch königlich tragen. Der König nickte mit dem Kopfe. Lehren Sie mich das! murmelte er; Sie allein können mich das lehren. Er ergriff ihre beiden Hände und drückte dieselben an seine Stirn, auf seine Augen. Dann erhob er sich und sagte, plötzlich in einen andern Ton fallend: Wie wunderlich das ist! ich war gekommen, um einen recht heitern Abschied von Ihnen zu nehmen; nun habe ich Ihnen eine förmliche Scene gemacht. Aber wissen Sie, daß Sie selbst daran schuld sind? Sie sahen so melancholisch aus, das hat mich angesteckt. Wenn Gesichter, wie das Ihre, traurig blicken, muß man mit traurig werden, man mag wollen oder nicht. Nun ist es aber wieder gut. Nicht wahr? Jetzt geben Sie mir noch einmal Ihre Hand – so! und nun leben Sie wohl, recht wohl! Ich bleibe ein paar Monate fort; aber ich will Sie nicht während der ganzen Zeit entbehren; ich werde Ihnen schreiben, und Sie werden mir antworten. Und noch Eins! Ihr Vetter wird heute Abend noch kommen, sich von Ihnen zu verabschieden. Sagen Sie ihm nicht, daß Sie mich so melancholisch gesehen haben. Ein Mann versteht dergleichen nicht; und sagen Sie ihm auch nichts von – Sie wissen, was ich meine. Die Sache soll vor der Hand für Alle Geheimniß sein. Noch einmal: leben Sie wohl! Er hatte ihr, während er sprach, wieder und wieder die Hände gedrückt; jetzt schritt er nach der Thür, aber auf halbem Wege blieb er stehen und machte eine halbe Wendung, als ob er wieder zurückkommen oder noch etwas sagen wollte; aber er schüttelte mit dem Kopfe, winkte mit der Hand und entfernte sich dann sehr schnell. Silvia blickte dem König nach, bis er zur Thür hinaus war, dann setzte sie sich an den Tisch und stützte den Kopf in beide Hände. Es wird mich noch wahnsinnig machen, murmelte sie. Sie sah nicht, daß die Tante leise die Thür öffnete, den Kopf hereinsteckte, und nachdem sie mit starren, stechenden Augen nach der Sitzenden geschaut und eine halb lustige, halb grimmige Grimasse gemacht hatte, die Thür eben so leise wieder schloß; sie schreckte erst aus ihrem dumpfen Brüten wieder auf, als die Flurglocke gezogen wurde. Es konnte niemand Anderes sein als er. Sie preßte die eine Hand auf das Herz und strich mit der andern über die Stirn: Muth, Muth! murmelte sie, es muß ja sein. Lisette meldete Leo. Er ist willkommen, antwortete Silvia. In ihren Augen zuckte noch der heiße Kampf, aber ihre Stirn und ihre Lippen waren ruhig; sich selbst zum Erstaunen hatte sie, wie durch ein Wunder, die Sicherheit gefunden, nach der sie in der Unterredung mit dem König vergeblich gerungen hatte. Leo trat herein; sie ging ihm entgegen, reichte ihm die Hand und sagte: Das ist ja schön, daß Du noch einmal kommst. Sie nahm ihm den Hut aus der Hand und trug denselben nach der Console unter einem Spiegel. Ihre Kniee zitterten, und als sie in den Spiegel blickte, starrte sie ein bleiches, medusenhaft lächelndes Gesicht an. Hieltest Du für möglich, ich könnte nicht kommen? fragte Leo. Silvia wendete sich um: Warum nicht? Herrendienst geht vor Damendienst; wenn Dir der König hold sein soll, mußt Du ihm gewärtig sein. Wir reisen nicht zusammen. Ich weiß es; der König war eben hier. Wie hast Du ihn gefunden? Ich wollte eben davon sprechen; aber setzen wir uns doch. Wo ist die Tante? Ich will sie sogleich rufen; gedulde Dich nur noch einen Augenblick. Leo lachte nicht über diese Phrase; auch Silvia hatte sie nicht gehört; sie waren Jedes mit ihren eigenen Gedanken zu sehr beschäftigt, um die Verwirrung des Andern zu bemerken. Ich habe den König nicht so gefunden, wie ich wünsche, fing Silvia wieder an. Im Gegentheil! Du weißt, daß mir sein Wesen von Anfang an Sorge gemacht hat; daß ich das Vertrauen, mit welchem Du auf ihn blickst, nie getheilt habe. Aber was ich nach jener Seite hin bis jetzt bemerkte, ist nichts im Vergleich zu dem, was ich heute Abend sah und hörte. Seine Stimmung war in der letzten Zeit sehr wechselnd, sagte Leo nachdenklich. Mehr als das. Ich habe ihn heute Abend vollkommen haltlos, vollkommen fassungslos gesehen. Er hat mir befohlen, Dir nichts davon zu sagen; aber ich glaube Dir diese Mittheilung schuldig zu sein. Du nimmst es vielleicht zu ernst, sagte Leo und fügte dann zögernd hinzu: Man sagt, daß der König manchmal dem Weine mehr als billig zuspreche. Silvia schüttelte den Kopf: Ich habe kein Urtheil in diesen Dingen; aber seine Aufregung schien mir nicht von einem Rausch herzurühren. Aber was gab es denn? sagte Leo; wovon spracht Ihr? Es muß doch eine bestimmte Unterhaltung gewesen sein. Silvia erröthete bis in die Schläfen und wurde dann wieder sehr bleich: Ich kann Dir den Inhalt unseres Gespräches nicht mittheilen; derselbe thut auch nichts zur Sache. Ich kann Dir nur sagen: ich habe heute nicht zum erstenmale, aber nie so bestimmt, nie so, ich möchte sagen, unwiderleglich den Eindruck gehabt, daß der König nicht der Mann ist, dessen Du zur Ausführung Deiner Pläne bedarfst. Er wird unter der Last zusammenbrechen, oder sie von sich abschütteln; auf keinen Fall der Fels sein, auf den Du Deine Kirche bauen kannst. Du sagst das sehr gelassen, erwiederte Leo nicht ohne Bitterkeit. Weil ich überzeugt bin und Dich gern überzeugen möchte. Ich weiß, daß der König der Angelpunkt Deines ganzen Planes ist; Du mußt die Möglichkeit in's Auge fassen, daß dieser Punkt sich verschiebt und so Deinen Plan in unheilbare Verwirrung bringt. Hast Du nie daran gedacht? Leo's Gesicht war sehr finster geworden. Ich war nicht darauf gefaßt, heute Abend noch so wichtige Dinge mit Dir zu verhandeln, sagte er ausweichend. Das heißt, erwiederte Silvia mit schmerzlichem Lächeln, Du findest meinen Wunsch, Dir zu rathen, anmaßend und unbequem; aber es ist das Recht und die Pflicht der Freundschaft, gelegentlich unbequem zu sein. Wie gern will ich Unrecht haben, wenn ich es habe! Das weißt Du, und darum habe ich den Muth, Dir dies zu sagen. Und Du mußt schon noch weiter mit mir Geduld haben; ich bin noch nicht zu Ende. Man schreibt in allen Zeitungen, daß eine so lange Reise, wie sie der König jetzt vorhat, sich gar nicht mit unserer politischen Lage vertrage; man spricht es in allen Wendungen aus, daß diese Reise eine Thorheit, ja ein Verbrechen sei. In einem Blatte stand sogar, daß das Project zu dieser Reise von Dir ausgehe. Hast Du keinen Versuch gemacht, den König zurückzuhalten? Aber mein Gott, Silvia, rief Leo voller Ungeduld, was kann es helfen, eine Frage zu ventiliren, die entschieden ist! Der König muß reisen, um als ein Anderer zurückzukommen: frischer, energischer, mehr im Stande, oder überhaupt im Stande, den Kampf zu bestehen, in den ich ihn schicken will. Wenn wir im Herbst heimkehren und die neuen Kammern zusammengetreten sind, wird der Sturm losbrechen. Die Reise soll das kalte Wasser sein, in das ich meinen Stahl tauche, damit er mir nicht beim ersten Hieb zerspringt. Hast Du doch selbst die Bemerkung gemacht, wie sehr sein Organismus erschüttert ist! Sehr wohl, entgegnete Silvia, Dein Exempel stimmt, nur daß Du immer den einen Factor vergißt. Wie nun, wenn es wirklich zum Krieg kommt? Dann wird der König, dann wird Niemand Zeit und Lust haben, auf Deine Reformpläne zu hören. Klagst Du doch schon jetzt mit Recht über den Stumpfsinn, die Gedankenlosigkeit der Einzelnen, wie der Menge! Das Alles klingt sehr vernünftig, sehr weise, wenn Du willst, entgegnete Leo; aber ich meinte, Du müßtest über diese vernünftige Weisheit doch hinaus sein. Die Völker haben heutzutage andere Dinge zu thun, als sich um den Besitz einer Provinz die Hälse zu brechen. Dergleichen Fragen verhalten sich zu den eigentlichen Fragen, wie der Tag, der sie erzeugt und begräbt, sich zu der Ewigkeit verhält. Mag es zum Kriege kommen, gut – ich möchte fast sagen um so besser. Politische Kriege sind heutzutage Fieberschauer, in denen sich die kranke Menschheit auf die andere Seite wirft, als ob sie dadurch die Krankheit loswerden könnte. So geht es freilich nicht; ich sage Dir, ich habe nach einem Kriege mehr Chancen für die Durchführung meiner Pläne als vorher. Speculire ich doch auf die Noth, auf die allgemeine Noth; bin ich doch kein Arzt für die Gesunden, sondern für die Kranken! Was steht mir bei meinen Heilbestrebungen mehr im Wege, als die Dummheit des Patienten, der nicht einsehen will, wie krank er ist. Mag denn ein Krieg ihnen die blöden Augen öffnen! Und nun, Silvia, laß uns von diesen Dingen abbrechen. Ich bin ein wenig pressirt. Das sehe ich, erwiederte Silvia mit trübem Lächeln, ich komme auch schon zu dem letzten Punkt, über den ich mit Dir sprechen wollte. Die Angelegenheiten in Tuchheim gehen nicht, wie Du erwartet hast und wünschest. Was soll daraus werden, wenn Du Dich auf Monate entfernst, auf Monate die thörichten, unfriedfertigen Menschen ihrem Schicksale überlässest? Und doch hängt von dem Gedeihen dieses Unternehmens so viel ab! Es ist der Prüfstein Deiner Theorie. Du wirst den Schaden haben und brauchst hinterher für den Spott nicht zu sorgen. Leo lächelte. Du bist ja heute wie der warnende Engel in der Bürger'schen Ballade, ich komme mir schon ganz wie der wilde Raugraf vor. Aber ich verspreche Dir, ich werde nicht ganz so verblendet sein, wie jener edle Herr. Ich werde ein scharfes Auge auf Tuchheim behalten. Und dann bedenke dies: der König ist mir das Wichtigste. Der König ohne die Fabrik ist immer noch unschätzbar, die Fabrik ohne den König sehr wenig werth. Und die armen Menschen, die ihr Loos in Deine Hand gegeben haben? für deren Wohl und Wehe Du verantwortlich bist? Silvia's Blick ruhte jetzt auf Leo. Er stand auf und sagte, indem er ein paar Schritte nach der Console that, auf der sein Hut stand: Ich fühle, daß ich heute Abend nicht in der Stimmung bin, auf Deine Einwürfe zu antworten. Ich kann Dich nicht wie Andere mit einer halben Antwort abspeisen. Erlaube, daß ich Dir über dies Alles schreibe. Jetzt sage mir nur das Eine, ob die Tante sich zu der Badereise, die ich ihr gerathen habe, entschlossen hat. Sie wird ihr nicht viel helfen, aber Du kommst doch wenigstens heraus, das ist die Hauptsache. Die Tante muß wohl anderer Meinung sein, erwiederte Silvia, sie ist entschlossen, hier zu bleiben. Armes Mädchen, sagte Leo, indem er nach seinem Hut griff. Es war zu viel. Ein dumpfer Schrei entrang sich Silvia's Brust. Als Leo sich umwendete, hatte sie die Stirn auf den Tisch gelegt, ihr Körper zitterte, als wenn sie von einem heftigen Fieber geschüttelt würde. Leo stellte den Hut wieder hin und trat mit leisen Schritten an sie heran. Silvia! Sie richtete den Kopf empor und blickte ihn an. Ihr Gesicht war ganz bleich, der Mund halb geöffnet, die Augen, über denen sich die Lider nicht ganz heben wollten, hatten einen seltsam gläsernen Schein. Was ist Dir, Silvia? Du bist krank! rief Leo, indem er ihre Hand ergriff. Die Hand war kalt; Silvia entzog sie ihm schnell. Um ihre Lippe, auf ihren Wangen irrte ein ödes Lächeln; aber ihre Stimme klang rauh und hart, wie sie jetzt langsam, als ob ihr das Sprechen unsägliche Mühe machte, antwortete: Ich bin nicht krank; ich glaube, es ist sehr heiß hier, und dann das viele Sprechen! Sie strich sich mit der Hand über die Stirn und versuchte abermals zu lächeln. Nein, Du brauchst mich nicht so prüfend anzusehen; ich bin wahrlich nicht krank. Aber halte Dich nicht länger auf, Du hast jedenfalls heute Abend noch viel zu thun. Lebe wohl, reise glücklich und komme glücklich zurück. Leo stand noch immer wie gebannt. Er verglich im Geiste das Mädchen, das soeben in seinen Armen gelegen und dessen Küsse er noch auf seinen Lippen fühlte, und jenes andere, das er als seine Verlobte betrachten mußte, mit diesem hier. Wie unendlich überragte sie jene Beiden und jenes Weib, das er noch gekannt, in jeder Beziehung! Und er hätte sie die Seine nennen können, wenn er dies Glück nicht so ganz verscherzt hätte. Warum verscherzt? was ist zu spät, so lange wir noch Athem haben, so lange wir noch wollen und handeln können! – Wie ein Sturm brauste es durch seine Seele. Er warf sich zu Silvia's Füßen und rief, ihre Hände ergreifend: Silvia, laß das Vergangene vergangen sein! Die Zukunft gehört uns! Silvia, ich liebe Dich! Silvia zuckte zusammen, wie wenn ein Dolchstoß sie getroffen hätte. Sie fuhr von dem Sitz empor, riß ihre Hände aus Leo's Händen und stand jetzt einen Schritt vor ihm, der sich ebenso schnell erhoben hatte. Ihre Augen blitzten in düsterem Feuer, während ihr Gesicht in finsterem Ernst wie versteinert war. Du liebst mich? sagte sie: das kann nicht sein, die Vergangenheit läßt nicht so frevelhaft mit sich spielen, die Zukunft gehört nicht uns. Ich liebe Dich nicht! Leo machte eine Bewegung nach ihr, sie streckte ihm abwehrend die Hand entgegen. Ich liebe Dich nicht! Im nächsten Augenblicke hatte sie das Zimmer verlassen. Leo fand sich erst auf der Straße wieder. Er athmete tief auf, als die kühle Abendluft ihn umwehte. Es ist besser so, murmelte er, ich stand auf dem Punkte, mich zu verlieren; sie hat mich mir selbst wiedergegeben. Achtunddreißigstes Capitel. Die zwölf jungen Damen in Miß Ethel Jones' Pensionat hatten zu Abend gespeist und eben unter Anführung von Miß Jones selbst und einer Unterlehrerin den Saal verlassen, um in das große Conversationszimmer geführt zu werden, in welchem sie vor dem Zubettegehen noch eine und eine halbe Stunde verweilen mußten. In dem Speisesaal war Niemand geblieben als Amélie, zu der sich alsbald eine Dienerin gesellte, dem Fräulein beim Abräumen zu helfen. Aber der große Speisetisch wurde nur halb zusammengeschoben und anstatt der grünen Wolldecke mit einem neuen Tafeltuch bedeckt; auch wurden neue Couverts für sieben Personen aufgelegt und die Tafel in einer Weise herausgeschmückt, die auf ein in so später Stunde noch zu feierndes Fest schließen ließ. Es war wohl keine Zeit zu verlieren, und Amélie, die eine weiße Küchenschürze über dem schwarzseidenen Kleide trug, hatte es sehr eilig. Ihre zarten Wangen waren von einer lebhaften Röthe überhaucht, wie sie sich eilig hierhin und dorthin bewegte und mit gewandter Hand die Flaschen, Gläser, Teller auf den Tisch vertheilte; das Mädchen, ein junges, rothbackiges Ding, frisch von Tuchheim, war desto ungeschickter, aber es bekam keine Schelte und keinen bösen Blick von Amélie, die im Gegentheil ihr: Nein, Dorette, anders herum! und: Wir machen das so, Dorette! immer in demselben freundlichen Tone wiederholte. Dorette war weggeschickt worden, noch etwas zu holen, Amélie schaffte allein weiter. Ihre Miene war heiter, und manchmal sang sie sogar ein paar Töne, leise und sanft, wie Schwalbenzwitschern; dann flog auch wohl ein leichter Schatten von Ernst und Traurigkeit über ihr liebliches Antlitz; aber hell lachte sie auf, als die Thür sich jetzt öffnete und statt des erwarteten Mädchens Miß Jones selbst mit einer hohen Säule Teller im Arm hereintrat. Miß Jones stellte die Teller auf den Tisch und sagte: Help yourself ! ich habe Dorette nach dem Weinhändler geschickt; ich bin positiv, der Mann nimmt die Bestellung für einen schlechten Scherz und läßt uns sitzen. Sie müssen also mit mir vorlieb nehmen. Aber für wie viel haben Sie denn gedeckt, Kind? Es fehlen noch zwei Couverts. Und Miß Jones fing an, die zierliche Ordnung, die Amélie so eifrig zu Stande gebracht hatte, zu zerstören. Nicht doch, nicht doch! rief Amélie eifrig; we are seven , Miß Jones, we are seven ! Poetical child! dear girl ! murmelte Miß Jones, ohne sich irre machen zu lassen. Ganz gewiß, versicherte Amélie. Sie und Tante Charlotte und ich – sind drei; Walter, Doctor Paulus, der Rechtsanwalt, Doctor Hauk, da der andere Redacteur nicht kommen kann, sind vier – sind sieben. Sie haben Mister und Mistreß Rehbein vergessen, sagte Miß Jones mit einem kurzen heftigen Lachen, das bei der vortrefflichen Dame immer ein Zeichen ganz besonders aufgeregter Stimmung war. Amélie blickte überrascht, flog dann auf Miß Jones zu und umarmte und küßte sie, indem sie rief: Liebe, Gute, haben Sie Dank, tausend Dank! Miß Jones lachte wieder und sagte, indem sie sich aus Amélie's Armen losmachte: Sie wenden sich an die falsche Adresse, Kind! ganz an die falsche Adresse. Ich würde nie auf den Gedanken gekommen sein. Wer denn? Tante Charlotte? Ohne Zweifel. Miß Jones setzte sich und fuhr in einem lehrhaften Tone fort: Von mir konnte die Einladung nicht ausgehen. Sie wissen, Fräulein Amélie, daß ich aus einem Lande bin, wo man es mit den Rangunterschieden der verschiedenen Gesellschaftsklassen ein wenig genauer nimmt als in Eurer philosophischen Nation. Ich würde nie gewagt haben, die Frau eines Schneiders – denn, meine Theure, Mister Rehbein ist ein Schneider, Sie mögen mir sagen, was Sie wollen – an einem und demselben Tisch mit hochgeborenen Damen wie Ihre Tante und Sie selbst, mein Fräulein – Amélie lachte silberhell und machte, indem sie ihre weiße Küchenschürze an beiden Zipfeln faßte, eine tiefe Verbeugung. Lachen Sie nicht, Theuerste! sagte Miß Jones, ernsthaft mit dem Finger drohend. König Karl in der Köhlerhütte war immer König Karl, und eine Lady im Unglück ist immer eine Lady. Will sie nun in der Herablassung so weit gehen, sich mit Leuten aus dem Volke zu Tisch zu setzen, so ist sie dazu in ihrem Recht; ihr aber diese Zumuthung zu machen, wäre eine beleidigende Suggestion, deren ich mich niemals schuldig machen würde; niemals! Und Miß Jones strich sehr energisch die Falten ihres großcarrirten Seidenkleides glatt. Wie wird sich Walter freuen! rief Amélie, wie wird er glücklich sein, alle die lieben Menschen nun noch einmal um sich zu sehen. Ich muß hin, ihr zu danken! nein: erst will ich dies hier in Ordnung bringen, daß ich hernach ganz frei bin! Sie machte sich mit erhöhtem Eifer wieder an ihre Arbeit; Miß Jones saß, gegen ihre Gewohnheit unthätig, nachdenklich da. Sie sah, während ihre Augen auf der leichten, anmuthigen Gestalt des jungen Mädchens ruhten, das Kind, das ihr vor nun beinahe achtzehn Jahren zur Pflege und Erziehung anvertraut worden war, das engelschöne, im Schoße des Reichthums großgewiegte Kind, dem die glänzendste Zukunft sicher schien; sie dachte daran, wie oft sie selbst, in ihrem Stolz auf den schönen Zögling, sich diese Zukunft ausgemalt hatte, mit Equipagen und Dienern ohne Zahl, und Parks und Schlössern und einer Grafen- oder Herzogskrone über dem Gemälde und da deckte sie nun den Tisch für die gar nicht aristokratischen Freunde ihres Geliebten, der morgen auf zwei Monate in's Gefängniß wandern sollte, und von Tuchheim heraufkommend, wo er von seinem alten Vater Abschied genommen hatte, in diesem Augenblick noch in einem Eisenbahnwagen – vermuthlich dritter Klasse – geschüttelt wurde. Warum blicken Sie so ernst d'rein, liebe Jones? sagte Amélie; heute Abend darf Keiner traurig sein; Sie wissen, wir haben uns das Alle so fest vorgenommen! Fertig ist's und prachtvoll, nicht wahr? Schellte es nicht eben? aber es ist erst Neun, und um Neun kommt der Zug; wir haben noch ein paar Minuten Zeit, uns schön zu machen, bildschön, liebe, liebe Jones! Sie schloß in zitternder Erregung Miß Jones in ihre Arme und eilte davon. Miß Jones blickte ihr nach, wiegte den großen Kopf und murmelte: Poor, noble child ! In dem hellerleuchteten, stattlichen Empfangzimmer saß Fräulein Charlotte mit Doctor Paulus, der eben gekommen war. Ich mache mir nun doch rechte Vorwürfe, daß wir Walter nicht zugeredet haben, die dritte Instanz abzuwarten, sagte Charlotte; ein Aufschub wäre es immer gewesen, und wir hätten dann kühleres Wetter gehabt. Dem armen Jungen, der von Jugend auf die freie Luft des Waldes geathmet hat, muß ja ein so langer Aufenthalt in einer heißen dumpfen Zelle zur Qual werden. Ich bin recht um ihn besorgt, Doctor, Ihnen darf ich es ja sagen. Der Doctor strich sich über sein spärliches Haupthaar und erwiederte: Warum soll ich es leugnen, mir ist bei dem Gedanken, ihn so lange eingesperrt zu wissen, nichts weniger als heiter zu Muthe. Indessen Walter hat eine elastische Natur von großer Widerstandskraft und schließlich – ein Argument, das bei Ihnen, mein gnädiges Fräulein, von ganz besonderem Gewicht ist – die Sache war nicht zu ändern. Der Aufschub würde nur von kurzer Dauer gewesen sein, und nun haben wir den Vortheil, daß Walter zum nächsten Quartal, wo wir alle Kräfte brauchen werden, wieder frei ist. Walter ist ein zu guter Soldat, um nicht auf dem Platze zu sein, wenn es noththut. Vorläufig werden wir noch eine Zeitlang Windstille in der Politik haben, obgleich ich überzeugt bin, daß es nur die Ruhe vor dem Gewitter ist. Der König reist morgen ab; ich denke, die Kriegstrommel wird ihn bald genug zurückwirbeln. Und haben Sie Nachrichten von Silvia? Sehr indirecte und unsichere, von einem Collegen, der mit dem geheimen Medicinalrath Weber intimer bekannt ist. Der alte Schleicher, der Leo's wachsenden Einfluß beim König mit wachsendem Ingrimm sieht, macht seinem Groll in mysteriösen Andeutungen Luft, aus denen nur soviel mit Sicherheit hervorgeht, daß Silvia sich dem König gegenüber in eine Art von Egeria-Rolle hat hineindrängen lassen. Der König, scheint es, besucht Sara jetzt noch häufiger als sonst; er soll von Silvia in überschwänglichen Ausdrücken sprechen. Doch sind diese Nachrichten, wie gesagt, mit großer Vorsicht aufzunehmen. Es ist bekannt, daß der König den Geheimrath haßt, und Sie wissen, daß es seine königliche Gewohnheit ist, die Menschen, die er haßt, zu ärgern wie er kann, und sollte es auch auf seine eigene Kosten sein. Uebrigens, ehe ich es vergesse: auch Leo reist morgen ab; ich habe es zufällig aus guter Quelle. Man sagt, der König werde sich irgendwo mit ihm ein Rendezvous geben. Charlotte schlug die schönen sanften Augen zu dem Doctor auf und sagte: Sollten wir noch immer nicht den Versuch machen können, auf Silvia einzuwirken, jetzt, wo der König, wo Leo verreist, wo sie dem furchtbaren Schicksal, das sie sich bereitet, allein gegenübersteht und die Gefühle, die sie gewaltsam zurückdrängt, gewaltsam ihr Recht werden geltend machen? Vielleicht weiß sie auch nicht, daß Walter monatelang eingekerkert wird und ihr Vater mehr als je allein ist. Das wird mit wunderbarer Beredtsamkeit zu ihrem Herzen sprechen; aber sie muß es doch erst hören, und deswegen, däucht mir, dürfen wir nicht länger schweigen. Meinen Sie nicht auch? Doctor Paulus zuckte die Achseln. Ich kann, sagte er, bevor ich nicht ein ganz sicheres Symptom ihres jetzigen Seelenzustandes habe, zu keinem directen Schritte rathen. Wir dürfen nie vergessen, daß Silvia ebenso stolz ist wie großmüthig und aufopferungsfähig. Sie wird lange Zeit brauchen, bevor sie sich selber eingesteht, daß sie geirrt hat; und ich weiß nicht wie lange, bevor sie es Anderen gegenüber eingestehen würde. Bis zum letzten Augenblick wird sich der Stolz hinter die Großmuth stecken und der Großmuth zuflüstern: ein halbes Opfer ist kein Opfer. Es ist in Silvias Natur bei aller Großartigkeit der Anlage etwas Gebundenes, Unfreies, Unlösbares, wie in allen Menschen, die sich nicht Knall und Fall entschließen können, nur der Wahrheit die Ehre zu geben und von ihrem Ich – ich meine von dem, wie sich ihr Ich dabei ausnimmt – gänzlich zu abstrahiren. Ich weiß nicht, ob Sie damit den rechten Punkt treffen, erwiederte Charlotte; Sie finden dieselbe Unfreiheit auch bei Silvia's Vater, der sich nicht überwinden kann, seinen Einfluß bei Silvia geltend zu machen, der seinen tiefen Schmerz mit einer fast krankhaften Scheu vor der Welt verbirgt, am liebsten vor sich selbst verbergen möchte und das Alles wahrlich nicht aus Stolz thut, sondern in tiefster Demuth, ohne gewiß nur jemals daran zu denken, wie er sich dabei ausnimmt. Bescheidenheit und Stolz sehen sich manchmal zum Verwechseln ähnlich, sagte der Doctor; überdies, um uns selbst los zu werden, müssen wir in einem großen Kreise mit unseres Gleichen verkehren; der Einsame hört in der Stille um sich her immer eine Stimme, die: Wo bist du? ruft, und er sagt zu jedem Bach, der ihm sein Bild zurückwirft: Hier bin ich. Wie kann er sich da jemals selbst vergessen? jemals zu dem rechten Maßstab seiner selbst kommen? Ich meine, die beredte Klage verräth oft sehr viel mehr Bescheidenheit, als das Verschweigen des Schmerzes; ich lobe es an Walter, daß er gelernt hat – denn früher konnte er es auch nicht – zu sprechen, wenn ihm das Herz voll ist. Walter's Lob in Ihrem Munde, lieber Freund, hat schon seit langer Zeit nichts Befremdendes mehr, sagte Charlotte mit einem feinen Lächeln. Ich weiß es, entgegnete Doctor Paulus lebhaft, aber soll ich ihn nicht loben, wenn ich – selbstverständlich nicht bei Ihnen, aber bei so vielen Andern – alle Tage sehen muß, wie sehr man ihn unterschätzt? – weil er nicht nach seinen Idealen springt, sondern sich Schritt für Schritt hinaufarbeitet; weil er keine pathetischen Reden hält, wie Leo, sondern seine Pflicht thut sans phrase ; weil er eine einmal von ihm ausgestellte Meinung, wenn er sich von der Unhaltbarkeit derselben überzeugt hat, nicht bis zum Unsinn hartnäckig verficht, sondern ganz einfach erklärt: ich habe mich geirrt – kommen sie und zucken die Achsel über ihn und sagen: Ein ganz guter Junge, aber doch herzlich unbedeutend, und Leute sagen das, die Gott auf den Knieen danken könnten, wenn sie nur halb seine Kraft und seine Consequenz, ja, und auch nur halb soviel Phantasie und Geist wie er hätten, von seinem Herzen ganz zu schweigen. Der Doctor stand auf, um Amélie entgegen zu gehen, die eben in das Zimmer trat, aber ohne sich aufzuhalten, ja ohne nur die in demselben Befindlichen anzusehen, durch die zweite Thür, welche auf den Flur führte, hinauseilte. Sie hatte die Thür offen gelassen. Charlotte und Doctor Paulus sahen sich lächelnd an und sagten wie aus Einem Munde: Walter! Im nächsten Augenblick schon kamen Walter und Amélie herein, Walter frisch und braun von dem längeren Aufenthalte in den Bergen und Wäldern seiner Heimath, Amélie mit gerötheten Wangen und glückselig strahlenden Augen. Walter schüttelte Doctor Paulus, dessen ernstes Gesicht beim Anblick seines Lieblings sich aufhellte, die Hand und eilte dann zu Charlotte, die, als er sich auf ihre Hand herabbeugte, ihn in ihre Arme schloß; aber bevor er wieder zu Amélie gelangen konnte, welche, vor Freude bebend und jede seiner Bewegungen verfolgend, dastand, öffnete sich abermals die Thür, und Miß Jones stürmte herein mit weit ausgebreiteten Armen, rufend: Auch an mein Herz, junger Mann! Wie haben Sie den Vater gefunden? fragte Charlotte, Walter, nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, an ihre Seite winkend. Ueber Walter's Gesicht lagerte sich ein tiefer Schatten. Ich fand ihn körperlich sehr gealtert, erwiederte er. Es erschreckte mich, zu sehen, daß sein Haar in der kurzen Zeit ganz grau geworden ist, und so bemerkte ich auch durchweg, daß ihn die alte elastische Kraft verlassen hat. Sein Gang, seine Bewegungen sind nicht mehr so rasch als sonst, und was mir besonders aufgefallen ist, er sieht nicht mehr so scharf; einmal sagte er selbst: Mir ist, als ob ein Nebel auf die ganze Welt gefallen wäre. Dabei ist er aber merkwürdigerweise geistig frischer, zum wenigsten regsamer, als wir ihn zum letztenmale sahen. Er liest, was er sonst nicht that, die Zeitungen mit großer Aufmerksamkeit – besonders natürlich unsere Zeitung – wir haben lange politische Gespräche gehabt. Um die Tuchheimer Angelegenheit bekümmert er sich mehr als je. Sie haben ihn in diesen Tagen in den Gemeindevorstand gewählt, und er hat die Wahl angenommen. Ich freue mich sehr darüber, um seinethalben und der Tuchheimer wegen. Wie steht es mit der Fabrik? fragte Doctor Paulus, der die letzten Worte gehört hatte. Schlecht, sagte Walter; der Vater erzählte mir die seltsamsten Dinge über das Treiben der Leute; ich selbst habe Viele gesprochen und die Aussagen des Vaters durchweg bestätigen hören. Der alte Krafft, den sie zum Werkmeister gemacht haben, ist zwar ein tüchtiger Arbeiter, aber er hat keine Autorität, und am Ende nicht einmal durch seine Schuld. Man will überhaupt nicht gehorchen. Dann haben sie einen Buchhalter in der Person eines Kaufmanns aus der Kreisstadt engagirt, der sich bisher mehr durch seine Sucht zu extravaganten Speculationen, als durch Erfolge ausgezeichnet hat. Der Mann mag ehrlich sein, obgleich seine Physiognomie mir wenig Vertrauen eingeflößt hat; aber, da kein Einziger unter ihnen von kaufmännischen Manipulationen auch nur das Mindeste versteht, trauen sie ihm nicht, überwachen ängstlich jeden seiner Schritte und werden dabei schließlich, wenn er sie betrügen will, es dennoch nicht hindern können. So geht das fort. Der alte Krafft hat mir seufzend gestanden, daß, wenn nicht bald eine Besserung eintrete, das Ende nicht abzusehen sei, was wohl so viel heißen wird, daß es nur zu bald abzusehen ist. Da hat nun der Vater gar viel zu rathen, zum Guten zu reden, zu schlichten. Die Leute kommen zu ihm, weil sie von früher her Vertrauen zu ihm haben, und er läßt sich das Alles angelegen sein, als ob es sein eigenstes Werk wäre. Wie spricht er von Silvia? fragte Charlotte. Wie von einer weit Entfernten, die eine beschwerliche Reise zu machen hat, bevor sie wieder bei uns ist, von der wir aber mit Sicherheit erwarten, daß sie zurückkehren wird. Sie, die Sie den Vater so genau kennen, werden mich nicht mißverstehen, wenn ich hinzufüge, daß er in Beziehung auf Silvia – wie wohl in allen Dingen, die sein Herz sehr tief berühren – nicht ganz aufrichtig ist, weder gegen uns Andere noch gegen sich selbst, und daß es daher schwer, ja unmöglich ist, über seinen Seelenzustand etwas Bestimmtes auszusagen. Seine ergrauten Haare zeugen gegen die Ruhe, die er zur Schau trägt. Und Tante Malchen? Die gute Tante! sagte Walter mit trübem Lächeln; es giebt nichts Rührenderes als die Sorgfalt, mit welcher sie den Vater pflegt, der ihr für alle Mühe so wenig Dank weiß. Sie ist ganz die Alte, nur noch demüthiger und liebevoller als sonst. Und dann ist eine merkwürdige Veränderung mit ihr vorgegangen. Sie legt keine Karten mehr. Es fiel mir auf; ich fragte sie danach, und sie antwortete: Ich habe keine Zeit mehr dazu. Als ich sie darauf nicht ohne einige Befremdung ansah – denn Zeit hat sie wahrlich genug – fuhr sie zaghaft fort: Und dann – das Leben ist so sehr ernst, man soll nicht mit ihm spielen. Die arme Tante! das Bischen unbewußter Humor, mit dem sie früher die Welt auf ihrem Kartentische in Ordnung brachte, ist ihr nun auch ausgegangen. – Ach, wie gütig Sie sind! rief Walter, Charlotte lebhaft die Hand küssend, als jetzt sein College in der Redaction der Zeitung, Doctor Hauk, und der Anwalt in das Zimmer traten; wie hätte ich das erwarten können! Das wird ja ein wahrer Festabend! Charlotte lächelte; Walter eilte, die Freunde zu begrüßen. Der gewandte junge Anwalt gesellte sich alsbald zu den Damen, während Doctor Hauk, ein großer gravitätischer Mann mit einem ernsten, beinahe finstern Gesicht, durch das nur je zuweilen ein sarkastisches Lächeln wie Wetterleuchten zuckte, mit den Männern sogleich in ein politisches Gespräch gerieth. Der Prophet weiß nichts von seinem Vaterlande, sagte er zu Walter; da kommen Sie von Tuchheim, und ich muß Ihnen das Neueste von Tuchheim erzählen. Der Bruder Ihrer Braut ist Landrath des dortigen Kreises geworden. Doctor Paulus und Walter sahen sich verwundert an. Es steht schon in der Abendnummer der ... Zeitung, fuhr Doctor Hauk fort; ich weiß aber noch außerdem aus bester Quelle, wie die Sache sich gemacht hat. Der König, der, wie Sie wissen, morgen abreist, hat um zwei Uhr Nachmittags noch eine Zusammenkunft mit dem Prinzen gehabt, in der von beiden Seiten die königlichsten Worte gefallen sind. Hernach ist die Königin dazu gekommen; schließlich hat der König natürlich geweint und den Prinzen umarmt, worauf sie sich gegenseitig ihre Bedingungen gemacht haben. Dem dringendsten Verlangen des Prinzen, daß er Ihren Vetter fallen lassen solle, hat der König nicht nachgegeben, trotzdem auch die Königin vor ihm auf den Knieen gelegen haben soll. Dafür hat er aber dem Prinzen verschiedene Concessionen machen müssen, unter Anderem die sofortige Ernennung Herrn von Tuchheim's zum Landrath. Das ist eine Mine gegen Ihre Candidatur in unserem Kreise, sagte Walter zu Paulus. Es hat noch einen andern Zweck, fürchte ich, entgegnete dieser: vom Assessor zum Minister ist der Schritt selbst dem antibureaukratischen Prinzen zu groß; vom Landrath geht es schon eher. Uebrigens ist die Sache wirklich von großer Wichtigkeit, Ihr Herren. Sie beweist auf das Schlagendste, daß man in den Kreisen des Prinzen jetzt mit Sicherheit auf einen sehr bald erfolgenden Umschwung der Dinge rechnet. Ich bin überzeugt, daß Weber dem Prinzen über den Zustand des Königs sehr – befriedigende Mittheilungen gemacht hat. Man hofft entschieden auf seine Abdankung zum Herbst; und daß diese Reise die letzte vor der großen Reise ist. Apropos, Reise, sagte Doctor Hauk. Wissen Sie, College, daß die Polizei durch Ihre Reise in eine herzerquickende Aufregung versetzt ist? Man glaubt Sie über alle Berge. Vor einer Stunde erkundigte man sich, zum viertenmale, wenn ich nicht irre, in der Redaction nach Ihrem Befinden; ich meine nach dem Wo? nicht nach dem Wie? Ich erklärte, von dem Letzteren nicht unterrichtet zu sein, das Erstere aber für Redactionsgeheimniß, worauf der Diener der heiligen Hermandad nicht übel Lust zu verspüren schien, mich anstatt Ihrer in sichern Gewahrsam zu bringen. Ich bin überzeugt, wenn man wüßte, daß Sie hier sind, Sie schliefen schon diese Nacht hinter Schloß und Riegel. St! sagte Walter, mit einem Blick nach dem Sopha; ich bin deshalb dem Wunsche der Damen nachgekommen, und von dem Bahnhof direct hierher gefahren, obgleich ich meinem guten Rehbein gern guten Abend gesagt hätte. Wie steht es mit der Association? Gut, erwiederte Paulus; obgleich sie uns nach Kräften chicaniren; aber Rehbein ist zäh, oder läßt sich, wie er es ausdrückt, nicht am Zeuge flicken. Ich hätte ihn gern gesprochen, sagte Walter. Wen hättest Du gern gesprochen? fragte Amélie, die sich der Gruppe genähert hatte. Walter nahm ihren Arm. Einen meiner allerbesten Freunde, erwiederte er, dem ich sehr, sehr viel verdanke und den ich heute Abend schmerzlich vermisse: meinen braven Rehbein. Ich bin fest überzeugt, die treue Seele legt sich heute nicht schlafen, bis ich nach Hause komme. Warum muß er fehlen, wenn meine anderen Freunde hier versammelt sind? Aber Walter, Dein guter Rehbein ist doch nicht salonfähig! sagte Amélie, die bei dem Versuch, ihren Verlobten zu mystificiren, erröthete. Ist das Dein Ernst, Mädchen? fragte Walter stehenbleibend. Mein vollkommener Ernst, entgegnete Amélie, welche die Leichtigkeit, mit welcher Walter sich täuschen ließ, ermuthigte, in dem Scherze fortzufahren, denn, wenn wir wirklich Herrn Rehbein hätten einladen wollen, so hätten wir auch Frau Rehbein nicht zu Hause lassen können, und Du wirst mir zugeben, lieber Walter, das wäre denn doch nicht gegangen. Und weshalb nicht? erwiederte Walter; ich gebe zu und weiß so gut wie irgend wer, daß Frau Rehbein kein Umgang für Tante Charlotte, oder Miß Jones, oder Dich ist. Aber davon ist ja hier gar nicht die Rede. Die gute, bescheidene Frau würde den Abstand, der sie von Euch trennt, niemals vergessen, würde eine einmalige Einladung bei einer besonderen Gelegenheit einfach für das nehmen, was sie ist, eine Freundlichkeit, aus der für sie keine Rechte und für Euch keine Pflichten erwachsen. Und dann, beschränkt und ungebildet wie sie ist, ist sie, das Bischen Tournure und angelernte Phrasen abgerechnet, nicht ungebildeter und beschränkter als hundert Andere, die Ihr hundertmal in der Gesellschaft bei Euch empfangen habt. Ist es nicht betrübend, daß, wie es scheint, in alle Ewigkeit Kleider Leute machen sollen! Selbst in den Augen so guter, so feinfühlender, so aufgeklärter Menschen, wie Ihr? Soll Einem da nicht um den Fortschritt, von dem wir so viel reden und für den wir Alle arbeiten, bange werden? Walter hatte das lebhaft und nicht ohne Bitterkeit gesagt; Amélie hatte es schon längst bereut, den Scherz so weit getrieben zu haben, und stand jetzt mit der Röthe der Verlegenheit auf den Wangen und mit ängstlich gesenkten Wimpern vor ihm. Sie wollte reden, aber ehe sie noch so weit kam, öffnete sich die Thür, und hinter der corpulenten Gestalt der würdigen Schneidersfrau erschien, mit dem kahlen Köpfchen ihr nur noch eben über die Schulter blickend, Herr Jeremias Rehbein. Amélie erröthete bei diesem Anblick nur noch viel mehr und sagte schnell und leise: Es ist das Werk der Tante! Charlotte hatte sich bei dem Eintreten der längst Erwarteten erhoben; Frau Rehbein, die ein schwarzseidenes Kleid und eine stattliche Haube trug, war verwirrt an der Thür stehen geblieben und hätte dadurch beinahe ihren Gatten, der auf ihr stetiges Vorwärtsschreiten gerechnet hatte, zu Fall gebracht. Aber Herr Rehbein verlor seine Geistesgegenwart keineswegs; er ergriff die Hand seiner Frau, führte sie mit zierlichem Anstande durch die ganze Breite des Zimmers zu Charlotten und sagte, sich mit etwas altmodischer Würde verbeugend: Ich habe die Ehre, Madame, Ihnen meine Frau vorzustellen; liebes Lieschen, diese Dame ist das Fräulein von Tuchheim, von dem ich Dir schon so viel erzählt habe. Herr Rehbein berührte die Fingerspitzen von Charlotten's ihm dargereichter Hand mit seinen Fingerspitzen, verbeugte sich abermals und trat zurück; Charlotte stellte Frau Rehbein Miß Jones vor und Amélie. Miß Jones streckte Frau Rehbein einen Finger entgegen, mit dem Frau Rehbein nichts anzufangen wußte, und Amélie drückte ihr die beiden fetten Hände und sagte ihr, wie sie sich freue, ihres Walter's gute Freundin zu sehen, und daß sie ihr für all das Liebe, das sie an ihrem Walter so viele Jahre hindurch gethan, von Herzen danke. Die grenzenlose Verwirrung, die auf dem gutmüthigen, breiten Gesichte der braven Schneidersfrau gelegen hatte, verschwand vor Amélie's freundlichen Worten und Amélie's sanften Augen. Sie konnte endlich ihre Zunge, die ihr bis dahin am Gaumen geklebt hatte wieder gebrauchen und versicherte, daß sie sich Amélie nicht halb so hübsch und Fräulein Charlotte viel älter aussehend vorgestellt habe; was aber das Gute betreffe, das sie an Walter gethan, so sei das nur ihre Schuldigkeit als Wirthin gewesen. Und dann sehen Sie, fuhr sie in geheimnißvollem Flüsterton fort, ich kann mich gar nicht darüber beruhigen, daß ich zu dem abscheulichen Buch – Gott verzeihe mir die Sünde! – dessentwegen er jetzt in den Kerker geworfen werden soll, doch am Ende sehr viel beigetragen habe. Ich habe ihm des Abends Thee gekocht, wenn er in der Nacht noch arbeiten wollte; ich habe dafür gesorgt, daß er Oel auf der Lampe hatte; ich habe auf die Blätter, die er am Abend vollgeschrieben, des Morgens, wenn das Mädchen rein machte, immer schwere Gegenstände gelegt, eine Schere, oder ein Messer, oder eine Stange Siegellack, oder ein Buch, oder dergleichen, damit sie nicht zum Fenster hinausgeweht würden. Ich denke immer, wenn ich in meiner Dummheit nicht so viel mitgeholfen, oder ihm ein paarmal ordentlich in's Gewissen geredet hätte, er hätte es doch am Ende sein lassen. Charlotte und Amélie konnten sich des Lachens nicht enthalten, während Miß Jones ein paar englische Worte murmelte, die, nach ihrem Aussehen zu schließen, kein Compliment für Frau Rehbein enthielten. Ach, lachen Sie nicht, meine lieben Damen, sagte Frau Rehbein, Sie wissen nicht, welche Angst ich seit der Zeit, daß Walter sich auf diese Geschichten eingelassen hat, ausgestanden habe. Es vergeht fast keine Woche, ohne daß nicht so ein Polizist, der nach Walter fragt, mich auf den Tod erschreckt. Daß sie nach meinem Manne fragen, daran habe ich mich leider Gottes in diesen letzten gesegneten fünfundzwanzig Jahren schon ganz gut gewöhnt; aber der arme Walter! Frau Rehbein schüttelte wehmüthig den Kopf und fuhr in noch leiserem Tone fort: Denken Sie, heute Abend, ehe Rehbein nach Hause kam, war wieder so ein Mensch da – sie kommen immer, wenn es schummrig ist, damit sie Einen desto mehr erschrecken – und sagte, er müsse wissen, wann Walter wieder nach Hause komme! Du lieber Himmel, es war ein alter Mann, der ganz außer Athem war, und da dachte ich denn, ich könnte – Charlotte und Amélie erfuhren nicht, was Frau Rehbein zu können gedacht hatte, denn die Herren, von Miß Jones aufgefordert, traten heran, die Damen zu Tisch zu führen. Doctor Paulus bot Charlotten den Arm, Walter führte Amélie, Doctor Hauk, der sich auf sein Englischsprechen viel zu gute that, Miß Jones; der junge Anwalt sah bestürzt drein, als für ihn nur noch Frau Rehbein übrig blieb, und Herr Rehbein schloß den Zug, indem er sich, da Niemand seines Armes bedurfte, um doch auch etwas zu thun, die schmalen kleinen Hände eifrig rieb und dazu vergnügt mit dem kahlen Köpfchen nickte. Man hatte bereits ein paar Stunden in dem schönen hellerleuchteten Speisezimmer zugebracht; die Uhr ging auf Zwölf, und Miß Jones, die Doctor Paulus zur Linken saß, erinnerte zum andernmale daran, daß es Zeit für den Doctor sei, eine kleine Rede zu halten. Charlotte winkte dem Doctor zu, Paulus erhob sich, klingelte an das Glas, die sehr lebhafte Unterhaltung, die überall um den Tisch her gepflogen wurde, schwieg, und der Doctor sprach: Werthe Damen und gute Freunde! Unser Liebesmahl ist beendet, die Abschiedsstunde ist da, und so mag es mir denn vergönnt sein, in wenigen schlichten Worten einem Gedanken Ausdruck zu geben, in welchem wir, glaube ich, uns Alle in diesem Augenblick begegnen. Unser Freund und Mitstreiter, unser lieber Walter, steht im Begriff, dafür, daß er ohne Menschenfurcht seine Meinung frei geäußert hat, auf Monate seiner Freiheit beraubt zu werden. Bei diesen Worten fing Frau Rehbein leise an zu schluchzen, während Miß Jones ein energisches Hear! hear! ertönen ließ. Paulus fuhr fort: Nun wird es Niemandem unter uns einfallen, ihn deswegen zu beklagen in jenem kläglichen Sinne, der nicht anerkennt, daß für gerechte Dinge zu leiden, dem Guten eine Pflicht und eine Ehre ist. Wir sind im Gegentheil überzeugt, daß den pflichtgetreuen Mann das Leiden, das ihm aus seiner Pflichterfüllung erwächst, im Grunde gar nichts angeht, sondern nur die, welche es ihm in ihres Geistes Thorheit und ihres Herzens Schlechtigkeit bereiteten. Ein Volk, das, wie das unsere, eben anfängt, sich aus mittelalterlich veralteten Zuständen zur Freiheit und zum Licht heraufzuarbeiten, ist einer ungeheuren marschirenden Colonne zu vergleichen, in welcher die einzelnen Glieder die Distancen immer mehr verlieren, und die Letzten bald nicht mehr wissen, wo die Ersten sind und was die Ersten treiben. Wir nun, die wir uns schmeicheln, in der ersten Glieder einem zu marschiren, wir müssen, um die Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, sehr viele – unverhältnißmäßig viele Mühen und Gefahren erdulden. Das liegt nun einmal in der Natur der menschlichen Entwicklung und ist nicht zu ändern. Das Blut also und der Schweiß, den wir bei dieser unserer Pionier-Arbeit vergießen, soll uns nicht dauern, selbst wenn wir vergeblich uns gemüht haben sollten. Aber es wird nicht vergeblich sein. Die hinter uns Kommenden werden auf dem glatteren und breiteren Wege, den wir ihnen bereiteten, kaum noch eine Ahnung haben von der Härte unseres Lebens, und sie sollen es auch nicht, wozu hätten wir sonst gelebt! Es wird auch für unser Volk der Morgen der Freiheit tagen. Daß dieser Tag bald komme, und daß es unserem Freunde, so viel an ihm ist, vergönnt sein möge, den Kampf, den er begonnen, mit schicklichem Muthe und ausdauernder Kraft fortzuführen bis an sein, dann wahrlich selig zu preisendes Ende – darauf, meine werthen Damen und lieben Freunde, lassen Sie uns nach guter deutscher Sitte mit den Gläsern anklingen! Die Gläser klangen aneinander. Frau Rehbein schluchzte laut. Miß Jones wendete sich zu ihrem Nachbar und sagte: Diese Frau mit ihrem ewigen Weinen wird mich noch ganz nervös machen. Walter war, während die Andern sich wieder setzten, stehen geblieben. Ich danke meinem verehrten Freunde, sagte er, Paulus freundlich zunickend, daß er unsere Blicke über das Individuelle hinweg sogleich auf das Allgemeine gewendet hat, auf den großen Gedanken unserer culturhistorischen Mission, der, wie eine Sonne, unser Leben durchleuchtet, also, daß nichts Dunkles, nichts Unklares in uns bleibt, kein Rest von Selbstsucht, der nicht aufgehen will in dem großen heiligen Zweck. Ich weiß es wohl, daß sie uns ob dieses Strebens verhöhnen, daß sie uns Ideologen schelten, unpraktische Träumer, die von ihrem Wolkenkukuksheim niemals den Weg finden werden auf diese reale Erde. Laßt sie! Wir sind so unpraktisch nicht, wie sie uns wähnen. Wir wissen recht gut, wie eine Rose duftet, und wie süß die Nachtigall singt, ja, wir wissen es besser, als es irgend einer wissen kann; wir und nur wir von all den Gästen, die aus der Festhalle treten, breiten die Arme aus und sagen: O sel'ge, sel'ge Nacht! Aber es ist nicht blos, daß wir in uns selbst ein edleres und reicheres Leben führen, weil der humane Gedanke, der in seinem höchsten Ausdrucke die Liebe ist, unser Herz und unsere Sinne erschlossen hat. Dieses reichere und höhere Leben ist nur eine Zugabe, die uns wird, weil wir nach dem Reiche Gottes trachten und nach seiner Gerechtigkeit, und dieses Beides ist so fein verknüpft, daß Eines ohne das Andere weder sein noch gedacht werden kann. Das Trachten nach der Gerechtigkeit macht uns zu den glücklichsten, in erster Linie aber zu den wichtigsten Menschen. Wir, die Ideologen, die Träumer, die Wolkenkukuksheimer dürfen es ohne Selbstüberhebung aussprechen, daß wir das Salz der Erde sind. Ohne uns würde in dem trockenen Sande der öden Selbstsucht nicht blos alle Schönheit, sondern das Leben selbst erstarren; die Erde würde bald genug ein Aufenthalt für wilde Thiere in menschenähnlicher Gestalt sein. Zu uns, den Phantasten, kommen sie, die klugen Selbstlinge, wie mürrische Bettler, und empfangen aus unseren Händen das Brod des Lebens; ja, so groß ist unsere Macht, daß die Sclaven des Egoismus, so tief sie uns verachten, unsere Livrée tragen, sich mit unseren Farben schmücken, daß sie, um ihr Räuberwesen einigermaßen ungestraft treiben zu können, erst einmal der öffentlichen Moral ihren Tribut zahlen müssen. Und dieser Tribut ist mit jedem Jahre größer geworden, und wird mit jedem Jahre größer, wird schließlich so groß werden, daß die klugen Rechner zuletzt nicht mehr auf ihre Kosten kommen, daß endlich das Plus auf unserer Seite ist! Ja, meine Freunde, uns gehört die Erde, uns gehört das Leben, denn wir allein leben es ohne Furcht; wir allein können uns an dem Duft jeder guten Handlung wahrhaft erlaben; in unser Ohr allein klingt melodisch das Lied der Freiheit, das sie lauter und leiser an allen Orten singen, und zu jedem Tage, der da wird und uns voll des alten guten Glaubens an den Sieg der Wahrheit und der Freiheit findet, dürfen wir sagen: O sel'ger, sel'ger Tag! Amélie hatte sich schon lange, ehe Walter zu Ende gesprochen, erhoben, mit gefalteten Händen, die Augen, die immer größer und glänzender wurden, auf ihren Verlobten gerichtet, die Lippen leise bewegend, als spräche sie jedes seiner Worte nach, wie ein priesterliches Gebet. Jetzt, als er bei den letzten Worten sich zu ihr wendete, warf sie sich an seine Brust. Aller Augen waren mit inniger Theilnahme auf dies junge schöne Paar gerichtet, mit Ausnahme der Frau Rehbein, die hinter ihrem Taschentuche schluchzte, und Miß Jones, die wiederum Frau Rehbein anblickte und zu ihrem Nachbar äußerte: Sie macht mich ungeduldig, diese gute Frau. Well ! Nun fängt dieser kleine Mann auch noch an zu sprechen! In der That hatte sich Herr Jeremias Rehbein erhoben und mit einer nervösen Bewegung an das Glas geschlagen. Meine Damen und meine Herren! Hear, hear ! rief Miß Jones, die sich auf ein humoristisches Nachspiel gefaßt machte. Doctor Hauk lächelte sarkastisch; er wußte, daß Herrn Rehbein die fünfundzwanzigjährige Uebung zu einem ausgezeichneten Redner gemacht hatte. Jeremias Rehbein fuhr fort: Es sind goldene Worte, die wir soeben von unseren beiden Freunden gehört haben, männliche Worte für das Ohr eines Mannes berechnet. Aber meine so hochgeschätzten Freunde werden es mir nicht übel deuten, wenn ich sie darauf aufmerksam mache, daß sie doch in erster Linie an sich selbst, ich meine an die Männerwelt gedacht haben, und weniger an die, auf deren Antheil von jeher die größere Last des Menschendaseins gefallen ist, und noch fällt. Ja, meine Freunde, wir haben uns das bessere Theil erwählt. Es ist ein Ding, im berstenden Schiffe mit den Wogen kämpfen, und ein anderes, am Strande stehen und hilflos die Hände ringen; es ist ein Ding, sich, und wäre es bei geschlossenen Thüren, gegen eine perfide Anklage mit Scharfsinn und Beredtsamkeit vertheidigen, und ein anderes, draußen auf der Straße irren und den Spruch des Gerichtes abwarten, der den Vater, den Gatten, den Geliebten auf wer weiß wie lange Zeit dem Kerker überantworten wird. Wir Männer drängen uns überall in den Kugelregen der Gefahr, wo unser fieberhaft erregter Puls den Tact schlägt zu der Sturmtrommel; der Frauen Puls ist nicht weniger erregt, aber von dem Fieber der Ungewißheit, der Sorge, der Angst. Wie kann dies Mißverhältniß ausgeglichen werden? Ich habe mich das oft gefragt, ja, ich frage es mich täglich; denn was ist eine Freiheit, was gilt mir eine Freiheit, die mir die Fesseln von den Händen nimmt und sie an den Händen des Wesens läßt, das mir das Liebste ist auf Erden? Und die Antwort auf diese Frage? Sie ist verworren und dunkel. Sie stößt hier an ein sociales Gesetz, das grausam ist, und dort an ein Naturgesetz, das unerbittlich scheint. So viel ist klar, daß in dem Maße das Loos der Frauen weniger beklagenswerth wird, als wir sie in den Stand setzen, für uns und mit uns zu handeln. Wie dem auch sei, wir sind ihnen immerdar zu innigstem Dank verpflichtet, zum Dank für das, was sie für uns thun, und zum Dank für das, was sie für uns leiden. Meine Herren! ein volles Glas den Frauen! Die Männer hatten sich erhoben, auch Miß Jones. Mit großen Schritten ging sie um den Tisch herum zu Herrn Rehbein, faßte und drückte und schüttelte die zarte Hand des Mannes, daß er beinahe vor Schmerz aufgeschrieen hätte, und rief: Ich bitte um Ihre Freundschaft, Sir; ich werde stolz auf Ihre Freundschaft sein, Sir! In diesem Augenblicke wurde die Thür, die nach dem Flur führte, mit Geräusch geöffnet; das rothbackige Dienstmädchen stürzte herein und hatte eben nur noch Zeit zu rufen: Die Polizei, o Gott, die Polizei! als schon in der Thür auf der Schwelle die lange hagere Gestalt eines Polizeisergeanten erschien. Hinter dem Sergeanten wurden ein paar dunkle Gestalten sichtbar. Der Sergeant, ein alter Mann mit einem langen weißen Schnurrbart, schloß die Thür und sagte, indem er vor der Gesellschaft, die sich von ihren Sitzen erhoben hatte, in der Entfernung einiger Schritte stehen blieb: Befindet sich unter Ihnen ein Herr Walter Gutmann? Ich bin es, sagte Walter, mit Amélie, die ihn fest an den Händen hielt, vortretend. Der Sergeant warf einen mitleidigen Blick auf das schöne blasse Gesicht des jungen Mädchens und sagte, indem er ein Papier, das er schon in der Hand gehalten hatte, präsentirte: Ich habe einen Verhaftsbefehl gegen Sie, Herr Gutmann, und bitte Sie, mir zu folgen. Ich bin bereit, sagte Walter. Ich habe außerdem den Befehl, fuhr der Sergeant, sich zur Gesellschaft wendend, fort, die Namen aller hier Anwesenden zu notiren. Fassen Sie sich, liebe Freundin! sagte Doctor Paulus zu Miß Jones, die vor Zorn bebend dastand, bei uns zu Lande ist unser Haus nicht unsere Festung, und jener arme Mann sieht gar nicht aus, als ob er es verdiente, daß wir ihm sein leidiges Handwerk noch mehr verleideten. Er trat auch auf den Sergeanten zu und fragte: Auf welchen Grund hin? Der Sergeant, der Doctor Paulus kannte, zuckte die Achseln und sagte: Ich habe die Instruction. Dann setzte er leiser hinzu: Es ist von wegen der freien Gemeinde, Herr Doctor. Sie wollen ja wohl eine Versammlung constatiren, weil die verboten sind; hoffentlich ist außer Herrn Rehbein kein Freigemeindler unter Ihnen. Aber um Himmels willen, alter Freund! sagte Herr Rehbein, der nun auch herangetreten war; wie wißt Ihr denn überhaupt, daß ich hier bin, daß Herr Gutmann hier ist? Der alte Sergeant zuckte abermals die Achseln. Frau Rehbein, die, unfähig sich zu bewegen, auf ihrem Stuhle sitzen geblieben war und den Sergeanten fortwährend mit schreckensstarren Augen angeblickt hatte, fing hier gar erbärmlich zu weinen an. Während Walter von Fräulein Charlotte, Miß Jones und den Anderen mit herzlichen Händedrücken Abschied nahm, trat Amélie mit einem Glas Cardinal auf den Sergeanten zu. Sie sah sehr blaß aus, und das Glas klirrte etwas auf dem Teller, aber sie versuchte recht freundlich zu lächeln, als sie es ihm bot. Dem alten Manne traten die Thränen in die Augen. Er nahm das Glas und sagte: Das trinke ich auf Ihr Wohl, liebes Fräulein! und denken Sie nicht uneben von mir, liebes Fräulein; ich habe acht Kinder und eine kranke Frau, da muß man Manches thun, was man gar viel lieber nicht thäte. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich meinem Freunde bis zum Gefängnisse das Geleit gebe? fragte Doctor Paulus. O nein, Herr Doctor! Aber nicht mehr, wenn ich bitten darf. Nun denn, so wollen wir uns bei den Damen verabschieden. Sind Sie bereit, Walter? Ganz bereit. Neununddreißigstes Capitel. In der Parkstraße rollten jetzt um die Mittagsstunde nicht mehr die glänzenden Equipagen, denn die Besitzer derselben waren in den Bädern oder sonst auf Reisen, und die Hitze war so groß, daß Diejenigen, welche aus dem einen oder dem anderen Grunde hatten zurückbleiben müssen, sich sorgfältig in die verdunkelten Zimmer schlossen. In den geraden, unendlichen Straßen herrschte die Sonne unumschränkt; der Schattenstreifen rechts oder links an den Häuserseiten war eine schmale Vergünstigung, die sie jeden Augenblick wieder zurücknahm; und der arme Fußgänger, den sein Weg über die weiten Plätze führte, die das Königsschloß umgaben, wischte sich erst noch einmal den Schweiß von der Stirn, bevor er sich in die schattenlose Wüste wagte. In dem Schlosse selbst, das, auf allen Seiten frei, vom frühesten Morgen bis zum Abend der Sonnengluth trotzbieten mußte, war es wüst und öde. Der gewaltige Bau lag da wie ein Gebirge, auf dessen unnahbar schroffen Felswänden kein Strauch und kein Grashalm fortkommen will. Ueber die inneren Höfe schlich von Zeit zu Zeit ein mürrischer Diener, der aus einem Flügel in den anderen mußte, und an der Wache drückte sich der Posten vor dem Gewehr um das Schilderhaus herum und warf neidvolle Blicke durch das offene Fenster in die Wachstube, wo ein paar Kameraden, die Köpfe auf die Lehne gestützt, auf den Schemel rittlings saßen und schliefen. Sonst ließ sich kein lebendes Wesen sehen, kein Laut vernehmen. Selbst die Spatzen lärmten nur noch in den allerfrühesten Morgenstunden, um die übrige Tageszeit sich in die Mauerlöcher und hinter die steinernen Wappen zu verkriechen; die Krähen hatten es ganz und gar aufgegeben, aus ihren schattigen Wäldern in die sonnegequälte Stadt zu kommen. Das Schloß stand leer, so gut wie leer. Der König war schon seit vier Wochen fort, die Königin hatte die Stadt wenige Tage später verlassen und war mit dem zweijährigen Prinzen und ihrem ganzen Hofstaate in die Sommer-Residenz übergesiedelt. Keine Kammerherrn-Uniform ließ sich an einem Fenster blicken, keine Hofdamenschleppe rauschte durch die steinernen Corridore, der Officier in der Wache konnte dem Sergeanten ganz ruhig das Aufziehen der Mannschaften überlassen; es kam kein Wagen mehr in den Hof gefahren, vor dem die Wache hätte in's Gewehr treten müssen. In der Schloßküche hatten die paar Köche, die nicht mit auf die Reise genommen oder beurlaubt worden waren, gute Zeit; und wenn nicht das alte Fräulein Sara Gutmann jeden Tag ein besonderes Diner und Souper nöthig gemacht hätte, würden sie ihre Kunst gar nicht haben üben können. Aber Fräulein Sara Gutmann war in diesem Punkte unerbittlich. Fräulein Sara Gutmann aß gern gut und that nicht selten des Guten zu viel, und sie ärgerte sich, daß Silvia so wenig aß und manchmal die Speisen kaum berührte. Freilich war dies nicht der einzige Punkt, in welchem sie sich über Silvia ärgerte; ja sie ärgerte sich eigentlich nur noch über Silvia, so daß es ihr oft sehr schwer und manchmal geradezu unmöglich war, die Maske der Huld und Liebe vor ihrem wahren Gesicht zu behalten. Wenn ich das gewußt hätte! murmelte Tante Sara oft, wenn sie, was jetzt häufig genug vorkam, in ihrem Zimmer allein war, wenn ich das gewußt hätte! Es war aber auch wirklich ärgerlich! Anstatt einer Gesellschafterin, die ganz von ihr abhängig war, die sie deshalb nach Gefallen ausschelten und quälen konnte, eine junge Dame bei sich zu haben, auf die man die größten Rücksichten nehmen mußte, Rücksichten nach allen Seiten. Man mußte die Worte berechnen, die Mienen berechnen, denn ein Wort, eine Miene, ein Nichts konnte dies wunderbare Geschöpf beleidigen. Tante Sara hatte gehofft, daß sie, wenn auch nur sehr vorsichtig, sehr allmälig, den alten Ton einer freien Unterhaltung, in der sie eine vollendete Meisterin war, würde wieder aufnehmen können; aber das Mädchen war zu einfältig, zu dumm! Keine Anspielung verstand sie, die witzigste Zweideutigkeit fand bei ihr taube Ohren. Und immerfort über ernste Dinge sprechen – das war denn doch auf die Dauer zu langweilig, ja geradezu unmöglich. Tante Sara fand, daß ihr Vorrath nach dieser Seite hin schnell auf die Neige ging und zuletzt ganz erschöpft war, so daß in der Unterhaltung die peinlichsten Pausen entstanden. Und nun die Lectüre! Tante Sara las selbst sehr gern und ziemlich viel, aber es mußten denn doch Bücher sein, an denen Jemand, der die Welt kennt, Gefallen findet, aus denen er zur Noth noch etwas lernen könnte. Tante Sara hatte gefunden, daß sich zu diesen Zwecken die französische Roman-Literatur, besonders des letzten Viertels des vorigen Jahrhunderts, ganz besonders eignete. Da war Witz, da war Feinheit, da war die intimste Kenntnis der gesellschaftlichen Beziehungen, da war ein prickelnder Reiz, der die erschlafften Nerven auf die angenehmste Weise anregte. Und nun hatte sie die Unvorsichtigkeit begangen, in den ersten Tagen eine leidenschaftliche Vorliebe für deutsche Classiker, zumal für Goethe, an den Tag zu legen, hatte sich so darauf gefreut, mit einer gleichgestimmten Seele die seltener gelesenen Partien der Werke des großen Mannes zu durchstreifen, den zweiten Theil des Faust, die Wanderjahre! O, diese Wanderjahre! Tante Sara wurde fast wahnsinnig über den Wanderjahren! und doch konnte nicht leicht eine Stimme melodischer sein, als die der Vorleserin. Tante Sara gebrauchte die Vorsicht, sich tief in die Causeuse zurück zu lehnen, daß Silvia, wenn sie unversehens einmal vom Buche aufschaute, ihr Gesicht nicht erblicken konnte; sie fühlte, daß sie nicht im Stande war, ihre zornerregten Mienen so schnell in das nöthige Lächeln umzuwandeln. Das war noch nicht Alles. Selbst auf ihren Umgang hatte Tante Sara zu Gunsten dieses starrköpfigen Mädchens so gut wie verzichten müssen; ja sie lebte jetzt in einer beständigen Angst, wenn sie eine oder die andere Dame, einen oder den anderen Herrn in Silvia's Gegenwart empfangen mußte. So äußerlich höflich Silvia auch war, man sah es ihr deutlich genug an, und sie hatte es, auf Befragen, kein Hehl, daß diese Herren und Damen sie nicht anzogen, daß der Inhalt der Gespräche, die sich fast ohne Ausnahme um ihr unbekannte, in den Hofkreisen bedeutende Persönlichkeiten drehten, sie langweilte. Glücklicherweise konnten jetzt, da die meisten von Tante Sara's Bekannten auf Reisen waren, nur sehr Wenige kommen, und sie hatte also nach dieser Seite hin einige Ruhe. Freilich blieb noch genug, was Tante Sara ernstliche Sorge machte. Sie hatte sich in nervenschwachen, migränegequälten, dunklen Stunden immer die Möglichkeit vorgestellt, daß die Verrätherei des Castellans Lippert oder irgend ein böser Zufall die Entdeckung ihrer früheren Verbindung mit dem General herbeiführen könnte. Nun war durch das neuliche, so ganz unerwartete Erscheinen Ferdinand's diese Möglichkeit in die unbequemste Nähe gerückt. Sie schauderte, wenn sie dachte, Ferdinand könne diesen Besuch wiederholen wollen – und wozu war der junge Mensch, der allem Anscheine nach rücksichtslos und gewandt genug war, nicht im Stande! Sie hatte nach und nach herausgebracht, was Ferdinand zu diesem Besuch veranlaßt hatte, und diese Entdeckung war wiederum äußerst besorgnißerregend. Ferdinand haßte Leo, hatte Ursache ihn zu hassen; war – woran Tante Sara am wenigsten zweifelte – von dem Willen beseelt, sich zu rächen, und auch wohl der Mann, seinen Willen durchzusetzen. Er hatte offenbar Silvia gegen Leo einnehmen wollen, was wiederum eine sehr genaue Einsicht in die Sachlage und die obwaltenden Verhältnisse verrieth. Es war kein Zweifel, daß er ein sehr scharfes Auge auf Silvia, mithin auch auf sie selbst gerichtet halten würde – Tante Sara's Gesicht verzerrte sich bei diesen Gedanken zu einem Ausdruck, der kaum noch menschlich zu nennen war. Wäre es nicht besser gewesen, sie hätte das Kind gleich nach seiner Geburt getödtet, als daß es leben sollte, ihr zur beständigen Qual! Was hatte sie daran verhindert, es zu tödten, als die alberne Sentimentalität des Generals, der ihr einredete, wie leicht das Kind an Stelle des eben gestorbenen, wenige Tage älteren Kindes der Frau Lippert unterzuschieben sei: wie leicht – ja wohl! es ist leicht genug, eine Dummheit zu machen, aber sehr schwer, die Folgen dieser Dummheit sein ganzes Leben tragen zu müssen! Der Geiz gehörte nicht zu Tante Sara's Schwächen. Sie konnte ihr Geld mit vollen Händen ausgeben, wenn es nöthig war, und hier schien es dringend nöthig. Sie stellte dem General eine verhältnißmäßig sehr bedeutende Summe zur Verfügung, um mittelst derselben Ferdinand zu vermögen, sein Glück in Amerika, oder wo sonst immer, wenn es nur in möglichst großer Ferne war, zu versuchen; aber merkwürdigerweise war Ferdinand gegen diese Anerbietungen gänzlich taub geblieben. Er wisse die Güte des Generals vollkommen zu schätzen, aber er ziehe den Aufenthalt in der Residenz jedem anderen Aufenthalt vor. – War das bloßer Eigensinn? oder steckte mehr dahinter? Tante Sara fürchtete sehr das Letztere. Was war zu thun? Tante Sara bot ihren ganzen Scharfsinn auf; ein paarmal fragte sie sich sogar, ob es nicht das Beste wäre, Ferdinand anzuerkennen; natürlich, indem sie zugleich das Hofleben quittirte, denn der Skandal, in diesen Jahren eine solche Jugendthorheit anerkennen zu müssen, würde sie selbstverständlich aus dem Schlosse treiben. Aber dann: sie war an dies Leben zu sehr gewöhnt, und wenn sie sich auch wirklich ein kleines Vermögen von siebzig- bis achtzigtausend Thalern zurückgelegt hatte, sie konnte sich damit nicht die Hälfte der Annehmlichkeiten bereiten, die ihr durch die Gnade des Königs so mühelos zuflossen. So blieb denn nichts übrig, als Ferdinand weiter zu hassen, wie sie ihn bisher gehaßt hatte, und das war es denn auch, was Tante Sara schließlich that. Die sehr bedeutende Summe indessen, die sie dem General gegeben, bekam Tante Sara nicht wieder. Der General war fast beständig in Geldverlegenheit; der Castellan Lippert war in letzter Zeit unter dem bekannten Vorwande wiederholt bei ihm gewesen, und dieser Tribut wurde, nach altem Uebereinkommen, vom General und ihr gemeinsam geleistet; schließlich brauchte der General zu der Reise, zu der er durch den Wunsch des Königs so plötzlich sich gezwungen sah, abermals Geld. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Sara denn auch die Verlobung Leo's und Josephe's. Der General, der sich bewußt war, diese Angelegenheit sehr selbstständig betrieben zu haben, legte einen großen Nachdruck darauf, daß die Verbindung das Werk des Königs sei, gewissermaßen auf seinen Befehl stattgefunden habe, und er war nicht wenig erfreut, als Sara mit einer ungewöhnlichen Bereitwilligkeit ihre nachträgliche Einwilligung gab. In der That kam ihr die Sache sehr gelegen. Der König hatte beständig wissen wollen, ob Silvia ihren Vetter liebe; sie hatte Seine Majestät über diesen Punkt immer zu beruhigen gesucht; nun war die Schwierigkeit ja auf einmal gehoben. Für ein so tugendhaftes Mädchen, wie Silvia, war von diesem Augenblicke an Leo nur noch ein Freund, und der König durfte wieder hoffen. Hoffen? Sara lächelte ihr hämischstes Lächeln. Gott! es war ja Alles ein unschuldiges Spiel! – Wie würde ich meines Bruders Kind einer wirklichen Gefahr aussetzen? nicht wahr, Excellenz? wir Beide können uns dafür verbürgen, daß Niemandem ein Leides geschieht? Auf diese Bemerkung Sara's hatte auch der General sein altes Gesicht in lächelnde Falten gezogen und dann mit nachdenklicher Miene gemeint: Ich will nur wünschen, daß die junge Dame uns keinen Strich durch die Rechnung macht und sich den Verlust des Vetters nicht allzusehr zu Herzen nimmt. Denn daß sie ihn liebt, ist wohl unzweifelhaft, und sie scheint mir zu den Personen zu gehören, die Alles so unbequem ernsthaft nehmen. Ja wohl! unbequem ernsthaft! Sie brachte Tante Sara fast zur Verzweiflung, diese unbequeme Ernsthaftigkeit! Tante Sara hatte genau darauf geachtet: seit der Abreise des Königs und Leo's hatte sie nicht ein einzigesmal gelacht, ja nicht einmal gelächelt. Ahnte sie, daß Leo ihr verloren sei? oder wußte sie es vielleicht schon gar? hatte Leo oder der König selbst es ihr an dem letzten Abend, als man sie so rücksichtslos fortgeschickt hatte, gesagt? Nun, die Sache mußte sich ja bald genug entscheiden; die öffentliche Anzeige, schrieb ihr der General aus dem Bade, würde an einem der nächsten Tage erfolgen. Sie gönnte dem stolzen Mädchen, das ihr so unbequem war und dem sie doch fortwährend schmeicheln mußte, von Herzen den Schmerz, den ihr die Nachricht aller Wahrscheinlichkeit nach bereiten würde. Vielleicht machte überdies die Gewißheit, sich verschmäht zu sehen, die Stolze auch ein Bischen weniger stolz. Edle Seelen werden, wenn sie in der Liebe Unglück haben, um so empfänglicher für die Reize der Freundschaft. Silvia war ja eine edle Seele; auch der König cultivirte in letzterer Zeit den Edelmuth; die beiden edlen Geister mußten sich denn also um so leichter finden. So bedachte Sara Alles im Voraus, und nur Eins bedachte sie nicht: die Möglichkeit, daß Silvia eines Tages sie wieder verlassen und zu ihrem Vater zurückkehren könnte. Und doch war die Sehnsucht nach dem Vater, das Verlangen, zu dem Vater zurückzukehren, seine Kniee zu umfassen und womöglich zu sterben, das Einzige, wofür Silvia noch lebte. Sie dachte daran, wenn sie nach kurzem, unruhigem, von wilden Träumen gequältem Schlaf die Augen öffnete und die goldenen Streifen sah, welche die geschäftige Sommersonne durch die Ritzen der Vorhänge in ihr Zimmer warf; sie dachte daran, wenn sie schlummerlos dalag und beobachtete, wie an der Wand das fahle Mondlicht langsam, langsam weiter rückte; sie dachte daran, wo sie ging und stand; sie dachte daran, bis sie von allem Denken dieses einen, einzigen Gedankens fast wahnsinnig wurde. Wie ein gänzlich erschöpfter Wanderer, der sich mühsam auf staubiger, schattenloser Straße weiter schleppt, fortwährend Quellen rieseln und Bäche rauschen zu hören glaubt, so sah Silvia, wenn ihr Auge sich vor der Sonnengluth schloß, die sie von überallher anstierte, immerdar den kühlen Schatten ihres Heimathswaldes, so hörte sie immerdar das Plätschern und Murmeln und das zornige Donnern ihres Baches, wie er die lange Felsentreppe bis zum Bassin herabkam, hier wie geschmolzenes Silber über eine glatte Stufe fließend, um unten in Schaum zu zerkochen, dort in jähem Anprall an einem Felsen sich aufbäumend, und hier wieder in kühnem Strahl durch eine Spalte sich drängend; und immer rastlos, rastlos, und immer frisch und labend mit seinem kühlen, keuschen Athem! Sonderbar! fortwährend tauchten längstvergessene Bilder der Vergangenheit in ihrer Seele auf, Scenen aus der frühesten Kindheit: wie sie einmal des Morgens früh an des Vaters Hand in den Wald gegangen war und nach den bunten Schmetterlingen gehascht hatte, die vor ihr auf dem grünen Moosgrunde tanzten; wie sie, als der Vater eines Abends von einer Geschäftsreise zurückkam, auf dem Dache der Hundehütte gestanden und: hier ist Silvia, Vater! gerufen hatte, bis der Vater gekommen, sie in seine Arme genommen und geküßt hatte! Und immer war es des Vaters ernstes, braunes Gesicht, das mit den guten, treuen, blauen Augen in diese Geschichten hineinblickte, und immer war es des Vaters Gestalt, die durch diese Geschichten wandelte; und über der lieben Gestalt und dem Kinde, das seine Kniee umspielte, wehten die Zweige der Waldbäume von Tuchheim, und aus der Ferne blickten die abendrothbeleuchteten Berge von Tuchheim still herüber. Ja, wieder ein Kind sein! wieder sein Kind sein! Was würde er sagen, wenn sie nun aus dem Walde träte? – kein Wort, aber an sein Herz würde er sie ziehen, und sie da lange, lange halten, bis sich der erste drückende Schmerz in Thränen aufgelöst. Jetzt konnte sie nicht weinen; ihre Augen waren starr und trocken, und zwischen den Augen war eine Stelle, die schmerzte, als ob ein heißes Siegel darauf gedrückt wäre, aber es war nur von dem vielen, vielen, immer auf Einen Punkt gerichteten Denken. Warum bin ich noch hier? das fragte sich Silvia jeden Tag. Was war es, was sie zurückhielt? Sie hatte es anfänglich doch so gut gewußt; aber jetzt wußte sie es gar nicht mehr so gut. Es war, als träumte sie Alles nur, und wäre deshalb nicht im Stande, den einen Grund vom anderen zu unterscheiden, welches der wahre und welches der falsche, oder ob sie nicht vielmehr beide falsch seien; und als brauchte sie nur einen Augenblick aufzuwachen, um Alles sofort klar zu wissen, und könnte doch nicht aufwachen, so sehr sie danach strebte. Ich liebe Dich nicht! Es war ihre eigene Stimme, die das immerfort sagte! Aber wie konnte sie selbst das sagen, da es nicht die Wahrheit war? da sie ihn ja doch mit aller Gluth ihrer Seele, mit verzehrender Leidenschaft liebte? Wer war dies unheimliche Schattenwesen, das mit ihrer Stimme sprach? mit ihrer Stimme Dinge sprach, die sie gar nichts angingen, da ihre Seele nichts davon wußte? Die Tante und die alten Damen, die die Tante besuchten, sahen sie manchmal so sonderbar an, als merkten sie wohl, daß sie es nur mit einem Schattenwesen zu thun hätten, das mit einer schattenhaften Stimme Dinge sprach, von denen die Seele nichts wußte. Oder liebte sie ihn wirklich nicht? Es wäre doch zu seltsam, wenn die Stimme mit solcher Hartnäckigkeit an dem Einen Worte haften sollte, ohne daß etwas Wahres daran gewesen wäre. Die Stimme drückte sich nur vielleicht nicht richtig aus und wollte sagen: Ich liebe Dich nicht mehr. Ja, ja, das war es! Der Mann, der eine Josephe zu seiner Gattin machen konnte, nur weil es in seine politischen Combinationen so paßte, der, ohne mit der Wimper zu zucken, sich öffentlich zu Ansichten bekennen konnte, die er in der Tiefe seiner Seele verabscheute und verachtete, dem nicht die Heiligkeit seines Werkes den Erfolg verbürgte, sondern jedes Mittel recht war, wenn es nur Erfolg hatte – einen Erfolg, den diese schlimmen Mittel gänzlich entheiligten – den Mann liebte sie nicht, hatte sie nie geliebt! Sie hatte den Mann geliebt, der mit der stolzen Stirn und dem stolzen Wort des Propheten vor sie hingetreten war, als er sie nach jener langen Trennung wiedersah; und mehr noch, viel mehr noch – sie wußte es jetzt ganz gewiß – hatte sie den düsteren Knaben geliebt, der sie in der Giebelstube des Försterhauses von Tuchheim Lateinisch lehrte, der an ihrer Seite stand in der Kirche von Tuchheim, als die Orgel brauste und die Staubatome in den schrägen Sonnenstreifen wirbelten, die durch die schmalen, hohen Fenster fielen! Den hatte sie geliebt! Aber hatte nicht der Mann einfach nur gehalten, was der Knabe versprochen? hatte der Knabe sich je für etwas Anderes gegeben, als für das Werkzeug der Idee, die Gewalt über ihn hatte? je etwas Anderes gewollt, als seinen Willen? Und dies war, was er gewollt? So war sein ganzes Leben ein ungeheurer Irrthum, und so war denn auch ihr eigenes Leben ein leerer, jedes Inhalts beraubter Wahn! War sie wahnsinnig? wahnsinnig geworden? oder war sie es schon längst gewesen? Nein, sie war es nicht. Sie wußte ja Alles ganz wohl, wußte, daß sie ihn nicht mehr liebte, aber daß sie doch nicht zum Vater konnte, bevor der einst Geliebte zurückgekehrt, bevor der König zurückgekehrt und sie ihm gesagt, daß sie zu ihrem Vater wolle, zu ihrem Vater müsse. Der König hatte ein Herz, das zu begreifen; er würde ihr nicht zürnen, würde ihr Fortgehen Niemandem entgelten lassen. Das war sie sich schuldig. Sie, die sich schon so schuldig fühlte, konnte nicht mit einer neuen Schuld beladen von hier gehen. Es war ja nicht mehr so lange; ihr Kopf würde es wohl noch bis dahin aushalten, und das Herz in ihrer Brust war ja todt. Nicht ganz; es zuckte seltsam, als sie eines Tages – ganz zufällig, denn sie hatte lange nicht mehr den Muth gehabt, die Zeitungen zu lesen, und einen Brief, in welchem Charlotte es ihr geschrieben, hatte die Tante, wie schon einige von derselben Hand, unterschlagen – las, daß ihr Bruder schon seit Wochen im Gefängnisse sei. Es war ein reactionäres Blatt, welches diese Mittheilung nur machte, um ein paar hämische Bemerkungen über Walter's Zeitung daran zu knüpfen, die sich, wahrscheinlich in Folge der Abwesenheit ihres verantwortlichen Redacteurs, nur um so ungenirter in unverantwortlichen Angriffen gegen alles Heilige ergehe. Großer Gott! Ihr Bruder, ihr einziger Bruder, mit dem sie ihre Jugend verspielt, ihre ersten Mädchenjahre verträumt, der sie so sehr geliebt hatte, gefangen! Und sie wußte es nicht! Sie wußte nichts von seiner Zeitung? War sie denn wirklich ganz vergessen von den Ihren, ganz ausgestoßen? Aber welches Recht zum Klagen hatte sie! sie! An demselben Tage nahm Silvia, als es Abend wurde, Hut und Schleier, und ging und kaufte ein Rosenbouquet. Dann fragte sie nach dem Stadtgefängnisse, fragte sich weiter, bis sie zu dem Gitterthor gelangte, das ihren Bruder von der Freiheit ausschloß. Den Pförtner bestach die bange Stimme, mit der die verhüllte Dame ihn fragte, ob er das Bouquet wohl an Walter Gutmann geben könnte, mehr als das Goldstück, das sie ihm durch das Gitter hindurch in die rauhe Hand drückte. Er könne der Dame auch eine Zusammenkunft mit dem Gefangenen verschaffen, es kämen öfter Damen zu dem Gefangenen. Aber das wollte die Dame nicht, sie fragte nur, ob sie wiederkommen und dem Gefangenen Blumen bringen dürfe. Und seit dem Tage ging sie jeden Abend, zu Tante Sara's nicht geringer Verwunderung und Beunruhigung, aus und kaufte Blumen und brachte sie an das Gitterthor, und schleppte sich dann durch die heißen, dunsterfüllten Straßen zurück nach dem Schlosse. In dem Schlosse war es plötzlich wieder lebendig geworden. Die Rouleaux an den Fenstern wurden aufgezogen, um die frische Luft in die hohen, öden Gemächer dringen zu lassen; die Prunkmöbel wurden ausgeklopft, die Gaze-Ueberzüge von den Kronleuchtern und Candelabern genommen. Es war die Nachricht gekommen, daß der königliche Herr in Folge der immer drohender werdenden Kriegsaussichten seine Hesperidenfahrt habe aufgeben müssen und schon in wenigen Tagen in seiner Haupt- und Residenzstadt wieder eintreffen werde. Vierzigstes Capitel. In dem Palais des Prinzen hatte seit der Rückkehr des Königs, die vor einigen Tagen erfolgt war, ein ganz besonders reges Leben geherrscht; auch heute war sein Cabinet von Personen, mit denen er wichtige Berathungen gepflogen, nicht leer geworden. Die Tafel hatte sehr spät stattgefunden, nichtsdestoweniger war noch nach derselben eine Audienz angesetzt, weil die betreffende Person erst vor einer Stunde, auf eine telegraphische Ordre des Prinzen hin, von der Reise zurückgekehrt war. Der Prinz hatte seine Gäste entlassen und war in sein Arbeitszimmer zurückgekehrt. Er ging ein paarmal in dem Gemache auf und ab, trat dann an den großen Schreibtisch, fing an unter den dort liegenden Papieren zu kramen, wendete sich aber sogleich um, als ein Diener in der Thür erschien, um zu melden, daß der Freiherr von Tuchheim im Vorzimmer sei und um die Gnade bitte, vorgelassen zu werden. Soll kommen! rief der Prinz, die Papiere aus der Hand legend und dem Eintretenden mit großer Lebhaftigkeit entgegengehend. Nun, mein lieber Freiherr, wir haben ja lange auf uns warten lassen! Ich bin Tag und Nacht gefahren, um dem Befehl Eurer königlichen Hoheit nachzukommen, erwiederte Henri, mit tiefer Verbeugung die dargereichte Hand des Prinzen an seine Lippen führend. Ich zweifle daran nicht, entgegnete der Prinz, aber es ist schlimm genug für einen Fürsten, daß er in Augenblicken wie diese seine Freunde erst herbeirufen muß. Freilich! freilich! von einer Hochzeitsreise läßt man sich nicht gern einen Tag stehlen! Die Reise war für mich nicht sehr freudig, königliche Hoheit. Ein Hochzeitsfest auf der Reise, in Begleitung eines todtkranken Schwagers, den man wenige Tage darauf begraben muß, ist ein ziemlich melancholisches Fest. Der Prinz war an einen Nebentisch getreten, hatte sich eine Cigarre angezündet und sagte, sich umwendend: Wollen Sie meinem Beispiele folgen, lieber Tuchheim? Ach! Sie rauchen nicht! Was ich sagen wollte: Es thut mir leid, daß Sie gerade jetzt das treffen mußte; indessen, lieber Tuchheim, wenn ich mich recht erinnere, deuteten Sie mir einmal an, daß die Mitgift, die Ihnen Ihr Herr Schwiegervater geben könne, eine ausreichende Entschädigung für den jungen Adel Ihrer Gemahlin sein würde; und diese Entschädigung ist ja wohl durch den Tod Ihres Herrn Schwagers nicht kleiner geworden? Nun, Sie wissen, daß ich es gut mit Ihnen meine. Die Promptitude, mit der ich vor Ihrer Abreise Ihnen den Landrath verschafft habe, ist von Ihnen hoffentlich nicht vergessen. Ich sehe, daß der Erfolg unserer Absicht entsprochen hat. Herr von Sonnenstein begriff, daß ich mich nicht ohne Frau für den Winter in die Einsamkeit meiner Güter vergraben könne und hatte deshalb weniger gegen die Beschleunigung der Hochzeit. Nun, und das war ja wohl, was wir wünschten. Sie sehen, ich behandle die Angelegenheiten meiner Freunde wie meine eigenen. Ich weiß die Gnade Eurer königlichen Hoheit zu würdigen. Das können Sie jetzt beweisen. Die Zeit ist danach. Sind Sie über unsere politische Lage informirt? So weit das Jemandem, der von der Residenz so lange entfernt war, möglich ist – ja. Glauben Sie, daß wir losschlagen müssen? losschlagen können? Henri warf einen schnellen, scharfen Blick auf den Prinzen und antwortete: Unbedingt. Warum? Königliche Hoheit kennen ja mein Programm von dem, was geschehen muß, wenn unserem Staate die politische Machtstellung werden soll, die ihm gebührt. Die Gelegenheit ist günstig, wie nie. Die so lange behauptete Neutralität hat unser Gewicht auf das Minimum herabgedrückt; mein patriotisches Herz blutet, wenn ich daran denke, und daran, was ich draußen über uns habe sagen lassen müssen, weil ich es nicht in Abrede stellen konnte. Das wäre, was unsere äußere Lage betrifft. Für unsere innere ist die Sache kaum minder einfach. Ein zum Kampf gerüstetes, in den Kampf ziehendes Heer, das heißt: Eure königliche Hoheit an der Spitze dieses Heeres; Eure königliche Hoheit einmal an der Spitze eines kampflustigen und – woran ich nicht zweifle – siegreich zurückkehrenden Heeres, das heißt: Abdankung des Königs und königliche Hoheit Protector des Reiches. Sie wählen da einen verdammt – republikanischen Titel für mich, lieber Freund! sagte der Prinz. Henri biß sich auf die Lippen. Verzeihen königliche Hoheit, sagte Henri in leiserem Tone, wenn der treue Diener in dem Eifer für die Person und die Sache seines gnädigsten Herrn nicht immer sogleich die schicklichen Ausdrücke findet; aber die Sache ist doch, wie ich anzunehmen wage, dieselbe, welche ich meine und die mein gnädigster Herr meint. Das kommt darauf an, sagte der Prinz, je nach den Mitteln, die wir in Bewegung setzen. Ich gestehe Ihnen, lieber Tuchheim, wenn ich zu meinem Ziel gelangen kann, ohne daß ich nöthig hätte, gegen meine fürstlichen Brüder, die doch schließlich so souverän sind, wie ich, zur Gewalt zu schreiten – lieber wäre es mir immer. Der Prinz hatte sich nach dem Fenster gewendet und blickte, starke Wolken aus seiner Cigarre ziehend, in den Hof hinab, wo eben die Laternen angezündet wurden. Ueber Henri's Gesicht flog ein Lächeln bitterster Verachtung. So hatte der Prinz vor einem Jahre, vor zwei, drei Jahren nicht gesprochen, als Niemand daran dachte, daß die großen Pläne, mit denen er und seine Freunde sich trugen, aus der Sphäre einer pikanten Tischunterhaltung so bald heraustreten würden, und heute – heute, wo es galt, ganz bereit zu sein, um jeden Augenblick mit vollstem Nachdruck handeln zu können – heute waren mit einemmale die Fürsten seine Brüder, waren ebenso souverän wie er! Und einen solchen Mann mußte man seinen gnädigsten Herrn nennen, mußte auf ihn alle Hoffnungen einer großen staatsmännischen Zukunft setzen! Nun, Sie sprechen ja nicht, sagte der Prinz mit ärgerlicher Stimme, indem er sich vom Fenster wieder in das Zimmer wendete. Ich hoffte, daß königliche Hoheit die Gnade haben würden, mir Ihr neues Programm wenigstens anzudeuten. Ich möchte ungern mit Ansichten hervortreten, die von Eurer königlichen Hoheit nach reiflicherer Ueberlegung, wie es scheint, gänzlich aufgegeben sind. Nun ja, lieber Tuchheim, erwiederte der Prinz, wenn man so endlich an die Sache herankommt, sieht sie wenigstens verteufelt anders aus, als vorher; überdies – doch davon ein andermal. Sie sind ja nun hier, und auf Ihren Posten gehen Sie jetzt selbstverständlich nicht; ich werde von Messenbach eine Verlängerung Ihres Urlaubs bewirken. Königliche Hoheit überschütten mich mit Gnade. Wie glauben königliche Hoheit, daß der König von den Ministern jetzt berathen ist? Ich glaube noch immer, wir könnten Herrn von Hey nöthigenfalls ganz so haben, wie Hoheit will. Aber ich will ihn nicht! rief der Prinz heftig – diesen plebejischen Armeelieferanten-Enkel, diesen krummbeinigen Büreaumenschen! Ich hasse den Mann, und er soll es entgelten, er und sein ganzer Anhang, wenn ich erst einmal den Gaul ordentlich zwischen den Beinen habe. Pah! wer könnte dieses Geschmeiß nicht haben! Ich sage Ihnen, sie haben mir schon die schönsten Avancen gemacht; und das bestärkt mich mehr als alles Andere in der Ansicht, daß es mit meinem königlichen Vetter wirklich nicht zum besten steht. Weber halte ich für einen Charlatan, der mir nur nach dem Munde redet. Ich bin ein gerader, ehrlicher Mann und kann die Schleicher nicht leiden. Henri wußte nicht recht, was diese Phrase, die der Prinz sehr oft anwendete, gerade hier solle; indessen nickte er zustimmend mit dem Kopf, um seinen gnädigsten Herrn zu weiteren und hoffentlich wichtigeren Mittheilungen zu veranlassen. Der Prinz fuhr denn auch alsbald fort: Ich traf Weber nämlich gleich nach der Rückkehr des Königs, am Freitag der vergangenen Woche, in einer Soirée bei der Prinzeß Philipp Franz. Da ich sah, daß der Mann durchaus angeredet sein wollte, winkte ich ihn zu mir; er machte mir, Sie können sich denken, mit welcher Vorsicht, höchst merkwürdige Andeutungen über den Gesundheitszustand des Königs – sehr merkwürdige Andeutungen, so merkwürdig, daß ich wirklich stutzig geworden bin und nicht weiß, was ich glauben soll. In der That! sagte Henri, dessen ganze Aufmerksamkeit bei den letzten Worten des Prinzen rege geworden war; dann möchte ich Eurer königlichen Hoheit den unmaßgeblichen Rath geben, ausnahmsweise einmal dem Geheimrath zu trauen. Er würde es nicht gewagt haben, so weit heraus zu gehen, wenn er nicht sicheren Grund für seine Mittheilungen gehabt hätte. Sie sprechen ja schon, als wüßten Sie, um was es sich handelt! sagte der Prinz, den Kopf hebend. Meine Bemerkung hatte einen allgemeinen Sinn, königliche Hoheit! Nun denn, aber ganz im Vertrauen, lieber Tuchheim – Sie dürfen die Wände nicht hören lassen, was ich Ihnen sage – die Gesundheit des Königs ist in der That in der traurigsten Verfassung, sein Gehirn soll bereits gelitten haben, eine weitere Ausbreitung des Leidens unabwendbar sein. Henri hatte Mühe, das freudige Erschrecken, das ihn bei des Prinzen Worten befiel, hinter der Miene eines anständigen Erstaunens zu verbergen. Wenn dies sich wirklich so verhielt, so stand ja die Erfüllung seiner kühnsten Hoffnungen vor der Thür. Aber verhielt es sich wirklich so? Er saß sehr nachdenklich da, während der Prinz einige allerdings sehr sonderbare Beobachtungen mittheilte, welche der Geheimrath, der den König auf der Reise begleitet hatte, unterwegs gemacht haben wollte, und sprang endlich, in der Unruhe der in ihm wühlenden Gedanken, von seinem Sitze auf. Der Prinz, der ebenfalls sehr erregt war, bemerkte diese Unschicklichkeit nicht; er erhob sich ebenfalls; die beiden Männer gingen eine Zeitlang nebeneinander schweigend auf und ab. Endlich begann Henri: Ich habe nur einen Grund, aber freilich einen sehr triftigen, der mir bei reiflicher Ueberlegung die Wahrheit der Mittheilung des Geheimraths doch wieder zweifelhaft macht. Verstatten königliche Hoheit, daß ich diesen Grund angebe? Nun? sagte der Prinz. Es befindet sich jetzt in der Nähe Sr. Majestät Jemand, dessen natürlicher Scharfblick in diesem Falle um so höher angeschlagen werden muß, als er selbst Arzt und, wie ich alle Ursache anzunehmen habe, ein sehr ausgezeichneter Arzt ist. Dieser Mann, königliche Hoheit, hat seine ehrgeizigen Pläne darauf berechnet, daß Se. Majestät mindestens noch einige Jahre am Regiment ist, und es wird mir schwer zu glauben, daß er sich so arg verrechnet haben sollte. Sie sprechen von dem Menschen, dem Doctor Gutmann, sagte der Prinz. Ja, königliche Hoheit. Wissen Sie, daß dieser Mann Ihre schöne Cousine heirathen wird? Ich erfuhr es schon in Nizza. Und daß der König ihm den Adel verliehen hat? Ich las es auf dem Rückwege in der Zeitung. Sie sagen das sehr ruhig. Freilich, Sie müssen sich an Mesalliancen in Ihrer Familie nachgerade gewöhnt haben. In Henri's Gesicht flammte eine zornige Röthe auf; er hatte eine heftige Erwiederung auf den Lippen, aber er bezwang sich und sagte ruhig: Königliche Hoheit verkennen mich, wenn Sie annehmen, daß ich das Unglück, das meine Familie in Folge der Extravaganzen meines verstorbenen Vaters getroffen hat, nicht als Unglück in tiefster Seele empfinde. Aber die Gesetze verstatten mir keine Autorität über meine Schwester, und was diesen neuesten – Affront anbetrifft, der meiner Familie angethan ist, so hätte ich die größte Lust, mit den Waffen in der Hand Genugthuung dafür zu fordern, wenn ich diese Waffe nicht zuerst gegen den Bruder meines Vaters wenden müßte. Verzeihen Sie, lieber Tuchheim, ich habe Sie nicht beleidigen wollen, sagte der Prinz, Henri die Hand bietend, aber mir läuft die Galle über, sobald ich nur den Namen dieses Schuftes erwähnen höre. Indessen, wie ich die Sache ansehe, ist das Alles nur ein Grund mehr, Weber's Mittheilungen für nicht aus der Luft gegriffen zu nehmen. Diese unerhörte Protection eines solchen Menschen – das übersteigt ja doch Alles, was er bis dahin nach dieser Seite geleistet hat. Wissen Sie denn, daß man hier alles Ernstes von einem Ministerium spricht, zu dem Ihr Onkel den Namen und dieser Mensch und der Geheimrath Urban den Verstand hergeben sollen? Ist das nicht, um den Verstand zu verlieren! Der Prinz lachte laut; aber Henri hörte deutlich genug, wie wenig dem hohen Herrn das Lachen von Herzen kam; auch fuhr er alsbald, die Cigarre mit einer zornigen Geberde wegschleudernd, fort: Aber Ihr Onkel soll mir das büßen, und jene Schufte sollen es büßen. Was! habe ich mich Jahre lang von solchen Menschen, wie Hey und Genossen, malträtiren lassen müssen, um nun noch dies zu ertragen? Wissen Sie denn, daß der Schuft es wahrhaftig schon zu einer Partei unter dem Adel gebracht hat? daß die alte verrückte Baronesse Barton ihn offen protegirt? daß Ihr Freund, der Marquis de Sade, mit einer ganz französischen Frechheit ihn in einer Gesellschaft bei dem alten Hasseburg den Mann unserer Zukunft genannt hat? Wissen Sie, daß von den frommen Conventikeln, denen Urban präsidirt, ganz systematisch gegen mich agitirt wird? daß man sich sogar nicht scheut, meine Privatverhältnisse einer Kritik zu unterziehen, und die alte Geschichte mit der Eve wieder aufwärmt, mir in den Augen des Publikums zu schaden? wissen Sie das? Zum Teufel, Herr, ich bin ein Mann, der gern seinen geraden, ehrlichen Weg geht; aber das gestehe ich, wenn ich ein Mittel wüßte, dieser Clique ein Bein zu stellen, ich würde es mit dem größten Vergnügen thun. Henri war nicht oft in der Lage gewesen, so mit ganzer Seele in die Wünsche seines fürstlichen Freundes einstimmen zu können, wie in diesem Augenblicke. Er versicherte seine Bereitwilligkeit, dem Prinzen zu dienen, mit einem Feuer, das sichtbar den besten Eindruck auf diesen machte. Ich will Ihnen glauben, lieber Tuchheim, rief der Prinz lachend, will Ihnen um so eher glauben, als Sie in diesem Falle nicht minder vor Ihrer als vor meiner Thür fegen. Ich darf Sie doch nicht zu lange auf Ihrem Landrathsposten lassen; nicht wahr? Und nun gehen Sie! Sie werden der Ruhe bedürfen, und ich muß noch in die Oper. Man kann sich jetzt den Leuten nicht oft genug zeigen. Sie können morgen bei mir speisen, lieber Tuchheim; und dann können Sie mir von Ihrer Reise erzählen. Wie geht's denn der jungen Frau? Wo haben Sie sie verlassen? War der Abschied sehr rührend? Nun, wie gesagt, auf morgen, lieber Tuchheim, auf morgen! Henri stieg die breiten Treppen langsam hinab. Wenn ich ein Mittel wüßte, ihm ein Bein zu stellen, dachte er, ich glaube es gern; wenn ich selbst es nur wüßte. Einundvierzigstes Capitel. Henri rief einen Fiaker an und hieß den Kutscher, ihn nach jenem Restaurant zu fahren, in welchem er so viele Abendstunden seines Junggesellenlebens zugebracht hatte. Der Wirth des Etablissements kam ihm, sobald er seiner ansichtig wurde, entgegen und begrüßte ihn mit tiefen Verbeugungen und verbindlichen Worten, gratulirte ihm nachträglich zu seiner Hochzeit und bezeigte ihm mit bedauerndem Achselzucken und wehmüthigem Kopfschütteln sein Beileid über den Verlust des Schwagers. Ein so junger Mann! Du lieber Gott, der arme Herr Vater! Herr von Sonnenstein und Frau Gemahlin befinden sich hoffentlich wohl? Noch nicht retournirt? Was Sie sagen! da werden der Herr Baron uns ja noch einmal einen Abend schenken können. Sie finden in dem letzten Saal viele von den Herren beisammen; in den Cabinetten ist es noch immer zu warm; Herr von Hasseburg wird da sein, Herr von Hinkel und ich glaube auch Doctor Lippert. Bitte, Herr Baron! Der dienstbeflissene Wirth öffnete die Thür. In dem schönen Gemache – es war das mit der badenden Diana – saßen sieben oder acht Herren, welche, sobald sie Henri erblickten, geräuschvoll von ihren Stühlen auffuhren. Es dauerte eine geraume Zeit, bis sich Henri durch die Fluth von Fragen, die von allen Seiten auf ihn einstürmte, zu einem Platze am Tische durchgekämpft hatte. Laßt ihn doch in Ruhe, Ihr Herren! rief der junge von Hasseburg und versuchte mit seiner krähenden Stimme den Lärm zu überschreien, so ein junger Ehemann von der Reise will doch erst einmal aufgefrischt werden. Kellner, noch eine Flasche und ein Glas! Glauben Sie ihm nicht, Tuchheim, daß er es für Sie thut, rief der junge Lieutenant von Hinkel, seit Ihre Cousine sich mit dem Doctor Gutmann verlobt hat – Von Gutmann, rief Herr von Meusseberg, ein stämmiger Dragonerofficier mit einem weinrothen Gesicht. Ich dächte, die Herren ließen den gar nicht feinen Scherz! rief von Hasseburg ärgerlich. Das Ridicüle der Geschichte ist, däucht mir, weniger auf meiner Seite, der ich einer schönen Dame den Hof gemacht habe, als auf Seiten der schönen Dame, die sich an einen solchen Menschen wegwerfen kann, nachdem sie sich von mir den Hof hat machen lassen. Der prahlerische Ton, in welchem der schmächtige und überaus häßliche Fähnrich diese Worte gesprochen hatte, verursachte dem dicken Herrn von Meusseberg einen Anfall von Lachen, das um so gewaltsamer hervorbrach, je mehr er sich bemühte, es zu unterdrücken. Es stimmten Alle ein, mit Ausnahme Ferdinand's, dessen schönes Gesicht dunkel wie eine Wetterwolke in die lärmende Fröhlichkeit schaute. Was haben Sie, Lippert? fragte Henri, um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben. Ich denke an Alfred von Sonnenstein, erwiederte Ferdinand, mit den großen Augen aufblickend; da, wo Sie sitzen, Baron, hat er noch am letzten Abend gesessen. Henri verfärbte sich; auch die anderen Herren waren plötzlich still geworden. Ferdinand stand auf und verließ den Saal. Was ist denn mit Lippert vorgegangen? fragte Henri. Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß seine Launen anfangen, sehr unbequem zu werden, erwiederte von Hinkel. Mein Gott, die Sache ist doch einfach genug, rief Hasseburg, er hat gehofft, wenigstens nach Sonnenstein's Tode bei Eve zu reussiren, und findet nun schon wieder einen andern Hahn im Korbe. Mein Charge-Pferd gegen Ihren Pony, daß Sie selbst gern dieser Hahn gewesen wären, Hasseburg! rief von Hinkel. Nun, lassen Sie endlich einmal die Schraubereien sein, Hinkel! sagte der Rittmeister von Bärendorff; wir sind jetzt unter uns, Ihr Herren, und Tuchheim wird es uns Dank wissen, wenn wir ihm à propos der Affaire seiner Cousine ernstlich unsere Meinung sagen. Die Sache ist die, Baron, daß wir Alle auf das Aeußerste indignirt sind und daß wir es für unsere Pflicht halten, Sie über die Stimmung, welche in unseren Kreisen gegen Ihren Herrn Onkel herrscht, nicht im Unklaren zu lassen. Es ist gut, wenn man sich, um Mißverständnisse zu vermeiden, unter Freunden offen ausspricht. Aber Sie werden doch nicht glauben, meine Herren, daß ich diese Verbindung gemacht, oder auch nur protegirt habe! erwiederte Henri. Ist uns lieb, das aus Ihrem Munde zu hören, obgleich wir nie daran gezweifelt haben, sagte der Rittmeister. Die Geschichte ist überaus fatal, um so fataler, als sich wirklich Einige, zu denen selbst Hasseburg's Onkel gehört, des Menschen annehmen zu wollen scheinen. Wir sehen in dem Umstande, daß der König einen so notorischen Demokraten und Wühler hat adeln können, einen uns angethanen Affront und sind entschlossen, unsererseits diesen Affront in keiner Weise zu sanctioniren. Wir bedauern Sie aufrichtig, Tuchheim, daß Sie in diese Lage gebracht sind; aber es ist wohl klar, daß Sie Ihre Wahl treffen müssen. Ich dächte, hier könnte von einer Wahl nicht die Rede sein, rief von Hasseburg ... Ich dächte, Sie ließen in dieser Angelegenheit, in der Sie nebenbei kaum unparteiisch sein können, Ihren älteren Kameraden das Wort, sagte der Rittmeister, mit einem unwilligen Blick auf den Fähnrich seinen gewaltigen Schnurrbart streichend. Henri hatte, während so von allen Seiten auf ihn eingesprochen wurde, ruhig dagesessen. Nur der finstere Ausdruck seiner kalten braunen Augen, die er bald auf den Einen, bald auf den Andern richtete, und die Geschäftigkeit, mit der seine kleinen Zähne an der Unterlippe nagten, zeugten von dem, was in seinem Innern vorging. Jetzt warf er den Kopf mit einer kurzen, scharfen Wendung in den Nacken und sagte mit einem Lächeln, das ihm für dergleichen Gelegenheiten immer zu Gebote stand: Ich danke Ihnen, meine Herren, für die warme Theilnahme, die ich aus allen Ihren Worten, selbst wo dieselben mein Ohr weniger angenehm berührt haben sollten, heraus höre. Seien Sie nochmals versichert, daß ich Ihre Gefühle vollständig theile, und daß ich, um mit Bärendorff's Worten zu reden, meine Wahl zu treffen wissen werde. Jetzt aber bitte ich, für heute Abend von dem unliebsamen Thema abbrechen zu wollen. Ferdinand war wieder eingetreten, hatte aber nicht an dem Tische Platz genommen, sondern ging mit verschränkten Armen in dem Saale auf und ab. Die Conversation an dem Tische war sehr einsilbig geworden; das gute Einvernehmen unter den Herren schien gestört; von Hinkel erinnerte daran, daß heute Abend bei dem Legationsrath von Dirkheim ein kleines Spiel gemacht werden solle, und meinte, daß es Zeit sei, dorthin aufzubrechen. Alle erhoben sich; Henri, der zum Mitgehen aufgefordert wurde, lehnte es ab, da er sich ermüdet fühle. Man schien über seine Weigerung nicht sehr ungehalten; eben so wenig wie über Ferdinand's mit fast unhöflicher Kürze abgegebene Erklärung, daß er sich nicht zum Spielen aufgelegt fühle. Henri war es um so erwünschter, daß Ferdinand blieb, als er hauptsächlich um dessenwillen hierher gekommen war. Er ging, nachdem die sporenklirrende, säbelrasselnde Gesellschaft sich entfernt hatte, auf ihn zu und sagte, ihm die Hand bietend: Es ist mir lieb, sehr lieb, daß Sie nicht mitgegangen sind; ich fühle das Bedürfniß, das Gesicht eines mir wirklich befreundeten Menschen mir gegenüber zu haben. So wissen Sie, daß ich Ihnen wirklich befreundet bin? entgegnete Ferdinand, Henri mit jenem eigenthümlich starren Blick, den dieser schon vorher bemerkt hatte, auf Stirn und Augen sehend. Wie soll ich das verstehen? fragte Henri, seine Hand zurückziehend. Pah, rief Ferdinand, wer ist denn heutzutage noch naiv genug, an Freundschaft zu glauben? Wer? Jene edlen Herren etwa, die uns soeben verlassen haben? Gott! Es war ja rührend, die Freude zu sehen, mit der man Sie empfing: aber wenn Sie gehört hätten, wie man noch fünf Minuten vorher von Ihnen sprach, Sie würden sich doch vielleicht gewundert haben. Da waren Sie nicht viel mehr als ein Mensch, mit dem umzugehen eine mindestens zweifelhafte Ehre ist. Was! Ein Mädchen zu heirathen, dessen Großvater oder Urgroßvater – darüber war die Gesellschaft nicht einig – noch mit abgetragenen Hosen gehandelt hatte! Und dann die Schwester! Großer Gott! die Schwester, deren Bräutigam ja wohl im Zuchthause Wolle spinnen mußte! Und nun diese Blamage mit der Cousine! Sapristi , diese Blamage! Wenn mir das passirt wäre, ich wäre in vierundzwanzig Stunden hier gewesen, hätte den sauberen Schwager in spe über den Haufen geschossen, den Herrn Onkel gezwungen, die ganze Sache für eine Verleumdung zu erklären, und hinterher mit seinem Fräulein Tochter die Stadt auf immer zu verlassen. Sehen Sie mich doch nicht so grimmig an! Ich bin doch nicht einer von den biederen Freunden, denen Sie für diese Aufmerksamkeiten verpflichtet sind. Freundschaft! ja wohl, Freundschaft! Liebe, ja wohl, Liebe! Und Ferdinand brach in ein wildes Gelächter aus und warf sich an dem Tische in einen Stuhl, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend. Auf einmal fuhr er wieder in die Höhe und rief: Nein, nein, lassen wir das mit der Freundschaft, Wahrheit, Liebe; und halten wir uns an den Wein, im Weine liegen die Landgüter, die ich nicht besitze, und Sonne, Mond und alle Sterne; im Weine liegt die ganze Welt. Ferdinand stürzte ein Glas hinunter und fing, sich in seinen Stuhl zurücklehnend, mit seiner weichen Baritonstimme die Champagnerarie aus dem Don Juan an zu singen. Henri kannte Ferdinand seit zu langen Jahren, um über die wunderliche Laune desselben irgend erstaunt zu sein, ja, es war ihm lieb, ihn so zu treffen; er wußte, daß Ferdinand in dieser Stimmung immer sehr mittheilsam war. Es war ihm, als ob er unzählige Fragen an diesen Mann zu richten hätte und als ob die, auf welche er zuerst fiel, beiweitem nicht die wichtigste wäre. Wie stand er jetzt zu Eve? Wer war der Andere, der Alfred bereits ersetzt haben sollte? – Wie geht es Ihrer Eve, Lippert? Meiner Eve? fragte Ferdinand, sich in seinem Gesange unterbrechend; meiner Eve? wie käme ich dazu? Er lehnte sich wieder hintenüber und sang: »Seigneurs, banquiers et notaires, La ferront encore briller; Puis encore des mousquetiers ...« Also wirklich! rief Henri. Puis encore des mousquetiers , sang Ferdinand. Das ist schnell gegangen! Ja wohl! bevor die Schuh' verbraucht! sie, ja sie! O, Himmel, würd' ein Thier, das nicht Vernunft hat, doch länger trauern! Er war, nimmt Alles man in Allem, kein Mann, Ihr armer Vetter, und man wird wohl noch Seinesgleichen seh'n! er war ein mildgesinnter, edelmüth'ger Knabe, deß Hand stets offen war für seine Freunde, und bess're Trauer hätt' er wohl verdient! Sie hätten sich auf's Trauerspieldichten verlegen sollen, Lippert, sagte Henri, dem Declamirenden das Glas füllend. Sie meinen das ironisch, erwiederte Ferdinand; und doch möchten Sie das Richtige getroffen haben. Jetzt freilich thue ich mehr: ich erlebe die Trauerspiele und führe sie zum Ueberfluß selber auf. Nicht wahr, Baron, das sehen Sie mir nicht an, daß ich der Held eines Trauerspiels bin? Sie haben etwas auf dem Herzen, Lippert, sagte Henri; können Sie es mir nicht anvertrauen? Ferdinand hatte den Kopf aufgestützt und wühlte mit den Fingern in dem reichen lockigen Haar. Ich bin ein armer Mann, murmelte er, ich habe weder Gut noch Geld, noch Ehr' und Herrlichkeit der Welt; ich habe nichts, nicht einmal etwas zu vertrauen. Nun, sagte Henri, dem diese Art von Unterhaltung sehr lästig zu werden begann, dann lassen Sie uns, wie vernünftige Leute, von Geschäften sprechen. Was haben Sie schließlich von dem alten Fräulein Gutmann herausgebracht? Wie stehen Sie mit Silvia? Ferdinand richtete sich auf und blickte Henri mit Augen, die vor Zorn funkelten, an. Und das nennen Sie Geschäfte? rief er; bringen Sie das Wort noch einmal mit dem Namen dieses Mädchens zusammen, und, bei Gott im Himmel, ich erwürge Sie mit diesen meinen Händen! Henri war durch diesen Ausbruch ernstlich erschreckt; es kam ihm der Gedanke, Ferdinand könne wirklich wahnsinnig geworden sein. Er schob unwillkürlich seinen Stuhl zurück und sagte, sich erhebend: Das überschreitet die Grenzen, die auch die Freundschaft respectiren muß. Ferdinand war ebenfalls aufgesprungen; er ergriff Henri's beide Hände, drängte ihn wieder auf seinen Stuhl und bat mit schmeichelnder Stimme: Gehen Sie nicht fort! ich habe Sie nicht beleidigen wollen! Sie sind ein kalter, harter Mensch, aber Sie sind kein Hohlkopf, wie jene strohernen Gesellen. Es gehört auch Kopf dazu, um Unglück zu verstehen, und Sie können sich doch möglicherweise einen Begriff davon machen, wie unglücklich ich bin. Hören Sie mich an! Aber vorerst trinken Sie einmal! Nein! aus, Mann, aus und noch einmal aus! Sie dürfen nicht nüchtern bleiben, wenn ich trunken bin, trunken von Wein und Liebe, berauscht von Anbetung! Lachen Sie nicht! so wie Sie habe ich auch mein frivoles, cynisches Gelächter erschallen lassen, wenn von Frauentugend und Frauenwürde die Rede war; so würde ich heute noch lachen, hätte ich sie nicht gesehen. Henri kostete es jetzt keine Mühe mehr, ernsthaft zu bleiben; diese neue Leidenschaft des tollen Menschen konnte folgenschwer in seine Pläne greifen, hatte vielleicht schon eingegriffen. Ja, fuhr Ferdinand fort, und als ich sie gesehen, fiel es mir wie ein Schleier von den Augen. So muß es dem Castellan von Couci gewesen sein, als er die Dame von Fayel zum erstenmale erblickte! Ein Strahl von Himmelslicht, der plötzlich in die Seele fällt und sie bis in ihre geheimsten Tiefen mit Glanz erfüllt; ein Ton von der Harmonie der Sphären, der plötzlich unser Ohr berührt und dessen Nachklang in unserm Herzen nie geahnte Melodie weckt! Wer, der solchen Moment nicht erlebt hat, kann das verstehen! Eine Ewigkeit auf der Folter, für diesen einen Moment! Und die Dame von Fayel? fragte Henri. Sie sagten noch nicht, wie es mit der Dame steht. Weiß sie von des Ritters Liebe? und erwiedert sie diese Liebe? Ich kann nicht Ja sagen, erwiederte Ferdinand, und ich weiß nicht einmal, ob ich möchte Ja sagen können. Mich schaudert, wenn ich denken müßte, daß sie ein Weib ist wie die anderen auch. Wenn Sie nie die Scheu empfunden haben, den reinen Spiegel, der den Himmel mit allen seinen Herrlichkeiten widerstrahlt, durch einen Hauch zu trüben, so haben Sie nie geliebt. Dann habe ich nie geliebt, sagte Henri. Ferdinand hatte es nicht gehört; seine thränenfeuchten Augen blickten starr in das Glas, aus dessen Grunde unaufhörlich die Schaumperlen aufstiegen, um an der Oberfläche zu zerrinnen. In Erinnerung verloren, schien er vergessen zu haben, wo er sich befand, wer ihm gegenüber saß; er sagte das Folgende mit dumpfer, von den schweren, unregelmäßigen Athemzügen oft unterbrochener Stimme, als spräche er im Traum: Wie sie dastand, hoch aufgerichtet, die schlanke, königliche Gestalt! wie sie mich anblickte mit den großen leuchtenden Augen! Gott, Gott! ich hätte mein Blut tropfenweise hingegeben, um ihre Hand, um den Saum ihres Kleides berühren zu dürfen – und ich hatte kaum den Muth, den Blick zu ihr zu erheben, und stammelte wirre Worte, wie ein unbeholfener Knabe, ich? Was war das nur? Aus dem Urgrund meiner Seele quoll es heraus und füllte mir die Brust, daß mein Herz nicht mehr schlagen konnte, und schnürte mir die Kehle zu, daß ich verstummte, und stieg mir in den Kopf, daß es sich wie Blei auf mein Gehirn legte und ich nicht mehr zu denken vermochte; – nur sie, immer nur sie! Tag und Nacht, und Nacht und Tag – immer nur sie! immer nur, wie sie dastand, als ob Wolken sie von dem Boden heben müßten, hoch und immer höher, bis sie meinen Blicken entschwand und nur ihre Augen herableuchteten aus der Nacht als ewige Sterne. Ich konnte nicht wieder hingehen – ich konnte es nicht; ich wußte, daß, wenn sie mich noch einmal mit jenem großen, verächtlichen Blicke ansah, ich mir das Leben nehmen müsse. Was liegt mir an dem Leben! aber sie nie wieder erblicken, nie! – das konnte ich nicht ausdenken, ich kann es jetzt noch nicht. Ja, wenn man träumen könnte mit einer Kugel im Kopfe, träumen, daß sie heraustritt aus dem Portal und an dem Schlosse hingleitet, über den Platz weg, nach dem Laden an der Ecke, wo der Rosenstrauß schon für sie bereit liegt, und weiter gleitet hinein in die engen, menschenwimmelnden Straßen, so ohne aufzublicken, so weltverloren, so rein unter den Unreinen! – und endlich verschwindet unter dem Thorweg, der wie ein Höllenrachen dunkel gähnt. Was hat sie zu fürchten! – Wer ihr folgen dürfte – in Nacht und Graus, über Seen von Blut, über Schlünde, wo Dämonen hausen – immer folgen, immer folgen, bis man sie endlich, endlich doch erreicht, bis sie ihr holdes Antlitz zu mir wendet mit sanftem Lächeln und lächelnd spricht: Es sei Dir alle Deine Schuld vergeben um Deiner großen Liebe willen, und um Deiner großen Liebe willen liebe ich Dich. Ferdinand fuhr sich mit der Hand über die Augen und griff dann mechanisch nach der Flasche; die Flasche war leer. Er schleuderte sie auf den Boden, daß sie weit fort über den Teppich rollte, ergriff seinen Hut, taumelte aus dem Saale und war bereits verschwunden, als Henri ihm nach einigen Minuten auf die Straße folgte. Der Himmel war mit Regenwolken bedeckt; ein für die Jahreszeit rauher Wind wehte durch die langen, öden Gassen. Henri schlug den Rockkragen in die Höhe und schritt langsam, die Cigarre im Munde, nachdenklich dahin. Es drängte ihn keineswegs, nach Hause zu kommen, aber nicht deshalb, weil er fürchtete, sich in Abwesenheit seiner jungen Gattin in den für sie geschmückten Räumen vereinsamt zu fühlen. Er sehnte sich nicht nach seiner Gattin. Wohl dachte er in diesem Augenblicke an sie, aber keineswegs mit zärtlichen Gefühlen. Selbst die vollkommene Vereinigung und die ungeschickten Versuche, die Emma gemacht hatte, ein herzliches Verhältniß herbeizuführen, hatten ihn nicht milder zu stimmen vermocht, und die kurze Zeit ihrer Ehe hatte die Thränen der jungen Frau schon mehr als einmal fließen sehen. Sie war ihm von Anfang an nur das Mittel zum Zweck gewesen, und er fand es sehr unbequem, nun, da der Zweck erreicht war, das Mittel zum Zweck machen zu sollen. Und dabei zu wissen, wie er es wußte, daß sie das Bild eines andern Mannes im Herzen trug, das Bild des Mannes, den er schon gehaßt hatte, als der Mann und er kaum dem Knabenalter entwachsen waren, und der sich ihm jetzt wiederum in den Weg stellte – überall in den Weg stellte, und über den er weg mußte, koste es, was es wolle! Daß er seinen Onkel und seine schöne Cousine werde preisgeben müssen, lag auf der Hand. Der Rittmeister von Bärendorff hatte ganz Recht gehabt; er mußte wählen zwischen seinem Onkel und dem Adel, den – mit Ausnahme einiger wenigen excentrischen Personen – der General so unversöhnlich beleidigt hatte. Der Rittmeister von Bärendorff war der Mann, ihm diese Alternative zu stellen. Der Rittmeister von Bärendorff hatte bewiesen, daß er in einem solchen Falle zu wählen wisse. Es war noch nicht fünf Jahre her, daß er einen Vetter, einen jungen Gutsbesitzer, der seine liberalen Gesinnungen offen zur Schau trug und bei einem Familiendiner auf das Wohl des Prinzen zu trinken sich geweigert hatte, forderte und erschoß. Und trotzdem jener junge Mann selbst von Adel und zum Ueberfluß mit der Schwester des Rittmeisters verlobt gewesen war, hatte sich in dem Kreise Henri's auch nicht Eine Stimme gegen die That erhoben. Im Gegentheil! Das Ehrengericht, das über den Fall abzuurtheilen gehabt hatte, erklärte einstimmig, der Rittmeister habe nur seine Pflicht gethan, und der König, der den Rittmeister persönlich haßte, war gezwungen gewesen, denselben nach einem Jahre zu begnadigen. Henri erinnerte sich des Factums in allen Einzelnheiten. Sein Fall war fast derselbe, und man hatte ihm heute Abend deutlich genug gezeigt, was man von ihm erwarte. Seine Stellung in der Gesellschaft, die Freundschaft des Prinzen, seine staatsmännische Zukunft – Alles stand auf dem Spiel! Und Alles war zu retten, wenn er seinen Onkel und seine Cousine, die keine Schonung verdient hatten, opferte und den Mann, der die Rache des Adels so prahlerisch herausforderte, im Namen des Adels über den Haufen schoß. Henri athmete tief auf, als wollte er die Last wegwälzen, die ihm auf der Brust lag; aber die Last blieb dieselbe, und nur noch ängstlicher und hastiger jagten durch seinen Kopf die finsteren Gedanken. Buffone wäre ein so bequemes Werkzeug, wenn er nicht mehr als halb toll wäre. Und doch macht ihn diese Tollheit auf der anderen Seite wieder so brauchbar. Er würde schließlich thun, was kein Anderer thäte. Seine neueste Verrücktheit für Silvia ist vielleicht besser zu verwerthen, als seine Passion für Eve. Nachdem Eve in das neueste Stadium ihrer Carrière eingetreten ist, hat sie selbst für ihn aufgehört, begehrenswerth zu sein; an dieser Leidenschaft für die hochmüthige Person, die Silvia, kann er lange zehren. Man muß ihm nur klar machen, daß ihm auch hier wieder Leo im Wege steht, daß Leo das Mädchen verrathen hat und sie zum Dank für Alles, was sie für ihn gethan, dem Könige verkuppeln will. Der Mensch war nahe daran, mich zu erwürgen, als ich Silvia's erwähnte; könnte ich ihn doch nur so einmal auf den Schuft hetzen; aber die Sache ist, er fürchtet sich vor ihm; man müßte ein Mittel finden, ihn zum Aeußersten zu treiben. Seine größte Leidenschaft ist doch schließlich seine Eitelkeit; die muß man bis zum Wahnsinn stacheln. Er, der Alles sein zu können glaubt, und nichts ist und nichts hat – doch nein, er hat immer wieder Geld, auch wenn er ein paar Tage vorher seinen letzten Thaler verloren und seitdem nicht wieder gespielt hat. Sollte ihm der alte Falkenstein unter der Hand ein Vermögen hinterlassen haben, das ihm nach und nach – vom Onkel vielleicht – ausgezahlt wird? Der Onkel hat sich seiner stets in auffallendster Weise angenommen; jetzt wieder hat er ihm bei der russischen Gesandtschaft eine Stelle verschaffen wollen; wahrhaftig, wenn die Wahrscheinlichkeit der Vaterschaft Falkenstein's nicht so groß wäre, so möchte man schwören – Plötzlich zuckte eine Erinnerung durch Henri's Seele, wie ein Blitz über den nächtlichen Himmel fährt. Es war im Hause des Generals, vor dreizehn oder vierzehn Jahren, ein Tanzstundenabend oder etwas der Art; hernach wurden Charaden aufgeführt, die junge Gesellschaft plünderte die Schränke mit des Generals alten Uniformen und Kleidern, und da brachte Jemand einen trotz seiner Verschossenheit noch immer prächtigen Schlafrock von rother Seide geschleppt, mit welchem sofort der König Nebukadnezar ausstaffirt wurde. War das vielleicht derselbe rothseidene Schlafrock, von dem Buffone wiederholt erzählt hatte? sollte Ferdinand der Sohn des Generals sein? Dann hätte man einen Skandal, wie ihn sich der schlimmste Feind des Generals nicht besser wünschen könnte! Dann wäre Ferdinand zu Allem zu bringen! zu Allem! seine Exaltation würde keine Grenzen kennen. Aber ist es nicht unsinnig, so zu speculiren, ohne irgend einen sichern Boden unter den Füßen zu haben? Gesetzt, das wäre der identische Schlafrock gewesen, der auch in Buffone's Leben eine Rolle spielt – wer sagt mir denn, daß sein Vater in dem Schlafrock gesteckt hat? Kann sich der Onkel den Bastard seines Busenfreundes, für den zu sorgen, über den zu wachen er sich verpflichtet hatte, nicht einmal haben kommen lassen? wo ist hier die mindeste Sicherheit? Und doch! man müßte Buffone auf die Fährte bringen, gleichviel, ob die Fährte richtig oder falsch ist. Die bloße Möglichkeit, der Sohn des Mannes zu sein, dessen Tochter sein schlimmster Feind heirathen will – ich müßte Buffone nicht kennen, wenn er den Köder nicht gierig hinunterschlänge! Sollte Eve nicht Einiges wissen, was sich verwerthen ließe? sie ist so lange Jahre in dem Hause gewesen; – sollte sie nichts gesehen und gehört haben, was man geschickt kombiniren könnte, um der Sache einen Anstrich zu geben? ich werde morgen früh zu ihr gehen, – oder soll ich's jetzt gleich einmal versuchen? Henri bog in die Straße, in welcher Eve wohnte; er ging schneller und schneller, je mehr er sich ihrer Wohnung näherte. – Sie muß ja begierig sein, das Genauere über die letzten Tage ihres Liebhabers zu erfahren, und es ist Christenpflicht, sie womöglich über den Verlust zu trösten. Henri lächelte höhnisch, während er das halblaut vor sich hin sagte, und dabei schlug ihm das Herz schneller. Eve oder eine Andere – weshalb denn nicht die schöne, üppige Eve? Er stand vor der niedrigen Gartenpforte. Eve konnte noch nicht zu Bett sein: es war Licht in dem Salon; aber ein mattes, ungewisses Licht; vielleicht verlangten die in dem Salon Befindlichen nach keinem helleren. Ich bin vermuthlich schon zu spät gekommen, sagte Henri. Dennoch zögerte er noch an der Pforte. Auf einmal wurde das Licht oben hell; eine weibliche Gestalt, die aber nicht Eve zu sein schien, trat an das Fenster; zugleich hörte man das Rollen eines Wagens, der die Straße heraufkam. Der Wagen kam näher und näher und blieb vor dem Hause halten. Henri, der so weit als möglich in den Schatten der hohen Hecke getreten war, erkannte bei dem Lichte der Laterne in der Dame, die allein im Wagen saß, Eve. Er trat rasch herzu und öffnete den Schlag. Eve, die ihn jetzt ebenfalls erkannte, stieß einen leisen Schrei aus. Komme ich Ihnen unerwartet oder ungelegen, liebe Eve? sagte Henri. Das Erstere ein wenig, das Letztere ganz und gar nicht, erwiederte Eve, seine Hand nehmend und sich aus dem Wagen schwingend. Dann haben Sie vielleicht auch noch für einige wichtige Mittheilungen, die ich ihnen zu machen habe, ein paar Minuten Zeit? Warum nicht? wenn Ihre Frau Gemahlin nichts dagegen hat. Henri antwortete nicht, sondern begnügte sich damit, Even die Hand zu drücken. Der Wagen – ein Miethwagen, wie Henri jetzt sah – rollte davon. Die Hausthür wurde von dem Mädchen, das über den späten Besuch ihrer Herrin nicht verwundert schien, geöffnet und hinter den Eingetretenen wieder verschlossen. Du kannst noch Punsch bringen und dann zu Bett gehen, Doris, sagte Eve. In Eve's Zimmern war noch lange Licht. Der Bediente Paul wartete diese Nacht vergeblich auf die Rückkehr seines Herrn. Zweiundvierzigstes Capitel. Seine elastische Natur ließ Henri eine durchschwärmte Nacht wenig empfinden, und so traf ihn denn der nächste Morgen wieder rüstig und bereit zu den mancherlei Anforderungen des Tages. Der Vereinigung eines so erfahrenen Paares, wie Eve und Henri, hatten sich unter den obwaltenden Umständen keine allzu großen Schwierigkeiten in den Weg gestellt. Zwar hatte Eve den kalten, spöttischen und überdies geizigen jungen Edelmann niemals besonders leiden können, aber gerade jetzt kam er ihr sehr gelegen. Die bedeutende Summe, die ihr die Großmuth ihres Liebhabers ausgeworfen, war noch nicht in ihren Händen, wie leicht konnte dies seltsame Legat angefochten werden! und wie vortheilhaft war es da, den einflußreichen Schwager des Verstorbenen auf ihrer Seite zu haben! Sodann war sie über das unerklärliche Benehmen Ferdinand's, der sich seit Alfred's Krankheit nicht wieder bei ihr hatte sehen lassen, ernstlich beunruhigt; und endlich mußte sie doch einmal unter den jüngeren und älteren Kavalieren, die sie umschwärmten, eine definitive Wahl treffen. Es schmeichelte ihrer Eitelkeit, den unbestritten Bedeutendsten unter ihnen zum Galan zu haben, und wie pikant war der Umstand, daß dieser Galan der Gemahl Emma's, der Schwiegersohn des Mannes war, der ihre Anstrengungen, seine Schwiegertochter zu werden, so schnöde vereitelt halte! Dennoch hätte sie den Wünschen Henri's nicht, oder doch wenigstens nicht so schnell nachgegeben, wenn sie sich in dem Haß, mit dem sie Beide Leo haßten, nicht so ganz begegnet wären. Henri hatte sich nicht geschämt, diesen Haß Eve's gegen seinen Todfeind zu seiner Hilfe anzurufen. Er hatte Eve vorgelogen, daß der Bankier in den letzten Tagen vor der Abreise ihre Verbindung mit Alfred schon beschlossen gehabt habe, als Leo mit seinem ganzen damals allmächtigen Einfluß dazwischen getreten sei. Sie könnten heute verwittwete Frau von Sonnenstein sein, rief Henri, wäre dieser Mann nicht gewesen. Er hat gesprochen, intriguirt, gedroht, seine ärztliche Autorität geltend gemacht, bis man endlich beschloß, in aller Eile abzureisen – einer Eile, die nach meiner Meinung Alfred das Leben gekostet hat. Schönste Eve, ich habe Sie stark in Verdacht, daß Sie Ferdinand, wenn er im Stande gewesen wäre, Ihren Feind in den Staub zu treten, den Preis Ihrer Gunst nicht vorenthalten hätten – ich bin ein anderer Mann, als der alberne Buffone; gewähren Sie mir, was er nie verdient hat, niemals verdienen könnte, und Ihr Wunsch, der auch der meine ist, soll in kürzester Frist erfüllt sein. Von den Verbündeten war nun die Ausführung ihres Racheplanes in ernstliche Berathung gezogen worden, und hier hatte denn Henri Eve den sonderbaren Verdacht mitgetheilt, der ihm in den letzten Stunden in Betreff Ferdinand's gekommen war. Ob Eve sich aus der Zeit ihres Aufenthalts bei dem Castellan nicht eines oder des andern Umstandes erinnere, der dazu beitragen könnte, die Wahrheit an den Tag zu bringen? Eve, deren Gedächtniß ausgezeichnet war, bedurfte nur eines solchen Fingerzeiges, um auf dem dunklen Pfade weiter zu finden. Sie erinnerte sich genau, daß der General, besonders in früheren Jahren, nicht selten in Stunden gekommen war, wo er wissen mußte und wußte, daß der Castellan nicht zu Hause war. Also konnten seine Besuche nur Frau Lippert gegolten haben, und in den halbleisen Gesprächen, die der General dann mit Frau Lippert in der Fensternische geführt hatte, war Ferdinand's Name oft genannt worden: ein- oder zweimal hatte Eve auch gesehen, daß der General Frau Lippert Geld einhändigte, und Frau Lippert hatte sie gebeten, Herrn Lippert, wenn er nach Hause komme, nichts davon zu sagen. – Hieraus ging wenigstens so viel mit Sicherheit hervor, daß der General an Ferdinand in der That von jeher ein starkes gemüthliches Interesse genommen habe, und dieses Interesse war bei dem bekannten Egoismus des Onkels allerdings auffallend genug; ja es erschien, nach Eve's Erzählungen, fraglich, ob Frau Lippert auch nur Ferdinand's Mutter gewesen sei. Frau Lippert hatte in den Phantasien, ihrer nervösen Anfälle wunderliche Reden geführt, die Eve sich nie zu deuten gewußt hatte: von einem Kinde, das man von ihr nehmen solle, und Aehnliches; sodann war die Zärtlichkeit der sonst so weichen, liebebedürftigen Frau zu Ferdinand nie sehr groß gewesen, und das rauhe Benehmen ihres Gatten gegen sie erklärte sich leicht, wenn man annahm, daß der schlimme Mann geglaubt hatte, in seiner Gattin eine Mitschuldige ungestraft mißhandeln zu können. Sodann war die Rede wiederum auf Ferdinand gekommen, und Henri hatte, nicht ohne einige Vorsicht, Eve mit Buffone's neuester Leidenschaft bekannt gemacht. Eve hatte sich darüber todtlachen wollen, aber es hatte sich bald genug herausgestellt, wie wenig ehrlich dies Gelächter gewesen war. Sie hatte sich in den wildesten Schmähungen gegen Silvia ergangen, die hochmüthige Försterdirne, die von jeher die Heilige gespielt, um desto ungestrafter mit allen Männern kokettiren zu können, und die es schließlich denn auch zur Maitresse eines Königs gebracht habe. Henri war überzeugt, daß Eve im Grunde ihres Herzens, so wenig wie er selbst, an diese Erniedrigung Silvia's glaubte; aber er beeilte sich, ihr beizustimmen und sie womöglich in schlimmen Reden noch zu überbieten. Sollte man jetzt nicht ernstlich daran gehen, den König auch nach dieser Seite hin dem Publikum zu verdächtigen? Eve stimmte vollkommen bei; es wurde beschlossen, mit einem pikanten Zeitungsartikel vorläufig einen Versuch zu machen, was man ungestraft wagen dürfe; vor Allen, aber wollte man Sara's Mädchen, Lisette, durch den Bedienten Paul aushorchen lassen. Für den Mittag hatte der Prinz Henri zum Diner befohlen, und noch im Laufe des Vormittags erfuhr er durch eine telegraphische Depesche, daß Herr von Sonnenstein und Emma mit dem letzten Abendzuge eintreffen würden. Er war dadurch auf das Unangenehmste überrascht; man hatte doch erst am Sonnabend zurückkommen wollen, weshalb kam man schon heute, am Donnerstag? Gönnte man ihm das Bischen Freiheit nicht? Würde er die langweilige Emma nicht einen Tag später noch immer zu früh wiedergesehen haben? Auf der andern Seite freilich kam ihm die unerwartete frühe Rückkehr des Schwiegervaters ganz gelegen. Daß Herr Lippert ein Geheimniß zu verkaufen habe, stand jetzt für ihn fest. Ohne Zweifel würde sich der Alte theuer, sehr theuer bezahlen lassen, aber weshalb hatte man denn einen Millionär zum Schwiegervater? und vielleicht ging der Verkäufer mit seinem Preise herunter, wenn man ihn merken ließ, daß man mit der Waare bereits versehen sei. So begab er sich denn, bevor er an der prinzlichen Tafel erschien, zu dem Castellan und setzte denselben durch das Aussprechen seiner Vermuthungen, die er schlau genug war, für ebenso viele Ueberzeugungen und Gewißheiten anzugeben, in das äußerste Erstaunen. Aber Herr Lippert war ein viel zu gewiegter Mann, um sich von seinem Gegner so leicht überrumpeln zu lassen. Ein kurzes Nachdenken sagte ihm, daß Henri unmöglich etwas Positives wissen könne und daß der Schlüssel zu diesem Geheimnisse nach wie vor in seiner Hand sei. Indessen schien es unräthlich, die Sache ein- für allemal in Abrede zu stellen; viel besser war es, den doch einmal gelüfteten Schleier noch ein klein wenig mehr zu lüften, die einmal erregte Neugier Henri's noch ein klein wenig mehr anzustacheln, und das that denn nun Herr Lippert mit großer Geschicklichkeit. Er sagte Henri, daß eine Schwalbe noch keinen Sommer mache und daß es nicht genug sei, die Glocken zu hören, man müsse auch wissen, wo sie hingen. Freilich sei es für Henri ein gar schönes Ding, wenn sich seine Vermuthung bestätigen sollte, und er würde dafür gewiß mit Freuden die Kleinigkeit von fünftausend Thalern geben. Herr Lippert hatte sich nicht verrechnet. Gerade die unverschämte Höhe von Lippert's Forderung war für Henri ein Beweis, daß er seinem Ziele nahe sei. Seine Empfindung war die eines Spielers, der seine Einsätze nur zu verdoppeln und zu verdreifachen braucht, um zu gewinnen, und in der Eile nicht berechnet, daß der Einsatz zuletzt den Gewinn übersteigt. Und Eile that noth. Was geschehen sollte, mußte bald geschehen; das Spiel in die Länge ziehen, hieß es ganz und gar in Frage stellen. In dieser Stimmung verließ Henri Herrn Lippert, um an der prinzlichen Tafel zu erscheinen. Herr Lippert rieb sich, nachdem er die Thür hinter Henri geschlossen, hämisch lächelnd die Hände. Es war ihm noch während der Unterredung mit dem jungen Baron ein vortrefflicher Gedanke gekommen. Wie, wenn er das Geheimniß zweimal verkaufte? Einmal an Henri, um es zu verrathen, das andere Mal an den General, mit dem Versprechen, es zu bewahren? Eine solche Gelegenheit, sich mit Einem Schlage zum vermögenden Manne zu machen, kam gewiß nie wieder, und die Schwierigkeiten waren nicht unüberwindlich. Man brauchte nur die paar Briefe, die den Ausschlag gaben, genau zu copiren – Herr Lippert war sich einer vielerprobten Virtuosität in dergleichen Arbeiten bewußt – und die Originale dem General, die Copie dem Baron auszuhändigen. Blieb nur noch die Gefahr der Entdeckung, die dem Verrathe auf dem Fuße folgen mußte. Aber auch hier bot sich ein Ausweg, Man mußte unmittelbar nach Abschluß der beiden Geschäfte die Stadt und das Land verlassen und, um der prompten Auszahlung sicher zu sein, jedem der beiden Geschäftsfreunde die Nothwendigkeit, zum wenigsten Räthlichkeit einer schleunigen Flucht begreiflich machen. Der General würde um so lieber zahlen, wenn er wüßte, daß es definitiv das letzte Mal sei. Der Baron mußte begreifen, daß Herrn Lippert sehr viel daran liege, sich nach einer solchen That der Rache des Generals und Leo's auf das Schleunigste zu entziehen. Dieser Plan konnte sich in dem Kopfe des Mannes um so leichter gestalten, als er noch außerdem in verschiedene Geschäfte verwickelt war, die durch heimliche Flucht auf das Bequemste liquidirt werden konnten. – Herr Lippert knöpfte seinen langen Uniformrock zu, strich mit dem Aermel den hohen Hut glatt und machte sich auf den Weg zu dem General. An der Tafel des Prinzen hatte Henri eine wichtige Nachricht erfahren, die ihm auch die beschleunigte Rückkehr seines Schwiegervaters erklärte. Man war schon bei dem Dessert, als dem Prinzen eine Depesche aus dem Kriegsministerium überbracht wurde, die er seinen Gästen, zu welchen diesmal nur seine vertrautesten Freunde gehörten, in großer Aufregung mittheilte. Der Krieg im Süden, den man bis jetzt von beiden Theilen sehr lau geführt hatte, war in ein neues Stadium getreten. Eine große Schlacht war geschlagen und für den Theil, welchem alle Sympathien des Prinzen und seiner Partei galten, verloren gegangen. Es schien unmöglich, auch jetzt noch in der Neutralität zu verharren, dem bedrängten Freunde noch immer nicht zu Hilfe zu kommen. Man besprach den unerwarteten Fall mit Eifer, ja mit Leidenschaft. Die Aufregung erregte den höchsten Grad. Man stieß auf einen baldigen Umschwung der guten Sache, auf den Untergang des übermüthigen Feindes an. Man beschwor den Prinzen, es lieber auf das Aeußerste ankommen zu lassen, als einen Zustand, der eine Schmach und eine Schande sei, noch länger zu ertragen. Wessen bedürfe es weiter, als eines entscheidenden Wortes aus seinem Munde! Die ganze Armee würde aufstehen wie ein Mann, jeden Widerstand, von welcher Seite er auch komme, im Keime ersticken und dem ritterlichen Herrn mit den Spitzen der Bajonette den Weg zum Throne bahnen, der nur dem Tapferen gebühre. Es war auffallend und wurde von den kälteren Beobachtern, zu denen Henri auch gehörte, sehr wohl bemerkt, wie kühl und ablehnend sich der Prinz verhältnißmäßig zu diesen Ausbrüchen einer scheinbar so ausschließlichen Anhänglichkeit und Liebe für seine Person und Sache verhielt; und in der That fühlte der Prinz sehr wohl, wie zweischneidig die Treue von Vasallen sei, die sich so leicht und so ganz von dem Herrn lossagen konnten, an den Eid und Pflicht sie gefesselt hielten. Er sagte sich, daß diese leidenschaftlichen Männer, wie jetzt von seinem königlichen Vetter, ebenso später einmal von ihm abfallen würden, wenn er ihnen nicht ganz in ihrem Sinne hold und gewärtig sei. Dazu kam die Nothwendigkeit, einen Entschluß zu fassen, zu welchem der Prinz in seinem Herzen nicht die Kraft spürte. Er suchte deshalb der augenblicklichen Entscheidung, die man von ihm verlangte, auszuweichen, indem er auf die Schwierigkeiten der Situation hinwies, die allerdings groß genug waren, um auch dem blödesten Auge nicht zu entgehen, und es gelang ihm so, die stürmische Unterhaltung allmälig in ebnere Bahnen zu lenken. Wie wäre es, wenn man den König in Güte bewegen könnte, die Zügel des Regiments, die er doch offenbar festzuhalten nicht vermochte, stärkeren Händen zu übergeben? Der König, so Großes er sich auch stets vermesse, sei doch in Augenblicken wirklicher Gefahr noch immer schwach und kleinmüthig befunden worden; die Königin, deren energischerer Charakter dem Schwankenden wiederholt einen Halt gewährt habe und deren entschiedenen Einspruch man diesmal, wo ihr und ihres jungen Sohnes Interesse auf dem Spiele stehe, mehr noch als sonst fürchten müsse, sei fern; wenn man sich beeile, könne noch vor ihrer Rückkehr die große Veränderung schon eine Thatsache sein. Die Gäste des Prinzen sahen sich, sehr wider ihren Willen, gezwungen, ihre abweichenden Meinungen den Wünschen ihres Gebieters irgendwie anzupassen. Man ging auf die neue Wendung, die er der Debatte gegeben hatte, ein; aber man gab nur zögernd die Möglichkeit einer gütlichen Ueberredung des Königs zu. Ja, wenn man den König wirklich von seiner Umgebung isoliren könnte! Nun aber sei es doch leider notorisch, daß er seit geraumer Zeit von einer kleinen Coterie ebenso rücksichtsloser wie verschlagener Menschen gegängelt werde, denen er sein Gewissen, seine Politik, ja selbst sein Leben in die Hände gegeben. Henri wußte, was nun kommen würde; und er waffnete sich zum voraus auf eine peinliche Stunde, die ihm denn auch nicht erspart blieb. Je mehr man sich den Anschein gab, ihn zu schonen, um so geflissentlicher suchte man Alles hervor, was ihn persönlich kränken und den anerkannten Günstling in den Augen des Prinzen herabsetzen mußte. Es sei ja gewiß sehr begreiflich, daß der Baron sich scheue, in einer so delicaten Angelegenheit energische Schritte zu thun; auf der anderen Seite aber seien die Zumuthungen, die von Seite seiner Familie an ihn gestellt würden, so exorbitant, daß es ihm gewiß Niemand verdenken würde, wenn er Alles und jedes Mittel aufböte, sich von einer solchen Vetterschaft zu befreien. Man müsse umsomehr seine ihm wohl durch die Verhältnisse aufgedrungene Zurückhaltung bedauern, als nun auch Andere nicht in der Lage wären, den Handschuh, der dem ganzen Adel durch die Standeserhöhung Leo's hingeworfen sei, aufzunehmen. Jeder sage sich, und wohl mit Recht: daß man die Pflicht habe, um des Barons willen sich gefallen zu lassen, was der Baron selbst zu verhindern nicht im Stande sei; schließlich sei doch er und kein Anderer Wächter der Ehre seiner Familie, und man könne ihm dies Wächteramt um so ruhiger überlassen, als er ja in der Angelegenheit mit seinem Vater den glänzendsten Beweis geliefert habe, daß er alle anderen Rücksichten aus den Augen zu setzen wisse, wenn dieselben mit den Pflichten seines Standes nicht in Einklang zu bringen seien. Ohne Zweifel hätte der Prinz seinen Günstling gegen diese und ähnliche Angriffe mit einem einzigen Worte decken und schützen können; auch sah ihn Henri ein paarmal mit halb trotzigen, halb flehenden Blicken darauf an, aber der Prinz sprach das Wort, das Henri von ihm erwartete, nicht und bewies durch dies Schweigen, daß er mit Henri's Verhalten nicht minder unzufrieden sei, als die Anderen. Henri biß in ohnmächtiger Wuth die Zähne aufeinander und räumte dann wieder lächelnd und mit bedauerndem Achselzucken ein, daß seine Lage in der That sehr fatal sei und daß er einem Feinde, den er recht hasse, von Herzen wünsche, in eine ähnliche Lage zu gerathen. Endlich hob der Prinz die Tafel auf und befreite Henri so von einer Qual, die seine Verstellungskunst auf die härteste Probe gestellt hatte. Bald darauf durften sich die Geladenen verabschieden, und Henri fand nun, während er sich von dem Palais zum Empfang seines Schwiegervaters und seiner Gattin nach dem Bahnhofe begab, Muße, über das, was er gehört, reiflicher nachzudenken. Wenn er vorher noch gehofft hatte, es werde ihm doch möglicherweise ein offenes Auftreten gegen seinen Onkel und Leo erspart bleiben, so war ihm diese Hoffnung jetzt vollkommen geraubt. Man hatte ihm in der feinsten Form noch viel offener als gestern Abend gesagt, was man von ihm erwarte, fordere. Als ob das so eine Kleinigkeit wäre, als ob man mit einem Manne wie Leo so im Handumdrehen fertig werden könnte! Freilich war auch diese zur Schau getragene Verachtung des Gegners nur Schein gewesen; die Leidenschaftlichkeit, mit der man seine Vernichtung heischte, bewies, wie sehr man ihn haßte und fürchtete. Und Henri sah sich im Geiste wieder einmal diesem Menschen gegenüber, dessen Blick er schon vor so viel Jahren, als sie sich noch unter Doctor Urban's Dach befanden, nicht hatte ertragen können, und wie noch jedesmal, bebte er vor dem Gedanken zurück. Ich würde mit jedem Andern eher fertig werden, als mit ihm, sagte Henri bei sich selbst. Niemand kann mir verdenken, daß ich den Stier lieber von einem Andern bei den Hörnern packen lasse; ich wäre ein Narr, wollte ich das selbst thun, so lange es noch hirnverbrannte Buffones auf der Welt giebt. Der Zug blieb länger als gewöhnlich aus; Henri machte das Warten in der windigen Halle ungeduldig. Er fragte einen Beamten, weshalb der Zug seine Zeit nicht eingehalten habe? Der Beamte erwiederte, es habe unterwegs, wahrscheinlich in Folge des schlechten Wetters, eine Beschädigung – man wisse noch nicht, welcher Art und von welchem Umfange – stattgefunden; soeben sei eine Hilfs-Locomotive dem beschädigten Zuge entgegen geschickt. In wenigen Minuten müsse genauere Nachricht kommen. Henri blieb bei dem Beamten stehen und sprach mit demselben weiter über die Möglichkeiten, die hier in Frage kommen könnten, und zwischendurch dachte er, wenn wirklich ein großes Unglück passirt sein sollte, ob es wohl den Bankier allein, oder Emma allein, oder Beide zusammen betroffen habe, und daß der erstere Fall der für ihn bei weitem günstigste, die beiden letzteren aber ein abscheulicher Strich durch seine Rechnung sein würden; denn in jedem dieser Fälle würde das Sonnenstein'sche Vermögen an die Sonnenstein'schen Verwandten – arme Juden irgendwo in Böhmen oder Mähren – zurückfallen und ihm von den Millionen nur der eine Pflichttheil bleiben. Der gutmüthige Beamte ging, Nachricht einzuholen, und kam bald mit freudigem Gesicht zurück: der Herr solle sich nicht weiter ängstigen, es habe sich nur um eine geringfügige Beschädigung an der Locomotive gehandelt, der Zug werde in wenigen Minuten eintreffen. Henri zog höflich den Hut und wendete dem Manne den Rücken. Also in wenigen Minuten! dann hätten sie wahrlich auch bis morgen bleiben können. Eve hatte ihm gestern gesagt, daß sie am Abend eine kleine Gesellschaft bei sich sehen müsse, daß sie aber gegen zwölf Uhr wieder allein zu sein hoffe, und nun, anstatt sich von der pikanten Eve unterhalten lassen zu können, die langweilige Emma unterhalten zu müssen! Es war zu dumm! Wie würde sie zurückkommen? ohne Zweifel empfindlich, larmoyant, wie er sie zuletzt gesehen, das Gesicht natürlich von der Reise erhitzt, die Augen womöglich geröthet von kaum getrockneten Thränen – eine reizende Aussicht in der That! Er hatte jetzt wahrlich auch nichts Wichtigeres zu thun, als sich um die Empfindlichkeiten einer albernen Frau zu kümmern, jetzt, wo so Vieles auf dem Spiele stand! Wie gern hätte er heute Abend den alten Lippert noch einmal in's Gebet genommen und Buffone aufgesucht, um dem tollen Menschen den Kopf noch mehr zu erhitzen. Jede Stunde war jetzt kostbar, und hier mußte er stehen und sich langweilen, und – da kommt ja schon der dumme Zug, als ob es sich von selbst verstände, daß er nicht aus den Schienen geht! Die feurigen Augen der Locomotive glühten näher und näher. Der Dampfpfeife schriller Ton gellte durch die Halle – der Zug hielt. Henri sah den Diener des Bankiers und Emma's Kammerjungfer, die mit auf der Reise gewesen waren und sich jetzt geschäftig durch die Menge nach dem Waggon drängten, in welchem die Herrschaft saß. Henri folgte ihnen langsam. Als er herankam, standen der Bankier und Emma schon auf dem Perron – der Bankier nach rechts und links schauend, Emma, wie er vermuthet hatte, mit erhitztem Gesicht und rothgeweinten Augen, die sie sich noch eben einmal mit dem Tuche abtrocknete. Henri murmelte eine Verwünschung durch die Zähne, war aber ganz Lächeln und Freundlichkeit, als er nun herantrat, seinem Schwiegervater die Hand zu schütteln und seine Gattin auf die Stirn zu küssen. Es ist ja herrlich, daß Ihr nun heute schon kommt! Hast Du alle Deine Sachen, liebe Emma? Auch das hübsche Reise-Necessaire, das ich Dir in Turin kaufte, Du kleine Vergeßliche! Ihr könnt mich in meinem Wagen erst nach Hause bringen, sagte der Bankier. Ich habe einen Miethwagen für uns bereit gehalten, sagte Henri. Ach, laß uns in Papa's Wagen fahren! rief Emma, sich an ihres Vaters Arm klammernd. Es ist mir lieber, wenn Ihr mit mir kommt; ich kann Dir unterwegs noch Einiges von Wichtigkeit mittheilen, sagte der Bankier und beugte sich dann zu seiner Tochter herab, um ihr ein paar Worte zuzuflüstern, die offenbar nur für ihr Ohr bestimmt waren. Wie Ihr wünscht! sagte Henri, gab den Dienern – auch sein Paul hatte sich mittlerweile eingefunden – die nöthigen Befehle und folgte dann mit finsterem Lächeln auf den Lippen Vater und Tochter, die schon Arm in Arm vorausgegangen waren und sich nach ihm umwendeten. Auf dem Wege nach seinem Hause theilte der Bankier Henri mit, daß er die sichere Kunde von großen Dingen, die auf dem Kriegsschauplatze vor sich gehen würden, bereits gestern erfahren und in Folge dessen seine Rückkehr so beschleunigt habe. Glücklicherweise habe er auf die Möglichkeit, daß die Dinge eine schlimme Wendung nehmen könnten, gerechnet, und so werde sich das Geschäft keineswegs schlecht dabei stehen. Der Bankier sagte das nicht in dem lebhaften Tone, in welchem er sonst von Geschäften sprach. Er schien noch ernster und verstimmter zu sein, als vor einigen Tagen. Auch bemerkte Henri, daß er das Gesicht wiederholt nach Emma wendete, die, ohne ein Wort zu sprechen, in der andern Ecke des Wagens saß und den Kopf tief in die Kissen gedrückt hatte. Man kam bei dem Hotel des Bankiers an; Herr von Sonnenstein stieg aus und sagte mit Bedeutung, daß er das junge Paar nicht auffordere, mit hereinzukommen und bei ihm zu soupiren, da er annehme, daß sie allein zu bleiben wünschten und er – offen gestanden – für seinen Theil denselben Wunsch empfinde. Emma schien einen Augenblick die Absicht zu haben, sich aus dem Wagen zu stürzen; aber ein in scharfem Tone ausgesprochenes: Emma! ihres Vaters machte sie wieder in die Ecke zurücksinken. Henri rief: Auf Wiedersehen! also bis morgen! schlug die Thüre zu und sagte, indem er den von dem Bankier verlassenen Platz an Emma's Seite einnahm: Nun, Emma, das scheint ja ein recht unterhaltender Abend werden zu sollen! Dreiundvierzigstes Capitel. In dem Gemache des Generals stand der Castellan Lippert, den Kopf auf die linke Seite geneigt und zwei Finger der rechten Hand zwischen die Knöpfe seines langen Uniformrockes geschoben. Der General ging mit hastigen, ungleichen Schritten in dem dämmerigen Gemach auf und ab, sich dabei, wie in gänzlicher Rathlosigkeit, ein paarmal durch sein kurzes, bereits ergrautes Haar fahrend. Ich glaube deshalb zuversichtlich, daß Excellenz meiner Bitte wegen der fünftausend Thaler pünktlich nachkommen werden, sagte der Castellan. Der General antwortete nicht; Herr Lippert wartete noch einige Augenblicke, dann verbeugte er sich tief und ging mit seinen langen, geräuschlosen Schritten nach der Thür. An der Thür blieb er plötzlich wieder stehen und schaute auf, als ob man ihn gerufen hätte. Da aber der General jetzt noch schwieg, machte Herr Lippert ein zornig-drohendes Gesicht, verbeugte sich noch einmal, aber weniger tief, und ging hinaus, die Thür geräuschvoller, als seine Gewohnheit war, schließend. Der General hatte sich wieder in den Lehnstuhl geworfen. Was sollte er thun? Wieder einmal – wie immer, wenn Herr Lippert bei ihm gewesen – überlegte er, ob es denn nicht möglich sei, Ferdinand anzuerkennen, offen anzuerkennen; und heute, wie immer, kam er zu dem Resultat, daß es doch nicht möglich sei. Es sprach zu viel dagegen: sein Ruf als eines exemplarisch-sittenreinen Mannes, den er mit so vieler Mühe diese letzten fünfundzwanzig Jahre hindurch behauptet; der gute Ruf Sara's, die jede Erwähnung der Möglichkeit, in ihrem Alter einen beinahe dreißigjährigen Sohn anerkennen zu müssen, außer sich brachte; dazu seine politische Stellung, die so vielen Angriffen ausgesetzt war; seine gesellschaftliche Stellung, die gerade jetzt nach der Verlobung Leo's mit Josephe die höchste Vorsicht, die zarteste Schonung heischte – o, der Schurke hatte seine Zeit gut gewählt! Auf Sonnabend acht ein halb Uhr lauteten die Einladungskarten zu der großen Gesellschaft, durch die Josephen's Verlobung die öffentliche Sanktion erhalten sollte – Sonnabend sieben Uhr war der von dem Schurken gesetzte Termin; hatte er dann das Geld nicht, so war es noch gerade Zeit, das Stichwort auszugeben und die erste geheimnißvoll pikante Conversation über das kleine Unglück, das Excellenz vor nun beinahe dreißig Jahren passirt war, in Excellenz eigenen Salons in Gang zu bringen! Der alte Mann stöhnte laut. Wie war er doch so dumm gewesen, seine Ehre, sein Vermögen einem solchen Schurken preiszugeben; aber wer hätte denken können, daß jener Mann, den er vor dreißig Jahren seiner Demuth wegen unter den Dienern des Ministers von Falkenstein zu der Stelle, die er ihm bestimmt hatte, aussuchte, sich im Laufe der Zeit so verändern würde – wenn er nicht schon damals der Wolf im Schafskleide gewesen war. Und dieser Mensch wußte Alles, Alles! Dieser Mensch hatte die Orgien in den geheimen Gemächern des Minister-Hotels arrangiren helfen; dieser Mensch hatte ihn so oft des Morgens, wenn er von Sara kam, aus einer Hinterpforte herausgelassen; dieser Mensch hatte das eben geborene Kind Sara's in dem Korbe weggetragen, um es an Stelle des gestorbenen Kindes seiner Frau zu legen. Und was wußte er nicht außerdem! Freilich war er in der erschwerendsten Weise in diese und andere Affairen verwickelt; aber wozu ist ein solcher Mensch nicht im Stande, wenn man ihn erst einmal wüthend und unsinnig gemacht hat! Fünftausend Thaler! vielleicht konnte man noch etwas abhandeln, obgleich es das erstemal gewesen wäre, daß er von seinen Forderungen etwas abgelassen hätte; fünftausend! und der General war selbst in der bittersten Verlegenheit, wo er das Geld zu Josephen's Aussteuer hernehmen, ja, wovon er nur die laufenden Kosten des Haushalts bezahlen sollte! Die sechs Wochen lange, überaus kostspielige Reise hatte alles Geld verschlungen, was er von Sara in Händen hatte, und jetzt sollte er sich schon wieder an sie wenden! Indessen, es gab keinen anderen Ausweg. Es war ja um Sara's, oder doch hauptsächlich um Sara's willen, daß man Lippert zum Schweigen brachte, und – Lippert mußte zum Schweigen gebracht werden! Der General sagte dem Jäger, der mit der angezündeten Lampe hereinkam, daß er sofort ein Billet an den Castellan Lippert besorgen müsse; sofort! Dann setzte er sich an seinen Tisch und schrieb mit zitternder Feder ein paar Zeilen des Inhalts, daß er Herrn Lippert in der bewußten Angelegenheit morgen früh noch einmal zu sprechen wünsche, und übergab das Billet dem Manne, der an der Thür gewartet hatte. Der Mann ging; der General warf sich wieder in seinen Stuhl; er fühlte sich ganz zerschlagen; aber er hatte keine Zeit, um sich zu erholen. Drüben im Salon erwartete man ihn zum Thee; Leo war da, der Marquis de Sade und die alte Baronesse Barton. Die Barton hatte so scharfe Augen, man durfte sich vor ihr nicht die mindeste Blöße geben. Der General badete die schmerzenden Schläfen mit Eau de Cologne und begab sich in den Salon. Sie wollen doch nicht schon fort, meine Gnädigste? fragte er, als er im Hereintreten sah, daß die Baronin im Begriffe stand, aufzubrechen. Sie denken, weil Sie endlich kommen, muß ich bleiben? erwiederte die alte Dame, indem sie sich ihr Haubenband unter das Kinn schob; na, ein paar Minuten habe ich noch, und die will ich benutzen, um mit Ihnen den jungen Leuten ein Beispiel alter, echter Liebenswürdigkeit zu geben. Denn die ist so gut wie ausgestorben. Ist das junge Volk so unartig gewesen? sagte der General mit einem matten Lächeln. Madame la Baronne nimmt sich selbst zum Maßstab! rief der Marquis; aber das ist unrecht; da müssen wir Anderen ja selbstredend zu kurz kommen! Schweigen Sie, rief Frau von Barton; von Ihnen rede ich gar nicht; Sie haben noch einige Erinnerungen aus dem Faubourg Saint Germain; aber diese beiden jungen Leute, Herr von Gutmann und Baronesse Josephe von Tuchheim! Sagen Sie, Excellenz, woran erkannte man in unserer guten alten Zeit ein Liebespaar in der Gesellschaft? Antwort: man erkannte es gar nicht; man hatte in unserer Zeit so viel Lebensart, sich in solchen Verhältnissen trotz seiner erotischen Stimmung der gesellschaftlichen Atmosphäre genau anzupassen; man lachte, man scherzte, man war gesprächig, höflich, aufmerksam, galant, enfin , man machte es genau so, wie alle Anderen. Aber heutzutage! Du lieber Gott, heutzutage erkennt man ein Liebespaar auf zehn Schritte. Entweder sie himmeln sich fortwährend über die Breite oder Länge eines Saales an, stoßen dabei dem Bedienten die Theetassen von dem Präsentirteller und stecken, ehe man sich's versieht, in einer Fensternische die Köpfe zusammen, oder, wenn sie noch irgend Hoffnung haben, die Gesellschaft wegzumurren und wegzuschweigen, so thun sie's, und das ist gerade, was diese Beiden hier seit einer Stunde gethan haben. Der Marquis ist mein Zeuge. Baronesse Josephe hat seit einer Stunde gerade sechs Worte gesprochen, ich habe sie gezählt; wieviel kommen auf Herrn von Gutmann, Marquis? Man lachte; der General so sehr, daß er einen leichten Hustenanfall bekam. Frau von Barton sah sich triumphirend um. Ja, ja, sagte sie, die alte Garde; da ist noch Kraft, Initiative, Feuer. So sagte ich auch gestern zu Seiner Majestät. Gott, es war eigentlich eine Indiscretion. Denn, unter uns: Majestät sahen gar nicht kräftig und feurig aus. Nicht wahr, Herr von Gutmann? Uebrigens, Excellenz, das muß ich Ihrem Herrn Schwiegersohn nachsagen; gestern Abend konnte er sprechen, und immer geistvoll, wie Majestät mir selber zuflüsterte. Die Antwort, die Sie dem naseweisen Kammerherrn Drechow gaben, war wirklich charmant, Herr von Gutmann, wirklich charmant. Aber Sie werden trotz alledem ihre liebe Noth haben, Ihre liebe Noth. Gott, Wer hat die am Ende nicht! Ich auch, und natürlich sind es immer die lieben Verwandten, die Einem die meiste Noth machen. Denken Sie sich, Excellenz, Sie kennen ja meinen Vetter, den alten wunderlichen Grafen Karlsburg auf Karlsburg. Er ist, wie Sie wissen, nie verheirathet gewesen, und alle Welt hat ihn für einen abgesagten Weiberfeind gehalten. Und was kommt jetzt zu Tage? Da hat er – na, Josephe, Sie sind ja alt genug, daß man in Ihrer Gegenwart von dergleichen reden kann – da hat der alte Narr vor dreißig Jahren ein Verhältniß mit einem hübschen Gärtnermädchen gehabt, die ihm einen Sohn geboren hat. Die Person ist längst todt; der Sohn ist unter fremdem Namen irgendwo in der Nähe erzogen und hernach Wirthschafter oder etwas derart auf einem der Güter geworden. Jetzt fällt es dem Grafen auf einmal ein, den Jungen aus seiner schicklichen Dunkelheit an ein ganz unschickliches Licht zu ziehen; man schreibt mir heute, daß er ihn adoptiren will. Hat man je so etwas erlebt? Wir Alle sind außer uns; nicht des Vermögens wegen, das bekanntlich Majorat ist und in der rechtmäßigen Erbfolge bleiben muß, aber die Blamage für den alten Herrn, sich in seinen Jahren mit solchen kindischen Sentimentalitäten zu prostituiren! Und die Unbequemlichkeit für uns, die wir in die Nothwendigkeit versetzt sind, solche abortive Verwandtschaft ablehnen zu müssen. Was in aller Welt gehen uns denn seine Jugendthorheiten an! Meinetwegen mag er auf jedem Gute drei Kinder haben, aber uns wenigstens soll er damit vom Leibe bleiben. À propos Kinder! Herr von Gutmann! der Geheimrath Urban meint nun selbst, daß wir Ihr Project, uns auch mit den Kindern unserer Schützlinge zu befassen, nicht in unser Programm mit aufnehmen können. Wenn wir erst einmal zugeben, daß die Personen Kinder haben können, so ist das Ende nicht abzusehen. Unsere Gegner würden uns da bald schöne Dinge nachsagen. – Großer Gott, Excellenz, sind Sie krank, Sie sehen ja auf einmal jämmerlich aus! O, nicht doch, nicht doch! sagte der General, der mit bleichen Lippen zu lächeln versuchte und sich dabei den Angstschweiß von der Stirn wischte; Sie wissen ja, meine alte Migräne! Na, ich gehe auch gleich, sagte Frau von Barton, sich die schwarze Spitzenmantille heraufziehend und das widerspenstige Haubenband unter das Kinn rückend; aber das ist wahr, wir müssen auf unserer Hut sein. Verschont man doch selbst die höchsten Regionen nicht mehr mit giftigen Verleumdungen. Da steht heute Abend in der *Zeitung ein mysteriöser Artikel, der allerlei Deutungen zuläßt. Ich habe das Blatt bei mir, da ich es der Comtesse Gerdow zeigen wollte. Hier ist es. Lesen Sie einmal, Herr von Gutmann, ich habe die Stelle angezeichnet. Da unten irgendwo. Leo nahm das Blatt und las: »Von gewissen Seiten bemüht man sich seit einiger Zeit in frommem Eifer, nicht blos über die Moralität unserer Dienstmädchen, sondern auch über die unserer hohen und höchsten Personen sorgfältig zu wachen. Da wir vor Gott allzumal Sünder sind und Unrecht trinken wie Wasser, ist das gewiß nur lobend anzuerkennen, aber man sollte dann wenigstens dieser christlich-nivellirenden Tendenz ungescheut überall hin folgen. Krähen und Dohlen, sagt man, fliegen um alle alten Schlösser, ob sie nun von Prinzen, die einst König werden können, oder von Königen, die einmal Prinzen waren, bewohnt sind.« Auf wen meinen Sie, daß das gehe? fragte Frau von Barton. Auf Niemand, glaube ich, sagte Leo, das Blatt mit einer Verbeugung der alten Dame überreichend, es ist ein Schuß in's Blaue, darauf berechnet, den Furchtsamen zu schrecken. Da sind Sie im Irrthum, sagte die Baronesse, ich wette, die Kugel hat ihr ganz bestimmtes Ziel, und ich glaube überdies das Ziel zu kennen; wenigstens lachte mein Neffe, der Garde-Lieutenant, als ich ihm die Stelle vorhin zeigte, wollte aber nicht mit der Sprache heraus, gestand nur zuletzt, als er mich ernstlich böse werden sah, er hätte Aehnliches neulich in einem Officierskreise besprechen hören. Nun will ich Ihnen ganz offen meine Ansicht sagen – Monsieur de Sade ist ein zu vollendeter Cavalier, als daß man vor ihm ein Geheimniß zu haben brauchte: die Sache geht auf Niemand Anderes, als auf das alte Fräulein Gutmann, Ihre Tante, Herr von Gutmann, und Ihre Freundin, Excellenz, und es ist ja auch klar, weshalb man sich gerade dies Schlachtopfer ausgesucht hat: der Verbindung wegen, in welcher Sie Beide zu ihr stehen. Daß der König Fräulein Gutmann, die nebenbei eine für ihren Stand höchst liebenswürdige, höchst geistreiche Dame ist, häufig besucht, weiß alle Welt; man sagt, daß er es in der Zeit vor der Reise häufiger als je gethan hat, und bringt nun ein altes, unschönes Gerücht, das auch wohl früher einmal aufgetaucht ist, um sofort zu verschwinden, wieder in Umlauf. Du lieber Himmel, wir sind ja alle Menschen, aber das junge Mädchen, das ich neulich, als ich Ihre Tante zum Beitritt in unseren Verein einladen wollte, dort sah, hatte, wenn ich mich nicht geirrt habe, keineswegs die Haltung und Physiognomie einer Person, die selbst gegen einen König sehr gefällig sein würde. Sie haben sich darin keineswegs geirrt, gnädige Frau, sagte Leo; meine Cousine ist eine Dame, die in jeder Beziehung die höchste Achtung verdient, in jeder. Mein Gott! rief die alte Baronin, Sie brauchen das ja nicht in einem Tone zu sagen, als wollten Sie mich fordern! Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, daß Ihr Fräulein Cousine nicht nur sehr tugendhaft, sondern – nach meinem Geschmacke wenigstens – sehr langweilig aussah, wie eine jugendliche Aebtissin oder dergleichen. – Aber werde ich heute denn einmal fertig werden? Kommen Sie, Herr Marquis; Sie haben versprochen, mich zu begleiten! Kommen Sie! Frau von Barton und der Marquis waren gegangen; der General hatte sich in seinen Fauteuil zurückgelehnt und die Augen mit der Hand bedeckt; seine Kopfschmerzen seien stärker geworden, er bitte indessen, sich nicht an ihn zu kehren. Leo und Josephe saßen sich am Tische gegenüber, Beide schienen verstimmt. Leo blätterte in einem Album; Josephe saß regungslos da und blickte starr vor sich hin. In den Bäumen des Gartens sausten der Wind und der Regen, einzelne Tropfen schlugen gegen die Fenster; man konnte es bei der Stille im Zimmer sehr deutlich hören. Zuletzt war es doch der General, der das Schweigen unterbrach, indem er, ohne die Hand von den Augen zu nehmen, sagte: Was meinst Du, Josephe, was meinen Sie, lieber Leo, sollten wir die Gesellschaft nicht doch noch einige Tage hinausschieben? Ich habe kein Interesse daran, daß die Gesellschaft gerade am Sonnabend ist, sagte Leo. Aber ich desto mehr, sagte Josephe in gereiztem Tone, weshalb wolltest Du noch warten? Ich meine nur, weil ich mich in der That ziemlich unwohl fühle und ernstlich krank zu werden fürchte, erwiederte der General. Du wirst nicht gleich krank werden; schlimmsten Falls können wir noch immer absagen lassen, jetzt aber ist bereits die Hälfte der Einladungskarten versendet; ich wundere mich, wie Du nur überhaupt auf den Gedanken kommst, Papa. Du weißt, daß wir die Gesellschaft geben müssen, freilich, welches Interesse hätten die Herren an dergleichen Bagatellen! Josephe lächelte, als sie das sagte. Leo's glänzende Augen ruhten mit einem forschenden Ausdruck auf ihrem Gesicht, und um seine Lippen zuckte es ungeduldig; doch sagte er sehr ruhig: Du bist empfindlich, Josephe, mit Unrecht. Ich habe nicht gewußt, daß die Karten zur Hälfte versendet sind, und welches Interesse sollte ich denn daran haben, daß die Gesellschaft gerade am Sonnabend ist? Weiter habe ich aber nichts gesagt. Es war auch gar nicht das, was Du gesagt hast, sondern der kalte und gleichgiltige Ton, in dem Du es gesagt hast. Als vorhin die Baronesse Deiner Cousine Erwähnung that, konntest Du ganz anders sprechen. Die Verschiedenheit der Gegenstände dürfte wohl eine Verschiedenheit des Tones rechtfertigen. Dort handelte es sich um die Ehre meiner Cousine, hier handelte es sich um – eine Gesellschaft. Indessen ich meine, daß wir ohne allen Grund in eine Unterhaltungsweise gerathen, die, um es milde auszudrücken, wenig gefällig ist. Morgen werden wir hoffentlich in besserer Stimmung sein. Gute Nacht, Josephe! Leo war an seine Braut herangetreten; sie hatte sich erhoben. Als sie seine dargereichte Hand nahm, trafen sich ihre Blicke, aber nur für einen Moment, und ohne daß ein Strahl von Zärtlichkeit und Liebe in ihren dunklen Augen aufgeblitzt wäre. Der General war ebenfalls aufgestanden. Auch ich will Dir gute Nacht sagen, liebe Josephe, und versuchen, ob ich mir meine Kopfschmerzen verschlafen kann. Die Herren verließen zusammen das Zimmer. Josephe schaute ihnen nach, und als die Thür sich hinter ihnen geschlossen hatte, ließ sie sich wieder in ihren Fauteuil sinken, kreuzte die Arme über der Brust und starrte vor sich hin. Ihr Gesicht wurde dabei immer finsterer, und die kleine Falte über der linken Augenbraue trat sehr scharf hervor; ein paarmal flog ein höhnisches Lächeln um ihren Mund. Vierundvierzigstes Capitel. Leo hatte dem General in dessen Zimmer ein Recept verschrieben und wollte sich entfernen, nachdem er den sehr Aufgeregten nochmals ermahnt hatte, sich unverzüglich zur Ruhe zu begeben. Der General hielt ihn an der Hand zurück und sagte: Sie müssen mit meiner Josephe Geduld haben, lieber Freund; Josephe ist mein einziges – Josephe ist sehr verwöhnt, durch meine vielleicht allzugroße Nachgiebigkeit verwöhnt; sie kann sich nicht so schnell in Ihre strafferen Formen, in Ihr geschlosseneres Wesen finden. Ich glaube, Excellenz, noch stets und auch heute Abend wieder gezeigt zu haben, daß ich Frauenlaunen nicht höher anschlage, als sie es verdienen, erwiederte Leo. Er sagte es mit hörbarer Ungeduld, wie Jemand, der ein Gespräch entschieden abzubrechen wünscht. Der General schaute ihn mit ängstlichem, irrem Blicke an, als habe er ein Geheimniß auf dem Herzen, nach welchem er gefragt zu werden wünschte, aber er brachte, als Leo schwieg, nur mit gepreßter Stimme heraus: Sie haben starke Nerven; Sie sind ein beneidenswerther Mensch. Um Leo's Lippen zuckte ein Lächeln. Man vermag sehr viel über seine Nerven, sagte er. Der General athmete tief auf und fuhr sich mit beiden Händen nach den Schläfen; als Leo bereits an der Thür war, hob er sich noch einmal im Stuhle und öffnete den Mund, aber das Wort, was er sagen wollte, erstarb auf seinen Lippen, und Leo verließ das Zimmer. Er verließ das Zimmer und das Haus unbeweglich-ruhigen Gesichtes, wie ihn die Dienerschaft zu sehen gewohnt war; aber als er draußen auf der dunklen Straße stand und der Regen ihm entgegenschlug, brach ein dumpfes Stöhnen aus seiner Brust, und er streckte in wildem Zorne die Arme zum sternenlosen Himmel empor. Hastig that er ein paar Schritte quer über den nassen Fahrweg, als wolle er in den finstern, sausenden Park, kehrte dann aber um und ging in seine Wohnung, die er wieder mit ruhigem Gesicht betrat. Der treue, junge Diener, der ihm auf dem Flur entgegenkam, sollte nicht sehen, was in seiner Seele vorging. Es ist ein Herr hier gewesen, der den Herrn Doctor gern gesprochen hätte, meldete der Diener; ich fragte den Herrn, ob er nicht etwas warten könne, der Herr Doctor würden bald nach Hause kommen; aber er sagte, er habe keine Zeit, und gab mir einen Zettel, den ich auf des Herren Zimmer gelegt habe. Es ist gut; Du kannst schlafen gehen, ich brauche Dich für heute nicht mehr. Er hatte kaum gehört, was der Diener gesagt hatte. Ohne sich aufzuhalten, eilte er nach seinem Zimmer, dessen Thür er hinter sich verschloß. Und jetzt, als er sich allein wußte, brach wieder der dumpfe Schrei aus seiner Brust, und er schüttelte die Arme, als gelte es eine Kette zu zerreißen. Dann warf er sich auf das Sopha und stützte den Kopf in die Hand. Seine Augen hafteten starr an dem Teppich des Bodens, aber er sah nichts – nichts, als die Bilder seiner bis zum Wahnsinn erhitzten Phantasie. Ein paarmal machte er eine ungeduldige Bewegung, wie Jemand, der aus einem schweren, beängstigenden Traum zu erwachen strebt, und dann fiel seine Stirn wieder in die Hand, und wieder sah er die Bilder, die ihm die unerbittliche Phantasie heraufbeschwor. – So hatte er sie gesehen – das erstemal in Emma's Salon mit demselben schönen, steinernen Gesicht, denselben kalten, hochmüthigen, seelenlosen Augen! Ja, die Frisur der glänzend schwarzen Haare war dieselbe gewesen, als wäre sie eine wandelnde Statue! und daneben der alte, immer höfliche, immer lächelnde, flüsternde, Ränke spinnende, mumienhafte Vater mit seiner diplomatischen Schlauheit, die alle Augenblicke rathlos war – und daneben er selbst, als Verlobter der schönen Statue, als Schwiegersohn der höflichen, alten Mumie! Was hatte er sagen, was thun müssen die lange Reise hindurch! mit welchen Narren und Närrinnen verkehren, wie vielen Schelmen und Schurken die Hand drücken müssen! und das war die Gesellschaft, die er nun sein Lebenlang nicht wieder los werden sollte, das! Das waren die Menschen, mit deren Hilfe er eine Welt umgestalten sollte! Frau von Barton, Oberpriesterin der Religion der Tugend im Staate der Zukunft! Sie würde ein scharfes Auge für die Gebrechen Anderer haben! – Wie war sie ihr erschienen? wie eine junge Aebtissin oder dergleichen? Daß dieses Weib es auch nur wagen darf, ihren Namen in den Mund zu nehmen! Und jetzt war es Silvia's Bild, das, die anderen Bilder verdrängend, vor seiner Seele stand; Silvia, wie sie ihm in der Jugendzeit erschien, ein schlankes, geschmeidiges Mägdelein: wie sie ihm dann nach Jahren gegenübergetreten war, immer noch schlank und geschmeidig, und doch alle Formen gesättigt von herrlichster Fülle, und wie er sie später gesehen hatte, im Verlaufe des langen Winters, immer voll heiliger Gluth für das große Werk, immer mit dem großen Blick der Zuversicht in den leuchtenden, blauen Augen, immer mit milchigen Worten auf den keuschen, stolzen Lippen – und wie er sie dann zuletzt gesehen: so bleich, so abgehärmt, so gebrochen, und doch wieder so ganz sie selbst, so gut und schön und edel in Haltung, Blick und Rede! Ich liebe Dich nicht? Warum mußte sie es zweimal sagen? Dergleichen Bekenntnisse, die uns abgepreßt werden, pflegt man nur einmal zu machen – weshalb also zweimal, wenn sie die Lüge nicht durch Wiederholung zur Wahrheit umzuwandeln hoffte? Weshalb aber die Lüge? Konnte sie nicht sagen: ich liebe Dich, und ich weiß, daß Du mich liebst; aber wir Beide können nun einmal nach individuellem Glück nicht fragen; wir müssen uns damit begnügen, daß unsere Seelen sich küssen? – Wäre sie doch nicht so groß, wie ich immer angenommen habe? Sollte sie von der breiten Heerstraße des gemeinen Denkens und Fühlens doch nicht wegkommen können? Sie, die Geistvolle, Gebildete, fast Gelehrte, sich von Tusky's armer, unwissender Käthe beschämen lassen? Und Leo dachte der armen Käthe, der Schwester jener Weinbäuerin, in deren Hütte er und Tusky in der Nacht ihrer Flucht von Tuchheim zuletzt verweilt hatten. Die arme Käthe, die, wie ihre Schwester, von oben aus dem Gebirge stammte, hatte Tusky von Jugend auf gekannt und von Jugend auf geliebt. Sie, die ein gar hübsches Mädchen gewesen, hatte manche vortheilhafte Partie ausgeschlagen, um dem Jugendgeliebten treu bleiben zu dürfen, dem Geliebten, der von ihrer Liebe nichts wußte, dem ganz zuletzt ein Zufall von ihrer Liebe Kenntniß gab. Und da war auch in seinem leidenschaftlichen Herzen die Liebe aufgeflammt; aber sie hatte die Hände gefaltet und gesagt: Nein, nein Konrad, du bist zu größeren Dingen ausersehen, als zur Ehe mit einem unwissenden Mädchen, das beinahe so alt ist, wie du selbst, und die dir auf deinem Lebenswege nur eine Last und Fessel sein würde. Was dich jetzt zu mir zieht, ist Großmuth und Mitleid, nicht Liebe, und wenn es Liebe wäre – es darf nicht sein! – Dabei war die Käthe geblieben, hatte nur das Eine verlangt, daß sie für ihn schaffen und arbeiten dürfe, wie sie's vermöchte. Und das hatte sie redlich gethan, das arme Weib. In ihres Schwagers, des Weinbauers Hütte, war das Hauptquartier der Verschwörer gewesen, von da aus hatte Tusky alle Fäden gelenkt. Und wenn es dann galt, geheime Botschaft zu bringen nach einem der Dörfer oben im Gebirge, oder im Walde auf Botschaft zu warten, die man von weiterher erwartete – dann hatte sich die Käthe aufgemacht, oft bei Sturm und Schnee in wilder, heulender Nacht, und hatte gewacht und gehungert und gefroren für eine Sache, von der sie nichts verstand, blos dem Manne zu Liebe, den sie liebte. Hernach war die Trennung gekommen, von der sie gewußt und es auch später in einem ihrer kleinen, ungeschickten Briefe ausgesprochen hatte, daß es eine Trennung für immer sein würde. »Es kann nicht anders sein,« schrieb sie einmal, »Du mußt jetzt Botenwege gehen für Deine Sache über die weite Welt, da kannst Du Dich nicht mit mir belasten; ein Bote muß gar frei ausschreiten können, wenn er nicht müde werden soll.« Das war von Anfang an ihr Wort gewesen, und daran hatte sie festgehalten, so oft Tusky sie auch aufgefordert hatte, ihr Schicksal mit dem seinen zu vereinen Später, hatte sie immer gesagt, später! und als Tusky ihr einmal schrieb: »des Menschen Leben währe siebenzig Jahre, und sie hätten nun bereits die Hälfte hinter sich«, hatte sie geantwortet: »Nun, dann im Himmel!« Was dies arme Weib in ihrer dunklen Verborgenheit, einfach dem edlen Triebe ihrer unendlichen Liebe folgend, that, das wäre freilich zu viel für die vornehme Bildung, die nicht gewohnt ist, ihr Licht im Verborgenen leuchten zu lassen! – Als ob ich Jemandem sagen könnte, was ich leide! als ob ich mich sybaritisch auf Rosen wälzte! mein Leben nicht von Kindesbeinen an eine ununterbrochene Reihe von Opfern und Entsagungen gewesen wäre! Und immer neue Bilder zogen vorüber an der Seele des wachend Träumenden. Jetzt war es die Zeit seiner Wanderjahre, und in allen diesen wildbewegten Bildern stand die große knochige Gestalt des Mannes, der ihm Freund und Bruder gewesen war. Er sah ihn an seiner Seite auf der Flucht über öde Haiden und rauhes Gebirg; er sah ihn über sein Bett gebeugt in der niedern holzgetäfelten Stube eines schweizerischen Bauernhauses, als ihn die Ueberanstrengung und die Entbehrungen der Flucht darniedergeworfen; er sah ihn sich gegenüber an dem Tannentisch in einer Pariser Mansardenkammer, wie sie anatomische und physikalische Studien machten; er sah ihn an seiner Seite auf dem Deck des Schiffes, das sie nach Amerika trug – immer an seiner Seite, und immer voll Liebe und Güte zu ihm, der starre, harte Mann, den Niemand außer ihm je lächeln sah. – Und da trat er nun in das Zimmer, aber nicht mit dem guten Lächeln von damals um seine Lippen; starr und kalt blickten die grauen Augen, und die schroffe Felsenstirn dräute zornig! Mit einem wilden Schrei fuhr Leo in die Höhe. Tusky war nicht da; die Lampe brannte auf dem Schreibtisch; die Bücher und Papiere lagen da, wie vorher! Luft! Luft! Er stürzte nach der Fensterthür, die auf den Balcon führte, und öffnete sie mit heißen, zitternden Händen. Der kalte Regen schlug ihm in's Gesicht, es war ihm eine Wollust; der Wind wühlte in seinen Haaren – er riß Rock und Weste und Hemd auf und bot dem Unwetter die nackte Brust. Weshalb konnte die heulende Windsbraut ihn nicht fassen und zerschmettern, ihn und die ganze Welt! Er trat wieder in das Zimmer; auf dem Boden, dicht vor seinen Füßen lag ein Blatt, das von dem Tisch heruntergeweht sein mußte. Er hob es auf und sah, daß es mit Chiffern beschrieben war, Chiffern, die er selbst einst zu einer Zeit, als ihr Leben jeden Augenblick auf dem Spiele stand, im Verein mit Tusky ersonnen hatte. Ein Schauder durchrieselte ihn; so war Tusky der Mann gewesen, der so eifrig nach ihm gefragt hatte! Er näherte sich der Lampe und las:   »Auf dem Wege zu Dir erhalte ich die Nachricht, daß die Käthe im Sterben liegt. Sie, die ihr Leben für mich geopfert hat, verdient es wohl, daß ich ihren Wunsch, in meinen Armen zu sterben, erfülle. Wenn ich von ihr komme, will ich sehen, ob Du mir schon gestorben bist.«   Das also war es! Leo legte das Blatt auf den Tisch und begann mit über der Brust verschränkten Armen im Zimmer auf und ob zu gehen. Das also war es! Ich fühlte es ja, daß seine Nähe mich umwitterte. Und sehen will er, ob ich ihm schon gestorben bin? das heißt: mir das alte Lied von neuem singen und mir alle Argumente nennen, die ich an den Fingern herzählen kann, und mir sagen: ich habe es ja gewußt, daß es so kommen würde! – Was weiß er, kann er wissen? was ist verloren, wenn ich mich nicht selbst verloren gebe? Und von ihm könnte ich die Litanei noch zur Noth hören; er hat ein Anrecht auf meine Geduld, aber es von den Anderen hören zu müssen, Paulus und Walter, den Tugendschwätzern, und dem ganzen übrigen Troß, der hinter dem Sieger her läuft, so gut wie hinter dem, der zum Kreuze geführt wird, und dessen Geschrei in dem einen Falle so nichtssagend ist, wie in dem andern – das ertrüge ich nicht, lieber will ich das Aeußerste wagen und erdulden! Zuerst wollen wir aber versuchen, die Schmerzen wegzuschaffen, die nachgerade aufdringlich zu werden beginnen. Er nahm aus seiner Hausapotheke ein Pulver, das er in Wasser schüttete. Wenn ich diese Dosis einem Patienten geben wollte, murmelte er, man würde mich einen Pfuscher und Mörder heißen. Er trank die Medicin, dann ging er noch ein paarmal in dem Gemache auf und ab, schob die Lampe höher und setzte sich an seinen Schreibtisch. Die Prophezeiung Silvia's, daß seine lange Abwesenheit der Tuchheimer Fabrik nicht zum Segen gereichen würde, war in schnellste Erfüllung gegangen. Heute Abend, bevor er sich zum General begab, hatte er von dem alten Krafft einen langen Brief voller Klagen bekommen. Es war mit dem Verkauf schlecht gegangen; man hatte sich genöthigt gesehen, nur um überhaupt Geld zu bekommen, die Waaren unter dem Werthe loszuschlagen, und noch dazu, wie sich dann herausstellte, an schlechte Zahler. Nun waren die Gelder ausgeblieben, und doch mußte man Geld haben, wenn man für den Einkauf nicht die richtige Zeit verpassen und ein paar schadhafte Gebäude, die einer schnellen und gründlichen Restauration bedurften, nicht in den Winter hinübernehmen wollte, wo dann der Schaden leicht sich verdoppeln und verdreifachen könnte. Auch der Mangel einer Dampfmaschine hatte sich bereits sehr fühlbar gemacht; doch die noch zu erlangen, sei nun wohl keine Hoffnung, obgleich ganz in der Nähe eine durchaus passende für einen annehmbaren Preis zu haben sei. – Schließlich hatte der treue Mann einen genauen Anschlag der zu deckenden Verluste und der noch aufzubringenden Kosten gemacht, der die Summe von zwanzigtausend Thalern beinahe erreichte. Leo hatte sofort nach Empfang des Briefes an Krafft telegraphirt, daß er alle für nothwendig erachteten Käufe abschließen und die fraglichen Verbesserungen sogleich in Angriff nehmen solle, das Geld werde zur rechten Zeit bereit sein; auch hatte er sein Kommen für einen der nächsten Tage zugesagt. Als Leo die Depesche absendete, hatte er freilich nicht gewußt, woher er das Geld nehmen würde; er hatte sich in seiner Weise nur gesagt: es muß geschafft werden. Jetzt war es an ihm, sein Wort einzulösen. Von dem König war nichts zu erwarten; der König hatte in der letzten Zeit wiederholt geklagt, wie sehr er in seinen Geldmitteln beschränkt sei, wie sehr er sich so manche Ausgaben versagen müsse. So werde ich das Geld aufbringen, sagte Leo, nachdem er Krafft's Rechnungen noch einmal durchgesehen und sich überzeugt hatte, daß keine Zeit zu verlieren sei. Das Grundstück, auf dem seine Villa stand und dessen Schenkungsurkunde ihm der König zugleich mit dem Adelsdiplom überreicht hatte, war schuldenfrei, und wie der General wissen wollte, vierzigtausend Thaler werth. Es konnte nicht schwer halten, wenn er hypothekarische Sicherheit gab, zwanzigtausend Thaler darauf geliehen zu erhalten. Der Advokat Hellfeld würde ihm das Geschäft leicht vermitteln können, es vielleicht selber machen. Und nun genug von diesem Plunder! Er schob die Papiere auf die Seite und griff nach einem andern Bogen, auf welchem er ein Gutachten über die augenblickliche politische Lage, das der König von ihm verlangt und das er dem Könige morgen überreichen sollte, begonnen hatte. Die Arbeit erforderte seinen ganzen Scharfsinn; er wollte, im Gegensatz zu dem wilden Kriegsgeschrei der prinzlichen Partei, die politische und staatsökonomische Unmöglichkeit eines Krieges nachweisen, zum wenigsten wenn man den Krieg mit den gewöhnlichen Mitteln zu führen gedachte. Im Hintergrunde hatte er freilich tiefere Gedanken, die es vor der Hand geschickt zu verbergen galt, damit sie so hernach, gezeitigt von der Logik der Thatsachen, wie von selbst hervorträten. Aber die Arbeit wollte nicht aus der Stelle rücken. Gegen seine Gewohnheit verlor er mehr als einmal den Faden des Gedankens, mußte ausstreichen, umschreiben. Das Pulver aus der Hausapotheke mußte wiederum seine gefährlichen Dienste thun, und es war beinahe Morgen, als Leo sich endlich, bis zum Tode erschöpft, erhob, um seine schmerzenden Schläfen in die Kissen zu drücken. Fünfundvierzigstes Capitel. In einer der späteren Vormittagsstunden des folgenden Tages saß der Bankier in seinem Arbeitscabinet vor dem Kamin, in welchem ein Kohlenfeuer glühte. Er fühlte sich nach einer beinahe schlaflosen Nacht frostig, unbehaglich und verdrießlich; und nun mußte der rauhe, regnerische Tag ihm die Stimmung vollends verderben. Vom frühesten Morgen bis jetzt hatte er gearbeitet, und es war auch während der Zeit etwas besser geworden; nun aber war seine Kraft erschöpft, und da war sie auch wieder, wie er sie vorher und immerfort seit Alfred's Tode empfunden hatte: die seltsame, unheimliche Leere in seiner Brust und selbst in seinem Kopfe. Was nützte es am Ende jetzt noch, das Calculiren und Combiniren und Planen? wem nützte er damit? seine Tochter würde auch ohne das reich genug werden – seine Tochter und sein Schwiegersohn, den er jetzt halb und halb haßte, und die Kinder der Beiden, die noch nicht da waren. Also dafür hatte er es sich sein Lebenlang so sauer werden lassen! dafür! sein Alfred sollte von der Erde verschwunden sein, als hätte er nie gelebt, und die Barone von Tuchheim konnten sich nun breit und bequem an Alfred's Stelle setzen und den dummen Geizhals auslachen, der nur für sie das Geld von allen Enden der Welt herbeigeschafft hatte! Die Barone von Tuchheim! natürlich! sie durften nicht aussterben, und damit sie nicht ausstürben, mußte man ihnen auch noch die eigene Tochter geben, aus deren Schoße doch nur wieder Barone von Tuchheim geboren werden konnten, die wieder Barone von Tuchheim erzeugen würden, und so fort in alle Ewigkeit! Der Bankier lächelte ingrimmig und schlug mit dem Schüreisen in die Kohlen, als wollte er die bösen Gedanken verscheuchen; aber die Funken waren noch nicht versprüht, als die bösen Gedanken sich schon wieder einstellten. Wäre es nicht besser gewesen, er hätte seine Tochter irgend einem der vielen Geldmänner gegeben, die sich um sie beworben hatten? Dann wäre Geld zu Geld gekommen, Arbeit zu Arbeit; oder einem der nicht minder zahlreichen, wenn auch verschämteren Bewerber aus dem Künstler- und Gelehrtenstande, die für Emma geseufzt, gesungen, Clavier gespielt und Gedichte gemacht hatten? So ein armer Teufel wäre doch wenigstens dankbar und Emma schließlich nicht unglücklich gewesen, wie sie es jetzt war. Warum hatte er Henri von Anfang an protegirt? Doch nur um Alfred's willen, doch nur, damit Alfred an ihm eine Stütze habe und einen Führer auf seinem Wege durch die große Welt. Nun ist das Mittel zum Zweck geworden – der Zweck, für den ich arbeite und für den Emma geopfert ist. So sagt sie wenigstens und wird es mir noch wer weiß wie oft sagen. Das hat man nun auch noch davon! Der eine der Procuristen trat herein, seinem Chef eine Sache zur Entscheidung vorzulegen. Es handelte sich darum, ob einem Geschäftsfreunde, dessen Verhältnisse schwankend schienen, noch länger Credit gewährt werden solle, oder nicht. Seine Angelegenheiten stehen nicht gut, sagte der Procurist, aber sie stehen auch nicht absolut schlecht; ja, ich bin der Meinung, daß er noch nicht einmal der Summe, die er wünscht, bedarf, um wieder ganz flott zu werden, und da dachte ich denn, weil er ein so alter Kunde von uns ist – Der Bankier fuhr ärgerlich von seinem Sessel auf und rief: Was soll mir das Alles? wie kommen Sie dazu, mir dergleichen wunderliche Zumuthungen zu machen! Nur keine Sentimentalitäten, wenn ich bitten darf! Geschäft ist Geschäft. Mag er sehen, wo er Geld herbekommt – von mir bekommt er keines, keines – nicht einen Thaler! nicht einen Thaler! Der Procurist sah seinen Chef verwundert an; die Aufregung, die Herr von Sonnenstein an den Tag legte, stand in gar keinem Verhältnisse mit der Geringfügigkeit des Objectes. Haben Sie noch etwas? fragte der Bankier. Nein, Herr von Sonnenstein, sagte der junge Mann. Dann bitte, entschuldigen Sie mich, ich möchte heute Morgen, wenn es sein kann, nichts mehr von Geschäften hören. Als sich der junge Mann mit einem gewissen Zögern entfernte, fiel dem Bankier ein, daß er auf einer Geschäftsreise einmal auf eine Stunde in dem Hause jenes Mannes gewesen war und derselbe ihm seine Familie vorgestellt hatte: eine hübsche, freundliche Frau und eine ganze Schaar von Kindern. – Er machte eine Bewegung in seinem Sessel; der Procurist, der den Griff der Thür schon in der Hand hatte, wartete noch ein paar Augenblicke, aber Herr von Sonnenstein wendete sich, ohne etwas zu sagen, nach dem Kamin, und Jener verließ das Gemach. Pah! sagte Herr von Sonnenstein, warum hat er so viele Kinder! Kinder kosten Geld, man kann nicht gut Beides zu gleicher Zeit haben; er hat vier oder fünf Jungen, glaube ich – und kein Geld; ich habe Geld und keinen einzigen. Wir sind quitt. Ein Diener kam und meldete den Baron von Tuchheim. Ich will Niemanden sehen, sagte der Bankier; dann aber fiel ihm ein, daß Henri der Ueberbringer wichtiger politischer Nachrichten sein könne und daß er ihn also annehmen müsse. Er hatte sich nicht geirrt; Henri hatte wichtige Nachrichten. Er kam soeben vom Prinzen, der ihn vor einer Stunde hatte rufen lassen. Der Prinz war in der größten Aufregung gewesen; geheime Depeschen, die heute Morgen eingetroffen waren, hatten nähere Details über die verlorene Schlacht gebracht, die sich immer mehr als eine vollständige Niederlage der befreundeten Armee herausstellte. Der Prinz hatte sofort eine Audienz beim König verlangt und erhalten. Der König, der nebenbei sehr hinfällig gewesen war, hatte wie gewöhnlich die größte Unentschiedenheit gezeigt, zuletzt aber doch, als der Prinz sehr bestimmt aufgetreten war, die Nothwendigkeit, aus der Neutralität herauszugehen, halb und halb zugegeben. So stehen die Sachen, sagte Henri, der selbst ungewöhnlich erregt war; der Prinz ist voller Hoffnung, den König endlich in's Wasser zu bringen, wie er sagt, und ist der Krieg einmal erklärt, so wird Alles ganz von selbst gehen. Dem König werden die Wellen über den Kopf schlagen, und er wird Gott danken, wenn man ihm verstattet, sich irgendwie auf's Trockene zu retten. Dann, Onkel, ist unsere Zeit gekommen. Deine Zeit wolltest Du sagen, erwiederte der Bankier. Deine doch nicht minder! rief Henri; der Prinz rechnet mit Bestimmtheit auf Deine Mitwirkung; er ist noch heute wiederholt darauf zurückgekommen, daß Du die Finanzen übernehmen müssest. Ohne eine hervorragende Capacität auf diesem Felde können wir auch gar nicht fertig werden, und ich möchte doch wissen, an wen wir uns da wenden sollten, außer an Dich. Henri begleitete diese Worte mit einem sehr verbindlichen Lächeln; der Bankier sah ihn mißtrauisch an; er hatte die Erfahrung gemacht, daß man sich vor Henri nie mehr in Acht zu nehmen habe, als wenn er sehr freundlich war. Und dann lauerte in Henri's Augen etwas, das mit dem Lächeln auf seinen Lippen gar nicht stimmte. Und da wir doch eben vom Gelde sprechen, fuhr Henri fort, so möchte ich Dich fragen, ob Du für mich eine größere Summe – ich meine fünf- bis sechstausend Thaler – übrig hast. Ich glaubte, Du hättest mir Deine Schulden sämmtlich declarirt, sagte der Bankier mit einem finstern Blick unter den buschigen Brauen hervor. Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß es sich nicht um die Bezahlung von Schulden handelt. Sondern? Um eine Speculation, einen Staatsstreich, wenn Du willst. Ich lege kein Geld in Staatsstreichen an, sagte der Bankier, seine Hände gegen das Kohlenfeuer kehrend. Um Henri's Lippen zuckte es unmuthig, doch hielt er an sich und erwiederte so ruhig, als es ihm möglich war: Ich bin überzeugt, daß Du mir das Geld giebst, wenn ich Dir sage, daß es mir aller menschlichen Berechnung nach die Mittel gewährt, unsern gemeinschaftlichen und in diesem Augenblick doppelt gefährlichen Gegner hoffentlich für immer unschädlich zu machen. Ich spreche, wie Du Dir denken kannst, von Leo. Der ist mit einer solchen Bagatelle nicht zu kaufen. Das weiß ich wohl; aber vielleicht ein Anderer, der ihn uns an's Messer liefert. Wir leben nicht in Italien; in Deutschland giebt es, keine Bravi. Das weiß ich ebenfalls, und ich muß mich wundern, daß Du mir dergleichen Einwürfe machst, die mindestens kein Compliment für meinen Verstand sind. Ich kann Dir nicht mittheilen, um was es sich handelt, da die Sache ein Geheimniß ist, das vorderhand bei mir bleiben muß; aber ich stehe für den Erfolg, und überdies will ich das Geld gar nicht geschenkt, ich will es geliehen haben. Du kannst es mir ja von Emma's Aussteuer abrechnen. Ich wünsche, daß Emma die ganze Aussteuer bekommt, die ich ihr ausgeworfen habe, und ich bin nach allen Seiten hin zu sehr engagirt, um auch nur einen Thaler für Ausgaben zu haben, deren Nothwendigkeit ich nicht einsehe. Auch wenn ich mich mit meinem Worte als Edelmann dafür verbürge, daß ich das Geld nicht für mich haben will, sondern für den angegebenen Zweck? Auch dann. Nun, beim Himmel! rief Henri; heftig von seinem Sitze auffahrend; das ist stark. Ich beeile mich, Dir noch ein paar Stunden vor der Börse Nachrichten zu bringen, die Dir Hunderttausende eintragen können, und Du verweigerst mir eine Summe, die Du selbst eine Bagatelle nennst! Es kommt mir nicht auf das Geld an, das ich mir auch auf anderem Wege verschaffen kann, das mir der Prinz mit Vergnügen geben wird, wenn ich nur ein Wort sage. Was mich empört, ist, daß Du mir verweigerst, was Du jedem beliebigen Gardelieutenant ohne Weiteres gewähren würdest. Aber freilich gegen Verwandte braucht man keine Rücksichten zu nehmen, und gegen Schwiegersöhne nun vollends nicht! Ich wüßte nicht, daß Du Dich durch Rücksichten gegen Deine Verwandten je besonders ausgezeichnet hättest, und was den Schwiegersohn betrifft, ich habe Dir Emma, so viel ich weiß, nicht aufgedrungen. Die Männer standen sich gegenüber und blickten sich mit haßfunkelnden Augen an, jeder innerlich erschrocken, daß er sich so weit hatte hinreißen lassen, und doch wieder mit einem Gefühle der Genugthuung, weil endlich einmal von dem Gesicht des Andern die Maske gefallen, und man doch nun für alle Zukunft wußte, woran man war. Jetzt mußte sich zeigen, wer der Stärkere sei, und Henri fühlte, daß in diesem Augenblick er es sei. Der Onkel war augenscheinlich fassungslos, unfähig zu sprechen; er konnte sprechen und mußte sprechen. Sein Hut stand neben ihm auf dem Tische, er nahm die Handschuhe heraus und sagte, indem er mit einer Sorgsamkeit, als befände er sich in einem Ballsaal, dieselben anzuziehen begann: Du meinst, ich hätte mich Euch aufgedrängt? Ich bin Dir sehr dankbar für Deine gute Meinung, sehr! Indessen die Sache verhält sich doch vielleicht nicht ganz so. Unser Vortheil ging eben Hand in Hand. Ich wollte meine Güter wieder haben und einiges baares Capital dazu; Du einen Schwiegersohn, mit dem die Firma Sonnenstein Staat machen konnte und der überdies dem Chef dieser Firma zu einem Ministerportefeuille verhelfen sollte. Ich dächte also, die Einzahlung wäre von beiden Seiten gleich groß gewesen. Es scheint, daß Du die Compagnonschaft sehr bald satt bekommen hast. Nun, Du bist ja alt genug, um zu wissen, was Du thust. Aber das laß Dir gesagt sein: Du wirst mit mir einen etwas schwereren Stand haben, als mit meinem Vater. Wenn Du daran zweifelst, so habe nur die Güte, mich auf die Probe zu stellen; ich werde Dir die Beweise dafür nicht schuldig bleiben. Bis dahin habe ich die Ehre, mich zu empfehlen. Henri war endlich mit dem zweiten Knopf fertig geworden; er ergriff seinen Hut, verbeugte sich mit gesellschaftlicher Feinheit und hatte noch beim Hinausgehen die Freude, in einem Spiegel zu sehen, wie der Andere hinter seinem Rücken in seinen Stuhl zurücksank. Aber die Thür hatte sich kaum hinter Henri geschlossen, als Herr von Sonnenstein wieder aufsprang und, einem Rasenden gleich, in dem Gemache hin und her zu wüthen begann. Er griff sich mit beiden Händen in das krause, ergrauende Haar, und dann schüttelte er wieder die geballten Fäuste und schlug sich gegen die Brust. Was hatte er von dem Buben hören müssen! Und dieser Bube hatte seinen Sohn in sein frühes Grab bringen helfen, ja, ja! Jetzt wußte er es! Und daß er so blind hatte sein können, um des Buben listiges Treiben nicht zu durchschauen, wenn er den armen Alfred zu allen möglichen Ausschweifungen verlockte und ihm einredete: das gehöre sich für einen Cavalier! – Verflucht die Cavalierschaft mit eines Vaters ingrimmigstem Fluche! Verflucht der Versucher! Er ist mir meinen Sohn schuldig, er soll mir meinen Sohn wiedergeben, meinen Alfred, meinen armen, unglücklichen Alfred! Und wieder warf er sich in seinen Stuhl und drückte die Hände vor sein Gesicht. So saß er lange Zeit – ein gebrochener Mann. Zum erstenmal in seinem Leben vermochte er nicht, so viel Mühe er sich auch gab, die sonst klaren Gedanken zu sammeln; wilde Phantasien drängten sich durch sein Gehirn; er sah den todten Sohn vor sich auf der Bahre, und dann sah er ihn wieder in's Zimmer treten mit dem Hut auf dem Kopfe und die Reitpeitsche in der Hand, die Wangen geröthet von dem raschen Ritt. Er stöhnte laut und fuhr entsetzt in die Höhe, als er dicht neben sich ein Seufzen und Weinen hörte. Was willst Du, Emma? wie kommst Du hierher, Emma? rief er und strich sich mit der Hand über die buschigen Brauen und über die gerötheten Augen, um sich zu überzeugen, ob er wache oder träume, ob die Weinende da vor ihm wirklich seine Tochter Emma sei. Was giebt's, Emma? fuhr er zu fragen fort, und dann setzte er, ohne ihre Antwort abzuwarten, mit einer Stimme, die heiser und ärgerlich klang, hinzu: Ich bin nicht Schuld daran; weshalb hast Du ihn geheirathet? Ich hätte Dich schon ein halbes Dutzend mal vorher weggegeben, wenn Du gewollt hättest; aber Du wolltest ja nicht; nun mußt Du sehen, wie Du fertig wirst; ich wasche meine Hände. Emma fing an heftiger zu weinen; sie hatte Trost und Schutz bei dem Vater gesucht; der Vater hatte ihr gestern Abend noch versprochen, über sie zu wachen; jetzt war sie gekommen, um zu klagen, sie hatte Grund zu klagen und Grund zu weinen wie noch nie; und nun ließ sie auch noch der Vater fallen! Was ist geschehen, Emma? fragte der Bankier ungeduldig. Er ist so grausam gegen mich gewesen, sagte Emma schluchzend; er hat es mir in so harten Worten vorgeworfen, daß ich ihn nicht freundlicher empfangen hätte, und als ich ihm sagte, daß ich doch unmöglich so kurze Zeit nach Alfred's Tode fröhlich sein könne, ist er so bös geworden und hat gesagt, ich hätte mich um Alfred nie viel bekümmert, und er wüßte wohl, weshalb ich weinte. Ach, Papa, Papa, ich bin das unglücklichste Geschöpf auf der Welt! Weiß er, daß Du hier bist? fragte der Bankier grollend. Emma sah erschrocken auf. O, nein, nein! und er darf es auch nicht wissen; ich glaube, er würde mich tödten, wenn er es wüßte; ach, Papa, Du weißt nicht, wie hart und grausam er sein kann. Der Bankier stöhnte; er wußte es nur zu gut! Also auch die Demüthigung, seine Tochter von dem Manne, den sie erst nach langem Zögern gewählt hatte, verachtet und mißhandelt zu sehen, sollte ihm nicht erspart bleiben. Und hernach, fuhr Emma fort – und sie schluchzte stärker als vorher; hernach ist er fort gegangen und heute Morgen erst um vier Uhr nach Hause gekommen; und mein Mädchen, die es von seinem Diener weiß, hat mir erzählt, daß er gestern die ganze Nacht nicht zu Hause gewesen ist. Ach, Papa, wie soll das werden! Der Bankier fuhr heftig auf: Wie das werden soll? Und das willst Du von mir wissen? Habe ich nicht genug mit mir selbst zu thun? Und müßt Ihr nun noch Alle kommen und mich quälen? Weshalb weißt Du ihm nicht zu imponiren? Weshalb hast Du Dir die Zügel so bald entreißen lassen? Ich habe Dir gestern Abend genug vorgepredigt, Du solltest das alberne Weinen lassen, das zu nichts in der Welt gut ist und ihn nur noch mehr erbittern würde. Weshalb bist Du meinem Rathe nicht gefolgt? Jetzt, anstatt ihm gegenüber eine Stütze an Dir zu haben, soll ich Dich auch noch stützen! Das hat man von Euch Frauen – nichts als Verlegenheiten und Unannehmlichkeiten. Herr des Himmels, Emma, laß Dein Weinen! ich kann es nicht länger ertragen! Der Diener, der vergeblich zweimal geklopft hatte, kam zögernd zur Thür herein: Herr von Gutmann wünscht den Herrn in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen. Lassen Sie mich zufrieden! rief der Bankier außer sich; ich will Niemanden sehen, Niemanden! Sie kommen um Ihren Dienst, wenn Sie mir heute noch irgend Jemand melden. Verstehen Sie? Der Diener zog sich mit einem verwunderten Gesicht nach dem aufgebrachten Herrn und der weinenden, jungen gnädigen Frau zurück. Der Bankier hatte den Blick des Mannes wohl bemerkt; er sagte, sich zusammennehmend, mit leiser, zitternder Stimme: Muß man sich noch vor seinen eigenen Leuten blamiren! Geh', Emma, und sag' dem Doctor, es thäte mir sehr leid, aber ich könne Niemand empfangen; geh', ich möchte ihn nicht gern vor den Kopf stoßen; aber ich kann ihn nicht sehen, geh', und hörst Du, Emma, wir sprechen ein andermal darüber, geh'! Herr von Sonnenstein reichte Emma seine kalte, zitternde Hand. Emma, die, sobald sie Leo's Namen vernommen, zu weinen aufgehört hatte, entfernte sich schnell und traf Leo noch auf dem Flur, wie ihm der Diener eben die Antwort seines Herrn ausrichtete. Leo trat ihr lebhaft entgegen. Emma rief: Liebster Herr Doctor, verzeihen Sie dem Papa, er ist so unwohl! Dann setzte sie leise auf französisch hinzu: Haben Sie zwei Minuten Zeit für mich? Ich muß Sie sprechen! Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern eilte vor ihm her die ersten Stufen der breiten Marmortreppe hinauf, wendete sich dann aber um, seinen Arm zu nehmen. Oben in dem Salon angekommen, brach sie in Thränen aus und rief, indem sie seine beiden Hände ergriff: Ach, mein Freund, ich bin so unglücklich, so grenzenlos unglücklich! Warum haben Sie mir das nicht gesagt! Dann ließ sie ihn los, um in dem Zimmer umher zu irren, die Sopha's und Stühle mit der Hand zu berühren und dabei zu weinen und zu klagen, wie glücklich sie hier gewesen sei, wie glücklich sie hier noch sein könnte; und daß dies Alles nun auf immer und immer verloren und sie Zeit ihres Lebens das unglücklichste Geschöpf auf Gottes weiter Welt sein solle. Leo war weder in der Stimmung, noch hatte er auch nur die Zeit, um Emma's Jammer ein geduldiges Ohr zu leihen. Er ging deshalb zu ihr, die jetzt zusammengekauert auf einem der Sophas saß und in die bauschigen Trauerkleider und den vom Hut herabwallenden Schleier wie in eine schwarze Wolke gehüllt war, und sagte, sich zu ihr setzend: Sie bringen mich da in eine peinliche Lage, gnädige Frau, indem Sie mich zu dem Vertrauten eines Unglücks machen, das ich habe kommen sehen und das abzuwenden doch nicht in meiner Macht stand. Warum nicht? schluchzte Emma; in wessen Macht hätte es sonst gestanden, wenn nicht in der Ihren? Hätten Sie mich nur ein klein wenig geliebt, ach, nur so wenig – ich wäre ja mit so Wenigem zufrieden gewesen, und hätten Sie es mich nur ein einzigesmal merken lassen – keine Macht der Welt hätte mich von Ihnen trennen sollen; ich würde Allem, Allem getrotzt haben und brauchte jetzt nicht seine Frau zu sein! Es lag eine wahre und tiefe Empfindung in Emma's Worten, und sie weinte auch nicht mehr, als sie in dem Tone schmerzlicher Ueberzeugung fortfuhr: Aber, Leo, Sie haben mich nie geliebt; warum hätten Sie das auch gesollt? Ich sehe es ja jetzt, welch' thörichtes, albernes Mädchen ich gewesen bin, wie leicht man mich hat betrügen können. Aber Mitleid konnten Sie doch mit mir haben, ich habe es ja immer so gut mit Ihnen gemeint. Sie konnten ja darum noch immer Josephe heirathen. Leo machte eine ungeduldige Bewegung, Emma achtete nicht darauf. Hier, sagte sie, in diesem Zimmer haben Sie sie zum erstenmale gesehen. Wissen Sie wohl noch? Wir fuhren nachher noch in ein Concert, und Sie waren eine Zeitlang allein mit ihr und erzählten mir hernach, daß Sie kein Wort miteinander gesprochen hätten. Sprechen Sie denn jetzt viel mit einander? Ich habe Josephe nie viel sprechen hören. Lieben Sie sie denn wirklich, Leo? Lieben Sie sie wirklich? Ach Gott, ich kann mir das nicht vorstellen; sie ist so kalt und stolz, und Sie thun auch immer so kalt und stolz; ach, und stolz sind Sie ja auch gewiß, aber ich glaube gar nicht, daß Sie so kalt sind; Sie geben sich nur den Anschein. Dann können Sie aber auch gar nicht glücklich mit ihr werden, Leo. Sind Sie glücklich, Leo? Leo saß, in düstere Gedanken verloren, da. Mußte er heute auch aus diesem Munde hören, was er sich in der langen Fiebernacht tausendmal selbst gesagt hatte? Sie sind nicht glücklich, Leo! rief Emma, ich sehe es Ihnen an. Sie sind nicht glücklich! Ach, dann heirathen Sie sie nicht, thun Sie es um Gottes willen nicht! Heirathen Sie lieber die arme, gute Silvia. Sie sagen ja Alle, daß Silvia Sie liebt und daß Sie sie dem Könige opfern wollen. Sie liebt Sie gewiß, und sie paßt gewiß viel besser für Sie, als Josephe. Seien Sie doch gut zu ihr, Leo; Sie können ja so freundlich sein, wenn Sie wollen. Soll ich mit Silvia sprechen? Soll ich zu ihr gehen? Lassen Sie mich zu ihr gehen, es kann noch Alles gut werden. Nichts kann gut werden, nichts! rief Leo mit einer Leidenschaft, die so urplötzlich aus seiner Brust hervorbrach, wie ein Donnerschlag aus der schwülen Stille eines Sommertags. Er sprang auf und that einige Schritte, dann kehrte er wieder um und sagte mit seiner gewöhnlichen Stimme: Was kann es helfen, liebe Emma, an seinen einmal gefaßten Entschlüssen zu drehen und zu deuteln, den Kindern gleich, die ihre Kartenhäuser umwerfen, wenn sie eben damit zu Stande gekommen sind; Sie kennen mich genug, um zu wissen, daß ich wohl meine Wege, aber sicherlich nicht meine Ziele wechsle, und meine Wege ebenfalls nicht, wenn ich, wie jetzt, schon so weit gegangen bin. Und nun lassen Sie uns diese Unterredung abbrechen. Die halbe Stunde, die ich für Ihren Vater hatte, ist vorüber, und ich muß zum Könige. Emma erhob sich schnell. Mein Gott, rief sie, ich habe Ihnen ja noch gar nicht gesagt, was ich Ihnen sagen wollte. Henri ist so zornig auf Sie, er hat gestern Abend so wilde Reden geführt! Das ist doch nichts Neues, erwiederte Leo verächtlich lachend. Nein, aber ich glaube, daß er etwas Besonderes vorhat; er sagte, er wolle Ihnen schon einen Strich durch die Rechnung machen, und Sie sollten Josephe nicht heirathen, es würden nicht zwei Tage vergehen, dann wäre es aus mit Ihrer Herrlichkeit, sagte er, und noch viel mehr Derartiges. Ach, Leo, nehmen Sie sich doch ja recht in Acht, er ist so grausam und haßt Sie so furchtbar; er hatte ganz bleiche Lippen, und die Augen quollen ihm ordentlich aus dem Kopfe; er wird Ihnen ganz gewiß ein Leid anthun. Fürchten Sie nichts, sagte Leo, Emma, die jetzt vor ihm stand, bei den Händen fassend und an sich ziehend; Sie sind ein gutes Kind und hätten ein besseres Loos verdient. Vielleicht kann ich Ihnen doch noch helfen, und wenn ich es kann, seien Sie überzeugt, daß ich es thue. Kommen Sie, liebe Emma, ich habe keinen Augenblick zu verlieren. Emma konnte sich noch nicht von dem geliebten Manne trennen. Sie sah ihn mit thränenden Augen an und sagte: Wann werde ich Sie wiedersehen? Ach, mir ist, als sähe ich Sie nie wieder. Leo lächelte. Wir müssen doch auf gutem Fuße miteinander leben, Emma! Das muß uns der Herr Gemahl nun schon wohl oder übel erlauben. Ich glaube nicht, daß er offen mit mir zu brechen wagt. Kommen Sie morgen zum General, er giebt eine große Gesellschaft, vielleicht daß auch der König kommt, es ist eine Art Familienfest, die officielle Feier unserer Verlobung. Da kann er sich nicht gut ausschließen. Man hätte Ihnen schon eine Einladungskarte geschickt, wenn wir gewußt hätten, daß Sie zurück wären. Er wird nicht wollen, sagte Emma. Lassen wir es darauf ankommen! Sie hatten das Zimmer verlassen; Emma erzählte, während sie die Treppe hinab und zum Hause hinausgingen und jetzt unter dem Portale standen, von ihrer Reise, von Alfred's Tode und von der Veränderung, die seit der Zeit mit ihrem Vater vorgegangen sei. Ach, sagte sie, der Papa ist nicht wieder zu erkennen; er war vorhin ganz außer sich; es ist recht gut, daß Sie ihn nicht gesprochen haben. Sie hätten sich vielleicht auch mit ihm erzürnt. Ich muß heute Nachmittag wieder her; kann ich es nicht an ihn ausrichten? Was wollen Sie von ihm? Was die Leute gewöhnlich von Ihrem Herrn Vater wollen – Geld. Können Sie es sich nicht im Comptoir geben lassen? Ich muß erst mit Ihrem Vater sprechen. Gott! und Sie brauchen es vielleicht nothwendig, und er ist jetzt so böser Laune und macht Ihnen Schwierigkeiten. Nehmen Sie es von mir. Leo lächelte. Ich fürchte, Sie würden mir beim besten Willen nicht helfen können; ich brauche etwas viel. O, ich habe Geld, sagte Emma eifrig, Papa hat mir jedes Jahr ein paar Actien geschenkt, es sind, ich weiß nicht wie viele tausend Thaler. Wollen Sie sie haben? Um keinen Preis! – Leben Sie wohl, Emma, man darf uns hier nicht so lange beisammen stehen sehen. Leo drückte Emma die Hand und entfernte sich schnell. Emma sah ihm seufzend nach, sie fühlte sich so verloren, so verlassen hier auf der Schwelle ihres Vaterhauses, das für sie keine Heimath mehr war, und bei dem Gedanken an das Haus, in das sie nun zurückkehren mußte und von dem sie nur zu gut wußte, daß es niemals für sie eine Heimath werden würde. Sechsundvierzigstes Capitel. Der König hatte heute Morgen, gleich nachdem der Prinz ihn verlassen, an Leo geschrieben und ihn gebeten, binnen einer Stunde zu ihm zu kommen, da er ihn noch vor dem um zwei Uhr anberaumten Ministerconseil nothwendig sprechen müsse. Zugleich hatte er Leo den Inhalt der eingetroffenen Depeschen mitgetheilt. Das Billet hatte einen unangenehmen Eindruck auf Leo gemacht. Fassungslosigkeit und Verwirrung hatten aus jeder Wendung, ja selbst aus jedem Zuge der fast unleserlichen Handschrift hervorgeblickt. Das war nicht die Schreibweise eines Mannes, der zu einer großen That gerüstet ist! Indessen hatte er nicht Zeit gehabt, über das Alles reiflicher nachzudenken. Seine persönlichen Angelegenheiten, die so eng mit den allgemeinen verknüpft waren, forderten gebieterisch seine Aufmerksamkeit. Das Geld für die Tuchheimer Fabrik mußte schleunigst herbeigeschafft werden. Er fuhr zu dem Advocaten Hellfeld, demselben, mit dem er auch schon früher Geldgeschäfte gemacht hatte und der, als ein reicher und in seinen Geldmanipulationen wenig scrupulöser Mann, der Geeignetste schien, ein größeres Geschäft schnell abzuschließen, wenn auch mit einigen Mehrkosten für den Geschäftsfreund. Gegen sein Erwarten machte Herr Hellfeld Schwierigkeiten. Nichts würde ihm ja größere Freude machen, als einem so lieben Freunde einen Dienst zu leisten, aber die Zeiten seien schlecht, das Geld knapp, er selbst nach anderen Seiten in Anspruch genommen. Natürlich sei er gern erbötig, Leo das Geschäft zu vermitteln, doch werde es schwer halten, in kurzer Zeit eine so bedeutende Summe herbeizuschaffen. Man werde jetzt vor dem wahrscheinlichen Ausbruch eines großen Krieges wenig geneigt sein, sein Geld in Hypotheken anzulegen; ob denn auch Leo's Rechtstitel unanfechtbar seien? Leo glaubte in dieser letzten Frage den Schlüssel zu Herrn Hellfeld's Benehmen zu finden. Herr Hellfeld traute der Sicherheit seines Verhältnisses zum Könige nicht: es schien sogar, als ob dem Manne der Umstand, daß Leo sich in diesem Augenblick so viel baares Geld auf einmal zu verschaffen suchte, verdächtig war. Leo mußte seinen Zorn hinunterschlucken. Es falle ihm eben ein anderer Ausweg ein, auf dem er schnell und sicher zu seinem Ziele zu gelangen hoffen dürfe; er bedauere, Herrn Hellfeld vergeblich bemüht zu haben. Es war Leo kein anderer Ausweg eingefallen; er wollte nur noch in aller Eile über den Stand des Geldmarktes Erkundigungen einziehen und fuhr deshalb bei Sonnenstein vor. Von dem Kammerdiener, der in der Thüre stand, erfuhr er, daß die Familie zurück sei, und nun erst kam ihm der Gedanke, sich direkt an den Bankier zu wenden, auf dessen Dankbarkeit er durch seine Bemühungen um Alfred die entschiedensten Ansprüche zu haben glaubte. Aber auch hier war es durch die Weigerung des Bankiers, ihn zu empfangen, und durch Emma's Dazwischenkunft bei dem Versuch geblieben; er hatte keine Minute zu verlieren, wenn er zur festgesetzten Zeit bei dem Könige sein wollte. Es war das erstemal, daß der König seinen Günstling zu dieser Geschäfts- und Arbeitsstunde in seinem Cabinete empfing, und ein sonderbares Gefühl überkam Leo, als er die Flucht der hohen und schönen Vorzimmer durchschritt. Hier und da in den Fensternischen, an den Kaminen, auch mitten in den Zimmern standen kleine Gruppen von Herren, welche bei seinem Eintritt die leise geführte Unterhaltung abbrachen und neugierig fragende Blicke auf ihn richteten. Nur wenige erwiederten die Verbeugung, mit welcher Leo an ihnen vorüberschritt, in höflicher Weise; die meisten begnügten sich mit einer abgemessenen Neigung des Hauptes, noch andere schienen ihn nicht zu sehen. Leo konnte sich sagen und sagte sich, daß diese Männer sich nur in das Unvermeidliche fügen, jede Gelegenheit, ihm zu schaden, mit Freuden ergreifen und den Gefallenen mitleidslos in den Staub treten würden. Der glatte Boden der Zimmer, in welchem sich die vergoldeten Prunkmöbel spiegelten, war ein Sinnbild des Bodens, auf dem er sich hier bewegte. Aber ich werde nicht fallen, sagte er bei sich, und ihr sollt noch lernen, eure trotzigen Nacken vor mir zu beugen. Der König saß in einem großen Armstuhl und streckte dem Eintretenden mit mattem Lächeln die Hand entgegen. Ich habe den Staatsmann rufen lassen, sagte er, nun ist es gut, daß der Doctor gekommen ist. Fühlen Sie meinen Puls, Doctor! Bin ich nicht ein Mann, den man um Gottes willen in Ruhe lassen sollte? Und dabei krächzen sie mir schon seit drei Stunden unaufhörlich die Ohren voll, und ich glaube, im Vorzimmer ist noch eine ganze Menagerie. Könige müssen von Guttapercha, Schmiedeeisen und Eichenholz construirt sein; Menschen von Fleisch und Blut und Nerven taugen nicht zu diesem Metier. Leo hielt noch die Hand des Königs umfaßt; der Puls war hart und langsam; nichtsdestoweniger waren die Adern an seiner hohen Stirn geschwollen; in seinen blauen Augen brannte ein unstetes Feuer, das jetzt zu verlöschen schien, um im nächsten Moment unheimlich hell aufzuflackern. Leo ließ die fieberheiße Hand aus der seinen gleiten. Majestät können heute Morgen außer mir Niemanden mehr empfangen, und es fragt sich, ob Sie nicht besser thun, auch mich fortzuschicken. Die Anderen kann ich also auf jeden Fall fortschicken? fragte der König, sich mit halbgeschlossenen Augen in seinen Stuhl zurücklehnend. Ich bitte dringend darum, sagte Leo. Dann haben Sie die Güte, die Glocke zu ziehen. Der Oberkämmerer trat ein; der König rief ihm entgegen: Ich soll heute Morgen Niemanden mehr sehen. Sagen Sie es dem Kammerherrn von Birkach, daß er sie fortschickt. Ich will Niemanden sehen, Niemand! verstanden? Um Leo's Lippen zuckte ein blitzschnelles Lächeln. Er sah die erstaunten, ärgerlich-zornigen Gesichter; er sah sie sich zur Thür hinausbewegen, in stummem Ingrimm, oder mit Verwünschungen, die sie doch nur dem Nachbar leise in's Ohr flüstern durften. Nun zu Ihnen, mein Lieber, sagte der König. Wissen Sie, daß ich mit Ihnen recht unzufrieden bin? Sie hätten mir nicht zu der Reise rathen sollen! Was habe ich über diese unglückliche Reise schon Alles hören müssen, seit ich zurück bin! Noch heute wieder vom Prinzen; mich wundert nur, daß sie mir nicht ganz einfach den Kopf vor die Füße legen. Jetzt bringen Sie mir die Schreier wieder zur Ruhe! Was wagt man Ihnen vorzuwerfen, Majestät? Mein Gott, ich bin eben das Karnickel, das an Allem Schuld ist. Ich hätte es nie so weit kommen lassen dürfen; oder, nachdem es einmal zum Kriege gekommen war, mich sofort einmischen sollen. Jetzt, nachdem unsere lieben Freunde Schläge bekommen haben, ist nun vollends der Kukuk los. Nun bin ich ein Verräther an Allem, was heilig ist, wenn ich nicht binnen vierundzwanzig Stunden den Ritter spiele, der zum blutigen Kampf hinauszieht. Und was haben Majestät beschlossen? Sie fragen auch, als ob über dergleichen zu beschließen Butterbrodessen wäre. Beschließen! Ich wollte nur, Sie hätten auch die Verantwortung zu tragen, mein lieber Herr von Gutmann, da würde Ihnen doch ein wenig anders zu Muthe sein. Aber so freilich ist weit davon ungeheuer gut vor dem Schuß. Der König suchte sich bei diesen Worten die Miene überlegener Weisheit zu geben, doch vermied er es, Leo anzublicken, und als er jetzt in ärgerlichem Tone sagte: Ja, mein Gott, nun stehen Sie da, wie die Stumme von Portici! Sprechen Sie, reden Sie! was soll ich thun? Gar nichts, Majestät, oder – Alles. Nur keine Orakelsprüche, mein Lieber, und keine geistreichen Zweideutigkeiten; dazu ist heute keine Zeit. Ich wollte nur kurz sein, Majestät, nicht dunkel. In der That giebt es außer den Beiden kein Drittes; denn das Dritte wäre eben der Krieg, wie ihn der Prinz und seine Partei will, und ich finde es sehr begreiflich, daß Majestät davon nichts wissen wollen. Gewiß will ich nichts davon wissen, rief der König, das fehlte mir noch! Ich habe schon genug von dem Säbelgerassel gehabt; wenn nun gar die Plempe erst gezogen ist, wird es nicht mehr zum Aushalten sein. Den Prinzen an der Spitze des Heeres, damit ich hernach mein Lebenlang hören werde, wie er auslag und seine Klinge führte! Nein, nein! So ein Krieg zum Besten meines Herrn Vetters und seiner Cavallerieofficiere – dafür danke ich. Die Stirn des Königs hatte sich bei den letzten Worten mit einer lebhaften Röthe bedeckt; seine helle Stimme hatte einen kreischenden Ton angenommen; nie hatte er Leo den Haß, mit welchem er den Prinzen haßte, so deutlich gezeigt. Leo glaubte schon seines Erfolges sicher zu sein. Er sagte schnell: Ich kann Eurer Majestät nicht widersprechen; im Gegentheil, ich sehe in einem solchen Krieg die allerernstesten Gefahren für Eure Majestät. Der zurückkehrende Sieger würde den Platz neben dem Throne, der ihm jetzt kaum noch genügt, viel zu niedrig finden; der Uebermuth der Officiere würde keine Grenzen mehr kennen; ich wüßte nichts, was von diesem Uebermuthe nicht zu befürchten wäre. Sie meinen, man würde mich zwingen wollen, abzudanken? Was? In der Miene des Königs lag jetzt so viel Angst als Haß. Leo zuckte die Achseln. Ich weiß nur, sagte er, und ich weiß es nicht allein, daß in der Armee seit längerer Zeit hochverrätherische Reden geführt werden, die straflos bleiben, weil sich kein Kläger und kein Richter findet. Aber bedenken Majestät doch nur den anderen Fall, der mir sehr viel wahrscheinlicher däucht, den Fall, daß die Armee nicht siegreich ist, daß die Zeitungen von verlorenen Gefechten, von übergebenen Festungen, von übereilten Rückzügen, von Niederlagen zu melden haben. Ja wohl, rief der König, das ist sehr viel wahrscheinlicher. Ich glaube nicht an das kriegerische Genie meines Vetters; er wird in der Branche gerade so wenig leisten, wie in jeder anderen. O, ich wollte ihm die Schläge von Herzen gönnen, ihm und seinen Rittern! Dann könnte die Reitkunst, mit der die Herren so viel prahlen, doch einmal zu Ehren kommen. Der König lachte, aber das Lachen klang sehr hohl; auch nahm sein Gesicht alsbald wieder den ernsthaft ängstlichen Ausdruck an; er stützte die Stirn in die Hand und murmelte: Ja, und dabei könnte man leicht aus dem Regen in die Traufe kommen. Die Nachricht von einer Niederlage würde mir Krethi und Plethi auf den Hals ziehen. Sie würden hier wieder um das Schloß herum stehen in unabsehbaren schwarzen Massen, gerade wie – Der König stöhnte und warf sich wie ein Fieberkranker in seinem Stuhl herum. Und her kriegt man sie wohl, aber wieder von hier weg! das ist es. Das würde viel Mühe und Kopfzerbrechen kosten, und am Ende gingen sie nicht einmal gutwillig. Ich glaube schwerlich, Majestät. Sie glauben, Sie gingen nicht? Ich müßte sie mit blutigen Köpfen wegschicken? Wollen Sie das sagen? Ich bin davon überzeugt, wie von meinem Leben. Die Völker sind jetzt so gesinnt, daß sie ein großes Unglück ihrem Herrscher nimmer vergeben würden. Der Herrscher, der jetzt das Schwert zieht, setzt Alles auf das Spiel; er ist dem Salut public noch ganz anders verantwortlich, als in früheren Zeiten, und ein Wohlfahrts-Ausschuß würde sich sehr leicht constituiren. Und das wagen Sie mir zu sagen, mir? rief der König mit bleichen Lippen; Herr, vergessen Sie nicht, daß Sie zu Ihrem Könige sprechen, vergessen Sie das nicht! Warum hätten Majestät mich aus dem Kerker befreit und mich mit mächtiger Hand weggehoben über so viele hohle Köpfe, wenn Majestät doch von mir nichts Anderes hören wollten, als was Sie aus dem Munde jedes beliebigen Schmeichlers so viel einfacher hören könnten? So sind Sie also für den Frieden? sagte der König, indem er sich sichtlich Mühe gab, Leo in seiner sicheren, leidenschaftslosen Sprache zu copiren; aber der Friede ist kaum noch zu erhalten, und hernach machen sie mir dann wieder meine Friedensliebe zum Vorwurf; ich kann's ihnen ja nun einmal beim besten Willen nicht recht machen. Der poetische König! natürlich! Man theilt die Erde; er hat keine Zeit, dabei zu sein! Und das wäre noch das Geringste, Majestät; aber es ist meine feste Ueberzeugung, daß Sie dem Kriege doch nicht entgehen würden. Der im Stiche gelassene Bundesgenosse würde mit seinem Gegner Frieden machen, aber nur, um seine gerüsteten Heere augenblicklich über unsere Grenzen zu ergießen, um sich in Deutschland wieder zu erobern, was er an anderen Orten verloren. Nun, wenn es also doch einmal geschlagen sein soll, weshalb denn nicht mit dem Bundesfreund gegen den Erbfeind? Dann müssen wir eben die vorhin besprochenen Chancen auf uns nehmen. Keineswegs, Majestät, muß geschlagen sein! Es giebt eine Möglichkeit, den Frieden zu erhalten. Welche? rief der König eifrig. Die, daß Sie selbst Frieden machen mit Ihrem Volke. Leo's Blick ruhte mit unverrückbarer Festigkeit auf dem Gesichte des Königs; der König fühlte den Blick, obgleich er den ihm Gegenübersitzenden nicht ansah; er warf sich noch unruhiger und ungeduldiger in seinem Stuhle hin und her, schüttelte heftig mit dem Kopfe und rief: Ja, aber wie kann man unmittelbar vor dem Ausbruch eines Krieges reformiren! und dann, das würde uns gar nichts helfen: anstatt mit Einem Feinde, würden wir es mit beiden zu thun bekommen, ja, was sage ich: mit ganz Europa! Leo's Augen glühten, seine Brust hob und senkte sich; mit aller Macht rang er nach Ruhe und Gelassenheit, dem Schwimmer gleich, der sieht und fühlt, daß ihn die Strömung fortreißen muß, wenn seine Kraft oder seine Besonnenheit ihn auch nur für einen Moment verlassen. Er sagte so einfach, als handelte es sich um einen mathematischen Lehrsatz: Und wäre es mit ganz Europa, Majestät! Ein Volk, das für seine höchsten Güter kämpft, braucht ganz Europa, braucht eine Welt in Waffen nicht zu fürchten. Die Reformen, die man nach einem Kriege zu machen gedenkt, sind wie die guten Vorsätze, mit denen der Weg zur Hölle gepflastert ist; es ist derselbe Weg, auf dem Ihre Vorfahren, Majestät, Sie bis hierher gebracht haben, wo Sie mit fieberheißer Stirn, mit einer Sorge, die Sie verzehren wird, auf Rettung sinnen und keine finden, keine; als nur die Eine: Aufhebung der Sclaverei, das heißt: Vernichtung des Proletariats in dem freien Staate der Zukunft, die durch Ihr schöpferisches Wort sich im Nu zur Gegenwart verwandeln wird. Majestät, ich will Sie nicht mit der Wiederholung von Plänen ermüden, die Sie mit mir bis in die kleinste Einzelheit durchzusprechen schon oft die Gnade hatten. Nur noch dies Eine möchte ich zu bedenken geben: Sie werden es keineswegs mit ganz Europa verderben, keineswegs ganz Europa gegen sich haben. Wenn die Interessen der Dynastien solidarisch sind, die Interessen der Völker sind es nicht minder. Mit dem Hammer, mit dem Luther seine Thesen an die Schloßkirche von Wittenberg schlug, sprengte er die Thüren sämmtlicher protestantischer Kirchen auf dem Erdenrund. Sprechen Sie das Wort, auf das die Menschheit harrt, das Wort der Erlösung – und Sie haben nicht blos Deutschland, Sie haben die Welt befreit; Evoë Bacche ! wird Ihren Wagen umschallen, wohin Sie lenken; Sie würden göttlicher Ehren genießen, und mit ganz anderem Rechte, als Jupiter's Sohn. Ich fürchte, der weinlaubumkränzte Thyrsusstab würde sich sehr bald in einen Freiheitsbaum mit der Jacobinermütze verwandeln, sagte der König, um dessen Lippen ein ödes Lächeln irrte. Man darf den Tag nicht in der Nacht vom Thurme rufen. Wir haben seitdem eine Morgendämmerung von siebzig Jahren gehabt. In der Welt ist es heller geworden, Majestät. Es ist noch nicht Zeit. Jetzt oder nie. Dann ist es nie Zeit. Die großen Menschen sind die Zeit, Majestät! Peter und Paul lebten zur Zeit Karl's des Großen, nicht Karl der Große zu den Zeiten des Peter oder des Paul. Karl der Große hatte seine Paladine; soll ich mit Hey und Messenbach die Sachsen und die Mohren schlagen? Vielleicht, daß sich noch ein Roland findet. Der Sie sein möchten? Der ich zu sein versuchen würde. Sie haben nichts zu verlieren. Außer dem Ruhm bei Mit- und Nachwelt, den der Dichter das höchste aller Erdengüter nennt. Den Kopf vornübergeneigt, die Arme über die Brust gekreuzt, schien der König in tiefes Nachdenken versunken. Durch Leo's Körper flog von Zeit zu Zeit ein Zittern; sein Athem ging kurz und hart, seine Nasenflügel zuckten. Es wäre etwas Ungeheures, unaussprechlich Erhabenes, sagte der König leise. Wagen Sie es! rief Leo, wagen Sie es. Ein Schritt und Sie sind über den Rubikon! Wenn ich gesund wäre! Ein kranker Mensch ist nur ein halber Mensch. Sie sind nicht krank, Majestät, und was krank an Ihnen ist, wird der eine große Entschluß heilen. Von dem Augenblick an wird Ihr Leben ein gefeites sein. Ich verbürge mich dafür. Um diese Stunde muß der Ministerconseil schon zusammengetreten sein. Schicken Sie sie nach Hause. Es ist zu spät. So sagen Sie ihnen, wenn sie kommen: Das ist Eure Weisheit; ich habe Anderes im Sinne. Der König sprang auf und rief: Nun gut, Sie sollen von mir hören. Aber, aber: wehe Ihnen, wenn ich Sie nun doch schwach finde, wenn Sie mich verlassen in der Stunde der Gefahr! So komme mein Blut über mich! Und Sie glauben, ein Ministerium bilden zu können? Ich harre Ihres Befehles. Verlassen Sie mich jetzt. Ich muß allein sein – allein mit mir – und meinem Gott. Leo verbeugte sich: der König reichte ihm die Hand und erhob sich zu gleicher Zeit aus seinem Fauteuil. Es wird eine schwere Zeit für uns kommen, mein Freund. Sie werden wohl noch manchmal Geduld mit mir haben müssen; aber vertrauen Sie mir. Sie hatten mir versprochen, eine schriftliche Elaboration über unsere Lage zu machen. Hier ist sie, Majestät. Haben Sie besten Dank! Er hielt das Papier in die Höhe: Das soll mir Freund und Hilfe sein in der Einsamkeit, wenn ich mit meinem Gott ringe. Drei Tage soll meine Prüfungszeit dauern; drei Tage – eine heilige Zahl. Des Königs Auge blickte schwärmerisch nach oben; Leo wagte nicht zu widersprechen; er hatte von Anfang an mit dem romantischen Mysticismus des Königs rechnen müssen. Ich werde Niemand sehen. Niemand, sagte der König; ich werde also auch morgen nicht zu Ihrem Schwiegervater kommen. Sagen Sie ihm das. Und wenn ich eine Stimme hören könnte, so müßte es eines Engels Stimme sein. Sie wissen, wen ich meine – leben Sie wohl! Der König drückte Leo die Hand und schaute ihn mit thränenden Augen an. Plötzlich schlang er die Arme um seinen Hals, warf sich an seine Brust und schluchzte laut: Gehen Sie, gehen Sie! Leo suchte noch einmal in die Augen des Königs zu blicken, aber der König schaute an ihm vorüber in die Höhe; so verbeugte er sich denn noch einmal und verließ das Gemach. Der König hörte alsbald auf zu weinen. Seine Augen hefteten sich auf die Thür, durch die Leo hinausgegangen war. Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas ! murmelte er mit dem öden Lächeln, das schon ein paarmal während der Unterredung um seine bleichen Lippen gespielt hatte. Er warf sich wieder in seinen Sessel. Ich müßte dann freilich auch das schöne Mädchen aufgeben; sie war gestern schöner als je, obgleich sie so blaß war. Sie ist unglücklich, unglücklich durch ihn. Wer sie wieder glücklich machen könnte! Des Königs Stirn bedeckte sich mit einer fliegenden Röthe. Er blickte so starr vor sich nieder, daß seine Augen weit aus den Höhlen traten; seine Züge verzerrten sich schmerzlich. Dann fuhr er plötzlich zusammen, schlug, außer sich, mit beiden Fäusten auf die Lehne des Stuhles und sprang auf: Dorothea will sie sehen, sie will wissen, was daran ist. Sie denkt noch immer, daß es einer anderen wegen ist, daß ich sie vernachlässige. Und nun noch dies! Es ist unmöglich, unmöglich. Er drückte heftig auf die Glocke. Wenn der Minister von Hey kommt, führen Sie ihn, sogleich herein. Sogleich! Hören Sie! Siebenundvierzigstes Capitel. Während in der Mittel-Etage des Schlosses diese Unterredung zwischen Leo und dem Könige stattfand, saß in dem vorderen Zimmer von Tante Sara's Wohnung fast über ihren Häuptern der General mit seiner alten Freundin. Sie hatten schon über eine halbe Stunde mit leisen Stimmen verhandelt, ohne sich einigen zu können; des Generals Kraft war erschöpft; er sank in die Sophaecke zurück und murmelte: Dann ist Alles aus; der Mensch hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt; Ihr Eigensinn wird uns in's Verderben stürzen. Sagen Sie lieber, Ihre Feigheit, erwiederte Tante Sara. Wären Sie dem Lippert nur Einmal entgegen getreten wie ein Mann, er würde sich wohl hüten, mit Ihnen anzubinden. Fünftausend Thaler nach den fünftausend, die ich Ihnen vor Ihrer Reise gab! Glauben Sie denn, daß ich das Geld aus den Aermeln schüttele? Da kann ich Ihnen ja lieber gleich mein ganzes Vermögen geben. Und hätte ich Sie nun – wenn wir nun verheirathet wären, wie wir es so oft geplant haben in Zeiten, als Sie mich noch liebten – Sie würden dies Opfer, wenn Sie damit meine – unsere Ruhe erkaufen könnten, für nicht zu groß erachten. Tante Sara lächelte höhnisch. Wenn wir verheirathet wären! Ei, mein guter Mann, mein Zuckermann, warum sind wir's denn nicht? Es kam ja wohl immer etwas dazwischen? Erst sollte der alte König sterben, und das dauerte so sehr lange; hernach kamen die unruhigen Zeiten, wir mußten Minister spielen, und so ging das fort bis auf den heutigen Tag. Nein, liebste Excellenz, das kennen wir. Ich bin nie so dumm gewesen, zu glauben, Sie würden die Sara vom Försterhause zur gnädigen Frau machen, niemals! Der General richtete sich wieder auf und sagte lebhaft: Ich gebe meine Tochter Ihrem Neffen – ist das nicht auch eine Vergeltung? Sara, sehen Sie denn nicht, daß unsere Interessen mehr als je identisch sind? Daß, wenn Sie für mich nichts thun wollen, Sie es für Leo und Josephe müssen? Weshalb suche ich auch nur der Möglichkeit eines Skandals vorzubeugen, wenn nicht für diese Beiden? Mein Gott, ich glaubte schon gewonnen zu haben, jetzt stellen Sie Alles wieder in Frage. Ich verstehe Sie nicht. Dann will ich noch deutlicher sein, ganz deutlich sein! nun hören Sie aber ordentlich zu, daß ich nicht wie gewöhnlich zehnmal dasselbe sagen muß. Sara warf einen scheuen Blick nach der Thür, die in die inneren Zimmer führte, und fuhr mit leisem, ärgerlichem Tone fort: Ich habe kein Vertrauen mehr; ich denke, es wird mit der ganzen Herrlichkeit wohl bald vorbei sein. Was der Leo dem Könige vorschwatzt, das ist ja Alles albernes Zeug. Ich kenne meinen König; er läßt sich so etwas eine Zeit lang gefallen, das heißt: so lange es ihn amüsirt, und das pflegt eben nicht lange zu sein. Ich sage Ihnen, er hat die Geschichte nun satt, und eines schönen Tages wird es heißen: der Mensch bringt ja nichts Neues mehr, immer das alte, abgedroschene Zeug, ich mag den Menschen nicht wieder sehen. Ja, blicken Sie mich nur nicht so verwundert an! Ich sage Ihnen: das wird das Ende vom Liede sein. Und damit kommen Sie mir heute erst? stammelte der General. Sara lächelte. Ich habe Sie oft genug zur Vorsicht ermahnt, aber Sie waren ja Ihrer Sache so ungeheuer sicher, und übrigens sind meine Beobachtungen noch nicht von so altem Datum. Der König ist ganz verändert zurückgekommen; er sieht jämmerlich aus, und ich glaube jetzt selber, er treibt es nicht lange mehr. Nun, mir soll es gleich sein; ich habe mich lange genug mit ihm gequält, und ich will ganz zufrieden sein, wenn er mich auf meine alten Tage in Ruhe läßt. In der Rococo-Uhr auf dem Kamin fing es an zu schnarren und zu klingen; das elfenbeinerne Gerippe trat hervor und winkte mit der Sense. Sara schaute hin und sagte durch die zusammengekniffenen Zähne: Der Narr! Die Uhr hat er mir geschenkt, damit ich mich darüber ärgern sollte. Ich denke, der Sensenmann wird wohl für ihn früher kommen, als für mich. Der General war über die letzten Mittheilungen Sara's so erschrocken, daß er nicht zu sprechen, ja kaum sich zu regen vermochte. Sara hatte so oft die schlagendsten Proben ihres durchdringenden Scharfsinns abgelegt, und vor Allem hatte sie aus dem König ein Studium gemacht, und wenn es Jemanden gab, der mit dem unberechenbaren Charakter desselben zu rechnen verstand, so war gewiß sie es. Aber auf der andern Seite: Leo's Sicherheit und. Ueberlegenheit, die Gunstbezeigungen, mit denen ihn der König überhäufte – noch heute Morgen, in dieser schwierigen Lage der Dinge, die Privat-Audienz, aus der, wie die Sachen nun einmal lagen, Leo sehr leicht als Minister hervorgehen konnte – es war ja unmöglich! Sie werden sich geirrt haben: bedenken Sie doch nur, daß der König morgen Abend in unsere Gesellschaft kommen wird. Dies und tausend Anderes will denn doch auch in Anschlag gebracht sein. Und dann: Haben Sie mir nicht gesagt – der General warf hier ebenfalls einen Blick nach der Thür und senkte seine Stimme noch tiefer – daß der König in Ihre junge Freundin leidenschaftlich verliebt ist, daß sie, wenn sie wollte, ihn zu Allem und Jedem bewegen könnte? Das ist denn doch eine Bürgschaft, die bei dem so überaus edlen, entsagungsfähigen, opferfreudigen Charakter der jungen Dame sicher ist, ganz sicher ist. Meinen Sie? sagte Tante Sara trocken. Ja, Beste, meinen Sie denn nicht? Nein, Bester, ich meine es nicht, ganz und gar nicht. Was sie könnte, wenn sie wollte, geht uns gar nichts an; es fragt sich, was sie will, und ich sage Ihnen: sie will nichts mehr; sie hat es gemacht wie alle Andern auch: erst die Großmüthige gespielt und hernach gefunden, daß ihr die Großmuth denn doch ein Bischen zu theuer zu stehen kommt. Ich ärgere mich nur, daß ich so dumm sein konnte, mit Euch Andern eine Zeit lang dumm zu sein! Nun, es hat, Gott sei Dank, nicht lange gedauert! Aber woraus schließen Sie das? fragte der General, hat sie sich denn darüber ausgesprochen? Klagt sie denn? Ausgesprochen! klagen! Als ob das nöthig wäre, rief Sara ärgerlich; man braucht sie nur anzusehen, um zu wissen, wie es mit ihr steht. Ich sage Ihnen: die scheinheilige Maske ist gefallen, und es ist ein recht hübsches Gesicht, das nun zu Tage gekommen, ein recht hübsches Gesicht mit starren verweinten Augen und einem langweiligen verweinten Munde. Der König findet das jetzt noch interessant; er wird es nächstens abscheulich finden. Und denken Sie doch nicht, daß sie sich jetzt noch für Leo interessirt und ihm das Wort beim Könige redet, wie sonst! Gestern hat sie ihn nur von ihrem Bruder unterhalten und sich versprechen lassen, daß der König ihn sofort begnadigen soll; ich glaube, sie hatte ihm schon vorher davon geschrieben, wenigstens schien es mir so. Ich bekomme nichts mehr zu wissen, ich bin abgesetzt. Aber, liebste Freundin, Sie müssen auch Geduld haben, sagte der General; wenn Sie dem armen Mädchen nun noch schroff begegnen, dann muß es ja zum Bruch kommen! Und je eher, je besser, rief Sara. Sie oder ich! zusammen geht es nicht mehr! Was? soll ich mich Eurethalben von diesem Fräulein Hochmuth über die Achseln ansehen und hofmeistern lassen? soll vom Morgen bis zum Abend in gehobener Stimmung sein? und meinen besten Freunden den Stuhl vor die Thür setzen, Prinzessin Tugendsam zu gefallen? Ich will lieber Waschfrau werden, ehe ich das thue. Und wollte ich es thun, es würde doch nichts helfen Sie hat das Leben mit mir genau so satt, wie ich das Leben mit ihr habe. Verwünscht der Tag, der dies zimperliche Ideal über meine Schwelle brachte! Tante Sara hatte sich in hellen Zorn hinein gesprochen; die welken Hände, mit denen sie den Stock, der in ihrem Schoße lag, umfaßt hielt, zitterten. Seit dem Tage, fuhr sie fort, habe ich keine ruhige Stunde wieder gehabt, nun muß Ihr Herr Sohn auch noch dazwischen kommen, als ob ich nicht an Euch Andern schon genug hätte. Mich wundert nur, daß ich nicht vor Schreck gestorben bin. Und dann die Möglichkeit, daß der Bursche wiederkommt. Ja, ich bin überzeugt, daß er wiederkommt, wenn ich sie nicht bald los werde; ich bin ferner überzeugt, daß der reizende Artikel in der gestrigen Abendnummer von ihm, oder von Henri, oder von beiden ausgeht, und ich finde es allerliebst, daß meine Stellung hier von Ihrem Sohne compromittirt werden muß. Und wie lange kann es dauern, so erfährt sie, daß ich ihr die Briefe von dem Fräulein von Tuchheim unterschlagen habe. Das hatte nur einen Sinn, so lange wir hoffen konnten, sie zu halten – jetzt ist es einfach gefährlich, und ich will aus dieser Misere heraus – ich will, sage ich Ihnen, und nun lassen Sie mich zufrieden, ich habe mich für einen Vormittag genug geärgert. Sara fuhr aus ihrer Ecke empor, stieß den Stock auf den Boden und hinkte schnell davon, ohne den General auch nur wieder anzusehen. Der General blickte ihr mit bekümmerter Miene nach und murmelte: Sie ist unzähmbar; und das Geld hat sie ganz vergessen, oder giebt sich den Anschein; ich muß mich an jemand Anderen wenden, aber an wen? Meine Ressourcen sind total erschöpft. Als der General auf den Schloßhof trat, sah er aus dem Portal, das zu dem Flügel führte, in welchem die Gemächer des Königs lagen, Leo kommen, der seinerseits den General kaum erblickt hatte, als er, schon von ferne die Hand erhebend, ihm entgegen eilte. Sein Gesicht war sehr bleich, seine Augen glühten, und seine Stimme bebte. Er faßte seinen Schwiegervater unter den Arm, zog ihn mit sich fort und sagte hastig: Ich treffe Sie zur rechten Stunde. Was ist geschehen, lieber Leo? Etwas, das uns endlich zum Ziele führen wird. Wo haben Sie Ihren Wagen? Fahren Sie mich zu Urban; ich will es Ihnen unterwegs sagen. Im Wagen, während der Fahrt durch die heute ziemlich öden Straßen erzählte Leo dem General die Unterredung mit dem Könige, die sein ausgezeichnetes Gedächtniß fast wörtlich behalten hatte. Sie sehen, schloß er, jetzt gilt es zu handeln, jetzt gilt es bereit zu sein. Das ist die Stunde, die ich so lange herbeigesehnt habe. Leo ließ das Wagenfenster herab, es wurde ihm zu eng in dem kleinen, geschlossenen Raum. Der General saß still in seiner Ecke, er wußte nicht, was er sagen, was er denken sollte. Wie stimmte dies zu den Nachrichten, die er soeben von Sara gehört hatte? Wer war im Irrthum? Die alte, vorsichtige schlaue Sara? Oder dieser junge leidenschaftliche Mann? Sara konnte sich vielleicht in so große Verhältnisse nicht hinein denken; aber es war doch auch eben so möglich, daß Leo das Opfer einer seltsamen Verblendung war. Und er sollte sich hier entscheiden, er sollte einen Entschluß fassen, Partei ergreifen, in seinen alten Tagen die ungeheuerste Last auf die Schultern nehmen? Nun, sagte Leo ungeduldig, Sie antworten mir nicht? Ich bitte, ich beschwöre Sie, lassen Sie die Bedenken fahren, für die es jetzt unter allen Umständen zu spät ist. Er wird uns nicht verrathen, wenn wir uns selbst nicht verrathen; aber das ist gewiß, ein Schimmer von Zweifel, von Unentschlossenheit in unsern Augen, und Alles ist verloren. An die drei Tage, die er sich ausbedungen hat, glaube ich nicht. Die Zeit drängt, er wird noch heute, spätestens morgen, mich oder Sie, wahrscheinlich uns Beide, und vermuthlich auch Urban rufen lassen. Ich will den Pfaffen jetzt zurechtstutzen; er ist ehrgeizig wie Satan, er wird auf Alles eingehen, was Erfolg verspricht und Erfolg verbürgt. Das Beste ist, Sie kommen gleich mit. Ich weiß nicht, sagte der General, ich meine: Urban wird zugänglicher sein, wenn Sie mit ihm allein sind. Wir können ja hernach zusammen conferiren. Ueberdies habe ich für den Augenblick unaufschiebbare Geschäfte, lieber Leo, Geldgeschäfte; es müßte denn sein, daß Sie mir aus einer augenblicklichen Verlegenheit helfen können. Und ich wollte eben Sie fragen, ob Sie ein größeres Capital disponibel haben, oder schnell flüssig machen können. Wie viel brauchen Sie? Fünftausend Thaler mindestens. Gut, ich werde sie Ihnen verschaffen. Im schlimmsten Falle sind Sie bereit, von mir acceptirte Wechsel zu giriren? Nicht wahr? Wenn es nicht anders sein kann. Vortrefflich. Diese Lumpereien dürfen uns nicht auf unserm Wege aufhalten. Sie bleiben heute zu Hause. Auf Wiedersehen. Der Wagen hielt, Leo drückte dem General die Hand und sprang heraus. Dieser Mensch ist wie ein Orkan, murmelte der General, indem er sich in die Kissen zurücklehnte; ich fürchte, er wird uns noch Alle in den Abgrund schleudern. Achtundvierzigstes Capitel. Der Geheimrath war nicht zu Hause, mußte aber, wie der Diener berichtete, bald heimkehren; Leo hatte gebeten, ihn in ein Zimmer zu führen, in welchem er auf den Herrn warten könne; der Diener öffnete die Thür zu einem stattlichen Gemach, in welchem Leo allein zu sein glaubte, bis sich eine kleine blasse Dame, die in der tiefen Fensternische, von dem dunklen Vorhange verdeckt, gesessen hatte, erhob und ihm mit schüchternen, linkischen Verbeugungen entgegentrat. Es war Frau Geheimrath Urban. Frau Urban hatte Leo, seitdem er an jenem Morgen des Bauernaufstandes in Tuchheim das Pfarrhaus verlassen, nicht wieder gesehen, dennoch erkannte sie ihn sofort wieder, sobald er ihren kurzsichtigen Augen nahe genug gekommen war, und ein Ausdruck halb des Schreckens, halb der Freude flog über ihr verkümmertes Gesicht. Leo war ihr immer schroff und kalt begegnet, und was sie seit seiner Rückkehr über ihn gehört und hier und da in den Blättern gelesen, hatte nicht dazu beigetragen, ihn ihrem Herzen näher zu bringen; aber dann war er doch wieder derselbe Leo, der jahrelang unter ihrem Dache, ihrer mütterlichen Fürsorge anvertraut, gelebt, den sie geliebt hatte, wie eine Mutter einen rauhen, hartherzigen Sohn liebt, und ihr gutes, treues Herz floß über bei der Erinnerung an die alte Zeit. Ihre matten Augen füllten sich mit Thränen, sie streckte ihm die zitternden Hände entgegen und hieß ihn in gebrochener, vor Rührung kaum vernehmlicher Stimme mit vielen zusammenhanglosen Worten willkommen, indem sie ihn zu einem Platz auf dem Sopha nöthigte und dabei in alter Weise die Tischdecke herunterriß und aus dem Fußschemel ein Rückenkissen machen wollte. Leo hätte in seiner leidenschaftlich erregten Stimmung kaum eine Begegnung ungelegener kommen können, als die mit dieser alten wunderlichen Dame; nichtsdestoweniger sagte er ihr für ihre Bemühungen ein paar freundlich klingende Worte, die Frau Urban umsomehr rührten, je weniger sie dergleichen aus diesem Munde erwartet hatte. Ach ja, der Mensch vergißt nicht so leicht, was ihm in seiner Jugend begegnet ist, und glaubte er auch damals, es könnte und müßte Alles anders sein, hernach, wenn das Andere kommt, sieht er doch, daß es nicht das Bessere ist, und er sehnt sich nach der Jugendzeit zurück. So sei es noch allen Menschen ergangen. Finde doch sie selbst, daß die Sonne mit jedem Jahre weniger warm scheine; sie sei doch auch schon in Tuchheim eine arme kränkliche, freudlose Frau gewesen; dennoch könne sie nicht an Tuchheim denken, ohne daß ihr die Thränen in die Augen kämen, dennoch sei ihr die Erinnerung an das Pfarrhaus und den Pfarrgarten in Tuchheim und an die schönen lieben Wälder, in denen sie so gern gewandelt wäre, wie die Erinnerung an ein verlorenes Paradies. Das nachdenkliche Schweigen, mit welchem Leo diese Bemerkungen hinnahm, ermuthigte Frau Urban fortzufahren. Leo war gewiß so still, weil er das Alles auch empfand; er hatte in seinem vielbewegten Leben wohl recht selten Zeit gehabt, seiner Jugend zu gedenken, er weihte gern ein paar verlorene Augenblicke so rührenden Erinnerungen. Und nun floß die Rede der guten Dame dahin, wie ein bescheidenes Bächlein zwischen reizlosen Ufern über glatte Kiesel dahinplätschert und plötzlich diese Wendung macht, man weiß nicht warum, und plötzlich eine nach der entgegengesetzten Richtung, man weiß nicht weshalb; und die Gestalten des Freiherrn, Fräulein Charlotten's, des Försters, Tante Malchen's, Amélie's, Silvia's, Walter's glitten schattenhaft durch diese schattenhaften Erzählungen und sagten dies und das mit einer verschollenen, schattenhaften Stimme. Leo saß da, den Kopf in die Hand gestützt, regungslos, mit starrer, nachdenklicher Miene. Er verstand sonst so gut die Kunst, unbequeme Menschen, denen er nicht auszuweichen vermochte, reden zu lassen, ohne sie zu hören, und hier hörte er Alles, Alles, als hätte er heute weiter nichts zu thun, als sei dieser Tag, diese Stunde nur da für die Erinnerung an so Vieles, was er so gern vergessen hätte, was er längst vergessen, für immer vergessen zu haben gewähnt. War der Freiherr wirklich stets so gütig gegen ihn gewesen? hatten der Onkel, die Tante wirklich mit solcher Liebe an ihm gehangen, seinen Verlust so herzlich beklagt, daß er zurückkehren möge so sehnlich gewünscht? Hatte Walter wirklich, wenn er von ihm gesprochen, ihn immer seinen Bruder genannt und gegen Jedermann behauptet, daß nicht das Blut die Verwandtschaft heilige, sondern die Liebe, und daß er Leo liebe, wie nur je ein Bruder den Bruder geliebt? Nun ja–das Alles mochte sein – weshalb mußte ihm gerade heute vorgerechnet werden, welchen Schatz von echter Liebe er besessen und von sich geworfen hatte wie nutzlosen Plunder? Er hob den Kopf und blickte Frau Urban mit großen, brennenden Augen an. Sie war so blaß, die arme Frau, so blaß und welk und verfallen, und ihre gerötheten Augen blickten so verweint, so kummermüde; der hartherzige Gatte hatte die Hilflose vollends geknickt, von aller Freude ausgeschlossen, auf jede Weise gedemüthigt und geknechtet; die andern Menschen waren gern einem so bequemen Beispiel gefolgt, selten daß ihr einmal eine mitleidige Seele das gelegentliche Almosen eines gütigen Wortes gereicht hatte – und das Herz des armen Geschöpfes war noch immer nicht verhärtet, noch immer gönnte sie Allen das Glück, das ihr nie zu Theil geworden, noch immer war sie jeden Augenblick bereit, zu diesem Glücke beizutragen, was nur in ihren schwachen Kräften stand. Sie hätte ihr Leben lang von den Brosamen zehren können, die er tausendmal mit übermüthiger Hand von der Tafel seines Lebens gewischt hatte. Frau Urban mußte in dem Ausdruck von Leo's Gesicht einen Zug entdeckt haben, der ihr Muth machte, ein peinliches Thema zu berühren. Walter! Er saß noch immer im Gefängnisse – nun schon über sechs Wochen! – Sie verstand ja nichts von diesen Dingen, und es war ja gewiß recht unbedachtsam von ihr, da hineinzureden, aber sechs Wochen seien doch eine grausam harte Strafe für einen so guten Mann, der sicher nichts Schlechtes im Sinne gehabt habe. Und wie würde sich Amélie, wie würde sich der Förster freuen, wenn Walter schon jetzt aus dem abscheulichen Gefängnisse käme! Lieber, bester Leo, rief Frau Urban, indem sie ihre Hände faltete und Leo mit weinenden Augen anblickte; Sie sind ja so mächtig und können Alles, was Sie wollen. Bitten Sie doch beim König für unseren guten Walter! Sobald ich Gelegenheit habe, erwiederte Leo, sich nachdenklich mit der Hand über Stirn und Augen streichend. Frau Urban hatte mit einer Schnelligkeit, die ihr sonst nicht eigen war, seine andere Hand ergriffen und an die Lippen gedrückt. Ich wußte es ja, rief sie, ich hatte gestern Abend und heute Morgen so sehr zu Gott gebetet, daß er mein liebes Kind, meinen Walter, befreien möge, nun hat er Sie mir als Engel gesendet! Sie ließ seine Hand fahren, um ihre eigenen Hände wieder zu falten. Ja, ja, sagte sie, da hat er mir Sie gesendet, und nun schreibe ich noch heute nach Tuchheim an den alten Herrn Gutmann. Er kann die Freude brauchen, der arme Mann. Es soll ihm jetzt ja so sehr schlecht gehen. Da war vor ein paar Tagen die Grete bei mir – wissen Sie, Leo, das hübsche Mädchen, das in der Pfarre diente. Sie war immer ein Bischen vorlaut. Nun, du lieber Gott, sie war damals noch gar jung, und jetzt ist sie nicht vorlaut mehr, das arme Ding! Sie hatte hier eine kleine Erbschaft zu erheben, von ein paar Thalern! Ach Gott, sie kann sie brauchen! Es geht ihr herzlich schlecht; sie hat fünf Kinder, und ihr Mann, der in der Fabrik arbeitet, verdient so wenig. Es ist immer schlechter geworden, sagte sie, von Jahr zu Jahr, aber so schlecht wie jetzt soll es doch noch nicht gewesen sein, und dabei der Unfrieden und der Zank unter den Leuten, die alle den Herrn spielen wollen und die Fabrik zu Grunde richten. Der arme Herr Gutmann soll ganz außer sich darüber sein. Sie wissen ja, wie gut er immer gegen die armen Menschen war; viel zu gut, sagte der Freiherr immer, obgleich er es auch nicht anders machte. Nun, und da können Sie sich denken, wie dem braven Manne zu Muthe ist, jetzt, wo es in Tuchheim so schlimm aussieht. Die Grete sagte, wenn der Herr Förster nicht wäre, so hätten sie sich schon Alle untereinander todtgeschlagen; aber er läßt sie zusammenkommen, wenn sie es einmal gar zu schlimm machen, und redet ihnen gehörig in's Gewissen, da geht es denn wieder eine Weile. Frau Urban hatte keine Ahnung von dem Verhältnisse, in welchem Leo zu der Fabrik in Tuchheim stand; sie konnte deshalb auch nicht begreifen, weshalb Leo bei ihren Worten mit einem Male aufsprang und mit großen Schritten in dem Gemache hin und her zu gehen begann; aber bevor sie noch ihrem Erstaunen über dies seltsame Benehmen einen Ausdruck geben konnte, ließ sich draußen auf dem Corridor ein schwerer Schritt vernehmen, die Thür wurde geöffnet, und die mächtige Gestalt des Geheimraths trat in das Gemach, Frau Urban fuhr von dem Sopha auf, murmelte ein paar Worte und entfernte sich schleunig. Der Geheimrath schickte ihr einen düstern, unwilligen Blick nach und wendete sich dann mit zuvorkommender Freundlichkeit in Miene und Geberde zu Leo. Verzeihen Sie, liebster Freund, daß ich Sie so lange in einer so unfreundlichen Situation gelassen habe. Es kann nichts Unwichtiges sein, was Sie mir mitzutheilen haben, sonst hätten Sie es doch wohl nicht ausgehalten. Kommen Sie mit mir in mein Cabinet, dort werden wir ungestört sein. Der Geheimrath hob die Portière und ließ Leo eintreten. Die Ausstattung des Gemaches erinnerte auffallend an das Studirzimmer des Doctors in Tuchheim. Da standen rings an den Wänden die Bücherrepositorien von dunklem Eichenholz, zwischendurch eine Büste oder ein Kupferstich, in der Mitte ein großer, ovaler, mit einem grünen Teppich bedeckter Tisch, ganz wie dort, nur daß der Teppich kostbarer war und der eine Lehnsessel für den Doctor und die drei Rohrstühle für die Knaben vier schönen Fauteuils Platz gemacht hatten. Auch in Größe und Form glich dieses Zimmer jenem andern, und selbst die klösterliche dumpfe Luft schien dieselbe zu sein. Die seltsame Empfindung, die Leo schon vorher in der Unterredung mit Frau Urban gehabt hatte, als ob Alles, was er sah und hörte, nur ein Traum sei, überkam ihn hier noch stärker; er blickte nach der Thür, als ob Walter mit seinen Schulbüchern unter dem Arm, die Wangen geröthet vom raschen Lauf, hereintreten müßte. Sie mustern meine Bibliothek, lieber Freund, sagte der Geheimrath, es ist damals viel verbrannt, und ich habe mich nicht eben sehr bemüht, die Lücken wieder auszufüllen. Der Gelehrte braucht Bücher, der Staatsmann Menschen; freilich, freilich, das Material ist in beiden Fällen jämmerlich genug, und der gute Kopf traut diesen so wenig wie jenen. Was sagen Sie, lieber Freund, zu den neuesten Nachrichten? Werden wir Krieg bekommen oder nicht? Leo erweckte diese Frage aus seinem dumpfen Brüten, er schüttelte die Betäubung von sich, und machte den Geheimrath mit seinen Plänen bekannt. Er schilderte ihm die Stimmung, in welcher er den König getroffen hatte, den Verlauf der Audienz, das Benehmen des Monarchen beim Abschied. Je länger er sprach, desto mächtiger kam ihm die alte Kraft zurück. Er fand neue und neue Gesichtspunkte, immer gewaltiger thürmte sich ihm der Bau seiner stolzen Entwürfe. Schon war die Hauptsache gethan; es fehlten nur noch die Steine, und auch diese mußten sich einfügen, wenn er nur ein paar Hände fand, die ihm die Last bewältigen halfen. Der Geheimrath war der Mann, an der Vollendung des Werkes mitzuarbeiten. Er kannte die Welt, die Menschen; er war nicht befangen in kleinlichen Vorurtheilen, er hatte den Muth, ein hohes Spiel zu spielen, wenn es mit kleinen Einsätzen nicht gethan war. Und vor Allem hatte er den edlen Ehrgeiz, sich herauszuheben über die gemeine Menge. Hier war ein Feld, weit genug für den stolzesten Ehrgeiz; der Augenblick, von den Worten endlich zur That zu kommen, sei der günstigste, den man sich denken könne, günstiger jedenfalls, als er jemals wiederkommen werde. So lassen Sie uns denn zur That schreiten, oder lassen Sie uns für immer schweigen! Mein Entschluß ist gefaßt; ich hoffe, daß es auch der Ihre ist. Der Geheimrath hatte, den Kopf in die Hand gestützt und nur von Zeit zu Zeit aus den kalten, klugen Augen einen schnellen prüfenden Blick auf Leo werfend, zugehört; auch jetzt, als jener schwieg, blieb er in derselben Stellung sitzen. Er hatte geglaubt, daß Leo noch länger sprechen würde, und war mit seiner Antwort noch nicht fertig. Nun, rief Leo ungeduldig, Sie schweigen? Ich kann nicht glauben, daß ich Sie nicht überzeugt habe. Der Geheimrath richtete den Kopf empor; um seine breiten Lippen spielte ein Lächeln. Wissen Sie, lieber Freund, sagte er, daß Ihr Zweifel an meiner Bereitwilligkeit einigermaßen gegen Sie spricht und mich zwingt, doppelt vorsichtig zu sein? Nein, theuerster Freund, fahren Sie nicht auf! Was könnte es nützen, wenn wir uns Einer den Andern mit schönen Worten täuschen wollten? Wir befinden uns ja nicht in einer Comitésitzung, oder im Abgeordnetenhause, wir sind ja ganz unter uns, wir dürfen und wir müssen uns gegenseitig reinen Wein einschenken. Ich habe Sie schon einmal an die merkwürdige Unterredung erinnert, die wir an jenem Abend in Tuchheim miteinander hatten; wir saßen uns damals gegenüber wie jetzt; seien Sie heute so offen gegen mich, als ich es damals gegen Sie war. Welches sind Ihre eigentlichen Ziele? lassen Sie die Schale beiseite, und geben Sie mir den Kern; dann sollen Sie auch eine ganz ehrliche, ganz unumwundene Antwort von mir bekommen Leo erbleichte; er hatte nie geglaubt, daß dieser kalte, selbstische Mann in seinem Sinne auf seine Gedanken eingehen werde; aber er hatte es für möglich gehalten, ihn an seinem Ehrgeiz zu fassen, zu halten, mit sich fortzureißen, wohin er ihn haben wollte. Welches meine eigentlichen Ziele sind? sagte er nach einer kleinen Pause; ich glaube, Herr Geheimrath, die Frage ist nicht ganz richtig gestellt. Sie wollen vermuthlich wissen, ob ich, was ich will, von Herzen, aus Ueberzeugung will; aber darauf kann es jetzt nicht ankommen. Man braucht ja auch wohl das Gute nicht um des Guten willen zu thun, und thut es doch, weil unser Weg gerade darüber wegführt. Und ich sehe keinen anderen Weg, als den ich bezeichnet habe. Der Geheimrath lächelte noch entschiedener als vorhin und erwiederte: Sie suchen mir auszuweichen, sehr geschickt, wie sich das bei Ihnen von selbst versteht, aber doch auszuweichen. Warum scheuen Sie sich, mir gegenüber zu gestehen, daß Sie, ebenso wie ich, von der Unausführbarkeit Ihres socialen Programms überzeugt sind? daß Sie von Anfang an in diesen sogenannten Reformen nur ein politisches Mittel gesehen haben und noch sehen? Was geht Sie oder mich, oder irgend einen vernünftigen Menschen die blinde Menge an, die uns und Jedem, der sie um eine Hauptes Länge überragt, den Kopf vor die Füße legen würde, sobald wir ihr die Augen öffneten? Wollen Sie durchaus das Schicksal der Solon, Themistokles und Aristides theilen und in der Verbannung über die Wohlthaten nachdenken, die Sie dem souveränen Volke gewährt haben würden, wenn das souveräne Volk nicht die Thorheit begangen hätte, den Wohlthäter vor der Zeit zu ostrakisiren? Pah! bester Freund, das Alles sind ja nicht aufzuwerfende Fragen. Ist nun aber das bewußte sociale Programm nur ein Mittel, so kann man es ja auch wohl modificiren oder ganz und gar fallen lassen, wenn man sieht, daß das Mittel eben nicht zum Ziele führt. Mißverstehen Sie mich nicht. Ich sehe recht gut, daß wir die sociale Frage in unserem Programm nicht unerwähnt lassen können, aber weshalb den Mund so voll nehmen, daß wir hinterher an dem Bissen ersticken? Wollen Sie in dieser Zeit einer hereindrohenden Handelskrisis das Capital vollends vom Markte treiben, so sehe ich wahrhaftig nicht ein, wie wir nur acht Tage lang regieren werden. Alles, was nur noch einen Thaler zu verlieren hat, würde Front gegen uns machen; die Armee würden wir so wie so gegen uns haben; bliebe also nur noch die besagte blinde Menge, vor der uns der Himmel in Gnaden bewahre! Und dann, Bester, bedenken Sie nur noch dies: ist es wahrscheinlich, ja ist es auch nur möglich, daß der König, den wir doch Beide wahrlich hinreichend kennen, zu diesen Dingen Ja und Amen sagen würde, oder, wenn er es gesagt, sich nicht bei dem ersten Brausen der aufgewühlten Wogen anders besänne und uns fallen ließe? Oder wir ihn, sagte Leo. Der Geheimrath blickte auf, diesmal ohne zu lächeln, und sagte langsam: Also eine vollständige Revolution? ein Kampf bis an's Messer? Wenn es sein muß, ja. Dann, Herr von Gutmann, muß ich für die Ehre, die Sie mir zugedacht haben, danken. Es entstand eine Pause. Beide Männer waren sich bewußt, daß das letzte Wort noch nicht gesprochen sei, aber es scheute sich Jeder, zuerst die Hand zu bieten. Endlich sagte Leo: Und welches wären nun die Bedingungen, unter denen Sie in das Ministerium treten würden? Der Geheimrath ergriff einen Bogen weißen Papiers und rückte das Schreibzeug zu sich heran. Es klebt mir, sagte er, aus vorigen Zeiten noch die Gewohnheit an, wichtige Gedanken in meinem Kopfe nur dann ordnen zu können, wenn ich sie zu gleicher Zeit zu Papier bringe. Verstatten Sie, daß ich auch diesmal der alten Gewohnheit treu bleibe, Sie wissen, ich schreibe schnell. Also erstens: Was die äußere Politik betrifft, so bleiben wir neutral, da der Krieg uns zuletzt mit der Partei des Prinzen identificiren oder dem Pöbel ausliefern müßte. Der König erläßt ein Manifest, in welchem er zu seiner Rechtfertigung an das Volk appellirt. Die neuen Kammern werden schleunigst zusammenberufen, und damit sie unser Programm sanctioniren, machen wir ihnen eine Reihe von Vorlagen, die dem Capital zugute kommen, während sie sich den Anschein geben, den Arbeiterstand heben zu wollen. Unter der Hand stärken wir auf jede Weise den Einfluß und die Macht der Kirche, Alles natürlich in scheinbar liberalem Sinne. Schließlich nehmen wir Hey und Messenbach in's Ministerium, um den Uebergang weniger schroff erscheinen zu lassen. Aus demselben Grunde begnügen Sie selbst sich vorläufig mit dem Titel eines Wirklichen Geheimen Rathes im Ministerium des königlichen Hauses, während Excellenz von Tuchheim und ich die nominellen Leiter sind. Der Geheimrath legte die Feder nieder und blickte Leo an. Nun, liebster Freund, was sagen Sie? glauben Sie das unterschreiben zu können? Nimmermehr, rief Leo, sich erhebend. Bedenken Sie es wohl, sagte der Geheimrath, der sitzen geblieben war, das Programm sieht sehr nüchtern aus, aber es hat den Vorzug, ausführbar zu sein. Wollen Sie Minister werden, so können Sie es nur auf diesem Wege. Den Weg kann Jeder gehen, sagte Leo, der in dem Zimmer auf und ab schritt. Und den Ihrigen Niemand. Außer vielleicht ich selbst. Auch nicht Sie. O ja, es ist leicht, eine Welt aus den Angeln heben, wenn man erst einmal den Punkt des Archimedes unter den Füßen hat. Wo haben Sie den? Wie wollen Sie den sich schaffen? Sie stoßen das Heer von sich, das Capital von sich, alle Gebildeten, deren Abscheu vor der Pöbelherrschaft seinen guten Grund hat; wer oder was bleibt Ihnen? Der Pöbel! Wie lange? So lange das Geld im Kasten klingt. Mein Gott, Sie sehen es ja an der Tuchheimer Fabrik, wie weit man auf diesem Wege kommt. Ich habe sehr gute Nachrichten, und – Sie jedenfalls auch. Sie werden Mühe haben, bester Freund, aus der Affaire mit einem blauen Auge loszukommen. Indessen diese kleine Schlappe läßt sich leicht vertuschen. Es war eben ein Experiment; das Experiment ist nicht geglückt, wenden wir uns zu etwas Anderem! Nun aber errichten Sie zehn solcher Fabriken! Die Sache sieht schon schlimmer aus; errichten Sie hundert – Sie brechen darüber den Hals, und hätten Sie das vereinigte Genie eines Washington und Cromwell. Und endlich mein letzter Grund, der allerdings rein privater Natur ist. Sie wissen, ich bin nicht reich, aber ich bin auch nicht arm. Ich lasse mein kleines Capital rouliren, damit es der Rost nicht frißt. Ich möchte die behagliche Aussicht auf ein sorgenfreies Alter ungern aufgeben, ohne allen Grund aufgeben. Aber Minister möchte ich gern werden, sehr gern, und die Gelegenheit kann nicht besser sein. Darum, lieber, bester Leo, unterschreiben Sie! ich fahre mit dem Papier direct zu Hey; er lebt in solcher Furcht, seinen Posten zu verlieren, daß er auf jede Bedingung eingeht; nicht viel anders steht es mit Messenbach. Instruiren Sie unterdessen Ihren Herrn Schwiegervater, so können wir noch bis morgen, ja noch heute vollkommen im Reinen sein. Auch ich glaube nicht, daß der König drei Tage wartet, ich kenne ihn, er vermag nicht eine Stunde allein zu sein. Wen von uns er dann auch rufen läßt, Jeder von uns weiß, was er zu sagen, was er zu verschweigen hat. Ich bitte, ich beschwöre Sie, stoßen Sie diese bequeme und starke Leiter, die uns Alle trägt, nicht von sich: unterschreiben Sie! Und der Geheimrath schob den Bogen über den Tisch hinüber nach Leo hin. Leo nahm das Papier und überlas das Geschriebene. Er mußte sich sagen, daß Urban Recht hatte, daß dies das einzige Programm war, auf welches der König unbedenklich eingehen und bei welchem man ihn auch würde festhalten können. Aber freilich, was war damit gewonnen? Was blieb, wenn er sich von vornherein so viel abhandeln ließ? So stand er und sann. Aber es wurde ihm mit jedem Augenblicke schwerer, seine Gedanken auf den Gegenstand zu richten. Die ungeheure Abspannung nach einer fast schlaflosen, in fieberhafter Aufregung durcharbeiteten Nacht, der er vorhin nur noch mit Aufbietung seiner letzten Kraft Herr geworden war, stellte sich von neuem ein. Während er auf das Papier blickte, sah und las er den Chiffer-Zettel, den ihm Tusky gestern Abend geschrieben hatte. Dann hörte er die weinerliche Stimme der Frau Urban, die ihm von Tuchheim erzählte: vor seinen Augen wurde es dunkel, es sauste ihm vor den Ohren – er griff nach der Lehne des Fauteuils – der Geheimrath eilte herbei, ihn vor dem Fallen zu bewahren. Die Berührung von der Hand dieses Mannes brachte ihn wieder zu sich. Er lächelte mit blassen Lippen und sagte: Sie sehen, ich bin ein wenig angegriffen und nicht wohl im Stande, die Unterhandlung mit Ihnen fortzusetzen. Indessen, wir werden uns schon einigen. Vorläufig will ich für ein paar Stunden in meiner Wohnung die Ruhe suchen, deren ich in der That sehr bedarf. Der Geheimrath bedauerte unendlich, daß er so gar nichts für seinen theuren Freund thun könne. Sie arbeiten zu viel, rief er, Sie arbeiten für Alle. Kehren Sie doch einmal die Sache um, und lassen Sie Alle für Sie selbst arbeiten. Sie werden sich besser dabei befinden, glauben Sie mir! Er begleitete Leo durch das Vorzimmer und bis an die Treppe, wo er sich von ihm mit der Versicherung verabschiedete, daß er morgen Vormittag, oder sollte etwas Wichtiges vorfallen, noch im Laufe des Tages bei ihm vorsprechen werde. Leo ging langsam die Treppe hinab; als er auf dem ersten Absatze stehen blieb, um seine Kräfte, die ihn abermals verlassen wollten, zu sammeln, hörte er oben eine Thür gehen und einen leisen Schritt. Gleich darauf erschien Frau Urban. Sie beugte sich über das Geländer, streckte den Arm nach ihm aus und sagte leise: Vergessen Sie Walter's nicht! Dann verschwand sie eben so schnell und leise, als sie gekommen war. Ich werde bald selbst der Hilfe bedürfen, wenn das so fortgeht, murmelte Leo, indem er mit wankenden Knieen die Treppe vollends hinabschritt. Ich bin seit einiger Zeit nicht mehr, der ich war. Neunundvierzigstes Capitel. In dumpfes Brüten versunken legte Leo die lange Strecke von des Geheimraths Wohnung nach seinem Hause zu Wagen zurück. Mehr als einmal fühlte er nach seinem Puls, dessen fieberhafter Schlag ihn erschreckte, und murmelte: Nur jetzt nicht krank werden, nur jetzt nicht! In seinem Hause angelangt, berührte er kaum die Speisen, mit denen der Diener auf ihn gewartet hatte. Er fragte, ob Briefe eingetroffen seien. Der treue junge Mann zögerte mit der Antwort. Was haben Sie? fragte Leo. O nichts, erwiederte Jener, aber Sie sehen so blaß und krank aus, Herr Doctor, und wenn Sie erst einmal auf Ihrem Zimmer sind, setzen Sie sich doch gleich wieder an den Schreibtisch. Es ist Einiges angekommen, aber das hat ja Zeit, das muß Zeit haben, Herr Doctor! Leo lächelte. Es war doch ein eigen Ding, so auf die Liebe eines Menschen angewiesen zu sein, den er für seine Dienste bezahlte! Aber Leo irrte, wenn er glaubte, daß sein Philipp ihn nur aus Eigennutz so treu und gut bediente. Der junge Mensch liebte ganz aufrichtig seinen Herrn, der stets ernst und gemessen war, aber nie Unbilliges von ihm verlangte; von dem er nie ein rauhes oder böses Wort gehört, ja, der ihn, als er einmal ganz plötzlich heftig erkrankte – es war gleich im Anfang, als sie noch in der Wohnung des Marquis de Sade wohnten – nicht in's Spital geschickt, sondern ihn selbst behandelt und eine ganze Nacht hindurch an seinem Bett gewacht hatte. So that er denn seinem Herrn zu Liebe, was er ihm nur an den Augen absehen konnte, und jetzt legte er ihm eine Decke über die Füße, versicherte, daß er ihn in einer Stunde pünktlich wecken werde, und ging auf den Fußspitzen hinaus. Aber kein erquickender Schlaf senkte sich auf Leo's heiße Augen. Das überreizte Gehirn arbeitete rastlos weiter, einer Maschine gleich, über die der Meister die Lenkung verloren, und in der sich nun die Räder in sausender Eile schneller und schneller drehen, bis eine einzige winzige Feder springt und das zertrümmerte Werk mit jähem Ruck stille steht. Die Stunde wurde ihm zur Qual, dennoch bezwang er sich, liegen zu bleiben; endlich konnte er diesen Zustand nicht länger ertragen, er sprang auf und begab sich in sein Arbeitscabinet. Ein Brief aus Tuchheim vom alten Krafft kam ihm unter den anderen, die eingelaufen und von Philipp sauber geordnet waren, zuerst in die Hände. Krafft hatte noch gestern Nachts, sogleich nach Empfang von Leo's Depesche, geantwortet. Er dankte, hocherfreut, für die Erlaubnis, mit den besprochenen Arbeiten vorgehen zu dürfen; das sei rechte Hilfe in der Noth, nur wolle er freundlichst und dringend gebeten haben, wenn es irgend möglich sei, einen Theil des versprochenen Capitals umgehend zu senden. Viele der Leute forderten ungestüm kleine und größere Vorschüsse, man werde sich genöthigt sehen, ihrem Verlangen, das übrigens in dem wirklich vorhandenen Nothstand einigermaßen seine Rechtfertigung finde, nachzugeben, und wäre es auch nur, um die drohende Unzufriedenheit wenigstens so lange zu beschwichtigen, bis die zu erwartende günstigere Conjunctur eingetreten und die Fabrik durch die vorzunehmenden Neubauten in bessern Gang gebracht sei. Leo sah nach der Uhr, es ging bereits auf Vier, er hatte keine Zeit zu verlieren, wollte er heute noch das Geld, das so nöthige Geld herbeischaffen. Er ließ einen Miethwagen kommen und fuhr in die Stadt. Es war ihm die Adresse eines Winkel-Bankiers, die ihm Ferdinand im Anfang ihrer Bekanntschaft einmal genannt hatte, eingefallen. Man könne da immer Geld haben, hatte Ferdinand gesagt, und dann lachend hinzugefügt: Freilich muß man es dem Hebräer ein wenig theuer bezahlen! – Was war Leo daran gelegen, wie theuer er es bezahlte! Der Wucherer wohnte fast am andern Ende der Stadt in einer jener schmutzigen Gassen, die unaufhörlich von dem Lärm des rastlosen Handels- und Gewerbeverkehrs wiederhallten. Das Donnern der überfüllten Omnibus, das Rasseln der Lastwagen, das Geschrei der Ausrufer marterte Leo's überspannte Nerven; die dunkle Menge, die sich unter den Regenschirmen auf den schlüpfrigen Trottoirs drängte und stieß, widerte ihn an. Und da hielt sein Wagen nun vor einem schmutzigen, halbzerfallenen Hause, in dessen dunkel-gähnendem Thorweg auf dem zerbröckelnden Kalk mit kaum noch lesbaren Buchstaben geschrieben stand, daß der Mann, den er suchte, auf dem Hofe links, zwei Treppen hoch wohne. Leo durchschritt den Thorweg, einen schmalen, von hohen, nackten Wänden eingeschlossenen Hof, in welchem ein paar Ratten vor ihm her in eine gurgelnde, mit einer zerbrochenen Planke gedeckte Wasserrinne huschten, stieg sodann eine lange steile Treppe hinauf, deren schlüpfrige Stufen von jahrhundertelangem Gebrauch ausgehöhlt schienen, und stand endlich auf einem großen Flur vor einer niedrigen Thür, über der ein Oellämpchen brannte, das bereits jetzt, nachdem es vermuthlich kaum angezündet, wieder zu erlöschen drohte. Ein bitteres Lächeln zuckte um seine Lippen. Heute Vormittag, vor wenigen Stunden, war er in eines Königs Zimmer, und ein König hatte in seinen Armen gelegen und an seiner Brust geweint; jetzt stand er im Begriff, in diese Höhle des Geizes zu treten und einen Geizhals zu bitten, ihm für Wucherzinsen ein paar tausend Thaler vorzustrecken. Das Geschäft war nicht so leicht abgeschlossen. Wer mochte in dieser unruhigen Zeit Geld auf Häuser leihen! Hypothekarische Sicherheit! Was war hypothekarische Sicherheit? Herr Levi hatte selbst noch die Zeit erlebt, wo man ein Haus für ein paar Thaler kaufen konnte und die Hausbesitzer die Schlüssel auf das Rathhaus brachten, weil sie die Abgaben nicht mehr zu tragen vermochten. Solche Zeiten konnten wiederkommen. Herr von Gutmann sei ja so gut bei dem Könige angeschrieben, ob Herr von Gutmann sein Ehrenwort darauf geben könne, daß der Krieg nicht ausbrechen werde? Nach langem Hin- und Herreden ließ sich der Wucherer endlich herbei, bis zur Höhe von fünfzehntausend Thalern abzuschließen. Leo gestand ihm die geforderten ungeheuren Procente zu, um nur loszukommen, aber als er eine sofortige Abschlagszahlung von zehntausend Thalern verlangte, erhob Herr Levi neue Schwierigkeiten. Er habe nicht so viel Geld im Hause, auch mache er das Geschäft ja nicht allein, wie käme er armer Mann dazu! Da müßten sie erst zu dem Glaubensbruder gehen, mit dem er so große Geschäfte gemeinschaftlich zu machen pflege. Auch dazu mußte sich Leo verstehen. Wiederum, und diesmal in Gesellschaft des alten widerlichen Mannes, eine Fahrt durch die lärmenden Gassen, wiederum das Umhertappen in einem dunklen zerfallenden Hause und ein langer Aufenthalt in einem engen, qualmigen Comptoir. Der Abend war bereits auf die dampfende Stadt herabgesunken, als Leo endlich mit dem Gelde in seiner Brieftasche wieder auf die Straße trat und in seinen Wagen stieg. Der Lärm und das Gedränge auf den Gassen hatten um diese Stunde, wo ein Theil der Geschäfte bereits geschlossen war, ein anderer Theil die Arbeit des Tages in den letzten Minuten zu bewältigen strebte, noch zugenommen. Leo's Wagen konnte sich nur langsam weiter bewegen; nicht selten versperrte ein schwer entwirrbarer Knäuel aneinander gerathener Fuhrwerke den engen Weg. In einem solchen Augenblicke war es, als Leo in der rastlos auf dem Trottoir sich drängenden Menge eine weibliche Gestalt bemerkte, bei deren Erblicken ihm das Blut im Herzen stockte. Aber das war ja nicht möglich! Wie sollte Silvia um diese Stunde in diese Gegend der Stadt kommen? Eine flüchtige Aehnlichkeit in Gang und Haltung hatte ihn getäuscht; es war ja auch nur ein Augenblick gewesen, daß die Dame aus der Menge auftauchte, und schon war sie auch wieder in der Menge verschwunden. Leo lehnte sich in die Kissen zurück und schloß die Augen. Er war so erschöpft, er wollte nichts mehr sehen. Und nun sah er sie erst recht deutlich, die Gestalt, die dunkel in der dunklen Menge sich dahinbewegte und dennoch sein Auge so jäh treffen konnte, als wäre sie allein, ganz allein mit ihm in der weiten Welt. Wie lange war es her, daß er sie nicht gesehen? Zwei Monate fast, und in dieser ganzen Zeit war kein Tag gewesen, an welchem er ihrer nicht in schmerzlichem Sinnen, das oft in Wehmuth und manchmal in Zorn sich auflösen wollte, gedacht hätte. Jetzt war er schon wieder über eine Woche in der Stadt, wie nöthig, wie dringend nöthig war es, sie aufzusuchen, ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen, ihren Rath zu erbitten, ihr die Hand zur Versöhnung zu bieten. Und er, dem von jeher die Feigheit als das verächtlichste Laster erschienen war, hatte nicht den Muth zu dem Schritte gehabt! Nun mußte er sie zur Strafe in jeder schwarzen Gestalt, die durch die dunkelnden Gassen huschte, zu erblicken glauben. Er schlug die Augen auf. Das Bild war noch dasselbe: nasse Häuser, in deren Schaufenstern hie und da schon die Lichter angezündet waren; schmutzige Straßenpflaster, schlüpfrige Trottoirs, unter Regenschirmen sich drängende Menschen und – da war sie wieder, die Gestalt! Eben bog sie um die Ecke in eine der breiteren Straßen. Leo ruft dem Kutscher, zu halten, der Mann hört nicht; er sieht eben jetzt eine freiere Bahn vor sich und will die verlorene Zeit wieder einbringen, der Wagen donnert über das Pflaster. Leo reißt die Thür auf, um hinaus zu gelangen, einige Wagen, die hinter einander an dieser Seite vorüber kommen, machen es ihm unmöglich. Endlich springt er mit Gefahr seines Lebens heraus, unmittelbar vor einem herandonnernden Omnibus, dessen Kutscher fluchend die Pferde parirt. Aber unterdessen ist er mehrere hundert Schritte weit in die falsche Straße getragen. Er kehrt um, er achtet der Scheltworte der Menschen nicht, an die er auf seinem raschen Laufe stößt. Er kommt in die Straße, in die er Silvia hat einbiegen sehen. Sie hat einen zu großen Vorsprung oder ist in einen der Läden getreten – er sieht sie nicht mehr. Dennoch eilt er weiter die Straße hinauf, dem Schlosse zu. Und da ist sie wieder, er kann sich jetzt nicht mehr irren. Sie verschwindet in dem Portal. Als er es selbst erreicht, schreitet sie eben unter einer der Laternen hin und biegt nach der Treppe um. Er sieht deutlich ihr Gesicht und sieht, daß es sehr bleich ist. Er will Silvia! rufen, aber das Herz schlägt ihm zum Zerspringen, und die Kehle ist ihn, wie zugeschnürt. In dem nächsten Augenblicke ist Silvia verschwunden. Als er an die Treppe gelangt, sieht er nur die leeren steinernen Stufen. Tödtlich erschöpft lehnt er sich gegen den Mauerpfeiler, bis die neugierig-verwunderten Blicke der Vorübergehenden ihn daran erinnern, einer so unschicklichen Situation ein Ende zu machen. Der General war sehr erfreut und sehr dankbar, als Leo ihm eine halbe Stunde später sechstausend Thaler einhändigte. Er versicherte ihn, daß er das Geld zu einem Zwecke verwenden werde, der Leo zum mindesten ebenso viel angehe, als ihn selbst, und daß er hoffe, es werde eine Zeit kommen, wo er ihm eine Angelegenheit, die er heute noch in den Schleier des Geheimnisses hüllen müsse, werde mittheilen können. Leo bezeigte durchaus keine Neugier, das Geheimniß zu erfahren; er lehnte die Einladung, zum Thee dazubleiben, ab, reichte dem General und seiner Braut eine fieberheiße Hand und begab sich in seine Wohnung, wo er sofort Philipp mit den viertausend Thalern, die ihm übrig geblieben waren, zur Post sendete. Dann wartete er auf die Rückkehr des Dieners, und erst als dieser wieder eingetroffen war und berichtete, daß die Sendung noch mit dem Neun-Uhr-Zuge nach Tuchheim abgehen werde, warf er sich auf das Sopha und hieß Philipp, ihn nur zu wecken, wenn eine Botschaft vom Könige einträfe, oder etwa der Geheimrath Urban, oder der Minister von Hey nach ihm fragten. Aber noch immer wollte die Ruhe, nach der er sich sehnte, nicht über ihn kommen. Sobald er die Augen schloß, sah er wieder die menschenwimmelnde Straße, und zwischen all den Menschen die dunkle, schlanke Gestalt, die immer vor ihm her glitt und die er nicht erreichen konnte, wie sehr er ihr nachstrebte, und dann sah er dieselbe Gestalt deutlich im Lichtschein der Laterne. Sie hatte das Tuch fest um ihre Schultern geschlungen, die regendurchnäßten Kleider schienen sich dichter an ihren Leib zu legen, die von der Feuchtigkeit aufgelösten Locken flossen über Hals und Schultern; sie hob die Augen nicht vom Boden, und ihr Gesicht war bleich und wie in Schmerz versteinert. Er wollte rufen und konnte nicht, er wollte zu ihr eilen und vermochte nicht sich zu regen, zu bewegen, bis er endlich mit einer krampfhaften Anstrengung sich aufraffte und von dem Sopha emportaumelte. Die Lampe, die er angezündet in das Zimmer hatte stellen lassen, brannte dunkel; es ging bereits auf Zwölf. Er öffnete die Balconthür. Es hatte aufgehört zu regnen; der Mond blickte von Zeit zu Zeit aus dem Nebelflor, der unter ihm hinstrich. In Josephen's Zimmer war Licht; er sah eine Gestalt sich hinter den Vorhängen bewegen. Ein Schauer durchrüttelte ihn; er ging in das Zimmer zurück, setzte sich an seinen Tisch und schrieb:   »Du liebst mich nicht, und abermals: Du liebst mich nicht. Ich sage Dir: ich liebe Dich, und abermals: ich liebe Dich. Dies Geständniß mag Wahnsinn sein, denn, so oder so, Du bist mir doch verloren; aber gleichviel, ich muß es machen; man fragt nicht, wenn man am Abgrund taumelt, ob das, was man sagt oder thut, besonders sinnreich ist. Der Abgrund klafft zwischen Dir und mir, fürchterlich, unergründlich. Du winkst mir zurück, zurück! und wendest Dich ab – ich kann und will Dich nicht halten! Noch mehr! ich bitte Dich selbst, zu fliehen. Mir graut bei dem Gedanken, ich könnte unversehens vor Dich treten, und Du könntest Dein Antlitz von mir wenden, oder mich anschauen mit dem starren Blick, mit dem Du mich zum letzten Male angeschaut hast. Du sollst nicht um meinethalben länger eine Last tragen, von der ich fühle, daß sie Dir unerträglich ist. Mag dann kommen, was will. Ich habe nie nach Glück verlangt, wie andere Menschen, so darf ich denn auch nicht von Unglück reden. Und was ist denn dieses Leben, daß wir viel danach zu fragen brauchten, wie die Parzen es uns spinnen und wo sie den erbärmlichen Faden durchschneiden. – Ich sage nicht: Lebe wohl! ich sage: Geh!«   Er legte auf den Brief einen Zettel an Philipp: er solle denselben morgen in aller Frühe besorgen. Dann nahm er aus seinem Medicinkasten wieder ein Pulver. Ich muß Schlaf haben, murmelte er, Schlaf, und wäre es der Todesschlaf. Fünfzigstes Capitel Den Regentagen war ein blendend schöner Herbsttag gefolgt. Aus dem durchsichtig blauen Aether leuchtete eine milde Sonne, in deren goldenem Schein die bereits dunkler gefärbten Blätter der Bäume noch sattere Farbentöne annahmen. Ein leiser Wind hob und senkte die Zweige. Doch war es still in dem Parke; dann und wann nur aus der Höhe herab verlorene Laute von Vögelschaaren, die über den stillen Park und die lärmende Stadt weg nach Süden zogen. Die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatze, welche die Abendblätter bereits gestern kurz berichtet und über die sie heute ausführlichere Mittheilungen brachten, hatten die in den Gemüthern gährende Unruhe auf das Höchste gesteigert. Jedermann sagte, und die Zeitungen sprachen es fast mit denselben Worten aus, daß jetzt eine Entscheidung: sei es zum Kriege, sei es zur bestimmten Neutralität, stattfinden müsse; zugleich erging man sich in Vermuthungen, welche Veränderungen zu diesem Behufe in der Leitung des Staates eintreten würden. Es schien unmöglich, daß ein Ministerium, dessen schwankende Haltung und unsicheres Experimentiren den Staat in diese schiefe, unhaltbare Lage gebracht hatten, noch länger am Ruder bleiben könne. Man mußte in liberalere Bahnen lenken und so den Krieg vermeiden, oder im nationalen Geiste führen; wollte man das nicht, der Kriegspartei die Zügel in die Hände geben und damit die militärische Diktatur nach Innen und Außen proclamiren. Daß die erstere Wendung eintreten möge, wünschten freilich die Meisten, aber Wenige waren sanguinisch genug, sich einer solchen Hoffnung freudig hinzugeben; man fürchtete den Wankelmuth des jungen Königs, auch zweifelte man, daß sich Männer finden würden, die dem Monarchen genehm und zugleich im Stande wären, die Ideale des Volks zu verwirklichen. Die andere Wendung war viel einfacher und deshalb auch viel wahrscheinlicher. Jene Partei war energisch, vortrefflich organisirt, und man erinnerte sich mehr als Eines Falles, wo sie durch ihr rücksichtsloses Vorgehen in der letzten Stunde einen verderblichen Ausschlag gegeben hatte. Mit um so größerer Verwunderung las man deshalb einen Artikel, den das notorische Organ dieser Partei heute an seiner Spitze hatte und dessen Inhalt sich mit Blitzesschnelle über die Stadt verbreitete. Der Artikel war ein in maßlosen Ausdrücken abgefaßtes Pamphlet, das sich direct gegen eine gewisse Coterie ehrgeiziger und gewissenloser Menschen richtete, die den König eng umgarnt halten sollte und als deren geistiges Haupt Leo genannt wurde, während man dem General v. Tuchheim, dem Geheimrath Urban und einigen Anderen nur das Prädicat mehr oder weniger dienstfertiger Helfershelfer zuerkannte. Leo's politische Laufbahn wurde noch einmal recapitulirt und aus derselben nachzuweisen gesucht, wie er von Anfang an systematisch auf die Stellung, die er jetzt einnehme, hingearbeitet habe. Auch seine socialistischen Schwärmereien seien in keinem Augenblicke etwas Anderes als der blaue Dunst gewesen, in den sich der Schlaue schlau gehüllt habe, um mit demselben Feinde und Freunde zu umnebeln. Das Ganze würde unter andern Umständen eine lächerliche Farce sein, aber in einem so ernsten Augenblicke könne aus der Farce im Handumdrehen eine Tragödie werden. Und was solle man nun sagen, wie solle man seine Indignation ausdrücken, ohne die Ehrfurcht, die man dem Monarchen zolle, zu verletzen, wenn man höre, daß dieser Mann gleich nach Eintreffen der Nachrichten vom Kriegsschauplatz zum Könige berufen worden sei und mit demselben eine mehrstündige Unterredung gehabt habe, während die treuen und bewährten Diener Seiner Majestät, ergraute Staatsmänner, die kriegskundigen Führer der Armee, die bereits der Befehle im Vorzimmer geharrt hätten, in demüthigster Weise nach Hause geschickt worden wären? Hier müsse man still stehen und sich fragen: wo das hinaus solle? Noch hoffe man, daß dieser Mahnruf das Ohr des Königs erreichen und ihn veranlassen werde, nicht einen Schritt weiter auf der verderblichen Bahn zu thun. Schlage auch diese Hoffnung fehl, so werde der Trieb der Selbsterhaltung schon auf den Weg weisen, welcher einzig und allein aus diesem Labyrinth socialistisch-pietistischer Intriguen zu einer vernünftigen Staatsraison führen könne. An allen öffentlichen Orten wurde dieser Artikel gelesen, besprochen, commentirt; selbst auf der Straße standen die Leute und theilten einander das seltsame Schriftstück mit, das natürlich die verschiedensten Auslegungen erfuhr. Wenn die Einen in demselben nur den Ausdruck der Angst jener Partei sahen, so meinten Andere, man würde nicht gewagt haben, dies auszusprechen, wenn man das Spiel nicht schon als gewonnen betrachtete; ja der Umstand, daß die Zeitung mit diesem Artikel habe ausgegeben werden können, sei ein schlagender Beweis, daß der König und seine Minister ihre Ohnmacht fühlten. Noch Andere behaupteten geradezu, der König habe sich den Artikel selber bestellt, und das Warum werde wohl bald genug an den Tag kommen. Wie dem aber auch sein mochte, soviel ging aus Allem hervor, daß in den höheren Regionen die verschiedensten Strömungen sich bekämpften und die Unsicherheit der Lage den äußersten Grad erreicht hatte. Die Geschäftswelt war in Verzweiflung, und die Börse schloß mit einem Falle fast sämmtlicher Papiere. So verging der goldige Herbsttag den Bewohnern der gewaltigen Stadt in fieberhafter Aufregung. Die Sonne ging herrlich unter und tauchte die Kuppeln der Tempel und die Zinnen der Paläste in rosigen Schein; die breite, prachtvolle Straße, in der das Palais des Prinzen lag, nahm sich in dieser Beleuchtung besonders schön aus, und wer den Castellan Lippert in diesem Augenblicke mit auf den Rücken gelegten Händen, den Kopf mit dem ergrauenden Haar etwas auf die Seite geneigt, vor der Thür seiner Dienstwohnung stehen und die Straße hinauf- und hinabblicken sah, konnte nicht anders denken, als daß hier ein sinniger Mann sich eines längst gewohnten Anblicks von neuem erfreue. Aber Herr Lippert sah nicht den lichtblauen Himmel, die goldgeränderten Wölkchen und die schimmernden Friese und Säulen der Paläste – er blickte die Straße hinauf und hinab, weil, wenn nicht binnen jetzt und der nächsten Stunde Henri ihm den ausbedungenen Lohn brachte, er den kleinen Koffer, der schon seit dem Morgen in dem dunklen Zimmer neben der Wohnstube gepackt stand, vergeblich, so gut wie vergeblich gepackt hatte, und er noch manchen Abend so wie heute an dieser selben Stelle stehen konnte. Oder sollte er auch mit den Fünftausend zufrieden sein, die er heute Vormittag schon vom General erhalten? Es machte mit dem, was der kleine Koffer und die Brieftasche bargen, noch immer eine ganz hübsche Summe aus, aber freilich, Fünftausend mehr oder weniger ist für einen armen Mann ein Gegenstand! Dann überschlug Herr Lippert zum hundertstenmale die Eventualitäten seiner Flucht. Es war Alles auf's Beste eingeleitet: ein Urlaub zu einer mehrtägigen Reise nach dem Rhein – natürlich in dem Uniformrock, dann von Köln – nun natürlich ohne Uniformrock – nach Ostende, London und so weiter. Es stimmte Alles ganz genau; jede Stunde, jeder Anschluß; und nur das Geld, das ihn zum wirklich wohlhabenden Manne machen sollte, fehlte. Der Boden brannte Herrn Lippert unter den Füßen; dennoch stand er ganz ruhig und gelassen da und schaute die Straße, die sich von Secunde zu Secunde mehr in Abendgrau hüllte, hinauf und hinab. Plötzlich zuckte es über sein graues Gesicht; seine scharfen Augen hatten in einiger Entfernung einen Herrn bemerkt, der leichten Schrittes eilig die Straße herabkam. Er blickte noch einmal hin und ging dann langsam in seine Wohnung zurück, deren Thür er angelehnt ließ. Eine Minute später trat Henri in das Zimmer. Nun, alter Freund, rief er, heraus mit den Beweisen! Es ist eigentlich ganz überflüssig, daß ich mich deswegen noch in solche Unkosten setze, denn ich bin längst überzeugt, daß die Sache ist, wie sie ist; aber wenn ich sehe, daß ich durch Sie sehr schnell zum Ziele komme, thue ich doch noch vielleicht ein Uebriges. Henri hatte das im leichtesten Tone gesagt; aber Herrn Lippert's Ohr war scharf, und er vernahm ein gewisses Schwingen in der hellen Stimme, das mit der erheuchelten Gleichgiltigkeit gar nicht stimmte. Der Herr Baron haben das Geld mitgebracht? fragte er. Erst die Waare und dann das Geld, sagte Henri, an dem Tische Platz nehmend. Herr Lippert nahm aus einem großen Portefeuille, das er in der Brusttasche getragen, ein paar Papiere, die er auseinander breitete und vor Henri auf den Tisch legte. Henri griff heftig danach; der Castellan legte die Hand auf die Papiere. Bitte, Herr Baron, sagte er, noch gehören diese Briefe mir. Denken Sie, ich werde sie Ihnen stehlen, Sie alter Narr? rief Henri heftig. Hand weg, oder ich gehe, wie ich gekommen bin. Der Castellan ließ zögernd die Papiere frei. Henri ergriff dieselben und las. Es ist genau so, wie ich gedacht habe, murmelte er. Plötzlich blickte er auf und rief: Was ist das? Ihre Frau war nicht Ferdinand's Mutter? Wer, zum Kukuk, war oder ist es denn? Lesen Sie! sagte Herr Lippert. Henri's Hände zitterten, als er jetzt auch die anderen Briefe ergriff. Das ist ja capital, capital, murmelte er, das übertrifft – er unterbrach sich und las weiter. Endlich legte er das letzte Papier hin und sagte: Diese Briefe haben in der That einigen Werth, wenn sie echt sind. Wer bürgt mir dafür? Das Aussehen der Briefe selbst, entgegnete Herr Lippert. Das kann trügen. Ueberzeugen Sie sich. Henri trat näher an das Fenster und prüfte sorgfältig Handschrift, Tinte und Papier. Die Untersuchung dauerte lange, Herr Lippert wurde ungeduldig. Ich habe Eile, Herr Baron, sagte er, und könnte Ihnen außerdem noch einige Details mittheilen, die den Werth der Briefe wesentlich erhöhen. Reden Sie! sagte Henri, in der Untersuchung der Briefe fortfahrend; ich höre. Der Castellan erzählte in gedrängten Worten, was sich auf die Geburt Ferdinand's bezog. Da er diesmal nicht zu lügen brauchte, so machte seine Erzählung auf einen so scharfsinnigen Zuhörer wie Henri auch durchaus den Eindruck der Wahrheit. Das ist so das Nöthigste, schloß Herr Lippert, ich kann Ihnen von der Reise aus auf Verlangen das Einzelne vervollständigen, aber nun, Herr Baron, lassen Sie mich nicht länger warten, ich habe wirklich Eile. Henri legte ein Packet Kassenanweisungen auf den Tisch, die Herr Lippert sofort zu zählen begann, während Henri die Briefe in die Tasche steckte. Ich danke Ihnen, Herr Baron, sagte der Castellan, ich gönne allen Betheiligten von Herzen den Gebrauch, den der Herr Baron von diesen Briefen machen werden, und weil der Herr Baron so prompt gezahlt und mir nichts abgezogen haben, will ich Ihnen auch noch etwas zugeben, was Sie vielleicht auch gelegentlich gebrauchen können. Hier, Herr Baron, ist eine Liste der wirklichen Einzahlungen in unsern Verein, die von mir zu meinem Vergnügen, und hier eine andere, die ebenfalls von mir, aber im Auftrage des Herrn Geheimraths Urban angefertigt ist, und nach der wir die Gelder an die Kasse abgeführt haben. Die Differenz beträgt genau sechstausend Thaler fünfundzwanzig Silbergroschen und neun Pfennige. Auf mein Conto kommen davon tausend Thaler, das Uebrige wollen Sie gelegentlich dem Herrn Geheimrath gutschreiben. Außerdem erkundigen sich der Herr Baron in der neu errichteten Mädchen-Herberge nach der Frau Bitter, und gehen Sie dem Weibe ein bischen scharf zu Leibe. Sie wird Ihnen Dinge erzählen, die den Herrn Geheimrath wenn nicht in's Zuchthaus, jedenfalls aber um Ehre und Reputation bringen. So! sagte Henri, der sich Herrn Lippert's Angaben in seinem Taschenbuche kurz notirt hatte; Sie sind ein ausgesuchter Schurke, alter Freund, und ich hoffe, der Teufel wird Sie zur rechten Zeit holen. Und nun machen Sie, daß Sie fortkommen! Er setzte seinen Hut auf und verließ das Gemach, ohne sich auch nur nach Herrn Lippert umzusehen. Herr Lippert lächelte dem Fortgehenden nach; dann verschloß er die Thür, die nach dem Flur führte, ging in die dunkle Kammer nebenan und holte einen kleinen, unscheinbaren Reisekoffer, der aber ziemlich schwer sein mußte, denn er hob ihn nur mit einiger Anstrengung auf den Tisch. Er ist zu auffallend schwer, murmelte er, ich sollte wenigstens das Gold herausnehmen, es trägt sich am Leibe besser und sicherer. Er sah nach der Uhr, eine Dreiviertel-Stunde war noch Zeit, das war hinreichend. Er setzte den Schlüssel an, der Koffer sprang mit einem Ruck auf. Herr Lippert nahm die Sachen heraus, auf dem Boden lagen Geldrollen, sorgfältig nebeneinander gereiht. Er steckte die kleineren zu sich, schob die anderen wieder zusammen und packte die Sachen eine nach der andern darauf. Dann drückte er auf den Deckel, aber der Deckel wollte nicht zugehen, nur mit der größten Anstrengung gelang es ihm, die Zwinge in das Schloß zu drücken, und nun wollte sich der Schlüssel nicht drehen. Herr Lippert versuchte es so, und wieder anders; der Schlüssel blieb unbeweglich. Herrn Lippert stand der Schweiß auf der Stirn. Er konnte doch nicht mit dem offenen Koffer reisen, und ein zweiter war nicht zur Hand. Die Zeit verrann, eine Viertelstunde hatte er sich nun schon abgequält, endlich! Herr Lippert wischte sich den Schweiß von der Stirn und steckte den Schlüssel ein, dann setzte er sich den Hut auf, hing den langen Mantel um, nahm den Koffer in die eine Hand und schritt nach der Thür. Plötzlich hörte er, wie Jemand von außen an den Thürgriff faßte. Herr Lippert regte sich nicht; noch einmal wurde an der Thür gerüttelt, dann wurde es wieder still. Herr Lippert athmete auf, der lästige Besucher, wer es auch sein mochte, hatte sich entfernt. Dennoch zögerte er eine Minute, um hernach den Weg sicher frei zu haben. Mit einemmale polterte es in der dunklen Kammer, aus der er den Koffer geholt – der Kammer, in der seine Frau gestorben war. Herrn Lippert stockte das Blut in den Adern, er wagte nicht, sich zu rühren, kaum zu athmen. Und nun flog die Kammerthür klirrend auf, ein rascher Schritt in dem Gemache, und eine kräftige Hand legte sich auf seine Schulter. Der Koffer entglitt seiner zitternden Hand, er wendete sich nach seinem Angreifer um und starrte entsetzt in Ferdinand's zornverzerrtes Gesicht. Was willst Du von mir? keuchte er. Ich wollte Dir nur Adieu sagen, sagte Ferdinand, und die Worte flogen zischend durch die zusammengeklemmten Zähne; ich wollte mich nur bei Dir für alles Gute und Liebe, was Du an mir gethan hast, bedanken. Laß mich los, ungerathner Bube! rief Herr Lippert. Bube selbst! schrie Ferdinand. Wie? Du wußtest, daß ich nicht Dein Sohn sei, und Du hast gewagt, mich einzusperren, mich hungern zu lassen, mich zu schlagen hundert- und hundertmal? und dachtest jetzt davon zu schleichen, wie der Fuchs vom Taubenschlag? Laß mich los! stöhnte Herr Lippert. Und dachtest, das sollte Dir Alles so hingehen? knirschte Ferdinand, daß Du mich wie alle Welt genasführt und das arme Weib, die nicht meine Mutter war und doch immer gut zu mir gewesen ist, zu Tode gequält hast? Laß mich los! schrie Herr Lippert und stieß Ferdinand vor die Brust. Im nächsten Augenblick hatte Ferdinand ihn mit beiden Händen an Brust und Kehle gepackt. Sie rangen miteinander, aber der Castellan war der bei weitem Schwächere, auch hinderte ihn der schwere Mantel. Ein so ungleicher Kampf konnte nicht lange dauern; Ferdinand schleuderte den Halberwürgten von sich und stürzte zur Thür hinaus. Herr Lippert taumelte zurück, stieß mit dem Fuße an den Koffer und schlug in dumpfem Fall auf den Boden, wo er betäubt, regungslos liegen blieb. Aber Herr Lippert hatte keine Zeit, ohnmächtig zu sein. Schon nach einer halben Minute richtete er sich wieder auf, befühlte seine Glieder und hob sich, als er fand, daß er nichts gebrochen habe, wenn auch mühsam, vom Boden empor, ergriff den kleinen Koffer und hinkte zum Zimmer, zum Hause hinaus, auf die Straße, wo er eine vorüberfahrende Droschke anrief, die sich dann eilig in der Richtung des Nordbahnhofes entfernte. Einundfünfzigstes Capitel. Silvia hatte den sonnigen Morgen dieses Tages mit trübem Lächeln begrüßt. Als sie die Vorhänge an ihrem Fenster zurückschlug und die Friese und Säulen der Prachtgebäude, die den Schloßplatz umgaben, im Frührothlicht gebadet sah, hatte sie gedacht, wie dieses Licht so sanft und schön auf den alten Buchen und Eichen von Tuchheim ruhen müsse, und ob ihr alter Vater jetzt wohl vor der Thür stehe und nach den rosigen Bäumen schaue und nach dem lichtblauen Himmel, in dessen unendlichen Tiefen sich sein Blick so gern verlor. Sie hatte sich rasch angekleidet und – seit langer Zeit zum erstenmale wieder – die Zinne des Schlosses erstiegen. Der Morgenwind spielte mit ihrem Haar und in ihren Gewändern, als sie nun an der Balustrade zwischen den sceptertragenden Riesenbildern stand. Unter ihr lag die gewaltige Stadt, in der das Leben sich erst zu regen begann. Wie hatte ihr Herz so hoch geschlagen, welch stolze Träume waren durch ihre Seele gezogen, als sie zum erstenmale mit klopfendem Herzen hier herausgetreten war und ihr trunkenes Auge sich dieses prachtvollen Anblickes erlabte. Das Dichterwort von dem Könige, der auf seines Palastes Zinnen stand, war ihr eingefallen, aber auch zugleich die uralte Warnung vor den Göttern, die so furchtbar den Uebermuth der Menschen strafen und denen man das Eine opfern muß, damit sie uns gnädig das Andere gestatten. Sie hatte nicht mit den Göttern gefeilscht; sie hatte von vornherein ihr Höchstes: ihre Liebe geopfert, auf daß der Geliebte immerhin seine stolze Bahn durchmessen könne. Und die falschen Götter hatten das Opfer angenommen, aber ihr Gebet hatten sie nicht erhört. Die stolze Bahn hatte in ein Labyrinth geführt, aus dessen dunklen Tiefen kein Ausweg möglich schien; und sie selbst, sie war nun so arm, so grenzenlos arm und elend, daß sie nichts mehr hoffen, nichts mehr wünschen, daß sie nichts konnte, als arm und elend sein und ihr Elend beweinen. Nein, nicht weinen, weinen wie ein unbesonnenes Mädchen, das die Fata morgana ihrer kindischen Phantasie in den Wellen des Lebens versinken sieht. Sie hatte ihren Willen haben wollen, sie hatte ihren Willen gehabt. Was sie verloren, hatte sie sich verloren; was sie gefehlt, hatte sie sich gefehlt. Stolz hatte sie sich weggehoben über die andern Menschen, die mit kleinen Schritten nach kleinen Zielen streben; sie konnte nun nicht umkehren und sich vor Jenen demüthigen. Nur Einen gab es, vor dem sie niederknieen und sprechen durfte: Ich habe gesündigt vor dir! Nur Einen! Und wenn sie seine Hand auf ihrem Haupte gefühlt und ihr Ohr die leise Versicherung seiner unendlichen Liebe getrunken – dann – dann konnte sie immer noch nicht werden wie die Andern; aber sie konnte sich still vor der Welt verbergen, oder lieber noch, unendlich lieber, aus der Welt scheiden, in der ihre Rolle ausgespielt war. Gestern hatte sich auch noch das letzte Band, das sie hier gehalten hatte, glücklich gelöst. Es war ein kleiner Liebesdienst gewesen, von dem sie nicht einmal wußte, ob der, welchem er galt, dankbar dafür sein würde; aber den alten guten Vater würde es vielleicht doch freuen, wenn sie ihm sagen konnte: Walter sitzt nicht mehr hinter Mauern und Riegeln. Es war ihr nicht leicht geworden, seine Befreiung zu bewirken. Der König hatte ihr, als sie ihm deswegen schrieb, ausweichend geantwortet, und erst nach seiner Rückkehr hatte er – und auch jetzt nicht ohne Zögern, ohne sichtbares Widerstreben – ihre Bitte gewährt. Sie hatte dabei einen tieferen Blick in die Seele des Königs geworfen; sie hatte gesehen, wie schwer es ihm wurde, da zu verzeihen, wo er sich wirklich beleidigt glaubte. Ihr Bruder, hatte er gesagt, ist einer von jenen Unverbesserlichen, die sich die Ehrfurcht vor ihrem Gott und ihrem König für immer wegraisonnirt haben. – Wie hätte sie sich zu jeder andern Zeit geschämt, zu bitten, wo man nicht gern gewährte; aber sie bat ja nicht für sich, sie bat ja auch nicht für ihren Bruder, nur für den alten Vater, für den Einen, um dessentwillen sie sich gern demüthigen wollte. – Und nun für immer Ade, du stolze Stadt, mein weites Reich, auf das ich einst wie eine Königin schaute und in dem ich jetzt zur Bettlerin geworden bin! Silvia weinte nicht mehr; starren, thränenlosen Auges blickte sie hinüber zu den Tempeln, die jetzt im hellen Sonnenschein erglänzten, hinab auf die weiten Plätze, die breiten Straßen – zum letztenmal! Dann wendete sie sich still von der Stelle; sie hatte abgeschlossen mit dieser Welt. Sie stieg die Treppe hinab. Als sie über den Corridor nach Tante Sara's Zimmer schritt, begegnete ihr Leo's Diener, den sie von früherher noch wohl kannte. Er brachte den Brief, den er heute Morgen auf seines Herrn Tisch gefunden hatte. Silvia zögerte, den Brief zu nehmen. Was hatte ihr, was konnte ihr Leo noch zu schreiben haben? Mein Herr war diese Tage recht krank, sagte Philipp, und als ich heute Morgen in sein Zimmer kam, lag er angekleidet auf dem Sopha mit geschlossenen Augen und so bleich; er ist die ganze Nacht nicht im Bett gewesen. Wann gab er Ihnen den Brief? fragte Silvia mit leiser Stimme. Ich fand ihn auf dem Tisch mit einem Zettel für mich. Geben Sie! sagte Silvia. Bekomme ich vielleicht eine Antwort mit? Ich will Antwort senden, wenn es nöthig sein sollte. Philipp stand noch immer. Soll ich dem Herrn gar nichts von Ihnen ausrichten? sagte er, verlegen seinen Hut in den Händen drehend. Ich will Antwort senden, wiederholte Silvia. Sie hatte es nur mit Mühe herausgebracht und war dann mit wankenden Knieen und klopfendem Herzen in die Wohnung getreten, die sie heute für sich allein hatte. Tante Sara war mit ihrer Migräne erwacht und hatte schon in aller Frühe nach dem Geheimrath Weber geschickt. Silvia wußte, daß die Tante an solchen Tagen ihr Bett nicht verließ. Sollte sie den Brief öffnen? Sie hatte ihn zu diesem Zwecke genommen, so mußte es auch geschehen. Mit zitternden Händen erbrach sie das Siegel und las – las, um das Blatt schreckensbleich fallen zu lassen und vor sich hin zu starren, wie Jemand, der ein Entsetzliches erblickt, das entweder schon eine Ausgeburt des Wahnsinns ist oder ihn wahnsinnig machen muß. War das Leo? Leo der Schreiber dieses Briefes? Unmöglich. Das waren nicht seine Gedanken, das war nicht einmal seine Hand. Die Züge seiner Schrift waren sonst so kühn und stark gewesen – jeder Buchstabe wie eines Adlers Flügelschlag, und diese Schrift war verworren, ja verzerrt, als hätte des Schreibers Hand im Fieber gezittert. Aber, großer Gott, er war ja krank! Der treue Mensch hatte es gesagt, und die Thränen hatten ihm dabei in den Augen gestanden. Krank? ja wohl! Aber nicht an einem Fieber, dem er mit seiner Kunst hätte begegnen können und das erst jetzt ihn ergriffen hätte. Dies Fieber brannte schon längst in seinen Adern, vielleicht schon von den Tagen seiner Jugend her, und es hatte sein Gehirn zerrüttet, sein Herz verdorben, seine Kraft gebrochen; es hatte ihn ausgehöhlt zu einer starren Larve, und jetzt war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Er sie lieben! Wie durfte er wagen, dies Wort zu wiederholen, das ein Hohn für sie und eine Schmach für ihn war? Wie durfte er von Liebe sprechen zu ihr, die elend war durch ihn? Und, wenn er wirklich etwas wie Liebe in seinem Herzen spürte, er hätte dennoch schweigen müssen. Fühlte er denn nicht, daß er den letzten Rest von Achtung, die sie ihm gern gezollt hätte, vollends zerstörte, wenn er nicht einmal der Mann seines Wortes war, wenn er vor seiner eigenen That erschrak, gleich einem wankelmüthigen Knaben? O, dies war das Bitterste! So saß Silvia lange, lange Zeit. Plötzlich kam ihr ein Gedanke, der sie aus ihrer Starrheit auffahren machte. War etwas geschehen, wodurch sein Verhältniß zum Könige ein anderes geworden war? Die Zeiten hatten in den letzten Tagen eine Entscheidung der unhaltbaren politischen Lage angekündigt. War diese Entscheidung eingetreten? und hatte Leo sein großes Spiel verloren? Sie sprang auf und eilte nach dem Tisch, auf welchem die Zeitungen noch unberührt lagen. Die erste, die ihr in die Hände fiel, war die, welche den Schmähartikel gegen Leo enthielt. Sie las den Aufsatz mit dem vollen Verständniß der Lage der Dinge. Sie sah mit einem Blicke, daß die Entscheidung noch nicht eingetreten und daß dieser Artikel geschrieben war, um sie eintreten zu machen. Leo war noch nicht gefallen, aber er sollte fallen, und er mußte fallen, wenn der König dem Druck, den man hier auf ihn zu üben suchte, nachgab. Das also hieß es: komme was da will. Es hieß: Der König schwankt, ich verzweifle daran, ihn halten zu können, und verzweifle vollends, wenn auch du deine Hand von mir ziehst. Meine Hand! großer Gott, er weiß nicht, wie schwach diese Hand geworden ist! Er weiß nicht, der große Meister, daß er sein armes Werkzeug selbst zertrümmert hat; aber, gebrochen wie ich bin, und hilflos und elend, er soll sich nicht vergeblich an mich gewendet haben, ich will ihm helfen, wenn ich kann. Der König war vorgestern dagewesen, er hatte gesagt, daß er heute Abend wiederkommen und sich den Dank für Walter's Entlassung aus dem Gefängnisse holen werde. Silvia war fest entschlossen gewesen, diesen Besuch nicht abzuwarten und heute Mittag das Schloß und die Stadt zu verlassen; jetzt mußte sie bleiben. Und Silvia blieb und harrte die langen, bangen Stunden hindurch, still und ernst, wie ein Krieger, den man auf verlorenem Posten abzulösen vergessen hat. Der Strom des Lebens, der unter ihrem Fenster vorbeirauschte, stieg mit der Sonne, um zu ebben, als diese ihren Höhepunkt erreicht hatte, und nach kurzer Zeit wieder anzuschwellen, bis die Sonne sank und ihre letzten Strahlen rothe Lichter über das Dächermeer streute. Die lichten Wölkchen, die hoch im glanzerfüllten Aether schwammen, verloren ihre goldenen Ränder; tiefer wurde das Blau des Himmels, in Abendgrau hüllte sich die Stadt. Silvia erhob sich von ihrem Platze am Fenster und begann langsam im Zimmer auf und ab zu schreiten. Es war die Stunde, in welcher der König zu kommen pflegte. Sie dachte nicht daran, die gewohnten Vorkehrungen zu seinem Empfange zu treffen; sie dachte nur, was sie dem Könige sagen wollte, es sollte ja ihr letztes Wort sein. Auf einmal, wie sie sich umwendete, stand der König vor ihr. Sie hatte, in tiefes Sinnen verloren, seinen Schritt auf den dicken Teppichen nicht gehört, und jetzt blickte sie ihn an, als ob er nur ein Bild ihrer Phantasie gewesen wäre, und so sprach sie zu ihm: Majestät, ich habe eine Bitte an Sie. Wie? erwiederte der König, abermals eine Bitte? hoffentlich betrifft sie nicht wieder Ihren Bruder, der heute Mittag, so viel ich weiß, entlassen ist. Nein, Majestät, erwiederte Silvia, nicht meinen Bruder, für dessen Befreiung ich Ihnen in seines alten Vaters Namen von Herzen dankbar bin. Die Bitte, die ich habe, ist nur die, daß Sie mich in einer wichtigen Sache recht geduldig anhören. Geduld und immer Geduld rief! der König, indem er sich in einen Lehnsessel warf; es ist unglaublich, was unser Einer den Tag über an Geduld consumiren muß. Nun, meinetwegen; so reden Sie! Der König hatte noch nie in einem so unfreundlichen Tone zu Silvia gesprochen, aber ihr bleiches Gesicht röthete sich nicht, und sie fuhr in demselben ruhigen und milden Tone fort: Ich würde gern schweigen, da Majestät heute nicht zum Hören aufgelegt scheinen; indessen es ist das letztemal, daß ich zu Ihnen spreche, und so mögen Sie denn auch zum letztenmale Geduld mit mir haben. Der König richtete sich in seinem Stuhle auf und blickte Silvia mit einem Ausdruck halb des Schreckens und halb des Zornes an. So! rief er, das letztemal! also doch! wie wagen Sie, wie können Sie wagen, mir das zu sagen? Ich wüßte doch nicht, daß ich Ihnen die Erlaubniß gegeben hätte, zu gehen! Nein, Majestät, aber ich weiß, daß Sie mir erlauben werden, zu gehen, wenn ich Ihnen sage, daß ich nicht bleiben kann. Ich werde es Ihnen nicht erlauben! rief der König, und seine helle Stimme kreischte dabei; den Teufel auch! Sie sollen bleiben, ich will es, ich will es! Dann freilich wäre ich gezwungen, gegen den Willen des Königs zu handeln, erwiederte Silvia. Gut! schrie der König, heftig vom Stuhle auffahrend, gehen Sie, mein Fräulein, gehen Sie, aber denken Sie nicht, daß Sie es ungestraft thun. O, ich kann mich rächen, wenn man mich beleidigt, und furchtbar rächen, wenn die Beleidigung von Jemandem kommt, von dem ich, wie von Ihnen, nur Dankbarkeit und Liebe verdient habe. Sie meinen, ich könne nicht an Sie kommen! hüten Sie sich, Könige haben lange Arme, und wenn Sie nicht mehr da sind, so bleibt mir doch der Leo, und er soll es mir büßen, er soll es mir büßen! Silvia zuckte zusammen; doch bezwang sie sich und sagte, immer in demselben stillen Ton: das wäre es gerade, worüber ich mit Eurer Majestät sprechen wollte. Ich weiß, daß Majestät mich einer Gnade würdigen, die weit, weit über mein Verdienst geht. Könige sind nicht so reich an ehrlichen Menschen, daß sie den Verlust eines dieser Wenigen nicht mit einem gewissen Schmerz empfinden sollten. Und da wollte ich Sie nun gerade bitten, daß Sie, wenn ich fortgehe, es Niemanden entgelten lassen, Niemanden Majestät. Und ich sage Ihnen, schrie der König, daß ich es thun werde, und am meisten den, der Sie von hier wegtreibt. Glauben Sie, ich sei blind? Denken Sie, ich sehe nicht, daß Sie nur deshalb fort wollen, weil Leo Josephe von Tuchheim heirathet? Es ist mein Befehl gewesen, Fräulein, mein Befehl! Und sehen Sie nicht, die Sie so klug sind, daß ich den Leo nur um Ihrethalben groß gemacht habe? was soll mich hindern, ihn wieder fallen zu lassen, wenn der Grund nicht mehr vorhanden ist, um dessentwillen ich ihn aus dem Staube hob? Was Sie hindern wird, Majestät? erwiederte Silvia, die Achtung, die ein König seinem Volke schuldet und die ihm nicht erlaubt, wie andere Menschen seinen privaten Empfindungen zu folgen, wenn er dadurch das Wohl des Staates gefährdet. Wer sagt, daß ich das in diesem Falle thue? erwiederte der König im höhnischen Tone. Sie selbst, Majestät, der Sie mehr als einmal wiederholt haben, daß Ihnen der Verlust dieses Mannes sein würde, was einem Feldherrn eine verlorene Schlacht. Der König warf einen zornigen Blick auf Silvia, aber senkte alsbald die Augen wieder. Das war früher, sagte er grollend, man kann seine Ansichten ändern. Sie können mir nicht verdenken, wenn ich den Mann, dem ich mein allerhöchstes Vertrauen schenken will, dreimal prüfe und wäge. Was der König jetzt sagte, hatte fast mit denselben Worten in dem Zeitungsartikel gestanden; um Silvia's bleiche Lippen zuckte es; sie machte unwillkürlich eine Bewegung mit der Hand nach dem Blatte, das noch auf dem Tische lag, neben welchem der König saß; dann aber ließ sie den Arm wieder sinken und sagte, indem sie leise das schöne Haupt schüttelte: Majestät thun nicht wohl daran, den Feinden eines Mannes, den Sie einst schätzten und liebten, ein so williges Ohr zu leihen. Ich weiß nicht, was mein Vetter Ihnen in dieser, schwierigen Lage gerathen hat und ob das, was er gerathen hat, ausführbar ist; ja, ich gestehe, daß ich wünschte, er hätte in mancher Beziehung anders gehandelt; aber wo Licht ist, ist auch Schatten; wo Korn gedeiht, wächst auch Unkraut. An Ihnen ist es, Majestät, das Unkraut von den Garben zu sondern. Wollen Sie so reiche Aecker brach liegen lassen – auf dem dürren Sande der Selbstsucht und Unwissenheit seiner Feinde reift Ihnen keine Frucht. Pah, rief der König, Sie glauben ja selbst nicht an das, was Sie da sagen. Ich habe es Ihnen schon längst angemerkt, daß Sie mit dem politischen Verhalten Ihres Vetters unzufrieden sind. Sie wären sonst eine beredtere Fürsprecherin. Silvia erbebte; der König, dem ihr Schweigen Muth machte, rief in triumphirendem Tone: Man hintergeht mich nicht so leicht! Ich wiederhole: Sie sind mit ihm unzufrieden. Sie können es ihm nicht vergeben, daß er in seinem Uebermuthe alle Schranken überspringt. Er hat mich mit meinen Ministern, mit meinem Adel, mit aller Welt verhetzt. Nun mag er sehen, wie er fertig wird. Der König hat ihn zu der Würde erhoben, die den Neid der anderen Würdenträger gegen ihn erregt hat; der König hat ihm den Adel verliehen, der den Adel des Landes gegen ihn in die Schranken gerufen hat; der König hat ihm befohlen, eine Heirath zu schließen, die, weil die Absicht zu klar zu Tage liegt, alle Welt stutzig machen muß: der König kann nicht tadeln, was von dem Könige selbst ausgegangen ist. Ist es möglich? rief der König, Sie reden ihm das Wort? Sie, die er verrathen hat? Die durch ihn, und nur durch ihn, unglücklich ist? Silvia, haben Sie denn gegen ihn keinen Stolz, die Sie doch sonst so stolz sind? Können sie diesen Mann nicht vergessen? ihn nicht dem Schicksale überlassen, das er sich selbst bereitet hat? Was geht er Sie an, was geht er mich noch an? Und wenn er die ganze Welt erobern könnte, und ich müßte Sie darüber verlieren, so mag er seine Welt für sich behalten. Aber er kann das Große, dessen er sich vermessen, nicht ausführen; er ist ein Betrüger, ein Charlatan; ich hasse ihn, ich hasse alle Welt; nur Sie nicht, Silvia, einzigste, schönste Silvia! Ich will ja nichts von Ihnen, nur Sie sehen, Sie anbeten, mich an Ihrer Holdseligkeit berauschen, in Wonnethränen zerfließen, ist es mir nur gegönnt, den Saum Ihres Kleides zu berühren. Der König glitt von dem Stuhle auf beide Kniee und streckte die Hände nach Silvia aus. Seine Augen schwammen in Thränen, sein vorher bleiches Gesicht war mit glühender Röthe bedeckt. Silvia wich entsetzt zurück. Um Gottes willen, Majestät, rief sie, stehen Sie auf! Um Ihretwillen stehen Sie auf! Sie würden sich diesen Augenblick nie vergeben können. Meinst Du? sagte der König, sich rasch erhebend; es mag sein, aber das kümmert mich nicht. Weißt Du noch, wie wir unter der großen Buche standen und ich Dich küssen wollte? Du sträubtest Dich und flohst von mir, daß Deine Locken zurückflatterten. Damals trat er dazwischen, der schwarze Teufel; heute steht Niemand zwischen Dir und mir, und heute will ich Deine Lippen auf meinen Lippen fühlen. Silvia stand hoch aufgerichtet da. Das schöne Haupt ein wenig hintenüber geneigt, während ein Zug stolzer Verachtung ihre Lippen schürzte, blickte sie den König mit Augen an, deren Macht durch die halbgeschlossenen Lider nur noch erhöht wurde. Der König stutzte: die Arme sanken ihm schlaff am Leibe herab; die krankhafte Röthe wich einer nicht minder krankhaften Blässe, ein Zittern flog durch seinen ganzen Körper. Silvia glaubte, er werde umsinken. Sie trat einen Schritt näher und sagte: Sie sehen selbst, Majestät, daß meines Bleibens hier nicht länger sein kann. Sie selbst werden es mir Dank wissen, daß ich gehe und Ihnen eine Erinnerung erleichtere, die auch so noch peinlich genug für Sie bleiben wird. Ich sage nicht: Vergessen Sie diese Stunde; ich vergesse nichts und verlange es auch von Anderen nicht; ich sage nur, denken Sie an diese Stunde wie an einen verworrenen Traum, der nichts zu thun hat mit Ihrem wachen Leben. Ich verschwinde für Sie aus dem Leben, und war ich Ihnen wirklich theuer, so wird Ihnen die letzte Bitte der Dahingeschiedenen heilig sein: machen Sie an Leo gut, was Sie etwa an mir gefehlt haben mögen; handeln Sie königlich an Leo! Und nun muß ich Ihnen Lebewohl sagen, Majestät! Sie neigte ihr Haupt und wendete sich zu gehen. Hinter ihr erscholl ein gelles Lachen, wie eines Wahnsinnigen, und als sie sich voller Schrecken umwendete, sah sie den König, einem Wahnsinnigen gleich, zum Gemach hinausstürzen. Zweiundfünfzigstes Capitel. Silvia stand noch, in trübes Sinnen verloren, auf derselben Stelle, als sich ihren Augen ein neuer Schreckensanblick bot. Die Thür nach der Schlafstube der Tante, welche schon während der Unterredung, die sie mit dem Könige hatte, leise geöffnet worden war, wurde plötzlich weit aufgerissen, und Sara erschien in ihren weißen Nachtgewändern und hinkte, so schnell es ihre Gebrechlichkeit gestattete, heran, wobei sie heftig mit dem Stocke auf den Boden stieß und bei jedem Stoß ein Schmähwort kreischte. Jetzt stand sie vor Silvia und blickte die Unglückliche mit Augen an, aus denen eine wölfische Wuth sprühte. Was! rief sie, Prinzessin Tausendschön, Dame Tugendreich, was? Soll ich um Ihretwillen zum Schlosse hinaus? Um eine zimperliche Creatur, von der kein Mensch etwas wissen will, die ich aus Mitleid von der Straße aufgelesen habe? Aber Sie irrt sich, Fräulein Thu-nur-so! Erst kommt Sie zum Schlosse hinaus, und das heute noch, und das diese Stunde noch! Verstanden, Mamsell? Sie haben es ja gehört, daß ich im Begriffe bin, abzureisen. Weshalb also dieser klägliche, unnöthige Zorn? Silvia hatte das ganz ruhig gesagt, obgleich sie an allen Gliedern zitierte. Sie fühlte längst die Achtung und Liebe nicht mehr, die sie einst Tante Sara entgegengebracht hatte; aber dieser Ausbruch niedrigster Gesinnung wäre ihr doch noch vor einer Minute ganz unmöglich erschienen. Ja, selbst jetzt, obgleich sie dies verzerrte Gesicht unmittelbar vor sich sah, obgleich diese kreischende Stimme in ihre Ohren gellte, konnte sie sich kaum entschließen, für wirklich zu halten, was sie sah, was sie hörte, und sie führte unwillkürlich beide Hände nach der Stirn. Sara hatte die Milde in Silvia's Worten nicht gerührt, und bei der Dämmerung, die in dem Zimmer herrschte, entging ihr auch der Ausdruck in Silvia's Gesicht und die Bedeutung ihrer Geberde. Ja wohl, rief sie, nun kann man weinen! Damit ist es jetzt nichts mehr, mein Fräulein! Man hätte klug sein sollen, als es Zeit war, aber da hatte man nur Zeit, die Hochmüthige zu spielen. Nun schlagen Sie Ihre Bühne auf, wo Sie wollen; nach einem so kläglichen Fiasco kann man nicht wieder auftreten. Gehen Sie zu dem alten Fräulein von Tuchheim und der anderen Person. Da können Sie nach Wohlgefallen die Betschwester spielen; oder gehen Sie zu Ihrem Vater und helfen Sie ihm seinen Kohl pflanzen. Bei der Gelegenheit werden Sie ja auch wohl nebenbei den stolzen Nacken beugen lernen. Silvia nahm die Hände von der Stirn. Ich gehe; sagte sie. Und Glück auf den Weg! rief Tante Sara, sich mit höhnischem Gelächter tief verbeugend; grüßen Sie mir die lieben Verwandten! Und wenn Sie der Dorfpfarrer heilig gesprochen hat, soll er mir eine Ihrer schönen Locken – Sara kam nicht weiter. Hinter Silvia, die schon in der geöffneten Thür zum Vorzimmer stand, war plötzlich die Gestalt eines Mannes erschienen. Sara blickte noch einmal hin und schrie: Was will der Mensch schon wieder hier? Zum Hause hinaus mit ihm! Hinaus mit der ganzen Gesellschaft! Der Mann ging an Silvia vorüber auf Sara zu, und Silvia erkannte Ferdinand. Er trat vor Sara, die, wie er sich ihr näherte, den Stock mit beiden Händen ergriff und wie zur Abwehr vor sich hielt und sagte: Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie vielleicht eine Bestellung an den Herrn General-Lieutenant, Excellenz von Tuchheim, haben? Was soll das heißen? murmelte Sara, indem sie langsam, die starren Augen fortwährend auf Ferdinand gerichtet, zurückwich. Es soll heißen, sagte Ferdinand, daß ich seit zehn Minuten das Unglück habe, zu wissen, wer mein Vater ist, und da dachte ich, Sie erinnerten sich vielleicht zufällig, wie meine Mutter heißt. Sara kreischte laut auf und eilte, so schnell sie konnte, aus der Thür, der sie, rückwärts weichend, sich immer mehr genähert hatte. Sie schlug die Thür hinter sich zu, und man konnte hören, wie sie von Innen den Schlüssel umdrehte. Ferdinand lachte laut, dann wendete er sich zu Silvia und sagte in heftigem, leidenschaftlichem Tone, indem er mit der Hand nach der Thüre wies: Ich bin nicht um Jener willen gekommen; was bekümmert es mich schließlich, ob sie meine Mutter ist, oder nicht! Kann ich doch nichts weiter, als ihr den Fluch zurückgeben, mit dem sie mir geflucht hat von dem Augenblicke meiner Geburt, ja ganz gewiß schon lange vor meiner Geburt. Ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, daß Sie von hier fort müssen, daß ein reines, heiliges Mädchen, wie Sie, nicht an diesem unreinen, unheiligen Orte eine Stunde länger weilen darf. Jene Frau ist nichts weiter, als die Kupplerin des Königs, die seit Jahren schöne Mädchen hierher lockt, um sie, früher oder später, an Leib und Seele verdorben, wieder fort zu jagen. Glauben Sie mir, ich rede die Wahrheit, und die Wahrheit ist noch schlimmer, als ich es Ihnen sagen kann. Jenes Mädchen, das mich hereingelassen hat und von mir längst bestochen ist, hat mir nur bestätigt, was ich schon auf anderem Wege in Erfahrung gebracht hatte. Sie hat auch Sie verleumden wollen, aber verflucht sei ich, wenn ich nur einen Augenblick geglaubt, wenn ich Sie je für etwas Anderes gehalten habe, als das edelste Geschöpf, das von elenden Buben und kupplerischen Weibern betrogen wurde. Silvia hatte das Entsetzen stumm gemacht. Wenn dies sich so verhielt – und wie konnte sie nach dem, was sich soeben noch vor ihren Augen begeben hatte, daran zweifeln – in welchem Pandämonium hatte sie diese ganze Zeit gelebt! Der Gedanke, wie ungeheuer man sie getäuscht hatte, war zu viel für die Aermste. Sie sank auf einen Stuhl und brach, ihr Gesicht mit den Händen bedeckend, in leidenschaftliches Weinen aus. Ferdinand stand vor ihr. Seine Augen ruhten in glühender Liebe auf der gebeugten Gestalt, deren Umrisse in dem trüben Abendlicht kaum noch erkennbar waren, und seine tiefe, weiche Stimme zitterte, als er jetzt sagte: Arme, unschuldige Taube, selbst dich haben sie nicht verschont, und nicht an ihnen hat es gelegen, wenn du nicht in ihr Garn geflattert bist. Aber noch ist es nicht zu spät, noch kannst du deine reinen Schwingen entfalten und dich fort von hier heben. Nimm mich mit! Ich will dir dienen als dein Sclave; ich will auf deiner Schwelle liegen wie ein treuer Hund, und den mit meinen Zähnen zerreißen, der sich wider deinen Willen dir zu nahen wagt. Und wenn dich dann vielleicht einst meine Treue rührt, und du mich emporhebst von deinen Füßen an dein Herz, dann will ich dich lieben, wie nie ein Weib geliebt wurde, mit einer Liebe, die selbst die seligen Geister mit Neid erfüllen soll. Und Ferdinand kniete vor ihr nieder, aber ohne sie zu berühren, und neigte, wie in Anbetung, sein Haupt. In ihren Schmerz versunken, hatte Silvia kaum gehört, was Ferdinand gesagt, nur seine letzten Worte hatte sie deutlich verstanden, und die Besinnung kam ihr allmälig wieder. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn und sagte tonlos: Weshalb knieen Sie vor mir? Stehen Sie auf, ich habe keine Liebe mehr zu gewähren. Stehen Sie auf! Sie erhob sich von ihrem Stuhl und ging nach der Thür. Ferdinand trat ihr in den Weg. Sie haben keine Liebe mehr zu gewähren? rief er, weil Sie immer noch, selbst jetzt noch den Mann lieben, der Sie verrathen hat? Um der Barmherzigkeit willen, lassen Sie mich ruhig meinen Weg gehen! rief Silvia, die Hände faltend. Ist das Ihr letztes Wort? Mein letztes! Nun denn! rief Ferdinand wild, so möge sein Blut kommen über ihn und über Sie! Im nächsten Augenblicke war Silvia allein. Sie hörte, wie Ferdinand sich entfernte; als Alles still war, ging sie in das Vorzimmer und nahm Hut und Shawl, die sie dort abzulegen pflegte. Das wenige Geld, das sie besaß, hatte sie bei sich. Es mochte noch gerade reichen, die Reise zu bezahlen. Wessen bedurfte sie weiter? Sie verließ die Wohnung ungehindert; auf den Corridoren, auf den Treppen begegnete ihr Niemand. Als sie unten im Hofe an der Wohnung des Castellans vorüber kam, blieb sie stehen; die Leute waren immer sehr freundlich zu ihr gewesen, sie würden ihr wohl den Gefallen thun. In der Wohnung fand sie nur die Castellansfrau und deren Sohn, einen jungen Burschen von sechzehn Jahren. Ich möchte gern im Vorübergehen ein paar Zeilen schreiben, sagte sie, Karl ist gewiß so gut, sie sogleich zu besorgen. Nicht wahr? Die Frau holte bereitwillig das Nöthige herbei. Silvia setzte sich und schrieb:   »Ich gehe – gehe zum Vater, ich schreibe es Dir, daß Du es weißt, weil es Dir vielleicht zu wissen nöthig ist.«   Der Knabe, der weggesprungen war, einen Fiaker zu holen, kam zurück. Wohin wollen Sie denn noch so spät, Fräulein? fragte die Castellanin. Ich habe einen weiten Weg, sagte Silvia. Sie sah nach der Uhr. Es war noch Zeit, den Zug, der um neun Uhr ging, zu erreichen. Die erwachsene Tochter, die eben aus der Küche gekommen war, warf einen bewundernden Blick auf die hübsche Uhr. Silvia nahm die Uhr sammt der Kette ab und hing sie dem Mädchen um. Sie heirathen in vier Wochen, liebes Clärchen, und Sie haben noch keine Uhr; nehmen Sie diese. Tochter und Mutter erschöpften sich in Danksagungen; die Mutter meinte: Das hätte ja unter allen Umständen noch Zeit gehabt. Nehmen Sie! sagte Silvia. Das junge Mädchen küßte ihr in ihrer Herzensfreude die Hände; Silvia drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und sagte: Seien Sie recht glücklich, liebes Clärchen! Man wollte sie nach dem Fiaker begleiten; Silvia verbot das. Sie ging und hieß den Kutscher, sie nach dem Südbahnhofe fahren. Dreiundfünfzigstes Capitel. Die stattliche Villa des Generals in der Parkstraße war glänzend erleuchtet. Durch die hohen Fenster konnte man die Kronleuchter strahlen sehen, und der lichte Schein fiel auf die schöne Terrasse, die von der Hausthür zu dem Vordergarten sanft hinabstieg und heute, ebenso wie das Vestibul, mit Blattpflanzen und Herbstblumen reich geschmückt war. Von dem Vestibul bis hinaus an das Gartenthor mit seinen stattlichen Gaslaternen auf gußeisernen Candelabern hatte man den von dem Regen der vergangenen Tage noch etwas feuchten Weg mit Strohmatten belegt. Ein Portier in Spitzhut und Tressenrock, der sich für gewöhnlich mit einer bescheidenen Bedientenlivrée begnügen mußte, hielt an dem Thore Wache. Aber noch war keiner der erwarteten Gäste angelangt, drinnen in dem licht- und blumendufterfüllten Salon war Niemand außer dem General und seiner Tochter. Der General trug die große Uniform mit den sämmtlichen Orden. Er sah sehr stattlich und ausnahmsweise wohl aus. Mit der heute Morgen glücklich arrangirten fatalen Angelegenheit war das Gemüth des alten Herrn um eine große Sorge leichter geworden; die verhängnißvollen, so theuer bezahlten Briefe hatte er sofort vernichtet, und der Castellan mußte um diese Zeit schon seit einer Stunde unterwegs nach England und Amerika sein – auf Nimmerwiederkehr. Nach aller menschlichen Berechnung war jede Möglichkeit, daß er in seinen alten Tagen zu so ungelegener Zeit an die Jugendthorheit erinnert werden würde, beseitigt. Lippert's Verschwinden würde einiges Aufsehen erregen – indessen, wer konnte wissen, was den Menschen dazu bewogen hatte, sich heimlich zu entfernen? Jedenfalls ging das Alles den General von Tuchheim nichts an, und der General, der in dem Salon langsam auf und nieder promenirte, rieb sich in einer Anwandlung von behaglicher Laune die Hände. Josephe, die in einiger Entfernung vom Vater ebenfalls in dem Gemache umher wandelte, war in weniger guter Stimmung. Sie fühlte sich nach den anstrengenden Vorbereitungen zum Feste müde und angegriffen, mochte sich aber nicht setzen, um ein prachtvolles, spitzengarnirtes Seidenkleid, das sie heute zum erstenmale trug, nicht zu zerdrücken. Selbst die Ueberzeugung, die ihr die großen Spiegel, an denen sie vorbeikam, gaben, daß das prachtvolle Kleid ihr ausgezeichnet stehe und daß sie in diesem Kleide und mit dem kostbaren Schmuck in dem dunklen, glänzenden Haare sehr schön, so schön wie nur je in ihren schönsten Tagen sei, vermochte nicht, sie heiterer zu stimmen. Ihr Mund schloß sich Zimmer fester, die kleine Falte über der linken Augenbraue trat immer deutlicher hervor. Der General, der sie in den letzten Minuten schweigend beobachtet hatte, trat an sie heran und sagte, ihren Arm nehmend: Nun, Josephe, ich dächte, das wäre eine ziemlich düstere Miene für eine so freudige Veranlassung. Josephe blickte ihren Vater unwillig an und erwiederte: Freudige Veranlassung! ich möchte doch wissen, weshalb? Er langweilt mich mit seiner ewigen Ernsthaftigkeit, daß ich es kaum noch aushalten kann, und dabei muß ich mir immer sagen: ich hätte zehnmal bessere Partien machen können. Sich mit Anstand langweilen zu können, gehört zu unsern Aufgaben, liebe Josephe, entgegnete der General. Ich habe mich, ganz im Vertrauen, mit Deiner seligen Mutter auch passabel gelangweilt. Was kommt denn darauf an? In unserem Stande heirathen die Damen doch nicht, um mit dem Gatten ein arkadisches Schäferleben zu führen? Ich hätte Dir solche sentimentale Velleität nicht zugetraut, liebes Kind, und kann sie mir nur durch Deinen Umgang mit der Schlieffenbach erklären. Aber wie lange wird denn das romantische Glück bei unseren Freunden noch dauern? Ich gehe mit Dir jede Wette ein, daß in fünf Jahren davon nicht mehr die leiseste Spur zu finden ist und der Graf einer hübschen Tänzerin den Hof macht, während sie Baron von der Knigge, den sie jetzt schon auffallend encouragirt, oder irgend einen Anderen aus dem Kreise zum Geliebten hat. Pah! Der General nahm mit großer Vorsicht aus einer kleinen goldenen Tabatière eine sehr kleine Prise. Schlieffenbachs kommen heute wieder nicht, sagte Josephe. Aber ich denke, sie sind verreist. Weil sie nicht kommen wollten. Nun, so kommen dafür Henri und Emma, und daran ist nur mindestens eben so viel gelegen. Josephe antwortete nicht; der General ließ ihren Arm fahren und sagte nach einer Pause in ernstem Tone: Du mußt Dich zusammennehmen, Josephe; Du darfst Dich nicht so gehen lassen, darfst wenigstens die Andern nicht merken lassen, wie Du über Deinen künftigen Gatten denkst, am wenigsten ihn selbst. Er ist sehr scharfsichtig, und ich glaube nicht, daß er in seinem Leben eine Beleidigung vergeben hat, oder jemals vergeben würde. Du würdest doch einen schweren Stand mit ihm haben. Er that ein paar Schritte, kehrte dann wieder um und fuhr sanfter fort: Sieh, liebes Kind, ich begreife Deine Empfindungen ja vollkommen, er ist mir auch nicht sehr sympathisch, ja, ich fürchte alle Augenblicke einmal, sein geniales Ungestüm könne ihn zu weit treiben und in's Verderben stürzen. Noch gestern Vormittag war ich – ganz unter uns – über sein brüskes Vorgehen ganz außer mir; aber dann denke ich immer: er hat schon so viel fertig gebracht, so Unglaubliches geleistet, und ich sage im Stillen zu mir: Hut ab vor dem Mann! Man kam durch die Vorzimmer, der General schwieg. Es waren Leo und der Jäger, welcher letztere seinen Herrn noch in Bezug auf das Arrangement der Tafel etwas fragen wollte. Der General folgte, nachdem er Leo mit anscheinend größter Herzlichkeit die Hand gedrückt hatte, dem Manne in die hinteren Zimmer; Leo wendete sich zu Josephen, die, als sie ihn daherkommen sah, an den Kamin getreten war und sich mit den Vasen, die auf dem Sims standen, zu schaffen gemacht hatte. Indem sie dabei die beiden Arme hob und den Oberkörper rückwärts beugte, offenbarte sich die ausgezeichnete Schönheit ihrer Formen, die Leo einst so entzückt hatte. Aber heute hatte er dafür keine Augen, er sah nur das Mädchen, um dessenwillen er Silvia verloren hatte, und dieses Mädchen hatte ein prachtvolles Kleid an. Was wußte er weiter von ihr? was hatte er ihr zu sagen? kam doch selbst das Guten Abend, Josephe! nur zögernd von seinen Lippen. Ah, da bist Du ja! erwiederte Josephe, die Vasen hin und her rückend, ohne sich umzuwenden. Es scheint mir nicht eben, als ob ich für Dich schon hier wäre. Josephe verharrte in ihrer Stellung: O, sagte sie, auch noch empfindlich? ich dächte, dazu hätte ich ein besseres Recht. Ich habe ja wohl seit vorgestern – oder ist es schon länger her? – heute zum erstenmale das Vergnügen, Dich hier zu sehen. Ich nehme an, daß Dir der General gesagt hat, wie sehr ich in diesen letzten Tagen beschäftigt gewesen bin. Du mußt freilich am besten beurtheilen können, wieviel Zeit Du für mich übrig hast. Ohne Zweifel. Und schließlich kommt ja auch so wenig darauf an. Josephe! Es lag eine solche Schärfe in dem Ton, mit welchem ihr Verlobter ihren Namen genannt hatte, daß Josephe sich halb im Zorn, halb vor Furcht umwendete; aber der Zorn schwand, und nur die Furcht blieb, als sie – jetzt zum erstenmale – in sein Antlitz blickte. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Seine Wangen waren bleich, der Mund fest geschlossen, zwischen den Augenbrauen lag es wie eine Wetterwolke, und die großen Augen loderten im düsteren Feuer. Sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Darf ich um eine Erklärung dieses »so wenig« bitten? sagte er. Seine Stimme klang jetzt ganz ruhig, ruhig und tief, dennoch war es Josephen, als hätte sie diese Stimme noch nie gehört. Sie mußte ihre ganze Kraft aufbieten, um den Schrecken, der sie durchbebte, nicht zu sehr zu zeigen, und auch so noch griff sie mit der Hand nach dem Kamin, da ihre Kniee wankten. Wie meinen Sie das? war Alles, was sie nach einer bangen Pause zitternd hervorbrachte. Ich meine das so, erwiederte Leo. Sie haben sich mit mir verlobt, weil Ihr Herr Vater es wünschte und weil Sie für Ihr Theil glaubten, daß ich Ihnen durch meine Talente eine hohe Stellung in der Gesellschaft verschaffen und so den Makel meiner niedrigen Geburt wieder gutmachen würde. Ich habe Sie gewählt, weil ich in meiner Lage die Verbindung mit einer Familie wie die Ihre vollkommen zu schätzen weiß und weil ich in meinem Hause eine Herrin brauche, die den Ansprüchen, welche die Gesellschaft macht, so durchaus genügen kann, wie Sie es können. Von einer großen, hingebenden Liebe ist, so viel ich mich erinnere, von Ihnen zu mir, von mir zu Ihnen, nie die Rede gewesen. Was Sie an verlorenen Illusionen mit in unsere Ehe hineinnehmen, geht mich nichts an, ebensowenig als Sie sich für meine Herzensangelegenheiten zu interessiren brauchen. So weit ist Alles in Ordnung, Keiner von uns ist ein Betrüger, Keiner von uns ist betrogen; die Verbindung, die wir eingehen, ist nach dieser Seite vollkommen zu übersehen. Die andere Seite nun scheint Ihnen nicht eben so klar zu sein, und ich bin deshalb gezwungen, auch diese mit einigen Worten zu berühren. Ich werde es Ihnen nie an der Achtung fehlen lassen, die der Herr des Hauses der Dame des Hauses schuldig ist, aber – und ich bitte Sie, das wohl zu merken – aber ich fordere diese Achtung auch von Ihnen, zu jeder Stunde, in jedem Augenblick, mögen wir in der Gesellschaft oder mögen wir allein sein. Zu den Beweisen dieser Achtung gehört zum Beispiel, daß man weder in Geberde, noch durch Worte, nicht einmal durch den Ton der Stimme die Verbindung verhöhnt, die man aus freien Stücken, sehenden Auges, im vollen Bewußtsein der Bedingungen und der Consequenzen eingegangen ist. Es würde mir lieb sein, wenn Sie mir sagten, ob Sie glauben, mich ganz verstanden zu haben. Josephe hatte, während Leo sprach, etwas von ihrer Ruhe wiedergewonnen. Sie war klug genug, einzusehen, daß, wenn sie jetzt nachgebe, sie niemals wieder ihr Haupt würde erheben können, und diese Ueberzeugung, zusammen mit der Abneigung, die sie gegen ihren Verlobten empfand, gab ihr den Muth zu antworten, indem sie dabei, so gut es gehen wollte, seine höflich kalte Sprechweise copirte: Es wäre kein Wunder, wenn ich Sie nicht verstanden hätte. Dergleichen Auseinandersetzungen sollen, wie ich gelesen habe, wohl manchmal in der Ehe selbst vorkommen; aber es ist, so viel ich weiß, unerhört, daß ein Verlobter so zu seiner Verlobten spricht. Mag wohl sein, erwiederte Leo, indessen das Ungewöhnliche und Unerhörte, wie Sie es ausdrücken, hat mir niemals besonders imponirt, und ich gehe von der Ansicht aus, daß es in Verhältnissen, wie das unsere, nöthig ist, über das, was man will, oder muß, oder darf, nicht einen Augenblick im Unklaren zu sein. Ihr Betragen vorhin beweist, wie nöthig es ist. Aber das ist einfache Tyrannei! rief Josephe, und – Und? sagte Leo, als Josephe fortzufahren zögerte. Und ich werde mich derselben niemals fügen, ich – und wieder schwieg Josephe. In Leo's Augen blitzte es seltsam; er beugte sich leicht vornüber, als könne er das, was nun folgen mußte, kaum erwarten. Aber Josephe verharrte in ihrem Schweigen, Leo's Athem ging kurz und hart. Noch einen Augenblick wartete er, das ersehnte erlösende Wort kam nicht. Er sagte langsam: Vielleicht erlauben Sie mir, Ihren Gedanken zu vervollständigen. Ich verzichte auf die Ehre einer Verbindung mit Ihnen – wollten Sie sagen – nicht? Scheuen Sie sich nicht, es auszusprechen. Noch ist es Zeit, aber es ist die höchste Zeit. Frau Baronin von Barton, meldete der Bediente, die Flügelthür aufreißend. Guten Abend, meine Lieben! rief die Baronin, mit ausgestreckten Händen auf den Kamin zurauschend. Da stehen die Liebenden wie ein Turteltaubenpaar, das sich schnäbelt, und verwünschen die alte Freundin, die ihr tête-à- tête so grausam stört. Nein, wie schön Sie heute Abend wieder sind, Josephe! und der stattliche Herr Bräutigam! auf meine Ehre: Ihr seid das schönste Paar, das ich in den letzten fünfundzwanzig Jahren gesehen habe. Aber, meine Lieben, ich habe mich nicht umsonst beeilt, eine der Ersten zu sein. Kann man gratuliren, Herr von Gutmann? ist – hier sah sich Frau von Barton vorsichtig um und fuhr in leiserem Tone fort – ist das neue Ministerium fertig? Noch nicht, sagte Leo. Noch nicht? rief Frau von Barton in höchstem Erstaunen; aber die ganze Stadt spricht ja davon. Jedermann hält den Artikel in der *Zeitung für Ihre Ernennung. Und das kann ja auch nicht anders sein. Es handelt sich nicht blos um Sie. Der König kann das nicht einstecken, wenn er nicht meine Achtung für immer verscherzen will. Unsere ganze Partei ist in der Sache engagirt; soll man uns ungestraft mit Füßen treten dürfen? Sind Sie denn heute Nachmittag nicht zum Könige berufen worden, Herr von Gutmann? Nein, gnädige Frau! Ich falle aus den Wolken! Himmel! Ich denke, es ist Alles glatt und klar, und die Sache soll morgen früh im Staatsanzeiger stehen. Was sagt denn die Excellenz? was sagt unser Geheimrath? Wir werden ihn doch heute hier haben, den lieben Mann? Der General kam aus dem Hinterzimmer zurück. Liebste, beste Excellenz, was ich höre! rief ihm die Baronin entgegen. Ich bin indignirt, choquirt! Was? Nach solchen Vorgängen noch keine Entscheidung? Wir müssen eben Geduld haben, verehrte Freundin, sagte der General, der alten Dame galant die Hand küssend. Was Geduld! ich habe keine Geduld! rief die Baronin. Herr von Gutmann! ich muß sehr bitten, daß Sie nicht auch in die Geduldflöte Ihres Herrn Schwiegervaters blasen. Sie sind jung; Sie müssen drauf gehen. Ach! wenn ich noch jung wäre! Werden wir denn heute viel junges Volk hier haben? Ich höre, daß der junge Kerkow kommen wird, und Ihr alter Anbeter, Josephe, der ewige Fähnrich von Hasseburg. Es ist ganz diplomatisch, daß Sie diese alten Verbindungen nicht fallen lassen, und ich sehe darin, daß die Seïden des Prinzen kommen, einen Beweis dafür, wie sehr die ganze Partei eingeschüchtert ist. Wir werden auch meinen Neffen und seine junge Gemahlin hier haben, sagte der General. Desto besser, rief die Baronin, obgleich ich darauf weniger Gewicht lege. Verwandte müssen am Ende unter allen Umständen zusammenhalten, gesellschaftlich wenigstens, wenn sie nicht solche unverzeihliche dumme Streiche machen, wie mein cher cousin auf Karlsburg. Denken Sie sich, Excellenz, der Narr hat nun den Jungen wirklich adoptirt und schreibt mir, er würde in Geschäften nächstens mit ihm hierher kommen, und hoffe dann für sich selbst und seinen Jungen auf eine freundliche Aufnahme seitens seiner Verwandten! Ist das nicht zum Rasendwerden? Aber ich will ihm die Wahrheit geigen, und ich hoffe, daß Sie, Excellenz, als sein alter Freund, mich darin unterstützen werden. Der General antwortete nicht, da in diesem Augenblicke Graf Röder nebst Gemahlin eintrat, dem bald darauf der alte Herr von Kerkow, Baron Schuler und Andere aus dem intimsten Kreise des Generals folgten; Alle begierig zu erfahren, wie die Sachen ständen, und Alle mit bedenklichem Kopfschütteln die Nachricht entgegennehmend, daß noch nichts entschieden sei. Man konnte deutlich bemerken, daß, trotzdem die Gesellschaft von Minute zu Minute zahlreicher wurde, die anfänglich sehr gehobene Stimmung immer mehr abnahm und die zuerst laut und lebhaft gepflogene allgemeine Conversation sich in leiser geführte Einzelgespräche auflöste. Es drängte eben Jeden, irgend einen Vertrauten unter vier Augen um seine aufrichtige Ansicht zu befragen und demselben die eigene Auffassung mit gepreßter Stimme in's Ohr zu raunen. Leo war von dem Augenblicke an, wo die Gesellschaft eintrat, fortwährend in Anspruch genommen worden, da man von ihm bestimmte Aufklärung über die räthselhafte Situation zu erhalten hoffte; und gerade sein heute Abend auffallend düsteres und verschlossenes Wesen hatte nicht wenig dazu beigetragen, die Stimmung im Salon herabzudrücken. Man sagte sich selbst und sprach es gegen den Nachbar aus, daß, wenn Herr von Gutmann an diesem für ihn so freudigen Tage eine solche düstere Stirn zeige, er doch jedenfalls seine Ursachen dazu haben müsse. Den wahren Grund ahnte freilich Keiner. Wie ein Schiffbrüchiger auf zerschellendem Wrack, wenn seine Kraft erschöpft ist, mit stumpfer Gleichgiltigkeit die Wellen heranrollen sieht, von denen schon die nächste ihn in ihrem Schoße für immer begraben kann, so war ihm jetzt, als ob er die ungeheure, übermenschliche Arbeit der letzten Zeit für ganz etwas Anderes aufgewendet hätte. Und verhielt es sich denn nicht so? Was ging ihn schließlich ein Werk an, das kaum noch in einem Punkte sein Werk war? Und doch dachte Leo an das Alles nicht, oder doch nur mit einer Energielosigkeit, der jeden Augenblick der Faden des Gedankens entschlüpfte. Was noch von Leben, Kraft, Empfindung, Schmerz, Verzweiflung in seiner Seele sich regte, das strömte Alles in die eine Leidenschaft – die Leidenschaft für Silvia. Seit gestern Abend hatte der schmerzensreiche Gedanke an sie ihn auch nicht einen Moment verlassen. In den wilden Träumen des Opiumrausches, der ihm für Schlaf gelten sollte, hatte er sie in seinen Armen gehalten, hatte in stammelnden Worten ihr seine grenzenlose Reue, seine grenzenlose Liebe gestanden, hatte ihren Mund mit glühenden Küssen bedeckt. Dann war der Morgen gekommen, der sonnige Morgen, der ihn so bleich, so elend, so hoffnungslos, so unsäglich unglücklich fand. Er erinnerte sich, daß er gestern Abend an Silvia geschrieben; was er geschrieben, wußte er nicht mehr. Er wollte ihr abermals schreiben, er konnte keinen Gedanken fassen; was konnte er ihr auch wohl noch schreiben – es war ja Alles vorbei. Sein Schicksal, ihr Schicksal war für immer entschieden. Wenn er nun aber nicht wollte, daß es entschieden sei? wenn er Josephe ihr Wort zurückgab – heute Abend noch: die Welt war so weit! so weit – er war mit der festen Absicht hierher gekommen; aber seine Spannkraft war gebrochen: er hatte den Moment vorüberschwirren lassen – und da stand er nun in dem menschenerfüllten, heißen Salon, und sprach mit dem Herrn von Kerkow über die politische Situation und suchte dem alten stupiden, aber sehr einflußreichen Manne klar zu machen, daß er sich irre, wenn er jetzt schon alle Hoffnung aufgeben zu müssen glaube. Der General trat herzu, und plötzlich auch der Geheimrath Urban, der eben gekommen war. Herr von Kerkow wurde von einem Bekannten weg geholt; die drei Männer waren ungestört. Der Geheimrath war sehr aufgeregt, seine breiten Lippen zuckten unruhig. Ich bringe schlimme Neuigkeiten, sagte er, Hey ist gestern gleich nach dem Ministerconseil beim Könige gewesen. Unmöglich! rief der General. Ich habe es aus einer sehr guten Quelle, fuhr Urban fort; der besten Quelle, enfin – ich habe es von Hey selber. Sie wissen, daß ich mit Hey sehr vertraut bin – von früher her, er ist seit Jahren gewohnt, nichts ohne meinen Beirath zu thun. Meine Coalition mit Ihnen hat uns ein wenig entfremdet, indessen er weiß ja nicht, wie sehr ich mit Ihnen liirt bin. Er war heute Morgen bei mir, mich zu warnen, wie er sagte; ich soll mich nicht tiefer mit Ihnen einlassen. Indessen, er hat mir, offen gestanden, nicht das Vertrauen eingeflößt, daß er trotz alledem die Situation noch irgend beherrscht. Aber was hat denn der König gesagt? Was hat er von Hey gewollt? fragte der General dringend. Hey war sehr verschwiegen, erwiederte Urban, ich vermuthe aber, daß er nicht viel zu verschweigen hatte, ich meine Positives. Der König wird ihm aufgetragen haben, eine Aussöhnung mit der Kriegspartei zu Stande zu bringen, Concessionen zu machen und so weiter. Ein Glück für uns, daß der gute Hey zu einem so subtilen Geschäft viel zu plump ist und den König an Händen und Füßen gebunden dem Prinzen wird ausliefern wollen. Da wird sich der König denn doch dreimal besinnen, ehe er Amen sagt; überdies ist Hey dem Prinzen persönlich verhaßt, und vice versa , so daß sie sich schon deshalb schwerlich verständigen werden. Indessen, es ist schon schlimm genug, daß der König Hey hat rufen lassen, nachdem er sich hoch und heilig verschworen hat, Niemanden zu sehen, bis er mit sich selbst einig ist. Der Geheime Commerzienrath Reßler, ein hervorragendes Mitglied des Vereins und designirter Finanzminister in dem neuen Cabinet, steckte plötzlich seinen grauen Kopf in die Gruppe und sagte, nachdem er sich kaum Zeit gelassen hatte, guten Abend zu bieten: Es liegt etwas in der Luft, meine Herren, was mir nicht gefällt. An der Börse herrschten heute wunderbare Strömungen. Das allgemeine Resultat wissen Sie. Baisse, Baisse, daß Einem Hören und Sehen vergehen kann. Und dazwischen auf einmal speculirt Sonnenstein, der Baissier par excellence , plötzlich auf Hausse und kauft alle Südbahn-Prioritäten und Lombarden, deren er habhaft werden kann, das heißt, glaubt nicht an den Krieg. Ist das eine Schwenkung zu uns herüber? Mir steht der Verstand still! St! sagte der General, ich sehe da meinen Neffen. Ich werde versuchen, ob ich nichts aus ihm heraus bekomme. Aber, Verschwiegenheit, meine Herren, um Gotteswillen Verschwiegenheit! Henri war soeben, Emma am Arm führend, in den Salon getreten, nach rechts und links grüßend, lächelnd. Emma sah sehr roth aus, besonders um die Augen; sie lächelte auch nicht, ihre Blicke schweiften suchend durch den Saal, bis sie Leo herausgefunden hatte, und sie wendete sich, während Henri jetzt mit dem General sprach, nach der Seite, wo Leo noch mit Urban und dem Commerzienrath stand. Henri machte sofort der Unterhaltung mit seinem Onkel ein Ende, nahm wieder Emma's Arm und sagte im Weiterschreiten: Wenn Du Dir selbst einen rechten Gefallen thun willst, so sei heute Abend in Deinem Benehmen vorsichtig; verstanden, liebes Kind? Henri selbst war in einer Aufregung, die er bei aller seiner Kaltblütigkeit Mühe hatte zu beherrschen. Er hatte die Briefe, die er vor ein paar Stunden vom alten Lippert gekauft, noch bei sich in seiner Brusttasche, da sie ihm nirgendwo sonst sicher genug verwahrt schienen. Er war mit diesen Briefen sofort zu Ferdinand gefahren. Ferdinand hatte sie gelesen und war in eine an Raserei grenzende Leidenschaft gerathen. Vergebens hatte Henri versucht, ruhig mit ihm zu besprechen, was nun zunächst geschehen müsse. Ferdinand hatte ihn kaum zu Worte kommen lassen und war dann, rufend, er wisse, was er zu thun habe, fortgestürzt. Was würde Ferdinand thun? Henri hoffte, vorläufig in ein Weinhaus gehen, sich einen Rausch trinken und morgen, wenn er ausgeschlafen hatte, vernünftig mit sich reden lassen. Er selbst war noch nicht über einen bestimmten Plan mit sich im Reinen. Er dachte, dem Onkel etwa erst unter vier Augen die Alternative zu stellen, entweder Josephe's Verbindung mit Leo aufzugeben, oder sich auf einen großartigen Scandal gefaßt zu machen; dann, im Falle er den Onkel wider Erwarten halsstarrig finden würde, Ferdinand, der jetzt jedenfalls zu Allem bereit war, loszulassen. Es war Henri in der letzten Minute räthlicher erschienen, seine Familie, wenn es möglich war, zu schonen; blieb doch der garstige Flecken am Namen sitzen! Nach Henri's Meinung hafteten nur schon zu viele Flecken an diesem Namen, und dann, weshalb in ein Wespennest stoßen, wenn man es sicherer und gründlicher ausräuchern kann! Also, liebenswürdig heute Abend! Der Onkel wird morgen früh begreifen, daß es sich mit mir ganz charmant lebt, wenn man mich bei guter Laune erhält. Und Henri war liebenswürdig und lächelte und drückte dem alten Herrn von Kerkow, der ihn nicht ausstehen konnte, die Hand und versicherte der Baronin Barton, die ihn von jeher gehaßt hatte, daß sie mit jedem Jahre jünger werde. Dann fiel ihm ein, daß es doch eigentlich sehr wünschenswerth sei, zu wissen, wie Josephe über ihren Verlobten denke und wie weit man im Nothfalle auf sie werde rechnen können. Emma sprach mit dem alten Bankier Reßler – das war unverfänglich; und Josephe saß eben allein. Er ging schnell zu ihr, bat um die Erlaubniß, sich zu ihr setzen zu dürfen, und war bald mit ihr in ein Gespräch gerathen, das seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Aber, liebe Josephe, wenn Du Dich in dieser Verbindung nicht glücklich fühlst, weshalb sie nicht abbrechen, jetzt, wo es noch Zeit ist? Das ist leichter gesagt, als gethan. Du meinst, Dein Vater – Würde es um keinen Preis zugeben. Und Leo? Josephe's Stolz krümmte sich bei dem Gedanken, aussprechen zu sollen, wie leicht ihr Leo noch vor einer Stunde den Entschluß gemacht hatte, mit ihm zu brechen. Vielleicht war es ihm auch nicht Ernst damit gewesen; vielleicht hatte er sie nur einschüchtern wollen. Er weiß nur zu gut, was ich ihm werth bin, antwortete sie mit höhnischem Lächeln. Das fürchte ich auch, sagte Henri. Er neigte seinen Mund noch näher zu Josephe's Ohr und flüsterte: Und wenn ich Dir nun dabei behilflich wäre, ihn los zu werden, würdest Du es Dich wohl etwas kosten lassen? Ich meine, würdest Du sehr bös sein, wenn ich zu diesem Zwecke etwas gewaltsam verfahren müßte? Wie meinst Du das? sagte Josephe. Ueberlege Dir's, erwiederte Henri, wir sprechen womöglich morgen weiter darüber. Da schleicht Dein alter Anbeter Hasseburg herum und möchte gern meinen Platz haben. Er bekommt in acht Tagen sein Officierspatent und ist noch immer sterblich in Dich verliebt. Du kannst ihn noch jeden Augenblick haben, und seine dreißig- oder vierzigtausend Thaler jährlicher Revenuen dazu. Hasseburg, kommen Sie doch einmal her; meine Cousine möchte gern wissen, von wem Sie Ihren neuen Fuchswallach gekauft haben. Henri stand auf, während von Hasseburg, die tanzsporengeschmückten Hacken zusammenklappend und an seinem winzigen rothen Bärtchen drehend, herantrat. Henri hatte an dem anderen Ende des Salons Emma neben Leo gesehen, eifrig, wie es schien, mit ihm sprechend. Wie durfte sie es wagen, so offen seinem Verbote zu trotzen? Ich glaube, sie ist verrückt geworden, murmelte er und that ein paar Schritte nach jener Seite, blieb dann aber wieder stehen, weil er den Marquis de Sade zu Leo und Emma herantreten sah. Die Geschichte der Vertreibung Leo's aus der Wohnung des Marquis fiel ihm ein, und er hatte keine Lust, sich von dem heiter-witzigen Franzosen gerade jetzt, in Gegenwart Leo's und Emma's, daran erinnern zu lassen. So nahm er denn den Arm des jungen von Kerkow und begab sich mit demselben in das Vorderzimmer, durch dessen Thür er die Gruppe in der Ecke des Salons im Auge behalten konnte. Emma hatte sich, so wie sie von Henri loskommen konnte, sofort quer durch den Salon zu Leo begeben, wohl wissend, daß sie durch diesen Schritt die Rache ihres Gatten herausfordern würde, aber fest entschlossen, seinem Zorn zu trotzen. Leo war ihr, als er sie auf sich zukommen sah, entgegengegangen; aber sie hatte ihn in die äußerste Ecke mit sich fort gezogen und ihm noch während dessen zugeflüstert: Ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen. Thun Sie, als ob Sie sich mit mir sehr angelegentlich unterhielten, damit uns Niemand stört. Betrifft es Sie selbst? Nein, hören Sie! Ich begegnete heute Morgen Tante Charlotte und Amélie auf der Straße. Sie sagten mir, daß Walter schon heute Abend freikommen werde und daß er das ohne Zweifel Ihrer Fürsprache zu verdanken habe. Sie wollten heute Abend Silvia besuchen, trotzdem Silvia auf mehrere Briefe, die ihr die Tante geschrieben, nie mit Einem Worte geantwortet hat. Es ist dies eine Gelegenheit, wie sie vielleicht so bald nicht wiederkommt, sagte Amélie, und die Tante fügte hinzu, daß sie noch außerdem einen besonderen Grund hätten. Ich sagte ihnen, daß wir heute Abend hier sein würden; die Tante schien etwas sagen zu wollen, schwieg dann aber doch; so trennten wir uns. Heute Abend nun, kurz bevor wir hierher fuhren – ich war eben mit meiner Toilette fertig geworden und wartete auf Henri, der seit Mittag nicht zu Hause gewesen war – ließ sich die Tante und Amélie melden. Ich wußte, daß Henri außer sich sein würde, wenn ich sie empfing, aber ich that es doch. Sie waren in großer Aufregung, und die Tante erzählte, sie hätten auf dem Schlosse nach Silvia gefragt, aber oben bei Fräulein Gutmann wäre, trotzdem sie wiederholt geklingelt, nicht geöffnet worden, und hernach hätten sie – ich weiß nicht wie – erfahren, daß Silvia kurz vorher ausgegangen oder vielmehr in einer Droschke weggefahren sei. Dann fragte die Tante, ob ich wohl eine Bestellung, die aber sehr eilig sei, an Sie übernehmen zu können glaube. Die Tante nahm nun einen Brief, den Sie heute Mittag von Ihrem Onkel in Tuchheim erhalten hatte, aus der Tasche und las mir eine Stelle daraus vor. Die Angelegenheiten in Tuchheim ständen schlecht, so schlecht, daß Sie sofort herüberkommen müßten, sonst wäre Alles zu befürchten. Ich habe den Satz genau behalten, denn die Tante hat ihn mir zweimal vorgelesen. So sprach Emma, und ihre gutmüthigen Augen hingen mit ängstlicher Spannung an Leo's düsteren Mienen. Ich danke Ihnen, liebe Emma, erwiederte er, aber ich wußte bereits Alles. Er hatte das so zerstreut gesagt; Emma sah ihn fragend an und fing dann wieder an zu sprechen von Tante Charlotte und Amélie und Walter; daß sie jetzt erst einsehe, wie gut diese Alle immer zu ihr gewesen seien, und wie gern sie recht oft mit ihnen zusammenkommen möchte, daß aber daran bei Henri's Sinnesart gar nicht zu denken sei. Leo hörte kaum, was Emma sagte. Wohin war Silvia in so später Abendstunde noch gegangen? Stand sie mit Tante Sara nicht mehr auf dem alten guten Fuße? War ihr vielleicht der Aufenthalt im Schlosse unerträglich geworden, und wußte sie nun doch nicht, wohin? Hatte er selbst ihr nicht die Unmöglichkeit bewiesen, zum Vater nach Tuchheim zurückzukehren und ruhig, als sei nichts geschehen, bei dem Vater fortzuleben? Aber wenn nicht nach Tuchheim zurück, wohin dann? Und jetzt fiel ihm plötzlich wieder ein, was er ihr gestern Nacht geschrieben: Geh'! – Wohin? wohin? Aber, mon dieu , wie angegriffen Sie heute aussehen, cher ami , sagte der Marquis de Sade, der herantrat. Sagen Sie ihm doch auch, Madame, daß er nicht so viel arbeiten soll. Freilich, freilich, ich habe mein Lebenlang nicht gearbeitet und glaube doch nicht, daß Sie mit mir tauschen möchten! Ah, mir däucht, es ist eine erstickende Hitze hier, wie vor dem Ausbruch eines Samums. Ich erlebte das einmal in den Ruinen von Karnak. Das wäre so etwas für Ihr beobachtendes Genie, Herr Doctor! Abgerissene brennende Windstöße von Süden her, während die Schwüle der Luft mit jedem Augenblicke zunimmt; die Dromedare wollen nicht mehr von der Stelle, die Pferde bäumen sich. Die Reiter sehen mehr Gespenstern als Menschen gleich in dem fahlen Licht des Himmels, der sich von allen Seiten wie ein Zelt zusammenzuziehen scheint. Noch ein paar Minuten bangster Erwartung, und dann – was ist das für ein seltsamer Lärm? Der Lärm hatte nicht blos die Aufmerksamkeit des Marquis erregt; die Gesichter Aller im Salon waren nach dem Vorzimmer gerichtet, in welchem jetzt eine Stimme überlaut rief: Gehen Sie mir aus dem Wege! Ich habe Ihnen gesagt: ich weiß, was ich zu thun habe. Denken Sie, ich bin Ihr Hund, daß Sie mich hetzen können, wann es Ihnen beliebt und auf wen es Ihnen beliebt? Aus dem Wege! sage ich. Der General hatte mit einigen Herren mitten im Salon gerade unter dem großen Kronleuchter geplaudert. Als die laute Stimme aus dem Vorzimmer an sein Ohr schlug, zuckte er, wie von einer Kugel getroffen, zusammen und hob die Hand. Das war Alles, was er vermochte. Der Schrecken hatte seine Kraft gelähmt; unfähig sich zu bewegen, unfähig zu sprechen, mit halb geöffnetem Munde, die starren Augen auf die Thür gerichtet, stand er da. Aus dem Wege! rief die Stimme noch einmal, und im nächsten Moment erschien auf der Schwelle der Thür Ferdinand. Seine Kleider waren in Unordnung, denn er hatte sich durch die Diener, die ihm den Eintritt verweigerten, gewaltsam hindurchgedrängt; seine weichen, glänzenden Locken hingen ihm wüst um die Stirn; seine großen Augen funkelten in dem doppelten Rausche des Weines und der Leidenschaft und fuhren wild im Saale umher, bis sie auf dem General haften blieben. Man konnte sehen, wie in diesem Moment ein Zucken durch seinen ganzen Körper flog und sein Gesicht so bleich wurde, wie das Gesicht des Generals, zwischen welchem und ihm die plötzlich still gewordene Gesellschaft, nach beiden Seiten zurückweichend, eine breite, offene Gasse gelassen hatte. Ferdinand zauderte noch einen Augenblick, dann kam er geradeswegs auf den General zugeschritten; aber er hatte kaum die Hälfte der Entfernung zurückgelegt, als ihm Leo, der sich eilig durch die Gaffer gedrängt hatte, den Weg vertrat; Ferdinand stutzte, als er sich so plötzlich seinem Todfeind gegenüber sah, dann flog ein wildes Lächeln über sein Gesicht, und er machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte er Leo auf die Seite schieben. Auch Leo war sehr bleich, und wer in diesem Augenblicke Ruhe genug zur Beobachtung gehabt hätte, dem würde die auffallende Aehnlichkeit der beiden jungen Männer nicht entgangen sein. Leo richtete sich zu seiner stattlichen Höhe auf, und seine Stimme klang stark und ruhig, als er jetzt, Ferdinand mit einem Blick von dem Scheitel bis zur Sohle messend, fragte: Zu wem wollen Sie? mein Herr? Nicht zu Ihnen, mein Herr, war Ferdinand's in verächtlichstem Tone gesprochene Antwort. Dann haben Sie die Güte, sich aus dieser Gesellschaft zu entfernen. Welches Recht haben Sie, das von mir zu verlangen? Das Recht, das jeder gebildete Mann einem Trunkenbolde gegenüber hat, der frech genug ist, sich in eine anständige Gesellschaft zu drängen. Auch dann, wenn der Eindringling der Sohn des Hauses ist? Eine unheimliche Stille herrschte in dem Salon. Man wagte nicht sich zu regen, man stand mit verhaltenem Athem und blickte auf den General, der, sich auf den Arm des Commerzienraths lehnend, jeden Moment zusammenzubrechen drohte. Auch wenn der Eindringling der Sohn des Hauses ist? wiederholte Ferdinand mit starker Stimme. Auch dann. Ferdinand machte eine Bewegung, als wollte er sich auf seinen Gegner stürzen, aber er that es nicht, sondern sagte durch die Zähne laut genug, daß Jeder im Saale es hören konnte: So erkläre ich Ihnen, daß Sie ein Schurke sind, den ich auf Tod und Leben fordere. Ein dumpfes Stöhnen klang durch den Saal, der General war ohnmächtig dem Commerzienrath und dem Marquis de Sade, der schnell hinzusprang, in die Arme gefallen. Ferdinand sah ihn sinken und rief, zur Gesellschaft gewendet: Ich denke, meine Herrschaften, dies ist Beweis genug! dann stürzte er hinaus. Der Erstarrung, welche während der letzten Minuten auf der Gesellschaft gelegen hatte, folgte eine grenzenlose Verwirrung. Einige Wenige, zu denen jetzt auch Leo gehörte, bemühten sich um den General; Andere steckten die Köpfe zusammen und fragten: ob das Unglaubliche, was man da eben gehört und gesehen habe, denn wirklich möglich sei; noch Andere drängten schweigend nach der Thür. Das kluge Beispiel fand rasche Folge; bald war kaum noch die Hälfte der Gäste beisammen, und auch von diesen entfernte sich Einer nach dem Andern. Man hatte den noch immer ohnmächtigen General aus dem Saale nach seinem Zimmer getragen und dort auf das Sopha gelegt. Leo bat die Herren, die hilfreiche Hand geleistet hatten, zur Gesellschaft zurückzukehren. Er selbst blieb allein bei dem Patienten, der nach einiger Zeit die Augen aufschlug, Leo, der über ihn gebeugt stand, verwirrt anblickte und dann die Augen schaudernd wieder schloß. Wo ist meine Tochter? fragte er nach einer kleinen Weile mit matter Stimme. In diesem Moment wurde die kleinere Thür, die aus dem Zimmer des Generals in die Wohngemächer führte, geöffnet, und Josephe, die sich vor der Gesellschaft dorthin geflüchtet hatte, kam herein, blieb aber, als sie Leo bei dem Vater sah, auf der Schwelle stehen. Leo trat ihr entgegen und sagte: Es hat mit Ihrem Herrn Vater keine Gefahr. Ich räume Ihnen meinen Platz, da ich vermuthe, daß Sie den Wunsch haben, in dieser Stunde mit ihm allein zu sein. Josephe antwortete nicht; Leo trat noch einmal zu dem General und fragte, ob er ihm noch sonst zu Diensten sein könne. Der General schüttelte schweigend den Kopf. Leo sagte ihm ein kurzes Lebewohl, verbeugte sich vor Josephe und verließ das Zimmer. Im Salon fand er nur noch sehr Wenige von der Gesellschaft, unter ihnen den Marquis. Er bat für den General, der zu unwohl sei, um wieder erscheinen zu können, um Entschuldigung. Man drückte sein tiefstes Bedauern aus, hoffte, daß Excellenz sich von der Alteration, in die ihn eine so unerhörte Scene nothwendig versetzt haben müsse, bald erholen werbe, und ging. Der Marquis begleitete Leo durch die Gärten nach seiner Wohnung. Ich bin erschüttert, sagte er; trotzdem ich schon längst geahnt habe, daß Ihnen etwas der Art begegnen würde. Mir ist es übrigens kein Zweifel, daß Ihnen Monsieur de Tuchheim diese Affaire arrangirt hat. Ich habe ihn während des ganzen Abends beobachtet, und ich will nicht selig werden, wenn er nicht aussah wie ein Dieb, der eben in das Fenster steigen will. Auch sah ich ihn nachher, wie er seine Gattin eilig mit sich fortriß. Pauvre femme ! sie weinte, ich glaube, sie war die Einzige, die, außer mir, mit Ihnen und für Sie empfand. Aber sprechen Sie doch, Bester! Meinen Sie nicht auch, daß der Baron dies angestiftet hat? Ich zweifle nicht daran. Und glauben Sie denn auch, daß jenes mauvais sujet wirklich des Generals Sohn ist? Es scheint so. Das ist eine schändliche Geschichte, lieber Freund. Was werden Sie thun? Ich weiß es jetzt noch nicht, fragen Sie mich morgen. Unter allen Umständen wird es ein Rencontre geben. Oder mehrere. Oder mehrere, allerdings. Sie standen vor Leo's Thür. Ich bitte Sie nicht, mit mir hinauf zu kommen, sagte Leo; Sie werden mir nachfühlen, daß ich jetzt allein sein muß. Der Marquis drückte ihm die Hand und sagte: Ich werde morgen den ganzen Tag für Sie zu Hause sein. Adieu! Adieu! Der Marquis hüllte sich fester in seinen Mantel und ging. Leo trat in sein Haus. Kommen Sie schon so früh zurück? fragte Philipp; ich hätte Sie beinahe aus der Gesellschaft rufen lassen, aber ich dachte: Sie sind so lange nicht vergnügt gewesen, und wollte Sie nicht stören. Was giebt's? Vor einer Stunde ist eine Depesche angekommen, von Tuchheim, glaube ich, und vorher ein kleiner Brief, den ein Knabe brachte. Hier ist Beides. Leo erbrach die Depesche; dieselbe lautete: »Kommen Sie sofort herüber, ich kann die Leute nicht mehr bändigen. Krafft.« Und was hattest Du noch? Hier, Herr! Philipp gab ihm das Billet und sah, wie seines Herrn Hände zitterten, während er das Billet, das nur aus wenigen Zeilen zu bestehen schien, las und es dann in die Tasche steckte. Was ist die Uhr, Philipp? Halb Zwölf, Herr. Um Zwölf geht der Courierzug. Hole mir einen Fiaker, es stehen noch welche an der Parkstraßenecke. Oder laß es auch nur, ich will gleich selbst gehen. Aber Sie können doch nicht so fort, Herr! Gieb mir einen andern Rock und den Mantel, – so! Philipp hatte Alles schnell herbeigebracht. Leo reichte ihm die Hand. Was hast Du, Philipp? Nehmen Sie mich mit, Herr, rief der junge Mensch, Leo's Hand mit beiden Händen umfassend. Leo bedachte sich einen Augenblick und sagte dann: Komm! Eine Minute später hatten Beide das Haus verlassen. Vierundfünfzigstes Capitel. An diesem Abend war Tuchheim der Schauplatz schrecklicher Scenen gewesen. Schon die Tage vorher hatten zwischen den beiden sich feindlich gegenüber stehenden Parteien beständige Reibereien stattgefunden, die schon ein paarmal in Tätlichkeiten ausgeartet und von den Besonneneren nur mit größter Mühe unterdrückt waren. Die Unruhestifter, als deren Rädelsführer der trotzige, jähzornige Johann Brandt sich darstellte, beschuldigten die Anderen, daß sie im Einverständniß mit dem Buchhalter und dem alten Krafft den so schon spärlichen Verdienst ungleich vertheilen und überdies die gröbere und undankbarere Arbeit auf die, welche nicht mit ihnen im Bunde wären, abzuwälzen suchten. Auch daß für die zur Unzeit verkaufte Waare die Rimessen so schlecht einliefen, sei einzig und allein die Schuld jener Partei; man habe sich eben die schlechtesten Zahler ausgesucht und werde wohl wissen, weshalb man es gethan habe; der Extraprosit werde schon zur rechten Zeit angekommen sein. So ging das fort; man häufte Beschuldigungen auf Beschuldigungen, redete sich immer mehr in Hitze und Zorn und machte eine Verständigung immer schwerer, ja zuletzt unmöglich. Selbst die erfreuliche Kunde, die Krafft gestern, gleich nach Empfang von Leo's Depesche, in allen Werkstätten mitgetheilt hatte, daß die erforderlichen Bauten und der Ankauf der Dampfmaschine genehmigt seien, hatte der Unzufriedenheit nur neuen Stoff gegeben. Jetzt war man mit dem Erlangten nicht mehr zufrieden: das seien Alles nur Flicken auf ein altes Kleid, und schließlich würden die vielgerühmten Verbesserungen doch nur wieder den Anhängern Krafft's zu Gute kommen. Nun war heute Morgen Leo's Geldsendung eingetroffen. Der alte Mann hatte, in seiner unvorsichtigen Ehrlichkeit, das große Ereigniß keine Minute verheimlichen zu dürfen geglaubt, und der Sturm war losgebrochen. Die Unzufriedenen verließen alsbald die Werkstätten und rotteten sich zusammen. Solle man abermals vertrauen, nachdem man so oft getäuscht worden sei? Abermals eine so günstige, vielleicht nicht wiederkehrende Gelegenheit, endlich zu dem Seinen zu kommen, vorübergehen lassen? Wer könne wissen, ob nicht morgen schon andere Dispositionen beliebt würden, oder Jene, die das Geld in Händen hätten, bei Nacht und Nebel sich davon machten? Viertausend Thaler sei eine schöne Summe, wenn man sie auf der Stelle vertheile, und das solle geschehen, und das werde geschehen; man werde schon Mittel finden, den alten Krafft zur Herausgabe des Geldes zu zwingen! So berieth man unter Schreien und Toben in einem der Wirthshäuser, die an dem andern, dem Bahnhofe und den Fabriken entgegengesetzten Ende des Dorfes lagen. Es dauerte lange, bis man sich über den einzuhaltenden Plan verständigen konnte, denn vor offener Gewalt schreckten die Meisten in ihrem Innern noch zurück. Endlich, spät am Nachmittage, als kein Einziger von der ganzen Schaar mehr nüchtern war, zog man in hellen Haufen, singend und brüllend, durch die lange Dorfgasse vor das Fabrikgebäude. Hier waren unterdessen die Anderen unter Krafft's Leitung ebenfalls beisammen gewesen und hatten berathen, was bei dieser Lage der Dinge zu thun sei, und sich endlich, freilich auch nur nach vielem Hin- und Widerreden, entschlossen, den Anderen vorzuschlagen, man möge, um jedem Streit ein Ende zu machen, die Verwendung des Geldes von Leo's Entscheidung abhängig machen und zu diesem Zweck denselben auf telegraphischem Wege bitten, sofort nach Tuchheim zu kommen. Eben hatte man diesen Beschluß zu Stande gebracht, als Einer in den Versammlungssaal stürzte, rufend, sie kämen mit Knütteln und Sensen bewaffnet das Dorf herauf; man sollte sich zur Vertheidigung bereit machen, oder Alles sei verloren! Die Nachricht war übertrieben; die heranziehende trunkene Schaar war nicht bewaffnet, und um so größer war ihr Zorn, als sie nun, vor der Fabrik angelangt, die Anderen mit Eisenstangen, Schmiedehämmern und anderen Werkzeugen, die sie in der Eile ergriffen hatten, zu ihrem Empfange bereit sahen. Der verschlagene und der Rede sehr mächtige Johann Brandt wußte diese Blöße, die sich Jene in ihrer Uebereilung gegeben hatten, vortrefflich zu benützen. Da sehe man ja, rief er, was es mit der Brüderlichkeit auf sich habe; das sei die rechte Ehrlichkeit, denen, die als Freunde kämen, um freundschaftlich Rechenschaft zu fordern, so entgegenzutreten! Ob man etwa das neue Bündniß gleich schmieden wolle? Er seinerseits sei bereit dazu: er wisse auch seinen Hammer zu schwingen, und dabei streifte er den Aermel auf und erhob drohend den braunen muskulösen Arm. Lautes Hurrahgeschrei von Seiten seiner Anhänger belohnte Johann Brandt für diese Prahlerei. Nur mit Mühe gelang es dem alten Krafft, zu Worte zu kommen. Er sagte, daß man an nichts weniger denke, als gegen Unbewaffnete Gewalt zu üben, daß man aber allerdings entschlossen sei, das gute Recht, das man zu haben glaube, nöthigenfalls mit Gewalt zu behaupten. Er aber hoffe, es werde nimmer so weit kommen. Und nun sagte er, was man in der Versammlung beschlossen habe und wie man überzeugt sei, die Anderen würden einem so vernünftigen Vorschlage gern und willig beipflichten und sich fügen. Johann Brandt sprang auf einen Haufen Kohlenschlacken, neben dem er gestanden hatte, und rief: Habt Ihr's gehört, Brüder? Habt Ihr gehört, wer der Schiedsrichter sein soll zwischen Euch und denen da? Der Mann, der uns Alle in dieses Verderben gebracht hat, der, wie man in der Zeitung Schwarz auf Weiß lesen kann, zum Verräther am Volke geworden, der zu der Reaction übergelaufen ist und dafür vom Könige den Adel erhalten hat. Ich habe ihn gekannt, als er in Feldheim Heidelbeeren suchte, um seinen Hunger zu stillen; jetzt nennt er sich Herr von Gutmann und fährt mit Vieren, und wohnt in einem Hause wie ein Palast und will die Tochter von dem General Tuchheim heirathen, der ein eben so schändlicher Reactionär ist wie er selbst. Ja, ja, Brüder, wörtlich so steht's in der Zeitung. Und den will man uns als Schiedsrichter aufbinden! Verdammt will ich sein, wenn ich mir das gefallen lasse, und verdammt sei der, der es sich gefallen läßt! Erhebt Eure Hände, Brüder, und schwört, daß Ihr Alle für Einen und Einer für Alle stehen und lieber sterben wollt, als das dulden. Johann Brandt sprang herab mitten zwischen die Schaar, die jetzt ein noch viel lauteres Geschrei erhob. Drauf, Brüder, drauf! hörte man Brandt's Stimme rufen. Die Vorderen wurden von den Hinterleuten weitergedrängt, und nur die entschlossene Haltung der Gegenpartei war die Ursache, daß es nicht schon jetzt zu einem blutigen Zusammenstoße kam. Man schrie und schimpfte von beiden Seiten, endlich zog Brandt's Schaar ab mit der Drohung, bald und dann hoffentlich mit besserem Erfolge wieder zu kommen. Der alte Krafft zweifelte nicht, daß die Leute ihre Drohung wahr machen würden. Er war in großer Verlegenheit; dennoch sträubte sich sein Stolz gegen die Zumuthung, die man von allen Seiten an ihn stellte, man solle doch durch den Telegraphen Militär aus der nächsten Garnisonstadt requiriren. Er habe es noch in gutem Angedenken, meinte er, wie die bunten Röcke vor neun Jahren in Tuchheim gehaust hätten und wie noch in diesem Frühjahr dieselbe Gefahr über ihren Häuptern geschwebt habe. Lieber wolle er es auf einen Kampf ankommen lassen; da wisse man doch, mit wem man es zu thun habe. Unterdessen war der Gemeindevorstand ebenfalls zusammengetreten, und auch hier war die Rathlosigkeit groß, um so größer, als der Mann, zu dem Alle das größte Vertrauen hatten und der auch bei den Arbeitern sehr viel galt, der Förster Gutmann, diesmal fehlte. Man hatte schon vergeblich mehrmals in das Forsthaus geschickt; der Förster war aus; man wußte nicht wohin. Den höchsten Grad aber erreichte die Verwirrung, als der Bahnhof-Inspector in größter Aufregung die Nachricht brachte, daß die Unruhestifter mit den Erdarbeitern, die an der neuen Zweigbahn beschäftigt und schon seit einigen Tagen widerspenstig gewesen waren, wie es schien, gemeinschaftliche Sache gemacht hätten. Nun glaube er der Beamten und der Arbeiter auf der Bahn sicher zu sein, aber ihrer seien Wenige gegen die Vielen. Schon habe er Auftrag gegeben, eine Locomotive fortwährend auf dem Bahnhof und einer Strecke zu beiden Seiten des Bahnhofs hin und her fahren zu lassen, um den Meuterern das Aufreißen der Schienen unmöglich zu machen; das sei indessen noch nicht genug, auch er stimme, wiewohl ebenfalls nur ungern, für die Herbeiziehung von Militär. Man könne das Dorf nicht fünf- bis sechshundert betrunkenen Menschen auf Gnade und Ungnade überlassen. Die Ansicht des Inspectors drang durch: man telegraphirte von Gemeindevorstandswegen an den interimistischen Landraths-Verweser und an den Festungs-Commandanten; zugleich gab der alte Krafft die Depesche an Leo auf. Es war die höchste Zeit gewesen, eine Antwort kam nicht zurück, es mußte einen Augenblick nach Absendung der Depeschen der Telegraphendraht durchschnitten worden sein. Diese That allein bewies, wessen man sich von Seite der Gegner zu versehen habe; auch meldeten Dorfbuben und andere Zwischenträger, daß man sich in dem Walde des Schloßberges, von welchem aus man das Dorf und die Fabrik übersehen könnte und gewissermaßen beherrschte, sammele. Von allen Seiten kämen sie herbei, auch aus den benachbarten Dörfern, wohin man eiligst Boten geschickt habe – mit Heugabeln und Dreschflegeln, mit Spaten und Spitzäxten; aber auch Gewehre wollten Einige gesehen haben. So tobte und heulte es das Dorf entlang, während der Abend immer tiefer herab sank; und jetzt fing auch die Glocke vom Kirchthurme an Sturm zu läuten und trug die Schreckenskunde weit hinein in die Thäler, in die Berge. In die Thäler, in die Berge und auch zu dem Förster, der das Wiesenthal, in welchem der große Bach von Tuchheim hernieder nach Feldheim floß, eiligen Schrittes heraufkam. Er war in Feldheim gewesen, wo er einen alten Freund, einen wohlhabenden Bauer, der todkrank lag, besucht hatte. Da war die Kunde von den Dingen in Tuchheim nach Feldheim gedrungen, man sagte sogar, es hätten sich schon ein paar Bursche dorthin auf den Weg gemacht. Das that dann auch alsbald der Förster. Er schritt mächtig aus, daß der alte Ponto ordentlich in Trab fallen mußte, um mitzukommen; schon hatte er die Hälfte des Weges zurückgelegt, als der Abendwind, der ihm entgegen wehte und in dessen kühlem Hauch die langen Halme auf der Wiese eifrig nickten, ihm die ersten Töne der Sturmglocke an das scharfe Ohr trug. Er stand einen Augenblick still, um sich zu überzeugen, ob er auch recht gehört habe. Es war keine Täuschung gewesen, da kamen sie wieder, dieselben Töne, nur noch schärfer, noch angstvoller, noch mahnender. Großer Gott! murmelte er, indem er in einem Schritt, der fast ein Laufen war, weiter eilte, können denn die unseligen Menschen keinen Frieden halten? Soll denn die Unglücksfabrik uns noch Alle verderben? Ein Hase lief, von links kommend, quer über den Weg. Ponto machte ein paar müde Sätze dem Hasen nach in die Wiese hinein und kehrte dann in einem kurzen Bogen zum Herrn zurück. Das ist ein böses Zeichen, sagte Fritz Gutmann, der, so sehr seine Seele mit Angst und Sorge erfüllt war, Ponto's verfehlte Jagd mit den alten Jägeraugen instinctmäßig beobachtet hatte; früher hättest du ihn nicht so leichten Kaufes entwischen lassen, jetzt brauche ich nicht einmal mehr zu pfeifen: wir sind stumpf geworden, alter Bursche, hast keine Zähne mehr im Maul, wie ich kein Gewehr mehr auf der Schulter. Wir haben ja Beide den Dienst quittirt. Wieder schallte das Wimmern der Sturmglocke herüber. Fritz Gutmann blickte auf; es war ihm, als müsse er Feuerschein am Himmel sehen, aber der Himmel, an dem das Abendroth längst erloschen war, spannte sich grau und lichtlos über Tuchheim. Die unseligen, unseligen Menschen, murmelte Fritz Gutmann, ist es nicht genug, daß sie um ihr bischen Hab und Gut mit den Elementen in Streit liegen! Müssen sie sich auch noch untereinander bekämpfen! Aber ich habe es kommen sehen diese ganze letzte Zeit. Es war ein schlimmer Gedanke, sie sich selbst zu überlassen, sie sind nicht im Stande, sich zu regieren; der Leo hat es wohl gut gemeint, aber damit ist es nicht gethan. Er meinte es auch immer gut, mein lieber, seliger Herr; Gott sei Dank, daß er dies nicht noch hat zu erleben brauchen. Und während er rastlos weiter eilte und der Schweißtropfen nicht achtete, die ihm von der Stirn in die grauen Wimpern rannen, dachte Fritz Gutmann des Freiherrn und Leo's, und wie der Freiherr in seinen letzten Tagen so hartnäckig behauptet hatte, daß Leo der Mann der Zukunft sei und es in der Welt nicht eher besser werden würde, als bis man sich zu Leo's Ansichten bekehrt habe. Ich habe es damals nicht geglaubt, murmelte er, und jetzt ist es wohl mit Händen zu greifen, daß er Unrecht hat; aber gleichviel, sie sollen es nicht büßen, was ein Anderer verschuldet, wenn ich es hindern kann. Er hatte die ersten Häuser des Dorfes nach dieser Seite hin erreicht; es war noch ein ziemlich weiter Weg bis zur Fabrik, dennoch vernahm er schon ein dumpfes, mißtönendes Geschrei von dort her. In der schmalen Gasse war es still, die Läden und die Häuser waren verschlossen, nur hier und da schaute ein alter Mann oder ein Weib verstohlen über den Gartenzaun oder durch die kaum geöffnete Hausthür. Eines dieser Weiber kam, als sie den Förster erblickte, aus dem Hause gestürzt und heulte: Ach, lieber Herr Förster! Schicken Sie mir meinen Mann wieder her! Um Gottes Barmherzigkeit willen! Ist er auch oben? Ja, er sagte ja, er dürfe nicht davonbleiben! Ach Gott, ach Gott! Und oben giebt es gewiß noch Mord und Todschlag! Ich ginge ja selbst hin und holte ihn mir, es sind viele Frauen oben, aber ich kann die Kinder nicht allein lassen, die Liese hat wieder so das Fieber. Ach, lieber Herr Förster, sagen Sie ihm doch, daß er nach Haus komme! Ich will thun, was ich kann, Grete, ich will thun, was ich kann! Das Weib, das neben ihm hergelaufen war, kehrte wieder um. Fritz Gutmann wurde das Herz immer schwerer in der keuchenden Brust. Warum soll ich mich schonen? Ich habe keine Kinder, die meiner noch bedürften; und ist er denn nicht auch mein Sohn? Habe ich nicht mit heiligem Eide geschworen, daß ich ihm Vater sein wolle allezeit? So will ich auch für ihn thun, was ein Vater in einem solchen Falle für seinen Sohn thun müßte. Jetzt wurde es lebhafter auf den Dorfgassen. Weiber schrieen, nacktfüßige Buben, deren Väter feindlich gesinnt sein mochten, rauften sich; aus einem Hause kam ein Kerl mit einer Axt in der Faust und lief in toller Hast die Straße hinauf. Immer näher und näher schallte das mißtönende Geschrei, immer näher und näher, und jetzt hatte der Förster die Fabrik erreicht und stürzte sich in die tobende Menge, die auf dem weiten Platze vor der Fabrik wild durcheinander wogte. Man konnte die wüste Scene ziemlich gut übersehen, denn die in der Fabrik hatten überall in den oberen Etagen die Lampen angezündet, während sie sich in dem unteren Stock, so weit es in der Eile möglich gewesen war, verschanzt hatten. Die draußen, obwohl Jenen an Zahl bei weitem überlegen, zögerten noch immer, den Kampf, der, wie sie nun wohl sahen, ihnen doch theuer zu stehen kommen würde, ernstlich zu beginnen, und machten ihrer ohnmächtigen Wuth in wüthendem Geschrei Luft, während hier verständige Weiber ihre betrunkenen Männer weinend beschworen, von dem wahnsinnigen Beginnen abzulassen, dort keifende Megären die brutalsten Gesellen noch im Schimpfen und Schreien überboten und die Unschlüssigen anhetzten, das Aeußerste zu thun und zu wagen. Zwischendurch trieben sich halbwüchsige Buben herum, die das Ganze für einen köstlichen Spaß ansehen mochten und ihr Möglichstes thaten, den Lärm und die Verwirrung noch zu vermehren. Etwas von dem großen Haufen entfernt, stand eine kleine Gruppe der Rädelsführer, die mit zorniger Stimme darüber debattirten, was denn nun eigentlich geschehen solle; unter ihnen Johann Brandt. Er war, wie auch noch Mehrere in dem Haufen, mit einem Gewehr bewaffnet, das er, so oft ihm Einer der Anderen widersprach, fluchend auf den Boden stieß oder drohend um den Kopf schwang. Seine Stimme war von dem vielen Schreien rauh und heiser; augenscheinlich war er betrunken; sein plumpes, knochiges Gesicht war hoch geröthet, seine Augen stierten gläsern, und er taumelte im Stehen. Fritz Gutmann hatte mit seinen scharfen Augen die Hauptzüge dieses fürchterlichen Bildes alsbald erfaßt, und er trat nun festen Schrittes an die Gruppe heran. Guten Abend, Männer! sagte er; was in aller Welt treibt Ihr denn hier? Das ist ja ein seltsamer Feierabend, den Ihr da macht. Das plötzliche Erscheinen des Försters machte mit Einem Schlage die Menschen, die um Johann Brandt herumstanden und schrieen, verstummen. Jeder von ihnen kannte den Förster Fritz Gutmann; Jeder von ihnen war ihm unzähligemal in dem Walde, zwischen den Feldern, in den Dorfgassen begegnet und hatte vor ihm die Mütze abgezogen. Sie kannten den alten, verschossenen, grünen Uniformrock, und der Uniformrock flößte ihnen Respect ein, obgleich Herr Gutmann jetzt keine Flinte mehr auf der Schulter und keinen Hirschfänger mehr an der Seite trug. Sie standen und schwiegen, gescholtenen Buben gleich; nur Johann Brandt schrie: Feierabend? Was Feierabend! einen Feuerabend wollen wir haben! Der Trunkene begleitete diesen Witz mit einem wilden Gelächter, in das Einer oder der Andere einstimmte. Johann Brandt, dem dieser Beifall wieder Muth gemacht hatte, rief: Einen Feuerabend, Leute! Das ist das Rechte! Wenn die Ratten nicht aus dem Nest wollen, werden sie schon kommen, wenn es ihnen auf den Nägeln brennt. Feuer hinein! Hurah! Feuer hinein! Das Wort wurde von den Nächsten schreiend wiederholt und von den Anderen weiter geschrieen, so daß bald der ganze Platz von wildem Rufen wiederhallte. Die Männer stürzten sich auf einen großen Haufen gespaltenen Holzes, der in der Nähe stand, und fingen an, die Scheite herauszureißen und gegen den verschlossenen Haupteingang der Fabrik zu schleppen; Buben trugen Reisig herbei, Stroh und Heu. Zehn auf einmal bemühten sich, den Haufen, der mit großer Schnelligkeit wuchs, zu entzünden. Einer drückte sein Gewehr in ein Bündel Putzwerg ab, das ein anderer gefunden und ebenfalls auf den Haufen geworfen hatte. Im Nu schlug die Flamme auf und leckte an dem Reisig, an dem Holz empor; aber der Wind, der sich lebhafter aufgemacht hatte, trieb die Flamme von dem Gebäude fort, so daß der Rauch den Meuterern in's Gesicht schlug und die Funken ihnen über die Köpfe flogen. Das Alles war so schnell geschehen und mit solcher Wuth ausgeführt, daß der Förster, so sehr er sich auch abmühte und bald Diesem, bald Jenem in den Weg trat, oder ihm gar das Holz, das Reisig aus den Händen riß, es wohl hatte geschehen lassen müssen. Jetzt stand er dicht neben dem brennenden Scheiterhaufen, ja auf demselben, so daß die Flamme, wenn der Wind umschlug, auch ihn hätte erfassen müssen, und er rief: Kinder, seid Ihr wahnsinnig, daß Ihr so gegen Euch selbst wüthet? Was in aller Welt habt Ihr davon, wenn Ihr die Fabrik verbrennt? Jetzt geht es Euch schlecht, sagt Ihr; mag sein, und Gott weiß, wie sehr ich wünsche, daß es Euch besser ginge! Aber wie soll es Euch dann erst ergehen, wenn Ihr Euch des letzten Mittels beraubt, das Euch und Eure Weiber und Kinder vor dem Hungertode schützt? Und denkt Ihr denn, man werde das so ungestraft hingehen lassen? Wißt Ihr denn nicht mehr, wie sie Euch vor neun Jahren mitgespielt haben mit Einquartierung und Verhör und Zuchthaus? Soll das von neuem über Euch kommen und womöglich noch schlimmer als damals? Nein, Kinder, thut das nicht, und droht mir nicht mit Euren Fäusten! Ich fürchte mich nicht; ich bin ein alter Mann mit grauen Haaren, und es liegt mir nichts daran, ob ich heute oder morgen sterbe; aber so lange ich noch Athem in der Brust habe, werde ich rufen: Thut es nicht! Geht ruhig nach Hause! Bei Allem, was Euch werth und heilig ist, bei Euren Weibern und Kindern beschwöre ich Euch: Geht nach Hause! Es war ein mächtiger Klang in der Stimme des alten Mannes; weithin schallte sie über den Platz, auf dem es stiller und stiller geworden war. Und wer nicht jedes seiner Worte verstand, der sah doch die von den Flammen fast umloderte Gestalt des alten Mannes und sein ehrwürdiges Haupt, dem die Mütze entfallen war, so daß der Wind mit den grauen Haaren spielte. Nicht das erstemal war es, daß Fritz Gutmann ähnlich zu ihnen gesprochen und immer, wie sie meinten, den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Auch diesmal wäre er der Menge, die ihm zu folgen gewohnt war, Herr geworden – da fingen die in der Fabrik, um ihren Beifall zu bezeigen, Hurrah! zu schreien an. Die draußen hielten das für Verhöhnung und Herausforderung, und gaben den Hurrahruf schreiend und heulend zurück. In einem Augenblick war der alte Tumult wieder in vollem Gange und wilder noch als vorher. Noch einmal erhob Fritz Gutmann seine Stimme, aber der Lärm übertäubte ihn, und jetzt sah er von seinem erhöhten Standpunkte aus eine Scene, die ihm das Blut in den Adern erstarren machte. Ein Haufen Kerle brachte unter vielen Mißhandlungen einen Mann geschleppt, in welchem er den Gatten jenes armen Weibes erkannte, das ihm vorher auf der Dorfstraße nachgelaufen war. Der Mann gehörte zu der anderen Partei: sie hatten ihn gefangen, als er, um nach seinem kranken Kinde zu sehen, die Fabrik verlassen hatte. Als ein ordentlicher, nüchterner Arbeiter war er den Meuterern ganz besonders verhaßt; nun sollte er büßen für die Anderen. Sie schlugen ihn mit Fäusten, sie traten ihn mit Füßen; das Blut strömte dem Unglücklichen aus Nase und Mund; noch ein Augenblick, und er mußte der unmenschlichen Behandlung erliegen. Da brach sich durch die Menge, die ihn umtobte, der Förster Bahn. Mit einer Kraft, die zur Genüge bewies, wie stark seine alten Muskeln, wie stählern seine Sehnen noch waren, stieß er Den auf die Seite und riß Jenen zurück, und jetzt stand er neben dem Aermsten, der schon in die Kniee gesunken war, und rief: Zurück! sage ich Euch, zurück! An den hier kommt Keiner mehr, oder doch nur über meine Leiche! Und ich sage, daß ich den Hund todt haben will, schrie Johann Brandt, und er legte das Gewehr auf den Knieenden an. Mit einem Sprunge ist Fritz Gutmann an seiner Seite und sucht dem Wahnsinnigen das Gewehr zu entreißen. Da zuckt ein Blitz auf – ein Knall – Fritz Gutmann taumelt zurück, das erbeutete Gewehr in den Händen, und sinkt dann mit dumpfem Stöhnen zusammen. Nun brechen die im Gebäude, welche den Kampf beobachtet haben, und es für schimpflich erachten, länger thatlos zuzusehen, hervor, der alte Krafft an der Spitze. Sie finden keinen Widerstand, denn in dem Augenblicke, als sie den Förster stürzen sieht, stiebt die entsetzte Menge nach allen Seiten auseinander. Niemand will die Blutschuld auf seinem Gewissen haben; Niemand will Zeuge der Unthat gewesen sein. Man richtet den Förster in die Höhe; er lebt noch und verlangt mit matter Stimme nach Wasser. Aber als man ihm in einem Kruge Wasser an die Lippen führen will, athmet er nur noch einmal tief auf; sein graues Haupt sinkt auf die Seite – der alte Krafft hält einen Todten in seinen Armen. Und mit Einemmale erhellt sich die Schreckensscene von einem grellen Schein, der aber nicht von dem verglimmenden Scheiterhaufen kommt. Aller Augen richteten sich auf das Fabrikgebäude. Aus einem der Schornsteine steigt eine rothe Feuersäule hoch empor zum dunklen Himmel. In der grenzenlosen Verwirrung der letzten Tage hat man einen Riß in der Mauer nicht bemerkt, durch den sich das Feuer vom Hochofen aus langsam einen heimlichen Weg gebahnt hat, um endlich mit unbezähmbarer Wuth hervorzubrechen. Die Thurmglocke, die schon seit länger als einer Stunde nicht geschwiegen hat, erhebt lauter als bisher ihren angstvollen Ruf, und die sich eben noch feindlich gegenüberstanden, vereinigen ihre Anstrengungen in der Bekämpfung des wüthenden Elementes, welches sie in ihrer Thorheit haben entfesseln helfen und das nun wie im Triumph die rothe Siegesfahne über ihren Häuptern schwingt. Fünfundfünfzigstes Capitel. Der Zug, in welchem Silvia fuhr, war sehr besetzt; der Wagen hatte sich nach und nach ganz gefüllt; sie drückte sich in die Ecke und hüllte sich in ihr Tuch; der dunkle Schleier verhüllte ihr Gesicht vor den Blicken der Mitreisenden; sie schloß die Augen, um allein zu sein mit sich selbst. Aber sie konnte die Ohren nicht verschließen wie die Augen, so mußte sie die im lauten Tone geführte Unterhaltung ihrer Nachbarn, zweier junger Handlungsreisenden, mit anhören. Es handelte sich um einen alten, wunderlichen Materialwaarenhändler, bei dem der Eine seine Lehrlingszeit verbracht hatte. Der Hauptpunkt in der Geschichte war die Ernsthaftigkeit, mit welcher der Kaufmann aus sieben verschiedenen Kasten zu sieben verschiedenen Preisen dieselbe Sorte Cigarren verkaufte und immer dabei behauptet hatte, das sei kein Betrug, denn die Leute wollten betrogen sein, und schließlich sei es mit den Menschen nicht anders als mit den Cigarren: auch die Menschen seien im Grunde gleich und nur die Emballage verschieden. – Die Geschichte hatte der junge Mann vermuthlich schon hundertmal erzählt, und die beiden neuen Freunde wollten sich todtlachen über den herrlichen Witz. Und Silvia dachte, welch elendes Ding das Leben sei, wenn dieser platte Humor auch nur einen Schatten von Berechtigung habe; und weiter dachte sie, daß Tausende und Tausende es nur dieser Materialwaarenladen-Philosophie zu verdanken hätten, wenn sie vor den Schmerzen bewahrt blieben, die auf edleren Herzen lasteten, und edlere Herzen vor der Zeit zerbrächen, und es schauderte sie. Nein, lieber erfahren haben, was ich heute erfahren habe, als es nie erfahren können! Lieber alle Schmerzen der Erde dulden, lieber verrathen, verspottet, verhöhnt werden, als sich behaglich fühlen in diesem Sumpf! Er mag ein Wahn gewesen sein, mein Glaube an die Menschen; ich muß es jetzt annehmen, wo ich die so klein sehe, die ich für so groß hielt, zu denen ich so demuthsvoll hinauf schaute: aber mein Glaube an das Ideal, an ein Hochherrliches, Göttliches, das war kein Wahn, und hätte er nirgends Wirklichkeit, als nur in meinem Herzen, so lebte er doch eben da, und wird da leben, bis mein Herz vollends bricht. Und Silvia verschränkte die Arme über dem Busen, und als die beiden jungen Männer sich weiter unterhielten und zwischendurch lachten, da drang es nur noch kaum zu ihrem Ohr, und sie murmelte vor sich hin: Es ist Zeit, daß ich lerne, wie mich diese Welt nichts angeht. Auf einer der folgenden Stationen verließ einer der jungen Männer den Wagen, an seine Stelle kam eine junge Frau mit einem kleinen Kinde auf dem Arm und setzte sich auf den Platz, den Jener frei gelassen, neben Silvia. Der Zug ging weiter; das Kind fing an zu schreien; die junge Frau wendete sich zu Silvia und bat mit schüchterner Stimme um Verzeihung wegen der Belästigung. Silvia antwortete mit wenigen freundlichen Worten. Die junge Frau machte sich mit ihrem Kinde zu schaffen, das nicht still werden wollte, und legte es endlich unter dem Mantel an die Brust, während ihr Silvia den Mantel arrangiren half und das Bündel, das Jene bei sich führte, an sich nahm. Das Kind wurde für ein paar Minuten still und begann dann von neuem, heftiger als vorher, zu schreien. Silvia fragte, ob sie nicht irgendwie helfen könne. Die junge Frau schüttelte unter leisem Weinen den Kopf. Ach nein, liebes Fräulein, sagte sie; Sie sind sehr gütig, aber ich selbst kann dem armen Ding nicht helfen, und sie erzählte dann, daß ihr Mann Beamter und vor einigen Tagen nach einem entfernten Orte versetzt worden sei, auch sogleich an seinen neuen Bestimmungsort habe abreisen müssen. Sie habe den Umzug zu ordnen gehabt und dann mit den übrigen Kindern nachkommen wollen. Da sei heute die Nachricht gekommen, daß ihr Mann heftig erkrankt sei; nun habe sie sich sogleich mit dem jüngsten Kinde in aller Eile auf den Weg gemacht; aber der Schreck müsse ihr die Milch zurückgetrieben haben; wenn sie nur auf der nächsten Station ein wenig Milch bekommen könne; ob sie wohl so lange Zeit haben werde? Silvia sprach der Weinenden Muth zu, fragte auch bei den Passagieren, ob auf der nächsten Station länger angehalten werde; von den Passagieren, die mürrisch und schweigsam in ihren Ecken lehnten, wollte oder konnte Niemand Auskunft geben; der junge Handlungsbeflissene meinte, die Eisenbahn sei keine Kleinkinder-Bewahranstalt. Man gelangte zur Station. Die Mutter wollte mit dem Kinde hinaus. Silvia nahm es ihr aus dem Arm. Ich würde für Sie gehen, aber Sie wissen besser, was Sie fordern sollen. Uebereilen Sie sich nicht, ich will das Kind schon hüten. Die junge Frau lief fort. Silvia befahl dem Reisenden, die Thür wieder zu schließen. Er gehorchte murrend. Silvia hörte nicht, was er sagte. Sie saß da und hielt an ihrem Busen das Kind, das nach Nahrung suchte und aufschrie und wieder still wurde. Das Kind konnte es ja nicht verstehen, dennoch sprach sie zu ihm leise, liebevolle Worte, die ihr aus dem Herzen quollen, sie wußte selbst nicht wie. Die Minuten vergingen – da kam die junge Frau zurück. Sie hatte Alles erhalten, was sie gesucht hatte, – Milch, frische warme Milch, und ein Fläschchen dazu – ach! die Menschen seien so gut! – Das Kind trank, die Mutter saß darüber hingebeugt, vor Freude weinend, daß das Kind die Nahrung so willig nahm. Dann bettete sie es sorgsam an ihrer Brust und lehnte sich zurück. Das Licht der Lampe fiel ihr in die Augen, sie sah so blaß, so abgehärmt, so erschöpft aus. Silvia stand auf und zog den blauen Schleier über das Licht. Die junge Frau nickte dankbar, und nickte wieder, aber vor Müdigkeit – sie mochte lange nicht geschlafen haben. Silvia streckte ihren Arm aus und zog das junge Weib zu sich heran, daß sie ihr schlummermüdes Haupt an ihre Schulter lehnen könne. Sie ließ es sich gefallen, sie wußte wohl kaum, was mit ihr geschah. So saß Silvia und hielt in ihren Armen die Mutter und das Kind. Während sie über den Schlummernden wachte, zogen tausend verworrene schmerzliche Gedanken durch ihre Seele, und nur das Eine konnte sie klar denken: wohl der Aermsten, daß sie nicht weiß, wie es in dem Herzen aussieht, an dem sie ruht! Der Zug hielt. Das junge Weib erwachte, es war eine Station, an der sie aussteigen mußte, um auf eine andere Bahn zu gelangen. Sie dankte Silvia mit wenigen herzlichen Worten und wollte ihr die Hand küssen. Silvia küßte sie auf den Mund, und dann küßte sie das Kind und lehnte sich, als der Zug weiter rollte, in ihre einsame Ecke. Das Herz war ihr so schwer, ihre Augen waren so heiß; aber sie konnte nicht weinen. Sie durfte weinen, die arme junge Frau, sprach sie bei sich, ist sie doch nicht ganz unglücklich. Ihr Gatte kann wieder genesen, er wird genesen, und alles Leid wird vergessen sein, und stirbt er, so ist ihre Liebe doch gerettet, sie wird ihn über's Grab hinaus lieben und auf Erden lieben in seinen Kindern. Das Alles ist ja nicht ohne Trauer, aber es ist doch gut und menschlich-schön. Sie durfte weinen, wird immer weinen dürfen, ich kann nicht weinen. Was in mir brennt, waschen keine Thränen weg. Vielleicht daß ich weinen kann, wenn ich wieder beim Vater bin – vielleicht! nicht um mich, aber um ihn, daß er so einsam und freudlos ist, doppelt freudlos, wenn er sein verirrtes Kind wieder hat, und doch auch nicht wieder hat. Was bin ich noch? ein Schatten von dem, was ich war. Was kann ihm der Schatten seiner Silvia sein? eine Silvia, die nicht mehr lachen und singen kann, sich des jungen Tages nicht mehr freuen kann, der nur kommt, sie in ihrem Elend zu finden, nicht des Abends, der ihr Haupt nicht mehr mit holden Träumen umkränzt, höchstens der Nacht sich freuen kann, die ihr Schlaf bringt, Schlaf und Vergessenheit. Und auch nicht einmal das! ich kann ja nicht vergessen! ich kann ihn nicht vergessen, der mir doch gestorben ist, und werde so ewig elend sein und Jeden, der in meine Nähe kommt, elend machen. Ich dürfte nicht zum Vater gehen! – Eine neue Station kam, die letzte vor Tuchheim. Die anderen Passagiere verließen hier den Wagen, um auf der großen Straße weiter zu reisen. Der Wagen wurde auf das Geleise der Zweigbahn nach Tuchheim geschoben; es gab einen längeren Aufenthalt. Auf dem Perron war ein auffallend lebhaftes Treiben: die Leute, so eilig sie's hatten, blieben in Gruppen beisammen stehen, um, wie es schien, Anderen zuzuhören, die von etwas Merkwürdigem erzählten, das sich in der Nähe ereignet haben mochte. Die Thür des Wagens war aufgeblieben. Silvia hörte nur zusammenhangslose Worte von einem großen Feuer und Soldaten, die requirirt seien, und plötzlich schreckte sie auf. Was war das? War nicht ihres Vaters Name genannt worden? Was hatten die Leute von ihrem Vater zu sprechen? Galt das Alles, was man sich da so eifrig erzählte, von Tuchheim? Aber in dem Augenblicke, als sie sich aufrichtete, um besser zu hören, schlug der Schaffner die Thür zu, der Zug setzte sich in Bewegung. Die Strecke von hier bis Tuchheim war nicht lang, und der Zug fuhr ganz ungewöhnlich schnell; dennoch däuchte ihr die Viertelstunde eine Ewigkeit. Eine vage Furcht vor etwas Entsetzlichem, das hereindrohe, hatte sich ihrer Seele bemächtigt – eine Furcht, die sich nicht bannen ließ, so oft sie sich auch wiederholte: was habe ich im Leben noch zu fürchten? Endlich war Tuchheim erreicht; auch hier standen dichte Schaaren von Menschen auf dem Perron, unheimlich beleuchtet von dem Lichte der Bahnhofslaternen und von einem andern Lichte, das von irgendwo her aus der Nähe zu kommen schien. Wie lange brennt es denn schon? fragte ein Reisender, der eben mit dem Nachtsack in der Hand aus dem Wagen gesprungen war. Schon seit Neun, antwortete der Angeredete; sie können das Feuer nicht löschen, es fehlt jämmerlich an Spritzen; wir meinten, mit diesem Zuge würde noch eine mitkommen. Wenn wir denken, es ist vorbei, fängt's erst recht wieder an. Brennt's denn schon im Dorfe? Nun natürlich. Die Fabrik ist lange herunter. Hoffentlich geht mit dem Morgen der Wind um, es ist ja schon halb Vier. Silvia hatte diesem Gespräche zugehört, athemlos, regungslos, als wäre sie auf diesen Fleck gebannt. Wo war ihr Vater? Ihr Vater konnte, wenn es im Dorfe brannte, nicht zu Hause sein. Ein Mann ging eilig an ihr vorüber und blieb plötzlich, als sein Auge in ihr Gesicht fiel, mit einem Rufe des Schreckens stehen: Fräulein Silvia, um Gottes willen! wie kommen Sie hierher? Es war der Bahnhofsinspector, ihr wohlbekannt. Sie hatten als kleine Kinder oft genug miteinander gespielt. Der junge Mann schaute sie mit einer solchen Miene des Mitleids und der Verlegenheit zugleich an. Was hatte er ihr Furchtbares zu sagen, das er auszusprechen offenbar zauderte? Er mißverstand ihren starren Blick. Ach, armes Fräulein, sagte er, wie haben Sie es denn nur so schnell erfahren? Mein Vater ist todt? fragte Silvia. Der Inspector nickte mit dem Kopfe. Seit wann? Gleich zu Anfang; ich bin nicht dabei gewesen; aber sie lagen ja, er habe nur noch ein paar Augenblicke gelebt. Wo – wo haben sie ihn hingebracht? Auf die Försterei, liebes Fräulein, ich will Sie hinausbegleiten lassen, ein Wagen wird schwerlich aufzutreiben sein; leider kann ich nicht von hier fort, sonst würde ich Sie begleiten. Wollen Sie nicht noch erst bei meiner Frau eintreten? Meine Frau kann mit Ihnen gehen. Verzeihen Sie nur einen Augenblick; ich komme sogleich wieder. Den Inspector rief seine Pflicht; Silvia wartete seine Rückkehr nicht ab; was brauchte sie weiter zu hören? Sie verließ den Perron und ging eilends die neue Straße von dem Bahnhof nach dem Fabrikgebäude. Die Straße bis zur Fabrik war von Menschen belebt: Leute, die mit dem Zuge gekommen waren und in's Dorf wollten, Andere, die von der Brandstätte nach dem Bahnhofe mußten, zwischendurch Wagen, die, so schnell die Pferde laufen wollten, Fässer mit Wasser, das in den Dorfbrunnen auszugehen anfing, vom Bahnhofe herbeibrachten oder sonst Gegenstände hinüber- und herüberschafften. Von der Brandstätte – dem der Fabrik zunächst gelegenen Theil des Dorfes – stiegen feurige, mit brennenden Funken durchloderte Wolken aufwärts, wurden vom Winde nach dem Schloßberge zu umgebogen und verloren sich dort zwischen den hohen Bäumen. Es wurde von Secunde zu Secunde heller, das Feuer mußte eben wieder neue Nahrung erhalten haben; so sagten auch die Leute, die neben ihr her, ohne sich um sie zu kümmern, die Straße hinaufeilten. Der Wind springt um! rief ein Anderer. Ja, ja, sagte ein Dritter, nun die Arbeiterwohnungen herunter sind! Die Fabrik war eine rauchende Trümmerstätte. Silvia sah es im Vorübereilen; sie sah auch auf dem freien Platze vor der Fabrik Soldaten stehen, ihre zusammengestellten Gewehre blitzten im Schein des Feuers. Aber sie sah Alles nur wie in einem wirren Traume; erst als sie, links abbiegend, auf den Schloßberg und von dort in den Wald gelangte, wo die Bäume sich dunkel über ihr wölbten, kam ihr mit den stechenden Schmerzen, die sie in den Schläfen und in der Brust fühlte, eine Empfindung ihrer selbst. Ihr Herz zuckte, als ob es in jedem nächsten Augenblicke springen müßte; sie konnte nicht weiter und sank in einer halben Ohnmacht in das feuchte Moos unter den Bäumen an der Wegseite. Sie machte keinen Versuch, sich zu besinnen auf das, was sie gehört und gesehen. Es war, als ob sie Alles längst schon gewußt habe. Ihr Vater todt, und sie hier allein im wilden Walde; –nun ja, das Sonderbare war nur, daß sie selbst noch lebte, daß das zuckende Herz wieder zur Ruhe kam. Was hatte das für einen Sinn? Das war es! Sie sollte ihn noch einmal sehen, mit ihren leiblichen Augen sehen und einen Kuß auf seine bleichen Lippen drücken. Das war es. Und weiter wanderte sie in den Wald hinein, hügelauf, hügelab, an der Lichtung vorbei, auf der an jenem Morgen, als sie zur Kirche gingen, die Rehe standen. Daß ihr das jetzt einfallen konnte! Aber freilich, da war der Vater so stattlich vor ihr her geschritten in seinem grünen Uniformrock und der breitkrämpigen Mütze und den Ledergamaschen, und sie hatte in späteren Jahren, so oft sie an ihn dachte, ihn immer nur so gesehen – und jetzt war er todt! Es war sehr dunkel in dem Walde, dennoch stieß ihr Fuß nirgends an, es war ihr, als ob etwas immer vor ihr her schwebe, dem sie nur zu folgen brauche, und jetzt wurde es lichter. Sie blickte nicht auf; sie wußte, es waren die breitastigen Eichen, die am Ausgange des Waldes an der Wiese standen, auf der ihr Vaterhaus lag. Da war es, kaum erkennbar im ersten Grau des Morgens durch den feinen Nebel, der aus der Wiese aufstieg; aber aus den Fenstern rechts und links schien Licht, ein helleres links aus der guten Stube und ein matteres rechts aus der Wohnstube. Das matte Licht war das, welches für sie brannte. Vor der Thür hielt ein angeschirrter Wagen, dessen Kutscher auf dem Bocke schlief. Als sie auf den Flur trat, hörte sie aus der guten Stube, deren Thür nur angelehnt war, eine tiefe Stimme – die Stimme des alten Doctors von Tuchheim: Er ist gestorben wie ein Held, liebe Freundin; ich kannte ihn ja seit dreißig Jahren und darf es wohl sagen: zu sterben in der Vertheidigung eines Menschenlebens, ja, von so vieler Menschen Leben – einen schöneren Tod hätte er selbst sich nicht wünschen können. Dann sprach eine leise weinende Stimme. Silvia hatte genug gehört. Sie drückte leise die Thür auf zur Wohnstube. Es war Alles so, wie sie es sich gedacht hatte. Da war das Bett, aus des Vaters Schlafkammer nebenan hierher getragen; zu Häupten des Bettes brannte eine Lampe und warf ihren Dämmerschein auf das weiße Laken, mit dem sie ihn bedeckt hatten. Silvia trat heran ganz leise, und ganz leise hob sie das Laken von des Todten Gesicht. Es war so bleich, das liebe Gesicht, so bleich, aber so friedlich und so schön in seiner feierlichen Todesruhe. Kein leisester Zug des Schmerzes – groß und still wie eines Gottes Angesicht. Ich komme, sagte Silvia. Sie küßte die bleichen kalten Lippen, deckte das Tuch wieder darüber und ging still hinaus, wie sie gekommen. Auf dem Flur war noch Alles wie vorhin; nur in der Küche, wo die Leute versammelt sein mochten, hörte sie reden. Sie winkte mit der Hand; sie wollte nach der feierlichen Zwiesprache mit dem Todten keine Menschenstimme mehr hören. So verließ sie das Haus und wendete sich wieder in den Wald. Sechsundfünfzigstes Capitel. Leo hatte, als er mitten in der Nacht so eilig aus der Residenz aufbrach, nicht bedacht, daß der Courierzug keinen Anschluß an Tuchheim hatte. Erst unterwegs fiel ihm das ein; aber er hoffte auf der letzten Station einen Wagen zu erhalten, auf welchem er die noch übrige Meile schnell würde zurücklegen können. Es war für ihn eine entsetzliche Reise, die fünfstündige Fahrt, und der Courierzug, wie schnell er auch auf den Schienen dahin schoß und durch die Weichen der Bahnhöfe rasselte, schien dem Ungeduldigen, Verzweifelnden nicht von der Stelle zu kommen. Manchmal stöhnte er laut und richtete sich aus seiner Ecke auf und sah die Funken aus dem Schlot der Locomotive an dem Fenster vorüber stäuben, oder die undeutlichen Umrisse von Häusern, Bäumen, oder ein schwarzes Gewässer, auf dessen Fläche der matte Schein der eben aufgegangenen Mondsichel unheimlich glitzerte. Immer dasselbe dunkle, gespenstische Bild mit kaum merklichen Variationen; und wenn er sich wieder in die Ecke zurücklehnte, immer dieselben finsteren Gedanken, die gespenstergleich heranhuschten und anderen Gespenstern Platz machten, und dann wieder da waren, als könnte man ihnen nicht oft genug in die hohlen Augen schauen. Da war die eben durchlebte Scene im kerzenlichterfüllten, menschenwimmelnden Salon; die bleichen, erstaunten; erschrockenen Gesichter, die alle auf ihn gerichtet waren, die alle wissen wollten, wie er sich in dieser Situation benehmen würde. Nun freilich: es ist ein merkwürdiger Moment, wenn eine längst vorbereitete, sorgsam gegrabene Mine endlich in die Luft fliegt; den Mineurs selbst ist nicht gut dabei zu Muthe; sie machen, daß sie davonkommen. Aber vielleicht fällt doch noch so ein Felsblock ein wenig über die Berechnung weit weg und zerschmettert dem Mineur den schlauen, verrätherischen Schädel. Erst Ferdinand, der betrunkene Soldat, der sich so gutwillig in's Feuer schicken ließ, und hinterher sein nobler Officier! Auf Tod und Leben! Ja wohl! Aber es wird sich zeigen, wessen Leben zäher ist. Was wird der König sagen, wenn er es erfährt? Oder braucht er es auch nicht mehr zu erfahren? Ist die Farce mit allerhöchster Genehmigung in Scene gesetzt? Er hatte vorgestern Morgen die Miene eines armen Sünders, und lange schon hat er nur mit Widerstreben gehorcht. Man muß unverwandt die Augen auf die Bestien gerichtet haben, sonst schnappen sie zu. Aber ich will unter sie schlagen, daß sie in heulender Angst an den Gittern in die Höhe springen. Und so will ich es mit den unruhigen Köpfen in Tuchheim machen. Ich will doch sehen, ob sie auch mir zu trotzen wagen, wie dem alten Manne. Die Sache kann so schlimm nicht stehen, darf so schlimm nicht stehen. Ich will nicht, daß meine Feinde sagen können: Seht ihr, er hat im Kleinen nichts vermocht, was prahlt er denn mit dem Großen, das er vollbringen will! Auch sie hat mir das vorgeworfen, auch sie! Als ob man eine Welt in einem Tage schaffen könnte. Ich gehe zum Vater, das heißt: Ich gebe dich auf. Womit habe ich das um sie verdient? Ist es eitler Liebeswahn, ist es ein schnödes Gelüst gewesen, was mich zu Josephe gezogen hat? Soll, was den Herrschern erlaubt ist, auf daß sie besser ihrer Herrschsucht fröhnen können, dem Kämpfer für Freiheit und Recht verboten sein? So zürnte und knirschte Leo, und dann sah er wieder Silvia's bleiches Gesicht, wie er es vorgestern Abend gesehen hatte, und er empfand eine unendliche Angst um sie und eine namenlose Sehnsucht, sie wiederzusehen, und wäre es das letzte Mal für immer, für immer. Er stand wieder auf und ließ das Fenster herunter. Der Zug fuhr eben in einen Bahnhof. Es war die Station vor Tuchheim. Der Conducteur öffnete die Thür und mahnte zur Eile; der Zug gehe gleich weiter. Leo sprang auf den Perron, mit ihm Philipp, der die langen Stunden hindurch dagesessen und sich schlafend gestellt hatte, um den Herrn nicht zu stören. Noch immer, wie zwei Stunden vorher, ging es sehr lebhaft auf dem Bahnhofe zu; eben war noch ein Extrazug durchgekommen, der eine Spritze aus einem entfernteren Dorfe und noch mehr Militär nach Tuchheim geführt hatte. Ein Mann meinte: die Soldaten hätten sie auch in Gottes Namen zu Hause lassen können; die stehen doch blos dabei und reiben sich die Hände. Leo hielt den Mann an und fragte, was es gebe. Der Mann, ein Unterbeamter auf dem Bahnhofe, der die ganze Nacht nicht zu Bett gekommen war, konnte ihm Alles sagen; es traten aber auch noch Andere hinzu, die ein Wort mitsprechen wollten; in fünf Minuten erfuhr Leo die Ereignisse der Nacht: den Aufstand der Arbeiter, den Tod des Försters, den Brand der Fabrik und des Dorfes. Schaffen Sie mir eine Möglichkeit hinüber zu kommen, rief er, kann ich einen Extrazug haben? Nein Herr, sagte der Beamte, wir haben augenblicklich keine Maschine auf dem Bahnhofe; die letzte ist eben mit den Soldaten abgegangen. So besorgen Sie mir einen Wagen. Der Mann zuckte die Achseln: Wir könnten einen Wagen nur aus dem nächsten Dorfe haben; bevor er hier ist, vergeht eine Stunde, wenn wir überhaupt noch einen auftreiben. Bis dahin kann der Herr beinahe zu Fuße in Tuchheim sein; es geht ein Richtweg über den Berg durch den Wald, der viel kürzer ist als die Landstraße und selbst als die Eisenbahn. Ich will Ihnen einen Menschen mitgeben. Ich danke; ich weiß selbst in der Gegend Bescheid. Sie können auch gar nicht fehlen. Gleich hier durch das Feld bis an den Wald, wo der Wegweiser steht. Dann verfolgen Sie den Pfad links in den Wald hinein immer fort, ohne abzubiegen; dann kommen Sie an den Tuchheimer Bach, über den Bach ist ein Steg. Der Herr muß sich da in Acht nehmen; der Steg ist schlecht und der Bach an der Seite häßlich tief; hernach auf eine Wiese – Ich kenne den Weg! Haben Sie Dank! Keine Ursache! Leo kannte den Weg sehr genau; es war in seiner zweiten Hälfte derselbe, der von Feldheim über das Försterhaus nach Tuchheim führte. Er war ihn oft und oft gegangen. Wie oft hatte er auf dem Stege gestanden und ein wollüstiges Grausen empfunden, wenn das schwanke Geländer dem Drucke seiner aufgestützten Arme nachzugeben schien und auf der dunklen Fluth unter ihm Holzstückchen, abgerissene Zweige, Tannenzapfen vorüber gewirbelt wurden. Von dem Steg bis zum Forsthause war es über die Wiese und durch ein Stück Waldland zehn Minuten. Der Beamte hatte ihm gesagt, daß man die Leiche des Försters nach dem Hause im Walde gebracht habe, so mußte auch Silvia dort sein. An der Leiche ihres Vaters würde er sie finden, an der Leiche ihres Vaters ihr sagen – was? daß er sie liebe, daß sie sein werden müsse, daß er für sie auf Alles verzichten wolle, selbst auf die Rache an seinen Feinden. Dann sollte ihm an ihrer Seite ein neues Leben beginnen – ein Leben verklärt von Wissenschaft und Liebe, und Andere mochten den Stein des Sisyphus wälzen. Wer hatte ihn zu der Qual verdammt, als er sich selbst? so konnte er sich selbst auch von dieser Qual befreien. Leo schritt, von der Unruhe, die in ihm wühlte, getrieben, so schnell dahin, daß Philipp, der noch dazu den Mantel des Herrn trug, Mühe hatte, ihm zu folgen. In dem Walde, unter den hohen Bäumen, fing es eben erst an zu dämmern, auf den Wiesen zogen die Nebel; es war todtenstill, kein Laut, als das Rascheln des Laubes unter den Füßen der Wanderer, und höchstens dann und wann das Fallen eines Tannenzapfens oder trockenen Zweiges. Und jetzt kam durch die schwermüthige Stille ein dumpfer Ton, der wieder verschwand, um wieder hörbar zu werden, je nach den Windungen des Weges durch das hügelige Terrain, und nun lauter und lauter wurde. Es war der Bach, der seine Felsentreppe herabgerauscht kam. Leo's Herz fing heftiger an zu schlagen – wenige Minuten, und er mußte Silvia wiedersehen. Da ging es schon bergab den steilen, steinigen Weg zwischen den Felsen; lauter und lauter drang das Rauschen der Wasserfälle an sein Ohr, und da war ja der Bach und der Steg. Die schwanke Stange, die als Geländer diente, war auf dem einen Ende abgebrochen und hing in den Bach. Leo bemerkte es flüchtig, als er eilenden Fußes über den Steg schritt. Er hatte das jenseitige Ufer bereits erreicht, als Philipp, der hinter ihm her kam, gell aufschrie. Der junge Mensch stand noch am andern Ufer, er hatte den Mantel fallen lassen und beide Arme wie im äußersten Schrecken gehoben. Nur zu! Philipp! rief Leo; die Balken sind fest. Du siehst, sie haben mich getragen – Von Philipp erfolgte keine Antwort, er stand noch immer wie erstarrt. Leo eilte über den Steg zurück. Was hast Du, Mensch? O Herr, Herr! sehen Sie denn nicht? Leo's Augen folgten des Dieners starr auf das Wasser gerichtetem Blick, und seine Pulse stockten, sein Haar sträubte sich. Unter ihm, ganz nahe der Stelle, wo er stand, lag, von den Wellen umplätschert, hart am Rande des Ufers eine weibliche Gestalt in dunklen Gewändern, das bleiche Gesicht, welches vom Wasser kaum bedeckt war, nach oben gekehrt – und Leo kannte das bleiche Gesicht. Im nächsten Moment war er unten und kniete neben dem Körper, den er vollends aus dem Wasser gezogen hatte. Er strich der Gestalt das nasse Haar aus der Stirn. Es konnte nicht lange her sein; seine kundige Hand glaubte noch einen Hauch von Lebenswärme zu spüren. Von neuem umfaßte er sie, hob sie empor und trug sie mit schier übermenschlicher Kraft das Felsenufer hinauf. Der treue Philipp sprang herzu, auch er hatte jetzt die erkannt, der er noch gestern Morgen den Brief seines Herrn gebracht hatte. Der arme Mensch zitterte an allen Gliedern, dennoch half er, so gut er konnte. Wohin, Herr? murmelte er. Dort hinauf, ein paar Schritte nur, hier weht der Wind zu scharf. Sie trugen sie am Rande des Baches hin bis zu den Felsentrümmern neben dem Bassin und legten sie auf das trockene Moos unter einen überragenden Stein, der sich fast zu einer Grotte nach dem Bache zu auswölbte. Jetzt, Philipp, zurück an den Steg, über den Steg, die Wiese hinauf in den Wald, immer gerade fort. Dann kommst Du nach zehn Minuten zu einem Hause. Sie sollen Decken mitbringen und eine Tragbahre. Philipp sprang fort, Leo kniete schon wieder neben der dahingestreckten Gestalt. Er hob die Lider – die sonst so schönen, strahlenden Augen waren starr, glanzlos, nach oben gerichtet. Das war der Tod! Aber nein – es konnte nicht sein, er hatte ja so oft das Leben dem Tode streitig gemacht! Er greift in die Tasche nach dem kostbaren Messer, das unter manchen Klingen auch eine Lanzette barg, und das er immer bei sich führt. Mit sicherem Schnitt trennt er die Gewänder – seine Hand berührt einen Busen, wie ihn schöner des kundigsten Bildners Hand nie geschaffen, aber der Busen ist wie Marmor kalt; er neigt das Ohr an den schönen kalten Busen, aber er hört nicht den leisesten Ton – das Herz steht still – er hat es ja selbst gebrochen! Er stöhnt laut auf, aber noch darf er nicht verzweifeln. Er bringt den Körper in die kunstgerechten Lagen; jede Wendung, jeden Druck, den die Wissenschaft vorschreibt – er thut Alles, Alles, ohne Hast, methodisch genau, und Alles vergebens. Das Blut aus der geöffneten Ader rinnt nur noch in spärlichen Tropfen – es ist vorbei. Er hüllt den schönen Körper wieder ein und deckt seinen Mantel darüber. Er hat kein Recht mehr an der Todten, und er geht und setzt sich ein paar Schritte entfernt auf einen Stein, zu warten, bis sie kommen. Hier war es; da drüben, wo der weiße Sand in dem grauen Morgenlichte scheint, stand das Kind vornüber geneigt, ihrem Spiegelbilde in dem sonnigen Wasser zunickend. Dann lachte sie laut, wie das helle Naß ihre nackten Füße berührte, und sprang zurück und strich sich, tief aufathmend, die flatternden Locken aus der Stirn, dem Rufe des Holztaubers lauschend, der im Walde nach der Taube rief. Die Kleider fielen, und das Licht der Sonne fiel durch die wehenden Zweige auf den blendend weißen, jugendschlanken Körper, und sie jauchzte auf in wonniger Lust, als nun das durchwärmte Wasser um ihre schlanken Hüften spielte und in dem Strahl, der unter ihren übermüthigen Händen aufspritzte, die stäubenden Tropfen bunt erglänzten. Damals hatte ihm der Anblick das heiße Knabenherz mit unverstandenen Schauern erbeben gemacht; er hatte sie damals sehr geliebt, um sie dann beinahe zu hassen, um dennoch, als sie nun getrennt wurden und er heimathlos über die Erde irrte, sich oft der seltsamen Scene aus der Jugendzeit zu erinnern und sich zu fragen: ob das schöne Kind wohl gehalten habe, was es damals versprach? Er wußte es jetzt. In den Wipfeln über ihm fing es an zu raunen und zu rauschen; ein Fieberfrost schüttelte ihn. Er blickte den Bach hinab nach dem Steg. Da kamen Menschen jenseits über den Wiesengrund, Männer und Frauen, eilenden Schrittes, voran Philipp, mit der Hand nach dem Steg deutend. Er stand auf und ging ihnen entgegen. Der alte Arzt, der ihn wohl kannte, rief: Um Gottes willen, Leo! Ist es denn wahr? Leo nahm ihn bei der Hand und führte ihn an die Stelle, wo die Todte lag, während die Anderen in scheuer Ehrfurcht in der Ferne stehen blieben. Ich habe Alles versucht, sagte Leo, es war umsonst; überzeugen Sie sich. Der alte Mann kniete nieder auf derselben Stelle, die noch die Spuren von Leo's Knieen zeigte. Leo wendete sich ab und lehnte die brennende Stirn gegen den Felsen. Nach einer Minute berührte jener seine Schulter: Sie haben Recht, es ist nichts mehr zu machen. So lassen Sie uns die Frauen rufen – sie sollen sie auf die Bahre legen. Die Frauen kamen weinend herbei. Es war des Bahnhofs-Inspectors junges Weib und die Magd, die Leo noch von früher kannte. Sie legten mit Hilfe des Arztes Silvia auf die Bahre, auf welcher man den Förster vor ein paar Stunden von dem Dorfe nach dem Forsthause getragen hatte. Der Arzt deckte den Mantel wieder über die Leiche. Die Männer traten herzu, hoben die Bahre auf und trugen sie an dem Rand des Baches hinab über den Steg, die Wiese entlang, dem Forsthause zu; nebenher gingen die weinenden Frauen und Philipp, der ihnen nochmals berichten mußte, wie sie sie gefunden hatten; zuletzt kamen der Arzt und Leo. Auch ihm mußte Leo denselben Bericht abstatten. Er that es mit wenigen Worten. Den alten Mann, dessen eiserne Festigkeit in dem Munde der Tuchheimer sprichwörtlich war, hatte die schnelle Folge der furchtbaren Ereignisse so erschüttert, daß er sich auf Leo's Arm stützen mußte, während er diesem erzählte, wie der Förster gestorben sei und wie sie nach ihr – er deutete mit zitternder Hand auf die Bahre, die man vor ihnen her trug – gesucht hätten, als sie durch des Inspectors Frau, welche ihr alsbald auf Antrieb ihres Mannes nachgeeilt war, erfahren, daß sie angekommen sei. Das dachten wir nicht, sagte er, und er wischte sich die Thränen aus den grauen Wimpern, daß wir sie so finden würden. Wie sollen wir es nur der armen Tante Malchen beibringen? Ich habe sie eben zu Bette gebracht, das gute Geschöpf, und sie war in ihrer grenzenlosen Erschöpfung wirklich eingeschlafen. Es wird ein schreckliches Erwachen sein; ich fürchte, sie überlebt es nicht. Man war bei dem Forsthause angekommen. Der alte Arzt wollte den Anderen in's Haus folgen. Leo sagte: Ich muß mich hier von Ihnen verabschieden; lassen Sie meinem Diener etwas zu essen geben und ihn später durch Jemand nach dem Dorfe bringen; er soll mich dort auf dem Bahnhofe erwarten. Der alte Mann blickte Leo verwundert an. Leo drückte ihm die Hand und wendete sich eilends ab, indem er denselben Pfad einschlug, den sie eben gekommen waren. Siebenundfünfzigstes Capitel. Er schritt durch den Forst, in welchem jetzt, obgleich die Sonne noch unter dem Horizonte stand, das graue Morgenlicht jeden Gegenstand deutlich hervortreten ließ. Hoch oben in dem blauen Himmel schwammen helle Wölkchen, ein frischer Wind wehte in den Wipfeln: Alles verkündete einen klaren, schönen Tag. Leo gelangte wieder zu dem Steg und blieb auf demselben stehen. Die schwanke Stange, die als Geländer gedient hatte, hing noch wie vorhin im Wasser. Hier hat sie gestanden, murmelte er, und hat sich auf das Geländer gelehnt und mit wollüstigem Grausen gefühlt, wie es allmälig unter dem Drucke nachgab, wie es aus den morschen Nägeln ging und nun brach und hinabstürzte, und sie mit. Ich hätte es noch bequemer, und es ist so schlüpfrig hier, daß es gar keine Kunst ist, auszugleiten und hinabzufallen. Es wäre auch das Einfachste, nur daß ich noch vorher Einiges zu thun habe. Er schritt hinüber; dann aber an dem Bach hinab, bis wo der Wald zu Ende ging und man in dem sich rasch erweiternden Thale einen Theil des Dorfes konnte liegen sehen. Der andere Theil wurde durch den Schloßberg verdeckt, der rechts, jenseits des Baches, aufstieg; links war ein Gelände, dessen unterste Stufen mit Wein bebaut waren, während die oberen wiederum vom Walde gekrönt wurden. Vor ihm, am Fuße des Geländes, in der Entfernung von etwa tausend Schritten lag eine Hütte, aus deren Schornstein ein feiner blauer Rauch aufstieg. Auf diese Hütte schritt er jetzt zu. Vor der Thür saß eine Frauengestalt. Sie hatte die Hände vor das Gesicht gedrückt; als er näher kam, sah er, daß sie weinte, und er wußte nun, daß die Käthe gestorben war. Sie richtete den Kopf auf und wischte sich mit der Schürze die Thränen aus den Augen. Wann ist sie gestorben? fragte er. Die Frau starrte ihn verwundert an; sie kannte den fremden Herrn nicht; aber sie antwortete doch: Heute Morgen vor zwei Stunden. Und wo ist Conrad? Die Frau schlug die Hände zusammen: Ach, du lieber Gott, sind Sie's denn? Sind Sie's denn wirklich? Wohl bin ich's, Christel! und nun sagt mir schnell, wo Conrad ist; ich habe große Eile. Die Frau wies an den Weinbergen hinauf nach dem Walde. Er ist dort hinaufgegangen; Sie kennen ja seinen alten Lieblingsplatz; aber wollen Sie denn nicht erst einen Augenblick hereinkommen? Ach Gott, Sie sehen ja selbst fast wie eine Leiche aus! Vielleicht nachher. Er reichte der Frau die Hand und stieg schnell den Hügel hinauf. Bald hatte er die Weingärten hinter sich, die von zerklüfteten, mit Haidekraut umsponnenen Felsen überragt wurden. Hundert Schritte weiter hinauf brachten ihn an den Waldrand. Dort saß auf einem vorspringenden Felsen auf einer Bank aus Tannenästen ein Mann, der, von ihm abgewendet, in die Ebene schaute. Der Mann war so in Gedanken versunken, daß er den Schritt des Herankommenden nicht hörte, bis dieser dicht hinter ihm stand. Dann wendete er sich mit einem kurzen unwilligen Wer da? um; aber die starren Züge seines knochigen Gesichtes erhellte ein Lächeln, und in den kalten grauen Augen unter der überhangenden Stirn zuckte ein freundliches Licht, als er den vor sich sah, an den er soeben nur gedacht hatte. Er streckte ihm die beiden Hände entgegen; seine Bewegung war für den Augenblick zu groß, als daß er hätte sprechen können. Endlich überwand er die Rührung, und er sagte: Das ist ja schön von Dir, Leo. Ja, sagte Leo, ich habe eben erfahren, wie wehe ein Abschied für das Leben ohne Lebewohl thut. Von wem hast Du so Abschied genommen, Leo? Von Silvia. Ist Silvia – Todt. Ich fand sie vor einer halben Stunde im Bache. Leo hatte sich auf die Bank gesetzt und blickte starr hinab in das Thal. Sein Gesicht war geisterhaft bleich, seine Augen waren tief in die Höhlen zurückgesunken; er sah um eben soviel Jahre älter aus, als Tusky Monate von ihm getrennt gewesen war. Tusky setzte sich zu ihm, nahm seine Hand und sagte: Es gab eine Zeit, Leo, wo wir kein Geheimniß vor einander hatten. Was ist dies? Leo schüttelte leise das Haupt. Das kann nichts nützen, sagte er, und deshalb bin ich nicht gekommen. Ich bin gekommen, Dir Lebewohl zu sagen – das habe ich gethan. Wenn ich Dich morgen todt sehe oder Du mich morgen todt siehst, wird dem Ueberlebenden doch vielleicht die Wohlthat einer Thräne. Lebe wohl! Er wollte aufstehen; Tusky hielt ihn fest. Bleibe, Leo, Du darfst so nicht gehen. Ich will Dich nichts fragen; aber gehe so nicht fort. Die beiden Freunde saßen eine Zeitlang stumm nebeneinander; endlich begann Tusky: Sieh, Leo, es ist wunderbar, wie unsere Lebensuhren so genau dieselbe Stunde zeigen. Du kommst von dort her und weißt also, daß Käthe todt ist. Sie ist für mich gestorben. Sie war ein einfaches, unbedeutendes Mädchen, war weder schön noch klug. Besonderes war bei ihr nichts als die Zähigkeit, mit der ihr Herz festhielt, was es einmal in sich aufgenommen. Sie wollte nicht leben mit mir, und konnte doch nicht leben ohne mich; so ist sie denn gestorben in diesem unlösbaren Widerspruch. Ich weiß nicht, was es mit Dir und Silvia für eine Bewandtniß gehabt hat; ich weiß nur, wenn sie Herz und Phantasie genug gehabt hätte. Dich zu sehen, wie ich Dich jetzt sehe – sie wäre nicht gestorben. Sie ist nicht für Dich gestorben, sie ist Dir zum Trotz gestorben. Leo machte eine unwillige Bewegung, Tusky fuhr fort: Laß mich ausreden; ich weiß von Deinen Verhältnissen mehr als Du glaubst; Andere sind für Dich schreiblustig genug gewesen. Ich weiß, daß Du ein hohes Spiel gespielt hast, und Deine Einsätze verdoppelt und verdreifacht und verhundertfacht und endlich eingesetzt hast, was Du nimmer einsetzen durftest. Dein Gewissen, Deine Ehre. Ich würde zu einem Andern, hätte er durchlebt, was Du eben durchlebt hast, nicht so sprechen; aber Du bist nicht wie die Anderen, Du warst es wenigstens früher nicht. Und so sage ich Dir denn: Wirf das fremde Gewand ab, in das Du Dich gehüllt. Zeige Dich in Deiner wahren Gestalt! Rufe Deinen Genius an, und Du kannst wieder sein, was Du warst, bevor diese unselige Verblendung über Dich kam; ja mehr als vorher, denn Menschen wie Du gehen aus einer Verirrung um so viel reicher hervor, als die Verirrung groß war. Und die dort? sagte Leo nach dem Dorfe hindeutend, von dem noch immer, wiewohl jetzt nur in zerflatternden Säulen, der Rauch der eingeäscherten Häuser in die klare Morgenluft stieg; die dort, die durch mich vollends um ihr jämmerliches Bruchtheil an irdischem Besitz betrogen sind, daß ihnen nichts übrig blieb, als das nackte Dasein? Die dort, die durch mich zu Brandstiftern geworden sind? an deren Hände durch meine Schuld das Blut des Mannes klebt, der mir ein besserer Vater war, als es mir der eigene Vater je gewesen? Glaubst Du, daß ich die vergessen könnte? Tusky's Gesicht nahm wieder den alten finstern Ausdruck an. Nun, sagte er nach einer kleinen Pause, ist es noch nie vorgekommen, daß ein Feldherr sich in seinen Combinationen verrechnet und ein oder das andere Bataillon, ein oder das andere Regiment nutzlos geopfert hat? Du glaubtest, der Hügel sei unbesetzt, und als die Colonne vorrückt, demaskirt sich eine Batterie und kartätscht Dir Deine Braven nieder. Ich will den Feldherrn nicht deshalb loben, aber er würde in meinen Augen jeden Anspruch auf den Marschallsstab verlieren, wenn er in einem solchen Augenblick an irgend etwas Anderes dächte, als wie der Verlust so schnell als möglich zu ersetzen ist. Es kann nicht sein, murmelte Leo. Warum kann es nicht sein? erwiederte Tusky; sieh Leo, dort geht die Sonne auf. Sie kommt, über Gerechte und Ungerechte zu scheinen, wie vor Jahrtausenden und wie sie nach Jahrtausenden scheinen wird. Sollen wir von ihr nicht lernen, unsern Weg zu gehen, unbekümmert um die Schatten, die vor uns her auf unsere Bahn fallen? Denke, Leo, an jenen Morgen unserer Flucht von hier! Dort hinauf an der Berglehne, meinem Auge wohl erkennbar, ist der Fels, von dem wir zum letztenmal auf dieses Thal herabsahen. Damals, wie heute, wirbelte der Rauch auf von Wohnstätten, in die wir den Feuerbrand geschleudert hatten; aber damals gingen wir in die Nacht hinein, heute in den hellen Tag. Komm, Leo, das ist der rechte Augenblick! mit der aufgehenden Sonne hinein in die morgenfrische Welt! Nach Westen nimmt sie ihren Lauf, und so wollen wir es thun. Der Verwesungsproceß der Tyrannei in dem altersschwachen Europa ist vielleicht zu langsam für unser Ungestüm; wir gehen zum zweitenmale nach Amerika. Auch dort sind noch Millionen zu erlösen, und wenn mich nicht alle Zeichen trügen, wird die Erlösungsstunde bald genug schlagen. Vielleicht, daß erst einmal irgendwo auf Erden der Freiheit eine Stätte bereitet werden muß, damit sie sich von dort ausbreiten könne über die ganze Erde. Da laß uns Hand anlegen; Du hast es ja nun selbst gesehen; in Europa rinnt der Schweiß vergeblich von den edelsten Stirnen. Komm! Tusky war aufgestanden, er deutete mit der Hand in die Berge, deren Gipfel jetzt im hellen Sonnenschein erglänzten, während in den Schluchten die Nebel zu Thale wallten. Komm! rief Tusky noch einmal, Leo die Hand auf die Schulter legend. Leo schüttelte den Kopf. Tusky's Stirn umwölkte sich: Wie? sagte er, ist es möglich, Leo? Kannst Du noch immer hoffen, mit Prätorianer-Heeren die Freiheit zu erobern? Kannst Du noch immer wähnen, einen an Geist und Körper ausgemergelten Tyrannen für die Freiheit zu erwärmen? Bist Du noch immer nicht von diesem kranken Wahn geheilt? Ein bitteres Lächeln zuckte durch Leo's bleiches Gesicht. Wohl bin ich es, sagte er, aber ich fürchte, das Hohngelächter, das meine Feinde hinter mir erheben, würde mich in alle Zukunft aus jedem Schlummer gellen. In Tusky wollte der Zorn aufsteigen, aber er bezwang sich und sagte ruhig: Du hast uns verachtet und unser Treiben, weil wir es zu keinen Resultaten brächten. Ich aber sage: und thäten wir noch weniger und zeigten nur durch unser bloßes Dasein, daß es Menschen giebt, die lieber heimathlos über die ganze Erde streifen, als vor einem Könige ihr Haupt beugen – so lebten wir nicht vergebens. Wir geben einzig und allein der Idee die Ehre, Du aber hast noch immer etwas Besonderes für Dich gewollt, erstrebt, erhofft; und willst, erstrebst und erhoffst es auch noch jetzt. Sieh, Leo, das ist der alte Trotz, die alte unselige Selbstüberhebung, die Dich vom rechten Wege abgelockt hat und Dich nicht wieder auf den rechten Weg will kommen lassen. Und wäre es so, rief Leo, indem er ebenfalls aufsprang, so ist es eben, und ich kann nicht anders sein, als ich bin. Bin ich ein Abtrünniger der Idee, so darf ich nicht auch noch von mir selbst abfallen. Ich habe den Kampf für meine Person übernommen, ich bin für den Ausgang nicht verantwortlich, aber dafür, daß ich den Kampf in der Weise fortführe, wie ich ihn begonnen – nicht Dir verantwortlich, oder irgend Jemand auf der Welt, aber mir selbst. Es muß Jeder ungefähr wissen, was er leisten, aber auch was er erdulden kann, und dies – dies könnte ich nicht erdulden. Er ging in heftigster Erregung auf der kleinen Plattform, auf der sie standen, auf und ab. Plötzlich trat er an den äußersten Rand und rief, indem er in die Tiefe deutete, die wohl hundert Fuß und mehr lothrecht unter seinen Füßen gähnte: Wer im Gebirge wandert, muß sich selbst vertrauen können, muß wissen, daß, wenn er an einen Abgrund kommt, ihm das Herz nicht schwach wird und die Kniee nicht unter ihm erzittern. Und anders ist es im Leben nicht. Wollte ich jetzt dem Rudel der hungrigen Wölfe, die nach meinem Blute lechzen, ausweichen – nun und nimmer würde ich wieder mit dem alten Gleichmuth meine Straße ziehen können, ich würde vor jedem kläffenden Hunde erschrecken. Noch einmal, Tusky, lebe wohl! Leo! Leo! schrie Tusky, kehre nicht dorthin zurück! Laß die Todten ihre Todten begraben! Leo zuckte zusammen. Es kann nicht sein, sagte er traurig, aber weil Du mich liebst trotz alledem, sage ich Dir dies: die Entscheidung kann nicht lange währen, ja ich denke: wenige Tage werden dazu genügen. Wohin gehst Du von hier? und wann? Ich wollte heute fort: über Hamburg nach England. Gut. Bleibe in Hamburg noch drei Tage. Wenn ich dann nicht bei Dir bin, setze die Reise fort und denke meiner als eines Gestorbenen. Er breitete die Arme aus, Tusky stürzte an seine Brust. Der eiserne Mann war ganz erschüttert, er schluchzte laut. Leo machte sich sacht aus seinen Armen los und begann die Felsentreppe, die nach Tuchheim führte, hinabzusteigen. Tusky sank, wie gebrochen, auf die Bank zurück, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Achtundfünfzigstes Capitel. Während in dem kleinen Tuchheim noch die Sturmglocke heulte, war in der Hauptstadt eine Nachricht eingetroffen, die, als sie sich am nächsten Morgen mit Blitzesschnelle verbreitete, fast überall mit ungemischter Freude begrüßt wurde. Das Gewitter, das im Süden aufgeflammt war und mit seinen tiefziehenden Wolken schon die Grenzen des Landes zu streifen schien, hatte sich ausgetobt. Ein Waffenstillstand unter den kriegführenden Mächten war geschlossen, ein definitiver Friedensabschluß in sichere Aussicht gestellt. Die Wehrmänner, die schon im Stillen von Weib und Kind Abschied genommen, athmeten auf. Handel und Wandel mochten, so lange es den Göttern gefiel, wieder ruhig ihre Straße ziehen; auf der Börse waren die Baissiers in Verzweiflung; man erzählte sich, daß dem Hause Sonnenstein, welches in den letzten Tagen mit kühner Wendung auf Hausse speculirte, die Friedensbotschaft über eine Million eingebracht habe. Aber das Publikum hatte kaum Zeit gehabt, von der freudigen Ueberraschung der Friedensbotschaft wieder zu sich zu kommen, und man fing eben an, die Folgen, welche dieser plötzliche Umschwung der politischen Situation für die innere Lage haben müsse, in Erwägung zu ziehen, als ein neues Ereigniß alle scharfsinnigsten Combinationen nach dieser Seite hin über den Haufen warf und die Gemüther der Menschen in neue und womöglich noch größere Aufregung versetzte. Noch an demselben Abend tauchte hier und da das Gerücht von einem Schlaganfall auf, der den König im Laufe des Nachmittags betroffen haben solle. Während die Einen mit Begierde nach einer Nachricht griffen, welche ihrer ohnehin erhitzten Phantasie so willkommene Nahrung bot, und die Kaltblütigeren der Leichtgläubigkeit der beweglichen Menge spotteten, brach die Nacht herein, ohne daß die düsteren Mauern des alten Königsschlosses ihr Geheimniß verrathen hätten; aber am nächsten Morgen erzählten bereits die Anschlagssäulen an den Straßenecken, was sich nicht länger verbergen ließ. Se. Majestät war, nachdem er noch gestern, obschon bereits unwohl, an der Tafel theilgenommen und den Abend im engeren Hofkreise und in Gesellschaft seiner eben zurückgekehrten Gemahlin mit gewohnter heiterer Laune zugebracht, am Theetische plötzlich vom Stuhle gesunken. Die schnell herbeigeeilten Aerzte hatten nicht in Zweifel sein können, daß es sich um einen Gehirnschlag handle, der, wenn er auch dem Leben des hohen Patienten nicht augenblicklich Gefahr drohe, doch eine nur langwierige Genesung in traurige Aussicht stelle. Die folgenden Bulletins, welche alle zwei Stunden ausgegeben wurden, behaupteten nun freilich, daß keine wesentliche Veränderung in dem Befinden des hohen Kranken eingetreten sei; besser Unterrichtete wollten indessen das Gegentheil wissen. An Genesung sei überhaupt nicht zu denken, auch sei die Sache gar nicht so plötzlich gekommen, und besonders sei die heitere Laune, in welcher die Majestät von dem Unglück überrascht worden sei, eine reine Fabel, wie denn auch der Theetisch sich bei genauerer Untersuchung in ein für die Gelegenheit erfundenes Tischlein-decke-dich verwandeln dürfte. Es sei unzweifelhaft, daß der furchtbare Ausbruch der übrigens längst vorhandenen Krankheit des Königs in innigster Verbindung mit gewissen Ereignissen stehe, die in dem Schlosse selbst stattgefunden hätten, und die wiederum mit gewissen anderen zusammenhingen, deren Schauplatz der Gesellschaftssalon eines hochgestellten Günstlings des Monarchen gewesen sei. Auch die vorgestern Abend erfolgte, ganz unerwartete Rückkehr der Königin sei ein wichtiges Moment in dem düsteren Drama, von dessen einzelnen Scenen die Hofdienerschaft gar eigenthümliche Dinge zu erzählen wisse. Als Factum stand fest: eine Stunde nach Ankunft der Königin war eine junge Dame, die bei dem alten Fräulein Gutmann schon seit Monaten zum Besuch gewesen war, in der Wohnung der Frau Schloß-Castellanin erschienen, hatte unter den Zeichen größter Aufregung nach Feder und Papier verlangt und ein paar Zeilen geschrieben, die der Castellanssohn in die Parkstraße an eine gewisse Adresse habe bringen müssen. Die Dame war darauf in einer Droschke weggefahren, ohne Gepäck, selbst ohne Reisetasche, und war nicht wiedergekommen. Wieder eine Stunde später hatte auch Fräulein Gutmann in der Portierswohnung vorgesprochen – die Castellansfrau und ihre Tochter waren vor Schreck über das unerwartete Erscheinen des Fräuleins, das wie ein leibhaftiges Gespenst ausgesehen habe, fast gestorben – und Fräulein Gutmann hatte ebenfalls nach einer Droschke verlangt und war ebenfalls bis zu dem Augenblick, wo die Frau Castellanin ihrem Schwager die Geschichte erzählte, nicht zurückgekehrt. Diese Nachrichten wurden durch die Hintertreppen in die Zimmer zu den Herrschaften gebracht und dienten dort als aufklärender Commentar zu gewissen Skandalgeschichten, welche von Freunden des Hauses soeben als vollkommen verbürgt die Vordertreppe hinaufgetragen waren. Nur in den Einzelheiten fanden sich kleine Verschiedenheiten, über die man indessen noch eine gleichartige Lesart zu erzielen hoffte. So behaupteten die Einen, die Forderung habe gelautet: Ich erkläre Sie für einen gemeinen Schurken und so weiter, während Andere versicherten, sie hätten nur gehört: Ich erkläre Sie für einen Schurken und so weiter. Auch war nicht mit Genauigkeit zu constatiren, bei welchem Worte der General in Ohnmacht gefallen war, ebensowenig wie das Verhalten von Fräulein Josephe bei der Katastrophe. Die Einen sagten, sie sei in ein hysterisches Lachen ausgebrochen, die Anderen in ein hysterisches Weinen. Dem mochte nun sein, wie ihm wollte, über Eines konnte kein Zweifel herrschen: Der General von Tuchheim und seine Tochter hatten bereits am nächsten Morgen in ihrer eigenen Equipage, da ihnen vermuthlich kein Bahnzug früh genug ging, die Stadt verlassen; aber über das Motiv dieser fluchtähnlichen Abreise entstand sogleich wieder Streit. Während die Einen meinten, daß der General nach dem heillosen Skandal gar nicht habe bleiben können, behaupteten die Anderen, seine Stunde habe schon vorher geschlagen gehabt, und das stehe wieder mit der Ankunft der Königin an jenem Abend in genauester Verbindung, und zwar so: Die Königin, trotz ihrer notorischen Abneigung gegen den Prinzen, sei demselben doch in dem Haß gegen die Günstlinge des Königs begegnet. Gleich nach ihrer Ankunft habe zwischen ihr und dem Könige eine heftige Scene stattgefunden, sie habe unter Thränen und Drohungen die Entfernung jener Männer verlangt. Der König habe sich geweigert und sei aus dem Cabinet gestürzt, während die Königin in einem an Verzweiflung grenzenden Zustande zurückblieb. Nach Verlauf einer halben Stunde sei der König auf einmal wieder erschienen, habe sich der Königin zu Füßen geworfen und ihr alle Forderungen zugestanden. An demselben Abend habe er noch die Cabinetsordres, durch welche der General von Tuchheim von seinem Posten als Schloßhauptmann und der Geheimrath Urban von seinem Amte entlassen seien, unterzeichnet, und an den Legationsrath von Gutmann einen eigenhändigen Brief gerichtet, in welchem er sich von diesem seinem Freunde vollkommen losgesagt habe. Als der Prinz um Mitternacht wegen der Friedensbotschaft auf das Schloß befohlen wurde, sei schon Alles geschehen gewesen. Der König habe vor Freude über die Friedensbotschaft geweint und über die Erzählung der Ereignisse in dem Salon des Generals, die dem Prinzen sogleich berichtet worden waren und von diesem dem Könige mitgetheilt wurden, herzlich gelacht, auch geäußert: So bin ich denn das Pack gründlich los. Die Königin habe triumphirt, wie der Erfolg gezeigt, allerdings ein wenig zu früh. So meinten auch die Zeitungen, welche der plötzliche Umschwung der Dinge so überrascht hatte, daß sie sich am ersten Tage nur mit größter Vorsicht in der veränderten Situation zu orientiren suchten. Noch sei nichts entschieden; man müsse eben das Kommende abwarten, sich vor extravaganten Hoffnungen hüten, vor Allem aber nicht Wünsche aussprechen, die ja an sich berechtigt seien und gewiß von allen Patrioten getheilt würden, deren Erfüllung aber vielleicht gerade dadurch, daß man sie ausspreche, wieder in die Ferne rücke. Es verhalte sich damit wie mit einem Schatz, der in der Stille gehoben sein wolle und vor dem Freudenschrei des ungeduldigen Schatzgräbers in die alte Tiefe versinke. Man müsse Vertrauen haben und man dürfe Vertrauen haben; die Morgenröthe sei noch nicht der Tag, aber sie verkünde den Tag; man solle bei Sonnenaufgang nicht zu Mittag speisen wollen. Aber schon vierundzwanzig Stunden später war der neue Tag, der angebrochen sei, das Stichwort der Blätter aller Farben; man gab sich ungenirt denselben extravaganten Hoffnungen hin, vor denen man Tags vorher so ernstlich gewarnt hatte. Und warum solle man nicht? Habe sich doch das Organ des Prinzen in dem gemäßigtsten, ja, wie die Sachen lägen, in einem überraschend liberalen Sinne ausgesprochen! Circulirten doch in dem Publikum verschiedene gut verbürgte Aeußerungen des hohen Herrn, die selbst das Herz des am wenigsten Sanguinischen mit froher Zuversicht auf neue und bessere Ordnung der Dinge erfüllen müßten! Freilich, gewisse Leute hätten das Unglück, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, und fänden, wie die Demokratische Zeitung, ein sonderbares Vergnügen daran, den Anderen die Freude zu verderben, daß sie stets zu beweisen suchten, man habe noch durchaus gar keine Ursache, sich zu freuen. Indessen, diesen Leuten sei nun einmal nicht zu helfen, man müsse sie eben ihrem Schicksale überlassen. In dem Befinden des Königs war jetzt nach vierundzwanzig Stunden noch keine wesentliche Veränderung, weder zum Guten, noch zum Schlimmen, eingetreten; aber man erklärte es für ein böses Zeichen, daß die Bulletins, die noch immer alle zwei Stunden ausgegeben wurden, den dunklen Prophezeiungen von einem nahe bevorstehenden Ende des Königs keineswegs entschieden widersprachen. Schon fing man an, von dem Monarchen, als sei er bereits aus dem Leben geschieden, nur Gutes zu sagen. Man pries seine vorzüglichen Eigenschaften, seinen hellen Geist, seine Herzensgüte, die Lauterkeit seines Charakters, die Reinheit seiner Sitten. Daß er als Staatsmann nicht ebenso groß gewesen sei, wie als Mensch, finde seine Erklärung in seiner Jugend und in den schwierigen Verhältnissen, in welchen er vor acht Jahren die Zügel der Regierung ergriffen. Und doch sei es fraglos, daß er auf diesem Gebiete mit der Zeit Bedeutendes geleistet haben würde, ja man könne ohne Uebertreibung behaupten, die Hand des Schicksals habe ihn gerade in dem Augenblicke getroffen, als er im Begriffe stand, den bei einem Fürsten doppelt rühmlichen, aber auch doppelt verhängnißvollen Idealen allzu kecken Jugendmuthes zu entsagen und in das sichere Geleise erprobter Staatsweisheit einzulenken. Bedürfe es dafür noch einer besonderen Bestätigung, so sei das strenge, aber gerechte Gericht, das er noch in den letzten Stunden vor dem Ausbruch seiner Krankheit über die Männer habe ergehen lassen, die sein Vertrauen so heillos gemißbraucht hätten, der vollgiltigste Beweis; ja es würde nur zu begreiflich sein, wenn die Erkenntniß der vollkommenen Unwürdigkeit jener Männer, die ein so frevelhaftes Spiel mit ihm getrieben, dazu beigetragen hätte, sein zartbesaitetes Herz zu brechen. In der That, wenn auch nur die Hälfte von dem wahr sein sollte, was man sich im Publikum über das Treiben dieser Menschen erzählte und die Zeitungen zum Theil bestätigten, und wenn man bedachte, wie wenig daran gefehlt, daß die Leitung des Staates selbst so frechen und unreinen Händen ausgeliefert wäre; so konnte man sich wahrlich glücklich preisen, noch mit einem nachträglichen Entsetzen davongekommen zu sein. Eine hochangesehene Dame, die sich fast ein Menschenalter hindurch der besonderen Gnade der allerhöchsten Herrschaft erfreut, die den königlichen Knaben auf ihren Armen getragen, tausend Beweise der Freundschaft und Liebe des Jünglings, des Mannes genossen hatte und sich jetzt als eine Frau ohne Sitte und Tugend, ja, wenn das Gerücht nicht log, als eine unnatürliche Mutter, die ihr einziges Kind verleugnen konnte, herausstellte! – Ein General und gewesener Minister, Erzieher, Freund, Vertrauter des Monarchen, in dessen Hause eine Scene stattfinden konnte, die Alles, was die chronique scandaleuse Aehnliches aufzuweisen hat, weit überragte! – Ein geistlicher Herr, Geheimrath und ebenfalls designirter Minister, der, wie es schien, mit gewissen ihm zu einem milden Zweck anvertrauten Geldern an der Börse speculirte – es war ein Pandämonium, welches sich hier dem schaudernden Blick des Publikums erschloß! Und trotz alledem schien es, als ob bis jetzt nur die Oberfläche dieser Nichtswürdigkeiten gestreift sei und eine genauere Untersuchung noch Schlimmeres zu Tage gefördert haben würde. Der Castellan des prinzlichen Palais war, als er eben die Grenze überschreiten wollte, von einem Sicherheitsbeamten, dem die verdächtige Weise auffiel, in welcher der Mann einen kleinen, augenscheinlich sehr schweren Koffer schleppte, angehalten worden. Der Koffer hatte eine bedeutende Summe Silbergeld enthalten, außerdem hatte der Mann eine noch größere Summe in Gold und Banknoten bei sich geführt. Seine Legitimationspapiere waren in Ordnung gewesen. Nichtsdestoweniger hatte man nach der Residenz telegraphirt, von dort aber die Ordre erhalten, den Verhafteten sofort in Freiheit zu setzen. Der Castellan Lippert war der Secretär des frommen Vereins gewesen, an dessen Spitze der Geheimrath Urban stand. Fürchtete man ein zu genaues Eingehen auf unbequeme Details? Hatte man höchsten Ortes an dem bereits erregten Skandal schon übergenug? Die abenteuerlichsten Gerüchte aber hefteten sich an den Namen dessen, der von Anfang an für die Seele dieser bösen Coterie gehalten worden. Merkwürdigerweise aber wagte Niemand, selbst als die genaueren Nachrichten des unglücklichen Ausgangs seines Tuchheimer Unternehmens und die schrecklichen Ereignisse, von denen dasselbe begleitet worden war, am zweiten Tage einliefen, ihn mit jenen Anderen auf Eine Linie zu stellen. Wie Viele er auch durch sein schroffes Auftreten verletzt haben mochte, und wie laut vorher die Anklagen gegen ihn gewesen waren – an seiner persönlichen Ehrenhaftigkeit wollte Keiner jemals gezweifelt haben. Sämmtliche Zeitungen stimmten in diesen Ton ein, auch, was besonders auffiel, das Organ des Prinzen, welches ihn wenige Tage vorher mit so wüthenden Angriffen verfolgt hatte. Die Demokratische Zeitung erklärte es geradezu für eine Thorheit, einen solchen Mann mit den elenden Helfershelfern zu identificiren, deren er sich leider zur Ausführung seiner Pläne bedienen zu dürfen geglaubt hatte. Einem solchen Manne könne es wohl einmal einfallen, die Hand nach einer Krone auszustrecken, nimmer aber nach der Börse seines Nachbars. Für das, was Männer seinesgleichen fehlten und sündigten, seien sie der Geschichte verantwortlich, nicht aber dem Polizeirichter; ja es würde Alle, die, wie die Demokratische Zeitung, die außerordentliche, fast wunderbare Begabung des Mannes stets willig anerkannt hätten, auf das Schmerzlichste berühren, wenn er sich durch die Verrätherei, deren Opfer er ganz offenbar geworden sei, zu Handlungen persönlicher Rache hinreißen ließe und so ein Leben auf's Spiel setzte, das er jetzt mehr denn je dem Vaterlande und der Menschheit schulde. Diese letzte Aeußerung des demokratischen Blattes wurde nur in gewissen aristokratischen Kreisen vollkommen verstanden. Hier hatte die im Salon des Generals stattgehabte Scene eine große und fast durchweg schmerzliche Sensation erregt. Man erinnerte sich, daß der General-Lieutenant Freiherr von Tuchheim, Excellenz, Ritter fast sämmtlicher europäischer Orden, denn doch schließlich ein Mitglied des alten, ja des ältesten Adels sei – denn es gab nicht zwei Familien im Lande, die sich eines älteren und reineren Stammbaumes rühmen konnten – und daß mithin der Schlag, der ihn getroffen, den ganzen Adel getroffen habe. Was solle denn schließlich daraus werden, wenn alle Bastarde sich so geriren wollten, wie es der Ferdinand Lippert gethan? Da sei ja am Ende Niemand innerhalb seiner vier Pfähle sicher? Und von Henri von Tuchheim würde es sehr viel anständiger gewesen sein, wenn er Herrn von Gutmann, der doch nun einmal Herr von Gutmann sei und bleibe, vor die Mündung seiner Pistole gefordert, ja wenn er seinen Onkel, den General, mit der Pistole in der Hand gezwungen hätte, eine die Familie compromittirende Verbindung aufzuheben, als in dieser Weise einen Dritten auf seinen Gegner zu hetzen. Unter allen Umständen könne der Baron der Forderung, die durch den Marquis de Sade von Seiten des Herrn von Gutmann an ihn ergangen, nicht ausweichen; Herrn von Gutmann's Benehmen sei vollkommen correct gewesen und seine Haltung tadellos, auch darin, daß er erklärt habe, sich mit dem Baron erst schlagen zu können, nachdem er dem Geheim-Secretär Lippert Satisfaction gegeben. So sprach man in den Adelskreisen, und es war ein öffentliches Geheimniß, daß der Ton, auf den diese Unterhaltungen abgestimmt waren, von niemand Geringerem als dem Prinzen selbst ausgingen. Ich bin ein gerader, ehrlicher Mann, hatte Se. königliche Hoheit in Bezug auf die leidige Affaire geäußert; Herr von Tuchheim hat mir einen schlechten Dienst erwiesen, für den er sich bei Anderen als bei mir den Dank holen kann. Die Einen meinten: der Prinz habe mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, seinen bisherigen Günstling, der ihm immer unbequem gewesen sei, fallen zu lassen; Andere: Henri habe niemals in der Gunst des Prinzen fester gestanden, als eben jetzt, und der Prinz sei ernstlich bekümmert bei dem Gedanken, möglicherweise einen Mann verlieren zu müssen, der ihm auf keine Weise ersetzt werden könne. Mit der äußersten Spannung erwartete man den Ausgang, den der persönliche Conflict des gefallenen Günstlings des Prinzen mit dem gefallenen Günstling des Königs nehmen werde. Neunundfünfzigstes Capitel. In einem schönen Salon der Bel-Etage eines der ersten Hotels saßen spät am Abend des zweiten Tages nach den Ereignissen in Tuchheim Leo und der Marquis de Sade; der Marquis hatte ein Notizbüchelchen in den Händen und einen Silberbleistift, mit welchem er, während er sprach, Strichelchen auf die halb vollgeschriebenen Blätter zeichnete. Ich habe mir Alles notirt, sagte er, ich kann seit einiger Zeit meinem Gedächtnisse nicht mehr recht trauen, und in solchen Dingen muß man exact sein. Also fünf Schritte Distanz und eben so viele Barriere; wir werden uns meiner Pistolen bedienen, da ich Monsieur de Kerkow mein Ehrenwort gegeben, daß Sie niemals einen Schuß daraus gethan haben. Zeit: morgen früh sechs ein halb Uhr; Rendezvous: das Kastanienwäldchen hinter dem Park. Man hat von dort gleichweit bis zur nächsten Station und zurück in die Stadt. Mein Weg, wissen Sie, führt unter allen Umständen hierher zurück, sagte Leo. Ich weiß, erwiederte der Marquis. Denn dies Duell mit dem armseligen Menschen ist doch schließlich nur eine Farce, fuhr Leo fort. Der Marquis schüttelte den Kopf. Nehmen Sie die Sache nicht so leicht, cher ami , sagte er, der Lippert ist ein unberechenbarer Mensch, der Sie eben so gut todtschießt wie nicht todtschießt. Ueberdies weiß ich, daß seine Wuth gegen Sie keineswegs nachgelassen hat. Sagen Sie, lieber Freund, ist es denn wahr, daß Sie beide Nebenbuhler in der Liebe einer jungen Dame gewesen sind? Sie meinen Eve? O nein; dieselbe Dame, die – enfin das arme Mädchen, von dem Sie mir sagten, daß es ein so unglückliches Ende genommen? Ueber Leo's Gesicht flog eine fieberhafte Röthe; der Marquis sagte schnell: Verzeihen Sie, mein Freund, ich sehe in solchen Dingen, wo es sich um ein oder ein paar Menschenleben handelt, gern vollkommen klar, wenn es ohne Indiscretion möglich ist; aber um Alles in der Welt möchte ich kein Thema, das Ihnen peinlich ist, berühren; sprechen wir von etwas Anderem. Also eine lächerliche Neuigkeit: Mademoiselle Eve hat, wie ich eben von Monsieur de Kerkow höre, die Stadt gestern Abend verlassen, und zwar in Begleitung jener alten Dame aus dem Schlosse. Wie ist das möglich? fragte Leo, indem er mit einiger Ueberraschung den gesenkten Kopf hob. Es scheint, erwiederte der Franzose, daß die alte Dame bei Mademoiselle, die sie noch immer für die Geliebte ihres Sohnes hielt, gegen ihren Sohn Schutz gesucht hat. Nun, les beaux esprits se rencontrent . Man scheint sich bald verständigt und ein Wink Ihres Polizei-Präfekten die gemeinschaftliche Abreise der beiden Damen beschleunigt zu haben. Die Route geht über Baden-Baden nach Paris; als chapeau fungirt der Legationsrath von Dirkheim. Petite bonne, agraçante et jolie, d'un vieux garçon doit être le soutien ! Und der Marquis lehnte sich in seinen Fauteuil zurück und lachte in seiner anmuthigen Weise, wurde aber sogleich wieder ernsthaft und rief, indem er das Cigarren-Etui, das er eben aus der Tasche genommen hatte, ungeöffnet auf den Tisch legte: Vraiment, mon ami , es ist abscheulich, daß Sie, ein Mann von diesen Gaben, diesem Wissen, dieser Welterfahrung und Tournure, sich mit solchen Menschen schlagen sollen! Aber es geht doch nicht anders, sagte Leo mit melancholischem Lächeln, und überdies: Henri von Tuchheim ist kein verächtlicher Gegner. Ich schieße in ihm einen Mann todt, der aller Wahrscheinlichkeit nach, würde er noch am Leben bleiben, meinem Vaterlande, ja vielleicht Europa noch viel Blut und Thränen kosten wird. Meinen Sie? rief der Marquis. Ich zweifle nicht daran, erwiederte Leo, ja, ich behaupte, dieser Mann wird binnen wenigen Jahren der Lenker unserer Geschicke sein. Der Prinz wird seine paar liberalen Trümpfe bald genug ausgespielt haben, und dann muß er immer einem Manne, wie Henri, der ihm durch seine Festigkeit imponirt und der vor keinem Mittel zurückschrickt, in die Hände fallen. Das Alles ist mir so klar, als läse ich es Wort für Wort in dem Buche des Schicksals, und die Haltung der paar Blätter, die ich da vorhin aus Langerweile durchblättert habe – die Kurzsichtigkeit, Charakterlosigkeit, Feigheit und Dummheit, die aus jeder Zeile spricht – das Alles erfüllt mich mit einem Ekel, daß ich heute lieber sterben möchte, als morgen. Ich glaube, Ihr Voltaire war es, der am Ende seines Lebens sagte, er verlasse die Welt so dumm, wie er sie gefunden. Ich habe nicht das Alter des Philosophen von Ferney, aber ich bekenne mich von Herzen zu seiner traurigen Weisheit. Eine traurige Weisheit, in der That, sagte der Franzose lächelnd, denn sie verdammt Jeden, der, wie ich, kein Genie ist, sondern einfach ein Mann von einigem Esprit, dazu, sich nothwendig ruiniren zu müssen, wenn er nicht vor Ennui umkommen will. Ich habe das Erstere vorgezogen, moi ! Und nun für heute adieu, cher ami ! Sie müssen schlafen, damit Sie morgen frisch sind. Verlassen Sie sich vollkommen auf mich; ich hole Sie zur rechten Zeit, und es soll mich freuen, wenn ich Sie noch schlafend finde. Adieu! Er reichte Leo die feine, durchsichtige Hand und ging. Leo klingelte nach seinem Philipp, schickte denselben zu Bett und rückte sich dann einen kleinen Tisch, auf dem neben einer Cassette verschiedene Papiere bereits geordnet lagen, an den Kamin, in welchem ein lebhaftes Kohlenfeuer brannte. Es ist Zeit, murmelte er, diese Spuren auszutilgen, ich will nicht, daß, wenn ich sterben sollte, jeder Hund und jeder Schakal den Weg zu der Höhle findet. Königen gebührt der Vortritt: Geh Du zuerst. Es war der letzte Brief des Königs. Der Brief war vom Sonnabend Abend datirt – dem Abend der Gesellschaft beim General, und von derselben Stunde – denn auch die Stunde war angegeben – in welcher Ferdinand in den Salon trat. Der Verrath also an Dem, welchen er so oft mit Thränen in den Augen seinen Freund, seinen besten Freund, den einzigen Menschen, der ihn je verstanden und jemals verstehen würde, genannt, den er noch Tags zuvor an sein Herz gedrückt, war schon beschlossene Sache gewesen. Ich habe eine Pyramide aus Schlamm bauen wollen, murmelte Leo, wie kann ich mich wundern, daß der Regen sie weggewaschen hat! Er stützte den Kopf in die Hand. Er hat mich fallen lassen, als er mich in seiner Weise nicht mehr brauchen zu können glaubte, wie ich ihn hätte fallen lassen, wenn ich mit ihm fertig gewesen wäre. Ich war ihm ein Spielding, er mir ein Werkzeug, und er ist der Letzte, dem man den Unterschied zwischen Spiel und Arbeit hätte begreiflich machen können. So fahre hin! Und er warf den Brief in die Gluth. Du gehörst dazu, fuhr Leo fort, indem er einen zweiten zur Hand nahm, einen Brief Josephe's, der ebenfalls das Datum jener Nacht trug. Es waren nur wenige Zeilen. Sie wolle ihm jetzt die Antwort geben, an der sie durch das Eintreten der Frau von Barton verhindert worden. Ja! sie verzichte auf die Ehre einer Verbindung, an der ihm selbst offenbar so wenig liege und die nach dem, was vorgefallen, so wie so eine Unmöglichkeit sei. Ihr Vater werde sich, sobald er sich von dem gehabten Schrecken erholt, von dem Landsitz einer entfernten Verwandten aus, wohin sie sich zuvörderst begeben würden, die Erlaubniß nehmen, ausführlich an Herrn von Gutmann zu schreiben. Die entfernte Verwandte war eine alte, gänzlich taube und halb erblindete, sehr geizige Tante, nach deren beträchtlichem Vermögen Josephe wiederholt sehr lebhafte Wünsche geäußert hatte. Dem Andern ist doch nicht wohl gewesen, als er den Absagebrief schrieb, murmelte Leo, man sah es deutlich an der verworrenen Handschrift; ihr hat die Hand nicht gezittert, es war ein Geschäft, das sie abbrach, als es nicht mehr rentabel schien. Nun, ich kann mich nicht beklagen, ich habe es ja nicht besser gewollt. Er warf das Blatt auf die Kohlen und nahm ein anderes zur Hand. Der Schein des alten Krafft über den Empfang der viertausend Thaler, ich habe ihm heute noch die anderen Fünftausend geschickt. Er soll sie unter die armen Teufel vertheilen, und den Rest mag Se. Majestät wiedernehmen. Weg damit! Leo war gestern Abend, als er von Tuchheim zurückkehrte, gleich an dem Hotel vorgefahren. Es war ihm unmöglich gewesen, sein Haus wieder zu betreten. Er hatte heute Morgen Philipp hingeschickt und sich durch diesen die etwa eingelaufenen Briefe – es waren die beiden, die er eben verbrannt hatte – und seine Cassette holen lassen, in welcher er sein baares Geld und die wichtigeren Papiere zu verwahren pflegte. Er schloß jetzt die Cassette auf und nahm das Geld heraus. Es waren noch gerade fünfhundert Thaler in Kassenscheinen. Er zählte davon zweihundert Thaler ab, that das Uebrige in ein Couvert, das er versiegelte und »An Philipp« adressirte, und legte Beides in sein Portefeuille. Dann nahm er das Andere aus der Cassette. Ein vergriffenes, vergilbtes Heftchen kam ihm zuerst in die Hände. Es war das Tagebuch seines Vaters, das der Onkel lange Zeit in seinem Pulte verwahrt und ihm, nachdem er wieder zurückgekehrt, durch Walter hatte zustellen lassen. Er hatte seitdem oft darin geblättert, voller Verwunderung über den seltsamen Geist, der aus diesen Blättern zu ihm sprach. Sein Blick fiel auf ein paar Zeilen, die unterstrichen waren: »Ich bin geworden, was ich bin, weil sie nicht wollten, daß ich würde, was ich doch hätte sein können. Der Gedanke bringt mich manchmal der Verzweiflung nahe. Dann aber sage ich mir immer: du bist es nur den Anderen nicht geworden, dir selbst bist du es doch – in deinem Denken, Fühlen, Träumen – eine Welt! Was liegt daran, wenn eine Welt zertrümmert und erloschen ist, ob ihr Licht nach ein paar tausend Jahren noch irgend wohin auf eine dunkle Erde fällt und ein paar Liebende mit entzückten Blicken zu dem Stern aufschauen, der nicht mehr ist! Was liegt daran!« Ein trübes Lächeln flog über Leo's Gesicht: Ja wohl, sagte er, was liegt daran! Er nahm das Heftchen mit dem Uebrigen – angefangenen und vollendeten Aufsätzen, in denen er die besten Gedanken seiner besten Stunden niedergelegt, Entwürfen, Plänen, Skizzen – und warf Alles in den Kamin. Die Flamme loderte hell auf und leckte an den Blättern hinauf, hinab, bis Alles verzehrt und nur noch ein Haufen schwarzer Asche zurückgeblieben war. Was liegt daran! Er stützte den Kopf in die Hand. Ich würde dennoch das bleiche Gesicht nicht vergessen können, das bleiche, schöne, vom nassen Haar umrahmte Gesicht mit den gebrochenen Augen! Vergessen! was vergißt der Mensch nicht! Vielleicht ist diese weiche, sterbeselige Stimmung nur eine Folge der furchtbaren Anstrengungen der letzten Tage; und nach vier Wochen würde ich darüber lächeln. Vielleicht! aber wirft sich doch auch der übermüdete Wandersmann an der Wegseite hin und will lieber sterben, als seinen wunden Füßen zumuthen, die noch übrige Strecke zurückzulegen. Ich bin so ein Wandersmann. Ich habe mir meine Last zu schwer gemacht; ich hätte es leichter haben können, hätte im Sonnenschein meinen Mückentanz tanzen können mit anderen Mücken. Doch dazu ist es nun zu spät. Wer solchen Flug gewagt hat, kann nicht wieder auf der Erde kriechen. Wenn ihm in der Sonnennähe die wächsernen Flügel schmelzen, so stürzt er eben herab und bricht das Genick. Das ist Ikarus-Geschick. Es muß Jeder leben, wie er kann. Ich gehe zum Vater! schrieb sie; nun wohl! dahin gehe ich auch, zum Allvater! – dahin gehen wir Alle, ob früher oder später, was liegt daran! Nein, sie ist nicht mir zum Trotz gestorben; sie ist gestorben, weil sie nicht weiter leben mochte, nachdem sie erkannt hatte, was das Leben ist. Es ist nicht wahr, daß sie mit mir, durch mich glücklicher geworden wäre. Was ist ein einzelner Mensch, daß er uns ausfüllen könnte? Und woraus besteht die Menschheit, als wieder aus einzelnen Menschen? Nur daß wir uns durch den Nimbus einer Ganzheit blenden lassen, die doch nirgends besteht als in unserer Idee, mit der wir in großmüthiger Thorheit und in thörichter Großmuth die Erbärmlichkeit des Daseins vor uns selbst verdecken. Reiß diesen trügerischen Schleier ab – und du siehst, was der Jüngling von Saïs sah, den die schlauen Priester am nächsten Morgen zerschmettert liegen fanden vor dem Bilde der Isis. Am nächsten Morgen! Er strich sich mit der Hand über die Stirn. Da schleichen sie noch, die Gedanken, wie die Funken vorhin in der Asche; aber Asche brennt nicht mehr, und morgen ist Alles kalt und still und ruhig. Ganz ruhig, ganz still, – das muß eine Wonne sein nach dieser heißen Lebensjagd. Er erhob sich und fing an langsam in dem Zimmer auf und nieder zu gehen. Ein Wagen fuhr vor dem Hotel vor; die Klingel des Portiers ertönte. Er trat an das Fenster. Es war der Hotel-Omnibus, der eben die Gäste absetzte, die mit dem Nachtzuge gekommen waren. Die Stimme des Oberkellners rief: Nummer sieben! Nummer zwölf! Der Mann kennt seine Leute – wie der Todtengräber. Nummer sieben in der zwölften Reihe, oder Nummer zwölf in der siebenten. Was liegt daran! Er trat von dem Fenster zurück und warf sich angekleidet, wie er war, auf das Sopha. Das Feuer im Kamin sank zusammen und verlosch, die Kerzen brannten herab und verloschen; er fiel in tiefen Schlaf. Und ihm träumte: er wandle in einer schönen Gegend unter wunderbaren Bäumen, die wohl Palmen sein mochten. Durch die breiten Blätter, die ein lauer Wind hob und senkte, schien ein mildes, weiches Licht, in welchem die Gegend wie in Zauberglanz gebadet war. Und zwischen den Palmen, die sich zu einer langen Vista öffneten, kam eine Gestalt dahergeschwebt in weißen, sanft leuchtenden Gewändern. Ihre Füße berührten nicht den Boden, sie hatte die Hände in anmuthiger Geberde über der Brust gefaltet, und als sie näher kam, erkannte er Silvia an den strahlenden Augen, deren Lider unbeweglich waren. Warum bewegen sich deine Lider nicht? fragte er. Und eine Stimme, die ihre Stimme sein mußte, obgleich sie die Lippen nicht öffnete, sprach: Hast du denn vergessen? daß sie nicht mit den Wimpern zucken, daran erkennt man ja die Götter. – Auf einmal verschwand der Palmenhain und das Bild, und er sah das Gesicht des Marquis de Sade, das sich über ihn beugte. Ach! daß Sie kommen mußten, sagte er. Ich komme nicht zu früh, erwiederte der Marquis, es ist halb sechs Uhr. Wir brauchen eine halbe Stunde, um hinaus zu fahren. Ich meinte nicht das, sagte Leo. Sie haben gut geschlafen, sagte der Marquis, ich sehe es Ihnen an: das freut mich. Sie sind in guter Stimmung? In der allerbesten! Das ist superbe. Bleiben Sie so; visiren Sie ganz ruhig, aber nicht zu langsam, und schießen Sie dem Burschen eine Kugel in die rechte Schulter. Dem Monsieur de Tuchheim können Sie morgen früh eine unter die siebente Rippe plantiren; aber es sollte mir doch leid thun, wenn Sie ce pauvre buffone todtschössen; er hatte manchmal ganz passable Einfälle, und schließlich ist er doch Ihr Cousin. Ja wohl! sagte Leo. Der Marquis ging im Zimmer auf und ab. Er hatte eine Neuigkeit, die ihm auf der Zunge prickelte und die er doch, aus Furcht, sie könnte Leo aufregen, nicht mitzutheilen wagte. Endlich kam, ganz wider seinen Willen, heraus: Denken Sie, cher ami , der König ist heute Nacht gestorben. In der That, sagte Leo. Es wurde um zwei Uhr auf der Gesandtschaft gemeldet; ich wurde herausgeklingelt, um die Depesche an unseren Hof zu redigiren. Was sagen Sie? Mir ist er schon lange gestorben, erwiederte Leo. Der Marquis blickte ihn verwundert an, sagte aber nichts. Leo war bereit; sie gingen hinab und stiegen in den verschlossenen Wagen des Marquis, der vor der Thür hielt. Philipp war zurückgeblieben, verwundert über den frühen Besuch und die frühe Ausfahrt. Ich bin in einer Stunde spätestens wieder hier, hatte sein Herr gesagt. Philipp ordnete das Zimmer und die Sachen, die hier und da zerstreut lagen. Er hätte das keinem Kellner überlassen mögen, und an dem Bett war nichts zu thun. Der Herr war wieder einmal nicht zu Bett gegangen. Dann, als er fertig war, stellte er sich an das offene Fenster und blickte die Straße hinab nach der Richtung, in welcher der Wagen fortgefahren war und also auch vermuthlich zurückkommen würde. Es kamen einzelne Wagen die Straße herauf, nicht viele. Die sonst sehr belebte Straße war in dieser frühen Morgenstunde wie ausgestorben. Die Stunde war vergangen, und da kam auch richtig der Wagen, aber ganz langsam. Das ist doch wunderlich, dachte Philipp. Er schloß die Fenster, rückte die Fauteuils um das Sopha zurecht und eilte dann hinab, den Herren beim Aussteigen behilflich zu sein. Der Wagen kam heran. Es war noch ein dritter Herr im Wagen, den Philipp nicht kannte. Der unbekannte Herr sprang zuerst heraus und sagte: Ihrem Herrn ist ein Unglück zugestoßen. Helfen Sie ihn mit hinaufführen und machen Sie kein Geschrei. Philipp rieselte es kalt durch die Adern, und jetzt richtete sich sein Herr, der ganz in der Ecke des tiefen Wagens gelehnt hatte, mit Hilfe des Marquis auf und lächelte Philipp mit bleichen Lippen zu. Philipp ahnte, was geschehen war, aber er blieb stark, machte auch kein Geschrei, sondern half dem Unbekannten, der wohl ein Arzt war, seinen Herrn die breite, sanfte Treppe hinauf in das Zimmer führen. Sie legten ihn auf das Sopha. Philipp rückte ihm ein Kissen zurecht. Sein Herr lächelte ihn noch einmal wie vorhin an, ohne ein Wort zu sprechen; dann athmete er plötzlich tief auf, und sein Kopf neigte sich auf die Seite. Großer Gott, er stirbt! rief Philipp. Ich dachte es mir wohl! murmelte der Arzt. Sie hatten den Todten auf das Bett gelegt; der Arzt war gegangen, um nach einer Weile wieder zu kommen. Philipp saß zu Füßen des Bettes und weinte heiße, heiße Thränen um seinen lieben Herrn. Der Marquis trat an ihn heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. Pauvre enfant ! sagte er, Du bist eine treue Seele. Es wird wohl nicht lange währen, dann werde auch ich Jemanden brauchen, auf den ich mich verlassen kann. Du bleibst bei mir. Pauvre enfant ! Sechzigstes Capitel. Durch den stillen Wald von Tuchheim bewegte sich an demselben Tage, in derselben frühen Morgenstunde ein seltsamer Zug. Voran eine Schaar von Reitern, junge Bauerssöhne, die zum Theil eine Meile weit gekommen waren, dem alten Förster Gutmann, den Alle kannten, das letzte Geleit zu geben; hinter den Reitern Förster und Waidmänner aus der Umgegend, Collegen und Jagdgenossen des Verstorbenen, die gesenkten Büchsen unter den Armen; dann ein einfacher, nur mit Eichenkränzen und Eichengewinden überdeckter Sarg, den acht Fabrikarbeiter trugen, während acht andere zur Ablösung für die Träger daneben gingen; hinter dem Sarge voran Walter und der alte treue Gehilfe des Verstorbenen, Doctor Paulus, Rehbein, Deputirte der Gemeinden rings in der Runde, Fabrikherren, Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft. Zwei jugendliche Reiter auf schwarzen Rossen eröffneten einen neuen Zug: weißgekleidete Mädchen, die Blumen streuten, vor einem zweiten Sarge her, welcher auf den Schultern von Jünglingen des Dorfes ruhte, denen andere in gleicher Zahl zur Seite gingen; hinter diesem mit Herbstblumen reich geschmückten Sarge eine offene Kutsche, in der vier Frauen saßen: Charlotte, Tante Malchen, Amélie, Miß Jones; dann eine lange Reihe von Frauen und Mädchen; endlich, als Schluß des Zuges, wiederum eine kleine Schaar Berittener. So bewegte sich die lange Linie durch den stillen, morgenfrischen Wald; nur zuweilen das muthige Wiehern eines der Rosse, und einmal hoch oben aus der dünnen, klaren, noch sonnenlosen Luft das Geschrei von wilden Gänsen, die nach Süden zogen. Da, wo der Weg zwischen zwei gewaltigen Eichen aus dem Walde auf die Gemeindewiese mündete, harrte des Zuges neben einer Ehrenpforte aus Blumenguirlanden, die von Baum zu Baum über die ganze Breite des Weges gezogen waren, der Gemeindevorstand von Tuchheim, dem sich die Beamten des Bahnhofs angeschlossen hatten. Sie traten nach einer stummen Begrüßung in den Zug, der seine Reihen öffnete. Nun berührte man das Dorf, in welchem jedes Haus wie zu einem hohen Feste geschmückt war. Vor den Thüren standen Frauen, die ihre Kinder, als die Särge vorübergetragen wurden, weinend in die Höhe hoben; Greise, die das Silberhaupt entblößten, Mütterchen, die im stummen Gebet die braunen, runzeligen Hände falteten. Und je weiter man kam, um so dichter quoll es hervor aus den Häusern, hinter den Hecken, und stand da mit stillen, bethränten Gesichtern oder zog schweigend mit, daß die breite Dorfgasse sie kaum noch Alle fassen konnte; und als der Zug den Friedhof berührte, dessen Eingangsthür wiederum zu einer kränze- und blumengeschmückten Ehrenpforte umgeschaffen war, und ein Musikcorps aus der Nachbarstadt in feierlichen Klängen, die weit hinaus in das stille Land schallten, den Choral anstimmte, da entblößten Tausende, die allüberall aus der Gegend zusammengeströmt waren, und hier schon stundenlang geharrt hatten, ihre Häupter und ließen den Zug an sich vorüberziehen zu dem offenen Grabe auf der Höhe des Friedhofes. Die beiden Särge waren Seite an Seite in das Grab gesenkt; die Mädchen hatten Blumen hinabgestreut, und über den blumenbedeckten Särgen hatten die Waidmänner zu dreien Malen ihre Büchsen abgefeuert, deren muthigen Knall das Echo des Schloßberges dumpf donnernd zurückgab. Und während noch der Pulverrauch aufwärts wallte, trat zu Häupten der Gruft auf den Erdhügel ein Mann, dessen hohe Stirn von spärlichem, bereits ergrauendem Haar umflossen war, und der Mann erhob seine tönende Stimme und sprach: Für ihn, den wir hier bestatten, war der ehrliche Knall einer Büchse Zeit seines Lebens die lieblichste Musik, und sie, die wir ihm zur Seite gebettet, war ihres Vaters echtes Kind in tiefinniger Liebeskraft, in erhabenem Opfermuth, der das Leben, wenn es sein muß, abstreift wie ein Kleid – so mag denn auch an ihrem allzu frühen Grabe der Kirchenglocken vieldeutiger Klang gerne schweigen. Aber nicht von ihr will ich sprechen, der Schönen, Guten. Die Wenigsten von Euch haben sie gekannt, und wer sie gekannt hat, für den wird die Erinnerung an sie sein wie die Erinnerung an eine sonnige Stunde aus der Jugendzeit, die uns lieb und heilig bleibt, wenn das rauhe Leben auch die goldenen Träume nicht erfüllt hat, die damals unser Haupt umkränzten. Von ihm wollte ich zu Euch sprechen, dem wettergefesteten, sonnegebräunten Manne, den ihr Alle gekannt habt, der zwei Menschenalter hindurch unter Euch lebte, dessen langes Leben eine ununterbrochene Kette männlicher Thaten gewesen ist und der ein so schönes Leben durch den schönsten Tod besiegelt hat. Hier an meiner Seite steht der Mann, dessen Leben zu retten er freudig das seine hingab; aber, meine Freunde, als er für diesen starb, starb er für Euch Alle, und so bringt sein Tod unendlichen Gewinn. Wer von Euch würde in Zukunft noch die Hand erheben können wider den Bruder? Wessen im Zorn erhobene Hand würde nicht sinken, sobald an sein Ohr der Name dieses Mannes dringt, der Euch fürder ein Heiliger und ein Held sein wird! Ja, meine Freunde, ein Heiliger und ein Held, den ich selig preise! Aber wehe ihnen, die noch Heilige und Helden brauchen! Wehe Euch! der Ruhm dieses Mannes ist Eure Schmach! O, meine Freunde, wascht sie ab, diese Schmach! Ihr könnt es durch Eines! nur durch Eines! Nur dadurch, daß Ihr fürder von ganzem Herzen und mit allen Kräften Eure Pflicht thut. Dann, aber auch nur dann, werdet Ihr von der Schande erlöset, daß Ihr die Guten, Braven, die Eure Feigheit, Eure Thorheit ungeduldig machte, vor Euch her in den Tod triebt. Und so werdet Ihr auch nur wahrhaft gerettet werden. Die Helden und Heiligen können sich wohl opfern, aber Euch nicht retten. Niemand kann Euch erretten: kein Held, kein Heiliger und kein Gott. Ihr könnt Euch nur selbst erretten. Schwört, daß Ihr es wollt; schwört es an dem Grabe dieses Braven, Edlen! schwört, daß Ihr fürder der heiligen Ordnung, für welche dieser hier starb, leben wollt, und ihr dienen wollt. Einer für Alle und Alle für Einen, wie gute Kameraden, wie brave Soldaten in Reih' und Glied. So sprach Doctor Paulus und stieg von dem Hügel herab. Wieder streuten die jungen Mädchen Blumen, warfen die Männer Erde auf die Särge, daß die Gruft sich immer mehr füllte und bald dem Erdboden gleich war. Und jetzt entblößten Alle ihre Häupter, es wurde still, lautlos still unter den Tausenden. Die Sonne ging auf und strahlte ihr goldenes Licht über die stille, betende Gemeinde. Dann zogen sie wieder heim in ihre Dörfer, in langen, hierhin und dorthin von dem hochgelegenen Friedhofe abwärts wallenden Linien, ohne Lärmen, lautlos fast, als habe jeder Einzelne das Wort von der heiligen Ordnung, das der Redner am Grabe gesprochen, unversehrt hinab, hinauf zu tragen zu den Heimathhütten drunten im Thal und droben auf den Bergen.   Ende.