Hermann Stehr Meta Konegen Drama Berlin 1904 S. Fischer, Verlag   Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt. Sowohl Aufführungs- als auch Nachdrucks- und Übersetzungsrecht vorbehalten. Das Recht der Aufführung ist nur von S. Fischer, Verlag, Berlin W. (Theaterabteilung) zu erwerben. Copyright by S. Fischer, Verlag, Berlin 1904.   Personenverzeichnis Joseph Konegen, früherer Professor Meta, seine Frau Willy, } Kinder der beiden Urselchen, Doktor Tetzner, junger Arzt Max Kullmann, angehender Referendar, Neffe Konegens Therese, Hausalte, frühere Amme des Professors Anna, Mädchen für alles im Hause Konegen Hindemit, Schlossermeister Hoheisel, Pfarrer Hauschild, Volksschullehrer   Ort des Geschehens: das Landhaus des Professors Konegen in Petersbach, einem Dorfe des schlesischen Gebirges. Zeit der Handlung: Gegenwart Erster Akt Studierzimmer des Professors Konegen, ein großer, hoher Raum, dessen Wände bis zur Hälfte Nußbaumverkleidung tragen. Rechts drei große Fenster nach dem Garten, die geöffnet sind. In der Mittelwand Tür nach dem Flur. Vor den Fenstern, so ins Zimmer zurückstehend, daß ein Gang übrig bleibt, der weitläufige Schreibtisch mit vielen Büchern, Schreibzeug, Papiermesser u.s.w. In der rechten Ecke der braune, altdeutsche Ofen. Neben der Flurtür nach vorn das in die Verkleidung eingelassene, mit hellbraunem Leder bezogene Sofa. Davor ein mit Büchern und Zeitungen unordentlich bedeckter Tisch, an dem einige Stühle stehen, unter ihnen in die Mitte des Zimmers hin ein bequemer Ruhesessel, in dunkelgrünem Leder bezogen. An den Wänden; über dem Sofa ein großes Ölgemälde in schwerem Goldrahmen, neben dem Ofen eine moderne schwarzwälder Uhr, an der Holzverkleidung, in Augenhöhe hängend, Radierungen alter Meister in einfachen Eichenrahmen. Es ist gegen sechs Uhr früh im Anfang Juni. Professor Konegen sitzt auf dem herumgewendeten Schreibstuhl, die Ellenbogen auf die Armlehne gestützt, die Hände gefaltet. Er ist neununddreißig Jahre, starkknochig, ein wenig verfallen. Seine Haltung ist grüblerisch gebeugt. Öfters reckt er sich auf. Sein volles Haar und sein Spitzbart sind stark im Ergrauen. Beim Sprechen, das aus sanftem Hingleiten leicht in nervöse Erregtheit umschlägt, pflegt er öfter mit den Fingerspitzen der Rechten den Kinnbart lang zu ziehen. Doktor Tetzner sitzt ihm gegenüber im Sessel. Er ist sechsundzwanzig Jahre alt, groß, feist, brünett; trägt einen Kneifer, sein Haar ist ganz kurz geschoren. Er spricht auffallend langsam mit tiefem, dröhnendem Bierbaß. Doktor Tetzner .Wie gesagt, es tut mir sehr leid, Herr Professor. Konegen .Lieber Tetzner, deswegen durften Sie Ihre Nachtruhe nicht so zeitig aufgeben. Doktor Tetzner . Ach, scheußlich! Alle Abende lieg ich da herum, und gerade, wenn man mal notwendig wäre, muß man nicht da sein. Konegen . Nun, nun. Trösten Sie sich, junger Freund! 's ist ja nun alles, denk ich, wieder im Gleise. So ziemlich, ja. Gehn Sie rauf und legen Sie sich wieder hin. Doktor Tetzner . Worüber klagt Ihre Frau Gemahlin denn eigentlich? Sie haben, glaub ich, die Anna gestern abend zu mir rauf geschickt, die frag ich heute morgen; aber aus der wird man ja nicht klug. Konegen , nach einigem Sinnen . Wenn ich Ihnen das sage, dann wissen Sie eigentlich nichts. Nicht viel, heißt das. Die weibliche Seele ist nu mal schon reizbarer, wie unsere. Sie wird sich beruhigen, sag ich mir. Nein, nein. Ich hätte notwendig, mich zu entschuldigen. Macht Miene, aufzustehen. Doktor Tetzner tut, als sähe er es nicht . Ich war da absichtslos in die Petersbacher Schenke geraten. Konegen , in gekünstelter Launigkeit . Hörn Sie, nennen Sie unser Hotel zum goldenen Schwan keine Schenke! Doktor Tetzner . Goldnen Schwan! Dem Kerl, dem Liebscher, fehlt bloß die blaue Schürze, so is der Hausknecht fertig. Konegen . 's ist wahr. Er ist mir eigentlich auch nicht gerade sympathisch. Wenn ich auch noch so wenig hinkomm. Waren Sie allein? Doktor Tetzner . Na ja und e – auch nich, Max war mit. Konegen . Da muß er aber erst später nachgekommen sein, denn so um acht, halb neun sah ich ihn durch den Garten gehn. Es war ja schon dunkel, daß ich mich schließlich auch getäuscht haben kann. Aber an dem forschen Rucken der Schultern bei einer Wendung glaubte ich ihn zu erkennen. Doktor Tetzner , eifrig . Nein. Max war entschieden eher unten. Ich kanns ja auf die Minute nicht bestimmen, aber viel über sieben war's nich bei seiner Ankunft. Konegen , mit schlecht unterdrückter Bitterkeit, lachend . Mein Gott, das ist ja auch egal. Ja. – Es ist gut, daß es mir schwer wird, alles muß uns schwer werden. Ich meine, daß sich das so gerade am Tage vor meiner Abreise zusammenschieben muß. Wissen Sie, lieber Tetzner, man täuscht sich eben. Doktor Tetzner . Inwiefern, Herr Professor? Konegen . Nun. – Zum Beispiel auch mit meinem Neffen, dem Max. Doktor Tetzner . Verehrtester Herr Professor, es ist ja eigentlich dumm, Ihnen gegenüber Max in Schutz nehmen zu wollen, aber … Konegen . Da brauchen Sie kein Wort zu verlieren. – Nein, um auf meine Frau zurückzukommen. – Eine Weile vor sich hinsehend . – Das ist so eine heikle Sache. Aber Sie sind ja doch der Sohn des alten Papa Tetzner, auf den mein Vater große Stücke hielt. Doktor Tetzner . Weiß Gott, die alten Herren haben zusammengestanden. Wie geschweißt, möchte man sagen. Konegen . Ich muß Ihnen sagen, daß ich ordentlich so … so ne uneingestandene Witterung hatte mit dem Max und ordentlich froh war, daß er Sie mit auf unsere einsame Lehne brachte. – Mit einem Wort: Max hat keinen günstigen Einfluß auf den Gemütszustand meiner Frau. Doktor Tetzner . Sie meinen, wegen seiner ungleichen Stimmung? Konegen . Na ja. Und das fortwährende Musizieren und dann die ewigen Witzeleien. Doktor Tetzner . Gewiß. Ich hab auch bemerkt, daß Ihrer Frau Gemahlin das manchmal auf die Nerven fällt. Konegen . Sie sieht mich ja oft wie in Angst und Verzweiflung an. 's is schon oft rein … wenn man nicht in nahen verwandtschaftlichen Beziehungen stände … einfach manchmal ungehörig. Doktor Tetzner , launig . Ach, Herr Professor, verzeihen Sie, ich glaube, Sie nehmen das zu tragisch. Außerdem weiß sich Ihre Frau Gemahlin doch wahrhaftig zu wehren. Sie schmeißt 'n doch oft bitterböse in 'n Sand. Konegen . Seine Reserviertheit lockert sich . Lieber Tetzner! Macht eine abwehrende Bewegung . Denken Sie, ich würde wegen solcher Kleinigkeiten herumsehen? Da kennen Sie mich schlecht! Die Sache liegt hier doch ganz anders. Nach kurzem Überlegen, unsicher. Wissen Sie noch, als Ihr Herr Vater den großen Prozeß um die Ziegelei hatte und am Abend vor dem Entscheidungstermin, der alles aufs Spiel setzt, wird Ihre Mutter todkrank? Doktor Tetzner . Ich weiß, ich weiß. Da hab ich Papa das erste und letzte Mal zittern sehen. Konegen redet sich wider Willen in Erregung. Das ist's – Ja! Hier die Existenz und hier seine Frau. So war's doch bei Ihrem Vater! – Herr Tetzner, dastehen und fühlen, wie sich das verliert, immer weiter, ein Menschenleben, wie es immer weiter fortgeht von uns und alles was man tut, nutzt nichts. Machtlos sein. Wie? Das hat doch Ihrem Vater den Schweiß auf die Stirn getrieben? – Ja. Steht auf und durchmißt in großen Schritten das Zimmer. Und da hat man umsonst in sieben Feuern gebrannt. Das achte – das – das will einem ans Mark. Doktor Tetzner . Sie glauben also wirklich, Ihre Frau sei leidend? Konegen hat angehalten und Tetzners Worte gehört; nun nimmt er sein Schreiten, aber langsamer wieder auf. Meine Frau – es ist so ne Sache – das dauert schon jahrelang. – Schließlich bleibt einem nicht mehr übrig. Hält vor Tetzner. Aber sehn Sie, man kann darüber auch zu Menschen kaum sprechen, von denen man weiß, daß sie es ehrlich meinen, ohne Gefahr zu laufen, mißverstanden zu werden. Doktor Tetzner . Gegen mich können Sie in dieser Hinsicht ruhig offen sein. Wenn Sie erlauben, untersuch ich sie mal. Konegen hat sich an den Schreibtisch gelehnt. Mit spöttischem, hartem Lachen. In Gottes Namen. Ob's Meta zugibt, ist eine andere Frage. Plötzlich in bohrendem Ernst. 's ist ja eigentlich Torheit! – Vielleicht – Schreckgespenste! Tetzner voll ansehend. Aber das ist doch nicht das einzige, was bei mir auf dem Spiele steht! Doktor Tetzner . Dieser Ausruf lag mir eben auf der Zunge. Das muß doch ungeheuer störend sein für Ihr Werk, zumal für Ihre öffentliche Tätigkeit. Konegen , in schmerzvolle Bitterkeit versinkend. Da hat man gesessen, Jahr um Jahr, und gesonnen, wie dieser Verdumpfung des Volkes zu begegnen sei, und es ist einem gelungen, die Fahne der Freiheit vom Boden aufzuheben, und nun, wo der Tanz mit den Dunkelmännern losgehen soll, sieht man, daß der Boden, auf dem man steht, anfängt zu bröckeln. Starr, die Arme vor der Brust verschlungen, mit dem Haupte nickend vor sich hin. Aber, was meinen Sie, so bedenklich kann die Sache doch noch nicht stehen, daß ich morgen vom Lehrertage fern bleiben müßte? Doktor Tetzner . Aber auf keinen Fall, Herr Professor. Das halte ich für vollkommen ausgeschlossen. Konegen. Mein Ruf steht auf dem Spiele – ich meine mein Name, nicht mein Ruf. Doktor Tetzner . Ich versteh, ich versteh! Nein, nein! Aber was ich Ihnen raten möchte. Als Arzt selbstverständlich. Zur Beruhigung Ihrer Frau Gemahlin erachte ich es als unbedingt notwendig, sie so wenig wie möglich durch Widerspruch zu reizen. Ein Katzenpfötchen machen, auf alles eingehen und so. Da renkt sich das am besten ein. Es klopft an die Flurtür. Konegen. Herein! Therese. Hausalte, frühere Amme des Professors. Ende der Sechziger. Behende, robuste Greisin mit schneeweißem, glattem Scheitel, frischem Gesicht und lebhaften Augen. Sie geht wenig gebückt und trägt blaugedruckten Hausrock und ebensolche Jacke, die vorn unter die ausgewaschene Schürze gebunden ist. Mürrisch. Gun Morjen. Konegen. Guten Morgen, Therese. Auch da? Therese. Ich wär lieber wo andersch. Konegen. Gewiß, lieber Tetzner, natürlich. Guten Morgen! Reicht ihm die Hand. Doktor Tetzner , sich verneigend. Guten Morgen. Durch die Flurtür ab. Therese geht umher und streicht mit einem Lappen über die Möbel. Sie räuspert sich mehrmals, um Konegens Aufmerksamkeit zu erregen. Endlich gewahrt sie die offenen Fenster und wirft sie krachend zu. Missen denn o alle Lecher offe stehn! Konegen fährt auf . Nanu. Was ist dir denn wieder? Therese. Ach. Ich, ich! Missen Sie sich denn durchaus enne Gauze hulle? Husten tun Se vor schon genung. Konegen bricht in Lachen aus, das wirklich in Husten übergeht. Therese. Da haben Se 's, hhha! Megen Se noch aso gescheide geworn sein; aber das schein Se immer noch nich begriffen zu haben, daß Zug schadt. Vollds in Ihrem Alder. Konegen , im Überlesen des Geschriebenen sich ein wenig unterbrechend. Aber Therese! Bin ich denn ein Greis? Therese. Jesses nee, de Gestudierten wissen eben o nich alls. Sie sein eim Ibergange. Vo dreiunddreißig bis neununddreißig sein biese Jahre fir de Mannsleite. Konegen. Jeder Mensch ist jeden Augenblick seines Lebens im Übergang, Therese. Therese tritt entschlossen auf ihn zu und faßt seine Schulter. Halten Se sich, sag ich, halten Se sich! Sie wern Ihre Kräfte noch weiter brauchen. – Hätten Se lieber 's Gut übernummen, das scheene, scheene Gut! wie's dr gnädge Herr Vater patuh wollte. Noch amol, ehb a starbe. Da wärn Se heite ein andrer Mann. Sie hätten Berlin nich gesehn un – alles wär andersch gekommen. Konegen. dreht sich um und ergreift ihre ausgearbeitete Hand. Laß doch, Therese! Ich dächte, du weißt, wie oft Papa die ganze Geschichte in Grund und Boden verwünscht hat. Ich weiß ja, daß du eine gute Seele bist. Therese , an Tränen würgend, aber um so grimmiger. Mit den zwee Händen hab ich Se gepischt, kee Auge nich vo Ihn verwandt, Tag und Nacht nich, da kann ich schon a Wort reden. Konegen ist ans Fenster getreten. Sage mal, du verstehst dich ja aufs Wetter. Was meinst du, ob's morgen noch hält! Weil's immerfort so verdammt schwül is. Therese. Ä, was weeß ich! In den Bergen, da kennt ma sich nich aus. Ei Bögendorf, eim Lande drunten, freilich. Aber das elende Petersbach sitzt ei a Bergen drinn, wie der Quark eim Korbe. Tritt auf ihn zu. Aber das kann ich Ihn sagen: Es tauert a so lange wie's tauert, eemal da passiert was. Mädchenstimme im Garten. Barry, rrr! Hier, hier, hier! rrr! Spielerisches Knurren eines großen Hundes. Konegen. Das ist wohl wieder die Anna? Therese. Freilich, wer soll's denn sonste sein? Bei der krabbeln die Raupen schon am frühen Morgen. Konegen ruft aus dem Fenster. Anna! Anna! Hörst du denn nicht, Anna?! Annas Stimme. Jees Maria, habn Sie mich aber jetze erschrocken! Gun Morgen, gnädger Herr! Konegen. Du sollst doch die Dummheiten mit dem Hunde lassen. Vollends vor meinen Fenstern. Annas Stimme. Nu, ich muss doch's Geschirre aus der Laube hulln vo gestern Abend, vo … Konegen , erregt . Darum habe ich dich nicht gefragt, verstehst du! Das Geschwätz kann ich nicht leiden. Sanft. Du gehst zu Hanel rüber und fragst, ob ich morgen vormittag zum Elf-Uhr-Zuge einen zweispännigen Landauer bekommen könnte. Es sind drei Herren. Hast du's verstanden? Annas Stimme. Jees ja, wenn man das nicht und sollde 's nich verstehen! Konegen schließt das Fenster und beginnt hastig in der Stube auf- und abzugehen. Ein rappelköpfiges Frauenzimmer. Therese fährt fort, mit dem Lappen zu hantieren. Das macht der Brauergeselle. Wenn schon so ein Kerl ins Haus kimmt! Bei dem erhit' ich's ja. Bei dem freilich. Na, ich weeß nich, was da noch wern soll. Das is alles! Macht eine abwehrende Armbewegung. Konegen blättert in einem Buch auf dem Sofatisch, ohne aufzusehen . Sage mal, ich hatte die Fenster gestern abend geschlossen. Sie waren wohl sehr lustig? Therese hält inne und sieht eine Weile betroffen nach ihm. Nee, Herr, aso was missen Sie nich erscht von mir denken. Hinder de Ecken kriechen! Da kann ich zu wing leise uftreten. Konegen. Ach, du verstehst mich nicht. Meine Frau war diese Nacht krank! Therese, in Schreck. Krank, sagen Sie! Aso weit wärsch schon? – Das wird wohl bloß, nach – Lacht beißend. die ging ja schon am frühen Morgen eis Dorf nunder. Konegen. Ja? – Hmhm. Man weiß wirklich bald nicht mehr. Therese, wegwerfend. Ach, Herr Professor! Konegen, halb zu sich. Da glaubte ich, es würde hier in Petersbach anders werden, als es in Berlin war. Aber 's is dasselbe. Dasselbe. Scheu, verschlossen, still, wie gebrochen manchmal, und zuletzt, die – se … Therese. Stille? Sagten Sie nich aso? Ich hab mich woll bloß verhört! Konegen. Nun, es ist doch nicht anders. Therese. Was? Na, ich kennde Ihn a Liedl singen! Jetze, seit der Max da is, nee da is bale nich mehr auszuhalten. Jetze singt se, danach heult se; jetzt tätschelt se een, danach is das wieder nich recht und je's nich. Ich, eene ale Frau, eim Hause ufgewachsen! – Wenn ich's weger Ihn und den lieben Wirmel nich tät, ich wär schon ieber alle Berge. Da wird ma rumkrichen! Du meine Gitte. Ich küss' das Urselkindchen und den Willy, denn die derf ich, das kann der Herrgott selber sehn. An eem solchen Kissen hat er gar noch seine Freede, Menschen und Engel o. Jawoll, – Kissen. – Konegen, aus dumpfem Hinhorchen auffahrend. Entsetzt. Was? Springt in zornigem Aufraffen empor. – Unsinn, Therese. und beginnt erregt in der Stube auf- und abzugehen. Faßt sich und bleibt stehen. Mit unnatürlich sanfter Stimme. Therese! – Ist mit Willy und Urselchen heute morgen schon geturnt worden? Therese, grob. I, wo wer ich denn? Jetze is noch nich amal siebne. Da sein se verleicht erscht noch gar nich offe. Konegen. Sieh mal nach, und wenn sie auf sind, da bring sie mir rauf. Ich werd's heute mal selber machen. Beginnt wieder zu wandeln. Das wird mich wieder festigen. Therese. Was sagten Sie? Geht trödelnd ab. Ja, ja, machen Sie's. Ich hab aso an dem ganzen Getue keen Spaß nich … Neuigkeeten … was soll da och raushängen … da geht alles, wer weeß, wohin. Na, ich kimmer mich um nischte. Konegen, bei unsanften Schließen der Tür aus dem versonnenen Wandeln auffahrend, starrt im Innehalten ihr nach. Pfui … wo gerätst du hin, Konegen!! Eilt zum Schreibtisch, ergreift eines der beschriebenen Blätter und vertieft sich gewaltsam. Liest erst leise, dann mit Gesten des Einverständnisses, endlich laut und lauter. Wem noch das Herz auf seinem roten Strome der Begeistrung buntbewimpelt Schiff hintreibt, muß bei uns stehn. Es gilt, dem Heiligsten zu dienen, die Menschenseele aus den Schlingen des Zufalls, des Wahns vom All und sich, ererbter Form und Stimmung loszulösen und sie zu ihrem eigenen Kinde zu machen, auf daß sie ihre große Sehnsucht sei. Sie gerade rufe ich zu Hilfe, weil Sie als Lehrer der Volkeskinder durch Wissen, Pflicht und Liebe zu diesem Werk am nächsten stehn … Thereses rauhe Stimme hinter der Tür. Da braucht'r eich doch nich zu firchten! Konegen schließt das Manuskript weg und ruft währenddessen pathetisch. Kommt herein, ihr lieben Kinder! Therese schiebt den achtjährigen Willy, einen blonden, schlanken Knaben, und das sechsjährige Urselchen vor sich her. Heite werdt ihrsch amol orndtlich machen missen. Immer geht, ihr Täubel. Ich versteh mich nu eemal patuh nich ei das Gemache. Geht und gebt 's Händel und sagt guten Morgen. Konegen reicht den Kindern die Hand. Guten Morgen. Du kannst wieder gehn, Therese. Therese. Nee, nee; da habn Se och kee Bange nich, ich geh schon. Was ich bloß noch fragen wollte. Der Hindemit-Schlosser is da und läßt fragen, ob er das Geländer vo dr Treppe runternehmen soll und wie's neue wern soll. Konegen. Ist meine Frau nich da? Therese. Ja, die war doch eis Dorf nunder. Konegen. Er soll meine Frau fragen, und wenn sie noch nicht zurück ist, soll er warten. Therese, im Abgehen. Paßt gut uf. Das weeß der Himmel, fir was das gut sein soll. Im Hinaustreten trifft sie auf Meta. Schon auf dem Flur. Nu, da is se ja schon selber. Sie komm wie gerufen. Meta spricht leise zu ihr. Nee, nee; gehn Se och nei! Konegen späht durch die Tür. Herzlich. Guten Morgen, Weibel. Meta , siebenundzwanzig Jahre alt, ist mit einfacher Eleganz gekleidet. Mittelgroß. Ihre Fülle ist gerade so bedeutend, die Linien ihres schönen Leibes hervorzuheben. Das Gesicht übernächtigt, blaß, voll geheimen Wehs; große, dunkele, schimmernde Augen unter ebenmäßiger Stirn; die schmalen Lippen herb geschlossen. Sie hat reiches, schwarzes Haar, das sie gebauscht über die halben Ohren trägt und im Nacken zu einem schweren Knoten geschlungen hat. Furchtsam, gedrückt. Guten Morgen, Mann. Verzeihe! Konegen erfaßt ihre Hand, die sie ihm nicht gibt. Aber das ist ja charmant. Willy . Geh doch, Ursel! Du Muttel, der Barry beißt die Leute. Urselchen , mit Willy zugleich. Muttel, liebes Muttel! Meta wehrt ihnen in schmerzvoller Zärtlichkeit. Seid lieb, Kinder, geht. Ich habe mit Vatel etwas zu sprechen. Konegen. Ja, geht. Da braucht ihr heut mal gar nich zu turnen. Urselchen. Gelt, Muttel, das Holz von dem Schrank da is am Teich gewachsen. Meta, zerstreut. Warum denn, Urselkindchen? Urselchen. Weil man gerade so reinsehen kann wie in ein tiefes, tiefes Wasser. Meta. Ich werd's dir dann erzählen. Willy. Mir auch. Meta. Dir auch. Wißt ihr ein schönes Geschichtchen. Aber jetzt müßt ihr gehen. Nimmt sie und führt sie an die Tür. Die Kinder laufen eilig und geräuschvoll die Treppe hinunter. Konegen. Willst du nicht den Schal ablegen? Hilft ihr. Das ist brav, daß du diesen schönen Morgen zu einem Spaziergang benutzt hast. Aber nun lass es mich auch an deinem Gesicht sehen, daß die Frühsonne über dich gegangen ist. Streicht ihr etwas ungeschickt über die Stirn. Meta! Meta biegt den Kopf unter seiner Hand fort. In Trauer, vorwurfsvoll. Konegen! – Ich war nicht spazieren. Mit bitterem Lächeln. Das hältst du doch selbst nicht für möglich. Konegen. Aber an diesem wunderbaren Morgen, der geradezu verlockt. Meta, nach einer Weile, dumpf … an diesem wunderbaren Morgen! – Kommt ganz zu sich. Verzeih, Mann … bist du sehr beschäftigt? Konegen. 'n bißchen. Ich habe da die Vorarbeiten zum Lehrertage zu Ende gebracht. Und dann: ich habe das schon oft gesagt. Du mißverstehst mich total, wenn du glaubst, ich wolle mich abschließen. Ach, was soll ich denn tausendmal Gesagtes immer und immer wiederholen. Meta. Aber du hast es doch nicht gern, wenn du mit dem Kleinkram des Lebens belästigt wirst, wie du sagst. Konegen. Na, es kann aber doch Ausnahmen geben. Ihr Frauen nehmt eben alles zu wörtlich. Versteht es schief und, und, ach! Macht eine abwehrende Armbewegung. Meta, bittend. Konegen! Konegen, sehr gütig. Na, was hats denn eigentlich! Meta, mit ausgehendem Atem. Mir lassen die Vorgänge der vergangenen Nacht keine Ruhe. Siehst du, deswegen bin ich zu dir gekommen. Konegen. Liebes Weib, denke nicht mehr daran. Ich glaube, die Sache zu genau überlegen, heißt, sie unnötig verwickelt machen. Sei doch froh, daß alles vorüber ist, und reck dich auf. Meta. Du scheinst aber dem Vorfall trotzdem eine große Bedeutung beizumessen. Sonst hättest du mir den Tetzner nicht auf den Hals geschickt. Konegen. Na, gerade geschickt nicht. Und du hast dich wirklich untersuchen lassen? Meta. Ich wußte doch nicht, was du vorhattest damit. Ich dachte mir, du wolltest irgend etwas damit erreichen. Konegen. Offenbar hat dich die Sache aufs neue aufgeregt. Du bist ja totenblaß. Meta, vor sich hin. Ich weiß nicht … Entschlossen. und nicht eher werde ich zur Ruhe kommen, bis mir alle Vorgänge dieser Nacht ganz klar geworden sind. Ich bin doch in bester Stimmung zu Bett gegangen. Oder bin ich nicht, täusche ich mich vielleicht da schon? Konegen, ausweichend. Wir haben uns eigentlich den ganzen Abend nicht gesehen. Mit forcierter Bereitwilligkeit. Aber – es wird ja wohl so gewesen sein, daß du in bester Stimmung – den Tag geschlossen hast. Meta. Wie meinst du das, Mann, bitte, erkläre dich näher. Konegen. Na – a –. Aber weißt du, deine Lippen zittern ja. Ich bitte dich, lassen wir das bis auf gelegenere Zeit. Wenn du ruhiger geworden bist. Komm, gib mir den Arm; wir gehen in den Garten. Meta. Bitte, sag mir alles. Mit deinen vieldeutigen Worten hast du meine Aufregung so gesteigert, daß ich jetzt weniger als vorher auf eine genaue Einsicht in diesem Vorfall verzichten kann. Man ist doch nur ein Mensch, trotz seiner besten Vorsätze. Konegen. Du bist der Ansicht, alles wissen zu müssen, alles? Ach, Meta! Meata. Und wenn du mir's nicht sagst und mich vor dir umhergehen läßt, so, so wie eine mit einem Makel, dann pack ich lieber noch heute meinen Koffer und geh auf Nimmerwiedersehen von euch. Konegen. Da haben wir's. Das ist fast derselbe Ton wie heut Nacht. Aber wenn du schon durchaus willst. Also ich komme so um halb zwölfe ins Schlafzimmer und finde dich im Bett. – Ach das weißt du ja wohl. Nicht? – Du liegst still da, und es ist mir, als hieltest du den Atem an. Ich denk, du schläfst oder willst nicht sprechen, zieh mich aus und lösche das Licht aus. Da beginnst du immer heftiger dich im Bett zu wälzen, stürmisch Atem zu holen, und endlich brichst du in Weinen aus, das immer lauter wird. Plötzlich … nein, Meta, lassen wir es, es ist vorüber. Meta. O nein, sag's nur. Ich springe heraus, umschlinge deinen Hals und küsse dich … Konegen, den Bart langziehend, skeptisch. Geküßt, natürlich, und das ausreichend! Meta. Immer lach du mich aus. Darauf werd ich dir dann antworten … Mann!! – Aber nein, sprich jetzt nur weiter, denn von hier aus weiß ich wirklich nichts mehr. Da habe ich nur die Empfindung, ohne Bewußtsein durch brennendes Dunkel geschwankt zu sein. Konegen. Brennendes Dunkel. Dumpfes Dunkel, sag nur. Leere, trieblebige Bewegtheit. Setzt sich zur Deduktion zurecht. Wenn ich mir bedenke … Meta. Mann, wozu denn dies Ausweichen! Erzähle, bitte, weiter. Dann wird sich's ja zeigen. Es muß zur Klarheit zwischen uns kommen. Konegen, gallig. Dann kam eben alles, wie es kommen mußte. Weil ich auf deine – hm – Liebkosungen nicht eingehe, läßt du von mir ab und brichst wieder in dieses leidenschaftliche Weinen aus. Dann verfällst du in stummes Brüten, aus dem du hin und wieder gegen mich auffährst: ich solle doch ein Ende machen. Aber, liebe Meta, du sitzest ja da, als ob das Heil deiner Seele davon abhinge. Meta. Ja – und – dann – du … Konegen. Weib, ich bitte dich. Meta. Sprich nur. Sprich du ruhig. Nimm gar keine Rücksicht. Du, ich bin auf alles gefaßt. Konegen, mit Widerstreben, nur um es abzutun. Ach Gott, und dann redest du das wirreste Zeug, von Türzuschlagenwollen hinter dieser Nacht, von Gift getrunken haben, vom Sumpf bis an die Knöchel. Lauter Sachen, als ob wer weiß mit was deine Seele beschwert sei. Dazwischen bedauerst du dein Leben und das Leben deiner Kinder und raffst deine Betten auf. Meta, von unten her mit zitternder Entschlossenheit. Und an der Tür drehe ich mich noch mal um … Konegen. Meta! Meta, tonlos. Du spielst mit mir. Entweder bist du dir oder ich bin dir nichts. Wenn ich auch nichts bedeute. Auf eine Gebärde Konegens mit verzweifelndem Mut. Nun, so sprich doch weiter! Wiederhole du ruhig meine Worte. Die, von denen du bleich zurücksankst, weißt du, und deine Hände in das Bett grubst. Ich sah dich noch. Konegen, erstaunt. Welche Worte?! – Stehen bliebst du ja einen Augenblick an der Tür, und an deinem Gesicht sah man ja wohl die verzweifelte Anstrengung, zu sprechen. Aber dann gingst du doch stumm hinaus. Na, was hätte das dann auch sein können. Wir haben doch beide, denke ich, ein leidlich reines Gewissen. Vielleicht fällt's dir noch ein. Meta, erleichtert. Nun, dann habe ich eben nichts gesagt. Gott sei Dank! Aber das weiß ich, ich hatte einen Haß auf dein Werk und auf dich, ein unsägliches Wehgefühl über mein Leben. Du, wenn Läufer über ihre Gewalt gerannt sind, verläßt sie plötzlich jede Kraft und Himmel und Erde drehen sich um sie. Der Stillste wird dann wie besessen und stürzt zur Erde, schlägt um sich, schreit, tobt, alles, bloß um des bißchen Lebens halber. Konegen. In dieser Lage bist du aber doch nicht. Meta. Atemlos bin ich, abgehetzt von diesem stummen Wettlauf, von diesem Ringen. Was weiß ich, was diese letzten Jahre unserer Ehe waren. Laß es anders werden. Konegen, bücke dich nach mir; sei neben deinem Kopf auch Herz. Mann! Du vertrocknest so. Dies Haus verödet. Die Kinder verwaisen. Nein, glaube nicht, ich sei ein Kind. Du sollst deinem Werke leben, ja; aber nicht so, daß du alle und alles opferst um dich her. Was habe ich denn von deinem Werk und dir, wenn ich nicht in meiner Weise dir helfen kann; die Kissen dir nicht glätten, dich erheitern, deinen Kummer teilen kann, deine Begeisterung? Nur immer diese hohepriesterlich Stirn. Konegen. Ich kann nicht anders, nicht ein Titelchen! Es bleibt mir nur übrig, zu wiederholen, was ich schon so oft gesagt habe. Wenn zwei sich aneianderdrängen, kommen sie sich nicht näher. – Du hast alles vergessen. Meta beginnt zaghaft. Ist es nicht möglich, Konegen, daß du dein Werk nicht bist; daß es wie ein Fremdes über dich kommen, dich unterjochen konnte – mußte, vielleicht, weil du in deiner tiefsten Seele von deinem Leben, wie es geworden ist, nicht befriedigt wurdest. Kommt das nicht vor im Leben? Konegen, verlegen. Hm. – Meta. Denke doch, wie du warst und wie du bist! Ich kann's nicht glauben, ich darf es nicht, bei meiner Seele, nein, daß das unseres Lebens Ausgang sein soll. Es muß ein Stilles, Leises in dir sein, das deinem Leben unrecht gibt. Du vertrocknest, deine Jahre vergehen nicht in Schönheit. Dein Herz blüht nicht mehr. Das ist es, was uns fehlt, dir, mir und diesem ganzen Hause. Deinem Werk vielleicht am meisten. Darum wollen wir dienen, mit aufrichtigem Willen, und inzwischen denken, es flog auf Zeit von uns und kehrt bald wieder. Immer ergriffener. Du, und an stillen, sonnensüßen Tagen, wenn sich die Blüten vor Glück im Licht kaum rühren, dann wollen wir uns an einen Hang setzen, von wo aus man das Weite sehen kann, und von unserem Erwarten reden, daß wir nicht mutlos werden. Wirft sich vor ihm nieder und ergreift seine Hände. Sieh lieb auf mich, streich mir das Haar wie sonst, ich brauch's, wahrhaftig. Ich will dein Weib sein, deine Geliebte. Konegen hebt sie erschüttert auf. Meta, steh auf. Was ist denn bloß mit dir vorgegangen! Meta, flüsternd, umschlingt seinen Hals. Konz, nimm mich – wie früher – es darf nicht so sein, Mann – ich will es wirklich nicht – – Es klopft an der Tür. Konegen macht ihr ein Zeichen, in die Bibliothek zu gehen. Dann öffnet er die Flurtür. Ach, Sie sind's, junger Freund! Na, bitte kommen Sie nur rein. Sie sind ja ohne Atem. Hauschild . Volksschullehrer, jung, blondes Schnurrbärtchen, schüchtern . Ergebensten guten Morgen, Herr Professor. Ja, ich bin die Treppe heraufgelaufen. Ich störe Sie wohl! Konegen. Warum? Nicht im mindesten. Nein absolut nicht. I, was denken Sie sich denn! Ja. Nehmen Sie doch Platz. Hauschild tut es vorsichtig. Ich komme wegen … aber wenn Sie sehr beschäftigt sind … das heißt … Konegen setzt sich neben ihn. Laut und leer. Nein, nein. Also was bringen Sie mir? Hauschild. Nicht viel Gutes. Konegen. Wie so? Hauschild. Ich traf die Anna unterwegs. Sie ging zu Hanel runter. Konegen. Nun und? Hauschild. Sie werden bloß einen Wagen für zwei brauchen. Für Sie und mich. Der Hauptlehrer Müller ist umgefallen. Konegen. Ach nein. Sie spaßen wohl bloß. Hauschild. Ich wollte, ich könnte das; aber es ist leider voller Ernst. Konegen. Na, aber sagen Sie mir, was is denn plötzlich über den Mann gekommen? Gestern, als ich mit ihm sprach, war er doch noch Feuer und Flamme! Hauschild. Fragen Sie nur, wer über ihn gekommen ist. Dann werd ich's Ihnen sagen: der Herr Hoheisel, unser lieber Herr Seelsorger und Ortsschulinspektor. Konegen, sehr erstaunt. Der alte Hoheisel? Hauschild. Jawohl, heute vor der Frühmesse, als Hauptlehrer Müller ihm beim Anziehen in der Sakristei half, weil der Kirchvater noch nicht da war, hat er ihm klipp und klar eröffnet, er könne seine Bewerbung um Groß-Költschen beim Patron nicht befürworten, wenn er seine atheistische Gesinnung nicht aufgebe. Konegen. Atheistische Gesinnung? Hauschild. Der Müller wußte natürlich gleich, wo er hinauswollte, gab sich aber den Anschein … Konegen. Da brauchte er sich doch durchaus nicht bloß den Anschein zu geben. Denn er hat doch Religion für zweie. Hauschild. Na ja, aber so machen sie's nun schon mal. Kurz und gut, nach vielem Hin und Her gibt ihm der Müller das Versprechen, in der von Ihnen, Herr Professor, geführten Bewegung der Lehrerschaft nicht mehr mitzutun, vor allem, dem Breslauer Lehrertage fernzubleiben. Konegen. Und zur Belohnung für seine Treulosigkeit gegen sich bekommt er die fette Stelle. Brav, wahrhaftig sehr würdig für beide Teile. Hauschild. Von meinem Kollegen ist das noch lange nicht so schlimm wie vom Pfarrer. Er ist arm, hat neun lebendige Kinder. Die beiden ältsten Jungen … Konegen. Das ist ganz gleich! Was hat denn mein Streben für einen Wert, wenn ich seinethalben nicht etwas wagen will? Hauschild. Ganz richtig, meine Meinung und die fast aller junger Lehrer. Aber in dem alten Hoheisel kocht eben noch der Hetzkaplan aus den siebziger Jahren und … … aber ich bin noch nicht fertig. Wenn mich nicht alles täuscht, macht er sich auch an Sie ran. Konegen, lachend. Na, da lassen Sie 'n nur kommen. Hauschild. Zunächst scheint er sich Ihrer Frau Gemahlin versichert zu haben. Aber ich bitte, Sie nehmen es mir nicht übel, verehrtester Herr Professor? Sie wissen, es geschieht nur der großen Sache halber. Konegen, leise, erstaunt. Meiner Frau? Meiner Frau!? Mit gepreßtem Lachen. Da wern wir 'n bißchen leiser reden. Hauschild, erschreckt. Ist sie etwa gar in der Bibliothek? Konegen . Nein, aber die Fenster stehn doch auf. Nun, – wie is? – Ach, wenn Sie A gesagt haben, müssen Sie auch B sagen. Hauschild, sich entschieden dem Zaudern entreißend. Ja. Heute nach der Frühmesse ist sie eine geschlagene halbe Stunde mit ihm in seiner Wohnung gewesen. Ich habe am Fenster gestanden und die Zeit von der Turmuhr abgelesen. Konegen. Sie können sich auf Ihre Augen verlassen? Hauschild. Absolut. Effektivabsolut. Konegen, mit Anstrengung leicht. Ach mein Gott, er ist ja Musikliebhaber und Blumenzüchter. Da hat er ihr vielleicht die Blumen gezeigt. Sie sagte vor einiger Zeit mal etwas von einer merkwürdigen Calla, die er haben soll. Hauschild. Das ist alles möglich; sogar wahrscheinlich. Jedoch, wie Sie nun mal zu der Geistlichkeit stehen … Konegen, düster. Eine halbe Stunde sagen Sie also. Hauschild. Eher ein paar Minuten mehr als weniger. Überhaupt und das ist eigentlich die Hauptsache meines … Einbruchs. In der vorigen Pfarrerkonferenz ist die Stellungnahme der Geistlichkeit Ihren Bestrebungen gegenüber erörtert worden. Wie ich erfahren konnte, auf höhere kirchliche Anordnung hin. Es geht nämlich im ganzen Bezirke nach einem Plane. Drüben der Wierauer Pfarrer tritt den Lehrer schon vierzehn Tage nach Noten. Konegen hat sich während der letzten Worte Hauschilds erhoben. Die Hände in den Taschen, streift er leise auftretend in der Stube umher. Er hat die Anwesenheit des Lehrers vergessen, und immer stehenbleibend redet er dumpf vor sich hin. Wissen Sie. – Eigentlich hat man sein Päckchen Sorge so wie so – – – und wenn die Reaktion im Rollen ist – es – dann kann ich sie doch nicht aufhalten. – – Ja. – Ich entziehe meinen psychologischen Forschungen Kraft und Sammlung, stürze so und so viele Lehrer ins Unglück – – – ha – und diese gemeine Art des Kampfes – – – wahrhaftig, es könnt's einem niemand übel nehmen, man ließe den Karren laufen – – – Hauschild, bestürzt. Herr Professor, tun Sie den Lehrern das nicht an. Zehntausende Augen sind auf Sie gerichtet. Jetzt am Tage vor der Entscheidung. Lieber Herr Professor, und wenn Sie uns Ihre Kraft entziehen … Er ist aufgestanden und auf ihn zugetreten. Konegen sieht ihn finster an. Herr Professor Konegen! Konegen legt seine beiden Hände auf des Lehrers Achseln. Sein Gesicht hellt sich auf. Junger Mann – junger Mann sag ich. Könnten Sie das im Ernst von einem Mann wie mir glauben? Haha, da kennen Sie mich schlecht! Gehen Sie, und sagen Sie Ihren Freunden: Professor Konegen wird seine Hand nicht zurückziehen, solange noch ein Stumpf von Finger daran sitzt. Hauschild greift mit beiden Händen seine Hand. Gott sei Dank, Herr Professor, Gott sei Dank! Konegen, ostentativ laut und drohend. Jawohl und keinen Deut anders. Und nun gehen Sie beruhigt nach Hause. Hauschild. Ergebensten guten Morgen. In der Bibliothek entsteht ein Geräusch. Schritte kommen nach der Tür. Konegen heftet sein leidenschaftliches Gesicht starr auf die Tür. Meta tritt ein. Nicht einen Deut anders!! Verstehst du? Meta. Aber Konegen, warum bist du denn wieder so? Konegen. Soll ich da etwa noch lachen, wenn du zum Pfarrer läufst und noch dazu auf sein Zimmer? Meta. Ich auf sein Zimmer gelaufen? Konegen. Tu doch nicht so, steif dich doch nicht auf Nebensächlichkeiten! Meta. Das ist ja eben das Furchtbarste. Du vertraust mir nicht mehr. Hinter all meinem Tun und Reden siehst du gleich Böses. Konegen. Gott noch mal! Sehen! Hier kann von »Sehen« überhaupt keine Rede mehr sein. Da heißt 's einfach: bist du gewesen oder nicht? Meta, schuldbewußt, verängstigt. Ich wußte mir wirklich keinen Rat. Es war doch alles aus in mir und um mich. Da dacht ich in meiner Verzweiflung: du wirst in die Kirche gehen wie in der Jugend, Vielleicht kommt aus jenen guten, sichern Tagen – sie würgt an den Worten – ein Hauch und ich seh alles anders. Konegen . In die Kirche, hm –. Was habt ihr denn gesprochen? Meta. Ach, da brauchst du keine Angst zu haben. Konegen . Hahaha, Angst! Ich und Angst! Meta. Weil du doch eine ganz freie Auffassung hast und wegen des Lehrertages und so, weißt du. Konegen. Also er hat keine Andeutungen gemacht, über meine Publizistik oder mein Verhältnis zur Lehrerschaft. Nichts? – Oder hast du dich etwa verleiten lassen, von unserer Ehe zu sprechen! 's wär ja freilich … Meta. Aber, Konegen, was denkst du denn von mir! Konegen steht auf und nimmt die Hände auf den Rücken. Na. Sich mit diesem Menschen auf sein Zimmer setzen! Meine Frau! Sieht das denn nicht aus, als sei ich sogar in meinem eigenen Haus nicht sicher? Meta. Konegen, du siehst zu schwarz. Ich kann dir versichern. Konegen. Hättest du nur den jungen Lehrer gehört, den Hauschild, der mir manchmal kopiert. Wie sie rüsten gegen mich! Das mußtest du dir doch selbst sagen, wenn du nicht immer bloß an dich denken würdest, sondern auch mal an meine Interessen. Aber das nutzt dir alles nichts. Ich fahre nach Breslau und wenn du dich mir in den Weg wirfst. Meta. Konegen, aber so höre doch. Konegen mit stärkster Betonung. Jawohl, ich höre und sehe. – Alles – – – jaja – Eine schöne Tenorstimme singt im Garten: »Auf Flügeln des Gesanges« und verliert sich fortwandelnd. Das ist wieder Max. Seine Singerei wächst mir schon zum Halse heraus. Und solche Lieder, als sei hier ein Pensionat für Backfische! Er hat indessen unsanft das Fenster geschlossen. Kehrt sich gegen Meta. Es ist, als sollte man an zwei Schlingen erwürgen. Meta, totenblaß, im Ringen. Mann … du … Konegen. Ach und das mit dem Pfarrer hättest du mir doch auch ersprachen können! Was weinst du denn da? Es ist nun mal geschehen! Meta, leidenschaftlich aufspringend, an seinem Hals. Halte mich! Sei lieb zu mir! Vergiß alles, Ich will mich gewiß zusammennehmen. Konegen. Gott, was ist dir denn bloß, Weib, du zitterst ja wie Espenlaub! Diese Aufgeregtheit ist doch gar nicht nötig. Meta. Ich weiß, du denkst, ich sei schlecht. Konegen macht sich behutsam los. Davon redet doch niemand, als du selber. Komm, gehen wir doch lieber ein wenig in den Garten runter. Bitte! Hält einen Augenblick in der Tür, sieht ihr nach, murmelt. Hm. Und folgt ihr dann. Vorhang Zweiter Akt Das große Gartenzimmer im Konegenschen Landhause, ein saalartiger Raum. Drei Fenster in den rechten Seitenwand, vor links Tür nach dem Flur. In der Hinterwand zweiflügelige Glastür, die geöffnet ist und den Ausblick in einen weitläufigen, parkartigen Garten gestattet. Von der Tür aus tritt man auf eine breite Rampe. Sie ist geschützt durch ein Glasdach, das auf gußeisernen Säulen ruht. Wilder Wein umrankt sie, einige Stufen führen in den Garten. Altmodisches Sofa mit geblümtem, verblichenem Überzug an der linken Seite; rechts in der Ecke ein alter Mahagoniflügel mit Wachstuchdecke, kleine Tischchen, Liegestühle, Sessel. Von der Decke hängt an einer Kette ein Messingkronleuchter für Kerzenlicht. Der Raum ist ausgestattet mit den ererbten Möbeln einer heimgegangenen Generation. An den Fenstern Zugvorhänge aus ziemlich dichtem Creton mit verblichenem Blumenmuster. Die Fenster der Glastür mit kurzen Vorhängen eines musselinartigen Stoffes. Es ist gegen fünf Uhr nachmittags an dem Tage des ersten Aktes. Doktor Tetzner und Max Kullmann , an einem kleinen Tischchen in der offenen Tür, beenden die Vesper. Max Kullmann, mittelgroß, sehnig, beweglich, hochgestirnt, blond, mit keckem aufgezwirbeltem Schnurrbärtchen und Pincenez. Fünfundzwanzig Jahre alt. Hahaha! – Da willste also wohl in die Liga zum besten der Steißtrommler, alias Lehrer eintreten. Natürlich inaktiv. Doktor Tetzner. Es ist Geschmackssache, ernste Dinge leichtfertig zu nehmen. Kullmann. Tu doch nicht so, als ob dir der Mann aufgegangen sei. Doktor Tetzner. Aufgegangen, durchaus richtig. Unterschreib ich. Kullmann. Der Mann ist 'n Heupferd mit dem Unterschiede, daß er Papier frißt statt Gras. Doktor Tetzner. Wenn du Konegen heute morgen so gesehen hättest, wie ich ihn gesehen habe, würdest du wahrlich anders reden. Aber du hast eben nur zu ihm die Distanz des Rivalen. Kullmann, gelangweilt. Schieb mir mal die Zigaretten rüber. Doktor Tetzner tut es. Mit leiser, eindringlicher Stimme. Ich glaube, wir sind zu lange da. Kullmann, in verhaltener Leidenschaftlichkeit. Jawoll, zu lange. Ich wollte – äh!! Schleudert die Hand durch die Luft und beginnt erregt zu pfeifen. Doktor Tetzner. Hast du mich verstanden? – Ich dächte, es läge in unser aller Interesse, wenn wir so schnell wie möglich abbauten. Kullmann, erregt den Rauch der Zigarette von sich blasend. Abbaun. Jawohl. Und das von Grund aus. Doktor Tetzner, leise über den Tisch. Weil de heute nich rangekonnt hast, was? Den ganzen Vormittag nich, trotz der brünstigen Serenade. Kullmann steht verstimmt auf. Du hast di gestern die Nase begossen. Da quassel nur gefälligst alleine. Doktor Tetzner schiebt den Stuhl wieder zurecht. Max, setz dich mal her und hör. Du warst also gestern Abend mit mir in der Kneipe. Das heißt, du bist erst so um sieben rum nachgekommen, was? Kullmann. Wer sagt dir denn den Stuß? Doktor Tetzner. Ich. Weil er Lunte gerochen hat. Kullmann nimmt wieder Platz. Wer? Doktor Tetzner. Tu mir den einzigen Gefallen und mucke nich. Wer? Dein Onkel, Konegen. Er hat dich so um neune durch den Garten gehen sehen und dich an dem Rucken der Schulter erkannt. Na, siehste, wie ich dich kenne, is doch nur der Punkt da, wo der Kullmannsche Haken angebracht ist. Da habe ich geglaubt, zur Beruhigung des guten Mannes, im Interesse des allgemeinen Friedens, speziell aber wegen unseres sauberen Abganges das so arrangieren zu müssen. Kullmann. Danke, Tetzner! War prompt und sicher. Die Geschichte is aber die, daß es leider nichts nützt. Doktor Tetzner. Ich weiß nicht, wie du das meinst. Kullmann. Na einfach. Ich bonze nich hinterher. Du kennst mich doch. Ich mag sonst so gehandelt haben, und zwar mit Recht und aus Notwendigkeit. Geb ich zu. Das ist aber keiner von den Fällen. Tetzner, die Sache ist mir verflucht ernst. Doktor Tetzner. Weiß ich, insofern sie die Frau deines Onkels is und Mutter. Viel ja nich; aber doch genug, um die Sache noch verzwickter zu machen. Insofern haste recht, is das 'n andrer Trichter. Kullmann. Es ist deine Sache, es so zu verstehn; ich meine es anders, wenn du willst, edler. Kurz: dein freundschaftlicher Schwindel war gar nicht nötig. Doktor Tetzner. Na, er hat aber doch Wind in der Nase. Kullmann. Mag er mißtraun. Er soll. Das führt am ehsten zum Ende. Doktor Tetzner. Kannste denn nich so lange warten, bis wir in 'n Hotel mit guten Betten gekommen sind. Kullmann. Du schmeißt eben nach allem mit dem Stiefelknecht. Doktor Tetzner. Max, das ist ja purer Wahnsinn, so zur Unzeit in triefenden Ernst zu verfallen. Du verplemperst dir ja deine ganze Karriere. Kullmann. Jawohl, ich bin entschlossen, hier den Weg des vollen, heiligsten Ernstes zu gehen, ganz gleich, ob er bitter ist oder nicht. Doktor Tetzner, ironisch. Und da willste eben nu mal … nee, die heroische Pose paßt absolut nicht für dich. Das quietscht ja förmlich. Verneigt sich gegen die Fenster, hinter denen Pfarrer Hoheisel und Professor Konegen auftauchen und nach einem Blick auf die beiden sich wieder entfernen. Kullmann . Wer waren denn die? Doktor Tetzner. Ich glaube, dein Onkel und der hiesge Papst. Wollten wahrscheinlich hier rein und sind nun ins Haus zurück, . Da bist du also entschlossen, deinem Onkel die Frau abzudrucken. Kullmann. Frau. Is ja gar nich seine Frau, is ja gar nich ihr Mann, schon lange nich, is nich die Spur von Ehe. Die Kinder sind wie in einem fremden Hause. Ich weiß besser. Hier gibts gar nichts zu schonen. – Tetzner, sei doch mal ernst. Doktor Tetzner. Na. Gut. Also: da – nehmen wir mal an – gibts nichts zu schonen. Nehmen wir an, 's stimmt, und lassens mal einstweilen beiseite. Aber bei dir! Kullmann. Herr Teufel! Meinst du etwa, ich soll den künftigen Amtsrichter in mir schonen? Ich unterwerfe mich der Souveränität einer großen Liebe. Das is mir! Doktor Tetzner. Nee, das geht wirklich schon ins Aschgraue. Du bist, weiß Gott, wirklich durch dein halbes musikalisches Talent verpfuscht. eigentlich nich Fisch noch Vogel. Adieu, Mäxchen! Geht dem Ausgange zu, kehrt aber noch mal zurück. Kullmann. Hm! Gerade in dem Punkte … na, ihr, laßt mich nur machen! Doktor Tetzner. Noch eins, ich habe die Überzeugung: »Sie« will nich. Kullmann. Amüsant! Doktor Tetzner. Wie weit ihr in der Laube miteinander gekommen seid, weiß ich ja nich. Kullmann. Wie denn Laube? Wie kommst du denn mit einemmal auf die Laube? Doktor Tetzner. Kullmann! Zeigt kopfschüttelnd auf die Stirn. Die Geschichte springt doch wie 'n Floh jedem auf `n Hals. Du weißt doch, daß sie dem guten Konegen diese Nacht eine Szene gemacht hat, Ich konnte ja weiter nichts von ihm erfahren. Aber es muß doch böse gewesen sein, denn sie is, wie mir die Anna sagte – ach, du weißt ja ebenso gut wie ich. Kullmann, überlegen lächelnd. Und da sagst du: »Sie« will nich. Sonderbare Logik. Doktor Tetzner. Ich hab sie heute morgen untersucht, gerade auf Konegens Veranlassung nich, aber so ähnlich doch. Da war sie wie ein verprügeltes Kätzchen und klebte förmlich von »ihrem lieben Mann«. Kullmann. Aha, jetzt kommt der Knacks. Doktor Tetzner. Nee, das gerade nich– Die gesundheitliche Seite wär ja auch Nebensache für deine Verfassung. Aber, du hast sie ja doch lustwandeln sehn hier im Garten. Sie und ihn. Diesen Vormittag. Sie eingehängt, angeschmiegt, sage ich dir. Beide des Lebens allerschönstes Tier. Kullmann. Du lügst. Das ist nicht wahr. Doktor Tetzner. Weil dirs nich in den Kram paßt, deswegen lüg ich dir. Aber, nicht einen Deut kann ich abtun davon. Kullmann. Verekeln willst du mir alles. In den Kot ziehen, mich platt machen, feig. Doktor Tetzner. Denk, wie du willst. Kullmann, nach einer Weile des Schweigens, währenddessen er mit der Spitze des Fußes Figuren auf den Boden gezeichnet hat. Mag alles sein, wie du's gesehn hast. Mag's selbst innerlich von ihr so gemeint sein. Da eben sah ich ihr großes, reines Wesen. Wo sie ist, ist sie ganz, und auch da glaubt sie Treue halten zu müssen, wo Treue ein Vergehen ist. Sie wär nicht sie selbst, wenn sie ohne Kampf und Not in meine Arme liefe. Aber unter Beben sehnt sie sich nach dem starken Hiebe, der sie von diesem unwürdigen Verhältnis lostrennt. Männchen, ärmliches, kluges Männchen, Tetzner! und – ich – will – ihn – führen!! Deiner ganzen Klugheit zum Trotze. Wie man Sand aus den Taschen wirft, so will ich von mir werfen: bequeme Hoffnungen, gutes Auskommen, guten Ruf, alles – und wenn es nicht anders sein kann, Freundschaft, Ich will dieses Weib herausführen aus ihrer Grube, mir zum Segen und ihr. Doktor Tetzner. Gott, ich geh ja schon. Mäxchen, du bist komplett. Vor der Hand heißt das. Aber tob dich aus, das kuriert dich immer am besten. Hier hast du meine Hand. Kullmann kehrt sich ab. Auch gut. Ich bleibe dein Freund. Denn ich weiß, du bist ein goldner Kerl, trotz alledem. Kullmann folgt dem Davongehenden, schneidet sich eine Rute aus dem Gesträuch und entblättert sie. Da kannst du warten! Steigt wieder herauf. Das Mal geht 's Grundeis! Lehnt am Türpfosten und schlägt die Rute erregt durch die Luft. So! _ und so – und so – ich geh aufs Ganze! Schlägt unter Murmeln weiter. Hindemit, Schlossermeister, Mann in mittleren Jahren, weit vorspringende, gerötete Nase, kleines schwarzes Schnurrbärtchen, blaue Leinwandbluse, die Hände in den Taschen, kommt, leise vor sich hinpfeifend, von lins an die Tür geschlendert. Bleibt mit einem pfiffigen Gesicht stehen. Ah, guten Morgen ooch, Herr Studiosus! Pause. Sie sein, wenn man fragen darf, doch zu Besuch dahier. Kullmann sieht erstaunt auf und schlägt dann weiter, ohne ihn zu beachten. Hindemit sieht ihm eine Weile mit Kennerblicken zu. Nich schlecht! – Au! – Hern Se, wenn der wilde Wein da richtig mit eener Finte pariert hätt und drnach pfff!! Da könnten Se sich jetze 's Backe ei de Hand nehmen. Ich versteh nämlich das Fechten au a wing. Ich war Ölser Gelber. Kullmann. Sie sehn doch, daß ich mit Ihnen nich reden will. Hindemit. Da stehn Se of demselben Flecke wie ich: ich ha 's ooch satt mit mir; ich langweil mich schrecklich. Pause. Malitiös. Ich gloobe, ei dem Hause is der Wind nich richtig eingestellt. Das heeßt – Stimmen von links. Da kommt ja mei Schutchen! Schnell links ab. Gelächter. Gespräch kommt näher. Stimme der alten Therese. Schlosser, Sie aler Alb, lassen Sie och das Mädel bei dr Arbt. Wern Sie glei gehn! Max tritt neugierig die Stufen hinunter, mit Schlagen fortfahrend. Stimme Theresens. Barry, hier her! Heda! Lassen Sie das Geschwippel mit der Rutte. Wenn Sie der Hund … Das Tier knurrt. Barry, hier her! Die Rutte weg! Therese und Anna, üppiges, hübsches Dienstmädchen von zwanzig Jahren, mit einem hochbepackten Wäschekorbe, dahinter Hindemit. Kullmann ist zwei Stufen heraufgestiegen und schlägt weiter. Hindemit. Ich gloobe Herr Studiosus … ! Therese. Sie sollens sein lassen. Der Hund fährt aufbellend gegen Kullmann, der sich heraufrettet und angstvoll schlägt. Schrei der Frauen. Kullmann. Verfluchte Bestie! Anna, da nehmen Sie das Vieh doch am Halsbande! Therese. Ja, ich decht, der Herr Hintenrum! So a Hund weeß eefach,wer eis Haus geheert und wer nich. Na nu komm und greif zu. Anna , besorgt zu Kullmann. Han Se sich was gemacht? Kullmann. Ach laß nur. Therese. Nu aber mach un komm! Mir kenn doch dahier nich stehn blein. Hindemit. Anneken, Anneken!! Anna . Schlosser, helfen Se amol, sein Se aso gut, den Korb da forttragen. Ich wer hier schnell vor der Vasper hier ufräumen und komm glei anoch. Therese. I nu, wirst du denn glei rundergehn, sag ich! Hängt denn alles onander? Herr Kullmann, da sagen Sie 'r doch a Wort! Kullmann. Wenn Anna hier zu tun hat, da is doch gut, und nun lassen Sie mich in Ruhe! Hindemit verbeugt sich mit komischer Gravität vor Therese und ergreift den Henkel. Na, Madam, das miß mr ebens. Komm und mach kee solches Gesicht, als wenn de Traufe über de Nase ging. Beide, der Schlosser lachend, Therese mit allen Zeichen der Wut unter zornigem Murren, ab. Anna . Nee, das konnte aber böse wern. Warten Se och, Sie han sich da vorne an a Hosen Flecke gemacht. Kniet nieder und beginnt mit der Hand die Hose zu reinigen. Kullmann. Ich hätt dir die Kurasche nich zugetraut. Nimmt ihr die Hand weg. Anna! – Du? – Anna . Was denn? Sie kenn doch nie aso gehn. Kullmann zieht das Portemonnaie und reicht ihr ein Geldstück hin. Hier hast du. Und nu, Mädel, muß alle sein. Heiraten könn wir uns doch nich. Anna , gekränkt. Da sehn Se's! Ne nee, Geld nimmt mer daderfier nich. Ich bin doch kee Mensch, Kullmann. Du bist wohl meschucke, Mädel? D, mach nich erst Spitzpfeifereien und nimm die Mark. Anna , weinerlich. Sehn Se, wenn Se noch wärn wie früher; aber so, nee. Ich ha Ihn doch nischte getan, alles gemacht, was ich Ihn an den Augen absehn kunnde, Aber ich weeß schon, warum ich nich meh gut genung bin! Kullmann. Mach doch keinen Blödsinn, halt's Maul! Wenn jemand kommt! Anna . Ja, Sie denken, weil ich bloß a Dienstmädel bin. Aber a so eene wie ich hat au ihre Ehre eim Leibe. Ich meen's doch wahrhaftig meiner Seele gut mit Ihn. Sehn Se, wenn ich hätt gewollt schlecht sein, vir a zwee Stunden, da hätt ich gekonnt. Da fragte mich dr Herr Professer, ob ich wär gestern abend in der Laube gewest. Na sehn Se, wenn ich gewollt hätt, da warsch um Sie geschehn. Um die Frau kimmer ich mich gar nich, die sellde amal orndtlich sellde sie was draufkriegen. Kullmann. Du bist von Sinnen, Weibstück! Was du da faselst, ist ja der reine Unsinn. Hör mal an, ich verbiete dir ernstlich, zu irgend jemand so was zu sagen. Anna . Weeß ich alleene. Nee, nee! aso dumm bin ich doch nich, da meen ich's zu gut mit Ihn. Ich ha getan wie Tulpe. Meta, durch die Flurtür eintretend. Guten Tag, Max. Kullmann, ihr entgegeneilend. Schönsten guten Tag, Meta! Wir haben wohl heute den Tag der unsichtbaren Götter? Meta. Anna, was stehst du denn da? Mach mit dem Aufräumen ein wenig schnell! Zu Kullmann. Herr Tetzner ist weg? Er lauft wohl viel rum. Kullmann. Ja, er is grade weggegangen. Theresens Stimme. Anna! Anna!! Was is 'n das fir a Gebummel! Meta. Hörst du nicht, Therese ruft. Da tändle doch nicht so! Anna . Ich hersch. Aber ich kann doch nich fortlaufen und hierblein of eemal. Ich soll doch hier ufräumen. Meta. Na ja, hier nimm das Tablett und geh, so. Zu Kullmann gegen den Ausgang hin. Der Tag ist kühler geworden, als man dachte. Kullmann, mit galanter Ironie. Ja, a ganz charmantes Wetter geworden. Sehr richtig! Anna ab. Warum bist du denn so böse? Meta. Ich kann das Mädel, die Anna, nicht leiden. Ich hab einen ordentlichen Haß auf sie, Was gab's denn, es war doch so 'n Lärm? Kullmann. Der Barry hat mich attackiert. Meta lehnt die Flügeltür zu, Kullmann springt hinzu, zu helfen. Hm, so. Nicht zumachen! Kullmann. Liebstes, süßes Weib, warum läßt du mich denn den ganzen Tag schmachten! Du siehst furchtbar leidend aus. Was hat's denn bloß? Meta weicht ihm aus und zieht sich von der Tür zurück. Sage mir, was Anna zu dir gesprochen hat. Kullmann. Na gar nichts eigentlich. Die quasselt doch immer so. Meta. Max! Kullmann. Nun, das … aber versprich mir, dich nicht aufzuregen. Ja? Meta. Gut. Kullmann. Onkel hat sie gefragt, wer gestern abend in der Laube gewesen ist. Meta, sinkt erschrocken auf einen Stuhlnahe an der Flurtür. Siehst du! Da, jetzt kommt die Strafe für meine Feigheit. Kullmann. Was sagst du? Meta fährt auf. Ich möchte mir das Gesicht peitschen. Dumpf. Hm, deswegen hat er auch den Pfarrer holen lassen. – Aber mag kommen was will, ich werde wenigstens jetzt ehrlich sein. Kullmann. Ich begreife dich nicht. Das war doch klar, daß die Auflösung nicht so glatt gehen würde, wie es uns gestern abend schien. Außerdem versteh ich nich, was der Pope bei der ganzen Sache zu tun hat. Meta. Pfarrer Hoheisel ist bei meinem Mann. Das hängt alles damit zusammen. – Tritt ein wenig hintern Pfeiler! In fünf Minuten müssen wir fertig sein. Kullmann. Meta, du machst mich auf das Tiefste besorgt. Ich bitte dich, Liebste! Meta. Wenn du noch einmal Miene machst, dich mir zu nähern, steh ich sofort auf und geh. Es ist aus, es muß aus sein zwischen uns, ganz, vollständig. Ich bleibe hier bei meinen Kindern, bei meinem Mann, vor allem bei meiner Pflicht. Versuche nicht, mich wankend zu machen. Kullmann. Aber denke doch bloß an den gestrigen Abend. Was war denn das alles, wenn es jetzt aus sein soll? Meta, entsetzt. Alles. Wie meinst du denn – alles? Kullmann. Liebstes Weib, siehst du denn nicht, daß du gegen dich kämpfst, gegen dich allein? Denke doch nur an deine gestrigen Worte. Tore gehen auf, sagtest du, Licht aus heitern Sälen über breite Stufen fließt auf mich nieder, ich habe den Himmel wieder, die Sterne, meinen Atem, ich steh aus einer Grube auf. Meta, deine Worte! Das ist deine einzige Pflicht: aufstehen in Süße, nach diesem Rausche heilger Küsse. Meta, erleichtert. Und wenn auch nur Küsse! Es war Sünde. Kullmann, verächtlich. Sünde! Meta! Meta. Jawohl, würdelos, ehrlos für dich und für mich. Ich war noch seine Frau und Mutter seiner Kinder, ich hatte noch kein Recht zur Liebe gegen dich. Es war unsauber, unnatürlich, noch nicht getrennt zu sein und schon sich binden. Wär gestern abend nicht gewesen, könnte ich heute vor ihn treten und mit freier Stirn fortgehen von hier. Nun darf ich's gerade deswegen nicht, auch wenn ich wollte. Aber ich will's nicht, nein! Kullmann. Hierbleiben und veröden. Meta, vergißt du denn alle deine Worte? Meta. Ja. Als Magd erdienen, was ich als Herrin verloren habe, du auch, durch meine Schuld. Meinthalb veröden, wenn's nur in Ehren ist. Du siehst, Max, ich bleibe. Geh, laß mich, fahre fort und das gleich, womöglich heute noch, weit weg. Vergiß mich, vergiß alles, alles. Erschöpft innehaltend. Im Hausflur kommen Schritte. Hörst du, Max, sie kommen! Leb wohl! es ist aus! Beide treten an die Flurtür. Pfarrer Hoheisels Stimme von draußen. Das Haus ist wirklich äußerst praktisch gebaut. Konegen klinkt an der verschlossenen Tür. Eklig! Wieder mal von innen durch die Kinder zugeriegelt. Max packt die Türklinke und macht eine Geste, zum letzten entschlossen zu sein. Meta faßt mit der einen Hand sein Gelenk, mit der andern hält sie ihm den Mund zu. Hoheisel und Konegen entfernen sich. Max bedeckt unter Stammeln Metas Hand mit Küssen, er sucht sie in besinnungsloser Leidenschaft zu umfangen. Meta! Weib! Gott! Gott! Meta, atemlos, verzweifelnd ringend. Max – sie kommen – ich kann nicht mehr leben, wenn man mich hier trifft! Laß los! – reise! – Reißt sich los, durch die Flurtür ab. Max wankt dem Gartenausgang zu und läßt die Tür hinter sich offen stehen. Konegen und Pfarrer Hoheisel steigen die Stufen herauf. Hoheisel, weißhaariger, ehrwürdiger alter Herr mit gesunder Korpulenz und einem biederen, ausgepredigten Organ, Dreht sich auf den Stufen um. Ja, wie gesagt. Wer war denn der junge Herr? Konegen gedrückt, reizbar, blaß. Mein Besuch, Herr Pfarrer. Hoheisel. Ach so, der junge Herr, mh, mh. Zieht eine große Sandauer Deckedose, präsentiert, nimmt sie aber schnell wieder an sich. Richtig, Sie schnupfen ja nicht, Herr Professor. Bhhh, 'n schöner Garten, sozusagen herrschaftlich. Und hier ist's hübsch kühl. Bhhh, hier sind wir wirklich ungestört. Also, wie gesagt, in der vollen Diskretion meines heiligen Amtes, ich dränge mich nicht auf. Aber bei Ihrer Frau Gemahlin ist es durchaus, wenn ich meiner Meinung Ausdruck geben darf – Konegen hat Stühle bereit gestellt – ja, setzen wir uns den Augenblick, in dem Alter verträgt man das Stehen nicht mehr so gut – durchaus nicht ein körperliches Leiden. Irgend ein schwerer Schatten liegt über ihrer Seele, sozusagen eine düstere, bannende Gewalt. Sie ist ja wohl, im Grunde genommen, ein frommes Gemüt, und mit Gottes Hilfe überwindet sie's gewiß. Allein es könnten doch, trotz alledem, unvorhergesehne Komplikationen eintreten. Sehen, das Weib ist nämlich der Engel liebste Gespielin und des Teufels leichteste Beute. Konegen , mühsam an sich haltend. Herr Pfarrer, ich darf diese letzten Worte wohl als Entgleisung betrachten, nicht wahr? – Hoheisel. Gewiß, Herr Professor, so nur bildlich Teufel, als Prototyp des Unglücks. Sie verstehen mich falsch. Nein, nein! Bhhh. Wie könnte jemand von einer Dame so etwas bloß denken, die das größte Aufsehn erregt, wo sie sich nur blicken läßt. – Hehehe. – Also wie gesagt, es wäre doch angezeigt, wenn eine ihr nahestehende Person von überlegenem Alter einige Zeit unauffällig um sie wäre. – Ich bitte um Gottes willen, Sie zweifeln doch nicht an meiner reinen Gesinnung! – Ich meine das, damit sie durch die Empfindung, überwacht zu sein, nicht bedrückt wird, sondern sozusagen einen inneren Halt gewinnt, eine Gewalt, die sie förmlich aus sich selber heraufsteigen fühlte. In allem Göttlichen Vermehrung der Demut, in allem Menschlichen Stärkung der Eigenkraft: das ist der Weg aus aller Not wieder Erde. Bhhh. Fixiert den Professor scharf. Konegen, gepreßt. In der von Ihnen eben angedeuteten Richtung ist mein Name von meiner Frau Ihnen gegenüber genannt worden, wenn ich Sie rech verstanden habe. Hoheisel nimmt umständlich eine Prise. Name … sozusagen … e … wissen Sie, Herr Professor, ich bin nämlich Priester. Ich habe keinen Kummer, als den Kummer meiner Mitchristen, und meine Zunge liegt in Gottes Hut. Konegen , tonlos. Ja oder nein? Hoheisel, in lächelnder Überlegenheit. Ja und nein sind böse Worte, Herr Professor. Ich schlafe auch gerne meine Nacht. Konegen erblaßt bis in die Zähne und sieht ostentativ auf die Uhr. Hoheisel tut dasselbe und erhebt sich. Ja, 's ist schon halb sechs. Ich halte Sie von der Arbeit ab. Mh, ja? Konegen , rauh. Mein Pensum ist allerdings noch nicht beendet. Hoheisel trägt den Stuhl weg. Richtig, Sie wollen ja zum Lehrertage fahren, hahaha! Ich habe es von meinem Küster. Konegen sieht ihn finster fragend an. Hoheisel. Na ja, er ist sozusagen auch Hauptlehrer, der Herr – e – Müller nämlich. Konegen , sarkastisch. Ja so, der Kandidat von Groß-Költschen! Hoheisel. So ist es. Der Mann hat wirklich ein klares Urteil und Mut, Mut! Bhhh. Mein Gott ja, was sollen die Herren nicht auch mal öffentlich sozusagen Geist haben – hahaha! da der Lehrertag in Breslau. Aber es war zu erwarten, da hat jeder einen viel zu großen Respekt vor Ihrer Bedeutung. Sie haben eben eingesehen: Wir sind keiner der Heiland, um Wasser in Wein verwandeln zu können. Vollends nach dem Vorfall nicht. Ich meine das Leiden Ihrer Frau Gemahlin. Konegen . Diese vollständig überflüssige Unterredung ist wohl nun zu Ende. Hoheisel bewegt sich gegen den Ausgang hin. Ich nehm Ihnen Ihre Reizbarkeit nicht übel. Trösten Sie sich mit mir. Konegen . Ihr Trost wäre wenig ehrenvoll für mich, mein Herr. Hoheisel. Sie vergessen, dass ich Priester bin. Konegen . Nein, weil Sie es sind, trotzdem Sie es nicht sind. Hoheisel, wegwerfend. Erregen Sie sich doch nicht. Ihr Standpunkt wird dadurch nicht besser. Konegen , am Ende seiner Beherrschung. Sie sind bei mir eingedrungen. Hoheisel, durch die Tür schreitend, bleibt stehen. Weil ich der Hüter der öffentlichen Sitte. bin. Konegen , in höchstem Zorn. Als Schurke! Hoheisel, der über die Stufen hinuntergestiegen ist, lächelnd, Sagen Sie, was Sie wollen: Die Schule bleibt unser. In Gottes Namen. Konegen . Das wird sich ja in Breslau zeigen, wem sie gehört. Hoheisel, schon in der Ferne, lacht spöttisch. Das Pförtchen schlägt zu. Konegen muß si89ch Heraufsteigen auf die Stufen setzen und verharrt verstört eine Weile. In der Ferne klingt eine Kinderstimme auf. Da reißt er jäh den Kopf aus den Händen und ruft erstickt und immer freier, wie um Hilfe. Willy! – Willy!! – Willy!! – Willy, aus der Ferne. Was soll ich denn, Vatel? Konegen , mit zur Erde gekehrtem Gesicht. – Mal herkommen – hier! – her! – hier! Willy steht furchtsam, stürmisch atmend vor ihm. Konegen bemerkt ihn nicht, immer seine Augen in den Boden bohrend. So – so – also, da wollt ihr mich – nun, wartet nur erst ab! sieht auf. Ja, wo steckst du denn? Ich will nichts hören! Du sollst sofort still sein! Gegen die Erde. – Nein, kaum zu glauben – gemein – gemein – pfui! fällt in heilige Sanftmut. Ja, mein liebes Jungele, ruf mal die Mutter, sie soll gleich mal zu mir kommen. Hierher, verstehst du? Willy. Ja. Fängt im Fortlaufen an zu schreien. Muttel, du, Mut – tel – Muttel! Konegen tritt ins Gartenzimmer herein, schließ, mit sich redend, die Vorhänge an Tür und Fenster. Als Schritte im Hause nahen, geht er schwerfällig und läßt sich auf einen Stuhl im Dunkel nieder, von wo er, die Augen weit geöffnet, stumpfsinnig nach der Flurtür hinstarrt. Meta stutzt an der Flurtür. Joseph! – Konegen!! – Um Gottes willen … ach, dort sitzt du im Dunkel. Konegen . Ja, es ist dunkel um mich. Meta. Was sagst du? Konegen, mit dumpfer Entschlossenheit. Schließ die Tür – riegel sie ab – zieh dort die Vorhänge besser zu – so – und n un setz dich dort in die Ecke – nein, komm näher – ja – hmhm … Warum bist du nicht du die Flurtür hereingekommen? Meta. Ich stand in der Nähe der Haustür, als Willy nach mir rief. Konegen . Die Klinke ist noch warm von Männerhänden … Atmet schwer aus. – Da, bitte, schließ auch diese Tür– Senkt die Stimme. Hast du mit etwas mitzuteilen? – Es ist ganz still – du kannst leise reden – ja? – Meta. Joseph – du – ich will niemand anklagen – stockt – es war in all den Jahren – stockt – Mann … Bricht überwältigt ab. Man hört sie vergeblich nach dem Wort ringen. Konegen hat sich mit den Ellenbogen auf die Kniee gestützt und wartet, das Gesicht zur Erde gekehrt, auf Antwort. Du willst mich anklagen. Jawohl, da hast du eigentlich recht. Warum habe ich mir den Zweifel nicht eingestanden? Es hat doch vor mir gestanden. Es hat mich bei der Hand genommen und wollte mich hinführen. – – Aber man wagt sich doch an einen so ungeheuerlichen Gedanken nicht heran. Meta kaum hörbar. Du hast mich gehen lassen. Konegen richtet sich auf aus seiner gebeugten Haltung. Ich habe dich gehen lassen, daß du zu dir kommen solltest, zu deinem Besseren in dir. – Aber du bist an dir vorbeigegangen und an mir – außen und innen, Denkst du, weil ich dich gewähren ließ und stumm blieb, ich hab es nicht gefühlt? Ich wußte alles, ich hab es hundertmal in Scham und Trauer hinunter gewürgt – – hm! – wenn du mich ansahst wie einen, mit dem man Mitleid haben muß – – mich, der für sich nichts will und für andere ekstatisch–schmerzvoll – alles – alles – alles – gegen die Erde murmelnd – für meine Brüder – – setzt sich starr auf – und nun soll mir alles zusammengestürzt sein? – Hm. – Ist das deine Seele, dich hinter meinem Rücken zum Liebesspiel mit einem faden Burschen fortzuschleichen, deine Kinder zu vergessen, deine Weibesehre, ist das herrlich, ist das Natur? – Meta. Ich habe dich entbehrt. Konegen . Was hast du getan? Meta. Auf dich gewartet – nach Liebe gehungert – in Bedrängnissen – und wenn es ein gutes Wort gewesen wäre, ein lieber Blick – Konegen , in bitterer Kälte – und weil ich nicht in die enge, überhitzte Grube zu dir stieg, dich mit dem Minderen getröstet. – Und womit willst du all die Lügen entschuldigen? – Zu diesem Pfaffen laufen, diesem Kerl, der nur darauf lauert, mir eins zu versetzen! Alles schamlos vor ihm auszubreiten! Streite doch, wenn's nicht wahr ist! – Blamiert bin ich; zum Narren hast du mich gemacht vor der ganzen Welt! Meta. Schone mich, ich habe so viel gelitten, daß ich fast am Ende meiner Kraft bin. Glaube mir, ich will dir dienen, dir und unseren Kindern. Ich habe an euch gesündigt; aber ich bin noch keine Verlorne. Du darfst nicht verzweifeln – Mann – ich bitte dich … Erhebt sich und tut einige Schritte nach ihm hin. Konegen wehr ab. Laß das! – Nein, ich werde nicht verzweifeln – ich werde nicht zerbrechen – noch nicht. Droht mit der Faust gegen den Ausgang. Laßt nur gut sein, frohlockt nicht zu früh, ich werde euch zeigen, daß nicht bloß den Kopf unter die Studierlampe halten kann! ––Aber … nun gut – das ganze Reden hat keinen Zweck. Also – höre: ich fahre morgen mit dem Frühzuge zum Lehrertage. Während ich dort bin, wird in meinem Hause nichts geändert, nichts! Meta. Konegen, höre mich, ich bitte. Konegen . Ich kann mir denken, daß nach allen Vorfällen eine gewisse Person eilig abreisen wird. Ich habe vorhin ja wohl den zärtlichen Abschied gestört. Meta, gequält, fast schreiend. Ich beschwöre dich – Konegen!! Konegen . Ich dächte, du müßtest wissen, daß ich für Theatralik unempfindlich geworden bin. – Also der – Mensch bleibt hier, bis ich aus Breslau zurückkehre. Meta murmelt etwas. Konegen . Was? Meta, demütig. Ich bitte, lasse Max reisen. Konegen . Wen? – Damit man die Tatsache seiner schleunigen Abreise als Beweis für die Wahrheit des Vorfalls ausnützt. Er bleibt, und ich werde ihm gegenüber die nötigen Schritte tun. Meta, aufgelöst. Tu das nicht. Ich bin nur ein Mensch. Sei hart, quäle mich, du darfst es, ich habe es nicht besser verdient. Aber das ist grausam. Beginnt zu schluchzen. Konegen . Nein, es wäre dumm. Man würde mit Recht sagen, ich hätte den Verstand verloren. Nein, er soll reisen und das gleich. Meta, furchtsam. Und wenn du selbst hierbleiben könntest?! Konegen , in zornigem Erstaunen. Nicht zum Lehrertage nach Breslau fahren, meinst du?! Meta. Du weißt nicht, wie mir ist. Ich würde es dir auf den Knieen danken. Konegen , in grimmem Hohne. Alles fahren lassen. Nicht wahr, zum Danke dafür, daß du mich betrogen hast. Meta. So wahr ein Gott über uns ist – bei dem reinen Angedenken meiner Mutter – es ist nichts geschehen, was uns trennen müßte! Konegen . Warum machst du davon ein solches Aufhebens, als ob du mir damit noch eine unverdiente Gnade erwiesen hättest, soll das etwa den Sinn haben, daß es doch vorgekommen ist? Weib, rede!!! Meta, in machtlosem Aufstöhnen. Mann! Konegen . Nun – merke dir das eine: wenn ich auch von deiner vollendeten Wertlosigkeit überzeugt wäre, ich würde trotzdem nicht anders handeln. Denn diese Frage ist eigentlich hier Nebensache – jawohl, Nebensache geworden! Meta hört plötzlich auf zu weinen. Bin ich dir gar nichts? Konegen . Nichts? – Nein, das gerade nicht. Aber die Sorge um meinen Ruf, um mein Werk ist mir – und das nicht bloß momentan – alles. Wie gesagt … Meta, entsetzt. Dann ist alles vorbei. – Alles – Konegen . Durchaus nicht. Ich habe absolut nicht alles Vertrauen zu dir verloren. Die Zeit und der reine Wille heilen vieles. Aber wenn du in meiner Abwesenheit abreisest, vielmehr und wäre es auch nur auf Stunden, so muß ich das als Eingeständnis deines vollständigen Falles hinnehmen. Meta murmelt etwas. Konegen . Hast du mir noch etwas zu sagen? Meta, zerstört. Nein. Konegen . Nun, lebe zu deinem Wohl. Meta bricht nach Augenblicken in ein Lachen der Verzweiflung aus. Dann steht sie auf und schiebt die Vorhänge von den Fenstern zurück. Das volle Goldlicht der untergehenden Sonne durchflutet das Gemach. In dem Licht erwacht sie wie aus schwerem Traume. In die Sonne starrend. So war alles umsonst. Vorhang Dritter Akt Das Konegensche Landhaus mit der überdachten Rampe im Hintergrunde etwas nach links. Davor ein freier Platz mit Blumenanlage in einer größeren Grasfläche, an die sich rechts und links Strauch– und Baumgruppen schließen. Auf die Rampe führt rechts in einem stumpfen Winkel ein Gang, der von jungen Buchen überwölbt ist. Ihre Zweige sind an ein Gerüst von gebogenen Stäben gebunden. Der Gang mündet in der Tiefe durch ein Pförtchen in einem Bretterzaun in den Wald. Dieser füllt einen Teil des Hintergrundes und begrenzt die rechte Seite des Gartens mit seinen schwergrünen Nadelmassen. Eine schönästige Birke schwebt davor wie eine graziöse, trunkene Fahne. In das verhalten Brausen des Waldes singt fern im Garten ein Springbrunnen seine endlose, dünne, klingende Weise. Neben der geschlossenen, zweiflügeligen Gartenzimmertür, etwas nach dem Gang hin, stehen ein Gartentisch und Stühle und Ruten und Wurzeln. – Es ist gegen elf Uhr vormittags, drei Tage nach den Vorgängen des zweiten Aktes. Pfarrer Hoheisel sitzt auf einem der Stühle am Tisch und liest in einem Handbrevier. Wenn ein Geräusch im Innern des Hauses laut wird, hebt er den Kopf und lauscht. Endlich fährt er, sich ausreckend, mit der Hand über sein Gesicht, rückt den Stuhl herum, lehnt sich zurück und sieht sinnend in den Garten hinaus. Nach einigen Augenblicken wird die Tür vom Hausflur ins Gartenzimmer geöffnet und eilig geschlossen. Schnelle Schritte nahen. Er wendet sich hastig seinem Buche zu und gibt sich die Haltung eines versunkenen Menschen. Anna tritt bald darauf vorsichtig, fast geräuschlos mit der ganzen Demut in der Haltung, die das Volk vor einem Geistlichen zur Schau zu tragen gewohnt ist, in die Tür des Gartenzimmers und steht einen Augenblick still. Endlich räuspert sie sich schüchtern. Hoheisel blickt verwundert auf. Ach, Mädchen, da bist du ja schon wieder! Anna , noch ein wenig atemlos. Nu, woll nie schon, Hochwürden! 's hat lange genug gedauert, Sein Se och nie of mich beese, ich bin nich schuld daran. De Frau wirtschaft rum, wer weeß wie sehr. Sie dreht alle Schübe und Schränke um. Und wo se geht und steht, schlißt se de Türe hinder sich zu. Ich kunde … Hoheisel hält den Zeigefinger auf die Lippen und droht dann mit gütigem Ernst. Anna, Anna! – Ich hab dich eigentlich darum nicht gefragt. Steht auf und ergreift Stock und Hut. Führ mich also hinauf! Anna . Wenn Se allene gehn wollen! Ich derf nich. Hoheisel. So antwortet man einem Geistlichen nicht. Anna . Nu, 's is doch dasselbe wie gestern und viergestern. Hoheisel. Meinst du damit vielleicht, die Frau Professor ist wieder nicht zu sprechen? Ach nein, Anna, du wirst dich wohl verhört haben! Mit stärkerer Stimme etwas gegen das offene Gartenzimmer. Dreimal läßt niemand den Herrn umsonst anklopfen und ich komme im Namen Gottes. Anna . Das weeß ich und deswegen war ich eben aso beese. Hoheisel. Mäßige deine Stimme Anna . Aber sie lassen mich nich ausreden. Nee, nee, Hochwürden, 's is au besser, Sie hern aso was gar nich. Schämen sollde se sich, eem geistlichen Herrn, aso was! Hoheisel, lächelnd. Immer sag du's ruhig. Anna . Aber Sie missen nich etwan denken, ich freu mich drüber. Ich lief 'r doch immerfort anoch und sie herte nich of mich. Aber ei d'r grin' Stube, weil ich und ich ging 'r gar nich vom Leibe, da dreht se sich of eemal um und wird bleech wie der Kalk und sprecht leise, as wenn se sich vir sich selber schämte, spricht se: »Der« – Hochwirden, ich kann nich, 's frißt mich. – Hoheisel. Immer sprich alles. Anna . »Der Lump betritt diese Schwelle nicht mehr.« Und nach eener Weile, weil ich steh und steh, mag se sich's besinnen und sagt: »Ich lasse den Herrn Pfarrer bitten, sich sofort zu – zu, nun ebens aso viel wie, Sie sollen sich bale nausmachen. Hoheisel lacht gezwungen. Anna, beruhige dich. Aus allem ersehe ich, daß du dich getäuscht hast. Die Worte mögen leider Gottes mir gegolten haben; aber mit den ersten hat sie gewiß nicht mich gemeint. Bhhh, und du tust mir den Gefallen, das heißt ich verbiete es dir als Seelenhirt, zu irgend jemand darüber zu sprechen. Anna . Herr Pfarr, Sie kenn' sich aber of mich verlassen … Hoheisel. Nein, nein, du hast dich getäuscht, Geh du und mach jetzt deine Arbeit, denn so lange die jungen Herrn da sind, hast du doch gewiß viel Arbeit. Anna . Nee, Hochwirden, weger dem, die sein schon viergestern gefahrn. An dem Tage wie der Herr Professer fuhr, der früh und die mit 'm Dreiviertelsechs-Zuge. Hoheisel tritt tiefer in den Buchengang hinunter, mit gedämpfter Stimme. Ach Mädchen, es handelt sich hier um einer Seele Heil. Herr Kullmann ist hier im Hause. Mir kannst du's doch sagen. Anna . Nee, Hochwirden, ich ha doch mit den zwee Händen hab ich den zween Kuffer of a Wagen getragen. Hoheisel. Ich habe Herrn Kullmann vor kaum einer halben Stunde von meinem Fenster aus auf dem Wege nach dem Bergwalde gesehen. Anna . Nee, nee, die zwee sein wohrhaftig iber alle Berge. Hoheisel. Mag's sein. Im Fortgehen. Hier hast du die neue Notburga-Nummer, und daß du mir morgen in den Dienstbotenverein kommst. Anna nimmt das Heft entgegen und küßt ihm die Hand. Ja, ich dank scheen, Herr Pfarr. Hoheisel. So. Sei immer brav und denke daran, was ich dir vor deinem Dienstantritt sagte, daß Dienstboten besonders wachsam sein müssen im Hause einer Herrschaft, die das Unglück, auf Irrwegen zu sein. Anna . Ach, Sie wissen gar nich, Hochwirden, Hoheisel. Nun, alle Dienstboten sind nicht auf Rosen gebettet. Anna schluchzt in die Schürze. Ich kann Ihn sagen, was dahier a so viergeht. Hoheisel. Wache und bete! Und wenn sich aufs neue was Bedenkliches ereignen sollte, dann weißt du, wo dein alter Pfarrer zu finden ist. In Gottes Namen. Anna küßt ihm wieder die Hand. Ei Gots Namen. Hindemit ist leise um die Hausecke getreten und hustet jetzt überlaut. Er ist leicht berauscht. Hoheisel dreht sich im Hinschreiten um. Hindemit gezwungen. Gun Morgen! Hoheisel. Ach, das ist ja der – e – ich hab Sie doch schon im Dorfe gesehn. Hindemit. Nee, nee, Herr Pfarr, ich bin bloß evangelsch. Anna , schnell einfallend. ' s is der Hindemit Schlosser, Hochwirden. Hoheisel. Ach so, der! Hindemit, ziemlich laut. Jawoll – der – der – der das Schilderhaus mit samt 'm Wächter am helllichten Tage stiehlt. Wart och e! Macht Miene, ihm nachzugehen. Anna hält ihn zurück. Was hat dir denn bloß unser guder Herr getan? Du bist woll nich gescheide! Hindemit. Gell, weil er nich Schloßnägel frißt und Zwecken spuckt, deswegen is er ein guder Herr! Den wer ich kenn! Das is au eener vo den, die mit Hämmern schmieden, die nich klingen. Ihr Weiber seid alle egal. Anna hat zu fegen begonnen. Weg da und stern Se mich nich ei der Arbt. Ihr Evangelschen hat alle keene Reljon eim Leibe. Hindemit. Aber ihr Weibsleite hat se eim Leibe. Das läßt sich freilich begreifen. Die is vorne scheen und hinten nich häßlich. Die Reljon verfluche sich! is bei dir nich ibel. Anna wehrt ihn ab. Machen Sie lieber 's Geländer of de Treppe. Das wird besser sein. Hindemit. Mädel, hast du eene Bust! Anna . Gehn Se und lassen Se mich zufriede. Denken Sie, ich bin aso eene! Ich wär grade zu dem Gealber ufgelegt. Hält im Fegen inne und stützt sich auf den Stil … »Dahier was ereignet.« … Da wird sich schon ereignen! … Dahier!! … Beginnt wieder zu fegen. Der weeß, wo mich der Schuh drickt. Alles pufft und schimpft a eem rum. Weil ich gut katholsch bin. Das is, weil ich … Hindemit umfaßt sie von hinten. Weil du ein fermoses Mädel bist. Anna reißt sich mit einem jähen Ruck los. Denken Sie ja nich etwan, ich spaße! Wart och, passen Se uf, die da drinne denkt, ich wer immer 's Maul halen und immer kusch machen. Die soll mich och beese machen. Ich wer schon ufpassen. Beginnt wieder zu fegen. Man kennt eich woll. Ihr Mannsmer seid alle egal. Erscht macht 'r de Weibsleite mit Redensarten besoffen … und dernachern –. Wenn's is – wenn's sein sollde! In Wut geratend. Schlosser Hindemitla, haha! Na, ich sag Ihn aso viel … Anna . Anna, Jees, du hast ja reen weg a Koller! Deine Jacke wird dir noch platzen. Fernes Männergespräch wird im Walde laut. Anna . Hern Se och, Schlosser! Hindemit. Was denn? Anna . Geht's nich eim Pusche? Hindemit. Freilich. Anna . Of uns zu? Hindemit. Nu, warum soll's 'n nich. 's Botensteigel geht ja da hinderm Zaume num. Anna wird immer erregter, mit glänzend–wildem Gesicht … und 's redt … zwee … was? … Mit bösem Triumphieren. – Sieh 'ch, aha! – Hindemit. Was hat's denn bloß? Du bist ja reen vom Bändel! Das Gespräch kommt näher, nun hält's an einem Ort an. Anna , eifrig. Nu sehn Se aber, daß Se sich fort machen! De Frau mit 'm Herrn Oberamtmann kommt. Hindemit, unruhig, aber doch mit erzwungener Festigkeit. Nach, wenn's grade da druf ankimmt! Übrigens sein's ja zwee Männer, wie ma hern kann. Anna . Deste schlimmer. Da wird ebens noch dr Amtsvorsteher mit drbeine sein. Was stehn Se denn da noch? Hindemit will durch die Gartenzimmertür ab. Anna . Nee, nee! Die spielen drnach Fliegel. Schnell dahier um de Ecke! Hinter der Szene, gedämpft in mühsamer Beherrschung des Unwillens, die Baßstimme Doktor Tetzners. Doktor Tetzner. Nimm doch bloß Vernunft an! Anna huscht ins Gartenzimmer und zieht die Tür hinter sich zu, ohne einzuklinken. Max Kullmann erscheint in der Tiefe des Buchenganges, öffnet vorsichtig das Pförtchen, stutzt, kommt spähend bis auf die Rampe und geht, da Doktor Tetzner zögernd desselben Weges auftaucht, erregt zurück. Kullmann, tief im Buchengange, nahe am Pförtchen. Nun bitte ich das letzte Mal, geh zurück. Ich muß sie noch mal sehen und sprechen. Doktor Tetzner. Und das Glück der Hände und so weiter, die ganze heiße Chose durch. Kennen wir. Denke doch bloß, was soll ich deinem alten Herrn sagen, daß du heute im Morgengrauen ausgebrochen bist, daß ich dir nachgetost bin. Man kann … Kullmann. Das hast du mir jetzt schon tausendmal gesagt. Doktor Tetzner, den Halt verlierend. Man kann Dummheiten die Fülle machen; aber sich ruinieren und ehrlos … Kullmann, bleich vor Zorn, tritt in drohender Haltung auf ihn zu. Nun hat's geschnappt, mein Herr! Doktor Tetzner. Jawohl, ist dir das Versprechen an deinen Onkel gar nichts? Kullmann. Mensch, mit diesem Tratsch. Anna richtet sich hinter der Tür auf, ihr Gesicht ist ganz entstellt. Sei mal still. Doktor Tetzner. Die ganze Geschichte ist Irrsinn. Hier wie auf der Bühne. Jeden Augenblick kann jemand kommen. Kullmann geht vor und untersucht oberflächlich. Anna duckt sich bei seinem Nahen, Kehrt zurück. Nich die Spur. Doktor Tetzner, mit ernstester Eindringlichkeit. Lieber Max. So nimm doch bloß auf meine Karriere Rücksicht! Wenn das e Skandal wird, bin ich doch auch futsch und kann mir e Billet nach Hamburg lösen. Kullmann. Donnerwetter noch! Das versteht sich doch von selbst, daß nach allem Vergangenen von ernstlichen Absichten oder Gefahren nicht die Rede sein kann. Die Sache soll singend enden, wie sie angefangen hat. Ich will von was Schönem zu zehren haben. Nicht als Schluß dieses erbärmliche Fortlaufen. Und nu nimm endlich Verstand an und geh und warte unten im Hotel auf mich. Doktor Tetzner. Ich kann ja auch im Walde hier irgendwo … Kullmann drängt ihn gegen das Pförtchen. Nein – geht, sag ich – mir tanzt es schon vor den Augen – und wenn du hartnäckig bleibst … Metas Stimme im Gartenzimmer. – los!! Doktor Tetzner. Gib mir dein Ehrenwort. Beide verschwinden im Walde. Meta tritt halb zurückgewendet aus der Gartenzimmertür. Sie trägt Reisekleider. Du solltest doch gleich wieder heraufkommen. Anna drängt hinter ihr her und spricht, indem sie den Gang hinunterstarrt. Sehn Se och, gnädge Frau – gnädge Frau – Meta. Du bist entschieden manchmal nicht richtig. Anna . Ach – ich – kommt zu sich – ich kunnde doch nich a Herrn Pfarrer, kunnde ich doch nich aso mir nischt dir nischt rausschmeißen. Meta. Aber ich hörte doch dann noch eine Stimme. Anna . Noch – eene – Stimme – ach aso! – Gell, eene huch und eene grob. – Das war der Hindemitschlosser, der Narrnsack. Gnädge Frau, nee he, sehn Se och, daß der amol aus 'm Hause kemmt. Der liegt den geschlagenen Tag um das Haus, hindert de Dienstboten an dr Arbt und versauft mehr wie das ganze Gelände wert is. Das arme Weib, die ale Hindemitn, hat ihr Kreuze mit dem Kerl. Kriegen tut er keene … Sie ergreift den Feger. Meta hat sich auf einen Stuhl gesetzt, innerlich gebunden, müde und abgehetzt. Was willst du denn da? Anna, einschmeichelnd. Nu vollds reene machen. Gnädge Frau kenn dach nich ei dr Schweinerei dasitzen. Meta starrt wie abwesend, in der Haltung eines trostlosen Menschen, den Kopf auf die Hand gestützt, in den Garten hinaus. Am besten wärsch, gnädge Frau gingen wieder nur oder ei a Garten, bis ich dahier fertig bin mit 'm Kehrn. Ein a Pusch, da wird ich Ihn nich raten. Alleene. – Ma weeß doch nich. 's passiert das und je's ei a Zeitungen. Noch derzu a so eene Dame. Wenn ich a Man wär, ich gloobe – – das heeßt, es hat doch nu schon sone Kerle. Meta hat nicht darauf gehört; aber von dem kriechenden Tone angewidert, richtet sie sich auf. Hm. Laß das jetzt einstweilen und komm her. Geh und hol vom Boden den großen Quetschkoffer. Nicht den mit den Leisten. Anna . Ach, den Se 's vorige Mal aus Berlin mitgebracht haben. Meta. Und die Reisetasche. In den Koffer packst du vorsichtig die Sachen, die ich im grünen Zimmer herausgelegt habe. In die Tasche … Nein, das werd ich mir selbst besorgen. Wenn du damit fertig bist, bestellst du beim Nauer Marthl einen Einspänner zum Zuge, der um dreiviertel vier Uhr nachmittag abgeht. Anna . Nee, da wollen Se woll gar a noch verreisen? Meta. Gewöhn dir doch diese unschicklichen – pöbelhaften – Aufdringlichkeiten ab! Du hast gehört, was ich dir befohlen habe, also geh und kümmere dich um sonst weiter nichts. Anna . 's is gut. Ja, ja. Erst a Kuffer, dernach de Sachen und zuletzt de Fuhre. Greift zum Feger und beginnt wieder zu kehren. Mir wern's schon machen. Meta, mit großer Überwindung, sanft. Mädel! Anna . Was denn? Meta. Bist du denn … ! Du hast doch gehört! – Anna verfällt in süßliches Dienern. Sehn Se och, gnädge Frau, Sie missen mir das nich ibel nehmen. Ma hat doch zu rauhe Hände, da reißt ma aus den seidnen Kleedern alle Faden raus. Komm Se och mite nuf. Was haben Se dahier au? 's is heeß, ma weeß nich wie. Komm Se och mite nuf! Sein Se och aso gutt! Meta steht auf. Das ist ja zum Sterben mit dir.! Anna . Nu wenn Se nich wollen; ich wer nich sterben. Geht mit dem Feger dem Buchengang zu. Meta. Wo willst du denn hin? Anna . Nu, ich kann doch da hinten rum eben aso gut gehn. Meta . Hier gehst du, durch die Flurtür! Anna zögert noch, dann entschlossen. Frau – – Besinnt sich plötzlich und kehrt zurück. Nee, nee. 's is besser aso. Meta. Und ich will bis zum Mittag ungestört bleiben. Sag das auch der Therese. Sie soll mit den Kindern auf dem Wege zur Kirche spazieren gehen. Anna , spöttisch auflachend, ab. Meta sinkt verzweifelt auf einen Stuhl am Tische nieder und weint in ihre Hände, zieht das Taschentuch, trocknet mit der müden Umständlichkeit Gramvoller die Augen, erhebt sich, geht einigemal erregt die Rampe hin und her, lehnt sich dann an eine der laubumrankten Säulen, bricht ein Blatt und beginnt es grübelnd zu zerpflücken. Sie steht im Begriff, versonnen die Stufen hinabzusteigen. Da öffnet Max Kullmann das Pförtchen in der Tiefe des Buchenganges, daß es gegen den hohen Bretterzaun schlägt, und kommt hastig den Gang herauf. Meta sieht ihn, schrickt sichtlich zusammen und wendet sich finsteren Gesichts der Tür des Gartenzimmers zu. Kullmann, gedämpft schreiend. Meta! Ich bitte, bloß auf 'n paar Worte! Meta, kalt. Was willst du hier? Kullmann. Aber Meta, du bist ja über alle Maßen erzürnt? Meta. Vor allem sprich leiser. Hier liegen an allen Wänden Ohren. Bist du alleine hierher gekommen? Kullmann. Gewiß. Ich komme geraden Wegs aus Bögendorf. Meta. Hat dich schon jemand aus diesem Hause gesehen? Kullmann. Nein, da kannst du ganz ruhig sein. Ich komme über'n Bergwald direkt vom Bahnhofe. Meta. Bist du allein hierhergekommen? Kullmann, unsicher. Das ist mir schleierhaft, wie du auf diese Frage kommen kannst. Dreist. Wen in aller Welt hätte ich denn zu dieser Sache brauchen können! Meta, ihn scharf fixierend. Also nicht? Kullmann. Na hör mal an, wenn du soweit bist, mir eine Unwahrheit zuzutrauen, dann ist es freilich das Ratsamste, ich gehe gleich wieder. Meta. Was weißt du, in welcher Lage ich mich befinde! Kullmann. Meta, schenke mir nur für wenige Worte Gehör. Dann wirst du vielleicht begreifen, daß ich nicht anders konnte, als hierher kommen. Meta. Wieder diese erniedrigenden, unreinen Heimlichkeiten! Gut. – Tritt mal tief in den Gang hinunter, hart an die Wand. – Schließ erst die Tür! Eilt und schließt die Flurtür, verschwindet um die Hausecke, um auch die vordere Gartentür zu schließen. Erscheint wieder auf der Rampe. Unmutig. Komm! – Nimm Platz! – Bitte dort! – Also. wozu kommst du her? Kullmann. Meta, so gib mit doch wenigstens die Hand, wie du sie jedem Bekannten von gestern gibst. Meta. Wir sind mehr als Fremde. Kullmann. Du willst das Letzte zerstören. Meta. Es gibt zwischen uns nichts mehr zu zerstören. Kullmann. Die schöne, gemeinsame Erinnerung. Meta lacht in bitterem Spott auf. Kullmann. Ich will doch nichts, als von dir Abschied nehmen – für immer. Schmerzlich betont. Ich weiß, daß es für immer sein muß. Aber diese Stunden, in denen mir deine Seele aufgegangen ist, haben mir ein Licht gebracht, das ich gar nicht für möglich gehalten habe. Mach ein böses Gesicht, schilt mich albern, mir egal, es ist doch so. Ich kann mir nicht helfen und will mir auch nicht helfen. – Es soll schön enden, nicht mit dieser Angst hinter der Tür, mit diesem scheußlichen Fortlaufen. Ich will einen guten Geschmack im Munde behalten. Meta. Wenn das der Grund deines Besuches ist, dann war es besser, er unterblieb. – Was belügst du dich denn auch! Unser Verhältnis war eine Verwirrung, beiderseits, und deswegen eine Kette von Unwürdigkeiten. Es hat geendet, wie es enden mußte. Einen schönen Schluß anfügen. hieße nichts anderes, als die Unnatürlichkeit von neuem beginnen wollen. Hier, Max, hast du die Hand und sei versichert, ich habe keinen Haß auf dich. So geh deinen Weg, ich werde den meinen suchen. Leb wohl! Kullmann. Deine Hand ist wahrhaftig totenkalt, wie heut nacht. Meta. Was meinst du damit? Kullmann. Auch deine Stimme hat denselben wehen ton. Das hängt mit der näheren Veranlassung zu meiner Herreise zusammen. Gestatte mir, daß ich dir erzähle, was es damit für eine Bewandtnis hat? Meta nimmt zögern Platz. Die Veranlassung zu meiner Reise war eigentlich der Brief des Onkels. Du weißt vielleicht noch gar nicht, daß mir Konegen vor der Abreise einen Brief – na gut – in dem Briefe, der übrigens die ganz unnötige Aufforderung zur sofortigen Abreise enthielt, war eine Wendung, die aus dem Rahmen des Ganzen herausfiel. Ich … du kannst den Brief ja selber … ach, da hab ich 'n vergessen – aber ich weiß die Stelle wörtlich. – Er schrieb: »Durch die Macht der Verhältnisse gezwungen, werde ich genötigt sein, unnachsichtiger als sonst … «, kurz, es war eine leidenschaftliche Entschlossenheit zur Härte gegen dich, mit einer versteckten Drohung an meine Adresse. In der Aufregung las ich natürlich nur oberflächlich. Aber je öfter ich zu Hause den Brief vornahm, desto klarer wurde es mir, daß ich hierher zurückkehren müsse. Meta, in bitterer Ironie. So, so. Kullmann. Auf Ehre! Nach all den Andeutungen war es doch nicht ausgeschlossen, daß man dich hier in unwürdiger Weise behandelt. Ja, und ich sah dich, wie du alles glaubtest auf die nehmen zu müssen und vor Scham und Stolz doch innerlich blutetest. Meta, noch immer spöttisch. Das hast du im Ernst gedacht? Kullmann. Gedacht –! verfolgt bin ich worden davon. Vollends diese Nacht. Da war es mir im Traume fortwährend, als würdest du von etwas Ekelhaftem durch eine Flucht erloschener Zimmer getrieben. Ich sah dich nicht, ich hörte dich nur mit einer zähen, leeren Stimme wimmern und deine Kleider leise an den Gegenständen hinstreichen. Und ich, atemlos hinter dir her, dir zu helfen; aber immer war dieses Widerliche zwischen mir und dir. Nur einmal gelang es mir, deine Hand zu ergreifen. Sie war kalt und tot. Nein, das war schrecklich! So ging es die ganze Nacht; wie ich mich auch abquälte, ich konnte dich nicht erreichen. Als ich im grauen Morgen erwachte, war mein erster Gedanke, dir sei etwas passiert. Ohne mich zu besinnen, in meine Kleider und die zwei Stunden zur Bahn, ehe noch jemand auf dem Hofe erwacht war. Meta, die Hände im Schoß gekrampft verschlungen, den Oberkörper steif vorgelehnt, starrt tief ergriffen stumm ins Leere … durch eine Flucht erloschener Zimmer getrieben … von etwas Ekelhaftem … Steht auf, tut einige Schritte … genau so … Setzt sich wieder grübelnd. Da hast du mein ganzes Eheleben gesehn. Mit Ausnahme der ersten Jahre. Diese zwei Tage natürlich am meisten. Richtet sich auf und sieht Kullmann fest an. Was denn? Soll ich kein Weib sein? Dann ist es auch Schande, Mensch zu sein. Nein, nein! Das ist alles zu Ende. Er hat mich ja dahin gestoßen mit all der Dürre in sich. – Heute nachmittag reise ich ab, um nie mehr hierher zu kommen, nie mehr. Nun weißt du's. Kullmann. Du willst reisen, dich trennen?! Meta nickt schwer. Kullmann. Aber wie ist denn das gekommen? Meta. Wie ist das gekommen! Wenn ich das nur wüßte! Wie viele Jahre lang, Tag und Nacht und Nacht und Tag hab ich mich das gefragt. Wenn ich das nur wüßte. Mit Tränen ringend. Man geht einmal mit singender Seele schlafen, und beim Erwachen ist alles noch wie sonst und dennoch fremd. In der Zufriedenheit ein Mißbehagen, die Worte erst benagt, dann schief, dann –leer, im Gesang ein Unnennbar Zerbrochenes, das Vertrauen scheel, die Güte erzwungen, und alle Lust und alles Glück weicht aus den gewohnten Dingen. Sie wandert aus und nimmt verstohlen unsre Seele mit und macht uns heimatlos in unserm eignen Leben. Dann haben Eheleute nichts Gemeinsames mehr. Siehst du, in dieser Kindheit unsers Grams ist alles wehevoll, doch rein. Da sollten sich in stiller, heiliger Trauer alle trennen, die verbunden sind und sich nicht mehr gehören. Dan trüge man wohl Schmerz in seine Einsamkeit, aber keine Schuld; dann käme man erschöpft bei sich an, aber nicht zerbrochen, nicht befleckt. Kullmann, in bebendem Mitleid, vorwurfsvoll, legt leise die Hand auf ihren Arm, sie zu sich zu rufen. Meta! Meta, mit erschöpftem Lächeln. Du hast recht, es nützt nichts mehr. Nein, nein; es ist gut – – im Grunde genommen – –. Dieser stumme Kampf zwischen uns hatte schon zu lange gedauert. Jeder hat seine Stirn blutig gerieben, daß uns beiden allen vor den Augen wirr durcheinander lief. So bin ich zur Musik gekommen – ich! – und er zu seiner Seelelehre. Kullmann. Ich bitte inständig, gib dich diesen Grübeleien nicht zu sehr hin. Du bist nicht mehr stark genug. Nun du frei bist, mußt du dich deinem Leben erhalten. Meta, dumpf. Mich hat das Schicksal in einen toten Winkel gekehrt. Kullmann. Ja aber, ich verstehe noch immer nicht. Du warst doch fest entschlossen, zu bleiben. Meta … und habe ich mich nicht gedemütigt vor ihm? Wahrhaftig, es war etwas wie Genugtuung dabei, für meinen Fehltritt zu leiden. Gewiß war er hart – aber eigentlich nicht wegen mir, oder aus beleidigter Mannesehre. Mit keinem Gedanken hat er die Tragik dieses Schicksals berührt. Sein größter Schmerz war sein Werk und sein Ruf. Ein Weib kann doch das Werk des Mannes nur lieben, wenn es den Mann liebt. Und wie sollte ich ihn lieben dürfen, wenn ich sehen muß, daß ich ihm gar nichts bin. Was sag ich »sehen«! Er hat's mir ja mit dürren Worten gesagt! Kullmann. Und die Kinder? – Verzeihe, ich will nicht etwa sagen, absolut nicht, ich meine bloß. Meta. Alles hat gestimmt und stimmt nicht mehr. Eben wegen des Wohles der Kinder muß ich gehn. Und das allein, wenn auch, wie ich hoffe, nur vorläufig. Denn eine Mutter, die mit ihrem Manne nicht mehr in Liebe verbunden ist, ist eine Gefahr für die Kinder. Besser, die Kinder haben keine Mutter als eine gebrochene, verödete, verbitterte. Stimme der alten Therese im Hause. Therese. Frau! – Frau!! Kullmann. Die alte Therese ruft. Meta. Mag sie rufen. Pause. Kullmann. Hör mal: Pink, pink, pink. Wie das Wasser förmlich singt. Meta. Ja, als wenn winzige Wesen mit verschmachteten Seelen durchs Gras liefen. Kullmann. Wahrhaftig, tipp, tipp, tipp. Wirklich … und hätten Glasschuhe an und stießen da und dort an einen Kiesel, daß er klingt, nicht? Meta, nach einigem Hinhorchen versonnen … Diese stillen, atemlosen Augenblicke, die nun für mich kommen müssen. Davor habe ich eigentlich eine gewisse Furcht. Weißt du, sie lösen alles auf; man wird an sich und an allem auf Augenblicke irr … Kullmann. Ich werde ihn stärker stellen. Die Wasser müssen stoßen. Nicht, Meta? Meta springt auf und faßt ihn am Arm. Max, nicht! Tu das nicht! Kullmann ergreift ihre Hand. Meta! Stimme der alten Therese. Frau! Frau!! Wo sein Se? Da hörn Se och! Ursala klagt über Hitze ein Koppe. Sie rüttelt an der Flurtür, Die beiden fahren auseinander auf ihre Plätze. Meta. Das ist natürlich nicht wahr. Spürts du nicht, sie ist bestellt? Kullmann. Etwa von Konegen? Das wäre doch infam! Meta. Laß mich, ich habe in diesen Jahren schon manches Unmögliche für möglich halten müssen. Wie in einem Gefängnis bin ich in der letzten Zeit von diesem alten, brutalen Weibe gehalten worden. Therese rüttelt an der vorderen Gartenpforte, verzweifelt und angstvoll rufend. Frau! Frau!! Frau!!! Meta. Die letzten Augenblicke in diesem Hause muß sie einem verderben. Nun wird sie um den Garten herumgehen und kommt durch den großen Eingang herein. Kullmann. Das Beste wär's, wir gingen 'paar Schritte in den Wald. Das große eiserne Tor schlägt klirrend zu. Meta. Ja, komm! Im schnellen Aufstehen tritt sie sich aufs Kleid und droht zu fallen. Kullmann fängt sie in den Armen auf. Mit ausbrechender Leidenschaft. Meta! Liebste! Mein Glück! Meta wehrt sich verzweifelt. Max, laß mich! Hab Mitleid mit mir! Er schließt ihr den Mund mit Küssen. Therese, näher. Frau! Frau! Was machen Se denn … 's Kendle! Meta ringt nochmal auf. Max. Jetzt laß ich dich nicht mehr von mir. Man hört Thereses Schritte schlürfen. Meta läßt sich zitternd fast forttragen. So komm – schnell in den Wald – schnell – mein liebster Mann. Sie umschlingen sich in großer Leidenschaft. Dann schnell durchs Pförtchen ab. Vorhang Vierter Akt Wohnzimmer der Konegschen Familie, ein gemächlicher, großer Raum mit einer guten Einrichtung aus Eichenholz. In der Hinterwand: links Balkontür, nach rechts zwei Fenster. In der rechten Wand: nach hinten Tür zum Flur, nach vor Tür ins Schlafzimmer der Kinder. Beide Türen sind mir Portieren aus graugrünem Tuch verwahrt. An der linken Wand: nach vorn Sofa mit Lederbezug, ein großer Tisch davor, hochlehnige Rohrstühle darum, Pianino, daneben Notenschrank. An den Wänden wenige gute Bilder, Gehörne und Geweihe. Auf zwei Stühlen zwischen den Türen liegen Damenreisemantel und -hut, Reisetasche und Schirm. Ein brauner Lederkoffer steht davor. Auf dem Pianino eine Tischlampe, auf dem Tisch einige geöffnete Briefkartons, Schreibzeug. Es ist gegen ½ acht Uhr abends, am Tage der Ereignisse des dritten Aktes. In das erste Abenddämmern zittert das schüchterne Silber des sich vollendenden Mondes. Willy sitzt auf einem Stuhl am Fenster und tuscht eifrig mit Wasserfarben in ein Heft. Urselchen sitzt artig, die Händchen im Schoß, am Tisch und sieht von Zeit zu Zeit gespannt nach Meta hin, die neben ihr schreibt. Sie trägt das nämliche Reisekleid, ist blaß und gramvoll-ernst. Urselchen, nach einigem Stillsitzen. Na, Muttel, siehste, ich bin ganz stille. Ich red gar nich. Ich lass dich immer-, immerfort schreiben, gell, Muttel. Meta, ungeduldig, ohne im Schreiben innezuhalten. Urselchen! Sieht einen Augenblick das Geschriebene durch, faßt erregt nach dem Blatt, es zu zerreißen. Ach! Urselchen. Ja, ja; zerreiß den Brief, immer zerreiß 'n. Das Blatt krieg ich aber, Muttel! Willy hat schon zwei gekriegt. Willy, um Ursel zu ärgern. Nee, ich hab dreie. Eins, zwei, drei. Ja, dreie! Urselchen, weinerlich. O – och! Dreie, Muttel, dreie!! Meta hat indessen den Brief nochmal überlesen, adressiert, in den Umschlag gesteckt; legt ihn vor sich hin und starrt auf die Adresse. Atmet schwer aus. So … Urselchen. Bist du jetzt ganz, ganz, ganz fertig mit dem Schreiben? Meta, mit unbewegtem, schmerzvoll–ernsten Gesicht. Ja. Jetzt bin ich ganz fertig. Reißt sich hastig vom Stuhl auf. Ruf mal die Anna. Willy springt auf. Ich wer gehn, Muttel. Urselchen, mit Willy zugleich, weinerlich vom Stuhl rutschend. Muttel! Sieh doch, Muttel! Du!! Meta. Nein, Willy, du bist mit deiner Arbeit noch nicht fertig, und es ist schon halb acht. Willy geht mißmutig wieder ans Fenster. Der Müller Leo kann schon Löwen tuschen und Blumen und alles und ich muß immerfort braune, grüne und blaue Dreiecke malen. Meta, in sich steigernder Heftigkeit. Willy – gleich setzt du dich! Gleich, gleich!! – Du sollst dir diese weinerliche Widersetzlichkeit abgewöhnen! – Nun, wird's bald?! Nach einem Moment starrer Besinnung umschlingt sie den Knaben, erschüttert. Willy, liebes Willychen, ich bitte dich, sei artig. Willy … Richtet sich auf; zu Ursel. Nun geh und ruf! Urselchen ruft gellend. Anna! – Anna!! – Anna!!! – Meta. Urselkind, du sollst nicht immer das Haus so Vollschrein! Zieht sie am Arm zurück. Das geht einem ja durch Mark und Bein. Sei doch bloß stille, da kommt ja die Anna schon. Anna , noch auf dem Flur; überstürzt, atemlos. Ich war eim Garten drunten war ich. Im Zimmer, sich die Schürze glatt streichend. Da hert ma's zu schlecht, wenn eim Hause und's ruft ees. Fingert Urselchen mit plumper Zärtlichkeit am Kinn. Ursela, Ursela! Kille, kille, kille! Zu Meta. Was soll ich 'n? Metas angewidertes Gesicht falsch deutend. Ach a so. Gun Amd, gnädge Frau! Meta. Mach vor allem erst die Tür zu. Anna tut es, sich ausscheltend. Nee, ma is schon manchmal eene tumme Büchse! Meta. Geh mal zum Marche Bauer und sag ihm, er dürfe mich heute abend nicht zur Bahn fahren. Anna . Da wird er erst ein Gesichte machen. Er war schon grandig, wie ich und bestellte de Vier-Fuhre ab. Sie wissen ja, wie er glei grob wird. Meta. Es tut mir leid, aber ich kann's nicht ändern. Sag ihm, ich habe soeben ein Telegramm erhalten und müsse vor der Abfahrt noch etwas im Dorfe besorgen. Deshalb wolle ich den Weg zu Fuß machen. Da gib ihm zwei Mark als Entschädigung für seine Bemühungen. Anna . Sie haben eene Tepesche gekriegt – hmhm –. Wie's aso mit da Tepeschen etze flink geht. Willy. Muttel, zeig mir mal die Depesche. Anna . Nee, nee, so ne Tepeschen dirfen kleene Kinder nich sehn, Willy! Meta. Diese Tasche und den Koffer nimmst du gleich mit. Du wirst doch beides ertragen! Anna versucht. O – ja, es wird schon gehn. Meta. Der Marche Hof liegt ja am Wege. Du nimmst die Sachen gleich mit, gibst sie mit diesem Brief im Hotel zum Schwan ab und wartest auf Antwort. Dann kommst du sofort wieder nach Hause, hörst, sofort. Daß du mir nicht wieder mit jedem Menschen unterwegs plauderst, wie es deine Mode ist. Anna . Schön. Den Brief dahin. Wie Sie scheen schreiben kenn! An – nee, o a Herrn Kullmann! Ja, der is dahier eim Dorfe? Nee aber! Meta, gepreßt. Er hat mir soeben depeschiert. – Also, er wird mir die Sachen einstweilen aufgeben. Er fährt heute hier durch und hat eine Stunde Aufenthalt, er … aber du hast doch weiter nichts zu sagen! Als … Schritte nahen, die Tür wird geöffnet. Anna, geh mal weg, die Therese will rein. Therese. Da geh och schon aus 'm Wege, wenn du siehst, daß jemand rei will. Zu Meta. Gun Abnd. Auf die Sachen sehend. Nu, nu! – Stützt die Arme in die Hüften und nimmt Anna aufs Korn, sie von Kopf zu Fuß musternd. Wo warscht 'n di etze a so lange? Anna , überlaut lachend. Wo wer ich 'n gewesen sein? Eim Garten war ich und hab das Gras aus a Gängen gehackt. Therese äfft Annas hohe Stimme verächtlich nach. ' s Gras aus a Gängen gehackt! Ja! Grimmig–verhalten. Und zu dem Gemache mußt du dir eene Blumenschirze mit Krausen ummachen?! – – – Ich wer drsch besser sagen, eim Pfarrhofe bist du gewesen, Lügenmaul! Anna . Da soll mich Gott of 'm Flecke erschlagen. Frau, Sie wissen's, ich hab bale, wie ich reikam, gesagt, daß ich aus 'm Garten komm. Gell, Willy, du hast's doch gehört! Willy, gewichtig. Ja, Therese, 's is wahr. Anna . Na, da hast du's! Therese. Nischt is wahr. Jetze grade hat mirsch de Petzolten, das Botenweib, gesagt, die hat dich rauskommen sehn, hinten iber die Stufen runder. Meta. Du warst auf dem Pfarrhofe? – Was hast du denn dort zu suchen? Anna , verstockt. Ich war nich, abgemacht Seefe! De Leute wissen nischt wie of eem rumtrummln. Ich hab's bale dicke. Glooben Sie mir oder der Petzolten, die mehrschtenteels besoffen is, daß se nich weeß, ob se a Mann is oder a Weib. Das is mr etze bale egal. Meta will etwas sagen, überwindet sich finsteren Gesichts, tritt ans Fenster und sieht schwer atmend hinaus. Anna , etwas leiser, doch eifrig. Und wenn ich au und wär gewesen! Ich bin katholsch und der Herr Pfarr, ha, wen hätt 'n mei Vater gehabt, wie er eim kleen Budel lag mutterseelenalleene und kunde sich nich riehrn! Therese. Vor Besoffenheet. Anna . De Gicht hatt' a. Therese. Ei dr Gurgel. Meta, zu Anna. Gib den Brief wieder her! Tritt an den Tisch, setzt sich und beginnt einen neuen zu schreiben. Urselchen hat die ganze Zeit abgeschlagen in der Sofaecke gelegen. Vom Geräusch des Stuhlrückens erwacht sie, fährt auf und sieht sich fremd um. Sie erblickt Therese, auf sie zu. Therese, Therese, ich bin dir gut. Therese. Nu, das is scheen, da free ich mich aber. – Nee, nee, Kindel, dei Kopp brennt halt doch gar zu sehr. Zu Meta hinüber. Frau, mit dem Kinde wern mr was machen missen. Ma weeß doch nie. Das Frühjahr is mit 'm Scharlache wieder gar zu schlimm eim Dorfe drunten. Da liege se och Haus um Haus, wie ma hern kann. Meta. 's is gut, Therese. Therese. Freilich kenn Se machen, was Se wollen. Ich wollt Ihn bloß das eene geraten haben. Die Anna trägt aus und das gehörig. Anna . Da hert's doch vollds uf!! Therese. Jawoll! Wenn du wo a Maul voll ufschnappst, da leefst du eim ganzen Kreese rum und machst a Fuder draus. Im Abgehn. Blas dich och uf, auch kee Wort nehm ich zurücke. Noch einmal ins Zimmer zurücksehend. Das beste wärsch, die kriegte a Laufpaß. Urselchen läuft auf die Tür zu. Therese! – Therese!! Meta hat den Brief beendet, nimmt das Kind von der Türe weg, kniet vor ihm nieder und küßt es prüfend immer wieder auf die Stirn. Nicht wahr, Urselchen, es tut dir nichts weh. Mußt mir's sagen. Etwa hier? Oder hier? Urselchen. Nein, gar nichts. Bloß manchmal ein bißchen Karusselfahren tut's. Weißt du, Muttel, Sofa tanzen und Fenster und Tür und alles, aber das is hübsch. Beginnt mit fiebernder Lustigkeit umherzutanzen. Meta, starr auf das Kind sehend, mit wunder Stimme flehend. Urselchen, setz dich, ja Kindchen, setz dich! Da sieht sie, daß Anna am Koffer herumbastelt. Laß! Stell den Koffer vor den Stuhl, Gib mir die zwei Mark wieder, ich werde fahren. Anna , unterwürfig. Weger dem, ich hätt 'n schon ertragen. Meta. Hier, gib nur den Brief unten im Schwan ab und warte auf Antwort. Anna . Ja, ich geb 'n ab und wart. Meta. Und kommst schnell mit der Antwort wieder her. Ein Brettwagen fährt auf der Straße und hält in der Nähe Anna , strahlend. Richtig! Ein Peitschenknall. Schon gut, ich wer's schon machen, ich wer mich schon vertefentieren. Sie bewegt sich der Tür zu. Stimme der alten Therese im untern Hausflur. Anna! Du! Komm a mol her. Herkommen, due!! Der Bretterwagen fährt ab. Willy reißt die Balkontür auf. Anna! – Anna!! Meta. Um Gotteswilln, Junge, schrei du noch vollends, und daß du runterfällst. Das fehlte grade noch. Laß sie. Laß sie. Läßt sich erschöpft auf einem Stuhle nieder. Kommt, Kinder, zu mir. Urselchen, langsam, fall nicht. Sie drängen sich zwischen ihre Kniee, sie küßt sie leidenschaftlich. Dann mit tiefem Schmerz. Kinder! – Kinder!! Ihr Ruf endet in verlorenem Sinnen. Willy. Ja, wär ich da tot, wenn ich vom Balkon runterfalle. Auf 'n Kopp, was? Meta, schon hingenommen. Denk doch, die zwei Stock und unten die Sandsteinfliesen. Willy. Käm da viel Blut raus? Aus 'm Leibe auch? Und aus 'm Beine, was? Meta, in sich gesunken, mit schwimmender Stimme. Geh, mach's Fenster auf, daß ich den Wald rauschen höre. Willy folgt. Aber er ist ganz stille. Meta, verwundert. Er ist ganz stille? Wirklich, Aber er hat doch immer gerauscht um die Abendzeit? – immer – und nun auf einmal ist er stille? – totenstill … Urselchen. Muttel, du? Meta, dumpf. Was? Urselchen. Haben die Bäume auch Kopfschmerzen? Meta, ohne hinzuhören, ins Leere … gar nicht heruntergehn sollt ich, da war alles anders. Urselchen. Und wenn der Wald stille is, ganz still, is er da gestorben? Meta … es ist eben mein Schicksal … Zusammenfahrend. Sprich nicht vom Sterben, Kind! Urselchen. Wie ein Mensch, ja? Meta reißt beide im Schmerz an sich. Kinder – Urselchen – Junge – Willy! – Urselchen beginnt zu weinen, Bleib da, Muttel, fahr nich fort, Muttel. Meta. Du willst doch nicht auch weinen, Willy, du großer Junge? – Nein, nein Urselchen, sei still. Ich bin immer bei euch, jeden Augenblick meines Lebens, am Tage und in der Nacht, wenn ihr schlaft und du hast deine Händchen auf dem Bett liegen. Dann komm ich und mach die Tür ganz leise auf und nehm deine Händchen wie eine weiße Blume zwischen meine großen Finger. Nein, nein, ihr dürft euch gar nicht fürchten, Ich fahr bloß zu einem Onkel, gar nicht lange. Dan hab ich euch wohl wieder. Es ist möglich, euer Vater kommt unterdes nach Hause. Dann sagt ihm – nein – ja – Eine Tür fällt irgendwo im stillen Hause ins Schloß. War das nicht die Gartenzimmertür? Es geht doch niemand unten? Sied mal stille! Nun hat's gehustet! Springt auf und ruft dringend durch die Tür. Therese! Therese!! Therese, unwirsch. Was soll ich 'n? Meta. Komm herauf und bring die Kinder ins Bett! Therese. Warum 'n ich? Meta. Weil ich noch zu besorgen habe. Es ist indessen tiefer Abend geworden, die Fenster füllt goldene Röte. Kommt mal beide zum Fenster, Willy, Ursel! Damit ich eure Auge noch mal sehen kann und eure süßen, unschuldigen, unschuldigen Gesichter. Kinder, meine lieben Kinder, ich hab's gar nicht gewußt, daß ich euch so – küßt sie – unendlich liebe. Küßt sie. Aber ich bleibe in alle Ewigkeit eure Mutter, ich will alle Abende … Therese tritt behutsam, das offene Licht mit der Hand beschützend, ein. Meta richtet sich sofort auf. Willy, räum dir deine Sachen ordentlich auf! Therese setzt das Licht auf den Tisch. Nee, nee, Frau; küssen Sie och ruhg weiter. Wenn ees das und machts noch aso lange, ma kommt da immer zu kurz. Ihr Püpple! Ja, ja; das is eich enne Welt! Du meine Gitte! Meta. Therese, sei du mal dem Willy ein wenig behilflich, damit es schneller geht. Wenn du dann fertig bist, gehst du durch die Flurtür wieder runter in die Küche, damit jemand unten ist. Welche Tür schlug denn vorhin? Therese, will helfend. Ach, de Kichentüre fuhr zu. Ja, da wollen Se heute abend fortfahrn. Hätten Se och 's wingste gewart, bis der Herr wieder da is. Ma weeß doch nie, was mit dem Kindel wird, sehn Se och, da liegt se schon wieder ei dr Sofaecke, und ich steh drnach alleene da. Sie hat mir halt a so een schnellen Odem . und de Hände – na, jetze sein se grade kalt. Meta, des Kindes Stirn und Händchen befühlend. Den Magen hat sie sich wieder überladen, sonst nichts. Ich dächte, du weißt's, daß sie 's dann immer so treibt. Therese nimmt die Lampe und zündet sie auf dem Tisch an. Schon, schon; aber 's kann ebens aso gut au was Schlimmes sein. Wenn's nich gar notwendig is, wart'n Se och noch wingste een Tag. Denken Se och: Sie fahrn und dem Kinde passiert was. Mir hängen doch alle bloß an eem seidnen Faden. Sie könnten Ihr ganzes Leben nie meh zur Ruhe kommen. Aso ein Engele, denken Se och, Frau! Lassen Sie Bahne Bahne sein! Meta. Therese, ich muß es wissen, ich allein, sonst niemand, was ich darf. Öffnet die Tür ins Schlafzimmer. Kommt, Kinderchen! Urselchen, du, komm schlafen! Gute Nacht! Gute Nacht, Willy. S09o und nun bleibt mir gesund, ich bring euch was Schönes mit. Willy. Mir eine richtige Pistole. Urselchen. Und mir zweie. Therese. Nee Frau, das kann nich sein, das gloob ich nich. Meta. Hier nimm's Licht. Therese. Da warten Se och noch een kleen Augenblick. Ma hat doch noch das und jes wegen der Wirtschaft zu fragen. – Nu, da kommt och, Kinderla. Sie warten doch, he? Meta. Ja, gewiß! Greift nach ihrem Reisemantel Ich weiß so wie so schon nicht, wo mir der Kopf steht. Das fehlte grade noch. Wenn doch bloß das Mädchen, die Anna, käm! Tritt ans Fenster. Therese, im Schlafzimmer. Hopp och nich! Dir sellde nich zum Hoppen sein, mei herzer Junge Willy. Eine richtige Pistole krieg ich! Da schieß ich wie ein Jäger. Therese. Da krich och jetze nei und tut beten. Das Gebet der Alten und der Kinder beginnt leise und undeutlich. Meta schleicht zur Tür und horcht. Unwillkürlich setzt sie sich und verfällt, den Körper auf steifen Armen gegen die Kniee gestützt, die Augen unverwandt auf die Diele gerichtet, in Sinnen, Therese tritt leise herein, und da Meta wie abwesend verharrt, läßt sie sich auf einen Stuhl neben ihr nieder, betrachtet sie von der Seite und redet dann mit einer solch weichen Stimme, die man ihrer Rauheit nicht zu getraut hätte. »Und mach mich deinen Engeln gleich. Amen.« Wenn mrsch och fertig brächten, scheen wärsch freilich. Sone kleene Händel habens woll noch ei dr Gewalt. Mir Großen haben durch de Banke zu wing Gnade, zu wing Geduld. Da soll och alls glei eim Handumdrehn andersch sein. Du schinster Herrgott! Wenn ma a so fast siebzig is, da hats ees woll nach und nach begreifen missen. Der Kopp is harte, jaja; aber bloß, daß ma genung Beulen draufkriegen kann. Und was hat ern etwan sonst zu tun? Nischt wie Ungelegenheeten macht er eenem. Denn die Nisse, die uns der Herr ufgibt, die miß mr alle mit 'm Herzen knacken. Und wenn's forsch zukloppt, da is gut, was ma vorhat; aber wenn sich's sperrt, als wollt's am liebsten zum Halse raus: da soll de Gabel hinlegen, werde essen will, und werde denkt, a muß patuh zum Hause naus, der zieh of der Schwelle de Schuhe aus und geh wieder ei sein Stibel. – A Kind is kee Stuhl, den ma aus 'm Wege räumt und druf vergißt. Sie hält inne, sieht Meta von der Seite an, der Tränen das Gesicht überströmen. Kommen Se, Frau, ich wer Ihn helfen den Mantel runterziehn. Meta, in tiefster Qual … Weib – altes Weib, du weißt nichts, als mich zu quälen. Laß mich und geh. Therese. Frau, reden Sie alles, was Se of 'm Herze haben. Haben Se keene Bange nich. Schitten Se alls aus, wie ees was ei een tiefen Born schmeißt. Verleicht wird's Ihn leichter. Meta bemüht sich umsonst, den schluchzenden Schmerz zu bemeistern. Therese zu niedergebeugt, leiser, mit ausgehendem Atem. He, Sie wollen fort, weil Sie sein of a Leim gegangen? Gell und da denken sie jetza … Meta schrickt totenblaß jäh auf, erhebt sich und tritt an ihre Sachen. Sie dirfen nich fort, aso wahr ein Gott eim Himmel is. Meta hat sich den Hut aufgesetzt und ergreift entschlossen den Schirm. Frau, Sie dirfen nich und sellde 's Schlimmste passiert sein mit dem verfluchten Kerle. Eilt und verstellt ihr den Ausgang. Gell, Sie denken, Sie sein verfallen? – Um Himmels Christi willen, Frau, ich bitt Sie! Meta, tonlos, stotternd. Weib – tritt zur Seite! Sofort!! Therese. Haun Se mich ales Weib, meinswegen treten Se mich mit Fissen. Aber durch die Türe gehn Sie nich! Meta läßt jäh ab und schreitet flüchtenden Schrittes dem Schlafzimmer zu. Therese eilt auf den Flur; man hört das Einschnappen eines Schlosses. Fliegenden Schrittes tritt sie wieder ein, schließt auch diese Tür und verbirgt den Schlüssel in ihrem Kleide. Da müßt ich ja wer weeß was kriegen. Nee, nee! Aso lange ich da bin, kommst du mir nich aus dem Hause! Man hört Meta an der Tür rütteln. Ha! Was ei aller Gotteswelt kann mir alem Weibe denn passieren? Wenn der Herr wird da sein, kann er machen, was er will. Urselchen ist erwacht und weint. Meta bettelt das Kind verzweifelt um Ruhe. Bleib du och und sieh dir dei armes Kindl an. Verleicht gehn dir da die Augen auf. Das Kind beruhigt sich. Sie sinkt erschöpft auf den nächsten Stuhl. Nu is aso weit – Ach du himmlischer Vater, was wird och noch wern! – Ja, ja – kommt ihr mir och mit den Weibern aus der grußen Stadt, die da Haare wie de Kommedigspieler haben! – He! – – Aber hab ich nich ufgepaßt? Hinder a Türen, of Schritt und Tritt? – Und geredt? – – Of a Kopp druf mußt ich's 'm Herrn sagen – – Aber nimm's och – nimms och! – Ja. – Es klopft behutsam an die Flurtür. Schon wieder was! – Erhebt sich und geht wieder an die Tür. Leise. Was is 'n draußen? Anna , außer Atem. Nu ich, de Anna. Bist 'n alleene? Laß mich schnell rei. Im Hereinschlüpfen triumphierend. Etze is fertig. Nu wischt's eich amol die Nase; aber orndtlich! Therese. Ehb du's Maul ufmachst, mach's erscht zu. Die Kindle sein grade eingeschlafen. Gib den Brief her; die Frau is drüben ei der Stube. Ich wern abgeben. Siech, daß du naukommst. Anna . Wer redt 'n da drinne? Therese. De Ursela hat Hitze und redt eim Schlafe, bale huch, bale tief. Langt nach dem Briefe. Mach und erspar der das Gemäre. Anna . Den Brief – und da ha ich noch een. Den wer ich 'r selber geben. Ich wer's 'r beweisen, wer ein Mensch is. Therese. Wen meenst du denn? Anna . Nu, wer wohnt 'n dahier ei der Stube? Etwan du? Hast du etwan een Schatz und er is fortgefahren? Jaja, he! Ich hab's woll gehert eim Schwane. 's ganze Dorf is ful. Das trescht och bloß aus jeder Dachrinne also! Und a Herrn haben se glei ei Breslau nausgeschmissen – of de Gasse – Therese. Ich wills nich hern, dei Gemäre! Mach du dich ei de Kiche nunder und wart, bis de Frau kemmt, und laß mich zufriede. Anna . Ich hab ei der Kiche nischt mehr zu suchen. Ich mach dahier ein Ende. Mir is etze alls egal. Therese. Wenn du dich willst durchaus eis Unglücke reiten, da machs och. A jedes tritt seine Schuhe schief. – Aber das wirste woll selber wissen: Die Leute reden viel, wenn der Tag lang is, und wo man of 'm Wege geht, tritt ma of a beeses Maul. Wissen tut kees was und gesehn hat niemand nischt. Und wenn se und sollen de Finger ei de Höh recken, da stehn se da wie de Pah-Affen. Und die da 's Maul aus der Hand lassen, die missen d'rnach de Katze wirgen. – Dich bringt dei loses Maul noch eis Kittchen. Mädel, laß d'rsch gesagt sein: Ich meens gut, wenn ich au manches Mal herbe bin. – Anna , cynisch . Ja, etze, do eich 's Hihndel nach dr Hand hackt, da lockt r betusam: Putt, putt, putt! – Geht mr och, Ihr Evangelschen, ich weeß besser wer ihr seid! – Der Herr reest ei der Welt rum und will de Leute um ihrn Herrgott bringen. Therese. Gemare! Anna . Vo a Kanzeln schrein se 's, of allen Dörfern. Ei em solchen Hause blei ich nimmeh. Ich wer's eich zeigen, daß ich nich eier Pinscher bin. Therese. Du sollst nich a so gurgeln! An der Tür des Schlafzimmers entsteht ein Geräusch. Anna schreit laut. Und gerade! Ich will mit dr Frau reden! – Mit – der Frau!! Therese. Wahrhaftigen Gott, die päckt se mr wieder raus! Meta tritt blaß, steil aufgerichtet, fast lautlos ein. Gib mir den Brief her. Anna . Dahier … dahier … da is der Brief vom Herrn Kullmann … und da is Ihr Brief – – Meta. Mein Brief? Den ich dir vorhin gegeben habe? Warum hast du ihn denn nicht abgegeben? Anna . Weil der Herr Kullmann schon fortgefahren war, schon mit dem Dreiviertelsechs–Zuge, mitsamt'm Herrn Dokter Tetzner. – Nu jaja, da lesen Se och, da wird's drinne stehn. Am Ende wärsch au wieder nie wahr, am Ende is au gelogen, daß der Doktor Tetzner heite vormittag drunten eim Garten gewesen is, gell? Therese. Glooben S'r nischt, die weeß nich, was se redt. Die is manntoll durch und durch. Das kann ich beschwern iberall. Die is nich gescheide. Anna . Ich nich gescheide? Weil ich de Ligen nich gloob, weil ich alls gesehn hab und weeß, was de hier gespielt hat, deswegen wollt 'r een verrickt machen? Metas Hände sind mit dem Briefe auf den Tisch gesunken, aschfahl und starr sieht sie nach Anna hin, lange kann sie nicht sprechen. Du – hast – gelogen. – Du – bist –. Ihre Hände greifen auf dem Tisch umher. Anna . Immer wirgen Sie 's raus. Und wenn ich au een Schatz habe, deswegen bin ich noch lange nich mannstoll. Jawoll, ich hab een, au zwee, und wann's der Herr Kullmann gewesen wär, da laß ich mir noch gar nischt vierschmeißen. – Immer wer Se steif – am wingsten vo Ihn. Meta erfaßt das Papiermesser, unnatürlich–leise, mit wildem Blick. Herr Kullmann? Anna . Lassen Sie das Messerle Messerle sein. Ich fircht mich nich. Jawoll der saubere Herr Kullmann – den kenn Sie aso gut wie ich – – ei der Laube und eim Pusche – – Meta stürzt sich mit erhobenem Messer auf Anna. Du bist ein Tier – sonst nichts!! – Therese wirft sich zwischen beide. Jesus Maria, Frau!! Zu Anna, die retiriert ist. Raus!! Anna verschwindet durch die Tür. Meta ist wie versteinert stehen geblieben, die Arme sind ihr am Leibe heruntergefallen; während Therese sie von der Tür mit den Worten Ne ha, was denken Sie sich denn, Frau! Geben Se bloß das Messer her! fortführt und ihr das Messer entwindet, fällt sie in sich zusammen. In der Mitte des Zimmers hält sie an, blickt auf ihre Hände, wischt sie aneinander, als müßten sie von Blut gereinigt werden, und sieht sich mit irren Augen müde. Da kommen Se och ofs Sofa. Meta blickt sie lange stumpf an. Ihr Leib zittert immer stärker. Meine – Kinder – meine – Kin … der – – Es ist, als schrumpfte sie zusammen, sie schwankt und droht zu fallen. Therese nimmt die Jammernde und gängelt sie ins Schlafzimmer. Na da wern mir zu 'n gehn. So – kommen Se – kommen Se. Vorhang Fünfter Akt Derselbe Schauplatz wie im vorigen Akt,) ungefähr zehn Minuten später. Die Szene bleibt eine Weile dunkel. Es ist ganz still. Das Lichts des heraufsteigenden Mondes, dessen volle Scheibe durch die Bäume leuchtet, fließt ins Zimmer und liegt in gedehnten Fensterflecken über die Diele. Hin und wieder steht der Wind im nahen Bergwalde auf, drückt sich in machtvollen Stößen in die Laubbäume und verendet klagend. Dann wird die Haustür geöffnet. Man hört unsichere Schritte im Flur und eine geflüsterte Unterhaltung zweier ankommender Männer Hauschild. Jetzt links? Konegen. Nein, immer geradeaus; gehn Sie nur gleich rein. Hauschild tritt ein mit einer großen Handtasche und einer Reisedecke. In dem Teil des Hauses kenn ich mich gar nicht aus, weil ich Sie doch immer in Ihrem Studierzimmer … Konegen, hinter ihm eintretend, er ist gebeugter, weich und wund. Warten Sie, Herr Lehrer, geben Sie mir die Tasche jetzt her. Hauschild. Oh, ich stell sie schon selber … hier is ja a Stuhl, oder so was – na einstweilen. Konegen. Ja, ja, was hin ist. Ich danke Ihnen. Vielleicht, wenn Sie Streichhölzer bei sich haben, da sehn Sie vielleicht, daß Sie irgendwo eine Lampe erwischen – da hinten seh ich ja was Weißes. Hauschild zündet Streichholz um Streichholz an, sucht und findet die Lampe. 's mir aber rätselhaft. Er setzt sich auf einen Stuhl am Fenster und trocknet sich mit einem Taschentuch die Stirn. Ja, die Haustür auf – niemand unten – die Anna schläft zwar in der Kammer – Aus dem Schlafzimmer der Kinder hört man die Stimme der alten Therese. Hauschild klappert mit der Lampe. Halten Sie mal, bitte, einen Augenblick! – Ja, ja, das is die alte Therese. Na, das ist ja alles gut. Sie hat wieder mal nich schlafen können. Ich sag Ihnen, die gute Seele hab ich schon manchmal müssen mit Gewalt ins Bett bringen. Hauschild. Da freu ich mich nur, daß Ihre Befürchtungen unnötig waren. Konegen öffnet die Balkontür und rückt sich einen Stuhl in ihre Nähe. Mein Gott, wenn die Augen unserer Seele sich auf uns richten, da bleibt der Stärkste nicht ruhig. Das nennen die Leute dann Stimmungen. Hahaha! Lacht bitter vor sich hin . Verlassen Sie sich auf mich, die Sache is hier schon bekannt. Hauschild. Das halte ich für ausgeschlossen. Öffnet sich den Rock. Da ist mir ja selber heiß geworden. Si haben aber noch einen Schritt am Leibe. Wahrhaftig, der kann sich sehen lassen. Konegen. Laß ich mich nicht beirren. – Haben Sie nicht bemerkt, als ich dem Vorsteher nach meinen Sachen rief, wie er fortlief, als sei ich ein Verbrecher. Hauschild. Herr Professor, das kommt Ihnen so vor. Der Mann, der Mahlich, konnte doch gar nicht höflicher sein. Sieht, daß Konegen an der geöffneten Balkontür sitzt. Nein, das geht denn doch nicht, lieber Herr Professor! Verzeihen Sie, entweder setzen Sie sich von der Balkontür weg oder schließen sie. Aber so! Konegen, mehr vergrübelt in sich hinein. Es ist eine so beklemmte Luft hier im Zimmer und draußen die Wärme. Bloß manchmal diese Windwellen oder –wogen sind 'n bißchen kühler. Aus dem Versinken sich aufraffend. Na, ich kann ja auch ein wenig zurückrücken. Ja. Sagen Sie mal, haben Sie die weibliche Person erkannt, die an uns vorbeikam, als wir von der Dorfstraße hier in den Bergweg heraufbogen? Hauschild. Ach da beim Kostianischen Geschäft. Ja. Das war die dicke Binder Martha, vom Tischler Binder aus dem Biederdorfe. Konegen. Ich hielt sie für mein Dienstmädel, die Anna. Hauschild. Da hätten Sie sie doch einfach anrufen können. Konegen. Ach, ich hatt's auch schon auf der Zunge. Denken Sie sich, wie dumm, und dann hatte ich auch wirklich nicht den Mut dazu. Lächerlich, nicht wahr? Aber … Zuckt die Achseln. Wissen Sie, setzen Sie sich noch einen Augenblick. Ich kann jetzt doch noch nicht schlafen gehn – und dann hätte ich Ihnen noch was zu sagen, was Sie betrifft, Ihr Wohl. Aber wenn Sie sich müde fühlen? Hauschild legt den Hut weg und nimmt Platz. Ganz und gar nicht. Es ist mir im Gegenteil das größte Vergnügen. Konegen. Hören Sie mal: sss, diesen leisen, hohen Ton der Nadeln im schwachen Winde lieb ich unendlich und dazu das Zittern des weißen Lichtes in der Luft, als wäre es das Leben des einsamen Klanges – – – in kurzer Zeit habe ich alles vergessen. Hauschild. Es hat Sie doch wohl mehr mitgenommen, als Sie sich eingestehn. Läßt sich denn gegen die »Volksstimme« gar nichts tun? Es muß doch noch einen Schutz gegen diese öffentlichen Ehrabschneidungen geben. Ihre Ehre angreifen, Ihre Familie, Ihr Haus … Konegen. Sehn Sie, dem Schmerz bin ich gewichen, der Gemeinheit. Meintwegen triumphiert über meine Flucht bei Nacht und Nebel. Hauschild. Aber ich an Ihrer Stelle hätte der Blase die Sache nicht so leicht gemacht. Denken Sie doch, mit welchem Begeistrungssturm die Versammlung Sie begrüßte, als Sie aufstanden und die Worte im Namen der freien Forschung sprachen. Konegen. Ja und hinterher, als der Regierungsvertreter von den zweifelhaften Qualitäten der Träger der neuen Bewegung sprach und als mein Vortrag einfach abgesetzt wurde – wo blieb denn da der Mut Ihrer Kollegen? – Nun? Hauschild, bitter und mit gesenktem Auge. Es ist gemein, gemein. Alles duckte sich. Konegen. Ich mach den Lehrern keinen Vorwurf. Die Reaktion ist eben im vollen Zuge. Die Zeiten Wöllners sind wieder da. Es geht bergunter. Da läßt sich nichts machen. Ich hab den robusten Arm nicht, daß weiß ich nun. Für mich ist es das Beste, in der Stille meiner Seele zu dienen – – – und gut zu machen, was ich versehen habe. Hauschild. Aber an mir zweifeln Sie doch nicht etwa auch? Konegen. Das ist's, was ich Ihnen sagen wollte. Sie haben den Zorn der Silesia-Gruppe durch Ihren Zwischenruf erregt, und man macht Ihnen wegen Ihrer Beziehungen zu mir Atheisten den Prozeß. Passen Sie auf. Es geht um Ihre Existenz. Deswegen bitte ich Sie, nein, ich verlange, daß Sie sich von mir lossagen. Hauschild, in Bestürzung, mit zitternder Stimme. Tun Sie mir das nicht an, Her Professor! Ich bitte Sie – Herr Professor – ich habe Sie auch in Gedanken noch nicht betrogen – Konegen, bewegt. Mein lieber, junger Freund, eben weil ich von der Reinheit Ihrer Gesinnung überzeugt bin, weil ich Ihnen … Im Schlafzimmer erhebt sich ein erregter Streit zwischen Therese und Meta. Hören Sie mal! Thereses Stimme. Jeses, Sie, was machen Sie denn. Herr!! Metas Stimme. Therese, geh weg! Geh weg!! Therese stürzt aus der Tür, die sie noch in der Hand hält, kalkbleich, in höchster Aufregung stotternd. Herr Professer … auch, Sie sein's … Herr Lehrer, Sie wern … Meta tritt leidenschaftlich ein, ihr Gesicht ist fahl und von Verzweiflung entstellt, ihr Mantel um die Schultern gewürgt und vorn offen. Sie stutzt und sieht Konegen, der ihr Auge sucht, verstört an. Dann senkt wie den Kopf und wankt aufs Sofa, wo sie sich hinkauert. Konegen, mit Anstrengung seine Fassung bewahrend. Guten Abend, Meta. Verzeihe einen Augenblick! Meta, dumpf, ohne das Gesicht zu erheben. Gut.– Hauschild, verduzt. Gute Nacht! – Ich empfehle mich, gnädige Frau! Meta, auffahrend … ach ja … Gute Nacht. Hauschild ab. Therese macht Konegen Zeichen gegen die Stirn, weist nach Meta und ringt die Hände. Konegen geht zögern auf seine Frau zu. Mit unsicherer Stimme. Guten Abende, Meta. – Meta!! Meta fährt auf und sieht ihn finster an. Lasse das … die Therese hinausgehen. Therese, bittend. Schicken Se mich nich naus. De Frau is gar zu sehr … de nimmt alls zu schwer. Meta sieht Therese mit qualvoll–verächtlichem Lächeln an. Therese, zu Meta. Da sehn Se sich och a Herrn an. Sieht er nich aus wie Christus am Kreize!. Nach ihr hingehend. Fassen Se sich a Herze! 's wird alls wieder gehn. Meta, mit zerbrochener Stimme ausbrechend. Was wollt ihr denn mit mir? Ihr! Ich bin doch nicht wahnsinnig! Konegen, gütig. Du mißverstehst Therese. Sie meint es doch … Meta, mit der Inbrunst der Verzweiflung. Ich muß noch ein paar Worte mit dir allein sprechen! Konegen, nach kurzem Schwanken. Therese, da geh nur lieber rein. Therese, zu Meta. Tun Se, was sich irgend tun läßt, daß Se wieder zusammen kommen. Ich wer gehn und drinne beten um een guden Ausgang. Sie drück im Vorbeigehen Konegen die Hand. Als sie die Tür hinter schließt, erhebt sich Meta ruckartig von ihrem Sitz und verschließt die Tür hinter ihr. Auf dem Gange zu ihrem Sitz bleibt sie in der Mitte des Zimmers stehen und sieht starr auf ihr Reisegepäck. Meta, tonlos, mehr zu sich. Das ist auch nicht mehr nötig. Schreitet auf ihren Platz und kauert sich zusammen. Plötzlich aus ihrem Brüten wild auffahrend. Sieh, dort am Stuhle, wo mein Gepäck steht, dort liegt Blut auf der Diele! Konegen, mit geduldiger Milde. Was meinst du? Meta, in wilder Verzweiflung, die Worte wie eine Anklage herausschreiend. Da drinn wälzt sich im Bett ein fieberkrankes Kind, das hat keine Mutter mehr!! Konegen, mit unerschütterlich milder Trauer. Meta, von wem sprichst du denn? Meta. Geh doch hinein, wenn du's nicht glaubst und sieht, wie sich das Kind im Bettchen wälzt und nach Luft ringt. Frag nur deine Therese; die wird sagen, das Kind hat sich erkältet oder so was. Ihr, du und sie! Hahaha, nichts wißt ihr. Sie beginnt zu schluchzen. Konegen tritt ins Schlafzimmer und kehrt nach einer Weile wieder. Freilich hat das Urselchen ein wenig Fieber. Meta, aber das hat das Kind doch schon öfter gehabt. Meta ringt die Hände, in dumpfem Bohren … siehst du, so müssen Menschen sterben! Die Hände nach unten gebrochen, zu Boden starrend nach stummem mehrmaligem Neigen des Hauptes … Wir leben von dem Leben andrer Seelen, die uns lieben. Und wenn die in Verwesung übergehn – – wo nehmen wir den Atem her für unsern Atem? – – – Siehst du, so mordet andre, wer sich nicht bewahrt. – – Aufgerichtet. Warum hab ich mich denn nicht eher losgemacht?! Konegen, sanft. Von mir, Meta? Meta, voll Haß. Jawohl, von dir. Von dieser Marterbank. Konegen, in milder Trauer. Ich weiß, daß ich manchen Fehler begangen habe im Leben. Auch gegen dich. Aber gemartert, geradezu gequält!? Meta. Mit hölzernen Zangen hast du mich gemartert. Denkst du, ich weiß es nicht, warum du aus Berlin weggezogen bist? – Daß du mir hier in dem Winkel in Muße das Knie gegen die Brust drücken konntest. Konegen, unter schmerzvollem Lächeln sein Haupt wiegend. Hm, hm! Steht auf und tut einige überlegende Schritte in das Zimmer. Dann wendet er sich zu ihr. Hör mal. Du klagst mich in einem fort an, als ob ich die schlimmsten Schandtaten gegen dich begangen hätte. Hast du dir denn Gedanken gemacht, warum ich heute schon zurück bin, da der Lehrertag doch erst übermorgen endet? Meta schweigt. Konegen. Wenn du den Mut nicht hast, so werde ich es dir sagen. Du glaubst, aus Eifersucht auf den Menschen. – Nein, da irrst du dich denn doch gewaltig. So niedrig bin ich nicht. Das ist doch von mir ganz unmöglich. Meta, ich versichere dir heilig, daß mir so was nicht im Traume eingefallen ist. Ich kann ja verstehn, daß diese Möglichkeit immerhin denkbar ist. Ja. Auch, daß du darüber erregt werden mußtest. Aber in so brüsker Form auf mich loszufahren, als ob ich, ich allein an deinem Fehltritt die Schuld trüge, das … Meta, in verzweifelter Verstocktheit. Du allein. An dem und allem andern. Konegen. Meinst du? Schwer Atem holend. Nun, da muß ich dir sagen, daß ich tatsächlich wegen dir gekommen bin. Senkt seine Stimme. Deine Geschichte mit Max wird nämlich heut schon in der »Volksstimme« breitgetreten. Siehst du, deswegen bin ich gekommen. Als Flüchtling. Weil auf einen solchen Posten ein makelloser Mann gehört. Aber habe keine Angst, ich bin nicht zornig darüber, auch nicht verzweifelt. Ich betrachte es lediglich als einen Wink vom Schicksal, den Kurs meines Lebens zu ändern und das Glück nicht draußen, sondern drinnen zu suchen. Meta, das ist wie eine Erleuchtung über mich gekommen. Tu doch die Augen auf! Seh ich denn wirklich aus wie ein Folterer? Ein kurzsichtiger, blinder Mensch war ich. Das hat auch dich aus dem Gleise geschleudert. Gott sei Dank so, daß dich ein Schritt zurückbringen kann. Meta beginnt wimmern zu weinen. Konegen rückt sich einen Stuhl herzu. Herzlich. Weibel! Weibel! Wen haben wir beiden Menschen denn, wenn wir uns nicht haben! Hier nimm meine Hand, es soll alles vergessen sein. Komm! Versucht, sie zu umfangen. Meta springt entsetzt auf. Um Gottes willen, Konegen, ich bin … Konegen, die Widerstrebende an sich pressend. Bedeckt ihr Gesicht mit Küssen. Freilich bist du wieder mein liebes, tolles Weibel und ich bin dein alter froher Konz … Meta!! Sie sinkt aus seinen Umarmungen vor seinen Füßen zusammen; das Gesicht in die Arme vergraben, schluchzt sie, daß es ihren Körper schüttelt. Konegen kniet an ihr nieder. Metachen! Mach doch nicht solche Sachen! Meta, in höchster Qual schreiend. Geh weg und rühr mich nicht an!! Dann spricht sie ächzend unverständliche Worte gegen den Boden. Konegen, immer knieend und zu ihr gebeugt. Weibel, steh doch bloß auf! … was? … ich versteh dich nicht. Meta reißt sich plötzlich jäh auf, rutscht auf den Knieen von ihm weg, mit ganz verstörtem Gesicht. Stoßweise, in höchster Lebensnot … Nein, ich auch nicht! Geh weg! Warum quälst du mich? Geh weg! Ich bin entehrt. Dort ist mein Gepäck. – Dann wollt ich mit ihm reisen. – Weil alles zerschlagen war – alles – hier – überall – ja – und da wollt ich zu ihm gehn – und da hat er mich – – da hat er mich!! – an dieses Mensch verraten – mich? an dieses Tier! – die Anna!! – Mit weit geöffneten, stierenden Augen, mit steifen Armen auf die Erde gestützt starrt sie stumm auf Konegen, der auf einen Stuhl niedergesunken ist. Pause. Konegen, in tonloser Dumpfheit … so ist also alles zerschlagen … Es entsteht eine lange Pause. Meta haucht in bittender Demut. Konegen – Konegen – Konegen hebt schwer den Kopf, schiebt die Brauen in die Stirn hinauf, starrt sie an, als kenne er sie nicht. Plötzlich erhebt er sich, mit hähernder Stimme sprechend, unter wirren Bewegungen seines rechten Armes, immer gebeugt von einer überschweren Last, Meta näherkommend, die zusammengesunken dakniet, die Hände gefaltet, das Haupt gesenkt. Du … he – weißt du's denn? … Das Haus hat keine Wände mehr … was? … wir liegen draußen auf der Straße … wie? – Nun steht er vor ihr, niedergebeugt aus eingepreßter Brust mühsam stoßend. Schüttelt sie an der Achsel. Du … es ist alle … du … ganz … der Faden ist abgeschnitten. – Kehrt auf den Stuhl zurück. Meta, mit demütiger, stiller Stimme, aus der aller Kampf verschwunden ist. Ich weiß, ich weiß … wenn du nicht kamst, wär ich hier schon fortgegangen – da drin. – Aber dieses … es ist besser so. Ihr hättet in der Nacht nicht mehr schlafen können. – – Und dann, ich bin froh, daß es so gekommen ist. Jetzt darf ich nicht so verzerrt sterben. Konegen. Du darfst nicht sterben – – – Meta erhebt sich. Ich muß. Es ist alles aus mir herausgeflossen, alles Elend dieser Erde und das bißchen Glück. – Nur ein ganz kleines Licht leuchtet mir auf dem letzten Wege, daß du noch einmal gut zu mir gewesen bis. Konegen wird herumgerissen. Aber wenn du fortgingst von uns und wartetest und büßtest?! Vielleicht wär's doch noch möglich. Meta, zur Erde sinnend … warten … und büßen, daß man gewartet hat. Vom Sturz durch neue Wirbel sich zu größerer Qual durchschlagen. Das käme. – Ja, wär noch ein einzig Tröpfchen heil an mir. So aber liegt und gärt der Fluch vielleicht in meines Lebens Allerheiligstem. – Vielleicht. – Jaja, warten und büßen und wieder warten – – – die letzte Scham langsam abfaulen lassen, den letzten Stolz, bis ich dann in einer grauenvollen Nacht doch erwache und Kind erwürgen muß. – – In Schauern. Nein, nein! Richtet sich auf. Ringend. Nein! – Nein!! Ekstatisch, zur alten Schönheit erblühend. Hörst du den Wind im Walde rieseln? So fern und schemenhaft fließt mir jetzt alles hin. Laß alles Kluge, alle Angst – ich muß – ich will! Eine Uhr schlägt dreimal. Es ruft! Verklärt. Ja ja, ich komm! Geht schwebend an die Schlafzimmertür, küßt und kost das Holz mit Händen. Kinderchen! – Kinderchen! – Tritt zu Konegen, der die Ellbogen auf den Tisch gestützt, die Hände krampfartig heraufgefaltet und das Gesicht zwischen die Arme gedrückt hat. Sie küßt seine Hände. Ich danke dir für deine letzte Liebe. Sei stark und erhalte dich den Kindern. Schreitet nach der Tür und ergreift Hut und Schirm. Konegen fährt aus seiner Betäubung auf. Mit einem unförmlichen Schrei. Meta!! Meta, mit ganz junger, süßer Stimme. Mir ist ganz leicht. Breitet die Arme. In unsäglicher Inbrunst. Lebt wohl, ihr alle! Konegen will sich erheben, fällt aber immer wieder schwer zurück. Vorhang   Buchdruckerei Roitzsch vorm. Otto Noack \& Co.