Carl Sternheim 1913   Schauspiel in drei Aufzügen   Aus dem bürgerlichen Heldenleben   Personen Freiherr Christian Maske von Buchow, Exzellenz Philipp Ernst Ottilie seine Kinder Gräfin Sofie von Beeskow Graf Otto von Beeskow, sein Schwiegersohn Hartwig Prinz Oels Wilhelm Krey, Sekretär Friedrich Stadler Easton, Schneider Der Pfarrer Ein Diener Die Szene ist dauernd die Bibliothek auf Schloß Buchow Der erste Aufzug Erster Auftritt Wilhelm ( hinter dem Schreibtisch ): Doch! In den Sätzen dieses Briefes ist das Problem auf die Spitze gebracht ( liest ): »Ich wies Euch unsere durch Geschichte bestätigten Tugenden, und welche neuen Tüchtigkeiten der Zeitdeutsche durch Assimilierung annektierter Stämme hinzugewonnen hat. Entgegengestellt wurden die Fähigkeiten, mit welchen in heutiger Epoche alle Erfolge errungen werden, und es erhellt: die eigenen Eigenschaften und Ziele eines großen Volkes, nicht genannt, schlafen noch. Wie überall ist auch bei uns fiebernden Gehirnen einzig die internationale Sucht nach dem Gold affichiert.« Nun im Programm Schlagworte für die Propaganda ( liest ): »Uns Schwindlige stellt ein Ruf auf den Boden dieser Einsicht: von menschlichen Problemen, von jeder Verbrüderung über Grenzpfähle sehen wir ab. Wir wollen zwar menschliche Menschen, aber Deutsche wollen wir vor allem sein. Mit Bewußtsein forschen wir nach unserem Wesentlichen, heben die neue deutsche Idee, die jede Seele im Vaterland mit gleicher Sorge umfaßt, hoch, über den verwaschenen Zeitgeist und, uns selbst mit Begeisterung ehrend, empfinden wir Achtung vor dem Fremden, Bedeutenden.« ( Steht auf ): Wie schön das ist: eine heilige, allgemeine, vaterländische Verbrüderung und allgemeine deutsche Ideen. Ich danke sie diesem Hause, in das mich ein Zufall warf. Sein krasser kapitalistischer Geist brachte die innersten Organe zur Empörung, und nun trägt mich jede Stunde einem ungeheuren Ziel, der befreienden Tat näher. Kuvert!   Zweiter Auftritt Ottilie ( tritt auf ): Guten Morgen. Wilhelm ( verbeugt sich ). Ottilie ( nach Stillschweigen ): Kommt Baron Philipp Ernst mit dem Elfuhrzug? Wilhelm : Die Zimmer Ihres Bruders sind für die Stunde in Bereitschaft. Ottilie : Unseres Vaters Zustand ängstigt ihn. Wilhelm : Exzellenz sind kränker als es scheint. Ottilie ( pfeift einen Gassenhauer; dann Schweigen ): Meine Schwester und Schwager Freitag, bringen die Prinzessin und den Prinzen Oels mit. Wilhelm : Alles ist zum Empfang der Herrschaften bereit. Ottilie : Ist ein Buch »Geschlecht und Charakter« angekommen? Wilhelm : Es kam und wurde eingeordnet. Ottilie : Wollen Sie's mir geben? Wilhelm : Ich bin ohne Exzellenz' Erlaubnis nicht befugt. Ottilie : Das Buch ist, von mir bestellt, mein Eigentum. Wilhelm : Wollen Sie es selbst nehmen. Ottilie : Es wird Ihnen befohlen. Wilhelm : Ich erhalte Aufträge nur von Seiner Exzellenz. Ottilie : Wo steht es? Wilhelm : Im zweiten Schrank, erstes Fach von oben unter W. Ottilie ( tritt zum Schrank und sieht, das Buch steht sehr hoch ): Darf ich Sie bitten, mir behilflich zu sein. Wilhelm : Ich ersuche, es mir erlassen zu wollen. Ottilie : Warum? Wilhelm : Ich möchte die Frage unbeantwortet lassen. Ottilie : Das Buch gehört doch nach Ihrer Auffassung in die Hand eines jungen Mädchens, oder nicht? Wilhelm : Über meine Gründe wage ich nicht, mich zu verbreiten. Ottilie ( läuft zum Schrank, stellt die Leiter an, steigt hinauf und nimmt das Buch ): Auch mit Ihrem Stillschweigen überschreiten Sie die Distanz, die ein Angestellter zu Handlungen der Herrschaft einzuhalten hat. Wilhelm ( erhebt sich und geht zur Tür ). Ottilie : Helfen Sie mir herunter! Ich bin schwindlig. Wilhelm ( exit ). Ottilie ( gleitet, halb fällt sie die Leiter herunter und bleibt unten liegen ).   Dritter Auftritt Christian ( tritt auf ): Ottilie! ( Hebt sie auf, setzt sie in einen Stuhl .) Ich hatte einen üblen Traum: da ist er erfüllt. Ottilie : Das Buch nehmend, verlor ich das Gleichgewicht. Christian : Schmerzen? Ottilie : Nirgends. Christian : Ein zerbrochenes Bein wird durch die beste Buchweisheit nicht aufgewogen. Was wolltest du erfahren? Ottilie : Der junge Verfasser des Buches erschoß sich, weil er seelisches Neuland von solchem Umfang entdeckte ... Christian ( lacht ): Er tat recht! Seelisches Neuland! Seit sechzig Jahren stehe ich Menschenbataillonen als Kommandeur gegenüber und habe mir nicht mehr als ein paar Kommandos, die auf uralte primitive Empfindungen zielen, zurechtlegen können. Und mit dem wenigen stehe ich über den Zeitgenossen, die überhaupt nicht mehr wissen, mit welchem Anruf die wie Unkraut wuchernden Massen packen. Dein Autor ist auf widerliche Art verrückt. Fünfundsechzig Millionen Fresser in Deutschland auf fünfhundertvierzigtausend Quadratkilometer. Da wird ein Trieb im Wettkampf hypertroph: satt werden. Die Geschlechtsliebe sogar verkümmert. Und seelisches Neuland! Du vertrödelst wichtige Stunden. Ottilie : Ich habe Zeit genug. Christian : Vom fünfzehnten bis zwanzigsten fünf Jahre des Reifens. Achtzehnhundert Tage. Dieser Schmöker ist umfangreich. Fünf Tage wirfst du an das Panacée. Hast du die drei Minuten vor der Seele, die Barras Napoleon gab, mit der Übernahme des Armeekommandos sein Leben zu entscheiden? Sie standen sich gegenüber Auge in Auge stumm: dann rief Bonaparte: Ja! Ist dir die Geste des 18. Brumaire gewärtig? Ottilie : Ich bin kein Politiker. Christian : Mit seinem Leben sei's jeder Mensch! Du aber sollst später für fünfzehntausend Arbeiter unserer Betriebe entscheiden. Da braucht's Vorbilder. Ottilie : Wir sind zu dritt. Christian : Für solchen Plunder hast du keine Minute. Ottilie : Statt Polo zu spielen. Christian : Polo ist unschätzbar: Gibt Blick für Distanzen. Für die Nähe des Gegners, und welches! Mit den Alteingesessenen des Landes spielst du nicht nur Polo, sondern um Geltung. Tausend Jahre, die deine Voreltern ein namenloses Dasein führten, sind deine repräsentativen Organe hinter ihnen zurück. Da heißt's mit der letzten Übersetzung fahren, um beizukommen. Hast du an meinem Leben kein Beispiel? Ottilie : Ein abschreckendes, Väterchen. Wie eine Granate saust du durchs Haus. Bist du im Zimmer, ist's, als steht die Tür auf. Christian : Dasein mit Ziel! Hab's doch für meinen Liebling zu etwas gebracht. Genug ist nicht genug! Weil, wird's nicht mehr, es weniger wird. Endlich mußt du die Griffe fürs Leben lernen. Ottilie : Jedem gehorcht die Welt nicht. Christian : Dem, der den Mut zu sich selbst hat. Auch zu seinen Schwächen. Wiederhole vor aller Welt ein dutzendmal, kannst du's nicht leugnen: ich bin habgierig – so wird man's dir endlich als eine Qualität anrechnen. Doch erst mußt du mit dem nötigen Nachdruck dir die Eigenschaft gestanden haben. Ottilie : Soll ein junges Mädchen von sich sagen ... Christian : Als künftiger Chef von Christian Maske A.-G. kannst du von dir behaupten, was du magst. Nachgesagte gute Eigenschaften braucht ein Stellungssuchender. Was hast du? Ottilie : Ich denke über dein Wort nach. Christian : Was gibt's da weiter? Ottilie : Es macht schwindlig. Nicht unterdrücken, was man heimlich wünscht; nichts unterlassen? Christian : Mädel, im Dunkeln, was denkst du? Ottilie : Hier ist's zu hell dazu. Christian : Sag mir's ins Ohr. Ich halte dir die Augen zu. Ottilie ( flüstert ans Ohr des Vaters gelehnt ). Christian : Machttaumel! Menschen bewältigen – fressen. Recht so! Das ist Rasse! Ottilie ( läuft in einen Vorhang und versteckt sich darin ). Christian ( zieht sie hervor ): Heraus! Ins Licht die Meinung. Nachdruck in dein Bekenntnis, und erhobenen Hauptes gehst du über Sterblichen. Nichts weiter brachte ich in das Zeitalter mit als Selbstmut. Ottilie : Manchmal habe ich ihn. Sofie hat ihn stets, wie du. Sie müßte dein Liebling sein. Christian : Wann kommt Philipp Ernst? Ottilie : Um elf. Christian : Euch beide wird sie an die Wand schmettern. Wie oft habe ich's dir und dem Jungen gesagt: Ihr laßt euch das Heft aus der Hand winden. Warum kümmert ihr euch nicht. Eine Obligation kannst du von einer Aktie nicht unterscheiden. Trotz aller Verträge wird sie euch erdrosseln. An der Peripherie des Lebens lauft ihr herum; sie sitzt im Kern und spinnt Fäden. Mit gezücktem Messer nach meinem Tod holt sie dir die Börse aus der Tasche. Ottilie : Nichts ohne meinen Willen. Christian : Mit allen Hunden ist sie gehetzt. Was hat sie in den kurzen Wochen meiner Krankheit, in meiner Stellvertretung für sich ausgerichtet! Von der Morgenröte an läßt sie die Telegraphendrähte nicht kalt werden. Dieses Weib denkt in Entladungen, jeder Federstrich ist ein Plus in ihr Konto. Ein Tag Abwesenheit kostet mich Prestige, Macht, Vermögen. ( Setzt sich .) So sitzt sie am Schreibtisch. Jede Hauptbuchseite jedes Werkes hat sie im Kopf, sie kalkuliert auf den Pfennig genau. Dem Kunden sieht sie in die Tasche, kennt die ausgeleierten Wege seiner Instinkte und jagt ihm Befehle zu, die er für seinen eigenen Willen hält In diesem Augenblick – ach solche Kreatur – wie sie gegen mich wühlt! Ottilie : Vater! Christian : Bin ich von Gott verlassen, hier zu sitzen und ihr das Feld und Abschlüsse von größter Wichtigkeit zu überlassen? Ottilie : Du darfst dich durchaus nicht erregen. Das Telephon auf dem Schreibtisch klingelt . Christian : Ruhe! ( Am Apparat ): Wer? Witman? Die Sitzung gewesen? Bedingungen der holländischen Regierung – wie? Wegen der Gewehrlieferung, ja – vom Aufsichtsrat akzeptiert? Waas?! Laut, Witman! Geschäft, Zustimmung der holländischen Kammern vorausgesetzt, perfekt. ( Er läßt den Hörer fallen .) Herrgott im Himmel, dieses Aas! Wider meinen ausdrücklichen Befehl! ( Wieder am Telephon ): Sind Sie noch da? Durchschlagender Erfolg der Rede meines Schwiegersohns? ( Er wirft den Hörer hin .) Ich habe genug. Ich närrischer Mann. Pflege hier den alten Leichnam; dort schlägt mir meine Tochter das Lebenswerk in Stücke. Ottilie : Was ist mit den holländischen Gewehren? Christian : Und der wollt ihr zwei Puppen widerstehen? Drei Tage nach meinem Tod seid ihr hingesäbelt. Dieser Junge! Habe ich seine Jugend nicht mit meinen Ideen geführt, und er wird ein Nichtstuer. Und du hast doch Rasse, eben habe ich dein Herz behorcht. Komm her! ( Nimmt ihren Kopf und spricht ihr ins Ohr ): Wirf Kindheit hin – Scham, Weltmacht – kein Traum – baumstarke Wirklichkeit. ( Er schlägt auf dem Schreibtisch ein Buch, das er aus einer Schublade genommen, auf .) Was ist das für eine Zahl? Ottilie ( steht geschlossenen Auges ). Christian : Lies – die Zahl! Ottilie : Hundertundzwanzig. Christian : Millionen! Liebling, kleine Königin. Laß dir Krallen wachsen, nimm den Kommandostab, greif, was du willst. Für dich, nicht für die andere ist alles bestimmt. Ottilie : Ich werde – ich verspreche dir – mit aller Kraft versuchen. Christian : Sieh den heimlichsten, erschütterndsten Gedanken ins Gesicht. Was war das im Auge für ein Blitz? Du weißt einen, der dich packt. Mach ihn zur Tat! Gleich! Zeig dein Probestück! Blut von meinem Blut. Jung sollst du die Macht in Händen haben, die ich entbehren mußte. Granate sagst du? Jetzt wollen wir sie an der richtigen Stelle krachend krepieren lassen. ( Er klingelt .) Wie heißt die Parole? La sensation! Lebendiges, ungezügeltes Lebensbewußtsein. Hinaus! Ottilie ( exit .)   Vierter Auftritt Wilhelm : ( tritt auf ): Exzellenz? Christian : Sekretär, Zeitkind, wo stecken Sie? Während dringendster Vorgänge? Das Direktorium der Waffenfabriken hat nach zündender Rede des Grafen Beeskow die Bedingungen der holländischen Regierung für die Gewehrlieferung angenommen. Wilhelm : Gegen Exzellenz' Absichten? Christian : Gegen mein Verbot. Warum verbot ich's? Wilhelm : Exzellenz befürchten einen für uns selbst in Kürze bevorstehenden Krieg, wollen unsere Werke für diesen freihalten. Christian : Und die Konkurrenz mit der holländischen Lieferung festlegen. Dazu sind die schließlich bewilligten Preise verlustbringend. Als was stellt sich das Vorgehen des von meiner Tochter am Seil geführten Schwiegersohns dar? Als Palastrevolution. Warum ließen Sie mich nicht nach Berlin? Rekonvaleszent bin ich? Was soll der gepflegte Kadaver, bläst man dort meinem Geist das Licht aus. Wilhelm : Wer hätte der Gräfin diese Tatkraft zugetraut? Christian : Ich. Seit zwei Jahren suche ich Ihnen den Charakter meiner Tochter klarzumachen. Wilhelm : Exzellenz belieben die Gräfin als Beispiel eines modernen, einseitig auf Machthunger gestellten Wesens hinzustellen, während mein Empfinden nicht zuläßt ... Christian : Was läßt Ihr Empfinden nicht zu? Wilhelm : Ich schweige, mißfalle ich Exzellenz. Christian : Reden Sie! Wilhelm : Man kann die in einem Menschen wirbelnden tausendfältigen Empfindungen ... Christian : Narr! Fünfundsechzig Millionen auf fünfhundertvierzigtausend Quadratkilometer. Magenhunger der Armen. Machthunger der Reichen. Fertig. Wilhelm : Nein, Exzellenz! Christian ( schreit ): Doch! Wilhelm ( schweigt ). Christian ( brüllt ): Doch, doch! Sehen Sie sich gefälligst um in der Welt. Schweben Sie auf, nehmen Sie Vogelperspektive, sehen Sie den Erdball oder Deutschland getrennt an. Sind's vielleicht immer noch nur die Juden? Gewissen, Bengel, Wahrheit! Ringt euch endlich zu dieser klotzigen Erkenntnis durch, stellt sie monumental vor euch hin: Magenhunger des Pöbels, Machthunger der Reichen. Sonst nichts. Kurszettel her. Waffenfabriken? Wilhelm ( liest ): 264. Sechs Prozent höher. Christian : Kaffern! Sechs niedriger müßten sie stehen, hätte die Bande Verstand. Dringend Berlin! Wilhelm ( meldet am Telephon die Verbindung ). Christian : Für nach Tisch den Arzt. Abends fahre ich – muß wissen, wie sie's angestellt hat, der Konkurrenz den Auftrag abzujagen. Wilhelm : Der Exzellenz mißfällt. Christian : Für die Welt bleibt's ein Erfolg, der ihre. Ich brenne, ihr Dessin zu kennen, versichere Sie, sie hat einen Saltomortale gesprungen, mich in den Schatten zu drängen. Wilhelm : Die Gräfin ist bestimmt öffentlich gar nicht genannt. Christian : Nein. Ihr genügt das Bewußtsein der Urheberschaft, die Ehre für den Hanswurst von Gatten, ( laut ) Hanswurst, der ihr nicht einmal ein Kind machen, die Dynastie nicht fortpflanzen konnte. Wilhelm : Je unbedeutender Graf Beeskow in Wirklichkeit wäre, um so menschlich rührender der Gräfin Bestreben, ihn herauszustellen. Christian : Zu schlicht gedacht. Die Frau hat doppelten Boden. ( Das Telephon schellt .) Wilhelm ( am Apparat ): Herr Witman? Exzellenz will Sie sprechen. Christian : Ein schlechter Spion, dieser Witman. Weiß er jetzt nicht das Genaueste, jage ich ihn fort. ( Am Apparat .) Wohin waren Sie zum Teufel verschwunden? Gründe, durch die die Holländer bewogen wurden? So – so – so ah! ( Er läßt den Hörer sinken .) Gott steh mir bei! ( Er nimmt den Hörer auf .) So – so – gut! ( Er hängt langsam, fast feierlich ab, geht dann zu einem Lehnstuhl, in dem er schweigend sitzt: schließlich stößt er ein Ächzen aus .) Wilhelm ( steht lautlos ). Christian ( erhebt sich, ohne Wilhelm zu bemerken, sagt er sehr ruhig ): Gott steh mir bei. Ich will nicht zum alten Eisen geworfen werden, habe noch dreißig Jahre zu leben. Mein Werk ist alles, ich bin der Schöpfer, der den Abgang nach eigenem Willen hat. Dies kleine mickrige Weib und solch inneres Ausmaß! Denn ihre Pläne sind umfassender, als ich's vorausgesetzt. Hier ist Kampf aufs Messer. Gut ( Zu Wilhelm .) Wie es gemacht wurde? Um das Auftauchen der Nachricht der holländischen Bestellungen etwa hat sie laut Witman im Privatleben Nachdruck auf ihr protestantisches Bekenntnis gelegt. Besuchte werktätige Versammlungen, stiftete Krippen. Als nun vor Tagen die Entscheidung an einem Haar hing, machte sie eine bedeutende kirchliche Zuwendung, deren pomphafte Bekanntmachung sich alle Zeitungen angelegen sein ließen. Wir konnten uns hier den Sinn des Handelns nicht erklären. Dann ließ sie durch einen Mittelsmann im Haag den Gedanken auffliegen, es müsse seltsam berühren, gäbe das stockprotestantische Holland katholischen Firmen, eben unserer Konkurrenz, Millionen zu verdienen. Sie, die bisher von ihrem Glauben nicht das geringste gewußt hat. Wilhelm : Das ist über alles Begreifen schimpflich. Christian : Das ist einfach genial, Freundchen. Wilhelm : Beweist die Richtigkeit Ihres Urteils über die Gräfin. Christian : Genial. Das ist jetzt mein Urteil ohne Nebensinn. Wilhelm : Exzellenz erlauben mir zu erwidern? Christian : Nein. Wilhelm : Ich muß antworten. Christian : Ruhe! Ist die Handlung folgerichtig? Wilhelm : Mit der Voraussetzung, es gibt auf Erden nur materielles Gut zu erwerben ... Christian : Mit der Voraussetzung. Wilhelm : Ist sie genial. Christian : Den Rest, olle Kamellen, behalten Sie für sich. Oder wollen Sie sich moralisch entrüsten, Erziehungsrudimente speien, he? Wilhelm : Ich möchte mich nicht lächerlich machen. Christian : Zurück zum Thema. Diese genialen Instinkte sind gegen mich, mein persönliches Ansehen gerichtet. Vom Direktor bis zum Aktionär soll man wissen, ich bin schon jetzt entbehrlich. Sehen Sie den Fall deutlich? Wilhelm : Gewiß. Christian : Was hieß übrigens, Sie wollen sich nicht lächerlich machen? Vor wem? Wilhelm : Vor Exzellenz natürlich. Christian : Sie sind nicht offen; Ihre Sache. Kurz: Was in Berlin vor sich ging, bedeutet die auf den Tisch gehauene Faust. Wilhelm : Exzellenz werden auftrumpfen. Christian : Ich werde, mein Lieber, nur ein wenig die Schleuse der Ideen öffnen, und diese Miniatursemiramis wird weggeschwemmt sein. Ich fahre nicht hinüber, sondern warte hier ihre Ankunft ab, ihr das Fell so gründlich abzuziehen ... Wilhelm : Die Gräfin wird gewappnet kommen. Christian : Ihr fehlt Experience. Vierzig Jahre sitze ich am Webstuhl der Zeit. Jede Kombination war schon einmal da. Mit Bismarck habe ich um Fetzen gerauft, daß Funken stoben. Der holländische Auftrag geht durch die Kammer in letzter Minute zurück. Schwöre ich! Ein Gang unter Bäumen, und ich habe dafür den Einfall, der das armselige Kerzenlicht ihres Religionswitzes ausbläst; die Anteilnahme der Beteiligten nicht nur, der politischen Welt wieder in meine Flamme reißt. Siebenzig Jahre, Freundchen; aber Flamme immer noch. Wilhelm : Exzellenz freut schon der Kampf. Christian : Die Räder laufen an. Wilhelm : Und haben, reißen alle Stricke, noch das Fest des siebenzigsten Geburtstags am ersten Juli. Christian : Umgekehrt; vielleicht genügen die bengalischen Streichhölzer des Jubiläums, die Welt neu mit mir zu blenden. Sonst erst lasse ich die Sonne scheinen. In jedem Fall: Leben vor uns die nächste Zeit und ( kneift ihn ins Ohr ) Zeitungsausschnitte die Menge. Ihre Aufgabe ist, die beiden Kinder uns fester zu verbinden. Lassen Sie Ihre Zurückhaltung. Stecken Sie dem Jungen, dem Mädchen einmal ein dickes Stück Wirklichkeit in die Zähne. Alle fossilen Spielereien und Gedankentechtelmechtel endgültig zum Kehricht. Ein Gang unter Bäumen und ... ( lachend exit .) Wilhelm ( geht zum Schreibtisch, schreibt ): Kuvert! Schnell! An die Geschäftsleitung des Jungnationalen Verbandes, Berlin. Fort damit! ( Steht auf .)   Fünfter Auftritt Philipp Ernst ( tritt auf ): Guten Tag, Doktor, mein Vater soll hier sein? Wilhelm : Exzellenz gingen hinaus, einen Zwischenfall zu überlegen. Philipp Ernst : Überlassen wir ihn diesem. Wissen Sie, daß mir ein Zwischenfall das Entsetzlichste von der Welt ist, weil er zwischen zwei angenehme Chosen immer als etwas Peinliches hineinfällt? Wilhelm : Es kann auch umgekehrt sein. Philipp Ernst : Wie das? Wilhelm : Kann er nicht angenehm eine peinliche Situation unterbrechen? Philipp Ernst : In einem temperierten Dasein ist der Zwischenfall die einzig denkbare peinliche Situation. Ach, lieber Doktor, gibt es Nachrichten über die Ankunft meiner Schwester? Wilhelm : Freitag abend. Durchlaucht Prinz und Prinzessin Oels werden in Begleitung der Herrschaften sein. Philipp Ernst : Aber sagen Sie nicht: Prinz und Prinzessin. Sie sind nicht verheiratet. Geschwister. Die Prinzessin eine charmante Witwe. Der Bruder zwanzig Jahre, ein Bürschchen. Wilhelm : Ich wußte nicht. Philipp Ernst : Rotblond mit Sommersprossen und einem Duvet. Die Witwe Doktor. Es ist die, die den Akzident mit dem Grafen Chamel hatte. Dem Sportchamel. Deauville. Sie wissen. Feuerwerk, nachts à la digue. Kasino und so weiter. Wie ist die Zimmerordnung? Wilhelm : Für Herrn Baron das gewohnte Appartement. Philipp Ernst : Sind die Badehähne nachgesehen? Es klapperte immer eine Angelegenheit. Die Witwe soll sich jetzt besser anziehen. Bisher immer ein bißchen kariertes Malweib. Distinguiertes Malweib immerhin – immerhin schauerlich. Wilhelm : Wollten Herr Baron mir bei Gelegenheit eine Stunde für geschäftliche Mitteilungen – Philipp Ernst : Das paßt. Meinerseits wollte ich Sie bitten; trage seit drei Monaten ein Bündel Papiere herum, Abrechnungen. Saldo zu Ihren Gunsten usw., Sie wissen Bescheid; das heißt, man weiß nie, zu wessen Gunsten; netto, brutto – italienisches Kauderwelsch. Wilhelm : Wir haben hier eine Kontoseite. Wollen Sie einen Blick herwerfen? Philipp Ernst : Ich schwöre Ihnen, Doktor – Sie mögen mich für bebête halten – ich kann nicht, mich würgt's im Hals. Idiosynkrasie. Wie ich keine Hühner in meiner Nähe ertrage, das Geflatter, es ist dieselbe Chose. Wilhelm : Eine so einfache Sache. Drei, vier Begriffe nur. Philipp Ernst ( außer sich ): Ich beschwöre Sie, c'est plus fort que moi. Netto, saldo, brutto. ( Er schüttelt sich .) Voyons. Wilhelm ( lacht ): Man wird Sie im Leben übervorteilen. Philipp Ernst : Ich lebe von anderen Tricks. Wilhelm : Darf ich mich beurlauben? Philipp Ernst : Sehen Sie einmal in die Papiere, die ich Ihnen schicken werde? Wilhelm : Gern. ( Verbeugt sich, exit .)   Sechster Auftritt Philipp Ernst ( schüttelt sich ). Ottilie ( tritt auf, oben auf der Galerie und stürzt, da sie den Bruder sieht, herunter ): Philippchen! Philipp Ernst : Didelchen! ( Umarmung .) Bist du groß geworden! Ottilie : Bist du schön geworden! Philipp Ernst : Aber nicht doch! Ottilie : Clean shaved steht dir himmlisch. Und schlanker. Philipp Ernst : Fünfundsechzig Zentimeter Taille. Easton wird bei der Anprobe außer sich sein. Ottilie : Und das Haar tête carrée. Zeig die Zähne. Philipp Ernst ( tut's ). Ottilie : Wundervoll! Philipp Ernst : Deine? Ottilie ( zeigt sie ). Philipp Ernst : Splendid. Cherry tooth? Ottilie : Pàte dentifrice. Was hast du mir mitgebracht? Philipp Ernst : Sel Morny fürs Bad. Frühling im Badewasser. Maiandacht. Man plätschert au dessus de tout. Dann Houbigant mon délice und die Gazette du bon ton. Ottilie ( dreht sich vor ihm ): Wie siehst du mich im ganzen? Philipp Ernst : Behaglich. Fünfundsechzig Kilo. Ottilie : Pfui! Achtundfünfzig netto. Philipp Ernst : Du meinst ohne – also brutto. Ach, Didelchen, es ist gemütlich zu leben. ( Er legt den Arm um sie .) Ottilie : Auf deine Art lebt man aber mit Vater. Ich fürchte, Philipp Ernst, es gibt ernste Dinge im Leben. Die Fabriken. Philipp Ernst : Für die ist Sofie ausgemacht. Ottilie : Sie sind eine Macht, die uns gehört. Philipp Ernst : So lala. Ich habe eine andere. Ottilie : Auf Frauen? Philipp Ernst : Sie genügt mir. Ich bedaure dich, weil du's in seiner charmanten Gesamtheit nicht empfinden kannst: das Weib. Ottilie : Lili Oels kommt. Hast du's auf sie abgesehen? Philipp Ernst : Ich sehe es nie geradezu ab. Ich bin einfach da, voyons. Ottilie : Du hast den Willen, den Griff. Philipp Ernst : Meine kleinen Tricks. Ottilie : Wüßte ich sie auch! Armer Kerl, ich glaube, dein Aufenthalt wird weniger behaglich sein, als du hoffst. Philipp Ernst : Wie das? Ottilie : Durch die gezwungene Muße ist Vater in unbeschreiblicher Erregung. Philipp Ernst : Attacken auf meine Gemütsruhe setze ich mich unter keinen Umständen aus. Ottilie : Es scheinen ernste Zeiten bevorzustehen. Man spricht vom Krieg. Philipp Ernst : Ich bin militärfrei, gehe in einen Badeort, mache eine Weltreise. ( Erregt .) Unannehmlichkeiten irgendwelcher Art, woher sie auch kommen, lehne ich aus Prinzip ab.   Siebenter Auftritt Christian ( tritt auf ): Sieben Koffer – daran erkenn ich meinen Erstgeborenen. ( Umarmung .) Du kommst aus London? Was sagen Hadfield und Kompagnie? Hast du das elektrische Hebewerk bei Fowler gesehen? Die Kerls bauen bis zu 50 000 PS. Philipp Ernst : Fabelhaft! Christian : Wo ist dein Bart? Philipp Ernst : Shaved. Christian : Was sagt man von uns? Munkelt man von unserem Ballongeschütz? Nicht zu schlagen. Englische Rente? Philipp Ernst : Grüße bringe ich von Aishot, Taxis und so weiter. Christian ( ihn ansehend ): Ist das der letzte Schrei? Aufgepaßt jetzt! Mit deiner Schwester sprach ich, um meine Gesundheit steht's jämmerlich. Philipp Ernst : Du siehst solide aus. Ottilie : Der Geheimrat war heute zufrieden. Christian : Auf den Hund. Morgen könnt ihr vor dem Faktum stehen: Erbteilung. Ihr seid nicht Nachkommen von Hinz und Kunz. Eure Erbmasse besteht aus vierzehn Werken, die einen Hauptteil unserer Industrie ausmachen. Platz für alle drei und Kind und Kegel. Gesät habe ich. Die himmlischsten Ernten könnt ihr sammeln. Aber ihr habt, du, Philipp Ernst, besonders, bis heute geschlampt, überzeugt, ich sorge bestens für euch. Das ist geschehen. Durch Verträge nach Möglichkeiten über meinen Tod hinaus. Philipp Ernst : Gottlob! Christian : Vor dem Willen einer zielbewußten Kreatur aber sind die ausgeklügelten Verträge null. Philipp Ernst : Das Gesetz, cher père. Wilhelm ( tritt auf ). Christian : Der Betrug geht auf legale Weise vor sich, kein Gesetz tritt in Kraft. Ohne Voraussetzung in euch ist das nicht klarzumachen. Kurz, nach einiger Zeit hat sich die Ziffer nicht, aber der Wert eures Vermögens geändert, da ihr nicht imstande seid, das euch Zugeschobene auf seine reelle Substanz hin zu prüfen. Philipp Ernst : Welcher durchschnittliche Erbe wäre das aber? Christian : Darum ist es für andere so leicht von seinem Gelde zu leben. Nicht die paar Millionen, die man selbst hat, die ungeheuren Summen, die vom Publikum wenigen Männern anvertraut werden, und über die diese nach Gutdünken verfügen, geben ihnen die unvergleichliche Macht. Wilhelm : Ich mache mich bemerklich, Exzellenz! Christian : Eure Schwester, ohne jedes Sentiment, hat euch in kürzester Zeit bis aufs Hemd ausgeplündert. Philipp Ernst : Doktor Krey, cher père! Christian ( außer sich ): Weil ihr sündhaft nachlässig mit eurem Besitz seid, um eure Fußnägel euch mehr kümmert, als um euer Vermögen. Es ist kein Einwurf, neun Zehntel der Besitzenden tut ebenso wie ihr. Sie kommen mit der Zeit alle an den Bettelstab, zu Fug und Recht. Und von der anderen Seite ist's keine Sünde; aus ihrer Überlegenheit folgerichtig, macht sie mit Imbéciles kurzen Prozeß. Philipp Ernst : Herr Doktor Krey, Papa! Christian ( zu Wilhelm ): Kommen Sie her! Stecken Sie diesen Narren endlich ein Licht auf. Das Mädchen ist willig. An einer Lebenswende ist sie mit einem Ruck zum Entschluß zu bringen. ( Zu Philipp ): Bei dir ließ ich's lange gehen. Jetzt aber will ich Vernunft! Ich will! Ruhe! Jubiliert, daß in einem Anfall von Größenwahn das Hühnchen sich einfallen läßt, mit mir ein Tänzchen zu wagen. Dazu trete ich an, und werde ihr zeigen, man kann mit Unmündigen wohl, muß es sein mit Ebenbürtigen, aber nicht aus Übermut mit dem Überlegenen sich einlassen. Breche ich ihr aber auch noch vor meinem Abmarsch den Hals, ist es nur dann Gewinn für euch, seht ihr bis dahin klar. Also voran! ( Zu Wilhelm ): Ich bin auf dem Weg. Noch ist des Planes Umriß dunkel; doch schwant mir etwas von schauerlicher Großartigkeit. ( Exit .)   Achter Auftritt Schweigen . Wilhelm : Herr Baron? Philipp Ernst : Liebster Doktor, Sie sehen mich vollständig zersplittert. Ottilie : Was zu wissen notwendig, werden wir aus uns selbst uns aneignen. Und was zu wollen und zu tun ist! Philipp Ernst : Später würde ich Ihnen dankbar sein. Ottilie : Wir haben den Entschluß. Komm. Sie verschwinden die Treppe hinauf .   Neunter Auftritt Wilhelm : Solcher Zynismus ist der Gipfel. Auf legalem Wege geht der Betrug vor sich. Die Nation gesetzmäßig geplündert von den wenigen Verwaltern ihres Vermögens? So war mein praktischer Anfang richtig: die Armen durch die Schrift aufzuklären, welche Gefahr sie im Geldbeutel laufen, und ist das Volk in der Angst um seinen Besitz aufgeschreckt, kann ich's tiefer anrufen: es stehen im Lande alle Güter des Gewissens und der Liebe in Gefahr! Nie noch war ich so unbedingt frei vom Einfluß eurer bezaubernden verabscheuungswürdigen Eigenschaften. Ottilie ( die schließlich, vornübergebeugt, von der Galerie seinen Worten gefolgt ist, ersteigt das Geländer ). Wilhelm : Was wollen Sie? Ottilie : Ich springe hinunter! Wilhelm : Um Gottes willen! Ottilie : Ich springe! Wilhelm : Halten Sie ein! ( Er stürzt die Stufen hinan und umfaßt sie .) Ottilie ( sieghaften Blickes ): Fassen Sie mich nicht so fest! Vorhang Der zweite Aufzug Erster Auftritt Wilhelm und Friedrich Stadler treten auf . Friedrich : Die Hand zuerst Wilhelm! Ich drücke sie dir mit dem Druck von uns allen. Deine letzten Briefe bliesen die Glut zu Flammen: es stand durch die Größe deiner Gedanken plötzlich vor uns ein Vaterland, von dem wir nur noch eine dunkle Ahnung wußten. Das Feuer deines Wollens schuf sich eine nationale Zukunft, die uns nicht nur menschlich, nein männlich entzückte. Wilhelm : Friedrich! Friedrich : Unsere Schwüre, die Tränen junger Menschen hättest du sehen müssen; einige sprangen auf die Tische, Lieder zaubertest du hervor, und es ward klar, seit Menschengedenken hat sich in Deutschland kein politischer Geist so frei und befreiend geregt Wilhelm ( an seinem Halse ): Friedrich! Friedrich : Wie dein Kopf dem Mirabeaus gleicht! Zur Sache! Meinen Auftrag vor allem: unser grenzenloses Vertrauen wird dich morgen zum Präsidenten des Verbandes machen. Hals über Kopf bin ich mit der Nachricht hierher gereist Wilhelm : Wie ist das möglich? Ich habe kein Verdienst Friedrich : Das größte. Du fandest die Formel mit unserer abgegriffenen Tagessprache von neuem Sphären in die Räume zu rollen, rissest die Jugend von ihren Sitzen, daß sie zum Marschieren bereit neben dir steht. Wilhelm : Welch ungeheure Verantwortung! Friedrich : Wer könnte sie tragen als du; wer den Ruhm, der ihr folgt? Wilhelm : Ein Mitstreiter dachte ich zu sein ... Friedrich : Da auf deinen Ruf alles zusammenläuft, das Entgegengesetzte einig ist, bist du der Führer. Bist es durch deine deutsche Idee, die zum erstenmal alles zusammenreißt, was in diesen Zeitläuften deutschen Boden bewohnt und sich bekennt zum Kampf gegen internationale Geldwirtschaft – Das Geschwür der Zeit stachest du auf, aus schwülen Dämpfen der Rentenhysterie führst du uns geläutert zurück an das klare Wasser unserer Wälder. Wir haben indessen praktisch gearbeitet. Überall hin ist das Zwingendste aus deinen Schriften schon an Universitäten und Hochschulen verbreitet. Wilhelm : Wirklich? Friedrich : Dein Name bedeutet der jungen Generation die größte Hoffnung; sie läßt aus diesem Bewußtsein in den zur Verbreitung deiner Absichten gestifteten Fonds die Beiträge reichlich fließen. Wilhelm : Immer neue Überraschungen! Friedrich : Ich selbst bringe dir die Erbschaft von meinen Eltern. Wilhelm : Aber Friedrich! Das ist unmöglich ... Friedrich : Der Verzicht auf sie wird mich enger an das Ziel binden. Wilhelm ( umarmt ihn ). Friedrich : Du siehst, was du wirkst. Brüder, gält es Gut und Blut, dem Verdienste seine Kronen, Untergang der Lügenbrut. Jung sein, mit seiner Bestimmung nicht experimentieren müssen, sondern durch das Genie eines Lebendigen ein lebendiges Ziel in der Welt sehen, dem man sich aus seines Blutes Fülle hingeben darf, wieviel Generationen ist das gegönnt? Und dir danken wir's! Und nun, komm mit mir. Diese Aufforderung ist im Hinblick auf dein neues Amt im Namen aller meines Hierseins letzter Zweck. Wilhelm : Ich komme. Friedrich : Wir fahren heute. Wilhelm : Heute? Das heißt – so gern ich meine Beziehungen zu diesem Hause breche, ich kann nicht davonlaufen. Ich bin frei, man wird mir nichts in den Weg legen. Nur sind mir außerordentliche Dinge anvertraut, die für den Augenblick ich allein übersehe. Sie in die Hand des Chefs zurückzulegen ... Friedrich : Wieviel Tage? Wilhelm : Eine Woche! Friedrich : Zuviel für unsere Ungeduld. Ich leide dich hier nicht. Meine Liebe zu dir, die Einsicht der in dir verkörperten einmaligen außerordentlichen Naturkraft, Gefahren, die der Geist dieses Hauses fortwährend droht ... Wilhelm ( lacht ): Furcht, da ich keinem hier einen Finger gebe? Friedrich : Unbehagen. Versuche heute noch zum Abschluß zu kommen – setze deine Abreise unbedingt für morgen fest. Wilhelm : Ich versuche es. Friedrich : In diesem Falle bleibe ich, und wir gehen miteinander. Du kannst mich für diese Nacht bei dir unterbringen? Doch so, daß ich vor dem Anblick jedermanns behütet bin. Die bloße Vorstellung der Bewohner dieses Hauses ist mir unerträglich. Wilhelm : Das geht sehr gut. Komm. Beide ( exeunt ).   Zweiter Auftritt Ottilie ( tritt auf, geht zum Schreibtisch, nimmt aus dem Papierkorb ein Papier und liest ): »Von nichts tönt das Tagesgespräch als vom Eigentum. Es schreit der Reiche um Schutz für das Erworbene, der Arme will Privilegien, die ihm ein bequemes Leben sichern. Auf den materiellen Besitz einseitig festgelegt scheint die Nation des höheren Aufschwungs unfähig.« ( Sie wirft den Bogen in den Korb zurück und nimmt andere Papierstückchen heraus und liest ): Raffinierte Vergnügungen, Korruption. Sittliche Ökonomie. Leidenschaftliches Nationalgefühl, Gemeinsamkeit gegen eine Welt in Waffen.«   Dritter Auftritt Wilhelm ( tritt auf ). Ottilie ( will hinaus, beide treffen sich in der Mitte des Raumes ): Warum weichen Sie aus? Wilhelm ( sieht ihr ins Auge ). Ottilie : Sie sind feige. Wilhelm : Sind Sie nicht unvorsichtig? Ottilie : Ich habe Vorsicht nicht nötig. Wilhelm : Ich aber. Ottilie : Angst um Ihre Stellung? Wilhelm : Für mein Leben. Ottilie : Geh ich Sie an? Wilhelm : Nein. Ottilie ( zeigt ): Da oben? Wilhelm : Mitleid. Ottilie : Sonst nichts? Wilhelm : Kaum. Ottilie : Es ist wahr. Sie treiben mich ... Wilhelm : Zu Sensationen. Ottilie ( exit ).   Vierter Auftritt Wilhelm : Du unterschätzt den Geist, der neben dir geht, gutes Mädchen. Mißbrauchen für eine Laune willst du mich, und von der anderen Seite bieten mir die prachtvoll begeisterten Jungen Gewalt über ihr Leben und ihre Stoßkraft an. Es erhebt sich einer, da du ihn noch in abhängiger Stellung unter dir siehst, schon über den First deines Lebens; durch seine unbestochen freie Meinung macht er heldenhaft großen Eindruck auf die Zeit, die ihn dafür unsterblich nennt. Unsterblich – Ottilie! Du aber und dein Geld bleibst im Namenlosen. Es kommt der Tag, da mit der zwischen uns aufgehellten wirklichen Distanz ich die Frechheit deines bloßen Versuchs heimzahlen werde.   Fünfter Auftritt Christian ( tritt auf ): Tagsüber, abends sind Sie nicht mehr zu sehen. Jeden freien Augenblick verschwinden Sie in Ihr Zimmer. Was gibt's Wichtiges? Machen Sie Verse? Wilhelm : Ich schreibe Gedanken über den internationalen Kapitalismus nieder. Christian : Vernichtende Kritik, vermute. Hätten Sie einen wirklichen Begriff, könnten Sie dem Lande ein neuer Beaumarchais werden. Wilhelm : Zwei Jahre an Exzellenz' Seite ... Christian : Wäre ich öfters wie neulich mitteilsam ... Wilhelm : Vielleicht genügen die wenigen Aufschlüsse zu Grunderkenntnissen; mit Spekulationen hilft man sich weiter. Christian : Vielleicht. Glauben Sie, ich habe Angst? Wilhelm : Warum Angst, Exzellenz? Christian : Jüngelchen! Mit einer besessenen Feder freilich – Gleichviel. Tun Sie Ihr Mögliches, werfen Sie die Lunte ins Pulverfass. Ich bin, sind neue Zustände geschaffen, bereit, wieder von der Pike an zu dienen. Ob General, ob Unteroffizier – nur mitten im Gewühl stehen. Wilhelm : Würden Exzellenz die Größe so weit treiben, mir im einzelnen, wo ich das Problem nicht erschöpfe, noch Winke zu geben? Christian ( kneift ihn ins Ohr ): Das hängt von dir selbst ab, Freund. Zeigen Sie mir die Kladde. Ist sie ungenügend, wie ich vermute, niemals. Bloße Ruhestörer verdienen, man lyncht sie. Erkenne ich, hier tritt Genie auf – was sollte ich besseres tun, mich von Anfang an ihm zu verbinden? Wilhelm : Diese Gewißheit allein vermochte mich letzthin, mein Bleiben im Haus zu verlängern. Christian : Sticht von neuem der Hafer? Karriere? Wilhelm : Ich möchte Exzellenz infolge eingetretener wichtiger Ereignisse um meine sofortige Entlassung bitten. Christian : Unserer Verabredung gemäß sind Sie jederzeit frei. Obwohl Sie mir wegen der bewußten Angelegenheit gerade im Augenblick sehr fehlen werden. Sehr. In drei, vier Tagen wäre alles vorbei. Ich könnte Sie an meinem glorreichen Tage in ein hoffentlich glorreiches Leben entlassen. Lockt Sie das nicht, sind Sie nicht abergläubisch? Dann tun Sie's mir zuliebe. Wilhelm : Ich möchte nicht undankbar sein. Christian : Und erleben eine Situation, die Ihnen fürs Leben unvergeßlich bleibt. Nur mehr drei Tage. Abgemacht? Wilhelm : Ich darf Exzellenz heute abend meinen Entschluß, der nicht von mir allein abhängt, unterbreiten. Christian : Wie stehen Ihre Relationen zu meinem Sohn? Wilhelm : Baron Philipp Ernst nahezukommen, ist schwer. Christian : Da möchte ich doch auch noch Resultate von Ihnen. Also ich rechne für die kurze Zeit noch auf Sie. Es war gestern abend bei der Ankunft zu spät, das rothaarige Karnickel zu fassen. Vor elf Uhr ist heute morgen an ein Erscheinen der Herrschaften nicht zu denken. Ich will das verordnete Bad nehmen, wenn nicht vorher noch ... Wilhelm : Geheimrat Brunner machten es Exzellenz zur Pflicht. Christian : Setzen Sie in den Brief an Witman noch hinzu – Wie heißt der letzte Absatz? Wilhelm ( liest aus einem Brief ): »Insbesondere ist in Unterhaltungen mit allen Angestellten bis zu den Direktoren Nachdruck auf den Namen Seiner Exzellenz zu legen. Es sind diejenigen hierherzumelden, die bei Erwähnung desselben es in Miene oder Gesten an der Überzeugung fehlen lassen, in Exzellenz sei nach wie vor jede Entscheidung verankert. Für seinen bevorstehenden siebenzigsten Geburtstag wäre Seiner Exzellenz die nachdrückliche Manifestation dieser Einsicht angenehm.« Christian : »Angenehm. Im übrigen warten Exzellenz nur die wenigen Tage zu seiner vollständigen Genesung ab, um wie ein ...« Wilhelm : Sollten Exzellenz nicht gerade in der nächsten Zeit unbedingt Mäßigung üben? Christian : Ich muß in der nächsten Zeit mein Austerlitz schlagen oder krepieren. Schreiben Sie – »um wie ein Orkan in das Sodom zu fahren, in das er während seiner Krankheit Einblick genommen hat.« Eine Kopie sofort der Gräfin zum Frühstück hinauf. So ist die Ouvertüre unserer Auseinandersetzungen vorher gespielt. Diener tritt auf und macht Christian Meldung . Christian : Schon da? Ich komme. Diener exit . Wilhelm : Exzellenz verfärben sich. Was gibt's? Christian : Haben Sie in den vergangenen Tagen um die gleiche Stunde nichts gemerkt? Ich sagte doch: Nur noch dreimal vierundzwanzig Stunden. Und hätte sie den Teufel zum Bundesgenossen, bei mir wetterleuchtet der liebe Gott jetzt hinter der Szene. ( Exit .) Wilhelm : Was soll das sein? Jungfer tritt auf, gibt Wilhelm einen Brief. Exit . Wilhelm : Wer ist das? ( öffnet den Brief ): Von ihr! Aber das ist eine Erklärung! Welche Kühnheit von dem Mädchen! Ich stieß sie unzweideutig zurück, und sie kommt furchtlos und demütigt sich. Das ist menschlich außerordentlich. Eine List? Aber mich zu locken gibt's andere Mittel, braucht sie nicht durch einen Brief sich bloßzustellen. Denn wie es nun auch kommt: diese Zeilen sind von jetzt ab für alle Fälle in meinem Besitz. ( Er liest ): »Seit langem fühle ich, was ich Ihnen danke, Ihrem bloßen erhebenden Dasein; doch erst heute stehe ich frei von fremden Einflüssen mit dem unwiderstehlichen Wunsch, von Ihnen über mich selbst und das Leben unterrichtet zu sein.« Ist es möglich? Nicht Laune? Nicht List? ( Er denkt nach ): Nein. Ein richtiger, leidenschaftlicher Entschluß. Wo finde ich sie?   Sechster Auftritt Gräfin Sofie und Graf Otto von Beeskow treten auf in Reitdreß . Sofie : Wissen Sie, Herr Doktor, wer bei meinem Vater ist? Wilhelm : Nein, Frau Gräfin. Sofie : Sie auch nicht? Es geht ihm schlecht. Geheimrat Brunner beklagt vor allem, daß er sich trotzdem keine Ruhe gönnt. Wäre es nicht Ihre Pflicht, Ihren Einfluß in dieser Richtung aufzubieten? Wilhelm : Frau Gräfin kennen Exzellenz' Temperament. Otto : Sehr richtig. Wilhelm : In Exzellenz' Auftrag habe ich Frau Gräfin die Abschrift eines Briefes an Herrn Witman zuzustellen. Sofie : Geschäftliche Mitteilungen gehen an den Grafen. Wilhelm : Wohin darf ich das Schreiben gelangen lassen? Otto : Geben Sie ihn mir zum Frühstück. Nichts Geschäftliches am Vormittag. Wilhelm : Gern. Ich darf mich beurlauben. ( Exit .)   Siebenter Auftritt Sofie : Wie ist das Haus verändert. Otto : Der Alte dicht vor dem Ende. Sofie : Wer mag bei ihm sein? Otto : Reitest du oder nicht? Sofie : Wo steckt Ottilie? Otto : Also auf Wiedersehen! Sofie : Zwei Minuten, Otto. Wie er durch den Garten schlurfte – wer hätte den Zusammenbruch in so kurzer Zeit für möglich gehalten. Otto : Siebenzig sind ein schönes Alter. Er hat deine Überlegenheit schon zu lange ponderiert. Sofie : Wieder den Tatsachen vorgegriffen. Otto : Ein Blinder sieht, er ist hin. Sofie : Fühlt er wirklich sein Ende, ist er uns gegenüber auch zum äußersten entschlossen, hat er die wirksamste Angriffsfläche gefunden: er weiß, unser Ansehen im Werk und in der Welt ist mit der Durchsetzung des holländischen Auftrages verknüpft, weiß, wir haben uns bis ins letzte mit ihm identifiziert. Er wird ihn also unter allen Umständen kontrekarieren. Otto : Zu spät. Du hörst, wie durchschlagend dein Trick im Haag gewirkt hat. Sofie : Er kann aus seiner Art uns den Triumph nicht gönnen, ist bis zum Hals mit Wut gegen mich gestopft. Diese von sich besessene Natur verträgt nichts Bedeutendes neben sich und wird uns, coùte qui coùte, niederwerfen. Nahendes Ende verzehnfacht seine Kräfte. Otto : Du siehst Gespenster. Ein Tapergreis ... Sofie : Wann wirst du endlich von diesem Blut einen Begriff haben? Mit Zähnen und Krallen sind wir bis zum letzten Atemzug in eine Sache verhängt, und unlöslich stehen oder fallen wir mit ihr. Otto : Verrückte Bande. Im Grunde, eben Heraufkömmlinge. Sofie : Mit frischem Saft lebendig eben im Grunde. Otto : Macht eure Auseinandersetzungen zwischen euch ab und menagiert euch. Sofie : Es gibt keine Schonung diesmal, denn hinterher fallen die Tore zu. Hast du Angst, reise ab. Ich muß die Hände bis zum Ellbogen frei haben. Otto : Ich will, du hältst dich zurück, verstanden? Sofie : Es geschieht für dich, Otto, für dein Ansehen, deine Größe nach seinem Tode. Dein schlagender Erfolg und sein platter Abgang müssen vor der Welt zusammenfallen. Läßt er über deiner Katastrophe eine Gloriole von sich in der Welt zurück, wandelst du für den Rest der Tage ein Schemen in seinem Licht. Das will ich nicht. Otto : Wirklich hatten wir die Sache fein eingefädelt. Sofie : Und sollen ihm, dicht vor dem Sieg, das Feld lassen? Otto : Also auf ihn. Aber mit Haltung! Sofie : Auch vor den beiden Kindern muß ein Exempel statuiert werden. Durch Verträge, das sind wir sicher, hat er ihnen für später den Rücken gesteift. Sie müssen darum vorher einmal sehen, was wir für eine Handschrift schreiben. Um Philipp Ernst mache ich mir keine Sorge. Otto : Die mitgebrachte Uhrkette paralysiert ihn. Ein schlichter Bindfaden vom Knopfloch bis zur Uhr, das wirft ihn für lange Zeit in Entzücken. Sofie : Der Mensch, der hier schleicht, hat mit Ottilie Pläne. Otto : Donnerwetter, wie kommst du darauf? Sofie : Das Gegenteil wäre Mirakel. In solchen gebildeten Habenichtsen schläft stets der Wille, in unsere Assiette zu springen. Otto : Und sie ist eine Platzpatrone. Sofie : Durch irgendein Phantasma blendet der Bursche die Unmündige. Otto : Der also wird durch einen Seitenhieb miterledigt. Sofie : Nimm du die Kinder auf dich und laß mir hier das Feld. Otto : Was mache ich mit Ottilie? Sofie : Oels. Otto : Einen Flirt starten? Sofie : Zum Anfang. Er ist blöd. Gib einige Renseignements. Otto : Er soll im Bilde sein. Sofie : Wer ist – bei ihm? Otto : Du machst mir Angst. Sofie : Denn da liegt der Schlüssel. Steck das Reiten auf, leg dich auf die Lauer. Otto : Kommt dieser vermaledeite siebenzigste Geburtstag hinzu, den er zu einer Feier für sich ausnutzen wird. Sofie : Zu einer überwältigenden Demonstration, duldet man's. Du wirst Witman sofort einen Brief hinfeuern, der Alte verbäte sich in Anbetracht seines Gesundheitszustandes jede Erwähnung. Auch die Presse soll instruiert werden. Otto : Du glühst. Laß dich nicht hinreißen. Sofie : Bis zum letzten, ihm gewachsen zu sein. Otto : Er hat Messer geschliffen. Sofie : Ich flankiere ihm, ich sei schwanger. Otto : Das entêtiert ihm. Sofie ( an seinem Halse ): Ich bin's auch. Wenigstens mit einer abgöttischen Liebe zu dir. Otto ( küßt sie ): Kleines Frauchen. Sofie ( hingegeben ): Mein Jesus!   Achter Auftritt Christian ( tritt auf ): Grüß Gott, meine Lieben! ( Umarmung .) Charmant, daß ihr gekommen seid. Geht es gut? Sofie sieht blendend aus. Nichts mitzuteilen? Wann ich Großvater werde? ( Er lacht .) Kommt schon noch. Unser Riese – ( er klopft Otto auf die Schulter ) – wird sorgen. Die Kinder gesehen? Sofie : Wie geht's dir, Vater? Christian : Glänzend, vier Pfund wiege ich mehr als vor einem Monat, fange erst zu leben an. Sofie : Das ist ja wundervoll. Christian : Nicht wahr, das ist wundervoll? Warum seid ihr nicht zu Pferd fort? Sofie : Wir suchen die Gören. Otto : Hat Sie Prinz Oels schon begrüßt? Christian : Er läuft mit Ottilie im Garten. Warum kam die Prinzessin nicht? Otto : Folgt übermorgen. Christian : Will euch meinen neuen Schimmel zeigen. Von Hannibal aus der Mistral. Otto : Hannibal hat Mistral nicht gedeckt. Christian : Was sage ich – Minehaha! Otto : Das ist etwas anderes. Christian : Ein Haupthahn, unser Otto. Immer korrekt. ( Exeunt .)   Neunter Auftritt Philipp Ernst und Prinz Oels. Diener treten auf . Philipp Ernst : Wir können nicht hinauf zu mir. Ein Badehahn funktionierte nicht, jetzt steht die Wohnung unter Wasser. ( Zum Diener ): Der Herr möchte sich hierher bemühen. Diener exit . Oels : Du läßt den Schneider aus London kommen? Philipp Ernst : Um Gottes willen, Prinzerl, sag nicht Schneider. Easton wird verrückt, hört er's. Er ist Gentleman. Arbeitet in Deutschland nur für zwei Hoheiten, Taxis und mich. Oels : Ich will ein morning-coat anziehen. Der Sakko ist affreux. Philipp Ernst : Easton hat Takt, wird das Ding gar nicht bemerken. Oels : Es ist in Berlin nicht besser zu haben. Philipp Ernst : In Berlin Anzüge machen zu lassen – man kann sich auch einen Ring durch die Nase ziehen. Oels : Militär ... Philipp Ernst : Gebrauch das Wort vor Easton nicht. Für ihn existierst du als Gentleman oder nicht. Oels : Ich hab Herzklopfen. Philipp Ernst : Sehr berechtigt. Oels : Wie spricht man mit ihm? Philipp Ernst : Als höflicher Mensch vermeide, dir den Anstrich irgendwelcher geistigen Bedeutung zu geben. Übrigens beherrscht er die mondäne Algebra.   Zehnter Auftritt Diener läßt Mister Easton auftreten und setzt zwei elegante Lederkoffer neben ihn. Exit . Philipp Ernst : Morning, Mister Easton. Easton : Morning, Sir. How do you do? Philipp Ernst ( stellt vor ): Prinz Oels. Easton : Morning, Sir. Philipp Ernst : But we speak German. Easton plaudert bezaubernd deutsch. Breiten Sie Ihre Überraschungen vor uns aus. Easton : Darf ich caleçons zeigen? Unterhosen, siamesisches Dessin, latest fashion? Philipp Ernst : Später. Haben Sie vor allem die neue Redingote? Easton : Certainly, Sir, und das Gilet. Philipp Ernst ( zu Oels ): Gris perle. Jede andere Couleur ist Verbrechen. Easton ( hilft Philipp Ernst in Weste und Rock ). Oels : Bezaubernd. Ganz große Klasse. Philipp Ernst ( zu Easton ): Einen Hauch oben näher an den Kragen. Easton ( zeichnet ): Certainly. ( Zeichnet .) Philipp Ernst : Die Taille einen Ruck strenger betont. Easton ( zeichnet ): Certainly. Philipp Ernst : Ich kreiere die Redingote neu. Man hat uns, meine Herren, letzthin ein Surrogat aufdrängen wollen ... Oels : Den sogenannten Cutaway. Philipp Ernst : Daß Gott erbarm!   Elfter Auftritt Otto ( tritt auf ): Guten Morgen, Philipp Ernst. Morning, Mister Easton. Easton : Morning, Sir. Otto : Fabelhafter Gehrock! Diener tritt auf . Philipp Ernst : Whisky, Soda! Diener exit . Philipp Ernst : Die Redingote ist im demokratischen Zeitalter der Joppe, die auch als Sakko oder Smoking auftritt, der Rock, der den Mann von Welt distinguiert. Denn er muß getragen werden. Unter seinen Falten wirkt nur der svelte trainierte Gentleman. Otto : Bravo! Philipp Ernst ( zu Easton ): Die Schultern mehr hängend. Easton ( zeichnet ). Philipp Ernst : Ist er durch, die Weste gris perle, den gleichfarbigen Krawattenknoten, den Hut haute forme komplettiert, so soll man ihn des Mannes königliches Kleidungsstück nennen. Das Weib beeinflußt er phantasiebeflügelnd. Oels : Beweise. Philipp Ernst : Im Nahkampf sechs Stunden Redingote gleich zwei Tagen Sakko. Oels : Beweis! Philipp Ernst : Wette? Oels : Wen, wo? Philipp Ernst : Ein Königreich für ein Weib! Oels : Meine Schwester übermorgen. Otto ( summt ): Auf in den Kampf, Torero. Philipp Ernst : Ich werde den Beweis bündig führen. Diener bringt Whisky und Soda. Exit . Easton : Allright, Sir. Philipp Ernst ( zieht Rock und Weste aus ). Oels : Darf ich einmal versuchen? ( Zieht Weste und Rock aus, an .)   Zwölfter Auftritt Ottilie tritt oben auf der Galerie auf und bleibt, hinter einem Pfeiler unsichtbar, stehen . Otto : Das hat cachet. Philipp Ernst : Mensch, Prinzerl, Brummell süß! ( Küßt ihn auf die Stirn .) Irrésistible. Easton : Beautiful. Philipp Ernst : Hättest du, statt in der Tirolerjoppe, dich in diesem royal coat Ottilien präsentiert, dein heimlichster Wunsch wäre erfüllt. Oels : Glaubst du wirklich? Philipp Ernst : Sieh dich im Spiegel! Dem Mädchen müßte in süßen Wallungen schwindeln. Prinzerl, was hast du eigentlich für einen himmlischen Thorax! Otto : Sie wirken bezaubernd. Philipp Ernst : Mit deiner Hautfarbe je pourrais m'imaginer le gilet en écossais gris mauve. Göttlich! Easton : Indeed. Oels : Ich gäbe – den Rock mußt du mir abtreten! Philipp Ernst : Das nicht, Prinzerl, voyons. Oels : Es ist für mein Leben wichtig, ich bekomme sie. Gentlemen, unterstützen Sie meinen Antrag. Philipp Ernst : Sollen wir helfen? Otto : Alle für einen. Philipp Ernst : Well. Heraus denn, Easton, mit den profundesten Schätzen. Es gilt gegen ein Weib! Was haben Sie? ( Er wühlt in den Koffern und streut auf den Boden aus .) Krawatten, Hemden, Bretelles, Taschentücher, Strümpfe. Diese, Prinzerl, jaune indien, und Pumps dazu. Beim Beinüberschlagen stets so, daß eine Handbreit Strumpf zu sehen ist. Ein Dutzend, Easton, und diese robe de chambre. Robe de chambre sage ich und denke mit Schaudern, man hat bis vor kurzem Pyjamas getragen wie ein Zigeunerhäuptling oder Schlafwagenkontrolleur. Easton : Sehen Sie ein anderes Modell avec le col Robespierre et des manches pagodes. Philipp Ernst : Anprobieren! Otto : Zeigen! Philipp Ernst : Hosen herunter! Alle sind um Oels beschäftigt und ziehen ihm den Morgenanzug an .   Dreizehnter Auftritt Wilhelm ist auf der Gegengalerie aufgetreten und bleibt, ohne Ottilie zu bemerken oder von ihr und den anderen bemerkt zu werden . Philipp Ernst : Apoll von Trapezunt! Einen Schuß Houbigant noch, und nun mach ein paar Schritte. Oels ( geht durch den Raum ). Easton : Splendid, Sir. Otto : Das Mädchen hat Chance! Philipp Ernst : Wie ein Pudel legt sie sich nieder. Du bist eine Schönheit, Hartwig! Easton : Indeed. Philipp Ernst : Willkommen, Schwager! Otto : Wie besorgt! Oels : Wenn nicht anders, mit Gewalt! Otto und Philipp Ernst : Bravo! Easton : Indeed. Ottilie ( oben in der Mitte der Treppe ): Bravissimo! ( Sie stürmt die Treppe herunter unter die Herren .) Philipp Ernst : Überfall! Sauve qui peut! Oels ( ist hinter einen Stuhl geflüchtet ). Ottilie : Nehmt mich, Gentlemen, als aus dem eigenen Lager. Wie heißt die Parole? Otto : Oels! Ottilie : Oels! Voilá! Tataratata! Philipp Ernst : Prinzerl heraus! Sie gehört in jeder Weise zu uns. ( Er zieht ihn hervor; zu Ottilie .) Was sagt Kennerblick zu dieser Erscheinung? Ottilie : First class absolutely. Philipp Ernst : Solch harmonisch geteilter, durchtrainierter Männeraufbau. Ist Schöneres denkbar? Ottilie : Haben Sie nichts für mich, Easton? Easton : Certainly, Miss. Philipp Ernst : Wie gefällt solches? ( Nimmt ein Paar Unterhosen hoch .) Siamesisches Dessin. ( Er nimmt ein Paar lange Strümpfe und hält sie Ottilien an .) Ist das nichts für Didelchen? Easton ( zieht einen großen seidenblumengestickten Schal hervor ): Voilà! ( Alle sammeln sich mit Ausrufen der Bewunderung um das Tuch. Dann drapiert Philipp Ernst die Schwester damit .) Philipp Ernst : Und jetzt: La Furlana! Avanti! ( Spielt mit dem Munde einen Tanz .) Accompagnement, Prinzerl! Ottilie und Oels ( tanzen äußerst graziös den Tanz, die übrigen beteiligen sich mit Musik und Zurufen ). Otto ( am Fenster ): Der Alte! Ottilie und Philipp Ernst : Huh, huh! Alles stürzt Hals über Kopf davon. Ottilie hat Oels bei der Hand genommen und ist mit ihm hinaus. Easton hat alles in seine Koffer gestopft, wobei Philipp Ernst behilflich ist. Dann werden die Koffer unter ein Sofa gestoßen und beide exeunt. Als Letzter geht Otto . Otto : Die beiden Kinder sind wirklich harmlos ungefährlich.   Vierzehnter Auftritt Die Szene bleibt unten einige Augenblicke leer . Wilhelm ( oben ): Unverschämte! ( Er steigt schnell die Treppe hinab, nimmt Ottiliens Brief aus der Tasche, zerreißt ihn und wirft die Stücke in den Papierkorb .) Lüge und Betrug deiner Klasse, Verkommenheit nach wie vor. Plappern in sieben fremden Sprachen, Grimassen zügelloser Unsittlichkeit; Sensation alles. Immer noch der kleine Sekretär im schwarzen Röckchen! ( Er sieht ein Paar Unterhosen auf dem Boden, hebt sie mit der Fußspitze ein wenig hoch und schleudert sie gleich darauf beiseite .) Und ihr hochmütiger Blick auf meine Stiefel und Kleider bleibt. In Seide läuft der Apostel nicht wie die anderen; aber es sollen durch ihn im Lande die Quellen wieder fließen, die das Leben aus euren blöden Ekstasen lösen. Hütet euch! Dieser Augenblick entschied. Ich deute dein mir sichtbar gegebenes Zeichen richtig, mein Gott, und verlasse noch heute dieses Haus.   Fünfzehnter Auftritt Ottilie ( tritt auf; sie trägt noch den weißen Schal ): Ich muß Ihnen einige Worte der Erklärung sagen. Wilhelm : Was ich von oben mit eigenen Augen sah, sagt tausendmal genug. Ottilie : Der Spaß mit den Jungens? Wilhelm : Ich habe mit den Späßen, mit dieser ganzen Welt ein für allemal nichts zu tun. Ottilie : Ich bitte Sie! Wilhelm : Lassen Sie mich vorbei! Ottilie ( tritt zur Seite ). Wilhelm ( wütend ): Was wollen Sie von mir? Ottilie : Haben Sie nicht die Pflicht, bittet Sie ein Mensch, ihm Aufschluß zu geben? Wilhelm : Ihnen zu allerletzt. Ottilie : Sie sind streng, wie ich's nicht verdiene. War ich einige Male herausfordernd, war's aus Verlegenheit. Ich kann nicht einfach zu Ihnen sprechen. Weil ich verehre, bin ich befangen. Wilhelm ( geht zur Tür ). Ottilie : Ich weiß, Sie haben ein Ziel hoch über dem aller anderen Männer. Wilhelm : Und ich: Sie sind das typisch glatte Bild Ihrer Kreise, unterscheiden sich in nichts von ihnen. Ottilie : Ich war's. Seit ich von Ihren Absichten weiß ... Wilhelm : Sie? ( lacht ) von meinen – – Ottilie : Sie ein leidenschaftliches Nationalgefühl in uns wachrufen sehe, seitdem ich die Reihe Ihrer Gedanken kenne – des neuerstandenen Zeitdeutschen und seine Verehrung ... Wilhelm : Aber wie kommen Sie ...? Ottilie : Die Idee, wir wollen ein Streichholz vorm Abbrennen auf die Notwendigkeit seines Verbrauchs prüfen, um zu sittlicher Ökonomie zu kommen. Wilhelm : Wie können Sie wissen? Ottilie : Sollen wirkliche Werte an Stelle des allgemeinen Produktionsschwindels setzen. Habe ich richtig verstanden? Wilhelm : Wie ist das möglich? Ottilie : Wer selbst Wunder wirkt, will Wunder überall. Sie sollen von eines Mädchens Begeisterung den Beweis erhalten. Ich fühle mich dicht vor bindenden Entschlüssen; glauben Sie bis zur entscheidenden Tat nur wenige Tage noch an meine Treue. ( Ehe er's verhindern kann, hat sie sich auf seine Hand gebückt, sie geküßt und ist hinaus .) Wilhelm : Welch' Sieg, welch' großer moralischer Sieg mitten im Lager des Feindes! ( Er läuft die Treppe hinauf .) Ich komme, Friedrich! Schnell soll jetzt die flammende Anrede an die Freunde für morgen gedichtet sein. Ein deutsches Dokument ( Sieht sich in einem Spiegel .) Mirabeau? Warum nicht! Vorhang Der dritte Aufzug Erster Auftritt Man hört vor Beginn des Aufzuges bei geschlossener Gardine von Ottilie gesungen, vom Piano begleitet, Eichendorff-Schumanns Mondnacht . Es war, als hätt' der Himmel die Erde still geküßt, daß sie im Blütenschimmer von ihm nur träumen müßt! Die Luft ging durch die Felder, die Ähren wogten sacht, es rauschen leis die Wälder, so sternklar war die Nacht. Es hebt sich die Gardine. Der Pfarrer sitzt accompagnierend am Klavier, Ottilie singt; Christian, Wilhelm, Philipp Ernst, Oels, Otto und Sofie sind als Zuhörer im Zimmer . Ottilie : Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande als flöge sie nach Haus. Christian : Himmlischer Schumann! Pfarrer : Großer Eichendorff! Christian : Besonders: Und meine Seele spannte ... ( Summt weiter .) Ottilie : ( mit Blick auf Wilhelm summt ): Als flöge sie nach Haus. Pfarrer : Mendelssohn, Schubert, Schumann – ein genußreicher Abend. Aber es ist reichlich spät. Darf ich mich empfehlen, Exzellenz? Christian ( ihn nach hinten geleitend ): Auf Wiedersehen und herzlichen Dank für alles. Pfarrer : Nichts zu danken, Exzellenz. ( Exit .) Philipp Ernst ( zu Oels ): Kommt deine Schwester bald? ... sich hier musikalisch langweilen zu lassen. Schade um meinen neuen Frack. Oels : Ottilie war heute nicht gnädig. Glaubst du an meine Chancen? Philipp Ernst : Sie sind dir von zwei Gentlemen garantiert. Schade um den Frack. Oels ( zeigt auf Wilhelm ): Wer ist die schwarze Sache? Philipp Ernst : Sekretär. Oels : A peu près domestique? Philipp Ernst : Je ne suis pas sùr. Ottilie : Du siehst elend aus, Vater. Christian : Worüber warst du den ganzen Tag so erregt? Ottilie : Ich bin in deinem Sinne entschlossen. Christian : Gegen sie? Ottilie : Ich werde nicht unterliegen. Christian : Bravo! ( Zu Wilhelm .) Meine ersten Telegramme haben im Haag hinreichend Gegenwirkung getan. Aber heute abend erst, in diesen Minuten etwa, platzt dort die Bombe. Sofie ( zu Otto ): Ich bin unruhig. Im Haag ist etwas geschehen, sonst hätten wir Entscheidung. Otto : Die Mumie sieht aus, als stürze sie im nächsten Augenblicke tot hin. Sofie : Ich bin furchtbar unruhig. Christian ( zu Sofie ): Du hast deinen beau jour. Wir wollen nachher noch ein Stündchen plaudern. Sofie : Gern. ( Zu Otto .) Es geht los. Laß mich später allein. Otto : Beherrschung! Verstanden! Sofie : Gott steh mir bei! Philipp Ernst : Du hast mich verwirrt, es kann mit Vater nicht so schlimm stehen. Sofie : Man muß unbedingt auf alles gefaßt sein. Im Fall ... Philipp Ernst : Eines Zwischenfalls ... ( Trocknet sich die Stirn .) Nur keine Rechnereien. Sofie : Wie besprochen: du läßt uns deinen Anteil in Form einer Hypothek, deren Zinsen dir mit vier Prozent als feste Rente garantiert werden. Philipp Ernst : Was kommt für mich heraus? Sofie : Mindestens das Fünffache von heute. Philipp Ernst : Charmant. Und kein Brutto und Netto? Sofie : Alles pränumerando. Philipp Ernst : Charmant. Otto ( tritt hinzu ): Das ist das Fabelhafte: Eine einfache Strippe wollte er als Uhrkette tragen. Philipp Ernst : Wie Strippe? Oels : Als Uhrkette? Sofie : Wer? Otto : Der verstorbene Siekermann. Philipp Ernst : Ein smarter Junge. Christian ( der mit Ottilie und Wilhelm im Hintergrund sitzt, ruft herüber ): Was habt ihr mit Philipp Ernst? Otto : Von einer Uhrkette ist die Rede. Philipp Ernst : Aber wie denn – Strippe? Otto : Zwischen zwei Platinkarabinern an den Enden sollte ein einfacher Bindfaden von der Uhrtasche zum Knopfloch laufen. Siekermanns Tod hat die Ausführung vereitelt. Philipp Ernst : Strippe? Otto : Zum Frack. Philipp Ernst : Teufel! Oels : C'est épatant! Philipp Ernst : Otto, versprich mir, ich habe mit Sofie – kurz und gut – auf irgend etwas verzichtet. Sofie : Erlaube! Philipp Ernst : Ich weiß: keine Rechnerei. Dennoch – als Äquivalent: sprich mit niemand von der Strippe. Oels, das ist meine Sache! Ich ließ dir die Redingote, mache dir die Geschichte mit Ottilie fix und fertig. Sie ist vollkommen erledigt. Sofie ( zu Oels ): Haben Sie Absichten, Prinz? Oels : Darf ich auf Ihre Unterstützung rechnen, gnädigste Gräfin? Sofie : Wir sprechen darüber. Philipp Ernst : Laßt mir die Strippe, Kinder. Abgemacht? Und ernstlich: reinen Mund halten zu jedermann! Ihr verbindet mich für ewig. ( Er reicht allen einzeln die Hand und geht in den Hintergrund .) Was wird Easton sagen? Christian : Ist eines Systems Höhe erreicht, steht die Möglichkeit eines Wechsels stets vor der Tür. Wilhelm : Exzellenz sehen die Sache historisch. Auf materialistische folgen idealistische Epochen. Übersättigung ... Christian : Will Abwechselung. Wilhelm : Aber ich behaupte: Deutschlands besseres geistiges Teil ist Ton einem so grenzenlosen Haß gegen die Herrschaft des Geldes und jeder Überlegenheit, die aus seinem Verbrauch folgt, erfüllt, daß nur Ausrottung des Prinzips es beruhigen kann. Sofie : Als theoretische Forderung. Wilhelm : Sie mag für den Anfang genügen. Sofie : Wer will sie bedeutend genug formulieren? Durch wessen Stimme wird sie als tödliche Klage durchdringend hörbar? Christian : Das ist das wichtigste. Folgt das gesamte Volk einmal einem tönenden Schrei – wer weiß? Aber wo ist das Hirn, das Selbstbewußtsein und das Gewissen? Wilhelm : Es wird zur Zeit da sein, wie das Notwendige stets pünktlich erschien. Ottilie : Bestimmt. ( Blickwechsel mit Wilhelm .) Sofie : Umgekehrt. Ist erst der Mann da, folgt die Zeit. Christian : Krey hat die Vermutung, es ist nicht mehr weit zu ihm. Wilhelm : Ich habe höchste Wahrscheinlichkeit Sofie : Und dann? Wilhelm : Kein Mitleid, Gräfin. Sofie ( lacht ): A la guerre comme à la guerre. Wilhelm : Tabula rasa. Sofie : Apostel und Predigten schrecken uns nicht. Was not tut ... Wilhelm ( stark ): Feuer und Schwefel! Wir sind einig, Frau Gräfin. ( Er erhebt sich .) Christian ( lacht ): Teufel! Sofie : Il est fou. Philipp Ernst : Krieg? Christian : Revolution, Philipp Ernst! Philipp Ernst : Ich gehe in einen Badeort ( Zu Oels .) Man munkelt Krieg und so weiter. Hoffentlich passiert nichts, bis ich mit meiner Uhrkette – ça c'était bête. Ich gehe schlafen. Gute Nacht die Kompagnie. Christian ( zu Wilhelm ): Deutschland liegt in Ihrem Sinne tief zu Boden, armer Kerl. Wilhelm : Noch ein Etwas, und es schwebt auf! Christian ( zu Wilhelm ): Gehen Sie jetzt. Morgen brauche ich Sie früh, da Sie nur noch achtundvierzig Stunden bleiben wollen. Wilhelm ( Verbeugung, exit .) Philipp Ernst und Oels ( exeunt .) Christian ( zu Ottilie ): Er nimmt es verdammt ernst – der! Ottilie : Er darf es. Christian : Liebst du? Ottilie : Vielleicht, Vater. Ich glitt, mitgerissen, in eine Bahn. Christian : Angekurbelt? Dann los ins Leben! Bist flügge, Junges. Sag adjeh dem Alten. Nun kommst du schon irgendwo an mit ihm oder ohne ihn; was macht's, da du fliegen kannst? Adjeh; adjeh! Ottilie : Gute Nacht, schlaf gut, Vater. ( Umarmung, exit .) Christian : Gehst du auch schon hinauf, Otto? Otto : Ich bitte, mich zu beurlauben, Exzellenz! ( Exit .) Christian : Ein Haupthahn, unser Otto. Immer korrekt. Das Licht ist bis auf eine Lampe gelöscht .   Zweiter Auftritt Sofie : Warum ermutigst du diesen Nichtstuer in seinem platonischen Geschwätz? Christian : Krey setzt Leben an die Sache, hat einen Auftrieb, der mir schon warm machte. Sofie : So sieht der Mensch nicht aus, der Völker erschüttert. Christian : Seine Gedanken zur Sache sind bedeutend. Trifft er erst völlig ins Schwarze – dem Publikum nicht allein steckt Grauen in den Knochen, die Eingeweihten schlottern vor dem Brüllen der Goldlawinen, die wir über uns angehäuft, und die jetzt mit Herabsturz drohen. Was sagst du zu einem Streik der Konsumenten? Sofie : Aus welchen Ursachen heraus? Christian : Aus einer sittlichen Forderung. Jeder Verbraucher sparte ein wenig, nur einen Schuhknopf, einen Nagel, ein Stück Papier ... Sofie : Warum sollte er, da wir sie immer billiger produzieren? Christian : Weil ihm der Dreck über denselben Leisten, den wir ihm aufhängen, endlich zum Hals heraushängt. Weil er vielleicht wieder einmal Anständiges in der Hand haben will. Weil der massenweise Verschleiß aller Lebensutensilien ihn erzogen hat, auf das einzelne nicht mehr zu achten, und er Gefühle, Urteile und sich selbst hinwirft und verbraucht wie das übrige und ihnen keine Qualität mehr geben kann. Weil ihn das endlich in tiefster Seele ekelt. Oft habe ich euch gesagt, laßt neben dem rastlosen Nachdenken, wie man von dem gleichen Artikel in derselben Zeit das Doppelte und Vielfache herstellen kann, in allen Betrieben Laboratorien darüber arbeiten, wie gleichzeitig die Materie verbessert würde. Sofie : Man kann nicht mit zwei Prinzipien arbeiten, die einander widersprechen. Wir dringen auf Simplizität, Massen, nicht Maßgeschäft. Alles Besondere ist uns Greuel, da es aufhält. Christian : Das sehe ich, Toren. In den Glaswerken triumphiert die Glühlampe aus schlechtem Glas, zu zehn Millionen gepreßt, und die Qualität der Mikroskope ist zum Gotterbarmen. Ich habe mich stets diesem Drang entgegengestellt. Sofie : Solche Gedanken finde ich im Gegenteil ganz neu an dir: vielleicht schon die Früchte der Kreyschen Lehrsätze und erste Angstzustände. Wer hat Kapitalien gehäuft, monopolisiert und unablässig fusioniert? Wer hat immer neue Millionen aus der Vorstellung gestampft, die jetzt verzinst werden sollen? Womit um Gottes willen? Unsere Generation hat den Industriestaat fertig von euch übernommen und lehnt für seine Basis alle Verantwortlichkeit weit von sich ab. Jedes Rezept habt ihr uns und das Hauptbestandteil aller Rezepte übermacht: Skrupellosigkeit. Wir gründen wie ihr, weit vorsichtiger und geschäftskundiger sogar, ohne freilich irgendwie sehen zu können, wohin das alles geht. Christian : Und ein unglücklicher Krieg? Sofie : Man wird sehen. Ich habe keine Angst. Christian : Nach uns Zusammenbruch! Wir sind reif. Hätte dieser Mann nur ein wenig unsere Kenntnis. Sofie : Es ist immer nur ein wenig, was der Welt zu Erlösungen fehlt. Übrigens sind diese Sentiments an dir erstaunlich. Christian : Ich habe sie nie ganz verloren. Was hat man Besseres in Ermangelung von Gefühlen? Sofie : Willen. Christian : Ist er eisern bewiesen? Klein habe ich angefangen, meine Eltern hatten drei Stuben, Magd, Kanarienvogel. Mich gedrückt habe ich anfangs, geschoben und nachgemacht; ich war Abenteurer und Snob. Schließlich angekommen, ohne Vorurteil. Mit einigen geretteten Sentiments. Sofie : Man sollte meinen, es geht dir schlecht. Christian : Es geht mir schlecht. Ich mache Bilanz und fühle, von menschlichen Empfindungen mehr als von eigenen besessen; möchte es diesem oder einem anderen gelingen, von Grund auf die Zustände zu erschüttern, die wir geschaffen. Sofie : Das ist Konkurs. Wie es falliten Firmen geht – du erlaubst, ich ziehe mich für meine Person und meine Geschäfte entschieden von dir zurück. Christian : Du hast es ganz entschieden schon getan. Was ich aber soeben anvertraut, ist verwandtschaftliches Geheimnis, mehr schon Kunde aus dem Jenseits. Aus Gründen der Repräsentanz fordere ich für mein irdisches Leben, du schenkst den Befehlen des Generalchefs unserer Häuser in Zukunft mehr Aufmerksamkeit als letzthin. Sofie : Es ist unmöglich, vom Krankenzimmer große Entscheidungen sicher zu treffen, wie aus dem Brennpunkt der Betriebe. Christian : Der ist immer noch hier! ( Zeigt seine Stirn .) Wo das kleinste Rad der winzigsten Maschine einst konzipiert und in Gang gesetzt wurde. Dich habe ich als meinen Buchhalter auf den Kontorstuhl gesetzt. Sofie : Auch ich sehe heute in die letzte Verzahnung des Wirtschaftsgetriebes wie du. Mein Lehrlingsstück habe ich abgelegt. Christian : Die Herausgabe von Aktien eines Unternehmens, das arbeitend gar nicht existiert, erst in fünf Jahren zu leben anfängt? Sofie : Ist das ein neuer Gedanke? Christian : Er ist albern, weil so verbrecherisch, daß ihn der Dümmste durchschaut und der Urheber bis ins Mark blamiert sein muß. Sofie ( reicht ihm ein offenes Telegramm ): Das Aktienkapital ist überzeichnet. Christian : Einhundertfünfzig Millionen. In fünf Jahren zu vereinnahmende Zinsen vierzig Millionen Mark Gewinn. Passiva? Sofie : Der Aufsichtsrat hat das Recht, den Aktionären eine Dividende von vier Prozent zu zahlen. Christian ( lacht laut ): Das Recht – ist wundervoll! Sofie : Der Ausdruck ist von mir. Aber die Aktionäre kein Recht, sie zu fordern. ( Lacht .) Christian : Die Tragik solchen Vorgangs sollte Krey für die Welt mit meinen Augen sehen können – und die Komik. Sofie : Was haben die Nörgler unserer Systeme solchen Erfindungen entgegenzusetzen? Christian : Nichts als ein reines Herz, wenn's hoch kommt. Es ist zum Lachen! Also gut gemacht. Die vierzig gestohlenen Millionen gefallen mir. Du bist die Kanaille, für die ich dich halte. Sofie : Danke. Christian : Erscheinen deine Einfälle maßvoll neben den meinen, mag's hingehen. Wie aber wagst du, meine Befehle zu kontrekarieren? Sofie : In der Frage der betreffenden Gewehrlieferung schien mir und anderen meine Auffassung überlegen. Christian : Was dir scheint. – ( Schreit ): Wie darfst du bei Untergebenen die Überzeugung von meiner Unfehlbarkeit schwächen? Sofie : Weil ich die Meinung von der meinen stärken muß, von der meines Gatten will ich sagen. Christian : Dieser Wallach! Sofie : Ich bin schwanger! Christian : Du lügst! Sofie : So wahr mir Gott helfe! Christian : Eine Rasse Beeskow in meinem sauberen Nest? Das kann der Himmel als meinen Lohn nicht wollen! Den Jungen, Ottilie um ihr Erbe bestehlen und von meinem Sessel her, von meinen Gnaden Weisheit orakeln, Täubchen? Gleich sollst du sehen, wie feurig mein Wille noch dagegen arbeitet. Sofie : Die holländische Regierung akzeptiert unsere Lieferung. Christian : Akzeptiert sie? Haben wir den Auftrag? Heraus mit dem Bestätigungstelegramm, Püppchen! Warum zögerst du? Sofie : Es muß jede Stunde eintreffen. Christian : Muß es? Denn wir haben ein bengalisches Streichholz abgebrannt. Hoch Calvin, hoch die Augsburgische Konfession! Göttlich! Aber was macht plötzlich der Papa – was macht denn, Gott verdamm mich, das alte, schon abgetakelte Papachen? ( Er macht ein paar Tanzsprünge .) Sofie : Beherrsch dich! Christian : Daß dir die Leibesfrucht verdorre! Was macht dieses Genie, ( reißt sie an den Armen zu sich her ) dieses wirkliche Genie von Maske Vater? Was erfindet die prachtvolle Kruke schließlich und schlägt die ganze Wallachei und ihr verschmitztes Plänchen platt in den Boden? ( Er dreht sich hüpfend weiter .) Hast du nicht gesehen – er – Sofie ( ist hinausgelaufen ). Christian : Wo bist du, daß ich dich mit meinem Sieg zertrümmere! ( Er stürzt ihr taumelnd nach, hinaus .)   Dritter Auftritt Wilhelm ( erscheint auf der Galerie. Über grauen Unterbeinkleidern trägt er einen alten Überzieher. Er späht über das Geländer und kommt, da er das Zimmer leer findet, nach unten. Er spricht nach oben ): Ich hole nur noch meine Papiere. ( Entnimmt dem Schreibtisch ein Bündel Schriftstücke .) Das ist alles. Wie glücklich der liebe Junge ist, daß ich so eins, zwei, drei mit ihm komme. Aber wer konnte seinem Ansturm länger widerstehen? ( Er geht zur Treppe zurück, summt ): Und meine Seele spannte ... Zugleich tue ich etwas für des Mädchens Phantasie. Der Unbeugsamkeit ihres sittlichen Willens ist noch nicht zu trauen; darum wird meine Flucht heute nacht sie tausendmal mehr in die Vorstellung von mir, in mein Gedächtnis zwingen. Flucht auf der Voraussetzung dessen, was durch Blicke gestanden, zwischen uns schon schwebt, muß ihr romantisch erscheinen, macht ihr mein Heldentum bis zu seiner Erfüllung plausibler als die erhabensten Ideen. ( Er ist ans Fenster getreten; sieht hinauf und hinaus .) Lebewohl! Denn ich kenne die Abgründe zwischen uns besser als du und gehe. Weil ich weiß, du mußt die gesellschaftliche Kluft zu mir erst mit unstillbarer Sehnsucht ausfüllen. Tausendmal wird dich erst noch Stolz in dich und deine Sphäre zurückschnellen, immer wieder muß erst unwiderstehliches Begehren nach dem Unbekannten, Fremden deiner Hirnrinde eingeätzte Vorstellungen besiegen. Wie du selbst nur aufs manierlichste dich bewegst, selbst in Batist und Seide gehst, aus denen du dich jetzt entkleidest – da! Ihr Schatten! Schlaf wohl Ottilie – träume! – Hast du vom Männerauftritt, Männeranzug deine eherne Meinung, und ihr Gegenteil erscheint dir unbegreiflich, qualvoll, lächerlich. ( Er hat sich dem Sofa und den Koffern Eastons genähert und stößt einen derselben mit dem Fuß hervor .) Als ob, hat man die Mittel, es Verdienst wäre, solchen Firlefanz zu tragen. Verdienst nicht, Notwendigkeit denkt sie. ( Er hat einen bunten, sehr eleganten Morgenanzug, aus einem weiten Beinkleid und einem westenähnlichen geärmelten Jackett bestehend, hochgenommen .) So entspricht's deiner Vorstellung. Das wäre auch von meinem Negligé deine Erwartung. In den kühnsten Träumen noch, selbst wo ich als hehrster Held, als reiner Tor erscheine, dieses Höschen, ( lachend hat er sich die Hose übergestreift ) solche Jacke, ( er zieht sie an ) so stehe ich im Spiegel deiner Einbildung. Noch das Kettchen in die Tasche, die Mütze auf und, unbeschadet innerer Eigenschaften, ist erst jetzt das korrekte Klischee des wirklichen Mannes fertig. ( Vor dem Spiegel .) Nicht, daß es übel ist ... ( Summt ): Weit ihre Flügel aus ... Zur breiten Allgemeinheit ist man sofort distanziert. – Die Hemdärmel heraus, wirklich könnte man, das alles mit Kennerschaft besitzend, gerade den Kreisen frei entgegentreten, die man mit Pest und Tod bekämpft. Einen Taschentuchzipfel heraus ...   Vierter Auftritt Christian ( stürzt herein ): Sie läßt sich nicht finden, will mich um die letzte Wollust betrügen. Wo ist sie? Wer ist das? Hört mich, alle herbei! Beleuchtung, Rampe! ( Er schreit ): Aus ist's im Haag mit dem Karfreitagszauber! ( Er packt Wilhelm .) Guter Freund, steht sie da? Halt mich aufrecht – sagte dir doch, du wirst die Glorie noch erleben. Ich reiße den Mund auf ... Ottilie ( tritt auf im Nachtgewand und bleibt auf der Schwelle ). Christian ( auf sie zu ): Da ist sie, die der stolzen Fregatte Wind aus dem Segel nehmen wollte, Sofie, die kenternde Schaluppe. Katholisch – krepiere – tot ist dein Witz, und Holland wendet sich mit Grausen. Siehst du, Doktor, den Bruch in ihrem Auge? Katholisch, allen Zeitungen telegraphieren, wurde Christian Maske A.-G. – – wurde heute katholisch! Lichtstrahl!! ( Er fällt vor der Schwelle tot zu Ottiliens Füßen .) Ottilie ( Aufschrei ): Vater!   Fünfter Auftritt Aus allen Türen kommen des Hauses Insassen in Nachtkostümen. Diener heben schnell den Toten aus dem Zimmer. Es entsteht durch die offene Tür ein lebhaftes Hin und Her aller zwischen dem Raum, in dem man die Leiche geborgen, und der Szene. – Ein Diener erleuchtet die Bühne. Man erkennt jetzt die modisch übertriebene Pracht der Nachtkostüme, insbesondere Philipp Ernsts und des Prinzen Oels, die wie Wilhelm eine Art Turban dazu tragen, und ihre Übereinstimmung in etwa mit dem Anzug Wilhelms. Wilhelm, scheu in eine Ecke des Proszeniums gedrückt, steht, beide Hände vor dem Gesicht, sich in sich selbst verkriechend. Alle Anwesenden drücken einander durch Händedruck und Umarmung ihr Beileid aus . Oels ( zu Philipp Ernst ): Armer Junge! Philipp Ernst : Ein schrecklicher – Wilhelm ( wankt auf die Treppe zu ). Philipp Ernst ( zu ihm ): – furchtbarer Zwischenfall. Danke, danke! ( Reicht ihm die Hände. Mit Oels exit .) Wilhelm ( bleibt vor der Treppe und schluchzt hoch auf ). Ottilie ( steht vor ihm ). Wilhelm ( verbirgt von neuem das Gesicht in Händen ). Ottilie : Ich bin allein. Führe du mich! ( Sie umarmt ihn .)   Sechster Auftritt Friedrich ( erscheint auf der Galerie, den Hut in der Hand. Er eilt die Treppe herunter, steht dicht vor dem Paar ) Ottilie ( löst sich von Wilhelm ). Friedrich ( der jetzt erst Wilhelm erblickt, macht eine Geste des entsetzten Schreckens, und hebt dann die Hand gegen Wilhelm hoch zum Schlag ). Wilhelm ( außer sich ): Höre mich erst! Friedrich ( mißt Ottilie, mißt Wilhelms Anzug mit einem unbeschreiblichen Ausdruck, läßt die Hand sinken und macht eine große, trennende Gebärde ). Wilhelm ( hat das Haupt gesenkt und läuft fluchtartig hinaus ). Ottilie ( folgt, nachdem sie Friedrich hochmütig gemessen ). Friedrich ( setzt den Hut auf ).   Siebenter Auftritt Ein alter Diener tritt auf . Friedrich : Den Ausgang, bitte? Der Diener : Durchs Vestibül – Wollen Herr Doktor nicht bis zum Morgen bleiben? Friedrich : Nein! Der Diener : Darf ich Pferde bestellen? Durch die Nacht ... Friedrich : Ich finde den Weg. Der Diener . Es ist schwarz. Ein Licht? Friedrich : Muß sich finden! Gebe Gott – Leuchte zum großen Ziel. ( Durch die Mitteltür exit .) Diener löscht mit einem Schlag sämtliches Licht, öffnet das Fenster. Es weht vom Winde die Gardine ins Zimmer .   Finis