Johanna Spyri Aus dem Leben Inhalt Ein Blatt auf Vronys Grab. Ihrer Keines vergessen. Aus früheren Tagen. Daheim und in der Fremde Marie Ein Blatt auf Vronys Grab. Schifflein der Flut! Aber ein Kleines – so ruht Süß sich's am heim'schen Gestade,                             Meta H.-Schw. Als ich in den Septembertagen von den Bergen nach der Stadt zurückkehrte, war mein erster Gang hinaus nach dem Krankenhause vor der Stadt, wie auch vor der Abreise das mein letzter Gang gewesen war. Schon an der Pforte trat mir die wohlbekannte Diakonissin entgegen und nach der nahegelegenen Kirche hinweisend, sagte sie: »Sie schläft schon drüben.« Ich fragte nach der Nummer des Grabes; ich wußte, daß dieses Grab von keiner Hand der Liebe geschmückt oder auch nur bezeichnet worden war, und ging nach dem Gottesacker hinüber. Da lag die friedliche Stätte. Die Abendsonne warf ihre letzten Strahlen auf den grünen Grabhügel, und drüben leuchteten die Schneeberge wie ehemals, da sie mit mir in der Abendsonne über die Hügel streifte, die nun zur Ruhe gegangen war. Wie lag damals das Erdenleben so reich vor uns, so weit und voll unbekannter Herrlichkeit! – Konnten so viele Jahre vergangen sein seit jener Zeit? Mir war, als hörte ich die wohllautende Stimme, die nun verklungen, mir noch einmal die Worte singen: »Warte nur, balde Ruhest du auch!« Auf deinem Grabe steht kein Kreuz, und niemand kennt hier deinen Namen; aber für mich knüpfen sich reiche Erinnerungen daran. Ich will ein Blatt auf dein Grab legen; vielleicht liest es einer und freut sich dann mit mir, daß du nun gefunden: »Zur Ruh' ein Bettlein in der Erd'.« Es steht ein altes Haus neben der kleinen weißen Kirche des Bergdorfes, wo ich reichlich zwanzig Jahre gelebt und mit offenen Augen und von ganzer Seele die Herrlichkeit genossen habe, die Gott über dieses Fleckchen Erde ausgegossen hat. Dieses alte Haus war das Schulhaus, wo ich mit den Kindern des Dorfes meinen ersten Unterricht empfing, der weniger darin bestand, daß uns gegeben wurde, was wir brauchten, als darin, daß wir nehmen konnten, was wir wollten, und ich wollte wenig. Wenn ich ungefähr wußte, um was es sich handelte, damit ich eine ungefähre Antwort bereit hätte, wenn ich befragt würde, so war ich zufrieden. Da ich den äußersten Platz auf unserer Bank ganz nahe am Fenster hatte, so schaute ich meistens über die grüne Wiese hin, wo der Sonnenschein so warm am Boden lag, und wo die weißen Schmetterlinge so wonnig in die blaue Luft stiegen – und weiter hinaus nach dem schmalen Wiesenwege, der den Hügel hinunter führte unter den Eschen durch, wo der Wind so herrlich über einem rauschte. Wenn man nur darunter stände! Nicht viel tugendhaftere Gedanken bewegten derweilen das Herz der Küstertochter Veronika, die neben mir auf der Schulbank saß, »Küsters Vrony« unter uns genannt. Auch sie hatte wenig wissenschaftliche Bestrebungen, dagegen für alles Komische einen besonders offenen Sinn, für dessen Entwicklung sie die Schulstunden vorzüglich geeignet fand. Ich leistete ihr dabei treuliche Hilfe. Schon ihr Gesicht hatte für mich etwas zu dieser Thätigkeit besonders Anregendes. Es war, als wenn die verschiedenen Teile gar nicht zusammengehörten. Die grauen Augen sahen einen durchdringend klug an, indessen die kleine runde Nase einen solchen Ausdruck von Naivität mit sich führte, daß man ihr das Äußerste in dieser Richtung hätte zutrauen können, wenn nicht die schelmischen Mundwinkel von unten herauf sich wie darüber moquiert hätten. Wir waren nahe Freunde. Anschauen konnten wir uns nie, ohne daß uns ein unwiderstehliches Lachen ergriff, teils in Erinnerung dessen, was wir uns mitgeteilt hatten, teils in Ahnung dessen, das wir uns gleich mitteilen würden. Das brachte uns in manche Verlegenheit, denn das eine Auge des alten Schullehrers war doch etwa auf seine Schule gerichtet, indeß das andere die Zeitung las. O, welche Töne glückseliger Befreiung hatte doch jene Vier-Uhr-Glocke, die täglich ersehnte! Dann ging die Thür auf, und hinaus stürmten wir in den Abendwind, zu jauchzen und zu lachen endlich in ungehemmten Strömen. Am spätern Abend fanden wir uns gewöhnlich noch einmal zusammen, wenn der Tag sich neigte; da hatte Vrony noch einen freien Moment. Dann rannte ich den Hügel hinunter. Auf dem Rasenplatz bei der Kirche erwartete mich Vrony. Dann kletterten wir auf die Kirchhofsmauer und sprangen auf der andern Seite hinunter auf den Weg und rannten davon über die Wiesen nach dem Rasensitz, wo die Eschen rauschten, und der Himmel gegen den Abend golden glühte. Drüben standen die dunkeln Felsenspitzen des Pilatusberges auf dem lichten Abendhimmel, und die Hügel umher lagen so lockend grün im Abendschein. Dann tönte die Betglocke von der nahen Kirche herüber; wir standen still und lauschten und schauten nach dem verglimmenden Licht fern hinter den Felsenzacken. Oft erstaunte mich Vrony an solchen Abenden. Wenn wir so dastanden, sah ich auf einmal, wie aus ihren Augen ein seltsam warmer Strahl der sinkenden Sonne nachglühte, und ein Hauch der Verklärung über ihr Gesicht kam, daß mich der Gedanke durchfuhr: Wenn Vrony ein verlornes Königskind wäre! Wenn dann aber der alte Küster mit seinen Kirchenschlüsseln heranrasselte nach dem Verstummen der Betglocke, verwandelte sich plötzlich Vronys Ausdruck und ganzes Wesen; sie kehrte sich um und sah ganz gewöhnlich aus, nur etwas verhaltener Grimm saß ihr in den Augen. Schweigend trennten wir uns, wir fürchteten beide den alten wortlosen Küster. Vrony folgte ihrem Vater; es war für sie Zeit, an die Arbeit zu gehen. Wenn ich dann nach einigen Streifzügen durch die Dämmerung wieder über den stillen Wiesenpfad zurückkehrte, trat ich noch an das niedrige Fenster der Küsterwohnung und sah drinnen beim matten Schein der Öllampe den alten Küster mit seinem grauen, unbeweglichen Gesicht am Webstuhl sitzen, und hinten an der Wand Vrony mit ihrem Spulrad drehend und drehend ohne Unterbrechung, als ob ein inneres Feuer die Finger und das Rad antriebe fort und fort. Vrony hatte keine Mutter mehr; sie hatte für sich und den Vater Haus zu halten; daneben mußte sie dem alten Küster und Seidenweber überall an die Hand gehen, so auch die kleinen Seidenspulen am Rade drehen, die er in großer Anzahl bedurfte, so daß Vrony noch allabendlich eine große Aufgabe zu lösen hatte, wenn andere Kinder längst Lust und Leid des Tages verschlafen und vergessen konnten. – Vrony hatte Charakter. Das hätte ich zwar damals nicht so zu nennen gewußt, aber es war die eine Seite ihres Wesens, die mich zu ihr zog; die andere war das Poetische, Phantasievolle, das sie wohl unmittelbar aus der Poesie weckenden Natur, die uns umgab, geschöpft hatte. Gewiß war wenigstens in dieser Umgebung der Keim zur Entfaltung gekommen, wie es kaum geschehen wäre anderswo. Das kam aber alles mehr in ihrem Sein und Wesen, als gerade in Worten zum Vorschein; doch konnte sie etwa auch einmal in Worten heraustreten, aber nur, wenn wir allein waren, wie an jenem Frühlingsabend, da ich dich herauslockte, gute Vrony! Ich habe mir das nie verziehen, du aber wohl, du meintest nicht einmal, daß du mir zu verzeihen hättest. Es war in den ersten Apriltagen; der Föhn hatte den letzten hohen Schnee plötzlich weggefegt, und die Sonne lag warm auf den gelben Aurikeln im Garten. Ich stand am offenen Fenster und schaute nach dem Weg hinunter zur Kirche, den der Föhn über Nacht trockengelegt hatte. Eben fingen die Sonnabendglocken an den Festtag einzuläuten; auf dem nahen Birnbaum saß eine Amsel und lockte süß hinaus in den Frühlingsabend – mich hielt es nicht mehr, hinaus mußt' ich. In wenig Sprüngen war ich den Hügel hinabgerannt. Unter der Thür des Küsterhäuschens stand Vrony. Das war mir eben recht. »Komm schnell,« rief ich, »die Sonne hat den Abhang bei der alten Eiche so schön trocken gemacht, und unter der Hecke sind die Veilchen hervorgekommen; die wollen wir holen, komm schnell!« »Ich muß scheuern,« sagte Vrony mit ziemlich desperatem Ausdruck. »Komm nur schnell,« drängte ich, »wir reißen die Veilchen mit den Wurzeln aus; gleich sind wir wieder da!« Das war genug. Hand in Hand rannten wir fort an der alten Scheuer vorbei – richtig, da lag der grüne Abhang ganz trocken in der Abendsonne, und die Vögel zwitscherten fröhlich darüber in der alten Eiche. »Wir wollen hier auf den Boden sitzen,« sagte Vrony; mir gefiel der Vorschlag. Der Abend war wunderbar mild und lieblich; über uns ging ein leiser Windhauch durch die Zweige der Eiche, und unter uns rauschte die frische Stille ihre Wellen ins Thal hinab. Nun ging die Sonne hinter dem fernen Jura hinab, und die Gipfel der Schneeberge vor uns fingen an zu glühen. Vrony schaute unverwandt darauf hin. »Was glaubst Du, das hinter den hohen Bergen liegt?« fragte sie plötzlich, und ohne eine Antwort abzuwarten fuhr sie gleich fort: »Sieh', wie das leuchtet! Ich glaube, dort hinten liegt ein großes, warmes Land, wo immer die Sonne scheint und schöne Gärten stehen mit roten Blumen und goldgelben großen Äpfeln. Einmal habe ich das gelesen. Dort giebt es keine kleinen Häuser, wie bei uns, und so dunkle Stuben, wo man am Spulrad sitzen muß. O, ich wollte, ich könnte gleich dort hinüber fliegen über den leuchtenden Schneeberg, und ich flöge nie mehr zurück!« »Was wolltest Du aber dort thun?« fragte ich. Sie hing mit brennendem Blicke an dem rosig schimmernden Schneefeld und sagte endlich: »Ich wollte in einem schönen Garten sitzen, wo die fremden Blumen duften, und eine Harfe wollte ich haben, dann würde ich schöne Lieder machen und singen den ganzen Tag.« »Weißt Du, wie man Lieder macht, Vrony?« fragte ich. »O ja,« sagte sie, »wenn ich am Abend so lange in der dunkeln Stube am Spulrad sitzen muß, dann denke ich an schöne Lieder und Sonne und Blumen, und dann mache ich Lieder und singe sie inwendig in mir.« »Sag mir eines, Vrony.« Nun sagte mir Vrony zu meinem Erstaunen ein selbstgemachtes Lied, das mich ganz mitzog, wenigstens der Schluß, vom übrigen Liede weiß ich nichts mehr. Am Schlusse hieß es: »So eng ist das Küsterhaus! Vater, ich muß hinaus!« »Wie singst Du denn die Lieder?« fragte ich weiter. »Jedes hat eine eigene Weise,« sagte sie, »aber am schönsten ist die Weise zu dem Vers von den Vöglein, den Du einmal gesagt hast; aber der Vers ist auch schöner, als alle anderen Verse, und auch noch schöner als alle Verse im Gesangbuch.« »Sing' ihn einmal, Vrony.« Da sang sie mit sanfter Stimme in seltsam rührenden Tönen: »Die Vöglein schlafen im Walde! Warte nur, balde Ruhest du auch!« »Vrony, was willst du werden, wenn du groß bist?« fragte ich dann. »Ich will glücklich werden,« antwortete sie zu meiner Überraschung. Ich dachte, sie würde etwa sagen: »eine Sängerin« und wollte gleich nachdenken, wie man das machen könnte. Aber Vrony hatte immer unerwartete Antworten. Ich glaube, ich sah sie etwas erstaunt an. »Ja, ja,« sagte sie, »es ist mein größter Wunsch, ich möchte so werden, wie glückliche Menschen sind. Eine große Freude möchte ich haben in meinem Herzen, die gar nicht mehr vergehen würde!« Die Berge waren verblichen; immer noch schauten Vronys durstige Blicke nach dem Traumlande hinter den Schneebergen. Da entdeckte ich auf einmal den Abendstern über den dunkeln Tannen vor uns drüben am Hügel, und erschrocken fuhr ich auf: »O Vrony, es wird gleich Nacht sein, und Du solltest ja scheuern!« Ein leiser Schrecken fuhr auch über ihr Gesicht; aber er war gleich verschwunden. Sie stand auf und sagte ruhig: »Nun bekomme ich Schläge, wenn ich heim komme, aber hier war's so schön! Ich will lieber eine Freude und dann Schläge als gar nichts!« Wir gingen stillschweigend den Rain hinunter der Küsterwohnung zu. Die Veilchen hatten wir ganz vergessen; das war mir gleichgültig, aber das machte mich traurig, daß Vrony nun Schläge bekommen sollte, und ich war ja schuld, daß sie fortgelaufen war. – Vrony war zwei Jahre älter als ich. Das nahm man aber nicht so genau in unserer ländlichen Lehranstalt. Wir traten mit einander aus der Schule, und nun stieg Vrony vom Spulrad empor zum Webstuhl, der gewöhnlichen Arbeit der Frauen und Mädchen unserer Gegend. Ich kam vom Vaterhause weg nach der Stadt, um nun auch einmal etwas pünktlich, nicht nur ungefähr zu erlernen. Nach einigen Jahren wurde ich noch weiter versetzt nach dem schönen Waadtland, damit die etwas störende Raschheit meiner Natur sich in französische Grazie verwandeln möchte, was nicht ganz gelang. Als ich nach den bestandenen Lehrjahren ins Vaterhaus zurückkehrte, da stand noch der alte Birnbaum an der Gartenhecke wie ehemals, und die Amsel sang darauf; drüben leuchteten die Schneeberge, und von der weißen Kirche tönte die Abendglocke herauf wie ehemals – aber irgendwie war doch alles anders. Die Menschen hatten sich alle verändert, die einen waren größer, die anderen kleiner geworden. Vrony war ganz verschwunden, kein Mensch wollte wissen, wohin. Ich hörte eine Geschichte, von der niemand recht wußte, wie sie sich zugetragen hatte. Es war ein junger Zimmermann ins Dorf gekommen, der hatte ein hochfahrendes Wesen und so wilde, schwarze Augen, daß sich jedermann vor ihm fürchtete und ihm aus dem Wege ging, nur Vrony nicht, wie sich bald erzeigte. Kaum neunzehn Jahr alt, wurde sie eines Morgens dem schwarzen Zimmermann in unserer kleinen Kirche angetraut und zog als seine Frau sogleich mit ihm fort, und kopfschüttelnd schauten die Leute ihr nach. Was ich aber auch weiter gern erfragt hätte, es führte zu nichts, niemand wußte Bescheid. Es folgten nun Jahre, da neue Interessen in mein Leben kamen. Manches Durchlebte versank und verschwand, und mancher betretene Pfad verlor sich wieder: ich ging meine eigenen besonderen Wege. Mit anderen Gestalten früherer Tage war auch Vrony, von der ich nie mehr hörte, aus meinen Gedanken fast ganz verschwunden; nur eine Stelle gab es, wo zuweilen die Erinnerung an sie auftauchte: am grünen Abhang unter der alten Eiche. – Oft schaute ich von jenem Hügel hinab nach dem Tannengrund, durch den das schäumende Bergwasser seine Wellen rastlos dahintrug, ewig wechselnd, ewig dasselbe. Am goldenen Sommermorgen, wenn ringsum alles Menschenleben noch im Schlafe lag, stand ich schon oben, um die Sonne aufgehen zu sehen, Morgenduft trinkend aus der erwachenden Natur um mich und aus den Gesängen der Odyssee, die ich bei mir trug; und an demselben Tage, wenn die letzten Strahlen der Abendsonne auf den Schneebergen glühten, stand ich wieder oben: »das Land der Griechen mit der Seele suchend.« So war es an einem milden Mai-Abend; von der sinkenden Sonne beschienen lag das Schneefeld der Klariden glühend vor mir; die Hügel umher standen im ersten Grün, die Amseln sangen süße Frühlingstöne über mir in den Zweigen, und unter mir schäumten die Wasser der Sille, geschwellt vom frischgeschmolzenen Gletscherschnee. Meine Seele rief wonnetrunken: »Ja, alle Deine Wunderwerke Sind herrlich wie am ersten Tag!« Und zu der sichtbaren Herrlichkeit stieg vor mir der Reichtum unsichtbarer Güter auf, die mich beglückten, und die ich zu schöpfen wußte aus allem Geschaffenen an der Hand des Dichterfürsten, der mich jenes Wort gelehrt. Er hatte mich zu Quellen geführt, an denen ich durstig trank und trinkend dürstete nach mehr, mit dem Wonnegefühl, daß die Quellen unerschöpflich und für jeden Menschendurst genügend seien. – Ich stand an die Eiche gelehnt; ein Windhauch wehte süßen Veilchenduft daher – da stand auf einmal Vronys Gestalt in frischer Erinnerung vor mir, und jener April-Abend tauchte mir auf, da sie neben mir gesessen hatte an dieser Stelle. Das ist die Freude, die nimmer vergehen kann und immer größer wird, die ich jetzt in meinem Herzen habe, sagte ich zu mir, ich möchte sie laut in alle Menschenherzen hineinrufen! Gedankenverloren schaute ich nach dem blaßgolden gewordenen Abendhimmel, als mich ein herannahender Schritt aufweckte. Ich erkannte in der herankeuchenden Alten die Schneidersfrau, die alte Anne mit der scharfen Nase, die viele Jahre lang des Küsters nächste Nachbarin gewesen war und die Vrony und mich jederzeit als ihre natürlichen Feinde betrachtet hatte, weil wir ihr zu viel lachten und nichts als Tücke im Kopfe hätten, wie sie sich ausdrückte. Gleich stieg in mir der Gedanke auf, die könnte was von Vrony wissen, und ich rief ihr zu: »Guten Abend, Frau Anne, es freut mich, Euch einmal wieder zu sehen.« »Wohlfeile Freude,« sagte sie trocken, doch kam sie heran und gab mir die Hand. Ich fragte sie sogleich, ob sie mir etwas von Vrony sagen könne. »Gewiß,« sagte sie, »wir sind wieder Nachbarn.« Das machte mir Freude. »So erzählt mir doch alles, was Ihr wißt,« sagte ich, »ich hatte Vrony recht lieb.« »Ja,« sagte sie ziemlich verächtlich, »so lange man miteinander in die Schule geht und zusammen die Leute auslacht, hat man sich lieb, aber wenn es dem einen gut geht, und das andere steckt im Elend, dann weiß man nichts mehr von einander.« »Im Elend? Ist denn Vrony im Elend?« fragte ich überrascht. »Freilich ist sie,« sagte die Alte, »wenn sie auch nichts sagt, so sieht man es ihr genug an; den alten Kopf hat sie immer noch und läßt sich nichts sagen, wie da sie ihn nahm.« »Sagt mir, Frau Anne,« bat ich nun mit großem Interesse, »wißt Ihr, wie es kam, daß sie des Zimmermanns Frau wurde?« »Ob ich das weiß?« sagte sie achselzuckend, und kam dann, wie ich gewünscht, ins Erzählen: »Ich war ja damals in der nächsten Thür, ich sah alles. Ich habe ihr genug abgeraten, der Zimmermann sah aus wie einer, dem der Böse keine Ruhe läßt, so wild funkelten seine Augen im Kopf herum; aber er war weit herumgekommen und konnte erzählen wie ein Kalender vom Meere und von den großen Schiffen und von fernen Ländern, wo fremde Bäume stehen und farbige Vögel drauf sitzen, und große rote Blumen glühen darunter wie Feuer. Wenn er so erzählte, da paßte Vrony aber auch auf, als wäre es schade für jedes Wort, das daneben käme. Als ich das sah, sagte ich einmal zu ihr: ›Vrony, Du läufst ins Unglück.‹ Da lachte sie laut auf, als ob das ein besonderer Spaß wäre. »Einmal kam ich spät abends dieses Weges, da stand sie hier unter der Eiche, wo wir jetzt stehen, und schaute ganz stramm gegen den Abendhimmel hin, als sähe sie etwas besonderes. ›Vrony,‹ sagte ich, ›laß Du den laufen, oder Du lachst nicht lange mehr!‹ ›Ich will nicht,‹ sagte sie, ›ich will hinaus, und er geht weit fort mit mir.‹ »Vrony hatte immer unnützes Zeug im Kopfe und konnte nicht thun wie die andern; so mußte sie auch einen nehmen, vor dem alle anderen liefen.« »Wo gingen sie denn hin mit einander?« fragte ich. »Das kann ich nicht sagen,« fuhr die Alte fort, »aber nach einigen Jahren waren sie auf einmal wieder da, und unversehens waren wir wieder Nachbarn im Dorf drüben.« »Was lebt Vrony jetzt? Sieht sie noch aus wie früher?« »Nein, lange nicht, und was sie lebt, weiß ich wohl, wenn sie schon nichts sagt. Wenn der Zorn in den Mann fahrt, so haut er alles nieder und seine Frau zuerst.« »O, wißt Ihr denn das bestimmt?« »Bestimmt genug, wenn man gesehen hat, was ich gesehen habe. Als ich einmal ein Jammergeschrei drüben hörte, lief ich hin, um zu sehen, was es gebe. Als ich die Thür aufmachte, riß sie mir von innen der Zimmermann aus der Hand und lief an mir vorbei hinaus; aus seinen Augen kam's wie Höllenfeuer. Drinnen saß Vrony am Tisch, den Kopf auf die Hand gestützt, und von der Stirn tröpfelte das Blut herunter; sie war totenbleich und sagte kein Wort. Am Boden neben ihr saß ein kleiner Junge und schrie aus Leibeskräften. Vrony wollte mich nicht sehen, ich sah es wohl; ich machte die Thür wieder zu und ging fort; und seitdem weiß ich wohl, was drüben vorgeht, wenn das Jammergeschrei ertönt.« »Hält denn Vrony dem allen immer still?« »Nicht immer, einmal war sie verschwunden und kam drei Tage nicht mehr zum Vorschein. Am vierten Abend sah ich sie zurückkehren in der Dämmerung, sie sah mich nicht. Sie kam leise und matt herangeschlichen. Das war nicht ihr alter Schritt, sie hob den Kopf auch nicht auf, es sah aus, als sei etwas gebrochen in ihr. Vrony war immer halsstarrig und hatte nie guten Rat annehmen wollen; aber wie ich sie so leise auf ihre Leidensstätte zurückschleichen sah, da schoß mir doch das Wasser in die Augen. Gute Nacht!« sagte die alte Anne plötzlich und lief den Hügel hinab. Ich war wie von einem Schlage getroffen. Wie nach einem Rettungsbalken, an dem ich mich wieder aufrichte, suchte ich nach dem Reichtum in meinem Innern, an dem ich mich so kurz vorher so hoch gefreut hatte; da sollte doch auch eine Hilfe, ein Trost zu finden sein für Vrony, den ich ihr so gern geben wollte. Aber nach welchem Tropfen in meinem Freudenbecher ich auch greifen wollte, mir war, als könnte keiner, keiner von allen die rechte Erquickung bieten. Ein unaussprechliches Weh kam über mich; ich saß an der Eiche nieder und weinte. Als ich lange nachher die Stelle verließ, stand der Abendstern über den dunkeln Tannen, ganz so wie er dort gestanden hatte, als neben mir in Vronys leuchtenden Kindesaugen das Verlangen nach dem unbekannten Herrlichkeiten der kommenden Tage geglüht hatte. Weshalb ich damals Vrony nicht aufgesucht habe? Als ich an jenem Abend an der Eiche weinte, war das nicht nur um eines vorübergehenden Mitleids willen, was ich für Vrony empfand, sondern weil eine dunkle Macht an mich herantrat in diesem Leiden, gegen die ich keine Wehr mehr hatte. Hätte ich auf jene Stätte des Elends mit der Odyssee in der Hand treten können und das zerschlagene Leben mit homerischer Heiterkeit aufwecken? So verdreht war ich nicht. Ich konnte damals nicht zu ihr gehen! Noch manchmal sah ich den Abendstern über jenen dunkeln Tannen leuchten in den folgenden Jahren; an manchem stillen Abend stand ich auf dem Hügel und schaute nach der sinkenden Sonne. Manchen tiefen Kampf, den ich nicht vor Menschenaugen auszukämpfen vermochte, brachte ich auf die stille Stätte, und manche Stunde nagender Unruhe wurde unter der schweigenden Eiche durchgerungen. Das Schönste, was von vergänglicher Herrlichkeit, und das Bitterste, was von Erdenweh in mein Leben gekommen ist, habe ich an jenem stillen Hügel niedergelegt; so ist er mir zum erinnerungsreichen Grabhügel geworden, auf den die Worte eingegraben sind: »Menschliches Wesen, Was ist's? – Gewesen! In einer Stunde Geht es zu Grunde Sobald das Lüftlein des Todes d'rein bläst.« Es waren reichlich zehn Jahre vergangen, seit ich die alte Anne am Hügel getroffen hatte; sie lag schon lange unter dem Rasen bei der weißen Kirche. Ich lebte seit Jahren in der Stadt, wo ich mit besonderem Interesse das Gedeihen des kürzlich gegründeten Diakonissenhauses verfolgte. Eines Tages sagte mir eine der Schwestern, es sei eine Kranke gebracht worden vom Berge herunter aus der Nähe meiner Heimat. Ich ging gleich nach dem Krankensaale. Da saß auf einem der Betten, an hohe Kissen angelehnt, eine völlig abgemagerte Gestalt, so bleich und elend, daß ich erschrak, aber gleich darauf erkannte ich die grauen Angen, die über den verlittenen Zügen aufleuchteten, da ich mich näherte. Vrony hatte mich auch erkannt. »Bist Du's wirklich, Vrony?« fragte ich, an ihr Bett tretend. »Ja, ja,« rief sie, »und ich freue mich so sehr, daß Sie kommen.« »Vrony,« sagte ich und gab ihr die Hand, »wir wollen uns doch nennen wie ehedem; wir waren ja nahe Freunde.« »Ja,« sagte sie zögernd, »ich wollte schon gern, aber ich bin so weit unten und – Du nicht.« »Welcher von uns weiter herunter mußte, Du oder ich, Vrony, das weiß Gott allein, mich freut es auch, daß ich Dich wieder finde nach so langen Jahren.« Nun setzte ich mich zu ihr, und wir sahen uns an, wohl beide ein wenig erstaunt, denn wir waren beide anders geworden. Vronys graue Augen hatten ein neues mildes Licht bekommen, und ein veredelter Ausdruck lag auf dem totblassen Gesicht. Tiefe Leiden hatten sich in die Züge eingegraben, aber nicht sie entstellt. Ein Hauch stiller Größe wehte mich an aus ihrem ganzen Wesen, der mich befremdete und doch bekannt anmutete, als hätte ich immer gewußt, daß in Vrony etwas Königliches wäre, es müßte nur erst zur Erscheinung kommen können. Wir sahen uns eine Weile schweigend an, jedes mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt; dann sagte Vrony plötzlich: »Ich hatte Dein Gesicht nie vergessen, aber ich hatte es nur lachend im Sinn, kannst Du auch noch lachen wie in unseren Schultagen?« »Lachen kann ich wohl noch,« versicherte ich, »ob noch so, wie in jenen Tagen unerschöpflicher Heiterkeit, wüßte ich doch nicht,« und in dem Augenblick, da ich auf die abgezehrte Leidensgestalt vor mir blickte und sie mit dem Bilde voller Leben und Frische verglich, das mir von Vrony in Erinnerung stand, lag mir das Weinen viel näher als das Lachen. »O Vrony,« mußte ich ausrufen, meinem gepreßten Herzen Luft zu machen, »Du bist sehr krank, hast Du schon lange gelitten?« »Seit Jahren,« sagte sie, »ich will Dir die Spuren zeigen.« Sie entblößte ihre Arme und den Nacken, überall war sie mit offenen Wunden bedeckt. »So bin ich am ganzen Körper.« Ich konnte lange kein Wort sagen. Diese sichtbaren Qualen und alle die unsichtbaren dazu, von denen ich wußte, daß sie ihr Leben erfüllten, das alles zu ertragen seit Jahren – wo nahm dieses Menschenkind, das vor mir lag, die Kraft dazu her? Und aus den Augen der Kranken leuchtete eine so warme Freude in all' dem Elend, daß ich endlich sagen mußte: »Vrony, bist Du glücklich mitten in Deinem Leiden?« Nie habe ich ein Gesicht so voller Sonnenschein gesehen inmitten bitterer Schmerzen. »Das bin ich,« sagte sie, »ja das bin ich so recht von Herzen, und ich wollte so gern Dir sagen, warum. Aber ich weiß nicht, ob Du es verstehen kannst.« Sie sah mich forschend an. »Ja, Vrony, ich kann es verstehen, ich weiß, wie Du glücklich geworden bist,« konnte ich sie versichern. Das beweget sie sehr; es flog eine Röte über ihr blasses Gesicht, dann nahm sie meine Hand in ihre beiden Hände und sagte mit bewegter Stimme: »O, mußtest Du auch so weit herunter, daß Du lerntest, was das heißt: »Aus tiefer Not schrei' ich zu dir?« »Ja, Vrony.« Und hast auch Du erfahren und ausrufen können: »Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert«? »Ja, Vrony, ja.« »Und sagst auch Du jetzt mit Deiner ganzen Seele: Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde?« »Ich bete darum, daß ich das von ganzer Seele sagen möge; ich kann von Dir lernen, Vrony, ich glaube, Du kannst das.« »O ja, o ja,« sagte sie mit warmem Blicke. »Das kann ich, auch sage ich oft dieses Wort in meinem Herzen, und die Freude quillt mir dann darin auf wie ein frischer Wasserquell. Nach der Erde frage ich nichts mehr, ich habe keinen Wunsch mehr, als daß die Schmerzen bald mein Hüttlein zerfressen haben, daß ich heimgehen kann zu meinem Herrn, der mir so viel Leid abgenommen und so große Freude geschenkt hat, daß ich mich immer ganz laut freuen möchte. Ich habe es auch so gut, und nun wird es immer herrlicher! Zurück ins Elend muß ich nie mehr, denn wo ich noch hinginge, überall ginge ich, mich fest an der Hand des Herrn haltend. Aber ich gehe nicht mehr aus diesem Hause; von diesem Lager aus gehe ich hinauf in den Himmel, aus einer Freude in die andere!« »Vrony nun ist die Freude in dein Herz gekommen, nach der Du einmal begehrtest, die nimmer vergeht; weiß Du das noch?« »O ja, aber so anders ist sie, als ich ahnen konnte, so viel größer und herrlicher!« Es war nun Zeit für mich, das Krankenhaus zu verlassen; als ich Vrony die Hand reichte, sagte sie noch: »Sieh nur, alle Tage macht mir der liebe Gott noch eine neue Freude. Wie schön war's damals, wie wir als Kinder beieinander saßen; und jetzt ist's noch viel schöner! Kommst Du auch wieder? »Gewiß, Vrony, recht bald wieder!« – Von dem Tage an brachte ich jede im Krankenhaus erlaubte Besuchszeit mit Vrony zu. Ich traf sie immer in Freude, und doch sah sie von Tag zu Tag gebrechlicher aus. Die pflegende Schwester sagte mir, eine solche Kranke sei ihr noch nie vorgekommen. Der Arzt erkläre sie müsse die brennendsten Schmerzen ausstehen, sie könne nur vorübergehend Momente der Erleichterung haben; dennoch klage sie nie und auf alle Fragen nach ihrem Befinden habe sie nur Worte des Dankes als Antwort, daß sie freundlich verpflegt werde, daß jedermann so gut gegen sie sei. Hatte sie gar große Schmerzen, so lag sie ganz still mit gefalteten Händen da, bis wieder etwas freiere Momente kamen, da sie denn auch gleich wieder der Trost und die Freude aller sie umgebenden Kranken war. Oft trat dann ihr natürlicher Humor in einer Weise hervor, daß sich über all' die bleichen Gesichter eine lang vergessene Heiterkeit ergießen konnte. Wir hatten schon manche schöne Stunde miteinander zugebracht, aber immer wußte ich noch nicht, wie sie zu dem Reichtum ihres innern Lebens gekommen war, von dem sie oft ganz überströmte; oft auch war sie ganz still und bat mich nur, an ihr Bett zu sitzen. Dann sagte sie wohl von Zeit zu Zeit: »Ich kann nur nicht reden vor Schmerzen, aber in meinem Herzen kann ich doch singen: Ich laß Dich nicht, Du Hülf' in allen Nöten! Leg' Joch auf Joch, ich hoffe doch, Auch wenn es scheint, als wolltest Du mich töten, Mach's wie Du willst, mit mir, Ich weiche nicht von Dir! Verbirg auch Dein Gesicht, Du Hülf' in allen Nöten. Ich laß Dich nicht! Ich laß Dich nicht! Die Kranke hatte dann sehr gern, daß ich ihr das ganze Lied, etwa auch noch andere liebe Lieder vorsagte. Einmal brachte ich ihr eine Pomeranze. »O, o,« rief sie mir entgegen, eh' ich noch recht im Zimmer war, »wie hatte ich einmal mein Herz daran gehängt in ein fernes Land zu gehen, wo solche goldene Äpfel an den Bäumen hangen, und die Sonne leuchtete auf feurige Blumen, und ein dunkelblauer Himmel darüber läge.« »Vrony,« sagte ich, »sag' mir einmal, bist Du nicht mit Deinem Manne weit fortgewesen? Wie war das?« »Nein,« sagte sie traurig, »o nie! Was hinter mir liegt, ist traurig, soll ich Dir's doch erzählen?« Das wollte ich sehr gern. – Ich hörte nun von ihr, daß gleich nach der Trauung ihr Mann sie in eine abgelegene Berggemeinde gebracht hatte, nicht sehr entfernt von unserm Heimatsort. Dort hatte er ihr bedeutet, sie müßten einstweilen da bleiben. Auf ihre Frage, warum aber nicht gleich abreisen nach dem fernen Lande, von dem ihr der Zimmermann gesagt, dort fände er Arbeit genug, und ihr Leben würde lauter Genuß und Gewinn sein, gab der Mann ihr zur Antwort, erst müsse das Geld herbeigeschafft werden. Das hatte Vrony nicht erwartet und noch weniger, was nun folgte. Sie war gewohnt zu arbeiten, brachte auch ihre Zeit vom Morgen bis zum Abend an ihrem Webstuhle zu. Aber der Mann hatte in der abgelegenen Gegend keine Erwerbsquelle. Von jeher ein leidenschaftlicher Spieler, saß er bald Tag und Nacht beim Spielen und Trinken, und nach einigen Jahren sah Vrony, daß weder von Ersparnissen noch von Weggehen die Rede sein könnte. Sie hatte nun einen kleinen Jungen, für den wollte sie wenigstens sorgen und schlug ihrem Manne vor zurückzukehren, dahin, wo sie beide eher Arbeit fänden; nicht in ihre Heimat, das hätte sie nicht ertragen, aber in die Nachbargemeinde. Sie kamen zurück, aber der Zimmermann suchte keine Arbeit, immer wüster und roher wurde sein Wesen, immer wilder und gewaltthätiger verfuhr er mit seiner Frau; im betrunkenen Zustande war er der äußersten Rohheiten fähig. Vrony hatte sich von aller Welt zurückgezogen; ihre stolze Natur erlaubte keiner Klage laut zu werden. Aber sie war in einem Zustand der Desperation gekommen, der sie an den Rand des Verderbens brachte. Sie hatte einmal an unserm Bergwasser gestanden mit dem Entschlusse, allem ein Ende zu machen; dann zog sie der Gedanke an ihr Kind wieder zurück. – Dann lebte sie wieder in dumpfer Verzweiflung an aller Rettung einige Zeit dahin und ließ alles über sich ergehen – dann konnte sie's nicht mehr und lief weg; aber nun wohin? Sie wußte es nicht. Zwei Tage und Nächte irrte sie umher, sie wußte selbst nicht wie und wo, nur daß sie fortwährend mit sich im Kampfe lag; jetzt wollte sie ein Ende machen mit all' dem Elend, und nun stand wieder ihr Kind vor ihren Augen. Am Abend des dritten Tages saß sie todesmüde auf einem Stein. Sie hatte keinen Willen mehr, irgend etwas zu thun, auch keinen Wunsch mehr, weder zu leben noch zu sterben; auf der ganzen weiten Erde war kein Mensch, der sich um sie kümmerte. So saß sie auf dem Stein im dumpfen Gefühl des Verlorenseins. Da tönte die Abendglocke unserer Dorfkirche zu ihr herüber. Das waren wohlbekannte Klänge aus früheren Tagen. Alte Erinnerungen stiegen in ihrem Herzen auf. Sie sprang auf von ihrem Stein und lief unaufhaltsam der weißen Kirche zu und in die Hausflur des alten Pfarrhauses; und nun stand sie vor dem Pastor, dem mildem Manne, der sie einst unterrichtet hatte. Er empfing sie freundlich, und sie erzählte ihm nun alles: wie sie erst getäuscht, dann mißhandelt worden sei, wie ihr das fernere Aushalten unmöglich, und bat ihn nun, ihr von ihrem Manne fortzuhelfen. Der Pastor hatte ihr stille zugehört, bis sie zu Ende war, dann sagte er, was sie nie vergessen werde, wie sie sagte: »Vrony, Dein Mann hat großes Unrecht an Dir gethan, Gott wird ihn finden. Jetzt sucht Er Dich, und daß Du Dich finden lassest, daran ist ihm nun gelegen. Sieh, Vrony, nicht Deinem Manne, Dir selbst mußt Du nun entlaufen, sonst kannst Du zu keinem Frieden kommen.« »Das verstand ich nun nicht,« erzählte Vrony weiter, »ich sah auch den Pastor erstaunt genug an.« »Gehst Du auch in die Kirche,« fragte er mich dann? »und liesest Du etwa in Deiner Bibel?« »Beides hatte ich seit Jahren nicht gethan; wie sollte ich auch unter die Leute gehen zur Kirche, und warum denn? Auch die Bibel hatte ich mit allem Guten, das ich je gekannt, lange vergessen. Ich sagte es dem Pastor ehrlich. »Er sah mich so mitleidig an, dann sagte er: »Geh nun heim zu Deinem Mann, und wenn der Zorn bei ihm losbricht, so falte Deine Hände und bete immerfort in Deinem Herzen: Führe uns nicht in Versuchung! Nimm auch Deine Bibel wieder hervor und geh' am Sonntag zur Kirche, Du weißt nicht, was Du da gewinnen kannst.« Dann sagte er mir noch, wenn es mir schwer sei, so solle ich zu ihm kommen, er meine es gut mit mir. »So entließ er mich. Ich war wie verwirrt. Der Pastor hatte so liebevoll zu mir geredet, er hatte Mitleid mit mir und doch schickte er mich so bestimmt zu meinem Manne zurück. Zwei Dinge gingen mir besonders nah, und ich wandte sie hin und her in meinem Herzen: daß ich sollte mir selbst entlaufen und nicht meinem Manne, und daß Gott mich suche, mich, von der ja kaum ein Mensch auf Erden etwas wissen wollte – ach, wie könnte der Herr im Himmel mich suchen! »Es kam so mächtig über mich, daß mich seit langer Zeit zum erstenmal wieder das Weinen ankam, und ich weinte den ganzen Weg entlang, bis ich daheim war.« Hier mußte Vrony innehalten, sie war erschöpft, und die Erinnerungen waren ihr zu mächtig geworden. Als ich zwei Tage nachher wieder kam und sie fragte ob sie mir weiter erzählen könne, war sie freudig bereit dazu und fing gleich an. Vrony wollte den Rat des Pastors treulich befolgen, aber es wurde ihr nicht leicht. Schon an jenem Abend, als sie heimkehrte, und ihr Mann sie sogleich zu schmähen anfing, und seinen Zorn mit Mund und Hand an ihr ausließ, da wurde es ihr schwer leise zu beten: Führe uns nicht in Versuchung! Aber sie konnte es und hielt stille. »Ach, und viele Tage kamen voll großen Jammers und Elends,« fuhr sie fort, »und ich fing an zu verstehen, daß ich mir selbst entlaufen sollte, aber wohin? Der Pastor hatte mir geheißen zur Kirche zu gehen; zwei oder drei Sonntage brachte ich es noch nicht über mich, unter die Leute zu gehen nach so langer Zeit; alle müßten mich ansehen, dachte ich, als gehöre ich nicht dahin. Aber am vierten Sonntag ging ich hinüber in unsern Heimatsort zu unserm Pastor. Er predigte über das verlorne Schaf, wie der gute Hirte es sucht. Und wenn es das geringste Schäflein seiner Herde wäre, dem Hirten würde das Herz brennen, es wieder zu finden. Und hätte er eine ganze Herde schöner und guter Schafe um sich, er hätte keine Ruhe und ginge dem verlorenen nach, bis er es wiedergefunden: Auf einmal hieß es in meinem Herzen: das Schaf bin ich! das geringe verlorene Schaf bin ich! Der Hirte sucht mich, ihm ist an mir gelegen! Wie eine Träumende kam ich aus der Kirche und nach Hause. Es war ein Lebensquell in meinem Herzen entsprungen. Wie ein Strom überfloß der Trost meine Seele: Einem Hirten gehöre ich an, Er hat mich lieb, Er kennt mein Verlorensein, Er sucht mich, Er hält mir die Hand entgegen! Von da an wurde alles anders in mir. Immer klarer sah ich, wo ich mir entlaufen mußte, aber ich wußte nicht wohin, o, und seitdem singe ich ohne Aufhören in meinem Herzen: »Ich lag in schweren Banden, Du kommst und machst mich los! Ich stand in Spott und Schanden, Du kommst und machst mich groß; Und hebst mich hoch zu Ehren Und schenkst mir großes Gut, Das sich nicht läßt verzehren, Wie Erdenreichtum thut!« Als Vrony fertig erzählt hatte, faltete sie still die Hände, und wir schwiegen beide lange Zeit. Dann fragte ich sie noch, woher sie alle die schönen Lieder kenne? Sie sagte mir, nach jener Predigt habe sie dann auch ihre Bibel hervorgesucht und daneben liegend ein altes Buch gefunden, das sie als kleines Kind in den Händen ihrer seligen Mutter gesehen hatte, sie wußte nicht, was es war. Jetzt machte sie es auf und schöpfte von da an aus dem alten Liederbuche, wie sie mir sagte, solche Ströme lebendigen Wassers, daß ihr war, in keinem Elend könnte ihr nunmehr die Erquickung fehlen. Als ich das nächste Mal Vrony besuchte, mußte ich ihr sagen, daß ich für einige Wochen verreisen werde. Ich sagte, ich hoffe sie wiederzusehen, sobald ich zurückgekehrt sei. »Nein, das hoffe ich nicht,« sagte sie fröhlich, »sieh mich nur recht an!« Ja sie hatte wohl Recht, man konnte über ihrem heitern Wesen ganz ihre Leiden vergessen, und diese mußten ja brennend sein in diesem mehr und mehr wunden Körper. »Ich hoffe, wenn Du heimkehrest, werde ich im Himmel sein, dort werden wir zuerst wieder zusammentreffen; ich möchte Dich doch gerne wiedersehen!« »Ja, Vrony, dann auf Wiedersehen!« Als ich zurückkam nach drei Wochen, da schlief Vrony draußen unter dem Rasenhügel, und alles Weh war für sie vorüber. – In der weißen Kirche des kleinen Bergdorfes ist seit einiger Zeit allsonntäglich ein Mann zu sehen, immer in derselben Ecke, weit hinten, halb versteckt, – es ist der rohe Zimmermann. Vrony hat es nicht mehr erlebt, aber es ist ihr Werk. Draußen auf dem Hügel ist die alte Eiche umgehauen worden, aber im April duften die Veilchen unter der Hecke, und der grüne Abhang liegt still und lieblich in der Abendsonne wie vor zwanzig Jahren. Ihrer Keines vergessen. I. Es steht ein weißes Haus auf der Anhöhe, die weit umher in die Thäler schaut und hinüber zu den fernen Bergen, auf deren Gipfel auch im hohen Sommer noch der silberne Schnee in der Sonne leuchtet. Das Haus hat der Arzt sich erstellt, der unten am Hügel unter dem epheubedeckten Steine schläft. Er hat es viele Jahre lang bewohnt und ein Leben voll Mühe und Arbeit darin verbracht. Wenige Schritte vom großen Haus entfernt steht ein kleines, ein Häuschen mit wenigen Fenstern, die alle auf die grüne Wiese schauen, welche sich weit hin über die Halde zieht. Das Fenster des Häuschens, das gegen Morgen schaut, ist jetzt geschlossen. Die weißen Rosen ranken an der Mauer hinauf wie vor Zeiten, aber nun ist's still ringsum, nur der Bergwind rauscht in den Wipfeln der alten Bäume. Keine Klagetöne werden mehr unter dem Fenster vernommen wie damals, als in den Zimmern des kleinen Hauses die Kranken wohnten, die armen Irren, deren Heilung der Arzt sich mit besonderem Interesse widmete. Es war an einem sonnigen Junimorgen, als vor der Thür des Häuschens ein Mädchen stand, sichtlich in der Erwartung, daß sie sich öffne. Die Wartende war das Töchterchen des Arztes, die achtjährige Nelly. Besondere Vorliebe für geordnete Toilette mußte die helläugige Nelly nicht haben; schon in dieser Morgenstunde standen ihre Haare etwas struppig auf dem Kopf, den sie unbekümmert der Sonne entgegenhielt. Den runden Strohhut hatte sie an den Ast des niedrigen Apfelbaumes gehängt, wo er viel öfter weilen mochte als auf ihrem Kopf, was ihr nußbraunes Gesicht verkündete. Um sich die Zeit des Wartens zu verkürzen, hatte Nelly eben eine Masse von dem flammend gelben Löwenzahn, der die Wiese bedeckte, in ihre Schürze gesammelt, den sie nun mit Wohlgefallen betrachtete, sichtlich mehr beschäftigt mit der Aussicht auf die Menge wohltönender Pfeifen, die aus den Blumenstengeln entstehen sollten, als mit den reichlichen Flecken, welche die klebrigen Stiele in der Schürze zurücklassen mußten. Jetzt ging die Thür auf, und eine große, bleiche Frau trat heraus. Einen Augenblick stand sie regungslos, ihr Gesicht der hellen Morgensonne zugewandt. Die Furchen tiefen Leidens waren in dieses Angesicht eingegraben. Die dunklen, glanzlosen Augen schauten wie träumend umher, sie schienen nicht aufzunehmen, was sie anblickten. Um den geschlossenen Mund der Kranken lag eine Traurigkeit, die jedem das Herz bewegen mußte, und die mehr erzählte, als dieser Mund je mit Worten hätte sagen können. Nelly trat zu der Frau heran, und nun ihr Blick auf das Kind fiel, ging ein leiser Zug von etwas wie Freude über das blasse Gesicht. »Bist Du da?« sagte sie, Nellys Hand ergreifend. »Ja, ja, schon lang,« erwiderte Nelly, »es ist schön heute, wollen wir auf den Rain gehen?« »Wie Du willst,« sagte willenslos die Kranke. »Aber ich bin müde, kann ich auch nach dem Rain gehen?« »O ja,« versetzte Nelly zuversichtlich. »Sie können sich nur auf meine Achsel stützen mit dem einen Arm, und dann will ich gleich einen Stock holen für den andern.« Damit lief Nelly der nahen Scheune zu, warf ihre sämtlichen Blumen über Bord, die Pfeifen waren vergessen, und kehrte bald mit einer hohen Stange zurück, die wohl den rankenden Bohnen im Garten als Stütze dienen sollte. Mit großer Kraftanstrengung wurde sie nun von Nelly mitten entzwei getreten und die eine Hälfte der Hand der Kranken übergeben. So traten die beiden Wanderer ihren Weg an in den sonnebeleuchteten Morgen hinaus: der Strohhut blieb ungestört am Apfelbaum hängen. Die Kranke hatte seit langen Monaten in der Pflege des Arztes gestanden. Sie hatte Zeiten des völligen Wahnsinns durchgemacht; dann war eine große Veränderung mit ihr vorgegangen. Sie war stille geworden, ihre Ideen waren lichter, sie kümmerte sich wieder um die Ihrigen; aber eine tiefe Schwermut lag auf ihrer Seele, und ihre physischen Kräfte nahmen rasch ab. Sie war nun so ruhig, daß der Arzt gebot, Nelly sollte die täglichen Spaziergänge ohne die Wärterin mit ihr machen, da diese Begleitung der Kranken immer unangenehm war, Nelly aber freute sich dieser Anordnung, nichts war ihr lieber, als durch Feld und Wald zu streifen; dann fühlte sie wohl, wie gern die Kranke sie mochte, und dazu hatte sie mit dieser ein gemeinsames Interesse, das die Unterhaltung immer lebendig erhielt. Ihren Arm auf Nellys Schulter zu legen, nach dem gegebenen Rat, konnte nicht angehen, dazu war die Kranke viel zu groß; aber sie konnte sich mit der Hand auf diese Schulter stützen, und der kräftige Stock half nach. Noch waren die beiden nicht weit am Rain hinaufgekommen, als die Kranke stille stand, um Atem zu schöpfen. Sie schaute nach der weißen Straße hin, die vom Thal heraufführte, dann nach dem Fußpfad, der über die Wiesen hin den Weg abkürzte, dann sah sie Nelly fragend an und sagte: »Kommt er heute, Nelly?« »Ja, heute kommt er,« antwortete diese, keineswegs erstaunt über die unbestimmte Bezeichnung des Erwarteten. Für die Kranke gab es nur einen »Er«, sie sprach von keinem andern. Kinder verstehen die Verhältnisse um sie her oft durchdringend gründlich, ohne daß ihnen ein Wort darüber gesagt wird. So wußte Nelly perfekt, daß die kranke Frau ihren Mann fürchtete und erschrak, wenn sie ihn erblickte bei seinen seltenen Besuchen. Das leise Zittern, das bei seinem Erscheinen jedesmal die Kranke befiel, war dem Kinde nicht entgangen; Nelly lief auch gleich davon, wenn sie den großen Mann mit dem finstern Gesicht herankommen sah. Sie wußte ferner, daß der ältere Sohn der Mutter nichts nachfragte, daß er auf schlimmen Wegen ging, und der kranken Frau ein Herzeleid war. Der jüngere Sohn, Robert, der in Nellys Alter war, kam häufig, die Mutter zu besuchen, und zeigte große Anhänglichkeit an sie. »Er könnte schon da sein,« meinte die Kranke, »wir wollen doch zurückkehren.« »Nein, nein,« erwiderte Nelly, »wir müssen noch spazieren gehen, Papa sagte eine Stunde lang, und Roby kommt noch nicht, er hat mehr als zwei Stunden zu gehen, und es ist erst neun Uhr. »Wie Du willst,« sagte die Kranke willig, »aber langsam gehen, ich bin so müde.« Sie machte wieder einige Schritte, dann kehrte sie sich wieder von neuem um und schaute über die Wege hin. »Er ist ein guter Junge, Nelly, er hat ein gutes Herz,« sagte sie, ihre Gedanken verfolgend; aber so hitzig ist er, das ist nicht gut. Er braucht eine liebevolle Hand. Du mußt gut mit ihm sein, willst Du, Nelly?« »Ja, ja, ich will schon,« antwortete Nelly. Dann gingen sie ein kleines Stück weiter. Aber schon wandte sich die Kranke wieder um, die Straße war noch immer leer. »Sieh, er ist gut gegen seine Mutter,« sagte sie wieder, »er hat sie lieb; aber er ist zornmütig, das ist etwas Böses. O, das ist etwas Böses! Aber wer ihm Liebe zeigt, hat ihn in der Hand. Willst Du auch gut gegen ihn sein und ihn lieb haben, Nelly?« Und Nelly sagte tröstlich wieder ihr: »Ja, ja, das will ich schon thun.« »Da ist er!« rief auf einmal die Kranke, und über das totenblasse Gesicht flog es wie ein leichtes Rot der Erregung. Nelly meinte, es sei ja nur ein schwarzer Punkt auf der Landstraße, der eben so gut alles andere sein könne als Roby, aber diesmal ließ die Mutter sich nicht halten; sie kehrte um und mußte auch richtig gesehen haben, denn fast zur selben Zeit, wie die langsamen Wanderinnen das Haus erreichten von oben her, kam von unten, den Hügel herauf, ein flinkes Bürschchen mit schwarzkrausem Haar und ein Paar dunkelglänzenden Augen, die eben die Mutter erblickt haben mußten, denn mit wenigen großen Sprüngen war er auf einmal da und rannte fast die Mutter um mit der ersten Umarmung. Sie strich ihm zärtlich das krause Haar aus der Stirn und sagte immer wieder mit beweglicher Stimme: »Bist Du da, Roby, bist Du da?« Er grüßte nun auch Nelly und wurde sehr herzlich von ihr bewillkommt; die beiden waren gute Freunde. Nun führte die Mutter ihren Jungen nach ihrem Zimmer, sie meinte, sie habe ihm so viel zu sagen. Ihre traurigen Worte waren fast immer dieselben, doch für ihren Roby flackerten wirklich noch hier und da Funken eines verborgenen Lebens auf. Als am Nachmittag der Sonnenschein warm auf dem Platz lag vor dem Hause, stand Nelly unter den schützenden Ästen des großen, alten Birnbaums, der seinen Schatten weithin über den Platz warf. Sie wartete auf Roby; es war die Zeit, da die kranke Mutter eine Weile ruhen mußte. Jetzt trat Roby aus dem Häuschen und lief gleich auf Nelly zu unter den Birnbaum. »Die Mutter hat gesagt, wir sollten immer zusammenhalten und nie von einander lassen. Es sei dann, wie wenn ich eine gute Schwester hätte. Du seist dann immer gut mit mir, und ich würde nie mehr hitzig; das gefällt mir, Dir auch Nelly?« »Ja, das gefällt mir auch,« erwiderte Nelly. »Und wenn wir dann alt genug sind,« fuhr Roby eifrig fort, »dann gehen wir mit einander nach Kalifornien; da bekommt man so viel Gold, daß man alle schönen Sachen bekommen kann, die man nur wünscht. Mein Vater sagt, das sei das beste, das ein Mensch thun könne, und hier sei das Leben nichts wert.« »Nein, dahin gehe ich nicht mit Dir,« sagte Nelly sehr entschlossen, »da hat es Schlangen, und weiß kein Mensch was.« »Du mußt mit mir kommen, Du mußt!« rief Roby leidenschaftlich aus, »Du mußt!« »Roby,« sagte Nelly, sich entschieden vor ihn hinstellend, »wenn Du zu mir sagst: Du mußt! dann komme ich erst recht nicht.« »Ja, dann – dann – dann –« und Roby fand vor Zorn keine Worte und stand glutrot mit geballten Fäusten da. Einen Augenblick schaute ihn Nelly herausfordernd an; dann nahm sie auf einmal eine der Fäuste in ihre beiden Hände und sagte in herzlichem Tone: »Nein, Roby, komm, wir wollen wieder gut sein mit einander, so ist's nicht lustig.« Augenblicklich war der Zorn gewichen. Roby faßte Nellys Hand und sagte mit weicher Stimme: »Ja, ich will auch viel lieber. Aber bist Du nun nicht böse auf mich?« »Nein, nein, und vielleicht komme ich dann doch noch mit nach Kalifornien,« sagte Nelly, froh über den hergestellten Frieden. »Aber ich weiß etwas viel Schöneres, komm nur, Roby.« Damit zog sie den Knaben auf den Fußpfad, der hinter dem Birnbaume weg aufwärts führte bis zum Saum des Waldes. Da lenkte Nelly querfeldein, gegen die große Buche hin, wo wenige Schritte davon eine leichte Versenkung des Wiesengrundes war, daß er wie ein grünes Rasenbecken anzusehen war. Warm leuchtend lag der Sonnenschein an der niedern Halde. »Komm, sieh!« rief Nelly und that einen Sprung in die Höhlung hinein. Roby sprang nach und schaute mit groß erstaunten Augen auf den Boden. Dunkel glühend in der Sonne standen ganze Büsche der schönsten Erdbeeren zwischen den grünen Halmen. Ein süßer Duft wehte Roby entgegen und erfüllte die ganze Luft. »Wir wollen sie alle sammeln und nachher an der Halde sitzen und sie essen,« schlug Nelly vor, indem sie gleich ans Werk ging. Roby half tapfer mit, und in kurzer Zeit war Nellys Schürze angefüllt mit Blättern und Stielen, aber auch einer schönen Menge der großen weichen Beeren. Nelly wußte schon, wo am besten zu sitzen war; sie kletterte an den Rand der Halde, setzte sich oben hin und stemmte die Füße in den weichen Wiesengrund zu größerer Sicherheit der Stellung. Roby ließ sich neben ihr nieder. Die Mahlzeit wurde begonnen und friedlich beendet. In der hohen Buche rauschten die Zweige hin und her, und ein frischer Wind ging über die Felder hin. Der Sonnenschein lag wohlthuend auf der keimenden Erde, und hoch im Baum fang die Amsel ihre süßen Töne. Die Kinder hatten gelauscht und schweigend da gesessen, halb unbewußt den Gras- und Blütenduft eintrinkend, der sie umzog. »Ich wollte, es wäre immer so,« sagte Nelly, wie erwachend, »dann wollte ich nichts anderes mehr.« »Aber ich,« sagte Roby, und über den glänzenden Augen zogen dunkle Schatten und Gewitterwolken auf. »Was wolltest Du denn noch, Roby?« »Ich wollte, die Mutter käme wieder heim, und wäre gesund. Es ist gar nicht schön daheim, seit sie fort ist, ich wollte lieber nicht mehr heim gehen, und ich wollte, diese Amsel sänge nicht mehr so, und ich wollte lieber gleich sterben, wenn die Mutter nicht heim kommt.« Roby hatte alle Halme rings um ihn aus der Erde gerissen, während er so sagte, und die großen Thränen standen ihm in den Augen. Nun war auch Nellys sonnige Stimmung dahin. »Ach, Roby,« sagte sie selber halb weinend, »weine nur nicht, Deine Mutter wird gewiß bald gesund und kommt heim. Ich habe es selbst gehört, wie mein Vater sagte, sie werde bald alles überstanden haben. Und ich will Dir etwas schenken, sieh, ich habe es selbst gemalt.« Damit zog Nelly ein vielfach gefaltetes Papier aus der Tasche und breitete nach und nach einen großen Bogen aus; auf den war ein Schiff gemalt mit ausgespannten Segeln und vieler Mannschaft. Alles in flammenden Farben. Himmel und Meer waren vom saftigsten Pflaumenblau, die breiten Segel vom leuchtendem Goldgelb, wohl um den Effekt der Sonne darzustellen. Seekrankheit hatte nicht auf dem Schiff geherrscht, die Wangen sämtlicher Passagiere flammten. Roby war hingerissen von dem Anblick. »Du mußt aber prächtige Farben haben,« Nelly, rief er aus. »Und willst Du mir wirklich dieses Schiff schenken?« »Ja gewiß,« erwiderte Nelly, hoch erfreut über Robys fröhliche Augen, und plötzlich, in freudiger Überraschung ihres eigenen Gedankens, rief sie noch lebhafter: »Und soll ich Dir auch die ganze Farbenschachtel schenken?« Roby machte seine glänzenden Augen erstaunlich weit auf und fragte in großer Spannung: »Aber Nelly, wird es Dich auch nicht gereuen?« »Nein, nein,« rief Nelly zuversichtlich, »aber bist Du dann auch wieder ganz froh und willst auch auf dem Heimweg nicht mehr traurig werden?« Roby versprach die hellste Fröhlichkeit für alle Zeit. Für einmal war sie auch hergestellt. Er konnte sein Schiff nicht genug ansehen. »Siehst Du, Nelly,« sagte er betrachtend, »so ist gerade das Schiff, auf dem wir dann nach Kalifornien fahren, gerade so sind die Auswandererschiffe.« Nelly wollte sich eben die Auswanderer-Verhältnisse näher ansehen, als der Ton eines fernen Hornes durch den Wald schallte; sie sprang auf. »Das ist das Horn für die Arbeiter, es geht zum Abendessen,« rief sie eilig, »komm, wir müssen zurück, Du mußt ja noch heim gehen heute, Roby!« Schon flogen wieder die Wolken über Robys Angesicht, aber er wehrte sich. Noch einmal sah er sein Schiff an, dann legte er sorgfältig das Papier in die gegebenen Falten und steckte es ein. Hand in Hand liefen nun die Kinder den Hügel hinab in immer höheren Sprüngen und langten mit hellem Lachen und zerzausten Haaren beim alten Birnbaum an. Da stand die bleiche Frau. Sie hatte nach ihnen ausgesehen, und nun die Kinder vor ihr standen, Hand in Hand, mit Gesichtern voller Fröhlichkeit, kam etwas wie ein Freudenschimmer in die lange schon freudeerloschenen Augen. Sie traten alle zusammen ins Haus. Roby sollte noch zum Abendbrot bleiben, dann seinen einsamen Heimweg antreten. Am schmalen Wege beim Birnbaum nahm er Abschied von der Mutter. Sie streichelte seine Wangen und sagte immer wieder: »Armer Roby! Armer Roby!« Dann kam Nelly aus dem Haus gerannt und steckte eilig etwas in Robys Tasche. »Wir hätten fast die Farbenschachtel vergessen,« sagte sie. Die Kinder gaben sich die Hand, und Roby ging den Berg hinunter. Als er beim ersten Absatz des Weges angekommen war, kehrte er sich um. Die Mutter stand noch oben am Wege, ihre Hand auf Nellys Schulter gestützt; sie schauten ihm beide nach. Einen Augenblick stand Roby unschlüssig da, dann kam er zurückgelaufen. »Leb' wohl, Mutter! Leb' wohl, Nelly!« sagte er noch einmal, ihre Hände drückend. Noch einmal strich ihm die Hand der Mutter zärtlich über Stirn und Wangen, einmal noch sagte die wehmütige Stimme: »Armer Roby!« Nun nahm Roby einen mächtigen Anlauf; in wenig Sprüngen war er am Fuß der Anhöhe und verschwand um die Ecke beim Kirchhof. Am dritten Morgen nach diesem Abend sah Nelly ihren Vater mit schnellen Schritten vom kleinen Hause her kommen, die Mutter lief ihm entgegen, Nelly stand bei ihnen. »Sie ist leicht verschieden,« sagte der Vater, »ihre Kräfte waren ausgearbeitet. Sie hatte noch klare Momente, sie betete leise. Eines ihrer letzten Worte war: Armer Roby!« Nelly fuhr es wie ein Messer ins Herz; sie wußte klar, was geschehen war. Sie floh hinter den Garten in den Wiesengrund, warf sich auf den Boden, drückte ihr Gesicht ins Gras und schluchzte laut. Am folgenden Abend, als es dämmerte und ein frostiger Nordwind um die Höhe blies, stand Nelly auf den Stufen vor der Hausthüre. Es wunderte sie, was angefahren kam; sie sah aber nur einen leeren Wagen, wie die Landleute sie zu ihren Fuhren gebrauchen. Sie blieb stehen und schaute sich das fremde Pferd an. Aber was war das? Vom Birnbaum her hörte sie zwischen den Windstößen durch wie ein unterdrücktes Schluchzen. Sie hörte wieder hin: Wieder und wieder drang der Ton zu ihr herüber. Sie ging zum Birnbaum hin. Da stand Roby, das Gesicht in seine Arme gegen den Stamm des Baumes gedrückt, ein leidenschaftliches Schluchzen halb erstickend. »O Roby! o Roby! Wie bist Du gekommen?« rief Nelly ganz erschrocken. »Warum kommst Du nicht ins Haus?« Roby konnte lange nichts sagen; endlich stieß er in abgebrochenen Worten heraus: »Der Wagen soll die Mutter holen – ich habe es gehört – ich bin nachgelaufen.« »Komm ins Haus, Roby! Weine nur nicht so –« und Nelly konnte vor Leid selbst nichts mehr sagen. Sie wollte Roby bei der Hand nehmen und hineinführen, aber er rührte sich nicht und schluchzte fort, als müßte sein Herz zerspringen. Jetzt hörte man die Räder, der Wagen kam vom Häuschen her der Straße zu. Roby nahm seine Arme vom Gesicht und kehrte sich um. Mit durchdringendem Tone rief er: »Sieh! Sieh!« Auf dem Wagen stand ein Sarg; eben fuhr er an den Kindern vorbei. Roby weinte laut auf. Der Wagen fuhr den Hügel hinab. Jetzt lief Roby mit aller Macht dem Sarge nach in die Nacht hinein, noch konnte Nelly sein lautes Weinen hören. Sie stand unbeweglich. Das Rollen der Räder verhallte; es wurde dunkler, der Wind heulte um das Haus und schlug die Zweige des alten Baumes um den Stamm. Da legte sich eine sanfte Hand auf Nellys Arm; es war die Mutter, die besorgt nach ihr ausgeschaut hatte. »Hier kannst Du nicht stehen, Kind,« sagte die freundliche Stimme, »komm herein, was ist Dir denn?« Nelly atmete tief auf, sie wollte reden, aber nun sie die liebevolle Nähe der Mutter empfand, kam Robys ganzes Weh über sie. Sie warf sich an die Mutter und brachte vor Weinen kaum die Worte heraus: »Roby hat seine Mutter geholt.« Nellys Mutter mußte wohl verstehen, was vorgegangen war; sie frug nicht weiter. Sie führte Nelly in ihr Schlafkämmerlein und redete stillende Worte zu ihr. In jener Nacht, da lange schon das Haus stille geworden, und alle anderen Augen geschlossen waren, schluchzte Nelly noch in ihr Kissen hinein. Wenn Kinderaugen auch schneller wieder hell werden, als die Augen großer Leute, im Augenblick des Schmerzes selbst können Kinder unsäglich leiden. Sie leiden mit dem erdrückenden Gefühl: so bleibt es immer und kann nimmer anders werden. Auch Nellys Augen wurden bald wieder hell; aber lange Zeit noch, wenn sie draußen auf dem Platz mit den anderen Kindern umherlief und im Spiel ihr Gesicht an den Stamm des Birnbaums legte, daß sich die anderen derweil verstecken sollten, schoß ihr mit einem Mal eine Erinnerung ins Herz wie ein scharfer Pfeil, und sie blieb stehen und drückte ihr Gesicht tiefer in die Arme. Wollte dann eines der Kinder sie wegziehen vom Baum, daß das Spiel seinen Fortgang habe, sagte sie mit erdrückter Stimme: »Laß mich! Laß mich! Ich kann nicht mehr spielen.« II. Zehn Jahre waren vergangen. An der grünen Halde im Erdbeergrund lag die milde Herbstsonne. Leise zog der letzte Hauch des verwehenden Föhnwindes durch die gelblichen Blätter der alten Buche und über die abgemähten Wiesen hin. Der Halde zu kamen zwei junge Mädchen geschritten im eifrigen Gespräch und setzten sich nun eben da nieder, wo alle Jahre im sonnigen Juni die roten Erdbeeren in Fülle zwischen den hohen Halmen standen. Nelly war die eine der beiden. Sie hatte sich in den zehn Jahren gerade so verändert, wie die Menschenkinder zu thun pflegen. Sie hatte auch einiges gelernt, denn der Strohhut saß nun in der Sonne auf ihrem Kopf, er hing nicht mehr am Apfelbaum, und in ihre Schürze packte sie nicht mehr ohne Unterschied alles, was Wald und Wiese darboten. Sie war ein großes kräftiges Mädchen geworden, aber neben der hohen Gestalt, die an ihrer Seite einherging, verschwand sie fast. Nelly hatte jederzeit ein offenes Herz für Freundschaft und allen Menschenverkehr gehabt; sie hatte auch viele und nahe Freundschaftsbande, aber die Freundin, die neben ihr herging, diese lebenskräftige, hochstrebende Bergnatur, hatte Nelly mit besonderer Herzenswärme erfaßt. Sie hatte dieses Mädchen zuerst gesehen in seiner hochgelegenen, felsumschlossenen Heimat im Gebirge. Nelly hatte eine Kranke dahin begleitet, die, in ihr Vaterhaus zurückkehrend, sich für einige Zeit Nellys Gesellschaft erbeten hatte. Eben war ein Jahr verflossen seither. Noch stand in Nellys Herzen die Erinnerung ganz frisch an den Moment, da sie Sarah zuerst gesehen. Am leuchtenden Sommerabend war eine Schar junger Mädchen nach dem Waldsee hinaufgewandert, der versteckt inmitten der ästereichen Föhren sein stilles Wasser ausbreitet, in das nicht die Sonne noch der Mond, nur die dunkeln Wipfel der uralten Bäume schauen und die regungslose Flut nur noch dunkler färben durch ihre Nähe. Die Mädchen hatten sich gelagert am Fuße der Felsen, wo durch das dichte Gezweige hier und da verlorene Sonnenstrahlen drangen und in schmalen, goldenen Streifen über das hellgrüne Moos flimmerten. Es war große Fröhlichkeit in dem Kreise, die Froheste von allen war Sarah. Schlag auf Schlag folgte ein Witzwort dem andern, und in Strömen flossen ihr die köstlichen Einfälle von den Lippen, so daß sie die ganze Gesellschaft in Bewegung und nimmer endender Heiterkeit erhielt. Schlug sie erst einmal selbst ihr volles Lachen an, so riß sie alle unwiderstehlich mit. Später, als sich eines hierin, das andere dorthin in den Wald hinein verlor, sah Nelly, wie Sarah, an einen Baumstamm gelehnt, vor sich hin schaute, tief in ihre Gedanken verloren. Der lachende Ausdruck auf ihrem Gesicht war verschwunden, um die dunkelblauen Augen lagen Schatten, wie sie um die tiefen Bergseen ihrer Heimat liegen. In den Tiefen dieser Natur ging mehr vor, als auf die Oberfläche trat; sie interessierte Nelly vor allen anderen. Die beiden kamen sich bald nahe und blieben auch nach der äußeren Trennung in nahem Verkehr. Nun saßen sie wieder neben einander in lang gewünschter Vereinigung; sie sollte aber von kurzer Dauer sein. Sarah hatte nur den einen Tag für Nelly; sie war auf ihrer Heimreise von Deutschland her, wo sie in der ihr nahe befreundeten Familie sich schon bis zum letzten Termin aufgehalten hatte. Wie reich an Genuß und innerem Gewinn war dieser Aufenthalt auch für sie gewesen! Eben hatte sie mit lebendigen Farben alles Erlebte geschildert, und Nelly war ihr mit gespanntem Interesse gefolgt; kannte sie doch längst das stille Haus unten am schönen Rhein, da wo er ruhig und groß dahin fließt, nicht mehr in wilden Sprüngen seine grauen Wasser über die Felsen hinunter wirft, wie er droben im Berglande thut, wo er seine Kinderjahre verstürmt. Das Fenster nach dem Rhein hin kannte Nelly, als hätte sie's gesehen, da der grüne Epheu herein rankt, und dahinter die würdige Mutter saß in der frühen Morgenstunde mit ihrer Bibel auf dem Schoß. Die Tochter Emma, Sarahs nahe Freundin, das sinnige Mädchen mit den reichen Anlagen und dem seelenvollen Blick, kannte Nelly so gut, als hätte sie Jahre mit ihr zusammen gelebt, sie hatten sich aber nie gesehen. Sarah verstand es, ihre Freunde einander gegenseitig nahe zu bringen, die Menschen nahmen völlig Leben an unter ihrer Schilderung und gewannen sich die Herzen ab wie durch persönliche Berührung. Auch für Emmas Bruder, Heinrich, den jungen Theologen, interessierte sich Nelly sehr, sie wußte auch viel von ihm und hatte eine Art Scheu, aber noch mehr Verehrung für den Menschen, der so hohe Anforderungen an sich und andere stellte und dabei mit solcher Liebe die Mutter und die Schwester durchs Leben trug, wie Sarah ihr eben wieder erzählt hatte. »Du bist aber auch an der Sonnenseite des Daseins zur Welt gekommen, Sarah,« sagte Nelly, nachdem sie erst stillschweigend Sarahs Mitteilungen erwogen hatte. »Was Du je gelernt, das weißt Du perfekt, was Du zur Hand nimmst, gelingt Dir, und dazu kommen solche ideale Menschen auf Deinen Lebensweg, und Du kannst sie lieb haben und mit ihnen immerfort in Verbindung stehen, das ist ein großes Gut.« »Ja, das ist es auch,« sagte Sarah nach einigem Nachdenken, »und ich weiß es zu schätzen. Ideal denkende Menschen sind diese, wie ich keine anderen kenne, aber ganz nahe könnte ich doch nicht mit ihnen leben. Da ist etwas so Eigentümliches bei ihnen allen, das mich ihnen entfernt.« »Was denn?« fragte Nelly begierig. »Du weißt, sie sind alle sehr religiös,« erklärte Sarah, »schon der selige Vater war als ein besonders frommer Mann bekannt; so sind sie alle; aber so, wie ich keine Menschen bei uns kenne, das religiöse Leben mischt sich bei ihnen ganz mit dem alltäglichen, so als lebten sie unausgesetzt mit einem hohen Freund zusammen, mit dem sie jederzeit reden können, der überall anwesend ist, nur daß man ihn nicht sieht.« »Merkwürdig,« meinte Nelly. »Eigentlich muß ich sagen,« fuhr sie nach einer Pause des Nachdenkens fort, »das gefällt mir. Wenn wir einen Herrn im Himmel haben, zu dem wir in der Not gleich rufen können, so ist es doch das einzig Richtige, daß wir auch zu jeder andern Zeit annehmen, Er sehe und höre uns in jedem Wort und Gedanken. Mit Bewußtsein so zu leben allezeit, muß die Menschen gut im Zaume halten, es ist nur etwas unbequem; das ist's aber auch, was Deine Freunde so ideal erhält.« »Ich fürchtete mich aber immer ein wenig vor ihnen, besonders vor Heinrich. Er ist wirklich einer der edelsten Menschen, die ich je gesehen; ich weiß auch wohl, in all' seinem Thun und Denken hat er immer die höchsten Ziele vor Augen; aber es kam immer eine Angst über mich, wenn ich meinte, er könnte mir nahe kommen und einen bestimmenden Einfluß auf mich ausüben. Sein Weg muß doch ein viel engerer sein, als der meinige, er würde mir mein schönes, reiches Erdenleben beschränken und mir den vollen Genuß an der weiten, herrlichen Welt alles Schönen verkümmern wollen.« Nelly sann schweigend eine Weile nach, dann sagte sie: »Meinst Du nicht, Sarah, es müßte den Genuß aller Erdengüter noch erhöhen, wenn wir sie unmittelbar aus der Hand eines Freundes empfingen, den wir über alle anderen lieb hätten, und der von allen uns der Idealste wäre, und daß wir nach Genüssen, die sein Wesen ausschließen müßte, gar nicht verlangen würden? Glaubst Du nicht, daß die Menschen, die so persönlich zu ihrem Herrn im Himmel stehen, etwas Ähnliches erleben?« Sarah erwiderte rasch: »Ich möchte aber nicht die Freude an irgend einem meiner schönen Erdengüter verlieren, auch nicht um diesen Tausch, ich möchte nicht ärmer werden um gar keinen Preis.« Die Abendsonne warf ihren goldnen Schein auf die leise wogenden Halme; es war stille ringsum, nur dann und wann tönten ferne Herdenglocken herüber. Auch die Freundinnen waren still geworden, ihre Gedanken gingen auf verschiedenen Wegen in die Weite. »O Sarah!« sagte Nelly nach einiger Zeit, »nicht alle Menschen haben es so gut wie Du, daß sie sich besinnen können, ob gegen so viel Lebensgüter nicht noch etwas Schöneres einzutauschen wäre. Wenn ich an dieser Stelle sitze und auf die sonnige Halde schaue, steigt mir jedesmal eine Erinnerung auf, die mir das Herz zusammenschnürt.« Sarah war begierig zu wissen, was Nelly meinte, und diese erzählte ihr nun von dem armen Roby, was sie wußte, bis zu dem Moment, da er weinend hinter dem Sarg der Mutter Nellys Augen entschwunden war. »Und dann? Und dann?« fragte Sarah erregt, als Nelly schwieg. »Von da an habe ich von Roby nie mehr ein Wort gehört,« fuhr Nelly fort. »Kurz nach dem Tode der Mutter verkaufte Robys Vater sein Haus und verschwand mit den Söhnen. Er war immer ein unheimlicher Mensch gewesen, jedermann wich ihm aus, niemand stand ihm nahe, so wußte keiner bestimmt, wo er hingekommen war. Allgemein wurde angenommen, die Familie sei nach Amerika abgereist, wovon schon immer die Rede gewesen war. Später ist in dunkeln Worten erzählt worden, der Vater habe sich noch hier in einem abgelegenen Orte das Leben genommen, die Söhne seien allein fortgezogen.« »Und Du hast gar nichts von dem armen Roby mehr gesehen noch gehört seit jenem traurigen Abend?« fragte Sarah verlangend. »Nein, nie,« erwiderte Nelly; »keine Spur war mehr von ihm zu finden, und wie viel haben wir nachgesucht und nachgefragt! Auf diesem Hause lag ein dunkler, unheimlicher Schatten. Mir stand immer Roby und sein Vater, der große finstere Mann, vor Augen, wenn ich das Wort las: Denn das Geschlecht des alten Tantalus Hat seine Freuden jenseits dieser Nacht. Daß nur die Nacht nicht zu schwer auf dem armen Roby liege, und er einmal zur lichten Freude erwachen möge!« Der Abendhauch ging durch die Bäume; grüngolden lag die Wiese weithin in der scheidenden Sonne. Hoch oben kam eine Schar Zugvögel daher, man hörte das Rauschen der Flügel, fröhlich zog sie über die Hügel nach Süden hin. »Ach, Nelly,« sagte Sarah, »hier wäre es so schön, aber Du hast mir alles verdorben mit Deiner traurigen Geschichte, ich wollte, ich wüßte nichts davon.« Noch an demselben Abend mußten sich die Freundinnen trennen, aber die frohe Aussicht auf ein längeres Zusammensein lag vor ihnen. Im folgenden Sommer sollte Nelly nach den Bergen hinaufkommen, da wollten sie zusammen die Pfade des Hochwaldes durchstreifen und die Sommerabende verträumen dort im kühlen Felsengrunde, wo die uralten Föhren rauschen um den einsamen Waldsee. Schon im Juni, als die wilden Rosen blühten im Hag, und im Erdbeergrund die roten Beeren schwellten, schrieb Sarah an Nelly, sie möchte ihre Ankunft beschleunigen, damit sie noch ruhige Tage zusammen hätten, denn gegen Ende des Sommers gedachte Sarah, wie sie schrieb, ihre Heimat zu verlassen, um nach dem Wunsch der livländischen Dame, die schon einige Zeit in den Bergen zugebracht und Sarah kennen gelernt hatte, auf einer Reise nach Italien die Dame zu begleiten und den Winter mit ihr in Neapel zu verbringen. Sarah schrieb entzückt über die Aussicht, für den Winter ihre graue Felsenwelt zu vertauschen an das Land voll Sonnenschein. Wie Tau vom Himmel fallen ihr unversehens die besten Erdengüter in den Schoß! dachte Nelly. Als drunten im Thal die Julisonne heiß auf der Erde lag, da standen Sarah und Nelly hoch oben unter den alten Föhren und lauschten dem geheimnisvollen Rauschen über den dunklen See hin. Zu den Föhren hinauf führte ein schmaler Fußpfad, der nachher weiter ging durch den Hochwald bis über den Felsengrat nach dem Oberland hin. Es war auch eine offene Stelle, noch ehe man den See erblickte, nur von fern die Föhren rauschen hörte, da sah man zwischen den dunkeln Bäumen durch den lichten Horizont gegen das Oberland hinauf und die fernen Bergspitzen sich ins duftige Himmelblau erheben. Da saßen die Freundinnen an manchem hellen Sommerabend auf dem gefällten Föhrenstamm und tauschten ihre Gedanken aus, oder ließen sie auch schweigend an sich vorüber ziehen. Nelly hörte mit nie ermüdendem Interesse von den Freunden am Rhein erzählen. Die zarte Emma hatte seit einiger Zeit zum größten Kummer der Mutter bestimmte Symptome der gefürchteten Brustkrankheit gezeigt, die schon drei der Kinder dahingerafft hatte. Die Mutter schrieb über all' ihre Freuden und Sorgen an Sarah, zu der sie viel Vertrauen hatte. Auch Emma schrieb fleißig; Sarah war die Vertraute ihres Herzens, und dieses hatte Vielerlei durchzumachen, wie das bei den anmutigen Rheinlandstöchtern zu geschehen pflegt. Der Bruder Heinrich war in der Nähe seines Heimatsortes als Hilfsprediger in eine Stelle getreten. Er wurde von seiner Gemeinde so hoch gehalten und so geliebt, daß er sich schon sicher als den bleibenden Pastoren betrachten konnte. Für Sarah stand in jedem Brief ein freundliches Wort von ihm. Der Juli ging zu Ende und damit der Aufenthalt Nellys in den Bergen. An einem der letzten Abende saßen die Freundinnen einmal noch auf dem Baumstamm am Waldwege und lauschten, wie der Wind durch die nahen Föhren flüsterte, und schauten hinüber nach dem Abendhimmel über dem Oberland, wo in der scheidenden Sonne die lichten Wolken rosig vorüber zogen. Es war Sonntag Abend. Schweigend saßen die beiden in der ungestörten Sonntagsstille, die vom leisen Waldesrauschen ja nur wie begleitet, nicht unterbrochen wurde. Auf einmal ertönten laute Stimmen durch den Wald, erst rufend und antwortend, dann in einem Gesang sich vereinend. Auf dem schmalen Weg vom See her nahte eine Truppe singender Bursche. Sarah und Nelly lauschten dem eigentümlichen Lied, das halb traurig, halb komisch in ihre Ohren klang und von allerhand einsamen Wegen handelte, von Menschen und Getier. Ganz in ihrer Nähe wurde der Schluß in langen, fast feierlichen Tönen hingesungen, die Worte hießen so: »Und in dem Weltenmeere Der Walfisch und der Hai, Ja, ja! Der Walfisch und der Hai.« Als die Bursche vorbei gezogen waren, brach Sarah in ein lautes Gelächter aus. »Das heißt wirklich das Gefühl einer einsamen Existenz groß und mit Wehmut ausdrücken,« sagte sie. Nelly gab keine Antwort; sie schaute den Weg hinab, wo die Bursche eben verschwanden. »Nelly,« rief Sarah aus, »Du machst gerade ein Gesicht, als ob sich eben vor Deinen Augen das großartige Schauspiel vom Weltmeere mit dem Walfisch und dem Hai entrollte.« »Sarah,« sagte Nelly wie aufwachend, »hast Du die Bursche angesehen?« »Ja wohl, warum?« fragte Sarah. »Der mit dem dunkel krausen Haar hat gerade so aus seinen Augen geschaut, wie Roby that. Ganz so müßte Roby jetzt aussehen – nur besser, meine ich. Wenn er es gewesen wäre?« Sarahs lachender Ausdruck war verschwunden. »Aber Nelly, was denkst Du!« sagte sie überrascht. »Wie sollte Roby auf einmal hier auftauchen! Ich hoffe auch recht, daß der arme Roby nie in solcher Gesellschaft gefunden werden möge; einen der Bursche habe ich schon gesehen im Oberland, er ist ein schlimmer Mensch, bei den ärgsten Raufereien der wilden Oberländer soll er immer der Ärgste sein.« Nelly sagte kein Wort. Im Oberland war alles Licht erloschen; die grauen Felsen ragten düster über die Tannenwälder empor; durch die Abendstille tönte der hohle Ruf einer Eule oben im Gestein. »Ach was!« rief Sarah plötzlich ungeduldig. »Wie kannst Du so Deinen Phantasien nachhängen, Nelly! Wie sollte das Roby gewesen sein! Denk' Dir doch lieber aus, wie er jetzt in Kalifornien unter seinem Weinstock und Feigenbaume sitzt; der Gedanke liegt ja viel näher. Komm und sei fröhlich.« Aber Nelly blieb still. Die Mädchen kehrten nach Hause zurück. Da lag auf Sarahs Arbeitstisch ein Brief mit schwarzem Rand, er war vom Rhein her. Es war der Mutter Handschrift, sie schrieb in kurzen Worten. Emmas Zustand hatte unerwartet eine schlimme Wendung genommen, ein Herzübel hatte sich gezeigt, sie war plötzlich gestorben. Die knappen Worte waren wie ein Schrei unaussprechlichen Schmerzes. Am Schlusse bat die Mutter, Sarah möchte zu ihr kommen für einige Zeit, um in das öde Haus ein wohlthuendes Leben zu bringen. Zwei Tage nach diesem Sonntag verließ Nelly die Berge und kehrte heim. Kurz darauf reiste Sarah hinunter nach dem Rhein. Die Reise nach Italien mußte aufgegeben werden. III. Vom Rhein her erhielt Nelly fortgesetzt Nachricht von Sarah und ihrer Umgebung. Die gebeugte Mutter schloß sich enge an die Freundin ihrer Tochter an, und diese erwiderte die warme Liebe und freute sich, die einsamen Tage der einst so kinderreichen Mutter erheitern zu können. Die schönsten Tage für sie beide waren immer diejenigen, da der Sohn Heinrich herüber kam aus der nahen Pfarrgemeinde und die Abende mit ihnen verbrachte. Sarah mußte ihn immer höher schätzen, je näher sie ihn kennen lernte und im täglichen Verkehr beobachten konnte. Die alte Scheu vor dem religiösen Ernst der beiden war aber da wie immer, fast noch vermehrt, wie es Nelly vorkam. Oder war es ein Gefühl des innersten Nachgebens, fragte sich Nelly, das Sarah so sehr sich dagegen stemmen machte. Sarah sprach oft in ihren Briefen von diesen Differenzen, die auch in Worten oft berührt wurden, zwischen den Dreien; ja es wollte Nelly scheinen, als suche Sarah von sich aus immer auf die Punkte zu kommen, da sie mit ihren Freunden am weitesten auseinander ging. Es war, als ließen ihr solche Punkte keine Ruhe. Einmal schrieb sie an Nelly: »Es ist ein wahres Leiden mit Menschen zusammen zu leben, die man so hoch achten muß ihrem ganzen Wesen nach, mit deren innersten Überzeugungen man aber nirgends recht übereinstimmen kann. So kenne ich keinen Menschen, der in Wort und That und Sinn so ganz derselbe wäre, wie dieser Heinrich es ist. Nicht daß er es zeigen oder etwas vorstellen wollte, im Gegenteil, er ist so demütig, daß er mich ärgern kann, aber dann auch wieder so fest und viel fordernd, daß ich mich immerfort vor ihm fürchten würde, wenn er nicht eine so große Milde gegen alle Menschen zeigte, auch gegen solche, deren Thun ihm mißfällt, so als hätte er für jeden ein besonderes Mitgefühl. Sprechen wir aber über irgend welche religiösen Fragen, gleich gehen wir auseinander; eigentlich werde ich aber immer geschlagen in einer Weise, daß ich mich gar nicht mehr rühren kann. So sagte ich gestern Abend, als Heinrich von der unumstößlichen Wahrheit der Bibelworte sprach, hier und da seien denn doch Worte da, die, wie in anderen Büchern auch, eine Wahrheit enthalten im allgemeinen, aber nicht wörtlich genommen werden dürfen. So z.B. das Wort Alle Menschen sind Lügner. Heinrich versetzte ganz ruhig: »Da wäre zu beweisen, daß Einer da ist, der nie unwahr gewesen. Einen andern kennen wir dazu nie genug, nur von uns selbst könnten wir diese Behauptung aufstellen, wenn es so wäre.« Dabei sah er mir so direkt in die Angen, daß mir war, als stehe ich vor meinem Richter, der mehr von mir wisse als ich selbst, und in dem Moment kamen mir auch eine Menge kleinere und auch ziemlich große Unrichtigkeiten in den Sinn, die von mir ausgegangen waren, und die ich lange vergessen hatte. Vor lauter Verlegenheit sagte ich ärgerlich: »Ja, wenn man's aber so genau nehmen will, wer wird dann bestehen.« »Keiner,« antwortete er mit derselben Ruhe. »Wenn wir Menschenkinder kaum ertragen können, die Fehler und Flecken zu sehen, die uns und unsere Mitmenschen entstellen und erniedrigen und um so schärfer sehen, je mehr uns an den Menschen gelegen ist, sollte dann nicht unser Herr und Gott immer noch schärfer sehen und es noch genauer mit uns nehmen?« Ich konnte nichts mehr sagen, ich war wie ins Schwarze getroffen. Aber da waren die beiden so gut! Die Mutter nahm mich bei der Hand und sagte: »Liebes Kind, es heißt eben: Wir haben alle gesündigt und ermangeln des Ruhmes vor Gott. Vor Ihm ist keiner besser als der andere.« – »Sieh Nelly,« hieß es in einem andern Briefe, »ich weiß nicht, wie das ist. Kein Mensch auf Erden hat mir je solche stechende Wahrheiten über mich selbst in die Augen hinein gesagt, wie dieser Heinrich, und doch kocht es nicht in mir auf, wie es sonst thut, wenn ich Bitterkeiten hinnehmen muß, auch wenn ich Wahrheit darin fühle. Seine Worte kommen aber auch nie als Urteil, oder Tadel, oder auch nur eifernd heraus, sondern wie vom Schmerz eingegeben; ich glaube alles Unrecht und alle Fehler, die er an den Menschen sieht, machen ihn tief innerlich leiden.« Gegen Ende September kam noch ein langer Brief, darin Sarah entschieden von ihrem Heimkommen sprach, obschon die Rede davon gewesen war, sie sollte den Winter am Rhein zubringen. Sarah schrieb, sie könne länger nicht bleiben, sie sei fortwährend in Unruhe und Aufregung, da sie innerlich nirgends mehr sicher fuße, nicht wisse, wo sie stehe. Sie müsse einmal wieder frei und losgelöst von einer unwillkürlich sie beeinflussenden Umgebung stehen, daß sie ihrer selbst wieder inne werde, ihres eigenen, zuversichtlichen, lebensfrohen Wesens. Nicht, daß ein trauriges Wesen um sie her herrsche, die Mutter sei sehr gefaßt und des eigenen Leids vergessend, voller Teilnahme für alle anderen. Mit Heinrich zusammen verbrächten sie oft wirklich fröhliche Abende, wenn er ihnen von seinen Erlebnissen im neuen Amte und von all' den wunderlichen Menschenkindern erzählte, mit denen er zu thun hatte. Aber das innere Schwanken, das unsichere Gefühl, wo sie die alten, sicheren Wege gehen wollte, was Sarahs Wesen fremd war, benahm ihr alle Fröhlichkeit. »Und dann ist noch eins,« schloß sie, »das mich quält und mir hier keine Ruhe mehr läßt: Ich kann nicht länger neben diesen edeln, mir so viel Liebe beweisenden Menschen leben und ihnen fortwährend weh thun mit meinem Wesen, wie es nun einmal ist, und meinen Überzeugungen nach seine Berechtigung hat zu sein. Ich muß Dir erzählen, was neulich vorgefallen ist und mir seitdem quälend nachgeht: Du weißt, mein Bruder hat Freunde auf der Künstlerschule drüben in D., da war großes Sängerfest am vergangenen Sonntag, die Freunde wollten mich dazu abholen. Als ich dies am Sonnabend in Heinrichs Gegenwart der Mutter mitteilte, meinte er gleich, am Morgen sollte ich noch nicht gehen, ich könnte noch am Nachmittage hin kommen, wenn es sein müsse, aber ein so lauter Sonntag könnte mir keine Freude machen. Ich wollte aber meinen Willen haben, ich blieb dabei. Dann sagte er, ziemlich erregt ich könne mir vielleicht nicht vorstellen, wie laut und unruhig es da zugehen werde, es müßte mir mehr Befriedigung gewähren, den Feiertag hier in der Stille zuzubringen und meine Lieder zu spielen, anstatt der lauten Musik und anderm lauten Wesen zuzuhören. Hätte er gesagt, ich sollte seine Mutter nicht verlassen, und mein Dableiben in dieser Art gewünscht, gewiß, ich wäre geblieben; aber da seine Einwendungen diesen Charakter annahmen, wurde ich ärgerlich und sagte recht unfreundlich, ich wüßte wohl am besten, wie ich mich meines Sonntags freue, und ich gedenke nichts Böses zu thun. Er sagte nichts mehr. »Am Morgen kam der Wagen vorgefahren, die Freunde holten mich ab. Aber wie wir so dahin fuhren durch den Sonntag Morgen, und überall die hellen Glocken zur Kirche riefen, und die Leute so sonntäglich friedlich dahin wanderten, da hatte ich keine Freude mehr an meiner Fahrt, ich wäre lieber wieder umgekehrt. Am Abend, wie wir heimfuhren, waren die Bursche sehr lustig, es waren noch zwei Studenten mit uns, einer im Wagen und einer oben beim Kutscher, und alle zusammen sangen laut die Lieder des Festes nach. Einer sagte, ihm hätte am besten der Choral zum Beginn des Festes gefallen, den stimmte er gleich an, aber in so wenig choralartiger Weise, daß die anderen in ein lautes Gelächter ausbrachen und halb lachend und halb spottend in den Gesang einstimmten. Da sahen wir Heinrich uns entgegenkommen, er hatte den Nachmittag bei seiner Mutter zugebracht. Er grüßte und ging still an uns vorüber. Mir wurde ganz unwohl zu Mut. Es hatte mir auch geschienen, er sehe ganz schlecht aus, und der Gedanke kam mir, wenn auch an ihn noch die böse Krankheit käme: und der Vorwurf stieg mir auf im Herzen, daß ich thun konnte, was ihm ein Leid war. Erst wollte ich mich steifen auf mein Recht, und daß ich doch nichts Böses gethan hatte; auch dieser wüste Lärm war ja doch nichts Böses, sagte ich mir. Aber es half nichts. Es kam mir alles so roh vor und gerade so, als hätte ich selbst eine große Rohheit begangen. Mir liegt dieser Sonntag als ein selbst verschuldetes, wüstes Wesen auf dem Herzen immer seither und läßt mir keine Freude mehr aufkommen. Heinrich hat nie ein Wort darüber erwähnt; er ist freundlich wie immer, nur etwas stiller scheint er mir und ernster, fast traurig manchmal. »Mich verlangt, nach Haus zurückzukehren, hier kann ich niemandem wohlthun, auch der Mutter nicht, ich bin jetzt weniger heiter, als sie ist, und habe neben diesen innerlich so festen und ruhigen Menschen ein quälendes Gefühl von meinem unsichern und ruhelosen Wesen, das ich nicht länger ertragen kann.« – Im Oktober war Sarah wieder in ihrer Heimat angekommen. Der Winter ging vorüber. Sarah schien vielbeschäftigt, sie schrieb fast nicht. Im Frühjahr, als die Baume grünten, und neues Leben aus allen Knospen sprang, erhielt Nelly endlich wieder eine Sendung, von Sarahs Hand adressiert – es war die gedruckte Anzeige von Heinrichs schnellem Tode. Im Umschlag standen wenige Worte von Sarah geschrieben, nur ein Klageruf für die verarmte Mutter. Nelly schrieb ihre volle Teilnahme an Sarah, sie wußte, dies mußte ein herber Schlag für ihre Freundin sein, schon um ihres nahen Verhältnisses zur verwaisten Mutter willen. Auch hatte Nelly gern Näheres gewußt von der Krankheit und dem Tode des jungen Menschen, für den sie sich so lange und so sehr interessiert hatte. Sie erhielt keine Antwort und hörte von ihrer Freundin nichts mehr, bis schon wieder die Blätter gelber wurden und die ersten Zeitlosen auf den Wiesen standen. Da sah Nelly eines Morgens eine bekannte Gestalt die Anhöhe heraufkommen, es war Sarah. Sie erklärte der erstaunten Nelly auf ihre Fragen der freudigen Überraschung, sie habe sich diesen Sprung vom Wege ab bei ihrem Bruder ausgebeten, der eine Tour durchs Land mit ihr gemacht und nun unten am Berg ihre Rückkehr abwartete. »Schreiben konnte ich Dir nicht, Nelly,« sagte Sarah gleich nach den ersten Worten der Begrüßung, »kaum werde ich ja zu Dir reden können, aber ich kam gern zu Dir.« Nelly schaute tief in die wohlbekannten, dunkelblauen Augen hinein und suchte nach dem gewohnten sonnigen Ausdruck. Jetzt lagen die Schatten darum, wie sie schon einmal sie gesehen hatte, aber tiefer und dunkler, als sie geglaubt, daß solche je um diese lichten Augen liegen könnten. »Wie konntest Du so lange zu mir schweigen,« sagte endlich Nelly; »Du siehst auch so leidend aus. Komm, laß mich alles von Dir wissen.« Damit zog sie Sarah auf den Sitz hin am Fenster, das über das herbstliche Gefilde schaute. »Ich konnte nicht reden,« sagte Sarah, »es wäre auch besser, ich redete jetzt und nie mehr; wie könnte ich auch sagen, wie alles ist und immer war mit mir?« Sarah redete mit Mühe, als läge eine drückende Last auf ihrer Brust. »Ich verstehe Dich nicht, Sarah,« sagte Nelly, ihren Blick auf die Freundin heftend, als wollte er fragen: Bist Du's auch? »Du kannst mich nicht verstehen, Du hast mich nie gekannt. Sieh, Nelly« – und hier kam die alte Lebendigkeit in Sarahs Worte – »mein ganzes Leben ist wie eine lange Reihe von Unrecht und Schuld und Unwahrheit, ich mag darauf zurücksehen, wo ich will. Schon als Kind war ich so, daß ich mich scheue, daran zurückzudenken, ich war so selbstsüchtig, so unwahr, so selbstgefällig in all' meinem Thun und Sein. Nie hatte ich einen Menschen recht lieb, nur mich selbst, überall suchte ich nur, was mir Genuß bot und mir angenehm war, was mir unlieb war und mir nicht zusagte, das schob ich beiseite, ob ich auch anderen damit weh that, ich fragte nicht danach. Allem was Leiden heißt, ging ich aus dem Wege, das mochte ich gar nicht ansehen, für nichts und niemand hatte ich ein Herz, wo mir nicht irgend ein Genuß und Vorteil geboten wurde.« Sarah hielt inne. Ihre Augen funkelten, aber nicht in Freude, wie ehemals; sie war sehr erregt, nun sie die Rinde durchbrochen hatte. Nelly wußte nicht, wie ihr geschah. Wie konnte Sarah, an der sie fast keinen Mangel kannte, so reden und mit so tief empfundenem Weh? Das mußte ja erlebte Wahrheit sein! »Ach Sarah,« sagte sie endlich, »Du siehst aber alles in einem viel zu scharfen Lichte an, Du sagst Worte, die über die Wahrheit hinausgehen. War es auch ein Zug von Selbstsucht, daß Du jene Reise nach Italien so schnell für den Besuch in einem Trauerhause dahingabst?« »Nelly,« entgegnete sie fast mit Heftigkeit, »sag' lieber kein Wort, Du zeigst mir nur, daß ich auch Dich hintergehen und blenden konnte. Ich hatte damals mein Interesse dabei, wie immer. Es ist, wie ich Dir sage, und seit ich mich selbst sehe, so wie ich bin und immer war, nagt es Tag und Nacht an mir.« »Du solltest nicht immer an Dich denken, es ist ja wie eine Krankheit,« sagte Nelly, nach Rat suchend. »Nicht an mich denken? Wenn Vorwurf und Reue und unnennbares Weh mir immerfort am Herzen fressen, dann soll ich nicht daran denken?« rief Sarah aus. »Seit wann hast Du diese scheren Gedanken?« fragte jetzt Nelly. »Ach, schon lange,« erwiderte Sarah. »Schon vor dem Jahr als ich heimkam vom Rhein, war mir nie mehr wohl zu Mut. Ich hatte mit Menschen gelebt, die in der Wahrheit standen, die fortwährend das höchste Ideal vor Augen hatten, die in Demut bekannten und darunter litten, wo sie ihm nicht nachkamen, aber auch den vollen Frieden hatten in der ganzen Hingabe an ihr Ideal. Ich hatte mich in einem Spiegel gesehen in einer Weise, die mir keine Ruhe mehr ließ. Daheim, wie ich allein war und alles in der Stille recht übersehen und bedenken konnte, sah ich immer deutlicher in mich hinein. Mir wurde auch so leid um alles, mit dem ich Heinrich weh gethan hatte, dem zartfühlenden Menschen, der es doch so gut mit mir gemeint, wie kein anderer. Ich wollte aber alles gut machen, so weit ich konnte, ich wollte Heinrich recht aussprechen, wie weh ich mir selbst gethan, und ihm alles von Herzen abbitten – da kam die Nachricht von seinem Tode und schlug mir wie ein Blitz ins Herz und zündete in mein Innerstes, daß es seither brennend in mir steht, wer ich bin.« Was auch Nelly Tröstliches zu sagen suchte, es fand keinen Anklang; in allen mildernden Worten fand Sarah nur die Bestätigung ihres eigenen Vorwurfs, auch Nelly über ihr Wesen getäuscht zu haben. Nelly schwieg traurig, sie wußte keine Hilfe und hatte keine Macht gegen die starke Natur, die mit solcher Bestimmtheit ihren Zustand aussprach. Als die Freundinnen sich die Hand zum Abschied gaben, sagte Nelly: »Du schreibst doch wieder, daß ich etwas von Dir weiß?« »Ach nein,« war die Antwort, »was sollte ich Dir schreiben? Wie es mit mir ist, weißt Du nun, ich würde Dir immer dasselbe sagen.« Sarah blieb bei ihrem Wort. Gegen zwei Jahre vergingen, ohne daß Nelly direkte Nachrichten von ihr erhielt. Dann endlich ließ sie Nelly wissen, sie gedenke ihre Heimat für längere Zeit zu verlassen, um im Diakonissenhause zu K. die Krankenpflege gründlich zu erlernen und derselben zu leben. Sarah als Krankenpflegerin! Sie, die allem Leiden immer aus dem Wege gegangen war! Nelly hatte keinen Begriff davon, wie dies gekommen und wie es werden sollte. Die Jahre gingen dahin. Nelly hatte ihr Vaterhaus verlassen; sie hatte sich nach der nahen Stadt verheiratet und ging den Weg der gewöhnlichen Menschenkinder. Für Sarah hatte sie das alte Herz bewahrt, auch immer Mittel und Wege gefunden, von ihr zu hören. Sie mußte ganz ihrer Arbeit leben; ihre Worte nach der Heimat waren kurz, immer von steigendem Interesse an dem begonnenen Werke zeugend. Jahre mochten vergangen sein, als Nelly zu ihrer Freude vernahm, Sarah würde der Bitte Folge leisten, dem kleinen Spital ihrer Heimat für einige Zeit zu Hilfe zu kommen und mit Rath und That einzustehen: das besetzte Haus bedurfte einer erfahrenen Kraft. IV. Die Julisonne lag warm über den alten Föhren des Hochwaldes, aber sie drang nicht hinein bis auf den dunkeln See, dessen Wasser tief und unbeweglich lag wie vor Jahren, da Nelly so oft jenen schattigen Waldweg hinauf gewandert war, den sie eben wieder erblickte und dann unter den dichten Tannen verschwinden sah. Dort erhob sich auch die Felswand, an deren Fuß das Krankenhaus steht, nach dem Nellys Augen ausschauten. Noch heute wollte sie nach dem Spital hinaus gehen, denn Sarah mußte sie sofort sehen, erklärte Nelly ihrer Kranken, mit der sie eben in die alte Stadt einfuhr, um hier die Nacht zu bleiben. Am folgenden Tag wollten sie ihre Reise fortsetzen nach dem besuchten Kurort hoch oben im Gebirge. Dort sollte die Kranke mehrere Wochen verweilen, um Linderung für ihre langwierigen Leiden zu finden, und Nelly sollte bei der alleinstehenden Freundin bleiben. Bei ihrer Rückkehr sollte der Aufenthalt in der alten Stadt etwas länger sein, jetzt mußte Nelly der Kranken folgen und sich mit dem einen Abend begnügen, denn die Zeit der Badekuren war da, und im Gebirge ist sie kurz. Schon hatte die Reisende sich zur Ruhe gelegt, als Nelly durch den lichten Abend hin dem alten Hause unter den grauen Felsen zuging. Um das Haus herum war es still; sie öffnete die schwere Thür – da stand Sarah vor ihr, sie hatte den Besuch erwartet. Sie führte Nelly nach ihrem eigenen Zimmer. Es war ein schmaler Raum, wo ihr Bett stand, ein Kasten daneben, ein Stuhl davor, das war alles, der Raum war ausgefüllt. Auf dem Stuhl saß Nelly, vor ihr, auf der Kante des Bettes saß Sarah, zwischen beiden war kein Raum mehr, sie verlangten ihn auch nicht. Für einmal hatte Nelly auch nicht Zeit, sich umzusehen, sie konnte ihre Augen nicht abwenden von dem lieben Angesicht, das sie wiedersah. Das mußte die alte Sarah sein! Das waren die sonnigen Augen von ehemals, und hatten sie nicht heute einen Ausdruck stillen Glückes, wie sie ihn noch nie darin gesehen? Alle Schatten waren verschwunden, ein milder Sonnenschein schien über Sarahs ganzes Wesen ausgegossen zu liegen. Die alten Genossinnen hatten sich sogleich wieder gefunden, und Nelly fand ihren ersten Eindruck von Sarahs Wesen durch ihre Worte völlig bestätigt. Ja, das war die frische, entschlossene, die thatkräftige Natur von ehemals, und doch, welche Veränderung war mit Sarah vorgegangen! Die offene Thür ihres Zimmerchens führte in die Krankenstube, wo ihre Patienten lagen; es waren mehrere Kinder. Ein kleines Mädchen von zwei bis drei Jahren mußte sehr leidend sein; alle Viertelstunden fing es an zu wimmern und zu klagen. Augenblicklich brach Sarah dann die Unterhaltung ab und lief hinüber. Sie hob das Kind aus dem Bett und trug es herum, tröstend und beruhigend, mit der Zärtlichkeit einer Mutter. Immer wieder kam die Unterbrechung, immer wieder lief Sarah und nahm das Kind in ihren Arm mit derselben Ruhe, mit derselben Geduld und Freundlichkeit. Nelly sah ihr mit unverhehltem Erstaunen zu. Das war dieselbe Sarah, die ehemals eine leise Störung schon in Aufruhr bringen konnte, die sich abwandte von allem, was irgendwie ein Weh und Leiden war. »Ich weiß, was Du denkst,« sagte Sarah, als sie Nellys Blicken begegnete. »Sieh, seit ich weiß, wie Leiden thut, ist mir nirgends mehr so wohl wie an Leidensstätten, wo ich helfen und lindern kann.« Während Sarah ihre Kleine besänftigte, hatte Nelly Muße, sich in dem Raume umzusehen, wo sie sich befand; es brauchte nicht viel Zeit, ihn gänzlich zu kennen. »Nicht wahr, Sarah,« sagte Nelly, als das Kind einmal wieder ruhig war, »die Selbstsucht hast Du Dir doch hier nicht mehr vorzuwerfen?« »O,« entgegnete Sarah fröhlich, »das ist alles so anders jetzt! Selbstsüchtig war ich immer und kann es jetzt noch sein, mitten im Drangeben, aber ich will es nicht und muß mich nicht mehr abhärmen, wie damals. Ich habe mich einmal für immer mit allem, was ich bin, meinem Herrn übergeben nach Seinem eigenen Willen, und seither habe ich Ruhe und Frieden und kann diese zu jeder Zeit wieder neu bei Ihm erhalten. Was auch an mich komme, das mich beunruhigen will, alles bringe ich gleich vor meinen Herrn und lege es in Seine Hand; muß ich es dann auch wieder aufnehmen, so ist es schon ein anderes geworden, es beunruhigt mich nicht mehr.« »Sarah,« sagte Nelly, »mir ist, Du stehst jetzt zu Deinem Herrn in demselben persönlichen Verkehr, den Du einmal so gefürchtet hast.« »Ja wohl, ja wohl,« rief Sarah aus. »Als eine Enge und Beschränkung fürchtete ich, was mir das beglückende Gefühl der Freiheit, der Befreiung von mir selbst mit all' der schweren Schuldenlast, die auf mir lag, gegeben hat. O, wie anders war das innere Leben jener Menschen, als ich es verstand! Nur das Gefühl ihres Seelenadels und ihrer Überlegenheit in der Ruhe einer unerschütterlichen Überzeugung hatte ich klar und untrüglich.« Nelly wollte gern wissen, wie es Sarah bei Heinrichs Mutter ergangen war. Sie wußte, daß Sarah diese besucht hatte zur Zeit ihres Aufenthalts im Diakonissenhause, das nicht sehr weit von dem stillen Hause am Rhein entfernt steht. Sarah erzählte bewegt, wie rührend herzlich die Mutter sie aufgenommen und als ihr eigenes Kind behandelt habe. Heinrich war rasch und still von der Erde weggegangen; ein hitziges Fieber hatte seine Kräfte schnell aufgezehrt. Er wußte klar, daß sein Ende da war, und sprach mit seiner Mutter ruhig über sein Weggehen und ihr Wiedersehen nach kurzer Zeit. Eins seiner letzten Worte an die Mutter, wie diese Sarah erzählte, war gewesen: »Daß nur Sarah den Weg zur Seligkeit finden möge! Sprich Du ihr davon, Mutter, Du thust es besser, als ich es thäte.« Aus dem Fenster, um das der Epheu sich rankte, wie ehemals, sah Sarah auf dem Gottesacker drüben das weiße Marmorkreuz erglänzen, das auf Heinrichs Grabhügel steht. Noch eins mußte Nelly wissen, wie es möglich war, daß Sarah sich zur Krankenpflege wenden konnte. Noch war ihr Sarahs innerer Lebensgang aus all' den Jahren unbekannt geblieben. Sarah war ganz willig, ihr alles zu erzählen, was sie erlebt und was sie auf diesen Weg geführt hatte. »Nur darfst Du meiner Kleinen nicht böse werden, wenn sie immer wieder ruft, so daß ich nur stückweise erzählen kann,« sagte sie. Und so mußte sie auch erzählen, was sie erlebt, das Kind konnte sie nie lange entbehren. In dem Zustande, wie Nelly sie gesehen hatte, gefoltert von Reue und Vorwürfen, war Sarah Monate lang geblieben. Sie hatte sich von all' ihren Bekannten zurückgezogen, jede Berührung mit der Außenwelt war ihr unerträglich, allen Menschen ging sie aus dem Wege. »Du erinnerst Dich noch an den einsamen Waldsee?« frug Sarah, weiter erzählend. »Dort hinauf ging ich jeden Abend, bis hinein unter die Föhren, wo nichts mehr zu hören ist als ihr Rauschen. Da saß ich und schaute in das dunkle Wasser und bewegte meine traurigen Gedanken hin und her. Ein paarmal schon war ich einer armen Frau begegnet, wenn ich in den Wald hineintrat, immer dieselbe, sonst trifft man ja so selten einen Menschen da droben. Sie huschte immer wie erschreckt an mir vorbei und sah leidend und kummervoll aus. Eines Abends, als ich, an die alte Föhre gelehnt, im Schattendunkel saß, sah ich die Frau daherkommen; sie trat ganz nahe an den See heran und rang jammervoll die Hände. Ich sprang auf und zu ihr hin und fragte, was ihr sei. Sie zeigte auf die dunkle Tiefe und sagte kläglich: »Da ist er hineingefallen.« »Wer? Wann?« rief ich entsetzt. »Frau, ruft doch um Hilfe!« Halb verwirrt schaute sie mich an und fragte wie zur Hoffnung erwachend: »Kommt er denn wieder?« Ich lief dem Waldweg zu nach Hilfe. Nun lief die Frau mir nach, hielt mich fest und sagte in trostlos traurigem Tone: »Nein, nein, ich weiß jetzt wieder alles, er kommt nicht mehr oben auf.« Ich setzte mich am Wege nieder, es war auf unserm alten Baumstamm, Nelly – und bat die Frau, sich zu mir zu setzen und. mir zu erzählen, wen sie verloren habe. Nun erst sah ich, wie abgezehrt und elend die Arme aussah, und welch trostloser Ausdruck in den halb erloschenen Augen lag. Sie sagte mir, ihr kleiner Jörgli sei da hinein gefallen. Sie habe Moos gesucht zum Verkauf, der Kleine sei unter der Föhre gesessen; dann müsse er aufgestanden sein, sie habe auf einmal das Plätschern im Wasser gehört, und wie sie hinschaute, sah sie nur noch Jörglis Händchen, das er aus dem Wasser streckte, als sollte sie es fassen und ihn halten. Das Kind ertrank. Von da an war die Frau nicht mehr klar in ihrer Erzählung. Sie sagte, es habe ihr das keine Ruhe gelassen, daß sie nicht nach dem Kind gesehen; wenn sie schon das Arbeiten nötig gehabt habe, das hätte sie doch thun können, und nachher sei sie auch jeden Abend hinaufgegangen, daß sie ihn herausziehen könne, wenn er noch das Händchen strecke. Die Frau sah so jammervoll aus, wie sie so sprach, daß es mir das Herz bewegte. Ich fragte, wie lange es her sei, seit das Kind ertrunken, sie wußte es nicht. Jörgli sei drei Jahre alt gewesen, das wußte sie, und daß sein Vater kurz vorher gestorben war. Sie sagte mir noch, sie könne fast nichts mehr thun, sie sei fast blind, aber sie könnte schon noch sein Händchen sehen, wenn er es ausstreckte. Immer kam sie darauf zurück und wurde dann unklar, Vergangenheit und Gegenwart flössen ihr da ineinander. »Hätte ich nur zu ihm gesehen!« war immer ihr letztes klägliches Wort. Sarahs Teilnahme für die Frau war lebendig geworden. Ein tiefes Verständnis für dieses quälende Zurückblicken, das ruhelose Wiederholen eines alten Weh's und Unrechts drängte sie, irgend wo Trost und Hilfe zu finden für die arme Frau. Sie ging zum Arzt, der am Armen- und Krankenhaus stand, und fragte ihn um Rat. Er kannte die Frau schon lange und sagte Sarah, da sei nichts zu thun, die Frau lebe seit mehr als zwanzig Jahren in diesem Zustand, sie werde es aber nicht mehr lange so fort machen, sie sei krank und habe ausgelebt. Zum erstenmal seit langer Zeit wurde Sarah von ihrem eignen Zustande abgezogen und von dem Leiden eines andern bewegt. »Ich meinte, ich müßte ihr helfen können,« fuhr Sarah fort, »wenn ich sie so jammervoll dahin schleichen sah. Ich lief ihr nach, an den See hinauf, nicht mehr um für mich hinzusitzen, ich setzte mich zu ihr hin und suchte in mir herum und sagte ihr Tröstliches, was ich wußte. Aber es ging ihr nichts ein, ich wußte auch so wenig. Es mußte aber doch irgend einen Trost für diese gequälte Seele geben. Ich fragte sie, ob sie nicht beten könne, der liebe Gott habe schon manchem so geholfen. Sie antwortete mir traurig: »Nein, eben nicht, die Worte halten mir nicht mehr aneinander, und dann kommt das Alte dazwischen, und ich sage: hätte ich doch zu dem Kind gesehen!« »Sie möchte wohl gern beten, sagte ich mir, aber wie ihr helfen damit! Du weißt, Nelly, wie es da mit mir selbst stand. Da kam mir der Gedanke: Eins muß sie doch kennen, das kann sie behalten, und wie wir das nächste Mal wieder am See saßen, sagte ich der Frau, ich wüßte, was ihr wohlthun könnte, sie sollte immer gleich, wenn ihr das ›Alte‹ aufsteigen wolle, so beten: ›Erlöse uns von dem Bösen, denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit Amen.‹ Die Worte waren ihr bekannt, sie versprach, so zu thun. Die Frau hatte mich so tief beschäftigt, daß ich alle die Tage durch rechte Ruhe vor mir selbst hatte. Aber das ›Alte‹ stieg auch mir wieder auf und brannte in mir. Ich hatte so dringend gewünscht, der Armen zu helfen, daß ich mich recht in den Gedanken vertieft hatte, wie mein Rat ihr Linderung bringen könnte. Es drängte mich nun, ihm selbst zu folgen, und ich that, wie ich der Frau geheißen, und betete immerfort über die aufsteigenden Gedanken weg jene Worte, und immer tiefer aus dem Herzen heraus kam mir das Flehen: Erlöse uns von dem Bösen! Und eine stillende Zuversicht kam über meine Seele, wenn ich wieder sagte: denn Dein ist die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit! Die Frau wurde bald nachher krank und schwachte schnell aus. Ich besuchte sie oft; sie war still und dankte mir, daß ich ihr die Worte des Gebetes ins Gedächtnis gerufen, sie hätten ihr wohlgethan, sie bete sie fast immer. Ich hatte ihr mehr zu danken, als sie mir. Als die Frau gestorben war, empfand ich eine große Lücke. Es zog mich zu den Leidenden, mit ihnen zu sein, ihnen Hilfe und Teilnahme zu bringen. Ich war sogleich entschlossen, und welcher Gewinn und welche Freude ist mir dann an den Betten meiner Kranken geworden! Und jene Worte,« schloß Sarah, »sind mein liebstes Gebet geblieben. Wie gründlich hat es mein Herz erfahren dürfen, daß unser Herr erlösen kann und will von allem Bösen, denn Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit!« Es war spät geworden. Wie ungern verließ Nelly den kleinen Raum im alten Spitalgebäude; doch stand ja das Zusammentreffen bevor nach der Rückkehr aus dem Hochthal. V. Die vierte Woche der Kurzeit ging zu Ende, als Nelly einen kurzen Brief von Sarah erhielt, in welchem diese den Wunsch äußerte, Nelly möchte das Ihrige thun, daß der Aufenthalt nicht länger hinausgezogen würde. Warum Sarah dies wünschte, fügte sie in wenigen Worten bei, alles Nähere wollte sie Nelly mündlich mitteilen. Die wenigen Worte bewegten Nelly tief. Sie war froh, daß ihre Freundin schon einen der nächsten Tage zur Abreise aus dem Hochthal bestimmt hatte. An einem sonnigen Augusttage, da über den dunkeln Arvenwäldern der wolkenlose Himmel lag, fuhren die beiden die Alpenstraße hinunter, begleitet vom Rauschen der vollen Bergbäche, die allerwärts hoch über die Felsen herunterschäumten. An Nellys Augen gingen heute die Dinge vorüber wie im Traum; ihre Gedanken waren fern ab auf vergangene Tage gerichtet, und Bilder einer andern Gegend und lang verschollener Menschen stiegen vor ihr auf. Was Sarah ihr in wenig Worten mitgeteilt, war ein Vorfall, der sich seit Nellys Abwesenheit im Spital ereignet hatte und den sie bei ihrer Ankunft eingehend von Sarah vernehmen sollte. Wenige Tage, nachdem Nelly die Abendstunden im Krankenhaus zugebracht hatte, brachte der Geistliche der Anstalt Sarah die Nachricht, es müßte ein schwer Leidender aus dem Stadtgefängnis nach dem Spital gebracht werden, es könnte für den Moment kein anderer Weg gefunden werden, um ihm die nötige Pflege zu teil werden zu lassen. Der Geistliche setzte hinzu, Sarah werde Geduld nötig haben, der Kranke sei so verhärtet und verstockt, daß kein Wort von ihm heraus zu bringen sei; er selbst habe all' die langen Wochen hindurch, da er den Sträfling besucht, trotz aller Mühe keinen Weg zu seinem Herzen gefunden und genugsam bemerken können, daß all' seine wohlgemeinten Worte nichts als Ärger und verhaltenen Grimm in dem Menschen erzeugt hätten. Er war im Oberland eingezogen worden, wo er sich an einem ruchlosen Raufhandel beteiligt hatte, bei dem ein Totschlag begangen worden war. Noch saß er in Untersuchungshaft; es war kein Zweifel, daß er für Jahre im Zuchthaus bleiben würde. Es war nicht das erste Mal, daß Sarah mit solchen Leuten zu thun hatte; sie scheute auch nicht vor ihrer Aufgabe zurück. Für diese elendesten der Erdengeschöpfe hatte sie das tiefste Mitleiden, denn mit schuldbeladenen Herzen zu leiden, kannte sie als die schwerste aller Lasten. Der Kranke wurde auf einer Tragbahre gebracht und in sein frisches Bett nach dem für diese Leute bestimmten Zimmer getragen. Dann trat Sarah bei ihm ein. Er mußte ein junger Mann im Anfang seiner besten Jahre sein; doch zeigten die schon reichlich mit Grau gemischten Haare und der eingefallene Körper, daß über den Menschen vieles gegangen war, das am Leben zehrt. Der Kranke lag still mit geschlossenen Augen da. Er hatte kein unedles Gesicht, aber es sah elend und verkommen aus. Um Mund und Augen lagen tiefe Linien, die Leiden und Leidenschaften eingegraben hatten. Sarah betrachtete den Kranken, er rührte sich nicht, er schien eingeschlafen zu sein. Ein guter Schlaf mußte ihm besser thun als die Arzneien, die Sarah ihm reichen wollte, sie verließ das Zimmer. Als sie nach einer Stunde wieder eintrat, im Moment, da sie die Thür aufmachte, kehrte sich der Kranke der Wand zu und lag wieder regungslos. Sarah trat an sein Bett und redete ihn an, nun wußte sie, daß er nicht schlief. Er gab keine Antwort. Sarah stellte ihr Schüsselchen mit Suppe auf den Tisch am Bett; er rührte sich nicht. »Ich hätte gern, daß Sie sich aufrichten möchten, Sie sollten etwas genießen.« Ohne ein Wort zu sagen, richtete sich der Kranke mit Mühe in die Höhe. Sarah half sachte nach und stützte den müden Körper mit ihrem Arm. Der Kranke nahm einige Löffel Brühe zu sich, dann wandte er sich ab und legte sich wieder hin. Drei Tage vergingen in dieser Weise. Sarah besorgte schweigend den Kranken; da sie nie eine Antwort, noch irgend ein Wort von ihm empfing, so that auch sie ohne Worte, was zu thun war. Sie brachte ihm seine Arzneien, seine Nahrung; sie richtete den Kranken leise auf, wenn seine Kräfte nicht hinreichten; sie legte ihm die Kissen zurecht, daß er gut liege, und kam immer wieder, um zu sehen, was ihm mangeln könnte. Am Abend des dritten Tages trat sie mit der neuen Arznei bei ihm ein, die der Arzt gegen das zunehmende Fieber verordnet hatte. Der Kranke lag fieberheiß auf seinem Kissen, die Augen halb geschlossen, leise stöhnend von Zeit zu Zeit. Unruhig fuhr er mit der Hand auf der Decke umher, Sarah konnte sehen, daß ein unwillkürliches Zucken sie umherwarf. Sie setzte sich an sein Bett und legte ihre kühle Hand auf die fieberheiße, die bald ruhig wurde. Eine Zeit lang lag der Kranke still und beruhigt da, dann sagte er halblaut: »Sie sind gut gegen mich; wissen Sie, woher ich komme?« »Ja, ich weiß es,« antwortete Sarah. Zum erstenmal richtete der Kranke seine tiefliegenden Augen auf Sarah und sah sie schweigend an. Scheu und Trotz, körperliches Leiden und tieferes Elend noch lagen in diesen Blicken gemischt. Sarah schaute auf den gebrochenen Menschen, und ein inniges Erbarmen um ihn erfaßte ihr Herz und drängte ihr die Thränen in die Augen. »Warum sind Sie so gut mit mir?« fragte der Kranke. »Sie sind sehr leidend,« entgegnete Sarah. »Ich möchte gern etwas zu Ihrer Erleichterung thun; sagen Sie mir's, wenn Sie etwas wünschen.« Es lag ein großes Erstaunen in dem Ausdruck der dunkeln Augen, die auf Sarah geheftet waren. Der Kranke sagte nichts mehr; er blieb ruhig liegen. Sarah verließ ihn nach einer Weile. Als sie später noch einmal bei ihm eintrat, hielt der Kranke ihr kleines Notizbuch in der Hand, das sie auf seinem Bette hatte liegen lassen. Es war ein altes, langgebrauchtes Büchlein, das ihr vor Jahren Nelly geschenkt hatte. Noch stand auf dem ersten Blatt das verjährte Datum und der Name von Nellys Heimat, den diese hineingeschrieben hatte. »Waren Sie auch schon da?« fragte der Kranke auf den Namen zeigend, als Sarah eintrat. »Ja wohl,« entgegnete sie, froh, einen Faden der Anknüpfung mit dem Kranken zu finden. Sie sagte ihm, daß eine nahe Freundin von ihr früher da gewohnt habe, Nelly, die Tochter des Arztes. »Kennen auch Sie die schöne Gegend?« fragte sie dann. Der Kranke wandte sich ab; er drückte den Kopf in die Kissen und brach in ein lautes Schluchzen aus. In Schrecken und Erstaunen stand Sarah da. Ein Gedanke stieg plötzlich in ihr auf: Sollte Nelly damals am Waldwege recht gesehen haben? Sie entfernte sich leise und ließ den Kranken allein. Als sie am folgenden Morgen in sein Zimmer kam und ihn erfrischter fand, trat sie an sein Bett heran, ergriff seine Hand und sagte: »Sie tragen nicht Ihren rechten Namen, Sie heißen Robert S. Bestätigen Sie mir dies, ich meine es gut mit Ihnen.« Der Kranke war überrascht. »Was können Sie von mir wissen?« sagte er trotzig. Sarah setzte sich zu ihm hin und erzählte ihm, daß sie lange schon von ihm gewußt, wie Nelly ihr von ihren Kindertagen erzählt hätte und von dem vergeblichen Bemühen ihrer Eltern, etwas weiteres von ihm zu erfahren. Der Kranke war Robert S. – Er schien nicht begreifen zu können, was Sarah ihm sagte. Er hatte geglaubt, sein Name und sein Gedächtnis seien längst für alle Menschen verschollen und vergessen. Zum erstenmal, seit Sarah den Kranken gesehen, kam ein Ausdruck warmer Erregung auf sein Gesicht, und als sie bald nachher sich entfernen wollte, hielt er ihre Hand fest und bat, daß sie noch bei ihm bleiben möchte. »Ich will gern bei Ihnen bleiben, wenn es Ihnen lieb ist,« sagte Sarah, sich wieder zu ihm setzend, »vielleicht haben wir nicht mehr viel Zeit miteinander zuzubringen. Wissen Sie, daß Sie sehr krank sind?« »Ja, ich spüre es,« antwortete er. »Muß ich wohl sterben? Muß ich bald sterben?« »Ja, ich glaube, daß Ihr Ende nahe ist,« entgegnete Sarah. Der Kranke stöhnte. »So kann ich nicht mehr aufkommen?« Wie bittend sah er zu Sarah auf; sie schwieg. »Es ist aber gut, wenn einmal alles fertig ist,« stieß er dann in desperatem Ton heraus. »Sie müssen sich nicht täuschen,« sagte Sarah; »unser Leben ist nie fertig. Haben Sie das nie gehört?« »Das ist mir auch ganz gleich,« entgegnete Robert; »komme was will, schlechter kann's nicht kommen. Mein Leben lang ging's schlecht mit mir. Seit die Mutter tot ist, hat mich nie ein Mensch mehr freundlich bei der Hand genommen, wie Sie jetzt thun, und wenn ein Gott im Himmel ist, so hat er mich auch laufen lassen.« »Wie wissen Sie denn das?« fragte Sarah. »Ja, wie ich das weiß? Weil – weil – eben weil es mir so schlecht ergangen ist!« »Wenn aber der liebe Gott die ganze Zeit acht auf Sie gehabt und erwartet hätte, daß Sie bei Ihm Hilfe suchten, da es Ihnen schlecht ging? Haben Sie das auch einmal gethan?« »Nein.« »Wenn nun dennoch unser Gott heute Sie ruft und bei der Hand nehmen will, eh' Sie in die Ewigkeit übergehen, ist Ihnen das nicht ein Zeichen, daß er Sie nicht laufen läßt und nie hat laufen lassen?« »Wie ruft Er mich denn heute?« Halb wegwerfend, halb erstaunt stieß der Kranke seine Frage aus. »Robert,« sagte Sarah bewegt, »Sie stehen am Eintritt in die Ewigkeit, Sie haben ein sehr dunkles Leben hinter sich. Ich habe keine Ruhe Tag und Nacht, weil ich Ihren Zustand sehe; und diese Unruhe um Sie und den brennenden Wunsch, daß Sie jetzt die Stimme Gottes hören und von Ihm gnädig angenommen werden möchten, eh' Sie die Augen schließen, hat mir unser Herr im Himmel selbst ins Herz gegeben. Ich bete unablässig dafür, daß Sie bußfertig und selig sterben können.« Ganz verwundert schaute Robert seine Pflegerin an. »Hätte ich nur früher Sie gekannt, jetzt ist ja alles zu spät;« sagte er weich. Dann wie ablenkend, oder durch einen innern, unausgesprochenen Zusammenhang veranlaßt, fragte er plötzlich: »Wo lebt Nelly jetzt?« Sarah erzählte ihm, daß Nelly ihr Vaterhaus verlassen habe, und wie es ihr erging. Sie sagte ihm auch, eben jetzt verweile Nelly in den Bergen und werde auf ihrem Heimweg das Spital besuchen, ob er nicht wünsche, sie zu sehen. »Nein, nein,« rief er erschrocken aus, »ich will niemand sehen; sie würde mich auch nicht mehr kennen,« setzte er mit dem traurig weichen Ton hinzu. Sarah sagte ihm, Nelly müsse ihn einmal schnell erkannt haben. Sie fragte dann Robert, ob er damals schon hier gewesen sei. Nelly hätte gehört, er wäre nach Amerika gegangen. Robert war damals wirklich da gewesen. Er erzählte Sarah, sein Vater habe mit ihm und seinem Bruder die Heimat verlassen, um sich nach Amerika einzuschiffen. Er sprach nie über seine Angelegenheiten, auch nicht mit dem altern Sohn, er war finster und schweigsam wie immer. In einem abgelegenen Orte, wo sie schon einige Tage verweilt hatten, die Jungen wußten nicht warum, kehrte der Vater eines Abends nicht mehr in die Herberge zurück. Er wurde nachher im Wald aufgefunden, er hatte selbst Hand an sein Leben gelegt. Den Söhnen hinterließ er nichts. Der Ältere schickte Robert nach dem ursprünglichen Heimatsorte ihres Vaters, wo für ihn gesorgt werden mußte, er selbst wollte sich schon durchhelfen, er blieb dabei, nach Amerika zu gehen; Robert hatte nie mehr von ihm gehört. Er selbst kam nach dem kleinen Grenzort, wo sein Vater herstammte, und wurde vom Geistlichen des Orts in einer Haushaltung untergebracht, wo er bis zu seiner Konfirmation verweilte. Sobald diese hinter ihm lag, strebte er fort. »Ich kannte einen Burschen im Ort,« erzählte Robert weiter, »der hatte Verwandte hier in der Gegend, dort hinauf, gegen das Oberland zu. Der sagte mir, es werde droben eine Bergstraße gebaut, da könnten wir viel Geld verdienen und nachher mit einander nach Amerika gehen. Wir gingen hinauf und bekamen Arbeit und guten Lohn. Aber ich will nicht mehr erzählen, wie es da zuging,« sagte Robert, plötzlich abbrechend. »Ich wollte von Zeit zu Zeit fort, dann war das Geld wieder weg, so habe ich wohl zwölf Jahre fort gemacht. Wir zogen von einem Orte zum andern; sie haben weiter hinten im Land auch Straßen gebaut, keine rechten, es war alles ein miserables Zeug.« – »Robert,« sagte Sarah, »haben Sie nie daran gedacht, sich einmal wieder an die alten Bekannten zu wenden? Nellys Eltern hätten schon um Ihrer Mutter willen Sie gut aufgenommen.« »Ja die Mutter! Ja, wenn die Mutter gelebt hätte!« schluchzte Robert auf. »Wie hätte ich ihren Bekannten nachgehen dürfen, ich war so herunter gekommen, so – so – o, ich bin froh, daß mich die Mutter nie hat sehen müssen.« Robert verbarg sein Gesicht in die Kissen. Er mußte nun Ruhe haben. Ohne ein weiteres Wort legte Sarah seinen müden Kopf auf dem Kissen zurecht und verließ das Zimmer. Die Kräfte des Kranken nahmen rasch ab, der Arzt gab ihm nur noch wenige Tage. Als Sarah wieder an seinem Bette saß und auf das eingefallene Angesicht mit dem hoffnungslosen Ausdruck schaute, brannte ihr Herz vor Weh und Mitleid. »Robert,« sagte sie, »wenn Ihre Mutter Sie jetzt sähe und Ihr ganzes vergangenes Leben überschauen könnte, glauben Sie nicht, daß ihr das Herz vor Jammer und Erbarmen über all' Ihr Elend brechen würde?« »O ja! O ja!« stöhnte der Kranke. »Ja wohl!« wiederholte Sarah. »Und wie diese Mutter auf Sie blicken würde, so schaut jetzt unser Herr im Himmel auf Sie nieder voll Mitleid und Erbarmen. Rufen Sie Ihn an, daß Er Ihnen vergebe, daß Er Ihnen die Last der Sünde, die auf Ihrem Herzen liegen muß, abnehmen und Sie gnädig aus diesem Leben hinaus führe und zu einem seligen Leben erwachen lasse.« »Ich kann nicht diesen Herrn anrufen,« sagte Robert, wie scheu. »Er würde mich auch nicht anhören, Sie wissen nicht, wie das ist.« »Haben Sie eine große Schuld auf dem Gewissen, die Sie nicht bekennen dürfen, und die Sie ängstigt?« fragte Sarah bekümmert. »Haben Sie diesen Totschlag begangen, den Sie nicht eingestehen wollten?« »Das weiß ich nicht, ich sage da, was wahr ist,« erwiderte er und schaute Sarah dabei in die Augen, daß sie wußte, so war es. »Wir haben alle auf einander geschlagen, wir waren alle ganz betrunken. Erst am andern Morgen hörte ich, daß einer tot auf dem Platze geblieben sei. Aber das ganze wüste Leben, das hinter mir liegt, das kann ich nicht mehr gut machen, und wo ich hinsehe, ist es wie da, wo es mit dem Totschlag geendet hat.« »Robert,« sagte Sarah, »unser Herr Jesus ist auf diese Erde gekommen für die armen, elenden Sünder, die nichts mehr gut machen können; denen will Er helfen, diese haben Ihn nötig. Legen Sie Ihr ganzes schuldbeflecktes Leben vor Ihm nieder und flehen Sie zu dem, der alle Schuld auf Sich genommen; Er kann und will Ihnen auch die Ihrige abnehmen und Ihr Gewissen frei machen, daß Ihnen einmal noch wohl werden kann.« Robert schaute mit gespannten Blick auf Sarah hin. Als sie schwieg, sagte er mit verlangendem Tone wie ein Kind: »Ich wollte gern, aber ich kann es nicht; wenn Sie nur alles für mich thun könnten.« Nun kniete Sarah nieder an seinem Bett und rief für ihn zu dem Herrn, der die Sünder und Elenden heißt zu Ihm zu kommen, daß sie Ruhe finden für ihre Seelen. Sarah umging die Wahrheit nicht. Sie legte für Robert das Bekenntnis eines schuldbeladenen Lebens ab vor dem Herrn und sprach es aus, daß ein elender Sünder vor Ihm liege und um Vergebung und Errettung flehe. »Ja, ja,« schluchzte Robert hie und da dazwischen, »so ist's, so ist's.« Als Sarah aufstand und sich entfernen wollte, suchte der Kranke sie zurückzuhalten. »Gehen Sie nicht mehr von mir weg!« sagte er bittend: »wenn Sie da sind und für mich beten, so kann ich noch Vergebung erhalten und es kann mir noch wohl werden.« »Nein, Robert,« erwiderte Sarah, »Sie müssen selbst und allein vor unsern Herrn treten, und Er muß zu Ihnen allein reden, nur so kann Ihre Seele zur Ruhe kommen. Ich konnte Ihnen nur den Weg zeigen; gehen Sie ihn nun auch,« und Sarah hielt ihm bittend die Hand hin, ehe sie das Zimmer verließ. Als sie am Morgen darauf zu ihm eintrat, saß er mit gefalteten Händen auf seinem Lager. Zum erstenmal, seit sie ihn kannte, lag ein Lächeln auf Roberts Angesicht. »Es geht Ihnen gut, ich sehe es,« sagte Sarah, »wie war die Nacht?« »Geschlafen habe ich nicht,« antwortete er, »aber es geht mir gut. Ich habe fast die ganze Nacht gebetet. Ich konnte es thun, weil Sie sagen, für die Sünder und die Elenden sei der Herr Jesus gekommen, denen wolle er helfen. Ich habe mein ganzes Leben vor Ihm abgelegt, daß es mir ganz leicht wurde; aber ich hätte noch zwei Wünsche an Sie: Ich wollte gern noch vor Ihnen alles bekennen, wie es mit mir war, und dann möchte ich gern von Ihnen hören, ob unser Herr auch schon einen angenommen hat, wie ich bin?« An dem Tage machte sich Sarah von aller andern Pflege frei und blieb an Roberts Seite. Sie hörte seine Bekenntnisse an, sie waren ihr nicht überraschend. Es war das Leben eines Verirrten, der in den Tiefen des Erdenschlammes seine Tage verloren hatte. Nun er selbst mit Abscheu davon sprach, konnte Sarah ihn ruhig anhören. Dann holte sie ihre Bibel und las ihm vom verlornen Sohn, wie der Vater den Reuigen in seine Arme nimmt, und Robert rief auflebend aus: »Das ist für mich! Ist das auch alles für mich?« »Das ist für Sie, und an Sie ergeht solch' freundlicher Ruf,« und Sarah las ihm die Worte: »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.« Als sie ihm noch vom Schächer am Kreuze las, wurde Robert sehr bewegt: »O, lesen Sie es noch einmal, was ihm der Heiland verspricht,« sagte er verlangend, »das war einer wie ich bin.« Dann sagte er noch einmal leise: »Heute noch wirst Du mit mir im Paradiese sein: Kann es auch sein für einen, wie ich bin!« Roberts Kräfte sanken. Er lag still da, aber sein belebtes Auge sagte, daß ein inneres Leben in ihm rege war. Sarah verließ ihn nicht mehr, sie sah wohl, daß das Ende nahe sein mußte. Gegen Abend kamen große Bangigkeiten. Der Kranke sagte selbst, er fühle das Ende nahe. Er hielt die Hand seiner Pflegerin und dankte ihr wie ein Kind für alles, das sie an ihm gethan. Einmal sagte er: »Ich möchte auch Nelly noch grüßen lassen.« Sarah stützte den Kranken mit ihrem Arm. Er betete leise; sie that dasselbe in ihrem Herzen. Das junge Leben hatte noch einen harten Kampf zu bestehen, ehe es brechen konnte. Als die schweren Seufzer der Brust des Sterbenden entstiegen, flehte Sarah mit lauter Stimme: »Wenn ich einmal soll scheiden, So scheide nicht von mir, Wenn ich den Tod soll leiden, Alsdann tritt Du herfür. Wenn mir am allenbängsten Wird um das Herze sein, Dann reiß mich aus den Ängsten, Kraft Deiner Angst und Pein.« Der arme Roby war allen Ängsten entrissen, er war verschieden in Sarahs Arm. Um diese Zeit, als die Dämmerung sich um die grauen Felsen lagerte, fuhr Nelly durch das alte Stadtthor ein. Von fern schon hatten ihre Blicke nach dem grauen Gebäude unter den Felsen ausgeschaut; sie sah die ersten Lichter aus den Fenstern scheinen, hinzugehen war nicht mehr an der Zeit. Als sie dann am frühen Morgen darauf bei Sarah eintrat, führte diese sie schweigend nach dem kleinen Gartenzimmer. Da lag Roby auf seinem weißen Bette. Er mußte es ja sein; aber wie anders sah er aus, als er in Nellys Erinnerung lebte! Das waren wohl die krausen Haare, die sie kannte, wie sie voll und schwarz um seine Stirn lagen; sie waren fast alle grau. Und dieses eingefallene Antlitz! Nelly sah das frische Kindergesicht mit den glänzenden Augen noch vor sich, wie es leuchtete im Abendlicht, als sie zusammen saßen an der Halde und das weite Leben vor sich sahen. Noch einmal nahm Nelly Robys Hand in die ihrige und sagte leise: »Schlaf wohl, Roby! Wo wir wieder zusammen kommen, da wird's schön sein, schöner noch als im sonnigen Erdbeergrund!« Unter den wenigen Sachen, die Roby hinterließ, lag ein kleines abgegriffenes Notizbuch. Sarah öffnete es, ob noch etwas von Belang sich darin finden möchte. Sie zog ein zusammengelegtes, völlig vergilbtes Papier heraus und legte es auseinander; es war in allen Falten gebrochen. Nelly stand neben ihr. Auf das Papier war ein Schiff gemalt mit ausgespannten Segeln; die Farben waren gänzlich verblichen. Augenblicklich hatte Nelly ihr Schiff erkannt. Einmal hatte es Robys Thränen getrocknet, nun fielen die ihrigen darauf. Sie legte das vergilbte Blatt noch einmal in die gebrochenen Falten und nahm es zu sich: noch liegt es in ihrem alten Liederbuch. Auf dem einsamen Gottesacker zwischen den hohen Mauern liegt Robys Grab. Das schwarze Eisenkreuz, das darauf steht, haben Sarah und Nelly mit Immergrün umpflanzt. Auf dem Kreuze stehen die Worte: »Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.« Sarah steht nicht mehr am kleinen Spital ihrer Heimat; aber noch geht sie zwischen den Betten der Kranken umher, tröstend und pflegend mit der alten und mit immer neuer Freudigkeit. Sie hat manchen Leidenden dahin geführt, wo er volle Heilung fand, und manch' getrocknetes Auge hat sie noch im Brechen gesegnet. Nelly kann von ihren Fenstern aus die fernragenden Spitzen der Berge sehen, die auf den einsamen Friedhof niederschauen. Sieht sie die Berggipfel im Abendlicht erglühen, so tritt ihr das Bild des armen Roby und seiner bleichen Mutter vor die Seele, und viel altes Leid steigt mit diesen Gestalten vor ihr auf. Aber über Weh und Leid hinaus tönt durch ihre Seele das frohe Wort: »Ich danke Dir, Herr Jesus Christ, Daß Du der Erst' und Letzte bist, Der Anfang und das Ende!« Aus früheren Tagen. Wir saßen auf der Bank unter der einsamen Tanne, die leise ihren Wipfel über uns bewegte; es rauschte nicht mehr darin wie vor Zeiten, die Zweige waren dünn und die Nadeln trocken. Die eine Seite des Baumes hatte keine Äste mehr, es war nur ein halber Wipfel. An der Rinde hatten wohl viele Namen gestanden, halb waren sie überwachsen, halb waren noch tiefe Schnitte zu sehen, wie von schwer vernarbten Wunden. »Wie anders muß der Baum ausgesehen haben in früherer Zeit!« sagte meine Begleiterin. Ja, wie anders damals, als der Baum in voller Frische neben dem langjährigen Gefährten stand, mit dessen Wurzeln die seinigen verwachsen waren tief in der Erde drinnen. Wie anders, als da droben über Einem die vollen Wipfel in einander rauschten, wenn der Föhn dort zwischen den Bergen herausschoß und die weißen Wolken über den Himmel hinjagte! Meine Begleiterin erinnerte mich an ein Versprechen, das ich gegeben hatte, etwas aus jener Zeit zu erzählen; doch war das Versprechen unter einer Bedingung gegeben worden, die ich ihr dagegen in Erinnerung brachte, daß eine fern Weilende ihre volle Einwilligung zu der Erzählung gebe. Noch war keine Antwort auf die geschehene Anfrage erfolgt. Einige Zeit nachher langte der erwartete Brief an, es hieß darin: »Sollte etwas aus meinen Jugendtagen jemandem zur Belehrung dienen können, so mag es immerhin erzählt werden. Bis zu den fernen Hügeln von Wales wird die Erzählung ja nicht gelangen, und im Vaterlande kennt mich kaum einer mehr.« Der Schluß des Briefes lautete: »Ist Dein Bibelbuch mir auch nicht ganz, was Du wünschest, so denken wir ja darin gleich, daß wir noch nicht am Ende unserer Erkenntnis sind. Für einmal habe ich die Befriedigung, eine Lebensweisheit in dem Buche zu finden, die mich immer neu überrascht und die unerschöpflich scheint. Klara.« I. Am Abhange des Bergrückens, auf dem die kleine Kirche des Dörfchens steht, vom Pfarrhaus und einigen anderen ländlichen Wohnungen umgeben, schaut durch die grünen Bäume ein stattliches Bauernhaus, das heißt: der Hennenhof. Lustig gackern auch die alten Hennen mit ihren Scharen von Jungen im Hof um den Brunnen herum, wenn es da noch zugeht wie vor Zeiten. Wenige Schritte vom Haus entfernt steht die große Scheune mit den vielen Kühen darin und dem duftenden Heu hoch oben auf dem Boden, wohin die haushohe Leiter führt, die mit ihrem Locken nach unbekannten Höhen eine unüberwindliche Anziehungskraft ausübte auf unsere strebsamen Gemüter. Der anmutigste Aufenthalt des ganzen Geländes war aber für uns der sogenannte Schopf, eine hölzerne Gebäulichkeit, zwischen Haus und Scheune stehend, in deren unterem Raume allerlei ländliche Gerätschaften aufbewahrt wurden. Eigentlich war dieser Raum bestimmt, die unbenutzten Leiterwagen zu beherbergen; aber Pflüge, Sensen, Holzkörbe, Wasserschöpfer und viele namenlose Gegenstände waren dazwischen gelagert in den überraschendsten Stellungen. Es war ein gedankenanregender Aufenthalt, aber in noch viel höherem Maße war dies der Fall mit dem oberen Boden, wohin eine hölzerne Treppe führte, und wo ganze Schätze rätselhafter Dinge aufgehäuft lagen. Das Erkennbarste waren große Torfhaufen, hochaufgeschichtete Strohwellen, Thürme von Hobelspänen, Verschläge mit Korn und Sämereien – eine unvergleichliche Fundgrube für eine arbeitende Einbildungskraft. In den Hintergründen war beständig ein Knistern und Raspeln zu hören, das unabweisbar das Walten geheimnisvoller Mächte bekundete, deren Dasein uns fortwährend mit einer Art erwartungsvollem Schauer erfüllte, was uns den Raum um so anziehender machte. Später entdeckten wir freilich, daß jene unsichtbaren Mächte Mäuse waren, aber der Ort war schöner, ehe man dies wußte. Eine herrliche Einrichtung waren die großen Fensteröffnungen, die breit und hoch, fast wie kleine Thüren waren, auch immer weit offen standen; denn da war kein Glas, nur des Nachts wurden die ungeheuren Balken zugeschlagen. Von außen her ragte beinahe bis zu der Fensterbrüstung empor der hochaufgeschichtete Holzberg, von klein gesägten Stücken sauber aufgebaut. Ein Laden lag darüber vor dem einen Fenster, da stand eine Reihe der schönsten dunkelroten Nelken, die hatten eine so warme Farbe und so gewürzigen Duft, daß sie mir jederzeit das Herz erfreuten; aber wenn die Abendsonne auf die Nelken schien, und sie wie lauter Rubinen flammten, dann wußte ich nichts Schöneres. So standen die Blumen im scheidenden Sonnenlicht, als wir dort oben saßen am leuchtenden Herbstabend, die Tochter des Hennenhofes, die blauäugige Marie, und ich. Wir saßen auf der Fensterbrüstung, aber nach außen gekehrt, den aufgetürmten Holzstoß als Fußschemel benutzend und weit ins Land hinausschauend von unserem hohen Sitz herab. Wir waren sehr befreundet, Marie und ich. Manch sonnigen Sommerabend hatten wir da droben verlebt, und auch die Regentage verscheuchten uns nicht aus unserem Reich; das waren die Zeiten der Entdeckungsreisen im Schopf herum. Der Hennenhof war ein ansprechendes Bauernhaus, es hatte einen stillen, soliden Charakter. Die Leute redeten ruhig mit einander, Vater und Mutter machten wenig Worte, aber sie galten. Die würdige alte Großmutter war die Hauptperson im Hause, von jedermann hochgeachtet und mit Recht. Der Stempel der Wohlhabenheit, der Ordnung und unveränderlicher Haussitte war den Personen wie den Dingen des Hennenhofes aufgedrückt. Ein Hauch religiöser Weihe, von der Großmutter ausgehend, durchwehte die ganze Häuslichkeit. Ich kannte das Haus in- und auswendig und wußte perfekt, was in diesem Moment drinnen geschah, während Marie und ich auf der Fensterbrüstung saßen in vergnüglicher Beschaulichkeit. Nun mußte in der Stube die Abendsonne einen langen Strahl über den Fußboden werfen, auf der Bank am Fenster saß die alte Großmutter und strickte an einem blauen Strumpf. Auf dem breiten Gesimse neben ihr, das immer sauber gescheuert war, lagen unveränderlich die Bibel, das Gesangbuch und Arndts »wahres Christentum«. Die Mutter kochte das Abendessen nebenan in der Küche, machte von Zeit zu Zeit die Thür nach der Stube auf und rüstete den Tisch zum Abendbrod. Das that sie alles ohne Geräusch, sie ging auch immer leise und bedächtig hin und her. Der Vater war mit den Knechten und Tagelöhnern auf dem Felde, der große Hof brauchte viele Hände zur Bearbeitung. So ging es einen Tag wie den andern im Hennenhof zu. Diese Unveränderlichkeit hatte etwas sehr Beruhigendes; für vielbewegte Kinderherzen sind feste Zustände und stetiges Wesens besonders wohlthuend. Auch am Sonntag saß die Großmutter an demselben Platz auf der Bank, aber dann hatte sie eines der drei Bücher vor sich auf dem Tisch und die große Brille im Gesicht. Marie war gerade so alt wie ich; wir hielten von jeher zusammen, erst als Spiel-, dann als Schul-, nun schon als Lebensgenossinnen. Viel Freud und Leid hatten wir schon geteilt zusammen, obschon wir bis dahin immer noch das Recht hatten, Kinder zu sein, was auf dem Lande länger dauert als in der Stadt, und wir waren dessen froh mit unseren vierzehn Jahren. Marie war ein sanftes, gutgeartetes und wohlerzogenes Mädchen; Mutter und Großmutter hielten auf Zucht und wohlanständiges Wesen. Sie sah auch immer sehr ordentlich aus, die krausen blonden Haare um die Stirn standen ihr gut, wurden aber immer sorgfältig glatt um die Schläfe gestrichen. Ihr einfach natürliches Wesen und ihre ruhige, immer besonnene Weise machten sie mir besonders angenehm. Marie war aber von jedermann gern gelitten, denn Herzensgüte und Freundlichkeit waren in all' ihrem Thun. Der Septemberabend war lieblich. Lange saßen wir und schauten um uns ohne ein Wort zu sagen. Von der Halde herauf ertönten die Glocken der weidenden Kühe, ein goldener Herbstschmelz lag auf der Wiese und über den Baumwipfeln vor uns. Durch die Stille tönte hin und wieder das Fallen einer reifen Frucht vom alten Birnbaum, auf den eben die letzten Sonnenstrahlen fielen, so daß wir die großen Birnen goldgelb aus den Blättern schimmern sahen. »Wenn wir die Birnen holten?« meinte Marie, unser Schweigen unterbrechend. Ich war unbedingt einverstanden und gleich die Treppe hinunter. In kürzester Zeit hatten wir die weichen Früchte gesammelt, saßen auch schon wieder auf unserer Festung und gingen ans Werk. Niemals schmeckten Birnen wie diese, so duftig und sonnensüß. »Ich wollte Dich fragen,« sagte Marie nach einer Weile stillen Genusses, »ob Du mir einen Gefallen thun wolltest?« »Ja natürlich,« sagte ich unbedenklich, durch den schönen Abend und die süßen Birnen liebevoll gestimmt, »sag' nur schnell, welchen!« »Weißt Du,« sagte sie, »auf den Frühling kommt der neue Herr Pfarrer, den sollen wir mit Gesang empfangen; da müssen nun alle Kinder singen lernen, und weil unser alter Lehrer es selbst nicht kann, so sollen wir alle eine Zeit lang zur Singschule gehen nach dem Rain, jeden Sonntag Nachmittag. Dies hat uns gestern der Lehrer angezeigt, als Du nicht da warst. Nun weiß ich schon,« fuhr Marie etwas zögernd fort, »daß Du daheim singen lernen kannst; aber ich hätte gern, Du kämest mit mir. So allein nach der fremden Schule gehen, mag ich nicht, und mit jedem mag ich auch nicht gehen.« Marie war heimlich ein bischen Aristokratin. Die Bitte kam mir ein wenig ungelegen. Vor dem Jahre hatte der Lehrer am Rain uns Geschwistern einen Kurs Singstunden gegeben und uns einen Monat lang täglich singen lassen: »Wer nur den lieben Gott läßt walten.« Die Erinnerung war mir etwas peinlich. So zu denken einen ganzen Monat lang, und noch länger, ist ja recht gut, aber singen, immerfort nach derselben Melodie – nein, das war zuviel und mußte alle Gesangslust im Keim ersticken. Aber ich hatte ja schon zugesagt, auch würde es nicht lange währen, und die Gänge durch die schönen Herbstsonntage waren eher lockend. Ich schlug also ein, wenigstens bis zum Winter für einmal. Marie war's zufrieden, gleich am Sonntag würde sie mich abholen. Jetzt hörten wir die gewichtigen Tritte des Vaters und der Arbeiter von der Scheune her, was gewöhnlich das Zeichen zu unserer Trennung gab; es war die Zeit des Abendessens. II. Am Sonntag erschien Marie, und wir gingen durch den sonnigen Nachmittag hin nach der Schule am Rain. Unser Weg führte über den Tannenacker. Mein Leben lang konnte ich diesen Weg nicht gehen, ohne einen Moment abzuschweifen nach der Bank hin, die auf dem höchsten Punkt des Hügels stand; so wollte ich auch jetzt thun. »Nein, nein, jetzt nicht, im Heimweg dann,« sagte Marie bittend, »sie sind sonst mitten im Singen, wenn wir ankommen!« Ich gab nach in der Aussicht auf die Heimkehr, da dann nicht zu eilen war. Die Gesangesübung ging nach Wunsch vorüber. Auf dem Heimwege gesellten sich andere Glieder der Singschule zu uns, Knaben und Mädchen. Eben war eine lebhafte Unterhaltung im Gange, als ich vom Wege ab zu der Bank hinlenkte. Man wollte uns zurückhalten; Marie war für Nachgeben, ich aber nicht, zweimal so nahe beisammen war mir zuviel, ich beharrte auf meinem Vorhaben. Nun fand Marie, sie müsse Wort halten; die anderen standen alle still, es gab eine ernsthafte Besprechung. »Man sollte mit einander heimgehen und sich nicht teilen,« meinte der Johannes, der ziemlich still neben uns hergegangen war und sichtlich ungern sein Begleit verlor. »Gehst Du auch dort hinauf, Margritli?« fragte der krausköpfige Rudi ein rotbackiges Mädchen, mit dem er bisher unaufhörlich gelacht und geschwatzt hatte. Das Mädchen sah nach Marie und mir hin. In demselben Augenblicke trat die Lise vor, die stattliche Figur mit der imposanten Nase – die Pharisäerlise nannte sie Rudi im Privatverkehr – nahm das Margritli beim Arm und sagte sehr bestimmt: »Sie wollen uns nicht, Du siehst es ja, komm Du mit mir!« Damit zog sie das Mädchen mit sich fort, rechts ab, den steilen Fußweg gegen das Mühlenthal hinunter. Rudi warf ihr einen Blick nach, der deutlich sagte: Wart' nur, Dir will ich daran denken! und ging mit Johannes davon. Ehe wir uns aber noch umgewandt hatten, kam Lise zurück, sah mich von der Seite an und sagte: »Marie, ich muß Dir noch etwas sagen.« Damit zog sie Marie auf die Seite und flüsterte ihr in die Ohren. Ich war es gewohnt, von Lise seitwärts behandelt zu werden. Sie war eine sehr tugendreiche Person, ich aber nicht; sie hatte, so lange sie zur Schule ging, nie etwas Dummes gemacht, ich aber wohl; sie hatte von jeher alle Sprüche des Spruchbuches hintereinander ohne Anstoß aufsagen können vorwärts und rückwärts, ich aber wieder nicht. So kam es, daß Lise für mich nur Seitenblicke hatte. Als das Geflüster dauerte, ging ich den Hügel hinauf, der Bank zu. Auf dem Gipfel der Anhöhe standen zwei hohe Tannen, mit geraden, kräftigen Stämmen, so nahe bei einander, daß die reichen Äste und Zweige sich oben alle in einander verschlungen hatten. Wie ein Wald rauschte es über die Bank hin, die unter den Tannen stand, und nur hie und da blickte das Himmelblau durch das dichtverschlungene Gezweige hernieder. Ich setzte mich auf die Bank. Drüben leuchteten die Schneeberge in den blauen Himmel hinein; nach allen Seiten zogen die weißen Wege so viel versprechend ins Thal hinab. In den Wipfeln über mir rauschte es ahnungsvoll, und vom See herauf tönten die hellen Glocken aus allen Dörfern wie zum Feste ladend, zum schönen Feste des vollen, reichen Erdenlebens, das verheißend von all' den Hügeln winkte, aus all' der Herrlichkeit hervorquellen mußte. Marie war mir nahe gekommen, ohne daß ich sie bemerkt hatte; sie stand neben mir. In dem Moment konnte ich nicht recht zu ihr reden von dem, das in mir war, ich mußte wie von fernher zu ihr zurückkommen. Wie wünschte ich, daß Marie empfinden könnte, was ich empfand, daß sie verstände ohne Worte, was mich erfüllte. Erst konnte ich nichts sagen. Sie sah mich fragend an, dann sagte sie: »Bist Du böse mit mir, weil ich Lise abhörte?« Der Wahrheit nach verneinte ich dies und fragte, was ihr Lise in die Ohren geflüstert habe. »Sie hätte gern, daß ich einmal mit ihr in die Versammlung der Wiedertäufer ginge; sie sagt es sei so schön da, sie gehe oft hin am Sonntagabend.« »Geh nicht, Marie!« sagte ich. »Warum nicht?« fragte sie schnell. »Ich weiß nicht recht, warum nicht, aber ich weiß auch nicht, warum Du gehen solltest,« erwiderte ich. »Lise sagt, man höre da so viel Gutes und man bekomme Freude am Singen der schönen Lieder und am Beten.« Nun wußte ich nicht gleich Rat, aber er kam mir wieder: »Deine Großmutter geht ja auch nicht zu den Wiedertäufern und sie betet doch viel und gern.« »Ja, Du hast recht,« sagte Marie nach einigem Nachdenken, »man kann auch sonst Freude am Guten bekommen; ich meine nur, es könnte auch eher so mit mir werden, wenn ich in die Versammlungen ginge.« Jetzt fiel aus Mariens Gesangbuch ein Bildchen auf die Erde; es war ein Engel mit Flügeln und einem Kranz von schön gemalten Rosen auf dem Kopf. Darunter standen in zierlicher Handschrift die Worte: Willst Du himmlische Rosen tragen, Mußt Du's mit den Dornen wagen. Das Bildchen war sehr sauber gemacht. »Wer hat Dir das gegeben?« fragte ich. Marie wurde ein wenig rot als sie mir antwortete: »Der Johannes.« »Hat er's selbst gemacht?« »Ja, der Vers steht in einem alten Buch; er hat ihm so gut gefallen, dann hat er das Bildchen dazu erfunden.« »Das gefällt mir. Ist der Johannes ein wenig fromm im Herzen?« »Ja, viel mehr als alle die anderen Buben; er weiß auch so viel Sprüche auswendig und Liederverse, und dazu macht er so schöne Bildchen, Du solltest sie nur sehen!« »Eigentlich, Marie,« sagte ich, diese Vorzüge erwägend, »mag ich den lustigen Rudi noch lieber, der ist so frisch und grad' heraus, man weiß immer gleich, woran man ist mit ihm.« »Ja,« sagte Marie, »aber dann ist der Johannes auch nie grob, wie die anderen Buben, und thut einem zu Gefallen, was er kann, ohne daß man nur ein Wort sagt.« »Vielleicht auch nicht allen, Marie?« »Doch gewiß!« sagte sie, ganz eifrig werdend, »die Lise sagt es auch, und Du weißt, sie läßt nicht zu viel Gutes an den anderen gelten.« »Ja, wenn sie's auch sagt, so muß es so sein,« sagte ich zustimmend. So ging es eine Reihe von Sonntagen fort. Die Singschule wurde regelmäßig besucht; auf dem Heimwege fand sich unsere kleine Gesellschaft immer zusammen, und einträchtig zogen wir unseres Weges. Einige gute Lehren von seiten der Lise und die nie ausbleibenden passenden Antworten Rudis ermangelten nie die Unterhaltung zu würzen. Gewöhnlich machte Rudi den Weg in endlosem Gelächter und Geplauder an Margritlis Seite, das unermüdet antwortete. Der Johannes ging still einher; irgendwie kam er immer wieder neben Marie zu stehen, obschon sich Lise sichtlich mehr mit ihm abgab. Ich machte meine Betrachtungen und befand mich ganz wohl in der harmlosen Gesellschaft. Im Oktober wurde unser Weg über den Tannenacker mit bunten Blättern bestreut, der Schnee bedeckte die Berge tiefer herunter, und wir mußten eilen, es wurde schon Nacht auf dem Heimwege. Im November heulte der Nordwind durch den entblätterten Wald, über den Tannenacker hin fuhr er so scharf und schneidend, daß er Lippen und Wangen aufriß und einem durch Mark und Gebein fuhr. So war es an einem Sonntag gegen Ende November; der Schnee war weggefegt vom Wege und lag hoch aufgetürmt an der Seite. Eisig kalt fuhr der Nordwind über die Felder daher und jagte uns auseinander, das eine da, das andere dort hinaus; die Schneewirbel sausten beißend in Augen und Ohren hinein. Ich kämpfte vorwärts mit geschlossenen Augen und stieß auf einmal auf einen Gegenstand, in dem ich, die Augen aufmachend, das kleine Meieli erkannte, das blasse, magere Kind, das einen mit seinen zwei großen schwarzen, Augen so traurig ansah. »Meieli, wo kommst Du her? Du siehst ja ganz erfroren aus!« sagte ich zu dem Kinde, das, seine Arme in die Schürze eingewickelt, in einem leichten Röckchen, ohne irgend welchen warmen Schutz, vor mir stand, zitternd vor Frost. »Von Euch,« antwortete das Kind mit leiser Stimme. »Was hast Du bei uns gethan?« »Um Milch gefragt.« »Und nun?« »Nun bekommen wir.« »Wie bekommt Ihr die Milch?« »Ich muß sie am Abend holen.« Jeden Abend um diese Zeit, schon bei Nacht, denn vor sechs Uhr konnte die Milch nicht ausgegeben werden, sollte dieses zarte Meieli den ganzen Weg über den schneeverwehten Tannenacker bis an den Rain hin machen, wo es wohnte, und dazu mit einer schweren Milchflasche am Arm. »Ach, Meieli!« – und wie das Kind mit dem traurigen Augen zu mir aufsah, schnürte es mir noch mehr das Herz zusammen – »könnte niemand anders die Milch holen?« »Nein,« sagte Meieli, »und ich will doch lieber –« Ein sausender Windstoß warf das Kind in den Schneehaufen am Wege und uns alle gegeneinander; wir stoben davon. »Meieli, lauf fest!« rief ihm Rudi zurück, »so eins, wie Du bist, kann der Wind in die Luft hinaufnehmen, und kein Mensch find't Dich mehr!« Meieli war schon weit weg, teils laufend, teils wirklich fortgeblasen. »Du brauchst nicht zu spotten, Rudi!« sagte Lise scharf. »Das thu' ich nur Dir zu lieb,« rief Rudi, vorwärts trabend, »wem wolltest Du predigen, wenn alle vollkommen wären, wie Du?« »Ich komme nicht mehr diesen Winter,« sagte ich, vor unserem Hause angelangt und die Gesellschaft verabschiedend, »im Frühling wollen wir wieder singen.« »Dann gehe ich auch nicht mehr,« sagte Marie. »Und ich auch nicht,« fiel Johannes sogleich ein. »Aber ich!« rief Rudi, »und die Lise kommt auch noch, schon um meinetwillen.« Damit lief er davon, die Antwort wartete er nicht ab. Wirklich hielten Rudi und Margritli tapfer aus, den ganzen Winter durch, und hatten manches grausige Schneegestöber zu bestehen auf dem Heimwege; aber das Margritli wurde nur immer rotbackiger dabei. Auch Lise hielt aus; denn wenn man etwas angefangen habe, so sollte man es auch vollenden und nicht wegen des ersten Sturmwindes aufgeben und andere noch mit sich ziehen. Das war zu meinen Händen gesagt. In diesem Winter ging mir oft ein Stich durchs Herz, wenn ich den Nordwind im Kamin heulen und an den Fenstern rütteln hörte und dachte, wie das arme Meieli nun über den Tannenacker hin kämpfe mit seiner Flasche am Arm so allein durch die Nacht. Oft sah ich auch das bleiche Kind in der Dämmerung herankommen, beide Arme immer in die Schürze gewickelt; die leere Flasche hing dann irgendwie hinten am Arm; aber wenn sie nun gefüllt war, da mußte ja das Kind die ganze Kraft seiner Hände gebrauchen, sie zu tragen, wie dann diese warm halten? Meieli hatte vor dem Jahre seine Mutter verloren und lebte nun mit seinem Vater und einer älteren Schwester, einer rüstigen Weberin, weit hinten am Rain. Es waren ehrenfeste Leute, die sich selbst durchhalfen auch in schwerer Zeit. Der Vater und die Tochter waren tüchtige Arbeiter, die ihre Kräfte gebrauchten; die Mutter war eine zarte, stille Frau gewesen, Meieli war ihr sehr ähnlich. Eines Abends, als es bitter kalt durch die halbgeöffnete Hausthür hereinwehte, wollte ich diese schließen, als eben Meieli mit seiner Schwester eintrat. »Aber ich bitte Euch,« mußte ich dieser gleich entgegenrufen, »legt doch dem Meieli etwas Warmes um, es zittert ja wie ein Espenlaub!« »Es friert doch, so wie so,« entgegnete mir die handfeste Schwester, »es friert immer, und heute hätte es auch daheim bleiben können, weil ich ging; aber es nützt nichts, daß ich ihm den Weg ersparen will, es läuft doch mit, es sagt, es friere auch in der dunkeln Stube und fürchte sich; denn ich lösche das Licht aus, wenn ich fortgehe und niemand da arbeitet.« »Armes Meieli,« sagte ich, »frierst Du denn immer? Und vor wem fürchtest Du Dich?« »Ich weiß nicht vor wem,« sagte das Kind leise, »aber es ist so kalt und leer in der Stube, seit die Mutter nicht mehr da ist.« Meielis große schwarze Augen hatten einen unsäglich traurigen Ausdruck, wie es so sagte. Wie unheimlich mußte dem einsamen Kinde in der dunkeln Stube sein, daß es lieber den weiten Weg in solcher Kälte machte, als dablieb! »Das Meieli fragt immer, wie lange es noch gehe, bis es wieder Sommer sei und die Sonne warm scheine,« sagte die Schwester halb lachend. »Ja, es ist schon hart, daß es so herhalten muß, es ist ein Zartes, aber es muß sich eben gewöhnen, später muß es noch ganz anders dran.« Mit diesem Troste nahm sie das Kind an der Hand und zog es in die eisige Dezembernacht hinaus. Als ich einige Wochen darauf bei Einbruch der Nacht über den tiefverschneiten Tannenacker im Schlitten hergefahren kam, sah ich etwas ausweichen vom Wege in den tiefen Schnee hinein, konnte aber nicht recht fassen, was es war. Im nahen Vorbeifahren erkannte ich Rudi, der das bleiche Meieli väterlich an der Hand hielt. Er stand windzerzaust, ohne Kopfbedeckung, mit der vollen Milchflasche im Arm. Seine große Pelzkappe hatte er dem Meieli aufgesetzt und tief heruntergezogen bis zu den Augen. Später hörte ich, daß Rudi den ganzen Winter durch an jedem stürmischen Abend, und an manchem andern dazu, dem kleinen Meieli nachgegangen war, ihm die schwere Flasche abgenommen und es, in seine Pelzkappe gehüllt, durch die hohen Schneeschichten des Tannenackers sicher heimgeleitet hatte. III. Der Frühling war gekommen. Die Amsel war erwacht im Baum und sang lange, süße Töne über das Land hin. Die Buche am Waldessaum wiegte ihr hellgrünes Laub im Sonnenschein, und durch die Tannen rauschte der mächtige Föhn. Von den Bergen löste sich der Schnee und rieselte in hellen Wassern ins Thal hinab. Am sonnigen Abhang nickten goldene Schlüsselblumen, und die weißen Anemonen hatten ihre Kelche weit aufgethan und schauten lustig zum hellen Himmel auf. Vor der kleinen Kirche lag warmer Sonnenschein auf dem jungen Rasen; die Gräber grünten. Wir standen da im Kreise herum, die Kinder des ganzen Dorfes, Groß und Klein, wir sollten alle miteinander einen Gesang anstimmen, aber es galt nicht dem Empfang des neuen Pastoren. Die Glocken läuteten voll und festlich über uns. Mitten auf dem grünenden Rasenplatz stand eine Bahre, darauf lag im offenen Sarg das bleiche Meieli. Ein warmer Sonnenstrahl lag auf dem stillen Gesichtchen; Meieli fror nicht mehr. Wir sollten ein Lied an seinem Sarge singen, ehe er geschlossen und in die Erde gesenkt würde. Ich konnte meine Augen nicht von dem toten Kinde abwenden. Was war mit Meieli vorgegangen? Ein Ausdruck von Ernst und Hoheit lag in den Zügen des Kindes, den ich nie zuvor gesehen hatte, der nie dagewesen war; ich erkannte es fast nicht mehr, und doch war es Meieli. War das Kind im Moment des Todes auf besondere Weise mit dem Siegel seiner Abstammung bezeichnet worden? »Wir sind göttlichen Geschlechts!« stand auf diesem Angesicht geschrieben. Die Glocken waren verstummt; ringsum war alles still; der Lehrer trat vor zur Leitung des Gesanges. Da, mitten durch die weite Stille, ertönte plötzlich ein lautes Weinen. »Was ist das?« fragte der Lehrer. Ein kleiner Junge wurde vorgeschoben. »Der Hans thut so,« hieß es. »Was hast Du, Hans, was weinst Du so laut?« fragte der Lehrer. Einen Augenblick erhob Hans den Kopf und schaute nach dem Sarge; dann drückte er beide Hände in die Augen und stieß gewaltsam, von lautem Schluchzen unterbrochen, die Worte heraus: »Ich habe dem Meieli einen Griffel genommen, und nun schaut es mich so ernsthaft an und ist tot, und ich kann ihm den Griffel nicht mehr zurückgeben.« »Hans,« sagte der Lehrer, »das mußt Du nicht wieder thun; aber den Toten kann man nichts zurückgeben; also sei nun ganz still und ruhig.« Man stellte sich näher zusammen zum Gesang; der kleine Hans schlüpfte zwischen den Reihen durch und kauerte sich an der Mauer nieder; seinen Griffel hielt er in der Hand; er schluchzte leise fort. Die Kinder sangen: »Wieder aufzublühen werd' ich gesä't, Der Herr der Ernte geht Und sammelt Garben Uns ein, uns ein, die starben, Gelobt sei er!« Meielis ernstes Angesicht leuchtete in der Sonne. Ich konnte nicht mitsingen. Neben mir hörte ich tief aufschluchzen; es war Rudi; große Thränen fielen auf sein Gesangbuch nieder; er konnte auch nicht singen. Nun wurde der Sarg eingesenkt. Bevor die ersten Schollen in das Grab fielen, rollte ein harter Gegenstand auf den Deckel des Sarges nieder und brach in Stücke. Hans hatte sich leise zu dem Grabe vorgedrängt und seinen Griffel hineingeworfen, dann lief er mit lautem Weinen davon. Nach dem kurzen Gottesdienst gingen alle, die da versammelt gewesen, schweigend auseinander, heute mochte keiner reden. IV. Es sollte nun ein Fest gefeiert werden, wie noch keins je gesehen worden war in unserm Dorfe: der neue Pastor wurde erwartet. Die Kinder aller Schulen, jung und alt, groß und klein, alle standen wir versammelt im Sonntagsstaat auf der grauen Schanze an der Kirchhofsmauer. Kränze und Blumen hingen und lagen aller Orten, ein würziger Duft von all' den Nelken und Veilchen und weißen Narzissen erfüllte die Luft. Der Himmel lag blau über den vollen Blütenbäumen, und Vögel sangen auf allen Zweigen. Es war eben die Zeit der spannenden Erwartung auf die Wagen, die den Pastor und seine Begleitung bringen sollten. Unsere kleine Gruppe der Repetierschüler hatte sich, wie immer, nahe zusammen gefunden. Wir standen unter dem großen Apfelbaum; der lustige Maiwind schüttelte uns die roten Blüten über die Blätter hin, auf denen unser Lied des Willkommens stand, das wir zu singen hatten. Auch im Zustande der Erwartung ging uns die Unterhaltung nicht aus. »Johannes,« sagte Rudi, »heute wollen wir aber einmal einen lustigen Tag haben.« »Ja, mir ist's recht,« antwortete Johannes. »Wie wollen wir's machen?« »Erst kommt der Herr Pfarrer,« zählte nun Rudi an seinen Fingern auf, »und wir singen. Dann geht's in die Kirche, und der neue Pfarrer predigt. Das gehört aber noch nicht zum Lustigen« – hier schielte Rudi nach der Lise hinüber, ob sie los zu gehen im Sinn habe – »dann kommen die Kuchen, der Sigrist hat große Körbe voll gesehen drinnen hinter der Hausthür, und dann gehen wir auf die Kegelbahn und bleiben den ganzen Abend beim Kegeln.« Jetzt ging's los. »Rudi,« sagte Lise mit scharfem Ton, »es schickt sich denn nicht, an einem solchen Tag zum Kegeln zu gehen, und noch viel weniger, einen dazu zu verführen, der sonst nicht gegangen wäre.« »Aber es schickt sich, daß die Lise jedem sage, was sich schickt,« rief Rudi kampflustig, »und einen neuen Pfarrer hätten wir auch nicht gebraucht, das Lied könnten wir gleich der Lise singen, und nachher geht sie auf die Kanzel und macht es so gut wie einer, und der Johannes wird Sigrist, daß ihn der Pfarrer im Auge behalten kann.« Nun wäre es Ernst geworden; mit kriegerischer Miene trat Lise aus der Reihe, aber: »Die Wagen kommen!« ertönte in dem Moment von allen Seiten, und nun galt es sich zu ordnen und unser »Willkommen« erschallen zu lassen. Ruhig und heiter verlief der Tag unter Gesang und Rede und neuen Gesängen. Dann saßen die Scharen auf dem grünen Rasen herum zum großen Kuchenfeste, und am Abend, als schon der junge Mond in den blühenden Apfelbaum schien, gingen Marie und ich noch hin und her auf dem Rasenplatz, die Mainacht war so mild, und unter den Bäumen lag der Mondschein so stille nach dem tönereichen Tag. Erst gingen wir beide unseren Gedanken nach, dann sagte Marie auf einmal: »Du mußt nicht denken, daß der Johannes so leichtsinnig sei; er ist gar nicht auf die Kegelbahn gegangen; er sagte, er wolle einmal in die Versammlung gehen heut Abend, er habe schon oft gehört, man höre so viel Gutes da.« Ich hatte dem Johannes weiter nicht nachgedacht; daß Marie die Neigung hatte, ihn immer im Licht zu sehen neben Rudi, dem Übelthäter, hatte ich lange schon bemerkt. »Weißt Du, Marie,« sagte ich, »Rudi thut manchmal auch Besseres, als er redet, das habe ich selbst gesehen.« Mit dem neuen Pastor war ein neues Leben in die Gemeinde gekommen. Die Wiedertäufer regten sich lebendig, denn der Pastor war ein frommer Mann und ein Hirte seiner Herde, doch ging alles still und friedlich zu. Er suchte wohl mit Liebe und Milde seine Schafe zu sammeln, und sie zu pflegen und zu nähren; fanden sie aber anderswo gute Weide, so ließ er es geschehen und sagte: Nicht, daß er sie alle in seiner Hand habe, sei seine Sorge, nur daß keins von ihnen verloren gehe. V. Die kleine Kirche füllte sich sonntäglich mehr an. Es war einer der ersten Sommersonntage, als ich unter dem Läuten der hellen Glocken den Hügel hinab der Kirche zuging. Von allen Seiten wanderten die Leute über die sonnigen Fußpfade durch die blumenbesäeten Wiesen daher Die Frauen und Mädchen trugen alle ihre Sonntagssträußchen auf das Gesangbuch gelegt, jedes nach seiner Art. Marie hatte immer einige, ihrer dunkelroten Nelken gepflückt und grüne Myrtenzweiglein dazwischen gesteckt. Das Margritli brachte einen lustigen Strauß von allerhand Blumen; die Lise hielt unveränderlich einen schönen, steifblättrigen Rosmarinstengel auf ihrem Gesangbuch fest. Ich hatte von jeher das Gefühl gehabt, im Bau des Rosmarinstockes müsse eine Ähnlichkeit mit dem Wesen der Lise liegen. In der Kirche hatte ich gehofft, eine Persönlichkeit zu treffen, die ich mir gern erst von fern angesehen hätte, sie erschien aber nicht. Im Pfarrhaus war ein junges Mädchen zu längerem Besuch erwartet, wir sollten einander kennen lernen, gegenseitige Bekannte hatten uns längst darauf vorbereitet, ich war sehr gespannt auf die Erscheinung. Etwas unmutig trat ich nach der getäuschten Erwartung aus der Kirche, der Sonntag sah so leer aus. An der Kirchhofsmauer wartete Marie auf mich, sie hatte eine Bitte im Sinn, wie ich gleich merkte. Ich hatte ihr versprochen, einmal die Versammlung der Wiedertäufer mit ihr zu besuchen; nun wünschte sie sehr, heute dahin zu gehen, und drang in mich, sie zu begleiten. Die Sache paßte mir in den unbesetzten Tag hinein; wir wurden gleich einig, Marie sollte mich abholen am Nachmittag. Der Weg nach der Mühle hin, wo die Versammlung stattfand, war lieblich, durch duftende Wiesen sich schlängelnd, an den hohen Weißdornhecken vorbei, auf denen die Finken und Zeisige durcheinander hüpften und zwitscherten; das stimmte fröhlich. Unten bei der Mühle standen hohe Eschen am dunkelbeschatteten Teich, dessen Wasser im Windhauch leise sich kräuselte. »Ich möchte lieber hier am Teich unter den Eschen stehen bleiben, als hineingehen,« sagte ich zu Marie, aber sie wurde ganz unruhig und beharrte darauf, daß wir hineingingen, wie ich versprochen hätte; so mußte es denn sein. Drinnen im Saal war eine andere Luft als draußen, es waren viele Leute da. Erst wurde ein Lied gesungen, das ging ganz ordentlich. Dann trat einer auf aus der Mitte der Versammelten und redete in Bildern, die mich etwas befremdeten, doch begriff ich nach und nach die Sache, der Redner war ein Wagner. Er sagte, der Kirche fehle es im Mittelpunkt, darum hänge alles daran nicht mehr zusammen. Sie sei ein Wagen, dem die Achse entzwei gegangen sei, und wenn es nun vorwärts gehen sollte, so gehe alles auseinander und bleibe doch stehen, und die drinnen sitzen im Wagen, die sitzen immerfort drinnen und kommen nicht weiter. Nun sei aber die neue Gemeinde, nämlich die ihrige, als wie ein neues und gut konstruiertes Fuhrwerk, das fahre richtig dahin, ohne Anstoß und Unfall, gleichsam umgehemmt über alle Kreuzstraßen der Erde weg direkt ins Himmelreich hinein. Man bekam wirklich Lust, sich darauf zu setzen und mitzufahren. Marie sah aus, als wollte sie gleich einsteigen. Als alles zu Ende und wir wieder draußen waren und den Berg hinanstiegen, merkte ich, daß Marie auf die Mitteilung meines Eindruckes wartete. So sagte ich nach einiger Zeit: »Marie, geh' Du aber doch nicht zu den Wiedertäufern.« Etwas enttäuscht rief sie aus: »War es nun nicht recht schön, was er sagte?« Das konnte ich Marie schon zugeben, ich sagte ihr auch, der Redner hätte mir recht Lust gemacht zu der ungehinderten Fahrt, aber ich habe doch kein rechtes Zutrauen zu der Sache und ich möchte wissen, was Marie eigentlich dahin ziehe. Weil so viel Gutes von diesen Versammlungen ausgehe, meinte sie; ich solle nur an die Haushaltung des Korbmachers denken, der so liederlich gewesen sei, und die Frau so verkommen; seit sie beide die Versammlung besuchten, war die Haushaltung ganz zurecht gekommen. Die Leute arbeiteten nun und lebten eingezogen und friedlich. Dem war wirklich so, und ich wußte noch andere Beispiele von Leuten, die durch den Besuch dieser Versammlungen zurecht gekommen waren; aber ich hatte nicht das Gefühl, daß, wer nicht dahin ginge, nicht zurecht kommen könnte. »Und dann,« fuhr Marie fort, »sieh nur die Lise an, welchen Gewinn sie von den Versammlungen hat! Wer kann in der Unterweisung alle Sprüche anführen, die der Herr Pfarrer wissen will?« Der Wahrheit mußte ich Zeugnis geben, dies war Lise, und wir waren gültige Zeugen, Marie und ich, wir redeten aus eigener, demütigender Erfahrung. »Ja und sieh,« fuhr Marie eifrig weiter fort, »alle Sonntage nach der Kinderlehre setzt sie sich hin und liest ein gutes Buch; dann geht sie in die Versammlung, und wenn sie heim kommt, so lernt sie Lieder und Sprüche auswendig, und dabei wird es ihr nie langweilig, sie hat es mir selbst gesagt. Wenn ich aber am Sonntag Nachmittag der Großmutter nur ein wenig im wahren Christentum vorlesen muß, so ist mir schon langweilig, und ich habe keine Freude daran.« »Und in der Selbstvergessenheit mußt Du die Lise auch nachahmen, Marie,« sagte ich. »Das ist dann gerade nicht nötig,« erwiderte sie lachend, »aber es ist keine Gefahr bei mir, es ist nichts da, daran zu denken.« »Höre, Marie,« sagte ich jetzt mit ungeschwächter Überzeugung, »ich glaube nun einmal nicht, daß wir gleich Wiedertäufer werden sollen, bevor wir nur irgend etwas anderes geworden sind. Erst werden wir konfirmiert, da werden wir noch vieles hören, das wir noch nicht wissen, und dann wird eins aus dem andern kommen. Und weißt Du, Marie, man kann sicher gehen, wenn man jemand im Rücken hat, der recht fromm ist und doch nicht so besondere Wege gehen muß. So ist meine Mutter, und so ist auch Deine Großmutter, auf diese beiden können wir uns verlassen.« Wir hatten unterdessen den Tannenacker erreicht und gingen der Bank zu. Der erwartete Besuch mußte doch angekommen sein: Auf der Bank saß ein junges Mädchen, das war nicht vom Dorfe, noch aus der Umgegend; es mußte Klara sein, die lang erwartete. Marie gab mir eilends die Hand und lief davon; ich ging auf die Fremde zu. Wir wußten beide von einander und hatte Freude, zusammen zu kommen. Als ich zu ihr trat, wußte Klara gleich, woran sie war. Wir reichten uns die Hand und setzten uns auf die Bank unter die Tannen. Der Abend war mild und lieblich; die Sonne war am Untergehen. Leise röteten sich die fernen Schneegipfel; die Vorberge standen in warmen Duft gehüllt, und auf den grünen Hügeln davor lag leuchtend der goldne Abendschein. Es war still geworden, der Wind rauschte nicht mehr in den Tannen, nur leise flüsterten die Zweige über uns. »Hier ist's schön,« sagte Klara, »hier wollen wir oft zusammen sein.« Und so thaten wir. Manch' wonnigen Sommerabend verlebten wir unter den Tannen in immer reicher quillendem Genuß. War der Sommer schöner, als je? Wir glaubten es. Im Umgang mit Klara war mir geworden, was ich lang ersehnt hatte. Mit ähnlichen Naturanlagen und der vollen Sympathie des Herzens für einander, riefen wir gegenseitig alle schlummernden Keime unseres Wesens wach. Im Verständnis des andern gingen beiden die Tiefen des eigenen Innern auf, und mit dem gleichen Lebensdurst tranken wir die Fülle der Herrlichkeit ein, die uns umgab. Klara war ein großes, schlankes Mädchen; ob sie hübsch war, weiß ich nicht, aber in ihrem ganzen Wesen lag eine so gewinnende Anmut, daß ich dachte, aller Herzen müßten ihr zufallen, und in diese warmen, braunen Augen zu schauen, mußte jedem wohl thun. Sie war einige Jahre älter wie ich; das verwischt sich später, in diesem Zeitpunkt machte es einen leisen Unterschied zwischen uns. Fast in allen Dingen empfand ich ihre Überlegenheit, ich konnte zu ihr hinauf schauen, das ließ mir sie noch um so idealer erscheinen. Nur ein Punkt war, in dem ich bei ihr oft eine unerklärliche Lücke empfand; ich wußte nicht recht, wo es fehlte, wollte mir auch selbst nicht recht zugeben, daß etwas fehle, aber stellenweise konnte der Eindruck über mich kommen, da wäre bei der einfachen Marie zu finden, was der reich begabten Klara mangelte. Klara hatte früh ihre Mutter verloren; ihr Vater war in Unternehmungen seines Berufs für mehrere Jahre im Ausland festgehalten, so wurde Klara in der Familie naher Verwandter erzogen. In diesem Hause war viel geistiges Leben; jedem mußte gewinnreiche Anregung werden, der da aus- und einging; nur die religiösen Interessen wurden wenig berücksichtigt, dieses ganze Gebiet ließ man, so viel wie möglich, unberührt. So war Klara fremd in vielen Fragen, die uns Kindern vom Berge schon lange vertraut waren und durch die lebendige Anregung um uns her unsere Gedanken viel beschäftigt und entwickelt hatten. Diese Verschiedenheit berührte mich momentweise etwas befremdend, doch trat sie nie störend zwischen uns in dieser Zeit. VI. Die hohe Buche am Waldessaum, die uns immer vor den Augen stand, wenn wir auf unserer Bank saßen, hatten wir begleitet vom ersten jungen Grün durch alle ihre Farbenschatten, bis sie nun ihr buntes Herbstlaub trug und schon damit den schmalen Weg bestreute. Die Zeitlosen standen blaß auf der Wiese umher, und die Vöglein der Wipfel schienen alle zu singen: »Ach, wie so bald!« Ich saß allein auf der Bank; einige Tage vorher war Klara nach der Stadt zurückgekehrt. Bald sollte sie noch weiter ziehen; sie hatte Verwandte in England, da sollte sie hin kommen, um ihre Erziehung zu vollenden. Mich hätte wohl alles noch trauriger angeschaut, aber auch für mich war die Zeit des Weggehens gekommen, der erste Auszug aus dem Vaterhause stand bevor; die Aussicht machte mich froh in diesem Augenblick. Ich hatte eine gute Weile den Vöglein gelauscht und ihr Lied beherzigt, als ich unten auf dem Wege Marie erblickte, der ich nun allerlei Zeichen gab, bis sie mich verstand und über den Acker heraufkam. Ich sagte ihr, daß meine Abreise bestimmt sei, und daß wir uns mehrere Jahre nicht mehr sehen würden. »Und wenn ich wieder heimkomme, Marie,« schloß ich, »dann sind wir gemachte Leute.« Das wäre ihr schon recht, meinte Marie, wenn wir uns dann nur auch wieder zusammen fänden; sie glaube, diejenigen, die fortgehen, verändern sich viel mehr, als die dableiben. »Aber,« sagte ich mit Überzeugung, »drei Jahre verwischen nicht, was die ganze Kindheit durch bestanden hat. Mein erster Gang, wenn ich wieder heimkehre, soll nach dem Hennenhofe sein, wie auch mein letzter, eh' ich gehe.« Marie war's zufrieden. »Sag' noch, Marie, wer hat denn das große »M« frisch eingeschnitten hier in die Tanne?« »Vielleicht Rudi,« sagte Marie lachend, »Du weißt ja, daß er einen Namen gern hat, der mit »M« anfangt.« Sie wurde aber doch ein wenig rot bei ihrer Erklärung. »Marie, Marie! es giebt noch einen Namen, der mit »M« anfängt,« erinnerte ich, »das mag ich aber alles wohl leiden, geh' nur nicht zu den Wiedertäufern, während ich fort bin.« »Versprechen kann ich nichts,« erwiderte sie. Und nun wanderten wir heim zusammen vom Tannenacker zum letztenmal für lange Zeit. Am folgenden Sonntag, als ich aus der Kirche trat, stand ich still am Wege, um meinen Bekannten die Hand zum Abschied zu geben. Rudi kam zuerst daher; er drückte mir alle Knochen zusammen beim Handschlag und sagte: »Mach' nur, daß man Dir auch die Hand noch geben darf, wenn Du wieder heimkommst.« Johannes hatte einen sanfteren Händedruck, eigentlich gar keinen, aber einen Wunsch zu glücklicher Reise. Das Margritli schoß eilends herbei. Es wolle denn nicht die Letzte sein, die mir die Hand gäbe, sagte es. Auch die Lise trat heran und sagte mir würdig Lebewohl. Am folgenden Morgen trat ich, zur Reise gerüstet, noch im Hennenhof ein zum letzten Abschied. Die alte Großmutter stand auf von der Bank und gab mir ihren Segen auf den Weg. Ich habe sie nicht wieder gesehen, die gute Großmutter! Marie begleitete mich durch den Hof; dann rannte sie die Treppe hinauf und brachte einen Strauß ihrer duftenden Nelken herunter, den mußte ich mit auf die Reise nehmen. VII. Drei Jahre waren vergangen und der darauf folgende Winter noch dazu. Der Schnee schmolz auf den Höhen, und über die Felsen schäumten die vollen Bergwasser herunter. Die jungen Buchen im Wald standen im ersten Grün und in den alten Föhren rauschte der Frühlingswind neues Leben wach. Da stand ich wieder auf dem Boden meiner schönen Heimat. Auf allen altbekannten Stellen in Feld und Wald lag süße Erinnerung, und um die fernen blauen Berge zog ein Hauch der Verheißung für kommende Tage. Mit Marie hatte ich mich bald zusammen gefunden auf den alten Fuß; sie hatte sich wenig verändert. Mit noch etwas mehr Sorgfalt strich sie das krause Haar glatt um die Stirne, der ruhige Ausdruck ihrer blauen Augen war immer gleich freundlich und wohlthuend. Still und aufmerksam hörte sie die Worte ganz zu Ende, die man zu ihr sprach, immer hatte sie fertig gedacht, wenn sie zu reden anfing, und was sie sagte, war verständig und klar. Wir hatten bald unsere gemeinsamen Interessen wieder durchgesprochen; auch über die alten Freunde hatte Marie eingehend Bescheid gegeben. Besondere Veränderungen waren nicht vorgekommen in unserm Kreis; nur die Großmutter war nicht mehr da, sie lag unter dem Rasen an der Kirchhofsmauer. Als die blauen Kornblumen zwischen den hohen Ähren standen, und die Grillen im Grase fröhlich zirpten, da saß ich einmal wieder unter den Tannen, und neben mir saß Klara, zum erstenmal seit langer Zeit. Erst kürzlich war sie aus England zurückgekehrt; mit Spannung hatte ich dem Wiedersehen entgegen geharrt, nun saßen wir neben einander und schauten uns forschend an, aber bald hatten wir den Ton der alten Vertraulichkeit wieder gefunden. Es war die Klara von ehemals in allem, was ich an ihr lieb hatte; was mir bei ihr als neu entgegentrat, schien mir das Anziehende ihres Wesens noch zu erhöhen: zu der Anmut ihrer Natur hatte sie die sichere Gewandtheit der großen Welt gewonnen. Ihr geistliches Leben hatte sich geweitet und bereichert mit manchen Schätzen neuen Wissens und mannigfaltigen neuen Lebensanschauungen; die schönste Entfaltung all' ihrer reichen Geistesanlagen war ihr geworden. Mir schien, in ihr vereinten sich so viele innere und äußere Vorzüge, daß man Klara lieben oder sie beneiden mußte. Wie vieles hatten wir nachzuholen aus den vier Jahren der Trennung, und wie vieles lag vor uns gemeinsam durchzuleben! Klara sollte einige Wochen auf unserm Berge verweilen. Die festgesetzte Zeit, die ich, befreit von den Pflichten des Hauses, täglich mit Klara verbrachte, war der Abend. Wenn es irgend möglich war, so blieben wir draußen, Feld und Wald durchstreifend. Der Anfang oder das Ende unserer Wanderungen war immer der Tannenacker, den vergaßen wir nie. Dort auf der Bank unter den verschlungenen Zweigen sollte nach unserm Plan eine Unzahl von Büchern gelesen werden, die wir uns schon genannt hatten, und deren Namen sich immer noch vermehrten. Nicht eines davon haben wir da gelesen; es ging anders, als wir dachten. Eine Reihe von Abenden durch hatten wir uns zu erzählen und unsere Gedanken auszutauschen, die sich dabei vermehrten und neuen Austausch forderten. Dann wünschte Klara vor allem andern mich mit einer Sammlung von Gedichten bekannt zu machen, die sie in Manuskript mitgebracht hatte. Der Verfasser war ein ferner Verwandter von ihr, für dessen poetische Begabung sie sich sehr interessierte, was auch mein Interesse sogleich lebhaft erregte. Auch ich wünschte daher diese Lektüre vor aller andern vorzunehmen. Um sie aber recht gründlich zu verstehen und zu genießen, bat ich mir aus, die Manuskripte erst allein zu lesen und schlug Klara vor, mich an einem der folgenden Abende eine Zeit lang allein zu lassen und erst später unter den Tannen einzutreffen. Am festgesetzten Abend stieg ich früh den Hügel hinan, hörte aber bald einen leichten Schritt hinter mir; sollte es schon Klara sein? Ich kehrte mich um, es war Marie. Sie hielt ihren Schritt an; sie schien nicht zu wünschen, daß ich auf sie warte, ich blieb aber stehen; zögernd kam sie heran. Das war nicht wie sonst, wenn wir uns trafen. Marie sah mich auch nicht an, als sie mich erreicht hatte, ich sie dafür um so genauer – Marie hatte geweint, ich sah es deutlich. Das war etwas ganz Neues. Ich konnte mich nicht besinnen, in diesen ruhigen blauen Augen Thränen gesehen zu haben. »Komm,« sagte ich, »wir gehen ein Stück weit zusammen. Was fehlt Dir, Marie?« Sie schwieg. Endlich wollte sie etwas sagen, dann kam sie das Weinen an, sie sagte nichts. »Kannst Du mir nicht sagen, was Dich bekümmert, Marie?« fragte ich wieder. »Nein,« antwortete sie halblaut. »Hast Du kein Vertrauen mehr zu mir?« fragte ich. »O doch, wie immer,« sagte sie nun gefaßter, »aber ich kann es nicht sagen.« »Es giebt aber doch nichts, Marie, das man nicht sagen kann, wenn man will,« sagte ich. »Doch,« erwiderte sie schnell, »es giebt etwas. Du hast es nur noch nicht erfahren.« Ich war sehr erstaunt. »Komm mit mir nach der Bank hinauf, da wollen wir ruhig mit einander reden,« sagte ich nun und wollte Marie nach dem Fußwege hin mitziehen; aber sie entzog mir hastig ihre Hand. »Nein, nein,« rief sie, »ich kann nicht, heute nicht,« und damit lief sie wie erschrocken davon. Zum erstenmal hatte ich Marie in Aufregung gesehen, das gab mir viel zu denken. Lange hatte ich unter den Tannen gesessen, ehe ich der Manuskripte gedachte, die ich in der Hand hielt und lesen wollte. Endlich machte ich sie doch auf. Die Handschrift fiel mir gleich auf, mir war, als hätte ich sie auch schon gesehen, oder eine sehr ähnliche. Aber wo? – Auf einmal fiel mir's ein: die Schrift hatte eine überraschende Ähnlichkeit mit derjenigen des Johannes, die ich zwar lange nicht mehr gesehen hatte, aber hier waren dieselben feinen Striche, nirgends feste Züge, aber eine sehr zierliche und gefällige Schrift. Mir kam ein Abend in den Sinn, da ich hier unter den Tannen ein Buchzeichen mit dieser Schrift gelesen hatte – meine Gedanken gingen weiter. Als Klara nach geraumer Zeit vor mich trat mit der Frage, was ich zu den Liedern sage, mußte ich bekennen, daß ich noch kein Wort davon gelesen hatte. Der Abend war sonnig und still; wir beschlossen, noch einen Gang zu machen, und wanderten den Hügel hinab, dem waldumschlossenen Mühlenthale zu. Klara erzählte mir mit Begeisterung von dem jungen Dichter, von seinen hohen Zielen und seiner idealen Persönlichkeit. Vom Gemeinen unberührt, gehe er durchs Leben als einer, der über die Erde wandere, ohne sich vom Staub des Weges auch nur die Füße zu bestecken. Wir warm unterdessen in die Nähe der Mühle gekommen und standen nun am Teich unter den Eschen. Es gingen wiederholt Gruppen von Leuten der Mühle zu, es mußte der Abend sein, da die Versammlung stattfand. Ich machte Klara darauf aufmerksam, daß dies der Ort sei, wo die Wiedertäufer sich versammelten. Dies Gebiet interessierte sie nicht, sie schaute in den Teich und gab keine Antwort. Es war still ringsum; die Wipfel der Eschen bewegten sich nur leise über uns, wir schauten beide schweigend in das dunkelgrüne Wasser. Da traf eine Stimme mein Ohr, die kannte ich, und zwei Gestalten kamen Hand in Hand den Abhang herunter der Mühle zu, die kannte ich auch: es war die Lise mit dem Johannes an ihrer Seite. In vertraulichem Gespräch kamen sie heran und traten in die Mühle ein. Unwillkürlich rief ich aus: »Nun geht mir ein Licht auf, Klara!« »So laß es leuchten!« sagte sie ziemlich trocken. Nein, lieber hätte ich es ausgeblasen. Die Sache machte mich traurig und war mir ganz unverständlich. VIII. Am Sonntag Nachmittag, als es still war um den Hennenhof, wie ich wohl wußte, trat ich in die alte Stube. Marie saß allein auf der Bank, sie hielt ein Buch in der Hand. »Ich hätte gern mit Dir geredet, Marie,« sagte ich, »aber ich höre die Mutter in der Küche; komm hinüber in den Schopf, wir setzen uns auf unsern alten Platz.« So thaten wir. Die roten Nelken drüben glühten in der Sonne. Der alte Birnbaum stand vor uns, die schweren Äste senkend; hoch oben im Gipfel war noch das Krähennest. Jetzt ruhten die Vögel, es war still ringsum, nur drüben im Hof plätscherte der Brunnen wie vor alter Zeit. »Marie,« sagte ich, nachdem wir eine kleine Weile still dagesessen und in das Gelände hinausgeschaut hatten, »Du siehst nicht gut aus, so mager bist Du noch nie gewesen; es drückt Dich etwas, und Du lässest es ganz in Dich hinein fressen; das ist nicht gut. Wenn Du noch Vertrauen zu mir hast, wie ehemals, so rede Du zu mir, es kann Dich erleichtern, und sieh, ich weiß jetzt, wo Dein Kummer herkommt.« Marie sah mich erschrocken an. »Wer hat Dir etwas gesagt? Wer weiß etwas davon?« fragte sie unruhig. »Niemand; gehört habe ich nichts von anderen,« antwortete ich, »aber an einem dieser Abende bin ich der Lise und dem Johannes zusammen begegnet und wußte dann gleich, wie alles ist.« Marie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte leise. »Sieh,« sagte sie nach einer Weile, ihre Thränen trocknend, »ich kann es so gut begreifen; die Lise kann den Johannes auf den rechten Weg bringen, sie kennt ihn und geht ihn selbst, und der Johannes wollte immer das Gute, aber er ist selber nicht so recht sicher, wie er dazu kommen soll. Lise kann ihm auch gut zeigen, wie viel ihr daran liegt, daß es ihm wohl gehe; sie giebt ihm allerhand gute Bücher zu lesen und zieht ihn in die Versammlung mit. Ich konnte ja dem Johannes nichts geben, ich habe selbst nichts, und wie gern ich alles für ihn gethan hätte, kann er ja nicht wissen. Er meinte wohl, es sei mir nichts an ihm gelegen, weil ich ihm nichts davon sagen konnte.« »Aber wie kann es nur sein, Marie, daß alles so kommen konnte?« fragte ich erstaunt. »Hat denn Johannes nicht lange schon merken können, daß Du ihn gern hattest?« »Ich weiß nicht, wie es kam,« erwiderte sie, traurig vor sich hinblickend, »ich meinte auch, es könne nicht sein, als ich es sah. Das wußte ich freilich, daß Lise ihm immer so schön in's Herz und in sein Gewissen redete, daß der Johannes wohl verstehen konnte, wie wert sie ihn hielt. Ich konnte nie so zu ihm reden und immer weniger, je mehr mir an ihm gelegen war. Aber ich habe immer gedacht, es komme noch einmal bös mit mir, Du weißt wohl, es war mir nie recht Ernst mit dem Beten und mit allem Guten nicht.« »Ist es denn jetzt so bös mit Dir, Marie?« mußte ich fragen. »Ja, recht bös,« versetzte sie, »Du weißt nicht, wie das ist. Es ist mir alles zuwider, ich mag nicht arbeiten und nicht reden, nicht einmal den anderen zuhören; alles ist mir zur Last, und an gar nichts mehr ist mir etwas gelegen. Jeden Morgen beim Erwachen wünsche ich, daß es doch nur nie Tag würde und ich keinen Menschen mehr sehen müßte.« Ja, es stand bös mit Marie, so hatte ich es nicht erwartet. Ich sann auf Hilfe und Trost für sie, aber ich fand keinen, der mir recht wirksam erschien. »Ich möchte Dir so gern helfen, Marie, wenn ich nur wüßte wie,« sagte ich ratlos. »Kein Mensch kann mir helfen« – und in Maries Blick lag die volle Bestätigung ihrer trostlosen Aussage – »und der liebe Gott wird mir nun auch nicht helfen, ich habe Ihn auch nicht gesucht in den guten Tagen und auch jetzt nicht; ich kann nicht einmal beten, es ist mir auch gar nicht darum, es ist mir um gar nichts.« Ja, das sah ich ihr an; sie saß da, die Hände in den Schoß gelegt, mit einem Ausdruck auf ihrem Gesichte, als gäbe es im Himmel und auf Erden nichts mehr, für das sie noch Teilnahme empfinden könnte. »Soll ich Dir nicht etwas Schönes zu lesen schicken, es könnte Dich auf andere Gedanken bringen,« sagte ich, »das müßte Dir wohl thun.« »Nein, ich kann nicht lesen,« erwiderte sie, »den ganzen Nachmittag sitze ich da und halte ein Buch in der Hand, und wenn ich auch noch die Worte lese, so weiß ich doch nicht, was da steht, es geht mir nichts ein.« Ich wußte nicht mehr, was sagen. Es war mir unheimlich, eine Macht zu empfinden, die diese ruhige stete Natur so ganz aus ihrem Geleise hatte werfen können; wie war dies nur möglich! Freilich, Marie hatte von den frühesten Kinderjahren an in der Stille all' ihr Leben mit Johannes in Beziehung gebracht, oder in Gemeinschaft mit ihm durchlebt, wohl um so tiefer, je stiller es zuging; und nun sollte dieses Band mit einem Mal für immer durchschnitten sein! Und Johannes? Ich wußte doch wohl, wie er Marie nachgegangen war und so lange! Nun kam ein Zorn über mich gegen diesen Sanftmütigen. »Wie kann aber auch der Johannes so handeln!« rief ich aus, »es ist schmählich!« »Nein, nein,« sagte Marie eifrig, »das mußt Du nicht denken! Es ist kein Wort zwischen uns geredet worden, nie, der Johannes hat nichts Ungerades gethan, und er hatte ja Recht, was hätte er auch an mir gehabt?« Hier beugte sich Marie auf ihre Nelken, als wollte sie den Duft einatmen, aber sie weinte darüber hin. Ich verließ Marie mit schwerem Herzen; wie konnte ihr geholfen werden? Die Sache war mir doch ganz und gar unbegreiflich, wie ich darüber nachdachte. Johannes konnte doch Marie nicht so gering achten, wie sie es selbst that, ihre Anspruchslosigkeit mußte sie ihm um so werter machen, denn auch ihrer äußeren Stellung nach gehörte sie nicht zu den Geringen. Und die langjährige Anhänglichkeit der treuen Marie, die mußte Johannes kennen, er hatte sie auch geteilt. Wer konnte mir irgend welchen Aufschluß über diese rätselhafte Sache geben? Es war mir der Mühe wert, einen alten Bekannten aufzusuchen, der etwas mehr wissen konnte; ich schlug darum im Heimgehen meinen Weg über die Wiesen ein, dem Häuschen an der Halde zu, das lustig oben flimmerte in der Abendsonne. Richtig, auf der Bank am Hause saß Rudi, ein Röslein im Knopfloch; er pfiff vergnüglich. »Schön zum Spazieren!« rief er mir entgegen, als ich noch weit unten an der Halde war. Nun stand er auf und kam mir entgegen. »Darf man auch ein paar Schritte mitgehen?« Gewiß, das war gerade, was ich wünschte. Gleich ging ich auf mein Ziel los. Ich fragte Rudi, ob er etwas von Johannes wisse, und was der für seltsame Wege gehe. Rudi wußte Bescheid. Kaum hatte ich die Frage gethan, so gab er mir bereitwillig die volle Einsicht in die Sache, wie er sie selbst hatte. Es seien da allerhand Fäden durcheinander gelaufen, sagte er. Einmal habe der Johannes wohl gemerkt, daß der Hennenhofbauer keine besondere Freude daran gehabt hätte, ihm seine Tochter zu geben, er könne schon noch einen andern Schwiegersohn bekommen, denn der Johannes habe immer vornehmer ausgesehen, als sein Gütchen. Das habe ihn schon gestochen, denn der Johannes habe sein heimliches Stölzlein. Dann sei ihm eben die Lise häufig begegnet, und er habe sehen können, wie viel ihr an seiner Wohlfahrt liege; das habe ihm gefallen, und er habe auch wohl gewußt, wie gut er von den Alten aufgenommen würde, wenn er da anklopfte. In alle dem sei Marie ganz still geblieben und habe sich nicht gerührt und kein Wörtlein gesagt, zu keinem Menschen. Der Johannes habe sicher im Stillen gehofft, sie rufe ihn etwa. »Aber falsch gerechnet!« sagte Rudi entschieden; »die ruft keinen, aber bekommen hätte er sie doch, denn sie hatte ihn gern, und der Hennenhöfler hätte seine einzige Tochter am Ende machen lassen, wie sie's im Sinne hatte. »Den Johannes hielt ich immer für den viel Gescheiteren von uns beiden,« schloß Rudi, als wir uns am Kirchenhügel trennten, »aber so stockdumm hätte ich dann nicht gehandelt.« Klara kannte meine Schulgenossen alle von fern, doch zu wenig, um ein rechtes Interesse für jeden Einzelnen zu haben. An diesem Abend war ich aber so erfüllt von den Erlebnissen des Tages, daß ich an nichts anderem Teil nehmen konnte. Ich erzählte Klara, was mich bewegte. »Das ist das Unglück solcher beschränkten Existenzen,« sagte sie; »da ist immer nur eines, auf das all' ihr Sinnen und Wünschen gerichtet ist; fällt dies weg, so ist nichts mehr da, sie haben keine Interessen und keine Aussicht mehr ins Leben, und zur Freude am Dasein ist ihnen noch aller Halt genommen.« »Woher glaubst Du, daß uns ein fester Halt werden könne in solchen Zeiten des Zerfalls unseres Innern?« fragte ich Klara. »Jedenfalls nicht aus Welten, von denen wir nichts wissen noch kennen können, das siehst Du nun an dieser verarmten Marie. Von jenen überirdischen Tröstungen weiß sie, aber sonst weiß sie nichts und besitzt sie nichts. Wir haben aber reale geistige Güter, an denen sich die Seele erquicken kann, was uns auch treffen mag. Für solche arme, beraubte Leben möchte man bitten: »Ist auf Deinem Psalter, Vater der Liebe, ein Ton Seinem Ohre vernehmlich, So erquicke sein Herz! Öffne den umwölkten Blick Über die tausend Quellen Neben dem Durstenden in der Wüste.« »Klara,« sagte ich, »ist denn nicht neben all' den köstlichen Quellen der Poesie und alles Wissens auch die Herrlichkeit dieser Natur, die uns umgiebt, eine solche, ja eine Hauptquelle der Erquickung? Marie kennt diese, warum kann sie nicht mehr daran trinken?« »Sie hat nie recht daran getrunken,« meinte Klara, »ihr inneres Auge war nie geöffnet für diese Schönheit.« »Sollte es nicht Krankheiten geben, die auch die geöffneten Augen schließen und die Aufnahme all' dieser Erquickungen unmöglich machen könnten, Klara?« »Nein,« sagte sie bestimmt; »ausgerüstet mit dem geweiteten Blicken des Gebildeten, dem alle Quellen des geistigen Lebens geöffnet sind, kann uns ein solches Kranken nicht niederwerfen. Nicht die Schutzmittel fehlen, die Kenntnis derselben fehlt, wo solches geschehen kann. Versiegt für uns eine Quelle, die uns Kräfte des Lebens zugeführt, so kennen wir tausend andere, daraus wir schöpfen können; wir müssen nicht ermatten, wie das Land, dem der einzige Bach vertrocknet, dessen Wasser es grünen gemacht.« Ich hatte meine eigenen Gedanken hierüber. Im Stillen dachte ich, wenn nur die Großmutter noch lebte, vielleicht wüßte sie eine Hilfe für Marie. IX. Wir hatten gehört, daß der Nachbar, dessen Felder an den Tannenacker grenzten, sich beschwert hatte, die eine der Tannen breite ihre Wurzeln zu weit aus in sein Land hinein, was ihm Schaden verursache. Er verlangte, daß der Baum umgehauen werden sollte. Keiner, der die schönen Tannen mit den verschlungenen Zweigen kannte, mochte glauben, daß diese That geschehen könnte. Wie die Zweige, so mußten auch die Wurzeln in einander verschlungen sein: das Erschlagen des einen Baumes mußte dem andern ans Leben gehen. Als nach mehreren Regentagen der helle Abendhimmel um so klarer über den Bergen lag, eilte ich zur gewohnten Stunde den Hügel hinan. War dies die alte Bank? Sah ich mit meinen Augen die Wirklichkeit? Die eine Tanne war umgehauen. Klara kam heran. Wir saßen schweigend auf der Bank. Tief unten im Grunde mußten die Wurzeln der verwundeten Tanne bluten, die einsam da stand; oben im Wipfel war sie zerrissen, die verschlungenen Zweige waren alle miteinander zusammengebrochen, die Tanne war überall verletzt. Regungslos hingen die Äste, die noch da waren, kein Ton war zu hören, erschrocken waren alle Vöglein aus dem Wipfel entflohen. Wir konnten, zu keinen Worten kommen. In diesen Tagen waren wir auch zum erstenmal auf einen Punkt gestoßen, auf dem wir uns nicht verständigen konnten. Ich hatte die Manuskripte durchgelesen von Anfang bis zu Ende und viele derselben zu wiederholten Malen. Nicht aus Befriedigung, im Gegenteil, ich suchte immer wieder, ob nicht etwas da sei, das mir einen lebendigen Eindruck machen könnte, um Klara zu verstehen in ihrer Begeisterung, aber ich fand nichts. Es waren die bekannten Töne lieblicher Gefühlspoesie, in leichte Formen gekleidet; Kraft oder Originalität trat mir nirgends daraus entgegen. Mir war unverständlich, wie Klara mit ihrem ausschließend klassischen Geschmack etwas Besonderes an diesen Gedichten finden konnte. Ich sagte ihr dies. Sie wurde etwas aufgeregt und wollte mich auf einzelne Schönheiten aufmerksam machen; aber alle ihre Erklärungen bestätigten nur meine Überzeugung, daß das Interesse für die Persönlichkeit des Dichters ihr Urteil durchaus bestimmt hatte. War es die erschlagene Tanne, war es die große Stille, oder war es das Bewußtsein eines unausgesprochenen Gedankens, der zwischen uns lag und uns beide bewegte – an diesem Abend blieben wir stumm auf unserer Bank sitzen, bis die ersten Sterne am Himmel standen und ein kühler Hauch über den Acker her wehte. Dann gingen wir den Hügel hinunter, Hand in Hand. Die Blumen am Wege zitterten im ersten Herbsthauch. Wie oft waren wir an diesen Blumen vorbeigewandert, seit sie zuerst die Kelche aufgeschlossen in der hellen Sommersonne. Dies war das letzte Mal. Ohne daß vorher davon die Rede gewesen war, verließ Klara wenige Tage nach diesem Abend unsern Berg. Verwandtschaftliche Pflichten riefen sie, war ihre Antwort auf meine Fragen nach der Ursache der plötzlichen Abreise; sie war nicht zu halten, es mußte sein. Daß die Erfüllung verwandtschaftlicher Pflichten Klara in eine so fieberhafte Hast bringen konnte, wie ich sie an ihr wahrnahm in diesen letzten Tagen, war mir etwas fraglich, aber Klara wich all' meinen Bemühungen nach klarem Verständnis auf diese Seite hin aus. Es wurde Herbst und Winter, und wieder kehrte der weckende Frühling, und so wurden Jahre daraus. Neue Menschen und Interessen tauchen auf mit den neuen Jahren, und die Wege unseres Lebens führen um manche Ecke herum, die uns verborgen hatte, wo wir durchgehen müssen. Stehen wir dann einmal still am Wege und übersehen wir, was hinter uns liegt, so heißt es in unserm Herzen: »Du änderst den Menschen, bis er zerbricht.« So hatte auch ich vielbewegte Zeiten und mancherlei Wege zu gehen. Meine Schulgenossen sah ich immer wieder ab und zu, gewöhnlich nur in vorübergehender Berührung. Marie grüßte ich oft auf dem Wege zur Kirche, die sie nicht verlassen hatte. Mit Freude hatte ich bemerkt, daß nach und nach ein Ausdruck stiller Fröhlichkeit auf ihr Gesicht gekommen war, der vieles sagte. Gesprochen hatte sie nie zu mir darüber, wie sie Genesung gefunden. Von Klara wußte ich nichts mehr seit langen Monaten. Ihre Briefe waren immer selten gewesen, seit längerer Zeit hatten sie ganz aufgehört. In einem kurzen Billet hatte sie mir vor nahezu einem Jahre angezeigt, sie reise zu ihrem Vater, um bei ihm zu bleiben. Später hörte ich von ihren Verwandten, Klara sei lange schwer krank gewesen; doch wußten auch sie nichts näheres von ihrem Leben, auch an sie hatte Klara nie eingehend geschrieben. So waren die Jahre dahingegangen. Manche Wunde früherer Zeiten war vernarbt, auch an der einsamen Tanne. Sie stand wohl noch immer oben auf dem Acker und schaute weit ins Thal hinab, aber sie krankte fortwährend. Die eine Seite war kahl geblieben, auf der andern waren die Zweige dünn geworden, und auch die warme Frühlingssonne lockte kein kräftiges Grün mehr aus dem ins Mark getroffenen Baum. Ich war ins Thal hinab gezogen, wo die Blumen blasser sind, aber auch mildere Lüfte wehen, indeß manch rauher Bergwind oben über die Höhen streicht. Als ich das Vaterhaus verließ, weilte Marie noch in dem ihrigen. Wie ich zum Abschied zu ihr kam, erinnerte sie mich nicht an ein Erdreich, dem der einzige Bach vertrocknet ist, eher an ein solches, über dem der blaue Himmel liegt mit seiner frohmachenden Sonne. Marie sagte nicht viel, aber ihre Augen waren wieder hell und hatten einen ganz neuen Ausdruck heiterer Ruhe gewonnen. In ihrem ganzen Wesen lag etwas Bestimmteres, als Marie sonst eigen war. Mit einer freudigen Zuversicht, die ich nie an ihr gekannt, sprach sie von einer neuen Aufgabe, die ihr geworden war, indem ihre Eltern ein Waisenkind ins Haus aufgenommen hatten. In Marie war eine große Veränderung vorgegangen, das fühlte ich; da sie darüber schwieg, ließ auch ich die Vergangenheit ruhen. X. Jahre waren vergangen. Was Klara lebte, wüßt ich nicht mehr, kaum vernahm ich noch hier und da durch ihre Verwandten ein Wort über ihre äußeren Verhältnisse. Da kam mir eines Tages die überraschende Nachricht zu, Klara werde mich besuchen auf ihrer Durchreise nach England, wo sie in eine Thätigkeit eintreten sollte, die sie sich gewünscht hatte. Wie werde ich Klara wiederfinden! Dies war der einzige Gedanke, der mich beschäftigte bis zum Augenblick ihrer Ankunft. Nun stand sie vor mir. Ja, es war Klara – und doch – etwas Starres lag in ihrem Blick, auf all ihren Zügen, etwas so wehthuend Fremdes bis in den Klang ihrer Stimme hinein. Nach dem ersten Grüßen und einigen schweigend fragenden Blicken waren wir einig, ins Freie zu gehen, es wurde uns beiden zu enge im Zimmer. Wir gingen die Baumallee hinunter bis dahin, wo die alten Lindenbäume ihre Äste in die Wellen des Flusses senken; dort setzten wir uns auf die zweigbedeckte Bank nieder. »Klara,« sagte ich, »wie lange ist es doch, seit wir so zusammen saßen auf einer andern Bank! Und durch all' diese langen Jahre hin hörte ich so viel wie nichts von Dir, Du selbst hast ganz geschwiegen. Du warst recht krank.« »Ja,« erwiderte sie, »sehr lange und tief krank war ich an Leib und Seele.« So hatte ich mir's gedacht. »Aber jetzt fühlst Du Dich ganz genesen, Klara?« »So weit es sein kann,« versetzte sie kurz. Mir schnürte sich das Herz zu; ich wußte die alten Wege zu dem ihrigen nicht mehr zu finden. Wie war alles so anders geworden! Wo war das lebendige Feuer dieses Wesens, das einst gewaltig in mein Herz gezündet hatte? Welche Macht hatte Klara in ihrem innersten Wesen so verändern können? Wir schauten in die vorübereilenden Wellen und schwiegen lange. »Wie geht es der Marie?« fragte Klara plötzlich. Diese Frage überraschte mich. Klara hatte nie so viel Interesse an Marie genommen, um ohne besondern Grund im ersten Moment unseres Wiedersehens nach ihr zu fragen. Ich sagte Klara, was ich wußte, daß es Marie recht gut gehe, daß sie sich schon vor längerer Zeit verheiratet habe an einen wohl angesehenen jungen Mann nach einem ferngelegenen Gute hin; ich hatte sie seither nicht gesehen. »Klara,« sagte ich nun, »hast Du die Krankheit durchmachen müssen, an der wir Marie damals so elend sahen?« »Ja,« sagte Klara, in die Wellen blickend; dann setzte sie mit etwas bitterem Lächeln hinzu: »Der Dichter war auch ein Johannes. Es ist aber alles lange vorüber.« Vorüber – es klang mir ins Herz, als sagte das Wort, es sei überhaupt alles vorüber für Klara. Nach einer Weile fragte ich sie, ob sie sich freue, in ihre neue Thätigkeit einzutreten. »Freuen!« sagte sie fast vorwurfsvoll; »O nein! ich suche auch keine Freude; ich will mich nützlich machen, meine Kräfte brauchen, daß ich nicht vergeblich lebe.« »Aber, Klara, was ist denn jetzt Dein inneres Leben? Womit nährst Du Deine Seele? An welchen Quellen trinkst Du?« mußte ich fragen in Erinnerung an ihre Aussprüche früherer Zeiten. »Ich brauche keine Nahrung als meine Thätigkeit,« erwiderte sie mit dem befremdend harten Klang in ihrer Stimme; »ich trinke auch an keinen Quellen, mich dürstet nicht mehr. Wunschlos nehme ich meinen Tag hin, wie das Geschick ihn bringt, ich weiß ja: »Nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen Müssen wir alle Unsers Daseins Kreislauf vollenden.« »Wie hast Du Dich verändert, Klara!« mußte ich ausrufen. »Wo sind Deine reichen Erquickungen für die Gegenwart? Deine weiten Aussichten auf alle kommenden Tage? An was erfreut sich Dein Herz auf dieser Erde?« »Freude habe ich nicht mehr am Leben, ich ertrage es,« erwiderte sie. »Ich habe an allen Quellen geschöpft, um mir neue Lebenslust daraus zu holen, da ich krank und elend war; ich fand sie nicht; aber die Erkenntnis habe ich dabei gewonnen, daß im vollen Verzichten auf alle Lebensfreude die Ruhe liegt, und daß das einzige Glücklichsein ist; keinen Wunsch und kein Begehren mehr zu haben.« »Dies ist eher tot sein, als glücklich sein, Klara,« meinte ich. »Es giebt aber eine Quelle, da wird noch immer frisches Leben geschöpft von den Krankenden und neue Freude von denen, die traurig sind. Du hast sie immer unbeachtet gelassen. Da muß Marie geschöpft haben, denn heute ist sie heil und lebensfrisch, wie in den Tagen der fröhlichen Kindheit.« Dies interessierte Klara. Ich sollte ihr genau erzählen, was mit Marie vorgegangen war. Das konnte ich damals nicht thun, ich wußte es nicht, mußte aber Klara versprechen, ihr darüber alles mitzuteilen, was mir bekannt würde. »Dafür will ich aber auch ein Versprechen von Dir, Klara,« sagte ich dann. »Versprich Du mir, nun einmal gründlich das alte Bibelbuch durchzulesen und bald daran zu gehen, aber nicht wie ein veraltetes Lehrbuch, sondern mit demselben Glauben, mit dem wir uns vormals unsere Dichter abnahmen, wenn wir uns sagten: Hier ist ein Quell des Lebens, trink daraus!« Klara sah mich erstaunt an; dann versprach sie. Wir schieden für lange Jahre. XI Noch in demselben Jahre, als die Herbstsonne ihren goldenen Schmelz über Berg und Thal gebreitet, ging ich durch den frischen Morgen unter den fruchtbeladenen Obstbäumen hin, einem Bauernhofe zu, der mitten in den duftenden grünen Wiesen stand. Von fern schon hatte ich ihn erkannt aus der Beschreibung. Da war ja der steinerne Brunnen im Hof mit den zwei reichen Wasserströmen; da war der große Apfelbaum vor dem Haus, und oben im Fenster standen volle rote Nelken, dunkelglühend in der Morgensonne. Jetzt trat Marie aus der Hausthür, sie hatte mich herankommen sehen. »Wie gut Du aussiehst, Marie!« mußte ich ihr gleich entgegenrufen. »Ja, wie gut es mir auch geht!« erwiderte sie, mir die Hand festhaltend, in alter, traulicher Weise. »Und Dir doch auch?« »Ja wohl!« Wir traten zusammen in das wohnliche Haus. Wie viel hatten wir uns zu sagen und zu fragen. Vor allem mußte Marie mir erzählen, wie ihr wackerer Philipp sie gefunden und gewonnen hatte. An dem offenen Fenster, durch das die milde Herbstsonne hereinschien und ihr warmes Licht in die freundliche Stube warf, setzten wir uns nieder. Die Wiese lag grün schimmernd vor uns, und Scharen fröhlicher Vögel hielten Mahlzeit draußen auf dem reichbeladenen Apfelbaum. »Und wie viel besser meint es der liebe Gott mit uns, als wir selbst!« fuhr Marie fort, nachdem sie mir den Gang ihrer Bekanntschaft mit Philipp und ihr Zusammenkommen erzählt hatte. »Jeden Tag sehe ich es mit neuer Dankbarkeit ein. Du glaubst nicht, wie gut der Philipp ist, und er ist auch ein frommer Mann, wie ich nie geglaubt hätte, das einer sein könnte, und überall beraten, ich kann ihn nur fragen, wo ich anstehe, so weiß er gleich das Rechte. Und für die Buben ist er ein Vater, wie ich keinen andern kenne.« »Das tönt gut, Marie,« sagte ich erfreut ... »Und die Buben? Die muß ich doch sehen!« Marie rief sie herbei und stellte mir erst den größeren vor, den fünfjährigen Philipp, der sich sehr aufrecht vor mich hin stellte und mich unerschrocken anstaunte. Dann schob sie mit einiger Mühe den Kleinen vor, der sich immer wieder hinter die Mutter verkroch. »Das ist der Dreijährige,« erklärte sie, als der Kleine annähernd sichtbar wurde, »der heißt Johannes.« Ich sah Marie fragend an. »Ja,« sagte sie, auf meine Gedanken antwortend, »dem Johannes nach heißt er so, meinem Mann war es auch recht. Ich habe den Johannes nie mehr so gesehen, daß ich ihm hätte sagen können, wie ich denke, daß ich so gerne hätte, wir dächten beide mit Freundlichkeit an einander und an die Zeit, da wir so gut Freund waren, und er mir auch viel Gutes erwiesen hat. Daß er sehen kann, ich thue es und höre gern seinen Namen, wollte ich einen Johannes haben, und der will auch ein Guter sein, nicht wahr, Johannesli?« Der Kleine schmiegte sich so schmeichelnd an die Mutter an, als wollte er gut machen, was alle Johannesse von jeher verschuldet. Der gehaltene Bruder Philipp sah ihn etwas von oben herab an, der sah gar nicht aus, als wäre da etwas gut zu machen. Nun trat auch der große Philipp ein. Das gewinnende Wesen dieses Mannes, seine einfache Sicherheit und der gerade Sinn, der ihm aus den lauteren Augen schaute, ließen mich leicht begreifen, daß Marie aus der glücklichen Gegenwart mit voll versöhntem Herzen auf alle Vergangenheit zurückblicken konnte. Sie wollte mich länger halten, aber ich hatte noch einen langen Weg vor mir, ich wollte nach dem Berge hin, der alten Heimat zu. Marie wollte mich begleiten, und nun wir einmal wieder zusammen wanderten, wie wir so oft gethan, stieg die Erinnerung an die alten Zeiten in meinem Herzen auf. Wie vieles war in uns beiden vorgegangen, seit jener Zeit, da wir uns so vertraulich all' die großen Ereignisse unseres kleinen Lebens mitteilten da oben auf dem Schopffenster hinter den Nelkenstöckchen. »Marie,« sagte ich, in meinen Gedanken weiter kommend, »sag' mir nun etwas: wie kam es, daß Du damals, als Du so traurig warst, nicht zu den Wiedertäufern gingst? Ich fürchtete, Du würdest dort Deinen Trost suchen.« »Nein,« erwiderte sie, »es kam ganz anders. Ich hatte Dir damals schon erzählt, was in mir vorging, aber ich dachte –« »Ich würde es nicht recht verstehen,« ergänzte ich, als Marie zögerte, »aber jetzt kannst Du mir's sagen.« Marie erzählte mir nun, sie sei damals so zu Boden gelegen, daß sie nach keinem Trost mehr suchte. Alle Lebenskraft war ihr genommen. Schlafen konnte sie fast gar nicht mehr und alle Arbeit verrichtete sie nur noch halb oder verkehrt. Dann habe sie der Gedanke beschlichen, sie komme um den Verstand, weil sie keiner Sache mehr recht nachdenken konnte und sich auf keinem Punkte mehr in der Hand hatte. Vater und Mutter seien auch so fremd gegen sie geworden und hatten sie manchmal so von der Seite angesehen, als sei sie's nur noch halb wert, und das alles sei ihr am Ende wie ein großes Wasser über dem Kopf zusammen gelaufen, daß ihr war, sie komme nicht mehr durch, und es müsse ein böses Ende mit ihr nehmen. »Da lief ich,« erzählte Marie weiter, – »es war an einem Sonntag Nachmittag – in unsäglicher Angst nach dem Grabe der Großmutter und setzte mich hin und weinte und sagte fast laut: Ach Großmutter, wenn Du noch da wärst, Du könntest mir helfen! Ich blieb lange auf dem Grabe sitzen und weinte und dachte an die Großmutter, wie gut ich es ihr sagen konnte, wenn mich etwas drückte in früherer Zeit. Da kam mir so vieles in den Sinn, das sie mir dann gesagt hatte, und das ich wohl gehört und verstanden, aber doch nie so recht ins Herz aufgenommen hatte. Da lief ich heim, und zum erstenmal seit dem Tode der Großmutter öffnete ich ihre Bibel mit Verlangen. Es lag noch ein Buchzeichen darin; auf dieser Seite mußte die Großmutter zum letzten Male gelesen haben. Ich schlug sie auf und meine Augen fielen gleich auf die Worte: »Rufe mich an in der Not, so will ich Dich erretten, und Du sollst mich preisen.« Ich mußte ganz laut sagen: Ja, Großmutter, das will ich auch thun! Dann lief ich in meine Kammer und betete aus meiner Not zu Gott, wie ich nie vorher gebetet hatte. Von da an habe ich es fort und fort gethan, und ich habe dann wohl gemerkt, wo es mir gefehlt hatte, daß ich immer meinte, es müsse mir jemand von außen helfen, die Wiedertäufer könnten es thun. Aber je ernstlicher ich betete, je mehr fühlte ich, daß kein Mensch mir helfen konnte. Es fing mir so vieles an auf dem Herzen zu brennen: was hatte ich an der guten Großmutter versäumt und wie manches Leid ihr gethan, das ich nicht mehr gut machen konnte! Wie verbitterte ich dem Vater und der Mutter das Leben täglich! Und manches Unrecht noch, von dem keiner wußte, stieg mir quälend auf. Wenn ich dann in der Angst meine Bibel ergriff, so war es mir oft, als seien die Worte, auf die ich traf, aus meinem eigenen Leben geschrieben, gerade so war es bei mir: »Meine Tage sind vergangen wie ein Rauch, und meine Gebeine sind wie ein Brand verzehret. Mein Herz ist zerschlagen und verdorret wie Gras, daß ich auch vergesse mein Brot zu essen,« Da mußte doch auch Hilfe für mich zu finden sein, wo meine Krankheit so deutlich stand, wie im eigenen Herzen. Und ich fand sie auch. Wie ich es zuerst erfaßte, daß wir einen Herrn im Himmel haben, der uns alles vergiebt und uns rein macht von aller Schuld, wir dürfen ihn nur anrufen, da war mir, als sei die Sonne so schön noch nie am Himmel gestanden, und eine große Freude kam mir ins Herz, alle Angst und Last war mir von der Seele genommen, und auch das alte, schwere Leid hatte keine Gewalt mehr in mir. Die ganzen Tage lang sagte ich voller Dank und Freude in meinem Herzen: »O Jesus Christ, mein Leben, Mein Trost in aller Not, Dir hab' ich mich ergeben Im Leben, und im Tod. Ich will Dein eigen sein, Erlöser meiner Seele, Und ewig bist Du mein!« Hier schwieg Marie. Eine Zeit lang gingen wir schweigend neben einander her. »Und so ist Dir's noch, Marie,« sagte ich dann, »dies ist der feste Halt und die herzerfreuende Zuversicht Deines Lebens?« Ja,« erwiderte sie, »in jedem Moment und für immer, deß bin ich gewiß.« »Du bist glücklich, Marie,« sagte ich, »mehr als hier und da eines, das früher sein Leben nicht an das Deine getauscht hätte.« »Ja wohl,« versetzte sie und sah mich dabei an, als wäre sie leise meinen Gedanken nachgegangen, »so glücklich, daß ich mit keinem Menschen tauschen möchte. Ich habe für Leben und Sterben, was mich froh macht, und ich vergesse nicht dafür zu danken, denn ich weiß, wie es ist, wenn Frieden und Freude im Herzen fehlen.« Wir waren an der Bergstraße angekommen, hier standen wir still. Marie hatte mir das Herz erfreut mit ihrer Erzählung; ich sagte es ihr. Dann trennten wir uns im Gefühl alter Freundschaft und neuen vollen Verständnisses. Ich stieg den Berg hinan, die altbekannten Stellen grüßend. Wo der Weg steiler wird und die Blumen dunklere Farben bekommen, betrat ich den schmalen Fußpfad und ging quer über die Wiese einem Häuschen zu, das mitten unter den grünen Bäumen stand. Im Grase nahe am Haus krabbelte es lebendig: ich trat hinzu; eine Schar kleiner, unverkennbarer Rudi und Margritli rollte da den roten Äpfeln nach, die der Vater vom Baum schüttelte. Eben trat die Mutter heraus, rotbackig wie immer, und nach den ersten Ausrufen der Überraschung nötigte sie mich, mit ihr ins Haus zu treten, und der Vater Rudi wurde auch herbeigerufen vom Baum herunter. »Das ist recht!« sagte er, als er mich in seiner Stube mit dem alten Händedruck begrüßte. Ich erklärte, ich wollte nur guten Abend sagen und sehen, wie es bei ihnen stände, da ich in der Gegend sei. »Das ist recht!« sagte Rudi nochmals zustimmend und nun mußte ich sitzen, und Rudi wollte allerlei Bewirtungen einrichten; ich sagte aber, heute gehe es nicht, es sei schon zu spät. Nun frug ich den alten Bekannten nach. »Ja,« sagte Rudi, »da giebt's Allerhand zu erzählen. Haben Sie auch schon die Phari – die Frau Lise, wollte ich sagen, gesehen?« – Das Margritli hatte ihm heimlich einen Stoß gegeben mit dem Ellenbogen. – »Die gedeiht wie ein Gerechter.« Jetzt bekam er den zweiten Stoß. Nein, ich hatte noch niemand gesehen, jetzt eben kam ich nach ziemlich langer Zeit einmal wieder hierher, aber mir war es lieb, etwas von den Leuten zu hören. »Und wie geht es dem Johannes?« fragte ich. »Ja dem!« sagte Rudi, »recht geht's ihm, der liegt jetzt grad', wie er sich gebettet hat. Am Sonntag geht's zweimal zur Versammlung; voran die Lise, aufrecht wie ein General, der's gewonnen hat: dann der Johannes, ganz demütig, an der Hand das Kleine mit dem Rosmarinstengelchen.« »Es geht ihnen aber ganz gut,« fiel hier das Margritli ein, »sie machen einen recht ehrsamen Hausstand, und die Lise hält gute Ordnung und sorgt für den Mann, daß er's recht hat.« »Ja, und mehr als recht,« fuhr Rudi fort, »was er nur an Predigten bekömmt die Woche durch, je eine am Morgen und eine am Abend, und am Sonntag erst recht. Lieber wollte ich jeden Montag eine rechte Ohrfeige und damit abgemacht für die Woche.« »Rudi, hättest Du's gern, wenn Deine Frau Dir einmal eine rechte Ohrfeige geben würde?« fragte Margritli. »Nein, nein, bewahre!« erwiderte Rudi, »ich rede nur für den Johannes; ich habe darum eine genommen, die mir keine Predigten hält und keine Ohrfeigen giebt. Hatte ich nicht recht?« Die Frage war an mich gerichtet; dabei sah Rudi nach dem Margritli hin ganz mit demselben Wohlgefallen, wie in den Tagen der Singschule. »Gewiß hattet Ihr recht,« sagte ich, »und mich freut es heute aufs neue, daß Ihr die Sache so glücklich ausgeführt habt.« Rudis Händedruck, der hierauf erfolgte, mußte zugleich als Abschied gelten, und es war gut, denn dieser war einer seiner kräftigsten. Eben war die Sonne untergegangen, als ich oben auf dem Tannenacker ankam; ich setzte mich auf die Bank, an die wohlbekannte Stelle, und lehnte mich an den alten Baum. Vergangene Tage zogen durch meine Seele. Dort unten, dem Hügel entlang, ging der Weg, den das zarte Meieli in seinem kurzen Leben so oft gegangen war durch Nacht und Frost, und mehr Wege noch verloren sich hier und da ins Thal hinab, die von anderen räthselhaften Anfängen und unvollendetem Leben und von manchem brennenden Warum des Menschenherzens redeten. Eben erklangen die Glocken der kleinen Kirche unten am Hügel; es war Sonnabend, sie läuteten den kommenden Festtag ein. So hatten diese Glocken über Meielis verklärtes Angesicht geläutet. Ein Windhauch trug die Töne heran, und über alle die verschwindenden Wege hin sangen die Glocken wie Antwort von Meielis Grab herauf: »Wieder aufzublühn ward ich gesä't, Der Herr der Ernte geht Und sammelt Garben; Gelobt sei Er!« Noch steht die einsame Tanne auf dem Hügel und schüttelt ihren alten Wipfel im weckenden Bergwind. Ein junges Geschlecht sitzt auf der Bank darunter. Ob es vernimmt, wie über ihm die Vöglein in den Zweigen singen: »Ach, wie so bald!«? – Daheim und in der Fremde Am alten Pfarrhaus waren die Junirosen erblüht und erfüllten den ganzen Garten mit süßem Duft. Der frühe Lila-Flieder war vorüber, nur die Blätter waren noch schön grün am Gebüsch und flüsterten über der Bank im leisen Abendhauch. Auf der Bank saß der würdige alte Pastor, mit dem schwarzen Sammtkäppchen auf dem Kopf, und rauchte friedlich aus seiner langen Pfeife. An seiner Seite, wie fast zu jeder Zeit, saß seine kleine, feine Frau, der einige schon grau gefärbte Löckchen, unter der weißen Haube hervorfallend, anmutig die kluge Stirn zierten. Mit ihren zarten Händen schälte sie die grünen Erbsen aus den Hülsen, die eben im saubern Körbchen vor sie hingestellt worden waren von der gewandten Martha, ihrer hoch gewachsenen Tochter, die sich nun zu den Stauden zurückgewandt hatte, ihre Früchte zu Ende zu pflücken. Eben fing die Betglocke der nahen Kirche zu läuten an, den Schluß der Woche verkündend und zum Feierabend einladend alle, die noch in des Tages Müh' und Arbeit standen. Auf und nieder wogten die Glockenklänge und tönten in den Garten herüber. Da legte der Pastor seine Pfeife weg, faltete die Hände und sagte mit der ihm eigenen kindlichen Innigkeit; »Die Woche ist geendet, Das Tagewerk vollendet, Vergessen Not und Schmerz, Es kommt ein heil'ger Morgen, Am Sabbath ruhn die Sorgen, So ruhe denn, mein Herz!« Martha war hinzugetreten; auch die Mutter hatte ihre Hände gefaltet in den Schoß gelegt. Schweigend hörten sie alle Drei den verklingenden Glockentönen zu. Auf der Rosenhecke lag leuchtend der Abendschein. Die Luft war still geworden; ein friedliches zur Ruhe Gehen war über Baum und Flur und Wald gehaucht. In späterer Stunde saßen Vater, Mutter und Tochter bei der Lampe im Pfarrstübchen. Auf die kleine Bank unten am Tisch hatte sich eben das Dienstmädchen hingesetzt, die junge Rosine, die immer und auch jetzt trotz der ernsthaften Miene, die sie aufgesetzt hatte, sehr lustig aus den hellen Augen schaute. Der Vater hatte die große Bibel vor sich auf dem Tische liegen; er las laut sein Abend-Kapitel; an diesem Tage waren es die Worte: »Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen gethan. Der Herr hat Großes an uns gethan, deß sind wir fröhlich. Herr, wende unser Gefängnis, wie Du die Wasser gegen Mittag trocknest. Die mit Thränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.« Nun stand der Vater auf und zog sich zurück, und bald folgte ihm die Mutter, am Sonnabend immer früher als an anderen Tagen, denn am Sonntag Morgen mußte alles zur Zeit bereit sein, um den Pastoren zum Morgen-Gottesdienste zu folgen. Auch Rosine, die erst ihre Geschäfte zu besorgen hatte, mußte mit, und sie versäumte nie, schmuck und rüstig den Zug zur Kirche zu beschließen. Als Mutter und Tochter sich auf dem Hausflur getrennt hatten, ging Martha die Treppe hinunter und trat in den Garten hinaus. Es war eine helle Sternennacht, und sie öffnete das Gartenpförtchen und ging den schmalen Fußweg entlang über die Wiese nach der Halde hinaus, wo die große Birke stand, unter deren leise wehenden Zweigen sie so gerne saß und ihrem Flüstern lauschte. Hoch zum Himmel ragte der Baum, aber oben im Licht beugte er sein Haupt, und die schlanken Zweige neigten sich wieder der Erde zu. Von der schmalen Rasenschanze unter dem Baum fiel der Abhang steil hinunter dem waldumkränzten Thalgrunde zu, den die klaren Bergbäche murmelnd durchzogen. Martha setzte sich auf die Rasenbank; es war still ringsum, nur der leise Nachtwind säuselte in den Birkenzweigen. Die Landleute der Gegend gingen mit dem Tageslicht zur Ruhe, um mit der Sonne den Tag wieder zu beginnen. Das wußte Martha wohl, und daß auf ihren abendlichen Gängen kein menschliches Wesen sie erschrecken würde. Sinnend schaute sie in die milde Sternennacht hinaus. Über dem Buchenwald stand die schimmernde Sichel des jungen Mondes; gegen Süden hin war ein lichter Streifen am Horizont, auf dem sich noch die Zacken des grauen Felsenstockes zeichneten. Tief unten im Thal fuhr ein Wagen durch die Stille dahin, weit hin, in die ferne Welt hinaus. Martha lauschte dem verhallenden Rollen der Räder. Hinaus in die Welt! Das war der Gedanke, der ihre Seele erfüllte. Aus diesem stillen, unbewegten, immer gleichen Leben weg, einmal hinaus in die Weite, in die Welt der bedeutenden Menschen, der großen Gedanken, der reichen Interessen! Martha war eine kräftig angelegte Natur. Mit der Gemütstiefe des Vaters einte sich in ihr das rasche Erkennen, das entschlossene Handeln, das der Mutter eigen war. Das leidenschaftlich Eigenwillige ihres Wesens hatte sie wohl unmittelbar mitgebracht, wie ihre tiefblauen Augen, die unter den schwarzen Wimpern hervorschauten, so feurig, wie die dunkelglühenden Berg-Enzianen im Busch. Martha hatte viel gelesen. Ihr Durst nach Wissen und Kennen ging weit über die ihr angewiesenen Quellen hinaus; um so dringender wurde ihr Verlangen nach der unerreichbaren Befriedigung, um so wundervoller standen vor ihr die Schätze, die draußen im reichen Zusammenfluß aller geistigen Kräfte gefunden werden müßten, um so enger und ärmer erschien ihr das wechsellose Leben auf dem schönen aber einsamen Erdenfleck. Martha wurde aus ihrem tiefen Sinnen aufgeschreckt durch einen nahenden Schritt; es war ihre Mutter, die herantrat. »Dacht' ich's doch, als ich Dich nicht hereinkommen hörte, Du vergessest Dich auf Deinem Rasensitz,« sagte sie freundlich. »Komm herein, Martha, es ist Zeit.« »Mutter, ich möchte Dir etwas sagen, setze Dich nur einen Augenblick hier zu mir,« bat Martha. Die Mutter setzte sich. Eine Weile war alles still. Vom nahen Garten trug ein Windhauch den süßen Rosenduft herüber. Leuchtend stand die Mondsichel über dem dunkeln Wald. »Mutter,« sagte Martha jetzt mit bestimmtem Ton, »ich habe alles reiflich überlegt, ich will dem Manne folgen.« Lange antwortete die Mutter nicht; endlich sagte sie schmerzlich erregt: »Martha, es kann nicht sein! Du kennst den Mann zu wenig; was Dir unbekannt ist, kannst Du nicht überlegen.« »Was ich von ihm kenne, ist mir werth,« erwiderte Martha fest. »Es bringt mich in die Nähe einer Stadt, da ich finde, wonach ich verlange, eine geistige Nahrung, die ich hier schmerzlich vermisse. Ich bin nicht mehr so jung, Mutter, nicht zu wissen, was ich will; ich bin entschlossen den Schritt zu thun und wollte Dich bitten, den Vater vorzubereiten.« Mit dem Ausdruck tiefster Besorgnis stand die Mutter auf, nahm den Arm ihrer Tochter und lenkte dem Garten zu. Einen Augenblick noch blieb sie an der Rosenhecke stehen. Wie oft hatte sie hier mit ihrem Kinde die süßen Düfte eingetrunken an milden Juniabenden, wenn über ihnen die Sterne friedlich schimmerten, wie eben jetzt. »O Martha,« sagte die Mutter bewegt, »daß Du Gottes Wege, nicht Deine eigenen gehen möchtest, dann möchte ich Dich wohl ziehen lassen!« Mutter und Tochter traten ins Haus und trennten sich schweigend; beiden war das Herz zu voll zu weiterem Reden. Es war ein inniges Verhältnis zwischen den liebevollen Eltern und ihrem Kinde; Martha hing mit ganzem Herzen an ihnen; aber in den letzten Jahren waren ihr viele Gedanken gekommen, die sie nicht mehr mit den frommen Eltern austauschen konnte, aus Furcht sie zu erschrecken. Sie ging innerlich ihre eigenen Wege und dachte, der liebe Gott habe für jeden eine besondere Antwort, wie jeder seine besonderen Fragen hat. Fanden nun Vater und Mutter ihren besten Trost und die befriedigende Nahrung für ihr inneres Leben in den Worten des alten Bibelbuches und solcher Schriften, die desselben Sinnes waren, so war es dagegen den Bedürfnissen ihrer Natur gemäß, aus den Worten der Dichter und Weisen zu schöpfen, die ihren Blick weiteten, ihr Denken erhellten und ihr ganzes Wesen festeten, daß sie, der eigenen Kraft bewußt, gerüstet dem Leben entgegentreten könnte. Sie fühlte sich dabei gehoben, wie nie beim Lesen jener Schriften, die ihren Eltern teuer waren; denn nichts erschien ihr so armselig, wie aus Gnaden annehmen zu wollen, was wir mit der eigenen, guten Kraft erringen sollten. Martha hatte im verwichenen Winter einige Zeit bei einer Freundin zugebracht, wo sie die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, dessen Wohlgefallen sie erweckt hatte. Der Mann trug einen guten Namen, und die Freundin wußte von seiner ganzen Familie viel Gutes zu erzählen. Jetzt lebte er allein auf seinem Gute, in einer weit entfernten, aber für Martha in vielen Punkten lockend erscheinenden Gegend. Vor kurzem hatte der Mann um ihre Hand angefragt. Martha hatte von seiner stillen Weise einen angenehmen Eindruck erhalten; der Eltern liebevolle Einwendungen wurden alle entkräftet durch die Entgegnung, ihre innersten Anschauungen gingen auseinander; sie hatte die Wege zu gehen, die ihrem Wesen vorgezeichnet wären. Als der Herbst den Buchenwald bunt gefärbt und das Fliedergebüsch entblättert hatte, als an der Hecke nur noch hier und da verloren eine blasse Rose hing, da stand am Pfarrhof ein gepackter Reisewagen. Eben trat der Vater im Sammtkäppchen aus der Hausthür; er hielt sein Kinan der Hand; über seinem sonst so fröhlichen Angesicht lag ein tiefer Schatten; die Mutter folgte mit nassen Augen. Im langen Überrock, zugeknöpft bis an den Hals hinauf, stand ein ältlicher Herr, kaum reichte er an die hochgewachsene Martha heran, es war ihr angetrauter Mann. Der Vater hob sein Kind in den Wagen; nun fielen ihm die hellen Thränen über die Wangen herab; die Mutter hatte lange schon in der Stille die ihrigen immer wieder weggetrocknet. Der zugeknöpfte Herr stieg ein an Marthas Seite. Sie grüßte und winkte zurück. Der Wagen bog um die Ecke herum. Wo das Land flach ist, und weit umher die großen Felder den Boden bedecken, steht ein altes, graues Haus mit einem großen Thurm; es wurde das Schloß genannt. In dem verwilderten Garten am Hause stand die junge Rosine und staunte um sich. Die Eltern hatten gewünscht, daß sie ihre Tochter Martha nach der fernen Gegend hin begleiten möchte als treues Dienstmädchen, wie sie Rosine kannten. In dem grauen Schlosse war nur ein einziges lebendes Wesen außer ihr vorhanden, der alte Felix, der langjährige Hausknecht. Er stand am andern Ende des Gartens und schlug Pfähle in den Boden, damit der Gartenzaun wieder mit Recht so genannt werden dürfte. »Wann wird die Herrschaft anlangen, Felix?« rief Rosine über den Garten hin. »Heut,« erwiderte der Alte. »Heut,« wiederholte Rosine ärgerlich, »daß weiß ich so gut wie Ihr, ich meine, wann heut?« »Weiß nicht,« war die kurze Antwort. Rosine schaute über das lange Feld zur Rechten gegen das graue Fichtengehölz, das auf dieser Seite hin das Feld abschloß. Zur Linken lag an des Feldes Ende ein grüner Teich und weiterhin unabsehbare Felder, zur Seltenheit von dünnen Fichten und Haselgebüsch unterbrochen. »Felix,« rief Rosine nach einer Weile der Betrachtung, »meint Ihr etwa, es sei schön bei Euch?« Keine Antwort. »Wo ich herkomme, ist es anders, das kann ich Euch sagen. Wie muß man sich denn nur hier drehen, daß man einen Berg sehen kann?« Keine Antwort. Rosine rupfte einiges Unkraut aus; dann schaute sie wieder auf, ein neuer Gedanke mußte sie beunruhigen. »Und wo ist denn die Kirche?« rief sie, mit den Augen umhersuchend, »weit und breit ist keine zusehen! Hört Ihr nicht, Felix? Wo geht Ihr denn zur Kirche?« »Geh' nicht.« »Pah, ich meine, wo andere gehen, wenn Ihr nicht geht. Wo geht der Herr zur Kirche?« »Geht nicht.« »So, seid Ihr denn alle Türken hier? Meint Ihr etwa, wir seien auch so? Wo sollen denn wir zur Kirche gehen, die Frau und ich? Hört Ihr nicht? Habt Ihr etwa keine Kirche? Oder wißt Ihr gar nicht, was eine Kirche ist?« Hier streckte Felix den Arm aus und deutete gegen das Fichtengehölz hin, ohne ein Wort zu sagen. Rosine folgte dem Wegweiser mit den Augen. Richtig, dort hinter den Bäumen war ein roter Kirchturm zu sehen, breit und niedrig, nicht spitz und schlank, wie die Kirche der Heimat – und weiterhin zeigten sich die hohen Türme der Stadt auf dem hellen Horizont. Rosine machte noch einige vergebliche Anstrengungen zu weiterer Unterhaltung; der Alte hämmerte schweigend fort. An demselben Abend fuhr der Reisewagen an dem grauen Schlosse vor. Martha betrat ihre neue Heimat. Der Winter war vergangen, die junge Saat der Felder grünte. Im Fichtengehölz war der Kuckuck erwacht und rief zum grauen Hause herüber. Martha stand am offenen Turmfenster, sie lauschte dem Rufe, wie gut kannte sie den Ton! So hatte sie im Frühjahr lauschend draußen unter der Birke gestanden, wenn er vom hellgrünen Buchenwald herauf erklang und sich in das laute Sprudeln der frisch genährten Bergbäche mischte. Sie sah den Thalgrund vor sich mit den vollen Vergißmeinnichtreihen dem Bache nach, den Buchenwald im Morgensonnenschein und drüberhin die weiß schimmernden Schneefelder. Ja, es war schön dort wie nirgends sonst! Drüben erhoben sich die Türme der Stadt. Was hatte sie sich geträumt von den geistigen Gütern und Herrlichkeiten dieser Stadt! Einige Male war sie mit ihrem Manne hinübergefahren zu Gesellschaft, zu Vorträgen, zum Theater. Gestillt hatte sie ihren Durst nicht, aber irgendwie war schon ihr brennendes Verlangen nach alle dem ermattet. Ja, ihre Mutter hatte recht bekommen: sie hatte nicht bedenken können, was ihr unbekannt war. Sie hatte noch keinen Menschen gekannt, der am irdischen Gute nur um des Besitzes willen hängt in einer Weise, daß jede Lebensregung ihn peinigt; sie hatte nie gesehen, wie Geist und Seele in dieser Öde des Daseins verdorren. Martha hatte von Kind auf den Seelenadel der ihr nahe Stehenden eingeatmet wie die natürliche Lebenslust; wer fragt, ob diese ihm fehlen kann? Daß es eine andere Luft giebt, eine erdrückenden Erdenluft, in der die Menschen auch leben können, hatte sie nun erkannt, und diese sollte die Luft ihres eigenen Hauses sein! Ein lähmender Bann hatte sich auf ihre Seele gelegt. Aber zu erliegen gedachte sie nicht; nun galt es, seine Kraft zu gebrauchen. Das wollte sie auch thun. Sie hatte diesen Weg gewählt, sie wollte ihn stillschweigend gehen, niemand sollte mit ihr leiden, am wenigsten ihre alten Eltern. Wenn am Sonntag die Glocken der fernen Kirche über das Fichtengehölz her erklangen, ging ein wehmütiges Gefühl durch ihr Herz. Sie sah den ehrwürdigen Vater andächtig zur Kirche gehen, die Mutter an seiner Seite; es war ihr, als ob sie ihr winkten; aber es zog sie nicht hin. Sie schickte sonntäglich Rosine hinüber zur Kirche. Den Eltern schrieb Martha von ihrer bleibenden Liebe für sie; was sich etwa als Schatten in die Briefe einschlich, bezeichnete sie als »ein wenig Heimweh«. Was Vater und Mutter noch aus den Briefen lasen, was sie darin vermißten, und was sie dabei empfanden, das wußte oder bedachte Martha damals freilich nicht. Als Martha oben am Fenster in den Frühlingsmorgen hinausblickte, stand Rosine unten am Gartenzaun; sie erwartete den alten Felix mit den Holzstangen, an die sie die jungen Erbsen aufbinden wollte. Der Alte nahte mit seiner Bürde und steckte schweigend eine Stange nach der andern in die grünen Ranken. Rosine hatte ihre Herrin am Fenster gesehen und war mit richtigem Instinkt ihren Gedanken gefolgt. Jetzt wischte sie eine Thräne weg und trat zu dem Alten heran: »Felix,« rief sie mit erregter Stimme, »ich wollte, daß Euer Herr sechstausend Jahre lang in seinem Turmloch sitzen und fortbrüten müßte zur Strafe, daß er so dasitzt und brütet einen Tag um den andern und kein Leben führt mit seiner Frau und schuld ist, daß sie ganz anders aussieht als früher. Und ein Gesicht macht er immer, daß man denken kann, er müsse über seine Sünden brüten.« »Junges Geschöpf,« sagte Felix fast lebhaft, indem er inne hielt mit seiner Arbeit und sich direkt zu Rosine kehrte, »Du redest unnötige Worte, der Herr hat nichts begangen.« Einen Augenblick war Rosine wortlos vor Erstaunen. Es war das erstemal, daß sie von Felix etwas anderes als eine Antwort von zwei Worten hörte. Den ganzen Winter durch hatte sie ihre täglichen Mahlzeiten, die sie, dem Alten gegenüber sitzend, einnahm, mit ihren Selbstgesprächen und ewig unbeantworteten Fragen würzen müssen. Jetzt hatte Felix einen ganzen Satz gesagt. »So begeht er jetzt etwas,« fuhr sie auf, als ihr Erstaunen sich gelegt. »Hat er sein Leben bekommen, daß er Tag für Tag sitze und ausbrüte, was um ihn her nicht recht gehe, oder vielmehr nicht liegen bleibe? Ginge alles nach seinem Kopf, so dürfte keiner von uns mehr Atem holen, nur damit er nicht wieder hergegeben werden müßte.« »Es fehlt dem Herrn irgendwo,« fügte Felix. »Ja, das glaube ich auch,« entgegnete Rosine schnell, »mich wundert, wo es ihm nicht fehlt.« Es wunderte sie aber doch auch ein wenig, wo es ihm besonders fehlen könnte, auch war ihr das Ereignis, den Alten reden zu hören, zu merkwürdig, um sich nicht so lang' als möglich daran zu verwundern. »Sagt, Felix, wo fehlt's ihm denn am meisten?« fragte sie, wieder einlenkend. »Willst Du nicht mehr unnötig reden, wenn ich Dir sage, was ich meine?« fragte der Alte entgegen. »Nein, nie!« versicherte Rosine. »Ich meine, es ist bei dem Herrn da nicht mehr richtig,« sagte Felix, auf seine Stirne deutend. »Ja, und wird auch immer unrichtiger werden,« fuhr Rosine beistimmend fort. »Wem nimmt der Herr ein vernünftiges Wort ab? Wenn er auf seine Frau hören wollte, käm' es anders, aber es heißt nicht vergebens: Ein Narr hat nicht Lust am Verstand, sondern was in seinem Herzen steckt!« Der Alte hatte seine Arbeit vollendet und war mitten in Rosinens Rede davon gegangen. Er schien überhaupt anzunehmen, das wünschbarste Schicksal der meisten Menschenworte sei, ungehört zu verklingen. Als wieder die Felder grünten und der Kuckuck rief, saß Martha an ihrem Fenster und hielt einen rosigen blonden Jungen im Arm, der mit seinen großen blauen Augen zu ihr auflachte wie die helle Freude. Und welche Freude war auch in der Mutter Herzen aufgegangen! Ein neues Leben lag vor ihr. Alles, was sie vergebens für sich ersehnt, alle gescheiterten Hoffnungen und unerreichten Ziele erstanden vor ihren Augen mit neuem Reiz; in ihrem Kinde konnte, ihr alles in Erfüllung gehen, und voller, umfassender, als sie es je für sich vorausgesehen, denn dem Sohne standen ja alle Wege offen. Das begabte, früh sich entwickelnde Kind berechtigte auch die Mutter zu großen Hoffnungen; sie wußte, worauf sie baute. Schnell und ausnehmend lieblich wuchs der kleine Willi heran. Früh rief er alle Bewohner des Hauses beim Namen und deutlich begriff er die Weise eines jeden, der sich mit ihm abgab. Für seine Mutter hatte der Kleine eine nie versiegende Zärtlichkeit; sie lebte auch nur für ihn, und früh konnte sie mit dem klugen Kinde von vielem sprechen, das ihr Herz bewegte. Sie verstand es auch wohl, mit ihm in seiner Sprache zu reden, sie kannte ja ihren Kleinen in jeder Regung des Herzens, in jedem Zuge seiner Gedanken. Wenn in der Dämmerung die Mutter still an ihrem Turmfenster saß, dann kletterte der Kleine regelmäßig auf ihren Schoß, und sie mußte erzählen vom Großvaterhaus und allen Bäumen und duftenden Blumen im Garten. Wenn dann der lichte Mond über dem Fichtengehölz erschien, wollte das Kind immer wieder hören, wie er leuchtend über dem Buchenwald gestanden hatte, als die Mutter am Abend dort draußen unter der Birke saß und der Nachthauch den süßen Rosenduft zu ihr herübertrug. Dann wurde Willi ganz belebt, und seine großen blauen Augen glänzten vor Eifer, wenn er der Mutter erklärte: »Ja, und wenn ich groß bin, dann baue ich Dir ein schönes Haus dort droben unter der großen Birke, und ihre Zweige wehen immerfort darüber hin, und ich mache eine Hecke um das ganze Haus herum voller roter Rosen, die blühen immerfort und duften in die Fenster hinein, wo wir sitzen, Du und ich und der Großpapa mit einer langen Pfeife und die Großmama: und dann bist Du immer fröhlich und nie, nie mehr traurig!« Dann schmeichelte sich Willi an die Mutter und streichelte ihre Wangen, bis sie versprach, dann wollte sie nie, nie mehr traurig sein. In das Zimmer des brütenden Vaters durfte der Kleine täglich zu einer bestimmten Stunde für kurze Zeit eintreten. Er wußte perfekt, daß er dann seine Füßchen ganz leise aufsetzen mußte und seine Fingerchen an keinen Gegenstand im Zimmer legen durfte. Bei Rosine war jede Spur von Heimweh, langer Weile und jeglichem Leid gänzlich verschwunden, seit das Kind erschienen war. So war ununterbrochen im hellen Entzücken über den Kleinen, jedes Jahr ein wenig mehr. Sie betrachtete ihn durchaus als ihr halbes Eigentum, die andere Hälfte kam der Mutter zu. Willi hing auch mit besonderer Liebe an der fröhlichen Rosine. An wem hing auch das liebreiche Kind nicht mit warmer Liebe, und wessen Herz gewann es nicht für sich? Der alte Felix mochte stehen und gehen, wo er wollte, erblickte er das blonde Lockenköpfchen, so blieb er stehen und streckte seine Hand aus. Dann lief Willi herzu, legte sein Tätzchen hinein und fragte gleich nach dem Lerchennest drinnen im Kornfeld. Und immer war dem Alten die Zeit gelegen, den Kleinen dahin zu führen. Dann wanderten sie Hand in Hand, langsamen Schrittes; der schwere Gang der alten Beine paßte gerade zu dem Trippeln der sehr jungen, und auf dem ganzen Wege hatte der alte Felix von all' den Singvögeln zu berichten, die ringsum ihre Nester hatten, drinnen im Kornfeld und hoch oben in den alten Birnbäumen. Der schweigende Alte hatte noch erzählen gelernt. Ein warmer, belebender Sonnenstrahl war in das steinerne Haus gefallen. Die Aprilsonne hatte schon heiß auf die Felder geschienen und die frühe Saat hervorgelockt; dann hatte ein rauher Schneewind dahergeweht, eine feuchtkalte Nebelluft lag draußen, und große graue Wolken zogen über das Fichtengehölz hin. Martha saß auf ihrem Fenstersitze in der Dämmerung und schaute in den trüben Abend hinaus. Nun hörte sie ihren Kleinen herankeuchen unter einer großen Last. Er legte seine Bürde bei der Mutter auf den Fenstertritt nieder und atmete auf. »Was hast Du für schwere Arbeit, Willi?« fragte die Mutter. »Ich will werden, was der Großpapa ist,« antwortete der Kleine ernsthaft. »Da thust Du wohl daran,« stimmte die Mutter bei, »aber was hast Du denn hergeschleppt?« »Das Buch brauche ich dazu,« sagte Willi, auf die niedergelegte Bürde am Boden deutend. Nun erst erkannte Martha die große Bibel, die unberührt im Schranke gelegen hatte. Der alte Vater hatte sie Martha mit auf den Weg gegeben. Sie könnte das Buch wohl brauchen, hatte er ihr dazu gesagt. Sie hatte es nie gebraucht. Mit großer Mühe mußte es Willi heruntergeholt haben. »Was weißt Du von diesem Buche, Kind?« fragte Martha jetzt. »Rosine sagt,« begann Willi, wie seine Sätze häufig zu beginnen pflegten, »der Großpapa nimmt alles aus der großen Bibel, die vor ihm auf dem Tische liegt, dann geht er auf die Kanzel und predigt es. Das kann ich auch thun. Rosine sagt, das ist eine ganz gleiche Bibel; nun will ich Dir predigen, Mama.« Die Mutter zog den Kleinen an sich und strich ihm das weiche Lockenhaar aus der Stirne. Konnte die kurze Anstrengung die Stirne so heiß gemacht haben? Aber auch der Husten des Kindes war heut Abend rauher, als er die vorhergehenden Tage gewesen. Martha nahm den Kleinen bei der Hand und machte Anstalten, ihn zu Bett zu bringen. »O Mama, erst möcht' ich noch predigen!« bat Willi. Aber die Mutter blieb dabei, erst sollte er schlafen gehen, dann würde er morgen ganz frisch sein zum Predigen. Willi verzichtete ungern auf seine erste Predigt, aber er war ein lenksames Kind; nur sollte die Mutter versprechen, die Bibel da liegen zu lassen, wo er sie hingelegt, daß er sie gleich am Morgen finde und beginnen könne. In der Nacht brach das Fieber aus; am Morgen lag der Kleine glühend auf seinem Kissen, alle Pulse schlugen heftig an ihm. Der herbeigerufene Arzt sagte nicht viel; als Martha das Wort »Lungenentzündung« aussprach, wich er aus und meinte, es könne ein vorübergehender Anfall sein. Der Kleine lag im Fieber den ganzen Tag. Martha sah, daß sich gegen Abend der Zustand steigerte; sie wich nicht einen Moment von des Kindes Seite. In der Nacht fing Willi an, irre zu reden; er hörte das Wehen der Birkenzweige und wollte hinaus; dann fuhr er unruhig umher mit den Händchen und wollte eine der schönen Rosen herunterholen von der Hecke. Eine unnennbare Angst erfaßte Martha. Zum erstenmal kam der Gedanke über sie, daß ihr Kind dem Tode nahe sei. Sie warf sich auf die Kniee nieder und rief überlaut: »Nein, Gott im Himmel, Du kannst mir das Kind nicht nehmen!« Willi war erschreckt aufgefahren, er saß aufrecht in seinem Bett: die Nachtlampe warf ihren Schein auf das glühende Gesichtchen. Das brachte Martha zur Besinnung. Sie raffte alle Kraft zusammen, stand leise an dem Bettchen auf und ergriff des Kindes Hand. »Lieber Willi, bist Du erschrocken?« fragte sie mit leiser Stimme. »Ja, Du hast so laut gebetet!« sagte der Kleine, »aber, Mama, wir haben auch vergessen zu beten vor Schlafengehen.« Willi faltete seine Händchen. »Willst Du gern selbst beten, oder soll ich es thun?« fragte die Mutter. »Ich will,« Und Willi betete: »Müde bin ich, geh' zur Ruh'? Schließe beide Äuglein zu, Vater, laß das Auge Dein Über meinem Bette sein, Hab' ich Unrecht heut gethan, Sieh es, lieber Gott, nicht an! Deine Gnad' und Jesu Blut Machen allen Schaden gut.« Hier fiel der Kleine auf sein Kissen zurück, das Fieber ergriff ihn mit neuer Gewalt. Martha selbst hatte das Kind diese Worte beten gelehrt, wie konnte es sein, daß sie nun als etwas ganz neues sie mitten ins Herz trafen! »Deine Gnad' und Jesu Blut Machen allen Schaden gut« – hörte sie fort und fort die Stimme ihr in die Seele hineingerufen. In jener Nacht trat der Schaden ihrer Seele vor ihre Augen, wie sie ihn nie gesehen hatte, und fing an, in ihrem Gewissen zu brennen als ein verzehrendes Feuer. Nun sie in der großen Not sich an Den wenden wollte, den sie als den alleinigen Helfer empfand, mit einer Gewißheit, die allen früheren Zweifeln zum Trotz ihrer Seele erfaßt hatte, da erfuhr sie, wie von diesem Erretter aus ein helles Licht in ihr Herz fiel und tief in alle dunkeln Falten ihres Wesens drang und sie offen legte, daß sie davor erschrak. Sie hatte sich seit lange losgemacht von der Hand des Führers, dem ihr Vater sie frühe übergeben hatte als Demjenigen, der allein den Irrenden leiten und den Gefallenen aufrichten kann. Sie selbst wollte damit fertig werden, den rechten Weg zu finden und ihn auch zu gehen. Wie war sie ihn gegangen? Hatte sie den treuen Eltern gegenüber ein frohes Gewissen? Wie stand sie in ihrem Innern zu dem Manne, dem sie mit Willen gefolgt war? Hatte sie je ihr Kind dem Herrn übergeben, aus dessen Hand sie es nun erbitten wollte? Was war es, daß sie überall sich abwandte wie vor beflecktem Grunde, wo ihr Auge hintraf, ihr eigenes Wesen durchschauend wie es war, denn das Licht der Wahrheit hatte es getroffen. Diesem Lichte entfliehen konnte sie nicht mehr, wollte sie nicht mehr. In Angst und großer Qual fiel sie noch einmal auf ihre Kniee am Bette ihres Kindes und rief zu Gott, nicht rechtend mehr, nein, aus tiefer Not nach Hilfe schreiend, um Gnade und Erbarmen stehend. Martha lag auf ihren Knieen noch als der Morgen graute. Ihr Wille war gebrochen, ihre Seele hatte den Weg zurückgefunden zur Heimat des Vaterherzens, aus der sie sich verirrt, so lange und so weit verirrt, daß ihr ein Zurückkehren unmöglich geschienen hatte. In stiller Fassung setzte sie sich neben ihren Kleinen, auf dessen blasses Gesichtchen das Morgenlicht fiel. Die Fieber waren vorüber; matt und still lag das Kind auf seinem Kissen, sein Händchen in die Hand der Mutter gelegt. Es schien, als sei ihm ganz wohl, so ruhig und friedlich lag es da, die schönen blauen Augen von Zeit zu Zeit zu der Mutter erhebend, wie sich zu versichern, daß sie noch da sei; die große Stille wurde nur hin und wieder unterbrochen durch Rosinens Eintreten, das Martha mit leisem Wink zu beschränken suchte. Das arme Mädchen war so überwältigt vom Schmerz, daß es sich des lauten Schluchzens nicht erwehren konnte beim Anblick ihres Lieblings. Die Sonne schien warm ins Fenster, man hörte die Vöglein singen draußen im Frühlingsmorgen. »Ich möchte aufsitzen, Mama, und die Vöglein sehen,« sagte Willi. Martha richtete den Kleinen auf und hielt ihn fest in ihrem Arm, am Bettchen niederknieend; er war durchsichtig blaß. »Mama,« sagte er nach einer Weile, »wenn ich sterbe und in den Himmel gehe, willst Du dann mit mir kommen?« »O Kind,« – und Martha kämpfte die innere Erregung nieder, daß sie das Kind nicht beunruhige – »über alles gern wollte ich mit Dir kommen; aber wer sagt Dir vom Sterben?« »Rosine sagt, ihr kleiner Bruder sei auch einmal krank geworden und gestorben und in den Himmel gegangen. Willst Du dann mit mir gehen?« »Sieh, mein Kind, wir können nicht sterben, wann wir wollen, nur wenn der liebe Gott uns ruft,« sagte die Mutter. »So will ich dem lieben Gott sagen, wenn ich in den Himmel komme, er soll Dich bald rufen.« Der Kleine lehnte sich matt an die Mutter, dann sagte er »Wie ist Sterben, Mama? Was muß ich thun?« »Lieber kleiner Willi,« antwortete sie, alle Kraft zusammenraffend, »Du thust Deine lieben Augen zu und schläfst ein, und ich halte Dein Händchen fest, bis der liebe Gott ein Engelein vom Himmel schickt, das nimmt Dich bei der Hand und führt Dich durch das Todesthal in den Himmel hinein, wo Du auch ein fröhliches Engelein wirst.« »Mama, laß meine Hand nicht los, bis es kommt,« sagte Willi leise, »und wenn Du dann bald stirbst, so will ich das Engelein sein, das Dir der liebe Gott entgegenschickt, und ich führe Dich an der Hand durch das Thal in den Himmel hinein.« Die Mutter koste den Kleinen und legte sein Köpfchen auf ihre Schulter; er schmiegte sich nahe an sie, dann sagte er kaum hörbar: »Mama, ich bin müde, ich muß schlafen gehen – aber bet' auch noch!« »Ja, Willi, ja, das will ich auch thun!« Sie neigte ihr Gesicht auf das schlafende Kind – es hatte aufgehört zu atmen. Nun brach Martha zusammen; aber sie hatte sich ergeben. Unter strömenden Thränen rief sie aus: »Ja, Herr, nimm ihn in Dein Himmelreich, so muß er nie das bittere Leid der Erde schmecken!« Schon fiel das Abendlicht durch die Fenster herein, und noch kniete Martha am Bettchen; sie konnte ihren kleinen Willi nicht aus dem Arm legen. Noch hielt sie das kalte Händchen fest, als hatte sie das Kind noch zu begleiten. Aber es mußte sein. Sie durfte auch wohl die kleinen Hände aus den ihrigen legen und in einander falten, sie wußte ja, ein besserer Führer hatte sie erfaßt. Bei der Kirche hinter dem Fichtengehölz wurde Willi in die Erde gelegt. Weiße Rosen bedeckten bald den ganzen kleinen Grabhügel. Noch in denselben Tagen schrieb Martha unter heißen Thränen, aus den Tiefen ihres Herzens heraus, an ihren alten Vater: »Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor Dir, und bin hinfort nicht mehr wert, Dein Kind zu heißen.« Aber reichlicher noch als beim Schreiben dieser Worte weinte Martha, als sie die Antwort ihrer Eltern darauf las, diese Worte voll alles vergessender Liebe, voll laut dankender Freude über das wiedergefundene Kind. Daß die ernst mahnenden Worte des Vaters, nun stille zu halten in willigem Gehorsam und aus der Hand Gottes anzunehmen, auch was ihr Schweres durch Menschenhand auferlegt würde, aus derselben Liebe und Fürsorge für sie hervorgingen, verstand Martha ja so gut und nahm die Worte auch wohl zu Herzen. Sie beugte sich und nahm willig an, was ihrer thatkräftigen Natur am schwersten zu ertragen war und sie tief demütigte, daß der Mann an ihrer Seite immer mehr versteinerte. Sem Inneres schien erstorben zu sein für jedes Interesse, das der Menschen Herz bewegen kann. Nur ein Gedanke schien ihn zu erfüllen, wie er sein wohl gehütetes Haus vor aller Berührung mit der Außenwelt bewahre. So krankhaft hatte sich seine Abneigung vor aller Bewegung des Lebens gesteigert, daß ihm die leiseste Veränderung im Hause unerträglich war. Der Tod seines Kindes war ihm eine Störung, die er so schnell als möglich vorüber wünschte, daß alles in die alte Unbeweglichkeit zurückkehre. Es mochte wohl auch ein tieferes Gefühl noch der Unruhe zu Grunde liegen, mit der er suchte gleich alles wieder in den alten Geleisen zu sehen. Daß er lieber dem bemühenden Eindruck sich entzog, war wohl zu sehen. Wenn jene Wurzel alles Bösen, das sich Festklammern am Besitz, einmal mächtig Grund gefaßt hat in einem Herzen, so erstickt sie ringsum alle Lebenskeime und führt zur Narrheit, die den ganzen Menschen lahmt und lebensunfähig macht. Wenn im tiefsten Innern dieses Mannes noch ein Lebensfunke schlummerte, so vermochte Gott allein ihn noch anzufachen, das wußte Martha und auch, daß sie es verdiente, ihre Ohnmacht demütigend zu erfahren. Ihr stilles Gebet ging täglich dahin, daß ihres Mannes Seele noch zum Leben erweckt werden möchte, wenn es auch vor ihren Augen verborgen bleiben sollte. Martha war in ihrem innersten Wesen gebrochen, sie war nicht mehr, die sie gewesen; aber wo in ihr das alte zusammengefallen, da war ein neues Leben im Erstehen. Sie hatte ihre Bibel aufgehoben, da, wo sie der kleine Willi niedergelegt; sie hatte das Buch aufgemacht, und ihr Vater hatte wahr gesagt; o, wie gut konnte sie diese Worte gebrauchen! Das tiefste Begehren ihrer Seele ging jetzt nach einem unvergänglichen Sein, nach einem Leben, das schon mitten im Erdenleben weit über die Erde und all' ihr Wesen hinausgeht. Durstig suchte sie nach jedem Worte Dessen, der ihr sagen konnte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und Leben und Wahrheit kamen ihr entgegen aus jedem seiner Worte, die in ihr trauriges Herz fielen, erquickend, wie der Morgentau auf das verlangende Erdreich. Das alte Buch war ihr bester Besitz geworden, sie begriff nicht mehr, wie an ihren Ohren in früherer Zeit die Worte hatten ungehört vorbeigehen können, die sie immer wieder lesen mußte, so tief und schön klangen sie jetzt in ihre Seele: »Wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, so ihn fürchten. Denn Er kennet, was für ein Gemächte wir sind, Er gedenket daran, daß wir Staub sind. Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde. Wenn der Wind darüber gehet, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Die Gnade aber des Herrn währet von Ewigkeit zu Ewigkeit über die, so ihn fürchten.« Dreimal war der Frühling über den kleinen Grabhügel gezogen und hatte ihn grünen gemacht. Da wurde hart daneben ein großes Grab aufgethan, und Willis Vater hineingesenkt. Ein Hirnschlag hatte seinem Leben plötzlich ein Ende gemacht. Es war die Zeit der jungen Saaten. Zu dem wohlgeordneten Garten stand noch einmal die staunende Rosine, denn sie verglich in ihrem Sinn die grünenden Beete mit dem verwilderten Gestrüpp, daß sie hier zuerst begrüßt hatte. Der alte Felix nahte dem Garten; Rosine blieb in ihrer Betrachtung stehen; er kam zu ihr heran und stand still, ohne daß weit und breit irgend welche Arbeit da für ihn zu thun war. Das war nie vorgekommen in den zehn Jahren, die Rosine an dieser Stelle verlebt hatte. Der Alte stand und rückte seine Kappe auf dem Kopfe hin und her. »Warum wollt Ihr nicht mit uns kommen, Felix?« begann Rosine, da der Alte das erste Wort nicht zu finden schien. »Die Frau hätte Euch gern mitgenommen, und Ihr solltet nur wissen, wie schön es bei uns ist!« »Ich muß in den Boden hinein, auf dem ich achtzig Jahre herumgetreten bin,« versetzte er. »Aber Du kannst mir etwas verrichten.« »Wenn ich Euch einen Gefallen thun kann, so freut's mich,« – und Rosine meinte, was sie sagte – »es ist der erste, um den Ihr mich fragt; sagt nur, was Ihr wünscht.« »Ich hätte gern unserer Frau noch Dank gesagt; das Haus ist ein anderes geworden, seit sie hereingekommen ist,« sagte der Alte mit bewegter Stimme. »Wollt Ihr, daß ich der Frau dies bestelle von Euch?« fragte Rosine. »Ja, das hätte ich gern.« »Das will ich auch gern thun. Und so will ich Euch noch danken, Felix. Ihr hättet wohl hier und da ein wenig freundlicher sein können, aber Ihr waret doch auch gar nie gehässig gegen mich.« »Und Du nicht gegen mich.« Und nun gaben sie sich die Hand, aber nur kurz. Der Alte kehrte sich um, er mußte seine Augen auswischen; auch Rosine trocknete die ihrigen. – Die Sonne des milden Junitages war im Sinken; ihre letzten Strahlen schimmerten am Kirchendach, das die Schwalben friedlich umschwirrten, als Martha mit Rosine um die Ecke bog – da lag das alte Pfarrhaus im Abendschein. Sie traten in den Hof und durch das Pförtchen in den Garten hinein; die Rosenhecke stand in voller Blüte. Martha konnte nicht weiter; sie sank in ihre Kniee und barg ihr Angesicht in beide Hände. Aber schon war der alte Vater mit offenen Armen aus der Thür geeilt; er hob Martha auf und drückte sie an sein Herz. Dann führte der silberlockige Greis mit strahlendem Angesicht sein Kind der harrenden Mutter zu in die alte friedliche Heimat ein. An diesem Abend hatte am festlich geschmückten Tische auch die treue Rosine ihren guten Platz. Immer wieder blickte sie nach ihrer Herrin hin, freudeglühend wie die Junirosen draußen an der Hecke, zu denen sie sich zurückgesehnt, mehr, als Martha je gewußt hatte. Als der Abend zu Ende ging, öffnete der Greis mit fröhlichem Angesicht seine Bibel, und die um ihn saßen stimmten aus tiefer Seele ein in die Worte, die er las: »Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat. Der dir alle deine Sünde vergiebt und heilet alle deine Gebrechen, Der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, Der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst, wie ein Adler.« Unter dem grünen Kirchhofrasen schlafen sie schon alle Drei. Martha hat ihren greisen Eltern die treuen Augen zugedrückt; dann ist sie ihnen freudig nachgefolgt. Mit lautem Dank auf den Lippen ist sie von der Erde geschieden. Kein Stein verkündet es, aber jedem, der Martha gekannt hat, tönen aus ihrem Grabe die Worte entgegen: »Die mit Thränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.« Rosine ist eine wackere Frau geworden, die viel aus vergangenen Tagen zu erzählen weiß. Noch heute, wenn ihr ein blondgelocktes Büblein in den Weg läuft, kommt ihr das Wasser in die Augen; den kleinen Willi hat sie nie vergessen. Marie Wenn ich an den blumenbesäeten Abhängen unserer Voralpen, auf das kleine, zarte Hennenauge traf, diese duftige Pflanze, deren blaßrote Blättchen jeder Windhauch erzittern macht, mußte ich stille stehen und sie mit immer neuer Verwunderung betrachten. Wie ein zarter Fremdling stand sie unter den übrigen Bergblumen, als gehöre sie einem andern Lande an und harre still und blaß auf fremder Erde der Hand, die sie versetzen würde nach dem heimatlichen Boden. Derselbe Eindruck ergriff mich, als ich zum erstenmal die kleine Marie sah mitten unter der lebenskräftigen Kinderschar des Rettungshauses. Marie war ein fein gebautes Kind, eher klein und schmächtig für seine neun bis zehn Jahre. Ein zartes Rot war auf ihr schmales Gesichtchen gehaucht, aus dem die braunen Augen so tief wehmütig herausschauten, daß es einem das Herz bewegte und die Frage auf die Lippen drängte: »Was hat man Dir, Du armes Kind, gethan?« Wie konnte solche Pflanze aus so rauhem Erdreich kommen? Denn den rohesten Händen werden diese Kinder entzogen und errettet, wo möglich. Auf meine Frage, woher die kleine Marie stamme, vernahm ich, daß sie zunächst aus dem Spital der Stadt komme, wo sie längere Zeit an einem Fußleiden gelegen hatte, und von wo aus sie der Anstalt durch den behandelnden Arzt empfohlen worden war. Vorher hatte Marie bei ihrer Mutter gelebt, die hinten im Lande wohnte und einen sehr schlimmen Namen hatte. Die Kinder der Anstalt jäteten das Unkraut aus dem sonnigen Garten vor dem Hause, als ich dabei stand und die kleine Marie betrachtete. Ich trat zu ihr heran, um ein wenig bekannt mit ihr zu werden. Sie war schüchtern und gab nur mit halblauter Stimme kurze Antworten, sah mich aber dabei zutraulicher an, als ihre Worte erwarten ließen. Das Kind interessierte mich mehr als alle, die ich je im Rettungshause gesehen hatte. Als ich einige Zeit nachher mit einer Bekannten des Arztes am Spital zusammentraf, fragte ich nach, ob sie von der kleinen Marie und ihrer Krankheit etwas gehört hätte, was sie bejahte, indem sie mir, wie ich wünschte, weitern Aufschluß über die Sache gab. Der Arzt hatte sich sehr für das Kind interessiert, das ihm, als an einem Fußübel leidend, übergeben worden war. Er hatte gleich erkannt, daß keine Krankheit in dem Fuße war, sondern daß da eine gewaltsame Verletzung mußte stattgefunden haben. Auf seine wiederholte Frage, was ihm begegnet sei, gab das Kind immer dieselbe Antwort, das Übel komme von einer Krankheit im Bein her. Endlich durch das Versprechen, er werde über alles schweigen, und das Kind solle vor allen Folgen, die es befürchten könnte, geschützt werden, hatte der Arzt von Marie vernommen, sie sei mißhandelt worden. Mißhandelt! Dieses zarte Kind! Der Gedanke verfolgte mich und brannte mir wie eigene Schuld auf dem Herzen. Daß sich die großen Menschen untereinander schlagen und erwürgen, ist traurig anzusehen, aber daß die wehrlosen Kleinen mißhandelt, daß die zarten Kinderseelen verwundet und getreten werden, das schreit zum Himmel wie keine andere Sünde. Es mochten einige Monate vergangen sein, als von der Vorsteherin des Kindeshauses Klagen gegen Marie erhoben wurden, die sich von der Zeit an wiederholten und vermehrten. Die Frau beschwerte sich in starken Worten über das störrige Wesen, die Widersetzlichkeit und Verschlagenheit des Kindes. Der Hausvater hatte diese Fehler sich gegenüber nicht zu beklagen; Marie war nach seiner Aussage still und aufmerksam in den Lehrstunden, aber er hatte oft strafend einschreiten müssen, da diese Vergehen gegen seine Frau so häufig vorkamen. Darin konnte er nicht ganz mit der Frau übereinstimmen, daß hinter all' den täglich vorkommenden Unarten und bösen Anschlägen der Kinder Marie als Triebfeder stecke. Wenn ein Glied der Vorsteherschaft Marie vornahm, um von ihr heraus zu bringen, wie weit sie sich schuldig fühle, kam nichts weiter zu Tage, als daß Marie ohne Widerrede zugab, sie gebe der Mutter hier und da keine Antwort und höre nicht recht zu, was sie sage. Etwas Rohes hatte die Frau, doch mußte man annehmen, Marie habe heimlich ein störriges und widersetzliches Wesen, obwohl es kaum mit der kindlich schmiegsamen Weise, die jedermann an ihr wahrnahm, in Einklang zu bringen war. Da die Lage der Dinge nicht besser, eher schlimmer wurde, beschloß man, Marie für einige Zeit in andere Hände zu geben. Kurz vorher sah ich sie noch einmal im Kinderhaus. Sie hatte sich wenig verändert in ihrem Äußern, etwas mehr Farbe war auf die schmalen Wangen gekommen. Ihre Stimme war sanft, doch weniger schüchtern; etwas leise Anschmiegendes that sich in ihrem ganzen Wesen kund. Ich hatte neuerdings von ihr den Eindruck eines zarten noch unentfalteten Kindes, das eher ein offenes Herz für freundliche Worte als einen verschlagenen Sinn vermuten ließ. Marie kam in ein ordentliches Bauernhaus, wo sie einige Jahre blieb; es liefen keine weiteren Klagen über sie ein. Noch einmal kam sie in die Rettungsanstalt zurück. Die früheren Hauseltern hatten dieselbe verlassen, eine freundliche Hand leitete das Haus. Über Marie wurde nicht die geringste Klage mehr geführt. Mit sechzehn Jahren wurde Marie konfirmiert und verließ die Anstalt, um in der Stadt in Arbeit einzutreten am Seidenrade. Um diese Zeit sah ich Marie öfter. Sie hatte sich mehr aufgeschlossen in den letzten Jahren; zutraulich wurde sie aber erst jetzt zu mir, da sie mich fast jeden Sonntag Nachmittag besuchte. Wir brachten diese stille Zeit allein mit einander zu, von ihrer jetzigen Beschäftigung, ihren Freuden und Sorgen der Gegenwart redend, die beide nicht groß waren für fremde Augen; aber ihr kindliches Gemüt konnte sich jeder Blume am Wege freuen. Selten sprachen wir über die vergangenen Tage. Vieles in ihrem Lebensgange war mir ganz unbekannt geblieben, denn während der Zeit, die Marie im Kinderhause zubrachte, sprach man von ihrem früheren Leben bei der Mutter nicht mit ihr. Eines Sonntags saß ich im Garten am Hause unter dem schattigen Fliedergebüsch, als Marie herantrat. Sie war nicht sehr groß geworden, ihre Figur war zart und schmächtig geblieben, leicht und leise ging sie einher. Die weichen, schwarzen Haare lagen sehr ordentlich in Flechten um den Kopf gebunden, und die braunen Augen schauten mit der alten Wehmut, aber jetzt mit einem solchen Glanze mich an, daß ich mich einer leisen Befürchtung nicht erwehren konnte, um so weniger, da ein hohes Rot auf den sonst so zart gefärbten Wangen lag. Marie war eine liebliche Erscheinung geworden. Als sie neben mir auf der Bank unter den grünen Zweigen saß, fragte ich mich: woher der warme Hauch, der über des Mädchens Zügen liegt, als hätte die Sonne jenes Landes sie beschienen, da: »Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Nie Myrte still und hoch der Lorbeer steht.« Marie hatte die Blumen ringsum aufmerksam betrachtet; nun kehrte sie sich zu mir und sagte fast traurig: »Haben Sie denn gar keine weißen Lilien im ganzen Garten?« Ich hatte nie besonders daran gedacht, weiße Lilien zu haben, es waren wirklich keine da. »Wie kommst Du dazu, Marie,« fragte ich, »die weißen Lilien besonders zu kennen und zu wünschen?« »Weil es die schönsten Blumen von allen sind,« erwiderte sie. »Wo ich früher daheim war, wußte ich einen großen Garten in der Nähe, nicht weit vom Dorfe, da waren weiße Lilien drin. Ich wußte immer, wann sie aufgehen würden, und wie lange sie offen blieben. O, die waren so schön und schneeweiß in der Sonne! Jeden Tag lief ich hinunter an den Garten, so lange sie da waren.« Da Marie ungesucht von ihrer früheren Heimat zu sprechen begonnen hatte, fragte ich, wie sie da gelebt, und ob sie Geschwister habe. Sie erzählte mir, ungefähr dreiviertel Stunden von dem großen Fabrikdorfe entfernt hätten sie in einem kleinen Hause gewohnt, ihre Mutter mit ihr und mehreren kleinen Geschwistern. Ihren Vater hatte Marie nie gekannt, sie wußte nicht wer, noch wo er war. In dem Hause wohnten noch viele Leute. Ihrer Mutter gehörte eine Stube mit einer kleinen Küche nebenan; in der Stube wohnten und schliefen sie allesamt. Schon als Marie noch klein war, wurde sie täglich ausgeschickt von der Mutter, um im Dorfe und auf den umliegenden Höfen zu betteln. So kam es, daß sie in der ganzen Umgegend jedes Haus, jeden Garten und jede Blume darin kannte, wie sie sagte, denn die Blumengärten waren ihre Freude. Am liebsten von allen hatte sie den Garten vor dem großen Hause draußen vor dem Dorf. Da standen die weißen Lilien, und manche Stunde bei Sonnen- und auch beim Sternenschein hatte Marie an dem Garten gestanden und über den Haag geschaut nach den schönen Blumen und alles darüber vergessen. »Bei allem, was mich traurig machte,« sagte Marie, »dachte ich an die Lilien, und daß ich am Abend hinlaufen könnte, sie anzusehen, das machte mich wieder froh.« Auch als Marie anfing zur Schule zu gehen, mußte sie noch am Abend »etwas holen«, wie es die Mutter nannte, wenn sie das Kind zu betteln ausschickte. »So war es auch an jenem Abend, als ich nachher fortkam,« fuhr Marie zu erzählen fort. »O, wie waren die Lilien schön und der Himmel ganz dunkelrot darüber, daß der rote Schein auf allen Blumen lag!« »Wie war das, Marie? Erzähl' mir's.« sagte ich. Marie erzählte mir, sie sei damals aus der Schule gekommen und schon auf dem Heimweg habe sie den Himmel so rot gesehen wie fernes Feuer. Da habe die Mutter ihr gesagt, sie müsse noch gehen etwas holen, sonst hätten sie nichts zum Abendessen, sie solle aber laufen, es gebe Gewitter. Marie ging gern und lief aus allen Kräften, daß sie die Lilien noch sehen könne. Als sie an den Garten kam, waren die Blumen wie noch nie. »Wie goldenes Feuer lag es auf den Lilien, o, wie leuchteten sie!« rief Marie aus, und ihre Augen glänzten, als sehe sie die Blumen noch vor sich stehen. – »Und ich dachte: so muß es im Himmel sein, und ganze Felder muß es dort geben von den weißen Lilien, und in alle Ewigkeit darf man davor stehen und sie anschauen, und es macht einem nicht mehr angst, daß man zu spät heimkommen könnte. Es hatte schon ein paarmal gedonnert, und es war mir ein wenig angst, aber es war so schön, und ich blieb immer noch stehen. Aber auf einmal wurde es ganz grau von dicken Wolken, und dann kamen so helle Blitze, daß ich mich fürchtete. Ich legte mich auf den Boden und drückte das Gesicht in die Erde, daß ich sie nicht sehe, aber bald kam ein solcher Regen, daß ich im Augenblick ganz naß war, durch und durch, und es wurde auch Nacht, ganz dunkel, daß ich nicht mehr in die Häuser gehen konnte; da lief ich heim. Das Wasser floß ganz von mir herunter, als ich in die Küche trat. Da stand die Mutter und war schon böse, daß ich so aussah, und wie ich nun sagen mußte, ich bringe gar nichts, nahm sie mich beim Arm und sagte, sie wolle machen, daß ich ein andermal daran denke, warum ich auf der Straße sei, und schlug mich an die Herdplatte, und dann noch einmal, daß mir der Fuß so weh that, ich konnte nicht mehr stehen darauf. Ich saß lange au, dem Boden und weinte. Die Mutter sagte dann, ich solle aufstehen und sie nicht noch böser machen; aber ich konnte es nicht, und als sie das sah, brachte sie mich ins Bett. Ich konnte aber nicht mehr aufstehen, der Fuß wurde sehr geschwollen, ich hatte auch viel Schmerzen. Da sagte die Mutter, sie gehe nun zum Herrn Pfarrer; ich müsse in das Spital und dürfe nie dem Pfarrer oder dem Herrn Doktor im Spital sagen, wie es mit dem Fuß gegangen sei, ich müsse sagen, es käme alles von einer Krankheit im Bein her, und wenn der Herr Doktor sage, es sei sonst noch etwas an dem Fuß, dann müsse ich sagen, ich sei darauf gefallen. Dann führte mich die Mutter auf einem Wägelchen in das Spital.« Ich fragte Marie, ob sie nachher nicht mehr nach Haus zurückgekommen sei, bevor sie in das Kinderhaus eintrat, worauf sie mir weiter erzählte, der Arzt habe sie gleich gefragt, was sie mit dem Fuße gemacht habe. Sie habe so geantwortet, wie es die Mutter ihr vorgesagt hatte; vielleicht habe sie es aber nicht mehr recht gewußt, sagte Marie harmlos, der Herr Doktor habe ein wenig gelacht. Nach einigen Tagen habe er wieder gefragt, und sie habe dasselbe geantwortet. Da sei der Herr Doktor ganz freundlich zu ihr herangekommen und habe gesagt, er wisse ganz gut, was mit dem Fuße vorgegangen sei, und daß ich ihm nicht die Wahrheit sage; ich solle ihm nur alles erzählen von Anfang an und niemand fürchten, er wolle dafür sorgen, daß mir nichts geschehe. »Weil nun doch der Herr Doktor schon alles wußte,« schloß Marie ihre Erzählung, »und es doch recht von Anfang wissen wollte, so erzählte ich ihm alles und fing von vorn an bei den Lilien. Und er war nachher sehr gut gegen mich und gab mir die Hand und sagte, ich müsse nicht mehr zurück zur Mutter und nie mehr betteln gehen. So war es auch; aus dem Spital kam ich gleich in das Rettungshaus.« »Marie,« sagte ich nach einer Weile, »etwas hätte ich noch gerne gewußt: wie kam es, daß die Hausmutter dort nicht mit Dir zufrieden war; Du gingst doch gern dahin?« »Ja,« sagte Marie, »ich ging gern und wäre auch gern dort gewesen, nur –« Als Marie zögerte, ermunterte ich sie, mir alle Wahrheiten zu sagen, worauf sie erwiderte, sie wolle es wohl thun, wenn ich es wünsche, nur denke sie selbst nicht mehr gern daran. Sie erzählte mir nun, sie hätte bald bemerkt, daß die Hausmutter sie nicht gern mochte und ihr alles, was sie that, anders auslegte, als sie es meinte; aber es wäre doch immer noch gegangen bis zu dem Reischen im Sommer. »Von da an,« fügte Marie bei, »konnte sie mich gar nicht mehr leiden, und ich sie auch nicht.« »So, Marie? Und was ging denn auf dem Reischen vor?« fragte ich weiter. »O, das Reischen war schön!« fuhr sie fort. »Wir gingen an den See hinunter, da waren schöne Blumengärten, und auf einmal sah ich weiße Lilien stehen, nach so langer Zeit zum erstenmal wieder. Ich lief an den Garten und schaute voller Freude hinein. Da stand eine Frau bei den Beeten, die fragte mich, ob ich gern eine solche Blume hätte. Vor Freude konnte ich kaum Ja sagen, ich hatte nie gedacht, daß ich eine für mich bekommen könnte! Aber die Frau gab mir wirklich eine große, weiße Lilie in die Hand. Wie war sie schön! Ich durfte sie kaum festhalten. Als wir heimkamen, stellte ich sie gleich ins Wasser auf das Brettchen unten am Bett und in der Nacht, als der Mond in die Kammer hineinschien stand ich zweimal auf, um sie anzusehen. Am Morgen darauf waren wir alle spät aufgestanden, wir hatten uns verschlafen, weil wir müde waren. Da kam die Mutter herein zu uns und war sehr böse mit allen, und mit mir erst recht, und sagte, ich wolle immer das Frauenzimmer machen. Das sei auch wieder so etwas, und damit nahm sie meine Lilie aus dem Glase und brach den Stiel mitten von einander, und die schneeweiße Blume zerdrückte sie in ihrer Hand, daß ich laut aufschreien mußte. Von dem Tage an ging ich der Mutter aus dem Wege, und es ist wahr, ich gab ihr manchmal keinen Bescheid, ich hätte lieber nichts mehr gehört von allem, was sie sagte; ich war auch froh, daß ich fortkam und sie nicht mehr sehen mußte. Ich weiß aber schon, daß das auch nicht recht war,« fügte Marie bei. Ich war froh über diese letzten Worte, denn es wäre mir in dem Moment schwer geworden, sie selbst Marie zu sagen. Als sie aufstand um fort zu gehen, begleitete ich sie durch den Garten und fragte sie, wo sie meine, daß weiße Lilien wohl am besten ständen; auf den nächsten Sommer müßten wir doch solche haben, und die ersten sollten immer ihr gehören, da sie die Blumen in den Garten gebracht hätte. Ihre Augen leuchteten auf. Gleich lief sie auf das Blumenbeet zu, wo die bunten Farben des Sommerflors durcheinander schillerten. »Hier,« sagte sie, »ich habe schon lange gedacht, wie schön es wäre, wenn hier lauter weiße Lilien ständen.« Wir machten aus, es sollte so werden, um jeden Sonntag des künftigen Sommers müßte sie kommen, ihre Blumen zu sehen. Marie kam noch einige Sonntage nacheinander; sie war nun heimisch und vertraut geworden; am liebsten saß sie im Garten unter den Blumen, von denen sie jede einzelne kannte. Wie konnte der kleine Strauß, den sie mitnahm, jedesmal ihr Kinderherz erfreuen! Mehrere Male fragte ich sie besorgt, ob sie oft den trockenen Husten habe; sie meinte aber, das sei nicht wichtig, sie sei sonst wohl. Dann blieb sie längere Zeit aus. Der Herbst war gekommen, schon wehten die scharfen Winde die Blätter von den Bäumen, da erschien Marie noch einmal bei mir. Ich erschrak. Diese glühenden Farben mußten die Vorboten eines schnellen Erbleichens sein »Du hast Fieber, Marie,« sagte ich gleich. Sie erwiderte mir, dies sei auch der Grund, warum sie so lange ausgeblieben sei, sie habe seit einiger Zeit immer Husten und Fieber. Sie kam auch heute, mir zu sagen, daß sie nun nach dem Krankenhause gehe, wo sie bleiben dürfe, bis es besser sei mit ihr. Vielleicht könne sie nun lange nicht mehr zu mir kommen, meinte sie. »Dann komme ich zu Dir, Marie,« sagte ich, herzlich erfreut, zu wissen, daß sie in die gute Pflege kam. Wie wohl wußte sie dies zu schätzen! Es kamen nun die dunkeln Nebelmonate und dann der harte Winter. Die welkende Marie an ihren warmen Plätzchen zu finden, wenn ich sie besuchte, war mir ein wohlthuendes Gefühl bei manchem schweren Gedanken daneben. Marie hustete stark, doch litt sie nicht viel, die Fieber verzehrten sie leise. Wußte sie, daß sie schnell ihrem Ende entgegenging? Noch hatte ich nie ein bestimmtes Wort von ihr darüber gehört, auch wußte ich nicht, was in ihr vorging bei dem Gedanken, ihr Erdenleben vergehen zu sehen, eh' es nur einmal recht aufgeblüht war. An einer kleinen Weihnachtsgabe konnte sie sich so ganz als Kind erfreuen, daß es mir rührend war. »Lieber hätte ich Dir von Deinen Lilien gebracht, Marie,« sagte ich, »aber die kommen noch lange nicht.« »Nicht mehr, so lange ich da bin,« erwiderte sie. »So weißt Du, daß Du bald gehen wirst? Kannst Du ruhig an dieses Fortgehen denken?« fragte ich. »Ja, jetzt wohl,« sagte sie. »Es thut mir um nichts leid auf der Erde, und in den Himmel zu gehen, freue ich mich. Ich habe mich immer auf den Himmel gefreut; aber dann« – hier zögerte sie – »eine Zeit lang wäre ich nicht gern gestorben.« »Was war das, Marie?« fragte ich. Sie zögerte neuerdings; dann sagte sie, sie wisse nicht, ob man so etwas erzählen könne, sie habe nie davon geredet; wenn ich es aber gerne wissen wollte, so würde sie mir's erzählen, so gut sie könnte. Ja, ich wollte gerne wissen, was in dieser Seele vorging. Ich bat Marie, mir alles zu erzählen, ich wollte sie schon verstehen. Nun erzählte mir Marie, als ihr damals die Hausmutter ihre Lilie geknickt hatte, habe sie in ihrem Herzen gedacht: wenn nur jemand wäre, der der Mutter auch etwas zu Leide thäte, das ihr recht weh thun würde; aber es war niemand, der es durfte. Die Kinder fürchteten sie alle, und auch der Hausvater schwieg, wenn sie böse war. »Es war,« sagte Marie, »wie wenn sie zu oberst wäre, wo niemand sie erlangen könnte. Da dachte ich: der liebe Gott kann es! Von da an wünschte ich immerfort, daß ihr der liebe Gott etwas zu Leide thue, und lange Zeit dachte ich gleich am Morgen beim Erwachen daran, und eh' ich einschlief, wünschte ich es wieder. Noch als ich schon lange aus dem Kinderhaus fort war, dachte ich gern daran, daß der liebe Gott das thun könnte.« »Da träumte mir einmal, ich sei gestorben und komme in den Himmel; das hatte ich mir oft ausgedacht, und was ich dann gleich thun wollte. Nun lief ich auch durch den weiten Himmel und suchte die weißen Lilienfelder, und dort im hellen Sonnenschein sah ich sie leuchten und lief atemlos, daß ich die glänzenden Blumen in der Nähe sehe. Und fast war ich dabei, da stand auf einmal ein Engel da mit einem Schwert in der Hand, der zog eine große, graue Wolke grad' vor das Lilienfeld und vor die Sonne, daß alles grau war und ich nichts mehr sah. Ich stand still und wollte warten, bis der Engel die Wolke wieder wegziehen würde. Aber er sah mich sehr ernsthaft an und sagte: »Nein, nein, für Dich habe ich die Wolke hierher gezogen!« daß ich ganz zitterte vor Schrecken. Dann sagte er, der liebe Gott habe ihm geheißen, die Wolke vor mich hinzustellen, weil ich immer gewünscht habe, daß Er jemandem ein Leid anthue; da habe ich das Leid und die Lilien könne ich nie mehr sehen. Da hielt ich sehr an bei dem Engel, daß er doch gehe und dem lieben Gott sage, ich wolle nie, nie mehr der Mutter und keinem Menschen etwas Böses wünschen. Aber der Engel sagte: Das ist alles zu spät! und ging fort, und ich stand allein da vor der großen Wolke. O, wie war mir da zu Mute! In Ewigkeit sollte ich nun in dem grauen Himmel sein und nie mehr die Lilien sehen. Ich fing so zu weinen an, daß ich davon erwachte. Mein Kopfkissen hatte ich ganz naß geweint, und als ich mich recht besann, mußte ich wachend erst recht weinen, denn ich dachte, wenn ich nun sterben müßte, so käme es gerade so mit mir.« »Du hast dann doch wohl verstanden, wo es Dir fehlte, nicht wahr, Marie?« sagte ich, als sie schwieg. »Ja,« fuhr sie fort, »als ich an jenem Morgen im Vaterunser an die Bitte kam: ›Vergieb uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern‹, da sagte ich sie ganz anders als sonst, zwei oder dreimal mußte ich sie sagen und recht beten, daß der liebe Gott mich doch erhöre, weil es noch Zeit sei. Ich versprach ihm auch fest, daß ich der Mutter nichts mehr nachtragen und nichts Böses mehr wünschen wolle.« »Und hast Du auch recht gehalten, was Du versprochen hast?« fragte ich noch. »Es war mir gewiß ein rechter Ernst, es zu thun,« erwiderte Marie, »ich wünschte auch nie mehr, was ich der Mutter gewünscht hatte. Aber doch manchmal, wenn ich sagen wollte: ›wie auch wir vergeben unseren Schuldnern‹ – so merkte ich, daß es nicht mit mir war, wie es sein sollte, und daß ich nicht die rechten Gedanken für die Mutter hatte, ich hatte sie auch nicht sehen mögen. Dann wurde es mir angst, der liebe Gott behalte auch etwas gegen mich, und ich wußte nicht, wie ich aus der Angst herauskomme. Da stand eines Morgens in meinem Spruchbüchlein der Vers: »Denn was ich nicht vollbringen kann, Das hast Du schon für mich gethan. Drum wenn mir angst und bange ist, Flieh' ich zu Dir, Herr Jesus Christ.« Das war gerade für mich. Ich war so froh und sagte den Vers immer wieder, bis ich ihn ganz im Herzen hatte. Es kam mir denn auch vieles so klar in den Sinn, das ich schon gewußt hatte, aber jetzt war alles für mich wie nie zuvor. Es wurde mir so leicht, als ich verstand, daß unser Heiland gerade denen helfen will, die sich nicht aus dem Bösen heraushelfen können. Ich hielt mich auch fest an Ihm, und wenn mir die alten Sachen aufkommen wollten, sagte ich gleich: »Denn was ich nicht vollbringen kann, Das hast Du schon für mich gethan. Drum wenn mir angst und bange ist, Flieh' ich zu Dir, Herr Jesus Christ.« »Das half mir auch,« sagte Marie fröhlich, »die alten Gedanken vergingen mir ganz, und jetzt habe ich nie mehr Angst, ich bin gewiß, daß ich in den schönen Himmel gehe und selig werde.« Als die milden Föhnlüfte heranwehten und der Schnee im Garten schmolz, ging ich im sonnigen Nachmittag wieder hinaus, den bekannten Weg, um mich mit Marie des nahenden Frühlings zu freuen. Ich wurde nicht in den Krankensaal, sondern in das kleine Zimmer nebenan geführt. Da lag Marie auf dem weißen Bett, bleich und still mit gefalteten Händen. Wie friedlich lag sie da. Ein Hauch der kommenden Herrlichkeit lag auf dem stillen Angesicht. Mir fielen die heißen Thränen auf die Leiche des entschlafenen Kindes. Aber nun war er ja vorüber, sein kurzer, dunkler Erdentag; nun stand das verklärte Kind an den leuchtenden Lilienfeldern, und kein Engel hatte ihm den Zutritt wehren dürfen.