Stendhal Eine Geldheirat Inhalt Der Liebestrank Philibert Lescale Ernestine, oder die Entstehung der Liebe Der Jude Eine Geldheirat Vanina vanini Mina von Wangel Erinnerungen eines römischen Edelmannes Die Truhe und das Gespenst Der Ruhm und der Buckel oder der Weg ist glitschig Eine Unterhaltung zwischen elf und Mitternacht Anmerkungen des Herausgebers Der Liebestrank In einer dunklen regnerischen Nacht des Sommers 182* kam der junge Leutnant Liéven vom 96. Regiment, das in Bordeaux steht, aus dem Kaffeehause. Er hatte sein gesamtes bares Geld verspielt, und da er ein armer Schlucker war, so ärgerte er sich über seine Torheit. In dieser Stimmung schritt er – es mochte etwa zwei Uhr sein – durch die Stille einer der ödesten Gassen des Stadtviertels Lormond, als er plötzlich Lärm hörte. Krachend flog eine Haustür auf; ein menschliches Wesen stürzte heraus und fiel ihm gerade vor die Füße. Es herrschte aber eine derartige Stockdunkelheit, daß er sich alle diese Vorgänge nur aus den Geräuschen zusammenreimen konnte. Die zu vermutenden Verfolger der Person blieben offenbar im Hause zurück, weil sie die Tritte des Vorüberkommenden vernommen hatten. Der Offizier lauschte einen Augenblick. Er hörte Stimmengeflüster hinter der Türe; indessen zeigte sich niemand. Der ganze Vorfall war ihm widerwärtig, dennoch hielt er es für seine Pflicht, dem am Boden liegenden Menschen aufzuhelfen. Jetzt erst nahm er wahr, daß dieser nur ein Hemd anhatte, und trotz der tiefen Dunkelheit kam es ihm vor, als erkenne er langes aufgelöstes Haar. Es war also ein weibliches Wesen. Das war eine Entdeckung, die dem Leutnant durchaus nicht behagte. Es war der Wiederaufgerichteten sichtlich nicht möglich, ohne fremde Hilfe zu gehen. Abermals mußte sich der Offizier die Pflichten der Menschlichkeit vorhalten. Am liebsten wäre er auf und davon gelaufen. Er überdachte, welche Unannehmlichkeiten er am morgigen Tage auf dem Polizeiamte haben werde. Wenn seine Kameraden von der Geschichte erführen, war er ihren Witzen ausgesetzt. Am Ende konnte gar ein ironischer Bericht in die Tageszeitungen kommen. »Ich werde das Frauenzimmer vor die nächste Haustüre setzen«, nahm er sich vor. »Dann klingle ich und mache mich schleunigst aus dem Staube.« Schon war er im Begriff, dies auszuführen, da hörte er, daß die Aufgefundene auf Spanisch etwas sagte. Von dieser Sprache verstand er keine Silbe. Aber vielleicht gerade darum erwuchs ihm aus den wenigen bedeutungslosen Worten, die ihm ins Ohr drangen, ein märchenhaftes Hirngespinst. Mit einem Male dachte er nicht mehr an die Polizei noch an sonst welche mißlichen Dinge. Die Wahrscheinlichkeit war, daß er eine von Trunkenbolden mißhandelte Dirne vor sich hatte; aber seine Phantasie zauberte ihm die romantische Pforte zu einem seltsamen Liebesabenteuer vor. Liéven stützte Leonore – so hieß die junge Frau – und sagte ihr ein paar Trostworte. »Hoffentlich ist sie nicht mordshäßlich«, dachte er dabei im stillen. Dieser Zweifel gab ihm seine Besonnenheit zurück. Seine romanhaften Ideen verflogen. Jetzt machte er tatsächlich den Versuch, die Unglückliche an der nächsten Türschwelle sitzen zu lassen. Aber darauf ließ sich die Fremde nicht ein. »Nehmen Sie mich noch ein Stück mit!« bat sie mit einem stark fremdländischen Akzent. »Haben Sie etwa Angst vor Ihrem Manne?« fragte er. »Nein, nein! Ich bin meinem Manne davongelaufen, meinem Mann, der mich anbetete, meinen von aller Welt geachteten Mann, um zu meinem Geliebten zu gehen. Der hat mich auf das Roheste behandelt, nicht mein Mann ....« Bei diesen Worten vergaß der Offizier vollends das Polizeiamt und die etwaigen unangenehmen Folgen eines fragwürdigen Abenteuers. »Man hat mich ausgeplündert, Herr Leutnant«, fuhr Leonore alsbald fort. »Aber ich merke eben, daß mir dieser Ring mit einem kleinen Diamanten verblieben ist. Zweifellos würde ich in irgendeinem Gasthof Aufnahme finden. Nur fürchte ich, dort zum Gespött zu werden, denn ich muß Ihnen gestehen: ich habe nichts auf dem Leibe als mein Hemd. Wenn Zeit dazu wäre, würde ich Sie auf den Knien bitten, mich aus Barmherzigkeit irgendwo anders unterzubringen und mir von der ersten besten Frau ein abgetragenes altes Kleid zu kaufen. Sobald ich nur halbwegs etwas anhabe, geleiten Sie mich bis zur Tür einer kleinen Herberge. Weiter will ich Ihre edelmütige Hilfe dann nicht in Anspruch nehmen. Jetzt aber bitte ich Sie herzlich: lassen Sie eine Unglückselige nicht im Stich!« Alles das brachte sie in mangelhaftem Französisch vor. »Gnädige Frau«, sagte der junge Offizier in einem Tone, der ihr Mut machte. »Ich will alles tun, was Sie wünschen. Zunächst ist es für uns beide die Hauptsache, daß wir keiner Patrouille in die Arme laufen, die nicht von meinem Regiment ist. Mein Name ist Liéven, Leutnant bei den 96ern. Wenn man uns auf die Wache brächte, müßten wir bis zum Morgen dort verbleiben – und morgen amüsiert sich ganz Bordeaux über uns.« Er spürte, wie Leonore, der er seinen Arm gereicht hatte, erbebte. »Sie fürchtet sich vor einem Skandal«, dachte er bei sich. »Das spricht für sie.« Und laut fügte er hinzu: »Ziehen Sie, bitte, meinen Mantel an. Ich werde Sie zu mir führen.« »Du mein Gott!« stöhnte sie. Er redete ihr zu: »Gnädige Frau, ich werde kein Licht anstecken. Das verspreche ich Ihnen bei meiner Ehre. Sie sollen unumschränkte Herrin meines Zimmers sein. Ich selbst werde sofort wieder fortgehen und erst morgen früh um sechs Uhr wiederkehren. Das muß ich allerdings unbedingt, denn um diese Zeit kommt mein Bursche. Der wäre imstande, so lange an die Tür zu klopfen, bis ihm aufgemacht wird ... Seien Sie unbesorgt, Sie haben es mit einem Ehrenmanne zu tun.« Bei sich dachte er noch: »Ob sie wohl hübsch ist?« Vor seinem Hause angelangt, schloß er die Haustür auf. Wo die Treppe begann, stolperte die Fremde, der es schwer fiel, sich im Dunkeln an einem ihr neuen Orte zurechtzufinden. Beim Hinauftappen flüsterten die beiden. Im ersten Stock erschien die Wirtin, keine unüble Frau, in ihrer Türe, eine kleine Lampe in der Hand. »Schämen Sie sich nicht, ein Weibsbild in mein Haus mitzubringen!« zeterte sie. Liéven blies ihr rasch das Licht aus. »Ruhe, Frau Saucède!« gebot er ihr. »Oder ich ziehe morgen früh aus. Sie sollen zehn Franken bekommen, wenn Sie keinem Menschen etwas erzählen. Ich werde gleich wieder gehen.« Leise flüsterte er ihr noch zu: »Es ist die Frau Oberst!« Im Scheine des Lichts hatte er einen flüchtigen Blick auf seine Begleiterin geworfen und ein wunderschönes Gesicht erblickt. Die Stube des Leutnants lag im zweiten Stock. Beim Aufschließen der Türe zitterte Liéven die Hand. »Ich bitte einzutreten, gnädige Frau!« sagte er zu der Frau im Mantel und Hemd. »Drinnen auf dem Tische finden Sie Streichhölzer. Zünden Sie sich den Leuchter an! Dann schließen Sie die Türe von innen. Ich betrachte Sie als meine Schwester ... Und, wie gesagt, früh um sechs komme ich wieder. Die nötigen Kleider bringe ich Ihnen mit.« »Jesus Maria!« rief die schöne Spanierin. Der junge Mann ging. Als er am andern Tage an der Tür klopfte, fühlte er sich tollverliebt. Er hatte seinen Burschen vor dem Hause abgelauert, damit die Fremde nicht zu zeitig geweckt werde. Sodann hatte er ihr in der Nachbarschaft ein Stübchen gemietet und die nötigen Kleider sowie einen Hut besorgt. Leonore kam an die Türe, öffnete aber nicht. »Wenn Sie befehlen, werde ich Sie nie sehen!« sagte er ihr durch die Türe. »Sie sind ein edler Mensch«, war die Antwort. »Aber ich bitte Sie doch, die Kleider, die Sie mir so gütig bringen, vor der Türe niederzulegen. Wenn Sie gegangen sind, hole ich mir alles herein.« »Leben Sie wohl, gnädige Frau!« sagte Liéven und schickte sich an wieder zu gehen. Bei all ihrem Kummer war Leonore entzückt über diesen prompten Gehorsam. Fast im Tone vertrauter Freundschaft sagte sie darauf: »Wenn Sie können, Herr Leutnant, so kommen Sie in einer halben Stunde wieder!« Als er sich wieder einstellte, fand er in der Tat eine bildschöne Frau, wie er noch nie in seinem Leben einer gleichen begegnet war. Seine Freude stieg ins Grenzenlose. Entzückt schaute er ihre Arme, ihren Hals, ihre Hände, und vor allem ihre großen schwarzen sprechenden Augen. Es funkelte Energie in ihnen, ungewöhnliche harte Energie. Es lag etwas Unerbittliches in ihnen, nur durch Leid und Verzweiflung etwas gemildert. Das Alter der jungen Frau schätzte er auf höchstens zwanzig Jahre. Liéven war ein junger Mann aus guter Familie, der sich noch zwingen mußte, vor Frauen, in die er verliebt war, Mut zu haben. Er war also voll Ehrerbietung und machte in seinem armseligen Hauswesen die Honneurs so gut er nur konnte. Keins von beiden sagte etwas. Aber die unverhohlene große Bewunderung des jungen Offiziers bereitete Leonoren bei ihrem Herzeleid Vergnügen. »Sie sind mein Wohltäter«, begann sie endlich. »Und ich hoffe, trotz Ihrer und meiner Jugend bleiben Sie zu mir so ritterlich wie bisher.« Der maßlos verliebte Offizier stotterte ein paar sinnlose Worte, aber er bewahrte so viel Selbstbeherrschung, daß er sich das Glück versagte, offen von seiner Liebe zu reden. Übrigens lag in Leonorens Augen etwas so Gebieterisches, und trotz ihrer ärmlichen Kleidung war ihre Vornehmheit so unverkennbar, daß er schon dadurch zur Besonnenheit ermahnt ward. »Es geschieht mir schon recht«, schalt er sich. »Ich bin ja immer der größte Narr der Welt!« Er ergab sich seiner Schüchternheit und verlor sich in die himmlische Wollust, Leonore anzuschauen, ohne etwas dabei zu sagen. Es war das beste, was er tun konnte; denn dieses Verhalten beruhigte die schöne Spanierin allmählich. Es war freilich sehr drollig, wie die beiden einander so schweigsam anblickten. Nach geraumer Zeit geleitete Liéven Leonore nach dem Zimmer, das er für sie gemietet hatte. Seine Erregung, aber auch sein Glück, verdoppelte sich, als sie zu ihm sagte: »Wie wird das enden?« Mit dem höchsten Ungetüm erklärte er ihr: »Um Ihnen einen Dienst zu erweisen, ginge ich durchs Feuer! Ich habe das Zimmer übrigens auf den Namen von Frau Leutnant Liéven gemietet. Sie gelten somit für meine Frau.« »Für Ihre Frau?« unterbrach sie ihn fast ärgerlich. »Entweder mußte ich so sagen oder Sie müßten sich ausweisen können. Haben wir einen Paß? Nein!« Dieses wir bereitete ihm innige Freude. Er hatte der Unbekannten hundert Franken für den Ring eingehändigt, den sie ihn zu verkaufen gebeten hatte. So viel war er ungefähr wert. Als das Frühstück gebracht wurde, bat sie ihn, sich mit an den Tisch zu setzen. Nach dem Frühstück sagte sie zu ihm: »Sie haben sich mir sehr hochherzig erwiesen. Verlassen Sie mich jetzt gütigst! Ich werde Ihnen immerdar von Herzen dankbar sein.« »Ich gehorche Ihnen«, erwiderte Liéven und erhob sich. Das Herz stand ihm still. Mit einem Male wurde die Fremde nachdenklich. Da sagte sie: »Bleiben Sie! Sie sind noch sehr jung, aber schließlich bedarf ich eines Beschützers. Wer weiß, ob ich noch einmal einen so ritterlichen Mann finde. Sollten Sie übrigens Gefühle für mich hegen, auf die ich keine Rechte mehr habe, so dürfte die Erzählung meines Vergehens Ihre Verehrung rasch zerstören und jede Teilnahme an mir Verworfenen in Ihnen töten. Ich bin die schlimmste Sünderin, noch dazu eine, die ihre Schuld niemandem zuschieben kann. Ich darf mich über keinen Menschen beklagen, am wenigsten über Don Gui Ferrandez, meinen Mann. »Hören Sie mich an! »Mein Mann ist einer jener unglücklichen Spanier, die vor zwei Jahren hier in Frankreich Zuflucht gesucht haben. Wir sind beide aus Cartagena. Er sehr reich, ich blutarm. Am Abende vor meiner Hochzeit sagte er mir unter vier Augen: ›Ich bin mehrfacher Millionär und meine Liebe zu dir ist die tollste Leidenschaft meines ganzen Lebens. Wäge und wähle! Wenn ich dir als Gatte zu alt bin, so will ich deiner Familie gegenüber alle Schuld des Bruches auf mich nehmen.‹ Das war vor vier Jahren. Ich war fünfzehn Jahre alt und hatte nichts im Sinne als den Kummer darüber, daß die Meinen durch die Revolution der Cortes in tiefe Armut geraten waren. Ich liebte meinen Bräutigam nicht, aber ich heiratete ihn. »Wahrscheinlich haben Sie geglaubt, als Sie mich heute nacht halbnackt in einer so armseligen Gasse fanden, Sie erbarmten sich einer Dirne. Ach, ich bin viel schlechter als das. Ich bin eine Verbrecherin. »Kaum war ich Don Guis Frau, als seine Eifersucht mehr und mehr zutage trat. Zunächst hatte er ja keinen Anlaß, aber offenbar ahnte er die Möglichkeit. Er ahnte meine Verderbnis. Ich war so töricht, mich über den Argwohn meines Mannes zu ärgern. Meine Eigenliebe war verletzt. Ach, ich Unglückliche!« Sie brach in Tränen aus. »Und wenn Sie sich auch der größten Verbrechen beschuldigen,« sagte Liéven, »ich bleibe Ihnen ergeben immerdar bis in den Tod. Wenn wir polizeiliche Verfolgung zu erwarten haben, so sagen Sie mir das rasch, damit ich Ihnen unverzüglich alles zur Flucht vorbereiten kann.« »Flucht?« wiederholte sie. »Wie soll ich durch dieses Land kommen, dessen Sitten und Gebräuche ich nur mangelhaft kenne, dessen Sprache ich nur radebreche, wie Sie hören? Dies und andre Dinge müssen mich verraten. Der erste Schutzmann, der meinen Paß sehen will, wird mich verhaften. Ohne Zweifel sucht mich die hiesige Polizei bereits. Mein Mann wird eine hohe Belohnung ausgesetzt haben, damit man mich findet. Lassen Sie mich, Herr Leutnant! Gehen Sie!« Aber nach einem Moment des Zögerns fuhr sie fort: »Ich will noch freimütiger mit Ihnen reden. Ich bete einen Andern an. Einen Mann, der nicht mein Gatte ist. Und was für einen Mann! Einen Unmenschen, den Sie verachten würden. Er hat schlecht an mir gehandelt. Aber er braucht mir nur ein einziges Wort der Reue zu sagen, so fliege ich in seine Arme, nein, nein: so liege ich zu seinen Füßen! »Sie haben mich nicht danach gefragt, aber in meiner Schmach und Schande will ich wenigstens meinen Wohltäter nicht belügen und betrügen. Ich achte Sie, ich bewundere Sie, ich bin voll inniger Dankbarkeit zu Ihnen. Aber niemals könnte ich Sie lieben!« Liéven wurde sehr traurig. Schließlich sagte er tonlos: »Gnädige Frau, deuten Sie die Traurigkeit, die mit einem Male mein Herz ergriffen hat, nicht falsch! Ich denke nicht daran, Sie im Stiche zu lassen. Ich überlege mir nur, wie wir den Nachforschungen der Polizei am besten entgehen können. Am sichersten scheint mir: Sie bleiben vorläufig hier in Bordeaux versteckt. Nach einiger Zeit aber werde ich Ihnen eine Schiffskarte verschaffen, und zwar sollen Sie an Stelle einer Dame reisen, die Ihnen gleichaltrig ist ... wenn sie auch nicht so schön ist wie Sie ...« Als er dies sagte, hatten seine Augen alles Feuer verloren. Leonore fuhr fort zu erzählen: »Don Gui Ferrandez wurde der Partei verdächtig, die Spanien vergewaltigt. Eines Tages verließen wir zu Schiff Cartagena und all unsere Liegenschaften. Trotzdem ist mein Mann immer noch sehr reich. Er besitzt hier in Bordeaux, wo er sein Geschäft weiterführt, ein prächtiges Haus. Aber wir leben gänzlich für uns. Mein Mann wünscht durchaus nicht, daß ich geselligen Umgang suche. Seit den letzten zwei Jahren schützt er politische Gründe vor. Er dürfe nicht mit Liberalen verkehren. Ich habe seitdem keine zwei Besuche gemacht. Ich kam vor Langerweile beinahe um. Mein Mann ist ein anständiger großmütiger Mensch. Nur mißtraut er aller Welt. Er ist ein fürchterlicher Schwarzseher. »Zu unserm Unglück gab er vor etwa einem Vierteljahr meiner Bitte nach, eine Loge im Variété zu mieten. Er wählte die ungünstigste, die Proszeniumsloge, damit ich den Blicken der jungen Herren im Zuschauerraum entzogen wäre. Man sieht von ihr aus fast nur die Bühne. Unter anderem trat eine neapolitanische Voltigeurtruppe auf .... Ach, wie werden Sie mich verachten!« »Gnädige Frau«, entgegnete Liéven, »ich höre Ihnen aufmerksamst zu, aber ich denke dabei eigentlich nur an mein eigenes Leid. Der, den Sie lieben, der ist glücklicher als ich.« »Jedenfalls haben Sie von dem berühmten Mayral gehört ...«, fuhr Leonore mit niedergeschlagenen Augen fort. »Dem spanischen Kunstreiter?« fragte Liéven erstaunt. »Gewiß, ganz Bordeaux ist zu ihm hingelaufen. Ein geschickter und schmucker Bursche!« »Ja, und ich bildete mir ein, er sei auch kein gemeiner Mensch. Wenn er seine Kunststücke am Pferde zeigte, schaute er unverwandt zu mir hin. Wir besuchten die Vorstellung öfters. Eines Tages, als mein Mann gerade hinausgegangen war, trat er dicht an meine Loge und sagte auf spanisch: ›Ich bin Kapitän der Armee des Marquesito. Ich bete Sie an!‹ »Von einem Kunstreiter geliebt zu werden, das ist etwas Abscheuliches. Aber es ist eine Schande, dies nicht als abscheulich zu empfinden. In den nächsten Tagen gewann ich es über mich, das Theater zu meiden. Ich war tief unglücklich. »Eines Tages sagte meine Kammerjungfer zu mir: ›Gnädige Frau, Herr Ferrandez ist ausgegangen. Dieser Brief ist für die gnädige Frau abgegeben worden.‹ Es war ein Liebesbrief von Mayral. Er erzählte mir seine Lebensgeschichte. Er sei ein armer Offizier, durch Not gezwungen, als Artist aufzutreten. Mir zuliebe wolle er dies Handwerk aber gern aufgeben. Sein wahrer Name sei Don Rodrigo Pimentel. »Von neuem besuchte ich das Variété . Ich glaubte an Mayrals Leidensgeschichte. Ich las seine Briefe voll Entzücken. Schließlich schrieb ich ihm auch welche. Ich habe ihn leidenschaftlich geliebt, so leidenschaftlich, daß mich nichts ernüchtern konnte, selbst die traurigsten Entdeckungen nicht ...« Wiederum begann Leonore heftig zu weinen. »Ich sehnte mich danach, mit ihm sprechen zu können. Einen Argwohn hatte ich freilich. Wenn er wirklich Offizier vom Korps des Marquesito gewesen wäre, so hätte er stolzer und selbstbewußter sein müssen. Er schrieb mir mehrfach, er fürchte, daß ich ihn nicht ernst nähme, da er nur ein armer Kunstreiter sei. »Vor etwa acht Wochen bekam mein Mann die Nachricht, eins seiner Schiffe sei bei Royan an der Strommündung festgefahren. Sofort entschloß er sich, am nächsten Tage an Ort und Stelle zu reisen. Abends im Theater machte ich Mayral ein längst verabredetes Zeichen. Daraufhin holte er sich, während wir noch in der Loge saßen, bei unsrer Pförtnersfrau, die von ihm bestochen war, einen Brief, den ich dort niedergelegt hatte. Als er dann auftrat, sah ich, daß er voller Freude war. Ich hatte die Schwachheit gehabt, ihm zu schreiben, daß ich ihn in der nächsten Nacht in einem nach dem Garten zu gelegenen Zimmer des Erdgeschosses erwartete. »Mein Mann fuhr gegen Mittag mit dem Dampfschiff nach Royan. Es war ein heißer Tag, mitten im Hochsommer. Abends erklärte ich meiner Kammerjungfer, ich wolle im Erdgeschoß, im Schlafzimmer meines Mannes, schlafen. Dort merke man die gräßliche Hitze nicht so sehr. »Es war gegen ein Uhr nachts. Ich lauerte auf Mayral. Da klopfte es plötzlich stark gegen die Tür. Es war mein Mann. Auf halbem Wege nach Royan hatte er sein Schiff erblickt, das ruhig die Gironde hinauf nach Bordeaux zu steuerte. »Mein Mann trat in das Zimmer, merkte aber nichts von meinem Schrecken und meiner Verwirrung. Er lobte nur meinen guten Einfall, das kühlere Zimmer zum Schlafen gewählt zu haben, und legte sich neben mich zur Ruhe. »Stellen Sie sich meine Aufregung vor. Zum Unglück war auch noch Vollmond. Es dauerte keine Stunde, als ich Mayral draußen im Garten kommen hörte. Die Fenstertür des anstoßenden Kabinetts stand offen. Ich hatte vergessen, sie nach der überraschenden Ankunft meines Mannes zu schließen. Ebenso war die Tür vorm Kabinett in das Schlafzimmer weit auf. »Es war hell wie am Tage. Ich höre, wie Mayral das Kabinett betritt. Schon steht er dicht am Bett, an der Seite, wo ich liege. Zum Glück sagt er kein Wort. Ich mache mit dem Kopf ein Zeichen. Mehr wage ich an der Seite eines eifersüchtigen Gatten nicht. »Es mißlingt mir, Mayral begreiflich zu machen, daß unerwartet ein Zwischenfall eingetreten ist. Endlich aber sieht er, daß neben mir jemand schläft. Er zieht den Dolch. »Vor Schreck fahre ich in die Höhe. Mayral flüstert mir ins Ohr: ›Ihr Liebster! Ich verstehe. Ich komme zur rechten Zeit. Oder wollten Sie sich den Spaß machen, einen lumpigen Voltigeur zum Narren zu haben? Passen Sie auf! Dem Kerlchen da werde ich's besorgen!‹ – ›Es ist mein Mann!‹ beteuerte ich und hielt ihm die Hand fest. – ›Ihr Mann? Den habe ich doch mittags in das Dampfschiff nach Royan einsteigen sehen. Unsereiner ist nicht so blöd, alles zu glauben. Steh jetzt auf und komm mit in das Kabinett nebenan! Ich will es! Sonst wecke ich das Murmeltier da. Dann werde ich ja gleich wissen, wer es ist. Ich bin stark und behend und habe einen Dolch. Wenn ich auch nur ein armseliger Gaukler bin, werde ich ihm doch beibringen, welch übel Ding es ist, mich zum Narren zu halten. Ich muß dich haben. Zum Donnerwetter! Dann ist er der Geprellte.‹ – In diesem Augenblick wachte mein Mann auf. Schlaftrunken fragte er: ›Wer sagt da, er müsse dich haben?‹ – Mayral hatte sich neben mich in das Bett gelegt und hielt mich fest umschlungen. Bei meines Mannes halbwacher Bewegung duckte er sich aber vorsichtig nieder. Ich reckte einen Arm aus, als sei ich durch die Worte meines Gatten erwacht, und sagte ihm allerlei, woraus Mayral merkte, daß es wirklich mein Mann und kein zweiter Liebhaber war. Endlich schlief Gui wieder ein. Er glaubte geträumt zu haben. Ich versprach Mayral alles, was er wollte. Sein blanker Dolch lag auf dem Bette und funkelte im Mondenlichte. Mayral verlangte, ich solle mit ihm in das Kabinett nebenan gehen. ›Ich glaube schon, es ist dein Mann. Aber eine alberne Rolle spiele ich trotzdem‹, knirschte er wütend. »Als ich ihm in das Kabinett folgen wollte, erwachte mein Mann von neuem, aber er faßte nicht den geringsten Argwohn. Verliebt, wie er allezeit in mich war, küßte und liebkoste er mich und schloß mich in seine Arme. »Mayral, der im Kabinett stand und lauschte, bildete sich ein, mehr aus gekränkter Eitelkeit denn aus Liebe, ich hätte ihn nur hergelockt, damit er Zeuge der Liebkosungen meines Mannes sein sollte. Jeden Augenblick dachte ich, er müsse mit dem Dolche in der Hand ins Gemach treten und meinen Mann ermorden. Er ist zu allem fähig. »Erst nach einer Stunde ging er. Ehe er im Garten verschwand, stieß er aus Wut mit dem Dolchgriff eine der großen Scheiben der Fenstertüre des Kabinetts entzwei. »Ich erbebte. Mein Mann sprang aus dem Bett. Er fand nichts. Mayral war geräuschlos geflohen. »Ich schrieb Mayral mehrere Briefe. Er antwortete nicht. Ja, er würdigte mich im Variété keines Blickes ...« Sie hielt inne. »Gewiß ermüde ich Sie«, fuhr sie fort, in Gedanken verloren. »Sie sollen aber bis auf das Letzte wissen, wie verworfen und schlecht ich bin. »Vor acht Tagen kündete Mayrals Truppe ihre Abreise an. Ich war wahnsinnig verliebt in diesen Mann, der mich seit drei Wochen, seit dem Tage des verunglückten Stelldicheins in unserm Hause, nicht mehr beachtete und es unter seiner Würde hielt, mir auf meine Briefe zu antworten. Am vergangenen Montag lief ich nun dem besten aller Ehemänner weg. Ja, ich bestahl ihn noch, ich, die ich ihm kein bißchen Mitgift zugebracht hatte, nichts als mein treuloses Herz! Ich steckte die Diamanten ein, die er mir nach und nach geschenkt hatte, dazu aus seinem Schreibtische drei oder vier Rollen mit je fünfhundert Franken. Ich fürchtete, Mayral könnte sich verdächtig machen, wenn er Diamanten verkaufte ...« An dieser Stelle ihres Berichtes wurde Donna Leonora über und über rot. Liéven war bleich und fassungslos geworden. Jedes einzelne Wort von ihr drang wie ein Dolchstoß in sein Herz, und doch geschah es, in seltsamer Bizarrerie, daß die Liebe, die sein Herz durchglühte, mit jedem ihrer Worte mächtiger ward. Seiner nicht mehr Herr, erfaßte er Leonorens Hand. Sie entzog sie ihm nicht. »Was bin ich für eine niedrige Kreatur!« dachte er bei sich. »Ich bin selig, diese Hand halten zu dürfen, während Leonore offen von ihrer Liebe zu einem Andern mit mir spricht! Sie läßt mir ihre Hand aus Gleichgültigkeit oder aus Zerstreutheit. Ach, ich bin ein Mensch ohne das geringste Feingefühl!« Leonore erzählte weiter, gänzlich mit sich selbst beschäftigt: »Am letzten Dienstag, also vor vier Tagen, frühmorgens um zwei Uhr, bin ich entflohen. Am Abend vorher beging ich die Niederträchtigkeit, meinem Manne und dem Pförtner einen Schlaftrunk zu verabreichen ... In dem Haus, aus dem ich heute nacht stürzte, als Sie gerade vorbeikamen, wohnte Mayral. Als ich in jener Nacht zu ihm kam, fragte ich ihn: ›Glaubst du nun, daß ich dich liebe?‹ Ich war glückselig. Als ich ihm am andern Morgen meine Diamanten und mein Geld zeigte, entschloß er sich, seine Truppe zu verlassen und mit mir nach Spanien zu entfliehen. Aber du mein Gott! Ich merkte an seiner Unkenntnis gewisser Eigentümlichkeiten, die wir Spanier haben, daß er keiner war. Ich mußte mir sagen: Offenbar bin ich im Begriffe, mein Schicksal an das eines obskuren Artisten zu hängen. Pah! Was tut's? Wenn er mich nur liebt! Er ist nun einmal der Herr meines Lebens. Ich will seine Dienerin, sein treues Weib sein! Er soll seinen Beruf behalten. Ich bin jung. Wenn es sein muß, erlerne ich auch sein Handwerk. Wenn wir einmal nichts mehr verdienen, weil wir alt geworden sind, dann sterbe ich ihm zur Seite im Elend. Zu beklagen bin ich auch dann nicht. Denn ich habe gelebt und geliebt ... Toll war ich! Wahnsinnig! Pervers!« Liéven verteidigte sie: »Man darf nicht vergessen, daß Sie bei Ihrem altersschwachen Ehemanne vor Langerweile umkamen. Er ließ Sie ja nirgends hin. In meinen Augen rechtfertigt dies so manches. Sie sind erst neunzehn Jahre alt, er neunundfünfzig. Wie viele Frauen gibt es hierzulande, die hochgeachtet sind und doch viel Schlimmeres begangen haben – und in der Tiefe ihres Herzens keine so edelmütige Reue verspüren wie Sie!« Diese und ähnliche Redensarten schienen die schwerbedrückte Leonore sichtlich ein wenig zu erleichtern. Sie fuhr fort: »Drei Tage bin ich bei Mayral geblieben. Jeden Abend verließ er mich und ging in seine Vorstellung. Gestern abend sagte er zu mir beim Weggehen: ›Es wäre nicht unmöglich, daß die Polizei eine Hausdurchsuchung macht. Ich will deshalb dein Geld und deine Diamanten bei einem sicheren Freunde unterbringen.‹ Um ein Uhr nachts kam er heim, später als sonst. Ich hatte auf ihn gewartet und war vor Angst beinahe gestorben, daß er beim Voltigieren verunglückt sein könnte. Er gab mir einen Kuß, verließ aber mein Zimmer sehr bald wieder. Zu meinem Glück hatte ich die Kerze wieder angezündet, die er mir bei Weggang ausgeblasen hatte. Lange nachher, als ich bereits im Schlafe gewesen war, trat ein Mann an mein Bett. Ich merkte es sofort. Es war nicht Mayral. Ich griff nach meinem Dolch. Der Feigling bekam Angst, warf sich mir zu Füßen und bat mich um Erbarmen. ›Wenn Sie mir etwas tun,‹ jammerte er, ›so kommen Sie auf das Schafott!‹ Der Mensch widerte mich an. ›Mit was für Pack habe ich mich eingelassen!‹ sagte ich mir. Ich hatte genügend Geistesgegenwart, ihm zu erklären, daß ich in Bordeaux die besten Beziehungen hätte und daß ich ihn dem Staatsanwalt ausliefern würde, wenn er mir nicht sofort die volle Wahrheit eingestehe. ›Sehr gern‹, gab er mir zur Antwort. ›Ich habe Ihnen nichts geraubt, weder Ihr Geld noch Ihre Brillanten! Mayral hat Bordeaux eben verlassen. Er flieht mit der ganzen Beute nach Paris. Mit ihm die Frau unseres Direktors. Er hat sie ihrem Manne für fünfundzwanzig Ihrer schönen Goldfüchse abgekauft. Mir hat er zwei gegeben. Hier sind sie. Ich gebe sie Ihnen zurück, wenn Sie sie mir nicht aus Anstand lassen. Er hat mir das Geld gegeben, damit ich Sie solange wie möglich hier festhalte. Er braucht zwanzig bis dreißig Stunden Vorsprung.‹ – ›Ist er Spanier?‹ fragte ich. – ›Er ... Spanier? Er ist aus San Domingo. Dort ist er durchgebrannt, nachdem er seinen Herrn gemordet und ausgeraubt hat.‹ – ›Warum ist er heute nacht noch einmal zurückgekommen?‹ fragte ich weiter. ›Sagen Sie mir das, oder mein Onkel bringt Sie ins Zuchthaus!‹ – ›Ich zauderte, hierher zu gehen und Sie zu bewachen. Da redete Mayral mir vor, Sie seien ein sehr schönes Weib. ›Du legst dich einfach statt meiner in ihr Bett‹, sagte er. ›Das gibt einen Mordsspaß! Sie hat mich früher einmal veralbert. Jetzt veralbern wir sie.‹ Als ich das hörte, machte ich mit. Aber da ich keinen rechten Schneid hatte, hat er die Postkutsche vor der Tür halten lassen und ist mit heraufgekommen, um Sie in meinem Beisein zu umarmen. Als er bei Ihnen im Bett war, habe ich mich daneben versteckt gehalten ...‹« Leonore begann zu schluchzen und vermochte nicht mehr zu sprechen. Endlich berichtete sie weiter: »Der junge Artist erzählte mir sodann eine Menge ebenso wahre wie für mich schmerzliche Einzelheiten aus Mayrals Lebensführung. Ich war in Verzweiflung. Vielleicht hat er mir einen Liebestrank eingegeben, denn ich bin nicht fähig, ihn zu hassen. Auch heute noch nicht. Ich bete ihn an ...« Sie unterbrach sich und starrte versonnen vor sich hin. »Seltsame Verblendung!« dachte Liéven bei sich. »Eine so kluge junge Frau glaubt an Liebeshexerei!« »Schließlich verließ mich der junge Mensch plötzlich, kam aber nach etwa einer Stunde mit einem seiner Kollegen wieder. Ich mußte mich zur Wehr setzen und wir gerieten in ein Handgemenge. Vielleicht wollten sie mir ans Leben, obgleich sie angeblich etwas ganz andres von mir forderten. Es gelang mir, die Haustüre zu erreichen. Ohne Sie hätten sie mich wahrscheinlich noch auf der Straße verfolgt.« Je mehr Liéven sah, daß Leonore wahnsinnig in den Verbrecher verliebt war, um so mehr wuchs seine eigene Leidenschaft. Sie weinte viel. Er küßte ihr die Hände. So ging es Tag um Tag. Einmal, als er ihr seine Liebe in verschwommenen Worten andeutete, fragte sie ihn: »Mein einziger bester Freund, was glauben Sie? Wenn es mir gelänge, Mayral zu beweisen, daß ich niemals die Absicht gehabt noch den Versuch gemacht habe, ihn zum Narren zu halten: glauben Sie, daß er mich dann wieder lieben könnte?« »Ich habe sehr wenig Geld«, erwiderte der Offizier. »Aus Langerweile bin ich Spieler geworden. Aber der Bankier, der mir das Geld auszahlt, das mir mein Vater hin und wieder schickt, leiht mir vielleicht drei- bis vierhundert Franken, wenn ich ihn sehr darum bitte. Schlimmstenfalls verschreibe ich mich Tod und Teufel. Für Sie tue ich alles. Mit dem Gelde können Sie nach Paris reisen.« Leonore warf sich ihm um den Hals. »Heilige Madonna!« rief sie aus. »Warum kann ich Sie nicht lieben! Und Sie, Sie verzeihen mir meine grauenhafte Tollheit?« »Ganz und gar! Ich würde Sie trotzdem mit Freuden zur Frau nehmen und Ihnen mein ganzes Leben weihen und der glücklichste Mensch auf Erden sein!« »Aber wenn mir eines Tages Mayral von neuem begegnete: ich wäre so toll und so schlecht, Sie im Stiche zu lassen und ihm zu Füßen zu fallen.« Liéven wurde zornesrot. »Es gibt nur ein Mittel, mich zu heilen«, beteuerte er unter wilden Küssen. »Den Tod!« »Nein!« bat sie. »Töte dich nicht, mein Freund!« Leutnant Liéven ward nicht mehr gesehen. Leonore ist in das Kloster der Ursulinerinnen gegangen. Philibert Lescale Irgendwie hatte ich ihn kennengelernt, den hünenhaft langen alten Herrn Lescale, einen der reichsten Pariser Handelsherren. Er besaß ein Zweiggeschäft in Marseille und mehrere Schiffe auf dem Meere. Kürzlich ist er gestorben. Er war durchaus kein trübseliger Mensch; aber wenn es ihm einmal beikam, zehn Worte an einem Tage zu reden, so war das ein Wunder. Gleichwohl liebte er fröhliche Gesellschaft und setzte z. B. Himmel und Hölle in Bewegung, um an unsern kleinen in aller Stille abgehaltenen Sonnabend-Abendessen teilnehmen zu können. Er war der geborene Geschäftsmann; in schwierigen Angelegenheiten hätte ich seinen Rat eingeholt. Kurz vor seinem Tod erwies er mir die Ehre, mir einen drei Zeilen langen Brief zu schreiben. Es handelte sich um einen jungen Mann, dessen Wohl ihm am Herzen lag, der aber seinen Namen nicht trug. Er hieß Philibert. Sein Vater hatte ihm erklärt: »Mache was du willst. Es kümmert mich wenig. Begehe große Dummheiten; nur will ich sie nicht erleben! Du hast zwei Brüder. Ich werde mein Vermögen dem von euch dreien vererben, der am wenigsten ein Tor ist, und den beiden andern ein Jahresgeld von 2000 Franken.« Philibert war in der Schule immer ein Musterschüler gewesen; folglich hatte er beim Eintritt ins Leben von nichts eine Ahnung. Drei Jahre war er Husarenoffizier; dann machte er zwei Reisen nach Amerika. Vor der zweiten hatte er sich eingebildet, in eine Secondadonna verliebt zu sein, eine Erzschelmin, wie mir schien, fähig, ihren Liebhaber in Schulden zu stürzen, zu allerlei Torheiten zu verleiten und ihn am Ende gar durch irgendwelche kleine Schandtat hinter Schloß und Riegel zu bringen. Dies verhehlte ich dem Vater nicht. Herr Lescale ließ Philibert, den er acht Wochen lang nicht gesehen, kommen und sagte zu ihm: »Wenn du Paris verlassen und nach Neu-Orleans fahren willst, gebe ich dir 15000 Franken, zahlbar an Bord. Du wirst auf der Reise mein bevollmächtigter Vertreter sein.« Der junge Mann reiste ab, und man trug zu seinem Leidwesen Sorge, daß sein Aufenthalt in Amerika länger währte als seine Liebessehnsucht. Erst die Nachricht vom Tode seines Vaters rief ihn zurück. Der Ärmste hatte sich für fünfundsechzig Jahre alt ausgegeben, war aber in Wahrheit neunundsiebzig. In seinem Testament erkannte er seinen Sohn an und vermachte ihm ein Vermögen, das 40000 Franken im Jahre eintrug. Fernerhin, für den Fall, daß er seine Besitztümer bis auf den letzten Taler durchbrächte, war bestimmt, daß ihm einer der Freunde des alten Lescale jeden Monat 200 Franken zu zahlen habe, und falls er im Schuldengefängnis säße, 300 Franken. Philibert machte mir einen Besuch. Er sah sehr gerührt aus, und da er mich ernstlich um meine Meinung bat, sagte ich zu ihm: »Bleiben Sie zunächst hier in Paris, jedoch unter einer Bedingung: werden Sie Legitimist und schimpfen Sie jederzeit auf die jetzige Regierung; schenken Sie Ihre Huld einer jungen Dame von der Oper und bemühen Sie sich, sich nur bis zur Hälfte zu ruinieren! Befolgen Sie diesen Rat, so bleiben wir gute Freunde, und in acht Jahren, wenn Sie zweiunddreißig sind, werden Sie ein vernünftiger Mann sein.« »Ich werde dies, wenigstens in einer Hinsicht, von Stund an sein!« antwortete er mir. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich niemals mehr denn meine 40000 Franken im Jahre ausgeben werde. Aber warum soll ich der Opposition angehören?« »Das macht sich gut, besonders wenn einer sonst nichts zu tun hat!« Was ich da erzähle, ist weiter nicht welterschütternd; ich will es nur aufzeichnen, weil es eine wahre Geschichte ist. Philibert beging in der Folge manche Dummheit; in der Hauptsache aber befolgte er meine Weisungen. Allerdings, im ersten Jahre verjuchheite er 60000 Franken, was ihn dermaßen reute, daß er in diesem Jahre keine 2000 Franken im Monat braucht. Aus freien Stücken ist er daran gegangen, Latein und Mathematik zu studieren. Angeblich will er eines Tages eine große Fahrt auf einem eigenen Schiffe antreten, um Amerika noch einmal zu besuchen und dann Indien. Mit einem Worte, trotz seinem unerwarteten Reichtume kann ein hochangesehener Mann aus ihm werden, und wenn er dies je liest, wird er schmunzeln. Ich habe ihm in einzelnen Dingen noch etliche belanglose Ratschläge erteilt, die von Erfolg gewesen sind. Er wohnt in einer der entlegensten Straßen im Vorort Saint-Germain, überaus geschätzt vom Torwart des Hauses. Den Armen gibt er 3000 Franken. Er hält sich nur drei Pferde, die er aber persönlich in England ausgesucht hat. Er ist in keiner Leihbibliothek abonniert und liest nie ein Buch, das ihm nicht selbst gehört und nicht prächtig eingebunden ist. Er hat nur zwei Dienstboten, mit denen er kein Wort spricht, deren Lohn er aber alle Jahre um ein Viertel erhöht. Schon drei- oder viermal hat man ihn zu einer Heirat verlocken wollen, worauf ich ihm eröffnet habe: falls er sich vor seinem 36. Lebensjahre vereheliche, entzöge ich ihm meine Gunst und Gnade. Immer hoffte ich, er werde endlich die erwartete große Dummheit begehen. Ich hatte schon allzusehr meinen Narren an ihm gefressen. Er ist ein wunderhübscher, nur sehr schweigsamer Mensch. Meinen Fingerzeigen gemäß ist er immer schwarzgekleidet, als hätte er Trauer. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit habe ich ihm gesagt, er solle sich über den Hingang einer Dame vom Bâton-Rouge bei Neu-Orleans untröstlich stellen. Da wollte er sogar seiner Geliebten von der Oper den Laufpaß geben, aber ich fürchte die Leidenschaften und habe ihn ersucht, sie zu behalten. Am liebsten weilt er auf seinem Landgute, das er sich auf meine Veranlassung nahe bei Compiègne am Waldrande gekauft hat. Was ich dabei im Auge hatte, das war die gute Gesellschaft, genauer gesagt, die Ehrbarkeit der Besitzer der sechs oder sieben benachbarten Schlösser. Sämtliche Drohnen der Umgegend blasen Loblieder auf Herrn Philibert Lescale. Er ist hilfreich und gut – und gestattet aller Welt, ihn für dumm zu halten. Bei den Damen hat er unbegreifliches Glück; aber insgeheim liebt er eine einzige, die er zweimal in der Woche zu sehen bekommt. Die Komödie, die ihm die andern Frauen vorspielen, findet er langweilig, zu wenig lustig. Kurzum: Philibert Lescale ist ein vortrefflicher Mensch, ein lieber Kerl, wie man zu sagen pflegt. Nachschrift, zwei Jahre später: Es war meinerseits eine große Dummheit, den braven Philibert zu veranlassen, der Sängerin nicht den Laufpaß zu geben. Ihretwegen hat er soeben ein Duell gehabt, mit einem angeblichen russischen Fürsten, der ihm eine Kugel durch die Stirn gejagt hat. Daran ist er gestorben. Der russische Fürst, ein verschuldeter Abenteurer, weder Fürst noch Russe, hat die schöne Gelegenheit benutzt, um aus Frankreich und seiner Opernloge schleunigst zu verschwinden. Ernestine, oder die Entstehung der Liebe Übertragen von Franz Kessel Eine Frau von viel Geist und einiger Erfahrung behauptete eines Tages, die Liebe entstünde nicht so plötzlich wie man sage. »Ich glaube, sieben ganz verschiedene Epochen bei der Entstehung der Liebe wahrzunehmen.« Und, um ihr Wort zu beweisen, erzählte sie die folgende Anekdote. Man war auf dem Lande, es regnete in Strömen, man war äußerst glücklich zuzuhören. In einer vollkommen gleichmütigen Seele, einem jungen Mädchen, das ein einsames Schloß in entlegener Landschaft bewohnt, erregt das geringste Erstaunen tiefste Aufmerksamkeit. Zum Beispiel, ein junger Jäger, den sie unvermutet im Walde beim Schloß bemerkt. Mit einem so einfachen Ereignis begann das Mißgeschick Ernestines von S... Das Schloß, das sie allein mit ihrem alten Oheim, dem Grafen von S... bewohnte, war im Mittelalter nahe dem Ufer des Drac auf einen der ungeheuren Felsen gebaut, die den Lauf dieses Bergstromes einengen, und beherrschte eine der schönsten Landschaften der Dauphiné. Ernestine fand, daß der junge Jäger, dessen Anblick ihr der Zufall bot, vornehm aussah. Sein Bild erschien mehrere Male in ihren Gedanken; denn woran sollte man denken in dieser alten Ritterburg? Sie lebte dort inmitten einer gewissen Herrlichkeit; sie gebot über eine zahlreiche Dienerschaft. Aber seit zwanzig Jahren, seit Herr und Untergebene alt waren, geschah dort alles immer zur nämlichen Stunde; immer begann die Unterhaltung damit, alles was geschieht zu tadeln und sich über die einfachsten Dinge zu betrüben. An einem Frühlingsabend, der Tag ging zur Neige, war Ernestine an ihrem Fenster; sie schaute auf den kleinen See und den Wald jenseits; die außergewöhnliche Schönheit der Landschaft mochte dazu beitragen, sie in eine dunkle Träumerei zu versenken. Plötzlich sah sie den jungen Jäger wieder, den sie einige Tage zuvor bemerkt hatte; er war wieder in dem Wäldchen jenseits des Sees; er hielt einen Blumenstrauß in der Hand; er blieb stehn wie um sie anzusehn; sie sah, wie er einen Kuß auf die Blumen drückte und dann den Strauß mit einer Art zarter Ehrerbietung in das Astloch einer großen Eiche am Seeufer legte. Wieviel Gedanken erweckte diese eine Handlung! Gedanken von sehr lebhaftem Interesse im Vergleich mit den eintönigen Eindrücken, die bis zu diesem Augenblick Ernestines Leben erfüllt hatten! Ein neues Dasein beginnt für sie; wird sie es wagen, den Strauß aufzusuchen? »Gott! welcher Unverstand,« sagt sie sich zitternd, »und wenn im Augenblick, wo ich mich der großen Eiche nähere, der junge Jäger aus dem nahen Gehölz heraustritt! Welche Schande! Was würde er von mir denken?« Dieser schöne Baum war gleichwohl das gewohnte Ziel ihrer einsamen Spaziergänge; oft setzte sie sich auf die gigantischen Wurzeln, die, über das Gras aufsteigend, rings um den Stamm ebensoviel natürliche Bänke bildeten, beschattet von dem breiten Laubdach. In der Nacht konnte Ernestine kaum ein Auge schließen; am nächsten Tag, seit fünf Uhr früh, kaum daß die Morgenröte erschienen ist, steigt sie in den Giebeln des Schlosses umher. Ihre Augen suchen die große Eiche jenseits des Sees; kaum hat sie sie gefunden, so bleibt sie unbewegt und wie außer Atem stehn. Das heftige Glück der Leidenschaften folgt auf die gegenstandslose und fast mechanische Zufriedenheit der ersten Jugend. Zehn Tage vergehn. Ernestine zählt die Tage! Nur einmal hat sie den jungen Jäger gesehn; er hat sich dem geliebten Baum genähert, und er hielt einen Blumenstrauß, den er an den Platz des ersten legte. – Der alte Graf von S... bemerkt, daß sie ihr Leben damit zubringt, eine Voliere zu warten, die sie im Dach des Schlosses eingerichtet hat; so kann sie, an einem kleinen Fenster hinter geschlossenen Läden sitzend, die ganze Breite des Waldes jenseits des Sees überblicken. Sie ist ganz sicher, daß ihr Unbekannter sie nicht bemerken kann, und so denkt sie ungehindert an ihn. Ein Gedanke kommt ihr, der sie beunruhigt: Wenn er glaubt, daß man seine Blumensträuße gar nicht beachtet, wird er daraus schließen, daß man seine Huldigung geringschätzt, die schließlich nur eine einfache Höflichkeit ist, und wenn anders er das Herz auf dem rechten Fleck hat, wird er nicht mehr erscheinen. Vier Tage verstrichen wieder, aber wie langsam! Am fünften kommt das junge Mädchen zufällig bei der großen Eiche vorbei und kann der Versuchung nicht widerstehn, einen Blick auf das kleine Astloch zu werfen, in das sie die Sträuße hat niederlegen sehn. Sie war mit ihrer Gouvernante und hatte nichts zu fürchten. Ernestine dachte nur welke Blumen zu finden; zu ihrer unbeschreiblichen Freude sieht sie einen Strauß der seltensten und reizendsten Blumen; er ist von blendender Frische; nicht ein Blatt der köstlichsten Blumen ist verwelkt. Kaum hat sie das mit einem flüchtigen Blick bemerkt, so läuft sie leicht wie eine Gazelle durch diesen ganzen Teil des Waldes hundert Schritt in der Runde. Sie hat niemanden gesehn; sicher, nicht beobachtet zu werden, kommt sie wieder zur großen Eiche und getraut sich nun mit Wonne den reizenden Strauß zu betrachten. O Himmel! da ist ein kleines Stück Papier, kaum sichtbar; es ist an die Schleife des Straußes geheftet. »Was haben Sie, meine Ernestine?« sagt die Gouvernante, aufgeschreckt von dem leisen Schrei, der diese Entdeckung begleitet. – »Nichts, Liebe, Gute, ein Rebhuhn ist vor meinen Füßen aufgeflogen.« – Vor zwei Wochen wäre Ernestine noch nicht auf den Gedanken gekommen, zu lügen. Sie nähert sich mehr und mehr dem reizenden Strauß, und mit feuerroten Wangen, ohne den Mut, anzufassen, liest sie, was auf dem kleinen Stück Papier steht: »Seit einem Monat bringe ich jeden Morgen einen Blumenstrauß her. Wird dieser hier so glücklich sein, bemerkt zu werden?« Alles ist bezaubernd an dem hübschen Briefchen; die englische Handschrift, in der die Worte aufgesetzt sind, ist von elegantester Form. Seit sie vor vier Jahren Paris und das modischste Kloster des Faubourg Saint-Germain verlassen, hat sie nichts so Hübsches gesehn. Plötzlich errötet sie heftig; sie nähert sich ihrer Gouvernante und drängt, ins Schloß zurückzukehren. Statt das Tal hinaufzugehn und den See zu umkreisen, wählt Ernestine, um schneller heimzukommen, den Pfad zur kleinen Brücke, der in gerader Linie zum Schloß führt. Sie ist in Gedanken, sie gelobt sich, nicht wieder dorthin zu gehn. Denn nun hat sie entdeckt, daß es schließlich eine Art Liebesbrief ist, was man an sie zu richten wagt. Allerdings, der Brief war nicht geschlossen, sagt sie sich ganz leise. Von diesem Augenblick an ist ihr Leben von einer schrecklichen Bangigkeit bewegt. Was denn! Kann sie nicht, auch nur von weitem, den geliebten Baum wiedersehn gehn? Das Pflichtgefühl erhebt Einspruch dagegen. »Gehe ich auf das andere Seeufer,« sagt sie sich, »so kann ich mich nicht mehr auf das verlassen, was ich mir selbst gelobt habe.« Als sie um acht Uhr hörte, wie der Pförtner das Gitter der kleinen Brücke schloß, befreite dies Geräusch, das ihr alle Hoffnung nahm, ihre Brust von einer gewaltigen Last; jetzt konnte sie nicht mehr gegen ihre Pflicht verstoßen, auch wenn sie die Schwäche hätte, es zu wollen. Am nächsten Tage kann sie nichts einer düstern Träumerei entreißen; sie ist niedergeschlagen, blaß; der Oheim bemerkt es; er läßt die alte Kutsche anspannen; man fährt durch die Umgegend, man kommt bis zur Auffahrt des Schlosses von Madame Dayssin, drei Meilen weit. Bei der Rückfahrt gibt der Graf von S... den Befehl, im Wäldchen jenseits des Sees zu halten; die Kutsche kommt auf die Wiese; er will den gewaltigen Eichbaum wiedersehn, den er immer nur den Zeitgenossen Karls des Großen nennt. »Dieser große Kaiser kann ihn gesehn haben,« sagt er, »als er unsre Berge überschritt, um in die Lombardei zu ziehn und den König Desiderius zu besiegen«, und der Gedanke an ein so langes Leben scheint den fast achtzigjährigen Greis zu verjüngen. Ernestines Gedanken sind weit entfernt von den Betrachtungen ihres Oheims; ihre Wangen glühen; sie wird also doch noch einmal bei der alten Eiche sein; sie hat sich gelobt, nicht in das kleine Versteck zu schauen. Instinktiv, ohne zu wissen, was sie tut, wendet sie die Augen hin, sieht den Strauß, erbleicht. Es sind schwarz gefleckte Rosen. – »Ich bin sehr unglücklich, ich muß fort für immer. Die, welche ich liebe, geruht nicht, meine Huldigung zu bemerken.« – Diese Worte stehn auf dem Stück Papier, das am Strauß befestigt ist. Ernestine hat sie gelesen, ehe sie Zeit hatte, sich ihren Anblick zu verwehren. Sie ist so schwach, daß sie sich an den Baum lehnen muß; und bald fließen ihre Tränen. Am Abend sagt sie sich: »Er wird fortgehn für immer, ich werde ihn nicht mehr sehn!« Am nächsten Tag, am hellen Mittag, wie sie in der Augustsonne mit dem Oheim unter den Platanen am See auf und ab geht, sieht sie am andern Ufer den jungen Mann auf die große Eiche zukommen; er ergreift seinen Strauß, wirft ihn in den See und verschwindet. Ernestine kommt es vor, als habe Enttäuschung in seiner Gebärde gelegen; bald zweifelt sie nicht mehr daran. Sie wundert sich, daß sie einen Augenblick zweifeln konnte; es ist klar, er sieht sich verschmäht, er wird fortreisen; nie wird sie ihn wiedersehn. An diesem Tage ist man sehr in Sorge auf dem Schloß, wo sie allein sonst einige Heiterkeit verbreitet. Der Oheim erklärt, daß sie entschieden unpäßlich sein muß; eine tödliche Blässe, eine Art Krampf in den Zügen haben dieses harmlose Gesicht entstellt, in dem sich noch jüngst die sanften Empfindungen der ersten Jugend malten. Am Abend, als die Stunde des Spaziergangs gekommen ist, hat Ernestine nichts dagegen, daß der Oheim ihn auf die Wiese jenseits des Sees richtet. Sie blickt im Vorbeigehn mit trübem Auge, das die Tränen kaum zurückhalten kann, auf das kleine Versteck drei Fuß über dem Boden und ist sicher, nichts zu finden; sie hat ja gesehn, wie der Strauß in den See geworfen wurde. Aber welche Überraschung! Sie erblickt einen neuen Strauß. – »Aus Mitleid mit meinem großen Unglück nehmen Sie gnädig die weiße Rose.« – Während sie noch einmal diese wunderlichen Worte liest, hat ihre Hand, ohne daß sie es weiß, die weiße Rose mitten aus dem Strauß losgemacht. – »Er ist also sehr unglücklich,« sagt sie sich. In diesem Augenblick ruft sie der Onkel, sie folgt ihm, aber sie ist glücklich. Sie hält ihre weiße Rose in ihrem Batisttüchlein, und der Batist ist so fein, daß sie die ganze Zeit, die der Spaziergang noch dauert, die Farbe der Rose durch das zarte Gewebe sehn kann. Sie hält ihr Tuch so sorgsam, damit sich die geliebte Rose nicht entblättert. Kaum heimgekommen, läuft sie die steile Treppe hinauf zu ihrem kleinen Turm im Winkel des Schlosses. Endlich wagt sie, ungehindert, diese angebetete Rose zu betrachten und durch süßquellende Tränen hindurch ihre Blicke zu sättigen. Was wollen diese Tränen sagen? Ernestine weiß es nicht. Könnte sie das Gefühl, das sie fließen läßt, erraten, so hätte sie den Mut, die Rose, die sie eben mit soviel Sorgfalt in das Kristallglas auf ihrem kleinen Mahagonitisch getan hat, zu opfern. Aber wenn anders der Leser den Kummer hat, nicht mehr zwanzig Jahre alt zu sein, so wird er erraten, daß diese Tränen, weit entfernt, Schmerzenstränen zu sein, die unzertrennlichen Begleiter des unerwarteten Anblicks eines höchsten Glückes sind; sie wollen sagen: » Wie süß ist es, geliebt zu werden! « – In einem Augenblick, wo der Schauer des ersten Lebensglücks ihr Urteil verwirrte, hat Ernestine das Unrecht begangen, diese Blume zu nehmen. Aber noch ist sie nicht so weit, diese Inkonsequenz einzusehen und sich vorzuwerfen. Wir, die wir weniger Illusionen haben, erkennen die dritte Periode der Entstehung der Liebe: das Erscheinen der Hoffnung. Ernestine weiß nicht, daß ihr Herz sich beim Anblick dieser Rose sagt: »Jetzt ist es sicher, daß er mich liebt.« Aber kann es wahr sein, daß Ernestine schon bei der Liebe angelangt ist? Verstößt dies Gefühl nicht gegen alle Regeln des gesunden Menschenverstandes? Wie! Sie hat den Mann, um den sie jetzt glühende Tränen vergießt, nur dreimal gesehn! Noch dazu über den See hin, auf große Entfernung, vielleicht fünfhundert Schritt. Und weiter: wenn sie ihn träfe ohne Gewehr und ohne Jagdanzug, sie würde ihn vielleicht nicht wiedererkennen. Sie kennt weder seinen Namen noch seinen Stand und doch nähren sich all ihre Tage von leidenschaftlichen Gefühlen, deren Ausdruck ich abzukürzen gezwungen bin, denn ich habe nicht den nötigen Raum für einen Roman. Diese Gefühle sind immer nur Variationen der Idee: »Welches Glück, geliebt zu werden.« Oder sie untersucht die andere, noch viel wichtigere Frage: »Kann ich hoffen, wahrhaft von ihm geliebt zu werden? Sagt er mir am Ende nur zum Scherz, daß er mich liebe?« Obgleich sie in einem Schloß wohnt, das Lesdiquières gebaut hat und der Familie eines der tapfersten Gefährten des berühmten Connotable angehört, machte sich Ernestine nicht diesen andern Einwurf: »Er ist vielleicht der Sohn eines Bauern aus der Umgegend.« Warum? Sie lebte in tiefer Einsamkeit. Sicherlich war Ernestine weit davon entfernt, die Natur der Gefühle, die in ihrem Herzen herrschten, zu erkennen. Hätte sie voraussehen können, wohin diese sie führten, so hätte sie eine Möglichkeit gehabt, ihrer Herrschaft zu entfliehen. Eine junge Deutsche, eine Engländerin, eine Italienerin hätte die Liebe erkannt; unsere weise Erziehung hat sich dafür entschieden, vor jungen Mädchen das Vorhandensein der Liebe zu leugnen, und so fühlte Ernestine über die Vorgänge in ihrem Herzen nur eine unklare Besorgnis; wenn sie tief nachdachte, sah sie in ihnen nur einfache Freundschaft. Sie hatte die eine Rose genommen, weil sie fürchtete, wenn sie es nicht tat, den neuen Freund zu betrüben, ihn zu verlieren. »Und außerdem,« sagte sie sich, nachdem sie lange darüber nachgesonnen, »man darf nicht unhöflich sein.« Ernestines Herz ist von den heftigsten Gefühlen bewegt. Vier Tage lang, die der jungen Einsiedlerin wie vier Jahrhunderte vorkommen, hält eine unerklärliche Furcht sie zurück; sie verläßt das Schloß nicht. Am fünften Tage zwingt sie ihr Oheim, der sich immer mehr um ihre Gesundheit beunruhigt, ihn in das Wäldchen zu begleiten; sie befindet sich vor dem verhängnisvollen Baum; sie liest auf dem Stückchen Papier, das in dem Blumenstrauß verborgen ist: »Wenn Sie diese gefleckte Kamelie zu nehmen geruhen, werde ich am Sonntag in der Kirche Ihres Dorfes sein.« Ernestine sah in der Kirche einen äußerst einfach gekleideten Mann, der fünfunddreißig Jahre alt sein mochte. Sie bemerkte, daß er nicht einmal einen Orden trug. Er las, und indem er sein Gebetbuch auf eine bestimmte Art hielt, ruhten seine Augen fast unablässig auf ihr. Damit ist schon gesagt, daß während des ganzen Gottesdienstes Ernestine außerstande war, an irgend etwas zu denken. Sie ließ, als sie den alten Herrschaftsstuhl verließ, ihr Gebetbuch fallen und wäre beinah selbst umgesunken, als sie es aufhob. Sie errötete heftig über ihr Ungeschick. »Er wird mich so linkisch finden,« sagte sie sich sogleich, »daß er sich schämen wird, sich mit mir abzugeben.« In der Tat, seit dem Augenblick, an dem dieser kleine Unfall geschah, sah sie den Fremden nicht mehr. Umsonst hielt sie sich dann, als sie in den Wagen gestiegen war, damit auf, unter die kleinen Burschen des Dorfes einige Geldstücke zu verteilen; sie erblickte in den Gruppen von schwatzenden Bauern vor der Kirche denjenigen nicht, welchen sie während der Messe niemals voll anzusehn gewagt hatte. Ernestine, die bisher die Aufrichtigkeit selbst gewesen war, gab vor, ihr Schnupftuch vergessen zu haben. Ein Bedienter ging in die Kirche zurück und suchte lange unter dem Kirchenstuhl der Herrschaft dies Schnupftuch, das er natürlich nicht finden konnte. Aber der Aufenthalt, den diese kleine List herbeiführte, war nutzlos; sie sah den Jäger nicht wieder. »Es ist klar,« sagte sie sich, »Fräulein von C... sagte mir einmal, daß ich nicht hübsch wäre und daß ich etwas Gebieterisches und Zurückstoßendes im Blick hätte; nun fehlte mir nur noch Ungeschicklichkeit; er verachtet mich ohne Zweifel.« Traurige Gedanken quälten sie während zwei oder drei Besuchen, die ihr Oheim vor der Rückkehr ins Schloß machte. Kaum war sie gegen vier Uhr heimgekommen, so lief sie in die Platanenallee am Seeufer. Das Gitter nach der Landstraße war geschlossen wegen des Sonntags; glücklicherweise bemerkte sie einen Gärtner, den sie rief und bat, das Boot loszumachen und sie ans andere Seeufer zu rudern. Sie stieg hundert Schritt von der großen Eiche ans Land. Das Boot fuhr am Ufer entlang und blieb immer für ihre Sicherheit nah genug. Die unteren, fast wagerechten Zweige der gewaltigen Eiche erstreckten sich beinah bis zum See. Mit festem Schritt und einer Art düster entschlossener Kaltblütigkeit näherte sie sich dem Baum, mit einer Miene, als ginge sie in den Tod. Sie war fest überzeugt, nichts in dem Versteck zu finden: in der Tat sah sie nur eine welke Blume, die zu dem Strauß von gestern gehört hatte: – »Wäre er mit mir zufrieden gewesen,« sagte sie sich, »so hätte er nicht versäumt, mir mit einem Blumenstrauß zu danken.« Sie ließ sich zum Schloß zurückbringen, stieg eilends hinauf in ihren kleinen Turm, und dort angelangt und sicher, nicht überrascht zu werden, brach sie in Tränen aus. »Fräulein von C... hatte ganz recht,« sagte sie sich, »um mich hübsch zu finden, muß man mich von fünfhundert Schritt Entfernung sehn. Da in diesem Land von Liberalen mein Oheim nur mit Bauern und Pfarrern verkehrt, müssen meine Manieren etwas Derbes, vielleicht Rohes bekommen haben. Ich werde im Blick einen gebieterischen und zurückstoßenden Ausdruck haben.« Sie nähert sich dem Spiegel, um diesen Blick zu beobachten; sie sieht dunkelblaue Augen in Tränen schwimmen. – »In diesem Augenblick,« sagte sie sich, »kann ich nicht die herrische Miene haben, die mich immer hindern wird, zu gefallen.« Man läutete zum Essen; sie hatte viele Mühe, ihre Tränen zu trocknen. Endlich erschien sie im Salon; sie traf dort Herrn Villars, einen alten Botaniker, der alljährlich acht Tage bei Herrn von S... verbrachte, zum großen Kummer der zur Gouvernante erhobenen Bonne, die während dieser Zeit ihren Platz am Tisch des Herrn Grafen einbüßte. Alles lief gut ab, bis der Champagner gebracht wurde; man stellte den Kühler neben Ernestine. Das Eis war längst geschmolzen. Sie rief einen Diener und sagte: »Bringen Sie frisches Wasser und tun Sie Eis hinein, schnell.« – »Dieser kleine herrische Ton steht dir recht gut«, sagte lachend der gute Oheim. Bei dem Wort herrisch füllten sich Ernestines Augen mit Tränen, die sie nicht verbergen konnte; sie mußte den Salon verlassen, und als sie die Tür schloß, hörte man, wie Schluchzen sie erstickte. Die alten Herren waren ganz bestürzt. Zwei Tage danach kam sie an der alten Eiche vorbei; sie näherte sich und sah in das Versteck, wie um die Stätten wiederzusehen, wo sie glücklich gewesen war. Wie groß war ihr Entzücken, als sie dort zwei Blumensträuße fand! Sie ergriff sie und die kleinen Zettel und lief zum Schloß zurück, ohne sich Sorgen zu machen, ob etwa der Unbekannte, im Wald verborgen, ihre Bewegungen beobachtet hatte, ein Gedanke, der sie bis zu diesem Tag niemals verlassen hatte. Sie kam außer Atem, konnte nicht weiter und mußte halbwegs auf der Landstraße stehen bleiben. Kaum hatte sie etwas Atem geschöpft, so fing sie wieder zu laufen an mit der ganzen Schnelligkeit, deren sie fähig war. Schließlich fand sie sich in ihrem kleinen Zimmer, nahm die Sträuße aus dem Schnupftuch, und ohne die kleinen Briefe zu lesen, begann sie, die Sträuße mit Hingerissenheit zu küssen, eine Bewegung, über die sie errötete, als sie sie bemerkte. »Ach! nie wieder will ich eine herrische Miene haben,« sagte sie sich, »ich will mich bessern.« Schließlich als sie diesen hübschen aus den seltensten Blumen zusammengestellten Sträußen genugsam ihre ganze Zärtlichkeit bezeugt hatte, las sie die Briefchen. (Ein Mann hätte damit begonnen.) Das erste war vom Sonntag, um fünf Uhr; es sagte: »Ich mußte mir die Freude versagen, Sie nach dem Gottesdienst zu sehen; ich war nicht allein; ich fürchtete, man könnte in meinen Augen die Liebe lesen, die mich für Sie entflammt.« – Sie las dreimal die Worte: die Liebe, die mich für Sie entflammt , dann erhob sie sich und ging vor ihren Spiegel, um zu sehen, ob sie eine herrische Miene hätte. Sie fuhr fort: »Liebe, die mich für Sie entflammt . Wenn Ihr Herz frei ist, so nehmen Sie gütigst dieses Briefchen aus dem Baume fort; es könnte uns kompromittieren.« Das zweite Briefchen, vom Montag, war mit Bleistift und sogar ziemlich schlecht geschrieben; aber Ernestine war schon fern von der Zeit, wo die hübsche englische Handschrift ihres Unbekannten Zauber besaß für ihre Augen; sie hatte schon zu ernste Angelegenheiten, um auf diese Kleinigkeiten zu achten. »Ich bin gekommen. Ich habe das Glück gehabt, daß jemand in meiner Gegenwart von Ihnen sprach. Man hat mir gesagt, daß Sie gestern über den See gefahren sind. Ich sehe, daß Sie nicht so gütig waren, das Briefchen zu nehmen, das ich zurückließ. Es entscheidet über mein Schicksal. Sie lieben, aber nicht mich. Es war Tollheit in meinem Alter mich an ein Mädchen Ihres Alters zu heften. Leben Sie wohl für immer. Ich will nicht noch das neue Mißgeschick haben, lästig zu sein, nachdem ich so unglücklich war, Sie allzulange mit einer Leidenschaft zu beschäftigen, die in Ihren Augen vielleicht lächerlich ist.« – Eine Leidenschaft! sagte Ernestine und hob die Augen zum Himmel. Dieser Augenblick war sehr süß. Dieses junge Mädchen von bemerkenswerter Schönheit und in der Blüte der Jugend rief entzückt: »Er würdigt mich seiner Liebe; ach mein Gott! wie bin ich glücklich!« Sie fällt auf die Knie vor einer reizenden Madonna Carlo Dolcis, die einer ihrer Ahnen aus Italien mitgebracht hat. – »Ach ja, ich werde gut und tugendhaft sein!« ruft sie mit Tränen in den Augen. »Mein Gott, zeige mir doch nur aus Gnade meine Fehler, damit ich mich bessern kann; jetzt bin ich zu allem fähig.« Sie erhob sich und las die Briefchen zwanzigmal durch. Der zweite besonders versetzte sie in glückselige Verzückungen. Bald bemerkte sie eine Wahrheit, die schon seit langer Zeit in ihrem Herzen bestand: nie hätte sie sich einem Mann von weniger als vierzig Jahren verbunden fühlen können. (Der Unbekannte sprach von seinem Alter.) Sie erinnerte sich, in der Kirche kam er ihr, da er ein wenig kahl war, wie vierunddreißig oder fünfunddreißig vor. Aber sie konnte dieser Vorstellung nicht sicher sein; sie hatte so wenig hinzusehn gewagt! und sie war so verwirrt gewesen! Während der Nacht schloß Ernestine kein Auge. Nie im Leben hatte sie sich ein ähnliches Glück vorgestellt. Sie erhob sich und schrieb auf englisch in ihr Gebetbuch: »Niemals herrisch sein. Dies gelobe ich am 30. September 18.. « In dieser Nacht entschied sie sich mehr und mehr zu der Wahrheit: man kann unmöglich einen Mann von unter vierzig Jahren lieben. Sie träumte so viel von den guten Eigenschaften ihres Unbekannten, daß ihr in den Sinn kam, er habe außer dem Vorzug seiner vierzig Jahre wahrscheinlich auch noch den, arm zu sein. In der Kirche war er so einfach gekleidet, kein Zweifel, er war arm. Nichts konnte ihrer Freude über diese Entdeckung gleichkommen. »Niemals wird er die dumme und fade Miene unserer Freunde, der Herren Soundso, haben, wenn sie zu Sankt Hubertus herkommen, meinem Oheim die Ehre erweisen, seine Rehe zu töten, und uns bei Tisch die Heldentaten ihrer Jugend erzählen, ohne daß man sie darum bittet.« »Wäre es möglich, großer Gott! daß er arm wäre! Dann würde nichts zu meinem Glücke fehlen!« Sie erhob sich ein zweites Mal, steckte ihre Kerze an dem Nachtlicht an und suchte eine Aufstellung ihres Vermögens, die eines Tages ein Vetter in eins ihrer Bücher geschrieben hatte. Sie fand siebzehntausend Frank Einkommen bei der Hochzeit und später vierzig oder fünfzigtausend. Als sie über diese Ziffer nachdachte, schlug es vier Uhr; sie zitterte. »Vielleicht ist es hell genug, daß ich meinen geliebten Baum sehn kann.« Sie öffnete die Läden; tatsächlich sah sie die große Eiche mit ihrem düstern Laub; aber im Mondschein, nicht im ersten Glanz der Morgenröte, die noch weit entfernt war. Morgens beim Ankleiden sagte sie sich: »Die Freundin eines Mannes von vierzig Jahren darf nicht wie ein Kind gekleidet sein.« Und eine Stunde lang suchte sie in ihren Schränken nach einem Kleide, Hut und Gürtel, die dann eine so eigenartige Zusammenstellung ergaben, daß, als sie in den Speisesaal trat, der Oheim, die Gouvernante und der alte Botaniker ein Gelächter nicht unterdrücken konnten. »Komm doch näher,« sagte der alte Graf von S..., Ritter des Sankt-Ludwig-Ordens, bei Quiberon verwundet, »komm näher, liebe Ernestine; du siehst ja aus, als hättest du dich heut früh in eine Frau von vierzig Jahren verkleiden wollen.« Bei diesen Worten errötete das junge Mädchen und das lebhafteste Glück malte sich in ihren Zügen. »Gott vergebe mir!« sagte der gute Onkel am Ende der Mahlzeit zu dem alten Botaniker, »ich möchte wetten, Fräulein Ernestine hat heut früh ganz das Benehmen einer Frau von dreißig Jahren, nicht wahr? Vor allem hat sie, wenn sie mit den Bedienten spricht, solch eine kleine väterliche Miene, deren Komik mich entzückt; ich habe sie zwei-, dreimal auf die Probe gestellt, um meiner Beobachtung sicher zu sein.« Diese Bemerkung verdoppelte Ernestines Glück, wenn man dies Wort gebrauchen kann bei einer Glückseligkeit, die schon auf der höchsten Stufe ist. Nur mit Mühe konnte sie sich nach dem Frühstück von der Gesellschaft losmachen. Der Onkel und sein Freund, der Botaniker, wurden nicht müde, sie mit ihrer kleinen bejahrten Miene zu necken. Sie ging in ihr Zimmer hinauf, sie betrachtete die Eiche. Zum erstenmal seit zwanzig Stunden verdunkelte eine Wolke ihr Glück; aber ohne daß sie sich von dem plötzlichen Wechsel Rechenschaft geben konnte. Das Entzücken, dem sie hingegeben war, seit dem Augenblick gestern, wo sie nach tiefer Verzweiflung die Blumensträuße im Baum gefunden hatte, wurde eingeschränkt durch diese Frage, die sie sich stellte: »Welches Benehmen muß ich meinem Freunde zeigen, damit er mich achtet? Ein Mann von soviel Geist, der den Vorzug hat, vierzig Jahre alt zu sein, ist gewiß sehr streng. Seine Achtung vor mir wird ganz aufhören, wenn ich mir ein falsches Betragen erlaube.« Während Ernestine sich in der geeignetsten Situation zur Förderung ernster Betrachtungen eines jungen Mädchens, vor ihrem Spiegel, diesem Selbstgespräch ergab, bemerkte sie mit Erstaunen, das sich mit Entsetzen mischte, daß sie am Gürtel ein goldnes Häkchen hatte, das an kleinen Ketten Fingerhut, Schere und Scherenfutteral trug, ein reizendes Schmuckstück, das sie noch gestern bewundert hatte; der Oheim hatte es ihr vor knapp zwei Wochen zu ihrem Namensfest geschenkt. Das Entsetzen, mit dem sie nun diesen Schmuck ansah und eiligst abtat, kam daher, daß ihr einfiel, daß er, wie ihre Bonne ihr erzählt hatte, achthundertfünfzig Frank gekostet hatte und bei dem berühmtesten Pariser Juwelier, bei Laurencot, gekauft war. »Was soll mein Freund von mir denken, er, der die Ehre hat, arm zu sein, wenn er an mir ein Schmuckstück von so lächerlichem Preis sieht? Was kann abgeschmackter sein, als auf diese Art den Geschmack der guten Hausfrau zur Schau zu stellen; denn das besagen diese Schere, Futteral und Fingerhut, die man beständig bei sich trägt; und die gute Hausfrau denkt nicht daran, daß dieser Schmuck jedes Jahr die Zinsen seines Preises kostet.« Sie fing ernsthaft zu rechnen an und bekam heraus, daß das Schmuckstück annähernd fünfzig Frank im Jahre kostete. Diese schöne hauswirtschaftliche Erwägung – Ernestine verdankte sie der gründlichen Erziehung durch einen Verschwörer, der mehrere Jahre im Schloß ihres Onkels verborgen lebte - diese Erwägung, sage ich, konnte die Schwierigkeit nur ein wenig entfernen. Nachdem sie das lächerlich teure Kleinod in ihre Kommode eingeschlossen hatte, kehrte natürlich die bedrängende Frage wieder: »Was ist zu tun, um nicht die Achtung eines Mannes von soviel Geist zu verlieren?« Die Betrachtungen Ernestines (in denen der Leser wohl ganz einfach die fünfte Periode der Entstehung der Liebe erkannt hat) würden uns sehr weit führen. Dieses jungen Mädchens Geist war klar, eindringlich und lebhaft wie die Luft ihrer Berge. Ihr Oheim, der einst geistreich war und es noch jetzt sein konnte in bezug auf die zwei, drei Themen, die ihn seit langer Zeit interessierten, ihr Oheim hatte bemerkt, daß sie spontan alle Folgerungen einer Idee übersah. Der gute Alte pflegte Ernestine, wenn er seinen munteren Tag hatte, zu necken (und diese Neckerei war nach der Beobachtung der Gouvernante das untrügliche Anzeichen seiner Munterkeit), pflegte, sage ich, Ernestine zu necken mit ihrem militärischen Blick . Vielleicht war es diese Eigenschaft, die sie später, als sie in der Gesellschaft erschien und zu sprechen wagte, eine so glänzende Rolle spielen ließ. Aber in dem Zeitabschnitt, von dem wir uns unterhalten, verwirrte sich Ernestine, trotz ihres Geistes, ganz und gar in ihren Erwägungen. Zwanzigmal war sie darauf und daran, nicht mehr ihren Spaziergang in die Gegend der Eiche zu machen. »Eine einzige Unbesonnenheit«, sagte sie sich, »die den kindischen Sinn eines kleinen Mädchens anzeigt, kann mich um die Gunst meines Freundes bringen.« Aber trotz der äußerst feinen Beweisführung, auf die sie die ganze Kraft ihres Kopfes verwendete, besaß sie noch nicht die schwere Kunst, ihre Leidenschaften durch den Geist zu beherrschen. Die Liebe, von der das arme Mädchen ergriffen war, ohne es zu wissen, trieb sie, nur allzu früh für ihr Glück, zu dem verhängnisvollen Baum zu gehen. Nach langem Zaudern fand sie sich dort gegen ein Uhr mit ihrer Kammerfrau ein. Sie verließ diese und näherte sich dem Baum, freudestrahlend, die arme Kleine! Sie schien über den Rasen zu fliegen, nicht zu schreiten. Diese Bemerkung machte der alte Botaniker, der mit dabei war, zu der Kammerfrau, als Ernestine von ihnen fortlief. Das ganze Glück Ernestines verschwand in einem Augenblick. Wohl fand sie im Baumloch einen Strauß. Er war reizend und ganz frisch, und das machte ihr lebhafte Freude. Ihr Freund mußte also vor kurzer Zeit an derselben Stelle gestanden haben, wo jetzt sie stand. Sie suchte im Gras nach Spuren seiner Schritte; und noch eins bezauberte sie: statt eines einfachen Stückchens Papier gab es einen Brief, einen langen Brief. Sie eilte zur Unterschrift; sie mußte seinen Taufnamen wissen. Sie las; der Brief fiel ihr aus der Hand, ebenso der Blumenstrauß. Ein Todesschauer ergriff sie. Sie hatte unten am Brief den Namen Philipp Astézan gelesen. Herr Astézan war auf dem Schloß des Grafen von S... bekannt als Liebhaber von Madame Dayssin, einer sehr reichen, sehr eleganten Pariserin, die alle Jahre die Provinz empörte, indem sie es wagte, vier Monate in ihrem Schloß allein mit einem Mann zuzubringen, der nicht ihr Gatte war. Um den Schmerz voll zu machen, war sie Witwe, jung, hübsch und konnte Herrn Astézan heiraten. Alle diese traurigen Dinge, die so, wie wir sie gesagt haben, wahr waren, erschienen noch ganz anders, waren mit Gift getränkt in den Reden der traurigen und den Irrungen der schönen Jugendzeit arg feindlichen Persönlichkeiten, die bisweilen in die alte Ritterburg von Ernestines Großoheim zu Besuch kamen. – Nie wurde in wenigen Sekunden ein so reines und lebhaftes Glück – das erste ihres Lebens – verdrängt durch einen stechenden und hoffnungslosen Schmerz. – »Der Grausame! er wollte sein Spiel mit mir treiben«, sagte sich Ernestine; »wollte seinen Jagdpartien ein Ziel geben, einem jungen Mädchen den Kopf verdrehen, vielleicht in der Absicht, damit Madame Dayssin zu belustigen. Und ich dachte daran, ihn zu heiraten! Welche Kinderei! Welch tiefste Demütigung!« Bei diesem traurigen Gedanken fiel Ernestine ohnmächtig neben dem verhängnisvollen Baum nieder, den sie seit drei Monaten sooft betrachtet hatte. Wenigstens fanden sie dort eine halbe Stunde später die Kammerfrau und der alte Botaniker regungslos liegen. Zum Überfluß des Unglücks gewahrte Ernestine, als man sie ins Leben zurückgerufen hatte, zu ihren Füßen den Brief Astézans, offen mit der Seite der Unterschrift und so, daß man sie lesen konnte. Rasch wie ein Blitz fuhr sie auf und setzte den Fuß auf den Brief. Sie erklärte ihren Unfall und konnte unbeobachtet den verhängnisvollen Brief an sich nehmen. Lesen konnte sie ihn noch lange nicht. Denn die Gouvernante half ihr, sich hinzusetzen und verließ sie nicht mehr. Der Botaniker rief einen Arbeiter vom Feld, der den Wagen vom Schloß holen ging. Um nicht auf die Betrachtungen über ihren Unfall antworten zu brauchen, tat Ernestine, als könnte sie nicht sprechen. Ein schreckliches Kopfweh diente ihr zum Vorwand, ihr Schnupftuch an die Augen zu halten. Der Wagen kam an. Sie wurde hineingesetzt und war nun wieder mehr sich selbst überlassen. Unbeschreiblich war der zerreißende Schmerz, der die ganze Zeit, bis der Wagen ans Schloß kam, ihre Seele durchwühlte. Das Schrecklichste an ihrem Zustand war, daß sie gezwungen war, sich selbst zu verachten. Der verhängnisvolle Brief in ihrem Schnupftuch brannte ihr die Hand. Die Nacht kam, während man sie ins Schloß zurückführte; sie konnte unbemerkt die Augen öffnen. Der Anblick der funkelnden Sterne einer schönen südfranzösischen Nacht tröstete sie ein wenig. So sehr sie die Wirkungen der Leidenschaft erfuhr, ihre jugendliche Einfalt war weit davon entfernt sich darüber Rechenschaft geben zu können. Nach zwei Stunden wildester Seelenqual gab ein tapferer Entschluß ihr den ersten ruhigen Augenblick. »Ich werde diesen Brief, von dem ich nur die Unterschrift gesehen habe, nicht lesen; ich werde ihn verbrennen«, sagte sie sich, als sie ins Schloß kam. So konnte sie wenigstens den eignen Mut anerkennen; denn die Partei der Liebe, obwohl dem Anschein nach besiegt, hatte nicht versäumt, ihr bescheiden einzuflüstern, daß dieser Brief vielleicht in befriedigender Art die Beziehungen des Herrn Astézan zu Madame Dayssin erklärte. Beim Eintreten in den Salon warf Ernestine den Brief ins Kaminfeuer. Am nächsten Tag setzte sie sich um acht Uhr morgens an das Klavier, das sie seit zwei Monaten sehr vernachlässigt hatte, und übte. Sie nahm die Sammlung von Memoiren über die Geschichte Frankreichs, herausgegeben von Petitot, wieder auf und begann wieder lange Auszüge aus den Memoiren des blutdürstigen Montluc zu machen. Sie verstand es, sich von dem alten Botaniker wieder einen Kursus in der Naturgeschichte anbieten zu lassen. Nach zwei Wochen konnte der wackere Mann, der einfältig war wie seine Pflanzen, nicht verschweigen, welch erstaunlichen Fleiß er bei seiner Schülerin wahrnahm; er war höchst verwundert. Ihr aber war alles gleichgültig; alle Gedanken führten sie gleichmäßig zur Verzweiflung. Der Oheim war sehr beunruhigt. Dieser gute Alte vereinigte nicht, wie gewöhnlich die Leute seines Alters, das ganze Interesse, das er an den Lebensdingen nahm, auf die eigne Person; und als Ernestine zufällig eine kleine Erkältung bekam, bildete er sich ein, ihre Brust sei angegriffen. Sie glaubte es auch, und dieser Vorstellung verdankte sie die ersten erträglichen Augenblicke, welche sie in diesem Zeitabschnitt hatte: die Hoffnung zu sterben ließ sie bald das Leben ohne Ungeduld ertragen. Einen langen Monat hindurch war ihr einziges Gefühl der Schmerz, der um so tiefer war, als er seine Quelle in ihrer Selbstverachtung hatte; da sie gar keine Lebenserfahrung besaß, konnte sie sich nicht mit dem Gedanken trösten, daß niemand auf der Welt vermuten konnte, was in ihrem Herzen vorgegangen war und daß wahrscheinlich der Grausame, der sie so sehr beschäftigt hatte, nicht den hundertsten Teil von dem, was sie für ihn gefühlt, erraten könnte. Mitten in ihrem Unglück fehlte es ihr nicht an Mut; es machte ihr keine Mühe, zwei Briefe ungelesen ins Feuer zu werfen, auf deren Adresse sie die unheilvolle englische Handschrift erkannte. Sie hatte sich gelobt, niemals die Wiese jenseits des Sees anzuschaun; im Salon hob sie nie die Augen zu den Fenstern, die nach dieser Seite gingen. Eines Tages ungefähr sechs Wochen nach dem, an welchem sie den Namen Philipps Astézan gelesen hatte, kam ihr Naturgeschichtslehrer, der gute Herr Villars, auf den Gedanken, ihr eine Lektion über Wasserpflanzen zu geben; er stieg mit ihr ins Boot und ließ sich nach dem Teil des Sees fahren, der an das Tal grenzte. Als Ernestine ins Boot stieg, gab ihr ein fast unwillkürlicher Seitenblick die Sicherheit, daß niemand bei der großen Eiche war; kaum fiel ihr auf, daß ein Stück der Baumrinde ein etwas helleres Grau zeigte als das übrige. Zwei Stunden später kam sie nach der Lektion wieder gegenüber der alten Eiche vorbei; ein Schauer überlief sie, als sie erkannte, daß das, was sie für einen Fehler in der Baumrinde gehalten hatte, die Farbe des Jagdrockes von Philipp Astézan war, der seit zwei Stunden auf einer Wurzel der Eiche saß, unbeweglich, als wäre er tot. Als Ernestine diesen Vergleich machte, bediente ihr Geist sich auch dieses Wortes: als wäre er tot; es erschütterte sie. »Wenn er tot wäre, könnte ich mich, ohne gegen die Sitte zu verstoßen, mit ihm, soviel ich wollte, beschäftigen.« Während einiger Minuten wurde diese Annahme der Vorwand, sich einer Liebe hinzugeben, welche der Anblick des geliebten Gegenstandes allmächtig gemacht hatte. Diese Entdeckung verwirrte sie sehr. Am nächsten Abend war ein Pfarrer der Umgegend zu Besuch auf dem Schloß; er bat den Grafen von S..., ihm den Moniteur zu leihen. Während der alte Kammerdiener den Moniteur des Monats in der Bibliothek suchte, sagte der Graf: »Aber, lieber Pfarrer, dies Jahr sind Sie gar nicht neugierig, denn heut zum erstenmal bitten Sie mich um den Moniteur!« – »Herr Graf,« antwortete der Pfarrer, »Madame Dayssin, meine Nachbarin, hat ihn mir, solange sie hier war, geliehen; aber seit vierzehn Tagen ist sie verreist.« Dieses gleichgültige Wort verursachte Ernestine eine solche Erschütterung, daß sie meinte, ohnmächtig zu werden; sie fühlte ihr Herz bei dem Wort des Pfarrers zittern und schämte sich sehr. »Da sieht man,« sagte sie sich, »wie weit ich mit meinem Vorsatz, ihn zu vergessen, gekommen bin!« An diesem Abend geschah es ihr seit langer Zeit zum erstenmal, daß sie lächelte. »Immerhin,« sagte sie sich, »er ist auf dem Lande geblieben, hundertfünfzig Meilen von Paris, er hat Madame Dayssin allein abreisen lassen.« Wieder kam ihr in den Sinn, wie unbewegt er unter der Eiche saß, und sie litt darunter, daß ihr Gedanke bei dieser Vorstellung stehen blieb. Seit einem Monat bestand ihr ganzes Glück darin, sich zu überzeugen, daß sie brustkrank war; am nächsten Tag überraschte sie sich bei dem Gedanken, daß der Schnee die Berggipfel zu bedecken anfing und daß es abends oft recht frisch war. Sie dachte daran, daß es geraten wäre, wärmere Kleider anzuziehen. Eine gewöhnliche Seele hätte nicht verfehlt, dieselbe Vorsichtsmaßregel zu ergreifen; Ernestine dachte erst nach dem Wort des Pfarrers daran. Der Sankt-Hubertustag kam näher und mit ihm der Zeitpunkt des einzigen großen Diners, das während des ganzen Jahres auf dem Schloß stattfand. Man trug Ernestines Klavier in den Salon hinunter. Als sie es am nächsten Tage öffnete, fand sie auf den Tasten ein Stück Papier, darauf stand: »Schreien Sie nicht auf, wenn Sie mich bemerken.« Das war so kurz, daß sie es las, ehe sie erkannte, wer es geschrieben hatte: die Schrift war verstellt. Da Ernestine dem Zufall oder vielleicht der Gebirgsluft der Dauphiné eine standhafte Seele verdankte, hätte sie, vor den Worten des Pfarrers über die Abreise der Madame Dayssin, sich ganz sicher in ihr Zimmer eingeschlossen und wäre erst nach dem Fest wieder erschienen. Am zweitnächsten Tage fand das große alljährliche Sankt-Hubertusdiner statt. Ernestine saß ihrem Oheim gegenüber und machte die Honneurs; sie war sehr elegant gekleidet. Die Tafel bot die fast vollständige Sammlung der Pfarrer und Bürgermeister der Umgegend, ferner fünf oder sechs Provinzgecken, die von sich redeten, von ihren Heldentaten im Kriege, auf der Jagd, und selbst in der Liebe, und vor allem von dem hohen Alter ihres Stammbaums. Niemals machten sie zu ihrem Kummer so wenig Eindruck auf die Schloßerbin. Die tiefe Blässe Ernestines, verbunden mit der Schönheit ihrer Züge, gab ihr ein geradezu hochmütiges Aussehn. Die Gecken, die mit ihr zu sprechen suchten, wurden schüchtern, wenn sie sie anredeten. Sie aber war weit entfernt, ihre Gedanken bis zu ihnen herabzulassen. Der erste Teil des Diners verging, ohne daß sie etwas Ungewöhnliches sah. Sie atmete schon auf; da, gegen Ende der Mahlzeit, hob sie einmal die Augen und ihr Blick begegnete dem eines Bauern von schon reifem Alter ihr gegenüber. Es schien der Bediente eines Bürgermeisters vom Ufer des Drac zu sein. Sie spürte die seltsame Regung in der Brust, welche ihr schon das Wort des Pfarrers verursacht hatte; aber noch war sie unsicher. Der Bauer sah Philipp gar nicht ähnlich. Sie wagte es, ihn zum zweitenmal anzusehn; sie hatte keinen Zweifel mehr; er war es. Er hatte sich so verkleidet, daß er sehr häßlich aussah. Es wird Zeit, ein wenig von Philipp Astézan zu sprechen, denn er handelt als Liebender, und wir finden vielleicht auch in seiner Geschichte Gelegenheit, die Theorie der sieben Epochen der Liebe zu bestätigen. Als er vor fünf Monaten mit Madame Dayssin auf das Schloß von Lafrey kam, wiederholte einer der Pfarrer, die sie im Schloß empfing, um dem Klerus den Hof zu machen, ein sehr hübsches Wort. Philipp wunderte sich, Geist aus dem Munde eines solchen Menschen zu vernehmen, und fragte, wer das eigenartige Wort gesagt habe. »Die Nichte des Grafen von S..., ein Mädchen, das einst sehr reich sein wird, dem man aber eine sehr schlechte Erziehung gegeben hat. Es vergeht kein Jahr, in dem sie nicht eine Bücherkiste aus Paris empfängt. Ich fürchte sehr, sie wird ein böses Ende nehmen und sich so gar nicht verheiraten lassen. Wer wird sich solch eine Frau aufladen wollen?« usw. usw. Philipp tat einige Fragen, und der Pfarrer konnte nicht umhin, die seltene Schönheit Ernestines zu beklagen, die sie sicher ins Verderben ziehn werde; er beschrieb so wahrheitsgetreu die Langeweile der Lebensweise auf dem Schloß des Grafen, daß Madame Dayssin ausrief: »Um Gottes willen, hören Sie auf, Herr Pfarrer, Sie werden mir Ihre schönen Berge verleiden.« – »Man kann nicht aufhören, ein Land zu lieben, wo man soviel Gutes tut,« erwiderte der Pfarrer, »und das Geld, das Madame gegeben hat, um uns beim Ankauf der dritten Glocke unserer Kirche zu helfen, sichert ihr ...« Philipp hörte ihn nicht mehr; er dachte an Ernestine und was wohl in dem Herzen eines jungen Mädchens vorgehn mochte, das eingesperrt war in ein Schloß, welches selbst einem Landpfarrer langweilig schien. »Ich muß sie unterhalten,« sagte er zu sich selbst, »ich werde ihr den Hof machen auf romantische Art; das wird diesem armen Mädchen ein paar neue Gedanken geben.« – Am nächsten Tag ging er in die Gegend des Grafenschlosses jagen; er bemerkte die Lage des Waldes, der vom Schloß durch den kleinen See getrennt war. Er kam auf den Gedanken, Ernestine mit einem Blumenstrauß zu huldigen; wir wissen schon, was er mit den Sträußen und Briefchen machte. Wenn er in der Gegend der großen Eiche jagte, legte er sie selbst hin; die andern Tage schickte er einen Bedienten. Philipp tat dies alles aus Menschenliebe, er dachte nicht einmal daran, Ernestine zu sehn; es wäre zu schwer und zu langweilig gewesen, sich bei ihrem Oheim einführen zu lassen. Als Philipp Ernestine in der Kirche sah, war sein erster Gedanke, daß er recht alt sei, um einem jungen Mädchen von achtzehn oder zwanzig Jahren zu gefallen. Er war bewegt von der Schönheit ihrer Züge und besonders von einer edlen Einfachheit, die ihrem Gesichtsausdruck sein Gepräge gab. »Es liegt Unbefangenheit in diesem Wesen«, sagte er zu sich selbst; einen Augenblick später schien sie ihm reizend. Als er sah, wie sie beim Verlassen des Kirchenstuhls ihr Gebetbuch fallen ließ und es mit so liebenswürdiger Unbeholfenheit aufzuheben versuchte, träumte er von Liebe; denn er hoffte. Er blieb in der Kirche, als sie hinausging; er sann über ein Problem wenig belustigend für einen Menschen, der anfängt, sich zu verlieben: er war fünfunddreißig Jahre alt und sein Haar begann dünner zu werden, was ihm wohl nach Doktor Gall eine schöne Stirn verschaffen konnte, ihn aber sicher noch um drei oder vier Jahre älter machte. »Wenn mein Alter nicht alles auf den ersten Blick verloren hat,« sagte er sich, »so muß sie an meinem Herzen zweifeln, damit sie mein Alter vergißt.« Er näherte sich einem kleinen gotischen Fenster, das auf den Platz ging; er sah Ernestine in den Wagen steigen; er fand ihren Wuchs und ihren Fuß reizend. Sie verteilte Almosen; ihm schien, ihre Augen suchten jemand. »Warum«, sagte er sich, »schauen ihre Augen in die Ferne, während sie ganz nah beim Wagen kleine Münzen verteilt? Sollte ich ihr Teilnahme eingeflößt haben?« Er sah Ernestine einem Lakaien einen Auftrag geben; inzwischen berauschte er sich an ihrer Schönheit. Er sah sie erröten; seine Augen waren sehr nah bei ihr; der Wagen befand sich nur zehn Schritt von dem kleinen gotischen Fenster; er sah den Bedienten in die Kirche zurückkommen und etwas im Kirchenstuhl des Grafen suchen. Während der Abwesenheit des Dieners bekam er die Gewißheit, daß Ernestines Augen viel höher schauten als die Menge war, die sie umgab, und folglich jemanden suchten; aber dieser Jemand brauchte durchaus nicht Philipp Astézan zu sein, der in den Augen dieses jungen Mädchens vielleicht fünfzig Jahre alt war oder sechzig Jahre, wer weiß? Hat sie nicht bei ihrer Jugend und ihrem Vermögen einen Bewerber unter den Junkern der Umgegend? – »Immerhin, ich habe während der Messe niemand gesehn.« Sobald der Wagen des Grafen fort war, stieg Astézan aufs Pferd, ritt auf einem Umweg, um ihr nicht zu begegnen, in den Wald und begab sich rasch auf die Wiese. Zu seiner unaussprechlichen Freude gelangte er zur großen Eiche, bevor Ernestine den Blumenstrauß und das Briefchen gesehn hatte, das er am Morgen hatte hinbringen lassen. Er nahm den Strauß weg, ritt tief in den Wald, band sein Pferd an einen Baum und ging auf und ab. Er war sehr aufgeregt; ihm kam der Gedanke, sich im dichtesten Buschwerk eines kleinen bewaldeten Hügels hundert Schritt vom See zu verbergen. Von diesem Versteck, das ihn vor allen Blicken verbarg, konnte er durch eine Lichtung die große Eiche und den See erblicken. Wie groß war sein Entzücken, als er bald darauf Ernestines kleines Boot ankommen sah auf der durchsichtigen Flut, welche die Mittagsbrise weich bewegte! Dieser Augenblick war entscheidend. Das Bild des Sees und Ernestines, die er eben erst in der Kirche so schön gesehn hatte, gruben sich tief in sein Herz. Von diesem Augenblick an bekam Ernestine in seinen Augen etwas, das sie von allen andern Frauen unterschied, und ihm fehlte nur noch die Hoffnung, um sie bis zum Wahnsinn zu lieben. Er sah sie eifrig auf den Baum zukommen; er sah ihren Schmerz, keinen Strauß zu finden. Dieser Augenblick war so köstlich und so lebhaft, daß Philipp, als sie fortgelaufen war, meinte, er habe sich getäuscht, als er glaubte, Schmerz in ihren Zügen zu sehn, da sie keinen Strauß im Baum fand. Das ganze Schicksal seiner Liebe beruhte auf diesem Umstand. Er sagte sich: »Sie sah schon traurig aus, als sie aus dem Boot stieg und selbst bevor sie sich dem Baum näherte. Aber,« antwortete die Partei der Hoffnung, »in der Kirche sah sie nicht traurig aus; im Gegenteil, sie strahlte vor Frische, Schönheit, Jugend und war ein wenig verwirrt; lebhaftester Geist war in ihren Augen.« Als Philipp Astézan Ernestine, die am andern Ufer bei der Platanenallee ausgestiegen war, nicht mehr sehn konnte, verließ er sein Versteck: er war ein ganz anderer Mensch als der hineingegangen war. Im Galopp ritt er zum Schloß der Madame Dayssin zurück und hatte nur zwei Gedanken: »Hat sie Traurigkeit gezeigt, als sie keinen Strauß im Baum fand? Kommt diese Traurigkeit nicht einfach von enttäuschter Eitelkeit?« Diese wahrscheinlichere Annahme bemächtigte sich schließlich ganz und gar seines Geistes und gab ihm alle Vernunft eines Mannes von fünfunddreißig Jahren wieder. Er war sehr ernst. Er fand viel Besuch bei Madame Dayssin; im Lauf des Abends neckte sie ihn mit seiner Feierlichkeit und Eitelkeit. »Er kann nicht mehr an einem Spiegel vorbeigehn, ohne hineinzuschauen«, sagte sie. »Ich finde diese Gewohnheit der jungen Modeherrn schrecklich. Früher hatten Sie nicht diese Art Grazie; versuchen Sie, sie wieder abzutun, oder ich spiele Ihnen einen üblen Streich und lasse alle Spiegel wegnehmen.» Philipp war verlegen; er hatte vor, sich zu entfernen und wußte diesen Plan nicht zu bemänteln. Übrigens sah er wirklich viel in die Spiegel, um festzustellen, ob er alt aussähe. Am nächsten Tag suchte er wieder seinen Platz auf jenem Hügel auf, von wo man den See deutlich sah; er hatte sich mit einem guten Fernglas versehen und verließ diesen Sitz erst, als es ganz dunkel wurde. Den folgenden Tag nahm er ein Buch mit; es wäre ihm allerdings schwer gewesen, anzugeben, was auf den Seiten stand, die er las; aber hätte er kein Buch mitgenommen, so hätte er sich eins gewünscht. Endlich, zu seiner unaussprechlichen Freude, sah er gegen drei Uhr Ernestine langsam auf die Platanenallee am Ufer zugehn, er sah, daß sie sich nach der Landstraße wandte. Sie trug einen großen Florentiner Strohhut. Sie näherte sich dem verhängnisvollen Baum; ihre Miene war niedergeschlagen. Er sah, wie sie die beiden Sträuße nahm, die er am Morgen hingelegt hatte, wie sie sie in ihr Schnupftuch tat und mit Blitzesschnelle verschwand. Dieser einfache Zug vollendete die Eroberung seines Herzens. Ihre Bewegung war so lebhaft, so behend, daß er keine Zeit hatte zu sehn, ob Ernestine die traurige Miene bewahrt hatte oder ob ihre Augen Freude strahlten. Was sollte er denken von diesem seltsamen Benehmen? Wollte sie die beiden Sträuße ihrer Gouvernante zeigen? In diesem Falle war Ernestine nur ein Kind, und er kindischer als sie, sich in solchem Maße mit einem kleinen Mädchen zu beschäftigen. »Zum Glück,« sagte er sich, »weiß sie nicht meinen Namen; ich allein weiß von meiner Tollheit, und ich habe mir manche andre verziehen.« Philipp verließ mit kaltblütiger Miene sein Versteck und ging nachdenklich, sein Pferd zu holen, das er eine halbe Meile vom Platz bei einem Bauern gelassen hatte. »Man muß gestehn, ich bin noch ein rechter Narr«, sagte er sich, als er im Schloßhof von Madame Dayssin abstieg. Als er in den Salon trat, war sein Gesicht starr, verwundert, eisig. Er liebte nicht mehr. Als Philipp sich am nächsten Tage seine Krawatte band, fand er sich recht alt. Erst hatte er keine Lust, drei Meilen weit zu reiten, um sich in ein Dickicht zu kauern und einen Baum anzusehn; aber er fühlte kein Verlangen, anderswohin zu gehn. »Das ist lächerlich«, sagte er sich. »Aber in wessen Augen lächerlich? Übrigens soll man niemals das Glück versäumen.« Er begann einen sehr gut geschriebenen Brief, in welchem er, ein neuer Lindor, Namen und Art bekannte. Dieser gut geschriebene Brief hatte, wie man sich vielleicht erinnert, das Unglück, verbrannt zu werden, ohne daß ihn jemand las. Nur die Worte des Briefes, bei denen unser Held am wenigsten daran dachte, seine Unterschrift Philipp Astézan hatten die Ehre, gelesen zu werden. Trotz der schönsten Vernunftgründe war unser vernünftiger Freund an seinem gewohnten Platz versteckt in dem Augenblick, als sein Name so starke Wirkung hervorbrachte; er sah Ernestines Ohnmacht nach Eröffnung des Briefes; sein Erstaunen war maßlos. Den Tag darauf mußte er sich eingestehn, daß er verliebt war; sein Tun bewies es. Alle Tage kam er nun in das Wäldchen, wo er so lebhafte Erregungen erfahren hatte. Madame Dayssin mußte demnächst nach Paris zurückkehren. Philipp ließ sich einen Brief schreiben, worin stand, daß er die Dauphiné verlassen würde, um zwei Wochen bei einem kranken Oheim in der Bourgogne zu verbringen. Er nahm die Post und kam so geschickt auf einem andern Weg zurück, daß er nur einen Tag den Besuch des Wäldchens versäumte. Er ließ sich zwei Meilen vom Schloß des Grafen von S... in der Einöde von Crossey nieder, an der dem Schloß von Madame Dayssin entgegengesetzten Seite, und kam von da jeden Tag ans Ufer des kleinen Sees. Er kam dreiunddreißig Tage hintereinander hin, ohne Ernestine zu sehn; sie erschien nicht mehr in der Kirche; man las die Messe im Schloß; er näherte sich verkleidet und hatte zweimal das Glück, Ernestine zu sehn. Nichts schien ihm dem edlen und zugleich naiven Ausdruck ihrer Züge gleichzukommen. Er sagte sich: »Niemals werde ich bei einer solchen Frau den Überdruß erfahren.« Am meisten ergriff Astézan die tiefe Blässe und leidende Miene Ernestines. Ich müßte zehn Bände schreiben wie Richardson, wenn ich aufzuzeichnen unternähme, auf wieviel Arten dieser Mann, dem es übrigens nicht an Einsicht und Erfahrung fehlte, sich die Ohnmacht und die Traurigkeit Ernestines erklärte. Schließlich beschloß er, sich Klarheit über sie zu verschaffen und zu diesem Zweck ins Schloß einzudringen. Die Schüchternheit, – schüchtern zu sein mit fünfunddreißig Jahren! – die Schüchternheit hatte ihn so lange daran gehindert. Er traf seine Maßnahmen so klug wie möglich, und doch, ohne den Zufall, der in den Mund eines Gleichgültigen die Mitteilung von Madame Dayssins Abreise legte, wäre Philipps ganze Geschicklichkeit verloren gewesen; oder er hätte wenigstens Ernestines Liebe nur in ihrem Zorn kennengelernt. Wahrscheinlich hätte er sich diesen Zorn erklärt durch ihr Erstaunen, sich von einem Manne seines Alters geliebt zu sehn. Philipp hätte sich verachtet geglaubt und hätte, um dies peinliche Gefühl zu vergessen, zum Spiel und zu den Kulissen der Oper seine Zuflucht genommen; und er wäre selbstsüchtiger und härter geworden in dem Gedanken, daß die Jugend für ihn gänzlich vorüber wäre. Ein Demi-monsieur , wie man dortzulande sagt, Bürgermeister einer Berggemeinde und Gefährte Philipps auf der Gemsenjagd, war bereit, ihn, als seinen Bedienten verkleidet, mitzunehmen auf das große Diner im Schloß von S..., wo Ernestine ihn erkannte. Ernestine fühlte, daß sie heftig errötete und ihr kam die abscheuliche Vorstellung: »Er wird glauben, daß ich ihn unbesonnen liebe, ohne ihn zu kennen; er wird mich verachten wie ein Kind, wird nach Paris reisen, seine Madame Dayssin treffen; ich werde ihn nicht mehr sehn.« Diese quälende Vorstellung gab ihr den Mut, sich zu erheben und in ihr Zimmer hinaufzugehen. Dort war sie zwei Minuten allein, dann hörte sie die Tür des Vorzimmers öffnen. Sie dachte, es wäre ihre Gouvernante und erhob sich, um sie unter irgendeinem Vorwand fortzuschicken. Wie sie sich der Tür ihres Zimmers nähert, geht diese Tür auf: Philipp ist zu ihren Füßen. »Um Gottes willen, verzeihen Sie mir mein Benehmen,« sagte er, »ich bin seit zwei Monaten in Verzweiflung; wollen Sie mich heiraten?« Dieser Augenblick war köstlich für Ernestine. »Er hält um mich an,« sagte sie sich; »ich brauche Madame Dayssin nicht mehr zu fürchten?« Sie suchte nach einer strengen Antwort und trotz unglaublicher Mühe hätte sie vielleicht nichts gefunden. Zwei Monate Verzweiflung waren vergessen; sie war auf dem Gipfel der Wonne. Glücklicherweise hörte man in diesem Augenblick die Tür des Vorzimmers öffnen. Ernestine sagte: »Sie entehren mich.« – »Verraten Sie nichts!« flüsterte Philipp hastig, und mit viel Geschicklichkeit glitt er zwischen die Mauer und Ernestines hübsches weiß und rosa Bett. Es war die Gouvernante, sehr in Sorge um die Gesundheit ihres Zöglings; und der Zustand, in dem sie Ernestine antraf, konnte diese Sorge nur vermehren. Es dauerte lange, bis diese Frau sich fortschicken ließ. Aber während ihres Aufenthalts im Zimmer hatte Ernestine Zeit, sich an ihr Glück zu gewöhnen; sie konnte ihre Kaltblütigkeit wiedergewinnen. Sie gab Philipp eine stolze Antwort, als dieser, nach dem Abgang der Gouvernante, wiederzuerscheinen wagte. Ernestine war in den Augen ihres Liebhabers so schön, der Ausdruck ihrer Züge war so streng, daß Philipp bei dem ersten Wort ihrer Antwort das Gefühl hatte, alles, was er bisher gedacht hatte, wäre nur Einbildung gewesen und daß er nicht geliebt werde. Sein Gesichtsausdruck wechselte mit einem Mal und bot nur noch das Aussehn eines Verzweifelten. Diese Miene der Verzweiflung erschütterte Ernestine bis auf den Grund der Seele, aber sie hatte die Kraft, ihn fortzuschicken. Das einzige, was ihr von dieser seltsamen Unterredung im Gedächtnis blieb, war ihre Erwiderung auf sein Flehen, um ihre Hand anhalten zu dürfen. Sie hatte gesagt, seine Angelegenheiten, wie seine Neigungen, müßten ihn nach Paris zurückrufen. Da hatte er ausgerufen, seine einzige Angelegenheit auf der Welt wäre, Ernestines Herz zu verdienen; er schwüre zu ihren Füßen, daß er die Dauphiné nicht verlassen wollte, solange sie hier wäre, und daß er nie im Leben in das Schloß zurückkehren würde, das er bewohnt hatte, bevor er sie kannte. Ernestine war fast auf dem Gipfel des Glückes. Am nächsten Tag kam sie wieder unter die große Eiche, aber im sicheren Geleit der Gouvernante und des alten Botanikers. Sie verfehlte nicht, einen Strauß und vor allem einen Brief zu finden. Nach Verlauf von acht Tagen hatte Astézan sie fast bestimmt, auf seine Briefe zu antworten. Da erfuhr sie eine Woche später, daß Madame Dayssin von Paris in die Dauphiné zurückgekehrt war. Eine lebhafte Unruhe verdrängte alle Gefühle in Ernestines Herz. Die Gevatterinnen des Nachbardorfes, die unter diesen Umständen über ihr Lebensschicksal entschieden, ohne es zu wissen, – und Ernestine versäumte keine Gelegenheit, sie schwatzen zu machen – sagten ihr endlich, daß Madame Dayssin, voll Zorn und Eifersucht, gekommen war, um ihren Liebhaber Philipp Astézan zu suchen, der, hieß es, im Land geblieben war mit der Absicht, Kartäusermönch zu werden. Um sich an die Härten des Ordens zu gewöhnen, hätte er sich in die Einöde von Crossey zurückgezogen. Man fügte hinzu, Madame Dayssin wäre verzweifelt. Ernestine erfuhr einige Tage später, daß es Madame Dayssin niemals gelungen war, Philipp zu sehn, und daß sie wütend nach Paris zurückgereist war. Während sich Ernestine diese süße Gewißheit bestätigen zu lassen suchte, war Philipp verzweifelt; er liebte sie leidenschaftlich und glaubte, nicht von ihr geliebt zu werden. Er erschien mehrere Male auf ihrem Wege und wurde in einer Weise empfangen, die ihn denken ließ, er hätte durch seine Kühnheiten den Stolz seiner jungen Geliebten verletzt. Zweimal reiste er in der Richtung nach Paris ab, zweimal kehrte er nach zwanzig Meilen Fahrt in seine Hütte in die Öde von Crossey zurück. Nachdem er sich mit Hoffnungen geschmeichelt hatte, die er jetzt leichtfertig geschöpft fand, versuchte er, der Liebe zu entsagen und fand, daß alle andern Freuden des Lebens für ihn nichtig geworden waren. Ernestine war glücklicher; sie wurde geliebt und liebte. Die Liebe herrschte in dieser Seele, die wir nacheinander durch die sieben verschiedenen Perioden haben durchgehen sehn, welche die Gleichgültigkeit von der Leidenschaft trennen, und an deren Stelle die gewöhnlichen Menschen nur eine einzige Veränderung wahrnehmen, deren Natur sie sich nicht erklären können. Philipp Astézan aber, um ihn zu strafen dafür, daß er eine alte Freundin beim Herannahen der Zeit, die man die Epoche des Alters für die Frauen nennen kann, verlassen hatte, geben wir einem der grausamsten Zustände preis, in welche die Menschenseele fallen kann. Er wurde geliebt von Ernestine, konnte aber ihre Hand nicht erhalten. Man verheiratete sie im folgenden Jahre an einen alten Generalstatthalter, der sehr reich und Ritter mehrerer Orden war. Der Jude Übertragen von Franz Blei »Ich war damals ein sehr schöner Mann ...« »Sie sind es heute noch ...« »Es ist schon ein Unterschied. Heute bin ich fünfundvierzig, damals war ich erst dreißig. Das war im Jahre 1814. Ich besaß nichts sonst als eine gute Figur und eine seltene Schönheit. Im übrigen war ich Jude, von euch Christen verachtet, ja sogar von den Juden, denn ich war lange Zeit außerordentlich arm gewesen.« »Diese Verachtung ist das allergrößte Unrecht ...« »Stürzen Sie sich nicht in die Kosten höflicher Redensarten. Ich bin heute abend zum Plaudern aufgelegt, und ich bin entweder schweigsam oder ich rede ehrlich. Unser Schiff hatte gute Fahrt, die Brise ist köstlich, morgen früh sind wir in Venedig ... Aber, um auf die Geschichte von der Verfluchung, von der wir sprachen, zu kommen und auf meine Reise in Frankreich: im Jahr 1814 liebte ich das Geld wie ein Toller. Es ist die einzige Leidenschaft, die ich je an mir erfahren habe. Ich hausierte den ganzen Tag lang in den Gassen Venedigs mit einem kleinen Kasten, auf dessen Deckel ich Goldarbeiten ausgelegt hatte. Aber in einer verborgenen Schublade hatte ich Wollstrümpfe, Taschentücher und anderes englisches Gut, Konterbande natürlich. Beim Tode meines Vaters, beim Begräbnis, sagte einer meiner Onkel zu jedem von uns, wir waren unsrer drei, daß uns ein Kapital von fünf Franken bliebe. Mein guter Onkel schenkte mir einen Napoleondor dazu. In der Nacht rückte meine Mutter aus und nahm einundzwanzig Franken mit; es blieben mir nur mehr vier übrig. Ich stahl einer meiner Nachbarinnen einen Geigenkasten aus dem Rumpelkram, in den sie ihn schon gestellt hatte. Dann kaufte ich mir acht Taschentücher von roter Leinwand. Kosteten mich zehn Soldi. Ich verkaufte sie um elf Soldi. Viermal verkaufte ich am ersten Tage meinen Laden aus, an Matrosen in der Nähe des Arsenals. Der Kaufmann, erstaunt über meinen Betrieb, fragte mich, warum ich nicht ein Dutzend auf einmal kaufte, denn es war von seinem Laden bis zum Arsenal eine gute halbe Meile Wegs. Ich gestand ihm, nicht mehr als vier Franken zu besitzen, weil mich meine Mutter um einundzwanzig bestohlen habe ... Er gab mir einen gewaltigen Fußtritt, der mich aus dem Laden warf. Nächsten morgen um acht war ich trotzdem wieder da. Ich hatte die acht Tücher vom Tag vorher bereits am Abend verkauft. Es war warm, und ich hatte unter den Prokuratien geschlafen, hatte gegessen, guten Chioswein getrunken und besaß noch fünf Soldi Handelsgewinn von gestern. So lebte ich von 1800 bis 1814. Ich stand, wie es schien, in Gottes Huld.« Und der Jude entblößte mit zärtlicher Ehrfurcht sein Haupt. »Der Handel gedieh so sehr, daß ich wiederholt mein Kapital an einem Tage verdoppelte. Nahm manchmal eine Gondel und verkaufte Strümpfe an die Matrosen an Bord. Aber schon fand, seit ich ein kleines Sümmchen zusammengebracht hatte, meine Mutter oder meine Schwester einen Vorwand, um sich mit mir auszusöhnen und mir das Geld wegzunehmen. Einmal führten sie mich zu einem Goldschmied, kauften Ohrringe, ein Halsband, verschwanden angeblich für einen Augenblick, kamen aber nicht wieder und ließen mich in der Klemme. Der Goldschmied verlangte fünfzig Franken; ich begann zu weinen, hatte nur vierzehn Franken bei mir; ich gab ihm den Platz an, wo ich meinen Kasten stehen hatte. Er schickte hin, und während ich meine Zeit bei dem Goldschmied verlor, hatte meine Mutter mir auch meinen Kasten gestohlen. Der Goldschmied verprügelte mich mächtig. Als er dessen müde geworden, erklärte ich ihm, er solle mir meine vierzehn Franken lassen und mir einen kleinen Tisch mit Schubladen leihen; in dem würde ich einen doppelten Boden einbauen. Ihm zehn Soldi den Tag zu bezahlen verbürgte ich mich und hielt es auch. Schließlich vertraute mir der Mann Ohrringe bis zum Werte von zwanzig Franken an, aber er gestattete mir nur fünf Soldi Profit auf das Paar. 1805 hatte ich ein Kapital von tausend Franken. Da bedachte ich unser Gebot, das uns die Ehe vorschreibt, und wollte diese Pflicht erfüllen. Zu meinem Unglück verliebte ich mich in ein Mädchen unseres Stammes, namens Stella. Zwei Brüder hatte sie, einen Furier in der französischen Armee, der andre Kassendiener beim Zahlmeister. Alle drei bewohnten gemeinsam ein Zimmer im Erdgeschoß nach San Paolo zu, und die Brüder setzten das Mädchen oft nachts auf die Gasse. Da traf ich sie eines Abends weinend und hielt das hübsche Mädchen für eine Dirne. Ich bot ihr an, ihr für zehn Soldi Chioswein zu bezahlen. Da weinte sie noch stärker. Ich nannte sie eine Gans und ging. Aber sie war mir so hübsch vorgekommen! Tags darauf zur selben Stunde, so gegen zehn Uhr abends, nach Schluß meines Geschäftes am Markusplatz, ging ich wieder dort vorbei, wo ich sie abends zuvor getroffen hatte. Sie war nicht da. Drei Tage später hatte ich mehr Glück. Ich redete lange in sie hinein, aber sie stieß mich mit Abscheu von sich weg. Wahrscheinlich hat sie mich schon mit meinem Schmuckkasten gesehen, dachte ich, und möchte gern von meinen Kolliers was geschenkt haben, aber daraus, mein Kind, wird nichts. Ich zwang mich also, die Gasse zu meiden. Aber gegen meinen Willen und fast ohne es mir zu gestehen, begann ich das Weintrinken zu lassen und legte jeden Tag das dadurch ersparte Geld beiseite. Ja, ich war noch viel verrückter, – ich steckte dieses ersparte Geld nicht in mein Geschäft! Und damals, mein lieber Herr, verdreifachte sich mein Vermögen in jeder Woche! Mit zwölf zusammengesparten Franken, so viel kostete mein gewöhnlichstes Goldkettchen, ging ich öfter durch Stellas Gasse. Und traf sie endlich. Sie wies meine galanten Vorschläge entrüstet ab. Aber ich war der hübscheste Bursche in Venedig. Während unserer Unterhaltung sagte ich ihr, daß ich seit drei Monaten keinen Wein trinke, um das Geld zu sparen, das eine meiner Halsketten koste und ihr eine schenken zu können. Sie sagte nichts darauf, aber fragte mich um Rat wegen eines Unglücks, das ihr seit unserer ersten Begegnung passiert war. Ihre Brüder hatten die Goldstücke, die sie sich verschaffen konnten, gefeilt und beschnitten. Dafür war der Furier ins Gefängnis gesteckt worden, und der andere, der Kassendiener bei dem Pagatore, wollte, aus Angst, Verdacht zu wecken, nicht einen Schritt zugunsten seines Bruders tun. Stella bat mich nicht, nach der Zitadelle zu gehn, und ich selber sprach das Wort nicht aus, aber ich bat sie, mich am nächsten Abend zu erwarten.« »Sie kommen«, sagte ich, »recht weit ab von der Verfluchung, deren Opfer Sie in Frankreich geworden sind.« »Sie haben recht«, sagte der Jude, »aber wenn ich nicht in wenigen Worten die Geschichte meiner Heirat zu Ende erzählen darf, ganz kurz, so schweig ich lieber. Ich weiß nicht, weshalb ich gerade heute so gern von Stella spreche. Also es gelang mir mit nicht geringer Mühe, den Bruder Furier entwischen zu lassen. Die Brüder versprachen mir die Hand ihrer Schwester und ließen ihren Vater kommen, einen armen Juden in Innsbruck. Ich hatte ein Zimmer gemietet und glücklicherweise voraus bezahlt; auch ein paar Möbel konnte ich hineinstellen. Mein Schwiegervater lief zu allen seinen Verwandten in Venedig und kündigte ihnen an, daß er seine Tochter verheirate ... Endlich, aber nach einem Jahre Sorgen und Arbeit, ging er, am Vorabend der Hochzeit, durch, mit mehr als sechshundert Franken, die er bei seinen Verwandten als unsere Mitgift aufgebracht hatte. Er, seine Tochter und ich, wir waren nach Murano gefahren, und da verschwand er. In der Zwischenzeit stahlen meine Schwäger alle Möbel aus meinem Zimmer, die unglücklicherweise noch nicht einmal ganz bezahlt waren. Mein Kredit war ruiniert. Meine Schwäger, seit einem Jahr immer in meiner Gesellschaft gesehen, waren zu meinen Lieferanten gelaufen und hatten ihnen vorgelogen, ich wäre in Chiazza, wo ich glänzende Geschäfte mache und von dort aus habe ich sie beauftragt, Waren zu fassen ... mit einem Wort, es war ihnen mit allerlei Schwindeleien gelungen, für mehr als zweihundert Franken zu stehlen. Ich sah, daß ich mich aus Venedig retten mußte. Stella brachte ich als Kindermädchen bei dem Goldschmied unter, für den ich hausierte. Andern Tags frühmorgens gab ich nach erledigten Geschäften Stella zwanzig Franken. Sechs behielt ich nur für mich und ergriff die Flucht. Nie war ich ruinierter gewesen und galt obendrein für einen Dieb. In meiner Verzweiflung hatte ich den glücklichen Gedanken, von Padua aus den von meinen Schwägern bestohlenen Venetianer Kaufleuten die Wahrheit zu schreiben. Am nächsten Tag wußte ich, daß ein Haftbefehl gegen mich erlassen war. Die Gendarmerie des Königreichs Italien ließ nicht mit sich spaßen. Ein berühmter Paduaner Advokat war blind geworden und brauchte einen Diener, der ihn führte, aber sein Unglück hatte ihn so boshaft gemacht, daß er jeden Monat den Diener wechselte. ›Ich wette, der wird mich nicht wegjagen,‹ sagte ich mir, trat in seinen Dienst und erzählte ihm am nächsten Tage, als er sich, da kein Besuch kam, langweilte, meine ganze Geschichte. ›Wenn Sie mich nicht retten‹, sagte ich ihm, ›so wird man mich in diesen Tagen festnehmen.‹ ›Mir meinen Diener arretieren? Das werde ich zu verhindern wissen,‹ sagte mein Blinder. Kurz und gut, ich gewann mir seine Gunst. Er ging früh zu Bett und er erlaubte mir nach einiger Zeit, daß ich ein bißchen hausierte in den Cafés von Padua, so zwischen acht Uhr abends, wo er schlafen ging, bis zwei Uhr des Nachts, wo die reichen Leute das Café verlassen. Ich kratzte in achtzehn Monaten zweihundert Franken zusammen und verlangte meinen Abschied. Daß ich in seinem Testament mit einem beträchtlichen Kapital bedacht sei, nie aber seinen Dienst verlassen dürfe, war seine Antwort. ›Wenn es so ist‹, dachte ich mir, › weshalb hast du mich dann hausieren lassen?‹ Ich rückte aus. Zahlte meine Gläubiger in Venedig aus und heiratete Stella. Ich brachte ihr den Hausierhandel bei – jetzt versteht sie sich besser darauf als ich.« »Wie, Madonna Filippo ist Ihre Frau?« »Ist meine Frau, und jetzt kommt endlich die Geschichte meiner Reisen und dann die Verfluchung. Ich besaß mehr als hundert Louis Kapital. Ich will die Geschichte meiner neuerlichen Aussöhnung mit meiner Mutter nicht erzählen und wie sie mich wieder bestahl und dann mich von meiner Schwester bestehlen ließ. Ich verließ Venedig, da ich sah, daß ich, solange ich dort blieb, das hereingelegte Opfer meiner Familie bleiben würde. Ich ließ mich in Zara nieder, wo ich Wunder verrichtete. Ein kroatischer Hauptmann, dem ich eine Partie Monturen für seine Kompanie geliefert hatte, sagte eines Tags zu mir: ›Filippo, wollt Ihr Geld verdienen? Wir gehen zusammen nach Frankreich. Merkt Euch das eine: ich bin, aber man darfs nicht wissen, ein Freund des Baron Bradal, unseres Regimentskommandeurs. Ihr werdet viel verdienen, aber das Geschäft ist nur Vorwand; der Oberst, mit dem ich angeblich entzweit bin, hat mir alle Lieferungen für das Regiment übertragen. Ich brauche einen intelligenten Menschen, und Ihr seid mein Mann.‹ So sagte der Hauptmann. Was wollen Sie, lieber Herr, ich machte mir nichts mehr aus meiner Frau.« »Was,« sagte ich, »die arme Stella, der Sie so treu waren?« »Tatsache ist, daß ich nur mehr das Geld liebte, und wie ich es liebte, weiß Gott!« Die Zuhörer mußten lachen, so viel wahre Leidenschaft lag in dem Ausruf des Juden. »Ich wurde also Marketender und verließ Zara. Am achtundvierzigsten Tag unseres Marsches erreichten wir den Simplon. Aus den fünfhundert Franken, die ich aus Zara mitgenommen hatte, waren bereits fünfzehnhundert geworden und ich war zudem Besitzer eines hübschen Planwagens und zweier Zugpferde. Am Simplon begann mein Jammer. Ich verlor fast mein Leben, verbrachte mehr als zweiundzwanzig Nächte unter freiem Himmel in der Kälte.« »Sie mußten biwakieren?« »Ich verdiente täglich fünfzig bis sechzig Franken, aber jede Nacht riskierte ich mein Leben in der eisigen Kälte. Endlich hatte die Armee das entsetzliche Gebirge hinter sich. Wir rückten in Lausanne ein, wo ich mich mit Monsieur Perrin zusammentat. Ein braver Mann, war das ein braver Mann! Er war Branntweinhändler. Ich kann in sechs Sprachen verkaufen, er verstand sich auf den Einkauf. Ein ganz vortrefflicher Mann war das! Nur war er etwas zu heftig. Wollte ein Kosak seine Zeche nicht bezahlen und war der allein in der Kantine, da schlug ihn Herr Perrin blutig. ›Aber Herr Perrin, lieber Freund,‹ sagte ich zu ihm, ›wir verdienen hundert Franken im Tag, was macht es schon, daß ein Betrunkener uns um zwei, drei Franken prellt?‹ – ›Ich halt' es einfach nicht aus,‹ gab er zur Antwort, ›ich kann die Kosaken einmal nicht leiden.‹ – ›Dann werden sie sich rächen und uns umbringen. Wann läuft übrigens unsere Geschäftsverbindung ab, Herr Perrin, lieber Freund?‹ Die französischen Marketender trauten sich gar nicht mehr ins Lager, denn man bezahlte sie nicht. Wir aber machten glänzende Geschäfte. Bei unserer Ankunft in Lyon hatten wir 14000 Franken in unsrer Kasse. In Lyon trieb ich aus Mitleid für die armen französischen Kaufleute Schmuggel. Sie hatten sehr viel Tabak vor dem Tore Saint-Clair lagern; sie kamen und baten mich, ihn in die Stadt zu bringen; ich sagte ihnen, sich zweimal vierundzwanzig Stunden zu gedulden, bis der Oberst, mein Freund, den Dienst habe. Dann packte ich fünf Tage hintereinander meinen Planwagen mit Tabak voll. Am Tor schimpften die französischen Beamten, trauten sich aber nicht, mich zu arretieren. Am fünften Tag bekam ich von einem, der betrunken war, Prügel; ich hieb auf mein Pferd ein und wollte weiterfahren; aber als die andern Beamten mich prügeln sahen, verhafteten sie mich. Ich war blutüberströmt und verlangte, vor den Wachhabenden geführt zu werden. Der war von unserm Regiment, wollte mich aber nicht kennen und schickte mich ins Gefängnis. Man wird meinen Wagen ausplündern, sagte ich mir, und die armen Händler sind die Opfer. Auf dem Weg in den Prison gab ich meiner Eskorte zwei Taler, damit sie mich vor den Oberst führe. Der Oberst beschimpfte mich vor den Soldaten und drohte mir, mich aufknüpfen zu lassen. Aber sobald wir allein waren, sagte er: ›Nur den Mut nicht verloren. Morgen leg ich einen andern Kapitän auf Wache nach der Porte Saint-Clair, und statt eines Wagens kannst du zwei mitnehmen.‹ Aber ich hatte keine Lust, und gab ihm zweihundert Zechinen als sein Anteil. ›Was,‹ sagte er, ›für ein solches Lumpengeld machst du dir solche Mühe?‹ – ›Man muß doch mit den armen Kaufleuten Erbarmen haben‹, antwortete ich. Meine und Herrn Perrins Geschäfte gingen herrlich bis Dijon. Aber hier verloren wir in einer Nacht mehr als 12000 Franken. Der Tagesverkauf war glänzend gewesen; es war große Parade, wir die einzigen Marketender; die Bareinnahme betrug um tausend Franken. Um Mitternacht, alles schlief schon, wollte so ein verfluchter Kroate weggehen ohne Bezahlung. Freund Perrin springt auf ihn, der allein war, los und prügelt ihn blutig. ›Herr Perrin, du bist toll,‹ sag' ich, ›der Mann hat für sechs Franken getrunken, das stimmt, aber wenn er die Kraft hat, zu schreien, kommen wir in Unannehmlichkeiten.‹ Herr Perrin hatte den Kroaten schon halbtot vor die Tür geworfen, wo er nach kurzer Weile, da er nur betäubt war, zu brüllen begann, daß ihn die Soldaten des nächsten Biwaks hörten und ihm zu Hilfe kamen. Als sie ihn blutig sahen, schlugen sie die Tür unserer Kantine ein, wobei Perrin, der sich zur Wehr setzen wollte, acht Säbelhiebe abbekam. Ich sagte zu den Soldaten: ›Ich bin unschuldig, er ist an allem schuld; bringt mich vor den Oberst des kroatischen Regimentes.‹ – ›Jawohl, deinetwegen werden wir den Oberst wecken,‹ sagte ein Soldat. Ich konnte nichts tun, unsere unglückliche Butike wurde alsbald von ein paar Tausend Soldaten gestürmt. Die Offiziere, die draußen standen, konnten nicht eindringen, Ruhe herzustellen. Herrn Perrin glaubte ich für tot; ich war in einem jämmerlichen Zustand. Man plünderte bei uns für mehr als 12000 Franken Wein und Branntwein. Gegen Morgen gelang es mir, zu entkommen, und da gab mir mein Oberst vier Mann, Herrn Perrin zu befreien, falls er noch am Leben war. Ich fand ihn in einem Wachzimmer und brachte ihn zu einem Feldscher. ›Wir müssen uns trennen, Herr Perrin, mein Freund,‹ sagte ich zu ihm, ›du bringst mir sonst noch den Tod.‹ Er machte mir arge Vorwürfe, daß ich ihn verlassen und alle Schuld auf ihn geschoben hätte, aber es war dies nach meiner Meinung das einzige Mittel, der Plünderung Einhalt zu tun. Nun setzte mir aber Herr Perrin so lange zu, daß wir uns zum andern Male zusammentaten. Wir bezahlten ein paar Soldaten dafür, daß sie unsere Kneipe bewachten. In zwei Monaten hatten wir jeder 12000 Franken verdient. Unglücklicherweise tötete Herr Perrin im Duell einen unserer Wachsoldaten. ›Du bringst mir noch den Tod‹, sagte ich ihm und verließ diesen armen Herrn Perrin. Ein anderes Mal erzähl ich, wie er ums Leben kam. Ich ging zurück nach Lyon, wo ich sehr billig, ich kenne mich aus in jedem Handel, Uhren und Diamanten kaufte. Es ist so. Setzen Sie mich mit fünfzig Franken in irgendein Land, ich verdreifache nach drei Monaten mein Kapital und habe auch noch gelebt. Ich versteckte meine Diamanten in einem geheimen Fach, das ich mir in meinem Wagen anbringen ließ. Das Regiment war nach Valenoe und Avignon abmarschiert, und ich folgte ihm nach dreitägigem Aufenthalt in Lyon. So komm ich also eines Tages in Valence gegen acht Uhr abends an. Es war dunkel und regnete. Ich klopfe an eine Herberge, keine Antwort. Ich klopfe stärker und bekomme Antwort, hier wäre kein Quartier für einen Kosaken. Ich klopf nochmals, und man wirft vom zweiten Stockwerk Steine auf mich. Es ist klar, sagte ich mir, ich werde diese Nacht in der verfluchten Stadt sterben. Wo der Platzkommandant war, wußte ich nicht und kein Mensch wollte es mir sagen, keiner mich hinführen. Der Kommandant wird im Bett liegen, sagte ich mir, und mich nicht vorlassen wollen. Lieber als sterben, wollte ich etwas von meiner Ware opfern; gab also einer Schildwache ein Glas Schnaps; es war ein Ungar. Wie er mich ungrisch reden hört, bekommt er Mitleid und heißt mich warten, bis er abgelöst würde. Ich kam um vor Kälte. Endlich kam die Ablösung. Ich gab dem Korporal Schnaps und schließlich der ganzen Wachmannschaft, und da führte mich der Sergeant zum Kommandanten. Ein Ehrenmann, der Kommandant, ein Ehrenmann! Ich kannte ihn nicht, aber er ließ mich gleich vor. Erklärte ihm, daß mir aus Haß gegen den King kein Wirt für Geld ein Nachtlager geben wolle. ›So? Dann sollen sie es Euch umsonst geben‹, sagte der vortreffliche Mann, gab mir einen guten Quartierzettel für zwei Nächte zusamt vier Mann für meine Begleitung. Ich kehrte also zu der Herberge auf dem großen Platz zurück, wo man Steine auf mich geworfen hatte und schlug an die Tür. Ich rief auf französisch, das ich sehr gut spreche, ich hätte vier Mann bei mir, und öffnete man mir nicht, würde ich das Tor einschlagen. Keine Antwort. Da holten wir uns einen großen Pflock und machten uns dran, das Tor einzustoßen. Mit dieser Arbeit waren wir zur Hälfte fertig, als die Tür heftig aufriß, ein großer Kerl dastand, von sechs Fuß Höhe, einen Säbel in der einen, ein Kerzenlicht in der andern Hand. Da wird es eine Schlägerei geben, und inzwischen plündert man mir meinen Karren, dachte ich. Trotzdem ich einen Frei-Quartierzettel hatte, rief ich: ›Ich zahle Ihnen, wenn Sie wollen, im voraus.‹ – ›Was, du bist's, Philipp?‹ rief der Mensch, schmiß seinen Säbel hin und fiel mir um den Hals. ›Kennst du denn Bonnard nicht mehr, den Korporal vom 20. Regiment?‹ Ich umarmte den Mann und schickte die Soldaten fort. Bonnard hatte sechs Monate bei meinem Vater in Vicenza gewohnt. ›Ich geb dir mein Bett‹, sagte er. ›Ich sterbe vor Hunger,‹ antworte ich, ›seit drei Stunden laufe ich in Valence herum.‹ ›Ich wecke meine Magd und gleich wirst du was zum Essen haben.‹ Ich ging mit Bonnard in den Keller, wo er unter einer Sandschicht ein paar vortreffliche Flaschen hervorzog. Während wir tranken und auf das Essen warteten, erschien ein großes schönes Mädchen von etwa achtzehn Jahren. ›Ah, du bist aufgestanden,‹ rief Bonnard, ›um so besser. Das ist nämlich meine Schwester, Freund Philipp, du mußt sie heiraten, du bist ein hübscher Bursch und ich gebe ihr sechshundert Franken Mitgift.‹ ›Ich bin verheiratet‹, sagte ich. ›Du verheiratet? Das glaub dir, wer mag. Und wo ist sie denn, deine Frau?‹ ›In Zara, wo sie Hausierhandel treibt.‹ ›Dann laß sie zum Teufel gehn mit ihrem Kram. Laß dich in Frankreich nieder, und da heiratest du meine Schwester, weit und breit das schönste Mädchen.‹ Katharine war wirklich sehr hübsch. Sie schaute mich mit großen Augen an. ›Der Herr ist Offizier?‹ fragte sie, von einem schönen Pelz getäuscht, den ich mir anläßlich der Parade in Dijon gekauft hatte. ›Nein, Fräulein, ich bin Marketender im Hauptquartier und habe zweihundert Louis bei mir, ich kann wohl sagen, es gibt nicht viele Offiziere, die das sagen können.‹ Ich besaß mehr als sechshundert Louis, aber man muß vorsichtig sein. Kurz, was soll ich Ihnen sagen? Bonnard ließ mich nicht fort. Er mietete mir eine kleine Kantine neben der Wachtstube am Stadttor, wo ich an unsere Soldaten verkaufte. Und obwohl ich nicht mehr im Gefolge der Armee war, verdiente ich an manchen Tagen meine acht bis zehn Franken. Und Bonnard immer wieder: ›Du heiratest meine Schwester.‹ So allmählich hatte Katharine sich angewöhnt, mich in meiner Kantine aufzusuchen; oft blieb sie drei, vier Stunden bei mir. Und ich verliebte mich schließlich ganz närrisch in sie und sie noch weit mehr in mich, aber Gott gab uns die Gnade, daß wir brav blieben. ›Wie denn kann ich dich heiraten‹, sagte ich ihr, ›ich bin doch verheiratet.‹ ›Hast du deiner Frau in Zara nicht alle deine Waren gelassen? Da hat sie doch ihr Auskommen, und du bleibst bei uns. Tu dich zusammen mit meinem Bruder oder führe dein Geschäft allein weiter, es geht gut und es wird noch besser gehen.‹ Ich muß Ihnen sagen, daß ich in Valence Bankgeschäfte machte, indem ich gute Wechselbriefe auf Lyon von den Besitzern, die Bonnard kannte, akzeptiert, kaufte. Bloß mit dem Bankgeschäft verdiente ich zuweilen hundert bis hundertzwanzig Franken in der Woche. So blieb ich also in Valence bis in den Herbst. Was sollte ich anfangen? Ich starb danach, Katharine zu heiraten, und hatte ihr aus Lyon ein Kleid und einen Hut kommen lassen. Wenn wir mit dem Bruder als Dritten spazierten, schaute alles auf Katharine; sie war wirklich das schönste Mädchen, das ich in meinem Leben gesehen habe. ›Wenn du mich wegen deiner Frau nicht heiraten willst, dann bleibe ich bei dir als Magd, nur verlaß mich nie.‹ So sagte sie oft. Des Morgens ging sie vor mir in die Kantine, um mir das frühe Aufstehen und das Aufmachen zu ersparen. Wie gesagt, ganz verrückt verliebt war ich in sie und sie nicht weniger in mich. Aber in der einen Hinsicht hatten wir nichts miteinander. Wir waren keusch. Im Spätherbst des Jahres 1814 verließen die Verbündeten Valence. Da sagte ich zu Bonnard: ›Die Wirte der Stadt können mich ganz gut umbringen; sie wissen, daß ich hier Geld verdient habe.‹ ›Geh, wenn du willst,‹ sagte Bonnard aufseufzend, ›wir halten niemanden, aber wenn du bei uns bleiben und meine Schwester heiraten willst, so gebe ich ihr mein halbes Vermögen, und wenn dir einer was will, so laß mich nur machen.‹ Dreimal verschob ich den Tag meiner Abreise. Endlich mußte es sein; die letzten Truppen der Nachhut waren schon in Lyon. Wir weinten alle drei die letzte Nacht durch. Katharine, ich und der Bruder. Was soll ich Ihnen sagen? Ich verscherzte mein Glück damit, daß ich nicht bei der Familie blieb. Aber Gott wollte nicht mein Glück. Am 7. November 1814 brach ich auf. Nie werde ich den Tag vergessen. Ich konnte meinen Wagen nicht selber fahren, mußte mir einen Kutscher halbwegs bis Vienne nehmen. Zwei Tage nach meiner Abreise, ich spanne in Vienne gerade mein Pferd ein, wer kommt zur Herberge? Katharine, und fiel mir sogleich um den Hals. Sie war in dem Gasthof bekannt und angeblich gekommen, um eine Tante in Vienne zu besuchen. ›Ich will deine Magd sein,‹ wiederholte sie immer wieder unter Tränen, ›aber wenn du mich nicht magst, dann werfe ich mich in die Rhone.‹ Das ganze Wirtshaus versammelte sich um uns. Die sonst immer so zurückhaltend war und mir vor Leuten nie ein Wort sagte, redete und weinte hemmungslos und küßte mich vor aller Welt. Ich brachte sie rasch auf meinen Karren und wir fuhren ab. Eine viertel Meile außerhalb der Stadt hielt ich. ›Wir müssen uns hier Lebewohl sagen‹, sprach ich. Sie sagte kein Wort mehr, preßte meinen Kopf in ihre Hände und war ganz aufgelöst in Schluchzen und Krämpfen. Ich bekam Angst. Ich sah, sie würde sich in den Fluß stürzen, wenn ich sie zurückschickte. ›Aber ich bin doch verheiratet,‹ wiederholte ich ihr immer wieder, ›verheiratet vor Gott und den Menschen.‹ ›Ich weiß, ich will deine Magd sein.‹ Wohl an die zehnmal hielt ich zwischen Vienne und Lyon meinen Wagen an; sie konnte mich nicht verlassen. Komme ich mit ihr über die Rhonebrücke, sagte ich mir, so ist es ein Zeichen von Gottes Willen. Um die Wahrheit zu sagen, ich merkte es gar nicht, daß wir die Brücke bei Guillotiere passierten und nach Lyon kamen. Im Gasthof hielt man uns für Mann und Frau und gab uns nur ein Zimmer. In Lyon machte sich eine zu große Zahl von Wirten Konkurrenz, und ich nahm darum wieder den Handel mit Uhren und Edelsteinen auf. Zehn Franken verdiente ich damit im Tage, und Katharine hielt so gut Wirtschaft, daß wir nicht mehr als vier verbrauchten. Ich nahm eine Wohnung, die wir uns hübsch einrichteten. Ich besaß damals 18000 Franken, die mir im Bankgeschäft 1500 bis 1800 einbrachten. Ich war nie reicher gewesen als in den achtzehn Monaten, die ich mit Katharine zusammen lebte. Ich war so reich, daß ich mir einen kleinen Luxuswagen kaufen konnte, in dem wir jeden Sonntag Ausflüge in die Umgebung machten. Da besuchte mich eines Tages ein Jude aus meiner Bekanntschaft, bat mich, den Wagen einzuspannen, und ihn so zwei Meilen die Stadt hinauszufahren. Da sagte er mir dann: ›Philippo, du hast ein Weib und einen Sohn, sie sind unglücklich.‹ Und gab mir einen Brief von meiner Frau, worauf er verschwand. Ich kehrte allein nach Lyon zurück. Diese zwei Meilen dünkten mich eine Ewigkeit. Der Brief meiner Frau war voller Vorwürfe, die mich aber weit weniger berührten, als der Gedanke, meinen Sohn verlassen zu haben. Ich sah aus dem Brief, daß meine Geschäfte in Zara recht gut gingen. Aber daß ich meinen Sohn verlassen hatte, der Gedanke tötete mich. Kein Wort konnte ich an dem Abend sprechen, und Katharine merkte es. Aber sie hatte ein so gutes zartfühlendes Herz. Drei Wochen vergingen, ohne daß sie mich nach dem Grund meines Kummers gefragt hätte. Und ich sagte ihn ihr erst, als sie mich fragte. ›Ich habe einen Sohn.‹ ›Das ahnte ich,‹ sagte sie, ›wir wollen abreisen, ich will in Zara deine Magd sein.‹ ›Unmöglich, meine Frau weiß alles, lies den Brief.‹ Katharine wurde tiefrot über die Schmähungen, die meine Frau in dem Brief über sie schrieb, und über den verächtlichen Ton, in dem sie von ihr sprach, ohne sie zu kennen. Ich küßte sie, tröstete sie so gut ich vermochte. Aber was wollen Sie, lieber Herr, was soll ich Ihnen sagen; die drei Monate, die ich seit dem unseligen Brief noch in Lyon verbrachte, waren eine Hölle; denn ich konnte zu keinem Entschluß kommen. Eines Nachts sagte ich mir: Wenn ich auf der Stelle abreiste? Katharine lag tief schlafend an meiner Seite. Und sowie ich einmal diesen Gedanken gefaßt hatte, fühlte ich es wie Balsam in meiner Seele. Das muß eine Erleuchtung Gottes sein, dachte ich. Aber wie ich Katharine anblickte, mußte ich mir sagen: Es ist ein Wahnsinn. Du darfst das nicht tun. Darauf verließ mich sofort Gottes Gnade; ich fiel in meinen bitteren Gram zurück. Ohne zu wissen, was ich tat, zog ich mich leise an, immer die Augen auf Katharine gerichtet. Meine ganze Kasse war im Bett versteckt; in der Kommode ein Betrag von 500 Franken für eine andern Tags zu leistende Zahlung. Diesen Betrag nahm ich zu mir, ging die Treppe hinunter und in die Remise, wo mein Planwagen stand. Ich lieh mir ein Pferd und fuhr ab. Jeden Augenblick wandte ich mich um; Katharine wird mir nachlaufen, dachte ich immer, und wenn ich sie sehe, dann bin ich verloren. Um von dieser Angst etwas befreit zu sein, nahm ich zwei Meilen hinter Lyon die Post. In meiner Verwirrung machte ich mit einem Fuhrmann ab, daß er meinen Wagen nach Chambéry fahre; denn ich brauchte ihn doch offensichtlich nicht; was mich dazu veranlaßte, dessen erinnere ich mich nicht mehr. In Chambéry eingetroffen, fühlte ich die ganze Bitternis meines Verlustes. Ich ging zu einem Notar und ließ ihn eine Schenkungsurkunde all meiner Habe in Lyon zu Gunsten von Frau Katharine Bonnard, meiner Gattin, ausfertigen. Ich dachte an ihre Ehre und an unsere Nachbarn. Der Notar war bezahlt, ich hatte meine Urkunde, fand aber nicht Kraft, an Katharine zu schreiben. Ich ging also wieder zu dem Notar zurück, der in meinem Namen an Katharine schrieb; einer seiner Schreiber ging mit mir zur Post und gab Brief und Akt vor meinen Augen auf. In einer schmutzigen Kneipe ließ ich auch noch an Bonnard einen Brief nach Valence schreiben. Darin benachrichtigte man ihn in meinem Namen von der Schenkung, die sich auf mindest 14000 Franken belief, weiter noch, daß seine Schwester in Lyon schlimm erkrankt sei und ihn erwarte. Ich habe nie mehr von den Geschwistern etwas gehört. Meinen Wagen fand ich am Fuß des Mont-Cenis. Ich kann mich nicht erinnern, weshalb ich so an dem Wagen hing, der, wie Sie gleich sehen werden, die unmittelbare Ursache meines Unglücks wurde. Der wahre Grund meines Unglücks war ohne Zweifel ein furchtbarer Fluch, den Katharine mir nachgeworfen. Lebhaft und leidenschaftlich, wie sie war, jung, zwanzig Jahre zählte sie damals, schön und unschuldig; denn außer für mich, dem sie dienen und den sie ehren wollte als ihren Gatten, hatte sie nie eine Schwäche gehabt; es fand wahrscheinlich ihre Stimme Gehör bei Gott, und sie bat ihn, mich streng zu strafen. Ich kaufte mir einen Paß und ein Pferd. Wie ich auf den Gedanken kam, daß ich mich am Fuß des Mont-Cenis vor einer Grenze befand, das weiß ich nicht. Mir kam der Einfall, mit meinen fünfhundert Franken ein bißchen Schmuggel zu treiben. Ich kaufte Uhren, die ich in meines Wagens Geheimfach tat. Stolz fuhr ich am Zollhaus vorbei, wo man mir anzuhalten zurief. Ich hatte in meinem Leben so viel Konterbande getrieben, daß ich sicher und unbesorgt ins Zollhaus trat. Die Zollbeamten machten sich sofort über meinen Wagen her. Wahrscheinlich hatte mich der Uhrmacher verraten: man nahm mir alle meine Uhren ab, außerdem mußte ich hundert Taler Strafe zahlen; ich gab ihnen fünfzig Franken, wofür sie mich gehen ließen. Ich besaß noch hundert Franken. Das Unglück rüttelte mich auf. An einem Tag, in einem Augenblick von fünfhundert auf hundert Franken gebracht sein, wie geht das zu. Ich könnte ja, sagte ich mir, Pferd und Wagen verkaufen, aber bis nach Zara ist ein weiter Weg. So quälten mich noch diese düstern Gedanken, als mich ein schreiend laufender Zollwächter einholte. ›Du mußt mir noch zwanzig Franken geben, du jüdischer Hund, die andern droben haben mich begaunert; ich hab' nur fünf Franken bekommen statt zehn, und hab' dir außerdem noch nachlaufen müssen.‹ Es war fast Nacht, der Mensch war betrunken und beschimpfte mich. Ich werd' doch mein bißchen Geld nicht noch mehr vermindern, dachte ich. Der Zollsoldat packte mich am Kragen. Der Böse versuchte mich. Ich gab dem Menschen einen Messerstich und warf ihn den Bergbach hinunter, gut fünfzehn bis zwanzig Fuß tiefer als die Straße. Es war das erste Verbrechen meines Lebens. Ich bin verloren, sagte ich mir. In der Nähe von Suze hörte ich Lärm hinter mir. Ich gab meinem Pferd die Peitsche und es ging durch. Konnte es nicht mehr halten. Der Wagen schlug um, und ich brach mir das Bein. Katharine hat mich verflucht, sagte ich mir, der Himmel ist gerecht. Man wird mich als den Mörder erkennen und in zwei Monaten werde ich gehängt werden. Nichts von all dem ist eingetroffen.« Eine Geldheirat I Als Feder siebzehn Jahre alt war, wurde er von seinem Vater verstoßen, weil er als Sohn einer der begütertsten Familien von Marseille sich soweit vergessen hatte, eine Schauspielerin zu heiraten. Sein Vater war seit langem in Marseille ansässig, Deutscher von Geburt und als solcher etwas leicht sittlich entrüstet. Er verfluchte mindestens zwanzigmal im Tage Voltaire und den lockeren französischen Geist. Diese unnatürliche Heirat seines Sohnes war ihm ein Greuel; daß aber sein Sohn um sich zu entschuldigen, Ansichten äußerte, die einem leichtlebigen Franzosen zur Ehre gereicht hätten – dieses Benehmen brachte den Vater vollkommen aus dem Gleichgewicht. Feder war fast zweihundert Meilen von Paris entfernt aufgewachsen, ging jedoch mit der Mode und gefiel sich darin, Handel und Gewerbe zu verachten, insbesondere, weil sein Vater mit derartigen Dingen zu tun hatte. In den Augen seines Vaters war er zwar ein Künstler, da er an den antiken Gemälden im Museum zu Marseille Gefallen fand und den modernen Schund, den der Staat in die Provinzmuseen sandte, verabscheute, aber tatsächlich fehlten ihm alle Eigenschaften zum echten Künstler. Geldgeschäfte waren ihm unerträglich – das ist wahr, doch nur, weil er bloß die beschwerliche Außenseite dieser Geschäfte, die Kontorarbeiten seines Vaters sah. Michael Feder hütete sich wohl, vor seinem Sohne zuzugeben, daß ihm die Lobeshymnen seiner Geschäftsfreunde schmeichelten und er himmlische Freuden empfand, wenn er nach einer gelungenen Spekulation, die sich sein alter Kopf ausgedacht hatte, ihnen in eitlem Stolze ihre Gewinnanteile auszahlen konnte. Predigte er doch unermüdlich gegen die französischen Laster der Eitelkeit und des Leichtsinns. Aber in seinen Bedürfnissen war er genügsam und begnügte sich in seinen freien Stunden mit den kargen Freuden, die ihm ein Buch oder seine lange Pfeife gewährten. Während er so Millionen anhäufte, mußte er es zu seinem Ärger erleben, daß seine Geschäftsfreunde trotz seiner Moralpredigten nichts Eiligeres zu tun hatten, als ihren Gewinst auf Ausflügen, auf der Jagd und ähnlichen Vergnügen zu verjubeln. Als Feder die junge siebzehnjährige Schauspielerin Amelie heiratete, die eben das Konservatorium verlassen hatte und in ihrer ersten Rolle als »Kleiner Matrose« viel Beifall fand, da verstand er sich lediglich auf zwei Dinge: er konnte reiten und kleine Miniaturporträts malen. Die Bildnisse von seiner Hand waren verblüffend ähnlich – dies muß man zugeben, aber sie rechtfertigten in keiner Weise die Überhebung des Malers, denn sie waren von einer abstoßenden Häßlichkeit und nur deshalb ähnlich, weil sie die Schönheitsfehler der Modelle hervorhoben und übertrieben. Obwohl Michael Feder, der Inhaber der weitbekannten Firma Michael Feder und Kompanie, tagtäglich voll Eifer über die natürliche Gleichheit aller Menschen deklamierte, vermochte er doch niemals zu verzeihen, daß sein Sohn eine kleine Schauspielerin geheiratet hatte. Vergeblich stellte ihm der Anwalt, mit dem er alle Rechtsfragen der Firma erörterte, vor, daß die Ehe seines Sohnes nur durch einen spanischen Kapuziner vollzogen worden sei und sie nicht daran gedacht hätten, sie vom Standesamt bestätigen zu lassen. Michael Feder aus Nürnberg war ein Erzkatholik, wie es die meisten Bayern zu sein pflegen, und hielt eine Ehe, die mit dem heiligen Sakrament eingesegnet worden war, für unauflöslich. Zudem wurde der stark ausgeprägte Stolz unseres deutschen Grüblers durch einen Spottvers verletzt, den die Spatzen von Marseille von den Dächern pfiffen: »Herr Feder ist Bayer und viel Millionen schwer, Wo hat er das ›Matröschen‹ als Schwiegertochter her?« Diese neue Gewalttat ›französischen Witzes‹ brachte ihn in Hitze. Er erklärte, niemals mehr, solange er lebe, seinen entarteten Sohn wiedersehen zu wollen, sandte ihm fünfzehnhundert Franken und verbot ihm, sich jemals wieder blicken zu lassen. Feder tanzte vor Freuden, als er die fünfzehnhundert Franken leibhaftig vor sich liegen sah. Er mußte sich lange und unsäglich anstrengen, bis es ihm gelang, sich noch eine ungefähr gleich hohe Summe zu beschaffen. Dann reiste er nach Paris ab, dem Zentrum geistigen und kulturellen Lebens, begleitet von dem »Kleinen Matrosen«, der mit großer Freude der Hauptstadt und dem Wiedersehen all seiner Freunde vom Konservatorium entgegensah. Doch einige Monate später verlor Feder seine Frau, die starb, nachdem sie ihm eine Tochter geboren hatte. Kaum hatte sich Feder nach längerem Zögern dazu aufgerafft, seinem Vater von diesem verhängnisvollen Ereignis zu berichten, da erfuhr er, daß sich sein Vater ruiniert hatte und auf der Flucht befand. Sein ungeheurer Reichtum war ihm in den Kopf gestiegen. In hohler Selbstgefälligkeit hatte er sich in eitlen Träumen gewiegt, alle Vorräte eines französischen Tuches aufkaufen zu können, jeden Abschnitt am Rande mit den Worten »Feder aus Deutschland« besticken zu lassen und dieses Tuch, das natürlich hinfort Federtuch genannt werden würde, dann um den doppelten Preis zu verkaufen. Die Unsterblichkeit schien ihm sicher. Als er aber an die Ausführung dieses Gedankens ging, der übrigens gar wohl einen Franzosen zum Vater hätte haben können, machte er in kürzester Zeit Bankrott. So fand sich unser Held plötzlich auf sich selbst gestellt, mit tausend Franken Schulden und einer kleinen Tochter allein mitten in Paris, das er nicht kannte und das ihm Hirngespinste, die ihm seine Einbildungskraft vorgaukelte, auch nicht in seiner erdenhaften Schwere erkennen ließen. Er war bis jetzt nichts als ein Geck gewesen, der im Grunde auf den Reichtum seiner Vaters ungeheuer stolz war. Vom Wunsche getrieben, eines Tages ein berühmter Künstler zu werden, hatte er mit vielem Eifer Lebensbeschreibungen der großen italienischen Maler gelesen und entdeckt, daß fast alle arm und unbedacht gewesen waren und ihnen manches im Leben mißglückt war. So hatte er auch sein Leben, ohne weiter zu denken, ganz nach seinen Leidenschaften und Wünschen eingerichtet und sich bisher wenig um Geld und Brauch gekümmert. Als seine Frau starb, bewohnte er eine kleine möblierte Wohnung in einem Hause in der rue Taibout bei einem Schuhmacher namens Martineau. Herr Martineau erfreute sich eines geruhsamen Wohlstandes und war wohlbestallter Korporal der Nationalgarde, obwohl die Natur ihn ziemlich stiefmütterlich behandelt und ihm das unmilitärische Maß von vier Fuß und zehn Zoll gegeben hatte. Aber der Fußbekleidungskünstler war dieses ärgerlichen Fehlers Herr geworden, indem er sich Stiefel mit zwei Zoll hohen Absätzen nach Ludwig XIV. zurechtgeschustert hatte und ein wunderschönes Pelzbarett trug, das zweieinhalb Fuß hoch war. Das Glück war ihm hold gewesen. Bei einem der letzten Aufstände hatte er, als er in jener stolzen Aufmachung einherstolzierte, eine Kugel durch den Arm bekommen. Dieses Erlebnis blieb ihm stets lebendig im Gedächtnis und wandelte seinen Charakter dermaßen, daß er ganz gegen die Gewohnheit seines Standes vornehm zu denken begann. Feder war beim Tode seiner Frau Herrn Martineau den Mietzins für vier Monate, insgesamt dreihundertzwanzig Franken, schuldig. Der Schuhmacher sagte ihm: »Ich habe Mitleid mit Ihrem Unglück und will Sie nicht behelligen. Malen Sie mich in Uniform als Korporal der Nationalgarde, und Ihre Schuld soll damit getilgt sein.« Das Bildnis, das nun entstand, war so entsetzlich ähnlich, daß es bei den Kaufleuten der Nachbarschaft Staunen und Bewunderung erweckte. Der Korporal stellte es ganz nahe an das Auslagenfenster des Ladens, das nach englischem Muster gegen die Straße zu angebracht war. Bald kam die ganze Kompanie Martineaus, um das Konterfei zu bewundern. Einige der Gardisten faßten den blendenden Plan, im Amtshaus ihres Kreises ein Museum zu errichten, das die Bildnisse aller Wehrmänner enthalten sollte, die in ruhmreichem Kampfe den Tod gefunden oder sich eine Verwundung geholt hätten. Da die Kompanie außer dem Schuhmacher noch zwei Verwundete hatte, malte sie Feder ab. Der eine wie der andere war grauenerregend gut getroffen. Als sie ihn fragten, was sie ihm schuldig seien, antwortete er, es genüge ihm das freudige Bewußtsein, die Züge seiner großen Mitbürger verewigt zu haben. Diese Antwort sprach sich herum und brachte ihm Glück. Die ehrbaren Bürger nahmen die Schmeichelei wohlgefällig entgegen und hielten in ihrer maßlosen Eitelkeit alles, womit sie der vornehme Abkömmling neckte, für bare Münze. Der beabsichtigte Erfolg blieb nicht aus. Mehrere Nationalgardisten aus der Kompanie Martineaus verfielen auf den Gedanken, vorsichtigerweise sich schon jetzt malen zu lassen, denn – so argumentierten sie – vorteilhaft sei es auf alle Fälle, wenn das Bildnis fix und fertig für die Ruhmeshalle bereit stände. Käme es einmal zum Kampfe, so würden sie ohne Zweifel durch das Getöse und den Geruch des Pulvers entflammt, sich tatendurstig in das Getümmel stürzen und möglicherweise eine Wunde davontragen oder den Tod finden. Es sei klug, für einen solchen Fall möglichst frühzeitig vorzubauen. Bis in die Reihen des Bataillons drangen solche Erwägungen. Solange Feder an dem Reichtum seines Vaters einen Rückhalt gehabt hatte, waren seine Gemälde nicht verkäuflich gewesen. Seine Armut aber zwang ihn, für ein Porträt hundert Franken zu fordern. Für die guten Gardisten ermäßigte er den Preis auf fünfzig Franken und bewies dadurch, daß er seit dem Bankrott seines Vaters seinen Vorteil kläglicher zu wahren gelernt und auf das äffische Nachahmen alberner Künstlergebräuche verzichtet hatte. Er verlor auch viel von seiner Zurückhaltung und nahm ruhig und bescheiden, wenn er das Bild eines Gardisten vollendet hatte, die Einladung zur Feier des neubackenen Unsterblichen an. Es wurde in den Legion üblich, daß der betreffende Familienvorstand den jungen Modemaler an jenem denkwürdigen Tage zum Essen einlud. Feder besaß eine jener hübschen, regelmäßigen und geschmeidigen Gestalten, denen man in Marseille wahrscheinlich als Nachkommen der Griechen, die die Stadt einstmals begründet haben, inmitten des derben, knochigen Schlages der Provence häufig begegnen kann. Die Frauen der Gardisten von der zweiten Legion erfuhren bald von der wagemutigen Tat des jungen Malers, von seiner Heirat mit einem jungen Mädchen, das nichts als ihre Schönheit besessen habe und von seiner trotzigen Entschlossenheit den Drohungen seines schwerreichen Vaters gegenüber. Diese rührende Geschichte ward immer romantischer, je weiter sie von Mund zu Mund getragen wurde, immer unwahrscheinlicher und toller. Als vollends zwei oder drei tapfere Kämpen von der Kompanie Martineaus, die aus Marseille stammten, für ihren Landsmann eintraten und erzählten, in welche Bedrängnis ihn seine übermenschliche Liebe versetzt hatte, da wußte sich Feder vor seinen Erfolgen bei den Weibern der Gardisten nicht mehr zu retten und mußte mancher Dame der Kompanie, des Bataillons, ja selbst der Legion, die ihn ihrer Liebe würdigte, sein neunzehnjähriges Feuer opfern. Seine Schulden hatte er Herrn Martineau aus dem Erlös seiner Bilder längst bezahlt. Einer von den Kaufleuten, bei denen er häufig zu Gast war, weil er seine beiden kleinen Töchter malte, arbeitete für die Oper und bot ihm Freikarten an. Feder aber tat nicht mehr so unüberlegt wie früher, was ihm seine Einbildungskraft in tollen Bildern durch die Seele jagte, denn er war durch das stete Zusammenleben mit dem eitlen rohen Volke, das sich ganz gefühlsmäßig vom Augenblicke leiten ließ, reifer und klüger geworden. So ließ er es nicht an Erkenntlichkeit fehlen, erklärte jedoch gleichzeitig, daß er, trotz seiner großen Liebe für Musik, der gütigen Einladung nicht folgen könne. Seit jenem Tage nämlich, da ihm seine Frau, die er aus Liebe geheiratet hätte, entrissen worden und er vom Leben keine Freuden mehr zu erwarten habe – er liebte diese eindrucksvolle Wendung und bediente sich ihrer häufig – seien seine Augen durch unaufhörliches Vergießen von Tränen so geschwächt, daß sie, ganz gleich von welcher Stelle des Zuschauerraumes, die Flut des Lichtes zu ertragen außerstande wären. Das Ergebnis dieser Achtung einflößenden Mitteilung stellte Feder zufrieden. Die tapferen Gardisten der zweiten Legion kamen zur Überzeugung, daß ein freundschaftlicher Verkehr mit diesem Künstler für ihre Frauen gänzlich gefahrlos sei. Er aber fand nunmehr, wie er es erwartet hatte, Eingang in die Welt der Kulissen. Die paar Banknoten über fünfhundert Franken, die der junge Marseiller in seiner Brieftasche angesammelt hatte, ließen ihn der Erfolge, die er bei den Ladenprinzessinnen geerntet hatte, überdrüssig werden. Seine Phantasie spiegelte ihm vor, daß er wirkliches Glück nur bei den vornehmen Frauen der großen Welt finden könne, bei jenen Frauen mit schmalen, weißen Händen, denen weite, prächtige Wohnräume in Palästen und eine Leibequipage zur Verfügung ständen. Er suchte solchen Frauen, von denen er Tag und Nacht träumte, zu begegnen, gab zu diesem Zweck seine Zimmer bei Martineau auf, mietete sich im vornehmen Viertel der Vorstadt Saint-Honoré ein und verbrachte seine Abende im Theater bei Vorstellungen italienischer Opern oder in den Sälen bei Tortoni. Feder erinnerte sich der Sitten während der Regierungszeit Ludwig XV., der zwanglosen Beziehungen, die zur Zeit der Monarchie von den tonangebenden Persönlichkeiten mit den ersten Bühnenkünstlerinnen unterhalten worden waren und machte die Erfahrung, daß im Gegensatz hierzu unüberschreitbare Schranken die Welt des Handels von der Welt der vornehmen Gesellschaft trennten. Als er zum ersten Male seine Schritte zur Oper lenkte, tat er es mit dem Vorsatz, unter den paar großen Tänzerinnen und Sängerinnen die gleichgestimmte Seele zu suchen, deren er bedurfte, um in die vornehme Gesellschaft Eingang zu finden. Sein Hauptaugenmerk richtete er auf Rosalinde. Diese berühmte Tänzerin war in ganz Europa bekannt. Niemand sah ihr die zweiunddreißig Jahre an, die sie zählte, denn sie hatte es verstanden, sich jung zu erhalten. Sie zeichnete sich durch zwei Eigenschaften aus, die heutzutage immer seltener werden, nämlich durch Anmut und Vornehmheit. Mindestens dreimal in jedem Monat beschäftigten sich die vier oder fünf bekanntesten Tageszeitungen mit ihr und rühmten ihr einwandfreies Betragen und ihre Sittenreinheit. Eines von diesen Feuilletons, das besonders gut geschrieben war – es hatte auch fünfhundert Franken gekostet – entschied endgültig die Wahl Feders. Einen vollen Monat brachte er nun damit zu, das Terrain zu sondieren, während seine Freunde von der Nationalgarde damit beschäftigt waren, die Märe von seinem unglücklichen Schicksal bis in die Kulissenkreise zu tragen. Dann entschied er sich, auf welchem Wege er zum Ziele gelangen wollte. Als Rosalinde eines Abends in dem Ballett, das gerade in Mode war, auftrat, schlich sich Feder durch Baumgruppen auf die Bühne, um aus nächster Nähe ihren Tanz zu verfolgen und fiel in dem Augenblick, da sich der Vorhang senkte, in Ohnmacht. Rosalinde fand bereits das ganze Personal um den jungen Mann bemüht, dessen Zustand um so mehr Besorgnis erweckte, als ja jeder von seinem trüben Schicksal schon reden gehört hatte. Sie war noch freudig bewegt von dem Beifall, mit dem sie eben überschüttet worden, und daher von dem Anblick, der sich ihr in jähem Übergang darbot, doppelt ergriffen. Nicht ihrer vornehmen Haltung, die ihr von ihren ersten vornehmen Freunden beigebracht worden war, verdankte sie Talent und Ruhm, sondern dieser Gabe des Einfühlens und Mitempfindens, mit der sie sich jetzt eben in die Lage des Ohnmächtigen, der trotz seiner Jugend vom Schicksal so hart mitgenommen worden war, hineinversetzte. Feders Gesicht schien ihr von seltsamer Noblesse, und sein tragisches Erlebnis packte ihre Phantasie. »Lassen Sie ihn Ihre Hand küssen«, sagte ihr eine alte Figurantin, die Feder eben an einem Salzfläschchen riechen ließ. »Nur weil er Sie liebt, hat er die Besinnung verloren. Verliebt und dabei bettelarm – der Arme ist wirklich ein Pechvogel!« Rosalinde verschwand, tauchte in ihrer Garderobe Hände und Arme in den Parfüm, der gerade damals in Mode war und eilte wieder zu Feder zurück. Das war für ihn der langersehnte Augenblick, da er aus der tiefen Umnachtung erwachen durfte. Welcher rührende Ausdruck lag in seinen Zügen! Dreiviertel Stunden lang hatte er mit geschlossenen Augen, regungslos und stumm das langweilige Geschwätz um ihn herum über sich ergehen lassen müssen – ist es da erstaunlich, wenn sein Blick in dem Augenblick, da er die Augen aufschlug, besonders lebhaft und beredt war? Rosalinde ward von dieser Sprache so tief ergriffen, daß sie unseren Helden gleich in ihrem Wagen mit nach Hause nahm. Feder entsprach allen Anforderungen, die sich aus der Situation, die er selbst herbeigeführt hatte, ergaben, so trefflich, daß Rosalinde die ganze Welt vergaß und kaum einen Monat nach jener ersten Begegnung die Revolverblätter den dankbaren Stoff aufgriffen. Sie verlor vollkommen den Kopf, nicht allein, was ihren Ruf betraf, sondern auch in bezug auf ihr bedeutendes Vermögen, denn eines Tages machte sie ihrem Geliebten allen Ernstes den Vorschlag, sie zu heiraten. »Du hast aber dreißig, vierzig – ich weiß nicht wieviel – Tausende von Franken jährlich auszugeben«, erwiderte Feder seiner Freundin. »Lieben werde ich dich bis zu meinem letzten Atemzug, dich jedoch zu heiraten, verbietet mir, das fühle ich, meine Ehre, solange ich nicht wenigstens die Hälfte dieses Einkommens habe.« »Du wirst bald so weit sein, mein Schatz. Nur mußt du mir folgen und einige unbedeutende, aber langweilige Prozeduren geduldig über dich ergehen lassen. Gehorchst du meinen Ratschlägen, so bist du in zwei Jahren ein berühmter Maler, läßt dir für jedes Bild bis zu fünfzig Louisdor geben und ziehst bald danach in die Akademie ein. Wenn du dieses höchste Ziel erreicht hast, werde ich mit deiner Erlaubnis deine Pinsel, Paletten und Farben zum Fenster hinauswerfen. Alle Welt wird dann wissen, daß du jährlich sechshundert Louisdor ausgeben kannst, wir schließen nicht mehr eine Liebes-, sondern eine Vernunftehe, und du wirst dadurch glücklicher Besitzer eines jährlichen Einkommens von mehr als zwanzigtausend Talern werden. Denn auch ich werde sparen!« Feder schwor, daß er sich allen ihren Befehlen unterwerfe. »Aber du wirst mich für eine unerträgliche Schulmeisterin halten und mich verabscheuen!« Feder versicherte ihr, er werde nie und nimmer nachlassen, ihr zu gehorchen und sie zu lieben. Er ahnte, daß er einzig und allein auf jenem Dornenwege, den sie ihm weisen wollte, zu jenen Frauen aus der großen Welt gelangen würde, die ihm in seiner Einbildung so himmlisch schön und anbetungswürdig dünkten. Rosalinde seufzte. »Also gut. Ist es dir recht, so werde ich mich von nun an schulmeisterlich geben müssen. Aber wenn du mir nicht schwörst, daß du es mir sagen wirst, wenn ich dir langweilig werde, lasse ich es lieber. Scheint mir doch diese Rolle, die ich von nun an vor dir spielen soll, gefährlicher als jede andere, die ich bisher übernommen habe.« Feder leistete den Schwur, den sie von ihm verlangte, mit soviel Eifer, daß sie ihm glaubte und sich fügte. »Also gut. Was ich vor allem an dir aussetzen muß, ist die Art, wie du dich kleidest. Du bist viel zu elegant und wählst viel zu helle Farben. Hast du denn ganz vergessen, welchen Verlust du erlitten? Du bist und bleibst der untröstliche Gatte der armen, schönen Amelie. Wenn du ihr nicht nachgefolgt bist, sondern noch lebst, so erträgst du dieses Dasein nur, indem du dich ihrer erinnerst und dich ihrem Gedächtnis weihst. Ich werde für dich eine so geschmackvolle Tracht auswählen, daß unsere ›Elegants‹, wenn sie es versuchen sollten, sie nachzuahmen, in Verzweiflung geraten werden. Jeden Tag, bevor du ausgehst, werde ich über dich Musterung abhalten, wie ein General über seine Truppen. Du wirst ferner die klerikale Tagespost abonnieren und dir die Werke der heiligen Väter kaufen. Denn wer adlig ist, ist auch fromm, und du bist adlig, weil dein Vater Nürnberg als ›Herr von Feder‹ verließ, und mußt daher auch fromm sein. Diese gottesfürchtige Frömmigkeit trotz der wirren Verhältnisse, in denen du lebst, wird einst unsere Ehe heiligen. Wenn du jederzeit und in jeder Lage deinen Pflichten als Christ nachkommst, und für deine Bilder nicht unter fünfzig Louisdor forderst, prophezeie ich dir eine glänzende Zukunft. Ich bin so sicher, daß du Erfolg haben wirst, wenn du dich so benimmst, wie ich will, daß ich dir eigenhändig eine Wohnung einrichten werde. Junge Frauen werden sich um die Ehre streiten, von einem so gefeierten und schönen jungen Mann wie du dort empfangen und gemalt zu werden. Das aber sage ich dir: diese Wohnung muß einen traurigen und düsteren Eindruck hinterlassen. Denn wenn du es nicht fertig bringst, vor der Öffentlichkeit traurig zu erscheinen, dann ist es besser, keine Luftschlösser mehr zu bauen und mich heute noch zu heiraten. Doch du wirst dir alle Mühe geben, nicht wahr? Ich werde ausziehen und mit dir irgendein Landhaus beziehen, das weit genug von der Stadt in einem gottverlassenen Winkel steht. Die Fahrten dorthin und von dort nach Paris werden uns Geld kosten, aber dein Ruf wird gerettet sein. Dort kannst du dann deinem südlichen Temperament die Zügel schießen lassen. Die braven Provinzler der Nachbarschaft werden dich nicht daran hindern. Aber im Weichbild von Paris darfst du einzig und allein als untröstlicher Witwer, Edelmann und pflichteifrigster Christ auftreten – trotzdem du mit einer Tänzerin lebst. Wenn ich auch, mit deiner armen Amelie verglichen, gar nicht schön bin, wirst du doch sagen können, daß ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, weil ich ihr ähnlich sei, und daß du damals in der Oper – bei diesen Worten warf sich Rosalinde in die Arme Feders – ohnmächtig wurdest, weil ich in dem Ballett, in welchem ich tanzte, ganz zufällig eine Bewegung machte, die dich an deine Frau erinnerte.« Sie derart reden zu machen, hatte Feder damals, als er hinter den Kulissen eine Stunde lang ohnmächtig und gelangweilt alle Glieder von sich streckte, bezweckt. Aber er war weit davon entfernt gewesen, an solch strenge Anforderungen zu denken, wie sie nun an ihn gestellt wurden! Er, der gewöhnlich so lebhaft und heiter war, sollte mit einem Male trübsinnig und melancholisch werden! »Laß mich einige Tage überlegen,« sagte er zu Rosalinde, »bevor ich dir antworte. Oder mache mich unglücklich, dann brauche ich nicht zu heucheln, wenn du mich mit traurigem Gesicht auf den Boulevards sehen willst.« »Du mußt so handeln, wie ich am Anfang meiner Laufbahn«, erwiderte Rosalinde. »Die Leute waren damals so töricht, daß ich in der Öffentlichkeit Tanzschritte machen und stets auf meine Füße Obacht geben mußte. Vergaß ich das nur durch zehn Minuten, so konnte ich sicher sein, eine Woche lang vergeblich mich bemüht zu haben. Doch, du mußt wissen, was du zu tun hast. Nur wenn du dich mit gesenktem Kopf in die düsteren Tiefen des Trübsinns stürzst, täglich die klerikale Tagespost so genau studierst, daß du nötigenfalls die Phrasen ihres Leitartikels auswendig wiederholen und im Gespräch verwenden kannst, wirst du Mitglied der Akademie werden, zu einem Einkommen von fünfzehntausend Franken gelangen und aus mir eine Frau Feder machen. Bleibe ich noch lange ledig, so sterbe ich an gebrochenem Herzen«, setzte sie lachend hinzu. Die nächsten Monate waren recht anstrengend für unseren Helden, denn es kostete ihn viel Mühe, trübsinnig zu sein. Bedenklich war dabei, daß er infolge seines lebhaften und leicht erregbaren Temperaments tatsächlich den Kopf hängen ließ, wenn er betrübt erscheinen sollte, und es dann kein Mittel gab, um ihn aufzuheitern. Rosalinde aber, die ihn liebte und ganz verteufelt klug war, fand einen Ausweg. Sie kaufte irgendwo einen modernen, jedoch ganz abgetragenen Anzug, einen abenteuerlichen Hut, eine Uhr aus Nickel und eine Krawattennadel mit einem großen, falschen Diamanten. Dann ließ sie den Anzug waschen und aufbügeln, legte alles bereit, und als Feder eines Tages wieder in düstere Träume versunken war, weil er ganze zwei Stunden auf den Boulevards als trostloser Witwer zugebracht hatte, rief sie plötzlich triumphierend aus: »Gott, wie gescheit ich bin! Mir ist etwas Glänzendes eingefallen! Wir werden früher als sonst essen. Dann werde ich dich als Ladenjüngling ausstaffieren und zur ›Chaumière‹ begleiten. Ich erlaube dir, dort eben so ausgelassen zu sein, wie du es als Junggeselle warst, als du die Umgebung von Marseille unsicher machtest. Nach unserer Ankunft in der ›Chaumière‹ wirst du mir gewiß sagen, daß du die Redoute herzlich langweilig fändest. Darum will ich dir jetzt schon verraten, daß du dich nur unterhalten wirst, wenn du dich ganz in deine Rolle hineinlebst und dir als Ladenschwengel die närrischsten Bocksprünge leistest. Nachdem ich dich hingebracht habe, werde ich zu Saint-Ange eilen«, – das war ein alter und vornehmer Tänzer, der ziemlich zurückgezogen lebte – »er wird mir seinen Arm reichen und wir werden beide die ›Chaumière‹ aufsuchen, um über deine Späße zu lachen. Wir müssen so tun, als ob wir uns nicht kennen und dürfen nicht miteinander sprechen, denn das wäre zu gefährlich und würde uns verraten. Damit ich mich nicht zurückgesetzt fühle und mich auch ein wenig unterhalte, will ich Saint-Ange erzählen, daß wir uns gestritten hätten. Ich bin schon neugierig, was für schöne Dinge er mir auf deine Rechnung sagen wird.« Die Idee war gut, ihre Ausführung nicht minder, um so mehr als sich Rosalinde noch einige Extraspäße leistete und in der »Chaumière« von zwei oder drei jungen Leuten den Hof machen ließ. Sie war erkannt worden und vergalt die Aufmerksamkeit, die man ihr schenkte, mit verstohlenen, zündenden Blicken. Unser Paar unterhielt sich so ausgezeichnet, daß es noch mehrmals die »Chaumière« aufsuchte. Rosalinde freute sich, als sie Feder sich erwärmen sah. Sie gab ihm immer neue Ideen, wiederholte unverdrossen, daß er sich nur unterhalten würde, wenn er ganz in seiner Rolle aufginge. So erreichte sie es, daß er in dem Typ, den er darstellen sollte, vollkommen gerecht die lächerlichen Seiten eines Ladenschwengels mit derartiger Vollendung hervorkehrte und übertrieb, als ob er sein ganzes Leben nur hinter dem Ladentisch gestanden hätte. Eines Tages kam er zu Rosalinde. »Das ist doch merkwürdig!« sagte er zu ihr. »Gestern abend bin ich in der Durchführung meiner Rolle allen närrischen Ideen, die mir durch den Kopf gegangen sind und die mir Spaß gemacht haben, gefolgt und fand heute, daß es mir viel leichter geworden ist, auf dem Boulevard so geistesabwesend und teilnahmslos zu erscheinen, wie es einem Manne, der von dem Verlust seines liebsten Schatzes noch ganz benommen ist, zukommt.« »Ich freue mich, daß du selbständig zu werden beginnst und ein Thema berührst worauf ich dich schon längst habe hinweisen wollen. Was du eben ganz allein entdeckt hast, ist das Hauptprinzip des Lebens, mein Liebling, und besagt für Leute mit solch südlichem Temperament, wie du, die in Paris leben wollen, daß sie immer Komödie spielen müssen! Immer und unentwegt, mein lieber Freund! Ausschließlich! Ihre Aufgeräumtheit, ihr steter Hang zu Späßen, die Schnelligkeit, mit der sie auffassen und zu antworten pflegen, macht den bodenständigen Pariser, der das Schneckentempo liebt und auf den der ewige Großstadtnebel lastet, kopfscheu. Er wird ärgerlich über ihre Schlagfertigkeit, denn er bildet sich leicht ein, sie wollten ihm zeigen, daß er selbst im Gegensatz zu ihnen nicht mehr jung sei. Und das ist die Stelle, an der er am empfindlichsten ist. Um sich zu rächen, nennt er die Südländer taktlos und ungeschliffen und beschuldigt sie, daß sie unfähig wären, jene witzigen Spöttereien zu würdigen, die das Glück jedes Parisers ausmachen. Deshalb mußt du dir, mein Liebling, wenn du in Paris vorwärts kommen willst, stets das Benehmen eines Menschen vor Augen halten, der gedrückt und mutlos ist, weil er Bauchschmerzen hat. Der lebhafte und freudige Blick deiner Augen, der dir so natürlich ist und den ich so liebe, werde matt und stumpf! Er ist für dich so gefährlich, daß du dir ihn nur erlauben darfst, wenn wir unter vier Augen sind. Sieh dir dieses Bild von Rembrandt an! Wie sparsam ist dieser Maler, was das Licht betrifft! Und gerade ihr Maler glaubt, daß Rembrandt durch diese spärliche Lichtverteilung seine Hauptwirkung erzielt hat. Ich rede jetzt gar nicht davon, was du zu tun hast, wenn du in Paris Erfolge erringen willst, ich sage dir nur: Wenn du hier überhaupt unterkommen und dich nicht der Gefahr aussetzen willst, daß dich die öffentliche Meinung eines schönen Tages einfach hinausbefördert, dann sei sparsam mit dem Feuer deines Blickes, geize mit ihm und mit deinem südlichen Temperament. Denke an Rembrandt!« »Aber mein Engel! Ich tue ja mein Möglichstes, um deiner würdig zu sein. Du machst mich glücklich, Geliebte, indem du mich traurig machst! Weißt du übrigens, was mir passiert? Es gelingt mir nur zu gut, deinem Rat zu folgen. Infolgedessen sehen die armen Teufel, die ich male, noch viel gelangweilter als gewöhnlich aus, wenn sie mir sitzen. Meine melancholischen Reden bringen sie um.« Freudestrahlend fiel ihm Rosalinde um den Hals. »Wirklich?« rief sie aus. »Aber ich habe ja ganz vergessen, dir zu. sagen, daß ich schon von verschiedenen Seiten von deiner Niedergeschlagenheit gehört habe!« »Der Erfolg wird sein, daß niemand mehr zu mir kommen wird.« »Das brauchst du nicht zu befürchten, wenn du die Frauen unter zweiundzwanzig so malst wie du sie siehst, den Fünfunddreißigjährigen dreist fünfundzwanzig Jahre und den guten weißhaarigen Großmüttern ohne weiteres Augen und Lippen von Dreißigjährigen gibst. Das ist das ABC deines Berufes. Du scheinst mir gerade in dieser Hinsicht viel zu schüchtern und zaghaft zu sein. Schmeichle doch den lieben Leuten, die zu dir kommen, übertreibe so, als ob du dich über sie lustig machen wolltest. Es sind noch nicht acht Tage her, seit du das Porträt jener alten Dame gemalt hast. Wie konntest du sie nur als Frau von fünfundvierzig Jahren malen, obwohl sie erst sechzig Jahre alt war? Ich sah wohl durch mein kleines Guckloch im Rahmen deines Rembrandtbildes, wie unzufrieden sie war. Würdest du sie jünger gemalt haben, so hätte sie dich nicht zweimal ihre Frisur neu anfangen lassen!« Nicht lange hernach hörte Rosalinde, wie Feder zu einem seiner Freunde sagte: »Denken Sie sich! Diese Handschuhe da hat mir der Theaterportier um fünfundzwanzig Sous verkauft. Wenn ich sie in einem Laden gekauft hätte, würde ich mindestens drei Franken bezahlt haben.« Der Freund lächelte vielsagend, antwortete jedoch nicht. Nachdem er sich entfernt hatte, fuhr Rosalinde ärgerlich auf: »Bist du denn wirklich imstande, über derartige Lappalien zu schwätzen! Das verzögert deinen Eintritt in die Akademie um drei volle Jahre! Man könnte fast glauben, daß du dich freust, wenn du die Achtung, die man dir entgegenbringt, durch deine Schuld wieder verlierst. Dein Freund wird nun denken, daß du ein armer Schlucker bist, wenn du so sparst. Sprich doch um Himmels willen nicht mehr von Dingen, die darauf schließen lassen, daß du sparen mußt. Die Folgen wären ganz entsetzlich! Überhaupt – wer wird denn von solchen Lappalien reden! Ist es denn so schwer, sich zu verstellen? Wenn du einen Bekannten triffst, so brauchst du nur liebenswürdig zu sein und dich zu fragen: Was könnte ich ihm Angenehmes sagen? Mein armer Freund, der Prinz von Mora-Florez, von dem ich hunderttausend Franken geerbt habe, hat mich diesem Grundsatz folgen gelehrt. Als du mit jenen braven Nationalgardisten lebtest und sie für dich zu gewinnen trachtetest, warst du nicht so schwerfällig. Denn du hast damals begriffen, daß der Pariser sehr gerne hört, wenn man, eben von Sibirien heimkehrend, ihm versichert, daß das Klima von Paris nicht kalt sei, oder von San Domingo eintreffend, ihm bestätigt, daß man es in Paris nicht zu warm fände – mit einem Wort, daß man ihm sagt, was er zu hören erwartet. Damals nahmst du Rücksicht auf diese Eigenart – heute aber sprichst du über so eine Lächerlichkeit wie den Preis von Handschuhen, als ob sich solches Reden von selbst verstünde! Obwohl dir im letzten Jahre deine Malerei nur ungefähr zehntausend Franken eingebracht hat, habe ich Valdor – nach sieben mißglückten Versuchen mit anderen Bankiers bin ich endlich bei ihm gelandet – vorgeschwindelt, daß du dir zwölftausend Franken erspart hättest, und habe diesen Betrag für deine Rechnung bei ihm deponiert. Dieses Allerweltklatschmaul hat nichts Eiligeres zu tun gehabt, als in der ganzen Stadt zu erzählen, daß dein Talent dir mehr als fünfundzwanzigtausend Franken jährlich einbringt. Und heute tust du furchtbar wichtig wegen fünfundzwanzig Sous!« Feder warf sich in die Arme seiner Freundin. Eine wachsamere Geliebte konnte er sich gar nicht wünschen. Seitdem er in dem schäbigen Anzug mit der gleißenden Krawattennadel so gefeiert worden war, hatte er die Chaumière und ähnliche Vergnügungslokale noch öfters aufgesucht. Rosalinde wußte es und war darüber verzweifelt. Die Zahl derer, die ihrem Geliebten wohlwollten und ihn als untröstlichen Witwer kannten, vermehrte sich ungeheuer rasch, und es war deshalb unvermeidlich, daß er nicht von diesem oder jenem in der Chaumière gesehen wurde. Ertappte man ihn, so gab er sein ausschweifendes Leben offen zu, wandte jedoch ein, daß er nur durch solche Ablenkung sich der Niedergeschlagenheit über sein verlorenes Leben erwehren könne. Wenn man von einem Manne sagt, er sei ausschweifend, so ist das noch immer besser, als wenn man ihn für herzlos hält. Man ließ ihm deshalb seine Liederlichkeit durchgehen und sprach sogar manchmal mit Achtung über die närrische Anwandlung, die ihn gewöhnlich Sonntags überkam und dann zu jenen Amandas und Athenais trieb, die an den Wochentagen bei Delille oder Victorine Hüte und Kleider zurichten. Rosalinde weinte öfters. Da er sich ihr gegenüber jedoch stets taktvoll benahm, hatte sie keinen Grund, zu klagen. Bis sie ihm eines Tages ernstliche Vorhaltungen machen mußte. Als Feder zu Rosalinde zog, hatten sie vereinbart, daß er nicht die Hälfte des Mietzinses beisteuern sollte, den ihre prächtige Wohnung am Boulevard in der Nähe der Oper kostete, sondern nur sechshunderteinundzwanzig Franken und fünfzig Centimes. Soviel hatte er nämlich als Junggeselle für sein Zimmer im fünften Stock gezahlt, bevor er zu Rosalinde übergesiedelt war. So kam er eines Tages, um ihr seinen Beitrag für ein halbes Jahr, nämlich dreihundertzehn Franken fünfundsiebzig Centimes zu bezahlen. Er gab ihr zuerst die dreihundertzehn Franken und begann dann mit solcher Genauigkeit seine Taschen umzudrehen und die fünfundsiebzig Centimes zusammenzusuchen, daß Rosalinde in Verzweiflung geriet. »Wahrhaftig,« klagte sie mit Tränen in den Augen, »du beeilst dich so, mir diese paar Groschen zu bezahlen, daß ich fast glaube, du willst mich morgen schon verlassen. Deine Handlungsweise ist nur zu verstehen, wenn man annimmt, daß du dich auf den Augenblick freust, da du deinen Freunden sagen kannst: ›Rosalinde war einst meine Geliebte‹, ja vielleicht sogar: ›Es ist wahr, ich habe mit ihr drei Jahre zusammengelebt und bin ihr sehr dankbar, weil sie sich bemüht hat, meinen Bildern auf der Ausstellung die besten Plätze zu verschaffen. Was aber die finanzielle Seite betrifft, so muß ich doch sagen, daß wir in dieser Hinsicht immer wie Bruder und Schwester gelebt haben.« Rosalinde weinte so herzzerbrechend, daß sie diese Vorwürfe, die nicht ganz unberechtigt waren, nur stoßweise hervorbrachte. II Seitdem sich Feder als untröstlicher Witwer und Porträtist mit reißender Schnelligkeit die Gunst des Publikums gewann und er als sichtbaren Beweis seiner wachsenden Beliebtheit eine vollgefüllte Brieftasche buchen konnte, regte sich in ihm ein spekulatives Talent. Das Börsenspiel fiel ihm nicht schwer, da er sich noch aus seiner Kindheit her erinnerte, wie sein Vater gespielt hatte und über seine Abschlüsse am Laufenden geblieben war. So spekulierte er mit Baumwolle, Zucker, Branntwein und dergleichen. Anfangs war ihm das Glück hold. Als jedoch in Amerika die Baumwollkrise einsetzte, verlor er alles, was er besaß, bis auf das letzte Hemd. Die Erinnerung an die starken Gemütsbewegungen, mit welchem er das Steigen und Sinken der Kurve verfolgt hatte, war der einzige Gewinn, den er aus seinen mißglückten Börsenunternehmen zog. Er war gezwungen gewesen, sich nichts vorzumachen und kühl abwägend seine Entschlüsse zu treffen und trat nun ernüchtert und gereift aufs neue in das Leben. Als er sich eines Tages schwarz gekleidet, wie es seinem melancholischen Charakter entsprach, unter die Menge mischte, die in der Ausstellung im Louvre bewundernd vor seinen Porträts stand, mußte er zu seinem Entsetzen mitanhören, wie seine Verehrer bis zur Bewußtlosigkeit die Phrasen der Feuilletons wiederholten, die erst vor kurzem siebzehn Pariser Zeitungen dank der Geschicklichkeit Rosalindes über seine Kunst gebracht hatten. Feder war kein Kind seiner Zeit, denn es ergriff ihn, als er diese Gemeinplätze hörte, ein derartiger Ekel, daß er seinen Rundgang schnell wieder aufnahm. Nach wenigen Schritten gelangte er zu den Gemälden der Frau von Mirbel und fühlte förmlich, wie jene Übelkeit, die ihn momentan ergriffen hatte, schwand und er in Entzücken geriet. Das Bildnis eines Mannes war es vor allem, das ihn in seinen Bann zog und stehen zu bleiben zwang. »Tatsache ist,« sprach er erregt zu sich selbst, »ich bin ein ganz talentloser Stümper. Meine Bilder sind scheußliche Karikaturen und in der Wahl der Farben vergreife ich mich immer. Wenn die Leute, die sich meine Arbeiten ansehen, imstande wären, ihren Empfindungen nachzugehen, so müßten sie darauf kommen, daß ich alle Frauen male, als ob sie Porzellanpuppen wären.« Obwohl man Feder bei Schluß der Ausstellung als Zeichen der Anerkennung für seine hervorragende künstlerische Begabung die Ehrenmedaille überreichte, ließ er sich von seiner Meinung über sich selbst nicht abbringen. Je mehr er überlegte, desto tiefer prägte sich ihm die Überzeugung von seiner Talentlosigkeit ein. Jeder Tag bewies es ihm von neuem. »Wozu ich noch einigermaßen tauge«, sagte er sich, »ist das Spielen an der Börse. Denn ich verlasse mich nicht auf den Zufall, bin auch nicht voreingenommen und kann die getroffenen Entschlüsse vor mir rechtfertigen, selbst wenn das Ergebnis mich scheinbar Lügen straft. Und von zehn Spekulationen gelingen mir zweifellos mindestens sechs oder sieben.« Durch solche und ähnliche Überlegungen tröstete sich unser Held darüber, daß er von nun an sein künstlerisches Schaffen nur mit Bitterkeit und Kummer verfolgen konnte. Daß seine Beliebtheit durch die Auszeichnung, die ihm zuteil geworden war, noch stieg, bemerkte er daher mit recht gemischten Gefühlen. Von da ab gab er sich ganz offensichtlich keine Mühe mehr, natürliche Farbenwirkungen zu erzielen. Die Frauengesichter, die er nun malte, hatten alle etwas puppenartiges, wie wenn man auf einen schön lackierten Porzellanteller ein Blatt einer roten Rose legt. Infolge dieses schematischen Arbeitens malte er natürlich viel rascher. Mit jedem Jahr aber, das vorüberzog, wichen seine künstlerischen Sorgen mehr und mehr. Schließlich schämte er sich nur noch, daß er zehn Jahre gebraucht hatte, um endlich das Handwerk zu entdecken, das für ihn taugte. Da pochte eines Tages Herr Delangle an seiner Tür. Delangle war einer der ersten Kaufleute von Bordeaux und wußte ihm Dank, weil er es verstanden hatte, in seinem Namen eine sehr ungünstige Verpflichtung in befriedigender Weise zu lösen. Er pochte mit solcher Gewalt am Eingang zu den prächtigen Atelierräumen in der rue de la Fontaine Saint-George, daß die Türen erzitterten, und sprach, als man ihm öffnete, derartig laut und dröhnend, daß Feder, schon lange bevor er in das Atelier trat, wußte, wer ihn besuchen kam. Delangles grauer Hut saß noch viel kühner und schiefer als gewöhnlich auf seinem schwarzen, lockigen Haar, als er wie ein Sturmwind hereinsauste. »Ans Werk! Ans Werk!« schrie er aus vollem Halse. »Ich habe eine Schwester, die einfach fabelhaft schön ist. Sie ist noch kaum zweiundzwanzig, aber ganz anders als die Weiber in diesem Alter. Herr Boissaux hat sie direkt zwingen müssen, ihn hierher nach Paris zu begleiten, wo er die Erzeugnisse seiner Fabrik ausstellen will. Ich muß ihr Bild haben. Niemand anders kann das machen als Sie, lieber Freund. Aber Sie müssen sich dafür bezahlen lassen! Haben Sie verstanden? Ich kenne Ihre mädchenhafte Empfindlichkeit wohl, aber andrerseits weiß ich auch, was sich gehört. Wenn Sie kein Geld annehmen, dann gehe ich einfach wieder.« »Sie müssen sich an Frau von Mirbel wenden, lieber Freund«, antwortete ihm Feder in bescheidenem und natürlichem Ton. »Ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie zu ihr gehen müssen, wenn Sie Wert darauf legen, eine Arbeit zu erhalten, die auf der Höhe der modernen Malerei steht.« Delangle machte alle Anstrengungen, ihm diese fixe Idee auszureden. Seine Komplimente waren vielleicht gar zu stürmisch, dafür aber wirklich aufrichtig gemeint. »Ich sehe schon, mein lieber Delangle, daß ich Ihrer Dickköpfigkeit anders beikommen muß. Wenn Ihre Schwester tatsächlich so schön ist, wie Sie behaupten, so bin ich unbedingt der Ansicht, daß Sie ein Bild anfertigen lassen müssen, das ihre Züge, wie sie leibt und lebt, auch wirklich wiedergibt, nicht aber eines jener konventionellen, rosigen Puppengesichter, wie ich sie male.« Delangle widersprach ihm nochmals. »Nun gut, lieber Freund. Um Ihnen zu beweisen, daß ich recht habe, bitte ich Sie, von all den Porträts in meinem Tresor auszuwählen, das Ihnen am besten gefällt. Wir werden es mit uns nehmen und miteinander zu dem Kunstfreund gehen, der eines der schönsten Bilder, die in diesem Jahre von Frau von Mirbel zu sehen waren, erworben hat. Er hat mir erlaubt, von Zeit zu Zeit seine Galerie studienhalber aufzusuchen. Bei dem Vergleich beider Arbeiten wird es mir nicht schwer fallen, Sie auf die Unterschiede aufmerksam zu machen, obwohl Sie sich mit der Malerei nicht weiter befaßt haben. Wie Schuppen wird es Ihnen da von den Augen fallen und Sie werden einsehen, daß Sie sich an die große Künstlerin wenden müssen, deren Namen ich Ihnen genannt habe.« »Unglaublich!« rief Delangle mit der ganzen Lebhaftigkeit eines sanguinischen Temperamentes aus. »Einem solchen Musterknaben, wie Sie einer sind, bin ich hierzulande, wo es nur Betrüger und Hochstapler gibt, noch nicht begegnet. Sie sind so komisch, daß an Ihnen auch meine Schwester Vergnügen haben soll! Gut! Ich tue Ihnen also den Willen. Wir werden morgen dem Bild der Malerin, die mit Ihnen um die Künstlerlorbeeren ringt, unsere Aufwartung machen.» Am nächsten Morgen sagte Feder zu Rosalinde: »Ich treffe heute vormittag eine Provinzlerin. Sie ist gewiß recht lächerlich. Bitte stelle mir eine Tracht zusammen, die einen recht düsteren, trauermäßigen Eindruck macht. Wenn ich mich schon mit dieser Kleinstädterin langweilen und ihr albernes Geschwätz ergeben über mich ergehen lassen soll, so will ich mich dabei doch ein wenig zerstreuen, indem ich die Verzweiflung Werthers kopiere. Auf diese Weise werde ich in Bordeaux den Boden bereitet finden, wenn ich einmal hinkomme, denn die Nachricht von meiner bemitleidenswerten tiefen Niedergeschlagenheit wird mir vorauseilen.« Um zwei Uhr fand er sich gemäß der Verabredung in einem der prächtigsten Hotels der Rue de Rivoli, wo Herr und Frau Boissaux abgestiegen waren, ein. Der Portier schien nicht recht zu verstehen, wen Feder zu sprechen wünsche, und führte ihn auf gut Glück zu einem hochgewachsenen, ziemlich beleibten Mann. Nach seinen gesunden Farben zu urteilen, war dieses Menschenkind nicht älter als sechsunddreißig, höchstens achtunddreißig. Den Eindruck der großen, schönen Augen beeinträchtigte ihr leerer, ausdrucksloser Blick, aber Herr Boissaux – er war es in der Tat – war stolz auf sie. Er hatte eine solche Angst, den Großstädtern lächerlich zu erscheinen, daß er in der ersten Nacht nach seiner Ankunft kein Auge schloß, am nächsten Morgen sofort den Schneider, den ihm der Hotelier empfohlen hatte, berief, und tags darauf unförmig und in einem Anzug debütierte, den tatsächlich nur ganz schmächtige Modejünglinge tragen konnten. Boissaux hatte eine unvorhergesehene Unterredung und entfernte sich auf einen Augenblick. So blieb es Freund Delangle vorbehalten, Feder der Frau Boissaux vorzustellen. Delangle war an diesem Tage in glänzender Laune und ließ sich bei seinen Possen durch die Anwesenheit seiner Schwester wenig stören. Auftrumpfend suchte der temperamentvolle vierzigjährige, reiche Gaskogner dem jungen Maler zu imponieren, mit einem Selbstbewußtsein, wie es ihm als älteren, erfahrenen Geschäftsmann zukam, und einer Unbekümmertheit, wie sie nur einem Manne eigen ist, der großen Reichtum besitzt und gewohnt ist, die Seelen um sich – Kleinstadtseelen in unserem Falle – zu beherrschen. Er leistete sich derartige Aussprüche, daß Feder oft krampfhaft an sich halten mußte, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Aber er verzog keine Miene, sondern wußte seine Gemütsbewegung so geschickt zu verwerten, daß er seine Wertherrolle mit um so größerem Glanz spielte. »Es ist schade,« dachte er sich, »daß Rosalinde mich nicht sieht. Sie wirft mir immer vor, ich sei vor den Dummköpfen, denen ich meine Leiden anvertraue, zu schüchtern. Heute hätte sie ihre helle Freude an mir und könnte sich überzeugen, daß ich der Akademie würdig bin.« Frau Boissaux sah wie ein Kind aus, obwohl ihr Bruder jeden Augenblick wiederholte, daß sie am kommenden St. Valentinstag (dem 14. Februar) schon zweiundzwanzig Jahre alt würde. Ihr Geburtstag war gleichzeitig ihr Namenstag, denn sie hieß Valentine. Sie war groß und hatte eine gute Gestalt. Man hätte sie ihrem Profile nach eher für eine Engländerin als für eine Französin, jedenfalls aber für eine vollkommene Schönheit gehalten, wenn ihre Lippen, insbesondere die Unterlippe, nicht so stark entwickelt gewesen wären. Immerhin bekam ihr Antlitz durch diesen Schönheitsfehler einen Zug von Gutmütigkeit, vor allem aber von Rasse, verborgener Leidenschaftlichkeit. Daß dies dem jungen Maler im Werthergewande nicht verborgen blieb, ist klar. Was ihm an dieser schönen Frau noch auffiel, war Stirne und Nase. Der Schnitt beider ließ auf tiefe Frömmigkeit schließen. Als sie vor dem Palais des Kunstfreundes, der das schöne Bild der Frau von Mirbel besaß, den Wagen verließen, fragte Feder in einem günstigen Moment ihren Bruder: »Sie ist fromm, nicht wahr?« »Meiner Seel', lieber Freund! Mir scheint, Sie können ebensogut wahrsagen, wie malen!« rief Delangle aus. »Schwester! Schwester! Denke dir! Dieser Teufelskerl hat erraten, daß du fromm bist! Und dabei schwöre ich dir, daß ich ihm kein Wort davon gesagt habe. Zu Bordeaux gibt man etwas auf Frömmigkeit, erst recht aber, wenn die Betreffende, die sie besitzt, so steinreich ist, wie meine Schwester. Deshalb wird ihr an den größten Feiertagen auch erlaubt, in der Kirche Almosen zu sammeln. Ich versichere Sie, lieber Freund, es gibt nichts Putzigeres als meine Schwester, wenn sie da ihren Beutel aus rotem Samt mit den goldenen Troddeln den Leuten offen darreicht. Sie hat ihn von mir bekommen, als ich vor zwei Jahren von meiner dritten Pariser Reise heimkehrte. Der besondere Freund meiner Schwester, müssen Sie wissen, ist ein ganz bigotter Herr. Wie stolz er an solchen Festtagen in seinem samtenen Feiertagsgewand mit dem Degen an der Seite einhergeht! Wirklich großartig! Man muß dieses Schauspiel in unserer Kathedrale Saint-André sehen! Wenn sie auch von den Engländern erbaut worden ist, so ist sie doch die schönste in Frankreich.« Diese drastischen Worte ließen Frau Boissaux rot werden. Ihre Befangenheit war so reizend und jede ihrer Bewegungen, während sie die prächtigen Räume durchschritten, so anmutig, daß Feder in Verwirrung geriet. Während mehr als einer Viertelstunde vergaß er gänzlich die Wertheriade, die er den Provinzlern hatte vorspielen wollen und hing seinen eigenen Gedanken nach. Als Herr Boissaux ihm daher jovial auf die Schulter klopfte und ihn fragte: »Wenn meine Frau fromm ist, was bin dann ich?« war er zu betroffen, um sich über diesen feisten Kleinstädter lustig zu machen und antwortete ihm ohne viel Besinnen: »Ein reicher Kaufmann, dessen glückliche Hand in Geschäften man kennt.« »Sehen Sie, Herr Feder, wie Sie sich täuschen! Fürs erste rührt mein Reichtum von meinem Vater her. Wenn Sie mich besuchen, will ich Ihnen einen Wein vorsetzen, den er selbst gekeltert und in den herrlichen Weinbergen die ich von ihm geerbt habe, gezogen hat. Das ist aber noch nicht alles. Ich halte mich auch in der Literatur am Laufenden. Sie sollten sehen, was für einen prachtvoll gebundenen Victor Hugo ich in meiner Bibliothek habe!« Feder wäre diesem Protzen bei jeder anderen Gelegenheit die Antwort nicht schuldig geblieben, aber er versuchte es gerade, Frau Boissaux schüchtern anzusehen. Zagend und errötend erwiderte sie seinen Blick, mit einer Ängstlichkeit, die nicht ohne Reiz war. Diese hübsche Frau war tatsächlich so unglaublich furchtsam, daß sie erst auf die nachdrücklichsten Vorstellungen ihres Mannes und ihres Bruders hin sich hatte bestimmen lassen, in Begleitung eines ihr unbekannten Malers die Gemäldegalerie zu besuchen. Sie hatte sich diesen berühmten und gefeierten Maler in ihrer Phantasie als ein schreckliches Monstrum vorgestellt, als einen Bramarbas mit langem, schwarzen Vollbart, bedeckt von unzähligen, goldenen Medaillen und Ketten. Zitternd hatte sie erwartet, daß er sie fortwährend von Kopf bis zu den Füßen messen und ihr mit dröhnender Stimme die verfänglichsten Dinge sagen würde. Da sah sie zu ihrer grenzenlosen Überraschung den schmächtigen, sympathischen, jungen Mann in seinem schwarzen Anzug mit dem schwarzen Band an seiner Uhr daherkommen. Nichts Außergewöhnliches war an ihm, bis auf das winzige, kaum sichtbare rote Bändchen im Knopfloch. Voll Erregung drückte sie den Arm ihres Gatten an sich. »Ist das wirklich der berühmte Maler?« fragte sie ihn und begann neuen Mut zu schöpfen. Als sie aber die groben Worte Delangles hörte, die ihre Frömmigkeit in ein so schiefes Licht rückten, wurde sie wieder kleinmütig und wagte nicht, den jungen Künstler anzusehen. Denn sie fürchtete, jeden Augenblick seinem spöttischen Blick zu begegnen. Aber sein bescheidenes und ruhiges Betragen gab ihr ein wenig Selbstvertrauen zurück, so daß sie schließlich wieder die Augen zu erheben wagte. Wie freute sie sich, da sie dem ernsten, ja fast teilnahmsvollen Blick des jungen Malers begegnete! Wenn eine schüchterne und zaghafte Seele Klugheit besitzt, so vermag sie mit der größten Scharfsinnigkeit aus geringen Kleinigkeiten, die den meisten Menschen entgehen, Schlüsse zu ziehen. Valentine besaß diese Gabe. Infolge einer Choleraepidemie war sie früh verwaist und hatte das Kloster, wo sie untergebracht worden war, erst kurz vor ihrer Heirat mit Herrn Boissaux verlassen. Boissaux erschien ihr ebenso seltsam wie ihr Bruder, aber sie vermißte an ihm jenen Frohsinn und Witz, den Delangle besaß und der ihn zu einem beliebten Gesellschafter machte, wenn er an sich hielt und einmal nicht ausschließlich liebenswürdig sein wollte. Als Valentine den berühmten Maler, von dem sie sich ein so ganz anderes Bild gemacht hatte, ansah, stürmten tausend Gedanken auf sie ein. Einem Unbekannten zu sitzen, sich auf lange Zeit seinem forschenden Blick auszusetzen, hatte sie sich früher qualvoll und unerträglich vorgestellt. Nur das Gebot der Kirche, das, wie sie sich erinnerte, ihren Gatten zum unbeschränkten Herrn über ihr Schicksal einsetzte, hatte sie nach langer und ernsthafter Krisis zu dem Entschluß bewogen, sich von dem berühmten Künstler malen zu lassen. Aber die Mission Delangles war nicht erfolgreich gewesen. Ihr Bruder hatte es nicht unterlassen, ihr zwei oder drei Male in grotesker Übertreibung die Gründe vorzutragen, die nach den eigenen Angaben des Künstlers für die Ablehnung des Auftrages und für den Rat, sich an die viel begabtere Frau von Mirbel zu wenden, maßgebend waren. Damals hatte sie dieses Widerstreben nicht weiter berührt, im Augenblick aber, da sie ihn nun betrachtete und es ihr wieder einfiel, empfand sie doch ein wenig Kummer darüber. Man verglich die beiden Gemälde miteinander. Feder bat nochmals, ihn von dem Auftrag zu entbinden. Was er an Gründen hierfür am Vortage ausführlich dargelegt hatte, ward nun von ihm so eintönig und lähmend wiederholt, daß Valentine sich verwundert fragte, warum er keine eindrucksvolleren Momente für die Richtigkeit seiner Ansicht vorzubringen wußte. Sie empfand mit der natürlichen Feinfühligkeit eines klugen Weibes, das seine spärlichen Erfahrungen zu nützen weiß, wie Feder sich merkwürdig verändert hatte, seit er die Vorzüge und Nachteile seiner Arbeit vor dem Gemälde der Künstlerin erwog. Über den Grund dieses plötzlichen Wechsels war sie sich nicht im klaren. Als Feder das Unschöne ihrer vorgeschobenen Unterlippe bemerkte und er diesen Schönheitsfehler für ein Zeichen verhaltener Liebesleidenschaft hielt, war er so tief ergriffen, daß er auf einmal nichts sehnlicher wünschte, als sie zu malen. Wollte er dies erreichen, so mußte er sich Delangle gegenüber anders als bisher benehmen. Es war kaum zu erwarten, daß dieser Mensch seiner Spottlust Einhalt gebieten würde, wenn ihm der Stimmungsumschwung seines jungen Freundes auffiel. Feder hörte fast schon seinen lauten Aufschrei: »Komm Schwesterchen! Sag deinen schönen Augen Dank! Denn ihretwegen hat der hohe Herr seine Ansicht geändert!« Er hörte schon seine Stentorstimme, wie sie mindestens zwanzigmal dieses Thema in immer neuen Wendungen wiederholte, und erschrak bis in die Knochen. Nein. Er mußte es anders anfangen, mußte sich ganz allmählich von Delangle überzeugen lassen, und die Tatsache, daß er seine Gesinnung ändere, wenigstens ebenso geschickt verschleiern, wie ein redegewandter Anwalt. Ein solcher Sinneswechsel ist ja nichts mehr Seltenes. Vor allem aber durfte er nicht erkennen lassen, daß er, um die Erlaubnis, sie zu malen, die ganze Welt gegeben hätte. Feder vergaß seine Wertherrolle, als er alle Kräfte seines Geistes zu Hilfe nahm, um diesen Meinungsumschwung so schnell und unauffällig als möglich durchzuführen. Aber Valentine ertappte ihn doch mitten in der Verwandlung. Auch Delangle war aufmerksam geworden und zog seine Brauen drohend zusammen. In dieser kritischen Situation hielt es unser Held für das Gescheiteste, einfach zu gestehen, daß der Ausdruck von engelhafter Unschuld und Frömmigkeit im Antlitz der jungen Frau über seine Trägheit den Sieg davongetragen habe. Er gäbe es zu: einzig und allein aus Trägheit habe er gestern abgelehnt. Die vielen Aufträge, denen er nach Schluß der Ausstellung habe entsprechen müssen, hätten ihn ermüdet. Doch denke er nun daran, eine Madonna zu malen und sie einem Marienkloster, dem er Dank schuldig sei, zu schenken. »Welches Kloster meinen Sie?« fragte ihn Valentine. Mutig wagte sie diese Frage, denn auf Klöster verstand sie sich. Während ihrer Kindheit hatte sie häufig die prächtige Wandkarte im Refektorium, auf welcher alle Klöster eingezeichnet waren, studiert und wußte daher genau Bescheid. Feder hatte nicht geahnt, daß ihn dieses schüchterne Mädchen in ein Kreuzverhör nehmen würde. In größter Verlegenheit antwortete er, zweifellos werde er ihr in wenigen Tagen den Namen des Klosters angeben können. Augenblicklich sei er aber noch verpflichtet, darüber zu schweigen. Frau Boissaux merkte seine Verwirrung nicht. Ihr war so leicht um das Herz, weil sie der berühmte Künstler nun doch malen wollte. Sie scheute nicht mehr, sich seinen Augen preisgeben zu müssen, sondern hatte mit Zittern und Zagen befürchtet, daß er auf seiner Weigerung beharren werde. Sein bescheidenes, natürliches Auftreten entschied bei ihr zu seinen Gunsten. Ungeschminkte Natürlichkeit zwingt eben – auch wenn sie zu Tollheiten neigt und im Leben oft Unheil anrichtet –. Seelen, die ihr ähnlich sind, unaufhaltsam und rückhaltlos in ihren Bann. Wie Feder war auch Valentine die treuherzigste und natürlichste Person von der Welt, wenn ihr nicht gerade unbezwingliche Schüchternheit die Lippen versiegelte. Der Besuch in der Gemäldegalerie endete recht kühl und förmlich, wenigstens was Feder und Valentine betrifft, denn jeder von beiden war noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Er seinerseits versuchte, seine Empfindungen zu enträtseln. Gleichzeitig aber peinigte ihn der Gedanke, wie schwer er sich aus der Situation wieder herauswinden werde, in die er durch die Übernahme eines Auftrages geraten war, den er tags zuvor noch so energisch abgelehnt hatte. Sie anderseits wunderte sich und staunte, ohne daß sie sich über ihr Gefühl genau Rechenschaft geben konnte. Im Grunde vermochte sie nicht zu fassen, daß es in Paris Menschen gab, die so schlicht waren wie er und ebensowenig Wert darauf legten, liebenswürdig zu erscheinen und in der Gesellschaft zu glänzen. Dabei muß man wissen, daß der Kleinstädter unter Liebenswürdigkeit ganz etwas anderes versteht als der Großstadtbewohner. Liebenswürdig sein bedeutet nach ihm in Gesellschaft das große Wort zu führen, laut sprechen und eine Reihe von absonderlichen und übertriebenen Geschichten erzählen, die noch dadurch besonders lächerlich sind, daß stets der Erzähler darin die Hauptperson spielt. Valentine fragte sich daher insgeheim in mädchenhafter Treuherzigkeit: »Ist er liebenswürdig, dieser Herr Feder?« Sie vermochte sich nicht vorzustellen, daß jemand liebenswürdig sein könnte, ohne weithin hörbar und weitschweifig zu sprechen. Ihr Gatte, Herr Boissaux, und ihr Bruder, Herr Delangle, wetteiferten gerade im Augenblick, diesen gesellschaftlichen Ansprüchen, die man fern von Paris in ihrer Vaterstadt stellte, voll und ganz zu entsprechen. Sie schrien um die Wette und redeten stets gleichzeitig aufeinander ein. Die Malerei war der Anlaß ihres Wortwechsels. Und da weder der eine noch der andere von dieser Kunst auch nur eine leise Ahnung hatte, waren sie bemüht, diesen Mangel durch Aufwendung all ihrer Lungenkraft zu ersetzen. Feder und Valentine waren inzwischen so eifrig beschäftigt, sich gegenseitig zu betrachten, daß sie jenem Streit der Weisen nicht allzuviel Aufmerksamkeit schenkten. Und doch waren sie da verschiedener Meinung. Die gute Valentine glaubte noch alles, was man ihr im Kloster und in den Provinzkreisen vorgeredet hatte. Sie fand daher jene Unterhaltung wundervoll, während Feder sich sagte: »Dieser Streit ist doch nur eine kleine Kostprobe des Höllenkonzertes, das dir Tag und Nacht in die Ohren gellen würde, wenn du dich mit dieser Frau näher einläßt.« Er tat indessen, als ob er den Wortwechsel aufmerksam verfolge. Boissaux und Delangle waren über ihren erlauchten Zuhörer so entzückt, daß sie wie auf Kommando gleichzeitig ihrem Herzen Luft machten und Feder mit dröhnender Stimme zum Speisen einluden. Feder erschrak. Der Schädel brummte ihm. Ohne viel zu überlegen, lehnte er daher brüsk ab. Die beiden Gaskogner waren so mit Blindheit geschlagen und von sich eingenommen, daß sie die verletzende Art seiner Absage gar nicht bemerkten. Als Feder seiner übereilten Schroffheit inne wurde, beeilte er sich sofort, ein ganzes Schock von bei den Haaren herbeigezogenen Gründen vorzubringen, um die tiefer veranlagte Frau Boissaux, die er verletzt haben konnte, wieder zu versöhnen. Valentine aber blieb kalt und ungerührt. Lange hatte sie auf die Frage: »Ist dieser Herr Feder liebenswürdig?« eine Antwort gesucht. Da er aber keine netten Geschichten erzählte und seine Stimmbänder nicht überanstrengte, kam sie schließlich zu dem Ergebnis, daß er nicht liebenswürdig sei, und freute sich darüber; und ohne recht zu wissen warum, scheute sich die junge Frau ganz instinktmäßig vor dem Jüngling, der so bleich war, sich so bescheiden benahm und, wenn er wenig sprach, um so beredter zu blicken verstand. Sie atmete daher auf, als er die Einladung ablehnte, war jedoch erstaunt, daß er dies mit solcher Schroffheit tat. Aber sie fand nicht Zeit, darüber nachzudenken, denn sie fragte sich angelegentlich: »Wenn Feder nicht liebenswürdig ist, was ist er dann? Ein langweiliger Patron?« Sie war zu klug, um dies bejahen zu können und suchte daher unentwegt nach einer Antwort, die sie befriedigen würde. Abends saß sie wie gewöhnlich im Theater, um ihrer Pflicht als Frau des Vizepräsidenten der Handelskammer zu genügen. Das Stück von Scribe, das man aufführte, behagte ihr erst von dem Augenblicke an, da sie der Schauspieler, der den Liebhaber gab, in seinem Benehmen an Feder erinnerte. Und als sie mit Mann und Bruder nach Hause fuhr, horchte sie auf, als sie im Gespräch der beiden Männer den Namen Feder fallen hörte. Sonst gab sie nie darauf acht, was sie redeten, denn sie verstand noch vom Kloster her vortrefflich, Dinge, die sie langweilten, einfach zu überhören. Ihr Mann sagte eben: »Sechzig schöne Napoleons wird mir das Bild von dieser Pariser Berühmtheit kosten. Aber man wird mich auch dafür in Bordeaux beneiden. Delangle, du bist sein Freund. Bring ihn mir zuliebe dazu, daß er seinen Namen recht groß und deutlich daraufsetzt. Es wär zu scheußlich, wenn dieser Name, den ich mit Gold aufwiegen muß, am Ende gar vom Rahmen verdeckt würde. Fügt er seinem Namenszug nicht ein Kreuz hinzu, seit er Ritter der Ehrenlegion geworden ist? So ein Kreuz, weißt du, wie es im Königlichen Almanach abgebildet ist. Wenn er es noch nie getan hat, so vergiß nicht, ihm zu sagen, daß er es auf dem Bild anbringt. Diese verdammten Maler stehen ja verschieden im Kurs. Mit dem kleinen Kreuz ist das Bild vielleicht doppelt so viel wert und jeder wird sicher sein, daß es von ihm gemalt ist.« Damit war dieses Thema für Boissaux noch nicht erledigt. Er redete noch lange in der gleichen Tonart auf Delangle ein. Der freute sich diebisch und dachte sich: »So ein reicher Provinzler ist doch zum Schießen! Dort, wo er her ist, streut man ihm Weihrauch und ehrt ihn auf jede Weise. Statt daß er dort bleibt, kommt er nach Paris, um sich zu blamieren! Ein kleines Kreuz hinter der Unterschrift des Malers. Herrgott! Wenn das der ›Charivari‹ wüßte!« Delangle fühlte sich vollkommen als Pariser, seit er die Hälfte des Jahres in der Großstadt lebte. Plötzlich rief er aus: »Aber wir vergessen ja über der Debatte, wie wir den Widerstand Feders brechen und ihn zur Übernahme des Auftrages bereden wollen, das Wichtigste! Valentine wird in ihrer klösterlichen Zimperlichkeit ganz gewiß ablehnen, ihm in seinem Atelier in der rue de la Fontaine Saint-George zu sitzen!« Valentine war fassungslos. »Was? Ich soll zu ihm hingehen?« »Es ist falsch, was du da sagst. Nicht zu ihm. Das Atelier, zu dem dich dein Mann führen wird, ist von seiner Wohnung eine Viertelstunde weit entfernt. Es ist ein wahres Kleinod. In deinem ganzen Leben wirst du etwas Ähnliches noch nicht gesehen haben. Aber dein Mann und ich, wir haben zu tun. Die Pariser Reise soll doch Früchte tragen. Und dir bei den langen Sitzungen im Maleratelier Gesellschaft zu leisten, wäre doch verlorene Zeit.« Boissaux ließ ihn kaum ausreden. »Was!« schrie er erbost. »Mit den schönen sechzig Napoleons soll's noch nicht genug sein? Ich, Johann Thomas Boissaux, Vizepräsident der Handelskammer, soll noch obendrein meine kostbare Zeit bei diesem kleinen Maler versitzen?« Valentine nahm es ihm übel, daß er von Feder so geringschätzig sprach. Delangle aber fuhr seinen Schwager an: »Bist du des Teufels? Er hat es seinerzeit sogar abgelehnt, die Prinzessin N ... in ihrer Wohnung zu malen, trotzdem sie ihm an die viertausend Franken für ein größeres Porträt bot. Alle müssen in sein Atelier kommen, selbst die Damen aus den höchsten Kreisen. Er hat hinten im Hofe sogar einen gedeckten Schuppen bauen lassen, wo die prächtigen Wagenpferde während des Besuches eingestellt werden. Doch das tut alles nichts zur Sache. Er hat seine Eigenheiten, wie jedes Genie, und hat mich gern. Ich darf es daher wagen, ihm mit einer Bitte zu kommen. Du aber, verehrter Schwager, hüte deine lose Zunge vor ihm. Überlege dir genau, was du sagst. Wie leicht sagt man oft etwas hin und bedauert es nachher, wenn es zu spät ist.« »Verdammt noch einmal! Ich, Johann Thomas Boissaux, soll Gott weiß was für Rücksichten nehmen, damit ich ihm nicht zu weh tue! Diesem Farbenschmierer!« »Siehst du, schon wieder bist du grob und verletzend. Das lassen sich vielleicht die Leute von Bordeaux bieten, wo jeder Mensch bis zum kleinsten Schusterbuben herunter deinen drei Millionen schweren Geldsack kennt. Hier in Paris aber, wo man sich gegenseitig nicht kennt, beurteilt man einen Menschen nach seiner Kleidung. Und du wirst doch nicht bestreiten wollen, verehrter Schwager und Vizepräsident der Handelskammer, daß er dir da um ein ganz winziges Bändchen voraus ist?« »Hör' auf, Schwager! Du könntest mir auch etwas Angenehmeres sagen. Ich bin ganz und gar nicht einverstanden, daß man das Kreuz solchen Habenichtsen gibt. Die Regierung wird sich schneiden, wenn sie glaubt, daß sie auf solche Weise eine neue Klasse von Adeligen schaffen kann. Die Grundbesitzer vor allem muß das Volk respektieren ... Übrigens drehst du dich wie eine Wetterfahne. Gestern – es ist nicht länger her – warst du über die Unverschämtheit der Pariser Arbeiter ebenso entrüstet wie ich.« III Diese abgeschmackte Unterhaltung war lediglich ein schaler und vergröberter Abklatsch der Gespräche, die tatsächlich in den Pariser Salons, auch in den vornehmsten geführt werden. Jeder kann sich dort überzeugen, daß selbst Leute mit allerersten Namen sich als hochnotpeinliche Richter aufspielen, wenn es ihr Vorteil erheischt. Die scheinheilige Predigt Boissaux' hätte noch lange gedauert, wenn der Wagen nicht bei Tortoni stehen geblieben wäre. Valentine war so verträumt, daß sie auszusteigen zögerte. »Aber Kind! Warum denn?« fragte sie gönnerhaft und gutgelaunt der Vizepräsident der Handelskammer. Valentine suchte nach einem Vorwand. »Ich habe einen ganz alten Hut auf.« »Na, zum Teufel! Dann wirf ihn beim Fenster hinaus, diesen Deckel, und kauf dir zwei andere. Was hat das für mich zu bedeuten, ob ich auf der Reise zwanzigtausendzweihundert Franken oder zwanzigtausendvierhundert ausgebe! Ich habe eine schöne Frau und will mit ihr Ehre einlegen. Das kann ich mir schon leisten.« Valentine stieg aus dem Wagen und nahm den Arm ihres Gatten. Feder lungerte eben inmitten einer Schar unternehmungslustiger Freunde, die bei Tortoni Stammgäste waren, in der Nähe des Eingangs herum. Die Erwartung, daß der reiche Provinzler, der in Paris mit seiner Frau und seinen Waren auftrumpfen wollte, sich bei Tortoni einfinden würde, hatte ihn hergetrieben. Denn in der Erinnerung war ihm das Geschrei des Mannes nicht mehr so wüst und die Unterhaltung nicht mehr so abgeschmackt vorgekommen. Er hatte sich durch den treuherzigen und lebhaften Blick der jungen Frau reichlich entschädigt gehalten. Kaum zwei Stunden waren seit dem Augenblick verflossen, da er die Einladung so schroff abgelehnt hatte, und schon sagte er sich: »Ich muß dieser kleinen Frau unbedingt auf den Grund kommen. Mehr als drei Tage wird das nicht in Anspruch nehmen. Danach mag ihren gräßlichen Mann und ihren Bruder der Teufel holen. Dadurch, daß ich meine Neugierde befriedige, werde ich mich von der Geziertheit meiner Ateliersschönen erholen und von dem eintönigen Verkehr mit den kleinen Mädels, die ich Sonntags als Ladenjüngling zum Tanz führe.« Kaum wartete er aber bei Tortini, als seine Stimmung umschlug. Er bebte zurück, wenn er an Valentine dachte. Um sich aber die volle Wahrheit nicht eingestehen zu müssen, sagte er sich: »Ganz gewiß werde ich mich hüten, diese kleine Pensionärin, die den Klostermauern kaum entschlüpft ist, näher an mich zu fesseln. Kaum hätten wir die ersten Worte miteinander gewechselt, würde sie mich mit vielen erbärmlichen Albernheiten, die die Nonnen in die Köpfe ihrer Zöglinge hineinstopfen, zur Verzweiflung bringen. Ich werde mich sicher nicht damit abgeben, diesen Boden urbar zu machen und die Verschrobenheiten zu entfernen. Damit am Ende irgendein reicher Weinhändler aus Bordeaux sich als mein Nachfolger darüber freut. Aber viel ärger übrigens ist noch ihr Mann, mit seiner gräßlichen Baßstimme, die einem das Trommelfell sprengt und alle Nerven aufpeitscht. Wenn man spricht, warte ich gegen meinen Willen nur darauf, daß er wieder zu brüllen anfängt. Bei meinen kleinen Sonntagsmädeln brauche ich nicht zu fürchten, daß mir Ehemänner auf die Nerven gehen. Sie sind gewöhnlich, das ist wahr. In ihrer Armut denken sie häufig über den Preis eines Hutes oder über ein Speisenrezept nach. Das kann mich wohl langweilen, aber nicht ärgern, während es mich in allen Fingern juckt, wenn ich den bäurischen Stolz und herrischen Dünkel dieser beiden reich gewordenen Provinzler sehe. Nächstesmal werde ich gleich nach der Begrüßung zu zählen anfangen, wie oft der Gatte pathetisch wiederholen wird: Ich, Johann Thomas Boissaux, Vizepräsident der Handelskammer! Es würde mich reizen, diesen Menschen einmal inmitten seiner Angestellten zu überraschen. Ein Pariser, wenn er reich geworden ist, versucht es wenigstens, seine Eitelkeit zu verbergen und nicht zu laut zu sprechen, aber so ein Provinzler... Nein! Die schöne Valentine könnte noch so reizend sein – daß sie einen solchen Mann hat, macht sie für mich unerreichbar. Sein ›liebenswürdiges‹ Betragen ist tatsächlich herzerfrischend und macht jeden Haremswächter überflüssig! Und wenn sie zu mir in das Atelier kommen wird, die kleine Frau, werden bald alle meine Luftschlösser, die ich um sie und mich herum gebaut habe, in nichts zerrinnen, so dumm wird sie daherreden und ihre äußere Schönheit Lügen strafen. Doch im Grunde ist nur zweierlei schön an ihr: Die Augen, wenn sie sich vertiefen, um ihren Worten Nachdruck zu geben. Mir kommt es dann immer vor, als wenn aus einem Gassenhauer plötzlich mozartähnliche Klänge emporwüchsen. Wer könnte das aber malen? Und zweitens: Ihre Gesichtszüge, vor allem die ruhige, ja fast strenge Partie um die Stirne und die wollüstige Zeichnung des Mundes, insbesondere der Unterlippe. Ich werde mir nicht nur das Porträt kopieren, sondern will auch noch Eugen Delacroix inständigst bitten, daß er sich in einem Winkel des Ateliers hinter einer spanischen Wand versteckt und ihren Kopf skizziert. Er könnte diese Zeichnung als Vorstudie für eine Kleopatra verwenden, die aber ganz anders aufgefaßt wäre, als die Kleopatra, die von ihm auf der letzten Ausstellung zu sehen war. Herrgott! Es ist doch blödsinnig, daß ich mir soviel Sorgen mache. Ich werde mich einfach nicht weiter mit dieser kleinen Frau einlassen, die ihr reizender Gatte so gut beschützt, sondern werde dem einzigartigen Modell, das mir der Zufall beschert, Gerechtigkeit widerfahren lassen.« Diese Gedanken beschäftigten Feder so sehr, daß er den Wagen, der eben vorgefahren war, nicht merkte. Aber der Maler in ihm erwachte, als er die entzückende Gestalt eines jungen Weibes graziös die Treppe zum Café ersteigen sah. Kaum hatte er ihren Hut schärfer in das Auge gefaßt, da bekam er Herzklopfen und verfärbte sich. Hastig sah er den Mann an, der sie am Arm führte. Wahrhaftig. Dieser ungeschlachtete Riese, mindestens fünf Fuß und sechs Zoll hoch und unförmlich dick, war tatsächlich der ehrenwerte Vizepräsident der Handelskammer. Feder wandte seinen Blick wieder der jungen Frau zu. Sie durchquerte das Café und stieg die Treppe hinan, die im Hintergrund zu den Gesellschaftsräumen im ersten Stockwerk führte. Immer neue Reize entdeckte er an ihrer Gestalt, als sie dahinschritt, Reize, die ihm verborgen geblieben waren, solange er sie betrachtet hatte, ohne sie zu erkennen. Und er freute sich grenzenlos. »Diese Kleinstädterin macht mich wieder jung«, fuhr es ihm durch den Kopf, trotzdem er noch nicht einmal sechsundzwanzig Jahre alt war. Dieses Erlebnis hatte für ihn als Künstler unendliche Bedeutung, denn um nachhaltige Erfolge in Literatur und Kunst zu erringen, bedarf es stets ähnlicher Begeisterung. Er war seelisch und körperlich gealtert, während ihn die kluge Rosalinde zum Weltmann erzogen hatte und er unter ihrer Leitung zu einem gewandten Schauspieler geworden war. Jeder Gebärde enthielt sich der Arme. Wenn er einmal auf dem Boulevard stehen blieb, um mit einem Freunde zu sprechen, so tat er das nur, nachdem er schnell gewohnheitsmäßig überlegt hatte: »Schickt sich das auch?« Seit der Zeit, da ihn Rosalinde derartig gebändigt hatte, legte er sich wohl zum ersten Male diese Frage nicht vor, als er hastig, stets zwei Stufen auf einmal nehmend, hinter der reizenden Person, die er zu flüchtig gesehen hatte, die Treppe bei Tortoni hinaufeilte. Valentine hatte sich an einem Ecktisch im Hintergrunde niedergelassen. Feder hielt es für überflüssig, sich die lärmende Unterhaltung der beiden Männer mitanzuhören und nahm an einem Tische Platz, von dem er die junge Frau gut sehen konnte, andrerseits aber durch die Hüte von zwei Frauen in seiner Nachbarschaft ihrem Blick entzogen war. Da träumte er nun still vor sich hin. Seine Gedanken wanderten zurück und er lächelte traurig, als ihm einfiel, daß er gerade vor acht Jahren, als er dem armen »Kleinen Matrosen« nachgestiegen war, ganz ähnlich empfunden hatte. Aber er erwachte jählings, denn eine wilde Stimme brüllte ihm ins Ohr: »Nun, lieber Freund?« Gleichzeitig legte sich eine Hand schwer auf seine Schulter. Alle Gäste des Saales wandten sich auf diesen lauten Ruf hin um. Die Hüte der Frauen gerieten in Bewegung. Herr Boissaux hatte seinem lieben Freunde Feder eine Artigkeit erweisen wollen. Lächelnd näherte sich hierauf der junge Künstler dem Tische, an dem Valentine saß. Aber das Lächeln verlor sich und wich unversehens einer ernsten und tiefen Verblüffung. Er forschte in den Zügen Valentines, die er doch erst vor wenigen Stunden verlassen hatte, aber er vermochte sie kaum wiederzuerkennen, so sehr unterschied sich das, was er jetzt sah, von dem phantastisch übertriebenem Bild, das seine Einbildungskraft ihm vorgespiegelt hatte. Er bemühte sich, Zug um Zug dieses Bild auf seine Richtigkeit hin zu prüfen und horchte kaum auf den Schwall freundschaftlicher Redensarten, mit dem ihn Delangle überschüttete. Ganz zweifellos hatte er darin die Einleitung zu irgendeinem besonderen Vorschlag zu sehen, den ihm jener machen würde. Aber er sagte sich: »Wenn er damit herausrückt, werde ich mich noch immer zeitig genug darum kümmern können«, und durchforschte einstweilen die Gesichtszüge Valentines mit dem geübten Blick des Porträtisten. Er erschrak. Denn er fand, insbesondere an der Stirne, Linien, wie sie des öfteren an antiken Skulpturen wahrzunehmen sind, und die fast stets auf Unbeugsamkeit schließen lassen, auf eine Beharrlichkeit, die an einer beschlossenen Maßnahme unbedingt festhält. »Wie mir ihr Bruder sagte, ist sie fromm. Wenn ich ihr daher andeute, daß ich sie schön finde, ist sie imstande, mir den Verkehr mit ihr zu verbieten und an diesem Entschlusse festzuhalten.« Ein solcher Gedanke hatte wohl manches Bedenkliche, anderseits aber war er so neuartig, daß er Feder reizte. Da riß ihn Delangle aus seinen Träumen. Jäh und unvermittelt schlug er ihm vor, Valentine im Hotel, wo sie wohnte, zu malen. Er sagte nicht »Frau Boissaux« oder »meine Schwester«, sondern schlicht und einfach »Valentine«. Der junge Künstler ward von dieser Vertraulichkeit so ergriffen, daß er anfänglich zusagte. Aber ein wenig später zauderte er und fand plötzlich tausend Schwierigkeiten. Doch sie sah ihn forschend an und blieb trotz aller seiner Anstrengungen einsilbig und wortkarg. In seiner Unruhe verrannte er sich nun in Ungereimtheiten und redete, nur um das Bildnis nicht außerhalb seines Ateliers machen zu müssen, so wirr daher, daß sein Benehmen Delangle auffiel. Er neigte sich zu seiner Schwester und sagte ihr: »Er ist zerstreut. Offenbar ist irgendeine schöne Frau im Saal, die ihn beschäftigt.« Die junge Kleinstädterin wandte sofort ihren Kopf und sah forschend und neugierig von einer Frau zur andern. Eine von ihnen, mit edlen Gesichtszügen und prächtiger Gestalt, ließ unseren Helden nicht aus den Augen. Es war eine deutsche Prinzessin, die er einmal gemalt hatte, und die nun an seiner Gewohnheit, seine Modelle niemals zu grüßen, selbst wenn er recht intim mit ihnen war, Anstoß nahm. Während der Unterredung, die fast eine Stunde dauerte, unterhielt sich der ganze Saal köstlich über die beiden Schreihälse aus der Provinz. Feder war fast gerädert, als Boissaux und Delangle schließlich übereinkamen, daß sie auf alle Fragen antworten würden, es handle sich bei diesem Bilde um eine Wette. Dieser Umstand sei eine hinreichende Rechtfertigung seines Entschlusses, außerhalb seines Ateliers zu arbeiten. Mit einem Male erinnerte sich Feder an seine Absicht, den liebenswürdigen Eugen Delacroix den Sitzungen beizuziehen, und rief: »Aber ich habe ja den begabten jungen Maler vergessen, der so schwer zu tragen hat, weil er seine Mutter und vier Schwestern erhalten muß. Ich habe es mir fest vorgenommen, ihm an bestimmten, vorher vereinbarten Tagen in der Woche kostenlos Unterricht zu geben. Er arbeitet still und bescheiden in einer Ecke und ich sehe mir dann jede Viertelstunde flüchtig an, was er gemalt hat. Er ist äußerst schweigsam und manierlich. Ich bitte also, mir zu gestatten, daß ich ihm irgendeinen Winkel in dem Zimmer anweise, wo ich den Vorzug genießen soll, die gnädige Frau zu malen.« Die erste Sitzung fand am nächsten Tage statt. Weder Maler noch Modell tat den Mund dabei auf. Aber sie hatten Vorwände genug, um sich gegenseitig anzusehen und machten von dieser Freiheit fleißigen Gebrauch. Feder lehnte hernach die Einladung des reichen Provinzlers zum Speisen zwar ab, da jedoch abends in der Oper ein neues Stück zum ersten Male aufgeführt wurde, nahm er den Antrag an, sich die Vorstellung in der Loge Boissaux's anzusehen. Feder und Valentine langweilten sich bei der Vorstellung, wie man sich in der Oper eben zu langweilen pflegt. Wer aber Geist und Phantasie besitzt, die den Durchschnitt ein wenig überragen, wird nicht nur Langweile, sondern direkt Überdruß empfinden. Feder und Valentine fingen allmählich miteinander zu sprechen an. Ihre Unterhaltung war bald so zwanglos wie zwischen alten Freunden. Sie unterbrachen sich oft gegenseitig mitten im Wort und freuten sich ganz offenkundig, wenn sie einander eines Irrtums zeihen konnten. Zum Glück waren Boissaux und Delangle zu schwerfällig, um erraten zu können, daß die beiden sich so gehen ließen, weil einer dem andern vertraute. Wäre Valentine erfahrener gewesen, so hätte sie zweifellos verhütet, daß die Unterhaltung mit ihrem Partner, den sie erst seit drei Tagen kannte, derartig vertraulich wurde. Aber das Leben hatte sie noch nicht weiter geführt als zu Verwandten ihres Mannes, und seit ihrer Ehe hatte sie nur das Dutzend von Einladungen und Festlichkeiten als Hausfrau mitgemacht, die Boissaux bei sich veranstaltet hatte. Bei der zweiten Porträtsitzung unterhielten sie sich sehr lebhaft und vollkommen ungezwungen. Delangle und Boissaux traten oft ein, um ebenso rasch das Schlafzimmer Valentines, das man notgedrungen zum Atelier bestimmt hatte, wieder zu verlassen. Dieses Gemach war das einzige, das nach Norden lag und daher stets gleichmäßiges Licht hatte. »Sagen Sie mir doch,« fragte Valentine ihren Maler, »aus welchem Grunde haben Sie sich denn umstimmen lassen und sich bereit erklärt, hierher zu kommen, um mich zu malen?« »Weil ich mit einem Male merkte, daß ich Sie liebte.« Erst als Feder diese befremdliche Antwort ausgesprochen hatte, kam ihm zum Bewußtsein, was er wagte. Aber gleichmütig sagte er sich: »Mag geschehen, was will. Mag sie ihren Mann rufen, damit er sie nicht mehr allein lasse. Dann werde ich durch die reizenden Manieren dieses Menschen wenigstens schnell von den lächerlichen Ausgeburten meiner Phantasie erlöst werden und keinen Kummer empfinden, wenn der Tag ihrer Abreise von Paris herannaht.« Als Valentine die sonderbare Antwort vernahm, die Feder in herzlich überzeugendem Tone und mit so ruhiger unbewegter Stimme hervorgebracht hatte, als ob er etwa auf die Frage: "Gehen Sie morgen auf das Land?« geantwortet hätte, da war sie im ersten Augenblick tiefbewegt und freute sich grenzenlos. Ihre Augen weiteten sich. Nicht der geringste Zug in seinem Antlitz entging ihrem Blick. Gar schnell aber schlug sie die Augen nieder und verriet durch eine jähe Bewegung ihren Zorn. »Wie kann er es nur wagen,« sagte sie sich, »mir in einem solchen Tone ein Gefühl anzuvertrauen, das mir gegenüber eine Unverschämtheit bedeutet! Mein Betragen muß doch ziemlich leichtsinnig gewesen sein, denn sonst hätte er wohl nie den Vorsatz zu einem derartigen Geständnis fassen können. Tat er das aber mit Vorsatz? Nein,« sagte sie sich, wagte aber bei diesem Umstand, der zu seiner Entschuldigung hätte dienen können, nicht stehen zu bleiben, sondern erwog hastig, was sie ihm erwidern sollte. »Ich hoffe, mein Herr, daß sich Derartiges nicht wiederholt, sonst müßte ich plötzlich krank werden – Ihre Keckheit wäre übrigens Grund genug dazu –, und müßte jeden Verkehr mit Ihnen abbrechen. Und das Bild würde unvollendet bleiben. Wollen Sie bitte in Zukunft mit mir nur sprechen, wenn es unbedingt notwendig ist.« Valentine war aufgestanden, bevor sie noch geendet hatte und näherte sich dem Kamin, um ihrer Kammerzofe zu läuten. Denn sie wollte ihr den Auftrag geben, Boissaux oder ihren Bruder Delangle herbeizuholen, damit sie mit ihnen einen kleinen Ausflug in die Umgebung von Paris verabreden könnte. Sie hatte schon die Glockenschnur erfaßt, als sie sich sagte: »Lieber nicht, sie könnte in meinen Augen lesen.« Der Gedanke, gänzlich mit Feder zu brechen, erschien ihr bereits unerträglich. Er seinerseits fühlte sich versucht, den Fehdehandschuh aufzunehmen. »Nie mehr« sagte er sich, »werde ich auf eine so glänzende Art von dieser jungen Frau loskommen! Es ist ganz gut möglich, daß ich der erste Mann bin, der sie so stürmisch begehrt. Sie wird also ihr ganzes Leben lang an dieses halbfertige Bildnis denken müssen.« Feder pflegte stets mit äußerster Schnelligkeit zu handeln, denn er war keine bedächtige Natur. Und da er in diesem Augenblick den brennenden Wunsch fühlte, in seiner Liebeserklärung fortzufahren und sich hinauswerfen zu lassen, so suchte er hastig nach einigen hochtrabenden Worten. Nachhaltig sollten sie sich ihrem Herzen einprägen und in ihren Folgen unabsehbar sein. Er behielt die junge Frau im Auge, als sie zum Kamin eilte. Würde sie läuten? Er wandte keinen Blick von ihr, während er nach tönenden und pathetischen Worten suchte. Da wandte sie sich ein wenig zur Seite. Er hatte sie fast immer nur von vorne gesehen. »Wie fein und schön ist doch der Schnitt dieser Nase!« jubelte seine Malerseele. »Und wie leidenschaftlich muß sie nach ihrem Gesichtsausdruck lieben können!« jauchzte sein liebestolles Herz. »Meine Worte würden ihr zweifellos Eindruck machen – aber ich verscherze mir die Möglichkeit, sie zu sehen. Wer bürgt mir, daß ich in achtundvierzig Stunden darüber nicht unglücklich sein werde? Deshalb muß ich mich ihr zu Füßen werfen, sie um Gnade bitten, weil ich sie so verächtlich behandelt habe und es im übrigen dem Schicksal anheimgeben, ob sie mir künftig ihre Türe verschließt.« »Ich bin untröstlich, meine Gnädigste, und bitte Sie inständigst und untertänigst, mir meine Unbesonnenheit zu verzeihen.« Als Valentine dies hörte, wandte sie sich ihm zu und vermochte ihre große Freude nicht zu verbergen. Wie ein Stein fiel es ihr vom Herzen, weil es nun nicht nötig war, ihn hinauszuweisen oder nur in Gegenwart ihres Mannes oder ihrer Kammerzofe zu sprechen. Feder war überrascht. »Mit welcher Schnelligkeit doch ihr Gesichtsausdruck die Gefühle ihres Herzens widerspiegelt! Die alberne Kleinstädterin, für die ich sie hielt, ist sie ganz gewiß nicht. Ich wollte ihrer Eitelkeit schmeicheln, indem ich um Verzeihung bat. Das ist mir geglückt. Nun heißt es, die Dosis zu verdoppeln.« »Gnädigste,« rief er in größter Zerknirschung, »vor Ihre Füße möchte ich mich werfen und Sie anflehen, daß Sie mir meine Unüberlegtheit und mein freches Betragen verzeihen, wenn ich nicht fürchtete, daß Sie mein Benehmen fälschlich wieder als Keckheit auffassen. Ich zittere bei diesem Gedanken. Als ich mit Ihnen sprach, war ich so in meiner Arbeit vertieft, daß ich laut zu denken begann. Und so drängte sich mir, ohne daß ich es wollte, ein Geständnis auf die Lippen, das ich nicht hätte machen dürfen. Seien Sie doch gnädig und vergessen Sie meine Worte! Ich hätte sie nicht aussprechen sollen und bitte Sie nochmals inständigst um Entschuldigung.« Valentine war, wie gesagt, des Lebens vollkommen unkundig. Und außerdem verriet sie durch ihren Blick und ihr Mienenspiel alles, was sie sich dachte. Das ist ein Mißgeschick, ohne Zweifel, aber nichts macht eine Frau verführerischer. So blieb auch Feder nicht ungerührt, als er mit dem Blick des erfahrenen Mannes ihr verzeihendes Lächeln erspähte. Ja, er ward fast trunken vor Freude. »Ich habe ihr nicht nur gestanden, daß ich sie liebe,« sagte er sich, »sondern weiß nun auch, daß sie mich liebt. Zumindest bedarf sie meiner, um die Rauhbeinigkeit ihres Mannes zu vergessen, die ihr nicht entgangen ist. Was für eine Entdeckung habe ich da gemacht! Ich werde sie künftig nicht mehr verachten, wenn dieser ungeschliffene Provinzler mich durch seine alberne und gräßliche Taktlosigkeit ärgert. Denn, sie kann ja nichts dafür; daß er sich so lächerlich benimmt, weil sein Geld ihm in den Kopf gestiegen ist. Ich bin froh! Es wäre schade, ihre Stimmung ungenützt vorübergehen zu lassen. »Wenn ich hoffen dürfte, meine Gnädigste,« sprach er zu Valentine, »daß Sie meine törichte Unbesonnenheit, die mich laut denken ließ, vergessen, so wäre mein Glück vollkommen.« Feder rechnete darauf, daß die kleine Frau den Doppelsinn seiner Worte in ihrer ländlichen Einfalt nicht merken würde. Aber diesmal verrechnete er sich. Valentine war feinhörig. Sie zog die Stirne in Falten und antwortete ihm mit Festigkeit: »Sprechen wir von etwas anderem, mein Herr.« IV Feder gehorchte ihr, ohne zu zögern. »Bitte, gnädige Frau, drehen Sie sich ein ganz klein wenig mehr nach rechts. Der Arm, der sich auf den Lehnstuhl stützt, gehört etwas näher zu mir her. Der Kopf ist etwas zu sehr vorgebeugt. Sie haben nicht mehr ganz die gleiche Stellung wie anfangs, als wir begonnen haben.« Valentine nahm die gewünschten Änderungen zwar vor, aber sie tat es ein wenig trotzig und kalt. Ein Schweigen senkte sich hernach auf die Liebenden herab, das nicht ohne Reiz war. Von Zeit zu Zeit hörte man die Stimme Feders: »Gnädigste! Sehen Sie mich, bitte, an!« Als die Sitzung beendet war, zauderte er nicht, die Einladung zum Diner anzunehmen. Auch den Logenplatz für die Theatervorstellung am Abend lehnte er nicht ab. Aber gelegentlich sagte er zu Delangle: »Es war von mir ein großer Fehler, daß ich auf den freiwerdenden Sitz der Akademie rechnete. In dem Hause, wo das schwerkranke Mitglied der Akademie wohnt, ist ein Anwärter mit Unterstützung eines Freundes in einem Zimmer im sechsten Stock untergekommen. Über den Kranken kann ich mich heute abend nicht beklagen, denn es steht schlecht mit ihm. Aber zwei Kollegen von ihm, die meinem Förderer versprochen hatten, daß sie mir ihre Stimme geben würden, scheinen neuerdings für meinen Nebenbuhler eintreten zu wollen. Er ist nämlich ein Verwandter des Finanzministers, der gestern ernannt worden ist.« »Das ist doch eine Gemeinheit!« brüllte Delangle wutentbrannt. »Was ist da gemein, du Tölpel?« fragte sich Feder und dachte insgeheim: »Nun kann ich schweigen und träumen, soviel ich mag. Jeder wird glauben, daß an meiner Niedergeschlagenheit diese Akademiegeschichte schuld ist.« Zufrieden und glücklich beschäftigte er sich von da ab ausschließlich damit, Valentine bewundernd anzustaunen. Bald darauf vernahm er, wie Boissaux mit einer Stimme, die vor Neid und Mißgunst zitterte, zu seinem Schwager sagte: »Teufel! Ritter der Ehrenlegion und im selben Jahre Mitglied der Akademie! Der Bursche ist nicht von Pappe!« Der Vizepräsident der Handelskammer hatte sich bemüht, leise zu sprechen. Aber seine Bemerkung war in den Nachbarlogen wohl vernommen worden. Nach zwei oder drei Minuten fuhr er fort: »Es ist wahr. Seine Bilder werden von nun an den Besitzern mehr Ehre einlegen, wenn er Mitglied der Akademie ist.« Valentine war ebenso einsilbig wie Feder. Aber ihr Blick verriet Befangenheit. Und wenn sie sprach, so zeigte ihre Stimme die Merkmale tiefster Bewegung. Trotz seiner lebhaften Versuche, die Veranlassung zu dem verletzenden Überfall zu verschleiern, konnte sie sich von dem reizvollen Gedanken nicht freimachen: »Es war nicht Dünkel, der den armen Jungen dazu trieb, mir eine Liebeserklärung zu machen. Es war auch nicht Unverschämtheit. Er tat es vielmehr, weil er mich wirklich liebt.« War sie jedoch in ihren Schlußfolgerungen soweit gekommen, dann erinnerte sie sich stets an seine eifrigen Ableugnungsversuche und suchte nach einer endgültigen Entscheidung. Die war so schwer zu fällen, daß sie alle ihre Geisteskräfte zu Hilfe nehmen mußte. Aber ihr Herz pochte und pochte. Und die leisen Zweifel wollten nicht weichen. So war sie nicht imstande, sich über diese gräßliche Sache, die man draußen in der Provinz »Liebeserklärung« nennt, Klarheit zu verschaffen und ward plötzlich von brennender Neugierde erfaßt, die Lebensgeschichte Feders kennen zu lernen. Sie erinnerte sich, daß in jenen Tagen, da ihr Bruder ihr zum ersten Male seine Ansicht, sie malen zu lassen, mitgeteilt hatte, er ihr wörtlich gesagt hatte: »Ein junger Maler wird dich malen. Er ist fabelhaft begabt und hat in der Oper die größten Erfolge!« Sie schreckte davor zurück, Delangle wieder daran zu erinnern und ihn um nähere Einzelheiten auszuforschen. Trotzdem aber suchte sie seine Gesellschaft und wandte ihre ganze Geschicklichkeit auf, um ihn in unauffälliger Weise über den jungen Maler und sein Glück auszuforschen. Boissaux wünschte nichts sehnlicher, als für zwei Monate eine Loge in der Oper zu mieten. Er träumte davon, am Tage darauf allen in Paris versammelten Bekannten aus seiner Heimat ein großes Festessen zu geben und sich um acht Uhr stolz mit den Worten zu verabschieden: »Ich habe eine geschäftliche Verabredung in meiner Loge in der Oper.« Valentine schürte sein Feuer, denn auch in ihr war plötzlich die Leidenschaft erwacht. Sie sagte zu ihrem Mann: »Nichts ärgert mich so, wie diese dumme Überhebung der reichen Pariser. Sie fühlen sich weiß Gott wie erhaben über Leute wie wir, die nicht in der Hauptstadt zu Hause sind, es mit ihnen aber in jeder Beziehung aufnehmen können. Ich glaube, daß es nur zwei Möglichkeiten gibt, um in dem Kreise dieses hochnäsigen Adels aufgenommen zu werden: Wir müssen entweder in dem Stadtviertel, wo die reichen Steuereinnehmer und Bankiers wohnen, ein Haus kaufen oder wenigstens eine Loge in der Oper mieten. Denn nichts setzt uns in den Augen der Leute mehr herab, als wenn sie sehen, daß wir gezwungen sind, jeden Abend unsere Plätze zu wechseln.« Zum erstenmal in ihrem Leben spottete Valentine insgeheim über ihren Mann und bediente sich, um ihn zu überzeugen, aufgeblasener Redewendungen, die sie innerlich höchst lächerlich fand. Aber ihre leidenschaftliche Begierde nach einer Stammloge verleitete sie dazu. Sie rechnete nämlich damit, im Theater einige Landsleute ihres Mannes, die aus Ballettliebhaberei jeden Tag die Oper besuchten, kennenzulernen und von diesen Gascognern Näheres über die Erfolge Feders zu erfahren. Gascogner sind ja bekanntlich alles eher als verschwiegen. Der Vizepräsident strahlte vor Freude. »Endlich!« sprach er zu seiner Frau und nahm zärtlich ihre Hand. »Endlich geht dir ein Licht auf, wie ein Mann wie ich sein Leben einzurichten hat. Warum soll ich, Vizepräsident der Handelskammer, nicht einmal Abgeordneter werden? Geld habe ich ja genug dazu. Portal, Ravez, Martignac und wie sie alle heißen mögen, haben auch nicht anders angefangen. Du wirst sicher bemerkt haben, daß ich mich bei den Einladungen, die wir geben, bemühe, mich als Redner einzuüben. Ich bin im Grunde für den Absolutismus. Das ist die einzige Regierungsform, die ruhige Zeiten gewährleistet und Leuten mit realeren Interessen, wie mich zum Beispiel, Gelegenheit gibt, das Geld mit Scheffeln einzuheimsen. Aber wer gewählt werden will, muß mit den Wölfen heulen. Ich halte ihnen daher öfter ein Zuckerbrot hin, indem ich Freiheit der Presse, eine Wahlreform und ähnlichen Blödsinn befürworte. Zweimal in der Woche übe ich mit einem jungen Rechtsanwalt, der noch keine Praxis hat und mir empfohlen worden ist, die Reden Benjamin Constants ein. Der ist jetzt berühmt. Vor zwei Jahren ist er gestorben. Da hat kein Hahn nach ihm gekräht. Unserem Freund Feder geht es anders!« Valentine erbebte, als sie den Namen des Malers vernahm, Boissaux aber fuhr fort: »Herr N**, Standesherr von Frankreich, hat mir gesagt, daß man sich erst für einen Staatsmann halten darf, wenn man für eine fremde Meinung wie für seine eigene eintreten kann. Den Anfang damit habe ich schon gemacht. Wenn nämlich der junge Rechtsanwalt zu mir kommt und mit mir die Staatsgrundgesetze durchnimmt, dann stelle ich mich, als ob ich mit den Lehren seines Benjamin Constant – der Kerl muß dem Namen nach ein Jude gewesen sein – völlig einverstanden wäre. So mache ich mich innerlich über den grünen Jungen lustig und bin ihm weit überlegen. Herr N**, Standesherr von Frankreich, hat recht, wenn er sagt: ›Wer einen anderen übers Ohr haut, zeigt damit, daß er der Gescheitere von beiden ist.‹« Feder mietete bald darauf eine Loge für das Ehepaar und suchte dann eilig in dem Stadtteil, wo die Steuereinnehmer und Bankiers wohnten, nach einem passenden Haus. Diese Hast aber behagte der jungen Frau nicht, denn sie war sich noch nicht im klaren, wo sie wohnen wollte. Sie nahm sich deshalb vor, mit Feder über diese Angelegenheit zu sprechen. Die Redeflut, mit denen ihr Mann seine Gäste stets überschüttete, tobten ungehört an ihren Ohren vorüber. Wenn Feder an den Mahlzeiten teilnahm – und er war fast stets anwesend –, so war sie taub für die Unterhaltung der Tafelnden. Die gewagtesten Bemerkungen verhallten wirkungslos, auch vor ihm, denn seine Gemütsverfassung war eine ähnliche. Die Blicke, die das Liebespaar sich zuwarf, sprachen eine viel wärmere Sprache als ihre Worte. Hätte ein Stenograph ihr Geplauder wörtlich festgehalten, so wäre es von ihm voraussichtlich bloß als Austausch von Höflichkeitsphrasen gewertet worden. Ihre Augen aber sagten sich ganz andere Dinge. Sie redeten miteinander in einer Sprache, die nicht mehr irdisch war. Bei einem der Diners, die Herr Boissaux gab, um bei seinem vorzeitigen Aufbruch sagen zu können: »Ich bitte die Herren um Entschuldigung. Leider muß ich Sie verlassen, weil ich eine geschäftliche Verabredung in meiner Loge in der Oper habe«, – bei einem dieser Diners fiel es einigen Gästen auf, daß die junge Frau bei allem, was man sprach, den Künstler so ängstlich fragend ansah, als wollte sie stets von ihm Bescheid haben. Feder wich diesem stummen Zwiegespräch nicht aus, sondern gab sich alle Mühe, der geliebten Frau beizubringen, wie man über Paris und alles, was die Hauptstadt betraf, zu denken hatte. Nicht um alles in der Welt hätte er geduldet, daß sie die verrückten oder zumindest geschmacklosen Bemerkungen, die sich ihr Mann ununterbrochen leistete, wiederholt hätte. Die besagten Kleinstädter waren viel zu ungehobelte Naturen, als daß sie daran gedacht hätten, das zartbesaitete Gemüt der jungen Frau zu schonen. Kaum hatte Boissaux mit Feder, den er unterwegs absetzen wollte, den Saal verlassen, als sie, in dem Wunsche, noch öfters zu derart köstlichen Diners eingeladen zu werden, derb und hastig Feder zu preisen begannen. Frau Boissaux wurde durch diese Lobeshymnen zu Ehren des jungen Malers merkwürdigerweise nicht verletzt, obwohl ihre empfindliche Seele doch sonst in der Öffentlichkeit die leisesten Absichten merkte. Einer von den Schmarotzern, der sich durch die Unverschämtheit seiner Lobsprüche am lautesten hervorgetan hatte, ward für den gleichen Abend in die Oper gebeten und obendrein in der Liste der für das nächste Diner einzuladenden Persönlichkeiten nicht vergessen. Feder war weit davon entfernt, die Empfindung, die er für sie hatte, etwa zu überschätzen. Ja, er bemühte sich im Gegenteil, was er fühlte ein wenig vor sich herabzusetzen, wenn er dies auch unbewußt tat, und vertraute fest darauf, in kürzester Zeit seine Ausflüge zu den sonntäglichen Bällen in der Umgebung von Paris wieder aufnehmen zu können. Seit ihm mit solcher Gelassenheit vor Valentine das Wort »Liebe« entschlüpft war, hatte er nie mehr Ähnliches über seine Lippen gebracht. »Sie muß mich bitten, wenn sie dieses Wort wieder von mir hören will!« sagte er sich anfangs. Tatsächlich aber war der Grund, der seine Zurückhaltung veranlaßte, ein anderer. Der überaus herzliche Ton, der seinen Verkehr mit Valentine auszeichnete, tat ihm außerordentlich wohl. An einer schnellen Änderung dieses Verhältnisses lag ihm gar nichts. »Denn«, so sagte er sich, »im Grunde steht sie noch immer unter der Einwirkung ihrer klösterlichen Erziehung. Will ich einen Schritt weitergehen, so wird dieser Schritt zweifellos die Entscheidung bringen. Entweder flüchtet sie sich nach Bordeaux, wenn ihre Frömmigkeit den Sieg davonträgt. Ich habe dann nicht nur das Nachsehen, sondern bringe mich auch jeden Abend um die köstliche Stunde, die eigentlich meinem Leben den Hauptinhalt gibt. Oder sie fügt sich und tritt in die Fußtapfen ihrer Vorgängerinnen. Dann werde ich ihrer binnen einem oder zweier Monate überdrüssig sein. Sie wird mich nicht mehr reizen, sondern nur langweilen. Ich werde mir ihre Vorwürfe anhören müssen. Und bald wird der Bruch unausbleiblich sein. Deshalb: ob sie sich nun so oder so entscheiden würde, ich müßte auf jeden Fall jene köstliche Stunde missen, die ich bisher allabendlich genießen kann und deren Erwartung mir das Tagewerk verschönt.« Valentine sah nicht so scharf wie Feder in die verborgenen Falten ihres Herzens, war sie doch erst zweiundzwanzig Jahre alt und von Kindheit auf von klösterlicher Fürsorge umhegt. Aber allmählich machte sie sich ernstliche Vorwürfe. Lange Zeit hatte sie sich gesagt: »Zwischen mir und Feder gibt es doch nichts gutzumachen.« Dann war sie inne geworden, daß sie sich fortwährend mit ihm beschäftigte, und hatte vollends mit Scham und Reue entdeckt, daß sie ihn sehnsüchtig herbeiwünschte, wenn er fern von ihr war. Einmal hatte sie irgendwo die schlechte Reproduktion eines Bildes gesehen, das einen jungen Mann darstellte, der ihr Ähnlichkeit mit Feder zu haben schien. Sofort hatte sie den kläglichen Druck gekauft, einrahmen lassen und ihn, um jeden Argwohn irrezuleiten, mit mehreren anderen in ihrem Salon aufgestellt. Nicht selten geschah es ihr da, wenn sie allein mit ihren Träumen zu Hause weilte, daß sie das Bild nahm und das Antlitz des jungen Soldaten, dem Feder so ähnlich sah, mit Küssen bedeckte. An der Unterhaltung der beiden Liebenden hätte, wie gesagt, der sittenstrengste und argwöhnischeste Zuhörer nichts auszusetzen gehabt. Der Zwiesprache ihrer Augen allerdings wäre bei genauer Beobachtung manches zu entnehmen gewesen. Trotz der Gewissensbisse der jungen Frau und trotz aller guten Vorsätze Feders handelten beide wie leidenschaftlich Verliebte, wenn sie es sich auch nicht gestanden. Als Beispiel sei ein Ereignis angeführt, das sich, lange nachdem das Porträt Valentines beendet war, zugetragen hat. Als Valentine eines Tages mit Delangle und noch zwei oder drei Bekannten das Atelier des Künstlers besuchte, benützte Feder einen Augenblick, da die Begleitpersonen in der Betrachtung eines prächtigen Rembrandts vertieft waren, drehte eines der Prunkstücke seiner Galerie um und zeigte Valentine darunter ein prächtiges Ölbild. Es schien eine Nonne darzustellen, doch tatsächlich war es Valentine, die da, meisterhaft getroffen, von der Wand herabblickte. Der jungen Frau stieg bei dem Anblick das Blut in die Wangen, Feder aber gab Fersengeld und hastete schleunigst zu Delangle zurück. Nur wie von ungefähr sprach er beim Abschied in gleichgültigstem Tone zu ihr: »Es war nicht ohne Absicht, daß ich mir die Freiheit nahm, Ihnen das Bild dieser Nonne zu zeigen. Viel wert ist es in meinen Augen nicht; aber wenn Sie nicht gleich sagen, daß Sie mir das Bild schenken, so trage ich es in den Wald von Mont-Morency und verbrenne es. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.« Valentine wandte ihm ihr Köpfchen zu und errötete. »Nun gut ... Ich schenke es Ihnen.« Zärtliche Vertraulichkeit sprach aus den Blicken der beiden, eine Vertraulichkeit, die Feder sehnsüchtig noch zu vertiefen trachtete, die aber anderseits Anlaß zu argwöhnischen Beobachtungen hätte geben können. Herr Boissaux war jedoch weit davon entfernt, einen Verdacht zu hegen. Er beschäftigte sich zu sehr mit irdischeren Dingen, als daß in seiner Seele für Einbildungen und Gedankenspuk Raum gewesen wäre. Er dachte in diesem Augenblick lediglich an die zunehmende Macht des Kapitals, an die Abhängigkeit der Regierung von den Kreisen der Finanz, und daß die Ausnahmestellung des Adels, dessen vornehmste Geschlechter in Faubourg Saint-Germain wohnten, den Reichen zugefallen war, die den Ministern gegenüber keck und rücksichtslos ihren Vorteil zu wahren verstanden. »Draußen in der Provinz«, sagte Boissaux zu seiner Frau, »hat man keine Ahnung, was es zu bedeuten hat, wenn man reich ist. Ich könnte wirklich was Besseres sein, als bloß Vizepräsident der Handelskammer; Wenn ich es nicht für meine Stellung in Bordeaux zweckmäßig gefunden hätte, ein paar Tausender zu opfern, um meiner jungen Frau Paris zu zeigen, so hätte ich niemals geahnt, was man alles zuwege bringen kann. In Bordeaux werde ich künftig für die Pressefreiheit und die Wahlreform Lanzen brechen und auch in Paris für ähnliche Reformen eintreten. Unter allen Umständen aber will ich mich bei den Ministern, die jetzt bei Hof am besten angeschrieben sind, Liebkind machen. Das ist der Weg, auf dem man Generaleinnehmer, Standesherr von Frankreich und sogar Abgeordneter werden kann. Bin ich einmal Deputierter, so wird mir mein kleiner Anwalt ohne Praxis die schönsten Reden von der Welt aufsetzen. Du aber bist sehr schön. Außerdem spiegelt sich in deinen Gesichtszügen die Reinheit deines Charakters. Das gibt dir eine bezaubernde Anmut, die man in Paris sonst nicht zu finden gewohnt ist. Insbesondere nicht bei einer Frau aus der Finanzwelt. So hast du alle Eigenschaften, um Erfolg über Erfolg zu erringen. Wenn du nur willst. Und ich bitte dich nun kniefällig, hab' die Gnade! Tu es mir, deinem Gatten zuliebe! Trachte, ein wenig zu gefallen! Ich habe da zum Beispiel für nächsten Freitag zwei Generaleinnehmer zum Essen eingeladen. Wahrscheinlich essen sie bei sich zu Hause besser als bei uns. Aber antworte ihnen, wenn sie dich fragen, damit die Unterhaltung nicht einschläft. Und falls sie dir Geschichten erzählen, so stelle dich, als ob du ihnen aufmerksam folgen würdest. Vielleicht erinnerst du dich an den fabelhaften englischen Garten, den ich zehn Meilen von Bordeaux entfernt habe anlegen lassen. An den reizenden Ufern der Dordogne, auf einem Grund, den ich nur deshalb gekauft habe, weil er an zwanzig alte Baumriesen trug. Erzähle ihnen davon. Wenn du magst, kannst du noch hinzufügen, daß dieser Park eine genaue Kopie des Parkes ist, den einmal Pope in Twickenham angelegt hat. Wenn du mich aber ganz für dich einnehmen willst, dann erwähne, daß du aus lauter Begeisterung über dieses Naturwunder mich veranlaßt hast, mitten im Park ein Haus bauen zu lassen. Doch nicht ein Schloß. Du mußt ausdrücklich betonen, daß du Dinge, die bloß auf äußerliche Wirkung berechnet sind, nicht ausstehen kannst. Es ist für mich von größter Wichtigkeit, mit den Generaleinnehmern in ein näheres Verhältnis zu kommen. Diese Leute bilden nämlich das Bindeglied zwischen den Kapitalisten und dem Finanzminister. Und von diesem Minister werden wir dann zu den andern gelangen. Es hat also für uns am meisten Bedeutung. Feder hat mich auf diesen Gedanken gebracht. Du hast es in der Hand, wie gesagt. Wenn du nur willst, so kannst du alles, was ich tue und beschließe, entscheidend beeinflussen. Was mich betrifft, so werde ich so tun, als ob ich mich meinen neuen Freunden vollkommen zur Verfügung halte. Das sind alles Leute, die sich nichts abgehen lassen, und ich werde ihnen natürlich nicht nur mit Worten dienlich sein. Schöne Worte hören sie hier in Paris, in dieser Schwatzbude, genug. Die haben sie satt, wie du dir denken kannst. Ich aber werde sie für mich gewinnen, indem ich sie an meinen Transaktionen teilnehmen lasse, mich aber dabei natürlich sichere für den Fall, daß diese Herren mich ein wenig zu stark schröpfen. Als Trumpf werde ich für einen solchen Fall die eigensinnige Laune der reizenden Frau ausspielen, deren geistvolle Liebenswürdigkeit sie sooft bei den Einladungen am Freitag entzückt hat. Auf diese Weise werden sie meinem Geld nicht zu nahe kommen und dabei doch nicht zweifeln, daß ich ernstlich gewillt bin, ihren Interessen zu dienen.« Dieser Gedankengang Boissaux's ließ klar erkennen, daß Feder in seinem Heldenmut nicht nur das ohrenbetäubende Organ dieses Menschen ertragen hatte, sondern darüber hinaus dazu übergegangen war, ihn bei seiner maßlosen Eitelkeit zu packen und zu bewegen, aus seinen wohlgefüllten Geldsack Vorteil zu ziehen. Feder selbst war nicht reich. Aber er wußte die glücklichen Leute, die mit Glücksgütern gesegnet waren, zu schätzen. Boissaux war daher sicher, von ihm geachtet zu werden, insbesondere, weil er mit ihm ebenso freundschaftlich verkehrte, wie mit seinen neuen Bekannten aus der Finanzwelt, den Generaleinnehmern usw. Mit scheinbarer Gleichgültigkeit (man muß sich diesen tollpatschigen und geldgierigen Boissaux vorstellen, mit welchem Erfolg er sich in dieser Rolle versuchte), hatte er ihm eines Tages verschiedene Papiere gezeigt, die beweisen sollten, daß er tatsächlich von seinem Vater Grundstücke im Werte von – gering gerechnet – drei Millionen geerbt hätte, daß die Mitgift seiner Frau in einer Höhe von neunmalhundertfünfzigtausend Franken, in verschiedenen industriellen Unternehmen von Bordeaux angelegt sei und sie im übrigen noch zwei schwerreiche, kinderlose Erbonkels hätte. Feder sprach über diese eingehenden Mitteilungen, die für jemand anderen als gerade einen Verehrer recht belanglos gewesen wären, erfahren wie ein Fachmann, und setzte sich durch sein Benehmen bei Boissaux in jeder Hinsicht so sehr in Gunst, daß sein Verhältnis zu Valentine bei dem Gatten keinen Argwohn erweckte. Freund Delangle aber ging dem jungen Maler nicht auf den Leim. Dieser Kleinstädter hatte zweifellos lächerliche Eigenschaften. So war er zum Beispiel stolz darauf, daß er mit dem Blick eines Finanzgenies bei Geschäften stets im ersten Anhieb seinen Vorteil erspähte und stets rasch abschloß. Er rühmte sich ferner, daß er keinen Gehilfen hatte und pflegte prahlend die Spielkarten zu zeigen, auf die er seine Notizen aufzeichnete. Aber trotz dieser Eigenschaften, – manche andere kamen noch hinzu – war er nicht der Mann, sich an der Nase herumführen zu lassen. Sechs Jahre lebte er nun ununterbrochen in Paris. Dieser Zeitraum hatte genügt, um ihm die Augen zu öffnen. So blieb ihm nicht verborgen, daß der Ausdruck von Langeweile im Antlitz Valentines verschwand, wenn Feder in den Salon eintrat und sich zu den versammelten Gästen gesellte. Er erhaschte die zärtlichen und freudigen Blicke, mit dem sie jede Bewegung des jungen Malers begleitete, und die wie hilfesuchend auf ihm ruhten, wenn sie eine Meinung äußern wollte. Delangle merkte, was da im Gange war und begegnete Feder daher begreiflicherweise mit einer gewissen Zurückhaltung. Eines Tages, als sich die Freunde ein reizendes Wohnhaus im Stadtteil von Saint-Gratien, nicht weit von der Kapelle, wo die Gebeine Catinats ruhen, ansahen, fand Feder im Park Gelegenheit, mit Valentine allein zu sprechen. »Delangle,« sprach er mit einem Lächeln zu ihr, das seine leidenschaftliche Liebe nicht verhehlte, »Delangle argwöhnt etwas, zweifellos ganz ohne Grund. Er vermutet, daß wir einander lieben. Eben als wir in diese Allee, wo wir jetzt gehen, eingebogen sind, hat er sich in die Büsche geschlagen. Ich wette, daß er uns belauschen will. Aber ich habe gute Augen. Wenn ich wortlos meine Uhr ziehen werde, so wird das für Sie ein Zeichen sein, daß ich unseren Freund entdeckt habe, wie er sich im Gebüsch heranschleicht. Wohl oder übel müssen wir dann eine Zwiesprache miteinander halten, schöne Frau, die schlagend beweist, daß ich Sie nicht liebe.« In welchem Tone er diese Worte sprach, kann man sich unschwer vorstellen. Seit jenem Geständnis am Tage der zweiten Porträt-Sitzung war das Wort Liebe niemals im Gespräch zwischen den beiden gefallen. Obwohl Feder die junge Frau fast alltäglich sah, und er tagtäglich diese Begegnung herbeisehnte und danach in der Erinnerung schwelgte. Valentine erglühte, als Feder im Garten zu Saint-Gratien zu ihr sprach. Ein kleiner Akazienzweig, den sie in der Hand hielt, fiel zu Boden. Feder bückte sich, wie um ihn aufzuheben und zog, als er sich wieder erhob, seine Uhr. Denn er hatte Delangle hinter einer Akaziengruppe wohl bemerkt. »Warum richten Sie sich denn in ihrem Heim in Bordeaux den Salon, der auf den Garten hinausgeht, nicht ebenso ein, wie den in diesem Hause da? Er ist vollendet in seiner Art und ich zweifle nicht, daß man uns gern erlauben wird, seine Anordnung aufzuzeichnen. Herr Boissaux kann damit den Architekten beauftragen, der den Plan zu dem Hause am Ufer der Dordogne entworfen hat.« Der Gesichtsausdruck Valentines während dieser kühnen Worte des jungen Malers war köstlich. Sie wollte lächeln, anderseits aber fand sie es unpassend, ihren Bruder zu täuschen. War es nicht ein Verbrechen, wenn sie ihren Bruder, der ihr so zugetan war, hinterging? Die Art und die Weise, mit der sie sonst mit Feder verkehrte, mußte also recht ungehörig sein, wenn sie nun gezwungen war, vor ihrem Bruder auf der Hut zu sein und sich zu verstellen! Vor ihrem Bruder, der sein Leben, ja sogar sein ganzes Hab und Gut jederzeit auf das Spiel gesetzt hätte, um ihr helfen zu können. Anderseits aber erschien ihr diese Vorsichtsmaßregel so seltsam, daß ihr der Gedanke kam, die Tage des vertrauten Verkehrs mit Feder könnten gezählt sein. »Wie es auch sein mag,« dachte sie bei sich, »so bedeutungslos kann diese Maßnahme jedenfalls nicht sein, wie er mir gern glauben machen möchte. Ich bin zu erregt, um ruhig überlegen zu können. Ich habe vielleicht Unrecht getan, ihm zu folgen. Ich muß meinen Beichtvater sobald als möglich darüber fragen.« Dieses Selbstgespräch bewies, daß die junge Frau über diesen mutwilligen Streich, der eine Pariserin wohl nur ergötzt hätte, ernstlich besorgt war. Sie besaß wohl Scharfsinn genug, um sich während der Unterhaltung nicht bloßzustellen. Doch ihre Stimme bebte so stark, daß der Beweis nicht ganz so durchschlagend ausfiel, wie es Feder erhofft hatte. Was sie sprach, war gewiß nicht unverständig, aber wie zitternd und zagend kam jedes Wort über ihre Lippen! Feder hielt es daher für angezeigt, schon nach wenigen Minuten sein Taschentuch zu nehmen und es fallen zu lassen. Sogleich rief Valentine: »Sie fahren auf den See hinaus! Nehmen wir auch einen Kahn!« Doch Feder und Valentine fanden kein Fahrzeug mehr, als sie zum Hafen kamen. Die Freunde waren schon weit vom Lande entfernt und verschwanden hinter einem Hause bald gänzlich ihren Blicken. Feder sah Valentine an und wollte sie eben tadeln, weil sie ihre Rolle so schlecht gespielt hatte. Da sah er Tränen in ihren Augen und war nahe daran, ihr etwas zu sagen, nur ein Wort zwar, aber eines, das er niemals über seine Lippen bringen durfte. Er kämpfte mit sich. In dem Augenblick jedoch, da er sich tapfer überwand, und das Wort unterdrückte, geschah es, ohne daß er sich seiner Tat bewußt wurde, ja fast ohne ein Zutun, daß er mit seinen Lippen ihren Hals berührte. Valentine verlor im ersten Moment fast die Besinnung. Dann warf sie sich mit ausgebreiteten Armen herum und wandte ihm ihr Antlitz zu, in dem sich Furcht, ja fast Abscheu malte. »Wenn Delangle jetzt herbeikommt, werde ich ihm sagen, daß Sie fast in den See gefallen wären.« Feder machte zwei Schritte und stieg in das Wasser, bis es ihm bis an die Knie reichte. Dieses sonderbare Betragen lenkte die Aufmerksamkeit Valentines von dem, was vorgefallen war, ab. Sie hatte daher ihre Fassung fast vollständig wiedergewonnen, als Delangle erhitzt herbeistürmte und keuchend rief: »So wartet doch! Ich will ja mit!« V Dieses Erlebnis kostete unserem Helden ziemliches Kopfzerbrechen. Der Argwohn Freund Delangles war nicht zum Schweigen gebracht und Feder kannte ihn zu gut, um nicht zu wissen, daß er nicht der Mann war, eine Beobachtung, die er einmal gemacht hatte, so ohne Weiteres auf sich beruhen zu lassen oder wohl gar zu vergessen. Die Klemme, in der sich der junge Künstler befand, machte ihn nachdenklich. Er mußte sich eingestehen, daß im Falle einer Trennung von Valentine geraume Zeit verstreichen würde, bis er sie vollkommen vergessen hätte. Delangle war imstande, ihm den Eintritt in das Haus Boissaux auf immer zu verwehren. Der Gedanke ließ ihn erzittern. Dann ärgerte er sich, daß ihm dieser Umstand so naheging. Er hatte tatsächlich Angst vor Delangle, wie er voll Scham feststellte, und suchte daher rein gefühlsmäßig Boissaux zu seinem Freunde zu machen. Es kam ihm da gelegen, daß einer der Generaleinnehmer, die ihre Einkünfte mit Anstand auszugeben wissen, sein prächtiges Landhaus in Viroflay aufgab. Schnell eilte er zu Boissaux. »Sichern Sie sich dieses Landhaus! Überlegen Sie nicht erst lange. Die Pferde all der Leute, um deren Umgang Sie sich bemühen, fahren aus Gewohnheit nach Viroflay. Die schönsten Feste werden Sie dort veranstalten können und Pferde und Gäste bei sich sehen, die früher Ihren Vorgänger, den Generaleinnehmer Bourdois, besucht haben.« Boissaux befolgte diesen Rat, ohne viel darüber zu reden oder gar seiner Erkenntlichkeit Ausdruck zu geben. Denn er liebte es nicht, sich irgend jemand verpflichtet zu fühlen. Rasch folgte nun ein Diner dem anderen. Als die Gäste eines Tages an der Tafel Platz genommen hatten, konnte sich Boissaux nicht versagen, laut festzustellen, daß die Anwesenden, trotzdem ihre Zahl nicht höher als elf war, doch einen Besitz von insgesamt sechsundzwanzig Millionen repräsentierten und sich unter ihnen ein Pair von Frankreich, ein Generaleinnehmer und zwei Abgeordnete befanden. Dabei machte der Berater Feder die ziemlich lehrreiche Entdeckung, daß der Gastgeber in seiner Aufstellung das Hab und Gut seines klugen Beraters mit einer großen Null in Anrechnung brachte, und daß er obendrein allein in der Versammlung die Klasse der Habenichtse vertrat. Einer unter den Essern, der im Gegensatz zu Feder eineinhalb Millionen besaß, hatte am Vormittag vor dem Diner eine schöne Bibliothek erstanden. Jedes Buch hatte Goldschnitt. Der glückliche Käufer war nicht der Mann, seinen Kauf zu verschweigen. Er hatte sich eifrigst bemüht, noch schnell vor dem Mahle, die Namen der Hauptautoren seiner Bibliothek auswendig zu lernen. Nun suchte er sie der Reihe nach herunterzusagen und begann mit Diderot und dem Baron von Holbach, den er »Holbasch« aussprach. »Sagen Sie doch ›Holbach‹«, rief der Pair von Frankreich mit der ganzen wichtigtuerischen Prahlerei eines erst jüngst erworbenen Wissens. Man sprach mit ziemlicher Verachtung von diesem ›Schriftsteller‹ mit dem barbarischen Namen. Da erwähnte Delangle so nebenher, daß dieser Baron von Holbach der Sohn eines Kaufmanns gewesen sei und mehrere Millionen besessen habe. Diese Bemerkung gab den versammelten Gästen Stoff zum Nachdenken. Man sprach daher noch einige Zeit über Diderot und Holbach. Doch das Thema war längst nicht mehr Gegenstand der Unterhaltung, als Frau Boissaux sich erkühnte, ganz bescheiden zu fragen, ob Diderot und Holbach nicht mit Cartouche und Mandrin den Tod am Galgen gefunden hätten. Sie erntete stürmisches und allgemeines Gelächter. Aus Höflichkeit trachtete die Tafelrunde wohl, sich allmählich zu beherrschen. Aber der Gedanke, daß Diderot, der Günstling der Kaiserin Katharina II., als Mitschuldiger Cartouches gehenkt worden sein könnte, war so reizend, daß alle Gäste weiter wie toll wieherten. »Aber, meine Herren,« fuhr Frau Boissaux fort, während sie selbst, ohne zu wissen warum, vor Heiterkeit fast zu ersticken drohte, »im Kloster, wo ich erzogen worden bin, hat man uns niemals deutlich unterrichtet, was es eigentlich mit Mandrin, Cartouche, Diderot und anderen schrecklichen Verbrechern für eine Bewandtnis hat. Ich glaubte, daß sie alle unter einer Decke gesteckt hätten.« Nach diesem kühnen Vorstoß sah Frau Boissaux forschend Feder an. Er geriet in Unruhe über ihren unvorsichtigen Blick. Hernach aber versank er in köstliche Träume. Ähnliche Träume täuschten ihn oft tagelang über seinen Kummer hinweg, während zehn langer Jahre sich in seinem Beruf geirrt zu haben. Die treuherzigen Worte Valentines glätteten die stürmischen Wogen der allgemeinen Heiterkeit. Nur mehr ein feines Lächeln glitt über die Lippen der Gäste. Außerdem beeilte sich Delangle, dessen Familiensinn durch das Malheur stark erschüttert worden war, seiner Schwester zur Hilfe zu kommen und erzählte einige possierliche Geschichten, die allgemeinen Anklang fanden. Aber der Gast, der eine ganze Bibliothek von Werken in goldgeschnittenem Einband wohlfeil erworben hatte, begann wieder über Literatur zu sprechen. Er rühmte vor allem die herrliche Ausgabe der Werke J.-J. Rosseaus von dem Verleger Dalibon. »Ist die Schrift deutlich genug?« fiel ihm der eine Abgeordnete, der vier Millionen besaß, dröhnend ins Wort. »Ich habe während meines Lebens soviel gelesen, daß meine Augen oft nicht mehr mittun. Wenn diese Ausgabe Rousseaus eine lesbare Schrift hat, so möchte ich mir sie gerne ausleihen, um nochmals die ›Abhandlung über die Sitten‹ zu lesen. Das ist das schönste Geschichtswerk, das ich kenne.« Der ehrenwerte Abgeordnete verwechselte offensichtlich die beiden Haupturheber der Verbrechen von 1793, nämlich Voltaire und Rousseau. Delangle fing so laut zu lachen an, daß bald die ganze Tafelrunde seinem Beispiel folgte. Er zwang sich zu besonders lärmendem Gelächter, um über den Heiterkeitsausbruch die Unwissenheit seiner Schwester vergessen zu lassen. Und tatsächlich fielen alle Gäste, die wenigstens einigermaßen sicher zu sein glaubten, daß Voltaire und nicht Rousseau die »Abhandlung über die Sitten« geschrieben habe, erbarmungslos über den bedauernswerten Abgeordneten her, Leinwandhändler von Beruf, der angeblich sich seine Augen verdorben hatte, weil er so ein eifriger Leser gewesen war. Kaum war die Tafel beendet, als Feder sich klüglich aus dem Staube machte, denn er hatte vor neuen Blicken Angst. Während des Spazierganges im königlichen Wald, der vom Landhause aus durch eine kleine Pforte zu betreten war, fand Delangle, den das Hohngelächter über seine Schwester noch immer wurmte, Gelegenheit, seiner Schwester einige Worte vertraulich zu sagen. »Dein Mann ist dir zweifellos sehr zugetan und behandelt dich gut. Aber schließlich ist er eben auch ein Mann und kein Waschlappen, und würde es innerlich vielleicht nicht ungern sehen, wenn er dir für deine Mitgift, eine Million achtmalhunderttausend Franken, mit deren Hilfe er Vizepräsident der Handelskammer geworden ist, nicht gar so erkenntlich sein müßte. Er braucht nur ein paarmal vieldeutig mit der Achsel zu zucken. Seine Gäste wissen dann, daß du keine Bildung hast. Gerade weil sie selbst vor kaum sechs Monaten Diderot und Holbach nicht kannten, werden sie lange Zeit über deine Unwissenheit herziehen. Vergiß deshalb so schnell als möglich alle die frommen Notlügen, mit denen die guten Nonnen deine Wißbegierde, bei der ihnen Angst und bang wurde, einzuschläfern suchten. Aber verlier nur nicht den Mut. Beide Male, als ich dich im Kloster besuchte, sagte mir die Oberin, Frau von Aché, wortwörtlich, daß du einen so klugen Kopf hättest, daß sie direkt davor erzittere.« Delangle wollte seine Schwester mit dieser letzten Bemerkung beruhigen, weil er sah, daß sie schon fast in Tränen ausbrach. »An zwei Tagen in der Woche«, setzte er fort, »wirst du, ohne jemandem außer deinem Mann etwas zu sagen, Geschichtsstunden nehmen. Ich werde dir eine Lehrerin suchen, die dir beibringen wird, was sich in den letzten hundert Jahren ereignet hat. Daß muß jeder, der in der Gesellschaft verkehren will, wissen, denn man spielt oft auf die Geschehnisse der jüngsten Geschichte an. Um dich von diesen läppischen Nonnenmärchen freizumachen, rate ich dir, jeden Abend vor dem Schlafengehen ein oder zwei Briefe von Voltaire zu lesen oder von Diderot, der weder wie Cartouche noch wie Mandrin am Galgen endigte. Durchaus nicht!« Und Delangle mußte ganz gegen seinen Willen neuerlich lachen, als er seine Schwester verließ. Valentine blieb den ganzen Abend recht nachdenklich. In dem vornehmen Kloster war ihr Geist aus lauter Ängstlichkeit, ihr ja keine anderen Werke als nur die sorgfältigst ausgewählten Lehrbücher in die Hand zu geben, verarmt. In dem Geschichtsbuch, das sie studiert hatte, kam Napoleon stets nur als »Herr von Bonaparte« vor, und sie war unglaublicherweise nicht ganz sicher, ob »Herr von Bonaparte« während eines bestimmten Abschnittes seines Lebens nicht einer der Generäle Ludwigs des XVIII. gewesen sei. Ein glücklicher Zufall hatte es gewollt, daß eine der Nonnen ihr mitleidig entgegenkam und sie in ihr Herz schloß. Diese Klosterfrau stammte aus einem ärmlichen und unansehnlichen Hause und wurde von ihren Mitschwestern recht verächtlich behandelt, weil sie ihre Abkunft nicht zumindest durch um so geschäftigeres Frömmlertum zu sühnen trachtete. Abscheu packte sie, als sie sah, wie man Valentine gewaltsam stumpfsinnig machen wollte. Gaben sich doch alle Klosterinsassen eifrig dieser Beschäftigung hin, als die Mär von Valentinens Mitgift in der Höhe von sechs Millionen im Kloster Tagesgespräch wurde. Was für ein Triumph für die Kirche, wenn das reiche Mädchen veranlaßt werden könnte, der Welt zu entsagen und ihr Vermögen der Gründung neuer Klöster zu widmen! Mutter Gerlat, die arme Nonne, Tochter eines Müllers, wie jedermann im Kloster wußte, mußte jeden Montag Valentine ein Kapitel aus den Werken des heiligen Franz von Sales abschreiben lassen. Tags darauf war das junge Mädchen gezwungen, dieses Kapitel der armen Nonne zu erklären, als ob sie jemandem vor sich hätte, dem der behandelte Stoff vollkommen unbekannt wäre. Jeden Donnerstag schrieb Valentine ein Kapitel aus der »Nachfolge Christi« ab und mußte es am nächsten Tage erklären. Die Nonne war während ihres unglücklichen Lebens so hellhörig geworden, daß sie die Worte ihrem Sinne nach recht genau zu unterscheiden verstand und dem jungen Mädchen, wenn es ein Kapitel erklärte, nicht den geringsten mehrdeutigen Ausdruck durchgehen ließ, sondern darauf beharrte, daß sie jeden Gedanken in der prägnanten und kürzesten Redewendung ausdrückte. Nonne wie Schülerin wären streng bestraft worden, wenn die Frau Oberin einmal wahrgenommen hätte, daß ihre Befehle nicht immer mit der nötigen Genauigkeit ausgeführt wurden. Was in Erziehungsanstalten besonders streng verboten ist, sind Privatfreundschaften, denn sie sind imstande, die jungen Seelen zu stärken und ihnen mehr Rückgrat zu geben. Lange vor jenem verletzenden Gelächter, dem Valentine seit der Mitteilung Delangles erhöhte Bedeutung beimaß, hatte sie in Gesellschaft über Geschehnisse oder Ideen reden hören, deren Erwähnung im Kloster Abscheu erregt hatte. Das war ihr wohl aufgefallen, doch hatte sie weiter nicht darüber nachgedacht, sondern sich nur fest vorgenommen, in der Öffentlichkeit auf bestimmte Themen, wenn sie besprochen würden, nicht einzugehen. Die folgende Tatsache, die wir mitzuteilen haben, mag wohl fast unglaublich erscheinen, aber sie ist verbürgt: Delangle fand nämlich trotz allen Suchens keine Lehrerin, die nach anderen Lehrbüchern gelehrt hätte, als jenen, die Valentine bereits kannte. Alle antworteten ihm übereinstimmend: »Wir würden nur zu bald alle Zöglinge verlieren. Und außerdem den heftigsten Angriffen ausgesetzt, wenn wir aus Büchern lehren wollten, die nicht in den ›Sacré-Cœurs‹ im Gebrauch sind.« Delangle stieß endlich auf einen alten irländischen Geistlichen, den ehrwürdigen Pater Yeké, der es übernahm, der jungen Frau die europäische Geschichte seit 1700 zu lehren. Ohne böse Absicht, lediglich aus bärbeißiger Grobheit, spielte Herr Boissaux noch zwei- oder dreimal auf das Höllengelächter an, mit dem der Gedanke, sich Diderot und Holbach neben Cartouche und Mandrin am Galgen baumelnd vorzustellen, begrüßt worden war. Boissaux gedachte öfters dieses Versehens, weil er eine heillose Angst hatte, daß ihm selbst etwas Ähnliches passieren könnte. Denn tatsächlich war es erst zwei Jahre her, seit er die Namen Diderots und Holbachs hatte nennen hören. Was ihn aber vollends bedrückte, war der Umstand, daß er damals bei jenem Fest der Meinung gewesen war, die »Abhandlung über die Sitten« stamme von Rollin. Sofort am nächsten Tage hatte er sich sechshundert Bände mit goldgepreßtem Rücken kommen lassen und war sofort in seinem Wagen mit einer prächtigen Ausgabe der Werke Voltaires nach Viroflay gefahren. Allein der Einband eines jeden Exemplares war ihm auf zwanzig Franken zu stehen gekommen. In seinem Kontor lag seit jenem Tage aufgeschlagen mitten unter Geschäftsbriefen der erste Band der »Abhandlung über die Sitten«. Die Vorwürfe ihres Mannes spornte Valentinens Tatkraft zu höchster Leistung an. Sie las nun abends, bevor sie die Kerzen verlöschte, nicht bloß ein oder zwei Briefe Voltaires, sondern wohl an die zweihundert bis dreihundert Seiten. Zweifellos verstand sie nicht alles, was sie las. Als sie eines Tages Feder gegenüber darüber klagte, schleppte er ihr Wörterbuch und die Memoiren von Dangeau, bearbeitet von Frau von Genlis, herbei. Die süße Valentine wurde eine begeisterte Verehrerin der langweiligen und trockenen Werke der Frau von Genlis. Was ihr gefiel, war gerade was uns mißfällt. Suchte sie doch nicht stoffliche Spannung, sondern zuverlässige Belehrung. Die derbe Lustigkeit Boissaux', die vorzügliche Küche seines Hauses, die Gewißheit, hier stets die Primeurs genießen zu können und nicht zuletzt die blendende Schönheit der Hausfrau waren die Veranlassung, daß es allmählich zur Gepflogenheit wurde, nach Schluß der Börse in Viroflay zu speisen. Diese geheimnisvolle und mächtige Anziehungskraft, die stets neue Finanzleute in das Heim der Vizepräsidenten führte, war in der Gewißheit aller Gäste begründet, daß in diesen gastlichen Räumen die Eigenliebe eines jeden Besuchers respektiert wurde. Boissaux und insbesonders Delangle verstanden es äußerst geschickt, irgendeine Ware dort zu kaufen, wo sie am wohlfeilsten war und sie prompt in eine Gegend zu verschieben, wo sie am höchsten im Preise stand. Aber außer in der Kunst, das Geld in Scheffeln einzuscharren, waren sie auf jedem anderen Gebiet solche Ignoranten, daß sie da jeden Menschen unbehelligt ließen. Valentine ihrerseits hütete sich gar sehr in Gesellschaft über ihre oft reizvollen Beobachtungen zu reden, zu denen die eifrige Lektüre ihr Gelegenheit gab. Sie fürchtete, sie von diesen Menschen, deren ungehobeltes Betragen sie einzusehen begann, ins Lächerliche gezogen zu sehen. Das tiefgehende Studium, das sie im Kloster den Werken Franz von Sales und der Nachfolge Christi hatte widmen müssen, gab ihr nun die Möglichkeit, gewisse Teile aus der »Prinzessin von Cleve«, der »Marianne« von Marivaux und der »Neuen Heloise« zu verstehen, und nachhaltigen Genuß aus der Beschäftigung mit diesen Werken zu ziehen. Alle diese Bücher waren den Sendungen entnommen, die zur Ergänzung der Bibliothek täglich von Paris in Viroflay einliefen. Während sie ihre Tage inmitten eines Schwarmes von Finanzleuten verlebte, kam ihr einmal ein Gedanke, der wegen seiner strengen Sachlichkeit bemerkenswert war. »Wir zahlen jeden Abend achtzig bis hundert Franken für eine Loge im Theater, um eines Vergnügens willen, das oft genug recht zweifelhaft ist und immer eine Stunde, höchstens zwei dauert. Wenn mich manchmal eine so brennende Begierde erfaßt, ein Werk aus der schönen Sammlung meines Mannes zu lesen, wem muß ich für diesen Trieb danken, wenn nicht jener guten Mutter Gerlat, die, anstatt mich vorsätzlich stumpfsinnig zu machen, mich lehrte, jene sublime ›Nachfolge Christi‹ und die Werke des Heiligen Franz von Sales zu studieren?« Am nächsten Morgen, als Boissaux gerade einen seiner Gehilfen als Eilboten nach Bordeaux sandte, bat sich Valentine von ihrem Bruder hundert Napoleons aus und befahl dem Boten, die Mutter Gerlat in das Sprechzimmer des Klosters rufen zu lassen und ihr als Andenken den Betrag zu geben, dessen Besitz ihr im Kloster größeres Ansehen verschaffen konnte. Der erste Monat, da Valentine fühlte, daß ihre geistigen Kräfte sich zusehends entwickelten, leitete einen neuen Abschnitt ihres Lebens ein und stimmte sie froh. Ohne Scheu sprach sie mit Feder über die Gedanken, die bei der ersten Lektüre ihr kamen. Insbesondere fand sie, wie wohl jede Frau in ihrem Alter, Werke wie die »Prinzessin von Cleve«, die »Neue Heloise« und »Zadig« ganz köstlich. Bücher, die in ironischem, überlegenen Ton abgefaßt waren, waren ihr ein Greuel. Wo sie aber zarte Empfindungen ausgedrückt fand, fühlte sie für den Autor sogleich Sympathie. Feder geriet in eine arge Klemme, da er dieser unschuldvollen Seele in dieser Welt der Empfindsamkeit als Führer dienen sollte. Unablässig fand er sich versucht, sich zu verraten, und es bedurfte einer ungeheuren Willensstärke, um ihr nicht zu gestehen, daß er sie liebe. Er genoß fast jeden Tag das Vergnügen, den staunenswerten Geist Valentines bewundern zu können. Der Leser wird sich vielleicht erinnern, daß gegen Schluß der »Neuen Heloise« Saint-Preux in Paris eintrifft und seiner Freundin den Eindruck schildert, den die Großstadt bei ihm hervorgerufen hat. Die Beobachtungen, die Valentine in Paris gemacht hatte, waren von denen Saint-Preux's so verschieden, daß sie zu ganz anderen Folgerungen gelangte. Feder bewunderte ihren Scharfsinn, mit dem sie aus scheinbar ganz geringfügigen Wahrnehmungen Schlüsse zu ziehen wußte. Alles was sie dachte, war wohl begründet. Wenn sie sich irrte, war es nicht minder reizvoll, ihre Gedanken zu verfolgen. So vermochte sie zum Beispiel nicht zu fassen, daß all die schönen Privatwagen, die im Boulogner Wäldchen durch die schattigen Alleen rollten, in der Mehrzahl nur gelangweilte Frauen in ihrem Innern bergen sollten. Wenn Valentine sich in das Bois fahren ließ, hielt sich fast immer Feder zu Pferd an der Seite ihres Wagenschlages. Es war ihr unbegreiflich, daß die Langweile fast ausnahmslos die Handlungen all der Leute bestimmen sollte, die mit Pferden im Stall auf die Welt kommen. »Diese Menschen, die das Volk für glücklich hält«, sprach Feder zu ihr, »bilden sich ein, die gleichen Leidenschaften zu haben wie ihre ärmeren Brüder und Schwestern, also Liebe, Haß, Freundschaft usw. Während doch ihr Herz nur mehr die Genüsse befriedigter Eitelkeit empfindet. Echte Leidenschaft ist in Paris lediglich in den obersten Stockwerken der Häuser anzutreffen. Ich halte jede Wette, daß zum Beispiel in der schönen Rue du Faubourg Saint Honoré, in der Sie wohnen, niemals ein wärmeres Gefühl von Zärtlichkeit und Hochherzigkeit in den beiden ersten Stockwerken der Häuser sich bemerkbar gemacht hat.« »Sie sind ungerecht gegen uns!« rief Valentine ihm zu. Sie weigerte sich hartnäckig, seine traurigen Behauptungen gelten zu lassen. Manchmal zögerte Feder, im Gespräch fortzufahren und verübelte es sich, daß er der jungen Frau reinen Wein einschenkte. Setzte er ihr ferneres Schicksal nicht dadurch erhöhten Gefahren aus? Anderseits aber mußte er sich zubilligen, daß er alles unterließ, was ihn dem Ziel seiner Liebeswünsche näherbringen konnte. Er folgte tatsächlich keinem Plane, sondern ließ sich treiben, und genoß diese Tage lauteren Verkehrs mit einer jungen Frau, die ihn möglicherweise liebte. Der Gedanke, ihrem Zauber etwa zu erliegen, machte ihn beben. Hätte er anders gedacht, so hätte er zweifellos Paris sofort verlassen, um der Leidenschaft für Valentine nicht zu verfallen. Aber er wagte es auch nicht, sich eingehender mit sich selbst zu beschäftigen, und sich Rechenschaft abzulegen, denn er hatte Furcht, sich in einer freiwilligen Verbannung allzusehr zu langweilen. »Ich würde mich selbst von Valentine absperren. Delangle hätte nur eine spöttische Bemerkung für mich übrig und würde mir künftig jeden Verkehr unmöglich machen. Und die Gedanken dieser kleinen Frau wären nicht mehr mir zugewandt. Sechs Wochen, nachdem sie mich aus dem Gesichtskreis verloren hätte, würde sie sich an einen gewissen Feder nur mehr ebenso schattenhaft erinnern können, wie an all ihre anderen Pariser Bekannten.« Aber es geschah äußerst selten, daß unser Held sich über seine Lage Gedanken machte, die von tieferer Einsicht zeugten. Den Grundsatz: Hüte dich vor der Liebe und den unbeständigen Launen einer Frau! hielt er zwar hoch und glaubte an seine Richtigkeit, aber er fand nicht die Kraft, sich darüber hinaus klar zu machen, daß er abreisen mußte, wenn er in seiner Weichherzigkeit gefährlichen Netzen ausweichen und jenem Grundsatz gemäß handeln wollte. Feder gab sich alle erdenkliche Mühe, einem Entschluß von solcher Tragik zu entrinnen. Waren die Liebenden geraume Zeit sich selbst überlassen, so fragte er sich prüfend: »Handle ich in Valentinens Interesse, wenn ich diese klösterlichen Hirngespinste eines nach dem andern umblase? Und sie nüchterner und verständiger wird, als es ihren Jahren zukommt?« Feder hatte im Jünglingsalter soviel Tollheiten begangen, daß er nun in kluger Gefaßtheit seinen Weg ging und sich bemühte, auch Valentine von Begriffen zu heilen, die sie in seiner Gegenwart zu peinlichen Äußerungen verleiten konnten. Wenn er eingreifen wollte, fehlte ihm aber öfters die Zeit oder die Gelegenheit, seine junge Freundin anzuweisen, wie sie sich angemessen zu benehmen hätte. Und Delangle und Boissaux waren viel zu eingefleischte Kleinstädter, als daß es ihm möglich gewesen wäre, seine Ansicht vor ihnen mit der nötigen Breite und ernsten Eindringlichkeit zu vertreten. Sie hätten an jedem aufrichtigen Wort Anstoß genommen. Man muß in Gegenwart von Leuten solchen Schlages vermeiden, Gedanken zu äußern, die ihnen noch nicht untergekommen sind. Feder faßte in seiner Verlegenheit den sonderbaren Entschluß, Valentine selbst zu fragen, ob er ihr stets die Wahrheit sagen sollte. Dieser Ausweg war zweifellos für unseren Helden in seiner närrischen Verliebtheit am reizvollsten. Aber er war, offengestanden, etwas kindisch. Denn Valentine hatte aus dem Kloster fünf oder sechs Lebensregeln mitbekommen, und wandte diese zumeist recht schiefen Gebote bei jeder Gelegenheit mit einer Beherztheit an, die in dem Kontrast zu dem sonst so zaghaften und bedächtigen Charakter der jungen Frau unterhaltend und belustigend wirkte. Feder sagte ihr eines Tages: »Wenn ich weiter fortfahre, Ihnen auf Ihren Wunsch hin schmerzliche Wahrheiten zu sagen, so wird der liebenswürdige Zauber, der Ihnen alle Herzen zuführt, bald verflogen sein. Sie werden bald aufhören, die Äußerung eines waghalsigen Grundsatzes mit einem gewinnenden Lächeln aufzunehmen und seine Richtigkeit zu bestreiten, sobald Sie sich über seine Tragweite klar geworden sind. Damit werden Sie aber den Vorzug eindruckvollster Überlegenheit allen anderen Frauen Ihres Alters gegenüber verloren haben.« »Gut. Sagen Sie mir also nicht mehr die Wahrheit. Ich will lieber vor anderen Leuten einige Dummheiten sagen, auch wenn man sich vielleicht über mich lustig macht, als Ihnen weniger liebenswürdig erscheinen.« Feder wollte zu ihr hinstürzen und ihre Hand mit Küssen bedecken. Aber er bezwang sich und fing, um über die Gefahr des Augenblicks hinwegzukommen, hastig zu reden an. »Immer, wenn Sie mit alteingesessenen Parisern sprechen,« rief er mit pedantischer Miene aus, »steht diesen Leuten Hochmut im Gesicht geschrieben. Alles, was sie sagen, ist auf die große Menge zugeschnitten, während Sie ihnen mit größter Offenheit und treuherzigem Wohlwollen entgegenkommen. Ohne Schutz, mit bloßer Brust begegnen Sie diesen geriebenen Leuten, die den Kampfplatz nur betreten, wenn sie sich überzeugt haben, daß sie wohlgerüstet sind und ihre Eitelkeit hieb- und stichfest ist. Wären Sie nicht so schön und, dank meiner Mühe, die Diners bei den Boissaux' nicht so köstlich, Sie hätten für den Spott nicht zu sorgen.« Die Tage verstrichen. Feder hätte ihren Zauber bis zur Neige ausgekostet, wenn er tatsächlich, wie er sich oft einzureden suchte, Valentine mit bloßer Sympathie begegnet wäre. Aber seine arge Furcht vor Deiangle ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Je stärker er von leidenschaftlichem Begehren ergriffen wurde und die köstlichen Stunden seines hindämmernden Lebens genoß, desto tiefer drang seine Erregung, wenn er daran dachte, daß ein einziges Wort dieses grobschlächtigen Riesen, der grobes Geschütz liebte, sein Glück in Trümmer schlagen konnte. »Ich muß Boissaux für mich gewinnen,« sagte er sich, »mich ihm zu diesem Zweck nützlich machen. Meine Bescheidenheit, meine guten Manieren mißfallen ihm. Das weiß ich. Imponieren kann ich diesem plumpen Kerl, der für nichts als für Geld Achtung hat, nur durch irgendeine offensichtliche Leistung. Meine pariserischen Gewohnheiten werden ihm dann in milderem Lichte erscheinen. Gestern erst, als der Abgeordnete von Lille uns auf der Promenade begegnete, hat er es uns deutlich fühlen lassen. Jeder Mensch, der sich ihm nähert, muß schreien und ihm zum Zeichen seiner wohlwollenden Gesinnung auf die Schulter klopfen, sonst sagt er sich: ›Ich glaube wirklich, der Kerl verachtet mich.‹ « Feder suchte den Wünschen Boissaux' immer mehr auf den Grund zu kommen. Es zeigte sich bald, daß die jüngste Ernennung von fünf oder sechs Standesherrn ihn nicht schlafen ließ und gewaltiger Ehrgeiz sich zu seiner unersättlichen Geldgier gesellt hatte. Als Boissaux eines Tages vom Besuch bei einem zum Pair ernannten Hutmacher zurückkehrte, blieb er den ganzen Abend schweigsam und in sich gekehrt. Tags darauf befahl er seiner Dienerschaft, sich von vier Uhr nachmittags ab nur mehr in Seidenstrümpfen zu zeigen und bat Feder, ihm drei neue Diener zu verschaffen. VI Dieser Aufwand, den Boissaux noch einen Monat nach seiner Ankunft in Paris für blödsinnig gehalten hätte, gab den Ausschlag. Nach vierzehn Tagen Erwägens und Überlegens war sich Feder über den zu beschreitenden Weg im klaren. Zweifellos hatte es seine Gefahren, einem kleinstädtischen Millionär Ratschläge zu geben. Anderseits aber waren die finsteren Pläne, die Delangle nach Feders Meinung ausbrütete, weit gefahrdrohender. Um seinen Rat weniger peinlich zu gestalten, beschloß der junge Künstler, grob und rücksichtslos vorzugehen. Frisch erworbener Reichtum macht eitel. So konnte es Boissaux sich eines Tages nicht versagen, Feder achtzig neue Werke mit Goldschnitt, die eben von Paris eingetroffen waren, bewundern zu lassen, »Fehler über Fehler!« rief Feder in unheilverkündendem Tone aus. »Sie täuschen sich! Wenn Sie das Geld hinauswerfen, um solche Bücher zu kaufen, werden Sie die Stellung nie erreichen, die ich Ihnen zugedacht habe.« »Was meinen Sie damit?« fragte ihn Boissaux in ungetrübter Laune. »Ich meine, daß Sie sich jede Möglichkeit nehmen, weiterzukommen! Ein Mann wie Sie, Besitzer eines solchen Vermögens, könnte einen Weltruf erlangen – aber Sie wollen es ja nicht! Sie selbst ziehen unter sich die Leiter weg, auf der Sie zu den höchsten Würden gesellschaftlichen Ansehens gelangen können! Gott, wie einfältig Sie sind!« »Ich glaube nicht, daß ich gar so einfältig bin«, erwiderte ihm Boissaux in verhaltenem Zorn. Dabei steckte er die rechte Hand in den Hosensack, wie er es zu tun pflegte, wenn er in unvorhergesehener Betroffenheit seine Selbstbeherrschung zurückgewinnen wollte, nahm eine Handvoll Napoleons, klimperte kräftig mit ihnen und ließ sie dann wieder los. Dieses Spiel wiederholte er mehrmals, um sich am vertrauten Klang des Goldes zu beruhigen. »Sie kaufen vor allem Bücher! Aber wissen Sie, daß ein Buch recht verhängnisvoll wirken kann? Daß es ein zweischneidiges Schwert ist, dem man mißtrauen muß?« »Wer weiß denn nicht, daß es nicht auch schlechte Bücher gibt?« rief Boissaux im Tone äußerster Geringschätzung aus. Er suchte auf diese Weise das Unbehagen zu verbergen, das ihn bei Feders Frage überkommen hatte. »Nein! Sie wissen nicht alles, was in diesen verfluchten Büchern steht,« antwortete ihm Feder, der immer gröberes Geschütz aufführte. »Reden Sie mir das nicht ein. Niemand weiß es, der nicht seit seinem zehnten Lebensjahr liest. Das geringste Versehen über den Inhalt bringt Ihnen bitteren Spott ein und bedeckt sie mit unauslöschlicher Schande. Sie brauchen nichts weiter als eine einzige Jahreszahl zu vergessen, um dem Hohngelächter einer ganzen Tafelrunde ausgesetzt zu sein.« Boissaux hörte ihm voll Aufmerksamkeit zu und vergaß darüber die Handvoll Napoleons, die er aus seiner Westentasche gezogen hatte, wieder einzustecken. Wenn das geschah, so konnte man sicher sein, daß er andächtig, ja nicht ohne Unruhe zuhörte. »Ich weiß, daß Sie eine starke Einbildungskraft besitzen und wunderbare Geschehnisse lieben. Also gut. Ich werde mich des Wunderbaren bedienen, um Ihnen die Gefahr, in der Sie sich befinden, auszumalen. Denken Sie sich, daß Sie einem Zauberkünstler zwei Banknoten von je tausend Franken geben, damit er Sie als Entgelt lehrt, was in all den Büchern steht, die Sie da in der Verschwendungssucht, die Sie auszeichnet, zusammengekauft haben. Ich sage Ihnen, selbst wenn Sie sich das alles eintrichtern ließen, so wären Sie bei diesem Handel trotzdem der Genarrte. Denn wo müssen Sie gut angeschrieben sein, wenn Sie in Paris emporkommen und gute Geschäfte machen wollen? Bei den Leuten, die Geld haben, in den Kreisen der Hochfinanz, bei den Generaleinnehmern. Wenn Sie noch höher hinauf wollen, etwa in das Herrenhaus, müssen Sie die Regierung für sich gewinnen.« Boissaux verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Er legte die Stirne in Falten und zog die Mundwinkel herab, wie ein Kaufmann, der einen Verlust erlitten hat. Als Feder von der »Regierung« sprach, befürchtete er, daß der Künstler hinter seine ehrgeizigen Wünsche gekommen war. »Gut. Der Finanzmann, der Sie in Viroflay besuchen wird, um an Ihren prächtigen Diners teilzunehmen, er wird diese verteufelten Bücher, mit denen sie prunken, sehen und mißtrauisch werden, weil er fürchtet, daß Sie mehr als er davon verstehen. Und was die Politik betrifft, – ist es nicht offensichtlich, daß jeder klügere Kopf oder jeder Mensch, der wenigstens so tut, als ob er ziemlich bewandert wäre, von irgendeinem frechen Schwätzer, der ihn anspricht, zu einer Ansicht überredet werden kann? Denn kein Mensch mit etwas Grütze kümmert sich um die Politik. Sie sind es Ihrer eigenen Würde schuldig, diese Bücher dem Händler wieder zurückzuschicken. Nicht ein einziger Band darf bei Ihnen zu sehen sein. Sonst setzen Sie sich dem Gespötte aus. Wenn Sie die Werke aufstellen, so zeigen Sie damit, daß Sie die Leute schätzen, die solche Werke lesen, und zwingen Sie dadurch, selbst so zu tun, als ob sie sie gelesen hätten. Gibt es für Sie etwas Gefährlicheres? Halten Sie mit Ihrer Mißachtung aller Bücher nicht hinter den Berg und Sie werden unangreifbar sein. Sollte irgend jemand der Star stechen, daß er mit Ihnen über die Werke Rousseaus oder Voltaires sich unterhalten will, so antworten Sie ihm nur ruhig mit dem Stolz, der Ihrer Stellung zukommt: »Des Morgens verdiene ich Geld und Abends widme ich mich den Vergnügungen, die mir Freude machen.« Die Vergnügungen haben einen reellen Wert hier in Paris. Nur reiche Leute können sich sie leisten. Ganz anders als in Bordeaux. Alle Leute, die in Paris irgendwie tätig sind, oder hervortreten, treffen sich auf dem Boulevard. Es ist klar, daß von ihnen der Mann geachtet wird, den sie jeden Abend um sechs Uhr in einer prächtigen Kalesche bei dem Café de Paris vorfahren sehen und der sich später ihren Blicken zeigt, wie er an einem Fenstertisch speist und rings um ihn die Eiskübel mit Champagnerflaschen paradieren! Ich spreche Ihnen da nur von den herkömmlichen Mitteln, um die öffentliche Meinung für Sie zu gewinnen und Ihren Namen auf die Liste zu bringen, die die Regierung einer Durchsicht unterzieht, wenn sie zwei oder drei Kaufleute bei einem neuen Pairsschub berücksichtigen will. Ich zweifle nicht, daß ein Mann wie Sie sich jedes Jahr von einer anderen Equipage in das Boulogner Wäldchen führen lassen wird. Zu den Rennen in Chantilly werden Sie auf einem Pferde reiten, dessen Namen weltbekannt ist. Und sie werden hundert Louisdor auf ein Roß setzen, das von den unverständigen Zuschauern kaum beachtet worden ist. Suchen Sie doch unter den belesensten Köpfen von Paris, ob Ihnen das einer nachmachen kann! Nicht einer wird es können. Oder nehmen wir an, es sei Februar; Sie wollen eine Einladung geben und Ihren Gästen die ersten Frühjahrsköstlichkeiten vorsetzen; Sie würden sich in den Kopf setzen, die ersten grünen Erbsen aufzutischen und Ihrem Händler fünfhundert Franken senden, damit er sie Ihnen verschaffe. Alle Ihre Gäste werden dann diese grünen Erbsen auf der Tafel sehen und ihren Neid einem Manne wie Sie gegenüber, obendrein in diesen jakobinischen Zeiten, nicht verhehlen können. Während jeder über einen gelehrten Herrn, selbst wenn er Mitglied der Akademie ist, sagen kann: »Ich habe wohl seine Arbeiten gelesen, aber sie langweilen mich.« Übersehen Sie nicht, daß die Pariser Zeitungen, seit es ihrer so viele gibt, Stoff von überallher herbeischleppen müssen und von tausenderlei erzählen. Glauben Sie mir, auch wenn ich Ihnen unverschämt vorkomme, Ihr größter Fehler ist, daß Sie Ihre grünen Erbsen um hundert Dukaten schamhaft verschweigen wollen. Denn Sie besitzen den seltenen Vorzug, in ganz Paris nicht einmal fünfhundert Nebenbuhler zu besitzen, die mit Ihnen da wetteifern können. Jedes Ihrer Diners können Sie mit Köstlichkeiten, um fünfhundert, tausend, ja fünfzehnhundert Franken bereichern. Und dabei kaufen Sie Bücher in teuren Einbänden, nur um zu zeigen, daß Sie ein Bücherfreund sind. Nicht nur, daß Sie sie nicht lesen können, jeder kleinste Advokat kann Sie in dieser Hinsicht um den Finger wickeln, indem er Sie in ein Gespräch zieht und Sie als dummen Jungen hinstellt. Während, wenn Sie sich ausschließlich dem Kultus physischer Freuden widmen, kaum fünfhundert Leute Ihnen die Palme streitig machen können und alle Welt Sie um Vergnügungen beneiden wird, die jeder ersehnt und nicht leugnen kann. Geben Sie ein Festessen für zwölf Personen und möge es Ihnen zweitausend Franken kosten. Dann werden wohl mißgünstige und böswillige Leute sagen können: »Dieser ehrenwerte Boissaux, der erste Kaufmann von Bordeaux, lebt auf einem Fuße, den er nicht lange wird durchhalten können. Er wird sich ruinieren.« Man wird dies sagen, aber niemand wird die Tatsache aus der Welt schaffen können, daß Sie eine Einladung gegeben haben, die Ihnen zweitausend Franken gekostet hat. Sie haben nicht nur die Werke Rousseaus und Voltaires gekauft, sondern in unglaublicher Wagehalsigkeit einen Band offen in Ihrem Kontor aufgeschlagen. Der erste, der Sie dort besucht, wird Ihnen sagen: »Diese Stelle, die Sie eben lesen, ist sinnlos,« oder wenn Sie sie schlecht finden, wird er diese in den Himmel hinein loben. Lassen Sie sich nicht in eine Unterhaltung darüber ein, so wird sie jeder für einen Dummkopf halten, der nicht versteht, was er liest, oder der auf seinem Schreibtisch ein Buch offen liegen hat, obwohl er es nicht liest. Nehmen wir doch an, daß zwei oder drei Leute Sie besuchen kommen. Ich weiß, daß Sie tollkühn und mutig sind. Da werden Sie um keinen Preis irgendeinem kleinen Philister weichen wollen, der vielleicht nicht einmal ein Einkommen von tausend Talern hat. Sie sind zweifellos viel schlagfertiger und beweglicher als er. Aber er hat vielleicht zwanzigmal diese Stelle von Rousseau, die sie auf Ihrem Schreibtisch aufgeschlagen haben, gelesen und hat als Ersatz für eine geringere geistige Beweglichkeit ein gutes Gedächtnis. Er mag außerdem zehn Zeitungsartikel über diese Arbeit Rousseaus gelesen haben. Dann kann es Ihnen geschehen, daß Sie in dem Kreuzverhör von Fragen, die er Ihnen stellen wird, eine Bemerkung entschlüpfen lassen, zum Beispiel etwa eine, aus der zu entnehmen ist, daß Sie ein antireligiöses Pamphlet Voltaires Rousseau zuschreiben. Sofort wird Ihr Mann irgendeinen Witz darüber machen, ihn überall verbreiten und jeder wird, wenn er Ihren Namen nennen hört, sich sofort lachend daran erinnern. Nichts auf der ganzen Welt wird Sie von dieser Schmach mehr retten können. Sie werden daran Ihr Leben lang zu tragen haben, wie ein Baum, den man eines Teiles seiner Krone beraubt hat. Es wird nur nötig sein, in einer Gesellschaft Ihren Namen zu nennen und unverweilt wird sofort irgendein Dummkopf aus einem Winkel her rufen: »Ach ja! Das ist ja der gute Kaufmann, der Rousseau mit Voltaire verwechselt und der glaubt, daß der ›Mann mit den vierzig Talern‹ von dem Dichter der ›Neuen Heloise‹ stammt.« Dieses beredte Bild Feders ließ Boissaux derartig erzittern, daß er, ohne weiter zu überlegen, zu dem Bande Voltaire, den er auf seinem Schreibtisch offen aufgeschlagen hatte, hinstürzte und ihn in einen Winkel feuerte. »Was könnte aber ein solcher Schwätzer über jene Einladung sagen, die Ihnen für zwölf Personen zweitausend Franken gekostet hat? Was er auch daran mäkeln sollte, stets würde einer von Ihren Freunden einwerfen können: »Er spricht aus Neid. Der arme Teufel hat wohl noch nie ein derartiges Diner gesehen, außer durch ein Schlüsselloch.« Die Regierung wird stets von einem Schwarm von Anwälten angegriffen. Wenn Sie Rousseau und Voltaire kaufen, so deuten Sie damit an, daß Sie mit jener Partei von Schwätzern und Unzufriedenen unter einer Decke stecken. Wenn Sie physischen Vergnügungen huldigen, so wird Sie jeder zu den reichen Leuten zählen und in Ihnen einen Vertreter ihrer Interessen sehen. Die Regierung wird sich dann auf Sie verlassen. Denn ein Mann, der für Einladungen zweitausend Franken ausgibt, scheut sich vor der Hefe des Volkes.« Feder hatte diese Worte kaum gesprochen, als er auf seine Uhr sah und eiligst davonstürmte. Er gab vor, eine wichtige Verabredung vergessen zu haben und ließ Boissaux, in seiner Eitelkeit dadurch erleichtert, zurück. Er gab sich nicht lange damit ab, die vorgebrachten Fakten Feders auf ihre Veranlassung hin zu prüfen, sondern überlegte mit größtem Eifer und vollster Hingebung, was an den Eröffnungen des jungen Malers Wahres sein könnte. Feder hinterbrachte Valentine getreulich, daß er gegen die Bücherliebhaberei ihres Mannes und für den Kultus physischer Freuden gesprochen habe. »Wenn Herr Boisseaux«, so schloß er seine Mitteilungen, »seine Feste gemäß den Anweisungen, die ich ihm geben werde, abhalten wird, so kann ihn das fünfzigtausend Franken kosten. Aber er wird auch in weniger als sechs Monaten in der Oper und auf dem Boulevard eine bekannte Erscheinung sein und seine Vergnügungen werden ihn in seiner Eitelkeit so in Anspruch nehmen, daß er Delangle glatt ins Gesicht lachen wird, wenn der ihm sagen sollte: ›Ja, siehst du denn nicht, daß Feder in Valentine verliebt ist?‹ « In solchem Tone sprachen die beiden Liebenden miteinander, denn es war dem Künstler gelungen, Frau Boissaux an diese Sprache zu gewöhnen. Freilich sagte er niemals: »Ja, ich liebe Sie leidenschaftlich. Ich bin ein anderer geworden, seit ich Sie liebe. Werden Sie denn niemals Erbarmen haben?« Niemals war ein Wort ähnlichen Sinnes über seine Lippen gekommen, aber sein Benehmen, jede seiner Bewegungen, ließ die Liebe ahnen, die ihn beseelte. Valentine scheute sich nicht, sich mit ihm öfters zu verabreden. Sie teilte ihm stets mit peinlicher Genauigkeit mit, wann sie von Viroflay im Boulogner Wäldchen eintreffen würde. Dort trafen sich nämlich die jungen Leute regelmäßig an den Tagen, da Feder nicht nach Viroflay kam. Er hatte Boissaux den Kutscher und die Lakaien verschafft, die Valentine auf ihrer Fahrt begleiteten. Sobald er sich überzeugt hatte, daß diese beiden Domestiken verschwiegen waren, wagte er es allmählich unter dem Vorwand, seinem Pferde Bewegung zu verschaffen, den Wagen der Frau Boissaux bis zur Brücke von Neuilly zu begleiten. Niemals zeigte er sich im Boulogner Wäldchen neben ihr. Er verschwieg ihr kaum etwas, wahrte jedoch eine gewisse Vorsicht, um ihre naive Seele nicht zu beunruhigen. Boissaux sprach mehrere Tage nicht weiter über seine Bücherliebhaberei, Dann kam er unversehens, wie wenn er die Ratschläge Feders nicht begriffen hätte, auf den Gegenstand zurück und tat so, als ob er, Boissaux, es sei, der Feder zu überzeugen versuche, daß man im Hause eines Mitgliedes der guten Gesellschaft keine Bücher sehen dürfe, Feder frohlockte, als er die eingetretene Wendung sah und suchte mit größter Geschicklichkeit während der langatmigen Unterredungen jedes Wort zu vermeiden, das den reichen Kaufmann hätte erinnern können, daß nicht er selbst auf die geniale Idee gekommen sei, die Bücher mit Goldschnitt durch junge grüne Erbsen und ähnliche Köstlichkeiten zu ersetzen. Boissaux gab auch seiner Frau gegenüber vor, daß er selbst der Vater dieses Gedankens sei. »Niemals mehr werden die Leute, die bei uns zu Abend speisen, nach ihrer Rückkehr nach Paris sagen: ›Dieser Boissaux hat eine Ausgabe von Voltaire, deren Einband der Bibliothek des reichsten englischen Bücherfreundes Ehre machen könnte;‹ sie werden dafür im ersten Frühjahr sagen: ›Die grünen Erbsen, die wir heute bei Boissaux aßen, hatten wirklich einen köstlichen Geschmack.« Feder war ihm in jeder Weise behilflich. Noch vor einigen Monaten, da ihm der dröhnende Baß Boissaux' auf die Nerven gegangen war, hätte er jeden für einen Narren gehalten, der ihm dies prophezeit hätte. Um elf Uhr vormittags suchte er den Herrn von Cussi auf, um eine Viertelstunde lang mit diesem ersten Meister seines Faches die Speisenfolge eines Essens durchzusprechen, das Boissaux drei Tage später geben sollte. Ja, er stand sogar mehrere Male um sechs Uhr früh auf und fuhr mit einem alten Koch zur Markthalle, um für die Diners zu Viroflay all die Ingredienzien einzukaufen, die zu den einzigartigen Platten notwendig waren. Während mehrerer Monate tat Feder Wunder dieser Art. Boissaux klagte niemals über die lächerlichen Ausgaben, die ihm seine Diners verursachten, obwohl sein Ansehen nur im Schneckentempo wuchs. Er war stets rot wie ein Hahn, wenn er eine neue kostspielige Platte aufmarschieren ließ. Er plusterte sich vor Eitelkeit und Vergnügen derartig auf und wirkte in dieser Überhebung so abstoßend, daß alle Gäste wie auf Verabredung kein Wort über die herrliche Platte fallen ließen. Zu all den geistigen Vorzügen, die wir an Boissaux schon kennengelernt haben, gesellten sich Manieren, die den Mangel jeglicher Erziehung verrieten und physisches Unbehagen verursachten. Er kanzelte die Dienerschaft während des Essens herunter. Er nannte mitten im Schimpfen den Betrag, den ihm die seltenen Speisen, die er seinen Gästen vorsetzte, gekostet hatten. Er ward fast grob, wenn man von jeder Speise nicht zweimal nahm. Und schließlich – ich weiß kaum, wie ich das ausdrücken soll – zermalmte er jeden Bissen so bedächtig und mit einem derartigen Lärm, daß man es bis an das andere Ende der Tafel vernahm. Diese kleinen Unzukömmlichkeiten, die sich aus dem allzu frisch erworbenen Reichtum herleiten, erhöhten noch das selbstgefällige Wohlbehagen der Kapitalisten, die hinunterschlangen, was ihnen vorgesetzt wurde, ohne viel zu bewundern oder darauf aufmerksam zu werden, daß manche Platte ein wahres Kleinod genialer Künstlerschaft darstellte. Anstatt über die wunderbaren Speisen, die erfinderische und appetitanregende Art, wie sie den Gästen dargeboten wurde, zu reden, unterhielten sich die ungehobelten Gäste des Millionärs von Viroflay über die ländlichen Albernheiten, die dem Munde ihres Gastgebers entschlüpften. Feder war verzweifelt, daß Boissaux trotz seiner wahnsinnigen Ausgaben so wenig rühmlich abschnitt. Er versuchte einen letzten, nicht ungefährlichen Schritt. Unversehens erschienen eines Tages zuerst in der Loge der Oper, hernach als Gäste bei den Mahlzeiten in Viroflay, einige jener vornehmen Feinschmecker, die es als ihren Beruf ansahen, stets bei Fremden zu speisen. Diese Herren verstehen sich ausgezeichnet und mit seltener Feinfühligkeit auf gastronomische Fragen, doch in moralischen Fragen versagt ihr Unterscheidungsvermögen manchmal. Sie waren erst zweimal in Viroflay zu Gast gewesen und schon sprach ganz Paris von nichts anderem als von den Diners der Boissaux'. Dieser Erfolg gemahnte in der Schnelligkeit, mit der er sich eingestellt hatte, an manchen Effekt, den man auf der Bühne mit Dekorationen erzielen kann. Er überraschte Boissaux wohl, aber er überwältigte ihn nicht. Froh über die glückliche Wendung, zog er Feder in ein Gespräch und sprach mit ihm in fast freundschaftlichem Ton. Der junge Künstler frohlockte, schienen sich doch endlich all die Anstrengungen bezahlt zu machen! Und durfte er doch hoffen, wenigstens für die nächste Zeit, vor einem unheilvollen Anschlag Delangles sicher zu sein! Delangle war übrigens gerade derart in Zuckerspekulationen verstrickt, daß seine Zeit voll in Anspruch genommen war. Da Feder sich geweigert hatte, für die Porträts des Ehepaares und Delangles ein Honorar anzunehmen, war Delangle mit dem Vorschlag an ihn herangetreten, an den verheißungsvollen Zuckerspekulationen teilzunehmen. In gleichen Teilen sollten er und Boissaux an dem Geschäfte partizipieren. Feder hatte bereitwilligst zugestimmt. Denn er legte Wert darauf, vor den Gästen aus den Finanzkreisen, die hinfort fast ausschließlich die Salons der Frau Boissaux besuchten, nicht bloß als simpler Maler, sondern auch ein wenig als Kapitalist aufzutreten. Wir haben uns jedoch in der gastronomischen Entwicklung unserer Geschichte zu weit fortreißen lassen und zu erzählen vergessen, wie Boissaux von seinen Büchern Abschied nahm. Er hatte durch ihren Kauf eine große Unvorsichtigkeit begangen und wäre ohne den weisen Rat unseres Helden auf finstere Abwege geraten. Er ließ es ihnen entgelten, indem er die Trennung recht geräuschvoll gestaltete. An einem seiner glanzvollen Diners geschah es. Noch immer fehlte ihrem Ruhm die strahlende Helle, die ihrer würdig gewesen wäre. Noch immer brachte sie der Gastgeber selbst durch seine Unarten und allzu deutlich zur Schau getragenen Eitelkeit um jede tiefere Wirkung. Da erhob er eines Tages, beim Nachtisch, seine Stimme und rief weithin vernehmbar: »Ich habe die Bücher satt. Lästig sind sie mir. Deshalb habe ich befohlen, daß man im Vorzimmer einige Hunderte von Bänden aufstapelt. Taugen tun sie nichts, außer ihren Einbänden. Wer will sie haben? Jeder von Ihnen, meine Herren, mag seinen Wagen damit anfüllen. Drei Monate stehen sie mir da herum und der Teufel soll mich holen, wenn ich mehr als drei Seiten gelesen habe. Was ich da lese, erinnert mich allzusehr an das Gewäsch, das unsere Abgeordneten in der Kammer daherreden, um ganz sachte die seligen Zustände von 1793 wieder auferstehen zu lassen. Gott soll mich davor bewahren, daß ich diesen Habenichtsen und Jakobinern auf den Leim gehe! Doch gestern, zur Börsenstunde, das heißt gerade in dem Augenblick, da ich mich von hier auf den Weg mache, um ein Uhr ungefähr – denn ich bin kein Pferdeschinder –, da hat mir ein Kerl von einem Buchbinder die Ohren vollgeschwätzt und mir die Werke des Herrn von Florian, Kammerherrn des Herzogs von Penthièvre, angehängt. Er soll kein Jakobiner sein, obwohl er ein Zeitgenosse Voltaires war. Aber ich gebe es zu, daß ich nicht eine einzige Zeile von ihm gelesen habe. Wenn ich Ihnen diesen Mann empfehle, so tue ich es nur, weil mir der Einband eines jeden Bandes sechzehn Franken gekostet hat. Und was habe ich schließlich von diesem verteufelten Werk gehabt? Nichts. Nur, daß ich um Dreiviertelstunden zu spät zur Börse gekommen bin und alle Leute, die ich sprechen wollte, schon weg waren. Ich brauche keine Bücher, denn ich hasse die Jakobiner und lese überhaupt nicht. Nicht ein einziger Band soll in meinem Hause sein. Was Sie nicht mitnehmen, das werde ich noch heute abend unserem ehrwürdigen Pfarrer schicken, damit er alles verkauft und den Erlös den Armen gibt.« Kaum hatte er geendet, als sich die Gäste wie Aasgeier auf die Bücher stürzten. Nicht ein einziger Band blieb übrig. Aber Feder hörte am nächsten Morgen, daß jeder Gast einen Wust von nicht zusammengehörigen Bänden heimgebracht hatte. Was ihnen in der Hitze des Gefechtes gerade unter die Hände gekommen war, das hatten sie sofort zu ihren Wagen geschleppt. Dieses Geschehnis, das einzig und allein dem Geiste Boissaux' entsprungen war, erschien dem jungen Künstler nicht ohne Bedeutung. »Tatsächlich!« sagte er sich. »Seine maßlose Sehnsucht, Pair von Frankreich zu werden, macht ihn erfinderisch, ja sogar geistreich! Möglich wäre es, daß er sich endlich auch etwas erträglichere Manieren angewöhnt!« Der Zufall half dem jungen Künstler. Ein Beweis, daß man in schwierigen. Verhältnissen nicht untätig verharren soll. Delangle hatte seinen Schwager nach Paris gerufen. Er hatte ihn bei seinen Freunden eingeführt, war ihm behilflich gewesen, in einigen Unternehmungen Fuß zu fassen. Aber dabei hatte er stets stillschweigend vorausgesetzt, daß Boissaux sich ihm unterordnen würde. Da änderte das Aufsehen, das die Feste in Viroflay erregten, plötzlich die Beziehungen zwischen den beiden Verwandten von Grund auf. Delangle hatte früher mit seiner Bewunderung für das Spekulationstalent seines Schwagers nicht hinter dem Berg gehalten. Willig hatte er ihm zugebilligt, daß er es verstand, Gewinne aus Unternehmungen herauszuholen, die keinerlei Erfolg zu versprechen schienen. Aber Delangle war immer der Meinung gewesen, daß er, was gesellschaftliche Umgangsformen anbetrifft, turmhoch über seinem Schwager stünde, über diesem Menschen, der als Prototyp körperlicher Plumpheit gelten konnte. Er hatte es Boissaux nicht übel genommen, wenn er sich in schlecht verhehlter Schadenfreude bei dem geringsten Erfolg, den er davontrug, spreizte und aufblähte. Denn er hatte sich auf die Schwächen seines besten Freundes, der nun sein Nebenbuhler wurde, verlassen, über den roten Kopf und die vor Wonne stotternde Stimme des Gastgebers, über dessen Art, eine köstliche Platte, die ihm recht teuer zu stehen gekommen war, anzupreisen, hatte er dem Glanz der Diners von Viroflay keine Beachtung geschenkt. Als aber Feder rasch entschlossen einige Schmarotzer aus den ersten Kreisen einführte und der Ruf der leckeren Mahlzeiten sich weithin verbreitete, fühlte sich Delangle in das Herz getroffen. Er spöttelte mehrmals mit seinen Tischnachbarn über die sonderbare Art, mit der der Gastgeber seine Gäste unterhielt. Doch Feder hatte, als er es bemerkte, nichts Eiligeres zu tun, als Boissaux auf das schändliche Benehmen seines lieben Schwagers aufmerksam zu machen. Eines Tages fuhren sich die beiden leicht erregbaren Schwager während des Essens fast in die Haare. Delangle behauptete plötzlich, daß einer der Hauptgänge nichts tauge. Boissaux geriet sofort in Hitze. Immer heftiger ward das Wortgeplänkel, immer gröber die Beschuldigungen, die die beiden Freunde einander zuschleuderten. Da schrie einer der Gäste, der erst vor wenigen Tagen aus Bordeaux eingetroffen war, in köstlicher Unbefangenheit und mit einer Stimme, die laut durch den Saal hallte: »Freund Delangle ist seinem lieben Schwager neidig, weil er solche Feste gibt.« Diese naive Bemerkung fiel auf so günstigen Boden, daß alle Gäste auflachten. »Nun ja! Zum Teufel! Ich gebe es zu! Ich bin ihm neidig!« schrie Delangle, der vor Wut zitterte und sich kaum mehr beherrschen konnte. »Ich habe zwar kein solches Heim wie Boissaux, auch keinen guten Freund, um mir Rat zu holen. Aber wenn euch der Tag paßt, so kommt am nächsten Mittwoch ins ›Rocher de Cancale ‹. Da werde ich euch ein Essen vorsetzen, das sich ganz anders gewaschen hat als das da!« Das Gastmahl fand statt. Doch brachte es nicht den beabsichtigten Erfolg, denn die Gäste waren sich einig, daß die Mahlzeiten in Viroflay entschieden vorzuziehen seien. Der Entschluß, keine Kosten zu scheuen, führt nämlich in einem solchen Fall noch nicht zum Ziele. Auch nicht in Paris. Selbst in einem allerersten Speisehaus kann das Essen unbefriedigend sein. Zudem verbreitete sich bei dem Mahle, das Delangle veranstaltete, ein so widerlicher Geruch von Fett, als man den Braten auftrug, daß Frau Boissaux gegen ihren Willen den Saal verlassen und frische Luft schöpfen mußte. Die Geruchnerven der Gäste waren zwar durchaus nicht verwöhnt. Doch als sie die junge Frau eilig forthasten sahen, fanden sie den Geruch plötzlich unerträglich und folgten ihr einer nach dem andern fluchtartig nach. Delangle war über die vernichtende Niederlage, die er erlitten hatte, außer sich. Boissaux aber spielte ganz aus eigenem Antriebe die Rolle eines mitleidigen Freundes, der das Leid des Gefährten bedauert. Als die Tafel aufgehoben wurde, wandte sich Boissaux an die Anwesenden und benachrichtigte sie, daß er die Einladung nach Viroflay für kommenden Donnerstag absagen müsse. Die Bude, die er dort gemietet hätte, sei so altersschwach, daß sie eines Tages über den Köpfen seiner Gäste zusammenbrechen könnte. Er sei es seinem Rufe schuldig, da Abhilfe zu schaffen. Am kommenden Donnerstag aber, über acht Tage, erwarte er sie pünktlich um sechs Uhr. Dann berief er Maurer und Zimmerleute nach Viroflay und ließ in aller Hast einen zweiten Speisesaal bauen. Da keiner von den Gästen davon wußte, war die Überraschung ungeheuer, als er am Tage der Einladung bevor der Nachtisch aufgetragen wurde, ihnen zurief: »Meine Herren! Lassen Sie sich in meinen zweiten Speisesaal führen. Da er diesem wie ein Ei dem andern gleicht, kann jeder von Ihnen seinen gewohnten Platz wieder einnehmen. Ich habe diesen Saal errichten lassen, damit Sie der Bratengeruch nicht stört.« Delangle war wie vom Schlage gerührt. Der Bau dieses zweiten Speisesaals entfremdete die beiden Schwager derart, daß sich Boissaux nach der Meinung Feders kaum aus seiner Ruhe hätte bringen lassen, wenn Freund Delangle an ihn herangetreten wäre: »Siehst du denn nicht, warum dieser Feder einen solchen Eifer an den Tag legt? Er macht deiner Frau den Hof!« Boissaux hätte sich höchstens gedacht, daß sein Schwager den Plan verfolge, ihn mit dem Künstler zu entzweien, dem er seinen Erfolg in Paris verdankte. VII Eines Tages unterhielten sich die Gäste gegen Ende des Mahles über die jüngsten Pariser Neuigkeiten. Ein Gast, der erst seit kurzem im Hause Boissaux verkehrte, erwähnte dabei: »Heute vormittag ist in einem Duell ein junger Mann getötet worden. Sie werden ihn gewiß kennen, denn er besuchte jeden Tag die Oper. Er war wirklich ein prächtiger Bursche, ließ aber immer den Kopf hängen, als ob er sein Ende vorausgeahnt hätte. Er hieß Feder.« Ein Nachbar suchte ihn zum Schweigen zu bringen, zupfte ihn heftig am Ärmel und flüsterte ihm einige Worte zu. Weder Boissaux noch Delangle hatten die Mitteilung vernommen. Frau Boissaux aber war keine einzige Silbe entgangen. Sie fühlte sich dem Tode nahe und hielt sich krampfhaft am Tischrande fest, um nicht umzusinken. Dann spähte sie forschend, ob niemand von den Gästen ihre Bestürzung bemerkt hatte. »Zwischen fünfundzwanzig und dreißig Personen sitzen hier!« sagte sie sich. »Das gäbe einen schrecklichen Skandal! Was würde man nicht alles vermuten!« Ihre Furcht, Aufsehen zu erregen, war so groß, daß sie gefaßt und mutig ihr Taschentuch hervorholte, es an ihr Antlitz drückte und ihrem Gatten durch Zeichen zu verstehen gab, daß sie Nasenbluten hätte. Boissaux fiel dies nicht weiter auf, da sie häufig unter diesem Übel litt. Einige Worte genügten, um die Hausfrau zu entschuldigen. Kaum war Valentine in ihrem Zimmer, als sie in Tränen ausbrach. »Wenn ich mich niederlegen würde,« sagte sie sich, »so könnte ich niemals mehr aufstehen! Und die Zimmer sind so eng nebeneinander, die Leute alle solche Grobiane, daß sie imstande sind, nach dem Essen zu mir hereinzustürzen ... Ach! Ich muß noch heute abend nach Paris fahren und morgen nach Bordeaux. Das ist die einzige Möglichkeit, meine Ehre zu retten!« Die arme Frau war in Tränen aufgelöst. Sie vermochte sich kaum aufrechtzuerhalten und brauchte eine halbe Stunde, um sich von ihrem Schlafzimmer bis in den anstoßenden Wintergarten zu schleppen. Sie stützte sich auf die Kübel einiger Orangenbäumchen, die im Frost des verflossenen Winters verdorrt noch der lichtenden Hand des Gärtners harrten, und gelangte endlich mit vieler Mühe zu einer amerikanischen Tanne, die ganz im Hintergrunde des Wintergartens mit ihren hunderten Ästen fast bis an die Decke langte. Da verbarg sie sich und wagte zum ersten Male sich zu sagen: »Er ist tot! Niemals mehr werde ich ihn sehen!« Sie wollte sich auf den Tannenkübel stützen. Aber ihre zitternde Hand entglitt. Sie fiel der Länge nach zu Boden. Gerade in diesem Augenblick hatte sich ihr Gatte erhoben, um sie, über ihre lange Abwesenheit beunruhigt, zu suchen. Als Valentine wieder zur Besinnung kam, vermochte sie sich im ersten Augenblick nicht zurecht zu finden und fühlte mit Erstaunen, daß sie auf staubigem Lehmboden lag. Doch es währte nicht lange, und sie ward sich alles Erlebten wieder mit erschreckender Klarheit bewußt. In jähem Emporschrecken meinte sie schon ihren Gatten eilig herannahen zu sehen. Mit ihm fünf oder sechs Gäste, die zu seinem engsten Freundeskreis gehörten. »Was soll ich tun? Was wird mit mir geschehen?« stöhnte die unglückliche Frau verzweifelt auf. »Alle werden es erfahren. Womit soll ich denn meinen Zustand und meine Lage glaubhaft machen? Es werden kaum zehn Minuten vergehen und ich bin entehrt, ich Unselige! Niemand auf der Welt wird mir glauben, daß wir bloß als Freunde miteinander verkehrt haben. Meinte ich selbst noch vor acht Tagen, daß Feder nur mein Freund sei.« Als sie den teuren Namen aussprach, schluchzte sie noch heftiger. Ihre Tränen flossen in Strömen und sie erzitterte dermaßen, daß ihr der Atem zu vergehen drohte. »Doch was geht das mich an, was sie über mich reden wollen? Unglücklicher kann ich ja nicht mehr werden. Aber mein armer Mann tut mir leid. Ist es seine Schuld, daß ich bei ihm nicht jenes himmlische Glück empfand, jene köstliche Erregung, wie sie mich von Kopf bis zu den Füßen durchzitterte, wenn Feder bloß in das Zimmer trat?« Mühselig richtete sich Valentine im Staube halb auf, lehnte ihren Kopf an einen großen Blumentopf und verharrte mit geschlossenen Augen hindämmernd mehr als eine halbe Stunde in dieser Stellung. Von Zeit zu Zeit rann eine Träne langsam über ihre Wange herab. Und unaufhörlich flüsterte sie: »Ich werde ihn nie mehr sehen.« Schließlich aber sagte sie sich: »Ich bin vor allem verpflichtet, die Ehre meines Mannes rein zu erhalten. Darum muß ich anspannen lassen und nach Paris zurückfahren, ohne daß mich jemand sieht ... Wenn mich nur einer von den Gästen in dem Zustande sieht, in dem ich mich befinde, ist mein armer Mann auf immer entehrt.« Valentine suchte zu verhindern, daß dieser furchtbare Gedanke wirklich werde. Aber sie war zu kraftlos, um den Kutscher herbeizuholen. Und doch sollte niemand als nur er sie sehen. Er war hochbetagt und stand bei dem Fuhrwerksbesitzer, von dem Boissaux seinen Wagen gemietet hatte, im Dienst. »Wenn ich ihm Geld gebe oder mit seinem Herrn spreche, werde ich vielleicht erreichen, daß er nicht mehr hierherkommt«, sagte sie sich. »Oder wenn er doch morgen wiederkommt, so hat er gewiß vergessen, in welchem Zustand ich zu ihm gekommen bin. Aber ich bin verloren, wenn mich ein einziger von meinen Leuten sieht.« Valentine raffte sich zu einem letzten, verzweifelten Versuch auf. Sie stützte sich auf den Kübel eines Orangenbäumchens und zog sich allmählich in die Höhe. Dann schleppte sie sich mit unbeschreiblicher Mühe in ihr Schlafzimmer, kramte ein Umschlagtuch hervor und hüllte ihren Kopf damit ein, als wenn sie frieren würde. »Ich werde dem Kutscher sagen, daß mich ein fiebriger Schüttelfrost gepackt hätte und ich, um meinen Mann nicht zu beunruhigen, sofort nach Paris zurückfahren müsse.« Valentine wollte auf dem Wege zum Schuppen nicht mehr durch das Haus. So trat sie wieder in den Wintergarten und öffnete die Glastüre, die in den Park hinausführte. Das Zurückschieben der Riegel hatte jedoch ihre letzten Kräfte fast völlig aufgebraucht; vollständig erschöpft blieb sie regungslos auf der Schwelle stehen. Da hörte sie ganz in ihrer Nähe jemand leise und wie mit Vorsicht gehen. Tief erschreckt, barg sie ihren Kopf in den Händen und trat in das Glashaus zurück. Aber der Mann, der da an der Mauer entlang näherkam, hatte sie durch die Tür schon erblickt und trat ohne Zögern ein. Valentine zürnte diesem kecken Eindringling und suchte ihn, zwischen ihren Fingern hindurch, zu erkennen. Es war Feder. »Ach! Einziger Freund!« schrie sie auf, »Sie sind also nicht gestorben!« Und warf sich in seine Arme. Vanina vanini Übertragen von Franz Hessel Es war an einem Frühlingsabend des Jahres 1829. Ganz Rom war in Bewegung: der berühmte Bankier Herzog von B***, gab einen Ball in seinem neuen Palazzo am Venetianischen Platz. Alles, was die Künste Italiens, der Luxus von Paris und London hervorbringen können an Herrlichkeiten, hatte sich vereinigt zur Verschönerung dieses Palastes. Der Zustrom war gewaltig. Die sonst so zurückhaltenden schönen Blondinen des englischen Adels hatten sich eifrig um die Ehre einer Einladung zu diesem Ball beworben; sie kamen in Menge. Die schönsten Frauen Roms stritten mit ihnen um den Schönheitspreis. Ein junges Mädchen – der Glanz ihrer Augen und ebenholzschwarzen Haare verkündeten die Römerin – trat am Arm ihres Vaters ein; alle Blicke folgten ihr. Ein seltsamer Stolz lag in jeder ihrer Bewegungen. Die Fremden waren sichtlich verblüfft von der Pracht dieses Balles. »Kein König in Europa«, sagten sie, »gibt Feste, die diesem nahekommen.« Die Könige haben keinen Palast von römischer Architektur; sie sind gezwungen, die großen Damen ihres Hofes einzuladen; der Herzog von B*** fordert nur hübsche Frauen auf. An diesem Abend war er glücklich gewesen in seinen Einladungen; die Männer schienen geblendet. Man wollte entscheiden, wer unter so vielen bemerkenswerten Frauen die schönste wäre; man schwankte kurze Zeit; aber schließlich wurde die Fürstin Vanina Vanini, das junge Mädchen mit dem schwarzen Haar und den Feueraugen zur Königin des Balles ausgerufen. Alsbald verließen die Fremden und die jungen Römer alle andern Salons und drängten in den, wo sie sich aufhielt. Auf den Wunsch ihres Vaters, des Fürsten Asdrubale Vanini, hatte sie zunächst mit zwei oder drei regierenden Fürsten Deutschlands getanzt. Sie nahm sodann die Aufforderungen einiger sehr schöner und sehr vornehmer Engländer an, deren steifes Wesen sie langweilte. Mehr Gefallen fand sie offenbar daran, den jungen Livio Savelli zu quälen, der sehr verliebt schien. Er war der glänzendste junge Mann von Rom und aus fürstlichem Haus; aber, hätte man ihm einen Roman zu lesen gegeben, er hätte das Buch nach der zwanzigsten Seite weggeworfen und erklärt, es machte ihm Kopfweh. Das war ein Nachteil in Vaninas Augen. Gegen Mitternacht verbreitete sich auf dem Ball eine Neuigkeit, die starken Eindruck machte. Ein junger, in der Engelsburg gefangen gehaltener Carbonaro war am selben Abend in einer Verkleidung entflohen; bei der letzten Gefängniswache angekommen, hatte er in romantisch mutwilliger Kühnheit die Soldaten mit einem Dolch angegriffen, war aber selbst verwundet worden; und nun folgten die Häscher der Spur seines Blutes durch die Straßen; man hoffte, ihn einzufangen. Während diese Begebenheit erzählt wurde, führte Don Livio gerade Vanina vom Tanze auf ihren Platz zurück; geblendet von ihrer Schönheit und ihren Erfolgen und beinah wahnsinnig vor Liebe, sagte er: »Vergeben Sie die Frage – wer könnte Ihnen überhaupt gefallen?« »Der junge Carbonaro, der eben entsprungen ist,« antwortete ihm Vanina, »der hat doch wenigstens mehr getan, als geboren zu werden.« Der Fürst Don Asdrubale näherte sich seiner Tochter. Don Asdrubale ist reich: seit zwanzig Jahren hat er nicht mit seinem Intendanten abgerechnet, so daß der ihm seine eignen Einkünfte zu hohem Zinsfuße leiht. Wenn man ihm auf der Straße begegnet, könnte man ihn für einen alten Schauspieler halten; es würde einem nicht auffallen, daß er fünf, sechs mächtige Ringe mit dicken Diamanten an den Händen trägt. Seine beiden Söhne sind Jesuiten geworden und dann im Irrsinn gestorben. Er hat sie vergessen; aber daß seine einzige Tochter Vanina nicht heiraten will, verdrießt ihn sehr. Sie ist schon neunzehn Jahre alt und hat die glänzendsten Partien ausgeschlagen. Aus welchem Grunde? Demselben, der Sulla dazu brachte, abzudanken: Verachtung für die Römer. Am Tag nach dem Balle bemerkte Vanina, daß ihr Vater, sonst der nachlässigste Mensch, der sich nie im Leben die Mühe gegeben hatte, einen Schlüssel in die Hand zu nehmen, umständlich die Tür zu einer kleinen Treppe verschloß, welche zu einigen Zimmern im dritten Stockwerk des Palastes führte. Die Fenster dieser Zimmer gingen auf eine Terrasse mit Orangenbäumen. Vanina hatte einige Besuche in der Stadt zu machen; als sie zurückkam, war das Hauptportal des Palais durch die Vorbereitungen zu einer Illumination versperrt; der Wagen fuhr durch die Hinterhöfe. Vanina hob die Augen und sah mit Erstaunen, daß ein Fenster der Räume, welche ihr Vater so sorgfältig abgeschlossen hatte, offen stand. Sie entledigte sich ihrer Gesellschaftsdame, stieg in den Giebelstock hinauf und suchte so lange, bis sie ein kleines vergittertes Fenster fand, das auf die Terasse mit den Orangenbäumen ging. Zwei Schritt vor ihr war das offene Fenster, das sie gesehen hatte. Die Stube war bewohnt, aber von wem nur? Andern Tages verschaffte sich Vanina einen Schlüssel zur Terrassentür. Schleichend wie ein Marder kam sie an das Fenster, das noch offen war. Ein Laden verbarg sie. Hinten im Zimmer stand ein Bett und in dem Bett lag jemand. Erst wollte sie sich zurückziehen; aber dann bemerkte sie ein Frauenkleid, das auf einen Stuhl geworfen war. Als sie die Person im Bette schärfer ins Auge faßte, sah sie, daß diese blond und offenbar sehr jung war. Sie zweifelte nicht mehr daran, daß es eine Frau wäre. Das Kleid auf dem Stuhl war blutbesudelt; auch an den Frauenschuhen, die auf einem Tisch standen, war Blut. Die Unbekannte machte eine Bewegung; Vanina nahm wahr, daß sie verwundet war. Ein großes blutbeflecktes Stück Linnen bedeckte ihre Brust; das Linnen war nur mit Bändern festgemacht; diesen Verband konnte nicht die Hand eines Wundarztes angelegt haben. Vanina bemerkte, daß ihr Vater sich täglich gegen vier Uhr in seine Gemächer einschloß und sodann die Unbekannte besuchte; bald kam er wieder herunter, stieg in den Wagen und fuhr zur Gräfin Vitteleschi. Sobald er fort war, ging Vanina hinauf auf die kleine Terrasse, von wo sie die Unbekannte beobachten konnte. Ihr Gemüt war erregt zugunsten dieser jungen so unglücklichen Frau; sie suchte ihr Abenteuer zu erraten. Das blutige Kleid auf dem Stuhl schien von Dolchstichen zerrissen zu sein. Vanina konnte die Risse zählen. Eines Tages sah sie die Unbekannte genauer; ihre blauen Augen waren zum Himmel gerichtet; sie schien zu beten. Bald füllten Tränen die schönen Augen; und der jungen Fürstin wurde es schwer, nicht zu ihr zu sprechen. Am nächsten Tage wagte es Vanina, sich vor der Ankunft ihres Vaters auf der kleinen Terrasse zu verstecken. Sie sah Don Asdrubale bei der Unbekannten eintreten; er trug ein Körbchen mit Speisen. Der Fürst sah besorgt aus und redete nicht viel. Er sprach so leise, daß Vanina, obwohl die Glastür offen war, seine Worte nicht verstehen konnte. Er ging gleich wieder. »Diese arme Frau muß schreckliche Feinde haben,« sagte sich Vanina, »wenn mein Vater, der doch so sorglos ist, sich niemandem anzuvertrauen wagt und die Mühe nimmt, täglich hundertzwanzig Stufen zu steigen.« Als Vanina eines Abends den Kopf sachte dem Fenster der Unbekannten näherte, begegnete sie ihren Augen, und alles war entdeckt. Vanina warf sich auf die Knie und rief: »Ich liebe Sie, ich bin Ihnen ergeben!« Die Unbekannte winkte ihr, einzutreten. »Können Sie mir verzeihen?« rief Vanina. »Wie beleidigend muß Ihnen meine dumme Neugier vorkommen! Ich schwöre Ihnen Verschwiegenheit, und wenn Sie es verlangen, werde ich nie wiederkommen.« »Wen müßte es nicht glücklich machen, Sie zu sehen?« sagte die Unbekannte. »Bewohnen Sie dies Palais?« »Gewiß«, erwiderte Vanina. »Aber ich sehe, Sie kennen mich nicht: ich bin Vanina, Don Asdrubales Tochter.« Die Unbekannte sah sie verwundert an, errötete heftig und sagte dann: »Gewähren Sie mir die Hoffnung, daß Sie mich alle Tage besuchen werden; aber ich wünschte, daß der Fürst nicht um Ihre Besuche wüßte.« Vaninas Herz schlug heftig; das Benehmen der Unbekannten schien ihr voll Vornehmheit. Diese arme junge Frau hatte ohne Zweifel irgendeinen Mächtigen beleidigt. Hatte sie vielleicht in einem Anfall von Eifersucht ihren Liebhaber getötet? Eine gewöhnliche Ursache konnte Vanina ihrem Mißgeschick nicht zutrauen. Die Unbekannte sagte ihr, daß sie an der Schulter eine Wunde bekommen hatte bis in die Brust und die ihr viel Schmerz machte. Oft hatte sie den Mund voll Blut. »Und Sie haben keinen Wundarzt!« rief Vanina. »In Rom«, sagte die Unbekannte, »müssen, wie Sie wissen, die Wundärzte der Polizei genau Bericht erstatten über alle Verwundungen, die sie behandeln. Der Fürst geruht, eigenhändig meine Wunden hier mit dieser Leinwand zu verbinden.« Die Unbekannte vermied es mit großer Feinheit, ihren Unfall rührend darzustellen; Vanina liebte sie inbrünstig. Nur eins verwunderte die junge Fürstin: mitten in einer sicherlich recht ernsten Unterhaltung hatte die Unbekannte Mühe, eine plötzliche Lachlust zu unterdrücken. »Ich wäre glücklich,« sagte Vanina, »Ihren Namen zu wissen.« »Ich heiße Clementina.« »Liebe Clementina, morgen um fünf Uhr will ich Sie besuchen.« Am Tage danach fand Vanina ihre neue Freundin sehr krank. »Ich will Ihnen einen Wundarzt bringen,« sagte Vanina und küßte sie. »Lieber will ich sterben«, sagte die Unbekannte. »Sollte ich meine Wohltäter bloßstellen?« »Der Wundarzt von Monsignore Savelli-Catanzara, dem Gouverneur von Rom, ist der Sohn eines Bedienten von uns«, erwiderte lebhaft Vanina; »er ist uns ergeben, und durch seine Stellung hat er niemand zu fürchten. Mein Vater glaubt nicht an seine Treue; ich werde ihn holen lassen.« »Ich will keinen Wundarzt!« rief die Unbekannte mit einer Heftigkeit, die Vanina überraschte. »Kommen Sie zu mir, und sollte Gott mich zu sich rufen, so werde ich glücklich in Ihren Armen sterben.« Am nächsten Tage ging es ihr schlechter. »Wenn Sie mich lieben,« sagte Vanina im Weggehen, »so lassen Sie einen Arzt kommen.« »Wenn er kommt, ist mein Glück dahin.« »Ich lasse ihn holen«, erwiderte Vanina. Wortlos hielt die Unbekannte sie zurück, nahm ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Es gab ein langes Schweigen; die Unbekannte hatte Tränen in den Augen. Schließlich ließ sie Vaninas Hand los und sagte mit einer Miene, als ginge sie in den Tod: »Ich habe Ihnen ein Geständnis zu machen. Vorgestern, als ich sagte, ich hieße Clementina, habe ich gelogen; ich bin ein unglücklicher Carbonaro...« Erstaunt schob Vanina ihren Stuhl zurück. Bald erhob sie sich. »Ich fühle,« fuhr der Carbonaro fort, »daß dies Geständnis mir das einzige Gut raubt, das mich noch an das Leben fesselt; aber es ist unter meiner Würde, Sie zu täuschen. Ich heiße Pietro Missirilli; ich bin neunzehn Jahre alt; mein Vater ist ein armer Wundarzt aus Sant-Angelo-in-Vado, ich bin Carbonaro. Man hat unsere letzte Venta überrascht; ich bin in Fesseln aus der Romagna nach Rom geführt worden. Dreizehn Monate verbrachte ich tief in einem Verlies, wo Tag und Nacht eine Lampe brannte. Eine mitleidige Seele hat den Einfall gehabt, mich befreien zu lassen. Man verkleidete mich als Frau. Als ich das Gefängnis verließ und bei der Wache des letztes Tores vorbeikam, schimpfte ein Soldat auf die Carbonari; ich habe ihm eine Ohrfeige gegeben. Ich versichere Ihnen, daß es kein eitles Bravourstück von mir war, sondern einfach Geistesabwesenheit. Nachts in den Straßen Roms, nach diesem törichten Streich verfolgt, von Bajonettstößen verwundet, schon meine Kräfte verlierend, dringe ich in ein Haus ein, dessen Tür offen steht; ich höre, wie die Soldaten mir nachkommen, ich springe in einen Garten hinab, falle ein paar Schritt vor einer lustwandelnden Dame hin.« »Gräfin Vitteleschi, die Freundin meines Vaters«, sagte Vanina. »Wie? Hat Sie es Ihnen gesagt?« rief Missirilli. »Nun, wie dem auch sei, diese Dame, deren Namen nie ausgesprochen werden darf, rettete mir das Leben. Während die Soldaten bei ihr eintraten, um mich zu ergreifen, ließ mich Ihr Vater in seinem Wagen wegfahren. - Ich fühle mich sehr schlecht: seit einigen Tagen hindert mich dieser Bajonettstich in der Schulter am Atmen. Ich werde sterben, verzweifelt sterben, da ich Sie nicht wiedersehen soll.« Vanina hatte ungeduldig zugehört; sie ging rasch fort: Missirilli fand kein Mitleid in diesen schönen Augen, nur verletzter Hochmut lag in ihnen. Nachts erschien ein Wundarzt; er war allein. Missirilli war verzweifelt; er fürchtete, Vanina nie wiederzusehn. Er stellte dem Wundarzt Fragen; der ließ ihn zur Ader, ohne zu antworten. Die folgenden Tage das gleiche Schweigen. Pietros Augen wichen nicht von dem Fenster zur Terrasse, durch das Vanina einzutreten pflegte; er war sehr unglücklich. Einmal glaubte er gegen Mitternacht jemanden im Schatten auf der Terrasse zu bemerken: war es Vanina? Jede Nacht kam Vanina und drückte ihre Wange an die Scheibe. »Wenn ich zu ihm spreche,« sagte sie sich, »bin ich verloren! Nein, niemals darf ich ihn wiedersehn!« Als sie diesen Entschluß gefaßt hatte, erinnerte sie sich wider Willen an die Freundschaft, die sie zu diesem Jüngling ergriffen hatte, als sie ihn so töricht für eine Frau hielt. Nach so süßer Vertraulichkeit sollte sie ihn also vergessen! In ihren vernünftigsten Momenten erschrak Vanina vor dem Wechsel, der sich in ihrem Denken vollzog. Seit Missirilli sich zu erkennen gegeben hatte, waren ihr alle Dinge, an die sie sonst zu denken pflegte, wie mit einem Schleier verhüllt und in die Ferne gerückt. Ehe eine Woche um war, trat Vanina, blaß und bebend, mit dem Wundarzt in das Zimmer des jungen Carbonaro. Sie wollte ihm sagen, daß er den Fürsten veranlassen müßte, sich durch einen Bedienten vertreten zu lassen. Sie blieb keine zehn Sekunden; aber einige Tage später kam sie wieder mit dem Wundarzt, aus Menschlichkeit. Dann eines Abends, als es Missirilli schon viel besser ging und Vanina nicht mehr den Vorwand hatte, für sein Leben zu fürchten, wagte sie es, allein zu kommen. Bei ihrem Anblick war Missirilli auf dem Gipfel des Glücks, aber er suchte, seine Liebe zu verbergen; vor allem wollte er nicht von der einem Manne geziemenden Würde abweichen. Vanina war mit geröteter Stirne und vor Liebesworten bangend bei ihm eingetreten: es verwirrte sie, als er sie mit edler und ergebener, aber kühler Freundschaft empfing. Als sie ging, versuchte er nicht, sie zurückzuhalten. Als sie einige Tage danach wiederkam, dasselbe Benehmen, dieselben Versicherungen ehrerbietiger Ergebenheit, ewiger Dankbarkeit. Da gab es für sie kein Übermaß im Zaum zu halten, und Vanina fragte sich, ob sie allein liebte. Dieses bisher so stolze junge Mädchen fühlte mit Bitterkeit die ganze Größe ihres Wahnsinns. Sie spielte Heiterkeit und sogar Kühle und kam seltener, aber sie konnte es nicht über sich gewinnen, den jungen Kranken nicht mehr zu sehen. Missirilli fühlte brennende Liebe, aber in dem Gedanken an seine niedere Herkunft und an das, was er sich schuldig war, hatte er sich gelobt, sich nicht zu Liebesreden zu verstehen, es sei denn, daß Vanina acht Tage lang nicht zu ihm käme. Nach und nach verging der Stolz der jungen Fürstin. »Gut,« sagte sie sich schließlich, »wenn ich ihn sehe, so tue ich es für mich, um mir Freude zu machen, und nie werde ich ihm meine Zuneigung bekennen.« Sie machte Missirilli lange Besuche, und er sprach mit ihr, wie er es hätte tun können, wenn zwanzig Personen zugegen gewesen wären. Einmal, nachdem sie den Tag damit verbracht hatte, ihn zu verabscheuen und sich fest zu versprechen, noch kälter und strenger mit ihm zu sein als gewöhnlich, sagte sie ihm am Abend, daß sie ihn liebte. Bald hatte sie ihm nichts mehr zu verweigern. Ihre Tollheit war groß, aber Vanina war vollkommen glücklich. Missirilli dachte nicht mehr an das, was er seiner Manneswürde schuldig zu sein glaubte; er liebte, wie man zum ersten Male liebt mit neunzehn Jahren und in Italien. In der Gewissenhaftigkeit der Liebe aus Leidenschaft ging er so weit, der jungen stolzen Fürstin einzugestehen, welche Politik er getrieben hatte, um von ihr geliebt zu werden. Er war von dem Übermaß seines Glückes überrascht. Vier Monate vergingen im Fluge. Eines Tages gab der Wundarzt dem Kranken seine Freiheit wieder. »Was soll ich tun?« dachte Missirilli. »Verborgen bleiben bei einer der schönsten Römerinnen? Die erbärmlichen Tyrannen, die mich dreizehn Monate gefangen hielten, mich nie das Tageslicht sehen ließen, werden glauben, meinen Mut gebrochen zu haben! Italien, du bist wahrhaftig unglücklich, wenn dich deine Kinder um so Geringes im Stiche lassen!« Vanina zweifelte nicht daran, daß es Pietros größtes Glück wäre, für immer an sie gefesselt zu bleiben; er schien ja so glücklich; aber in seiner Seele hallte ein bitteres Wort des Generals Bonaparte wider und bestimmte seine ganze Haltung zu den Frauen. Als der General Bonaparte im Jahre 1796 Brescia verließ, sagten die Stadtväter, die ihn zum Tore geleiteten, zu ihm, daß die Brescianer mehr als alle andern Italiener die Freiheit liebten. »Ja,« antwortete er, »sie lieben es, zu ihren Liebchen davon zu sprechen.« Missirilli sagte mit ziemlich gezwungener Miene zu Vanina: »Sobald es Nacht wird, muß ich fort!« »Sieh zu vor Tagesanbruch ins Palais zurückzukommen; ich werde dich erwarten.« »Bei Tagesanbruch werde ich schon mehrere Meilen von Rom fern sein.« »Sehr gut,« sagte Vanina kalt, »und wohin gehst du?« »In die Romagna, mich zu rächen.« »Da ich reich bin,« erwiderte Vanina mit der ruhigsten Miene, »so wirst du, hoffe ich, Waffen und Geld von mir annehmen.« Missirilli sah sie einige Augenblicke an, ohne die Miene zu verziehen: dann warf er sich in ihre Arme und rief: »Seele meines Lebens, du machst mich alles vergessen, selbst meine Pflicht. Aber je edler dein Herz ist, um so mehr mußt du mich verstehen.« Vanina weinte sehr, und es wurde verabredet, daß er Rom erst am übernächsten Tage verlassen sollte. »Pietro,« sagte sie am nächsten Tage, »oft hast du mir gesagt, daß ein Mann von Ansehen, ein römischer Fürst zum Beispiel, der über viel Geld verfügen könnte, imstande wäre, der Sache der Freiheit die größten Dienste zu leisten, wenn jemals Österreich fern von uns in irgendeinen großen Krieg verwickelt wird.« »Zweifellos,« sagte Pietro erstaunt. »Nun gut! Du bist kühn; dir fehlt nur eine hohe Stellung; ich biete dir meine Hand an und zweihunderttausend Lire Einkommen. Ich nehme es auf mich, die Einwilligung meines Vaters zu erreichen.« Pietro warf sich ihr zu Füßen; Vanina strahlte vor Freude. »Ich liebe dich leidenschaftlich,« sagte er, »aber ich bin ein armer Diener des Vaterlandes; je unglücklicher Italien ist, um so treuer muß ich ihm bleiben. Um Don Asdrubales Einwilligung zu erreichen, müßte ich mehrere Jahre hindurch eine traurige Rolle spielen. Vanina, ich weise deine Hand zurück.« Missirilli mußte sich beeilen, Wort zuhalten; der Mut wollte ihm versagen. »Mein Unglück,« rief er, »ist, daß ich dich mehr liebe als das Leben, und daß es für mich die schlimmste Strafe ist, Rom zu verlassen. Ach, warum ist Italien nicht schon befreit von den Barbaren! Mit welcher Lust ginge ich mit dir zu Schiff, um in Amerika zu leben!« Vanina erstarrte. Dies Ausschlagen ihrer Hand hatte ihren Stolz überrascht; aber bald warf sie sich Missirilli in die Arme. »Nie bist du mir so liebenswert erschienen,« rief sie; »ja, mein kleiner Landbader, ich bin dein für immer. Du bist ein großer Mann, wie unsere Ahnen, die Römer.« Alle Zukunftsbilder, alle trübseligen Einflüsterungen des gesunden Menschenverstandes verschwanden; es war ein Augenblick vollkommener Liebe. Als man wieder vernünftig reden konnte, sagte Vanina: »Ich werde fast ebensobald wie du in der Romagna sein. Ich lasse mir die Bäder der Toretta verordnen. Ich werde das Schloß beziehen, das wir in San Nicolo bei Forli besitzen ...« »Dort will ich mein Leben mit dir verbringen«, rief Missirilli. »Mein Los ist von nun an, alles zu wagen«, fuhr Vanina fort und seufzte. »Ich werde zugrunde gehn für dich, aber es tut nichts. Wirst du ein entehrtes Mädchen lieben können?« »Bist du nicht mein Weib,« sprach Missirilli, »das ich immer verehren werde? Ich werde dich zu lieben, dich zu schützen verstehen.« Vanina mußte in Gesellschaft gehen. Kaum hatte sie Missirilli verlassen, so fing er an, sein Benehmen barbarisch zu finden. »Was ist das, das Vaterland?« fragte er sich. »Es ist nicht ein Wesen, dem wir Dank schulden für eine Wohltat und das leiden würde, uns verfluchen könnte, wenn wir undankbar sind. Vaterland, Freiheit, das ist wie mein Mantel, etwas, das mir nützt, das ich mir kaufen muß, wenn ich es nicht vom Vater geerbt habe ... aber ich liebe am Ende Freiheit und Vaterland nur, weil diese beiden Dinge mir nützlich sind. Wenn ich nichts mit ihnen anfangen kann, wenn sie für mich wie ein Mantel im Monat August sind, was hilft es mir, sie zu kaufen, noch dazu zu solch hohem Preise? Vanina ist so schön! Sie hat einen so seltenen Geist! Man wird ihr zu gefallen suchen; sie wird mich vergessen. Welche Frau hat jemals nur Einen geliebt? Diese römischen Fürsten, die ich als Staatsbürger verachte, haben vor mir soviel voraus! Sie müssen sehr liebenswert sein! Ach, wenn ich weggehe, vergißt sie mich, und ich verliere sie für immer.« Mitten in der Nacht kam Vanina zu ihm; er erzählte ihr, in welche Unsicherheit er versunken war, wie er gegen das große Wort Vaterland aus Liebe zu ihr gestritten hatte. Vanina war glückselig. »Müßte er bedingungslos wählen zwischen dem Vaterland und mir,« sagte sie sich, »ich würde siegen.« Die Glocke der nahen Kirche schlug drei Uhr; der Augenblick des letzten Lebewohls kam. Pietro riß sich aus den Armen seiner Freundin. Schon stieg er die kleine Treppe hinab, da sagte Vanina mit verhaltenen Tränen lächelnd: »Hätte dich ein armes Weib vom Lande gepflegt, tätest du nichts, um ihr zu danken? Versuchtest du nicht, es zu bezahlen? Die Zukunft ist ungewiß, du reisest mitten unter deine Feinde; gib mir drei Tage zum Danke, als wäre ich ein armes Weib, dem du die Pflege bezahlen wolltest.« Missirilli blieb. – Endlich verließ er Rom. Mit Hilfe eines von einer ausländischen Gesandtschaft gekauften Passes gelangte er zu seiner Familie. Es gab große Freude; man hatte ihn tot geglaubt. Seine Freunde wollten zur Feier seiner glücklichen Ankunft ein oder zwei Karabinieri (so heißen die Gendarmen im Kirchenstaat) töten. »Laßt uns nicht ohne Notwendigkeit einen Italiener töten, der mit Waffen umzugehen weiß,« sagte Missirilli, »unser Vaterland ist keine Insel wie das glückliche England; uns fehlen Soldaten, um der Einmischung der Könige Europas zu widerstehen.« Einige Zeit danach wurde Missirilli von den Karabinier heftig verfolgt: er tötete zwei von ihnen mit der Pistole, die Vanina ihm gegeben hatte. Man setzte einen Preis auf seinen Kopf. Vanina erschien nicht in der Romagna: Missirilli glaubte sich vergessen. Seine Eitelkeit war verletzt. Er fing an, über den Standesunterschied nachzudenken, der ihn von seiner Geliebten trennte. In einem Augenblick der Rührung und des Heimwehs nach dem vergangenen Glück kam ihm der Gedanke, nach Rom zurückzukehren und zu sehen, wie es Vanina ginge. Schon war dieser tolle Gedanke im Begriff, über das, was er für seine Pflicht hielt, zu triumphieren, da läutete eines Abends die Glocke einer Bergkirche das Angelas auf seltsame Art, als wäre der Glöckner nicht recht bei der Sache. Das war ein Zusammenkunftssignal für die Venta der Carbonari, welcher Missirilli sich bei seiner Ankunft in die Romagna angeschlossen hatte. In derselben Nacht fanden sich alle in einer bestimmten Einsiedelei im Walde ein. Die beiden Einsiedler waren mit Opium betäubt und merkten nicht, zu welchem Zwecke ihr Häuschen diente. Missirilli, der in trüben Gedanken ankam, erfuhr, daß der Anführer der Venta gefangen worden war und daß er, ein junger Mensch von kaum zwanzig Jahren, zum Oberhaupt einer Venta gewählt werden sollte, zu der Männer von über fünfzig Jahren zählten, die schon seit Murats Feldzug im Jahre 1815 an den Verschwörungen teilhatten. Als ihm diese unverhoffte Ehre zuteil wurde, fühlte Pietro sein Herz schlagen. Sobald er allein war, beschloß er, nicht mehr an die junge Römerin zu denken, die ihn vergessen hatte, und alle seine Gedanken der Pflicht zu weihen, Italien von den Barbaren zu befreien. Zwei Tage später las Missirilli in dem Bericht über die ein- und abreisenden Personen, den man ihm als dem Oberhaupte der Venta vorlegte, daß die Prinzessin Vanina auf ihrem Schloß San Nicolo eingetroffen war. Der Anblick dieses Namens brachte seiner Seele mehr Verwirrung als Freude. Umsonst wähnte er, dem Vaterlande seine Treue dadurch zu sichern, daß er es über sich gewann, nicht gleich am Abend selbst zum Schlosse San Nicolo zu eilen; das Bild Vaninas, die er vernachlässigte, hinderte ihn seine Pflichten in vernünftiger Art zu erfüllen. Am nächsten Tage sah er sie; sie liebte ihn wie in Rom. Ihr Vater, der sie verheiraten wollte, hatte ihre Abreise verzögert. Sie brachte zweitausend Zechinen mit. Diese unvorhergesehene Hilfe diente in hervorragender Weise der Erhöhung seines Ansehens in der neuen Würde. Man ließ in Korfu Dolche anfertigen; man gewann den Privatsekretär des Legaten, welcher mit der Verfolgung der Carbonari beauftragt war. So bekam man die Liste der Pfarrer, die der Regierung Spionendienste leisteten. Um diese Zeit wurden die Vorbereitungen zu einer Verschwörung fertig, die weniger tollkühn war, als die meisten, die in dem unglücklichen Italien gewagt worden sind. Es ist hier nicht am Platze, auf die Einzelheiten einzugehen. Nur soviel will ich sagen: hätte das Unternehmen Erfolg gekrönt, so konnte Missirilli einen guten Teil des Ruhmes für sich beanspruchen. Durch seine Tatkraft hätten sich mehrere tausend Aufständige auf ein gegebenes Signal erhoben und in Waffen die Ankunft höherer Führer erwartet. Der entscheidende Moment nahte, als, wie das immer geschieht, die Verschwörung durch die Verhaftung der Führer lahm gelegt wurde. Kaum war Vanina in der Romagna, so hatte sie den Eindruck, daß die Liebe zum Vaterland ihren Geliebten jede andre Liebe vergessen machte. Das reizte den Hochmut der jungen Römerin. Umsonst versuchte sie, vernünftig zu sein; ein finsterer Gram kam über sie: sie überraschte sich dabei, daß sie die Freiheit verfluchte. Eines Tages, als sie nach Forli zu Missirilli kam, war sie ihres Schmerzes, den bisher ihr Stolz gemeistert hatte, nicht mehr Herr. »Wahrhaftig,« sagte sie zu ihm, »du liebst mich wie ein Gatte, ich habe auf mehr gerechnet.« Bald flossen ihre Tränen; aber es waren Tränen der Scham, daß sie sich bis zu Vorwürfen herabgelassen hatte. Missirilli blieb diesen Tränen gegenüber geistesabwesend. Plötzlich kam Vanina der Gedanke, ihn zu verlassen und nach Rom zurückzukehren. Sie fand eine qualvolle Freude darin, sich für die Schwäche, die sie zum Sprechen gebracht hatte, zu bestrafen. Nach wenigen Minuten des Schweigens war ihr Entschluß gefaßt; sie hätte sich Missirillis unwürdig gefunden, wenn sie ihn nicht verließ. Sie genoß in Gedanken seine schmerzliche Überraschung, wenn er sie vergeblich neben sich suchen würde. Aber bald ergriff sie schmerzhaft der Gedanke, daß sie nicht die Liebe des Mannes hatte gewinnen können, für den sie soviel Tollkühnes getan. Da brach sie das Schweigen und machte alle Anstrengungen, um ein Liebeswort aus ihm zu locken. Er sagte ihr mit zerstreuter Miene sehr zärtliche Dinge; wenn er aber von seinen politischen Unternehmungen sprach, hatte er einen viel herzlicheren Ton; mit Schmerz rief er aus: »Ach! wenn es diesmal nicht glückt, wenn die Regierung wieder alles entdeckt, verlasse ich unsere Sache.« Vanina blieb still. Seit einer Stunde fühlte sie, daß sie den Geliebten zum letzten Male sah. Das Wort, das er ausgesprochen, gab ihrem Geist eine verhängnisvolle Erleuchtung. Sie überlegte: Die Carbonari haben von mir mehrere tausend Zechinen erhalten. An meiner Aufopferung für die Verschwörung kann man nicht zweifeln. Sie fuhr aus ihrer Versonnenheit nun auf, um Pietro zu sagen: »Willst du vierundzwanzig Stunden mit mir auf dem Schloß San Nicolo zusammen sein? Eure Versammlung heute abend bedarf deiner Gegenwart nicht. Morgen früh können wir in San Nicolo spazieren gehen; das wird deine Erregung beruhigen und dir alle Kaltblütigkeit geben, die du in diesem ernsten Moment brauchst.« Pietro ging darauf ein. Vanina verließ ihn, um die Vorbereitungen für ihre Reise zu treffen und schloß ihn wie gewöhnlich in das kleine Zimmer ein, in dem sie ihn verborgen hatte. Sie eilte zu einer ihrer früheren Kammerfrauen, die sich nach Forli verheiratet hatte, wo sie einen kleinen Handel betrieb. Dort angekommen, schrieb sie hastig auf den Rand eines Gebetbuches, das sie im Zimmer fand, genau Angaben über den Ort, wo die Venta der Carbonari sich in der Nacht desselben Tages vereinigen sollte. Sie schloß ihre Denunziation mit den Worten: »Diese Venta besteht aus neunzehn Mitgliedern; hier ihre Namen und Adressen.« Die folgende Liste war sehr genau bis auf den einen Punkt, daß der Name Missirilli ausgelassen war. Nachdem sie dies geschrieben, sagte sie zu der Frau, deren sie sicher war: »Bring dies Buch zum Kardinal-Legaten; er soll das Geschriebene lesen und dir das Buch wiedergeben. Hier sind zehn Zechinen; wenn jemals der Kardinal deinen Namen erfährt, ist es dein sicherer Tod; aber du rettest mir das Leben, wenn du den Legaten die Seite lesen lassest, die ich geschrieben habe.« Alles gelang vortrefflich. Aus Furcht benahm sich der Legat nicht als großer Herr. Er erlaubte der Frau aus dem Volke, die ihn sprechen wollte, mit Maske vor ihm zu erscheinen, unter der Bedingung, daß ihr die Hände gefesselt würden. So wurde die Händlerin vor den hohen Herrn geführt, der sich hinter einem Riesentisch mit grünem Tuche verschanzt hatte. Der Legat las die Seite im Gebetbuch, das er aus Furcht vor einem scharfen Gift weit von sich weghielt. Er gab es der Händlerin zurück und ließ niemanden ihr nachgehn. Weniger als vierzig Minuten, nachdem sie ihren Geliebten verlassen hatte, erschien Vanina, die ihre frühere Kammerfrau hatte zurückkommen sehn, wieder vor Missirilli, den sie von nun an ganz ihr eigen glaubte. Sie erzählte ihm von einer außerordentlichen Bewegung in der Stadt; man bemerkte Patrouillen von Karabinieri in Straßen, in die sie sonst nie kamen. »Wenn du mir glauben willst,« fügte sie hinzu, »so reisen wir am besten gleich nach San Nicolo.« Missirilli war einverstanden. Sie gingen zu Fuß bis zu dem Wagen der jungen Prinzessin, in dem ihre Gesellschaftsdame, eine zuverlässige und gutbezahlte Vertraute, eine halbe Stunde vor der Stadt wartete. Auf dem Schlosse San Nicolo angekommen, war Vanina, verstört von ihrem seltsamen Unternehmen, doppelt zärtlich zu dem Geliebten. Aber indem sie ihm von Liebe sprach, hatte sie das Gefühl, Komödie zu spielen. Gestern bei dem Verrat war ihr keine Reue in den Sinn gekommen. Jetzt, während sie ihn in ihren Armen hielt, sagte sie sich: »Es gibt ein Wort, das man ihm sagen kann, und wird dieses Wort ausgesprochen, so muß er mich augenblicklich und für immer verabscheuen.« Mitten in der Nacht drang ein Bedienter ungestüm in ihr Zimmer ein. Dieser Mensch war Carbonaro, wovon sie nichts ahnte. Missirilli hatte also Geheimnisse vor ihr, selbst in solchen Kleinigkeiten. Sie erschauerte. Dieser Mann brachte Missirilli die Nachricht, daß in der Nacht in Forli die Häuser von neunzehn Carbonari umzingelt und sie selbst, als sie von der Venta zurückkamen, festgenommen wurden. Trotz des unerwarteten Überfalles hatten sich neun gerettet. Zehn konnten die Karabinieri in die Festung der Zitadelle bringen. Beim Eintritt in diese hatte sich einer durch einen Sturz in den tiefen Brunnen getötet. Vanina verlor die Fassung; glücklicherweise bemerkte Pietro es nicht; er hätte ihr Verbrechen in ihren Augen lesen können. »In diesem Augenblick,« fügte der Bediente hinzu, »bildet die Garnison von Forli eine Kette durch alle Straßen. Jeder Soldat ist nur so weit vom nächsten entfernt, daß er zu ihm sprechen kann. Die Einwohner können nur dort von einer Seite der Straße zur andern hinüber, wo ein Offizier steht.« Als dieser Mann hinausgegangen war, hatte Pietro nur einen Augenblick des Nachdenkens. Dann sagte er: »Für den Moment ist. nichts zu machen.« Vanina verging; sie zitterte unter den Blicken ihres Geliebten. »Was hast du nur so ungewöhnliches?« fragte er. Dann dachte er an etwas andres und sah sie nicht mehr an. Gegen Mittag wagte sie es, ihm zu sagen: »Da ist nun wieder eine Venta entdeckt; ich denke, nun wirst du für einige Zeit ruhig sein.« »Sehr ruhig«, antwortete Missirilli mit einem Lächeln, das sie schaudern machte. Sie mußte einen Auslandsbesuch bei dem Dorfpfarrer von San Nicolo machen, der ein Spion der Jesuiten sein konnte. Als sie um sieben Uhr zum Essen heimkam, fand sie das kleine Zimmer, in dem ihr Liebhaber verborgen gewesen, verlassen. Aber sich, lief sie ihn suchend durch das ganze Haus; er war nicht zu finden. Verzweifelt kehrte sie in das kleine Zimmer zurück; nun erst bemerkte sie einen Zettel; sie las: »Ich werde mich dem Legaten stellen; ich verzweifle an unsrer Sache; der Himmel ist gegen uns. Wer hat uns verraten? Offenbar der Unglückliche, der in den Brunnen gesprungen ist. Da mein Leben dem armen Italien nutzlos ist, will ich nicht, daß meine Kameraden, wenn sie sehen, daß ich allein nicht verhaftet bin, auf den Gedanken kommen können, ich habe sie verkauft. Leb wohl; wenn Du mich liebst, trachte mich zu rächen. Verdirb, vernichte den Schurken, der uns verraten hat, und wäre es mein eigner Vater.« Vanina fiel in einen Stuhl, halb ohnmächtig und in quälendes Weh versunken. Sie konnte kein Wort sprechen; ihre Augen waren trocken und brannten. Endlich warf sie sich auf die Knie. »Großer Gott!« rief sie, »nimm mein Gelübde an; ja, ich werde den Schurken bestrafen, der verraten hat; aber zuvor muß Pietro die Freiheit wieder bekommen.« Eine Stunde später war sie auf dem Wege nach Rom. Seit langem drängte ihr Vater sie, zurückzukommen. Während ihrer Abwesenheit hatte er ihre Heirat mit dem Fürsten Livio Savelli eingeleitet. Gleich nach ihrer Ankunft sprach er ihr mit Zagen davon. Zu seinem großen Erstaunen war sie vom ersten Wort an einverstanden. Am selben Abend stellte ihr Vater bei der Gräfin Vitteleschi Don Livio fast offiziell vor; sie sprach viel mit ihm. Er war sehr elegant und hatte die schönsten Pferde; aber obwohl man ihm viel Geist zusprach, galt er doch für so oberflächlich, daß die Regierung keinerlei Verdacht auf ihn hatte. Vanina meinte, wenn sie ihn zunächst verliebt machte, könnte er ihr als bequemer Agent dienen. Da er Neffe des Monsignore Savelli-Catanzara, des Gouverneurs von Rom und Polizeiministers, war, vermutete sie, daß die Spione nicht wagen würden, ihm nachzuspüren. Nachdem sie einige Tage den liebenswürdigen Don Livio gut behandelt hatte, erklärte ihm Vanina, er könnte nie ihr Gatte werden; er wäre für sie zu oberflächlich. »Wenn Sie nicht solch ein Kind wären, sagte sie zu ihm, so hätten die Beamten Ihres Oheims keine Geheimnisse für Sie. Zum Beispiel was hat man beschlossen in betreff der Carbonari, die letzthin in Forli entdeckt wurden?« Zwei Tage später kam Don Livio mit der Mitteilung zu ihr, alle in Forli ergriffenen Carbonari wären entsprungen. Sie heftete ihre großen schwarzen Augen mit dem bitteren Lächeln tiefster Verachtung auf ihn und würdigte ihn den ganzen Abend keines Wortes. Zwei Tage darauf bekannte ihr Don Livio errötend, daß man ihn zunächst getäuscht habe. »Aber,« sagte er, »ich habe mir einen Schlüssel zum Arbeitszimmer meines Oheims verschafft; ich habe aus den Papieren, die ich dort fand, ersehen, daß eine Kongregation oder Kommission, bestehend aus den namhaftesten Kardinälen und Prälaten, sich in aller Heimlichkeit versammelt und berät über die Frage, ob man diese Carbonari in Rom oder Ravenna aburteilen soll. Die neun in Forli ergriffenen Carbonari und ihr Oberhaupt, ein gewisser Missirilli, der die Dummheit begangen hat, sich zu stellen, werden in diesem Moment auf dem Kastell San Leo gefangen gehalten.« Bei dem Worte Dummheit kniff Vanina den Fürsten heftig. »Ich will selbst die amtlichen Schriftstücke sehn,« sagte sie, »und mit Ihnen in das Arbeitszimmer Ihres Oheims gehen; Sie werden schlecht gelesen haben.« Bei diesen Worten erschrak Don Livio; Vanina bat ihn um etwas fast Unmögliches; aber das bizarre Wesen dieses jungen Mädchens verdoppelte seine Liebe. Wenige Tage später konnte Vanina, als Mann verkleidet, in einer niedlichen Livree in den Farben des Hauses Savelli eine halbe Stunde über den geheimsten Papieren des Polizeiministers verbringen. Heftiges Glück ergriff sie, als sie den täglichen Bericht über den Angeklagten Pietro Missirilli entdeckte. Ihre Hände zitterten, als sie dies Papier hielten. Beim Anblick seines Namens war sie einer Ohnmacht nahe. Als sie das Palais des Gouverneurs von Rom verließen, erlaubte Vanina dem Don Livio, sie zu küssen. »Sie bestehen die Proben gut,« sagte sie, »denen ich Sie unterwerfe.« Nach einem solchen Worte hätte der junge Fürst den Vatikan in Brand gesteckt, um Vanina zu gefallen. An diesem Abend war ein Ball bei dem französischen Gesandten; sie tanzte viel und fast immer mit Don Livio. Er war trunken von Glück, es raubte ihm jede Überlegung. »Mein Vater ist bisweilen seltsam,« sagte Vanina eines Tages zu ihm, »heute Morgen hat er zwei seiner Leute fortgejagt, die mit Tränen zu mir gekommen sind. Der eine hat mich gebeten, bei Ihrem Oheim, dem Gouverneur von Rom untergebracht zu werden; der andre, welcher unter der Franzosenherrschaft Artillerist war, möchte auf der Engelsburg angestellt sein.« »Ich nehme beide in meinen Dienst,« sagte lebhaft der junge Fürst. »Habe ich Sie darum gebeten?« erwiderte hochmütig Vanina. »Ich wiederhole Ihnen wörtlich die Bitte dieser armen Leute; sie sollen das bekommen, was sie wünschen und nichts andres.« Das war äußerst schwierig. Monsignore Cantazara war durchaus kein leicht zugänglicher Mann und nahm in sein Haus nur Leute auf, die ihm wohlbekannt waren. Mitten in einem Leben, das dem Anschein nach von allen Genüssen erfüllt war, fühlte sich Vanina elend, gefoltert von Gewissensqualen. Der schleppende Gang der Ereignisse war ihr tödlich. Der Agent ihres Vaters hatte ihr Geld verschafft. Sollte sie das Vaterhaus verlassen, in die Romagna gehen und versuchen, ihren Geliebten zu befreien? So töricht dieser Plan war, sie war schon im Begriff, sich an seine Ausführung zu machen; da hatte der Zufall Mitleid mit ihr. Don Livio sagte ihr: »Die zehn Carbonari der Venta Missirilli sollen nach Rom überführt werden, unter dem Vorbehalt, nach ihrer Verurteilung in der Romagna hingerichtet zu werden. Das hat mein Oheim heute abend beim Papst durchgesetzt. Sie und ich sind die einzigen in Rom, die um dies Geheimnis wissen. Sind Sie zufrieden?« »Sie werden ein Mann,« antwortete Vanina; »schenken Sie mir Ihr Porträt.« Einen Tag bevor Missirilli nach Rom kommen sollte, reiste Vanina unter einem Vorwand nach Città Castellana. In dem Gefängnis dieser Stadt läßt man die Carbonari übernachten, die man von der Romagna nach Rom überführt. Sie sah Missirilli morgens, als er das Gefängnis verließ; er war in Ketten auf einem Karren; er erschien ihr sehr bleich, aber durchaus nicht entmutigt. Eine alte Frau warf ihm ein Veilchenbukett zu; Missirilli dankte lächelnd. Vanina hatte ihren Geliebten gesehn; alle ihre Gedanken schienen aufgefrischt; sie hatte neuen Mut. Schon vor langem hatte sie dem Abbate Cari, dem Anstaltspfarrer der Engelsburg, in die ihr Geliebter gebracht werden sollte, eine schöne Beförderung verschafft; sie hatte den braven Priester zum Beichtiger genommen. Es ist nichts Geringes in Rom, Beichtvater einer Fürstin zu sein, deren Oheim der Gouverneur ist. Der Prozeß der Carbonari von Forli war nicht lang. Um sich für die Überführung derselben nach Rom, die sie nicht hindern konnten, zu rächen, setzten die Ultras die Kommission, welche die Carbonari richten sollte, aus den ehrgeizigsten Prälaten zusammen. Vorsitzender der Kommission war der Polizeiminister. Das Gesetz gegen die Carbonari ist klar; die von Forli konnten sich keinerlei Hoffnung machen; gleichwohl verteidigten sie ihr Leben mit allen möglichen Ausflüchten. Die Richter verurteilten sie nicht nur zum Tode, mehrere stimmten sogar für grausame Strafen, Handabhacken usw. Der Polizeiminister, dessen Glück gemacht war (denn man verläßt diesen Posten nur, um den Kardinalshut aufzusetzen) hatte kein Bedürfnis nach abgehackten Händen: er ging mit dem Urteilsspruch zum Papste und ließ die Strafe aller Verurteilten in einige Jahre Gefängnis umwandeln. Nur Pietro Missirilli war ausgenommen. In diesem jungen Mann sah der Minister einen gefährlichen Fanatiker, und außerdem war er schon wegen der bereits erwähnten Ermordung der beiden Carabinieri zum Tode verurteilt. Vanina erfuhr das Urteil und die Strafmilderung wenige Augenblicke, nachdem der Minister vom Papste zurückkam. Als am nächsten Tage Monsignore Catanzara gegen Mitternacht in sein Palais heimkehrte, war sein Kammerdiener nicht da; der Minister wunderte sich, läutete mehrere Male; endlich erschien ein alter einfältiger Bedienter; ungeduldig entschloß sich der Minister, sich selbst auszukleiden. Er verschloß die Tür; es war sehr heiß; er nahm sein Gewand und warf es als Bündel auf einen Stuhl. Aber er hatte zu kräftig geschleudert, und das Gewand flog über den Stuhl fort und schlug gegen den Musselinvorhang des Fensters, darin zeichneten sich die Formen einer Menschengestalt ab. Rasch sprang der Minister an sein Bett und ergriff eine Pistole. Als er wieder zum Fenster kam, trat ein sehr junger Mann, in seine Livree gekleidet, vor ihn, die Pistole in der Hand. Bei diesem Anblick hob der Minister die Pistole ans Auge, im Begriff, zu schießen. Da sagte der junge Mann lachend: »Aber, Monsignore, erkennen Sie Vanina Vanini nicht?« »Was bedeutet dieser schlechte Scherz?« rief der Minister zornig. »Lassen Sie uns kühl und vernünftig sein«, sagte das junge Mädchen. »Zunächst: Ihre Pistole ist entladen.« Verwundert vergewisserte sich der Minister davon; dann zog er einen Dolch aus der Tasche des Unterkleides. Vanina sagte mit reizend gebieterischem Ausdruck: »Setzen wir uns, Monsignore.« Und sie nahm ruhig auf einem Kanapee Platz. »Sind Sie wenigstens allein?« fragte der Minister. »Ganz allein, ich schwöre es Ihnen!« rief Vanina. Davon überzeugte sich nun der Minister sorgfältig: er ging rings durch das Zimmer und sah überall nach; sodann setzte er sich auf einen Stuhl drei Schritte von Vanina. »Was könnte mir daran liegen,« sagte Vanina mit sanfter und ruhiger Miene, »einem maßvollen Manne nach dem Leben zu trachten, der wahrscheinlich durch einen schwächlichen Hitzkopf ersetzt werden würde, der sich und die andern zugrunde richten könnte?« »Was wollen Sie also, mein Fräulein?« sagte der Minister verdrossen. »Dieser Auftritt sagt mir durchaus nicht zu und darf nicht andauern.« »Was ich hinzuzufügen habe,« erwiderte Vanina mit Hoheit und hatte mit einmal nicht mehr ihre liebenswürdige Miene, »ist für Sie wichtiger als für mich. Man will, daß der Carbonaro Missirilli mit dem Leben davonkomme; wird er hingerichtet, so überleben Sie ihn nicht um eine Woche. Ich habe an all dem kein Interesse; die Tollheit, über die Sie sich beklagen, habe ich begangen, zunächst, um mich zu belustigen, und dann, um einer meiner Freundinnen dienlich zu sein.« Dann fuhr Vanina wieder mit ihrer Gesellschaftsmiene fort: »Ich habe einem Mann von Geist einen Dienst leisten wollen, einem Manne, der bald mein Oheim sein und nach allem Anschein den Glanz seines Hauses hoch erheben wird.« Der Minister gab die ärgerliche Miene auf; die Schönheit Vaninas trug ohne Zweifel zu diesem raschen Wechsel bei. Man kannte in Rom den Geschmack des Monsignore Catanzara für die hübschen Frauen, und in ihrer Verkleidung als Lakai des Hauses Savelli mit den straff anliegenden Seidenstrümpfen, einer roten Weste, der himmelblauen Weste mit Silberborde und mit der Pistole in der Hand, war Vanina hinreißend. »Liebe künftige Nichte,« sagte der Minister, schon dem Lachen nahe, »Sie begehen da eine große Tollheit und es wird nicht Ihre letzte sein.« »Ich hoffe, daß eine so einsichtsvolle Persönlichkeit mein Geheimnis wahren wird,« antwortete Vanina, »und besonders Don Livio gegenüber, und um Sie hierzu zu bewegen, mein lieber Oheim, werde ich, wenn Sie dem Schützling meiner Freundin das Leben schenken, Ihnen einen Kuß geben.« Indem sie die Unterhaltung in dem halb scherzhaften Ton fortsetzte, mit dem die römischen Damen die größten Angelegenheiten zu behandeln verstehen, gelang es Vanina, dieser Zusammenkunft, welche mit der Pistole in der Hand begonnen hatte, die Stimmung eines Besuchs zu geben, den die junge Fürstin Savelli ihrem Oheim, dem Gouverneur von Rom, macht. Monsignore Catanzara wies zwar mit Stolz den Gedanken zurück, sich durch Einschüchterung etwas aufdrängen zu lassen, aber er war nun doch so weit, seiner Nichte alle Schwierigkeiten auseinanderzusetzen, auf die er bei dem Versuche, Missirillis Leben zu retten, stoßen würde. Indem er dies besprach, ging der Minister mit Vanina im Zimmer auf und ab; er nahm eine Karaffe mit Limonade und füllte ein Kristallglas. In dem Augenblick, als er es an die Lippen setzen wollte, nahm es Vanina ihm fort, hielt es einige Zeit in der Hand und ließ es dann wie in Gedanken aus dem Fester fallen. Gleich darauf nahm der Minister ein Schokoladenplätzchen aus einer Bonbonniere. Vanina entriß es ihm und sagte lachend: »Geben Sie doch acht, alles bei Ihnen ist vergiftet; denn man wollte Ihren Tod. Ich aber habe die Begnadigung meines künftigen Oheims durchgesetzt, um nicht mit ganz leeren Händen in die Familie Savelli einzutreten.« Monsignore Catanzara war höchst erstaunt; er dankte seiner Nichte und gab große Hoffnung für das Leben Missirillis. »Unser Handel ist fertig!« rief Vanina, »und zum Beweise hier den Lohn.« Und sie küßte ihn. Der Minister nahm den Lohn. »Sie müssen wissen, meine liebe Vanina,« sagte er dann, »ich liebe das Blutvergießen nicht. Übrigens bin ich, obwohl ich Ihnen vielleicht recht alt erscheine, noch jung und kann noch zu einer Zeit am Leben sein, wo das heute vergossene Blut ein Makel sein wird.« Es schlug zwei Uhr, als Monsignore Catanzara Vanina bis zur kleinen Gartentür begleitete. Als am übernächsten Tage der Minister in ziemlicher Verlegenheit über sein Vorhaben vor dem Papst erschien, sagte Seine Heiligkeit zu ihm: »Vor allem habe ich Sie um eine Begnadigung zu ersuchen. Einer der Carbonari von Forli ist zum Tode verurteilt geblieben; diese Vorstellung raubt mir den Schlaf: man muß diesen Menschen retten.« Als der Minister sah, daß der Papst seinen Entschluß gefaßt hatte, machte er viele Einwände und setzte schließlich ein Motu proprio auf, das der Papst, gegen das Herkommen, unterzeichnete. Vanina hatte gedacht, daß sie vielleicht die Begnadigung ihres Geliebten erreichen könnte, daß man aber versuchen würde, ihn zu vergiften. Seit gestern hatte Missirilli von ihrem Beichtiger, dem Abbate Cari, einige kleine Pakete Schiffszwieback erhalten, mit dem Wink, die Gefängniskost nicht anzurühren. Als Vanina nachher erfahren hatte, daß die Carbonari von Forli nach dem Kastell San Leo überführt werden sollten, wollte sie versuchen, Missirilli bei seinem Aufenthalt in Città Castellana zu, sehen; sie traf vierundzwanzig Stunden vor den Gefangenen in dieser Stadt ein; dort fand sie den Abbate Cari, der mehrere Tage vor ihr angekommen war. Er hatte es beim Kerkermeister durchgesetzt, daß Missirilli Mitternachts in der Kapelle des Gefängnisses die Messe hören könnte. Man ging noch weiter: wenn Missirilli sich freiwillig die Arme und Beine mit einer Kette fesseln ließe, würde der Kerkermeister zurückbleiben an der Tür der Kapelle, von wo aus er den Gefangenen, für den er verantwortlich war, immer sehen konnte, ohne indessen hören zu können, was er sprach. Endlich erschien der Tag, der über Vaninas Schicksal entscheiden sollte. Vom Morgen ab schloß sie sich in der Gefängniskapelle ein. Wer könnte die Gedanken in Worte fassen, die sie diesen langen Tag hindurch bewegten? Liebte Missirilli sie genug, um ihr zu verzeihen? Sie hatte seine Venta verraten, aber ihm hatte sie das Leben gerettet. Als in dieser gefolterten Seele die Vernunft die Oberhand gewann, schöpfte Vanina die Hoffnung, er würde darauf eingehen, mit ihr Italien zu verlassen: hatte sie gesündigt, so war es aus Liebesübermaß. Als es vier Uhr schlug, hörte sie von fern das Getrappel der Pferde der Karabinieri auf dem Pflaster. Der Laut jedes Trittes schien in ihrem Herzen widerzuhallen. Bald unterschied sie das Rollen der Karren, auf denen die Gefangenen befördert wurden. Sie machten auf dem kleinen Platz vor dem Gefängnis halt; sie sah, wie zwei Karabinieri Missirilli heraushoben, der allein auf einem Karren und so mit Ketten belastet war, daß er sich nicht rühren konnte. Wenigstens lebt er, sagte sie sich mit Tränen in den Augen, sie haben ihn noch nicht vergiftet! Der Abend war qualvoll; die Altarlampe, die sehr hoch angebracht war und für die der Kerkermeister mit Öl kargte, erhellte allein die düstere Kapelle. Vaninas Augen irrten über die Grabsteine einiger großer Herren des Mittelalters, die im Gefängnis nebenan gestorben waren. Ihre Steinbilder hatten grimmige Mienen. Längst hatten alle Geräusche aufgehört; Vanina war verloren in düstere Gedanken. Kurz nach dem Mitternachtsläuten glaubte sie ein leises Geräusch zu hören, wie den Flug einer Fledermaus. Sie versuchte einen Schritt und sank halb ohnmächtig an die Balustrade des Altars. Im selben Augenblick erschienen zwei Phantome in ihrer Nähe, die sie nicht hatte kommen hören. Es war der Kerkermeister mit Missirilli, den soviel Ketten belasteten, daß er wie von ihnen eingewickelt war. Der Kerkermeister öffnete eine Laterne und stellte sie so neben Vanina auf die Balustrade des Altars, daß er seinen Gefangenen deutlich sehen konnte. Dann zog er sich in den Hintergrund nahe der Tür zurück. Kaum war der Kerkermeister fort, so stürzte sich Vanina Missirilli an die Brust. Während sie die Arme um ihn schlang, fühlte sie nichts als kalte kantige Ketten. Wer hat ihm diese Ketten gegeben? dachte sie. Es machte sie nicht glücklich, ihren Geliebten zu küssen. Diesem Schmerze folgte ein zweiter stechenderer; sie glaubte einen Augenblick, Missirilli wüßte ihr Verbrechen, so eisig war sein Empfang. »Liebe Freundin,« sagte er endlich, »ich bedaure die Liebe, die Sie für mich hegen; umsonst denke ich nach, womit ich Ihr Gefühl verdient habe. Wir kehren besser, glauben Sie mir, zu christlicheren Gefühlen zurück und vergessen die Trugbilder, die uns ehedem in die Irre geführt haben; ich kann Ihnen nicht angehören. Das beständige Mißgeschick, das meine Unternehmen verfolgt hat, kommt vielleicht von dem Zustande der Todsünde, in dem ich mich beständig befunden habe. Und auch wenn man nur auf den Rat der Menschenklugheit hörte, warum wurde ich nicht in jener Unglücksnacht von Forli mit meinen Freunden verhaftet? Warum war ich im Augenblicke der Gefahr nicht auf meinem Posten? Warum hat meine Abwesenheit den grausamsten Verdacht rechtfertigen können? Ich hatte eine andre Leidenschaft als die für die Freiheit Italiens.« Vanina konnte sich nicht von ihrer Bestürzung über die Veränderung Missirillis erholen. Ohne sichtlich abgemagert zu sein, hatte er das Aussehn eines Dreißigjährigen. Vanina schrieb diese Veränderung der schlechten Behandlung, die er in der Gefangenschaft erlitten, zu und brach in Tränen aus. »Ach!« sagte sie, »die Kerkermeister hatten doch so fest versprochen, daß sie dich mit Güte behandeln würden.« In Wirklichkeit hatte die Nähe des Todes alle religiösen Grundsätze, die mit der Leidenschaft für die Freiheit Italiens vereinbar waren, im Herzen des jungen Carbonaro wieder auferweckt. Nach und nach bemerkte Vanina, daß die erstaunliche Veränderung, die sie bei ihrem Geliebten wahrnahm, rein geistig war und keineswegs die Wirkung schlechter körperlicher Behandlung. Ihr Schmerz, den sie auf dem Gipfel glaubte, wuchs nun noch mehr. Missirilli schwieg. Vanina schien nahe daran, vor Schluchzen zu ersticken. Er sagte dann, nun selbst ein wenig bewegt: »Wenn ich auf Erden etwas liebte, so wärest du es, Vanina; aber, gottlob; ich habe nur noch ein Ziel in meinem Leben; ich werde sterben im Gefängnis oder bei dem Versuch, Italien die Freiheit zu geben.« Wieder gab es ein Schweigen; Vanina konnte offenbar nicht sprechen; sie versuchte es vergeblich. Missirilli fuhr fort: »Die Pflicht ist grausam, meine Freundin; aber wenn es nicht ein wenig Mühsal gäbe, sie zu erfüllen, wo bliebe das Heldentum? Gib mir dein Wort, daß du nicht versuchen wirst, mich wiederzusehen.« Soweit es ihm die enge Kette erlaubte, bewegte er das Handgelenk ein wenig und streckte Vanina die Finger hin. »Wenn ein Mann, der Ihnen teuer war, Ihnen einen Rat geben darf, so heiraten Sie ruhig den verdienstvollen Mann, den Ihr Vater Ihnen bestimmt. Machen Sie ihm keine peinlichen Geständnisse; aber suchen Sie andrerseits auch nicht, mich wiederzusehn; wir wollen von nun an einander fremd sein. Sie haben eine beträchtliche Summe für den Dienst des Vaterlandes vorgestreckt; wird es jemals von seinen Tyrannen befreit, so wird Ihnen diese Summe getreulich aus der Staatskasse zurückgezahlt werden.« Vanina war zerschmettert. Während er zu ihr sprach, hatte Pietros Auge nur in dem Moment geleuchtet, als er das Vaterland nannte. Endlich kam der jungen Fürstin der Stolz zu Hilfe; sie hatte sich mit Diamanten und kleinen Feilen versehen. Ohne Missirilli zu antworten, reichte sie ihm diese hin. »Es ist meine Pflicht, dies anzunehmen,« sagte er, »denn ich muß versuchen zu entkommen; aber ich werde Sie nie wiedersehen, ich schwöre es angesichts Ihrer neuen Wohltaten. Leben Sie wohl, Vanina; versprechen Sie, mir niemals zu schreiben, nie zu versuchen, mich zu sehen; lassen Sie mich ganz dem Vaterlande; ich bin tot für Sie: leben Sie wohl.« »Nein,« erwiderte Vanina wütend, »ich will, daß du weißt, was ich getan habe, geleitet von der Liebe, die ich für dich fühlte.« Dann erzählte sie ihm all ihre Schritte von dem Augenblick an, als Missirilli das Schloß San Nicolo verlassen hatte, um sich dem Legaten zu stellen. Als dieser Bericht zu Ende war, sagte Vanina: »All das ist nichts: ich habe mehr getan aus Liebe zu dir.« Dann sagte sie ihm ihren Verrat. »Ungeheuer!« rief Pietro wütend, warf sich auf sie und suchte sie mit seinen Ketten zu erschlagen. Es wäre ihm gelungen, wenn nicht der Kerkermeister beim ersten Schrei herbeigeeilt wäre. Er ergriff Missirilli. »Da, Ungeheuer, ich will dir nichts schulden«, sagte Missirilli zu Vanina, warf ihr, soweit es seine Ketten erlaubten, die Feilen und Diamanten hin und entfernte sich, so rasch er nur konnte. Vanina blieb vernichtet. Sie kam nach Rom zurück; und die Zeitung meldet ihre Vermählung mit dem Fürsten Don Livio Savelli. Mina von Wangel Übertragen von Franz Blei Mina von Wangel war im Lande der Phantasie und der Philosophie, zu Königsberg, geboren. Gegen Ende des Feldzuges von 1814 verließ der preußische General Graf von Wangel plötzlich Hof und Heer. Eines Abends, es war vor Craonne in der Champagne nach einem mörderischen Kampf, in welchem die Truppen unter seinem Befehl Verrunyen besetzt hatten, befiel ihn ein Gewissenszweifel: Hat irgendein Volk das Recht, die tiefsteigne und vernünftige Norm, nach der ein andres Volk sein leibliches und geistiges Dasein regelt, zu ändern? Mit diesem Problem beschäftigt, beschloß der General, fürder nicht mehr den Degen zu ziehen, solange er dieser Frage keine Antwort gefunden. Er begab sich auf seine Güter bei Königsberg. Scharf überwacht von der Berliner Polizei, befaßte sich Graf Wangel nur noch mit seinen philosophischen Studien und seiner einzigen Tochter Mina die wenigen Jahre, die er noch zu leben hatte. Er starb noch jung und hinterließ seiner Tochter ein sehr bedeutendes Vermögen, eine schwache Mutter und die Ungnade des Hofes – was letzteres nicht wenig besagen will im dynastisch geregelten Germanien. Immerhin trug Mina gegen dies Mißgeschick den Blitzableiter eines der vornehmsten Namen Preußens. Sechzehn Jahre war sie erst alt und flößte doch schon den jungen Offizieren in der Umgebung ihres Vaters Gefühle ein, die bis zur Ehrfurcht, ja Begeisterung gingen. Die jungen Männer liebten das romantische etwas dunkle Feuer, das oft in Minas Blicken aufbrannte. Ein Jahr der Trauer war zu Ende, aber der Schmerz über den Tod des Vaters wollte nicht abnehmen. Besorgte Freunde der Frau von Wangel sprachen das Wort Schwindsucht aus. Da mußte Mina an den Hof eines regierenden Fürsten, dessen entfernte Verwandte zu sein sie die Ehre hatte. Bei der Abreise nach C., der Residenz jenes Großherzogs, hoffte Frau von Wangel, erschreckt von der seltsamen Romantik und dem tiefen Schmerz der Tochter, daß eine standesgemäße Heirat und ein wenig Liebe sie den natürlichen Anschauungen ihres Alters zurückgeben würden. – »Wie sehr wünschte ich«, sagte sie zu ihr, »dich bald hier verheiratet zu sehen!« – »Hier? In diesem undankbaren Lande, das meinen Vater für seine Wunden und zwanzig Jahre hingebenden Dienstes mit Überwachung durch die gemeinste Polizei belohnte? Nein, Mutter, lieber wechsle ich die Religion und sterbe in der Stille eines katholischen Klosters.« Mina kannte die Höfe nur aus den Romanen ihres Landsmannes August Lafontaine, die häufig die Liebesschicksale einer reichen Erbin darstellen, die der Zufall der Verführung durch einen jungen Obersten und Adjutanten des Monarchen aussetzt. Voll Abscheu war Mina gegen solche Liebe um des Geldes willen. »Was kann es«, sagte sie zu ihrer Mutter, sprach sie davon, »Gemeineres und Platteres geben, als das Leben eines solchen Paares ein Jahr nach der Hochzeit, wenn der Gatte, dank seiner Frau und ihres Geldes, Generalmajor geworden ist und die Frau Ehrendame bei der Erbprinzessin? Und was wird aus ihrem Glück, wenn sie mit ihren Ambitionen Mißerfolg haben?« Aber der Großherzog von C. dachte nicht an die Hindernisse, die ihm die Romane von August Lafontaine bereiteten; er wollte das sehr bedeutende Vermögen des Fräuleins von Wangel an seinen Hof fesseln. Noch schlimmer aber war, daß einer seiner Abjutanten anfing, Mina den Hof zu machen, vielleicht auf höheres Geheiß. Mehr bedurfte es nicht, um sie zur Flucht aus Deutschland zu bestimmen. Das Unternehmen war durchaus nicht leicht. – »Ich will dies Land verlassen,« sagte sie eines Tages zu ihrer Mutter, »ich will mein Vaterland verlassen.« »Du machst mich zittern, wenn du so redest; deine Augen erinnern mich an deinen armen Vater. Ich werde ja nichts dagegen tun, ich werde keinen Gebrauch von meiner Autorität machen, aber erwarte nicht, daß ich bei den Ministern des Großherzogs um die Erlaubnis nachsuche, die wir notwendig brauchen, um ins Ausland zu reisen.« Mina war sehr unglücklich. Die Erfolge ihrer großen blauen sanften Augen und ihrer vornehmen Gestalt nahmen rasch ab, als man am Hofe erfuhr, daß sie Gedanken hatte, die denen von Serenissimus widersprachen. So verging mehr als ein Jahr, Mina hoffte nicht mehr, die unerläßliche Erlaubnis zu erwirken; sie entwarf daher den Plan, als Mann verkleidet nach England zu gelangen, wo sie vom Verkauf ihrer Diamanten zu leben gedachte. Frau von Wangel nahm mit einigem Schrecken wahr, daß Mina seltsame Versuche anstellte, ihre Hautfarbe zu ändern. Bald danach erfuhr sie, daß ihre Tochter sich Männerkleider hatte machen lassen. Mina bemerkte, daß sie auf ihren Spazierritten immer irgendeinem Gendarmen des Großherzogs begegnete; aber bei der Phantasie, die sie von ihrem Vater hatte, machten die Schwierigkeiten, statt sie von einem Wagnis abzuhalten, ihr dies nur noch anziehender. Ohne danach zu trachten, hatte Mina der Gräfin von D... gefallen. Diese Frau, die Geliebte des Großherzogs, war so seltsam und romantisch wie nur irgend jemand. Eines Tages, als Mina mit ihr ausritt, begegneten sie einem Gendarmen, der ihnen alsbald von weitem folgte. Das belästigte sie, und sie vertraute der Gräfin ihre Fluchtpläne an. Wenige Stunden später empfing Frau von Wangel ein eigenhändiges Schreiben des Großherzogs, der ihr eine Abwesenheit von sechs Monaten gewährte, um die Bäder von Baynières aufzusuchen. Es war neun Uhr abends; um zehn Uhr waren die Damen unterwegs und hatten am nächsten Tag, ehe die Minister des Großherzogs erwachten, glücklich die Grenze überschritten. Es war zu Beginn des Winters 18.., daß Frau von Wangel und ihre Tochter in Paris eintrafen. Mina hatte große Erfolge auf den Bällen der Diplomatie. Man behauptete, die Herren der Botschaft hätten Auftrag, mit Vorsicht und Geschick zu verhindern, daß das Wangelsche Vermögen, Millionen, die Beute irgendeines französischen Abenteurers würde. In Deutschland glaubte man noch, daß die jungen Pariser von 1820 sich um Frauen kümmern. Durch alle ihre deutschen Phantastereien hindurch hatte die achtzehnjährige Mina die ersten Lichtblicke der Erkenntnis; sie merkte, daß es ihr nie gelingen würde, sich mit einer Französin zu befreunden. Sie traf bei allen auf größte Höflichkeit, aber nach sechswöchentlicher Bekanntschaft standen sie ihr ferner als am ersten Tage. Zu ihrem Kummer bemerkte Mina, daß in ihrem Wesen etwas Unhöfliches und Fremdartiges lag, das die französische Urbanität lähmte. Ungewöhnlich mischte sich in ihr tatsächliche Überlegenheit und außerordentliche Bescheidenheit. Es war ein pikanter Gegensatz, wie die Tatkraft und Schnelligkeit ihrer Entschlüsse sich hinter Zügen verbargen, denen noch die ganze Harmlosigkeit und der ganze Reiz der Kindheit eigneten, und nie wurde dieser Ausdruck durch die bedächtigeren Züge zerstört, die der Vernunft eigentümlich, und diese verständige Vernünftigkeit war ja auch nie ein bezeichnender Zug von Minas Wesen. Trotz der gesitteten Wildheit seiner Einwohner gefiel Paris Mina sehr. In der Heimat war es ihr schrecklich gewesen, daß man sie auf der Straße grüßte und ihre Kutsche kannte; in C. hatte sie in allen schlecht gekleideten Menschen, die den Hut vor ihr zogen, Spione gesehen; das Inkognito der Republik, die Paris heißt, war für dieses seltsame Geschöpf sehr verlockend. An Stelle der Annehmlichkeiten einer herzlichen Geselligkeit, die Minas ein wenig zu deutsches Herz noch vermißte, konnte man in Paris allabendlich einen Ball haben oder ein unterhaltendes Theater. Sie suchte nach dem Hause, das ihr Vater im Jahre 1814 bewohnt und von dem er ihr so oft erzählt hatte. Nachdem sie mit vieler Mühe den derzeitigen Mieter daraus entfernt hatte, richtete sie sich in dem Hause ein, und nun war Paris keine fremde Stadt mehr für sie. Fräulein von Wangel hatte ein Zuhause, dessen kleinste Räume sie, oft vom Vater beschrieben, wiedererkannte. Obwohl seine Brust Kreuze und Orden bedeckt hatten, war Graf Wangel im Tiefsten ein Philosoph gewesen, träumend wie Spinoza, sinnend wie Descartes. Mina liebte die Spekulationen der deutschen Metaphysik und den edlen Stoizismus Fichtes, etwa so wie ein empfindendes Herz die Erinnerung an eine schöne Landschaft liebt. Kants ihre unverständlichen Worte erinnerten Mina an den Tonfall, mit dem ihr Vater sie aussprach. Mußte mit solcher Empfehlung nicht jede Philosophie rührend, ja sogar verständlich sein? Mina brachte einige vortreffliche Gelehrte dazu, ihr und ihrer Mutter regelrechte Vorlesungen zu halten. Inmitten solchen Lebens, das morgens mit Studien und abends mit Gesandtschaftsbällen hinging, berührte die Liebe nie das Herz der reichen Erbin. Die Franzosen unterhielten sie, aber ließen sie kalt. – »Die Pariser sind ohne Zweifel«, sagte sie zu ihrer Mutter, die sie ihr oft rühmte, »die angenehmsten Menschen, die man treffen kann. Ich bewundere ihren glänzenden Geist, täglich überrascht und unterhält mich ihre feine Ironie aufs neue; aber finden Sie sie nicht etwas wie nachgemacht und lächerlich, sobald sie versuchen, Gefühle zu zeigen? Ist jemals ihre Erregung unbewußt?« – »Was nützt solche Kritik?« antwortete die verständige Frau von Wangel. »Wenn Frankreich dir mißfällt, so laß uns nach Königsberg zurückkehren; aber vergiß nicht, daß du neunzehn Jahre alt bist und daß ich nicht immer bei dir sein werde; denk daran, einen Beschützer zu wählen. Wenn ich sterben sollte,« fügte sie mit schwermütigem Lächeln hinzu, »würde dich der Großherzog von C. an seinen Adjutanten verheiraten.« An einem hellen Sommertag waren Frau von Wangel und ihre Tochter nach Compiègne gefahren, um sich eine Hofjagd anzusehen. Mitten im Walde erblickte Mina plötzlich die Ruinen von Pierrfonds und war erschüttert davon. Noch ganz in deutschen Anschauungen befangen, kamen ihr alle Denkmäler des »neuen Babels« trocken, ironisch, ja böse vor. Aber die Ruinen von Pierrfonds waren für sie ergreifend wie die Burgentrümmer ihrer Heimat, und Mina beschwor ihre Mutter, einige Tage in der kleinen Herberge zu Pierrfonds Aufenthalt zu nehmen. Die Damen waren da recht schlecht aufgehoben. An einem Regentage setzte sich Mina, naiv wie eine Zwölfjährige, in den Torweg des Wirtshauses und schaute in den Regen. Da fiel ihr Blick auf den Anschlag eines in der Nachbarschaft verkäuflichen Grundstückes. Und schon eine Viertelstunde später erschien sie, geführt von einer Herbergsmagd, die einen Schirm über sie hielt, beim Notar. Der war sehr erstaunt, wie dieses junge einfach gekleidete Mädchen mit ihm den Ankauf eines Grundbesitzes im Preise von mehreren hunderttausend Franken besprach und ihn bat, einen Kaufvertrag aufzusetzen und als Anzahlung einige Tausendfrankscheine der Bank von Frankreich zu quittieren. Durch einen Zufall, den seltsam zu nennen ich mich hüte, wurde Mina nur wenig betrogen. Das gekaufte Grundstück hieß Petit-Verberie und sein Verkäufer, ein Graf von Ruppert, berühmt auf allen Schlössern der Picardie, war ein großer schöner junger Mann, den man im ersten Augenblick bewunderte, aber von dem bald darauf etwas Hartes und Gewöhnliches abstieß. Der Graf tat rasch mit Frau von Wangel befreundet, die er vortrefflich unterhielt. Graf Ruppert war vielleicht unter seinen jungen Zeitgenossen der einzige, der an jene liebenswürdigen Roués erinnerte, deren verlogene Romane die Memoiren der Lauzun und Tilly erzählen. Der Graf war gerade dabei, den Rest eines großen Vermögens zu verschwenden, wobei er die Wunderlichkeiten der großen Herren unter dem fünfzehnten Ludwig nachahmte und nicht begriff, wie Paris es fertigbrachte, sich nicht ausschließlich mit seiner Person zu beschäftigen. In seinen Träumen von Berühmtheit enttäuscht, hatte er sich toll in das Geld verliebt. Antwort, die auf seine Anfrage aus Berlin eintraf, brachte seine Leidenschaft für Fräulein von Wangel auf den Höhepunkt. Und sechs Monate später sagte Mina zu ihrer Mutter: »Man muß hier erst ein Stück Land kaufen, um Freunde zu haben. Vielleicht verlieren wir einige tausend Franken, wenn wir Petit-Verberie wieder losschlagen, aber wir zählen dafür jetzt eine Menge liebenswürdiger Damen zu unsern nächsten Bekannten.« Aber so sehr Mina auch der neuen Bekannten bezaubernde Anmut bewunderte, nahm sie doch durchaus nicht das Wesen einer Französin an, sondern behielt ihre freie und natürliche deutsche Art. Frau von Cély, die vertrauteste ihrer neuen Freundinnen, sagte von Mina, sie sei wohl anders, aber nicht befremdlich, und eine reizende Grazie bewirke, daß man ihr alles verzeihe. Aus Minas Augen las man nicht ihre Millionen; sie hatte zwar nicht die soignierte Einfachheit der sehr guten Gesellschaft, aber war doch bezaubernd. In das ruhige Leben fiel ein Donnerschlag und zerstörte es: Mina verlor ihre Mutter. Sobald der Schmerz ihr Zeit ließ, dem nachzudenken, fand Mina ihre Stellung schwierig. Frau von Cély hatte sie auf ihr Schloß genommen. »Sie müssen«, sagte ihr diese Freundin, eine Frau von dreißig Jahren. »Sie müssen zurück nach Preußen, das ist der beste Ausweg. Oder Sie müssen sich hier verheiraten, sobald die Trauerzeit um ist. Inzwischen lassen Sie sich so rasch wie möglich aus Königsberg eine Gesellschaftsdame kommen, wenn möglich eine Verwandte.« Es gab einen starken Einwand. Die deutschen Mädchen, selbst die reichen, sind ja des Glaubens, man könne nur einen Mann heiraten, den man anbete. Frau von Cély nannte Mina zehn angemessene Partien, aber alle diese jungen Leute kamen Mina gewöhnlich, skeptisch, fast bösartig vor. Mina verbrachte das unglücklichste Jahr ihres Lebens; ihre Gesundheit litt, ihre Schönheit verblich. Eines Tages teilte Frau von Cély Mina mit, daß sie zum Diner eine Frau von Larçay erwarte, die reichste und liebenswürdigste Dame der Gegend. Die Eleganz ihrer Feste sei berühmt und sie verstünde es, mit liebenswürdiger von jeder Lächerlichkeit freien Art ihr beträchtliches Vermögen auszugeben. Mina aber war erstaunt, so viel Gewöhnliches und Prosaisches im Wesen der Frau von Larçay zu finden. So muß man also sein, um hier für liebenswert zu gelten und geliebt zu werden? In ihrem Schmerz – und deutschen Herzen ist Enttäuschung am Schönen ein Schmerz – achtet Mina gar nicht mehr auf Frau von Larçay und unterhielt sich aus Höflichkeit mit deren Gatten, einem einfachen Manne, dessen ganze Empfehlung darin bestand, daß er Page Napoleons zurzeit des russischen Rückzuges gewesen war und sich in diesem und den folgenden Kriegen durch eine für sein Alter ungewöhnliche Tapferkeit ausgezeichnet hatte. Er unterhielt Mina anregend und ohne Überlegung von Griechenland, wo er vor kurzem sich gegen die Türken geschlagen hatte. Seine Unterhaltung gefiel Mina. Sie hatte den Eindruck, einen guten Freund nach langer Trennung wiederzusehn. Nach dem Diner, auf einer Spazierfahrt durch den Wald von Compiègne fühlte Mina wiederholt Lust, Herrn von Larçay über die Schwierigkeiten ihrer Situation um Rat zu fragen. Das elegante Gehaben des Grafen von Ruppert, der den Wagen zu Pferd folgte, brachte die Natürlichkeit, ja Naivität Larçays noch stärker zur Geltung. Die bedeutenden Ereignisse, auf deren Höhe sein Leben in der Welt begonnen, hatten ihn das menschliche Herz wie es ist erfahren lassen und zur Bildung eines unbeugsamen, kalten, positiven, wohl kurzweiligen, aber gänzlich phantasielosen Charakters das ihre beigetragen. Aber gerade solche Menschen machen starken Eindruck auf Wesen, deren Stärke die Phantasie ist. Mina war erstaunt, einen Franzosen von solcher Einfachheit zu finden. Und abends, als die Gäste das Haus verlassen hatten, fühlte sich Mina wie von einem Freunde getrennt, seit Jahren vertraut mit allen ihren Geheimnissen. Alles erschien ihr dürftig und lästig, selbst die zärtliche Zuneigung der Frau von Cély. Hatte sie doch vor ihrem neuen Freund keinen ihrer Gedanken zu verbergen brauchen! Die ständige Angst vor der leichten Pariser Ironie hatte sie bei ihm nicht genötigt, einen Schleier über ihr unbekümmertes deutsches Empfinden zu werfen. Herr von Larçay hatte sie mit all diesen kleinen Worten und Gesten verschont, welche die elegante Welt im Verkehr mit Damen vorschreibt. Er war natürlich geblieben wie sie selber, und das machte ihn um acht oder zehn Jahre älter. Ihm gehörten eine Stunde lang Minas Gedanken, als er gegangen war. Am nächsten Tage kostete es Mina bereits Mühe, Frau von Cély zuzuhören; was sie sagte kam ihr kalt und unangenehm vor. Nicht mehr zu vergessen nötige Phantasterei war nun für Mina die Hoffnung, ein freies und aufrichtiges Herz zu finden, dem nicht jede einfachste Bemerkung Thema für den Witz wurde. Sie verträumte den Tag. Am Abend nannte Frau von Cély Herrn von Larçay und Mina erhob sich zitternd, als ob man sie gerufen hätte; tief errötend hätte sie Mühe, sich über ihre seltsame Erregung klar zu werden. In ihrer Verwirrung konnte sie vor sich selber nicht länger geheimhalten, was sie den andern verbergen mußte. Sie flüchtete auf ihr Zimmer. »Ich bin toll«, sagte sie sich. Und in diesem Augenblick begann ihr Unglück seinen Weg, setzte es seinen ersten Schritt. »Ich liebe – und liebe einen verheirateten Mann!« Dieser Vorwurf des Gewissens quälte sie die ganze lange Nacht. Herr von Larçay wollte mit seiner Frau nach den Bädern von Aix in Savoyen reisen; er hatte bei Frau von Cély eine Karte liegen lassen, auf der er den Damen einen kleinen Umweg gezeigt hatte, den er auf der Reise nach Aix nehmen wollte. Eines der Kinder der Frau von Cély fand das Kärtchen, das Mina rasch an sich nahm und damit in den Park ging. Hier studierte sie aufmerksam den Reiseweg des Freundes. Die Namen der Städtchen, durch die er kommen würde, klangen ihr schön und ungewöhnlich und sie dachte sich malerische Bilder von deren Lage aus, beneidete die glücklichen Bewohner. So stark war sie in diesen süßen Wahnsinn eingefangen, daß ihr Gewissen schwieg. Es war einige Tage darauf, daß Frau von Cély sagte, die Larçays wären nach Savoyen abgereist. Die Nachricht gab Minas Denken Richtung wie mit einem Ruck. Heftiges Verlangen zu reisen empfand sie von der Minute an. Zwei Wochen später brachte ein Genfer Mietswagen eine deutsche Dame mittleren Alters nach Aix. Diese Dame benahm sich gegen ihre Zofe so aufgebracht, daß es Frau Teineds, der Wirtin, bei der man abgestiegen war, großen Unwillen erregte. Frau Cramer, so nannte sich die deutsche Dame, ließ Frau Teined rufen. »Verschaffen Sie mir ein Mädchen aus dem Orte, das sich in Aix und der Umgebung auskennt. Mit dem schönen Fräulein da, das ich dummerweise mitgenommen habe, und die hier nichts kennt, kann ich nichts anfangen.« Kaum war sie mit der Zofe allein, sagte Mutter Teined zu ihr: »Na, Ihre Herrin scheint ja recht wütend auf Sie zu sein.« »Ach, lassen Sie sie,« sagte Aniken und hatte Tränen in den Augen, »das hat sich gerade gelohnt, mich aus Frankfurt fortzunehmen, wo meine Eltern einen schönen Laden haben. Meine Mutter läßt beim besten Schneider der Stadt arbeiten und ganz auf Pariser Art.« »Ihre Gnädige will Ihnen, wie sie mir sagte, dreihundert Franken geben, wenn Sie nach Frankfurt zurück wollen.« »Da würde ich schön empfangen werden. Nie wird meine Mutter glauben, daß Frau von Cramer mich ohne triftigen Anlaß fortgeschickt hat.« »So bleiben Sie in Aix. Ich kann gut eine Stellung für Sie finden. Ich habe nämlich ein Dienstvermittlungsbureau, und die Badegäste beziehen von mir ihre Bedienung. Es kostet Sie sechzig Franken Spesen und dann bleiben Ihnen von den dreihundert der Frau von Cramer immer noch zehn schöne Louisdor.« »Hundert Franken statt sechzig gebe ich Ihnen,« sagte Aniken, »wenn Sie mich bei einer französischen Familie unterbringen. Ich will nämlich perfekt französisch lernen und dann nach Paris in Dienst gehen. Ich kann sehr gut nähen, und als Treupfand werde ich bei meiner neuen Herrschaft zwanzig Louisdor hinterlegen, die ich aus Frankfurt mitgebracht habe.« Der Zufall begünstigte den Roman, der Fräulein von Wangel schon zwei oder dreihundert Louisdor gekostet hatte: Herr und Frau von Larçay stiegen im ›Kreuz von Savoyen‹, dem Modehotel, ab. Aber Frau von Larçay fand, daß es in dem Hotel nur Spießbürger gäbe und nahm Wohnung in einem reizenden Haus am See von Bourget. Das Badeleben war dieses Jahr recht lebhaft; eine Menge reicher Leute war da und es gab häufige Bälle, für die man sich putzte wie in Paris; und jeden Abend gab es in der Redoute große Gesellschaft. Nicht zufrieden mit den eingebornen Aixer Mädchen, die ihr nicht geschickt und sorgfältig genug waren, wies man Frau von Larçay um ein anderes Mädchen an das Bureau der Frau Teined, die zuerst ihre braven Landmädchen vorführte, bevor Aniken vorgestellt wurde, deren ernstes Aussehen Frau von Larçay gefiel; sie nahm sie in Dienst und ließ ihren Koffer holen. Sobald am selben Abend die Herrschaft zur Redoute gegangen war, hatte sich Aniken in den Park begeben, der sich zum Seeufer hinunterzog. Träumerischer Gedanken war sie voll. »Nun ist die große Tollheit gelungen. Aber was wird aus mir, wenn mich jemand erkennt? Was würde Frau von Cély sagen, die mich in Königsberg glaubt?« Der Mut, der sie aufrechterhalten hatte, solange es zu handeln galt, fing an Mina zu verlassen. Das Herz war ihr schwer, und schwer ging ihr der Atem. Reue, Furcht, Scham bedrängten sie und machten sie unglücklich. Da ging hinter den Bergen von Haute-Combe der Mond auf, und seine Scheibe spiegelte sich im See, dessen Wasser Wind aus Norden leicht bewegte. Große helle Wolken von wunderlichen Formen strichen eilend über den Himmel und kamen Mina wie gigantische Riesen vor. »Sie kommen aus meiner Heimat, wollen mich sehen, mir Mut machen für die Rolle, die ich spielen muß.« Ihr leidenschaftliches Auge folgte dem eilenden Zuge. »Schatten meiner Ahnen, erkennt mich, euer Blut! Mut habe ich wie ihr! Erschreckt nicht über mein wunderliches Magdkleid. Ich werde der Ehre Treue halten. Euer Erbe des heimlichen Feuers von Ehre und Heldentum findet nichts seiner würdig in diesem öden Zeitalter, in das das Geschick mich geworfen hat. Werdet ihr mich verachten, weil ich mir ein Schicksal schaffe aus meinem innern Glühen?« Mina war nicht mehr unglücklich. Wohlklingend schwammen Töne aus der Ferne herüber; wohl vom andern Ufer des Sees kam die Stimme, deren verhallende Melodie kaum bis zu Minas aufmerksamem Lauschen drang. Und ihre Gedanken nahmen andere Richtung. Ihr seltsames Geschick machte ihr das Herz weich. »Wozu all meine Mühe? Würde mir je Gewißheit werden, daß die himmlische und reine Seele, von der ich träumte, wirklich in der Welt lebt? Und wenn sie lebt, wird sie für mich unsichtbar bleiben. Habe ich je mit andern vor meinem Kammermädchen gesprochen? Meine Verkleidung wird nur den Erfolg haben, mich der Gesellschaft von Alfreds Bedienten auszusetzen. Er wird sich nicht herablassen, mit mir zu sprechen.« Tränen stürzten ihr aus den Augen. »Aber sehen werde ich ihn wenigstens und jeden Tag! Wenigstens sehen!« Das sagte Mina ganz laut und bekam wieder Mut. »Mehr Glück war nicht für mich bereitet ... Die arme Mutter hatte Recht, als sie mir sagte: ›was wirst du für Tollheiten anstellen, wenn du dich einmal verliebst!‹« Die singende Stimme über dem Wasser klang stärker auf, und Mina merkte, daß sie von einem Boote kam, dessen leise Bewegung sich den Wellen mitteilte, die im Monde silberten. Die Stimme sang eine süße Melodie; von Mozart könnte sie sein, dachte Mina. Und es wichen von ihr alle Vorwürfe, die sie sich machte und sie dachte nur mehr an dieses eine: das Glück, Alfred jeden Tag zu sehen. »Muß nicht jedes Geschöpf seine Bestimmung erfüllen? Trotz aller Glücksfälle von Geburt und Vermögen setzt es sich durch, dieses mein Los, das nicht ist, als Stern an einem Hofe oder auf einem Balle zu glänzen. Ich zog aller Blicke auf mich; man bewunderte mich, und mein Überdruß an all dem wurde Schwermut. Man drängte sich, mit mir zu sprechen, und ich langweilte mich. Glückliche Augenblicke gab es nur, wenn ich ungestört von Lästigen Mozartsche Musik hörte. Der Mensch will glücklich sein, das trieb mich zu dem Seltsamen, das ich tue, und das mich entehren wird. Sei es immer! Das Kloster ist letzte Zuflucht.« Vom andern Ufer herüber klang der Schlag einer Kirchenuhr. Es war Mitternacht. Mina schauerte es. Der Mond stand hinter Wolken. Sie ging ins Haus zurück. Auf der Galerie, die gegen See und Garten ging, erwartete Mina als Aniken ihre Herrschaft. »Meine Vorväter verließen ihre Burgen, um ins Heilige Land zu ziehen; verkleidet wie ich, im Kampf mit tausend Gefahren, kamen sie Jahre darauf zurück. Der Mut, der sie belebte, wirft mich in die einzigen Gefahren, die in diesem platten und gewöhnlichen Jahrhundert meinem Geschlechte zugeteilt sind. Geh ich mit Ehren daraus hervor, so mögen die großen Geister meiner Ahnen über meine Schwäche sich verwundern, aber im geheimen werden sie mir verzeihen.« Rasch vergingen die Tage und söhnten Mina mit ihrem Schicksal aus; heitern Mutes nahm sie die Pflichten ihres neuen Standes auf sich. Als ob sie eine Komödie spielte, schien es ihr oft, und lachte über sich selber, entschlüpfte ihr eine Bemerkung, die zu ihrer Rolle nicht paßte. Nach dem Frühstück pflegte die Herrschaft auszufahren. Als eines Tages der Lakai den Wagentritt herunterließ, kam Mina raschen Schrittes und wollte einsteigen; sie hatte ganz vergessen, daß sie Aniken war. »Das Mädchen ist verrückt«, sagte Frau von Larçay, und Alfred sah zum ersten Male Mina aufmerksamer an; er fand das Mädchen von vollendeter Anmut. Gedanken der Pflicht und Furcht vor Lächerlichkeit kannte Mina so wenig wie praktische Menschenklugheit. Ihre einzige Sorge war, den Verdacht der Frau von Larçay nicht zu erregen, mit der sie, kaum sechs Wochen war es her, einen ganzen Tag in einer ganz andern Rolle als ihrer jetzigen verbracht hatte. Jeden Tag stand Mina frühmorgens auf und machte die Toilette ihrer selbstgewählten Rolle mit Sorgfalt. Wie oft hatte man ihr gesagt, daß es schwer sei, ihr volles blondes Haar zu vergessen – nun hatte die Schere darin gehaust. Eine Tinktur gab ihrem hellen Teint einen dunklen Ton. Ein Abguß von Stechapfelblättern war das Wasser, in dem sie jeden Morgen ihre zarten Hände wusch, um die Haut rauh zu machen. Um ganz in ihrer Rolle zu sein, bemühte sich Mina auch um ihre Gedanken, nahm ihnen Flug und Höhe. Ganz in ihr Glück eingesponnen, hatte sie zu reden kein Verlangen. So saß sie im Zimmer der Frau von Larçay am Fenster, damit beschäftigt, die Robe für den Abend zurechtzumachen und auf Alfreds Stimme zu lauschen in wachsender Bewunderung seines Wesens. Ich erzähle von einem deutschen Mädchen und kann es deshalb sagen: Es gab Augenblicke, wo sie ganz hingerissen von Glück des Glaubens war, Alfred sei ein höheres Wesen. Der aufrichtige Eifer, mit dem Mina ihrem Dienste oblag, hatte seine natürliche Wirkung auf Frau von Larçay, die eine recht gewöhnliche Natur war; sie behandelte Mina von oben herunter wie ein armes Ding, das überglücklich sein müßte, Beschäftigung zu bekommen. »Bei dieser Frau wird alles Lebendige und Echte immer falsch am Platze sein«, sagte sich Mina und ließ ihre Absicht erraten, wieder bei Frau von Cramer in Dienst zu treten, zu deren Besuch sie fast jeden Tag um Urlaub bat. Mina hatte gefürchtet, ihre Manieren könnten Frau von Larçay auf ihr gefährliche Gedanken bringen; aber sie merkte bald mit Vergnügen, daß die neue Herrin in ihr nur ein Mädchen sah, das im Schneidern weniger geschickt war als die in Paris zurückgelassene Zofe. Herr Dubois, Alfreds Kammerdiener, war schwieriger. Der vierzigjährige, sorgfältig gekleidete Pariser hielt es für seine Pflicht, der neuen Kollegin den Hof zu machen. Aniken brachte ihn zum Erzählen und war froh, als seine einzige Leidenschaft ein Café in Paris zu entdecken, das er einmal mit seinen Ersparnissen aufmachen wollte. Mina machte daraufhin Herrn Dubois ungeniert Geldgeschenke, und alsbald bediente er sie mit ebensoviel Hochachtung wie Frau von Larçay selber. Hätte während der beiden ersten Monate, die Fräulein von Wangel in Aix verbrachte, einer sie um ihr Ziel gefragt, die Kindlichkeit ihrer Antwort würde ihn erstaunt haben und er hätte auf eine kleine Heuchelei geraten. Den angeschwärmten Mann immer sehen und hören können, war, was sie vom Leben wollte; nichts anderes begehrte sie, viel zu glücklich darin, als daß sie an die Zukunft gedacht hätte. Hätte ein nachdenklicher Freund ihr gesagt, diese Liebe könnte einmal aufhören, so rein und unschuldig zu sein, so hätte sie das eher erzürnt als erstaunt. Mina gab sich ganz der Lust hin, den Charakter ihres Angebeteten zu studieren und zu bewundern, dessen stille einfache Art im starken und beglückend empfundenen Gegensatz zu der hohen Gesellschaft stand, in welche Rang und Vermögen ihres Vaters, der Mitglied des Herrenhauses gewesen war, Mina gestellt hatten. Unter Bürgern lebend, hätte Larçays Einfachheit und Abneigung gegen alles Vornehmtun ihn diesen Bürgern als einen mittelmäßigen Menschen erscheinen lassen. Niemals suchte er etwas Witziges um des Witzes willen zu sagen, welche Eigentümlichkeit vom ersten Tage an das meiste dazu getan hatte, Minas Aufmerksamkeit zu erregen. Sie sah ja die Franzosen durch das Vorurteil ihrer Heimat, und so kam ihr französische Unterhaltung immer vor wie Suchen nach einer Pointe, nach dem Kehrreim des gerade populären Gassenhauers. Larçay war in seinem Leben mit so vielen vortrefflichen Menschen zusammengekommen, daß er aus der bloßen Erinnerung geistvoll sein konnte; aber er mied es wie eine Niedrigkeit, Dinge auch in der gewöhnlichsten Konversation zu sagen, die er nicht selber in diesem Augenblick gewissermaßen erfunden hätte; einen Scherz, ein Wort, das ebensogut auch ein anderer in der Gesellschaft sagen konnte, das sagte er nicht. Er verbilligte, was er zu sagen hatte, nicht in die kurrente Münze witziger Konversation. Jeden Abend begleitete Herr von Larçay seine Frau bis zu den Türen des Redoutensaales und kehrte dann wieder nach Hause zurück, um sich, ein leidenschaftlicher Botaniker, mit seinen Pflanzen zu beschäftigen, die er in Mappen in dem Salon untergebracht hatte, in dem Aniken arbeitete. Jeden Abend waren sie ganze Stunden allein beisammen, ohne daß von der einen oder der andern Seite ein Wort gesprochen wurde. Beide waren sie wie befangen und dennoch im Gefühle eines unbestimmten Glückes. Eine einzige kleine Aufmerksamkeit erlaubte sich Aniken, und auch diese nur, weil sie in den Pflichtenkreis ihrer Stelle gerechnet werden konnte: sie richtete die Gummilösung her, dazu dienend, die getrockneten Pflanzen ins Herbarium zu kleben. Kam Alfred einmal nicht, so beschäftigte sich Mina mit den Pflanzen, die er von seinen Ausflügen mitgebracht hatte; sie begann die Botanik zu lieben und ließ es Alfred merken, der diese botanischen Neigungen des Mädchens erst für ihn ganz bequem, dann aber bald seltsam fand. »Er liebt mich,« sagte sich Mina, »aber mein dienender Eifer hatte schlimme Wirkung auf Frau von Larçay, ich muß vorsichtig damit sein.« Eine angebliche Erkrankung der Frau von Cramer benutzte Mina, um die Erlaubnis zu bitten, ihre Abende bei der alten Herrin zu verbringen. Herr von Larçay merkte mit Erstaunen, daß sein Interesse an der Botanik abnehme; er blieb die Abende in der Redoute, wo ihn seine Frau mit der Langweile seiner Einsamkeit neckte. Larçay mußte sich gestehen, daß er an dem jungen Mädchen Gefallen gefunden hatte; seine Schüchternheit in ihrer Gegenwart verdroß ihn; und für einen Augenblick kam ihm ein Lebemannsgedanke: »Warum soll ich es nicht machen wie es jeder meiner Freunde täte? Es ist doch schließlich nur eine Kammerzofe!« An einem regnerischen Abend blieb Mina zu Hause. Larçay ließ sich nur für einen Augenblick in der Redoute sehen. Er tat überrascht über Minas Anwesenheit im Salon. Mina merkte dieses kleine falsche Spiel und es nahm ihr alles Glück, das sie sich von diesem Abend versprochen hatte. Und dies gab ihr wohl auch die echte Entrüstung, mit der sie Larçays kecken Angriff zurückwies. Sie begab sich in ihr Magdzimmer. »Ich habe mich getäuscht«, sagte sie sich. »Diese Franzosen sind alle gleich.« In dieser Nacht war sie darauf und daran, nach Paris zurückzukehren. Der verachtende Blick, mit dem sie am nächsten Tage Larçay ansah, war nicht gespielt. Larçay war geärgert. Er beachtete Mina überhaupt nicht mehr und verbrachte seine Abende in der Redoute. Ahnungslos gebrauchte er das beste Mittel. Seine Kühle ließ Mina die Rückkehr nach Paris vergessen. »Der Mensch ist mir nicht gefährlich«, sagte sie sich; und acht Tage später verzieh sie ihm in ihrem Gefühle den kleinen Rückfall in den französischen Nationalcharakter. An der Langweile unter den Damen in der Redoute merkte Larçay, daß er verliebter war als er gedacht hatte. Aber er gab nicht nach. Er ließ gern seine Augen auf Mina, sprach auch mit ihr, vermied es aber, abends mit ihr allein zu sein. Mina wurde unglücklich. Und vergaß darüber die morgendliche Sorgfalt bei ihrem Schminken und Färben. »Seltsam,« sagte sich Larçay, »Aniken wird jeden Tag schöner.« Eines Abends kam er zufällig nach Hause. Er konnte sich nicht länger beherrschen und bat Aniken um Verzeihung wegen der Leichtfertigkeit von unlängst. »Ich fühlte, daß Sie mir ein Interesse einflößten, das ich noch nie für jemanden empfunden habe, und ich bekam Angst davor. Ich wollte mich kurieren oder mich mit Ihnen überwerfen. Seitdem bin ich der unglücklichste Mensch.« »Wie Sie mich glücklich machen, Alfred!« rief Mina strahlend vor Glück. Diesen und die nächsten Abende gehörten dem Geständnis ihrer Liebe bis zur Tollheit und dem gegenseitigen Versprechen, nie die erlaubten Grenzen zu überschreiten. Larçays bedächtiges Wesen war Illusionen ganz unzugänglich. Er wußte, daß Verliebte immer besondere Vorzüge an dem geliebten Geschöpf entdecken. Die Schätze von Geist und Zartgefühl, die er bei Mina fand, überzeugten ihn, daß er wirklich und wahrhaftig verliebt war. »Kann dies nur eine Täuschung sein?« fragte er sich und verglich Minas Worte vom Abend vorher mit dem, was die Damen in der Redoute redeten. Mina wieder fühlte, daß sie nah daran gewesen war, den Geliebten zu verlieren. Was wäre aus ihr geworden, wenn er weiter seine Abende in der Redoute verbracht hätte! Sie spielte nun nicht länger mehr das Mädchen aus dem Volke; nie im Leben war sie gefallsüchtig gewesen. »Muß ich ihm sagen, wer ich bin? Er muß, so wie er ist, meine Tollheit tadeln, auch wenn sie für ihn begangen wurde. Dann muß mein Schicksal sich auch hier in Aix entscheiden. Nenne ich ihm Fräulein von Wangel, deren Landgut nur wenige Meilen weit von dem seinen, so weiß er ja, daß er mich in Paris wiedersieht. Und er muß doch durch die Gewißheit, mich nie mehr wiederzusehen, zu dem Ungewöhnlichen bestimmt werden, das zu unserm Glück notwendig ist. Wird dieser besonnene ruhige Mann sich entschließen, die Religion zu wechseln, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und als mein Mann auf meinen ostpreußischen Gütern zu leben?« Das Wort »illegitim« stellte sich nicht als unüberwindliches Hindernis vor Minas Pläne. Und da sie ohne Zögern tausendmal ihr Leben für diesen Mann geopfert hätte, glaubte sie sich mit keinem Schritt von der Sittsamkeit und Tugend zu entfernen. Frau von Larçay begann eifersüchtig auf Aniken zu werden. Die seltsame Veränderung im Gesichte des jungen Mädchens war ihr nicht entgangen, und sie schrieb sie der Koketterie zu. Erst wollte sie Aniken ohne weiteres aus dem Hause werfen, aber die Damen ihrer Bekanntschaft stellten ihr vor, daß sie einer kleinen Laune des Gatten keine solche Wichtigkeit geben dürfe; zu vermeiden wäre nur, daß Herr von Larçay das Mädchen nach Paris kommen lasse. »Seien Sie klug, und die Geschichte ist mit der Saison zu Ende.« Frau von Larçay sprach mit Frau Cramer. Und ihrem Gatten gab sie in halben Sätzen und Anspielungen zu verstehen, daß diese Aniken nichts als eine Abenteuerin sei, die wegen irgendeines straffälligen Streiches von der Wiener oder Berliner Polizei verfolgt sich in Aix verborgen halte und hier wahrscheinlich die Ankunft ihres Helfershelfers erwarte. Die Sache weiter zu untersuchen sei ja nicht ihre, der Frau von Larçay, Aufgabe, aber man müsse nach allem die Wahrscheinlichkeit eines Gerüchtes zugeben, das doch mehr als ein Gerücht sein könnte. In Alfreds Seele warfen diese Worte Verwirrung. Es stand für ihn längst außer Zweifel, daß Aniken keine Kammerzofe war, aber welchen schwerwiegenden Grund hatte sie, diese mühsame Rolle zu spielen? Es konnte nur Furcht sein. Mina erriet leicht die Ursache der Unruhe in Larçays Blick. Eines Abends war sie so unvorsichtig, ihn zu fragen; und er gestand. Mina war bestürzt. Larçay war ja der Wahrheit so nahe, daß sie zunächst große Mühe hatte, sich zu verteidigen. Jene Frau Cramer war ihrer Rolle untreu geworden und hatte erraten lassen, daß Aniken an Geld kein großes Interesse nehme. Verzweifelt über den Eindruck, den die Äußerungen jener Frau auf Larçay machten, war Mina nahe daran, zu sagen, wer sie war. Der Mann, der Aniken bis zum Wahnsinn liebte, würde auch Mina von Wangel lieben. Aber er würde ja dann sicher sein, sie in Paris zu treffen, und so könnte sie nicht das Opfer von ihm erreichen, das ihre Liebe notwendig brauchte! In solcher Qual verbrachte Mina den Tag, der ihr einen noch schwereren Abend brachte. Würde sie, mit Alfred allein, den Mut finden, der Traurigkeit in seinen Augen zu widerstehen? Würde sie es ertragen können, daß ein nur zu natürlicher Argwohn seine Liebe schwäche oder gar zerstöre? Larçai führte des Abends seine Frau in die Redoute und er kam nicht zurück. Es war Maskenball und die Straßen voll mit Neugierigen, die zu Wagen aus Chambéry, ja aus Genf gekommen waren. Der lustige Lärm in den Gassen steigerte Minas trübe Schwermut. Sie hielt es im Salon nicht mehr aus, wo sie seit Stunden vergeblich auf die Rückkehr des Geliebten gewartet hatte. Sie ging zu Frau Cramer, ihrer Gesellschaftsdame. Diese Frau bat sie sehr kühl um ihre Entlassung; sie wäre zwar arm, vermöchte aber die wenig saubere Rolle nicht weiter zu spielen, die ihr das Fräulein gegeben habe. Zu verstandesmäßigen Erwägungen war Mina unfähig; aber in außergewöhnlichen Situationen bedurfte es nur eines Wortes, daß sie klar erkannte. Sie war ganz betroffen von der Bemerkung der Frau. »Meine Verkleidung täuscht niemanden mehr«, sagte sie sich. »Ich habe meine Ehre verloren und man nimmt mich für eine Abenteurerin. Aber da ich alles für ihn verloren habe, wäre ich toll, gönnte ich mir nicht das Glück, ihn zu sehn. Ich will auf den Ball gehen.« Sie ließ sich ihren Domino kommen und legte kostbaren Schmuck an, den sie aus Paris mitgenommen hatte. Der Schmuck sollte sie unter der Menge der Masken auffallend machen; vielleicht würde Larçay sie ansprechen. Am Arm ihrer Gesellschafterin betrat Mina den Ballsaal: ihr beharrliches Schweigen auf jede Anrede der Masken erregte Neugierde. Endlich entdeckte sie Herrn von Larçay. Er kam ihr sehr niedergeschlagen vor. Mina durchschauerte ein Gefühl des Glückes. Da sagte sehr leise eine Stimme hinter ihr: »Die Liebe erkennt Fräulein Mina von Wangel in jeder Verkleidung.« Bestürzt drehte sich Mina um und erkannte den Grafen von Ruppert. Eine schlimmere Begegnung konnte es für sie nicht geben. Er redete weiter. »Ich habe Ihre in Berlin gefaßten Brillanten wiedererkannt. Ich komme aus Teplitz, Spa, Baden-Baden. Ich suchte Sie in allen Bädern Europas« – »Noch ein Wort« sagte Mina, »und Sie sehen mich nie mehr wieder. Seien Sie morgen abend um sieben gegenüber dem Hause Nummer siebenzehn rue de Chambéry.« »Wie kann ich ihn hindern, mein Geheimnis den Larçays zu verraten?« – dieser Gedanke hielt Mina die Nacht in qualvoller Unruhe. Immer wieder kam ihr der Gedanke, Pferde zu bestellen und sofort abzureisen. »Aber dann wird Alfred sein Leben lang glauben, daß diese geliebte Aniken eine dunkle Abenteurerin war auf der Flucht vor den Folgen einer schlechten Tat. Und fliehe ich, ohne diesen Herrn von Ruppert zu sprechen, so wird ihn auch die Ehre nicht hindern, zu reden. Aber was nur, was sage ich ihm, wenn ich bleibe?« Auf dem Balle scharte Frau von Larçay wie immer die ganze vornehme und geistlose Männerwelt, die ihre Langweile durch die Bäder spazieren führt, um sich. Der Domino erlaubte freiere Unterhaltung als im Salon, und so sprach man von der schönen deutschen Kammerzofe, der eine und andere sogar mit wenig delikaten Anspielungen auf eine Eifersucht der Herrin, und eine Maske riet ihr ganz ungeniert, sich doch an ihrem Gatten mit einem Liebhaber zu rächen. Das Wort wirkte Unheil in der besonnenen Frau, die solchen Ton nicht kannte. Andern Tages gab eine Spazierfahrt auf dem See Mina frei, die sich zu Frau Cramer begab, wo sie den Grafen Ruppert empfing. Er hatte sich von seinem Erstaunen noch nicht erholt. »Ein großes Mißgeschick hat meine Lage völlig verändert und bringt mich dazu, Ihre Liebe zu würdigen. Paßt es Ihnen, eine Witwe zu heiraten?« »Wie? Sie wären heimlich vermählt gewesen?« »Haben Sie das nicht daraus erkennen können, daß ich Ihre Hand ausschlug?« »Sie sind ein seltsames Geschöpf«, sagte Ruppert. Aber Mina unterbrach ihn: »Ich bin mit einem meiner unwürdigen Mann verheiratet. Aber meine protestantische Religion, die Sie annehmen zu sehen ich glücklich wäre, gestattet mir die Scheidung. Glauben Sie indessen nicht, daß ich in diesem Augenblick für irgend jemand Liebe empfinden kann und wäre es auch ein Mann, der mir die höchste Achtung und das größte Vertrauen einflößte – ich kann Ihnen nur Freundschaft anbieten. Ich liebe Frankreich und möchte in Frankreich bleiben. Ich brauche einen Beschützer. Sie haben einen Namen, besitzen Geist und alles, was Stellung in der Welt gibt. Ein großes Vermögen kann aus Ihrem Hause das erste in Paris machen. Wollen Sie mir folgen wie ein Kind? Dann, aber nur um diesen Preis, bin ich in einem Jahre die Ihre.« Während Minas langer Rede überlegte der Graf die Wirkungen eines unangenehmen Romanes auf die Welt, den Minas Vorschlag zu spielen verlangte, der aber immerhin ein bedeutendes Vermögen einbrachte und ihn mit einer im Grunde vortrefflichen Frau versorgte. Er suchte auf alle Arten tiefer in Minas Geheimnis einzudringen, die ihn lächelnd abwehrte. »Nichts kann nutzloser sein als die Mühe, die Sie sich geben, lieber Graf. Was ich Ihnen sagte, muß Ihnen genügen. Würden Sie den Mut eines Löwen und die Folgsamkeit eines Kindes aufbringen?« »Ich bin Ihr Sklave«, sagte Ruppert und küßte ihre Hand. »Ich lebe verborgen in der Nähe von Aix, aber ich höre von allem, was sich hier zuträgt. Seien Sie von heute ab in einer Woche am Seeufer gegen Mitternacht; Sie werden eine Feuerpfanne auf dem Wasser schwimmen sehen, Zeichen, daß ich am Tag darauf um neun Uhr abends hier sein werde; ich erlaube Ihnen, zu kommen. Aber nennen Sie jemandem meinen Namen, so sehen Sie mich in Ihrem Leben nicht wieder.« Während der Spazierfahrt auf dem See war des öftern von Anikens Schönheit die Rede gewesen. Frau von Larçay kam daher in einem Zustande von Gereiztheit nach Hause, der ihrem sonst so gemessenen Wesen ganz fremd war. Sie sagte Mina harte Worte, die das deutsche Mädchen um so mehr schmerzten, als sie in Alfreds Gegenwart gesprochen wurden und er sie mit keinem Wort verteidigte. Mina antwortete Frau von Larçay zum ersten Male mit einiger Schärfe, und diese glaubte den Ton sich nicht anders erklären zu können, als mit der Sicherheit eines Mädchens, das auf seine Liebe pocht und darüber ihre Stellung vergißt. Ihr Zorn kannte nun keine Grenzen mehr. Sie beschuldigte Mina, daß sie sich mit Liebhabern Rendezvous bei Frau Cramer gebe. »Hat mich dieser Schuft von Ruppert schon verraten?« fragte sich Mina. Herr von Larçay sah sie scharf an, wie um sie zu inquirieren, und die Unzartheit dieses Blickes gab Mina den Mut der Verzweiflung. »Es ist eine Lüge«, sagte sie und schwieg. Frau von Larçay jagte sie darauf aus dem Hause. Es war zwei Uhr morgens. Mina ließ sich von Dubois zu Frau Cramer begleiten. Hier schloß sie sich in ihr Zimmer ein und vergoß Tränen des Zornes in dem Gedanken, wie wenige Mittel zur Rache ihr die freiwillig gewählte Stellung ließ. »Wäre es nicht das beste, hier alles im Stich zu lassen und nach Paris zurückzukehren! Ich komme hier nicht zu Ende. Es geht über meine Kraft. Aber Larçay, er wird mich sein Leben lang verachten als Aniken, die Abenteurerin!« Mina fühlte, daß diese grausame Vorstellung sie nicht mehr verlassen würde, daß sie in Paris noch unglücklicher wäre als hier in Aix. »Frau von Larçay verbreitet Lügen über mich, Gott weiß, was in der Redoute von mir alles erzählt wird! Das Gerede wird mir Alfred rauben. Wie sollte es denn ein Franzose anfangen, nicht zu denken wie alle Welt denkt? Er konnte anhören, was mir seine Frau sagte, und hatte kein Wort des Widerspruches, kein Wort des Trostes für mich. Liebe ich ihn denn noch? Sind diese Qualen, die ich erleide, nicht die letzten Regungen dieser unseligen Liebe, die zu sterben kommt? Es ist gemein, sich nicht zu rächen.« Die Rache war Minas letzter Gedanke. Bei Tagesanbruch ließ sie Herrn von Ruppert rufen. Ihn erwartend, durchschritt sie unruhig den Garten. Eine schöne Sommersonne stieg langsam auf über freundlich-morgendlicher Natur. Der Anblick steigerte Minas Zorn. Endlich kam der Erwartete. »Er ist ein Geck,« sagte sich Mina, »man muß ihn erst eine Stunde lang schwätzen lassen.« Mina empfing Herrn von Ruppert im Salon. Ihr Blick lag auf dem Zifferblatt der Wanduhr, deren Minuten sie zählte. Der Graf war entzückt. Zum erstenmal hörte diese kleine Deutsche ihm mit der Aufmerksamkeit zu, die seine Liebenswürdigkeit verdiente. »Glauben Sie nun wenigstens an meine echten Gefühle für Sie?« fragte er nun Mina, welche gerade fünfzig Minuten gezählt hatte. »Ich glaube alles. Rächen Sie mich.« »Was habe ich zu tun?« »Sie haben Frau von Larçay zu gefallen. Sie haben ihrem Gatten die Gewißheit zu geben, daß sie ihn betrüge. Die Gewißheit ohne jeden Zweifel. Dann wird er an ihr das vergelten, was mir diese Frau angetan hat.« »Ihr kleiner Plan ist schlimm«, sagte der Graf. »Sie wollen sagen, zu schwer für Sie«, sagte Mina und lächelte ein wenig ironisch. »Schwer? Nein«, sagte Ruppert empfindlich und fügte im leichtfertigsten Ton gleich hinzu: »Ich werde diese Frau zugrunde richten. Schade, sie ist eine gute Person.« »Vergessen Sie nicht, Herr von Ruppert, daß ich Sie durchaus nicht verpflichte, Frau von Larçay wirklich zu gefallen. Was ich wünsche, ist nur der trügende Schein. Der Gatte soll nicht daran zweifeln, daß Sie gefallen.« Der Graf verabschiedete sich. Mina fühlte Erleichterung. Sich rächen ist handeln, handeln ist hoffen. »Wenn Larçay stirbt,« sagte sie sich, »würde ich sterben.« Und sie lächelte. Das Glück, das sie in diesem Augenblick empfand, schied sie für immer von der ehrbaren Tugend. Die Prüfung dieser Nacht war zu schwer für sie gewesen. Darauf war sie nicht gefaßt gewesen, in seiner Gegenwart verleumdet zu werden und ihn dieser Verleumdung Glauben schenken zu sehen. Ehrbare Tugend – das Wort wird sie künftig wohl noch aussprechen können, aber sie wird damit ein Trugbild bezeichnen. In ihrem Herzen war nichts mehr sonst als Leidenschaft der Liebe und der Rache. Sie entwarf den Plan – war er ausführbar? Das war ihr einziger Zweifel, denn sie hatte nur diese beiden Hilfsmittel, die Ergebenheit eines Gecken und ihr Geld. Würde das genügen? Da trat Herr von Lançay in ihr Zimmer. »Was wollen Sie hier?« sagte Mina kühl. »Ein Unglücklicher will mit seiner besten Freundin auf der Welt weinen.« »Ihr erstes Wort hätte sein müssen, daß Sie die gegen mich gerichteten Verleumdungen nicht glauben. Gehen Sie!« »Das muß ich erst sagen? Es gibt für mich kein Glück ohne Sie, Aniken!« Larçay hatte Tränen in der Stimme, als er das sprach. »Nennen Sie ein vernünftiges Mittel, das uns vereint, und ich bin bereit, alles zu tun. Verfügen Sie über mich wie Sie wollen. Reißen Sie mich aus dem Abgrund, in den der Zufall mich gestürzt hat. Ich sehe keinen Weg. Geben Sie mir ihn.« »Ihre Gegenwart hier macht wahr, was Frau von Larçay gesagt hat. Ich bitte, verlassen Sie mich. Ich will Sie nie mehr sehen.« Larçay ging; er sprach kein Wort mehr. »Er weiß mir nichts zu sagen!« jammerte Mina verzweifelt darüber, daß sie den Geliebten fast verachten mußte. »Er fand kein Mittel, ihr näher zu kommen! Kein Wort! Keine Geste! Er, ein Mann, ein Soldat! Und sie, ein junges Mädchen, hatte in ihrer Liebe zu ihm doch Mittel gefunden, zu ihm zu kommen, und welch schreckliches, das sie entbehren mußte, wenn man davon erführe! Und er sagt: nennen Sie ein vernünftiges Mittel. Ein vernünftiges Mittel!« Aber Mina holte aus diesen Worten wieder einen kleinen Trost: er gab ihr mit diesen Worten doch eine Vollmacht, zu handeln, wie es ihr recht dünke! Aber alsbald hatte in ihr wieder der Anwalt des Schmerzes das Wort: »Alfred hat nicht gesagt, daß er die Verleumdungen nicht glaube! Ich sehe nicht aus wie ein Kammermädchen. Er muß sich ja fragen; weshalb ich mich verkleide ... So wie er ist, muß er sich das fragen! Und ich ... ich kann ohne ihn nicht leben! »Finden Sie ein Mittel, das uns vereint, ich bin bereit, alles zu tun« – das waren seine Worte. Er ist schwach. Er belastet mich mit der Sorge für unser Glück. Ich will die Last auf mich nehmen.« Mina schritt lebhaft durch den Salon. »Dies zu wissen, ist das nächste: ob seine Leidenschaft stark genug ist, meine Abwesenheit zu ertragen, oder – ob er ein ganz verächtlicher Mensch ist. Ist er das, dann wird Mina von Wangel ihn vergessen können.« Eine Stunde später fuhr Mina in das zwei Meilen entfernte Chambéry. Herr von Larçay war nichts weniger als religiös, aber er hielt es für schlechten Ton, keine Religion zu haben. Als Frau von Cramer in Chambéry eintraf, ließ sie sich einen jungen Genfer Predigtamtskandidaten kommen, der ihr und Aniken jeden Abend die Bibel erklärte. Frau Cramer nannte Aniken von nun ab und um sie etwas für ihr früheres Aufbegehren zu entschädigen, ihre Nichte. Sie wohnte im besten Gasthof, und wie sie da ihren Tag verbrachte, konnte jedermann, den es interessierte, sehen. Da sie sich krank glaubte, ließ sie die ersten Ärzte von Chambéry kommen, die sie gut bezahlte. Auch Mina konsultierte sie gelegentlich wegen eines Hautleidens, das den schönen Farben ihres Teints gelegentlich eine leicht bräunliche Tönung gab. Die Gesellschaftsdame fand sich in ihre Situation wie in den angenommenen Namen Cramer und Minas Art; sie hielt einfach Fräulein von Wangel für nicht ganz richtig im Kopfe, welche Meinung sie enthob, sich weiter den ihren zu zerbrechen. Mina hatte die Charmettes gemietet, jenes Landhaus eine halbe Meile von Chambéry, in dem Rousseau, wie er erzählt, die glücklichsten Augenblicke seines Lebens genoß. Mina las Rousseau als ihren einzigen Trost. Seit jener letzten Unterredung vor zwei Wochen hatte sie Herrn von Larçay nicht gesehen, als sie ihm, eine Welle Glückes stieg in ihr auf, an einer Wegbiegung im Kastanienwäldchen oberhalb Charmettes plötzlich gegenüberstand. Mit einer Schüchternheit, die sie entzückte, schlug ihr vor, den Dienst bei Frau Cramer zu verlassen und eine kleine Rente von ihm anzunehmen. »Sie würden eine Kammerzofe haben, statt selber eine zu sein, und ich würde Sie immer nur in Gegenwart dieser Zofe sehen.« Aniken wies dieses Anerbieten zurück, das sich nicht mit ihren frommen Grundsätzen vertrüge. Zudem wäre Frau Cramer jetzt so nett zu ihr und schiene ihr Benehmen bei der Ankunft in Aix zu bereuen. »Ich habe die Verleumdungen, denen ich von Frau von Larçay ausgesetzt war, nicht vergessen, und sie machen es mir zur Pflicht, Sie inständig zu bitten, nicht wieder nach den Charmettes zu kommen.« Als Mina einige Tage darauf nach Aix fuhr, konnte sie mit Herrn von Ruppert zufrieden sein. Bei einer Lustpartie nach der Abtei Haute-Combe, die Frau von Larçay mit ihrer Gesellschaft unternahm, hatte der Graf es nach Minas Anweisungen vermieden, mit von der Partie zu sein. Aber er ließ sich in der Nähe der Abtei bemerken, was den Freundinnen der Frau von Larçay Gelegenheit zu allerlei Deutungen gab. So beschäftigte sie denn die ungewöhnliche Schüchternheit bei einem für seine Kühnheit bekannten Manne, und sie erklärten sich dies mit einer ungewöhnlich großen Leidenschaft für Frau von Larçay. Von Dubois, dem Kammerdiener, erfuhr Mina, daß sein Herr melancholisch sei. »Er vermißt eben eine liebenswürdige Gesellschaft,« sagte Dubois, »und dann ist da noch etwas, das man von einem so besonnenen Manne gar nicht erwartete: er ist eifersüchtig auf Herrn von Ruppert.« Die Eifersucht Larçays machte Herrn von Ruppert Spaß. »Wollen Sie mir erlauben,« sagte er zu Fräulein von Wangel, »daß ich den armen Larçay einen leidenschaftlichen Brief abfangen lasse, den ich seiner Frau schreibe? Ihr Leugnen muß sehr erheiternd sein, entschließt er sich, ihr von dem Brief zu sprechen.« »Schreiben Sie. Aber eines müssen Sie unbedingt vermeiden: ein Duell mit Larçay. Fiele er in einem Zweikampf, werde ich Sie nie heiraten.« Mina fürchtet, diese Worte zu hart gesprochen und sich damit in das Mißtrauen des Herrn von Ruppert gesetzt zu haben; aber sie überzeugte sich rasch, daß dieser Mann gar kein Gefühl dafür hatte, wie fremd er ihr war. Er entzückte sich in der Darstellung seiner Manöver bei Frau von Larçay, die ihm für seine Aufmerksamkeiten nicht ganz unempfänglich schiene und wie er sich, ihr öffentlich den Hof machend alle Mühe gebe, immer, wenn er mit ihr allein wäre, ihr die gleichgültigsten Dinge der Welt auf die langweiligste Art zu sagen. Mina blieb bei der halben Verachtung dieses Menschen nicht stehen. Sie fragte ihn ganz geschäftsmäßig kühl über eine beabsichtigte Kapitalsanlage in französischer Rente um seinen Rat und zeigte ihm die Briefe des Königsberger und Pariser Bankiers. Und sie konstatierte die Wirkung dieser Briefe, die sie wollte: ihr Anblick ließen Herrn von Ruppert ein Wort nicht aussprechen, das sie nicht hören wollte: »Ihr Interesse für Herrn von Larçay, mein Fräulein...« Graf Ruppert erging sich ausführlich über französische Renten. »Und da gibt es Leute,« sagte sich Mina, »die den Grafen für geistvoller und interessanter halten als Alfred! Es ist doch ein Volk von Chansondichtern. Mir wäre weiß Gott die Biedermannstüchtigkeit meiner guten Deutschen lieber, gäbe es da nicht die Notwendigkeit, bei Hofe zu erscheinen und den Flügeladjutanten des Großherzogs zu heiraten.« Alsbald brachte Dubois die Nachricht von einem eigenartigen Briefe des Grafen an die gnädige Frau, den Herr von Larçay abgefangen habe. Larçay habe ihn seiner Frau gezeigt, die den Brief einen schlechten Scherz nannte. Dieser Bericht machte Mina besorgt. Alle Rollen konnte dieser Herr von Ruppert spielen, nur nicht die eines sich beherrschenden Menschen. Mina lud ihn für acht Tage nach Chambéry ein; er zeigte wenig Lust zu kommen. »Ich kann mich nicht lächerlich machen. Ich schreibe einen Brief, der mich in Folgen stürzen kann; es darf also nicht so aussehen, als wollte ich mich verstecken, und das wäre der Fall, verschwände ich jetzt nach Chambéry.« »Aber verstecken, das sollen Sie sich ja gerade!« erklärte ihm Mina. »Wollen Sie mich rächen, ja oder nein? Ich will nicht, daß Frau von Larçay mir das Glück verdankt, Witwe zu werden. Verstehen Sie mich doch!« »Ich verstehe. Es wäre Ihnen lieber, daß Herr von Larçay Witwer würde, wie?« Mina vergaß sich, als sie heftig sagte: »Was kümmert Sie das?« Herr von Ruppert ging. Er erwog die geringe Wahrscheinlichkeit, die der von ihm gefürchtete Vorwurf der Feigheit hinsichtlich der Glaubhaftigkeit haben würde. Seine Eitelkeit erinnerte ihn daran, wie in der Welt bekannt sein Mut war. Ein Schritt könnte die Tollheiten seiner Jugend gut machen und ihm in einem Augenblick die große Stellung in Paris verschaffen, das war mehr wert wie ein Duell. Der erste Mensch, den Mina am Tage nach ihrer Rückkehr aus Aix in den Charmettes sah, war Herr von Ruppert, und sie atmete auf, daß er da war. Sie zitterte, als man ihr am selben Abend Herrn von Larçay meldete. »Ich will keine Entschuldigung und keinen Vorwand für mein Kommen suchen«, sagte er ganz einfach. »Ich kann eben nicht zwei Wochen leben, ohne Sie zu sehen, und gestern waren es zwei Wochen, daß ich Sie nicht gesehen habe.« Auch Mina hatte die Tage gezählt. Noch nie war sie von Larçay so bezaubert gewesen; aber sie bebte in heimlicher Angst, er könnte etwas mit Herrn von Ruppert haben. Immer wieder versuchte sie es, daß er von dem abgefangenen Brief spreche; Larçay blieb nachdenklich, aber er sprach nicht, nichts als das: »Mich plagt ein schwerer Kummer, nicht Ehrgeiz, nicht Geld, nein, und der seltsamste Effekt meines Kummers ist, daß er meine leidenschaftliche Freundschaft für Sie verdoppelt. Die Pflicht hat über mein Herz keine Macht mehr. Ich kann ohne Sie nicht mehr leben, Mina.« »Kann ich es denn ohne Sie?« sagte Mina und nahm seine Hände, die sie küßte, was ihn hinderte, ihr um den Hals zu fallen. »Schonen Sie Ihr Leben, Alfred. Ich würde Sie keine Stunde überleben.« »Sie wissen alles, Mina!« rief Larçay und tat sich Gewalt an, nicht mehr zu sagen. Einen Tag nach seiner Rückkehr von den Charmettes empfing Herr von Larçay einen anonymen Brief, in dem stand, daß während seiner Abwesenheit in Chambéry seine Frau Herrn von Ruppert bei sich empfangen habe. Das Schreiben schloß: »Heute nacht um eins soll man Herrn von R. wiedersehen. Ich weiß ganz gut, daß ein Anonysmus Ihnen kein Vertrauen einflößen kann. Handeln Sie deshalb nicht leichtsinnig. Rasen Sie erst, wenn Sie rasen müssen. Sollte ich mich und so auch Sie täuschen, so werden Sie mit einer Nacht, die Sie versteckt nah dem Schlafzimmer von Frau von Larçay zubringen, davonkommen.« Gleich darauf kam ein Wort von Aniken: »Wir sind in Aix. Frau Cramer hat sich in ihr Zimmer zurückgezogen. Ich bin allein. Kommen Sie.« »Zehn Minuten habe ich für Aniken Zeit, bevor ich mich im Garten in den Hinterhalt lege«, dachte Larçay. Er war mächtig erregt, als er bei Mina eintrat. Die beginnende Nacht trug Entscheidung für sie und ihn, – sie wußte es und hatte gegen alle Einwände ihrer Vernunft nur die eine Antwort: Tod. »Sie sind so schweigsam, Freund. Es ist Ihnen etwas Ungewöhnliches passiert. Aber da Sie es trotzdem über sich gebracht haben, zu kommen, will ich Sie die Nacht über nicht verlassen.« Zu Minas Überraschung war Larçay damit einverstanden, daß Mina ihn nicht verlasse. Nach einer Weile sagte er: »Ich muß jetzt dem törichten Beruf des Ehemannes nachgehen. Ich muß mich in meinem Garten auf die Lauer legen; das scheint mir die am wenigsten peinliche Art, aus einem Mißgeschick herauszukommen, in das mich ein anonymer Brief gestürzt hat«, und er zeigte Mina den Brief. »Welches Recht haben Sie,« fragte Mina, nachdem sie gelesen hatte, was sie wußte, »Frau von Larçay zu entehren? Sie gehen von ihr und verzichten auf das Recht, ihre Seele beschäftigt zu halten. Sie überlassen Ihre Gattin der sehr natürlichen Langeweile einer Frau von dreißig Jahren, – ist es nicht ihr Recht, jemanden zu haben, der sie zerstreut? Sie sagen mir, daß Sie mich lieben, – sind Sie nicht schuldiger als Ihre Frau? Sie waren doch der erste, der das Band zerrissen hat, und nun wollen Sie es Ihre Frau büßen lassen?« Das war zu hoch für Herrn von Larçay; er verstand nicht; aber der Ton von Minas Stimme gab ihm Kraft; ganz bezaubert, bewunderte er die Macht, die sie über ihn hatte. »Solange Sie mich gnädig empfangen werden«, sagte er nach einer Weile, »werde ich die Langweile, von der sie sprachen, nicht zulassen.« Es war ganz still im Garten und über dem See. Man hätte den Tritt einer Katze hören können. Mina stand in einer Buchenhecke hinter Larçay. Da sprang ein Mensch von einer Mauer in den Garten. Larçay wollte auf ihn zu. Aber Mina hielt ihn fest mit aller Gewalt. »Was werden Sie erfahren, wenn Sie ihn töten?« sagte sie ganz leise. »Und wenn es nur ein Dieb ist oder der Liebhaber einer Magd, welcher Ärger, ihn getötet zu haben!« Aber Larçay hatte den Grafen Ruppert erkannt und war außer sich. Mina hing sich mit aller Schwere an ihn. Der Graf schlich sich vorsichtig an eine Leiter, die gegen eine Hausmauer lag und lehnte sie an die Holzgalerie, die in acht oder zehn Fuß Höhe um den ganzen ersten Stock lief. Das Fenster von Frau von Larçays Schlafzimmer ging auf diese Galerie. Herr von Ruppert stieg durch ein offenes Fenster des Salons ins Haus. Alfred riß sich los und eilte zu einer kleinen Gartenpforte, die ins Erdgeschoß des Hauses führte. Mina folgte dicht hinter ihm. Geschickt verzögerte sie um einige Augenblicke den Moment, wo er ein Feuerzeug ergreifen und eine Kerze anzünden konnte. Es gelang ihr, ihm die Pistole zu entreißen. »Wollen Sie mit einem Schuß die Bewohner des andern Stockwerkes wecken? Das gäbe schöne Geschichten morgen früh. In meinem Augen ist die Rache lächerlich. Aber immer ist es besser, ein bösartiges Publikum erfährt Beleidigung und Rache gleichzeitig.« Alfred stieg die Treppe hinauf, Mina blieb hinter ihm. »Das wäre ein Spaß,« sagte sie flüsternd, »wenn Sie in meiner Gegenwart den Mut hätten, Ihre Frau zu mißhandeln!« Larçay stieß die Türe in den Salon auf. Er sah Herrn von Ruppert quer durch das Zimmer zum Fenster laufen, das er rasch öffnete, sich auf die Galerie und von da in den Garten schwang; er hatte sechs Schritte Vorsprung. Larçay setzte ihm nach. Aber als er an die brusthohe Mauer kam, die den Garten vom See trennt, war das Boot, in das sich Ruppert geworfen hatte, schon fünf, sechs Klafter vom Ufer. »Auf Morgen, Herr von Ruppert!« rief ihm Larçay nach. Es kam keine Antwort. Larçay stürzte zurück ins Haus. Im Salon, der an das Schlafzimmer stieß, ging Mina erregt auf und ab. Sie hielt ihn mit beiden Armen auf. »Was wollen Sie tun? Frau von Larçay umbringen? Mit welchem Recht? Ich werde es nicht dulden. Wenn Sie mir nicht den Dolch da geben, rufe ich laut, daß sie sich retten solle vor einem Rasenden! Es ist mir gleich, daß mich meine Anwesenheit hier vor Ihren Leuten kompromittiert ...« Und als sie den Eindruck dieses Wortes merkte: »Sie lieben mich, wie Sie sagen, und wollen mich entehren!« Larçay warf den Dolch hin und trat in das Zimmer seiner Frau. Man hörte lebhaftes Sprechen. Frau von Larçay hatte in ihrer völligen Unschuld geglaubt, daß es sich um einen Dieb handelte und hatte Herrn von Ruppert weder gesehen noch gehört. »Du bist ein Narr, und Gott gebe, daß du nur ein Narr bist! Du willst augenscheinlich die Trennung und du sollst sie haben. Sei wenigstens so besonnen, nichts zu reden. Morgen fahre ich nach Paris zurück und werde dort sagen, du reisest nach Italien, wozu ich keine Lust hätte.« »Um welche Zeit gedenken Sie sich morgen früh zu schlagen?« fragte Fräulein von Wangel, als Larçay in den Garten trat. »Was sagen Sie da?« erwiderte Larçay. »Es ist unnütz, sich vor mir zu verstellen, Alfred. Bevor Sie Herrn von Ruppert aufsuchen, bitte ich Sie, mir hier in das Boot zu helfen. Wenn Sie so töricht sind, sich töten zu lassen, wird der See meinem Unglück ein Ende machen.« »Dann schenken Sie mir diese Nacht das Glück, Aniken. Morgen wird dieses Herz, das nur für Sie schlägt, seit ich Sie kenne, wird diese Hand, die ich an meine Brust presse, vielleicht Kadavern angehören, die, von einer Kerze beleuchtet, in einem Küchenwinkel liegen. Diese Nacht ist vielleicht unsere letzte, Aniken – sie soll die glücklichste sein.« Mit Mühe wehrte sich Mina. »Ich werde Ihnen gehören, morgen, wenn Sie leben. Das Opfer wäre in diesem Augenblick zu groß, ich möchte Sie heute sehen wie ich Sie immer sah.« Es waren die schönsten Stunden in Minas Leben. Vielleicht war es die Aussicht auf den Tod und die Größe ihres Opfers, das sie brachte, daß sie keine Reue fühlte, als sie Larçay küßte. Es war vor Sonnenaufgang, als Alfred ihr die Hand reichte und ihr in das schlanke Boot half. »Können Sie ein größeres Glück träumen, Alfred, als das unsere jetzt?« »Du wirst meine Frau sein, Aniken. Ich verspreche Dir, zu leben. Ganz lebendig werde ich dort unten, wo das Kreuz steht, an den Strand kommen und dein Boot anrufen.« Es schlug fünf in dem Augenblick, als Mina Larçay sagen wollte, wer sie war. Die Ruderknechte warfen Netze aus, um zu fischen; Mina war darüber glücklich, denn es befreite sie ihr Tun von ihren Blicken. Als es gerade acht Uhr schlug, sah sie Larçay zum Ufer laufen. Mina ließ sich an Land setzen. Er war sehr bleich. »Er ist verwundet,« sagte Larçay, »vielleicht gefährlich.« Und, auf ihn zueilend, drängte Mina: »Nehmen Sie das Boot, mein Freund. Sie müssen fliehen. Gehn Sie nach Lyon. Ich werde Ihnen Bericht schicken.« Larçay zögerte. »Denken Sie an das Gerede der Badegäste, Alfred!« Das entschied. Larçay bestieg das Boot. Schon am andern Tage war Herr von Ruppert außer Gefahr; aber er mußte vielleicht zwei Monate das Bett hüten. Mina besuchte ihn des Nachts und war voller Güte und Freundschaft zu ihm. »Sie sind doch mein Zukünftiger«, sagte sie zu ihm mit einer Falschheit, die voller Natürlichkeit war, als sie ihn bestimmte, eine sehr bedeutende Anweisung auf ihren Frankfurter Bankier anzunehmen. »Ich muß nämlich nach Lausanne reisen, und möchte, daß Sie noch vor unserer Hochzeit Ihren Stammsitz zurückkaufen, den zu veräußern Sie Ihre Tollheiten zwangen. Wir müssen dafür ein großes Gut, das ich bei Küstrin besitze, zu Geld machen. Sobald Sie wieder aufstehen können, ist der Verkauf Ihre Aufgabe; ich schicke Ihnen von Lausanne aus die nötigen Vollmachten. Lassen Sie, wenn nötig, im Preise nach oder diskontieren Sie die Wechsel, die Sie bekommen. Sie müssen unbedingt bares Geld haben. Es schickt sich, daß Sie in unserm Ehekontrakt so reich sind wie ich.« Dem Grafen kam nicht der mindeste Verdacht, daß Mina ihn wie einen untergeordneten Agenten behandele, den man mit Geld ablohnt. In Lausanne bekam Mina mit jeder Post einen Brief von Larçay und war glücklich. Larçay gab zu, daß das Duell die Sache vereinfacht habe. »Ihre Frau hat keine Schuld,« schrieb ihm Mina; »Sie haben sie doch zuerst verlassen! Vielleicht irrte sie sich, daß sie aus der Menge charmanter Männer gerade Herrn von Ruppert wählte. Jedenfalls darf Frau von Larçays künftige Situation in geldlicher Hinsicht keine Einbuße erfahren.« Larçay setzte seiner Frau eine jährliche Rente von fünfzigtausend Franken aus, was mehr war als die Hälfte seines Einkommens. »Ich brauche ja so wenig,« schrieb er an Mina, »da ich nach Paris erst zurückkehren will, wenn diese lächerliche Geschichte vergessen ist, in ein paar Jahren.« Aber Mina war damit gar nicht einverstanden. »Bei Ihrer so späten Rückkehr nach Paris«, so schrieb sie ihm, »würden Sie nur Aufsehen erregen. Zeigen Sie sich zwei Wochen lang in aller Öffentlichkeit jetzt, wo man sich mit Ihnen beschäftigt, und nach diesen zwei Wochen ist alles vergessen. Und denken Sie daran, daß Ihre Frau ohne Schuld ist.« Einen Monat später kamen Larçay und Mina in dem entzückenden Belgirate am Lago Maggiore zusammen. Sie reiste unter einem falschen Namen. Und so toll verliebt war sie, daß sie zu Larçay sagte: »Erzählen Sie, wenn Sie wollen, der Frau Cramer, Sie seien mit mir verlobt, seien mein Zukünftiger, wie wir in Deutschland sagen.« Herr von Larçay hatte das Gefühl, als ob seinem Glücke etwas fehle, und doch war dieser September mit Mina am Lago Maggiore seligste Zeit seines Lebens. Es war während einer Ruderfahrt auf dem See, daß Larçay lachend zu Mina sagte: »Wer sind Sie eigentlich, Zauberin? Kammerzofe oder selbst etwas Besseres bei Frau Cramer – das zu glauben, können Sie mir nicht mehr zumuten.» »Ja, was könnte ich wohl sein?« scherzte Mina. »Eine Schauspielerin, die das große Los gewonnen hat und einige Jugendjahre in einer Märchenwelt verbringen will, oder ein ausgehaltenes Fräulein, das nach dem Tode ihres Liebhabers abenteuert, was meinen Sie?« »Wären Sie das, Aniken und Schlimmeres noch – erführe ich morgen den Tod meiner Frau, ich würde übermorgen um Ihre Hand anhalten.« Mina stürzte ihm an den Hals. »Erinnern Sie sich nicht bei Frau von Célj? Ich bin Mina Wangel. Wie kam es, daß Sie mich nicht erkannten?« Und lächelnd sagte sie noch: »Aber die Liebe ist ja blind!« Minas Glück war vollkommen, denn nun hatte sie ihrem Freund nichts mehr zu verbergen. In der Liebe ist der, der täuschen muß, unglücklich. Aber Fräulein von Wangel hätte besser getan, ihren Namen Herrn von Larçay nicht zu nennen. Eine leise Schwermut in seinem Wesen entging ihr nicht, und sie sah sie wachsen von Tag zu Tag und wurde unruhig. Den Winter hier zu verbringen, waren sie nach Neapel gekommen, mit einem Paß, der sie Mann und Frau nannte. Ob er vielleicht Paris entbehre? Mina bat ihn für einen Monat nach Paris zu gehen. Er versicherte ihr mit einem Schwur, daß er gar kein Verlangen danach habe. »Ich weiß, ich setze damit das Glück meines Lebens aufs Spiel,« sagte Mina eines Tages, »aber die zunehmende Schwermut, in der ich dich sehe, ist stärker als alle meine guten Vorsätze.« Larçay verstand nicht, was sie sagen wollte, aber sein Glück stand auf dem Gipfel, als Mina ihm am selben Nachmittage sagte: »Fahren wir nach Torre del Greco.« Sie glaubte den Grund von Alfreds Schwermut erkannt und beseitigt zu haben, als sie ihm ganz angehörte – war er nicht vollkommen glücklich in ihren Armen? Und selber toll vor Glück und Liebe, vergaß Mina alles. »Der Tod und tausend Tode mögen nun kommen,« dachte sie, »sie sind nicht zu teuer erkauft dafür, für das Glück, das ich erlebe seit jenem Tage des Duells.« Alle Seligkeit fühlte sie in der Hingabe und Fügung in alle Wünsche des Geliebten. Und vergaß in diesem Übermaße des Empfindens, vorsichtig den Schleier über die eigenmächtig starken Gedanken zu werfen, die das Wesentliche ihres Charakters waren. Was sie als Glück suchte und darunter verstand, mußte für einen einfachen Menschen befremdlich, ja sogar abstoßend sein. So schonend hatte sie bisher bei Larçay das, was sie französische Vorurteile nannte, behandelt, und erklärte sich, was sie an ihm nicht bewundern konnte, aus nationalen Unterschieden, nicht aus persönlichen. Aber ihre Liebe mußte begeistert bewundern! Mina bekam ein Gefühl für das Nachteilige ihrer väterlichen Erziehung, die ihr Verlust, ja Entfremdung und Widerwillen des Geliebten einbringen konnte. Selig und ganz hingegeben dachte sie oft, sehr unvorsichtig, laut vor Larçay ihre Gedanken – war er doch für sie Inbegriff und Typus alles Edlen, Schönen, Liebenswerten und Herrlichen so sehr, daß sie, auch wenn sie gewollt, es nicht vermocht hätte, Gedanken für sich allein zu haben und zu behalten. Auf der glücklichen Gipfelhöhe ihrer Liebe gab es nichts und konnte es nichts geben, das den Geliebten hätte verstimmen oder ihn ihr abwendig machen können. Es ging über ihre Kraft, ihm jene Intrige zu verbergen, welche die Ereignisse jener Nacht in Aix herbeiführte. Sie litt unsäglich darunter. Die Trunkenheit der Sinne nahm ihr immer wieder die Kraft, Larçay alles zu sagen, aber damit kehrten sich ihre seltenen Vorzüge gegen sie selbst. In der Erschöpfung nach tollster Umarmung sagte sie sich: »Ich bin närrisch, daß ich mir über ihn Gedanken mache. Ich liebe ihn eben mehr als er mich liebt, das ist alles. Kein Glück auf Erden ist ganz ohne Schatten. Und nicht zu meinem Glücke ist mein Wesen unruhiger als das seine.« Und damit meldete sich, stärker jetzt in ihrer Seligkeit als früher, das Gewissen. »Gott ist gerecht. Ich habe mir große Schuld vorzuwerfen. Die Nacht von Aix lastet auf meinem Leben.« An diesen Gedanken gewöhnte sich Mina: daß Larçay von Natur aus veranlagt wäre, »weniger leidenschaftlich« zu lieben als sie. »Und wäre er es noch weniger, so ist mein Los, ihn anzubeten. Daß er kein ehrloser Mensch ist, dies ist mein Glück: ich wäre jeden Verbrechens fähig, das er mich zu begehen hieße.« Den möglichen Gründen von Larçays schwermütiger Versonnenheit nachdenkend, riet sie auf die von ihm vielleicht entbehrten Genüsse aus Reichtum und Besitz, und gab dem eines Tages Worte, indem sie ihn bat, mit ihr nach Königsberg zu reisen. Alfred antwortete nicht. Aber öffnete die halbgeschlossenen Augen zu einem Blick auf Mina, vor dem sie sich entsetzte; denn alle Liebe war daraus verschwunden, und nur der Verdacht stellte die gefürchtete Frage. »In jener Nacht, Mina, in der ich Herrn von Ruppert bei meiner Frau überraschte – wußten Sie von den Plänen des Grafen? Waren Sie, um es in einem Wort zu sagen, im Einverständnis mit ihm?« Minas Stimme war fest und die Worte zauderten nicht, als sie antwortete: »Frau von Larçay hat nie auch nur im geringsten an den Grafen gedacht. Ich glaubte, Sie gehörten mir, weil ich Sie liebte. Die beiden anonymen Briefe habe ich geschrieben.« »Das war infam. Ich bedaure Sie.« In seiner eiskalten Stimme war nicht eine Spur von Zärtlichkeit. Larçay ging. »Großen Herzen kann solches geschehen,« sagte sich Mina, »aber sie haben ihre sichere Zuflucht.« Sie trat ans Fenster und folgte mit den Augen ihrem Geliebten, bis er um eine Straßenecke verschwand. Dann ging sie in Larçays Zimmer und schoß sich eine Pistolenkugel mitten ins Herz. War in Minas Leben eine falsche Rechnung? Acht Monate hatte ihr Glück gedauert. Diese glühende Seele konnte sich mit den Wirklichkeiten des Lebens nicht zurechtfinden. Erinnerungen eines römischen Edelmannes Übertragen von Franz Blei Ich bin in Rom geboren. Meine Eltern waren von Rang. Aber im Alter von drei Jahren wurde mir das Unglück, daß mein Vater starb. Meine Mutter, noch in jungen Jahren, ging eine zweite Ehe ein, und ein kinderloser Onkel wurde mit meiner Erziehung betraut. Mehr als gerne, begierig fast, nahm er den Antrag an, da er entschlossen war, seinen Neffen im Sinn eines treuen Klerikalen zu erziehen. Dabei für sich selber manches zu gewinnen, war seine Hoffnung. Nach dem Tode des Generals Dufaon – zu bekannt ist seine Geschichte, als daß ich mich darüber verbreiten möchte – nährte die Geistlichkeit angesichts des drohend anmarschierenden französischen Heeres die Wundermär, man sähe die Holzstatuen des Heilandes und der Jungfrau die Augen bewegen. Leichten Glaubens nahm das Volk diese Erfindung für Wahrheit. Prozessionen veranstaltete man, und die Opferstöcke in den Kirchen empfingen reichliche Gaben. Das vielberedete Wunder selber zu sehen, ging mein Onkel, seinen ganzen Hausstaat im Gefolge, in die Kirche, schwarzgekleidet wie in Trauer, ein Kruzifix in der Hand. Ich begleitete ihn mit einer brennenden Kerze. Wir gingen alle barfüßig, fest überzeugt, mit größerer Demut um so mehr Mitleid von der Jungfrau und ihrem Sohne zu erfahren und des angeschauten Wunders der aufschlagenden Augen teilhaftig zu werden. So zogen wir nach der Kirche des heiligen Marcello. Davor bewegte sich eine ungeheure Menge, die immerfort rief: Evviva Maria! Evviva Maria ed il suo divino Creatore! Vor der Kirchentür stand ein Cordon Soldaten, der nur Prozessionen hineinließ, die Menge aber auf dem Platz vor der Kirche zurückhielt. Ohne Schwierigkeiten gelangten wir in die Kirche und kamen bis zum Altargitter, wo wir uns vor den Bildnissen der Jungfrau und ihres Sohnes zu Boden warfen. Da rief das Volk: Seht nur, sie haben die Augen aufgeschlagen! Die meisten standen so, daß sie überhaupt nichts sehen konnten. Aber sie riefen vertrauensvoll mit, was die Nachbarn riefen. Und die Ungläubigen hüteten sich, ihren Unglauben zu äußern. Man hätte sie in Stücke gerissen. Meines Onkels Blick hing an den Bildnissen, als er ganz in Verzückung rief: »Ich sah es! Zweimal haben sie die Augen geöffnet und geschlossen!« Ich kleines Kind war müde vom Stehen und dem langen barfuß zurückgelegten Weg und fing zu weinen an. Daß ich schweige, gab mir mein Onkel eine Maulschelle und herrschte mich an, mich mit der Madonna und nicht mit meinen Füßen zu beschäftigen. Wir standen noch vor dem Altar, als ein Schneider namens Bacaschi mit seiner Frau und ihrem hinkenden Kinde daherkamen. Das Kind war so verkrüppelt, daß es sich kaum auf seinen Krücken schleppen konnte. Die guten Alten schoben es auf die Plattform vor dem Altar und hoben an zu rufen: Grazie! Grazie! Das taten sie so eine halbe Stunde, worauf die Mutter zu dem Kinde sagte: »Glaube nur, mein Kind! Glaube nur!« Damit übergaben sie das Kind der Vorsehung und sagten ihm noch im Fortgehen: »Nur glauben, Kind! Wirf die Krücken fort!« Das Arme tat so und fiel seiner Stützen beraubt die vier Stufen hinunter, schlug mit dem Kopf auf die Steinfliesen. Die Mutter lief zurück, als sie den Sturz hörte, und brachte ihr Kind gleich nach dem Hospital della Consolazione; zu seiner Lähme bekam das Arme so noch eine Beule. Nun verließen wir die Kirche zusamt unserer Prozession und machten uns unter den üblichen frommen Ausrufen auf den Heimweg. Zu Hause fragte ich ganz bescheiden den Onkel: »Warum hat es die Madonna denn gelitten, daß das unschuldige Kind so schrecklichen Fall tat?« Und bekam zur Antwort: »Meinst du denn, Gott und die heilige Jungfrau müssen für jedermann Wunder verrichten? Glaube das ja nicht, mein Sohn! Man muß ein reines makelloses Herz haben, um so großer Gnade teilhaftig zu werden.« Bände reichten und erschöpften den Gegenstand nicht, wollte ich mich über Wunder verbreiten. Ich will nur noch ein Beispiel erzählen. Auf der Piazza Pollarola zu Rom steht eine Statue, die Madonna del Saponaro, deren ewiges Licht nicht mit Öl, sondern mit der Milch der Jungfrau selber gespeist würde, wie man sagte. Damit das Volk den Betrug leichter glaube, war das Gefäß der Lampe mit einer weißlichen Mischung gefüllt. Priester in vollem Ornat übernahmen die ihnen vom Volk gereichten Rosenkränze und tauchten sie in die heilige Flüssigkeit. Auch unser Haus zog in Prozession zur Madonna del Saponaro, ihr zu huldigen, und wir überreichten bei dieser Gelegenheit dem Priester unsere Rosenkränze, die er nach langem Sträuben nahm. Er gab sie uns zurück, aber nicht in Milch getaucht, sondern was für Milch der Mutter Gottes geglaubt wurde, war ein fettes Öl. Es brauchte einige Zeit, bis wir unsere Rosenkränze in die Tasche stecken konnten. Im Jahr 1797 erfolgte Roms Besetzung durch die französische Armee. Die Republik wurde proklamiert und eine Nationalgarde organisiert. Mein Onkel sympathisierte aus Gefühl und Ansichten gar nicht mit dem Sieger, aber er mußte zu seinem größten Leidwesen seine Opposition verbergen und sich um eine Kapitänsstelle in der Garde bewerben. Das brachte ihn in die traurige Notwendigkeit, an den Vorbereitungen zum Verbrüderungsfest teilzunehmen und mich zu dem Umzug zu schicken, der dieser republikanischen Feier vorherging. Diese Feier fand auf dem Petersplatz statt. Ich war, wie alle andern Kinder, nach antiker Mode gekleidet, trug um das Haupt einen Kranz und eine Lorbeergirlande um den Hals. Dieser patriotische Umzug machte mir weit mehr Spaß als die Prozessionen zur Madonna, welches Vergnügen auch meine Kameraden teilten. Und unser Vergnügen war um so größer, als die Zeremonie mit einem großartigen Festessen auf dem Petersplatz abschloß. Was mein Onkel aber hinterher redete, verdarb mir viel von meinem friedlichen Genuß. Auf dem Heimweg hielt er mir fromme Predigten, um mir einen heiligen Abscheu vor diesen gotteslästerlichen Festen der Republik beizubringen, die, wie er sagte, von den Heiden übernommen seien und deren wirklicher Zweck nur wäre, Laster und Leichtsinn in der Hauptstadt der Christenheit zur Herrschaft zu bringen. Solche Feste, sagte er, sind Siegesfeiern des Teufels, und wir können nichts andres als den Himmel um Verzeihung dafür bitten, daß wir uns an dieser gottlosen Veranstaltung beteiligt haben. Besser als solche Schmach erscheine ihm der Tod, so schloß er; und daß er uns künftig nicht mehr unter den Schuldigen dulden würde, was immer man auch für Gewalt anwendete, uns dazu zu zwingen. Und er hielt sein Wort wie ein Mann. Bald aber zwang das wechselvolle Kriegsglück die Franzosen zum Rückzug und das brachte die Besorgnis meines Onkels zum Ende. Bald hatte er die süße Genugtuung, das päpstliche Regiment wiederhergestellt zu sehen. Dieser Umschwung krönte alle seine Hoffnungen. Mein Onkel ließ nun einen Lehrer kommen, der mich in den Anfangsgründen des Lateinischen unterwies, denn ich konnte keine öffentliche Schule in Rom besuchen, ohne wenigstens die Grundelemente dieser Sprache zu kennen. Meine geringen Fortschritte dankte ich wohl der Langweiligkeit von meines Lehrers Methode und der Ermüdung meines armen Schülerhirns durch Gebete und Predigten. Wehe dem, der sich Fragen erlaubt, die über das Begreifen des Lehrers hinausgehen! Denken ist ein Verbrechen und jedes Wort des Priesters ein Glaubensartikel. Nach zwei Unterrichtsjahren empfing ich die heilige Kommunion, auf die ich mich durch eine dreimonatliche Buße vorbereiten mußte. Zwei Jahre grausamster Prüfung hatte ich bei dem Lehrer verbracht und kehrte ins Haus meines Onkels und meiner Tante zurück, die mich wenig nach meinen Fortschritten im Unterricht fragten, da sie, wie sie sagten, allein um mein Seelenheil besorgt waren. Weinend umarmten sie mich und beglückwünschten mich dazu, daß ich so fromm den Weg des Glaubens betreten hätte. Aber den Weg der Wissenschaft hatte ich leider verlassen, und als ich zur Schule zurückkehrte, das Wenige vergessen, das mir meine ersten Lehrer beigebracht hatten. In der Schule bestand eine fromme Vereinigung, die sich die Bruderschaft vom Heiligen Ludwig nannte. Alle Schüler mußten an den Festtagen des Morgens eine Predigt anhören, beichten und kommunizieren; dann ging's zum Essen. Nach zwei Stunden wurden sie von einem Priester in einen Garten vor der Stadt geführt, um da Ball zu spielen, wobei jede Partei mit zehn Vaterunsern bezahlt wurde, die wir mit den Händen auf den Knien hersagten. Nach dem Spiel ging es zurück in die Stadt, wo unserer neuerlich eine Predigt wartete. Hierauf gaben uns zwei Priester die Rute der Pönitenz und die Lichter wurden ausgelöscht, damit die Frömmsten sich, ohne Scham zu empfinden, weiter geißeln lassen konnten. Ertönte der Psalm Miserere mei Domine, wurde das Geißeln allgemein und dauerte, bis der Gesang verstummte. Dann sangen die Geißler und denen, die sich entkleidet hatten, wurde soviel Zeit gelassen, ihre Nacktheit wieder zu bekleiden; dann wurden die Lichter wieder angezündet. Nach langen Gebeten wurden wir entlassen, zitternd und zerknirscht in der Furcht vor Hölle und Teufel. Diese Zeremonie wiederholte sich in jeder Woche ein- oder zweimal wohl auf Kosten unseres Geistes, aber sehr zum Nutzen unserer Seele. Daß wir etwas lernten, daran lag unsern Lehrern gar nichts, ihre Bemühung war vielmehr darauf gerichtet, uns in der Unwissenheit zu erhalten und in unserm Herzen durch die unrechte Grausamkeit der Züchtigung das Aufkeimen jeder Tugenden zu ersticken. Diese Übertreibung setzte meinem Leiden zu meinem Glücke bald ein Ende. Ich kam eines Tages zu spät zum Unterricht und konnte gegen sonstige Gewohnheit meine Aufgabe nicht hersagen; da ließ mein pedantischer Lehrer sofort den Korrektor kommen, von der Regierung damit betraut, die von den Lehrern verhängten Strafen auszuführen. Ich erhielt zwanzig Stockschläge auf die Hände, die mich schrecklich schmerzten. Nach dieser Züchtigung setzte ich mich wieder in die Schulbank, ohne Schmerz und Zorn unterdrücken zu können. Aber gerade das war das Falsche, denn der Lehrer ließ mir für meine Aufsässigkeit eine neue Züchtigung verabreichen. Aber ich weigerte mich, sie zu ertragen; mein Henker drohte mit Gewalt, wenn ich bei meinem Trotz verharrte. Da blieb mir keine andere Rettung als Flucht. In Eile raffte ich Feder, Papier, Tintenfaß, Federhalter zusammen und warf es meinem Peiniger an den Kopf. Das war mein Abschiedsgruß. Meine Mitschüler brüllten vor Lachen, setzten mir aber doch auf Befehl des Lehrers nach; ich rettete mich in eine Kirche, in Italien ein unverletzliches Asyl. Aber was sollte ich nun tun? Ich überlegte. Ließ ich meinen Onkel rufen, bin ich bald wieder in der Schule, denn er hält es mit meinen Feinden. Lieber wandte ich mich an meine Mutter, die auch sobald und höchst erschrocken herbeikam, fest überzeugt, ich hätte ein Arges verbrochen. Die Erzählung meines Erlebnisses beruhigte sie etwas. Sie brachte mich in meines Stiefvaters Haus und nach vielen Bemühungen, meine Sache zu schlichten, erreichte man bei dem Beleidigten die Verzeihung, wenn ich ihn vor aller Welt kniend darum bäte und Buße täte einen Monat lang im Kloster von San Giovanni e Paolo, so einer Art von Strafhaus, in dem sich die Gefangenen selber verköstigen müssen. Mein Onkel war über diese Abmachung sehr glücklich, in der Hoffnung auf die Klosterbrüder und deren guten Einfluß auf meinen widerspenstigen Geist. »Gott erwartet dich,« sagte er immer wieder, »ergreife seine Hand und denke, daß die Hölle offen steht, dich zu verschlingen.« Er übergab mich und etwas Geld dem Prior, wofür Messen für mich gelesen werden sollten. Dann ging er. Was ich alles von den Mönchen, die mich mit Gott versöhnen wollten, auszustehen hatte, das kann ich gar nicht aufzählen; klar bewiesen sie mir meine Verdammnis und die Unsühnbarkeit meines Verbrechens. Ich war jung und leichtgläubigen Herzens; ich glaubte ihren Worten und meine Reue war voll aufrichtiger Zerknirschung. In Demut bot ich jeden Morgen meinen entblößten Rücken den Geißelhieben und trug, damit die Sühne meinem Verbrechen entspreche, ein Rußhemd, gespickt mit kleinen Eisenspitzen. Willig unterwarf ich mich jedem Befehl; immer glaubte ich, wie die Mönche mir so sagten, der Teufel sitze mir im Nacken. So lebendig war meine Angst, daß schreckliche Träume mir den Schlaf verdarben. In der Beichte bekannte ich, von meinen Kameraden sehr schlimme Bücher geliehen zu haben. Der Prior wiederholte, ich sei verdammt und der Teufel würde mich holen mit Leib und Seele, wehrte ich dieses nicht ab durch Beten und Almosen. Ich gab her, was ich hatte, leerte in die Hand des guten Paten meine Börse, fastete und kasteite mich, um nur ja dem Teufel zu entgehen. »Siehe, mein Sohn,« sagte mein Beichtvater, »für deine vier Scudi, die du mir gabst, werde ich vier Messen für dich an einem Altar lesen, der Seiner Heiligkeit, dem Papst Pius V. geweiht ist. Aber kasteie nur auch deinen Leib.« Was ich versprach und hielt. Aber zu meinem Glück ging meine Bußzeit dem Ende zu. Den Tag vor meiner Befreiung empfing ich die Kommunion, wobei ich in Tränen zerging. Am nächsten Morgen war mein Onkel da; seine Überraschung über meine hohlen Backen verbarg er rasch, indem er sagte: »Zu deinem Heile sind deine frommen Übungen dir gewesen. Du bist nicht mehr im Stande der Todsünde, der Ausdruck deines Gesichts ist viel sanfter geworden.« Wir verließen das Kloster und fuhren in die Schule, wo ich vor aller Augen hinkniete und meinem Lehrer abbittete. Welche Gelegenheit der Lehrer gleich benützte, die Schüler zu erinnern, welche Rücksichten sie seinem Charakter und seiner Würde schuldig seien. Es wurden noch einige Formalitäten ähnlicher Art erledigt, worauf ich von meinem Onkel nach Hause gebracht wurde. Als mich da seine Frau erblickte, rief sie: »Was hat er denn angestellt, daß er so abgemagert ist?« – »Seine Sünden hat er gebüßt«, sagte der Onkel, der mich gerne wieder in die Schule geschickt hätte, was ich aber nicht wollte. Und da ich in meiner Weigerung standhaft blieb, entschloß er sich, mich zu dem Advokaten Burner zu geben, der die päpstliche Breves für Spanien ausfertigt. Dieser Burner war seit zwei Jahren von der Gicht ans Haus gebunden; seine Arbeit bestand darin, daß er einige Schriftstücke unterfertigte, die ein paar Greise für ihn schrieben. Als ich bei ihm in den Unterricht eintrat, lebte er mit einer Dienstmagd. Meine alte Tante leistete ihm oft Gesellschaft und abends, wenn ich meine Arbeiten gemacht hatte, gingen wir zusammen nach Hause. Der arme Burner, von seinen Schmerzen ans Bett gezwungen, lästerte Gott und fluchte allen Heiligen. Wenn es eine gerechte Vorsehung gebe, sagte er, dann wäre Leid und Freud gleichmäßig verteilt. Meine darob entsetzte fromme Tante machte ihm eines Tages Vorwürfe, aber die frommen Reden nahm er sehr übel auf, und auf dem Heimweg bekam ich es von der Frommen verboten, weiter den Kranken zu besuchen. »Mein Gewissen«, sagte sie, »duldet nicht, seine Lästerungen anzuhören, und wenn ich ihn nicht mehr besuche, mußt du tun wie ich; vom Unterricht eines Gottlosen kannst du nichts lernen.« Ich sagte darauf nur, daß ich keine Angst davor habe. Hätte mein Onkel davon erfahren und mir den Unterricht bei dem Advokaten verboten, wäre mir das sehr leid gewesen, denn der Ungläubige klärte mich über manches auf, wovon ich durch die Vorsicht meiner früheren Lehrer nichts wußte; auch vortreffliche Bücher lieh er mir, deren Lektüre mich begeisterte, wenn ich auch nicht wußte, wie die Lehren der Priester und die Sätze des Advokaten zu vereinen seien, deren gute Argumente mir immer mehr einleuchteten. Inzwischen hatte sich auch meine Tante wieder zu Besuchen eingefunden, und als eines Tages Burner einen schweren Gichtanfall hatte, beschwor sie ihn, seine Schmerzen doch um Gottes willen zu ertragen, was der Kranke mit so starken Schmähungen zurückwies, daß die gute Tante ohne Hut und Schal davonlief. Zwanzigmal schlug sie wohl das Kreuz und tat den Schwur, keinen Fuß mehr in das verdammte Haus zu setzen. Burner erzählte mir des Abends lachend den Vorfall, von dem die Tante zu mir mit keinem Wort Erwähnung tat. Sonntags darauf ging sie zur Beichte, und ihr Seelsorger, ein Dominikaner vom Inquisitionstribunal, verweigerte ihr die Absolution, wenn sie den Gotteslästerer nicht zuvor anzeige. Und dies tat sie auch Tages darauf beim Heiligen Offizium, kehrte zurück zu ihrem Beichtvater, der ihr nun zum Lohn für ihren Gehorsam die Absolution gab. Vierzehn Tage darauf wurde ich vor das Tribunal der Inquisition geladen und war höchst entsetzt darüber, denn ich fürchtete die Denunziation eines falschen Freundes als Leser verbotener Bücher. Ich sagte meinem Onkel kein Wort von der Ladung und daß ich in größter Unruhe war, wird man aus meiner Lage begreifen und daraus, daß das Ganze wohl geeignet war, einen jungen Menschen zu verwirren, der ohne Erfahrung fremd den Ränken der Welt gegenüberstand. Am ersteren Tage ließ man mich im Vorzimmer des Tribunals eine Stunde klopfenden Herzens warten, bis man mich endlich in einen schwarz ausgeschlagenen Saal führte; vor einem mit schwarzem Tuch bedeckten Tisch saßen drei Dominikanermönche, welcher Anblick mein Entsetzen noch steigerte. Glücklicherweise machte mir der Sekretär der drei Inquisitoren, ein mir bekannter freundlicher Abbate, heimlich ein Zeichen, was mich etwas beruhigte. So daß ich, noch ehe das Verhör begann, Zeit zu einiger Fassung hatte. Über den Inquisitoren hing ein großes Kruzifix; ein kleineres stand auf dem Tische neben einem aufgeschlagenen Buch, dem Neuen Testament. Der erste Mönch fragte mich nach Namen und Taufnamen und ob ich schon einmal vor dem Heiligen Offizium gestanden habe, was ich verneinte. – »Kennen Sie den Advokaten Burner?« – »Ja.« – »Haben Sie ihn zuweilen Gott lästern hören?« Darauf antwortete ich, daß er große leibliche Schmerzen zu erdulden hätte und daß ich zu ihm ginge, um bei ihm zu arbeiten, nicht aber um zu hören, was er mir etwa erzähle. Der Inquisitor sah mich schief an und drohte, mich schwer zu züchtigen, wenn ich nicht alles, was ich wüßte, gestände. Im Namen der Dreifaltigkeit und der Heiligen Schrift soll ich ohne Umschweife alle Lästerungen sagen, die der Advokat vor mir ausgestoßen habe, und er fügte noch hinzu: »Haben Sie keine Unterhaltungen mit dem Advokaten geführt?« – »Nie.« – »Ich rate Ihnen, die Gesellschaft dieses Gottlosen zu meiden; seine Seele ist den Qualen der Hölle überliefert; wir werden alles tun, daß er vor Gott Gnade finde, aber wir hoffen auf keinen Erfolg. Bevor wir Sie entlassen, schwören Sie auf dieses Kruzifix, niemandem zu sagen, daß Sie vor das Tribunal geladen waren, noch weshalb es geschah.« Ich beschwor, was man von mir verlangte, und wurde mit den üblichen Formalitäten entlassen. Im Vorraum sah ich die beiden Greise, deren Schriftsätze der Advokat unterzeichnete; die Unglücklichen zitterten am ganzen Leibe. Ihre Unschuld beteuernd, nie im Leben hätten sie mit der Inquisition zu tun gehabt. Ich nahm ihnen die Angst, indem ich ihnen sagte, weshalb sie vorgeladen seien. Zu Hause erzählte ich alles meinem Onkel, der seiner Frau die stärksten Vorwürfe wegen ihres Geschwätzes machte. Zu ihrer Rechtfertigung berief sie sich auf den Befehl ihres Beichtvaters, dem sie hätte folgen müssen, ihres Seelenheils wegen. Am gleichen Abend besuchte ich wie gewöhnlich den Advokaten. Er war in heller Wut, und um den Anlaß gefragt, sagte er: »Ich habe zum Lachen wahrhaft keinen Anlaß, denn man hat mich bei der Inquisition denunziert. Aber was will man denn von einem armen Gichtkranken? Ich erwarte das Tribunal in meinem Bett.« Bald darauf erschien ein Inquisitor und ein vier Stunden währendes Verhör begann. Aber alle Listen des Mönches wurden an der Kaltblütigkeit des Angeklagten zunichte. Seitdem war ein Monat vergangen, als der Advokat den Besuch des Großinquisitors bekam. Der hatte aber nicht besseres Glück als sein Stellvertreter und verließ mit der Drohung den Kranken, ihn aus dem Bette ins Gefängnis schleppen zu lassen. Nachdem er fort war, sagte der Advokat zu mir: »Was will man denn von mir? Ich bin in der Theologie besser beschlagen als irgendeiner von ihnen; sie können mich in Ketten legen, foltern, gut, aber nie werden sie mich zwingen, mein Gewissen zu verleugnen.« Ergriff meine Hand. »Mein junger Freund, die Inquisition ist gut fürs Volk, aber bei den Gebildeten vermag sie gar nichts, da versagt ihre Logik vollkommen.« Zwei Monate später wurde ein Haftbefehl gegen Burner erlassen, aber dessen Ausführung mußte verschoben werden, denn der Advokat war schwer krank – wenige Tage darauf starb er eines unbußfertigen Todes. Die Franzosen hatten anno 1807 kaum die alte Hauptstadt der Welt besetzt, und schon ließ sich die römische Jugend von Napoleons schönen Versprechungen täuschen – ich in der Genarrten erster Reihe, denn mein Wille dazu war groß, aber anfangs vergeblich, denn ich stand ja unter der Vormundschaft meines ganz päpstlich gesinnten Onkels, der mich nicht aus den Augen ließ. Als er aber eine kleine Geschäftsreise machen mußte, blieb ich allein in Rom mit seinem Verbot, nie das Haus zu verlassen und niemanden sonst zu sehen als einen alten mir zum Mentor bestellten Priester, und mich vor allem nie mit Politik zu beschäftigen, als welche die unerschöpfliche Quelle aller Sorge und alles Verdrusses sei. Ich versprach ohne Nachdenken, was er verlangte, aber kaum war er ein paar Meilen Weges von Rom fern, erkundigte ich mich schon bei Freunden nach dem Stand der politischen Angelegenheiten. Einige meiner Freunde waren in die neuen Regimenter, andere in gute Verwaltungsstellen eingetreten, und alle redeten mir lebhaft zu, meinen Onkel doch zu verlassen und Soldat zu werden, da ich leicht ein Patent als Unterleutnant bekommen könnte. In meinen Eindrücken spielte der Bannfluch eine Rolle, mit denen der Papst alle träfe, welche in die Dienste der Republik träten. Darauf aber hatten meine Freunde nur ein Lachen. – »Dein Onkel hat dich in Unwissenheit erzogen und deine Lehrer haben sein Werk vollendet. Komm zu uns, und du wirst bald merken, was der Bannfluch wert ist.« Mein Widerstand gegen ihren Rat war schwächer als mein Wunsch, mich an der Spitze einer Kompanie zu sehen; überzeugt, mein Onkel würde beim Anblick meiner Epauletten weich werden, und wissend, daß er erst in zwei Tagen rückkehrte, faßte ich meinen Entschluß: ich kaufte mir eine Uniform, und meine Freunde verschafften mir beim General Miollis, dem Gouverneur von Rom, ein Offizierspatent. Stolz auf meine Uniform, schien mir nichts dringlicher, als mich, eitel wie ein Parvenü, überall darin zu zeigen, wenn auch mit einiger Reserve, denn ich war im Genuß meiner erst eintägigen Freiheit noch ein Neuling. Andern Tages meldete ich mich beim General, um ihm für die erwiesene Gunst zu danken und dem Kaiser den Treueid zu schwören. Der General empfing mich mit Herzlichkeit und sagte, die französische Regierung werde den Eifer jener, die als erste zu ihren Fahnen geeilt seien, gebührend zu schätzen wissen. Damit entließ er mich zu Cesare Marucchi, dem Bataillonskommandanten der ersten Legion, der mir gleich meinen Dienst anwies. Mein Onkel, der von meinem Tun erfahren hatte, erledigte in größter Eile seine Geschäfte und kam nach Rom zurück. Seinen Zorn zu schildern, vermöchte ich nicht; er erklärte mir, ich müsse sofort sein Haus verlassen, unter dessen Dach er einen Rebellen und Exkommunizierten nie dulden könne. Ich versuchte, ihn zu beruhigen, indem ich ihm die Motive meines Schrittes auseinandersetzte und ihm erklärte, daß man auch als Soldat des Kaisers ein guter Katholik sein könne; aber es war vergeblich, was ich sagte. – »Nein! Zweien Herren kann man nicht dienen! Noch hast du Zeit, deine verbrecherische Verpflichtung zu lösen und auf deinen Plan zu verzichten. Vor den Verfolgungen dich zu schützen, gehe aufs Land.« Aber ich ließ mich nicht einschüchtern. Ich hatte die Welt und deren Genüsse bereits kennengelernt, und die kurze Zeit genügte, mich von meinem Tun nicht abbringen zu lassen. Gewalt anzuwenden, das traute sich mein Onkel nicht, aus Furcht, sich der französischen Regierung verdächtig zu machen; er lenkte also ein und erbot sich sogar zu einer monatlichen Zulage von zwei Skudi, unter der Bedingung, außerhalb seines Hauses Quartier zu nehmen; was ich auch am folgenden Tage tat. Die Franzosen taten nach ihrem Einrücken in Rom was sie wollten, unbekümmert um die Protestschreiben, die der Staatssekretär des Papstes gegen solchen Mißbrauch der Gewalt erließ. Der französische Generalgouverneur machte Ausflüchte in seinen Antworten und tat weiter alles, was er seinen Zwecken für dienlich fand. So bemächtigte er sich einer großen Zahl von Klöstern, die er in Kasernen umwandelte. Um die Verwahrung, die gegen solche Verletzung der Menschenrechte die päpstliche Regierung einlegte, kümmerte sich der General Miollis gar nicht. Darum faßte der Papst den Entschluß, alle jene zu exkommunizieren, die mit den Franzosen gemeinsame Sache machten; des Nachts wurden die Bannbullen in Rom und dem ganzen Kirchenstaat an die üblichen Stellen angeschlagen. Darauf antwortete der General mit einer Gegendemonstration: er ersetzte die Schweizer, die den Palazzo von Monte Cavallo bewachten, mit Franzosen, die jedermann den Eintritt verboten. Der Papst sah sich solcherart gefangen; er ließ die Tore des Palastes schließen und verzichtete auf jede Verbindung mit der Außenwelt. Fest überzeugt, daß die Franzosen sich mit der Absicht trügen, ihn zu entführen, ließ er seinen großen Ornat bereitlegen für den Fall, daß man verwegen in sein Haus eindringe, und war entschlossen, gegen jeden das Todesurteil auszusprechen, der die ruchlose Hand an seine Person lege. Als das Volk von der Absicht der Franzosen erfuhr, kam es in Aufruhr, und der General hielt es trotz seiner großen Menge Soldaten für besser, die Entfernung des Papstes aus Rom ganz im Geheimen durchzuführen. Er ging dabei mit größter Vorsicht zu Werke, um das Gelingen seines Vorhabens zu sichern, das große Schwierigkeiten bot bei einem Volke, das nichts sonst als die Religion kennt und das im Papst nicht nur den Herrscher, sondern Gott selber auf Erden verehrt. Drei Tage vor der Katastrophe erschienen angesehene Männer aus Trastevere, den Manti, Santa Maria del Pogrolo, dem Borgo an den Toren von Monte Cavallo, sie müßten Seiner Heiligkeit einen Stör von ungeheurer Größe und im Gewicht von dreihundert römischen Pfunden verehren. Trotz des noch geltenden Befehles, niemanden durchzulassen, ließ die französische Wache doch passieren, in der Furcht, das Mißtrauen und die Erregung des Volkes zu vermehren, wenn sie sich an den Befehl hielte. Die Deputation mit dem Riesenfisch wurde vor den Papst gelassen. Dieser nahm die Huldigung entgegen, den Männern dankend für solchen Beweis ihrer Anhänglichkeit an den angestammten, von den Feinden der Kirche bedrohten Herrscher. Hierauf nahm einer aus der Deputation das Wort, um den Papst vom wahren Zweck der Absendung in Kenntnis zu setzen. »In diesen schweren Zeiten haben wir zur List unsere Zuflucht genommen, die Wachsamkeit der Kerkermeister Seiner Heiligkeit zu hintergehen. Zwanzigtausend Männer stehen für Eure Befreiung in Waffen und sind bereit, Euch aus den Händen Eurer Feinde zu befreien. Zählen Sie auf ihre Treue. Und sollten sie auch den letzten Blutstropfen für Eure Heiligkeit hingeben, so werden sie glücklich sein, als Märtyrer zu sterben.« Der Papst, der wahren Pläne Frankreichs nicht sicher und die Gefahr nicht ahnend, begnügte sich damit, der Abgesandtschaft nur wiederholt zu danken. »Noch,« sagte er, »ist die Zeit zum Handeln nicht gekommen. Bedarf ich eurer Dienste, werde ich es euch wissen lassen. Bis dahin haltet euch ruhig. Ich verlasse euch nicht. Niemand wird es wagen, sich an meiner Person zu vergreifen.« Er gab danach den Segen, empfing den Pantoffelkuß und entließ die Absendung. Der Gouverneur Miollis sah die Gärung im Volke mit Besorgnis, und um den Widerstand, bevor er wüchse, zu brechen, beschloß er, die Entführung des Papstes zu beschleunigen; mit der schwierigen Mission betraute er den Kommandanten der Gendarmerie, General Radet. Der Handstreich sollte des Nachts vor sich gehen; er verordnete daher alle Polizeikommissare auf ihre Posten, stellte hundert Polizeiagenten für die Nacht unter Waffen, ebenso fünfzig Gendarmen und hundert Nationalgardisten, die mit Leitern am Fuß der päpstlichen Gärten bereitstehen sollten. Der den Soldaten verlesene Tagesbefehl des Generals verhing über jeden die Todesstrafe, der im Innern des Palastes die geringste Ausschreitung beginge. Um Mitternacht erschien der General Radet in Begleitung des Gendarmeriewachtmeisters Boutru; beide waren in Zivil. Die Gärten sollten nach folgendem Plane erstiegen werden: zuerst die Polizeileute, dann die Nationalgardisten und zum Schluß der General mit einigen Gendarmen. Ein Nationalgardist namens Mazzolini, ein glühender Patriot, wollte der Ehre teilhaftig werden, als Erster die Leiter zu besteigen, welcher Ehrgeiz ihm teuer kam, denn er stürzte und brach ein Bein. Der Sturz kühlte den Eifer seiner Kameraden ein bißchen ab; sie sahen in dem Unfall ein Gottesgericht. Die Polizisten, einfache, zwangsweise gepreßte Leute, weigerten sich, die Leitern hinaufzusteigen. Der General wandte sich an die Gendarmen: »Zeigt ihr Tapfern, ob es ein Gottesgericht oder ein bloßer Zufall war! Vorwärts!« Die Gendarmen erstiegen sofort die Mauer; die Gardisten mit dem General folgten und zum Schluß kletterten auch die Polizisten hinauf. Als Führer wählte der General einen Mann, dem die Gänge des Erdgeschosses, die aus den Gärten in das Innere des Palastes führen, bekannt waren. Pistolen in beiden Händen, durchschritten sie die Gänge und stießen an deren Enden auf einen Mitverschworenen, der ihnen die Tür öffnete, durch die sie in den großen Hof gelangten. Hier sammelte der General seine kleine Schar und befahl ihr, die Schweizergarde zu entwaffnen; dazu genügten fünfzehn Mann. Der Anfang war also gemacht; die Gendarmen kamen auf den Hof zurück und gaben dem General die Versicherung, die Schweizer würden keinen Widerstand leisten. Der General befahl seinen Leuten größte Stille und ließ sich von dem Führer und in Begleitung des Wachtmeisters zum päpstlichen Schlafgemach führen. Ohne geringsten Widerstand zu finden, kamen sie vor die Tür. Der General klopfte zweimal. Da fragte der Papst: »Wer ist da?« »Der General Radet, im Auftrage des Kaisers Napoleon.« Da öffnete der Papst die Türe. Er war angekleidet; er hatte sich, wie man annimmt, gar nicht zu Bett gelegt; ja einige behaupten, er habe den Besuch erwartet. Sei dem wie immer, Seine Heiligkeit ließ den General und dessen Begleiter eintreten. Der General grüßte mit militärischem Respekt und sagte dann: »Eure Heiligkeit haben fünf Minuten Zeit, sich zu entscheiden, entweder diesen Vertrag hier zu unterschreiben« – er enthielt den Treueschwur an den Kaiser, Anerkennung des Code und einiges von minderer Wichtigkeit – »oder sofort abzureisen«. Der Papst las fünf Minuten lang und stehend den, Vertrag, wobei er seine Tabatière in den Händen drehte. Der Wachtmeister war frech genug, ihn um eine Prise zu bitten. Der Papst bot ihm lächelnd die Dose. »Famoser Tabak«, sagte der Gendarm, nachdem er geschnupft hatte. Ohne ein Wort forderte ihn der Papst mit einer Geste auf, sich ein Paket von dem Tabak zu nehmen, das auf dem Tisch lag. Die fünf Minuten waren abgelaufen. Der General fragte, welchen Entschluß Seine Heiligkeit gefaßt habe. »Abzureisen,« antwortete der Papst, »ich wünsche nur, meinen Staatssekretär und einen Kammerherrn mitzunehmen.« Der General erlaubte dies und das Nötige wurde angeordnet. Das Hauptportal des Palastes ging auf, um zwei mit Postpferden bespannte Reisewagen durchzulassen, die sechs Gendarmen mit blankem Säbel eskortierten. Nun erschien der Kardinal Consalvi und protestierte mit großer Würde gegen dieses Vorgehen; er verlangte einen Aufschub der Reise, um nötige Vorbereitungen treffen zu können. Worauf aber der General lustig antwortete, die Zeit des Redens und Beredens sei vorüber und es müsse aufgebrochen werden. Die Wagen standen am Fuß der Treppe bereit; der Papst äußerte, bevor er seinen Wagen bestieg, den Wunsch, seinen Staatssekretär bei sich zu haben, was ihm aber verweigert wurde; der Kardinal Consalvi und der Kammerherr wurden in den zweiten Wagen untergebracht; hinter diesem ritt der Wachtmeister, hinter dem Wagen des Papstes der General. Solcherweise verließ man den Palast und fuhr durch die Stadt, ohne daß der geringste Verdacht laut wurde. Nachdem der Papst fort war, gab ein Offizier allen Garden im Palast Befehl, diesen sofort zu verlassen; jeder kehrte ohne weiteres in sein Quartier zurück. Die Leitern hatte man ganz vergessen, so daß am Morgen das Volk sie sah; wodurch das Gerücht entstand, der Papst sei auf Leitern entführt worden. Jenem Sturz des guten Mazzolini gaben die Priester eine fromme Ausdeutung, indem sie sagten, der Papst, der alle seine Entführer hätte mit dem Tode bestrafen können, habe sich mit diesem einen Manne begnügt, um die andern nachdenklich zu machen. Fabeln solcher Art verbreiteten sich in großer Menge, vom leichtgläubigen Volke leidenschaftlich aufgenommen und weitererzählt. Der Gouverneur bezog den päpstlichen Palast und schickte einen nach dem andern alle Kardinäle fort, die dem Kaiser den Treueschwur verweigerten. Eines Zwischenfalles muß hier Erwähnung geschehen, der den Erfolg des Anschlages fast zunichte gemacht hätte. In Monteresi, fünfundzwanzig Miglien von Rom, wurden gerade die vom General Radet befohlenen Relaispferde vorgespannt, als der Papst, einen der Wagenschläge öffnend, vom Postillon, der bis Bracciano gefahren war, erkannt wurde. Er stürzte sofort auf die Knie und rief: »Euren Segen, Heiliger Vater! Es trifft mich keine Schuld, ich wußte nicht, wen ich führe und wäre lieber tot als Mithelfer an Eurer Entführung.« Die Postillone, die gerade aufsitzen wollten, weigerten sich, abzufahren. Volk kam herzu und schrie: »Euren Segen, Heiliger Vater! Wir werden Euch befreien!« Der General sah Gefahr um sein Leben; er befahl den eskortierenden Gendarmen, die Postillone abzulösen, zweien die Vorspannpferde zu besteigen und Galopp einzuschlagen. Er selber schlug seine Pistolen an, erklärte jeden niederzuschießen, der den Wagen anzuhalten versuchte. So rettete er sich aus der gefährlichen Situation. Es ging ohne Aufenthalt bis Poggibonsi im Toskanischen, wo nur ein paar Stunden gerastet wurde; dann ging es weiter. Als ich später durch den Ort kam, erzählte mir die Wirtin der Herberge, in der der Papst gerastet hatte, das Folgende: Seiner Heiligkeit war ein Westenknopf abgesprungen, und der Papst rief in Abwesenheit seines Kammerherrn die Wirtin, daß sie den Schaden ausbessere, und die beeilte sich, den Wunsch zu erfüllen. Der Papst hatte kein Geld, um den kleinen Dienst zu belohnen, und wandte sich darum an den General Radet, der ihm sofort seine gefüllte Börse reichte. Der Papst entnahm ihr vier Louisdors und gab sie der Wirtin. Kaum hatte der Papst Rom verlassen, nahmen die Dinge hier eine überraschende Wendung. Die geschleuderten Bannflüche waren rasch vergessen, und alles drängte sich in die Dienste der französischen Regierung. Immerhin zogen einige wenige eifrige Papisten den Vorteilen der Unterwerfung die Treue gegen ihre Grundsätze vor, und zu diesen gehörte auch mein Onkel; er opferte ein einträgliches Amt der Furcht vor der Kirche. Ich teilte seine frommen Bedenken nicht, und ging nach Foligno, etwa hundert Miglien von Rom, um hier im Auftrage der französischen Regierung die Verwaltung der Nationalgüter zu übernehmen. Auf mein Leutnantspatent tat ich Verzicht. Vor der Abreise nahm ich Abschied von Onkel und Mutter, denen ich den Zweck meiner Abreise mitteilte. Der Gatte meiner Mutter war der Anschauung meines Onkels und brachte ihr Opfer wie er. Mein Empfang war daher recht kühl, und ich bekam versichert, daß ich wie alle Anhänger des Kaisers sehr bald Grund zu Tränen haben würde. Diese Prophezeiung schien mir ein guter Scherz. Ich verließ meine Verwandten, unbekehrt zu meiner Anschauung der Dinge, und reiste ab. Ich fand diese Prophezeiung sehr komisch. Vergeblich versuchte ich, meine lieben Verwandten zu meinem Standpunkt zu bekehren, und so machte ich mich auf den Weg. Von meinen Reisegefährten muß ich einiges berichten. Ein ältlicher Advokat mit seiner jungen Frau, die nach Foligno reisten, wo er einen Verwaltungsposten antreten sollte, und ein Kapuziner auf dem Rückweg nach Perugia in sein Kloster; er war etwa sechzig Jahre alt. Trotz der Gicht war er bei bester Laune und vertrieb uns den ganzen Weg die Zeit. Er war früher Prediger und Beichtvater der Königin Karoline von Neapel gewesen, der Gemahlin Ferdinands IV. Als sich dieser nach Sizilien zurückzog, kehrte der Kapuziner, der sich in Palermo langweilte, zurück in sein Kloster. Wollte ich alles wiederholen, was er uns während der Fahrt erzählte, würde ich wohl, so fürchte ich, zarte Ohren beleidigen; insonders an dem guten Ruf seines königlichen Beichtkindes lag ihm nicht das Geringste. Ich will nur diese eine Anekdote erzählen, die mich sehr belustigte. Die Königin hatte einen Liebhaber, ein Vergnügen, von dem sie nicht lassen wollte, trotzdem es ihr der Kapuziner verbot, ja, ihr die Absolution verweigerte. Aber die Königin ließ sich nicht abschrecken und bestand auf ihrem Willen. »Dann kann ich Ihnen nicht die Absolution erteilen.« Da zog die Königin ihre Börse und gab ihm einige Goldstücke. »Geben Sie mir die Absolution und nehmen Sie dies Geld für ein paar Messen, die ich Sie zu lesen bitte, auf das Gott meine Art ändere.« Gegen dieses Argument war nichts einzuwenden. Der Kapuziner nahm das Geld, gab die Absolution und versprach der Königin, für ihre Besserung zu beten. »Auf diese Weise«, schloß er lachend, »hab ich mir ein Vermögen gemacht, denn ich verkaufte viele Absolutionen. Wir kamen dabei alle beide auf unsere Rechnung; ich wurde vermögend und die Königin behielt ihre Liebhaber. Hätte ich mich in diesen Ausgleich nicht gefunden, so wäre ich entlassen worden, und die Königin hätte für mich hundert Beichtväter gefunden, welche ihr mit der größten Bereitwilligkeit sämtliche Absolutionen der Welt verkauft hätten.« Wie recht der arme Burner gehabt hatte, bestätigte mir die Unterhaltung mit dem Kapuziner. In Foligno übernahm ich sofort mein Amt. Eine meiner ersten Maßnahmen war die Aufhebung der Männer- und Frauenklöster; ich machte ein Inventar aller ihrer Besitztümer und Einnahmen. Ein Blick in diese Klöster ließ mich erkennen, wie viele Opfer sie bargen, der Laune und dem Ehrgeiz der Familien gebracht: nur um den Erstgeborenen reich auszustatten verurteilten sie die übrigen Kinder zu lebenslänglichem Gefängnis. Waren die alten Nonnen in großer Trauer, den Ort zu verlassen, wo sie als Königinnen geherrscht hatten, so zeigten die gewaltsam ins Kloster gezwungenen Schwestern lebhafteste Freude; sie fragten mich leise, wann ich ihnen die Freiheit brächte. Ich mußte über ihre Naivität lächeln, aber ich hätte gewünscht, mit den entarteten Eltern, diesen Henkern ihrer Kinder, strenges Gericht halten zu können. Es ist mir nicht möglich, die Reichtümer, die ich in den Klöstern vorfand, aufzuzählen. Von manchen hätten Dutzende von Familien sich ernähren können und hier lebten sieben, acht Mönche davon. Obzwar geneigt, manche Maßnahmen Napoleons streng zu verurteilen, muß ich doch diese die Klöster betreffend loben. Es war ganz vortrefflich, diese frommen Nichtstuer zur Arbeit und in die menschliche Gesellschaft zurückzuführen, und finde es fast tadelnswert, daß Napoleon ihnen Pensionen aussetzte. Ich hätte mit der Macht in den Händen sicher einen politischen Mißgriff begangen, aber so, so unmittelbarer Zeuge ihrer Verderbtheit und Heuchelei, hätte ich den Mönchen keinen Heller zugebilligt, und, je näher ich zusah, um so Schlimmeres entdeckte ich. Ein paar Laienbrüder machten uns mit allen Kniffen und Intrigen der Mönche bekannt, die den vornehmsten Damen der Stadt die Cour schnitten, um deren Reichtum und Kredit auszunützen; denn jene Häuser, welche die Mönche protegierten, genossen alle Gunst der päpstlichen Regierung. Auch die Nonnen verstanden sich darauf, die strenge Klosterregel zu umgehen, wenn es ihnen, da sie nie ausgehen durften, auch schwieriger war als den Mönchen, die sich frei bewegen konnten und sich die ärgsten Ausschweifungen erlaubten. Ich tat meine Arbeit, und die Klostergüter kamen zur Versteigerung. Die Preise waren niedrig und die Bürger boten lebhaft, ohne auf die geistliche Herkunft der Güter zu achten. Aber darum sind die Folignaner doch nicht ohne religiöse Vorurteile, wofür ich nur ein Beispiel anführen will. Es geht die Geschichte, daß man vor Jahren einmal während des Karneval in der Vorhalle der Kirche San Felice habe den Teufel tanzen sehen. Damals gab es gleich eine fromme Prozession, die Hexerei zu brechen, und es wurde beschlossen, inskünftig den Karneval eine Woche lang auszusetzen, welche Woche man den Cucugnaio nennt. Vergeblich versuchten wir Aufklärung; das törichte Volk hielt an seinem Wahn fest, daß, sowie eine Maske während des Cucugnaio sich zeige, gleich wieder die Teufel in San Felice tanzen würden. Ich kam des öftern nach Rom, teils in Geschäften, teils zum Vergnügen. Ich hatte mir ein Kabriolett bauen lassen und mein flinkes Pferdchen machte den Weg in kürzester Zeit. Man warnte mich vor den zahlreichen Briganten, daß ich nicht nachts allein durch die Campagna fahre, aber ich hatte keine Furcht und lachte über die ängstlichen Ratgeber, denn es war mir nie etwas passiert. Da ward ich, wieder einmal nach Rom unterwegs, zwischen Nepi und Monteresi von acht Bewaffneten überfallen mit dem Ruf Halt! Halt! Es war um Mitternacht etwa. Ich hielt an und fragte, was man von mir wolle. Sie hießen mich aussteigen und legten mich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden. Ich bat sie beim Aussteigen, die Zügel nicht loszulassen, da das Pferd sonst durchginge; was sie auch taten. Die Frage, wer ich sei, zu beantworten, war ich wohl auf der Hut, denn hätte ich ihnen die Wahrheit gesagt, daß ich Agent der französischen Regierung sei, so hätten sie mich auf der Stelle umgebracht. »Ich bin Kaufmann«, log ich, »und auf einer Geschäftsreise« – »Woher des Weges?« – »Von Foligno.« Darauf berieten sie, was mit mir anfangen. Einer sagte: »Ich glaube, er lügt uns an; er ist sicher ein Agent.« – »War er ein Agent,« sagte ein anderer, »dann traute er sich nicht nachts zu reisen.« – »Er ist schon ein Kaufmann,« sagte wieder einer, »und reist nachts, um die Herbergskosten zu sparen.« Nun fragte mich einer: »Sind Sie wirklich ein Kaufmann?« »Aber ganz gewiß, liebe Freunde, Ihr könnt mir glauben. Ich bin bestimmt nicht ein Agent der französischen Regierung, ich hatte es mir sogar sehr viel kosten lassen, von der Aushebungsliste gestrichen zu werden.« – »Da habt Ihr's, er ist auch ausgehoben worden,« sagte einer, und zu mir: »Haben Sie keine Angst, wir sind selber flüchtig gegangene Ausgehobene und keine Banditen; wir zogen in die Berge, weil wir Napoleon nicht dienen wollen. Treffen wir auf einen seiner Agenten oder Soldaten, dann kennen wir keine Gnade. Aber von einem einfachen Reisenden erheben wir bloß eine kleine Steuer von acht Skudi der Kopf.« Ich zog meine Börse mit fünfzehn Louisdor aus der Tasche und übergab sie dem Sprecher. Aber man nahm meine Freigebigkeit nicht günstig auf. »Wir sind keine Banditen,« riefen sie, »wir hatten von Ihnen acht Skudi verlangt und wollen nicht mehr.« Ich gab ihnen gern die acht Skudi. »Nun geleite Sie Gott. Aber fahren Sie nicht eher ab, als bis wir von dieser Stelle zweihundert Schritt entfernt sind.« Es fiel mir ein, daß mein Pferd mir davongaloppierte, sowie sie die Zügel losließen, darum bat ich: »Liebe Freunde, Ihr wäret sehr großmütig gegen mich, tut mir noch den Gefallen, mein Pferd zu halten, bis ich wieder in meinen Wagen gestiegen bin. Ich verspreche, Euch nicht anzusehen, ich schwöre bei meiner Ehre, daß ich, wer Ihr seid, nicht wissen und Euch auch in keiner Weise schaden will.« – »Verbinden Sie sich die Augen mit Ihrem Taschentuch, damit wir ganz sicher sind.« Das tat ich und sprang in meinen Wagen. Ich wünschte meinen neuen Freunden noch eine gute Nacht und trieb mein Pferd an. In Monteresi hatte ich mich noch nicht von meinem Schrecken erholt. Als ich da mein Abenteuer erzählte, sagte man mir, ich hätte sehr recht getan, meinen Beruf zu verleugnen, und es sei um Tod und Leben gegangen. Nach den Tagen des 15. August riefen mich meine Geschäfte nach Foligno, aber ich blieb in Rom, als ich hörte, daß der berühmte Brigant Spatolino, den man vor vier Monaten gefangen hatte, verurteilt werden sollte, wozu Zeugen aus ganz Italien aufgeboten waren. Der Prozeß interessierte mich und ich war neugierig, ob der arme Teufel sein im Kerker gegebenes Versprechen halten würde, daß die Zuhörer des Prozesses etwas zu lachen bekommen würden. Achtzehn Jahre lang hatte dieser Spatolino sein Banditenhandwerk mit höchst traurigem Erfolg ausgeübt. Die französische Regierung hatte mit der Mission, Spatolino zu fangen, den Polizeikommissar Neapels, Rotoli, betraut, einen mutigen und listigen Mann, wohl imstande eine so heikle Sache zum guten Ende zu bringen. Er fing es mit der List an, da die Gewalt so lange nichts erreicht hatte. Er ließ den Spatolino geheim zustecken, daß ein Polizeikommissar ihn um eine Zusammenkunft bäte; er möge den Ort angeben, an dem der Kommissar allein und unbewaffnet eintreffen würde, in vollstem Vertrauen und in einer Sache von höchster Wichtigkeit. Spatolino nahm den Vorschlag an und gab den Ort bekannt. Rotoli ging hin, wie er versprochen, wo ihn Spatolino mit den Worten empfing: »Signor Rotoli, Sie sind gekommen, um mich zu verraten, oder haben Sie vielleicht, wie Sie mich wissen ließen, etwas Wichtiges mit mir zu reden?« – »Ich bin kein Verräter,« sagte Rotoli, »die französische Regierung wünscht von Ihnen nichts als die Auslieferung Ihrer Spießgesellen, wofür sie Ihnen volle Amnestie gewährt und freien Genuß aller Reichtümer, die Sie sich gesammelt haben.« Der Räuber war seines Lebens schon müde und ruhebedürftig, weshalb er auf den Vorschlag einging. Er versprach, seine Leute auszuliefern für Sicherheit und Schutz seiner eigenen Person, was ihm der Kommissar auf Ehrenwort versprach. Spatolino war leichtgläubig; das Ehrenwort genügte ihm als Garantie. »Gut, seien Sie heut abend um acht hier; nehmen Sie zwanzig Gendarmen und einen Trupp Bauern mit; Sie werden mich mit sieben oder acht meiner Leute hier treffen – das ist alles, was ich tun kann. Meine Frau wird bei mir sein; sie muß frei bleiben wie ich, das ist Bedingung.« Der Kommissar widersprach nicht. So wurde der Vertrag geschlossen, und Kommissar und Bandit sprachen noch lange miteinander, bevor sie sich trennten; Spatolino versprach dem Rotoli noch zweitausend Skudi als Lohn. Wieder in Rom, erstattete Rotoli seinen Vorgesetzten Bericht von der Unterredung, und am Abend war er mit seinen Gendarmen wie verabredet zur Stelle. Spatolino ließ nicht warten. »Gehen wir ins Haus,« sagte er zu Rotoli, »meine Leute sitzen beim Essen. Und vergessen Sie nicht, daß ich auf Ihr Ehrenwort zähle, wenn ich auch kaum glauben kann, daß die Regierung mich begnadigen wird.« – »Ich bürge Ihnen dafür, seien Sie außer Sorge.« Während dieses Gespräches schritten die beiden Arm in Arm auf das Haus zu, gefolgt von den Gendarmen. Vor dem Haus pfiff Spatolino, worauf sich die Tür öffnete; dann trat er zuerst ein; die Räuber waren im Glauben, er führe ihnen neue Genossen zu; sie blieben deshalb ruhig sitzen. Währenddem hatten die Gendarmen ungestört zweckmäßig Aufstellung genommen; nun wurden sie mühelos mit der Bande fertig. Auch mit Spatolino, auf den sich vier warfen, entwaffneten und in Ketten legten, genau so wie die andern. »Ich bin verraten!« brüllte er. – »Es ist nur eine Formalität,« sagte ihm ruhig Rotoli, »morgen sind Sie in Freiheit.« Aber Spatolino war nicht mehr zu täuschen. »Achtzehn Jahre lang,« sagte er, »habe ich geraubt und gemordet und nie hat man mich erwischt, und nie hätte ich gedacht, daß solche Ehre dem Rotoli zufallen würde. Ich muß noch lernen, ich war zu ehrlich; ich glaubte an ein Ehrenwort. Ich sehe, daß ich Dummkopf mich getäuscht habe. Ich habe meine Genossen ausliefern wollen und jetzt bin ich selber gefangen.« Man hatte auch seine Frau in Ketten gelegt, und als er das sah, schrie er: »Mein Weib ist unschuldig! Verzage nicht, Weib, ich werde dich retten, du wirst nicht sterben, ich werde dich verteidigen.« Die ganze Bande wurde ins Gefängnis geführt. Fünf Monate dauerten die Voruntersuchungen, vierhundert Zeugen wurden über die zahllosen Morde des Angeklagten vernommen, der vor Gericht mit achten seiner Leute und mit seinem Weibe erschien. Nachdem die Sitzung eröffnet war, erhob sich Spatolino und hielt an den Präsidenten diese Ansprache: »Signor, ich weiß, daß alles bekannt ist. Ich habe nichts zu verheimlichen. Ich habe dem Ehrenwort Rotolis vertraut; das war ein Fehler, den ich mir nicht verzeihe. Da ist nun nichts mehr zu ändern. Mein Vertrauen hat mich ins Verderben gebracht und ich muß die Folgen tragen. Ich will versuchen, in meinen Aussagen möglichst genau zu sein. Ich bitte nur um eine einzige Gunst: daß man mich vor meinem Tode eine Stunde mit meiner Frau allein lasse.« Das versprach ihm der Gerichtspräsident. »Ich rechne auf Ihr Wort, das jedenfalls mehr wert ist als das eines Rotoli, der mir das Leben versprach und mich in den Tod führt.« – »Sie haben mein Versprechen.« – »Gut, ich werde ja sehen, wie Sie es damit halten.« Das alles sagte er ganz heiter und schloß: »Wir sind hier unser zehn angeklagt, aber nicht alle haben den Tod verdient; ich werde Ihre Justiz erleuchten und Ihnen zeigen, wie man Schuldige von Unschuldigen unterscheidet.« Nun kam das Zeugenverhör. Keine Aussage, bei der Spatolino nicht kleine Ausstellungen zu machen hatte. »Euer Gedächtnis verläßt Euch hier,« sagte er etwa zu den Zeugen, »ich habe den Mord auf diese Weise ausgeführt.« Und er erzählte alle Einzelheiten, verschwieg keinen ihn belastenden Umstand und war nur immer bemüht, vier seiner Leute wie auch seine Frau zu retten, deren Unschuld er beteuerte, und die vier andern in seine Schuld zu verwickeln. Seine Frau hätte, seinem Befehl unterworfen und seiner Gewalt ausgeliefert, nur seine Befehle ausgeführt, ebenso wie die vier andern, die er gegen ihren Willen zu den Verbrechen gezwungen habe. Diese ungewöhnliche Art, sich zu verteidigen, erregte bei den Zuhörern viel Heiterkeit; und hatte der Angeklagte den Saal zum Lachen gebracht, so wandte er sich des öftern an die Lachenden und sagte: »Ja, heute habt ihr zu lachen, aber in drei, vier Tagen werdet ihr nicht mehr lachen vor dem armen Spatolino mit ein paar Kugeln in der Brust.« Während einer solchen Anrede an die Zuhörer fiel sein Blick auf einen der ihn bewachenden Gendarmen und er erkannte ihn als einen früheren Genossen aus seiner Bande. Er sah sich ihn lange an, aus Sorge, sich zu irren; dann rief er: »Ich hätte nie gedacht, daß die französische Regierung solche Leute zu Gendarmen macht!« – »Was wollen Sie damit sagen?« fragte der Vorsitzende. »Dieser Gendarm hier, ich erkenne ihn, hat fünfzehn Jahre bei mir gedient; wir haben miteinander den und den umgebracht. Vernehmen Sie den und den Zeugen; wir haben den Diener ermordet, sein Herr wird den Gendarmen da wiedererkennen.« Der von Spatolino genannte Zeuge wurde gerufen und er erkannte in dem Gendarmen den Mörder seines Dieners. Schon vorher hatte sich der Gendarm durch seine Verwirrung auch dem Naivsten verraten. Es wurden ihm die Waffen abgenommen und er mußte sich auf der Anklagebank niederlassen. »Schön, schön,« sagte Spatolino, »jetzt sitzest du auf dem dir gebührenden Platz; wir haben unsere Feldzüge gemeinsam gemacht, es ist nur recht und billig, daß wir auch gemeinsam unseren Abschied nehmen.« Der unglückliche Gendarm senkte ohne ein Wort den Kopf; kaum hatte er Kraft genug, die Turmtreppe hinaufzukommen. Acht volle Tage dauerte der Prozeß, und nie wohl hat ein Angeklagter mit so kaltem Blute seine Verbrechen in alle Einzelheiten zergliedert und mit solchem Vergnügen ins Licht gesetzt. Ja, er bedauerte sogar die mißlungenen Verbrechen! So, als der Postmeister von Cività Castellana als Zeuge aufgerufen wurde. Da erhob sich Spatolino und sagte: »Herr Präsident, ich habe diesen Gentiluomo mit eigner Hand dreimal erwischt, das letztemal verletzte ich ihn so gut am Arm, daß er ihn nicht mehr gebrauchen kann. Ich werde sterben mit dem schmerzlichen Bedauern, ihn nicht getötet zu haben, denn er ist mein schlimmster Feind, den ich im Leben hatte und den ich auch im Tode noch haben werde.« Das Gericht verurteilte Spatolino, vier seiner Leute und den Gendarmen zum Tode; sein Weib bekam vier Jahre Gefängnis, die andern Räuber achtzehn bis zwanzig Jahre Zuchthaus. Nach der Fällung des Urteils erinnerte Spatolino den Präsidenten an das Versprechen, und er durfte sich anderthalb Stunden mit seinem Weibe unterhalten. Er gab ihr die Orte an, wo er seine Reichtümer versteckt hatte. Darauf bat er, daß man das Urteil im Gefängnis selber vollstreckte, da er den Verwünschungen, die er auf dem Weg zum Richtplatz der Bocca dello Verità fürchtete, entgehen wollte. Priester wollte er keinen sehen und er würde jeden umbringen, der es wagen sollte, sein Hausrecht zu verletzen. Man lachte über diese Drohung, aber es war ihm ernst damit; denn Spatolino brach Ziegelsteine von seinem Kamin ab und schichtete sie neben der Türe, fest entschlossen, den, der seine Schwelle zu übertreten wagte, damit totzuschlagen. Wie man weiß, werden die zum Tode Verurteilten in Rom nicht gefesselt; sie können sich in ihrer Zelle frei bewegen. Spatolino war also in der Lage, sich derart zu verteidigen. Einer der Wärter, die einzutreten versuchten, traf er mit solcher Wucht, daß seine Kameraden auf weiteres verzichteten; sie versuchten es auch mit gütigem Zureden, vergeblich. »Ich bin bereit, morgen um zehn Uhr zu sterben,« erklärte Spatolino, »nicht früher; holt mich morgen um neun Uhr ab, dann stehe ich zu eurer Verfügung.« Ein paar Priester tauchten vor der Türe auf: ob er beichten wolle. »Bringt ihr mir den Postmeister von Cività Castellana her und den Verräter Rotoli, damit ich sie beide ins Jenseits befördere, so will ich dann herzlich gern beichten.« Man versuchte, ihm gut zuzureden, worauf er erst mit wütenden Flüchen antwortete und dann überhaupt kein Wort mehr sprach. Als man ihm andern Morgens ankündigte, daß es neun Uhr sei, sagte er: »Gut, ich bin bereit.« Als die Wärter nicht einzutreten wagten, rief er: »Kommt nur herein, ich tue euch nichts.« Da banden sie ihn und führten ihn nach dem Richtplatz. Die Priester, die sich unterwegs an ihn machten, schickte er fort mit den Worten, er wolle sich von ihnen nicht im Anblick der hübschen Frauen stören lassen, die aus den Fenstern hingen bei seinem Vorbeikommen. Er machte den jungen Mädchen Augen, schimpfte seine Gefährten, die auf die Priester hörten. Auf dem Richtplatz angelangt, rief er: »Vorwärts, Freunde! Wir haben das arme Volk genug geplagt, es ist nur gerecht, daß jetzt wir drankommen. Bejammern wir nicht unser Los und sterben wir mutig.« Zum Volk gewandt, sagte er: »Vergeßt das nicht: Spatolino stirbt bedauernd, daß er sich nicht an dem Postmeister von Cività Castellana und dem Verräter Rotoli rächen konnte, der ihn durch seinen Schurkenstreich in den Tod gebracht hat.« Darauf befahl er den Soldaten, zu schießen und gut auf seine Brust zu zielen. Sich die Augen verbinden zu lassen, weigerte er sich durchaus. Ohne geringstes Zittern erwartete er die tödliche Kugel. So schloß dieser Brigant ein Leben, dessen Abenteuer in Rom viel erzählt wurden und der den Theaterdichtern seiner Zeit ein beliebter Stoff war. Ich kehrte nun nach Foligno zurück und blieb da fünf Jahre, als die Franzosen in Rußland ihr Malheur erlitten. Joachim Murat bemächtigte sich sofort des Kirchenstaates und ich wurde für einige Zeit meiner Stelle enthoben. Währenddem sprach man in Rom täglich ernsthafter von der Rückkehr der päpstlichen Regierung, und das Volk war der Meinung, Gefangenschaft und Leid hätten die Tugenden des Papstes nur verdoppelt und daß er wie ein zärtlicher Vater zurückkehren werde, offenen Armes gegen seine Kinder. Die guten Römer bildeten sich ein, der Heilige Vater würde sofort die Steuern heruntersetzen, aller derzeitigen Gewalt ein Ende machen, ja, sie glaubten sogar in ihrem Wahne, daß die Geistlichkeit ihre Grundsätze zum Besseren ändern würde. Alle Wohltaten Frankreichs waren Vergessen und voller Verachtung behandelte man die Beamten der französischen Regierung. Oft genug hörten wir hinter uns reden: »Ja, ihre Zeit ist vorbei, neugierig, wie sie ihr Benehmen rechtfertigen werden.« Unsere Freunde fielen von uns ab, wandten sich gegen uns; zeigten wir uns in der Öffentlichkeit, wurden wir schlecht behandelt. Man wollte auf diese Weise seine gut päpstliche Gesinnung dartun, denn man erwartete stündlich die Restauration. Neapolitanische Truppen erschienen in Foligno und requirierten ein paar hundert Pferde für ihren Train. Der Major ließ mich um mein Pferd bitten, in der Absicht, sich dadurch, daß er mir den Gaul abnahm, bei der päpstlichen Partei beliebt zu machen. Ich ließ ihm sagen, er möge sich an wen andern um ein Pferd wenden, ich stünde im Dienst der französischen Regierung, deren Befehl zum Aufbruch ich täglich erwarten müßte, wozu ich dann mein Pferd nötig habe. Als ich einige Tage dafür über die Piazza ging, wurde ich auf Befehl dieses Majors verhaftet. Als mich die Nationalgarde ins Gefängnis führte, schrie das Volk: »Das ist der erste, aber die andern werden bald nachkommen!« Meine Freunde verwandten sich alle bei dem Major für mich, denn die Verhaftung mußte mich schwer kompromittieren. Der Major entschuldigte sich und erklärte, daß er nie einen Verhaftbefehl gegen mich erlassen habe. Er setzte mich sogar persönlich in Freiheit und schüttelte mir herzlich die Hand. Aber die Rückkehr des Papstes ließ nicht auf sich warten. Das Volk lebte im Festrausch. Man baute Triumphpforten, und die Straße von Cesena nach Rom glich einem riesigen Blumengarten. Eines Morgens konfiszierte ein Prälat alle meine Amtsbrüder und erklärte mein Amt für aufgehoben. Die Stimmung des Volks war mir feindlich, weshalb ich mich entschloß, mit einem meiner Freunde, dem ich einen Platz in meinem Wagen anbot, nach England zu reisen. Nur mit Mühe bekamen wir Pässe nach Florenz. Ich verließ mein Vaterland, alle die Übel ahnend, die über es kommen würden, und fest entschlossen, nie mehr wieder nach Italien zurückzukehren. Was ich später von all dem erfuhr, das der Restauration der päpstlichen Herrschaft vorausging, von den Racheakten insbesonders, die auf Betreiben des Kardinals Pacca stattfanden, konnte mich in meinem Entschluß nur bestärken, und ich hatte meine Klugheit mehr als einmal gepriesen auf dem gastlichen Boden, der mich aufgenommen hat. Die Truhe und das Gespenst Übertragen von Franz Blei An einem klaren Maienmorgen des Jahres 1827 ritt Don Blas Bustos y Mosquera mit einem Gefolge von dreizehn Reitern in das Dorf Alcolete ein, eine Meile entfernt von Granada. Bei seinem Anblick liefen die Bauern in ihre Häuser und verriegelten die Türen. Die Weiber blickten aus dem Fensterrande voller Schrecken auf den schrecklichen Polizeimeister von Granada, dessen Grausamkeit der Himmel damit gestraft hat, daß er seiner Gestalt den Ausdruck seiner Seele gab. Ein Mann von sechs Fuß Länge war er, schwarz und von grauenvoller Magerkeit. Nichts als Polizeimeister zitterten doch Bischof und Gouverneur von Granada vor ihm. In dem Guerillakriege gegen den Kaiser, welcher die Spanier dieses Jahrhunderts für die Nachwelt über alle Völker Europas heben und neben die Franzosen an den zweiten Platz stellen wird, war Don Blas einer der berühmtesten Führer der Guerillas gewesen. Er schlief, wie er geschworen hatte, nicht in einem Bette, war von seiner Bande nicht täglich mindestens einem Franzosen der Garaus gemacht worden. Die Rückkehr Ferdinands brachte ihn für acht Jahre entsetzlichsten Elends auf die Galeeren von Ceuta. Er war beschuldigt, in seiner Jugend Kapuziner gewesen und aus dem Kloster entsprungen zu sein. Nach acht Jahren wurde er, ohne daß man wußte wie und weshalb, begnadigt. Don Blas spricht heute nie ein Wort; sein Schweigen hat ihn berühmt gemacht; und war er früher im Ruf geistreichen Witzes gestanden, den er an seinen Kriegsgefangenen ausließ bevor er sie henkte; seine Witzworte waren bekannt bei allen spanischen Armeen. Im Schritt ritt Don Blas durch die Straße von Alcolete und schaute mit seinen Luchsaugen rechts und links die Häuser ab. Gerade als er vor der Kirche war, läutete es zur Messe; er schleuderte sich mehr vom Pferde als daß er abstieg, und man sah ihn vor den Altar hinknien, neben ihn vier seiner Leute, den Blick auf ihn gerichtet, in dessen Augen aber alle Andacht verschwunden war. Denn sie hatten sich finster auf einen jungen Menschen von gutem Aussehen gerichtet, der ein paar Schritte von ihm andächtig betete. »Ein Mann der besten Gesellschaft,« dachte Don Blas, »den ich nicht kenne? Er war unsichtbar in Granada, seit ich dort bin. Der Mensch verbirgt sich.« Don Blas beugte sich zu einem seiner Leute hin, befahl ihn, den jungen Menschen zu verhaften, sowie er die Kirche verlassen habe. Nach dem Ita missa ging er selber schnell aus der Kirche und auf den großen Saal des Wirtshauses von Alcolete. Bald darauf erschien sehr erstaunt der junge Mann. »Euer Name?« »Don Fernando della Cueva.« Don Blasens schlimmere Laune wuchs, als er in der Nähe sah, daß dieser Don Fernando ein hübsches Gesicht hatte; er war blond und seine Züge behielten trotz der schlimmen Lage ihren sehr sanften Ausdruck. Don Blas schaute den jungen Menschen versonnen an. »Was war Ihr Beruf unter den Cortes?« fragte er endlich. »Ich war 1823 auf der Schule in Sevilla. Ich war damals erst fünfzehn Jahre alt, jetzt bin ich neunzehn.« »Wovon leben Sie?« »Mein Vater, Brigadekommandant in der Armee des Don Carlos Cuarto, Gott segne des guten Königs Andenken, hat mir einen kleinen Gutshof hier in der Nähe vermacht; er trägt mir zwölf tausend Realen; ich bestelle selber mit drei Knechten die Wirtschaft.« »Ihnen sehr ergebene Knechte nicht wahr? Ein prächtiger Guerillabissen.« Don Blas hatte ein bitteres Lächeln, als er befahl: »Ins Gefängnis, aber ohne Aufsehen.« Er überließ seinen Leuten den Gefangenen und ging. Einen Augenblick darauf saß er beim Frühstück. »Sechs Monate Gefängnis entschädigen mich für die frischen Farben und das unverschämte Wohlbefinden dieses Don Fernando«, dachte Don Blas, Der Reiter, der an der Tür Wache stand, hob schnell seinen Karabiner einem Greis vor die Brust, der hinter einem Küchenjungen, der ein Essen trug, in das Gemach wollte. Don Blas sprang zur Tür. Hinter dem Alten gewahrte er ein junges Mädchen, über das er den Don Fernando vergaß. »Es ist nicht liebenswürdig von Euch, mir nicht einmal Zeit zum Essen zu gönnen, aber tretet ein und sagt Euer Anliegen.« Bei dem Satz sah Don Blas immerzu auf das Mädchen, deren Unschuld auf Stirn und Augen der der italienischen Madonna glich. Er hörte gar nicht, was der Alte sagte, sah immerfort auf das Mädchen. Da wachte er auf, als der Alte zum dritten oder vierten Male ihm zu erklären anhub, weshalb und warum er den Don Fernando della Cueva wieder freisetzen müsse, den Bräutigam seiner Tochter seit langem. Bei den Worten schoß der Blitz aus Don Blasens Augen so mächtig, daß Ines und sogar ihr Vater zusammenfuhren. »Wir haben immer,« fuhr der Alte weiter, »gottesfürchtig gelebt und sind Christen seit je, von alter Familie, arm, aber Don Fernando ist eine gute Partie. Nie habe ich irgendeine Stelle bekleidet, weder zur Franzosenzeit noch nachher und vorher auch nicht.« Don Blas blieb schweigend. »Ich zählte zum ältesten Adel des Königsreichs Granada,« redete der Alte wieder, »und vor der Revolution hätte ich einem frechen Mönch, der mir nicht Rede gestanden hätte, die Ohren abgeschnitten.« Dem Alten wurden die Augen naß. Ines, die furchtsam war, zog aus der Brust einen Rosenkranz, geweiht in der Berührung mit dem Gewand der Madonna del Pilar, und ihre hübschen Hände krampften sich um das Kreuz. Der schreckliche Don Blas starrte auf die Hände, dann verschlangen seine Augen die schöne, allerdings schon etwas üppige Figur der jungen Ines. Das Gesicht könnte regelmäßiger sein, dachte er, aber nie noch sah ich solche unschuldige Anmut. »Ihr heißt also Don Jaimo Arcegui?« fragte er nun den Alten. »So heiß ich.« »Siebzig Jahre alt?« »Neunundsechzig.« »Dann seid Ihr es,« sagte Don Blas und sein Gesicht wurde zunehmend freundlicher. »Ich suche Euch seit langem schon. Unser König und allergnädigster Herr haben geruht, Euch eine Jahresrente von viertausend Realen auszusetzen. Zwei Jahresraten dieser Ehrenpension sind schon fällig; ich hab' sie bei mir in Granada und morgen mittag will ich sie Euch selber übergeben. Da will ich Euch auch zeigen, daß mein Vater ein reicher Landmann und Altkastilier war, ein alter Christ so wie Ihr und daß ich niemals Mönch war. Damit mach' ich Eure Beschimpfung von vorhin quitt.« Der alte Edelmann traute sich nicht, auf die Zusammenkunft in Granada zu verzichten. Er war verwitwet und Ines war sein einziges Kind. Eh er nach Granada aufbrach, brachte er das Mädchen zum Pfarrer; er traf Anordnungen, als ob er sein Kind nie mehr wiedersehen sollte. Don Blas war in Gala, mit einem großen Ordensband über dem Rock und dem Gehaben eines netten alten Soldaten, der was Gutes zu tun im Schilde führt; er lächelte bei jedem und ohne jeden Anlaß höflich und freundlich. Hätte es Don Jaimo wagen können, er hätte die Annahme der achttausend Realen verweigert, die ihm Don Blas nun auszahlte. Er mußte mit ihm essen; das war nicht auszuschlagen. Nach dem Mahle gab ihm der schreckliche Polizeimeister alle seine Papiere zu lesen, das Taufzeugnis, ja sogar das Dokument, das seinen Freispruch von der Galeere bestätigte und das erhärtete, daß Don Blas nie Mönch gewesen war. Don Jaimo war immer noch vor irgendeinem schlechten Scherz auf der Hut. Da begann Don Blas: »Ich bekleide jetzt mit achtunddreißig Jahren eine ehrenhafte Stelle, die mir fünftausend Realen trägt. Tausend Unzen Rente hab ich auf der Bank von Neapel. Ich bitte um die Hand Eurer Tochter Donna Ines Arcegui.« Don Jaimo wurde blaß. Es gab eine kleine Stille. Dann redete wieder Don Blas: »Ich muß es Euch wohl sagen, Don Fernando della Cueva ist in eine arge Sache verwickelt. Der Polizeiminister läßt ihn suchen, es droht ihm die Garotta oder doch wenigstens die Galeere. Ich bin acht Jahre auf den Galeeren gewesen, und es ist ein schlimmer Aufenthalt, das könnt Ihr mir glauben.« Und näher am Ohr des Alten und leiser: »In längstens drei Wochen bekomme ich Befehl vom Minister, Don Fernando aus dem Gefängnis von Alcolete nach dem von Granada zu entlassen. Der Befehl wird spät am Abend eintreffen. Nützt Don Fernando die Nacht zur Flucht, so drück ich aus Rücksicht auf die Freundschaft, mit der Ihr mich auszeichnet, gerne ein Auge zu. Er kann für ein zwei Jahre verschwinden, nach Majorca zum Beispiel, und man wird von ihm höchstens mehr den Namen wissen.« Der alte Edelmann sprach kein Wort; er war ganz zusammengebrochen und kam mit Mühe zurück in sein Dorf. Mit dem Blutgeld meines Freundes Fernando, des Bräutigams meiner Ines, reise ich heim, warf er sich vor. Er fiel seinem Kinde in die Arme. »Der Mönch will dich zum Weibe!« Ines trocknete bald ihre Tränen; sie bat ihren Vater, den Rat des Priesters, der in der Kirche war, im Beichtstuhl einholen zu dürfen. Der Pfarrer weinte trotz der Fühllosigkeit seines Alters und seines Standes. Sie müsse sich entschließen, entweder zur Flucht in dieser Nacht oder zur Heirat mit Don Blas. Sie sollte mit dem Vater nach Gibraltar zu entweichen versuchen und von da nach England. »Und wovon sollen wir dort leben?« fragte Ines. »Ihr könnt Haus und Garten verkaufen.« »Wer kauft das!« rief Ines und brach in Tränen aus. »Ich hab' mir etwa fünftausend Realen erspart,« sagte der Pfarrer, »ich gebe sie Euch gern, wenn Ihr nicht glaubt, als Weib des Don Blas glücklich zu werden.« Vierzehn Tage später bildeten die Polizisten von Granada in voller Gala einen Kordon um die Kirche von San Dominico, die so dunkel ist, daß man am hellen Mittag darin seinen Weg nicht findet, An jenem Tag traute sich außer den Geladenen kein Mensch in die Kirche. In einer Seitenkapelle brannten hunderte von Kerzen, eine Feuerbahn ging von ihnen in das Kirchendunkel, und schon vom Portal her sah man vor dem Altar auf den Stufen einen Mann knien, seine Umgebung überragend um Haupteslänge. Nun erhob er sich; man sah die Orden auf seiner Brust. Er reichte einem jungen Mädchen die Hand, das leicht und jung schritt in seltsamem Gegensatz zu des Mannes steifer Würde. Die Augen der jungen Braut glänzten in Tränen, aber in ihren Zügen war die Sanftmut eines Engels trotz allen Kummers, und alles Volk am Kirchenportal staunte darob, als sie den Wagen bestieg. Jeder merkte es, daß Don Blas seit seiner Hochzeit etwas milder geworden war. Die Hinrichtungen wurden seltener, und statt die Verurteilten von hinten zu erschießen, wurden sie einfach gehenkt. Bis weilen erlaubte Don Blas ihnen auch, ihre Verwandten zu umarmen vor dem Todesweg. An einem Tage sagte er zu seiner Frau, die er unsinnig liebte: »Ich bin eifersüchtig auf die Sancha.« Sancha war Ines Freundin und Milchschwester und hatte bei Don Jaimo als sogenannte Zofe seiner Tochter im Hause gelebt und als Zofe war sie mit Ines in den Palast nach Granada gezogen. »Bin ich nicht bei dir, Ines, so bist du mit Sancha allein und redest mit ihr. Sie ist freundlich und macht dich guter Dinge. Ich bin ein alter Soldat und habe einen ernsten Beruf, und ich weiß, ich bin wenig heiter. Diese Sancha macht mich in deinen Augen zu einem griesgrämigen Sechziger. Hier ist der Schlüssel zum Geldschrank; nimm und gib ihr Geld, soviel du willst, alles meinetwegen, was darin ist, nur daß sie fortgeht. Sie muß aus dem Haus. Ich will sie nicht mehr sehn.« Als des Abends Don Blas aus seinem Dienst heimkam, war Sancha das erste Wesen, dem er begegnete; sie tat wie sonst ihre Arbeit. Wut packte ihn; er trat auf Sancha zu, die aufschaute und ihn mit jenem spanischen Blick ansah, in dem so seltsam Furcht, Haß und Mut gemischt sind. Don Blas lachte im nächsten Augenblick. »Liebe Sancha, hat Donna Ines dir gesagt, daß ich dir zehntausend Realen schenke?« »Ich nehme nur von meiner Herrin Geschenke«, und immer noch sah sie ihm fest in die Augen. Don Blas trat in das Gemach seiner Frau: »Wie viele Gefangene hast du zurzeit im Gefängnis von Torre-Vieja?« fragte sie. »In den Kerkern zweiunddreißig, an zweihundertsechzig vielleicht in den obern Stockwerken. Warum?« »Schenk ihnen die Freiheit, und ich trenne mich von meiner einzigen Freundin.« »Was du da wünschest, dazu hab' ich die Macht nicht«, sagte Don Blas. Und sprach an dem ganzen Abend kein Wort mehr. Ines arbeitete bei ihrer Lampe; sie sah, wie ihr Mann im Wechsel rot und blaß wurde; sie legte ihre Arbeit hin und begann ihren Rosenkranz zu beten. Am andern Tage Schweigen. In der Nacht brach in Torre-Vieja ein Feuer aus, in dem zwei Gefangene umkamen, allen andern gelang es zu entfliehen, trotz der Wachsamkeit des Polizeimeisters und der Wärter. Ines und ihr Mann sprachen zueinander kein Wort davon. Aber als andern Tages Don Blas nach Hause kam, war Sancha fort. Er warf sich Ines in die Arme. Es war achtzehn Monate her, daß es in Torre-Vieja gebrannt hatte, als vor der elendsten Herberge des Dorfes La Zuia ein staubbedeckter Reisender vom Pferde stieg. Der Ort liegt eine Meile südlich von Granada, während Alcolete im Norden liegt. Granada bildet gewissermaßen eine zauberische Oase inmitten der ausgedörrten andalusischen Hochebene. Der Kleidung nach hätte man den Fremden für einen Katalonier halten können, und sein in Majorca ausgestellter Paß war in der Tat in Barcelona visiert, wo er an Land gegangen war. Als der hundearme Herbergswirt dem Reisenden den Paß zurückgab, der auf einen namens Don Pablo Rodil ausgestellt war, blickte er den Katalonier an. »Ja, mein gnädiger Herr, ich werde Euer Herrlichkeit Bescheid geben in dem Fall, daß die Polizei von Granada nach Ihnen fragen sollte.« Der Reisende sagte, er wolle sich in dieser schönen Gegend umsehen und ging eine Stunde vor Sonnenaufgang fort. Erst des Mittags kam er heim, während der ärgsten Hitze, wo alles bei Tisch sitzt oder Siesta hält. Don Fernando war in Granada gewesen. Stunden hatte er auf einem mit jungen Korkeichen bestandenen Hügel verbracht, von wo aus er den alten Inquisitionspalast sah, in dem jetzt Don Blas und Ines residierten. Er konnte den Blick nicht wegtun von dem alten schwarzen Gemäuer, das riesenhaft über das Häusergewirr der Stadt ragte. Als er von Marjoca wegging, hatte Don Fernando den Schwur getan, nie Granada zu betreten. Aber es faßte ihn eines Tages die Sehnsucht allzu stark. Nun schritt er in der engen Gasse hin an der Mauer des Inquisitionspalastes, trat in den Laden eines Handwerkers, fand Vorwand zum Verweilen und Reden. Ja, dort oben in dem hohen zweiten Stockwerk seien die Fenster des Schlafgemaches von Dona Ines, zeigte der Meister. Zur Zeit der Siesta hatte dann Don Fernando den Rückweg nach Zuia angetreten, von der Eifersucht gepeitscht. Er hätte Ines erdolchen und dann sich umbringen mögen. »Ich bin ein Feigling«, wiederholte er sich immer wieder. »Ich bin ein schwacher Mensch, und sie bringt es über sich, ihn zu lieben, wenn sie es für ihre Pflicht hält.« An einer Ecke stieß er auf Sancha. »Ah, Freundin!« rief er, tat aber gleich so, als ob er nicht mit ihr spräche. »Ich heiße Don Pablo Rodil, wohne in La Zuia, Wirtshaus ›Zum Engel‹. Kannst du morgen beim Abendläuten an der großen Kirche sein?« »Ich werde da sein«, sagte Sancha, ohne ihn anzusehen. Am andern Abend sah Don Fernando Sancha kommen; ohne daß sie jemand sah, trat sie in die Herberge. Fernando schloß die Tür. »Ich bin nicht mehr bei ihr im Dienst«, sagte Sancha auf Fernandos fragenden Tränenblick. »Sie hat mich vor achtzehn Monaten ohne eine Erklärung, ohne einen Grund entlassen. Ich glaube, sie liebt den Don Blas.« »Liebt ihn?« schrie Don Fernando auf, »auch das noch!« »Ich warf mich ihr zu Füßen und flehte sie an, mir den Grund ihrer Ungnade zu sagen. Unbewegt sagte sie nur: ›Mein Gatte will es.‹ Und kein Wort mehr. Ihr kanntet sie ja als fromm; jetzt ist ihr Leben nur mehr Beten.« Kriechend vor der herrschenden Partei hatte Don Blas es veranlaßt, daß ein Teil des von ihm bewohnten Palastes den Clarissinnen eingeräumt wurde; die Nonnen zogen hier ein und hatten hier auch ihre Kirche eingerichtet. Donna Ines war fast ständig bei ihnen. Kaum hatte Don Blas sein Haus verlassen, so konnte man Ines schon bei den Nonnen oder vor dem Altar suchen. »Don Blas liebt sie! Diesen Menschen liebt sie!« »An dem Tage, da ich entlassen wurde, sagte Ines zu mir ...« »Ist sie lustig?« unterbrach sie Don Fernando. »Lustig nicht, aber von gleichmäßig sanfter Stimmung, ganz anders aber als damals, wo Ihr sie kanntet. Gar nichts mehr hat sie von ihrem früheren Mutwillen und ihrer Tollheit, wie der Pfarrer es einmal nannte.« »So ehrlos! So ohne Scham und Ehre!« Fernando raste im Zimmer auf und ab. »Das sind ihre Schwüre! Das ist ihre Liebe! Und nicht einmal traurig ist sie, und ich ...« »Wie ich Eurer Herrlichkeit schon sagte,« begann Sancha wieder, »am Tage, bevor ich entlassen wurde, sprach Dona Ines mit mir, gütig, voller Freundschaft, ganz wie früher in Alcolete. Und andern Tages bloß: ›Mein Gatte will es‹, nichts als das. Und gab mir ein von ihr unterschriebenes Papier, das mir eine Pension von achthundert Realen sichert.« »Zeig mir das Papier.« Er bedeckte Ines' Namenszug mit seinen Küssen. »Hat sie von mir gesprochen?« »Niemals. Der alte Don Jaimo selber hat ihr einmal in meiner Gegenwart vorgeworfen, wie sie nur einen so freundlichen Nachbarn ganz vergessen könne. Sie wurde bleich und sagte nichts darauf. Brachte den Vater bis zur Tür und lief in die Kapelle, wo sie sich einschloß.« »Ich bin nichts als ein Narr!« rief Don Fernando. »Haß wird für sie in mir sein! Genug geredet von ihr. Zu meinem Glück bin ich nach Granada gekommen und zu noch größerem Glück, daß ich dich traf ... Und du, Sancha, was treibst du?« »In Albaracen, eine halbe Meile von Granada, habe ich einen Kramladen. Ich hab' da,« und sie sprach leiser, »schöne englische Waren, die mir die Schmuggler aus der Alpujarra bringen. Ich habe Waren für mehr als zehntausend Realen Wert. Ich bin zufrieden.« »So, so, du hast also unter den Banditen der Alpujurra einen Liebhaber ... Wir werden uns nicht wiedersehen. Nimm dies zur Erinnerung an mich.« Sancha wollte gehen, aber er hielt sie zurück. »Was meinst du, wenn ich mich von ihr sehen ließe?« »Sie würde vor Euch fliehen und wenn sie sich zum Fenster hinauswerfen müßte. Und dann, Spione sind immer um das Haus, wie Ihr Euch auch verkleiden mögt, sie würden Euch festnehmen. Seid auf der Hut.« Fernando schämte sich, schwach geworden zu sein und sagte nichts mehr, fest entschlossen, am nächsten Tage nach Majorca zurückzukehren. Der Zufall führte Don Fernando eine Woche darauf durch den Flecken Albaracen. Die Banditen hatten den Generalkapitän O'Donnell gefangen und eine Stunde lang mit dem Bauch im Sumpf gehalten. Don Fernando sah Sancha, die geschäftig umherlief. »Keine Zeit jetzt, mit Euch zu reden,« sagte sie, »kommt zu mir.« Ihr Laden war von außen versperrt, und Sancha war dabei, ihre englischen Waren mit großer Hast in eine Truhe aus dunkelstem Eichenholz zu stopfen. »Man wird uns heute nacht vielleicht angreifen. Der Räuberführer ist ein persönlicher Feind eines Schmugglers, der mein Freund ist. Meinen Laden plündern sie sicher als ersten. Ich bin eben von Granada zurück. Donna Ines, im wichtigen immer noch eine seelengute Frau, hat mir erlaubt, meine besten Waren in ihrem Schlafzimmer zu verstecken. Don Blas wird die Truhe da voller Schmugglerware schon nicht sehen, und will es das Unglück, daß er sie sieht, so wird Donna Ines schon was erfinden.« Dabei füllte sie in Eile die Truhe mit Seidentüchern und Schals. Don Fernando sah zu. Plötzlich stürzte er sich auf die Truhe, warf all ihren Inhalt heraus und legte sich an dessen Stelle. »Seid Ihr verrückt geworden?« rief Sancha aus. »Hier sind fünfzig Unzen Gold. Und der Himmel soll mich töten, verlasse ich diese Truhe eher, als ich im Inquisitionspalast von Granada bin! Ich will Ines sehen!« Was immer auch die ganz erschreckte Sancha einwenden wollte, Don Fernando hörte nicht darauf. Sie sprach noch, als Zanga, ein Lastträger, und Sanchas Vetter, ins Haus trat; er sollte auf einem Maultier die Truhe nach Granada bringen. Kaum hörte Don Fernando die Schritte, zog er schon den Deckel zu, und Sancha schloß mit einem Seufzer die Truhe ab. Denn sie offen zu lassen mit dem Mann darin wäre nicht klug gewesen. Also zog Don Fernando an einem schönen Junimorgen um elf in einer Truhe in Granada ein, dem Ersticken nahe. Im Inquisitionspalast angekommen, stieg Zanga mit der Truhe die Treppe hinauf, und Don Fernando hatte die stille Hoffnung, daß sie in den zweiten Stock, vielleicht sogar in Ines' Schlafgemach gebracht würde. Die Truhe ward hingestellt, hinter dem Träger schloß sich wieder die Tür und kein Laut mehr war zu vernehmen. Don Fernando versuchte mit seinem Dolchmesser den Riegel des Schlosses zu öffnen, und es gelang. Zu seiner größten Freude sah er sich in Ines' Schlafgemach. Frauenkleider sah er und neben dem Bett ein Kruzifix, das Ines schon in ihrer kleinen Kammer in Alcolete gehabt hatte. Nach einem Streit hatte sie ihn einmal in ihre Kammer geführt und auf dieses Kruzifix ihre ewige Liebe beschworen. Die Hitze in dem ganz dunklen Raum war sehr groß; die Fensterläden waren verschlossen, die Gardinen aus türkischem Musselin fest zugezogen. Nichts als das leise plätschernde Geräusch eines Springbrunnens war vernehmbar, der in einer Ecke stand und dessen Wasser in eine Muschel aus schwarzem Marmor zurückfiel. Dieses leise Geräusch des Wassers brachte Furcht in Don Fernando, der in seinem Leben genug Proben kühnster Tapferkeit abgelegt hatte. Nichts fühlte er von dem vollkommenen Glück, von dem er in Majorca immer geträumt hatte, wenn er darüber sann, wie bisher, in Ines' Schlafraum, zu gelangen. Das Exil, die Trennung von den Seinen, die vergehende Leidenschaft und der Wahnsinn, in dessen Nähe ihn das Fieber dieser Leidenschaft gebracht hatte, füllten ihn ganz aus. Nur ein Gefühl beherrschte ihn in diesem Augenblick: die Angst, Ines zu mißfallen, die er so keusch und schüchtern gekannt hatte. Wer den ungewöhnlichen und leidenschaftlichen Charakter des Südländers ein wenig kennt, wird über den Zustand Don Fernandos nicht erstaunt sein, der einer Ohnmacht nahe war, als er, es hatte gerade auf der Klosteruhr zwei geschlagen, in der tiefen Stille leichte Schritte die Steintreppe heraufkommen hörte; sie näherten sich der Türe. Er erkannte am Gang Ines und versteckte sich in der Truhe; der Mut, dem ersten Ausbruch der Entrüstung einer so pflichttreuen Frau standzuhalten, verließ ihn. Die Hitze drückte in die tiefe Dunkelheit. Ines legte sich auf das Bett, und bald merkte Don Fernando an den gleichmäßigen Atemzügen, daß sie schlief. Jetzt erst wagte er es, an das Bett zutreten, und er sah Ines, seinen einzigen Gedanken seit Jahren. Er empfand Schrecken vor ihr, so allein ihm überlassen und unschuldig schlafend, und stärker noch wurde dieses seltsame Gefühl, als er in den Augen einen ihm fremden Ausdruck kalter Würde bemerkte. Aber die leichte Unordnung ihrer sommerlichen Kleider stand in einem so pikanten Gegensatz zu diesen fast strengen Zügen, daß sich Don Fernandos Seele doch gemach mit Glück füllte, die Geliebte wiederzusehen. Er wußte, Ines' erster Gedanke bei seinem Anblick würde Flucht sein. Also schloß er die Türe ab und steckte den Schlüssel zu sich. Endlich kam der über seine Zukunft entscheidende Augenblick. Ines regte sich im Schlaf; sie schien zu erwachen. Fernando hatte den Einfall, vor jenem Kruzifix aus Ines Kammer von Alcolete niederzuknien. Ines schlug die noch vom Schlaf schweren Lider auf: Fernando ist in der Ferne gestorben und vor dem Kruzifix knie sein Geist, dachte sie. Die Hände faltend, blieb sie auf dem Bettrand sitzen. »Armer, armer Fernando«, sagte sie ohne Stimme, bebend. Da wandte Fernando, immer noch, kniend, sie besser zu sehen, den Blick nach ihr, aber da machte er in seiner Verwirrung auch schon eine Bewegung, und Ines wurde völlig wach, sprang, die Wahrheit begreifend, nach der Tür. »Welche Kühnheit!« rief sie, »verlassen Sie mich!« Und stürzte in die fernste Zimmerecke, wo der kleine Springbrunnen stand. »Kommen Sie mir nicht nah! Kommen Sie mir nicht nah! Gehen Sie fort!« In ihren Augen war reiner Glanz von Unschuld und Tugend. »Ich gehe nicht, bevor du mich gehört hast, Ines. Ich habe dich nicht vergessen können. Seit zwei Jahren habe ich Tag und Nacht dein Bild vor mir. Hast du mir nicht vor diesem Kruzifix geschworen, ewig die meine zu sein?« »Gehen Sie oder ich rufe, dann sind wir beide des Todes.« Don Fernando war rascher und ließ sie nicht bis zur Klingel kommen; er fing Ines auf und schloß sie in seine Arme, zitternd. Ines merkte es und verlor alle Kraft, ihr vom Zorne gegeben. Aber Don Fernando dachte nur mehr an die Pflicht, nicht mehr an die Liebe, mehr noch bebend als Ines, gegen die er, das fühlte er, soeben wie ein Feind gehandelt hatte; aber er blieb ganz besonnen. »Du willst also den Tod meiner unsterblichen Seele«, sagte Ines. »Aber dann mußt du eines wissen. Dich allein liebe ich und nie einen andern außer dir. Keine Minute im entsetzlichen Leben meiner Heirat, daß ich nicht an dich dachte. Es ist eine große Sünde. Ich tat alles, dich zu vergessen, aber es half nichts. Erschrick nicht, wie gottlos ich bin, Fernando! Das heilige Kruzifix da, es ist für mich oft nicht mehr das Bild des Heilandes, der uns richten wird, nur Erinnerung noch an die Eide, die ich dir schwur in meiner Kammer zu Alcolete. So, Fernando, wir sind verdammt, ganz ohne Rettung verdammt! Wir wollen die kleine Frist, die uns zu leben bleibt, noch glücklich sein.« Von Fernando nahm, was er hörte, alle Furcht; Glück strömte in ihm. »Du verzeihst mir? Du liebst mich noch?« Die Stunden waren rasch vergangen und der Tag neigte sich zum Untergang. Fernando erzählte von dem Einfall am Morgen beim Anblick der Truhe, als ein starkes Geräusch vor der Zimmertür sie aufschreckte. Es war Don Blas, der seine Frau zum abendlichen Spaziergang abholen kam. »Sag, du fühltest dich von der Hitze zu müde«, flüsterte ratend Don Fernando. »Ich verstecke mich wieder in der Truhe. Hier ist der Schlüssel zur Tür. Tu so, als bekämst du sie nicht auf; steck ihn verkehrt herum, bis du das Schloß an der Truhe zuschnappen hörst.« Es gelang, wie man wollte. Don Blas glaubte an die ermüdende Wirkung der Hitze und entschuldigte sich bei Ines, daß er sie geweckt habe, nahm sie in seine Arme und trug sie wieder aufs Bett. Da wurde er zärtlich, küßte sein Weib. Da fiel sein Blick auf die Truhe. »Was ist das?« Das Mißtrauen des Polizisten wurde rege. »Und das bei mir!« schimpfte er ein paarmal und immer wieder, während Donna Ines ihm Sanchas Ängste und die Geschichte von der Truhe erzählt. »Den Schlüssel!« herrschte er sie an. »Ich wollte ihn nicht nehmen, einer von deinen Leuten hätte ihn ja finden können. Daß ich mich der Annahme weigerte, schien Sancha sehr zu beruhigen.« »Das ist ja ausgezeichnet. Aber ich habe da in meinem Pistolenkasten Dietriche genug für alle Schlösser der Welt.« Er ging ans Kopfende des Bettes, öffnete einen Waffenschrank und machte sich mit einem Bündel englischer Nachschlüssel an die Truhe. Ines schlug die Vorhänge des Fensters auseinander und lehnte sich über die Brüstung, bereit, sich auf die Straße zu werfen, sobald ihr Mann Fernando entdeckte. Aber der Haß hatte Fernando alle Kaltblütigkeit wiedergegeben; er steckte die Spitze seines Dolches hinter den Riegel des alten Truhenschlosses, und Don Blas probierte vergeblich alle seine Nachschlüssel. »Seltsam,« sagte Don Blas und erhob sich, »diese Schlüssel haben noch nie versagt. Wir werden leider unsern Spaziergang etwas aufschieben müssen, liebe Ines. Ich wäre, selbst an deiner Seite, nicht froh beim Gedanken an diese Truhe, die vielleicht voller verbrecherischer Papiere steckt. Wer sagt mir, ob nicht mein Feind, der Bischof, in meiner Abwesenheit Haussuchung hält mit einem Befehl, dem König abgelistet? Ich bin gleich wieder mit einem meiner Leute zurück, der mit dem Schloß mehr Glück haben wird als ich.« Ines schloß die Tür hinter ihm ab. Vergeblich wollte Fernando sie zu gemeinsamer Flucht bewegen. »Du kennst den furchtbaren Don Blas nicht! In wenigen Minuten ist er in Verbindung mit seinen Agenten Meilen herum um Granada. Warum kann ich mit dir nicht nach England fliehen! Aber denk dir, dieses ungeheure Haus wird täglich bis auf den kleinsten Winkel durchsucht. Aber ich will dich doch verstecken. Aber sei vorsichtig, Geliebter, – ich würde dich nicht überleben!« Da fiel ein starker Schlag auf die Türe. Fernando stellte sich dahinter, den Dolch bereit. Es war Sancha. Sie erzählten ihr rasch alles. »Aber, wenn Sie Fernando verbergen, Donna, so findet ja Don Blas die Truhe leer! Was nur können wir rasch hineintun? Aber ich vergaß in meiner Aufregung ganz eine gute Neuigkeit! Die Stadt ist in Aufruhr und Don Blas sehr beschäftigt. Den Don Pedro Ramos, den Deputierten der Cortes, hat im Café am Platz ein royalistischer Freiwilliger beschimpft, worauf Don Ramos ihn erdolchte. Ich sah Don Blas eben noch mitten unter seinen Leuten an der Puerta del Sol. Verstecken Sie Don Fernando eine Weile, gnädige Frau. Ich will den Zanga suchen gehen, bis ich ihn finde; er soll die Truhe wieder abholen, in die sich Don Fernando wieder gelegt hat. Wir haben hoffentlich Zeit genug. Schaffen Sie die Truhe in ein anderes Gemach, damit Sie Don Blas etwas hinhalten können und er Sie nicht gleich ersticht. Sagen Sie ihm, Sie hätten die Truhe öffnen und wegtragen lassen. Aber wenn Don Blas vor mir wiederkommt, sind wir des Todes, das ist sicher.« Was Sancha vom Erstechen und Tod sagte, machte auf die Liebenden gar keinen Eindruck. Sie schleppten die Truhe in eine enge Nische und erzählten einander von ihrem Leben der letzten zwei Jahre. »Deine Geliebte wird dir in nichts widersprechen,« sagte Ines, »ich will alles tun, was du mich heißest. Mir ahnt, daß wir nicht lange mehr leben werden. Ach, wie wenig fragt Don Blas nach seinem und anderer Leben! Er wird es herausbekommen, daß ich dich sah, und er wird mich töten... Was werde ich im andern Leben finden? Ewige Strafen.« Sie warf sich Fernando an die Brust. »Ich bin die glücklichste Frau«, jubelte sie. »Und findest du ein Mittel, daß wir uns wiedersehen können, so laß es mich durch Sancha wissen. Du weißt, daß deine Sklavin Ines heißt.« Zanga kam erst des Nachts und packte die Truhe auf, in die sich Don Fernando wieder gelegt hatte. Ein paarmal hielten ihn die Polizeipatrouillen an, die den Deputierten Ramos suchten, aber er kam immer mit dem Worte durch, daß die Truhe dem Don Blas gehöre. Da wurde er wieder in einer verlassenen Gasse angehalten, die den Kirchhof entlangführte, der, zwölf bis fünfzehn Fuß tiefer als die Gasse, von dieser durch ein niederes Mäuerchen getrennt war. Während er von der Patrouille ausgefragt wurde, stellte Zanga die Truhe auf die Mauer. Man hatte in Angst vor Don Blas' Rückkehr den Zanga zur Eile angetrieben, der die Truhe so faßte, daß Don Fernando mit dem Kopf nach unten lag. Der Schmerz, den er so empfand, begann unerträglich zu werden. Als er nun merkte, daß die Truhe nicht mehr getragen wurde, verließ ihn die Geduld. Es war ganz still in der Gasse; die Polizisten hatten sich entfernt. Don Fernando berechnete die Zeit auf neun Uhr abends. Mit ein paar Dukaten hoffte er sich Zangas Schweigen zu erkaufen, denn er ertrug den Schmerz nicht länger. Er flüsterte aus der Truhe: »Dreh den Kasten anders herum, ich leide gräßliche Schmerzen.« Der Träger, dem es ohnedies um diese Stunde an der Kirchhofmauer nicht geheuer war, erschrak über die Stimme dicht an seinem Ohr; er vermeinte, ein Gespenst rede und lief davon was ihn die Beine tragen konnten. Die Truhe blieb auf der Mauer stehen wie sie stand. Als Fernando keine Antwort erhielt, verstand er, daß man ihn in Stich gelassen hatte. Seine Schmerzen waren größer als die Angst vor der Gefahr. Um die Truhe zu öffnen, machte er eine jähe Bewegung, und Truhe und Mann stürzten hinunter in den Gottesacker. Don Fernando kam erst nach einigen Minuten, betäubt vom Sturze, zur Besinnung; er sah die Sterne über seinen Augen. Das Schloß der Truhe war beim Sturz aufgesprungen; er lag auf der Erde eines frisch aufgeworfenen Grabes. Er dachte an die Gefahr für Ines, und gewann davon seine Kräfte wieder. Er blutete, arg zerschunden wie er war, aber er erhob sich doch und konnte bald wieder gehen. Mühevoll kletterte er die Mauer hinauf und schleppte sich in Sanchas Haus. Als diese ihn so im Blute sah, glaubte sie ihn von Don Blas entdeckt. Sie lachte, als sie seinen Bericht gehört hatte. »Da haben Sie uns aber in eine schöne Patsche gebracht.« Das Wichtigste, entschieden sie, sei, die Truhe vom Kirchhof wegzuschaffen. »Donna Ines und ich sind des Todes,« sagte Sancha, »wenn ein Spion oder Don Blas morgen die verfluchte Truhe findet.« »Und sie ist sicher voll Blut«, sagte Don Fernando. Nur Zanga konnte damit betraut werden. Als sie noch von ihm sprachen, pochte er gerade an die Tür. Er war gar nicht verwundert, als ihm Sancha sagte: »Brauchst mir nicht zu erzählen, ich weiß schon alles. Du hast meine Truhe im Stich gelassen und sie ist mit allem meinem Kram in den Gottesacker hinuntergefallen; ein ungeheurer Verlust für mich! Folge wird sein, daß Don Blas dich heute nacht noch oder morgen früh verhören wird.« »Dann bin ich verloren!« stöhnte Zanga. »Gerettet bist du, wenn du antwortest, du hättest die Truhe aus seinem Haus zu mir gebracht.« Zanga war wütend auf sich selber, daß er die Waren seiner Kusine hatte im Stich gelassen, aber vor dem Gespenst fürchtete er sich auch und eine Höllenangst hatte er vor Don Blas – er war so verwirrt, daß er die einfachsten Dinge nicht begriff, und Sancha hatte viele Mühe, ihm auseinanderzusetzen, was er dem Polizeimeister zu antworten habe, um niemanden in Gefahr zu bringen. Da trat Don Fernando hinzu. »Da hast du zwei Dukaten, aber wenn du nicht genau sagst, was dir Sancha beigebracht hat, dann machst du mit diesem Dolch Bekanntschaft.« »Ja, und wer seid denn Ihr, Herr?« »Ein unglücklicher Liberaler, von den royalistischen Freischaren verfolgt.« Zanga brachte kein Wort mehr heraus, und seine Angst wurde noch größer, als zwei Häscher des Don Blas eintraten, deren einer ihn packte und sofort zu seinem Herrn brachte. Der andere meldete Sancha bloß, daß man sie im Inquisitionspalast wünsche; sein Ton war nicht streng. Sancha redete scherzend mit ihm und lud ihn auf ein Glas vortrefflichen Rancio ein. Sie wollte ihn zum Reden bringen, um Don Fernando, der in seinem Versteck alles hören konnte, einige Weisungen zu geben. Der Polizist erzählte, Zanga sei auf der Flucht vor dem Geiste totenbleich in ein Wirtshaus gekommen, wo er erzählte. Einer von den Häschern auf der Suche nach dem Liberalen, der einen Royalisten getötet hatte, war in dem Wirtshaus und lief sofort, dem Don Blas Meldung zu machen. »Aber unser Polizeimeister ist kein Dummer. Er hatte es gleich heraus, daß die Stimme, die Zanga gehört hatte, zu dem Liberalen gehöre, der sich auf dem Kirchhof versteckt hat. Da hat er mich gleich hingeschickt, um die Truhe zu holen. Sie war offen und voller Blutspritzer. Don Blas sah sehr erstaunt aus und hat mich hierher geschickt. Jetzt gehen wir.« Ines und ich, wir sind des Todes, dachte Sancha auf dem Wege zum Inquisitionspalast. Blas hat die Truhe wiedererkannt und weiß jetzt, daß ein Fremder sich in sein Haus eingeschlichen hat. Die Nacht war sehr finster. Einen Augenblick kam Sancha der Gedanke der Flucht. Aber sie wehrte ihn ab. Es wäre ehrlos, Ines jetzt zu verlassen, die so kindlich ist und sicher jetzt nicht weiß, was sie antworten soll. Sancha erstaunte darüber, daß man sie in den zweiten Stock hinaufführe, ja sogar in Ines' Schlafgemach. Diese Art des Verhörs gab ihr schlimme Ahnungen. Der Raum war hell erleuchtet. Donna Ines saß am Tisch und Don Blas stand mit stechenden Augen neben ihr; vor ihnen stand die Truhe, offen, blutbespritzt. Als Sancha eintrat, verhörte Don Blas gerade den Lastträger, aber er ließ ihn sofort abführen. Ob er uns wohl verraten hat? dachte Sancha. Donna Ines' Leben ist in seinen Händen. Sie blickte auf ihre Herrin; aber in deren Augen war Ruhe und Entschlossenheit. Sancha staunte. Wo nimmt diese furchtsame Frau solchen Mut her? dachte sie. Schon bei den ersten Antworten, die Sancha Don Blas auf seine Fragen gab, merkte sie, daß dieser sonst so beherrschte Mann wie wahnsinnig war. »Die Sache ist ganz klar«, sagte er zu sich selber sprechend. Das hörte Donna Ines ebenso wie Sancha, denn sie sagte einfach, als ob es nichts als das wäre: »Die vielen brennenden Kerzen im Zimmer machen es heiß wie einen Schmelzofen.« Und trat ans Fenster. Sancha wußte um den Plan, den Ines wenige Stunden zuvor gehabt hatte und verstand diese Bewegung zum Fenster. Sie heuchelte also sofort einen schweren Nervenanfall. Und schrie: »Sie wollen mich töten, weil ich Don Pedro Ramos gerettet habe!« Dabei packte sie Ines heftig am Handgelenk und redete in der gespielten Verwirrung ihres Anfalles weiter, wie, gleich nachdem Zanga die Truhe mit ihren Kram zu ihr zurückgebracht hätte, ein Mann blutüberströmt ins Zimmer gestürzt sei, mit gezücktem Dolch. Und der schrie: »Ich habe einen Royalisten getötet, und deren Genossen suchen mich. Wenn du mich nicht rettest, so morden sie mich vor deinen Augen.« »Da, da, das Blut auf meiner Hand!« unterbrach sich schreiend Sancha in ihrer Erzählung, »Sie wollen mich töten!« »Erzähl weiter«, sagte Don Blas unbewegt. »Don Ramos sagte zu mir, der Prior des Hieronymiterklosters sei sein Onkel, und erreiche er dessen Kloster, so wäre er gerettet. Da erblickte er die Truhe, aus der ich eben meine Spitzen nahm. Da packt er alles was noch darin ist, wirft es heraus und legt sich in die Truhe. »Schließ sie ab,« schreit er mir zu, »und laß sie in das Kloster bringen, sofort.« Und er wirft mir eine handvoll Dukaten zu; da ist das Schandgeld; es graut mir davor...« »Genug Komödie«, sagte Don Blas. »Ich hatte so Angst, er brächte mich um, täte ich nicht was er wollte. Er hatte immer noch den Dolch in der Hand, ganz blutig von dem Royalisten. Ich hatte solche Angst und ließ den Zanga rufen, der nahm die Truhe und trug sie nach dem Kloster. Ich hatte...« »Kein Wort mehr oder du bist des Todes«, sagte Don Blas, der fast merkte, daß Sancha nur Zeit gewinnen wollte. Er winkte und Zanga wurde wieder hereingeführt. Sancha sah, wie der sonst so kaltblütige Don Blas ganz aus seiner Ruhe war. Es nagten die Zweifel an ihm über das Geschöpf, das er zwei Jahre lang für treu gehalten hatte. Die Hitze im Zimmer schien ihn zu beschweren, aber kaum war Zanga von zwei Häschern hereingeführt, stürzte er sich auf ihn und packte ihn, schüttelte ihn. Sancha erschrak. Sie fühlte den entscheidenden Augenblick nahe. Jetzt, dachte sie, geschieht es. Der Mensch entscheidet über unser Leben. Er ist mir wohl ergeben, aber weiß Gott, was er redet, erschreckt von dem Gespenst und von Don Fernandos Dolch. Zanga schaute auf Don Blas mit blöden irren Augen und gab keine Antwort. Jetzt wird er ihn schwören lassen, dachte Sancha, und Zanga ist fromm; er wird keine Lüge wagen. Der Umstand, daß Don Blas nicht in seinem Amtszimmer auf dem Richterstuhl saß, ließ ihn vergessen, den Zeugen zu vereidigen. Zanga, von der Gefahr, den Augen Sanchas und dem Übermaß seines eigenen Schreckens aufgerüttelt, begann zu sprechen. Ob aus Vorsicht oder wirklicher Verwirrtheit: was er sagte, war ganz verworren. Er sei kurz nachdem er die Truhe aus dem Palast des Polizeiministers zurückgebracht, von Sancha wieder gerufen worden, um sie abermals wegzuschaffen, und da wäre sie ihm viel schwerer vorgekommen. Er habe vor Erschöpfung nicht weiter können und die Truhe auf die Mauer gestellt. Da habe eine jammernde Stimme ihm etwas ins Ohr geflüstert und er sei davongelaufen. Frage auf Frage stellte Don Blas, der sehr bedrückt schien. Es war spät in der Nacht, als das Verhör unterbrochen wurde; es sollte am nächsten Morgen wieder aufgenommen werden. Zanga hatte keine widerspruchsvollen Aussagen gemacht. Es war spät, und Sancha bat Ines um die Erlaubnis, in der kleinen Kammer neben ihrem Schlafgemach bleiben zu dürfen, wo sie früher immer geschlafen hätte. Don Blas überhörte wohl die wenigen Worte, welche die Frauen darüber sprachen, im Fortgehen. Ines, zitternd für Fernandos Leben, ging zu Sancha in die Kammer. »Don Fernando ist gerettet, aber Euer Leben, gnädige Frau, und das meine hängen an einem Fädchen. Don Blas hat Verdacht geschöpft. Morgen früh wird er Zanga einschüchtern und ihn durch einen Mönch, seinen Beichtvater, der ganz Herr über ihn ist, zum reden bringen. Meine Geschichte konnte nur die erste Gefahr abwenden.« »Ist es so, liebe Sancha, dann mußt du auf der Stelle fliehen«, sagte Ines sanft wie immer und wie es schien nicht im geringsten von dem Schicksal erregt, das ihrer harrte. »Laß mich allein sterben. Ich sterbe glücklich, ich nehme ja Fernandos Wiedersehen mit; und dafür, daß ich ihn wiedersah nach zweier Jahren Trennung, ist der Tod kein zu hoher Preis. Ich befehle dir, mich sofort zu verlassen. Geh hinunter in den großen Hof; dort versteckst du dich nahe bei dem Tor. Sicher kannst du in der Frühe hinaus. Ich bitte dich nur um eines: gib das Kreuz hier Don Fernando und sag ihm, ich segnete sterbend seinen Gedanken, von Majorca zurückzukehren.« Als frühmorgens die kleine Glocke zur ersten Messe erscholl, weckte Donna Ines ihren Gatten; sie wolle die Frühmesse im Clarissinnenkloster hören. War auch die Klosterkirche im Hause, ließ Don Blas, ohne ein Wort zu sagen, sie von vier seiner Leute begleiten. In der Kirche kniete Donna Ines dicht an dem Gitter nieder, hinter dem die Nonnen der Messe beiwohnen. Und einen Augenblick darauf sahen die vier Wächter des Don Blas, wie sich das Gitter auftat. Donna Ines trat rasch in den so abgetrennten Raum und durch das Gitter, das sich wieder schloß; sie sagte den Wächtern, sie habe ein geheimes Gelübde getan, Nonne zu werden und würde das Kloster nie mehr wieder verlassen. Don Blas forderte seine Gattin, aber die Äbtissin hatte bereits den Bischof verständigt und dieser sagte dem aufbegehrenden Polizeimeister mit väterlicher Güte: »Es hat ohne Zweifel die erlauchte Donna Ines Bustos y Mosquera kein Recht, ihr Leben dem Herrn zu weihen, wenn sie Eure rechtmäßige Gattin ist. Aber Donna Ines fürchtet, ihre Ehe sei nicht rechtsgültig geschlossen worden.« Einige Tage darauf fand man Ines, die mit ihrem Galten in Rechtsstreit lag, in ihrem Bett von mehreren Dolchstößen durchbohrt tot auf. Und als Strafe für eine von Don Blas entdeckte Verschwörung wurden Ines' Bruder und Don Fernando auf dem Richtplatz von Granada geköpft. Der Ruhm und der Buckel oder der Weg ist glitschig Übertragen von Franz Blei Idee: Bei der Lektüre eines Artikels von Prosper Duvergier de Hauranne in den »Débats« vom 30. Januar 1826. Plan: Ein junger Mann debütiert als Schriftsteller. Vergnügen am Schreiben. Enthusiasmus für alles Schöne. Er vernachlässigt die Gesellschaft. Seine Werke bleiben ungelesen. Er wird intrigant und schreibt für die Winkelblätter. Er heiratet die bucklige und kleinlich zänkische Tochter des Herrn B., Eigentümers eines vielgelesenen Blattes. Er endigt mit allen Gemeinheiten des flachsten Zeilenschmiere. Erste Szene Saint-Jean Gnädiger Herr, es ist elf Uhr... (da man ihn nicht hört, betonend): Das Kabriolett des gnädigen Herrn ist bereit. Gélimer wütend über die Unterbrechung Gut! Schon gut! (Saint-Jean ab. G. schreibt; man sieht, daß er dichtet.) Nein, so geht's nicht. Die Idee ist nicht deutlich... (mit Teilnahme) Ah! Arme Amelie! Wer könnte dich nicht lieben!... Und wird Saint-Alme abreisen? (Er schreibt.) Er muß abreisen, die Ehre verpflichtet ihn dazu. Nicht zu erwähnen vergessen, daß dieser Abschied grausam. Saint-Jean tritt ein Gnädiger Herr, es ist halb zwölf... Die Frau Marquise de Vignes ist die Freundin der ganzen Familie, wenn der gnädige Herr nicht hinkommen, wird sie glauben, daß der gnädige Herr sie völlig verlassen wollen. Der gnädige Herr waren schon am letzten Freitag nicht dort gewesen... Gélimer Richtig! Freitag, der Tag, an dem Madame de Lassans die Madame de Linange zu besuchen pflegt... (unterbricht sich, denkt nach.) Und der Wagen? Saint-Jean Wartet seit zwei Stunden. (Sieht ihn an.) Der gnädige Herr können so nicht ausgehen. Gélimer Wie? Ja, ich will mich ankleiden. Saint-Jean lacht respektvoll Das haben sich der gnädige Herr bereits um neun Uhr, aber es ist nur die Wäsche, die zerdrückt ist. (Saint-Jean zieht seinem Herrn eine andere Weste und Krawatte an; währenddem läuft der Herr wiederholt zum Tisch und schreibt. Er geht dann ab, ganz in seinen Gedanken und nachdem er sein beschriebenes Blatt zusammengefaltet und in die Tasche gesteckt hat.) Saint-Jean allein Ein Narr. Seitdem er seinen Band Voyages en Allemagne veröffentlicht hat, denkt er an nichts als Schreiben. Ich glaube, er ist in die Frau von Lassans verliebt, deren Mann auf ihn eifersüchtig ist. Und er kann sie nur am Freitag bei der Frau de Linange sehen. Heut abend ist der Gatte beim Minister festgehalten, und jetzt ist es elf Uhr vorbei. Er kommt gleichzeitig mit dem Gatten zu ihr. Zweite Szene Salon der Madame de Lassans. Ein Autor liest Verse Erster Zuhörer Köstlich! Der Zauber des Gefühles streitet mit dem glücklichen Ausdruck. Zweiter Zuhörer Es ist etwas vom Zauber La Fontaines und von der Brillanz Voltaires in den Versen. Dritter Zuhörer Es ist zeitmäßig, es ist aktuell, kurz, es ist die Poesie, die dieses industrielle Jahrhundert braucht. Der Autor der immer auf Gélimer gesehen Und Sie, Herr Gélimer, der Sie so vortrefflich das Lächerliche festzunageln verstehen, was halten Sie von meiner Versepistel? Alles ohne Rückhalt, bitte ... Gélimer Ich bin ein armseliger Richter. Was mir oft als das Heiterste vorkommt, mißfällt dem Publikum. Der Autor Was ist Ihr Eindruck? Gélimer Es sind reizende Sachen darin. Der Autor Bitte sprechen Sie zu mir wie zu einem Mann, ohne Umschweife. Gélimer Nun, ich liebe z.B. nicht Ihre Metaphern: mener grand bruit... oder le vent prend ses cheveux ... chevaucher par monts et par veux. Der Autor Und warum nicht? Gélimer Mein Gott, fragen Sie die Liebe nach dem Warum? Ich liebe oder ich hasse, das ist alles. Aber ich habe immerhin ein Warum. Mener un grand bruit, das ist so ausgefallen... ich denke mehr an den Stil als an den Gedanken. Der Autor Aber der Ausdruck ist von La Fontaine. Gélimer Was wollen Sie, mein lieber Freund? Sie fragen mich, ob ich liebe, und ich antworte Ihnen, daß ich nicht liebe. Lassen Sie drucken, dinieren Sie bei Herrn X... und Sie werden einen tollen Erfolg haben. Eine Dame Guten Tag, Herr Gélimer. Gélimer entfernt sich mit ihr Der Autor Der Idiot! Und alles das, weil sein Reiseband voller Schwindellügen bei den Weibern Erfolg gehabt hat. Ein Journalist zum Autor Wir brauchen nur einen Witz darüber zu riskieren und in zwei Monaten sind diese Voyages en Allemagne erledigte Sache. Der Autor lebhaft Riskieren Sie es? Der Journalist pikiert Ich sollte nicht? Erlauben Sie, ich bin Franzose! Der Autor drückt ihm die Hand Gut! Morgen vormittag geb' ich Ihnen einen Artikel, der sich gesalzen hat, das kann ich Ihnen sagen. Ein Freund von mir, gerade aus Deutschland zurück, hat mir gesagt, daß dieser Gélimer gar nichts gesehen hat und das ganze Buch nichts weiter ist als dummes Geschwätz und so weiter et cetera. Der Journalist pikiert Ich hab's nicht gelesen, denn er hat nicht geruht, uns kleineren Zeitungen ein Rezensionsexemplar zu schicken. Der Autor Ein Frechling. Sie gehen sprechend weiter Der Marschall Ein kleiner Geck! Tut so, als ob er sich um meine Soireen nicht kümmerte, und ich hab' ihm zu essen gegeben zu einer Zeit, wo er nicht bös darüber war, ein aufgelegtes Kuvert zu finden. Eine Dame Aber, lieber Marschall, das ist ja nichts als eine Verleumdung! Sein Papa, der vor zwölf Jahren gestorben ist, hat ihm eine Jahresrente von 12 000 Franken hinterlassen. Der Marschall Na, jedenfalls wird er sich die Hörner bald ordentlich ablaufen... noch zwei drei Jahre und dieser junge Mann wird um eine Stelle nachsuchen, jetzt noch sehr stolz darauf, aus eigenem Budget zu leben... eine Frechheit! Ein Vicomte Er hat die Unverschämtheit gehabt, eine Pension von 1200 Franken abzulehnen, die ich für ihn durchgesetzt hatte. Sie entfernen sich Ein reicher Herr von 46 Sie kennen mich nicht, werter Herr, aber gestatten Sie, daß ich mich vorstelle. Und gestatten Sie mein schlichtes Kompliment. Ich habe seit zwanzig Jahren kein Buch mehr angesehn ... Eine ältere Dame zu Gélimer Sie ist gekränkt... aber, mein lieber Auguste, alle Welt beschwert sich über Sie. Wenn Sie glauben, der Marschall mag Sie leiden, so irren Sie sich. Sie haben Unrecht, alle Welt so zu brüskieren. Gélimer Ich sage aber niemanden was schlechtes. Die bejahrte Dame Aber Ihre Aufführung ist eine ununterbrochene Insolenz. Sie prätendieren, auf Ihre Weise glücklich zu sein. Sie mokieren sich über die Gemeinheiten der Großen, die Dummheiten der Geldleute, Sie gehen nie zu den langweiligen Frauen und wenn Sie es doch tun, sieht jeder, daß es nur wegen Frau von Lassans geschieht. Glücklicherweise kann Sie die arme kleine Frau nicht ausstehen. Ein Wechselagent zu Gélimer Verzeihung, Madame. Nur auf ein Wort. (Zu Gélimer, die zu ihm getreten) Hier sind drei unangenehme Wechsel. Die 137000 Franken Erbschaft von Ihrem Onkel reduzieren sich auf 53000. Arrangieren Sie sich ... Tausendmal um Verzeihung, Madame (im Abgehen:) Lausbub! Läßt Gemeinheiten gegen die Geschäftsleute drucken. Gélimer Sie glauben also, daß ich Madame de Lassans beleidigt habe? Die bejahrte Dame Sie lassen mich da eine schöne Rolle spielen! Wär' ich nicht die intime Freundin Ihrer armen Mama gewesen ... also das ist mein letzter Rat. Wenn Sie mit Ihren Verrücktheiten nicht aufhören, kriegen Sie es mit dem Gatten zu tun. Sie haben eine Welt von Feinden, bis auf Forvin hinunter ... Gélimer Der Spion! Die bejahrte Dame Der Spion ist reich und von der guten Gesellschaft. Seit zwanzig Jahren rächt er sich durch geschickte Verleumdung jener, die ihn verachten ... Der Marschall Dann muß sich dieser Mensch an der ganzen Erde gerächt haben. Die bejahrte Dame Da die Gesellschaft schon nicht gut auf Sie zu sprechen ist, geben Sie ihr noch einen Anlaß, und er kann weit weniger odios sein als ein Duell mit dem Gatten, und Sie werden es erleben, welche Verleumdungen man auf Ihre Rechnung glauben wird. Gelimer stolz Ich weiß ... Die bejahrte Dame Ja, der Blick Ihrer Augen ist's, der Ihnen das Genick brechen wird. Die Gesellschaft ist entschlossen, alles was man gegen Sie sagt, zu glauben. Schon der grausame Scherz wegen des abhanden gekommenen Mantels – Gélimer lachend Jetzt brauchen Sie mich nur noch für einen Mörder zu halten. Die bejahrte Dame Armer Auguste! Sie sind noch sehr jung. Nein, ich halte Sie nicht für einen Mörder. Aber hätten Sie mich beleidigt wie Sie achtzig von den hundert Personen im Salon beleidigt haben ... Gélimer lachend Ich kenne nicht dreißig. Die bejahrte Dame Sie haben wütende Feinde in Leuten, mit denen Sie nie gesprochen haben. Ein von Ihnen Beleidigter erklärt Sie für einen grausamen Charakter, ein Gleichgültiger wiederholt das Wort einem anständigen Menschen gegenüber, der es ein bißchen glaubt. Haben Sie zu all dem noch ein Duell mit einem Gatten, und Sie werden sehen. Gélimer dunkel Ich will gehen ... Die bejahrte Frau aufgeregt Nein, gehen Sie nicht fort! Man würde sagen, Herr von Lassans hätte Sie gezwungen, sich von ihm mit dem Stock prügeln zu lassen und hätte Sie dann hinausgewiesen. Gélimer erschreckt Aber das ist ja furchtbar! Die bejahrte Dame Teurer Auguste, Sie sind für die Gesellschaft nicht geschaffen! Sie sind doch kein Stellenjäger und für die Akademie sind Sie zu jung – Ziehen Sie sich nach und nach zurück aus der großen Welt. Gélimer seriös Sehr verbunden Ihrer Güte!... Treff ich Sie morgen zu Hause? Eine Unterhaltung zwischen elf und Mitternacht Frau von **, die Gattin eines ehemaligen Marineministers Louis XVI. befand sich auf dem Schlosse ..., wo ich im Jahre 180... die Ferien verbrachte. Sie war immer noch schön, trotz ihrer zugegebenen achtunddreißig Jahren und manchem Unglücks, das sie während der Revolution erlitten hatte. Einem der ältesten Häuser Frankreichs angehörend, war sie im Kloster erzogen worden. Ihre vornehmen und leutseligen Manieren beseligte eine unaussprechliche Grazie. Ich habe nur bei ihr eine gewisse Art des Gehens bemerkt, die in gleicher Weise Hochachtung und Verlangen erregte. Sie war groß, wohlgebaut und fromm. Man kann sich leicht den Eindruck vorstellen, die sie auf einen Jungen von dreizehn Jahren machte: so alt war ich damals. Ohne bestimmt Angst vor ihr zu haben, sah ich sie doch immer mit einer verlangenden Unruhe an und mit diesen gewissen undeutlichen Gefühlen, die dem Beben in Angst sehr ähnlich sind. Aus einem jener schwer zu erklärenden Zufälle begab es sich eines Abends, daß sich sieben oder acht der Damen, die auf dem Schlosse wohnten, sich gegen elf Uhr allein vor einem Kaminfeuer fanden, das weder brennend noch erloschen gerade jene Wärme ausstrahlte, welche vielleicht zu einem intimeren Plaudern geneigt macht und den Nerven etwas wie eine beruhigende wohltuende Entspannung mitteilt. Frau von ** warf einen spionierenden Blick auf die hohe Täfelung und die alten Tapisserien des weitläufigen Salons. Ihre großen schwarzen Augen blieben auf einer leidlich dunklen Ecke haften, wo ich mich hinter einer Couchette mit gedrehten Beinen auf den Boden gesetzt hatte: es war ein Feuerblick, aber sie sah mich nicht. Ich muckste mich nicht, während ich den Damen sotto voce sich Geschichten erzählen zuhörte, von denen ich nichts verstand; aber das wohlklingende einverständige Lachen, das jede Erzählung schloß, hatte meine kindliche Neugier erregt. »An Ihnen ist die Reihe«, sagten im Chore die Schloßdamen zu Frau von **, »vorwärts erzählen Sie uns, wie ....« Sie bewahrte vielleicht noch eine undeutliche Unruhe davon, mich neben sich spielen gesehen zu haben; sie erhob sich, als ob sie hinter das enorme Meuble gehen wollte, hinter dem ich hockte; aber eine alte Dame, ungeduldiger als die andern, griff ihre Hand. »Der Kleine ist längst schlafen, Teuerste, oder wollen Sie gar müder sein als wir ...?« Da hustete die schöne Frau ein bißchen, und die Augen manchmal senkend erzählte sie: »Ich war im Kloster von ... und sollte es in drei Tagen verlassen, um den Grafen von F**, meinen Gatten, zu heiraten. Mein künftiges Glück, von einigen meiner Mitschülerinnen beneidet, gab zum zwanzigsten Mal den Mutmaßungen Raum, die ich Ihnen zu nennen erspare, denn Sie kennen sie aus eigener Erfahrung.« »Drei Mädchen meines Alters und ich, wir alle vier zusammen kaum älter als siebzig Jahre, standen am Korridor an einem Fenster, von dem aus man in den Klosterhof sah. Seit etwa einer Stunde hatten unsere jungen Hirne sich müde gedacht in Annahmen und Vermutungen, sehr verrückten und, ich versichere Ihnen, sehr unschuldigen; es war uns einfach unmöglich, uns deutlich zu machen, worin eigentlich die Ehe bestünde; meine Gedanken waren schon so schweifend geworden, daß ich überhaupt nicht mehr wußte, woran sie fixieren. »Da ging eine Schwester zwischen dreißig und vierzig, die uns gern leiden mochte, vorbei; sie war, soweit ich mich erinnere, die Tochter eines sehr reichen Landmannes, früh ins Kloster gebracht, entweder zum Vorteile ihres Bruders oder wegen eines Abenteuers, das sie mir zu ihrer Ehre und zu ihrem Ruhme erzählte. Fräulein von Langeac, freier als jede von uns, hielt die Schwester an und setzte ihr recht maliziös die Gefahr auseinander, die für mich darin bestünde, daß ich gar nichts von den Bedingungen der menschlichen Natur wüßte. »Die Nonne bemerkte im Hofe einen verdammten Stier, der hereingebracht wurde, und in diesem Augenblick durch den Stolz seiner Gebärde, die Macht seines völlig entwickelten Daseins die allerbeste Definition der Ehe formulierte, die man geben konnte.« Hier rückte die Gruppe der Damen etwas zusammen, Frau von ** sprach leise, die Damen kicherten und alle Augen blitzten; aber von der Antwort der Nonne konnte ich nichts hören als zwei lateinische Worte und die waren, glaube ich, Ecce homo. »Bei diesem Anblick,« fuhr Frau von ** unmerklich etwas lauter werdend an der süßen und klaren Stimmgabel, welche den juvenilen Konfidenzen dieser Damen den Ton gegeben hatte –, »bei diesem Anblick fehlte mir wenig zum Übel werden. Ich sah auf Fräulein de Fiennes, die ich sehr liebte, und wurde blaß, und der Schrecken, den ich seitdem empfand, an den Tag denkend, wo ich auf das Schafott mußte, ist gar nicht zu vergleichen mit dem Grausen, dessen Opfer ich beim Gedanken an meine Hochzeitsnacht wurde. Ich glaubte mich anders gemacht als die andern Frauen. Ich traute mich nicht, zu meiner Mutter zu sprechen; den Grafen sah ich mit einer neugierigen Angst an, ohne unterrichteter zu sein. Ich will Ihnen nicht das Martyrium aller meiner Gedanken erzählen; die Idee eines solchen Erleidens war so mächtig in mir, daß ich am Abend vor meiner Hochzeit eine gute Stunde den vergoldeten Türknopf ins Schlafzimmer meiner Mutter in der Hand hielt und mich nicht entschließen konnte, hineinzugehen zu ihr, sie aufzuwecken und ihr darzulegen, daß es mir meine Natur ganz unmöglich mache, andern Tages Frau zu sein. »Kurz, man brachte mich mehr tot als lebendig in das bräutliche Schlafzimmer ....« Hier konnte Frau von ** nicht umhin, etwas zu lächeln, und sie fügte ein bißchen mit dem Gesicht der Heiligen Nitouche hinzu: »Aber ich sah, daß alles, was Gott getan hat, wohlgetan ist und daß die arme Schnepfe von Klosterschwester dem Mann in der Fabel glich, der Zitronen an eine Eiche hängte.« – »Mein Herr«, unterbrach hier eine junge Dame den Erzähler obiger Geschichte, »wenn Ihre lustigen Geschichten so anfangen, wie enden sie?« »Herr von Stendhal«, sagte die Hausfrau, »kann niemals etwas erzählen, ohne einen etwas zu lebhaften Ton hineinzumischen, was mir leid tut. Ich dachte immer, er würde sich bessern ....« »Aber wo denn steckt das Schlimme?« fragte der Erzähler naiv. »Heute wollen Sie lachen, und Sie verbieten uns alle Quellen offener Heiterkeit, die das Entzücken unserer Vorderen waren. Nehmen Sie die Betrügereien der Frauen, die Streiche der Mönche, die etwas brenzligen Abenteuer der Verville und Rabelais weg, und wo bleibt das Lachen? Heute hat man diese alte Poetik mit der Zweideutigkeit ersetzt, – ein Fortschritt? Man traut sich heute nichts mehr. Kaum erlaubt eine anständige Frau ihrem Liebhaber, daß er ihr die gute Geschichte des Fiakerkutschers erzählt, der zu einer Dame sagt: »Voulez- vous trinquer?« Mit so schweigend libertinösen Sitten ist nichts zu machen, denn ich finde Ihre Theaterstücke und Romane weit indezenter als die Cruidität Brantomes, der weder Hinter- noch Vorgedanken hat. An dem Tage, an dem wir der Keuschheit die Sprache gegeben haben, haben die Sitten ihre Keuschheit verloren. Anmerkungen des Herausgebers Dieser erste Band von Stendhals novellistischem Werke enthält, ohne in der Folge unseres Druckes die Reihenfolge der Entstehungszeit einzuhalten, jene Novellen und Erzählungen, deren Abfassung vor das Erscheinen von Le Rouge et Le Noir fällt, mit der einen Ausnahme der späteren Novelle Mina von Wangel, deren erste Niederschrift in das Jahr 1829, deren letzte Bearbeitung in das Jahr 1832 fällt. – Die folgende Bibliographie der in diesem Bande vereinigten Novellen gibt deren sichere oder gemutmaßte Abfassungszeiten und den ersten Druckort, verzichtet aber darauf, die vielen späteren Druckorte in den vielen und oft ganz willkürlich zusammengestellten Novellenbänden mitzuteilen. Der Liebestrank. Geschrieben um 1828 und erstmalig unter dem Titel Le Philtre gedruckt in der Revue de Paris 1830, XV, S. 24ff. Philibert Lescale. Geschrieben um 1829 und erstmalig gedruckt unter dem Titel: Philibert Lescale. Esquisse de la vie d'un jeune homme riche à Paris in: Le Diable à Paris, Paris et Les Parisiens. Paris, J. Hetzel, 1846, S. 84-87 im zweiten Bande dieses Sammelwerkes verschiedener Autoren. Ernestine oder die Entstehung der Liebe. Geschrieben 1822, dem Erscheinungsjahr von De L'Amour. Wurde der Calmann-Levyschen Ausgabe dieses Werkes 1891 aus Stendhals Nachlaß beigegeben, wofür kein zureichender Grund besteht. Der Jude. Geschrieben um 1830 und zuerst gedruckt in Nouvelles Inédits, Paris 1855, unter dem Titel Le Juif Filippo Ebreco. Die unvollendete Erzählung hat folgende kurze Vorbemerkung Stendhals: »An den Neugierigen. Triest, den 14. und 15. Januar 1831. Nichts zu lesen habend, schreibe ich. Es ist das gleiche Vergnügen, nur intensiver. Das Kohlenbecken geniert mich sehr. Kalte Füße und Kopfschmerzen.« Vanina Vanini. Geschrieben um 1828 und zuerst gedruckt in der Revue de Paris, IX, 1829, S. 101-125 unter dem Titel: Vanina Vanini, ou Particularités sur la dernière vente de Carbonari Découverte dans les États du Pape. Mina von Wangel. Erste Niederschrift datiert aus dem Jahre 1829. Auf die Rückseite des Titelblattes schrieb Stendhal: »29. Dezember 1829. Aufgegeben, da wenig geeignet, einem französischem Publikum zu gefallen. Wiedergefunden durch Zufall im Februar 1832. Das Leben und der Tod der Mina von Wangel. Erzählung nach dem Dänischen des H. Oehlenschläger. Der Verfasser kannte diese Erzählung nur aus den lebhaften Kritiken in deutschen Journalen, die den dänischen Verfasser unmoralisch finden und ihm ein System vorwerfen. Man hat die Auswüchse dieser Fehler zu mildern gesucht. Es ist zu wünschen, daß man die Fehler einem Erziehungssystem und nicht der Ungeschicklichkeit des Herrn von Stendhal zuschreibe.« Auf dem Versum dieses Blattes: »Den Schluß arrangiert am 19. Januar 1836. Das wahre Glück, – ist es hier Albernheit?« Hierauf folgt nochmals der Titel mit dem Namen des dänischen Autors und diese Bemerkung: »Übersetzt aus der Jütländischen Revue, zugeschrieben Oehlenschläger. Made after le 18. Janvier 1830. Vertrauliche Vorrede für K[olon-Colomb, Stendhals Freund]. Die Sitten in einem Roman zu beschreiben ist eine kalte Sache, ist fast moralisieren. Wende die Beschreibung in Verblüffung, bring einen erstaunten Fremden hinein, und die Beschreibung wird Empfindung. Der Leser hat jemanden, mit dem er ungeduldig werden kann. Mina ist die Fremde aus einem Lande, in dem man philosophiert, – Julien, junger Mensch aus der Provinz, Schüler Plutarchs und Napoleons ... in Mina ist der starke junge Mann Marquis und Liberaler, möchte Amerika zusamt dem Mittelalter lieben, während welches seine Familie glänzte, und daher ist er triste Figur.« Erstmalig gedruckt wurde Mina von Wangel in der Revue des deux Mondes vom 1. August 1853, S. 551 bis 578. Erinnerungen eines römischen Edelmannes. Geschrieben 1824/25. Zuerst gedruckt in englischer Sprache u. d. T.: The life and Adventures of an Italian Gentleman; Containing his Travels in Italy, Greece, France etc. in: The London Magazine, Oktober 1825 bis April 1826. Französisch zuerst u. d. T.: Souvenirs D'un Gentilhomme Italie in: Revue britannique, T. IV, Paris 1826, S. 250-283. Die Truhe und das Gespenst. Geschrieben um 1829. Zuerst gedruckt u. d. T.: Le Coffre et le Revenant in: Revue de Paris, 1830, S. 80 ff. Der Ruhm und der Buckel. Von einem fünfaktigen Theaterstück in Alexandrinern »Letellier« sind aus Stendhals Nachlaß von Stryinski und de Nion im Anhange zum »Journal 1801-1814« im Jahre 1888 einige Seiten veröffentlicht worden, deren sehr schlechte Verse nicht die Spur eines Planes erkennen lassen, den auch die andern Titel, die der sehr junge Stendhal diesem dramatischen Versuche gab, nicht deutlich machen: Les deux Hommes. Le bon parti. Quelle horreur! L'ami du despotisme pervertisseur de l'opinion publique. Diese abgedruckte Szene trägt zum Schlusse den Vermerk Stendhals: »Nach sechs Tagen bin ich des Versemachens müde. 15. Juni 1804.« Noch 1816 denkt Stendhal an diesen »Letellier«; er schreibt am 30. September dieses Jahres an Louis Crozet, den Freund aus Grenoble: »Mais je m'en crois pas moins sage, à 34 ans moins 3 mois, d'en revenir à Letellier, et de tacher de faire une vingtaine de comédies de 34 à 54«. Von dem Stück in Alexandrinern ist fürderhin nicht mehr in der Correspondenz die Rede, aber von den zwanzig Komödien sind Plan und Fragmente einer einzigen erhalten, die ihres novellistischen Charakters wegen in diesem Bande ihren besten Platz findet. Das Manuskript ist vom 30. Januar 1826 datiert und hat den Titel: La Gloire et La Bosse, ou Le Pas Est Glissant. Comédie par un homme de mauvais ton. Zuerst veröffentlicht von G. Stryinski in den Soirées du Stendhal Club, Paris 1904, S. 165 bis 174. Eine Unterhaltung zwischen Elf und Mitternacht. – Une conversation entre onze heures et minuit – ist eine Anekdote, die Stendhal, wie sich aus dem folgenden Text ergibt, 1830 erzählte. Balzac hat sie in dem verschollenen Band Contes bruns, par Une Tète à l'envers, 1832 erschienen, aufgenommen, den er gemeinsam mit Ph. Châsle und Gh. Rabon herausgab. Der in unserem Texte gegebenen Anekdote, die wenn auch nicht von Stendhal aufgeschrieben, doch ihm gehört, gehen diese Sätze Balzacs voraus: »– ›Alle Ihre Geschichten sind schrecklich!‹ sagte die Dame des Hauses. ›Sie verschaffen mir für diese Nacht entsetzliche Cauchemars. Sie sollten wirklich die Eindrücke Ihrer Geschichten damit vertreiben, daß Sie uns eine lustige Sache erzählen‹, und damit wandte sie sich an einen großen und fetten Herrn von viel Geist, und der demnächst in diplomatischer Mission nach Italien reisen sollte. – ›Gern‹, sagte der.« Auf die Anekdote hat zuerst Paul Bourget in seiner Studie über Stendhal aufmerksam gemacht, wo er von einem morceau peu connu de Balzac spricht, qui quête à Stendhal une anecdote rabelaissienne jusqu'au cynisme.« (Bourget, Essais de Psychologie Contemporaine, p. 271.) Eine Geldheirat: Feder, Le Mari d'argent, ist um 1829 geschrieben und zuerst gedruckt in den Nouvelles Inédits, Paris 1902, pp. 263 ff. An das im Texte dieses Bandes Gedruckte fügte Stendhal die Bemerkung: »Hier sollte vielleicht diese Novelle schließen,« welchem Urteil der Herausgeber dieser Aufgabe folgte. Die Fortsetzung, welche Stendhal der Erzählung gab, finde in der Übersetzung des Herausgebers hier ihren Platz: »Überrascht und entzückt von diesem Empfang, vergaß Feder völlig die Klugheit, die zu bewahren er sich so oft eingeschärft hatte; er bedeckte das himmlische Antlitz mit Küssen. Nach und nach merkte er die außerordentliche Erregung Valentines; ihr Gesicht war naß von Tränen; aber der immer so beherschte Feder hatte alle Macht über sich verloren; er küßte die Tränen weg. Man muß zugeben, es war das Gehaben Valentines nicht von der Art, ihn zur Vernunft zurückzubringen; sie gab sich ganz seinen Küssen hin, preßte ihn an ihre Brust und, wir wissen nicht wie es mit Dezenz ausdrücken, gab ihm zwei- oder dreimal seine Küsse wieder. »Du liebst mich also?« sagte Feder mit erstickter Stimme. »Ich liebe dich!« Dieser ungewöhnliche Dialog füllte bereits einige Minuten, als plötzlich Valentinen bewußt wurde, was ihr geschah. Sie machte mit einer erstaunlichen Beweglichkeit einige Schritte zurück und ein Gefühl der Überraschung gemischt mit Grauen trat auf ihr Gesicht. »Herr Feder, wir müssen auf immer vergessen, was hier geschah.« »Nie, ich schwöre es Ihnen, niemals soll ein Wort davon über meine Lippen kommen und Sie an diesen Augenblick himmlischen Glückes erinnern. Da ich imstande bin, mich einer so peinvollen Anstrengung zu unterwerfen, muß ich ihnen noch versichern, daß in Zukunft wie in der Vergangenheit niemals Ihr Name von mir genannt werden wird!« »Ich sterbe vor Scham, wenn ich Sie ansehe. Seien Sie so gut, mich für eine Weile allein zu lassen.« Feder entfernte sich mit allen Zeichen tiefen Respektes. »Aber Sie müssen mich ja für verrückt halten!« rief Valentine und trat ans Fenster. Auch Feder machte ein paar Schritte und stand ganz nah bei Valentine. »Man meldete mir Ihren Tod; Sie seien im Duell gefallen und der Moment, der uns von einem wahren Freund trennt, ist, wie Sie wissen, immer so sehr verwirrend..., daß wir dafür nicht verantwortlich sind... Es wäre ungerecht, uns dessen anzuklagen.« Valentine suchte eine Entschuldigung; der Kontrast zwischen dem fast offiziellen Ton ihrer Stimme, den sie anzunehmen suchte, und dem zärtlichen und hinfließenden Klang einen Augenblick zuvor, war frappant; Feder genoß das Glück, Zeuge und Objekt zu sein. »Sie suchen den glücklichsten Moment meines Lebens zu trüben«, sagte er und ergriff ihre Hand. Sie besaß die Kraft nicht, das Spiel bis zum Ende zu spielen. »Ja, gut, gehen Sie, mein Freund,« und sie ließ ihm die Hand, »lassen Sie mich aus so großem Wahnsinn und so großer Verwirrung zu mir kommen. Sprechen Sie mir nie wieder davon; und gehen Sie jetzt; ich habe meine Gefühle nicht geändert. Adieu, ich will Ihnen nichts heucheln und mich nicht verstellen, aber lassen Sie mich um Gottes willen allein. Man hat mir Ihren Tod gemeldet; lassen Sie mich zukünftig nicht bereuen, daß ich Sie so verrückt beklagt habe, als ich Sie nie mehr wiederzusehen glaubte.« Feder gehorchte und tat, als ob er die tiefste Ehrfurcht vor ihr hätte; wofür sie ihm einigen Dank wußte; denn von zwanzig Stellen aus dem Garten konnten sie gesehen werden. Und doch gefiel ihr im Grunde diese Ehrfurcht nicht; sie erschien ihr von etwas Geheucheltem verdorben, und was würde aus ihr, mischte Feder in sein Benehmen gegen sie die Heuchelei? Es war ja wohl auch so, daß dieser äußerste Respekt eine Affektation war. Feder wußte genau, daß in dem Moment, wo eine Frau daran ist, sich zu kompromittieren, man ein Plus darin tuen müsse, sie die ganz besondere Narrheit, die sie begeht, damit vergessen zu machen, daß man ihren Wahn beruhigt und in die ungeheure Schlingkraft dieser solches gewohnten weiblichen Seele die übertriebensten Zeichen des Respektes wirft. Aber eine der süßesten und eigenartigsten Wirkungen des seltsamen Gefühles, das Feder mit Valentine vereinte, war, wenn so zu sprechen erlaubt ist, daß in beiden von der Liebe vereinten Seelen das Glück sich immer auf dem gleichen Niveau hielt. Feder sah sehr gut die Nuancen getäuschter Hoffnung in Valentines Augen, als er seine respektvollsten Grüße sagte. Diese Unzufriedenheit, sagte er sich, wird sie zu einem Mißtrauen führen, das ihr, morgen vielleicht schon, wie bloße Klugheit vorkommen wird; sie wird dahin kommen, zu leugnen, daß es ihr, als sie mich tot glaubte, passierte, mir ihre leidenschaftliche Liebe zu gestehen. Ich werde außerordentliche Mühe haben, dieser Klugheit Herr zu werden; statt göttliches Glück zu genießen, das mich ihre so leidenschaftlichen Geständnisse vor einer kurzen Zeit hoffen ließen, werde ich manöverieren müssen. Diese Reflexionen drängten einander. Ich muß sie beunruhigen, sagte sich Feder; man erkennt die Nachteile eines Glückes in dem Maße, als man seiner sicher ist. Feder näherte sich Valentine zuverlässig und ziemlich kühl, so sah es aus, besonders wenn man dies Gehaben verglich mit den rauschhaften Verzückungen von kurz vorher. Er nahm ihre Hand; sie sah ihn überrascht und unentschieden an; er sagte mit einer philosophischen Kühle: »Ich bin mehr anständiger Mensch als Liebhaber; ich wage es nicht, Ihnen zu sagen, daß ich Sie leidenschaftlich liebe, aus Angst, das könnte eines Tages nicht mehr wahr sein; und ich möchte vor allem nicht eine Freundin täuschen, die für mich so aufrichtige Gefühle hegt. Vielleicht hab ich Unrecht; wahrscheinlich hat es bisher der Zufall nicht gefügt, daß ich einer Frau wie Ihnen begegnet bin; aber schließlich und mit meinen Augen und bis zu dieser Stunde sah ich im Charakter der Frau solche Unbeständigkeit und Leichtigkeit, daß ich mich eine Frau leidenschaftlich zu lieben erst dann hinreißen lasse, wenn sie ganz mein ist.« Nach diesen im Tone ehrlichster Überzeugung gesprochenen Worten grüßte Feder Valentine wie in zärtlicher Freundschaft und ging. Sie blieb unbeweglich, in Gedanken. Schon dachte sie nicht mehr daran, sich bitter dem Augenblick des Wahnsinns vorzuwerfen, der sie Feder in die Arme geworfen hatte. Feder suchte Boissaux und dessen Gesellschaft auf und entledigte sich der Episode seines Todes, indem er einige Händedrucke gab und empfing. »Ich wußte es ja,« sagte Boissaux, »Sie sind nicht der Mann, der sich so töten läßt.« Delangle empfing ihn weniger freundschaftlich. Feder erzählte, ein Narr, der sich von ihm verulkt behauptete, hätte ihn attackiert; der Narr hatte eine Wunde in die Brust erhalten, worauf er ruhiger geworden wäre, zumal man ihm noch in der Folge einen Blutegel gesetzt habe. Das Lachen über dieses Detail machte der unangenehmen Aufmerksamkeit ein Ende, welches alle diese von guten Weinen angeregten Geldleute den Taten Feders schenkten. Bald konnte er Madame Boissaux anzusehen versuchen; aber der Gatte hatte ihr die Rückkehr nach Paris erlaubt, und sie war schon lange fort. Andern Tags erkundigte sich Feder mit der schönsten Kaltblütigkeit nach der Gesundheit von Frau Boissaux; er fand sie in ihrem Salon, in Gesellschaft ihrer Jungfer und zweier Mädchen, und alle waren damit beschäftigt, Gardinen herzustellen. Jeden Augenblick stand Madame Boissaux auf, Kaliko zu messen und zu zerschneiden; die Blicke waren so kalt wie was man tat; das Benehmen der beiden, welche die Nacht vorher einander in den Armen lagen, weinend ihre Liebe sich versichernd, hätte einen überkritischen Beobachter recht erstaunt. Valentine hatte sich geschworen, jedes Alleinsein mit Feder zu vermeiden für immer. Auf der andern Seite stellte sich, was er die Nacht zuvor gesagt hatte: daß er mit einer gewissen Hingabe nur dann lieben könne, wenn er geliebt zu werden sicher sei, als nahezu genaue Wahrheit heraus. War er auch kaum fünfundzwanzig Jahre alt, so glaubte er doch in keiner Façon an die Demonstrationen der Frauen; das graziöseste Geständnis der allerzärtlichsten Leidenschaft gab ihm keinen andern Gedanken als: ›man legt Wert darauf, mich zu überreden, daß man mich leidenschaftlich liebe.‹ Er hatte Angst vor seiner Seele, erinnerte sich aller Tollheiten, die er für seine Frau angestellt hatte, und er sah wirklich nicht ein, warum. Die Erinnerung daran war nichts weiter als die an ein kleines Mädchen sehr lustigen Charakters, das die aus Paris kommenden Moden anbetete. Mehr noch: es war ihm keine einzige distinkte und detaillierte Erinnerung von jenen Gefühlen geblieben, die ihn alle die Zeit, die er verliebt war, bewegten. Er sah sich nur seltsame Tollheiten begehen; aber der Gründe, die er sich damals dafür selber gegeben, erinnerte er sich nicht mehr. Die Liebe flößte ihm also ein Gefühl sehr deutlichen Schreckens ein, und hätte er vorausgesehen, daß er sich in Valentine verliebe, er wäre ohne Zweifel verreist. Er ließ es geschehen, daß er sie jeden Tag sah, zunächst weil sie hervorragend schön war: ihr Gesicht hatte gewisse Züge, die anzusehen er als Maler nicht ermüdete; zum Beispiel die Lippen, die ein bißchen zu stark waren und fähig, heftigste Leidenschaft auszudrücken und die dann weder seltsam kontrastierten mit der ganz idealischen Kontur der Nase und dem keuschen und sublimen Ausdruck in den Augen, deren so lebhafter Blick einer Heiligen des Paradieses zu gehören schien, hoch über allen Leidenschaften. Dann ließ sich Feder bei seinen täglichen Besuchen Valentines davon verlocken, daß sie ihm eine Zerstreuung war. Bei ihr dachte er nicht an die Unannehmlichkeiten seines Metiers, nachdem und seitdem er in einem Anfall von kritischem Menschenverstand entdeckt hatte, daß er für Miniaturporträts nicht das geringste Talent besaß. Er fühlte, daß er einen Entschluß zu fassen habe; unbesiegbare Abneigung war ihm eigen dagegen, wissentlich Schlechtigkeiten begehend zu leben. Es steckte in dieser Seele ein Fond südlicher und passionierter Anständigkeit, über die ein richtiger Pariser sicher gelacht hätte. In dem Jahre, das dem Porträt der Frau Boissaux vorausging, warf Feder das Atelier achtzehntausend Franken ab. Wenn auch öffentlich mit einer Schauspielerin lebend, galt er für einen jungen Mann von bester Haltung. Man wußte genau, daß Rosalinde für ihn nicht einen Sous ausgab; aber dank der Geschicklichkeit dieser selben Rosalinde beschränkte das Publikum nicht darauf allein sein Wohlverhalten zu Feder. Man kannte ihn nicht anders, als aufs tiefste die Gattin beklagend, die er vor sieben Jahren verloren hatte, und dieses Renommee leidenschaftlicher Anständigkeit begann bis hinauf zu jenen Frauen zu dringen, welche einen Namen und Pferde haben. Zu all dem entdeckte man noch seine sehr gute Abkunft. Hatte sich auch der etwas närrische Vater in den Handel geworfen, so war dafür der Großvater Feders ein guter nürnbergischer Edelmann gewesen, und Feder hatte solcher Abkunft würdige Gefühle. Als Maler sprach er nie von Politischem; aber es war zweifelsohne, daß er nie eine andere Zeitung las als die Gazette de France, und dieser junge Miniaturmaler besaß in seinem Bücherspind alle heiligen Patres, von denen frommer Eifer neue Ausgaben auflegte. Eskortiert von so schöner Reputation konnte Feder auf einen der nächsten freiwerdenden Plätze des Institutes Anspruch machen; nur von ihm hing es ab, eine noch sehr wohlerhaltene Frau zu heiraten, die ihm achtzigtausend Franken Rente in die Ehe brächte und welcher er keinen andern Fehler vorwerfen könnte, als ihre von Tag zu Tag zunehmende Leidenschaftlichkeit. Durch den allerunwürdigsten Zerfall entdeckte Feder etwas, das ihm sehr mißfallen hatte: anläßlich der letzten Ausstellung hatte Rosalinde an viertausend Franken für Zeitungsartikel ausgegeben zum Lobe von Feders Rahmen mit Miniaturen. Nun, nachdem Feder mit seiner Talentlosigkeit ins Reine gekommen war, wuchsen seine Erfolge und nichts ist leichter zu erklären: Er war besonders für weibliche Porträte gesucht und seitdem er es aufgegeben, sich für die wahre Naturwiedergabe ans Kreuz zu schlagen, schmeichelte er seinen Modellen mit einer Schamlosigkeit, die er früher nicht kannte, als es ihm auf nichts sonst als die Wahrheit der Natur ankam. Zum Beweise, daß Feder im Grunde doch das war, was man in Paris einen Nigaud, im Deutschen etwa einen Schafskopf nennt, genügte die Bemerkung, daß er gegen alle des langen von uns aufgezählte Erwartungen Bedürfnis nach Zerstreuung hatte. Das entscheidende Wort über all das ist, daß er es wenig honett, im Porträtfache fortzufahren, wissend, daß er schlechtes Zeug mache; und auch über dieses Wort schlecht ist noch viel zu sagen: dreiviertel der Leute, die in Paris davon leben, Miniaturen zu malen, standen an Talent über Feder. Was noch seine lächerlichen Skrupel vermehrte, war, daß er, sonst alles was er dazu dachte getreu Rosalinde erzählend, ihr nichts von der fatalen Entdeckung sagte, die er anläßlich der Porträte der Madame de Mirbel gemacht hatte. Situation und Charakter Feders werden genügend gezeichnet sein, wenn wir erwähnen, daß die Gewohnheit seiner täglichen Besuche bei Frau Boissaux alle andern Empfindungen, die sonst sein Leben im Schwung hielten, ausschalteten. Bevor er sie kannte, sagte er manchmal: »Ich sollte so närrisch sein, eine Liebe zu haben?« Gewöhnlich nahm er sich dann an solchen Tagen vor, nicht zu Valentine zu gehen; aber die Stunde, die er sie zu sehen pflegte, schlich grausam; und oft konnte er der Versuchung nicht standhalten; er lief zu ihr, indem er sein sich selbst gegebenes Wort brach und voller Scham darüber war. Das letzte Mal, daß er ernsthaft fürchtete, von der Liebe gepackt zu sein, war er zu Pferd gestiegen und befand sich zur Stunde, wo er Valentine hätte sehen können, in Triel, am Ufer der Seine, zehn Meilen weg von Paris. Die Szene in Viroflay änderte alles; er konnte den Verdacht einer Finte im leidenschaftlichen Benehmen der Frau Boissaux nicht zulassen: sie hatte ihn sicher für tot geglaubt. In der Nacht, die auf Viroflay folgte, fiel Feder in grenzenlose hilflose Liebe. Er dachte: »mach ich Dummheiten wie jene, zu denen mich meine erste Liebe veranlaßte, dann werd' ich beim Aufwachen ja in einem netten Zustand sein... aber, diesmal ist es nicht mein Vermögen, das kompromittiert ist; um mein Unglück herbeizuführen, bedarf die Liebe nur ihrer selber; ich muß die Sache so gut drehen, daß in Valentine die Frömmigkeit lebendig wird, und dann endet's damit, daß sie mir verbietet, sie zu sehen. Aber ich kenne meine Schwäche; ich brauche nur leidenschaftlich zu begehren, um ein Idiot zu werden; sie ist fromm, abergläubisch fast; nie werd' ich die Courage aufbringen, Gewalt gegen sie anzuwenden und zu riskieren, ihr zu mißfallen. In solcher Position habe ich immer nur Kraft gegen mich selber, und um zu der Courage zu kommen, die ein Mann haben muß, dazu habe ich keine andere Ressource, als diese Leidenschaft, die mich beherrscht, mir aus dem Herzen zu reißen.« Ziemlich verschreckt von diesen Gedanken, endete Feder damit, die energischsten Entschließungen gegen Valentine zu fassen. Er sagte sich: »In einer so aufrichtigen und jungen Seele löscht sich das mir gezeigte leidenschaftliche Gefühl nicht in wenigen Tagen aus und besonders habe ich nicht zu fürchten, daß ich diese Leidenschaft damit zum Verschwinden bringe, daß ich sie leiden lasse. Glücklicherweise gab ich, genau genommen, im Glashaus keinerlei Zeichen leidenschaftlicher Liebe. Eine scharmante Frau in der Blüte ihrer ersten Jugend wirft sich, die Wangen naß von Tränen, mir in die Arme und fragt mich, ob ich sie liebe! Welcher junge Mann an meiner Stelle hätte nicht mit Küssen geantwortet? Aber sofort kommt mir einen Augenblick darauf die Vernunft wieder und ich mache ihr diese vortreffliche Erklärung: ›Ich erlaube mir eine Frau leidenschaftlich zu lieben nur dann, wenn sie sich mir ganz gibt‹. Es handelt sich jetzt nur darum, auszuhalten, dabei zu bleiben. Bringt mich Unklugheit dazu, ihr die Hand zu drücken, diese scharmante Hand gar zu küssen, so wäre für mich alles verloren, und ich müßte zu den abscheulichsten Remedien greifen, zum Beispiel zur Abreise.« Feder hatte es nötig, sich unausgesetzt dieser häßlichen Gedankenfolgen zu erinnern während dieser ersten Visite bei Valentine, umgeben von Schneiderinnen und allem Anschein nach nur damit beschäftigt, Koton für Vorhänge auszumessen und zu zerschneiden. Er fand sie zum Anbeten in diesen häuslichen Betätigungen. Das war ja eine brave Deutsche, ganz verbunden ihren hausfraulichen Pflichten! Aber in welchem Tun hätte er sie nicht zum Anbeten gefunden und sich neue Gründe zu leidenschaftlicher Liebe gegeben? Schweigen ist ein Zeichen der Liebe, sagte sich Feder; daher nahm er bei seinem Eintritt in das Gemach sofort das Wort und ließ es nicht mehr aus, gab es nicht mehr her, schwätzte über Dinge tausend Meilen von der Liebe entfernt und allen Zärtlichkeiten. Erst tat Valentinen dieser Wortstrom wohl; ihre lebhafte Phantasie hatte sich angstvoll vorgestellt, Feder würde die Unterhaltung nahe dort aufnehmen, wo sie im Treibhaus geendigt hatte. Darum auch Koton, Vorhänge, die Mädchen. Aber in wenigen Augenblicken war Valentine beruhigt; doch bald war sie es zu sehr; sie schluckte schweres Atmen, als sie Feders Hirn mit so ganz andern Dingen gefüllt sah, als es nach ihrer Meinung hätte belebt sein sollen. Und besonders seine Lustigkeit empfand sie beleidigend fast, sie sah ihn an mit einem naiven und zärtlichen Erstaunen, das göttlich war. Feder hätte sein Leben gegeben, die geliebte Frau zu beruhigen damit, daß er sich in ihre Arme warf. Die Versuchung dazu war so stark, daß er zu diesem banalen Rückzug Zuflucht nahm: er sah rasch auf seine Uhr und verschwand unter dem Vorwand einer wichtigen geschäftlichen Verabredung. Wahr ist, daß er auf der Treppe stehen bleiben mußte, so stark war seine Erregung. Es kommt sicher ein Tag, wo ich mich verrate, sagte er sich, und hielt sich mit aller Kraft am Treppengeländer, um nicht hinzustürzen. Dieser erstaunte, ja man könnte sagen unglückliche Blick, Liebe dort nicht zu finden, wo er zu viel Liebe zu finden gefürchtet hatte, dieser Blick bedeutete vielleicht mehr für das Glück unseres Helden als die so leidenschaftlichen Umarmungen der vergangenen Nacht. Es war die Stunde der Promenade im Bois. Feder war ausgeritten, aber am Eingang zum Bois de Boulogne ritt er in ein paar Wagenpferde hinein und ein Stück weiter hätte er um ein Haar einen Philosophen erledigt, der, um gesehen zu werden, diese Gegend zum Meditieren gewählt hatte und lesend daherkam. Ich bin zu zerstreut, um auf einem Gaul zu sitzen, sagte sich Feder und fiel in kurzen Trab, um immer die Augen vor sich hinzuhalten. Achtes Kapitel Abends kam ihm noch stärker zu Bewußtsein, was für ein Narr er war; er traf im Opernfoyer Delangle, der ihn begrüßte. Schreck packte ihn für einen Moment, und die lärmende Stimme des Provinzlers, so wenig geeignet, zur Seele zu sprechen, tönte bis in die Tiefen der seinen. Delangle donnerte: »Wollen Sie nicht zu meiner Schwester? Sie ist in der Loge?« Trotz seiner Entschlüsse überredete sich Feder, daß ihn dieses Wort einfach zwinge; daß, nicht in der Loge von Frau Boissaux zu erscheinen, bemerkt werden würde. Er ging also. Zum Glück traf er in der Loge eine ganze Gesellschaft; er verharrte im Schweigen und war linkisch bis zum Lachen. »Da ich nun schon einmal nicht spreche, dachte er, kann ich mich ganz meinem Glück hingeben.« Irgendein frisch aus Toulouse Neugeladener war da, der etwas davon gehört hatte, daß die Herren manchmal ein Flacon mit Riechsalz bei sich tragen; er hatte nun eine Flasche gekauft, die er, kaum war er in der Loge, entstöpselte, so daß der Essiggeruch den Logeninsassen höchst unangenehm in die Nasen roch. »Und Sie, Herr Feder, machen Gerüche doch krank!« sagte Valentine, und er konnte darauf keine gescheitere Antwort finden als ein zweimal wiederholtes eh bien, Madame. Ihm war ein unbesiegbarer Widerwille gegen alle derlei Gerüche eigen, aber seit diesem Abend wurde der Geruch von Kleesalz heilig für ihn; so oft er ihn später roch, empfand er ein lebhaftes Glücksgefühl. Valentine dachte: »Des Morgens so sehr Sprecher, so fruchtbar an scherzhaft vermeinten Anekdoten, und so mundtot am Abend? Was nur geht in diesem Menschen vor?« Die Antwort war nicht zweifelhaft und ließ die junge Fragerin zärtlich seufzen. »Er liebt mich.« An diesem Abend war Frau Boissaux lebhaft für das Stück interessiert; jedes Wort von Liebe, das darin vorkam, ging ihr senkrecht ins Herz. ›Nichts war gemein und nichts war übertrieben.‹ So vergingen zwei volle Monate. Der heftig verliebte Feder entfernte sich nicht um ein Schrittchen von den Regeln allerstrengster Vorsicht. Jedes Wiedersehen mit Feder änderte immer alle Gedanken, die sich Valentine über ihn machte. Sein so simpler und bescheidener Charakter zeigte nun die bizarrsten Störungen. Da hatte sie zum Beispiel in der ersten Zeit ihres Pariser Aufenthaltes mit deutlich geäußertem Widerwillen die Geschichten angehört, die man von den Geldausgaben der von Geldleuten ausgehaltenen Damen erzählte. Jetzt ahmte sie diese Damen im Extravagantesten ihrer Lebensführung nach. So machte ihr der Gatte eines Tages eine Szene, weil sie an einem Nachmittage vier Domestiken von Viroflay nach Paris geschickt hatte; es handelte sich, und vor dem Diner, um eine bestimmte Robe der Madame Deslisle. »Und dazu erwarten wir nicht einmal jemanden zum Diner!« Herr Boissaux zählte nämlich Feder nicht; der gehörte zum Hause und Valentine hatte ein Anzeichen dafür, daß er heute käme. Die Robe kam um halb sechs; aber Feder kam nicht, und Valentine war nahe daran, darob ihre Beherrschung zu verlieren. Sie war weit davon, die Gedanken und die oft grausamen Erfordernisse zu ahnen, welche gebieterisch die Haltung dieses Liebhabers dirigierten, der ihr niemals sagte, daß er sie liebe. Rosalinde war eifersüchtig wie der Othello; manchmal tat sie Tage lang nicht den Mund auf, manchmal explodierte diese so wohlerzogene, gütige und sanfte Frau in heftigsten Vorwürfen, und was sie tat, entsprach ihren Worten. So zahlte sie zum Beispiel Feders Domestiken, und um Szenen zu vermeiden hatte er seinem Groom gekündigt und mußte sich vor seinem Kammerdiener verstecken. Sein Pferd hatte er bei einem Pferdehändler in den Champs-Elysees eingestellt; und trotz aller langweiliger und anderer Vorsichtsmaßregeln kam Rosalinde auf alles, was er tat. Die liebenswürdige Tänzerin war immer fromm gewesen, welche Qualität die Welt bei einer Tänzerin meist nicht vermutet. Seit Rosalinde eifersüchtig war, wurde sie auch abergläubisch; den Tag verbrachte sie bei Priestern, denen sie Geld gab für die Bedürfnisse der Kirche, und nicht wenig Geld; sie kündete ihre Absicht an, der Bühne zu entsagen. Geschickte Leute hatten sie mit der Hoffnung gefüttert, sie würde nach diesem Schritt Aufnahme in eine Gesellschaft frommer Damen finden, unter denen einige mit hohen Namen. Sie brachte es eher mit allen ihren plagenden Demarchen nur dahin, daß Feder die Idee kam, Paris für immer zu verlassen. Er zitterte davor, daß sie nach Viroflay kommen könnte, da einen Salat anzurichten. Was hätte daraus Delangle mit seinen Verdachten für Gewinn gezogen! Niemals mit Frau Boissaux von Liebe zu sprechen und dabei alles nötige zu tun, seine Leidenschaft bis zum Delirium zu steigern, diese Leidenschaft als ehrlich und ernstlich bestehend vorausgesetzt, das war der Plan für Feders Haltung, an dem er mehr aus Ängstlichkeit festhielt als aus guter Berechnung. Hatte Frau Boissaux eine wirkliche Leidenschaft für ihn, dann konnte sie sich kompromittieren, und das schlösse ihm das Haus. Aber seine Ängstlichkeit, seine Furcht, Frau Boissaux zu verletzen, zu kränken, wollten sie zwingen, als erste zu sprechen, was notwendigerweise zu einem entscheidenden Schluß führen müßte. Da es außer seiner Gewalt war, ihr etwas zu verbergen, gestand er ihr die große Angst, die er vor Delangles Verdachten habe, was einen seltsamen Dialog zur Folge hatte zwischen einer sehr frommen Frau von zweiundzwanzig und einem Manne von sechsundzwanzig Jahren, der die Frau irrsinnig liebt. »Was tun, wenn er Herrn Boissaux sagt, daß alles was ich tue, um seine ehrgeizigen Träume zu erfüllen, sich durch ein Wort erkläre: daß ich Sie verrückt liebe? Was antworten?« »Entschlossen eine Liebe ableugnen, die verbrecherisch wäre.« »Aber wenn ein Mann mit auch nur geringer Kenntnis des Lebens und der Liebe einen Blick auf mich wirft, so sieht er auf der Stelle, daß ich liebe. Mit welcher Stirne eine so deutlich sichtbare Wahrheit leugnen?« »Leugnen, nichts als immer und immer leugnen; wir werden ja bald diese sündhafte Liebe vergehen sehen.« Bei einem der vorzüglichen Diners in Viroflay sprach man einmal von den so plötzlichen Erfolgen der Mademoiselle Rachel. »Was ich besonders an diesem jungen Mädchen liebe, ist, daß sie den Ausdruck der Leidenschaft nicht übertreibt; selbst bei einigen Stellen in der Rolle der Emilie in Cinna hat man den Eindruck, als läse sie ihre Rolle ab – das ist admirabel unter einem Volke, das nur in der Übertreibung lebt. Denn bei uns übertreibt alles, um sich Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen, Romanciers, ernsthafte Schriftsteller, Dichter, Maler, alles.« Keiner der Gäste sagte etwas zu dieser Bemerkung des Herrn Boissaux; er war mit dieser Äußerung so weit weg von dem, was er sonst zu reden pflegte, daß alle erstaunt schwiegen. Feder hatte seinem Freunde Boissaux einen literarischen Korrespondenten gegeben, einen armen ausgedienten Vaudevillisten. Jeden Tag trafen zwanzig Zeilen literarische Korrespondenz in Viroflay ein: das zu sagen nötige Wort über das letzte Stück, über eine Industrieausstellung, eine Bilderausstellung, über das Ableben der großen Schildkröte im Zoologischen Garten, über den Prozeß des Tages usw. usw. Herr Boissaux hatte nicht gehandelt und zahlte zehn Franken für jeden dieser Briefe, deren meiste Feder schrieb. Man muß der Wahrheit Ehre geben: die Sätze fleckten ein wenig in der Konversation der Millionäre, aber die Leute, vor denen er sie losließ, hatten genug damit zu tun, sie zu verstehn. Das Amüsante an der Sache war, daß Boissaux, der seit der Einrichtung der Korrespondenz nicht ein Wort mehr davon zu Feder sprach, ihm die Sätze ganz frech so ins Gesicht sagte, als wären sie von ihm selber und eben von ihm geformte Einfalle und gar nicht die Sätze aus der Korrespondenz von gestern, die er übrigens meist schauderbar mißverstehend verdarb. Was Feder da den künftigen Pair von Frankreich für Gedanken, und manchmal recht feine, aussprechen machte, kontrastierte sehr spaßig mit den sonstigen Manieren des Mannes. Um z. B. sein gewohntes Stocken zu verbergen hatte Boissaux, seitdem er reich war, die Gewohnheit angenommen, seine Worte sich überstürzen zu lassen, daß es nur so regnete, aber immer mit ganz kleinen Pausen zwischen den Worten. Vernahm man die derbe Fuhrmannsstimme, so wandte jedes den Kopf; man hatte den Eindruck, als erzählte da einer eine dreckige Anekdote und ahmte die Stimme eines weintrunkenen Kutschers nach. So war der beschaffen, den Feder, so empfindlich gegen alle Derbheiten, auch wenn sie Brauch heiligt, im Salon des Handelsministers zu produzieren unternommen hatte. Der junge Mann, den dieser Minister auf den wichtigen Posten seines Bureauchefs berufen hatte, als er sein Portefeuille übernahm, war der Neffe der Mademoiselle M**, einer ganz annehmbaren Sängerin der Académie royale de musique, bei welcher der Minister die Erholungsstunden von den öden Geschäften des penibelsten Ministeriums verbrachten. Dieser Staatsmann hatte es auf sich genommen, die entgegengesetztesten und unversöhnlichsten Interessen unter einen Hut zu bringen; es ging damals bei diesem Ministerium um den Zucker, von dem, um die Verlegenheit und die Verwirrung komplett zu machen, der Minister auch nicht ein Stäubchen verstand. Wo findet man in Paris und zumal bei den hohen Regierungsstellen einen Menschen, der Zeit hat, fünfzehn Stunden im Tag der Lektüre von Originalakten zu widmen?« Hier schließt das veröffentlichte Manuskript Stendhals. Der erste Herausgeber bemerkte in einer Note dazu: »Es existieren außer diesen noch zwei Seiten von der Hand Beyles, aber sie sind nahezu unentzifferbar.« Franz Blei.