Opfer Roman von Friedrich Spielhagen Zwanzigste Auflage. Leipzig Verlag von L. Staackmann 1910. 1 Der Fünfuhrthee hatte sich sehr in die Länge gezogen, trotzdem er, wie das Anfang Juni nicht anders sein konnte, nur von wenigen besucht gewesen war. Jetzt waren alle fort mit Ausnahme von Wilfried, den ein schmollend-schmeichlerisches: Du auch? Ebbas festgehalten, als er den anderen folgen wollte, und Falko, der durchaus mit seiner Mama sprechen mußte und während »der Theesimpelei« keinen passenden Augenblick dazu gefunden hatte. Der General war in seinem Zimmer verschwunden, noch ein Kapitel an seinen »Memorien« zu schreiben, wie er sagte; oder bei seiner Cigarre in Ruhe Trübsal zu blasen, wie Ebba meinte. So, Mama, sagte Falko, im Begriff, die Schiebethür zwischen dem Wohnzimmer und dem Salon zu schließen; wir wollen die Turteltauben allein lassen. Wilfried lächelte ein wenig gezwungen, Ebba hatte eine spöttische Erwiderung auf den Lippen, hielt aber damit zurück, weil Johann noch im Zimmer war, um, auf den Fußspitzen stehend, die Kerzen auszublasen, die auf dem Kaminsims gebrannt hatten. Lassen Sie doch die Lichter! rief Ebba. Excellenz haben befohlen. Na, denn nicht! Der Bediente hatte noch ein paar vergessene Tassen abgeräumt und war gegangen; Ebba sich in einen Fauteuil geworfen, den Kopf weit hintenüberbiegend und nach der Decke blickend: Du kannst mir einen Kuß geben. 2 Wilfried küßte sie. Und Dir einen Stuhl heranrücken – näher, wenn ich bitten darf! Sie hatte sich wieder gerade gerichtet und sah Wilfried in die Augen. Weißt Du, mon cher , ich habe ein sehr ernstes Wort mit Dir zu sprechen. Es ist sonst nicht Deine Gewohnheit, erwiderte Wilfried. So machen wir mal eine Ausnahme. Wie Du befiehlst. Um was handelt es sich? Wir müssen heiraten. Ich hatte nie eine andere Absicht, sagte Wilfried, sich neigend und die schlanke weiße Hand, die neben ihm auf der Armlehne des Fauteuil lag, mit den Lippen berührend. Sehr gütig. Reden wir ganz offen: ich habe au contraire schon manchmal – besonders in den letzten Wochen – das Gefühl gehabt, als ob Du die Geschichte gründlich satt habest. Und Mama auch. Ich finde das sehr unrecht von der Mama, und noch mehr von Dir. Du wenigstens solltest es besser wissen. Woher? Ein feuriger Liebhaber bist Du bei Gott nicht. Mir ist die Liebe nicht ein Feuer, das in Rauch aufgeht. Aber ich glaube, Du wolltest etwas anderes sagen. Parfaitement . Ich wollte sagen, daß wir nicht nur, wie ich zu meinem Vergnügen höre, noch die beiderseitige Absicht haben, uns zu heiraten, sondern daß ich für mein Teil die Hochzeit nicht in alle Ewigkeit hinausgeschoben wünsche. Aber, wünsche ich es denn? Habe ich nicht umsonst für den Herbst spätestens plaidiert? War es nicht immer die Mama, die peremptorisch erklärte, vor dem nächsten Frühjahr könne keine Rede davon sein? Du müßtest durchaus noch eine Saison mitmachen? Und hast Du etwa der Mama widersprochen? 3 Du weißt: Mama widersprechen, das ist nicht so einfach. Und ich – ich – nun ich habe mich eben anders besonnen. Desto besser. Denn siehst Du, fuhr Ebba mit einer raschen Wendung nach ihm, lebhafter und leiser sprechend, fort: Ich halte es einfach nicht mehr aus. Papas ewiges Lamentieren über unsere Finanzen, wie er das nennt! Als ob ich etwas dafür könnte, daß es damit nicht klappt! Heute morgen! Die Rechnung von Gerson! Mama mußte endlich damit herausrücken – dreitausend Mark, oder so was. Das ist doch bei Gott nicht zu viel für zwei Damen, wenn man bedenkt, daß die Saison diesmal kein Ende nahm, und wie oft ich habe hopsen müssen. Adele Massow hatte auf dem letzten Hofball eine Robe, direkt aus Paris, zweitausend Francs, oder so was. Und ich mit meinen paar Fähnchen! Lächerlich! Ich ruiniere ihn nicht, und Mama ist, weiß Gott, die Sparsamkeit selbst. Er sollte sich doch wenigstens an die richtige Adresse wenden. Du meinst – Falko, wen sonst? Mein Gott, er ist ja ein lieber Kerl. Ich habe ihn schrecklich gern. Er – In dem Wohnzimmer war plötzlich Falkos Stimme laut geworden – nur ein paar Worte, auf welche die Mutter, ebenfalls mit erhobenem Ton, etwas erwiderte; dann wurde es wieder still. Ebba zuckte die Achseln. Die alte Geschichte! Ich habe es den ganzen Nachmittag kommen sehen. Wenn Falko besonders lustig und liebenswürdig ist, ist immer was los. Das kennt man. Papa hat sich nicht umsonst schleunigst in sein Zimmer rückwärts konzentriert. Papa will oder kann nicht herausrücken; nun soll es Mama. Die selber nichts hat. Außer ihrer Gerson-Rechnung von heute morgen und diversen von ähnlicher Sorte. Ein reizendes Leben! Bei Gott! Also nur deshalb? 4 Was? Nur, weil Dir die Situation zu Haus nicht, oder nicht mehr gefällt, möchtest Du sie mit einer anderen vertauschen. Gott, Wilfried, wenn Du doch nicht alles gleich tragisch nehmen wolltest! Na ja! ich hatte es mir hübsch gedacht, noch ein Jahr oder so – ich bin doch schließlich erst achtzehn, und dieser Winter war eigentlich der erste, wo ich ein bißchen von der Welt gesehen habe. Da durftest Du mir es doch wirklich nicht verdenken, wenn ich es nicht so eilig hatte, und auch Mama immer für Abwarten war. Und bist Du etwa nicht selbst mit schuld daran? Frau Assessor – na, Schatz, das kannst Du mir nicht verdenken. Das paßte mir nicht, ganz und gar nicht. Nun, da Du, Gott sei Dank, auf meine Bitten mit Tante Adeles hoher obrigkeitlicher Bewilligung den Assessor an den Nagel gehängt hast und Gutsbesitzer werden willst – Noch bin ich es nicht. Aber kannst es jeden Augenblick sein. Ich denke, Tante Adele stellt Dir jetzt jedes beliebige Geld zur Verfügung? Das hat sie immer gethan. Und ich habe von ihrer Güte einen Gebrauch gemacht, dessen ich mich oft genug schämte. Weil Du ein Narr bist, Wilfried – nimm's mir nicht übel! Du bist doch nun einmal ihr Erbe. Gerade deshalb. Das verstehe ich nicht, werde ich nie verstehen. Brechen wir also davon ab! Du bist mir bös? Nicht im mindesten. Warum küßt Du mich da nicht? Wilfried bog den Kopf zu ihr hinüber; sie schlang beide Arme um seinen Hals und küßte ihn wiederholt lebhaft auf Mund und Augen; fuhr dann aber zurück und erhob sich schnell, als an die Schiebethür gerührt wurde, und Falko die Portiere für die Mama auseinanderschlug, um ihr 5 auf dem Fuße zu folgen. Die Generalin sah blasser aus als vorhin, auf Falkos hübschen Wangen brannten rote Flecke. Na, Kinder, rief er, wenn Ihr mich nicht hättet, der Euch immer brüderlich zu einem tête-à-tête verhilft! War es hübsch? Er hatte die Schwester an beiden Händen gefaßt; sie blickten einander in die Augen. Abgeblitzt! sagten die Falkos; ich wußte es vorher, die Ebbas. Die Generalin war an die Ständerlampe getreten, die etwas zu hoch gehende Flamme herabzuschrauben, während sie, über den Rücken gewandt, zu Wilfried sagte: Sie bleiben doch zum Abend? Es ist schon recht spät geworden, liebe Tante, und – Bei Gott, in zehn Minuten neun, rief Falko dazwischen, und ich muß morgen um sechs Uhr im Sattel sein! Ich komme mit, Wilfried. Wilfried hatte der Generalin die Hand geküßt und wandte sich zu Ebba. Aber erst müssen wir doch Mama die große Neuigkeit melden, rief Ebba, mit einer graziösen Gebärde Wilfried abwehrend und einen lebhaften Schritt nach der Generalin machend. Also, Mama, Wilfried und ich sind einig. Wir heiraten nicht nächstes Jahr, sondern diesen Herbst. Nicht wahr, Wilfried? Und Wilfried kauft sich bis dahin ein hübsches großes Gut – Nicht wahr, Wilfried? rief Falko lachend dazwischen. Wenn vernünftige Leute reden, hast Du nicht hineinzusprechen, Du Grünschnabel! Also Mama, die Sache ist abgemacht. Nicht wahr? Die Generalin war plötzlich die Liebenswürdigkeit selbst geworden. Aber, liebe Kinder, rief sie, Ihr wißt doch, ich habe niemals etwas anderes gewollt, als Euer Glück. Wenn es Euch glücklich macht – in Gottes Namen! Immer vorausgesetzt natürlich, daß Tante Adele – 6 Dafür wird Wilfried sorgen; hat er schon gesorgt. Nicht wahr, Schatz? Ich werde jedenfalls unverzüglich mit der Tante sprechen. Und meinen Segen habt Ihr ebenfalls – Amen! rief Falko. Jetzt aber machst Du, daß Du fortkommst! Ich gehe ja schon, rief Falko, der Schwester, die mit geballten Händen, aber lachendem Gesicht auf ihn zulief, nach der Thür retirierend, um sie dann mit beiden Armen zu umfassen und ihr einen herzhaften Kuß auf die Lippen zu drücken. Kommst Du, Wilfried? Adieu, Mama! Dem Papa mein gehorsamstes Kompliment! Auch meinerseits, wenn ich bitten darf, sagte Wilfried, Ebba nochmals flüchtig die Hand küssend und Falko auf den Flur folgend, wo dieser sich bereits seinen Säbel umschnallte, während Johann Hut und Stock des Herrn Grafen in Bereitschaft hielt. * * * Als die Thür sich hinter den beiden geschlossen hatte, wandten sich Mutter und Tochter gleichzeitig einander zu. Zwischen den Brauen der Generalin stand eine scharfe senkrechte Falte; von Ebbas Gesicht war die zur Schau getragene Lustigkeit jäh gewichen. Was bedeutet denn das? sagte die Generalin in hartem Ton. Wie kommt er denn mit einemmale darauf? Ebba zuckte die Achseln, höhnisch lächelnd: Er! als ob er jemals auf etwas käme! Dann ist es Dein Wunsch? Deiner etwa nicht? Ja und nein. Wenn Du ihn nun einmal wirklich heiraten willst – Liebe Mama, wir sind doch unter uns. Wir brauchen doch nicht voreinander Komödie zu spielen. Vorher – na ja! Aber nachdem Tante Adele erklärt hat, daß er 7 – die paar Legate werden ja nicht so schwer ins Gewicht fallen – Gerichtlich ist noch nichts festgesetzt. Weil Wilfried ein kompletter Narr ist. Von dem Assessor habe ich ihn doch schon glücklich losgeeist. Nun laß mich erst seine Frau sein – ich gebe Dir mein Wort: in acht Tagen habe ich ihn vollends zur Raison gebracht. Übrigens, warum machtest Du denn vorhin ein so vergnügtes Gesicht, wenn es Dir nicht recht war? Die Generalin antwortete nicht sogleich. Sie ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, trat dann an Ebba heran, die sich wieder in den Fauteuil geworfen hatte, verdrießlich mit den Quasten der Armlehne spielend, und richtete ihr gesenktes Gesicht, sie unter dem Kinn fassend, in die Höhe: Mein Kind! Mama? Liebst Du Wilfried? Kuriose Frage! Habe ich es nicht von Dir, daß die Liebe in der Ehe gar keine Rolle spielt? Gar keine, ist zu viel; ich habe immer nur gesagt. keine ausschlaggebende; eine, die andern vernünftigen Gesichtspunkten und Rücksichten untergeordnet werden muß. Und das sage ich noch. Dann sind wir einer Meinung. Vielleicht nicht so ganz. Dein Vater und ich – Weiß ich: Du hättest statt seiner seinen Bruder heiraten können, der Dir eine Woche lang rasend die Cour machte; und wärst setzt Fürstin, oder Fürstin Witwe, das heißt: auch nicht viel, wenn Du doch einmal kein eigenes großes Vermögen hinter Dir hattest. O ja, wenn ich einen Fürsten, nota bene einen reichen, sous la main hätte – Ich bin überzeugt, Graf Leßberg heiratete Dich sofort, wenn Du frei wärest oder Dich frei machtest. Ich nicht. Nicht wegen seiner liaison mit der 8 Caspari, obgleich er sehr attachiert an sie sein soll. Das würde mich nicht stören. Ich habe andere Gründe. Dann Baron Rentlow – Ich bitte Dich, Mama, höre auf! Das sind alles Tauben auf dem Dach. Wenn man so arm ist, wie wir, kann man so schön sein, wie man will – vorlieb nehmen muß man doch. So viel habe ich nun auch heraus. Wilfrieds bin ich sicher. Und dann, ganz offen, Mama – ich halte das Leben in unserm Hause – mein Gott, diese ewigen Verlegenheiten, Papas gräßliche Finanzfragen – Falkos permanente – à propos : hast Du ihm – St! Papa! Sagen wir ihm heute Abend schon davon? Bewahre! Wir deichseln so was immer besser allein. Allerdings. Der General trat herein in dem Augenblick, in welchem Johann die Thür zum Speisezimmer öffnete, wo auf dem einen Ende des großen Eßtisches ein frugaler Imbiß für drei Personen serviert war. * * * Wilfried und Falko standen vor dem Hause auf dem Trottoir der Königgrätzer-Straße. Wohin nun? sagte Falko. Nach Hause, denke ich. Paßt mir wenig. Habe einen formidablen Hunger und entsprechenden Durst. Palasthotel – wie? Ist eigentlich nicht mein Fall. Aber weil wir es so nah haben – Meinetwegen. Sie gingen das nur noch kurze Ende der Straße hinab, an dem Potsdamer Bahnhof vorüber, wanden sich durch die Droschken und Pferdebahnwagen, die den Platz nach allen Richtungen durchquerten, und das Gewimmel der Fußgänger, welche in dieser Sonntagabendstunde von ihren Spaziergängen und Ausflügen zurückkehrten. Ein vierschrötiger Bürger, der seine korpulente Ehehälfte am Arm schleppte, rannte Falko derb an. 9 Pardon! rief Falko, während das Paar, ohne davon Notiz zu nehmen, seinen Weg fortsetzte. Wie findest Du das? rief Falko. Der Kerl rempelt mich; ich sage: Pardon! und der Lümmel thut, als wäre ich Luft! Eine reizende Gesellschaft! Durch Höflichkeit haben sich die Berliner nie ausgezeichnet. Nimm Dich in acht! Eine Droschke hätte Falko, der dem unhöflichen Biedermann wütend nachblickte, beinah überfahren. Esel! zischte er durch die Zähne. Man ist bei Gott seines Lebens nicht sicher vor der verdammten Krapüle. So laß uns machen, daß wir in Sicherheit kommen! Sie betraten das Hotel; dienstfertige Piccoli in braunen Jacken mit vergoldeten Knöpfen bekomplimentierten sie nach dem Speisesaal, der ungewöhnlich stark besucht war. Nur daß sie eben noch in der äußersten Ecke einen leeren Tisch fanden. Laß mich das Menu machen! sagte Falko. Gern. Aber bitte, für mich nur eine Kleinigkeit. Fehlt Dir etwas? Daß ich nicht wüßte. Da bist Du besser dran als ich. Mir fehlen rund zweitausend M. Kannst Du sie mir geben? Bis wann? Sagen wir bis übermorgen mittag. Auf Ehre, Wilfried, es ist das letzte Mal, daß ich Dich anpumpe. Damit hat es nichts auf sich. Es ist nur – Wilfried brach ab und starrte vor sich hin. Es kam ihm mehr als ungelegen. Er hatte von dem Kredit, den ihm Tante Adele bei Bielefelder offen hielt, gerade in letzter Zeit ungewöhnlich starken Gebrauch gemacht. Der Kassierer würde keinen Augenblick Anstand nehmen, gewiß nicht. Aber der schweigsame junge Mann hatte einen so durchdringenden Blick in den schwarzen Augen unter den immer gesenkten Wimpern, und erst vorgestern hatte er diesen Blick auszuhalten gehabt – 10 Paßt Dir nicht, sagte Falko. Na, dann muß eben ein anderer bluten. So ist es nicht gemeint, Falko. Ich kann Dir die zweitausend geben. Willst Du sie von mir abholen? Übermorgen zwölf Uhr? Ja. Na, ich danke Dir, alter Kerl. Das war Hilfe in der Not. Und darauf wollen wir eine Pulle trinken. Auf Dein Wohl! Falko schenkte aus der Flasche, die der Kellner eben neben ihm in ihrem Eiskübel aufgestellt hatte, die Gläser voll; leerte, Wilfried zunickend, das seine in einem Zuge und füllte es sofort wieder. Die üble Laune, die er aus dem Elternhause mitgebracht und die ihn bis zu diesem Moment sichtlich geplagt hatte, war urplötzlich verschwunden. Sein hübsches Gesicht lachte, seine braunen Augen blitzten. Er richtete sich straff in den Hüften auf, zog die kurzen Schöße seines Ulanenrocks mit einem gleichmäßigen Ruck herunter und spitzte mit einer humoristischen Grimasse, die ihm allerliebst stand, die Lippen, als wollte er sagen: Jetzt pfeife ich wieder auf die ganze Welt. Der Kellner hatte den Fisch serviert: Steinbutt mit holländischer Sauce, die Falko großartig fand. Überhaupt ein famoser Abend, sagte er – aber so nimm doch noch ein Stückchen – ich bekomme hernach noch filets mignons – setzt kann ich es ja sagen: ich war in einer niederträchtigen Klemme. Der verdammte Manichäer – nomina sunt odiosa , heißt es ja wohl? – hatte schon zweimal prolongiert. Drohte, es dem Oberst zu melden, der mich so wie so etwas auf dem Strich hat; überhaupt, seitdem die Brigade auf sich warten läßt, ganz untraitabel ist – wir klagen alle über ihn. ›Ich will keine Schuldenmacher im Re'ment.‹ Lächerlich, als ob er nie in seinem Leben Wechsel geritten hätte! Er hätte es, weiß der Deibel, diesmal zum Eklat gebracht. Und was dann? Stallmeister in einer Manège? oder Versicherungsagent? Aber sprechen 11 wir nicht mehr davon! Wollte auch eigentlich von ganz was anderm reden. Das ist ja prachtvoll, daß ihr nun endlich Ernst machen wollt. Hätt's in Deiner Stelle längst gethan. Sie ist ein zu entzückendes Mädel. Wäre ich nicht ihr Bruder, ich heiratete sie vom Fleck weg – bei Gott! Ebba for ever ! Er trank Wilfried zu, der ihm Bescheid that. Über Falkos Gesicht huschte, während er die Gläser wieder füllte, der Schatten einer Unmutswolke. Wilfrieds Erwiderung war ihm so kühl erschienen, daß er im Grunde Lust hatte, sich beleidigt zu fühlen. Aber in Anbetracht – und überhaupt – Er that einen tüchtigen Schluck, den Ärger hinunterzuspülen. Es gelang ihm nicht ganz; er mußte ihn sich wegreden. Weißt Du, Wilfried, ich war Dir eben ein wenig böse: Du machtest eine so verzweifelt ernsthafte Miene, machst sie sogar noch. Na, wenn ich es mir recht überlege: nach allen Seiten spaßhaft ist der Gedanke, Ebba zur Frau zu haben, gerade nicht. Sie ist das schneidigste Mädel, das wir zur Zeit in Berlin haben. Darüber kann gar keine Frage sein: alle Welt ist darüber einig. Nur sie macht verdammt große Ansprüche. Bitte mich nicht mißzuverstehen! Als Mann – na, da stehst Du Deinen Mann – nettes Wortspiel, was? – aber sie ist so verwöhnt! Wir haben sie so verwöhnt – Papa, Mama, ich, – jeder, der zu uns ins Haus kommt. Und der vergangene Winter – die Leute waren ja rein aus dem Häuschen. Auf den Hofbällen – Du hast Dich immer drum herumgedrückt – hättest das nur sehen sollen – rein lachhaft, sage ich Dir. Wenn ihr das ein bißchen in den hübschen Kopf gestiegen ist – ein Wunder wär's nicht. Meinst Du nicht? Gewiß wär's kein Wunder. Indessen – Weiß, was Du sagen willst: so was giebt sich; aber der Übergang – Ich hoffe, ihn Ebba nicht allzuschwer zu machen. 12 Nun kommen wir zusammen – bis an die Gurten – Du sagtest – oder war es Ebba? – gleichviel – Du habest mit der Tante gesprochen. Na, Wilfried, ich möchte nicht indiskret sein – es ist nur in Euerm beiderseitigen Interesse – Deinem und Ebbas, meine ich – wird sie denn gehörig – Und Falko rieb, den linken Mundwinkel etwas herabziehend, Daumen und Zeigefinger der rechten Hand ein paarmal übereinander. Ich kann darüber beim besten Willen etwas Bestimmtes nicht sagen, erwiderte Wilfried. So viel ist sicher: sie ist damit einverstanden, daß ich mir ein Gut kaufe. Richtiger: daß sie mir eins kauft. Wird dem Verkäufer gleichgiltig sein. Mir auch. Totalement . Na, alter Sohn, was willst Du mehr? Können die Alten, kann Ebba mehr wollen? Im Sommer auf dem Lande – irgend wo es schön ist – Herrenhaus, stattlich natürlich, mit ein paar Communs – was sich immer besonders feudal macht – englischer Park – famose Jagd – auf die ich mich schon teufelsmäßig freue. Und dann den Winter hier in Berlin – natürlich. Für Reisen bin ich nicht – finde diese Natursimpelei lächerlich. Paris – London – freilich – dazu gebe ich meinen Segen. Wie ernst Wilfried auch zu Sinnen war, die so naiv überschäumende Lebenslust Falkos machte ihn lächeln. Ich wollte, ich könnte Ebba ein Leben bieten, wie Du es für sie planst, sagte er; und mit einigen wenigen Amendements würde ich es auch für mich acceptieren. Aber ›Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen‹, sagt ein gewisser Schiller. Ich fürchte, von Deiner prächtigen Zukunftsmusik werden nur ein paar bescheidene Takte stehen bleiben. Gar nicht daran zu denken! rief Falko. Weshalb denn? Tante Adele ist notorisch mehrfache Millionärin, Deiner Mutter Schwester, hat nicht Kind noch Kegel; Du bist ihr nächster einziger Verwandter und von jeher ihr enfant gâté . 13 Ob Du die Bescherung nach ihrem Tode auf einmal hast, oder sie jetzt schon mit einem anständigen Teil herausrückt – das ist doch schließlich Hose wie Jacke! Ich denke, wir zerbrechen uns nicht weiter den Kopf darüber, sagte Wilfried, sich eine frische Cigarre anzündend. Hast Du noch eine? Danke! Hm! Die kann man unter Brüdern rauchen. Falko hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt; beide rauchten eine Minute schweigend. Wilfrieds letzte Worte und der Ton, in welchem er sie gesprochen, hatten Falko gegen seine Gewohnheit nachdenklich gestimmt. Seine Schwester, seine Ebba, die ihm die Krone aller Mädchen und Weiber war, in einer Situation, die ihrer unwürdig – einer mesquinen , beinahe bürgerlichen – ihm wurde trotz des trefflichen Sekts und der famosen Cigarre ganz weh ums Herz. Na ja! brummte er vor sich hin; na ja! Wie meinst Du? Falko richtete sich wieder auf und sagte, leiser und eindringlicher als zuvor sprechend: Sieh, Wilfried, Du bist ein guter, ein famoser Kerl – das steht bombenfest für mich, für uns alle. Und Du bist ein Philosoph und so weiter, und um Dich bin ich nicht besorgt. Ebba! Gott ja, sie ist auch gut in ihrer Weise; aber mit ihr auszukommen – als Mann, meine ich – das denke ich mir nicht so leicht. Denn siehst Du: bei uns zu Hause – Du kennst das ja: die Mama, na, das geht noch, obgleich sie manchmal eine Art hat, die auch anders als schön ist. Aber der Alte – Gott, er kann einem ja leid thun. Wenn man einen Fürsten zum Vater und anfangs eine so brillante Karriere gemacht hat; und vom Oberst, eigentlich schon vom Major, fängt es an zu hapern, und man kriegt als Generalmajor den blauen Brief, aus dem noch mit Hängen und Würgen die Excellenz herausspringt – na, das ist so 'ne Sache. Und dann nichts hinter sich als die lumpige Pension und die Sandklitsche da bei 14 Treuenbrietzen, von der zwei Drittel immer vor dem Winde unterwegs sind – was ich sagen wollte: das ist denn doch, bei Gott, keine Existenz für ein Mädchen, wie Ebba. Von mir will ich gar nicht sprechen. Na, Wilfried, ich weiß, was Du sagen willst: wenn ich das Jeuen lassen könnte! Aber, nimm's mir nicht übel, das verstehst Du nicht; kannst es nicht verstehen. Ein halbes Jahr Freiwilliger – Sturz mit dem Pferde – rechten Arm verknaxt – Ganzinvalide – Du kannst ja nur einen schwachen Schimmer davon haben. Wie's im Re'ment zugeht – unter uns Offizieren, meine ich. Hab' Dich ja ein und das andere Mal in das Kasino verschleppt – fandest keinen Geschmack daran, trotzdem doch, bei Gott, unter uns Kameraden – ah! sieh da: Leßberg – Rentlow – brauche die Herren nicht miteinander bekannt zu machen – wollt Ihr Euch – Fürchte zu derangieren, sagte Graf Leßberg. Finden schon einen andern Platz, meinte Baron Rentlow, sich im Saale umblickend. Dürfte heute Abend schwer fallen, sagte Falko. Wir rücken ein bißchen zusammen – Es ist Raum genug, sagte Wilfried höflich. Sehr gütig, Graf! näselte Graf Leßberg. Dann man 'rin! schnarrte Baron Rentlow. * * * Die herzueilenden Kellner hatten, so gut es gehen wollte, Ordnung an dem kleinen viereckigen Tisch geschafft; die beiden Ankömmlinge blätterten in den Speisekarten. Ihr trinkt doch mit? fragte Falko. Versteht sich – selbstredend! riefen Leßberg und Rentlow. Also Kellner – Die Herren hatten ihre Aufträge erteilt. Natürlich in Räubercivil, rief Falko, die Kameraden, die sich jetzt zu ihnen gewandt hatten, ironisch betrachtend. Steht Euch ganz famos. Freilich, habt Übung darin. 15 Allerdings, erwiderte Leßberg. Könnte Ihnen auch nicht schaden, Falkenburg, wenn Sie hier in Civil anträten. Gesellschaft ein wenig sehr gemischt. Möchte ich nun nicht behaupten, sagte Rentlow, das Glas ins Auge klemmend. Ich sehe nur Leute vom Stamme Abraham. War zu erwarten. Aber wenn die Herren das so genau wußten, meinte Wilfried. Lag auf unserm Wege, Graf, sagte Rentlow entschuldigend. Und wohin führt der Weg weiter? fragte Falko Diskretion Ehrensache, mon cher . Na, denn nicht! Möchte nur freundlichst raten, die Sache nicht zu lange auszudehnen. Morgen früh um sechs: ›Die Herren Offiziere‹! Er hatte die letzten Worte in einem ärgerlich-schnarrenden Nasenton gesagt. Na, Falkenburg, schweigen Sie man ganz stille! Wenn es nach der Übung ›Die Herren Offiziere‹ heißt, sollen nicht immer alle gut abschneiden. Ich dachte, Diskretion sei Ehrensache, erwiderte Falko scharf. Bitte gehorsamst! Habe mit keinem Gedanken an Sie gedacht. Wüßte keinen unter uns, der immer gut abschnitte. Ja, und der Alte wird mit jedem Tage womöglich schlimmer. Wenn er doch nur erst die Brigade hätte! Hat sich was: Brigade! Noch vier Vormänner! Bitte: drei! Vier: paré ? Pariere nicht, wenn ich meiner Sache sicher bin. Übrigens ich dächte: drei wären gerade genug. Das kann noch ein Jahr dauern. Oder auch nicht. Um die Oberstecke weht es mal wieder verdammt scharf. 16 An der Generalsecke hängt das Sturmzeichen. Wird bei einer Mobilmachung noch ganz anders kommen – Mobilmachung! Woher? Gegen wen? Haben viel zu viel Respekt vor uns, die Herren Franzosen und – aber das geht mir doch über den Spaß! Wilfried, der auf das Geplauder der Herren nur mit halbem Ohr hingehört hatte, blickte erstaunt auf. Da sitzt so ein Judenbengel, der mich nun schon zum drittenmale fixiert hat – ganz unverschämt. Ich hätte große Lust – Graf Leßberg machte eine heftige Bewegung; man wußte nicht, ob, um aufzustehen, oder einem Kellner, der vorbei eilte, einen Befehl zu geben. Wilfried hatte die Richtung der zornigen Blicke des Grafen aufgenommen. An einem entfernteren Tische, der inzwischen geräumt war, hatte eine neue Gesellschaft Platz genommen: ein älterer Herr mit einem prächtigen, stark angegrauten Vollbart, zwei jüngere, sehr brünette Männer und zwei junge Damen, die eine mit höchst üppigem, rötlichem, die andre mit kohlschwarzem Kraushaar – alle, Herren und Damen, tadellos elegant. Verzeihung, Graf, sagte Wilfried. Ich vermute, die Blicke des Herrn haben nicht Ihnen, sondern mir gegolten. Ich bin mit den Herrschaften bekannt. Entschuldigen mich einen Augenblick! Er war aufgestanden und hatte kaum ein paar Schritte gemacht, als ihm Arthur Bielefelder, der den Grafen Leßberg so geärgert hatte, eilends entgegenkam. Pardon, Herr Graf, wenn ich Sie derangiere! Wir sahen Sie da sitzen, und meine Cousine – Chlotilde Bielefelder, wissen Sie – aus Dortmund – sie ist seit heute morgen bei uns auf Logierbesuch – hatten bei Tisch von Ihnen gesprochen – brennt darauf, Ihnen vorgestellt zu werden. Wollen Sie mir den Gefallen erweisen? Aber gern. Sie schritten zusammen auf den Tisch zu, von dem 17 sich die Herren zur Begrüßung des Grafen bereits erhoben hatten. Na! sagte Leßberg, sich wieder bequem in seinem Stuhl zurechtrückend; nehmen Sie mir's nicht übel, Falkenburg, aber Ihr Herr Vetter hat eigentümliche Bekanntschaften. Wie kommt er denn dazu? Wollte nur, ich hätte die Bekanntschaft, erwiderte Falko, mit gespielter Gleichmütigkeit – im Grunde war ihm der Zwischenfall nicht ganz recht – die neue Flasche in dem Kübel drehend. Der Banquier seiner Tante, respektive sein eigener: Bielefelder, Kommerzienrat und unanständig reich. Die Frau – übrigens nicht dabei – geht nie aus – Gicht, Rollstuhl und so was – eine Freiin von Kesselbrook nebenbei – ist mit der Mutter meines Vetters, der Fürstin, und deren Schwester, seiner Tante, der Erbtante, wissen Sie – zusammen in einem Erziehungsinstitut gewesen – irgendwo in Westfalen – die Fürstin und ihre Schwester sind ebenfalls von daher – Komtessen Reckeberg – nicht zu verwechseln mit der württemberger Linie – na, und die Freundschaft ist denn so weiter kultiviert, als die Kesselbrook Herrn Bielefelder heiratete, dito aus Westfalen, wo er seine Bergwerke hat, wenn er auch schon lange in Berlin lebt – Tiergartenstraße – Judenviertel! selbstverständlich! Na ja! Das heißt: die Bielefelders sind getauft. Ob auch der Alte, weiß ich nicht. Die Kinder jedenfalls. Das bißchen Wasser! Jedenfalls hat es die Leute bis zu einem gewissen Grade gesellschaftsfähig gemacht; dem jüngeren Bruder sogar zum Reserveoffizier verholfen – irgendwo in der Provinz. Wie Majestät so was zugeben kann! Es war noch unter Kaiser Friedrich. Na, da! Und in dem Hause verkehrt Ihr Herr Vetter? schnarrte Rentlow dazwischen. 18 Warum nicht? Wiederhole: verkehrte gern selber da, vorausgesetzt, daß ich so freien Zutritt zu der Kasse hätte, wie mein Vetter. Aber wollen wir nicht von was anderm reden? Na, Falkenburg, Sie können einem doch nicht verdenken, wenn man sich auf dem Terrain etwas orientieren will. Kann da vielleicht mal einem, der's nötig hat, einen Avis geben. Übrigens so weit ein paar nette Käfer. Töchter? Die eine, die mit dem schwarzen Haar; die andere kenne ich nicht. Hat ein bißchen Ähnlichkeit mit Ihrer Schwester. Finden Sie nicht? meinte Leßberg. Keine Spur! Na ja! Bis auf den Unterschied der Rasse, an dem sich Ihr Herr Vetter nicht zu stoßen scheint. Leßberg stierte mit einem wütenden Blicke nach dem Tische, an welchem Wilfried mit der jüdischen Familie saß. Sie können ihn nun einmal nicht leiden, sagte Falko gleichmütig. Wüßte auch nicht, daß ich Ursache dazu hätte. Na, Leßberg, wir wollen an die alte Geschichte nicht rühren. Hätten Sie zur rechten Zeit den Mund aufgethan, vielleicht wär's anders gekommen. Wenn alle Welt mir sagte, daß Ihre Schwester seit Kindesbeinen mit ihm verlobt sei! Nonsens: seit Kindesbeinen. Gekannt haben sie sich so lange. Das stimmt; verlobt sind sie erst seit einem Vierteljahr. Eine forcierte Rekognoscierung Ihrerseits hätte die Sache klar gemacht; aber wer nicht wagt, nicht gewinnt. Hätte ich gewonnen, wär's Ihnen recht gewesen? Warum nicht? Ich dächte, wir waren immer gute Kameraden. In Leßbergs grauen Augen blitzte es auf. Er hatte Ebba seiner Zeit wütend den Hof gemacht, mehr als 19 einmal auf dem Punkte gestanden, um sie anzuhalten, seine Freiheit aber doch nicht daran geben mögen. Dann war ihm Wilfried zuvorgekommen. Jetzt hätte er den Menschen, der ihm von jeher aufs äußerste unsympathisch gewesen war, morden mögen, um Ebba wieder frei zu haben. Brauchte er am Ende doch noch nicht alle Hoffnung verloren zu geben? Ebba war ein solcher Durchgänger! Ein sehr intimes Gespräch, das er vor ein paar Tagen mit ihr gehabt, als sie sich bei Excellenz Hostewitz trafen – in ihr elterliches Haus kam er jetzt nur noch selten – hatte ihn darüber aufgeklärt, wieviel man bei ihr wagen durfte. Wenn er Falko, der so großen Einfluß auf sie zu haben schien, noch auf seine Seite brachte! Er streckte Falko über die Tischecke, die sie trennte, die Hand hin. Gute Kameraden, sagte er. Und das wollen wir bleiben! Kinder, werdet nicht sentimental, bemerkte Rentlow trocken. Ihr wißt, wie leicht mir die Thränen kommen. Übrigens, Leßberg, es ist hohe Zeit, daß wir aufbrechen. Was habt Ihr eigentlich vor? fragte Falko. Wenn Sie es durchaus wissen wollen: ein kleines Jeuchen bei Schulenberg, nota bene mit Damen. Sie sollten mitkommen. Da Schulenberg mir kein Wort gesagt hat – Muß es rein vergessen haben. Daß er es wollte, weiß ich. Können ruhig mitkommen. Falko brannte vor Begierde, von der Partie zu sein. Seine Chance für das in Aussicht gestellte Jeuchen bestand allerdings nur in den etwa zehn Mark, die er noch in seinem Portemonnaie hatte. Die konnten sich verzehn- und verhundertfachen – war alles schon dagewesen. Nur ohne Wilfried durfte er nicht fort, schon der »Addition« wegen, die nach einem flüchtigen Überschlag, den er bei sich machte, immerhin vierzig Mark betragen mochte. Und Wilfried schien bei den Bielefelders festwachsen zu wollen, 20 während die Kameraden bereits mit dem Kellner abrechneten. Na, endlich! Bitte tausendmal um Entschuldigung, sagte Wilfried, wieder herantretend. Sehe, die Herren wollen aufbrechen. Müssen leider, sagte Leßberg. Schon über die Zeit geblieben, sekundierte Rentlow. Aber Du bleibst doch, Falko? Das heißt – ich möchte Dich nicht gern – Genier' Dich nicht! Wollte, so wie so, vorschlagen, aufzubrechen. Na, dann – die Geschichte hier – Du bist so freundlich – Und Falko machte eine Handbewegung über den Tisch, auf welchem Flaschen, Gläser, Schüsseln, Teller durcheinander standen. Selbstverständlich – Das heißt, wir – sagte Leßberg, das Wechselgeld, das ihm der Kellner auf dem Teller mit der Rechnung präsentierte, abstreifend – 's gut! – Sind Sie fertig, Falkenburg? Also – war mir sehr angenehm, Graf – Sehr – sekundierte Rentlow. Ganz auf meiner Seite. Die Herren schüttelten sich die Hände. Kommen Sie, Falkenburg? Einen Moment! rief Falko, seinen Säbel umschnallend. Reitest Du morgen früh mit Ebba? Wir haben es wenigstens verabredet. Und ich muß mich auf dem Exerzierplatz schinden! Na, dann grüß' sie schönstens. Und sie solle den Wallach nicht so scharf auf Kandare reiten. Es giebt sonst noch einmal – ich komme ja schon! Adieu, Wilfried, adieu! Er war den Kameraden nachgeeilt durch den heute nicht eben breiten Gang zwischen den Tischen, vorbei an dem der Bielefelder, deren sämtliche Gesichter sich nach der schmucken Erscheinung wandten. Wenn es nicht um die prächtige Frau wäre, murmelte 21 Wilfried, der nun seinerseits mit dem Kellner abgerechnet hatte. Ich komme sicher nicht so vorbei. Wirklich hatte er kaum ein paar zögernde Schritte gethan, als auch Arthur Bielefelder wieder eilends auf ihn zukam. Jetzt müssen sie aber mit an unsern Tisch, Herr Graf! Thut mir herzlich leid – bin todmüde – Ihre Damen haben sicher genug von mir. Keine Idee, im Gegenteil! Die Damen haben noch eine spezielle Bitte an Sie. Nur einen Augenblick, Herr Graf! Der Geschäftige hatte bereits einen Stuhl, den ein Kellner auf seinen Wink schnell herbeigetragen, für Wilfried zurechtgerückt. Die Sache ist die, sagte Arthur, der sich nun mit seinem Stuhl halb aus der Reihe gedrängt sah, über Wilfrieds Schulter, die jungen Damen brennen darauf – Aber Arthur! rief Else, ihn derb mit dem Fächer schlagend. Welche Übertreibung! lispelte die schöne Cousine, müde lächelnd. Also die jungen Damen brennen nicht darauf – Mais cher cousin – Immer der reine Clown! Ja, aber, Chlotilde, Else, wie soll ich denn – Die Sache ist, nahm der Kommerzienrat das Wort, Sie waren so liebenswürdig, Herr Graf, uns für Donnerstag zuzusagen. Nun finde ich für mein Teil, es ist eine starke Zumutung an die Herren, in dieser Jahreszeit – indessen – Ach, Papa, Du holst auch so weit aus, rief Else. Laß mich! Also, Herr Graf, wir möchten so schrecklich gern noch einmal tanzen. Da sind wir aber mindestens unser zehn Mädchen und meine Herren Brüder hier rechnen 22 nur sechs Herren heraus, höchstens acht. Und da wäre es nun furchtbar nett von Ihnen, Herr Graf, wenn Sie – Es wäre wirklich sehr nett, versicherte Arthur. Sehr charmant, rief Leonor. Bezaubernd, lispelte Chlotilde mit ihrem müden Lächeln, während der Blick der großen mattglänzenden schwarzen Augen unverwandt auf Wilfried ruhte. Hätte ich nur eine Ahnung, meine Herrschaften, sagte er. Gott, die Geschichte ist furchtbar einfach, rief Else, den schwarzen Lockenkopf lebhaft vorschiebend. Es handelt sich um Ihren Herrn Vetter, Herr Graf, der eben hier vorbei ging. Ob Sie ihn nicht veranlassen möchten, einen Besuch bei uns zu machen? Wollen Sie? Bitte, bitte! Ach ja! bitte! Please ! lispelte Chlotilde. Wenn es nicht um die herrliche Frau wäre! dachte Wilfried. Und laut sagte er: Weiter nichts, meine Damen? Ich bin überzeugt, mein Vetter wird Ihre gütige Einladung mit Dank annehmen. Ich sehe ihn spätestens übermorgen mittag und werde nicht verfehlen – Wie lieb! flüsterte Chlotilde. So ist er immer, rief Else. Es wird famos, sagte Arthur. Großartig, sagte Leonor. Verbindlichsten Dank, Herr Graf, sagte der Kommerzienrat. Meine Frau wird sich sehr freuen – Bitte, ihr meine ergebenste Empfehlung auszurichten, sagte Wilfried, sich erhebend. Ah! hauchte Chlotilde, sichtlich enttäuscht. Na, aber, sagte Else schmollend. Ich bliebe gern, meine Gnädigen. Eine böse Migräne, die mich schon den ganzen Abend geplagt hat – also, meine Herrschaften, auf Wiedersehen Donnerstag – Mit Ihrem Herrn Vetter! Ich glaube bestimmt – 23 Und wenn er noch den einen oder andern Herrn Kameraden mitbringt – Ich werde es ihm sagen – Er hatte eine Verbeugung gemacht, in die sich die Gesellschaft teilen mochte. Der Gruß wurde allseitig lebhaft erwidert. Else war im Begriff, ihm eine Kußhand nachzusenden, unterließ es aber auf einen warnend erhobenen Finger ihrer Cousine. Ob ich wohl jemals werde Nein sagen lernen, grollte Wilfried bei sich, während er nun schnellen Schrittes durch den leeren Vorsaal das Restaurant verließ. * * * Auf dem Potsdamer Platz war das Treiben um nichts geringer geworden; im Café Bellevue und bei Josty schien jeder Platz besetzt. Wilfried hatte über dem eiligen Aufbruch der anderen Herren den gewohnten Kaffee eingebüßt, und was sollte er schon zu Hause? Daß er nicht würde schlafen können, wußte er. Also weiter Grillen fangen. Das Geschäft ließ sich auch hier besorgen. Langsam bei Josty vorübergehend, sah er, wie ein paar Herren, die unmittelbar am Gitter gesessen hatten, sich von dem kleinen runden Tisch erhoben, der für den Augenblick frei blieb. Er trat rasch hinein; es machte ihm niemand den Platz streitig. Nun saß er bei seinem Kaffee. Der Kaffee war nicht gut, der Cognac positiv schlecht. Aber vielleicht war es die Migräne, die er vorhin geheuchelt und die nun allen Ernstes sich eingefunden zu haben schien. Oder die dicke, schwüle Luft, die sich jetzt um halb elf noch um keinen halben Grad abgekühlt hatte. Oder der ohrenbetäubende Lärm auf dem Platz und das Gewirr der durcheinander irrenden roten, blauen, grünen, weißen Lichter auf Pferdebahnwagen, Omnibussen, Droschken, Equipagen. Er wußte wohl: es war weder dies, noch das, noch irgend etwas anderes, was ihm da ums Herz herum saß. 24 Nur das dumpfe Weh, das er mit sich schleppte und dem er keinen Namen zu geben wußte. Und das sich nicht wegrauchen, wegtrinken, wegküssen lassen wollte – Natürlich, wenn die Lebensrechnung nicht stimmt – Da hielt er einmal wieder auf dem alten Fleck. Nein! die Rechnung stimmte nicht. Das war völlig zweifellos: die so und so oft angestellte Probe bewies es. Was fehlte ihm nach Menschengedenken zu einem behaglichen, vergnüglichen Leben? Nichts, schlechterdings nichts. Im Gegenteil: hatte er nicht, um was ihn tausende und abertausende beneiden konnten, sicher beneideten? Und hatte er von den Vorteilen, die Geburt, gesellschaftliche Stellung, die ganz exceptionell glückliche materielle Lage, in welcher ihn die Freigebigkeit der Tante erhielt, je einen Gebrauch gemacht, dessen er sich ernstlich hätte schämen müssen? Stand er nicht im Begriff, dies Glücksgebäude zu krönen durch die Verbindung mit dem notorisch schönsten und glänzendsten Mädchen der Gesellschaft? Mußte er da nicht, wenn er an einen Gott glaubte, ihm täglich auf den Knieen danken? Und wenn es mit seinem Gottesglauben nicht zum besten stand, als ein sonst leidlich verständiger Mensch, sich – nicht glücklich vielleicht, lag das nun einmal nicht in seiner Art und seinem Blut – aber doch nicht gerade unglücklich, grenzenlos unglücklich fühlen? Zum Beispiel, ging er nun nach Hause – ewig konnte er doch hier nicht sitzen bleiben unter den Menschen, die so plebejisch laut sprachen und so gräßlich ordinäre Cigarren qualmten – war er da sicher, er werde einen gewissen braunpolierten, messingbeschlagenen Kasten nicht unten aus dem Gewehrschrank nehmen, auf den Tisch stellen, öffnen, eine halbe Minute die zierlichen Dinger betrachten, sich für eine entscheiden und – Würden Sie wohl verstatten, mein Herr? Zwei Mädchen standen vor ihm: übergroße, extravagant aufgeputzte Hüte, künstlich schwarzgeränderte Augenlider – Küchen- oder Stubenmädchen, welche ihr ehrbares Gewerbe 25 mit einem anderen vertauscht hatten. Die ihn angeredet: eine üppige Person, aufgestülpte Nase, dicke, frech sinnliche Lippen, durch die zwei Reihen großer, unregelmäßiger weißer Zähne schimmerten; die andere ein blasses, zierliches, beinahe anmutiges Geschöpf. Es waren inzwischen ein paar Tischchen in der Nähe frei geworden; er hätte die Aufdringlichen dahin weisen können. Wozu? Er hatte ohnedies gehen wollen. Ich räume Ihnen den Platz, sagte er höflich. Abgeblitzt! sagte die Freche, der schlanken Gestalt, die sich ohne Hast zwischen den Tischen fortbewegte, nachblickend. Ein feiner Herr, murmelte die Blasse. Was kaufe ich mir vor die Feinheit – Kellner! Kellner! Hören Sie denn nich! * * * Wilfried war in die Bellevuestraße eingebogen. Durch die Potsdamerstraße hätte er es nach seiner Wohnung näher gehabt; er hoffte so dem Lärm, der ihm ganz unerträglich geworden war, zu entgehen. Ein wenig stiller war es hier freilich, wenn auch noch genug Pferdehufe auf dem Asphalt klapperten und die Trottoirs unter den mächtigen Bäumen schwarz von Menschen waren, die nach der Stadt strebten. Manchmal in dichten Haufen, so daß er das Ausweichen nicht immer leicht fand. Und er hätte um vieles nicht von einem dieser dunklen Ehrenmänner angestoßen werden mögen. Gerade wie sein Vetter vorhin auf dem Potsdamer Platz. Darin sind wir eben alle gleich. Es mögen ja ganz brave Menschen sein, ehrbare Leute, die vollauf das Recht haben, sich am Sonntag auf ihre Art zu amüsieren und das Trottoir für sich zu beanspruchen, nachdem sie sechs Tage im Schweiße ihres Angesichts – wenn der Schweiß nicht wäre! Er giebt den Leuten den fatalen Geruch. Die beiden Frauenzimmer – sie hatten sich mit schlechten Parfüms 26 übergossen – sonst – Und doch, wenn man's recht bedenkt – die Dicke – na ja! die war einfach polizeiwidrig. Aber die kleine Blasse – wenn ich mir die in Gesellschaftstoilette denke, hinter der Frau Mama her am Arm eines Bruders in einen Salon tretend – ob sie dann nicht mit den beiden Fräulein Bielefelder – die Else geht noch mit ihrem kecken Straßenjungengesicht und ihrer naiven Unverfrorenheit. Aber die andere! Und dabei – Wieder kam ihm ein Trupp entgegen, dem er ausweichen mußte. Und dann blieb er nachdenklich unter dem Baum, an dessen dicken Stamm sie ihn gedrängt hatten, stehen. Und dabei sieht sie Ebba ähnlich, positiv ähnlich. Alles ein bißchen stark ins Jüdische transponiert; aber ähnlich zweifellos. Eigentlich doch ein grauenhafter Gedanke. Diese raffinierte Kokette mit dem vor dem Spiegel eingeübten permanenten Lächeln, deren große Odaliskenaugen so naiv unverschämt fragen: willst Du mich? Die sich einem auf dem Präsentierteller anbietet. Gerade wie die Dirnen bei Josty – Pfui Teufel! Er hatte wieder ein paar Schritte gemacht und konnte abermals nicht weiter, diesmal vor einem Menschenhaufen, der in einem dichten Knäuel sich um irgend etwas herumdrängte, was unmittelbar neben dem Trottoir an einem der Gartengitter zu liegen schien. Wilfried konnte bemerken, daß die Menschen in dem inneren Kreis sich hinabbogen, während die fernstehenden die Hälse reckten. Er wollte über den Straßendamm nach der andern Seite – ein Betrunkener war ihm ein Greuel. Ne, wat es vor Menschen jiebt! sagte eine dicke Frau vor ihm. So'n verfluchter Radlerfritze, sagte eine andere, looft det arme Wurm um, det et gleich auf der Stelle liegen bleibt! Un natürlich Schutzmann is nich! Hatte sich Wilfried durch die Menge gedrängt oder 27 nur dem Druck der hinter ihm Stehenden nachgegeben, er würde es nicht haben sagen können, als er sich plötzlich in der vordersten Reihe fand, unmittelbar vor dem hingestreckten Knaben, den ein paar Männer aufzurichten suchten. Die Leute mochten es gut meinen; aber sie griffen derb zu, und der Knabe wimmerte. Wollen sie mir erlauben, sagte Wilfried. Die Leute blickten den eleganten Herrn an. Sie mochten ihn für einen Arzt halten und gaben ihm willig Raum. Wo thut es Dir weh, mein Junge? Hier, murmelte der Knabe, nach dem Unterschenkel fassend. Willst Du einmal versuchen, aufzustehen? Dem Knaben imponierte der fremde Mann, der so freundlich mit ihm sprach. Die Thränen blieben ihm in den großen braunen Augen stehen; er ließ sich aufrichten und auf die Füße stellen. Dann aber stieß er einen leisen Klageruf aus. Wie heißt Du und wo wohnst Du? fragte Wilfried. Der Knabe beantwortete leise die Fragen. Ein Schutzmann, vor dem die Leute scheu auseinander wichen, kam eilends durch den Haufen, der mit jeder Minute größer wurde. Er hatte schon erfahren, um was es sich handelte. I, das wird so schlimm nicht sein, sagte er. Wollen mal sehen. Na, Junge, nu mal zu! Und er faßte den Knaben an die Schulter. Er kann nicht gehen, sagte Wilfried. Ich habe mich überzeugt. Ach was, überzeugt! Sind Sie ein Arzt? Nein. Na, was reden Sie denn! Marsch, Junge. Hier nich noch lange die Leute aufhalten! Wilfried nannte dem Schutzmann seinen Namen, indem er ihm zugleich seine Karte reichte. Der Schutzmann warf 28 einen Blick darauf, legte sie in sein Notizbuch und faßte an den Helm. Wenn es Ihnen recht ist, will ich den Knaben nach Haus bringen, sagte Wilfried. Er hat mir seinen Namen und seine Wohnung gesagt. Es ist nicht weit von meiner eigenen. Wäre nur eine Droschke zu haben. Ich hatte schon eine requiriert, sagte der Schutzmann, der plötzlich sehr höflich geworden war. Er verdient es aber garnicht, Herr Graf. Ich kenne den Jungen. Er treibt sich hier immer des Abends herum und verkauft Schwefelhölzer – ohne Hausierschein. Ich habe ihn schon mal abgefaßt. Wo hast Du denn Deinen Kasten, Junge? Ich weiß nicht, wo er geblieben ist, murmelte der Knabe. Ich werde den Kram ersetzen, sagte Wilfried. Er und der Schutzmann, der wiederholt mit barschen Worten die Leute auseinander gehen hieß, hatten den Knaben, ihn von beiden Seiten unter den Armen fassend, zur Droschke getragen, einem elenden Fuhrwerk, vor das ein jammervoller alter Schimmel gespannt war. Dazu war der Wagen offen. Wilfried hätte ihn gern geschlossen gehabt. Das hätte wieder Zeit gekostet, und er war nur schon zu lange der Gegenstand der Neugierde des Pöbels gewesen, der es an unfeinen Scherzen nicht fehlen ließ. Er verwünschte im stillen seine Gutmütigkeit, die ihn in diese ärgerliche Lage gebracht hatte. Als ob mir dergleichen, wenn auch in anderer Weise nicht schon hundertmal passiert wäre, sagte er bei sich. Die Droschke hatte sich langsam in Bewegung gesetzt. Den Kutscher, einen alten, stumpfen Mann, brachte Wilfrieds wiederholte Bitte, schneller zu fahren, nicht aus seiner Ruhe. Er, der mit gekrümmtem Rücken auf dem Bocke hockte, und der Schimmel, dessen Hufe klapperten, als ob sie nur eben noch in den Nägeln hingen, schienen sich über das Tempo eines kleinen Hundetrabs ein für allemal verständigt zu haben. Wilfried mußte sich in Geduld fassen. 29 Das hielt nicht leicht in Anbetracht des langen Weges bis zur Wichmannstraße, in der der Knabe wohnen wollte; schien doch schon die Viktoriastraße, in die der Kutscher aus der Bellevuestraße eingebogen war, kein Ende zu nehmen. Was wohl Tante Adele, an deren Hause er eben vorüberkam, und ihre ästhetischen Freunde sagen würden, wenn sie ihn hier in der Droschke sähen, mit dem lahmen Knaben neben sich? Romantisch, wie? Sehr romantisch, nur daß leider der Knabe sich ein paar mal auf der Straße überkugelt haben mußte und von Schmutz starrte, der sehr übel roch. Aber das half nun nicht. Er hatte A gesagt; so blieb ihm für den unerquicklichen Rest keine Wahl. Aus dem Knaben war nichts mehr herauszubringen außer dem Wenigen, was ihm Wilfried gleich anfangs abgefragt hatte: daß er Fritz Schulz heiße, seine Eltern Wichmannstraße im Keller wohnten und sein Vater Tafeldecker sei. Mit der letzteren Angabe schien des Knaben armseliges Hausiergewerbe in der Nacht zwischen elf und zwölf, so fern von der Elternwohnung, schwer in Einklang zu bringen. Aber was wußte er denn von dem Leben solcher Leute? Nicht mehr als von dem der Hottentotten. Und mit Fragen wollte er das Kind nicht weiter belästigen. Es war wirklich nur ein halbes Kind mit den schmächtigen Gliedern und dem schmalen hübschen Gesichtchen, das Wilfried jetzt eigentlich zum ersten Male sah während der langsamen Fahrt, nachdem die Potsdamerbrücke passiert, am Kanal entlang das Schönberger Ufer hinauf, wo der beinahe volle Mond, der unterdessen heraufgekommen war, zitternde Strahlen durch die regungslosen Blätter der Bäume warf. Seltsam, daß er das Gesichtchen in der kurzen Zeit zum zweiten Male sah – es glich so sehr dem des blassen Mädchens bei Josty. Der Wagen war auf den Lützowplatz eingebogen. Gott sei Dank, so ging die Fahrt doch zu Ende! Und jetzt kam Wilfried der Gedanke, es werde mit der Ablieferung des Knaben möglicherweise nicht gethan sein. 30 Daß er das Bein nicht gebrochen, hatte der Schutzmann versichert, der sich auf dergleichen zu verstehen schien: Schienbein verletzt und Zehen gequetscht, war seine Diagnose gewesen. Aber das konnte schon schlimm genug sein und ein Arzt nötig werden. Würde er den auch herbeischaffen müssen? Reizende Aussicht, wenn man von seiner Uhr beim Licht einer Straßenlaterne zehn Minuten vor zwölf abliest! Endlich! * * * Der Kutscher, nachdem der Schimmel bereits mehrere Male angehalten, vorwärts gezuckt, wieder umsonst angehalten war, hatte sein wackeliges Fuhrwerk zum Stehen gebracht. Wilfried blickte an dem so weit ganz respektabeln Hause hinauf. Sämtliche Fenster dunkel. Nur aus der Kellerwohnung linker Hand durch die Spalten der schlechtschließenden Rouleaux vor den beiden niedrigen Fenstern ein rötlicher Lichtschein. Und der gedämpfte Lärm der Stimmen zweier Menschen – offenbar eines Mannes und eines Weibes – die in heftigem Zank begriffen schienen. Das kann ja recht erfreulich werden, dachte Wilfried, während er den Kutscher ablohnte, überlegend, ob er den Alten gegen ein gutes Trinkgeld nicht bestimmen könne, die Ablieferung des Knaben an seiner Statt zu übernehmen. Um mich hinterher meiner Feigheit zu schämen. Diese Menschen sind wirklich besser als wir. Den letzteren Ausspruch hatte ihm aber der alte Kutscher entlockt, der von dem Bock heruntergeklettert, und nachdem er erst einmal kräftig an der Hausglocke gezogen, wieder an den Wagen getreten war, ihm beim Herabheben des Knaben zu helfen, den er dann auch mit ihm bis an die Hausthür trug. Alles ohne ein Wort zu sprechen, aber über Erwarten rüstig, sorgsam, methodisch, mit augenscheinlicher gründlicher Sachkenntnis. 31 Das viereckige Fensterchen unter der Hausglocke mir der defekten, schmutzig weißen Gardine wurde geöffnet; in dem Rahmen erschien das Gesicht eines jungen Mädchens, von dem Wilfried eigentlich nur die starren glitzernden Augen sah. Ob von den Thränen, ob von dem Wiederschein der Straßenlaterne vor dem Hause, konnte er nicht unterscheiden. Dann hatte das Mädchen sich in der dunklen Gruppe der beiden Männer, die den Knaben zwischen sich hielten, so weit zurechtgefunden und stieß einen dumpfen Schrei aus. Ich denke, es wird nicht so viel zu bedeuten haben, beeilte sich Wilfried zu sagen. Wenn Sie Ihren Vater rufen wollten! Das Fensterchen wurde wieder geschlossen; der Zanklärm, der eben greulich laut heraufgeschallt war, verstummte; die Hausthür öffnete sich auf einen Druck des alten kundigen Droschkenkutschers. Wilfried und er trugen den Knaben hinein; das Mädchen, jetzt mit einer kleinen Petroleumlampe in der Hand, stand auf der obersten Stufe der Treppe, welche in die Kellerwohnung hinabführte. Hinter dem Mädchen wurde die Gestalt einer Frau sichtbar, der graue Haarsträhnen über das bleiche, verheulte Gesicht hingen. Wilfried wunderte sich, wo der pater familias blieb, dessen zornige Stimme er eben noch so unangenehm deutlich gehört hatte. Der alte Droschkenkutscher war, immer ohne ein Wort zu sprechen, die Stufen mit Wilfried und dem Knaben, den sie zwischen sich hielten, hinabgestapft, während keine Muskel in dem verwitterten Gesicht sich regte, als handle es sich um Ablieferung eines Koffers. Auch unten angelangt, wo die beiden Frauen ihnen den Knaben abnahmen, verzog er keine Miene, als habe er sich die Sache genau so gedacht, und stapfte die Stufen wieder hinauf. Wilfried wäre ihm für sein Leben gern gefolgt. Er hatte sich auch eine Art Vorstellung von dem gemacht, was ihn in der Kellerwohnung erwartete, und gerade anmutig war 32 die Vorstellung nicht gewesen; aber was er nun sah, übertraf weitaus seine schlimmsten Befürchtungen. * * * Die beiden Frauen waren mit dem Knaben, nicht eben geschickt anfassend, wie es Wilfried vorkam, durch eine Thür, die nur angelehnt blieb, in dem Nebenraum verschwunden; er blieb allein in dem niederen Gemach mit einem, der ihn, so wie er den ersten Blick auf ihn geworfen, mit dem entsetzlichsten Widerwillen, ja, Ekel erfüllt hatte und von dem er doch seltsamer Weise die Augen nicht abwenden konnte. Ein langer Mann, der, die Beine weit von sich streckend, mit herunterbaumelnden Armen, hintenüberhängendem Kopfe und geöffnetem Mund in einem bös ramponierten Lehnstuhl halb saß, halb lag, offenbar sinnlos betrunken. Wilfried glaubte sich zu erinnern, daß der Mensch, während der Kutscher und er den Knaben die Stufen hinabtrugen, noch aufrecht gestanden und er sich gewundert hatte, weshalb er nicht mit zugriff. Jetzt war es ihm klar genug: der Mensch hatte in dem Zank mit seiner Frau, bei dem es – nach den Haarsträhnen zu schließen, die der Frau ins Gesicht hingen, und den roten Kratzstreifen, welche über des Mannes fahle Backen liefen – zu Handgreiflichkeiten gekommen war, sein letztes bißchen Kraft ausgegeben und war dann auf dem Stuhl zusammengebrochen. Vollends häßlich wurde das abscheuliche Bild für Wilfried durch einen Umstand, den er sich anfangs nicht zu deuten wußte, bis ihm wieder einfiel, was der Knabe von dem Gewerbe des Vaters gesagt hatte: der Mann stak in einem gut gehaltenen, allerdings hier und da von Staub besudelten schwarzen Frackanzug. Er mochte die Stufen hinabgefallen sein; die weiße Kravatte neben ihm auf dem Fußboden in dem Kampfe mit der Frau verloren haben. Und dieser wüste Geselle mit dem kurzgeschnittenen, dichten, krausen, 33 nur erst mäßig ergrauten Haar und den regelmäßigen Zügen des bartlosen Gesichts – wie grauslich es auch jetzt in der Stupidität viehischer Betrunkenheit erschien – er mußte in seiner Jugend ein schöner Mensch gewesen sein. Von solchen Leuten läßt man sich nun bedienen, dachte Wilfried schaudernd. Nur um den Menschen nicht mehr sehen zu müssen, blickte er sich im Zimmer um: ein großer, verhältnismäßig niedriger Raum, von dessen einst weiß gewesener Decke der Putz stellenweise abgefallen war, wie denn auch ebenso von den Wänden die braunblaue Tapete hier und da in Fetzen herabhing, wohl infolge der Feuchtigkeit, deren widerlich dumpfer Hauch die Luft für Wilfried kaum atembar machte. Im Hintergrunde standen zwei Betten nebeneinander mit bunten Kattunüberzügen, beide unbenützt. Von Möbeln nur das Allerdürftigste und kaum das: ein großer Tannenholzschrank; zwischen den Fenstern, an die Wand gerückt, ein Tisch, von dem die Abendbrotreste in einer defekten Schüssel und auf ein paar schadhaften Tellern noch nicht weggeräumt waren; ein paar unansehnliche Rohrstühle – augenfällige nackteste Armut, die den Kampf um ein würdigeres Dasein entschieden aufgegeben hatte. Der Mensch im Lehnstuhl regte sich, hob den Kopf, stierte Wilfried mit stumpfem Blick an, machte eine Bewegung, als wollte er sich aufraffen, sank dann aber kraftlos wieder zurück, langgezogene, greulich röchelnde Schnarchtöne ausstoßend. Wilfried konnte es nicht mehr ertragen. Es dünkte ihm eine Ewigkeit, daß er hier so stand, und doch waren, wie er sich an seiner Uhr überzeugte, erst zwölf Minuten vergangen, seitdem er den Knaben in der Spelunke abgeliefert. Worauf zum Teufel wartete er denn noch? Er hatte wissen wollen, wie es mit dem Knaben geworden. Aber, wenn ihn die Frauenzimmer so lange antichambrieren ließen! Wie nur ohne sie zur Spelunke und zum Hause hinauskommen? Eines wenigstens mußte herbei. Das war klar. 34 Er hatte ein paar Schritte nach der nur angelehnten Thür gemacht, durch welche die Frauenzimmer sich entfernt hatten, als das Mädchen rasch hereintrat, zurückprallend, als es den fremden Herrn erblickte, von dem es wohl sicher annahm, daß er sich mit dem Kutscher entfernt habe. Ja, aber – sagte sie. Ich wollte mich überzeugen, wie es eigentlich mit meinem kleinen Schützling steht; erwiderte Wilfried. Ihr Bruder? Nicht? Ja. Nun und? Ist es schlimm? Ich weiß es nicht; ich verstehe mich nicht darauf. Was meint Ihre Mutter? Es ist doch Ihre Mutter? Ja. Sie versteht ebensowenig davon. Der Blick des Mädchens war zu dem Schnarcher im Lehnstuhl abgeirrt und hatte dann wieder den fremden Herrn gestreift. Eine zornige Verlegenheit malte sich auf ihrem Gesicht. Das ist jetzt Nebensache, sagte Wilfried schnell. Es handelt sich um Ihren Bruder. Kann ich ihn sehen? Er wußte nicht recht, wie ihm die Frage über die Lippen kam. Es schien ihm zu der einmal übernommenen Rolle zu gehören. Das Mädchen war sichtlich betroffen. Eine lebhafte Röte schoß ihr in die Wangen. Ich weiß wirklich nicht – Machen Sie keine Umstände! Vielleicht kann ich Ihnen noch von Nutzen sein. So trat er, vorüber an dem Mädchen, das ihm nur eben den Durchgang freigab, in die Kammer, die um die Hälfte schmaler, aber, vielleicht nur deshalb, von größerer Tiefe schien als der Vorderraum. Wenigstens verdunkelte die hintere Hälfte beinahe völlig bei dem spärlichen Schein der kleinen Petroleumlampe, die jetzt auf einem Stuhle stand neben dem Bett, auf welchem der Knabe lag. Die Frau hockte da, im Begriff, einen Linnenlappen in ein 35 irdenes Waschbecken zu tauchen, das sie neben sich auf den Boden gestellt hatte. Auch sie blickte verstört, erschrocken, als Wilfried herantrat, der irgend ein paar freundlich sein sollende Worte murmelte und seinen Blick auf das Bein des Knaben heftete, das jetzt nackt aus der zerlumpten Bettdecke hervorsah. Das Schienbein hinauf war eine lange rote Schramme, aus der hier und da Tropfen Bluts hervorquollen; schlimmer war der Fuß zugerichtet, über dessen Spann ein breiter blauer Streifen lief, während die Zehen dick angeschwollen und glasig rot waren. Da werden Sie doch wohl einen Arzt rufen müssen, Frau Schulz, sagte Wilfried. Jetzt zum erstenmale fiel ihm der Name wieder ein, den ihm der Knabe noch in der Bellevuestraße genannt hatte. Die Frau murmelte etwas, das Wilfried nicht verstand, während sie sich daran gab, den nassen Lappen wieder umzuwickeln. Der Lappen reichte nur eben für den Fuß; das Schienbein blieb ungekühlt. Wilfried wandte sich zu dem Mädchen: Haben Sie einen Arzt? Bei seiner raschen Wendung hatte sie die großen Augen, die starr auf ihn gerichtet waren, blitzschnell gesenkt. Nein, murmelte sie. Die Frau hatte sich von den Knieen aufgerichtet – eine Gestalt über Mittelgröße, noch beinahe mädchenhaft schlank, in dem verwüsteten Gesicht, aus dem sie das ergraute Haar flüchtig mit der einen Hand zurückstrich, unverkennbare Spuren einstiger großer Schönheit, so an den Trunkenbold in dem Vorderraum unheimlich mahnend. Wenn wir – sagte sie. Und, sich plötzlich unterbrechend, den fremden Herrn, den sie vorhin kaum gesehen haben mochte, fixierend: Mit wem habe ich die Ehre? Wilfried nannte seinen Namen. 36 In den Augen der Frau blitzte es auf. Sie verbeugte sich tief und sagte mit einem gezierten Lächeln, das Wilfried unangenehm berührte: Mir nicht unbekannt. Habe fünf Jahre lang die Ehre gehabt, bei den durchlauchtigen Eltern zu servieren, als Kammerjungfer der Frau Fürstin. War noch da, als der Herr Bruder, die jetzige Durchlaucht, geboren wurde. Habe mich in meiner Not an den Herrn Grafen schon wiederholt wenden müssen – Ich erinnere mich, murmelte Wilfried. In der That war ihm die undeutliche Erinnerung an Bettelbriefe gekommen, die vor Jahren eine Frau Schulz, welche sich auf ein früheres dienstliches Verhältnis in seinem elterlichen Hause berief, an ihn gerichtet, und die er, da sie sich allzuhäufig, in immer schnellerer Folge, wiederholten, zuletzt nicht mehr beantwortete. Und so hatte er dies Elend hier freilich nicht geschaffen, aber auch nicht verhindert, daß es so groß werden konnte. Er reichte der Frau die Hand und wehrte dem Kuß, den sie darauf drücken wollte. Es thut mir unendlich leid, sagte er. Nun aber müssen Sie dem Sohn Ihrer alten Herrschaft schon erlauben, hier ein wenig nach dem Rechten zu sehen. Zuerst einmal muß der Fritz – heißt ja wohl so? – einen Arzt haben. Ach, Herr Graf, mit dem wird das so schlimm nicht werden. Das zieht sich schon wieder zurecht. Gebrochen ist ja nichts. Aber sehen Sie hier, Herr Graf! Sie hatte die Lampe von dem Stuhl genommen und leuchtete nach einem Bett, das ein paar Schritte weiter an derselben Wand stand, von Wilfried bisher nicht bemerkt. In dem Bett lag ein Kind – ein Mädchen – vielleicht ein Jahr älter als der Knabe. Sie hatte die halb nackten mageren Ärmchen über die zerrissene Bettdecke gestreckt. Die Augen hielt sie halb geschlossen. Ihre Wangen brannten. 37 Um Gotteswillen! murmelte Wilfried. Das Kind ist sicher sehr krank. Wie lange ist denn das schon? Vier oder fünf Tage, Herr Graf. Und Sie haben keinen Arzt gerufen? Wir können keinen bezahlen, Herr Graf. Aber da sind doch Armenärzte! Ja, wenn man in der Krankenkasse ist. Und doch muß einer geholt werden. Und auf der Stelle. Wissen Sie denn keinen in der Nähe? Frau Schulz schüttelte den Kopf: Weißt Du einen, Lotte? Ecke der Keithstraße wohnt einer. Er wird in der Nacht nicht kommen. Wie heißt er? fragte Wilfried. Doktor Brandt, erwiderte das Mädchen nach einigem Besinnen. Ich will versuchen, ob ich ihn herbringen kann, sagte Wilfried. Aber Herr Graf – Bitte, lassen Sie mich gewähren, Frau Schulz! Ich hoffe, in einer Viertelstunde oder so wieder hier zu sein. Er schritt nach der Thür, von den beiden Frauen gefolgt. Bleiben Sie nur da! Fräulein Lotte wird mich schon hinauslotsen. Rasch durchschritt er den Wohnraum, den Blick geradeaus gerichtet, um die Grauengestalt in dem Lehnstuhl nicht zu sehen. Lotte einen Lichtstumpf in der Hand, der schief in einem zerbrochenen Porzellanleuchterchen stak, leuchtete ihm die Stufen hinauf bis zur Hausthür, die sie aufdrückte. In dem hereinströmenden Windzug erlosch das flackernde Licht. Ich werde mich möglichst beeilen, sagte Wilfried. Dann stand er auf dem Trottoir, während die automatische Hausthür ins Schloß schnappte. * * * 38 In seiner Freiwilligenzeit, als er nach einem halben Jahr auf einem Übungsritte mit dem Pferde stürzte und den rechten Arm brach, hatte bei der Operation neben dem Oberstabsarzt ein junger Assistenzarzt – ebenfalls Freiwilliger – mitgewirkt, ein angenehmer, etwas derber junger Mann, den er damals freilich nur selten gesehen und dann jahrelang aus den Augen verlor. Bis er ihm vor einigen Monaten in der Nähe seiner Wohnung wiederholt begegnet war und mit ihm Begrüßungen ausgetauscht hatte, ohne ihn anzusprechen. Ihre damalige Bekanntschaft war doch sehr flüchtig gewesen, und der junge Arzt lebte jedenfalls in so völlig anderen Kreisen – weshalb also? Jetzt freilich, wo er auf dem Wege zu ihm war, ihn um eine große Gefälligkeit anzugehen, verwünschte er seine aristokratische Schrulle. Um wie vieles würde ihm der schwere Gang jetzt leichter sein, hätte er zur Zeit ein freundliches Wort riskiert, das schließlich nichts kostete, zu nichts verpflichtete! Überhaupt, bedachte er es recht, so war diese ganze Affaire doch die reine Donquijoterie. Wenn man sich um all das Bedientenvolk kümmern wollte, das durch das Haus gelaufen war! Und diese Sippe Schulz war offenbar das richtige Gesindel und saß in der Patsche, die es gründlich verdient hatte. Der betrunkene alte Schlingel und seine schlumpige Ehehälfte mit den Kammerkatzenmanieren von damals! Und die Bettelbriefe, mit denen sie ihn geelendet! Wenn es nicht der Kinder halber wäre! Der arme blasse Junge – dem er übrigens seinen Schwefelhölzerkasten zu ersetzen nicht vergessen durfte – wie tapfer er sich die Schmerzen verbiß, die jedenfalls sehr heftig waren! Und das Mädel mit den mageren Ärmchen und den brennenden Fieberbacken? Und dann die Große, die Lotte – Er war plötzlich in seinem eiligen Gange stehen geblieben. Mon dieu , welch' schöne Augen! Freilich er hatte nur einmal in diese Augen gesehen und auch nur für einen Moment: als er sie am Bett des Jungen plötzlich anredete. 39 Vorher und nachher hatte sie die langen dunklen Wimpern, die bis auf die bleichen Backen hinabreichten, nicht gehoben, soviel er sich erinnern konnte. Aber einmal war auch gerade genug, um zu wissen, daß er in schönere schwerlich jemals geblickt. In Augen von solch' fascinierender, feucht schimmernder Tiefe. Unergründlich, wie der See im Walde von Falkenburg der Sage nach sein sollte. Bloß daß der See mit seinem schwarzen Wasser, selbst wenn der Mond darauf durch die Riesenbuchen schien, nur auf der Oberfläche leuchtete, und hier das Licht aus der Tiefe zu kommen schien – der Tiefe der Seele. Warum sollte das Mädchen keine tiefe Seele haben? Weil ihr Vater ein Trunkenbold ist? Lächerlich! Als ob wir für die Sünden unserer Väter verantwortlich wären! Haben, weiß Gott, an den eignen genug zu tragen! Wilfried war längst wieder in seinen Schnellschritt gefallen; jetzt gelangte er an das Haus in der Keithstraße, das er suchte. Als die Pforte des schmalen Vorgärtchens hinter ihm zufiel, drehte sich ein Mann nach ihm um, der im Dunkel der Hausthür gestanden hatte und eben den Schlüssel ins Schloß steckte. Das Licht der Straßenlaterne fiel voll in sein Gesicht. Herr Doktor Brandt! sagte Wilfried herantretend und den Hut ziehend. Zu dienen? Wollen Sie zu mir? Graf Falkenburg, wenn ich nicht irre? Ja, Herr Doktor. Ich habe einen armen Jungen, der in der Bellevuestraße von einem Radfahrer umgeworfen war, aufgesammelt und zu seinen Eltern gebracht – hier in der Nähe – in der Wichmannstraße. Die Leute haben keinen Arzt, und die Verletzung des Jungen scheint mir nicht ganz gefahrlos. Dazu habe ich in der Wohnung – Kellerwohnung nebenbei – ein anderes Kind der Leute entdeckt – Mädchen von dreizehn Jahren etwa – das schon seit drei Tagen oder so bewußtlos daliegt, wie die Mutter mir sagte. 40 Doktor Brandt hatte, während Wilfried berichtete, die Thür aufgeschlossen, ihn mit einem sanften Druck auf den Flur genötigt, ein Licht, das dort bereit stand, angezündet und sagte mit einem freundlichen Lächeln: Für den Anfang ist das ja ganz genügend. Ich will mit Ihnen gehen. Nur müssen Sie mir verstatten, daß ich mich wasche und umziehe. Ich komme von einer schweren Arbeit. Er hatte den Hut abgenommen, sich den Schweiß abzuwischen, mit dem die breite niedrige, scharfgeprägte Stirn bedeckt war. Das Hemd war auf der Chemisette mit Blut bespritzt, selbst der Kragen hatte ein paar rote Flecke. Es thut mir unendlich leid – noch dazu jetzt in der Nacht, sagte Wilfried, dem die Situation einem ihm schließlich Fremden gegenüber außerordentlich peinlich war. Das thut ganz und gar nichts, erwiderte der Doktor einfach. Sie müssen mir nur, wie gesagt, ein paar Minuten Zeit lassen. Ich gehe mit Ihrer Erlaubnis voran. Auf dem ersten Treppenraum blieb er vor einer Wohnungsthür stehen, durch deren rote Vorhänge ein matter Lichtschimmer kam. Noch bevor er aufschließen konnte, wurde die Thür geöffnet. Armer Hans, sagte eine klare weibliche Stimme, wie lange sie Dich wieder – Hinter ihrem Gatten war Wilfried aus dem Dunkel hervorgetreten. Meine Frau, sagte der Doktor; Graf Falkenburg, alter Bekannter von mir! Muß noch einmal weg, Mieze. Willst Du den Grafen so lange unterhalten! Entschuldigen Sie mich! In zehn Minuten! Er war eilends in eine Thür gegangen, die in ein erhelltes Zimmer führte. Durch den Thürspalt hatte Wilfried das Ende von zwei nebeneinanderstehenden Betten, einen großen Waschtisch und darüber hängenden Spiegel 41 erblickt. Frau Doktor Brandt öffnete eine Thür auf der entgegengesetzten Seite des Korridors: Wollen Sie mir folgen! Bitte, Platz zu nehmen! Es mochte, aus dem mit rotem Plüsch überzogenen kleinen Sopha und den dazu gehörigen Stühlen zu schließen, das Wartezimmer des Doktors sein, das aber am Abend auch zu häuslichen Zwecken benutzt wurde. Wenigstens sah Wilfried neben der niedrigen Studierlampe einen ziemlich umfangreichen Nähkorb, über dessen Rand diverse Herrenstrümpfe hingen, und ein aufgeschlagenes, mit dem Deckel nach oben gekehrtes, voluminöses Buch. Ich bin in Verzweiflung, gnädige Frau, sagte er, auf einem der Stühle Platz nehmend, Ihren Herrn Gemahl in nachtschlafender Zeit noch einmal derangieren zu müssen – Das bringt das Metier so mit sich. Darf man fragen, um was es sich handelt? Sie hatte, während sie so sprach, ohne Hast die Strümpfe in den Nähkorb gelegt, das aufgeklappte Buch bei Seite geschoben und saß nun so, die Hände im Schoß, auf dem kleinen Sofa, Wilfried gegenüber, ihm ohne Spur von Neugier und doch forschend, wie ihm schien, gerade in das Gesicht blickend. Er gab die gewünschte Auskunft ungefähr, wie er sie eben ihrem Gatten gegeben, nur daß er unwillkürlich auch die Anmut des verwundeten Knaben und die Zartheit des kranken Kindes mit lebhafteren Farben hervorhob. Von den schönen Augen der älteren Schwester sprach er nicht. Und die Eltern? fragte Frau Brandt. Wilfried geriet in Verlegenheit. Er durfte doch der Dame mit dem Trunkenbold nicht kommen; und auch die saloppe Mutter schien ihm nicht recht repräsentationsfähig. So versuchte er eine Ablenkung, indem er die Seltsamkeit des Zufalls hervorhob, die ihn in der Frau eine ehemalige Dienerin seines elterlichen Hauses finden ließ. Und der Mann? fragte Frau Brandt. 42 Das reine Inquisitorium, dachte Wilfried. Sie sollte Vorsitzender in einem Schwurgericht sein. Der Mann? sagte er, die Achseln zuckend. Ja, gnädige Frau, ich fürchte: der richtige Vautrien – Tafeldecker, glaube ich, und der sich bei seinem Geschäft das Trinken mehr als billig angewöhnt hat. Die Verführung ist freilich groß, sagte Frau Brandt. Und dazu die häusliche Misère. Womöglich noch erbliche Belastung. Da ist denn der Potator fertig. Sie sind nicht umsonst die Gattin eines Arztes, gnädige Frau. Das bin ich in der That nicht, oder gebe mir doch einige Mühe, es nicht zu sein; erwiderte Frau Brandt; abgesehen davon, daß ich zehn Jahre lang Krankenpflegerin war. Oh! in Ihrer Familie – In recht vielen Familien: Krankenpflegerin von Beruf. Dann freilich! sagte Wilfried. Und bei sich dachte er: nun verstehe ich auch. Er meinte damit aber die Erscheinung der jungen Frau, in die er sich nicht zu finden gewußt hatte: nicht in das Gesicht mit den feinen, nur für seinen Geschmack unerfreulich scharfen Zügen; das völlig unmodisch an beiden Schläfen glatt heruntergestrichene hellbraune Haar; den puritanerhaft einfachen schwarzen Anzug mit dem ebenfalls recht unmodischen weißen Klappkragen um den schlanken Hals. Und dann der unentwegt gerade, prüfende Blick der grauen Augen unter den wie mit einem Pinsel hingestrichenen schmalen, scharfgeränderten Brauen. Eine Pause war entstanden, peinlich für Wilfried, während die junge Frau sie nicht zu bemerken schien. Das heißt: eigentlich jung ist sie nicht mehr; dachte Wilfried; sagen wir: dreiunddreißig. Er fühlte die Verpflichtung, die unterbrochene Konversation wieder in Gang zu bringen. Das aufgeschlagene 43 Buch – er konnte es bequem mit der Hand erreichen – mochte ihm zum Zweck verhelfen. Darf man so indiskret sein, sehen zu wollen, womit sich die gnädige Frau in ihren erzwungenen Mußestunden – Er hatte das voluminöse Buch umgedreht: »§ 446 Problematische Wirkung unterschwefligsaurer Salze bei septischen Blutzersetzungen.« Fast erschrocken kehrte er das Buch abermals um. Und das lesen Sie, gnädige Frau! In der Nacht um zwölf! Zum ersten Mal huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Man muß bei der Lektüre seine Gedanken ein bißchen zusammennehmen, erwiderte sie. Dem ist die Stille der Nacht nicht entgegen. Sie hatten natürlich einen Roman erwartet. Wenn man so viele Romane in Wirklichkeit sich hat abspielen sehen, hält man von den gedruckten weniger. Übrigens scheinen Sie mir doch eben erst ein Kapitel in einem solchen Wirklichkeitsroman angeblättert zu haben. Und ein recht tristes dazu, wenn es auch freilich ebenso alltäglich ist. Da haben Sie wohl recht, gnädige Frau. Und es hat mich umsomehr interessiert, als ich zum ersten Mal in meinem Leben Gelegenheit dazu hatte. Sollte das nicht daher kommen, daß Sie der Gelegenheit bis jetzt in Ihrem Leben aus dem Wege gegangen sind? Wilfried war betroffen. Die Dame hatte ja leider abermals recht. Aber die Bemerkung schien ihm doch aus dem Rahmen einer Konversation zu fallen, die man nur führt, um die Zeit hinzubringen. Sie hatte offenbar keine Empfindung davon, daß sie etwas Unschickliches gesagt, denn sie fuhr in demselben ruhigen Tone fort: Ich meine nur, weil, wie ich schon sagte, Unglück, Not, Elend das Alltäglichste von der Welt sind und offen 44 zu Tage liegen, wo man auch an dem Schleier zupft, den darüber zu breiten unsre Civilisation sich müht. Schiller wollte die Menschheit durch die Schönheit zur Freiheit führen. Ein etwas vager Weg, auf dem man meistens nicht weiter als bis zum schönen Schein gelangt. Mit dem es denn allerdings nicht gethan ist, wenn sich freilich unsre Civilisation damit begnügt und sich dabei noch wunder wie groß und herrlich dünkt. Wilfried fühlte sich auf das seltsamste berührt. Eigentlich wollte er der Frau, die eine so unverblümte Sprache führte, zürnen und ihr die Qualität einer Lady absprechen. Dann aber: Sibyllen, Seherinnen brauchen ja wohl keine Ladies zu sein; und diese seltsame Frau erschien ihm mit jedem Moment mehr in dem Licht einer Sibylle und Seherin. Und die in seiner Seele las, wie sie da vorhin in dem medizinischen Buche gelesen hatte, sich an keinem der harten Worte stoßend, die für ihn ebensoviele unheimliche Rätsel waren. Verzeihen Sie, sagte sie, sich ohne Hast erhebend. Ich höre unsre Kleine, die mich nötig zu haben scheint. Es thut mir leid, Sie allein lassen zu müssen; aber ich stehe hier unter einer force majeure . Sie hatte sich durch dieselbe Thür nach dem Korridor entfernt. Wilfried atmete erleichtert auf und wünschte doch, sie möchte recht bald zurückkommen. Die seltsame Frau! So abstoßend und so anziehend! So kühl und so warmherzig! Noch nie im Leben war ihm dergleichen begegnet. Freilich, wenn man sich immer nur mit dem schönen Schein begnügt und der Gelegenheit, das wirkliche Leben kennen zu lernen, sorgsam aus dem Wege geht! Die Thür wurde wieder geöffnet; es war der Doktor, der rasch hereintrat. Bitte sehr um Entschuldigung! Es hat doch länger gedauert. Aber wenn es recht schnell gehen soll – dafür stehe ich nun auch zu Diensten. Wo ist denn meine Frau! 45 Die gnädige Frau wollte nach dem Kinde – Ja so! Das geht dann freilich vor Höflichkeit. Na, Mieze, da bist Du ja wieder. Sie trug auf einem kleinen Präsentierbrett eine Flasche und zwei Gläser, die sie, an den Tisch gelangt, ohne erst zu fragen, füllte. Brav, Mieze! sagte der Doktor. Das kommt mir verteufelt gelegen. Und Ihnen, Herr Graf, kann es auch nicht schaden. Prost! Auf Ihr Wohl, gnädige Frau! sagte Wilfried, sich verbeugend. So! Na, noch einmal, Robert! Duppelt ritt nich, sagen wir in Pommern. Adieu, Kind! Aber jetzt wird zu Bett gegangen! Verstanden? Das Licht nehme ich wieder mit hinunter. Also, bitte, Herr Graf! * * * Ihre Frau Gemahlin wird mich in gründliche Aversion genommen haben, sagte Wilfried, als sie nun auf der Straße schnell nebeneinander dahin schritten. Weil Sie mich noch einmal geholt haben? erwiderte Doktor Brandt. Bewahre! An so etwas ist sie gewöhnt. Und wenn es sich um die handelt, die sie ein für allemal mit Victor Hugo Les misérablers nennt, weil sie behauptet, wir hätten kein adäquates Wort dafür – Vielleicht: Erbarmungswürdige? Bißchen umständlich. Übrigens würde sie es gelten lassen. Sie nicht? Cum grano salis : mit der Erbarmungswürdigkeit – Accent auf dem Bestimmungswort – ist es nach meiner Erfahrung nur zu oft nicht weit her. Das dürfte für unsern Fall noch besonders zutreffen, erwiderte Wilfried lebhaft. Ich halte es sogar für meine Pflicht – 46 Und er gab in gedrängten Worten dem Arzt eine Schilderung der Situation, wie er sie in der Kellerwohnung angetroffen. Er schloß mit der Erwähnung des Umstandes, daß die Frau jahrelang in seinem elterlichen Hause gedient habe, und er schon deshalb die Verpflichtung fühle, sich der Leute anzunehmen. Eine nicht ganz neue Geschichte, sagte Doktor Brandt; man hat es anfangs besser, vielleicht gut gehabt. Dann ist es bergab gegangen durch des Vaters, oder der Mutter Schuld, vermutlich beider. Finis : das nackte, pfenniglose Elend. Pfenniglos! jawohl! Herr Doktor. Und ich möchte da – Bitte sprechen Sie es nur aus, Herr Graf! Sie möchten da zu Hilfe kommen. Ganz gewiß. Gut. Es wird zweifellos nötig sein. Aber, bitte, überlassen Sie mir, zu bestimmen, wie weit es nötig ist. Ich werde Ihnen pflichtschuldig darüber berichten. Sie sollen Ihrer Wohlthätigkeit keine Schranken setzen außer, wo die Vernunft, die ich in diesem Falle wohl oder übel repräsentieren muß, Veto sagt. Ist es hier? Ja. Und nun, bitte, gehen Sie nach Hause! Sie können für den Augenblick beim besten Willen nicht weiter helfen. Im Gegenteil: die Gegenwart eines andern bringt die Leute nur in Verwirrung. Sind Sie morgen vormittag gegen elf Uhr zu Hause? Gut. Landgrafenstraße – komme öfter in das Haus. Adieu! Er hatte Wilfried die Hand gereicht und war in das Haus getreten, dessen Thür, nachdem er auf die Portierklingel gedrückt, ein wenig aufgesprungen war. * * * 47 Wilfried machte ein paar Schritte, blieb wieder stehen und kehrte nach der eben verlassenen Hausthür zurück, als ob ihn jemand an den Schultern dahin geschoben hätte. Und stand nun da, bald zum Monde hinaufblickend, der von der Weite des Himmels, die ein die andere Seite der Straße begrenzender Parkgarten öffnete, hell herniederglänzte; dann die Straße hinauf und hinab, die halb in tiefem Schatten, halb in weißem Lichte lag. Im Bann einer wunderlichen Empfindung, die er sich nicht zu deuten vermochte, aber als wohlig empfand in Vergleich zu dem tiefen, unaussprechlichen Weh, das ihm, als er da vor einer Stunde bei Josty gesessen, das Herz fast abgedrückt hatte. Nur im Vergleich dazu. Das Glück, nach dem er sich sehnte, das war es nicht. Es war wie in dem Traum, den er oft als Knabe geträumt, wenn er sich so recht in seinen Robinson hineingelesen hatte, dessen einsame Insel mit den Lamas und den bunten Vögeln ihm das Paradies auf Erden schien. Da war er über eine unendliche Wasserwüste geflogen voll sehnsüchtigen Verlangens nach der Zauberinsel, die nicht aus der grauslichen Öde tauchen wollte, trotzdem er sicher war, er werde sein Ziel erreichen. Und die grausliche Öde unter ihm war heller und heller geworden, von dem Lichte, wußte er, das von der Zauberinsel ausging. Und hell und heller in seiner Seele, bis plötzlich ein blauer Streifen sich aus dem Wasser hob – die Zauberinsel, und er einen Jubelruf ausstieß, von dem er erwachte. War er seinem dunklen Lebensrätsel auf der Spur? Sollte er wirklich erfahren, warum er lebte? Daß es ein Leben gab, wert gelebt zu werden? Dem er bisher aus dem Wege gegangen war, wie die Sibylle gesagt hatte? Vielleicht es auf seinem Wege nicht hatte finden können, weil es der falsche war? Nur, daß die Robinsoninsel, wenn man auf dem rechten zu ihr ist, in dem Moment, 48 in welchem sie auftaucht, auch wieder verschwindet. Und man sich in seinem Bette findet mit dem ersten Gedanken an das lateinische Exercitium, das gestern abend nicht fertig werden wollte. Wie alles, was ich bis jetzt im Leben angefangen habe – alles! alles! Ein Geräusch vor der Hausthür, vor der er stand. Er wandte sich: Nun, das ist ja schneller gegangen – Es war nicht der Doktor: eine weibliche Gestalt, die die Thür hinter sich abschloß und ihm nun das Gesicht zukehrte: Fräulein Lotte! Das Mädchen zuckte mit einem halblauten Ach! zusammen. Ich habe Sie erschreckt? Ich glaubte, es wäre ein fremder Mann. Danke, daß Sie mich als Bekannten gelten lassen. Sie wollen in die Apotheke? Ja. Weit von hier? Ecke der Wichmannstraße am Lützowplatz. Sie erlauben, daß ich Sie begleite? Sehr gütig! Obgleich – Sie auch ohne mich fertig werden würden. Immerhin! Wie steht es mit dem Fritz? Der Herr Doktor sagt: es sind zwei Zehen gebrochen. O weh! Und das Schwesterchen? Grete hat den Typhus. Großer Gott! Da wird sie in ein Krankenhaus müssen? Sie kann nicht mehr transportiert werden, sagt der Herr Doktor. Aber in Ihrer kleinen Wohnung – Es war da immer noch Raum genug für ein großes Elend. Wilfried durchschauerte es. Was mochte dies arme Mädchen schon durchgelitten haben! Sie hatte es so ruhig, 49 so resigniert gesagt, als verstünde es sich von selbst. Und, Raum genug für ein großes Elend! – Das war doch nicht die Ausdrucksweise eines ungebildeten Mädchens, wie sie denn in ihrem Sprechen den gräßlichen Jargon des gemeinen Volkes nicht auch nur anklingen ließ. So hatte sie also doppelt und dreifach gelitten. Sie waren bei der Apotheke angelangt. Lotte stieg die Stufen hinauf; Wilfried blieb auf dem Trottoir. Wohl besser, wenn das Mädchen allein kam anstatt in Begleitung eines Herrn, dessen Vorhandensein sich der Provisor sicher nicht zu Gunsten des Mädchens ausgelegt hätte. Es dauerte geraume Zeit, bis Lotte die Stufen wieder herabkam. Sie trug ein umfangreiches Paket. Wir haben so gar nichts im Hause, sagte sie. Wieder gingen beide, wie vorhin, nebeneinander. In der jetzt völlig stillen Straße hörte er jeden seiner Schritte, während das Mädchen, schattengleich, geräuschlos dahin huschte. Sie hielt sich immer in der Entfernung eines guten Schrittes von ihm. Nur einmal, als ihnen ein Trupp laut sprechender junger Leute begegnete, kam sie dicht an seine Seite, um, sobald jene vorüber waren, wieder seitwärts zu weichen. Das war ihm lieb und unlieb zugleich. Es sagte ihm, daß seine Gutmütigkeit ihn nicht um eines verworfenen Geschöpfes willen nasführte, und doch hätte er ihr am liebsten den Arm geboten; ja, er mußte sich die Lächerlichkeit der Situation, wie er, Graf Falkenburg, mit einem Portiermädchen nachts zwölf Uhr Arm in Arm über die Straße ging, zu Gemüte führen, um es nicht zu thun. Mit einer Gewalt, die ihm ganz rätselhaft war, zog es ihn zu dem Mädchen. Als eben ihr Arm flüchtig den seinen gestreift hatte, war ihm ein wollüstiger Schauer über den Leib gerieselt, wie er ihn bei der Annäherung eines weiblichen Wesens nie im Leben verspürt. Scheu, verstohlen betrachtete er sie von der Seite. Was war denn besonderes an ihr? Die 50 Form des Kopfes. Er konnte sie eben auf dem weißen Hintergrund einer Häuserwand genau nachzeichnen – sehr hübsch mit dem losen, weichen braunen Haar, das seine einzige Bedeckung war. Die mittelgroße Gestalt schlank; das dünne Tuch, das sie um die Schulter geschlungen und auf dem Rücken zusammengeknotet hatte, ließ eine anmutige Büste ahnen; die Bewegungen sehr elastisch – gewiß. Aber das konnte man doch tagsüber auf jeder belebten Straße hundertmal zu sehen bekommen. Oder war es nur, weil diese nicht belebt? weil es Nacht? er mit dem Mädchen allein und sie arm und hilflos und vielleicht die leichte Beute eines, der kein Gewissen hatte und sich ihre Armut und Hilflosigkeit zu Nutzen machte? Daß mich Gott verdamme, wenn ich das jetzt oder in Zukunft thäte! sprach Wilfried bei sich. Er hatte auf dem ganzen, freilich kurzen Wege kein Wort mit dem Mädchen gesprochen. Was auch hätte er sagen sollen? Daß er die entschiedene Absicht habe, sich ihrer Familie anzunehmen? Aber diese Seite der Angelegenheit hatte er in des Doktors Hände gelegt. Und, wenn er davon anfing, wie leicht konnte das Mädchen, das gewiß so klug als zartfühlend war, seine Worte mißdeuten! ihnen eine häßliche, ihm ganz abscheuliche Erklärung geben! Es waren nur noch wenige Schritte bis zu ihrem Hause. Irgend etwas mußte er doch sagen. Nicht zum ersten Male ging es ihm so: wenn er etwas sagen wollte, was ihm auf dem Herzen lag, konnte er die rechten Worte nicht finden. Endlich brachte er stockend heraus: Ich – das heißt: der Herr Doktor Brandt und ich: wir werden dafür sorgen, daß Ihnen – Ihrer Familie – in Ihrer augenblicklichen schweren Lage, soweit es uns irgend möglich, geholfen wird. Sie standen vor der Thür. Lotte hatte den Schlüssel umgedreht, gegen die Thür gedrückt, die sie nun mit der einen Hand offen hielt. Sie wandte sich zu Wilfried. 51 Der Mond schien ihr voll in das Gesicht und in die Augen, die sie zu ihm erhoben hatte. Ich danke Ihnen, Herr Graf; aber uns kann niemand helfen. Die Thür war hinter ihr ins Schloß gefallen. * * * Wilfried erwachte nach kurzem, von wirren Träumen gequälten Schlaf. Unerquickt, verdrießlich, ohne sich zu regen, auf dem Rücken liegend, starrte er nach der Zimmerdecke, über die ein schmaler goldener Streifen lief, der sich durch einen Spalt der roten seidenen Vorhänge gestohlen hatte. Waren die sonderbaren Dinge, die er da erlebt, nachdem er das Restaurant im Palasthotel verlassen, auch nur ein wirrer Traum? Das nun wohl nicht: er konnte die Einzelheiten, wenngleich mit Mühe, in einen Zusammenhang bringen, wie ihn Träume nicht haben. Und doch war alles so traumhaft, so bizarr, wie es wiederum die Wirklichkeit nicht kennt. Betrunken konnte er nach den paar Gläsern – oder waren es mehr gewesen? – mochte sein: eine Flasche oder anderthalb – er hatte auch an dem Tisch der Bielefelders mit den Damen anstoßen müssen – immerhin: betrunken – das war ausgeschlossen. Blieb also nur das eine Leidige: seine Phantasie war wieder mit ihm durchgegangen: er hatte sich in überschwänglichen Empfindungen übernommen, wie andere es in Worten thun. Nun war der Rückschlag da. Natürlich. Man kannte das. Wilfried hatte sich eben auf die Seite gedreht, die verlorene Nacht in einer Stunde gesunden Morgenschlafes wett zu machen, als an die Thür gepocht wurde. Was giebts? Höchste Zeit, aufzustehen, Herr Graf! sagte Zunz hereintretend. 52 Wieso höchste Zeit? Herr Graf haben mit dem gnädigen Fräulein um acht reiten wollen. Es ist sieben. Warum haben Sie mich da nicht früher geweckt? War schon einmal hier – Herr Gras schliefen so fest – Das Bad fertig? Befehl, Herr Graf. Wilfried hatte keine Zeit zu verlieren. Seine Toilette fiel immer etwas umständlich aus, und sein, wie Ebbas Pferd standen bei Nonn in der Nürnbergerstraße. Ebba, die von der Königgrätzerstraße mit der Droschke zum Rendezvous fuhr, war die Pünktlichkeit selbst in Sportangelegenheiten und sehr ungnädig, war man es nicht ebenfalls. Der Morgenkaffee wollte doch auch getrunken und wenigstens eine Cigarette geraucht sein. Zunz war heute noch besonders dienstbeflissen. Nicht, daß er unfreundliche Worte befürchtet hätte – die hatte der Herr Graf auch in der übelsten Laune nicht – er wollte ihm nur die Schelte von dem gnädigen Fräulein ersparen, die es ganz gewiß setzte, wenn er zu spät kam. Er hatte bei Excellenzens wiederholt mit servieren helfen; und was das gnädige Fräulein war – na, die kannte er – gründlich. So durfte Wilfried noch sieben Minuten vor der bestimmten Zeit bei Nonn sein und Zaum und Sattelzeug der Pferde revidieren, die schon in dem breiten Gange zwischen den Ständen bereitgehalten wurden. Da hörte er auch Ebbas Droschke in dem Hofe und eilte, ihr herauszuhelfen, während die Stallknechte die Pferde vorführten. Morgen! Morgen, Wilfried! Gut geschlafen? Könnte es leider nicht behaupten. Gekneipt natürlich! Sehr mäßig. Mit Falko? 53 Ja – im Palasthotel. Da mußt Du mich auch mal hinbringen. Falko will nicht. Sagt, Gesellschaft sei zu schlecht. Habe es nicht finden können. Unter anderen waren auch Graf Leßberg und Baron Rentlow da. Mit? Wie meinst Du? Du bist und bleibst doch Unschuld Nummer eins! Ach so! Na ja! Träumer, Du! Ebba lachte und berührte Wilfrieds Schulter neckend mit der Peitschenspitze. Sie war in jener Gebelaune, von der ihre Bewunderer behaupteten, daß ihrem Zauber kein Mann widerstehen könne, und die denn auch Wilfried seiner Zeit unwiderstehlich gefunden hatte. Die lustig-neckischen Worte sprühten nur so von ihren zierlichen Lippen; das graue knappe Reitkleid stand ihr so gut; der kleine Herrenhut saß so chic auf ihrem blondroten, schier überreichen Haar; sie steuerte den Wallach, der heute einmal wieder recht unartig war, mit so sicherer Nonchalance; hob sich beim Trab so graziös im Sattel, auf dem sie beim Galopp festgewachsen schien – es war ein bezauberndes Bild. Ein Maler, der es so auf die Leinwand gebracht, hätte Unsummen fordern können, meinte Wilfried. Und der Morgen war so schön. In dem Tiergarten lag noch die Frische der Nacht; ein kurzer starker Regen, der in der Frühe gefallen sein mochte, hatte den Staub gebändigt. Aus den hohen Bäumen, in den Büschen sangen, zwitscherten die Vögel; die Wege waren von Reitern und Reiterinnen belebt; unter ihnen natürlich eine Menge Bekannte, mit denen man Grüße wechselte, auch im Vorübergaloppieren ein paar Worte von Sattel zu Sattel. Für gewöhnlich pflegte der Grunewald ihr Ziel zu sein. Heute hatte Ebba so viel Zeit nicht. Sie wollte mit der Mama am Vormittag zu Gerson. 54 Der Rechnung wegen, weißt Du. Ich hatte gestern abend noch der Mama gründlich eingeheizt, und heute nacht hat sie dem Papa gebeichtet. Papa ist gegen alles Erwarten nicht nach seiner lieblichen Gewohnheit aus der Haut gefahren; ich glaube, in der süßen Gewißheit, mich nun bald los zu sein. Denn damit – mit unsrer gestrigen Abmachung – hat die kluge Mama natürlich angefangen. Es bleibt doch beim Herbst, Wilfried? Selbstverständlich. Und wohin machen wir die Hochzeitsreise? Ich überlasse das ganz Dir. Wie denkst Du über Paris? Nicht schlecht, wenn ich es auch zur Genüge kenne. Dann Rom! So ein Winter in Rom! Das denke ich mir famos. Ich habe kürzlich Cosmopolis von Bourget – glaube ich, heißt er – gelesen – in dem Buch von Gregorovius bin ich nicht bis zur zehnten Seite gekommen – ich begreife nicht, wie Du mir eine so langweilige Scharteke hast zumuten können – aber diese internationale Gesellschaft – das muß doch furchtbar interessant sein. So viel ich sehen kann, braucht man Italienisch gar nicht. Man kommt mit Französisch überall durch. Und wenn's auch damit mal hapern sollte – Du sprichst es ja so großartig – Du hilfst mir dann aus der Patsche. Ich will gewiß mein möglichstes thun. Aber, liebes Kind, ich soll und will doch ein Gut kaufen. Seitdem der Plan auf dem Tapet ist, hat mir mein Bruder, der sich sehr für das Projekt interessiert, es sehr billigt, verschiedene vorgeschlagen – eines auf Rügen, das in nächster Zeit frei wird, und zu dessen Ankauf er besonders dringend rät – da werden wir doch wohl den Winter hübsch zu Hause bleiben müssen. Wieso? zu Hause? Was sollen wir da? Uns in die Sache hineinarbeiten versuchen. Es war von je mein heimlicher sehnsüchtiger Wunsch, Landmann zu sein. Aber wenn ich sagen sollte, daß ich mehr davon 55 – von der Landwirtschaft – verstehe, als man so auf flüchtigen Besuchen aufschnappt, müßte ich lügen. Papa und Mama verstehen auch nichts davon. Machen auch keine Ansprüche darauf. Euer Gut ist verpachtet, immer gewesen. Auch nachdem der Papa pensioniert ist, hat er wohl gelegentlich von Görlitz oder Erfurt gesprochen, weil er sich einredet, daß man da um die Hälfte billiger leben kann; aufs Land will er nicht. Er würde auch bei Mama schön ankommen. Wunderlich genug, da sie doch als Landfräulein geboren ist. Gerade deshalb. Sie weiß am besten, daß das Landleben kein Spaß ist. Das soll es auch nicht sein. Was denn sonst? Ernste, ehrliche Arbeit. Ah bah! Ja, aber Ebba, wenn Du so darüber denkst, weshalb soll ich da durchaus ein Gut kaufen? Weshalb habt Ihr mich da in meiner Carriere nicht gelassen? Weil ich in Ohnmacht fallen würde, wollte mich eine Regierungs- oder Geheimratsfrau, so über die Achsel weg, als Frau Assessor, oder gar: liebe Frau Kollegin anreden. Weil man in unsern Kreisen auf die Frage: haben die Gnädigste schon Sommerpläne? muß antworten können: wir werden für ein paar Wochen auf unsre Güter gehen; später wahrscheinlich – na, irgendwohin. Warum siehst Du mich so sonderbar an? Ich hatte mir in der That unser Landleben anders vorgestellt. Na ja: Du in Stulpstiefeln, und, wenn Du ins Zimmer kommst, nach dem Kuhstall riechend; ich in einer Lodenjoppe mit Gamaschen über den rindsledernen Schuhen durch den Winterschnee nach einer Bauernspelunke stapfend, wo es von schmutzigen Kindern wimmelt, zu denen über 56 Nacht möglichst unpassenderweise noch eins gekommen ist. Wäre so was für mich! Übrigens, was ist die Uhr? Fünf Minuten vor halb zehn. Donnerwetter! Und um elf will Mama mit mir in die Stadt. Bitte, schlanken Trab! Sie trabten die große Hippodromallee zurück. Das rasche Tempo begünstigte die Fortsetzung der Unterhaltung nicht. Zu Wilfrieds Erleichterung. Waren das Ebbas wirkliche Ansichten, was sollte daraus werden? Was aus den Entschlüssen, die er gestern abend, heute nacht gefaßt, und die, mochten sie noch so phantastisch, noch so übertrieben gewesen sein, ihre tiefe Quelle doch in jenem Unbehagen, jener wühlenden Unzufriedenheit mit seinem bisherigen Leben hatten. Wenn er Ebba sagte, was ihm heute nacht begegnet war? Es würde keinen Sinn haben; sie würde das gar nicht verstehen; ihn auslachen wegen seiner dummen Sentimentalität. Wohin war plötzlich die ambrosische Schönheit des Morgens geschwunden? Da standen noch die uralten Linden in dem glänzenden Sonnenlicht; da blitzten hier und da aus den Büschen reinste Diamanten, welche die Sonne von dem Regen der Nacht bis zur Stunde nicht aufgesogen; da blaute von oben der helle Junihimmel herab und von unten quoll der kaum gebändigte Staub unter den Hufen der Pferde – dennoch war Wilfried, als habe sich über das alles ein grauer Schleier gesenkt. Mit scheuem Blick streifte er die reizende Gestalt, die sich da neben ihm so graziös im Sattel hob und sinken ließ. Und er dachte an das arme Mädchen heute nacht, wie es da, einen Schritt von ihm, über das Trottoir huschte. An ihr fürchterliches letztes Wort ›uns kann niemand helfen‹ und den traurigen Blick, mit dem sie dabei die wundervollen Augen zu ihm aufgehoben – Sie waren bis zum Stadtbahnübergang gelangt; ein externer Zug donnerte eben darüber weg; Ebbas Robin prallte seitwärts, stellte sich auf die Hinterbeine in der 57 entschiedenen Absicht, Kehrt zu machen und durchzugehen. Bei der Wendung streifte sein Kopf beinahe Wilfrieds Schulter; er griff rasch in den Zügel; auf Ebbas Wangen flammte eine Zornesröte auf. Sie drückte das Pferd herab, hieb es wiederholt heftig über Hals und Brust, bissig rufend: Danke gehorsamst! Für Dich scheine ich nicht die beste Reiterin in Berlin zu sein. Verzeihung! Es geschah ganz unwillkürlich! Vielleicht nur in Erinnerung an Falko: ich solle Dich bitten, den Robin nicht so scharf auf Kandare zu reiten. Sagte er das etwa in Gegenwart der andern Herren? Weiß ich wirklich nicht mehr. Ihr seid beide Hasenfüße. Doch nur aus Liebe zu Dir. Liebe? pah! Großthuerei – Eitelkeit – weiter nichts. Was wißt Ihr von Liebe? Was Ihr Liebe nennt – Schnell sich nähernder Hufschlag, der, als sie jetzt den Wasserturm passierten, hinter ihnen sich vernehmen ließ, machte Ebba ihre Phrase abbrechen und über die Schulter rückwärts blicken. Ah! Erst ihr Ausruf, der nun ganz lustig geklungen hatte, riß Wilfried aus dem bösen Geträume, in das er bereits wieder versinken wollte. Da waren auch schon die Reiter hinter ihnen an ihrer Seite: Graf Leßberg, Baron Rentlow. Morgen! morgen! Komtesse! Morgen, Graf! Morgen! morgen! rief Ebba vergnügt zurück, während Wilfried einen Gruß mit dem Hut für ausreichend hielt. Haben die Herren es so eilig? Die beiden Offiziere, die, nach Reiterbrauch, in nur etwas schnellerem Tempo an dem Paar, das sie eingeholt hatten, bereits ein paar Schritte vorüber waren, hielten auf den Zuruf sofort die Pferde an, so eine ausführlichere Begrüßung mit Händereichen von Sattel zu Sattel möglich machend. 58 Ja, aber wo kommt Ihr Herren denn hierher? rief Ebba. Falko sagte doch gestern, Ihr hättet heut' Regimentsexerzieren vor Majestät? Majestät hat noch in der Nacht absagen lassen. Glaube, Bundesratssitzung, oder so was. Der Mann ohne Halm und Ar läßt Majestät ja nicht zur Ruhe kommen. Bismarck war schon schlimm, der ist noch schlimmer. Graf Leßberg hatte die letzten Worte für Ebba allein gesprochen, an deren Seite er sich genestelt hatte, während Rentlow sich zu Wilfried gesellte. Warum lassen Sie sich denn gar nicht mehr bei uns sehen? sagte Ebba, unter den halbgeschlossenen Lidern ihren Begleiter anblinzelnd. Ich bin nicht gern de trop , Komtesse. Wieso de trop ? Brautleute pflegen einen dritten zum Teufel zu wünschen. Nicht immer. Es wird da wesentlich auf den dritten ankommen. Was riskiert er am Ende? Vielleicht eine Beschämung. Gott, Graf, ich habe Sie nicht für so zimperlich gehalten. Also Komtesse verstatten, daß ich 'mal wieder antrete? Sie werden mich so liebenswürdig finden, wie immer. Zweifle nicht daran. Und – Der Graf machte mit dem Daumen der rechten Hand eine kaum merkliche Bewegung nach rückwärts. In Verhältnissen, die ich eingehe, pflege ich zu bestimmen, was zu geschehen hat. Verhältnissen – die Sie eingehen – großer Gott, Komtesse! wer Sie so reden hörte! Was können wir armen Mädchen dafür, daß Ihr unter unsern unschuldigsten Worten gleich was Abscheuliches denkt! Pardon! ich denke mir bei einem Verhältnis mit Ihnen gar nichts Abscheuliches. Im Gegenteil! 59 Nun werden Sie aber unverschämt, Graf! Es wäre der erste Fall in meiner Familie, die wegen ihrer Verschämtheit geradezu sprichwörtlich ist. Sie sind unverbesserlich! Pflegte mein verstorbener Vater zu sagen: Junge, Du bist unverbesserlich. Er mußte es wissen. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ihnen ist nichts heilig? Doch! Sie! Er drückte sein Pferd noch näher an ihren Robin und sagte in leidenschaftlichem Flüsterton: Ja, Ebba, Sie! Sie sind meine Heilige! Meine süße, angebetete Heilige! Sie sind einfach verrückt, Graf. Ja, ich bin's – durch Sie. Schade nur, daß die Verrücktheit so spät kommt! Vielleicht doch nicht zu spät. Und wenn ich das alles nun meinem Verlobten wieder erzähle? So muß er mich fordern; wir schlagen uns; ich schieße ihn tot und heirate Sie erst recht. Ebba lachte ein kurzes, halbunterdrücktes Lachen. Nun halten Sie gefälligst den Mund! Sie sind dicht hinter uns. Wilfried und Baron Rentlow hatten sich in der That ihnen erst jetzt wieder genähert, nachdem vorher eine größere Distanz dadurch entstanden, daß der Baron, um Entschuldigung bittend, abgesprungen war, die Kinnkette seines Pferdes zu lockern. Ich wußte gar nicht, was das mit dem Gaul heute war, sagte er, wieder aufsteigend. Den Kerl habe ich nun schon zwei Jahre als Burschen. Aber Verlaß ist nicht. Wilfried hatte keine Ahnung, daß das Ganze ein Manöver des Barons war, dem Kameraden mit Ebba an seiner Seite einen Vorsprung zu verschaffen. Sieh, wie Du's deichselst! hatte Leßberg gesagt. 60 Rentlow meinte, er habe es famos gedeichselt. Nun galt es aber auch, die Aufmerksamkeit des Grafen von dem Paar vor ihnen möglichst abzulenken. Also Konversation machen, liebenswürdig sein! Schade, Graf, daß Sie uns vom Re'ment so kolossal schneiden. Hätte Sie gestern abend liebend gern gebeten, mit zu Schulenberg zu kommen. War ganz famos. Verbindlichsten Dank! Wäre doch nur das fünfte Rad am Wagen gewesen. Es wurde jedenfalls gespielt, und ich spiele schon seit Jahren nicht mehr. Große Sache. Wäre gut, wenn andre Leute es auch von sich sagen könnten. Zum Beispiel – ehem! Sie meinen meinen Vetter? Wenn Sie mich direkt fragen, Graf. Geht in der That bißchen scharf ins Zeug. Würde, bei Gott, nicht darüber sprechen; zu niemandem, außer zu Ihnen. Hält so große Stücke von Ihnen. Wenn Sie ihn mal ein bißchen ins Gebet nähmen! Würde nach meiner Erfahrung wenig nützen. Schade! Ist ein so famoser Kamerad. Wir alle im Re'ment haben ihn gern. Selbst der Oberst. Hab's von der Chefeuse selber. Sollte sich wirklich rangieren. Sie meinen? Eine reiche Heirat machen. Wie kann sich unser einer sonst rangieren? So was läßt sich doch deichseln. Zum Beispiel? Zum Beispiel die beiden, ganz auffallend schönen jungen Damen, an deren Tisch Sie gestern abend ein paar Minuten saßen. Falkenburg erzählte hernach, sie seien enorm reich. Ich meine – und hab's ihm auch gesagt – er sollte eine davon heiraten. Vorläufig ist er den Damen noch nicht einmal vorgestellt. Dazu könnten Sie ihm doch verhelfen, Graf! Werde ich sogar. Ich habe eine Einladung für ihn in dem Hause auf Donnerstag. 61 Großartig! Möchte bei Gott von der Partie sein. Wenn das Ihr Ernst ist – man hat mich mit dem Auftrag betraut, noch ein paar Herren Offiziere heranzuziehen. Wollen Sie also – Ob ich will! Schneide noch heute die betreffende Visite. Ich werde meinen Vetter erst morgen sehen. Na, dann morgen, oder übermorgen. Jedenfalls verbindlichsten Dank, Graf! Wirklich keine Ursach. Wollen wir etwas antraben? Bitte! Haben wahrhaftig beinahe Fühlung mit den Herrschaften verloren. Das kommt so, wenn man in ein interessantes Gespräch gerät. Interessant für mich, Graf! Nur für mich! Sie hatten schnell das vorausreitende Paar eingeholt. Hier, am Eingang des Zoologischen Gartens mußte man sich trennen. Der nächste Weg für die Offiziere war durch den Tiergarten, der Ebbas und Wilfrieds führte am Kanal entlang. Leßbergs stechender Blick fragte bei Ebba an, ob man es wagen dürfe, seine Begleitung weiter anzubieten; Ebbas Augen winkten ab. So denn reichte man einander die Hände, nachdem Ebba, unbefangen lachend, die Herren aufgefordert hatte, »sich doch mal wieder in der Königgrätzer Straße sehen zu lassen«. Meine Einladung paßt Dir nicht, sagte Ebba, als sie ein paar Minuten nebeneinander geritten waren. Ich habe mir nie erlaubt, an dem Verkehr in Eurem Hause Kritik zu üben. Als ob ich nicht wüßte, daß Du Leßberg nicht leiden kannst! Wenigstens ist er mir nicht sympathisch. Mit Deinen ewigen Sympathieen und Antipathieen! Ich habe auch welche. Aber lasse ich sie mir jemals merken? Wilfried, der ihr intimes Geplauder mit Leßberg aus der immerhin geringen Entfernung sehr wohl beobachtet hatte, schwebte eine bittere Erwiderung auf der Zunge, 62 die sein Stolz nicht aussprechen ließ. Übrigens hatte Ebba in ihrer Gewohnheit, das letzte Wort zu behalten, gar nicht beachtet, daß er die Antwort schuldig blieb. Die unerwartete Begegnung mit dem, der ihr im vergangenen Winter so auffallend den Hof gemacht, hatte sie die Insinuation der Mama von gestern abend: er heiratete Dich vom Fleck weg, wenn Du Dich frei machen könntest oder wolltest, in einem sehr anziehenden Licht erscheinen lassen. War er doch notorisch einer der reichsten Gardeoffiziere. Daß er ebenso auf der Liste rücksichtslosester Lebemänner obenan stand, genierte sie nicht im mindesten, machte ihn ihr nur interessanter, begehrenswerter. Sie war empört gewesen, als er nicht spätestens am Schlusse der Saison um sie anhielt, trotzdem sie es doch, weiß Gott, an Avancen nicht hatte fehlen lassen. Und wenn sie dann durch verdoppelte und verdreifachte Liebenswürdigkeit Wilfried, der sie jetzt schon beinahe ohne Schmerz aufgeben zu können schien, zu sich zurück und so weit brachte, daß er wohl nicht anders als das entscheidende Wort sprechen konnte, so war ein gut Teil verletzte Eitelkeit und die Hoffnung, es werde den Treulosen doch bitter kränken, dabei im Spiel gewesen. Das ging durch Ebbas Kopf, während sie den Reitweg des inneren Kurfürstendamms hinaufkanterten, ohne nur einmal den Mund zu öffnen. Erst, als sie in dem Reitinstitut von den Pferden gestiegen waren und Wilfried ihr in die bereits auf sie wartende Droschke half, fragte sie ihn, ob er heute abend kommen werde? Wilfried verneinte: es sei Tante Adeles Abend, und er habe noch speciell mit der Tante zu sprechen. Ist ja auch wahr! rief Ebba, bereits im Wagen. Nun thue mir die einzige Liebe und spiele nicht nach alter Gewohnheit den Bescheidenen! Gut, daß ich Dir heute morgen mein Programm noch einmal auseinandergesetzt habe. Ich bitte Dich, Wilfried, laß Dir die Butter nicht vom Brot nehmen! 63 Sie war heute geradezu entsetzlich, dachte Wilfried, während er den nicht langen Weg nach seiner Wohnung ging. Wie soll dies werden? * * * Zu Hause angelangt, fand Wilfried einen Brief seines Bruders vor. Briefe von ihm waren ihm immer willkommen, und heute hatte er eine so große Sehnsucht nach einem brüderlich warmen Wort. Er las, während er sich umzog und Johann in dem kleinen Speisezimmer nebenan die letzten Vorbereitungen zu dem Frühstück traf. Schloß Neu-Falkenburg, Juni 1892. Lieber Wilfried! Nun wird es doch nicht bis zur Einberufung des Reichstages mit unserm Wiedersehen dauern, auch wenn Du, was ich in Deinem Bräutigamsstande begreiflich finde, Dich vorläufig nicht von Berlin trennen magst. Kommt der störrische Berg nicht zum Propheten, muß der höfliche Prophet wohl zum Berge kommen. Und nicht bloß er, sondern seine ganze Bagage mit ihm. Wäre nur die Veranlassung eine erfreulichere! Denke Dir, seit einiger Zeit glaubten wir zu bemerken, daß unsere Gisela das linke Bein ein wenig nachschleppte. Wir hielten es anfangs für eine temporäre Schwäche, infolge der Überanstrengung eines Muskels oder einer Sehne beim Springen oder Laufen, bis uns die Sache doch bedenklich wurde und wir – auf unsern alten guten Müller ist ja wenig Verlaß – von Braunschweig einen Specialisten kommen ließen. Er glaubte die ersten Anfänge eines Hüftleidens konstatieren zu sollen. Unsern Schrecken kannst Du Dir denken: das liebliche Kind lahm, vielleicht ein Krüppel für Zeit ihres Lebens! Ich telegraphierte sofort an Geheimrat von Bergmann; er zurück: vor Sonntag unmöglich, da verreisen muß. Also Sonntag. Das heißt: wir kommen 64 natürlich bereits Sonnabend und zwar mit sämtlichen vier Kindern, da Margarete, die durch diesen Unfall ganz eingeschüchtert ist, sich von keinem trennen will. Zimmer im Hotel Bristol sind bestellt; Hotelwagen am Bahnhof. Du sollst keine andere Unbequemlichkeit davon haben, als daß Du Dich Sonnabend abend 9 Uhr noch auf eine Stunde im Hotel einfindest, was Dir hoffentlich Deine Braut gnädigst gestatten wird. Nun eine wichtige Nachricht für Dich. Das Rügensche Gut, das ich nach den von mir eingezogenen Nachrichten ganz Deinen Absichten, Zwecken und Neigungen entsprechend erachten muß, kommt nun sicher noch im Laufe des Monats zur Subhastation. Es ist gewiß betrübend, daß wieder einmal eine altadelige Familie – das sind die Polzows – abgehaust wird. Aber gegen die großen wirtschaftlichen Gesetze ist nichts zu machen, am wenigsten mit sentimentalen Klagen; und hier ist noch das Gute, daß der Besitz nicht, wie so oft, in bürgerliche Hände gelangt, sondern wieder in Adelshände. Nun bin ich freilich über die ökonomische Seite der Angelegenheit ziemlich gut orientiert und einem prosaischen Menschen würde ich ohne Bedenken raten, zuzugreifen. Mit Dir ist das anders. Du mit Deinem exquisiten Schönheitssinn, all den berechtigten Eigenheiten Deiner Künstlernatur würdest Dich in einer Landschaft, die der Phantasie nichts böte, immer unglücklich – mindestens nicht glücklich fühlen, wie ich wünschen muß als Dein Bruder, der Dich liebt und mit seiner völlig verdienstlosen Erstgeburt Dich nicht nur um den Fürstentitel – an dem wenig genug gelegen ist – sondern auch um das gebracht hat, was nach unserm Familiengesetz drum und dran hängt und leider auf keine Weise von ihm losgelöst werden kann. Und dann müssen wir doch auch an Ebba denken. Ich zweifle nicht, daß sie sich Dir zuliebe alle Mühe geben wird, sich aus einer Stadtdame in eine Landfrau zu metamorphosieren; aber allzuschwer darf man ihr die Sache auch nicht machen. 65 Alles übrige mündlich. Margarete und die großmündigen Kinder grüßen bestens. Es freut sich sehr auf unser Wiedersehen Dein treuer Bruder Dagobert. Wilfried hatte den Brief mit zum Frühstückstisch genommen und ihn dort zum zweitenmal gelesen, trotzdem die schöne, überaus klare Handschrift und der Inhalt dem Verständnis gewiß keine besonderen Schwierigkeiten boten. Er wollte sogar, nachdem er hastig ein paar Bissen gegessen, zum drittenmal beginnen, legte ihn dann aber doch neben seinen Teller, trank langsam den Rest Madeira aus dem Glase, zündete sich eine Zigarre an und rauchte nachdenklich vor sich hin. Wie durchsichtig, vernunftsgemäß, zum mindesten allen einschlägigen Verhältnissen völlig angepaßt waren ihm noch, als er sich vor vier Wochen verlobte, seine Verhältnisse erschienen. Er hatte eine Stellung aufgegeben, die er, ohne Neigung und Beruf, nur ambitioniert hatte, der Welt, vor allem sich selbst, den Beweis zu liefern, daß er, wenn es sein mußte, auf den eigenen Füßen stehen, sich den Weg durch das Leben mit eigener Kraft bahnen könne. Sich dem Beruf zu widmen, der ihm vom Knabenalter an als der herrlichste, menschenwürdigste erschienen war: ein freier Mann auf eigenem Grund und Boden zu leben, zu wirken, zu schaffen, im Kleinen, wie sein geliebter Bruder im Großen. Wie sein Bruder, aus dem Getriebe der individuellen Wirtschaft hinübergreifend in die der Gemeinde, der Provinz, des Staates; wandelnd auf der Bahn, die der eiserne Kanzler gegangen war, wenn auch nicht mit seinen Riesenschritten. An seiner Seite sie, die er liebte, von der er sich wieder geliebt glaubte, und die ihm mit der Zeit eine verständnisinnige Freundin werden würde, wie verstrickt sie auch vor der Hand in die Eitelkeiten des Lebens sein mochte. Was lernt der Mensch nicht, wenn Liebe seine Lehrmeisterin ist! 66 Und gestern Abend, als er bei Josty saß? und an den braunen Kasten da nebenan im Gewehrschrank dachte? Glücklichen Leuten pflegen dergleichen grausliche Phantasien nicht zu kommen. Aber solchen, die sich in ein Glück hineingeträumt haben und sich bewußt werden, daß es eben ein Traum war; eine Fata Morgana , die dem Wanderer Palmen und blaue Seen vorgaukelt, während doch da nichts ist als Wüstensand. Der gelbe, grauenhafte Wüstensand, durch den er nun schon so lange sich geschleppt hat neben der Karawane schwatzender, vergnügter Menschen her, die nichts von dem Staub zu spüren schienen, nichts von entnervender Hitze und dem brennenden, rasenden Durst. Dem Durst nach einem Glück, das die Seele füllt. Nach einem Leben, wert, gelebt zu werden. Dem großen Ziel hatte er damals nahe zu sein, es fast schon mit den Händen zu berühren geglaubt. Die Freude hatte nicht lange gedauert. Nicht vierundzwanzig Stunden. Da war der Zweifel an ihn herangekrochen, ob seine Verlobung mit Ebba nicht ein Thorenstreich sei; er Verliebtheit in ein Mädchen, das alle Männer toll machte, mit Liebe verwechselt habe. Und wenn, was er empfand, immerhin noch Liebe genannt werden mochte, Ebba ihn liebe? Mehr noch, schlimmer noch: überhaupt lieben könne, nicht in Eitelkeit und Selbstliebe aufgehe? Eine dunkle Empfindung, die er wohl schon früher gehabt. Aber es waren solche Augenblicke doch nur Schatten gewesen, über eine sonnige Landschaft jagend. Dann, nach seiner Verlobung, hatten die Schatten länger verweilt, sich vertieft, ausgebreitet, zuletzt nicht mehr weichen wollen. Einzelne ihrer Worte, Wendungen, Blicke, Gesten – als wären ihm plötzlich Ohren und Augen aufgethan, um, was ihm früher so reizend, so entzückend erschienen, in seiner wahren Bedeutung zu fassen, seinem rechten Lichte zu sehen. 67 Mein Gott, wie weit war es gekommen, wenn jetzt schon ihr Kuß ihn kalt ließ! Gestern abend – Freilich heute, als sie ihm entgegentrat in ihrer strahlenden Anmut, da war der alte Zauber wieder kräftig gewesen, wie vor sechs Jahren, als sie mit den Eltern nach Falkenburg zum Besuch kam – ein zwölfjähriges Ding, schön, wie der junge Morgen, schön, daß Byrons Janthe, der er seinen Childe Harold in den trunkenen Ottaverime des Proömiums widmete, nicht schöner gewesen sein konnte. Und er, versunken in ihren Anblick, vor Wonne und Entzücken nicht mehr essen und trinken mochte. Und den ersten Spazierritt mit ihr gemacht hatte – er auf einem Pferde, das einst besser gewesen war, sie auf einem übermütigen Pony in ihrem halblangen Kleide, ahnungslos, wie hoch es an ihrem schlanken Bein hinaufrutschte, während sie, ihn auf seinem trägen Gaul zu necken, den Pony zu immer wilderem Galopp antrieb – und er sich mit dem heiligsten aller Studenteneide zuschwor: die oder keine wird deine Frau! Der alte Zauber! Warum hielt er nicht mehr? War es ihre Schuld? Zweifellos nein. Sie war dieselbe geblieben. Also die seine. Also hatte er sich verändert. Aber kann das ein Mensch? Wird er nicht in den Sarg gelegt, wie er in der Wiege lag? Hatte er nicht schon als kleiner Knabe die wühlende Sehnsucht in sich gespürt nach etwas, dem er keinen Namen zu geben wußte; nur wußte, daß es höher, herrlicher sei, als alles, was er in den Büchern las? ihm das Leben zeigte? Sich nicht schmerzlichste Gewissensbisse gemacht, wenn er gegen das Gebot der Nächstenliebe gefehlt zu haben glaubte? Nicht mit aller leidenden Kreatur innige Sympathie empfunden, die in ihm, dem Scheuen, Zaghaften, zu rasendem Zorn aufflammte, so oft er Zeuge einer an Mensch oder Tier verübten Grausamkeit wurde? Nein, er hatte sich so wenig verändert, wie sie. Nur die Verschiedenheit ihrer Naturen war schärfer hervorgetreten in dem Maße, in welchem sie 68 sich, jedes in seiner Weise, zu ihrem vollen Wesen entwickelten. Und in dem Augenblicke, als ihm das beinahe zur vollen traurigen Gewißheit geworden war, hatte er sich mit ihr verlobt! Weil er, mit seinen Sinnen wenigstens, noch immer im Banne des alten Liebeszaubers stand; seit Jahren nicht anders wußte, als daß sie sein Weib werden müsse; alle Welt – seine Verwandten und Bekannten, ihre Eltern, die Freunde ihres Hauses – in ihrer Verbindung nur eine Zeitfrage sah; Ebba selbst die offizielle Verlobung eine Konzession nannte, die man schließlich der Welt machen müsse. Und wenn sie, die durch Männerhuldigung bis zum Übermaß Verwöhnte, sich denn doch für ihn entschieden hatte, der wahrlich von seinen Vorzügen bescheiden genug dachte, so mußte sie doch etwas für ihn empfinden, ihn in ihrer Weise lieben. Dennoch, wie sollte es werden, wenn sie sich so gar keine Mühe gab, sich in seine Seele hineinzudenken? ihrer krausen Lebenslust weiter so den Zügel schießen ließ, wie damals dem übermütigen Pony? an dem Programm, das sie ihm vorhin entwickelt hatte, festhielt mit der zähen Hartnäckigkeit, die trotz ihres spielerischen Wesens der Grundzug ihrer Natur war? Sie die Mondaine sein und bleiben wollte, die ohne Umschweif erklärte, sich auf dem Lande zu Tode zu langweilen; nur in dem Wirbel großstädtischen Lebens sich wohl fühlen zu können? Da mochte er doch seine Zukunftspläne nur in den Windfang hängen und zuerst dem Bruder schreiben, daß er sich in Sache des Gutskaufs um Himmelswillen nicht weiter bemühen solle: Ebba habe einen unüberwindlichen Abscheu vor Kuhstallgeruch und finde die Zumutung, in eine Armeleutewohnung den schmalen Fuß setzen zu sollen, abgeschmackt und empörend. Es würde für Dagobert keine Offenbarung sein. Sicher hatte der Klare, Kluge tiefer als er jemals selbst in Ebba's Charakter gelesen. »Allzu schwer darf man ihr 69 die Sache auch nicht machen.« Jawohl! Und deshalb – nicht seinethalben – mußte das betreffende Gut »der Phantasie etwas bieten.« Womöglich ein landschaftliches Paradies sein wie ein englischer Lordsitz: mit weiten Lawns, auf denen Damwild friedlich äst, uralte Buchen und Eichen in majestätischen Gruppen stehen. Schattigen Wäldern, die bis an den Rand der hohen Kreideklippen sich drängen, von denen der Blick über ein unermeßliches Meer schweift – Und das große Herrenhaus während der paar Wochen, welche man da zu leben geruht, selbstverständlich voller Gäste, mit denen man Promenaden zu Wagen und zu Pferde – die Segelpartieen nicht zu vergessen – machen kann, um am Abend in strahlend hell erleuchteten Salons das tagsüber eifrig betriebene Geschäft des Flirtens mit Grazie bis tief in die Nacht fortzusetzen. Und die Gäste? Damen tadellos toilettiert, in der Hofetiquette gedrillte Puppen, übrigens jeden Augenblick bereit, die Kappe über die Dächer zu werfen; Herren, die lieber sterben, als sich eine gesellschaftliche Unschicklichkeit zu Schulden kommen lassen, oder einen Verstoß gegen den Ehrencodex, dafür aber sich das Recht vindizieren, allen noblen Passionen zu huldigen, sollten sie auch gelegentlich ein Menschenopfer kosten – Er brauchte nur seine gesellschaftlichen Erinnerungen der letzten Jahre wachzurufen. Der Name Leßberg tauchte da wiederholt unter andern auf. Der Graf war vor seiner Verlobung ein oft und gern gesehener Gast in Ebbas elterlichem Hause gewesen. Daß er mit der Familie scheinbar gebrochen, war mindestens ebenso auffällig, wie die ganz augenscheinliche Freude, mit der Ebba vorhin seine erste Wiederannäherung begrüßt hatte – * * * 70 Nun? Der Herr wünscht den Herrn Grafen zu sprechen. Er sagt: der Herr Graf wisse schon. Wilfried nahm die Karte, die ihm Zunz präsentierte, von dem Teller: Dr. med. Hans Brandt. Führen Sie den Herrn in das Wohnzimmer! In seine trüben Gedanken versunken, hatte Wilfried den Besuch, den ihm Dr. Brandt für heute morgen zugesagt, völlig vergessen, ja beinahe auch das ganze Abenteuer der vergangenen Nacht, an welches er nur einmal flüchtig erinnert worden war, als Ebba in so schroffen Worten ihren Abscheu vor Armeleutewohnungen erklärte. Und jetzt huschte durch seine Seele der Wunsch: er hätte eine Episode lieber nicht erlebt, die Ebba widerwärtig oder lächerlich finden würde, und die vielleicht nicht einmal Episode blieb, sondern wer weiß welche lästigen Folgen für ihn hatte. Am Tage sehen die Dinge eben anders aus, murmelte er, und meine eigenen Angelegenheiten machen mir wahrlich gerade genug zu schaffen. So brachte er es denn eben noch fertig, dem Doktor, der ihn im Wohnzimmer erwartete, mit der angewohnten Höflichkeit entgegenzutreten. * * * Sie hatten sich vor Jahren nur einige wenige Male, dann neuerdings im Vorübergehen flüchtig gesehen; und die persönliche Erinnerung der letzten Nacht war für beide verworren und schattenhaft. So blickten sie prüfend einander an, während sie ein paar Begrüßungsworte wechselten und Wilfried Platz zu nehmen bat. Der richtige Aristokrat, aber ich glaube, ein guter Kerl; dachte Dr. Brandt. Ein gescheidter Mensch zweifellos, wenn auch gerade kein Gentleman, sagte Wilfried bei sich. Ich komme Ihnen zu früh, Herr Graf? Keineswegs; ich habe Sie erwartet. Wie steht es bei unsern Protégés? Sie waren heute morgen schon dort? 71 Bereits um fünf und eben wieder. O! Der Doktor fixierte für einen Moment scharf sein Gegenüber. Auf den feinen, regelmäßigen Zügen lag ein Ausdruck von Abgespanntheit; die weichen, blauen Augen blickten so zerstreut, so träumerisch; der kurze Ausruf hatte einen so konventionell gleichgültigen Klang – er wünscht mich zum Kuckuck, dachte der Doktor. Aber ich kann Dir nun nicht helfen. Weshalb hast Du A gesagt? Die Sache ist, fuhr er fort, entschlossen, dem Herrn Grafen kein Detail zu schenken, sein Interesse an der Angelegenheit mochte nun erloschen sein, oder nicht, ich fand heute nacht den Zustand des Kindes – das Mädchen ist noch ein halbes Kind – so bedenklich, daß ich fürchten mußte, sie erlebt den Morgen nicht. Typhus in einer seiner schlimmsten Formen. Und zuzusetzen hat das arme Ding nichts. Dazu der gänzliche Mangel an rationeller Pflege. Überhaupt an Pflege, die übrigens wahrscheinlich auch nicht viel geholfen hätte. So ließ es mir denn keine Ruhe. Nun, ich fand sie heute morgen noch lebend. Aber seitdem ist der Verfall so fortgeschritten, daß ich ihr jetzt nur noch ein paar Stunden geben kann. Armes Kind, murmelte Wilfried. Und der Knabe? Auch ein böser Fall: zwei Zehen gebrochen, die Knochenhaut des Schienbeins lädiert, möglicherweise der Knochen selbst angesplittert. Das habe ich noch nicht konstatieren können; die Typhuskranke ging vor. Jedenfalls wird eine sehr sorgsame und umständliche Behandlung nötig, die in der vertrackten Kellerwohnung, noch dazu unter den obwaltenden niederträchtigen Verhältnissen dort, nicht möglich ist. Werde den Jungen also in meine Klinik nehmen. Sie haben eine Klinik? Zusammen mit einem Kollegen, der ein vorzüglicher Chirurg ist. Mein spezielles Fach sind innere Krankheiten. Wir haben vorläufig nur sechs Betten. Glücklicherweise 72 ist gerade eins frei. Mein Kollege, der in dem Hause wohnt – Nettelbeckstraße dreiundzwanzig – ist telephonisch aversiert. Er wird um zwölf mit einem Krankenwagen an Ort und Stelle sein – zugleich mit mir selbstverständlich. Es ist setzt gerade elf. Doktor Brandt hatte nach der Uhr gesehen und machte eine Bewegung. So darf ich Sie nicht aufhalten, wie gerne ich Sie um so manches fragen möchte. Ein paar Minuten habe ich immerhin noch. Dann bitte ich Sie, ein wenig Platz zu behalten. Aber – verzeihen Sie die Frage: darf ich Ihnen nicht eine Erfrischung anbieten? Vorausgesetzt, daß es keinerlei Umstände macht. Nicht die mindesten. Wilfried hatte auf einen Knopf neben der Thür gedrückt; dem Diener, der alsbald erschienen war, einen leisen schnellen Auftrag gegeben und sich wieder zum Doktor gewandt, der jetzt ebenfalls aufgestanden war und eine kleine Kollektion von Ölgemälden in verschiedenen Formaten musterte, mit denen die Wände dekoriert waren. Alles neueste Schule, wenn ich nicht irre, sagte er. Nicht alles, aber doch das meiste, erwiderte Wilfried. Ich achte in diesen Künstlern das ehrliche Streben, aus dem alten Schlendrian herauszukommen und dem Geist unserer Zeit die gebührende Ehre zu geben. Und was nennen Sie den Geist unserer Zeit? Zu denken, zu sagen und darzustellen, was ist. Doktor Brandt blickte den Sprecher groß an. Er hätte aus dem Munde dieses Aristokraten jedes andere Wort eher erwartet. Es war seiner Mieze Glaubensbekenntnis, das sie in ganz ähnlichen Wendungen wiederholt ausgesprochen hatte. Zunz war wieder erschienen, zu melden, daß für den Herrn Doktor serviert sei. Aber Sie werden mir doch Gesellschaft leisten, Herr Graf? 73 Selbstverständlich, ich war mit meinem Frühstück erst halb fertig, als Sie kamen. Darf ich bitten? Zunz hatte die Schiebethür nach dem Arbeitszimmer geöffnet; die nach dem Speisezimmer stand noch von vorhin offen. Doktor Brandt machte abermals große Augen. War das Empfangszimmer schon hochelegant eingerichtet gewesen, dies zweite – offenbar das Arbeitszimmer – imponierte ihm noch mehr: an den Wänden hohe, breite, mit prächtig eingebundenen Büchern gefüllte, reich ornamentierte Schränke aus Eichenholz; in der Mitte des weiten Gemaches ein mächtiger, gewiß sehr kostbarer, mit Büchern, Skripturen, so weit allerlei seltsames Bric-à-Brac den Platz frei ließ, bedeckter Arbeitstisch; auf den Schränken Büsten und Köpfe, zum Teil entschieden Originale; in den Zwischenräumen Aquarelle, Kupferstiche; der Fußboden, wie auch schon der in dem Empfangszimmer, teppichbelegt – hier ein einfarbiger dunkelroter, wie dort ein bunter persischer. Und diese, bei aller Decenz und allem Geschmack, dem Doktor verwunderliche Pracht setzte sich in dem verhältnismäßig kleinen Speisezimmer fort, nur daß seltsam geformte Delfter Vasen und Krüge auf Gestellen, die an den Wänden herumliefen, an schicklichen Stellen dort angebrachte Fayenceschüsseln und Teller den Schmuck bildeten. An bevorzugter Stelle ein großes, farbenglühendes Stillleben, sicher von der Hand eines ersten Meisters. Der Doktor war verstummt. Nach dem Wort, das der Graf vorhin gesprochen, hatte er für einen Moment einen Gesinnungsgenossen in ihm gesehen, sich ihm menschlich nahe gefühlt. Der exquisite Luxus, mit dem sich der Mann, der nicht älter sein konnte als er, umgeben hatte – nicht etwa einer verwöhnten Gattin, nur dem eigenen, verwöhnten Geschmack zuliebe – ließ ihn wieder den Abstand empfinden, der ihn, den Sohn des Bürgerstandes, von dem Abkömmling eines Fürstenhauses trennte, und weniger als je begreifen, wie der Epikuräer heute nacht 74 zu seiner Samariterrolle gekommen war. Er hatte darüber schon mit seiner Mieze gesprochen, und die Kluge gemeint: das wandelt denn so manchmal diese Leute an; es ist eben einmal etwas anderes. Sie würde wohl, wie meistens, auch in diesem Fall recht gehabt haben. * * * Die beiden Herren hatten Platz genommen; Zunz auf einen Wink des Grafen das Zimmer verlassen. Ich wollte Sie bitten, mir mitzuteilen, was Sie etwa noch von der unglücklichen Familie in Erfahrung gebracht haben, und möchte nicht, daß mein Diener – übrigens eine gute, treue Seele – Zuhörer dabei ist. Das heißt: Sie dürfen sich im Essen nicht stören lassen. Ich war denn doch, wie ich merke, mit meinem Frühstück so gut wie fertig. Also nehmen Sie sich an mir kein Beispiel! Doktor Brandt hatte, bevor er zum zweitenmale ausging, nur eben eine Tasse Kaffee getrunken, war ausgehungert und einer Erquickung recht bedürftig. Das würde ihn keinesfalls bestimmt haben, die Einladung des Grafen anzunehmen. Aber es war ihm psychologisch interessant und praktisch sehr wichtig, zu wissen, wie weit denn eigentlich die seelische Teilnahme des Herrn an der Schulz'schen Familie ging und er in materieller Hinsicht auf ihn rechnen durfte. Im Handumdrehen war das offenbar nicht herauszubringen. So galt es, Zeit gewinnen; das Ende des Besuches hinausschieben, das heißt, die angebotene Erfrischung nicht ausschlagen. Und wenn aus dem Imbiß, den ihm der Diener auf einem Teller anbieten würde, ein mit allen möglichen guten Sachen ausgestatteter Frühstückstisch geworden, und der Madeira, den ihm der Graf eigenhändig eingeschenkt hatte, eine so feine Marke, wie er sich nicht erinnern konnte, jemals getrunken zu haben, so war das für den von ihm beabsichtigten Zweck gewiß nicht nötig, aber ihm auch sicherlich nicht hinderlich. 75 Er leerte sein Glas, das ihm der aufmerksame Wirt sogleich wieder füllte, und that einen kleinen Schluck – Das ist ein exquisiter Tropfen, Herr Graf. Wenigstens ist er zweifellos echt. Ich verdanke ihn der Güte des portugiesischen Gouverneurs in Funchal – der Hauptstadt von Madeira – der mich während meines Aufenthalts dort gastlich aufnahm und mir ein lieber Freund geblieben ist. Doktor Brandts technisches Interesse war erregt. Sie waren doch schwerlich aus gesundheitlichen Gründen dort? Weshalb schwerlich? Madeira ist ein Kurort für Brustkranke. Ich würde Sie nicht darauf taxiert haben. Ein berühmter Kollege von Ihnen war anderer Meinung. Oder hielt es auch vielleicht für seines Amtes, der Meinung meiner Tante zu sein, die bei mir seit meiner frühsten Jugend – meine beiden Eltern starben mir, als ich noch ein kleiner Knabe war – Mutterstelle vertreten hat; und, wie das in solchen Fällen wohl vorkommt, die liebe entschwundene Mutter in zärtlicher Sorgsamkeit noch übermuttern zu müssen glaubte. Nebenbei bis auf den heutigen Tag glaubt. Aber verzeihen Sie! Wir sind von unserem Thema abgekommen: Sie wollten die Güte haben – Freilich, sagte Doktor Brandt. Entschuldigen Sie die kleine Diversion, an der nur die Vortrefflichkeit dieses Originalabzuges der Kellerei des portugiesischen Herrn Gouverneurs – gesegnet sei sein Name – Don Alvarez – Es lebe Don Alvarez! Doktor Brandt hatte sein Glas erhoben, der Graf that ihm lächelnd Bescheid. Aber das Lächeln schien ein wenig gezwungen, und der Doktor glaubte seiner Mieze Stimme zu hören: Lieber Junge, wenn Du doch nur nicht alles sagen wolltest, was Dir auf die Zunge kommt! 76 Siehst Du denn nicht, daß dem da mit Deinen Familiaritäten gar nicht gedient ist? Er fühlte die Röte, die ihm bei solchen Veranlassungen immer verräterisch in die Wangen stieg; spülte die unbehagliche Empfindung mit einem zweiten Schluck hinunter und sagte, als habe keine Unterbrechung stattgefunden, in möglichst unbefangenem Ton: Also, wovon wir sprachen, Herr Graf: die Schulz'sche Familie! Wie traurig es mit unserm eigentlichen Patienten steht, sagte ich bereits. Aber die ganze Sippe ist von A bis Z eine Krankheitsgeschichte. Ich habe mich natürlich so weit wie möglich zu informieren gesucht und so ziemlich alles herausgebracht. Meine Quelle ist sehr zuverlässig: eine biedere Grünkramfrau, die zwei Häuser von den Schulz ihren Keller hat, lebendige Chronik aller großen und kleinen Vorkommnisse der Wichmannstraße, und nicht bloß in den Kellerwohnungen. Sie gehört durch einen halbblödsinnigen Sohn, richtiges Lazarettpferd, zu meiner Klientel; sie selbst eine sehr kluge Person mit so hellen Augen, scharfen Ohren, gesundem Menschenverstand und klarem Urteil, wie man sie in erfreulichstem Ensemble gerade bei den Leuten dieser Klasse nicht selten findet. Sie hat die Schulz seit fünf Jahren zu Nachbarn; steht mit ihnen in geschäftlichem und ungeschäftlichem Verkehr; nimmt lebhaftes Interesse an ihnen – mit einem Worte ist vollständig au courant , die Vorgeschichte inclusive. Etwas von der wissen Sie bereits, Herr Graf: die Frau hat ja, wie Sie mir heute nacht sagten, in Ihrem elterlichen Haufe gedient, und Frau Bussel – der rühmliche Name meiner Gewährsmännin – erzählt mir, daß sie – Frau Schulz – diese Zeit die schönste ihres Lebens nennt und bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit damit renommiert. Zweifle auch nicht an der Wahrheit der Behauptung; von dem, was hinterher kommt, sagt der Berliner: schön ist anders. Sie hatte als Kammerjungfer Ihrer Frau Mutter den Schulz kennen gelernt, der, wie 77 sie, seine schätzbaren Dienste nur hoch- und höchstgestellten Herrschaften widmete und in seiner Welt als ›der schöne Schulz‹ sich eines großen Ansehens erfreute. Auch sie muß eine auffallend schöne Person gewesen sein; man sieht die beaux restes ja noch heute. Kein Wunder, daß sich die beiden Phänomene fanden. Die Adspekten durchaus günstig. Beide hatten ein ganz artiges Sümmchen ins Trockene gebracht, glaubten der Protektion ihrer verschiedenen einstigen Herrschaften sicher zu sein; man hatte vielleicht auch sonst Beziehungen angeknüpft, die von Vorteil zu sein versprachen – enfin : eröffneten in der Französischen Straße eine elegante Frühstücksstube, die sich alsbald eines großen Zuspruchs erfreute und ein äußerst rentables Geschäft werden zu wollen versprach. Die Herrlichkeit dauerte ein paar Jahre. Dann, scheint es, hat die Polizei herausgefunden, daß die Schulz wohl sehr charmante, aber gegen ihre jüngeren Gäste allzu coulante Wirte waren. Genaueres weiß ich nicht, wußte auch meine Frau Bussel nicht; jedenfalls wurde ihnen das Lokal geschlossen, und sie mußten ihr Zelt in einem entlegeneren und weniger vornehmen Quartier aufschlagen – glaube: in der Rosenthalerstraße. Mit ihren Finanzen – man sagte: Herr Schulz habe nicht bloß in der absoluten Heimlichkeit seiner Hinterzimmer, sondern auch in der relativen Öffentlichkeit von Winkel-Börsen sehr flott gespielt – war es auch bergab gegangen: die Frühstücksstube verwandelte sich in ein Weißbierlokal. Es scheint, auch da fehlten die Hinterzimmer nicht; schlecht angeschrieben war der Mann einmal; man paßte diesmal besser auf, und die Folge war, daß er auf eine beträchtliche Zeit eingesperrt wurde. Die Frau versuchte, das Geschäft zu halten – es gelang ihr nicht. Ein letzter Versuch – der Mann war mittlerweile aus dem Gefängnisse entlassen – es handelte sich diesmal, glaube ich, um eine sogenannte Destille – schlug ebenfalls fehl. Man zog aus Berlin O wieder nach Berlin W: der ehemalige Kammerdiener 78 wollte sich als Lohndiener eine Kundschaft verschaffen, die ehemalige Kammerfrau als Putzmacherin. Aber es war ein Sichhaltenwollen auf schiefer, sehr schiefer Ebene: der Mann hatte sich längst dem Trunke ergeben; die Frau ist an dem gänzlichen Ruin jedenfalls mit schuld – kurz, sie gerieten in das hoffnungslose Elend, in dem wir sie gefunden haben. Ob er seine Hauptabsicht erreicht hatte, das, wie ihm schien, schon bedenklich abgeschwächte Interesse des Grafen für die unglückliche Familie von neuem wachzurufen, blieb dem Doktor sehr zweifelhaft. Gleich, nachdem er seine Geschichte begonnen, hatte der Graf die Stirn in die Hand gestützt – eine merkwürdig wohlgeformte, sehr weiße Hand, an deren schlankem Goldfinger ein prachtvoller Siegelring saß – und nur ein und das andre Mal die Augen gehoben – große, dunkelblaue, melancholische Augen – deren Ausdruck eine gespannte Aufmerksamkeit gerade nicht verrieten. So war denn der Doktor sehr geneigt, ab- und aufzubrechen, als er durch die, freilich wieder in zerstreutem Ton gestellte Frage: Und die Kinder? sich festgehalten fühlte. Handelte es sich doch um die für ihn in erster Linie! War er doch mit der Hoffnung gekommen, daß sich ihrer der Graf nachdrücklich annehmen werde! Not that es bei Gott! Ja, die Kinder, sagte er, sich wieder in seinem bequemen Stuhl zurechtrückend; das ist ein grausam trauriges Kapitel, Herr Graf. Zu einem guten, will sagen: schlimmen Teil, kennen Sie es schon. Der Rest ist nicht besser. Es scheint, daß die ältesten, solange es den Eltern noch leidlich ging, regelrecht zur Schule geschickt wurden, bis der Verfall kam und von Schule und überhaupt Erziehung nicht mehr viel, am Ende wohl gar nicht mehr die Rede war. Den ältesten Sohn – auch sonst das älteste von den Geschwistern – hat der Vater, als er vierzehn Jahre alt war, aus dem Hause gejagt; oder er ist aus freien 79 Stücken davongelaufen – ich weiß es nicht; das heißt: die brave Frau Bussel wußte es nicht. Nur, daß sich ein mitleidiger Krämer da hinten im äußersten Berlin N. – ein entfernter Verwandter der Schulz, wie es scheint – des Jungen angenommen. Was aus ihm geworden? Vacat. In das unwirtliche Elternhaus hat er nie wieder einen Fuß gesetzt. Hoffen wir, daß er gerettet ist. Von der ältesten Tochter – dem zweiten Kinde – kann man das leider nicht sagen: sie ist im traurigsten Sinne des Wortes verloren. Fabrikmädchen, glaube ich; sehr hübsch, sagt meine Frau Bussel, die nicht abgeneigt ist, der eigenen Mutter einen Teil des Unglücks der Tochter in die Schuhe zu schieben. Als ob es dessen bedürfte! In Berlin! Wo die Verführung auf hundert Wegen an so ein armes, verwahrlostes Geschöpf herantritt! Auch sie ist seit zwei oder drei Jahren nicht wieder nach Haus gekommen. Die zweite – Sie haben sie gestern abend gesehen – hat sich besser, sagen wir mit Frau Bussel: gut gehalten. Merkwürdig genug, da sie in dieser Lasteratmosphäre so fort vegetierte und dazu eine ungewöhnlich schöne Person ist, wie Ihnen auch aufgefallen sein wird. Sie geht als Putzmacherin in die Häuser; Frau Bussel meint: sie erhält die ganze Familie. Der Vater verdient so gut wie nichts. Wer ihn einmal als Lohndiener gehabt, nimmt ihn nie wieder, trotzdem er ein äußerst geschickter Mensch sein soll. Er betrinkt sich regelmäßig und findet nicht immer den Weg nach Hause. Oder, wenn schon, so in dem Zustande, wie heute nacht. Restieren unsre beiden armen Patienten, die der gräßliche Alte schon seit anfangs letzten Winters allabendlich auf die Straße gejagt hat, ein paar Nickel zu verdienen, respektive zu erbetteln: sie als Blumenmädchen, der Junge als Streichholzverkäufer. Die traurige Carrière des Mädchens ist nun wohl zu Ende – man ist fast geneigt, zu sagen: Gott sei Dank! Den Jungen, hoffe ich, bringen wir durch, ohne daß er ein Krüppel bleibt. 80 Der Doktor hatte während seiner Erzählung bereits ein paarmal auf die Uhr gesehen, die ihm gegenüber in einem phantastischen Rococo-Gehäuse aus Porzellan auf dem Sims des Kamins stand. Jetzt schweifte sein Blick wieder dahin. Verzeihen Sie, Herr Graf! Ich habe mich mit meinem Kollegen auf halb zwölf verabredet. Wenn ich ihn nicht warten lassen soll – es ist die höchste Zeit. Er hatte seine Serviette hingelegt und war aufgestanden. Der Graf kam ihm um den Tisch herum entgegen mit ausgestreckter Hand: Haben Sie aufrichtigen, herzlichen Dank! Und nicht wahr: es bleibt bei unserer Verabredung von heute nacht: was auch immer an Kosten in dieser traurigen Angelegenheit entsteht, Sie erlauben, daß ich für alles aufkomme – für alles! Es bleibt dabei, sagte der Doktor, den festen Druck der schlanken Hand, welche die seine ergriffen hatte, ebenso erwidernd. Und – während Ihrer Erzählung ist mir so manches, so vieles durch den Kopf gegangen – es muß ja auch weiter für die Leute gesorgt werden: für den Knaben, wenn er durch Ihre Kunst wiederhergestellt ist; für das Mädchen, das man unmöglich in dieser Lasteratmosphäre, wie Sie so richtig sagten, lassen darf. Wenn Sie mir auch da mit Ihrem Rat zu Hülfe kommen wollten – ich würde Ihnen unendlich dankbar sein. Der Graf hatte die letzten Worte in einem erregten, fast leidenschaftlichen Ton gesprochen. Dabei hielt er noch immer des andern Hand fest. Sonderbarer Mensch, dachte der Doktor; aber augenscheinlich ein wirklich guter Kerl. Wissen Sie was, Herr Graf, sagte er, ich glaube, Sie thäten am besten, sich über diese curae posteriores mit meiner Frau zu besprechen. Sie ist ein eminent praktischer Kopf und hat in solchen Dingen eine reiche Erfahrung. 81 Wann dürfte ich wohl Ihrer Frau Gemahlin meine Aufwartung machen? Sie ist, glaube ich, heute sehr beschäftigt. Vielleicht morgen in einer Mittagsstunde? Sie wollen die Güte haben, sie von meinem Besuch zu avertieren? Natürlich. Tausend Dank! Keine Ursache, Herr Graf. Zu des Doktors großer Erleichterung hatte der Graf jetzt endlich seine Hand losgelassen. Sie gingen durch das Arbeitszimmer in das Empfangszimmer zurück, wo der Doktor seinen Hut hatte stehen lassen. Der Graf begleitete ihn bis zur Flurthür, die Zunz öffnete. Ein junger Ulanenoffizier stand davor, der eben nach der Schelle greifen wollte. Famos, Wilfried, daß ich Dich treffe! Ich muß Dich auf eine Minute sprechen. Der Doktor drückte dem Grafen noch einmal die Hand, verbeugte sich flüchtig vor dem Offizier, der seinen Gruß höflich erwiderte, und eilte die Treppe hinab. Willst Du näher treten, Falko, hörte er noch den Grafen sagen. * * * Ich komme Dir ungelegen? Wieso? Oder bist doch nicht gar krank? Du siehst verzweifelt schlecht aus; und der vierschrötige blonde Herr, der da eben von Dir ging, war doch sicher ein Doktor. Allerdings. Aber es handelt sich nicht um mich. Bitte, nimm Platz! Die Vettern waren in Wilfrieds Arbeitszimmer getreten. Donnerwetter, sagte Falko. Die ganze Wohnung riecht nach Karbol. Du erlaubst, daß ich – 82 Und Falko trat an ein Nebentischchen, auf dem die Rauchutensilien standen, zündete sich eine Zigarre an; warf sich in einen Fauteuil; blickte, den Kopf zurückbiegend, der Wolkensäule nach, die er kunstgerecht nach oben geblasen, dann auf seine Stiefelspitzen, die er ein paarmal leise zusammenklappte, schließlich auf Wilfried, der, sich an den großen Schreibtisch lehnend, einige Schritte von ihm stand. Prachtvolles Wetter heute. Wilfried hob die Augen von dem Teppich, zerstreut lächelnd. Kamst Du, mir diese interessante Mitteilung zu machen? Eigentlich nein. Aber da es so famoses Wetter ist und man unser Exerzieren in aller Frühe abgesagt hat – So hörte ich von Leßberg. Wo zum Tausend hast Du denn den getroffen? Im Hippodrom mit Rentlow. Ach ja! Du wolltest heute mit Ebba reiten. Und da habt Ihr die beiden getroffen. Merkwürdig. Ich sehe nichts besonderes Merkwürdiges darin. Wundere mich nur, daß Du nicht von der Partie warst. Ließen es mich durch den Burschen wissen. Ehrlich gestanden, hatte mich, als Absage kam, wieder zu Bett gelegt. War ein bißchen kaput von heute nacht. Die Sitzung hatte bis halb vier gedauert. Du solltest wirklich nicht so auf Deine Gesundheit einstürmen. Ah bah! Die andern machen es nicht besser. Womit mir nicht gesagt scheint, daß Du es ebenso machen mußt. Um so weniger, als Du offenbar nicht so viel prästieren kannst, wie sie. Sie waren schon wieder zwei Stunden im Sattel gewesen und sahen keineswegs erschöpft aus. Na ja! Und, nimm es mir nicht übel, Falko: mir war es gar 83 nicht recht, daß Du gestern abend mit ihnen gingst. Du kannst es auch in anderer Beziehung ihnen nicht gleich thun. Du meinst? Du weißt, was ich meine. Na, dann kann ich ja nur wieder gehen, sagte Falko, die Asche von seiner Zigarre klopfend und eine Bewegung zum Aufstehen machend. Weil ich Dich – doch wahrlich nicht zum ersten Mal – bitte, an Dich, an Deine Eltern, an Ebba, uns alle zu denken? Sehr freundlich. Nur von Dir hätte ich dergleichen liebenswürdige Vorhaltungen in diesem Augenblick nicht erwartet. In diesem Augenblick? Du erinnerst Dich vielleicht unserer Verabredung für morgen mittag? Gewiß thue ich das. Dann hättest Du, deucht mir, Deine moralische Vorlesung sparen sollen; sie zum wenigsten erst hinterher halten. Du hast recht; und ich bitte Dich um Verzeihung. So tragisch brauchst Du es auch nicht zu nehmen. Aber, alter Kerl, ich versichere Dich, es wird mir von allen Seiten so viel Moral eingepumpt, daß ich die Sache gründlich satt habe. Sprechen wir also von etwas anderem! Die Bielefelder haben mich gestern abend gebeten, ihnen zu einem Ballfest oder dergleichen am Donnerstag noch ein paar Offiziere zuzuführen, und reflektieren in erster Linie auf Dich. Ich habe es vorhin auch Baron Rentlow gesagt, der nebenbei mit beiden Händen zugegriffen hat. Er wollte auch noch mit Dir sprechen. Wenn es Dir ebenfalls recht ist, macht Ihr vielleicht morgen die obligate Visite. Werden wir. Übrigens merkwürdig! würde Dich gestern abend gebeten haben, mich den Herrschaften vorzustellen. Nur daß die Beiden mich verschleppten und mir keine Zeit dazu ließen. Der Alte – anerkannte Finanzgröße; die beiden Mädels – allerhand Achtung! Die Herren Brüder – na, die nimmt man eben mit in den Kauf. Sie sind mein Genre auch nicht. Übrigens ist der eine Reserveoffizier. Weiß ich – irgendwo in einem Provinzregiment. Macht die Sache in meinen Augen nicht besser, eher das Gegenteil. Begreife übrigens sehr, daß Rentlow gleich mit eingesprungen ist. So ein Goldfisch könnte ihm passen! Bei dem Hunger! Rentlow? Ich denke, er ist ein reicher Mann? Gewesen, mon cher ! Mehr Schulden, als Haare auf den Zähnen, obgleich das bei seinem dicken Schnurrbart etwas sagen will. Wenn da nicht bald Sukkurs kommt, fliegt er so gewiß, wie ich hier sitze. Übrigens nicht der einzige. Kann Dir sagen: bis auf fünf oder sechs alle ausgepumpt. Auch Leßberg? Der kanns aushalten. Hinter dem steht, wenn sein alter kinderloser Onkel stirbt, das kolossale Majorat. Und ob er trotzdem zu rechnen weiß! Keiner hat so viele Verhältnisse, und keinem kosten sie so wenig. Ein Finanzgenie, sage ich Dir. Dabei einen Turkel – als ob die Karten verhext wären, wenn er die Bank hält – jede schlägt für ihn. Jede! Es ist rein zum – Falko brach kurz ab, warf die ausgegangene Zigarre in den Aschbecher, schweigsam vor sich hinbrütend, hin und wieder zu Wilfried hinüberblinzelnd, der angefangen hatte, die Hände hinter dem Rücken, in dem Zimmer langsam auf und abzugehen. Was half das? Um zwölf sollten die Leute mit der dritten Garnitur auf dem Kasernenhof antreten. Ohne Droschke ging es schon nicht mehr, und platzen mußte die Bombe doch. Du, Wilfried – Wilfried war stehen geblieben und blickte ihn fragend an. 85 Du hast mir zu morgen mittag zweitausend Mark zugesagt – Und Du möchtest sie heute schon haben? Gar nicht. Nur wenn – na, alter Kerl, hast mich ja schon so oft aus der Patsche gezogen, wirst mich diesmal nicht drin sitzen lassen. Die Sache ist: komme mit den zweitausend nicht aus; habe heute nacht wieder siebenhundert verloren – an Leßberg. Wenn's ein anderer wäre! Aber gerade er! Nicht daß er mich drängte – gar nicht! Im Gegenteil! Berappen Sie, Falkenburg, ganz à votre aise ! Redensart! Und dann, Wilfried, er ist mein Premier. Da kommt man dann leicht in eine schiefe Stellung, wenn in den außerdienstlichen Verhältnissen nicht alles klipp und klar ist. Übrigens auch Ebbas wegen. Ebbas? Sie sagte mir einmal: sei aller Welt etwas schuldig, nur nicht Leßberg. Was kann sie damit gemeint haben? Es war, als Eure Verlobung publiziert war und Leßberg die Taktlosigkeit hatte, plötzlich nicht mehr zu uns zu kommen. Wilfried hatte wieder sein Hin- und Hergehen begonnen; seine Miene, die während der ganzen Unterredung nichts von ihrem gewöhnlichen freundlich-höflichen Wohlwollen gezeigt, schien noch düsterer geworden. Falko gab die Sache verloren. Er war empört. Lumpige siebenhundert Mark! Und wenn einer so in der Patsche und der andere so in der Wolle saß! Also denn nicht, sagte er aufstehend, seinen Säbel, den er nicht abgelegt hatte, zurechtrückend und nach der Mütze vor ihm auf dem Tisch greifend. Du kannst für morgen auf das Geld rechnen. Bitte! ich nehme nur von Leuten, die keine saure Miene dazu machen. Kehre Dich nicht an meine Miene! Die hat andere Ursachen. 86 Na, weil Du es bist! Also morgen um zwölf. Und mit den Bielefelders bleibt es bei der Verabredung. Apropos, wirst Du auch antreten? Ich hatte die Absicht. Desto besser. Noch eins: muß man sich bei der Frau Kommerzienrat vorstellen? Laß dich nur bei den Damen melden. Sie werden Dir dann schon sagen, daß die Mutter niemand empfängt. Aber doch Dich? Das ist etwas anderes. Na, also: Adieu! Ich muß machen, daß ich in die Kaserne komme. Sehen wir uns heute abend? Nein. Ich muß zu Tante Adele. Bitte um meine gehorsamste Empfehlung. Auf morgen au revoir . Adieu! adieu! Falko war eilends zum Zimmer hinaus. Wilfried klingelte nach Zunz und hieß ihn, einen Promenadenanzug zurechtzulegen. Wenn nach ihm gefragt werde: er sei in der Stadt. Wann darf ich den Herrn Grafen zurückerwarten? Ich weiß es nicht. Vor abend schwerlich. * * * Wilfried hatte, als Falko kam, in die Stadt fahren wollen, sich von der Bielefelderschen Bank das Geld zu holen. Dazu war es jetzt zu spät geworden: man hielt dort die Kasse von zwölf bis drei Uhr geschlossen. Aber zu Hause hätte er es nicht ausgehalten. Das Herz hing ihm wie ein Stein in der Brust, und durch seinen Kopf jagten düstere, verworrene Gedanken, wie graues Gewölk vor einem heraufziehenden Gewittersturm. Dann fand er sich im Tiergarten, ohne recht zu wissen, wie er dahin gekommen, auf den um diese Stunde menschenleeren Wegen ziellos umherirrend. Es war ein Tag wie im Hochsommer. Die Sonne brannte; selbst wo das frische Laub der Bäume dichten 87 Schatten bot, spürte Wilfried kaum einige Abminderung der Hitze. Dennoch mußte er fortwährend des alten wahnsinnigen Lear denken, in der rauhen Winternacht auf der Haide. Und die gewaltigen Verse, die er als Sekundaner und Primaner so oft in der Stille seines Arbeitszimmers deklamiert, kamen ihm Wort für Wort wieder in Erinnerung: Ihr armen Nackten, wo ihr immer seid, Die ihr des tückschen Wetters Schläge duldet – Und weiter:                                   O daran dacht' ich Zu wenig sonst! – Nimm Arznei, o Pomp! Gib preis dich! fühl einmal, was Armut fühlt, Daß du hinschüttst für sie dein Überflüss'ges Und rettest die Gerechtigkeit des Himmels! Jawohl! zu wenig sonst! Oder hätte er seine Zimmer mit all dem Luxus vollgepfropft, dessen er sich bis in den Grund der Seele geschämt, der ihn angewidert, während der Doktor das Elend der unglücklichen Menschen in der dumpfen Kellerwohnung schilderte? Unglücklich durch eigne Schuld? Die Eltern – wohl! Trotzdem doch auch erst zu ermitteln war, was schlechte Erziehung, frühes böses Beispiel, Gelegenheit, die Diebe macht, und welch' schlimme Verhältnisse sonst an ihnen gefehlt und gesündigt. Und an ihren Kindern, die wieder die Verderbtheit der Eltern an Leib und Seele büßen mußten: die Tochter, die zur Dirne geworden; die jüngere, die heute noch sterben sollte in dem vergifteten Kellerloch, aus dem man den Bruder von ihrem Sterbebette weg in das Krankenhaus fuhr, das er vielleicht als Krüppel wieder verließ, sein Elend so weiter durch das Leben zu schleppen. Und wäre es noch ein einzelner Fall! Aber es war nur einer von tausenden und abertausenden, die sich alltäglich, allstündlich abspielten in Kellerwohnungen und Dachstuben, in Höfen, dahin nie ein Sonnenstrahl drang, und die er nur aus Romanschilderungen und Polizeiberichten 88 kannte. Leidige, aber notwendige Begleiterscheinungen jeder hohen Civilisation, sagten die Weisen; bei dem besten Willen, mit aller christlichen Nächstenliebe nicht aus der Welt zu schaffen. Was den Gutgesinnten freilich nicht hindern dürfe, Hand anzulegen, wo er immer könne. Tropfen freilich nur auf einen glühenden Stein. Aber, was wollen Sie, mein Bester: such is life ! Das stimmte ja mit dem Programm, wie er es vorhin dem Doktor formuliert; an dem er, solange er klar denken konnte, festgehalten; bei dem er sich beruhigt hatte: zu denken und zu sagen, was ist. Was war denn nur geschehen, daß es ihm auf einmal nicht mehr genügte? ihm als ein Faß erschien mit einem durchlöcherten Boden, aus welchem ihm das bißchen Freude, das er noch hier und da am Leben gehabt, das bißchen Selbstachtung und Selbstgerechtigkeit, die bis dahin sein schwacher Trost gewesen, bis auf den letzten jämmerlichen Rest wegzusickern drohten? Hatte ihn Ebbas Weigerung, auf seine Pläne und Absichten einzugehen, so tief verletzt? ihr Kokettieren mit dem ihm widerwärtigen Leßberg so schwer geärgert? Aber er kannte sie doch nicht erst seit gestern. Warum, warum auf einmal erschien ihm sein Verhältnis mit ihr eine Monstrosität? der Gedanke einer Verbindung für immer mit ihr ein Verbrechen? die Besiegelung einer solchen Zukunft nichtsnutzig, wie es bis heute seine Vergangenheit gewesen war, die ihm nichts gebracht hatte als tiefste Unzufriedenheit mit sich selbst, Überdruß und Ekel am Leben bis zu dem Wunsche, es möchte ein Ende haben; der bohrenden Versuchung sogar, ihm gewaltsam ein Ende zu machen? Oder kam jedem Menschen, der auf ein verfehltes Leben zurückblickt und ein Gewissen hat, sein Tag von Damaskus, der ihm die Binde von den Augen reißt und ihm den Weg zeigt, den er fortan gehen muß? Aber an Wunder glaubte er doch nicht, hatte es nie gethan, selbst in seinen Kinderjahren. Und was dem Paulus begegnet 89 sein sollte, hatte er es sich nicht gut rationalistisch ausgelegt und gemeint: es hatte alles schon längst in dem heißblütigen, leidenschaftlichen Menschen gewühlt, ihm unbewußt, bis es sich ihm plötzlich zu einer Vision, einer Hallucination verdichtete, erregt durch Gott weiß welchen äußeren Umstand: eine wehende Staubsäule, ein seltsames Wolkengebilde, eine Spiegelung der Wüste – einen Bettler vielleicht nur am Wege, in dem er plötzlich den Auszug der ganzen leidenden Menschheit sah, für die Christus am Kreuz gestorben? Das war denn freilich kein Wunder mehr. Und doch ein Wunder, wenn man so nennen will, was uns in seiner Entstehung und seinem Zusammenhang mit den natürlichen Dingen geheimnisvoll und unbegreiflich ist – Wie der Eindruck, den heute nacht die großen, dunklen Augen des armen Mädchens auf ihn gemacht hatten! Die im Licht des Mondes so wundersam aufleuchteten, während sie mit ihrer leisen resignierten Stimme die fürchterlichen Worte sagte: uns kann niemand helfen – Und wenn nun doch jemand käme, der Dir helfen möchte und alles dran setzen wollte, daß er es könne? Und sich, gelänge es ihm, entsühnt wissen würde von allem, was er bis dahin verfehlt, gefehlt, gesündigt? Und Du so, während er Dich rettete, zu seiner Retterin würdest? Der zu danken, für das, was Du an ihm gethan, sein Leben nicht hinreichte? Wenn das wäre! das sein könnte! Wilfried war von der Bank, auf der er im Schatten einer mächtigen Buche nahe dem schilfbekränzten Ufer einer der schmaleren Wasserläufe gesessen, jäh emporgesprungen und hatte ein paar hastige Schritte gemacht, um eben so plötzlich wieder stehen zu bleiben. Oder war das auch nur eine der phantastischen Regungen, die ihm so kamen, und denen er folgen mußte, bis sie sich – und es pflegte bis dahin nicht weit zu sein – in ihrer wesenlosen Natur offenbarten; nichts 90 zurücklassend als das beschämende Gefühl, wieder einmal der Narr auf eigene Hand gewesen zu sein? Nein! tausendmal nein! Dies war kein Irrlicht, keine Narretei, kein Gaukelspiel. Diesmal handelte es sich für ihn um Tod und Leben. Und sollte es sich herausstellen, daß die Erscheinung des schönen Mädchens nichts weiter gewesen war, als des Glöckleins Klang, der die Lawine zum Fallen bringt – er fühlte es zu tief: hier war etwas in sein Leben getreten, das nicht wieder daraus weichen – vielmehr: sein ganzes Denken, Empfinden von Grund aus umgestalten würde, es schon umgestaltet hatte. – Ein wundersames Frohgefühl erfüllte ihn ganz, wie ein Nachklang aus der unschuldsvollen, seligen Knabenzeit, nur so viel tiefer, inniger, hoheitsvoller. Als wäre er selbst verwandelt, die Welt um ihn her. Als hätte der Himmel so köstlich nie geblaut, der Wind nie so feierlich leise durch die Wipfel gerauscht, das Lachen der Kinder nie so herzerquickend geklungen. Er war an einem der Spielplätze, die sich inzwischen zu füllen begonnen hatten, stehen geblieben, dem Treiben der Kleinen zuschauend mit einem Interesse, als handelte es sich da um die wichtigsten Dinge; an dem ungeschickten Krabbeln der Babies, den zierlichen Bewegungen der größeren sich innig ergötzend. Dann wanderte er wieder durch die Gänge, den ihm Begegnenden froh in die Gesichter sehend, daß sich ein und der andere verwundert nach dem seltsamen, feingekleideten Herrn umwandte. Es waren ihm die Alltagsgesichter nicht mehr, die ihn sonst, wenn sie sein gleichgültiger Blick streifte, so angeödet hatten. Es waren seine Brüder und Schwestern, nur daß man einander nicht kannte und so, grußlos, aneinander vorüberging. Und da brauchte nur ein Ereignis zu kommen: ein Unglücksfall, eine Überschwemmung, eine Feuersbrunst, und das Familiengefühl, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit war auf einmal da, regte sich in seiner vollen Kraft! 91 Um wieder zu erlöschen, sobald der Moment, der es hervorgerufen, verrauscht war! Aber wenn man es nicht erlöschen ließ, es wach hielt – alle Zeit; und alle Zeit aus ihm heraus fühlte, handelte – mußte das nicht ein Leben sein, wahrhaft wert, gelebt zu werden? Auf eine kleine, rings von Busch und Baum umgebene Lichtung gelangt, stand er still und blickte um sich her. Niemand in der Nähe. Er hob die Arme zum wolkenlosen Himmel und sagte mit halblauter fester Stimme: Ein solches Leben will ich fortan leben. * * * Nun hatte er sich wieder nach der Stadt gewandt. Ihm war es seltsam, daß der Fries des Brandenburger Thores, an das er jetzt gelangte, im Nachmittagssonnenschein glühte. Über fünf Stunden, beinahe sechs waren vergangen, seitdem er den Tiergarten betreten. Ihm kam es vor, als seien es ebensoviele Minuten gewesen. Sollten sich alte Märchenwunder an ihm wiederholen? Mit der Welt war freilich keine Veränderung geschehen. Da fluteten die Menschen durch das Thor hinein und heraus, wie immer zu dieser Tagesstunde; über den Platz rasselten die Droschken, klingelten die Pferdebahnwagen. Eine Hofequipage mit einem paar der kaiserlichen Kinder kam schnell herangerollt; von der Wache erscholl der Ruf des Postens vor dem Gewehr, das Spiel wurde gerührt; die im Nu zusammengelaufene Menschenschar knixte, zog die Hüte und lief wieder auseinander. Auch dies ein Gemeingefühl, der Drang, es zu bethätigen, mochte die Veranlassung auch noch so geringfügig sein. Wilfried hatte keine Zeit zu verlieren: die Kasse der Bank wurde um sechs Uhr geschlossen, um acht Uhr sollte er bei Tante Adele zum Thee sein, und sie war gewohnt, 92 daß er eine halbe Stunde mit ihr verplauderte, bevor die gewohnten Montagsgäste kamen. Der Gang zu dem Bankier wurde Wilfried niemals leicht, trotzdem er von dem unumschränkten Kredit, den ihm die Tante ein für allemal eröffnet, von jeher nur einen verhältnismäßig bescheidenen Gebrauch gemacht hatte. Aber das Bewußtsein, ohne jegliches Verdienst seinerseits alles lediglich ihrer Güte zu verdanken, war ihm stets so drückend gewesen, daß er sich schon wiederholt in peinliche Verlegenheit gebracht hatte, um den leidigen Moment der Empfangnahme des Geldes, welches er doch fast als das seine betrachten durfte, acht oder vierzehn Tage hinausschieben zu können. Heute lag die Sache für ihn noch ganz besonders übel. Er hatte das letzte Mal wieder über Gebühr gezögert und infolge dessen die ziemlich große Summe, die er abgehoben, sofort stark in Angriff nehmen müssen. Darüber war kaum eine Woche vergangen; heute sollte er bereits wieder mit einer noch dazu ungewöhnlich bedeutenden Forderung kommen. Und zu welchem unwürdigen Zweck! Einen Spieler aus der Verlegenheit zu reißen, in die er sich vielleicht heute schon wieder stürzen würde! Er konnte und mochte nicht zusammenrechnen, wieviel er im Laufe der letzten Jahre bereits für Falko aufgewendet, das heißt: nutzlos verthan, einfach in's Wasser geworfen hatte. Um sich dabei stets sagen zu müssen, daß er sich so mindestens zum moralischen Mitschuldigen des Leichtsinnigen machte, sein Hinabgleiten auf der schiefen Ebene nur beschleunigte, an dessen Ende der Abgrund eines verfehlten Berufs, vielleicht einer verlornen Existenz klaffte. Was hätte er mit dem Gelde nicht alles für die unglückliche Familie thun können, die zu unterstützen er dem Doktor, sich selbst versprochen! Ein Versprechen, das ihm heilig war, und zu dessen Ausführung er nun abermals eine größere Summe brauchte; mit dem andern eine so große, wie er sie noch nie auf einmal von der Bank erhoben! 93 Das stand nun nicht zu ändern. Die Erzählung eines alten, befreundeten Generals fiel ihm ein, den er heute voraussichtlich bei der Tante finden würde: wie er, mit seiner Brigade marschierend, den ersten dumpfen Donner der Schlacht von Gravelotte gehört; wie ihm das Herz geschlagen, als er, von der bisher eingehaltenen Linie abweichend, die Richtung nach rechts kommandiert habe, in welcher er am schnellsten auf das Kampffeld zu gelangen hoffen durfte. Es war bei Gott nicht Furcht, was mir das Herz schlagen machte, hatte der alte Herr hinzugefügt. Nicht ein flüchtigster Gedanke an den Tod. Dem hatte ich in den beiden früheren Kampagnen und gar in dieser zu oft ins Gesicht gesehen. Nur das Hochgefühl, seine Pflicht und Schuldigkeit zu thun; die Sorge, nicht mehr zur rechten Zeit zu kommen. Wilfried mußte lächeln, während er die breite steinerne Treppe zur Bielefelderschen Bank hinaufstieg. Seine dunkle private Existenz mit ihren Interessen, die nur für ihn groß waren, und jene Dinge, welche eine neue Ära der Weltgeschichte brachten! Und doch besteht die Welt aus Atomen, sprach er bei sich; und ist nur dadurch ein Kosmos, weil sie zusammenhalten! * * * Der nicht eben große Raum der Kasse vor dem langen Zahltisch war heute sehr gefüllt. Eine Menge Leute wollte in dieser letzten Abendstunde noch abgefertigt sein. In dem weiten Kontor hinter dem Tisch saßen die Kommis, eifrig schreibend, an ihren Pulten; andere kamen und gingen, Papiere in den Händen, die Feder hinter dem Ohr. Wilfried nahm auf einem Stuhl Platz, den ein Klient, dessen Name eben aufgerufen war, geräumt hatte, zerstreut in das rastlose Treiben blickend, bis seine 94 Aufmerksamkeit sich auf seinen alten Bekannten, den Hauptkassierer, richtete, der jetzt aus seinem Verschlage auftauchte, den betreffenden Kunden abzufertigen, dann wieder in dem Schlupfwinkel verschwand, um abermals aufzutauchen, abermals Pakete von Kassenscheinen, Geldrollen, einzelnes Geld in den Händen. Der junge, sehr schlanke Mann mit dem scharfgeschnittenen Gesicht, der, auch im Gespräch mit den Kunden, nie die Miene auch nur im mindesten veränderte, seine Fragen stellte, seine Antworten erteilte, in Worten, die stets nur halblaut, klanglos von den Lippen fielen, hatte vom ersten Begegnen ein seltsames Interesse für ihn gehabt, das er fast geneigt war, unheimlich zu nennen. Dabei hatte er nie ein Wort mit ihm gewechselt, außer den wenigen, die unbedingt zu dem Geschäft gehörten; dann eine stumme, abgemessene Verbeugung hinüber und herüber und die Sache war abgethan. Heute wurde ihm reichlich Zeit, die merkwürdige Erscheinung weiter zu studieren; und plötzlich fiel ihm auf, daß der schlanke, blasse Mann mit dem zarten bleichen Knaben, den er gestern nacht von der Straße aufgelesen, eine gewisse Ähnlichkeit hatte. Ja, eine große, wenn man von der Differenz des Alters und der Verschiedenheit der Situation absah. Und hatte der Doktor nicht heute morgen erzählt, daß des ältesten der Söhne Schulz, nachdem er vom Vater auf die Straße gejagt, sich ein Verwandter, der Kaufmann gewesen, angenommen habe? Aber was wollte das besagen? Seine Phantasie war mit den Bildern seiner letzten Erlebnisse angefüllt, und da zwang er alles, auch das Unverfänglichste, in diesen Zusammenhang. Der ihn festhielt, nur daß es jetzt nicht das des bleichen Knaben war, sondern seiner schönen großen Schwester, deren dunkle Augen doch auch wieder an die des schweigsamen Kassierers mahnten, nicht im Schnitt und Ausdruck, nur in der ungewöhnlich dunklen Farbe, wenn er anders recht gesehen hatte. Es war selten genug, 95 daß der junge Mann die langen, schwarzen Lider hob, und auch dann immer nur für einen Moment. Während er so vor sich hinbrütete, hörte er plötzlich den Namen Schulz aussprechen. Es war Arthur Bielefelder, der aus den inneren Geschäftsräumen gekommen sein mochte, dem Kassierer einen Auftrag zu geben. Das war mit ein paar Worten geschehen, und der jugendliche Chef wandte sich, wieder in sein Privatbureau zu gehen, als er Wilfrieds, der noch immer auf seinem Rohrsessel saß, ansichtig wurde. Sofort hatte er ihm die Hand über den Zahltisch entgegengestreckt: Mein Gott, Sie, Herr Graf! und Sie warten, wie es scheint, schon wer weiß wie lange! Sie müssen durchaus erlauben, daß ich selbst Sie bediene. Wieviel, bitte? Wie peinlich diese Dazwischenkunft auch für Wilfried, an ein Ausweichen war nicht zu denken. Er hätte jetzt doppelt gern eine geringere Summe genannt, schämte sich aber sofort seiner Zaghaftigkeit. Wenn ich um Fünftausend – Befehlen Sie in Gold oder Scheinen? In Scheinen, wenn ich bitten darf. Augenblicklich! Herr Schulz! Der Kassierer verschwand in seinem Verschlag, um alsbald wieder aufzutauchen und die geforderte Summe in Tausend- und Hundert-Kassenscheinen auf den Tisch zu zählen. Ein anderer Kommis hatte bereits die Quittung ausgefertigt, die er Wilfried, zugleich mit einer Feder, präsentierte. Wilfried unterschrieb. Das Geschäft war beendet. Würden Sie noch eine Minute für mich haben, Herr Graf, sagte Arthur Bielefelder, als Wilfried sich ihm nun empfehlen wollte. Nur eine Minute! Er eilte fort, eine kleine Thür zu öffnen, welche aus dem Vorraum der Kasse direkt in sein Kontor führte, und durch die er nun Wilfried einzutreten bat, ihn auf einen der opulenten Lehnstühle nötigend, die um einen großen, mit grüner Tischdecke behangenen oblongen Tisch standen. 96 Eine Cigarre, Herr Graf? Glaube sie empfehlen zu können. Wilfried dankte. Er sei noch vor Tisch, pflege da nicht zu rauchen. Wollen Sie uns die Ehre erweisen? Es wäre zu liebenswürdig. Wir speisen um halb sieben; ich bin hier in zehn Minuten fertig. Mein Wagen hält vor der Thür. Wilfried entschuldigte sich. Er habe noch einen notwendigen Weg in die Stadt und werde um acht Uhr bei seiner Tante erwartet. Schade, jammerschade! Aber das bringt mich darauf, weshalb ich mir erlaubt habe, Ihre kostbare Zeit so in Anspruch zu nehmen. Justizrat Berner schrieb uns heute, daß Frau Geheimrat in nächster Zeit eine größere Summe – fünfhunderttausend oder da herum – flüssig gemacht zu haben wünscht. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß die Summe – jede Summe – jeder Zeit zur Verfügung steht. Es handelt sich, glaube ich, um einen Gutskauf? Ich glaube. Das hatte so kühl geklungen; aber der Graf war ja immer so unheimlich reserviert. Möchte um alles in der Welt nicht indiskret sein. Wäre gar nicht auf das Kapitel gekommen; nur Sie wissen ja, Herr Graf, wie gern wir Ihnen und Ihrer Frau Tante dienen. Und da will es der Zufall, daß wir in Westfalen ein paar Güter besitzen – ein paar sehr schöne Güter – die wir – eigentlich der Onkel in Dortmund, der Vater unsrer schönen Cousine, die Sie gestern abend gesehen haben – doch das kommt ja auf eines heraus – wir hatten sie zu einem besonderen Zweck gekauft: hofften, daß eine Zweigbahn, welche direkt in unsern Bergwerksbezirk – was soll ich Sie mit Details behelligen! Enfin , wir möchten sie wieder verkaufen. Für den Käufer der reine Gelegenheitskauf, da wir die Güter – übrigens ein wahrhaft herrschaftlicher Besitz – los sein möchten 97 und infolgedessen einen Preis stellen könnten – verzeihen Sie! Der Telephonapparat auf seinem Arbeitstische hatte angeklingelt; er war aufgesprungen, horchte ein paar Momente, rief: Kaufen! natürlich! Schluß! und kam zu Wilfried zurück: So geht das den ganzen Tag – zum Verzweifeln! Also, was ich sagen wollte, Herr Graf: wir könnten einen sehr niedrigen Preis stellen – einen Spottpreis, so zu sagen. Ihre Frau Tante ist eine unserer ältesten und, ohne Übertreibung, besten Kunden. Wir würden Ihnen unter allen Umständen den Vorzug geben. Sie sind sehr gütig, erwiderte Wilfried, der nur mit halbem Ohr auf die im schnellsten Tempo gesprochenen Worte gehört hatte. Jedenfalls werde ich nicht verfehlen, meiner Tante und dem Justizrat, den ich nebenbei noch heute abend bei ihr zu treffen hoffe, die Angelegenheit vorzutragen. Sie wissen, daß der Justizrat – Weiß, weiß! Ein vortrefflicher, schneidiger Herr. Bei dem sind Sie in den besten Händen. Ob er freilich gerade viel von landwirtschaftlichen Dingen – Dafür habe ich dann meinen Bruder. Durchlaucht, den Fürsten – eine Autorität ersten Ranges! Seine letzte Rede im Reichstag – die Herren Agrarier werden sie sich nicht an den Spiegel gesteckt haben. Also noch einmal verbindlichen Dank, sagte Wilfried sich erhebend. Nicht die mindeste Ursache, Herr Graf. Erlaubte mir bereits anzudeuten, wie interessiert wir selbst in der Sache sind. Geschäft ist Geschäft. Stehe selbstverständlich zu jeder weiteren Auskunft gern zu Diensten. Und nicht wahr, Herr Graf, für den Donnerstag – wir dürfen doch mit Bestimmtheit – gut, gut! Meine Damen werden sich diebisch freuen. Und der Herr Graf haben die Güte gehabt, Ihren Herrn Vetter – 98 Ich habe auch, da Sie den Wunsch äußerten, mit Baron Rentlow – Prächtig! Meine Damen schulden Ihnen eine Lorbeerkrone mindestens. Durch diese Thür, Herr Graf, wenn ich bitten darf! Sie kommen da direkt auf den Treppenflur. Sie standen an der Thür. Halb wider Willen, fast unbewußt that Wilfried eine Frage, die er bereits während der ganzen Zeit auf der Zunge gehabt hatte: Könnten Sie mir über die Familienverhältnisse Ihres Kassierers irgend eine nähere Auskunft geben? Der junge Bankier blickte ihn erstaunt an. Ich hörte Sie ihn vorhin Schulz nennen. Ich habe kürzlich eine Familie des Namens kennen gelernt, für die ich mich interessiere – Arthur mußte sich hier ein diskretes Lachen verstatten. Aber, verehrtester Herr Graf: Schulz giebt es so viele, wie Sand am Meer; im Adreßbuch x Seiten voll! Gewiß. Es ist ja auch nur die entfernteste Möglichkeit. Sie können mir nichts Bestimmteres über ihn – Nicht das mindeste. Ich weiß nur, daß er, ehe er vor zwei Jahren zu uns kam, immer nur in den feinsten Häusern, zuletzt bei Bleichröder, gearbeitet hat. Das ist für uns – meinen Papa und mich genug. Um die sonstigen Verhältnisse unsrer Angestellten kümmern wir uns grundsätzlich nicht. Mein Bruder Leo ist leider nicht in der glücklichen Lage. Eine Fabrik bringt das so mit sich. Und ich weiß, welche Unannehmlichkeiten und Scherereien ihm daraus erwachsen. Aber wenn Sie wünschen, so will ich gern zu erfahren suchen – Auf keinen Fall. Es war wirklich ein thörichter Einfall von mir. Darf ich bitten, mich Ihren Damen zu empfehlen? Es geht Ihrer Frau Mutter nicht besser? Nicht besser und nicht schlechter. Die alte traurige Situation. 99 Arthur hatte seinen Besuch zur Thür hinaus bis an die Treppe geführt. Während Wilfried sie hinabschritt, war ihm, wie stets, wenn er aus den Bielefelderschen Kontors kam, als habe er ein Gefängnis hinter sich. * * * Den notwendigen Weg in die Stadt hatte er nur vorgeschützt. Seine einzige Obliegenheit für heute war der Besuch bei der Tante. Dazu blieb ihm aber mindestens noch eine Stunde Zeit. Und jetzt fühlte er nun doch eine tiefe Erschöpfung, erklärlich genug nach seinem schier endlosen Verweilen im Tiergarten; der seelischen Erregung, die ihn da rastlos umhergetrieben; zuletzt dem peinlichen Weg zur Kasse und der unerquicklichen Unterhaltung mit dem Bankier. Sollte er noch den Theeabend bei der Tante aushalten, mußte er durchaus etwas für seine heruntergestimmten Nerven thun. Das Restaurant Bellevue lag auf seinem Wege zur Viktoriastraße. Es war so gut wie ein anderes. Die Speisestunden mochten vorüber sein. Von den zahlreichen kleinen Tischen unter dem die weite Veranda überspannenden Zeltdach waren nur wenige besetzt; Wilfried trat in einen der Säle, deren Glaswände nach der Veranda bei dem schönen Wetter man entfernt hatte. Es war ihm immer peinlich gewesen, zu speisen, während die Leute, die auf der Straße vorübergingen, und von denen – wer mochte es wissen? – einer und der andere kein Mittagsessen gehabt hatte, ihm die Bissen in den Mund zählen konnten. Der Saal war völlig leer; in dem weiten Raum herrschte ein Halbdunkel, das ihm wohlthat. Er setzte sich in die fernste Ecke und bestellte sich eine einfache Mahlzeit bei einem Kellner, der ihn hier schon wiederholt bedient hatte. Die Speisen waren gut; aber Wilfried hatte trotz seiner Erschöpfung keinen Hunger; nur den kühlen 100 Rheinwein trank er gierig, daß er sich zu der ersten halben Flasche, bei der er es sonst immer bewenden ließ, eine zweite kommen ließ. Bei der saß er dann schlürfend, rauchend, in einem dämmerhaften Zustande, der nicht Wachen und nicht Schlaf war. Oder war er zuletzt wirklich eingeschlafen? Er fuhr erschrocken auf seinem Stuhl zusammen: völlig deutlich, mit den Händen zu greifen, hatte er sich gegenüber an der anderen Seite des kleinen Tisches Lotte Schulz gesehen, wie sie heute nacht, als er sie verließ, in der Hausthür stand, während der Mond ihr in die großen Augen schien und sie die trostlosen Worte sprach: Uns kann keiner helfen! Er hatte die Worte sogar eben wieder zu hören geglaubt – Seltsam, murmelte er. Wüßte ich es nicht besser, ich würde sagen: eine Erscheinung. In früheren Zeiten hätte man es gesagt. So hast du nur geträumt. Es war ein schöner Traum. Zum Erschrecken schön. Und weshalb solltest du sie nicht im Traum sehen? Siehst du sie wachend doch überall; wirst auf Schritt und Tritt an sie erinnert! Der Kassierer vorhin; nun wieder da die Dame – Er hatte sie vorher nicht bemerkt; sie war wohl, während er so vor sich hingeträumt hatte, gekommen, und saß nun an einem der runden Tischchen, noch im Saal, aber in unmittelbarer Nähe eines der offenen breiten Thüreingänge. Vor ihr stand der Kellner, der auch ihn bedient hatte. Die Dame blieb allein und blickte, ihren Sonnenschirm in den Fußteppich bohrend, bald in die Veranda hinaus, bald vor sich nieder. Dann hob sich von dem lichteren Hintergrunde ihr Profil sehr deutlich ab. Nein, es war nicht Lotte, an die sie ihn erinnerte, wohl aber mit ihrem feinen blassen Gesicht an den feinen blassen Knaben, ihren Bruder, seinen Schützling, der dem Mädchen bei Josty so ähnlich gesehen hatte – Und es war das Mädchen von gestern Abend bei Josty; als sie jetzt den Kopf ein wenig in den Saal gewandt, wußte er es. 101 Wunderlich, daß er dem armen Geschöpf so bald wieder begegnen mußte; aber er hatte ja heute schon so viel des Wunderlichen, Außerordentlichen erlebt, da mochte er dies zu dem übrigen zählen. Der Kellner hatte dem Mädchen das Verlangte gebracht, ein Glas Eiskaffee, wie es schien. Sie führte sofort das Rohrstäbchen an den Mund. Wilfried winkte dem Kellner, der alsbald an seiner Seite war. Kennen Sie die Dame? fragte der Graf. Der Kellner lächelte. Eine Dame ist es nun wohl nicht, Herr Graf. Gleichviel. Ich möchte Genaueres von ihr hören. Der Kellner lächelte abermals, jetzt sehr diskret. Die Frage konnte freilich nur einen Sinn haben, aber allzu deutlich durfte man sich das auch nicht merken lassen. Sie kommt nicht oft hierher; die Woche ein-, höchstens zweimal, und setzt sich, wenn es möglich ist, immer da an denselben Platz. Na, manchmal glückt es, manchmal nicht. Unser Herr hat schon davon gesprochen, wir sollten ihnen – natürlich höflich, oder doch so, daß es kein Aufsehen macht – aber das ist so 'ne Sache. Und wenn die Mädchen sich soweit anständig betragen – Gewiß. Es kann da so leicht ein Mißgriff stattfinden. Der Kellner lächelte überlegen. Nicht gut denkbar, Herr Graf. Wir kennen sie alle. Das heißt: die der eine nicht kennt, kennt der andre. Man kommt ja schließlich durch alle Cafés und Restaurants. Da wissen Sie auch ihren Namen? Aufzuwarten, Herr Graf: Schulzenlise. Wie? Das heißt: sie nennen sie nur unter sich so, und die guten Bekannten natürlich. Der eigentliche ist Elise Schulz. Unmöglich! Ganz gewiß, Herr Graf. Wenn der Herr Graf mir nicht glauben – ich kann den Jean rufen, der – 102 O, nein! nein! Ich glaube es Ihnen auch so. Ich wollte nur meiner Sache sicher sein. Können der Herr Graf. Ich weiß ja auch den Namen des Herrn Grafen, obgleich der Herr Graf uns so selten beehren. Gut, gut. Bitte, meine Rechnung! Habe sie bereits ausgeschrieben. Hier. Der Rest für Sie. Danke! danke verbindlichst, Herr Graf. Und wenn ich dem Herrn Grafen noch sonst dienen kann – Der Kellner machte eine bezeichnende Geste zu dem Mädchen hinüber, das noch immer unbeweglich auf ihrem Platz saß, von Zeit zu Zeit den Rohrstab zum Munde führend. Wilfried schüttelte den Kopf. Der Kellner machte seine Verbeugung und ging bis zur zweiten Thüröffnung nach der Veranda, wo er stehen blieb, den Rücken nach dem Saal wendend. Was nun kommen würde, da brauchte er nicht weiter hinzusehen. Das kannte er. * * * Wilfried blieb noch eine halbe Minute sitzen, das Wie zu überlegen. Es führte zu nichts. Er würde das Rechte auch so finden. Er erhob sich und schritt langsam auf das Mädchen zu. Sie hatte bei der Annäherung des Herrn, der eben – sicher über sie – so eifrig mit dem Kellner gesprochen, den Kopf erhoben. Als er vor ihr an der anderen Seite des Tisches stehen blieb, spielte ein Lächeln um ihren hübschen Mund. Fräulein Elise Schulz? Sie errötete durch die Schminke, mit der, wie Wilfried jetzt sah, ihre Wangen überhaucht waren, und blickte ihn halb erschrocken an. Die Augen waren groß und tief, blau, glanzlos. 103 Ich müßte mich sehr irren, mein Fräulein; oder ich bin Ihnen bereits gestern abend begegnet – bei Josty. Sie hatte jetzt gleichfalls den Herrn, der ihr und der Freundin gestern den Tisch abgetreten, wiedererkannt. Mit dem Hochmut, den ihm die andere vorgeworfen, konnte es nicht so weit her sein. Würde er sie sonst hier angeredet haben? Sie wurde abermals rot, und jetzt kam auch ein lebhafterer Ausdruck in ihre Augen. Wir sind also, so zu sagen, Bekannte, fuhr Wilfried fort. Da darf ich wohl – Bitte sehr! Er hatte auf dem Stuhl ihr gegenüber Platz genommen; ohne scheinbar darauf zu achten, daß sie ihr Kleid zusammenstrich, als ob er ihrethalben gern näher rücken möge. Ich bin auch, wenngleich erst seit kurzem, ein Bekannter Ihrer Familie, vorausgesetzt, daß eine gleichen Namens, die in der Wichmannstraße wohnt, die Ihre ist. Sie brauchen mich nicht so ängstlich anzusehen. Meine Neugier entspringt aus keiner schlechten Absicht – im Gegenteil. Ich will den Ihren wohl und will es auch Ihnen. Mein Wunsch ist, Ihnen allen zu helfen; ich bin in der Lage, es zu können, so weit da menschlicherweise von Hilfe zu reden ist. Für die Ihren ist schon einiges geschehen; es soll und wird noch mehr gethan werden. Im Augenblick handelt es sich für mich darum, daß Sie mir Vertrauen schenken. Das andere wird sich dann finden. Sie hatte, die niedergeschlagenen Augen nur ein paarmal flüchtig hebend, zugehört. Bei seinen letzten Worten zuckte es um ihren kleinen Mund, als würde sie in Weinen ausbrechen. Aber sie bezwang sich sofort und sagte in einem Ton, der offenbar trotzig klingen sollte: Ich weiß nicht, mein Herr, was Ihnen der Kellner von mir gesagt haben mag. Er kennt mich nicht, kann mich gar nicht kennen. Ich bin hier zum erstenmal; heiße auch nicht so, und – Dann habe ich freilich um Entschuldigung zu bitten. Wilfried machte eine Bewegung aufzustehen. Das Mädchen hatte das Recht, sein Anerbieten zurückzuweisen. Aufdrängen durfte, wollte er sich nicht. Sie streckte die Hand aus, die in einem hellen, offenbar wiederholt gewaschenen Glacéhandschuh stak. Nein, nein! bitte, bleiben Sie! Es ist alles wahr, alles – Durch ihre leisen Worte klang eine solche Angst, in den großen Augen, die sie jetzt zu ihm erhoben hatte, lag ein solches Flehen – Armes, armes Kind! murmelte Wilfried. Eine kurze Zeit schwiegen beide. Sie weinte still, ein feines, aber schadhaftes Taschentuch wiederholt in die Augen drückend, zwischendurch ängstlich nach der Veranda draußen blickend, auf der es jetzt lebhafter zuging, und nach dem Kellner, der, ein Bein über das andere geschlagen, noch immer an dem Pfosten der zweiten Thür lehnte. Das Tête-à-Tête konnte jeden Augenblick durch das Eintreten anderer Gäste in den Saal gestört werden; Wilfried mußte versuchen, in Erfahrung zu bringen, was er durchaus wissen mußte. Wo wohnen Sie, Fräulein Elise? Sie nannte eine Nummer in der Schützenstraße. Allein? Die Antwort kam nicht sogleich. Und dann: Mit einer Freundin. In deren Begleitung Sie gestern abend waren? Elise Schulz nickte. Das ist eine schlimme Freundin, fürchte ich. Die erste Bitte, die ich an Sie habe, ist: trennen Sie sich von der! Ich kann es nicht, flüsterte sie. Warum nicht? 105 Ich – ich – bin ihr Geld schuldig. Wieviel? Genieren Sie sich nicht! Ich muß es wissen. Beinahe hundert Mark. Und wenn Sie die zurückzahlen, könnten Sie sich frei machen? Ich könnte es wohl. Und wollten es auch? Ach ja! sie ist gar nicht gut zu mir. Sie versprechen es mir, wenn ich Ihnen dazu verhelfe? Bitte, sagen Sie ja! Ja, aber – Kein aber! Sie versprechen es mir. Es soll Sie nicht gereuen. Und hier – Er blickte sich prüfend um; es achtete entschieden niemand auf sie. Hier sind zweihundert Mark. Aber so nehmen Sie doch! Und in die Tasche! schnell! So! Davon bezahlen Sie Ihre Schuld. Für das übrige mieten Sie sich sofort eine andere Wohnung, meinetwegen bei armen kleinen Leuten, wenn sie nur anständig sind. Glauben Sie, das morgen im Lauf des Tages fertig zu bringen? O ja, das könnte ich wohl. Gut. Wenn Sie damit zu stande sind, lassen Sie mich sofort auf einer Postkarte Ihre neue Adresse wissen. Hier haben Sie die meine. Er hatte eine Visitenkarte aus dem Täschchen genommen. Sie warf einen schnellen Blick darauf. Ach! ich dachte es mir. Was? O, nichts, nichts. Nur, daß Sie ein sehr vornehmer Herr sein müßten. Schon gestern abend – Sie werden darum nicht schlechter von mir denken. Und noch eins: sobald ich Ihre neue Adresse weiß, werden Sie weiter von mir hören. Bis dahin halten Sie sich hübsch zu Hause. Wollen Sie das? Ich will alles, was Sie wollen. 106 Jetzt waren ihre Augen nicht mehr glanzlos: es drang aus ihnen ein Blick innigster, fast schwärmerischer Dankbarkeit. Mit einer Gebärde, in der keine Spur von Koketterie war, streckte sie ihm die Hand hin, wie zur Bekräftigung dessen, was sie versprochen hatte. Wir sind also einig, sagte Wilfried, den Druck der kleinen Hand erwidernd. Ich muß jetzt fort. Sie bleiben auch nicht länger hier? Keine Minute. Wilfried war gegangen. In dem Augenblick, als er den Rücken gewandt, drehte sich der Kellner um und kam, die eine Hand in der Hosentasche, mit der andern spöttisch das Tellertuch schwenkend, auf das Mädchen zu, das bereits aufgestanden war. Na, Fräulein, nicht wahr, eine feine Bekanntschaft? Zu der hab ich Ihnen verholfen. Gott, Sie brauchen mich nicht so glupsch anzusehen! Ich meine es ja gut mit Ihnen. Das Mädchen erwiderte kein Wort. Stumm wies sie auf das Geld, das sie auf den Tisch gelegt hatte, und ging schnell durch die um diese Stunde noch leeren inneren Räume dem Ausgang zu. Sonst hatte sie ihren Weg immer über die Veranda genommen, sich langsam, einen besonders kecken Blick mit einem verstohlenen Lächeln erwidernd, zwischen den Gästen hindurchschlängelnd. Wie die sich hat! brummte der Kellner, den Tisch abwischend. Na ja! so ein Graf kommt ihnen nicht alle Tage. * * * In dem großen Salon der Frau Geheimrat Dürieu zündete der Kammerdiener Mathis die Wachskerzen auf den Wandkandelabern an und den zwei hohen Bronzeständern rechts und links von der Thür, welche in eine Flucht anderer Zimmer führte, die vorläufig unerleuchtet blieben; dann die zwei mit Rosaschleiern verhängten Lampen 107 auf dem Kaminsims; endlich eine besonders stattliche auf dem teppichbedeckten oblongen Tisch in der Mitte des Salons. Nun trat er an die Fenster, deren schwere seidene Vorhänge er zuzog. Bevor er das letzte der drei schloß, hatte er einen fast unwilligen Blick nach draußen geworfen. Es war noch vollkommen hell auf der Straße; an den obersten Kanten der gegenüberliegenden Häuserdächer verglühte sogar erst der letzte Abendschein. Mathis fand das ungehörig. Wenn bei Frau Geheimrat einer ihrer montäglichen Abende war, hatte es draußen dunkel zu sein. Den kleinen Leuten mochte es zu gute kommen, daß so ein Junitag kein Ende nahm; aber »Eines schickt sich nicht für alle«, wie Professor Jarnowitz zu sagen pflegte. Natürlich von Goethe; Doktor Cramer war das letzte Mal für Schiller. Wie einer nur für Schiller sein kann! Aber gegen Professor Jarnowitz kam er auch nicht auf. Mathis hielt das Selbstgespräch, während er noch einiges auf dem Theetisch ordnete, an den er dann hinter den mächtigen silbernen Kessel einen der kleineren Fauteuils rückte: für Fräulein Friederike von Ülbach, die ein für allemal »an der Quelle saß«. Muß doch mal fragen, ob das von Goethe oder Schiller ist, murmelte Mathis, der Schüssel mit belegten Brötchen eine schicklichere Stelle auf dem Tisch anweisend. Die Rokokouhr auf dem Kaminsims schlug viertel auf acht. Er war also, wie es sich gehörte, auf die Minute fertig geworden. Und da kam auch schon das leise Rauschen von dem Kleide der Gnädigen durch die kleine Tapetenthür, die in ihre Schlafgemächer führte. Mathis brauchte sich nicht umzuwenden – er wußte ohnedies, daß das Kleid weiß sein würde. Die Gnädige trug sich meistens so; an den Theeabenden unbedingt. Es war da auch ein Wort von Goethe im Spiel; Mathis hatte noch nicht herausgebracht, welches. Die Gnädige, die sein »heißes Bemüh'n«, in bescheidener Weise möglichst goethefest zu 108 werden, gern sah und gelegentlich freundlich unterstützte, mochte er nicht fragen: es war etwas von »Ausziehen« dabei. Frau Geheimrat war nach einigen Schritten stehen geblieben, einen prüfenden Blick über den weiten Raum schickend, wobei sie andächtig leise: »Es glänzt der Saal« flüsterte. Dann schritt sie langsam auf einen der Trumeaus zu, welche an den Fensterpfeilern bis zur Decke aufragten, und blieb da, ihre Erscheinung musternd, stehen. Das lange, faltenreiche Kleid aus feinstem schmiegsamen Wollstoff, ohne der Mode allzusehr Gewalt anzuthun, dem Schnitt eines griechischen Gewandes sich annähernd; das blasse Gesicht mit der fast antiken Reinheit seiner feinen Züge; das kaum hier und da in Grau schattierende, aschblonde, ungewöhnlich volle, von einer Doppelbinde, die über der Stirn eine Agraffe zusammenhielt, umschlungene Haar – so mochte Goethe eine und die andere der vornehmen Damen am Hofe von Weimar mit leiblichen Augen, so die edlen Frauen in Wilhelm Meister: eine Gräfin, eine Makarie in seines Geistes Aug' gesehen haben. Sie wandte sich vom Spiegel zu dem Alten, der, jetzt ein paar Schritte vom Theetisch, den Kopf ein wenig auf die rechte Schulter geneigt, der etwaigen Befehle der Herrin harrte. Alles schicklich und anständig; ich danke Ihnen, mein Bester. Nur meine Schuldigkeit, Gnädige. Und doch haben Sie eines vergessen, ich möchte sagen: das Hauptstück. Mathis, erschreckend, folgte mit den Augen dem Blick der Herrin, der auf den großen mit Fauteuils umstellten Tisch geheftet war. Was konnte sie meinen? Die beiden, stets mit Blumen, heute mit Rosen gefüllten silbernen Schalen standen doch auf ihren richtigen Plätzen rechts und links von der Lampe; die Lampe in der Mitte, 109 genau unter dem großen Krystall-Kronleuchter – plötzlich schlug sich der Getreue mit der flachen Hand vor die Stirn. Habe ich nun recht? sagte die Dame lächelnd, wenn ich von dem Hauptstück sprach? Gehen Sie, mein Bester! Mathis ging, ganz geknickt. Ein solch grausames Versehen war ihm in zehn Jahren nicht passiert. In der Thür stieß er fast auf einen kleinen alten Herrn, der sehr eilfertig herankam. Verzeihen Herr Justizrat! Les beaux esprites se rencontrent , rief der alte Herr in munterem Ton. Ah! da ist sie ja: Iphigenie oder Leonore d'Este, oder als was soll ich Sie heute verehren? Er war mit kurzen, trippelnden Schritten auf die Dame zugelaufen und hatte ihr die Hand geküßt. Sie lächelte auf den Freund herab. Sie Lieber, Guter, wie schnell Sie meiner Bitte gefolgt sind! Ich hatte gerade eine halbe Stunde Zeit. Und da Sie es so eilig machten – Es ist nur – aber setzen wir uns doch! An den sakrosankten Tisch? Um keinen Preis! Der Stuhl selbst würde den Unwürdigen von sich stoßen. Die Geheimrätin lächelte: »Von allen Geistern, die verneinen« – Sie wissen ja, mein würdiger Freund. Also hier! Sie hatte auf einem der Divans, die durch den Raum verteilt waren, Platz genommen und den Justizrat an ihre Seite gewinkt. Also, weshalb ich Sie habe bitten lassen. Unsere Angelegenheit ist plötzlich in ein neues Stadium getreten. Heute morgen ein reizendes Billet von meiner anmutigen Ebba: die jungen Leute haben sich gestern abend entschlossen, noch in diesem Herbst, anstatt nächstes Frühjahr zu heiraten. Sie bittet mich dringend, Wilfried zu bestimmen, mit dem Ankauf des Gutes nicht länger zu 110 zögern. Nun, an uns soll es nicht fehlen. Von Ihnen aber, mein Freund, wünsche ich zu wissen, ob diese neueste Wendung irgend welche Veränderung in dem Testament nötig macht; sodann ob diesem Gutskauf, der mir so am Herzen liegt, irgend welche finanzielle Bedenken unsererseits im Wege stehen. Auf das Testament, verehrte Freundin, erwiderte der Justizrat, hat der frühere Hochzeitstermin nicht den mindesten Einfluß. Und was den Gutskauf betrifft, so kann ich nur wiederholen, daß, sein Geld in Landbesitz anzulegen, heutzutage alles Mögliche, nur kein rentables Geschäft ist. Aber von einem Geschäft, was man unter nüchternen Leuten so nennt, ist ja in diesem Falle nicht die Rede. Man könnte eher von einem Wolkenkuckucksheimprojekt sprechen. Sie sagen: es liegt Ihnen am Herzen. In der angenehmen Situation, es sich leisten zu können, sind Sie! Eh bien! leisten wir es uns! Wer Sie so reden hörte, mein Lieber, sagte die Dame, er müßte mich wahrlich für einen jener Leute halten, die Goethe, wenn sie die dreißig erreicht haben, ans Kreuz zu schlagen rät. Woher da alles Holz nehmen, Verehrteste! Die Welt wimmelt heutzutage von Schwärmern. Übrigens, der Schwärmerei möchte ich Sie nicht anklagen. Nur ein Stück Phantasterei steckt in dem Projekt, und dabei bleib' ich. Sagen Sie jetzt noch statt Phantasterei Phantasie, und ich bin befriedigt. Um die Phantasie mag es eine ganz schöne Sache sein, vermute ich, wenn es sich um Kunstdinge handelt, in denen ich ein für allemal ein Barbar bin. Im praktischen Leben, wo ich ein bißchen besser zu Hause zu sein glaube, spielt sie eine recht bedenkliche Rolle. Darüber werden wir uns schwerlich jemals einigen. Ich fürchte auch. Und doch liegt mir so viel daran, daß mein älteste Freund mich auch in diesem Falle wenigstens versteht. 111 Ich verlange nichts besseres. So will ich versuchen, was für mich in dieser Angelegenheit das treibende Motiv ist, Ihnen verständlich zu machen. Sie werden sehen, wie lange man befreundet gewesen sein kann, ohne doch von gewissen Partieen seines Herzenslebens den Schleier gelüftet zu haben. Eine feine Röte hatte die bleichen Wangen der Dame gefärbt; mit halbgeschlossenen Augen blickte sie auf die im Schoß gefalteten schlanken, weißen Hände. Der Justizrat unterdrückte mit Mühe eine Bewegung der Ungeduld. Seine Zeit war wirklich knapp gemessen, und er wußte aus langer Erfahrung, wie gut die verehrte Freundin zu reden verstand und – wie gern sie sich reden hörte. Überdies, was konnte sie ihm Neues zu erzählen haben – ihm! Aber davon half ihm nichts. Ich bin ganz Ohr, sagte er, den kahlen Kopf ein wenig auf die Seite neigend und nach dem Kronenleuchter hinaufblinzelnd, dessen Krystalle in allen Regenbogenfarben spielten. * * * Es verging nach des Justizrats Berechnung noch eine volle halbe Minute, bevor Tante Adele, wie er die Freundin mit den ganz Vertrauten nennen durfte, ohne ihre nachdenkliche Haltung zu verändern, mit ihrer leisen Stimme begann: Wie klar und deutlich der Hochsommerabend in meiner Erinnerung steht, der über mein, meiner Schwester Carola, unsrer Freundin Antoinette Kesselbrook Schicksal entschieden hat! Klar und deutlich, wie nur irgend eine Situation im Werther oder Wilhelm Meister. Im Garten des Klosters, dem man unsere Erziehung anvertraut hatte, uns drei Waisen, gleicherweise – ich darf es jetzt wohl sagen – schön und ebenso blutarm. Bedenkliche Eigenschaften, wenn man dabei auf eine endlose Reihe von Ahnen 112 zurückblicken kann, und der junge Busen von Aspirationen geschwellt ist. An jenem Abend hatten wir Unzertrennlichen wieder einmal das unerschöpfliche Kapitel der glorreichen Geschichte unserer Vorfahren behandelt und die leuchtenden Bilder auf die dunkle Folie unsrer armseligen aussichtslosen Gegenwart gemalt. Oder welche andere Aussicht hätten wir gehabt, als unsren Erzieherinnen den Dank für ihre Mühen dadurch abstatten zu dürfen, daß wir ihren Bitten nachgaben und Himmelsbräute wurden, wie sie? Für uns Verlassene, die wir im Dämmerschatten der allein seligmachenden Kirche aufgewachsen waren, wie nahe lag der Schritt! Und der Schwester, der Freundin, wie wenig hätte er ihnen gekostet! Ich möchte sagen: sie hatten ihn schon halb gethan. Mit mir stand es anders, so ganz anders. Ich war, ohne eine Zeile von dem Meister gelesen zu haben, ein geborenes Weltkind, wie er. In meinen jungen Adern pulste, wie sehr auch vergeistigt durch die klösterliche Erziehung, das sinnenfreudige Griechentum, die Ahnung wenigstens eines Lebens, das für die fröhliche Entfaltung aller Kräfte des Leibes und der Seele gefälligen Raum bietet. Nun, in jener Stunde, erregt und angefeuert durch so erhabene Reminiscenzen, überkam mich diese Ahnung wieder einmal und mit Vollgewalt. Als malte sie der Genius der lichten Vergangenheit selbst, schilderte ich den Hochaufhorchenden unsere Zukunft: ein Land voll Sonnenschein, in welchem alle unsere Blütenträume reiften. Sie waren geblendet, hingerissen. Meine gute Carola vergaß ihre angewohnte rührende Bescheidenheit, Antoinette die Resignation, die sie uns stets als das höchste pries. Und als ich auf der Steinbank, die mir als Rostra hatte dienen müssen, meine begeisterte Rede schloß mit der Aufforderung, zu schwören, daß wir der Ahnen eingedenk sein und bleiben und alles mit der Ehrbarkeit Vereinbare thun wollten, was uns zu einer Position im Leben verhülfe, unserer Ahnen würdig – da hoben sie ihre reinen Hände, sie in die meine fügend, und 113 – ich darf es ohne Übertreibung behaupten – wir hatten unser weiteres Schicksal im Leben besiegelt. Brauche ich zu sagen, daß für uns, die letzten zweier edelster Geschlechter, deren Mannesstamm erloschen war, sich die Heirat mit einem Ebenbürtigen, der auch besaß, was uns in so trauriger Weise fehlte, und an dem doch alles in der Welt hängt, wie sie nun einmal ist, als einzige Möglichkeit der Realisation unserer glänzenden Zukunftsträume bot, ja, mit unabweisbarer Macht aufdrängte? Und nun wollte der seltsamste aller Zufälle, daß unser Programm, in der Hauptsache wenigstens, durchzuführen, der weitaus anspruchlosesten und bescheidensten von uns, meiner Schwester, vorbehalten war. Aber hier endet die Vorgeschichte, die ich Ihnen nicht ersparen konnte, weil Sie nur aus ihr ein volles Verständnis dessen gewinnen, was Ihnen im übrigen bekannt genug ist. Sie wissen, wie der junge Fürst meine Schwester sah, als er auf der Durchreise eine entfernte Verwandte in unserem Kloster besuchen durfte; wie eine flüchtige Neigung, die er für die jetzige Generalin Falkenburg gefaßt hatte, sofort erlosch, und er nicht ruhte, bis er die Gute-Schöne zu der Seinen gemacht hatte. Wie dann die Schwester, wohl sie und ihr Gatte, es durchsetzten, daß ich ihr hierher, wo der Fürst während der letzten Jahre des alten Herrn residierte, folgen durfte, und beide mich zu der Ehe mit dem Freunde, der in ihrem Hause ein- und ausging, überredeten. Ich weiß nicht, ob ich mich hätte überreden lassen – was brauche ich Ihnen zu sagen, daß die Liebe in der Angelegenheit eine verschwindend kleine Rolle spielte? – wäre der Name der Familie, der jetzt der meine werden sollte, nicht ursprünglich du Rieu und die du Rieu von einem Adel gewesen, der es an Alter fast mit den Reckebergs oder Falkenburgs aufnehmen konnte. Hatte doch erst der Urgroßvater, als er, der aus Frankreich Vertriebene, sich in Preußen ansiedelte, den Adel fallen lassen, der ihm für den zum Seidenhändler gewordenen einstigen Grand Seigneur 114 nicht fürderlich schicklich schien! Weshalb sollte ihn da der Nachkomme nicht wieder aufnehmen, noch dazu, wenn alte, gerechte Ansprüche ein so gediegenes goldenes Relief hatten, und die angesehene Stellung meines Gatten als geheimer und vortragender Rat im Kultusministerium ihnen mindestens nicht hinderlich war? Wie meine Hoffnungen getäuscht wurden; das von den Müttern her seit Generationen in seinen Adern roulierende Bürgerblut einen Einfluß auf seine Denkungsart und Charakter gewonnen hatte, gegen den selbst seine große Liebe für mich nicht aufkam – Sie wissen es. Und wie ich nach seinem so frühen Tode in der Pflege der Kunst und Poesie, in dem Verkehr mit geistig bedeutenden Männern und Frauen mich über mein verfehltes Leben nicht ohne Erfolg wegzutrösten suchte, des sind Sie selbst durch diese langen Jahre ein klassischer Zeuge gewesen. Brauche ich jetzt noch zu sagen, weshalb sie, der ihr höchster Wunsch unerfüllt blieb, die Mutter eines neuen, nicht minder stolzen Geschlechts zu werden, als ihre Ahnen gewesen waren, den Sproß aus ihrer Väter ritterlichem Stamm in der Situation sehen will, die sie dem eigenen Sohne zugedacht hatte? Glücklich, ihn einer Laufbahn entrissen zu haben, die nimmermehr für seinen freien Sinn, sein adeliges Gemüt sich eignete; und in die ihn nichts drängte als ein Verlangen, das ich nicht schelten darf: sich und der Welt zu beweisen, er laufe nicht am Gängelbande einer ihn abgöttisch liebenden Tante, sondern könne auf eigenen kräftigen Füßen stehen und gehen? Tante Adele schwieg, augenscheinlich mit ihrer Geschichte zu Ende. Der Justizrat atmete erleichtert auf. Wie er vorausgesehen, hatte die Freundin ihm lauter bekannte Dinge erzählt, und er sich nur gewundert, daß sie schließlich doch zum eigentlichen Thema, warum Wilfried Falkenburg durchaus Grundbesitzer werden mußte, zurückgekommen war. Dann freilich war ihm auch die Scene im Klostergarten psychologisch interessant gewesen. Daß Tante Adele 115 sich bei der Erzählung streng an die Wahrheit gehalten, nahm er nicht an. Es kam nun einmal bei ihr nicht vor. Aber frei erfunden hatte sie die Anekdote auch nicht. So viel gab wieder ihre Phantasie nicht her, die ihre zarten Wurzelchen stets in poetisch schon beackertes Erdreich trieb. Ein Gran von wirklich Erlebtem mochte schon darin stecken; und dann wurde doch ein wenig begreiflicher, was ihm immer ein Rätsel gewesen war: wie die adelsstolze, phantastische Komtesse den nüchternen, ganz bürgerlich gesinnten, übrigens herzensguten damaligen Assessor Dürieu trotz seines Reichtums hatte heiraten können. Endlich die dritte im Bunde: das resignierte Freifräulein von Kesselbrook, die es fertig brachte, Gattin eines Philipp Bielefelder zu werden! Mit der goldenen Brücke, über welche die jungen Damen in das Land ihrer gereiften Blütenträume schreiten wollten, stimmte es auch in diesem Fall. Nur daß man sich hier auf einen Stammbaum hatte stützen müssen, dessen ehrwürdiges Alter nicht bestritten werden mochte, von dem aber der Gothaische Kalender seltsamerweise nichts wissen wollte. Dem Justizrat war, während er, schweigend zuhörend, in seinem Fauteuil hockte, das alles durch den Kopf gegangen, und er hätte gern über das letzte, sich ihm aufdrängende Problem eine Frage gethan. Aber wer konnte wissen, wie lang die Antwort ausfiel, und ein Märchen zur Zeit – auf so etwas wie Märchen würde es ja doch hinauslaufen – war für seinen Geschmack genug. Überdies war die freie Stunde, über die er zu verfügen hatte, beinahe zu Ende. So hob er denn die kleine Gestalt aus dem Fauteuil und sagte, als er wieder auf den Füßen stand: Ich danke Ihnen, trefflichste aller Tanten. Sie haben mich durch Ihre meisterhaft vorgetragene Geschichte, in der aus jedem Wort die Schülerin Goethes sprach, wahrhaft beglückt. Sollte ich sagen, daß Sie mich ebenso belehrt haben, müßte ich lügen, was ich, wie Sie wissen, 116 nur im äußersten Notfall thue. Im Gegenteil! Wenn Sie, was mir denn doch das punctum saliens zu sein scheint, Ihren Liebling aus der Prosa des Beamtentums in die Poesie des Landjunkertums retten wollen, so ist die erstere keineswegs so nüchtern, wie Sie sich vorstellen, und die letztere ganz gewiß nicht so berauschend, wie Sie offenbar annehmen. Giebt es heutzutage etwas Prosaisches, so ist es das Leben und Treiben des Landwirts, ich meine des echten, rechten, der sein Geschäft ernsthaft treibt und aus dem Kampf mit der Ungunst der Zeitverhältnisse nicht als schmählich Besiegter hervorgehen will. Glauben Sie es mir, der ich freilich kein Ökonom bin, durch dessen Hände aber eine unheimlich große Zahl von Konkurserklärungen abgehauster Landwirte, adliger und bürgerlicher, gegangen sind. Tante Adele, die sich ebenfalls erhoben hatte, lächelte hoheitsvoll. Sie schritt auf den Tisch in der Mitte zu, wohin Mathis während ihrer Erzählung, auf leisen Sohlen kommend, ein Kästchen, überzogen mit blauem Sammet und mit einer goldenen Haspe verschlossen, gelegt hatte. Sie öffnete das Kästchen, nahm ein schön gebundenes Buch in Oktav heraus, schlug es auf und las oder deklamierte – der Justizrat konnte es nicht unterscheiden: Eröffn' ich Räume vielen Millionen, Nicht sicher zwar, doch thätig frei zu wohnen, Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde Sogleich behaglich auf der neusten Erde, Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft, Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft. Im Innern hier ein paradiesisch Land, Da rase draußen – In dem Vorzimmer raschelte es von Frauenkleidern; Mathis schob den einen Flügel der Portière noch etwas weiter auf, zwei Damen durchzulassen. Tante Adele schloß leise das Buch, hauchte einen Kuß darauf, legte es wieder in das Sammetkästchen und wandte sich mit huldvollem 117 Lächeln, die beiden weißen Hände ausstreckend, dem Besuch entgegen: Meine teure Baronin! meine anmutige Friederike! Wie lieb von Ihnen! Und wie immer in Ihrer holden Weise, die pünktlichen, die ersten! Denn der verehrte Freund hier, wollte ich ihn als einen der Unsern in Anspruch nehmen, würde sofort nach der Thürschwelle blicken, ob ihm kein Pentagramma den Ausweg verschließt. Das weniger, sagte der Justizrat; wohl aber würde ich mir, falls ich das Sehnen meines Herzens stillte und länger bliebe, eine scharfe Reprimande des Aufsichtsrats zuziehen, der mich zu dieser Stunde erwartet und dem ich präsidieren soll. So denn: »Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden« – o weh! das ist ja von Schiller! Sie sehen, meine Damen, wie mehr als überflüssig ich in diesem edlen Kreise bin. Er hatte es, seiner Gewohnheit gemäß, ohne eine Miene in dem grotesken Gesichte zu verziehen, gesagt; Tante Adele die Hand geküßt; eine altfränkische Verbeugung vor den beiden andern, ihm wohlbekannten Damen gemacht und verschwand mit kurzen eiligen Schritten in der Dämmerung des Vorgemaches. * * * Die beiden älteren Damen hatten an dem Tische Platz genommen, Tante Adele in der Mitte der Längsseite unmittelbar vor dem Sammetkästchen, die Baronin zu ihrer Linken; Friederike war an den Theetisch getreten, sich zu überzeugen, daß die Flamme unter dem Kessel regelrecht brannte und sich auch sonst alles in der hergebrachten wünschenswerten Ordnung fand. Mathis hatte sich ihr zur Seite gestellt und nahm nun die beiden ersten Tassen entgegen, die er zu den Damen an den großen Tisch trug. Ein entzückender alter Herr, der Justizrat, sagte die Baronin, der sich um uns bei der Regelung der 118 Angelegenheiten nach dem Tode meines Gatten ein großes Verdienst erworben hat. Und ein geistreicher Kopf! Wie schade, daß Sie ihn nicht für unsern intimeren Zirkel gewinnen konnten! Ich habe nie auch nur den Versuch gemacht, meine Liebe, erwiderte Tante Adele. Wenn auf einen Sterblichen das Wort paßt: ›Und haben alle Götter sich vereinigt‹ – so ist er es. Wie die Frau in der Kirche, muß er verstummen, wo die Musen das Wort haben und die Grazien walten. Er ist durchaus aus dem Geschlecht der Werner, wie mein Gatte es war. Und der meine, sagte die Baronin mit einem leisen Seufzer. Ja, meine Liebe, ›der Frauen Schicksal‹ – darin hatte meine geliebte Schwester nichts vor mir voraus. Und hat sie darunter gelitten, wie wir? Ich möchte es nicht behaupten. Der fürstliche Rang entschädigte für vieles. Dann die beiden Kinder. Ob sie freilich an dem ältesten Freude gehabt hätte – Aber, meine Liebe, ich höre den Fürsten nur rühmen. Ich tadle ihn nicht. Nur: er ist in jeder Beziehung der Sohn seines Vaters, das strikte Gegenteil meines lieben Wilfried. Der freilich Ihr Zögling ist. Ich darf mich dessen rühmen. Und er verdankt Ihnen nicht bloß die Bildung seines Geistes und Gemütes; Sie sind ja auch sonst seine Vorsehung gewesen. Dessen rühme ich mich nicht, meine Liebe. Mein Herz wies mich auf ihn, seine Verlassenheit ihn auf mich an. Starben ihm die beiden Eltern doch so früh, ohne daß für seine Zukunft, sein Fortkommen in der Welt auch nur im mindesten gesorgt gewesen wäre. Das Falkenburgsche Majorat ist nichts weniger als ein wirklich reicher Besitz; und der Großvater, der nach allem, was ich von ihm in Erfahrung gebracht habe, an Leichtlebigkeit es mit dem 119 Grafen Egmont aufgenommen haben muß, hatte eine gewaltige Schuldensumme aufgehäuft. Es ist gewiß höchst ehrenwert von dem verstorbenen Fürsten, daß er, den keine rechtliche Verbindlichkeit dazu zwang, man darf wohl sagen, sein Letztes hergab, die Gläubiger zu befriedigen; und – unter uns – Fürst Dagobert, der eben ganz der Sohn seines Vaters ist, hat bis auf den heutigen Tag an der ererbten Last schwer zu tragen. Wie wenig da aber für die übrigen Mitglieder der Familie blieb – nun, Sie kennen ja den General, der das leidige Lied seiner Armut vom Morgen bis zum Abend singt. Und mein Wilfried wäre in derselben Lage gewesen. Würde es mir angestanden haben, ihn, der Licht und Wärme in mein vereinsamtes Leben gebracht hat, sein Brot mit Thränen essen, kummervolle Nächte weinend auf seinem Bette sitzend verbringen zu lassen? Tante Adele tupfte mit dem Spitzentaschentuch auf ihre Augen; die Baronin drückte ihr gerührt die herabhängende Linke. Ja, ja! murmelte sie: ›edel sei der Mensch, hilfreich und gut‹. Kommt Graf Wilfried heute nicht, Tante Adele? fragte Friederike vom Theetisch her. Zweifellos, erwiderte Tante Adele, das Tuch in den Schoß sinken lassend; ich begreife nicht, weshalb er nicht längst hier ist. Sie wissen, er pflegt sonst vor den andern Freunden zu kommen. Und gerade heute hatte ich eine Sache von großer Wichtigkeit mit ihm zu besprechen. Eine poetische? gewiß! rief Friederike. Doch nicht, liebes Kind. Ist es die einzige Klage, zu der mir der Gute Anlaß giebt: daß er den Musen nicht opfern will. Und hat schon als Knabe so schöne Gedichte gemacht, die mich immer an Goethes Jugendlieder gemahnt haben! Solltest Du da nicht zu weit gehen! erinnerte die Mutter. 120 Ja, sie geht zu weit, das enthusiastische Kind; sagte Tante Adele. Was aber könnte man auch mit den wunderherrlichen Liedern vergleichen, die der Genius der lyrischen Poesie selber diktiert zu haben scheint! Ach, liebes Kind, das war und kommt nie wieder. ›In demselben Flusse schwimmst Du nicht zum zweitenmal.‹ Und doch könnte man heute wohl von einem Shakespeare redivivus sprechen, klang hier eine sonore Männerstimme in das Gespräch der Damen. * * * Sieh' da, unser lieber Major, sagte Tante Adele, dem, der über den dicken Teppich ungehört zu der Gruppe getreten war, gütig die Hand reichend, die dieser ehrfurchtsvoll küßte, um dann die beiden andern Damen mit größerer Vertraulichkeit zu begrüßen. Sie meinen – Man kann hier ja nur einen meinen, verehrte Frau, rief der Major, der nun ebenfalls an dem Tische Platz genommen hatte – Fräulein Friederike, wenn Sie noch ein Stück Zucker extra in den Thee thun und Mathis bedeuten wollten, daß er das Cognacfläschchen mit auf den Präsentierteller stellt! – den einen, einzigen, der sich aus dieser Schar von dramatischen Epigonen wie ein Vogel Phönix aufhebt. Kein Verständiger wird sein enormes Talent bestreiten, sagte Tante Adele. Sie sehen, lieber Major, ich bin konziliant, wie der Meister. Er wäre der erste gewesen, meinen Freund zu loben und zu preisen. Denn hier hätte er gefunden, was ihm alle Wege das Erste war: eine Natur. Die ihre Mostperiode nur vielleicht noch nicht ganz überwunden hat. Da möchte ich gehorsamst widersprechen. Wer, der die Dramen seiner ersten Periode mit den gewaltigen 121 Produktionen seiner jetzigen vergleicht, möchte den ungeheuren Fortschritt verkennen? nicht willig einräumen, daß sich der gärende Most zum klarsten Wein entwickelt hat? Und gerade dieses nimmermüde strebend sich Bemühen, dies rastlose Fortschreiten ist in meinen Augen seine Anwartschaft auf die volle Meisterschaft in seiner Kunst. Nehmen Sie seine Konkurrenten, wenn man das Wort überall auf Leute anwenden darf, die im Wettlauf nicht über das erste Stadium hinausgekommen sind und nie hinauskommen werden. Echteste Epigonen, nur nicht Goethes und Schillers, sondern Ifflands und Kotzebues: immer dieselbe Alltagsmisere auf den Brettern, die doch die Welt bedeuten sollen; immer dieselben Konterfeis von Menschen, denen man schon im Leben aus dem Wege geht. Die Gesichter der beiden älteren Damen waren, während der Major von Bronowski mit großer Zungenfertigkeit, bei der sein polnisches R immer deutlicher zu schnarren begann, und augenscheinlichem Enthusiasmus so sprach, sichtbar länger geworden, während Friederike auf ihrem Platz hinter dem Theetisch verlegen dreinblickte. Hier regte sich etwas, das einer Revolte, ja einer Revolution unheimlich ähnlich sah. Und derselbe Mann war, als er, damals ein blutjunger Lieutenant auf der Kriegsakademie, in diesen Kreis trat, dem er dann freilich auf Jahre wieder in einem wechselvollen Garnisonleben entschwand, der glühendste Goetheschwärmer gewesen. Ein tief schmerzlicher Gedanke, daß er jetzt zu andern Göttern beten sollte! Es war Tante Adeles Obliegenheit, in diesem kritischen Moment ein bedeutendes Wort zu sprechen. Hier nun, sagte sie, die eingetretene ängstliche Pause mit sanfter Stimme abbrechend, erinnern wir uns an des Meisters: »Allein hat nie ein Mensch die Kunst besessen.« Daß in des Vaters Hause viele Wohnungen sind, wer wußte es besser, als er! Dennoch will mir bedenklich erscheinen, sich in diesem Falle so vertrauensvoll auf ihn zu berufen. Oder wüßten wir etwa nicht, wie wenig 122 erfreulich, ja, wie antipathisch ihm Kleists Dramen waren, die jetzt, wie die Ihres wiedererstandenen Shakespeare, lieber Freund, – ich muß es zugeben – das Ohr der Menge haben? Bis dahin hat es gute Wege, verehrte Frau, erwiderte der Major lächelnd. Mein Dichter kocht eben, wie der Meister auch, »keine breiten Bettelsuppen« und hat infolgedessen auch noch keineswegs »ein groß Publikum«, das er entschieden einmal haben wird. Und was Goethe Kleists Dichtungen ungenießbar machte, das ist für uns doch kein Geheimnis. Konnte er, der in Napoleon nicht die Geißel des Jahrhunderts, sondern dessen größten Genius sah, an dem Dichter Geschmack finden, dessen Muse der glühendste Haß gegen den übermütigen Korsen war? Hier ist einer, der, anstatt mit Versen, fast noch mit der Waffe in der Hand gegen ihn hätte fechten können, sagte Tante Adele, sich erhebend und dem Greise die Hand reichend, welcher bereits seit einer Minute hinter dem Major gestanden und Tante Adele mit einer Handbewegung gebeten hatte, von seiner Gegenwart vorläufig keine Notiz zu nehmen. Auch die andern hatten sich erhoben, Excellenz von Frötstedt, den hochverehrten Veteran des Kreises, zu begrüßen. Der muntere alte Herr hatte für jeden ein freundliches Wort, das freundlichste für Friederike von Ülbach, seinen erklärten Liebling. Nun hatte er sich auf dem Sessel zur Rechten Adeles, der immer für ihn frei blieb, niedergelassen und wandte sich zu dieser, schalkhaft mit dem Finger drohend: Ei, ei, meine verehrte Freundin, ist es nicht ein wenig grausam von Ihnen, der schon mehr als biblischen Länge meines Lebens noch eine so beträchtliche Elle zusetzen zu wollen? O ja, wäre ich damals nur zehn, nur fünf Jahre älter gewesen, mitgelaufen wäre ich schon! Von einem sechsjährigen Knirps kann man das billigerweise nicht verlangen. 123 Excellenz haben ja dann doch noch Gelegenheit gehabt, sich gegen den Erbfeind ruhmreich zu schlagen; sagte der Major mit schmeichlerisch-höflicher Verbeugung. Danke, danke! erwiderte der alte Herr; es ging noch so eben – mit fünfundsechzig Jahren! Na, unser Moltke und gar unsre hochselige Majestät waren noch ein bißchen älter. Das hielt uns andre stramm. Tante Adele mußte der Unterhaltung, die in Kriegsgeschichten überzugehen drohte, durchaus eine schickliche Wendung auf das Thema geben, dem diese Abende ausschließlich geweiht sein sollten: Wie hochbeglückt darf man Sie nennen, verehrter Mann; daß Sie, ein anderer Lynkeus, von so hoher Warte das menschliche Treiben überschauen, den kleinen Ring, der uns andern das Leben begrenzt, unendlich erweiternd. Und nicht wahr, der Türmer spricht es Ihnen aus der Seele: Ihr glücklichen Augen Was je ihr gesehn, Es sei, wie es wolle, Es war doch so schön. Der alte Herr nickte zustimmend. Friederike, da ihre Dienste eben nicht bedurft wurden, hatte sich ihm gegenüber an den Tisch gesetzt und, die großen blauen Augen schwärmerisch auf ihn heftend, sagte sie mit ihrer leisen weichen Stimme: Dennoch beneide ich Excellenz nur um eines: daß Sie Goethe gesehen haben. Eine feierliche Pause entstand. War doch das allen wohlbekannte Faktum der Stolz des ganzen Kreises; fühlten sich doch alle, wenn auch nur indirekt, Teilhaber eines so bedeutenden, fast einzig zu nennenden Glücks. Frau von Wiepkenhagen, Professor Jarnowitz und Doktor Cramer, die eben in den Salon getreten waren, wußten nicht, wie sie es deuten sollten, daß sie von den Freunden nur mit stummen Händedrücken begrüßt wurden. Tante Adele glaubte ihnen eine Erklärung schuldig zu sein: 124 Wundern Sie sich nicht, meine Lieben! Sie kennen das liebliche Wort: es schwebt ein Engel durch das Gemach. Wir sahen soeben durch die Augen unsres Meisters. Die Hinzugekommenen wußten sofort, wovon die Rede gewesen sein mußte. Und das fast Wunderbare daran ist, sagte der Professor, Mathis eine Tasse von dem Präsentierbrett nehmend, daß unserm würdigen Nestor die Flucht der Jahre die klarste Erinnerung an den herrlichen Moment nicht hat verwischen können. Der Tausend, sagte der alte Herr eifrig; das wäre auch schlimm. Mit achtzehn Jahren hat man scharfe Augen. Und eine volle halbe Stunde, bedenken Sie, was das heißen will, während er im Gespräch mit den höchsten Herrschaften sich nicht vom Fleck rührte und ich, der ihn aus dem Nebenzimmer, nicht zehn Schritte von ihm entfernt, beobachten durfte, mich wahrhaftig auch nicht. Stand doch mein elterliches Haus in Gotha ganz unter seinem Zeichen! War ich doch in der Verehrung für ihn erzogen, groß geworden! Und hatte ihn, trotz der nahen Entfernung – das Reisen war damals, meine Verehrtesten, keine so bequeme Sache, wie heute – nie gesehen, bis ich nun endlich, als Kammerjunker, in Begleitung meines Prinzen das hohe Glück hatte. Daß Sie kein Wort mit ihm austauschen durften! sagte Frau von Wiepkenhagen im Tone innigsten Bedauerns. Es war beim besten Willen nicht möglich, erwiderte der alte Herr achselzuckend, auch bezweifle ich sehr, daß ich den Mut dazu gehabt hätte, wäre die Gelegenheit günstiger gewesen. Dafür habe ich denn heute nacht das damals Versäumte gründlich nachgeholt. Man blickte einander verwundert, fast betroffen an. Der alte Herr hatte es so ernsthaft gesagt; in dem verwitterten Gesicht sich keine Falte verzogen. Ein Scherz konnte es mithin nicht gewesen sein, der sich bei einem solchen Gegenstand wenig geziemt hätte; und für Ernst war es doch unmöglich zu nehmen. 125 Sie sprechen ein großes Wort so gelassen aus, mein würdiger Freund, sagte Tante Adele. Erwartungsvoll hängen wir an Ihrem Munde. In den kleinen, noch immer hellen Augen zwinkerte ein humoristisches Lächeln. * * * Wenn Ihre Erwartung nur nicht getäuscht wird, Herrschaften, und des Pudels Kern Sie lachen macht, der in diesem Falle, wie es sich gebührt, natürlich wieder ein fahrender Scholast ist. Denn als solchen, oder etwas der Art fand ich mich heute nacht im Traume auf einer Landstraße, die sich fast schattenlos durch ein hügeliges Terrain zog, bald hinter einer waldbewachsenen Höhe kurzer Hand verschwindend, bald sich vor mir auf ebenem Plan langhin streckend; und, trotzdem es offenbar eine Hauptstraße sein sollte, nicht besser war, als heute ein vernachlässigter Kommunalweg. Ich schloß aber auf eine Hauptstraße aus der lebhaften Frequenz, die freilich nicht gleichmäßig sich zeigte, sondern, sozusagen, ruckweise, wie das im Traum so zu sein pflegt: jetzt viele Fußgänger, bäuerliche Leute zumeist, Handwerksburschen, das Felleisen auf dem Rücken; eine Reihe mächtiger, mit Planen überspannter Wagen, schwere Gäule davor, die ihre Kummete schüttelten, und neben denen derbe Fuhrleute schritten in blauen Blusen und ledernen Gamaschen, lange Peitschen in den braunen Händen, kurzstielige Thonpfeifen im Munde. Dann war wieder die ganze Staffage verschwunden und ich mutterseelenallein auf der Straße. Die Gegend, durch die ich schritt, kam mir bald bekannt, bald völlig fremd vor: es mochte Thüringen, es konnte auch Böhmen sein. Wohin ich wollte, wußte ich klar: nach Karlsbad, oder, wie man in meiner Jugend zu sagen pflegte und Goethe noch regelmäßig schreibt: in das Karlsbad. Herrschaften wissen, daß ich dahin seit – na, 126 sagen wir dreist: vierzig Jahren regelmäßig gehe, par ordre meiner Ärzte und zu eigenem Behagen, denn es ist ein lieblicher Ort, in dem ich stets mit immer neuer Lust an Natur und Menschen mich rege und bewege. Bin ich aber da, brauche ich den Herrschaften zu sagen, daß ich fortwährend von Reminiscenzen an unsern Goethe auf allen Wegen und Stegen begleitet bin? Ich suche mir dann das Karlsbad von damals im Geiste wieder aufzubauen; mir die Gesellschaft von damals zu vergegenwärtigen, durch die er nun in meiner Phantasie wandelt, immer ein andrer, je nach der Zeit, die mir gerade vorschwebt, und immer derselbe: dieselbe hohe, ehrfurchtgebietende Gestalt, der Mittelpunkt des jeweiligen Kreises, der ihn umgiebt, wie er es an jenem Abend in der Hofgesellschaft von Weimar war. Der alte Herr nippte an der Tasse, die ihm Friederike eigenhändig vor seinen Platz gestellt; lächelte freundlich dankbar zu seinem Liebling auf; nahm aus der goldenen Tabatière, welche er während des Sprechens spielend in den welken Händen bewegte, eine decente Prise und fuhr fort, sich wieder zu der übrigen Gesellschaft wendend: Als ich vor vierzig Jahren zum erstenmal nach Karlsbad kam – und auch noch manches Jahr hinterher – war die Reise nicht ganz so bequem wie heute. Durch einen Teil von Sachsen und durch ganz Böhmen ging es noch per Achse, und ich darf sagen: so im schweren Gefährt mit Posthornklang und Peitschenknall die prächtige Prager Straße in das Tepelthal hinabzurasseln, wie es sich da tief unter uns durch seine Waldberge windet – ja, Herrschaften, dagegen kommen unsere Eisenbahnen doch nicht auf. Da habe ich denn so oft daran denken müssen, daß Goethe, der, Gott sei Dank, sein Lebenlang von den erzprosaischen Eisenbahnen verschont geblieben ist, von Weimar, oder woher er gerade kam, in seinem bequemen Reisewagen nach Karlsbad kutschierte. Und an das viele Ergötzliche und Interessante, was er auf dem langen Wege von 127 seinem Kutschensitze aus auf der Landstraße und in den vielen Wirtshäusern, in denen man Halt machen, auch übernachten mußte, gesehen und beobachtet haben mag. Wir klagen immer darüber, daß die Welt um uns her mit jedem Jahre kahler und prosaischer wird. Ich glaube, wir haben vollauf Ursach dazu. Werden die Herrschaften nicht ungeduldig: ich komme gleich zur Sache. Also ich wanderte im Traume auf der Landstraße in das Karlsbad. Dessen war ich ganz sicher; und daß ich den Weg zu Fuß machte, wunderte mich nicht. Wer wundert sich denn in einem Traum? Und so war es mir auch nicht verwunderlich – ich befand mich einmal wieder auf einer menschenleeren Strecke – einen großen, offenen Reisewagen hinter mir herkommen zu sehen, der alsbald an meiner Seite war, und in dessen Fond niemand Geringeres saß, als Goethe selbst. Ich wußte es sofort, trotzdem er – natürlich hätte ich fast gesagt – anders kostümiert war, als auf der Hofredoute: in einem gelbleinen Staubkittel über dem dunklen Anzug und eine blaue Mütze mit sehr großem Schirm von schwarzem Leder auf dem Kopf. Auch schien er mir um mindestens zwanzig Jahre jünger und viel brauner im Gesicht, wie einer, der so recht gut Freund mit Wind und Sonne ist. Übrigens mußte – obgleich ich davon nichts spürte – der Tag sehr heiß sein, und Pferde, Wagen und der hohe Reisende selbst waren arg eingestäubt. Ich war auf die Seite getreten und hatte eine respektvolle Verbeugung gemacht. Der Wagen hielt, und, mich freundlich aus den großen braunen Augen anblickend, sagte er mit sonorer Stimme – sie klingt mir ja von jenem Abend in Weimar her unvergeßlich im Ohr: Der Tag ist heiß und Ihr seid müde, guter Freund; kommt herein; es ist Platz genug. – Ein jüngerer Mann, der ihm gegenüber auf dem Vordersitz gesessen hatte, war herabgesprungen, mir die Wagenthür zu öffnen, und dann verschwunden – 128 weiß nicht, wohin; kümmerte mich auch nicht darum; hatte jetzt wahrlich Besseres zu thun. War mir doch nun gewährt, was ich mein Lebenlang ersehnt: mit Goethe sprechen zu dürfen. Herrschaften, im Traum geht es nicht immer ganz rationell und logisch zu, besonders in den Gesprächen, die man da führt. Und flunkern und nachträglich eine regelrechte Konversation à la Eckermann komponieren, kann ich nicht; und will ich nicht, wenn ich es könnte. Aber dies und das ist mir doch Wort für Wort im Gedächtnis geblieben, weil ich es mir rekapitulierte, sobald ich erwacht war. Sogleich der Anfang. Ich erinnere mich Ihrer sehr wohl, sagte er – von Weimar am Abend – hier nannte er ein Datum, das entschieden nicht richtig war. Auch Ihre lieben Eltern in Gotha sind mir wohlbekannt und immer treue, erprobte Freunde gewesen. Sie wollen ebenfalls in das Karlsbad. Ich möchte mich darüber wundern, Ihre jungen Jahre erwägend. – Worauf ich bescheidentlich erwiderte: ich sei nicht ganz so jung mehr, wie es den Anschein habe. – Nun wieder er: Sie haben recht mein Bester; der Schein trügt oft; und man könnte wohl hin und wieder unwillig werden, daß wir Menschen so auf den Schein gestellt sind. Nur daß durch den Schein das Wesen der Dinge deutlich genug hindurchblickt, so wir nur die Augen fest darauf gerichtet halten. Ich wenigstens, wenn ich sie recht aufmache, glaube – in den guten Stunden wenigstens – so ziemlich alles zu sehen, was zu sehen ist. Ich wollte sagen, daß ich dies Wort von ihm bereits irgendwo gelesen hätte, erinnerte mich dann aber, es möchte nicht ganz höflich sein, und murmelte etwas von Geisteskraft und sonnenhaftem Auge. Ei, ei, erwiderte er mit einem wundervollen Lächeln in den braunen Augen und um den ausdrucksvollen Mund; man scheint ja recht belesen in meinen Schriften! Nun, das ist ja schön. Aus der deutschen Litteratur kann man mich nicht wieder herausbringen. In unmutvollen Stunden, wie sie keinem erspart bleiben, ist das mir eine tröstend erhebende Überzeugung gewesen. Hier nun, erinnere ich mich genau, kam mir der Gedanke, der übrigens sofort wieder schwand, daß er, mit dem ich sprach, der zu mir sprach, ja längst tot sei, und ich ihm nachträglich seine Überzeugung bestätigen müsse. Wohl aus diesem Gefühl heraus, sagte ich: mit dem Herausbringen habe es ein für allemal nichts auf sich; dafür sei die Goethe-Gesellschaft wohl der schlagendste Beweis. Was ist das für eine Societät, mein Bester? fragte er, erstaunt die Brauen auf die hohe Stirn ziehend; davon habe ich nie gehört. Da machte ich ihm nun, so gut ich konnte, eine Schilderung von dem Wesen, den Zielen unsrer Gesellschaft; in welcher Weise sie arbeite; welche Ausdehnung sie bereits gewonnen habe, und was denn sonst zu dem Thema gehört; höchlichst erstaunt, daß, während ich ihm doch eine Freude zu bereiten glaubte, seine Miene immer ernster, zuletzt sogar ganz finster wurde. Ja, ja, rief er, als ich betroffen schwieg; so sind meine guten Deutschen. Ich habe es immer gesagt: aus allem, was phänomenal in ihr stagnierendes Dasein tritt, machen sie sogleich ein Dogma. Da läßt sich dann an Worte trefflich glauben; da hat man die Teile in der Hand, und für das fehlende geistige Band mag der Himmel sorgen. Doch, was beklage ich mich? Mit dem Luther haben sie es nicht anders gemacht. Oder wäre etwa in der deutschen Litteratur mein Geist lebendig? Hätte man den Weg, auf den Schiller und ich euch gewiesen haben, mit Einsicht, Ausdauer konsequent verfolgt? Sind Sie in der Lage, mein Bester, mir darüber etwas Erfreuliches zu berichten? Ich lasse mich gern belehren. Hier nun geriet ich, dem augenscheinlich völlig Erzürnten gegenüber, in eine Verlegenheit, wie man sie so peinlich nur im Traum empfindet. Einmal kenne ich unsere moderne erzählende Litteratur herzlich wenig, was mir ja, 130 als altem Mann, nicht so sehr zu verargen ist. Ein paar Sachen, die mir halb zufällig in die Hand gefallen und, offen gestanden, gar nicht übel erschienen waren, kamen mir plötzlich recht armselig vor, daß ich nicht damit rausrücken mochte. An dem Theater habe ich längst den Geschmack verloren – ich kann mich beim besten Willen nicht mehr in die obligate Illusion versetzen. So hätte ich auch darüber nichts zu sagen gewußt ohne die begeisterten Mitteilungen, die mir unser lieber Herr Major gemacht hatte. Nun, wissen Sie, dergleichen Relationen aus zweiter Hand pflegen nicht zum besten zu geraten. Ich kam aber auch gar nicht weit, dafür aber aus dem Regen in die Traufe. Mein verehrtes Gegenüber geriet in einen wahren Berserkerzorn und rief: ich solle ihn mit solchem Kram ungeschoren lassen, der zu weiter nichts tauge, als zur Unterwühlung des Bodens, auf dem er und Schiller den Tempel einer wahrhaft humanen, weltbürgerlichen Litteratur aufzurichten sich so heiß bemüht hätten. Bis dahin, meine Herrschaften, hatte mein Traum eine Klarheit und – alles in allem – Folgerichtigkeit bewahrt, über die ich mich jetzt nachträglich selbst wundern muß. Nun aber fangen die Bilder an wirr durcheinanderzutaumeln. Aus dem behaglichen bürgerlichen Reisenden war der apollinische Jüngling geworden im griechischen Gewande, wie ihn uns Hufeland als Orest bei der Aufführung der Iphigenie im Park von Ettersburg schildert; aus dem Postillon Schwager Kronos, der mit einer Geißel wütend auf die Gäule einhieb, die mit dem hin und her schwankenden Gefährt bergab die steile Prager Straße nach Karlsbad herunterrasselten. Von dem Gerassel, das immer toller wurde, fuhr ich erschreckt im Bett auf. Es waren aber nur die Trommeln der Franzer, die unter meinem Fenster nach ihrem Exerzierplatz vorbeimarschierten. Und nun, verehrte Damen, werte Herrn, verzeiht dem Alten seine Geschwätzigkeit! Ja, ja, wenn unser einer ins Reden kommt! Darüber habe ich denn natürlich auch die 131 Stunde versäumt, und mein Wagen – schön, schön, lieber Mathis! Sie sehen, ich komme schon. Bitte, bitte, meine Herrschaften, sich nicht zu derangieren! Der alte bewegliche Mann hatte in gewohnter Weise einen kurzen summarischen Abschied genommen; nur Friederike, die ihm mit ausgestreckten Händen in den Weg gelaufen war, durch einen Kuß auf die gesenkte Stirn auszeichnend. * * * Trotz der Abmahnung des Greises hatte sich alles von den Stühlen erhoben und fand nicht sogleich die Plätze wieder, da jetzt der Moment gekommen war, wo nach der streng beobachteten Gesellschaftsordnung Mathis mit einem zweiten Diener – dieser in Livree – Punsch, Kuchen und Butterbrotschnittchen herumreichte. Dabei blieb es fast unbemerkt, daß Wilfried nun auch endlich sich eingefunden. Tante Adele etwas auf die Seite ziehend, entschuldigte er sich hastig leise mit einer Abhaltung, der er nicht habe ausweichen können. Dir ist etwas Unangenehmes begegnet, flüsterte Tante Adele zurück, ich sehe es Dir an. Es sei ihm nichts derart begegnet; nur etwas Kopfschmerz habe er, wohl infolge des heißen Tages. Die Tante möge entschuldigen, wenn er sich noch mehr als schon sonst zurückhalte. Er hatte dann auch sofort Friederike aufgesucht, die wieder ihres Amtes am Buffettisch waltete. In der Nähe des ihm lieben, seit Jahren befreundeten Mädchens, das er auch als sinnige Dichterin hochschätzte, fühlte er sich hier immer am wohlsten. Auch ihr fiel seine Blässe auf und sie fragte ihn besorgt. Er mochte ihr nicht mit einer schalen Ausrede kommen. Es war ein seltsamer Tag für mich, erwiderte er, ein wunderbarer Tag. Er hat mir das Herz schwer und doch auch wieder so leicht gemacht, so himmlisch leicht, 132 als ob ich fliegen könnte. Aber fragen Sie mich nicht weiter, Friederike! Wenigstens nicht jetzt, nicht heute! Es kommt wohl die Zeit, wo ich Ihnen alles sagen kann. Sie würden es verstehen. Das weiß ich sicher. Sie drückte ihm dankbar die Hand und fuhr fort, die Punschgläser zu füllen, die heute eifriger begehrt wurden, als es die Gewohnheit von Tante Adeles Montagskränzchen war. Die Traumerzählung des alten Herrn hatte in den Anwesenden eine bedeutende Aufregung hervorgerufen. Tante Adele und die Baronin waren einfach entzückt; aber sie waren es augenscheinlich allein. Professor Jarnowitz gestand, frappiert, um nicht zu sagen: indigniert zu sein über die wenig würdige Weise, in welcher der Erzähler seinen Goethe über die Weimarer Gesellschaft hatte reden und urteilen lassen. Es spreche ja freilich nicht Goethes Geist aus den betreffenden Worten, sondern des alten Herrn eigner Geist, der jetzt offenbar auf jener bedenklichen Grenze angelangt sei, auf der Rühmlich-Kindliches in ein weniger Rühmliches, wenn auch Verzeihliches übergehe. – Dem Professor würde der Doktor, als eine gleichfalls feste Säule der Goethe-Gesellschaft, sekundiert haben. Aber sie waren in jüngster Zeit über die Erklärung des Gedichtes »Deutscher Parnaß« in eine Polemik geraten, die zum großen Kummer der beiderseitigen Freunde zuletzt recht schroffe Formen angenommen hatte. So wollte er freilich den Ausfall gegen die Gesellschaft auch nicht billigen; aber als eine ernste Mahnung zu erhöhter Sorgfalt in der Auswahl der offiziellen Publikationen und größerer Vorsicht in der sich anschließenden gelehrten Kontroverse nicht ohne weiteres von der Hand weisen. Nach einer anderen Seite fühlte sich der Major und mit ihm Frau von Wiepkenhagen tief verletzt. Sie gehörten einem zweiten Kreise an, der sich mit Tante Adeles Goethekränzchen zwar zum Teil deckte, aber doch in der Person des patriotischen Dichters, der Goethes Zorn so 133 erregt haben sollte, einen Lokalgott enthusiastisch verehrte. Der Major zürnte der alten Excellenz um so mehr, als er es gewesen, dem jener die Mitteilungen verdankte, von denen er in seinem Traum – wenn es ein Traum gewesen – einen so üblen Gebrauch gemacht zu haben schien. Auf den so angedeuteten Zweifel an der Echtheit des Traumes konzentrierte sich die Unterhaltung der Gesellschaft, die mittlerweile wieder ihre Plätze eingenommen hatte. Hier nun stellten sich drei Möglichkeiten heraus. Entweder hatte der alte Herr einen wirklich gehabten Traum der Wahrheit gemäß vorgetragen; oder Wahrheit und Dichtung mit einem Übermut, der sich für seine Jahre kaum ziemen wollte, durcheinandergemischt; oder aber alles, so zu sagen, aus den Fingern gesogen. Im zweiten und dritten Fall lag die satirische Absicht klar zu Tage; und träfe gar, wie er keinesfalls für unmöglich halte, der letzte zu, könne man nicht anders sagen, als daß mit dem Abfall ihres Seniors der Bestand der Montagsgesellschaft ernsthaft bedroht sei. Es war der Professor, der in diesen Worten die lange und lebhafte Debatte resümiert hatte. Ein Tante Adele tief betrübendes, ja niederschlagendes Resultat. Die Frucht zehnjährigen mühevollen Waltens schien in Frage gestellt, halb schon verloren; der Riß, der plötzlich so erschreckend durch die bis dahin so friedliche Gemeinde klaffte, irreparabel. Sie war dem Weinen nahe, hilfeheischende Blicke auf Wilfried werfend, an dessen Beistand sie sich immer wandte, wenn in den Verhandlungen des Kränzchens nicht alles glatt verlief; und der sie nie in Stich gelassen hatte. Heute schien er es doch zu wollen. Er saß noch immer in der Nähe Friederikens am Theetisch, den Kopf in die Hand gestützt. Waren seine Schmerzen so arg, daß er den stets erregter werdenden Äußerungen der Sprecher nicht hatte folgen mögen, oder können? Endlich! Er hatte sich erhoben und schritt auf den großen Tisch zu. Nun 134 würde er, klug und konziliant, wie er war, die gestörte Ordnung, den bedrohten Frieden bald wieder herstellen. * * * In der That hatte Wilfried anfangs auf das, was da am großen Tisch gesprochen wurde, nur mit halbem Ohr gehört. Was kümmerten ihn nach der Revolution, die er heute in seiner Seele durchgemacht, die Dinge, über die man dort zu verhandeln schien? Die Kinderspiele, denen er im Tiergarten zugeschaut, kamen ihm im Vergleich dazu tiefsinnig vor. Dann war doch ein und das andre Wort gefallen, das ihn aufhorchen ließ. Und, nachdem er einmal den flatternden Faden erfaßt, fühlte er sein Interesse erwacht, zugleich auch seinen Unwillen erregt. Wie durften der Professor, der Major es wagen, so sich über den würdigen, geist- und gemütvollen Veteranen zu äußern? Wie konnte Tante Adele es dulden? Wie mochte man ihm, der die Courtoisie selber war, imputieren, er habe eine Gesellschaft, in der er sich so gern bewegte, absichtlich verletzen wollen? Wie ein Traumbild, dessen phantastische Umrisse der alte Mann, gewiß in bester Absicht, nachzuzeichnen versucht hatte, zum Gegenstand einer Kritik machen, als handle es sich um eine reiflich durchdachte gelehrte Arbeit? Und was er da seinen Traum-Goethe hatte sagen lassen, war es denn so unberechtigt? war es sinnlos? Hatte er selbst nicht oft Ähnliches empfunden, gedacht und damit zurückgehalten, keinen Anstoß zu erregen, niemandem die geliebten Kreise zu stören – Rücksichten, die ihm jetzt kleinlich und kläglich erschienen? Was haben Sie vor? flüsterte Friederike, durch eine plötzliche heftige Bewegung, die er gemacht hatte, und sein verändertes Aussehen erschreckt. Ich kann das nicht länger mit anhören; murmelte er. Aber Wilfried, was geht es Sie? was geht es uns an? So dachte ich früher auch; heute kann ich es nicht mehr. 135 Er war von ihrer Seite fort. Ihr angstvolles: Mir zu Liebe, Wilfried! hatte er nicht gehört oder nicht hören wollen. An dem großen Tisch waren heute einige Plätze nicht besetzt worden; aber er blieb hinter einem der leeren Fauteuils stehen, seine Hände auf die Lehne stützend, ein wenig blaß, mit leiser und doch fester Stimme zu sprechen anhebend, während sein Blick über die Gesellschaft weg ins Leere gerichtet schien: Jede litterarische Großthat, däucht mir, ist zugleich auch eine sittliche. Der Geist kann sich nicht zu höchsten Höhen aufschwingen, ohne den moralischen Menschen mit emporzuheben. Ein wahrhaft großer Dichter mag mit den Schwächen, die unsers Fleisches Erbteil, in peinlicher Weise behaftet sein, an dem Erdenrest noch so schwer zu tragen haben, ein niedrig gesinnter Mensch ist er sicher nicht, kann es nicht sein. Und so, scheint mir, daß die sittigende Kraft, die von den Großthaten unserer geistigen Heroen ausstrahlt, ihre herrlichste Wirkung ist, schon deshalb, weil sie allen zu gute kommt; auch denen, deren ästhetisches Empfinden die dichterisch-künstlerischen Schönheiten nicht auszuschöpfen vermag. Die gelehrten Herren werden mir einwenden, daß dies ein Laienstandpunkt sei. Aber auf tausend Laien kommt noch nicht ein Kenner; und so meine ich: diese ungeheure Majorität ist keineswegs eine quantité négligeable in der Frage: was sind uns unsre Dichter und Künstler? was sollen und können sie uns sein? Daß solche Gedanken und Erwägungen in der Seele des verehrten Mannes, dessen harmlose Mitteilungen bei Ihnen einen so großen Anstoß erregt haben, lebendig sind, er oft und gern bei ihnen verweilt – ich weiß es, denn er hat mich nicht selten seines Vertrauens gewürdigt. Und mir ist kein Zweifel: sie haben ihm wieder vorgeschwebt bei allem, was er seinen Traum-Goethe sagen läßt. Nichts kann ihm ferner gelegen haben, als eine Herabsetzung der Goethe-Gesellschaft, deren eifriges Mitglied er von Anfang an gewesen ist; deren hohe Verdienste um die Vertiefung 136 der Einsicht in unsers größten Dichters Wesen und Schaffen er stets auf das bereitwilligste anerkannt hat, wenn er auch bescheidentlich zugiebt, daß er den Auseinandersetzungen der Herren Gelehrten nicht immer zu folgen vermöge. Von diesem Vorwurf also sprechen Sie den Würdigen frei! Er trifft ihn nicht. Ob er nicht auf die zurückfällt, die ihn erhoben haben, ist eine Frage, die Sie sich selbst beantworten mögen. Hier konnte Major von Bronowski, gewohnt, in diesem Kreise als der »bedeutende« Mann widerspruchslos anerkannt zu werden, seine Ungeduld, seinen Unmut um so weniger zügeln, als er Wilfried gründlich haßte. War er doch sicher, daß der »melancholische Graf«, der in Breslau vor vier Jahren aller Welt den Kopf verdrehte, auch zwischen ihm und der schönen Marie von Erlbach gestanden hatte, die dann par dépit , weil Wilfried nicht von seiner Cousine Ebba ließ, den alten Herrn von Haida heiratete. Sich nicht zu Wilfried, sondern zu der Gesellschaft wendend, sagte er, scheinbar gelassen, während die Erregung, die in ihm wühlte, nur allzu deutlich durchklang: Ich bin recht begierig, zu erfahren, worauf der Herr Graf hinauswill. Sie sollen es alsbald, fuhr Wilfried fort, den Major mit einem kalten Blicke streifend, um die Augen, die, je länger er sprach, immer heller aufleuchteten, wieder in eine imaginäre Ferne zu richten. Meine Meinung und Überzeugung ist: wenn wir unsern Goethe wahrhaft ehren wollen, beweisen wollen, daß er in unser Fleisch und Blut übergegangen ist, müssen wir des Schriftwortes gedenken, welches nicht den Herr-Herr-Sagern das Himmelreich verspricht, sondern ihnen, die den Willen des Vaters thun. So sollen wir freilich das Studium seiner Werke hoch halten, in erster Linie aber uns mit allen Kräften bestreben, das Evangelium, das er uns verkündet, durch Thaten zu beweisen. Sein Evangelium! Es ist so kurz und bündig! In kaum mehr als zwölf Worte hat er es zu bringen verstanden: 137 Unablässig streben, Uns vom Halben zu entwöhnen, Und im Ganzen, Guten, Schönen, Resolut zu leben. Können wir auf die Absolution Anspruch machen, die er seinen Treuen nur unter dieser Bedingung geben will? Wer von uns lebt denn resolut im Ganzen, Guten, Schönen? Wer von uns bleibt denn nicht im Halben kläglich stecken? »Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt« – das weiß jeder von uns, der die wissenschaftlichen Mühen unsrer Philosophie und Naturkunde, ihre Errungenschaften und Entdeckungen nicht verschlafen hat. Wir sind so fest, wie von unserm Dasein selbst, überzeugt, daß es mit dem Tode in Nirvana endet – haben wir den Mut, ihn, der »dorthin die Augen blitzend richtet, Sich über Wolken seines Gleichen dichtet«, ins Gesicht einen Thoren zu nennen? Lassen wir ihn nicht gewähren, als gehe nichts über seine Vernunft, und er thue ein hochverdienstliches, heiliges Werk, wenn er, Natur und Wissenschaft verspottend, Mündige zu schrecken, Unmündige, die Staatsgewalt zu Hilfe rufend, in den Dunstkreis zu zwingen sucht und zwingt, in dem es ihm wohlig ist aus Gründen, die alles andre, nur nicht ehrwürdig sind? Strecken wir willig die Arme aus, verlorene Kinder zum Himmel sittlichen Lebens aus einem Dasein voll Schmach und Schande emporzuheben? Gehen wir ihnen nicht scheu aus dem Wege, als brächte ihre Berührung schon untilgbare Befleckung? Fragen wir danach, ob nicht doch wohl Gehorsam in ihrem Gemüte ist – der fruchtbare Boden, in welchem schon der Keim schlummert, der, nur ein wenig gepflegt, tausendfache Frucht der Liebe bringen würde? Und wie können wir erwarten, je zum Augenblicke sagen zu dürfen: »Verweile doch, du bist so schön!« wenn wir uns ducken und beugen, wo und wann immer eine usurpierte Gewalt uns in den Weg tritt, und so freilich es nie erleben werden, »auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen?« 138 Ich weiß, es ist das heiße Sehnen des edlen Mannes, für den ich hier spreche; und daß er sein Blut in drei Kampagnen gern verspritzt haben will, wenn es für sein geliebtes Volk dermaleinst in Erfüllung geht. Und weiß weiter, daß er, wie auch ich, den Dichter, den er nach Herrn von Bronowskis Ansicht so gekränkt haben soll, hoch verehrt, sein edles Streben, sein großes Können aufrichtig bewundert. Ich habe es aus seinem Munde. Hat er den Traum-Goethe anders sprechen lassen, kann es nur aus einem Gedanken gewesen sein, den er ebenfalls gelegentlich gegen mich äußerte: Der Dichter ist der Spiegel seiner Zeit; Goethe ist es für das achtzehnte Jahrhundert gewesen. Für einen Dichter des neunzehnten, meine ich, sollte der Heroenkultus ein überwundener Standpunkt sein. Will er – und er muß es wollen – in seinen Bildern die machtvollen Ideen seiner Zeit zur Darstellung bringen und verkörpern, bleibt ihm nur ein Mittel: dem Volke zu geben, was des Volkes ist; dem Volke, das aus seinem brütenden Gehirn, aus seinem heißen Herzen diese Ideen zeugt, und dessen bloße, immerhin hochverdienstvolle Mandatare die Männer sind, die nur noch eine archaistische Weltanschauung und Geschichtsschreibung uns als Götter hinstellen können, welche aus nichts eine Welt schaffen. Wilfrieds sonst weiche Stimme hatte während der letzten Worte einen starken metallenen Klang bekommen. Nun blickte er um sich, wie jemand, der, erwachend, nicht alsbald weiß, wo er sich befindet, und strich sich ein paarmal mit der Hand über die Stirn. Die lebhafte Röte, die, während er sprach, seine Wangen bedeckt hatte, war plötzlich verschwunden; die Finger auf die Stuhllehne krampfend, schien er sich noch eben aufrecht zu halten. Doch dauerte dieser ängstliche Zustand nur wenige Momente. Mit bleichen Lippen lächelnd, wehrte er Friederike ab, die im Bann seiner Rede näher und näher gekommen war, zuletzt 139 dicht neben ihm gestanden hatte und angstvoll nach seinem Arm faßte: Es ist nichts, Beste! Dann zur Gesellschaft sich wendend, bat er um Entschuldigung, wenn er ihre Geduld länger in Anspruch genommen, als es irgend in seiner Absicht gelegen. Meine Strafe soll sein, daß ich mich sofort zurückziehe und meinen etwas überreizten Nerven die Ruhe gönne, der sie bedürfen. Er hatte Tante Adele die Hand geküßt, sich vor der Gesellschaft verbeugt, Friederike noch einmal freundlich angelächelt und sich rasch aus dem Salon durch die Vorzimmer entfernt, in denen mittlerweile ebenfalls die Lichter angezündet waren. * * * Die schönen Räume hätten heute dunkel bleiben können. Die Gesellschaft, welche sich sonst nach Aufhebung der offiziellen Sitzung in ihnen plaudernd zu ergehen pflegte, oder sich in dem zweiten Salon um den herrlichen Flügel sammelte, Friederikens seelenvollem Spiel zu lauschen, fand heute, daß es höchste Zeit zum Aufbruch sei. Der Professor hatte sich noch einige Notizen für sein nächstes Kolleg zu machen; der Doktor einen angefangenen Essay, der morgen in die Druckerei mußte, zu beenden; der Major einige dringende Generalstabsakten in nächtlicher Arbeit zu erledigen; Frau von Wiepkenhagen sich auf eine Vorstandssitzung in der Frauen-Gymnasiumsfrage zu präparieren, die für den nächsten Vormittag anberaumt war. Die Herrschaften ließen sich nur eben so viel Zeit, diese Entschuldigungen in schicklicher Form vorzubringen, Tante Adele die obligaten Dankesversicherungen für den, wie immer, genußreichen Abend zu machen. Das währte ein paar peinliche Minuten; und außer Tante Adele, der Baronin und Friederike war niemand mehr in dem großen Salon. Tante Adele hatte die gewohnte Haltung während dieser Komödie durchaus bewahrt, ein verbindliches Lächeln auf 140 den Lippen, eine höfliche Erwiderung für jeden in Bereitschaft; aber noch konnten die Gäste den dritten Salon kaum verlassen haben, als sie, auf dem Sopha zusammensinkend, in krampfhaftes Weinen ausbrach. Vergebens lange Zeit, daß die Freundinnen sie zu beruhigen suchten, und sie ihren Schmerz wenigstens in Klagen ausströmen konnte. Der letzte holde Abendschein der Sonne ihres Lebens sei entschwunden, der Schleier der Nacht habe ihn bedeckt! Das Manna in der Wüste ihres Lebens, der Quell, aus dem sie immer wieder Erquickung getrunken – verschwunden, versiegt, auf immer dahin! Wenn sie das hätte ahnen können, als sie heute abend das heilige Buch auf seinen Platz legte und es andachtsvoll küßte! Zum letztenmal; denn nun sei es für sie profaniert. In gewissem Sinne, ja; glaubte die Baronin, die immer der Meinung der Freundin war, hier sagen zu müssen. In jedem! rief Tante Adele verzweifelt. Aber, Tante Adele, sagte Friederike, Du siehst wirklich zu schwarz. Es ist doch nicht das erstemal, daß die Herren in Streit geraten sind. Erinnere Dich doch nur an den vorletzten Abend, als der Professor mit solcher Lebhaftigkeit, ja Heftigkeit für die Würde der Verse: Ein großer Kahn ist im Begriffe Auf dem Kanale hier zu sein, eintrat, die der Major unbedeutend, schwulstig und zopfig zu finden gewagt hatte! Der Major war immer nur ein lauer Bekenner, sagte Tante Adele. Wenn wir ihn also verlieren sollten, fuhr Friederike fort, werden wir es wohl verschmerzen können. Auch Frau von Wiepkenhagen wird fortbleiben. Mag sie! Und der Professor? der Doktor? Sind ebensowenig unersetzlich. Wenn wir nur unsre liebe alte Excellenz behalten und Wilfried – 141 Kein Wort von ihm! rief Tante Adele, jetzt zum erstenmal das Taschentuch entschieden von dem Gesicht nehmend und, wie elektrisiert, in die Höhe fahrend. Aber Tante Adele! sagte Friederike mit sanftem Vorwurf. Kein Wort! wiederholte Tante Adele mit noch größerer Heftigkeit. Er hat das ganze Unglück verschuldet. Er ist ein Treuloser, ein Undankbarer, ein Verräter. Ich habe eine Schlange an meinem Busen genährt. Weil er, ehrlich, wie immer, seine Überzeugung ausgesprochen hat? Um so schlimmer, wenn es seine Überzeugung war! Wie kommt er zu der? Habe ich ihn nicht erzogen? Bin ich es nicht gewesen, die ihn in das Verständnis Goethes eingeweiht hat? Und er wendet die Waffen, die ich ihm in die Hand gedrückt, gegen mich? Glaubst Du, das würde Goethe gethan, gebilligt haben, der mit so rührender Treue an seiner Mutter hing? sich immer bewußt war, welch unendlichen Dank er ihr schuldete? Friederike wollte lebhaft erwidern, schwieg aber auf eine warnende Geste ihrer Mutter. Die Mutter hatte recht: Tante Adele war in diesem Zustand hysterischer Aufregung für Vernunftgründe unzugänglich; jedes Wort des Widerspruchs würde die Sache nur verschlimmern. Wilfrieds Sache! der ihr so teuer war, den sie wie einen Bruder liebte! Der Morgen hat alles wohl besser gemacht, Tante, sagte sie. Aber ihre Hoffnung, ein Citat aus dem angebeteten Dichter werde beruhigend wirken, erwies sich als trügerisch. Tante Adele zog die Hand, die sie begütigend hatte streicheln wollen, wie beleidigt zurück und sagte in hochfahrendem Ton: Meine Beste, auch ich halte dafür, daß, wer nicht für mich ist, wider mich ist. »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.« Ich glaube es stets gewesen zu sein, zu allen, 142 nicht zum wenigsten zu meinem Neffen. Aber auch der Meister konnte zürnen, wenn man ihn gekränkt hatte. Ich bin tief, bin namenlos gekränkt und – ich zürne. In jedem andern Falle würde dies groteske Pathos nur Friederikens Humor erregt haben. Hier war die Lage zu ernst. Sie kannte Tante Adelens Unberechenbarkeit und daß sie nicht anders als an einem der beiden Enden schwärmen konnte. Wenn sich ihre abgöttische Liebe zu Wilfried in Haß verkehrte! Es was alles bei ihr möglich. Und Friederike schauderte bei dem Gedanken an diese Möglichkeit. So stand sie denn schweren Herzens auf und folgte der Mutter, die ihr schon wiederholt mit den Augen gewinkt hatte, nach einem leisen: Gute Nacht, Tante Adele! aus dem Gemache. * * * Während der ganzen Zeit hatte Mathis an dem Theetisch gekramt mit jenen Händen, von denen unter den Bekannten des Hauses der Scherz ging, daß in ihnen keine Tasse klappern, kein Glas klirren dürfe. Die Baronin und Friederike wußten, daß Tante Adele keinen Anstand nahm, in Gegenwart ihres Majordomus die intimsten Dinge zu verhandeln. Und da sie ihn selbst bei dieser Scene nicht weggeschickt hatte, waren sie nur darauf bedacht gewesen, nichts zu sagen, was der Vertraute nicht allenfalls hören durfte. Mathis hantierte noch ein paar Minuten weiter, stellte einen letzten Glasteller auf die andern, kam langsam auf die Gebieterin zu, die, den Kopf in beide Hände gestützt, auf dem Sofa saß, blieb zwei Schritte vor ihr stehen und sagte mit respektvollem, aber eindringlichem Ton: Frau Geheimrat, das kommt alles von der Socialdemokratie. Tante Adele hob das Gesicht, höchlichst verwundert: 143 Wie meinen Sie das, Mathis? Ich meine, Frau Geheimrat, justement so schreiben die Socialdemokraten. Woher wissen Sie denn das? Sie lesen doch keine socialdemokratischen Zeitungen. Dann und wann, Frau Geheimrat. Wenn Frau Geheimrat ihr Nachmittagsschläfchen machen und ich eine halbe Stunde Zeit habe. Ich gehe dann wohl, mit Frau Geheimrats Erlaubnis, in den Keller Königin Augustastraße Nummer sechzehn. Da wird der »Vorwärts« gelesen. Und ein solches Schandblatt lesen Sie? Es liegt kein anderes aus. Und man will sich doch auch unterrichten, wie es da unten aussieht. Ja, Frau Geheimrat, und in dem Vorwärts stehen justement solche Reden, wie der Herr Graf eine gehalten hat. Ist es nicht unerhört, Mathis? Mathis bewegte würdevoll den Kopf: Gar nicht, Frau Geheimrat, das liegt heutzutage in der Luft. Bei dem Herrn Grafen außerdem noch im Blut. Unsinn, Mathis. Seine Mutter war meine Schwester! Weiß ich, Frau Geheimrat. Aber der Herr Vater Durchlaucht, haben Frau Geheimrat selbst gesagt, hatte einen Schnitt ins Bürgerliche – Einen Stich, Mathis! Stich oder Schnitt, das kommt auf eins 'raus, Frau Geheimrat. Und der Herr Bruder Durchlaucht hat in der letzten Reichstagssession eine Rede gehalten – gegen die Agrarier, wie sie sie nennen – ja, Frau Geheimrat, Bebel hätte es nicht besser gekonnt. Aber mein Neffe! mein Wilfried! rief Tante Adele ganz verzweifelt. Mathis zuckte die Achseln. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, Frau Geheimrat. Das ist bei den großen Herren justement so, wie bei den kleinen Leuten. Sie haben ihn niemals leiden können, Mathis; sind 144 immer eifersüchtig auf die Gunst gewesen, durch die ich ihn, ich gebe es zu, grenzenlos verwöhnt habe. Wenn Frau Geheimrat es selber sagen! Ihm nie gegönnt, daß ich ihn zu meinem Erben machen will. Und ich vermeine, Frau Geheimrat werden es sich nach diesem noch zweimal überlegen. Schicken Sie mir Frau Wenzel! sagte Tante Adele, sich schnell erhebend und durch die kleine Tapetenthür in ihrem Schlafgemach verschwindend. Ihr nachblickend kraute sich Mathis in dem grauen Haar. Er hatte da möglicherweise eine große Dummheit gemacht, möglicherweise auch nicht. Wer konnte das bei der Gnädigen so prick wissen? Aber ehe der Herr Graf, den er nicht leiden konnte – wie die Gnädige sehr richtig bemerkt hatte – und der ihn nicht leiden konnte – was die Gnädige hinzuzufügen vergessen – all das heidenmäßig viele Geld erbte – da würden er und Frau Wenzel auch noch ein Wort mitzusprechen haben. Mathis ging, den Auftrag der Gnädigen auszuführen, in Gedanken versunken, die sein glattrasiertes Gesicht, das so wohlwollend dreinzuschauen und so höflich zu lächeln wußte, in eine boshafte Fratze verzerrte. * * * Unterdessen schritt Wilfried den Kanal entlang seiner Wohnung zu, in der Seele noch den unerfreulichen Nachklang der Scene, die er hervorgerufen hatte. Und hätte vermeiden können, einfach dadurch, daß er schwieg. Warum mußte er sprechen? Was konnte es der lieben alten Excellenz ausmachen, ob man sein Traumgeschichtchen hinter seinem Rücken lobte oder nicht? Ins Gesicht würde man es ihm doch an der Ehrerbietung, die er verlangen durfte, nicht fehlen lassen. 145 Schon Friederikes wegen hätte er schweigen sollen. Sie würde nun, wie immer, seine Partei nehmen, schlimme Dinge zu hören bekommen; es wo möglich mit der Tante verschütten. Und Mutter und Tochter genossen im Hause der Tante so manche gesellschaftliche und sonstige Annehmlichkeiten, die ihnen, den Alleinstehenden, Blutarmen, wahrlich zu gönnen waren. Warum mußte er sprechen? Wer war denn diese Gesellschaft, vor der er sein volles Herz nicht hatte wahren können? Anempfinder und Anempfinderinnen, die den Namen Goethes mißbrauchten; Dilettanten und Dilettantinnen, die in allen möglichen Künsten herumpfuschten; die Tante selbst in ihrer Überschwenglichkeit oft genug bis zum Unerträglichen absurd; in der ganzen eitlen, unwahren, von geschwollenen Phrasen lebenden Clique keine einzige Gerechte, als die köstliche Friederike, der man ihre mehr als unbedeutende Mutter, Tante Adeles immer gehorsames Echo, gern zu gute hielt. Aber das alles wußte er doch längst; hatte den Graus so oft über sich ergehen lassen und – geschwiegen. Warum mußte er heute sprechen? Er lächelte still vor sich hin, daran denkend, was er einst von der Rachel gelesen: daß sie sich beim Einstudieren ihrer Rollen mit einem leichten Bande die Hände fesseln ließ, es erst zu sprengen, wenn der Augenblick es gebieterisch forderte. Vorhin – da war für ihn der Augenblick gekommen; es über ihn gekommen mit unwiderstehlicher Gewalt: er dürfe nicht länger schweigen, wie er bisher geschwiegen; nicht länger thun, als falle auf sein Teil auch nicht der Schatten einer Verantwortung für das, was um ihn her geschah; alles gehen lassen, wie's eben ging: gut, oder schlecht; über das Schlechte, wenn's hoch kam, in thatlos-resigniertem Bedauern die Achseln zuckend: Du kannst es ja doch nicht ändern. »Uns kann niemand helfen«, hatte sie gesagt. »Uns will niemand helfen«, hätte sie sagen müssen. 146 Er war in den Lützowplatz eingebogen; als er in die Wichmannstraße kam, verlangsamte er den Schritt. Hier war er gestern in stiller, heller Mondnacht mit dem schönen Mädchen gegangen. Heute zu dieser früheren Stunde stand der Mond noch tief; nur die Laternen warfen ihren zweifelhaften Schein. Die Straße war verhältnismäßig belebt, und bei dem Gedanken, daß er ihr begegnen könne, fühlte er sein Herz klopfen. Aber da war er bereits an dem Hause, in das er gestern mit dem alten schweigsamen Kutscher den verwundeten Knaben getragen. Durch die blauen Rouleaux der beiden Kellerfenster dämmerte das Licht wie gestern. Heute war es still dahinter. Totenstill. Der Doktor hatte der jüngeren Schwester nur noch Stunden zu leben gegeben. War sie inzwischen gestorben? Da unten in der dumpfigen dunklen Spelunke, während er im kerzenhellen duftigen Salon mit anderen Müßiggängern geistreich sein sollende Possen trieb? Es war noch nicht zehn; das Haus mußte noch offen sein. Sollte er hineingehen, nachzufragen? Konnte er auch keine Hilfe bringen, es würde der Ärmsten doch wohl ein Trost sein, daß ein Mensch kam, der es gut mit ihr meinte. Oder würden ihre schlimmen Eltern, würde sie vielleicht selbst es nicht verstehen? es anders deuten? Der Schritt ihm nichts eintragen, als eine verlegene, beschämende Minute? Er stand im Schatten der Mauer des Gartens auf der andern Seite der Straße. Sein Blick war starr auf die Hausthür gerichtet, aus der sie gestern herausgetreten war, um nach der Apotheke zu gehen. Wenn es eine Magie gab, die in die Ferne wirkte, so mußte sie sich jetzt öffnen und das schöne Mädchen, nach dem sein Herz verlangte, auf der Schwelle erscheinen. Die Thür that sich auf; eine Dame trat heraus, die sich aber sofort wandte und die Thür offen hielt für jemand, der ihr auf dem Fuße folgen würde. Dann kam sie. Er erkannte sie über die Breite der Straße auf den ersten Blick im Dämmerlichte der Laterne, die ein paar 147 Schritte links von der Hausthür stand. Sie war, wie gestern, im bloßen Kopf; in der Hand trug sie ein kleines Bündel. Die beiden Frauen sprachen noch ein paar Worte und wandten sich nach rechts, der Landgrafenstraße zu. Wilfried zweifelte nicht: die Dame war Frau Doktor Brandt. Wer anders sollte um diese Stunde bei den armen Leuten aus- und eingehen? Durfte er, auf die flüchtige Bekanntschaft von gestern nacht hin, es wagen, ihr zu folgen? sie anzusprechen, ohne zudringlich zu erscheinen? bei dem Mädchen den Verdacht zu erwecken, er habe hier auf der Lauer gestanden? Während er so ratlos zögerte, hatten die Frauen bereits die Landgrafenstraße passiert, in der Richtung der Keithstraße weiter schreitend. Da wohnten die Doktorleute. Wahrscheinlich sollte Lotte von dort irgend etwas holen, was man für die Kranke brauchte. So war das Kind also noch nicht tot, kam vielleicht durch. Wieder öffnete sich die Hausthür; ein Herr trat eilfertig heraus, die Richtung einschlagend, in welcher die Frauen gegangen und bereits im Dunkel verschwunden waren. Zweifellos der Arzt: das runde Hütchen, der Gang, die breiten Schultern – alles stimmte. Dem Manne gegenüber empfand Wilfried keine Scheu. Mit langen Schritten hatte er ihn noch vor der Landgrafenstraße eingeholt. Verzeihen Sie, Herr Doktor! Ach, Herr Graf! Wie kommen Sie hierher? Ich war aus einer Gesellschaft auf dem Wege nach Hause. Sah Ihre Frau Gemahlin mit der Lotte Schulz herauskommen; wagte nicht, sie anzusprechen, trotzdem ich, wie Sie sich denken können, gern gewußt hätte, wie es da steht. Schlecht, Herr Graf. Die kleine Grete ist vor einer Stunde gestorben. O, mein Gott! Es war vorauszusehen: die Krankheit schon zu weit 148 vorgeschritten; das bißchen Widerstandskraft total aufgebraucht. Trotzdem habe ich noch zwei Kollegen geholt. Das ist nun 'mal so Comment, obgleich wir wissen, daß nichts dabei herauskommt. Übrigens ist meine Frau beinahe den ganzen Tag dagewesen. Ihre Frau Gemahlin? Unsre Kleine ist so weit, daß sie sich zur Not einmal mit der Flasche behelfen kann. Freilich, die Gefahr der Ansteckung bei einem so ganz ungewöhnlich schweren Fall! Doch hat das bei meiner Frau nicht so viel auf sich: sie ist in allem, was zur Behandlung eines Typhuskranken gehört, eine Virtuosin. Zu größerer Vorsicht – ein kolossales Exanthem – überhaupt der reine Schulfall – habe ich nach der obligaten energischen Desinfektion die Wohnung sofort räumen lassen. Der Junge, wissen Sie, ist seit heute morgen in meiner Klinik – glücklicherweise: er wär' sonst unfehlbar auch darangekommen. Die beiden Alten sind in eine leerstehende Bodenkammer hinaufgeschickt – vorläufig. Müssen morgen sehen, wie's weiter wird – die Leiche wird noch heute nacht abgeholt. Die Älteste, die Lotte, nimmt meine Frau mit zu uns. Wir haben ein kleines Logierzimmer. Es läßt sich ganz bequem arrangieren. Wie gut Sie und Ihre Frau Gemahlin sind! Danke, es geht. So ein bißchen Herz reserviert sich unser einer doch, wenn's auch Mühe kostet. Es wird zuviel darauf herumgehämmert. A propos , Herr Graf, eh' ich's vergesse: meine Frau erwartet Sie morgen. Sie hatten freundlich zugesagt, mit ihr zu überlegen, was weiter zu thun ist. Gewiß werde ich kommen. Ich habe eine Menge auf dem Herzen. Schön, schön! Sie besprechen das mit einander. Meine Frau erwartet Sie um zwölf. Ist es Ihnen recht? Durchaus. Ich werde nicht dabei sein können. Das thut nichts. 149 Ich weiß im voraus, daß ich zu allem, was meine Frau thut, nur Ja und Amen zu sagen brauche. Sie waren bei der Wohnung des Doktors angelangt und reichten einander die Hände. Also auf demnächstiges Wiedersehen, Herr Graf! Auf Wiedersehen! Die Gitterthür zu dem Vorgärtchen fiel hinter dem Eingetretenen ins Schloß; Wilfried ging den kurzen Weg zur Landgrafenstraße zurück. Gott sei Dank! Gott sei Dank! murmelte er immer wieder vor sich hin. Sie war nicht mehr in der entsetzlichen Spelunke, aus der heute nacht die kleine Leiche »abgeholt« wurde! Da oben in den wohnlichen Räumen bei den prächtigen Doktorleuten in einem kleinen reinlichen Logierzimmer. Gott sei Dank! Der Abend bei Tante Adele war aus seiner Erinnerung gelöscht, als hätte er nicht stattgefunden; und er da nicht eine Rede gehalten, die aus seinem Munde selbst Wohlwollende befremden, und die, gegen welche sie sich gewandt, mehr oder weniger tief verletzen mußte. * * * Daran aber wurde er auf das dringlichste gemahnt durch einen Brief, den er am nächsten Morgen in seiner mit erster Post eingegangenen Korrespondenz fand: Lieber Freund! Warum haben Sie das gethan? In unser friedliches Lager einen solchen Feuerbrand zu werfen! Mein Gott, ja, ich gebe zu: es geht da manchmal – oft, wenn Sie wollen – gründlich langweilig her; es wird viel unnützes Zeug geredet, und was das schlimmste ist: mit Wahrheit und Wahrhaftigkeit nimmt man es nicht immer genau. Dennoch: haben uns diese Abende nicht auch manches Gute und Schöne gebracht? Kamen unsre gelehrten Herren immer mit leeren Händen? waren immer beschwerliche Kustoden? haben sie uns in dem 150 unendlichen Palast, der Goethe heißt, nicht diese Kammer, jenen Saal aufgethan, von dessen Vorhandensein wir nichts ahnten? auf dies, auf jenes zierliche Ornament an Wand und Decke aufmerksam gemacht, an dem wir achtlos vorübergegangen waren? Und, mein Freund, Sie selbst sind in dem schönen Gerechtigkeitssinn, der Sie auszeichnet und mir so lieb macht, stets bereit gewesen, das willig anzuerkennen. Was ist geschehen, daß Sie plötzlich so anders denken? Da das Objekt dasselbe geblieben, muß die Veränderung in Ihnen vorgegangen sein. Sie waren so eigen, so ganz ein anderer heute abend. Lieber Freund, was ist mit Ihnen geschehen? Was Ihnen begegnet? Ich ängstige mich um Sie. Schreiben Sie mir wenigstens das Eine, daß Sie unverzüglich versuchen wollen, Tante Adele wieder gut zu machen. Glauben Sie mir: Sie haben sie schwer gekränkt, empfindlich beleidigt. Mein Gott, wir haben ja alle unsre schwachen Seiten, und die Montagsabende sind ihre Schwäche par excellence . Sie ist überzeugt, daß so etwas trotz der bureaux d'esprit der Herz, der Rahel, Fanny Lewald, und wie die Bas bleus von ehemals alle heißen, noch nicht dagewesen ist und mit ihr der letzte Berliner Salon ins Grab sinken wird. Mein Freund, solcher Wahn will geschont sein! Er ist weitaus nicht so harmlos, wie er scheint! Und daß er so schonungslos zerstört sein soll – denn ich fürchte, fürchte sehr: die Montagsgesellschaft hat einen choc erlitten, der ihr Todesurteil ist – von ihm, auf dessen Liebe, dessen Dankbarkeit sie unter allen und jeden Umständen mit absoluter Sicherheit rechnen zu dürfen glaubte – das träufelt Gift in die Wunde; das ist der Dolchstoß des Brutus. Lachen Sie nicht, mein Freund! Wenn Sie Ihre Tante gesehen, gehört hätten, als die anderen – was sofort geschah – gegangen und Mama und ich allein bei ihr geblieben waren! Ich hätte ja auch lachen mögen, wäre die Sache nicht so sehr ernst; Ihre Tante, bei allen ihren guten, ja vortrefflichen Eigenschaften, in ihren Kaprizen 151 und Launen nicht so völlig unberechenbar. Bei ihr wechselt alles; sie ist, wie Hamlet sagt: ein Spiel von jedem Druck der Luft. Nur eines wandelt sich nicht: das ist ihre ruling passion : ihre krankhafte Eitelkeit. Und gerade an dieser empfindlichsten Stelle haben Sie die Ärmste getroffen. Lieber Freund, wie Sie auch über diese Zeilen denken mögen – Sie wissen, ich habe sie in bester Absicht geschrieben, das Herz voller Sorge für Sie. Sie zu überlesen, habe ich keine Zeit: das Mädchen soll noch mit ihnen zum Briefkasten, damit Sie sie gleich morgen früh haben und Sie Ihren Sühn- und Bußgang in die Viktoriastraße noch im Laufe des Vormittags machen. Thuen Sie's! Bitte! bitte! Ihre Freundin Friederike. Wilfried hatte den Brief erst flüchtig, dann immer aufmerksamer, immer langsamer gelesen, und bei ein paar Stellen finster die Stirn gerunzelt. Nun stand er auf, zündete sich eine Zigarre an und begann im Zimmer nachdenklich auf- und abzugehen. Friederike war sonst ein so verständiges Mädchen; aber dies war doch rein toll. Sie mußte in der Nacht Gespenster gesehen haben. Solch Lamento zu erheben um – nun ja! er würde der Tante ein begütigendes Wort sagen müssen. Aber da von Sühn- und Bußgang zu reden – das war doch einfach lächerlich. Er hatte nichts zurückzunehmen. Schlimm genug, wenn Tante Adele das nicht begriff. Es war ihr dann nicht zu helfen. Und was hatte mit dem allen die Dankbarkeit zu thun, die er ihr schuldete? Die konnte doch nicht so weit gehen, ein sacrificio dell' intelletto von ihm zu verlangen. Vielleicht noch vorgestern. Seit gestern nimmermehr. Seit gestern wußte er, daß wir nicht auf Erden sind, um Narrenspossen zu treiben. Daß es ein furchtbarer Ernst um das Leben ist. Und wem die Erkenntnis aufgegangen, sich 152 nicht dagegen setzen kann, ohne die schlimmste aller Sünden, die einzig unsühnbare auf sich zu laden. Er ging zum Tisch zurück, wo die andern Postsachen lagen: der obligate Brief von Bielefelder: Wir zahlten zu Ihren Lasten gegen Ihre Quittung und so weiter; die vierteljährige Rechnung von seinem Buchhändler; ein paar Annoncen und Reklamen in Kreuzband, die er sämtlich ungelesen bei Seite schob, um zögernd nach einem Rosa-Billet zu greifen, das aufdringlich nach einem starken modischen Parfüm duftete, welches Ebba in letzter Zeit bevorzugte, trotzdem er ihr gesagt, es verursache ihm Kopfschmerz. Freundliche Rücksicht auf seine bescheidenen Wünsche zu nehmen, war sie ja niemals sehr bereit gewesen. In letzter Zeit nun schon gar nicht. Aber gelesen mußte es doch werden: Teuerster Schatz! Willst Du mal ungewöhnlich artig sein, so mache keines Deiner abscheulichen finsteren Gesichter, wenn Du uns heute abend (bitte halb neun! Überrock!) nicht en famille , sondern eine kleine Gesellschaft findest, an die wir gestern noch nicht im entferntesten gedacht haben. Übrigens lauter nette Leute. Hoffe, es wird sehr nett werden. Notabene : wenn Du so bist. Du kannst es ja, wenn Du willst! Also wolle es einmal – ausnahmsweise! Mir zuliebe! Immer Deine Ebba. Ein unsäglich bitteres Gefühl war in Wilfrieds Seele aufgestiegen, während er das mit übergroßen, affektiert nach links geneigten Buchstaben, offenbar sehr hastig geschriebene Briefchen überflog. Es fehlte wenig, und er hätte es zerknittert in den Papierkorb geworfen. Doch legte er es ruhig beiseite, nur so, daß es den Brief Friederikens nicht berührte. Und wie habe ich sie geliebt! Er stützte den Kopf in die Hand und saß geraume Zeit, versuchend auszudenken, was doch unausdenkbar war: 153 wie der Glutstrom hatte erstarren können, mehr und immer mehr, bis er nun da lag: kalt, tot, wie die Lavakatarakte auf dem Vesuv, die Berghügel hinab ins blühende Gefilde; um Catania her, wo das blaue Meer gegen die schwarzen Felsen schäumt, die einst als Feuerbäche in ihm verzischten. Nein! es durfte, es konnte nicht sein! jetzt nicht mehr! Aber sie hatte sein Wort: ein ehrlicher Mann hält sein Wort; darf nicht darüber grübeln, wie teuer ihm das Halten zu stehen kommt, wie schwer die Last ihn drücken wird. Vielleicht trägt er sie doch, gedenkend, daß sie immer noch leichter, als der Wortbruch, unter dem er zweifellos zusammenbrechen würde. Und sie bauen ja trotzalledem auf der Lava ihre Hütten aus den Blöcken selbst. Und Sonne, Wind und Regen zerbröckeln die spröde Masse und zermahlen sie zu Staub, in welchem dem Bauer seine Artischocken gedeihen und selbst der Rosenstock, der seine schwarze Hütte überklettert. Hatte sich sein Herz vorgestern dem Mitleid für das verlorene Kind weit geöffnet, wie mochte es jetzt kein Erbarmen kennen mit ihr, der er doch nichts vorwerfen konnte als einen allzuleichten Sinn? Und der es auch wohl nur in seiner Schätzung war, sicherlich nicht in der ihrer Verwandten und Freunde, die sie verwöhnten und vergötterten, wie er selbst sie einst verwöhnt und vergöttert hatte. In solchen Zweifelsqualen griff er mechanisch nach dem letzten der Briefe mit dem Poststempel Berlin, Adresse von unbekannter Hand. Ein Geschäftsbrief vermutlich; für einen Bettelbrief, deren er viele bekam, war er zu sorgfältig couvertiert. Aber das waren ja Verse! Wer in der Welt konnte ihm Verse schreiben? »Komtesse?« »Komtesse bin ich« – Das scheint ja pikant werden zu wollen – Komtesse bin ich vom reinsten Blut, Ich zähle achtzehn der Jahre; Wie steht so schneidig von Gerson der Hut Zu meinem rotblonden Haare! 154 Ein flotter Galopp auf der Schnitzeljagd, Ein Contretanz auf dem Eise Bei Fackelschein in der klirrenden Nacht – Das ist nun so meine Weise. Wilfried mußte wider Willen lächeln: das Portrait war nicht übel und von augenscheinlich geübter Hand! Wer hatte sich den Spaß gemacht? Und dann ein Hofball im Kaiserschloß Ma foi! ist nicht zu verachten: Die Treppen hinauf der Dienertroß, In den Sälen ein Girren und Schmachten. Besonders in der Quadrille à la cour – Hilf Himmel! sprechen Sie leise! – Die tanz ich mit einer Hoheit nur – Das ist nun so meine Weise. Doch ein's, gesteh' ich, gefällt mir schlecht: Mein Flirten und Reiten und Tanzen, Dem guten Papa ist es gar nicht recht; Er brummt so was von »Finanzen«. C'est vrai : der F . . . . verbraucht zu viel: Man jeut sehr hoch in dem Kreise; Dann Wechsel geritten auf kurzes Ziel – Das ist nun so ihre Weise. En tout cas soll es mir wahrlich nicht Das lustige Leben verderben, So lange mir W . . . . . . . heilig verspricht: Er werde die Tante beerben. Ich kann ihn haben, sobald ich will; Und geht's auf die Hochzeitsreise, Da giebt's Aventüren, verschwiegen und still – Das ist nun so meine Weise.                                           Ein treuer Freund. Wilfried lächelte nicht mehr: dies war kein harmloser Scherz; war eine blutige Satire, ein hämisches Pasquill, ein vergifteter Pfeil, von jemand abgeschnellt, der die Verhältnisse sehr genau kannte. Stimmte doch so weit alles, selbst die Anspielung auf den Prinzen, mit dem man Ebba vielfach geneckt hatte, weil er auf den beiden Hofbällen, die 155 sie während des Winters mitgemacht, ihr eifrigster Tänzer gewesen war. Und dann den Verdacht, den er noch immer als eine Beleidigung Ebbas von sich gewiesen: ihre Liebe zu ihm gehe so sehr Hand in Hand mit dem weltlichen Interesse, daß sie mit ihm stehe und falle – hier war es mit frechem Cynismus ausgesprochen. Endlich der entsetzliche Schluß, der aus noch immer verzeihlichem Leichtsinn grundmäßige Unsittlichkeit und aus der Kokette eine Hetäre machte! O, der Gemeinheit, der Feigheit! Aber die hämische Gesellschaft, zu deren Organ sich der »treue Freund« hergegeben, sollte sich umsonst auf den Skandal gefreut haben. Mit reinen Händen hatte er das Band, das ihn an Ebba knüpfte, lösen wollen. Jetzt, da so schmutzige Hände hineingegriffen, mochte es, mußte es bleiben, wie es war. Er zerriß das Blatt und warf die Fetzen in den Papierkorb, vor dem ein Gefühl, das nun doch das richtige gewesen war, Ebbas Billet bewahrt hatte. Die Klingel an der Flurthür ertönte. Herr Graf Falkenburg, meldete Zunz. Bitte, einzutreten! * * * Ich komme Dir zu früh; sagte Falko, nachdem er seinem Vetter die Hand geschüttelt. Wir hatten die Verabredung auf zwölf – aber ich soll Rentlow abholen, und da wäre ich zu spät gekommen. Wir wollen nämlich die betreffende Visite bei Bielefelders zusammen schneiden. Es thut nichts, sagte Wilfried. Das Geld liegt bereit. Willst Du Dir nicht eine Cigarre anzünden? Du weißt, ich refüsiere nie eine, die Du mir offerierst. Dann bitte, bediene Dich! Er hatte aus seinem Portefeuille das Paket Banknoten genommen, die er gestern von der Kasse erhalten. Es 156 währte einige Zeit, bis er mit dem Abzählen fertig war. Den Rest that er in das Portefeuille zurück. Willst Du nachzählen? Ist nicht nötig. Unser einer hat ein verdammt scharfes Auge für einen zu viel, oder zu wenig. Meistens ist es einer zu wenig. Du behältst höllisch wenig für dich übrig, armer Kerl. Na, ein Trost ist: Du kannst jeden Augenblick mehr haben. Wir wollen doch lieber nicht zu sicher auf die Quelle rechnen; sie könnte auch mal versiegen. Donnerwetter! da säßen wir schön in der Patsche! Ich meine Du und Ebba – von mir will ich nicht sprechen. Aber wie kommst Du auf den tollen Gedanken? Wie man auf so was kommt. Bei Dir pflegt dergleichen irgend einen Hintergrund zu haben. Die Geschichte von gestern abend? Die kannst Du doch nicht tragisch nehmen. Welche Geschichte? Bei Tante Adele. Du sollst da ja einen schneidigen Frontalangriff gegen die ganze Gesellschaft gemacht haben. Die Tante soll in einem Atem blaß und rot geworden sein. Wer hat Dir das erzählt? Bronowski. Ich traf ihn eben auf der Straße. Ich finde es nicht hübsch von dem Major, so aus der Schule zu plaudern. Gott, er hat sich nichts Böses dabei gedacht. Man erzählt sich dergleichen doch – worüber soll man denn sonst sprechen? Übrigens sagte er noch: ihn habest Du allerdings auch unsanft angerempelt; aber ein paar gelehrten Herren fürchterlich auf die lieben Hühneraugen getreten. Und die alte Wiepkenhagen, die verdrehte Schraube, soll ganz rabiat gewesen sein. Gesagt haben: sie setze keinen Fuß wieder in Tante Adelens Montagskränzchen. Du hast gewiß ihre neuesten Novellen nicht genug gelobt? Ich kenne sie gar nicht. Ich hatte an den alten genug. 157 Ich auch. Ebba hat uns neulich ein paar Seiten draus vorgelesen. Wir haben uns halb tot gelacht. So was krieg ich zur Not auch noch fertig. Nun muß ich aber fort. Ja so! ich glaube wahrhaftig, ich habe Dir noch gar nicht gedankt. Laß das doch! Wir sehen uns heute abend? Mit Vergnügen – das heißt: wo denn? Bei Euch. Ebba schreibt mir: Ihr habt eine kleine Gesellschaft. Keine Ahnung. Na, meinetwegen. Also: au revoir . Au revoir. * * * Es war Wilfried lieb, daß Falko früher, als verabredet, bei ihm vorgesprochen. So blieb ihm, ehe er um zwölf die Zusammenkunft mit Frau Doktor Brandt hatte, hinreichende Zeit, Tante Adele aufzusuchen. Es war das von Anfang an seine Absicht gewesen, nur gerade heute vormittag schon hätte es nicht zu sein brauchen; aber Friederike wünschte es dringend; die Gute hatte ein Recht auf seine Folgsamkeit. Die Thür zu Tante Adelens Haus hatte sich eben für ihn geöffnet, als auch bereits der Portier vor ihm stand. Der Mann war das Treppchen aus seiner Wohnung nur so heraufgestürzt, und mit einer bei seiner sonstigen Behäbigkeit höchst ungewöhnlichen Hast meldete er, bevor Wilfried noch fragen konnte: Frau Geheimrat habe Migräne und befohlen, daß niemand angenommen werde. Nun war ein Zustand, den sie ein für allemal Migräne nannte, bei Tante Adele nichts Ungewöhnliches; aber, wenn auch sonst alle Welt, er war noch nie abgewiesen worden. So glaubte er sich an das Verbot nicht kehren zu brauchen und machte ein paar Schritte nach der Treppe. Der Portier vertrat ihm fast den Weg und sagte mit noch größerer Hast und Dringlichkeit: Es thut mir leid, Herr Graf! ich habe strenge Ordre! 158 So will ich Ihnen keine Ungelegenheit bereiten, sagte Wilfried und hatte bereits eine halbe Wendung nach der Hausthür gemacht, als er ein Damenkleid die Treppe herabrauschen hörte. Da Tante Adele das Haus allein bewohnte – Parterre und zweite Etage wurden nie vermietet – konnte Frau von Wiepkenhagen nur von ihr kommen. Die hatte jetzt den letzten Treppenabsatz erreicht und Wilfried mit dem Portier unten im Flur gesehen. Sie stutzte. Offenbar wäre sie gern umgekehrt, mußte sich aber sagen, daß es zu spät sei. So kam sie die letzten Stufen herab und raschelte an ihm, seine Verbeugung mit wenig verbindlichem Nicken erwidernd, vorüber durch die offen gebliebene Thür zum Hause hinaus. Wilfried, sich die Miene gebend, als ob er die tötliche Verlegenheit, die sich auf dem Gesicht des Portiers malte, nicht bemerke, ließ der Frau Geheimrat seinen Gruß und sein lebhaftes Bedauern vermelden. Er werde morgen wieder vorsprechen. Dann hatte der Portier, etwas durch die Zähne murmelnd, was ungefähr klang, wie: der Herr Graf möge es doch nur ja ihm nicht anrechnen; er habe wirklich nicht anders gekonnt, mit übertriebener Höflichkeit ihn zur Thür hinaus komplimentiert. Der Mann hätte sich nicht zu entschuldigen brauchen; die Situation ließ an Klarheit nicht zu wünschen: das finstere, pergamentene Gesicht der alten Klatschbase mit dem grauen Schnurrbärtchen und den buschigen Brauen hatte sie bestens illustriert. So waren es nicht Gespenster gewesen, was Friederiken geängstigt, als sie den nächtlichen Brief schrieb. Sollte man es für möglich halten? Tante Adele war ernsthaft erzürnt. Weshalb? Weil er ihr und der Gesellschaft ein Stück Wahrheit gesagt! Wie jämmerlich hohl doch dies ganze, mit solchem Pathos vorgetragene ästhetische Treiben! Wie recht Frau Brandt hatte, Schillers Weg, die Menschen durch die Schönheit zur Sittlichkeit und Freiheit zu führen, einen Irrweg zu nennen! Hier 159 lag es offen zu Tage. Man schalt die Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollten. Was thaten denn diese Menschen, als ihre Ohren verstopfen gegen das, was jeder Tag laut auf allen Gassen predigte? Nicht umsonst versuchte Wilfried so, sich den gehabten Verdruß wegzureden. Er fühlte sein Gemüt leicht und frei, als er vor Doktor Brandts Wohnung anlangte; ganz in der Stimmung für eine Unterredung mit der merkwürdigen Frau und ein Wiedersehen des schönen Mädchens. * * * Eine ungeschickte junge Dienstmagd hatte auf die Karte, die ihr Wilfried in die rote Hand gedrückt, und seine Bitte, ihn bei der gnädigen Frau zu melden, nicht im mindesten geachtet, sondern ihm ohne weiteres eine Zimmerthür weit aufgerissen. Dasselbe Zimmer, in welchem man ihn vorgestern nacht empfangen. In dem Zimmer zwei Frauen: Frau Doktor Brandt, ihm gerade gegenüber auf einem niedrigen Schemel, ihr Kleines an der halbentblößten, weißen Brust; die andere ihm den Rücken zukehrend, während sie etwas seitwärts vor der jungen Mutter stand. Jedenfalls Lotte Schulz. Wilfried hatte die Thür sofort wieder geschlossen, der Magd, die sich, offenbar völlig gleichgültig gegen das von ihr angerichtete Unheil, über den Korridor entfernte, einen zornigen Blick nachsendend. Er brauchte nicht lange zu warten. Nach einer halben Minute erschien Frau Brandt in der abermals geöffneten Thür, keine Spur von Befangenheit in ihrer Miene, ein Lächeln auf den Lippen. Ich stehe jetzt ganz zu Ihren Diensten, Herr Graf. Bitte, treten Sie näher und nehmen Sie Platz! Sie setzten sich, wie vorgestern nacht: sie auf das kleine Sofa, er, durch den runden Tisch von ihr getrennt, auf einen nicht eben bequemen Fauteuil. Ihr Anzug war 160 derselbe; das lichtbraune Haar in derselben Weise arrangiert; nur die grauen Augen erschienen ihm heute noch größer, glänzender, während die Herbheit der ausdrucksvollen Züge, die ihm das erste Mal etwas unbehaglich gewesen, durch einen freundlichen Ausdruck entschieden abgemildert war. Sie hatte ihm gleich beim Eintreten die Hand gereicht und that es, sich vornüberneigend, jetzt noch einmal. Was Sie in der Sache, die uns zusammengeführt, gethan, und die Weise, wie Sie es gethan, hat mir eine hohe Meinung von Ihnen gemacht, Herr Graf. Ich bin stolz darauf, gnädige Frau; es ist mein Wunsch und meine Hoffnung, das Vertrauen, das Sie mir schenken, auch weiter zu verdienen. Das wäre also abgemacht. Und nun gleich eine Bitte, deren Erfüllung mir unsern Verkehr um vieles behaglicher machen wird: nennen Sie mich nicht gnädige Frau, sondern einfach Frau Brandt, meinetwegen Frau Doktor, obgleich der Titel, der doch nur meinem Mann zukommt, im Grunde ungehörig ist. Aber, gnädige – aber Frau Brandt, Sie nennen mich doch Herr Graf! Das ist kein Titel, sondern Ihr Name. Ihr Wunsch ist mir Befehl. So wäre auch dies in Ordnung. Nun zu unserer gemeinschaftlichen Angelegenheit. Sie haben meinen Mann gestern abend noch gesprochen und wissen, wie sie augenblicklich steht. Die kleine Grete wird morgen beerdigt. Ich bitte, daß Sie das unsere, respektive meine Sache sein lassen. Nicht um Ihnen keine Mühe zu machen, sondern, weil es den Umständen gemäßer ist. Der Knabe wird vier bis fünf Wochen in der Klinik bleiben müssen; der Fall ist doch schwieriger, als es anfangs schien. Was dann mit ihm werden soll? Ich schlage vor: wir thun ihn zu einem guten, ehrlichen Meister in die Lehre. Das Handwerk hat heute zwar keinen goldenen Boden mehr; aber es ist doch für den Jungen eine Einführung in das 161 praktische Leben; und aus einem tüchtigen Schlosser kann unter Umständen ein ausgezeichneter Maschinenbauer werden. Meine Bekanntschaft unter den Handwerkern ist eine ziemlich ausgebreitete. Ich glaube, den rechten Mann schon gefunden zu haben, und werde mich mit ihm in Verbindung setzen. Natürlich nur, wenn Sie einverstanden sind. Aber das versteht sich doch von selbst. Durchaus nicht. Wir sind Kompagnons. Des einen Ansicht und Stimme gelten genau so viel, wie die des anderen. So bin ich einverstanden. Gut. Jetzt ein zweiter wichtiger Punkt. Die Schulz können nicht wieder in ihre Kellerwohnung zurück. Auch nach der Desinfektion ist sie für Menschen unbewohnbar. Mein Mann hat bereits bei der Polizei beantragt, daß sie, bis gewisse unglaubliche Übelstände beseitigt sind, geschlossen wird. So muß anderweitig Rat geschafft werden und in der Kürze, da die Leute in der Dachkammer, die man ihnen provisorisch eingeräumt hat, nicht bleiben können. Wir müssen ihnen also eine andere, selbstverständlich möglichst bescheidene Wohnung schaffen, für die auch der mehr als defekte Hausrat, so weit als angänglich, zu ergänzen ist. Wollen Sie auch diese Arrangements mir überlassen? Gewiß! Nur – Bitte, wenn Sie irgend welche Bedenken haben – es ist durchaus nötig, daß wir in vollem Einverständnis handeln. Es wurde Wilfried nicht leicht weiter zu sprechen; aber gegenüber dem schönen Freimut dieser Frau erschien jede Hinterhaltigkeit kläglich. Ich meine nur dies, sagte er. Gestern abend haben Sie die Tochter – ich hörte sie Lotte nennen – mit sich zu Ihnen genommen. Hier von Großmut und dergleichen zu reden, würden Sie sich mit Recht verbitten. Aber mir war es ein tröstlicher Gedanke, ein Wesen, das so offenbar nicht in das entsetzliche Milieu gehört, in welchem es hat 162 leben müssen; dem der Seelenadel so deutlich auf das Gesicht geschrieben ist, in Ihrer reinen Nähe zu wissen. Ich begreife durchaus: ein solches Glück kann für die Arme nur ein vorübergehendes sein. Und doch, sie wieder diesen Eltern auszuliefern – Wie sehr sich Wilfried auch der Erregung schämte, die ihn überkommen, für den Augenblick versagte ihm die Stimme. Eine Pause entstand, die ihm noch peinlicher gewesen wäre, hätte er, der sich nach dem Fenster gewandt, den prüfenden Blick gesehen, mit dem die klaren klugen Augen seines Gegenüber auf ihn gerichtet waren. Doch währte die Pause nur kürzeste Frist. Ich verstehe Sie vollkommen, sagte Frau Brandt – und in ihrer Stimme war, wie Wilfried deutlich empfand, ein weicherer Klang als vorher. – Wie sollte ich auch nicht? Ergeht es mir doch genau, wie Ihnen. Der Gedanke, den Sie, für mich ausreichend, angedeutet haben, ist mir die ganze Nacht durch den Kopf gegangen. Ich behielte das Mädchen gar gern. Durch das Kind bin ich in meiner sonstigen Thätigkeit sehr behindert. So wäre mir die Hilfe, die mir Lotte leisten könnte und würde, hoch willkommen. Aber sie erklärt, nicht bleiben zu dürfen. Die Gründe, die sie vorbringt, haben mich einen tiefen Blick in den Charakter des eigentümlichen Mädchens werfen lassen. Ich bin schon seit Jahren, sagt sie, die einzige in der Familie, die Geld verdient. Es ist wenig genug, und doch können wir es auf keine Weise entbehren, selbst, wenn mein Schwesterchen nun tot ist, und ich für Fritz vorläufig, und wie Sie versichern, auch später nicht zu sorgen brauche. So bleiben noch immer die Eltern. Und – nun, Herr Graf, gegen Sie kann und muß ich offen sein; darf ich selbst das Zartgefühl des Mädchens nicht schonen. Sie haben den Vater gesehen. Die Frau vermag schlechterdings nichts über ihn. Lotte, die er in seiner Weise doch zu lieben scheint, auf die er wenigstens sehr stolz ist, hält ihn noch einigermaßen im Zügel. Sie ist überzeugt – und 163 sie wird wohl recht haben –, daß ohne sie die Eltern in kürzester Frist vollends zu Grunde gehen würden. Gegen solche Argumente ist nicht aufzukommen; man muß sie einfach gelten lassen. Wilfried machte eine zustimmende Bewegung und wollte etwas erwidern. Frau Brandt ließ ihm dazu keine Zeit. Sie müssen schon ein wenig Geduld haben, ich bin noch nicht zu Ende. Dies ist eine merkwürdige Familie, an der man wahrhaftig intimste psychologische Studien machen kann. Ich kenne seit Jahren einen jungen Mann. Er ist Mitglied meiner Partei – nebenbei der socialdemokratischen – auf deren alleräußerstem linken Flügel er steht. Er kommt nicht oft in die Versammlungen und spricht noch seltener. Man hält ihn möglichst von der Rednerbühne zurück, seitdem man weiß, daß er fast regelmäßig eine Auflösung herbeiführt. Er interessiert mich: wie extrem auch seine Ansichten sind – er hat etwas gelernt und weiß zu sprechen. Persönlich war er mir nicht näher getreten; ich hatte nur gelegentlich erfahren, daß er Schulz heiße und Kaufmann sei. Nun, in den Gesprächen, die ich mit Lotte hatte, stellt sich heraus: der junge Mann ist ihr ältester Bruder. Er wäre durchaus in der Lage, seiner Familie zu Hilfe zu kommen; hat sich wiederholt dazu erboten, wiederholt dazu Versuche gemacht, die alle an der Hartnäckigkeit des Vaters gescheitert sind. Er haßt diesen Sohn, den er aus dem Hause geworfen hat. Er will ihn nicht sehen, nichts von ihm wissen. Die Erwähnung nur seines Namens versetzt ihn in die äußerste Wut. Da er, was Lotte verdient, sehr genau berechnen kann, wittert er sogleich Verrat, wenn sie, was sie ein paar mal gethan, heimlich einen Zuschuß des Bruders in die ärmliche Kasse hat schmuggeln wollen. Die bare Verrücktheit, denn die ewige Verzweiflung des Mannes ist, daß er kein Geld hat – natürlich um es zu vertrinken. Der Haß gegen den Sohn ist sogar stärker als sein Laster; und aus diesem Gesichtspunkt ist es Lotte zufrieden, wenn 164 der Bruder ganz aus dem traurigen Spiel bleibt. Wir müssen arm, blutarm sein, sagt sie, oder es wird noch schlimmer. Kann man etwas Jammervolleres, Herzzerreißenderes aus einem Menschenmunde hören? Das freilich wundersam Tröstende dabei ist die hohe Sittlichkeit, die aus solchen Worten spricht. Es ist etwas Großes darum, willig die äußerste Not, das jammervollste Elend auf sich zu nehmen, um nur dem Laster keinen Vorschub zu leisten. Aber endlich muß ich Sie auch einmal reden lassen. Ich sehe es Ihnen längst an: ich habe Ihre Geduld erschöpft. Nicht im mindesten, verehrte Frau, erwiderte Wilfried, wenn auch ich Ihnen ebenfalls höchst seltsame, unsere Angelegenheit betreffende Mitteilungen zu machen habe. Zuerst, es müßte mich alles täuschen, oder ich kenne diesen Bruder Lottes: einen jungen Kassenbeamten des Bankiers meiner Tante, Frau Geheimrat Dürieu. Der Name Schulz stimmt. Das würde nichts bedeuten. Aber es ist da eine Ähnlichkeit nicht des Ausdrucks, wohl aber der Züge, besonders des Augenschnittes und der Kopfform, die mir gestern so auffiel, daß ich sofort von dem Chef, allerdings vergeblich, nähere Erkundigungen einzuziehen suchte. Darüber wollen wir bald im Klaren sein, sagte Frau Brandt, sich erhebend. Ich brauche nur Lotte zu fragen. Verzeihen Sie einen Augenblick! Sie hatte das Zimmer verlassen. Das ist doch wirklich sonderbar, murmelte Wilfried, der sein Herz heftig schlagen fühlte, während seine Augen starr auf die Thür gerichtet waren. Wäre ich abergläubisch, ich würde schwören: hier ist Magie im Spiel. Ich habe das Mädchen kaum gesehen, kaum gesprochen. Was kann sie mir denn sein? Ein Gegenstand des Mitleids – nichts weiter. Dennoch empfand er eine bittere Enttäuschung, als die Thür sich wieder öffnete und die Frau Doktor allein zurückkam. 165 Es hat seine Richtigkeit, sagte sie, ihren früheren Platz einnehmend. Es ist ihr um zwei Jahre älterer Bruder Hermann. Sie schreiben sich von Zeit zu Zeit; er poste restante , da kein Brief von ihm in die Wohnung kommen darf. Er war stets ein sonderbarer Mensch, sagt sie: nicht ohne Anflüge von Gutmütigkeit, wie der Vater auch, aber gerade wie dieser furchtbar heftig und alles in allem sehr überspannt. Von dem letzteren habe ich mich selbst überzeugen können. Wie merkwürdig, an das Wunderbare grenzend ist dies alles! Von Ihrem ersten Abenteuer auf der Bellevuestraße an! Wie sich da eine Entdeckung an die andere reiht; ein Faden sich mit dem andern verknüpft. Wollte das einer in einen Roman bringen, die Leser würden die Köpfe schütteln, die wenigstens, denen das Wundern nicht der Menschheit bester Teil ist. Und doch geht alles mit völlig natürlichen Dingen zu. Es bleibt eben ewig wahr: truth is stranger than fiction . Dazu, sagte Wilfried, nun doch froh, daß Frau Brandt Lotte nicht mitgebracht hatte, kann ich einen Beitrag liefern, seltsamer als alles Frühere. Sie wissen, Frau Doktor, von ihrem Gemahl, daß Lotte noch eine zweite Schwester hat? Auch von ihr selbst. Es ist ihr furchtbarster Kummer. Der nun auch vielleicht gelindert werden kann. Und Wilfried erzählte, wo und wann er zuerst Elise Schulz getroffen; die Begegnung gestern im Café Bellevue, und was er mit dem Mädchen ausgemacht hatte. Es kann ja sein, fuhr er fort, daß wir es hier mit einem ganz verzweifelten Fall zu thun haben. Aber ich glaube es nicht. Es war ein Etwas in dem Betragen des Mädchens, in ihrer Miene, dem Ton ihrer Stimme, ihrer Ausdrucksweise, was nur sagte: dies ist keine völlig Verlorene; hier ist Rettung möglich. Und so zweifle ich nicht: sie wird meinen Anordnungen gefolgt sein und mir demnächst schreiben, wo ich sie aufzusuchen habe. Nicht Sie, mein Freund, sagte Frau Brandt. Das ist sicherlich meine Sache. 166 Sie war aufgestanden und hatte mit raschen Schritten ein-, zweimal das Zimmer durchmessen. Jetzt kam sie zu Wilfried zurück, vor ihm stehen bleibend, mit Wangen, die eine innere Erregung bleich gemacht hatte, während ihre Augen jetzt wahrhaft leuchteten. Ich habe Sie eben »mein Freund« genannt. Sie werden es mir nicht für ungut genommen haben; es kam mir von Herzen. Denn sehen Sie: das Wunderbare in dieser letzten Geschichte liegt für mich darin, daß das Mädchen unter den Tausenden von Männern, denen sie hätte begegnen können, dem Einen unter Tausenden begegnete, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte und hat. Nun bilde ich mir manchmal ein, es sitzt bei mir auch nicht auf einem falschen. Nein, wahrhaftig! rief Wilfried, vom Stuhle aufspringend. Wenn Sie mir die Ehre, die Freude machen, mich Freund zu nennen – Und er streckte ihr bittend die Hand entgegen. Ein feines, fast schelmisches Lachen spielte um ihren Mund, in ihren Augen: Da wäre vielleicht doch noch ein Hindernis und kein kleines. Sie haben nicht überhört, daß ich mich vorhin eine Socialdemokratin nannte? Nein. Es hat Sie nicht stutzig gemacht? Durchaus nicht. Ich glaube, ich selbst, wenn man auf den Grund meiner Seele sieht, gehöre zur Partei. Wie wiederum viele, die es nicht glauben. Daraufhin wollen wir es wagen. Und sie ergriff seine noch immer ausgestreckte Hand mit kräftigem Druck. So, der Bund ist geschlossen. Nun weiter in der Debatte, die nach Ihrer neusten Enthüllung durchaus wieder eröffnet werden muß. Was beginnen wir mit dieser unglücklichen Elise? Daß ich zu ihr gehe, sobald wir ihre jetzige Adresse wissen, versteht sich, wie gesagt, 167 von selbst. Was dann? Bei den Leuten, die sie gefunden hat, oder finden wird, bleiben kann sie nicht. Von einer Rückkehr in die Familie ist nun schon gar nicht die Rede. Mit dem unsinnigen Vater und der schlaffen Mutter ist kein Bund zu flechten. Lotte können wir die Verantwortung nicht aufbürden: sie hat schon früher keine Autorität über das leichtsinnige Mädchen gehabt; oder es wäre so weit nicht gekommen. Es muß durchaus in eine ganz andere Umgebung versetzt, unter eine liebevolle, strenge Aufsicht gestellt werden. Wieder würde ich hier mich anbieten. Aber wenn ich eine ins Haus nehme, die mir eine größere Freiheit verschaffen soll, muß ich sie wieder ohne Aufsicht lassen. Also das geht nicht. Aber was? was? Sie hatte den Kopf in die Hand gestützt; in der Konzentration des Nachdenkens trat die Schärfe der regelmäßigen Züge wieder deutlich hervor. Dann löste sich die Spannung. Ich glaube, ich hab's; sagte sie aufblickend. Kennen Sie Pfarrer Römer? Persönlich, nein, erwiderte Wilfried. Doch wurde in meinen Kreisen – Sie mögen sich denken, in welchem Sinne – von seiner Agitation wiederholt gesprochen. Ich habe daraufhin auch einiges von ihm gelesen – kleine Broschüren, dergleichen. Ich kann nicht sagen, daß der Eindruck ein gleichmäßig günstiger war. Mir schien, als ob er entweder zu weit, oder nicht weit genug ging. Da begegnen sich unsere Ansichten abermals auf halbem Wege, sagte Frau Brandt, jetzt wieder freundlich lebhaft dreinblickend. Aber das Wort – ich glaube, der Tempelherr sagt es im Nathan und zu Nathan selbst – ein bessrer Christ war nie, darf man getrost auf ihn anwenden. Er ist der rechte Hirt, der das Leben läßt für seine Schafe. Und er hat das in seiner Lage ungeheure Glück, eine Frau zu besitzen, die ihn völlig versteht. Wenn wir die Elise – wäre es auch für kürzere Zeit – zu Pfarrer 168 Römer bringen könnten – das wäre herrlich. Ob es möglich ist, weiß ich freilich nicht. Ich gehe noch heute hin und frage. Sie sehen, mit meiner Freundschaft ist es ein eigen Ding. Ich nehme den Freunden ihre Entschließungen über den Kopf weg. Und wenn ich ihn mir noch so sehr zerbräche, ich wüßte keine besseren zu fassen; erwiderte Wilfried. Es bleibt nur noch eines zu erledigen. Sie wissen, daß ich die materielle Seite unsrer gemeinschaftlichen Angelegenheit meine. Ich habe bereits gegen Ihren Herrn Gemahl den Punkt zur Sprache gebracht. Er war mit mir einverstanden; ich bin überzeugt, Sie sind es nicht minder. Die Rehabilitierung der Familie und das Viele, was damit zusammenhängt, wird nicht unbeträchtliche Kosten verursachen, die zu tragen ich mich anheischig gemacht habe und mache. Darf ich Sie bitten, zu dem Zwecke tausend Mark – ich habe sie für diese Unterredung zu mir gesteckt – als meine vorläufige Hilfeleistung entgegenzunehmen? Sie streckte ein wenig zögernd die Hand nach dem Couvert, in welches er die Noten gethan hatte. Es ist eine namhafte Summe, die Sie da opfern, sagte sie. Sie sind ganz sicher, daß Ihnen Ihre Großmut hier keinen Streich spielt? Ganz sicher. Sie sind ein reicher Mann? Wilfried lächelte: Offen gestanden: ich persönlich habe keinen Pfennig; aber ich bin der präsumtive Erbe meiner vorhin schon genannten Tante und Pflegemutter, einer sehr reichen Frau. Gut denn. Man soll freilich nicht auf Weibertreue bauen. Wir wollen es diesmal ausnahmsweise um des guten Zweckes willen. Sie war an ein Schränkchen gegangen, in welches sie das kleine Paket verschloß, und wandte sich wieder an Wilfried: 169 Lotte hat darum gebeten, Ihnen persönlich danken zu dürfen. Ist es Ihnen recht, wenn ich sie rufe? Aber, Frau Doktor – Aber, lieber Freund, Empfindungen, die aus dem Herzen kommen, soll man gewähren lassen. Diese kommt dem Mädchen aus dem Herzen. Glauben Sie mir! Ehe Wilfried etwas erwidern konnte, war sie aus dem Zimmer. Sie nimmt einem wirklich die Entschließungen über den Kopf weg, dachte er, halb ärgerlich, halb lachend. Freilich, wie kann sie wissen, welche Rolle das Mädchen seit vorgestern in meinem Leben spielt! Von da, wo er stand, konnte er sich bequem in dem nicht eben großen Spiegel an dem Fensterpfeiler sehen. Mit schnellem Blick überlief er seine ganze Erscheinung, begann an seinem Bart zu zupfen und wandte sich mit einem halblauten: Schäme dich! auf den Hacken um. Die Thür ging wieder auf; Frau Brandt hatte schon einen Schritt herein gethan, Lotte, die hinter ihr kam, war noch auf der Schwelle, als aus einem wohl etwas entfernten Gemach gedämpftes, doch sehr eindringliches Kindergeschrei ertönte. Das arme Ding ist vorhin nicht satt geworden, hörte Wilfried Frau Brandt zu Lotte sagen. Dann, sich zu ihm wendend: Verzeihen Sie! Ich bin bald zurück. Das Geschrei war noch stärker geworden; man hätte glauben sollen, es käme aus dem Nebenzimmer. Und so was will eine feine, junge Dame werden! rief Frau Brandt heiter. Na, ich sehe schon, die Sache dauert länger. Da will ich Ihnen doch lieber gleich adieu sagen. Wir sehen uns jedenfalls in den nächsten Tagen? Jedenfalls. Sie hatte Wilfried noch eilig die Hand gereicht und 170 war zu der Thür hinaus, die sie hinter sich zuzog. Er fand sich mit Lotte allein. * * * Wie vorgestern auf der einsamen nächtlichen Straße. Und abermals überkam ihn die aus banger Scheu und schier unwiderstehlicher Hinneigung wundersam gemischte Empfindung. Nur ganz flüchtig hatte er die schlanke, anmutvolle, in ein schlichtes schwarzes Gewand gekleidete Gestalt gestreift, um alsbald die Augen niederzuschlagen, wie ein verschämter Schüler; und er fühlte, daß, was er auch sagen mochte, seine Stimme zittern würde. So atmete er auf, als sie nach einer Pause, die ihm eine Ewigkeit schien, trotzdem sie nur wenige Sekunden gewährt haben konnte, mit ihrer tiefen, weichen Stimme sagte: Ich wollte Ihnen danken, Herr Graf, für mein Schwesterchen, das nun tot ist und Ihnen nicht mehr danken kann; für meinen kleinen Bruder, der in seinem Fieber, ehe sie ihn wegtrugen, immerfort von Ihnen gesprochen hat. Wenn er wieder so weit ist, daß er gehen kann – ich darf ihn doch zu Ihnen schicken, daß er sich auch bedankt? Und dann – habe ich noch eine Bitte – für mich – Wilfried hatte, während das Mädchen so, ohne Hast, als erwäge sie jedes einzelne Wort, sprach, die Augen gehoben und ihre Blicke waren sich begegnet. Jetzt war sie es, welche die dunklen Wimpern senkte, als sie leiser als vorhin, aber mit derselben eigentümlichen Sicherheit und Klarheit der Redeweise fortfuhr: Ich wollte Sie bitten, herzlich bitten: lassen Sie es jetzt genug sein! Thuen Sie nichts mehr für uns! Kümmern Sie sich nicht mehr um uns! Es ist schade um jede Mühe, die doch verloren ist. Glauben Sie mir: uns ist nicht zu helfen. Das ist nicht recht, Fräulein Lotte, daß Sie so 171 sprechen, rief Wilfried in einem Ton, der wie Heftigkeit herauskam und nur tiefe Rührung war. Sie haben mir es schon vorgestern nacht gesagt. Jetzt kommen Sie zu danken für etwas, das doch wohl in Ihren Augen des Dankes wert sein muß. Doch wohl ein Stück Hilfe sein muß, die Sie ein für allemal als unmöglich bezeichnen. Von ihr kam keine Antwort. Mutiger geworden, fuhr er, sich allmählich auf seinen gewöhnlichen, höflich-ruhigen Sprechton stimmend, fort: Ihrer armen Schwester war freilich nicht zu helfen; ihr junges Leben ist dahin. Das ist gewiß tief schmerzlich für Sie; aber auch Familien, in denen vom ersten Augenblick an alles und jedes für die Kranken geschieht, trauern an Totenbetten. Und wissen Sie den Fritz nicht in guten Händen, aus denen Sie selbst ihn ja gesund wieder ins Leben zurückkehren sehen? Wie könnten Sie ihn sonst zu mir schicken wollen? Ihre Eltern, wenn bessere Tage für sie kommen, werden auch wieder Vertrauen zum Leben fassen. Restieren Sie, Fräulein Lotte. Sie, so klug, so charakterfest, so gut, so – Er hatte »schön« sagen wollen und konnte noch eben ein Wort verschlucken, das ihm plötzlich für die Mentorrolle, in die er sich hineinzureden suchte, möglichst unpassend erschien. Darüber aber hatte er den Faden verloren. Als empfände sie, daß sie ihm in seiner Verlegenheit zu Hilfe kommen müßte, sagte sie – und zum erstenmal huschte die Andeutung eines Lächelns über ihre ernsten Züge: Mau muß schon sein bißchen Verstand zusammennehmen, wenn man für alles verantwortlich ist. Was ich da gesagt habe, hat gewiß recht wenig dankbar geklungen. Und ich wollte Ihnen doch gerade von Herzen danken. Ihm war es ein völliger Schmerz, daß er die kleine, feine Hand, die sie ihm jetzt entgegenstreckte, nur durch den Glacéhandschuh berühren konnte. Auch gab er sie nach einem zaghaften Druck sofort wieder frei. 172 Leben Sie wohl, Fräulein Lotte, wir sehen uns jedenfalls wieder. Er sagte es, während er bereits den Hut in der Hand hatte und sich nach der Thür bewegte, wohin ihm Lotte bescheiden das Geleit gab. In wunderlicher Angst, sie möchte ihm auch auf den Korridor folgen, wohl gar den Paletot anhelfen wollen, machte er eine Verbeugung, die für die Situation entschieden zu ceremoniös ausfiel, und war zum Zimmer hinaus, die Thür hastig hinter sich zudrückend. Lottes starrer Blick blieb auf der Thür haften, durch welche der Mann mit der schlanken Gestalt, den vornehm feinen Zügen, den blauen Augen, die so lieb, so gütig blickten, entschwunden war. Mit einem tiefen Atemzuge strich sie über die Augen und wandte sich nach dem Nebenzimmer, aus dem eben Frau Brandt, ihr Baby auf dem Arm, hereintrat. * * * Wilfried hatte sich nach dem Lützowplatz gewandt. An der Lützowstraßenecke bestieg er einen Pferdebahnwagen, der in die Stadt fuhr. Es war ihm eingefallen, daß bei Schulte eine Gesellschaft jüngerer Maler ihre Bilder ausgestellt hatte, von denen in den Zeitungen gesprochen wurde, und die er sehen müsse. Dabei sagte er sich, daß das nur ein Vorwand sei; ihn die Bilder in diesem Augenblick gar nicht interessierten; er nur unter Menschen wolle; nicht zurück in die Einsamkeit seines Zimmers, oder, wie gestern, des Tiergartens. Nur sich selbst entfliehen wollen, den widerstreitenden Gefühlen, die seine Seele bis auf den tiefsten Grund durchwühlten. Wenn er bis zu dieser Stunde noch hatte zweifeln können, jetzt wußte er es: er liebte das Mädchen, die 173 Lotte. Und hatte, bis er sie sah, nicht gewußt, was Liebe war: leidenschaftliche Asra-Liebe [Beni-Asra: südarab. Volksstamm, dessen Angehörigen man die heftigste und zugleich keuscheste Liebe nachsagte (s. Heinrich Heines Gedicht »Der Asra«)] , in der es sich um Tod und Leben handelt. Als sie, dicht vor ihm stehend, ihm die Hand reichte, er fast ihren Atem zu spüren glaubte in der sanften Bewegung des anmutigen Busens; den Blick tauchte in die dunklen Glanzaugen, die so schwermutsvoll, so schmerzensreich zu ihm aufschauten, und in denen doch noch etwas schimmerte, was nicht Schmerz und Schwermut war – wie das erste Aufleuchten einer Morgensonne war – da hätte er alles, alles darum gegeben, die süße, holde Gestalt in seine Arme schließen, auf die weichen Lippen seinen Mund pressen zu dürfen, und müßte er im nächsten Moment sterben – Und da hatte ihn eine Macht gebändigt, vor der die wahnsinnige Leidenschaft sich ohnmächtig fühlte: die Scheu vor ihrer Schutzlosigkeit, die er, gerade er heilig halten mußte – Gott sei Dank, daß er es vermocht! Hätte er es nicht, die Reue würde ihn jetzt zerfleischen; als ein Elender würde er sich erscheinen. Da, dem jungen Menschen ihm gegenüber, der mit den hündischen Augen so frech in die Welt hineinglotzte, würde er nicht in das brutale Gesicht zu sehen wagen. Nein, tausendmal lieber der verlegene Schüler, der etwas hingestottert hatte, er wußte hinterher selbst nicht mehr recht, was; und über den sie, die Kluge, in sich so Gefestete, vielleicht innerlich gelächelt. Tausendmal lieber! »Lassen Sie es jetzt genug sein! Thun Sie nichts mehr für uns!« Wenn er sie beim Wort nahm! Keinen Schritt weiter wagte in ein Labyrinth, das sicher mit Schrecknissen angefüllt war, wie dämonisch es ihn auch lockte! Jetzt hielt er wohl den Faden, der ihn zur Freiheit zurückführte, noch in der Hand. Wenn er aber riß, dieser rettende Faden! Um ihn mochte es ja sein. Aber war es so ganz unmöglich, daß er sie mit in das Verderben zog? 174 Und doch das wahnsinnige, unausdenkbare Glück, von diesem Mädchen wieder geliebt zu werden! Und er träumte sich in ein solches Glück hinein, in seiner Ecke vor sich hinbrütend, achtlos der Menschen, die kamen und gingen, und der verwunderten Blicke, die manch einer auf den eleganten Herrn richtete, der unverwandt auf den goldenen Knopf seines Spazierstocks starrte, welchen er regungslos zwischen den Knieen in den Händen mit den rehfarbenen neuen Handschuhen hielt. Zum so und so vielten Male hielt der Wagen. Wilfried hob den Kopf: Französische und Friedrichstraßenecke. Er wußte nicht, wie er dahin gekommen war. Gleichviel. Immer konnte er doch nicht hier sitzen bleiben. Und er hatte ja wohl zu Schulte gewollt. Er stieg aus. Das Gewimmel der Menschen in der Friedrichstraße empfing ihn. Es hatte ihn auf andere Gedanken bringen sollen. Das that es nicht. Die ihm begegnenden Männer sah er kaum; sein Blick streifte nach rechts und links die Gestalten, die Gesichter der Frauen und Mädchen. Suchend nach der Einen, von der er doch wußte, daß er sie hier unmöglich finden konnte. Wie häßlich ihm alle diese Personen heute erschienen! Selten, ganz selten kam eine, die eine flüchtige Ähnlichkeit mit ihr hatte: in der mittelgroßen, schlanken Gestalt; der freien, elastischen Bewegung; hin und wieder in den Zügen sogar: einem dunkleren Auge, einem gewissen Zug um den Mund. Aber eigentlich waren es nur Zerrbilder von ihr. Er mochte sie nicht mehr sehen. Es kam ihm wie eine Profanation der Einzigen vor. Er schritt weiter, auf nichts bedacht, als den Begegnenden auszuweichen. So gelangte er, die Linden hinab, zu Schultes Salon. Die Räume waren heute nur von wenigen besucht. Unter den wenigen glücklicherweise kein Bekannter. Er ging sogleich in den großen Oberlichtsaal, wo er die Ausstellung der Neuen finden mußte. Jüngere Leute, für die er sich interessierte, derer einem und dem anderen er schon ein 175 Bild abgekauft hatte. Nur heute konnte er sich nicht in ihre Weise finden; wußte nicht, was sie mit diesen Landschaften, die man erst zu verstehen anfing, wenn man zehn Schritt zurückgetreten war, sagen wollten; diesen Porträts von hysterischen Weibern, jungen, verzweifelt dreinblickenden Männern; älteren und alten, die augenscheinlich nur gemalt waren, damit der Künstler zeigen konnte, welche kolossale Wirkung er mit blauen, roten, grauen Farbenklexen hervorzubringen vermöge. Du thust ihnen unrecht, sagte Wilfried bei sich. Vas, nisi sincerum est , – eine zerrissene Seele ist auch kein reines Gefäß. Das Porträt einer Dame, deren aufgelöstes Titian-Haar über das halbe Bild lief, hatte ihn jäh an Ebba gemahnt. »Wie steht von Gerson so schneidig der Hut« – das fatale Gedicht! Von wem konnte es nur sein? Hatte es doch die Wirkung gehabt, die der Verfasser sich versprochen? ihm den Gedanken der Verbindung mit ihr noch tiefer verleidet? Als ob es dessen bedurft hätte! Jetzt, da er zu wissen glaubte – nein! wußte, so gewiß, als er hier saß, der glücklich-unglücklichste Mensch von der Welt, – was Liebe war! Und mit dieser Liebe im Herzen, wie mochte er daran denken, eine Ebba zu seiner Frau zu machen? Es war ja der helle Wahnwitz! schlimmer: ein Verbrechen, in das er sich mit offenen Augen verstrickte – Aber wie mit Ehren zurück? Es gab keinen ehrenvollen Rückzug. Der andern gegenüber – das hatte er einzig mit sich auszumachen. In solchem Kampfe hat man Riesenkraft. Und unterliegt man doch – man nimmt die Schmach des Besiegten still mit sich in das Grab. Hier galt es die Auseinandersetzung mit der Welt, in der man lebte, an die man gefesselt war mit tausend Fäden, wie der an den Boden gepflockte Gulliver. Er sprang auf, eilte dem Ausgang zu, nahm aus den Händen des Dieners seinen Stock, und war wieder auf 176 der Straße, erst nach einigen Minuten bemerkend, daß er, anstatt nach links, dem Brandenburger Thor zu, wie seine Absicht gewesen, nach rechts, abermals die Linden hinauf, abgebogen war. Gleichviel! Bettler und Müllersleute gehen keinen Weg um. Er hätte von einer, oder der andern Gilde sein mögen – irgend ein obskurer Mensch. Jetzt, wie eng er sich an die Häusermauern drückte, konnte er dem Gruß von Bekannten nicht ausweichen: eines Offiziers von der Garde hier, eines Attaché der rumänischen Gesandtschaft dort; einer shopping -fahrenden Dame, der ein Ladenjüngling das Paket auf den Rücksitz in den offnen Wagen legte, während der Kutscher, rückwärts gewandt, die Hand am Tressenhut, die weiteren Befehle der Gnädigen entgegennahm. In einem Haufen vor einem der Schaufenster sah er einen alten, hochgewachsenen Herrn mit schneeweißem Haar und gekrümmtem Rücken stehen: Excellenz von Frötstedt. Heute wäre er an dem würdigen Freund gern unbemerkt vorübergekommen. Der aber wandte sich zufällig, sah ihn und kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Morgen, Morgen, lieber Graf! Habe ich ein Glück! Wie Diogenes, nur ohne Laterne, suche ich seit einer Stunde nach einem Menschen! Wenn Sie ihn nur in mir gefunden haben, Excellenz! Lassen Sie das meine Sorge sein! Wohin wollen Sie? Nirgends hin, Excellenz! Genau mein Weg. Also gehen wir zusammen. Bitte, geben Sie mir Ihren Arm! Den linken, s'il vous plait! Mein linkes Ohr – na! Aber mein rechtes – alle Achtung! Wie ist Ihnen der gestrige Abend bekommen? Oder waren Sie gar nicht da? Doch. Excellenz waren bereits fort. Jetzt aber eklipsiere ich mich, sagte der Kuckuck. Da hatte er der Grasmücke ein Ei ins Nest gelegt. Der alte Herr kicherte so, daß er einen kleinen Hustenanfall bekam. 177 Da ist es freilich kein Wunder, daß das Brutgeschäft ins Stocken geriet. Was Sie sagen! Wie denn? Eine lange, tragikomische Geschichte. Die Sie mir durchaus erzählen müssen! Aber nicht hier auf der Straße. Da ist das Café Bauer. Paßt Ihnen nicht? Excellenz, mit Ihnen! Na denn: mutig ins Leben hinein! Siehe Goethe! Sie hatten im Hintergrunde des weiten Raumes schnell ein leeres Tischchen gefunden. Der Kellner hatte für jeden ein Fläschchen Wermutwein gebracht, den der alte Herr als hier ausnahmsweise gut und echt empfahl. Und nun die Geschichte von dem gestörten Brutgeschäft! Ich brenne vor Begierde. Genieren Sie sich nicht mit Ihrer Cigarette! Im Ocean, was bedeutet eine Welle! Wilfried erzählte, erstaunt, wieviel von den Reden gestern abend in seinem Gedächtnis geblieben war, trotzdem er kaum hingehört zu haben meinte. Nur, was er dann selbst gesagt, wollte ihm nicht recht wieder einfallen; auch glaubte er mit dem vielen Rühmlichen, das er dabei über den alten Herrn geäußert, ihm selbst gegenüber zurückhalten zu müssen. Der General hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört; wenn Geräusch in der Nähe entstand, die Hand an das Ohr haltend, hin und wieder mit verhaltenem Lachen den weißen Kopf schüttelnd, ein andermal die hohe Stirn in noch tiefere Falten ziehend. Als Wilfried zu Ende war, reichte er ihm die Hand. Das haben Sie brav gemacht, mein junger Freund. Echt kameradschaftlich haben Sie mich herausgehauen. Nun aber sagen Sie mal ehrlich: würden Sie es gethan haben, hätten Sie gewußt, daß meine Traumgeschichte garnicht so harmlos gemeint war, wie Sie Guter anzunehmen scheinen? ich meine Tröpfchen Fegefeuer vielmehr mit großem Gusto meinerseits verspritzt habe? 178 Wilfried blickte den alten Herrn erstaunt an. Ja, ja, mein bester Graf, Sie wissen eben nicht, wie radikal ich bin. Der richtige Revolutionär, sage ich Ihnen. Damit wird es wohl so arg nicht sein, Excellenz, sagte Wilfried lächelnd. Au contraire! ganz erschrecklich arg. Ich weiß vor revolutionären Gelüsten gar nicht mehr wohin. Als ob alle Teufel meiner Jugend wieder losgelassen wären. Ist auch kein Wunder. Wenn ich jetzt sehe, wie das von unten drängt und treibt, und man von obenher alles unter einer Bleidecke ersticken möchte – das ist ja gerade, wie in den zwanziger und dreißiger Jahren. Ich kann Ihnen sagen, in den Offizieren von damals pulsierte ein rasches, frisches Blut. Die älteren unter ihnen hatten noch die Befreiungskriege mitgemacht; nicht wenige waren recta von der Universität, der Schulbank sogar in den Krieg gezogen und bei der Waffe geblieben. Sie hatten ihren Goethe und Schiller, ihren Homer und Horaz mit im Tornister gehabt, während die Kugeln um ihre Ohren pfiffen. Aus solcher Schule geht ein anderes Geschlecht hervor, als aus unsern Kadettenanstalten von heute. Und was wir jungen Dachse waren, wenn die älteren Kameraden erzählten, da bekamen wir von der Katzbach und dem Skamander, von Waterloo und Marathon zugleich zu hören. Und dann die Romantiker! Der herrliche Achim von Arnim! Der noch viel herrlichere Kleist! Das war mein Mann. Vor seinem Prinzen von Homburg, seiner Hermannsschlacht, ziehe ich den Hut. In dem war Feuer, Leben, Wahrheit. Der glaubte an seine Gestalten. Habe ich Ihnen je die Anekdote von der Penthesilea erzählt, die ich aus dem Munde von Pfuel habe? Nein, Excellenz. Also: er und Pfuel waren zusammen in der Schweiz, in Zürich, glaube ich. In welchem Jahre weiß ich nicht mehr, auch nicht, was sie da zu suchen hatten. Thut auch 179 nichts zur Sache. Genug, sie waren da, lebten in demselben Hause, waren beisammen, so oft Kleist sich von seiner Arbeit losreißen konnte. Kommt er eines Tages Pfuel aufs Zimmer gestürzt, wirft sich in einen Stuhl und fängt jämmerlich an zu heulen. Vergebens lange Zeit, daß Pfuel in den Weinenden dringt, ihm doch wenigstens zu sagen, was ihm Schreckliches passiert sei. Endlich Kleist, die Hände ringend: ›Sie ist tot‹ – ›Mein Gott, wer denn?‹ – ›Penthesilea!‹ – Da könnte man ja lachen, bloß, daß man weinen möchte, wenn man die glaubenlosen Menschen von heute sieht. Das heißt: der Glaube ist nur in der Schicht der Gesellschaft abgestorben, in der er damals lebendig war: der der Gebildeten und Studierten, und hat sich tiefer gesenkt: in das arme, ungebildete Volk. Und es ist nicht mehr der Traum, den wir damals träumten, und der ja nun in glorreiche Erfüllung gegangen ist: ein einiges, machtvolles Deutschland. Das Reich, von dem sie träumen, an dessen Kommen sie festiglich glauben, ist ein anderes, noch mächtigeres, größeres, wenn es gleich auch von dieser Welt, erst recht von dieser Welt ist. Der alte Herr schwieg und schenkte mit der runzligen, zitternden Hand die Neige aus dem Fläschchen in sein Glas. Er hatte zuletzt die Stimme so laut erhoben; ein und der andre Gast an den Nebentischen hatte sich umgewandt. Man konnte nicht wissen, zu wessen Ohren es kam. Wilfried machte leise den Erregten darauf aufmerksam. Ach was! sagte der Alte ärgerlich. Was können sie mir anhaben? Ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit als Offizier in Krieg und Frieden redlich gethan. Und wenn der Uralte es fertig bringt, die Ideale seiner Jugend umzumodeln, daß sie auf heute passen, so sollten sich andre Leute ein Beispiel daran nehmen. Aber da fällt mir ein: meine Kathrine, mein altes Hausmöbel, wartet mit dem Mittagsessen auf mich. Wollen Sie die Güte haben und den Kellner rufen! Die Leidenschaft, in die er sich hineingeredet, hatte den 180 Greis doch stark angegriffen, er lehnte sich beim Hinausgehen schwerer auf Wilfrieds Arm. Glücklicherweise war seine Wohnung in der Behrenstraße bald zu erreichen. So! sagte er, als sie vor seiner Thür standen. Ich danke Ihnen von Herzen, lieber junger Freund. Das war ein Hochgenuß für mich, so einmal frei von der Leber weg reden zu können. Darüber habe ich nach alter Leute Weise nur von mir gesprochen. Ihnen nicht einmal gesagt, wie leid es mir thut, daß Sie die Suppe, die ich alter Thunichtgut unserm biedern Goethekonventikel eingebrockt, haben ausessen müssen. Ich hab' es gern gethan, Excellenz. Glaub ich. Wenn's Ihnen nur gut bekommt! Die Leute lassen sich ja im allgemeinen viel gefallen. Nur an ihre Steckenpferde darf man nicht rühren. Da werden sie rabiat. Ihre Frau Tante ist eine liebe Dame. Aber mit den Sentimentalen ist es eine eigene Sache. Das fühlt sich wie Watte an, bis man plötzlich auf etwas Hartes stößt, das möglicherweise das steinerne Herz zu den schwimmenden Augen ist. Aber bange machen gilt nicht, riefen wir einander zu, wenn wir die erste Salve aus einem Carré bekamen, das wir attackierten. Also auf gutes Wiedersehen, lieber Freund! Und nochmals herzlichen Dank! Die Hausthür hatte sich hinter der ehrwürdigen Gestalt geschlossen. Wilfried ging seines Weges, jetzt in der Richtung nach seiner Wohnung. * * * Vorläufig bis zum Potsdamer Platz, in dem Bellevue-Restaurant zu Mittag zu essen. Diesmal in der dichtbesetzten Veranda lieber als drinnen im leeren Saale, wo er wieder dem Kellner in die Hände geraten mußte, der gestern Zeuge seiner Unterredung mit Elise Schulz gewesen war. Während er seine Mahlzeit verzehrte, ohne recht zu wissen, was er aß und trank, ging ihm so viel durch Kopf 181 und Herz. Doch wunderte er sich der Ruhe, die über ihn gekommen war. Wohl starrte das Leben von Wirrsal. Aber, wenn man es durch das klare Auge einer Frau Brandt sah; wenn man sich, wie jener Veteran, den Enthusiasmus seiner Jugend bis in das späteste Greisenalter bewahrte – beim Himmel, da hatte das Bangemachen keine Geltung, so wenig wie all die grauenhaften Schrecken, die dem Jungen begegneten, der ausging, das Gruseln zu lernen. Welch' tiefer, urecht deutscher Sinn in dem alten Märchen! Nicht von außen her kommt das Grausen; aus uns selbst stammt's, aus der feigen Furcht in unserm Herzen. Und die Furcht aus den Widersprüchen, zwischen denen wir hin und her schwanken, und darüber die Kraft zur entschlossenen That einbüßen. Wahrlich, Schiller hat dreimal recht: »Es giebt kein Unrecht, als den Widerspruch. Denn recht hat jeder eigene Charakter, der übereinstimmt mit sich selbst.« In alle Zukunft soll es mein Wahlspruch sein. * * * Es war vier Uhr geworden, als Wilfried nach Hause kam. Zunz meldete, es seien inzwischen wieder mehrere Briefe eingetroffen, die er dem Herrn Grafen auf den Schreibtisch gelegt habe. Es sei auch ein Rohrpostbrief dabei. Wilfried fühlte sich nach den Ereignissen des Tages tief abgespannt. Aber er hoffte, die von Elise Schulz erwartete Nachricht vorzufinden. So begab er sich sofort in sein Arbeitszimmer. Die Nachricht war da: eine mit etwas unsicherer Hand geschriebene Postkarte: Ich wohne jetzt Kochstraße Nr. 15 bei Tischler Wendt. Hof r. 4. Tr. E. S. Wilfried schloß die Karte in ein Couvert, das er an Frau Doktor Brandt adressierte. Dann waren noch zwei Briefe, der eine von Tante 182 Adele, der Rohrpostbrief von ihm unbekannter ausdrucksloser Schreiberhand mit dem Stempel: Justizrat Berner. Was konnte ihm der Rechtsanwalt so Eiliges mitzuteilen haben? Und wie er sich jetzt überzeugte, in einem eigenhändigen Schreiben. Eine große Seltenheit bei dem Vielbeschäftigten. Sehr geehrter Herr Graf! Als der alte Rechtsfreund Ihrer Familie glaube ich Ihnen das Folgende ungesäumt notifizieren zu sollen. Ihre Frau Tante hatte mich heute vormittag ein Uhr zu sich bestellt, damit ich ihr das Testament vorlegen solle, dessen Text ich nach ihren, in wiederholten mehrstündigen Konferenzen, nach allen Seiten diskutierten Angaben ausgearbeitet und festgestellt hatte. In diesem Testament waren Sie, abgesehen von einer längeren Reihe nicht eben wesentlicher Legate an diverse Wohlthätigkeitsanstalten, Dienerschaft u. s. w. als Universalerbe des Vermögens genannt, das sich nebenbei auf rund drei Millionen beläuft. Ich fand Ihre Frau Tante sehr erregt, wie es schien, von einer Unterredung mit Frau von Wiepkenhagen, die bei ihr auf dem Sopha saß und noch bei meinem Eintreten mit Heftigkeit auf sie einsprach. Ich habe allen Grund anzunehmen, daß sie dabei ihren, wie Sie wissen, großen Einfluß auf Ihre Frau Tante in einer Richtung geltend gemacht hat, die Ihren Interessen, verehrter Herr Graf, diametral entgegengesetzt ist. Bei dem Abschied der Dame, der dann alsbald stattfand, umarmten sich die Freundinnen; Ihre Frau Tante mit den Worten: seien Sie überzeugt, meine Beste, ich werde so stark sein, wie Sie und alle, die es wahrhaft gut mit mir meinen, wünschen und wünschen müssen. Ich will mich kurz fassen. Unangenehmes sagt sich besser kurz als lang. Ihre Frau Tante erklärte mit einer Festigkeit, durch die sie mich sonst nicht gerade verwöhnt hat, daß sie nach 183 gewissen Erfahrungen, die sie in allerletzter Zeit gemacht, in Ihnen nicht mehr den liebevollen, gehorsamen, dankbaren Sohn sehen könne, den sie sich erzogen zu haben geglaubt; infolgedessen von einem Testament, wie wir es verabredet, vor der Hand nicht mehr die Rede sein dürfe. Es sei denn, daß Sie, Herr Graf, sich zur Erfüllung gewisser Bedingungen verständen, die sie Ihnen stellen müsse, obgleich sie leider fürchte, der Versuch, in das alte, gute Verhältnis wieder einzulenken, werde an Ihrer Hartnäckigkeit scheitern. Ich habe trotz aller Mühe nicht herauszubringen vermocht, worin diese Bedingungen bestehen sollen. Nun aber ist mein freundschaftlicher, höchst dringender Rat, daß Sie die von Ihnen verlangten Konzessionen, die ja nicht gegen Ehre und Pflicht gehen werden, höchstens ein kleines Opfer der Eigenliebe erfordern möchten, durchaus bringen. Alte Damen, besonders die sehr ästhetischen, sind ein genus irritabile – trotz der Poeten. Es sollte mir mehr als leid thun, wenn die entente cordiale , die bis jetzt zwischen Tante und Neffen bestand, eine ernsthafte Störung erlitte, die dann jedenfalls zum Schaden der Partei ausfallen würde, welche an dem weniger langen Ende des Hebels sitzt. Ihr aufrichtig ergebener O. Berner, Justizrat. Ist die Welt toll geworden, oder bin ich es? rief Wilfried, in den Brief starrend, als ob, was er eben gelesen, gar nicht da stehen könne. Aber es blieben dieselben kritzlichen Buchstaben, dieselben ominösen Worte. Erst die liebe Friederike mit ihrer schwesterlich übertriebenen Ängstlichkeit; dann der alte kluge Herr mit seiner Warnung vor den empfindlichen Steckenpferdreitern; jetzt nun gar der kühle, sarkastische Rechtsanwalt, den kaum etwas jemals aus der Fassung brachte, plötzlich voll Sorge um ein Nichts. Dies war doch eines: eine Luftblase, die platzte, wenn man 184 sie berührte. Sicher war die Tante selbst ein gut Teil verständiger als alle diese thörichten Menschen. Was konnte sie ihm geschrieben haben, als: ich bin gestern ein bißchen bös auf Dich gewesen, mein Junge, und habe zu meinen Freunden über Dich gescholten. Nun ist der Ärger verrauscht und ich bin wieder – und so weiter. Fest überzeugt, daß er keinen andern Inhalt haben könne, erbrach er Tante Adeles Brief. Lieber Wilfried! »Alles eigentlich gemeinsame Gute muß durch das unumschränkte Majestätsrecht gefördert werden« ist ein bedeutendes Wort des Hauptmanns in den Wahlverwandtschaften. Nun liegt mir nichts ferner als Anmaßlichkeit, aber ich habe das Recht und die Pflicht, ein so ganz eigentlich gemeinsames Gute, wie es mein Goethekränzchen ist, vor aller Schädigung und Verunglimpfung zu behüten und zu schützen. In Deinem gestrigen heftig-elementaren Ausfall gegen die würdigen, aufs höchste zu verehrenden Mitglieder meiner Gesellschaft kann ich nicht umhin, eine derartige Schädigung und Verunglimpfung schmerzlich zu beklagen. Durfte ich bisher, den Geist erwägend, welcher über meinen Montagsabenden schwebte, wie der Meister von der Gesellschaft, die sich abendlich um Charlottens Theetisch versammelte, sagen: »Die Gemüter öffneten sich, und ein allgemeines Wohlwollen entsprang aus dem besonderen. Jeder Teil fühlte sich glücklich und gönnte dem andern sein Glück,« so sehe ich jetzt schreckensvoll alles in das Gegenteil verkehrt und die heitere Idylle in eine Tragödie verwandelt, welche meine auf das Anmutig-Schöne gestimmten Nerven grausam quält. Der Speer, der die Wunde geschlagen, ist allein imstande, sie zu heilen. Bringe meiner verstörten Gesellschaft Behagen, Zufriedenheit und Glück zurück, indem Du ihr am kommenden Montag, zu welchem ich diesmal 185 ausnahmsweise besondere Einladungen ergehen lassen werde, reumütig Dein Fehl eingestehst und sie bittest, Dir ihre Wohlgeneigtheit, die Du jetzt verscherzt hast, freundlich mild wieder zuwenden zu wollen. Ich achte und ehre die Blutsverwandtschaft, wie jede andre bedeutende Gabe der Natur. Aber dem Streben, das in unsres Busens Reine wogt, antwortet in gleichgestimmten Tönen doch einzig und allein die Wahlverwandtschaft. Sollte es wirklich ein holder Wahn von mir gewesen sein, daß unser Verhältnis im Zeichen dieser höheren Weihe stand? Deine tiefbetrübte Tante Adele. Wilfried schob den Brief auf die Seite, nahm ein leeres Blatt und schrieb: Liebe Tante! Ich denke zu groß von Dir, um in Deinem Brief etwas anderes zu sehen als den Ausdruck einer gewiß schnell vorübergehenden üblen Stimmung. Was die Bedingung betrifft, deren Erfüllung Du mir ansinnst, die verlorene Gunst Deiner Gesellschaft wiederzugewinnen, so kommt mir ein Wort Tassos in Erinnerung, das ich mir für unsern Fall aneignen zu dürfen bitte:                             Gern erkenn' ich an, Du willst mein Wohl; allein verlange nicht, Daß ich auf diesem Weg es finden soll. Ich verbleibe, trotz Deiner momentanen Ungnade, in Liebe Dein Wilfried. Dann schrieb er noch an den Justizrat ein paar Zeilen, in welchen er ihm für seine treue Sorge, die, wie er zuversichtlich annehme, diesmal grundlos sei, freundlich dankte. 186 Zunz sollte die Briefe in den Postkasten thun; nur den an Frau Doktor Brandt sofort direkt besorgen. Übrigens wünsche er jetzt, eine Stunde zu ruhen und nicht gestört zu werden. * * * Als Wilfried pünktlich zur festgesetzten Zeit in der Wohnung seiner zukünftigen Schwiegereltern sich einfand, traf er zu seinem Erstaunen die Gesellschaft bereits versammelt; wenigstens schienen die nicht eben großen Empfangsräume mehr Gäste nicht wohl fassen zu können. Ebba kam ihm sofort entgegen. Sie sah in einem knapp anliegenden Kleide von hellem Seidenstoff sehr reizend aus; aber die Freundlichkeit, mit der sie ihn empfing, schien Wilfried stark übertrieben und für eine Gruppe von Offizieren berechnet, aus der sie sich zu ihm gewandt hatte. Auch war ihr erstes Wort ein Vorwurf: Wie spät Du kommst! Um halb neun – auf die Minute; wie Du befohlen. Ich hatte um acht gebeten. Und nicht im Frack! Mein bevorzugter Gesellschaftsanzug, weißt Du. Und der mir doch hier sehr am Platz scheint. Gott, es sind ein paar mehr geworden, als wir dachten. Hast Du Mama schon begrüßt? Nicht wohl möglich. Du hast mich ja eben eintreten sehen. Na, dann thue es jetzt! Da die Generalin in diesem Zimmer nicht war, wandte sich Wilfried nach dem zweiten, dem eigentlichen Salon, wo er sie zu finden sicher sein durfte. Während er, sich langsam durch die plaudernden Gruppen schiebend, einen Überblick über die Gesellschaft zu gewinnen suchte, fiel es ihm nicht weiter auf, daß er der einzige Civilist zu sein schien. Daran war er in diesem Hause gewöhnt. Aber unter den Offizieren – fast alle jüngere und ganz junge 187 Männer – bemerkte er mehrere, die er hier zuvor nie gesehen; dann einige, die sich in letzter Zeit sehr selten hatten blicken lassen, wie Baron Rentlow, und zu seinem Erstaunen den Major von Bronowski, von dem er zu wissen glaubte, daß er seit der Breslauer Zeit mit der Familie durchaus zerfallen sei. Beide Herren begrüßten ihn, der Baron voll Dank für die Introduktion bei den Bielefelders, die ihn außerordentlich liebenswürdig aufgenommen hätten; der Major, mit polnischer Verbindlichkeit sich ausnehmend freuend, »dem Herrn Grafen so bald wieder zu begegnen und, Gott sei Dank, auf einem neutralen Boden!« Wilfried meinte, daß der Major sich diese Anspielung auf den gestrigen ominösen Abend hätte sparen können; doch antwortete er freundlich. Aber ein lebhafter Unwille überkam ihn, als er, bis zum Salon vorgedrungen, Ebbas Mutter in, wie es schien, höchst eifrigem Gespräch mit Graf Leßberg traf. Daß er dem ihm gründlich fatalen Menschen an dritten Orten, wie vorgestern im Palasthotel, gestern im Hippodrom begegnete, ließ sich nicht vermeiden; doch war er froh gewesen, als der Herr seine früher häufigen Besuche hier im Hause seit dem Tage seiner offiziellen Verlobung mit Ebba erst einschränkte, dann gänzlich einstellte, und er hatte Ebba und ihren Eltern gegenüber daraus kein Hehl gemacht. Wie zum Teufel erschien denn der Mann plötzlich wieder auf der Bildfläche? Während er noch zögerte, an die beiden heranzutreten, die ihn augenscheinlich in der Lebhaftigkeit ihrer Unterhaltung nicht bemerkten, legte sich eine Hand auf seine Schulter. Es war der General, auch er ausnahmsweise in Uniform, das Eiserne und das Johanniter-Kreuz auf der Brust. Na, ich dachte schon, Du würdest gar nicht antreten. Es klang nicht eben freundlich. Wilfried, dem die Stimmung ohnedies verdorben war, erwiderte kühl: Mir will scheinen, als habe man das hier gehofft. 188 Wieso denn? Ich finde heute abend Leute, von denen man bei Euch sehr wohl weiß, daß ich ihnen nicht gern begegne. Und er machte eine deutende Bewegung nach Graf Leßberg hin. Ja so! Na, da mußt Du Dich mit den Weibern auseinandersetzen. Die Einladungen sind ein für allemal ihr Ressort. Übrigens begreife ich Dich nicht: Leßberg ist ein höchst charmanter Mann, schneidiger Offizier, vollkommener Kavalier. Wenn Du erst Deinen eignen Haushalt hast, kannst Du Dir ja Deine Gesellschaft nach Deinem Gusto wählen. Danke gehorsamst für gütige Belehrung. Wilfried hatte es, sich verbeugend, mit offener Ironie gesagt; seine Geduld war zu Ende. Der General warf aus den zwinkernden, stark geröteten kleinen Augen einen bösen Blick auf ihn, erwiderte aber nichts und machte eine halbe Wendung zu einer Gruppe älterer Offiziere. Als Wilfried sich nun ebenfalls wandte, war die Unterredung zwischen dem Grafen und der Generalin gerade zu Ende. Der Graf zeigte ein äußerst vergnügtes Gesicht, von dem aber das Lächeln plötzlich schwand, als er Wilfrieds, an dem er eilig vorüberwollte, ansichtig wurde. Doch hatte ihn seine weltmännische Sicherstelligkeit nur für einen Moment verlassen. Im nächsten war er auf ihn zugetreten, um ihm mit ausgesuchter Höflichkeit guten Abend zu sagen und sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Er habe vergebens gehofft, den Herrschaften heute wieder im Hippodrom zu begegnen. Es sei schauderhaft heiß gewesen. Verzeihen Sie, Graf! Ich sehe da den Major von Bronowski, dem ich eine interessante Mitteilung zu machen habe. Die Generalin hatte sich inzwischen zu einer andern Dame auf das Sofa gesetzt, abermals in so intimer Konversation, daß sie Wilfrieds Verbeugung aus der Entfernung nur mit einem flüchtigen Wehen der Hand und dem obligaten, noch dazu sehr gezierten Lächeln erwidern konnte. 189 Der Teufel soll mich holen, wenn ich hier länger bleibe, murmelte Wilfried in sich hinein. Als er, jedes Aufsehen vermeidend, sich vorsichtig nach der Ausgangsthür bewegte, kam ihm Falko entgegen. Du willst doch nicht gar fort? Es ist allerdings meine Absicht. Aber warum denn? Ich finde die Aufnahme, die mir hier zu teil wird, nicht nach meinem Geschmack. Ach, das bildest Du Dir nur so ein. Ich weiß, daß Ebba sich riesig auf Dein Kommen gefreut hat. Sie hat sogar noch eine besondere Überraschung für Dich in petto . Da kommt sie mitsamt ihrer Überraschung! Na, ich will nicht das Wiedersehen trüben. Hier bringe ich Dir jemand, den ich Dir nicht vorzustellen brauche, sagte Ebba, Wilfried die Dame, die sie an der Hand hielt, zuführend. Du siehst, mon cher: on revient toujours  – Sie sind abscheulich, rief Frau von Haida, Ebba mit dem Fächer schlagend. Machen Sie, daß Sie fortkommen. Fällt mir ja gar nicht ein, die Herrschaften stören zu wollen! A propos : Wilfried: Du wirst die Ehre haben, die gnädige Frau zu Tisch zu führen. Es wird gleich so weit sein. Hernach soll noch ein wenig gehüpft werden. Frau von Haida hatte Wilfried die schmale Hand gereicht und sagte mit der sanften Stimme und dem verträumten Augenaufschlag von ehemals: Sie hat recht: on revient toujours , wenn auch die revenants und nun gar die revenantes nicht immer willkommen sind. Sollte das wohl auf unsern Fall passen, gnädige Frau? Sie waren immer der höflichste Mensch von der Welt. Schade nur, daß die Höflichkeit so billig ist. Doch nur für den, der mit ihr geboren ist. Wie Sie. 190 Wie jeder Gentleman. Oder er wäre keiner. Erlernen läßt sich die Höflichkeit, wenigstens die wahre, nicht. Den alten Gordon hör' ich wieder sprechen. Will sagen: den Mann, dessen sinnvolle Rede mir immer klang wie eine Menschenstimme – die einzige unter schwatzenden Staaren. Wenn wir so fortfahren, gnädige Frau, können wir – besonders in Anbetracht, daß wir Tischnachbarn sein werden – bis zum Schluß des Abends einen langen Faden extrafeiner Seide spinnen. Ich habe noch viel auf der Spule. Bei Euch Männern pflegt der Faden allerdings früher zu reißen. Das wird ja dann ein edler Wettstreit werden. Auf den ich mich unendlich freue. Seit wann sind Sie in Berlin, gnädige Frau? Seit vierzehn Tagen; aber erst seit drei sichtbar: mein Kleiderkoffer war unterwegs verloren gegangen und hat sich erst jetzt wiedergefunden. Nun muß ich zu Ihrer Schwiegermama. Also, auf Wiedersehen! Frau von Haida wandte sich nach der Sofaregion; Wilfried zog sich in die tiefe Fensternische zurück, wo er vor der Hand ungestört zu bleiben hoffen durfte. Dies war wirklich ein Abend der Überraschungen. Ob er das plötzliche Auftauchen der reizenden Frau zu den angenehmen oder den unerfreulichen zählen sollte, wollte ihm nicht recht klar werden. Sie war womöglich noch anmutiger als vor vier Jahren in Breslau; und er mußte sich erinnern, welche Anziehungskraft das gefeierte Mädchen auf ihn geübt, wie gern er sich mit der Lebhaften, Geistvollen unterhalten, wie er einer ihrer eifrigsten Tänzer gewesen war. In diesem nur noch von dem Einen: Hauptmann von Bronowski übertroffen. Also darum war der heute abend hier! Nun die Nebenbuhlerschaft, die man ihnen beiden damals nachgesagt hatte, würde heute nicht wiederkehren. Und er für sein Teil hatte es ja dann auch recht ruhig ertragen, als Marie von Erlbach Frau von 191 Haida wurde. Bronowski hatte, nachdem sie so schnell Witwe geworden, jetzt wieder die schönsten Chancen. Da war es doch aber wunderlich, daß man ihr nicht den Major zum Tischnachbarn gegeben. Und wie war die Einladung an ihn, der hier nie verkehrt, möglich gewesen, wenn man gestern noch nicht gewußt hatte, daß man heute eine Gesellschaft haben würde? Hier ging entschieden Verschiedenes nicht mit rechten Dingen zu. Er beschloß, sich darüber den Kopf nicht zu zerbrechen. Dies ganze Treiben erschien ihm so unsäglich hohl und nichtig. Nur für Frau von Haida empfand er doch eine Art von Interesse – Reminiscenz einer Zeit wohl, sprach er bei sich, wo Du so viel jünger warst und unbefangener in das Leben blicktest. Johann schob die Flügelthür zum Speisezimmer auf, während Falko's laute Stimme nebenan und dann gleich auch im Salon die Herren ersuchte, ihre Damen zu Tisch zu führen. * * * Die Gesellschaft, mit Ausnahme der Wirte und einiger weniger älterer, lauter jüngere und ganz junge Leute, mochte vierundzwanzig Personen zählen, zu je acht an drei Tischen verteilt. Unter Wilfried und Ebba war es hergebracht, daß sie sich bei solchen Gelegenheiten trennten. Wir sind ja doch keine Turteltauben, pflegte Ebba zu sagen; und Wilfried vermied nicht minder gern jedes geflissentliche Hervorkehren des Brautstandes. Dennoch empfand er es als eine starke Taktlosigkeit, ja geradezu als Beleidigung, daß sie Leßberg zu ihrem Tischherrn gewählt hatte. War es doch schon schlimm genug, daß der ihm so unsympathische Mensch hier im Hause wieder verkehren zu wollen schien. Ihn gar auf diese Weise auszuzeichnen, überstieg nach seiner Meinung jedes erlaubte Maß. Er war in freundlichen, friedlichen Absichten hierher gekommen. Unfreundlich, ja feindlich war man ihm begegnet. Wollte man Krieg? 192 Hatte der Verfasser des anonymen Spottgedichts von heute morgen es gewußt? ihm sagen wollen: Thor, der Du nicht siehst, wie gering, wie sogar nicht der Mühe wert der Preis des Kampfes ist! Während er in so trübe Gedanken versunken war, hatte sich Frau von Haida mit ihrem Nachbar zur Rechten unterhalten, einem blutjungen Lieutenant, den ihr leises Geplauder weit mehr in Verlegenheit zu setzen als zu ergötzen schien, und der alle ihre Fragen beständig mit einem ängstlichen: Ja wohl, gnädige Frau! doch nicht, gnädige Frau! beantwortete. Und sichtbar erleichtert aufatmete, als sie, sich plötzlich zu Wilfried wendend, ihn seiner eigentlichen Tischdame überließ, die dann freilich in jeder Beziehung sehr viel besser zu ihm paßte, und mit der er alsbald in lebhaftes Gespräch kam. Nun, sagte Frau von Haida, haben Sie sich ausgeschmollt, mein melancholischer Freund? Zeit genug haben Sie mir gelassen. Dafür haben Sie mich, wenn Sie wollen, für den ganzen großen Rest. Der Edelknecht zu meiner Rechten spränge lieber in die Charybdis, als daß er den geistreichen Mund wieder zu mir aufthäte. Dafür habe ich gesorgt. Wenn Ihre Sorge sich nur lohnt. Ich denke doch, Sie können Marie von Erlbach über Frau von Haida nicht ganz vergessen haben. Und ich freue mich, in Frau von Haida Marie von Erlbach so völlig wiederzufinden. Das Gewerbe des Schmeichlers überließen Sie sonst anderen. Ich bin mit meinem alten Mann eine alte Frau geworden. Schade, daß die Schicklichkeit so streng verbietet, den Leuten ins Gesicht zu lachen. Ich entbinde Sie mir gegenüber feierlich von den Gesetzen der sogenannten Schicklichkeit. Sie ist schon das dümmste, was die Menschen erfunden haben. 193 Goethe war anderer Meinung, der für das, was sich ziemt und schickt, uns Männer gerade an die edlen Frauen verwies. Wenn Sie doch gestern abend bei Ihrer Frau Tante so gesprochen hätten! Also die Historie von dem Frosch-Mäusekrieg ist schon bis zu Ihnen gedrungen! Die ganze Stadt ist voll davon. Mir erzählte sie Bronowski, der mich heute vormittag besuchte. Ah! Und heute nachmittag, als ich hier vorsprach, zu erfahren, in welcher Toilette man zu kommen habe, konnte ich die Wundermär von den anmutigen Lippen der Frau von Wiepkenhagen, die sie Ihrer Tante zum besten gab, noch einmal im Detail hören. Das erklärt mir denn freilich manches. Zum Beispiel? Zum Beispiel die Anwesenheit des Herrn von Bronowski. Er bat mich, ihm eine Einladung zu verschaffen. Was ich sehr begreiflich finde. Er folgte seinem Stern, der über diesem Hause stillstand. Soll ich ihn darum schelten? Es gab Zeiten, in denen der Stern auch anderen leuchtete. Sie haben sich alle in der Wüste des Lebens verloren. Er allein ist treu geblieben. Es steht ja jetzt bei Ihnen, ihn für seine Treue zu belohnen. Als ob es das nicht immer gethan hätte! Als ob man wohl Hauptmanns-, aber nicht Majorsepauletten widerstehen könne! Als ob ich gewußt hätte, daß Herr von Haida so bald sterben und das arme Mädchen als reiche Frau zurücklassen würde! Oder meinen Sie das etwa? Ich habe in diesem Falle weder ein Amt noch eine Meinung. 194 Ja, Sie waren immer der Vorsichtige! Man nannte Sie ja damals schon den Philosophen! Der unnahbar in den Wolken schwebte, hoch über uns anderen armen Menschenkindern, die auf der Erde herumkrabbelten. Und dem der Puls nicht um einen Schlag schneller ging, während unsereinem vielleicht das Herz brach. Dafür habe ich Beweise. Auf die ich begierig wäre. Sind Sie? Par exemple : erinnern Sie sich vielleicht eines Abends vor vier Jahren. Der General hatte eben seinen blauen Brief erhalten und wollte in der nächsten Zeit Breslau verlassen, hierher überzusiedeln. Sie hatten Ihre Station an der Regierung absolviert und standen ebenfalls auf dem Sprunge zu gehen. Was Ihre Verwandten veranlaßte, in dieser kritischen Zeit noch einen Ball zu geben, weiß ich nicht. Vielleicht wollte man zeigen, daß man sich aus der Kalamität nichts mache. Jedenfalls gab man einen Ball, der sogar sehr glänzend ausfiel. Sie hatten zusammen mit Bronowski die Arrangements übernommen und mir die Auszeichnung erwiesen, mich zum Kotillon zu engagieren, den Sie auch mit mir eröffneten. Sie erinnern sich? Wie sollte ich nicht, gnädige Frau! Sehr schön. Wir hatten ein paar Touren fertig und wollten eben eine neue beginnen. Da wurde ich ohnmächtig. Erinnern Sie sich? Aber gewiß! Welch' Gedächtnis Sie haben! Und wissen Sie, warum ich in Ohnmacht fiel? Sie kamen leider nicht wieder zum Vorschein. Man nahm allgemein an: die Hitze im Saal. Nahm man das an? Sie auch? Ich hatte keine andere Erklärung. Wie sollte ich? Freilich. Sagen Sie mir einmal jetzt aufrichtig: liebten Sie Ihre Cousine schon damals? Aber gnädige Frau! 195 Sie war eigentlich noch ein Backfisch. In die pflegen sich doch nur alte Männer zu verlieben. Ich weiß wirklich nicht, gnädige Frau, ob – Thuen Sie mir den Gefallen, und kommen mir nicht wieder mit der Schicklichkeit. Ja, oder nein! Liebten Sie Ebba schon damals? Damals und, ich glaube, bereits zwei Jahre früher. Das war eine ehrliche Antwort. Ich danke Ihnen. Übrigens würde Ihnen eine Lüge auch nicht geholfen haben. Ich hatte mir immer gesagt: es ist nicht möglich; er kann doch ein Kind nicht lieben. An jenem Abend durfte es – ausnahmsweise – den Ball mitmachen. Sie hatte ein weißes Kleid an – halb lang, wie es sich gehörte – keinen Schmuck außer ihren großen, lebenshungrigen Augen und ihrem rotblonden Männerfischerinhaar. Es blieben viele darin hangen. Sie war unglaublich begehrt, flog von einem Arm in den andern. Einer tanzte nicht mit ihr; er war wütend, daß sie tanzte; biß sich auf die Lippen, so oft sie in einem flotten Galopp vorüberflog, in der Quadrille à la cour ihre verführerisch tiefen Knixe mit frommem Kindergesicht machte. Denn er verwandte kein Auge von ihr; antwortete auf die Fragen seiner Tänzerin à tort et à travers . Sie hatte es den ganzen Abend mit ansehen müssen. Endlich konnte sie nicht mehr; das Herz krampfte sich ihr in der Brust und – wissen Sie jetzt, warum ich ohnmächtig wurde? Aber, gnädige Frau – Sie können einen ungeduldig machen mit Ihrer ewigen »gnädige Frau«. Ich hatte auch die Geduld verloren. Vier Wochen später war ich Frau von Haida. Sie hatte ihre leise Stimme nicht erhoben; keine Miene in ihrem schmalen Gesicht mit den feinen, geistvollen Zügen sich verändert; sprachlos vor Erstaunen und Schrecken starrte Wilfried sie an. Nun spielte doch ein Lächeln um ihren reizenden Mund. Er hatte ja schon lange um mich geworben. Meine Eltern hatten mir sehr zugeredet; alle Tanten und Basen hatten mir zugeredet: es war eine so glänzende Partie und ich ein so armes Mädchen! Und er war auch ein guter Mann. Aber wäre er noch einmal so reich und gut gewesen, ich hätte ihn nicht geheiratet – ihn nicht und keinen anderen, wenn – ah bah! weshalb beständig in der alten Liebesasche rühren, wie die Plaudertasche, die dem guten Heine so auf die Nerven fiel! Es wird ja doch kein Fünkchen wieder lebendig. Sprechen wir lieber von der Gegenwart, oder der jüngsten Vergangenheit, von der vergangenen Saison. Waren Sie recht vergnügt? Sind im Herbst die beiden Schnitzeljagden mit geritten? Flotten Galopp? Wie? Haben im Winter die Hofbälle besucht? Den Contretanz auf dem Eise des neuen Sees bei Fackellicht und Militärmusik? in der klirrenden Nacht? von dem die Zeitungen voll waren? Aber was ist Ihnen? Sie sind ja ganz blaß geworden! Ist Ihnen nicht wohl? Sie sah ihm gerade ins Gesicht. In den blauen feuchtschimmernden Augen schienen flackernde Irrlichter zu tanzen. Gnädige Frau, sagte Wilfried, mit bebender Stimme, das Gedicht, das ich heute morgen erhielt, ist von Ihnen. Leugnen Sie es nicht! Thue ich es denn? Aber wie konnten Sie – Wie ich das konnte? Im Kriege und in der Liebe gelten alle Mittel. Und auf welchen Zweck zielten Sie mit diesem Mittel ab? Die reizende Frau bog sich ganz nahe zu ihm und sagte mit leiser, wie von Leidenschaft gepreßter Stimme: Aus Ihrem Herzen eine Liebe zu reißen, mit der Sie eine nicht beglücken wollten, die freudig ihr Leben für Sie gelassen hätte, sie einer anderen zu schenken, die heute ihren frivolen Scherz damit treibt. Vor Ihren Augen treibt. Blicken Sie doch nur einmal hin! 197 Ebba und Leßberg saßen an dem dritten Tisch; die Länge des Saales lag dazwischen. Doch durch eine Lücke an der zweiten Tafel konnte man gerade das Paar deutlich sehen: wie der Graf in bedenklich vertraulicher Nähe eifrig auf Ebba einsprach und sie, mit geröteten Wangen und flackernden Augen, nicht minder eifrig zuhörend, eben ihr Taschentuch gegen den geöffneten Mund drückte, offenbar, um ein Lachen, in das sie ausbrechen wollte, nicht allzulaut werden zu lassen. Wilfrieds Herz war von Zorn und Scham erfüllt; aber die Scham trug es über den Zorn davon: die Scham, daß die klugen Augen dieser Frau die Elendigkeit seiner Lage mit so unbarmherziger Klarheit durchschauten. Sie hatte ihm eben mit einer Kühnheit ohnegleichen ihre Liebe von damals, vielleicht von heute gestanden. Aber konnten denn diese Weltdamen lieben? War nicht alles bei ihnen Berechnung? Eifersucht? Koketterie? Beim Himmel! mußte er unwürdige Ketten brechen, er wollte es nicht, um sich in so plump gestellten Netzen zu verstricken! Und wie er sich jetzt wieder zu ihr wandte, waren das nicht die grausamen Augen des Finklers, der in Begriff steht, das Netz über dem gefangenen Gimpel zuzuziehen? Es gab ihm im Nu die verstörte Ruhe wieder. Ich vermute, sagte er mit vornehmer Kühle, die gnädige Frau erwarten jetzt für die große Mühe, die Sie sich um mich gegeben haben, meinen gehorsamsten Dank. Aber gnädige Frau wissen: wer Lohn begehrt, der hat seinen Lohn dahin. Sie wurde bleich bis in die Lippen, und mit den bleichen Lippen murmelte sie: Das Wort werden Sie zu büßen haben. Der Anflug von Reue, den er denn doch über seine Grausamkeit empfunden, war sofort verschwunden. So spricht Liebe, auch die gekränkte, nicht. Sie machen mich auf den nächsten Akt der Komödie neugierig, erwiderte er, jetzt mit offener schneidender Ironie. 198 Er dürfte nicht ganz lustig ausfallen; mais vous l'avez voulu . Der General, der, sich vom zweiten Tisch erhebend, damit das Zeichen zum Aufbruch der Tafel gab, überhob Wilfried der Antwort. Da sie dem Salon zunächst gesessen hatten, waren es glücklicherweise nur ein paar Schritte bis dahin. Im Salon trennten sie sich unter stummer gegenseitiger Verbeugung. * * * Der deutsche Sekt mußte den jungen Herren und Damen trefflich gemundet haben. In den Vorderräumen, die sich alsbald gefüllt hatten, war ein lärmendes Durcheinander von krähenden, schnarrenden, lachenden Stimmen, daß es schien, als könne keiner mehr das eigene Wort verstehen. Ebba war, sobald sie Leßbergs Arm losgelassen, sogleich auf ihn zugestürzt: Hast Du Dich gut amüsiert? War es an Eurem Tisch auch so nett? Was sagst Du zu meiner Überraschung? Ist sie nicht ein charmer ? Du wirst doch hernach auch tanzen? Bist Du zum ersten Walzer schon engagiert? Da sie, während ihre Augen bei diesen gedankenlos hervorgesprudelten Phrasen überall hin, nur nicht auf ihn gerichtet waren, offenbar keine Antwort erwartete, hatte er sie sich erspart. Als man zu Tisch ging, hatte er seinen Claquehut auf einen der beiden hohen vergoldeten Ständer gelegt, die, Lampen tragend, rechts und links vom Sofa standen. Sich dorthin wendend, entschlossen zu gehen, sobald er wieder im Besitz seines Hutes war, sah er die Generalin sich nach dem Sofa hinbewegen und Platz nehmen. Er schwankte einen Moment, schämte sich der Feigheit, trat an den Ständer heran, nahm seinen Hut und wollte mit einer Verbeugung nach der Generalin hin zurücktreten, als sie ihn mit einem: Lieber Wilfried, bitte! zu sich heranrief. 199 Ich habe – bitte, nehmen Sie neben mir Platz – die liebe Treuenfels spricht da in der Thür noch mit Major Bronowski – doch ein charmanter Mensch. Ist mir eine wahre Satisfaktion, daß er sich nun an uns wieder attachieren zu wollen scheint – was ich sagen wollte: ich habe ja heute abend noch gar nicht das Vergnügen gehabt. Nun ja, vor Tisch – ging alles ein wenig schnell – freue mich um so mehr, jetzt einen ruhigen Moment mit Ihnen zu haben. Natürlich hat Ebba Ihnen schon gesagt – oder nicht? Daß getanzt werden soll? Ich wollte eben um die Erlaubnis bitten, mich davon dispensieren zu dürfen. Ihr jungen Leute von heute seid schrecklich. Keiner will mehr tanzen. Aber auf unser Thema zurückzukommen: Ebba hat Ihnen nicht gesagt, daß wir uns hinsichtlich Eurer Hochzeit doch eines andern besonnen haben? Seit vorgestern abend? Guter Rat kommt über Nacht. Sehen Sie, lieber Wilfried, es wäre doch eigentlich nur in der Ordnung, daß man dem armen Kinde noch eine zweite Saison gönnte. Von der ersten hat sie, so wie so, nicht viel gehabt, da die Hoftrauer dazwischen kam, und die höchsten Herrschaften sich gesellschaftlich auf das schlechterdings Unvermeidliche beschränken mußten. So ist es denn des Kindes dringender Wunsch. Dann ist die Sache ja entschieden. Allerdings auch der meinige und des Onkels. Dann ist sie es doppelt und dreifach. Die Kühle des Tons, in welchem Wilfried es gesagt, war der Generalin nun doch stark aufgefallen. Daß er es so ruhig über sich ergehen lassen werde, hatte sie nicht zu hoffen gewagt. Ihre runden Augen streiften sein Gesicht mit einem schnellen prüfenden Blick. Aber es war wohl das klügste, ihn ohne weitere Erörterungen einfach beim Wort zu nehmen. Haben Sie besten Dank für Ihre Bereitwilligkeit, lieber 200 Wilfried. Ich sagte freilich gleich zu Ebba: verlaß Dich darauf: er wird nichts dagegen haben. Und nun, lieber Wilfried, ich sehe da die gute Treuenfels – Excellenz Treuenfels wird mir wohl den Platz noch für eine Minute verstatten. Ich wollte mir nur die Frage erlauben: steht der einstimmige Wunsch der Herrschaften, die Hochzeit hinauszuschieben, vielleicht in Verbindung mit einer Unterredung, die Sie heute nachmittag mit Frau von Wiepkenhagen gehabt haben? Es war kein freundlicher Ausdruck, den die Eulenaugen bei seiner Frage plötzlich angenommen hatten. Was bedeutete ihm jetzt noch Gnade oder Ungnade, die ihm in diesem Hause wurden! Ohne Miene und Haltung zu verändern, fuhr er in ruhigem Tone fort: Die Dame wird Ihnen gesagt haben, daß meine Aktien bei Tante Adele seit gestern abend stark gesunken sind. Da wäre es wohl sehr naiv, zu erwarten, daß sie hier über pari stehen. Ich habe nicht das Vergnügen, den Sinn Ihrer Worte zu fassen, sagte die Generalin, sich straff emporrichtend. Desto besser fasse ich den Sinn der Ihren. In einem Falle, wie der unsere, genügt es übrigens, wenn das Verständnis für die Situation vorläufig auch nur auf einer Seite ist. Auf der andern pflegt es dann nicht lange auszubleiben. Er hatte, vom Sofa sich erhebend, der Generalin eine Verbeugung gemacht und sich gewandt, als der Onkel auf ihn zukam. Du willst doch nicht etwa schon fort? Ich habe in der That die Absicht. Ei was! In meinem Arbeitszimmer darf mit Deiner Tante gnädiger Erlaubnis heute geraucht werden. Zu so feinen Marken, wie Ihr jungen Herren sie goutiert, langt es freilich bei einem armen alten A. D. nicht. Na, Du nimmst mal vorlieb. Überdies: ich habe notwendig mit Dir zu sprechen. 201 Aus dem Blick, den Du eben mit der Tante wechselst, glaube ich schließen zu dürfen, es handelt sich um dieselbe Angelegenheit, die zwischen ihr und mir bereits durchgesprochen, und, wie ich wohl annehmen darf, gründlich erledigt ist. Ich möchte deshalb Deine kostbare Zeit nicht unnütz in Anspruch nehmen. Der General machte ein sehr verblüfftes Gesicht; Wilfried empfand kein Bedauern. War die Bedeutung des alten Herrn in diesem Hause gleich Null, um so schlimmer für ihn – er konnte ihm nicht helfen. Mit einer abermaligen Verbeugung schritt er auf die Ausgangsthür zu, vorbei an der zum Speisezimmer. Die war bereits vor Beginn seiner Unterredung mit der Tante weit geöffnet, und die Tanzlustigen waren eiligst in den Raum geströmt, aus dem man die Tische und die überflüssigen Stühle weggeräumt hatte. Alsbald waren auch mit taktvoller Kraft, die auf professionelle Finger schließen ließ, die Töne eines Flügels, zu einer Quadrille à la cour auffordernd, angeschlagen worden. Ein paar Carrés waren noch nicht in Ordnung; eines, der Thür zunächst, stand schon formiert: Ebba, mit Leßberg als ihrem Herrn; ihre vis-à-vis : Frau von Haida mit Major Bronowski. Die Gespräche hinüber und herüber waren so eifrig; keiner bemerkte den Davongehenden. Er war bereits auf dem ersten Treppenabsatz, als er die Flurthür aufreißen und jemand, immer ein paar Stufen auf einmal nehmend, hinter sich herkommen hörte: Falko. Um Gotteswillen, Wilfried! Was heißt das? Daß ich gehe und nicht wiederzukommen gedenke. Du wirst uns das nicht anthun! Ich spiele nur das Prävenire. So was zieht sich doch wieder zurecht! Dies nicht. Herr Gott, die Weiber! Aber, Wilfried, wir bleiben Freunde! Mit dem Ausdruck peinlichster Verlegenheit auf dem 202 hübschen Gesicht hatte er ihm die Hand in dem weißen Glacé hingehalten. Es wird ganz auf Dich ankommen, erwiderte Wilfried. Hier meine Hand darauf! Und nun laß Deine Quadrille nicht länger warten! Er schritt die Treppe hinab, die Falko in großen Sprüngen hinaufeilte. Auf die Straße gelangt, atmete er tief auf in der kühlen Nachtluft: Gott sei Dank! Das wäre vorbei! In seiner Wohnung empfing ihn Zunz, höchlichst verwundert, daß der Herr Graf so früh nach Hause kam. Der Bursche von dem Herrn Lieutenant, dem er auf der Straße begegnet sei, habe doch gesagt: es sei heute abend Ball bei Excellenzens. Gegen seine Gewohnheit erwiderte der Herr Graf darauf nichts, sondern hieß ihn nur, die Lampe über dem Arbeitstisch anzuzünden. Er habe noch einen Brief zu schreiben, der sofort in den Kasten müsse. Hernach könne er zu Bett gehen. Zunz that, wie ihm geheißen. Bereits nach zehn Minuten klingelte der Herr Graf und gab ihm den Brief, dessen Adresse Zunz bei dem Licht der Lampe las, mit der er sich auf der Treppe leuchten wollte: An Seine Excellenz, den Generallieutenant a. D. Graf von Falkenburg. Zunz traute seinen Augen nicht und mußte das, während er die Treppe langsam hinabstieg, noch ein paarmal lesen, und zum letztenmal, bevor er die Hausthür aufschloß. Eben war der Herr Graf von Excellenzens nach Hause gekommen und jetzt schrieb er schon wieder an Excellenz! Und ihn hatte man nicht, wie immer, wenn es eine größere Fête gab, zur Aushilfe geholt! Und der Herr Graf hatte kein Wort sonst für ihn gehabt und solche tiefe Falte zwischen den Augen! * * * 203 Am nächsten Morgen erwachte Wilfried aus einem beängstigend schönen Traum. Wieder war er über ein blaues Meer, das sich endlos unter ihm breitete, dahingeschwebt, der Robinsoninsel zu, dem ewigen Ziel seiner Sehnsucht. Diesmal aber nicht allein. Ein ätherisches Wesen schwebte neben ihm: Lotte, und sie hielten einander an den Händen und er blickte in ihre strahlenden Augen. Die lächelten Liebe, und Liebe lächelte ihr Mund. Da tauchten dunklere Wolken aus dem Meeresblau, und er sagte: Sieh, Lotte, das ist unsere Insel; wie selig werden wir sein! Und wie er das gesagt, begann die Äthergestalt zu zerfließen. Er wollte sie halten und griff in die leere Luft. Verzweifelt rief er ihren Namen. Über dem lauten Ruf war er erwacht. Aber das zerflatternde Ende des Traumes gab er gern in den Kauf für dessen eigentliche Substanz: das Schweben Hand in Hand mit ihr, deren holdes Antlitz von Liebe durchglänzt war. Dem Abglanz der Liebe, die sein Herz erfüllte, wie Sonnenlicht den Frühlingsmorgen. Er mußte in den Morgen, in das Licht; es heute mit seiner Toilette so eilig nehmend, daß Zunz abermals Grund zum Staunen hatte, um so mehr, als der Herr Graf den Reitanzug anlegte und eiligst die Wohnung und das Haus verließ, während doch noch gute anderthalb Stunden an der Zeit fehlten, in welcher er mit der gnädigen Komtesse seinen Morgenritt zu machen pflegte. Wenn keine besondere Absage stattgefunden hatte, trafen sich Wilfried und Ebba regelmäßig Punkt acht im Reitstall. Der Stallmeister war verwundert, daß der Herr Graf, als ihm sein Brauner vorgeführt wurde, und er ihn fragte: ob Komtesse heute nicht komme? ein kurzes: Ich weiß es nicht, erwiderte und abgeritten war, ohne auch nur zu sagen, wohin. Wilfried, der die stutzige Miene des Stallmeisters ebenso bemerkt hatte, wie vorhin die seines Zunz, lachte in sich hinein, als er jetzt, auf dem Reitweg des Kurfürstendammes 204 angekommen, den Wotan in schlanken Trab setzte: Ihr seid nur die ersten; es werden sich noch viele wundern. Seine Seele war voll eitel Glück. Jetzt erst fühlte, wußte er, wie entsetzlich schwer die Last gewesen, die er mit sich herumgeschleppt; welchem namenlos großen Unglück er entronnen war. Ein Leben an ihrer Seite, deren völlige Herzensleere, deren bodenloser Egoismus und cynische Frivolität der gestrige Abend in einer Klarheit aufgedeckt, daß auch ein Blinder hätte sehend werden müssen, geschweige er, der das alles in trübem Herzen längst geahnt – war ein Furchtbareres zu erdenken? Und was hatte ihn vor dem Sturz in den Schreckensabgrund gerettet? Die eigene Kraft? Nimmermehr! Er wäre wohl trotz alledem hineingetaumelt um ein paar schmeichlerisch begütigende Worte, ein paar verführerische Blicke, buhlerische Küsse. Was ihm das Herz fest gemacht, seinem Zorn die rechte Kraft gegeben, seinen Entschluß gestählt, den Cancan der Gesellschaft, den er jetzt entfesselt, so verächtlich erscheinen ließ: sie war es, mit der er im Traume Hand in Hand und Aug' in Auge geflogen war über des Lebens ödes Meer, entgegen seiner Zauberinsel, die schon den Knaben allmächtig gelockt und sich dem Mann in ihrer ganzen Paradiesesherrlichkeit erschließen mußte. Und er murmelte andächtig die Verse Longfellows vor sich hin: The boy's will is the winds will, And the thoughts of youth are long, long thoughts – Wotan, der unter seinem nachdenklichen Reiter längst in beschaulichen Schritt gefallen war, wurde durch einen kräftigen Schenkeldruck an seine Pflicht erinnert, die, wie er finden sollte, heute keine ganz leichte war. Denn als letztes Ziel erwies sich nicht, wie sonst wohl, die Saubucht; es ging weiter durch den Wald, bis zu dem hohen Ufer der Havel. Da hielt Wilfried, daß sich das edle Tier 205 verschnaufen möge, und blickte lange träumend über den breiten, glitzernden Fluß in die sonnige Landschaft. Großer Gott, wie schön war heut die Welt! So mußte sie dem Kaiser Heinrich erschienen sein, als er am Vogelherd saß und ihm die edlen Herren des Reiches Krone brachten! Im Sattel sich hebend, die Zügel auf den Hals des Pferdes fallen lassend und beide Arme weit ausbreitend, rief er laut in den hellen Morgen hinaus: Nicht um eine Krone und alle ihre Herrlichkeit! Er hatte die Zügel wieder in der Hand und wollte den Wotan hügelabwärts wenden, als er durch die Stille ringsumher, die das sanfte Rauschen des Windes in den Gipfeln und das gedämpfte Zwitschern der Vögel noch stiller und feierlicher zu machen schien, Gelächter und rasch zwischen Männer- und Frauenstimmen wechselnde Worte unweit im Walde hinter sich vernahm. Es mußte eine ganze Kavalkade sein, die eben im Galopp über festeres Terrain ritt, wie er aus dem lauteren, vielfachen Hufschlag schließen konnte. Ihm war die Störung peinlich, besonders wenn er dachte, daß die Herrschaften hier auf seinem Hügel landen würden. Aber der Schall zog sich nach links in der Richtung auf einen zweiten, etwas niedrigeren Vorsprung, der eine breitere Fläche bot. Die Gesellschaft mußte einen terrainkundigen Führer haben. Oder eine Führerin – die Dame, die jetzt, als die erste, aus dem Unterholz auftauchte, die Anhöhe mit einem Hop! allez! hinaufjagte, das Pferd herumwarf und den Nachfolgenden, mit der Reitpeitsche salutierend, ein triumphierendes: Me voilà! entgegenschrie – Ebba! Er hatte sie auf den ersten Blick erkannt an dem rotblonden Haar, dessen Knoten der rasche Ritt gelockert hatte, daß ein paar Strähnen über den schlanken Rücken herabflossen. Jetzt wurden auch die andern schnell nacheinander sichtbar: als der erste Leßberg, der weit genug voraus war, um Ebbas ihm entgegengestreckte Hand ein paarmal zu küssen; dann Bronowski und Frau von Haida; dann zwei 206 junge Offiziere, die Wilfried gestern abend ebenfalls in der Gesellschaft gesehen hatte. Die Entfernung zwischen seinem Standpunkt und dem zweiten Hügel war so gering – er konnte in der hell von der Sonne beleuchteten Gruppe jedes Detail deutlich erkennen; aber jetzt einzelne Worte nicht mehr verstehen, da alle auf einmal durcheinander zu sprechen schienen. Der Eifer, mit dem man sich lachend und lärmend unterhielt, war wohl der Grund, weshalb man ihn nicht bemerkte, den die wenigen schlanken Fichtenstämme, die sich dazwischen schoben, kaum verdeckt haben würden. Auch ließ er den Herrschaften nur kürzeste Zeit, den unbequemen Zuschauer ausfindig zu machen. Dann hatte er den Braunen auf der entgegengesetzten Seite hügelabwärts gelenkt und war im Walde verschwunden. * * * Wieder empfing ihn die Einsamkeit, aber sie hatte für ihn ihren Zauber verloren; die ambrosische Schönheit des Morgens war dahin. Die Welt, vor der er floh, hatte sie ihn doch nach ein paar Stunden wieder eingeholt, ihn mit krähenden Stimmen aus seinem holden Traum geschreckt, ihm eine höhnisch widerwärtige Fratze geschnitten! Ein Gutes war dabei: sie hatte den Handschuh, den er ihr hingeworfen, schleunigst und mit Begierde aufgenommen. Wie die Gesellschaft gestern abend nicht improvisiert gewesen war, sondern zweifellos bereits seit Tagen vorbereitet, so hatte man diesen gemeinschaftlichen Ausflug gestern abend, nachdem er fort war, verabredet und die frühe Stunde gewählt, ihm zuvorgekommen zu sein, wenn er zur gewohnten Stunde sich in dem Reitinstitut einfand. Er wunderte sich, wie sich die Sache wohl gestaltet hätte, wäre er ein paar Minuten später – es konnte sich nur um Minuten gehandelt haben – mit den Herrschaften dort zusammengetroffen. Und wie trefflich man die Partie arrangiert hatte: Ebba mit dem alt-neuen Liebhaber, Frau von Haida 207 mit ihrem neu-alten Anbeter; dazu zwei junge Leute sans conséquence als Gefolge! Zwei Freundinnen, zwei Freunde einander würdig! Die schlangenkluge, um vier oder fünf Jahre ältere Dame, welche Lehrmeisterin für einen so gelehrigen Zögling! Der Halbpole, der alle Sprachen sprach, alles kannte: Philosophie, Litteratur, Kriegswissenschaft – was man nur immer von ihm verlangte – welch' buon camerado des Roué, von dem man sich in gewissen intimen Kreisen lachend erzählte: wenn ihm an den sieben Todsünden noch eine und die andre fehlen sollte, so sei er jeden Augenblick bereit, das Versäumte nachzuholen! Und diese wurmstichige Gesellschaft war die seine gewesen bis in die letzten Tage, bis zu dem, der sein Tag von Damaskus war! Würde er ein streitbarer Kämpfer für seinen neuen Glauben sein? Denn Streit und Kampf würde es geben – das war gewiß. Der zweite Akt der Komödie würde nicht ganz lustig ausfallen, hatte gestern abend Frau von Haida gesagt. Was sie dazu thun konnte, würde sicherlich geschehen; der vergiftete Pfeil des Hohngedichtes auf »die Komtesse« war gewiß nicht der letzte in ihrem Köcher. Und den Polen würde sie zu ihren Diensten zu verpflichten wissen! Er, nicht der Einzige! Auf der ganzen geschlossenen Linie würde der Kampf gegen ihn entbrennen – Und gegen eine Welt in Waffen will ich's durchsetzen! Wotan hatte heute den Aufruhr in der Seele seines Herrn zu büßen. Auch seine still gehegte Hoffnung, es werde an dem ihm wohlbekannten Wirtshaus am See Station gemacht werden, und er sich auf dem Hofe verschnaufen dürfen unter den andern ruhebedürftigen Kameraden, erwies sich als hinfällig. Sein Reiter trieb ihn an dem Hause, nach dem er sehnsuchtsvolle Blicke warf, vorüber und ließ ihm keine Ruhe, bis der willkommene Stall erreicht war. Wilfried entging nochmaligen unbequemen Fragen des 208 Stallmeisters, der seine Frühstückspause hatte. Er bat den Reitknecht, für den heute etwas strapazierten Gaul die nötige Sorge zu tragen, und fuhr in einer Droschke nach seiner Wohnung. * * * Eben hatte er sich umgekleidet und war in sein Arbeitszimmer gegangen, als Zunz Falko meldete. Wie unerfreulich der Besuch für Wilfried war, er hatte ihn erwartet. Und auch die Miene erwartet, mit der sein Vetter nun eintrat: eine, in der bittere Verlegenheit durch die zur Schau getragene alte sorglose Jovialität peinlich hindurchblickte. Was er nun, die ihm angebotene Cigarre dampfend, unruhig sich in dem Fauteuil hin- und herbewegend, den Säbel bald auf diese, bald auf jene Seite rückend, in sich überhastender, verworrener Rede vorbrachte, entsprach völlig jenem Ausdruck, der sein hübsches Gesicht förmlich entstellte. Wie denn Wilfried so schrecklich Beleidigendes an dem gestrigen Abend habe finden können? Er habe auf Ehre von der ganzen Bescherung keine blasse Ahnung gehabt, obgleich er nachträglich zugeben müsse, daß die Einladungen, wenigstens zum Teil, vorher ergangen seien. Einige, zum Beispiel Leßberg, seien erst im letzten Augenblick nachgeladen worden – das wisse er sicher. Es habe sich anfangs nur darum gehandelt, Bronowski eine Zusammenkunft mit Frau von Haida zu verschaffen, um welche er oder sie, oder beide Ebba in den Ohren gelegen hätten. Daß Wilfried Leßberg vorfinden mußte, sei ihm selbst äußerst fatal gewesen, und er habe Ebba und der Mama daraus kein Hehl gemacht. Von dem abermaligen Hinausschieben der Hochzeit habe er nicht ein Sterbenswort gewußt; erst gestern abend, als die andern schon fort waren, davon erfahren. Ebenso von der Visite, die Frau von 209 Wiepkenhagen der Mama am Nachmittage gemacht; und daß die alte Drachin über Wilfrieds plötzliches Zerwürfnis mit Tante Adele allerhand ominöse Klatschereien zum besten gegeben. Und wenn zwischen diesem Cancan und der neuesten Schwenkung der Mama und des Papa in der Hochzeitsfrage ein Zusammenhang bestehe – den er für sein Teil in Abrede stelle – na! das müsse Wilfried doch zugeben: ein Schreckschuß sei es immerhin gewesen; die Möglichkeit, daß Tante Adeles Ungnade für Wilfried auch materielle Folgen habe, müsse doch in Betracht gezogen werden, zumal von der Mama, die ihr Leben lang unter der ewigen Geldklemme und Papas unaufhörlichem Gestöhne über die »Finanzen« genug gelitten. Ebba ihrerseits – lieber Himmel, sie könne doch, wie sie nun einmal sei, nur einen sehr reichen Mann heiraten. Das gebe Wilfried selbst ja zu – müsse er zugeben. Deshalb nun, wie er vorhin erfahren, als er bei den Eltern einen Augenblick vorgesprochen, stante pede einen Brief zu schreiben – er wisse nicht, was Wilfried geschrieben – man habe ihm den Brief nicht zeigen wollen, aber die beiden Alten hätten rote Köpfe gehabt – was denn in dem Briefe gestanden habe? Wilfried hatte gestern abend von den wenigen Zeilen eine Abschrift genommen, die er jetzt aus seinem Portefeuille nahm und Falko schweigend hinreichte. Falko las, und die Hand, in der er das Blatt hielt, bebte sichtbar. Das ist stark, murmelte er, ohne aufzublicken; Du läßt Ebba effektiv schießen? Der Ausdruck ist wohl nicht völlig sachgemäß, sagte Wilfried, ihm das Blatt aus der Hand nehmend und in das Portefeuille zurücklegend; ich habe Ebba nicht, sie hat mich aufgegeben, in einer Weise, die nicht mißzuverstehen war; die nur ein Mann ohne Ehre nicht zu verstehen sich die Miene geben kann. Er trat wieder an Falko heran, der jetzt zur 210 Abwechslung den Säbel zwischen die Kniee genommen hatte und an dem Portepee nestelte. Falko! Falko hob für einen Moment die unsichern Augen. Sieh, lieber Junge, wie es auch in Deinem Kopf wühlen mag, im Herzen mußt Du mir recht geben. Wäre es nicht so, Du wärst, anstatt sitzen zu bleiben, aufgefahren, hättest mir ein wildes Wort zugeschleudert, und mir in einer Stunde Deine Zeugen geschickt. Ist es anders? Na ja, na ja! murmelte Falko. Kann's nicht leugnen, daß gestern abend – Leßberg, den Du nun mal nicht ausstehen kannst – mit ihm zu Tisch zu gehen – Dir die Haida zu geben, die mir nachher erklärte: Ebba sei wohl nicht recht gescheit: zwischen Euch bestände schon seit Breslau Todfeindschaft – hernach Mama mit der unmotiviert hinausgeschobenen Hochzeit, nachdem Ebba noch am Sonntag that, als ob sie nicht früh genug unter die Haube kommen könne – na ja, na ja! – Und, wenn man ehrlich sein will, – das heißt: früher dacht ich anders – war da noch ein bißchen sehr jung – jetzt – Ihr paßt eigentlich wirklich nicht zusammen. Habe Euch ja beide lieb – auf Ehre: sehr lieb, aber passen – nein, passen thut Ihr nicht zusammen. Jetzt sagst Du es selbst. Na ja, na ja! Aber die arme Ebba! Sie war ja schon fort, als Dein Brief an den Papa gekommen ist – man hatte sich gestern abend verabredet – Ebba und Frau von Haida und – Ich weiß: für den Grunewald. Ich habe die Gesellschaft gesehen – Auch gesprochen? Ich konnte es vermeiden. War auch am Ende besser. Eine heillose Affaire! Du wirst nun wohl gar nicht mehr zu uns kommen? Ich dächte, das verböte sich unter diesen Umständen von selbst. 211 Na ja, na ja! Aber wir beide – was soll denn aus uns werden? Es wird ganz bei Dir stehen. Mein Gott, ich bin Dir in diesen drei letzten Jahren so viel schuldig geworden, alles à conto – das heißt: als Ebbas zukünftigem Mann, als meinem Schwager – aber jetzt, jetzt – und wenn nun gar die alte Unke von Wiepkenhagen recht hat, daß Tante Adele Dich enterben will – Ich denke, ganz so schlimm wird es nicht kommen. Keinesfalls laß das Deine Sorge sein. Das sagst Du so. Teufel auch! Bei seinem reichen Schwager, da wagt man schon einen Finanzcoup. Aber wenn Du einmal selber nichts hättest – und ich, der ich nie was habe – Falko brach jäh ab. Offenbar überwältigt von der Trostlosigkeit einer solchen Perspektive, blickte er, den Säbel unbewegt zwischen den Knieen haltend, starr vor sich hin. Wilfried mußte lächeln, den flotten Lieutenant so geknickt zu sehen: das war nun das moralische Rückgrat dieser Leute, die sich einredeten, die unzerbrechliche Stütze von Thron und Altar zu sein! In dem Augenblick kam Zunz herein, Wilfried eine Visitenkarte überbringend und ein paar Worte dazu flüsternd, auf welche dieser leise etwas erwiderte und sich dann zu Falko wandte: Entschuldige, es läßt sich da eben ein Besuch melden, den ich annehmen muß. Bitte um Verzeihung! Verdufte sofort! rief Falko aufspringend. Was ich noch fragen wollte: wir sehen uns doch morgen bei Bielefelders? Es ist gut, daß Du mich daran erinnerst. Ich habe, so wie so, sträflich lange Frau Bielefelder nicht gesehen. Denke, die kommt nicht in die Gesellschaft? Nein. Aber wenn ich dort zur Gesellschaft bin, pflege ich sie in ihren Gemächern aufzusuchen. 212 Na ja! alte Freundin von Tante Adele – ich weiß! Freifräulein von Kesselbrook – jetzige Frau Kommerzienrat Bielefelder – schnurrige Kombination das! Also auf Wiedersehen morgen! Bin ungeheuer neugierig, wie wir vom Re'ment da abschneiden. Großartiger Spaß! Von der melancholischen Stimmung, die ihn eben noch so arg bedrückt hatte, keine Spur auf seinem lachenden Gesichte, als er nun, nachdem er Wilfried in kordialster Weise die Hand geschüttelt, zum Zimmer hinauseilte. Einen Tropfen seiner Leichtlebigkeit! murmelte Wilfried, sich in das Empfangszimmer begebend, wo ihn Frau Doktor Brandt erwartete. * * * Sie trug das enganliegende schwarze Kleid mit dem weißen Krägelchen, wie bei sich zu Hause; dazu ein offenes dunkles Jäckchen und ein rundes Hütchen ohne Federn oder sonstigen Aufputz. In ihren Augen die sonnige Klarheit, in die zu blicken für Wilfried so erquicklich war. Ich komme zu Ihnen, sagte sie, ihn freundlich begrüßend, anstatt Sie zu mir zu bitten, im Interesse unserer Angelegenheit, die so schneller vorwärts rückt. Hoffentlich nicht ungelegen? Kann man das bei einem Müßiggänger, Frau Doktor? Meine verdienstvolle Tagesarbeit bestand bis jetzt in einem drei- oder vierstündigen Ritt durch den Grunewald. Immerhin eine Leistung. Ich habe mich auch ehrlich getummelt, wenngleich nur Trepp auf, Trepp ab, durch cirka zwanzig Häuser, die nicht immer gerade herrschaftlich waren – Hinterhäuser pflegen das nicht zu sein. Aber ich konnte nur da zu finden hoffen, was ich suchte und endlich glücklich gefunden habe: eine passende Wohnung für die Schulz: Nettelbeckstraße, ein paar Häuser von dem, in welchem mein Mann seine Klinik hat; sogenannte Gartenwohnung, drei Zimmer: ein größeres und zwei kleinere; 213 Küche – freundlich, hell, drei Treppen, jährlich siebenhundert Mark, pränumerando quartaliter. Ich habe mich sehr ernstlich gefragt, ob ich eine so hohe Miete verantworten kann. Und mir will scheinen, als ob eine so kleine Wohnung für drei Personen – wenn Fräulein Lotte denn wirklich bei den Eltern bleiben will – Ich habe noch einmal eingehend mit ihr gesprochen. Auch ich gönnte dem Mädchen ein besseres Los – sie beharrt auf ihrem Vorsatz. Aber, mein Gott, rief Wilfried, das heißt doch, sie geradezu opfern! Und wofür? für diese Eltern, die es in keiner Weise um sie verdienen; denen es wahrlich nicht zu danken ist, wenn Sie sie heute ein prächtiges Mädchen nennen dürfen. Und für die ein so ungeheures, so grausames Opfer von so viel Edelmut, so großer Schönheit und Jugend schließlich doch umsonst gebracht wird: bei diesen Leuten hat das Laster schon zu tief gefressen; sie sind nicht mehr zu retten. Die klugen Augen der Frau hatten, während er so sprach, mit einem prüfenden Ausdruck in sein Gesicht geblickt, aus dessen Blässe und leidenschaftlich starren Augen die größte Erregung sprach. Was bedeutete das? Das war nicht die einfach humane Teilnahme eines Menschen an dem Geschick eines andern, wie in ihrer ersten Unterredung; das waren Herzenstöne von einer Wärme, wie sie nur ein Gefühl zeitigt, das entweder schon Liebe ist, oder auf dem besten Wege, es zu werden. Und auch Lottes schöne Augen hatten, wenn sie mit ihr von dem Grafen gesprochen, in einem Glanz aufgeleuchtet, für den ihr die rechte Deutung gekommen zu sein schien, als sie jetzt denselben Ausdruck in den Augen des Grafen sah. Daß er, der sich so naiv verriet, keine unlauteren Absichten hegte, darauf hätte sie schwören mögen. Um so kritischer war der Fall. Aber von dem, was mit der Schnelligkeit des Blitzes 214 schreckhaft durch ihre Seele gezuckt war, ließ die ruhige Miene nichts ahnen, mit der sie jetzt in ihrer heiter klaren Weise erwiderte: Sie müssen schon erlauben, daß ich in diesem Falle anderer Meinung bin. Zuerst, lieber Freund, ich meine: wir haben einen so edlen Willen, wie er hier sich offenbart, einfach zu ehren. It is never to late to mend , sagt ein englisches Sprichwort, dessen Wahrheit zu erproben ich in meinem Leben mehr als einmal Gelegenheit gehabt habe. Sodann, was die Eltern angeht: wir wollen ja nicht richten; wir wollen helfen; unglücklichen, in Sünde und Laster verirrten Menschen wieder auf den rechten Weg helfen. Haben Sie selbst denn nicht das schönste Beispiel dieser Hilfsbereitschaft gegeben, als Sie sich Lottes Schwester erbarmten, von der auch tausend andere gesagt hätten, daß ihr nicht mehr zu helfen sei? Über dem Vielen, womit ihm während der kurzen Spanne Zeit inzwischen Kopf und Herz gefüllt und erregt waren, hatte Wilfried die Ärmste von vorgestern abend im Restaurant Bellevue beinahe vergessen. Er schämte sich dessen. Um so eifriger kam seine Frage heraus, ob Frau Doktor auch noch in dieser Angelegenheit einen Schritt habe thun können! Mit einem wären wir nicht weit gekommen, erwiderte Frau Brandt lächelnd; es mußten schon mehrere sein. Also hören Sie! Als Ihr Diener mir gestern nachmittag die neue Adresse der Elise gebracht hatte, machte ich mich sogleich auf den Weg zu ihr. Ich fand sie nach einigem Suchen in einem Hinterhause, vier Treppen hoch bei armen, wie es schien, ordentlichen Leuten, in einem winzigen Zimmerchen. Welchen Eindruck sie auf mich machte? Ich hatte nur eine Empfindung: die innigsten Mitleids. Ein von Haus aus gutes, weiches, widerstandsloses Geschöpf, das unter günstigen Verhältnissen ihr harmloses Leben, sich und anderen zur Freude, so hingelebt hätte, in so mißlichen, schlimmen, wie ihr zu teil geworden, unterging; 215 ich möchte sagen: untergehen mußte. Sie hatte nicht Lottes Kraft und Stolz; ruhte nicht, wie Lotte, auf sich selbst. Sie brauchte Liebe, mußte sich anlehnen, anschmiegen können. Der Vater konnte sie nicht leiden, die Mutter kümmerte sich nicht um sie; Lotte war den ganzen Tag vom Hause fort, und kam sie heim, nahm die miserable Wirtschaft, die Sorge um die beiden jüngeren Geschwister, die sich stets zankenden Eltern, sie gänzlich in Anspruch. Und sie brauchte nicht nur Liebe. Ein zartes, leichtbeschwingtes Vögelchen, das sie war, sehnte sie sich nach Licht und Luft. Sie hatte anfänglich Lotte beim Putzmachen geholfen, indem sie kleine, nebenbei fallende Aufträge vorbereitete, die Lotte dann in der Nacht fertig stellte. So kam sie kaum aus der dumpfen Wohnung. Das war ein schwerer Fehler. Denn die Sehnsucht nach Freiheit, oder was es dafür hielt, steigerte sich in dem nervösen Kinde zu krankhafter Gier. Bekanntinnen, die in der Fabrik arbeiteten, malten ihr das ungebundene Leben, das sie führten, herrlich aus. Sie wollte es wenigstens einmal gekostet haben; wollte auch in die Fabrik. Lotte widerriet, widersetzte sich; vermochte gegen die Eltern nicht durchzudringen, in deren Augen der Umstand, einen Kostgänger weniger zu haben, alle Bedenken niederschlug, wenn sie welche hatten. Da die Fabrik, um die es sich handelte, zu entfernt von ihrer Wohnung lag, erhielt Elise die Erlaubnis, in größere Nähe zu einer Kameradin zu ziehen. Den Rest der kläglichen Geschichte – weshalb dabei verweilen? Aus dem Munde des Mädchens hätte ich ihn so wie so nicht: wer risse wohl Wunden auf, die so frisch bluteten, so grausam schmerzten? Hat Christus die Büßerin gesehen, wie ich die Unglückliche sah, er brauchte kein Gott zu sein, ihr ihre Sünden zu vergeben. Nur daß es für uns andere Menschen nicht damit gethan ist. Hier war noch viel zu thun. Schon gestern war meine Prognose: zu ihren Eltern kann das Mädchen nicht zurück. Das wurde mir nun vollends klar. Auch sträubte sich in dem Mädchen alles gegen den 216 Gedanken. Bei ihr war freilich eine Empfindung allmächtig, der ich nur eine subjektive Bedeutung beimessen konnte: sie fürchtete sich vor Lotte. Das mag Ihnen seltsam klingen; ich glaube, es mir wohl erklären zu können. Ein größerer Gegensatz als der zwischen den beiden Schwestern ist kaum denkbar. Die arme Gefallene würde sich lieber in Henkershand geben, als ihrer Schwester so wieder unter die Augen treten. Dergleichen Symptome in krankhaften Zuständen wollen immerhin beachtet sein; den Ausschlag giebt für mich ein anderes: gewissen Patienten kann Genesung nur eine radikale Luftveränderung bringen. Auch diese meine Ansicht kennen Sie schon von gestern her; und warum sich hier meine Hoffnung sogleich auf Pfarrer Römer richtete. So fuhr ich denn von Elise direkt zu ihm. Warum sehen Sie mich so erstaunt an? Weil ich noch in meinem Leben bei keinem Menschen so viel Herzensgüte mit solcher Sicherheit der Entschließungen und solcher Thatkraft vereinigt, gefunden habe. Was die beiden letzteren Items betrifft, so thut da die Übung beinahe alles. In unserem Falle wäre auch ein anderer leicht zum Ziele gekommen. Bitte, das wörtlich zu nehmen: Elise ist bereits vor einer Stunde zu Pfarrer Römers übergesiedelt. Bei Ihnen überrascht mich nichts mehr. Und geht doch alles mit so rechten und recht einfachen Dingen zu. Ich sagte Ihnen, daß ich Herrn Römer kenne, ein echterer Jünger des großen Menschenfreundes nicht lebt. Helfen können, ist ihm eitel Lust. Daß ich ihm reinen Wein eingeschenkt; von der Geschichte des Mädchens nichts zurückbehalten; Ihre erste und zweite Begegnung mit ihr nach Ort und Zeit treulich berichtet habe, mögen Sie sich denken. Aber, verehrte Frau, konnte ich nicht ganz aus dem Spiele bleiben? Frau Brandt blickte verwundert auf: 217 Wie meinen Sie das? fragte sie in etwas gedehntem Ton. Mißverstehen Sie mich nicht! erwiderte Wilfried. Ich meinte nur: die ganze Angelegenheit liegt bei Ihnen in so sichern, festen Händen. Was ich dabei thun kann, ist am Ende doch ganz äußerlich: eine materielle Hilfe, die jeder andere, der in der Lage ist, ebenso gut leisten könnte, und von der es dem Herrn Pfarrer gleichgültig sein dürfte, wer sie leistet. Dazu ein anderes Motiv. Ich weiß nicht recht, wie ich es in Worte kleiden soll: Sie werden mich schon verstehen. Es handelt sich hier in erster Linie um die Unterstützung zweier junger, schutzloser Mädchen, von denen das eine ungewöhnlich schön, das andere mindestens sehr hübsch genannt werden muß. Ein alter würdiger Herr als Protektor – à la bonheur! Ein junger Mann – besonders, wenn er einer Gesellschaftsklasse angehört, die der beste Freund der Armut und Verlassenheit sein sollte, und nur allzu oft ihr schlimmster Feind ist – erscheint da leicht in einem zweideutigen Licht. Sind seine Motive rein? oder sind sie es nicht? Wer kann in das Herz sehen? Während Wilfried sprach und Frau Brandt eifrig zuhörte, lief durch ihren Kopf eine andere Gedankenreihe: Es ist ihm gar nicht um die Elise zu thun, nur um die Lotte. Er fürchtet sich vor ihr, oder für sie – gleichviel: er ist ein guter, zartfühlender Mensch, der wahrlich keinen Spott verdient. So erwiderte sie gelassen: Ich glaube, Sie vollkommen zu verstehen und daß Sie möglichst – so zu sagen – hinter den Coulissen bleiben möchten. Bis zu einem gewissen Grade wird sich das auch durchführen lassen, und ich will Ihnen dabei nach Kräften behilflich sein. So übernehme ich ohne weiteres in allen Einzelheiten die Installierung der Familie in die neue Wohnung. Auch alles rein Geschäftliche mit Frau Pfarrer werde ich abmachen; Sie sollen damit nichts zu thun haben. Aber ich habe, wie ich wohl nicht anders 218 konnte – oder ich sah doch keine Veranlassung, es zu unterlassen – Herrn Römer Ihren Namen genannt. Er wünscht dringend, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, sich mit Ihnen auszusprechen. Mehr noch: er erwartet Sie heute. Zwischen sechs und sieben. Später hat er eine Versammlung im Saal des Handwerkervereins. Nicht wahr: Sie besuchen ihn? Mir zuliebe? Wilfried wollte zur bejahenden Erwiderung die ihm entgegengestreckte Hand küssen; sie zog sie ohne Hast zurück. Nein, lieber Freund, das dürfen wir unter uns nicht aufkommen lassen! Wir sind Kameraden! Und nun, Ihnen zu beweisen, daß ich übrigens bin, wie die andern Frauenzimmer: ich möchte weiter Ihre Räume sehen, besonders den nebenan, in den ich schon durch die halboffene Thür neugierige Blicke geworfen habe. Erst einmal gleich hier! Welch' kuriose Bilder! Sie scheinen mir eine Sprache zu sprechen, die ich nicht verstehe, aber wohl verstehen möchte. Es ist mir anfänglich nicht anders ergangen, sagte Wilfried. Jetzt glaube ich, so ziemlich Bescheid zu wissen, wenn ich auch noch hin und wieder auf dunkle Punkte stoße. Sie machten langsam, oft stehen bleibend, die Runde: aus dem Empfangsraum in das Arbeits- und Speisezimmer, an das sich noch ein kleines, behagliches Rauchkabinett schloß, und wieder zurück. Frau Brandt, die anfangs mancherlei lebhaft gefragt hatte, war allmählich stiller geworden, zuletzt ganz verstummt. Es ist alles in allem kein erfreulicher Eindruck gewesen, den Ihnen meine Wohnung gemacht hat? sagte Wilfried ohne Empfindlichkeit. Ich finde auch – finde es wenigstens jetzt – man sollte sich nicht mit solchem Luxus umgeben. Das ist eine zweite Frage, erwiderte Frau Brandt. Auf Ihre erste kann ich Ihnen nur antworten: ich finde dies alles ganz wunderschön. Ich bin ja in meinem 219 Beruf durch viele prunkhafte Räume gekommen. Sie waren entweder nicht so geschmackvoll – wenn ich Arme von Geschmack reden darf – möglich auch: ich habe die Augen nicht ordentlich aufgemacht – man hat als Krankenpflegerin so viel andere Dinge im Kopf, eigentlich nur Sinn für die Krankenstube, ob da alles in Ordnung ist. Genug: dies ist wunderschön, und ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mir alles so freundlich gezeigt und erklärt haben. Ihre zweite Frage: ob man sich solchen Luxus gönnen soll – ich wollte, ich wüßte, was darauf zu antworten ist. Als Socialdemokratin muß ich sagen: unbedingt nein! Keiner hat das Recht, so behaglich zu wohnen, sich mit so kostbaren und schönen Dingen zu umgeben, solange noch Tausende und Abertausende, Millionen seiner Menschenbrüder und Schwestern in traurigen, dumpfen, abstoßend häßlichen Spelunken, oft in schrecklichster Weise zusammengepfercht, ihr freudloses Dasein hinbringen. Das Ideal von uns Socialdemokraten ist, daß jeder, der Menschenantlitz hat, in menschenwürdigen Verhältnissen lebe. Daß für den Einzelnen dabei nicht viel abfallen wird, liegt auf der Hand und schreckt uns nicht. Es ist besser, daß alle sich bescheiden, als daß die ungeheure Mehrzahl darbt, damit eine verschwindend kleine Minderzahl sich jeden Genuß des Lebens bis zum Übermaß gewähren kann. Dann aber: wo bleibt das Schöne, Anmutige, das diese Räume füllt? Diese farbenfrohen Schildereien der bunten Welt? Diese zierlichen Möbel? Diese kunstvollen Geräte? Diese kostbaren Waffen? Soll das alles verschwinden? Nicht mehr geschaffen werden, weil niemand da ist, der es kaufen, und bald wohl auch keiner, der es genießen kann? Wir trösten uns dann wohl mit dem Gedanken an das Altertum, als die Privatwohnungen klein und das Privatleben ärmlich, die öffentlichen Gebäude prächtig waren, und das Volksleben auf den Märkten, in den Theatern, bei den Festspielen in großen Wogen ging. Mag sein, daß es 220 so kommt: über diese ganz intime, entzückende Welt wäre doch das Todesurteil gesprochen und – Sie brach kurz ab, auf Wilfried fest ihre klaren Augen heftend. Warum sprechen Sie nicht weiter? fragte er. Ich war nicht ganz sicher, ob Sie es wohl hören könnten, ohne mir zu zürnen. Verzeihen Sie! Ich wollte sagen: und über Existenzen, wie die Ihre. Sie trauen mir nicht zu, daß ich mich ohne dies Brimborium behelfen könnte? Ich traue Ihnen alles mögliche Gute zu. Aber dies ist für Sie kein Brimborium. Dies ist die Umgebung, in die Sie hinein, für die Sie geboren sind. Ist Ihr zweiter Körper, Ihnen so fest angewachsen, wie die Haut, aus der Sie nicht, aus der kein Mensch herauskann. Und ich gehe noch weiter: ich möchte Sie in keiner anderen Umgebung sehen. Eine Proletarierwohnung, ein ärmlich ausgestattetes Zimmer nur würde Ihnen stehen, wie dem Wüstenlöwen der Menageriekäfig. Das heißt, wenn ich Sie recht verstehe: Sie geben mich auf? Als zielbewußten Socialdemokraten, ja. Als der muß man nach meiner Überzeugung geboren sein. Dem Leibe nach? oder der Seele? Nach beiden. Wer kann sie trennen? Die Geschichte hat Beispiele, daß Menschen von niedrigster Geburt zu den höchsten Höhen emporgestiegen sind. Von Königen, die freiwillig von ihrem Thron herabgestiegen, sich im Volke zu verlieren, weiß sie weniger zu sagen. Aber der König Kophetua heiratete eine Bettlerin. In der Sage; in der Wirklichkeit der Geschichte würde sich der Herr König wohl anders besonnen haben. So glauben Sie nicht an die Allmacht der Liebe? Sie vermag viel, alles nicht. 221 Sie hielten mich nicht für fähig, ein armes Mädchen aus dem Volk zu meinem Weibe zu machen? Das sage ich nicht. Aber es würde ganz gewiß Ihr Unglück, und kaum minder gewiß das des Mädchens sein. Auch wenn es von einer Reinheit des Herzens, von einem Adel der Seele wäre, wie – Sagen wir: Lotte Schulz. Auch dann. Ihre Wechselrede war immer schneller und erregter geworden; sie hatten sich zuletzt wie zwei Kämpfer gegenübergestanden. Jetzt blickten beide schweigend vor sich nieder. Frau Brandt war die erste, welche die Augen wieder hob. Wilfried war sehr bleich geworden und durch seinen Körper ging ein Beben. Sie trat an ihn heran und ergriff eine seiner herabhängenden Hände, die er ihr mechanisch überließ. Die schlanke Hand war eiskalt. Mein Freund, sagte sie mit leiser weicher Stimme, ich habe Ihnen sehr weh gethan. Statt der Antwort kam aus Wilfrieds Brust ein Laut, halb Stöhnen, halb Schluchzen. Dann hatte er sanft seine Hand losgemacht und war sich mit ihr über die Augen gefahren. Das ist ja Nebensache, sagte er, mit schmerzlichem Lächeln aufblickend. Ihre gute Absicht verkenne ich darum nicht. Sie wollten mich warnen. Jetzt sehen Sie wohl, Ihre Warnung kommt zu spät. Ich denke nicht, mein Freund, erwiderte Frau Brandt. Sie sind ein Mann; Sie können und werden es überwinden. Ganz offen und ehrlich: es war mir mehr um Lotte, als um Sie zu thun. Was kann es ihr sein, wenn ich sie liebe? Die Liebe ist ein fressendes Feuer. Ehe man es sich versieht, steht ein Nachbarhaus in Flammen und – ein junges Menschenherz. Sehen Sie, mein Freund, auch ich habe Lotte in diesen wenigen Stunden lieb gewonnen, sehr lieb, als wäre es eine jüngere Schwester. Versuchen ss 222 auch Sie, in ihr eine Schwester zu sehen, die bereits in ihrem jungen Leben unsäglich viel Unglück gehabt hat, und die, wie alle vom Unglück Verfolgten, uns heilig sein muß. Uns beiden, die wir sie hüten und bewahren müssen vor etwas, das furchtbarer sein würde, als alles Frühere. Und nun leben Sie wohl! Kommen Sie bald, recht bald wieder zu mir! Unser nächstes Zusammensein wird weniger stürmisch verlaufen. Sie war gegangen, Wilfried in einer seltsamen Stimmung zurücklassend. Jetzt, da er seine Liebe einer andern Menschenseele gestanden, schien er sich ihrer erst wirklich bewußt, ihrer froh zu werden, daß er hätte laut aufjubeln mögen. Und doch wieder, wie unklug, sie zu gestehen! Diese Frau würde nun mit Argusaugen über dem geliebten Mädchen wachen; ihm selbst jede Gelegenheit, jede Möglichkeit, sie zu sehen, zu sprechen, klüglich fernhalten und abschneiden. Aber was wollte er denn? Hatte er auf ihre Gegenliebe gerechnet? Etwas anderes von ihr gewollt und gehofft, als daß sie der Stern sein sollte, der ihn, den Wanderer in der Wüste, führen werde zu der Stätte, wo das Heil geboren war für ihn und alle Menschen? Aber diese kluge und gute Frau sagte ihm offen ins Gesicht, daß er zu den vielen Berufenen gehöre, die nicht auserwählt sind. Welches Recht hatte sie dazu? Welches war die geheimnisvolle Kraft, die sie sich, dem Pfarrer Römer und wer weiß noch wem zubilligte und ihm absprach? Dahinter mußte er kommen. Er mußte diese Menschen kennen lernen. Mußte erproben, ob sein Tag von Damaskus nichts weiter gewesen war, als ein Gaukelspiel seiner überhitzten Phantasie. * * * Es hatte Wilfried einige Mühe gekostet, bis er zur 223 festgesetzten Stunde auf der Uhlandstraße unter den durch weite Zwischenräume getrennten Häusern das des Pfarrer Römer ausfindig gemacht hatte. Ein großes, völlig neues, wie es schien, nur erst zum kleinsten Teil bewohntes Haus. In dem mit einem eisernen Gitter eingefriedigten Raum, der wohl einmal ein Vorgarten werden sollte, lag und stand noch allerlei Gerümpel herum: Bretter, leere Kalkfässer, Schubkarren. Er klingelte mehrmals vergeblich, bis er bemerkte, daß die Thür nicht verschlossen war. Im Erdgeschoß, das leer stand, arbeiteten singend und pfeifend zwei Tapezierergehilfen mit Papiermützen auf den Köpfen. Sie wiesen ihn auf seine Frage nach Pfarrer Römer drei Treppen hoch, wo er denn auch an einer Thür eine kleine Visitenkarte mit dem Namen des Gesuchten entdeckte. Und der dann auch auf sein Klingeln in der Person eines großen, breitschultrigen, schwarzgekleideten Mannes vor ihm stand. Herr Graf Falkenburg? Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte, treten Sie näher! Wilfried folgte der an ihn ergangenen Einladung und wurde sofort in ein Zimmer linker Hand geführt, welches sich durch ein paar mit Büchern gefüllte Regale, einen mäßig großen, mit Papieren bedeckten, an eines der beiden Fenster gerückten Schreibtisch als das Arbeitszimmer des Pfarrers erwies. Die Fenster hatten einfache weiße Vorhänge; an das, wo der Schreibtisch stand, war ein mit grüner Gaze bespannter Vorsetzer gestellt, der Abendsonne zu wehren, deren Strahlen horizontal in das Gemach fielen. Außer dem Korbstuhl am Schreibtisch noch zwei oder drei Rohrstühle; kein Möbel sonst. Die Wände, welche eine übelgewählte billige Tapete bedeckte, schmucklos bis auf einen lithographierten Christuskopf des Correggio in schwarzem Rahmen. Wilfried fiel das Wort von Frau Brandt ein, daß sie sich ihn nicht in einem ärmlich ausgestatteten Zimmer denken möge. 224 Dafür nun hatte Pfarrer Römer offenbar nicht die mindeste Empfindung. Er bot seinem Besuch einen der beiden Rohrstühle, die er von der Wand ab bis beinahe in die Mitte des Zimmers gerückt hatte, sodaß Wilfried, als sie nun Platz genommen, die Herrschaften auf der Bühne einfielen, die in derselben Situation ihre Unterredungen zu halten pflegen. Aber der Herr ihm gegenüber hatte so gar nichts von einem Komödianten und freilich, was Wilfried ihm noch höher anrechnete, ebenso wenig von einem Pfarrer. Er würde, hätte er es nicht anders gewußt, aus der ruhig sicheren Haltung und Sprechweise auf einen bedächtigen Geschäftsmann haben schließen müssen; nur daß die massive Stirn von schwerer Gedankenarbeit sprach, und das gelegentliche Aufleuchten der hellen stetigen Augen von einem innern verhaltenen Feuer. Alles in allem empfand Wilfried, daß man diesem Manne, wie geringen Anteil auch an seiner Erscheinung die Grazien hatten, unbedingt vertrauen dürfe. Der Eindruck, den er auf den Pfarrer machte, konnte ebenso kein ungünstiger sein. Die etwas starren Züge des großen Gesichtes schienen sich freundlicher zu beleben und die Stimme einen wärmeren Klang zu gewinnen, als er jetzt, seinen Stuhl einen Zoll näher rückend, sagte: Wenn Sie von einem Dienst sprechen, den ich und meine Frau Ihnen erwiesen, so stehen wir alle nach meiner Auffassung gleicherweise in einem höheren Dienst, besser ausgedrückt: in dem Dienste eines Höheren, dem wir, einer wie der andre, unsre Kräfte schuldig sind. Er verlangt von keinem mehr, als er vermag, und so ist ihm sicher ein treuer Diener nicht mehr wert als der andre. Wollen wir aber untereinander, Scherzes halber, einmal unsre Dienste abwägen, so dürfte hier das Plus auf Ihrer Seite sein. Es ist längst mein und meiner Frau Wunsch gewesen, praktisch zu bethätigen, was wir als eine teure Pflicht der besser Situierten gegenüber jenen unglücklichen Mädchen erkannt haben, die man wohl 225 die Ärmsten unter den Armen nennen darf – meine materielle Lage wollte es uns nicht erlauben. Nun wird uns unser Wunsch durch Sie ermöglicht. Weshalb mir außerdem Ihre Handlungsweise in dieser Angelegenheit ebenso interessant, wie wichtig ist – das zu erklären, müßte ich weiter ausholen, als mir für eine erste Begegnung schicklich scheint. Auch können Sie es, wenn Sie wollen, gedruckt lesen in einer Broschüre, die ich unlängst herausgegeben habe: ›Die Pflichten des Reichtums‹ – ein Thema, das, recht betrachtet, eigentlich die ganze sociale Frage umfaßt, und dem ich heute abend in einer Versammlung, zu der ich eingeladen, eine und die andere neue Seite abzugewinnen hoffe. Frau Doktor Brandt hat mir davon gesagt, erwiderte Wilfried. Es würde mich höchlichst interessieren, einer Ihrer Zuhörer zu sein. Ich wüßte nicht, was Sie daran verhindern sollte, wenn Sie sonst für den Abend frei sind, entgegnete der Pfarrer. Die Einladung gilt für jedermann. Wir machen uns dann wohl zusammen auf den Weg. Die Versammlung ist auf neun Uhr angesetzt; es ist jetzt dreiviertel acht; man braucht beinahe eine Stunde bis zur Sophienstraße. Ich wäre sogar schon fort, wartete ich nicht auf meine Frau. Sie ist mit Elise ausgegangen, einige kleine notwendig gewordene Einkäufe zu machen; muß aber jeden Augenblick zurück sein. Da ist sie schon. Ein Geräusch an der Flurthür war hörbar geworden, gleich darauf auf dem Gang das Getrappel von kleinen Füßen, die aus einem Hinterzimmer zu kommen schienen. Die Kinder, sagte der Pfarrer, wie zur Erklärung: Magda, Martha, Johanna. Magda spielt Hausmütterchen, wenn Mutter vom Hause ist. Er war nach der Thür gegangen, die er ein wenig öffnete: Willst Du nicht einen Moment hereinkommen, 226 Gustchen, ich möchte Dich mit einem neuen Freunde bekannt machen. Durch die Spalte der Thür, die sie sogleich wieder hinter sich schloß, war eine kleine, schmächtige Frau mehr hereingehuscht als eingetreten, während die auf dem Flur lautgewordenen Kinderstimmen sich nach hinten entfernten. Durch die Thürspalte hatte Wilfried eben noch einen Schimmer von Elise gehabt, die einen Korb am Arme trug, nach dem ein paar kleine Hände griffen. Wilfried dankte im Herzen dem Takt und Zartgefühl der Pfarrersleute, die dem Mädchen und ihm eine in diesem Augenblicke für beide peinliche Begegnung hatten ersparen wollen. So, sagte der Pfarrer, nachdem er Wilfried seiner Frau vorgestellt; und nun entschuldigen Sie mich auf ein paar Minuten! Ich will bloß ein wenig Toilette machen. Übernimm Dich nur nicht dabei! rief ihm seine kleine bewegliche Frau lachend nach. Und dann sich zu Wilfried wendend: Die Toilette wird darin bestehen, daß er sich einen reinen Kragen anknöpft, der liebe Kerl. Mit Gottes Hilfe und Magdas wird er ja wohl damit zu stande kommen. Sie war vor Wilfried stehen geblieben, ihn mit einer Art von naiver Bewunderung musternd, die ihn verlegen machte. Gerade so habe ich mir Sie vorgestellt, sagte sie. Freilich kein Kunststück: die Elise hat Sie mir geschildert, wie Sie leiben und leben. Das heißt: eigentlich kam dabei eine Art Jesu in Glacéhandschuhen und Lackstiefeln heraus. Na, man kann zufrieden sein, wenn man an den auch nur erinnert. An der Elise, denke ich, werden wir Freude erleben. Sie hat offenbar Kinder lieb. Das ist für mich entscheidend. In den Kindern liebt man die Menschheit, deren – hoffentlich bessere – Zukunft sie sind. Und Sie wollen mit meinem Mann in die Versammlung? Das ist recht. Ginge gern mit. Kann aber heute nicht. Kann überhaupt nur selten. Muß ihn ja 227 auch immer allein reisen lassen, obgleich der liebe Gott wissen mag, wie er ohne mich und Magda fertig wird. Magda ist nämlich volle zehn Jahr. Haben Sie meinen Mann schon mal gehört? Nein? Da werden Sie einen großen Genuß haben. Ich zweifle nicht, Frau Pfarrer, sagte Wilfried, um doch auch einmal ein Wort anzubringen, das sie denn auch sofort aufgriff: Na, Herr Graf, unter uns: mit der Pfarre hat es so viel nicht auf sich. Sie wissen, mein Mann hat sein Amt niedergelegt; niederlegen müssen: zur Zeit giebt es keine Kirche, in der er predigen dürfte, wie's ihm ums Herz ist. Das thut nichts. Gott wohnt nicht in Tempeln, aus Menschenhänden gemacht. Er ist überall, wo Menschen in seinem Namen versammelt sind. Es geht da nicht immer so friedlich und gesittet zu, wie in der Kirche. Die Geister platzen oft heftig aufeinander. Und die Leiber sollen es manchmal den Geistern nachmachen. Mein Mann sagt: so was kommt nicht vor. Er freilich fürchtete sich nicht, und wenn der Gottseibeiuns leibhaftig vor ihn hinträte. Das mögen Sie glauben! Ich thue es unbedingt, Frau Römer. Sehen Sie, das höre ich lieber: Frau Römer. Sie sind überhaupt ein lieber Mensch. Da kommt mein Mann. Nun gehen Sie mit Gott und finden bald einmal wieder den Weg zu uns! Sie müssen sich ja so wie so nach Ihrem Schützling umsehen. Der Pfarrer war eingetreten; die Frau hatte mit der Toilette recht gehabt: Wilfried konnte auch nicht die geringste Veränderung wahrnehmen, außer etwa, daß er jetzt einen Hut in der Hand hielt. Frau Römer gab, sich auf den Zehen hebend, während er den großen Kopf herabbog, ihrem Mann einen Kuß; reichte Wilfried eine kleine feste Hand mit kräftigem Druck und war zum Zimmer hinaus. Eine Minute später standen die beiden Männer auf der Straße, die sich, schlecht gepflastert, staubig, unwirtlich 228 selbst im letzten warmen Abendschein, schier endlos nach beiden Seiten streckte. * * * Herr Römer begann sofort mächtig auszuschreiten. Ich pflege solche Wege sonst zu Fuß zu machen, sagte er; die Zeit ist für mich nicht verloren; ich meditiere unterdessen die Rede, die ich halten will. Heute ist es schon ein wenig spät geworden; ich bin immer auch gern etwas vor dem Anfang da. Wir thuen da wohl besser zu fahren. Ich überlasse das ganz Ihnen, sagte Wilfried. Offen gestanden, ich habe keine Ahnung, wo die Sophienstraße ist. Berlin C. Wir können vom Zoologischen Garten den Omnibus nehmen, der uns bis zum Dönhofsplatz bringt. Von da aus ist es eine kleine halbe Stunde. Oder die Stadtbahn, eben von dort aus, bis Bahnhof Börse, von wo wir nur etwa sieben Minuten haben. Wie Sie wollen. Mir scheint dann Stadtbahn das Praktischste, sagte Wilfried, dem bei dem Wort Omnibus ein gelinder Schauder gekommen war. Auch sonst war ihm der Mut etwas gesunken. Eine eigentliche Volksversammlung hatte er noch nicht mitgemacht, sich nur immer etwas Unerfreuliches darunter vorgestellt, von dem man lieber fern blieb. Frau Römers Andeutungen gewisser Vorgänge, die dabei stattfinden konnten, waren auch nicht dazu angethan, in ihm den Wunsch zu stärken, seine Kenntnisse nach dieser Seite zu erweitern. Welche Figur würde er dabei machen? Vermutlich eine, die unangenehm aus dem Rahmen herausfiel. Bedenken, die ihm freilich recht kleinlich und erbärmlich erschienen, und die doch nicht von ihm lassen wollten. Sein Begleiter ließ ihn seinen Betrachtungen ungestört nachhängen; er seinerseits mochte dem Schweigsamen, der über seiner Rede brütete, nicht lästig fallen. So gelangten sie, ohne kaum ein Wort gewechselt zu haben, in die Halle 229 der Station und bis zum Schalter, vor dem sich zufällig eine kleine Queue gebildet hatte. Ich werde gleich für uns beide nehmen, sagte Pfarrer Römer, sich in die Reihe stellend, über die Schulter gewandt zu Wilfried. Bitte! Hier! Danke! Wilfried warf einen Blick auf das Billet, das ihm der Pfarrer, vom Schalter zurücktretend, gereicht hatte. Er fuhr nur selten auf der Stadtbahn; in seiner Erinnerung bekam man da grüne Billets; dies war braun: dritte Klasse! Es geht so in einem hin, sagte er bei sich, während er hinter der schweren Gestalt seines Begleiters die Treppe eilig hinaufstieg. Eben kam ein Zug in die Halle gebraust. Es war eine ungewöhnlich große Menge unterzubringen. Wilfried erhielt im Gedränge einige derbe Stöße. Als der Ruf: Abfahren! ertönte, fand er sich mit vierzehn Personen in einem Coupé, das nach seiner Rechnung höchstens zehn fassen konnte. Eine böse Fahrt für ihn. Sie waren in ein Rauchcoupé geraten, und mit Ausnahme seiner selbst und des Pfarrers schienen alle zu rauchen. Beide standen: der Pfarrer an der hinteren, er, der zuletzt gekommen, an der vorderen Thür. Die meisten Insassen Arbeiter, die Überstunden gemacht haben mochten, und mit lauten Stimmen ihre Angelegenheiten besprachen. Einer, der in der Ecke neben ihm saß, und dessen Kniee fortwährend in Berührung mit seinen Beinen kamen, murmelte etwas von Leuten, die sich in die Coupés scheren möchten, für die sie bezahlt hätten, anstatt anderen ihr bißchen Platz noch wegzunehmen; verstummte aber, als ihn Wilfried, wie zufällig, sein Billet dritter Klasse sehen ließ. Auf dem Bahnhof Bellevue stiegen ein halbes Dutzend aus, und der Pfarrer und Wilfried bekamen Sitzplätze; aber die Situation schien eher 230 verschlimmert, da ebenso viele wie aus-, auch wieder eingestiegen waren, und seine Nachbarn zur Linken und zur Rechten, fürchterliche Cigarren rauchend, sich über ihn weg unausgesetzt anschrieen, wenn sie nicht, was freilich nur zu oft geschah, zwischen den ausgespreizten Knieen ungeniert auf den Boden spieen. Wollte denn diese schreckliche Fahrt kein Ende nehmen? Wilfried warf verzweifelte grollende Blicke auf ihn, der ihm dieses Ungemach bereitet hatte. Der aber empfand offenbar von dem, was ihm bis zum Unerträglichen widerwärtig war, nicht das Mindeste. In der Ecke, ihm schräg gegenüber sitzend, unterhielt er sich mit dem Nachbar, einem winzigen, zappligen, bereits älteren Mann – kleinem Handwerksmeister, oder etwas der Art – der mit fieberhafter Lebhaftigkeit auf ihn einsprach, worauf er von Zeit zu Zeit in seiner bedächtigen Weise antwortete. Endlich war denn doch der Bahnhof Börse erreicht. Nun noch ein Gedränge am Ausgangsschalter, die Treppen hinab auf die Straße in das lärmende Durcheinander der Pferdebahnwagen, Omnibusse, Lastwagen, Droschken, Fußgänger – nach der gräßlichen Dreiviertelstunde in dem überfüllten Coupé eine Wohlthat für Wilfried. Er war froh, daß wenigstens der Rest des Weges zu Fuß zurückzulegen war, durch engere, vielfach sich kreuzende Gassen, in die der Abend bereits stark hereindämmerte, so daß es trotz der bereits angezündeten Laternen und des Lichtscheins aus den vielen kleinen Läden nicht eben hell und das Vorwärtskommen auf den überfüllten Trottoirs nicht immer leicht war. Zu Wilfrieds einiger Verwunderung war der kleine Mann aus dem Coupé dem Pfarrer zur Seite geblieben, mit zappelnden Schrittchen neben ihm hertrabend, in derselben überlebhaften Weise zu ihm, der ihn um anderthalb Kopfe überragte, hinaufsprechend. Ein paarmal verlor er im Gedränge das sonderbare Paar aus den Augen, und es überkam ihn dann die Versuchung, die Gelegenheit zu benutzen und in der Menge zu verschwinden. 231 Hatte es doch fast den Anschein, als ob der Pfarrer, präoccupiert, wie er war, ihn nicht vermissen werde! Und gerade jetzt drehte sich dieser um und sagte: Wir kommen in die Sophienstraße. Es ist wohl besser, daß wir zusammen bleiben. Darf ich die Herren miteinander bekannt machen: Herr Graf Falkenburg, Herr Schneidermeister Gutknecht. Sehr angenehm, sagte Wilfried, höflich seinen Hut ziehend, worauf Herr Gutknecht ebenfalls sein verknittertes rundes Hütchen lüftete und ein völlig kahles Köpfchen zeigte, das für einen Moment hell erglänzte in dem Lichte der Laternen vor dem Lokal, bei welchem sie jetzt angelangt waren. Inmitten einer schwarzen, sich durcheinanderschiebenden Menge, der ein halbes Dutzend Schutzleute den Zutritt zu der übrigens noch offenen breiten Eingangsthür in das Haus zu wehren schien. Hatte man dem Pfarrer Platz gemacht, hatte er sich selbst und seinen Begleitern Platz zu machen gewußt – Wilfried fand sich plötzlich auf dem freien Raum hinter der Schutzmannkette vor der Thür, aus der eben ein Polizeileutnant eilig heraus und auf den Pfarrer zutrat: Höchste Zeit, daß Sie kommen! Lokal bis auf den letzten Platz besetzt, Tische weggeräumt; muß sofort schließen lassen. Darf ich ein paar Worte zu den Leuten sprechen? Ich verbürge mich, sie werden ohne weiteres die Straße frei geben. Fehlte noch gerade! Wozu sind wir denn da? Bitte, Herr Pfarrer! Kann keine Minute länger warten. Hinter den neu Eingetretenen wurde alsbald die Thür geschlossen. Jetzt erst erkannte Wilfried in dem Leutnant einen ehemaligen Offizier von der Garde, Herrn von Gronau, mit dem er früher sich hin und wieder in den Gesellschaften begegnet war. Auch dieser hatte ihn erkannt, höchlichst erstaunt, ihn an diesem Orte zu finden. Mein Gott, Graf, was zum Kuckuck wollen Sie denn 232 hier? sagte er lachend, während sie sich langsam durch die ebenfalls mit Menschen angefüllte Vorhalle nach dem Versammlungssaal bewegten. Den Rummel auch mal mit ansehen? Na, dies heute abend ist eine zahme und passabel langweilige Sache. Will Sie mal in eine Antisemitenversammlung mitnehmen. Da können Sie was erleben! Da wird manchmal der Teufel ausgetrieben, kann ich Ihnen sagen. – Werden die Herren nun endlich Platz machen, oder nicht? Die letzten Worte waren denen zugerufen, die aus dem Vestibül nach der Saalthür drängten, an der zwei Schutzleute postiert waren. Sie lassen jetzt niemand mehr herein, befahl er barsch. Und dann sich zu denen draußen wendend: Wenn noch ein einziger versucht, in den Saal hineinzukommen und hier überhaupt nicht absolute Ruhe herrscht, lasse ich auch diese Thür schließen. Bitte, sich das gefälligst hinter die Ohren schreiben zu wollen! – Darf ich Sie ersuchen, Graf, mir zu folgen! Es war der seltsamste Kontrast in dem Ton, mit welchem der Leutnant zu den andern, selbst dem Pfarrer, und zu ihm sprach. Wilfried hatte keine Muße, sich darüber weitere Gedanken zu machen: das Schauspiel, das sich ihm jetzt bot, fesselte ihn zu sehr. * * * Der Leutnant hatte nicht übertrieben: in dem weiten Saal war jeder Platz besetzt, wenn der Ausdruck freilich auch nur für die zutraf, welche im Saale selbst und auf den breiten Galerien an den beiden Längsseiten und an der Breitseite über der Eingangsthür Stühle gefunden, während an den Wänden hin noch Hunderte Schulter an Schulter standen. Ein Gang, der von der Thür bis zur Plattform am entgegengesetzten Ende des Saales lief, war frei gelassen. 233 Aufmerksam verfolgte Wilfried, der, er wußte nicht recht von wem, auf einen Stuhl in der ersten Reihe unmittelbar vor der Plattform komplimentiert war, die weiteren Vorgänge. Auf der Plattform standen zwei Tische. An dem kleineren, schräg gegen den Saal gerichteten, hatten der Polizeileutnant und ein Wachmeister Platz genommen; während dieser den Helm aufbehielt, hatte jener den seinen ostentativ vor sich hingestellt. Hinter den größeren, dem Saale ganz zugekehrten, war der kleine Schneidermeister getreten, hatte mit einer Glocke laut geschellt, worauf eine verhältnismäßige Stille entstand; die Versammlung für eröffnet erklärt und daß zuerst zur Bildung des Büreau geschritten werden müsse. Wie es dabei zuging, blieb für Wilfried einigermaßen dunkel, da er von den aus der Menge im Saal zur Plattform hinauf oder von den Tribünen herabgerufenen Namen keinen einzigen verstand und geschworen hätte, es seien mindestens zwanzig verschiedene gewesen, während der kleine Schneidermeister nur drei gehört haben wollte, die er nun nannte, und die Betreffenden, falls aus der Versammlung kein Widerspruch erfolge, zum ersten, zweiten Vorsitzenden und Schriftführer erklärte. Wilfried hatte den Eindruck, als ob das Ganze eine vorhin zwischen dem Pfarrer und Herrn Gutknecht verabredete Sache und der letztere, bereits mit seiner Präsidentenwürde ausgestattet, in den Saal getreten sei. Und eine seltsame Veränderung war mit dem kleinen Mann vorgegangen. Er, der vorhin die Nervosität selbst schien, kein Wort vorbringen konnte, ohne mit Armen und Beinen zu zappeln, bot jetzt ein Bild vollkommenster Ruhe. Gelassen ordnete er ein paar Papiere vor sich auf dem Tisch, richtete einige Worte an seine Nachbarn rechts und links, erhob sich, schellte wieder – diesmal kurz und energisch – und erteilte Herrn Pfarrer Römer das Wort. Der Pfarrer stand von einem Stuhl in der ersten Reihe auf, schob seine schwere Gestalt auf das 234 Rednerpult, das unmittelbar vor der Plattform aufgerichtet war, und wurde, wie er sich nun verbeugte, mit einem donnernden Applaus begrüßt, der sich zum zweitenmale, womöglich noch lärmender erhob, als hinter dem ersten her, von einer Seite, wo eine Schar von Studenten in weißen Mützen dicht gedrängt stand, sich ein kräftiges Zischen hatte vernehmen lassen. Dann lautlose Stille. Dann die Stimme eines Redenden, die Wilfried bekannt und doch wieder ganz fremd war: eine tiefe, wohllautende Stimme, dem gleichmäßigen und doch in jedem Moment nüancierten Rauschen des Windes in einem mächtigen Hochwalde vergleichbar, das, leiser, sanfter werdend, sich in der Tiefe des Forstes verlieren zu wollen scheint; dann, wieder näher kommend, allmählich schwillt und schwillt, um mit majestätischem Donner über das Haupt des Wanderers dahinzurollen. Wieder und wieder fragte sich Wilfried: ist dies der Mann, der seine wenigen Worte zu zählen schien? dem man ein bedeutendes kaum zutraute? der dem Besucher den Rohrstuhl mit naiver Ungeschicklichkeit mitten ins Zimmer stellt? dem sein zehnjähriges Töchterchen helfen muß, weil er mit dem Anknöpfen eines Kragens allein nicht fertig wird? Und: nein, antwortete er sich, das ist er nicht. Dies hier ist ein Denker und Dichter und Prophet, der ein stolzes Recht hat, nach dem Schnickschnack der Höflichkeit und der Fratzenkomödie der Gesellschaftsmanieren nicht zu fragen; keine Verpflichtung, als das heilige Feuer zu hüten, das in seinem Busen brennt. In seinem ästhetischen Rausch wurde es Wilfried anfangs schwer, dem Gedankengange des Redners zu folgen, bis es ihm allmählich doch gelang. Und sich ihm das Bild, das jener von den aktuellen Zuständen entwarf, nach und nach aus einzelnen Zügen immer mehr zu einem Ganzen gestaltete. Aus voller Seele mußte er ihm 235 zustimmen, wenn er von der ungeheuren Schwierigkeit sprach, die selbst der wohlgesinnte Besitzende und Reiche zu überwinden hat, den Wünschen, Ansprüchen, Forderungen des Socialismus gerecht zu werden; und wie diese Schwierigkeiten mit der steigenden Kultur nur immer gewachsen sind. Und dabei keineswegs schlechthin von bösem Willen zu reden sei, sondern eben von der jähen Kluft, welche die historische Entwicklung, für die man keinen einzelnen verantwortlich machen könne, zwischen den an der Fülle des Wohlstandes, der ästhetischen und intellektuellen Bildung participierenden besitzenden Klassen und den besitzlosen, aller dieser Vorzüge baren und entbehrenden, aufgerissen habe, das Verständnis und die Verständigung hinüber und herüber unendlich erschwerend. Wieder einmal erhob sich die Rede zu pathetischer Kraft! Dennoch, o, des Übermaßes der Leichtfertigkeit und Gedankenlosigkeit, wenn nicht fühlloser Herzenshärtigkeit, hier von einer Unüberbrückbarkeit zu reden und zu dekretieren, so sei es immer gewesen und so müsse es bleiben in Ewigkeit! Freilich, der alte Germane, er hätte wohl dem ins Gesicht gelacht, der zu ihm gesagt: es werde eine Zeit kommen, in welcher an der Stelle der unermeßlichen Wälder, die er auf der Jagd nach Ur und Bär durchstreifte, goldene Kornfelder wogen und prangende Städte mit tausenden und tausenden friedlicher Bewohner sich erheben würden. Spottete doch selbst ein Alexander von Humboldt über die ersten Versuche der Telegraphie und nannte sie ein artig Stubenspielzeug, dem er jede größere Bedeutung absprechen müsse. Heute giebt es keine Urwälder mit ihrem wilden Getier in Deutschland mehr, und Telegraphendrähte überspannen die Erde. Gewiß hat eine sociale Frage zu allen Zeiten existiert; aber – eine Folge der Errungenschaften der Wissenschaften, welche sofort allen gleicherweise zu gute kommt, und zum Gemeingut macht, was vormals der exklusive Besitz einiger wenigen Glücklichen war – die 236 von heute gleicht denen von früher wie der Ocean einem Landsee. Wenn im Altertum Tausende von entwürdigten Sklaven lieber den Schlachtentod starben als die Peitsche des Treibers länger zu erdulden; am Ausgang des Mittelalters Hunderttausende in Armut, Unbildung und Roheit verkommene Hintersassen und Hörige an die Paläste und Schlösser der Herren und Gebieter fürchterlich klopften – heute handelt es sich um Millionen. Millionen bringt man nicht so leicht, bringt man nun und nimmer zum Schweigen. Und fällt die sociale Frage heute quantitativ so unendlich viel schwerer ins Gewicht, als jemals vorher, so ist sie auch qualitativ eine andre geworden: eine gedanklich vertiefte, den ganzen Bestand der Gesellschaft durch- und unterwühlende, mit dem ganzen gewaltigen Apparat der Wissenschaft arbeitende; die zu ihren ungeheuren Problemen spricht, wie Jakob zu dem Engel: ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn. Hier zerriß die andächtige Stille, mit welcher die Hörer solchen Worten lauschten, ein gellender Pfiff, wie es schien, aus der Gruppe der Studenten, der eine fieberhafte Aufregung hervorrief. Hunderte von Stimmen zugleich schrieen, brüllten: Hinaus! hinaus! Ein heftiges Drängen nach der Seite, von der der ominöse Laut gekommen schien; den Tumult kaum übertönend, die Glocke, die der kleine Vorsitzende unablässig schwang. Dann hatte er sich doch so weit Ruhe verschafft, um mit einer Stimme, die etwas von dem scharfen Klang seiner Glocke hatte, in den Saal hineinrufen zu können: Es wird nicht verlangt noch erwartet, daß die Worte des Redners allen gefallen; aber ein Mißfallen, das sich so pöbelhaft äußert; ein Widerspruch, der keine besseren Argumente vorzubringen weiß – die verurteilen sich selbst. Ich bitte den Redner, fortzufahren. Großer Beifall lohnte dem energischen Mann, und Pfarrer Römer, der während der ganzen Zeit mit über der Brust verschränkten Armen, ohne eine Miene zu 237 verändern, ruhig in den Aufruhr geblickt hatte, nahm seine Rede wieder auf: Nachdem ich Ihnen so unsre Aufgabe in großen Umrissen vorgeführt habe, bitte ich nun, in die Einzelheiten gehen zu dürfen, für die ich freilich Ihre Geduld und Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße in Anspruch nehmen muß. Es konnte nicht ausbleiben, daß der nun folgende, weitaus längere Teil des Vortrags nicht mehr die Beifallsstürme entfesselte, wie der erste; dazu wurde zu viel socialwissenschaftliches Material aufgehäuft. Es schien Wilfried mehr als zweifelhaft, daß hier alle zu folgen vermochten, besonders die in nicht geringer Zahl anwesenden Frauen. Auch die Socialdemokraten, meinte er, würden nicht eben erbaut sein, wenn der Redner ihnen zwar die Berechtigung eines großen, ja, des größten Teils ihrer Forderungen willig zugab; aber dafür hielt, daß ihr Staat der Zukunft ein Utopien sei und bleiben werde, weil sie ihn nicht hervorwachsen ließen aus der Realität der historisch gewordenen Verhältnisse, sondern aus Schulsätzen, über deren Richtigkeit, oder Unrichtigkeit man sich in Ewigkeit streiten könnte, ohne einen praktischen Schritt weiter zu kommen. Was dazu wohl Frau Brandt sagen würde, dachte Wilfried bei sich. Aber da war etwas anderes, woran er selbst entschiedenen Anstoß nahm und was ihn zweifeln ließ, ob denn der Zukunftsbau, wie ihn sich der Redner dachte, auf einem festeren Grunde ruhen werde. Der denn kein anderer sei, noch sein könne, als der Glaube an Jesu Christ. Wobei ihm doch, wie bereits bei der Lektüre einiger Broschüren des Pfarrers, völlig unklar bleiben wollte, was oder wen man sich nun unter Christus zu denken habe: die Personifikation des Humanitätsbegriffs, die sich auch die vorgeschrittene Philosophie wohl gefallen lassen mochte, oder den eingeborenen Sohn Gottes der Evangelien, an dem die Orthodoxie festhält. Er hatte gehofft, die Rede 238 werde über einen Punkt, der ihm von einschneidendster Wichtigkeit schien; keinen Zweifel lassen, und war verstimmt, sich darin getäuscht zu sehen. So verstimmt, daß er den vielen bedeutenden Stellen, an denen auch jetzt in der Rede kein Mangel war, den rechten Geschmack nicht mehr abzugewinnen vermochte, und es nicht ungern sah, als der Pfarrer seine anderthalbstündige Rede mit einem herrlichen Appell an die Gewissen der Reichen und Mächtigen schloß und vom Rednerpulte herabstieg, begleitet von dem tosenden, lang anhaltenden Beifall seiner Gemeinde. Was zunächst kam, war für Wilfried mehr peinlich als interessant. Ein unbärtiger Jüngling hatte den Platz des Pfarrers eingenommen, nach seiner weißen Mütze zu schließen, einer jener oppositionslustigen Studenten; in seiner dürftigen Erscheinung ein seltsamer Gegensatz zu dem hünenhaften Vorredner. Und nicht minder in seiner Sprechweise, die eigentlich nur ein krähendes Schreien war, das in den heftigsten Ausdrücken mit dem religiösen Standpunkt des Pfarrers ins Gericht gehen zu wollen schien. Aber es war nicht viel zu verstehen vor der Unruhe im Saal, die immer größer wurde, wie wacker sich auch der kleine Vorsitzende des Redners annahm. Der nun mochte nach einiger Zeit selbst einsehen, daß er vergeblich wider den Strom zu schwimmen versuchte, und verließ die Rednerbühne, dann auch den Saal, mit ihm die Schar der Kommilitonen unter Anstimmen des ersten Verses des Lutherliedes. Dann war ein anderer aufgetreten, ebenfalls ein junger Mensch, ein Handwerker, wie es schien, der sich als zielbewußter Socialdemokrat ankündigte, und, obgleich er es mit der Grammatik nichts weniger als genau nahm, durch die Gewandtheit seiner Rede und die eindringliche Weise, in der er sprach, die Aufmerksamkeit der Hörer zu erregen und festzuhalten verstand. Was er vorbrachte, war freilich nach Wilfrieds Dafürhalten, nur ein Auszug der Marxschen Lehre, aber so gut disponiert, mit so viel drastischen 239 Beispielen aus dem praktischen Leben illustriert – Wilfried staunte, wie es möglich sei, daß ein so junger Mann, der offenbar nur die Bildung einer Volksschule genossen, ein so großes, schwieriges Material so sicher beherrschen könne. Dabei verstand er es durchaus, seine Auseinandersetzungen so zu gestalten, daß ihre Beziehung zur Rede des Pfarrers wohl sichtbar blieb, ja, immer deutlicher hervortrat, sich immer schärfer zuspitzte zum Mißvergnügen der Anhänger jenes, die dann auch nicht zögerten, in Murren, zornigen, höhnenden Zwischenrufen laut und lauter sich kund zu geben. Wieder und wieder mußte die Präsidentenglocke ihre Schuldigkeit thun, bis der Redner, nun seinerseits mit offenem Hohn, als sein letztes Wort in den Saal hineinschmetterte: Sie wollen nicht hören! Gut! Sie werden zu fühlen bekommen, was Sie nicht hören wollen! Und vom Pulte herabstieg. Wilfried war dem Redner in immer wachsender Erregung gefolgt. Das war nicht seine Sprache, die da oben gesprochen wurde, aber seine Gedanken waren es, die er oft und oft gehegt, als falsch verworfen, als richtig wieder aufgenommen; die ihn als immer stärker hervorklingende Grundmelodie durch die letzten Jahre seines Lebens begleitet hatten. Bis sie in diesen Tagen eine Gewalt über ihn gewannen, vor der die abmahnenden Stimmen von früher verstummen mußten. Die Reichen und die Mächtigen, an deren Gewissen der Pfarrer appelliert – jetzt erst glaubte er sie kennen gelernt zu haben; die Armen und Elenden – zum erstenmale hatte er ihnen in die verzweifelten Augen geblickt. Ihnen, die in dumpfer Resignation von sich selber sagten, daß ihnen niemand helfen könne. Und doch eines helfen konnte, helfen würde, helfen mußte – Und dann stand er auf der Rednerbühne. Hätte es sein Leben gekostet, er würde nicht zu sagen gewußt haben, wie er dahingekommen. Sie wollen nicht hören, hat er gesagt. Er irrt sich. 240 Sie wollen es wohl. Nur das rechte Wort muß es sein. Wissen Sie, wie es heißt? Es heißt Gerechtigkeit. Sie soll geschafft werden und walten auf Erden. Und sie kann und wird es. Denn, ist sie gleich die herrlichste und die Quintessenz aller Tugenden, sie ist darum nicht weniger rein menschlich, ja, das ganz eigentlich Menschliche. Das Tier weiß nichts von Gerechtigkeit, nur der Mensch, und um so mehr, je mehr er Mensch ist. Ihn auf diese höchste Stufe seiner Entwickelung zu heben, dazu bedarf es keiner unter- und auch keiner überirdischen Mächte. Die wollen wir aus dem Spiel lassen: sie haben keine andere Wirkung, als es zu verwirren. Die Stimme einer mystischen Autorität mag laut genug gesprochen haben in der dumpfen Stille einer wissensarmen, glaubensreichen Zeit – in dem Gerassel der Maschinen, dem Rollen der Lokomotiven, dem Geheul der Dampfpfeife verhallt sie ungehört. Aber nicht von all dem Lärmen übertönt – nein! lauter nur und lauter – aus den Sälen der Fabriken, aus den dunklen Gassen, drin die Armut wohnt, aus der Brust jedes Menschen – erschallt das hehre Wort: Gerechtigkeit. Ich sagte absichtlich nicht: jedes fühlenden Menschen. Es klänge zu sehr an jene geheimnisvollen Mächte an, die ihren Dienst ebensowohl versagen, wie gewähren können. Das ist es ja, was der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen wird, daß der Mensch sie denken muß, sich in sie hineindenken muß, er mag mit seinem Gefühl dabei sein oder nicht. Das Gefühl mag stumpf an dem Elend vorübergehen; das Denken kann es nicht. Es kann nicht in des Elends hohle Augen sehen, ohne sich bewußt zu werden, daß eben dies Elend auch starke, riesenstarke Glieder hat, die es einmal ausrecken wird, wie der gefangene Simson seine Arme. Und unter dem Druck zusammenbrechen werden die Säulen, und mit ihnen das Haus, das sie trugen, und – Im Namen des Gesetzes! Die Versammlung ist aufgelöst! 241 In der lautlosen Stille, mit der man seinen Worten gelauscht hatte, wie aus einem Traum erwachend, blickte sich Wilfried um nach der scharfen Stimme, die hinter ihm diese Worte gerufen. Es war die des Polizeileutnants gewesen, der, hoch aufgerichtet, den Helm auf dem Kopfe, hinter seinem Tisch stand und jetzt, den Wachtmeister an der Seite, auf ihn zutrat mit den in geschäftsmäßig gleichgültigem Ton gesprochenen Worten: Sie wollen die Güte haben, Herr Graf, mir Ihre Adresse anzugeben. Wilfried that es. Also Wachtmeister, schreiben Sie: Graf – Ihr Vorname, wenn ich bitten darf! – also: Graf Wilfried von Falkenburg, Berlin, Landgrafenstraße Nummer sechzehn. – Und nun sorgen Sie, daß der Saal ohne Aufenthalt sich leert, und auch draußen alles in gehöriger Ordnung verläuft! Mit kurzem, kaum merklichen Griff an seinen Helm hatte er sich abgewandt, die Stufen von der Plattform in den Saal hinabsteigend. Wilfried hatte keinen Blick für ihn. Seine Augen waren starr zur Tribüne emporgerichtet, wo er eben jetzt erst zwei Frauen bemerkt hatte, von denen die eine grüßend mit beiden Händen winkte: Frau Brandt. Und neben ihr, die regungslose, deren Kopf ein schwarzes Tuch umhüllte, so daß man von dem eingerahmten bleichen Gesicht nur wenig sah, und die er doch sogleich an den großen, dunklen, in dem Schein des Kronleuchters schimmernden Augen erkannte: Lotte. Großer Gott! Wenn er es recht bedachte, ohne zu ahnen, daß sie zugegen waren – er hatte ja nur für diese beiden gesprochen; ohne sie, die Luft und Licht in sein dumpfes, dunkles Leben gebracht, gar nicht sprechen können. Er mußte sie sehen, ihnen danken; er konnte das Ende einer Verhandlung, die der Pfarrer, der ihm eben den Rücken wandte, mit dem Wachtmeister und dem kleinen 242 Vorsitzenden hatte, nicht abwarten, und stürzte sich in den Saal. Aber obgleich da kein ungeberdiges Drängen und Schieben war, vermochte er doch nicht, die dichten Scharen zu durchbrechen; es mochten zehn Minuten vergangen sein, bis er zu der Ausgangsthür und auf den großen Flur gelangte. Vielleicht, daß man auf ihn gewartet hatte. Aber es war nicht wohl möglich: die Schutzleute duldeten kein Stehenbleiben. So denn auf der Straße. Hier derselbe Vorgang; nur daß die Schutzleute vollends keine Umstände mehr machten und etwa Zögernde barsch ihrer Wege wiesen. Es blieb ihm nichts andres übrig, als ebenfalls den Heimweg anzutreten. * * * Er hatte gehofft, bald an einen Droschkenstand zu gelangen; aber vergeblich. Endlich kam eine zweiter Klasse ihm entgegen – ein elendes Gefährt, das er zu nehmen sich nicht entschließen konnte. Um aus dem Menschenstrom zu kommen, war er in eine Querstraße eingebogen und wußte nun vollends nicht mehr, in welcher Richtung er sich bewegte. Die Straße war weniger belebt; er überholte einen Mann, der mit gesenktem Kopf langsam vor ihm herschritt. Bitte, mein Herr, können Sie mir sagen, wie ich nach den Linden komme? Der Angeredete blickte auf, ihm ins Gesicht: Lottes Bruder. Herr Graf Falkenburg, sagte Hermann Schulz, höflich den runden Hut lüftend. Nach den Linden? Wir sind augenblicklich in der Krausnickstraße. Wenn es Ihnen recht ist, begleite ich Sie eine Strecke. Sehr freundlich. Vorausgesetzt, daß ich Sie nicht aus Ihrem Weg bringe. Durchaus nicht. Ich mache nur meinen 243 Abendspaziergang. Die Luft in dem Saal war zuletzt noch schlechter als bei uns im Bureau – obgleich das etwas sagen will. Sie kommen aus der Versammlung des Pastor Römer? Zu dienen, Herr Graf. Es war das erstemal, daß Wilfried den Schweigsamen ein paar laute Worte sprechen hörte, und die Stimme hatte etwas von dem Klang von Lottes Stimme. Das geringe Unbehagen, das er empfunden, als er sich so plötzlich dem rätselhaften Kassierer gegenübersah, war sofort verschwunden. Es scheint, meine Rede hat für die Polizei einiges Interesse gehabt, sagte er gut gelaunt. Das sollt ich meinen, erwiderte Hermann. Ein Graf, der so fröhlich in den Paragraph hundertdreißig des Strafgesetzbuches hineinschliddert – Der von der Gefährdung des öffentlichen Friedens handelt? Geldstrafe bis zu sechshundert Mark; Gefängnis bis zu zwei Jahren. Da der Herr Graf, darf ich wohl annehmen, nicht vorbestraft sind – es auch sonst der erste Fall in der Familie sein dürfte – wird es wohl bei der Geldstrafe sein Bewenden haben. Ich bin neugierig, wie man aus meinen Worten eine Gefährdung des öffentlichen Friedens konstruieren will. Überlassen Sie das getrost dem Herrn Staatsanwalt. Freilich, hätte ein gewöhnlicher Socialdemokrat so gesprochen – von denen ist man das gewohnt; da ist man nicht so empfindlich. Aus dem Munde eines vornehmen Herrn klingt es anders. Da bekommt man plötzlich verdammt feine Ohren, und – Herr von Gronau ist ein Streber schlimmster Sorte. Darf ich mir eine Frage verstatten, Herr Graf? Bitte! Sie sind selbstverständlich kein Socialdemokrat? Ich bekenne mich nicht zu der Partei; weiß auch nicht, ob man mich zu ihr rechnen darf. Ich habe einfach meiner 244 Überzeugung Ausdruck geliehen, die doch, soviel ich weiß, auch die Ihre ist? Gewesen ist, Herr Graf. Wieso: gewesen? Man kann ja seine Überzeugungen wechseln. Der Herr Gras wird auch nicht von jeher so gedacht haben. Dann stehen Sie jetzt auf dem Standpunkt des Pfarrers Römer? Gott soll mich bewahren! Womit er die Leute regaliert, das ist nur Brei für kleine Kinder. Weshalb besuchen Sie da seine Versammlungen? Aus der alten Gewohnheit, glaube ich, Leute öffentlich reden zu hören. Man kommt dabei doch meistens auf seine Kosten. Die pièce de résistance von heute abend war allerdings die Rede des Herrn Grafen. Sehr gütig. Aber, wenn es nicht zu indiskret ist: zu welcher Partei rechnen Sie sich jetzt? Zu einer sehr kleinen, und die auch niemals groß sein wird – Gott sei Dank! Kennen der Herr Graf Nietzsche? Ich habe einiges von ihm gelesen. Sie sollten ihn ganz lesen. Da ist mehr als Marx und Lassalle – Lassalle, dieser Nietzschesche Löwe, der sich ein Marxsches Schaffell umgehängt hat! Hätte er Nietzsche erlebt – er hätte statt Heraklit der Dunkele einen Nietzsche der Helle, der ganz Helle geschrieben. Wilfried war tief betroffen. Dieser Verschlossene, Schweigsame, von dem er gemeint hatte, daß er ganz in seinem Kassengeschäft und Zahlen aufgehe – er trug sich mit solchen Gedanken! Wahrlich, Frau Brandt hatte recht: an dieser Familie konnte man merkwürdige psychologische Studien machen. Und der seltsam interessante Mensch war Lottes Bruder! Es hätte ja nur dessen bedurft, ihn zu dem Manne zu ziehen! Wie haben Sie es fertig gebracht, diese Bücher zu 245 lesen? Die Studien zu machen? rief er voller Verwunderung. Ich war stets ein einsamer Mensch, erwiderte Hermann, einsame Wege suchend, wie mich der Herr Graf eben gefunden haben. Der Einsame hat mehr Zeit, als der, welcher sich in die große Herde zu mischen liebt, die auf der breiten Heerstraße dahintrottet. Und da mußte Ihr Beruf ein so trockner sein! Er ist so trocken nicht. Die Zahlen, besonders die auf Banknoten, sprechen eine seltsam beredte Sprache, deren Studium sich wohl verlohnt. Ich glaube, sie nicht ganz umsonst studiert zu haben. Man lernt aus ihr zum Beispiel, daß das Kapital, gegen das die lächerlichen Socialdemokraten wüten, eine prächtige Sache ist, selbst für Dummköpfe, wie meine Herren Chefs und andre von derselben Sorte; eine unüberschwänglich kostbare aber für solche, die – nun, die den rechten Gebrauch davon zu machen verstehen. Da wären wir ja wieder wohl bei Pfarrer Römers Theorie angelangt. Zu der sich die Praxis nie gesellen wird: der Durchschnitts-, der Herdenmensch wird den rechten Gebrauch des Reichtums niemals lernen; und die upper ten thousand sind auch nur Durchschnitts- und Herdenmenschen – sie erst recht. Aber wir sind auf dem Monbijouplatz. Ich vermute, daß der Herr Graf von hier aus Bescheid weiß. Ich will nicht länger lästig fallen. Davon kann keine Rede sein. Ich wollte Sie sogar bitten, mich noch weiter, zu irgend einem guten Restaurant zu begleiten und – Danke verbindlich, Herr Graf. Ich würde da in Versuchung geraten, gegen ein Gelöbnis, das ich gethan, zu verstoßen. Kein Restaurant zu betreten? Oder irgend ein Lokal der Art. In meinem Leben trank ich noch keinen Tropfen Spirituosen. Ich habe in 246 meiner Familie ein zu fürchterliches Beispiel, wohin das führen kann. Merkwürdig genug für Wilfried, aber es war das erste Mal, daß in dieser Unterredung eine Anspielung auf die Familie fiel, um die sich jetzt sein ganzes Interesse bewegte; und daß sie nicht von seinen, sondern von des andern Lippen kam. Er hatte sich vergeblich auf einen schicklichen Übergang besonnen, dem Gespräch diese Wendung zu geben. Sie wissen, daß ich Ihre Familie in diesen Tagen kennen gelernt habe, sagte er schnell. Erst seit heute – durch einen Brief von Lotte. Sie war in der Versammlung. Ich habe vergeblich versucht, ihr guten Abend zu sagen. Haben Sie sie gesprochen? Ebensowenig. Sie wird es sehr bedauern. Eine kleine, für Wilfried verlegene Pause entstand. Hermann hatte wieder den Kopf gesenkt, daß Wilfried unter dem runden Hut nur die untere Partie des Gesichtes sah: die scharfgeränderten, in diesem Augenblick festgeschlossenen Lippen, das energische Kinn. So, ohne aufzublicken, sagte er – und die Stimme schien Wilfried dumpfer und weicher zu klingen als vorher: Sie haben sich mit meiner Familie eine große Last aufgebürdet, Herr Graf. Mögen Sie es nie zu bereuen haben! Das ist ganz unmöglich. Ich weiß nicht. Auch für mich hat es eine Zeit gegeben, wo ich jede Last auf mich nahm. Ich hätte am liebsten die der ganzen Menschheit auf meine Schultern geladen. Ich denke setzt anders. Ich halte jetzt dafür, daß, wer sein Blut für die Menschheit hingiebt, es ins Faß der Danaiden gießt. Meine Zeit ist um, Herr Graf, ich muß mich Ihnen empfehlen. Er hatte seinen Hut gezogen und sich gewandt, bevor 247 Wilfried, verwundert über dies brüske Abbrechen eines so intimen Gesprächs, erwidern konnte. Er blickte noch hinter dem sich Entfernenden her, als dieser nach wenigen raschen Schritten umkehrte und wieder vor ihm stand: Verzeihen Sie, daß ich Sie nochmals aufhalte! Ich möchte Ihnen für das Viele, das Sie für meine Familie thun, einen kleinen Dienst erweisen: Bielefelders haben Ihnen ihre westfälischen Güter offeriert. Hüten Sie sich, darauf reinzufallen! Es ist der abgefeimteste Schwindel. Auch rate ich, Ihre Depots in der Bank sich nicht zu sehr anhäufen zu lassen: Bielefelders stehen augenblicklich groß da; aber sind die waghalsigsten und gewissenlosesten Börsenspekulanten. Sie können das meinetwegen aller Welt sagen. Ich vermute, daß ich das nicht thun werde, erwiderte Wilfried lächelnd. Jedenfalls bin ich Ihnen für Ihren Rat verbunden. Noch eine Bitte! Sie wissen, wie mein Geschäft mich in Atem hält. Selten, daß ich eine freie Stunde habe. Es dürfte längere Zeit vergehen, bevor ich Lotte aufsuchen kann. Wenn Sie sie früher sehen sollten, würden Sie die große Güte haben, ihr einen Gruß von mir zu überbringen? Sehr gern. Aber ihren Brief werden Sie doch nicht lange unbeantwortet lassen? Ja so, der Brief! Auch damit möchte es so schnell nicht gehen. Es wäre besser und einfacher, wenn Sie, Herr Graf, ihn beantworteten. Wie meinen Sie? Es sind Fragen darin, die nur Sie beantworten können, wie er denn überhaupt mehr an Sie gerichtet ist, als an mich. Überzeugen Sie sich selbst! Um Gottes willen! Auf meine brüderliche Verantwortung! Sie wollen für meine Familie sorgen. In diesem Brief ist von einer Sorge die Rede, die für Lotte schwerer wiegt als alle 248 anderen. Eine, von der Sie nur durch diesen Brief erfahren können, worin sie besteht; und die Sie durchaus kennen müssen, wollen Sie Ihr Werk nicht halb gethan haben. Bitte, nehmen Sie! Er hatte den Brief, den er aus der Tasche gezogen, Wilfried in die widerstrebende Hand gedrückt, war in eine vorüberfahrende Droschke gesprungen, die sich auf einen dem Kutscher gegebenen, für Wilfried unverständlichen Befehl rasch entfernte. Was nun? sprach Wilfried bei sich. * * * Es war der Titel einer ihm bekannten Streitschrift Ferdinand Lassalles; und das Bild der Versammlung, aus der er vorhin gekommen, stand wieder vor seiner Seele. Lassalle ein Nietzschescher Löwe im Marxschen Schaffell! Wie zutreffend das ihm däuchte! Nur für den genialen Agitator, in dessen Brust stets zwei Seelen wohnten: die eine in schöner Frauen Dienst sich verzehrend, die andere in dem der Partei? Und die schönen Frauen hatten es über die Partei davongetragen! Durfte er die eigene Seele ungeteilt nennen? Der Brief, da in der Tasche auf seiner Brust! Was war ihm die sociale Frage und der Staatsanwalt und alles, was daran und darum hing, gegen den Brief! Was hätte er gegeben für die Erlaubnis, ihn lesen zu dürfen! Aber hatte er die denn nicht? Von ihrem Bruder, dem Klugen, kalt Überlegenden, der doch, wenn einer wußte, was er that? Und war es denn Neugier, was ihn trieb? Hatte er nicht gehört, es handle sich da um Fragen, die nur er beantworten könne? Fragen, bei denen es sich um Wohl und Wehe der Familie; vielleicht, so schien es doch, um ihr besonderes Wohl und Wehe handle? Durfte er da auch nur einen Augenblick schwanken? Aber er schwankte noch immer, als er bereits seit 249 geraumer Zeit bei Hiller in einer einsamen Ecke des großen Saales hinter einer Flasche Sekt saß, die er bereits bis zur Hälfte geleert hatte. Dann hatte er, als ob es sich von selbst verstehe, gar nicht anders sein könne, den Brief aus der Tasche genommen. Er steckte nicht mehr in einem Couvert. Das war eine große Erleichterung; er durfte sich einbilden, er sei der Adressat. Selbst die Anrede: lieber Hermann! paßte halb auf ihn. War Hermann doch einer seiner Vornamen, und hatte er doch eine Zeitlang geschwankt, ob er sich nicht lieber so nennen solle, als Wilfried – ein Name, der ihm immer geziert und romanhaft erschienen war! Noch immer hielt er den Brief, ohne weiter zu lesen, unschlüssig in der Hand. Wie nun, wenn da etwas stand, was ihm auf ihr reines Bild einen Flecken warf? Eine vulgäre Redensart? ein häßliches Wort? Sie war doch schließlich keine Dame der Gesellschaft; ein Mädchen aus dem Volk. Er kannte sich zu gut, um nicht zu wissen, daß er über Unfeines, Unästhetisches nicht wegkam. Wie empfindlich hatte ihn vorhin in seiner ehrlichen Bewunderung der Rede des Socialdemokraten ein gelegentliches falsches Mir oder Mich gestört! wie hatte er die Augen schließen müssen, die unsaubere Wäsche, die plumpen Hände mit den schwarzen Nägeln, die ungepflegten gelben Zähne nicht zu sehen! Ach! Er hatte es halblaut gestöhnt. Ein Kellner, der müßig am Büffet lehnte, kam eilig heran: Herr Graf haben gerufen? Könnten Sie es hier nicht etwas heller machen? Gewiß, Herr Graf. Glaubte es würde den Herrn Grafen stören. Der Kellner hatte auf den Knopf gedrückt: die elektrischen Flammen hinter ihm leuchteten auf. Als habe er nur darauf gewartet, beugte sich Wilfried über den Brief und las: 250 Lieber Hermann! Seit Wochen habe ich vergeblich auf dem Postbureau nach Deinen Briefen gefragt, auch heute! Und ich hatte Dich gestern so herzlich gebeten, mir umgehend zu antworten! Dir geschrieben, daß ich mich entscheiden muß – heute noch, spätestens morgen – und nicht entscheiden mag und kann, ohne Deinen Rat gehört zu haben. Du weißt, wie viel ich auf Dein Urteil gebe, wie unbedingt ich ihm vertraue, und – Du schweigst! Du hast mich so oft versichert, ich sei das einzige Wesen auf Erden, das Du Deiner Liebe für wert hieltest. Wodurch habe ich sie verscherzt? Sieh, Hermann, da ist mir in der vergangenen schlaflosen Nacht ein fürchterlicher Gedanke gekommen. Hermann – mein Gott, wie soll ich es nur sagen! – ich gebe ja zu: wenn ein anderer hört: da ist eine unglückselige Familie, verkommen in ihrer Kellerwohnung so ganz, daß die jüngeren Kinder abends auf der Straße sich umtreiben, ihr bißchen Brot zu erbetteln. Doch giebt's da auch eine Schwester, die man schön findet. Und da kommt ein vornehmer, reicher, junger Herr, sorgt für die Eltern, läßt die Toten begraben, schickt die Kranken ins Spital, giebt ein Vermögen aus für diese Familie, gegen die er nicht die geringste Verbindlichkeit hat – nun ja! die schöne, große Schwester wird ihn schon entschädigen! – Ein anderer, der das hörte, möchte so sprechen. Aber Du! aber Du! Und wenn ich nun sage: er, der uns retten will, ist ein edler Mensch, dessen Seele auch nicht der Schatten eines unlautern Gedanken trübt – Und wenn ich weiter sage: ja, ich würde ihn lieben mit aller Glut meiner Seele, und würde mich ihm zu eigen geben um ein Liebeswort, käme er mit leeren Händen; und zwischen dem und mir jetzt, da er mit vollen kommt, eine Schranke aufgerichtet ist, die nie, nie fallen 251 kann – wirst Du, wenn ich Dich so in den tiefsten Grund meiner Seele blicken lasse, noch die Achseln zucken? Hermann, ich lege es in Deine Hand. Die Adern an meinen Schläfen pochen schmerzlich und meine Hand zittert. Du brauchst Deinen Brief nicht poste restante zu schreiben – schicke ihn mir durch die Adresse der Frau Doktor Brandt – aber umgehend, Hermann! ich bitte Dich so sehr! Heute abend ist ein Vortrag des Pfarrer Römer im Saale des Handwerkervereins. Frau Doktor wird wahrscheinlich hingehen und mich dann mitnehmen. Wäre es eine socialdemokratische Versammlung, hätte ich Hoffnung Dich zu sehen, vielleicht reden zu hören. So aber – schreib mir! ich flehe Dich an! Deine Lotte. Wilfried blickte auf. Zwei Herren, die in der Nähe saßen, hatten ihn entschieden, während er las, beobachtet. Er fingierte ein leises Gähnen und schob, während ihm das Herz hämmerte, den Brief in die Tasche, als habe es sich um die gleichgültigste Sache gehandelt. Kellner! Herr Graf! Können Sie mir ein frankiertes Couvert und einen Briefbogen verschaffen? Gewiß, Herr Graf! Feder und Tinte? Nicht nötig. Schreibe mit meinem Stift. Sehr wohl. Sie erwartete eine Antwort, mußte eine Antwort haben. Ihr Bruder würde nicht schreiben; sie sich das in ihrer Weise auslegen, das heißt: sich von dem schrecklichen Verdacht, dessen sie den Bruder für fähig hielt, zu reinigen suchen, in die alten entsetzlichen Verhältnisse zurückkehren. Er durfte es nicht zugeben. Ihm war die Antwort übertragen. Er mußte schreiben. An sie selbst? Aber er hatte ja mit Frau Brandt ausgemacht, daß er so viel wie 252 möglich hinter den Coulissen bleiben solle. Also an Frau Brandt. Und ihren Brief durfte er natürlich nicht gelesen haben – um alles nicht! so mochte es gehen. Der Kellner hatte das Gewünschte gebracht. Er schrieb: Verehrte, liebe Freundin! Heute abend nach der Versammlung – ich hätte Sie so gern begrüßt; aber Sie waren dann verschwunden – kein Wunder in dem Gedränge! – traf ich auf der Straße den Bruder von Fräulein Lotte, der mich ein großes Stück auf dem Heimweg begleitete. Fräulein Lotte hatte ihn von unserer Angelegenheit unterrichtet. Er sagte mir, daß ihm aus ihrem Briefe ein gewisses Schwanken hervorzugehen scheine, ob sie die neue Ordnung der Dinge acceptieren solle, oder nicht. Natürlich sei er für das erstere; und er bat mich, Fräulein Lotte zu benachrichtigen, da es ihm gerade jetzt zu einem ausführlichen Briefe durchaus an der nötigen Zeit gebreche. Daß ich nun Sie, liebe Freundin, bitte, dies Mandat anstatt meiner übernehmen zu wollen, werden Sie nur im Sinne unsrer Unterredung von heute morgen finden. Mit herzlichem Gruß! Ihr dankbar ergebener Wilfried Falkenburg. P. S. Ich schreibe dies auf dem Heimweg in einem Restaurant, um keine Zeit zu verlieren. Verzeihen Sie die Kritzelei! Der Kellner war wieder herangetreten. Befehlen der Herr Graf, daß ich den Portier nach dem Briefkasten schicke? Wilfried dankte; er werde es selbst besorgen. * * * In ihrem großen Salon ging Tante Adele auf und nieder, wartend, daß Mathis die Außenjalousieen aufgezogen und die Stores zurückgeschoben haben würde, um 253 sich dann an ihren Schreibtisch zu setzen, der in der vertieften Nische des mittleren der drei Fenster stand. Das sollte geschlossen bleiben, die beiden andern geöffnet werden. »Frühling, geliebter,« der sonnig draußen lag, sollte hereinziehen. Mathis hatte es besorgt und wollte sich, trotz der dicken Teppiche, die den Schritt unhörbar machten, leise auftretend, entfernen. Kein Brief da, Mathis? fragte Tante Adele. Außer denen, die ich der Gnädigen durch Frau Wenzel heute morgen hineingeschickt habe – nein. Ich meine: mit der zweiten Post? Nein, Frau Geheimrat. Es ist unmöglich. Bitte, sehen Sie noch einmal nach! Mathis wußte, daß kein Brief da sein konnte. Das half nun nicht. So zuckte er nur diskret die Achseln und ging. Es ist unmöglich, murmelte Tante Adele, indem sie ihre Zimmerwanderung wieder aufnahm. Er muß heute geschrieben haben. Mathis erschien abermals in der Thür. Nichts, Frau Geheimrat. Aber Mathis! Der Kammerdiener lächelte. Sie sollten nicht lachen, Mathis, wenn Sie mich bekümmert sehen, sagte Tante Adele verweisend. Ich lache nicht, Frau Geheimrat, erwiderte Mathis, sein glattrasiertes Gesicht in bedeutende Falten legend. Ich bin meiner Sache nur gewiß: der Herr Graf schreibt nicht zum zweitenmal. Aber was will er denn, Mathis? Daß die Gnädige bei ihm vorfährt und ihn persönlich bittet, wiederzukommen. Mathis – ich hätte bald gesagt: Sie sind ein Narr. Kinder und Narren sprechen die Wahrheit, Gnädige. Mathis, der das für einen guten Abgang hielt – er 254 hatte in den Theegesprächen der Herrschaften so oft gehört, daß ein guter Abgang eine große Sache sei – verbeugte sich und ließ die Portiere, die er mit der einen Hand gehalten, hinter sich zufallen. Tante Adele trat an eines der offenen Fenster und blickte über die Straße hinüber nach dem großen Garten auf der andern Seite. Auf der Straße war es in dieser Vormittagsstunde so still – sie konnte drüben in den von einer milden Sonne überglänzten Bäumen und Büschen die Vögel singen hören. Wie herrlich leuchtet Mir die Natur – kam ihr in den Sinn, und dabei wäre sie fast in Weinen ausgebrochen. Wie sollte es werden, wenn der wilde Knabe so weiter trotzte! In der sichern Voraussetzung, daß er nach ihrem Brief sofort einlenken werde, hatte sie jedem einzelnen Mitgliede des Montagskränzchens geschrieben: ihr Wilfried bereue seine Übereilung und werde das am nächsten Montag – dem man ja nicht fern bleiben möge! – den Werten, Lieben mit schönem Freimut bekennen. Und nun seine Absage! in Tassos Worten freilich – aber eine Absage! Und heute, am vierten Tage, noch immer kein Widerruf! Wie sollte es werden? Ihm zum zweitenmale schreiben? Selbst widerrufen? thun, was Mathis eben spöttischerweise angeraten? – das konnte sie nicht; das hieß das Verhältnis der Schützerin zum Beschützten, der Erzieherin zum Zögling, der Mutter zum Sohn umkehren. Hatte sie ihn doch geliebt, wie eine Mutter ihren Sohn! liebte sie ihn doch noch so! Ihr erster Zorn war ja längst verraucht. Und selbst, was sie in diesem ersten Zorn auf Zureden der Wiepkenhagen gesagt und gethan – es war ja nicht ihr Ernst gewesen! Sie hatte nicht daran gedacht, ihn wirklich zu enterben! Es hatte nur ein heilsamer Schrecken sein sollen, der bewirkte, 255 daß er in sich ging, zur Einsicht und Vernunft kam, »sich ins Rechte dachte«, »schön und groß«, wie sonst. Und that er es nun nicht – wie sollte es werden? O, wie recht hatte Werther, daß es Stunden giebt, wo die Natur vor den Augen des Betrübten liegt, »wie ein lackiertes Bild!« Seufzend wandte sich Tante Adele vom Fenster in das Zimmer. Sie hatte sich den Vormittag nach einer bis in die späte Morgenstunde sanft durchschlafenen Nacht so freundlich ausgemalt. Der erwartete Brief von ihm: Vergieb mir, geliebte Mutter! – Zurück ein Billet von ihr: Geliebter Sohn, ich habe Dir längst vergeben. Speise heute um vier Uhr bei mir. Nur Du und ich! Es soll ein Freudenmahl für uns beide werden! – Inzwischen wollte sie zu Schulte fahren und ihm eines jener schrecklichen Bilder kaufen, für die er nun einmal sonderbarerweise schwärmte, und nun – alles zerstoben: »Luft im Laub und Wind im Rohr.« O Goethe, wenn ich Dich nicht – Was giebt es, Mathis? Excellenz von Falkenburg, meldete Mathis, indem er zugleich eine Karte auf der silbernen Schale präsentierte. Er, oder sie? Excellenz, die Frau Generalin. Mathis, Sie wissen – Weiß, Frau Geheimrat. Aber Excellenz sagen: Sie kämen in einer bedeutenden Angelegenheit – einer auch für Frau Geheimrat sehr wichtigen Angelegenheit. Glauben Sie, Mathis, daß es sich – Ich weiß nicht, Frau Geheimrat; glaube es schon. Dann – aber sagen Sie: nur für wenige Minuten: ich hätte Migräne. Zu Befehl, Frau Geheimrat. Tante Adele schlug das Herz. Es handelte sich gewiß um Wilfried. Was würde sie hören? Etwas Erfreuliches 256 sicher nicht. Der so seltene Besuch der ihr im Grunde der Seele widerwärtigen Dame konnte nichts Gutes bedeuten. Verehrteste! Trauteste! Und sie ging der eintretenden mit ausgestreckten Händen entgegen. * * * Das immer harte Gesicht der Generalin schien heute völlig versteinert. Selbst der über alles Erwarten liebenswürdige Empfang hatte ihr nicht das leiseste Lächeln entlocken können. Auch öffnete sie nicht eher den Mund, als bis Tante Adele sie auf einen der kleinen Divans genötigt und neben ihr Platz genommen hatte. Was mich heute zu Ihnen führt – Sie räusperte sich, als wäre ihr ein Wort in der Kehle stecken geblieben, das sie nur so lösen könnte, und fuhr fort: Ist eine so erstaunliche, so unerhörte Sache – Sie werden Ihre ganze Fassungskraft zusammennehmen müssen, sie auch nur mit einiger Ruhe anzuhören. Tante Adele war totenbleich geworden: er hatte sich das Leben genommen! und ihre Ungnade hatte ihn in den Tod getrieben! Um Gottes willen, stammelte sie mit bebenden Lippen. Das haben auch wir gesagt, sprach die Generalin mit eiserner Ruhe weiter: um Gottes willen! er muß von Sinnen sein. Also doch nicht tot! murmelte Tante Adele. Die Generalin blickte sie mit ihren runden Eulenaugen verwundert an. Für uns, ja! einer, der uns das zu schreiben wagt: ja! Bitte, lesen Sie! Sie nahm aus ihrem Visitenkartentäschchen ein Billet, entfaltete es, und gab es Tante Adele. Von – von Wilfried? Bitte, lesen Sie! Tante Adele hob das Lorgnon, das an einer feinen 257 goldenen Kette in ihrem Schoß lag, vor die Augen; bemüht, das Zittern der andern Hand, in der sie nun das Billet hielt, vor den spähenden Blicken der Generalin zu verbergen und las: »Verehrter Onkel! Aus dem Empfange, der mir heute abend in Deinem Hause zu teil wurde; aus dem mehr als unfreundlichen Ton, in welchem Du zu mir gesprochen; aus der Mitteilung, welche mir die Tante in dürren Worten machte, daß die Hochzeit auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben werden müsse – ohne auch nur den Versuch, diese nach der Sachlage mehr als befremdende Zumutung zu motivieren; aus dem Benehmen Ebbas, für die während des ganzen Abends ihr Verlobter nicht zu existieren schien, während sie sich von einem Herrn, dessen Anwesenheit in der Gesellschaft allein einer unzweideutigen Demonstration gegen mich gleichkam, auf die auffallendste Weise den Hof machen ließ – aus diesen Gründen und anderen, die niederzuschreiben ich meinem Stolz nicht abzuringen vermag, kann ich nur eines schließen: man wünscht in Deiner Familie Ebbas Verlobung mit mir aufgehoben. Und rechnet darauf, daß ich den ersten Schritt thue, weil man in Verlegenheit ist, wie man es anfangen soll, die Initiative zu ergreifen, ohne sich vor aller Welt ins Unrecht zu setzen. Man soll sich nicht verrechnet haben. Ich gebe hiermit Ebba mein Verlobungswort zurück. In welcher Weise die Gesellschaft von dieser Thatsache zu unterrichten ist, überlasse ich Eurer Diskretion.« – Tante Adele fielen Billet und Lorgnon aus den Händen in den Schoß. Für den Moment unfähig, ein Wort hervorzubringen, starrte sie vor sich hin. Die Generalin durfte mit dieser Wirkung zufrieden sein: sie stimmte zu den Nachrichten, welche ihr Frau von Wiepkenhagen von Tante Adeles Zerwürfnis mit Wilfried 258 überbracht hatte. So, jetzt ihrer Sache fast völlig sicher, fuhr sie fort: Ich brauche wohl nicht erst zu erhärten, daß alles, was er da vorbringt, seinen Treubruch zu motivieren, einfach aus der Luft gegriffen ist. Einen Gast, und wäre er nicht unser Schwiegersohn in spe , unfreundlich zu behandeln, entspricht nicht unsern gesellschaftlichen Gewohnheiten. Ebbas Betragen war an dem Abend, wie immer, völlig korrekt; der Herr, auf den er anspielt, ein alter Freund unseres Hauses – nebenbei Graf Leßberg, den Sie ja auch wohl als den vollendetsten Kavalier kennen. Daß es mir nicht leicht geworden ist, Ihnen, verehrte Freundin, eine Mitteilung zu machen, die auf den Charakter Ihres Neffen und präsumptiven Erben – Hier machte die Generalin eine sekundenlange Pause, während die runden Augen noch gieriger als zuvor in Tante Adeles bleiches Gesicht spähten – ein so überaus häßliches Licht werfen, mögen Sie sich denken. Das hat gesessen, sprach die Generalin bei sich; und in der That, Tante Adele war von diesem neuen Schlage ganz betäubt. Persönlich unsympathisch, wie ihr die Mutter war, deren litterarische Unbildung ihr überdies verächtlich dünkte – Ebba hatte sie mit ihren Schmeichelkünsten ganz zu umgarnen verstanden. Das schöne Mädchen mit den glänzenden braunen Augen, dem prachtvollen Goldhaar und der schlanken Gestalt, deren Formen sich doch schon so üppig zu runden begannen, hatte sie vor vier Jahren, als die Familie von Breslau nach Berlin kam, mit offenen Armen empfangen. Die großen Erwartungen, welche sie sich nach Wilfrieds schwärmerischen Schilderungen von ihr gemacht, waren weit übertroffen. Daß er sie liebte, niemals eine andere heiraten zu wollen erklärte, schien ihr selbstverständlich. Ein schönes, von der Natur für einander geschaffenes Paar stand vor ihr: Faust und Helena! nur ein Euphorion konnte aus dem mystischen Bunde 259 hervorgehen. Und da Wilfried von der allmählichen Erkaltung seiner Leidenschaft sie nie etwas hatte merken lassen; wenn er in letzter Zeit kaum je von ihr sprach, sie sich nichts Verfängliches dabei gedacht, sondern als Erklärung stets nur aus den römischen Elegien: »Und das Schweigen geziemt allen Geweihten genau« leise und laut citiert hatte, stand sie hier vor einem Rätsel, das fast noch unheimlicher schien, als Wilfrieds trotzige Empörung in der Goethesache. Wollte er ihr denn jede ihrer unschuldigen Freuden rauben? ihr das Leben entgöttern? Es war nicht zu fassen. Und so wußte denn die sonst so Beredte nur wieder und wieder in klagendem, wie geistesabwesendem Tone zu murmeln: ich fasse es nicht. Dennoch, sagte die Generalin, ihren Sieg ausnutzend, würde ich selbst dies, so schmerzlich es uns trifft, noch immer eher begreifen, als was er sich, wenn ich Frau von Wiepkenhagen glauben darf – und aus ihrem Munde kommt kein unwahres Wort – gegen Sie, seine Wohlthäterin, seine zweite Mutter hat zu Schulden kommen lassen. Sprechen wir heute nicht davon! sagte Tante Adele abwehrend. Wenn es nur nicht so zur Sache gehörte, fuhr die Generalin, der gerade dieser Punkt von der äußersten Wichtigkeit war, beharrlich fort. Den Affront, den er uns angethan, könnte ich zur Not erklären durch den Wankelmut, der bei unsern jungen Männern von heute leider die Regel ist – eine Kränkung, die er Ihnen anthut, das ist einfach ungeheuerlich. Wer giebt mir einen Schlüssel zu diesem Rätsel? seufzte Tante Adele. – O, meine Teuerste, Sie finden mich in einer unglaublich traurigen Verfassung. Tante Adele war von dem Divan in die Höhe gefahren, Frau von Wiepkenhagen entgegen, die, von Mathis unangemeldet, eben durch die Portière trat. Sie hatte ihre schlanke Gestalt in die Arme der sehr robusten Dame 260 geworfen, die sie fest gegen ihren stattlichen Busen drückte und über ihren Kopf weg der Generalin einen Blick zuwarf, dessen triumphierenden Ausdruck sich diese trotzalledem nicht zu deuten wußte. Zwar, das Zusammentreffen hier zu dieser Stunde hatten sie gestern verabredet. War es doch noch möglich, ja wahrscheinlich, daß Tante Adele in der Entlobungssache, die sie persönlich nicht berührte, für Wilfried Partei nahm; und die Generalin hatte ein viel zu schlechtes Gewissen, als daß ihr in einer Affaire, die in der Gesellschaft zweifellos großen Staub aufwirbeln würde, gleichgültig sein konnte, auf welche Seite sich die Pflegemutter Wilfrieds stellte. Da sollte ihr die resolute, skrupellose Freundin Succurs bringen. Ihr schadenfroh glitzernder Blick schien noch mehr zu versprechen. Fassung, meine Liebe! Fassung! sagte Frau von Wiepkenhagen, während sie Tante Adele, sie um die Taille nehmend, zu ihrem Sitz zurückgeleitete. Es ist freilich unerhört; eine Auflehnung gegen die uns von Gott gesetzte Obrigkeit! und das von einem Mitglied des Standes, der die feste Stütze von Thron und Altar sein sollte! Tante Adele sah sie erstaunt an: das schien denn doch auf die Situation nicht zu passen. Auch die Generalin warf auf sie einen ängstlich warnenden Blick, den Bogen nicht zu straff zu spannen. Also, wie Frau von Wiepkenhagen vermutet, wußten die beiden Damen es noch nicht. Bei Tante Adele konnte das nicht Wunder nehmen. Seitdem sie aus einem Briefe Goethes an Schiller erfahren, daß er in Karlsbad die Zeitungen unberührt beiseite hatte legen lassen, sich der so gewonnenen Zeit erfreuend und rühmend, nahm sie kein Zeitungsblatt mehr zur Hand und ließ sich nur von Mathis, der zu diesem Zwecke die Norddeutsche Allgemeine halten mußte, ein besonders interessantes Feuilleton gelegentlich vorlesen und über die politischen Dinge summarisch Bericht erstatten. Daß nun auch die Generalin 261 offenbar nicht unterrichtet war, verhieß ihr einen doppelten Triumph. Und da eine beabsichtigte Wirkung um so sichrer eintrifft, je weniger die Betreffenden vorbereitet sind, nahm sie eine Nummer der Kreuzzeitung aus der Tasche, klemmte den schwarzgeränderten Kneifer auf die Nase, von der ihre Freunde sagten, daß sie ihr eine frappante Ähnlichkeit mit dem Großen Kurfürsten gebe, und las: »Unerhört! Noch in später Abendstunde« – die Nummer ist von heute morgen, meine Damen! – »geht uns eine Nachricht so seltsamen Inhalts zu, daß wir die Verantwortung vorläufig für unsern, übrigens sonst sehr zuverlässigen Referenten nicht übernehmen können. Eine heute abend im Saale des Handwerkervereins stattgehabte Versammlung des bekannten Pfarrer Römer mußte nach andern tumultuarischen Vorgängen von dem überwachenden Polizeileutnant geschlossen werden, weil der letzte Redner sich in leidenschaftlichen Worten erging, die ihn in Kollision mit dem Paragraph 130 des Strafgesetzbuches brachten. Dergleichen soll ja leider öfter vorkommen. Aber unerhört, schier unglaublich, daß, wie in diesem Falle, der Übertreter des Gesetzes ein Mitglied unsrer Aristokratie, der einen Fürsten zum Vater, einen Fürsten zum Bruder hat. Unsre Feder sträubt sich, den uns mitgeteilten Namen auszuschreiben. So geben wir heute nur die Anfangsbuchstaben: Graf W . . . . . . . F . . . . . . . . . ., uns weitere Mitteilungen vorbehaltend über eine Angelegenheit, die, wenn sie, wie wir fürchten müssen, sich bewahrheiten sollte, dem Staatsanwalt eine überaus peinliche Aufgabe stellen wird.« Frau von Wiepkenhagen ließ das Zeitungsblatt sinken und warf über die schwarzen Lorgnonränder einen schnellen Blick auf ihre beiden Zuhörerinnen. Die Generalin hatte den ihren gesenkt, damit ihr die Schadenfreude, die sie empfand, nicht aus den Augen zu lesen war; Tante Adele sich starr vor sich hin. Ihre sonst bleichen Wangen waren 262 gerötet; ihre Lippen bebten und über die weiße Stirn liefen sonst niemals sichtbare Falten, die sich heute gegen Frau Wenzels kosmetische Künste empörten. Tante Adele war empört. Empört gegen Wilfried, wenn dies sich so verhielt. Aber that es das? Die Generalin hatte ihn nie leiden mögen; ihm nie vergeben können, daß sein Vater nicht sie zur Frau Fürstin gemacht, und jetzt doppelt Ursache, ihm zu grollen. Die Wiepkenhagen, über deren Novellen er immer spöttelte, haßte ihn. War dies ein Komplott seiner beiden Feindinnen, ihm ihre Gunst vollends zu rauben? Und Zeitungen lebten ja von Lügen! Konnte dies nicht eine sein? Sicher war es eine. Oder sonst hätten doch auch die andern – hätte Matthis – Sie fuhr von ihrem Sitz auf und eilte – in ihrer Aufregung hatte sie ganz vergessen, daß sie nicht, wie andre Menschen zu gehen, sondern zu schweben habe – nach der elektrischen Klingel an der Thür. Die über dies seltsame Benehmen bestürzten beiden andern Damen sahen, daß alsbald Mathis eintrat, von Tante Adele nach irgend etwas gefragt wurde, worauf er bedenklich den grauen Kopf schüttelte, um mit einem Auftrage, wie es ihnen schien, wieder fortgeschickt zu werden. Tante Adele kam nicht zu dem verlassenen Platze zurück, sondern begann, die Hände auf dem Rücken, in dem weiten Gemach schweigend auf- und niederzugehen, zum höchsten Unbehagen der beiden Damen, die, je länger die peinliche Situation währte, sich immer bänglichere Blicke zusandten, bis sie endlich auf drei Schritte an sie herantrat und im sanft verweisenden Ton der Hofmeisterin aus der Natürlichen Tochter, die Rechte mahnend erhebend, sprach: Auch hier beweise Dich gerecht und laß Nicht dies Papier allein als Kläger sprechen – Nein, meine Teuersten, bevor wir ein so grauenhaft 263 Ungeheures für wahr nehmen dürfen, muß es durch den Mund andrer Zeugen erhärtet sein. Wie leicht kann hier die Tücke böswilliger Mächte ihr schadenfrohes Spiel treiben! Der gute Mathis versichert, daß in der Zeitung, die er auf meinen Wunsch jeden Morgen genau liest, von dem Entsetzlichen nichts gestanden. Ich habe ihn ausgesandt, um ein drittes Blatt herbeizuholen. Es wird – mir sagt es mein Herz – von dieser Beschuldigung ohne gleichen so wenig wissen, wie das zweite; und wir werden frei aufatmen – Hier kam Mathis wieder in den Salon, eine Zeitung in der Hand. Tante Adele war ihm entgegengeeilt. Nun, Mathis? Ich habe nur den »Vorwärts« auftreiben können, erwiderte der Kammerdiener im Flüsterton; ich sagte es der Frau Geheimrat gleich: hier herum giebt es keine Zeitungen. Und nicht wahr, Mathis, es steht da nichts? Mathis hob den grauen Kopf, die Mundwinkel tief nach unten ziehend: Ja, Frau Geheimrat, es steht da was! Und er deutete, das Blatt entfaltend, auf eine Stelle, welche die Hand des Budikers, dem er es entlehnt, bereits mit einem dicken Rotstiftstrich bezeichnet hatte. Er wollte die Zeitung der Gnädigen reichen; sie aber wich mehrere Schritte zurück und murmelte, die Hände abwehrend vorstreckend: Ich mag es nicht berühren. Geben Sie mir! sagte Frau von Wiepkenhagen. Sie hatte dem Alten das Blatt aus der Hand genommen. Er war gegangen, um hinter der Portiere lauschend stehen zu bleiben. Frau von Wiepkenhagen, zu ihrem Sitz zurückgekehrt, hatte, das Lorgnon auf der Nase, sofort die angestrichene Stelle entdeckt und räusperte sich. Ich will nichts hören! rief Tante Adele, mit dem 264 tragischen Augenaufschlag der Niobe beide Hände an die Ohren führend. Sie müssen, sagte Frau von Wiepkenhagen in autoritativem Ton. Ja, ja! flüsterte Tante Adele, die Hände langsam sinken lassend und melancholisch nickend: ›Habe die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne!‹ Sie hatte sich auf den Divan gesetzt, die Stirn in die Hand stützend; Frau von Wiepkenhagen las: »Es wird Tag! Unmittelbar vor dem Schluß des Blattes erhalten wir noch eine interessante Mitteilung. Vor einer halben Stunde ist eine Versammlung, die der Pfarrer Römer nach dem Saale des Handwerkervereins ausgeschrieben, und in der erst er seine nicht mehr ganz unbekannten, nach Sinnenglück und Seelenfrieden zugleich schmachtenden Tiraden anderthalbstundenlang heruntergeleiert; dann ein junger Herr der pp. Studentenverbindung Wingolf vergeblich das alte orthodoxe (Goethe nennt es: verfluchte) Bim-Baum-Bimmel anzuläuten versucht; endlich Genosse Schievelbein unsern Standpunkt nachdrücklich und mit großem Geschick vertreten hatte, polizeilich aufgelöst worden infolge eines Epilogs, den – mirabile dictu! – ein Vollblutaristokrat (uns wurde der Name eines Grafen Falkenburg genannt – sein Bruder, Fürst F., ist das bekannte liberalisierende Reichstags- und Herrenhausmitglied) in einem Sinne hielt, dem auch ein zielbewußter Genosse seinen Beifall nicht versagen kann. Recht so! Wenn das am dürren Holz unsrer vermorschten Aristokratie geschieht, so braucht man kein Prophet zu sein, dem grünen unsrer Partei ein fröhliches Wachsen und Gedeihen vorauszusagen. Wir aber rufen dem braven Mann, der sich, ein Florian Geyer, aus der Schar der Ritter zu dem Haufen der Enterbten geschlagen hat, ein herzliches Willkommen! entgegen.« Die Vorleserin konnte mit der Wirkung, die sie erreicht, zufrieden sein. Tante Adele saß wie gebrochen da, 265 beide weiße Hände in das Gesicht drückend, was die Generalin benutzte, der Freundin ein unhörbares Bravo mit den Fingerspitzen zuzuwehen. Diese quittierte über den ihr gespendeten Beifall mit einem grimmigen Lächeln; machte dann aber mit den buschigen Brauen ein Zeichen nach der Thür, das die Generalin sofort verstand. Sie erhob sich, trat an Tante Adele heran und flüsterte in hohlen Tönen, die ihre schmerzliche Bewegung ausdrücken sollten: Ich werde zu Hause erwartet. Darf ich meiner Ebba sagen, daß Sie mit ihr fühlen? Tante Adele nickte. Die Generalin bewegte sich mit Schritten eines, der den Raum verläßt, in welchem ein Toter aufgebahrt ist, so langsam nach dem Ausgang, daß Mathis, der sie durch eine Spalte der Portiere kommen sah, über den dicken Teppich huschend, vor ihr her den dritten Salon erreichen konnte. * * * Frau von Wiepkenhagen faltete vorerst einmal das Zeitungsblatt möglichst geräuschlos zusammen, steckte es zu der Kreuzzeitung in die Tasche, überlegte eine halbe Minute lang, welchen Fortgang die Sache jetzt zu nehmen habe, stellte sich vor Tante Adele hin und sagte, ihr gelassen die Hände vom Gesicht ziehend: Und was gedenken Sie jetzt zu thun? Raten Sie mir! helfen Sie mir! wimmerte Tante Adele, mit schwimmenden Augen zu der ragenden Gestalt der Freundin aufblickend. Ich habe keinen andern Wunsch, erwiderte die Novellistin; muß aber fürchten, daß Sie sich nicht raten und helfen lassen wollen; Ihr allzuweiches Gemüt immer die Kraft zur Ausführung dessen, was Einsicht und Vernunft gebieterisch fordern, paralysieren wird. Ich kann ihn nicht fallen lassen. Ich kann nicht. 266 Wie wollen Sie jemand halten, der in sich selbst so gänzlich haltlos ist? Verlangen Sie noch stärkere Beweise? Nicht genug, daß er ein gutes, liebenswürdiges, ihn innig liebendes Mädchen treulos im Stich läßt und kein Gefühl hat für den Schimpf, den er so über die Familie bringt – er bricht die Treue auch seinem König, die doch jedem wahren Edelmann tief ins Herz gepflanzt ist. Wir Wiepkenhagen sind arme Leute – ein Verräter an seinem König ist nicht unter uns. Ich würde ihm ja alles verzeihen, murmelte Tante Adele, aber daß er mir unsre Goethe-Abende so grausam zerstört hat – Das geht so in einem hin, meine Beste. Vielmehr, es hängt eines mit dem andern aufs engste zusammen. Wie kann der Socialdemokrat, als der er sich jetzt entpuppt hat, ernsthaft an die Verbindung mit einem Mädchen wie Ebba denken, die das tip-top aristokratischer exklusivester Feinheit und Bildung ist? wie für Goethe das rechte, oder überhaupt nur Verständnis haben? Freilich, meine Liebe, Sie sind sehr zu beklagen. Ich darf heute sagen: ich freue mich, daß mir der Himmel keine Kinder beschieden hat. Es muß furchtbar sein, einen Muttermörder zum Sohn zu haben – Hier blickte Tante Adele erstaunt auf. Die Novellistin, die den Unsinn ihrer letzten Phrase gar nicht bemerkte, fuhr, sich in immer größeren Eifer hineinsprechend, fort: Ja, einen Muttermörder! Bedenken Sie, Beste! Kinderlos, aus einstmals reichsfreiherrlichem Geschlecht, voll höchster Aspirationen, von den Musen angelächelt, einem Manne vermählt, der Ihnen nichts zu bieten hatte, als seinen Reichtum, wollten Sie sich in dem Neffen einen Sohn erziehen, der alles das besitzen und darstellen sollte, was Ihnen das Schicksal versagt, um was Sie das Glück getäuscht hatte. Das habe ich ja aus Ihrem eigenen Munde. Und dies nun ist die Erfüllung Ihrer Träume; der Lohn für so unendliche Liebe, Sorge, Mühe! Sie sagen, Sie 267 können ihn nicht fallen lassen, ihn von sich stoßen, den Abtrünnigen, den Verräter. Wollen Sie sich in seinen Sturz verwickeln? die einzig hohe Stellung, die Sie bisher in der Gesellschaft eingenommen haben, aufgeben? für die Bewunderung, das einstimmige Lob, mit denen man Ihnen bis heute huldigte, kopfschüttelnde Verwunderung, einmütigen Tadel eintauschen? Ich, Ihre beste Freundin, kann nicht mehr thun, als Sie warnen. Ich habe Sie gewarnt. Frau von Wiepkenhagen hatte ihre mächtige Gestalt vom Divan aufgehoben und den Hut mit den übermäßig breiten Rändern und den wallenden Federn, durch den sie ihre berühmte Ähnlichkeit mit dem großen Kurfürsten zu erhöhen suchte, energisch zurechtgerückt. Ein Blick, den sie niederwärts auf ihr Opfer richtete, sagte ihr, daß sie einen vollständigen Sieg nicht errungen. Die Oberlippe mit dem schwarzgrauen Bärtchen zuckte verachtungsvoll. Sollte sie diese schwache Seele sich selbst überlassen? davongehen, ohne dem Menschen, den sie so grimmig haßte, auch nur im mindesten geschadet zu haben? Plötzlich kam ihr ein Gedanke, der, ausgeführt, den Verhaßten, wenn nicht vernichten, so doch auf das Empfindlichste kränken, in große Verlegenheit bringen mußte, und immerhin der Anfang des herbeigewünschten Endes werden konnte. Wollen Sie mein letztes Wort hören? sagte sie. Wenn Sie ein Mittel hätten, ihn, von dem Sie, wie ich nun wohl sehe, nicht lassen können, in seinem unsinnigen Rasen nach dem Abgrund zur Besinnung zu bringen; oder – ist das zu viel gesagt – stutzig zu machen, so, daß er in seinem wütenden Lauf inne halten, um sich blicken, über seine Lage nachdenken muß – würden Sie dieses Mittel nicht anwenden? Wie können Sie fragen, Beste? erwiderte Tante Adele, mit einem Schimmer von Hoffnung in den feuchten Augen aufblickend. 268 Gut. Ihr Neffe hat bei Ihrem Bankier unbegrenzten Kredit? Den er noch nie gemißbraucht hat. Ich schwöre es Ihnen. Dennoch lebt er auf dem Fuße eines reichen jungen Mannes. Er ist an dies Leben gewöhnt. Diese Gewöhnung ist ihm süß. Es wird dem Menschen schwer, von einer süßen Gewohnheit zu lassen. O, Egmont! Egmont! seufzte Tante Adele. Hätte Margarete von Parma ihn um einen so billigen Preis retten können! Welcher ist es? Ich flehe Sie an! Sperren Sie Ihrem Neffen jenen Kredit! Geben Sie Ordre, daß sein Konto von heute ab geschlossen ist! Bis auf weiteres, meinen Sie doch? Frau von Wiepkenhagen meinte das gar nicht, hielt aber für geraten, hier eine vorläufige Konzession zu machen. Sagen wir: bis auf weiteres. Bis er eben zur Besinnung gekommen ist; sich darauf besonnen hat, was alles er Ihnen verdankt; daß er Ihnen alles verdankt. Glauben Sie mir: wenn Goethe sonst immer recht hat, darin nicht, daß der Mensch alles ertragen kann, nur nicht eine Reihe von lauter guten Tagen. Die erträgt er schon; aber nicht die schlechten. Ich soll ihm schlechte Tage machen? Ihm? Sie ist positiv in den Menschen verliebt, dachte Frau von Wiepkenhagen. Ich könnte sie ohrfeigen. Liebes – Kind, hätte ich beinahe gesagt – die Reihe der schlechten Tage wird nicht lange währen. Nicht eine Woche. Dann kommt er und sagt: vergieb mir! Tante Adele atmete auf. Das Ziel, das sie aufs innigste wünschte, war ihr so nahe gerückt! Sie sah bereits den geliebten Knaben zu ihren Füßen, in ihren Armen. Und wieder kam ihr ein Bedenken! Wie soll ich einen so – so bedeutenden Schritt dem Bankhause motivieren? 269 Gar nicht. Wer wird mit diesen Leuten noch große Umstände machen? Sie wollen es, Sie befehlen es – basta! Es wird Frau Bielefelder zu Ohren kommen! Die schweren Augenbrauen der Novellistin zogen sich drohend zusammen. Wieder ein verhaßter Name! Daß Sie die Kette dieser Jugendfreundschaft so weiter durchs Leben schleppen! Ja, es ist eine Kette, eine schwere. Ich weiß ja, daß es unrecht ist. Aber ich kann keine kranken verkrüppelten Menschen sehen. Der wahrhaft ästhetische Mensch hat dies Recht. Es geht mir nicht anders. Darüber dürfen Sie sich keine Skrupel machen. Sie schreiben noch heute an den Bankier? Wenn Sie so darauf dringen. Und es für sein Bestes halten – Sein Allerbestes. Das Einzige, was ihm und Ihnen Rettung bringen kann. Kommen Sie! Und sie hatte Tante Adele an der Hand ergriffen. Was soll ich? Auf der Stelle die paar Worte schreiben. Frisch gewagt ist halb gewonnen, sagt der Meister. Es gab für Tante Adele den Ausschlag. Sie durfte es thun mit dem Segen Goethes! Frau von Wiepkenhagen, die hier überall Bescheid wußte, war bereits an den Rokoko-Schreibtisch in der tiefen Fensternische getreten, hatte die Mappe geöffnet, ein Blatt zurecht gerückt, die Feder eingetaucht, und hielt sie nun Tante Adele, die zögernd herankam, entgegen. Es geht sonst alles durch den Justizrat, sagte Tante Adele zaghaft. Um so größere Wirkung wird es machen, wenn er hört, daß es direkt von Ihnen kommt. Sie sehen, Liebe, wie meine Hand zittert! Lassen Sie mich! Ich habe keinen Justizrat, brauche 270 auch keinen; besorge meine kleinen Angelegenheiten selbst. Sie haben dann nur Ihren Namen darunter zu setzen. In ihrer großen Handschrift hatte sie schnell die wenigen Zeilen hingeworfen und reichte Tante Adele die Feder zur Unterschrift. Bitte, erst lesen! Tante Adele vermochte es nicht. Es flimmerte ihr vor den Augen. Mit bebender Hand kritzelte sie unter das Schriftstück ihren Namen. Frau von Wiepkenhagen that den Brief in ein Couvert, und versah es mit der ihr wohlbekannten Adresse des Bankiers. So! Sie ging mit dem Briefe in der Hand nach der elektrischen Klingel und wartete dort, bis Mathis erschien. Dieser Brief muß sofort besorgt werden, Mathis; nicht durch die Post, direkt. Sie haben jemand zu schicken? Gewiß, gnädige Frau, erwiderte Mathis; einen Blick auf die Adresse werfend. Ist eine Antwort? Nein. Zu Befehl. Über des Kammerdieners graues Gesicht huschte ein schadenfrohes, diskretes Lächeln. Nach allem, was er gehört, erlauscht, bei sich kombiniert, mit Frau Wenzel diskutiert, hätte er schwören mögen, daß dieser Brief für den jungen Herrn Grafen nichts Gutes bedeutete. Frau von Wiepkenhagen wandte sich zu Tante Adele, die, am Schreibtisch stehend, mit starren Augen die Scene an der Thür beobachtet hatte. Jetzt, meine Liebe, nachdem das unumgänglich Notwendige gethan, wird wieder Ruhe in Ihr verstörtes Gemüt einziehen. Je schwerer dieser Entschluß für Ihr weiches Herz, um so mehr Ursache werden Sie später haben, ihn zu segnen. Für jetzt leben Sie wohl! Ich frage heute abend noch einmal nach. Und daß am nächsten 271 Montag das Kränzchen zusammen kommt, dafür lassen Sie mich sorgen. Sie hatte Tante Adele auf die Stirn geküßt und rauschte mit großen Schritten zum Salon hinaus. Tante Adele war, kaum daß die Freundin sie verlassen, an einen der großen Pfeilerspiegel zwischen den Fenstern getreten. Sie mußte durchaus wissen, welcher von Goethes Frauengestalten sie in diesem bedeutenden Augenblicke glich. Von Gretchen, Klärchen, Marianne konnte nicht die Rede sein; das waren tempi passati , wie sie sich oft seufzend eingestand. In letzterer Zeit hatte sie die Prinzessin Leonore und Iphigenie bevorzugt. Aber auch sie wollten für die Situation nicht recht passen. Der Hofmeisterin aus der Natürlichen Tochter? Das war's! Sie hatte sie schon vorhin citiert! Einiges Nachsinnen brachte ihr glücklich Verse in Erinnerung, die ihr in den ersten Jahren ihrer Ehe gelegentlich einer unglücklichen Neigung zu einem liebenswürdigen Verräter sehr geläufig gewesen waren. Und die Augen auf ihr Spiegelbild gerichtet, sprach sie in sanftem Klageton:                                       Bin ich nicht Mir auch ein Rätsel? Daß ich noch an Dir Mit solcher Neigung hänge, da Du mich Zum jähen Abgrund hinzureißen strebst? Warum o! schuf Dich die Natur von außen Gefällig, liebenswert, unwiderstehlich, Wenn sie ein kaltes Herz in Deinem Busen, Ein glückzerstörendes zu pflanzen dachte! Sie schmachtete ihr Konterfei noch ein paar Sekunden an, klingelte nach Mathis und befahl, daß angespannt werde. Goethe hatte immer sein ungeberdiges Herz am Busen der Natur zur Ruhe gewiegt. Sie wollte in den Tiergarten. Und Ebba dazu abholen! Unter dem Schattendache der hehren Eichen wollte sie die Ärmste, die Verlassene über den ersten brennenden Schmerz wegzutäuschen 272 suchen und über die herbe Wahrheit, daß nicht alle Blütenträume reifen. * * * Haben Sie es schon gehört? fragte auf der Börse ein nervöser kleiner Herr, an einen andern sehr stattlichen herantretend, der, mit der schweren Uhrkette auf dem Bäuchelchen spielend, phlegmatisch in das wirre Treiben blickte. Gewiß, antwortete der Phlegmatische. Nun, was sagen Sie? Daß es Mumpitz ist. Ich kenne den jungen Mann von Bleichröder her. Der ist sicher, wie der Juliusturm . Und ich sage Ihnen: durchgebrannt, durchgebrannt, durchgebrannt! Mit einer halben Million! Warum nicht gleich: einer ganzen? Macht sich besser. Es kann auch eine ganze sein. Sie tappen noch völlig im Dunkeln. Und keine Papiere, – Effekten – alles bares Geld! Gestern abend dreihunderttausend auf einen Check an der Diskontobank – in eigener Person! Die Diskontobank, wissen Sie, schließt eine halbe Stunde später als Bielefelders. Die hat er benutzt. Präsentiert sich da in aller Ruhe; motiviert, daß er selbst und so spät komme; sie brauchten morgen – als wie heute – einen großen Posten bar – Kassenboten schon fort – der Chef warte im Geschäft auf ihn – ich bitte Sie: wer wollte Hermann Schulz von Bielefelder auf einen regelrechten Check nicht dreihunderttausend zahlen! Wenn er sie hat. Mit Ihnen ist nicht zu reden. Es ist wahrhaftig bei Gott, wie der Epstein sagt, rief ein dritter, der aus der Nähe das Gespräch der beiden überhört hatte. Hat sogar noch erzählt von einem großen Güterkomplex, den Bielefelders heute hätten zu kaufen für einen Kunden: Grafen Falkenburg! Giebt es nicht: Fürst Falkenburg! Ist der Bruder. Der Graf ist der Neffe von der 273 reichen Dürieu in der Viktoriastraße. Kenne ihn ganz gut. Bin im letzten Winter hundertmal mit ihm geritten in der Manège bei Nonn. Herr Ifflinger ist nämlich ein großer Sportmann vor dem Herrn, sagte der Nervöse zu dem Phlegmatischen. Wenn er es dazu hat! Ob er es hat, der Herr Ifflinger! Meine Herren, nicht geutzt, wenn ich bitten darf! rief Herr Ifflinger. Bin gar nicht so. Vollblutdemokrat! Na ja! wie Ihr Manège-Freund, wenn er wirklich der Graf W. F. ist, der gestern abend in der Versammlung von Pfarrer Römer den Radau gemacht hat. Ist er! ist er! rief Herr Epstein. Im Vorwärts steht der Name ausgedruckt. Der kann sich damit eine schöne Suppe eingebrockt haben. Na ob! bei dem Wind, der jetzt von oben weht! Was wollen die Herren: Volldampf vorauf! Sagte Hermann Schulz, als er mit einer Million durchbrannte. Da kommt Arthur Bielefelder! Na, endlich wird man doch mal was Authentisches hören! Der wird's Ihnen auf die Nase binden! Was wird er erzählen? Eine Bielefelder Dorfgeschichte! Arthur Bielefelder war sofort von einem Kreise umringt, der mit jedem Moment anschwoll. Die letzten standen auf den Fußspitzen, die Köpfe zur Seite geneigt, mit gierigen Ohren nach vorn horchend. Arthur schien in der besten Laune, als ob es sich um einen süperben Spaß handle. Die Sache habe so weit ihre Richtigkeit; das heißt, sei, wie gewöhnlich, maßlos übertrieben. Von einer halben Million keine Rede, geschweige von einer ganzen. Hunderttausend M., wenn es hoch kam. Und die würden bald genug wieder da sein. Dazu lebe man heute, Gott sei Dank, in dem Zeichen des 274 Verkehrs. Telegraph und Telephon arbeiteten nach allen Richtungen. Morgen werde er sich beehren, den Herrschaften mitzuteilen, wann, wo und wie man den Ehrenmann gefaßt habe. Der Kreis löste sich. Na, was sagen Sie? fragte Herr Ifflinger Herrn Epstein und den Phlegmatischen, mit denen er noch rechtzeitig herangekommen war, um alles hören zu können. Herr Epstein rieb sich bedenklich das unrasierte Kinn. Daß die Nürnberger klüger waren, sagte der Phlegmatische. Die hingen keinen, bevor sie ihn hatten. * * * In der großen Villa des Kommerzienrat Bielefelder in der Tiergartenstraße war heute bereits von sechs Uhr nachmittags an ein reges Treiben. Auf den Kandelabern der Gesellschaftsräume, die sämtlich zu ebener Erde lagen, wurden frische Wachskerzen aufgesteckt; von den Prunkmöbeln, den Rahmen der vielen Bilder, Gestellen und Etagèren letzte Staubrestchen gewischt; im Speisesalon vier Tafeln je für sechzehn Personen prunkvoll gedeckt; die Silberaufsätze und Krystallschalen mit Blumen gefüllt – jeder Tisch mit einer besonderen Sorte: Nelken, Levkojen, Rosen, Lilien. An dem Ballsaal, der an den Speisesaal stieß, war nichts mehr zu thun. Das Parkett hatte man bereits am Morgen frisch gebohnert; die Divans und Sessel zurechtgerückt; für die Beleuchtung brauchte man nur auf die verschiedenen Knöpfe zu drücken, und Wände und Plafond glänzten im Licht von hunderten elektrischer Birnen. Im Garten, zu dem man direkt aus dem Ballraum über eine breite Terrasse, fünf Stufen abwärts gelangte, gab es desto mehr zu schaffen: die Baumgänge waren erst zur Hälfte mit Drähten überspannt, an denen farbige Ballons hingen; in die beiden Lauben, in die Pergola wurden noch immer Blattpflanzen aus dem 275 Gewächshaus getragen, das rechtwinklig an den Ballraum stieß und mit diesem durch eine breite Thür kommunizierte. Dann war noch eine kleine niedrige Bühne, an welche die Zimmerleute eben die letzte Hand legten, als auch schon die Stufen, die zu ihr hinaufführten, mit Teppichen bedeckt und mit Oleander- und Orangenbäumen umstellt wurden. Der Haushofmeister war in einer Aufregung, daß er wiederholt erklärte, nicht mehr zu wissen, wo ihm der Kopf stehe. Was Joseph, der Kammerdiener des alten Herrn, dem er diese interessante Mitteilung vertraulich machte, durchaus begriff. Traf ihn doch die ganze Verantwortung des so komplizierten Arrangements! Daß sich in diesem Hause die Damen schlechterdings um nichts bekümmerten, galt als selbstverständlich; und die beiden Herren, der alte und der junge, waren, nachdem sie heute morgen ins Geschäft gefahren, ganz gegen die Gewohnheit, zu Mittag nicht wieder nach Haus gekommen und selbst jetzt, da es doch bereits auf neun ging, nicht zurück. Es war zwanzig Minuten vor neun, der Stunde, zu welcher man eingeladen hatte, als Else, die aus ihrem Garderobezimmer kam, bei ihrer Cousine Chlotilde – der zwei prächtige Gemächer auf der anderen Seite des Treppenflurs eingeräumt waren – anpochte. Bist Du fertig? Statt einer Antwort wurde von der französischen Kammerjungfer, die sie auf ihren Reisen stets begleitete, die Thür weit geöffnet und mitten im Zimmer stand Chlotilde, ihr berühmtes müdes Lächeln auf den üppigen Lippen. Mein Gott, bist Du schön! Else hatte es in voller Extase gerufen und hätte sich ihrer Cousine in die Arme gestürzt, nur daß diese angstvoll mit beiden Händen abwehrte. Aber ansehen darf man Dich doch! Mit Kenneraugen prüfend, umschritt Else die prachtvolle Gestalt, die regungslos wie eine Wachspuppe dastand. 276 Der hochmoderne Pariser Schnitt der Foulardrobe mit den mattgelben Blumen auf weißem Grunde; die herrlichen Arme, von denen nur ein schmaler Streifen zwischen den hohen Handschuhen und den Puffärmeln sichtbar war; die stolze Büste, deren Formen das hohe geschlossene Kleid so decent accentuierte; die schön geschwungenen Hüften, von denen die Falten des Gewandes so melodisch – sagte Else – herabflossen – alles und jedes wurde in überschwänglichen Ausdrücken bewundert, gepriesen; vor allem das üppige, wie poliertes Gold glänzende und schimmernde, gegen die Mode über der Stirn apollinisch aufgebaute Haar, dessen einziger Schmuck ein funkelnder, zwischen den beiden Haarwellen gerade über der Stirn befestigter haselnußgroßer Diamant war. Ich werde neben Dir wie eine Vogelscheuche aussehen, rief Else. Du mit Deinem Kameengesicht und der Tanagrafigur! sagte Chlotilde. Es kam nicht aus ihrem Kopf: das Kameengesicht war ein bonmot Falkos, die Tanagrafigur eines von Rentlow bei ihrer gleichzeitigen Visite vorgestern. Das schadet nichts. Wer so schön war, brauchte nicht auch noch klug zu sein, meinte Else, und hübsch hörte es sich an. Mademoiselle dans sa jolie robe blanche est extrêmement charmante – tout à fait à ravir, sagte die Kammerjungfer. Seulement – si vous me permettez – un peu de rouge  – Das lassen Sie man, sagte Else, das Mädchen, das mit dem Puderquast auf sie zukam, abwehrend. Rien qu'un soupçon – Is nich. Ich sehe so schon nach dem ersten Walzer aus wie ein gekochter Krebs. Mais avec les yeux de jet de mademoiselle et ses superbes cheveux noirs un peu plus de couleur c'est toujours très chic. 277 Na, denn man zu! sagte Else und ließ lachend ihren rundlichen Wangen un soupçon de rouge geben. Fifi war mit einem Arm voll Garderobegegenstände ihrer Gebieterin in das Nebenzimmer gegangen. Du, sagte Else, es ist die höchste Zeit, daß wir uns einigen. Wen willst Du denn nun eigentlich: Graf Falko, oder Baron Rentlow? Am liebsten nähme ich den Grafen Wilfried. Das ist ja Stuß, lieber Schatz. Du bist hierher gekommen, Dir einen Mann zu holen, und er ist in festen Händen – das weißt Du. Chlotilde seufzte. Es ist schrecklich: man bekommt nie, was man haben will. Sehr richtig, aber die Tischkarten müssen darum nicht weniger gelegt werden. Also? Ist es Dir denn gleich? Völlig schnuppe. Der eine ist so nett wie der andere; und haben thun sie beide nichts, sagt Arthur. Dann Herrn von Rentlow, sagte Chlotilde nach einigem Besinnen. Er steht mir, als Blondine, besser, glaube ich. Else meinte, daß die Farbenfrage doch am Ende eine der Zeit sei, sagte aber nur: Bon. Und vielleicht giebt man mir Graf Wilfried an die andere Seite. Der reine Graf von Gleichen! Werden wir noch einen Grafen haben? fragte Chlotilde aufhorchend. Du liebe Unschuld! rief Else lachend. Nein! der ist schon seit so und so viel hundert Jahren mausetot. Aber, Schatz, es ist die höchste Zeit. * * * 278 Als die beiden jungen Damen nach unten gelangten, hörte Else zu ihrem nicht geringen Schrecken, daß die Herren noch nicht nach Hause gekommen waren. Der Haushofmeister, dem dieser herrenlose Zustand, je näher die Gesellschaftsstunde heranrückte, immer bänglicher geworden war, hatte bereits einen der Diener nach dem Geschäft geschickt. Der Mann hatte die Nachricht zurückgebracht: der junge Herr werde sofort dasein, der Herr Kommerzienrat wohl etwas später. Das war vor einer Stunde sagte Engelbrecht; und der junge Herr ist noch immer nicht hier. Ja, aber, was kann das zu bedeuten haben? fragte Else. Erst nicht zu Tisch und jetzt wieder nicht, wo jeden Augenblick jemand kommen kann – da muß doch etwas vorgefallen sein? Engelbrecht zuckte die Achseln. Wie konnte er das wissen? Er war Haushofmeister; das Geschäft gehörte nicht zu seinem Ressort. Wenn doch wenigstens Leo käme, sagte Else zu Chlotilde, die sich während der Zeit unverwandt im Spiegel betrachtet hatte. Aber der trödelt immer. In diesem Augenblick hörte man das dumpfe Rollen eines Wagens in der Eingangshalle. Großer Gott! rief Else. Es ist bloß unser Coupé, sagte Engelbrecht, aus dem Salon eilend, in dessen Thür denn auch wirklich Arthur alsbald erschien, hinter sich hinausrufend: Das Coupé zurück zum Geschäft! Nun vollends eingetreten, begrüßte er lebhaft die Damen. Na, Ihr Mädels, wie geht's? Bißchen geängstigt? Ja, liebe Zeit: Geschäft geht vor Gottesdienst, wollte sagen: Damendienst. Donnerwetter, Cousine! hast Du Dich aber schön gemacht! Einfach großartig! Really, you are a stunner! Arthur hatte das in seiner gewöhnlichen, sich 279 überstürzenden Weise hingeschleudert; aber es klang nicht lustig und seine Augen waren düster geblieben. Else sah ihn fragend an. Er warf einen schnellen Blick auf Chlotilde, die bereits wieder vor dem Pfeilerspiegel stand und in ihrem Haar nestelte, trat dicht an Else heran und sagte leise, schnell: Erfahren würdest Du es heute abend doch: Schulz ist uns mit cirka einer Million durchgebrannt. Bis jetzt keine Spur, fürchten, es wird eine lange Jagd werden. Nun thue mir die Liebe und laß Dir nichts merken! Die Gesellschaft heute abend paßt mir ganz famos: wir machen uns nichts daraus. Verstehst Du? Da ist Leonor! Du Leo, Du kannst Chlotilden hernach anschmachten. Komm mit mir hinauf, während ich mich anziehe! Ich habe mit Dir zu sprechen. Er hatte den Bruder, der eben eingetreten war, mit sich genommen. Was giebt es denn? fragte Chlotilde. Ihr seht ja alle so komisch aus. Gar nichts, Schatz: Bißchen Verdruß im Geschäft, glaube ich. Geht uns nichts an. Was giebt's, Engelbrecht? Ein Rohrpostbrief. An mich? Sicher eine Absage. Immer im letzten Augenblick. Sie hatte das Couvert aufgerissen: Mein gnädiges Fräulein! In Ihrer unendlichen Güte haben Sie mir erlaubt, Ihnen heute abend noch einen und den anderen Freund zuführen zu dürfen mit Dispens der vorhergegangenen obligaten Visite. Ich bitte von dieser Erlaubnis Gebrauch machen zu dürfen für den Major von Bronowski, einen sehr lieben Freund von mir. Sodann für Frau von Haida, eine junge Witwe aus Schlesien, die sich nur einige Tage 280 in Berlin aufhält, vor Begierde brennt, eine veritable Berliner Gesellschaft kennen zu lernen, und der ich geschworen habe, daß Sie, mein gnädiges Fräulein, in diesem Schritt – den sie selbst mehr als gewagt nennt – nichts erblicken werden als einen Beweis des unbedingtesten Vertrauens zu Ihrer über alle kleinlich konventionelle Rücksichten erhabenen Denkungsart. Ich werde mir die Ehre geben, die liebenswürdige Schlesierin persönlich Ihnen zuzuführen; mein Freund Falko Falkenburg wird Herrn von Bronowski denselben Dienst erweisen. Es legt sich Ihnen und Ihrer anbetungswürdigen Fräulein Cousine zu Füßen Curt Baron von Rentlow. Nun wird die Wildnis helle! rief Else lustig, das Billet, das sie Chlotilden vorgelesen hatte, in der Hand schwingend. Mit Herren von waren wir assortiert; fehlte schmerzlich eine Frau von – die hätten wir nun auch. Es wird großartig. Anbetungswürdiges Fräulein Cousine, besehen Sie Ihre Huldgestalt noch ein kleines Weilchen im Spiegel; ich will nur schnell die beiden irgendwo bei Tisch placieren – natürlich zusammen. Wetten, daß sie darauf rechnen? Engelbrecht! Engelbrecht! Ah, da sind Sie ja! Else war mit dem Faktotum in den Speisesaal geeilt. Chlotilde nahm das Billet, das Else auf ein Tischchen geworfen hatte, und las es flüchtig noch einmal bis auf die letzte Zeile, die sie wiederholt andächtig studierte. Anbetungswürdige Cousine, murmelte sie, während sie das Billet in eine antike Vase gleiten ließ, die auf dem Tischchen stand: ich habe mich entschieden: Chlotilde, Baronin von Rentlow. Ihr Spiegelbild, dem sie die große Neuigkeit mitteilte, gab ihr getreulich das berühmte müde Lächeln zurück. * * * 281 Als Else aus dem Speisesaal und die beiden Brüder von oben wieder in den Salon kamen, trafen auch bereits die ersten Gäste ein: zwei junge Offiziere von der Kriegsakademie, ebenfalls durch Rentlow und Falko eingeführt, dieselben, welche Wilfried am Abend im Hause seines Onkels und am nächsten Morgen in Ebbas Kavalkade gesehen hatte. Da die Herren den Brüdern persönlich völlig unbekannt waren und ebenso den Damen, die, als jene gestern ihren Besuch abstatten wollten, eine Fahrt in die Stadt gemacht hatten, gestaltete sich die Scene etwas steif und unbehaglich, um so mehr, als keiner die undeutlich geschnarrten Namen recht verstanden und infolgedessen wußte, wer von den beiden Herr von Möllenhoff und wer Herr von Mühlenberg war. Else atmete auf, als jetzt neue Gäste erschienen: der Maler Erl, der Bildhauer Küfner, der Schriftsteller Doktor Schlieder, der Schauspieler Sandner – alles alte Freunde der Familie; die Herren sich selber einander vorstellten und etwas wie eine allgemeine Unterhaltung zu stande kam. Und war vollends aller Sorge überhoben, da nun jede Minute andere Eingeladene brachte: einige ältere und – in größerer Zahl – jüngere Matadore der Finance mit ihren Damen; ein paar Attachés von Gesandtschaften, zu denen der Kommerzienrat als rumänischer Konsul in Beziehung stand; seine Excellenz, der chilenische Gesandte nebst Frau und Tochter; noch unterschiedliche Schriftsteller und Künstler, an denen in diesem Hause niemals Mangel war. Dann, von Else nicht ohne einiges Herzklopfen erwartet, Falko mit dem Major von Bronowski: Falko, das hübsche Gesicht voller Lustigkeit und Schelmerei; der Major ernster, verbindlich, redegewandt – durchaus eine Acquisition, wie Else nach den ersten fünf Minuten Falko erklärte, für die Herr von Rentlow königlich dadurch belohnt werden würde, daß er die schönste Dame der Gesellschaft zu Tische führen dürfe. Pardon! sagte Falko mit einem glänzenden Blick seiner 282 braunen Augen; nach Ausweis der mir zugeteilten Karte ist mir der Vorzug geworden, zur Tischdame Fräulein Else Bielefelder zu haben. Bescheidenheit ist eine Zier, erwiderte Else lachend. Aber Sie verstatten mir wohl die Bemerkung, daß Sie keine Augen im Kopfe haben. Doch, mein gnädiges Fräulein; aber nur für Sie. Zu wie vielen Damen haben Sie das schon gesagt? Gesagt zu unzähligen; daran geglaubt habe ich nie – bis heute; bis zu diesem Moment. Else hätte jetzt des soupçon de rouge auf ihren Wangen entraten können. Sie fühlte zu ihrem Ärger, daß sie feuerrot geworden sein mußte, und war glücklich, das verfängliche Gespräch mit dem reizenden Menschen abbrechen zu können, einer Dame entgegenzugehen, die eben am Arm von Rentlows den Saal betrat. Ich habe die Ehre und das Vergnügen, mein gnädiges Fräulein, Ihnen Frau von Haida vorzustellen, sagte Rentlow, während Frau von Haida ihren Arm aus dem seinen zog, Elses beide ausgestreckte Hände mit anmutiger Neigung der schlanken Gestalt und dem verbindlichsten Lächeln um die feinen Lippen zu ergreifen. Wie lieb von Ihnen, die Fremde so zu empfangen! Wie lieb von Ihnen, mir diese Freude gewährt zu haben! Erlauben Sie, gnädige Frau, Sie mit meiner Cousine bekannt zu machen: Fräulein Chlotilde Bielefelder; meine beiden Brüder: Arthur und Leo. Rentlow hatte sich, sobald es die Schicklichkeit zuließ, aus dem mit jedem Moment dichter werdenden Kreise der Herren weggestohlen, die sämtlich der reizenden Frau vorgestellt zu sein wünschten, und war an eine kleinere Gruppe herangetreten, deren Mittelpunkt Chlotilde war. Chlotilde hatte sofort das große Aufsehen bemerkt, welches die neue Erscheinung in der Gesellschaft hervorrief, und war infolgedessen sehr ungnädig. Die Herren, die sie umgaben, 283 bekamen es zu fühlen und erschwerten Rentlow in keiner Weise die Annäherung an die mißgelaunte Schöne. Meine Gnädigste, sagte Rentlow, während die andern unauffällig zurückwichen; ich bin positiv starr! Da giebt man mir im Vestibül eine Karte: Herr von Rentlow wird gebeten . . . Fräulein Chlotilde Bielefelder . . . das ist ja ein unerhörtes Glück! Chlotilde hatte auf der Zunge: ich habe es so gewünscht; aber, wollte sie auch Baronin von Rentlow werden, daß doch einige Reserve geboten sei, dämmerte ihr auf. So schien ihr ein stummes gnädiges Nicken ausreichend. Gnädiges Fräulein haben gewiß schon reizende Tage in Berlin verlebt? versuchte Rentlow die angefangene Konversation fortzusetzen. Es war ja ganz amüsant. Nur in den Theatern merkt man doch, daß die Saison zu Ende geht. O, ja. Gnädiges Fräulein schwärmen natürlich auch für Wagner? O, ja, gewiß. Sie ist zum Anbrennen dumm, dachte Rentlow. Chlotilde ihrerseits fand ihren zukünftigen Gemahl, wie er da so vor ihr stand und die Spitzen seines ungeheuren Schnurrbarts drehte, eigentlich gar nicht nach ihrem Geschmack. Große Schnurrbärte kamen ihr unteroffiziermäßig vor. Auch sonst war er lange nicht so hübsch, wie Graf Falko, und mit Graf Wilfried nicht zu vergleichen. So drohte eine unbehagliche Pause, die Chlotilde mit der Frage unterbrach: Warum ist Graf Falkenburg noch immer nicht hier? Aber, Gnädigste, da steht er ja neben Ihrem Fräulein Cousine! Ach, ich meine den andern: seinen Vetter. Hol ihn der Teufel! dachte Rentlow. 284 Keine Ahnung, Gnädigste! habe ihn seit drei Tagen nicht gesehen. Merkwürdig! Ich dachte, Sie sähen sich jeden Tag. Kennen Sie seine Braut? Gewesene, wollen gnädiges Fräulein sagen. Wieso? gewesene? Aber haben gnädiges Fräulein denn nicht gehört, daß die Verlobung zurückgegangen ist? Tout Berlin spricht davon. Unmöglich! Auf mein Wort. Rentlow bemerkte die plötzliche Veränderung, die mit der Dame vorgegangen war. Das schöne Gesicht hatte sich belebt, der Ausdruck müder Gleichgültigkeit dem des gespannten Interesses Platz gemacht; in die großen, dunkeln, fast stumpfen Gazellenaugen war Licht und Glanz gekommen. Also läuft der Hase, dachte Rentlow: da wollen wir doch gleich einmal ein bißchen vorbauen. Der gute Graf, fuhr er im Tone des Bedauerns fort, hat in den letzten Tagen überhaupt viel Malheur gehabt. Man spricht von einem argen Zerwürfnis mit seiner Tante, der Geheimrat Dürieu, einer sehr reichen Dame, von der er ganz und gar abhängt. Wenn es da mit der Erbschaft hapern sollte – das wäre sehr schlimm für ihn. Er persönlich hat keinen Pfennig Vermögen. Und von dem, was ihm gestern abend in der socialdemokratischen Versammlung passiert ist, haben gnädiges Fräulein gewiß gehört? Doch nicht. Er hat da eine Rede gehalten von einer so haarsträubenden Extravaganz, daß die Polizei einschreiten und die Versammlung schließen mußte. Die Sache kommt jedenfalls an den Staatsanwalt. Sie können sich denken, wie seine Verwandten; wie wir, seine Standesgenossen, alle außer uns sind. 285 Die kleine, zuletzt mit verräterischer Lebhaftigkeit gehaltene Rede machte auf Chlotilde genau den entgegengesetzten Eindruck, den Rentlow beabsichtigt hatte. Daß der Betreffende – Baron, oder Graf, gleichviel – nicht reich sein, dafür aber die nötigen Schulden haben würde, das hatte sie nicht anders erwartet. Von Rentlow selbst hatte Arthur gesagt, er habe Schulden wie ein Major. Und daß Wilfried freisinnige Reden hielt – sie schwärmte ja zum größten Ergötzen ihrer Verwandten für Lassalle und erklärte Helene von Dönniges, die ihren Helden in den Tod getrieben, für die schlechteste Person, die je gelebt habe. Graf, arm, vom Staatsanwalt verfolgter berühmter Redner, socialdemokratischer Märtyrer – das war denn doch eine wirklich große Nummer. Wie danke ich Ihnen! rief sie mit einer Wärme, die Rentlow der schönen phlegmatischen Natur nicht zugetraut hätte. Er verbeugte sich, innerlich wütend. Es war kein Zweifel: in ein Feuer, das so schon ganz nett brannte, hatte er höchst willkommenes Öl geschüttet. Aber die Person war zu schön. Als einziges Kind ihrer Eltern sollte sie Millionen erben. Ob er die brauchen konnte! In dem Moment kam Else eilends heran. Du hast es gut; unterhältst Dich hier prachtvoll, während ich armes Huhn mich halb tot ängstige. Endlich war Papa gekommen – da vorn steht er mit dem chilenischen Gesandten. Nun fehlt wieder Graf Falkenburg, ohne den wir doch nicht zu Tisch gehen können. Na, endlich! Else war wieder davongeeilt, Wilfried entgegen, der eben in den Salon getreten war. Darf ich die Herren bitten! ertönte Arthurs krähende Stimme. Mein gnädiges Fräulein – Chlotilde legte ihre Hand mechanisch auf Rentlows dargebotenen Arm. Er sah an der Richtung ihrer Augen, 286 daß sie Wilfrieds Bewegungen verfolgten, den Else durch das Gewühl seiner Dame zuführte. Den kaufe ich mir doch noch mal, sagte Rentlow tonlos durch die Zähne. * * * Wilfried hatte heute Stunden verlebt, von denen er sich dankbaren Herzens sagte, daß ihm das Schicksal, solange er lebte, schönere nicht beschieden. Die ganze Nacht hatte sein Herz an Lottes Brief gepocht; den ganzen Tag war der Brief nicht von seinem Herzen gekommen. Daß er die Geliebte einmal völlig sein nennen werde, daran zweifelte er jetzt keinen Augenblick; das war nur eine Frage der Zeit. Sie liebte ihn; des war er gewiß, und vorläufig war es ihm genug. War so viel, daß er es nicht fassen konnte, trotzdem er es sich hunderte von Malen wiederholte. Laut und leise vor sich hinsprach auf dem langen köstlichen Morgenritt durch den Grunewald; und während er in der gastlichen Försterei am See im Schatten der hohen Bäume eine Stunde lang saß, und den weißen Wolken nachträumte, die langsam über den tiefblauen Himmel zogen; seine Freude hatte an den Hühnern, die zutraulich, die Brosamen aufzupicken, bis unter den Holztisch liefen, an welchem er sein frugales Frühstück verzehrt hatte; an dem braunen Jagdhund, der wedelnd herankam und, den Kopf auf seine Kniee legend, mit guten treuen Augen zu ihm aufblickte. Es war alles so wonnig, die Welt so morgenschön, als sähe er sie mit den frischen, zarten Sinnen eines von schwerer Krankheit Genesenen. War denn nicht auch bis heute sein Leben eine lange, schwere Krankheit gewesen, mit heißem Sehnen nach Gesundheit, ohne Hoffnung, je gesund zu werden in echter freudiger Goethescher Resolutheit? Die gute, thörichte Tante Adele! Nächsten Montag wollte er in ihr geliebtes Kränzchen kommen und feierlich erklären, daß es so tiefgründige Goethekenner, 287 so zartbesaitete ästhetische Gemüter, wie da versammelt seien, noch nie gegeben habe, nie wieder geben werde. Ja, Friede mit aller Welt! Und Ebba zu ihrer Hochzeit mit Leßberg ein ellenlanges Gedicht, so gut er es nur irgend fertig bringen könnte! In dieser glückseligen Stimmung war er nach Hause gekommen. Und sie wurde wahrlich nicht getrübt durch ein Briefchen von Frau Brandt: sie habe noch einmal mit Lotte gesprochen; die Wohnungsangelegenheit sei jetzt ganz in seinem Sinne, der ja auch der ihre sei, geregelt. Und durch ein anderes von Frau Pfarrer Römer: ihr Mann sei heute auf mehrere Tage verreist, sonst würde er zu ihm gekommen sein, ihm für seine gestrige gehaltvolle Rede zu danken und ihm zu sagen, daß in dem Hause des himmlischen Vaters viele Wohnungen seien; es nur darauf ankomme, sich durch die Liebe den Zutritt zu dem Hause errungen zu haben, wobei es denn ganz gleichgültig, ob der eine: »Vater unser«, und der andere »Unser Vater« sage. Und so brachte er die übrigen Stunden hin, immer glückselig. Und so, wie vom Glück durchleuchtet, hatte er die Gesellschaft betreten. * * * Da wollte denn doch ein Schatten auf sein helles Gemüt fallen, als der erste Blick, den er über die im Salon Versammelten schweifen ließ, Frau von Haida traf, die in lebhafter Unterhaltung mit Bronowski mitten in dem Gewühl unter dem großen Kronleuchter stand. Alle möglichen, ihm fremden, gleichgültigen Gesichter in diesem Hause zu treffen, daran war er gewöhnt. Wie kamen sie hierher, die er nur zu gut kannte, und denen zu begegnen er wahrlich nicht wünschen konnte! 288 Aber darüber zu grübeln blieb ihm keine Zeit: Else hatte sich seiner bemächtigt und zu seiner Dame geführt: der Tochter des chilenischen Gesandten, einem älteren unschönen Mädchen, die das wenige, was sie vorzubringen pflegte, nur französisch sagen konnte, und der man ihn hier mit Vorliebe zuteilte, weil er in dem Ruf stand, ein leidliches Französisch zu sprechen. Dann ging es zu Tisch in dem von dem Licht hunderter elektrischer Birnen fast überhellen Speisesaal, für Wilfried der liebste der prachtvollen Räume, weil er zugleich eine Galerie ausgesucht schöner Bilder der neuen und neuesten Schulen war, bei deren Ankauf man wiederholt an sein Urteil appelliert hatte. Dazu die vier, im Schmuck der Blumen, des funkelnden Tafelgerätes prangenden Tafeln, umgeben von lachenden, schwatzenden Damen und Herren in geschmackvollem Putz und sorgfältigen Toiletten; die vielen Diener in kleidsamen Livréefracks, Strümpfen und Schnallenschuhen, geräuschlos die Speisen auf silbernen Platten herumreichend, die Weine in die Krystallgläser füllend – hier, sagte sich Wilfried, wäre ein Vorwurf für einen Menzel, nur daß selbst seine Meisterhand an der Wiedergabe eines so reichen, aus tausend interessanten Einzelheiten komponierten Bildes erlahmen würde. Während er nun flüchtig die Gesellschaft musterte, war es ihm lieb, daß er Frau von Haida und den Major nicht entdecken konnte, die irgendwo an einem entfernteren Tische – vermutlich zusammen – sitzen mochten. Dafür sah er sehr deutlich an dem oberen Ende des nächsten Else und Falko: Else, augenscheinlich in ihrer übermütigsten Laune, lebhaft gestikulierend, manchmal so laut lachend, daß er es durch das Geschwirr der Stimmen hören konnte; Falko auf sie mit seiner gewohnten liebenswürdigen Zwanglosigkeit einsprechend. Hier war denn wirklich eine Chance, die Wilfried dem ewig mit Schulden behafteten, leichtsinnigen, im Grunde gutherzigen Vetter von Herzen gönnte. Wie es mit der Güte von Elses Herzen stand, war ihm 289 fraglich, jedenfalls kannte er sie als ein schlagfertiges, witziges, manchmal geistreiches Mädchen, voll drolligen Humors und naiver Lebenslust, das sich wohl zu des lebenslustigen Offiziers Gefährtin eignen mochte. Um so unerfreulicher war ihm die Kombination des Paares unmittelbar zu seiner Linken: der schönen Chlotilde und Rentlows. Seitdem er von Falko wußte, daß auch der Baron tief in Schulden stecke, war ihm klar geworden, weshalb er die Einladung in das Bielefeldersche Haus mit solcher Begierde angenommen. So weit war sein und Falkos Fall derselbe. Aber alle die guten Eigenschaften, die er Falko zubilligte, glaubte er seinem Kameraden und Freunde absprechen zu müssen. Hier war für ihn der Typ des skrupellosen Glückjägers, der kein leisestes Erbarmen mit seiner Beute kennt. Und da freute es ihn doch, zu sehen, daß die schöne Beute dem Jäger keineswegs ohne weiteres in das Garn lief. Sie war bereits im Anfang der Mahlzeit auf Rentlows Bemühungen, sie in eine Unterhaltung zu verwickeln, kaum eingegangen, um dann bald vollends zu verstummen; dafür aber jedes Wort, das er selbst an sie richtete, mit augenscheinlicher lebhafter Befriedigung aufzunehmen und zu erwidern. Er hatte durchaus die Empfindung, daß sie bei ihm vor den stechenden Augen und dem sicher nicht immer für Mädchenohren berechneten Reden ihres Nachbars zur Linken Schutz suche, und war bereit, ihn ihr zu gewähren, wie er sich noch stets des Schwachen gegen den Starken angenommen. Wobei er sich ehrlich gestand, daß ihre ganz ungewöhnliche Schönheit ihm die Schützerrolle freundlich erleichtere. Daß sie entschieden das Gegenteil von geistreich war, genierte ihn nicht: sie brachte ihre Gemeinplätze mit so naiver Harmlosigkeit vor! Ein im Schoße des Reichtums aufgewachsenes, verwöhntes Kind, urteilte er, das doch im Grunde des Herzens gut geblieben war. Und dem er offenbar durch seine Unterhaltung, die er ihrem Verständnis anzupassen suchte, die größte Freude 290 machte. Ein stereotypes, müdes Lächeln, das ihm anfangs ihren Mund mit den vollen, schön geschnittenen Lippen verleidet hatte, war verschwunden: die Lippen lagen fest und ernsthaft aufeinander. Ihre großen Gazellenaugen hingen unverwandt an seinem Munde; und, wenn sie etwas nicht verstand – was nicht selten vorkam – klang ihr: Bitte, sagen Sie das noch einmal! so ehrlich beschränkt, daß er gern nach einer Wendung suchte, die ihr die Sache begreiflich machte. Wenn das gute Kind wüßte, dachte er, daß es von den Brosamen lebt, die von dem Mahle meiner Liebe gern für sie abfallen! * * * Währenddessen war an dem nächsten Tisch der Übermut, mit welchem Falko und seine Partnerin ihre Unterhaltung begonnen und geraume Zeit fortgeführt hatten, einer Stimmung gewichen, die beiden für gewöhnlich gleich fremd und jetzt gleich befremdlich war. Aus Elses Munde kein Witzwort mehr, aus Falkos keine flotte Phrase. Sie hatten plötzlich ein Interesse an den Gesprächen ihrer Nachbarn zur Rechten und Linken genommen, das ebenso plötzlich wieder erlosch, worauf sie dann beide wieder stumm auf ihre Teller sahen, die leer blieben, da sie die dargebotenen Schüsseln unbeachtet an sich vorübergehen ließen. Nur der Diener, der den Champagner einschenkte, zu dem man jetzt gegen das Ende der Tafel durch eine schier unzählbare Reihe der feinsten Weine gelangt war, hatte bei Falko den entschiedensten Erfolg. Von Zeit zu Zeit suchten sich ihre Blicke, um, sobald sie sich gefunden und ineinander verloren, wieder seitwärts zu irren. Nach einer solchen, peinlich langen Pause hörte Falko Else halblaut sagen: Eigentlich ist es zu dumm. Sofort hatte Falko sich zu ihr gewandt. Was, gnädiges Fräulein? 291 Wie wir beide hier einander anöden. Haben Sie denn gar nichts mehr vorzubringen? Doch, gnädiges Fräulein, ich hätte schon. Warum kommen Sie nicht damit heraus? Weil ich sicher weiß, daß ich dann zum letztenmal in Ihrem Hause gewesen bin. Und wenn ich die Garantie übernehme, daß es nicht der Fall sein wird? Das können Sie nicht, denn Sie würden die erste sein, die mir die Thür weist. Und wenn ich mich verbürge, daß ich es nicht thun werde? Ihre Hand darauf? Hier! Sie hatte ihre Linke zwischen sich und ihm herabgleiten lassen; er hatte sie sofort erfaßt; und sich noch näher zu ihr beugend, so daß sein Mund fast das kleine Ohr berührte: Ich liebe Sie. Und ich Sie. Die Hände hatten sich losgelassen; sie saßen wieder korrekt gerade, nur so weit gewendet, daß sie einander in die trunkenen Augen blicken konnten. Und dann lächelten sich beide an, und beider Lippen bewegten sich, wie zum Kusse. Dann hatte Falko, ohne daß die Nachbarn es merkten, blitzschnell ihre Gläser vertauscht und sie tranken einander zu, aus bis auf den letzten Tropfen, während durch die schwimmenden Augen ihre Seelen ineinander flossen. Jetzt aufstehen dürfen, flüsterte Falko; wollt Ihr den glücklichsten Menschen sehen? Hier ist er! Es würden zweifellos einige vom Stuhl fallen, flüsterte Else zurück. Papa zuerst. Aber ich spreche noch heute abend zu ihm. Auf keinen Fall: er ist heute sicher nicht in der 292 Gebelauue nach dem kolossalen Verlust. Ich erzählte Ihnen davon. Dir! Ich erzählte Dir davon, Falko! Mein süßes Mädchen! Wenn wir nun einmal arm würden? Spaß! ich schwöre Dir – Falko kam für den Augenblick nicht weiter. Er mußte Major Bronowski Bescheid thun, der ihm von dem dritten Tische aus zugetrunken hatte. * * * Zwischen dem Major und Frau von Haida war die Unterhaltung wiederholt arg ins Stocken geraten. Sie hatten sich dann ihren Nachbarn gewidmet, Frau von Haida immer mit derselben Liebenswürdigkeit, während Bronowski entschieden einsilbiger wurde und sich zwischen den dunklen Brauen über der feingeschnittenen Adlernase eine scharfe, senkrechte Falte merklich vertiefte. Die auch keineswegs schwand, als sie sich wieder jetzt einmal zu einander gewandt hatten und er in ironischem Ton sagte: Sie wollten die Güte haben, mir anzuvertrauen, welches Interesse Sie hatten, gerade diese Gesellschaft mitzumachen. Mein Gott, das ist doch sehr einfach. Ich bin ein inquisitive traveller ; ich wollte auch einmal solche Kreise kennen lernen. Weil Sie wußten, daß in ihnen ein gewisser Herr verkehrt, der sich seit dem Skandal von gestern abend in unsern Cirkeln unmöglich gemacht hat? Kann sein. Ich wußte es nicht, hatte keine Ahnung davon. Hätte ich sie gehabt, würde ich in der üblen Lage gewesen sein, Ihre gütige Aufforderung, Sie hierher zu begleiten, 293 ablehnen zu müssen. Diese Aufforderung hatte ich, offen gesagt, anders verstanden, anders ausgelegt. Wie denn? Etwas schmeichelhafter für mich. Gehen Sie nicht in einer etwas zu scharfen Pace vor, mein Bester? Ich habe Sie immer für einen Frauenkenner gehalten. Jetzt muß ich daran zweifeln. Ich bin für Belehrung empfänglich. Lassen Sie sehen! Daß Liebe sich in Haß verwandeln kann, ist Ihnen nicht unbekannt. Durchaus nicht! Auch, daß der Übergang sich nicht so ohne weiteres macht? daß der Haß vorher einen Zoll fordert, der durchaus erst entrichtet sein muß? Wissen Sie, wie der Zoll heißt? Rache! Bronowskis dunkle Augen funkelten; Frau von Haidas hellblaue Augen unter den herabgesenkten Lidern hatten ihren gleichmütigen Ausdruck nicht verändert. Wie schnell Sie lernen! Es ist eine Freude. Da brauche ich ja wohl kaum zu sagen, daß die Rache ein Geschäft ist, zu welchem eine Frau sich gern die liebenswürdige Hilfe eines Freundes erbittet. Die Lider hoben sich; sie sah ihm für einen Moment gerade in die Augen. Es versteht sich, daß sie die Hilfe nicht umsonst haben will; sie den Preis zahlen will. Sie haben mich verstanden? Noch nicht ganz. Es wäre erst noch die Höhe des Preises festzustellen. Der sich offenbar nach der des geleisteten Dienstes richten wird. Sie gehen aufs Ganze? Im Spiel, in der Liebe, im Haß – immer. Bronowskis Falten zwischen den Brauen zeichneten sich wieder scharf ab. Sein düstrer Blick richtete sich nach der 294 Stelle an dem entfernten Tisch, an welchem er, erst seit kurzem, Wilfrieds Kopf ein und das andre Mal zwischen den Köpfen und Schultern der andren Gäste hatte auftauchen sehen. Es wird nicht leicht sein, sagte er nachdenklich. Seine Formen sind so verd–, sind so rigoros korrekt. Er wird sich schwerlich eine Blöße geben. Ohne Provokation kaum. Ich hätte wohl zu einer das Rezept. Dann bitte ich darum. Von Rentlow habe ich das Programm des Abends. Nach der Tafel sollen ein paar Tänze getanzt werden, als letzter ein Blumenwalzer. Die Dame, welche die meisten Bouquets aufzuweisen hat, wird als Königin des Festes proklamiert, im Garten auf einen Thron gesetzt; die Gesellschaft defiliert, ihr huldigend. Dann löst sich die Sache in ein allgemeines Gartenfest auf. Unter andren Ergötzlichkeiten sollen von einem Podium herab Gesangs- und deklamatorische Leistungen geboten werden. Eine Sängerin und ein Schauspieler sind zu dem Zweck eingeladen. Letzterer übrigens ein alter Bekannter von Breslau her: Sandner. Haben Sie ihn nicht gesehen? Gleichviel. Es wird aber gewünscht und gehofft, daß sich auch Damen und Herren aus der Gesellschaft dabei beteiligen. In diesen Kreisen dichtet und schriftstellert so ziemlich jeder, sagte Rentlow. Wie Sie wissen, mache ich auch manchmal Verse. Sie sprechen Verse so schön. Würden Sie mir den Gefallen thun, diese hier vorzutragen? Auf dem ausgebreiteten Fächer, mit dem sie, während sie sprach, gespielt hatte, sah Bronowski – er wußte nicht, wie es dahin gekommen war – ein beschriebenes Quartblättchen. Dann wurde der Fächer so gehalten, daß er, was auf dem Blatt stand, bequem lesen konnte. Wie finden Sie es? Ganz famos. Aber, verzeihen Sie, welche Wirkung versprechen Sie sich davon? 295 Eine kolossale. Alle Welt wird wissen, auf wen es geht. Vorhin wurde, wohin ich hörte, nur von zwei Dingen gesprochen: dem Millionendiebstahl und seinem Auftreten in der Versammlung. Man fand es ridikül. Aber es muß ihm ins Gesicht gesagt werden. Die Sache muß ein cachet haben; ich will es ihm geben. Er muß einen Spottnamen davontragen, den er nicht wieder los wird – ich will ihn damit ausstatten. Verstehen Sie mich nun? Ihre Miene war, während sie das sagte, dieselbe geblieben; ihre leise Stimme hatte sich nicht gehoben, nur, daß für das feine Ohr des Polen ein Vibrieren durchzitterte, wie von einer schwingenden Saite. Wie sie den Menschen liebt! dachte er wütend. Ich könnte ihn morden und sie. Ich verstehe Sie vollkommen, sagte er, während das Blatt vom Fächer in ihren Schoß, von dem Schoß, er wußte nicht wohin verschwand. Aber ich kann in diesem Kreise – er ließ einen verächtlichen Blick über die Gesellschaft gleiten – nicht als Recitator auftreten. Es ist unmöglich. Sie sann einen Augenblick nach. Ich sehe es ein: es geht nicht. So muß es Sandner sein; er thut mir jeden Gefallen. Werden Sie sich ihm als Verfasserin nennen? Als ob er es sonst thäte! Und auf wen es geht? Als ob das nötig wäre! Er wird es so gut wissen, wie tout le monde . Wir müssen abbrechen. Man wird aufmerksam auf uns. Bronowski reckte sich und hob sein Glas gegen Falko, dessen Blick zufällig dem seinen begegnet war. Eine Minute darauf rauschten die rotseidenen Vorhänge nach dem Ballsaal auseinander. Der Kommerzienrat hatte die Tafel aufgehoben und schritt mit seiner Dame, der 296 Gesandtin, dorthin voran. Die anderen Paare folgten. Hinter ihnen rauschten die Vorhänge wieder zusammen. * * * Da die drei breiten Glasthüren nach der Veranda weit offen standen, durfte die Gesellschaft aufatmen von der Hitze, die zuletzt recht lästig geworden war. In der würzigen frischen Luft, die den weiten Raum erfüllte, fühlte man sich bereits, wie im Freien, ja, mitten in der schönsten Natur, da die Freskobilder auf den Wänden dem Auge die herrlichsten italienischen Prospekte vorzauberten: hier das offene blaue Meer an der Riviera; dort die melancholische Weite der Campagna; auf der andern Seite den lieblichen Lago maggiore mit der Isola bella und die lachende toskanische Ebene, wie sie sich unter den Blicken des Reisenden hindehnt, wenn der Eisenbahnzug, das Gebirge entschieden hinter sich lassend, zu Thal rollt. Man konnte die trefflichen Schildereien um so besser genießen, als ihre helleren Farben und die Spiegelglätte des parkettierten Fußbodens das Licht der unzähligen elektrischen Birnen weniger einsogen, so daß fast Tagesklarheit zu herrschen schien, die mit dem Dunkel des Gartens, trotzdem auch er festlich beleuchtet war, einen seltsam fesselnden Kontrast bildete. In dem Gewühl der kaleidoskopisch durcheinander wirrenden Gesellschaft hatte Wilfried Chlotilden bald aus den Augen verloren. Bis zum letzten Moment hatte zwischen ihnen das beste Einvernehmen geherrscht; noch in dem Ballsaal, als er an sie herangetreten war, ihr gesegnete Mahlzeit zu wünschen, hatte sie seine Hand so lange in ihrer behalten und ihn dabei so starr mit großen weichen Augen angesehen, daß er etwas in Verlegenheit geraten und im Grunde froh war, sie jetzt der Unterhaltung anderer Herren überlassen zu können. Die Menge in. Saale hatte sich sehr gelichtet. Viele 297 waren auf die breite Veranda hinausgetreten, wo an kleinen Tischen der Kaffee serviert wurde; auch nicht wenige die Stufen in den Garten hinabgeeilt, da die laue Sommernacht zu verführerisch lockte. Wilfried stand im Gespräch mit Professor Erl, dem Schöpfer der Fresken, als er sich am Arm berührt fühlte und, sich wendend, Arthur Bielefelder vor sich sah. Verzeihung, wenn ich die Herren störe! Ich hätte Ihnen eine Mitteilung zu machen, Herr Graf, zu der ich sonst am Ende nicht komme. Nur eine Minute! Ich stehe ganz zu Ihren Diensten. Arthur führte seinen Gast aus dem Ballsaal wenige Schritte über den Flur in ein Gemach, das bei kleineren Herrendiners als Rauchzimmer benutzt wurde; nötigte ihn in einen der bequemen Fauteuils und sagte, nachdem er ihm aus einer Sammlung offenstehender Kisten eine Cigarre vergeblich angeboten, sich ihm gegenübersetzend, ohne Übergang: Sie wissen das Malheur, das wir im Geschäft gehabt haben? Nein? Ist es möglich? Freilich, Sie kommen wenig in Geschäftskreise und die Abendzeitungen haben Sie wohl nicht gelesen: unser Kassierer Schulz ist uns heute, vielmehr in der vergangenen Nacht mit anderthalb Millionen durchgebrannt. Wilfried vermochte die schlimme Nachricht, die ihm so plötzlich kam, nicht zu fassen; er blickte sein Gegenüber mit starren Augen an. Der junge Bankier, der sich den Schrecken, welcher sich auf dem Gesichte seines Gastes ausprägte, in seiner Weise deutete, fuhr mit süffisantem Lächeln in gemacht nachlässigem Tone fort: Sie brauchen sich deshalb nicht zu entsetzen, Herr Graf. Wir sind glücklicherweise in einer Assiette, daß wir auch schlimmere Coups aushalten können – kaum fühlen, möchte ich sagen. Und unsere Depots sind heute so bombensicher, wie gestern – selbstverständlich. 298 Ich denke daran nicht, sagte Wilfried, sich bemeisternd; nur an das Entsetzliche des Falles. Es ist wirklich toll – Sie verzeihen, daß ich mir eine Cigarre genehmige – ich lasse drüben noch keine herumreichen, damit die Damen nicht gleich eingeräuchert werden – die Herren können hernach im Garten so viel rauchen, wie sie wollen – einen Tropfen Cognac? keinen Menkow! Martell und Compagnie – die Flasche sechsunddreißig Mark – Chartreuse mit einem Schuß Angostura? Sie sehen, es ist alles hier – nein? Also, was ich sagen wollte: wirklich toll, ganz horribel. Ein Mensch, den man schon drei Jahre hat, honorig behandelt, fürstlich salairiert; dem man volles Vertrauen geschenkt hat – ein solcher abgefeimter Schuft, eine so niederträchtige Kanaille! Aber das kommt von der verdammten Socialdemokratie. Na, Herr Graf, freisinnig sind wir ja alle – wie soll man denn anders sein bei dem Kurs, mit dem wir in die schönste Reaktion hineinsegeln – Börsensteuer, Zunftzwang, Agrariertum – es ist ja heillos. Und wenn der Herr Graf gestern abend – Lassen wir das doch! sagte Wilfried. Glauben Sie nicht, daß ich es Ihnen verarge! Ich bin, wie gesagt, freisinnig bis auf die Knochen. Und es kann gar nicht schaden, wenn die da oben – denn die haben Sie doch gemeint, habe ich heute schon den Leuten auf der Börse klar gemacht, die partout wollten, Sie hätten uns aufs Korn nehmen wollen – lächerlich! aber auf den biederen Herrn Schulz zurückzukommen – Sie äußerten vorvorgestern, Herr Graf, Sie kennten und interessierten sich für eine Familie Schulz. Ich lachte noch und sagte: Schulz gebe es zu Tausenden. Und nun denken Sie, dieser Schulz ist ein Sohn aus Ihrer Familie Schulz! Aber wie können Sie das wissen! rief Wilfried, dem es war, als habe er einen Stoß auf das Herz bekommen. Wozu hätten wir denn unsere Polizei, Herr Graf! Sie ist ja für gewöhnlich wie ein lahmer Gaul. Diesmal haben 299 wir ihr Beine gemacht. Schon um Mittag alle Fäden in Händen: Eltern – notorische mauvais sujets – Wichmannstraße, heute nach Nettelbeckstraße verzogen – Ich glaube, mich dafür verbürgen zu können – ich kann mich dafür verbürgen, daß schon seit Jahren zwischen Ihrem Kassierer und seiner Familie nicht die mindeste Verbindung stattgefunden hat, sagte Wilfried, vergeblich bemüht, seiner Erregung Herr zu werden. Der Bankier lächelte: Genau, was die Polizei herausgebracht hat. Seien Sie also ganz unbesorgt, Herr Graf: es wird Ihren Schützlingen kein Haar gekrümmt werden. Ja, verehrter Herr Graf, wenn sich so vornehme Herren solcher Leute annehmen, so was hängen diese Leute selbst an die große Glocke. Und ersparen der Polizei viele Mühe. Habe übrigens selbst den polizeilichen Eifer ein wenig gedämpft, mit Rücksicht auf Sie, Herr Graf. Wieso: mit Rücksicht auf mich? Aber, Herr Graf, wir sind doch unter uns! Ich sagte mir: es wird dem Herrn Grafen nicht angenehm sein, wenn man die Recherchen nach der Seite so weit treibt. Viel wird, so wie so, nicht dabei herauskommen. Frage Du lieber den Herrn Grafen selbst. Da wirst Du mehr und Sichereres in fünf Minuten hören, als die Polizei in einem halben Jahre ausbaldowert. Ich kann Ihnen da beim besten Willen nicht dienen, nur meine Versicherung von vorhin wiederholen. Hm! Nun, wie Sie wollen, sagte der Bankier, sichtbar enttäuscht. Es hätte den Leuten vielleicht manche Unannehmlichkeit erspart! polizeiliche Vernehmungen pflegen nicht spaßhaft zu sein. Übrigens sind die Leute so ziemlich alle alte Bekannte der Polizei. Besonders eine der jungen Damen, die der Herr Graf bei dem Pfarrer Römer untergebracht hat. Kenne zufällig ein wenig von ihrer Vergangenheit; hat mal als Mädchen in der Fabrik meines Bruders gearbeitet. Aber ich darf den Herrn Grafen nicht 300 länger mit einer Angelegenheit behelligen, die Ihnen noch dazu offenbar unangenehm ist. Ich kann nicht leugnen, daß sie mich recht peinlich berührt. Wieder und sehr viel deutlicher als vorher zuckte ein Lächeln über des Bankiers blasiertes Gesicht. In Wilfried kochte es. Aber hier nicht seine Ruhe bewahren, hieß des andern schnöden Verdacht bestätigen. Er stand auf und sagte ruhig: Wir gehen dann wohl wieder zur Gesellschaft. Noch einen Moment, sagte der Bankier. Ich wollte dem Herrn Grafen eigentlich nicht damit beschwerlich fallen; bei näherer Überlegung aber – Wir haben heute mittag einen kuriosen Brief von der Frau Geheimrat gehabt. Sie wünscht einen Auszug Ihrer Rechnung vorgelegt – etwas, was sie noch nie gethan hat. Merkwürdiger – nein, offen gestanden, unbegreiflich ist, daß sie den Ihnen bei uns geöffneten unbeschränkten Kredit vom heutigen Tage an für geschlossen erklärt. Da ich ja wußte, daß ich heute abend das Vergnügen haben würde, habe ich das merkwürdige Schriftstück zu mir gesteckt. Ich möchte den Herrn Grafen bitten, einen Blick darauf zu werfen. Er hatte einen Brief aus der Seitentasche des Fracks genommen, ihn entfaltet und wollte ihn Wilfried überreichen. Und da dieser eine abwehrende Bewegung machte: Ich möchte wirklich bitten. Das Schreiben ist nicht vom Justizrat, wie durchaus die Regel, sondern von einer uns fremden Hand; nur die Unterschrift, übrigens kaum lesbar, von Ihrer Frau Tante. Der Brief ist freilich von einem Diener der Frau Geheimrat überbracht; indessen die Möglichkeit einer Fälschung – wir Bankiers müssen sicher gehen – und in einer so überaus delikaten Angelegenheit – Bitte, geben Sie! Auf den ersten Blick erkannte Wilfried die Handschrift der Frau von Wiepkenhagen, die ihn früher mit widerwärtigem Eifer in eine Korrespondenz mit ihr zu bringen 301 gesucht hatte, bis er ihr endlich, des Geschwätzes müde, unverblümt seine Meinung über ihre entsetzlichen Novellen sagte. Tante Adeles Hand hatte, als sie unterschrieb, augenscheinlich gezittert, aber es war ihre Hand. Das Schreiben ist zweifellos echt, sagte er, den Brief zurückgebend. Aber, Herr Graf, das kann doch nur ein Mißverständnis sein! Und das sich leicht erklärt. Ich hatte meiner Tante geschrieben, daß ich in diesen Tagen eine größere Summe abgehoben habe, und auf längere Zeit versorgt sei. Warum sie Ihnen wiederum davon Mitteilung machen zu sollen gemeint hat und in dieser unzutreffenden Weise, weiß ich nicht. So wird es sein, natürlich! So muß es sein, erwiderte Arthur, dessen Gesicht sich wieder aufgehellt hatte. Übrigens, Herr Graf, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, daß Sie bei Bielefelder und Sohn eventuell Kredit ad libitum auch ohne Kreditbrief haben. Du liebe Zeit, wenn alle Welt uns so sicher wäre! Ihnen würde ich unsere westfälischen Güter ohne einen Pfennig Anzahlung verkaufen. Wie wär's, wenn wir den Handel auf der Stelle abschlössen? Ihr Wort genügt. Damit wollen wir denn doch lieber warten, bis das Mißverständnis mit meiner Tante aufgeklärt ist. Aber das spielt ja keine Rolle. Und nicht wahr, Herr Graf – möglich ist ja alles: wenn Sie bei der – bei dem – sagen wir Interesse, was Sie an der bewußten Familie nehmen, etwas über den Aufenthalt des Schulz in Erfahrung bringen sollten, und uns einen Wink geben wollten – nur einen Wink – was wünschen Sie? Ein Diener war eingetreten mit einer Empfehlung von Frau Kommerzienrat an den Herrn Grafen: die Frau Kommerzienrat habe gehört, daß der Herr Graf in der Gesellschaft sei, und ob der Herr Graf Zeit habe, auf ein Viertelstündchen zu ihr zu kommen? 302 Ich werde der gnädigen Frau sofort aufwarten, beschied Wilfried den Diener. Sehr wohl, Herr Graf. Der Mann war gegangen. Sie werden doch nicht im Ernst! rief Arthur. Es ist ja sehr schön von Ihnen, daß Sie so freundlich zu der armen Mama sind; aber es soll jetzt getanzt werden, und wir rechnen auf alle unsre jüngeren Herren. Mama kann schon bis morgen warten. Darf ich den Diener – Auf keinen Fall. Die Gesellschaft wird mich nicht vermissen. Ich komme ja auch wieder. Na! dann aber möglichst schnell. Herr des Himmels, da geht es schon mit dem Tanzen los! Ich muß machen – also auf Wiedersehen! Die letzten Worte waren bereits auf dem Flur gesprochen. Arthur eilte in den Ballsaal, aus dem die rauschenden Klänge eines Rheinländers erschallten; Wilfried stieg langsam die breite, mit Plüschläufern belegte Marmortreppe hinauf, die in den obern Stock zu den stillen Zimmern leitete, welche die Dulderin seit so vielen Jahren nicht mehr verlassen hatte. * * * Auf dem Korridor des Seitenflügels kam ihm Frau Lent entgegen, den so gern gesehenen Besuch in ihrer gesetzten Weise begrüßend. Der Herr Graf haben uns lange nicht die Freude gemacht. Frau Kommerzienrat hat so nach Ihnen verlangt. Ich war in letzter Zeit ein wenig stark in Anspruch genommen. Es geht der gnädigen Frau doch nicht schlechter? Nein. Das heißt eigentlich: ja. Die Kräfte nehmen doch sehr ab. Ich fürchte, wir haben sie nicht mehr lange. 303 Das fürchten Sie nun schon seit Jahren, liebe Frau Lent. Um so begründeter ist meine Furcht. Aber ich darf Sie nicht aufhalten. Sie zählt die Minuten; und, wie leise wir sprechen, sie hört es. Sie standen vor der Thür; Frau Lent öffnete und trat mit herein. Jener eigentümliche, die Krankenhäuser durchwehende Duft kam Wilfried entgegen; ihm nicht befremdend: das war hier immer so. Und wie immer in den Abendstunden war das große Gemach nur sehr spärlich beleuchtet von einer großen Ständerlampe, deren Schein hell nur über das Tischchen fiel, auf dem Frau Lent ihre Handarbeit liegen hatte und das Buch, aus dem sie gerade der Gebieterin vorlas. Da, wo der Lichtschein bereits in Schatten überging, der Rollstuhl, in welchem Antoinette die paar Stunden des Tages verlebte, die sie nicht im Bett zubrachte. Während Frau Lent, nachdem sie ein paar Worte mit der Kranken geflüstert, das Gemach nach einem zweiten Zimmer verließ, war Wilfried an den Rollstuhl getreten, aus dessen Kissen sich ihm eine kleine weiße Hand, wie eines Kindes Hand, entgegenstreckte; und ein Stimmchen, dessen ursprünglich süßen Klang der arg verzogene Mund, aus dem es kam, nicht völlig hatte auslöschen können, sagte: Willkommen, mein lieber, lieber Wilfried! Er hatte die kleine Hand der zur Zwergin Verkrüppelten mit größerer Ehrfurcht geküßt, als der Knabe von siebzehn Jahren die der zauberisch schönen, anmutvollen schlanken Frau. Immer galant! Ja, das haben wir so im Blut. Nun setze Dich, lieber Junge! Wilfried nahm auf dem Sessel Platz, den Frau Lent für ihn an den Rollstuhl gerückt hatte. Die unaufmerksame Person, sagte Antoinette lächelnd; nicht die mindeste Rücksicht nimmt sie auf meine Eitelkeit! 304 Nun muß ich Dir gerade die minder schöne Hälfte meines Gesichts zukehren. Das verzerrte Gesichtchen war so klein; mit einer Hand konnte man es bedecken. Du weißt, daß Du für mich immer schön bist, Tante Antoinette, sagte Wilfried. Wie das Kind für die Mutter. Ach, Wilfried, wieviel Frauenhaftes ist in Deiner Seele! Viel zu viel für die arge Welt! Dieser Überschwang ist der einzige Fehler, den ich an Dir habe entdecken können. Weil Du mich eben mit Mutteraugen siehst. Ich kann Dir versichern: andre sehen mich anders. Du hast Verdruß gehabt mit Tante Adele? Woher weißt Du es? Aus einem kuriosen Brief, den ich heute morgen von ihr hatte. Du weißt, sie besucht mich schon längst nicht mehr: die eingeschlossene Luft in meinem Zimmer verursacht ihr immer einen asthmatischen Anfall! Lieber Himmel! schon als wir zusammen Klosterschülerinnen waren, machte sie um den Raum, in dem eine Kranke lag, einen möglichst großen Bogen! Was in dem Briefe steht? Überschwengliche Phrasen untermischt mit Versen, ich glaube, aus der Natürlichen Tochter, von »zum großen Leben gefugten Elementen, die sich nicht wechselseitig mehr mit Liebeskraft umfangen wollen«, und mehr der Art, aus dem ich nur herausgelesen habe, daß zwischen Euch eine starke Differenz entstanden ist. Im ersten Augenblick wollte ich lachen; dann, ich will es Dir gestehen, überkam mich eine große Sorge; eine Sorge, die längst nicht von heute herrührt, die mir Euer Verhältnis von jeher eingeflößt hat. Ihr seid so von Grund aus verschiedene Naturen: Du wahr bis in den innersten Kern Deines Wesens; sie nicht eigentlich falsch, aber in sich bis zur Narretei verliebt, ihre Empfindungen wechselnd, wie eine Komödiantin ihre Rollen, ohne eine Spur von heiliger Ehrfurcht vor der Wahrheit, wie alle, die im Geist immer nur vor sich 305 selbst knieen. Ich habe mir stets gesagt: diese beiden Menschen können keinen Bund auf ewig flechten; es muß einmal zu einem Konflikt kommen, der die Unnatur ihrer Verbindung aufdeckt. Es hat mir keine Ruhe gelassen; und als ich von meiner guten Frau Lent hörte, Du werdest heute abend unten erwartet, konnte ich dem Verlangen nicht widerstehen, Dich zu sehen, zu sprechen. Bitte, Wilfried, sag' mir, was ist das zwischen Euch? Vielleicht sorge ich mich ohne Grund, aber ich fürchte: ich thue es nicht. Wie schwer es Wilfried ankam, er durfte der gütigen Freundin ihren Wunsch nicht unerfüllt lassen. So schilderte er ihr denn den verhängnisvollen Montag Abend in Tante Adeles Goethekränzchen; teilte ihr den Inhalt des Briefes mit, in welchem sie ihm die Abbitte bei ihrer Gesellschaft zumutete, die er ablehnen mußte; von den warnenden Briefen des Justizrats und Friederikens zu sprechen, konnte er sich nicht überwinden. Und gar über dem, was er eben unten von Arthur erfahren, blieben seine Lippen verschlossen. Als er den jungen Bankier in der Annahme bestärkte, daß es sich dabei um ein Mißverständnis handle, hatte er sich nicht seiner, sondern Tante Adeles geschämt, die eine Sache, welche doch nur sie beide anging, der Diskretion dritter – und welcher dritter! – preisgab. Dafür mußte er wieder die traurige Thatsache seiner Entlobung eingestehen: es war undenkbar, daß in diesem Hause, welches mit tausend Ohren in die Welt hinaushorchte, ein der Skandalsucht so willkommenes Ereignis lange verborgen blieb. Nur von seiner Liebe schwieg er auch jetzt, und von dem Entsetzlichen, das dem geliebten Mädchen drohte. Der Bruder, den sie liebte, zum gemeinen Dieb geworden! Es war nicht auszudenken. Er hatte seine ganze Kraft zusammennehmen müssen, mitten in seiner Erzählung nicht in den Jammer auszubrechen, der sein Herz erfüllte, und ihn die schwere 306 Kränkung, die er von Tante Adele erfahren, kaum empfinden ließ. Das ist eine böse Zeitung, sagte Antoinette, als er seinen Bericht beendet hatte. Ich weiß von der lieben Friederike, die mich oft besucht, und an der Du eine treue Freundin hast, daß Deine Tante in der letzten Zeit immer mehr unter den Einfluß der Wiepkenhagen geraten ist, das heißt: den schlechtesten, unter den sie geraten konnte, die immer ihre Entschlüsse, Urteile, Gedanken und Empfindungen von anderswo entlehnen mußte, sei es nun von Büchern, oder von Menschen. Im weltlichen Sinne, lieber Wilfried, ist die Lage, in die Du da geraten scheinst, vielleicht schon geraten bist – ich wiederhole es – eine sehr böse; von einem höheren Standpunkt freilich müßte man Dir Glück wünschen. In dem Maße, daß Leben und Schicksal den Menschen auf sich selbst verweisen, auf das, was ihm keine Macht der Welt nehmen kann: den Kern seines Wesens, seine allereigenste Persönlichkeit, sein wirkliches Ich – in dem Maße wird er der freie Mensch, der jeder sein sollte, und doch ach! so wenige sein können. Mir hat das Schicksal alles genommen, was sonst den Menschen an das Leben fesselt, ihm das Leben lebenswert erscheinen läßt. Ich war einst jung, schön, gesund; jetzt bin ich alt, dem Ansehen ein Greuel, von Schmerzen Tag und Nacht gefoltert. Das bißchen Liebe, das mein Gatte für mich übrig hatte, habe ich längst verloren; die Liebe meiner Kinder besaß ich nie. Und doch, böte man mir für den Frieden, zu dem ich mich durchgerungen, eine Welt der Herrlichkeit – ich würde sie heute lächelnd von mir weisen. Aus den tief in ihre Höhlen gesunkenen Augen leuchtete ein wundersamer Glanz. Sie schwieg ein paar Momente und fuhr, leiser als vorher sprechend, fort: Die Lehre der Entsagung erscheint Euch jungen Menschen herb; wohl gar unnatürlich. Für Euch Männer ist sie es auch vielleicht, und nur für uns Frauen das 307 rettende Asyl, wenn man uns alle anderen Waffen zum Kampfe mit der Welt geraubt hat. Ich darf Dir nicht wünschen, mein Wilfried, daß Du je in die Lage kommst, zu ihm Deine Zuflucht nehmen zu müssen. Wäre es aber doch der Fall, schäme Dich nicht, es zu betreten. Die Welteroberer sind gewiß ein stolzeres Geschlecht als die Weltentsager; und doch hat er, der der Welt entsagte, die Welt erobert. So glaubst auch Du, Tante Antoinette, daß kein Heil ist, außer in Christus? Sie blickte mit ihren glänzenden Augen an ihm vorüber in das Zimmerdunkel und sagte nach einer kleinen Pause: Das Heil? das wahre? das ist nirgend sonst, nur in Nirwana. Die Getreue hatte bereits seit einer Minute in der Nähe gestanden. Jetzt war sie vollends herangetreten, rückte an den Kissen, die sich verschoben hatten, und machte Wilfried ein Zeichen. Wilfried erhob sich. Schon? sagte die Kranke. Aber freilich: länger gewährt mir die Grausame solche Freude nicht. Nun denn, mein Wilfried, kehre zurück zu Deinem vanity fair ! Daß Du über seinem Trubel mich nicht vergessen wirst, weiß ich. Wilfried küßte die herabhängende zarte Hand. Antoinette winkte ihm noch einmal mit den milden Augen und sank erschöpft in die Kissen zurück. Von Frau Lent bis zur Thür begleitet, verließ er das Gemach. * * * Während der Stunde, die er oben bei der Dulderin verbrachte, hatte unten das Fest seinen Fortgang genommen. Nicht ganz nach dem von Else entworfenen Programm. Danach sollte aus dem dritten der Tänze, dem 308 Blumenwalzer, ihre schöne Cousine als Königin hervorgehen, um dann im Triumph von der ganzen Gesellschaft durch den Garten zu ihrem Thron geleitet zu werden. Aber bereits in der Pause zwischen dem ersten und zweiten Tanz, einer Quadrille à la cour , war Chlotilde aus dem Ballsaal verschwunden. Ein Diener wollte das gnädige Fräulein vor fünf Minuten mit dem Taschentuch vor dem Gesicht über den unteren Flur die Treppe hinauf haben gehen sehen. Else eilte selbst nach oben und fand sie unter den Händen ihrer Fifi in einem Zustand, der von Weinkrampf nicht weit entfernt war. Auf ihr Bitten und Flehen, zu sagen, was denn nur um Himmels willen geschehen sei? kam zuerst keine Antwort und dann mit einer Leidenschaftlichkeit, die sie der Lässigen niemals zugetraut hätte: der, mit dem sie hätte tanzen wollen, sei gegangen, und mit dem andern wolle sie nicht tanzen. Mit ihm nicht und mit keinem sonst. Überhaupt sei das Leben scheußlich; sie habe es satt und sie wolle sterben. Dies unter vielem Schluchzen in stoßweisen, kaum verständlichen Worten, während Fifi mit ihrer schrillen Stimme dazwischen rief: Oh, mon dieu! mon dieu! vous l'avez entendu: elle veut mourir! elle veut mourir! Et vous, cruels Allemands, vous l'avez tuée. Else wußte nicht, ob sie lachen oder wütend werden sollte. Zeit sich darüber zu entscheiden, hatte sie nicht. Unten wartete die Quadrille auf sie. Den Trost, daß Wilfried wiederkommen werde, – wen anders als ihn konnte Chlotilde meinen? – vermochte sie der Verzweifelten nicht zu spenden, da Arthur ihr von dem Besuch, den jener in dem andern Flügel des Hauses der Mutter abstattete, nichts gesagt hatte, und sie ebenfalls annahm, er habe die Gesellschaft bereits verlassen, wie er denn auch sonst sich früh zu entfernen pflegte. Das Fest war freilich Chlotilde zu Ehren arrangiert; aber es war nun einmal im Gange, und wenn sie die verlassene Elvira tragieren 309 und nicht weiter mitspielen wollte, in einem vollständigen Fiasko enden durfte es nicht. Mit den Worten: hoffentlich kommst Du wieder zur Vernunft und nach unten. Ich kann nicht länger an Dir herumtrösten, eilte sie zum Zimmer hinaus, die Treppe hinab, in den Ballsaal zurück. Dort hatte sich die Quadrille, die bereits halb formiert war, wieder aufgelöst. Weshalb auch noch erst die Quadrille, da alle Welt ins Freie begehre? Man möge doch nur gleich den Blumenwalzer folgen lassen und damit Schluß! Es war Arthur, der das halb vorgeschlagen, halb dekretiert hatte. Er fand allgemeinen Beifall. Auf Elses Erklärung, daß Chlotilde sich infolge eines nervösen Anfalls, hoffentlich nur auf kurze Zeit, habe zurückziehen müssen, achtete kaum einer. Der Blumenwalzer, für den sich schon jeder Herr seine Dame gesichert hatte, – Else tanzte ihn mit Falko, Frau von Haida mit Bronowski – nahm nach den Klängen der »Blauen Donau« seinen Anfang. Es wurde rasend getanzt. Als dann einem schon vorher erwählten Schiedsgericht von drei Herren die Damen ihre erhaltenen Bouquets auslieferten, durfte Frau von Haida einen glänzenden Sieg feiern; selbst Else konnte kaum die Hälfte der Bouquets zur Strecke bringen, wie der von dem Offizierskreise lancierte, mit jubelndem Beifall aufgenommene Ausdruck lautete. Nun unter Vorantritt der Musik, die den Tannhäusermarsch spielte, Umzug durch den inzwischen bis in die fernsten Ecken und dichtesten Bosketts festlich erleuchteten Garten. An der Spitze des Zuges vier der jüngsten Damen, die aus großen Körben Blumen auf den Weg streuten für die Königin, welche ihnen an der Hand Bronowskis folgte. Hinter der Königin paarweise die lange Schar der Gäste: phantastische, abenteuerliche Erscheinungen: die Herren kleidsame Papierbaretts, mit denen sie bereits den Blumenwalzer getanzt hatten, auf den Köpfen; die Damen mit 310 bunten Shawls und Tüchern, schwarzen und weißen Schleiern aus Elses auf ihren Reisen sammelwütig zusammengebrachten Garderobestücken wunderlich ausstaffiert. Endlich Installierung der Königin auf ihrem Thron, einem vergoldeten, mit Blumen umwundenen Rokokoprachtstück aus der Sammlung des Kommerzienrats, unter einem rotseidenen Baldachin; rechts und links die vier Ehrenjungfrauen. Bengalische Beleuchtung; mächtiger, wiederholter Tusch der Musik. Vorüberdefilieren der Gesellschaft am Thron unter tiefen Verbeugungen der Herren und Hofknixen der Damen, von der Königin mit anmutvollen Neigungen des mit einer Krone geschmückten Hauptes erwidert. Sie hatte ihrem Kavalier Bronowski gewinkt, war an seiner Hand die Stufen hinabgestiegen. Im Nu war der Thron verschwunden. Da, wo er geprangt, stand die anmutig schlanke Gestalt Sandners. Es bedurfte auch keines Geringeren, um in diesem Stadium die Aufmerksamkeit der Gesellschaft noch einmal auf einen Punkt zu sammeln, und so hatte man auf die projektierte Mitwirkung der Sängerin verzichtet. Aber Sandner, wo und wann auch immer sein feines, geistreiches Gesicht erschien, durfte der Wirkung sicher sein. Wie vorhin die Königin von den Herren angejubelt war, so jetzt der interessante Mime von den Damen. Des tollen Klatschens, des frenetischen Bravorufens, bevor er noch ein Wort gesprochen, wollte schier kein Ende nehmen, bis er, mit einer großen Geste den rechten Arm ausstreckend, die hochgehenden Wogen des Enthusiasmus seiner Verehrerinnen, wie mit einem Zauberschlage, bändigte und dem Sturm lautlos tiefe Stille folgte. Und nun der vibrierende Klang seiner Wunderstimme die schweigenden Räume des Gartens bis in ihre Tiefen füllte. Nichts Sentimentales heut, keine Carlos- und Romeotöne: kecke Reiterstücke Detlevs von Liliencron, wie Fanfaren schmetternd; drollige Schwänke Heinrich Seidels, Peter Roseggers, wie Schellengeklingel eines übermütigen 311 Schalks; und dann: Als Schluß, meine Herrschaften, von einem Autor, der nicht genannt sein will: Der Salonsocialist.         Ich wär' so gerne waschecht demokratisch Mit einem kecken Stich ins Sociale. Da glaubt man doch noch an das Ideale (Die Anarchisten sind mir zu fanatisch); Da redet man mit Herzton noch, emphatisch; Da gilt der biedre Kern noch, nicht die Schale; (Wer andrer Meinung ist, fliegt aus dem Saale) Nur eines bleibt mir äußerst problematisch: Den schnöden deutschen Sekt, ich trink' ihn nie; Ich rauche nur Cigarren fraglos echt; Mein Rock nach neuestem Schnitt zu jeder Frist. So irr' ich, ach! durch die Demokratie, Wo einem billig, was dem andern recht, Als putziger Salonsocialist. Das Sonett erntete einen ungemessenen Beifall; und wirklich war der Vortrag meisterhaft gewesen: im decent schnarrenden Tone eines jungen, vornehmen Herrn, der durchaus nicht weiß, was er will. Und der Inhalt! Nachdem bereits die Morgenblätter kürzere, die Abendblätter ausführliche Berichte über die Versammlung im Handwerkervereinssaale, zum größten Teil mit voller Nennung von Wilfrieds Namen, gebracht hatten, wußten wenigstens von den Herren jeder und von den Damen nicht wenige, auf wen die Satire einzig und allein gemünzt sein konnte; und da der Getroffene jedenfalls bereits die Gesellschaft verlassen hatte, brauchte man seiner Schadenfreude keinerlei Zwang aufzuerlegen. Nur Falkos Stirn hatte sich verdüstert und er murmelte zu Else, die an seinem Arm hing, ein ärgerliches: das ist aber stark! worauf Else lustig erwiderte: Ach was! heute abend wird geulkt! Und geliebt, flüsterte Falko. 312 Und geliebt, flüsterte Else, zärtlich seinen Arm drückend. Es schien nicht nur die Parole dieses Paares. Andere Paare in immer größerer Zahl fingen an die Gartengänge zu durchschweifen, in eifrigem, heimlichem, galantem, leidenschaftlichem Geplauder. Lautes Gelächter und Jubilieren von der Pergola her, in der auf langem Tische ein üppiges Büffett improvisiert war, mit einem Bierschank an dem einen, einem Sektschank an dem andern Ende. Dazwischen die bald heiteren, bald sentimentalen Weisen der Kapelle von der Estrade, auf der vorhin der Thron der Königin gestanden. Ulk und Liebe, ganz nach Elses und Falkos Begehr, feierten ihre Triumphe. . . . Unterdessen schritt die lange Tiergartenstraße nach dem Westen der Stadt zu Wilfried, das Herz voll banger Sorge um das geliebte Mädchen, das jetzt vielleicht, wie alle Welt, das Verbrechen des Bruders erfahren hatte, es sicher morgen erfahren würde. Dagegen wollte alles, was sich zudrängte, weit zurücktreten. Auch die Verhöhnung, mit der ihn die Gesellschaft gekennzeichnet. Er hatte sie mit angehört, als er, von oben kommend, durch den leeren Ballsaal in den Garten getreten war, sich wenigstens von den Damen des Hauses zu verabschieden, besonders von Chlotilde, die durch die Liebenswürdigkeit, die sie für ihn während der Tafel gehabt, wohl ein freundliches letztes Wort verdiente. In dem dichten Schwarm, der sich um das Podium scharte, auf dem der Recitator stand, konnte er die Damen nicht entdecken. Er wollte warten, bis der Mann da oben geendet und der Schwarm sich löste. Da, während er, etwas abseits von der Menge, im dichten Schatten eines Bosketts des Schlusses der Scene harrte, war das mit erhobenem Ton gesprochene Wort »Salonsocialist« an sein Ohr geschlagen; es war ihm weiterhin 313 kein Wort des Spottgedichtes entgangen; keinen Augenblick war er zweifelhaft gewesen, daß ihm der Spott gelten sollte, und Frau von Haida den Krieg, den sie ihm erklärt, in ihrer Weise mit vergifteten Pfeilen weiter führte. Vor der Tafel im Gedränge waren sie mit stummen, kühlen Verbeugungen aneinander vorübergeglitten; jetzt hatte er sie in der Nähe des Podiums stehen sehen, umgeben von den Offizieren, die den »Salonsocialist« wütend beklatschten. Es war das Letzte gewesen, was er sah und hörte. Dann, während die dichtgescharte Gesellschaft, sich auflösend, tiefer in den Garten strebte, hatte er das Haus mit wenigen Schritten wieder gewinnen und es, nur von ein paar Dienern bemerkt, verlassen können. Mochten sie ihn Salonsocialist höhnen! Was hatte er mit ihnen zu schaffen? Sie verstanden einander nicht: sie nicht ihn, der ein Herz hatte für das Elend des Volkes; er nicht sie, die das Mark des Volkes in sinnlosen Schwelgereien verpraßten. Hatte er denn nicht recht, zehnmal recht, an den blinden Sklaven zu mahnen, der in grimmem Zorn die Säulen brach des Hauses, in dem sie tanzten den Tanz der übermütigen, hohnlachenden Sieger? Hermann Schulz war ein Dieb; aber wen hatte er bestohlen? Die nach seiner, auf lange und scharfe Beobachtung gestützte Überzeugung selber Diebe waren, nur innerhalb der Grenzen von Gesetzen, die sie selber gezogen hatten, weit genug, um in dem eingefriedigten Gebiet ihre Raubzüge ungestraft nach allen Richtungen ausführen zu können! Salonsocialist! Er, der in diesem Augenblick den Anarchisten zu verstehen glaubte und seine Wut der Zerstörung einer Welt der brutalen Ungerechtigkeit, damit aus ihren Trümmern eine der Gerechtigkeit erblühen könne. Salonsocialist! Nun denn, war er es gewesen, er hatte heute abend seine letzte Rolle in der Maske gespielt. Tante Adele wußte, was ihm not that. Sie riß ihm den Rock nach dem neuesten Schnitt vom Leibe, sperrte ihm den 314 Kredit bei Bielefelder und Sohn und den echten Sekt und die echten Cigarren. Salonsocialist! Sonderbar! er hatte die Spottverse doch nur eben einmal gehört, und er meinte, er könne sie hersagen vom ersten bis zum letzten Wort! Und in der Stimme und mit den Gebärden des berühmten Mimen! Hatte der Pfeil doch eine offene Stelle getroffen und eine blutende, schmerzende Wunde gebohrt? Gewiß. Aber er würde an dieser Wunde nicht sterben. Darin hatte sich die mitleidlose Feindin und ihre beifallklatschenden Freunde verrechnet. Er würde den Pfeil aus der Wunde reißen. Und die Wunde würde sich schließen; die schwache Stelle stark und fest werden. Wie anders konnte er auch hoffen, daß sich das geliebte Mädchen je zu ihrer Liebe bekennen würde. Sie schauderte vor dem Aristokraten. So denn weg mit dem Aristokraten! Weg mit der Aristokratie! Weg mit dem Salonsocialisten! Er stand in seinem eiligen Gange still, klopfenden Herzens. In dem nächtlichen Walde zu seiner Rechten hatte eine Stimme, wie die des Schauspielers, etwas gerufen: ein einziges Wort; und das Wort hatte geklungen wie Salonsocialist. Er atmete tief auf. Den Spuk will ich bannen, sagte er, jetzt langsamer weiterschreitend. * * * Zunz war nicht wenig erstaunt, als sein Herr an diesem Morgen nicht ausritt. Das Wetter war wunderschön, und so spät war der Herr Graf von der Gesellschaft gestern abend doch auch nicht nach Haus gekommen. Aber wie sehr erschrak er, als der Herr Graf, der bereits seit zwei Stunden in seinem Arbeitszimmer war, wohin er ihm auch den Morgenkaffee hatte bringen müssen, 315 ihn hereinrief und ihm sagte, daß er sich nach einem anderen Dienst umsehen möge. Von einer Unzufriedenheit mit seinen Leistungen sei keine Rede; er habe nie einen aufmerksameren Diener gehabt, und das werde er ihm in sein Dienstbuch schreiben. Aber er werde in Zukunft keinen Diener mehr halten, vielmehr halten können, da seine Verhältnisse sich wesentlich verschlechtert hätten. Er glaube das ausdrücklich sagen zu müssen, damit Zunz in der Entlassung nicht eine unverdiente Kränkung sehe. Während der Herr in seiner freundlich ruhigen Weise so sprach, hatte Zunz Zeit gehabt, sich von seinem ersten Schrecken zu erholen. Die Vorstellung: der Herr Graf wolle sich ohne Diener behelfen, war so kurios, er hätte fast die Unschicklichkeit begangen und geradeheraus gelacht. Selbstverständlich durfte er sich nur die Andeutung eines Lächelns erlauben, und eine kurze drastische Schilderung der Lage, in die der Herr Graf ohne Diener geraten würde. Und als er zu seinem Erstaunen wahrnahm, daß die gehoffte Wirkung bei dem Herrn Grafen ausblieb, seine Miene vielmehr noch ernster und entschiedener wurde, machte er einen letzten, bereits halb verzweifelten Versuch, seine bedrohte Position zu halten: Er habe während der zwölf Jahre, die er nun bei dem Herrn Grafen diene und alles so reichlich, und persönliche Ausgaben so gut wie gar nicht gehabt, so viel auf die Sparkasse getragen, daß er gut und gern auf den halben Gehalt, ja, auf den ganzen verzichten könne, wenn der Herr Graf ihn nur nicht wegschicken wolle. Für den Augenblick wurde er in seiner Rede durch ein Klingeln an der Flurthür unterbrochen. Es war der Depeschenbote mit einem Telegramm für den Grafen. Er brachte es ihm herein. Der Graf erbrach es in seiner Gegenwart und sagte, wie Zunz schien, in einem etwas gepreßten Ton: Der Fürst kommt, anstatt morgen abend, schon heute zu derselben Stunde. Und was ich noch bemerken wollte: 316 ich werde mit ihm über Sie sprechen. Vielleicht, daß er Sie placieren kann. Sie blieben dann in der Familie und vertauschten nur einen vielleicht nicht schlechten Herrn mit einem zweifellos guten. Dabei winkte er, daß Zunz nun gehen solle. Zunz ging, nur halb getröstet. Er setzte sich wieder an seine Arbeit. Die frühere, übrigens nicht weiter motivierte Ankunft des Bruders war für ihn nur eine Nötigung mehr, über seine Lage zur vollen Klarheit zu gelangen. Daß er fortan auf sich selbst angewiesen sei, stand für ihn fest; ja, daß, wenn die Verhältnisse es nicht wollten, er es wollen müsse. Aber die Verhältnisse wollten es unbedingt. Tante Adele würde sich aus eigner Kraft niemals zu dem Entschluß, ihn in Stich zu lassen, aufgeschwungen haben, mochte sie sich persönlich noch so tief von ihm verletzt glauben, hätten ihn nicht andre ihr abgerungen, deren Feindschaft gegen ihn unerbittlich, und in deren harten Händen die schwache Frau weiches Wachs war. Daß die Kränzchen-Frage nur den Anstoß, seine Entlobung und sein Auftreten in der Versammlung den Ausschlag gegeben habe, war für ihn ebenso gewiß, wie die Unmöglichkeit, in einem dieser drei Punkte auch nur um Haaresbreite zurückweichen zu dürfen. Und war in Zukunft eine Aussöhnung denkbar, konnte sie nur eine moralische, keine materielle Wirkung haben. Nie wieder einen Pfennig von Tante Adele – an dem Entschluß war nicht zu rütteln. Was das aber für ihn bedeute, darüber hatten ihn eben seine Wirtschaftsbücher belehrt, die er, seitdem die Studentenjahre hinter ihm lagen, nicht mit kaufmännischer Genauigkeit, doch für einen Privatmann sorgfältig genug geführt hatte. Er glaubte, ohne Verschwendung, eben nur anständig, standesgemäß gelebt zu haben, und erschrak, als er nun die Summen zusammenrechnete, die er durchschnittlich in gleicher Höhe, Jahr um Jahr verbraucht: der Referendar bereits das Gehalt eines Geheimrats; der Assessor das eines Ministers! Zunz hatte schon recht: ganz leicht 317 würde es ihm nicht werden, mit der kurzen Decke zu reichen, wie mit der langen. Und wie kurz sie werden würde, wenn er sie sich mit eigenen Händen zuschneiden sollte, war vorläufig nicht abzusehen; aber eben deshalb eine Frage, deren Beantwortung der Zukunft vorbehalten bleiben mochte. Erst einmal mußte Rat geschafft werden für das, was sich ab- und übersehen ließ. Von dem Gelde, das er am Montag von der Bank gehoben, hatte er noch so viel, daß er die praenumerando zu zahlende Wohnungsmiete berichten konnte, im Fall sich nicht ein anderer fand, der, mit Genehmigung des Wirts, in seinen Kontrakt trat. Auch für einige kleinere Ausstände blieb ein Rest, während freilich ein paar größere Rechnungen erst beglichen werden konnten, wenn wieder Geld in der Kasse war. Und die Kasse mußte wieder gefüllt; es mußte ein Fonds herbeigeschafft werden, und der nicht unansehnlich sein durfte. Hatte er doch die Sorge für die ganze Familie Schulz übernommen: für den Bruder in Doktor Brandts Klinik, für Elise in der Pension bei Pfarrer Römer; für ihre Eltern und – mein Gott! für sie selbst, mochte ihr Stolz sich noch so sehr dagegen sträuben. Er hatte zusammengerechnet, wieviel das zusammen für das Jahr ungefähr betragen möchte – eher etwas mehr als weniger; dann die Summe mit zehn multipliziert – der Zahl der Jahre, für die nach seiner Ansicht unbedingt Sorge getragen werden mußte. Nun galt es, diese immerhin nicht unbedeutende Summe aufzubringen. Soviel er auch sann, er sah, zu dem Ziele zu gelangen, nur den einen Weg: er mußte, was er besaß, verkaufen. Und er machte sich daran, ein Inventar seines Besitzes aufzustellen. Das Notizbuch in der einen, den Bleistift in der andern Hand durchwanderte er langsam seine Räume, mit dem Empfangszimmer beginnend. Von seiner dort aufgestellten Gemäldesammlung wußte er, da er sie erst in 318 den letzten Jahren zusammengebracht hatte, noch so ziemlich den Preis jedes einzelnen Bildes. So klein die Sammlung schien, es ergab sich eine recht beträchtliche Summe. Schwieriger erwies sich in dem Arbeitszimmer die Schätzung seiner Bibliothek. Zwar die Rechnungen über die Ankäufe der späteren Zeit hatte er vorhin bereits zusammengestellt, und der Betrag war leicht zu buchen. Aber er war schon als Student ein eifriger Büchersammler gewesen und hatte, da ihm die Mittel überreichlich zur Verfügung standen, sich in den Besitz kostbarer und seltner Ausgaben setzen dürfen. Hier wurde eine genauere Taxation unmöglich; er mußte sich schließlich mit einem annähernd zutreffenden Pauschale begnügen, welches wiederum eine Ziffer ergab, über deren Höhe er erstaunt war. Und dies Erstaunen steigerte sich fast zum Schrecken, als er die durch alle Räume zerstreuten Kunstgegenstände zu schätzen versuchte. Von seinen beiden großen Reisen: der einen nach Madeira durch Frankreich und Spanien, zurück über Tunis, Algier, Italien; der zweiten über Konstantinopel nach Palästina und Ägypten – welch zahllos interessante und wertvolle Sachen – Gefäße, Gewebe, Waffen, bric-à-brac aller Art – hatte er zurückgebracht! Daß ihm, dem zum diplomatischen Dienst in Aussicht Genommenen, die Regierung so bereitwillig Urlaub erteilt! seine Kreditbriefe so umfangreich gewesen! Weinen mögen hätte er jetzt darüber! Und doch, während er vor diesen Kostbarkeiten stand, eine und die andre in die Hand nahm, sinnend betrachtete, sich hier an der bizarren Form eines altägyptischen Amuletts ergötzend, dort die virtuose Technik einer Kamee aus der römischen Kaiserzeit, den hohen Geschmack eines Tanagrafigürchens bewundernd – welche Erinnerungen stiegen in seiner Seele auf! Erinnerungen an einzig schöne Tage, verschlendert, verträumt in den herrlichsten Gegenden der Erde, wahren Gottesgärten, da Palmen ihre Kronen über seinem Haupte wiegten, der Überschwang köstlichster Blumen die weiche Luft mit Wohlgeruch 319 füllte. An wundersame, in Einsamkeit, oder in Gesellschaft interessanter und liebenswürdiger Reisebekanntschaften verlebte Stunden auf dem Deck von Dampfern, der großen Dahabieh, die ihn Nilauf-Nilabwärts trug; unter den ehrwürdigen Trümmern der Prachtbauten dahingeschwundener Völker; in der polyglotten Gesellschaft internationaler Salons; in der hehren Stille der Alpenwelt, vor der Schutzhütte sitzend, wenn der Mond sich über die Bergriesen hob und ihre eisigen Stirnen in geisterhaftem Licht hochher auf ihn niederblickten. Mein Gott, mein Gott! wie war sie so schön die Welt! wie hatte er ihre Schönheit eingesogen mit allen Sinnen! in ihrer Schönheit geschwelgt! in tiefster Seele dankbar der Natur, daß sie ihn mit dieser Fähigkeit des Genießens ausgestattet; diesem heißen Drang, vor dem Schönen und Großen andachtsvoll das Knie zu beugen! Und wahrlich auch dem Geschick, das ihm die Not des Lebens fern hielt, ihn sich so ganz, so voll ausleben ließ! Und dem allen wollte, sollte er nun entsagen. Hatte er es sich denn wirklich redlich bedacht? sich ehrlich geprüft, ob er können würde, was er wollte? Die Haut abstreifen, von der Frau Brandt sagte, daß sie nicht abzustreifen sei, so sehnlich wir es vielleicht auch wünschen? Und gelang es ihm nicht, lief alles auf einen qualvollen, vergeblichen Versuch hinaus – Aber es mußte gelingen. Mußte! War dies doch der einzige Weg, sie sich zu erringen, die ihm jetzt die Quintessenz des Lebens, der Inbegriff all seiner Herrlichkeit war. Sie wußte sich vor ihrer Liebe sicher, solange er mit vollen Händen kam. Er würde vor sie hintreten und sprechen: Sieh hier! meine Hände sind so leer wie die Deinen. Wirst Du sie auch jetzt nicht fassen? mich nicht in Deine Arme nehmen wollen? Die elektrische Klingel von der Flurthür schlug an. Er stellte die römische Aschenurne, die er während dieses 320 Selbstgespräches achtlos in der Hand gehalten, unwillig beiseite. Was wollte die Welt schon wieder von ihm, der von ihr nichts mehr wollte? Schritte kamen über den Korridor. Die Thür wurde geöffnet. Falko, Zunz beiseite schiebend, trat herein. Morgen, Wilfried! Zunz sagt, Du seiest heute für niemand zu sprechen. Muß Dich aber sprechen. Habe einen ganzen Sack voll Neuigkeiten! Und was für welche! Zunz – Du verstattest doch? – schaffen Sie etwas tropfbar Flüssiges! Und dann machen Sie die Thür hinter sich zu! * * * Zunz hatte aus dem Büffett eine Flasche von Wilfrieds berühmtem Madeira nebst zwei Gläsern genommen, sie auf den Frühstückstisch gestellt und dann das Zimmer verlassen. Falko hatte den Moment kaum erwarten können. Er trat von einem Fuß auf den andern; seine Wangen brannten, seine Augen glitzerten. Nun lief er auf Wilfried zu, ergriff ihn an beiden Händen, die er krampfhaft preßte und rief in einer Aufregung, die ihm fast den Atem raubte: Gratuliere mir, mein Junge! Ich bin verlobt! Mit – rate einmal! Aber Du rätst es doch nicht: mit Else! Welcher Else? fragte Wilfried, dem der Vetter den Eindruck eines völlig Berauschten machte. Als ob es noch andre gäbe! Else, meine Else – Else Bielefelder! Herr Gott, wenn sie doch nicht Bielefelder hieße, oder wenigstens ein Von vor dem Namen hätte! Na, das hilft nun nicht. Stoß an! Ausgetrunken bis auf den letzten Tropfen! Er hatte eines der beiden Gläser genommen, das Zunz bereits gefüllt, und leerte es auf einen Zug. Zögernd that ihm Wilfried Bescheid. Aus! aus! rief Falko lachend. Ich sehe, Du glaubst mir nicht, hältst mich für verrückt. Hier, alter Sohn, 321 hier! Lies diesen Brief und schäme Dich! Rohrpost, wie Du siehst. In aller Herrgottsfrühe von ihr geschrieben, mir von meinem Kerl in die Kaserne gebracht. Himmel, wenn ich Dir sage, daß Du ihn lesen darfst! Wilfried nahm das Blatt. »Geliebter Falko! Ich soll Dir heute morgen versichern, daß Du es nicht geträumt hast, sondern ich wahr und wahrhaftig so thöricht bin, Dich rasend zu lieben. Hier hast Du es schwarz auf weiß. Heute, morgen und alle Tage. Deine Else.« Jetzt bist Du überzeugt! rief Falko stolz, das Blatt wieder in das Couvert steckend und in den Aufschlag des linken Ärmels schiebend, aus dem er es genommen. Ich muß wohl, erwiderte Wilfried. Aber wie ist es möglich? Veni, vidi, vici, wie der römische Kamerad zu sagen pflegte. Wenn Du das Genauere wissen willst, so gieb mir erst eine Cigarre! Sie raucht auch, hat sie mir gesagt. Herr Gott, wenn wir uns so beide beim Morgenkaffee gegenübersitzen, ich mit der Cigarre, sie mit ihrer Cigarette – es wird ein Leben, wie Gott in Frankreich. Hurrah! Stoß an! Else soll leben! Geliebter Junge! Dein Madeira – allerhand Achtung! Aber! »Dein Wohl, mein Liebchen« – das muß entschieden – möchtest Du nicht eine Flasche Sekt – Zunz wurde gerufen und hatte in kürzester Frist seinen Auftrag ausgeführt. Jetzt bei dem perlenden Weine, den Falko in vollen Zügen trank, erzählte er die Geschichte seiner Liebe, von der er schwur, daß sie ihresgleichen auf Erden nie gehabt habe, noch in alle Ewigkeit haben werde. Sich sehen und sich lieben, hinüber und herüber, das sei effektiv eines gewesen: der veritable coup de foudre – einfach phänomenal. Und siehst Du, alter Junge, dies horrende Glück 322 danke ich doch schließlich Dir. Hättest Du mir nicht die Einladung zu gestern abend verschafft – na, wer weiß! Vielmehr, es ist sicher – irgend ein Bankierssohn – mir wird ganz schlecht, wenn ich bloß daran denke. Und siehst Du, darum bin ich auch zuerst zu Dir gekommen. Wir sind und bleiben doch nun mal die besten Freunde, wenn Du auch Ebba, oder Ebba Dir – ich kann aus der Geschichte noch immer nicht klug werden, je nachdem ich sie von Dir, oder von den Alten und Ebba höre. So viel hab ich freilich weg: zu reparieren ist die Sache nicht. Ihr müßt Euch beide trösten. Und alter Sohn, ich habe einen Trost für Dich. Weißt Du, daß Du nur die Hand auszustrecken brauchst und Du hast eine Frau, für die sich andere zehnmal die Hälse brechen würden? Und so was wie verschwägert würden wir bei der Gelegenheit auch noch. Mensch, hast Du denn gar nichts gemerkt? Ich habe keine Ahnung, wovon Du sprichst, Falko. Daß Chlotilde Bielefelder rasend in Dich verliebt ist? Du träumst. Hat sich was zu träumen! Pure, veritable Wahrheit. Auf mein Ehrenwort! Else ist zweimal oben bei ihr gewesen, nachdem sie schon nach dem Rheinländer weggelaufen war, um ihn nicht mit Rentlow tanzen zu müssen. Beim zweitenmal hat sie zu Else gesagt: sie müsse sterben und sie wolle sterben, wenn Du sie nicht wieder liebtest. Noch einmal: alles auf Ehrenwort! Mensch, stoße Dein Glück nicht von Dir! Wenn Tante Adele nicht wieder Vernunft annimmt, was sie nach Aussage der Wiepkenhagen entschieden nicht thun wird, und Du nicht zu Kreuze kriechst, wozu Du verdammt wenig Talent hast, so sitzst Du auf dem Trocknen, alter Sohn; und wie scheußlich sich das da sitzt – na! davon weiß ich einigermaßen mitzusprechen. Und Du, der keine blasse Ahnung davon hat, wie schauderhaft der Blick in ein leeres Portemonnaie ist! 323 Siehst Du, ich liebe Else so, ich würde sie heiraten, wenn sie keinen Pfennig – na, heiraten könnte ich sie dann nicht, und man soll den Teufel nicht an die Wand malen. Aber Chlotildes Vater, sagt Else, ist noch viel reicher als ihr Vater, und sie ist das einzige Kind! Sage und schreibe: das einzige Kind! Es handelt sich schlechterdings um, ich weiß nicht, wie viele Millionen, die Dir auf dem Präsentierteller angeboten werden! Und – nicht wahr, Du nimmst es mir nicht übel? – Dem Demokratismus, Socialismus, oder wie das Zeug heißt – das ist doch, mit Deiner Erlaubnis, nicht Dein Ernst; ist doch bloßer Sport – bißchen kurios, gebe ich zu, für einen von uns; aber Du warst immer ein Original. Mag ja wohl auch ein Spaß dabei sein, wie beim Opiumrauchen, obgleich ich nicht weiß, wo er steckt. Nur das wirst Du mir doch nicht einreden wollen, daß Du den Blak au sérieux nimmst. Ein Falkenburg und Socialdemokrat! Ist ja lachhaft; positiv lachhaft! Hab' das gestern abend auch den Kameraden gesagt, und daß ich mir dergleichen Ausfälle, wie – Falko brach verlegen ab. Wie »der Salonsocialist, Gedicht von Frau von Haida, vorgetragen von Herrn Hofschauspieler Sandner,« ergänzte Wilfried ruhig. Aber woher weißt Du denn? Du warst doch – Noch nicht fort, wie Du siehst. Übrigens war das Sonett allerliebst und Sandner hat es vortrefflich gesprochen. Na, ich freue mich, daß Du es so nimmst. Soll ich vielleicht Sandner fordern? oder mich mit Frau von Haida schlagen? Dasselbe ungefähr, was ich Bronowski gestern abend sagte. Er meinte, Du dürftest es nicht auf Dir sitzen lassen. Meinte das der Herr Major? Vielleicht war es darauf angelegt, Wie gern ich ihm auch gefällig wäre – ich 324 habe wirklich Besseres zu thun. Aber auf Deine Angelegenheit zurückzukommen: hast Du denn schon mit Herrn Bielefelder gesprochen? Else wollte es nicht. Sie hatten gestern einen kolossalen Ärger im Geschäft gehabt. Denke Dir – Ich weiß. Na ja! Arthur Bielefelder sagte, Du kenntest die saubere Familie. Ist denn das wahr? Wilfried wurde die Antwort erspart. An der Flurthür war abermals geschellt worden. Zunz kam mit einer Visitenkarte, die er Wilfried präsentierte, dazu murmelnd: der Herr bittet dringend. Dr. jur. E. von Bösching, kgl. Polizei-Assessor, las Wilfried. Führen Sie den Herrn in das Empfangszimmer und bitten Sie ihn, Platz zu nehmen! Ich käme sogleich. Lästerhafte Störung! rief Falko ärgerlich. Wer hat es denn da so eilig, wenn man fragen darf? Jemand, den ich nicht wohl abweisen kann. Du mußt mich entschuldigen. Über Deine Angelegenheit sprechen wir demnächst ausführlich. Jetzt nur noch: halte sobald als möglich um Fräulein Else an! Du weißt: Goldfische sind sehr begehrt. Spaß! Als ob ich die Konkurrenz zu fürchten hätte! Else liebt mich. Fabelhaft, sage ich Dir. Du wirst den Besuch nicht schnell wieder los? Ich glaube, nein. Schade! Falko warf einen bedauernden Blick auf die Flasche, in der sich noch ein ansehnlicher Rest befand, und schenkte sich schnell sein Glas noch einmal bis an den Rand voll. Also: Schluß! Meinen besten Glückwunsch für Fräulein Else! Danke! danke! werde ausrichten. Morgen! Morgen! 325 Falko war davongeeilt; Wilfried begab sich in das Empfangszimmer. * * * Der Assessor von Bösching war ein guter Bekannter von Breslau her. Sie hatten dort als Referendare ein halbes Jahr zusammen bei der Regierung gearbeitet. Wilfried hatte ihn gern gehabt: – eine elegante Erscheinung, wie sie seinem ästhetischen Gefühl zusagte, mit den angenehmsten Formen; – und sich eine freundliche Erinnerung an ihn bewahrt. So fiel die gegenseitige Begrüßung trotzdem zwanglos, fast herzlich aus. Kurioses Wiedersehen das, sagte der Assessor, nachdem sie Platz genommen; nicht ganz so harmlos wie bei Hansen in dem lieben alten Breslau; aber tragisch wollen wir die Sache auch nicht nehmen, sagt mein Herr Chef, und sage ich auch, der ich speziell darum gebeten habe, mich mit der Mission zu betrauen. Keinen Dank, Graf! Selbstverständlich! Alte Kollegen. Also, Graf, Sie wissen, um was es sich handelt: Ihre Rede in der Versammlung vorgestern abend. Herr von Gronau – unter uns: ein unbequem heftiger Streber – hat Sie der Staatsanwaltschaft angezeigt. Der Staatsanwalt muß sich schlüssig machen, ob er öffentliche Anklage erheben will oder nicht. Das hängt, wie Sie wissen, von dem Resultat des Ermittlungsverfahrens ab, für das in unserem Falle der Staatsanwalt die Hilfe der Polizei in Anspruch nimmt. Es gilt also, den Sachverhalt aufzuklären. Ich denke, wir werden ihn so aufklären, daß der Herr Staatsanwalt seine schätzenswerte Thätigkeit andern Dingen zuwendet. Der Assessor lächelte, behaglich die Spitzen seines Schnurrbartes womöglich noch weiter nach oben zwirbelnd. Bitte, stellen Sie Ihre Fragen, sagte Wilfried ernst. Die Sie selbstverständlich nicht zu beantworten brauchen, 326 wenn Sie sich dadurch zu belasten fürchten müssen. Zuerst also: hatten Sie ein Manuskript? Ich habe völlig frei gesprochen; wußte in der That eine Minute vorher nicht, daß ich sprechen würde. Ausgezeichnet. So können wir uns die Haussuchung sparen, die zu nichts führen würde, und sind auf die Notizen des Wachtmeisters angewiesen, die der Mann allerdings auf seinen Diensteid zu nehmen bereit ist. Indessen, da läßt sich abwinken. Auf Gronaus Aussage legen wir so gut wie kein Gewicht, brauchen es wenigstens nicht: er hat notorisch ein Gedächtnis, wie ein großlöcheriges Sieb. Hier eine Abschrift der Notizen des Wachtmeisters. Würden Sie die Güte haben, einen Blick darauf zu werfen? Wilfried nahm das Blatt, las es aufmerksam und sagte, es zurückgebend: Soweit ich mich erinnere, hat der Mann, was ich gesprochen habe, wörtlich wiedergegeben. Soweit Sie sich erinnern! Verehrter Graf! Sie wissen, ich hatte und habe als Tischredner einigen Ruf. Aber am nächsten Morgen, keinen Schimmer. Höchstens die blasse Erinnerung an ein paar Phrasen, die so, aber auch anders gelautet haben können. Meine Erinnerung aber ist sehr deutlich. Ich wiederhole: ich erkenne in diesen Aufzeichnungen durchaus meine Rede wieder. Ich könnte die Lücken sogar unschwer ergänzen. Das fehlte noch gerade! Aber, Graf! Graf! Das heißt doch, sich dem Staatsanwalt recta in die Hände liefern! Ohne alle Not. Im Gegenteil! Sie sehen, daß uns alles daran liegt, die Sache zu vertuschen. Meinethalben? In erster Linie. Ein Graf Falkenburg, der mit dem Paragraph hundertdreißig des Strafgesetzbuches in Konflikt gerät! Das geht doch nicht! Das geht bei Gott nicht! Wir haben mit den Socialdemokraten und dem Freisinn, 327 weiß der Deibel, schon unsere liebe Not. Wenn nun gar der Adel – es ist nicht auszudenken. Ein Novum – novum horribile . Und Herr von Egidy? Ach! diese sogenannte ethische Bewegung – die kann man doch nicht ernsthaft nehmen. Ich möchte aber durchaus ernsthaft genommen sein. Der Assessor entfärbte sich. Verzeihung, sagte er, den weltmännisch behaglichen Ton, in welchem er bis jetzt gesprochen, fallen lassend; das hat mein Herr Chef nicht vermutet, als er mich, anstatt einen untergeordneten Beamten, mit dieser Mission betraute; und wahrlich auch ich nicht, als ich sie mit Freuden annahm. Ich bedaure aufrichtig, erwiderte Wilfried, Ihrem Herrn Chef und Ihnen diese Enttäuschung bereiten zu müssen. Mein Gott, rief der Assessor fast heftig; von den Unannehmlichkeiten zu schweigen, die Sie sich auf diese Weise fraglos bereiten – Sie bringen uns da in die größte Verlegenheit. Die Sache wird oben auf das peinlichste berühren. Das vermeidet man doch, wenn es irgend möglich ist! Aber es ist nicht möglich, wenn Sie uns nicht entgegenkommen. Hätten Sie Ihre Rede im Reichstag gehalten – à la bonheur! Da schwatzen die Herren à tort et à traveres und sind überdies durch die verd– wollte sagen: durch die Immunität gedeckt. Oder auch nur in einer Adelsversammlung! Es hätte böses Blut gegeben, natürlich; aber man war unter sich; unter Verwandten muß ein freies Wort verstattet sein; einer und der andere hätte vielleicht sogar gemeint, es könne nicht schaden, sich mal die andere Seite der Medaille zu besehen. Aber in einer öffentlichen Versammlung, heutzutage, wo der Zündstoff überall bergehoch aufgehäuft ist; man gar nicht wissen kann, ob ein achtlos hingesprühter Funke nicht einen ungeheuren Brand erregt – das ist 328 doch nicht zu dulden; da müssen wir doch einschreiten, wir mögen wollen oder nicht! Ich begreife das vollkommen, erwiderte Wilfried; und bin Ihnen aufrichtig dankbar für Ihren guten Willen. Von meiner Überzeugung kann ich nicht abgehen. Ich habe sie einmal vor Hunderten ehrlicher Menschen ausgesprochen. Dabei muß es bleiben. Ich bin leider mit meiner Mission noch nicht zu Ende, sagte der Assessor, dessen Miene sich bei Wilfrieds letzten Worten stark verfinstert hatte und der jetzt den Beamtenton wieder scharf anklingen ließ. Ich habe Sie noch dienstlich nach Ihren Beziehungen zu der Familie Schulz zu fragen, deren eines Mitglied, wie Sie wissen werden, den kolossalen Kassendiebstahl bei Bielefelder und Sohn verübt hat; flüchtig geworden ist und bereits steckbrieflich verfolgt wird. Ich kann darauf nur erwidern, entgegnete Wilfried, daß meine Beziehungen zu der Familie noch keine Woche alt und die loyalsten von der Welt sind: die des Beschützers gänzlich verarmter, unglücklicher Menschen. Jede andere Auskunft muß ich verweigern, nicht, weil sie mich belasten würde, sondern weil, sie zu geben, ich mit meiner Ehre unvereinbar finde. So hätte ich meine dienstliche Obliegenheit erfüllt, sagte der Assessor, sich erhebend. Daß meine Mission nicht nach meines Herrn Chefs und meinem eigenen Wunsch ausgefallen ist, ist nicht meine Schuld. Sie werden mir das zugeben. Gewiß, sagte Wilfried, und ich wiederhole meinen aufrichtigen Dank für die liebenswürdige Weise, in der Sie sich Ihres, für Sie so wenig erfreulichen Auftrags entledigt haben. Die Herren standen bereits an der Thür. Der Assessor fingerte, wie unschlüssig, an seinem Hut und, den gesenkten Kopf mit einer entschiedenen Bewegung hebend, sagte er: Graf, wollen Sie sich von einem alten Bekannten und Kollegen, mit dem Sie seiner Zeit in bestem Einvernehmen 329 gelebt, einen Rat gefallen lassen? Nicht wegen der Affaire vorgestern abend! Das wird sich, muß sich applanieren lassen. An die Ernsthaftigkeit Ihrer Socialdemokratie kann man ja vernünftigerweise nicht glauben; glauben Sie ja selbst nicht. Nein! Die zweite Sache geht mir viel ärger durch den Kopf. Und da sage ich: geben Sie diese Beziehungen zu dieser Familie Schulz schleunigst auf! Ich bin nicht älter als Sie; aber – ich will mich dessen, weiß Gott, nicht rühmen – ich glaube, an gewissen Erfahrungen bin ich Ihnen eine lange Strecke voraus. Glauben Sie mir: in solchen liaisons ist man in neunundneunzig Fällen unter hundert der Düpe seiner gutmütigen Leichtgläubigkeit, und hat es hernach bitter schwer zu bereuen. Und diese Familie gar! Der Alte ist nur eben so noch am Zuchthaus vorübergestreift; der Sohn ein Dieb, der, wenn wir ihn haben, was ja nur eine Frage der Zeit ist, sicher ins Zuchthaus kommt; die eine Tochter steht schon seit Jahren unter Polizeiaufsicht. Die andre – Ist ein Mädchen, das jede Achtung verdient – jede! Und für deren Ehre ich mit meinem gräflichen Wort einstehe. Der Assessor hatte die größte Lust zu lachen. Aber ein Blick in Wilfrieds bleiches Gesicht und seine funkelnden Augen sagte ihm, daß er damit eine fürchterliche Scene hervorrufen würde. So denn erwiderte er ruhig, in seiner verbindlichen Weise: Wenn man jemand den besten Rat giebt, den man selber hat, will man ihn gewiß nicht kränken, oder gar beleidigen. Das wissen Sie, Graf. Nun also: auf Wiedersehen! Ich wünsche und hoffe zuversichtlich: bei einer freundlicheren Gelegenheit, als uns heute beschieden war. Er war gegangen, von Wilfried höflich bis zur Flurthür begleitet, wo sie sich mit einem Händedruck voneinander verabschiedet hatten. 330 In sein Arbeitszimmer zurückgekehrt, klingelte Wilfried und hieß Zunz, ihm einen Promenadenanzug zurecht zu legen. Mit fieberhafter Hast klappte er die Rechnungsbücher zusammen und warf sie mit den übrigen Papieren in den Schreibtischkasten. Das Inventarmachen hatte Zeit. Falkos Besuch; seine Verlobung mit Else Bielefelder; ob Chlotilde Bielefelder sterben wollte, wenn er sie nicht wieder liebte – es war ja alles so gleichgültig. Aber wenn dem geliebten Mädchen Gefahr drohte; die gräßlichste, daß die schamlose Hand der Polizei sie anzutasten wagte – mein Gott, er war ja machtlos, ratlos! Aber, Frau Brandt, die kluge, thatkräftige, sie konnte sicher raten, helfen. Es war jetzt zwölf. Sie hatte ihn vorgestern um diese Stunde empfangen. Vielleicht, daß er sie auch heute zu Hause traf. * * * Versuchen will ich's, sagte Frau Brandt, nachdem Wilfried ihr in leidenschaftlicher Erregung sein Anliegen vorgetragen. Daß sie bei mir vor polizeilichen Chicanen sicherer wäre, als bei ihren Eltern, liegt auf der Hand; aber ich sage Ihnen im Voraus: es wird vergeblich sein; sie wird nicht wieder zu mir kommen wollen. Jetzt erst recht nicht. Schon daß Sie Hermann nach der Versammlung getroffen und gesprochen, gefiel ihr gar nicht, wie ihr denn bereits Ihre Rede große Sorge gemacht hatte. Er soll uns Arme sich selbst überlassen, sagte sie. Und Hermann mit seinen überspannten Ansichten! Das ist Gift für ihn. Das kann seine freundliche Seele nur verdüstern. Dann kam gestern abend die Schreckensnachricht von Hermanns That. Sie war noch einmal zu mir gekommen, mich nach verschiedenem zu fragen. Ich hatte gerade die Zeitung in der Hand – was hätte es geholfen, es ihr zu verbergen? Sie mögen sich ihr Entsetzen vorstellen! Aber ihr zweiter Gedanke waren wieder Sie: wenn es 331 herauskäme, daß Sie mit ihm nach der Versammlung zusammen gewesen seien – unmittelbar jedenfalls vor seiner Flucht – ob Sie da nicht in die schreckliche Sache verwickelt werden könnten? Es ist nun mal ihre fixe hypochondrische Idee, daß jede Berührung mit ihrer Familie Unheil bringt, wie ansteckende Krankheiten. Mit mir nimmt sie es nicht so genau. Wahrscheinlich sagt sie sich, daß mir das Gift nichts anhaben kann. Ihnen gegenüber fühlt sie anders. Wie Sie alles Unheil von ihr wehren möchten, so möchte sie das Gute, daß Sie an ihr und den ihren gethan, nicht mit Schlimmem vergolten sehen. Können Sie es ihr verdenken? Ich wollte, sie rechnete weniger scharf zwischen uns ab, murmelte Wilfried. Das thut man nur in einem Falle nicht, mein Freund. Und wir haben uns ja wohl darüber verständigt, was an uns ist, darüber zu wachen, daß dieser Fall nicht eintrete. Sie sind sehr grausam, sagte Wilfried tonlos. Weil ich Euch beide lieb habe. Da möchte ich fast beten: Gott bewahre mich vor meinen Freunden. Es hatte scherzhaft klingen sollen; aber die bebenden Lippen brachten es nicht fertig. Er war aufgestanden, Frau Brandt mit ihm. Ich habe Ihnen wieder einmal wehe thun müssen, sagte sie. Das bringt nun mein Beruf leider so mit sich. Nehmen Sie an: ich hätte eben auch jetzt in meinem Beruf gehandelt. Und nun: ich wollte es Ihnen erst verschweigen, aber es wird Sie beruhigen, wenn ich es Ihnen sage: was Sie für Lotte so sehr fürchten, ist insoweit bereits eingetroffen, als die Polizei bei ihren Eltern in der neuen Wohnung Nachfrage gehalten hat. Da Lotte von jeher die Vorsicht hatte, ihres Bruders Briefe zu vernichten, damit sie nicht etwa doch dem Vater in die Hände gerieten, hat man natürlich nichts Verdächtiges gefunden. Der Mann – ein älterer, verständiger Kriminalbeamter – 332 ist dann vorhin auch bei mir gewesen und mit der Versicherung gegangen: er habe sich überzeugt, daß nach dieser Richtung nichts zu machen sei und weitere Recherchen kaum stattfinden würden. Ich wiederhole: das einzig wahrhaft Schreckliche, was Lotten droht, ist die Möglichkeit und, nach Menschengedenken, Wahrscheinlichkeit, daß sie den Flüchtling ergreifen. Hier aber sind wir machtlos. Ich wollte, ich könnte ihm die Wege ebnen, sagte Wilfried. Und wo bliebe die Gerechtigkeit, die Sie vorgestern abend als das rettende Prinzip der leidenden Menschheit anriefen? Wissen Sie, lieber Freund, daß Sie auf dem besten Wege zum Anarchismus sind? Glücklicherweise ist es ganz etwas anderes, als Mißachtung des Rechtes und der Gerechtigkeit, was Sie so sprechen läßt. Noch eines: man hat sicher auch bei Pfarrer Römer nachgefragt. Er ist verreist. Es wäre wohl gut, wenn einer von uns vorspräche und hörte, wie die Sachen da stehen. Würden Sie es übernehmen? Ich habe vor abend schlechterdings keine Zeit, und es ist wünschenswert, daß es bald geschieht. Ich hatte so wie so die Absicht, hinzugehen. Desto besser. Bei Lotte spreche ich selbst heute abend noch einmal vor. Und bringe ihr einen Gruß von Ihnen. Ich bitte darum. * * * Wilfrieds durch die Unterredung mit dem Assessor so schon arg getrübte Stimmung war durch die, von der er eben kam, nicht heller geworden. Hatte er sich getäuscht, als er aus Lottes Brief an den Bruder – dem Brief, den er noch immer auf dem Herzen trug – herausgelesen, daß auch sie ihn liebe? Kann da Liebe sein, wo das Vertrauen fehlt? Und hieß es, ihm vertrauen, wenn sie ihn mit solcher Ängstlichkeit mied? Großer Gott, sein Herz brannte nach ihrem Anblick; Meilen wäre er barfuß gewandert durch Staub und Sonnenbrand, nur einen Moment ihre kleine Hand wieder, wie am Dienstag, in seiner Hand halten; ein Wort nur ihrer tiefen melodischen Stimme hören zu dürfen! Und sie machte eine Annäherung, ein Wiedersehen, eine Minute trauten Gesprächs unmöglich, wenn das so fortging, und zum Überfluß Frau Brandt, als sorgsame Dueña, beständig die verbietende Hand zwischen ihm und ihr hielt. So grollte es in Wilfrieds Seele, während er den langen Weg über den Kurfürstendamm und die unendliche Uhlandstraße zu Pfarrer Römers Wohnung fuhr. Wieder kostete es Mühe, bis er unter den andern einzeln stehenden Häusern das rechte gefunden. In der grellen Mittagssonne erschien es noch ungastlicher, als vorgestern in dem milden Abendschein. Auf dem wüsten, eingegitterten Raum vor dem Hause hatte ein Budiker, im Begriff, einen Laden im Erdgeschoß zu beziehen, seine Utensilien abgestellt: Ladentisch und Regale, Kisten mit allerhand Ware, Körbe mit Gemüsen, Schachteln, Gerümpel jeder Art – und zankte sich mit seiner Frau, die betreffs der Einrichtung anderer Meinung schien, als er. Ein paar halberwachsene Knaben, unbekümmert um den lauten Zank der Eltern und das Zetergeschrei des Jüngsten, der, auf ein paar leeren Kartoffelsäcken sitzend, sich die schmutzigen Fäustchen in die Augen bohrte, fuhren mit augenscheinlicher Sachkunde fort, den vor der Gitterthür auf der Straße haltenden Wagen vollends abzuladen. In dem Hause war es still: die Tapezierer und die anderen Handwerker hatten wohl ihre Mittagspause; aber aus der Wohnung des Pfarrers schallte durch die Flurthür, als Wilfried dort die Glocke zog, fröhlicher Kinderlärm. Der nun plötzlich verstummte auf ein lautes mahnendes Wort, wohl der Mutter, während Elise die Thür öffnete. Sie trat mit einem leisen Aufschrei einen Schritt 334 zurück. Wilfried, der das Mädchen durch den Anblick eines Fremden erschreckt glaubte, sagte freundlich: Ich bin's, Fräulein Elise. Wie sollte ich wohl den Herrn Grafen nicht kennen, murmelte sie. Im nächsten Moment hatte sie seine Hand erfaßt und, ehe er es verhindern konnte, wiederholt an ihre Lippen gepreßt, sich so tief beugend, daß es fast einem Fußfall gleichkam. Aber, Fräulein Elise! sagte Wilfried ärgerlich. Ach, unser lieber Herr Graf, rief jetzt Frau Römer, aus dem Zimmer linker Hand kommend. Schönstens willkommen! Ich sehe, Sie sind bei Tisch, sagte Wilfried, der durch die offen gebliebene Thür einen freien Blick in das Zimmer hatte. Das thut doch nichts! rief die kleine Frau. Übrigens sind wir fertig, so gut wie fertig. Also immer herein! Kinder, das ist der liebe Herr, von dem ich euch erzählt habe. Nun macht keine so dummen Gesichter und eßt eure Teller ab, ohne zu schmatzen! Elise, warum setzt Du Dich nicht wieder? So! Wilfried hatte neben ihr Platz nehmen müssen an dem nicht eben großen länglichen Tische, der mit einem sauberen Linnentuche bedeckt war. In der Mitte stand ein Brotkorb und ein Salzfaß. Sonst hatte jedes nur einen Suppenteller vor sich und bedurfte, außer dem dazu gehörigen Löffel, auch keines weiteren Geschirrs oder Gerätes, da das einzige Gericht augenscheinlich in einer Kartoffelsuppe mit Hammelrippchen bestand, die Frau Römer aus einer großen Terrine schöpfte, oder geschöpft hatte, denn die Terrine war leer und die Kinder löffelten eben die letzten Reste von ihren Tellern. Das ist unser Hausmütterchen Magda, sagte Frau Römer, mit ihrem Löffel auf die Älteste deutend; das Martha, die dringend wünscht, einmal Missionärin werden 335 zu dürfen; der Wildfang da, Johanna, sieht vorläufig in der Welt nur einen unermeßlichen Spielplatz. So, Kinder, wir sind fertig. Laßt uns beten! Alles hatte sich erhoben und die Hände gefaltet. Mit leiser Stimme betete Magda: Nun sei bedankt, Herr Jesu Christ, Daß unser Gast du gewesen bist. Amen! sagte Frau Römer. Elise! Kinder! abgeräumt! fix! Als verrichteten hurtige Gnomen das Geschäft, war in einer Minute die Tafel leer; das Tischtuch zusammengelegt, die Stühle beiseite, der Tisch zusammengeschoben und an die Wand gerückt. Die Kinder traten an Wilfried heran und reichten ihm unbefangen die Hand mit einem ehrbar steifen Knix, der nur dem Wildfang noch nicht ganz gelingen wollte. Dann hatten sie mit Elise das Zimmer verlassen, das nun genau so aussah, wie vorgestern, als Wilfried hier von dem Pfarrer empfangen wurde. Und ganz so, wie der Pfarrer, hatte Frau Römer zwei von den Rohrstühlen in die Mitte gestellt, wo eben der Tisch gestanden, und den Besuch eingeladen, sich zu ihr zu setzen. Es ist hübsch von Ihnen, daß Sie mitgebetet haben, trotzdem Sie an unsern Herrn nicht glauben, waren ihre ersten Worte. Und als Wilfried verlegen schwieg: Mein Mann hat es mir gesagt – unnötigerweise: aus Ihrer Rede vorgestern abend geht es ja klar und deutlich hervor. Mein Mann nimmt es Ihnen nicht übel. Das hab' ich Ihnen gestern schon geschrieben. Und über kurz oder lang werden Sie doch an ihn glauben müssen. Das heißt: einsehen und begreifen, daß, was Ihnen Herz und Hand für die Unglücklichen und Armen öffnet, niemand anders ist, als Jesu Christ. Sie werden sagen: das bleibt sich doch gleich, wenn sie nur offen sind. Ich aber sage: 336 das bleibt sich nicht gleich, wie es nicht dasselbe ist, ob ein Wanderer seine Straße zieht, auf die eigene Kraft vertrauend, oder ob er weiß, daß da einer an seiner Seite schreitet, auf dessen Stärke und Weisheit er sich in jeder Not und Gefahr verlassen kann. Denn, sehen Sie, gut zu sein, wirklich gut, daß einem kein Liebesdienst, er mag so niedrig und beschwerlich sein, wie er will, sauer fällt, sondern wir ihn freudig thun, Gott dankend, daß wir ihn thun dürfen – das geht über Menschenkraft; das können wir nur mit Hilfe dessen, der uns gelehrt hat: ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist, und durch seinen Tod am Kreuze uns gezeigt hat, wie man das anfängt. So, da habe ich Ihnen eine regelrechte Nachmittagspredigt gehalten, und nun lassen Sie uns mal von unsern Angelegenheiten sprechen! Was sagen Sie denn zu der schrecklichen Geschichte mit dem Hermann Schulz? Weiß Elise es schon? fragte Wilfried, der Antwort auszuweichen. Heute morgen war ein Kriminalschutzmann, oder so was, hier, erwiderte Frau Römer. Er fragte mich, wo Elise in den letzten Tagen gewesen? ob sie ausgegangen sei? mit wem? und sonst noch alles Mögliche. Dann mußte sie ihren Koffer aufschließen, in dem natürlich nichts war, als ihre paar traurigen Fähnchen. Daß sie von ihrem Bruder nichts wußte, ihn seit Jahren nicht einmal gesehen hatte, begriff endlich der Schutzmann selbst, trotzdem er eben nicht der hellste Kopf war. Elise blieb bei dem allen ganz ruhig und gefaßt – es hat mit der Polizei schon so viel zu thun gehabt, das arme Ding! Aber kaum war der Mann fort, brach sie in ein klägliches Jammern aus. Sie selbst sei schon schlecht gewesen, und nun, da ihr Bruder zum Dieb geworden, würden Sie gewiß nichts mehr von ihr wissen mögen; und da wolle sie nur lieber gleich ins Wasser gehen. Das wollen nämlich die Leute immer, wenn das Unglück über sie kommt, und sie nichts wissen und wissen wollen von dem Starken, 337 der neben ihnen schreitet und ihnen helfen wird, so sie nur die Hand ergreifen, die er für sie ausgestreckt hält. Aber, Frau Pfarrer, ein armes schwaches Mädchen darf man wohl kaum als Beispiel nehmen, wenn es sich um die Frage handelt, was der Mensch aus eigner Kraft vermag, oder nicht vermag. Aha! sagte Frau Römer, gutmütig lachend. Schaust Du da heraus! Weil wir jung und reich sind! Na, ja! Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, hat er gesagt, sondern die Kranken; und nicht den Reichen, sondern den Armen hat er sein Evangelium gepredigt. Ich bin nicht reich; wenigstens nicht annähernd so, wie Sie anzunehmen scheinen. Dann danken Sie Gott, wie wir ihm täglich für unsere Armut danken, mein Mann und ich. Ach, wenn Sie wüßten, wie beseligend es ist, nichts zu haben, als den felsenfesten Glauben an ihn, der die Lilien auf dem Felde kleidet und die Vögel unter dem Himmel nährt! Der Glaube trügt nicht. Das haben wir hundert- und tausendmal erfahren in unserem Leben. Und darum sind wir fröhlich alle Zeit und haben keine so finstere Wolke auf der Stirn, wie auf der Ihren liegt, so lange wie wir nun schon miteinander sprechen, Sie lieber, guter Mensch! Das fuhr mir nun wieder mal so heraus. Nichts für ungut! Sie hatte seine beiden Hände ergriffen. Ihre von Natur gar nicht schönen Augen glänzten in herrlichem Licht. Ich danke Ihnen von Herzen, sagte Wilfried. Und, verehrte Frau, verstatten Sie mir noch eine Frage: Ihr Glaube an Christus, ist er ganz auch der Ihres Gatten? Ja, wie könnte er denn einen andern haben? erwiderte sie verwundert. Aber vielleicht meinen Sie, weil er ihn nicht bei jeder Gelegenheit Gottes Sohn nennt? Ja, das meine ich. Weshalb aber sollte er, wenn die thörichten Menschen ihn so nicht genannt hören wollen? sich von dem abwenden, 338 der ihn so nennt? Auf den Namen kommt es nicht an. Gab es doch auch eine Zeit, da die Menschen noch so kindisch waren, daß sich der Herr durch äußere Wunder ihnen offenbaren mußte. Seine Wunder thut er noch heute, täglich, stündlich; nur jetzt in den Herzen der Menschen. Und an diesen Wundern müssen und werden sie heute erkennen, wie damals, daß er wahr und wahrhaftig unser Heiland und Erlöser ist, und niemand zum Vater gelangen kann, als durch ihn. Diese Wunder von heute den Menschen zu deuten, das ist meines Mannes Aufgabe. Macht es der Lehrer anders, der die Schüler aus den Beispielen die Regel selber finden läßt? In diesem Augenblick wurde die Thür ein wenig geöffnet, und das älteste Töchterchen steckte ihr ernstes Gesichtchen herein: Mama, komm doch mal zu Elise: Ich weiß nicht, was mit ihr ist. Na, wollen mal nachsehen. Bleiben Sie doch! Es ist gewiß nichts; und ich habe Ihnen gegenüber noch so viel auf dem Herzen. Sie war aus dem Zimmer gehuscht. Wilfried trat an das Fenster und blickte auf das sonderbare Terrain, das sich da vor ihm breitete: wie aus einem Riesenbecher hierhin, dorthin gewürfelte Häuser, unter Dach einige, unfertig die meisten; dazwischen weite Strecken sumpfiger Wiesen, kleine Parzellen Kartoffelland und Kohlfeld; die lang sich hinziehende Trace von Wegen, vorläufig aus Sand, Bauschutt, Abfällen jeder Art bestehend – ein Bild der trostlosen Gegenwart, dachte Wilfried, mit ihren jammervollen Anfängen und Ansätzen einer Zukunft, die – möglicherweise niemals kommt. Sicher nicht kommt, wenn sie der fromme Glaube dieser guten Leute heraufführen soll. Die Thür nach dem Flur wurde wieder geöffnet; Wilfried wandte sich. Wie steht es? 339 Ich weiß es auch nicht, erwiderte Frau Römer; so etwas ist mir im Leben noch nicht vorgekommen. Soll ich vielleicht zu einem Arzte? Mein Wagen hält noch vor der Thür. Es wird freilich wohl lange dauern, bis ich hierherum einen finde. Jedenfalls sehen Sie sie sich erst einmal an! Der Arzt wird von Ihnen das Was und Wie wissen wollen. Wilfried wollte antworten, daß dabei schwerlich viel herauskommen werde; aber abschlagen mochte er der guten Frau ihr wunderliches Ansinnen nicht. So ging er denn mit ihr in ein zweites größeres Zimmer, welches der Schlaf- und Spielraum der Kinder zu sein schien. Elise saß auf einem Stuhl; das Gesicht totenbleich und arg verzerrt; die Augen halb geschlossen und so nach oben gerichtet, daß nur das Weiße zu sehen war; die Hände an den zu beiden Seiten steif herabhängenden Armen krampfhaft zusammengeballt. Die beiden jüngeren Kinder hatten sich verschüchtert in eine Ecke gedrückt; nur Hausmütterchen Magda war auf dem Posten geblieben und befeuchtete mit einem kleinen Schwamm, den sie in Essig getaucht hatte, die Stirn der Kranken, von der das schöne dunkelblonde Haar in einzelnen langen Strähnen herabfloß. Es hilft nichts, Mama, sagte das Kind. Frau Römer und Wilfried standen ratlos. Halb instinktmäßig, halb, sich selbst zu beweisen, daß er sich von dem Schauder, den er empfand, nicht überwältigen lasse, legte Wilfried seine Hand auf die nasse, kalte Stirn. Und ließ sie da ruhen, als er zu spüren glaubte, daß bei seiner Berührung ein leichtes Beben durch den starren Körper des Mädchens ging. Sie atmete ein paarmal tief auf. Eine sanfte Röte kehrte in die Wangen zurück, während das Gesicht den gewohnten Ausdruck allmählich wieder annahm und die Hände sich lösten. Die Augen sahen geradeaus, erst starr und fremd, bis der Blick sich auf ihn konzentrierte, der einen Schritt zurückgetreten war. 340 Nun hatte sie ihn erkannt. Von dem Stuhl langsam herabgleitend, lag sie auf den Knieen, die gefalteten Hände zu ihm erhoben, mit glückseligen, von Thränen schimmernden Augen zu ihm aufschauend. Aber, Kind, so kniet man nicht vor Menschen; sagte Frau Römer; halb gütig, halb ärgerlich, sie an der Schulter berührend. Sie erhob sich sofort und stand nun da mit gesenkten Wimpern und hochgeröteten Wangen. So! sagte Frau Römer zu ihrem Hausmütterchen, das verwundert dreinblickte; jetzt bring sie zu Bett! Ich komme hernach. Sie war mir Wilfried wieder in das Vorderzimmer gegangen, das sie ein paarmal, die Arme auf dem Rücken verschränkt, mit ihren kleinen, trippelnden Schritten von einem Ende bis zum andern durchmaß, um dann vor ihm stehen zu bleiben und in demselben ärgerlich gütigen Ton, in welchem sie zuletzt mit Elise gesprochen, zu sagen: Sie können ja nichts dafür. Ich verstehe freilich wenig davon. Aber da müßte man doch stockblind sein: die Elise liebt Sie; liebt Sie so sehr, daß sie kaum noch zwischen Ihnen und dem Herrn Christus zu unterscheiden weiß. So leid es mir thut: Sie dürfen vorläufig nicht wieder zu uns kommen. Sie begreifen das? Ich werde mich durchaus Ihren Anordnungen fügen. Wilfried, dem diese sonderbare Unterredung mit jedem Augenblicke peinlicher wurde, machte eine entschiedene Bewegung zu gehen. Die kleine Frau legte eine ihrer mageren Hände auf seinen Arm und sagte, zu ihm aufblickend: Mein Mann hat von Ihnen gesagt: berufen ist er; ob auch auserwählt, liegt in Gottes Hand. Ich aber sage dazu Ja und Amen. Wilfried saß wieder in seiner Droschke und fuhr die ungastliche Straße nach der Stadt zurück noch verstimmter, als er gekommen war. 341 Warum nur mußte Elise die so schon verworrene Situation noch mehr verwirren! Das Mädchen war entschieden krankhaft überspannt, nicht völlig zurechnungsfähig. Dennoch! welch' unsäglich peinlichen Eindruck hatte ihr Benehmen auf ihn gemacht! Dies würdelose Sichhingeben, in welch' schneidendem Kontrast stand es zu Lottes keuschem Stolz! Und sie war Lottes Schwester! Und beide Schwestern hatten einen Dieb zum Bruder! Und alle waren sie die Kinder dieser schrecklichen Eltern! Aber Christus hatte mit den Zöllnern und Sündern zu Tisch gesessen, ohne seiner Würde etwas zu vergeben, vielmehr zu beweisen, daß dem Menschensohne nichts Menschliches fremd sein dürfe. Wenn der fromme Glaube, zu dem ihn Frau Römer bekehren wollte, nun doch das einzig Richtige war? Das eine Licht, das in der fürchterlichen Nacht des Lebens weiter brannte, wenn die stolze Fackel der Gerechtigkeit kümmerlich erlosch? Der diamantene Schild, von dem die Pfeile und Schleudern des Hohns und Spottes machtlos abprallten? Salonsocialist! Würde er es heute abend in dieser oder jener Form wieder zu hören bekommen von den Lippen des Bruders? * * * Durchlaucht sind bereits vor einer Stunde gekommen. Sie sind jetzt bei Tisch mit der Frau Fürstin und den gnädigen Kindern; aber haben befohlen, den Herrn Grafen, wenn er käme, sofort hereinzuführen. Darf ich bitten, Herr Graf, die nächste Thür! Ohne anzumelden! Ausdrücklicher Befehl von Durchlaucht! Der Kellner, welcher Wilfried auf dem unteren Flur in Empfang genommen und in dem Lift hinaufbegleitet hatte, öffnete ihm die Thür zu einem großen Salon, in dessen Mitte unter dem elektrischen Kronleuchter an einem elegant gedeckten Tisch die Familie bei dem Abendbrot 342 saß: der Fürst, die Fürstin, die drei älteren Kinder. Gisela, Irmtraut, Carol und deren englische Governeß, Miß Lionel, bedient von einem Kellner und dem Jäger Roßwald, dem alten Factotum des Hauses. Der Bruder hatte ihn herzlich umarmt, die Schwägerin ihm warm die Hand gedrückt; bei den Kindern war Onkel Wilfried seit seinem letzten Besuch auf Schloß Falkenburg vor zwei Jahren augenscheinlich in freundlichster Erinnerung; Happy, you remember me , sagte Miß Lionel mit einer so gnädigen Herablassung, als ob sie die Fürstin selbst sei; der würdige Roßwald lächelte vergnügt in seinen grauen Vollbart – Wilfried schämte sich, daß er sich den Empfang so ganz anders vorgestellt hatte. An der Seite der Fürstin war ein Platz für ihn leer gelassen. Wir haben eine Viertelstunde auf Dich gewartet, sagte sie, und sind dann doch zu Tisch gegangen der Kinder wegen, die nach der Reise früher zu Bett müssen. Nun sind wir so gut wie fertig. Seine Schuld, sagte der Fürst; weshalb hat er meiner Bitte, uns nicht vom Bahnhof abzuholen, eine so breite Auslegung gegeben! Wilfried entschuldigte sich: er habe nicht stören wollen. Übrigens bitte er dringend, mit ihm keine Umstände zu machen. Er habe seiner Gewohnheit gemäß spät zu Mittag gegessen: und wenn Miß Lionel die Güte hätte, ihm eine Tasse Thee zu geben – Miß Lionel deutete durch eine kaum merkliche Neigung des wohlfrisierten Hauptes an, daß sie die Güte haben werde. Wilfried erkundigte sich nach dem Jüngsten, Odo, den seine französische Bonne bereits zu Bett gebracht hatte; nach den Ereignissen der Reise, welche der heiße Tag doch zu einer recht beschwerlichen gemacht haben müsse. Eine harmlose Unterhaltung griff Platz, an der die Kinder bescheiden lebhaften Anteil nahmen. Wilfried fand sie in den zwei Jahren noch zu ihrem Vorteil verändert: die angeborene Anmut, Schönheit und Liebenswürdigkeit hatten ein 343 deutlicheres Gepräge gewonnen. Zumal die älteste, Gisela, die immer sein besonderer Liebling gewesen war, entzückte ihn völlig. Mit ihren beinah vierzehn Jahren stand sie auf der lieblichen Grenze zwischen Backfischtum und Jungfräulichkeit, der letzteren, meinte Wilfried, näher als dem ersteren, besonders, wenn er ihre großen, dunkelklaren Augen mit dem eigentümlich schwermutsvollen Blick auf sich gerichtet sah. Entsetzlich zu denken, daß dies entzückende Geschöpf vom Schicksal zur Krüppelhaftigkeit für das Leben verurteilt sein sollte! Nach ihrem Zustand fragen mochte er nicht, nachdem sie vorhin bei seinem Eintritt sitzen geblieben war, während alle andern sich erhoben hatten. Sollte ihre Zukunft eine des Schmerzes und der Entsagung sein? Welcher Grausamkeit war denn die Natur nicht fähig? Auch die Dulderin in der Tiergartenstraße war einst jung und schön gewesen! Eines freilich, ein Großes, würde sie immer vor jener voraus haben: nie würde sie in ihrem Krankenzimmer die Gegenwart der Ihren, nie deren treue Liebe und Fürsorge vermissen. Rührend war die Weise, wie die beiden jüngeren Geschwister, Irmtraut, der die Lebenslust aus den glänzenden Augen sprühte, Carol, dem so oft ein schelmisches Lächeln um den hübschen Mund zuckte, mit ihr verkehrten; wie so mancher zärtliche Blick der Eltern sie streifte; wie ihr gegenüber Miß Lionel die heilig gehaltene Tradition ihrer direkten Abstammung von irgend einem sagenhaften Plantagenet vergaß und nur die zärtliche ältere Freundin war. Während er so im Kreise von Menschen, die er liebte, von denen er sich geliebt wußte, heiter plaudernd saß, kam ihm der Gedanke, es werde sich zwischen ihm und ihnen eine Scheidemauer auftürmen, geradezu ungeheuerlich vor. War die Atmosphäre, in der sie atmeten, doch die seine gewesen, so lange er denken konnte! Dieses hohe, weite Gemach in der fast tageshellen und doch diskreten Beleuchtung der elektrischen Lampen; diese Tafel mit dem blinkenden Geschirr; diese geräuschlose Bedienung; diese 344 feinen aristokratischen, um den Tisch gruppierten Menschen; ihre anmutigen Manieren; ihre leisen, wohllautenden Stimmen; ihre bei allem Freimut so rücksichtsvolle Rede – wie sympathisch ihm das alles war, wie traulich heimatlich es ihn berührte! Und dann sah er sich, wie er vor wenigen Stunden an dem Tisch der Frau Pfarrer Römer gesessen; hörte die resolute Dame in hervorgesprudelten, überlauten Worten auf ihn einsprechen, während die derben Kinder die Reste ihrer Kartoffelsuppe aus den Tellern kratzten, und den Platz, auf dem hier die »letzte der Plantagenet« würdevoll thronte, ein Mädchen einnahm, das »mit der Polizei schon so viel Berührung gehabt hatte! das arme Ding!« Er konnte die Erinnerung und den peinlichen Vergleich, den sie ihm aufdrängte, nicht los werden und wurde still und stiller. Der Fürst machte seiner Gattin ein Zeichen mit den Augen, diese dem englischen Fräulein. Man stand vom Tisch auf, sich gesegnete Mahlzeit wünschend. An Gisela, die wieder sitzen geblieben war, trat Miß Lionel heran, mit deren Hilfe sie sich nun emporrichtete: eine schlanke Gestalt, in ihrer sylphenhaften Zartheit der anmutigste Gegensatz zu der derbknochigen, robusten Engländerin. Wilfried wollte seine Unterstützung anbieten; der Bruder kam ihm zuvor. Ich verstehe mich wohl besser darauf, sagte er, sie um die Hüfte fassend, während Miß Lionel ihr die Schulter bot, damit sie ihre freie Hand darauf lege. Du sollst morgen das fragliche Vergnügen haben, Onkel Wilfried, sagte das schöne Mädchen, ihm mit den seelenvollen Augen gute Nacht winkend. So bewegte sich die Gruppe, gefolgt von den beiden jüngeren Kindern, langsam nach der Thür zum Nebenzimmer, die der alte Roßwald für sie offen hielt. Mein Gott, rief Wilfried ergriffen; ich habe ja keine Ahnung davon gehabt, daß es mit Gisela so schlecht steht! 345 Es ist auch erst seit den letzten Tagen, erwiderte die Fürstin. Leider ist es nicht die einzige traurige Veranlassung, die uns nach Berlin geführt hat. Ihre Augen füllten sich mit Thränen und der Kummerzug, den Wilfried während der ganzen Zeit auf ihrem zarten Gesicht beobachtet hatte, trat schärfer hervor. Du, liebe Margarete? fragte Wilfried teilnahmvoll. Sie schüttelte traurig den Kopf im Begriff zu antworten; kam aber nicht dazu, da jetzt der Fürst wieder ins Zimmer trat, und wandte sich ab, offenbar, ihre Erregung vor ihm zu verbergen. Liebe Margarete, sagte der Fürst, Miß Lionel möchte über das Arrangement für die Nacht noch etwas genauer instruiert sein. Also verzeihe für jetzt, lieber Wilfried, sagte die Fürstin; ich sehe Dich jedenfalls noch nachher. Sie war an ihren Gatten herangetreten, ein paar leise, wie es schien, bittende Worte zu ihm sagend, die Wilfried nicht verstand, und jener nur mit einem freundlichen Nicken erwiderte. Dann war sie gegangen. Ein paar Kellner hatten inzwischen geräuschlos die Tafel abgeräumt, den Tisch zusammengeschoben und mit einer Decke verhüllt; Roßwald auf einem kleineren Tisch, der an der Schmalseite des weiten Gemaches im Licht der elektrischen Birnen des Wandleuchters vor einem Sofa stand, eine Flasche Rheinwein, Gläser und Rauchsachen gestellt und sich mit den Kellnern entfernt. Die Brüder waren allein. * * * Sie hatten sich einander gegenüber in die Fauteuils gesetzt; der Fürst schenkte die Gläser voll: Prosit, mein Junge! und nun wollen wir wieder einmal, wie wir es von jeher gethan, frei von der Leber weg uns gegeneinander aussprechen. Es ist Dir doch recht? Ich habe keinen dringenderen Wunsch. 346 Konnt es mir denken. Und das ist auch der Grund, weshalb ich schon heute gekommen bin. Mir schien so etwas wie periculum in mora . Sag mir offen, worin Du die Gefahr siehst. Ich werde Dir ebenso antworten. Also: to begin with the beginning! das heißt: vorher muß ich doch bemerken, daß sowohl Onkel Reginald als Tante Adele mir die Ehre erwiesen haben, mich in ihr schätzenswertes Vertrauen zu ziehen. Ich habe ihnen geantwortet, daß ich zu dem Amt eines Richters, das sie mir aufdrängen zu wollen schienen, weder Beruf noch Neigung verspürte; und wenn sie durchaus meine Meinung wissen wollten, ich auch mit der zurückhalten müsse, bis ich mit Dir gesprochen. Erwähne ich nun noch die Briefe der lieben Friederike Ülbach an Margarete – Du weißt, welch vertraute Freundinnen die beiden Damen sind – so kennst Du die Quellen, aus denen ich meine Weisheit schöpfe. Mit Ausnahme der letzteren, die freilich die Lauterkeit selbst ist, recht trübe Quellen. So glaube ich kein Wort von den Beschuldigungen, mit denen man Dich wegen Deiner Entlobung überhäuft. Du bist nicht der Mann, unritterlich und frivol zu handeln. Hast Du mit Ebba gebrochen, so hat man Dich dazu gezwungen; so ist es Ebbas Frivolität, so ist es Onkel Reginalds und Tante Isabelles mir nur zu bekannte selbstische und ordinäre Gesinnung gewesen, die Dir keinen andern Ausweg aus einer unabsehbaren Misère ließen als die Zurücknahme Deines Wortes. Vielleicht wirst Du sagen: hättest Du doch früher so gesprochen! Aber ich war immer der Meinung: in die Herzensangelegenheiten eines andern – und selbst, wenn der andre der eigene Bruder ist – darf man sich nicht mischen. Da heißt es ein für allemal: selbst ist der Mann. Nachträglich freilich kann ich Dir nur zu Deinem Entschluß gratulieren. Und damit wollen wir diesen Punkt der Tagesordnung als erledigt betrachten. Bist Du's zufrieden? 347 Ob ich es bin! erwiderte Wilfried. Ich habe freilich auch nicht einen Augenblick gezweifelt, daß Du die Sache so nehmen würdest. Mein Dank ist deshalb nicht geringer. Und daß Deine summarische Behandlung mir die Mitteilung peinlicher Details erspart, ist eine Extra-Wohlthat, die einen speciellen Dank verdient. Dann also Nummer zwei: der Fall Tante Adele. Hier bin ich – eben durch Fräulein Friederikes Mitteilungen an meine Frau – im Besitz, ich glaube, so ziemlich aller einschlägigen Details. Ich rate Dir also, mit einem so gut gerüsteten Gegner nicht anzubinden; vielmehr, von vornherein zu bekennen, daß er recht hat, und Du hingehen willst, Dein Unrecht schleunigst wieder gut zu machen. Der Fürst hatte es lächelnd gesagt; auch Wilfried lächelte; aber in den Augen der beiden Brüder, wie sie sich jetzt prüfend anblickten, lag nachdenklicher Ernst, einer Wolke gleich, die sich nur ein wenig zu senken braucht, um die Sonne zu verhüllen. Willst Du mir verstatten, Dir meinen Standpunkt in dieser Sache klar zu legen; sagte Wilfried. Wenigstens eine solche Klarlegung zu versuchen. Es wird das freilich so einfach nicht sein. Denn in das Zerwürfnis mit Tante Adele spielt etwas anderes hinein, das für mich von unendlich größerer Wichtigkeit ist. Und es mir unmöglich macht, in die Konzessionen zu willigen, die sie auf Antrieb meiner Feinde von mir fordert; und zu denen Ihr, die Ihr es gut mit mir meint, mich drängen möchtet und drängt. Ich bin überzeugt, wir brauchen die Sache nicht so tragisch zu nehmen, sagte der Fürst, während Wilfried hastig sein Glas leerte und von neuem füllte. Wie ich Tante Adele kenne – und ich glaube, sie gut zu kennen – ist der Zorn, den sie affichiert, nichts als eine Komödie, die sie vor sich selbst und ihren Freunden aufführt; und aus der Ernst zu machen, sie niemals den Mut haben wird. 348 Wie es sich damit verhält, weiß ich nicht, erwiderte Wilfried. Möglicherweise ist es nur eine Komödie; möglicherweise ist es mehr. Aber darauf kommt es nicht an. Der Schwerpunkt liegt für mich ganz wo anders. Lassen wir ihn vorläufig liegen, wo immer er liegt, sagte der Fürst. Statuieren wir die zweite Möglichkeit trotz ihrer, wie ich glaube, hohen Unwahrscheinlichkeit: die alte wunderliche Dame hält an der tollen Schrulle fest und enterbt Dich. Ja, Wilfried, das wäre für mich ein fürchterlicher Schlag. Du weißt, wie schwer ich an dem Faktum trage, Dich durch den Zufall meiner Erstgeburt von dem Familienvermögen ausgeschlossen zu haben. An dem weiteren, daß ich infolge der ungeheuren Schulden, mit denen unser Großvater das Majorat freilich nicht belasten konnte, dafür aber die Ehre der Familie desto schlimmer engagierte, vom ersten Augenblick an so gar nichts für Dich habe thun können, es wohl auch in Zukunft nicht imstande sein werde. Muß ich doch jetzt, nachdem ich endlich die Ellbogen nach jener Seite hin frei habe, zuerst einmal an meine Frau und die Mädels und den Kleinen denken! Und siehst Du, da ist es immer mein Trost in dieser schlimmen Zeit gewesen: wenigstens für Wilfried ist gesorgt. Er hat Dich, Gott sei Dank, nicht nötig. Ja, mehr: er wird, wenn Du früher sterben solltest, denen, welchen Du nichts hinterlassen konntest, als unsern alten Namen, eine Stütze sein. Wilfried, noch einmal: der Gedanke, es werde dereinst alles ganz anders kommen; die Misère, die jetzt ausnahmsweise und wahrlich nicht ohne seine eigene Schuld, in Onkel Reginalds Haus herrscht, für alle Falkenburgs als traurige Regel gelten – Wilfried, das kannst Du, das wirst Du mir nicht anthun. Dazu – wenn Du denn so gar nicht an Dich selbst denken willst – hast Du mich, hast Du Margareten und die Kinder zu lieb. Habe ich es Dir doch heute abend wieder von Deinen ehrlichen Augen abgesehen, wie lieb Du sie hast! So denn: gieb mir die Erlaubnis, zwischen 349 Tante Adele und Dir zu vermitteln! Eine Unterredung von fünfzehn – was sage ich! – fünf Minuten, und alles ist in die schöne alte Ordnung gebracht! Mit herzgewinnendem Lächeln streckte er die Hand aus. Wilfried schüttelte traurig den Kopf. Ich kann Deine Hand nicht nehmen, Dagobert, sagte er, und habe doch immer gemeint, ich könne Dir, zumal wenn Du mich so gütigst ansiehst, nichts abschlagen. Nun muß ich es doch. Es ist keine Phrase: ich würde, wenn es sein müßte, freudig mein Leben für Euch geliebten Menschen lassen. Ich wollte, es müßte sein, und ich wäre der Qual überhoben, in Deinen Augen lieblos, unbrüderlich zu erscheinen. Dagobert, Du wirst mich nicht elend machen wollen! Giebt es ein größeres Elend für einen ehrlichen Menschen, als gegen seine heiligste Überzeugung handeln zu sollen? Von des Fürsten Gesicht war das Lächeln verschwunden. Er blickte mit tiefem Ernst, der aber nichts Finsteres hatte, vor sich nieder, wie denn auch aus seiner Stimme, als er, nach einigen Momenten die Augen hebend, wieder zu sprechen anhub, nur schmerzliche Enttäuschung herausklang. So wären wir denn doch da angelangt, sagte er, wo für Dich der Schwerpunkt der Frage liegt. Ich hoffte, Du würdest die Festung ausliefern, nachdem die Außenwerke gefallen. Es hat nicht sein sollen. Deine Überzeugung also! Es ist natürlich die, welcher Du vorvorgestern in der Versammlung des Pfarrer Römer Ausdruck gegeben hast. Ich kenne Deine Rede nur aus den dürftigen Zeitungsreferaten; aber ihr Sinn ist mir verständlich genug und wird es für jeden sein, der ein Herz in der Brust und voll Schaudern in die fürchterliche Kluft geblickt hat, die zwischen der winzigen Minorität der beati possidentes und der ungeheuren Masse der Armen gähnt. Arm nicht bloß an irdischem Besitz und physischem Behagen – obgleich das schlimm genug ist – sondern, was 350 viel schlimmer: an geistigem Gut; an all den ästhetischen Genüssen und Freuden, ohne die uns anderen das Leben nicht lebenswert scheint. Ich finde es verächtlich, wenn sich die vom Glück Begünstigten damit herauszureden versuchen: die Armen in ihrer Unwissenheit und Bedürfnislosigkeit führten ja ein viel behaglicheres Leben als sie selbst, die von Sorgen, Schmerzen, Versuchungen und Leidenschaften heimgesucht würden, von denen jene keine Ahnung hätten. Mag sein, daß man es an einem Wintertage in seinem Pelz manchmal zu warm hat – wird es darum der Frierende weniger für einen Hohn halten, wenn man ihm zu seinen Lumpen gratuliert? Und wenn jeder, der kein hartgesottener Selbstling ist, den Nackten kleiden, den Hungernden sättigen möchte, und es ehrlich beklagt, daß Tausende und Abertausende leben und sterben ohne eine Ahnung der Herrlichkeit der Sixtinischen Madonna und der Venus von Milo; ohne die Wonnen zu kosten, die uns anderen aus dem Studium unserer großen Dichter und Denker fließen – die Zeit ist vorüber, in welcher der sogenannte gemeine Mann in seinem lichtlosen Elend stumpfsinnig so hinvegetierte und Gott dankte, daß er sein liebes Leben hatte. Ihm ist es jetzt nicht mehr ein liebes, es ist ihm ein abscheuliches, unwürdiges, für das er die upper ten thousand der Bildung und des Besitzes verantwortlich macht. Zweifellos wird er sie auch über kurz oder lang zur Verantwortung ziehen; und der trennenden Kluft werden die Schrecken einer Revolution entsteigen, wie sie so furchtbar die Menschheit noch nicht erlebt hat, wenn es nicht gelingt, sie – Du wirst sicher sagen: zu füllen. Ich sage: ihre schroffen Ränder so weit zu sänftigen, daß ein jetzt unmögliches Hinüber und Herüber möglich wird; ein Verständnis angebahnt wird zwischen denen, die sich jetzt nicht verstehen, und, weil sie sich nicht verstehen, voreinander fürchten, einander schmähen und hassen. Das aber kann nur das Resultat und die Frucht mühseliger, geduldiger Arbeit sein. Du, wenn ich Dich 351 recht verstehe, möchtest diesen Prozeß abkürzen, an die Stelle der langwierigen Arbeit eine schnelle heroische That setzen. Aber, Wilfried, der Abgrund auf dem Forum schließt sich nur in der Sage über einem opferfreudigen Curtius; in der Wirklichkeit mag immer noch ein heldenmütiger Mann den Todessprung wagen – der Abgrund bleibt deshalb so weit und so tief, wie er vorher war. Wenn dem so wäre, sagte Wilfried mit trübem Lächeln, hätte Christus den Leidensweg nach Golgatha nicht zu gehen brauchen. Mit dem Gottmenschen darf sich keiner vergleichen, erwiderte der Fürst lebhaft. Und ist der persönliche Vergleich ausgeschlossen, so kann man auch unsere Zeit mit der, in welcher das Christentum entstand, nicht ohne starke Einschränkungen in Parallele bringen wollen. Der alte Polytheismus; die überkommene gesellschaftliche Ordnung mit ihrer schroffen Scheidung zwischen Freien und Sklaven; die angestammte hochmütig brutale Unterscheidung von Hellenen und Barbaren, vollberechtigten römischen Bürgern und halb oder ganz rechtlosen Schutzbefohlenen, sie hatten gründlich abgewirtschaftet. Die Geister lechzten nach dem erlösenden Wort, und in der bangen erwartungsvollen Stille, die über der gedrückten Menschheit lag, fand es, als es gesprochen war, eine ungeheure Akustik. Hat es sich trotzdem nicht jahrhundertelang mit spärlichen Früchten begnügen müssen? Und, wenn die Saat dann reichlicher aufging, wieviele Feinde, Schädiger und Verwüster hat sie nicht gehabt und hat sie bis auf den heutigen Tag? Gerade die Geschichte der Ausbreitung des Christentums, deucht mir, sollte uns darüber belehren, wie langsam Gottes Mühlen mahlen. Leider, fiel Wilfried dem Bruder ins Wort. Aber ich meine, die Räder werden sich schneller drehen, wenn ein schärferer Wind sie umtreibt. Und dieser Wind weht heute durch die Welt; er heißt Gerechtigkeit. 352 Das in Deinem Munde doch wohl nur ein anderes Wort für Nächstenliebe ist, sagte der Fürst. Durchaus nicht, rief Wilfried. Mir scheint es vielmehr ein andrer Begriff; ein gedankliches Produkt, wie die Liebe eines des Gemütes ist; eine sittliche Potenz, um so viel mächtiger, als jene, als das Denken über dem Fühlen steht. Der Appell an das Gefühl, wie oft findet er keinen Widerhall! Wo nichts ist, hat eben auch der Kaiser sein Recht verloren. Feinheit der Empfindung kann man von dem Menschen so wenig fordern wie künstlerische Begabung. Daß er logisch denkt, kann man und muß man von ihm verlangen. Und logisch denken, heißt, sich in das Rechte hineindenken. Das Rechte aber für das Verhalten der Menschen zu einander ist die Gerechtigkeit. Sie geht mit stolzerem, sichererem Schritte durch die Welt, als die Liebe. Durch nichts läßt sich beweisen, daß man seinen Nächsten lieben, wohl aber läßt sich bis zur Evidenz darthun, daß man gegen ihn gerecht sein muß. Zur Liebe kann man niemand zwingen, zur Gerechtigkeit kann man es. Wehe dem, der auf den Zwang wartet! Aber ihm ist nicht zu helfen und er wird sich gefallen lassen müssen, daß man ihn als einen Unmündigen behandelt und ihm sein Verhalten vorschreibt, wie dem, der nicht zu begreifen vermag, daß zweimal zwei vier ist. So denn wird in Zukunft die Sache der Armen und Elenden nicht mehr der Willkür, dem privaten Wohlthätigkeitssinn und individuellem Mitleid ausgeliefert sein, sondern als eine der öffentlichen Ordnung betrachtet und geregelt werden. Daß, wer Menschenantlitz trägt, Anspruch auf ein menschenwürdiges Dasein hat, wird als so selbstverständlich gelten, wie, daß, wer einmal geboren ist, auch muß atmen dürfen. Ich gebe jeden Deiner Sätze zu, erwiderte der Fürst. Aber so einfach und leicht begreiflich der Satz, daß zweimal zwei gleich vier, so kompliziert und schwierig ist die arithmetische Wissenschaft, die doch auf ihm als ihrem 353 Fundament steht. Und nicht minder kompliziert, schwierig und langwierig wird sich der Prozeß gestalten, aus dem Fundamentalsatz der Gerechtigkeit, wie Du ihn eben formuliert hast, die praktischen Konsequenzen zu ziehen. Denn, recht betrachtet, ist die ganze Menschheitsgeschichte von ihrem dunklen Anbeginn eben dieser Prozeß, und wird es bleiben bis in alle unabsehbare Zukunft. Wir Menschen von heute stehen mitten darin. Das hat ja auch die Socialdemokratie, zu deren Doktrin Du Dich zu bekennen scheinst, in ihren helleren Köpfen längst begriffen; und sie ist, in Deutschland wenigstens, auf dem besten Wege, sich aus einer revolutionären in eine Reformpartei umzuwandeln. Sehr vernünftigerweise! Ihre vielgepriesene sociale Republik hat heute bei uns die möglichst ungünstigen Chancen. Mag in den Augen der Socialdemokraten Bismarck der wahre Antichrist sein und die Kultur, wie sie sie sich – ohne Königtum und dessen obligate Korrelate: Adel und Kirche – denken, um Jahrhunderte zurückgeworfen haben – die Thatsache, daß er den Traum der deutschen Einheit erfüllt und der Deutsche sich dessen freut und stolz darauf ist, müssen sie einräumen. Und die Utopie der Völkerverbrüderung? Vielleicht verhält es sich mit den entgegengesetzten Prinzipien der heutigen schroffen Accentuierung der Nationalität und der von den Socialdemokraten postulierten Solidarität der Menschheit, wie mit dem Kampf der mittelalterlichen Eisenrüstungen gegen die Feuerwaffen. Niemals waren diese Rüstungen schwerer als bis man einsah, daß keine schwerste gegen die Gewalt der Geschosse aus Feldschlangen und Arkebusen schützte. Aber auch zu dieser Einsicht bedurfte es der Zeit. Und siehst Du, Wilfried, ein anderes Verlangen stelle ich nicht an Dich, als daß Du der Macht der Zeit vertraust, die ihre Arbeit schon thun wird, vorausgesetzt, daß wir die Hände nicht in den Schoß legen. Das sollst Du nicht. Im Gegenteil! Die Schulter ans Rad stemmen mit aller Kraft, über die Du verfügst. »Wenn ich sechs Hengste zahlen kann, 354 sind ihre Kräfte nicht die meinen?« Du hast es in der Hand, ob Du die Hengste sollst zahlen können, oder nicht; ob Du ein reicher, oder armer Mann sein willst. Zugegeben, daß es dem Reichen schwer wird, in das Himmelreich zu kommen; desto rühmlicher für ihn, wenn er es fertig bringt. Ich will nicht prahlen; aber ich glaube, ein ganz übel gewähltes Beispiel bin ich nicht, daß man zu den Aristokraten gehören und doch ein Herz für das Volk haben kann. Und, Wilfried, Du mußt mir schon die brüderliche Freiheit verstatten, Dir zu sagen: Du läßt Dich von Deinem guten Herzen über Deine Kraft täuschen. Du wirst es beim besten Willen nicht fertig bringen, mit den Socialdemokraten Hand in Hand zu gehen. Deine ästhetische Natur, Deine Erziehung, Deine Bildung, das Milieu, aus dem Du hervorgegangen und dem Du angehörst – alles sträubt sich dagegen. Den Willkomm, den Dir der Vorwärts für Dein Auftreten in jener Versammlung entboten hat, darfst Du nicht ernsthaft nehmen. Natürlich reibt man sich vergnügt die Hände, wenn einer aus unserm Lager zu ihnen übergeht, und zurückweisen wird man Dich sicher nicht. Aber ebensowenig Dir jemals volles Vertrauen schenken; jemals etwas anderes in Dir sehen als einen, der mit dem Makel des Renegatentums behaftet ist. Du willst aufbrechen? Es ist spät, sagte Wilfried, den Fauteuil zurückschiebend; Ihr werdet von der Reise ermüdet sein. Und, offen gestanden, ich fürchte, je länger wir so fort disputieren, um so fester wird nur jeder auf seinem Schein bestehen. Ich hoffte bestimmt, unsre Zusammenkunft würde ein anderes Resultat haben, sagte der Fürst traurig. Da wirst Du denn auch wohl nicht wünschen, daß ich morgen, wie ich es vorhatte, zu dem mir, wie Du weißt, befreundeten Justizminister gehe und mit ihm über die Versammlungsangelegenheit spreche? Auf keinen Fall! rief Wilfried. Wenn es in Deutschland Rechtens ist, daß jemand zur Verantwortung gezogen 355 und in Strafe genommen wird, weil er den Mut gehabt hat, öffentlich auszusprechen, was die stille Überzeugung von Millionen seiner Mitbürger ist – so lange diese wunderliche Sorte von Gerechtigkeit besteht, mag sie ihren Lauf haben. Wilfried, Wilfried! sagte der Fürst, sich langsam von seinem Sitze hebend, Du bist auf einem Wege, der zu Deinem Unheil führt, ohne daß der Sache, die Du zu der Deinen gemacht hast, auch nur der geringste Vorteil daraus erwächst. Eine Verhandlung vor den fünf Mitgliedern einer preußischen Strafkammer hat nicht ganz die Resonanz in der Geschichte, wie eine vor dem Reichstage von Worms. Ich glaube, ich habe Dir keine Veranlassung zu dem wenig schmeichelhaften Verdacht gegeben, daß mein Ehrgeiz dahin steht, meine Handlungen berühmten Mustern anzupassen. Nachdem Du Christus in die Debatte gezogen hattest, war es mir wohl erlaubt, an Luther zu erinnern. Mein Citieren Christi hatte keinesfalls einen persönlichen Beigeschmack. Du hattest recht: es ist wohl besser, wenn wir unsre Unterredung abbrechen. In diesem Augenblick trat die Fürstin herein. Im Nebenzimmer hatte sie aus den immer erregter werdenden Stimmen der Männer gehört, daß das Gespräch die von ihr befürchtete schlimme Wendung nahm. Sie war bereits zu spät gekommen. Darüber belehrte sie ein schneller Blick in das gerötete Gesicht ihres Gatten, das bleiche des Schwagers. Und wunderlich berührte es sie, gerade jetzt zu entdecken, wie unähnlich sich die Brüder waren, von denen alle Welt behauptete, sie glichen sich zum Verwechseln – unähnlich, wie es nur immer ein Mann der klaren; ruhigen Vernunft und ein Schwärmer sein konnten. Hier gab es keine Vermittelung; hier galt es nur, zu verhüten, daß der Bruch nicht noch größer wurde. 356 Mit scheinbar unbefangener Miene entschuldigte sie sich, daß sie die Herren so lange allein gelassen; schalt den Gatten, weil er gegen das Verbot des Arztes doch wieder am späten Abend geraucht zu haben scheine; und kam dann auf das Programm des morgenden Tages zu sprechen. Geheimrat von Bergmann habe sich auf zehn Uhr angemeldet; Gott wolle geben, daß sein Urteil günstig laute! Auf eine Behandlung von Wochen mache sie sich freilich auch im besten Fall gefaßt. Und dann müsse ihr Wilfried eine passende Wohnung suchen helfen; einen so langen Aufenthalt in dem teuren Hotel mit so vielen Personen könne sich ein armer deutscher Fürst nicht leisten. Ob Dagobert dem Bruder gesagt habe, daß er bereits in den nächsten Tagen nach Falkenburg zurück und Frau und Kinder unter seiner Obhut in der schrecklichen großen Stadt lassen müsse? Nun, das und noch so vieles könne man ja, wenn Wilfried durchaus schon fort wolle, morgen des näheren besprechen. Ob es ihm recht sei, um fünf Uhr mit ihnen zu speisen? Aber in einem Restaurant, wenn sie bitten dürfe! Sie sei noch nie in einem gewesen, und brenne darauf, eines jener berühmten Lokale kennen zu lernen, von denen man in jedem modernen Berliner Romane lese. Es kam das alles munter genug heraus, und die Herren bemühten sich in den Ton einzustimmen. Es gelang Wilfried am besten, während Dagobert immer sichtbarer unter einer starken Abspannung litt. So denn beschleunigte Wilfried den Abschied, nachdem er zugesagt, die Verwandten um fünf Uhr aus dem Hotel abzuholen. Er hatte kaum den Salon verlassen, als der Fürst nach dem nächsten Sessel schwankte und, die Hand aufs Herz drückend, schmerzlich stöhnend dort zusammensank. Die erschrockene Fürstin wollte nach der Klingel eilen; er hielt sie an der Hand, die er krampfhaft ergriffen hatte, zurück. Nicht doch! murmelte er. Es ist nichts – das dumme 357 Herz, das wieder einmal rumort. Ein wenig Eau de Cologne – Riechsalz, oder was Du hast! Die Fürstin rannte in das Schlafgemach nebenan. Es brannte Licht dort, und, da die Kammerfrau die Sachen ausgepackt hatte, fand sie auf dem Toilettetisch sofort das Gesuchte. In einer halben Minute war sie wieder bei ihrem Gatten. Verzeihe, daß ich Dich so erschreckt habe! sagte er mit einem Versuch zu lächeln. Es ist schon völlig wieder gut. Plötzlich legte er den Kopf an ihre Brust und brach in Weinen aus. Mein armer, armer Wilfried, schluchzte er. Der arme, liebe Junge! * * * »Liebster Wilfried. Es wird Dir eine große Freude sein, daß Herr Geheimrat von Bergmann, der soeben von uns geht, Giselas Leiden nicht annähernd so schlimm findet, wie wir gefürchtet hatten. Die Notwendigkeit einer Operation sei völlig ausgeschlossen; eine allerdings etwas langwierige Behandlung des erkrankten Beines mit passenden Bandagen werde radikale Heilung bringen. Brauche ich Dir zu sagen, wie beglückt wir Eltern sind! mit wie viel fröhlicheren Augen das liebe Kind selbst heute wieder in ihr junges Leben blickt! Und warum ich Dir das jetzt schreibe, anstatt die erfreuliche Kunde bis zu unserm Wiedersehen, wie wir es gestern verabredet hatten, aufzusparen? Ach, liebster Wilfried, dies Wiedersehen wird nicht stattfinden! Giselas Behandlung kann nicht hier in Berlin vor sich gehen. Der Herr Geheimrat schickt Patienten, wie sie, ein für allemal nach Göggingen (bei München), wo ein Mann Vorsteher einer orthopädischen Anstalt ist, der, von Haus aus einfacher Bandagist, ein Genie in seinem Fache sein muß, da der Herr Geheimrat ein solches Vertrauen zu 358 ihm hat, und ihn für den Einzigen erklärt, der das für den Fall Passende zu finden und zu konstruieren weiß. Und der Herr Geheimrat dringt darauf, daß wir keinen Tag und keine Stunde verlieren. So soll denn unser Aufenthalt hier, den ich auf Wochen veranschlagt hatte, schon heute zu Ende sein, und die Stunde, in der wir uns wiedersehen wollten, wird uns in Begriff finden, abzureisen. Und warum wir uns dennoch nicht wiedersehen, persönlich von einander Abschied nehmen können? Fragst Du es wirklich? Ach, wäre der gestrige Abend nicht gewesen! Ich meine: wäre er verlaufen, wie Dagobert und ich es so heiß gewünscht, so zuversichtlich gehofft! Hättet Ihr Brüder, die Ihr einander so innig liebt, Euch verständigt, in Eintracht gefunden, anstatt in Hader und Zwietracht zu trennen! Nicht für immer! Davor sei Gott! Er wird mein heißes Gebet erhören und Eure Geister zusammenführen, wie Eure Herzen sich ja nicht geschieden haben, niemals scheiden können. Aber für den Augenblick ist es meine Überzeugung: es wird Euch eine peinliche Stunde ersparen, wenn Du uns vor unsrer Abreise nicht noch einmal aufsuchst. Einer würde von dem andern das Bekenntnis erwarten, daß er sich geirrt habe, zu weit gegangen sei: beide würdet Ihr Euch in dieser Erwartung getäuscht sehen und jeder den Schmerz der Wunde, die ihm der Bruder geschlagen, nur um so brennender fühlen. Und, Wilfried, wie Du der jüngere bist, so ist Deine Widerstandskraft auch größer; daß Dagobert sich auf die seine nicht verlassen kann, dafür hat die vergangene Nacht den traurigen Beweis geliefert. Er hat mir auf das strengste verboten, es Dir gegenüber zu erwähnen – eine wie folgsame Gattin ich auch sonst mich nennen darf, hier muß ich ungehorsam sein. Trifft Dich doch nicht im eigentlichen Sinne eine Schuld; ist Euer Zwist gestern abend, den Du gewiß so gern vermieden hättest, doch nur die Gelegenheitsursache gewesen, daß jenes Herzübel, von dem, wie Du Dich erinnern wirst, bei Dagobert vor drei Jahren die 359 ersten Symptome hervortraten, und das wir dann gänzlich gehoben glauben durften, sich wieder eingestellt hat. Zu haben scheint, behauptet Dagobert, hier – wie Ihr Männer es ja leider in solchen Fällen zu sein pflegt – völlig unräsonnabel und unträtabel. Konnte ich ihn doch nicht einmal bewegen, sich von dem Herrn Geheimrat, der es gewiß gern gethan hätte, untersuchen zu lassen! Unser guter Doktor Müller zu Hause, der damals von einem organischen Fehler nichts wissen wollte, und dem Dagobert in Giselas Fall so gar kein Vertrauen schenkte, war in dem seinen auf einmal wieder durchaus kompetent! Nun, er hat mir wenigstens versprochen, sobald er wieder etwas spürt, einen Specialisten aus Braunschweig kommen zu lassen. Dabei muß ich mich vorläufig beruhigen. Aber die Reise nach Göggingen mit Gisela und Miß Lionel und ihre Installation dort ist meine Sache. Da darf er mir nicht hineinreden, nichts dazu thun. Er wird ruhig zu Hause bleiben, auch wenn im Herbst der Reichstag zusammentritt. Halb und halb wenigstens hatte er mir das letztere schon versprochen. Und, nicht wahr, Wilfried, bis dahin und längst vorher sehen wir Dich in Falkenburg! Bis dahin und längst vorher wirst Du erkannt haben – nicht, wie gut es Dagobert mit Dir meint – das versteht sich von selbst, und wird Dir auch keinen Moment zweifelhaft sein – sondern: wie weitschauend sein Blick in politischen und socialen Fragen ist; und daß es für Dich keine Schande, Dich der Einsicht eines zu fügen, der so viel Erfahrung in diesen Dingen hat! Ich habe keine, gar keine. Aus mir sprechen nur das Herz und die ästhetische Empfindung. Und beide sagen: mein geliebter Schwager Wilfried, der gentleman born and bred , hat ein für allemal mit den Socialdemokraten nichts zu schaffen. In Liebe und Freundschaft Margarete. Hotel Bristol ½12 Uhr. * * * 360 Der Stallmeister bei Nonn war nicht eben verwundert, als Wilfried ihn heute bat, ihm für den Braunen, den er eine halbe Stunde lang in der Bahn bewegt hatte, einen Käufer zu verschaffen. Aus den Reden seiner vornehmen Kunden hatte er bereits entnommen, daß die Verlobung zwischen dem Grafen und der Komtesse Cousine zurückgegangen sei; und die Äußerungen, die dabei über Wilfried gefallen waren, der stets so höflich und freundlich zu ihm gewesen, hatten den braven Mann gründlich geärgert. Noch mehr aber das Benehmen der Komtesse zu dem Grafen Leßberg, der sie nun schon seit drei Tagen zu verschiedenen Stunden abgeholt und auch wieder zurückgebracht hatte. Doch hatte er sich weislich gehütet, Wilfried mit indiskreten Fragen zu belästigen; ihm nur bereitwillig zugesagt, daß er sich bemühen werde, für ein so kapitales Pferd, welches bei allem Temperament auf die leiseste Hülfe reagiere, den höchsten Preis herauszuschlagen; und vor allem mit Bestimmtheit hoffe, der Herr Graf werde im Herbst, wenn er von der Reise zurückkehre, wieder zu seinen Kunden gehören. Die Reise war eine Erfindung des Mannes, um die Situation in möglichst harmlosem Lichte erscheinen zu lassen. Wilfried hatte kein Wort davon gesagt. Um zwölf Uhr nach Hause zurückgekehrt, fand er den Brief der Schwägerin vor, den er nun mit sehr wechselnden Empfindungen las. Die gute Kunde über Giselas Zustand erfreute ihn um so mehr, als er nach dem, was er gestern abend beobachtet, sehr Schlimmes befürchten mußte; dafür erschreckte ihn was Margarete von dem Herzleiden Dagoberts schrieb, das denn doch, mochte auch übertriebene Sorge ihr die Feder geführt haben, ernstlicher schien, als er bis jetzt irgend angenommen. Schließlich empfand er es schmerzlich, daß er bei der Nachricht von der so baldigen Abreise der Familie und Margaretes Wunsch und Bitte, sie vorher nicht noch einmal aufzusuchen, erleichtert aufatmen konnte. Wie hätte er das noch vor 361 acht Tagen für möglich gehalten! Wie grundmäßig mußte die Veränderung sein, die seitdem mit ihm vorgegangen! Jetzt erst empfand er ganz den ungeheuren Verlust, den ihm der gestrige Abend gebracht hatte. Als er heute nacht von der Unterredung kam und ziellos durch die stillen Straßen schweifte, seiner Erregung Herr zu werden, hatte der Zorn, der ihm die Seele füllte, den Schmerz nicht zu Worte kommen lassen. Er, den er so hoch gestellt, über alle andern Menschen, als ein engherziger Aristokrat war er vor ihm gestanden, der von dem Sturm, der durch die Zeit brauste, nichts empfand, oder ihn doch beschwören zu können glaubte mit dem Hokuspokus aus dem alten Zauberbuch des Gottesgnadentums der Könige und dem Ammenmärchen der Erbweisheit einer Handvoll blaublütiger Geschlechter. Und dann natürlich sich in den Staub beugte vor einem von der Sippe, der als Herakles angestaunt wurde, weil man in seiner unheilbaren Anbetungswut einen mythologischen Heros haben mußte, auf dessen Scheitel man den Ruhm der Arbeit häufen konnte, an der seit Menschenaltern ein ganzes Volk geschafft hatte! Und wie hatte durch allen Schein rücksichtsvoller Höflichkeit die Mißachtung durchgeblickt, in der er in den Augen des Mannes stand, »der so viel Erfahrung in diesen Dingen hatte!« Mein Gott, ja! er konnte keine Thaten aufweisen! Mußte man ihm deshalb die Kraft absprechen, jemals welche vollbringen zu können? Mußte durch alle freundlich verbrämten Reden das verfluchte Wort »Salonsocialist« doch wieder hindurchklingen? Um in der Schlußphrase von Margaretens Brief ein letztes verhallendes Echo zu finden? Wieder wollte der Zorn von heute nacht in ihm aufwallen. Weg damit! Und mit allem, was bis heute von dem alten Leben noch immer auf ihm gelastet und ihn nicht fröhlich in das neue hatte hineinschreiten lassen! Jetzt, nachdem er das letzte, schwerste Hemmnis überwunden, er den Mut gehabt, sich von dem geliebten Bruder 362 loszusagen, war die Bahn völlig frei. Die Besprechung mit Herrn Levy, den er um ein Uhr zu sich gebeten, hatte nur eine vorläufige sein sollen. Jetzt mochte, jetzt sollte es zu einer festen Abmachung kommen. Und da meldete Zunz: es sei ein kleiner, sehr jüdisch aussehender Herr da, der keine Karte abgegeben, seinen Namen auch nicht genannt habe, aber behaupte, er werde von dem Herrn Grafen erwartet. Lassen Sie ihn sofort eintreten! befahl Wilfried. * * * Wilfried kannte Herrn Levy schon seit ein paar Jahren. Sie waren sich auf den Auktionen von Bildern und Kunstgegenständen, die er von jeher eifrig besucht hatte, oft begegnet; wiederholt hatte er die Vermittelung des rührigen, intelligenten Mannes bei schwierigeren Käufen in Anspruch genommen. Auch wußte er, daß Herr Levy sein Geschäft gelegentlich im Großen trieb und ganze Einrichtungen erstand, wenn in der Masse sich eine hinreichende Anzahl von Objekten fand, die auf dem Kunstmarkt Kurs hatten. Es wäre mir lieb, sagte er, wenn sich herausstellen sollte, daß das letztere hier der Fall ist. Der Herr Graf wollen auf lange Zeit, auf Jahre verreisen? fragte Herr Levy. Wilfried konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Der Erklärungsgrund mußte wohl sehr nahe liegen, wenn der biedere Stallmeister und der welterfahrene Händler gleicherweise zuerst darauf verfielen. Ich dürfte auch andere Gründe haben, erwiderte er. Ich bitte um Verzeihung; ich wollte nicht indiskret sein, sagte Herr Levy. Warum der Herr Graf verkaufen will, ist seine Sache. Und ob ich kaufen kann – Er ließ seine kleinen, klugen Augen über die Bilder an den Wänden des Empfangszimmers schweifen, in welchem sie sich befanden. 363 Es sind zum Teil alte Bekannte von Ihnen; sagte Wilfried. Zu einem guten Teil, erwiderte Herr Levy. Mit der Abschätzung dessen, was dieser Raum enthält, wäre ich so ziemlich im reinen. Desto besser, sagte Wilfried; die Thür zu seinem Arbeitszimmer öffnend. Sie wollen auch die Bibliothek veräußern, Herr Graf? Mit Ausnahme einiger wenigen und nicht eben wertvollen, juristischen Bücher. Da dürfte es mit der Taxation nicht so schnell gehen. Wollen Sie mir vorher einen Blick in die anderen Räume erlauben? Wilfried führte seinen Besucher in das Speisezimmer. Das ist allerdings sehr viel mehr, als ich erwartet habe, sagte Herr Levy, nachdem er eine Zeitlang aufmerksam umhergeblickt, auch einzelne, ihm besonders auffallende Gegenstände in die Hand genommen und genau betrachtet hatte. Da wird mir der Herr Graf wohl eine längere Zeit gestatten müssen. Was nennen Sie eine längere Zeit? Ein bis zwei Stunden etwa. Wilfried besann sich einen Moment. Er hätte das Geschäft, das sich gut anzulassen schien, so gern auf der Stelle zu stande gebracht. Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, sagte er; ich lasse Sie solange hier allein, und bitte Sie, zu thun, als ob Sie zu Hause seien. Mein Diener wird Ihnen, wann und wie Sie es wünschen, behilflich sein; auch für eine Erfrischung die nötige Sorge tragen. Verbindlichsten Dank, Herr Graf; der letzteren bedarf es nicht: ich nehme, während ich in Geschäften bin, niemals etwas zu mir. Wie Sie wollen. Sonst ist Ihnen mein Vorschlag genehm? Ich glaube, wir kommen so am schnellsten zum Ziel. 364 Ich verschwinde also auf zwei Stunden. Wilfried rief Zunz, der sich inzwischen mit Hülfe seiner Kündigung von gestern die mysteriöse Erscheinung des sehr jüdisch aussehenden Herrn, der keine Karte abgegeben und keinen Namen genannt, zu deuten versucht und dabei zu einem sehr betrübenden Resultat gekommen war. Den Auftrag, der ihm jetzt wurde: dem Herrn auf seinen Wunsch zur Hand zu sein, nahm er mit der Miene eines Mannes entgegen, der die Schiffe, die ihn hätten retten können, hinter sich verbrennen sieht. Das freundliche Gesicht, das der Herr Graf dabei machte, kam ihm frevelhaft vor. Wie konnte er lächeln, wenn er gestern seinen alten Diener entlassen hatte und heute seine kostbare Einrichtung an den Juden verkaufen wollte? * * * Im Parterre des Hauses angelangt, stand Wilfried vor der Thür zur Wohnung seines Wirtes still. Es war nicht seine Absicht gewesen; aber warum sollte er den Versuch nicht sogleich machen? Er klingelte. Herr Grünberg war zu Hause und kam selbst auf den Flur, den Herrn Grafen zu empfangen und in sein Arbeitszimmer zu führen. Ich möchte wetten, ich weiß, was mir die Ehre verschafft, sagte er. Der Herr Graf kommen, um zu kündigen. Sie haben es erraten. Es war nicht schwer. Der Herr Graf muß ein Wort davon gegen Zunz haben fallen lassen. Er ist ja sonst kein Schwätzer: das konnte er doch nicht auf dem Herzen behalten. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie ungern ich meinen Mustermieter verliere, indessen, wenn es einmal sein soll und muß – In der That, es muß sein, unterbrach Wilfried den 365 behäbigen Mann. Meine Verhältnisse haben sich verändert und machen es weniger wünschenswert als notwendig, daß ich mich in Zukunft bescheidener einrichte. Ist die Möglichkeit! rief Herr Grünberg erstaunt. Und ich dachte, mein Haus sei dem Herrn Grafen nicht mehr vornehm genug! Das Gegenteil ist der Fall, sagte Wilfried lächelnd; so sehr, daß ich Ihre Freundlichkeit noch weiter in Anspruch nehmen und Sie um die Erlaubnis bitten möchte, die Wohnung noch während des Halbjahres, für das ich verpflichtet bin, an einen Nachfolger abzutreten, falls ich, oder falls sich jemand findet, der Ihnen konveniert. Das ist aber zu merkwürdig! Was, Herr Grünberg? Da war vor einer Stunde ein Freund bei mir – auch Hausbesitzer – der seine Wohnung an eine zugereiste englische Familie für einen Extrapreis sofort vermieten könnte und würde, wenn er nur gleich eine andre dafür hätte. Und für den meine Wohnung passend wäre? Daß nichts passender sein könnte! Er ist Junggesell, wie der Herr Graf – daß heißt: ein alter Junggesell – und mein bester Freund! Herr Grünberg rieb sich vergnügt die fleischigen roten Hände. Wann könnten der Herr Graf frühestens das Quartier räumen? Möglicherweise schon morgen. Das wäre großartig! Wenigstens hoffe ich es. In zwei Stunden kann ich Ihnen bestimmten Bescheid geben, wenn Sie mir so lange Zeit lassen wollen. Selbstverständlich. Ich möchte den Herrn Grafen auf keinen Fall drängen; aber freilich, je schneller wir zu einem Resultat kommen, desto besser ist es für alle Teile. Also abgemacht, sagte Wilfried, sich erhebend. 366 Daß nichts abgemachter sein kann! rief Herr Grünberg, die dargebotene Hand mit Eifer ergreifend. Sie verpflichten mich durch Ihr liebenswürdiges Entgegenkommen zu großem Dank. Keine Ursach, Herr Graf! Und die roten Hände begannen ihr vergnügliches Spiel von neuem, während ihr Besitzer seinen Mustermieter zum Zimmer hinaus bis zur Flurthür begleitete. * * * Aber Wilfried war nicht weniger heiter gestimmt, als er jetzt, auf die Straße gelangt, mit raschen Schritten dahinging, als gelte es eine eiligste Besorgung. Das schien ein so guter Tag werden zu wollen, wie der gestrige ein schlimmer gewesen war! Kam ihm doch alles entgegen, als wollte es ihm sagen: Siehst Du, wo ein Wille ist, da ist ein Weg! Auf dem Lützowplatz stand er still. Wie sollte er weiter die beiden Stunden zubringen? Bis jetzt war kaum eine halbe vergangen. Es fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, dem Stallmeister zu sagen, er möchte auch die beiden, noch ganz neuen wertvollen englischen Sättel und das übrige Zaumzeug verkaufen. Warum das Versäumte nicht sofort nachholen! Er setzte seinen Weg nach der Nürnbergerstraße fort. In dem sehr langen, durch das Vordergebäude geführten Gang, der zur Reitschule auf dem Hof leitete, sah er, Arm in Arm, ein Paar auf sich zukommen, von dem er, der eben aus dem grellen Sonnenlicht in den Dämmer getreten war, nur sah, daß der Herr ein Offizier war, und das er erst erkannte, als man sich auf wenige Schritte einander genähert hatte: Ebba und Graf Leßberg. Sie ihrerseits hatten in eifrigem Gespräch den Entgegenden nicht beachtet; so war das Erkennen gleichzeitig. An ein Ausweichen war 367 schlechterdings nicht zu denken. Wilfried bemerkte, daß Leßberg zusammenzuckte und Ebbas Arm loslassen wollte, was sie aber durch eine schnelle energische Bewegung verhinderte. Es war das völlig in ihrer kecken Art und gab ihm im Nu die Fassung wieder, die ihm die unliebsame Begegnung doch für den Moment geraubt hatte. Da der Gang zu schmal war, um zu Drei bequem aneinander vorüberzukommen, trat er, gesellschaftlich höflich den Hut ziehend, ein wenig beiseite. Der Graf grüßte verbindlich zurück, augenscheinlich der Meinung, es sei auch Ebbas Wunsch, durch rasches Weiterschreiten möglichst schnell aus der mißlichen Lage zu kommen; hatte sich indessen abermals verrechnet. Ebba machte, jetzt ihren Arm zurückziehend, mit ausgestreckter Hand einen Schritt auf Wilfried zu, mit heiterer Stimme rufend: Sieh da, Wilfried! Famos, daß wir uns hier treffen! Da kann ich Dir ja gleich meinen Verlobten vorstellen. Ihre braunen Augen blitzten; die anmutigen Wangen waren leicht gerötet; unter dem kleinen Hut quoll das prachtvolle Haar in übermütigen Locken rings hervor; das knapp anliegende schwarze Reitkleid brachte ihren zierlich üppigen Wuchs zur vollsten Geltung – Wilfried hatte das schöne Mädchen kaum je so schön gesehen; aber von dem Zauber, mit dem sie ihn einst umsponnen, verspürte er nichts. Er blickte auf sie, die vor ihm stand, wie auf ein reizvolles Porträt, bei dem der Künstler die Absicht, den Beschauer zu kaptivieren, nur zu deutlich hatte hervorscheinen lassen; und die verblüffte Miene Leßbergs, der offenbar gern hundert Meilen von dieser Stelle gewesen wäre, hätte ihn beinahe laut auflachen machen. Meinen verbindlichsten Glückwunsch, sagte er, Ebbas kleine Hand loslassend, und die zögernd ausgestreckte Leßbergs mit ein paar Fingern streifend. Wir werden nämlich keine Karten herumschicken, fuhr Ebba fort, als handelte es sich um die unverfänglichste Sache von der Welt. Ich finde es viel hübscher, seine 368 Bekannten privatim von der Chose zu unterrichten. Man kriegt dabei so allerliebst verdutzte Gesichter zu sehen. Findest Du nicht auch? Aber selbstverständlich! bestätigte Wilfried in dem angenehmen Bewußtsein, kein verdutztes Gesicht gemacht zu haben. Nicht wahr? plauderte Ebba weiter. Diese Karten sind entsetzlich vulgar . Falko ist ganz derselben Ansicht. Freilich in seinem Fall! Mit den Wölfen muß man heulen! Du weißt doch, daß Falko sich verlobt hat? Mit Fräulein Bielefelder. Er war gestern morgen bei mir, es mir mitzuteilen. Ja, und was hast Du denn dazu gesagt? Ich habe ihm von Herzen gratuliert. Fräulein Else ist ein sehr hübsches, sehr pikantes und – sehr reiches Mädchen. Der gute Junge! Er schwimmt ja auch in Glück! Aber was habe ich für Mühe gehabt, die Alten herumzukriegen! Sie wollten erst gar nicht heran. Ich kann es mir denken; sagte Wilfried, der sich eines ironischen Lächelns nicht enthalten konnte, das Ebba nicht zu bemerken schien. Besonders die Mama war ganz aus dem Häuschen. Na: Falkenburg und Bielefelder – das ist auch reichlich komisch. Das findest Du doch gewiß auch. Es kommt eben auf die Auffassung an. Ganz was ich zu Mama gesagt habe: wie man es nimmt. Und man muß alles von der besten Seite nehmen. Aber Ebba – sagte Leßberg, ihr seine Uhr hinhaltend, bevor er sie wieder in die Beinkleidertasche gleiten ließ. Herr Gott, ja! Wir wollten noch einen Besuch bei Excellenz Treuenfels machen! Die alte Klatschbase würde es uns nie vergeben. Also, adieu, Wilfried! Und wenn Du mal einen dieser Abende nichts Besseres zu thun hast – wir werden uns riesig freuen. Nicht wahr, Botho? Aber selbstverständlich! beeilte sich Leßberg zu rufen. 369 Man reichte einander nochmals die Hände; Ebba nahm wieder Leßbergs Arm, und das Paar schritt weiter den Gang hinab der Straße zu, während Wilfried seinen Weg nach dem Hof und dem Reitstall fortsetzte. Der Stallmeister, der zu seinem Schrecken vom Hofe aus der Ferne die Begegnung der Herrschaften in dem Gange beobachtet hatte, war verwundert, als er in Wilfrieds Mienen keine Spur von Mißvergnügen entdecken konnte. Er hatte die »lange Reise« und den Verkauf des Braunen in engsten Zusammenhang mit der Entlobung gebracht und, da er ganz auf Wilfrieds Seite stand, die Kundschaft des Grafen Leßberg gern darangegeben. Aber ihn abweisen konnte ich doch auch nicht, sagte er, als er vorhin mit der Komtesse kam und sagte, daß er eines seiner Pferde bei uns einstellen wolle. Dazu waren zu viele Stände gerade jetzt frei – er brauchte sich ja nur im Stall umzusehen. Er ist darauf eine halbe Stunde mit der Komtesse in der Bahn geritten – ich hatte ihm die Emma gegeben – der Herr Graf wissen, was für ein obstinater Racker das ist, obgleich sie gute Figur macht. Bin auch nicht von der Estrade in der Bahn während der ganzen Zeit weggegangen, obgleich ich da nichts zu suchen hatte – bloß um ihn zu ärgern. Aber warum das, Herr Barlow? sagte Wilfried, als ob er den Sinn von des braven Mannes Rede durchaus nicht verstanden habe; Graf Leßberg ist zweifellos ein guter Kunde, der womöglich das halbe Regiment hinter sich herzieht. Na ja! sagte der Stallmeister, innerlich tief gekränkt. Aber so waren diese vornehmen Herrschaften. Wenn ihnen das Herz brach, lächelten sie dazu. Wenn ein ehrlicher Kerl ihnen seine Teilnahme beweisen wollte, ließen sie ihn abfallen. Und dieser hier war noch einer der allerbesten von ihnen! Da sollte man nun nicht Socialdemokrat sein! 370 Wilfried hatte seinen Auftrag wegen der Sättel erteilt und darauf bestanden, daß der Stallmeister fünfzehn Prozent von dem Erlös für seine Mühe nehmen müsse, während dieser höchstens von zehn wissen wollte. Doch ein nobler Herr, meinte er, der schlanken, elastischen Gestalt, wie sie sich raschen Schrittes über den Hof entfernte, mit Kennerblicken nachschauend. Geborener Reiter. Wie dem die Komtesse das lange Gereff mit dem Fuchsbart hat vorziehen können! Wenn der man mit ihr fertig wird! Die hat wohl noch mehr Mucken als die Emma. * * * Wilfried hatte die frohe Unbefangenheit, in welcher Herr Barlow nur eine ihn kränkende Verstellung gesehen, nicht zu heucheln brauchen. Wer würde jetzt noch zu behaupten wagen, er habe unbesonnen und frivol gehandelt, als er Ebba ihr Wort zurückgab! Konnte man sich je früh genug von einer lossagen, die nur das Äußere einer Dame hatte! Wie richtig Frau von Haida sie beurteilt! Freilich, wer selbst mit falschen Karten spielt, durchschaut den andern Falschspieler bald. Und diese wurmstichigen Früchte waren nun das bewunderte Produkt der Gesellschaft, die sich mit Emphase die gute nannte und nun und nimmer zugeben würde, daß die andern Menschen ihresgleichen seien! Gott sei Dank, daß sie es nicht waren! Daß es Lotte beleidigen hieß, ihren Namen mit dem Ebbas zu nennen! Wie lange war es schon, daß er die Geliebte nicht gesehen! Ein paar Tage, und es dünkte ihm eine Ewigkeit. Aber seine Robinsoninsel, noch vor wenigen Tagen in fernen Meeren versunken, wie tauchte sie hell und heller aus den Fluten! Früher hatte er stets gemeint, sollte sich sein Traum jemals verwirklichen, es würde ein Geschenk himmlischer Gnade sein. Jetzt wußte er, daß man dem Himmel seine Gaben abtrotzen muß. 371 Und abtrotzen kann, wenn man sich resolut zum freien Menschen macht: frei von den läppischen Vorurteilen der Geburt und des Standes; frei von der feigen Furcht vor dem Qu'en dira-t-on? uns im Grunde gleichgültiger, vielleicht verächtlicher Menschen; frei vor allem auch von den schönen sieben Sachen, mit denen wir unser Leben ausstaffieren und von denen man sagt: sie gehören mir, während man doch ihnen gehört mit Leib und Seele. Hatte er nicht eine nach der andern diese Fesseln abgestreift? war da nicht eben der brave Levy an der Arbeit, ihm die letzte durchzufeilen? Er würde wohl inzwischen damit fertig geworden sein. Als er auf einem langen Umwege, den er geflissentlich gemacht, seine Wohnung wieder erreicht hatte und das Arbeitszimmer betrat, fand er Herrn Levy dort sitzen, den kahlen Kopf in die Hand gestützt, so vertieft in seine Berechnungen, daß erst seine Anrede ihn emporblicken machte. Ich komme Ihnen zu früh? Doch nicht, Herr Graf. Und wie steht die Sache? Er hatte den Händler wieder auf seinen Sitz genötigt und ihm gegenüber Platz genommen. Herr Levy blickte in das kleine Notizbuch, das er offen in der Hand hielt. Man könnte sie auf dreierlei Weise anfassen, sagte er. Das Rationellste und auch für Sie, Herr Graf, Vorteilhafteste wäre, wenn man das Ganze in drei Teile teilte: Möbel, Bibliothek, Kunstsachen, und sie einzeln an den Mann zu bringen suchte. Zusammen schädigen sie einander: wer die Bibliothek wohl erstehen möchte, dem ist vielleicht an den Möbeln und Kunstsachen wenig, oder nichts gelegen; ein anderer hätte wohl die Kunstsachen gern gehabt, weiß aber mit den beiden andern Items nichts anzufangen. Der Herr Graf verstehen mich? Vollkommen, sagte Wilfried. 372 Der zweite Modus wäre, fuhr Herr Levy fort, eine allgemeine Versteigerung. Aber abgesehen davon, daß die Notorietät, die man dann der Sache geben müßte, nicht nach dem Geschmack des Grafen sein dürfte – Ganz und gar nicht, sagte Wilfried. – ist eine Auktion immer ein Risiko. In diesem Augenblick, wo so viele Herrschaften schon verreist sind, könnte man mit Sicherheit nur auf die gewerbsmäßigen Händler rechnen und – Sie wissen, Herr Graf: eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus. Also, sagte Wilfried, bliebe nur der dritte Fall. Es ist aus Gründen, die ich bereits andeutete, für den Herr Grafen der am wenigsten günstige. Ich zum Beispiel habe ein wirkliches Interesse nur für die Kunstsachen; das andere ist mir mehr oder weniger eine Last. Nicht, als ob ich verzweifelte, die Sachen wieder los zu werden, auch wohl mit Vorteil; aber ich werde – da es nicht meine Branche ist – viel Mühe davon haben, auch nicht unbedeutende Kosten. Ein sicherer Handel ist es für mich jedenfalls nicht. Da werden wir denn wohl nicht zusammen kommen, sagte Wilfried, an seinem Stuhl rückend. Vielleicht doch, Herr Graf, wenn nur der Herr Graf die Güte haben wollen, bei dem Preise, den ich etwa bieten kann, die für mich ungünstigen Umstände in Erwägung zu ziehen. Und welches wäre nun der Preis? Herr Levy warf wieder einen Blick in sein Notizbuch; sah, kalkulierend, nach der Zimmerdecke, abermals in das Notizbuch, endlich auf Wilfried und sagte langsam: Sechzigtausend Mark. Das dürfte etwa die Hälfte sein von dem, was meine Einrichtung ungefähr gekostet hat. Ganz meine Annahme, Herr Graf. Gut! sagte Wilfried, ich nehme ihr Gebot an, 373 vorausgesetzt, daß die Zahlung auf einmal und sofort erfolgt. Ich vermutete, daß es die Bedingung des Herrn Grafen sein werde. Ich hätte sonst die Summe etwas höher normieren können. Lassen wir es also, wie es ist! Herr Levy war gegangen, nachdem man noch einige Verabredungen getroffen hatte, besonders über die Räumung der Wohnung, die bis übermorgen abend spätestens ausgeführt sein sollte. Um sechs Uhr wollte man sich bei dem Justizrat Berner treffen, da Herr Levy die Angelegenheit notariell erledigt zu sehen wünschte. Nicht sowohl meinethalben, als Ihrethalben, Herr Graf, damit Sie nach jeder Seite die wünschenswerte Sicherheit haben. Wilfried war es zufrieden. Er hatte noch ein anderes Anliegen an den alten Rechtsfreund, das bei dieser Gelegenheit schicklich vorgebracht werden konnte. * * * Die Ausfertigung des Kontraktes mit den nötigen Formularien hatte nur kurze Zeit in Anspruch genommen. Haben Sie noch eine Viertelstunde für mich? fragte Wilfried, als Herr Levy sich empfohlen hatte. Ich selbst wollte Sie darum bitten, sagte der Justizrat. Setzen wir uns also wieder! Sehen Sie, lieber Graf, ich habe Ihnen in die Sache so wenig hineingeredet, als ob Sie mir ein wildfremder Mensch wären, und die Sache selbst mir so gleichgültig, wie die meisten, die hier verhandelt werden. Einmal sind Sie alt genug, um zu wissen, was Sie zu thun haben, und in schlechte Hände gefallen waren Sie nicht. Der Levy ist ein durchaus ehrlicher Mann. Natürlich hat er seinen Vorteil bei dem Geschäft; aber er hat Sie glimpflich behandelt; ein anderer hätte Ihnen zweifellos die Haut über die Ohren 374 gezogen. Und nun erlauben Sie Ihrem alten Freunde und Rechtsanwalt die wohl aufzuwerfende Frage: da Sie gegen Tante Adele so weiter frondieren wollen; sich also selbst die Ressourcen von daher abgeschnitten und andre, so viel ich weiß, nicht haben: glauben Sie alles Ernstes von den Zinsen Ihrer sechzigtausend leben zu können? Ich denke sie im Gegenteil gar nicht anzugreifen, entgegnete Wilfried; ja, ich darf es nicht, da ich sie ausschließlich zur Unterstützung einer verarmten Familie, für die ich mich interessiere, bestimmt habe. Der Familie Schulz, warf der Justizrat ein. Sie wissen? rief Wilfried erstaunt. Wie Sie sehen, Verehrtester. Es geht mir, wie dem guten Mephisto, als der ich Tante Adele und noch andern biedern Leuten unverdienterweise gelte: Allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewußt. Übrigens in diesem Fall kein Kunststück: weiß doch, außer der Polizei, sogar Tante Adele schon von Ihren Beziehungen zu der Familie! Sie durch Ihren Mathis, der von früher her ein guter Bekannter des Vater Schulz ist, und dem er nur auf der Straße zu begegnen brauchte, um das Lob des großmütigen Herrn Grafen in allen Tönen singen zu hören. Sie mögen sich denken, wie eilig er es gehabt hat, das Lied mit den nötigen Variationen zu den Ohren seiner Gnädigen gelangen zu lassen! Aber, auf unser Thema zurückzukommen: Sie haben wirklich andre, mir bis dahin geheime Hilfsquellen? Was man gewöhnlich so nennt: nein. Ich denke jedoch: die Arbeit ist auch eine. Der Justizrat zog die buschigen Augenbrauen hoch auf die kahle Stirn. So, so! »Nur unter dem Streben der eigenen Hand« – sehr brav! ungeheuer ehrenwert! Sie wollen sich also reaktivieren lassen. Das dürfte, abgesehen von verschiedenem andern, zum Beispiel: daß Sie nicht mehr als reicher Mann kommen, nach Ihrem Auftreten in der 375 Versammlung des Pfarrer Römer seine erheblichen Schwierigkeiten haben. Auch denke ich nicht daran, erwiderte Wilfried; aber Sie sagten mir gelegentlich, daß Ihr Assessor seiner angegriffenen Gesundheit wegen am ersten Juli – also übermorgen – eine längere Reise antreten müsse, und Sie um einen Substituten in Verlegenheit seien. Wenn die Stelle also noch offen wäre – es kann sich ja nur um ein Provisorium handeln – und Sie sie mir anvertrauen wollten – meine juristischen Kenntnisse weisen freilich bedeutende Lacünen auf – vielleicht aber versuchen Sie es mit mir. Es würde mein Ehrgeiz sein, und ich würde meine ganze Kraft daran setzen, Ihre Nachsicht nicht zu sehr in Anspruch zu nehmen. Und da sagt man, daß es heute keine Zeichen und Wunder mehr giebt! Der kleine Herr hatte mit beiden flachen Händen auf die Arme seines Lederfauteuils geschlagen; war aufgesprungen und mit zappligen Schrittchen ein paarmal durch das Zimmer gerannt. Jetzt blieb er vor Wilfried stehen: Darauf muß ich Sie mir wirklich noch einmal ordentlich ansehen: Graf Wilfried Falkenburg, Bruder seiner Durchlaucht des Fürsten Dagobert Falkenburg auf Falkenburg, will bei dem Justizrat Berner provisorischer Hilfsarbeiter werden für das königliche Gehalt von zweihundertfünfzig Mark pro Monat! Heiliger Bebel! Wenn Deine Zeit jetzt noch nicht gekommen ist! Gut, gut! Sie sollen Ihren Willen haben. Übermorgen können Sie bei mir eintreten. Eine Sinekure wird Ihre Stelle nicht sein – das versichere ich Sie. Und was die Behandlung betrifft – Justizrat Berner ist als einer der gröbsten, hämischsten, uuverträglichsten Menschen stadtbekannt. Darauf will ich es gern ankommen lassen, sagte Wilfried. Ja, worauf lassen Sie es denn nicht ankommen, Don Quixote Sie! Aber das gefällt mir! Das ist eine wahre Erquickung in unserer schwülen, engbrüstigen Zeit! Und ohne 376 den Grad der Helligkeit untersuchen zu wollen, den der Drang hat, der Sie treibt – es müßte mich alles täuschen, oder Sie haben just den rechten Weg getroffen. Was ich damit meine? Ja, Herr Assessor, ein wie großes Vertrauen Ihnen auch Ihr Chef schenkt – alles dürfen Sie doch nicht wissen. Einiges muß er schon für sich behalten. Also noch einmal: übermorgen neun Uhr erwarte ich Sie. Bis dahin Gott befohlen! Er hatte Wilfried die kleine Hand gereicht und ihn fast zum Zimmer hinausgedrängt. Um, sobald die Thür hinter dem jungen Mann geschlossen war, sich lachend in seinen Fauteuil zu werfen, dessen Arme er mit beiden Händen bearbeitete, einmal über das andre rufend: Der Spaß ist zu gut! wirklich zu gut. * * * In der frohsten Stimmung legte Wilfried den langen Weg von der Leipzigerstraße bis in seine Stadtgegend zurück. War ihm doch heute alles, was er sich vorgenommen, geglückt: Kleines und Großes! Jetzt auch noch spielend leicht das letzte, was ihm als das weitaus Bedenklichste, Schwierigste erschienen war, so daß er kaum eine Hoffnung des Gelingens gehabt hatte. Die Weise, in welcher der Justizrat eine für ihn so wichtige Angelegenheit fast scherzhaft behandelt, war freilich etwas wunderlich; aber der alte Herr stand nicht umsonst in dem Rufe eines allerersten Sonderlings. Und würde mit ihm nicht allzu streng ins Gericht gehen, wenn es mit seinen juristischen Kenntnissen hier und da ein wenig hapern sollte. Man würde ein wenig öfter als andere in den Gesetzsammlungen nachschlagen müssen; aber das würde nicht lange dauern: war ihm doch bis jetzt jede Arbeit leichter geworden, als in seinem moralischen Interesse lag. Von jetzt an wollte er es mit der Arbeit ernst nehmen, wie das Volk es nehmen muß, zu dem er ja nun gehörte. Das Volk mit den Gesichtern, 377 in die Sorge und Not so tiefe Spuren eingegraben. Und in die er heute mit so anderen Augen blickte! Als wären sie ihm plötzlich aufgethan und er könnte fließend in einem Buche lesen, das ihm bis heute mit sieben Siegeln verschlossen gewesen. Mochte Dagobert zehnmal recht haben: der Schlund, der zwischen den upper ten thousand und den andern Menschen klaffte, würde sich darum nicht schließen, wenn einer von jenen den Mut hatte, hineinzuspringen. Aber war es nicht hier, wie in der Schlacht? Wehe dem, der da den Mut hat, feig zu sein! Nun blieb ihm noch eins zu thun, an diesem glorreichen Tage. Morgen sollten Herrn Levys Leute kommen, den Krimskrams einzupacken; er würde heute zum letztenmal in seiner Wohnung schlafen. So denn hieß es, sich nach einem andern Quartier umzusehen. In der Bel-Etage würde es just nicht sein; auch nicht aus einer Flucht von Zimmern bestehen. »Kleine möblierte Gartenwohnung drei Treppen l.« Da stand es auf einem Pappdeckel oben an einer Hausthür. Das war sein Fall. Er blickte an dem Hause empor: es sah nicht besser und nicht schlechter aus als die übrigen, gerade wie die Straße die Durchschnittsphysiognomie der Straßen dieses Viertels hatte. Welche es war, wußte er nicht: bereits in der Nähe seiner Wohnung, nach der ihn nicht verlangte, war er von der Kurfürstenstraße in eine der Querstraßen nach der Tauenzienstraße abgebogen, die er niemals recht unterscheiden konnte: es mochte die Nettelbeck-, es konnte auch die Courbièrestraße sein; und in einer dieser beiden, hatte Frau Brandt gesagt, befinde sich die Klinik ihres Mannes, in deren Nachbarschaft wieder sie Lotte eingemietet hatte. Besser konnte er es sich nicht wünschen. Auf sein Klingeln sprang die Hausthür auf. Er durchschritt den Flur, dann den Hof, sich vergeblich nach einem Garten umblickend. Der Hof war von zwei Seitengebäuden flankiert, hinten durch einen Querbau geschlossen, über dessen Thür ein Duplikat der Straßenannonce hing. 378 So trat er hier ein und stieg die Treppen hinauf. Etwas steile, läuferlose, aber reinlich gehaltene Treppen; vorüber an eng nachbarlichen, jede mit einem runden Guckloch versehenen Holzthüren, die nach Ausweis der nebenbei an der Wand befestigten Porzellan- und Messingschilder zu den Wohnungen des Kanzleirat Müller, des Ingenieur Büchmeier und andrer dunkler Ehrenmänner führte. Regt sich der alte Hochmutsteufel wieder? murmelte Wilfried, als ihm das Wort auf die Zunge kam. Die drei Treppen waren erstiegen; es ging noch eine höher; jedenfalls eine Bodentreppe. Wilfried war froh, daß er sein Ziel erreicht hatte. Die dumpfe Luft in dem engen Treppenturm, dessen Fenster hermetisch verschlossen schienen, war mit jedem Stockwerk weniger atembar. Es fanden sich in dieser obersten Etage wieder zwei Nachbarthüren. Auf dem Schilde der von ihm gesuchten, linker Hand, las er: Minna Rehbein, Schneiderin für Damen. Die rechter Hand zeigte nur eine Karte, deren Schrift er trotz der geringen Entfernung nicht entziffern konnte. Es ging ihn ja auch nichts an. Die Thür wurde auf sein Klingeln geöffnet; eine sehr stattliche Dame in mittleren Jahren, anständig schwarz gekleidet, stand vor ihm. Frau Rehbein? Aufzuwarten. Sie haben eine möblierte Wohnung zu vermieten? Zwei Zimmer ohne Zubehör, nur etwas Bodengelaß, wenn es gewünscht wird. Kann ich sie sehen? Frau Rehbein trat zurück, den neuen Mieter vollends hereinzulassen, schloß die Thür hinter ihm, führte ihn ein paar Schritte über einen kleinen, dunklen Flur und öffnete die Thür zu einem Zimmer, dessen zwei Fenster nach der dem Hof entgegengekehrten Seite lagen. Ein mäßig großer Raum mit einer hellen, nichtssagenden Tapete. An der Wand, die nach dem Treppenflur liegen mußte, ein mit 379 einem billigen Wollstoff überzogenes, altfränkisches, hochlehniges Sofa; davor ein runder Tisch mit einer gemusterten Leinendecke. Zwischen Sofa und Fenster ein Schrank, ihm gegenüber an der andern Wand ein Cylinderbureau; an dem Fensterpfeiler ein ovaler Spiegel in braunem Holzrahmen, mit einem Tischchen, das diverse Nippes aus einem Fünfzigpfennigbazar schmückten. Auf dem gestrichenen Fußboden ein kleiner Teppich unter dem Sofatisch, ein noch kleinerer unter dem bescheidenen Lehnstuhl vor dem Cylinderbureau; sonst noch drei oder vier Stühle, so verteilt, daß sie möglichst wie ein halbes Dutzend aussahen. Neben diesem Zimmer, und durch eine einfache Thür mit ihm verbunden, ein zweites, einfenstriges: das Schlafgemach; die Ausstattung in Einklang mit der des Wohnzimmers: alles kleinbürgerlich und ein wenig stark verbraucht; aber durchaus sauber und gut gehalten. Während der Inspektion, die freilich kaum fünf Minuten gedauert hatte, war kein Wort gesprochen. Jetzt wandte sich Wilfried zu der schweigsamen Führerin: Und der Preis? Er hatte das ihm geläufige »gnädige Frau« hinzufügen wollen, unterließ es aber, da er nicht recht wußte, ob es zu der Situation passe. Zehn Mark wöchentlich ohne Kaffee, mit Kaffee zwölfeinhalb. Wilfried berechnete, daß das jährlich ungefähr sechshundert Mark mache. Da er bisher viertausend für seine Wohnung ausgegeben, kam es ihm überaus billig vor. Aber ich las unten etwas von Gartenwohnung, sagte er. Bitte! sagte Frau Rehbein, mit einer zuversichtlichen Handbewegung nach dem geöffneten Fenster deutend. An das Wilfried nun trat, um, wenn er sich hinausbog, in der Tiefe einen schmalen, mit niedrigem Buschwerk hier und da betupften Streifen Rasen zu sehen, durch den sich fußbreite Wege zogen, und aus dem drüben mit 380 Fenstern besäete Hinterhäuser der Nachbarstraße in der Entfernung weniger Meter himmelhoch aufragten. Sehr schön, sagte er. Ich kann sofort einziehen? Frau Rehbein verneigte sich: Und mit wem habe ich die Ehre? Wilfried griff nach seiner Brusttasche und stutzte. Aber hier inkognito auftreten zu wollen, wäre doch nur eine läppische aristokratische Velleität gewesen. So nahm er seine Karte und reichte sie der Frau. Sie warf einen Blick darauf, streifte mit einem zweiten, scharf prüfenden die elegante Erscheinung des neuen Mieters und lächelte. Da habe ich aber Glück. Ihr Vorgänger, der uns erst seit ein paar Tagen verlassen hat, war ein Baron – Baron Polzow – Von Rügen? Der Herr Graf kennen die Familie? Nur dem Namen nach. Es war ihm eingefallen, daß sie, deren zur Subhastation stehendes Gut er hatte kaufen sollen, so hießen. Der verarmte Baronen- und der enterbte Grafensohn, einer in die bescheidene Wohnung ziehend, die der andre eben geräumt! Ein Zusammentreffen, das ihn seltsam berührte. War auch das ein Zeichen, daß der Adel abgewirtschaftet hatte? Der Herr Baron war hier, um sein Assessorexamen zu machen. Er mußte dann schnell nach Hause; seine Frau Mutter war ganz plötzlich gestorben. O, sagte Wilfried. Ein so lieber Herr! und ein so ruhiger Mieter! Man hörte ihn kaum. Ich hoffe, Sie werden das letztere auch von mir sagen können. Viel werde ich nicht zu Hause sein. Nebenbei: ich habe dasselbe Fach wie mein Vorgänger; bin Assessor a. D. und arbeite bei dem Justizrat Berner in der Leipzigerstraße. 381 Frau Rehbein, die Wilfrieds feine Kleidung und sein sicheres Auftreten anfangs doch etwas stutzig gemacht hatten, war jetzt ganz beruhigt. Vertrauen mit Vertrauen erwidernd, erzählte sie, daß sie die Witwe eines Magistratsregistrators sei; nur ein Kind: eine erwachsene Tochter habe, mit der und einer Gehilfin sie arbeite in den nach dem Hof gelegenen Vorderzimmern, so daß der Herr Graf von dem Geräusch der Nähmaschinen nichts hören werde. Hier wurde aus einem dieser Vorderzimmer die Tochter herbeigerufen und als Agnes präsentiert: ein scheues, rothaariges, etwas verwachsenes Mädchen von unbestimmbarem Alter, mit Augen, die stark schielten und überallhin, nur nicht auf den neuen Mieter zu blicken schienen. Sie huschte alsbald wieder hinaus, und Wilfried empfahl sich, nachdem er die erste Woche pränumerando bezahlt hatte, wovon Frau Rehbein zuerst nichts wissen wollte, es dann aber geschehen ließ mit der Miene des Klügsten, der nachgiebt. * * * Die Wohnungsthür mit dem runden Guckloch hatte sich hinter Wilfried geschlossen. Er stand auf dem schmalen Treppenabsatz, lächelnd: mein Gott, in welch seltsame Situationen man gerät, wenn man aus den altgewohnten Geleisen ausbiegt! Im Begriff, die Treppe hinabzusteigen, fiel sein Blick auf die Karte an der Thür der Nebenwohnung. Man muß doch wissen, wer sein nächster Nachbar ist. In dem Flur dämmerte es bereits; er mußte ganz nahe herantreten: Hermann Schulz, Tafeldecker. Das konnte ja nicht seine Richtigkeit haben! Aber er hatte sich nicht verlesen. Sollte es zwei Leute desselben Namens geben? Aber er hatte noch vorhin auf der Straße daran gedacht, daß sie hierherum wohnen müßten! Sein Herz begann heftig zu klopfen: Sie hier! in seiner unmittelbaren Nähe! Es war unmöglich. Wollte 382 sie doch keine Annäherung; war vor ihm geflohen! Was würde sie, was Frau Brandt von ihm denken! Er mußte auf der Stelle wieder bei Frau Rehbein klingeln und ihr sagen – aber was? was? Die Frau würde ihn für toll halten. Dennoch – es mußte sein. In seiner unsäglichen Verwirrung war ihm der Stock entglitten. Vor dem starken Geräusch, den es in dem engen Treppenraum auf den nackten Dielen verursachte, schrak er heftig zusammen. Eben hatte er ihn wieder aufgerafft, jetzt entschlossen, sich bei der Schneiderfrau so oder so zu entschuldigen, als die Thür, vor der er stand, aufging und in dem Rahmen auf dem dunklen Hintergrund des Wohnungsflurs Lotte erschien. Sie wich einen Schritt zurück mit einem leisen halb unterdrückten Schrei, aus dem er keine freudige Überraschung herauszuhören glaubte; hatte sich aber alsbald wieder gefaßt und sagte mit einer Stimme, die nur noch ein wenig beklommen klang: Verzeihen Sie, Herr Graf! Ich glaubte, es wäre der Vater. Ihre Ruhe hatte auch ihm die Fassung wiedergegeben. Ich bitte um Entschuldigung für die ungewöhnliche Stunde, sagte er; ich hatte den ganzen Tag zu thun; konnte aber dem Verlangen nicht widerstehen, mich endlich einmal nach Ihnen umzusehen. Er war an sie, die sich nicht rührte, herangetreten und hatte ihr die Hand gereicht. Ich komme Ihnen ungelegen? O nein! Es ist nur – der Vater hat für heute einen Dienst angenommen; die Mutter ist vor einer Stunde ausgegangen – Dann ein andermal. Er machte eine Wendung nach der offen gebliebenen Thür. 383 O nein! Ich – möchte mit Ihnen – ich wollte Ihnen schon schreiben – bitte – Sie hatte die Flurthür hinter ihm geschlossen und die nach einem Zimmer geöffnet. Nach Ihnen, Fräulein Lotte! Es war ein mittelgroßes Zimmer mit einigen wenigen, einfachsten neuen Möbeln. Selbst an einem Sofa fehlte es. Durch die beiden, bis zur halben Höhe mit weißen Musselinvorsetzern zugestellten, nach dem Hof gehenden Fenster kam ein warmer Abendschein. Wilfried mußte der schrecklichen dumpfen Kellerwohnung denken, in der er sie zum erstenmale gesehen, die nun vor ihm stand in einem dunklen Kleide ohne jeglichen Aufputz, sehr bleich trotz des rosigen Lichts, das ihr gerade in das Gesicht und in die großen dunklen Augen fiel, deren Glanz diese letzten Tage ausgelöscht hatten. Ihre Blässe und der kummervolle Ausdruck der geliebten Züge schnitten Wilfried ins Herz. Sie sind krank, Fräulein Lotte! Sie schüttelte wehmütig den Kopf. O nein, Herr Graf; es geht mir so weit gut. Es ist nur – In den Augen stiegen Thränen auf, die sie sofort zerdrückte. Aber wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Graf! Sie hatte ihm in der Nähe eines der Fenster einen Stuhl zurechtgerückt und setzte sich in schicklicher Entfernung ihm gegenüber. Es ist nur, weil ich mich so schrecklich um Hermann gräme. Ich habe ihn so lieb gehabt, und er mich auch. Ich fasse es nicht – Sie blickte mit starren Augen vor sich hin, während Wilfried vergeblich nach einem tröstenden Wort suchte. Und er war ein so guter Junge, fuhr sie mit leiser, tonloser Stimme, wie mit sich selbst sprechend fort; heftig wohl; aber er konnte niemand leiden sehen; und ich weiß, 384 daß er sein bißchen Gehalt als junger Kommis und später ebenso, als er mehr hatte, immer mit armen Kollegen geteilt hat. Und jetzt kann er etwas so Schlechtes thun! Wer weiß, ob er trotzdem damit nicht etwas Gutes hat thun wollen, sagte Wilfried. Sie blickte ihn fragend an. Ich habe ihn ja kaum gekannt, eigentlich nur einmal am Dienstag Abend – Frau Brandt wird es Ihnen erzählt haben – eine halbe Stunde lang mit ihm gesprochen. Ich hatte den Eindruck eines außerordentlichen Menschen, der die Gesellschaft für zu krank hält, als daß sie mit anderen als heroischen Mitteln geheilt werden könnte. Wer kann wissen, wie sich das nun in seinem Kopfe gestaltet hat! Ich kann mich nicht entschließen, ihn für einen gemeinen Dieb zu halten. Aber die Welt hält ihn dafür, sagte sie, traurig mit dem Kopfe nickend, muß ihn dafür halten. An den Litfaßsäulen steht es: zehntausend Mark haben sie auf seine Ergreifung gesetzt. Wenn sie ihn ergreifen! O mein Gott, mein Gott! Sie drückte für einen Moment die Hand in die Augen und sprach, jetzt mit ruhigerer Stimme, weiter: Verzeihen Sie! es ist nicht recht, daß ich Sie damit quäle. Sie können ja nicht helfen, so gern Sie es möchten. Es ist auch nur, weil ich hier mit niemand darüber sprechen kann. Vor dem Vater darf ich seinen Namen nicht nennen; und seitdem er jetzt gegen die Mutter wieder gut ist, steht sie ganz auf seiner Seite und will nun auch von Hermann nichts wissen, der früher ihr Liebling war. Es freut mich, sagte Wilfried, daß Sie mir wenigstens von Ihren Eltern Gutes berichten können. Ja, Vater hat sich bei seinen alten Herrschaften gemeldet; und gestern schon hatte er ein Abendessen, heute hat er ein Diner. Es kommt jetzt eine schlechte Zeit für Lohndiener; aber er hat Aussicht, daß er für den Sommer 385 als Oberkellner in einem Weinrestaurant angestellt wird. Mutter ist auch fleißig; sie ist sehr geschickt als Weißnäherin; und eben ist sie hin, sich einen Auftrag zu holen, den ihr Frau Doktor Brandt verschafft hat. Ich kann nun gar von Glück sagen. Eine Frau Tetzlav in der Kurfürstenstraße hat mich als Direktrice für ihr Putzgeschäft engagiert. Das Geschäft ist nicht groß und so ist es auch nicht das Gehalt; aber es ist doch mehr, als ich sonst wohl verdiente, und ich habe etwas Bestimmtes. Das alles ist ja sehr schön, sagte Wilfried, der nur zerstreut zugehört hatte. Diese Angelegenheiten kleinbürgerlichen Lebens mit den Sorgen und Hoffnungen, die sich daran knüpfen, waren ihm so wildfremd. Er hätte lächeln mögen über die Zumutung, daß er sich dafür interessieren solle, während sie so nahe vor ihm saß; er sich an ihrer Schönheit berauschte und nur immer heimlich vor sich hin sagte: Ich liebe Dich! ich liebe Dich! Da er das einzige, um was es sich für ihn handelte, nicht zu sagen wagte, verstummte er alsbald wieder, den brennenden Blick weiter so auf sie geheftet. Ihre Farbe kam und ging; sie sah vor sich nieder, dann zum Fenster hinaus auf die Dächer gegenüber. Wilfried glaubte nicht anders, als sie wünsche, daß er gehe. Und nun nicht sagen dürfen: gut, ich gehe. Aber morgen werde ich Dich wiedersehen und alle Tage! Die Unmöglichkeit, mit ihr in einem Hause, auf einem Flur zu wohnen, drängte sich ihm mit schrecklicher Klarheit auf. So will ich mich denn empfehlen, Fräulein Lotte, sagte er mit gepreßter Stimme und stand von seinem Stuhl auf. Ach, bitte, nein! rief sie angstvoll, nun ebenfalls schnell sich erhebend und eine Hand nach ihm ausstreckend. Ich muß Ihnen – ich sagte, daß ich Ihnen deshalb schreiben wollte – Was ist es, Fräulein Lotte? Sprechen Sie es aus! Ich denke, Sie wissen, daß ich Ihr Freund bin. 386 Das ist es ja, rief sie in leidenschaftlicher Erregung. Sie dürfen es nicht sein! nicht so – so nicht! Mein Gott, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll – es klingt so furchtbar undankbar – Herr Graf, haben Sie Mitleid mit mir – ich kann nicht anders: Sie dürfen nicht weiter so großmütig sein! Es geht uns ja jetzt so gut. Wir verdienen, was wir brauchen – mehr als das. Was Sie uns geben – was Sie alles für uns thun – wir stehlen es anderen, die ärmer sind als wir. Um Gottes willen, Herr Graf, mißverstehen Sie mich nicht! Wir wollen für das, was Sie uns geschenkt haben, Ihre Schuldner sein. Auch Elise und Fritz, wenn Sie es wollen, mögen Ihre Schützlinge bleiben. Aber die Eltern; aber ich – O, mein Gott, jetzt zürnen Sie mir! Ich wußte es! Ich zürne Ihnen nicht, sagte Wilfried, sein wild klopfendes Herz bezwingend. Oder doch nur, weil Sie nicht aufrichtig sind. Ich will es an Ihrer Stelle sein. Sehen Sie, Fräulein Lotte, wäre ich ein Mann, der sich durch seine redliche Arbeit ernähren müßte, und Ihnen als solcher – und natürlich als ein alter Bekannter, ein guter Freund – in Ihrer Not beigesprungen, ich bin überzeugt, Sie würden die Hilfe angenommen haben und annehmen mit dem Vorbehalt, dem Helfer, sobald Sie in der Lage sind, alles wieder zu entrichten. Habe ich recht? Ich weiß nicht – ich glaube – murmelte Lotte. Ich bin davon überzeugt. Nun bin ich in Ihren Augen der Graf, der vornehme Herr, von dem Sie nicht recht wissen, ob er ein Herz für Arme hat; ob er den Wohlthäter nicht aus lieber Langerweile spielt. Und wäre selbst das nicht der Fall – bitte, lassen Sie mich ausreden! – so wollen Sie nicht mein Schützling sein, weil es andre Leute giebt, von denen Sie mit Sicherheit wissen, daß sie sich unser Verhältnis nicht als ein reines denken können, sondern als eines, in dessen bloßen Verdacht zu 387 geraten, Ihre stolze Seele empört. Wenn wir jenen Leuten nun ihren Irrtum beweisen könnten, ganz klar beweisen? Ich habe viel darüber nachgedacht. Seitdem wir uns zuletzt bei Frau Brandt gesehen haben, sind in meinem Leben große Veränderungen eingetreten; nicht durch Zufall: ich habe sie herbeigeführt. Von Kindheit an habe ich als der Erbe einer reichen Tante gelebt. Als wir uns kennen lernten, war ich es noch. Ich bin es nicht mehr. Was ich jetzt noch besitze, ist ein sehr bescheidenes Vermögen, auf das ich selbst nicht einmal Anspruch mache; das ich nur als ein Mittel betrachte, den Verpflichtungen nachzukommen, die ich für Ihre Familie übernommen habe. Sie haben diese Verpflichtungen auf ein sehr bescheidenes Maß zurückgeführt. Sie sollen Ihren Willen haben. Sollen arbeiten dürfen für das tägliche Brot, wie auch ich es jetzt thun werde. Dazu gehörte, daß ich meine kostbare Wohnung aufgab und eine bescheidenere suchte; eine, die meinen jetzigen Verhältnissen entspricht. Als ich vorhin durch diese Straße ging – ich schwöre Ihnen, Fräulein Lotte, ich hatte keine Ahnung, daß ich Sie hier finden würde. Ich habe Ihren Namen an der Thür erst draußen entdeckt, als ich die Zimmer bei Frau Rehbein drüben schon gemietet hatte. Ich stelle es völlig Ihnen anheim, ob ich jetzt – kein Mensch wird merken, daß ich von Ihnen komme – hinübergehen und die Wohnung wieder aufgeben soll. Vorher aber muß ich Ihnen noch etwas sagen. Er atmete ein paarmal tief; die Brust war ihm so voll: seine Augen brannten; nur im Flüsterton kam es von seinen Lippen: Ich liebe Sie, Lotte; habe Sie geliebt vom ersten Augenblick, daß ich Sie sah. Von diesem Augenblick an ist mein Leben die Liebe zu Ihnen gewesen, und die Hoffnung, mir Ihre Liebe zu erringen so, daß Sie mein liebendes, geliebtes Weib sein wollen. Mein Schicksal liegt nun in Ihrer Hand. 388 Während er sprach, war sie wieder völlig bleich geworden. Unter den niedergeschlagenen Augen traten dunkle Ränder hervor; der zarte Busen hob und senkte sich bei ihren kurzen schnellen Atemzügen; durch den schlanken Leib ging ein Beben; die schlaff herabhängenden Arme zitterten; die blassen Lippen zuckten; aber das Wort, das er sehnlich erhoffte, kam nicht. So denn – es war vorbei. Ohne einen Laut zu äußern, mit leisen Schritten ging er nach der Thür. Da wandte er sich, einen letzten Blick auf das geliebte Mädchen zu werfen. Sie stand noch, wie vorhin; nur die Augen blickten jetzt auf ihn mit einem großen Leuchten. Im nächsten Moment war sie bei ihm und hatte sich, ihn mit beiden Armen umklammernd, an seine Brust geworfen, das glühende Gesicht zu ihm erhoben, mit halbgeöffneten, zitternden Lippen seine Küsse trinkend. * * * Eine Stunde später saß Tante Adele allein in ihrem Salon, nachdem Friederike sie eben verlassen. Das liebe Mädchen hatte während der langen Unterredung, welche die beiden Damen gehabt, mehr als einmal ihr Taschentuch an die nassen Augen gedrückt. Sie war kurz vor der Abreise, die sie so schnell nicht vermuten konnte, bei ihrer Freundin, der Fürstin, gewesen; hatte sie nur noch eben umarmen können und von ihr in wenigen eiligen Worten den mißlichen Ausgang erfahren, den die Zusammenkunft der beiden Brüder gestern abend genommen. Dann, nachdem sie die Familie zu den bereits vor dem Hotel haltenden Wagen begleitet, war sie zu Tante Adele geeilt, sorgenden Herzens. Hatte doch die Fürstin gesagt: mein Mann giebt ihn noch nicht auf. Er wird es nie. Er hat ihn zu lieb; aber so weh es mir auch thut: ich halte ihn für uns verloren. – Wenn Tante Adele nun in derselben Ansicht 389 beharrte, ihm ihre Gunst nicht wieder zuwandte – was sollte aus Wilfried werden? Sie fand Tante Adele schon unterrichtet. Die Fürstin hatte ihr um die Mittagszeit einen freilich nur kurzen Besuch gemacht, ihren Gatten zu entschuldigen, der sich für die bevorstehende Reise schonen solle, und für Wilfried ein gutes Wort einzulegen, der für den Augenblick von seinen thörichten Neuerungsideen zu eingenommen sei, als daß er Vernunft mit sich reden lasse; zweifellos aber in kurzem sich auf sich selbst und seine Pflichten gegen Tante Adele, die übrige Familie, seinen Stand, gegen den Staat besinnen werde; und mit dem man bis dahin Geduld haben müsse. Ich habe ihr erwidert, sagte Tante Adele mit einem schmerzlichen Lächeln, das ausdrücken sollte, wie schwer ihr der Sieg geworden, den beleidigte Würde über das liebende Herz davon getragen: »Laß uns im stillen neuen Tag erharren!« Dann »soll's an mir, soll's an gefälligem Betragen, guten Worten, Nachgiebigkeit und Neigung nicht gebrechen!« Konnte ich, kann ich mehr thun? Du liebe, gute Tante Adele, rief Friederike, sie umarmend; ich bin schon zufrieden, wenn Du ihm nur verzeihen und wieder gut sein willst. Sobald er mich um Verzeihung bittet. Das wird nach dem, was ich von ihm weiß, wohl nie geschehen. Das sagst Du, und glaubst Du, weil Du nur auf seine Feinde hörst: Ebba, die doch nur schweigen sollte; Frau von Haida, die Dir Ebba zugeführt hat, und die in Breslau und zehnmaligem Umkreise als Salonschlange verrufen ist; Frau von Wiepkenhagen, die Wilfried feind ist, weil er mit Recht ihre Novellen scheußlich findet – Erlaube mir zu bemerken, unterbrach Tante Adele die Erregte; Du gebrauchst Ausdrücke, die in Deinem Munde ebenso unschicklich, wie für meine Ohren ungeziemend sind. Friederike bemühte sich vergebens, den Fehler wieder 390 gut zu machen. Tante Adele blieb verstimmt und entließ sie endlich, ohne ihr den gewohnten huldreichen Kuß auf die Stirn gedrückt zu haben. Und jetzt saß sie in dem großen dämmerigen Gemach in trübseligster Stimmung. Wie fürchterlich deprimiert sie war, dafür hatte sie einen schlagenden Beweis: sie fand, ihren Seelenzustand auszudrücken, kein Wort des Meisters, nur eines aus dem Wallenstein, den ja freilich auch der Meister einigermaßen goutiert zu haben schien: »Denn über alles Glück geht doch der Freund, der's fühlend erst erschafft, der's teilend mehrt.« Es fehlte in diesem Augenblick nicht viel, und sie hätte sich als Herzog von Friedland beklagt, den sein Max verlassen will. Verlassen hatte! Wußte sie doch Dinge von ihm, die sie vor den keuschen Ohren Friederikens nicht einmal andeuten durfte! Ihre Einladungen zum nächsten Montag hatte sie noch nicht zu verschicken gewagt, da sie den Freunden die Genugthuung nicht bieten konnte, die sie verlangten und verlangen durften. Wilfried verloren; die Freunde entfremdet! Ach! und das Montagskränzchen! Von dem sie jetzt nur noch sagen konnte: »ich besaß es doch einmal –« und ihr das! ihr »die immer strebend sich bemüht hatte!« Sie kam sich grenzenlos verlassen und unglücklich vor. Mathis brachte die große Lampe für den Sofatisch herein und entzündete schweigend die beiden kleineren auf dem Kaminsims. Warum unterließ er heute sein seit zwanzig Jahren bei dieser Gelegenheit vorgebrachtes, altfränkisches und gerade deshalb ihr liebes »Wünsche einen guten Abend, Frau Geheimrat!« Sollte sie jeder freundlichen Gewohnheit entsagen lernen? Weshalb so schweigsam, Mathis? sagte sie vom Sofa aus mit sanftem Vorwurf. Frau Geheimrat wollen doch nur von ihm hören, erwiderte Mathis mürrisch, während er die Glocke auf die zweite Lampe setzte. Frau Geheimrat haben meine letzten Mitteilungen so ungnädig aufgenommen. Ich möchte mir 391 nicht wieder den Mund verbrennen. Übrigens soll ich der Frau Geheimrat Herrn Justizrat melden. Warum sagen Sie das jetzt erst? Mathis, Freudigkeit ist die Mutter aller Tugenden. Sie fangen an, Ihren Dienst freudlos zu verrichten. Und dafür soll er hundert Jahre an der Himmelspforte warten, sagte der Justizrat, durch die Portiere hereintretend. Mathis, Mathis, geschieht das noch einmal, werde ich Ihre Majestät bitten, künftig unangemeldet vorgelassen zu werden. Mathis hatte sich grollend entfernt; der Justizrat Tante Adele die Hand geküßt, sich in einen Fauteuil neben dem Sofa sinken lassen und blickte mit einer lustigen Grimasse zu ihr auf. Nun? sagte er. Was, mein Freund? fragte Tante Adele. Ich warte darauf, daß Sie sagen: »Du siehst mich lächelnd an, Eleonore.« Sie blicken in der That vergnügt, mein Bester. Wie einer, der vergnügliche Dinge zu melden hat. Tante Adele lächelte ein trübes Lächeln. Ach was, Tante Adele! Kopf hoch! »Wenn Ihr das Leben gar zu ernsthaft nehmt, was ist denn dran?« Das ist echter Goethe – aus Egmont, glaube ich. Und irgendwo in derselben Scene muß auch noch stehen: »Ist ein Fastnachtspiel gleich Hochverrat?« Eine gar nicht aufzuwerfende Frage! Und ich habe Ihnen von einem Fastnachtspiel zu berichten, wie es toller und lustiger gar nicht sein kann. Lassen Sie mich hören, mein Lieber! sagte Tante Adele, sich mit der Miene eines, den längst alle Freuden flohen, in der Sofaecke zurechtrückend. Nun also! Er war heute nachmittag bei mir auf dem Bureau mit einem Mann mosaischen Glaubens, dem er für ein Spottgeld von nebenbei sechzigtausend Mark seine Bilder, Kunstsachen, Bibliothek, Möbel, kurz: all sein Hab 392 und Gut verkauft hat. Da er natürlich, wie das Gräflein in der Ballade, nicht im Schlösselein hausen kann, durch dessen leere Zimmer alle Winde kommen – wie finden Sie mich heute, Tante Adele? großartig goethefest, nicht wahr? – so wird er sich, wie er mir sagte, ein bescheideneres Quartier suchen – sous les toits , vermute ich. Und das nennen Sie vergnügliche Dinge? rief Tante Adele entsetzt. Es kommt noch besser. Hören Sie! Der brave junge Mann, nachdem er sich, mit Respekt zu sagen, von allem entblößt hat – Aber die sechzigtausend Mark, die er – Davon später! – will nun auch, wie es sich für einen Socialdemokraten pur sang ziemt, von seiner Hände Arbeit leben; hat sich zu diesem Zweck als Schreiber bei mir gemeldet; und ich habe ihn auf vorläufig unbestimmte Zeit engagiert mit einem Monatsgehalt, das Sie Mathis nur zu bieten brauchen, wenn Sie wünschen, daß er Ihnen zur Veränderung einmal höchst respektwidrig ins Gesicht lacht. Sie belieben zu scherzen, sagte Tante Adele, sich voll beleidigter Würde in ihrem Sitz aufrichtend. Mit Frauen, noch dazu so einziger Art, soll man sich das nie untersteh'n. Nein, meine verehrte Freundin, das alles ist lautere Wahrheit, von der kein Mäuslein ein Fädchen abbeißt. Nun komme ich auf die sechzigtausend Mark. Davon könnte er in seiner bisher gewohnten Weise cirka zwei Jahre leben. Die brave Familie Schulz, die er sich aufgehalst hat, wird dafür sorgen, daß er in einem halben Jahr – wahrscheinlicher: schon in einem viertel damit fertig ist. Ja, meine Verehrte, wenn man seinem Liebchen spanisch kommt – das kostet etwas. Glauben Sie mir! Sie sind ein Cyniker, mein Bester, sagte Tante Adele hoheitsvoll. Der Justizrat zuckte die Achseln. Schon mehr als einmal haben Sie mich so genannt, 393 ich schäme mich auch nicht, einer zu sein. Sie wissen, warum der Mensch die Hunde so gern hat! Aber, wie dem alten König Lear, blieb mir ein Stück vom Herzen; und das hängt an dem Jungen, der mich ja im Grunde gar nichts angeht, nur daß ich an ihm, während er so vor meinen Augen aufwuchs, immer meine Freude gehabt, und alles in ihm gesehen habe, was ich gern im Leben hätte sein mögen und nicht geworden bin und nicht werden konnte. Er ist in alle Wege ein prächtiger Mensch; nur: es ist ihm im Leben immer zu gut gegangen; etwas, für das er nichts kann, und das nun doch an ihm heimgesucht wird, als könnte er etwas dafür. Er empfindet es durchaus als ein Unrecht, das er begangen hat und wieder gut machen möchte. Alles, was er jetzt thut, geschieht in diesem Sinne. Selbstverständlich gerät er dabei ins Übermaß; und, wie er bis dahin ein Glückskind war, möchte er nun das ganze Leid der Welt auf seine Schultern nehmen. So etwas will sich austoben, wie ein Fieber, das auch nur die Reaktion des gesunden Teils gegen den kranken ist. Dazu kommt ein anderes, das in dasselbe Kapitel gehört. Verrückt, wie wir Menschen nun einmal sind, möchte ein jeder gerade das sein, was er seiner Natur nach schlechterdings nicht sein kann. Man fühlt das Fragmentarische seines Wesens und möchte es komplettieren. Da geschehen dann die närrischsten Dinge. Ich habe die Beobachtung tausendmal an anderen gemacht, natürlich auch an mir selbst. Pygmäe mit dem Nußknackergesicht und der Papageienstimme, hatte ich in meiner Jugend den wahnsinnigen Drang, auf die Bühne zu gehen; Karl Moor, Egmont, Tasso, Max Piccolomini – kurz: zu spielen, was es nur an idealsten Helden- und Liebhaberrollen giebt. Hatte auch wirklich den Mut, mich einem Direktor – von einer Provinzialbühne – anzubieten. Der wollte sich totlachen, meinte aber schließlich: es könne am Ende ein Komiker in mir stecken. Er versuchte es mit mir: natürlich wurde ich furchtbar ausgezischt. Es war eine derbe Lektion, aber eine heilsame: ich ließ 394 den Gedanken, ein Hendrichs zu werden – er war damals der Matador – fahren; bin nie wieder darauf zurückgekommen; war für immer kuriert. Sehen Sie, liebe Freundin, eine solche Kur – mutatis mutandis – macht jetzt unser Angstkind durch. Wie nur immer einer jener edlen venetianischen Jünglinge, die ebenso gut wie nicht Doge werden konnten: fein, eigen, bedächtig und stolz; Aristokrat vom Wirbel bis zur Sohle; auf der Stirn das ausgeprägteste odi profanum , will er partout ins Volk gehen, wie der Russe sagt: Volksmann sein, Demokrat, Socialist, Revolutionär – was weiß ich! Er bringt dazu gerade so viel Talent mit, wie ich zum Heldenspieler. Nicht auf das, was man will, kommt es an, sondern darauf, daß man kann, was man will; und man kann es nicht, wenn einem die Gaben fehlen, die zu der Sache gehören. Ihm fehlen für seine erträumte Volksmannsrolle diese Gaben gänzlich: die Stentorlunge, die derben Ellenbogen, die unempfindliche Haut und was nicht alles noch. Der kleine Erfolg in der Versammlung des Pfarrer Römer, der gerade so ein Schwärmer ist, wie er, hat ihn berauscht. Wie bald wird er lernen, daß eine Schwalbe noch keinen Sommer macht! Und wäre alles, wie Sie es eben mit schöner Beredsamkeit dargelegt haben, sagte Tante Adele, eine Pause benutzend, die der kleine Mann machen mußte, sich auf dem Fauteuil wieder festzusetzen, von dem er, bei einer besonders zappligen Bewegung beinahe heruntergeglitten war; was rettet ihn aus den Armen dieser bürgerlichen, sicher unendlich raffinierten Mädchen, die ihn umstrickt halten? Was rettete Odysseus aus denen der Kalypso und der Circe, die jedenfalls nicht weniger weich waren, wie ihre Küsse sicher nicht minder heiß brannten? Überdruß und die Entdeckung, die man über kurz oder lang macht, daß gleich sich am besten zu gleich gesellt. Glauben Sie mir, wenn sie Egmont und Clärchen erspart blieb, diese 395 Entdeckung, haben sie es nur Alba zu verdanken. Übrigens, wenn Sie dem Helden von Gravelingen sein hübsches Bürgerschätzchen sicher nie mißgönnt haben – was dem einen Grafen recht war, ist dem andern billig. Darum wird die zweite Etage in Ihrem Hause doch nicht in alle Ewigkeit leer stehen. Sie wollen nicht, daß kleine Kinderfüße Ihnen über dem Kopfe herumlaufen? Tante Adele, ich kenne Sie besser. Sie warten nur darauf, daß die betreffenden Füße Wilfrieds Kindern gehören. Dann mögen sie oben Generalmarsch trappeln – es wird Ihnen wie Sphärenmusik klingen. Habe ich recht? Sie sind ja des Rechtes Anwalt, sagte Tante Adele mit ihrem holdesten Lächeln. Und mit diesem entzückenden Bonmot sollen Sie das Feld behaupten! rief der kleine Herr, sich aus der Tiefe des Fauteuil, in die er zuletzt versunken gewesen, herausarbeitend und vor Adele hinstellend. Leben Sie wohl, Sie liebenswürdigste und goethefesteste aller Tanten und Frauen! Noch vier Wochen höchstens, und ich bringe Ihnen den entflohenen Vogel an dem Faden, den er brach, gefangen aus dem Walde zurück. Ich nehme an, Sie behandeln meinen Jungen gütig, wie Egmont seinen Sekretär Richard? sagte Tante Adele, während sie, als ein Zeichen ihrer höchsten Gnade, den Justizrat vom Sofa bis an die Portiere begleitete. Gütig, daß Apoll, wäre er annähernd so behandelt, als er die Schafe des Admet hütete, auf seine Göttlichkeit definitiv verzichtet hätte, erwiderte er lachend. Noch eines, sagte sie, den Eiligen ängstlich festhaltend. Sie haben mich wundersam getröstet; ich fasse wieder Mut des reinen Lebens. Aber übermorgen, wie Sie wissen, ist mein nächster Kränzchentag. Die Wiepkenhagen hat erklärt, daß, wenn Wilfried nicht Abbitte leiste, sie und ihr Anhang: Major Bronowski, Professor Jarnowitz, Doktor Cramer austreten werden. Was soll ich thun? Fahren lassen, was nicht genügt; ziehen lassen, was 396 Ihnen entwischt! rief der alte Herr beinahe heftig. Mein Gott, warum studiert Ihr Euer Leben lang den Faust, wenn Ihr nicht aus ihm lernen könnt! Das ist meiner Weisheit letzter Schluß. Nochmals, adieu! Er hatte Tante Adeles weiße Hand zum Abschied geküßt. Sie schritt nachdenklich zum Sofa zurück, seufzend und vor sich hinmurmelnd: O, daß dem Menschen nichts Vollkommenes wird, empfind ich nun. * * * Die nächsten Tage brachten Wilfried so viel Leid und Freud und so viel wechselvolle Stimmungen – wiederholt mußte er einer Wanderung gedenken, die er als Student, von Schloß Falkenburg aus, mit dem alten Roßwald als Diener und Begleiter, durch den Harz machte. Da hatte heute der hellste Sonnenhimmel über ihnen geblaut, und das Gebirge all seine geheimsten, wonnigsten Reize enthüllt; morgen war er mit schweren Wolken verhangen gewesen, aus denen unendlicher Regen goß, und graue Nebel, aus den Schluchten brauend, verbargen ihnen die nächste Nähe. Er hatte sein Provisorium bei dem Justizrat angetreten. Daß es eine Sinekure sein würde, hatte er nicht erwartet, aber auch nicht, es werde ihm so viel Mühe, Sorge und Langeweile schaffen. Augenscheinlich hatte der Justizrat zur Zeit nur entweder sehr intricate, oder höchst uninteressante Fälle in seiner Praxis; jedenfalls bekam er keine anderen zu bearbeiten. Seiner geringen Übung in diesen Dingen sich wohl bewußt, war er darauf gefaßt gewesen, daß er, wenigstens im Anfang, bei dem besten Willen nur Mangelhaftes werde leisten können; hatte aber ebenso bestimmt auf die Nachsicht des alten Herrn gehofft, dem ja die Lücken und die Unsicherheit seiner advokatorischen Kenntnisse kein Geheimnis waren. Und nie war ihm bis dahin der alte Herr in einem andern Lichte 397 erschienen, als dem eines väterlichen Freundes, dessen Güte er mit einer Zuneigung erwiderte, die oft genug Tante Adeles Eifersucht zu hellen Flammen entfachte. Dies hergebrachte Verhältnis war mit einem Schlage verändert. Keine Spur von Nachsicht, freundlicher Belehrung, bereitwilliger Hilfe! Dagegen für jedes Versehen und Übersehen harter Tadel; oft – was für Wilfried das Empfindlichste war – unter Beiseitesetzen der höflichen Formen, in die sich auch der Tadel kleiden läßt. So hatte er ihm denn auch rund abgeschlagen, sein Beistand in dem Prozesse zu sein, der ihm bevorstand, nachdem wegen seiner Rede in der Versammlung der Staatsanwalt Anklage erhoben und das Gericht ihm die Anklageschrift zugestellt hatte. Ich übernehme prinzipiell nur Sachen, für die ich mit gutem Gewissen eintreten kann, sagte der alte Herr. Das ist hier nicht der Fall. Die Welt starrt von Unsinn, meinetwegen: ist Unsinn von A bis Z. Aber es giebt in dem Unsinn Grade: verzeihlichen, erträglichen, kaum noch erträglichen, unerträglichen. Die Socialdemokratie gehört unbedingt zu der letzten Kategorie. Sie ist durch und durch Phrase, deren Hohlheit evident ist, sobald man sich durch ihr Schillern nicht blenden läßt. Gleichheit! Lächerlich! Nicht zwei Blätter eines Baumes sind sich gleich, und bei den Menschen geht die Skala von den Schulze und Müller auf der Bierbank bis zu Bismarck. Die Bismarck – wenn man von ihm im Plural sprechen könnte – lassen sich von den Schulze und Müller nicht an die Wand drücken, wofür niemand dem Himmel dankbarer sein sollte als die Schulze und Müller, die sonst wieder von ihren Hausknechten Peter und Paul an die Wand gedrückt würden. Wissen Sie, wer Ihr Vierstundenarbeitsmensch der Zukunft ist? Ein Allerweltsschwätzer, ein Pfuscher, ein Dilettant und Ignorant der schlimmsten Sorte. Um es in irgend einer Wissenschaft und Kunst zu etwas Rechtem zu bringen, muß man sein Leben daran setzen. Fragen 398 Sie bei den Mommsen und Virchow, den Menzel und Begas , ja selbst bei Ihrem Schuhmacher nach, wenn anders der Mann gute Ware liefert, was ich vermute, da Sie bei ihm arbeiten lassen. Und so ist es mit jeder anderen Frage: der Frauen-, der Bevölkerungs-, der internationalen. So wie Sie ihn berühren, platzt der Bovist. Wilfried gestand, wie jedem, so dem alten Herrn, das Recht seiner Meinung willig zu. Aber er erinnerte sich sehr wohl, ihn früher über dieselben Dinge ganz anders sprechen gehört zu haben. Hatte er wirklich seine Ansicht geändert? Oder gab er sich nur den Anschein? Dann aber zu welchem Zweck? Kaum weniger unerfreulich hatte sich sein Verhältnis zu Frau Brandt gestaltet. Sie erklärte ihm rund heraus, daß sie sein Verhalten zu Lotte kopflos und im hohen Grade tadelnswert finde. Er hätte des Mädchens deutlich ausgesprochenen Wunsch erfüllen und ihm fernbleiben müssen. Und wenn Sie mir nun gar sagen, daß Sie Lotte heiraten wollen, rief sie; – nun, an Ihrer Ehrenhaftigkeit habe ich nie gezweifelt; aber was soll ich da von Ihrer Lebensklugheit denken? Lotte ist ein hochherziges, edles Geschöpf und trotzdem keine Frau für Sie. Sie schwärmen für die Kunst, die Litteratur, von denen das arme Ding keinen Schimmer hat. Wovon wollt Ihr Euch unterhalten, wenn das Liebesthema erschöpft ist? Sie haben sich von frühester Jugend auf in den feinsten Umgangsformen bewegt; Lotte wird sich nie etwas Unschönes, Taktloses zu schulden kommen lassen – eine Dame der Gesellschaft ist sie darum noch lange nicht; wird es auch niemals werden. Sie sagen freilich: was geht mich die sogenannte Gesellschaft an; ich habe ihr für immer den Rücken gewandt. Wenn das eine Brücke wäre, ich ginge nicht darüber. All' Ihre schöne Liebe, Ihr edler Enthusiasmus, Ihre heroischen Anstrengungen werden nicht verhindern, daß Sie sich über kurz oder lang nach dem Milieu, aus dem Sie 399 hervorgegangen sind, zurücksehnen, und Ihnen das, in welches Sie sich hineinleben möchten, als ein Greuel erscheint. Dann ist das Unglück für Euch beide da. Und erträgt man es zur Not, selbst unglücklich zu sein – das Bewußtsein, jemand unglücklich gemacht zu haben, den man liebt und für sein Leben gern glücklich gemacht hätte, erträgt keiner. Zum wenigsten kein im besten Sinne vornehmer Mensch, wie Sie es sind. Solche Vorhaltungen aus dem Munde einer Frau, deren Gradsinn und Klugheit Wilfried anerkennen mußte, wenn er auch jetzt geneigt war, ihr zartere Herzensempfindung abzusprechen, konnte ihn freilich in seinen Vorsätzen nicht wankend machen, verstimmten ihn aber mehr, als er sich eingestehen mochte. Wie er denn auch die Unbehaglichkeit seiner neuen Häuslichkeit nicht gelten lassen wollte. Und doch war sie groß genug. Er hatte Zunz mit einem Empfehlungsbrief nach Falkenburg geschickt und Zunz zurückgeschrieben, daß Durchlaucht ihn sofort als Diener eingestellt hätte. So war er über die Zukunft des guten Menschen beruhigt; aber nun fehlte er ihm überall. Seine Garderobe, seine Wäsche – Zunz hatte alles stets in peinlichster, sauberster Ordnung gehalten; ihm hundert Handdienste geleistet, die er als etwas Selbstverständliches entgegengenommen, als etwas, das gar keinen Wert habe, gar nicht zähle; und von dem er jetzt erst spürte, wie viel empfindliche Reibungen mit dem Alltagskram es ihm erspart hatte. Jetzt, wenn ihm bald dies, bald das nicht zur Hand war; er auch nicht wußte, wie er es sich schaffen solle, stand er in ratloser Verzweiflung, die er komisch finden wollte, und die ihn manchmal fast zum Weinen gebracht hätte. In solchen Augenblicken starrten ihn die kahlen Wände seines Zimmers an wie Gefängnismauern. Und wären sie doch nur ganz kahl gewesen! Aber wie zum Hohn für den einstmaligen Besitzer einer kostbaren Sammlung 400 ausgesuchter Gemälde, hingen hier und da an möglichst unpassenden Stellen ganz abscheuliche Öldrucke fadester Originale von Künstlern vierten Ranges; über dem Sofa sogar ein wirkliches Original: das Ölporträt eines Herrn in mittleren Jahren mit haarbuschigem, viereckigem Kopf, schweren Augenbrauen unter einer wunderlich niedrigen Stirn, roten Hängebacken und einer gelben Medaille auf der linken Brust – vermutlich das Konterfei des heimgegangenen Magistratssekretärs. Wilfried hätte wenigstens dieses Grauenbild gern entfernt; aber er mußte fürchten, dadurch Frau Rehbein auf das tiefste zu kränken, und scheute das um so mehr, als bereits diese wenigen Tage hingereicht hatten, aus dem anfänglich idealen Verhältnis zwischen Wirtin und Mieter ein recht gespanntes, höchst unerquickliches zu machen. Das sich von seiten der Dame nicht in Worten äußerte, wohl aber in kalten Blicken, mit denen sie, wenn man sich auf dem schmalen Flur begegnete, stumm den Kommenden oder Gehenden streifte; in der Ruhe, mit welcher der Staub sich auf den Möbeln ablagern durfte; vor allem auch in der niedrigen Temperatur und der hilflosen Schwäche des kontraktlich ausgedungenen Morgenkaffees. Über den Grund dieser Feindseligkeit, bei welcher auch die schieläugige Tochter stille Teilnehmerin war, konnte Wilfried nicht im Zweifel sein. Man konnte ihm diesseits seinen Verkehr mit der Schulzschen Familie nicht vergeben. Frau Rehbein war vom ersten Moment an über die Nachbarschaft empört gewesen. Wie kam ein Tafeldecker dazu, mit der Magistratssekretärswitwe, wenn sie auch jetzt von ihrer gesellschaftlichen Höhe infolge mißlicher Verhältnisse ein wenig herabgestiegen war, in derselben Etage, auf demselben Treppenflur wohnen zu wollen? Hätte die Frau Tafeldecker ihr doch wenigstens, als sie einzog, einen Besuch gemacht und sie um ihre Protektion gebeten, 401 anstatt es mit Hilfe des Portiers durchzusetzen, daß ihr eine Bodenkammer zugesprochen wurde, die sie längst gewohnt gewesen war, als zu ihrer Domäne gehörig zu betrachten! Und mit solchem Gesindel verkehrte ihr neuer Mieter, der sich Graf nannte, und so viel sie wußte, nennen durfte! Das würde ihr letzter Herr nie gethan haben, trotzdem er nur Baron und um einen Kopf kleiner war! Aber diesem Herrn Grafen hatte sie von Anfang an nicht getraut; und wäre sie nur ihrem alten Grundsatz: Trau, schau, wem! gefolgt, hätte er vor acht Tagen zum ersten- und letztenmal den Fuß über ihre Schwelle gesetzt. Sie könne vieles vertragen, nur keine Unsittlichkeit. Da sei ihre Geduld zu Ende. Die Schulz, die aufgeblasene Person, renommiere ja freilich damit, der Herr Graf werde ihre Puppe von Tochter mit den schwarzen Rattifalli-Mausifalliaugen heiraten. Wenn, wie sie prahle, der Herr Graf wirklich der Neffe und Erbe einer Millionärin in der Viktoriastraße sei, und diese Komödie eines verarmten Herrn nur aus Trotz gegen die alte Dame spiele, mit der er sich erzürnt habe – natürlich, um sich wieder mit ihr zu versöhnen, sobald er wolle – und dennoch an die Heirat glaube, so gehöre sie eben nach Dalldorf. Das wolle sie der dummen Person und ihrem Grasaffen von Tochter auf Wunsch schriftlich geben. * * * Herr Schulz sah das Zerwürfnis zwischen dem Grafen und seiner Tante in freundlicherem Licht, als die Magistratssekretärswitwe. Er hatte dazu seine guten Gründe. Aus seiner Kammerdienererfahrung waren ihm verschiedene Fälle in Erinnerung, in welchen der Zwist zwischen Eltern und rebellischen Kindern stets mit der Unterwerfung der letzteren geendet hatte. Hier durfte er seiner Sache um so sicherer sein, als er durch seinen Freund Mathis über die 402 Stimmung in dem Lager der Geheimrätin genau unterrichtet war. Mathis aber war sehr kleinlaut geworden, seitdem ihn der Justizrat einmal beiseite genommen und ihm gesagt hatte: Wenn Sie mit Ihrem Anschwärzen des Grafen bei der Gnädigen nicht aufhören, dann bekommen Sie es mit mir zu thun. Ich dulde das nicht länger. Und sehen Sie, alter Esel, denn nicht, daß Sie den Ast durchsägen, auf dem Sie sitzen? Glauben Sie, daß der Graf, so gutmütig er ist, Ihnen Ihre Stänkereien nicht nachtragen wird, sobald er mit der Gnädigen wieder seinen Frieden gemacht hat, das heißt: bevor noch vierzehn Tage ins Land gegangen sind? Herr Schulz war klug genug, das Vertrauen, welches ihm der bekümmerte Mathis schenkte, nicht in demselben Grade zu erwidern. Seitdem er sich in dem Stolz seines Herzens anfänglich etwas zu sehr hatte gehen lassen, hielt er es jetzt für die richtige Politik, nicht zu wissen, »was aus der Geschichte werden solle«. Mathis konnte ihn einmal für einen um das Schicksal seiner Tochter zärtlich besorgten Vater halten; das andere Mal für einen Schelm, der sich kein Gewissen daraus macht, die schöne Tochter an einen vornehmen Galan zu verkuppeln. In den ehelichen geheimen Zwiegesprächen kam er immer wieder darauf zurück, daß man »den Hasen ruhig laufen lassen« und sich um Gottes willen in acht nehmen müsse, »die Bombe zu früh zum Platzen zu bringen«. Der Graf werde schon zur Besinnung kommen und die Alte in der Viktoriastraße auch. Nur keine Überstürzung! Habe er nicht immer gesagt: seine Lotte, sein Goldmädel, werde ihn für alles gebrannte Herzeleid entschädigen, das ihm seine anderen Kinder früher und später angethan hätten? Nun zeige es sich, wie recht er gehabt. Frau Schulz teilte die Vertrauensseligkeit ihres Mannes nicht ganz. Die Erinnerungen der Jahre, die sie als Kammerjungfer der Fürstin auf Schloß Falkenburg verlebt, wirkten gar zu niederschlagend. Daß ein Sohn der 403 hohen Dame ihre Lotte heiraten, ihre Lotte zur Frau Gräfin Falkenburg machen solle – es wollte ihr nicht recht in den Sinn. Freilich, daß Lotte etwas Besonders sei, habe sie immer so gut wie ihr Alter gesagt, und ihrem Glück im Wege stehen, dürfe und wolle sie auch nicht. Hatte schon die anständige Situation, in welche sie Wilfrieds Güte gebracht, eine gute Wirkung auf das Verhalten der beiden Leute ausgeübt, so schien die glänzende Aussicht, die sich für ihre Tochter aufthat, sie zu anderen Menschen zu machen. Herr Schulz war aus einem verkommenen Trunkenbold ein nüchterner Mann geworden, der sich darauf besann, daß man ihn früher »den schönen Schulz« genannt hatte; sich auf das sorgfältigste kleidete; des ehrbarsten Betragens befleißigte; kein häßliches Wort mehr in den Mund nahm und sich nur jezuweilen aus einer Flasche, die er vor Frau und Tochter sorgsam versteckte, einen Cognac erlaubte, »um nicht zusammenzuklappen«. Frau Schulz hatte wieder die Manieren hervorgesucht, die sie ehemals ihren vornehmen Damen abgesehen und so gut es ging kopiert hatte. Von der wüsten Unordnung, die Wilfried in der Kellerwohnung angetroffen und gegen die Lotte vergeblich gekämpft, war in den neuen Räumen nichts zu spüren; alles wie bei Leuten, die freilich nur über kleine Mittel verfügen, aber damit hauszuhalten verstehen. Selbst der schwierigsten Aufgabe, gegen Wilfried das schickliche Betragen einzuschlagen, zeigten sie sich bis zu einem gewissen Grade gewachsen. Ein wesentlicher Teil ihrer Taktik bestand darin, daß sie, wenn er zu Besuch kam, nach kurzer Zeit unauffällig verschwanden und ihn so lange als möglich mit Lotte allein ließen. Für nichts war ihnen Wilfried dankbarer. * * * Dann kamen selige Stunden für die Liebenden. Dann hatte Wilfried die Mahnungen der Frau Brandt, 404 die Nörgeleien seines alten Justizrats, die Gehässigkeiten der Frau Rehbein, die Misère seines Lebens ohne Zunz, ohne seinen jetzt verkauften Braunen, sein Flanieren unter den Linden, seine späten Mittage bei Hiller oder Dressel – hatte er alles vergessen, was ihm einst das Dasein verschönt, ganz dem holden Augenblick hingegeben, der ihm eine selige Ewigkeit dünkte ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Seine Liebe für sie war vom ersten Anfang an kein bloßer sinnlicher Rausch gewesen, wie sehr ihn auch ihre Schönheit entzückt hatte: ihre wunderbaren dunklen Augen mit den langen, seidenen Wimpern, das entzückende Oval ihres fast stets bleichen Gesichtes mit den feinen regelmäßigen Zügen und dem schwermutsvollen Zug um die weichen Lippen; ihre schlanke Gestalt mit den doch so gesättigten Formen; die Anmut jeder ihrer Bewegungen; der Wohlklang ihrer tiefen, weichen Stimme. Von Anfang an hatte er das hochgesinnte, edelherzige Mädchen in ihr geahnt; nun erkannte er mit freudigem Stolz und inniger Dankbarkeit gegen ein gütiges Geschick, daß seine Ahnung ihn nicht betrogen; ja, in noch viel herrlichere Erfüllung ging, als es seine enthusiastischsten Träume ihm verheißen. Wie fein, klug und sinnig waren alle ihre Beobachtungen, Äußerungen! Die Sorge, es könne ihrem schönen Munde doch einmal ein unschönes Wort entschlüpfen – wie schämte er sich ihrer jetzt! Die Behauptung der Frau Brandt, es werde ihnen nur zu bald an Gesprächsstoff fehlen, wie thöricht erschien sie ihm! Nun ja, Lotte kannte nur ein paar Schillersche Gedichte, die sie noch auf der Schule gelernt, und von Goethe den Erlkönig, den sie auf einem Volkskonzertprogramm zufällig gefunden. Wallenstein und Don Carlos, Faust und Tasso waren ihr Namen von den Theaterzetteln auf den Litfaßsäulen, ohne daß sie irgend eine bestimmtere Vorstellung damit verband – Wilfried war geneigt, Gott dafür zu danken in schaudernder Erinnerung dessen, was er an Tante Adeles Montagsabenden ausgestanden, wenn die hochgebildeten Herren und 405 Damen ihre ästhetische Weisheit auskramten und die Anempfindelei ihre Orgien feierte. Nein! das hatte er hier nicht zu befahren. Hier war jungfräulicher Boden, auf dem lieblichste Wiesen- und Feldblumen in Fülle sproßten, und auf welchem sich auch für einen Ziergarten, ging es denn ohne den wirklich nicht, Raum genug finden würde. Aber dergleichen Zukunftsperspektiven huschten nur flüchtig an seinem Geist vorüber. In einem Paradiese noch an einen Ziergarten zu denken! Es kam ihm wie eine Profanation vor. Lotte wurde es nicht so gut, wie dem Geliebten. Wohl kamen auch für sie Stunden, in denen sie sich völlig glücklich fühlte; aber sie waren sehr selten. Die Sorge, deren Schattengestalt, seitdem sie nur aus dem Kindesalter heraus war, ach! nicht bloß auf ihrer Schwelle gekauert, sondern in die kümmerlichen elterlichen Behausungen zuversichtlich eingetreten war, es sich in jeder schmutzigdunklen Ecke bequem gemacht hatte – sie wollte auch jetzt nicht weichen; raunte ihr ins Ohr, wenn sie am Tage in ihrem Atelier zwischen den schwatzenden Mädchen saß, zur Nacht das schlummerlose Haupt auf dem heißen Kissen von dieser zu jener Seite wandte: Du wirst mich nicht los; ich bin Deine Begleiterin durch das Leben; was Dich jetzt zeitweise Dein Elend vergessen läßt, es ist nur ein schöner Traum. Der Dich nicht täuscht und aus dem auch er erwachen wird – nur zu bald! Dann erklangen ihr im Geiste die warnenden, mahnenden Worte der Frau Brandt; dann hörte sie so viel deutlicher noch ihre eigene traurige Stimme: Lotte, es kann nicht sein. Du willst doch sein Glück; und dies ist sein Unglück, wenn er es auch jetzt nicht sehen will. Er sieht es darum doch; muß es ja sehen. Wie träumerisch auch seine schönen blauen Augen blicken, er ist doch nicht blind! Und hundert Momente, die sich wie Nadeln in ihre Seele gebohrt hatten, jagten durch ihre Erinnerung. Wie 406 ironisch es um seine Lippe gezuckt, wenn er seine häuslichen Kalamitäten drüben bei Frau Rehbein schilderte; wie melancholisch er gelächelt, wenn er gelegentlich auf seine Kinderjahre, die er in Schloß und Park, in den Feldern und Wäldern von Falkenburg verspielt, zu sprechen kam; wie sich sein Blick verdüstert, wenn der Vater ihm gegenüber den Mann von Bildung hatte herauskehren wollen; die Mutter die feine Dame! Es war doch undenkbar, er würde jemals zu ihnen Papa und Mama sagen können! Auch wenn er nie etwas erführe von der heimlichen Flasche, deren schreckliche Entdeckung sie zufällig vor ein paar Tagen gemacht und die ihr bewiesen hatte, daß der Vater nur vor den Augen der andern nicht mehr trank! er nie die Mutter sähe und hörte, wie sie sich gab, und welche Reden sie führte, sobald sie »unter sich« waren! Und Elise! Wer konnte dafür stehen, daß sie den Aufenthalt im ehrbaren Hause der Pfarrersleute nicht satt bekam und ihren Leichtsinn wieder durch die Straßen, die Tingeltangel, die Tanzsäle spazieren führte! Und Hermann! Wilfried hatte sich so gütig über ihn geäußert: seinen glänzenden Verstand, seine erstaunliche Bildung – wer weiß, ob, wäre er brav geblieben, die beiden nicht Freunde geworden wären! Aber jetzt! Wie konnte er eine zu seiner Gattin machen, deren Bruder man steckbrieflich verfolgte und, fing man ihn, ins Zuchthaus sperrte! Nein! es war nichts als ein Traum. Aber so süß! So hold! Und sie wollte ihn träumen, solange es möglich war. Es würde ja nicht lange sein. So denn suchte sie alles aus dem Wege zu räumen, wovon sie wußte, daß es seinen feinen Sinn verletzte. Er, der früher aus dem Bureau kam, als sie aus ihrem Atelier, hatte gebeten, sie von dort abholen zu dürfen. Sie gab es nur unter der Bedingung zu, daß er sie in 407 einiger Entfernung von dem Hause erwartete, um ihn nicht in Berührung zu bringen mit dem Liebhaber einer Kollegin, der sein Mädchen regelmäßig gleich an der Thür in Empfang nahm und abküßte. Für den Weg nach Haus wählte sie die einsamsten Straßen, damit er von den Blicken der Vorübergehenden möglichst wenig belästigt wurde. Kam er dann am Abend herüber, durfte ihn keine kleinste Unordnung beleidigen; der Essengeruch vom Mittag her mußte entfernt, das bescheidene Mahl, das er mit ihnen einnahm, bevor sich die Eltern in ein Hinterzimmer zurückzogen, auf das sauberste hergerichtet sein. Die Mutter hatte zu Frau Rehbein hinübergehen müssen, die verabsäumte Visite nachzuholen; sie selbst hatte sich in die Gunst der schieläugigen Agnes durch unentgeltliche Garnierung eines Hutes eingeschmeichelt und den Zorn dieser Damen so weit besänftigt, daß Wilfried zu seiner Verwunderung nicht mehr über sie zu klagen fand. Als sie wieder einmal ein aufgefrischtes Putzstück herüberbrachte, hatte Frau Rehbein sie sogar auf die Seite genommen und sie »mütterlich« vor den Gefahren gewarnt, denen »ein so hübsches junges Mädchen« in dem intimen Verkehr mit einem vornehmen Herrn ausgesetzt sei, dessen ehrliche Absichten sie bezweifeln müsse, solange der Herr Graf »die Kosten für die Verlobungsanzeige zu hoch fände«. Lotte hatte Frau Rehbein für ihre freundliche Teilnahme gedankt und sie flehentlich gebeten, von dieser Unterredung nichts gegen den Herrn Grafen verlauten zu lassen. Er sei durch seine Lage zu Rücksichten gezwungen, die andere nicht zu nehmen hätten. Sobald er die rechte Zeit gekommen wisse, werde er sicher thun, was Frau Rehbein wünsche. Frau Rehbein war davon nicht überzeugt. In ihrem plötzlich erwachten Interesse für »das arme Mädchen« hielt sie es für ihre Pflicht, auch den Herrn Grafen gelegentlich »ins Gebet zu nehmen«. Ganz gegen ihr Erwarten, ließ dieser sie ohne irgend 408 ein Zeichen von Ungeduld oder übler Laune ausreden und erwiderte freundlich: Sie haben völlig recht: diese Heimlichkeit bringt Lotte Ihnen, den andern Nachbarn und ich weiß nicht wem noch gegenüber in eine schiefe Lage, in der ich sie nicht lassen darf. Ich werde unsere Verlobung anzeigen. Fräulein Lotte, wie ich sie kenne, sagte Frau Rehbein, ganz gerührt über diese prompte Wirkung ihrer Ermahnungen, wird sich mit Hand und Fuß dagegen wehren. Aber daran dürfen Sie sich um Himmels willen nicht kehren. Es kam, wie die vielerfahrene Frau Rehbein es vorausgesagt: Lotte wurde totenbleich, als ihr Wilfried seinen Entschluß ankündigte, und bat ihn mit Thränen in den Augen, einen Schritt nicht zu thun, der ihn auf immer von seiner Familie trennen müsse. Da giebt es nichts mehr zu trennen und zu vertuschen, erwiderte Wilfried. Ich hatte zu wählen zwischen ihr und Dir, mein geliebtes Mädchen. Ich habe gewählt. Habe einer Welt entsagt, in der ich mich namenlos unglücklich fühlte. Nun bist Du meine Welt – und ich bin namenlos glücklich. Wilfried, thu' es nicht! rief Lotte mit gerungenen Händen. Seine Miene verdüsterte sich. Liebst Du mich, Lotte? Mehr als mein Leben! Er schloß sie zärtlich in seine Arme. Dann ist alles gut, mein Liebling. Was kann mir die Welt anhaben, wenn Du mich liebst? * * * Zwei Tage später hatte Wilfried bereits seit einer Stunde vergeblich nach dem leitenden Faden in dem Labyrinth einer überaus verwickelten Prozeßsache gesucht, die 409 schon in die dritte Instanz gelangt war, als ihn der Justizrat in sein Privatkabinett rufen ließ. Er traf den alten Herrn, wie er, greuliche Gesichter schneidend, als würde er von entsetzlichen Schmerzen geplagt, ein Zeitungsblatt in der Hand, mit für ihn ungewöhnlich großen Schritten hin und her durch das Gemach lief, um dann vor Wilfried stehen zu bleiben, und, das Blatt hoch hebend, in zornigen Tönen zu kreischen: Da hat sich hier jemand in der Vossischen Zeitung mit Ihnen einen ganz niederträchtigen Scherz erlaubt. Wenn Sie etwa damit die Anzeige meiner Verlobung mit Fräulein Charlotte Schulz meinen, erwiderte Wilfried, so ist das kein Scherz, am wenigsten einer, dem Sie ein so schmückendes Beiwort geben zu sollen glaubten; sondern höchst gewissenhafter Ernst. Sie werden die Notiz »statt jeder besonderen Anzeige« bemerkt haben. Ich hätte sonst nicht verfehlt, Ihnen mit einer aufzuwarten. Herr! Herr! rief der kleine Mann, vor Erregung zitternd, treiben Sie es nicht zu weit! Es möchte Sie bitter gereuen. Nehmen Sie Vernunft an, ehe es zu spät ist! Machen Sie, daß ich morgen hier an dieser Stelle zu lesen bekomme: »Ich erkläre hiermit, daß die Anzeige meiner Verlobung in der gestrigen Nummer nicht von mir ausgegangen ist, Wilfried Graf von Falkenburg.« Dann, läßt Tante Adele, von der ich eben komme, Ihnen sagen, soll alles vergeben und vergessen, alles beim alten sein. Verstehen Sie das, Herr? Leider, sagte Wilfried. Wenn ich auch annehme, daß eine derartige Proposition nur von einer Frau ausgehen kann, muß ich es doch beklagen, daß Sie sich herbeiließen, ihr Überbringer, wohl gar Befürworter zu sein. Wenn es hier etwas zu beklagen giebt, so ist es Ihr greulicher Unverstand, der durchaus mit dem Kopf durch die Wand will. Ich will nur keine Handlung begehen, die mit meiner 410 Ehre unvereinbar ist; will nicht mein Wort brechen, das ich einem edlen Mädchen gegeben habe. Gehen Sie zum Teufel, Herr, mit Ihrem edlen Mädchen! Edle Mädchen giebt es Millionen Schock. Heiraten Sie davon, welche Sie wollen! Nur nicht diese, die so unmöglich ist, daß unmöglicher nichts sein kann. Wilfried, ich bitte, ich beschwöre Sie: machen Sie Ihrem herrlichen Bruder, Ihrer prächtigen Schwägerin, der guten Tante Adele, mir, Ihrem alten Freund, nicht diesen Kummer! Widerrufen Sie dies! Und er hielt ihm von neuem die Zeitung hoch. Ich kann nicht, sagte Wilfried leise und fest. Ist das Ihr letztes Wort? Ja! Dann habe auch ich mein letztes Wort mit Ihnen gesprochen! Er drehte sich auf den Hacken um, lief nach seinem Arbeitstisch, schleuderte das zusammengeknüllte Zeitungsblatt in den Papierkorb, warf sich auf den Sessel und begann mit kratzender Feder wütend zu schreiben. Wilfried that der alte Mann mit dem Kranz silberweißer Haare um den kahlen Schädel leid. Aber hier war keine Vermittelung möglich. Leisen Schrittes verließ er das Gemach und fünf Minuten später das Haus, über dessen Schwelle er nun nie wieder den Fuß setzen würde. * * * Tiefbekümmert ging er durch die morgensonnigen Straßen nach Hause. Nächst dem Verlust des Bruders konnte ihn keiner tiefer schmerzen, als der des alten Freundes. Es wäre eine Erleichterung gewesen, hätte er ihm gram sein können – er konnte es nicht. Während der Alte seinem Zorn die Zügel schießen ließ, ihn mit wütenden Blicken hätte durchbohren, zerschmettern mögen 411 – sagte fortwährend in ihm eine vernehmliche Stimme: er meint es ja doch gut mit Dir! Und plötzlich hatte er auch die Erklärung für die höhnische, verletzende Weise, mit der er ihn während der kurzen Zeit seiner Hilfsarbeiterschaft behandelt; für die widerwärtigen Sachen, die er ihm zur Bearbeitung gegeben: er hatte ihm die Situation verleiden wollen; geglaubt, ihn zur Raison zu bringen, wenn es ihm gelang! Hatte es sein müssen? Gewiß! Dies war keine persönliche Differenz, die sich zur Not durch Nachgiebigkeit ausgleichen ließ. Hier handelte es sich um zwei von Grund aus verschiedene Weltanschauungen, von denen die eine die andere nicht anerkennen konnte, ohne sich aufzugeben. Hier hieß es: wer nicht für mich ist, der ist wider mich. Das Herz dessen, der das herbe Wort sprach, war eitel Liebe gewesen. Doch hatte er es sprechen müssen. Das sollte sein Trost sein. Als er in seine Wohnung kam, meldete Frau Rehbein, es liege für den Herrn Grafen ein Brief auf seinem Zimmer. Seitdem Wilfried bei ihr wohnte, war erst einmal ein Brief an ihn gekommen, und der hatte ein verdächtiges, gerichtliches Aussehen gehabt. Dieser kam aus Karlsbad, war mit einem mächtigen Siegel geschlossen, auf dem über dem Wappen eine Krone prangte; und auf der Adresse hatte groß »Hochgeboren« gestanden. Da es dasselbe gekrönte Wappen war, wie auf Wilfrieds Schreibmappe, seinem Reisenecessaire und andern seiner Sachen, mußte der Brief von einem Familienmitgliede herrühren: von einem Onkel, hatte Frau Rehbein gemeint: Agnes: oder von seinem Bruder, der ja, sagt Herr Schulz, ein richtiger Fürst ist. Beide hatten sich dahin geeinigt, daß die Versöhnung Wilfrieds mit seiner Familie jetzt im besten Gange sei. Der Brief war von Falko. »Karlsbad. Alte Wiese. Steinernes Haus. Juli. 412 Alter Sohn! Nimm's mir nicht übel, daß ich Dir erst jetzt für Deinen freundlichen Glückwunsch zu meiner Verlobung danke. Wir – das heißt: Else, ihr Papa, Cousine Chlotilde und ich – sind seit vierzehn Tagen in Karlsbad und da mag der Kuckuck zum Schreiben kommen. Kennst Du Karlsbad? Ich glaube, nein; und da kannst Du Gott danken! Ein so häßliches, widerwärtiges, langweiliges Nest ist noch nicht dagewesen. Straßen, eng und steil, wie Hühnersteige; ein sogenannter Marktplatz, auf dem man einen Viererzug knapp umwenden könnte; ringsumher himmelhohe Berge, auf denen nicht bloß die Landbewohner, sondern sogar besonders hirnverbrannte Kurgäste herumkraxeln sollen. Ich bin natürlich noch nicht oben gewesen, erstens weil ich nicht hirnverbrannt, zweitens kein Kurgast bin, und drittens weil von der letzten Sorte hier unten mehr anzutreffen sind, als einem Christenmenschen lieb sein kann. Jeder zweite nämlich, mußt Du wissen – na, ich darf von der Nation nicht despektierlich sprechen, die dann doch auch ihre großen Meriten hat: schöne Weiber (Else for ever !) und so viel echt goldenes Gemüt. (Famoser Witz das! nicht?) Aber darauf zurückzukommen: von dem Gedränge machst Du Dir keinen Begriff, wobei ich absolut nicht begreife, warum sich die Leute alle auf zwei oder drei Brunnen geworfen haben, während es doch ein paar hundert in dem Rattennest geben soll. Dazu ein sogenanntes Kurhaus mit Kurgarten, die positiv im Sumpf liegen; eine Straße, in der alle Welt wohnt (wir auch), trotzdem sie nur auf der einen Seite Häuser und auf der andern Buden hat, und die man die alte Wiese nennt, ich weiß nicht warum, es müßte denn sein, daß die Menschen dumm genug sind, sich wie die Schafe den ganzen Tag auf ihr herumzutreiben; eine Promenade durch das Thal an einem Bach hin – Tepel oder Eger, oder so was – in dem zwischen weißen Steinen ein braunes übelduftendes Wasser sickert, und die soweit ganz nett sein würde, bloß daß man da wieder dieselben 413 Menschen trifft, denen man schon auf der alten Wiese hundertmal zu oft begegnet ist – enfin , es wäre einfach zum Totschießen, ohne das Pupp, wie sie hier zu Lande komischerweise ein Restaurant nennen. Aber dies Pupp! allerhand Achtung! So groß, daß Hiller, Dressel und noch ein Dutzend von unsern bequem d'rin Platz hätten, wo man an kleinen Tischen kleine Portionen speist, von denen ich es unter einem halben Dutzend nicht thun kann, worüber Else sich totlachen will, und Schwiegerpapa die Güte hat zu schmunzeln, bis es an das »Zahlen« geht, das denn allerdings eine ernsthafte Sache zu sein scheint nach den Packen Fünf- und Zehnguldennoten zu schließen, um die dabei regelmäßig seine Brieftasche leichter wird. Na, das ist dann ja seine Sache – Nun aber komme ich endlich zu dem, was ich Dir eigentlich schreiben wollte. Ich hatte nämlich gestern einen Brief von meinem Schwager Leßberg (die Hochzeit soll im Oktober sein), worin er mir außer gewissen dienstlichen Sachen, wovon vielleicht hernach (wenn es so weiter in Strippen regnet und die Damen nicht aus dem Bade zu früh zurückkommen), schreibt, daß Du Deine Sachen, sogar den Gaul, verkauft hast und aus Deinem alten Quartier in eine ganz obskure Gegend drei Treppen hoch gezogen bist und jetzt bei dem alten Justizrat Berner (ich bin ihm einmal bei Tante Adele begegnet, ein schrecklicher Kerl) Schreiberdienste thust. Wilfried, ich war und bin noch ganz paff. Solltest Du wirklich in so schwerem Dalles sein? Lieber, alter Kerl, sei doch vernünftig! Tante Adele ist ja unter uns eine verdrehte alte Schraube, aber das nötige Kleingeld hat sie, und das ist und bleibt nun einmal Trumpf. Nimm Dir ein Beispiel an mir! Meine Else ist ja ein entzückendes Mädchen und ich liebe sie, auf Ehre. Hätte ich mich darum mit ihr verlobt? Wäre mir ja nicht im Traum eingefallen. Und ich kann Dir sagen, ich muß auch so manches mit in den Kauf nehmen, was nicht von 414 schlechten Eltern ist. Der Schwiegerpapa, na ja; aber die Schwäger – Schwamm drüber! Und da schreibt mir Leßberg, der Obrist habe ihm, vorläufig allerdings nur vertraulich, aber das dienstlich würde schon hinterher kommen, gesagt: es sei doch besser, wenn ich, trotzdem meine Schwiegermama eine geborene Freiin von Kesselbroock und die ganze Gesellschaft getauft ist, noch während meines Urlaubs um meine Versetzung zu einem Provinzregiment einkäme! Na! ich dächte, das wären weiß Gott ganz andre Opfer, die ich da bringen muß! Und denke doch auch ein wenig an mich und die peinliche Lage, in die Du mich durch Deinen Eigensinn bringst! Glaubst Du, es ist mir angenehm, Dir an die 20,000 Mark (die genaue Summe mit allen Items steht in meinem Rennkalender, den ich zu Hause gelassen habe,) schuldig zu sein, während Du so krumm liegst und ich doch bei Gott nicht schon vor der Hochzeit dem Schwiegerpapa damit auf die Bude rücken kann um so weniger, als bei der Gelegenheit noch einige andre kleine Rechnungen werden geregelt werden müssen. Wie Du da gegen mich handelst, muß ich wirklich sagen: schön ist anders. Das ist meine private Auffassung von der Sache; was ich Dir aber jetzt schreibe, kommt direkt von Else, also Achtung, wenn ich bitten darf! Sie sagte mir gestern abend: ›Wenn er denn absolut die Tante Adele schießen lassen will, so braucht er nur ein Wort zu sagen, und er kann Chlotilde haben, die mehr Gemüt (siehe oben!) hat, als zwei Tante Adele zusammengenommen. Das arme Ding! Wir glaubten, wenn wir sie mit hierher nähmen, es würde besser werden. Au contraire! Du siehst doch selbst, Falkchen (sie nennt mich Falkchen, was ich scheußlich finde; aber sie ist ein so reizendes Mädchen), täglich wird sie bleich und bleicher, wie der Asra (heißt es so?); fünf Kilo hat sie schon abgenommen, was ihr ja ganz gut steht (auch meine Meinung); aber das kann doch nicht so fortgehen? Schreib ihm doch, er soll sofort kommen. Ich 415 garantiere: in zwei Tagen sind sie verlobt, und das wird dann furchtbar nett werden.‹ So sagt Else, und ich sage es auch: ganz furchtbar nett. Du und ich und die beiden Mädels – großartig! Also packe Deinen Koffer und fliege in die Arme Deines Dich liebenden Cousins Falko von Falkenburg.«         P. S. Eben kommt Schwiegerpapa: heute morgen am Brunnen habe ein Herr aus Berlin erzählt, Du habest Dich mit einem kleinen Bürgermädchen – Schulz oder Müller oder so was – verlobt. Ich habe dem Schwiegerpapa gesagt, er solle dem Herrn sagen: wenn er solchen Blödsinn noch weiter debitiere, würde ich ihn auf der Alten Wiese reitpeitschen. P. S. Vergiß nicht, 100, besser 200 Cigarren in den Koffer ( nota bene : ganz unten) zu packen. Schwiegerpapa raucht nicht; und meine mitgebrachten gehen höllisch auf die Neige. D. O. * * * Wilfried schloß den Brief in den Schreibtisch und begann nachdenklich im Zimmer auf und nieder zu gehen. Wie verpicht sie alle darauf sind, mich zu einem Schuft zu machen! Er war an das offene Fenster getreten. Aus dem ebenfalls offenen Fenster in dem Hinterhause ihm gegenüber drang das klägliche Geschrei eines kleinen Kindes, in welches alsbald das eines größeren einstimmte. Dann wurde es still. Eine junge blasse Frau kam an das Fenster, das Baby auf dem Arm, während neben ihr der blonde Kopf eines Knäbleins über dem Fensterbrett 416 sichtbar wurde. Sie starrte gerade vor sich hin, in ihre trüben Gedanken so versunken, daß sie ihn trotz der geringen Entfernung offenbar nicht sah. Manchmal, wenn das Bübchen an ihrer Seite von dem Stuhl, auf den es geklettert war, sich über das Fensterbrett lehnen wollte, legte sie ihm mechanisch die Hand auf den Blondkopf. Durch Frau Rehbein hatte Wilfried gelegentlich gehört, wer sie war: die Frau eines Geigers an einem Vorstadttheater, den sie gegen den Willen ihrer sehr wohlhabenden Familie geheiratet. Die hatte sich von ihr losgesagt. Nun war der Mann schon seit Wochen krank; der Arzt hatte gemeint, es sei galoppierende Schwindsucht, und er werde schwerlich wieder aufkommen. Wilfried schloß leise das Fenster und begann abermals seine Wanderung durch das Zimmer. Hatte er eben Lottes Zukunft gesehen? War er doch auch damals nach Madeira geschickt, weil es mit seiner Lunge nicht in Ordnung sein sollte! Seitdem hatte er sich für gesund gehalten. Wer konnte es wissen? Bei Dagobert hatte sich das alte Herzübel nach Jahren ebenfalls wieder geregt. Und der Arme da drüben hatte seine Geige gehabt, Weib und Kinder zu ernähren. Was hatte er, wenn sein kleines Kapital, an dem so viele zehrten, zu Ende war? Wie wenig weit es mit seiner Juristerei reichte, das hatte er in diesen letzten vierzehn Tagen schaudernd erfahren. Es klopfte; Frau Rehbein brachte eine Karte herein: Max von Frötstedt. Generallieutenant a. D. Ein ganz alter Herr, fügte Frau Rehbein als Erläuterung hinzu. Wilfried war an ihr vorüber auf den Flur gestürzt, hatte den alten Freund bei beiden Händen ergriffen, in das Zimmer gezogen, zu dem Sofa, auf welchem jener mit einem Uff! zusammenknickte, um sich alsbald wieder emporzurichten: Es ist man die Puste, Wilfried. Die wird jetzt manchmal ein bißchen knapp. 417 Ich mache mir die bittersten Vorwürfe, Excellenz, sagte Wilfried. Wenn ich das hätte ahnen können! Ich hätte Sie ja längst aufgesucht. Nur war ich in dieser letzten Zeit so in Anspruch genommen – es hat sich in meinem Leben so viel verändert – Weiß! weiß! unterbrach ihn der Greis. Komme jetzt nicht eben oft unter die Leute – ist auch nicht nötig: sie bringen es einem ja aufs Zimmer, wie die Hökerweiber ihre Ware in die Küchen. Ist auch danach: Hökerweiberware! Da hatte ich doch den Wunsch, von Ihnen selbst zu hören, wie die Sache denn nun in Wirklichkeit sich verhält. Gegen mich werden Sie, denke ich, so wenig ein Blatt vor den Mund nehmen, wie ich es Ihnen gegenüber von jeher gethan habe. Gewiß nicht, Excellenz. Ich möchte nur nicht gern Ihnen bereits Bekanntes wiederholen. Das schadet gar nichts. Ich höre es dann in Ihrer Auffassung, auf die es mir zumeist ankommt. So begann Wilfried zu erzählen. Stockend im Anfang und wiederholt nach den rechten Worten suchend; fließend, ohne Scheu, je weiter er in seiner Beichte vorschritt. Denn eine Beichte wars, die ihm, vom Herzen kommend, das Herz erleichterte. Was er in diesen Wochen stumm in sich durchgekämpft, durchgelitten; seine himmelstürmenden Aspirationen; seine herzbeklemmenden Zweifel, ob er nicht beim ehrlichsten Willen, den richtigen Weg zu gehen, dennoch in einem Labyrinth umherirre, aus dem er sich nie wieder zum Licht des Tages finden werde – diesem guten und tapferen Menschen durfte er alles sagen, auch, was er sich selbst zu gestehen kaum gewagt hatte. Der Greis hatte schweigend zugehört, den goldenen Knopf seines Stockes an die welken Lippen drückend, um die hin und wieder ein feines Lächeln spielte; ein paarmal bedenklich den Kopf mit dem noch immer vollen, weißen Haar schüttelnd. Nun, als Wilfried geendet, hob er die 418 Augen, die während der letzten Wochen noch tiefer eingesunken schienen, und sagte: Ich danke Ihnen, lieber Wilfried! So spricht man nur zu einem, den man für seinen wahren Freund hält, und auch dann nur, wenn man selbst ein grundehrlicher Mensch ist. Ja, Wilfried, was soll man da sagen? Was der Georg von Frundsberg zu dem Martin Luther in Worms sagte: Mönchlein, Mönchlein, Du gehst einen schweren Gang! Mit dem Luther haben Sie ja nichts gemein, außer dem redlichen Drang nach Wahrheit; desto besser stimmen die Zeiten: seine und unsre. Heute, wie damals, geht der Ruf nach Freiheit durch die Welt; und der Wald, in den gerufen wird, antwortet: Gehorchen sollt Ihr, wie Ihr bisher gehorcht habt! Daß hüben und drüben aus den Tausenden der Streiter Hunderttausende und Millionen geworden sind, man auf beiden Seiten geistig und materiell ganz anders gerüstet ist, macht wohl das Schlachtfeld größer, verändert die Kampfmethoden – das Streitobjekt bleibt dasselbe. Ich glaube auch: der Ausgang wird diesmal derselbe sein: die Socialdemokraten werden gegen die kleinkalibrigen Gewehre und die Disciplin der Armeen nicht aufkommen, wie die Bauern nicht gegen die besseren Waffen und die Kriegskunst in den Bündlerheeren. Das braucht Sie nicht zu kümmern. Causa victrix diis placuit, sed victa Catoni [Die siegreiche Sache gefiel den Göttern, Cato indes die unterlegene.] heißt es, wenn ich mein Latein nicht ganz vergessen habe. Es ist ein bißchen lange her. O, wir waren damals gute Lateiner! Und Republikaner! Trotz der Epauletten und Portépéees. Später findet man, daß es mit der Republik auch nichts ist. Sehen Sie nach Frankreich! Und wir Deutsche gar! Kein Volk der Welt eignet sich so wenig dazu, Querköpfe, die wir sind, von denen jeder partout seinen besonderen Weg gehen will; und Gefolgsleute trotzdem, die en masse willig hinter ihrem Herzog hertrotten, heute, wie Tacitus uns vor zweitausend Jahren gefunden hat. Die Socialdemokraten haben den lieben Gott abgesetzt. Da ist nichts zu verwundern. Als 419 Luther uns die Bibel freigegeben, gab er auch die Kritik frei, und der Atheismus war nur noch eine Frage der Zeit. Aber hat der Klang der Kirchenglocken heute für Unzählige seinen Zauber verloren, dem des Kalbfells kann keiner widerstehen. Sehen Sie den Janhagel, wenn Majestät von einer Parade kommt, wie er neben den Trommeln herläuft! Socialdemokraten sicher zum größten Teil und zu einem nicht kleinen Taugenichtse sehr wahrscheinlich. Rufen Sie sie zur Fahne, führen Sie sie gegen den Feind, taugen sie alle was und schlagen sich trotz ihrer internationalen Republik wacker wie die Leute von anno dreizehn für Gott, König und Vaterland. Der Greis hatte bis zuletzt mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit gesprochen. Plötzlich nickte er ein paarmal mit schwimmenden Augen und war dann entschieden eingeschlafen. Es hatte etwas Erschreckendes und Rührendes zugleich: dieser hier mit dem müdflackernden Lebensflämmchen, starkgeistig kämpfend gegen die hereinbrechende Nacht! So mochte er eine halbe Minute gesessen haben, als er die Augen wieder aufschlug und freundlich lächelnd fragte: Wovon sprachen wir doch gleich, lieber Wilfried? Von der Art der Deutschen, Excellenz: wie wenig sie sich für die republikanische Staatsform eignen. Na, dann lassen wir sie in Gottes Namen, wie sie sind; rief der Greis heiter. Mag die Weltgeschichte sehen, wie sie mit ihnen fertig wird. Aber wie sind wir auf das kuriose Thema gekommen? Wir wollten doch von Ihnen sprechen. Richtig: Sie haben sich mit einem braven Bürgermädchen verlobt und werden sie zu Ihrer Frau machen. Darüber bekommen denn nun die Leute rote Köpfe, wie die Puter, und kollern entsetzlich. Sie haben auch mir vorgekollert. Ich habe dazu geschwiegen. Was ich ihnen hätte sagen mögen und müssen, würden sie ja doch nicht verstanden haben. Ihnen aber, Wilfried, sage ich: kehren Sie sich nicht an diese Puter! Es ist 420 hoffärtiges, eitles, borniertes Gesindel. Was können sie einem denn bieten für das Glück des Besitzes eines geliebten Weibes, das uns wieder liebt? Es klingt prächtig, sieht auch so aus: Stand, Rang, Vortritt vor vielen andern, Gunst der Mächtigen. Mag auch Spaß machen, solange man jung ist. Wird man alt, sagt man – und je älter man wird, mit um so innigerer Überzeugung – Firlefanz, Trödelware, nicht wert, daß man den Finger drum rührt! Ach, Wilfried, Sie glauben ja gar nicht, wie flach die Welt wird, wenn man sie nur so ein bißchen von oben herab sieht! Das war das eine. Nun ein anderes, letztes! Sie sagen, Sie haben aus dem Verkauf Ihrer Sachen ein Kapital gerettet; aber Sie haben auch große Lasten für andre übernommen. In deren Interesse spreche ich. Ich habe nicht über Hunderttausende zu verfügen; aber eine Handvoll Tausende sind von mir immer zu haben von einem Freunde, der sie braucht, und einem alten Mann, der sie sicher nicht mehr lange brauchen wird, eine Liebe erweisen will. Sie werden das nicht vergessen, Wilfried! Ich verlasse mich darauf. Keinen Dank! So was versteht sich von selbst. Es muß Musik ohne Worte, oder gar nicht sein. Und nun, lieber Junge, muß ich Sie bitten, mich zu meinem Wagen zu eskortieren – ich habe mir nämlich eine neue Equipage angeschafft. Rauf geht es noch; aber runter hapert es manchmal ein bißchen. Wilfried geleitete den Greis vorsichtig die Treppen hinab über den Hof bis auf die Straße. Vor der Thür hielt die Droschke zweiter Klasse, in welcher er gekommen war. Wilfried hob ihn hinein. Das wackelige Fuhrwerk setzte sich in Bewegung. Über dem Schlag winkte ihm, der sinnend hinterherblickte, eine welke, weiße Hand. * * * 421 So hatte er von seinen beiden ältesten Freunden doch den einen behalten. Es war ihm ein Trost, für den er um so dankbarer war, je deutlicher er fühlte, wie sehr er dessen bedurfte. Unerquicklich wie die Arbeit auf dem Bureau des Justizrats gewesen war, sie hatte ihn doch über so viele Stunden weggeholfen, die jetzt schwer auf ihm lasteten. Früher hatte er sie mit Kunst und litterarischen Studien behaglich ausgefüllt. Davon konnte jetzt nicht mehr die Rede sein. Er wollte ja für seine Person sein Kapital, das er auf der Reichsbank deponiert hatte, nicht angreifen; sich sein tägliches Brot verdienen, wie andre ehrliche Leute. Womit jetzt, nachdem sein erster Versuch dazu so kläglich gescheitert war? Aus seiner Bibliothek hatte er eine kleine Anzahl Werke über Volkswirtschaft und Socialpolitik zurückbehalten, an deren ernstliches Studium er sich jetzt zum erstenmal machte. Mit dem warmen Gefühl für das notleidende Volk war es offenbar nicht gethan. Wollte er sein Streiter sein, mußte er sich die Waffen schmieden, mit denen die Partei im Kampfe siegen würde, welche sie am besten führte. Und hier war ihm eine schlimme Entdeckung vorbehalten: daß die kapitalistische Wirtschaft die Mutter des Elends sei, in welchem die moderne Gesellschaft lebe; dies Elend mit jener ein Ende nehmen und dann eine Ära des Glückes und des Friedens für alle in sicherer Aussicht stehe – es wurde ihm immer mehr zu einer Behauptung, die sich wissenschaftlich nicht beweisen lasse. Und ihm doch wieder bewiesen schien, wenn er, was er jetzt mit einer Leidenschaft that, die seine rebellischen Nerven momentan zum Schweigen brachte, am Tage die Volksküchen besuchte; des Abends durch die ärmsten Quartiere streifte; zur Nacht in die Asyle Obdachloser trat. Da war es ja doch mit Händen zu greifen, das Elend! da schrie es doch zum Himmel, daß all die Bemühungen der kapitalistischen Gesellschaft, ihm abzuhelfen, all jene 422 Wohlfahrtsveranstaltungen des Staates und der Gemeinden, der Liebesspenden der Privaten, wie immer gut gemeint, doch nur Tropfen waren auf einem heißen Stein! Dann ließ er seine wissenschaftlichen Zweifel fahren. Gewiß gab es in der socialen Doktrin Fragen, auf welche noch keiner die Antwort gefunden hatte. Aber stand es mit dem Problem des lenkbaren Luftschiffes anders? Und waren nicht sehr kühle Köpfe davon überzeugt, seine Lösung werde trotz so vieler fehlgeschlagener Versuche über kurz oder lang gelingen? So denn, was sich theoretisch nicht beweisen ließ, mußte praktisch versucht werden. Wo möglich im großen. Der Versuch im großen aber hieß: die sociale Revolution. Diese Idee bemächtigte sich seiner ganz und gar. In einer Reihe von Aufsätzen suchte er ihr Ausdruck zu geben und sandte seine Arbeit an die Redaktion des Vorwärts. Man ersuchte ihn, sich die Antwort persönlich zu holen. Mit einem Widerstreben, dessen er sich schämte, und das er doch nur schwer überwinden konnte, machte er sich auf den Weg. Der Chefredakteur empfing ihn artig; freute sich, seine persönliche Bekanntschaft zu machen; und daß er auf dem Umweg über die christlich Socialen, die im Halben stecken blieben, den Weg zu ihnen gefunden. Daun kam er auf seine Aufsätze zu sprechen. Sehen Sie, verehrter Graf, sagte er lächelnd, wenn wir das drucken wollten, so hätten Sie ein paar Jahre Plötzensee, womit Ihnen nicht gedient ist und der Partei auch nicht, der Sie noch gute Dienste leisten können und werden, wenn Sie die Kunst gelernt haben, das Schiff durch die Klippen hindurchzusteuern, mit denen das Strafgesetz es bedroht. Mit dem letzten Wort muß man selbst innerhalb der Partei zurückhalten. Sie erinnern sich des Goetheschen: das beste, was man wissen kann und so weiter. Aber es ist viel Treffliches in Ihrer Arbeit. Wenn Sie mir verstatten – Sie würden vorläufig nicht damit zu 423 stande kommen – aptiere ich sie für unsern Gebrauch. Und dann noch eines, was Ihre Schreibweise betrifft. Sie müssen in Ihren Wein mehr Wasser gießen, wenn er unsern Leuten munden soll. Ich habe es auch lernen müssen. Es ist mir schwer genug geworden; aber es geht nicht anders. Der Handwerker, der Arbeiter wird kopfscheu, wenn man nicht in der Sprache zu ihm spricht, an die er gewöhnt ist. Sein Bildungsniveau muß und wird sich heben. Vorläufig aber ist noch zwischen ihm und dem unsern eine Kluft, die nur allmählich ausgefüllt werden kann. Man muß da eben Geduld haben. Wilfried dankte für gütige Belehrung. Ein paar Tage später konnte er seine Arbeit lesen, auf ein Drittel zusammengestrichen und ohne die Stellen, auf die er sich am meisten zu gute gethan hatte. Eine von Tausenden besuchte socialdemokratische Versammlung brachte ihm ähnliche Erfahrungen. Er hatte mit Feuer gesprochen und, wie er meinte, durchaus zur Sache: aber der Beifall, mit dem andre Redner überschüttet wurden, blieb aus. Es liegt nicht am Inhalt, sagte ihm sein Mentor; es ist die Form. Ich sagte es Ihnen neulich schon. Das darf Sie nicht Wunder nehmen und nicht stutzig machen. Sie sind in der Lage eines Mannes, der in ein fremdes Land unter eine fremde Nation kommt. Er hat den besten Willen und auch das Talent, sich mit all dem Neuen, was er da sieht und hört: den Gebräuchen, Sitten, Umgangsformen und so weiter zu befreunden, sich ihm anzupassen; aber so schnell geht es auch im günstigsten Falle nicht. Wilfried fühlte sich nicht gekränkt; aber verstimmt und entmutigt war er doch. Ging das Wort des Bruders: man wird Dich freundlich aufnehmen; aber nie Dir ganz vertrauen, nie den Renegaten in Dir vergessen, nicht in buchstäbliche Erfüllung? Dann aber: wozu der Lärm? Wozu die Opfer, die er gebracht, wenn der Preis 424 ausblieb! es ihm doch nicht gelang, ein Mann des Volkes zu werden? sich die Seele des Volkes zu erschließen? Denn das mit den Formen, in die er sich noch nicht zu finden wisse, war ja nur Gerede. Auch hier war, wie in der Natur, Kern und Schale dasselbe. Er hatte die Schale des Volksmannes nicht, weil er im Kern kein Volksmann war. Da durfte er sich nicht wundern, wenn der Cirkel sich nicht quadrieren lassen wollte. * * * Mit wachsender Angst sah Lotte, wie die Wolke auf der Stirn des Geliebten mit jedem Tage schwerer wurde, sein Auge sich verdüsterte. Die tiefste Not seiner Seelenkämpfe konnte sie freilich nur ahnen, da er sie ihr niemals geklagt hatte, weniger aus Furcht, daß sie ihn doch nicht verstehen werde, als aus großmütiger Zärtlichkeit, sie nicht zu allen anderen Sorgen mit einer neuen zu belasten, die sie ihm auf keine Weise abnehmen konnte. So mußte sie denn die Ursache seiner Verstimmung in Dingen suchen, die ihr näher und ihrem Verständnis nur allzu offen lagen. Seit dem Tage, daß die Zeitungen die Verlobungsanzeige gebracht, hatte sich das Benehmen des Vaters gegen den Geliebten verändert. Nicht mit einem Schlage, allmählich nur, deutlich genug und nur zu erschreckend für sie, der kein Blick, keine Geste, kein Wort, keine leiseste Nuance des angeschlagenen Tones entging. Nicht, daß sich der Vater in seinem Benehmen, seinen Reden mehr als sonst hätte gehen lassen! Es wäre das gewiß schlimm für sie gewesen, aber nicht annähernd so peinlich, als sein gewaltsames Bemühen, den feinen Mann herauszukehren, sich mit Wilfried auf die gleiche Stufe zu stellen. Während dieser die einfachsten Anzüge aus seiner Garderobe heraussuchte, hatte der Vater sich deren mehrere neu machen lassen, die sich für seinen Stand schlechterdings nicht 425 eigneten, und in denen er stundenlang auf der Straße paradierte. Wozu es ihm an Zeit jetzt nicht gebrach. Bestellungen zu Gesellschaften kamen nicht mehr – Gott sei Dank, sagte er; so brauche ich sie doch nicht zurückzuweisen; – den ihm angebotenen Oberkellnerposten in dem Weinrestaurant hatte er abgelehnt: so was schicke sich nicht für den Schwiegervater eines Grafen! Für den aber schickte es sich, daß er Wilfried vertraulich die Hand auf den Arm legte; ihn »lieber Schwiegersohn« einmal über das andere anredete; ihm den Rauch seiner Cigarre ins Gesicht blies; ihn aufforderte, eine Flasche Wein mit ihm in dem »Landgrafen« zu trinken: »Meinetwegen auch bei Hiller oder Dressel. Ich kenne da alle Marken. Und mir werden sie keine schlechte vorsetzen; das kann ich Sie versichern!« Wenn sie dann sah, wie es bei solchen Gelegenheiten in Wilfrieds Augen zuckte, und er doch in keinem Moment die vornehme Höflichkeit verleugnete – sie hätte vor ihm niederfallen und ihm die Hände küssen mögen. Er würde sie dann aufgehoben, an sein Herz gedrückt und in seiner gütigen Weise gesagt haben: Liebste, was sorgst Du Dich so um mich! Das alles trifft mich gar nicht. Und thäte es das und träfe mich schmerzlich, ich trüge es gern um Deinethalben! Sie wußte es wohl, ihr verwundeter Stolz litt darum nicht minder Qualen. Die sich bis zum Unerträglichen steigerten, wenn der Vater, sobald sie nach seiner Lieblingsredensart »unter sich« waren, in höhnender Weise fragte: Was nun eigentlich aus der Geschichte werden solle? Hätte er gewußt, die Sache werde sich so in die Länge ziehen, und es eine Ewigkeit dauern, bis der Herr Graf sich mit seiner Frau Tante aussöhne, und seine verlobte Braut bei ihr einführe, wie es sich gehöre – nie würde er seine Einwilligung zu der Verlobung gegeben haben! Oder glaube der Herr Graf etwa, es sei ihm mit einem Schwiegersohn gedient, 426 der für den »Vorwärts« schreibe und in socialdemokratischen Versammlungen Mumpitz rede, über den alle Welt lache, da kenne er Hermann Schulz doch nur flach. Das hätte er billiger haben können. Und ob Lotte sich nicht schäme, ihm so etwas zuzumuten? Seine schöne Lotte, sein Goldkind, für die kein König zu gut sei! Und die nun mit einem Grafen vorlieb nahm, der seine Röcke selber bürste! Aber er habe die Geschichte satt. Und wenn der Herr Graf nicht bald andere Seiten aufziehe, werde er etwas erleben, was er sich schwerlich habe träumen lassen. Ein seltsames Ereignis, das vor acht Tagen stattgefunden, war nach Lottes Ansicht der Hauptgrund, weshalb der Vater alles Maß in seinen Ansprüchen verlor. Es war ein Polizeibeamter in der Wohnung erschienen, um Erkundigungen darüber einzuziehen, ob ein älterer Bruder von Herrn Schulz mit dem Vornamen Philipp als junger Mann vor vierzig Jahren nach Amerika ausgewandert sei? Die Recherche finde auf Anregung der amerikanischen Botschaft statt und sei infolge der vielen in Berlin existierenden Leute desselben Namens äußerst mühselig gewesen; ja, wäre voraussichtlich resultatlos verlaufen, hätte nicht Frau Rehbein gegen einen Kollegen ihres verstorbenen Mannes gelegentlich geäußert, sie wohne mit einem Schulz in demselben Hause, der einmal zu ihr von einem in Amerika verschollenen Bruder gesprochen. Wenn die Sache, wie es doch scheine, ihre Richtigkeit habe, möge sich Herr Schulz auf die amerikanische Botschaft begeben, wo er das weitere erfahren werde. Er hatte dort nicht viel in Erfahrung gebracht. Der, auf dessen Wunsch die Requisition stattfinde, sei ein Mr. Philipp Schulz in oder bei Chicago. Weiter wisse man nichts. Es scheine ein wohlhabender Mann zu sein, da er sich die Sache so viel kosten lasse. Man werde das Resultat auf seinen Wunsch hinüberkabeln, und Mr. Philipp Schulz dann wohl ausführlich schreiben. Bei der Kürze der inzwischen verflossenen Zeit hatte 427 das natürlich noch nicht geschehen können. Der Vater sagte: es werde überhaupt nicht geschehen und alles auf einen Schwindel hinauslaufen. Daß er das gerade Gegenteil erhoffte, sah Lotte aus der Aufregung, die sich seiner seitdem bemächtigt hatte. Warum er ihr aufs strengste verboten, ein Wort über die Angelegenheit gegen Wilfried verlauten zu lassen, war ihr nicht wohl erklärlich. Sie vermutete, daß er in seiner phantastischen Weise auf die Erfüllung seines Traumes einer Millionenerbschaft warte, um mit Wilfried, an dessen Versöhnung mit seiner Tante er bereits nicht mehr glaubte, entschieden zu brechen. Bei diesen Kümmernissen, die sie still in sich verwinden mußte, war es ein Trost für sie, daß Fritz jetzt endlich aus Doktor Brandts Klinik entlassen war, trotzdem das so schwer verletzt gewesene Bein noch immer geschont sein wollte. Die Schmerzen, die er durchlitten und die so lang geatmete Krankenzimmerluft hatten sein feines, bleiches Gesicht noch mehr vergeistigt. Wilfried sagte: er gleicht einem der Engelknaben auf einem präraphaelitischen Bilde. Eine Erklärung des ihr fremden Wortes hatte er nicht hinzugefügt. Es sollte gewiß etwas besonders Schönes bedeuten, da er auch sonst so lieb und gut gegen den Fritz war. In den schlimmen Zeiten der Familie, als sich zuletzt jedes Band der Ordnung löste, hatte es mit dem Schulbesuch des armen Jungen übel ausgesehen. Und war er – oft nur auf Requisition der Polizei – in der Schule, was konnte man von ihm erwarten, der noch die schwere Müdigkeit von einer Nacht her, die er zur Hälfte, frierend und hungernd, auf der Straße zugebracht, in den zarten Gliedern hatte? Nun saß Wilfried stundenlang bei ihm, sein Lehrer, sein Spielgenoß, der ihm Bücher, hübsche Schreibsachen zutrug; ihm auf einem kleinen Theater Scenen aus Wilhelm Tell und Wallenstein vorführte. Und so den Scheuen, Schweigsamen zu fröhlichem Leben zu erwecken verstand; sich sein zärtliches Herz im Sturm eroberte. Zu Lottes innigster Lust. Hätte sie Wilfried noch mehr 428 lieben können, er würde es jetzt durch seine große Güte erreicht haben. Wenn sie die beiden so nebeneinander sah; Wilfrieds schlanke, weiße Hand auf der Schulter des Knaben ruhte; der Knabe, zärtliche Liebe, anbetende Bewunderung in den großen, glänzenden Augen zu ihm aufblickte, da kamen ihr Momente, wo sie meinte, es könne doch noch alles gut werden. * * * Für den nächsten Sonntag war ein Sommerfest der Genossen mit ihren Frauen angekündigt. Bereits um sechs Uhr morgens sollten zwei Dampfschiffe von der Jannowitzbrücke nach Grünau abgehen; es war aber auch freigestellt, die Ringbahn oder Pferdebahn zu benutzen, wenn, wie voraussichtlich, die Schiffe den Andrang der Teilnehmer nicht würden bewältigen können. Lotte erschrak auf das äußerste, als Wilfried ihr am Sonnabend sagte, daß er das Fest mitmachen wolle. Er in dieser Gesellschaft, in die er nicht gehörte! in der tausendköpfigen, lärmenden Menge, er mit seinen feinen Nerven, die jedes laute Geräusch beleidigte! Sie bat ihn dringend und immer dringender, von einem Vorhaben abzustehen, dessen Ausführung ihm nichts eintragen werde als Enttäuschung und Verdrießlichkeit, vielleicht noch Schlimmeres. Sonst brauchte sie keinen Wunsch auszusprechen, weil er ihr ihn von den Augen ablas; hier waren ihre Vorstellungen, ihre Bitten vergeblich. Sie machten ihn nur ungeduldig, zuletzt gereizt, fast heftig, wie sie ihn nie gesehen. Du wenigstens solltest nicht, wie die andern, an meiner Aufrichtigkeit zweifeln, in all meinem Thun nur eine Komödie sehen! Daß andre es leichter haben, als ich, Socialdemokrat zu sein, das weiß Gott. Und ›zu sein‹ ist nicht das Richtige. Ich bin es, bin es aus voller Überzeugung; nur der Schein ist gegen mich. Er steht mir im Wege, macht, daß man mich nicht als vollberechtigt, als seinesgleichen anerkennen 429 will. Bliebe ich morgen fort, würde es wieder heißen: da haben wir's! Wir sind für den Herrn Grafen zu gemein; er ist und bleibt der Salonsocialist, wie man ihn in seinen Kreisen nennt! Sieh, Lotte, ich weiß nur zu gut, fühle nur zu peinlich, wie wenig ich der Partei leiste. Aber eines kann mir doch so leicht keiner nachmachen: als ein Graf unter sie zu treten, der nicht ein Deut mehr sein will, als sie. Und damit ein Opfer bringt, dessen Größe sie freilich nicht würdigen können, das aber doch vielleicht nicht umsonst gebracht wird. Weil es die stutzig macht, die aus ihrer stumpfen Gleichgültigkeit schreckt, zu denen er durch die Geburt gehört, und die hochmütig wähnen, daß diese Geburt sie ein für allemal von den andern Menschenkindern scheidet. Wenn auch nur einer von uns den Mut hat, dies stupide Vorurteil zu überwinden, den starren Bann zu brechen – Du kennst die Geschichte von Arnold Winkelried nicht. Ein Bauer, der in der Schlacht, als sie die eiserne Mauer nicht niederwerfen konnten, so viel Ritterspeere, wie seine Arme faßten, sich in die Brust stieß, rufend: ich will der Freiheit eine Gasse machen! – Das will auch ich. Und wenn man des Bauersmanns That durch die Jahrhunderte rühmt, die des Edelmanns ist nicht geringer. Er opfert, was Tausenden höher gilt, als das Leben. In Wilfrieds Augen, während er so sprach, ging durch das Feuer, von dem sie leuchteten, ein Flackern, das Lotte nur zu gut kannte. Es war immer da, wenn er von seinen socialdemokratischen Pflichten redete. Und das sie sich längst gedeutet hatte: er möchte ja so gern an das alles glauben und – er thut es nicht. Gut denn, Wilfried, sagte sie; aber Du mußt erlauben, daß ich Dich begleite. Um Himmels willen! murmelte er, während das Feuer in seinen Augen jäh erlosch. Du willst den Genossen beweisen, daß Du zu ihnen gehörst, fuhr sie fort; sie bringen alle ihre Frauen, Schwestern, 430 ihre Bräute, ihre Liebsten mit. Er läßt seine Braut zu Hause, werden sie sagen; warum thut er das? Dann wird es dasselbe Gerede geben, das Du doch gerade vermeiden willst. Du hast recht, sagte Wilfried; bist, wie immer, mein tapferes, kluges Mädchen. Wir gehören zusammen, hier und überall. Also auch in Grünau. Ich kenne es freilich nicht und stelle es mir nicht gerade als ein Paradies vor. Mit Dir wird es mir eines werden. Auf den Lippen das liebe Lächeln, in dessen bloßer Erinnerung Lotte stundenlang schwelgen konnte, hatte er sie geküßt und war hinüber in sein Zimmer gegangen an eine Arbeit für den Vorwärts, die ihn schon seit Tagen beschäftigte. Lotte blickte ihm mit trüben Augen nach. Was er da von dem Bauer gesagt, der sich die Speere in die Brust stieß und all das andre – sie hatte kaum darauf gehört; nur die eine Furcht, den einen Gedanken gehabt: es droht ihm da sicher etwas Schlimmes, das Du abwenden kannst, wenn Du dabei bist. Der Vater kam nach Hause; Lotte sagte, daß sie morgen nun doch mit Wilfried nach Grünau fahre. In Teufels Namen! brauste er auf. Und als er ihre großen erschrockenen Augen sah: Na, na! Es ist so bös nicht gemeint. Du kannst ja nichts für seine Grapsen. Lange kann es ja so wie so nicht mehr dauern. Dann ist es aus mit dem Mumpitz. Dann kommen andere Zeiten für Hermann Schulz. Der hat einen Bruder in Amerika. Der heißt Philipp Schulz. In Chicago. Verstehst Du? Chicago! Seine Zunge lallte. Schon ein paarmal war er, seitdem die amerikanische Angelegenheit spielte, so nach Hause gekommen. Wenn die mit fieberhafter Ungeduld von ihm erwartete Nachricht ausblieb; nicht so lautete, wie er sie sich träumte – Lotte wußte es: dann war das alte Elend 431 wieder da. Dann war der kurze Glückstraum bis auf den letzten blassen Schimmer verträumt. Und dann wollte sie nicht weiter leben. Vielleicht war ihr Tod die einzige Möglichkeit, ihn wieder frei zu machen – Schon lange trug sie sich mit diesem Gedanken – Sie hätte ihm nur so gern den Kummer erspart – * * * Nach dem Programm hatte das Fest um neun Uhr zu Ende sein sollen. Eine halbe Stunde später waren die beiden Dampfer auch wirklich abgefahren; aber sie hatten längst die gewaltige Menge nicht fassen können; es mochten wohl noch über tausend zurückgeblieben sein, für ihre Heimkehr auf die Eisenbahn angewiesen. Ein nächster Zug war im Nu besetzt, überfüllt; er hatte die dichten Scharen nur wenig gelichtet. Ein dann folgender, ungewöhnlich großer, wohl stark aufgeräumt und doch noch einen bedeutenden Rest zurücklassen müssen. Man vertröstete die Ungeduldigen auf einen Extrazug, der nun endlich um elf Uhr vorfuhr, um, ebenso wie die andern, erstürmt zu werden. Aber der Andrang war doch jetzt minder groß. Zwar auch die Wagen zweiter Klasse hatten sich Passagiere mit Billets zur dritten Klasse gefallen lassen müssen. Nur eines blieb von dieser Invasion frei, da ein Herr, der sämtliche Billets dazu genommen hatte, darauf bestand. Der Bahnhofsinspektor zerbrach sich, als er den Zug glücklich expediert hatte, den Kopf darüber, wie der Herr heute am Sonntag mit seiner Dame in diese Gesellschaft geraten sein müsse. Iwo! meinte der Restaurateur. Sie haben da hinten stundenlang in der Ecke gesessen. Das war gar keine Dame. Das war man bloß sein Verhältnis. Ja so, sagte der Inspektor. * * * 432 Inzwischen donnerte der Zug durch die Sommernacht. In den anderen Waggons ging es laut genug her; Wilfried und Lotte saßen sich schweigend gegenüber, nachdem Wilfried mehreremale vergeblich den Ansatz zu einem Gespräch gemacht hatte. Sie konnte nicht antworten, tödlich erschöpft, wie sie war. Nicht von der körperlichen Anstrengung. Die hätte sie wohl ertragen. Was ihr die Kraft geraubt, war die Seelenpein, die sie den Tag über erduldet. O, des fürchterlichen Tages, dessen Schrecken ihre schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen hatten! Nicht, als ob etwas Besonderes vorgefallen, oder gar die Gefahr eingetreten wäre, die von ihm fernzuhalten, sie mitgegangen war! Abgesehen von ein paar schärferen, schnell wieder gütlich geschlichteten Wortwechseln zwischen einigen besonders Aufgeregten, war alles so friedlich verlaufen wie möglich. Man hatte geplaudert, gesungen, gespielt, getanzt, gegessen, getrunken; sich augenscheinlich köstlich amüsiert, etwas sehr lärmend hier und da und dann und wann; aber über die Tausende hatte ein Geist der Ordnung, der Wohlgesinntheit und Kameradschaftlichkeit gewaltet, der für Lotte, die zum erstenmal in ihrem Leben einem solchen Feste beiwohnte, etwas Ergreifendes gehabt und auch von Wilfried mit warmen Worten anerkannt war – Und doch! und doch! Sie sann und sann in ihrer stillen Ecke und konnte es nicht zusammenbringen. Es war auch nichts Einzelnes. Denn daß ihm ein und das andre Mal ein angeheiterter Genosse auf die Schulter geklopft; ein bereits halb Berauschter durchaus Brüderschaft mit ihm trinken wollte; man sie vielfach, wenn sie Arm in Arm vorübergingen, angestiert, auch wohl halblaute Bemerkungen hinter ihnen her gemacht; eine Genossin aus ihrem Atelier und ihr Bräutigam sich zu ihnen gesellten und stundenlang nicht von ihrer Seite wichen – Wilfried war ja auf alles freundlich eingegangen; hatte jedem bereitwillig Rede und Antwort gestanden. – Und doch! und doch! 433 Doch hatte sie durch seine lächelnde Miene hindurch gesehen, aus seinen höflichen Worten herausgehört, daß er innerlich Qualen ausstand. Warum er da nicht ging? Er hatte sich ja nun gezeigt; mit einigen der Führer längere Unterredungen gehabt; es würde niemand aufgefallen, nicht einmal bemerkt sein. Sie hatte ihn wieder und wieder gebeten; er es jedesmal – erst freundlich, zuletzt in sichtbar schlimmer Laune – abgelehnt: er sei einmal da und wolle nun auch bis zu Ende bleiben. Und als er dann endlich einwilligte, war es zu spät gewesen: auf den Dampfern jeder letzte Platz besetzt; an den Bahnzügen ein Stoßen und Drängen, wildes Rufen der Männer nach ihren Frauen und Mädchen, Gezeter der Kinder – es ist nicht möglich, hatte er gesagt; wir müssen warten. Und sie hatten gewartet in einer dunklen Ecke des menschenüberfüllten Saales, durch dessen blaugraue Tabaksluft die Gaslichter trübe schimmerten; in dem ohrenbetäubenden Lärm der sich einander von Tisch zu Tisch Anschreienden – eine, zwei Stunden lang, bis endlich die Erlösung kam – Keine Erlösung für Lotte – Sie hätte lieber in dem wüsten, schmutzigen Wartesaal so weiter gesessen, als hier in dem stillen Wagen mit den weichen Polstern, die ihr nicht zukamen, gegenüber dem nun auch verstummten Geliebten, dessen schönes Gesicht, während er durch das offene Fenster in die Nacht starrte, so totenbleich, und der so tief, tief unglücklich war – Unglücklich durch sie – Das war jetzt ihre feste Überzeugung – Nur sie war es, die ihn in diesem Elend festhielt, nachdem er um ihretwillen alles aufgegeben, was er von Kindesbeinen an besessen und – an dem sein Herz hing – Mochte er es tausendmal leugnen, es war doch so: sein Herz hing daran, wie voll Mitleid und Güte es auch für die Armen war und wie voll großmütiger Liebe zu 434 ihr. Und würde nicht eher wieder leicht und fröhlich schlagen, als bis diese Last von ihm genommen war – Das mußte geschehen. Wie es jetzt war, konnte, sollte es nicht bleiben. Was dann aus ihr wurde, war gleichgültig. Nur er durfte nicht auch zu Grunde gehen – Es war beinahe zwölf Uhr geworden, als sie ihr Haus erreichten. Auf dem langen Weg dahin, von dem Bahnhof des Zoologischen Gartens, waren sie Arm in Arm gegangen, ohne kaum ein Wort zu sprechen. Als sie oben auf dem Treppenabsatz ihrer Etage standen, entzündete Wilfried ein Wachskerzchen, das erlosch, während sie ihre Thür öffnete. Wie sie sich wieder zu ihm wandte, fiel durch das hohe Treppenfenster das Licht des Mondes voll in ihr Gesicht. So bleich hatte er es gesehen in jener ersten Nacht, als er sie nach der Apotheke und zu ihrer Wohnung zurückbegleitete. Und so, genau so hatten die großen melancholischen Augen zu ihm aufgeblickt, als sie mit ihrer leisen, tiefen Stimme sagte: Uns kann niemand helfen! Lotte! Sie hatte sich an seine Brust gestürzt. Verzeihe mir! Ich bin heut nicht gut zu Dir gewesen. Doch! doch! Du bist immer gut! Viel, viel zu gut! So liebst Du mich? Tausendmal mehr als mein Leben. Die Thür schnappte zu; sie drehte den Schlüssel um. Eine Wehmut überkam ihn, daß er hätte weinen mögen. Es war ja gewiß nur, daß er eben so lebhaft an ihre erste Begegnung gemahnt war; aber in der Verdüsterung seiner Seele hatte er ganz das Schmerzgefühl eines, der sein Liebstes zum letztenmale sieht. * * * Zu seiner Verwunderung waren Frau Rehbein und ihre Tochter noch auf: sie hätten nicht zu Bett gehen 435 mögen in der Sorge, es möchte in den beiden Depeschen, die heute vormittag für den Herrn Grafen gekommen, etwas stehen, weshalb er vielleicht noch ihren Dienst bedürfe. In seinem Zimmer brannte die Lampe bereits. Er meinte nicht anders, als Falko könne seine Ankunft in Karlsbad nicht erwarten und schicke nun Depesche auf Depesche, wie das seine Gewohnheit in dergleichen Fällen war. So öffnete er ruhig die erste, die ihm in die Hand kam: »Dagobert schwer erkrankt. Bitte sofort kommen. Margarete.« Mit zitternder Hand erbrach er die zweite: »Die Ärzte geben keine Hoffnung. Bitte, bitte, sofort.« Die tödliche Wendung mußte sehr schnell gekommen sein: das erste Telegramm war um zehn Uhr in Falkenburg expediert, das zweite um elf. Über zwölf Stunden hatte er verloren, während er auf diesem entsetzlichen Fest war, bei dem ihn kein Mensch vermißt hätte! Ich muß augenblicklich verreisen, sagte er zu den beiden Frauen, die mit neugierigen Gesichtern vor ihm standen. Sie dürfen die Telegramme lesen. Dagobert ist mein einziger Bruder. Der Fürst? fragte Frau Rehbein ehrfurchtsvoll. Wilfried antwortete nicht; er war bereits dabei, die paar nötigen Sachen zusammenzusuchen, welche die Frauen in den schnell vom Boden geholten Koffer packten. Aus den Gesprächen damals mit dem Bruder und der Schwägerin hatte Wilfried die Züge nach Falkenburg gut im Kopf. Es ging einer um ein Uhr zehn Minuten von der Friedrichstraße, sogar ein Kurierzug, wenigstens in den ersten zwei Dritteln der Tour. Wenn er sich sehr beeilte, konnte er den noch erreichen und morgens neun Uhr in Falkenburg sein. Die Frauen halfen, wie sie nur konnten. Agnes rannte 436 hinab, den Portier zu wecken, der nach einer Droschke laufen sollte. Inzwischen schrieb Wilfried ein paar Zeilen an Lotte: er müsse auf der Stelle verreisen; warum? sagten die beiden beigefügten Telegramme. In der ersten nur einigermaßen ruhigen Stunde werde er ausführliche Nachricht geben. Frau Rehbein versprach, das Billet pünktlich zu besorgen; auch Lotten sonst zu sagen, wie alles gekommen war. Agnes erschien wieder, atemlos: Die Droschke stehe vor der Thür. Der Portier, der mit hinaufgekommen war, trug den Koffer hinab. Wilfried fuhr davon. Durch die stille Stadt; durch die endlose, mondbeschienene Ebene. Dann ging der Mond unter. Eine kurze graue Zwischenzeit, und die Wolken im Osten fingen an sich zu färben. Heller und heller, bis die Sonne, ein rotglühender Riesenball, im Osten aufging, zitternd in seinem Glanz, während im Westen Wilfrieds blaue Heimatberge sich aus dem Flachland hoben. Zur bestimmten Stunde und Minute hielt der Zug auf dem Bahnhof des Städtchens am Fuße des mäßig ansteigenden Hügels, dessen Höhe das Schloß krönte. Von einer kleinen Gruppe Menschen, die auf dem Perron standen, löste sich einer ab und kam auf Wilfried zu, eilig, bis er sich ihm auf ein paar Schritte genaht hatte. Plötzlich stand er still und blickte auf den Boden, während sein starker, schon ergrauender Vollbart sonderbar auf- und niederzuckte. Roßwald – mein Bruder ist – Der alte Jäger stürzte heran, ergriff seine Hand und küßte sie, schluchzend, ohne ein Wort sprechen zu können. Dann richtete er sich straff empor und, seine Thränen verschluckend, den Federhut in der Hand, meldete er: Der Jagdwagen hält auf dem Bahnhof, Herr Graf. * * * 437 Vier Tage nach Wilfrieds Abreise, elf, nachdem an Mr. Philipp Schulz in Chicago gekabelt war, daß der von ihm gesuchte Bruder gefunden sei, kam sein Brief, dem ein Check über tausend Dollars auf ein erstes Bankhaus in Berlin beilag. Mr. Philipp Schulz schrieb in einem nur eben noch verständlichen Deutsch: er sei hoch erfreut, nachdem er so lange als einsamer Junggeselle gelebt, in seinen alten Tagen seine Verwandten um sich zu haben. Wenigstens hoffe er, der Bruder werde seine Bitte erfüllen und zu ihm kommen – mit Frau und Kindern natürlich. Er sei kein reicher Mann: ein Farmer, hundert Meilen hinter Chicago; aber er habe genug, daß auch eine größere Familie anständig davon leben könne. Nur aber beeilen möge man sich; er sei zweiundsiebzig und habe zum Warten keine Zeit mehr. Herr Schulz war sehr enttäuscht: die viertausend Mark könne man sich ja gefallen lassen; aber daß der Bruder kein reicher Mann sei, finde er unerhört. Das sei doch eine Perfidie, die dicht an Betrug grenze. Da werde er es sich noch zehnmal überlegen, ob er einer solchen Einladung folgen solle. Die Mutter meinte: die Sache habe freilich zwei Seiten und sie möchte die Verantwortung nicht auf sich nehmen; aber Lotte erklärte sofort: man müsse den Wunsch des Onkels erfüllen, ohne einen Tag, eine Stunde mehr hingehen zu lassen, als die Vorbereitungen zur Reise erforderten. Und was sei da groß vorzubereiten? Die Möbel gehörten nicht ihnen, sondern dem Grafen; ihre paar Kleider seien in einer Stunde gepackt. Um sie möge man nicht sorgen. Den Grafen werde sie niemals heiraten; das sei ihr fester Entschluß. Lottes Entschiedenheit trug im Familienrate den Sieg davon. Dem Vater war es nur im ersten Augenblick mit seiner Weigerung ernst gewesen. Jetzt erklärte er, daß ein Sperling in der Hand besser sei, als eine Taube auf dem 438 Dach. Mit ihrem Entschluß, Wilfried nicht heiraten zu wollen, kam Lotte nur seinem Wunsch entgegen. Die Hoffnung, Wilfried werde doch noch seine reiche Tante beerben, hatte er völlig aufgegeben, seitdem Freund Mathis ihm gesagt: die Verlobungsanzeige in der Zeitung habe »dem Faß den Boden ausgeschlagen«; mit seinen eigenen Ohren habe er gehört, wie die Frau Geheimrat einer Dame, die den Grafen in Schutz nehmen wollte, zugerufen: »Schweigen Sie mir von dem Undankbaren! Er wird nie wieder einen Fuß über meine Schwelle setzen.« Dann aber, was sollte ihm der Herr Schwiegersohn, der nichts war, nichts hatte, und mit seinen verrückten socialdemokratischen Schrullen »noch einmal in des Teufels Küche geraten würde?« Seiner klugen Lotte war das offenbar mittlerweile auch klar geworden, und sie hatte ihm den Laufpaß gegeben. Wahrscheinlich am Sonntag in Grünau. Darum und nicht des Bruders wegen, der ihn, den Socialdemokraten, ja gar nichts mehr anging, war er Hals über Kopf abgereist; und darum wollte Lotte nach Amerika. Nun war Amerika sein zweites Wort; nun sollte womöglich morgen schon gereist werden; und er war außer sich, daß es so schnell denn doch nicht ging. Dabei that er für seine Person schlechterdings nichts, die Abreise zu beschleunigen; sondern überließ alles seiner Lotte, die »es schon machen werde.« Lotte verlangte es nicht besser. Sie hatte in der letzten Zeit mit Frau Brandt, die ihre Verlobung mit Wilfried einen Thorenstreich, ja geradezu ein Verbrechen nannte, auf einem gespannten Fuß gestanden. Jetzt suchte sie sie wieder auf und fand in ihr die alte bewährte Freundin. Auch der Doktor wurde ins Vertrauen gezogen und kam den Frauen mit Rat und That entgegen. In kürzester Frist war alles geordnet. Es blieb nur ein schwieriger Punkt: was sollte aus Elise werden? Sollte man sie mitnehmen? sollte man sie unter der Obhut der Pfarrersleute lassen? 439 Hier müssen Sie entscheiden, liebe Lotte, sagte Frau Brandt; hier habe ich nicht einmal eine Meinung, geschweige denn ein Urteil. Die Sache ist: wir und Römers sehen uns schon seit Wochen nicht mehr. Frau Römer und ich konnten uns über Euch nicht verständigen. Sie wissen, was ich damit meine. Ich sehe eben mit meinem praktischen Verstande die Dinge anders, als die gute Frau Römer mit ihrem verschwommenen Enthusiasmus. Dann hatte ich in einer Frauenzeitung über des Pfarrers nicht weniger konfuse christlich-sociale Lehre schärfer geschrieben, als, wie es scheint, selbst seine milde Gesinnung verzeihlich fand. Wenigstens hat er mir in seinem Blatte eine Antwort erteilt, die ich auch nicht gerade an den Spiegel stecken mag. Mit einem Worte: ich weiß nicht, wie es da aussieht. Elise ohne weiteres dazulassen, geht natürlich nicht. Das hieße geradezu sich von ihr lossagen, was doch gar nicht Ihre Absicht ist. Sie müssen mit ihr sprechen. Ich habe sie seit vier Jahren nicht gesehen, sagte Lotte traurig. Ich weiß. Es ist eine schwere Aufgabe. Und doch leicht im Verhältnis zu der andern, die Sie über sich genommen haben und hinter sich bringen als das brave, tapfere Mädchen, das Sie sind. * * * Es war zwei Tage vor dem, welcher für die Abreise der Familie nach Bremen festgesetzt war, als Lotte an der Thür von Pfarrer Römer klingelte. Ein kleines Mädchen von etwa zehn Jahren mit geröteten Augen in dem altklugen Gesicht machte auf. Lotte fragte nach Elise. Bevor Magda antworten konnte, kam ihre Mutter selbst; Lotte wiederholte ihre Frage, hinzufügend, daß sie die Schwester sei. Mutter und Kind blickten einander bestürzt an; das Kind brach in Weinen aus und wurde von der Mutter nach hinten geschickt. Sie selbst nahm Lotte bei der Hand 440 und führte sie in das Gemach links; stellte nach dem Brauch des Hauses zwei Stühle mitten in den Raum, nötigte Lotte auf den einen, alles schweigend, mit bekümmerter Miene und, wie Lotte jetzt bemerkte, ebenfalls von Thränen geröteten Augen. Durch Lottes erschrockene Seele gingen nur zwei Möglichkeiten: Elise war entweder schwer erkrankt, vielleicht bereits tot; oder in den Sumpf, aus dem Wilfried sie gezogen, zurückgesunken. Ich kann alles hören, sagte sie mit gepreßter Stimme; aber, bitte, sprechen Sie! Was ist es mit Elise? Erschrecken Sie nicht zu sehr! Es ist ein so schöner Wahn, ein so holder Wahn. Hätte man nicht Mann und Kinder – Die Thränen quollen ihr aus den Augen. Seit wann? fragte Lotte. Mein Mann hat sie heute vormittag nach Schöneberg in die Maison de santé gebracht; der Arzt sagte, es ginge nicht länger so, wir könnten es nicht verantworten. Mein Mann und ich hätten sie nicht fortgegeben; wir sahen nicht ein, was dabei zu verantworten war. Sie war so sanft und lächelte so lieb, und die Kinder hingen so an ihr. Freilich, sie wurde mit jedem Tage schwächer, und der Doktor sagt: es könne höchstens noch ein paar Wochen dauern – Diesmal wollten sich die Thränen nicht mit den Fingern abwischen lassen. Dann knüllte sie das Taschentuch energisch zusammen und sagte: Das hilft nun nicht. Und Sie werden wissen wollen, wie das so gekommen ist. Es ist schwer zu sagen; besonders Ihnen. Aber auch das hilft nicht. Also: Sie hatte eine große Liebe zu – na ja! – zu dem gefaßt, der sie in ihrem Elend aufgefunden und zu uns gebracht hatte. Das werden Sie besser begreifen, als irgend eine andre. Er ist ein so guter und auch so schöner Mann. Da konnte man es wohl verstehen, besonders, wenn man die 441 Dankbarkeit hinzurechnet, die sie ihm schuldig war; und sie hat ein so dankbares, weiches Herz, das arme liebe Geschöpf. So weit war ja alles ganz in Ordnung, ganz normal, wie mein Mann sagt; bloß daß wir meinten: es sei doch besser, wenn sie ihn vorläufig nicht wieder zu sehen bekäme, bis sich ihr Gemüt beruhigt hätte in unserm stillen Hause bei regelmäßiger rechtschaffner Thätigkeit. So sagte ich ihm auch; und er möge bis auf weiteres seine Besuche einstellen, was er dann ja auch gethan hat. Ich glaube, ich habe da einen Fehler gemacht, und es wäre für sie besser gewesen, sie hätte ihn alle Tage gesehen und gesprochen. Sie würde ihn auch dann wohl weiter geliebt haben; aber als Menschen, nicht – ja, das ist nun ein schwieriges Kapitel, und ich wollte, mein Mann wäre hier und könnte alles erklären und ausdeuten; aber er mußte vor einer Stunde nach Eisenach zu einer großen Versammlung – ich will versuchen, ob ich mich verständlich machen kann. Die kleine Frau reckte sich auf und ihr freundliches Gesichtchen nahm einen feierlichen Ausdruck an: Sehen Sie, liebes Kind, in unserm Hause, da geht unser Herr Christus, so zu sagen, aus und ein. Wir stehen mit ihm auf; wir setzen uns mit ihm zu Tisch; unser letztes, bevor wir am Abend einschlafen, ist ein Gebet zu ihm. Er ist unser Lehrer, Berater, unser Freund alle Wege. Sein Wort ist immer in unserm Herzen; sein Name immer auf unsern Lippen – das ist nicht anders, wenn man ihn liebt. Nun, Dank meinem lieben Mann, wir wissen zu unterscheiden zwischen dem Menschensohn und denen, die auch Gottes Kinder sind, aber nur durch ihn. Ach, und dieser Unterschied, der so weit ist, wie der von der Herrlichkeit des Himmels bis zu unsrer niedern Erde – er ging für Ihre arme Schwester verloren. Sie sah in dem, der sich ihrer erbarmt, als es mit ihr am schlimmsten stand und sie sich gar verworfen glaubte, den Herrn Jesu selber. Wenn wir von dem Herrn Jesu sprachen, dachte sie an ihn; wenn wir zu dem Herrn beteten, 442 betete sie zu ihm. Dahinter kamen wir erst allmählich; ich zuerst; dann auch mein Mann. Wenn einer den Herrn Jesu zu verstehen lehren kann, ist es mein Mann. Hier predigte er tauben Ohren. Ich schlug vor, den Herrn Grafen zu bitten, er möchte wieder zu uns kommen. Mein Mann sagte, das wird nichts helfen. Für sie hat Jesu Christ die Gestalt des Grafen angenommen und wandelt so von neuem auf Erden. Ich sagte ihr, daß Sie sich mit ihm verlobt hätten. Sie lächelte und erwiderte: wer möchte nicht seine Braut sein! Das wurde nicht anders, und ihre Körperschwäche nahm in erschreckender Weise zu. Mit ihrer Seele hat es keine Not, sagte mein Mann, die ist schon im Himmel. Ihr Leibliches müssen wir den Ärzten anvertrauen, die Gott zu des Leibes Hütern gesetzt hat. Da hat er sie denn, die alles lächelnd geschehen ließ, in die Anstalt gebracht. Meine guten Kinder und ich, wir haben sehr geweint. Wir haben sie alle so sehr lieb. Hier mußte die kleine Frau doch wieder zu dem verknüllten Taschentuch greifen, aber sie preßte es sofort wieder, fast heftig, zusammen und sagte, halb lächelnd, halb ärgerlich: So ist nun der Mensch. Da glaubt man an Gott von ganzem Herzen und weiß, daß ohne seinen Willen kein Sperling vom Dache fällt; und er uns seine Prüfungen nur zu unsrer Läuterung schickt; und das trotzige Herz rebelliert dagegen und stellt sich ungeberdig. Na, er wird mir verzeihen. Ich habe Sie arg betrüben müssen, liebes Kind. Nehmen Sie's auch als eine Prüfung und genießen Sie Ihr junges Glück weiter in Demut. Meine liebe Freundin, Frau Brandt, – wir haben uns ein bischen über Euch gekappelt – das schadet nichts – das zieht sich wieder zurecht – hat mir gesagt, ein wie braves Mädchen Sie sind. Glaube ich. Man sieht es Ihnen an den Augen an. Ihr werdet schon glücklich werden, so weit man es hier auf Erden sein kann. Noch glaubt er nicht so recht an Christus. Aber mein Mann sagt: Wenn 443 einer, wie er es thut – ungleich dem reichen Jüngling im Evangelium – hingeht und sein Hab und Gut den Armen giebt, dann ist er ein Nachfolger des Herrn, mag er ihn auch mit dem Munde verleugnen. Im Herzen hat er ihn doch. Es schnitt Lotte durch die Seele. Das in dem Augenblick, wo sie den Geliebten für immer verlassen wollte! Aber versuchen, dieser guten Frau zu erklären, wie alles so gekommen war, ging über ihre Kraft. Sie sagte, daß sie jetzt gehen müsse. Um recht, recht oft wiederzukommen, rief Frau Römer. Und auch er. Lieber Himmel, jetzt darf er's ja! Und unsere Kinder müssen Sie vorher doch auch gesehen haben. Kinder! Sie hatte es auf den Flur hinausgerufen, über den nun schnelle Schrittchen kamen: Magda, Martha, Johanna. Sie machten ihre steifen Knixchen und boten Lotte eine nach der andern die Hand. Die beiden älteren hatten verweinte Augen; nur die Jüngste blickte neugierig lustig zu ihr auf und sagte spöttisch: Du hast wunderschöne Augen; aber Elisen hab' ich doch viel mehr lieb. Lotte hob sie in die Höhe und küßte sie. Dann eilte sie fortzukommen. Das Herz war ihr schwer; ihre Augen brannten. Sie wollte hier nicht weinen. Aber während sie in dem stillen Hause die knarrende Treppe hinabstieg, rann ihr Thräne auf Thräne über die Wangen. Ihr werdet schon glücklich werden! – O, mein Gott, mein Gott! In der Gitterthür des Vorgärtchens blickte sie die endlose öde Straße hinauf und hinab. Wenn Sie in die Stadt wollen, Fräuleinchen, man immer links, sagte der Budiker, der, die roten Fäuste auf der blauen Schürze über dem Bauch gefaltet, vor seiner Thür stand. 444 Lotte dankte und ging. Auf dem Kurfürstendamm nahm sie eine Droschke. Bis zur Viktoriastraße war es ein weiter Weg, und sie mußte ihre Kraft zusammenhalten für den Besuch, den sie da machen wollte. Wenn er so jammervoll ausfiel, wie der, von dem sie eben kam, dann mochte sie, anstatt nach Amerika, nur ins Wasser gehen. Wahnsinnig, wie Elise, würde sie ja nicht werden; und mit Vernunft im Kopf ließ sich dies Leben nicht weiter leben. * * * Seitdem der Justizrat ihr an einem frühen Vormittag die Schreckenskunde von Wilfrieds Verlobung mitgeteilt hatte – in einer Erregung, die sie dem »Cyniker« niemals zugetraut – war für Tante Adele »die schöne Welt zerstört«; und während sie stundenlang, die Hände auf dem schlanken Rücken, durch ihre prächtigen Zimmer promenierte, wurde sie nicht müde, im Vorübergehen an den hohen Trumeaux ihrem Spiegelbilde zu versichern, daß ihre Ruhe hin und ihr Herz schwer sei. Die Goetheabende hatte sie endgültig aufgegeben; vor den Besuchen ließ sie sich verleugnen: sie wollte einsam, allein sein; wollte, daß man sie in ihrer Pein ließ. Sie haßte alle Menschen um den einen, den sie geliebt, und der ihr das hatte anthun können. Zumeist die, die ihr im Ohr gelegen, ihn von sich zu stoßen: die Generalin, die Wiepkenhagen, Major Bronowski, Professor Jarnowitz und die andern falschen Goethefreunde, die an jenem verhängnisvollen Abend – für sie der Urquell alles folgenden Unheils – gegen ihn Partei ergriffen hatten. Aber auch sie, die ihm das Wort geredet: die Baronin Ülbach, Friederike, waren in Ungnade gefallen. Sie hätten eifriger, inniger für ihn plaidieren sollen. Mein Gott! sie war doch nicht von Erz oder Stein! sie trug doch ein bewegliches Herz im Busen! sie wollte ja doch nur überredet sein! Aber am meisten haßte sie jetzt den Justizrat. Er 445 hatte eingestanden, Wilfried en canaille behandelt zu haben, »um ihn zur Raison zu bringen«, und daß seine Methode »sich verteufelt schlecht bewährt habe.« Natürlich! was sollte der arme Junge thun, wenn man ihn von allen Seiten zur Verzweiflung brachte! Er hatte Egmonts gedacht: »Von meiner Stirn die sinnenden Runzeln wegzubaden, giebt es ja wohl noch ein freundlich Mittel,« und war, wie jener, zu seinem Bürgermädchen geschlichen. Aber verlobt hatte sich Egmont mit seinem Clärchen nicht. Hier mündete die Poesie in Prosa, in schaudervolle Prosa. Mochte Wilfried schöne Liebchen haben, so viel er wollte; das machte ihn in ihren Augen nicht schlechter; das konnte ein Goethe besingen. Aber: meine Verlobung mit Fräulein Lotte Schulz, – auf dem grauen Zeitungspapier – Jammer! Jammer! von keiner Menschenseele zu fassen! Wer da eingreifen, den prosaischen Strom rückwärts dämmen könnte! Er würde nicht hören wollen; aber das Mädchen! Solche Mädchen ließen doch mit sich sprechen! Und – »Nach Golde drängt, am Golde hängt« – Wenn sie das Mädchen rufen ließe? Aber sie würde nicht kommen! Wenn sie selbst ginge? Eine heroische That, würdig der Schülerin des Meisters, und nur leider unausführbar! War doch die erste Bedingung, daß sie das Mädchen allein fand. Wie das fertig bringen? Und jetzt schien die Möglichkeit gegeben. Sie hatte aus Schloß Falkenburg die Nachricht von dem Tode des Fürsten erhalten und ein kurzes Billet Margaretes, daß Wilfried bei ihr sei und ihr brüderlich den unsäglichen Schmerz tragen helfe. So konnte er ihr nicht in den Weg treten, wenn sie das Mädchen aufsuchte. Seit acht Tagen trug sie sich mit dem Entschluß, und immer war die Sommersonne untergegangen, wie sie eben heute wieder unterging, ohne daß die heroische That geschehen war. Wie lange wollte sie noch warten? Wie oft sich noch zurufen: Frisch gewagt, ist halb gewonnen! 446 Sie stand im Salon an einem der geöffneten Fenster und blickte auf die stille Straße, in der noch der letzte Abendschein träumte. Die schwarzgekleidete schlanke Gestalt eines offenbar jungen Mädchens ging auf der entgegengesetzten Seite an dem Hause vorüber; kehrte um, blieb stehen – einen Moment – dann kam sie langsam über die Straße, gerade auf die Hausthür zu. Ein Schrecken durchrieselte Tante Adele. Konnte die schwarze Gestalt das Mädchen – sein Mädchen sein? Wie von einer magischen Gewalt gedrängt, eilte sie nach der elektrischen Klingel, Mathis, oder wer auf den Ruf kam, zu befehlen, daß das schwarze Mädchen, wenn es zu ihr wolle, sofort heraufgeführt werde. Da kam Mathis bereits durch den vorderen Salon. Sie rief es ihm mit einer Heftigkeit zu, daß der Alte ordentlich zurückprallte. Er nahm sich aber sofort wieder zusammen und sagte mit Betonung: Es ist die Lotte Schulz, Frau Geheimrat. Thuen Sie, was ich Ihnen befohlen habe! rief Tante Adele. Mathis verschwand, eine Verwünschung durch die mangelhaften Zähne murmelnd. Tante Adele eilte nach dem Trumeau, nestelte mit zitternden Händen in dem, wie immer, griechisch frisierten Haar und strich an ihrem langen weißen Gewande eine Falte zurecht, die des klassischen Wurfes zu ermangeln schien. * * * Jetzt begreife ich alles, sprach Tante Adele bei sich, als Lotte ihr gegenüber auf einem Sessel Platz genommen hatte und der Abendschein durch das offene Fenster auf ihr bleiches Gesicht fiel, aus dem die großen dunklen Augen wie Sterne schimmerten. Nicht annähernd so schön hatte sie sich das Mädchen gedacht. Und dies war keine gewöhnliche Schönheit, die nur im ersten Moment frappiert. Hier leuchtete durch den 447 berauschenden sinnlichen Reiz eine Seele voll Feinheit und Vornehmheit, die zu ihrem Begleiter einen kraftvollen Verstand hatte. Tante Adele kannte aus reicher Erfahrung die unwiderstehliche Macht, welche die vollendete Form über sie hatte, und eine große Bangigkeit befiel sie. Diesem Mädchen mußte sie gewähren, was es auch forderte. Und was es fordern würde, war ja klar. Es würde sagen: Nimm mich als Wilfrieds Gattin an und ihn in Deine Gunst zurück! Sie wollte fragen: Was führt Sie zu mir? und fand nicht den Mut dazu. So saß sie denn stumm da, die Hände krampfhaft im Schoß gefaltet, damit das Mädchen ihr Zittern nicht sah, wie eine Schuldige vor ihrem Richter, von dem sie in ihrer Ratlosigkeit nur hofft, er werde es gnädig mit ihr machen. Es konnte keine viertel Minute vergangen sein, seitdem Lotte zu ihr eingetreten war, und Tante Adele dünkte es eine Ewigkeit. Wenn sie doch nur sprechen wollte, dachte sie; dann ist der Bann gebrochen; komme ich erst zu Wort, bin ich doch die Meisterin. Gnädige Frau – Das hatte noch gefehlt: dieser entzückende Wohlklang der weichen, tiefen Stimme! Tante Adele löste die Hände im Schoß und machte mit Kopf und Hand ein ermunterndes Zeichen. Sie können nicht wissen, weshalb ich zu Ihnen gekommen bin, fuhr Lotte fort. Sie müssen glauben: für mich zu bitten. Das ist nicht der Fall. Für mich habe ich nichts zu bitten. Ich gehe morgen mit meinen Eltern und einem kleinen Bruder nach Bremen, von dort nach Amerika, um niemals wiederzukehren. Mit ihm? rief Tante Adele, welcher der Schreck die Zunge löste. Lotte schüttelte traurig lächelnd den Kopf. Nein, gnädige Frau, nicht mit ihm. Ich gehe von 448 ihm, damit er wieder ein freier Mensch wird. Jetzt ist er es nicht. Er hat Lasten auf sich geladen, die furchtbar auf ihn drücken, und unter denen er zusammenbrechen muß, werden sie ihm nicht abgenommen. Ich will sie ihm abnehmen; ich hoffe zu Gott, daß es mir gelingt. Aber Sie lieben ihn doch? flüsterte Tante Adele. Mehr als mein Leben, das ich freudig für ihn hingeben würde. Aber damit wäre ihm nicht geholfen. Es würde ihn nur noch tiefer unglücklich machen, da er sich sagen müßte: sie ist um Deinetwillen gestorben; Du hast sie in den Tod getrieben. Ja, ich bin überzeugt: er würde mir in den Tod folgen. Wenn ich ihm durch meine Flucht beweise, daß ich die Kraft und den Mut habe, ohne ihn zu leben – das ist mehr. Daran kann, daran wird er sich aufrichten; sich auf sich selbst besinnen; auf die Pflichten, die er gegen seine Verwandten, vor allem: gegen sich selbst hat. Ich weiß es wohl: es ist da noch anderes, was ihn bestimmt und treibt; aber das hat zum Teil schon seine Kraft verloren und wird sie weiter verlieren, wenn ich ihn verlasse. Denn – er weiß es nicht, ich aber weiß es – die Opfer, die er bringt, er bringt sie doch nur meinethalben; all' das Widerwärtige und Häßliche in dem Leben, das er jetzt führt, er erträgt es nur meinethalben. Darum muß ich gehen. Sie sind ein edles Mädchen murmelte Tante Adele. Wieder lächelte Lotte traurig: Ich bin es doch wohl weniger, als Sie glauben. Ich denke auch an mich. Ich kann es nicht ertragen, ihn so unglücklich zu sehen, und daß das nun so fortgehen soll; er womöglich noch unglücklicher wird. Ich habe schon manchmal geglaubt, wahnsinnig werden zu müssen, nur daß mein Kopf so fest ist. Wie es drüben in Amerika mit mir wird – ich weiß es nicht. Schlimmer wohl kaum. Das ist aber ganz gleichgültig, wenn er nur wieder frei atmen kann. Und, gnädige Frau, da müssen Sie mir helfen. Ich weiß, daß Sie ihn sehr lieb haben, wie er 449 mir auch mehr als einmal gesagt hat, daß er in Ihnen seine zweite Mutter ehrt und liebt. Seien Sie es ihm wieder, wie vorher! Er wird jetzt Trost und Liebe sehr brauchen – gewähren Sie sie ihm! Nehmen Sie seinen armen zerstückten Kopf an Ihre Brust! Lassen Sie sein kummervolles Herz an dem Ihren schlagen, bis wieder Ruhe und Frieden darin einzieht. Ruhe und Frieden! Sie hatte die letzten Worte kaum hörbar geflüstert. Jetzt saß sie still da, den Kopf gesenkt. Das Abendlicht, dessen milder Schein sie vorhin umspielt, war erloschen. Tante Adele dachte, ob die Schattengestalt der Sorge so wohl vor Faust gekauert haben möchte. Und dabei fiel ihr ein, daß sie doch unmöglich, wenn das Mädchen die Großmut habe, ihr ihren Wilfried wiederzugeben, ein so kostbares Geschenk ohne irgend eine Gegenleistung entgegennehmen könne. Aber wie dafür das schickliche Wort finden? Das Mädchen in ihrem schwarzen, schmucklosen Kleide, der Anmut ihrer wenigen Bewegungen, der Ruhe, mit der sie sprach, hatte etwas so unsäglich Vornehmes. Der von dem Golde sprechen, nach dem Gretchens Seele drängte – es war unmöglich. Als ob sie ihre Gedanken erriete, begann Lotte, den Kopf hebend, von neuem: Wir werden drüben nicht Not leiden. Der Bruder meines Vaters, der uns zu sich nimmt, schreibt, daß er kein reicher Mann sei, aber ausreichend für uns habe. Auch das Geld zur Reise hat er uns reichlich geschickt. Ich werde das an Wil– an den Grafen schreiben. Aber es ist vielleicht gut, wenn er es auch von Ihnen selbst hört. Und nun, gnädige Frau, danke ich Ihnen, daß Sie mich so gütig angehört haben, und wenn er kommt, wie er jedenfalls kommen wird, ihn liebevoll empfangen wollen. Sie war aufgestanden und blickte sich still in dem prächtigen Gemache um. Hier wird ihm wieder wohl werden, sagte sie leise vor sich hin. 450 Tante Adele hatte sich ebenfalls erhoben. Sie war erschüttert, wie noch nie in ihrem Leben. Ja, sie hatte durchaus die Empfindung, daß sie zum erstenmale das wirkliche Leben vor sich habe; was sie bis heute dafür gehalten, nur thörichte, wirbliche Träume gewesen seien, deren sich der edlere Mensch schämen müsse. Thränen, ihr sonst völlig fremd, traten ihr heiß in die Augen. In einer Wallung, die sie fortriß, wie ein mächtiger Strom, breitete sie die Arme aus, Lotte an ihre Brust pressend: Bleiben Sie! bleiben Sie! Es wird auch so gut werden! Wird so erst gut werden! Sanft, aber entschieden wandt sich Lotte los: Nein, gnädige Frau, es wird es nicht; kann es nicht. Ich habe alles tausendmal überlegt, auch dies. Glauben Sie mir! Leben Sie wohl! Und sagen Sie ihm: sie war traurig, recht traurig; aber geweint – Die Stimme versagte ihr, und dann fest und klar, als habe ein mächtiger Wille die Worte geprägt: – geweint hat sie nicht. Tante Adele war allein. Wilfried, ihren geliebten Wilfried hatte man ihr wiedergeschenkt. Aber froh war sie nicht des Geschenkes. Sie hätte so gern für das Gefühl, das sie beklemmte, ein Goethesches Wort gehabt und fand keines. Da sagte eine Stimme, die aus Tiefen ihrer Seele kam, in die sie noch nie geblickt: Es klebt das Blut eines edelsten Herzens daran. * * * Herrlichste Sommertage waren über Schloß Falkenburg hingegangen. In dem Garten, der in mächtigen Terrassen ringsum den Schloßberg hinabgebaut war, sangen in den frischeren Morgenstunden noch die Vögel, kam von den Rabatten der Duft der Rosen, Nelken und Levkojen in süßen Wolken. Heißen Mittagen folgten erquickende Abende mit glorreichen Sonnenuntergängen; den weichen Abenden 451 schimmernde Sternennächte. Tag für Tag prangte die Natur in hochzeitlichem Schmuck; aber von den Menschen, die sich in ihr bewegten, schienen Freude und Lust für immer gewichen. Die Mägde selbst in der Küche, die Diener in den Zimmern, die Kutscher und Knechte in den Ställen verrichteten ihre Dienste schweigsam, wortkarg; auch die Gemütlosesten fühlten, daß ein Lachen, ein Pfeifen in diesem Hause der Trauer eine strafwürdige Rohheit sein würde. Und sie hatten ihn ausnahmslos geliebt, den toten Herrn, von dessen Lippen nie ein hartes Wort kam, dessen Güte unerschöpflich schien. Sie haben viel verloren, sagte Margarete zu Wilfried; ich alles. Er war die Sonne meines Lebens. Nun, da er von mir geschieden, wie grau und öde ist mir die Welt! Ich nehme meine ganze Kraft zusammen, es die Kinder nicht merken zu lassen. Es gelingt mir nicht. Ich sehe ihre traurig fragenden Blicke: Mama, liebst Du uns denn nicht mehr? Wollte ich antworten: Ja, wie man mit gebrochenem Herzen lieben kann, sie würden es nicht verstehen. Da bist Du ihnen ein Gottgesandter. Du bist ihrem Vater so ähnlich: in den Bewegungen, im Ton der Stimme. Es durchschauert mich oft. Und bringst ihnen so viel herzliche Liebe entgegen! Gott segne Dich dafür! für all das Viele, was Du jetzt an uns thust; noch in Zukunft thun wirst! In Zukunft thun wirst! Eine wie lange Reihe peinlicher Gedanken und Bedenken die Worte in Wilfried aufregten! Sein Bruder hatte ihn zu einem der beiden Testamentsvollstrecker und Vormünder der Kinder gemacht. Der andere war ein Bruder Margaretens, Gutsbesitzer in Schlesien, Reichstags- und Landtagsabgeordneter; so von seinen vielen Geschäften in Anspruch genommen, daß er bereits am Tage nach der Beisetzung wieder hatte abreisen müssen. 452 Offenbar würden auch in Zukunft die Verantwortung und Last der Vormundschaft ganz wesentlich auf ihn fallen. Eine Aufgabe, durchaus schicklich für den Grafen in der seinem Range entsprechenden gesellschaftlichen Stellung mit Tante Adeles Millionen hinter sich; völlig unpassend, ja undurchführbar für den Socialdemokraten, der, auf die Vorrechte seiner Geburt verzichtend, die praktischen Konsequenzen seiner neuen Lehre zu ziehen entschlossen war, zu einem nicht kleinen Teil bereits gezogen hatte. Entweder hatte der Bruder, was er an jenem Abend im Hotel Bristol zur Verteidigung dieser Lehre vorgebracht, nicht für vollen Ernst genommen; war von dem grundmäßigen Wandel, den er seitdem in seinen Verhältnissen geschaffen, nicht unterrichtet gewesen. Oder aber, bei der hohen Unwahrscheinlichkeit einer solchen Annahme: er hatte sich gesagt: ich will ihn in ein Ehrenamt bringen, das er nicht ablehnen kann, und an dem er wieder lernen wird, was es heißt: noblesse oblige . Es war, als ob die Kinder, die sich mit ihrer Liebe zu ihm drängten; die Dienerschaft, welche nur noch auf seine Befehle und Anordnungen zu warten schien; die Ackerbürger des Städtchens, die ihn so ehrfurchtsvoll grüßten, ihm so vertrauensvoll ihre Angelegenheiten zutrugen, zur Entscheidung vorlegten, – als ob alle ihm vom Morgen bis zum Abend, wo er nur ging und stand, das gewichtige Wort zuriefen, nicht damit er es von ihnen lerne, sondern, was er wisse und im Herzen trage, an ihnen beweise. Er that es nach Kräften und bemerkte zu seinem Erstaunen, wie leicht es ihm wurde, ja, welche Freude und Befriedigung ihm aus der Übung seiner neuen Pflichten erwuchsen. Und dann, seine alte Liebe für das Landleben kam ihm wieder mit seltsamer Kraft. Wenn er mit den Inspektoren durch die Felder ritt, von den Förstern sich durch die Wälder geleiten ließ; den Reden der wackeren Männer lauschte; auf ihre Ansichten, Vorschläge, Wünsche einging, soweit seine Einsicht reichte, und zu seinem Staunen 453 wahrnahm, daß sie viel weiter reichte, als er zu hoffen gewagt; ihm dann das Leben eines ländlichen grand seigneur ganz ideal erschien, und er daran dachte, wie nahe er schon der Erfüllung dieses Ideals gewesen war, als ihm der Bruder zum Kauf jener rügenschen Güter seinen Beistand anbot – war denn, was seitdem geschehen, nur ein wirrer Traum, jetzt süß und schrecklich jetzt? und es koste nur eine kraftvolle Anstrengung, aus ihm zur Wirklichkeit zu erwachen? Einer sonnig klaren Wirklichkeit, in welcher Huttens: es ist eine Lust zu leben, ihm aus dem vollen, beruhigten Herzen kam? * * * Für das, was so, nach dem Lichte drängend, geheimnisvoll still in seinem Busen sproßte und trieb, hätte er keine sympathischere, verständnisinnigere Seele finden können, als Friederike. Sie war auf Margaretes Bitten gekommen, ihr zum Trost, den Kindern zur Freude, allen, die mit ihr in Berührung kamen, ein klarer, milder Sonnenschein. Nur den Ton ihrer sanften Stimme zu hören, war lieblicher Genuß. Wilfried konnte sich nicht daran ersättigen: Sprechen Sie doch, Friederike, bat er; es ist ganz gleich, was. Ich will nur Musik haben. Ich weiß jetzt, weshalb Saul so nach Davids goldenen Harfenklängen verlangte. Er kannte sie, die mit ihm im gleichen Alter stand, seitdem er, ein sechsjähriger Knabe, in Tante Adeles Haus und Obhut kam. Sie hatten zusammen gespielt, gelernt; früher und später wie Geschwister zu einander gestanden: Anteil aneinander genommen: sie an seinen Studien, er an der Ausbildung ihres poetischen und musikalischen Talents; sich ihre Herzensgeheimnisse ohne Scheu anvertraut: sie ihre Liebe zu einem Offizier, mit dem sie halb verlobt war, und der dann sie, das geistvolle arme Mädchen, einer ebenso dummen wie reichen Gutsbesitzerstochter 454 wegen sitzen ließ; er ihr seine frühe Leidenschaft für Ebba, der sie das Wort redete, wenn er auf die kleine Kokette wütend war, die den Zauber ihrer glänzenden braunen Augen und ihrer üppigen rotblonden Locken schon als Backfisch so unheimlich gut kannte. Dann war der verhängnisvolle Montagabend in Tante Adelens Goethekränzchen gekommen und – all das andre. Was wußte sie von dem andern? Er hätte es gern herausgebracht; sie wich, wenn er den Versuch dazu machte, in ihrer klugen, feinen Weise aus, bis er, plötzlich wieder in das Du zurückfallend, das sie, seitdem sie erwachsen, der Welt wegen aufgegeben hatten, rief: Das ist nichts, Friederike! Das klingt, als wolltest Du mir Bekenntnisse ersparen, deren ich mich zu schämen hätte. Nein, Wilfried, erwiderte sie, aber die zu machen, Dir peinlich sein wird. Was daran peinlich ist, habe ich nicht verschuldet. Es ist der Erdenrest, der uns allen zu tragen bleibt. Ich gebe zu, daß er schwerer auf mich drückt, als ich manchmal tragen zu können meine. Und er erzählte in der Abendstunde, als die Sonne hinter die blauen Harzberge tauchte und die Amseln ihr melancholisches Lied auf den hohen Tannenwipfeln sangen, auf den glatten Parkwegen langsam mit ihr auf und ab wandelnd, die Geschichte seiner Tage von dem Montage bei Tante Adele bis zur Nacht seiner Abreise aus Berlin. Er hatte mit der redlichsten Absicht begonnen, alles zu sagen, nichts zu verschweigen. Da er selbst die Freundin zu dieser Beichte eingeladen, zuletzt gedrängt hatte, galt ihm das als einfache Pflicht. Und ihre Erfüllung wurde ihm leicht, solange es sich um Lotte direkt handelte. Da floß sein Herz über; er konnte die Worte nicht finden, ihre Schönheit, ihren klaren 455 Verstand, den Adel ihrer Gesinnung würdig zu preisen. Aber durfte er dieser seinen hochgesinnten Seele den tiefen Widerwillen bekennen, den er gegen Lottes Vater von jener ersten schrecklichen Scene in der Kellerwohnung bis heute empfand? Wie verächtlich und lächerlich ihm die Damenallüren waren, die sich die ehemalige Kammerzofe seiner Mutter zu geben suchte? Die elenden Chicanen, mit denen ihn Frau Rehbein und Tochter in den ersten Tagen verfolgt hatten? Das humoristische Mäntelchen, in das er diese Partien zu kleiden suchte, war so fadenscheinig, wollte so nirgend recht reichen, er ließ es zuletzt verzweifelt fallen und bekannte offen, er sehe eine Rettung aus dieser Misère nur in der gänzlichen Trennung Lottes von ihren Eltern. Zu der Lotte niemals ihre Einwilligung geben wird, und wie die Dinge traurig liegen, auch nicht geben kann, erwiderte Friederike. Ist es doch nur zu gewiß, daß der Vater, sobald sie die Hand von ihm zieht, in sein altes Laster zurückfallen und schmählich zu Grunde gehen wird! Aber hat sie verhindern können, daß ihre Schwester auf so schlimme Abwege geriet und ihr Bruder zum Diebe wurde? rief Wilfried erregt. Friederike blieb stehen und blickte ihn aus den großen blauen Augen traurig an. Wilfried, solltest Du wirklich nicht fühlen, daß dies für ein so edelmütiges Geschöpf, wie du sie schilderst und sie sicher ist, nur ein Ansporn sein kann, ihre ganze Kraft aufzubieten, um zu retten, was noch vielleicht zu retten? Dann aber muß ich an ihrer Liebe zweifeln. Wiederum nicht mit Recht. Du verwechselst da Liebe mit Leidenschaft. Die Leidenschaft freilich kennt keine andere Pflicht, als sich selbst zu leben; die Liebe weiß, daß sie auf Kosten der Pflichten, die wir gegen die andern haben, nicht bestehen kann. Ehe sie die preisgiebt, opfert sie sich selbst. Wilfried empfand tief den Stachel, der, der Freundin unbewußt, für ihn in ihren letzten Worten lag. Hatte er 456 doch in diesen Tagen bereits so schmerzlich gelitten unter dem Widerstreit seiner Liebe mit den Pflichten gegen seine Familie! Und, wenn er die innere Unruhe zu beschwichtigen suchte mit dem Einwand: es handle sich nicht allein um seine Liebe, sondern in erster Linie um seine politischen und sittlichen Überzeugungen – er hatte zu seinem Schrecken bemerkt, wieviel sie in den wenigen Tagen an Kraft verloren hatten, hier, wo altgewohnte Verhältnisse ihn umgaben; er im Schoße der Familie, die er jetzt erst recht die seine nennen mußte, sich so angeheimelt fühlte; von den Wänden der prächtigen Säle die langen Reihen seiner Vorfahren auf ihn herabsahen. So wagte er auch jetzt nicht, seinen letzten Trumpf gegen die Freundin auszuspielen. Sie kehrten schweigend, er für sein Teil tief verstimmt, in das Schloß zurück. Aber die Verstimmung schwand, als er nach der Abendmahlzeit auf der Terrasse, seine Cigarre rauchend, langsam auf und nieder schritt, und aus den offenen Fenstern des Salons die feierlichen Accorde einer Beethovenschen Sonate zu ihm kamen. Er nannte sich unmusikalisch; nur wenn Friederike spielte, glaubte er jeden Ton zu verstehen. * * * Sie trafen sich regelmäßig auf der Terrasse in den Morgenstunden, während Gisela und Irmtraut bei Miß Lionel ihre englische Lektion hatten, die Knaben in der Obhut des Hauslehrers waren, und Margarete ihre Korrespondenz erledigte. Für sie beide waren Briefe eine Seltenheit. Friederike korrespondierte eigentlich nur mit ihrer Mutter, und von Wilfried, seitdem sein socialpolitischer Glaubenswechsel notorisch geworden, hatten sich alle seine früheren zahlreichen Bekannten und Freunde, wie auf 457 gemeinschaftliche Verabredung, zurückgezogen. Seinem Versprechen gemäß hatte er an Lotte von Falkenburg aus in der ersten einigermaßen ruhigen Stunde geschrieben und eine Antwort erhalten, die ihn in ihrer Kürze und Kühle seltsam berührte. Wäre nicht jener leidenschaftlich bewegte, schwunghafte Brief an ihren Bruder gewesen, den er sorgsam aufbewahrte, er hätte glauben müssen, Lotte sei zu ungewandt mit der Feder, und ihre Bitte, auf längere Briefe von ihr nicht rechnen zu wollen, da sie gerade jetzt während der Reisesaison in ihrem Geschäft übermäßig zu thun habe, eine Ausrede. Die er schließlich gelten lassen mußte, wenn er es freilich nicht begriff, weshalb mit den längeren auch die kürzeren Briefe ausblieben. Heute morgen hatten sie beide die Anzeige von dem Tode der »Frau Kommerzienrat Antoinette Bielefelder, geborene Freiin von Kesselbrook« erhalten und die obligaten Phrasen der »tiefsten Trauer« um die »inniggeliebte Gattin und Mutter« als eine schmachvollste Heuchelei bitter empfunden. Wenn ihnen der Verlust der gemeinschaftlichen Freundin, für die freilich der Tod eine Erlösung von ihren qualvollen Leiden war, in diesem Augenblicke weniger zu Herzen zu gehen schien, mochten es die Briefe verantworten, die sie zu gleicher Zeit – Friederike von Tante Adele, Wilfried von Frau Pfarrer Römer – erhalten hatten. Frau Römers Brief war derselbe, welchen sie ihm über Elisens trauriges Geschick gleich nach deren Überführung in die maison de santé nach seiner Stadtwohnung geschrieben, und der von Frau Rehbein mit seiner Falkenburger Adresse weiter expediert war. Da hast Du auch einen zweiten Grund, weshalb Lotte Dir nicht schreibt, sagte Friederike. Was sie noch an freier Zeit hatte, ist in der Pflege der Schwester aufgegangen, und sie hat Dein Herz mit diesem neuen Kummer nicht noch mehr beschweren wollen. Geht es Dir sehr nahe? Ich weiß nicht, erwiderte Wilfried. Mir ist, als könne 458 ich weder Freud noch Leid recht mehr empfinden. Als sei da etwas tot in mir. Du hast in der letzten Zeit zu viel durchmachen müssen, sagte Friederike. Der Mensch kann nur ein bestimmtes Maß von Freud und Leid ertragen. Was darüber geht, ist ihm gleichgültig. So weiß ich von vornherein, daß, was mir Tante Adele hier schreibt, nicht das rechte Interesse für Dich haben wird, trotzdem es wahrlich interessant und merkwürdig genug ist. Um was handelt es sich? Hat ihr Montagskränzchen die Krisis glücklich überstanden und steht in neuem Flor? Das wäre kaum für mich interessant, geschweige denn für Dich. Also, was ist es? Lies selbst! Der nicht eben lange Brief war ein Jubelhymnus darüber, daß ihr geliebter Wilfried ihr wieder zurückgegeben sei. Keine Rede von der thörichten Buße, die sie ihm auferlegt, wolle er ihre Gunst zurückgewinnen! Er brauche nicht zurückzugewinnen, was er nie verloren! Nur kommen solle er! Sobald als möglich! Ihr Herz stehe ihm offen, wie ihr Haus. Als dessen Herrn er sich jetzt und in alle Zukunft betrachten möge. Mir scheint, daß Tante Adele auch für die Maison de santé reif ist, sagte Wilfried, den Brief zurückgebend, mit bitterm Lächeln. Friederikens liebes Gesicht, das, während Wilfried las, in freudiger Erwartung geglänzt hatte, verfärbte sich. Das war nicht Wilfried, sagte sie traurig. Verzeihe mir, rief er, ihre Hand ergreifend. Du hast recht: ich bin nicht mehr ich. Meine Gedanken, meine Gefühle – es ist, als wirbelte ein Orkan mit ihnen herum, und nie wieder würde ich Zusammenhang und Ordnung in sie bringen. Dazu ängstigt mich dies. An jähe Stimmungswechsel sind wir ja bei Tante Adele gewöhnt: dieser aber kommt doch zu plötzlich. Vor Gott und aller Welt 459 hat sie erklärt: sie würde mir alles verziehen haben; meine Verlobung mit Lotte habe das Band zwischen uns bis auf das letzte Fäserchen zerschnitten. Was ist denn nun geschehen, daß sie auf einmal so anderen Sinnes ist? Es giebt da nur eines, an das zu denken mich schaudert. Du siehst Gespenster, Wilfried. Lotte lebt. Und für sich spann sie den Gedanken weiter: Aber, wohl möglich, Du Ärmster, daß sie für Dich tot ist. * * * Bereits der zweitfolgende Tag brachte die Erklärung. Geliebter!             Wenn diese Zeilen Dich erreichen, sind wir bereits seit vierundzwanzig Stunden auf dem Schiff, das uns nach Amerika bringen soll. Ich werde nie wieder zurückkehren und bitte Dich, mir nicht zu folgen. So haben wir uns denn neulich abends zum letztenmale gesehen. Es muß sein, Geliebter. In jener Nacht, als Du uns den Fritz brachtest und dann, nachdem Du mich noch zur Apotheke begleitet, gegangen warst; auch Herr Doktor Brandt fort und ich allein war mit unserm Elend: Fritz in Fieberphantasien, unser liebes Gretchen sterbend, die Mutter in stummer, ratloser Verzweiflung, der Vater, aus seinem Rausch erwacht, sich und die Welt verfluchend – da habe ich einen heiligen Schwur gethan, diese unglücklichen Menschen nie zu verlassen und, wenn es sein müßte, lieber mit ihnen zu Grunde zu gehen, als für mich allein ein Glück zu gewinnen. Den Schwur aber that ich, weil ich Dich liebte bei dem ersten Blick in Deine geliebten Augen, bei dem ersten Ton von Deiner sanften Stimme, dem ersten Deiner barmherzigen Worte und wußte, daß ich Dein sein mußte, wann immer Du mich haben wolltest – 460 Dann bist Du gekommen und hast gesagt: Du wolltest mich – Großer Gott, das Glück war so grenzenlos! Da mußt Du mir verzeihen, daß ich ein paar Tage thöricht genug war, zu glauben, solche Seligkeit sei auf Erden möglich. Dann kam die Besinnung, daß ich nur die Wahl hätte, ob ich meinen Schwur brechen und die Eltern verlassen wollte um Dich; oder ihn halten und Dich verlieren. Geliebter: mit diesen meinen Eltern konnte ich, kann ich Dein Weib nicht sein. So denn: laß mich mit ihnen ziehen, und kehre Du wieder zurück in das Leben, für das Du geboren bist, und aus dem Du Dich aus großer Liebe zu mir gerissen hast. Und aus Liebe zu mir hättest Du das Leben, wie es sich nun neu und häßlich für Dich gestaltet hatte, weiter getragen. Nicht lange mehr. Du standest am Ende Deiner Kraft. Das hat mir der Tag in Grünau gezeigt. Lieber sterben, als solchen Tag noch einmal erleben – Geliebter, Du wirst sehr traurig sein und, was das Schrecklichste für mich ist: an meiner Liebe zweifeln – Ich muß auch das tragen. Leb wohl, Geliebter! Ich werde Dich nie vergessen, nie wieder einen andern lieben. Vergessen wirst auch Du mich nicht. Kannst Du nach mir eine andre lieben – Gottes reichster Segen über sie und Dich! Noch einmal – ach, zum letztenmal: leb wohl! Lotte. Bleich bis in die Lippen, mit einer Hand, die bebte, aber mit zornig funkelnden Augen hatte Wilfried Friederiken den Brief gereicht. Während sie ihn las, war auch sie sehr bleich geworden; dann blickte sie angstvoll zu ihm auf. Nun? Wilfried – zürne ihr nicht! Sie konnte nicht anders! 461 Wirklich? Ach! Ihr Weiber seid Euch alle gleich! Er hatte mit einer heftigen Bewegung ihr den Brief aus der Hand genommen, ihn zerrissen, die zusammengeballten Stücke in das Rosenbeet geworfen, an dem sie standen, und sich von ihr gewandt. Friederike blickte ihm traurig nach. Der Unglückliche! Daß selbst die Besten unter ihnen nicht fassen, wie sehr wir Frauen lieben können! * * * Wilfried war von einer Leidenschaft für die Landwirtschaft ergriffen. Fast den ganzen Tag brachte er, mehrere Pferde müde reitend, in Feld und Forst zu. Auch die Güter, die höher am Harz hinauf und thalwärts, weiter entfernt, in der Goldnen Aue lagen, besuchte er. So blieb er einigemale den ganzen Tag aus. Erschien er dann wieder bei den Mahlzeiten, oder im Salon, der am Abend die Familie vereinigte, hatte er lange Gespräche mit der Schwägerin über die Bewirtschaftung der Güter: anzulegende Drainage hier, Aufforstung da. Bis er sich plötzlich aus einer solchen Diskussion zu Friederike wandte: Möchtest Du mir die Liebe erweisen und die Sonate pathétique spielen, oder etwas von Chopin. Ich muß Musik hören. Die Freundinnen beobachteten dies Treiben still, voll teilnehmender Sorge. Die Wunde schmerzt zu sehr; er muß sich betäuben; sagte die Fürstin. Das sieht bänglich aus und ist doch ein gutes Zeichen. Als ein braver Mensch, der er ist, will er sich nicht zu Boden drücken lassen. Er wird es überwinden und dann gesunder sein, als er jemals vorher gewesen. Friederike blickte trübe darein. Wenn ich ihn doch nicht schon so lange kennte! Er hat die weichste, liebevollste Seele. Was fängt man mit 462 der an in dieser rauhen Welt? Man hat sie nur, um unglücklich zu sein. Du solltest es freilich wissen, sagte die Fürstin, hast Du doch selber eine solche Seele. Aber ich habe nie gehört, daß Du Dich unglücklich nanntest. Und ich glaube bestimmt: Du bist es nicht. Nein, erwiderte Friederike, ich bin es nicht. Aber nur deshalb, weil das Leben mich so früh in seine harte Schule genommen hat. Was ich da etwa nicht verstand, das deutete mir die herrliche Tante Antoinette. Sie kannte die große Lehre der Entsagung tiefer als irgend einer. Ich wundere mich, daß Wilfried nicht zu ihrer Beerdigung nach Berlin gefahren ist; er stand ihr doch so nahe. Und ich habe mich gefreut, daß er es nicht that. Er hätte da dieser und jener Begegnung nicht ausweichen können, die ihm gerade jetzt peinlich sein mußte. So wäre er sicher mit Bronowski und der Haida zusammengetroffen, die seit dem letzten großen Gartenfest bei Bielefelders aus und ein gehen. Und die Haida verfolgt Wilfried noch immer mit ihrer Liebe. Sie hat ihm erst vor ein paar Tagen ein Billet geschrieben, worin sie ihm, wie sie sich ausdrückt, zum letztenmale fragt, ob er Krieg oder Frieden mit ihr haben wollte? Er hat ihr nicht geantwortet, trotzdem ich ihn bat, er möge ein paar höflich ausweichende Worte an die tolle Person schreiben, der ich leider jede Schändlichkeit zutrauen muß. Ich weiß von der Wiepkenhagen: sie hält Bronowski nur so fest an ihrer Schleppe, um an ihm ein williges Werkzeug ihrer Rache an Wilfried zu haben, wenn Wilfried sie weiter so verschmähen sollte. Weißt Du, sagte die Fürstin, nächstens werde ich glauben, Du selbst liebst Wilfried. Wenn ich hübscher und zehn bis zwölf Jahre jünger wäre – wer weiß! erwiderte Friederike lächelnd. * * * 463 Aber auf das heftigste erschrak sie, als Wilfried an einem der nächsten Abende, nachdem er wieder den ganzen Tag draußen gewesen, sagte: er habe beim Nachhausekommen die Anzeige von dem Ableben des alten Generals von Frötstedt vorgefunden. Die Beisetzung finde morgen mittag statt. Wenn er den Zug benutze, der morgens um vier Uhr zehn Falkenburg passierte, komme er in guter Zeit; habe sogar noch eine Stunde, um Tante Adele aufzusuchen, vorausgesetzt, daß er von der Fahrt nicht zu ermüdet sei. Diese Wilfrieds erste Äußerung über sein zukünftiges Verhältnis mit Tante Adele beruhigte Friederiken einigermaßen: wenn er mit der Tante seinen Frieden machte, hatte es mit Frau von Haidas Kriegserklärung nicht mehr so viel auf sich. Wilfried war dann mit einem Schlage wieder rehabilitiert in den Augen derer, die am besten die Position eines Mannes zu schätzen wußten, der, wie an Rang, so an Reichtum, den meisten überlegen war. Und Wilfried war in der Sicherheit seiner gesellschaftlichen Formen so unangreifbar! In den Kreisen, in denen sie sich bewegten, war das fast zum Sprichwort geworden. So hatte, als man sich dann trennte, ihr »Auf gutes Wiedersehen, Wilfried!« einen frischen mutigen Klang. Mit der Schwägerin hatte Wilfried noch eine längere Unterredung. Ich nehme mit Bestimmtheit an, sagte sie, daß Du, auch wenn Dein Verhältnis zu Tante Adele jetzt wieder das alte, schöne sein wird, dies Haus als das Deine ansiehst und gern und oft zu uns zurückkehrst. Wie lieb wir alle Dich auch immer gehabt, jetzt können wir Dich nicht mehr entbehren. Dich, der Du mir so brüderlich mein Leid tragen hilfst; den die Kinder wie einen zweiten Vater lieben. Ich hoffe zu Gott, Du wirst Deine Freude an ihnen haben: sie schlagen ja alle so gut ein; und über Gisela dürfen wir nun auch beruhigt sein. Der Arzt stellt ihre vollständige Herstellung in sichere Aussicht, und jetzt 464 schon bewegt sie sich in ihrer Maschine, die wirklich ein Wunderwerk ist, mit erstaunlicher Sicherheit. Dennoch wünscht er, sie noch ein paar Wochen länger zu beobachten, und so wird sie in den nächsten Tagen mit Miß Lionel nach Göggingen zurückkehren. Sie wird mir sehr fehlen, das holde Kind. Da mußt Du schon ein übriges thun. Wie lange gedenkst Du fortzubleiben? Nicht länger, als bis ich Tante Adele gesprochen und den alten Freund begraben habe. Du hieltest so viel von ihm! Und ich darf sagen: er von mir. Noch vor kurzem hatte mir der alte Mann den rührendsten Beweis wahrhaft väterlicher Liebe gegeben. Wenn einer das Recht und die Pflicht hat, ihm die letzte Ehre zu erweisen, bin ich es. Es bleibt dabei, daß wir Dich morgen früh nicht weiter stören sollen? Daß ich Euch nicht weiter stören will. Und selbst den Wagen, höre ich, hast Du abbestellt. Er hätte wirklich keinen Sinn. Meine paar Sachen habe ich bereits auf den Bahnhof schaffen lassen. Der Wagen braucht eine Viertelstunde. Durch den Park bin ich in zehn Minuten unten. Wie Du willst. Dann also: auf Wiedersehen, lieber Wilfried! Auf Wiedersehen, liebe Margarete! Er hatte ihr herzlich die Hand geküßt. In der Thür winkte die schwarze vornehme Gestalt noch einmal freundlich zu ihm zurück. – Zunz, der ihn während der ganzen Zeit auf dem Schloß in alter Weise bedient hatte, stand, ein paar Sachen über dem Arm, die er zum Reinigen mit hinausnehmen wollte, an der Thür des Schlafzimmers. Haben Sie noch etwas, Zunz? Wollte mir nur verstatten, zu fragen: ich fahre doch morgen mit dem Herrn Grafen? 465 Die Antwort kam nicht sogleich; und dann: Selbstverständlich, Zunz. Danke ergebenst, Herr Graf! Wohlschlafende Nacht, Herr Graf! Zunz schloß die Thür. Draußen legte er die Sachen vorsichtig auf den Boden, um sich vergnügt die Hände zu reiben. * * * Der Wunsch des Getreuen ging nicht in Erfüllung: in Wilfrieds Augen kam kein Schlaf. Viertelstunde um Viertelstunde hörte er durch die stille Nacht die Kirchenuhr unten im Städtchen schlagen. Es ist die Hitze, sagte er. Von dem Wühlen in seiner Seele wollte sein Stolz nichts wissen. Das waren Dinge, die da nach Belieben rumoren mochten. Ihn gingen sie nichts an. Als es unten drei Uhr schlug und er sich an seiner Repetieruhr überzeugt, daß er sich nicht verhört, stand er von dem zerwühlten Lager auf, kleidete sich an und ging die breite Marmortreppe hinab, über den Flur, durch den Salon auf die Terrasse, die auf der Hinterseite dem Schlosse vorgebaut war. Dort wandelte er, die Stunde erwartend, auf und nieder. Die Sonne war noch unter dem Horizont, doch dämmerte es bereits stark, wenn auch die Blumen unter ihm in dem Terrassengarten, selbst die auf der Brüstung in Steinvasen aufgestellten, noch keine deutlichen Farben hatten. Aus den Bosketts zwischen den Beeten kamen einzelne verworrene Vogellaute. In der Ferne nach Osten zeichnete sich die Gipfellinie der Harzberge, die schon ein helleres Licht der aufsteigenden Sonne treffen mußte, in seltsamer Klarheit von dem noch grauen Himmel ab. Wie das alles so erquicklich war! Und die köstliche, kühle Morgenluft nach der heißen, schlaflosen Nacht! Von Zeit zu Zeit wandte sich sein Blick nach der Schloßseite, wo er durch die offenen Fenster in die Flucht der Salons sehen konnte. Aus dem dort herrschenden 466 Dämmer hob sich nur hier und da ein besonders stark vergoldetes Prunkmöbel heraus. Es stammte von dem Großvater her, wie die ganze Herrlichkeit, wie das Schloß selbst, das er neu aufgebaut hatte mit maßloser Verschwendung, die sein Vater und noch der Bruder dann so hart büßen sollten. Die Ruinen der alten Falkenburg, hatte er gesagt, stammen aus einer Zeit, als zu dem Bergfried auf dem Kyffhäuser da drüben kein Stein gelegt war. Wir müssen den Leuten zeigen, daß die Falkenburger heute noch leben. Nun, er selbst hatte auch auf seine Weise neues Leben aus den Ruinen schaffen wollen. Es war ihm übel gelungen. War wohl nicht die Falkenburger Weise gewesen. Man soll eben nicht mit neuen Lappen alte Kleider flicken. Besonders, wenn es prächtige, fürstliche Kleider sind. Die muß man so lassen, bis sie in Staub zerfallen. Zunz kam, um Entschuldigung bittend, daß er sich verschlafen, und zu melden, daß für den Herrn Grafen im Frühstückszimmer Kaffee serviert sei; der Herr Graf habe noch gut zehn Minuten. Wilfried hieß ihn vorausgehen und im Hotel Bristol telegraphisch für ihn Quartier bestellen; womöglich Salon und Schlafzimmer, die der Fürst bei seiner letzten Anwesenheit inne gehabt. Er ging hinein und trank eine Tasse Kaffee, welche ihm die Haushälterin in Person reichte. Als er wieder auf die Terrasse kam, war es heller geworden. Er konnte jetzt die Farben der Blumen wohl unterscheiden; in den Bosketts zwitscherten die Vögel eifriger und lauter; die Gipfel des Gebirges leuchteten im rosigen Licht. Mein Gott, wie wundersam schön das ist! Der Bahnhof lag eine ziemliche Strecke vor dem Städtchen seitwärts am Fuß des Schloßberges, nach einer scharfen Wendung durch die oberen Terrassen, auf einer etwas steilen, wohlgehaltenen Treppe schnell zu erreichen. So beeilte sich Wilfried eben nicht, wiederholt stehen bleibend, da jeder Schritt eine neue entzückende Aussicht bot. 467 In Begriff, von der zweiten auf die dritte Terrasse hinabzusteigen, vernahm er aus der Jasminlaube, die dort angebracht war, bereits halb hinter seinem Rücken, ein leises Knistern auf dem feinen Kies und das Rascheln eines Frauengewandes. Verwundert wandte er sich. In der Öffnung der Laube stand Gisela. Aber, Kind! Du hier? Ich mußte Dich noch einmal sehen, Onkel Wilfried. Sie hatte es kaum hörbar gesagt, und die feine weiße Hand, in der sie ihm einen Strauß von roten Rosen entgegenhielt, zitterte; aber die großen, wundervollen dunklen Augen blickten mit schwärmerischer Klarheit ihm gerade ins Gesicht. Du Liebe! Er hatte mit dem Strauße ihre Hand gefaßt, und wollte, sie an sich ziehend, ihr einen Kuß auf die Stirn drücken. Sie aber warf sich an seine Brust, ihn mit den Armen umschlingend, und küßte ihn auf den Mund in heißer Leidenschaft. Dann hatte sie ihn losgelassen und schritt mit ihren seltsamen und doch anmutigen Bewegungen den Gang hinauf, mit der Hand zurückwinkend, daß er ihr nicht folgen dürfe. * * * Wilfried war bereits durch eine Reihe von Stationen gefahren, ohne es zu merken; unbeweglich in seiner Ecke sitzend, nur von Zeit zu Zeit den Strauß von roten Rosen emporhebend, als müsse aus seinem Duft ihm die Deutung des holden Wunders aufsteigen, das er eben erlebt. Aber gab es da eine zweite Deutung? Das süße Geschöpf liebte ihn; hatte ihm ihr Herz geschenkt, taufrisch wie die Rosen, die eben den Kelch entfalteten. Ein köstliches, ein königliches Geschenk! Durfte er es nehmen? Wußte das Kind, was es schenkte? Aber sie war kein Kind mehr, mit ihren beinahe vierzehn Jahren 468 und den herrlichen Augen, aus denen eine Seele blickte, die zum sonnigen Leben erwacht war, wie da draußen der junge Tag. Und es war nicht über sie gekommen von einer Sekunde zur andern. Wie oft hatte er diese Augen auf sich gerichtet gesehen mit einem Ausdruck, der ihn immer seltsam gefesselt und für den er keine Erklärung gehabt hatte – Thor, der er war. Und ebenso oft mußten doch seine Augen die ihren gesucht haben! Das war einfache Logik. Nicht wegzuleugnen, so wenig, wie der wonnige Schauder, der ihn durchrieselt hatte, als ihre zarten jungfräulichen Lippen sich auf die seinen preßten. Und jetzt in der Erinnerung wieder und wieder durchrieselte. Und als damals in Berlin ihr Vater, den elfenfeinen Leib umfassend, sie aus dem Speisezimmer führte, hatte er nicht gewünscht: wärst Du an seiner Stelle? sie nicht damals schon geliebt? Wie denn? was denn? Geliebt? Er sie? Unsinn! Er mit seinen einunddreißig Jahren das vierzehnjährige Kind! Aber sie ist kein Kind. Das hast Du ja bei Dir ausgemacht. Und in ein paar Jahren – sagen wir drei – Du wärst dann vierunddreißig – eine Differenz von siebzehn Jahren – das ist nichts besonderes – das kommt alle Tage vor – Mein Gott! alle diese Tage habe ich gemeint, ich müsse verrückt werden. Bin ich es jetzt? Heil verrückt? Sie, die holde keusche Mädchenblume, und Du mit Deinem zertretenen Herzen! Ja, zertreten! Wie ein Wurm im Staub des Weges! Zu dem Du Dich erniedrigt; in dem Du gewühlt, als Du Demütigungen über Demütigungen auf Dich nahmst, unerhört. An die zu denken, Dir die Schamröte in die Stirn treibt. Um zu erfahren, daß sie mich aufgeben konnte, weil – es ist ja zum Lachen! Verflucht will ich sein, wenn ich noch eine Thräne darum weine! – Das schöne große Gut da hinten am Harz – wie hieß es nur gleich! – mit dem prächtigen Wald und 469 dem reizenden Herrenhause – für einen Spottpreis zu haben – eine Stunde höchstens von Falkenburg zu Wagen, zu Pferde eine halbe, wenn man den Gaul in scharfem Trab hielt – zu Dir – mit Dir, Du einzig Holde! die Du mir keine Eltern zuführst, die mich anwidern; keinen Bruder, der ins Zuchthaus gehört – Wieder eine Station, eine größere diesmal. Zunz trat an den Wagen: ob der Herr Graf Befehle habe? Eine Zeitung, Zunz, Berliner, wo möglich! Zunz erschien nach einer Minute abermals am Fenster. Ich konnte nur das Tageblatt bringen, Herr Graf. Gleichviel! Machen Sie, daß Sie in Ihr Coupé kommen! Es hat schon zweimal geläutet. Der Zug hatte sich wieder in Bewegung gesetzt. Wilfried hatte das Blatt aufgeschlagen; es war ihm gleichgültig, was er las. Er wollte nur den Gedanken entfliehen, deren wilde Jagd nicht länger so durch seine Seele rasen durfte. Telegraphische Depeschen – »Cadiz: Vor einer Stunde wurde hier der bekannte Millionendieb Hermann Schulz ergriffen in dem Augenblick, als er sich auf dem Dampfer S. Salvador nach Cuba einschiffen wollte, jedenfalls, um von dort nach den Vereinigten Staaten zu gehen. Die Verhaftung geschah auf Veranlassung des deutschen Konsuls durch die spanischen Behörden. Ein deutscher Anarchist, offenbar gelockt durch den großen, auf seine Ergreifung gesetzten Preis, hatte ihn verraten. Als S. sah, daß kein Entrinnen möglich, riß er einen Revolver aus der Brusttasche und jagte sich eine Kugel durch den Kopf. Er war auf der Stelle tot. Von dem Gelde hatte er nicht mehr bei sich, als Passagiere auf solchen Reisen für die Überfahrt zu führen pflegen. Wo er mit dem übrigen geblieben, ist vorläufig völlig in Dunkel gehüllt.« Wieder saß Wilfried uubeweglich in seiner Ecke, vor sich hinstarrend. Ihm zu Füßen, seinen Händen entfallen, das Blatt, das ihm den Tod von Lottes Bruder gekündet; 470 auf dem Sitz neben ihm die roten Rosen, die ihm Gisela geschenkt. * * * Es war zehn Uhr, als Wilfried im Hotel Bristol anlangte. Zum Begräbnis des Generals blieben ihm noch drei Stunden. Er hätte gern wenigstens eine davon verschlafen, und Zunz drang sehr darauf. Aber er wußte, daß er trotz seiner tiefen Abspannung nicht würde schlafen können. Dann solle der Herr Graf wenigstens ein solides Frühstück einnehmen! Wilfried erwies sich gehorsam – die delikaten Kotelettes widerten ihn an. Nur ein paar Gläser Madeira stürzte er gierig hinunter. Wenn Zunz sich restauriert, solle er nach der Viktoriastraße gehen und fragen, ob er um halb zwölf auf ein paar Minuten vorsprechen dürfe. Dann hatte er sich auf das Sofa geworfen, unter der elektrischen Lampe, die der Zusammenkunft zwischen ihm und dem Bruder an jenem Abend geleuchtet. Er wollte sich die Scene in Erinnerung rufen und was er und was Dagobert gesagt – er vermochte es nicht. Dafür las er im Geiste immer wieder die Depesche aus Cadiz, den Blick auf die roten Rosen geheftet, die er in einer Vase vor sich auf den Tisch gestellt hatte. Oder träumte er auch nur, daß da Rosen vor ihm ständen, die ihm ein wunderliebliches Mädchen von vierzehn Jahren heute in der Morgenfrühe gegeben? Hatte er die ganzen letzten Wochen nur geträumt: daß er wieder ein vornehmer Herr sei, der in einem stolzen Schlosse hauste; für den jederzeit im Stall gesattelte Pferde standen; auf dessen Wink bereitwillige Diener harrten? War er in Wirklichkeit nicht ein armer Mann? wohnte drei Treppen hoch bei einer Frau Rehbein und ihrer schieläugigen Tochter? Ging des Morgens zum Justizrat Berner, sich stundenlang über greulichen Akten den Kopf zu zermartern – Lotte! 471 Mit einem Schrei war er vom Sofa aufgefahren und starrte in das leere Gemach. Da neben dem Fauteuil hatte sie gestanden, – gerade so, wie an jenem Nachmittage im Restaurant Bellevue – nur jetzt auf ihn blickend mit großen traurigen Augen und schmerzlichem Zucken um den reizenden Mund – Der nie ein unwahres Wort gesprochen – Wenn diese Zeilen Dich erreichen – Und er hatte den Brief zerreißen und die Stücke in das Rosenbeet schleudern können – Von dem vielleicht die gepflückt waren, die da auf dem Tische standen – * * * In der Freude des Wiedersehens ihres Wilfried, der nun bei ihr bleiben, wieder ganz ihr Wilfried sein wollte, hatte Tante Adele ihre Goetheschülerin-Rolle völlig vergessen. Sie umarmte ihn unter Thränen und würde seine Hände geküßt haben, hätte er es gelitten. Die Aufrichtigkeit ihrer Empfindung that freilich der Lebhaftigkeit ihrer Phantasie keinen Abbruch, die sich alsbald im Ausmalen lockender Zukunftsbilder erging: Daß Wilfried von jetzt an den zweiten Stock ihres Hauses bewohnen werde, das ja in Wahrheit sein Haus sei; nur so lange nach Falkenburg zurückkehren dürfe, bis sie Zeit gehabt, ihm die Wohnung herzurichten ganz in seinem Geschmack, den sie ja so genau kenne: mit Bibliothek, Bildergalerie, in der ein Stuck, ein Liebermann, ein Hofmann – keiner seiner Lieblinge – vergessen sein solle – So erging sie sich in gewohnter Beredsamkeit, ohne auch nur einmal Goethe zu citieren, bis ein trübes Lächeln, das von Zeit zu Zeit um Wilfrieds Lippen spielte, sie an den Kummer mahnte, den ihm die Trennung von Lotte doch bereitet haben müsse. Und daß es ihre mütterliche Pflicht sei, in die Wunde, die seinem Herzen geschlagen, Tropfen schmerzlindernden Balsams zu träufeln. 472 Was wäre diesem schönen Zweck entsprechender gewesen, als eine ausführliche Schilderung des abendlichen Besuches, den ihr das arme Mädchen gemacht; und eine Wiederholung ihrer Worte, die ihr vortreffliches Gedächtnis genau behalten. Bis zu dem rührenden Schluß: sagen Sie ihm: sie war traurig, recht traurig; aber geweint – geweint hat sie nicht. Tante Adele hatte sich so in Eifer gesprochen und erschrak, als sie, jetzt aufblickend, sah, daß seine Augen voll Thränen standen. Mein lieber, armer Junge! Laß es gut sein, Tante Adele, sagte er, sich sanft aus ihrer Umarmung lösend. Dergleichen will verwunden sein. Sie war eben stärker, als ich. * * * Als Wilfried in dem Hotelwagen, den er bestellt hatte, nach der Behrenstraße kam, war vor dem Sterbehause die militärische Parade bereits aufgezogen: zwei Compagnien des Infanterie-Garderegiments, bei dem der General bis zuletzt à la suite gestanden; eine Eskadron der Pasewalk-Kürassiere, zu denen er, als junger Offizier, ein paar Jahre abkommandiert gewesen; eine Batterie zu Fuß. Was von der Straße frei blieb, hatte eine schaulustige Menge eingenommen; nur mit Mühe konnte sein Wagen bis ans Haus, er ins Haus gelangen. Wo dann wieder bereits die Treppe kaum noch zu passieren war. Wilfried hätte nicht zu sagen gewußt, wie er sich schließlich dann doch in der Ecke des Studierzimmers fand, nicht allzuweit von dem aufgebahrten Sarge. Wie oft war er in diesem Zimmer gewesen! hatte mit dem Greise fast immer heitere, niemals unbedeutende Gespräche geführt! Während die von dem Staube der Jahrzehnte fast schwarz gewordenen Gypsbüsten Blüchers und Scharnhorsts, Goethes und Schillers auf sie herabblickten. 473 Die nun die Rede des Garnisons-Predigers zu hören bekamen: eines sehr beredten, sehr eifrigen Herrn, der die Glaubensstärke des Dahingeschiedenen, seine Verdienste um das Vaterland, seine nie wankende Treue und Liebe zu den vier Königen, denen er gedient, mit schönen Worten pries, die ihm auch hier und da von Herzen zu kommen schienen. Und doch Wilfried, wäre ihm nicht so unsäglich traurig zu Mute gewesen; manchmal fast zum Lachen gebracht hätten, dann wieder seinen Grimm erweckten. Dieser Voltaireaner, der noch in seinen letzten Jahren Darwin und Haeckel mit dem Feuereifer des Jünglings studiert; von sich gesagt hatte: ich würde mich einen Atheisten nennen, wäre mir der Atheismus nicht verdächtig, wie jeder Ismus; von sich gesagt hatte: ich bin theoretisch Republikaner und würde es praktisch sein, könnte ich mich überzeugen, es käme dabei etwas für das Volk heraus – dieser freie, große Mensch der steifleinene, militärvorgesetzlich-civilobrigkeitlich approbierte Betbruder, den der Prediger aus ihm machte! Wohl auch machen mußte, sollte es diesem Auditorium ein Gefallen sein: mit Orden behängten Offizieren aller Grade; hohen Staatsdienern, die sich amtlich oder freiwillig eingefunden, in goldstrotzender Uniform mit breiten Bändern und Sternen auf der Brust; ein paar wenigen Herren, wie er, in einfachem Frack, unter ihnen Professor Jarnowitz und Doktor Cramer, die, ob auch grollend, nicht fehlen durften, wenn einer beerdigt wurde, den man schon so lange Jahre als einen der geistreichsten Köpfe Berlins gepriesen hatte. Ah! Hätte er, der da im Sarge schlief, dieser Gesellschaft das Maß zu nehmen gehabt, wie lang wohl die braunen martialischen, die grauen Aktengesichter geworden wären! Wilfried konnte es kaum noch ertragen. Endlich ertönte das Amen, und der von Unteroffizieren getragene Sarg verschwand in der hohen Eingangsthür. 474 Es war ursprünglich seine Absicht gewesen, dem Freunde bis auf den Invalidenkirchhof das Geleit zu geben; aber er fühlte, seine Nerven würden das nicht mehr aushalten. So ließ er das Gedränge sich so weit verlaufen, daß er ohne Anstoß durch die Zimmer, die Treppe hinab, aus dem Hause auf die Straße gelangen konnte. Dort rückten eben die letzten der militärischen Trauereskorte ab; die Wagen, ein kaiserlicher voran, folgten. Um den seinen zu erreichen, weit hinten in der langen Reihe, suchte er langsam durch die Menge zu kommen, die das Trottoir noch immer besetzt hielt. Wenige Schritte nur hatte er gemacht, als er sah, daß er unmittelbar an einer kleinen Gruppe Offiziere vorüber müsse, unter ihnen Bronowski, den er im Trauerhause nicht bemerkt. Beim Erblicken des Mannes, der ihn an so widerwärtige Momente seiner letzten Zeit erinnerte, stutzte er und wäre lieber umgekehrt. Es war nicht mehr möglich, ohne daß es Bronowski und einem und dem anderen der Herren, die er fast sämtlich persönlich kannte, aufgefallen wäre. Das wollte er nicht. So schritt er, höflich grüßend, vorüber, und hatte die Gruppe eben im Rücken, als er hinter sich in höhnischem Tone: Salonsocialist! sehr vernehmlich sagen hörte. Wie wenn ein Peitschenhieb ihn getroffen, zuckte Wilfried zusammen. Im nächsten Moment stand er vor Bronowski. Darf ich fragen, Herr Major, ob das Wort, das Sie eben gesagt, sich auf mich beziehen sollte? Bronowski blickte ihm starr in die Augen: Ich wüßte in der That nicht, auf wen es sich sonst beziehen könnte. Ihr Benehmen, Herr Major, verdient eine Züchtigung, die ich Ihnen nur erspare, Sie in Ihrer Carrière nicht zu schädigen. Ein halb unterdrückter Wutschrei, und Bronowskis Hand 475 fuhr nach seinem Säbelgriff; einer der Herren packte seinen Arm: Nicht doch, Herr Major! Und sich zu Wilfried wendend, ihn zugleich ein wenig auf die Seite führend: Obrist von Hösting, im Falle Sie sich meiner nicht erinnern sollten. Wilfried verbeugte sich. Natürlich muß die Sache ausgetragen werden. Ich bitte, vorläufig Ihre Zeugen zu mir schicken zu wollen. Werde mich den Nachmittag über zu Hause halten. Verbindlichen Dank, Herr Obrist. Abermalige gegenseitige Verbeugung. Der Obrist wandte sich wieder zu der Gruppe, die ihn schweigend erwartet hatte; Wilfried schritt an der Wagenreihe weiter, bis er zu dem seinen kam. Zunz öffnete ihm den Schlag. Zu meinem Vetter, Zunz! Sehr wohl, Herr Graf. Falko war nicht zu Hause. Bei dem Herrn Kommerzienrat zum Frühstück, berichtete der Bursche. Wilfried ließ nach der Tiergartenstraße fahren. Die Herrschaften sind im Garten, meldete der Portier; vor dem Theehause. Wenn sich der Herr Graf dahin bemühen wollten? Schicken Sie, bitte, einen Diener! Ich lasse den Grafen für ein paar Minuten ersuchen – in den Salon. Da ist doch niemand? Augenblicklich keine Seele, Herr Graf. Falko kam nach wenigen Minuten. Seine Wangen waren gerötet; ein paar Knöpfe an seinem Uniformrock geöffnet. Ist das famos! Recta von Falkenburg? Schneidiger Einfall! Konntest nicht gelegener kommen! Wir sind im Garten unter der großen Buche! Keine Gesellschaft – natürlich! Trauer wegen! Kleine Frühstücksbowle. Leider 476 Chlotilde nicht dabei, die nach Dortmund zurückgegondelt. Sonst lauter Bekannte: meine Else, noch ein paar nette Käfer – aber Du siehst ja so verteufelt ernst aus – na ja! der alte Frötstedt! Ihr wart sehr liiert – Ja. Und da ist noch etwas anderes. Es thut mir leid: ich werde Dich Deiner Gesellschaft entziehen müssen. Es steht mir hier niemand näher, als Du; da mußt Du schon ein übriges für mich thun. Er teilte ihm sein Rencontre mit Bronowski in allen Einzelheiten mit, und daß Oberst von Hösting gegnerischerseits die Sache in die Hand genommen habe. Falkos Miene war sofort ernst geworden; er hatte, während Wilfried sprach, unwillkürlich die beiden Knöpfe an seiner Uniform geschlossen. Verteufelte Geschichte, sagte er. Ahnte übrigens so was. Bronowski soll schon wiederholt in der Gesellschaft höchst anzüglich über Dich gesprochen haben. In meiner Gegenwart natürlich nicht, sonst – Ich glaube – Ebba meint es auch: Frau von Haida steckt dahinter. Möglich. Du siehst: es war nur eine Frage der Zeit. Allerdings. Nur: Bronowski ist notorisch einer unsrer besten Pistolenschützen. Das hilft nun nichts. Freilich. Und daß Du Dich vorher etwas einschießen könntest – Kein Gedanke: die Sache muß heute noch, spätestens morgen früh erledigt werden. Wird wohl nicht anders gehen. An wen hast Du sonst noch gedacht? Vielleicht Signor Miltiades Vicentio von der chilenischen Gesandtschaft? Ausgezeichnet! schneidiges kleines Kerlchen! Glücklicherweise hier, da Gesandter in Karlsbad. Sag' mal: warum bist Du eigentlich nicht nach Karlsbad – aber darüber können wir ja später – was ich sagen wollte; wir, als die unzweifelhaft beleidigte Partei, haben in der Aufstellung 477 der Bedingungen entschieden die Vorhand. Wenn Du also specielle Wünsche – Gar keine. Nur daß die Sache nicht verzögert wird. Wir werden an einen Arzt denken müssen. Ich schlage Doktor Brandt, Keithstraße 25, vor. Wohl der Herr, dem mal bei Dir in der Thür begegnete? Wahrscheinlich. Falko notierte sich die Adresse in seinem Taschenbuch: Elfenbeindeckel mit feinen Initialen und dem Falkenburger Wappen, Geschenk von Else, wie er, während er schrieb, mitteilte. Die Sache wird Dir möglicherweise dienstliche Ungelegenheiten bereiten, sagte Wilfried. Das kann dabei keine Rolle spielen, erklärte Falko, das Geschenk seiner Else in die Brusttasche zurücksteckend und den Rock darüber knöpfend. Übrigens, seitdem sie mich in die Provinz schicken wollen, ist mir die ganze Geschichte passabel schnuppe. Schwiegerpapa spricht von einem Gut – in der Nähe von Berlin – daß man einander bequem erreichen kann, weißt Du – Sehr verständig. Ich werde natürlich in meiner Wohnung sein: Hotel Bristol – Famoses Quartier. Habe vom alten Justizrat, den gestern auf der Straße traf, gehört, daß mit Tante Adele wieder d'accord . Immer zu Mama und Ebba gesagt: Bloß Bügel verloren – kann jedem passieren – darum noch lange nicht unten – sitzt viel zu fest im Sattel – Also auf Wiedersehen, Falko! Und schönen Dank! Spaß! Unter uns beiden! Na, also, adieu, alter Sohn! Werden die Geschichte schon deichseln. * * * Falko hatte einen heißen Nachmittag. Zuerst zu Oberst von Hösting; dann zu Signor Miltiades Vicentio; mit ihm 478 zurück zum Oberst, bei dem sich inzwischen Bronowskis zweiter Sekundant in der Person des Lieutenants von Möllenhoff gemeldet hatte. Langwierige, höchst intrikate Konferenz der Herren, da gegnerischerseits behauptet wurde, das von Bronowski gesprochene »Salonsocialist« könne man allenfalls als Scherz nehmen, während Wilfrieds Replik, noch dazu für einen Offizier, die denkbar schwerste Beleidigung, mithin Bronowski der in Wirklichkeit Beleidigte sei. Hier nun war Falko heilfroh gewesen, Signor Vicentio zur Seite zu haben, der den Herren erklärte: es komme auf den animus unjuriandi an. Ob man in Abrede stellen wolle, daß dieser animus Herrn von Bronowski innegewohnt, und Graf Falkenburg bei dem notorisch gespannten Verhältnis zwischen den Herren – er brauche da nicht ins Detail zu gehen – das Wort anders als in beleidigendem Sinne habe auffassen können? Worauf dann seine Replik die völlig korrekte, nach der Schwere der ihm zugefügten Beleidigung abgemessene Antwort gewesen sei. Nach endloser Debatte, berichtete Falko, habe man sich darein gefunden und die Bedingungen: – eventuell dreimaliger Kugelwechsel auf Kommando und fünfzehn Schritt – festgestellt. Rendezvous: Grunewald auf einer sämtlichen Herren von den Hubertus- und Schnitzeljagden her bekannten, abgelegenen Stelle. Zeit: sechs Uhr. Wilfried war mit allem zufrieden. Falko bot seine Gesellschaft für den Abend an, die Wilfried dankend ablehnte. Seine letzte Nacht sei völlig schlaflos gewesen; er fühle sich sehr abgespannt und wolle früh zu Bett gehen. Das sei freilich das beste, was er thun könne, meinte Falko, und verabschiedete sich nach eifriger Befürwortung diverser, meist diätetischer Maßregeln, die er in seiner bereits recht respectabeln Praxis solcher Fälle immer probat gefunden habe. * * * 479 Noch bevor Falko kam, hatte Wilfried Zunz zu Frau Rehbein geschickt und sie ersuchen lassen, da er augenblicklich nicht abkommen könne, ihn mit ihrem Besuche zu beehren. Falko war eben gegangen, als Frau Rehbein gemeldet wurde. Zunz, der keine Ahnung davon hatte, was seinem Herrn am nächsten Morgen bevorstand, hatte, ohne seiner Dienerwürde etwas zu vergeben, der früheren Wirtin seines Herrn die gegenwärtige Lage der Dinge doch klar machen zu müssen geglaubt: der Herr Graf sei jetzt wieder ganz der Herr Graf; auf Falkenburg an Stelle des hochseligen Fürsten kommandierend; ausgesöhnt mit der Frau Geheimrat in der Viktoriastraße, die ihm – er wisse selber nicht, wie viele Millionen hinterlassen werde, und die zu besuchen, nebenbei die alte Excellenz von Frötstedt zu begraben, er auf ein paar Tage nach Berlin gekommen sei. Frau Rehbein dankte in der Stille Gott, daß sie – ein paar unselige Zweifelstage im Anfang ausgenommen – immer in ihm den vornehmen Herrn gesehen und respektvoll, seinem Range gemäß, behandelt habe. Zu dem Besuche hatte sie ihr schwarzseidenes Sonntagsausgehekleid angelegt, und war herzklopfend dem Kellner über die dicken Läufer auf Treppe und Korridoren bis zum Salon des Herrn Grafen gefolgt. Um zu finden, daß er, nun »wieder ganz der Herr Graf« in dem prachtvollen Hotel-Salon, womöglich noch höflicher und freundlicher sich gab, als bei ihr in der Hinterstube nach dem Garten. Da glaubte denn auch Frau Rehbein, »aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen« und dem Herrn Grafen einmal offen sagen zu sollen, was sie sich bei der ganzen Sache gedacht habe. Die Lotte sei ja gewiß so weit ein vortreffliches Mädchen gewesen, wie es ihrer nicht viele bei so kleinen Leuten gebe; auch ganz hübsch, wenngleich schwarze Augen, die sie immer an die Rattifalli-Mausifalli-Jungen erinnerten, nicht eigentlich ihr Geschmack. Daß sie den Herrn Grafen sehr geliebt gehabt, könne sie ihr beim besten 480 Willen so hoch nicht anrechnen. Das hätte jede andere an ihrer Stelle auch gethan. Wohl aber ihre Abreise nach Amerika, die immerhin für ihren Verstand spreche, obgleich der Onkel, der sie hinübergerufen, nur in mäßigen Vermögensverhältnissen zu sein scheine; und der Herr Graf gewiß für sie gesorgt hätte, wenn auch von Heirat natürlich nie die Rede sein konnte. Schwer genug sei ihr der Abschied darum doch geworden, dem armen Ding. Noch am letzten Tage sei sie herübergekommen: sie möchte wenigstens einmal das Zimmer des Herrn Grafen gesehen haben. Aber lange sei sie nicht geblieben, nur eben durchgegangen, im Vorübergehen das Sofa und den Lehnstuhl vor dem Cylinderbureau streichelnd. Ordentlich, als ob es Menschen wären, Herr Graf. Weiß Gott, Herr Graf, mir sind dabei die Thränen gekommen. Und als der Junge, der Fritz, so schrecklich weinte, weil er seinen lieben Herrn Grafen nicht wiedersehen sollte. Gott! man ist doch auch mal jung gewesen, und weiß, wie so was ans Herz greift. Frau Rehbein begleitete diese Worte mit der entsprechenden Geste und rief: Jesses, hätt' ich das doch beinahe vergessen! Aus einem Pompadour, den sie fortwährend auf dem Schoß gehalten, nahm sie einen Brief. Der sei heute mit der Post gekommen; erst in die alte Wohnung des Herrn Grafen; dann zu ihr. Sie würde ihn dem Herrn Grafen nach Falkenburg geschickt haben; bloß daß der Herr Graf ja nun selber da sei. Und was denn nun aus den Möbeln der Schulzschen Leute werden solle? Fräulein Lotte habe gesagt: es gehöre ihnen kein Stück, alles dem Herrn Grafen. Nehmen Sie davon, was Sie für sich glauben brauchen zu können; das andre geben Sie an arme Leute. Frau Rehbein war über diese Großmut sehr gerührt. Nicht, als ob sie es nötig habe! Gott sei Dank nein! Aber das gute Herz von dem Herrn Grafen! Sie habe 481 aber auch immer zu ihrer Agnes gesagt: Agnes, so ein gutes Herz, wie das von dem Herrn Grafen! Der ist viel zu gut für diese Welt. * * * Es war bereits dämmerig geworden, als Wilfried Frau Rehbein zur Thür begleitet hatte, wo sie sich mit einem tiefen Knix verabschiedete, hoffend, der Herr Graf werde sie der zukünftigen Frau Gemahlin zu gelegentlicher gütiger Berücksichtigung empfehlen. Er drückte auf den Knopf für die elektrischen Lampen, setzte sich in den Fauteuil, in welchem sein Bruder die Unterredung an jenem Abend mit ihm gehabt hatte, und nahm von dem Tisch den Brief. Vorhin hatte er auf der ausländischen Marke Barcelona zu lesen geglaubt. Seine Ahnung, daß der Schreiber Lottes Bruder sei, hatte ihn nicht betrogen: die Unterschrift lautete: Hermann Schulz. Sollte er den Brief lesen? Ein neues Blatt in dem schmerzenreichsten Kapitel seines Lebens, das für ihn abgeschlossen war? Aber vielleicht hatte den Mann die Reue gepackt; er wollte wieder gut machen, was er gethan, und rief jetzt seine Vermittelung an. Da wäre diese schwere Sorge wenigstens von Lotte genommen. Barcelona, 15. August 92. Vorbemerkung. Der Polizei, sollte dieser Brief in ihre Hände fallen, sei gesagt, daß der Adressat, Herr Graf Wilfried von Falkenburg, in irgend einer Verbindung mit mir nicht steht, niemals gestanden hat. Und ich diese Zeilen nur an ihn richte, weil er der einzige Aristokrat ist, dem ich eine Art von Verständnis unsrer Sache zutraue: ich ihm überdies für die große Güte, mit der er sich meiner Familie angenommen, eine Aufmerksamkeit schuldig zu sein glaube. 482 Verehrter Herr Graf! Ich weiß aus Spinoza, der mein Meister war, bevor ich zu Nietzsche kam, daß Reue eine Dummheit ist, die Sie mir hoffentlich nicht zutrauen. Jedenfalls weiß ich mich völlig frei davon. Als ich mir die Million aus den Kassen von Bielefelder und Sohn aneignete, nahm ich nur, was sie uns, den Proleten, so oder so, gestohlen, und den Proleten soll es auch zu gute kommen. Mir nur insofern, als ich mir so eine Machtsphäre schaffe, wie mein Ehrgeiz sie sich längst gewünscht hat. Nur mein Ehrgeiz. Ich selbst habe mein lebelang fast nur von trocknem Brot gelebt; daran wird sich nichts ändern. Aber gerade in dieser meiner völligen Bedürfnislosigkeit und der obligaten Nüchternheit meines Denkens bin ich der geborene Chef der anarchistischen Partei, der einzigen socialen, deren Programm sich wissenschaftlich begründen läßt und die praktische Erfolge haben muß, wenn sie richtig geführt wird, wie ich sie zu führen gedenke. Die Socialdemokratie hat abgewirtschaftet, wie ihrer Zeit der Feudalismus und die Bourgeoisie; sie ist besten Falls jetzt nichts weiter als der verschämte linkeste Flügel der kapitalistischen Wirtschaft. Wir müssen über sie weg, wie über Euch. Daß dabei auch Sie, Herr Graf, und die paar andern weißen Raben Ihres Standes übel fahren werden, thut mir leid, steht aber nicht zu ändern. Ihr könnt beim besten Willen nicht aus Eurer Haut; werdet niemals die Praxis der »Gerechtigkeit« wahrhaft üben können. So denn seid Ihr wie jene Generation der Juden, die in der Wüste umkommen mußte, damit die folgende Kanaan erreichte. Sollte ich, wie wohl möglich, sogar wahrscheinlich, bei meinem Unternehmen zu Grunde gehen, so ist dafür gesorgt, daß von meiner Million auch nicht ein Pfennig in die Hände fällt, denen sie entrissen zu haben, mein Stolz ist. So denn, mein Herr Graf, auf Nimmerwiedersehen! Hermann Schulz. 483 Wilfried ließ den Brief auf den Tisch sinken. In seines Geistes Aug' sah er den hochgewachsenen, hageren jungen Mann, wie er hinter dem Zahltisch im Comptoir von Bielefelder und Sohn stand, mit immer denselben abgemessenen Bewegungen Goldrollen, Kassenscheine entgegennehmend, Goldrollen, Kassenscheine ausliefernd, während die dunkeln Wimpern vor den schwarzen Augen sich nur auf Momente hoben und von den feinen, festen Lippen die spärlichen Worte tonlos fielen – kein lebendiger Mensch, eine Rechenmaschine, die sich niemals irrt. Und dann denselben jungen Mann, wie er mit ihm durch die nächtlichen Gassen gestrichen war, als sie aus der Versammlung von Pfarrer Römer kamen; den jungen Mann, der sich zu Nietzsches Lehre bekannte, voll bitterer Verachtung der Herdenmenschen, die nur für den Übermenschen da sind, damit sie ihm als Folie dienen seiner Herrlichkeit und als Instrument, auf dem er seine souveränen Phantasien sich ausrasen lassen kann. Und in dem Rechenmenschen, dem Übermenschen, hatte ein Herz für die Armen, seine Brüder, so heiß geklopft, daß er Ehre und Leben für sie in die Schanze schlug. Es mochte Wahnwitz sein; aber es war Methode darin. Der Mann war zum Verbrecher geworden; aber nicht um irdisch' Gut, nicht, seiner Wollust zu fröhnen – er, der sein Leben lang von trocknem Brot gelebt und es auch fürder so halten wollte. Er, Lottes Bruder fürwahr! beide sie Kinder des Volkes, das noch an seine Ideale glaubt, für seine Ideale sich opfern kann! Wenn ich morgen auf dem Platze bleibe, wofür bin ich gestorben? Glaubte ich ehrlich an mein sociales Programm, was wäre mir der Hohn eines frechen Junkers? Aber der Frechling hat recht: Zum Volke gehöre ich nicht – das verbieten mir die verwöhnten Nerven; zu den Aristokraten nicht – das geht gegen mein besseres Gewissen. So läuft der Riß, der in der Gesellschaft klafft, mitten durch meine arme Seele, wie durch mein 484 wankelmütiges Herz, das die holde Gisela lieben müßte, und die köstliche Lotte nie vergessen könnte. Er entzündete ein Licht und verbrannte den Brief. Dann nahm er aus der Hotelmappe einen Briefbogen und schrieb: Von den sechzigtausend Mark, die für mich auf der Reichsbank liegen, soll ein Drittel an Frau Doktor Brandt gegeben werden, damit sie es nach ihrem Gutdünken für die Armen verwende; ein zweites an Herrn Pfarrer Römer zu demselben Zweck; das letzte soll mein Diener Zunz haben, der mir seit meinen Studentenjahren mit unwandelbarer Treue ergeben gewesen ist. Für Elise Schulz in der Maison de santé wird meine liebe Tante Adele Sorge tragen; ebenso für mein Begräbnis, das sie ganz nach ihrem Gutdünken anordnen mag. Sie, mein verehrter, alter Freund, bitte ich, über die Ausführung dieses meines letzten Willens zu wachen. Er kuvertierte das Blatt und schrieb die Adresse an den Justizrat. Zunz kam herein, zu fragen, ob der Herr Graf denn nicht zur Nacht essen wolle? Nein, Zunz, ich habe vor lauter Müdigkeit keinen Hunger. Sie werden auch müde sein. Dazu müssen Sie morgen sehr früh heraus: um halb fünf. Ich habe mit meinem Vetter eine Partie in den Grunewald vor. Er wird mich abholen. Werde ich den Herrn Grafen begleiten? Ich glaube nicht, Zunz; aber Sie können sich immerhin darauf einrichten. Sehr wohl, Herr Graf. Soll ich den Rosen nicht noch frisches Wasser geben? Sie sind sonst morgen verwelkt; und der Herr Graf hatten heute so große Freude daran. Ja, Zunz, die hatte ich: große, große Freude. Aber lassen Sie sie nur, wie sie sind. Sie haben doch nur geblüht, um zu verwelken. 485 Das kam so sonderbar, als ob der Herr Graf weinte, während er es sagte. Zunz konnte sein Gesicht nicht sehen: er hatte es in den Rosenstrauß gedrückt. * * * Am nächsten Morgen gegen neun Uhr wurde vor der Klinik des Doktor Brandt in der Nettelbeckstraße unter seiner Aufsicht ein Schwerverwundeter aus einem Krankenwagen gehoben und ins Haus getragen. Eine halbe Stunde später kamen zwei, bereits von Station Grunewald aus telegraphisch gerufene, berühmte Chirurgen. Sie konnten nach langwieriger, überaus schwieriger Untersuchung den Befund, welchen die beiden jungen Kollegen, soweit es in der Eile möglich gewesen, festgestellt, nur bestätigen: eine Extraktion der Kugel völlig ausgeschlossen; letaler Ausgang unvermeidlich; nach vierundzwanzig Stunden sicher, wahrscheinlich bereits früher; die Möglichkeit eines Collapsus, der jeden Augenblick eintreten könne, nicht ausgeschlossen. Der Untersuchung hatte Frau Doktor Brandt beigewohnt. Die beiden Berühmtheiten waren zu ihr von äußerster Zuvorkommenheit gewesen; hatten sie geradezu als Kollegin behandelt. Und an dem Sterbebette ihres Freundes schaffte Frau Brandt in ihrer stillen, sicheren Weise, Eisumschläge machend, Morphiuminjektionen, wenn die Schmerzen überhand nahmen, den blutigen Schaum abwischend, der von Zeit zu Zeit auf die Lippen trat. Der Kranke lag meistens still, ohne Besinnung. Nur ein und das andremal öffnete er die Augen, blickte, die an seinem Bette saß, verwundert an, bis er sie erkannte. Dann lächelte er und schloß die Augen wieder. Ein paarmal phantasierte er, immer dasselbe: Er flog über ein weites Meer nach einer schönen Insel, von der er ganz sicher war, sie müsse demnächst aus dem endlosen Schwall sich heben. Um sie dann endlich 486 auftauchen zu sehen im rosigen Morgenlicht. Aber nie erreichte er sie: denn plötzlich war sie wieder in der Wasserwüste versunken, und er weinte bitterlich. Meistens war er auf diesem Fluge allein; dann wieder schwebten geliebte Wesen neben ihm, die Frau Brandt daran unterscheiden konnte, daß die eine ihm stets weiße Lilien, die andre rote Rosen bot. Wenn die mit den Lilien bei ihm war, lag feierlicher Ernst auf seinem Gesicht; wenn die mit den Rosen, lächelte er wie ein Kind. Die beiden Berühmtheiten kamen und gingen, hatten sich noch eine dritte zugesellt. Sie waren erstaunt über vis resistentiae des Patienten. Nach der Wissenschaft hätte er am Morgen des zweiten Tages tot sein müssen; der Abend des dritten war da, und er lebte noch. Die Verwandten und Freunde kamen und gingen. In das Krankenzimmer freilich wurde niemand gelassen, mit Ausnahme von Tante Adele. Aber auch ihr hatte man diesen Vorzug nur einmal gönnen können: sie war völlig außer Stande gewesen, ihren Jammer zu beherrschen. Die Fürstin, obgleich sofort unterrichtet, konnte Falkenburg nicht verlassen; auch Friederike nicht. Gisela, der Miß Lionel, ohne sie irgend vorzubereiten, die Kunde von Wilfrieds schwerer Verwundung überbracht hatte, und daß keine Hoffnung für sein Leben sei, war mit einem herzzerreißenden Schrei zusammengebrochen und lag seitdem in einem lethargischen Zustand, der das Schlimmste befürchten ließ. Erst jetzt zeigte sich, wie viele Freunde Wilfried besaß, besonders in der ausländischen Diplomatie, deren Salons er freilich immer besonders gern aufgesucht. Fast keine Botschaft, oder Gesandtschaft, die sich nicht zweimal des Tages nach dem Befinden des Herrn Grafen erkundigen ließ. Aber auch sonst bei dem Adel und vorzüglich im Offizierkorps war die Teilnahme eine sehr rege. Es schien, daß Bronowski wenig beliebt war und man sein Vorgehen allgemein mißbilligte. Man hätte den Grafen, als er nach seiner socialdemokratischen Eskapade, die man doch am Ende 487 überhaupt nicht ernst nehmen und als Extravaganz eines geistreichen Kopfes wohl verzeihen konnte, offenbar reuig zurückkehrte, mit offenen Armen empfangen sollen, anstatt ihm mit der Pistole in der Hand entgegenzutreten. Und dann hatte sich – aus fast sicherer Quelle – das Gerücht verbreitet, der Major habe sich noch am Tage des Duells, dessen tötlicher Ausgang für seinen Gegner bereits entschieden war, mit Frau von Haida, die der Preis des Sieges gewesen, verlobt. Die milder Denkenden nannten das »mindestens sehr unvorsichtig«; die strenger Urteilenden »brutal«; einige sogar: »positiv schandbar«. Allgemein war die Annahme, es werde aus diesem Duell eine ganze Reihe anderer hervorgehen und Bronowski schwerlich seines Triumphes froh werden. Um so weniger, als man höheren Ortes über den ganzen Handel sehr ungnädig war. Man hätte dem Grafen wenigstens Zeit lassen müssen, einen auch ferner Stehenden einleuchtenden Beweis seiner Reue zu geben. Es war in der dritten Nacht. Frau Brandt allein mit dem Kranken. Am Abend waren die Berühmtheiten dagewesen: es könne wohl bis zum Mittag des nächsten Tages dauern. Frau Brandt hatte ihre Überzeugung, ihr Kranker werde den nächsten Morgen nicht erleben. Ihr Kranker! keines sonst! Sie hatte ihren Platz am Bett von der ersten Stunde an behauptet trotz des abmahnenden Kopfschüttelns der Berühmtheiten, der Vorstellungen und Bitten ihres Mannes. Unweigerlich hatte sie in ihrer Weise, gegen die kein Widerspruch aufkam, geantwortet: Laßt mich! Er gehört mir. Und so saß sie wieder bei ihm in der stillen Nacht. Es ging auf drei. Durch die offenen Fenster kam das erste Morgengrau. Der Kranke ließ ihr keine ruhige Minute: ein beständiges Zucken ging durch seine Glieder; den Kopf wandte er auf dem Kissen hin und her. Plötzlich lag er still mit einem seltsamen Ausdruck auf 488 dem wachsbleichen Gesicht, wie eines, der etwas Großes erwartet. Seine Insel! murmelte Frau Brandt. Keiner würde die tonlosen, abgerissenen Worte verstanden haben, die nun über die blassen Lippen kamen – sie verstand sie; sie hatte so oft in diesen Tagen mit ihm den Flug gemacht übers Meer nach der glückseligen Insel, die sich nicht erreichen ließ. Diesmal mußte er sie erreicht haben. Einen leisen Jubelruf ausstoßend, hatte er sich halb aufgerichtet, umsonst versuchend, die Arme zu heben. Dann fiel sein Kopf hintenüber. Langsam sank der Oberleib auf das Kissen zurück. Keine Spur des ausgestandenen Leides auf dem schönen Gesicht. Seliger Friede. Die Freundin drückte dem Toten sanft die Augen zu und küßte innig seine Stirn: Leb wohl, Du goldene Seele! * * * Das Begräbnis hatte auf dem Matthäikirchhof stattgefunden unter einer Begleitung, für die sich die Leichenhalle viel zu klein erwies. Auf dem Platze vor der Halle, bis weit hinein hatten die Leidtragenden gestanden. Falko, der die Honneurs machte, hatte seine ganze Gewandtheit aufbieten müssen, den angesehensten Personen Platz in der Halle und den Damen womöglich Sitze zu verschaffen, in erster Reihe seiner Mutter, Ebba, seiner Else und Chlotilden, die von Dortmund sofort gekommen war und in ihrer Trauerrobe mit dem bethränten Gesicht madonnenhaft schön aussah. Neben der prachtvollen Erscheinung nahm sich Frau Römer, die der Zufall an ihre Seite gebracht, in ihrem dürftigen schwarzen Kleidchen fast kümmerlich aus. Sie entschuldigte ihren Gatten, der wieder einmal auf der Reise sei; sie werde für ihn mit beten und 489 für ihre Kinder und für eine arme Kranke, an der der Verstorbene bewiesen, wie treu er trotzdem den Herrn Jesu im Herzen getragen. Falko wußte nicht, was die gute Frau damit sagen wollte. Er hatte auch nur mit halbem Ohr hingehört; er mußte Tante Adele, die, als die Hauptleidtragende, zuletzt gekommen war, zu ihrem Platz unmittelbar an dem mit Kränzen und Blumen verdeckten Sarge begleiten. Wer, wie die Freunde, Tante Adele seit undenklichen Zeiten nur in ihren weißen, griechischen Gewanden gesehen, hätte sie heute in den schwarzen kaum wiedererkannt. Dazu die ganz andere Haltung, der gewandelte Ausdruck des Gesichtes. Trotzdem sie sich sichtlich mühte, die angewohnte Würde zu wahren, brach sie, während Falko sie zu ihrem Sitz geleitete, ein paarmal fast zusammen, so daß der junge Mann sie beinahe tragen mußte; die klassischen Züge hatte der Gram seltsam entstellt: die Muse und Heroine war in den wenigen Tagen eine alte, gebrechliche, krampfhaft schluchzende Frau geworden. Der Sarg war in die Gruft gesenkt; Tante Adele von Falko zu ihrer Equipage begleitet; neben ihr hatte Frau Brandt Platz nehmen müssen. Tante Adele wollte sie, die Wilfried so treu gepflegt, nicht von ihrer Seite lassen. Hinter ihrem Wagen her löste sich nur mühsam das Gewirr der andern, die auf dem kleinen Platze vor dem Kirchhof aufgefahren waren. Man hatte bereits eine lange Strecke bis zur Viktoriastraße zurückgelegt und noch hatte Frau Brandt kein Wort gesprochen. Ihre Seele war voll Bitterkeit. Man hatte ihr ihren Toten rauben wollen. Dieser prahlerische Begräbnispomp; all diese Menschen mit ihrer Trauerheuchelei, während sie an Gott weiß was anderes dachten; dieser Prediger, der, offenbar ohne Ahnung von Wilfrieds wahrem Wesen, eine lange Rede gehalten, die auf tausend, in der Blüte ihrer Jahre vom Tode dahingeraffte, 490 vornehme Männer mehr oder weniger paßte – alles und alle hatten es gewollt. Und diese Frau Geheimrat, diese Tante Adele, die sich seine Mutter nannte, jammernd, daß die Sonne ihres Lebens nun für immer gesunken, der Rest ihres Lebens nur noch Trauer um den Verlorenen sei. Und jetzt, wo ihn kaum die Erde deckte, von der Pracht des Monuments schwärmte, das sie auf dem Grabe ihres Lieblings errichten wollte, mit sich noch nicht ganz einig, ob sie auf den Sockel – in goldenen Lettern – nur den Anfang des Chors der Engel: »Gerettet ist das edle Glied« setzen lassen werde, oder die ganze Strophe, damit »die Liebe, die von oben teilgenommen« auch zu Wort komme – Frau Brandt konnte es kaum noch anhören. Und als die Frau Geheimrat mit einem jener genialen plötzlichen Übergänge, in denen sich ihre Rede mit Vorliebe zu bewegen schien, plötzlich zu wissen verlangte, was sie denn nun nach ihres Wilfrieds Heimgang mit ihrem Vermögen beginnen solle, richtete sie sich aus ihrer Ecke auf und sagte in ihrer nüchternsten Weise: Machen Sie damit, was er damit gemacht hätte! Es ist das schönste Denkmal, das Sie ihm errichten können: geben Sie es den Armen!   Ende.