Theodor Storm Novellen Band 2 Inhalt Im Brauerhause Schweigen »Es waren zwei Königskinder« John Riew' Ein Doppelgänger Die Armesünderglocke Bruchstücke einer eignen Lebensgeschichte Im Brauerhause Es war in einem angesehenen Bürgerhause, wo wir am Abendteetisch in vertrautem Kreise beisammensaßen. Unsere Wirtin, eine Fünfzigerin von frischem Wesen, mit einem Anflug heiterer Derbheit, stammte nicht aus einer hiesigen Familie; sie war in ihrer Jugend als wirtschaftliche Stütze in das elterliche Haus ihres jetzigen Mannes, unseres trefflichen Wirtes, gekommen und hatte in solchem Verhältnisse dort gelebt, bis der einzige Sohn so glücklich gewesen war, sie als seine Ehefrau bleibend festzuhalten. Das Vertrauen, womit des Bräutigams Mutter gleich nach der Hochzeit der Jüngeren ihren eigenen Platz im Hause einräumte, hatte diese nun schon manches Jahr über das Leben ihrer beiden Schwiegereltern hinaus gerechtfertigt. Bei ihrem jetzt den Siebenzigern nahen Ehemann begann schon das Greisenalter seine leise Spur zu ziehen; aber wo ihm eine Kraft versagte, da suchte sie unbemerkt die ihre einzusetzen; wo ihrerseits eine Entsagung nötig oder auch nur erwünscht schien, da blickte sie nur mit um so freundlicheren Augen auf ihren Mann und blieb bei ihm allein, wenn andere dem Vergnügen nachgingen. Der alte Herr selber war nicht von vielen Worten; aber die ruhige Sicherheit einer gegenseitig bewährten Liebe war in diesem Hause allen fühlbar, und alle fühlten sich dort wohl. Am heutigen Abend jedoch wollte das gewohnte Gespräch, worin man sich sonst über Stadt- und Landesangelegenheiten mit Behaglichkeit erging, noch immer nicht in rechten Fluß geraten; denn in einer unserer Nachbarstädte war früh am Morgen etwas Ausnahmsweises und Entsetzliches, es war die Hinrichtung eines Raubmörders dort vollzogen worden, und die Luft schien mit diesem Unterhaltungsstoffe so erfüllt, daß kaum etwas anderes daneben zur Geltung kommen konnte. Hier war nun überdies noch ein abergläubischer Unfug im Gefolge der Exekution gewesen; ein Epileptischer hatte von dem noch rauchenden Blute des Justifizierten trinken und dann zwischen zwei kräftigen Männern laufen müssen, bis er plötzlich, von seinen Krämpfen befallen, zu Boden gestürzt war. Dennoch galt dies Verfahren als ein untrügliches Heilmittel seiner Krankheit. Und noch zu anderen Kuren und sympathetischen Wundern sollten Haare, Blut und Fetzen von der Kleidung des Hingerichteten unter die Leute gekommen sein. An unserem Teetisch erhob sich darüber ein lebhaftes Durcheinanderreden; all diese Dinge wurden gleichzeitig als unzulässig und strafbar, als verabscheuungswürdig und als lächerlich bezeichnet. Nur unsere verehrte, sonst so teilnehmende Wirtin saß plötzlich so still und in sich versunken, daß endlich alle es bemerken mußten. Als wir sie eben darauf ansahen, rief ihre älteste Tochter zu ihr hinüber: »Mutter, du denkst gewiß an Peter Liekdoorns Finger!« »Ja, ja, Peter Liekdoorn!« sagte nun auch der alte Herr; »das ist eine Geschichte! Erzähl sie nur, Mutter; deine Gedanken kommen sonst ja doch nicht davon los; und zu verschweigen ist ja nichts dabei!« »Nein, mein Vater«, sagte die alte Dame; »es ist ja einstens auch genug davon geredet worden.« Dann sah sie uns alle der Reihe nach mit ihren freundlichen Augen an, und als auch wir dann baten, begann sie in ihrer mitteilsamen Weise: »Mein seliger Vater hatte, wie das Ihnen allen wohlbekannt ist, eine Brauerei; keine bayerische, wie sie heutzutage sind; es wurde nur Gutbier und Dünnbier gebraut; aber beides war gut für den Durst und nicht so gallenbitter wie das jetzige, das nicht einmal zu einer Biersuppe zu gebrauchen ist.« Wir lachten, und sie lachte herzlich mit uns. »Das Geschäft«, fuhr sie dann fort, »war noch von Großvaters Zeiten her und lange das einzige am Ort gewesen; im Jahre meiner Konfirmation aber wurde von einem reichen Bäcker noch ein zweites etabliert. Wenn man hinten aus unserem Brauhause auf den Weg hinaustrat, konnte man am Nordende der Stadt das neue rote Dach über den Gartenbäumen scheinen sehen; und ich glaube freilich nicht, daß mein Vater, und noch viel weniger, daß unser alter Brauknecht Lorenz es eben mit Vergnügen sah; aber unser Bier hatte doch seinen alten Ruf, und die Kundschaft blieb groß genug, daß wir alle satt hatten und mein Vater jedem zahlen konnte, was er schuldig war. Da, nicht lange nachher, geschah es, daß auch bei uns ein ganz abscheulicher Kerl hingerichtet wurde. Wie er eigentlich hieß, weiß ich nicht einmal; aber die Leute nannten ihn ›Peter Liekdoorn‹; denn er hatte nichts gelernt und suchte sich deshalb als Hühneraugen-Operateur durchzuhelfen. Nun, ich hätte den Kerl nicht an meinen Hühneraugen haben mögen! – Da er viel Branntwein trank und wenig in der Tasche hatte, so brachte er seine eigene fast neunzigjährige Tante ums Leben, von der er wußte, daß sie einen Strumpfsocken mit Banktalern in ihrem Bettstroh aufbewahrte; aber bevor er noch einen davon ins Wirtshaus tragen konnte, so hatten sie ihn schon fest und auf der Fronerei; und endlich war denn auch sein Prozeß zu Ende; er sollte draußen auf dem Galgenberg enthauptet und dann sein Körper auf das Rad geflochten werden. Und das war wohlverdient; denn die alte Tante hatte den Bengel, der eine Waise war, vor Jahren mit Not und Hunger aufgezogen, und die Banktaler hatte sie sich zum ehrlichen Begräbnis aufgespart. Wie ich schon sagte, hatten wir derzeit noch unseren alten Brauknecht Lorenz, der wie das Geschäft selbst auch noch von meinem Großvater stammte; eine treue, fromme Seele! Über sein Wandbett hatte er sich mit Kreide den halb plattdeutschen Spruch geschrieben: »Lorenz Hansen is mein Nam; Gott hilf, daß ich in'n Himmel kam!« Und so oft auch die Magd ihn am Sonnabend mit der Seifenbürste wegwusch, er malte ihn am Sonntag immer geduldig wieder hin. Uns Kindern, wenn wir abends in der Brauerei am großen Steinbottich bei ihm saßen, wußte er Geschichten zu erzählen, daß wir zuletzt vor Gruseln ihm alle auf den Schoß gekrochen waren, und wie das heutzutage kein Mensch mehr so versteht. Das war nun gut; aber warum er solche Geschichten so erzählen konnte, das war nun nicht so gut! Er glaubte nämlich selber an all das dumme Zeug, womit er uns traktierte. Am Paaschabend, wenn er sein Dutzend Ostereier ausgelöffelt hatte, schlug er sorgsam alle Schalen entzwei; sonst, sagte er, könnten die Hexen darin nisten; beim Bierbrauen legte er allemal ein Kreuz von Holz über den Gärkübel, so konnte keiner den Gest (Hefe) rauben, und das Bier konnte nicht verrufen werden. Meiner Mutter, die uns auch oft beim Geschichtenerzählen auseinanderjagte, war all so etwas in den Tod zuwider; sie schalt ihn oft darüber und auch auf meinen Vater, daß er solche Narrenspossen unter seinem Dache leide. Aber unser Vater war eben, wie wir auf plattdeutsch sagen, ein ›liedsamer‹, ein gelassener Mann; er strich schmunzelnd seiner kleinen lebhaften Frau mit der Hand übers Gesicht und sagte: »Mutter, laß mir den alten Lorenz; so einen Brauknecht gibt es keinen zweiten; er meint's gut, und es schadet keinem.« Damit war meine kleine Mutter allemal fertig, zumal wenn sie noch einen Kuß dazubekam; aber recht hatte er darum doch nicht; denn dumm ist dumm, und es sollte niemand sagen, daß die Dummheit keinen Schaden tue. Als es nun so weit war, daß tags darauf der Mörder Peter Liekdoorn sich durch Hingabe seines irdischen Leibes mit seinem Gott versöhnen sollte, hatte unser Lorenz es sich von dem Bürgermeister und seinem Brotherrn ausgebeten, daß er dem armen Sünder in seiner letzten Nacht Gesellschaft leisten durfte; denn sie waren Nachbarskinder gewesen, und in der Schule hatte Lorenz ihm oft die eine Hälfte von seinem Butterbrot gegeben, und Peter Liekdoorn hatte sich dann die andre noch dazugestohlen. Aber als nun der gute Lorenz mit ihm beten und seiner armen Seele beistehen wollte, trieb der schändliche Bösewicht nur Possen und Eulenspiegeleien. Herr Amtsrichter«, fuhr die Erzählerin fort, sich voll nachträglicher Entrüstung zu mir wendend – »man mag es ja kaum erzählen! ›Juckst du noch‹, hatte er zu seinem Kopf gesagt, indem er sich in seinen dünnen Haaren kratzte. ›Und morgen sollst du schon herunter?‹ Der alte Lorenz hat das nie vergessen können. Der Richtplatz auf dem Galgenberg war so nahe bei der Stadt, daß man von unserem obersten Brauhausboden alles deutlich hätte mit ansehen können; aber während die halbe Stadt hinausgezogen war, steckte ich in dem dunkelsten Verschlage unter der Bodentreppe; denn ich hatte trotz meiner sechzehn Jahre die dumme Idee, daß ich es sonst überall im Hause hören müßte, wenn dem Bösewicht der Kopf herabgeschlagen würde. Erst als meine Mutter anklopfte und rief: »Es ist vorbei; sie kommen alle schon zurück!« kroch ich wieder an das Tageslicht. Ich hör es noch vor meinen Ohren, wie es in dicken Haufen draußen auf der Gasse vorbeizog, und ein Gemurmel und ein Summen als wie in einem Immenschwarm. Und das Gerede kam auch noch in Wochen nicht zur Ruh; denn draußen auf dem Richtplatz hart an der Landstraße lag ja Peter Liekdoorns Körper auf das Rad geflochten. Wenn meine beiden jüngeren Geschwister aus der Schule kamen, warfen sie die Bücher hin und liefen auf den Brauhausboden; dann kamen sie mit großen Augen wieder in die Stube; bald hatte meine Schwester zwei Raben auf dem Rade sitzen sehen, bald hatte mein Bruder ganz deutlich wahrgenommen, wie der auf dem Pfahle steckende Kopf mit den dünnen Haaren vom Wind herumgekreiselt war, bis zuletzt mein guter Vater ein Schloß vor die Bodenluke legte und einen Trumpf darauf setzte, es solle von diesen abscheulichen Dingen fürderhin kein Wort im Hause mehr gesprochen werden.« Die Erzählerin nahm ein Schlückchen aus ihrer Tasse und fuhr dann fort: »Nicht lange nachher saßen wir – ich weiß noch, es war an einem Sonntag – bei unserer Abendmahlzeit. Da es Reisbrei mit Kaneel und Zucker gab, so hatte ich auch noch unseren Nachbar Ivers dazuholen müssen, dessen Leibgericht das war. Wir hatten uns schon alle zu Tisch gesetzt; auch Lorenz und die Magd; allein mein Bruder fehlte noch. Mein Vater sah sich eben recht verdrießlich nach ihm um, als erst die Haustür und dann die Tür zur Stube aufgerissen wurde und der Junge mit einer Fahrt hereingestürzt kam. »Mein Gott, Christian«, rief meine Mutter, »weshalb kommst du nicht zu rechter Zeit? Du weißt doch, daß dein Vater das nicht leiden kann!« »Ja«, sagte er; »aber die Jungens sind alle auf dem Markt zusammengelaufen!« – »Die Jungens? Was haben die des Abends auf dem Markt zu tun?« »Nichts«, sagte Christian; »sie sprechen nur miteinander.« »Nun, so sprich du auch jetzt!« sagte mein Vater. »Laß ihn reden, Mutter!« Aber der Junge schwieg und sah seinem Vater starr ins Angesicht. »Christian, so sprich doch, Christian!« rief meine Mutter. »Ich darf ja nicht«, entgegnete er; »Vater hat ja gesagt, er wolle von dem dummen Zeug nun nichts mehr hören.« »Nachbar«, sagte der alte Ivers, der ein Junggeselle und sehr neugierig war, »so lassen Sie den Jungen doch seine Geschichte von sich tun!« Mein Vater klopfte den Alten mit seinem schelmischen Lachen auf die Schulter. »Nun, Christian, so schieß denn los; du sollst doch Nachbar Ivers nicht die Nachtruh vorenthalten!« »Ja«, sagte der Junge; aber er sah sich erst mal um, ob doch auch alle andern hörten; »es ist ganz gewiß, sie haben Peter Liekdoorn seinen einen Finger weggestohlen!« – »Wer hat euch das gesagt?« »Das hat Ratsdieners Ferdinand uns selbst erzählt.« »Ei was! Der Fuchs wird ihn geholt haben«, sagte mein Vater; »wer sollte denn dergleichen stehlen!« – »Nein, nein, Vater; das Rad ist viel zu hoch, da können die Füchse nicht daran!« Der alte Ivers hatte schweigend zugehört. »Sag mir einmal, mein Jüngelchen«, begann er jetzt, »was ist's denn eigentlich für ein Finger?« – »Wie meinst du das, Nachbar Ivers?« »Nun, ich meine, ist's der kleine Finger oder der Goldfinger oder –« »Nein, nein; es ist der Daumen!« unterbrach ihn Christian; »ich weiß aber nicht, von welcher Hand.« »So«, sagte Ivers, »der Daumen! Das hatte ich mir gedacht. Er braucht eigentlich nur von einem Dieb zu sein; aber besser ist gewißlich immer besser; nein, den Daumen hat sich nicht der Fuchs geholt, den können ganz andere Leute noch gebrauchen! Da fragt nur Euren Lorenz, wenn Ihr's nicht selber wißt!« Aber Lorenz sah auf seinen Teller und aß schweigsam seinen Reisbrei. »So erzählt es doch nur, Nachbar!« sagte meine Mutter, denn sie wollte nicht, daß er den alten Lorenz necken sollte. »Kann leicht geschehen, Frau Nachbarn«, erwiderte er; »aber wißt Ihr das denn nicht? Wer solch einen Finger unter seinem Drümpel eingegraben hat, dem strömt die Kundschaft in das Haus hinein! – Nun«, setzte er gutmütig hinzu, »hier, Gott sei Dank, sind solche Künste nicht vonnöten!« »Das walte Gott!« sprach meine Mutter leise und klopfte unter den Tisch, um die üble Berufung abzuwenden. Denn solche Dinge zählte sie nicht zum Aberglauben, und sie konnte ganz böse werden, wenn man ihr da widerstritt; dagegen wußte sie wohl, daß das großväterliche Vermögen in viele Teile gegangen und die Brauerei derzeit mit schweren Schulden von ihrem Manne übernommen war. Mein Vater war ganz ernst geworden. »Setz dich, Christian«, sagte er zu dem Jungen, der noch immer auf der Diele herumstand, »und mach, daß du mit deinem Reisbrei fertig wirst!« Ich weiß noch wohl, unsere Mahlzeit ging ganz still zu Ende.«   Nachdem auf Befragen einer mitteldeutschen Anverwandten noch erklärt war, daß unter dem plattdeutschen Worte »Drümpel« eine Türschwelle zu verstehen sei, begann die Erzählerin wieder: »Man hätte glauben sollen, daß wir nun endlich mit Peter Liekdoorn fertig gewesen wären; aber, leider Gottes, das alles war nur erst der Anfang. Es war im Juli und ungewöhnlich heiß; die Ernte hatte schon begonnen. Von den umliegenden Dörfern kam ein Wagen nach dem andern hinten vor unserem Brauhaus angefahren, um Gut- und Dünnbier für Herrschaft und Leute abzuholen, und nicht nur viertel und halbe, sondern fast immer ganze Tonnen wurden aufgeladen. Mein Vater und unser alter Lorenz arbeiteten in hellem Schweiße, aber mit vergnügten Angesichtern. In unserer hohen kühlen Außendiele, unter dem Fenster, lagen zwei Fässer für den Hausverkauf; ich habe manches Maß voll da herausgezapft, denn seit meiner Konfirmation hatte ich das zu besorgen. Aber jetzt ließ es mich in Wahrheit kaum zu Atem kommen; ich merkte wohl, auch die Leute in der Stadt hatten bei der grausamen Hitze einen schönen Durst; Kopf an Kopf stand es oft um mich herum, und mit all den Krügen und Kannen, die sie gegen mich streckten, trieben sie mich eines Tages so in die Enge, daß ich erst auf einen Tritt und dann oben auf die Fensterbank mich retirieren und von dort aus eine ordentliche Rede halten mußte, bevor ich nur wieder zu meinem Faß hinunterkonnte.« Die Erzählerin sah uns an und nickte. »Ja«, sagte sie, »es mag wunderlich ausgesehen haben; aber ich war damals auch noch eine flinke, leichte Dirne! Und was war das für eine Freude, wenn ich so mittags und abends zwei schwere blanke Hände voll vor meinem Vater auf den Tisch schütten konnte! Ich weiß noch, morgens, bevor die Zeit herangekommen war, wie ich in der Stube am Fenster stand und es nicht erwarten konnte, bis ich den ersten mit Krug oder Blechgemäß unserm Haus zusteuern sah. So stand ich auch eines Vormittags und konnte nicht begreifen, daß das lustige Geldeinnehmen noch immer nicht in Gang kommen wollte; denn es war schon über zehn, und im Flur draußen von unserer Hausuhr schlug es erst ein Viertel, dann halb; aber es kam noch immer niemand. Endlich ging ich hinaus und vor die Haustür; da kamen zwei arme Kinder mit ihren kleinen Töpfen, dann hintereinander noch ein paar andere Leute von dem äußersten Ende der Stadt, und als ich die abgefertigt hatte, schlug die Uhr zu meinem großen Schrecken elf; denn ich wußte nun, daß die Verkaufszeit für diesen Vormittag so gut als wie vorüber sei. Ich hatte endlich nur ein paar armselige Schillinge, die ich mittags vor meinem Vater hinlegen konnte. »Was ist das, Nane?« sagte er. »Weshalb gibst du mir nicht alles?« »Das ist alles, Vater.« – »Alles? Das ist ja sonderbar.« Weiter sagte er nichts. Aber auch am Nachmittage und den zweiten und die folgenden Tage blieb es ebenso; ja selbst die Wagen von den Dörfern kamen immer weniger, und aus einem großen Dorfe, wo wir sonst die beste Kundschaft hatten, blieben sie völlig weg. »Lorenz«, hörte ich einmal, da ich über den Hof ging, unsern Vater fragen, »wann hat Marx Sievers zum letztenmal geholt?« »Ich denke, Herr, die andre Woche geht eben heut zu Ende.« »Bei der grausamen Hitze? – Lorenz«, und an meines Vaters Stimme hörte ich, wie er voll Angst und Sorge war; »was ist passiert, Lorenz? Wir haben nimmer besser Bier gehabt!« »Weiß nicht, Herr!« erwiderte der Alte düster. Ich mochte nicht stehenbleiben und hören, was sie weitersprachen; aber ich wußte wohl, Marx Sievers war der größte Bauer in jenem Dorfe, und wie jetzt, in der Ernte, pflegte sein Fuhrwerk sonst fast jeden dritten Tag zu kommen. In der nächsten Zeit wurden die Darre und die Braupfannen auf das sorgfältigste nachgesehen und gereinigt; mein Vater untersuchte jeden Sack mit Hopfen, ob auch irgendwo eine Verstockung sich eingenistet habe; aber er kam stets kopfschüttelnd von solchem Tun zurück; es war nichts zu finden, was nicht in der Ordnung war. Wir gingen alle wie verstört umher; denn jeder wußte, die Erntezeit sollte den Hauptverdienst des ganzen Jahres bringen; und die paar guten Tage, die so schnell vorübergegangen waren, konnten dabei nichts verschlagen. Bei den Mahlzeiten wurde jetzt kein Wort gesprochen, die Augen unserer Mutter gingen angstvoll nach ihres Mannes Angesicht, während sie uns schweigend zuteilte. Der alte Lorenz aber war plötzlich ein ganz wunderlicher träger Mensch geworden; nicht, weil er keine Geschichten mehr erzählte, denn wer hätte Lust gehabt, die jetzt zu hören! Sogar die Kinder nicht! Aber, was nimmer noch passiert war, zu zweien Malen, als ich ihn zum Mittagessen rufen wollte, fand ich ihn bei hellichtem Tage hinter einem Braufaß eingeschlafen. Und da ich ihn weckte, sagte er nur: »Danke, Nane, danke!« Als ob das ganz so in der Ordnung wäre. Mir aber war das ganz unheimlich, denn der alte Lorenz war ja fast die halbe Brauerei. Da, eines Sonntagmorgens, kam mein Bruder Christian wieder einmal mit solcher Fahrt hereingestürzt, wie er es allemal tat, wenn er was Besonderes zu verkünden hatte. Aber, Gott bewahre, wie sah der Junge in seinen Sonntagskleidern aus! Das ganze Gesicht voll Blut; das eine Auge dick verschwollen! »Wo kommst du her?« rief mein Vater. »Bist du in dem Krieg gewesen?« »Nein«, sagte der Junge; »wir haben uns nur geprügelt.« »Schon wieder einmal? Und das am heiligen Sonntag? Was ist denn heute wieder los gewesen?« »Ja, Vater«, sagte Christian und wischte sich erst mit dem Ärmel das Blut von seiner Backe; »sie haben schon mehrmals so gelogen, ich hab es euch nur nicht erzählen mögen; die Jungens sagen, Peter Liekdoorns Finger ist in unserm Bier gewesen!« Meine Mutter schrie laut auf; mein Vater war nur totenbleich geworden. »Darum also!« sagte er leise. In diesem Augenblick wurde angeklopft, und Nachbar Ivers trat herein, der lang nicht dagewesen war. »Nun, Ivers!« sagte mein Vater, »kommt Ihr auch einmal? Ihr wagt's ja auch nicht mehr, von unserem Bier zu trinken!« »Hm!« machte der Alte und sah meinen Vater mit seinen klugen Augen an. »Aber um Christi willen, was ist mit dem Jungen da passiert!« – »Ja, was ist mit ihm passiert! Erzähl's nur selber, Christian, warum du dich geschlagen hast.« »Ja, Nachbar Ivers«, sagte Christian, »die Jungens sagen alle, Peter Liekdoorns Finger ist in unserem Bier gewesen!« – »Hm – so, mein Jüngelchen! Und da hast du mit allen dich deshalb geschlagen?« »Nein, nicht mit allen; nur mit ein Stücker viere, aber tüchtig!« Der Alte sah ihm in sein verschwollenes Angesicht und nickte. »Aber es nützt nur nicht viel, Christian, und wenn du es auch mit allen fertiggebracht hättest. – Nachbar Ohrtmann«, wandte er sich dann zu meinem Vater, »ich komme just um dessenwillen zu Euch; ich möcht Euch raten, nehmt Eueren alten Lorenz einmal tüchtig ins Gebet! Ihr wisset wohl nicht, weshalb er mit seinem alten Kameraden durchaus die Henkersnacht hat teilen wollen?« »Ei freilich!« rief meine Mutter; »er hat ihm für die gestohlenen Butterbröte die himmlische Wegzehrung wollen bereiten helfen!« »Das nebenbei, Frau Nachbarn«, sagte Ivers, »vor allem aber hat er ihm noch bei lebendigem Leibe seinen Daumen abgekauft; die alten Weiber in der Stadt erzählen sich das ganz genau.« »Habt Ihr nichts anderes zu berichten, Ivers, als dies dumme Zeug?« frug mein Vater. »Nein, Nachbar Ohrtmann; aber vergesset nicht, den Alten quält die neue Brauerei, wenn sich das Bier mit Eurem gleich nicht messen kann; und dann – der Finger war ja hinterher auch ohne Kauf zu haben! Nach der Hexenweisheit war es zwar genug, ihn unterm Drümpel einzugraben, aber besser ist gewißlich immer besser; und so wird er denn gleich in den Braukessel selbst hineingekommen sein.« Mein Vater schüttelte den Kopf. »Ihr wollt mich doch nicht glauben machen, daß unser alter Lorenz sich den Finger von dem Hochgericht geholt habe?« »Das will ich allerdings, Nachbar! Wißt Ihr, beim Reisbrei damals, als er nicht Antwort geben wollte, da ich von der Sache anfing?« »Ei, Ivers; Lorenz ist nicht gewöhnt, an seiner Herrschaft Tische mitzureden; und überdies, er fühlte wohl, daß Ihr ihn necken wolltet.« »Mag sein«, versetzte Ivers; »aber was hat er bei nachtschlafender Zeit da draußen an dem Galgenberg herumzukriechen?« »Was sagt Ihr, Nachbar?« rief meine Mutter. »Ich sag nur«, erwiderte er, »was die Hebamme Clasen mir selbst erzählt hat; vorgestern nach Mitternacht, als sie dort vorbeigefahren, hat sie etwas von oben den Galgenberg hinunterlaufen sehen, und da sie ihre Laterne, die sie bei sich hatte, darauf hingewandt hat, ist die Gestalt in einen Busch gesprungen; aber an den großen blanken Knöpfen auf der Jacke, die sonst kein Mensch hier trägt, hat sie genug erkennen können, wer der Mann gewesen ist. Und auch noch andere wollen ihn dort des Nachts gesehen haben.« Ich war sehr erschrocken, als der Nachbar das erzählte; denn ich sah, was ich keinem verraten hatte, den alten Lorenz wieder bei hellem Tage zwischen seinen Fässern schlafen. »Aber Ivers«, sagte mein Vater; »das Unheil, wenn denn Lorenz es sollte angestiftet haben, war ja schon geschehen; was konnte er jetzt noch auf der Richtstatt suchen wollen!« »Nun, Nachbar«, – und der alte Junggesell steckte sein Schalksgesicht auf, was er mitunter bei den traurigsten Geschichten nicht unterlassen konnte – »Peter Liekdoorn hat doch jedenfalls noch einen Daumen mehr gehabt; vielleicht sollte der nun unter den Drümpel, da der andere so sichtlich den verkehrten Weg gegangen war! Aber er ist nur nicht so leicht zu haben; denn auf dem Rade soll bei Nachtzeit etwas sitzen, das einen Christenmenschen nicht heranläßt!« Mein Bruder Christian blinkte mich aus seinen dicken Augen an. »Wärst du bang, Nane?« blies er mir durch die hohle Hand ins Ohr. »Ich nicht!« Unser Vater hatte am Tisch gesessen, den Kopf schwer auf seinen Arm gestützt. Nun stand er auf und sagte: »Der Spaß will diesmal nichts verschlagen, Nachbar Ivers. Aber, wenn Ihr's nicht ungut nehmen wollt, so lasset uns jetzt allein; denn ich möchte gleich jetzt mit meinem Lorenz reden!« An dem sauersüßen Gesicht, das der alte Junggeselle machte, sah man wohl, wie bitterlich gern er dageblieben wäre; aber er verabschiedete sich denn doch mit guter Manier, und gleich darauf wurde ich ins Brauhaus geschickt, um unseren alten Knecht hereinzurufen. »Lorenz«, sagte mein Vater, als wir zusammen in die Stube getreten waren, »du siehst uns hier alle ratlos beieinandersitzen; der Finger des Mörders soll in unserem Bier gefunden sein!« Der Alte fuhr sichtlich zusammen. »Herr«, sagte er traurig, »so wissen Sie das auch schon?« »Ich habe es eben erst erfahren; aber du, wenn du es wußtest, weshalb hast du es mir verschwiegen?« »Ja, Herr, ich seh nun wohl, daß ich zu dumm gewesen bin; ich dachte mir, ich wollte es allein herausbekommen.« »Aber man meint, du selber wärst es, der sich den Finger geholt hat; du hättest, um die Kundschaft unserem Hause zu bewahren, eine Sympathie damit gemacht!« Als mein Vater das gesprochen hatte, stand der alte Lorenz auf einmal wie ein Soldat, beide Arme glatt am Leibe herunter. »Herr!« rief er, »alles für meine Herrschaft; aber wir sollen Gott fürchten und lieben, auf daß wir bei seinem Namen nicht zaubern, lügen oder trügen! So etwas ist keine Sympathie; das tun nur Menschen ohne Christentum, und mit Hülfe dessen, den ich hier nicht nennen will!« »Nun, Lorenz, dann ist es ja gewißlich nicht deine Sache; aber man will dich mehrmals in der Nacht am Galgenberg gesehen haben!« »Ja, Herr, das ist es eben, und es war dunkel genug; aber die alte Hebamme kutschierte da vorbei, mit ihrer großen Leuchte in der Hand!« »Um Christi willen!« rief meine Mutter; »so ist Er wirklich da gewesen?« »Die Frau soll nicht erschrecken«, erwiderte Lorenz, »ich dachte nur, wer sich den einen Daumen holte, der kann sich auch den andern holen; und von gar so weit mag er auch wohl nicht gekommen sein! Denn – so klug bin ich doch – es ist diesmal kein Zauberwerk, sondern ein Schabernack gegen uns gewesen; aber die da« – und er erhob die Faust und zeigte drohend nach der Gegend, wo die neue Brauerei gelegen war – »sie sollen keinen Segen davon haben!«   »Lorenz, Lorenz!« rief mein Vater, »sprich nicht so in deinem blinden Hasse, den du nicht einmal für dich, sondern nur um unseretwillen hegest! Wir sorgen jeder für unser Brot; und am Ende ist gar alles nur ein leer Gerede!« Aber Lorenz schüttelte den Kopf. »Sie wissen, Herr, ich geh nicht gern hinten aus unserer Brauhaustür, seit einem da das rote Dach so in die Augen scheint; aber gestern hatte unser Pikas sich von der Kette losgerissen. Als ich eben auf den Weg hinaustrete, seh ich Marx Sievers seinen Ältesten mit zwei Tonnen auf dem Wagen von dort oben herunterkommen. ›Na, Hans‹, sag ich, als er näher kommt, ›du holst dir auch wohl dein Bier jetzt von dem neuen Brauer?‹ – ›Ja‹, sagt er, ›Lorenz, das tu ich.‹ – ›Und warum‹, frag ich, ›tust du das? Seit deines Großvaters Zeiten habt ihr euer Bier doch immer nur bei uns geholt.‹ – ›Ja‹, antwortet er und schlägt schon wieder auf seine Pferde; ›dazumal lebte auch Peter Liekdoorn noch, und wir hatten noch keinen Finger in unserm Bier gefunden!‹ Und damit war er schon in vollem Trab davongefahren.« Unser Vater sah voll Bekümmernis auf seinen alten Knecht. Als dieser schwieg, sagte er leise: »Dann stehe Gott uns bei; denn Marx Sievers und seine Söhne sind wahrhaftige Leute!« Meine Mutter hatte seine Hand ergriffen; aber er entzog sie ihr und ging unruhig in der Stube auf und ab. Als jedoch Lorenz Miene machte, sacht hinauszugehen, zog er seine Uhr und sagte: »Das hat uns auch um Gottes Wort gebracht; es ist zu spät, um nun noch in die Kirche zu gehen. Spann den Braunen vor die Karriole, Lorenz! Ich will gleich selber mit Marx Sievers sprechen.« – – So fuhren sie denn hinaus; und mein Vater hat es uns damals und auch später oft genug erzählt! »Unterweges«, sagte er, »nahm ich Lorenz Zügel und Peitsche aus der Hand, weil er mir immer noch zu langsam fuhr; aber mit unserer Ungeduld ist nichts getan!« Als sie endlich vor Marx Sievers' großem Haustor hielten und dann mein Vater in die weite Loodiele trat, war dort alles tot und still und keine Menschenseele sichtbar. Nach einer Weile kam eine Magd. »Sie sind noch alle in der Kirche«, sagte sie, »des Pastors Sohn, der Student, predigt; aber es muß bald aus sein.« – »So will ich warten«, sagte mein Vater und ließ sich die Tür zur Wohnstube öffnen. Aber der junge Gottesmann mußte einen weiten Weg genommen haben bis zum heiligen Vaterunser. Draußen saß Lorenz auf der Karriole und klatschte dann und wann mit seiner Peitsche; drinnen stand mein Vater und studierte die Glasmalerei auf den alten Fensterscheiben, welche die Belagerung Tönnings durch den General Steenbock darstellte. »Wohl hundertmal«, sagte er, »hatte ich schon die schwedischen Soldaten gezählt, ohne was dabei zu denken, oder doch nur, um wieviel leichter es sein müßte, in diesem gelben Kriegshaufen mitzufechten, als eine Reise zu tun, wie ich sie heute tun mußte.« Endlich aber war es draußen auf der Loodiele lebendig geworden ; nach ein paar mit der Magd gewechselten Worten trat der Bauer mit seinem ältesten Sohn ins Zimmer. Den Gruß meines Vaters erwiderte er kurz und trocken und ging erst an den Türhaken, um seinen Hut daran zu hängen; dann stemmte er beide Fäuste mit den Knöcheln auf den Tisch und sagte: »Ihr Fuhrwerk, Herr Ohrtmann, war ich am mindsten vor meiner Tür vermuten gewesen; aber Sie kommen wohl, um sich das Geld für Ihre letzte Tonne Bier zu holen?« Und bevor mein Vater ihm darauf antworten konnte, fuhr er fort: »Bin ich Ihnen auch nur einmal einen Sechsling in der Schuld geblieben? Ich denk doch nicht! Aber diese letzte Tonne« – und dabei schlug er heftig auf den Tisch – »die bleib ich schuldig bis in alle Ewigkeit! Und wollen Sie mir was, so zitieren Sie mich vor meinen Landvogt; hier bin ich nicht für Sie zu sprechen!« »So hört doch«, rief mein Vater; »ich will kein Geld von Euch; um dessenwillen bin ich nicht gekommen!« »So«, sagte der Bauer; »was wollen Sie denn?« – »Ihr hättet's Euch wohl denken können, Sievers; die Leute reden ja, Ihr hättet was in meinem Bier gefunden, was nicht in der Ordnung ist!« Der Bauer lachte. »Nicht in der Ordnung? Nein, bei dem Teufel! So was ist nicht in der Ordnung!« »Es soll der Daumen von dem Hingerichteten gewesen sein«, fuhr mein Vater fort; »und ich wollte Euch nur bitten, mich das sehen zu lassen, was Ihr gefunden habt.« »Die Leute reden nicht umsonst«, sagte der Bauer; »das Ding ist drin im Hahn gesessen; meine Nachbarn haben beide das gesehen.« »Nun, so zeigt es jetzt auch mir!« »Da hätten Sie früher kommen sollen; ich weiß nicht, wo das Ding geblieben ist!« »Sievers!« rief mein Vater, »so sucht oder lasset suchen; das ist Eure Schuldigkeit! Denn dieser Finger steht als ein Kläger wider mich auf und drohet, mich zum armen Mann zu machen; er muß mir Rede stehen, wie er in mein Gebräu gekommen ist!« Aber der Bauer sagte: »Das ist Ihre Sache, Herr Ohrtmann; ich laß mein Bier bei einem anderen holen, und damit hopp und holla!« Mein Vater besann sich ein paar Augenblicke, während Marx Sievers seine Pfeife vom Haken nahm und aus dem zinnernen Tabakskasten stopfte. Als er schon angezündet hatte und die Rauchwolken trotzig vor sich hin blies, begann mein Vater wieder: »Ich hab doch recht vernommen, Sievers? Ihr wollt mir diese letzte Tonne nicht bezahlen?« – »Ganz recht, Herr Ohrtmann; ich denk, ich hab das deutlich genug gesagt!« »Nun, ich verlange das auch nicht; aber wenn Ihr mein Bier nicht bezahlt, so gehört mir auch der Finger, der darin gewesen ist!« Der Bauer stutzte; aber nicht lange, so zog er seinen vollen Lederbeutel aus der Tasche und zählte das Geld für die Tonne Bier in blanken Banktalern vor meinem Vater auf den Tisch. »Nun ist der Finger mein«, sagte er, »und ich tu damit nach meinem Dünken.« Es wäre wohl umsonst gewesen, daß mein Vater das Geld zurückschob, wenn nicht der Sohn sich jetzt hineingemischt hätte. »Vater«, sagte er, »soll ich den Finger holen? Ich mein', er liegt in unserm Nagelkasten.« Der Alte brummte etwas in den Bart; aber der Sohn ging hinaus und kam bald darauf mit einem Kasten voll alten Eisenzeuges wieder in die Stube. Als er darin umherkramte, gewahrte mein Vater ein gelblichgraues Ding, das er nicht anders als für den Daumen eines Menschen anerkennen konnte; zwar schien er dick mit Gest oder, wie es auf hochdeutsch heißt, mit Hefe überzogen; aber auch die Form des Nagels war noch deutlich sichtbar. »Und das hier«, frug er den Bauern, »habt Ihr in meinem Bier gefunden?« »Ich sagte es schon«, versetzte dieser; »als wir das letzte aus der Tonne zapfen wollten, da hat's den Hahn verstopft.« »Nun, Marx Sievers, Ihr könnt wohl denken, daß ich mir dies Unheil nicht selber angerichtet habe! Ihr seid sonst als ein gerechter Mann bekannt, so bitt ich Euch, fahrt jetzt gleich mit mir zum Bürgermeister und gebt da Zeugnis, wo und wann Ihr dieses Ding gefunden habt; denn jeder neue Tag ist mir zu Spott und Schaden!« Der Bauer hatte sich breit in seinen Lehnstuhl niedergelassen. »Ins Gericht, Herr Ohrtmann? Zum Bürgermeister? – Ja, wenn meine eigene Obrigkeit mir das befiehlt; sonst nicht. Ich habe Spott und Schaden auch in meinem Haus; meine Frau ist heut noch krank vor lauter Abscheu!« Mein Vater mußte sich das alles bieten lassen; denn der Finger lag leibhaftig vor ihm, und die Sievers waren als wahrhaftige Leute überall bekannt; er stand, wie er selber sagte, da als ein geschlagener Mann. Endlich wurde dennoch ein Abkommen getroffen; der Sohn durfte das unheimliche Ding in eine Schachtel packen und damit und mit meinem Vater in die Stadt zum Bürgermeister fahren. – – Daß dies geschehen war, aber von Weiterem auch nichts, erfuhren wir zu Hause schon durch Lorenz, der zu Fuße wieder ankam, während wir noch immer mit dem Mittag warteten und vor Angst und Spannung nicht wußten, wie wir unsere Zeit verbringen sollten. Endlich kam unser Vater, und ich sah, wie seine Hand zitterte, als er die unserer Mutter drückte und lange in der seinen hielt. »Übermorgen«, sagte er, »soll ich wieder zum Bürgermeister kommen. Wenn es doch erst übermorgen wäre!« Als er sich dann nicht an den gedeckten Tisch, sondern an dem kalten Ofen in den Lehnstuhl gesetzt hatte, standen wir alle um ihn her, bis er endlich zu erzählen anhub. – In dem Studierzimmer des Bürgermeisters, als er mit dem jungen Sievers dorthin kam, war eben der alte lustige Apotheker Hennings zugegen gewesen. Der hatte geraten, den Finger erst ein paar Tage in Spiritus zu setzen, damit sich der Überzug von Hefe löse, und dann gründlich untersucht werden könne, ob er zu der Hand des Hingerichteten gehöre oder nicht. Nach der Zustimmung des Bürgermeisters war er selbst nebenan in seine Apotheke gelaufen und bald mit einem vollen Glashafen zurückgekommen. Sehr genau hatte er hierauf den Finger besehen, dann gerieben und geschabt und ihn um und um gewandt. »Aber ein wunderlicher Kauz«, sagte mein Vater, »ist der alte Hennings doch; denn er schmunzelte dabei, als ob er einen Allerweltsspaß in den Händen drehe!« – »Man sollte kaum meinen«, hatte er zuletzt gesagt und dabei meinen Vater ganz listig durch seine runden Brillengläser angesehen, »daß Peter Liekdoorn bei seinen Lebzeiten mit diesem Daumen allzuviele Hühneraugen hätte operieren können!« Weiteres war aus ihm nicht herauszubringen gewesen; aber übermorgen sollte mein Vater wieder zum Bürgermeister kommen. Der Finger war in den mit Spiritus gefüllten Glashafen getan und dieser, nachdem man ihn mit dem Gerichtspetschaft versiegelt hatte, in dem großen Aktenschrank verschlossen worden. – – Nun, es wurde denn auch übermorgen; – langsam genug. – Um elf Uhr vormittags ging mein Vater aus dem Hause. Während meine Mutter und ich uns durch Putzen und Scheuern die Angst von der Seele wegzuarbeiten suchten, kam unsere alte Krautfrau zu uns in die Küche und erzählte, Peter Liekdoorn habe heute nacht in der Bürgermeisterei ans Fenster geklopft; denn er habe seinen Daumen wiederhaben wollen, der jetzt dort in dem großen Schrank verschlossen liege. »Letzten Sonntag«, sagte sie, »haben die Diebe ihn über die Türschwelle dem Bürgermeister in das Haus geschoben, weil sie vor dem Gespenste keine Nacht mehr Ruhe hatten; aber heut vormittag ist groß Verhör, und dann kommt alles an den Tag; und hernach mögen alle Reu und Leid geben, die so ihre bösen Mäuler über unserem Herrn Ohrtmann haben laufen lassen! Gott soll mich bewahren, daß ich an so was nur gedacht hätte!« Ich seh das alte dumme Weib noch vor mir«, sagte unsere treffliche Wirtin, »wie sie das alles wie Kraut und Rüben durcheinanderwelschte; Gott weiß, wo sie es sich aufgesammelt hatte! Wir freuten uns nur, da sie endlich fort war und wir wieder, wie am Sonntag, hangend und bangend allein beieinander in der Stube saßen. Da endlich hörten wir die Haustür gewaltsam aufreißen. »Das ist Christian!« sagte meine Mutter. »Was wird der wieder zu erzählen haben!« Aber es war unser Vater, dem freilich Christian mit seiner Rechentafel auf dem Fuße folgte. »Nun«, rief meine Mutter, »haben sie gestanden? Sind die Diebe festgenommen?« Aber er schüttelte den Kopf und schwenkte, ganz außer Atem, ein beschriebenes Papier in seiner Hand. »Mutter! Kinder!« rief er endlich, »es ist lauter Dunst gewesen; nun wird alles wieder gut! Aber dem alten Hennings, dem Mann hätt ich die Füße küssen mögen! Und das, das hier – das kommt ins Wochenblatt!« Seine Augen glänzten, seine Stimme bebte; uns war, als ob er alles durcheinanderspräche. Aber dann gab er mir das Blatt und sagte: »Lies, Nane; aber laut und deutlich! Siehst du, des Bürgermeisters Name steht darunter, und das Siegel ist auch dabeigedrückt!« Und dann las ich, und noch heute weiß ich jedes Wort; denn uns allen war, als ob eine Himmelsbotschaft in unser dunkles Haus gekommen wäre. »Wenn« – so stand da – »einer unserer geachtetsten Mitbürger, der Brauer Josias Christian Ohrtmann, durch unbedachte Zungen in Verdacht geraten, als ob der von dem Körper des hieselbst hingerichteten armen Sünders abhanden gekommene Finger sich in seinem Biere vorgefunden, so wird zur Steuer der Wahrheit, und um unverdienten Schaden von einem ehrenwerten Manne abzuwenden, hiedurch bekanntgegeben, daß nach sorgsamer, durch den hiesigen Herrn Apotheker Hennings unter Zuziehung der Behörde vorgenommener Untersuchung der Verdacht erregende Gegenstand sich lediglich als eine verhärtete Gest- oder Hefemasse herausgestellet, welche durch besondere Zufälligkeiten die Form eines menschlichen Daumens angenommen hatte.« So lautete der Inhalt Wort für Wort«, sagte die Erzählerin; »wer sollte so was auch vergessen können! Mein Vater aber hatte plötzlich seine Hände vor der Brust gefaltet. »Mutter! Kinder!« sagte er ruhig, »Gott ist barmherzig und ein Gott der Liebe! Er prüfet wohl; doch er verlasset keinen, der in seiner Schwachheit gerecht vor ihm zu wandeln trachtet!« Und dann betete er laut; ich habe niemals ein so heißes Dankgebet aus eines Menschen Munde gehört. Meine vierzehnjährige Schwester war auf die Knie gesunken und sprach ebenso laut die Worte nach, die über seine Lippen strömten. Auf unseren Christian aber hatte die Freudenbotschaft auch noch eine andere Wirkung. Als wir noch alle schweigend um unseren Vater standen, bemerkte ich auf einmal, daß er wiederholt mit der doppelten Faust als wie zur Übung in die leere Luft hineinschlug. »Christian! Christian!« rief unsere Mutter, »was treibst du da für Faxen?« Christian tat erst noch einen Lufthieb und schaute dabei sehr fröhlich aus seinem heut ganz braun und blauen Angesicht. »Verdamm mich, Mutter!« sagte er, denn er fluchte wirklich mitunter ganz gotteslästerlich; »verdamm mich, Mutter! Nun sollen die Jungens aber Prügel haben!« »Pfui, schäm dich!« rief sie. »In solchem Augenblick an so was nur zu denken!« Er ließ zwar etwas beschämt den Kopf hängen, dann aber murmelte er: »Ja, Mutter, verdamm mich! Sie sollen es aber doch!« Und geschwind tat er noch einmal einen Fausthieb durch die Luft. Mein Vater, der dergleichen sonst nicht leiden konnte, strich heute seinem hitzköpfigen Knaben nur lächelnd übers Gesicht; er war zu glücklich, um jetzt ein tadelndes Wort zu sprechen. »Hole mir lieber unsern Lorenz, Christian«, sagte er, »damit wir auch ihm den Stein von seinem Herzen nehmen!« Und dann wurde Lorenz geholt; und ich las noch einmal. Als ich fertig war, standen dem alten Menschen die Augen dick voll Tränen. »Sehen Sie wohl, Herr!« sagte er und schlug sich leise mit der Hand gegen seine Brust, »Lorenz Hansen is mein Nam; Gott hilf, daß ich in'n Himmel kam!« »Amen«, sagte mein Vater. Dann wurde Christian mit dem Schriftstück in die Druckerei geschickt. – Als wir später bei unserem Nachmittagskaffee saßen, bemerkte ich, daß unser Vater einige Male ganz schelmisch nach seinem Pfeifenbrett hinüberblinzelte. »Was meinst du, Nane«, sagte er heiter, »wenn du mir heut einmal den großen Meerschaum stopftest?« – Ich war fast verwundert; denn da er das Rauchen eigentlich nur für reiche Leute schicklich hielt, so erlaubte er sich sonst nie vor Feierabend seine Pfeife Portoriko; die silberbeschlagenen Meerschaumköpfe aber, die beide sorgsam mit einem Seidentuch umwunden waren, die kamen stets nur sonntags von der Wand. Als ich dessenungeachtet jetzt die schöne Pfeife stopfte, nickte er mir freundlich zu: »Und nun geh auch in die Küche«, fuhr er fort, »und brenne sie mir selber an; und wenn du das getan hast, dann hole den Kalender und ziehe unter diesen Tag mit deinem Rotstift einen breiten Strich! Unser Wandsbecker Bote hat so viele Haus- und Jahresfeste; nun haben auch wir eines! Und wenn der Tag sich jährt, dann vergiß niemals, mir schon beim Kaffee meinen großen Meerschaumkopf zu stopfen!« – Unser Vater war wohl kein schöner Mann, er hatte nur seine treuen blauen Augen; aber an diesem Tage, und wie er so seelenfroh aus seinem Meerschaum rauchte, fanden meine Schwester und ich ihn beide so hübsch, daß wir gegenseitig ihn uns immer wieder zeigen mußten.« Die alte Dame schwieg, als ob ihre Erzählung hier zu Ende sei; mir aber war, als sei das eigentliche Ziel derselben noch von ihr zurückgehalten. »Und weiter?« frug ich nach einer Weile, da auch niemand anders sprach. »Weiter?« rief eine muntere Frau an meiner Seite. »Was wollen Sie noch weiter? Ende gut, alles gut! Es war ja alles nur um nichts gewesen!« Ich sah auf unsere Wirtin, deren sonst so heitere Augen jetzt mit einem durchdringenden Blicke auf die Sprecherin gerichtet waren. »Da haben Sie recht«, sagte sie; »es war alles nur um nichts.« »Aber die Kundschaft«, frug ich, »sie kam jetzt doch wieder? Und in der nächsten Erntezeit mußte die flinke Nane vor all den durstigen Krügen und Gemäßen doch wieder auf den Tritt und von dem Tritt aufs Fenster flüchten?« Die alte Dame tat einen tiefen Atemzug: »Nein«, sagte sie, »so etwas ist niemals wieder vorgekommen; in der Erntezeit des folgenden Jahres passierte etwas anderes, das ich gleichfalls nie vergessen werde. Nein, die Kundschaft, wie wir sie früher hatten, kam nicht wieder, obgleich es an redlichem Willen im Hause und an Bemühungen gutherziger Freunde nicht gefehlt hat. Der alte Hennings, wenn die Bauern in seine Apotheke kamen, ließ nicht ab, ihnen die Geschichte von dem Gestfinger und die Güte des Ohrtmannschen Bieres zu verdeutschen; und zuweilen kam er selber mit einer so eroberten Bestellung angelaufen; aber Marx Sievers nebst seinem ganzen Dorfe hat niemals wieder unseren Hof betreten; vielleicht – ich hab das später mehr erfahren – weil er dem sich zu begegnen scheute, gegen den er sich im Unrecht wußte. – Die Geschichte wurde weit und breit bekannt; aber nur der arge Teil davon fand Glauben! Wenn auswärts Freunde unser Bier empfahlen, so hieß es jetzt wohl: ›Ohrtmann, Ohrtmann? Ist das nicht der Mann, der den Finger in seinem Biere hatte?‹ Und wurde dann auch der ganze Dunst ersichtlich aufgeklärt, es hieß am Ende doch: ›Man braucht ja eben nicht vor diese Tür zu gehen; es gibt ja andere noch, bei denen gutes Bier zu haben ist!‹ Dergleichen kam uns oft genug zu Ohren. Ja, ein verkommener Winkelschreiber, ein Altersgenosse meines Vaters, wagte es sogar, ihm seine Hülfe anzubieten und zutraulich dabei zu äußern, die zwölf Wochenblattszeilchen hätten ihm wohl einen schönen Haufen Geld gekostet; aber das brauche man ja keinem auf die Nas' zu binden. Es mochte nicht viel helfen, daß mein Vater den miserablen Kerl zur Tür hinauswarf; es wurde vielleicht nur um desto mehr geglaubt. »Der sprach für viele!« sagte mein Vater, als er uns voll Entrüstung das erzählte. Sonst habe ich ihn niemals klagen hören; er war nur stiller, als er sonst gewesen, und es kam mir oft, als ob sein heißes Dankgebet ihm auf die Seele drücke. Dagegen bemerkte ich, daß er, zumal an Markttagen, jetzt öfters aus dem Brauhaus auf den Weg hinaustrat; nicht als ob dort die Wagen nach dem roten Dach jetzt weniger als sonst vorbeigefahren wären; aber es war, als triebe ihn etwas hinaus, daß er sie alle zählen müsse. Meine Mutter vermochte das Unglück und die Entbehrungen, die es mit sich brachte, nicht immer so geduldig zu ertragen; das fühlten nicht bloß wir Kinder; sie konnte mitunter sogar dahin geraten, ihrem guten Manne die Schuld des ganzen Unheils beizumessen; und immer kam sie dann auf die schon früher getadelte Nachsicht, womit er das abergläubische Getue seines Knechts geduldet habe. »Ich laß es mir nicht nehmen«, sagte sie eines Abends, »hättest du ihm nur das Salzen und Bekreuzen ausgetrieben, die Leute wären nimmer auf das Stück gekommen, den dummen Finger in unserem Bier zu suchen! Aber konnte er den einen Hokuspokus machen, warum denn nicht den anderen? Und warum nicht heute oder morgen wieder einen anderen?« Für gewöhnlich ging Derartiges, da mein Vater seine kleine heftige Frau immer bald wieder ins gleiche brachte, ohne weitere Spur vorüber. Das aber sollte diesmal nicht so sein. Es war eben vor dem Abendessen, und beide standen schon an ihren Stühlen, wobei sie die Stubentür im Rücken hatten; nur ich hatte gesehen, wie diese sich auftat und Lorenz, im Begriff hereinzutreten, plötzlich stehenblieb, eben als meine Mutter jenen wohl nicht ganz unbegründeten Vorwurf aussprach. Bevor ich mich in meinem Schrecken noch besann, hatte schon die Tür sich wieder leis geschlossen; dann kamen die Kinder und die Magd herein; aber Lorenz mußte erst durch Christian gerufen werden. Noch heute danke ich meinem Schöpfer, daß ich damals meinen Eltern nichts verraten habe; denn von nun an war Lorenz wie verwandelt: vor den Gebinden, die im Hausflur lagen, oder hinten vor seiner Braupfanne, oder auch nur vor einem Tisch oder Stuhl im Hause konnte er lange mit starren Augen stehenbleiben; ging er aber fort, so sah ich mehrmals, wie er mit der Faust sich über beide Augen fuhr. »Was mag denn Lorenz fehlen?« hörte ich eines Abends meine Mutter fragen, die sonst dem alten Manne herzlich gut war. »Er geht ja umher, als ob er über schwere Dinge brüte.« Mein Vater schüttelte den Kopf. »Ich denke, nichts weiter als uns anderen auch; du weißt, er trägt an unseren Sorgen allzeit schwerer als an seinen eigenen.« Aber am anderen Morgen trat Lorenz vor ihn hin und bat um seinen Abschied; er wisse einen jungen Menschen, der sogleich an seine Stelle treten könne. Mein Vater äußerte nachher, ihm sei gewesen, als ob sein altes Erbhaus über ihm zusammenbräche. Doch Lorenz wollte sich nicht halten lassen. »Ich habe mich mit meinem Gott beraten.« Auf alle Fragen hatte er nur diese eine Antwort; er mochte fürchten, sonst nicht stark genug zu sein. Und so ging er denn, nachdem er über ein Menschenalter dagewesen war; wie er sagte, um einer verwitweten Schwester, die in einem entfernten Dorfe wohnte, in ihrer kleinen Bauernwirtschaft beizustehen. – Aber er hatte die Trennung doch nicht überwinden können; durch Aufkäufer, die im Lande herumreisten, kamen bald wunderliche Nachrichten von dorther; und kurz vor Weihnachten mußten wir erfahren, daß unser alter Lorenz als Geisteskranker in die Landesanstalt aufgenommen sei. Das waren trübe Festtage; einen Weihnachtsbaum ohne Lorenz hatten wir Kinder uns ohnehin nicht denken können. Ich allein wußte, weshalb er das Haus verlassen hatte, in dem allein noch seine Heimat war, und ich trug schwer daran; denn sein Opfer war umsonst gewesen. Mein Vater plagte sich mit dem jungen Knecht, aber die Kundschaft besserte sich nicht; es hatte nicht mehr geholfen als die tapferen Kämpfe, die unser Christian unermüdlich für die gute Sache ausfocht. So ging der Winter zu Ende, und so kam der neue Sommer und endlich auch die Erntezeit. Nur für uns war sie es nicht. Wir hatten schon die letzten Tage im August. Unsere zwei Stock hohe Außendiele kam mir so groß und einsam vor, seitdem nicht jeden Augenblick die Haustürglocke läutete; dennoch konnte ich es nicht lassen, wenn die altgewohnte Verkaufszeit heranrückte, mich dort aufzuhalten, um meistens müßig durchs Fenster auf die Straße hinauszustarren. – So stand ich auch eines Vormittags; es waren kalte trübe Tage eingefallen, und von dem Lindenbaum, der hier vor dem Fenster stand, wehten schon einzelne gelbe Blätter. Ich merkte wohl, daß mein Vater neben mich getreten war; aber ich rührte mich nicht; wir sahen beide, wie die Blätter niederwehten, und mochten beide wohl dieselben Gedanken haben. Da ging draußen ein halb bäuerlich gekleideter Mann mit einem sogenannten Quäkerhut vorüber; er schien ein Fremder; aber dennoch war mir, als müßte ich ihn schon gesehen haben. Bevor ich mich jedoch darüber noch besinnen konnte, bemerkte ich eine hastige Bewegung an meinem Vater, und als ich aufblickte, sah ich, daß er den Mund fest geschlossen hatte; aber ich sah auch, wie. seine Lippen zitterten. »Vater«, sagte ich, »fehlt dir etwas? Wer war doch der Mann?« Aber er drückte nur heftig meine Hand und ging dann, ohne ein Wort zu sagen, nach dem Hof hinaus. Es war, als wenn uns alles jetzt zum Schrecken werden sollte. Endlich schlug es wieder einmal elf auf unserer Dielenuhr, und ich ging in die Stube und setzte mich an meine Näharbeit. Eben, als meine Mutter aus der Küche hereintrat, läutete es von der Haustür, und als ich durchs Guckfenster auf den Flur hinaussah, da war es der Fremde von vorhin. Ich erkannte ihn jetzt wohl; es war ein Hopfenhändler aus Franken, der um diese Zeit zu kommen pflegte, um neue Bestellungen entgegenzunehmen und sein Geld für die alte Ware einzukassieren; er hatte vor zwei Jahren sogar einen Abend bei uns zugebracht. »Geh«, sagte meine Mutter; »hole deinen Vater und sag ihm, daß Herr Abel da sei.« Die alte Dame machte eine Pause. »Ich glaube«, sagte sie dann, »dem Angedenken meines seligen Vaters nicht zu nahezutreten, wenn ich auch dies wenige noch erzähle; denn wo wäre der Mensch, der der Not des Lebens in jedem Augenblicke standgehalten hätte! – Herr Abel hatte sich gesetzt; ich ging ins Brauhaus, weil ich dachte, daß mein Vater dort beschäftigt sei; aber er war nicht dort. Auf dem Rückwege begegnete mir der neue Knecht: auch er wußte nichts; er war im Keller bei der Gerste gewesen; vielleicht, meinte er, sei der Herr hinten auf den Weg hinausgetreten. Ich kehrte deshalb noch einmal wieder um; aber da ich auch dort ihn nicht gewahren konnte, lief ich ins Haus zurück. Ich suchte im Pesel und in allen Stuben, stieg halb die Bodentreppe hinauf und rief so laut ich konnte: »Vater! Vater!« Aber es war alles umsonst. »Vater muß ausgegangen sein«, sagte ich, als ich wieder in die Stube trat. »Ei was!« rief meine Mutter. »Dort hängt ja sein Hut am Türhaken; ihr Kinder versteht nur nicht zu suchen!« Damit ging sie zur Stube hinaus; und ich hörte sie im Hause und vom Hof her rufen. Aber auch sie kam kopfschüttelnd zurück. »Ich kann das nicht begreifen«, sagte sie. Herr Abel stand auf. Es habe keine Eile, er solle jetzt noch weiter nach dem Norden; aber um drei Wochen werde er auf hier zurückkommen; er könne ja auch dann seine Geschäfte mit Herrn Ohrtmann regulieren. Ich weiß nicht weshalb; aber als der Mann das sagte, mir war, als wisse ich jetzt alles, was noch kommen müsse. – – Ein paar Minuten, nachdem er fortgegangen war, trat mein Vater in das Zimmer. »Wo bleibst du denn, Josias!« rief meine Mutter. »Herr Abel ist eben dagewesen; wir haben dich durchs ganze Haus gerufen!« »Ich weiß das«, erwiderte er – und es war gar nicht, als ob das seine Stimme wäre – »ich habe es gehört; ich hatte den Mann auch kommen sehen.« Meine Mutter starrte ihn an. »Was sagst du, Josias? – Mein Gott, und wie du aussiehst!« Ich bemerkte das nun auch; sein Haar und seine Kleider waren ganz bedeckt mit Staub und Spinngeweben. »So sprich doch!« rief meine Mutter wieder. »Um Gottes willen, Josias, was ist geschehen? Wo bist du gewesen?« Da riß mein Vater uns mit beiden Armen an sich und drückte uns heftig gegen seine Brust. »Mutter! – Nane!« – er sprach leise aber hastig, als ob er es von sich stoßen müsse – »ich hatte mich versteckt! – Es war das erste Mal, daß ich nicht zahlen konnte!« – – Er wollte weitersprechen; aber der starke Mann brach in lautes Schluchzen aus. Meine Mutter hatte ihre Arme sanft um seinen Hals gelegt; mein junger Kopf aber war vor Schrecken über das Gehörte ganz von Sinnen; ich klammerte mich mit beiden Händen an meines Vaters Arm, denn mir war, als müßten wir jetzt alle fort ins Elend wandern. Da hörte ich seine Stimme und fühlte seine Hand auf meinem Kopfe: »Laß, Nane!« sagte er ruhig; »hole mir den anderen Rock, mein Kind! Herr Abel wird noch in der Stadt sein, ich will jetzt zu ihm gehen.« Wie betäubt tat ich, was er mir befohlen hatte; dann lief ich in die Küche und setzte mich in einen dunklen Winkel. Erst als ich meines Vaters Schritte über den Hausflur und dann gleich danach die Türschelle läuten hörte, überfiel mich das Leid um ihn, und ich weinte mich von Herzen satt. – – Wie die Verhandlung mit Herrn Abel ausgefallen, habe ich nicht erfahren; ich weiß nur, daß wenige Tage darauf die beiden Meerschaumköpfe von der Wand verschwunden waren und daß ich unseren Vater niemals wieder weder seine Abend- noch seine Sonntagspfeife habe rauchen sehen. Den Kalender mit dem rot angestrichenen Festtage bewahrte ich noch lange unter meinen alten Sachen; gefeiert ist der Tag nicht worden, aber wir konnten ihn dessenungeachtet nicht vergessen.« Die Erzählerin verschloß nach diesen Worten ihre Lippen, und ihre Augen blickten seitwärts, als sei das nicht für fremde Ohren, was jetzt noch aus der Vergangenheit an ihr vorüberziehen mochte. Ein junger, eifriger Prediger, ihr Neffe, welcher mit in der Gesellschaft war, hatte schon zuvor durch ein vergebliches »Aber liebe Tante!« zu erkennen gegeben, wie notwendig er seinen Beispruch zu dieser Geschichte halte; jetzt begann er mit merklicher Unruhe auf seinem Stuhl zu rucken. Aber unsere Wirtin war selber eine zu unerschütterliche Christin und fühlte zu genau, wo er hinauswollte, als daß sie seinem drohenden Einwande nicht sogleich die Spitze abgebrochen hätte. »Lieber Hieronymus«, sagte sie, »es ist wohl niemand hier, der an Gottes Barmherzigkeit einen Zweifel hegen möchte, obwohl – die Wahrheit zu sagen – deine Großeltern in ihrem langen Leben wenig genug davon erfahren haben; aber wir wissen ja auch, daß sie oftmals im Verborgenen ihre Ader fließen läßt, um dann am rechten Orte desto segensreicher aufzusprudeln. Freilich, der Segen kam zumeist auf ihre Kinder; und auch ich mußte später, als meine kleine Schwester groß und kräftig geworden war, bei fremden Leuten dienen; aber dadurch« – und sie warf einen unaussprechlich herzlichen Blick auf ihren alten neben ihr sitzenden Mann – »kam ich zu dir, mein Vater, und die fremden Leute wurden meine eigenen! Und wie es dann gekommen, daß mein Bruder, der wilde Christian, ein stattlicher Bürger und gar der zweitgrößte Brauer in unserem Lande wurde, – um das zu erzählen, bin ich eine viel zu gehorsame Ehefrau.« Der Neffe wollte wieder etwas sagen, aber seine Tante ließ ihn wieder nicht zu Worte kommen. »Gewiß, lieber Hieronymus«, sagte sie, »deine seligen Großeltern waren Leute, welche die Wohlfahrt ihrer Kinder für ein größeres Glück erachteten als ihre eigene; und dahin – das wolltest du wohl sagen – hat jener Finger doch den Weg gewiesen! Auch hast du selber ja noch beide mit ihren stillen und zufriedenen Angesichtern hier in diesen Lehnstühlen, worin nun ich und dein alter Onkel sitzen, von ihrer harten Lebensarbeit ruhen sehen! An seinem ersten Geburtstage, den dein Großvater hier in unserem Hause lebte, hatte dein Onkel ihm sogar eine neue Meerschaumpfeife bei seinem Morgenkaffee hingelegt, wie er so schön sie früher nie besessen hatte. Der alte Mann wurde heftig dadurch bewegt; er nahm das schwarze Sammetkäppchen von seinem ehrwürdigen Haupte, und seine Lippen bebten, als wiederhole er jetzt das heiße Dankgebet, das er vor dreißig Jahren wohl zuletzt gesprochen hatte. Er ließ sich auch von mir ein Seidentüchlein geben, um sorgsam den schönen Kopf darein zu hüllen; geraucht aber hat er nicht daraus; das, meinte er, habe er in der langen Zeit verlernt.« Der junge Gottesmann hatte sich mit etwas strengem Ausdruck, aber dennoch, wie es schien, nicht völlig unbefriedigt in seinen Stuhl zurückgelehnt. Dagegen versuchte ich es noch mit einer Frage. »Und Lorenz?« sagte ich. »Blieb er in der Anstalt? Ist er dort gestorben?« »Nein«, erwiderte unsere gute Wirtin, und ihr Antlitz gewann auf einmal wieder seinen alten Ausdruck heiterer Behaglichkeit. »Er ist glücklich wieder herausgekommen und hat noch jahrelang in meines Bruders Haus gelebt. Nur ein wenig wunderlich war er geblieben; er hatte, wie Christian sagte, sich eine ganz glückselige Dummheit zugelegt; denn wie er einst geglaubt hatte, daß unsere altmodische Brauerei durch ihn zugrunde gehen werde, so glaubte er jetzt, daß diese neumodische, von der er nichts verstand, nicht ohne ihn bestehen könne. Als derzeit bei einem Besuche mein Bruder mir alle seine großen Anstalten und Gelegenheiten zeigte, klopfte er in einem Durchgang, der von dem Wohngebäude in die Brauerei führte, an eine der seitwärts befindlichen Türen. »Und hier wohnt unser Lorenz!« sagte er. Er hätte es mir nicht zu sagen brauchen; denn über der Tür, in Ermangelung eines Wandbetts, das er hier in der Kammer nicht besaß, stand mit Kreide der alte Spruch geschrieben; nur hatte er jetzt seinen Namen mit dem seines alten Herrn verwechselt, und so lautete es hier: »Josias Ohrtmann is mein Nam; Gott hilf, daß ich in'n Himmel kam!« Jetzt sind sie beide schon seit lange dort; und so endet diese Geschichte wie hoffentlich auch alle anderen Geschichten auf dieser Erde. Aber das habe ich meinem Bruder doch gesagt, daß er es mit seinem Gest in Obacht nehmen solle.« Sie schwieg und reichte ihrem alten Eheherrn die Hand, der sie wie das Kleinod seines Lebens in die seine nahm. – Und dafür, indem wir jetzt die Feder fortlegen, halten auch wir die Hand einer jeden wahrhaft guten Frau. Schweigen Es war ein niedriges, mäßig großes Zimmer, durch viele Blattpflanzen verdüstert, beschränkt durch mancherlei altes, aber sorgsam erhaltenes Möbelwerk, dem man es ansah, daß es einst für höhere Gemächer angefertigt worden, als sie die Mietwohnung hier im dritten Stock zu bieten hatte. Auch die schon ältere Dame, welche, die Hand eines vor ihr stehenden jungen Mannes haltend, einem gleichfalls alten Herrn gegenübersaß, erschien fast zu stattlich für diese Räume. Das zwischen den drei Personen herrschende Schweigen war einer längeren Beratung gefolgt, welche Mutter und Sohn soeben mit ihrem langjährigen Arzte gehalten hatten. Veranlassung zu dieser mochte der Sohn gewesen sein; denn obwohl von hohem, kräftigen Wuchse gleich der Mutter, zeigten die Linien des blassen Antlitzes eine der Jugend sonst nicht eigene Schärfe, und in den Augen war etwas von jenem verklärten Glanze, wie bei denen, welche körperlich und geistig zugleich gelitten haben. »Du gehst, Rudolf?« sagte die Mutter, während der Zug eines rücksichtslosen Willens, der sonst ihren noch immer schönen Mund beherrschte, einer weichen Zärtlichkeit gewichen war. Der Sohn neigte sich auf ihre Hand und küßte sie ehrerbietig. »Nur meine noch immer vorgeschriebene Stunde, Mutter.« Dann grüßte er freundlich nach dem alten Herrn hinüber und verließ das Zimmer. Fast leidenschaftlich, als könne sie ihn allein nicht gehen lassen, waren die dunklen Augen der Mutter ihm gefolgt; schweigend starrte sie auf die wieder geschlossene Zimmertür, während ihr Ohr lauschte, bis die Schritte in dem Unterhause verhallt waren. Der alte Arzt hatte seinen Blick, in dem die Gewohnheit ruhigen Beobachtern unverkennbar war, eine Weile auf ihr ruhen lassen; jetzt ließ er ihn durch die offene Tür eines anstoßenden Zimmers über die in Öl gemalten Bildnisse einiger stern- und bandgeschmückten Herren wandern, welche dort samt ihren geschwärzten Goldrahmen eine Unterkunft gefunden hatten. Aber ein Seufzer, der der Frauenbrust entstieg, als ob eine schwere Gedankenreihe dadurch abgeschlossen würde, wandte seinen Blick zurück. »Mein Sohn!« murmelte die Dame schmerzlich und streckte beide Arme nach der Tür, durch welche dieser fortgegangen war. Der Arzt rückte seinen Stuhl neben ihren Sessel. »Beruhigen Sie sich, gnädige Frau«, sagte er beschwichtigend, »Sie haben ihn ja wieder.« Sie blickte ihn rasch und durchdringend an: »Ist das Ihr Ernst, Doktor? – Habe ich ihn wirklich wieder? Wird sie Bestand haben, diese – Heilung?« »Ich bin nicht Spezialist, sondern nur Ihr Hausarzt«, erwiderte der alte Herr; »aber nach dem Schreiben des dirigierenden Arztes – auch ist hier eine äußere Ursache unverkennbar: Ihr Rudolf hatte erst eben die Akademie verlassen; die Verantwortlichkeit des Amtes war bei seiner zarten Organisation – denn die hat er trotz seines kräftigen Baues – zu unvermittelt über ihn gekommen; ich entsinne mich ähnlicher Fälle aus meiner Praxis.« Die Frau Forstjunkerin von Schlitz – auf dieser Titelstufe hatte ihr früh verstorbener Gemahl die Dame mit ihrem einzigen Kinde zurückgelassen – blickte eine Weile vor sich hin. »Ja, ja, Doktor«, sagte sie dann, und ihr Ton war nicht ohne Bitterkeit, »des Herrn Grafen Exzellenz, dem mein Sohn so glücklich ist zu dienen – je mehr ihm Gold und Ehren zufließen, desto unersättlicher verlangt er auch die letzte Kraft des Menschen, und seine Forstbeamten – Wege- und Brückenbauen ist noch das mindeste, was sie außer ihrem Fach verstehen sollen. Aber – die ähnlichen Fälle, deren Sie erwähnten, wie wurde es damit?« »Es wurde dann nichts weiter«, erwiderte der Arzt; »sie waren beide nur vorübergehend.« »Und die Verhältnisse waren ähnlich?« »Ganz ähnlich; nur daß dort nicht ein Amt, sondern in beiden Fällen ein verwickeltes Kaufgeschäft auf junge, ungeübte Schultern fiel. Eines freilich, was ich nicht gering anschlagen möchte, ja, was wohl erst die Heilung sicherstellte, war dort anders.« »Und was war dieses eine?« unterbrach die Dame, die ihm die Worte von den Lippen las. »Es ist nicht eben unerreichbar«, sagte der alte Herr lächelnd: »von meinen dermaligen Patienten war der eine eben verheiratet, der andere heiratete gleich darauf.« »Verheiratet!« – fast wie eine Enttäuschung klang dieser Ausruf – »Sie sagen das so leichthin, Herr Doktor; aber ich habe bei meinem Sohn kaum jemals eine Neigung noch entdecken können; – freilich einmal in den Ferien bei ihrem Liebhabertheater – Sie entsinnen sich wohl der schlanken, schwarzäugigen Baronesse? Sie hatte ihn einmal, da er in der Probe steckenblieb, so boshaft ausgelacht!« Der Doktor streckte abwehrend beide Hände aus: »Nein, nein, Frau Forstjunker; solche Damen, erste Liebhaberinnen auf der Bühne, Amazonen zu Pferde, die sind hier nicht verwendbar. Ein deutsches Hausfrauchen, heiter und verständig; nur keine Heroine!« Frau von Schlitz schwieg. Während der Doktor dieses Thema eingehender behandelte, stand die Gestalt eines blonden Mädchens vor ihrem inneren Auge: aus der geißblattumrankten Gartenpforte eines ländlichen Pfarrhauses war sie ihr entgegengetreten; so hoch fast wie sie selber, und doch als ob sie mit den vertrauenden Augen zu der älteren Frau emporblicke; dann wieder sah sie das Mädchen in der engen, aber sauber gehaltenen Kammer, wie sie mit ihren kleinen, festen Händen neben dem eigenen Bette ein halb gelähmtes Brüderchen in die Kissen packte und nach fröhlichem Gutenachtkuß gleich wieder helfend zu der Mutter in die Küche eilte; und wiederum – vor einen Kinderwagen hatte das schlanke Mädchen sich gespannt; der Wagen war vollbesetzt, und es ging durch den tiefen Sand eines Feldweges; mitunter entfuhr ein lachendes »Oha!« den frischen Lippen, und sie mußte stillehalten; die gelösten Haare aus dem geröteten Antlitz schüttelnd, kniete sie plaudernd zu der kleinen Fahrgesellschaft nieder; aber überall mit ihr waren die schönen, gläubigen Augen und ihre reine, heitere Stimme. Der Doktor wollte sich zum Gehen rüsten; doch die Frau vom Hause, die eben aus ihrem Sinnen aufsah, legte die Hand auf seinen Arm. »Nur noch eine Frage, lieber Freund; aber antworten Sie mit Bedacht! – Würden Sie einem so Geheilten Ihre Tochter zur Ehe geben?« Der Doktor stutzte einen Augenblick. »Der Fall, gnädige Frau«, sagte er dann, »müßte wenigstens möglich sein, um Ihnen hierauf antworten zu können; Sie wissen, daß ich keine Tochter habe.« Die Dame richtete sich mit einer entschlossenen Bewegung in ihrer ganzen Gestalt vom Sessel auf. »N'importe!« rief sie, die geballte Hand gegen die Tischplatte stemmend. »Ich habe nur den Sohn, und sonst nichts auf der Welt!« Der Arzt blickte sie fragend an, aber nur einen Augenblick; jene Worte lagen jenseit der Grenze seiner Pflichten; er empfahl nur noch, die letzten Wochen des dem Sohn gewährten Urlaubs zu einer Herbstfrische auf dem Lande zu benutzen. Frau von Schlitz nickte. »Ich dachte eben daran«, sagte sie leichthin. Kaum aber hatte hinter dem Fortgehenden sich die Tür geschlossen, als sie schon in dem anstoßenden Zimmer an ihrem Schreibtische saß, über dem das Bildnis ihres Vaters in der roten Kammerherrnuniform auf sie herabsah. »Meine gute Margarete« . . . diese Worte waren mit fliegender Feder aufs Papier geworfen; denn jenes blonde Mädchen war kein bloßes Phantasiebild: es war die Tochter einer Jugendbekanntschaft, der Gattin eines Landpfarrers, in dessen Hause sie auf dem Wege nach Rudolfs amtlichem Wohnorte im Frühling eingekehrt und aufs dringendste zu längerer Wiederholung ihres Besuches nebst ihrem Sohne eingeladen war. Aber der rasch geschriebenen Anrede folgte zunächst nichts Weiteres; war es der Schreiberin doch, als habe plötzlich die Hand der hübschen Baroneß sich auf die ihrige gelegt. Langsam lehnte sie sich zurück; ein Strom erwünschter Bilder und Gedanken zog an ihr vorüber; gewiß, das übermütige, nur noch kurze Zeit von einem Vormunde abhängige Kind würde gar gern ihr Freifrauenkrönchen gegen den schlichteren Namen einer Frau von Schlitz vertauschen! Rudolf und dieses Mädchen! Sie hob sich unwillkürlich von ihrem Sessel; ihr war, als würden vor einem kerzenhellen Saal die Flügeltüren aufgerissen, und sie schreite als Mutter neben dem prächtigen Paare hindurch. – Aber – der Doktor! Die stolze Frau sank düster in sich zusammen; der Doktor hatte ja nur ausgesprochen, was sie in ihren eigenen Gedanken längst auf und ab erwogen hatte. Ja, wenn das letzte nicht gewesen wäre! Eine Angst vor der Zukunft, eine furchtbare Vorstellung überfiel sie. »Mein Sohn! Mein Kind!« Es kam wie ein lauter Aufschrei aus ihrer Brust; und, als habe sie sich selbst aus einem Traum erweckt, blickte sie unsicher und mit großen Augen um sich: »Gott sei gelobt; er selber weiß es nicht, an welchem Abgrund er gestanden hat.« Bald hatte sie sich gefaßt; es mußte sein, es mußte gleich geschehen. Flüchtig streiften ihre Augen über das kalte Antlitz, das im Bilde auf sie herabsah; dann schrieb sie in kräftigen Zügen und mit Bedacht den Brief an die Frau Pastorin zu Ende.   Seit drei Wochen waren Mutter und Sohn nun auf dem Dorfe; ein eigenes Quartier zwar hatten sie in der Küsterwohnung gefunden, im übrigen aber gehörten sie bei den gastfreien Pfarrersleuten fast wie zur Hausfamilie. Rudolf war sichtbar gekräftigt; seine Wangen hatten sich gebräunt, Aug und Ohr begannen wieder ein heiteres Begegnen mit allem, was er in Haus und Feld auf seinem Wege traf. Dazu hatte nicht nur die Gegenwart der anmutigen Pfarrerstochter, sondern fast nicht weniger das tüchtige Wesen des Pfarrers selbst geholfen, der es meisterlich verstand, was er »ein Schwachgefühl« zu nennen liebte, mit schelmischen Worten aus den geheimsten Winkeln aufzujagen. So war denn auch in den hell getünchten Zimmern des Pfarrhauses wenig davon zurückgeblieben; nur die Frau Pastorin mochte sich wohl einmal, vielleicht zur Erholung von all der Kinder- und Küchenwirtschaft, eine sentimentale Anwandlung zu Gemüte führen, wobei sie dann ihren Redeschmuck den zwei einzigen Opern, welche sie in ihrem Leben gesehen hatte, dem »Freischütz« und der Weiglschen »Schweizerfamilie«, zu entlehnen pflegte. Wenn aber der Pfarrer nach einer Weile ruhigen Gewährenlassens wie in gutherziger Teilnahme sich ihrer Hand bemächtigte: »Mutter, ist heut wohl Emmelinentag?« dann flog freilich ein Wölkchen leichten Mißbehagens über ihr braves Angesicht, bald aber mußte sie doch selber lachen und war wieder daheim in der Luft ihres werktätigen Hauses. Auch Rudolf mußte sich bald diese freundliche Überwachung gefallen lassen. Eines Nachmittags, als eben die Septembersonne ihr letztes Abendgold über die Wände des gemeinsamen Wohnzimmers warf, hatte er das alte Klavier zurückgeklappt und ließ nun eine der schwermütigen Notturnoklagen des von ihm vielgeliebten und studierten Chopin in den sinkenden Tag hinausklingen. Der Pastor, durch das meisterhafte Spiel aus seiner Studierstube hervorgelockt, hatte sich leise hinter seinen Stuhl gestellt und verharrte so in aufmerksamem Lauschen bis ans Ende; dann aber legte er schweigend die Haydnsche G-Dur-Sonate mit dem Allegretto innocente aufs Pulpet, die er schon bei seinem Eintritt in der Hand gehalten hatte. Rudolf blickte auf und um, und da er den Pastor erkannte, nickte er gehorsam, schüttelte wie zur Ermunterung noch ein paarmal seine geschickten Hände, und bald erklangen die heiteren Fiorituren des unsterblichen Meisters und füllten das Zimmer wie mit Vogelsang und Sommerspiel der Lüfte. »Bravo, junger Freund!« rief der Pfarrer, der wie alle anderen, die Frau Forstjunkerin nicht ausgeschlossen, mit entzücktem Angesicht gelauscht hatte; »das hat rote Wangen; wir haben kaum gemerkt, wie Sie uns durch die Dämmerung hindurchgespielt haben! Nun aber Licht! Die Schneiderstunde ist zu Ende!« Die zehnjährige Käthe lief hinaus; Anna aber, als wollte sie sich zu ihm emporstrecken, hatte sich dicht an die Schulter des kräftigen Vaters gestellt und blickte mit aufmerkendem Lächeln zu ihm auf; es war recht sichtbar, daß die beiden eines Blutes waren. Ein freundlicher Verkehr, dem es bald an einer verschwiegenen Innigkeit nicht fehlte, hatte zwischen Rudolf und dem blonden Mädchen schon vom ersten Tage an begonnen, wo noch das blasse Antlitz des Genesenden die Schonung der Gesunden anzusprechen schien; durch die scheue Jungfräulichkeit des Mädchens war wie aus der Knospe etwas von jener Mütterlichkeit hervorgebrochen, in deren Obhut auch der Mann am sichersten von Leid und Wunden ausruht. Wenn aus der überwundenen Nacht noch ein Schatten ihn bedrängen wollte, wenn vor der nächsten Zukunft eine Scheu ihn anfiel, dann suchte er unwillkürlich ihre Nähe, und wo er sie immer antreffen mochte, im Garten oder in der Küche, die Welt erschien ihm heller, wenn er auch nur das Regen ihrer fleißigen Hände sehen konnte. Oft aber, wenn sie eben beisammen waren, hatten schon die ahnenden Augen des Mädchens ihn gestreift, und bald mit stillen, bald mit neckenden Worten ließ sie ihm keine Ruhe, bis er im frischen Tageslichte vor ihr stand. Frau von Schlitz hatte anfangs beobachtet; dann hatte sie die jungen Leute sich selber überlassen. Gewiß, wenn irgendeine, so war dies die Frau, wie sie der Doktor ihrem Sohn verordnet hatte! Übrigens war Rudolf nicht der einzige junge Mann, welcher sich eines Verkehres mit dem Mädchen zu erfreuen hatte: ein entfernter Vetter, ein hübscher Mann mit treuherzigen braunen Augen, der hier im Hause »Bernhard« genannt wurde und sich mit Anna duzte, kam an den Sonntagnachmittagen von seinem nicht allzu fernen Hof herübergeritten. Die beiden jungen Männer hatten sich bald als Schulkameraden aus den unteren Klassen des Gymnasiums erkannt, und Rudolf fand, je kräftiger er wurde, an Bernhards frischem Wesen immer mehr Gefallen. Desto geringeres Glück machte dieser bei Rudolfs Mutter, die ihn sichtlich, freilich ohne ihn dadurch zu beirren, von oben herab behandelte; denn nur ihrem Auge war es nicht entgangen, daß auch der junge Hofbesitzer der blonden Pfarrerstochter eine ebenso stille als geflissentliche Verehrung widmete. Eines Nachmittags war Bernhard zu Wagen und selbander angelangt; seine Schwester Julie, die ihm den Haushalt führte, saß an seiner Seite. »Das freut mich!« rief der Pastor, als er das frische Mädchen gleich darauf der Frau von Schlitz entgegenführte; »dieses Prachtkind mußten Sie noch kennenlernen!« Aber die Dame blickte mit ziemlich kühlen Augen auf das »Prachtkind«, deren Antlitz nur zu sehr die Züge ihres Bruders zeigte; und die stürmische Begrüßung der von Anna herbeigeholten Kinder kam zur rechten Zeit. Eine Stunde später, da sie mit der Pastorin am Fenster saß, sah Frau von Schlitz die beiden jungen Paare, Bernhard mit Anna und hinter diesen Rudolf mit der braunen Julie, auf einem Feldwege dem nahen Walde zuschreiten. Die Pfarrfrau, die sich heute ihre Freischützphantasien gönnte, hatte den noch einmal rückschauenden Mädchen lebhaft zugenickt. »Nicht wahr, Fernande«, wandte sie sich jetzt an ihre Jugendfreundin, »ich sage immer: ›Ännchen und Agathe‹. Nun hat das Ännchen gar einen Max zur Seite, um ihm die Grillen wegzuplaudern!« Die Angeredet nickte nur, ohne die Augen von der Gruppe draußen abzuwenden, welche jetzt durch eine Biegung des Weges ihrem Blick entzogen wurde; sie wußte selbst nicht, war es Zorn oder ein Gefühl der Demütigung, das sie bedrängte; aber – gewiß, die Schwester war heute nicht ohne Absicht von dem Bruder mitgenommen worden! – – Es kam doch anders, als ihr Scharfsinn, vielleicht auch, als Bernhard selber es gedacht hatte. Zum ersten Male sah Rudolf sich in Annas Gegenwart zu einer anderen gezwungen, und wiederum, als ob sich das von selbst verstehe, hatte sich zu ihr ein junger Mann gesellt, der nicht er selber war. Schweigend folgte er dem anderen Paare an der Seite seiner hübschen redseligen Partnerin; seine Augen hingen an der schlanken Gestalt der Voranschreitenden, an der anmutigen Biegung ihres Nackens, über dem im Herbsthauche die goldblonden Härchen wehten, während ihr Antlitz sich in freundlicher Wechselrede dem jungen Landmann zuwandte. Eine brennende Sehnsucht ergriff ihn; ja, er konnte sich nicht verhehlen, ein Groll war in ihm aufgestiegen, er wußte nicht, ob nur gegen Bernhard, oder ob auch gegen sie, die Schöne, Ungetreue selber. »Was denken Sie doch einmal, Herr von Schlitz?« sagte plötzlich das muntere Mädchen, das an seiner Seite schritt: »Sollte nicht auch ein Bröcklein für mich dazwischen sein?« Er sah sie flüchtig an. »Vielleicht«, erwiderte er langsam, »daß man Ihnen, Fräulein Julie, keine Brocken bieten dürfe.« Sie lachte; sie hatte es längst heraus, daß sie ihm nicht die Rechte sei; und das Gespräch wandte sich in zierlich spitzen Reden weiter, die bald lebhaft hin und wider flogen. Als aber Anna jetzt den Kopf zurückwandte, da traf sie ein so leidenschaftlicher Blick aus Rudolfs Augen, daß ein helles Rot ihr über Stirn und Wangen schoß. Verwirrt, das Haar sich langsam von der Stirne streichend, blickte sie ihn an. »Ihnen ist doch wohl, Herr Rudolf?« frug sie stockend; die offenen Lippen schienen kaum zu wissen, was sie sprachen. Auch war die Frage, wenn nicht ohne Grund, doch jedenfalls zu früh gestellt; denn erst jetzt, wie von innerer Erschütterung, erblaßte das Gesicht des jungen Mannes. Als aber statt seiner die muntere Freundin der Vorangehenden zurief: »Wen meinst du, Anna? Doch nicht Herrn von Schlitz? Dem ist sehr wohl; er mag nur seine Schätze nicht verschwenden!« da hatte Rudolf es gewagt, sich nur noch tiefer in die blauen Augen zu versenken. »Sehr wohl!« sagte dann auch er, die beiden Worte leis betonend; und das jungfräuliche Antlitz, das wie gebannt ihm stillgehalten hatte, lächelte und wandte sich zurück, und Rudolf sah noch einmal die tiefe Purpurglut es überströmen. In träumerischer Hingebung lauschte er jetzt dem reinen Klang ihrer Stimme, wenn sie auf Bernhards Fragen über die soeben erreichte Holzung diesem jede Auskunft zu erteilen wußte. Freilich wurde dieser Stimmung bald ein Dämpfer aufgesetzt; denn seine Hoffnung, auf dem Rückwege nun an Annas Seite zu gehen, wurde nicht erfüllt; geflissentlich, wie ihm nicht entgehen konnte, hatte sie sich zu Bernhards Schwester gesellt; ja, die beiden Mädchen enteilten ihnen bald völlig, wie sie angaben, um den gestrengen Herren die Abendmahlzeit anzurichten. Einsilbig folgten diese; beide schienen ganz den eigenen Gedanken nachzuhängen; um der Mahlzeit willen hätten die Mädchen nicht zu eilen brauchen. – – Nach dem Abendessen waren die auswärtigen Gäste fortgefahren, und auch Rudolf und seine Mutter, von Anna und dem Pfarrer vor die Haustüre geleitet, nahmen Abschied und schritten durch die kühle Herbstnacht ihrer Wohnung zu. Schon hatten sie den kleinen Vorgarten des Küsterhauses betreten, als es der Mutter einfiel, daß sie eine notwendige Bestellung an die Frau Pastorin vergessen habe; aber vielleicht war es ja noch nicht zu spät, und Rudolf machte sich auf den Rückweg, um wo möglich das Versäumte nachzuholen. Unter den Strohdächern der Bauernhäuser, welche an der Dorfstraße lagen, war schon alles dunkel, manche verschwanden ganz in dem Schatten ihrer alten Bäume; nichts regte sich als oben in der Höhe das stumme Blitzen des nächtlichen Septemberhimmels, und fernher, von drüben aus der Holzung, klang das Schreien eines Hirsches. So hatte Rudolf es in den Nächten nach seinem Amtsantritte in seiner einsam belegenen Försterwohnung auch gehört; nun war er lange fern gewesen; aber bald, schon in den nächsten Tagen, mußte er dahin zurück. Da es abermals vom Wald herüberscholl, schritt er rascher, als ob er dem entgehen wolle, in das Dorf hinab. Als er den Hof des Pfarrhauses betrat, sah er, daß auch dort schon alle Fenster dunkel waren; nur Anna stand noch auf der Schwelle vor der Haustür, auf derselben Stelle, von welcher sie vorhin den Fortgehenden nachgeblickt hatte. Er konnte sie bei dem hellen Sternenschimmer leicht erkennen; auch daß ihre Augen gesenkt waren, und daß ihr blondes Haupt sich wie zur Stütze an den Pfosten des Türgerüstes lehnte. Beklommen blieb er stehen, das Glück war wie ein Schrecken über ihn gekommen: nur sie und er, wie in der Einsamkeit des ersten Menschenpaares! Doch auch als er dann tief aufatmend näher trat, blieb die Gestalt des Mädchens unbeweglich. »Fräulein Anna!« sagte er bittend und legte seine Hand auf ihre Hände, die gefaltet über ihren Schoß herabhingen. Sie duldete es, als habe sie ihn hier erwartet, als ob sein Kommen sich von selbst verstehe; aber nur ein Zittern fühlte er durch ihre Glieder rinnen; ihre Augen, nach deren Blick er dürstete, erhob sie nicht. »Ich bin es; Rudolf!« sagte er wieder. »Oder wollten Sie mir zürnen, Anna?« Da hob sie das Haupt, es leise schüttelnd, von dem harten Pfosten und blickte mit unsäglichem Vertrauen zu ihm auf. Und wie es dann geschehen, ob noch ein Laut von ihren Lippen oder nur der Nachthauch in den Gartenbäumen, nur das stumme Sternenfunkeln über ihnen seiner jungen Liebesscheu zu Hülfe kam, das haben sie später selbst nicht scheiden können; aber der Augenblick war da, wo er das Weib und sie den Mann in ihren Armen hielt. Und als auch der vorüber, da sprachen auch sie jenes schöne törichte Wort, womit die Jugend den Sturz des Lebens aufzuhalten meint. »Ewig!« hauchte eins dem anderen zu; dann gingen sie mit glänzenden Augen auseinander, Anna zu dem verkrüppelten Bruder in die Kammer, Rudolf unter dem blitzenden Sternenhimmel in die Nacht hinaus, als wollte er empfinden, wie er mit seinem Glücke frei in alle Ferne schweifen könne. Als er endlich in das Küsterhaus zurückgekommen war, das wie die meisten Bauernhäuser hier auch während der Nacht unverschlossen blieb, vernahm er schon beim Eintritt in die Kammer die Stimme seiner Mutter aus dem anstoßenden Zimmer: »Ich habe nicht schlafen können, Rudolf; wo bist du denn so lang gewesen?« Und da stand die notwendige Bestellung wieder vor ihm; er hatte ganz darum vergessen. »Ist denn wenigstens alles in Ordnung!« rief die Mutter wieder. »Es mußte notwendig vor morgen früh bestellt sein.« »In Ordnung, Mutter?« und wie ein Jubel lachte es aus ihm heraus. »Ja, Mutter, schlaf nur, es ist alles jetzt in Ordnung!« – – Am anderen Morgen freilich, wo der Sohn mit seinem übervollen Herzen die Mutter am Frühstückstisch erwartet hatte, blieb dieser der Zusammenhang nicht mehr verborgen. Der Zweck des so entschlossen ausgeführten Besuches war somit erreicht; aber es schien fast, als habe er dadurch an seinem Werte eingebüßt; Frau von Schlitz saß da, als ob sie einen inneren Widerstreit zu schlichten habe. »Nun, Rudolf«, sagte sie endlich, da der Sohn wie bittend ihre beiden Hände faßte, »du hättest freilich andere Ansprüche machen dürfen; aber wir Frauen sind dankbarer als ihr Männer, und so wollen wir denn hoffen, das Mädchen werde sich dir um so mehr verpflichtet fühlen.« Was Rudolf außer der mütterlichen Zustimmung aus diesen Worten hörte, konnte kaum nach seinem Sinne sein; aber er war zu glücklich, um dawider jetzt zu streiten. Und so gingen sie denn, als der Vormittag weiter heraufgerückt war, miteinander nach dem Pfarrhause; der Sohn mit beklommenem Atemholen, wie wer die Pforte seines Glückes noch erst öffnen geht, Frau von Schlitz mit einem Lächeln der Befriedigung das frohe Staunen der guten Pastorsleute vorgenießend. Auch wurde bei Annas Mutter ihre Erwartung nicht so ganz getäuscht; aber immerhin war bei dieser doch wesentlich das romantische Forsthaus aus dem Freischütz, das vor dem entzückten Mutterauge stand: konnte es denn eine schönere Agathe als ihre blonde Anna geben? – Der Pastor selbst war abwesend, er hatte auf einem der entlegensten Dörfer seines Kirchspiels eine Taufe zu vollziehen. Als er abends, da schon die Kinder in den Betten waren, heimkam, wurde auch bei ihm die Werbung angebracht; aber Rudolfs Mutter mußte es erleben, daß auf die bescheidenen Worte ihres Sohnes nur ein ernstes Schweigen des sonst so heiteren Mannes folgte. Vielleicht mochte es sich diesem wieder vor die Seele stellen, daß dem jugendlichen Bewerber, wie er es wohl scherzend schon für sich bezeichnet hatte, von der langen Weibererziehung noch etwas zwischen seinen braunen Locken klebe; vielleicht, daß er seine »königliche Tochter«, wie er sie in seinem Herzen nannte, einer sichereren Hand als dieser hätte anvertrauen mögen; am Ende mochte es gar Bernhard sein, den er dabei im Sinne hatte. Auch Frau von Schlitz kam der Gedanke, und sie spürte schon den Antrieb, mit einigem Geräusche aufzustehen und ihrerseits die Unterhandlung kurzweg abzubrechen. Zum Glück begann der Pfarrer jetzt zu sprechen; es lag nicht in seiner Absicht, Hindernisse gegen Rudolfs Antrag aufzusuchen; er hatte sich nur sammeln müssen und tat jetzt ruhig eine und die andere Frage, welche nicht wohl unbeachtet bleiben konnten. Dann wurde Anna hereingerufen, und der Vater legte sein Kind an die Brust des ihm vor wenig Wochen noch völlig fremden Mannes; Frau von Schlitz aber ging an diesem Abend mit einem Unbehagen schlafen, über dessen verschiedene Ursachen sie vor sich selber jede Rechenschaft vermied.   Am Morgen, der dann folgte, erschien Rudolf nicht zum Frühstück; als die Mutter in seine Kammer ging, fand sie das Bett leer und augenscheinlich seit lange schon verlassen; erst nach einer weiteren Stunde trat er zu ihr in das Zimmer. Es war ihr nicht entgangen, daß seine Bewegungen hastig, daß ein unstetes Feuer in seinen Augen war; aber sie bezwang sich: »Du kommst wohl von einem weiten Spaziergange?« frug sie scheinbar ruhig. »Ja, ja; ich bin recht weit umhergelaufen.« »Aber dir ist nicht wohl! Du hast dich überanstrengt.« »Du irrst, Mutter, ich bin kräftig, wie je zuvor.« »So sprich, was ist dir denn? Und laß mich nicht in solcher Angst!« Rudolf war auf und ab gegangen; jetzt hielt er inne: »Mutter«, sagte er düster, »ich habe gestern übereilt gehandelt.« Er wollte weitersprechen, aber die Mutter unterbrach ihn: »Du, Rudolf, übereilt? Das war nie deine Art! Und, gestern, sagst du? Gestern?« Er nickte schweigend; sie aber ergriff leidenschaftlich beide Hände ihres Sohnes: »Bereust du, Rudolf? Hat nur die Gegenwart des anderen Bewerbers dich so weit hingerissen? – Wer weiß, du hättest vielleicht nur ein paar Tage noch zu warten brauchen; und auch jetzt noch – –« »Mutter!« rief er heftig, und dann: »ich weiß von keinem anderen Bewerber.« Frau von Schlitz besann sich. »Nun wohl«, entgegnete sie trocken, wie durch den ungewohnten Ton gekränkt, »was willst du denn von deiner Mutter?« »Sag mir nur eines«, begann er zögernd; »weiß man hier von meiner Krankheit, von meinem Aufenthalte in der Anstalt? Hat Anna davon gewußt?« Frau von Schlitz atmete tief auf: »Sei ruhig, mein Sohn; auch für sie, wie für alle Welt, war es – und es war ja auch in Wirklichkeit nichts anderes – nur eine Reise zur Erholung von schwerem Nervenübel.« Aber die Augen des Sohnes blieben düster: »Ich dachte es«, sagte er; »und nun liegt es zwischen mir und meinem Glück. Gott weiß es, in ihrer Nähe war jene furchtbare Erinnerung spurlos in mir verschwunden, und erst heute nacht, da ich vor Übermaß des Glücks nicht schlafen konnte, brach es jäh, wie ein Entsetzen, auf mich nieder. Wie soll ich jetzt noch zu ihr sprechen, und wird sie mir glauben können, daß ich nicht absichtlich sie betrogen habe?« Die Mutter schwieg noch eine Weile, während die Augen des Sohnes angstvoll auf ihrem Antlitz ruhten. »Du hast recht, Rudolf«, begann sie dann nach rascher Überlegung; »vielleicht würde deine Braut es dir nicht glauben; oder wenn auch deine Braut, so würden später bei deiner Frau doch Zweifel kommen. Und nicht nur das: wir wissen, daß es eine Krankheit war, die, wie andere, gekommen und gegangen ist; aber Frauenliebe sieht leicht Gespenster, die das teure Haupt bedrohen; sie könnten mit euch gehen in euerer jungen Ehe.« Rudolf hatte sich plötzlich aufgerichtet, aber er war totenblaß geworden: »Es ist noch keine Ehe«, sagte er; »noch kann sie ihre Hand zurücknehmen, die sie so arglos in die meine legte.« »Zurücknehmen, Rudolf?« Frau von Schlitz zögerte ein wenig, bevor sie fortfuhr: »Hast du nie von Frauen gehört, die nur einmal lieben können und dann nie wieder? Ich möchte glauben, deine Braut gehört zu diesen.« Die Worte klangen süß in seine Ohren, und in seinen Augen leuchtete es wie von einem Strahl des Glückes; dann aber schüttelte er den Kopf, daß das braune Haar ihm wirr um Stirn und Augen flog: »O Mutter; aber es ist dennoch Unrecht!« Er hatte die Worte so laut hervorgestoßen, daß sie rasch zum Fenster trat, an dem ein Gartensteig vorüberführte »Kein Unrecht!« sagte sie, sich wieder zu ihm wendend; »das einzige Rechttun liegt in deinem Schweigen; und überdies: was hast du zu verschweigen?« Unentschlossen, in schwerem Sinnen stand er vor der Mutter, während ihre Augen gespannt auf seinem Antlitz ruhten. Als er noch immer schwieg, streckte sie ihm die Hand entgegen: »Ich will dich nicht drängen, Rudolf; eines nur versprich mir: heute noch zu schweigen und – ohne Vorwissen deiner Mutter nicht daran zu rühren!« Rudolf hatte noch nicht geantwortet, da pochte ein leichter Finger von außen an die Tür. Anna war halb verschämt hereingetreten und stutzte jetzt ein wenig, da sie so ernsthafte Gesichter vor sich sah; aber schon hatte Rudolfs Mutter das Wort an sie gerichtet: »Du suchst wohl deinen ungetreuen Bräutigam, mein liebes Kind; und recht hast du, er hätte lieber mit dir als mit der alten Mutter plaudern sollen!« »Verzeihen Sie, Mama«, erwiderte das junge Mädchen lächelnd; »aber die Kinder lassen mir nicht Ruh, sie wollen alle ihren neuen Schwager sehen; Käthe ist mitgelaufen und lauert draußen, die anderen stehen zu Hause vor der Tür; sie bettelten so lange, bis wir ihnen allen ihre besten Kleider angezogen hatten. – Du gehst doch mit mir, Rudolf?« setzte sie mit gedämpfter Stimme dann hinzu, indem sie den Kopf zu ihrem Liebsten wandte und ihn voll mit ihren lebensfrohen Augen ansah. Die Mutter lächelte; denn wie vor einem Morgenhauche sah sie die Wolke von des Sohnes Stirn verschwinden. »Nun, Rudolf?« sagte sie und streckte jetzt noch einmal ihm die Hand entgegen. Er hatte die leis betonte Frage wohl verstanden; aber, die Augen auf seiner jungen Braut und mit der einen Hand die ihre fassend, legte er die andere mit festem Druck in die der Mutter. »So geht, ihr Glücklichen!« sagte diese. Sie gingen, und Frau von Schlitz lehnte sich wie ermüdet auf ihren Stuhl zurück. »Hübsch ist sie; zum mindesten hier, so zwischen Wald und Wiesen!« Halb lächelnd hatte sie es vor sich hingemurmelt; dann stand sie auf, um ihre Morgentoilette zu vollenden.   Der Nachmittag des letzten Sonntags war herangekommen; auch Mutter und Sohn sollten sich am anderen Tage trennen: erstere, um sich in der Residenz in ihren niedrigen Zimmern einzuwintern, Rudolf, um nach langer Frist in sein leeres Försterhaus zurückzukehren, das er bis zum Frühjahr noch allein bewohnen sollte; am folgenden Tage hatte er dann sich bei der Exzellenz zu melden, welche der Jagd wegen noch die letzten Herbstwochen auf dem Lande blieb. Schweigend hatte er seinen Koffer gepackt, während die Mutter noch zwischen Päckchen und Schachteln umherhantierte. »Geh nur zu deiner Braut!« sagte sie zu dem ihr müßig Zuschauenden; »es sieht hier öde aus; was übrig ist, besorge ich schon allein!« Rudolf küßte die Hand seiner Mutter und ging. Als er die Dorfstraße eine Strecke weit hinabgeschritten war, sah er aus der Fahrpforte des Pfarrhauses einen Reiter sich entgegenkommen, der, wie es schien, bei seinem Anblick das Pferd in rascheren Gang setzte und dann im Galopp an ihm vorüberritt. »Bernhard!« rief er; aber der Reiter hatte nur mit seinem Hut gegrüßt und war jetzt schon weit von ihm entfernt. Eine Weile blickte Rudolf ihm nach: »So laß ihn reiten!« dachte er und ging langsam weiter. Als er an den Garten des Pastorats gekommen war, sah er ein helles Kleid zwischen den Boskettpartien schimmern, von welchen ein Steig zu einem Pförtchen nach der Dorfstraße hinausführte. Anna pflegte sonst um diese Stunde sich drinnen mit den kleinen Geschwistern zu beschäftigen; aber als er in den Garten getreten und den Steig hinabgegangen war, kam sie bei einer Biegung desselben ihm entgegen. »Du, Rudolf?« rief sie. »Ich hatte dich nicht kommen hören.« Es war nicht der sonst so frohe Klang in ihrer Stimme; auch sah sie ihn nicht an, da sie jetzt ihre Hand wie leblos in die seine legte. Rudolf stutzte; die halben Worte seiner Mutter standen plötzlich vor ihm. »Was ist dir, Anna?« sagte er. »War Bernhard hier? Ich sah ihn fortreiten; er muß doch eben erst gekommen sein!« »Ja«, entgegnete sie, ohne aufzublicken; »Bernhard wollte nicht bleiben.« »Aber du hast ja rote Augen, Anna!« Und ein kaum merkliches Zittern klang aus seiner Stimme. »Ja, Rudolf«, sagte sie und sah ihm voll ins Antlitz; »Bernhard hat mit mir gesprochen.« »War das so traurig, was er mit dir zu sprechen hatte?« Sie nickte: »Er bat – er wollte bei den Eltern um mich werben; er wußte ja noch nichts von unserer Verlobung.« Rudolf war blaß geworden. »Nun, Anna?« frug er stockend. »Ja, was denn weiter, Rudolf? Das konnte ich doch nicht erlauben.« »Und warum weintest du?« Er hatte diese Worte so laut hervorgestoßen, daß das Mädchen erschrocken um sich blickte; dann sagte sie ruhig: »Ja, darum weinte ich; begreifst du das nicht, Rudolf?« Er sah sie mit weit offenen Augen an: »Und darum hasse ich ihn!« rief er in ausbrechender Heftigkeit; »und jeden, der seine Hand nach deiner auszustrecken wagt!« Nur einen Augenblick stand sie betroffen; gleich darauf hatte sie ihr Schnupftuch hervorgezogen und wischte sich recht derb damit die Augen: »Schilt mich, Rudolf«, sagte sie treuherzig, und ihre ganze süße Stimme klang in diesen Worten; »aber glaub nur, ich bin das nicht gewohnt, es hat mich sonst noch niemand haben wollen; er hätte doch auch sehen müssen, daß ich dir gehöre!« Da riß er sie ungestüm an seine Brust: »Verzeih mir, habe Geduld! Auch ich muß erst lernen, so übermenschlich reich zu sein!« Sie neigte nur das Haupt und ließ sich still umfangen; dann gingen sie miteinander in das Haus und waren zwischen Eltern und Geschwistern, bis auch dieser letzte Tag verging.   Während des Winters, der nun angebrochen war, wurde im Pfarrhause von unermüdlichen Händen an der Aussteuer der jungen Frau Försterin gearbeitet; die Mutter hätte gern wenigstens eins der neuen Sommerkleider mit grünem Band besetzt; aber Anna protestierte lachend und heftete das Band um ihren Sommerhut. Bisweilen kam auch der Pfarrer mit seiner Pfeife aus der Studierstube herüber, stand und nickte lächelnd seiner Anna zu, welche selbst die Schwester Käthe in deren Freistunden bei dieser heiteren Arbeit anzustellen wußte. Weihnachten brachte den Besuch des Bräutigams und große Störung dieses fleißigen Treibens. Dann, nach der neuen Trennung, wurden den Brautleuten die Tage immer länger, zumal als noch einmal die Welt in Schnee begraben wurde und Anna von ihrer Arbeit, wie Rudolf aus dem Fenster seiner entlegenen Försterei, vergebens nach dem Briefboten aussah. Endlich, unter den ersten Sonnenstrahlen des Aprils, der diesmal seinem Namen als »Eröffner« Ehre machte, legte der väterliche Priester die Hände des jungen Paares ineinander. Auch Bernhard als ein zwar ernster, aber wohlmeinender Gast war dessen Zeuge; er hatte einer verlorenen Hoffnung wegen nicht auch die Menschen selbst verlieren wollen. Noch vor dem Abschied hatten auf seine Bitte beide es ihm zugesagt, im Verlauf des Sommers auf seinem, auch von ihrem neuen Wohnort nicht gar fernen Hofe einzukehren. Dann unter dem Dache des inzwischen sauber hergerichteten Forsthauses kam der Beginn des jungen Ehelebens. Zwar hatten beide ihre volle Arbeit: Anna zu allem anderen mit einem aufgeschossenen Dorfkinde, das sie zum regelrechten Mägdedienst erziehen mußte, Rudolf die immer wiederkehrende Vertretung des kränkelnden Oberförsters; aber die Arbeit selbst war jetzt ein Miteinanderleben. Oft auch – denn die Kunst der Wirtschaft war ihr angeboren, so daß sie immer noch ein Maß von Zeit für ihren Liebsten übrig hatte – begleitete Anna diesen auf seinen Berufswegen durch den Wald, sei es zu den Föhren, wo an den mächtigen Stämmen jetzt die Axt erklang, oder in einen der Buchenschläge, wo die gefürchtete Nonnenraupe mit Verwüstung drohte. Inmitten dieser herrschaftlichen Wälder, auf den alten Karten 2u über vierzig Tonnen Landes angezeichnet, lag ein Bezirk, in dem die königlichsten aller Bäume stehen sollten; aber, man wußte nicht, ob aus Liebhaberei oder in Folge nachlässiger Bewirtschaftung der Vorbesitzer, seit wohl hundert Jahren hatte ihn keine Axt berührt, ja, wie es hieß, kaum eines Menschen Fuß betreten. Der Graf freilich, in Begleitung Rudolfs und eines begeisterten Landschaftsmalers, war einmal mit Messer und Säbel eine Strecke weit in seinen »Urwald« vorgedrungen, und ein paar der wildesten Partien, welche der Maler auf die Leinwand gebracht hatte, zierten jetzt in der Residenz sein Arbeitszimmer. Aber auch Anna, als Rudolf ihr davon erzählte, war im Übermut des Glückes und der Jugend ein Gelüsten nach dem Abenteuer angekommen: zwar hatte jener anfänglich neckend abgewehrt, dann aber eines Sonntagmorgens, in Freuden über sein schönes reisiges Weib, ihr selber kunstgerecht das Kleid gegürtet; und so waren sie, auch im übrigen wohlgerüstet, zum Besuch des Urwaldes ausgezogen. Manchmal im wildesten Gestrüppe hatte sie atmend an seiner Brust geruht; aber auf seine Frage, ob es denn nun genug sei, immer lächelnd noch den Kopf geschüttelt, bis er dann aufs neue vor und über ihr das Zweiggewirr durchbrochen und sie sich endlich zu einer Lichtung durchgekämpft hatten, wo ein bemooster Granitblock zum Ruhen einzuladen schien. Gegenüber, hinter einem schmalen Sumpfe, der vom Röhricht ganz durchwachsen war, stieg wiederum, anscheinend undurchdringlich, das Gewirr des Waldes auf. Aber nur Rudolf hatte sich gesetzt; Anna kniete zwischen einem Flor von Maililien, welche einen Teil der Lichtung überdeckten, und pflückte eifrig einen Strauß zusammen. Als sich ihre Hand allmählich füllte, wandte sie den Kopf: »So hilf doch, Rudolf! Ich für deine, du für meine Stube!« Er schien es nicht zu hören: »Sieh nur«, sagte er, indem er mit ausgestrecktem Finger gegenüber nach dem Dickicht zeigte; »wer sich nicht wollte finden lassen, müßte dort schwer zu suchen sein!« Anna war aufgesprungen und sah ihn fast erschrocken an; aber schon hatte sie die Blumen fortgeworfen, und in übermütiger Zärtlichkeit mit beiden Händen ihn umhalsend, rief sie heiter: »Versuch es nur, ich will dich dennoch finden!« Ohne Blumen, in der Fülle ihres Glückes, waren sie dann heimgegangen. – – Bald danach war Annas Vater im Forsthause eingekehrt und mit Jubel von dem jungen Paar empfangen worden. Nur auf wenige Tage hatte sein Amt ihn frei gelassen; aber er verstand es, die Stunden auszunutzen. Auch im Schlosse war man zum Abendtee gewesen; der Graf und der Pfarrer schienen sich gegenseitig zu gefallen. Während Rudolf die Frauen am Klavier um sich versammelte, standen jene im Gespräch in einer Fensternische: »Ohne Zweifel«, sagte der Graf, »ich halte ihn für recht befähigt, nur etwas zaghaft noch; aber man muß der Jugend etwas zutrauen, und so hab ich's denn auch mit ihm im Sinne.« Der Pastor nickte: »Exzellenz wollen nachträglich die Männererziehung noch dazutun!« – »Ich denke, wir verstehen uns, Herr Pastor!« Und sie lauschten nun auch dem meisterhaften Spiel des jungen Försters. Am anderen Abend saß der Pastor wieder im Familienzimmer seines Pfarrhauses, und wenn die gute Frau Pastorin in seiner Erzählung auch vergebens auf den romantischen Zauber des Jägerlebens wartete, so ließ er selber sich doch behaglich von der jetzt Ältesten, seiner Käthe, den brennenden Fidibus für seine Pfeife bringen. – – Es war im Juli an einem Sonntagnachmittage, als die jungen Eheleute in der warmen Sommerluft vor ihrem Hause saßen, wohlgeborgen unter der alten, weithin schattenden Eiche, deren Laub jetzt im sattesten Grün erglänzte. Die Kaffeestunde ging zu Ende, und Anna erhob sich und nahm das Geschirr von dem selbstgezimmerten Säulentische, um es ins Haus zurückzutragen. Nur sollte ihr das nicht ohne Hindernis gelingen; als sie an Rudolfs Sitz vorbeiwollte, umschloß er sie mit beiden Armen, und so stand sie gefangen und wagte mit ihrer zerbrechlichen Bürde sich nicht zu rühren. Lächelnd blickte sie zu ihm nieder; das Schweigen des Glückes lag auf beider Antlitz. Über der Haustür auf dem alten Geweih des Sechzehnenders, das sich bis in die grünen Zweige hinaufstreckte, zwitscherte eine Schwalbe und flog dann über ihren Köpfen wieder in den Sonnenschein hinaus; nur von der seitwärts am Waldesrande sich entlangziehenden Wiese tönte nach wie vor das Summen der Millionen schwebenden Geziefers; mitunter erhob es sich wie übermütig, als wollten sie den Menschen ihre kurze Sommerherrschaft fühlen lassen; dann sank es wieder wie zu leisem Harfenton. Unwillkürlich hatten beide hingehorcht. »So hör ich's gern«, sagte Anna; »nur sollen sie mir nicht ins Zimmer kommen.« Rudolf bejahte nachdenklich: »Aber sie kommen ungefragt; horch nur, es klingt ganz zornig, und sie dürsten auch nach unserem Blute.« »Laß sie«, versetzte heiter die junge Frau; »das Tröpfchen wollen wir ihnen gönnen.« Über Rudolfs Augen flog es wie ein Schatten, und er schloß die Arme fester um die schlanken Hüften seiner Frau. »Meinst du?« sagte er gedehnt. »Es gibt eine schwarze Fliege, diese Sommerglut brütet sie aus, und sie kommt mit all den anderen zu uns, in dein Haus, in deine Kammer, unhörbar ist sie da, du fühlst es nicht, wenn schon der häßliche Rüssel sich an deine Schläfe setzt. Schon mancher hat sie um sich gaukeln sehen und ihrer nicht geachtet; denn die wenigsten erkennen sie; aber wenn er von einem jähen Stiche auffuhr und sich, mehr lachend noch als unwillig, ein Tröpflein Blutes von der Stirn wischte, dann war er bereits ein dem Tod verfallener Mann.« Anna hatte mit verhaltenem Atem zugehört; nun fuhr sie mit der freien Hand ihm über Stirn und Haare: »Du könntest einem bange machen, Rudolf; aber ich will diese schwarze Fliege fortjagen; denn sie kommt aus deinem Hirn und soll mir nicht dahin zurück; ich habe nie von diesem Spuk gehört.« Er ließ sie gewähren; nur seine Augen suchten in zärtlicher Angst die ihren festzuhalten. »Aller Spuk ist selten«, sagte er leise; »aber die schwarzen Fliegen sind doch wirklich da!« »Nein!« rief sie, indem sie sich zu ihm neigte und, das Brett mit Kannen und Tassen emporhebend, es anmutig fertigbrachte, ihm den Mund zum Kuß zu reichen; »nein, Rudolf, nun sind sie alle fort! – Und nun laß mich!« setzte sie hinzu, da eben die Magd die neueste Zeitung auf den Tisch legte, welche, wie gewöhnlich um diese Zeit, des Oberförsters Knecht ihr ins Küchenfenster hineingereicht hatte. »Nun studier deine Zeitung und sieh zu, ob auch etwas für deine Frau darin ist!« Er hatte sie frei gelassen und sah ihr nach, da sie in das Haus ging; dann nahm er die Zeitung und begann zu lesen. Aber er las nur obenhin und ließ oft die Hand, welche das Blatt hielt, sinken; erst als er auch die letzten Spalten überflog, wurde seine Aufmerksamkeit gefesselt, jedenfalls schienen seine Augen über eine Notiz von wenig Zeilen nicht hinauszukommen. Es mochte nichts Heiteres sein; denn schwere Stirnfalten drückten seine Augenlider, während er noch immer darauf hinstarrte; oder hatte Frau Anna doch die schwarzen Fliegen nicht verjagen können? Plötzlich erhob er sich und legte die Zeitung auf den Tisch, indem er zugleich nach seinem Hute langte, den er über sich an einem Zweige aufgehangen hatte. Aus dem offenen Hausflur rief die Stimme seiner Frau: »Was willst du, Rudolf? Gehst du fort?« »Nur zum Andrees!« rief er zurück; »er soll den Köder in den Fuchseisen noch erneuern!« »So wart doch wenigstens, bis die ärgste Glut vorüber ist!« Aber er winkte nur noch mit der Hand und war bald auf dem Wege, der an des Forstwärters Haus vorbei zum Walde führte, hinter dem Gebüsch verschwunden. Was Rudolf in der Zeitung gelesen hatte, lautete wörtlich wie folgt: »Am letzten Dienstage, so wird von glaubhafter Seite uns berichtet, saß der erst kürzlich verheiratete Hufschmied Br ... zu Wallendorf nach Feierabend mit seiner Frau im Wohnzimmer. Das Gespräch zwischen den Eheleuten war eine Weile stumm gewesen, als der Mann wieder anhub: ›Heute sind es gerade dreizehn Jahre, daß ich von einem tollen Hund gebissen wurde! Man sagte mir damals, ich solle mich nicht verheiraten; aber es hat mir bis jetzt doch nichts darum geschadet.‹ Die Frau, welche erst in diesem Augenblick von jenem Vorgang hörte, erschrak heftig; noch mehr aber, als sie jetzt in das plötzlich verzerrte Antlitz ihres Mannes blickte. Und kaum waren einige Minuten verflossen, als die Nachbaren auf ihr Geschrei herbeieilten und den Unglücklichen, bei dem schon alle Zeichen von Tollwut ausgebrochen waren, an Händen und Füßen fesseln mußten.« Das war es, was Rudolf gelesen und was so ganz von ihm Besitz genommen hatte, daß es allem übrigen sein Ohr verschloß. Und jetzt auf dem einsamen Wege kamen ihm die Worte, die einzelnen Sätze in ihrer Reihenfolge immer wieder; er suchte anderes zu denken; an seine Mutter, an Anna, sogar an des Herrn Grafen Exzellenz; aber es half nichts, es waren immer nur die schwarzen Buchstaben in ihrem kleinen Zeitungsdruck, die unabweisbar an ihm vorüberzogen. In der Hütte des Waldwärters traf er diesen nicht daheim; er ging wieder hinaus, ohne auch nur der anwesenden Frau den einfachen Auftrag mitzuteilen. Erst nach einer Weile bemerkte er, daß er nicht den Rückweg nach seinem Hause eingeschlagen hatte, sondern mitten im Walde auf einem Wege schritt, der zwischen hohen, finsteren Tannen ausgehauen war. Endlich begann er seiner Gedanken Herr zu werden: was wollte jene furchtbare Geschichte denn von ihm? Ihn hatte niemals, weder ein toller, noch ein anderer Hund gebissen, und im übrigen – wer konnte aller Menschen Leid mitfühlen wollen? Wog es nicht vielleicht noch schwerer als der Menschheit Sünden, die doch nur Gottes Sohn auf sich genommen hatte? Grübelnd blieb er stehen; aber es war ja auch kein Mitleid, das er fühlte, er hatte sich ja selber nur belügen wollen! Nein, nein, kein toller Hund; aber – jenes andere, was er nicht zu denken wagte, was er hinter sich in Nacht begraben wähnte! Wenn es wiederkäme – nach zehn, nach zwanzig Jahren? Oder – wer könnte wissen – vielleicht schon jetzt, noch eh der Herbst die Blätter von den Wäldern fegte! Er fuhr mit beiden Händen vor sich hin, als wolle er ein Schreckbild von sich stoßen; aber er sah es doch, er hörte den Schrei seines Weibes, er sah die Nachbaren – – nein, sie hatten ja keine Nachbaren! Niemand konnte kommen! – Plötzlich, als müsse er nun selber ihr zu Hülfe eilen, wandte er sich zur Heimkehr; rasch und rascher, daß es bald einem Laufen gleich war, eilte er zurück. Aber die Gedanken liefen immer mit: jener Hufschmied, war er auch so feig gewesen? Hatte auch er von selbstsüchtiger Mutterliebe sich den Mund verschließen lassen, eh er das junge Weib in seine Kammer brachte? Ein Donner rollte über den Wald hin und verhallte dröhnend. Die Glut des Tages hatte sich gelöst: zu beiden Seiten rauschte es durch die Tannen, und kühlend fielen die ersten großen Tropfen auf die heiße Erde. Auch Rudolf atmete auf in dem belebenden Dufte, der sich jetzt erhob, auch ihm floß es wie erquickliche Kühle durch die Adern: was war es denn gewesen, das ihn so erschreckt hatte? Hier ging er ja gesund und kräftig wie nur jemals! Und daheim? Verlockend, wie noch nie, stand seines Weibes schlanke jugendliche Gestalt vor seinen Sinnen. Immer rascher schritt er durch den gewaltig niederrauschenden Regen, bis er das Gebell seiner beiden braunen Hunde hörte, die mit ausgelassenen Sprüngen ihm entgegentobten, und bis er endlich dann mit leuchtendem Angesicht vor seinem blonden Weibe stand. Freilich, von Kuß und Umarmung des triefenden Geliebten wollte sie für jetzt nichts wissen; lachend, mit vorgestreckten Händen, drängte sie ihn in die Kammer: »Hier, Rudolf, ist der Schlüssel zu deinem Kleiderschrank. Wenn du hübsch trocken bist, darfst du zu mir kommen und dir deine Schelte holen!« Und ihre Augen lachten wie die lieblichste Verheißung.   Aber der glückliche Schluß dieses Tages hatte seinen übrigen Inhalt nicht beseitigen können. Es war in Rudolf etwas wachgerufen, das während seiner kurzen Ehezeit bisher geschlafen hatte; ein Zufall hatte die Decke jetzt gelüpft, und er sah es in der Tiefe liegen und allmählich höher steigen, bis es endlich unverrückt mit den feindlichen Augen zu ihm emporstarrte. Immer öfter zog es seinen Blick dahin, so daß er dauernd auf nichts anderes mehr sehen konnte und zu Arbeiten, die er vormals bequem bewältigt hatte, nicht selten die Nacht zu Hülfe nehmen mußte. Eine Geschäftsreise nach der Residenz im Auftrage des Grafen brachte Abwechslung und eine Einkehr bei der Mutter. Sie hatte bei seinem Empfange ihn lange stumm betrachtet und ihn dann in das zweite Zimmer geführt, das Rudolf früher wohl scherzend ihren Ahnensaal zu nennen pflegte. »Du siehst übel aus, mein Sohn!« war das erste Wort, das sie ihm sagte, als sie sich gegenübersaßen. Er suchte ihr das auszureden und wollte es auf die Nachtfahrt schieben; aber sie unterbrach ihn: »Seit deines Vaters Augen so früh sich geschlossen, waren die meinen nur auf dich gerichtet; du vermagst mich nicht zu täuschen.« Und als er schwieg, ergriff sie seine beiden Hände: »Du bist unglücklich, mein Sohn; nur deiner Mutter kannst du das nicht verbergen!« Er sah wie gedankenlos eine Weile zu ihr hinüber. »Ja, Mutter«, sagte er dann; »ich glaube fast, daß ich es bin.« »Weshalb, Rudolf, weshalb bist du es?« Auf dem Tische lag eine Zeitung; Rudolf hob sie auf, es war dieselbe, die der Oberförster und er zusammen hielten. »Hast du das gelesen neulich?« sagte er zögernd; »das – mit dem Hufschmied?« »Ja, Rudolf, ich habe es gelesen. Was soll das? Der Unglückliche!« »Die Unglückliche!« erwiderte er, stark das erste Wort betonend. »Und hast du auch gelesen, nach dreizehn Jahren ist es ausgebrochen?« »Was soll das? Was willst du, Rudolf?« frug sie wieder. Er war aufgestanden. »Mutter«, sagte er leise; »bin ich nicht auch von einem solchen Hund gebissen worden? Und sie, die Unglückliche, ist ewig, was wir hier ewig nennen, an mir festgeschmiedet! Wir waren übel beraten, Mutter, als wir die schöne Unschuld für meinen Dienst betrogen.« Sie blickte ihn fast zornig an: »Das ist es, Rudolf? Ich verstand dich nicht.« »Ja, Mutter; was konnte es anders sein?« Ein schmerzliches Aufleuchten ging durch die dunklen Augen der Frau, und einige Sekunden lang bedeckte sie sie mit ihrer weißen Hand. »Wenn ich für dich gesündigt habe«, sagte sie bitter, »so habe ich mit Recht den Dank dafür verloren; laß mich's denn auch allein verantworten!« Er nahm ihre nur schwach widerstrebende Hand und küßte sie: »Ich bin nicht undankbar, Mutter; aber ich weiß auch, daß ich meine Schuld allein zu tragen habe.« Frau von Schlitz antwortete nicht sogleich; hinter ihrer breiten Stirn, die unter einer schwarzen Florhaube noch blasser als das Antlitz ihres Sohnes schien, hielten die Gedanken raschen Überschlag. »Besinne dich«, begann sie dann anscheinend ruhig; »du hast den Brief deines derzeitigen Arztes selbst gelesen, er enthielt nichts, was zu verbergen war; von jener Seite droht deinem oder, wie ich jetzt sagen muß, eurem Leben nicht Gefahr. Dich drückt nur das Geheimnis, das Versprechen, das du mir gegeben hast; ich gebe es dir zurück, es war unnötige, übertriebene Sorge, da ich es von dir verlangte.« Aber Rudolf blickte wie erstaunt auf sie herab: »Reden? Jetzt noch reden, Mutter? Und das rätst du mir? Und Anna? Anna? Dreizehn Jahre lang, und immer die armen Augen nach dem Schreckgespenst? – – Nein, nein!« rief er heftig, »jetzt muß ich mit mir selber fertig werden!« »Und wenn du es nicht wirst, Rudolf?« Wie von Angst gepreßt wurden diese Worte ausgestoßen. »Dann«, sagte er langsam, »wird sie frei von mir; es gibt nur einen Weg, den ich ohne sie noch gehen kann. O Mutter, hat denn mein Vater dich nicht auch geliebt?« Sie hatte sich aufgerichtet, eine Frau von nicht mehr jugendlicher, aber noch immer ernster Schönheit: »Ja, mein Sohn«, rief sie und schlang leidenschaftlich beide Arme um seinen Nacken, »wohl haben wir uns geliebt, ich und dein Vater; aber dich lieb ich mehr, als Mann und Weib sich lieben können; was kümmern mich alle anderen Menschen außer dir!« Stumm, erschüttert hielt der Sohn die Mutter an seiner Brust, an dem Zucken ihres Leibes fühlte er, wie die starke Frau sich selbst zur Ruhe kämpfte. Aber unter den zärtlichen Worten, die sein Herz ihn sprechen ließ, verkannte er gleichwohl nicht, daß diese Leidenschaft, wo sie ihn bedroht wähne, in jedem Augenblick bereit sei, sich feindselig gegen alle Welt, ja gegen des eignen Sohnes Weib zu kehren. Mit dem Scharfsinn seiner jugendlichen Liebe las er in der Seele der erregten Frau; und ehe beide voneinander schieden, hatte die Mutter, wenn auch widerstrebend, ihm nun ihrerseits geloben müssen, an der Vergangenheit ohne sein Zutun nichts zu rühren. Nur darin traf ihr Wunsch mit einem bereits von ihm gefaßten Entschluß überein: er wollte sich Beruhigung oder – wie er still bei sich hinzufügte – doch Entscheidung über seinen Zustand bei dem Arzte holen, unter dessen Fürsorge er jene Monate des vergangenen Jahres zugebracht hatte; wenn er noch einmal eine Nachtfahrt daransetzte, so war ihm, bei der unerwartet raschen Erledigung des Geschäftes, die Zeit noch zur Verfügung. – – Und etwa zehn Stunden später saß er dem Genannten, einem kräftigen Manne in mittleren Jahren, gegenüber; die heiteren, etwas schelmischen Augen des Arztes ruhten auf dem Antlitz seines früheren Patienten, während dieser, der dem vertrauengebenden Wesen desselben seine damalige rasche Genesung zu verdanken glaubte, ihm dies in warmen Worten aussprach. »Aber was treiben Sie denn, Herr von Schlitz«, unterbrach ihn jener, »Sie sollten wohler aussehen! Sie sind von uns als völlig – wohlverstanden, als völlig geheilt entlassen worden.« Die Frage, um derenwillen Rudolf seine Reise hieher verlängert hatte, war somit schon zum größten Teil und auf das unverfänglichste beantwortet; nun galt es nur noch seinerseits eine unverhaltene Auskunft über späteres Erlebnis; und nach kurzem Widerstreben überwand er sich; sein Geheimnis war hier keines, nun bekannte er auch seine Schuld. Ein leichtes Stirnrunzeln überflog das Angesicht des älteren Mannes. »Nein, nein«, sagte er gleich darauf, da Rudolf stockte, »sprechen Sie nur; ich klage Sie nicht an!« Und der Jüngere fuhr fort und verschwieg ihm nichts: »Mitunter«, – so schloß er seine Beichte – »aber nur in kurzen Augenblicken ist es mir, als ob der dunkle Vorhang aufweht, und dahinter, wie zu meinen Füßen, sehe ich dann das Leben gleich einer heiteren Landschaft ausgebreitet; aber ich weiß doch, daß ich nicht hinunterkann.« Wieder ruhte der sinnende Blick des Arztes auf des jungen Mannes Antlitz. »Nicht wahr«, sagte er dann, »aber es ist mehr der anteilnehmende erfahrene Mann, als der Arzt, der diese Frage an Sie tut – Sie haben eine gesunde und eine Frau von heiterem Gemüte?« Rudolfs Augen leuchteten, und in seinen Armen zuckte es, als müsse er sich zwingen, sie nicht nach seinem fernen Weibe auszustrecken. »Sie sollten sie nur sehen!« rief er. »Nein, nur ihre Stimme brauchten Sie zu hören!« Der Arzt lächelte: »Dann«, sagte er, »wenn dem so ist«, und er betonte jedes Wort, als ob er auf schwerwiegende Gründe eine Entscheidung baue, »dann – reden Sie; und Sie werden nicht allein in jenes heitere Land hinunterschreiten!« Rudolf war fast erschrocken, als dieselbe Forderung, die er noch kurz zuvor der Mutter gegenüber so schroff zurückgewiesen hatte, ihm nun auch hier entgegenkam. Aber sie reizte ihn hier nicht zum Widerspruche; die ruhigen Worte, in denen jetzt der teilnehmende Mann ihm zusprach, mochten kaum anderes enthalten, als was er von seiner Mutter auch schon wiederholt gehört hatte; dennoch war ihm, als ob seine Gedanken sich allmählich von einem Banne lösten, der sie stets um einen Punkt getrieben hatte. Allein hatte er seinen Weg in Nacht und Schrecken wandern wollen! Aber – und seine Brust hob sich in einem starken Atemzuge – es gab ja kein »Allein« für ihn, er selber hatte ja gesagt, sie seien aneinander festgeschmiedet, er konnte nicht in der Finsternis und sie im Lichte gehen; er begriff nicht, daß er das nicht längst begriffen hatte. Entschlossen reichte er dem Arzt die Hand hinüber: »Ich danke Ihnen«, sagte er, »ich werde reden.« »Und Sie werden recht tun.« – Dann schieden sie. Heiter, voll froher Zukunftsbilder fuhr Rudolf seiner Heimat zu; bei hellem Mittag, in einer unablässig schwatzenden Reisegesellschaft, erquickte ihn ein langer Schlaf; als er unweit seines Zieles dann erwachte, konnte er kaum erwarten, vor Anna hinzutreten und Schuld und Reue vor ihr auszuschütten; er sah schon, wie sie weinen, wie sie dann aus ihren Tränen sich erheben und, ihm mutig zulächelnd, ihre kleine feste Hand in die seine legen würde; ja, Anna, die Schöne, Gute, sie hatte ja auch ein festes Herz! Er hatte nicht bedacht, daß er während seiner Ehe zum erstenmal so lange fern gewesen war. Als er von der letzten Bahnstation den Richtweg durch den Wald dahinschritt, da klopfte sein Herz doch nur nach seinem Weibe; und als er, auf die Wiese hinaustretend, sie dann im Abendschatten auf der Schwelle seines Hauses stehen sah, sie selber leuchtend in Jugend und Liebe, die Arme ihm entgegenstreckend, aber doch wie festgebannt, als müsse sie hier ihr Glück empfangen, da stieg es nur wie ein Gebet aus seiner Brust, daß auch nicht eines Sandkornes Fall den Zauber dieser Stunde stören möge. Morgen! Sie waren ja morgen auch beisammen. Und es wurde morgen, und der helle Tag, der unerbittlich zu Pflicht und Arbeit fordert, schien in alle Fenster des Försterhauses. Rudolf hatte in seinem an der Rückseite belegenen Zimmer die in seiner Abwesenheit eingegangenen Geschäftssachen eingesehen und trat jetzt in die gemeinsame Wohnstube, wo Frau Anna den Morgenkaffee für ihn warm gehalten hatte. Nur ein Händedruck wurde gewechselt; dann nahm er schweigend die Tasse, welche sie ihm reichte, und Anna, die ihr Frühmahl schon beendet hatte, zog ihren Stuhl zu ihm heran und strickte weiter an einem Unterjäckchen, das noch vor der rauhen Jahreszeit zu dem gebrechlichen Brüderlein ins elterliche Pfarrhaus wandern sollte. Ihrer Augen bedurfte diese Arbeit nicht; die ruhten auf ihres Mannes Antlitz: er sah viel besser aus, als da er fortgegangen war; auf seiner Stirn und über den Augenlidern, die sich mitunter hoben und dann sinnend wieder senkten, lag etwas wie eine frohe Zuversicht; gewiß, während er so schweigend neben ihr sein Mahl verzehrte, überdachte er die gute Botschaft, die er noch am selben Vormittag dem Grafen überbringen mußte. Aber Frau Anna irrte; das Schweigen ihres Mannes galt ihr selber: es war das Bekenntnis seiner Schuld, wofür sein Herz die Worte suchte; und was von seiner Stirne leuchtete, das war der Abglanz jener wolkenlosen Landschaft, in die er heute noch mit ihr hinabzuschreiten dachte. Da, bevor zwischen beiden noch ein Wort gesprochen worden, pochte es an die Stubentür, und Rudolf fuhr aus seinem Sinnen auf. Es war nur der alte Waldwärter Andrees, der ins Zimmer trat, um über dies und jenes zu berichten; aber mit ihm war etwas anderes unsichtbar hereingekommen, was wir Zufall zu nennen pflegen, was auf den Gassen der Wind vor unsere Füße oder durchs offene Fenster in das Innere unseres Hauses weht. Rudolf hatte die verschiedenen kleinen Mitteilungen entgegengenommen und hie und da ein zustimmendes oder anweisendes Wort dazu gegeben. »Ist sonst noch etwas, Andrees?« frug er, als dieser mit seinem Bericht zu Ende schien. – »Sonst nichts, Herr Förster; nur daß der Holzschläger Peters aus der Anstalt wieder da ist.« »Woher? Welcher Peters?« frug Rudolf hastig. »Es war vor des Herrn Försters Zeit«, erwiderte Andrees. »Er hatte sich eingebildet, als einziger Sohn von den Soldaten freizukommen und dann drunten mit des reichen Seebauern Tochter Hochzeit zu machen; als aber auf beidem eine Eule gesessen hatte, da wurde er wirrig und mußte in die Anstalt.« Anna hatte zu stricken aufgehört; einen losen Sticken an die Lippen drückend, horchte sie aufmerksam dieser Erzählung, »Der arme Mensch«, sagte sie mitleidig; »ist er denn jetzt wieder ganz gesund?« »Muß doch wohl, Frau Förstern«, meinte Andrees; »sogar 'ne Frau hat er sich mitgebracht; freilich, keine reiche: es ist eine Wärterin aus der Anstalt, die sich in den jungen Kerl verliebt hatte.« Ein Ton wie ein Schreckenslaut entfuhr den Lippen der jungen Frau: »Mein Gott, welch ein Wagstück! Wenn es wiederkäme!« »Soll wohl sein können«, erwiderte Andrees; »aber das Weibsbild hat sich dann doch selber nur betrogen; sie muß ja wissen, wen sie sich gekauft hat.« Anna starrte schweigend vor sich hin, als ob ihre Phantasie die schreckensvolle Möglichkeit verfolge; sie achtete kaum darauf, als Rudolf, der während dieses Gespräches keinen Laut von sich gegeben hatte, jetzt mit abgewandtem Antlitz fast schwankend sich erhob und, das Beben seiner Stimme mühsam nur beherrschend, zu dem Waldwärter sagte: »Kommen Sie nach meinem Zimmer, Andrees; es sind noch Postsachen für Sie mitzunehmen.« Als sie aber dahin gekommen waren, meinte Rudolf, er müsse bis zum Abend warten, es komme doch noch einiges dazu. Wer nach dem Fortgange des Waldwärters hier unbemerkt hätte hineinblicken können, der hätte den jungen Förster in der Mitte des Zimmers gleich einem düsteren Bilde stehen sehn; mit untergeschlagenen Armen; das auf die Brust gesunkene Haupt von den schweren Atemzügen kaum bewegt. Nur einzelne karge Worte: »Schweigen!« und wieder »Schweigen – um jeden Preis und bis ans Ende!« wurden dann und wann von seinen Lippen laut. Endlich, als dann die Wanduhr über seinem Schreibtisch mit lautem Schlage aushob, fuhr durch diesen einzigen Gedanken ihm ein anderer: er schüttelte sich und, nachdem er mit schweren Schritten ein paarmal auf und ab gegangen war, nahm er einige Papiere aus seinem Schubfach; es war hohe Zeit, er mußte ja zum Grafen und den glücklichen Bericht erstatten. – – Es ging schon gegen Mittag, als die junge Frau aus dem Küchenfenster, hinter welchem sie beschäftigt war, ihren Mann auf dem hier vorüberführenden Wege heimkehren sah und bald danach ihn auf dem Hausflur und nach seinem Zimmer gehen hörte. Unwillkürlich ruhten ihre emsigen Hände: Rudolf pflegte sonst nach solchem Gange »zur Herzerfrischung«, wie er sagte, sie für eine Weile aufzusuchen, sich ein paar Worte oder auch nur einen Händedruck von ihr zu holen; und jetzt kam es ihr plötzlich, daß er auch vorhin so jäh und ohne beides von ihr fortgegangen sei. Noch einige Minuten stand sie horchend, ob nicht die eben geschlossene Tür sich wieder öffnen möge; dann legte sie die Geschirre, die sie in der Hand hielt, fort und ging nach Rudolfs Zimmer. Es schien völlig still da drinnen; als sie die Tür öffnete, fand sie ihn mit aufgestütztem Kopf an seinem Schreibtisch sitzen. Sie setzte sich an seine Seite und nahm seine Hand, die er ihr schweigend überließ; erst als sie den Druck derselben in der ihren fühlte, sprach sie leise: »Was war's denn, Rudolf? Warum gingst du mir vorüber? Brauchst du heute keine Herzerfrischung, oder mißtrauest du schon meiner armen Allmacht?« Dem Drängen dieser liebevollen Stimme widerstand er nicht; ihm war ja auch nichts Übles widerfahren; im Gegenteil, sein Bericht hatte den Grafen in die wohlwollendste Laune versetzt; er hatte von dem notwendigen Abgange des altersschwachen Oberförsters gesprochen: schon jetzt werde Rudolf die Geschäfte und, sobald die Pensionsverhältnisse des Abgehenden geordnet wären, auch dessen höhere Stelle endgültig übernehmen müssen. Ein Laut freudiger Überraschung entfuhr bei dieser Mitteilung dem Munde der jungen Frau. »Wie schön!« rief sie, stolz zu ihrem Mann emporblickend; »und dies Vertrauen, das du dir so bald erworben hast!« Rudolf drückte den blonden Kopf seines Weibes gegen seine Brust, nur damit die glücklichen Augen nicht in seinem Antlitz forschten; denn – wie sollte er nun das Weitere sagen? Schon seine bisherigen Pflichten lagen seit dieser Morgenstunde wie eine Angst ihm auf dem Herzen; bei dem Vorschlage des Grafen hatte es wie ein unübersteiglicher Berg sich vor ihm aufgetürmt; und statt eines freudigen Dankes hatte er nur zu einem Versuch bescheidenen Abwehrens sich ermannen können. Aber dieser Versuch war vergeblich gewesen; der Graf hatte nur gelächelt: »Mein junger Freund, nicht nur l'appetit vient en mangeant; es geht auch in anderen Dingen so; ich selber habe nicht gewußt, was ich zu leisten vermochte, bis ich gezwungen wurde es zu wissen.« Auf seine verwirrte Erwiderung: »Exzellenz ehren mich zu sehr mit einem solchen Vergleiche«, war ihm dann nur geantwortet: »Nun, nun, Herr Förster, ein jeder in seinem Kreise! Ich werde Sie denn doch vor solche Probe stellen müssen.« Während dieser Vorgang sich ihm peinlich in der Erinnerung wiederholte, hatte Anna sich aus seinen Armen losgewunden. »Du!« rief sie, »wie lange willst du mich gefangenhalten!« Dann stand sie aufgerichtet vor ihm: »Aber du bist nicht froh, Rudolf; noch immer nicht! Und ich dachte schon an einen Jubelbrief nach Hause.« Eine demütige Scham überkam ihn; aber zugleich ein Drang, vor diesen klaren Augen zu bestehen. »Schreibe nur deinen Brief«, sagte er aufstehend; »es wird zwar aller meiner Kraft bedürfen; aber – ja, Anna, Dank, daß du gekommen bist.« Kurz darauf waren aus der Oberförsterei ein großer Aktenschrank und ganze Karren von Aktenbündeln angelangt und in Rudolfs Zimmer untergebracht; auch eine Kammer für einen Schreibgehülfen hatte Anna einrichten müssen. Rudolf selber saß jetzt meistens in die Nacht hinein bei seiner Arbeit; selbst am Sonntage, zum Kirchgang, riß er sich erst im letzten Augenblicke los; ja, wenn Anna während des Gottesdienstes zu ihm aufblickte, glaubte sie eher arbeitende Gedanken als Andacht auf seinem Gesicht zu lesen. Im Hause über Tag sah sie ihn fast nur bei den Mahlzeiten, die er möglichst rasch beendete, und so sehr er oftmals einer Herzerfrischung zu bedürfen schien, er kam immer seltener, sie bei ihr zu suchen. So mußte sich die junge Frau denn wohl gestehen, was ihres Mannes Stirn umwölkte, war etwas anderes, als was der wechselnde Tag zusammentreibt und wieder auseinanderweht. Aber aus welchen ihr unbekannten Abgründen war das aufgestiegen? War es noch rückgebliebener Schatten jener Krankheit, die er bei dem Besuch im Elternhause kaum erst überstanden hatte, oder war dies sein eigenstes Wesen, das sich jetzt ihr offenbarte? Zwar, die Last der Arbeit dauerte fort; aber an der ausreichenden Kraft des geliebten Mannes auch nur entfernt zu zweifeln, konnte ihr nicht einfallen; tat das doch auch der Graf, der scharfblickende Menschenkenner, nicht. Sie konnte sich keine Antwort geben; Rudolf selbst aber, wenn sie offen ihn befragte, schob alles auf die überkommene doppelte, ja dreifache Arbeit und vertröstete sie auf die Zeit, wenn erst die von dem kranken Vorgänger angehäuften Reste abgearbeitet sein würden. Ließ sie ungläubig dennoch nicht mit Bitten nach, dann sah sie Qual und Zärtlichkeit so bitterlich auf seinem Antlitz kämpfen, daß sie jäh verstummen mußte. So schwieg sie denn auch ferner und suchte nur, wo sie es immer konnte, ihm zu bringen, was er nicht mehr von ihr zu holen kam. Das Nachtarbeiten war allmählich zur Regel geworden; aber Frau Anna ließ ihn nicht allein; auch für sie gab es ja, wenn sie wollte, Arbeit genug: »Bei unseren neuen Amtsgeschäften« – so hatte sie der Mutter nach Haus geschrieben – »haben wir hier einen langen Tag; schickt mir nur alle euere Winterwolle, denn alle kleinen Beine werde ich bestricken können.« Immer mehr fühlte Rudolf sich in einem dunklen Kreis gefangen. Auf einem Reviergange ließ er sich von dem alten Andrees den als Ehemann aus der Anstalt zurückgekehrten jungen Holzschläger zeigen: es war ein gesund ausschauender robuster Bursche; nur in seinen Augen war noch etwas wie ein stumpfes Überhinsehen. Rudolf beobachtete ihn lange, wie er unter den anderen die Axt mit seinen starken Armen schwang; dann ging er fort, ohne ein Wort an ihn zu richten. Aber schon am folgenden Tage stand er, er wußte selbst nicht wie, an demselben Platze unter den Holzschlägern; der Mensch hatte eine unheimliche Anziehungskraft für ihn gewonnen. Plötzlich wandte er sich ab; es trieb ihn mit Gewalt nach Hause, er mußte und wenn auch nur einen Blick in die klaren Augen seines Weibes tun. Aber er brauchte nicht so weit zu gehen; als er in den Fahrweg einbog, der durch den Wald führte, kam sie ihm entgegen. »Anna!« rief er und schloß sie in seine Arme. »Ja, da bin ich, Rudolf; so auf gut Glück bin ich dir nachgelaufen.« Und langsam erhob sie ihre Augen zu den seinen; es war, als ob sie recht tief in ihnen lesen wollte. »Was hast du, Liebste?« frug er. »Dich!« erwiderte sie zärtlich. »Sonst nichts?« »Doch; noch einen Einfall!« und sie nickte lächelnd zu ihm auf. »Laß hören!« sagte er zerstreut; er war in ihren liebevollen Augen ganz verloren. »Ja, weißt du, Rudolf – aber du darfst mich nicht so ansehen, sonst hörst du doch nicht – ich war im Schuppen, wo das Kabriolett steht; es ist ja morgen Sonntag; wollen wir nicht zu Bernhard fahren? Auf unserer Hochzeit haben wir es ihm so fest versprochen! Du mußt einmal hinaus, und auch ich möchte gern die kleine Julie wiedersehen; ich glaube«, fügte sie lächelnd bei, »sie hat dich damals mir wohl nur so kaum gegönnt.« Rudolf blickte noch immer auf seine Frau; aber seine Augen schienen ohne Sehkraft. Zu Bernhard – jetzt zu Bernhard! Warum überfiel es ihn plötzlich, als habe er kein Recht auf dieses Weib, das doch sein eigen war, deren jugendlichen Leib er jetzt, in diesem Augenblick, in seinen Armen hielt? Die Worte seiner Mutter klangen ihm wieder vor den Ohren: wenn Bernhard auch nur um eine Stunde ihm zuvorgekommen wäre! »Rudolf, lieber Mann!« sagte Anna leise. Aber er schloß nur seine Arme fester um sie; seine Gedanken ließen ihn nicht los. Was würde werden, wenn ihn ein Unfall, wenn der Tod ihn fortnähme? – er richtete sich straff empor, als müsse er das Bild, das seine Augen sahen, überwachsen; aber es wurde nicht anders, und er sagte es sich dennoch: über seinem Grabe würde jener um sie werben, und Anna – würde Anna widerstehen? Eine nie empfundene Leidenschaft für sein schönes Weib ergriff ihn; es drängte ihn, sich vor sie hinzuwerfen, es ihr zu entreißen, daß seine Gedanken ein Frevel an ihrer Liebe seien, daß das niemals, nie geschehen könne. Aber es war etwas, das seinen Mund verschloß; etwas, das er verschuldet hatte, das nicht wieder gutzumachen war. Demütig löste er die Arme von ihrem jungen Leibe; sie aber zog sein Haupt zu sich herab und küßte ihn. »Lassen wir es!« sagte sie freundlich, »es wird noch mehr der schönen Tage geben, eh der Winter kommt.« Er ergriff eine ihrer Hände, drückte sie heftig und ließ sie wieder: »Ja, Anna; später – später einmal; ich habe morgen auch den ganzen Tag besetzt.« Sie hing sich an seinen Arm, und während sie aus dem Walde und an dessen Rand entlang nach Hause gingen, suchte sie den beklommenen Atem ihrer Brust zu meistern und über die kleinen Dinge ihres Tagewerks mit ihm zu plaudern.   Das Jahr rückte weiter; der erste Blätterfall begann schon hie und da den Wald zu lichten: Schwärme von Vögeln, deren Stimmen man nur im Herbst zu hören pflegt, zogen hoch unter den Wolken dahin oder fielen rauschend in die Büsche und flogen weiter, wenn sie an den roten oder schwarzen Beeren sich gesättigt hatten; auch an der Eiche, die das Dach des Försterhauses beschattete, begannen sich die Blätter bunt zu färben. Auf dem herrschaftlichen Schlosse hatte inzwischen der Graf noch eine neue Arbeit für seinen jungen Förster ausgesonnen: die große Wildnis sollte endlich wieder in ordnungsmäßige Kultur genommen, ein daran stoßender Sumpf trockengelegt und dann bepflanzt werden; oberflächliche Vermessungen, so gut es hier und bei der treibenden Eile des Grafen geschehen konnte, waren bereits vorgenommen worden; nun galt es Karten zu entwerfen und Kosten- und wer weiß was sonst für Anschläge auszuarbeiten und in kürzester Frist dem stets ungeduldigen Gebieter vorzulegen. Aber Rudolf konnte seinen Gedanken nicht mehr wehren, immer ihren eigenen dunklen Wegen zuzustreben, und so rückte trotz seines Fleißes alles doch nur mühsam weiter. Schon ein paarmal war es darüber zwischen ihm und dem Grafen zur Erörterung gekommen, und in seinem Hirn begann ein Brüten, wie er alle dem entrinnen möge. Sein geliebtes Klavier stand trotz Annas Bitten seit Monden unberührt; die Kunst, welche auch in ihren düstersten Abgründen nach dem Lichte ringt, durfte nichts von dem erfahren, was in ihm wie unter schwerem Stein begraben lag. – – An einem Fußsteig, welcher in der Richtung vom Schlosse her durch den Wald führte, lag oder stand vielmehr zwischen zwei Erdaufwürfen eingeklemmt ein roher aber mächtiger Granitblock; wie angenommen wurde, ein Grenzstein aus einem nicht allzu fernen Jahrhundert; denn nach der Seite des Steiges hin waren auf der bemoosten Oberfläche einige von den kürzeren Runenzeilen sichtbar, welche in heutiger Sprache heißen sollten: »Bis hieher; niemals weiter.« An diesem Orte, gegen die Rückseite des Steines gelehnt, saß eines Vormittags der junge Förster. Er hatte die von Anna ihm mitgegebenen Brotschnitte aus seiner Jagdtasche genommen; aber er aß nur einen kleinen Teil davon, das übrige brach er in kleine Brocken und streute es um sich her; die Vögel würden es schon finden. Vor ihm breitete sich eine junge Birkenschonung aus; auf einer abgestorbenen Eiche, die ihm gegenüber hoch daraus hervorragte, saß ein alter Kolkrabe, der hüpfend und flügelspreizend an dem Halbteil eines jungen Hasen zehrte. Ohne Anteil, wie ohne Anreiz, sah Rudolf diesem Treiben zu; der Räuber hatte nichts von ihm zu fürchten. Plötzlich wandte er den Kopf; der Laut von Stimmen, die wie im Gespräche miteinander wechselten, war an sein Ohr gedrungen; und jetzt, in der Richtung vom Schlosse her, näherten sich auch Schritte auf dem Fußsteige, welcher durch den älteren Bestand des Waldes hier vorbeiführte. Rudolf hatte bereits die Stimme des Grafen erkannt; die andre mochte dessen Schwiegervater, dem alten General, gehören, der vor einigen Tagen zum Besuch gekommen war. Er wollte aufstehen und sich unbemerkt entfernen; aber ein Wort, das er deutlich genug vernahm, bannte ihn noch an seine Stelle. »Dein junger Förster«, sagte die ältere Stimme, »soll ja ein liebenswürdiger Mann sein; auch von passabler Familie, wie es heißt.« Eine Antwort des Grafen vernahm Rudolf nicht; sie mochte nur in einer bezeichnenden Gebärde bestanden haben; denn nach einer Pause hörte er den anderen wieder sagen: »Du scheinst nicht beizustimmen; nun, ich hörte auch nur so.« »O doch«, kam jetzt des Grafen Stimme; »er schien sich anfangs auch gut anzulassen; aber seit ein paar Monaten – weißt du, ich sehe jetzt, Papa; ein guter Mann, aber ein schlechter Musikant!« Der alte Herr lachte behaglich: »Und ich dachte, daß gerade die Musik zu seinen Liebenswürdigkeiten zählte!« »Ja, ja, das ist nun schon, Papa; er spielt Chopin und hat Jean Paul gelesen, aber das alles hilft nur nicht.« Das übrige ging dem Lauschenden verloren, die Herren waren eben hinter den Erdhügel getreten, in dessen Mitte sich der Stein befand. Rudolf schloß die Augen; er mußte ja gleich ein Weiteres vernehmen, sobald die beiden auf dem Steige fortgingen; aber es blieb noch immer still; nur das Klopfen seines Herzens wurde immer lauter, fast, dachte er, könne es ihn verraten. Dann wieder war ihm doch, als ob er sprechen höre; weshalb setzten denn die Herren ihren Weg nicht fort? Studierten sie die Runen auf dem Felsblock, oder waren sie nur in näherer Erörterung ihres Gesprächsstoffes stehengeblieben? Alle peinlichen Augenblicke seines kurzen Amtslebens tauchten in schroffen Umrissen vor ihm auf, und ihm war auf einmal, als höre er das alles von der überlegenen Stimme des Grafen punktweise auseinandersetzen. Er schüttelte sich, er wußte ja, daß das nur Täuschung sei. Aber jetzt kamen die Schritte wirklich auf der anderen Seite des Hügels hervor; der alte Herr schien zuletzt gesprochen zu haben, denn der Graf antwortete, und laut genug, daß der junge Förster jedes Wort verstehen konnte: »Sie haben recht, Papa, aber – passons là-dessus! Der Vater hatte auch so seine Talente, konnte Klavier spielen und Walzer komponieren, er war mein Schulkamerad, und Sie wissen, man sollte es nicht, aber – enfin, man trägt doch immer wieder der Vergangenheit Rechnung.« Es trat eine Stille ein, und die Schritte der Herren entfernten sich, bis sie allmählich unhörbar wurden. Der unglückliche Lauscher nickte düster vor sich hin: »Bis hieher, niemals weiter!« Der ihm bekannte Inhalt der Runenzeilen kam ihm immer wieder. Sollte der alte Stein auch noch den jetzt Lebenden die Grenze weisen? – Da fiel sein Auge auf die abgestorbene Eiche, wo noch immer, hüpfend und flügelspreizend, der Rabe an dem toten Hasen fraß und zupfte. Hastig, wie in gewaltsamer Befreiung, sprang er auf und griff nach seiner Büchse. Ein Druck noch, ein Knall, – »Niemals weiter!« schrie er, und der mächtige Vogel samt seiner Beute stürzte polternd durch die dürren Äste. Dann, ohne sich nach seinem Opfer umzusehen oder seine Büchse neu zu laden, wandte er sich ab und schritt seitwärts tiefer in den Wald hinein. – – Lange hatte Anna auf ihn warten müssen; jetzt saß er wie abwesend neben ihr am Mittagstische, der frische Knall, womit er den Raben niederschoß, war längst verhallt; nur die Reden der beiden Herren vom Schlosse waren in voller Schärfe noch vor seinen Ohren. Das junge Weib beobachtete ihn verstohlen, und ein paarmal zuckten ihre Lippen, als ob sie reden wolle, aber sie fühlte wohl, sie durfte heute nur schweigend ihm zur Seite bleiben. Gleich nach Mittag ließ er seinen Rappen satteln. »Willst du schon wieder fort?« rief Anna fast erschrocken und hing sich wie eine Last an seinen Arm. Ja, er müsse fort; in der letzten Sturmesnacht, drüben bei den äußersten Parzellen, seien Windbrüche in den Eichenschlag gefallen. »So reite morgen!« bat sie, »der Schaden wird ja drum nicht größer werden!« »Morgen? Morgen ist wieder andres da.« Er blickte sie nicht an, er stand wie ein Gefesselter, der ungeduldig auf Befreiung wartet, aber sie klammerte sich nur fester an ihn. »Ich bin wohl töricht«, sagte sie, »aber mir ist so bange deinetwegen! Rudolf, lieber Mann, bleib bei mir, laß mich nur heute nicht allein!« Und da er unbeweglich blieb, legte sie die Hand an seine Wange, daß er die Augen zu ihr wenden mußte. »Du siehst so finster aus, du hörst mich nicht!« Wohl hörte er sie; aber was sollte ihm die schöne Lebensfülle, die aus dieser Stimme ihm entgegendrängte? Wie eine Todesangst vertrieb es ihn aus der geliebten Nähe. Hastig bückte er sich und berührte mit seinen Lippen flüchtig ihre Wange: »Laß mich jetzt, ich komme ja zu Abend wieder!« Er stand schon vor der Haustür, wo die Magd das Pferd am Zügel hielt, während Anna noch seine Hand gefaßt hatte. Plötzlich riß er sich los, nickte noch einmal nach ihr zurück und ritt davon. Aber es war bald nur noch der Rappe, welcher sich die Wege suchte; ob sie zu den Windbrüchen in den Eichen führten, was kümmerte das den Reiter! – Von der Treppenstufe vor der Haustür hatte Anna ihm nachgeblickt, solange ihre Augen ihn erreichen konnten; dann griff sie über sich und legte ihre Hand um einen Ast der Eiche, welche hier ihr dichtestes Gezweige wölbte. So blieb sie stehen, die Wange gegen den eigenen schlanken Arm gepreßt, ihre Augen füllten sich mit Tränen, ein Schluchzen drängte sich herauf, das sie nun nicht zurückhielt. Was sollte sie beginnen? – Sie hatte nicht den Mut verloren, sie wußte, sie durfte ihn nicht verlieren; nur nachts, wenn er in schwerem Schlummer stöhnte, hatte sie wohl in jähem Schreck sich über ihn geworfen; sonst, sie meinte doch, hatte sie tapfer ihre Angst hinabgeschluckt. – Was hatte es ihr geholfen? Über ihr ging ein Lufthauch durch den Baum, und ein Regen gelber Blätter wirbelte zu Boden, da gedachte sie der Fahrt zu Bernhard, die sie Rudolf neulich vorgeschlagen hatte; die letzten schönen Tage schienen jetzt gekommen. Aber plötzlich, und sie schrak jäh in sich zusammen, kreuzte schon ein anderes ihre grübelnden Gedanken. Sollte es Eifersucht auf Bernhard sein? – Unmöglich! – Aber dennoch; Rudolfs seltsames Gebaren war dann auf einmal zu erklären. Noch einige Augenblicke blieb sie sinnend stehen; eine Hoffnung, ein mutiges Lächeln verklärte ihr junges Antlitz: sie meinte endlich dem unbekannten Feinde Aug in Aug zu schauen. Dazu, in nächster Zeit erwarteten sie den Besuch von Rudolfs Mutter; war auch die Frau Forstjunker ihr selbst noch immer eine Fremde, sie liebte, sie kannte ihren Sohn seit seinem ersten Schrei: mit ihr im Bunde wollte Anna den Feind bekämpfen. Ihre Hand ließ den Ast, den sie solange umfaßt gehalten hatte, fahren; dann, ihr blondes Haar zurückschüttelnd, ging sie mit kräftigen Schritten in das Haus zurück. – – Der Nachmittag verging, das Forsthaus und die alte Eiche glühten im Abendschein; dann kam die Dämmerung; dann hinter dem Walde stieg der Mond empor und warf seinen bläulichen Schimmer auf den leeren Platz am Hause; aber Rudolf war noch nicht zurück. Wieder, wie am Vormittage, saß Anna wartend im Wohnzimmer, nur brannte jetzt die Lampe, und es war noch stiller um sie her. Mitunter sprang sie auf, und ihre Arbeit hinwerfend, trat sie ans Fenster und drückte das Ohr gegen eine der Glasscheiben, dann plötzlich lief sie vor die Haustür; aber nur die Eulen mit ihrer Brut schrien vom Walde herüber, auch einmal im Stalle hinten hatte der Hahn geträumt und krähte dreimal in die Nacht hinaus. Und wieder saß sie drinnen bei ihrer Arbeit, der eine Fuß nur auf der Spitze ruhend, das Haupt halb abgewandt, wie in die Ferne lauschend. Da, das war keine Täuschung, scholl es vom Wege herauf; das war der Hufschlag ihres Rappen, und näher und näher kam es. Sie war nicht aufgesprungen; langsam und wie vorsichtig, um keinen Laut von draußen zu verlieren, hatte sie sich aufgerichtet. »Rudolf!« rief sie, und endlich, im dunklen Hausflur hielt sie ihn umfangen. »Gott Dank, daß ich dich wiederhabe!« Als sie aber drinnen beim Lampenschein in das verstörte Antlitz ihres Mannes sah, da ging sie aus dem Zimmer, als ob sie draußen im Hause etwas Eiliges zu beschaffen habe; dann nach einer Weile kehrte sie anscheinend ruhig zurück. Bei ihrem Eintritt kam Rudolf ihr entgegen; er wollte nach seinem Zimmer; es seien noch Sachen, die er bis morgen fertigstellen müsse. »Aber du willst doch erst zu Abend essen?« Und sie zog ihn an den schon längst gedeckten Tisch. Er nahm auch einige Bissen. Dann stand er auf. »Laß dich nicht stören, ich muß machen, daß ich an die Arbeit komme!« Ein schmerzliches Zucken flog um ihren Mund; aber sie suchte ihn nicht aufzuhalten. »Um zehn Uhr komm ich zu dir!« rief sie ihm freundlich nach, als er hinausging. – Die Arbeiten, von denen er gesprochen hatte, waren kein bloßer Vorwand, am folgenden Morgen hatte er sie dem Grafen persönlich zu überreichen. Auch saß er in seinem Zimmer bald darauf am Schreibtisch; er sagte sich, das müsse noch beseitigt werden, und suchte gewaltsam, und bis das Hirn ihn schmerzte, seine Gedanken festzuhalten und auf einen Punkt zu drängen. Aber die Feder berührte meist nur das Papier, um das Geschriebene gleich wieder fortzustreichen; so ging es eine Weile, endlich sah er, daß er sie zerbrochen hatte. »Schlechte Musikanten!« murmelte er vor sich hin. »Der Graf hatte recht: es geht nicht mehr, aber – weshalb denn geht es nicht?« Da stand die rußige Gestalt des Schmiedes vor ihm; so dicht, die stierenden Augen und das verzerrte Antlitz lagen fast an dem seinen; ein leises höhnisches Gelächter fuhr ihm kitzelnd in die Ohren: »Dreizehn Jahre? – Es kann auch früher kommen!« Deutlich hatte er das sprechen hören! er fühlte, wie sich das Haar auf seinem Haupte sträubte. Aber er hörte noch mehr: es jammerte, es wimmelte um ihn her; er war aufgesprungen und schlug mit beiden Armen um sich: »Fort!« schrie er, »fort, Gespenster!« Aber er war doch nicht mehr allein in seinem Zimmer; die Geschöpfe seines Hirnes waren mit ihm da und wichen nicht. Mit heftigen Schritten ging er auf und ab, hastig bald links, bald rechts die Blicke werfend; der Schweiß war in großen Perlen ihm auf die Stirn getreten. Plötzlich machte er eine ausweichende Bewegung: »Der Hund!« sagte er leise. »Noch nicht! Ich warte nicht auf dich.« Da schlug es zehn von der Wanduhr, und vom anderen Ende des Hauses hörte er die Tür des Wohnzimmers gehen. Das war Anna; schon hörte er ihre Schritte auf dem Hausflur. Er blieb stehen und blickte um sich her: die Lampe brannte hell und warf ihren Schein in alle Winkel; es war alles ganz gewöhnlich. Als Anna dann gleich darauf ins Zimmer trat, saß er wieder an seinem Schreibtische. »Bist du bald fertig?« frug sie, die Hand auf seine Schulter legend; »ich weiß nicht, aber die Augen sind mir heute so schwer.« Er sah nicht auf. »Ich denke; vielleicht ein halbes Stündchen noch.« Und wie in den vorigen Nächten setzte sie sich still mit ihrer Arbeit neben ihn. Aber immer langsamer regten sich die schlanken Finger, und die halbe Stunde war noch nicht verflossen, da rückte sie ihren Stuhl dicht an den seinen, und von Müdigkeit überwältigt, sank ihr Haupt auf seine Schulter. Behutsam, damit sie sicher ruhen könne, legte er den Arm um sie; und als die halbgeöffneten Lippen des jungen Weibes sich bald in gleichmäßigen leisen Atemzügen ihm entgegenhoben, da neigte er sich unwillkürlich zu ihr, um sie zu küssen. Aber es kam nicht dazu; wie in plötzlicher Erstarrung richtete er sich auf und griff mit der frei gebliebenen Hand nach der vorhin fortgelegten Feder. Nein, nein, das war vorüber; die Arbeit, die da vor ihm lag, die mußte noch zu Ende! Er begann auch wirklich bald zu schreiben, und der fast leere Bogen füllte sich bis auf die Hälfte; dann aber, während er grübelnd darauf hinstarrte, verloren sich die Buchstaben in verworrenes Gekritzel. Allmählich jedoch schien wieder eine bestimmte Vorstellung Platz zu greifen. Der Umriß eines menschlichen Schädels trat deutlich genug hervor; aus einem Tintenklecks daneben wurde eine spinnenartige Ungestalt, die immer mehr und längere Arme nach dem Schädel streckte; nur statt des Spinnen- war es ein Hundskopf, der sich wie gierig aus dem dicken Leib hervordrängte. Aber mit wie großer Emsigkeit auch Rudolf diese seltsame Arbeit zu betreiben schien, sie war doch nur der Punkt, von welchem aus seine Gedanken sich ihre finsteren Gänge wühlten. Er hatte eben die Feder fortgeworfen, als Anna nach einem tiefen Atemzuge die Augen aufschlug. »Du, Rudolf?« und wie ein erstauntes Kind blickte sie um sich her. »Aber du arbeitest nicht mehr, weshalb sind wir nicht zu Bett gegangen?« Seine überwachten Augen sahen sie an, als habe er keine Antwort auf diese einfache Frage. »Du schliefst«, sagte er endlich, »ich mochte dich nicht wecken.« Sie wollte sich aufrichten, als ihr Blick auf das Papier fiel, worauf er eben jene symbolische Zeichnung hingeschrieben hatte. »Was ist das?« rief sie. »Was hast du da gemacht? Ein Totenkopf!« Seine Lippen zitterten, als ob sie mit noch ungesprochenen Worten kämpften. »Nein, nein«, sagte er; »das nicht, so war es nicht gemeint.« Anna sah ihn ängstlich an: »Weshalb nimmst du deinen Arm fort, Rudolf? Du hältst mich jetzt so selten nur in deinem Arm!« Er riß sie heftig an sich, und noch einmal sank ihr Kopf an seine Schulter; wie in Angst, als ob sie ihm entschwinden könnte, umschloß er sie mit beiden Armen. So saßen sie lange; nur die Atemzüge des einen waren dem anderen hörbar. »Anna!« kam es zuerst dann über seine Lippen. »Ja, Rudolf?« »Was meinst du, Anna« – aber es war, als würde er nur mühsam seiner Worte Herr – »ich dächte, wir könnten morgen wohl zu Bernhard fahren?« »Zu Bernhard?« Sie hatte sich losgewunden, das Kartenhaus, das sie sich mit so viel Sorge aufgebaut hatte, drohte einzustürzen: Rudolf war nicht eifersüchtig! Oder – – als ob sie alles um sich her vergesse, stand sie vor ihm – sollte es mit dieser Reise eine Liebesprobe gelten? Wie auf sich selber scheltend, schüttelte sie zugleich das Haupt; aber sie mühte sich umsonst, ein anderes zu ergrübeln; der Ton seiner Stimme war nicht gewesen, als ob er sie zu einer Lustreise hätte auffordern wollen. Und jetzt hörte sie dieselbe Stimme wieder: »Du antwortest mir nicht, Anna!« Sie warf sich vor ihm nieder: »Rudolf, geliebter Mann! Wann und wohin du willst!« Ein leuchtender Strom brach aus den blauen Augen, und die jungen Arme streckten sich ihm entgegen. Aber nur eine kalte Hand legte sich auf ihr Haupt, das flehend zu ihm aufsah: »So laß uns versuchen, ob wir schlafen können.« Am anderen Morgen saß Rudolf schon wieder früh am Schreibtisch, seine Feder flog, die halbfertigen Arbeiten wurden rasch vollendet, ebenso rasch mußte der Schreiber sie kopieren. Inzwischen ordnete er selbst, was an Schriften und Karten sich auf Tisch und Stühlen in den letzten Tagen angehäuft hatte; oftmals warf er einen Blick auf die Wanduhr, um dann wieder in stummem düsteren Vorwärtsdrängen seine Arbeit fortzusetzen. Als es acht geschlagen hatte, nahm er die von dem Schreiber fertiggestellten Schriften und machte sich auf den Weg zum Schlosse. Im Zimmer des Grafen, der in anderen Arbeiten saß, gab er auf die hastig hingeworfenen Fragen rasch und knappe Auskunft; es schien ihm wenig daran gelegen, ob seine Meinung Beifall finde. Der Graf sah seinem Förster in das blasse Gesicht, und als dieser nach einem längeren geschäftlichen Gespräche fortgegangen war, blickte er noch eine Weile gegen die Tür, bevor er sich wieder zu der vorhin verlassenen Arbeit wandte. – – Nachdem das junge Ehepaar zeitig sein Mittagsmahl eingenommen hatte, wurde der Einspänner aus dem Schuppen gezogen und der Rappe in die Deichsel gespannt. Wohl eine Stunde lang fuhren sie am Rande der gräflichen Waldungen; wieder, wie tags vorher, stand die goldene Septembersonne am Himmel, und der stärkende Duft des herbstlichen Blätterfalles erfüllte die Luft um sie her. Nach einer weiteren Stunde sahen sie den Gutshof liegen; als sie in eine kurze Allee von Silberpappeln einbogen, lag am Ende derselben, durch einen sonnenhellen Raum davon getrennt, das Wohnhaus vor ihnen. »Da ist schon Bernhard!« sagte Anna und wies auf eine kräftige Gestalt, welche neben der Haustür stand und, die Augen mit der Hand beschattend, dem ankommenden Gefährt entgegensah. Rudolf nickte nur, und Anna sah es nicht, daß seine Hände sich wie in verbissenem Schmerz zusammenballten; nur das Pferd, das er am Zügel hielt, empfand es und bäumte sich in seiner Deichsel. Als der Wagen vor dem Hause anfuhr, war das verschwunden. »Da sind wir endlich!« sagte er, Bernhard die Hand entgegenstreckend. Bernhard sah ein wenig überrascht, fast verlegen aus; aber auch das verlor sich gleich. »Seid willkommen, du und Anna!« sagte er herzlich. »Ich erkannte euch erst, als ihr hier in den Sonnenschein hinausfuhrt.« Nun kam auch Julie aus dem Hause, und die Begrüßung wurde lebhafter; und als man erst drinnen um den blinkenden Kaffeetisch der jungen Wirtin saß, geriet auch ohne die Männer sogleich die Unterhaltung; denn das Geschwisterpaar war kürzlich in Annas Elternhause auf Besuch gewesen, und diese hatte fast noch mehr zu fragen, als jene zu berichten. Nach beendetem Kaffee drang Rudolf auf einen Spaziergang durch die Gutsflur, die zwar seiner Frau, aber ihm noch nicht bekannt sei. Anna wollte eben ihren Arm in den der Freundin legen, als sie Rudolf sagen hörte: »Du, Bernhard, nimmst dich meiner Frau wohl an; Fräulein Julie wird mit mir sich plagen müssen; übrigens« – und er wandte sich zu dieser – »ich verspreche, heute nicht zu zanken.« »Sie haben auch heute keine Ursache mehr«, entgegnete Julie leise und warf, plötzlich ernst geworden, einen liebevollen Blick auf ihren Bruder. Dem jungen Förster war weder dieser Blick, noch dessen Bedeutung entgangen; aber er nickte düster vor sich hin, als sei ihm das so recht, dann folgte er mit Bernhards Schwester den Vorausgehenden. Nachdem Haus und Garten und pflichtgemäß dann auch noch Keller und Scheune besichtigt waren, ging man ins Freie, zunächst über abgeheimste Weizenfelder, wo nur noch Scharen von Sperlingen oder mitunter ein Häuflein barfüßiger Kinder ihre Nachlese hielten. Anna mit ihrem zum Zerspringen vollen Herzen rief eins der kleinen Mädchen zu sich, und als es, nach einem ermunternden Worte Bernhards, langsam herangekommen war, zog sie ein blaues Seidentüchlein aus ihrer Tasche und band es, auf den Boden hinkniend, ihm sorgsam um sein Hälschen. Sie küßte das Kind und drückte es heftig an sich: »Behalt das von der fremden Frau!« sagte sie; »doch halt!« und sie sammelte ein Häuflein kleiner Münzen und drückte die Finger des Kinderfäustleins darum zusammen; dann während der kleine Flachskopf ihnen stumm mit großen Augen nachsah, ging die Gesellschaft weiter. Sie gingen wiederum gepaart wie damals auf Annas Heimatsflur, nur daß diese jetzt wiederholt den Kopf zurückwandte und erst, wenn sie einen Blick von Rudolf aufgefangen hatte, das Gespräch mit Bernhard fortsetzte, das ohnehin nicht recht in Fluß geraten wollte. Rudolf freilich beobachtete auch heute unablässig die Vorangehenden und wog bei sich den Ton in Bernhards und in seines Weibes Stimme; aber es war kein unruhiges Verlangen, nur ein leidvolles Entsagen sah aus seinen dunklen Augen. »Sie wollten nicht zanken, Herr von Schlitz«, sagte neben ihm die Stimme seiner Partnerin; »aber Sie sind völlig stumm geworden.« Er wollte eben ein höfliches Wort erwidern, als sie aus der Enge eines mit Hagebuchenhecken eingezäunten Weges heraustraten und nun vor einer weiten Moorfläche standen, auf der hie und da eingestürzte Torfhaufen zwischen blinkenden Wassertümpeln lagen. »Das haben die Gewitterregen uns verwaschen«, sagte Bernhard; »aber wir müssen umkehren, der Weg, der hier am Moor entlangführt, ist nicht für Damenschuhe eingerichtet. Rudolf war ein paar Schritte auf dem bezeichneten Wege fortgegangen. »Für uns Männer wird's schon taugen«, sagte er, sich zu Bernhard wendend; »die Damen werden uns entschuldigen; nicht deinen Torf, aber von deinen Jagdgründen möchte ich hier herum noch etwas sehen.« »Wenn du willst«, meinte Bernhard; »aber es ist nicht viel damit.« »Nun, so reden wir ein Stück mitsammen!« Anna blickte ihn an: Was wollte Rudolf? Mit Bernhard allein sein? – Auf seinem Angesicht war nichts zu lesen; nur der beklommene Ton, den sie in seiner Stimme bemerkt zu haben glaubte, schien zu dem einfachen Inhalt seiner Worte nicht zu passen. Aber – es war ja Bernhard; was konnte zwischen ihm und Bernhard Übles denn geschehen! Wie ein Morgenschein leuchtete das Vertrauen zu ihrem Jugendfreunde auf ihrem schönen Antlitz; lächelnd nickte sie den beiden Männern nach; dann nahm sie Juliens Arm, um mit ihr den Rückweg anzutreten. »Das ist die Rache«, sagte diese scherzend; »vor einem Jahre waren wir es, die sie im Stiche ließen.« Aber Rudolf und Bernhard redeten nicht miteinander, und die Jagdgründe wurden weder besichtigt noch aufgesucht. Schon lange waren sie schweigend auf dem durch tiefe Wagenspuren zerrissenen Wege fortgegangen, beide die Augen nach der untergehenden Sonne gerichtet, die mit ihren letzten Strahlen das braune Heidekraut vergoldete. Eine Nachtschwalbe mit ihrem lautlosen Fluge huschte vor ihnen auf und duckte sich eine Strecke weiter von ihnen auf den Weg, bis sie wiederum auch hier vertrieben wurde. »Weshalb«, begann endlich Bernhard, wie nur um überhaupt ein Wort zu sagen, »seid ihr nicht im Sommer zu uns gekommen, als die Heide blühte und das Korn geschnitten wurde? Deine Frau schrieb einmal darüber meiner Schwester; aber ihr kamt doch nicht.« Rudolf, der neben ihm ging, blieb einen Schritt zurück. »Du weißt«, sagte er, »es war von beiden Seiten etwas zu verwinden.« Der andere zuckte, und seine Hand zitterte, mit der er sich den starken Bart zur Seite strich: »Also Anna hat es dir mitgeteilt, daß ich so beschämt vor ihr gestanden?« »Du meinst, sie sollte ein Geheimnis mit dir teilen!« »Nicht das, Rudolf«, sagte Bernhard ruhig; »aber was nützte es dir zu wissen, daß ich so viel ärmer bin als du?« Rudolfs letzte Worte waren jäh herausgefahren; jetzt trat er wieder an Bernhards Seite: »Du kamst zu spät«, sagte er; »dasselbe hätte mir geschehen können; und – wenn es so gekommen wäre, ihr wäre dann wohl ein glücklicheres Los gefallen.« Die lang bedachten Worte waren ausgesprochen; aber seine Stimme wankte, und seine Augen, mit denen er jetzt stehenbleibend, den anderen anstarrte, waren wie versteint. Bernhard sah ihn fast entsetzt an: »Mensch«, schrie er, »wie kannst du, der Glückliche, so etwas zu mir sprechen?« Rudolf beantwortete diese Frage nicht. »Bernhard«, sagte er leise, »du liebst sie noch; gesteh es, daß du sie noch liebst!« Ein feindseliges Feuer brannte in seinen Augen, aber er drängte es mit Gewalt zurück. Bernhard hatte nichts davon gemerkt; er sagte düster: »Du solltest doch der letzte sein, der daran rührte.« »Nein, nein, Bernhard, du irrst! Sieh nicht auf mein Gesicht; aber glaub es mir: es tut mir wohl, daß du sie liebst«; und er ergriff Bernhards beide Hände und drückte sie heftig; »nun weiß ich, du wirst sie nicht verlassen.« Der andere erhob langsam das Haupt: »Was willst du, Rudolf? Weshalb bist du heute zu mir gekommen? – Gewiß, wenn Anna jemals meiner bedürfte; wenn deine Hand nicht mehr da wäre, ich würde Anna nicht verlassen, nicht – solang ich lebe.« Rudolf hatte beide Hände vors Gesicht gedrückt. »Ich danke dir«, sagte er leise; »wollen wir jetzt zurückgehen?« Es geschah so; und die grauen Schleier der Dämmerung breiteten sich immer dichter über Moor und Feld. Rudolf hatte seinen Zweck erreicht; was er bisher nur geglaubt hatte, war ihm jetzt Gewißheit; das übrige, er sagte es sich mit Schaudern, würde sich von selbst ergeben. Auch Bernhard war in tiefem Sinnen neben ihm geschritten. »Aber«, begann er jetzt, nachdem sie vom Moore wieder zwischen die Felder hinausgelangt waren, »wie sind wir doch in ein solches Gespräch geraten? Du lebst und bist gesund; weshalb sollte Anna anderer Hülfe bedürfen?« Rudolf hatte diese Frage erwartet, ja, er hatte sich künstlich darauf vorbereitet; jetzt, da sie wirklich an ihn herantrat, machte es ihn stutzen; ein Gefühl wie bei unredlichem Beginnen überkam ihn, es war schon recht, daß die zunehmende Dunkelheit sein Angesicht verdeckte. »Ich habe dir wohl schon davon gesprochen«, sagte er, »daß ich meinen Vater plötzlich durch einen frühen Tod verlor; es war ein Herzleiden; einem und dem anderen unserer Vorfahren ist es ebenso ergangen; allerlei Symptome waren vorausgegangen – ich war noch ein Kind; aber später hat meine Mutter mir es erzählt, in den letzten Monden hab ich ganz dasselbe auch bei mir bemerkt; es geht mir nach, ich könnte auch plötzlich so hinweggenommen werden.« Bernhard ergriff seine Hand, deren herzlichen Druck er nicht zu erwidern wagte: »Aber weshalb ziehst du nicht einen Arzt zu Rate, einen Spezialisten?« »Ich tat es; neulich bei Gelegenheit meiner Geschäftsreise.« »Und er hat dir keinen Trost gegeben?« »Doch, was so die Ärzte schwatzen; aber ich weiß es besser.« Noch einmal empfand er Bernhards Händedruck, in welchem alle Versicherung eines treuen Herzens lag. – – Ein paar Stunden später befanden die Förstersleute sich wieder auf der Rückfahrt. Anna saß an ihres Mannes Seite, das Haupt geneigt, wie in Gedanken eingesponnen: Rudolf und Bernhard – ihr war es immer wieder, als sähe sie die beiden in der sinkenden Dämmerung an dem Moore entlanggehen; sie meinte die erregte Stimme ihres Mannes, die beschwichtigende ihres Jugendfreundes zu vernehmen; nur die Worte selbst – ja, wenn sie nur die Worte hätte hören können! Sie war ja jung, sie fürchtete sich nicht; nur wissen mußte sie, wo sie das Unheil fassen könne. Aber – auch Bernhard mußte ja von allem wissen; hatte doch auch er, der noch am Nachmittage wie in früherer Zeit mit ihr geplaudert hatte, beim Abendessen kaum ein Wort, oder doch nur wie gezwungen zum Gespräche beigetragen! Einen Augenblick war's, als ständen ihr die Gedanken still, dann aber richtete sie sich mit einem tiefen Atemzuge auf; gleich morgen – sie wußte keinen anderen Ausweg – wollte sie an Bernhard schreiben. »Wo sind wir, Rudolf?« frag sie und sah mit klaren Augen um sich. Rudolf schrak empor, als würde er aus schwerem Traum geweckt, und wieder, wie auf dem Hinwege, fuhr das Pferd in der Deichsel auf. Ein paar Schläge mit der Peitsche; dann wies er schweigend nach den Wäldern, die sich einige Büchsenschüsse weit zu ihrer Rechten gleich einem düsteren Wall entlangzogen. Darüber stand der volle Mond, der in der weichen Herbstnacht ein fast goldenes Licht über die schlafenden Fluren ausgoß. »Wie schön!« sagte Anna. »Ist das da drüben euere Wildnis ? Armer Rudolf, die wird dir wohl noch viel zu schaffen machen!« Er hatte den Kopf zu ihr gewandt; und er sah sie an, als ob er keine Antwort darauf habe. Sie bemerkte es nicht; das Tuch um ihre Schultern war herabgeglitten, und sie mühte sich, es wieder festzustecken. Als sein Blick auf ihre unverhüllte Hand fiel, deren schöne Form das milde Nachtgestirn mit seinem Licht verklärte, zuckte es um des Mannes Lippen, und seine Augen wurden wie vor Schmerz gerötet. Der Weg zog sich dichter an die Wälder, und bald rollte der Wagen in ihrem Schatten; das Mondlicht fiel jetzt über sie hin auf die weiter seitwärts liegenden Wiesen; eine weidende Kuh brüllte ein paarmal von dort herüber. »Zu Hause!« sagte Anna, ihre Reisehüllen von sich streifend, »wir sind gleich zu Hause!« Als bald darauf der Wagen anhielt, trat von der Haustreppe die Magd in augenscheinlicher Hast heran: die Frau Forstjunkerin seien abends angekommen, aber vor einer Stunde schon zur Ruh gegangen; Frau Försterin möge sich nur ganz beruhigen, Sie hätten ihr, der Magd, den Speisekammerschlüssel ja gelassen, es habe der gnädigen Frau an nichts gefehlt. Rudolf, der schon neben dem Wagen stand, war totenbleich geworden; wäre der Schatten des Hauses nicht gewesen, so hätte Anna es gewahren müssen. »Jetzt schon!« kam es kaum hörbar über seine Lippen; dann hob er das junge Weib herab und sagte laut: »So muß ich morgen früh heraus!« »Morgen, Rudolf? Aber du bist dann zeitig doch zurück?« Er war schon in das Haus getreten, und Anna folgte mit der Magd, den Kopf jetzt voll Gedanken an die Gegenwart der Mutter, deren Beistand sie nicht mehr in Rechnung nahm.   Es war noch dunkel, als vor Anbruch des Morgens neben dem Bette der schlummernden jungen Frau sich ein schweres überwachtes Haupt aus den Kissen hob. Bald darauf – ein dichter Nebel draußen machte die erste Dämmerung noch fast zur Nacht – trat Rudolf leisen Schrittes in sein Zimmer; tastend, mit unsicherer Hand, zündete er die auf dem Tische stehende Lampe an, bei deren Scheine jetzt sein blasses Antlitz mit den brennenden Augen aus dem Dunkel trat. Nachdem er die Klappe des am Fenster stehenden kleinen Pultes aufgeschlossen und eine Lage Papier herausgenommen hatte, setzte er sich daneben an den Tisch und begann zu schreiben. Eine amtliche Arbeit schien es nicht zu sein; denn er hatte weder Pläne noch Rechnungen dabei zugezogen. Mitunter stützte er den Kopf, und ein tiefes Stöhnen übertönte das einförmige Geräusch der rastlos fortschreibenden Feder; dann fuhr er wohl empor und blickte hastig um sich und wandte das Ohr nach der Richtung des vorhin verlassenen Schlafgemaches; aber nichts rührte sich in dem stillen Hause; Anna mußte von der gestrigen Reise sehr ermüdet sein, sogar die Magd schien sich heute zu verschlafen; und schon begann ein graues Morgendämmern vor den unverhangenen Fenstern. Endlich stand er auf, hob wiederum die Klappe des Pultes und legte das Geschriebene hinein. Aber es war ihm das nicht gleich gelungen; denn seine Hand zitterte jetzt so stark, daß er sie an dem eisernen Überfall des Schlosses blutig gestoßen hatte. Ein kurzes Bedenken noch; dann nahm er seine beste Kugelbüchse aus dem Gewehrschranke und lud sie sorgsam. Er hatte sie umgehangen und war schon aus der Tür getreten, als er noch einmal umkehrte. Auch die Jagdtasche nahm er noch vom Haken und hing sie behutsam über seine Schulter; vielleicht entsann er sich, daß vor dem Schlafengehen Annas Hände ihm das Frühstück für den angekündigten Morgengang bereitet und dahinein gesteckt hatten. Eine Weile noch stand er, die Finger um die Lehne eines Stuhles geklammert; dann ging er. Er ging über die Wiesen an dem Wald entlang; der Nebel stand noch dicht über den Feldern und zwischen den Bäumen; von den Zweigen fielen schwere Tropfen auf ihn herab. Als er in den durch die Holzung führenden Fahrweg eingebogen und eine Strecke darauf fortgegangen war, hörte er Schritte sich entgegenkommen, und bald auch erkannte er aus dem Nebel einen Mann, welcher, den Kopf voraus und mit den Armen mächtig um sich fechtend, eifrig vor sich hin redete, als ob er ein wichtiges Erzählen vor sich habe. Rudolf, der einen der Holzschläger erkannt hatte, wollte rasch vorübergehen; aber der andere hob jetzt den Kopf: »Ah so, der Herr Förster!« rief er, die Mütze herunterreißend. »Ich soll aufs Schloß zum Herrn Inspektor; ist wieder der Teufel los mit dem Klaus Peters; die anderen kamen aber eben recht, daß wir ihn binden konnten!« Rudolf blieb stehen und starrte den Sprecher an; Klaus Peters war der junge Arbeiter, der als Ehemann aus dem Irrenhaus zurückgekehrt war. Der andere aber begann jetzt wieder sein Fechten mit den Armen: »Immer um die Kate herum, Herr Förster«, rief er, »und das die Holzaxt in der Faust; und die Frau rannte vor ihm auf und schrie Zetermordio, daß wir's in unseren Betten hören konnten! Es wird nicht helfen, der Herr Graf mögen nur recht weit den Beutel auftun, denn zum anderenmal kommt er wohl nicht zurück, wenn sie ihn erst wieder sicher in der Anstalt haben.« Der alte Holzschläger, während er nach einem Endchen Rolltabak in seiner Tasche suchte, wartete vergebens auf eine Beifallsäußerung seines Vorgesetzten. »So, so?« sagte dieser endlich, ohne daß sich anderes als nur die Lippen an ihm zu regen schien; »ja, da muß zeitig Rat geschafft werden.« Dann wandte er sich plötzlich und schritt auf einem Seitenwege in den Wald hinein, wo er den Blicken des verwundert Nachschauenden bald entschwunden war. – – Kurz ehe dies im Walde geschah, hatte im Forsthause auch die junge Frau sich aus dem Schlaf erhoben; erschrocken, daß schon der graue Tag ins Fenster sah, warf sie rasch die Kleider über; sie hatte ja noch an Bernhard schreiben wollen, ehe die Mama das Bett verließe. Als sie aber mit ihrem Schlüsselkörbchen auf den Flur hinaustrat, kam Frau von Schlitz ihr in fertigem Morgenanzug schon entgegen. »Mama!« rief Anna überrascht; »willkommen bei uns! Aber so früh? Sie müssen schlecht geschlafen haben?« Frau von Schlitz hatte freilich schlecht geschlafen; es war nicht nur die Mißstimmung über die Abwesenheit des Ehepaares bei ihrer Ankunft; aber aus den Briefen beider hatte sie leicht herausgefunden, daß ihre Erwartungen von dieser Ehe sich keineswegs erfüllt hatten. Doch äußerte sie nichts dergleichen, sondern sagte nur: »Ich bin keine Langschläferin, mein Kind!« Aber Anna wurde fast verlegen unter dem strengen Blick, von welchem dieses Wort begleitet wurde. »Und wo ist denn mein Sohn?« begann Frau von Schlitz wieder. »Ich suchte ihn schon vergebens in eurem Wohnzimmer.« »Ich fürchte, Mama, er wird schon seinen Reviergang angetreten haben.« »Heute? Er wußte doch von meiner Ankunft?« »Gewiß; aber er hat wohl nicht gedacht, daß Mama so früh schon auf sein würden.« »Laß uns nach seinem Zimmer gehen, Kleine!« sagte Frau von Schlitz und schritt sogleich den dahin führenden Gang hinab. Von Anna gefolgt, öffnete sie die Tür, aber es war niemand in dem Zimmer. »Zürnen Sie ihm nicht, Mama«, bat die junge Frau; »er wird nun desto früher wieder dasein!« Aber die Ältere, die mit raschen Blicken alles um sich her gemustert hatte, wies mit ausgestrecktem Finger nach dem kleinen Pult am Fenster: »Dort steckt ja noch der Schlüsselbund; das ist doch nicht die Ordnung, die ich meinen Sohn gelehrt hatte!« Anna erschrak; das war auch jetzt nicht Rudolfs Weise. »So muß er noch nicht fort sein!« sagte sie beklommen und trat hinzu, um den Schlüssel abzuziehen. Aber als sie mit der Hand die Klappe faßte, gab diese ohne Widerstand dem Drucke nach; der Schlüssel war nicht einmal umgedreht. In unbewußtem Antrieb hatte Anna sie jetzt völlig aufgehoben; doch nur ein paar Sekunden blickte sie hinein, dann schlug die Klappe zu, und wie ein Schrei brach der Name »Rudolf!« über ihre Lippen. Sie hatte nur die ersten Worte einer Schrift gelesen, welche obenauf im Pulte lag; jetzt hielt sie sie mit ihren beiden Händen. Sie stand hoch aufgerichtet; ihre Augen, starr wie Edelsteine, aber leuchtend, als ob sie ihren letzten Glanz versprühen sollten, flogen über die sichtbar am Morgen erst geschriebenen Zeilen. Es war ein Abschiedsbrief, den Rudolf hinterlassen hatte, ein Bekenntnis, daß er wahnsinnig sei, daß er es längst gewesen, daß er sie betrogen habe; dann in dunklen Andeutungen, daß ein besseres Geschick, das er, der rettungslos Verlorene, mit seiner Leidenschaft gestört, sich noch an ihr erfüllen werde. Und dann nichts weiter; nur ein durchstrichenes Wort noch, nicht einmal der Name. Mit steigender Unruhe hatte Frau von Schlitz dem Vorgange zugesehen; jetzt hatten ihre Augen auch das Blatt gestreift und Rudolfs Schrift darauf erkannt. Unwillkürlich streckte sie die Hand danach: »Was schreibt er?« frug sie, und ihre Stimme war nur wie ein Flüstern. »Gib! Ich muß es selber lesen!« Und Anna fühlte kaum, wie ihr das Blatt entrissen wurde, Wie ein Wetterschlag war es auf sie herabgefahren; aber auch das Dunkel war einem scharfen Licht gewichen. Mit ausgestreckten Armen lag sie auf den Knien, ihre Lippen stammelten gebrochene Worte; aber schon war sie wieder aufgesprungen; wie ein Hellsehen war es über sie gekommen: ihm nach; sie hatte keine Zeit zum Beten! Da, als sie fortwollte, fühlte sie ihre Füße von zitternden Armen aufgehalten; kaum erkannte sie das Antlitz, das stumm, wie einer Sterbenden, zu ihr aufsah. »Mama!« rief sie. »Sind Sie es denn, Mama?« Nur ein Stöhnen kam aus dem zuckenden Munde, während die Arme sich noch fester um die Knie des jungen Weibes klammerten. Anna suchte sich vergebens loszumachen; sie neigte sich zu der Liegenden, sie flehte, sie schrie es fast zuletzt: »Lassen Sie mich, Mama; ich muß zu ihm, zu Rudolf! Sie wissen's ja, der Tod ist hinter ihm!« Die stumpfen Augen in dem so plötzlich alt gewordenen Gesicht der Mutter flammten auf: »Mein Sohn!« schrie sie und sprang empor. »Ja, ja; wir müssen zu ihm!« »Nein, Mutter; bleiben Sie, Sie können nicht – ich muß allein!« Aber die starke Frau hatte sich an ihren Arm gehangen: »Hab Erbarmen, nimm mich mit zu meinem Sohn! Du haßt mich, Anna, du hast ein Recht dazu; aber – nimm mich mit; du warst nicht seine Mutter!« Ratlos blickte Anna auf die Frau, die ihrer Sinne kaum noch mächtig war: »Nein!« rief sie; »o nein, kein Haß, Mama; Sie haben ja um ihn gelitten! Aber um seinetwillen, ich muß allein . . .« Sie sprach nicht mehr; die Sekunde drängte, sie mußte fort, sie mußte fliegen, wenn es möglich war; und das junge Weib rang mit der Mutter, die sie nicht lassen wollte; auf beiden Seiten die Kraft und die Todesangst der Liebe. Doch nur noch ein paar Augenblicke; dann sprang die Stubentür zurück, und gleich darauf wurde auch die Haustür aufgerissen. Drinnen im Zimmer lag die Mutter auf den Knien; draußen über die Wiesen, entlang dem Waldesrande, lief, nein flog, wie mit dem Tode um die Wette, das junge Weib des Försters.   Aus einer engen Lichtung in jenem wild verwachsenen Teil des Waldes flatterten zwei Vögel auf, schwebten eine Weile darüber und hüpften, scheu hinabäugelnd, dann wieder von einem Zweig zum anderen in die Tiefe, von der sie vorhin aufgeflogen waren. Es waren ein paar Rotkehlchen, denen sich jetzt noch eine Meise zugesellte. Als sie bald danach aufs neue über den Wipfeln sichtbar wurden, jagten sie sich schreiend durch die Zweige; denn die Meise trug einen Brocken im Schnabel, von welchem die anderen ihren Anteil haben wollten. Unten in dieser Waldenge auf einem von Moos und Flechten übersponnenen Granitblock saß ein bleicher Mann; neben ihm lehnte eine Kugelbüchse; an seiner Brust, aus der halboffenen Joppe ragte ein Strauß verdorrter Maililien, den er zuvor hart an dem Steine aufgesammelt hatte. Dem Anschein nach mußte man ihn bei seinem Frühstück glauben; denn er hatte seine Jagdtasche, wie zur Tafel dienend, auf den Schoß gelegt; eine angebrochene Schwarzbrotschnitte hielt er in der Hand. Aber er selber hatte nichts davon genossen, wie in Andacht, als ob er ein Heiliges berühre, brach er das Brot in kleine Brocken und streute es vor sich hin in das Kraut. Als die Vögel jetzt zu ihm hinab- und gleich darauf wieder emporflogen, hob er den Kopf und blickte ihnen nach; die Meise, welche diesmal nichts erhascht hatte, saß noch drüben auf einem Buchenzweig und schaute mit bewegtem Köpfchen zu ihm hin; vielleicht erkannte sie den jungen Förster, der so oft durch ihr Revier geschritten war. Kein Lufthauch ging durch die fast lautlose Einsamkeit, selbst der Vogel schien durch die düsteren Augen des Mannes wie auf seinen Zweig gebannt; nur von Zeit zu Zeit löste knisternd sich ein gelbes Blatt und sank zu Boden. Unhörbar streckte Rudolfs Hand sich nach der Kugelbüchse, und schon wollte er sie fassen, da, ganz aus der Ferne, kaum vernehmbar, drang ein Schall herüber. Und wieder nach kurzer Pause kam es und dann stärker, wie vom aufgestörten Morgenhauch geschwellt; die Glocke der fernen Schloßuhr sandte ihren Ruf durch Wald und Felder. – Auch an Rudolfs Ohr war er gedrungen; seine Hand stockte; er zählte: sieben Uhr schon! Anna mußte jetzt seinen Abschiedsbrief gelesen haben; sie wußte alles. Und plötzlich stand ihm eines, nur dies eine vor der Seele: das Schweigen, das furchtbare Schweigen war ja nun zu Ende! Er hatte sich so jäh emporgerichtet, daß ihm gegenüber der Vogel kreischend durch die Zweige fuhr. Was gab es nur? was hatte er hier gewollt? – Ihm war, als sei er träumend einem Abgrund zugetaumelt. Hoch über ihm, als hätte auch sie die Glocke wachgerufen, durchbrach jetzt die Sonne den grauen Dunst; sie streute Funken auf die feuchten Wipfel und warf auch einen Lichtstrahl in des Mannes Seele, der hier unten noch im Schatten stand; er wußte es plötzlich, er fühlte es hell durch alle Glieder rinnen: der Arzt hatte recht gehabt; er war gesund, er war es längst gewesen; es drängte ihn, sogleich die Probe mit sich anzustellen. Und mit unerbittlicher Genauigkeit rief er sich den Bericht des Holzschlägers ins Gedächtnis; er unterschlug sich nichts; er ließ den jungen Tollen mit der Axt sein Weib verfolgen, er zwang sich, ihr Geschrei zu hören; aber es blieb für ihn ein Fremdes, das sein eignes Leben nicht berührte. Sein Leben – ja, jetzt konnte er es beginnen! – Die Waldesenge um ihn wich zurück, und jene Sonnenlandschaft, unter deren Bild ihm das ersehnte Glück so oft erschienen war, breitete sich licht und weit zu seinen Füßen; der Weg war offen, der zu ihr hinabführte! Aber das Bild verschwand; er stand noch in demselben Waldesschatten. Nein, nein; nicht eine Krankheit, aber eine Schuld war es, die seine Kraft gelähmt und ihn vor Schatten hatte zittern lassen. Und nun – vor allen anderen Wegen mußte er den zurück, den er hierhergegangen war; ein reuiger Verbrecher mußte er auf die Schwelle seines Hauses treten! Ihn schauderte, die Füße schienen ihm im Boden festzuwurzeln. Da kam ein Rauschen aus dem wilden Dickicht, und wie ein Leuchten flog es über seine finsteren Züge: »Anna!« schrie er; »Anna!« und streckte beide Arme in die Leere. – Wo war sie? – Sie suchte ihn! Er wußte es, daß sie ihn suchte; er sah sie vor sich in ihrer Todesangst, die schlanken Glieder, wie sie durch Zweige brachen, die blauen Augen links- und rechtshin irre Strahlen werfend. »Ich komme!« rief er. »Ja, ich komme!« Ihm war, als ob aus leerer Luft ihm Kräfte wuchsen; vor seinem Weibe wollte er in Demut knien und dann auf seinen Armen sie durchs Leben tragen! Nur noch die Kugel, die im Rohre steckte, diese Kugel durfte nicht mit ihm zurück! Er sah empor; ein mächtiger Falke zog über den Waldeswipfeln seine Kreise. Doch – kein Blut! Frei durch den weiten Himmel, ein Gruß ins neue Leben, sollte diese Kugel fliegen! Und sich niederbeugend, faßte er mit raschem Griff den Schaft der Büchse. Aber ihm im Rücken, am Rand der Lichtung, war eben eine zitternde Frauengestalt erschienen. Wie ohnmächtig hatte sie dagestanden; jetzt gellte ihr Schrei ihm in den Ohren, und während junge Arme sich um ihn warfen, fuhr mit dumpfem Krach die Kugel aus dem Rohr. Sie schien es nicht zu merken; aber sie bog sich von ihm ab, sie stemmte ihre Hände gegen seine Schultern und sah ihn mit fast wilden Augen an. Da schrie er auf: »Du blutest! Du bist getroffen, Anna!« Ihre Hände wehrten schwach den seinen, die an ihrem Nacken suchten: »Nein, nur die Dornen – – ich fühle nichts – – aber du!« – es war, als hätten diese Worte eine Felsenlast zurückgestoßen – »du lebst!« schrie sie; »du lebst!« scholl es noch einmal aus der ganzen Fülle ihrer Brust; dann brach sie in seinen Armen zusammen.   Drei Tage waren seitdem verflossen; unter dem Dach des Försterhauses lag Anna in den weißen Linnen ihres Bettes. Keine Kugel hatte sie verletzt; auch nicht die Wunden, die die Dornen ihr gerissen – der jähe Strahl des schon verloren gegebenen Glückes war es gewesen, der sie hingeworfen hatte. Und auch nicht um dies kräftige Leben selber, vielmehr nur um ein zweites, das in seinem Schoß dem Licht entgegenkeimte, hatte die Natur ihr stilles Ringen zu bestehen. Aber schon blickten die Augen der jungen Mutter froh und siegreich um sich, während sie im Grund der Seele nur ein Erinnern jenes Morgens festhielt; nur, wie die Arme ihres Mannes sie vom Boden hoben, und wie dann, schon im Erlöschen ihrer Sinne, sich ihr Haupt an seiner Brust zur Ruhe legte. In den Nächten, die dann folgten, hatte Rudolf, in seltenem Wechsel mit der Mutter, die jetzt selbst der Ruhe bedurfte, neben ihr gewacht und ihren Schlaf behütet. Der Tag fand ihn im Forste, an den Sümpfen; dann wieder an seinem Arbeitstische, oder Bericht erstattend und seine Pläne klar entwickelnd bei dem Grafen; noch niemals hat er das Vollmaß seiner Kräfte so empfunden. Jetzt kniete er in Demut an dem Bette seines Weibes, die seine beiden Hände in den ihren hielt; er hatte lange zu ihr gesprochen, und sie hatte schweigend zugehört. Nun, als auch er schwieg, bewegte sie leis verneinend ihren Kopf: »Gesündigt? Du an mir gesündigt?« frug sie, seine letzten Worte wiederholend. Und als er sprechen wollte, entzog sie ihm die eine ihrer Hände und legte sie auf seinen Mund: »Ich weiß es besser, Rudolf: du hattest mich zu lieb, du hast mich nicht verlieren können! Nein, sage nur nichts anderes; du hast noch immer nicht gewußt, daß du mich nicht verlieren kannst!« Und da er widersprechen wollte, richtete sie sich auf, und seinen Mund mit ihren Küssen schließend, schlang sie die Arme um seinen Hals und flüsterte wie leidenschaftliches Geheimnis ihm ins Ohr: »Ich glaube, Rudolf, aber Gott wird es verhüten, – ich könnte noch eine größere Sünde um dich tun!« Dann, während er, berauscht und wie von Schuld befreit, dies Geständnis seines schönen Weibes noch in seiner Seele wog, hatte diese, von leichter Schwäche überkommen, sich zurückgelegt; nur ihr Antlitz wandte sich nach dem des Mannes, und, eines alten Reims gedenkend und wie in seliger Stille ihre Augen in den seinen lassend, sprach sie leise und doch mit dem lichten Vollklang ihrer Stimme: »Was Liebe nur gefehlet, Das bleibt wohl ungezählet, Das ist uns nicht gefehlt.« Dann wurde es still zwischen ihnen; es bedurfte keiner Worte mehr. – – Als Rudolf bald darauf durch Geschäfte abgerufen wurde, trat statt seiner die Mutter in das Zimmer. Die Falte, welche der Schrecken jenes Morgens ihrem Antlitz eingegraben hatte, war nicht daraus verschwunden; aber sie schien nur einen früheren Zug der Härte hier verdrängt zu haben, der selbst den Sohn ihr nie völlig hatte nahekommen lassen. Mit aufmerksamen, ja fürsorglichen Blicken betrachtete sie die junge Frau, die in ruhigem Genügen, mit gefalteten Händen vor sich hin sah. Die Entschlossenheit derselben, welche selbst sich gegen sie zu wenden keine Scheu getragen hatte, mochte die Achtung der rücksichtslosen Frau gewonnen, zugleich aber der Umstand, daß die Starke nun selbst hülflos ihrer Hand bedurfte, den daneben aufgestiegenen Groll versöhnt haben. Behutsam trat sie näher: »Du lächelst, Anna«, sagte sie, indem sie sich zu ihr neigte; »aber du bist sehr blaß! Rudolf ist zu lange bei dir gewesen.« »Zu lange?« wiederholte Anna; und als ob sie nur die eigenen Gedanken weiterspinne, fuhr sie fort: »Nein, nicht mehr dazu war ich ihm noch nötig – – Sie irrten doch, Mama – er war schon ohne mich genesen! Aber jetzt – – vielleicht – jetzt bin ich doch sein Glück!« Ein Lächeln wie Sonnenwärme breitete sich auf ihrem Antlitz. Frau von Schlitz nickte schweigend: was redete die da vor sich hin? – Ihr Sohn, ihr Kind, das sie mit ihrem Blut getränkt hatte! – Wie mit Schlangenbissen fiel ein eifersüchtiges Weh sie an: »Ich irrte, sagst du?« sprach sie strenge, während ihr eine dunkle Glut bis in die Augen flammte; »du brauchst mich nicht zu schonen, Anna; es war nie meine Art, mich zu belügen! – Aber dafür – dafür« – – ihre zitternden Lippen rangen vergebens noch nach Worten. Mit Angst sah Anna in das stumme Antlitz, in dem nur noch die Augen Leben hatten. »Mama! O Mama, was ist dir?« rief sie. Da gewann die harte Frau die Sprache wieder: »Dafür«, sagte sie langsam, indem das Haupt ihr auf die Brust herabsank, »hast du mich arm gemacht.« Aber schon hatte, in plötzlichem Verständnis, die unschuldige Feindin ihre Hand ergriffen, und sich sanft darüberneigend, flüsterte sie: »Du mußt mich lieben, Mutter!« »Muß ich?« – Ein finstrer Blick war auf die junge Frau gefallen; dann aber lag sie an der Brust der Mutter, überschüttet von durstiger, ungestümer Liebe: »Ja, ja, mein Kind; ich sehe keine andere Rettung!«   Noch hingen die letzten Blätter an den Bäumen, als die still gewordenen Räume des Hauses durch die frisch erstandene junge Frau sich wieder neu belebten: ihr leichter Schritt, ihre frohe Stimme – wenn Rudolf sie in seinem Zimmer hörte, so konnte er nicht lassen seine Tür zu öffnen; ihm war, als ob es dann in Kopf und Kammer heller würde. In fester Pflichterfüllung gingen Mann und Weib zusammen: der Winter nahte; aber vor beider Augen lag die Sonnenlandschaft. Eines Morgens, als nach Ende des Monats Rudolf die Löhnungslisten zur Revision erhalten hatte, sah er darin auch den Namen jenes jungen Holzschlägers, außer der Lücke von ein paar Tagen, bis ans Ende aufgeführt. »Klaus Peters?« frug er den alten Andrees, der ihm die Papiere eben von dem Inspektor überbracht hatte. »Ich dächte, der wäre wieder krank geworden?« Der Waldwärter lachte: »Ein Schreckschuß, Herr Förster; der ist so gesund wie Sie und ich! Die beiden waren in Zank geraten, er und das dumme Weib; er schlug sich grad schon in der Frühe sein bißchen Winterholz, und wie sie nun in der Hitze ihm seine frühere Tollheit vorgerückt, da hat er freilich die Axt nicht fortgelegt, als er um die Kate hinter ihr die Jagd gemacht; nun aber gehen sie schon sonntags wieder Hand in Hand zur Kirche.« Rudolf nickte zustimmend: »Schickt mir gelegentlich das Weib, Andrees«, sagte er; »ich muß doch einmal mit ihr reden!« Ihn freute dieser Ausgang um des jungen Menschen willen, weiter aber kümmerte auch dies ihn nicht. Und gleichwohl, als Anna bald danach zu ihm hereintrat, hatte sich ein nachdenklicher Ernst auf seiner Stirn gesammelt: es lag noch eines vor ihm. Als sie fragend zu ihm aufblickte, zog er sie sanft zu sich heran: »Ich reite heute nachmittag zu Bernhard«, sagte er; »du weißt ja alles, meine Anna; ich möchte warm und offen um des treuen Mannes Freundschaft werben.«   Ein stiller Winter war vergangen; nun wehten am Waldesrande schon die Primeldüfte, seit ein paar Wochen war auch der Graf schon wieder aus der Residenz zurück, um der weiteren Durchforstung seiner Wildnis beizuwohnen. An diesem Morgen aber schritt er neben seinem Schwiegervater, der tags vorher zum Genuß der ersten Frühlingsfrische angelangt war, auf jenem Steige, dem Runensteine vorüber, in den Wald hinein; beide, wie damals im verflossenen Herbste, in angelegentlichem Zwiesprach. »Aber, mein Lieber«, sagte der alte Herr; »so ist denn der von Schlitz nun doch dein Oberförster; wenn mir recht ist, schien dir derzeit die Musik des jungen Herrn nicht völlig zu gefallen?« »Ja, ja, derzeit«, erwiderte der Jüngere; »aber es wurde anders, ich war auch selbst wohl etwas ungestüm; er kann doch mehr, als Chopin spielen; du wirst dich wundern, wie weit wir schon mit unserer Wildnis sind!« »So!« meinte der General, und ein leises Lächeln zuckte um seinen weißen Schnurrbart; »ei der Tausend, da hat dich also dein gerühmter Scharfblick doch einmal im Stich gelassen!« »Spotte nur, Papa; aber es dürfte dir leicht ebenso ergangen sein!« Der Alte lachte: »Mir? Das glaub ich; aber ich bin auch nicht mein Tochtermann! Nun aber, was hat es denn gegeben?« Der Graf blieb stehen: »Du mußt dir schon an einem ›on dit‹ genügen lassen! Also: das Schießen zählt eben nicht zu den Künsten des Herrn Oberförsters; gleichwohl, so wird gemunkelt – es war damals, um die Zeit deiner Abreise – soll er doch sein junges Weib getroffen haben.« »Der Tausend!« sagte wieder der alte Herr. »Und dann?« ,Dann? Ja, das schlägt in dein Fach, Papa! Es gibt ja Leute, die erst tapfer werden, wenn sie Blut gesehen haben; jedenfalls – von da ab an datiert die neue Ära. Mir ist nur bange«, setzte er hinzu, »der Staat wird mir den Mann nicht allzulange lassen.« »Mein Lieber«, erwiderte der General, »ich nehme allen Spott zurück und will nur hoffen, daß die junge Frau – – –« »Die Frau, o die ist schöner und heiterer als je; am Ende ist auch dieser Schuß nur so ein Stück moderner Sagenbildung. Übrigens glückliche Menschen das, Papa! Erst am vergangenen Montag habe ich mit dem Schwiegervater, dem trefflichen Pastor von da drüben, ihnen den ersten Jungen aus der Taufe gehoben. Selbst mit der alten Gnädigen von Schlitz verstehen sie zu leben, was meinem Schulgenossen, dem Walzerkomponisten, nicht so ganz gelungen sein soll; aber – die beiden Jungen sind auch bessere Musikanten.« Der alte Herr nickte freundlich lächelnd mit seinem weißen Kopfe; dann gingen beide weiter. – Niemand hatte dies Gespräch belauscht, wenn nicht doch der Buchfinke, der gleich danach über der Tür des Forsthauses in dem jungen Grün der Eiche seinen hellen Sang erhob. »Es waren zwei Königskinder« Es ist ein Erlebnis, das ich heut erzählen will; nicht mein eigenes, es ist mir selbst erzählt worden, aber von so lebendiger Erinnerung getragen, daß ich nur hätte nachzuschreiben brauchen. Mitte Juli war es, eine laue Sommernacht; wir saßen mit unseren Gästen auf der Terrasse unseres Landhauses, und soweit die hellen nordischen Sommernächte es gestatteten, lag um uns her der Garten schon in Duft und Dämmer; nur am Himmel über uns strahlte im Sternbilde des Perseus der prächtige Algol. Wir hatten lebhaft geplaudert, etwas philosophisch sogar, über kleine Ursachen und große Wirkungen. »Soll es doch geschehen sein«, sagte der alte Doktor, »daß nachts eine Maus über die Nase einer königlichen Geliebten gesprungen ist, und der König hat darüber eine große Schlacht verloren!« Wir lachten; aber das steigende Dunkel löschte das Gespräch allmählich aus. Mein Vetter, der Musiker, der sich die Erlaubnis zu einer langen Pfeife aus gebeten hatte, hielt seine Augen auf den funkelnden Stern gerichtet und blies schon lange schweigend seine Rauchwolken gen Himmel. »Ja«, sagte er jetzt, wie zu sich selber, »wenn man nicht näher zusah, so war es auch nur ein Rausch – ein Räuschlein! – Meine nächsten Freunde vom heiligen Konservatorium, wo sind sie? Man soll sich in acht nehmen; es liegt uns überall im Wege!« »Was faseln Sie da, Fritz?« frag unser Doktor leise. »Ich fasele nicht, lieber Doktor, aber es ist so wunderbar um uns; man möchte den Toten einmal Gehör geben; ich habe es Ihnen vor Jahren, da es mich eben stark geschüttelt hatte, auch wohl schon erzählt!« Der Doktor schwieg einen Augenblick: »Das mit dem jungen Marx?« sagte er dann. Mein Vetter nickte. Sie haben recht, Fritz, und wenn die Erinnerung Sie drängt, so erzählen Sie es jetzt auch den anderen; ich mein, es ist jetzt eine rechte Stunde, und ein gutes Gedenken könnte, wenn man so sagen dürfte, auch denen wohltun, welche nicht mehr sind.« Wollen wir das annehmen!« erwiderte Fritz, und da auch wir anderen in ihn drangen, so begann er: »Schon fast zwei Jahre war ich auf dem Konservatorium in *** gewesen, da wurde es mir eines Tages klar, daß für hochbegabte Musiker dort vielleicht sehr viel, für Leute meines Schlages aber trotz der besten Musik, die dort gemacht wurde, verzweifelt wenig zu holen sei; denn eine feste, das Ganze beherrschende Methode der Technik fehlte dem Klavierunterricht dort zu jener Zeit, das ist auch heute noch meine Ansicht, und die Anstalt war seit mehreren Dezennien unter der Direktion eines alten Herrn geblieben, der als Klavierlehrer nur die anstellte, die ihm von den besten Sachkundigen nicht empfohlen waren. Jetzt mag das alles ja ganz anders sein. Damals aber – nach Beratung mit Gleichgestimmten und nach eingeholter väterlicher Erlaubnis – ging ich Ostern 187* nach Stuttgart, wo die Hochschule der Musik unter Faists Direktion und mit der Lebert-Starkschen Methode viele Schüler hinzog; zumal auch Liszt – so hieß es – wesentlich nur der dort Gebildeten sich musikalisch annahm. Bald war ich geprüft und aufgenommen und hatte Silberburgstraße Nr. 21 bei einem nachdenklichen Schneider meine Wohnung eingerichtet; die Möbelausstattung war etwas dürftig, aber das Zimmer recht groß, und das Pianino, das ich rasch gemietet hatte, klang in dem leeren Raume prächtig. Noch entsinne ich mich des Morgens, da die erste Stunde für Harmonielehre bevorstand; ein grimmiges Gewitter entlud sich über der Stadt; mir war, als hätte ich solche Donner zuvor noch nie gehört. Ich stand in Zweifel, ob ich gehen sollte; denn ich besaß keinen Regenschirm. Endlich ließ es nach, und ich machte mich auf den Weg. Ein etwas unzufriedener Blick des Lehrers empfing mich bei meinem Eintritt: an ein Zuspätkommen schien man hier nicht gewöhnt zu sein. In derselben Reihe mit mir saß ein junger Mann, dessen schönes Antlitz während des Vortrages unwillkürlich meine Aufmerksamkeit auf sich zog; unter dunkelgelocktem Haar wandten zwei milde braune Augen sich ein paarmal zu mir. Als wir nach dem Ende des Unterrichts auf die Straße getreten waren, regnete es wieder. »Sie haben keinen Schirm«, sagte er freundlich, indem er auf mich zukam; »wo wohnen Sie? ich werde Sie nach Hause bringen!« Ich dankte ihm, und wir gingen unter seinem Schirm meiner Wohnung zu; unterwegs erfuhr ich, daß er der Sohn eines Musikdirektors aus Basel sei, dessen Namen ich später mehrfach in Werken über Musik getroffen habe. Aus seinem Antlitz wie aus seinen Worten sprachen Güte und Verstand; ich fühlte, ich sei bei einem Überlegenen, der gleichwohl diese Eigenschaft mir gegenüber nur gebrauchen werde, mir zu helfen, mich zurechtzuweisen. Und so geschah es auch; obwohl ihm später viel Fertigere zur Wahl standen, er spielte am liebsten doch mit mir; ich sah es bald, wie alle, die ihm näherstanden, ihn verehrten. Aber« – unterbrach sich der Erzähler –»ich muß um Nachsicht bitten, daß ich bei ihm verweile, denn von einem anderen wollte ich erzählen; es ist nur – er ist nach einem kurzen Glücke jung gestorben, und die Leere, die mir sein Tod gelassen, empfinde ich noch immer. Da wir schon meiner Wohnung nahe waren, kam aus einer Nebengasse mit nervöser Hastigkeit, mit stapfigen Schritten ein junger Mann auf uns zu, von gelblicher Gesichtsfarbe und schlichtem schwarzem Haar; seine dunklen Augen, die er forschend auf mich richtete, schienen fast zu zittern. »Auch ein Konservatorist!« flüsterte mein neuer Freund mir zu; »der Vater ist ein Schwabe, der als angesehener Gelehrter in Metz lebt; daß wenigstens seine Mutter eine Französin ist, sehen Sie wohl selbst.« Indessen stand er vor uns. »Ah, Walther!« rief er, »wen schleppst denn du da mit dir durch die Stadt?« Er zog seinen kleinen Hut, der, wie seine übrige Kleidung, recht durchnäßt war; denn auch er trug keinen Schirm. »Kommen Sie, bis der Regen nachläßt, mit in meine Wohnung« sagte ich, ihn begrüßend, »da können wir Bekanntschaft machen, denn auch ich gehöre zu Ihrem Orden.« Er warf flüchtig den Kopf zu mir herum: »Haben Sie denn auch die Nerven zu dem alleinseligmachenden Anschlag mitgebracht? Es kommt hier auf ein Menschenleben nicht groß an!« »Ich hoffe«, sagte ich lachend; dann stiegen wir die drei Treppen zu meinem Zimmer hinauf. Der Halbfranzose beguckte, lebhaft mit seinen Fingern spielend, die Bilder vom verlorenen Sohn, die nebst König und Königin an der Wand hingen, sah dann durch Seine Brille aus dem Fenster in den noch tröpfelnden Regen, dabei unterweilen den Kopf nach mir zurückwendend; dann trat er plötzlich zu mir, musterte meine lange Figur von den Fußspitzen bis zu meinem blonden nordischen Haupte und sagte lebhaft: »Sacre nom de Dieu, Walther! Wo hast du diesen Senfkerl eingefangen?« »Was bin ich?« Ich wollte schon aufbrausen, aber Walther trat dazwischen: »Wir haben ein gelindes Rotwelsch unter uns: Senfkerl, Senfmädchen ist bei uns der Superlativ vom Allerbesten, und Marx oder alias Lavendel – denn er kann nicht ohne Wohlgerüche leben – redet gern in diesem Idiom. Darüber dürfen Sie ihm nicht zürnen, er ist mein guter Freund!« »Sans doute! Sans doute!« rief der Halbfranzose; »aber siehst du, Walther – kennen Sie den schon?« unterbrach er sich und wandte sich zu mir. »Nun, Sie werden Ihre Freude an ihm haben! Aber ich meine, Sie sind unser vierter Mann; abends für unsere Versammlungen, wenn bei einer Pfeif Tobak Kopf und Hände wieder zur Ruhe kommen sollen! Der Franz, unser Dritter, das ist der Humorist, man sieht es kaum dem Blondkopf an – Sie werden ihn schon kennenlernen! Aber jetzt, sincères amis, gebt euch die Hände, und hier ist die meine! Smollis! Um Entschuldigung, wie ist Ihr Name?« »Aber, lieber Herr«, sagte ich etwas verlegen, nachdem ich mich genannt hatte, »geht das bei Ihnen in Frankreich so geschwinde? Wir haben uns ja erst in diesem Augenblick gesehen.« »Ach, Frankreich!« sagte er; »mein Vater ist ein Deutscher, aus dem gesegneten Lande Schwaben!« und seine nicht großen Augen leuchteten vor Zärtlichkeit. Es half eben nichts; ihm war nicht zu widerstehen, Walther und Marx waren meine Duzbrüder.   So war der Anfang unserer Bekanntschaft. Ich hatte bald empfunden, daß hier ein ernster Geist regiere, der jeden nicht gar zu Trägen mit sich reißen mußte; nur die Übung am Klavier beschäftigte uns je drei, ja wohl gar vier Stunden am Vormittage und ebenso am Nachmittag. Abends waren dann unsere »Versammlungen«, die wir wechselsweise auf unseren Stuben abhielten; da wurde geraucht und über das, was uns in den theoretischen Stunden vorgekommen war, ein Quantum hingeredet, auch gesungen wurde bisweilen; unser Hauptstück war ein Terzett a capella, das von Franz, mit dem ich bald zusammengeführt war, auf seinem Zimmer vorgelegt wurde. »Tropfen von Tau«, den milden Anfang hatte es, Melodie und Komponisten habe ich vergessen, ich meine, es war für Frauenstimmen, und wir stiegen dabei eine Oktave tiefer; aber wir sangen es, wie Franz, unser Dirigent, bemerkte, umstandsverhältnismäßig schön; auch Marx war einer von den Sängern. Eines Mittsommerabends waren wir bei Franz; die Pfeifen brannten, die schlecht geputzte Lampe hatten wir des Qualms wegen tief hinabgeschraubt; Walther war nicht da, er wohnte bei einer alten Tante und war dadurch mitunter abgehalten. Marx und ich rauchten schon unsere zweite Pfeife, da – klatsch! ging es, und Franz hatte seinen Morgenschuh ausgezogen und ihn über sich gegen die niedrige Decke geworfen. »Hol der Teufel den Bäcker und seine schwarzen Teufelsdinger!« rief er. »Was rasest du?« sagte ich und blickte mich in der dämmerigen Stube um; aber Scharen von jenen häßlichen großen Küchenschaben, wie sie bei Bäckern – der Hauswirt war ein solcher – ihren liebsten Heimsitz haben, huschten mit ihrer spukhaften Hastigkeit blitzschnell über Deck' und Wände. »Potz Himmeltausendsakramenter!« rief ich; wir waren alle aufgesprungen; der eine nahm den Stiefelknecht, der andere riß den Handleiter vom Klavier, Franz zog auch den zweiten Schuh vom Fuß, und nun begann eine Jagd: Klitsch, klatsch! Und die Schaben, die ihr Loch nicht finden konnten, waren unsere sichere Beute; auf Tisch und Stühlen lagen ihre zerquetschten Leiber, das Bett war völlig übersäet. Das Jagdfieber ergriff uns immer mehr; wir sprangen vor- und rückwärts, gegeneinander und um uns selber; das Nachtgezücht rannte an uns empor, über unsere Kleider, auf unser Gesicht, und wir schlugen es auf uns selber tot. Aber schon genügte uns der enge Schauplatz nicht mehr; wir rannten zur Stube auf den Flur hinaus, die Mordinstrumente in den Händen; überall waren Schaben; dann die Treppe hinab; Marx trug die Lampe, der Qualm flog aus dem Glaszylinder – da plötzlich im unteren Hausflur öffnete sich eine Wand, es mag wohl eine Tür gewesen sein, und die dicke Gestalt des Hauswirtes stand im baren Hemde vor uns; das bärbeißige Gesicht mit den buschigen Brauen über den kleinen Augen betrachtete uns voll Grimm und Staunen: »Ho, ho, ihr Herre, was geit's denn? Se alarmieret jo 's ganz Haus! Lasset Se das Zinselwerk und ganget Se hoim!« Aber Franz legte feierlich die Hand auf seine Schulter: »Mann!« sagte er, »ein Dankgebet wäre Ihrem Munde ziemlicher gewesen als so nichtsnutzige Reden; kommen Sie mit in mein Gemach und inspizieren Sie dort die Leichen; wir haben Ihnen zum mindesten fünfhundert Schaben totgeschlagen!« »Totg'schlage?« wiederholte der Mann und lachte grimmig. »Die hättet Se kenne lebe laun!« »Den Teufel auch!« rief Franz. »Ich mag nicht mit ihnen leben.« »Ach, Herr Franz, d'Schwobe hänt mer no nia nex vo meim kurze Schlof abisse!« Damit schlug er verdrießlich seine Tür wieder zu und verschwand dahinter, Gott weiß, wohin. »Der Mann hat keinen Sinn für Höheres!« sagte Franz, und wir gingen etwas abgekühlt nach seinem Zimmer zurück. »Aber was nun, meine Lieben?« begann er wieder. »Schlafen kann ich nicht unter diesen Toten, und, wie mir deucht – sie stinken auch ganz erklecklich! Aber – mich erleuchtet der Geist: die Nacht ist schön, Schaben gibt es draußen nicht – machen wir einen Männerspaziergang!« »Einen Spaziergang?« wiederholte Marx zögernd, der nach dieser Aufregung recht jämmerlich dreinsah. »Ich bin müde, Franz, und habe morgen vormittag um zehn Uhr Klavierstunde; komm mit mir, du kannst auf meinem Sofa schlafen!« »Nein, nein, edler Lavendel, gute Gedanken dürfen nicht auf Sofas verschlafen werden. Kommt nur! Durch Cannstatt nach Waiblingen, wo die Wachtturmtreppe so eng ist, daß die Witwe des alten Turmwarts sich anstandshalber mit dem neuen Wächter verheiraten mußte, da sie wegen ihrer Dicke nicht mehr hinunterkonnte! Unser nordischer Freund muß nebenbei auch Schwaben kennenlernen!« Mit einem Wort, er drängte so, daß wir beiden andern uns endlich bereit erklärten und die Treppe mit ihm hinabstiegen. Als wir unten waren, stürmte er noch einmal hinauf, kam aber sogleich mit einer Notenrolle wieder herab. »Was hast du denn geholt?« frag ich. »Das Allernotwendigste«, sagte er und hob die Rolle in die Höhe, »unser Terzett!« Nun gingen wir auf die Gasse; es mochte nach elf Uhr sein; die Juninacht war schön, einige Sterne funkelten über uns; aber auf Erden war's doch dunkel. So marschierten wir zur Stadt hinaus; die Nachtkühle brachte ihre erfrischende Wirkung, und schon auf der Chaussee rief Franz: »Was meint ihr, mir ist, als müßten wir einmal singen!« »Ja, aber was denn?« »Was anders als unser Terzett!« »Aber dazu brauchen wir Licht, wir können's ja nicht auswendig.« »Alles vorgesehen«, erwiderte Franz, zog sein Schnupftuch hervor und entwickelte daraus ein Kästchen mit Zündhölzern und einige Stümpfchen Stearinlichts. Wir warfen uns auf einen Haufen von Chausseesteinen, der am Wege lag; die Lichter wurden angezündet und daraufgeklebt, Franz hatte die Stimmen verteilt und taktierte mit der Hand: »Eins, zwei!«, und: »Tropfen von Tau!« – unser Terzett strahlte wie ein Stern durch die einsame Juninacht. »Schön!« sagte Franz, indem er die Stimmen wieder einsammelte. »Doch nun vorwärts!« Marx wollte die beiden Lichter ausblasen, aber er wehrte ihm: »Laß,« sagte er. »Zur Freude der Nachtwanderer, die nach uns kommen!« So ließen wir sie brennen und marschierten weiter. Da stieg zu Osten unten über den Eßlinger Bergen ein gelber Mond empor; zugleich schlug eine Nachtigall, und ein Schauer zog durch die Obstbäume, die am Wege standen. »De la nuit j'aime le silence: Doux rossignols, chantez pour moi!« sang Marx mit halber Stimme; dann faßte er mich unter den Arm, drückte ihn und sagte zitternd: »Nord und Süd! Wir kommen doch zusammen!« Noch mehrmals sahen wir zurück nach unseren Lichtern, bis die schwache Helle nicht mehr zu uns reichte; dann marschierten wir durch Cannstatt; es muß nach Mitternacht gewesen sein, die Stadt war totenstill. So suchten wir denn einiges Leben hineinzubringen; unsere Stöcke schwingend, tralate jeder von uns seine eigene Melodie. Da schlurfte es heran: »He, Sie! Was machet Se denn für en Heidespektakel? Des ischt hie net der Brauch!« scholl eine rauhe Stimme, und eine Gestalt mit Speer und Tuthorn hatte sich vor uns hingepflanzt. »Mann der Nacht«, sagte Franz. »Lassen Sie uns, wir fahren jetzt gen Waiblingen.« Der Wächter sah verächtlich nach unseren Stiefeln: »Fahre? Und da hent Se's Schusters Rappe dazue eing'spannt?« »Ganz recht, Liebwertester, aber« – und Franz konnte, wenn es ihm nötig schien, ein gar fürnehmes Wesen vortun – »Er kennet uns wohl nicht? Wir sind fahrende Sänger, falls Er von solchen jemals etwas sollte gehört haben; Er aber ist ein Zuberklaus, und wir wünschten ihm Verstand und gute Wacht!« Damit schritten wir rüstig weiter und dem anderen Tore zu, aber noch lange hörten wir den Wächter schelten. Draußen malte jetzt der Mondschein die Schatten der Bäume quer über die Chaussee; hinten aus der Stadt schlug es von den Türmen eins. Als wir etwa eine Stunde wacker zugeschritten waren, regte sich etwas in mir, das ich alsbald und zweifellos für Hunger anerkennen mußte, denn seit acht Uhr hatten wir wohl alle nichts gegessen. Aber in Waiblingen! Die Wecken mußten bei unserer Ankunft gerade fertig sein. Ich griff in meine Tasche, fand aber nur vier lose Kreuzer. »Halt!« rief ich, »ich spüre einen Männerhunger.« Alle standen still. »Warum redst du nur davon«, sagte Franz. »Der Teufel hol, nun fühl ich auch dergleichen.« »Aber du hast doch Geld zu dir gesteckt?« »Versteht sich!« rief er und fuhr zuversichtlich in seine Tasche; aber das geöffnete Portemonnaie ergab nur sieben Kreuzer. »Hm!« sagte er, »daß ich bei der Ausfahrt nicht an das schändliche Metall gedacht habe! Aber« – und er sah uns lachend an – »im Grunde war es auch egal gewesen, ich führe doch allzeit mein Vermögen in der Tasche.« »Ihr seid auch ewig hungrig!« murmelte Marx. Franz nickte ihm zu: »Das verstehst du nicht, Lavendel, du nährst dich nötigenfalls von Schnecken und Knoblauch, wir mögen das nicht! Sieh lieber einmal nach dem Wesentlichen in deinen Taschen!« Sie wurden umgekehrt, und als Summe unseres Gesamtvermögens ergaben sich dreizehn Kreuzer. »Das reicht für die Morgenwecken!« rief Franz. »Und nun vorwärts auf die alte Hohenstaufenstadt!« Und weiter ging es, und allmählich begann der Mond zu blassen, und ein leises Morgendämmern zog durch die Welt. Nach zweistündiger Wanderung scholl ein dumpfer Glockenton zu uns herüber. »Hört ihr's?« rief Franz. »Die Glocke von Waiblingen schlägt drei Uhr, nun sind die Wecken fertig!« »Da halte ich auch mit«, sagte Marx; »euer Schwätzen hat mich angesteckt!« Franz klopfte ihm auf die Schulter: »Siehst du, Halbfranzöschen, nun wird dein Vaterteil lebendig.« Bald hatten wir die alte Stadt erreicht; die finsteren Giebel sahen auf uns herab, und die engen Gassen führten uns bergauf, bergab. Aus einem geöffneten Fenster wehte der lockende Duft von frisch gebackenem Brote auf uns zu, und da ich aufblickte, sah ich zwei Engel eine goldene Brezel uns entgegenhalten; aus dem Fenster drang ein schwacher Lichtstrahl auf die Gasse. »Koin Schritt gang i weiter!« sagte ich schwäbelnd und klopfte an die Scheiben des geschlossenen Fensters. Auch die anderen stützten sich auf ihre Wanderstäbe, des Erfolges gewärtig. Und nach einer Weile fuhr der Kopf eines Mannes durch die Fensteröffnung mit weißer Linnenmütze und gutmütigen, noch etwas verschlafenen Augen und sah uns der Reihe nach voll Verwunderung an. »Ah, meine Herre«, sagte er dann, »Se send ja scho früeh auf!« »Ja, Meister, und wir sind schon von Stuttgart kommen.« ,Ei, der Tausend, scho vo Stuegert? Des wär!« »Ja freilich; aber saget, sind denn die Wecken fertig? Wir haben Hunger!« »No net, ihr Herre, aber bald! Send Se no so guet und ganget Se derweil in d'Stube!« Und rasch war die Haustür geöffnet, und wir traten in ein großes Zimmer, in dessen Verlängerung wir auf den Backofen sahen. Ein köstlicher Duft strömte von dort auf uns zu, und in Erwartung der Wecken setzten wir uns auf die Holzbänke, die um einen groben Tisch an der Wand entlangliefen. Der Meister ging zwischen uns und dem Ofen hin und wider, bald aber schüttete er aus seiner weißen Schürze einen Haufen Wecken vor uns hin und schob ein großes hölzernes Salzfaß, das auf dem Tische stand, in unsere Nähe. Ha, wie uns die in Salz getauchten Wecken schmeckten, und wie taschenspielerartig wir sie verschwinden ließen! Auch Marx hielt tapfer mit, und seine blaßgelben Wangen röteten sich von dem warmen Brote. Noch einmal mußte der Meister Sukkurs aus dem Ofen holen, dann blieb er am Tische stehen und sah vergnüglich unserer Mahlzeit zu. »Liebwerter Meister«, sagte Franz, als alles gesättigt war, und sah ihn zärtlich an, indem er sich den Schnurrbart wischte: »Sie glauben nicht, welche Saukerle in Ihrer Zunft sind, selbst wenn man ihnen tausend Schaben totschlägt! Sie aber haben sich der unzeitigen Gäste wie ein Vater angenommen; dafür soll Ihnen auch ein Hochgenuß bereitet werden. Wir gehören nämlich zu dem immer seltener werdenden Orden der fahrenden Sänger!« Damit griff er in die Tasche, reichte uns die Stimmen, dann bewegte er die Hand: »Eins, zwei!« und »Tropfen von Tau!« klang es; wir sangen, der Meister faltete die Hände über seinem Bauch, lächelte uns an und taktierte schließlich mit dem Kopfe. »Schön; aber schön!« sagte er endlich, »no der Tenor«, und er sah mit bescheidener Schlauheit zu uns auf, »der Tenor kommt mir e bissele schwach für!« Marx strich sein dunkles Haar sich von den Schläfen; denn er war der Tenor. »Das macht der Text, Meister«, sagte er, »das darf man nur so spinnewebenartig singen, wenn's nicht zerreißen soll.« »Gut gebrüllt, Löwe«, murmelte Franz. »Ja freile«, sagte der Bäcker; »die Herre verstandet des besser, und schön isch gewea, des laß i mir net nemme! Mer hänt hie au en G'sangverein, aber der goht no im Sommer manchmal furt, wisset Se, wenn's e Fahnenweih oder so ebbes geit. I g'hör au derzue, weil i zu dene Ausflug d' Wecke und d' Hörnle liefere mueß.« Ein schelmisches Lächeln lief über das hübsche Antlitz unseres Dirigenten. »Nun, Meister«, sagte er, »wir müssen weiter, aber wir sollen unsere Wecken noch bezahlen!« Aber der gute Mann wehrte mit beiden Händen ab: »Descht mei Sach. 's ischt alles scho in Richtigkeit, und jetzt danki ebe reacht schöa für den schöne Morgegrueß!« und somit geleitete er uns zur Haustür. »Ein prächtiger alter Herr«, sagte Franz, da wir draußen auf der Gasse standen; »das Frühstück hätten wir uns ersungen, wo kriegen wir nun den Kaffee? Die geretteten dreizehn reichen dazu nicht.« Es gab ein Hin- und Widerreden, ich wollte nach Haus, aber ich wurde überstimmt. Marx zog seine Uhr. »Nordischer Siebenschläfer!« rief er und wies gen Osten in eine Nebengasse, »sieh nur, wie dort die Sonne schon am Himmel tanzt! Im nächsten Dorfe lebt mir ein Gastfreund, das heißt: ein Krugwirt, der mich im Frühjahr auf seinem Wagen ein Stück Weges mitnahm und mich dann mit einem Schnaps traktierte; dort laßt uns um den Kaffee singen!« »Akzeptiert! Vorwärts zum Kaffee!« rief Franz, und wir schritten alle die buckelige Straße hinunter. Es war noch erste Morgenstille, die Schatten der alten Häuser lagen auf den feuchten Steinen, nur am Markte rauschte ein Brunnen aus drei kleinen Röhren, und aus dem Fenster eines oberen Stockwerks sah ein Mädchen auf uns herab, das braune Haar um die verschlafenen Augen, einen Besenstock in der Hand. Marx streckte die Arme gegen uns: »Halt!« sagte er leise, »Franz, die Stimmen.« Im Augenblicke standen wir um den Brunnen, und :»Eins, zwei! – – Tropfen von Tau!« Die Dirne sah lachend zu uns nieder und drückte sich den Besenstock ans Herz; wir aber warfen die Augen zu ihr empor und sangen nicht ohne Innigkeit das Stück zu Ende. »Leb wohl, schönes Kind!« rief Marx, da wir die Stimmen wieder abgaben, »leb wohl, und laß den Tag dir Süßes bringen!« »Leb wohl! Leb wohl!« riefen auch wir anderen, und sie nickte noch einmal, blutrot in ihrem schmucken Angesicht, und verschwand im Dunkel des Gemaches. Wir aber schritten bald zum Tor hinaus, die Lerchen sangen schon, und wie leise Melodie tönte das Rauschen der Rems zu uns herüber. »Linele!« murmelte Marx und ließ den Kopf auf die Brust sinken. »Was, Linele? Hieß die Linele? Bist du auch hier bekannt?« frag Franz. »Ei was, ich sprach nur zu mir selber.« »So? – Nun, Lavendel, das mußt du nächstes Mal dabeisagen. Übrigens scheinst du dich mit sträflichen Geheimnissen zu befassen!« Marx tat, als ob er nichts gehört habe, und ging strack voran. Bald hatten wir ein Dorf erreicht – den Namen habe ich vergessen –, in der offenen Tür eines Hauses, unter einem Schilde mit einem roten Ochsenkopf, stand, von den schrägen Sonnenstrahlen angeschienen, ein grauköpfiger Mann in Hemdsärmeln und mit weißer Zipfelmütze. »Mein Gastfreund«, sagte unser Halbfranzose, und »Grieß Gott, Herr Marx!« rief der Wirt und streckte ihm die runde Hand entgegen und schüttelte sie kräftig. »Wisset Se no, wia mer mitanander g'fahre send? Se hent wolle nach Stuegert aufs Konservatori! Wo kommet Se denn ietzt gar so früeh scho her? Aber wollet die Herre net rei'spaziere? D' Luft goht kuel vom Tal her.« Wir traten in die große leere Gaststube, Franz warf seinen Ziegenhainer auf den Tisch und sagte mit Würde: »Drei Glas Pomeranzen, Herr Wirt.« Ich erschrak: »O weh, unsere armen dreizehn!« Aber Franz hatte in diesen Dingen stets die Oberleitung. Der Wirt hantierte schon an seinem Flaschenbort und setzte die Gläser vor uns auf den Tisch. »No«, sagte er zu Marx, »wie goht's? Was machet Se denn? Se send e bißle schmäler worren do rum«, und er strich sich mit dem Finger um seine runden Backen. Marx nahm sein Glas und nippte: »Ach, Herr Wirt, das ist vom selben, mit dem Sie mich dazumal erquickten. Ja, mich anlangend«, fuhr er fort, »wir drei, wie Sie uns hier sehen, gehören zu dem jetzt so seltenen Orden der fahrenden Sänger, aber wir hoffen frischen Schwung hineinzubringen.« »Des war! Ei, was Se saget!« sagte der Wirt und schaute uns mit unglaublich dummen Augen an. »Sie scheinen Zweifel zu hegen, lieber Mann«, nahm jetzt Franz das Wort und sah ihn mit Würde durch seine Brille an; »es ist Ihnen auch nicht gerade zu verdenken, aber – liebe Sangesbrüder, habt die Güte!« Und er verteilte wiederum die Stimmen. »Ei was, machet Se koine G'schichte!« rief unser Wirt; »i han jo net da mindeschte Zweifel.« Aber schon taktierte Franz: »Eins, zwei!« und »Tropfen von Tau!« scholl es in so reinem Dreiklang; ich weiß nicht, half uns der Morgen, der so hell in die Fenster schien; mir war, wir hätten's niemals noch so schön gesungen. Der Wirt hatte beide Hände auf den Tisch gestemmt und sah uns bewegungslos mit seinen runden Augen an. »Noi, so was!« rief er. »Ebbes so Schönes! Wo hent Se des denn profitiert? Aber halt!« Und er schlug mit der Faust auf den Tisch. »I hol mei Weib! Ah, wia di jung gwea isch, hot se au g'sunge wie a Lerchele! Und mei Tochter, dia hot Klavierstund beim Lehrer hie. Gelt, so singet's uns no emol!« Er wollte da vontraben, aber Franz hielt ihn zurück: »Warten sie, Herr Wirt, wir singen's Ihnen schon gern noch einmal wieder; aber, wissen Sie, hier? In der ordinären Gaststub? Es geht schon auf fünf Uhr, es könnten Leute kommen – das paßt sich nicht für unseren Stand.« Ja, ja«, sagte der Wirt, »i hör, i begreif scho, aber kommet Se no nauf in die ober' Stub, in unser guete Stub, da wird's schon gehe!« Franz warf uns einen triumphierenden Blick zu, und der Wirt führte uns eine Treppe hinauf in eine leidlich möblierte Stube mit niedriger Decke, worin sich außer den Bildern von König und Königin auch eine Art von hartem Sofa vorfand. Dann lief er fort und kam bald mit einer sauberen Fünfzigerin und einem etwa zehnjährigen Mädchen in die Stube. Sie sagten beide ihr »Grieß Gott!« und setzten sich auf Stühle neben der Tür, während der Wirt am Pfosten stehenblieb. Aber als wir kaum die ersten zwölf Takte hinter uns hatten, wurde das Gesicht der Wirtin schon lebendig; sie schlug mit den Händen auf ihre runden Knie und sah aus ihren feurigen Augen liebevoll zu uns herüber. »Wisset Se!« rief sie, da wir eben einen brillanten Schluß gemacht hatten, »mer hent e Hauzich heut im Dorf! Das wär e Fraid, wann Se do singe tätet! 's ischt en alte Liabschaft, 's Bräutigams Vater hot net wolle, und er hat's Guett g'hett; aber jetzt leit er drüben aufm Kirchhof und heut lasset sich de Junge z'sammegebe. Des wär halt schön von dene Herre, wenn mer do so a paar Liedle könnt z'höre kriege! Und a Tänzle? Do werdet Se au nix dagege han!« Ich sah schon, daß dem Franz die Lust zu Kopfe stieg; auch dem Wirt gefiel der Vorschlag, und beide Eheleute drängten jetzt, wir sollten bleiben. »Nu, nu«, sagte der Ehemann endlich, da keine reine Antwort von uns kam, »verakkordieret's mit enander!« Damit zog er seine Frau zur Tür hinaus, während das Dirnlein sich hinterdreindrängte. »Das geht nicht«, sagte Marx bestimmt, »um zehn Uhr habe ich Klavierstunde, ich muß nach Haus.« Franz sagte nichts, aber er saß verdrossen auf dem Sofa und kaute an einem Strohhalm, er konnte sein Gelüsten offenbar noch nicht verwinden. »Liebster Dirigent«, sagte ich, da auch mir des Abenteuers nun genug schien, »gedenkst du wirklich den fahrenden Sängerorden mit unserem einen Terzett gegen eine ganze Bauernhochzeit aufrechtzuerhalten?« Er warf den Kopf zurück, und ein sieghaftes Lächeln flog über sein junges Antlitz; denn schwere Schritte und ein Klirren von Tassen und Löffelchen kam draußen die Stiege herauf. »Der Kaffee! Beim Zeus, der Kaffee!« rief er fröhlich; »du hast recht, Nordmann, wir müssen gehen!« Und da erschien er und erfüllte das Zimmer mit seinem belebenden Morgenduft; eine dicke Magd trug ihn, die Familie folgte: »Nu, ihr Herre!« rief der Wirt, »was hent Se ausg'macht?« Aber Franz erklärte, nicht ohne Feierlichkeit, daß eine Versammlung der fahrenden Sänger uns auf den Abend unabkömmlich mache. Die Frau wollte sich nicht zufrieden geben; sie hatte die Augen immer noch auf unseren schmucken Dirigenten; der Wirt aber rief: »Nu, Weib, wenn's emol net sei ka! Schenk dene Herre ihre Schale voll, se hent no en weite Weag z'mached.« Ich glaube, nimmer noch hat mir ein Kaffee so geschmeckt, wie Wonne zog es mir durch alle Glieder; dann aber fragten wir nach unserer Schuldigkeit. Die guten Leute wurden fast zornig, als Franz in frevlem Übermut den Finger auf den Tisch stützte und aufrechnend frug: »Drei Portionen Kaffee?« Mir fiel das Herz dabei völlig – salva venia – in die Hosen; aber, Gott bewahre! Nur für die drei bestellten Pomeranzen, weiter waren wir nichts schuldig! Unter vielem Dank und Händeschütteln verabschiedeten wir uns, und da wir nachzählten, waren noch fünf Kreuzer in unserer Reisekasse. Wir fühlten endlich, daß wir unsere Kräfte ausgegeben hatten, und gingen ohne viele Worte unseren Weg zurück; nur Franz sagte noch einmal wie zu sich selber: »Neun Kreuzer und ein Terzett!« Etwa halb zehn Uhr vormittags langten wir in meiner Wohnung an. »Nicht einen Schritt weiter!« rief Franz und warf sich auf mein Sofa; »hier laß ich's nachten und auch wieder tagen! Ich warf mich, wie ich war, aufs Bett; ich glaube, es war die größte Müdigkeit meines Lebens. »Und du, Marx?« frug ich. Er saß zusammengesunken auf meinem Klavierbock und sah hundselend aus. »Laß mich noch ein Viertelstündchen!« erwiderte er; »um zehn Uhr muß ich zur Klavierstunde!« Wir suchten es ihm auszureden, aber er ging wirklich. Wie ich später von dem Lehrer hörte, hatte er gerade damals vortrefflich gespielt; aber was es ihm an Nervenkapital gekostet, davon hat er nicht geredet. – Franz und ich schliefen, bis am anderen Morgen früh die Hähne krähten. So lebten wir im ersten Jahre miteinander zusammen in frischem Jugendübermut, jeder für sich in gewissenhafter Arbeit, Marx in peinlichster Pflichterfüllung. Im Winter wurde ein größerer Verein gestiftet – »Drehorgel« hieß er –, wo man einmal in der Woche im Wirtshaus zusammenkam; Zweck und Inhalt waren dieselben wie bei unseren kleinen »Versammlungen«, die aber deshalb nicht gestört wurden. Von den drei Freunden hatte sich derzeit Marx am festesten an mich geschlossen; wir sahen uns fast täglich. Aber er war nicht eben ein bequemer Freund, obgleich er mit fast kindlicher Liebe an mir hing, denn das leiseste Wort konnte ihn verstimmen, er war von krankhafter Reizbarkeit; zumal seine Abhängigkeit von der Meinung anderer über ihn war völlig quälend. War ihm dergleichen zugekommen, dann, wenn er abends nach der Versammlung mich nach Hause geleitete, faßte er krampfhaft meinen Arm, zitterte und knirschte mit den Zähnen und redete unendlich und immer eifriger über die meist recht gleichgültige Sache. »Nicht wahr, du fühlst es! Du, du fühlst es doch auch, daß ich es nicht ertragen kann!« Ich hörte meist geduldig zu, oder mitunter hörte ich auch nicht, oder ich sagte: »Laß doch den Plunder, du könntest dich um drei Kreuzer noch ins Tollhaus reden.« Dann wurde er eine Weile still, aber es half doch nicht. Nie vergesse ich den Abend, da unser gemeinsamer Klavierlehrer, ein wahrer Vater seiner Konservatoristen, ihn in der Nachmittagsstunde, ich weiß nicht mehr wie, auf den Tod sollte beleidigt haben; der Mensch sollte ihm vor die Pistole, der Unterricht zum mindesten sollte aufhören! Ich entsinne mich noch, daß ich schließlich die Nachtklingel an einer Apotheke ziehen mußte, um Brausepulver für ihn zu kaufen, und daß ich ihn in seiner Wohnung selber noch ins Bett packte. Er machte die Sache andern Tags auch wirklich beim Direktor anhängig, und der gute Professor schrieb ihm dann: »J'attends Monsieur Marx pour sa leçon de Vendredi, je lui promets de ne pas le manger et d'oublier même sa singulière façon de me mettre à la porte.« – Wir anderen lachten, und so war dieser Fall geschlichtet. Marx hat mir einmal angedeutet, er sei, da er zum Musiker bestimmt gewesen, schon als Kind zu übermäßigem Klavierspiel angetrieben worden, er habe nachher oft seine kleinen Hände nicht stillhalten können; vielleicht lag hier der Urquell dieser Zustände. Überdies trank er den stärksten Kaffee, bevor er sich des Morgens ans Klavier setzte, und rauchte scheußlich schweren Tabak, den er sich in grünen Blättern von einer Muhme in Lahr zu holen pflegte. Nun war in den ersten neuen Frühlingstagen auch noch jener Seufzer:»Linele!«, den wir bei unserer Sängerfahrt zum erstenmal von ihm gehört hatten, zu einer vollgerechten Liebschaft ausgewachsen. Allmählich hatte er alles mir anvertraut: die allerliebste Tischlermeistertochter wohnte ihm gerade gegenüber, durch die Fenster hatten sie sich zuerst gesehen, dann angesehen, blutrot und unter starkem Herzschlagen, dann hatten kleine Handbewegungen und Blumentöpfe ein Verständnis vermittelt; er hatte ihr ein Konzertbillett gesandt und, nachdem endlich die ewige Musik zu Ende gewesen, das junge blonde Kind durch manche überflüssige Gassen nach ihrer Wohnung hingeleitet. In sein Notizbuch, das er mir eines Tages aufgeschlagen in die Hand drückte, hatte er das alles deutsch und französisch durcheinander hingeschrieben: »Sa robe flottante résonna comme une harpe éolienne! Und wie ich den schöngeformten Arm an meinem Herzen fühlte! Es zitterte mir ins Gehirn hinauf, und alles Denken wurde ausgelöscht. Wenn ich nur wüßte, ob sie gleicherweis empfunden hat!« Es stand noch mehr in diesem Büchlein: »Am 2. Mai: Ich habe sie geküßt! Es ist zwar nicht zu glauben; aber es ist dennoch wahr. ›Wie kannst mi nur so lieb habe?‹ sagte sie. ›Weshalb nicht? Bist du nicht das süßeste Geschöpf zum Liebhaben?‹ ›Ach; i weiß ja, i bin ja gar net schön!‹ Da nahm ich das liebe Wesen und hielt es ein wenig von mir und sah sie an; ich hatte selbst noch nicht daran gedacht. ›Nein, Linele‹ – ihre Augen schienen von meinen Lippen lesen zu wollen – ›schön bist du wohl nicht; aber weißt du, was hübsch ist? Ich glaub, Linele, du bist wunderhübsch!‹ Sie blickte mich ganz verworren an: ›Was sagst, Adolf? des verstand i net.‹ Und das Gesichtel sah so reizend dabei aus. ›Wenn ich es nur versteh, herztausiger Schatz!‹ rief ich fröhlich und küßte sie zum zweitenmal. ›Ja freili, Adolf; aber jetzt sei brav; gelt?‹ Wo ist das Ende? Je ne pourrai jamais la laisser!« Aber diese Liebe ließ ihn seine Pflicht niemals versäumen; wie eine Madonna erfüllte das Linele die Phantasie des Liebenden; sie war ihm Antrieb und Wächterin für alles Gute. So konnte denn auch der Handel den nächsten Freunden nicht verborgen bleiben; wenn wir auf sein Zimmer zur Versammlung kamen, unterließ wohl keiner, einen Blick aus dem Fenster zu werfen, ob sich nicht etwa drüben der unschuldige Mädchenkopf bei der Gardine vorbeuge. – – Es war Mitte Mai, und die Dämmerung war eben angebrochen, als ich mit Franz und Walther zu Marx ins Zimmer trat; er stand vor seiner offenen Schatulle und kramte in einem Pappkasten, in dem er allerlei Zierlichkeiten und Schnurrpfeifereien zu bewahren pflegte; durch das offene Fenster sahen wir drüben die weiße Gardine sich bewegen. »Was machst du, Marx?« fragte einer. »Bitte, tretet ein wenig leiser!« sagte er, »ihr sollt mir singen helfen!« Dann nahm er drei kleine mit Rosen bemalte Wachskerzen aus seinem Schatzkasten, zündete sie an und klebte sie vor dem offenen Fenster auf die Fensterbank, wo sie bei der Stille der Luft ruhig weiterbrannten. »Was sind das für Anstalten?« frug Walther. »Was sollen wir denn singen? Ein Ave Maria?« Marx hob beschwichtigend seine Hand: »Setz dich ans Klavier, Walther; ihr anderen stellt euch neben mich! – ›Es waren!‹« raunte er dann zu Walther hinüber. Wir wußten Bescheid; wir hatten seit unserer Sängerfahrt außer den »Tropfen von Tau« noch andere Lieder gesungen und brauchten keine Noten. Bald standen wir an Marx' Seite vor dem Fenster, und in gedämpftem Tone klang das alte Lied in den Maiabend hinaus: Es waren zwei Königskinder, Die hatten einander so lieb, Sie konnten beisammen nicht kommen, Das Wasser war viel zu tief. ›Ach, Liebster, kannst du schwimmen, So schwimm doch herüber zu mir; Drei Kerzchen will ich anzünden, Die sollen leuchten dir!‹ Unserem Marx standen die dicken Tränen in den Augen, er war völlig »verturnt«, wie wir zu sagen pflegten; er drückte uns allen krampfhaft die Hand und warf sich dann in eine Sofaecke; drüben aber hatte die Gardine sich nicht mehr geregt. Seit jenem Abend wurde das für uns vier zum Signal; wir sangen oder pfiffen es, sei es, daß einer den anderen von der Gasse aus zum Spaziergang herabrufen oder ihm sonst nur von dort etwas nach seinem hohen Kämmerlein hinaufzumelden hatte. So gingen mehrere Monate hin; Marx war von höchstem Fleiße und gewann eine Innerlichkeit des Vortrags, die ich ihm zuvor nicht zugetraut hatte. Zwar im technischen Klavierspiel hatte er, vielleicht infolge jener verfrühten Übungen, mich schon lange überholt; er hatte begonnen, wenn wir allein waren, mir schwierige Sachen ohne Anstoß vorzuspielen; aber es war mir mitunter schwer erträglich geworden, denn ich meinte zu fühlen, daß ihm etwas fehle, das mit dem Kern und Urquell aller Musik zusammenhing, was ich selber in mir trug, aber derzeit wegen mangelnder Technik nicht zum vollen Ausdruck bringen konnte. Bei der Reizbarkeit des Freundes wagte ich lange kein Wort darüber gegen ihn zu äußern; als ich mich später dennoch dazu überwand, gab er es freundlich zu; nur einmal sagte er traurig: »Mais – cela restera, mon ami.« Jetzt aber wurde alles anders; namentlich mit Chopin ging er in den tiefsten Abgrund. Wie oft saß ich ihm nun zur Seite am Klavier, nur bittend, daß er es noch einmal und noch zum drittenmal spiele; endlich aber, wenn von der Gasse herauf der Wächterruf dazwischenklang, sprang er plötzlich auf, raffte seine Noten zusammen; und mich umarmend, rief er: »Genug, lieb Herze; da ist der Zuberklaus! Wie freut's mich, daß du heut zufrieden warst!« Und ehe ich mich besonnen hatte, war er schon zur Tür hinaus; aber ich stieg doch langsam hintennach, um unten für ihn aufzuschließen. »Es waren zwei Königskinder!« hörte ich ihn dann noch einmal im Fortgehen auf der Gasse pfeifen. Auch das wurde wieder anders, oder vielmehr es ging zurück; dieser glückliche Zustand, den ich in Gedanken »Linele« überschrieb, hörte auf. Wenn ich ihn bat, mir vorzuspielen, so hatte er immer einen anderen Grund, es abzulehnen, und wenn es einmal geschah, so war es nur das Spiel von früher. Seine Stunden und Vorlesungen besuchte er zwar, aber er tat alles ohne innere Teilnahme; in der »Drehorgel«, wo er in den letzten Monaten am lebhaftesten die Register angezogen hatte, saß er jetzt schweigend mit gestütztem Kopf vor seinem Seidel. Ich sah das eine Zeit mit an; dann faßte ich einmal seine Hand: »Was ist dir, Marx? Du spielst seit einiger Zeit wieder so seelenlos, so wie ein Automat – ja so, als hättest du dein Linele verloren!« Da fiel er mir um den Hals: »Ich hab sie auch verloren!« Und nun erfuhr ich's denn; seit einigen Wochen hatte das Mädchen den Fenstersitz vermieden; war sie einmal dagewesen, dann hatte sie seine ihr so wohlverständlichen Aufforderungen zu neuen Zusammenkünften mit traurigem Kopfschütteln abgelehnt; in der letzten Woche war sie völlig unsichtbar geblieben. »Und wo«, frug ich halb neckend, »hatte sie denn ihre Hand, als sie so hübsch ihr blondes Köpfchen schüttelte?« Seine Augen leuchteten auf, als habe er was Verlorenes gefunden. »Ihre Hand? Ja, die drückte sie auf die Brust.« »Siehst du«, sagte ich, »das Herz ist noch dasselbe; das andere sind nur Liebesirrwege; du mußt ihr wieder auf den rechten Weg helfen!« Aber er wollte es nicht zugeben. »Nein, Freund, es ist wie in unserem alten Liede: Das hört ein falsches Nönnchen, Die tät, als wenn sie schlief; Sie tät die Kerzen auslöschen, Der Jüngling ertrank so tief.« Und er starrte düster vor sich hin. »Marx!« rief ich, »ich fürchte nur, du selber bist das Nönnchen!« Denn er litt wie an prickelndem Ehrgeiz, so auch an einem gesellschaftlichen Hochmut; sein Vater war in den besten Familien ein geschätzter Mann und stand in freundlichem Verkehr mit ihnen; der Sohn hatte oft nicht ohne Gewicht zu mir davon gesprochen. Und jetzt liebte er eine Handwerkerstochter mit der ganzen Heftigkeit seines Wesens; ein sonst tadelloses Mädchen, aber sie sprach nicht ganz richtig Deutsch, sie schwäbelte ein wenig, was zwar von den jungen Lippen lieblich klang; von Französisch gar war ihr Gewissen völlig frei. Schon aus seinem Tagebuch, hatte ich es herausgelesen, daß diese Gegensätze ihn gequält hatten. Wie leicht, bei dem lebhaften Menschen, konnte in ihrer Gegenwart ein Wort darüber ihm entschlüpft sein und eine kühlere Überlegung in dem Mädchen wachgerufen haben. Ich sagte ihm dies alles, aber er wollte mir nichts zugeben. Am zweiten Tage danach – ich wußte, er hatte ihr noch einmal geschrieben – hörte ich unter meinem Fenster die »Königskinder« pfeifen. Als ich öffnete, stand Marx auf der Gasse und nickte heiter zu mir herauf. »Guten Morgen!« rief ich hinab. »Du siehst ja gewaltig fröhlich aus!« Er nickte: »Sehr!« rief er hinauf. Dann hielt er die hohle Hand an seinen Mund: »Ich – soll« – und er schrieb mit dem Finger ein großes L in die Luft – »heut abend – sehen!« »Gratuliere!« rief ich; und er nickte wieder und eilte frohen Schritts von dannen. Es war schon gegen Oktober, an einem Mittwochabend; ich hatte mich eben für die »Drehorgel« angezogen, hatte den Hut schon auf dem Kopf und bürstete nur noch einige Fäserchen von den Kleidern, da stürmte es die Treppe hinauf; meine Tür wurde aufgerissen, und Marx stand vor mir, totenblaß, sagte aber nichts, sondern begann in meinem geräumigen Zimmer auf und ab zu schreiten, knirschte mit den Zähnen, und ich sah, wie seine Finger heftig in der Luft spielten. »Was ist nun wieder?« rief ich, »hast du sie neulich abends nicht getroffen?« »Ja, was ist?« sagte er, indem er stehenblieb. »Als ich in den Lauerschen Garten kam, wohin sie mich bestellt hatte, lief ich lang und konnte sie nicht finden. Aber ich fand sie doch; in einem wüsten, vernachlässigten Winkel stand sie neben einer verfallenen Laube und riß wie in Gedanken die gelben Blätter von den Zweigen. O, mon ami, sähest du je die Trauer in Augen von sechzehn Jahren? – ›I hab dir was z'sagen, Adolf; deswege bin i komme‹, hob sie zitternd an, aber sie kam nicht weiter, sie brach in bitterliche Tränen aus und sagte dann: ›'s druckt mir's Herz ab, aber i muß, i muß!‹ Sie schwieg; ich wartete umsonst; aber dann plötzlich schlug sie die Arme um meinen Nacken und küßte mich, als ob sie mich ersticken wollte. ›O, Adolf, guck, z' Tod möcht i di drucke und mi selber mit!‹« Marx begann wieder auf und ab zu gehen. »Wie ich auch in sie drang«, sagte er, »ich bekam an jenem Abend nichts zu wissen. – ›I kann nit, und wenn i sterbe müeßt!‹ rief sie. – Sie hatte mich in die Laube gezogen und den Kopf an meine Brust gelegt: ›Laß mi bei dir sein!‹ sprach sie leise, ›morgen will i dir alles schreibe!‹ Das war das Ende. Aber heute abend, eben – lies! Das hab ich mit der Post bekommen!« Und er griff in die Tasche und warf ein offenes Schreiben vor mir auf den Tisch. Ich nahm es auf und las; es war von schulmäßiger Mädchenhand geschrieben: »Ich hab gestern Abschied von Dir nommen, Adolf: Du bist mein Einzigs auf der Welt; aber es ging doch so nit meh; Dein Vater ist ein fürnehmer Gelehrter, und ich bin nur ein Meistertochter, das paßt nit z'sammen. – Ich schick Dir auch Dein liebs Bild wieder, das Du mir geschenkt hast; ich darf's nit anschaun mehr. Aber behalt Du meines, ihr Männer habt ja stärkere Natur. O mei Schatz, mei lieber Schatz, und so b'hüt Di Gott viel tausendmal!« Es war nicht so gar leicht zu lesen, denn statt manchen Wortes war nur eine Tränenspur. »Und um dies liebe Blatt verzweifelst du?« frug ich. »Du siehst nun, daß du selbst dein Nönnchen warst!« »Was hilft's!« rief er; »sie ist fort, Gott weiß, wohin; zu einer Tante oder Muhme, irgendwohin in der weiten Welt!« Er hatte sich auf einen Stuhl geworfen; nun sprang er wieder auf: »Komm, wir wollen zur ›Drehorgel‹; es soll einen Rausch geben, einen Rausch, der mich die Weiber vergessen läßt, die uns das Herz aus der Brust nehmen und uns dann am Wege liegenlassen!« »Du solltest lieber zu Bett gehen, als dir einen Rausch trinken!« sagte ich; denn er sah gottsjämmerlich aus. »Zu Bett?« wiederholte er und knirschte mit den Zähnen. »Ja, in das letzte, um nicht wieder aufzustehen.« Ich suchte es ihm auszureden; ich wollte mit ihm allein ins Freie gehen, aber er stampfte mit dem Fuße, als ich den entgegengesetzten Weg einzuschlagen suchte. So gingen wir denn in die »Drehorgel«, die diesmal vollzählig versammelt war. Ich fand Franz und Walther und muß mir den Vorwurf machen, daß ich mich zu ihnen setzte, denn ich wurde so von Marx getrennt, der an ihnen vorbei in eine leere Ecke ging und dort allein an einem Tische Platz nahm. Aber ich hatte das Bedürfnis, eine Weile mit normalen Menschen zu verkehren, und bald auch waren wir in der lebhaftesten Unterhaltung, über das letzte Konzert, über den Chorgesang, über die Modulationslehre, die hier ein halbes Jahr in Anspruch nahm. Ich muß gestehen, ich dachte nicht an Marx; da, während ich eben für Wagner eine Lanze brach, klopfte ein vorübergehender Bekannter mich leise auf die Schulter: »Du, möchtest du nicht mal nach Marx sehen?« Ich war aufgesprungen und fand ihn noch auf seinem platze: er saß mit verglasten Augen vor seinem halbgeleerten Seidel, das er eine Handbreit in die Höhe hob, dann aber wieder, ohne es berührt zu haben, niedersetzte; ich suchte vergebens, mit ihm zu reden. Um Hülfe zu holen, ging ich wieder zu den Freunden, fand aber nur noch Walther; und uns gelang es, den fast Sinnlosen aufzurichten und den Weg nach Hause mit ihm einzuschlagen. Als wir bei der Stiftskirche vorbeikamen, entriß er sich uns plötzlich und warf sich auf die steinernen Stufen zum Haupteingange: »So müde, ich bin so müde«; lallte er: »laßt mich, hier ist gut schlafen!« Damit streckte er sich und legte den Kopf auf seinen Arm. Da wir ihn vergebens aufzuziehen suchten, bat ich Walther: »Laß nur, ich will dich erst nach Haus begleiten; ich bringe ihn nachher schon fort!« Walther, der wegen seines Tantenquartiers nicht gerne spät nach Hause kam, nahm meinen Vorschlag an. Als ich nach einer Viertelstunde zurückkehrte, lag Marx noch ebenso; er schien in festen Schlaf versunken. Ich strich ihm das dunkle Haar aus dem Gesicht und neigte mich zu ihm. »Komm!« rief ich ihm ins Ohr; »du sollst in deinem Bett jetzt weiterschlafen, und wenn du willst, so bleib ich bei dir!« Aber er schien es nicht zu hören; erst als ich ihn schüttelte, warf er sich herum und riß seine Schulter aus meiner Hand. »Laß mich, verfluchter Deutscher!« schrie er. »Marx, Marx!« rief ich, »erkenne mich doch! Ich bin es ja, dein Freund, dein lieb Herze, dein nordischer Siebenschläfer!« Aber er stieß mit seinem Fuß nach mir, und als ich aufsah, war die Schildwache, die in der Nähe vor einem öffentlichen Gebäude stand, herangetreten: »Se dürfet do koin so Lärm mache!« sagte der Soldat. Das Gesicht des Trunkenen verzog sich, als ob er etwa ein rostiges Pistol zu spannen habe: »Prussien!« schrie er die über ihm stehende Wache an: »dummer deutscher Söldling!« Ich erschrak und hielt den Mann zurück, der ihn ergreifen wollte. Von diesem französischen Feuer hatte ich nimmer etwas bei unserem Freunde brennen sehen; noch in den letzten Ferien hatte er mir aus Metz geschrieben: »Spazierengehen ist nicht viel; ich fürchte immer von den Franzosen überfallen zu werden.« Aber jetzt aus dem Berauschten redete die Nationalität der Mutter; er sprach Französisch und fluchte auf die Deutschen. »Ich bitte, lassen Sie ihn!« sagte ich zu dem Soldaten. »Sie sehen, er weiß nicht, was er spricht; ich will einen Freund holen, dann bringen wir ihn nach Haus!« Der stieß mit dem Gewehrkolben auf das Pflaster: »So machet Se tapfer, denn sottiche Sache derfet mer net dulde.« Ich lief mehr, als ich ging; gleichwohl mochte über eine Viertelstunde vergangen sein, bis ich mit Franz zurückkam. – Aber Marx war nicht mehr da; es war alles still, nur die Schildwache wandelte wieder, hundert Schritte davon, an ihrem alten Platze auf und ab. Als wir zu ihr gingen, sah ich, daß es nicht mehr dieselbe war; doch so viel erfuhren wir: Marx war arretiert. Als wir zu dem entfernten Wachthause kamen, war er von dort schon auf die Polizei geschaßt; auch dorthin gingen wir, aber wir standen vor einem dunklen und verschlossenen Hause. – So blieb uns nur, das eigene Bett zu suchen. – – Am anderen Morgen, es mochte etwa acht Uhr sein, erschien ein Polizist in meiner Stube und überreichte mir ein Schlüsselbund: er habe zu grüßen von Herrn Marx: ich möchte ihm doch Kleidung und reine Wäsche aus seiner Wohnung besorgen, er sei in der Nacht von der Wache auf die Polizei gebracht worden. Ich versprach das, aber der alte Graubart stand noch und schüttelte mißbilligend seinen Kopf. »D' Soldate send wüescht mit em umgange, nu – – Sie werdet's selber sea.« Nachdem ich darauf Franz in seiner Wohnung abgeholt hatte, gingen wir nach Marx' Zimmer, und wir beide suchten aus dessen Kommode das Nötigste zusammen; dann beluden wir einen Knaben mit den Kleidern und begaben uns nach dem Rathause. Auf Befragen kam ein Mann mit schwerem Schlüsselbund, der uns durch mehrere Gänge in ein großes Gemach führte, wo viele Schreiber arbeitend an großen Tischen saßen. Hier schloß er seitwärts eine Tür auf, und wir traten in einen engen, scheinbar leeren Raum; nur in einer Ecke lag ein Haufen Heu und Stroh; daneben stand ein gefüllter hölzerner Napf mit ebensolchem Löffel, aus dem eine warme Flüssigkeit dampfte. Aus dem Streuhaufen erhob sich eine schwarze Gestalt, in der wir mit Mühe unseren Freund erkannten. Schwarz auch im Gesicht und an den Händen, wie vor Frost zitternd, streckte er seine Arme uns entgegen; wir sahen bald, daß er von oben bis unten mit Kienruß eingerieben war. »Du bist krank«, sagte ich; »nimm doch einen Löffel von der warmen Suppe da!« »Das soll ich fressen!« rief er grimmig und schüttelte sich schaudernd; »Gefangenenkost, nein, nein; ich ertrag das nicht, es gibt noch Wege aus der Welt heraus.« Wir kannten diese Reden und achteten nicht darauf, obgleich er sie ein paarmal wiederholte und dabei wie mitleidig auf seine feinen Hände sah. Franz war fortgegangen und kam nun zurück. »Du bist frei«, sagte er, »du kannst nach Hause gehen, wann du willst; aber erst müssen wir aufs Bureau und wegen der an dir verübten Niedertracht eine Anzeige zu Protokoll geben!« Marx wollte nicht in seinem jetzigen Zustande; aber Franz bestand darauf, das gehöre mit dazu; überhaupt, hier könne er nicht gereinigt werden. Als wir in hellere Räume traten, sahen wir erst, wie er zugerichtet war. »Ich bin geschändet, mein Leib ist ganz geschändet!« murmelte er. »Marx, laß die dummen Reden!« hörte ich Franz sagen, indem er ihn die Treppe nach dem Bureau hinaufführte, »wenn du dich gewaschen hast, so ist die Schande aus!« – Sie stiegen weiter; ich ging aus dem Rathause, um eine verdeckte Droschke zu besorgen; und nach einer Weile fuhren wir mit Marx und seinen frischen Kleidern in irgendein Bad, und nachdem er mit vieler Mühe gereinigt und anders gekleidet war, in den Saal unserer ›Drehorgel‹, wo wir uns und vor allem unseren Freund durch einige Seidel und Bratwürstel wiederaufzurichten suchten. Aber seit jener Nacht ging es dennoch abwärts mit unserem lieben Lavendel; sein Gang wurde schleichend, sein Gesicht magerer und seine Augen größer; niemals habe ich seitdem einen Wohlgeruch an ihm verspürt, der sonst bald in Rosen-, bald in Veilchen-, oder in dem Dufte seines Namens seinem wohlgepflegten Haar entströmte; am Klavier saß er nur noch, um den Lehrern gerecht zu werden oder um die Zeit nur hinzubringen; ich konnte mich nicht mehr überwinden, ihn zum Chopinspielen aufzufordern. Er wurde so reizbar, daß die anderen Freunde sich allmählich von ihm zurückzogen und er seinen Umgang fast auf mich beschränkte. »Siehst du«, sagte er, »sie verachten mich! Sie wollen mich nicht mehr!« – Dann bat ich sie, und sie näherten sich ihm wieder; aber bei nächster Gelegenheit hatte er sie wieder aufs neue von sich gestoßen. Man sagt von mir, daß ich ein geduldiger Mensch sei, und wenn ich an jene Zeit zurückdenke, so möchte ich es fast selber glauben. Einmal war Marx polizeilich vernommen worden; dann schien die Sache stillzustehen, wahrscheinlich war sie dem Gerichte übergeben worden; Vorladungen gelangten nicht an Marx. So ging eine Woche nach der anderen hin; er wurde immer aufgeregter und die häufigen Abendspaziergänge mit ihm immer peinlicher. »Geschändet! Geschändet!« begann er jetzt wieder zu murmeln, wenn er eine Weile in sich versunken neben mir gegangen war. Und wenn ich dawidersprach, dann fuhr er auf: »Du kannst das nicht beurteilen! Aus allen Ecken glotzt es auf mich zu; jeder Gassenbube! Ich möchte ihn an die Ohren schlagen! Mein Name, mein guter Name als nächtlicher Trunkenbold und Ruhestörer in den Straflisten! Als Bestrafter dem Direktorium des Konservatoriums angezeigt! Komm!« rief er plötzlich, ergriff meine Hand und zog mich aus der Allee, in der wir gingen, in einen Seitenweg; »es ist so hell hier; hier sind so viele Leute! Was fang ich an? Es ist alles aus; ich kann mich nicht mehr sehen lassen. – Und die Zeitungen! Weißt du, die beiden Redakteure, die im Winter mit uns aßen! Ich begegne ihnen jeden Augenblick; die frechen Kerle sehen mich schon als ihre Beute an; das gibt einen Artikel – ah, sacré nom de Dieu!« Und er knirschte mit den Zähnen.   Ich suchte ihn zu beruhigen; jeden Abend redete ich dasselbe und jeden Abend umsonst, und immer wieder begann dasselbe Spiel aufs neue. Die Justiz war ihm gleich einem furchtbaren gespenstischen Raubvogel, der unsichtbar über ihm schwebe, jeden Augenblick bereit, auf ihn herabzustoßen und mit den unentrinnbaren Krallen ihn zu packen. Wenn ich bei einem Besuche etwas heftig an seine Tür geklopft hatte, starrte er bei meinem Eintritt mir schier verstört entgegen: »Du? – Wie hast du mich erschreckt!« Saßen wir dann zusammen, und es wurden Schritte auf der Treppe laut, dann stand er auf und sagte zitternd: »Da kommt wohl der Gerichtsdiener, um mich vorzuladen!« Kam auf der Straße ein solcher uns entgegen, so zwang er mich, mit ihm umzukehren oder in irgendeinen Laden einzutreten, bis der Mann vorbei war, oder wenn ich nicht wollte, verließ er mich und kam nicht wieder. »Ich halt's nicht aus«, rief er einmal, »wenn das nicht bald zu Ende ist!« – – Eines Oktoberabends, da ich versprochenermaßen zu ihm ging, sah ich auf dem Trottoir eine Mädchengestalt vor mir herschreiten, die mich auffallend an Linele erinnerte; sie hatte ein dunkles Tüchlein um den Kopf, und ich sah blonde Härchen von den Schläfen wehen, als sie eben unter einer Straßenleuchte ging. Sollte sie wieder in Stuttgart sein? Marx hatte mir kein Wort davon gesagt. Ich machte große Schritte, um sie einzuholen; als ich sie erreicht hatte, wandte sie den Kopf, und ich hatte mich nicht getäuscht, sie war es selber, die mit großen Kinderaugen mich so erschrocken ansah. Sie kannte mich, sie wußte von Marx, daß ich in ihr Verhältnis zu diesem völlig eingeweiht war; aber – ob wir beiden jungen Menschen im Augenblick das Richtige nicht zu finden wußten und es deshalb für immer versäumten – sie zögerte ein paar Sekunden; dann erwiderte sie meinen Gruß und schritt eilig mir voraus. Ich gewahrte noch, wie ein Begegnender ihr mit unverschämter Gebärde ins Gesicht sah, und hörte, wie sie einen leichten Schrei ausstieß; auch da trat ich nur laut einige Schritte vorwärts, so daß der Mensch sie gehen ließ; vergebens sagte ich mir später, daß sie mich traurig und wie hülfeflehend angesehen habe. Stürmisch stieg ich die Treppen zu Marx hinauf. Er saß müßig im Sofa und hatte mit seinem scheußlichen Knaster das ganze Zimmer vollgedampft. »Du lärmst ja über die Maßen! Ist irgendwo der Himmel eingestürzt?« frug er gereizt und blies einen dicken Qualm von sich. »Es geht nur dich an«, erwiderte ich. »Weißt du, daß dein Linele wieder hier ist? Ich bin ihr eben erst vorbeigegangen.« Er sah mich lange wie mit toten Augen an. »Ich weiß es«, sagte er dann. »Du hast sie schon gesprochen?« »Was meinst du?« Ich wiederholte meine Worte. »Nein«, sagte er, »ich will sie auch nicht sprechen.« »Du willst nicht? Weshalb willst du nicht?« »Nein«, und er streckte seine Hände aus und schien sie voll Mitleid zu betrachten, »das kann ich nicht; ich darf das reine Kind mit diesen Händen nicht berühren. Ach, lieb Herze, ich glaube, es ist alles aus.« Dann nahm er seine Pfeife wieder und vergrub sich in der Sofaecke. »Ich glaube, du bist ein Narr geworden!« schrie ich. Aber er nickte nur: »Ich glaube es selbst mitunter.« Ob Linele seinen Zustand ahnte; ob sie nicht oft hinter ihrer Gardine beklommen und verlangend zu ihm hinüberlauschte, davon erfuhr ich nichts; denn es kam keine Gelegenheit wieder, mit ihr zu reden; an sie zu schreiben aber wagte ich nicht. Es waren noch köstliche Herbsttage; Marx hatte ich eine kurze Zeit nicht gesehen, ich war mit den übrigen Freunden von einem Sonnabend zum Montag auf Wanderungen in dem schönen Neckartal gewesen, wozu ich vergebens auch ihn zu bereden versucht hatte. Jetzt war es am 24. Oktober, noch früh am Vormittag; und ich werde das Datum nie vergessen. Ich saß eben vertieft in eine Harmonieaufgabe auf meiner Sofabank, aber ich konnte augenblicklich nicht damit zustande kommen, die falschen Quinten quälten mich, und so sprang ich empor und riß das Fenster auf, um einen Augenblick frische Luft zu atmen, da sah ich Marx die Straße heraufkommen. Er ging langsam und schien nicht aufzusehen; als er näher kam, gewahrte ich, daß er ein Päckchen Papier in seiner Hand hielt. »Guten Morgen!« rief ich hinunter. Er schrak sichtlich zusammen. »Guten Morgen!« rief er dann ebenfalls. »Wohin willst du? Und was für Papiere trägst du da?« »Ich bin wieder vorgeladen«, rief er hinauf, »ich gehe aufs Gericht!« »Gott Dank! So wirst du ja die Torheit endlich mal los; mach's gut!« Er nickte, aber schon im Weitergehen und ohne nach mir umzuschauen. Ich hatte schon wieder ein Weilchen hinter meinen Noten gesessen und wollte eben zum Niederschreiben eines glücklichen Gedankens die Feder ansetzen, da war mir, als hörte ich es von der Straße her pfeifen; kaum hörbar, aber doch: »Es waren zwei Königskinder.« Dann kam es noch einmal, ganz deutlich; ich warf die Feder hin und lief ans Fenster, das noch offenstand; ich weiß nicht, wie mir war; als ob ich Unheimliches erfahren sollte. Als ich mich umsah, gewahrte ich Marx an einer entfernten Straßenecke ; ich sah sein Antlitz nicht ganz deutlich, aber mir war, als blickte er mich unaussprechlich liebevoll und traurig an. »Marx!« rief ich. Er antwortete nicht, er blieb nur unbeweglich stehen und sah mich immer an; dann nickte er mir noch einmal langsam zu, und dann war er verschwunden. Ich schloß das Fenster und setzte mich wieder an meine Arbeit, um den vorhin gefaßten Gedanken niederzuschreiben; aber ich hatte ihn vergessen, ich konnte überhaupt nicht arbeiten; immer sah ich Marx so wunderlich an jener Ecke stehen und lautlos dann verschwinden. Weshalb denn hatte er mich gerufen? Was wollte er? Mich nur noch einmal sehen? Ich sprang auf. Nur noch einmal? Woher kam mir der Gedanke? Aber es war doch seltsam, und mir lag es wie ein Zentner auf der Brust. Ich hatte eine Klavierstunde auf dem Konservatorium zu nehmen; ich zog mich an und ging auf einem längeren Umwege dahin. Als ich bei der Wohnung des Portiers vorbeiging, trat dessen Frau heraus und überreichte mir ein in Papier geschlagenes Päckchen: »Des soll i Ihne vom Herrn Marx gebe«, sagte sie, »aber sieht der jetzt aus! Brot könnt man mit ihm bettle.« Ich erschrak heftig, denn es war offenbar dasselbe Päckchen, das ich vorhin in der Hand des Freundes gesehen hatte. Als ich in das Klavierzimmer trat, war noch niemand da, und ich machte mich mit zitternder Hand daran, die Bindfäden aufzulösen : seine mir bekannten Notizbücher mit den Bekenntnissen seiner Liebe; darin Lineles Bildnis, ein Papier mit blonden Härchen, zwei Konzertbillette für morgen, vertrocknete Blumen – das alles fand ich, aber kein aufklärendes Wort dabei. Als der Professor eingetreten war, ging es mir wie Marx nach unserer Sängerfahrt: ich spielte ohne jeden Anstoß, die schwierigsten Passagen flogen mir nur so aus den Fingern, daß der Lehrer mich befremdet und doch höchst beifällig ansah. Aber es ging nicht länger, ich sprang auf: »Verzeihung, Herr Professor! Ich kann nicht länger spielen!« »Ei, wie? Sie spielen ja heute über alle Maßen!« »Eben deshalb!« Und ich erzählte ihm, was vorgefallen war. Mein Lehrer war derselbe gütige Mann, der auch Marx unterrichtet hatte. Er war gleich mir erschrocken: »Das gibt ein Unheil!« rief er. »Kommen Sie, es ist keine Zeit zu verlieren, wir müssen auf die Polizei; es muß Anzeige gemacht werden; Gott weiß, was der im Sinne hat!« »Was meinen Sie?« frag ich beklommen. »Nun – mir ist bei ihm mitunter gewesen, als könne er gelegentlich um einen Pfifferling sein Leben aus dem Fenster werfen! Aber, daß wir auch das Rechte tun, suchen Sie erst Näheres zu erfahren, vielleicht – wer weiß, ihn selbst zu finden!« Ich rannte fort, zuerst nach seiner Wohnung, dann zu den Freunden und mit ihnen überall hin, wo wir ihn nur vermuten konnten; aber wir erfuhren nichts; ich war noch ohne Mittagessen, als ich nach meiner Wohnung zurückkehrte. Auf Ihrem Tisch liegt e Brief!« sagte mein zehnjähriges Schneiderdirnlein, als ich meine Treppen erklommen hatte. Ja da lag ein Brief; ich riß ihn auf, er war von Marx. Es ist aus«, schrieb er, »ich kann nicht weiter. Mein Freund, mein liebes Herze, verzeih mir, daß ich Dich verlasse! Geht nach dem Vogelsangsee, dort findet ihr, was von mir übrig, aber für alle Lebensnot nicht mehr empfindlich ist, und sorget gütig, daß auch das zur Ruhe kommt. Und dann – behalt mich noch ein wenig lieb!« So weit las ich unter stürzenden Tränen; dann folgte eine Verteilung seiner kleinen Habseligkeiten, an mich seine liebsten Noten, einen Ring von Linele – meine Augen flogen nur darüber hin. Ich lief zu den Freunden, wir umwanderten das Ufer des umwaldeten Sees, wir schoben mit unseren Stöcken die breiten Blätter der Wasserpflanzen auseinander, wir bogen jeden Busch zurück, aber wir fanden nichts. Noch am selben Abend benachrichtigten wir die Polizei, aber auch ihre Bemühungen, soweit sie solche angewendet, waren ohne Erfolg. Zwei Tage später war ein Sonntag; Franz und ich waren aus der Stadt gegangen und allmählich, und wie selbstverständlich, an den Vogelsangsee gekommen. Wir sprachen von Marx, wir dachten in diesen Tagen an nichts anderes. Hatte er uns nur täuschen wollen, um allem, was ihn hier bedrängte, gründlich zu entfliehen, oder hatte er wirklich vor sein Leben selbst den schwarzen Strich gezogen? Wir erörterten es mit allen Gründen aus der Sache und seiner eigenen Persönlichkeit. Es war einer der allerletzten schönen Spätherbsttage; die letzten Vögel, sogar noch einzelne Drosseln huschten zirpend und krächzend durch die Büsche, während wir am Ufer hingingen. Ein Eichhörnchen, das auf dem Erdboden an uns vorüberlief und dann in den durchfallenden Sonnenlichtern sich von Baum zu Baum schwang, lockte uns in den Wald hinein; wir sahen nur nach dem behenden Tierchen, indem wir ihm voll Eifer folgten, und so gerieten wir immer weiter durch Hülsen und Ranken, einmal durch fast mannshohes Farrenblattwerk. Die Bäume wurden immer mächtiger und der Wald düsterer; zuletzt, als eben das Tier in einem noch dichten Buchenwipfel uns entschwand, standen wir in einem uns noch unbekannten feuchten Grunde, wo die hohen Laubkronen fast keinen Sonnenstrahl zur Erde ließen; es war totenstill, fast andächtig schauten wir uns um, da rührte Franz an meine Schulter: »Du«, sagte er leise, »sieh einmal nach jener Eiche, es ist der neunte Baum nach dieser Buche hier! Unten am Stamme, auf den dicken Wurzeln – sitzt da nicht einer?« Es kam mir auch so vor, aber bei meiner Kurzsichtigkeit konnte ich Bestimmtes nicht erkennen. Franz war einige Schritte vorwärts gegangen. »Marx!« rief er freudig und rannte eilig weiter; dann aber erscholl ein Schrei, der mir durch alle Glieder zitterte. Ich wußte wohl, daß Franz es war, der so geschrien hatte, und fast ohne Besinnung war ich auf ihn zugerannt. Da stand er und starrte mit entsetzten Blicken auf den, der da am Stamm der Eiche stumm und unbeweglich, mit halboffenen Augenlidern vor ihm saß, und griff, wie um einen Halt zu finden, rückwärts nach meiner Hand. »Er ist tot!« sagte er dann. Es war freilich Marx; aber wir standen nur vor seiner Leiche, und die Fliegen und Ameisen des Waldes liefen geschäftig auf seinen Händen, auf seinem bleichen toten Angesicht; die rechte Hand war auf die Wurzeln des Riesenbaumes hinabgesunken; dicht daneben lag ein Terzerol, das wir früher nicht bei ihm gesehen hatten, und als ich es aufhob, sah ich, daß es abgeschossen war. Er hatte seine schwarzen Sonntagskleider angezogen, die er sonst so sorgsam in dem Schrank seiner Wirtin zu verschließen pflegte; er hatte anständig aus der Welt gehen, er hatte dem Konservatorium keine Schande machen wollen. Franz wies mit ausgestrecktem Finger auf ein kleines Loch in seiner Weste, wovon ein dunkler Streif in seinen Schoß hinabging. Er hatte sich mitten durch das Herz geschossen. Franz wollte gehen: »Es hilft nichts, wir müssen Anzeige machen!« Aber ich hielt ihn zurück: »Noch ein paar Augenblicke allein mit unserem Freund! Es ist hier wie in einem großen leeren Dom, und das ist unsere allerletzte Versammlung!« Wie lange wir noch bei ihm gewesen, weiß ich nicht; aber ein Rabe, der über uns aus dem Wipfel schrie, schreckte uns f und so gingen wir zur Stadt zurück und taten, was uns jetzt noch oblag. Die Eltern waren durch mich von dem Verschwinden des Sohnes schon benachrichtigt; ich hatte nun ein Telegramm folgen lassen. Und dann haben wir ihn begraben; das Gefolge war nur klein, aber der gute Professor war doch auch darunter. Als der Sarg hinabgelassen, die Schaufelwürfe daraufgefallen waren und die Folger sich zerstreut hatten, stand ich noch an der halb zugeworfenen Grube, als ein leises Schluchzen zu mir drang. Wie ich mich umblickte, sah ich das Linele seitwärts hinter einem Monumente stehen, und ich ging zu ihr und faßte schweigend ihre Hand. »Daß so was über mi komme mueß!« sagte sie weinend, »und i hab doch net anders könne!« Ich bin ihr wohl ein schlechter Tröster gewesen, da wir miteinander nach der Stadt zurückgingen. Aber das treffliche Mädchen, das wie gern die Eltern als des lebenden Sohnes Weib gesehen hätten, sorgte, bevor noch jene daran denken konnten, für die Instandsetzung des Grabes und bepflanzte es mit eigenen Händen, damit, wie sie mir sagte, doch keiner glaube, daß ein Vergessener hier liege.« Der Erzähler schwieg eine Weile. »Mein armer, törichter, herzlieber Freund«, rief er dann, »nein, vergessen bist du nicht, ich habe deine letzte Bitte wohl behalten!« Er war aufgestanden. »Gute Nacht!« sagte er. »Seht nur, wie über uns die Sterne funkeln! – Doch noch eines muß ich sagen: die ›Königskinder‹ blieben auch ferner unser Signal; aber wir pfiffen es nur noch in Moll.« Er drückte uns die Hand und ging; und noch in der Nacht hörte ich ihn in seinem Zimmer auf und ab schreiten. John Riew' Mein Haus steht auf dem Lande, in einer holzreichen Gegend zwischen einem Kirchdorf und einem kleinen, in breiten Kastanienalleen fast vergrabenen Orte, welcher allmählich um einen Gutshof aufgewachsen ist, von beiden kaum zehn Minuten fern. Fast täglich mache ich nach rechts oder links meinen Spaziergang, und im Frühling und Sommer ergötzt mich dann das Leben, das hier aus den Bauerngehöften, im Orte aus den kleinen Häusern der dort wohnenden Handwerker oder Handelsleute auf den Weg oder in die Vorgärten hinausdringt; die Kinder des Gutsortes und ich, wir grüßen uns allzeit ganz vertraulich; um Weihnachten aber beehren sie mich von beiden Seiten, sei es als »ruge Klas« oder als »Kasper und Melcher aus dem Morgenland«, und sind freundschaftlicher Behandlung sicher. Deshalb plagte mich ein Haus am Ende des Gutsortes; ich selber hatte es teilweis bauen sehen, und als ich einmal einige Monate fort gewesen war, stand es bei meiner Heimkehr fertig da; aber sooft ich später daran vorbeiging, es wollte mir nicht vertraut werden; denn in diesem Hause war kein Leben: niemals sah ich einen Menschen dort hinein- oder herausgehen, niemals regte sich etwas hinter den blanken Fenstern, die je zwei zu den Seiten des vertieften Säuleneinganges aus den roten schwarzgefugten Mauern auf einen mit dunklen Koniferen vollgepflanzten Vorgarten hinausgingen; den Einblick wehrten ungewöhnlich hohe Vorsätze von schwarzblauem Drahtgewebe; dahinter sah man schattenartig und regungslos nur die weißen Gardinen herabhängen. Alles war sauber und wie unberührt; aber zwischen den gelben Klinkern, von denen ein breiter Fries um das Haus lag, und zwischen den drei Granitstufen der Haustreppe trieben die grünen Grasspitzen hervor. Und dennoch sollte das Haus bewohnt sein: in Auswärtiger – so hörte ich – habe das früher dort gestandene geräumige, aber verfallenene Gebäude in Erbgang oder sonstwie erworben und statt dessen durch einen fremden Maurermeister den jetzigen Bau dorthin setzen lassen; ja nicht er allein, es sollte außerdem von einer ältlichen kränkelnden Frau und von einem gar argen zwölfjährigen Buben bewohnt sein; wie aber das Verhältnis der drei Personen zueinander war, darüber wußten die von mir Befragten nicht Bescheid zu geben; die Bewohner schienen nur miteinander zu verkehren. Von dem Jungen freilich ging bald allerlei Gerede: er sollte aus der Volksschule wegen dort unzähmbaren Wesens fortgewiesen sein und seit einiger Zeit die vornehme Institutsschule besuchen, wo die Knaben Französisch und Englisch, sogar Latein und Griechisch lernen konnten; auch hier war er schon ein paarmal eingesperrt gewesen; dennoch sollte der alte Riewe – diesen bei uns nicht ungewöhnlichen Namen trug der Hausherr – ihn zu seinem Erben eingesetzt haben. Bändigen sollte auch er ihn nicht können; ja, man erzählte, als nach einer neuen Schulstrafe der alte Herr mit liebreicher Ermahnung auf den Knaben eingedrungen sei, habe dieser plötzlich eine freche Gebärde nach ihm hingemacht und, aus der Tür rennend, auf Plattdeutsch noch zurückgeschrien: »Din Geld krieg ick doch, ohl Riew'!« Ich frug wohl diesen und jenen, woher denn der Mann gekommen sei; die einen meinten: aus Lübeck, die anderen: aus Flensburg oder Hamburg; auch wohl, was er denn sonst getrieben haben möge, und diese machten ihn zu einem Makler, die anderen zu einem früheren Schiffskapitän. Ich hätte mich bei der Gutsobrigkeit erkundigen können; aber, obgleich die Dinge mich sonderbar interessierten, welche Veranlassung hätte ich zu solch offizieller Erkundigung gehabt? Der hohe, seitwärts von dem Hause fortlaufende und mit einem dichten Dornenzaun besetzte Erdwall begrenzte nach der Straße hin den durch alte Obstbäume verdüsterten Garten, welcher sich nach einer Waldwiese abwärts senkte. Im Sommer freilich war alles durch den Zaun verdeckt; aber jetzt war es Herbst, die Drosseln fielen in die roten Beeren, und eine Fülle bunten Laubes war von den Alleebäumen schon auf den Weggefallen; als ich eines Spätnachmittags jetzt dort vorüberging, gewahrte ich eine entblätterte Stelle in dem Zaun und blieb stehen, um einen Blick in das sonst unsichtbare Gartengrundstück hineinzuwerfen. Ich hatte mich auf den Fußspitzen erhoben; aber ich erschrak fast: ein blasses und – so erschien es mir – wunderbar schönes Knabenantlitz mit dunkelgelocktem Haupthaar stand dicht vor dem meinen und sah von der anderen Seite mir starr und schweigend entgegen; ich gewahrte noch, daß die großen, gleichfalls dunklen Augen voll von Tränen standen; dann war es verschwunden, und ich hörte langsame Schritte in den Garten hinab. War das der arge Bube, von dem die Leute redeten? Nachdenklich setzte ich meine Abendwanderung fort, denn das Gesicht, welches ich eben sah, einmal mußte ich es schon gesehen haben, vor fünfzehn oder zwanzig Jahren – aber das ging ja nicht, der Knabe mochte jetzt kaum zwölfe zählen. Noch am Abend dieses Tages hörten wir, in dem neuen roten Hause liege die alte Haushälterin im Sterben; aber das Haus selbst war am Nachmittage, als ich dort vorbeigegangen, in seiner gewohnten, wunderlichen Einsamkeit dagestanden, die Gardinen hatten, wie immer, unbewegt hinter den blauen Vorsätzen gehangen, keinen Laut hatte ich vernommen, selbst der schöne wilde Knabe hinter dem Gartenzaune war mir nur wie ein Gespenst erschienen; auch das Sterben wurde hier ganz still besorgt. Als ich am anderen Tage mit meiner Frau vorüberging, sagte ich: »Im neuen Hause hier soll eine zum Sterben liegen; zu leben scheint man nicht darin.« »Dann wird sie schon gestorben sein«, erwiderte sie, indem sie durch die Zaunlücke in den Garten wies; »sieh nur, dort unter dem großen Apfelbaum stehen zwei Frauen und reden miteinander; das ist mir hier noch nimmer vorgekommen.« Wir sahen sonst nichts weiter, aber meine Frau hatte recht geschlossen; noch am selben Abend lief es durch das Dorf, die Haushälterin, wie die alte Frau im roten Haus benannt wurde, habe seit jenem Vormittag ihr Tagewerk auf immer eingestellt. Einige Tage später wurde ein Sarg auf der Landstraße an meinem Hause vorbeigetragen, hinter welchem nur ein weißhaariger Mann mit einem Knaben ging; aber der Zug war, als ich vor die Tür kam, schon zu weit entfernt, das Antlitz der beiden konnte ich nicht mehr sehen; mein Nachbar, der zu mir trat, sagte: »Der arme Bursche sah aus wie der Tod selber; es war seine Großmutter, die sie nun bei der Kirche da begraben; seine Mutter soll er nie gekannt haben.« »Der arme Junge!« dachte auch ich; »was wird aus ihm, wird der Alte sich allein nun mit ihm abgeben?« Als ich mit Frau und Kindern am Nachmittagstee saß, bei dem goldenen Herbstsonnenschein noch einmal im Freien auf der Terrasse, brach aus dem Armenhausgarten, welcher derzeit mit dem unseren zusammenstieß, ein lautes Schreien und Toben, unterbrochen durch die scharf redende Stimme des Armenvaters, zu uns herüber, so daß das Gespräch aufhörte und alles dorthin horchte. Die schreiende Stimme kam offenbar von einem Knaben. »Ich fürchte«, sagte lächelnd unser Nachbar, der neben uns saß, »er wird nicht mit ihm fertig!« »Mit wem?« frug ich. »Wer ist denn das?« »Nun, das wissen Sie nicht? Der Junge von dem Riew'; er ist gleich vom Kirchhof in das Armenhaus gebracht. Er mag sich das wohl nicht gedacht haben; mit dem Erben ist es auch wohl eitel Wind!« »Unglaublich! Empörend!« rief meine Frau, während drüben das Geschrei noch immer fortging. Der Nachbar zuckte die Achseln. »Ja, du lieber Himmel, der Bengel ist ein Ausbund von den schlimmsten; erst gestern haben sie ihn wieder aus der Institutsschule fortgewiesen; was soll der Alte mit ihm aufstellen? Er hat die Frau nun auch nicht mehr zur Hülfe.« Aber die Frauen an unserem Tische schüttelten gleichwohl die Köpfe. Ob dann der Armenvater endlich das aufgeregte Kind beruhigt hatte, oder ob die Szene nach einem anderen Teil des Hauses verlegt war, kann ich nicht sagen; aber der Lärm hörte auf, und wir sprachen weiter nicht davon. – – Einige Tage später, da ich von dem Jungen nichts mehr gemerkt hatte, frug ich über unseren Zaun den Armenvater, der einige Weiber bei der Arbeit in seinem Garten überwachte: »Nun, wie geht es mit Ihrem neuen Alumnen?« »Wen meinen Sie?« frug der Mann zurück und sah mich wie unwissend an. »Wen sollte ich meinen? Natürlich den Riew'schen Jungen; ich weiß nicht seinen Namen.« »O, der! Der sitzt schon längst wieder im warmen Nest; der beerbt den Alten noch bei lebendigem Leibe. Ich hätte ihn nur behalten sollen!« fügte er mit einer entsprechenden Handbewegung hinzu. Ich dachte an das zarte Gesicht des Knaben und sprach zu mir selber: »Es ist doch besser so.«   Es war schon in den letzten Tagen des Oktober, als ich eines Nachmittags wieder an dem Rieweschen Garten entlangging, wo der Zaun jetzt freie Durchsicht ließ; auch war dort heute wirklich was zu sehen; denn oben im Geäste eines großen Birnbaums hing der hübsche Knabe und langte mit ausgestrecktem Leibe nach ein paar goldgelben Birnen, die noch an einem fast blätterlosen Zweige hingen. Unter ihm am Stamm sah ich einen untersetzten Mann, der mir seinen breiten Rücken zuwandte; nur seinen weißen, seitwärts abstehenden Backenbart konnte ich außerdem gewahren. »Zum Teufel, Rick, so komm herunter!« rief er; »das ist kein Mastkorb, worin du arbeitest!« »Wart nur, Ohm!« erwiderte der Knabe; »ich krieg sie gleich; die allerletzten sollen doch nicht sitzenbleiben!« und er reckte sich stöhnend noch ein Stückchen weiter. »By Jove! Du brichst dir um zwei Birnen noch das Genick!« Und der Alte griff in die Tasche und schien ihm eine kleine Münze hinzuhalten. »Komm herunter und kauf dir welche! Der Schuster hat dieselben.« Der Junge hörte aber nicht danach; er suchte droben den Zweig, woran die Birnen saßen, zu sich heranzubiegen. Ich stand in plötzlichem Besinnen; auch die alte Stimme war mir bekannt. Eine untersetzte grauhaarige Gestalt aus meinen Hamburger Schülerjahren tauchte vor mir auf, daneben ein Kinder-, ein Mädchenangesicht. »Wenn er es wäre!« dachte ich bei mir selber; »und Riewe heißt er, vielleicht John Riew'!« Da hörte ich einen Krach, und als ich aufblickte, sah ich es vor mir durch die Luft zur Erde fahren; ein gebrochener Ast baumelte oben von dem Baum herab; es war kein Zweifel, der Junge war herabgestürzt. »Man hat noch den Tod von dir!« schrie der Alte. »Sind denn die Planken heil geblieben?« Und gleichzeitig hatte er sich gebückt und wollte dem Jungen auf die Beine helfen. Der aber war schon aufgesprungen. »Tut nichts!« sagte er sich zuckend seine Hüfte reibend. »Unkraut vergeht nicht, Ohm!« Der Alte brummte etwas, das ich nicht mehr verstand, denn ich fürchtete, auf meinem Platz entdeckt zu werden, und hatte deshalb meine Wanderung fortgesetzt. Aber sein Gesicht war mir zugewandt gewesen, und ich wußte nun, es war mein alter Kapitän John Riew', der sich dies Haus gebaut hatte. Noch jetzt blühten ihm seine guten roten Wangen, nur Bart und Haare waren weiß geworden; denn wohl achtzehn Jahre mochten verflossen sein, seitdem wir uns zuletzt gesehen hatten. Damals aber – es war zur Zeit meiner Selektanerschaft auf dem Johanneum zu Hamburg – hatten wir fast täglich uns gesehen; denn dort, unweit des nun verschwundenen Kaiserhofes, an dessen reichornamentierter Fassade mein Schulweg mich vorüberführte, wohnten wir beide als einzige Mieter in einem zweistöckigen Häuschen, das zwischen himmelhohen Speichern aus alter Zeit zurückgeblieben war. Unsere Wirtin war eine Schifferwitwe, deren trunkfälliger Mann im Rausch durch einen Unfall sein Leben verloren und seiner Frau wohl kaum anderes als den kleinen Fachbau hinterlassen hatte, in welchem ich eine Stube unten neben der Haustür innehatte. John Riewe, damals schon ein ergrauter Mann, bewohnte oben die einzige Etage; und so eines Sommerabends, auf der Bank vor der Haustür, hatten wir Bekanntschaft gemacht. Er war lange als Kapitän zur See gefahren; nach Rio, Hongkong, auch weniger fern nach Lissabon und London; kurz, er hatte mehr gesehen als wir studierten Leute und wußte davon zu erzählen. Endlich war er seemüde und dann hier Makler geworden. »Es ist kommoder«, sagte er, »den Sturm vom Bette aus zu hören.« Unsere Wirtin war eine einfältige Person: er mußte ihr in allem Rat erteilen, ja es war, als habe sie alles auf ihn abgeladen; ich weiß nicht, weshalb er sich so von ihr plagen ließ. Das Beste an der Frau war jedenfalls ihre zwölfjährige Tochter Anna; braun, feingliedrig, mit dunklem Haar und, o, mit welchen Augen! Es war etwas Begehrliches in dem Mädchen; aber alles, was sie tat, und mochte sie in einen Apfel beißen, geschah mit einer Art von froher Anmut. Wie jetzt mit dem Jungen, so hatte der Kapitän es damals mit dem Mädchen; er wußte selbst nicht, was er dem verzogenen Ding zu Willen tun sollte; er kaufte ihr seidene Schürzen und rote Tüchelchen, mit denen sie dann auch sogleich erschien; er stopfte ihr Marzipan und gebrannte Mandeln in die Taschen, und wenn sie vergnügt zu schmausen anfing, dann lachte er über sein ganzes gutes Angesicht. »Nicht wahr, schlecken und dich putzen«, sagte er und schüttelte das hübsche Ding an beiden Schultern, »das möchtst du wohl dein Leben lang; aber wart nur, Rackerchen, es wird noch anders kommen!« Und sie sah mit lachenden Augen zu ihm auf und nickte nur, denn sie hatte ihr Mäulchen noch voll von seinem Futter. »Naschkatze du!« rief dann der Kapitän und schaute, die Hände in den Taschen, ihr voll Vergnügen zu. Auch ins Theater, als einmal ein Zauberstück gegeben wurde, hatte er sie mitgenommen. Dort aber hatte sie nur auf die silbernen Sternen- und Meernixenkleider gesehen, wenn auch sonst die glänzendsten Helden über die Bühne schritten; sie hatte nur davon geredet und ihn immerfort gezupft und angestoßen, und zuletzt gesagt, wenn sie groß wäre, wolle sie auch Komödiantin werden und solche Kleider tragen. John Riew' war in Todesangst geraten: »Daß du dich nicht unterstehst!« hatte er so laut gerufen, daß das ganze Parterre die Köpfe nach ihm umgewandt; »weißt du wohl, wenn sie tot sind, die kommen alle in die Hölle!« Seitdem hatte er sie nicht mehr in die Komödie gebracht. Auf sein Zimmer aber kam das Kind mehrmals am Tage; denn die Mutter hatte es so eingerichtet, daß sie selber mich, ihre Tochter aber, wenigstens außerhalb der Schulzeit, den Kapitän bediente. Es ist mir wohl später eingefallen, daß dies, bei aller Ehrenhaftigkeit des Mannes, auch kein Zeugnis für die Verständigkeit der Frau gewesen sei; denn die Herzensgüte unseres Kapitäns war doch mitunter derart, daß sie mehr zu einem handfesten Schiffsjungen, so zwischen See und Sturm, als zu einem zierlichen halbgewachsenen Mädchen passen mochte. Als wir eines kalten Oktoberabends wieder einmal plaudernd auf der Straßenbank saßen, fuhr der Nordwest uns endlich so eisig in den Nacken, daß er mich einlud, mit ihm in seine Kabine hinaufzusteigen, wo wir behaglicher unser Gespinst abwickeln könnten. Ich hatte nichts dagegen und saß dort kaum in einem guten Polsterstuhl, den er mir hingeschoben hatte, als ich ihn auch schon, die Hand am Schlüssel, vor einem Wandschränkchen stehen sah. »Nun, Nachbar«, rief er, »wir müssen, deucht mir, ein Quantum heizen! Rum oder Kognak? Für Prima-Qualität wird garantiert.« Von den Schätzen dieses Schrankes hatte ich schon gehört: »Das wird Ihnen überlassen, Kapitän!« rief ich. »Also Rum!« erwiderte er. Dann schloß er auf, und nachdem er an der Klingelschnur gerissen hatte, stellte er eine Flasche und zwei tüchtige Glashumpen auf ein daneben stehendes Tischchen. Nach einer Weile flog ein leichter Schritt die Treppe herauf, und Anna trat mit einem Kesselchen voll heißen Wassers in die Stube; sie nickte uns vertraulich zu, entzündete dann die auf dem Tisch stehende Spirituslampe und setzte den Kessel darüber. »Nachbar«, flüsterte der Kapitän, »was sagt Ihr zu meinem kleinen Maat?« Der kleine Maat aber stand, die Hände in den Schoß gefaltet, und neigte das dunkle Köpfchen nach dem Kessel. Als es zu sausen anhub, wandte sie sich und wollte gehen. »Oho!« rief der Kapitän, »du meinst wohl, wir sollen uns unser Glas heut selber machen!« Sie blieb stehen, schüttelte den Kopf und wurde purpurrot. Dann aber ging sie lautlos nach dem Schrank, hob ihre schmächtige Gestalt auf den Zehen und holte vom obersten Bord eine Schale mit Zucker herab. »So recht, Anna!« rief der Kapitän. »Nun zeige, was du von mir gelernt hast!« Und das feine Ding nickte wieder ein paarmal; nur so in den Schrank hinein, aber doch, als sollt' es heißen: »Ohne Sorge, soll schon werden!« Dann begann sie die drei Elemente sorgsam zu mischen, schaute auch einmal durch das Glas, indem sie es mit dem etwas hageren Ärmchen gegen die jetzt über unserem Tische brennende Ampel hielt, und goß noch ein paar Feuertropfen in dasselbe, ohne aber vorher weder mit noch ohne Löffelchen daraus gekostet zu haben. »Wenn's gefällig ist!« sagte sie dann, indem sie uns die Gläser auf einem Tablettchen darbot. Ich nahm das meine, und schon an dem Dufte merkte ich, es war ein steifes Seemannsglas. Der Kapitän aber, als sie zu ihm trat, legte beide Arme vor sich auf den Tisch. »Nun?« sagte er und sah lachend unsere kleine Schenkin an; »ich muß wohl heut um alles betteln gehen!« Sie stand einen Augenblick wie verlegen. »Oder scheust du dich vor unserem jungen Herrn?« fügte der Kapitän hinzu. Da hob sie das Glas an ihre Lippen. »Wohl bekomm's!« sagte sie leise; dann trank sie, und es schien mir, daß sie mit Behagen trinke. »Halt, halt, Jüngferlein!« rief der Alte lachend; »ei, seht doch, schickt sich das für ein so zartes Manntje?« Aber schon hatte sie das Glas vor ihn auf den Tisch gesetzt, und wir hörten, wie sie draußen wiederum die Treppe hinunterflog. »Eine Wetterhexe!« sagte der Kapitän; »wenn die ein Junge wäre, mit dem ginge ich noch einmal auf die alten Planken!« Ich aber weiß noch sehr wohl, wie ich ihn um sein Glas beneidete, an dem der süße Mädchenmund geruht hatte. – – Wie eine Bilderreihe zog das alles jetzt an mir vorüber; plötzlich aber stolperte ich, mein Stock flog mir aus der Hand, und ich sammelte mich geduldig vom Erdboden auf; denn ich war mitten im Walde, der mir soeben seine dicken Buchenwurzeln vor die Füße gestreckt hatte. Langsam kehrte ich um und ging nach Hause; doch die Gedanken wollten mich nicht lassen. Das anmutige Kind, von dem ich später nie wieder etwas gehört hatte, sie mochte jetzt etwa dreißig Jahre zählen – was war aus ihr geworden?   Es ließ mir doch keine Ruhe: wie kam der Kapitän hierher? Was war das mit dem Jungen? Tags darauf ließ ich den Abend herankommen; es mochte schon neun Uhr sein, als ich vor dem roten Hause stand. Alles War dunkel; aber eben vorher hatte ich von der Hinterseite aus einen Lichtschein auf den kahlen Gartenbüschen wahrgenommen. Ich drückte die Haustür auf, an der keine Glocke läutete, und stand in einem dunklen Flur, in den jedoch, scheinbar durch das Schlüsselloch der Tür einer Hinterstube, ein schmaler Lichtstreifen hineindrang. Es rührte sich aber nichts im Hause, und ich tastete weiter, bis ich mit den Händen an die Tür stieß. »Herein! Wer ist da?« rief es drinnen, als ich eben eintrat. Der Kapitän saß neben einer Lampe an dem Sofatische und las in einer großen Zeitung, die ich später als den »Hamburger Korrespondenten« erkannte – außer ihm war nur der schöne Knabe in dem Zimmer; er stand mit einem brennenden Lichte vor dem Spiegel und schnitt Gesichter, die er einigen Fratzen im »Kladderadatsch« nachzumachen schien; wenigstens lag auf dem Spiegeltischchen ein Exemplar davon. »Guten Abend, Kapitän!« sagte ich kräftig; »da Sie nicht zu mir gekommen sind, so haben Sie wohl nichts dagegen, daß ich Ihnen meinen Antrittsbesuch mache?« Er war aufgestanden, während der Junge seine Unterhaltung mit unbekümmerter Geschäftigkeit fortsetzte, und ich konnte den Alten im Schein der Lampe ungestört betrachten. An Haar und Bart sah man freilich, es war Winter geworden; aber seine Wangen blühten noch immer, und die guten Augen darüber sahen mich wie einstens hell und freundlich an. Ich wollte reden; aber er legte seine Hand schwer auf meine Schulter. »Halt! – Halt!« sagte er. »Ich werfe Anker! Hamburg – beim Kaiserhof – das Häuschen – meine Kabine! Alle Millionen Windrosen, Herr Nachbar, und Sie wohnen hier?« »Ja, ja, Kapitän; und Sie wohnen hier?« »Ei freilich«, rief er lachend, »und so wohnen wir alle beide hier! Rick!« und er wandte sich zu dem Knaben, »zünde die Spritflamme an und nimm eine Flasche aus dem Schränkchen! – Junge, hörst du denn nicht!«   »Ja, Ohm, ich höre ja schon!« rief der Knabe, setzte den Leuchter auf das Spiegeltischchen, daß das Licht aus der Röhre sprang, und vollbrachte dann das aufgetragene Geschäft. Meine Augen folgten ihm, und mit Verwunderung sah ich hier im neuen Hause ein gleiches Schränkchen wie in der Hamburger Baracke. Der Kapitän hatte indessen mein Gesicht gemustert, als wolle er die Züge des einstigen Gymnasiasten herausstudieren. »Sie also sind der Doktor, der sich das große Haus dort auf der Höhe gebaut hat?« »Ja freilich, Kapitän; und was für Abenteuerlichkeiten habe ich nicht hinter Ihrem stillen Neubau wittern müssen; aber freilich ...« meine Augen fielen auf den Knaben und ich schwieg. Er hatte eben den kochenden Kessel nebst Flasche, Gläsern, und was sonst nötig war, vor uns hingestellt. »Dank, mein Junge«, sagte der Alte. »Aber nun geh mit deinem Licht in deine Koje; es ist Kinderbettzeit.« Aber der Junge fiel ihm um den Hals und flüsterte ihm eifrig bittend in das Ohr. »Nein, nein, Rick, heute nicht«, sagte der Alte; »der Herr kommt schon mal wieder, und früher als die Hühner auf die Wiemen müssen.« »Doch! doch!« rief der Knabe. »Ohm! Alter John, nur eine Viertelstunde!« Und er würgte ihn fast mit seinen Armen. Da riß der Alte ihn heftig von sich und hielt ihn, nach des Knaben Gesicht zu urteilen, nicht eben sanft an beiden Handgelenken vor sich. »Kalkuliere«, sagte er im ruhigen Kommandoton, »du gehst jetzt augenblicklich in deine Koje!« Dann ließ er ihn los, und der Knabe nahm, ohne ein Wort zu sagen oder uns nur anzusehen, sein Licht und ging zur Tür hinaus; ich hörte, wie er eine Treppe nach dem Oberhaus hinaufstieg. John Riew' zog jetzt die Gläser an sich und begann den heißen Trank für uns zu mischen; als er aber die Flasche aufgezogen hatte, spürte ich an dem Duft, daß es Madeira oder Yeres sei, welchen er hineingoß. »Ei was, Kapitän«, sagte ich. »Sie trinken jawie ich! Hat der Jamaika Sie jetzt verlassen?« »Ich trinke ihn nicht mehr«, erwiderte er ernst; »doch wenn's Ihnen lieber, es wird noch eine alte Flasche dasein.« Ich danke, es ist mir so eben recht. Aber Sie? Vertragen Sie ihn nicht mehr? Sie sehen doch aus, als hätten Sie zeitlebens zusammenhalten müssen!« »Es wäre auch sonst wohl so gewesen; aber – seit der Junge da geboren, haben wir uns geschieden. Doch – Sie schwiegen vorhin; jetzt ist frei Wasser; wonach wollten Sie denn fragen?« Nun, Kapitän; zunächst freilich nach dem Jungen! Waren Sie inzwischen verheiratet? Sind Sie Witwer? Ist der Junge Ihr eigen, oder wo haben Sie ihn aufgelesen? Und wie kommen Sie dazu, sich hier auf dem völlig trockenen Lande anzubauen?« »Holla!« rief er dazwischen, »nun ist's genug für einmal! Aber Sie erlebten mit mir den Anfang, so mögen Sie auch das Ende wissen!« »Wenn ein Mensch zu viel Tugenden hat« – so begann er sein Gespinst, indem er mir eins der dampfenden Gläser zuschob – »dann ist der Teufel allemal dahinter.« Ich mochte wohl gelacht haben. »Nein, Nachbar«, fuhr er fort, »das ist die simple Wahrheit; es ist gegen die Natur des unvollkommenen Menschen, den unser Herrgott nun einmal so geschaffen hat; denn irgendwo in unserem Blute sitzt er doch, und je dicker er mit Tugenden zugedeckt wird, desto eifriger bemüht er sich, die Hörner in die Höh zu kriegen. Ich hatte so einen Freund, Rick Geyers hieß der Junge, und wir fuhren auf einem Schiff; glaubt nicht, daß er ein Duckmäuser war; nein, im Gegenteil, ein wilder Kerl, aber dabei ein wahres Nest von Tugenden, seine halbe Heuer, solange sie noch lebte, schickte er an seine Mutter, und saß und schrieb an sie, während wir an den festen Wall gingen und unseren Talern Flügel machten. Hatte ein armer Teufel Unheil angerichtet, Rick wollte an allem schuld sein; aber man glaubte ihm zuletzt nicht mehr; denn er verstand fast ohne Wind zu segeln, unser großmäuliger Kapitän ging selbst bei ihm zu Rathaus; und dabei war er ein halb Dutzend Jahre kürzer auf der Welt als ich. Vor den Weibern, wenn er einmal mit uns anderen an Land war, konnte er sich kaum bergen; in Hongkong, da ist eine Gasse, freilich ehrbare Leute sollten dort nicht kommen; Ihr hättet nur sehen sollen, als wir einmal mit ihm hindurchgingen, wie das niedliche schlitzäugige Gesindel um ihn herum war! Rick Geyers aber sah mit seinen großen braunen Augen über sie weg, und wenn sie zu dicht an ihn herantänzelten und ihre Locktöne machten, dann räumte er sie schweigend wie eine Schar von Ungeziefer mit den Armen von sich. Die Dirnchen – denn sie sind zart und gelenkig – schlenkerten ihre feinen Händchen gegen ihn und flogen mit Angstgekreisch an ihre Haustüren, wo sie ihm wieder mit den feinen Fingern winkten; uns andere plagte, by Jove, die Eifersucht. Rick aber ging stumm und zornig neben uns: »Ein andermal, wenn ich bitten darf, gehen wir nicht durch die Menagerie hier!« sagte er, als wir hindurch waren. Und so dauerte es denn nicht lange, und er war Kapitän, als ich noch das Rad am Steuer drehen mußte. Aber Freunde blieben wir auf Not und Tod, und der Wind wechselte nicht allzuoft, da hatte ich auch mein Schiff; aber trafen wir uns am Wall, so waren wir gleich beisammen. Nun fand sich derzeit in Hamburg bei einer vornehmen alten Senatorstochter eine Art Mamsell, so gegen die dreißig schon; Riekchen hieß sie und war ehrlich und zuverlässig, allzeit wie mit eben geplätteten Kleidern angezogen und, ganz egal, mit einer gelbblonden langen Locke hinter jedem Ohr; sie konnte kochen und braten, sagte nie ein Wort entgegen und hatte niemals eine Meinung; die alte Dame behauptete, es gäbe auf der Welt keinen Mann für diese Perle; und wirklich, es begehrte sie auch keiner. Und das war das Schicksal, für Rick Geyers mein ich; denn in dieses Unmuster von Tugend mußte der unselige Junge sich vergaffen; und noch mehr, er wollte sie heiraten, und kaufte sich sogleich zum Schauplatz seines Eheglückes die Baracke, wo wir beide, Herr Nachbar, später einst gewohnt haben. Nun, Sie haben ja das Riekchen selbst noch gekannt. – Ich packte den Rick eines Tages unter den Arm und ging mit ihm durch die Stadt und dann nach dem Stintfang hinauf, wo unten im Hafen seine stolze Brigg lag und die rot und weißen Wimpel im leichten Morgenwinde wehten. »Rick! Rick!« sagte ich, besinne dich doch! Du bist verblendet, bete vierundzwanzig Vaterunser, und es wird vorübergehn! Was willst du das einfältige Tugendmensch heiraten; du hast ja selbst die volle Ladung davon; unter so viel Tugend geht dein Schiff zugrunde ! Kann's nicht anders sein, so nimm dir eine schmucke wilde Katz, an der du deine Plage und doch auch dein Vergnügen hast! Was meinst du, Rick?« Aber er lüpfte nur den Hut, daß die Luft durch seine braunen Locken ging, und sah mich lachend aus seinen hellen Augen an. »Dank für deine Weisheit, John«, sagte er; »aber was einer muß, das kann nur einer wissen.« Da sah ich wohl, daß er weitab von aller Vernunft sei, und so hat er die Perle Riekchen zu seinem Unheil dann geheiratet. Aber ich sage Ihnen, Nachbar, auch derzeit, da sie jünger war – zehn Jahre auf einer Robinson-Insel!« und der Kapitän spreizte abwehrend seine Hände vor sich. »Doch«, rief er dann wieder, »das Getränk nicht zu vergessen! God bless you, Sir!« – – Schon einigemal hatte ich ein Rühren an der Türklinke vernommen; jetzt, während wir mit den Gläsern anklirrten und tranken, sah ich, daß die Tür, der ich zugewandt saß, um einen schmalen Spalt geöffnet wurde. »Kapitän«, sagte ich, »es ist jemand vor der Stube.« Er wandte sich: »Das ist Rick!« sagte er. »Junge, warum schläfst du nicht?« Aber die Tür öffnete sich weiter. »So komm herein«, rief er, »wenn du was auf dem Herzen hast!« »Ich kann nicht«, kam es von der Tür; und ich gewahrte jetzt freilich, daß der arme Schelm barfuß und im blanken Hemde draußen stand. Da stieß der Alte einen Seufzer aus, erhob sich und schritt nach der Tür: »Nun, Rick, was willst du denn?« »Ohm«, sagte der Knabe leise und vor Kälte zitternd, doch so, daß ich's verstehen konnte, »ich hab dir ja noch gar nicht gute Nacht gesagt!« »Und deshalb konntest du nicht schlafen?« Ich glaubte nur zu sehen, wie Rick stillschweigend mit dem Kopfe schüttelte. Und der Alte gab ihm einen herzhaften Schmatz: »Gute Nacht, mein Kind! Aber nun schlaf, und bitt vorher unseren Herrgott, daß er dein weiches Herz allzeit bei deinem harten Kopfe lasse!« Da hörte ich, wie der Knabe behend die Treppen hinauf lief ; der Alte aber setzte sich langsam wieder an seinen Platz. Wir saßen eine Weile schweigend. »So ist er immer«, sagte er dann; »der Grund ist gut; ich dacht schon, daß er kommen würde.« »Und doch«, erwiderte ich – ich konnte es nicht zurückhalten – »haben Sie ihn neulich recht hart behandelt, Kapitän!« Er blickte mich an: »Sie meinen das mit dem Armenhause! Ja, ja, es mag auch so aussehen; aber er mußte einmal erfahren, wohin er ohne mich geraten würde.« Er trank einen Schluck und starrte vor sich hin. »Doch«, hub er wieder an, »ich wollte Ihnen von meinem alten Rick erzählen; der Junge ist ja noch gar nicht auf der Welt.« Da fiel's mir bei, ich frug: »Ist er der Sohn von Ihrem Freunde? Ich mein, es war doch nur das Mädchen da?« »Geduld, Nachbar«, sagte der Kapitän und legte seine Hand auf meinen Arm; »der Junge wird, leider, auch geboren werden; Ihr sollt alles noch erfahren! Also – wie in den ersten Ehejahren von Rick Geyers der Seegang gewesen ist, das weiß ich nicht; denn ich war überall, nur nicht in Hamburg. Dann aber, in einem Junimonat, kam ich wieder heim und hörte, auch Rick sei dort, er habe Havarie gehabt; sein Schiff liege auf der Werfte, er selber warte in seinem Hause die Zeit ab. Wer war fröhlicher als ich! Ich konnte es nicht erwarten, bis ich bei ihm war. Als ich die Tür seiner Baracke aufstieß, by Jove, da standen die beiden Tugendmenschen schon auf dem Flur; aber freilich, allzu lustig sahen sie nicht aus. Einen Augenblick noch, dann fiel Rick mir um den Hals: »Hurra for John!« rief er; »gib ihm die Hand, Riekchen!« und mit einem wunderlichen Blick auf seine Frau: »Aber, nicht wahr, verteufelt elend sieht der Kapitän doch aus?« Ich glaubte, er sei toll geworden; denn ich platzte derzeit vor Gesundheit. Meinst du, Rick?« sagte die Frau und nickte mir halb traurig zu; »ja, so rote Backen sind auch oft nicht von den besten.« So? – meinst du?« rief Rick ingrimmig. »Ich meine das nicht. Sieht er nicht aus wie ein Berserker?« Die Frau gab mir die Hand: »Freuen wir uns«, sagte sie, »daß Sie so gesund wieder ans Land gekommen sind!« Ich dankte ihr; Rick aber warf seine kurze Pfeife, die er in der Hand hielt, gegen die Wand, daß der Porzellankopf in hundert Stücken über die Fliesen flog, und ich hörte, wie er mit den Zähnen knirschte. »O Rick!« rief die Frau; »der schöne Pfeifenkopf; das hättest du nicht tun sollen!« »Endlich! Danke, Riekchen!« sagte er, und ich sah, wie er ihr voll Hohn die Hand preßte; »aber freilich, Scherben müssen erst gemacht werden!« Dann gingen wir in die Wohnstube, während das Weib, als wäre nichts geschehen, die Porzellanbrocken auf dem Flur zusammensuchte. »Nimm dich in acht, Rick«, sagte ich, »daß dein Teufel nicht die Hörner hochkriegt!« Aber er stieß ein Lachen aus, so fröhlich, als hätt ich ihn nur mit dem Kinder-Bußemann erschrecken wollen. »Komm«, sagte er und zog mich in die Schlafstube nebenan, »du weißt noch nicht, daß ich einen Engel in der Wirtschaft habe!« Wir waren an sein Ehebett getreten, von dem er jetzt das schwere Deckbett zurückschlug. »Nun, John Riewe?« rief er triumphierend. Und freilich, da lag – ich dacht im selben Augenblick: ein Engel; aber es war doch nur ein schönes Kind, im tiefen Schlaf; ein Mädchen von kaum zwei Jahren wohl; die eine Wange hatte es gegen sein Fäustlein gedrückt, über das die braunen Haare fielen; es war fast nackt, denn das Hemdlein hatte sich über die Brust hinaufgeschoben, und es glühte gleich einem Christkind wie von innerem Rosenlichte. »Nun, John?« sagte Rick wieder, »du schweigst? Ja, Alter, dem müssen alle Teufel weichen!« Und mit demselben schlug das Kind seine dunklen Augen auf, und die Ärmchen nach dem Vater streckend, rief es: »Papa, mein Papa!« Da riß Rick es ungestüm aus den Kissen und preßte das schöne Ding an sein Herz und küßte es vielmal und flüsterte ihm heimliche Worte in sein Ohr, so leise, daß ich nichts davon verstand. Ich sah es wohl, sein Herz war voll, und was er seinem Weibe nicht geben konnte, das verschwendete er an das unvernünftige kleine Wesen. Und doch, Nachbar; in späteren Jahren, und auch jetzt noch kommt es mir oftmals, es habe derzeit das Kind ihn dennoch wohl verstanden und sei nichts davon verlorengegangen. – – Am anderen Tage kam ich nach dem Abendbrote zu ihm, er saß am Stubenfenster mit untergeschlagenen Armen und schaute auf die enge stille Gasse; das Riekchen hatte ich bei meinem Eintritt in der Küche rumoren hören. »Nun, Rick«, rief ich, »was fängst du für Mäuse?« »Ich fange gar nichts, John«, sagte er. »Warum hast du denn deinen Engel nicht bei dir?« »Das ist's, John; der schläft allezeit von jetzt bis übers Morgenrot; aber für mich ist's noch nicht Schlafenszeit.« »So gehen wir ein Stück am Hafen!« sagte ich. »Du bist noch nicht auf meinem Schiff gewesen.« Er schien eine solche Aufforderung nur erwartet zu haben, denn er sprang sogleich auf und riß seinen Hut vom Türhaken. »Gehst du aus, Rick?« frag die Stimme seiner Frau, als wir durch den Flur gingen, und ihr geduldiges Haupt erschien aus der Küchentür. »Ja, Riekchen; ich nehme den Schlüssel mit; wirst du müde, so schließe mit dem anderen zu!« Sie nickte: »Gute Nacht, Rick! Gute Nacht, Kapitän Riewe!« Wir gingen noch auf mein Schiff; aber es fing bald an zu dämmern, und so wanderten wir nach St. Pauli und gingen nach dem Trichter, wo wir bald zwei steife Gläser vor uns dampfen ließen. Wir sprachen erst von alten Zeiten; dann aber erzählte Rick von seinem Kinde, nur von seinem Kinde; er lachte selber wie ein Kind, es war wie eine lachende Freude, wenn er nur ihren Namen nannte; ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß sie Anna hieß. Als die Gläser leer waren, wollte ich aufstehen; aber er hielt mich zurück und zog seine Uhr. »Noch nicht, John!« sagte er; »es ist erst zehn: sie schläft noch nicht.« Ich verstand ihn wohl; und so tranken wir noch weiter, und es war nach elf, als wir davongingen. Noch an ein paar anderen Abenden saßen wir dort; aber jedesmal ein Viertelstündchen länger; und auf meine zwei Gläser trank Rick allemal drei; ich sah so viel, er war schon satt von seinem Tugendmuster und schätzte sie am höchsten, wenn sie schlief. »Rick«, sagte ich, »nimm dich in acht, das dritte Glas, das ist des Teufels!« Aber er lachte: »Es ist nur ein Zeitvertreib, John; um ein paar Wochen ist mein Schiff wieder flott; und dann gibt's wieder Arbeit und guten Schlaf!« Am Tage darauf war meine Zeit in Hamburg abgelaufen; wir schüttelten uns die Hände, das Riekchen nickte sanft, und auch die kleine Anna gab mir ihr Patschchen und sagte kläglich: »De, Ohm Jiew!« Dann begleitete Rick mich auf mein Schiff.   Noch einmal nach ein paar Jahren – es war in der Kapstadt – habe ich Rick Geyers wiedergesehen; aber er war es nicht mehr selber, es war nur noch ein Trunkenbold, der unter seinem Namen umging. Ich dachte damals, das sei mein größtes Leid, das ich erlitten, und vielleicht auch ist es jetzt noch so; nur daß über einen Mann uns das Erbarmen nicht so bitter faßt ... aber ich will der Reihe nach erzählen. Als ich an der Bai nach meinem Schiff hinuntertrabte, denn in der Nacht noch sollte ich die Anker lichten, sah ich einen Mann vor mir am Wasser stehen, der mich trübselig aus seinem gedunsenen Gesichte zu betrachten schien. Ich stutzte: »Rick«, rief ich, »du bist es, Rick! Was fehlt dir? Bist du krank? Du siehst sehr übel aus!« Doch er schüttelte den Kopf und sagte schwerfällig: »Mir fehlt nichts, John. Bleibst du noch lange hier?« »Nein, Rick; nur bis heut nacht, und ich muß noch wieder nach dem Gouvernementshaus. Aber sag mir schnell: wie geht es bei dir zu Hause, deiner Frau, deinem kleinen Engel? Kommst du bald wieder zu ihnen?« »Ganz wohl, alles wohl!« Weiter antwortete er nicht; aber er seufzte tief, als ob er sie verloren hätte. »Du fährst noch immer die Fortuna?« frug ich wieder. »Ja, John, ich fahre sie noch; wir sind erst gestern angekommen.« »So lebe wohl, Rick! Ich habe leider keine Stunde mehr für dich; leb wohl!« Ich ging, ganz vernichtet durch dies Wiedersehen. »Er schämte sich«, sprach ich zu mir selber; »Rick Geyers, der beste aller Jungen, ist verloren.« Da fühlte ich mich plötzlich zurückgehalten: er war mir nachgelaufen; er lag in meinen Armen: »John, John, mein Freund! Noch einen Augenblick, wir sehen uns zum letztenmal!« Und als er mich in seiner alten Liebe ansah, da waren seine Augen wieder jung und schön. »Das nicht, das wolle Gott nicht, Rick!« rief ich; »aber auf ein baldig Wiedersehen in der Heimat, in deinem Hause und bei deiner kleinen Anna!« Er wiegte langsam seinen Kopf: »Leb wohl, John Riew'«, sagte er, und leise, als ob auch hier es niemand hören dürfte, setzte er hinzu: »Und wenn du einmal heimkommst, dann frage nicht mehr nach Rick Geyers!« Er riß sich los und war mir bald in einer Menschenmenge, die von der Stadt herkam, verschwunden. Das weiß ich noch, die heitere Sonne, die vom Himmel strahlte, hat mir damals wehgetan. – – Nach ein paar Jahren – es war in Rio, und ich fuhr derzeit für eine Lübecker Firma das Schiff »Die alte Hanse« – nahm ich einen deutschen Matrosen in Heuer, der krankheitshalber dort zurückgeblieben war. »Wo stammst du her?« frug ich. »Mein Vater«, erwiderte er, »wohnt am Johannisbollwerk!« »In Hamburg?« »Ja, Kapitän.« »So kennst du auch wohl Kapitän Rick Geyers?« »Ja, Herr; ich bin ein Jahr als Leichtmatrose mit ihm gefahren; aber – –« »Was aber!« »Er ist kein Kapitän mehr!« »Hat er sich zur Ruh gesetzt? Er ist noch jung!« Der Bursche schüttelte den Kopf: »Es ging nicht mehr!« Und er warf den Kopf zurück und machte mit der Hand die Bewegung, als ob er ein Glas an den Mund setze. »Er fährt jetzt mit dem Blankeneser Postewer.« Ich nahm den jungen Menschen auf mein Schiff; aber ich hatte genug vom Fragen. – – Ein paar Jahre später kam ich denn doch wieder nach Hamburg; ich hatte Überdruß am Seefahren, und mein Kopf war leidlich grau geworden. Ich ging nach Ricks Hause; aber Rick lag draußen auf dem Petrikirchhof: er war eines Nachts über eine in Reparatur begriffene Fletbrücke gegangen und durch eine Öffnung in das Wasser und in den Tod gestürzt. Ich denke wohl, er war mit einem schweren Kopf gegangen, der ihn hinabgerissen hatte; aber – allen Gerechtigkeit! – seine Frau hat nie davon geredet; nur die Nachbaren und der alte Doktor Snittger haben es später mir bestätigt. Ich war inzwischen Makler geworden und mietete, nachdem ich mit meinem alten Herrn zu Lübeck ins reine gekommen war, die kleine Oberetage; schön war sie nicht; aber sie genügte, und Rick Geyers' Weib und Kind kam es zugute. Ein halb Jahr darauf fand sich auch noch ein Schüler des Johanneums für die untere Stube rechts, und das waren Sie, Herr Nachbar; ich denke, wir haben uns, bis Sie zur Universität gingen, leidlich genug in dem engen Haus vertragen! Sie wissen, die Anna war damals schon ein gestrecktes Mädchen, nach dem wohl ein so junger Gesell, wie Sie es damals waren, sich einmal umschauen mochte!« Der Kapitän sah mich schelmisch an, und es mag wohl nicht gefehlt haben, daß ich rot geworden bin. »Du lieber Gott!« fuhr er dann fort, »wir wollen nicht darüber scherzen; aber ich darf wohl sagen, daß das Kind die Liebe zu seinem Vater auf dessen alten Freund übertragen hatte, und mir war oft, als sähe sie mich mit seinen jungen Augen an, wenn er – wie oftmals! – mich herzhaft auf die Schulter schlug und dann rief: ›Ja, John, du bist's, auf den man sich verlassen kann!‹« Der Kapitän seufzte und schlug sich gegen die Stirn: »Das aber war zuviel gesprochen«, sagte er, »denn Dummheit ist auch eine arge Sünde! Ich plagte mich viel mit dem lustigen Mädchen; Sie haben es ja selbst gesehen, der Unband war mir lieb als wie mein eigen Blut, und wenn nach etwas ihr Gelüsten stand, Ohm Riew' mußte allzeit Rat wissen. Das alte Riekchen hatte seine unschuldige Freude daran, und das Kind übernahm bald fast meine ganze Bedienung; Ihnen, Nachbar, blieb nur das alte Weib: ich habe manches Mal darüber lachen müssen; aber der Kaffee von der Anna hätte Ihnen doch noch besser geschmeckt!« Der Alte schwieg plötzlich und horchte nach oben hinauf. »Ja, der Junge schläft«, sagte er; dann trank er den kleinen Rest aus seinem Glase und machte sich daran, ein neues für sich zu mischen, denn der kleine Kessel sauste immerfort. Mir war, als ob ihm das Erzählen plötzlich widerstehe, oder als ob er sich besinnen müsse, wie er fortzufahren habe. Aber er saß schon wieder auf seinem Platz, und ohne das dampfende Glas zu berühren, hub er aufs neue an: »Es sieht manches aus wie ein Kinderspaß; aber auch der Strauß hat erst in einem Ei gelegen! Sie wissen, Nachbar, es war meine alte Seemannsart, zwischen Nachmittag und Abend ein gutes Glas zu trinken, und was den Rum anlangt, so hatte ich allzeit was Echtes in meinem Schränkchen. Ich hatte die Anna gelehrt, nach meinem Maße mir das Glas zu mischen; aber wenn sie den Rum in das heiße Glas goß und nun der Dampf ihr in das feine Näschen stieg, dann begann sie ein Gehüstel, bog den Kopf zurück und machte allerlei Gesichter des Abscheues gegen mich. Ich lachte darüber und sagte: »Probier es nur!« oder: »Es wird dir doch noch schmecken« Aber eines wie das andere Mal erwiderte sie: »Ich habe es schon geschmeckt, Ohm; es ist abscheulich!« und schob mit ausgestrecktem Arm das Glas mir zu. Es wurde allmählich eine stehende Neckerei zwischen der Jungen und dem Alten. »Du sollst doch noch probieren!« rief ich endlich; »ist das ein Koch, der nicht probieren kann?« »Ich bin kein Koch!« sagte sie schnippisch. »So bist du doch mein Mundschenk!« »Ich tu's aber doch nicht!« rief sie und flog mir aus der Stube und die Treppe hinab. Ich alter Tor, ich muß jetzt denken, daß ihre Natur uns habe warnen wollen; aber ich ging wie mit verbundenen Augen. Nun war's an meinem Geburtstage, und ich hatte, mir selber zur Festfreude, dem Kinde ein Dutzend Schnupftücher von einer Extra-Qualität geschenkt, da ich ihre Lust an feinem Linnenzeuge kannte. Und wirklich, sie leuchtete vor Freude, als sie zur Mutter lief und ihr die schöne Ware zeigte; und über ein kleines saß sie auch schon am Fenster, um ihr kunstvolles Monogramm hineinzusticken. »Mein Ohm!« rief sie mir zu: »ich tu dir alles zu Gefallen!« »Das ist schon mein Gefallen«, sagte ich, »daß du dich freust.« »Nein, noch was anderes, Ohm!« Sie sah mich geheimnisvoll mit ihren dunklen Augen an und stickte weiter an ihren Monogrammen. Abends brachte sie mir, wie gewöhnlich, das Kesselchen mit heißem Wasser auf mein Zimmer; sie nickte mir zu, und als es kochte, begann sie mir mein Glas zu mischen. Sie tat das wie in Freude zitternd und doch so feierlich, als solle sie ein Opfer bringen. Dann hielt sie das dampfende Glas hoch vor ihrem Angesicht: »Ohm«, sagte sie, indem sie auf mich zutrat, »mein Ohm, mögst du noch vielmal diesen Tag erleben!« Der herzlichste Strahl, den meine arme Seele je getrunken, flog aus ihren Kinderaugen in die meinen. Dann setzte sie das Glas an ihren Mund und tat einen starken Zug daraus. Aber es war zuviel gewesen, was sie sich zugemutet hatte: wie im Krampf spieen die jungen Lippen den scharfen Trank hinaus, und das Glas fiel aus ihrer Hand zu Boden, daß der Inhalt und die Scherben umherflogen; dann stürzte sie in den Alkoven, an meinen Waschtisch; ich hörte, wie sie Wasser in ein Glas goß, ein- und zweimal, und wie sie gurgelte und sprudelte, als gelte es, einen Gifttrank wegzuspülen. Ich ging ihr nach; da fiel sie mir um den Hals: »Ohm, mein süßer Ohm . . . ich konnte nicht dafür . . . verzeih mir, sei nicht bös!« Das Kind war außer sich; dennoch wollte sie mir ein neues Glas bereiten; aber ich litt es nicht, ich nahm sie auf meinen Schoß: »Sei ruhig, Anna, du weißt es ja; wir beide können einander gar nicht böse sein!« Da preßte sie meinen Hals mit ihren Armen, als ob sie mich ersticken wollte: »Du bist gut, mein Ohm; ich weiß es, du bist gut!« und dann weinte sie sich noch ein braves Stückchen. Aber auch das, Nachbar, öffnete mir nicht meinen vernagelten Verstandeskasten. Am anderen Abend kam sie wieder mit ihrem Kesselchen. »Zünd nur die Lampe an«, sagte ich; »hernach mach ich mir's schon selber.« Ich wollt, Sie hätten ihr bittend Angesicht gesehen. »Laß mich, Ohm!« sagte sie. »Ich weiß, ich kann es heute.« Ich wollte es dennoch wehren; aber jetzt stampfte sie mit ihrem Füßchen: »Ich muß aber, Ohm; das ärgert mich, das von gestern!« So litt ich's denn; und als sie ihr: »Zur Gesundheit!« sprach und dann ein Schlückchen aus dem Glase trank, hielt sie den Atem an und Mund und Augen gewaltsam offen; aber, ich sah es wohl, ein paar Tränen sprangen doch heraus. Bald danach sind Sie ins Haus gezogen, und – Sie haben es ja selbst gesehen, wie zierlich sie uns zu kredenzen wußte. Gott verzeihe mir! Das Kind steuerte Backbord; aber ich hätte Steuerbord halten sollen. – – Im Winter, nachdem Sie fort waren, suchte mein Lübecker Reeder mich wiederum zu ködern; der schlaue Alte hatte es heraus, daß ich zu früh mich landfest gemacht hatte; er meinte, ich könnte wohl noch ein paar Jahre wieder laden und löschen. Von dem dazwischen sprach er nicht; aber er bot mir ein neugebautes Vollschiff und einen Part darin. Mir gefiel das schon; aber was sollte dann aus Riekchen Geyers und meiner Anna werden? Denn auch Ihr Quartier im Unterhause stand unvermietet. Da, als ich eines Tages in der Januarsonne mit Anna über den Gänsemarkt promenierte, blieb sie vor einem Weißwarengeschäft stehen und betrachtete begierig die Sauberkeiten, die hier alle in dem Ladenfenster ausgelegt waren. Ich wollte ungeduldig werden; aber sie hatte trotzdem immer ihren Finger noch nach etwas Neuem. Auf einmal kam mir die Erleuchtung: »Komm«, sagte ich, »was meinst du, wenn ihr selber solchen Laden hättet?« Sie wurde schier dunkelrot vor Freude; aber gleich darauf sagte sie traurig, ihr dunkles Köpfchen schüttelnd: »Das ist ja nicht möglich, Ohm!« »Nicht möglich, Anna? Aber was meinst du, wenn dein Ohm es dennoch möglich macht! Komm nur, wir wollen gleich zu Hause, und Mutter soll ihren Segen geben!« By Jove, ich hatte Not, daß sie mir nicht vor allen Leuten um den Hals fiel. Und so kam es denn in Ordnung. Freilich, mein Maklerverdienst ging so zirka wohl darauf; aber wen hatte ich denn sonst, für den ich sorgen konnte! Die Stube rechts, wo Sie Ihre Lateiner studiert hatten, wurde zum Laden umgewandelt; die Einkäufe waren schon gemacht, Näherinnen außer dem Hause wurden in Arbeit genommen und eine Glocke über der Haustür angebracht; Anna selbst war das behendeste Ladenjüngferchen und saß fleißig mit der Nadel in der Hand. Wie ich nach ein paar Jahren aus einem Briefe der Mutter sah, gewann sie später noch besseren Verdienst, indem sie in fremde Häuser schneidern ging; damals aber warteten wir noch auf Käufer; und sie kamen auch, erst die Nachbarn und die Apothekertöchter, mit denen Anna damals wohl zusammen lief, dann auch von den Gästen aus dem Kaiserhofe. Ich hörte mit Behagen unsere Glocke läuten, wenn ich oben auf meinem Zimmer saß. Und endlich eines Abends nahm ich mutig einen großen Briefbogen und schrieb darauf an meinen alten Herrn Richardi in Lübeck, daß ich sein neues Schiff, »Die alte Liebe«, führen würde.   »Die alte Liebe« war so gut wie ihr Name; und wir hatten Glück, mein alter Herr und ich! Fünf Jahre lang bin ich gefahren, wie noch nie zuvor – aber wir haben noch andere Abende, davon zu reden –, nur bei der letzten Fahrt, in den englischen Nebeln, zwischen Plymouth und Southampton, da hätten wir bald, trotz Nebelhorn und Schüssen, das Schiff und auch uns selbst verloren. Das machte mich kopfscheu; mir schien's nun endlich doch genug vom Wasser und besser, das bißchen Lebensrest im Trockenen zu verzehren. Doch mein Herr Richardi in Lübeck war nicht solcher Meinung, und da er mich halten wollte, so wußte ich wohl, weshalb er mit unserer Abrechnung immer noch nicht fertig wurde. »Herr«, sagte ich endlich, »ich besuche meinen alten Ohm in Holstein; indes wird hier wohl alles klar?« Er brummte etwas, und ich fuhr am anderen Tag hieher. Es war aber ein rechtes Doppelwrack, was ich hier fand: den geizigen Greis und sein großes verfallenes Bauernhaus, worin einst eine weitläufige Wirtschaft war betrieben worden. Zwei Stuben mit vollen Schränken und hohen Wandbetten standen bestaubt und unberührt; der Eigentümer und eine verrunzelte zahnlose Magd hausten jetzt allein in einer Kammer; freilich, auf dem Boden jungten die Marder in den Ecken und schleppten des Nachts ihre Beute heim und sprangen durch die Löcher des alten Strohdachs auf die Bretter, daß in der Stube unten nicht zu schlafen war. In einer Nacht, wir waren gegen August, kam unerwartet ein Sturm auf; das ganze Dach schüttelte sich, und ich hörte, wie ein Fach Mauerwerk herauspolterte; da sprang ich auf und ging die Nacht spazieren. »Ohm«, sagte ich am anderen Morgen, »mein Schiff war doch noch sicherer als Euer Haus; Ihr müßt bauen, sonst begräbt's Euch noch!« Aber er lachte, indem er sich sein schlotteriges Wams über seinen hageren Leib zuknöpfte. »Das verstehst du nicht, John; die alten Häuser sind zäh. Du kannst es flicken lassen, wenn sie mich hingetragen haben.« Ich hielt's nicht länger aus, mich überkam ein plötzliches Verlangen nach unserer kleinen Anna, und ich schrieb an Riekchen Geyers, daß ich kommen würde. Am zweiten Tage danach fuhr ich mit dem Wochenwagen ab. Als mein Ohm mit seiner Magd, die ich mit einem unmäßigen Trinkgeld erfreut hatte, mich hinausbegleitete, gab er mir die Hand: »Aber John!« sagte er, »das in dem Kanal, das will mir nicht gefallen; bleib schmuck im Lande nun! Wenn du versöffest, ich müßt mein Testament ummachen lassen; das sind teure Sachen!« Damit fuhr ich ab. Als ich vors Millerntor in Hamburg kam, ging just der Tag zu Ende; ich konnt's nicht lassen, stieg ab und spazierte nach dem Stintfang hinauf; da sah ich am Hafen längs den ganzen Mastenwald im braunen Abendrot. Langsam ging ich dort hinunter, und da überfiel's mich: »Haus oder Schiff? Land oder See?« Ich schlenderte am Bollwerk entlang, den Kopf voll melancholischer Gedanken; da kam der Sohn unseres Nachbarn, des Apothekers, mir entgegen; er war in Kalifornien gewesen, kam aber jetzt von Hause und wollte nun wieder in die Minen. Die beiden Schwestern hatten den wilden Jungen weich gemacht, ich glaube, am liebsten wäre er mit mir umgekehrt; zuletzt aber häkelte er zwei Klümpchen Goldes los, die er als Berlocks an der Kette hängen hatte. »Good bye!« sagte er, »bringt's den Dirnen; wenn ich wiederkäme, sollt's ein Pfund sein!« Und damit drehte er ab und ging davon. Ich steckte die Berlocks in die Tasche und wanderte jetzt rascher in die Stadt hinein. Als ich Ricks Häuschen erreicht hatte, brannte im Flur schon eine Lampe. Ein dunkelköpfiges Mädchen flog aus dem Laden, nicht groß, aber schlank; ein zierliches Stutznäschen und über der Stirn, nicht was die Frauenzimmer Simpelfransen nennen, nur so die feinen Stirnlocken, die mit dem Kamm nicht mehr zu bändigen waren; und vor der Brust hing ihr ein sauber Spitzentuch. Ich zog sehr höflich meinen Hut und wußte nicht, war das feine Ding sie oder war's nur eine fremde Jungfer? Freilich, so auf Siebzehn schien auch die zu stimmen, die mich da mit ihren großen braunen Augen ansah; aber ich war doch nicht auf Nummer Sicher und sagte lieber vorsichtig: »Guten Abend; wär Frau Geyers wohl zu sprechen?« – »Guten Abend«, sagte sie – und mir war's, als ob sie innerlich lache – »treten Sie nur näher!« – Aber ich kehrte mich zu ihr: »Um Verzeihung, liebes Kind«, sagte ich, »wie heißen Sie denn?« Sie neigte den Kopf, daß ich vom Gesicht nur noch die Stirnlöckchen sehen konnte, und sagte: »An-na!« Sie sagte das so eindringlich, so very engaging; es sang ordentlich was in den beiden Silben, und wieder auch, als wär ein Mädchenlachen noch dahinter. Dann aber, als Frau Riekchen jetzt aus der Stube trat, da lachte sie wirklich und warf den Kopf empor: »Mutter«, rief sie jubelnd, »da ist Onkel Riew', und er kennt mich nicht mehr!« Und sie flog mir an den Hals, die junge Katze! In mir aber rief es: »Land, Land! Nicht nochmals auf die Planken!«   Ich wohnte schon wieder oben in meinem alten Quartier und hatte aus Lübeck und vom Schiff schon meine Sachen um mich. Es war fast wie früher, nur daß, weil die Frauen anderes zu tun hatten, eine kleine Magd mich jetzt bediente, und ich abends meist mein Glas im Kaiserhofe trank. Da fielen die goldenen Berlocks mir eines Vormittags in die Hand, die ich noch immer abzuliefern hatte, und ich machte mich sogleich jetzt auf den Weg. Als ich eintrat, fand ich im Zimmer nur die beiden Mädchen, die vor einem Tische emsig an großen bunten Lappen nähten; da ich aber mein Gewerbe anbrachte und die Goldklümpchen in ihre Hände legte, by Jove, da ging das Gejammer los: »Ach der Herzensbruder, o mein Peter, Peter!« Wisset, Herr Doktor, ich kann die Frauenzimmertränen nicht leiden, denn sie machen mich boshaft, was ich von Natur nicht bin; aber so wie eine wilde Gans aus der Tür rennen, das war doch auch nicht schicklich; ich blieb also vorderhand noch sitzen. Da öffnete sich die Tür und eine alte Näherin trat herein, die mir von früher wohlbekannt war. Sie hatte wieder solchen Lappen in der Hand, wie die hier drinnen; es mußte also miteinander wohl ein Kleid ausmachen; auch paßten sie es zusammen und strichen es sich an Hals und Schultern. Als die Alte fortgegangen war, dachte ich für die Anna ein Wort einzulegen und sagte: »Ist das Ihre Näherin? – Die könnten Sie ein Pfundsmaß hübscher haben! Ich meinte, daß die Anna Geyers bei Ihnen nähte?« »Ja«, sagte die Älteste und wischte sich den Tränenrest von ihren Backen, »die ist freilich hübscher.« – »Steht Ihnen das Mädchen denn nicht an?« »O – wir haben sie ja schon gehabt.« »Und Sie wollen sie nicht wiederhaben? Das tut mir leid, sie ist so halbwege ja mein Ziehkind.« »Ja; aber ...« Sie bückte sich über ihre Näherei und kam nicht an Bord mit ihrem Satze. – »Schießen Sie los, Mamsellchen!« sagte ich. »Helles Feuer ist das beste. Die Anna soll doch ihre Arbeit gut verstehen; hat sie gestohlen, oder wo steckt denn sonst der Fehler?« »Nun, Herr Riew«, sagte die Jüngere und luvte mich mit ihren kleinen unverschämten Augen an; »gestohlen nun wohl nicht; es ist nur eins!« Die Ältere winkte ihr zu und schüttelte den Kopf; aber das schwarze Ding ließ sich nicht übersegeln: »Ich will es Ihnen sagen, Herr Riew', sie hat für uns zu vornehme Bekanntschaften; wir sind ehrliche Bürgermädchen; mit Grafen und Posamentiergesellen haben wir nicht gern zu tun, auch nicht mal durch die dritte Hand! Und das noch nicht allein!« »Liebes Mamsellchen«, sagte ich, da sie innehielt, »sparen Sie die Worte nicht; ich bin bereit zu hören.« Hierauf, während die Ältere sittsam auf ihre Arbeit sah, rückte das beredte Mädchen sich einen Schemel unter die Füße und setzte sich ordentlich in Positur. »Es war im vorigen Herbste, Kapitän Riew'«, sagte sie, »und die Zentralhalle war eben eröffnet; man konnte in Familie an kleinen Tischen sitzen, seinen Tee oder eine Tasse Schokolade trinken und dabei eine Komödie, oder was es sonst denn gab, mit ansehen, und die Kosten waren auch nicht schlimm. Alle gingen hin, und groß wurde davon gesprochen. Wir, Herr Riew', gehören nicht zu denen, die nach allem Neuen laufen; aber die Gummi-Elasticum-Kerle, als die angekündigt wurden, die mußten wir doch sehen! Wir beide gingen also eines Abends in die Zentralhalle, unsere Mutter war natürlich bei uns; der alten Dame schwindelte der Kopf, und sie hätte bald ihren Zufall bekommen, als wir in den ungeheuren Saal traten; doch es gab sich zum Glück, als wir erst an einem Tischchen unsern Tee tranken und dann der Vorhang aufging. Die Elasticum-Kerle waren freilich besser auf dem Zettel als auf der Bühne; aber als der eine sich rückwärts um den Tisch wickelte und der andere als Schlange über ihn wegkroch, ihre Faxen sahen sich doch lustig an. – Da, als wir im besten Lachen waren, entstand an einem Tische, ein Stückchen von uns, ein Rumoren, daß wir unwillkürlich unsere Augen dahin wenden mußten. Zwei Frauenzimmer hatten dort schon länger mit dem Rücken gegen uns gesessen; nun langten noch zwei leidlich junge Herren an; der eine sah wirklich vornehm aus; aber wer weiß das! Das Gesicht war ziemlich verkommerschiert, und die vielen Haare, die nicht mehr da waren, hatten wohl auch umsonst sich nicht empfohlen. Das gab ein Reden und Komplimentieren, ein Schurren mit den Stühlen; dann rief der Kleinere von den beiden nach dem Kellner. Ein blasser Schlingschlang mit weißer Binde drängte sich an den Tisch: ›Befehlen? – Ja, was?‹ – Und der Kellner zählte her, was er zu bieten hatte. – Dazwischen rief der Kavalier: ›Genug, Kellner! Zum Vorschmack vier Gläschen schwedischen Punsch!‹ – Kennen Sie es, Kapitän? Es soll furchtbar stark sein!« Ich nickte. »Nun, die Gläser kamen, und die Herren hatten's immer nur mit dem einen Frauenzimmer, als wenn die Gummi-Elastiker sie gar nichts angingen, und sie gingen auch mich bald nichts mehr an, denn ich sah immer nur nach diesen vier Menschen. Da stößt meine Mutter mich in die Seite: ›Du‹, sagt sie, ›kennst du das Frauenzimmer in der lila Haube?‹ Und da ich nein sage –: ›Frau Geyers‹, flüsterte sie mir zu, und als die andere just den Kopf wendet: ›Herr Jesus!‹ ruf ich, ›und da ist auch die Anna!‹ In diesem Augenblick stand der vornehmere der Herren auf. ›Ihr Glas ist leer, Fräulein‹, sagt er zu der Anna; aber, indem er sich wendet: ›Freund Jack, das war wohl eigentlich kein Getränk für Damen!‹ Der andere lachte: ›Nur ein gustus, Edmund!‹ ›Verzeihen Sie, meine Damen!‹ begann der Vornehmere wieder; und: ›Kellner! Kellner!‹ rief er so laut, daß sie von allen Tischen ihn zornig ansahen und zu brummen anfingen; denn auf der Bühne ging jetzt ein Lustspiel vor sich. Aber er kehrte sich nicht daran, und als der Schlingschlang wieder vor ihm stand mit seinem atemlosen ›Herrschaften befehlen?‹ rief er: ›Champagner! Zwei Flaschen auf Eis!‹ Nun, Kapitän, das kann ich Sie versichern, Anna hat nicht am wenigsten davon getrunken! Ihr schmuckes Lärvchen brannte ordentlich, und daß sie mit der linken Hand sich auf den Tisch stützte, wenn sie sich erhob und mit den Herren anstieß das war auch nicht von ungefähr! Hätte die Mutter nicht mit ziemlich trockenem Munde dabeigesessen, sie wäre ach dem Schauspiel wohl, Gott weiß, wohin gekommen; denn der am vornehmsten aussah, der schien viel Gutes nicht mit ihr im Sinn zu haben!« Als das lustige Mädchen mit ihrem Gespinst zu Ende war, sagte ich nichts, denn mir war nicht eben wohl ums Herz, Nachbar; ich hörte nur, daß jetzt die ältere Schwester der jüngeren beistimmte: »Wir reden natürlich nicht davon«, sagte sie, »aber ins Haus nehmen, das geht doch nicht!« Und die Jüngere warf den Kopf zurück: »Ich danke – wenn der Herr Graf sie abends vor unserer Haustür erwartete – da könnte am Ende ich noch in den Geruch einer Gräfin kommen!« »Sie haben völlig recht, Mamsell Nettchen, und das wäre wenig passend«, sagte ich und empfahl mich höflichst. – – Daß ich beim Nachhausekommen mir unsere alte Tugendhafte auf mein Zimmer bat, und was der Inhalt unseres Gespräches gewesen, brauche ich Ihnen wohl nicht zu erzählen; aber soviel sah ich, die Apothekermädchen hatten jedenfalls nur mäßig übertrieben; die Herren aus der Zentralhalle aber waren freilich Biedermänner, der eine ein Graf, der andere ein Baron. »Riekchen, geht in Euch!« rief ich, »besinnt Euch! Biedermänner, und Grafen und Barone? Und mit Euch in der Zentralhalle?« Das war zuviel. »Ohm Riew',« sagte sie, »unsere Anna ist ein Kind; – ich aber bin mein langes Leben hindurch eine ehrenwerte Frau gewesen! Wir werden sie nicht verunehrt haben!« Du lieber Gott! sie wußte nicht einmal, weshalb Rick Geyers in sein frühes Grab getaumelt war.   Nicht lange darauf kam ich eines Abends spät nach Hause; da die Straßentür noch offenstand, so trat ich, ohne daß es schellte, in den Flur. Es war schon dunkel hier, nur durch das Guckfenster in der Ladentür fiel ein Schein heraus. Ich stand einen Augenblick, denn ich hörte, wie drinnen eine Herrenstimme sprach, und allerhand, was ich erst nicht reimen konnte. »Verzeihung, Madame«, sagte der Jemand, »die Toilette ist keineswegs kostbar, nur ein weißes weiches Gewand und weiter nichts! Es darf sich keine vor der anderen auszeichnen; die Blumen wird die Gesellschaft den Damen liefern; und ich würde hier« – er sprach das wie mit einer zärtlichen Verbeugung – »um die Erlaubnis bitten, dem Fräulein blaßrote Rosen anbieten zu dürfen!« Es entstand eine Pause; dann schien unsere tugendhafte Mutter eine leise Bedenklichkeit zu äußern, die ich nicht verstehen konnte. Aber der Unbekannte sprach sogleich: »Pardon, Madame; das ist es ja; nicht Rang und Stand, denen unsereiner gern einmal entflieht, soll hier den Ausschlag geben, sondern Schönheit und gute Sitten; doch da dieselben selten beieinander sind, so wird der Zirkel nur ein kleiner sein, ein Dutzend Paare etwa. Sie wissen, in den richtig konstruierten Familien ist stets die Mutter die Schöpferin der Tugend ihrer Kinder; und nicht jede Tochter, Madame, ist so glücklich wie die Ihre!« »Damned scoundrel!« brummte ich bei mir selber; denn mir war, als sähe ich durch die Tür ihn jetzt sein nichtsnutziges Kompliment gegen unsere Alte machen. Und wer war denn der Monsieur? – Am Ende der Versucher in eigener Person; nur in Monaco beim Pharao und beim Roulett, unter dem vornehmen nichtsnutzigen Volk war mir solche Menschenstimme vorgekommen. Unwillkürlich trat ich dem Guckfenster näher; denn ich hörte schon die Alte sagen: »O, Herr Baron, wenn doch alle Ihresgleichen solche Grundsätze hätten!« Aber der Versucher war schon wieder da: »Ich bitte, Madame, beurteilen Sie uns nicht voreilig! Der Präsident unserer Gesellschaft ist von einer Strenge, daß man sich ihm gegenüber um sich selber, ja fast um unsere Damen bangen dürfte; aber – enfin, er wurde gewählt, und zwar mit allen Stimmen!« Ein Ruf des Erstaunens entfuhr unserem alten Tugendmöbel, als ich eben in das Fenster sah. Ein großer, eleganter Herr saß beinbaumelnd vorne auf dem Ladentisch; wahrhaftig, Herr Nachbar, ich weiß noch heute, daß das Bein in perlgrauen Hosen steckte! Im übrigen alles, wie man's nur verlangen konnte; dünnes, aber modisch frisiertes schwarzes Haar, ein kleiner Schnurrbart in einem glattrasierten Angesicht; die eine Hand, in hellem knappem Handschuh, lag mit dem Augenglas auf seinem Knie. Er sah nicht übel aus, beileibe nicht! Aber um Mund und Augen zuckte etwas – ich kannte es wohl, Herr Nachbar – es macht die Weiber fürchten und fängt sie endlich doch, wie arme Vögelchen! Man soll nur wissen, daß nichts als böse Lust dahintersteckt. Die Alte stand mit übergeschlagenen Händen vor ihm und sah in dummer Anbetung zu ihm auf. Für mich, das muß ich sagen, hatte der Geselle eine verflucht konfiszierte Physiognomie ! Er hatte stets nur zu der Mutter geredet; aber Anna, die dort im Winkel stand, sah mit brennenden Augen auf ihn hin. War das am Ende ihre vornehme Bekanntschaft, von der jene Mädchen gesprochen hatten? Ich ging zurück an die Haustür und stieß sie zu, daß die Glocke läutete; dann trat ich in den Laden. Mein Erscheinen mochte den drinnen eben kein groß Pläsier machen: Anna kam aus ihrer Ecke und ging daran, einige Bänder und Spitzen vom Tische in einen Pappkasten zu räumen; der fremde Musjö hob sein Glas an die Augen und sah auf mich herab, als ob ich unter seinem Blick verschwinden müßte. Aber ich verschwand nicht, sondern setzte mich auf einen Stuhl neben der Tür und sagte: »Schön warm hier drinnen; guten Abend, meine Herrschaften!« Das alte Weib drehte sich hin und her: »Unser Onkel Riewe, Herr Baron!« sagte sie. »Er wohnt bei uns im Hause.« »So?« erwiderte er gleichgültig und streckte das Kinn vor; und ich hörte ordentlich, wie das kleine Wort zu Boden fiel: »Sehr angenehm!« »Lüg du und der Teufel!« dachte ich; aber ich nickte ihm zu und sagte höflich: »Dito, mein Herr; gleichfalls!« Und damit war unsere Unterhaltung zu Ende. Und da ich nun meinen Hut auf meinen Stock hing und diesen neben mir an die Wand stellte, so mochte er zu der Meinung kommen, ich sei so leicht nicht zu verjagen; wenigstens glitt er bald vom Ladentisch herunter. »Madame!« sagte er, und mit einem langen Blick auf die Anna: »Mein Fräulein! Sie gestatten mir wohl, zu gelegenerer Zeit wieder vorzusprechen!« Dann, ohne mich auch nur anzusehen, war er bei mir vorbei und zur Tür hinaus, und die Alte mit: »Sehr angenehm!« und »Allzeit willkommen, Herr Baron!« hinter ihm her. Anna hatte nur eine stumme Verbeugung gemacht; aber es war gut, daß ihre Augen festsaßen in ihrem heißen Angesicht. Als die Alte wieder eintrat, waren wir drei denn nun allein beisammen. »Hm«, sagte ich endlich, da die anderen beiden schwiegen, »ein feiner Maat, der euch da beehrt hat!« Die Alte nickte: »Ein sittsamer, edler, junger Herr! Aber ich glaube, Onkel John, Ihr habt ihn fortgetrieben!« »Was hab ich, Riekchen?« rief ich; denn so sanft sie das auch vorbrachte, solch eine Anklage hatte ich noch nie von ihr gehört. »Ich habe ja in aller Ehrbarkeit auf diesem Stuhl gesessen!« »Ja, Riew', das haben Sie wohl; aber – Sie saßen so, als wollten Sie den Herrn Baron zur Tür hinaushaben!« »Und das wollt ich auch, Riekchen!« rief ich, »und er ist denn auch gegangen; und wisset Ihr, weshalb? – Weil er ein schlecht Gewissen hatte! Weil er keinen Mann gebrauchen konnte beim Auswerfen seiner Angel, womit nur junge Dirnen und alte dumme Weiber zu ködern waren! Und wenn Ihr noch etwas Mutterwitz im Kopfe habt, so beißt Ihr nicht daran!« Die Alte stieß einen sanften Klageton aus und ging händeringend auf und ab; ich aber war zornig geworden, Nachbar, und wollte es nicht noch mehr werden; deshalb nahm ich Hut und Stock und stieg hinauf nach meiner eigenen Wirtschaft.   Am anderen Morgen mußte ich nach Lübeck, um endlich mit meinem alten Reeder rein zu werden. Er ließ, als ich ankam, nicht ab, ich mußte bei ihm Quartier nehmen, in seinem großen Hause in der Wahmstraße, wo die braungetäfelten Zimmer danach aussahen, als seien Marx Meyer und Herr Jürgen Wullenweber dort noch aus und ein gegangen; der lange Hausflur stieg in das erste Stockwerk hinauf, und oben lief eine Galerie herum, auf welche viele Türen, auch die von meinem Schlafkabinett, hinausgingen. Das alles hatte ein gar stattlich Ansehen. Der alte Herr selber war etwas gebrechlich schon; ein wenig steif im Rücken und die Finger vom vielen Schreiben krumm; aber er saß noch immer an seinem Pult; denn er war der Letzte, er hatte keinen Sohn. Wir beide waren aber noch allzeit miteinander fertig geworden; nur etwas langsam ging es, und Geduld mußte man haben. So zog es sich denn auch jetzt wieder von einem Tag zum anderen. Die Sache war aber eigentlich, ihm fehlte immer noch der Kapitän für »Die alte Liebe«; er dachte wohl, hätte er mich im Hause, so wär ich noch zu halten. Als ich eines Morgens aus meiner Kammer getreten war und über die Galerie in den steinernen Flur hinabsah, schritt er dort eben aus einer der hinteren Stuben hervor, in seinem grauen Röckchen, das spärliche Haar zu einem dünnen Pull emporgekämmt. »Nun, Kap'tän Riew'«, rief er hinauf blickend, »hat die letzte Nacht Euch bessern Rat gebracht?« »Nein, Herr; es muß bleiben, wie es ist«, rief ich hinab. »Ich glaube, Riew', Ihr wollt ein Weib nehmen!« sagte er lachend. »Auch das nicht; ich habe Familiensorgen ohne das.« Da drohte der alte Kaufherr mir schelmisch mit dem Finger: »Ja, ja, ihr alten Kapitäne! Ihr habt Familiensorgen in aller Welt, an jedem Ankerplatz, John Riewe! Seid Ihr denn auch von denen? Das wußte ich noch nicht!« »Daß ich selbst nicht wüßte, Herr«, sagte ich; »aber es ist ein Freundeserbe, und das hat auch sein Freud' und Leid.« »So, so! Verzeihet! Aber kommt nun herunter, daß der Kaffee uns nicht kalt werde.« So gingen wir denn zum Kaffee, und der alte Mann frug mich zum Schluß noch wacker aus und klopfte mir ein paarmal nickend auf die Schulter: »Kann ich helfen?« »Dank, Herr; das mach ich schon allein.« Am Abend – es war an einem Freitag – waren wir beide miteinander klipp und klar, und am anderen Morgen befand ich mich wieder auf dem Weg nach Hamburg. Damals gab's aber weder Chaussee noch Bahnzug; unser Wochenwagen, in dem wir wie die Heringe zwischen Ballen und Kisten verpackt waren, rumpelte auf dem verruchten Knüppeldamm, daß wir mitten auf dem Weg noch beide Stengen brachen; und so war's schon gegen zehn Uhr abends, da wir endlich in Hamburg einfuhren. Hundsmüde stieg ich sogleich die Treppe nach meinem Quartier hinauf, und im Augenblick kam auch das alte Riekchen hintennach. »Nun, seid Ihr es?« frug ich. »Ja, Onkel John; Ihr seid wohl müde? Soll ich Euch was zu essen machen, oder eine heiße Tasse Tee, oder ein Glas Grog? Das nehmt Ihr heut wohl lieber?« »Nein, nein, Alte; geht nur und grüßt die Anna, wenn sie noch die Augen auf hat! Ich muß schlafen.« Die Alte murmelte etwas und ging; ich kroch in meinem Alkoven unter die Decke, hörte noch, wie es von Michaelis elf schlug und wie der Wind aufkam und zwischen die losen Dachpfannen fuhr; dann hörte ich nichts mehr. Wie lange ich geschlafen, weiß ich nicht, aber es mußte mitten in der Nacht sein – mir träumte, ich fahre auf einem kleinen Schmack durch die norwegischen Schären, und ein Windstoß schlägt das Fahrzeug gegen einen Felsblock – wie von einem Ruck fahr ich in die Höhe, und auf einmal fühl ich, ich liege in meinem Bett und will mich eben behaglich wieder in mein Deckbett wickeln, da ruckt unten vor der Haustür ein Wagen auf dem Steinpflaster, ein Kutscher klatscht mit der Peitsche und stößt einen Fluch über seine unruhigen Pferde aus; eine Art Getümmel ist dabei, als würde einer vom Wagen herabgehoben. Da fiel's mir plötzlich ein: »Warum, als du heimkamst, war die Anna denn nicht da? Und die Alte, sie war um dich herum, als wollte sie das Mädchen dich vergessen machen; am Ende ist heut der Musterball!« Ich war aus dem Bett gesprungen und lief ans Fenster. Aber die Unruhe hatte sich schon ins Haus verloren, und ich sah nur noch, wie ein großer Herr im Mantel in den Wagen sprang. »Vorwärts, Kutscher!« rief er, und mit Gepolter rasselte das Gefährt davon. Mit selbigem kam es auch schon die Treppe zu mir herauf, daß ich mir kaum die Notdurft über den Leib ziehen konnte, und wieder stand die Alte, aber mit einem wahren Jammergesichte, vor mir. »Nun, Riekchen«, rief ich, »was ist denn das für eine Komödie?« »Ach, Onkel John, scheltet nur nicht! Der Herr Baron hat sie selber vom Ball zurückgebracht; aber sie ist krank geworden beim Tanzen; ohnmächtig, ganz ohne Besinnung; ach, Onkel John, schier wie eine Leiche sieht sie aus! Die alte feine Frau, die mitkam, ist noch unten, aber sie weiß ja hier doch nicht Bescheid.« »Da soll ich wohl den Doktor holen?« frug ich. »Ach, wenn Ihr wolltet, Onkel John?« »Hol der Teufel Euere Bälle und Barone!« rief ich; »aber geht nur hinunter zu dem armen Kind!« – Ich hatte mich schon völlig angekleidet, nahm meinen Hut und lief hinaus. Bald war ich auch am Doktorhause und klingelte den alten Doktor Snittger aus den Federn, der nur eine Straße von uns wohnte und mir vor Jahren einmal das Marschfieber vertrieben hatte. Er war sogleich auch diesmal bei der Hand und fertig. »Sorget Euch nicht, Kapitän«, sagte er, als wir miteinander die Gasse wieder hinaufgingen; »ja, wenn's ein Mann wäre! Aber bei den jungen Frauenzimmern, da ist's meist erschreckender als schrecklich!« Als wir ins Haus getreten waren, ging der Doktor unten zu den Frauen, ich in mein eigen Zimmer und wanderte, Gott weiß wie lange, auf und ab. Da endlich hör ich unten wieder die Stubentür knarren und das Riekchen auf dem Hausflur mit dem Doktor klönen. Als ich die Treppe hinabsteig, ruft er mir noch zu: »Alles in Ordnung, Kapitän; wir können schlafen gehn!« und somit ist er zur Haustür hinaus und das Riekchen zur Stubentür hinein und alles still und dunkel. Also ich auch wieder hinauf in meine Kabine und schlafe bis in den Tag hinein. Da vernehm ich auf einmal aus meinem Alkoven, daß drinnen im Zimmer mein Kaffeegeschirr auf den Tisch gesetzt wird, und noch halb im Schlaf rief ich: »Bist du es, Anna?« Ich fuhr ordentlich zusammen, als es von drinnen antwortete: »Ja, Ohm.« Aber es war, by Jove, ihre Stimme. »Komm doch, mein Kind!« rief ich wieder, »und sag mir guten Morgen!« Und als sie nun kam und die Alkoventüren zurückschlug, die ich wegen des Straßenlärmes meist geschlossen hatte – Herr, wie war ich erschrocken, da der Morgenschein auf das junge Gesicht fiel! – Zerstört, ja ganz zerstört schien es mir; ich suchte darin nach etwas, und ich wußte nicht wonach; die roten vollen Lippen schienen wie zum Spott daraus hervor. »Guten Morgen, Ohm!« sagte sie kaum hörbar; aber ihre Hände zitterten, womit sie mir die volle Tasse reichte, daß ein Teil mir auf das Deckbett floß. »Kind! Anna!« sagte ich und faßte ihre Hand; »wo bist du gewesen? Du hast ja arge Havarie erlitten!« Sie antwortete nicht; sie zitterte nur noch stärker, und als ich in ihre sonst so fröhlichen Augen sehen wollte, schlug sie sie nieder oder wandte sie zur Seite. »Anna; Anna!« sagte ich, »du gehst mir nimmer wieder auf diese Bälle!« Da mußte ich nach der Tasse greifen; denn sie wollte die Hände über ihren Kopf erheben. »Nein, Ohm!« schrie sie, »nie – nie wieder!« Ihre schlanke Gestalt wollte sich aufrichten ; aber sie sank wie ohnmächtig an meinem Bett zusammen. Ich hatte meine Hand auf ihren Kopf gelegt. »So ist es recht, mein Kind«, sagte ich; »nun gräme dich nur nicht; ich gehe mit dir, wohin du willst! Und wenn's erst Sommer ist, dann reisen wir zu meinem alten Ohm, der auf dem Lande wohnt! Da sind große stille Stuben und draußen Wald und grüne Wiesen!« By Jove! Ich hatte die Marder ganz vergessen! Sie hatte meine Hände an ihre Stirn gepreßt und nickte ein paarmal leise, ohne aufzusehen; dann aber richtete sie sich empor. »Laß mich nun, mein Ohm«, sprach sie freundlich, »ich muß nach unten.« Sie ging, und ich blieb, ohne meinen Kaffee anzurühren, noch lang auf meinem Bette; ich wußte in der Sache mich nicht zurechtzufinden.   Einige Zeit verging; das Aussehen des Mädchens wurde freilich besser; aber innerlich war das Kind verwandelt. Wenn sie sonst um Mittag so fröhlich unten an der Treppe rief: »Ohm! Ohm John! Serviert!« – du lieber Gott, wie trag und öde klang das jetzt! Mir war auch, als ob ihr Angesicht allmählich sich verändere; sie hatte sonst noch immer wie ein Kinderspiel um Mund und Wangen; das war wie weggeblasen. Es ging mir arg im Kopf herum; von dem Herrn Baron war nicht der Zipfel seines Rockes mehr zu sehen, und als ich zu dem alten Riekchen davon sprach, erhielt ich zur Antwort, der Herr Baron habe auf seine Güter in Mecklenburg müssen und komme erst im Sommer wieder; das Mädchen aber, das daneben stand, wurde bei dieser Rede wie mit Blut übergossen und ging rasch zur Tür hinaus. »Ei«, dacht ich, »liegt da der Has' im Pfeffer? Sind die Gedanken unsres Kindes noch immer bei dem konfiszierten Kerl?« Und es fraß ordentlich in mir. – – Wieder waren ein paar Monate vergangen, als ich an einem Spätnachmittage im März, da schon das Dunkel in die Häuser kroch, von einem Geschäftsgange zurückkam. Als ich am Laden vorüber wollte, sah ich durch das Guckfenster, daß dort die Lampe noch nicht brannte; aber, da ich stillstand, hörte ich drinnen jemand weinen. »Mußt einmal revidieren!« sagte ich zu mir und ging hinein. Da fand ich die Anna in einer Ecke auf dem Ladentritt, mit beiden Händen vor den Augen. »Bist du es, Anna?« frug ich. »Wo ist deine Mutter?« »Ausgegangen«, erwiderte sie leise. »Aber du mußt ja die Lampe anzünden!« Sie stand langsam auf, und als die Lampe brannte, sah ich dicke Tränen über ihre Wangen rinnen. »Bist du krank, Anna? Oder fehlt es dir sonst?« frug ich, während sie sich abwandte und die Fenstervorhänge herabließ. Sie schüttelte nur den Kopf. »Aber was ist denn? Warum weinst du?« »Ich weiß nicht, Ohm; es kommt nur manchmal so.« Da ergriff ich sie bei beiden Händen: »Du sollst mir standhalten, Kind! Nicht wahr, du härmst dich nach deinem Tänzer, nach dem Baron, der jetzt auf seinen Gütern ist?« »Nein, nein, Ohm!« rief sie heftig. »Nun, was ist's denn? Kannst du's deinem alten Ohm nicht sagen? Wir wollen sehen, daß wir Hülfe schaffen!« Aber ich sah nur, daß ihr die Tränen reichlicher aus den Augen rannen: »Ich kann nicht!« Und sie stammelte das nur so. »O, lieber Gott! die Angst! die Angst!« schrie sie dann wieder. »Aber so sag dir's doch vom Herzen! Kind, wirf den Ballast über Bord! Oder, wenn nicht mir, so sag es deiner Mutter!« Sie starrte mit ihren schmucken Augen vor sich hin, als ob sie in ein schwarzes Wasser sähe, und sagte rauh: »Nein, nicht der, nicht meiner Mutter.« »Versündige dich nicht«, sprach ich; »du hast ja nur uns beide auf der Welt!« Da warf sie sich auf die Knie und schrie: »Mein Vater, o mein guter Vater! Ich will zu dir!« Und ich kniete neben ihr und wußte mir nicht zu helfen; denn, Nachbar, die Frauenzimmer haben nicht den Verstand, daß man ihnen damit beikommen könnte. Zum Glück klingelte jetzt die Haustür, und ihre Mutter mit einem Korb voll Brot und Kohl und Rüben trat herein; und so ließ ich die beiden und ging nach dem Römischen Kaiserhof und dort unten in das Gastzimmer. Aber mein Glas schmeckte mir nicht, denn immer sah ich das arme Kindergesicht in seiner Angst und Not. – – Sie hatte sich denn endlich doch der Mutter kundgetan; aber, Herr Nachbar, helfen konnten wir nicht; nur, wir wußten es denn nun – ein vaterlos Kind sollte geboren werden, von ihr, die ja fast selber noch ein Kind war. Herr du meines Lebens! Wie wurde die alte Tugendkreatur lebendig! Wie hat sie geschrien! Den Mund hab ich ihr verhalten müssen, daß nur die ganze Gasse nicht zusammenlief: sie wollte den Baron verklagen, von seinem Gelde wollte sie nichts; aber heiraten sollte er ihre Tochter, noch Frau Baronin sollte sie werden! Ja, das sollte sie! »Ja«, sagte ich, »Baronin! Aber wenn's nun ein Posamentiergeselle oder ein Balbierer gewesen ist!« Da schrie sie noch schlimmer. Und freilich, später erfuhren wir wohl, es war richtig so ein feiner Maat, ein Wasserschößling aus großer Familie gewesen, von denen, die von Schulden leben und deren Geschäft ist, anderer Leute Kinder zu verderben. Der Herrgott weiß, wo er geblieben ist; von seinen Gütern ist er nicht zurückgekommen. Die Anna aber wurde immer stiller. Wenn die Mutter da war, besorgte diese den Laden, und sie saß im Hinterstübchen und nähte sich die Augen rot; war die Mutter aus dem Hause, so bediente das arme Kind die Käufer demütig und wie eine Sünderin, sprach nur, was nötig war, und ihre jungen Augen, die sonst so lustig in die Welt sahen, waren fast allezeit zu Boden geschlagen. Nur, wenn je zuweilen abends die Mutter auswärts war, kam sie die Treppe zu mir heraufgeschlichen. Dann pochte sie leise an die Tür: »Darf ich ein wenig bei dir sitzen, Ohm? Es ist so einsam unten.« Und ich rückte ihr einen Stuhl zum Tisch; ich selber las die Zeitung oder schrieb, wenn so was vorlag. Gesprochen aber wurde nicht viel; von dem, der ihre Jugend gebrochen hatte, hat sie nie ein Wort geredet; dagegen waren ihre Gedanken oft bei einem Toten. So sagte sie einmal und hielt ihre Nadel müßig in der Hand: »Ohm, ich war doch schon sechs Jahre, als mein Vater starb; aber wenn ich an ihn denken will, ich kann mir sein Gesicht nicht mehr vorstellen – das ist doch wohl keine Sünde.« »Nein, Kind«, erwiderte ich, »warum sollte das eine Sünde sein?« »Ja, er hat mich doch so lieb gehabt; das fühl ich wohl noch immer; aber sein Gesicht, das kann ich nicht mehr sehen!« Es tat mir weh, Nachbar, als das arme Kind so sprach, ich weiß nicht mehr weshalb; ihr Vater konnte auch sein schmukkes Gesicht nicht mehr gehabt haben, als er verunglückte. Da fiel mir ein, ich bewahrte ja noch ein paar Briefschaften von ihm aus seiner besten Zeit, aus Rio einen, den anderen aus Hongkong, die waren so hell und jung geschrieben, als stünde er im Maiensonnenschein am Steuerrad und der Südwind wehte durch seine dunklen Locken. Die holte ich aus meiner Schatulle und legte sie vor ihr hin: »Da, Anna, hast du deinen Vater; es war, by Jove, derzeit ein herrlicher Junge!« Ein heißes Rot flog über das blasse Gesicht, und ihre Augen strahlten für einen Augenblick. »Darf ich sie lesen?« rief sie, und da ich nickte: »Darf ich sie auch mit mir nach unten nehmen?« »Gern«, sagte ich, »wenn du sie hier nicht lesen willst.« Sie schüttelte den Kopf und sah mich mit ihren düsteren Augen bittend an; das hätte einen Stein erbarmen können. »So geh!« sagte ich. Da nahm sie die Briefe, raffte ihr Nähzeug zusammen, und ich hörte, wie sie draußen die Treppe hinabflog. Ich hörte die Stubentür im Unterhause öffnen und schließen; sie war wohl dort nicht mehr allein nun; denn die Toten – wer kann's wissen, wenn eine Kinderstimme so ins Grab hinunterschreit. – – Es gingen wohl acht Tage hin, daß sie nicht zu mir kam; dann pochte eines Abends wieder ihre kleine Hand an meine Stubentür: »Darf ich hineinkommen, Ohm?« »Gewiß, mein Kind.« Dann schritt sie leise herein. »Da sind die Briefe wieder«, sagte sie beklommen; »ich danke dir tausendmal.« »Willst du sie nicht behalten?« frug ich. »Darf ich?« rief sie und bückte sich über mich und küßte mich und drückte krampfhaft meine Hände. »Gewiß, mein liebes Kind; aber setz dich nun und bleib ein wenig!« »Ja, Ohm; ich will nur meine Arbeit holen!« Und dann ging sie mit den Briefen aus der Tür; aber bald war sie zurück und setzte sich mit ihrer Näherei an meine Seite; du lieber Gott, ich sah wohl, daß es kleine Kinderjäckchen waren. Wir sprachen erst nicht; ich sah auf ihr liebes vergrämtes Angesicht, und sie saß wie grübelnd; aber ihre fleißigen Finger rührten sich dabei, als gehöreten sie nicht zu ihr. »Ohm«, sagte sie endlich und atmete stark dazwischen, »hat mein Vater einen gewaltsamen Tod gehabt?« »Ja, Kind; er ist ertrunken, hier in Hamburg, in einem von den Fleten; weißt du das denn nicht?« Sie schüttelte den Kopf: »Nicht recht; Mutter spricht ja nicht davon. Ohm, sag mir: tat er das mit Willen?« »Mit Willen, Anna? Was redst du denn! Er kam spät nachts nach Hause; an der Brücke, wo er vorüber mußte, ward gebaut, und mit den Laternen war es noch nicht wie heutzutage; da ist er fehlgetreten und verunglückt.« Sie schwieg, aber ich sah, wie ihre Brust sich vor innerer Aufregung hob und wie sie heftiger ihre Nadel führte. »Ohm«, hub sie wieder an und ließ nun ihre Hände ruhn, »hat mein Vater auch von dem Schrecklichen getrunken, was du immer abends trinkst und – wo ich auch davon getrunken habe?« Ich erschrak, aber ich antwortete scheinbar ruhig: »Das ist nicht schrecklich, Anna; das hat ja der Herrgott uns Seeleuten so recht zum Labsal gegeben! Hast du danach bei mir was Schreckliches gesehen?« »Bei dir nicht, Ohm« – und sie sah mich mit ganz großen Augen an; »aber alle dürfen das nicht trinken: es bringt uns um den Verstand; die Bösen haben dann Gewalt über uns.« »Ja, Anna«, sagte ich, »das hat der Herrgott in der Welt so eingerichtet; wohl tut's mit Maßen und weh im Übermaß; mein alter Hochbootsmann hatte sich in starkem Kaffee den Säuferwahnsinn auf den Hals getrunken: Kapitän‹, sagte er, als er den Atem wieder oben hatte; ›ich bin der nüchternste Mensch, von Euerem gebrannten Zeuge habe ich fast nimmer noch ein Glas getrunken, aber Kaffee, das ist ja ein Getränk für Kinder!‹ – Und ich erzählte weiter und sprach wie ein Prediger; aber nur aus Angst und um der Anna ihre bösen Fragen aus dem Kopf zu schaffen. Da läutete zum Glück die Haustürglocke, und sie mußte in den Laden. Als sie wiederkam, war davon nicht mehr die Rede, und so hatte ich ihr heilig Vaterbild nicht zu beschmutzen brauchen.   Und endlich kam die Nacht, in der das Kind geboren wurde; ein Knabe, derselbe, der jetzt oben hier im Hause schläft. Es ist die einzige Geburt gewesen, der ich in meinem Leben so nahe beigewohnt; aber Freude war nicht dabei. Anna freilich war gesund geblieben, nur nähren konnte sie ihr Kind nicht selber. Wenn man es ihr aufs Deckbett brachte, sah sie es jammervoll aus ihren dunklen Augen an, aber sie gab es kopfschüttelnd wieder fort, und ich sah nicht, daß sie es küßte oder nur sich zärtlich zu ihm niederbeugte. Sie lag in dem Wohnstübchen, und ihre Mutter ging seufzend aus und ein und mühte sich, das arme Kind aus einer Flasche trinken zu lehren; des Nachts nahm sie die Wiege mit in ihre Schlafkammer, welche, Sie wissen es ja, hinter dem Stübchen lag und durch eine Tür damit verbunden war. Es mag am siebenten oder achten Tag gewesen sein, daß ich wieder abends mein Glas in der Gaststube des Kaiserhofes trank. Sie wissen, die Gelehrten müssen ja allzeit was Neues aushecken, und damals hatten sie es mit der Vererbung vor – es war just ein solcher Artikel, den ich an diesem Abend im »Korrespondenten« las, und ich muß sagen, obschon es mir Phantastereien schienen, ich vertiefte mich immer mehr darin, konnte nicht davon los. »Dummes Zeug!« rief ich endlich laut, als es mir doch gar zu bunt wurde. »Mein Gott, capitano!« hörte ich eine Stimme mir gegenüber; »Sie lesen ja heute über alle Maßen; was haben Sie denn da?« Als ich aufblickte, saß der alte Doktor Snittger vor mir und nickte mir lachend zu. »Ja freilich, Doktor«, sagte ich, »verrücktes Zeug, was der ›Korrespondent‹ uns heute auftischt!« »Hab's noch nicht gelesen«, sagte der Alte; »sind zu viel Lungenfieber in der Stadt jetzt.« »Auch vererbte?« frug ich. »Wie meinen Sie?« »Lesen Sie es selbst«, sagte ich und reichte ihm das Blatt, »hier steht's: alles ist vererblich jetzt: Gesundheit und Krankheit, Tugend und Laster; und wenn einer der Sohn eines alten Diebes ist und stiehlt nun selber, so soll er dafür nur halb so lange ins Loch als andere ehrliche Spitzbuben, die es aber nicht von Vaters wegen sind!« »Ja, so«, sagte der alte Herr, nachdem er einen Blick in die Zeitung geworfen hatte; »es sollte wohl so sein, aber so ist es bis jetzt noch nicht.« Ich sah ihn an: »Ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?« »Ei freilich, Kapitän; den mitschuldigen Vorfahren müßte gerechterweise doch wenigstens ein Teil der Schuld zugerechnet werden, wenn auch die Strafe an ihnen nicht mehr vollziehbar oder schon vollzogen ist. Wissen Sie nicht, daß selten ein Trinker entsteht, ohne daß die Väter auch dazu gehörten? Diese Neigung ist vor allem erblich.« Ich wollte reden; aber er fuhr fort: »Ja, ja, ich weiß wohl, die Erziehung der Jugend, wenn sie mit ausdauernder Sorgfalt die Reizung dieses entsetzlichen Keimes zu verhindern weiß, kann bei dem einzelnen das Unheil vielleicht niederhalten; ber darin wird nur zu arg gesündigt. Die hübsche Anna in Ihrem Hause, das arme Mädchen, das jetzt mit einem Kinde liegt, sie hatte ja wohl nicht den Fehler ihres unglücklichen Vaters, wie das bei Frauen denn auch seltener ist; aber doch – was meinen Sie, das ihr fehlte vor nun dreiviertel Jahr, in jener Nacht, da Sie mich aus dem besten Schlaf aufklopften? – Ich will es Ihnen sagen, Kapitän – das schöne Mädchen war in jener Nacht sinnlos betrunken! – Wer weiß, ob nicht ihr Unglück . . .« Aber ich hörte schon nicht mehr, was der Doktor sprach, denn in mir redete es mit hundert Stimmen durcheinander; aber eine darunter war die stärkste: »Deine Schuld, deine Schuld!« rief sie stets dazwischen. Und das war Rick Geyers' Stimme, die ich gleich erkannte; und bald sah ich ihn vor mir in seiner schönen Jugendflottheit, die Bänder an seinem blanken Hute flatterten im Winde; bald aber mit dem gedunsenen Gesicht und den schweren Augen, die mich zornig ansahen. Dann wieder sah ich die Anna, das zehnjährige begehrliche Ding, wie sie voll Abscheu den heißen Trunk von sich sprudelte, zu dem ich so unbesonnen sie genötigt hatte; dann wieder, wie sie später mein halbes Glas mir vor der Nase wegschluckte. »Deine Schuld! deine Schuld!« schrie die eine Stimme wieder. Ich sprang von meinem Stuhle auf; »Ja, ja!« rief ich; »aber ich will . . .« Ich besann mich; ich hatte das fast laut geschrien. Zum Glück war eben jetzt nur der verständige Doktor allein mit mir im Saale; seine Hand lag auf meinem Arm: »Was wollen Sie, Kapitän?« frug er ruhig. Ich setzte mich wieder. »Helfen will ich«, sagte ich, »soweit eines ehrlichen Menschen Kraft nur reichen kann!« »Das tun Sie! Ich habe ja den Vater auch gekannt – daß nur nicht zwei solcher Menschenkinder hier zugrunde gehen! Und wenn Sie meiner dazu bedürfen, wir sind ja Nachbarn!« Ich drückte ihm kräftig seine gute Hand: »Good bye, Doktor; ich werd es nicht vergessen.« Dann stand ich auf und ging. Den Kopf voll guter Werke trabte ich über die Straße; ich begann in Gedanken schon an meinem Testament zu arbeiten. Als ich zu Anna in die Stube trat, lag sie mit weit gestreckten Armen und sah starr auf die ineinandergeschlungenen Hände und das leise Bewegen ihrer Finger, als sei der Lebensknoten dort zu lösen; wie es Menschen machen, die ihren Kurs nicht mehr zu steuern wissen. Ich setzte mich zu ihr auf die Bettkante. »Anna«, sagte ich, »du siehst so traurig aus; was machst du denn da?« Sie blickte langsam zu mir auf: »Jetzt?« frug sie, und als ich nickte: »Jetzt denke ich nur.« »Woran denn denkst du?« »An meinen Vater, Ohm.« »Nicht an dein Kind?« »Mein Vater – das ist sanfter. – Ohm, bitte«, sagte sie dann, löste die Hände auseinander und wies nach der Schatulle am Fenster, in deren Klappe ein Schlüssel steckte; »ich habe ja noch die Briefe, ich darf sie auch wohl noch behalten; die oberste Schublade! Wenn du so gut sein willst, so gib sie mir!« Ich reichte ihr die Briefe, und sie packte sie unter ihr Kissen und legte sich dann zur Seite und mit der Wange darauf. »Ohm«, sagte sie, »wie kommt das, ich sehe jetzt wieder ganz deutlich sein Gesicht. – Vielleicht – er war so gut, er hat wohl Mitleid . . .« Sie warf sich unruhig im Bett empor: »Ach Ohm, ich darf nicht denken, nicht eine Spanne weit! Aber heute nacht, da hört ich seine Stimme, so sanft, als wollte sie mich an sich ziehen; du kannst dir das nicht denken! Nur als ich zu ihm wollte, war er fort, und es rauschte über mir, als wenn ich in ein Meer versänke. Und dann hörte ich das Kind weinen, und meine Mutter fing an zu singen.« »Das waren deine Träume, Anna«, sagte ich. »Ja, vielleicht, Ohm; aber« – und sie sprach das fast unhörbar – »ich wär so gern bei meinem Vater!« »Denk lieber an dein Kind«, sagte ich, »und laß Rick Geyers schlafen.« Sie starrte mich geheimnisvoll an: »Das Kind, das ist eine Sünde«, sagte sie, »und darum ist mir auch die Brust für ihn vertrocknet.« »Ei, dummes Zeug! Sieh ihn nur mutig an. Der Junge ist wie jeder andere unsres Herrgotts Kind! Laß ihn erst ein paar Jahr älter werden; ich will dir helfen, Anna; wir wollen was Tüchtiges aus ihm machen, einen flotten Steuermann, einen Kapitän! Und wenn er dann mit seinem Vollschiff von der ersten großen Reise heimkommt, wir beide stehn am Hafen; er schwenkt den Hut – die Ankerkette rasselt – hurra für Kapitän ... – ja, Kind, wie sollen wir ihn denn taufen? Ich denke doch wohl: Rick? Was meinst du zu Rick Geyers?« Ein Seufzer unterbrach mich: »Ja, Ohm, und seine Mutter steht dann da und ist ein altes Mädchen!« »Deine Schuld! deine Schuld!« schrie es wieder in mir, so laut und schaurig wie aus einem Nebelhorn; man hört's und weiß in der grauen Finsternis nicht, woher es kommt. Da fuhr's in meiner Not mir durch den Kopf, ich sagte: »Anna, ich weiß, ich bin nichts als dein alter Ohm, schon über sechzig, und morgen mach ich mein Testament; was ich habe – es ist ein anständig Bürgerteil – kommt dir und deinem Jungen zu; und willst du die paar Jahre noch meine Frau heißen – denn es bleibt trotzdem beim alten, Anna – aber ein altes Mädchen brauchst du nicht zu werden!« Ich weiß nicht, Nachbar, es war vielleicht was ungeschlacht; ich wußte mir nur anders nicht zu helfen; es ist ja nun auch einerlei. Aber Anna hatte sich strack emporgerichtet. »Nein!« schrie sie, »nein, das will ich nicht! Du bist so ehrenhaft und brav! Ach, Ohm«, – und ich sah, wie sie in sich zusammenschauderte – du weißt es doch – die Schande ist so ansteckend!« Sie hatte krampfhaft meine Hand ergriffen und geküßt. »Anna«, sagte ich, »ich kann dich hiezu nicht drängen; aber Schande ist nur unter den Menschen und verweht in einem guten Leben. Denk an dein Kind, und daß ich nichts für mich will!« –»Nein, Ohm, nie – nie!« Ihre Augen bewegten sich zitternd, sie hatte die Arme ausgestreckt und rang die schmalen Hände umeinander. »Aber – das andere, was du sagtest«, begann sie schüchtern wieder, »mein Kind, es wird zu leiden haben um seiner Mutter willen. Hilf ihm, Ohm! Kannst du es wirklich mir versprechen, mein Kind niemals, auch bei deinem Tode nicht zu vergessen?« Die großen Augen waren angstvoll auf mich gerichtet. Da legte ich meine Hand auf ihr armes junges Haupt: »Niemals, Anna«, sagte ich, »sonst vergesse mich unser Herrgott in der letzten Stunde! Schon morgen soll dein Sohn mein Erbe sein.« Wie mit einem Seufzer der Erlösung sank sie zurück in ihre Kissen: »Ich danke dir, mein geliebter Ohm! Und nun geh! Nun möcht ich schlafen!« Ich stand noch eine kurze Weile und blickte auf ihr jetzt so blasses Angesicht, in welchem die Augen schon geschlossen waren. »Gute Nacht, liebe Anna!« sagte ich und küßte ihr die Stirn. Sie schlug noch einmal ihre Augen zu mir auf und bewegte leis das Haupt; dann ging ich. Als ich auf den Hausflur trat, geleitete die Mutter eben einen späten Käufer an die Tür. »Gute Nacht, Frau Geyers!« sagte ich und stieg hinauf nach meiner Stube. Ich hörte die Haustür schließen, dann noch von nah und fern die Glocken aller Türme durcheinanderschlagen; innen und außen wurde es allmählich ruhig, und ich schlief; wie lange, weiß ich nicht. Aber mich weckte etwas; ich mußte erst völlig wach werden, bevor ich's fassen konnte; der erste Dämmerschein fiel eben in die Stube. Endlich glaubte ich es zu wissen: die Kette vor unserer Haustür mußte herabgeglitten sein; aber wie? – Sie wurde jeden Abend über eine hohe Klammer aufgehakt. Ich lag noch und grübelte darüber; sogar an Diebstahl und Einbruch streiften die Gedanken; da drang noch ein zweites Geräusch vom Flur herauf: es klirrte; aber es war ein leiser Klang dabei, als käme er von einer Glocke. Rasch war ich aus dem Bett gestiegen und kleidete mich völlig an; dann nahm ich meinen Revolver aus der Schatulle und stieg leise in den Flur hinab. Es war nichts zu sehen; nichts rührte sich; aber als ich an die Haustür ging, fand ich sie unverschlossen; bei dem Oberlichte, das darüber war, sah ich die Glocke mit einem Tuch bedeckt, und an der einen Seite hing die Kette los herunter. Noch immer war Totenstille; auch das Kind schien zu schlafen. Ich faßte die Ladentür: sie war verschlossen; aber als ich mich dann wandte – die Tür der Wohnstube war nur angelehnt, und ich öffnete sie noch etwas weiter, so daß ich Annas Lager übersehen konnte. Die Nachtlampe knisterte nur noch, aber es drang schon Morgenhelle herein; das Bett war leer, die necke hing halb herausgerissen über die Kante; aus der Kammer nebenan hörte ich das Riekchen schnarchen. Und im selben Augenblick, Herr Nachbar, wußte ich alles, alles! Wie ein Krach war es durch meine alten Knochen hingefahren; barhäuptig, wie ich war, den Revolver in der Hand, lief ich aus dem Hause, aus einer Straße in die andere; mir war, als ob ich fortgetrieben würde; und endlich, da lag die Brücke und das Flet vor mir, wo einst mein armer Rick sein bißchen Leben eingebüßt hatte. Das trübe Wasser zog langsam nach Osten unter der Brücke durch, und der erste Dunst des Morgenrots schillerte wie Blut darauf; die Rückseiten der hohen Speicher standen rechts und links in halbem Schatten; es war ein eiskalter Frühmorgen; nur ein paar Brotträger sah ich an mir vorbeipassieren. Aber dort auf der Brücke stand schon eine Vierländerin, ein blutjunges Ding; sie hatte bei einem ihrer ersten Gänge in die Stadt wohl nichts versäumen wollen. Ich ging näher, ohne daß sie mich bemerkte; denn sie streckte ihr Köpfchen mit dem runden Strohhut weit über das Geländer und sah nur immer in das Wasser; am Arm hing ihr ein Korb, wie ihn solche Mädchen tragen, der von Maililien ganz gefüllt war. »Was macht das Kind?« frug ich mich eben; da langte sie zurück in ihren Korb und warf einen der Sträuße in das Wasser. Betroffen war ich stehngeblieben. »Hier ist es!« sprach etwas in mir; und ich sah noch, wie die kleine Hand ein zweites und ein drittes Mal in den Korb faßte, und jedesmal fiel eine Hand voll Frühlingsblumen in die Tiefe. Ich fuhr mir durch das Haar und steckte den Revolver, den ich gedankenlos noch in der Hand trug, in die Tasche; als ich dann aber zu ihr trat, da sah ich, daß zu den Blumen auch dicke Tränen aus den Kinderaugen fielen. »Erschrick nicht!« sagte ich; »aber wem streust du da denn Blumen?« Als sie mich so plötzlich sah, hub sie dennoch laut zu schreien an: »Hülfe! Hülfe! O, die schöne blasse Frau; sie nickkoppte mir noch so traurig zu!« »Was sagst du?« rief ich, »sprich, Kind! Liegt sie da unten?« Das Mädchen nickte heftig, und die Tränen stürzten ihr reichlicher aus den Augen. Ich lugte von der Brücke nach Osten aus, wohin das Wasser zog. Da, am Backbord eines Ewers, der hinter einem Speicher lag, sah ich etwas schimmern; der erste Morgenstrahl hob es eben aus dem Dunkel; aber das meiste war unter dem Wasser.« Der Kapitän hielt inne und trank den Rest aus seinem Glase, indem er meine Hand faßte. »Wir wollen es kurz machen, Nachbar«, sagte er; »sie war es, ihr Nachtkleid hatte sich dort verfangen und den Körper aufgehalten, damit er bald zur Ruhe komme. Es waren jetzt auch Leute herzugelaufen; wir haben sie in ein Haus getragen, einen Doktor geholt und alle Versuche angestellt, aber die junge Seele war zum armen Rick gegangen, und ich will hoffen, daß ihnen beiden Gott verziehen hat.« Er schwieg eine Weile; dann begann er wieder: »Als ich über die Brücke zurückging, stand die Kleine noch immer dort; nur daß sie aus ihrem runden Gesichtlein jetzt nach der Seite auf das Flet sah, wo wir vorhin unser liebes Kind herausgehoben hatten, wo aber jetzt nur noch der träge Zug des Wassers floß. Sie ließ sich ruhig bei der Hand fassen, als ich ihr sagte: ›Komm mit mir; ich will dir alle deine Blumen abkaufen; die sollen mit der toten Frau in ihren Sarg!‹ So gingen wir, und als wir in unser Haus kamen, wo alles noch zu schlafen schien, nahm ich sie mit in meine Stube und gab ihr zu essen und zu trinken; eine Rauchwurst und ein Stückchen Brot waren noch im Schrank und auch ein Schlückchen süßen Weines; denn mir war, ich müsse zuerst das verklommene Kind erquicken. Dann stieg ich hinab und ging in die Wohnstube, wo alles noch lag, wie ich es vorher verlassen hatte; aber durch die offene Kammertür sah ich das Riekchen jetzt in ihrem Bette sitzen, aufrecht und geschäftig: sie wickelte das Kind und sang dazu ihr »Eiapopeia«. »Das ist recht, Frau Geyers«, sagte ich; »aber Ihr könnt jetzt alle Eure Tugend brauchen!« Sie fuhr ein wenig zusammen, denn sie hatte meinen Eintritt nicht bemerkt. »Ja, Ohm Riew'«, sagte sie, »wenn wir unsere Sündenschuld abziehen, so müssen wir mit dem Rest schon fertig werden.« Und das Weib, by Jove, Herr Nachbar, sah mich an wie ein Engel der Geduld; und mit der Trauer in meinem Herzen, die ich noch auf sie abladen sollte, ich hätt ihr alles abbitten mögen, was ich sonst über sie geredet und gelacht hatte. Als ich meine Todesbotschaft ihr verkündete, legte sie das Kind mit zitternden Händen in die Wiege, die vor ihrem Bette stand. »Gott steh mir armem schwachen Menschen bei!« Das War alles, was sie sagte; und als sie Anstalt machte, aus dem Bett aufzustehen, ließ ich sie allein und ging auf mein Zimmer, wo ich die Vierländerin schier vergessen hatte. Da stand sie mit ihrem leeren Korbe und ihrem Rundhut mitten auf der Diele; die Maililien aber hatte sie alle in meine große Waschschale geordnet und auf den Tisch gestellt. »Bist du schon fertig?« frug ich. »Ja, Herr; und ich dank auch.« Und als ich ihr zwei Taler auf die Hand legte, lachte das ganze runde Gesichtlein. »Wie heißt du?« frug ich noch; denn mir war, als dürfte ich das Kind nicht lassen, als trüge sie das letzte Lebewohl von Anna mit sich fort. »Trienke!« sagte sie fröhlich. »Und wo hast du denn deinen Stand?« »Am Jungfernstieg; Neuen Walls Ecke.« Und damit nickte sie und ging; aus dem Fenster sah ich noch, wie mutig sie in das Leben hinauslief. Ich habe später noch manchen Strauß von ihr gekauft, und Trienke suchte immer das Schönste für mich aus, rote Nelken und Rosen, da es Sommer wurde, im Herbste weiße und violette Astern; sie wußte wohl, für welches Grab ich mir die Blumen kaufte. – – Schon am anderen Tage aber lag unsere schöne Anna weiß und kalt in ihrem Sarge, da, wo sie gestern noch im warmen Bett geschlafen hatte, und um sie war alle Sorge aus. Die Mutter hatte das feuchte und verwirrte Haarwerk ihr getrocknet, und die langen dunklen Flechten lagen auf den feinen Linnen, worin wir sie gehüllt hatten; schon als sie noch Kind war, konnte die Wäsche ihr immer nicht fein und sauber genug sein; das Beste aus dem Laden hatten wir ihr gegeben. So lag sie denn noch einmal in full dress, Maiglöckchen um ihr schönes stilles Angesicht und in ihren blassen Händen. In der Nacht habe ich die Wache bei ihr gehalten; ich hatte ihre Hand gefaßt, bis mir die Todeskälte in den Arm hinaufstieg, aber sie drückte meine Hand nicht mehr; die geschlossenen Augen, auf die ich lange Stunden sah, sie hatten sich rasch am Leben satt getrunken.« Der Kapitän schwieg, langte nach seinem halbvollen Glase und trank es in einem Zuge aus. »Es ist kalt geworden, Nachbar«, sagte er, »und meine Geschichte ist aus. Wir wollen noch eins brauen und von anderen Dingen reden!« »Aber Ihr wolltet mir noch sagen –« »Was denn? – Nun ja, seit jener Nacht trinke ich mein Glas nur noch, wie wir es heute abend tun; und – ja, mein alter Ohm, zu dem ich damals mit der Anna wollte, der starb, ich war sein Erbe, und da die Anna nicht mehr zu haben war, so zog ich, nachdem wir die Hamburger Baracke verkauft hatten, mit ihrem Jungen und der Alten hier hinaus, baute aber für das alte Haus, das nicht mehr stehen konnte, erst ein neues. Die Großmutter, Sie wissen es, die haben wir neulich hier zur Ruh gebracht; was aber aus dem jungen Rick Geyers noch werden soll – –« »Nun, Kapitän, das beraten wir noch mitsammen! Euer Testament ist hoffentlich in Ordnung?« »Mit allen Klammern der Gesetze.« Ich nickte. »Aber es ist spät; wir wollen heute nicht mehr trinken! Gute Nacht, Kapitän; das müßte doch mit allen Teufeln zugehen, wenn zwei Kerle wie wir nicht einen solchen Bengel nach unserm Kompaß steuern könnten!« Ein dankbarer Händedruck des Alten; dann war ich auf dem Heimweg.   Seit dem hier Erzählten sind fast zehn Jahre vergangen, und es ist wieder einmal Herbst; aber erst im Anfang des September, und die Laubhölzer lassen nur noch hie und da ein gelbes Blatt zur Erde fallen. Mein alter Kapitän Riewe ist noch ein munterer Greis, noch jetzt ein musterhafter Gärtner: in seinem Obstviertel stehen fast lauter junge Bäume; manches Pfropfreis haben wir getauscht und mancher trefflichen, fast vergessenen Art aus alten Gärten in den unseren zu neuem Glanz verholfen; Périnette und Grand Richard, Beurré blanc und Winterbergamotte stehen in unseren Gärten jetzt, und schon seit Jahren, mit Frucht beladen ; aber bei dem Alten glänzen Stamm und Zweige wie die Rinde einer Silberweide: bei ihm muß alles sauber sein wie auf einem Schiffsdeck. Er lebt allein mit einer freundlichen und verständigen Haushälterin; aber an Sommernachmittagen, zumal des Sonntags, kommt er gern zur Kaffeestunde auf unsere Terrasse, und es stört ihn auch nicht, wenn der Südost dort einmal durch seine weißen Haare fährt. »Ich danke, Madame, den haben wir einstmals anders kennen lernen«, sagt er mit seiner gütigen Höflichkeit, wenn meine Frau eine Besorgnis um ihn kundgibt. – Nach dem Kaffee spazieren wir in unserem Garten und besehen die Fruchtbäume oder reden über unsere Nelken und Levkojen; denn darin sucht der eine dem anderen es zuvorzutun, und die Sache ist nicht ohne Eifersucht. Wenn die Dämmerung anbricht, begleite ich ihn nach Hause, und dann reden wir von Rick – nur von Rick; denn von diesem ist das Herz ihm doch am vollsten; aber es ist auch eine Freude, über Rick zu sprechen. Abends ist der Kapitän zu Hause und allein, außer wenn ich einmal ein Stündchen bei ihm sitze, wo mir mein Glas Madeira-Grog niemals entgeht. Sonst liest er dann seine Zeitung, den »Hamburger Korrespondenten«; am aufmerksamsten und mit seinem Herzen die Schiffsnachrichten; denn er segelt mit jedem Schiffe, und auf einem von den allen fährt sein Rick. Wir hatten Glück mit dem Jungen damals, der Alte und ich: der tüchtige Sohn unseres Küsters hatte eben sein Examen auf dem Seminar bestanden, da fingen wir ihn ein, und für zwei Jahre wurde er der Lehrer Ricks. Es traf sich, daß bei beiden die angeborene Befähigung, man könnte sagen, eine wissenschaftliche Leidenschaft für die Mathematik vorhanden war. Das verband die beiderseits noch so jugendlichen Herzen, und auch in anderem mochte nun der lernfähige Schüler nicht zurückstehen. In freien Stunden streiften sie botanisierend durch Wald und Feld oder übten an den Stangen und Turnricken, die der Kapitän hinter seinem Hause aufschlagen ließ, die Gewandtheit ihrer Glieder; so wurden sie auch Freunde, und wenn jetzt Rick nach Hause kommt, der in unserem Dorfe angestellte junge Lehrer Fritz Oye ist seine erste Frage. Zwei Jahre war er noch auswärts auf einer Schule gewesen; dann ließ der Alte ihn konfirmieren und brachte ihn nach Hamburg auf ein gutes Schiff. Vor zehn Monaten wurde er Steuermann auf der »Alten Liebe«, die noch immer für die Lübecker Firma in See geht. Freilich, der alte Reeder meines Freundes ist nicht mehr; ein junger Vetter desselben ist jetzt Herr des Geschäftes und des alten Hauses. Nur eines habe ich noch zu sagen: eben, vor einer Stunde nur, öffnete sich meine Stubentür, und unser Freund, der Kapitän John Riew', trat zitternd und bleich zu mir herein; er legte seinen Hut auf einen Stuhl und wischte sich den Schweiß aus seinen weißen Haaren. »Was ist, Kapitän?« rief ich erschrocken. »Ihr seht ja ganz verteufelt aus!« Aber er ergriff meine beiden Hände und schüttelte den Kopf: »Vor Freude, Nachbar, nur vor Freude! God bless you, Sir! Der Junge ist Kapitän!« »Alle Wetter!« rief ich, »das geht ja wie der Wind!« »Ja, ja; hier steht's!« und er riß ein Telegramm aus der Tasche und hielt es mir triumphierend vor die Augen. »Sein Vorgänger starb drüben in Rio Janeiro am gelben Fieber, und nun ist er's und soll's auch bleiben – Kapitän der ›Alten Liebe‹! By Jove! Der junge Lübecker weiß sich seine Leute auszusuchen! – Aber – warum ich komme, Nachbar! – Sie fahren doch mit mir übermorgen?« »Wohin? Doch nicht nach Rio, Kapitän?« »Nein, nein!« sagte der Alte lächelnd, »nur nach Hamburg; denn da ankert dort im Hafen die ›Alte Liebe‹ unter dem Kapitän Rick Geyers! – O Anna, mein liebes Kind, du hast das nicht erleben wollen!« Erwischte sich die Augen mit seinem großen blauen Schnupftuch. »Aber heute abend, Nachbar«, setzte er, sich ermutigend, hinzu, »trinken wir beide in meiner Koje ein Steifes miteinander und – God dam! – von meinem alten Jamaika!« »Topp«, rief ich, »Kapitän, ich trinke und ich fahre mit Ihnen. Hurra für unseren Jungen!« – – Er ging; und ich habe nichts Weiteres zu erzählen; es ist jetzt alles gut, denn wir haben die Hoffnung, freilich auch nur diese, wenn wir des alten Ricks gedenken und die Knabenstreiche des jungen nicht auf Abschlag nehmen; aber die Hoffnung ist die Helferin zum Leben und meist das Beste, was es mit sich führt. Ein Doppelgänger Vor einigen Jahren im Hochsommer war es, und alle Tage echtes Sonnenwetter; ich hatte mich in Jena, wie einst Dr. Martinus, in der alten Gastwirtschaft zum Bären einquartiert, hatte mit dem Wirt schon mehr als einmal über Land und Leute geredet und mich mit Namen, Stand und Wohnort, welcher derzeit zugleich mein Geburtsort war, in das Fremdenbuch eingeschrieben. Am Tage nach meiner Ankunft war ich nach Besteigung des Fuchsturms und nach manchem anderen Auf- und Absteigen spätnachmittags in das geräumige, aber leere Gastzimmer zurückgekehrt und hatte mich sommermüde vor einer Flasche Ingelheimer hinter dem kühlen Ofen in einen tiefen Lehnstuhl gesetzt; eine Uhr pickte, die Fliegen summten am Fensterglas, und mir wurde die Gnade, davon in den Schlaf gewiegt zu werden, und zwar recht tief. Das erste, was vom Außenleben wieder an mich herankam, war eine sonore milde Männerstimme, welche, wie zum Abschied, gute Lehren gebend, zu einem anderen zu reden schien. Ich öffnete ein wenig die Augen: am Tische, unfern von meinem Lehnstuhl, saß ein ältlicher Herr, den ich nach seiner Kleidung als einen Oberförster zu erkennen meinte; ihm gegenüber ein noch junger Mann, gleichfalls im grünen Rock, zu dem er redete; ein rötlicher Abendschein lag schon auf den Wänden. »Und dessen gedenke auch noch«, hörte ich den Alten sagen, »du bist ein Stück von einem Träumer, Fritz; du hast sogar schon einmal ein Gedicht gemacht; laß dir so was bei dem Alten nimmer beikommen! Und nun geh und grüß deinen neuen Herrn von mir; zur Herbstjagd werd ich mich nach dir erkundigen!« Als dann der Junge sich entfernt hatte, rüttelte ich mich völlig auf; der Alte stand am Fenster und drückte die Stirn gegen eine Scheibe, wie um dem Fortgehenden noch einmal nachzuschauen. Ich trank den Rest meines Ingelheimers, und als der Oberförster sich in das Zimmer zurückwandte, begrüßten wir uns wie nach abgetanen Werken, und bald, da niemand außer uns im Zimmer war, saßen wir plaudernd nebeneinander. Es war ein stattlicher Mann von etwa fünfzig Jahren, mit kurzgeschorenem, schon ergrautem Haupthaar; über dem Vollbart schauten ein Paar freundliche Augen, und ein leichter Humor, der bald in seinen Worten spielte, zeugte von der Behaglichkeit seines inneren Menschen. Er hatte eine kurze Jagdpfeife angebrannt und erzählte mir von dem jungen Burschen, welchen er einige Jahre in seinem Hause gehabt und nun zur weiteren Ausbildung an einen älteren Freund und Amtsbruder empfohlen habe. Als ich ihn, seiner Vorhaltung an den Jungen gedenkend, frug, was für Leides ihm die Poeten denn getan hätten, schüttelte er lachend den Kopf. »Gar keines, lieber Herr«, sagte er, »im Gegenteil! Ich bin ein Landpastorensohn, und mein Vater war selber so ein Stück von einem Poeten; wenigstens wird ein Kirchenlied von ihm, das er einmal als fliegendes Blatt hatte drucken lassen, noch heutigen Tages nach ›Befiehl du deine Wege‹ in meinem Heimatdorf gesungen; und ich selber – als junger Gelbschnabel wußte ich sogar den halben Uhland auswendig, zumal in jenem Sommer –« er strich sich plötzlich mit der Hand über sein leicht errötend Antlitz und sagte dann, wie im stillen seine vorgehabte Rede ändernd: »wo am Waldesrand das Geißblatt wie zuvor in keinem anderen Jahre duftete! Aber ein Rehbock, ein andermal – und das war schwer verzeihlich – die seltene Jagdbeute, eine Trappe, sind mir darüber aus dem Schuß gekommen! – Nun, mit dem Jungen ist es nicht so schlimm; nur der Alte drüben wird schon fuchswild, wenn wir gelegentlich einmal anstimmen: ›Es lebe, was auf Erden stolziert in grüner Tracht‹; Sie kennen wohl das schöne Lied?« Ich kannte zwar das Lied – hatte nicht auch Freiligrath seinen patriotischen Zorn an dem harmlosen Dinge ausgelassen? – Aber mir lag die plötzliche Erregung des alten Herrn im Sinne: »Hat das Geißblatt auch in späteren Jahren wieder so geduftet?« frug ich leise. Ich fühlte meine Hand ergriffen und einen Druck, daß ich einen Schrei ersticken mußte. »Das war ja nicht von dieser Welt«, raunte der Mann mir zu, »der Duft ist unvergänglich – – solang sie lebt!« setzte er zögernd hinzu und schenkte sich sein Glas voll hellen Weines und trank es in einem Zuge leer. Wir hatten noch eine Weile weitergeplaudert, und manche anziehende Mitteilung aus seinem Forst- und Jagdleben hatte ich von ihm gehört, manches Wort, das auf einen ruhigen Lebensernst in diesem Manne schließen ließ. Es war fast völlig dunkel geworden; die Stube füllte sich mit anderen Gästen, und die Lichter wurden angezündet; da stand der Oberförster auf. »Ich säße noch gern ein Weilchen«, sagte er, »aber meine Frau würde nach mir aussehen; wir beide bilden jetzt allein die Familie, denn unser Sohn ist auf dem Forstinstitut zu Ruhla.« Er steckte seine Pfeife in die Tasche, rief einem braunen Hühnerhund, der, mir unbemerkt, in einem Winkel gelegen hatte, und reichte mir die Hand. »Wann denken Sie wieder fort von hier?« frug er. »Ich dachte morgen!« Er sah ein paar Augenblicke vor sich hin. »Meinen Sie nicht«, frug er dann, ohne mich anzublicken, »wir könnten unsere neue Bekanntschaft noch ein wenig älter werden lassen?« Seine Worte trafen meine eigene Empfindung; denn auf meiner nun zweiwöchentlichen Reise hatte ich heute zum erstenmal ein herzlich Wort mit einem Begegnenden gewechselt; aber ich antwortete nicht gleich; ich sann nach, wohin er zielen möge. Und schon fuhr er fort: »Lassen Sie mich es offen gestehen: zu dem Eindruck Ihrer Persönlichkeit kommt noch ein anderes dazu: es ist Ihre Stimme, oder richtiger die Art Ihres Sprechens, was diesen Wunsch in mir erregt; mir ist, als gehe es mich ganz nahe an, und doch . . .« Statt des verständigenden Wortes aber ergriff er plötzlich meine beiden Hände. »Tun Sie es mir zulieb«, sagte er dabei, »meine Försterei liegt nur so reichlich eine Stunde von hier, zwischen Eichen und Tannen – darf ich Sie bei meiner lieben Alten als unseren Gast auf ein paar Tage anmelden?« Der alte Herr sah mich so treuherzig an, daß ich gern und schon auf morgen zusagte. Er schüttelte mir lachend die Hände: »Abgemacht! Prächtig! Prächtig!« pfiff seinem Hunde und, nachdem er noch einmal seine Kappe mit der Falkenfeder gegen mich geschwenkt hatte, bestieg er seinen Rappen und ritt in freudigem Galopp davon. Als er fort war, trat der Wirt zu mir: »Ein braver Herr, der Herr Oberförster; dacht schon, Sie würden Bekanntschaft machen!« »Und warum dachten Sie das?« frug ich entgegen. Der Wirt lachte. »Ei, da wissen's der Herr wohl selber noch gar nicht?« »So sagen Sie es mir! Was soll ich wissen?« »Ei, Sie und die Frau Oberförster sind doch gar Stadtkinder miteinander!« »Ich und die Frau Oberförster? Davon weiß ich nichts; Sie sagen es mir zuerst; ich hab dem Herrn auch meine Heimat nicht genannt.« »Nun«, sagte der Wirt, »da ging's freilich nicht; denn's Fremdenbuch hat er nicht gelesen; das ist gerad' keine Zeitung!« Ich aber dachte: Das war es also! Liegt der Heimatklang so tief und darum auch so unverwüstlich? Aber ich kannte daheim alle jungen Mädchen unseres Schlages innerhalb der letzten dreißig Jahre: ich wußte keine, die so weit gen Süden geheiratet hätte. »Sie irren sich vielleicht«, sagte ich zu dem Wirt, »wie ist denn der Jungfernname der Frau Oberförster?« »Kann nicht damit dienen, Herr«, entgegnete er, »aber mir ist's noch just wie heute, als die seligen Eltern des Herrn Oberförsters, die alten Pfarrersleute, mit dem derzeit kaum achtjährigen Dirnlein hier vorgefahren kamen.« – – Ich wollte nicht weiter fragen und ließ es für itzt dabei bewenden; nur den Weg zur Oberförsterei ließ ich mir noch einmal, wie zuvor schon von dem Besitzer derselben, eingehend berichten. Und schon in der Frühe des anderen Morgens, als noch die Tautropfen auf den Blättern lagen und die ersten Vogelstimmen am Wege aus den Büschen riefen, befand ich mich auf der Wanderung. Nachdem ich etwa eine Stunde, zuletzt an einem Eichwald entlang, gegangen war, bog ich gemäß der empfangenen Weisung in einen breiten Fahrweg ein, der zur Linken unter die schattigen Wipfel durchführte. Bald mußte ich den Weg sich öffnen und das Heimwesen meines neuen Freundes vor mir liegen sehen! Dann, kaum eine Viertelstunde weiter, kam aus der großen Waldesstille ein Geräusch wie von wirtschaftlichem Leben mir entgegen; die Schatten um mich hörten auf, und ein blinkender Teich und jenseit desselben ein altes, stattliches Gebäu mit mächtigem Hirschgeweih über dem offenen, auf einer Treppenplatte befindlichen Tore lagen in der lichten Morgensonne vor mir; ein wütendes Gebell von wenigstens einem halben Dutzend großer und kleiner Jagdhunde erhob sich und verstummte plötzlich auf einen gellenden Pfiff. »Grüß Gott und tausendmal willkommen!« rief statt dessen die mir schon bekannte Männerstimme; und da kam er selbst aus dem Hause, die Stiege herab und um den kleinen Teich herum; aber nicht allein: eine zarte Frau, fast mädchenhaft, ging an seinem Arm: doch sah ich im Näherkommen wohl, daß sie den Vierzig nahe sein müsse. Sie begrüßte mich, indem sie fast nur die Worte ihres Mannes wiederholte; aber ein Zug von Güte um den halbgeöffneten Mund, der noch ein Weilchen in dem stillen Angesicht verblieb, ließ keinen Zweifel an ihrer Echtheit aufkommen. Während wir dann miteinander dem Hause zugingen, fiel es mir auf, wie sie mitunter ihren Arm auf seinem ruhen ließ, als wollte sie ihm sagen: »Du trägst mein Leben, und du trägst es gern; dein Glück und meines sind dasselbe!« Als wir dann drinnen in dem bürgerlich schlichten Zimmer beim Morgenkaffee saßen, den man für mich aufgeschoben hatte, legte der Oberförster sich behaglich in seinen Lehnsessel zurück. »Christinchen«, sagte er, mich und seine Frau mit einem schelmischen Blicke streifend, »ich habe dir einen lieben Gast gebracht, von dem ich gleichwohl weder Namen noch Stand weiß; er mag uns beides sagen, wenn er uns verläßt, damit wir ihn doch wiederfinden können: es ist so tröstlich, auch einmal mit einem Menschen und nicht eben mit einem Herrn Geheimen Oberregierungsrat oder einem Leutnant zu verkehren.« »Nun«, sagte ich lachend, »Qualitäten habe ich nicht zu verhehlen;« als ich dann aber mit dem Hinzufügen, daß ich ein schlichter Advokat sei, meinen Namen nannte, wandte sich die Frau wie überrascht mir zu, und ich fühlte, wie ihre Augen flüchtig auf meinem Antlitz weilten. »Was hast du, Frau«, rief der Oberförster; »mir ist der Advokat schon recht!« »Mir auch«, sagte sie und reichte mir eine Tasse Kaffee, dessen Duft mich mit allem einverstanden sein ließ. Sie war noch einmal aufgestanden, kehrte aber, nachdem sie eine Handvoll Brosamen aus dem offenen Fenster geworfen hatte, auf ihren Platz zurück. Draußen stürzte sich, einem Platzregen gleich, eine Flucht von Tauben von dem Dache auf den Boden herab; aus den Linden vor dem Hause kamen die Sperlinge dazu, und ein lustiger Tumult erhob sich. »Die haben's gut!« sagte lachend der Oberförster, mit dem Kopfe nach dem Fenster winkend; »seit unser Paul in Ruhla ist! Sie kann es nicht lassen, den allzeit Hungerigen Brosamen auszustreuen; sei es nun der Bub, oder seien es nur unseres Herrgotts Krippenfresser!« Aber die Frau setzte ruhig ihre Tasse von dem Munde: »Der Bub allein? Ich dächte, der Vater wär auch wohl dabei!« »Komm, Alte«, rief der Oberförster; »ich merke doch, du bist mir zu gescheit; wir wollen Frieden machen!« Wir plauderten weiter; und wenn das liebe Frauenantlitz sich zu mir wandte, konnte ich es mir nicht versagen, nach bekannten Zügen darin zu suchen; allein obgleich ein paarmal, wie im Fluge, als wolle es mir helfen, das frühere Kinderangesicht mich daraus anzublicken schien, ich mußte mir dennoch sagen: Die kennst du nicht; du hast sie nie gesehen. Ich lauschte dann auch ihrer Sprache, aber weder die uns heimische Verwechslung verwandter Vokale, noch die von solchen Konsonanten kam zum Vorschein; nur ein paarmal meinte ich das scharfe S vor einem anderen Konsonanten zu vernehmen, dessen ich selbst freilich mich längst entwöhnt glaubte. Am Vormittag ging ich mit dem Oberförster in den umliegenden Wald; er wies mir seine Hauptschläge, die mit uralten und mit kaum fingerhohen Eichen, und entwickelte mir eindringlich sein System der Waldkultur; wir sahen einen Hirsch mit sechzehn Enden und ein paar Rehe; aus einem schlammigen Sumpfe schielte sogar der schwarzbraune Borstenkopf eines Keilers aus seinen enggeschlitzten Augen nach uns hinüber. Wir gingen ohne Hunde; »nur ruhig weiter!« mahnte mein Geleitsmann; »und wir kommen ungefährdet wieder nach Hause.« Nach dem Mittagessen führte mein Wirt mich eine Treppe hoch nach hinten zu in das mir angewiesene Zimmer. »Sie wollten noch Briefe schreiben«, sagte er; »hier finden Sie alles, was dazu nötig ist! Unser Junge hat hier vordem gewohnt; aber es ist kühl und still!« Er zog mich an eines der offenstehenden Fenster: »Hier unten sehen Sie ein Stück von unserem Garten, dahinter zieht sich der Teich herum; dann dort die grüne Wiese und dann der hohe dunkle Wald – der schützt Sie vor allem Weltgeräusch! – Nun ruhen Sie vorerst sanft nach Ihren Wanderstrapazen!« sagte er und drückte mir die Hand. Er ging, und ich tat nach seinen Worten; und die Stimmen der Grasmücken aus dem Garten und des Pirols und der Falken aus dem nahen Walde und über seinen Wipfeln aus der blauen Luft kamen wie aus immer größerer Ferne durch die offenen Fenster; dann hörte alles auf. Ich erwachte endlich; ich hatte lang geschlafen; der Weiser meiner Taschenuhr zeigte schon nach fünf; gleichwohl mußte der Brief geschrieben werden, denn ein Knecht sollte ihn um sechs Uhr mit zur Stadt nehmen. So kam ich erst spät wieder in das Haus hinab. Die Frau fand ich vor demselben im Lindenschatten auf der Bank mit einer Flickarbeit beschäftigt. »Das ist für unseren Paul«, sagte sie wie entschuldigend und schob die Sachen an die Seite; »er schleißt, er ist noch jung und wild; aber noch mehr gut als wild! – Und Sie haben fest geschlafen: die Sonne will schon zur Neige gehen!« Ich frug nach ihrem Mann. »Er hat eine Weile geschäftshalber fortmüssen; aber er läßt Sie grüßen; wir sollten nähere Bekanntschaft machen – so hat er mir gesagt – und dort die Schneise durch die Tannen hinaufspazieren; nach der anderen Seite, als wo Sie heute vormittag mit ihm hinaus waren; er würd uns dort bald finden!« Wir plauderten aber noch eine Weile, nachdem sie auf meine Bitte ihre mütterliche Arbeit wieder aufgenommen hatte; dann, da er nicht kam, erhob sie sich. »Es wird wohl Zeit!« sagte sie, und ein flüchtig Rot ging über ihr Antlitz. So wanderten wir denn nebeneinander auf dem Wege zwischen den hohen Tannen, dessen eine Seite noch von der Sonne angeschienen war. Unser Gespräch schien ganz erloschen; nur hin und wieder prüfte ich mit einem Blicke ihr Profil; aber es machte mich nicht klüger. »Gestatten Sie, verehrte Frau«, sprach ich endlich, »daß ich die Waldstille unterbreche; es drängt mich, Ihnen eins zu sagen und Ihnen eine Frage vorzulegen; Sie wissen wohl, daß man in der Fremde doch immer heimlich nach der Heimat sucht!« Sie nickte. »Sprechen Sie nur!« sagte sie. »Ich glaubte nicht zu irren«, begann ich, »Sie schienen überrascht, als ich heute morgen meinen Namen nannte. Hatten Sie ihn früher schon gehört? Mein Vater war, wenigstens im Lande, ein bekannter Mann.« Sie nickte wieder ein paarmal: »Ja, ich erinnere mich Ihres Namens aus meiner Kinderzeit.« Als ich dann aber meine Vaterstadt ihr nannte, wurden ihre Augen plötzlich starr und blieben unbeweglich auf den meinen ruhen; nur ein paar vorquellende Tränen verdunkelten jetzt beide. Ich erschrak fast. »Es war nicht mein Gedanke, Ihnen weh zu tun«, sagte ich; »aber der Wirt zum Bären, der meine Heimat aus dem Fremdenbuch erfahren hatte, behauptete, wir beide seien Stadtkinder miteinander!« Sie tat einen tiefen Atemzug. »Wenn Sie daher stammen«, sagte sie, »so sind wir es.« »Und doch«, fuhr ich etwas zögernd fort, »ich glaube alle damaligen Familien unserer Stadt zu kennen und wüßte nicht, in welche ich Sie hineinbringen sollte.« »Die meine werden Sie nicht gekannt haben«, erwiderte die Frau. »Das wäre seltsam! Wann haben Sie denn die Stadt verlassen?« »Das mag fast dreißig Jahre her sein.« »O, damals war ich noch in unserer Heimat, bevor wir, so viele, in die Fremde mußten.« Sie schüttelte den Kopf. »Die Ursache liegt woanders: meine Wiege« – sie zögerte ein wenig und sagte dann: »Ich hatte wohl nicht einmal eine; aber die Kate, in der ich geboren wurde, war nur die Mietwohnung eines armen Arbeiters, und ich war seine Tochter.« Sie blickte mir ihren klaren Augen zu mir auf. » Mein Vater hieß John Hansen«, sagte sie. Ich suchte mich zurechtzufinden; aber es gelang mir nicht; der Name Hansen war bei uns wie Sand am Meer. »Ich kannte manchen Arbeiter«, erwiderte ich; »unter dem Dache des einen war ich als Knabe sogar ein wöchentlicher Gast, und für manches, was ich noch zu meinem Besten rechne, fühle ich mich ihm und seiner braven Frau verpflichtet. Aber Sie mögen recht haben, der Name Ihres Vaters ist mir unbekannt.« Sie schien aufmerksam zuzuhören, und mir war es, als würden ihre kindlichen Augen wieder feucht. »Sie hätten ihn kennen müssen«, rief sie, »Sie würden die, welche die kleinen Leute genannt werden, noch tiefer in Ihr Herz geschlossen haben! Als meine Mutter, da ich kaum drei Jahre alt war, starb, da hatte ich nur ihn; aber schon in meinem achten Jahre ist er plötzlich mir entrissen worden.« Wir gingen eine Zeitlang, ohne ein Wort zu wechseln, und ließen die Spitzen der Tannenzweige, die in den Weg hingen, durch unsere Finger gleiten; dann hob sie den Kopf, als ob sie sprechen wolle, und sagte zögernd: »Ich möchte nun auch Ihnen, meinem Landsmann, etwas Weiteres vertrauen; es ist seltsam, aber es kommt mir immer wieder: mir ist oftmals, als hätt ich vorher, bei Lebzeiten meiner Mutter, einen anderen Vater gehabt – den ich fürchtete, vor dem ich mich verkroch, der mich anschrie und mich und meine Mutter schlug – und das ist doch unmöglich! Ich habe selbst das Kirchenbuch auf, schlagen lassen; meine Mutter hat nur diesen einen Mann gehabt. Wir haben zusammen Not gelitten, gefroren und gehungert; aber an Liebe war niemals Mangel. Eines Winterabends entsinne ich mich noch deutlich; es war an einem Sonntag, und ich mochte etwa sechs Jahre alt sein. Wir hatten leidlich zu Mittag gegessen; doch zum Abend wollte es nicht mehr reichen; mich hungerte noch recht, und der Ofen war fast kalt geworden. Da sah mein Vater mich mit seinen schönen dunklen Augen an, und ich streckte meine Ärmchen ihm entgegen; und bald lag ich, in ein altes Tuch gewickelt, an der warmen Brust des mächtigen Mannes. Wir gingen durch die dunklen Straßen, immer in eine neue; aber über uns waren alle Sterne angezündet, und meine Augen gingen von dem einen zu dem anderen. ›Wer wohnt da oben?‹ frug ich endlich, und mein Vater antwortete: ›Der liebe Gott, der wird dich nicht vergessen!‹ Ich sah wieder in die Sterne, und alle blinkten so still und freundlich auf mich nieder. ›Vater‹, sagte ich, ›bitte ihn doch noch um ein kleines Stückchen Brot für heute abend!‹ Ich fühlte einen warmen Tropfen auf mein Angesicht fallen; ich meinte, er käme von dem lieben Gott. – Ich weiß, mich hungerte nachher noch in meinem Bettchen; aber ich schlief doch ruhig ein.« Sie schwieg einen Augenblick, während wir langsam auf dem Waldweg weiterschritten. »Aus der Zeit aber, wo ich mit meiner Mutter lebte«, sagte sie dann noch, »vermag ich keine feste Erinnerung an meinen Vater zu gewinnen; ich muß mich mit dem wüsten Schreckbild begnügen, das mein Verstand vergebens zu fassen sucht. Sie kniete plötzlich nieder, um eine Handvoll jener kleinen rötlichen Immortellen zu pflücken, die sich gern auf magerem Sandboden ansiedeln; da wir dann weitergingen, begannen ihre Finger einen Kranz daraus zu flechten. Ich war noch mit ihren letzten Worten beschäftigt; mir ging im Kopf ein wüster junger Kerl herum; er war bekannt genug gewesen; aber sein Name war ein anderer. »Auch Kinder«, sagte ich endlich, während meine Augen ihren geschickten Händen folgten, »mag wohl einmal der Gedanke an den unsichtbar umhergeistenden Tod wie ein Schauder überfallen, daß sie voll Angst die Arme um ihr Liebstes klammern; dazu – Sie kannten gewiß schon von den Vätern, mit denen die Kommunen die Kinder der Armen zu beschenken pflegen – was Wunder, daß Ihre Phantasie das Schreckbild in jene von Erinnerung leere Zeit hinabschob!« Aber die edle Frau schüttelte lächelnd ihren Kopf. »Schön ausgerechnet«, sagte sie; »aber ich habe niemals an solchen Gespensterphantasien gelitten; und die Menschen, die mich dann nach meines lieben Vaters Tod zu sich nahmen – bessere konnte kein Kind sich wünschen: es waren die Eltern meines Mannes, die auf einer Badereise ein paar Tage in unserer Vaterstadt verweilen mußten.« In diesem Augenblicke glaubte ich in dem Staubwege Schritte hinter uns zu hören, und als ich umblickte, sah ich den Oberförster schon in der Nähe. »Sehen Sie wohl«, rief er mir zu, »da habe ich Sie schon! Und du, Christine«, – und er ergriff die Hand seiner Frau und neigte den Kopf, um ihr in die Augen zu blicken – »du schaust ja so nachdenklich; was ist denn?« Sie lehnte sich lächelnd an seine Schulter: »Ja, Franz Adolf, wir sprachen von unserer Vaterstadt – denn es hat sich herausgestellt, daß wir dieselbe haben – aber wir haben uns dort nicht finden können.« »So ist es um so schöner«, erwiderte er und reichte mir die Hand, »daß wir ihn heute bei uns haben; das Damals wäre ja doch schon längst vorüber!« Sie nickte nachdenklich und schob ihren Arm in seinen. So gingen wir ein paar hundert Schritte weiter bis an einen Waldteich, an dessen Ufern die gelben Iris in für mich nie gesehener Fülle blühten. »Da ist deine Lieblingsblume!« rief der Förster; »aber du würdest dir die Schuhe überwaten; sollen wir Männer dir einen braven Strauß holen?« »Ich verzichte diesmal auf Ritterdienste«, erwiderte sie, sich anmutig gegen uns verneigend; »ich bin heute bei den Kleinen und weiß hier eine Stelle, wo ich mein Kränzlein vervollständigen kann!« »So erwarten wir dich hier«, rief ihr der Oberförster nach, sie mit ernsten liebevollen Blicken verfolgend, bis sie in der nahe liegenden Lichtung verschwand. Dann wandte er sich plötzlich zu mir. »Sie werden mir nicht zürnen«, sagte er, »wenn ich Sie bitte, mit meiner Frau nicht weiter über ihren Vater zu sprechen. Ich ging im weichen Wegestaub schon länger hinter Ihnen, und der leichte Sommerwind trug mir genügende Brocken Ihres Gespräches zu, um das übrige zu erraten. Hätte ich von Ihrer beider so genauen Landsmannschaft gewußt – verzeihen Sie mir dies Geständnis – ich hätte mir die Freude Ihres Besuches versagt; die Freude, sag ich; doch es ist so besser, wir kennen uns nun schon.« »Aber«, entgegenete ich etwas bestürzt, »ich kann Sie versichern, es ist von einem Arbeiter John Hansen keine Spur in meiner Erinnerung.« »Sie könnte Ihnen dennoch plötzlich kommen!« »Ich denke nicht; jedenfalls, obgleich ich nicht die Ursache kenne, seien Sie meines Schweigens sicher!« »Die Ursache«, erwiderte er, »will ich Ihnen mit einem Worte geben: der Vater meiner Frau hieß freilich John Hansen; von den Leuten aber wurde er John Glückstadt genannt, nach dem Orte, wo er als junger Mensch eine Zuchthausstrafe verbüßt hatte. Meine Frau weiß weder von diesem Übernamen, noch von der Strafe, auf welcher er beruht; und – ich denke, Sie stimmen mir bei – ich möchte nicht, daß sie das je erführe; ihr Vater, den sie kindlich verehrt, würde mit jenem Schreckbild zusammenfallen, das ihre Phantasie ihr immer wieder vorbringt und das leider keine bloße Phantasie war.« Fast mechanisch reichte ich ihm die Hand, und bald waren wir wieder auf dem Heimwege; die Frau ging, längst wieder an ihrem Kranze flechtend, neben mir, als ich aus andrängenden und sich ineinanderfügenden Erinnerungen wieder aufschaute. »Verzeihen Sie«, sagte ich, »es kommt mir mitunter, von einem plötzlichen Gedanken bis zur Vergessenheit der Gegenwart hingenommen zu werden. Im Elternhause sagte dann mein Bruder, des alten Volksglaubens gedenkend: ›Stört ihn nicht, seine Maus ist ihm aus dem Mund gesprungen!‹ Aber ich verspreche, sie in Zukunft besser zu überwachen.« Aus den Augen des Oberförsters traf mich ein verständnisvoller Blick. »Auch wir haben hier den Glauben«, sagte er; »aber Sie sind bei Freunden, wenn auch nur bei neuen!« So kamen wir wieder in Gespräch, und während die Tannenriesen schon tiefe Schatten über den Weg warfen und die Luft mit schwülem Abendduft erfüllten, gelangten wir allmählich an die Oberförsterei zurück; die Hunde, ohne zu bellen, sprangen uns entgegen, und aus der dampfenden Wiese, die hinter dem Teiche lag, scholl hin und wieder der schnarrende Laut des Wachtelkönigs; ein heimatlicher Frieden war überall. Die Frau war uns voran ins Haus gegangen, mein Wirt und ich setzten uns auf die Seitenbänke der Haustreppe; aber seine Leute kamen einer nach dem anderen, um zu berichten oder sich Anweisung für den folgenden Tag zu holen; dazwischen drängten sich die Hunde, Teckel und Hühnerhunde, voran das Prachtexemplar eines lohbraunen Schweißhundes; zu Erörterungen zwischen uns blieb keine Zeit. Dann erschien meine Landsmännin in der offenen Haustür und lud zum Abendessen; und als wir im behaglichen Zimmer bei einer guten Flasche alten Hardtweins saßen, erzählte der Oberförster die Geschichte seines Lieblings, des Lohbraunen, den er als junges Tier von einem ruinierten Spieler gekauft hatte, und von den Heldentaten, welche er schon jetzt gegen die hier insonders kühnen Wilderer verübt habe. So gerieten wir in die Jagdgeschichten, von denen eine immer die andere nach sich zog; nur einmal, in einer Pause des Gespräches, sagte Frau Christine wie aus langem Sinnen: »Ob wohl noch die Kate da ist, am Ende der Straße, und das Astloch in der Haustüre, durch das ich abends hinaussah, ob nicht mein Vater von der Arbeit komme? – Ich möcht doch einmal wieder hin!« Sie sah mich an, und ich erwiderte nur: »Sie würden viel verändert finden!« Der Oberförster aber faßte ihre beiden Hände und schüttelte sie ein wenig. »Wach auf, Christel!« rief er. »Was wolltest du dort? Selbst unser Gastfreund hat sich ausgebaut! Bleib bei mir wo du zu Haus bist – und um acht Tage kommt dein Junge in die Sommerferien!« Sie sah mit glücklichen Augen zu ihm auf. »Es war ja nicht so ernst gemeint, Franz Adolf!« sagte sie leise. Als es auf der Hausuhr vom Flur aus zehn schlug, brachen wir auf; der Oberförster zündete eine Kerze an und begleitete mich, wie am Nachmittage, die Treppe hinauf nach meinem Gastzimmer. »Nun«, sagte er, nachdem er das Licht auf den Tisch gesetzt hatte, »nicht wahr, wir sind jetzt einig? Sie verstehen mich?« Ich nickte. »Gewiß; ich weiß nun freilich, wer John Hansen ist.« »Ja, ja«, rief er, »aus dem Staube des Weges haben meine lieben Eltern dies Kind für mich aufgesammelt; ich dank es ihnen jeden Morgen, wenn ich beim Aufstehen dies friedliche Antlitz noch neben mir im Schlummer sehe, oder wenn sie mir vom Kissen ihren Morgengruß zunickt. Doch – gute Nacht! Auch die Vergangenheit soll schlafen!« Wir reichten uns die Hände, und ich hörte ihn den Korridor entlang- und die Treppe hinabgehen. Aber bei mir wollte die Vergangenheit nicht schlafen; ich trat an das offene Fenster und sah auf den Teich und auf die Wasserlilien, die wie Mondflimmer auf seinem dunklen Spiegel lagen; die Linden am Ufer hatten zu blühen begonnen, und ihr Duft wehte im Nachthauch zu mir herüber; eine mir unbekannte Vogelstimme scholl in Pausen vom Wald herüber. Aber die reiche Sommernacht nahm mich nicht gefangen; vor mein inneres Auge drängten abwechselnd sich zwei öde Orte: ein verlassener Brunnen mit vermorschtem Plankwerk, der in der Nähe meiner Vaterstadt auf einem weiten Felde lag, wo vorzeiten ein Haus, eine Schinderkate, sollte gestanden haben; als Knabe, auf einer einsamen Schmetterlingsjagd, hatte ich einst erschrocken vor ihm haltgemacht; – was damit wechselte, war das äußerste der kleinen Stadthäuser am Ende der Norderstraße, mit einem Strohdach, auf dem allezeit ein großer Hauslauch wuchs, so niedrig, daß man's mit der Hand erreichen konnte; das Ganze zum Einstürzen verfallen und so winzig, daß kaum mehr als eine Kammer und der engste Küchenherd darin Platz haben konnten. Als Junge hatte ich manchmal, von Feldstreifereien heimkehrend, davor stillgestanden und mir vorphantasiert, wie hübsch es sich in diesem Liliputer-Hause ohne Eltern und ohne Lehrer würde wohnen lassen. Später, als ich schon Sekundaner war, kam noch ein anderes hinzu: es gab oft einen Lärm in diesen engen Räumen, der die Vorübergehenden davor haltmachen ließ, und zu diesen gehörte auch ich ein paarmal. Eine kräftige Männerstimme fluchte und schalt in sich überstürzenden Worten; dröhnende Schläge, das Zerschellen von Gefäßen wurde hörbar; dazwischen, kaum vernehmbar, das Wimmern einer Frauenstimme, doch nie ein Hülferuf. Eines Abends trat danach ein junger, wilder Kerl aus dem Inneren in die offene Haustür, mit erhitztem Antlitz, über das ein paar dunkle Haarlocken ihm in die Stirn hingen. Er warf den Kopf mit der starken Adlernase zurück und musterte schweigend die Umstehenden; mich blitzte er mit ein Paar Augen an, mir war, als hörte ich ihn schreien: »Mach, daß du fortkommst, du mit dem feinen Rock! Was geht's dich an, wenn ich mein Weib zerhaue!« Das war John Glückstadt, der Vater meiner edlen Wirtin, von dem ich heute erfahren hatte, daß er eigentlich John Hansen geheißen habe.   – – John Hansen war von einem Nachbarsdorfe und hatte seine Militärzeit als tüchtiger Soldat bestanden, wenn auch zu Anfang nur der kräftigere Arm eines Kameraden schuld gewesen war, daß er den dänischen Kapitän, der ihn »tyske Hund« geheißen hatte, nicht mit dem kurzen Seitengewehre niederstach. Als aber die Dienstzeit aus und er entlassen war, da wollte die müßige, aber wilde Kraft in ihm etwas zu schaffen haben; ein Dienst als Knecht war nicht sogleich zur Hand, so ging er in die Stadt und gab sich vorerst bei einem Kellerwirte in die Kost. Aber dort verkehrte allerlei fremdes und hergelaufenes Volk; eine Menge Arbeiter, die bei einem Schleusenbau beschäftigt waren, hatten dort ihre Schlafstelle. Einer davon, der wegen Trunkfälligkeit aus der Arbeit gejagt war, blieb trotzdem und verzehrte und vertrank seine letzten Schillinge. Er und John hatten beide nichts zu tun; so waren sie stets zusammen, lagen draußen am Deich oder saßen allein in der dämmerigen Kellerstube, und der Fremde erzählte allerlei lustige Spitzbuben- und Gewaltsgeschichten; er wußte genug davon, und bei den meisten war er selber mit dabeigewesen; aber alles war immer lustig ausgegangen. Bei solcher Gelegenheit, da sie wieder einmal weit draußen am Haffdeich miteinander im Grase lagen, wo nur der Westwind pfiff und die Möven schrien, überfiel den jungen Burschen die Lust, auch seinerseits einmal den Hals zu wagen; er streckte seine straffen Arme aus und schüttelte die Fäuste, ein wüstes Feuer brach aus seinen Augen. »Zum Satan!« rief er, »hätt man so was auch nur zu schaffen, da ehrliche Arbeit nicht zu haben ist!« Der alte Halunke, der neben ihm lag und beim Erzählen nur über sich die Wolken hatte ziehen sehen, blickte ihn von der Seite an. »Meinst du?« sagte er heimlich – »nun, Spaß würd schon dabeisein!« John antwortete nicht; ein Trupp Arbeiter kam von draußen auf dem Deich daher. Der Fremde stand auf und sagte: »Komm, John, die kennen uns; wir wollen mit ihnen heimgehn!« – – Am anderen Nachmittage, da sich für John abermals die Aussicht auf einen Dienst zerschlagen hatte, lagen die beiden wieder an derselben Stelle. Der Fremde sprach nicht, John riß Grasbüschel aus dem Boden und warf damit nach vorbeistreichenden Schwalben. »Du ruinierst doch den Deich, da du sonst nichts zu tun hast!« sagte der andere lachend. John stieß einen Fluch aus. »Du wolltest mir gestern was erzählen, Wenzel!« sagte er. Wenzel sah wie abwesend auf die See, wo draußen eben ein Segel vorbeizog. »Ich?« sagte er. »Was sollte das gewesen sein?« – »Das mußt du selber wissen; aber Spaß sollte dabei sein. So sagtest du.« »Ja so! Ich weiß schon; aber es ist noch mehr Gefahr als Spaß dabei.« John lachte. »Was lachst du!« sagte Wenzel; »es kann um Kopf und Kragen gehen!« Ich meinte nur, es sei das just der Spaß!« Der andere richtete sich auf: »Ist dir dein Kopf so wohlfeil?« »Nein, Wenzel; aber ich denk, er sitzt mir ziemlich fest. Erzähl nur; es ist profitabler!« Sie rückten näher zusammen; ihr Reden wurde ein Flüstern; mitunter lief der eine auf den Deich und blickte scheu umher, aber keine Menschenseele ließ sich sehen. Die Dämmerung fiel herab, in tiefem Dunkel kamen die beiden zurück und stiegen in den Keller hinab, wo noch halbtrunkenes Volk an den Tischen lärmte. – – Drei Tage nachher wurde unsere Stadt durch das Gerücht eines unerhört frechen Einbruchdiebstahls aufgeschreckt, und was an Polizei vorhanden war, hatte mit Arm und Beinen zu tun. Das Erkerhaus am großen Markte, das der Exsenator Quanzberger allein mit seinem alten Diener bewohnte, war der Schauplatz gewesen. Der alte hagere Herr, den man gebunden, mit einem Knebel in seinem zahnlosen Munde neben seinem Bett gefunden hatte, konnte viele Wochen nachher nicht seinen pünktlichen Spaziergang durch die Gassen machen, und viele Jungen wußten deshalb nicht mehr, was die Uhr sei, und kamen viel zu spät oder zu früh in die Schule, und als er ihn wieder antrat, fehlte unter seinem Arm der rotseidene Regenschirm, und sein hoher Filzhut zitterte auf der fuchsfarbenen Perücke. Am schlimmsten aber war es, daß bei seinem alten Nikolaus, der durch einen Schlag über den Schädel betäubt war, nur mit genauer Not noch Leib und Seele beieinander geblieben. Das war es gewesen, was dem braven Soldaten John Hansen eine sechsjährige Zuchthausstrafe und den Namen John Glückstadt eingetragen hatte. Seltsam war es, daß nach Publizierung des Urteils auch unter den städtischen Honoratioren von mancher Seite für den Verurteilten Partei ergriffen wurde; man hob hervor, daß er die goldene Uhr des Exsenators, die ihm als Beuteanteil zugefallen war, schon am Tage nach der Tat einem jungen Vetter auf dem Lande als Konfirmationsgeschenk gegeben habe, was freilich dann zuerst der Anlaß zu seiner Verhaftung geworden war. »Schad um den Burschen«, sagten die einen, »daß er ein Spitzbube geworden! Sieht er nicht aus, als hätte er General werden müssen?« und die anderen erwiderten: »Freilich, doch mehr noch wie jene vornehmen Räuber, denen es weniger um den Gewinn, als um den Sport dabei zu tun war.« Aber John mußte desungeachtet in das Zuchthaus und war vorläufig dann vergessen.   Auch sechs Jahre im Zuchthaus vergehen endlich; aber voll hatte er sie absitzen müssen, denn es war in währender Zeit im Lande weder ein König gekrönt, noch einer geboren worden. Als er, wie beim Soldatendienst, mit guten Zeugnissen entlassen war, kam er abermals in unsere Stadt, um sich nach Arbeit umzutun, aber man wollte den Zuchthäusler nicht; mehr noch war es um den Grimm und Trotz, der jetzt aus seinen dunklen Augen brach. »Der Mensch sieht gefährlich aus«, hieß es, »ich möchte in der Nacht ihm nicht allein begegnen!« Endlich war es ihm gelungen. Zur Seite der erwähnten Norderstraße strecken sich nordwärts, wo vor ein paar hundert Jahren der dreibeinige Galgen neben Bürgermeister Luthens Fischteich stand, große uneingezäunte Felder weit von der Stadt hinauf. Sie dienten damals einem vielgeschäftigen Bürger zum Zichorienbau, und die dazu gedungenen fünfzig oder sechzig Weiber und jungen Dirnen begannen eben auf der ungeheuren Fläche das Unkraut zwischen den Pflanzen auszujäten; vom Wege aus, der an der Stadt entlanglief, hörte man schon von weitem das Schwatzen der Weiber wie einen Mühlbach rauschen; mitunter auch stieg daraus ein silberhelles Lachen in die Luft empor; dann wieder ward es plötzlich still: der Aufseher, der sich bei einem Trupp von Arbeiterinnen irgendwo am anderen Ende des Feldes aufgehalten hatte, war wieder zwischen sie getreten; er sprach nicht, er übersah nur einmal mit seinen finsteren Augen die ganze Schar. Der Aufsichtsmann war John Glückstadt; man hatte ihn zu diesem Posten besonders tauglich gehalten, und da draußen auf dem Felde konnt's auch nicht gefährlich sein; überdies zeigte die Rechnung sich als richtig, denn noch niemals war das Unkraut so gründlich und so rasch verschwunden. – Unter den Dirnen hatte ich eine, dieselbe, deren Lachen aus der Schar so hell hervorschlug, oft genug auf dem Hausflur meiner Eltern als Bettelmädchen an der Kellertreppe stehen sehen; sie schaute mich, wenn ich zufällig aus dem Zimmer trat, nur stumm mit ihren verlangenden braunen Augen an, und hatte ich einen Schilling in der Tasche, so zog ich ihn gewiß heraus und legte ihn in ihre Hand. Ich entsinne mich noch wohl, wie süß mir die Berührung dieser schmalen Hand tat, auch daß ich nachher noch eine Weile stehenblieb und wie gebannt auf die Stelle der Treppe hinabsah, von der das Mädchen sich ebenso schweigend wieder entfernt hatte. Dem finsteren Aufsichtsmann, unter dem sie jetzt in ehrlicher Arbeit stand, mochte etwas Ähnliches mitspielen; er ertappte sich darauf, daß er mitunter, statt den faulen Weibern auf die Finger zu passen, das jetzt siebzehnjährige Mädchen mit seinen Blicken verschlang. Sie mochte ihn dann wohl still mit ihren heißen Augen anschauen, denn sie war die einzigste, welche die seinen nicht fürchtete, und der Mann, in dessen Antlitz ein Zug von Seelenleiden spielte, war vielleicht für solche Weiber der gefährlichste. Aber eines mußte noch hinzukommen. An der weiter von der Stadt liegenden Ostseite des Ackers, wo die Arbeit schon vollendet war, befand sich jener verlassene Brunnen, neben dem schon seit undenkbaren Jahren das Schinderhaus verschwunden war; um drei Pfähle hingen noch ein paar vermorschte Bretter, die keinen Widerstand zu leisten vermochten. John Glückstadt kannte ihn wohl: der Brunnen war eng und an den Seiten mit Moos und einzelnen Pflanzenbüscheln bewachsen, durch die er vergebens mit seinen Blicken den Boden zu erreichen gesucht hatte; aber tief mußte er sein, denn als John eines Abends über das leere Feld ging und im Vorbeigehen einen Stein hinabwarf, dauerte es eine ganze Weile, bevor ein Ton wie ein harter Aufschlag sein Ohr erreichte. »Gott mag wissen, was da unten liegt«, murmelte der Mann; »Wasser nicht, vielleicht nur Kröten und Unzeug!« Und er rührte unwillkürlich seine Beine, um rascher nach Hause zu gelangen. Als er jetzt eines Morgens auf das Feld kam, wo gegenüber schon die Mehrzahl der Arbeiterinnen versammelt war, störte ihn eine Krähe aus seinem Brüten auf, das er heute vom Bette mit ins Freie genommen hatte; der Vogel war bei seiner Annäherung mit Gekrächz von der verfallenen Brunnenplanke aufgeflogen; als John aber auf- und dann weiter hinausblickte, sah er die braune schmächtige Dirne wie in blinder Angst mit erhobenen Armen auf den Brunnen zustürzen; ein anderes breitschulteriges Weib, das sich schon drei Jungfernkinder aufgeladen hatte, lief hinter ihr darein. Es hatte das Mädchen geneckt, daß sie dem schmucken Aufsichtsmann ihre Augen hinhalte, er solle wohl hineinfallen; die anderen Frauenzimmer hatten gelacht: »Frisch, Wieb, vertreib dem Fratz seine Katzenkünste!« Da war die Dirne zornig geworden und hatte dem Weibe so gründliche Wahrheiten zugeworfen, daß es mit der Unkrauthacke in der Faust wie toll hinter der Leichtfüßigen herlief. Der düstere John sah die wilde Flucht gerade auf das Brunnenloch zufahren und sprang rasch vor die verfallene Umzäunung. »Sie will mich totschlagen!« schrie die junge Dirne und stürzte mit solcher Gewalt in seine Arme, daß ihm selbst die Füße auf dem Boden wankten. »Nun, Dirne«, rief er, »sollten wir hier beide in den Brunnen? Es wäre vielleicht das beste!« und hielt sie fest an seiner Brust. Sie wollte sich von ihm losringen. »Laßt mich!« rief sie. »Was wollt Ihr von mir?« Er sah sich um, sie waren ganz allein: das große Frauenzimmer hatte vor dem Aufseher sogleich die Flucht ergriffen, die anderen Weiber arbeiteten fern am Westrande des Ackers; er wandte seine Augen wieder auf das Kind in seinen Armen. Sie hatte mit ihren kleinen Fäusten ihm ins Gesicht geschlagen. »Laß mich«, rief sie, »ich schreie; glaub nicht, daß du mir Leides antun kannst!« Er schwieg eine Weile, und die dunklen Augen beider sahen regungslos ineinander. »Was ich von dir will?« sagte er dann, »Leids will ich dir nicht tun – aber ich will dich heiraten, wenn du es willst!« Sie antwortete nicht, ein paar Augenblicke lag sie wie tot seiner Brust; er fühlte nur, das Widerstreben ihrer Glieder hatte nachgelassen. »Willst du nicht sprechen?« frug er sanft. Da griff sie jäh mit beiden Händen um seinen Hals, daß sie den starken Mann fast würgte. »Ja, ich will«, rief sie. »Du bist der Schönste! Komm weg vom Brunnen! Du sollst nicht drunten liegen, in meinen Armen ist's besser!« Und sie küßte ihn, bis sie den Atem verloren hatte. »Weißt du«, sagte sie dann, »du ziehst zu uns, zu mir und meiner Mutter in das kleine Haus; du zahlst die halbe Miete!« Sie sah ihn wieder an, sie küßte ihn nochmals; dann warf sie den Kopf mit dem dunklen Haar in den Nacken, und ihr helles Lachen stieg jetzt fast zu übermütig aus den roten Lippen. »So!« rief sie, »nun lauf ich voraus, komm aber bald mir nach und sieh zu, ob ich nicht auch die schönste von all den Weibern bin!« Sie stürmte dem Arbeitsplatze zu, und er folgte ihr, taumelnd vor Entzücken. Wer ihn jetzt gesehen und einen Freund bedurft hätte, der würde ohn Bedenken in seine Arme gestürzt sein; der gefährliche Mensch war wie ein Kind geworden; er öffnete die Arme und schloß sie langsam wieder über seiner Brust, als müsse er das Glück umfassen, das ihm die junge Dirne zugebracht hatte, die wie ein fliegend Vöglein dort vor ihm das Feld hinanlief. »Und Arbeit«, rief er und streckte die starken Fäuste in die Luft, »die soll für uns nicht fehlen!« Als er den Arbeitsplatz erreicht hatte, suchte die große Dirne sich vor ihm zu verbergen; aber, was sonst niemand noch gesehen hatte, seine Augen lachten nur, wenn sie auf ihr grobes Angesicht trafen. »Lauf nur, was schierst du mich!« sprach er zu sich selber, »du warst der Hund, der unversehens mir das Glück in meine Arme jagte!« Die junge Braune aber wußte ihrem stillen Liebsten stets aufs neue zu begegnen. »Lach doch! Warum lachst du nicht?« raunte sie ihm zu und hielt ihm selber lächelnd ihre dunklen Augen hin. »Ich weiß nicht«, sagte er »– der Brunnen!« »Was soll der?« frug sie. »Ich wollt, er wäre aus der Welt!« Und nach einer Weile: »Du könntst mir einmal da hineinfallen, du bist so wild, Hanti – er darf nicht offen bleiben.«   »Du bist ein Narr, John«, raunte ihm die Dirne zu, »wie sollt ich von heut an noch in den Brunnen fallen! Wenn nur die dummen Weiber nicht so nahe wären, ich fiel dir lieber an den Hals!« Aber er ging sinnend von ihr, und als er später bei Ende der Tagesarbeit über den einsamen Acker ging, konnte er an dem Brunnen nicht vorbei; er blieb stehen und warf wieder kleine Steine in die Tiefe; er kniete dabei nieder und bog sich über den Rand und lauschte, als ob die Tiefe ein furchtbares Geheimnis berge, von dem er einen Laut erhorchen müsse. Als auch das Abendrot am fernen Horizont verschwunden war, ging er langsam in die Stadt zurück und nach der Großstraße in das Haus seines Arbeitgebers. – Am anderen Morgen erschien zur Verwunderung der Arbeiterinnen ein Zimmermann auf dem Acker und schlug ein rohes, aber derbes Brettergerüst um den alten Brunnen.   Im September, gegen Abend, wurde auf dem ersten Packboden des ungeheuren Speichers das »Zichorienbier« gefeiert, das schon am Nachmittag begonnen hatte; was in der Fabrik in Arbeit stand, der Fuhrmann, der Heizer, der Brenner und wie sie alle genannt wurden, alle waren da, es war wimmelnd voll; Gewinde von Astern und Buchsbaum und von sonstigen Herbstblumen und Blättern hingen überall an den Balken. An großen Tischen, an über Tonnen gelegten Brettern hatten sie gesessen; nun aber war der Kaffee ausgetrunken; die Lampen und Laternen, die zwischen den Kränzen hingen, wurden angezündet, und in dem dämmerigen Gemunkel wurden eine Klarinette und ein paar Geigen laut, wonach die jungen Dirnen längst die Hälse gestreckt hatten. John tanzte schon mit seiner jungen Frau, die heiß in seinen Armen lag; er sah voll Lust über die dunkle Menschenmenge hin; aber was ging sie ihn an? – Da wurde er mit seiner Tänzerin gegen das Ende eines schweren Eichentisches gestoßen, der unter die Tanzenden hineinragte, und sie tat einen jähen Aufschrei. Es hatte nichts auf sich, aber John rief den jungen kräftigen Heizer an: »Hilf mir den Tisch fortsetzen, Franz!« Er schien es nicht zu hören; da faßte John ihn an dem Ärmel. »Was soll's?« rief der Heizer und wandte halb den Kopf. »Nicht viel«, entgegnete John, »der Tisch muß fort, dort in die Ecke!« »Ja, trag ihn nur dahin!« sagte der junge Mensch und drängte sich zu den anderen Arbeitern, von denen ein Teil zusammenstand. »Was wollte er von dir?« frug einer von ihnen. »Ich weiß nicht; ich sollt ihm helfen! Mag er sich selber helfen! Man hat nur keine andere Arbeit, sonst müßt man von hier fort!« Die anderen lachten und gingen auseinander, um sich Tänzerinnen zu suchen. John aber, der aus halb gehörten Worten sich genug heraushörte, klemmte die Lippen zusammen und tanzte weiter mit seinem jungen Weibe, und immer nur mit ihr. Inmitten der Fröhlichkeit kam auch die Herrschaft mit einigen Freunden auf den Boden; auch der Bürgermeister war dabei, einer von denen, deren Teilnahme damals den Verurteilten in das Zuchthaus begleitet hatte. Jetzt folgte sein Blick dem hübschen jungen Paare. Eine ältliche, unverheiratete Schwester der Hausfrau stand neben ihm. »Nun sehen Sie«, flüsterte die Dame und zeigte mit dem Finger nach dem Paare, »vor zehn Monaten noch am Wollspinnen im Zuchthaus, und nun tanzt er mit dem Glück im Arm!« Der Bürgermeister nickte: »Ja, ja – Sie haben recht... aber er selbst ist doch nicht glücklich und wird es nimmer werden.« Die alte Jungfer sah ihn an. »Das versteh ich doch nicht ganz«, sagte sie, »solche Leute fühlen anders als unsereins. Aber freilich, Sie sind ein unverbesserlicher Junggesell!« »Ich scherze nicht, liebes Fräulein«, erwiderte der Bürgermeister; »es tut mir leid um diesen Menschen: das Glück in seinem Arm mag echt genug sein, ihm wird es nichts nützen; denn in seinem tiefsten Innern brütet er über einem Rätsel, zu dessen Lösung ihm weder sein Glück, wie Sie das junge Kind in seinen Armen zu nennen belieben, noch irgendein anderer Mensch auf Erden verhelfen kann.« Das alte Fräulein sah recht dumm zu dem Redenden auf. »So möge er das Brüten lassen!« sagte sie endlich. »Das kann er nicht.« »Weshalb nicht? Er sieht doch herrisch genug aus.« »Das tut er«, entgegnete der Bürgermeister nachdenklich, »er könnte sogar wohl toll darüber werden, vielleicht noch einmal ein Verbrecher; denn das Rätsel heißt: wie find ich meine verspielte Ehre wieder? – – Er wird es niemals lösen.« »Hm«, meinte die Dame, »Herr Bürgermeister, Sie haben allzeit so besondere Gedanken; aber ich denke, wir haben jetzt genug davon; die Laubkränze verbreiten so strengen Duft, und die Lampen qualmen auch, man trägt's noch tagelang in Haar und Kleidern.« Sie gingen alle und überließen die Armen ihrer Lustbarkeit; nur der Bürgermeister zögerte noch ein paar Minuten, da wieder das junge Paar vorübertanzte. Das siebzehnjährige Weib hing mit lachenden Augen an denen ihres Mannes, die sich, wie um alles zu vergessen, in die ihren zu bohren schienen. »Wie lange noch wird's dauern?« murmelte der Bürgermeister, dann folgte er den anderen.   Es dauerte doch noch ziemlich lange; denn das Weib war, obgleich in Lumpen aufgewachsen, jung und unschuldig. Sie wohnten in der Kate am Ende der ins Feld hinauslaufenden Norderstraße; das Kämmerlein vorn war das ihre, die Mutter hatte sich ein Lager in der engen Küche einzurichten verstanden. Sein alter Arbeitgeber wußte nun schon, daß John ein halbmal mehr als andere arbeite, und deshalb, und da auch der Bürgermeister ihm zusprach, hielt er den Mann fest, sooft ihm auch geraten wurde, den Zuchthäusler vor die Tür zu setzen. So war allzeit Arbeit da, für ihn und oftmals auch für die Frau, und die Nahrungssorge klopfte nicht an die kleine Tür. Ein Gärtlein war auch am Hause und darin, hinten nach dem Weg hinaus, eine dichte Ligusterlaube. Hier saß die Frau meist an den Sommerabenden und harrte seiner, bis er von der Arbeit kam; dann flog sie auf ihn zu und zwang ihn, sich auf die Bank zu setzen; er aber litt sie nicht neben sich, er setzte sie auf seinen Schoß und hielt sie wie ein Kind an seiner Brust. »Komm nur«, sagte er, »so müde bin ich nicht; ich hab nicht viel, ich muß es alles in meinen Armen haben.« So sprach er eines Abends; da sah sie ihn an und strich ihm, als wollte sie etwas fortwischen, mit ihren Fingern über die Stirn. »Das da wird immer tiefer!« sagte sie. »Was denn, Hanna?« »Die Falte – nein, sprich nicht, John; ich kann's schon denken, die Brückenarbeiter haben heut ihr Fest; die anderen sind da, sie haben dich nicht eingeladen.« Die Falte wurde noch tiefer. »Laß das!« sagte er. »Sprich nicht davon; ich wär ja doch nicht hingegangen.« Und er klammerte die Arme fester um sein Weib. »Am besten«, sagte er, »nur wir zwei allein.« – – Nach einigen Monaten sollte ein Kind geboren werden. Die gutmütige Alte lief mit wirrem Kopf umher; bald stellte sie ein Töpfchen für die Wöchnerin ans Feuer, bald wieder wickelte sie die dürftigen Hemdchen auseinander, die sie für ihr erwartetes Enkelkind aus alter Leinwand in vielen Wochen genäht hatte. Das junge Weib war im Bette liegengeblieben; der Mann saß bei ihr; er hatte Arbeit Arbeit sein lassen und hörte nur auf das Stöhnen seines Weibes, die fest ihre Hand um seine preßte. »John!« rief sie, »John! Geschwind, du mußt zur Mutter Grieten laufen, aber komm gleich wieder, bleib nicht fort!« John hatte in dumpfem Sinnen gesessen. Nur wenige Augenblicke noch, dann sollte er Vater werden; ihn schauderte; er sah sich plötzlich wieder in der Züchtlingsjacke. »Ja, ja«, rief er, »ich bin gleich wieder da!« Es war am Morgen, und die Hebamme wohnte in derselben Straße; er lief und riß die Haustür auf, und als er in die kleine Stube trat, saß die dicke Alte an ihrem Morgenkaffee. »Na, Er ist's!« rief sie unwirsch, »ich dacht zum mindesten, es sei der Amtmann!« »Ich hab nicht weniger ein Weib, als der!« »Was ist mit Seinem Weibe?« frug die Alte. »Frag Sie nicht! Komm Sie mit mir; mein Weib liegt in Kindesnöten; wir bedürfen Ihrer Hülfe.« Die Alte musterte den erregten Mann, als zähle sie im Geist die wenigen Schillinge, die dieser Dienst ihr abwerfen werde, wenn sie nicht gar verloren gingen. »Geh Er nur vorab!« sagte sie. »Ich muß erst meinen Kaffee trinken.« John stand wie unentschlossen an der Stubentür. »Geh Er nur!« wiederholte sie, »Sein Kind kommt früh genug!« Er hätte das Weib erdrosseln mögen; aber er biß nur die Zähne aufeinander; sein Weib bedurfte ihrer. »So bitt ich nur, Frau Grieten, trinket nicht zu langsam!« »Ja, ja«, sagte die Alte, »ich trinke, wie ich Lust hab!« Er ging; er sah, daß jedes seiner Worte sie nur noch widerwilliger machte. Sein Weib fand er wimmernd auf dem heißen Bette. »Bist du es, John? Hast du sie bei dir?« »Noch nicht; sie kommt wohl gleich.« Das »gleich« wurde zu einer halben Stunde, während John reglos neben der jammernden Wöchnerin saß und die Alte draußen noch einmal Kaffee für Mutter Grieten kochte. »Die können allzeit Kaffee trinken«, sprach sie zu sich selber, »man muß sie sich zu Freunden halten!« »John!« rief in der Kammer das junge Weib, »sie kommt noch immer nicht!« »Nein«, sagte er, »sie muß erst Kaffee trinken.« Er knirschte mit den Zähnen, und seine düsteren Brauen zogen sich zusammen. »Du hättest nur des Amtmanns Weib sein sollen!« »John, ach John, ich sterbe!« schrie sie plötzlich. Da sprang er auf und rannte aus dem Hause. Auf der Straße begegnete er der dicken Hebamme. »Nun«, rief sie, »ist das Kind schon da? Wohin will Er denn?« »Zu Ihr, Frau Grieten, damit mir meine Frau nicht sterbe.« Die Alte lachte. »Tröst Er sich, an so etwas stirbt Euresgleichen nicht!« Sie zog ihn mit nach seiner kleinen Wohnung. Als sie in die Kammer trat, sah sie auf die Wöchnerin. »Wo ist die Alte?« frug sie. »Habt Ihr denn nichts bedacht?« Und sie zählte auf, was man bei solcher Gelegenheit für sie bereit zu halten pflegte; und sie brachten ihr, was sie hatten. John stand zitternd am Ende des Bettes, und endlich wurde das Kind geboren. Die Hebamme wandte den Kopf nach ihm. »Da hat Er eine Dirne, die braucht nicht Soldat zu werden!« »Eine Züchtlingstochter!« murmelte er; dann fiel er vor dem Bette auf die Knie: »Möcht Gott sie wieder zu sich nehmen!«   Immer feindlicher stand ihm die Welt entgegen; wo er ihrer bedurfte, wo er sie ansprach, immer hörte er den Vorwurf seiner jungen Schande als die Antwort; und bald hörte er es auch, wo kein anderer es hätte hören können. Man hätte fragen mögen: »Du mit den starken Armen, mit deiner mächtigen Faust, warum duldest du das, warum bringst du sie nicht zum Schweigen?« Hatte er doch einmal, da von einem maulfrechen Matrosen sein Weib eine Betteldirne war gescholten worden, den Menschen hingeworfen und ihm fast den Schädel eingeschlagen; und nur mit Not hatte im Sühnetermin der ihm günstige Bürgermeister die Sache unter beiden ausgeglichen! Doch das war ein anderes; wo aber eine Hand erbarmungslos an jene offene Wunde seines Lebens rührte, wo er's nur glaubte, da fielen die starken Arme ihm an seinem Leib herunter, da war nichts mehr zu schützen oder gar zu rächen. Und dennoch, mit ihm in seinem armen Hause wohnte noch immer das Glück. Zwar, wenn seine Stirn zu finster, sein Wort zu knapp und trocken wurde, dann flog es wohl erschreckt davon, aber es kehrte doch allezeit zurück und saß mit den jungen Eltern an dem Bettchen ihres Kindes und lächelte sie an und fügte ihre Hände unvermerkt zusammen. Das Glück war noch nicht ganz gewichen; die Alte nahm sich mehr und mehr der Wartung des Kindes an, je weiter es heranwuchs, und Hanna ging wieder dann und wann auf Arbeit und half erwerben. Wer trug denn die Schuld, daß immer öfter das Glück davonflog, und sie immer länger ohne die holde Genossin Zwischen ihren kahlen Wänden saßen? War es der Eigenwille der Weiber oder der so lang in Schlaf versenkte Jähzorn in ihnen beiden, der nach der großen Liebesfreude allmählich aus der Tiefe immer ungebändigter hervorbrach? Oder war es in dem Manne die unsühnbare Schuld, die den bitteren Unmut in ihm aufjagte? Hatte es doch, da vor geraumer Zeit sein alter Arbeitgeber durch jähen Tod gestorben war, nur kaum unter Not und Kummer gelingen wollen, daß er jetzt endlich am Wege saß und Steine klopfte. Da war's, an einem Herbstabend, das Kind mochte ein Jahr alt sein; es lag in seinem Bettchen, das bald nach der Geburt der Vater ihm gezimmert hatte, und schlief, daß die heißen Tropfen auf der kleinen Stirne perlten. Aber Hanna saß verdrossen dabei, die kleinen Füße ausgestreckt, den einen Arm über die Stuhllehne herabhängend: das Kind hatte immer noch nicht schlafen wollen, und die alte Mutter, die ihr sonst die Last abnahm, war von einem Gichtanfall ins Bett getrieben worden. »Du hättest auch eine Wiege zimmern können!« rief sie ihrem Manne zu, der eben müde von der Arbeit kam und sein Werkzeug in eine Ecke stellte. »Was ist denn?« frug er, »das Kind schläft nun ein Jahr schon in dem Bettchen; du freutest dich doch selbst, als ich's gemacht hatte!« »Nun will es aber nicht mehr«, gab sie zur Antwort. »Es schläft ja doch!« »Ja – über eine Stund hab ich damit herumgearbeitet!« »Da haben wir beid gearbeitet«, sagte er kurz. Aber sie schwieg nicht; Red um Rede ward wechselsweise schärfer und unbedachter. »Es wird schon morgen besser schlafen oder übermorgen«, sprach noch der Mann. »Wenn's gar nicht geht – wir kriegen dann wohl eine Wiege!« »Woher?« frug sie. »Damals, als du das gute Holz hattest, hättest du die Wiege machen sollen!« »Ei, so säg ich die Beine ab«, sagte John, »und schlag ein paar Gängel darunter; dann hast du deine Wiege!« Aber dem jungen Weibe war ja die Wiege nur ein Spielwerk für ihren Unmut gewesen; ein häßlich Lachen fuhr aus dem hübschen Munde: »Soll ich das Ungeheuer denn allein regieren?« Er riß den Kopf empor: »Willst du mich höhnen, Weib?« »Warum nicht!« rief sie und verzog den Mund, daß ihre weißen Zähne ihm in die Augen blitzten. »So helf dir Gott!« schrie John und hob die Faust. Sie sah es und sah erst jetzt den Jähzorn in seinen Augen flimmern. Ein plötzliches Entsetzen fiel sie an; sie flog in eine Ecke des Zimmers und stürzte dort zusammen. »Schlag nicht, John!« schrie sie. »Um deinetwillen, schlag mich nicht!« Aber seine stets so rasche Hand war in der Leidenschaft zu rasch gewesen. Die Hände an den Schläfen in das dunkle Haar gedrückt, mit scheuen Augen sah das Weib ihn an; seine Hand hatte ihr die Stirn nur leicht gestreift; sie selber sprach kein Wort; aber dennoch hörte er es in seinen Ohren gellen: »Weh dir, du hast dein Glück zerschlagen!« Er fiel zu ihr nieder; er sprach, er wußte selbst nicht, was; er bat sie; er riß ihr die Hände vom Gesicht und küßte sie. Aber sein Weib antwortete ihm nicht; wie mit der List des Wahnsinnes blickte sie heimlich nach der offenen Stubentür, und plötzlich war sie unter seinen Armen fort; er hörte, wie sie hinter sich die Hoftür zuschlug. Und als er dann sich wandte, sah er sein Kind aufrecht in dem Bettchen sitzen; es hatte mit beiden kleinen Fäusten sich das Bettuch in den Mund gestopft und sah mit großen Augen auf ihn hin; doch als er unwillkürlich näher kam, schlug es Kopf und Ärmchen rückwärts, und die Kinderstimme gellte durch das kleine Haus, als ob sie untragbar Unglück auszuschreien habe. Er erschrak, aber er hatte keine Zeit; was kümmerte ihn jetzt das Kind! Er rannte aus der Hoftür durch den dunklen Garten. »Hanna!« rief er, und laut und immer lauter: »Hanna!« Aber nur die Baumwipfel der vielen Gärten, die hier aneinander liegen, rauschten von den Tropfen, die jetzt vom Himmel fielen, und aus der hinterliegenden Stadt kam das Geräusch von allerlei Fuhrwerk. Mit Entsetzen fiel ihm der Brunnen ein: »Wenn sie sich ein Leids getan hätte!« Er lief den Weg hinauf, wo der Eingang zu den Feldern war; da stolperte sein Fuß; ein Menschenlaut vom Boden wurde hörbar. »Hanna!« schrie er, »Hanna, du lebst? Gott Dank, du bist es!« Ein lautes Jauchzen hätte er in die Nacht geschrien, aber sein Herz, das zum Zerspringen klopfte, machte es ihm unmöglich. Er hob sie wie ein Kind auf seine Arme, und da der Regen stärker fiel, zog er seinen Rock vom Leibe und hüllte sie darein; dann hielt er sie sanft an seine Brust und ging langsam, als sei er zum erstenmal allein mit seinem jungen Weibe, in dem strömenden Regen ihrem Hause zu. Sie hatte alles, ohne ein Zeichen des Lebens, sich gefallen lassen; erst als aus ihres Mannes Augen ein warmer Tränenschauer auf ihr Antlitz fiel, streckte sie die Hand empor und strich damit ihm sanft über seine Wange. »Hanna, liebe Hanna!« rief der Mann. Da kam auch ihre andere Hand hervor, und beide schlossen sich um seinen Hals. Und das Glück ging wieder leis an ihrer Seite; er hatte es noch nicht verjagt.   Wer wüßte nicht, wie oft es denen, die wir »Arbeiter« nennen, zum Verhängnis wird, daß ihre Hand allein ihr Leben machen muß! Wo in der Leidenschaft das ungeübte Wort nicht reichen will, da fährt sie, als ob's auch hier von ihr zu schaffen wäre, wie von selbst dazwischen, und was ein Nichts, ein Hauch war, wird ein schweres Unheil. Und geschah es einmal, so geschieht's auch ferner; denn die meisten dieser Leute, just nicht die schlechtesten, sie leben ihre Zeit dahin und haben ihre Augen nur auf heut und morgen; was gewesen und vergangen ist, gibt ihnen keine Lehre. So war es auch mit John. Wenn an arbeits- und verdienstlosen Tagen die Not, oder was es immer sein mochte, seine Nerven zucken machte, so faßte auch ferner seine böse Hand nach seinem Weibe, deren Blut nicht kälter rollte als das seine. Und Buben und junge Leute blieben auf der Gasse vor ihrem Häuschen stehen und ergötzten sich an dem, was von dem Elend drinnen an ihr Ohr hinausdrang. Nur einer, der alte Nachbar Tischler, kam mit gutem Willen; er ging ins Haus und sprach mitunter die Streitenden zur Ruhe, oder er trat, mit einem hübschen, leise schluchzenden Kinde auf den Armen, wieder aus der Türe; »das ist nichts für dich, du kleiner Engel«, sagte der alte Mann; »komm du mit mir!« und er ging mit ihr in seine Wohnung, wo eine ebenso alte Frau das Kind ihm zärtlich aus den Armen nahm. Wenn aber in dem kleinen Hause Jähzorn und Kräfte sich erschöpft hatten, dann – wovon die draußen nichts gewahrten – fielen Mann und Weib sich in die Arme und preßten und küßten sich, als ob sie so sich töten wollten. »O Hanna, sterben!« rief einmal der wilde Mann; »nun mit dir sterben!« und aus den roten Lippen des Weibes stieg ein Seufzer; sie warf ihre trunkenen Augen auf den erregten Mann und zog das Mieder, das er vorhin über ihrer weißen Brust zerrissen hatte, noch weiter von der Schulter. »Ja, John«, rief sie, »nimm nur dein Messer und stoß es da hinein!« Aber während er sie anstarrte, ob denn das Furchtbare ihr auch Ernst sei, rief sie plötzlich: »Nein, nein! Tu's nicht, das nicht! – unser Kind, John! – das wär Todsünde!« und sie bedeckte hastig ihre preisgegebene Brust. Er sagte langsam: »Ich weiß es nun, ich tauge nicht, ich bin doch wieder schlecht gegen dich!« »Du nicht! du nicht, John!« rief sie, »ich bin die Böse, ich reiz dich, ich zerr an dir herum!« Aber er zog sie fester an sich und verschloß ihren Mund mit Küssen. »John!« flüsterte sie, als sie wieder frei war und wieder ihren Atem hatte, »schlag mich nur, John! Es tut wohl weh, am meisten in meinem Herzen; aber dann küß mich, küß mich tot, wenn du es kannst! Das tut noch süßer, als das Schlagen weh tut!« Er sah sie an, und er zitterte, als er sie so in ihrer Schönheit sah: sein Weib, die keines anderen war, als nur die seine. »Ich will dich nicht mehr schlagen«, sprach er; »zerr mich nur, soviel du kannst!« und mit zärtlichen unterwürfigen Augen blickte er auf sie hinab. »Nein, John«, bat sie, und ihre tiefe Stimme klang so weich, »du wirst es doch tun! Aber nur eines: du tatst es gestern, aber tu's nicht wieder! Schlag nicht unser armes Kind! Ich hasse dich dann, und das, John, tut am allerwehesten!« »Nein, Hanna, auch das Kind nicht«, sprach er wie träumend. Und sie bückte sich und küßte seine Hand, mit der er sie vorhin geschlagen hatte. – Das sah kein Mensch; und doch, nach ihrer beider Tode ist davon erzählt worden. Trotz Not und Schuld war die enge Kate noch immer sein Heim und seine Burg; denn von den beiden Frauen dort rührte keine an seiner Wunde, nur dort noch war er davor sicher. Es war das eben kein Erbarmen; sie dachten nur nicht daran, und taten sie es je, so war des Mannes Jugendschuld ihnen mehr ein Unglück als ein Verbrechen; denn in ihrem eigenen Leben lagen Recht und Unrecht oft nur kaum unterscheidbar nebeneinander. War doch auch in des Weibes Kinderzeit ein sehr alter Mann ihr guter Freund gewesen, der wegen gleichen Vergehens in der »Sklaverei« gewesen war und manches Jahr in Ketten die Karre geschoben hatte. Harmlos, wie andere von den Abenteuern ihrer Jugend plaudern, hatte er dem Kinde das erzählt. Nun wohnte er in einem nahen Dorfe und fuhr mit seiner mageren Kracke weißen Sand zur Stadt und schnitzte, wenn er daheim war, Holzschuhe und Sensenstiele. Er hatte oftmals im Vorbeifahren mit dem munteren, auf der Haustürschwelle sitzenden Kinde ein paar großväterliche Worte geredet, so daß sie allmählich aufpaßte, wenn der weißhaarige Greis mit seinem kümmerlichen Fuhrwerk von der Landstraße in die Stadt kam. Die Holzschühchen, die er ihr einmal mitgebracht hatte, standen noch auf dem kleinen Boden; sie hatte sie neulich für ihr eigen Kind hervorgesucht. – »Wo der alte Mann wohl abgeblieben ist?« hatte sie bei sich selber gesprochen, indem sie den Staub von den Schühchen wischte und sie dann sorgsam nebeneinanderstellte, »auf einmal kam er nimmer wieder.« Daß der Greis, der in so friedlichem Alter dahingegangen war, auch zu den Züchlingen gehört hatte, das hatte weder ihn noch sie beunruhigt. Dennoch kam eines und machte allem ein jähes Ende. – – Es war eine Zeit leidlichen Verdienstes gewesen; aber Hannas Mutter war nach kurzem Krankenbett gestorben. Hanna hatte die alte Frau leidenschaftlich beweint; John hatte gerechnet und tat es noch; denn das verdiente Geld war dabei fortgegangen, und kleine Schulden waren noch dazu aufgelaufen. – Am Häuschen, an der Gartenseite, hatte lange Jahre ein starker Eschenbaum gestanden, in dessen Schatten die jungen Eheleute früher am Sonntagmorgen oft gesessen hatten, aber schon vor Jahr und Tag, in einer Zeit des Notstandes, hatte John ihn umgehauen; er hatte Geld aus dem schönen Stamm zu lösen gedacht, den, wie die Alte versicherte, ihr Mann einst selbst dorthin gepflanzt hatte; allein der Baum lag noch immer auf dem Hofe, und nur der erquickliche Schattensitz war verloren. Jetzt kam er doch zu Nutzen: der Nachbar Tischler nahm ihn und machte dafür der Alten einen Sarg mit hohem Deckel; so kam sie, was ihre letzte Sorge gewesen war, Joch anständig in die Grube. Aber die Totengebühren waren meist noch unbezahlt, und manches andere drückte auch noch; es bot sich wieder einmal kaum je am anderen Tage eine Arbeit. Ein Sonntagmorgen war es; Hanna hatte eben das jetzt schon dreijährige Kind in seinen dürftigen Sonntagsstaat gekleidet; John saß mit aufgestütztem Ellenbogen am Tisch vor seinem Morgenkaffee, wühlte mit der Hand in seinen dunklen Locken und schrieb mit einem Stückchen Kreide Zahlen auf die Platte. Bald aber zerbrach und zermalmte er die Kreide zwischen seinen Fingern und starrte wie gedankenlos auf Weib und Kind. »Was hast du jetzt zu tun, Hanna?« frug er endlich. Sie warf den Kopf herum; die Worte klangen ihr so trocken. »Nichts!« sagte sie ebenso, »das Kind ist angezogen.« »Was tatest du denn, als du mit deiner Mutter noch allein warst und nicht einmal ein Kind zum Anziehn da war?« »Ich ging betteln in der Stadt!« antwortete sie, und ein höhnischer Trotz klang aus den Worten; »das ging noch besser, als es jetzt geht! Du wußtest ja, daß du eine Betteldirne freitest!« »Und schämtest du dich nicht?« fuhr es aus ihm heraus. »Nein«; sagte sie hart und sah ihm mit starren Augen ins Gesicht. »Warum lerntest du nicht mit feiner Wäsche umgehn? Deine Mutter konnte es doch; sie hatte bei Herrschaften gedient. Das hätte uns jetzt Geld gebracht und wär besser gewesen als das faule Umherlungern.« Sie schwieg; es war nie daran gedacht worden. Aber in ihrem hübschen Kopfe fing es an zu kochen, als sie nichts erwidern konnte. Dazu, die Augen ihres Mannes lagen auf ihr, als wolle er sie ganz ins Nichts hinunterdrücken. Da kam ihr ein Gedanke; er versetzte ihr den Atem, aber sie konnte es nicht verhalten. »Es gibt ja noch anderen Verdienst!« sagte sie, und als er schwieg: »Wir können Wolle spinnen; das hast du ja sechs Jahre lang getrieben und kannst es mich selber lehren!« Ihm war, als hätte er einen Schlag in sein Gehirn bekommen, und sein Gesicht verwandelte sich so furchtbar, daß sich das Kind mit beiden Ärmchen an die Mutter klammerte. »Weib! Hanna!« schrie er. »Das sagst du mir? – du?« Und als sie jetzt wie ohne Leben ihm ihr Gesicht entgegenhielt, faßte er sie an beiden Schultern, zog sie an sich, als müsse er sich überzeugen, ob sie's auch selber wäre, und stieß sie dann gewaltsam von sich. Der Stuhl, an welchem sie gestanden hatte, fiel zurück, und das Kind stieß einen gellenden Schrei aus; das Weib aber stürzte gegen den Ofen; dann glitt sie mit einem schwachen Wehlaut auf den Boden. Als wären die Gedanken ihm abhanden gekommen, sah John darauf hin; als er ein wenig seine Augen hob, da sah er an einem hervorstehenden Schraubenstift des Ofens, von dem das Kind den Messingknopf zum Spielen abgenommen hatte, einen Tropfen roten Blutes hängen. Er kniete nieder und fuhr suchend mit den Händen durch das volle Haar seines Weibes; plötzlich wurden ihm die Finger feucht; er zog sie hervor. »Blut!« schrie er und betrachtete mit Entsetzen seine Hand; dann fuhr er fort zu suchen, hastig, mit fliegendem Atem, und – nun hatte er es gefühlt, ein Stöhnen brach aus seinem Munde: da, da quoll es hervor, da war der Stift hineingedrungen; tiefer wußte nicht, wie tief. »Hanna!« flüsterte er, indem er sich zu ihrem Ohre beugte, und noch einmal stärker: »Hanna!« Da kam es endlich. »John!« kam es von ihren Lippen; doch wie aus weiter Ferne. »Hanna!« flüsterte er wieder, »bleib, o stirb nicht, Hanna! Ich hol einen Doktor; gleich, gleich bin ich wieder da!« »Es kommt doch keiner.« »Ja, Hanna, er soll kommen!« Eine Hand griff tastend nach der seinen, wie um ihn zurückzuhalten. »Nein, John – kein Doktor – du bist nicht schuld – aber – sie setzen dich ins Gefängnis!« Sie warf sich plötzlich gewaltsam herum. »Küß mich, John!« rief sie laut wie in Todesangst; doch als er seine Lippen auf die ihren drückte, küßte er nur noch eine Tote. Scheu schlich das Kind zu ihm heran. »Ist Mutter tot?« frug es nach einer Weile, und als der Vater nickte: »Warum weinest du denn nicht?« Da ergriff er das erschrockene Kind mit beiden Händen und drückte es an sich. »Ich kann nicht!« stammelte er heiser; »ich habe sie – – ermordet« wollte er sagen, aber es wurde an die Tür geklopft. Er wandte den Kopf und sah den Nachbar Tischler eintreten. Der alte Mann hatte durch die dünnen Wände den Lärm gehört, das Mitleid mit der Frau, die dessen nicht mehr bedurfte, hatte ihn hergetrieben; nun sah er erschrocken auf die Tote. »Was ist das! Was habt Ihr hier?« frug er verwirrt. John richtete sich auf und setzte die Kleine auf den Fußboden. »Es ist nur wieder ein Sarg zu machen«, sagte er tonlos, »und ich habe keine Eschenstämme mehr. Ich bin ein armer Lump, Nachbar!« Der Alte sah ihn eine Weile schweigend durch seine runden Brillengläser an. »Ich weiß wohl«, sagte er dann, »daß du dies Weib nicht verdientest; du brauchst just nicht davon zu reden – wie ist denn das Unglück hier zu Platz gekommen?«   Und John berichtete, was geschehen war; ohne Auslaß, trocken, als sei es eines Dritten Sache; dann aber warf er sich wieder zu der Toten und betrachtete mit Scheu ihr Antlitz, das wie schlafend vor ihm lag; leise, als gelte es ein Verbot zu übertreten, streckte seine große Hand sich aus und strich zitternd über die leblosen Züge. »Wie schön, o wie schön!« murmelte er; »und sie werden ein glattes Brett darübernageln, wie sie es den armen Menschen tun!« Der Alte kannte seinen Mann; er glaubte seinem Berichte: er wußte, er brauchte nicht weiter darüber zu reden; dennoch trug er ihm mehr Groll als Mitleid. »Sei ruhig, John«, sagte er fast mürrisch, »ich mache deinem Weibe ihren Sarg wie damals ihrer Mutter; wenn wieder Arbeit kommt, so magst du zahlen, wenn du es kannst!« Da richtete der elende Mann sich auf. »Dank, Nachbar; aber gewiß, ich bezahl's Euch, jeden Sechsling, jeden Pfennig, denn ich muß sie selbst begraben. Sonst soll mich Gott verdammen!« Das Kind erschrak und ließ den Zipfel seines Rockes los, den es bisher gefaßt hielt. »Soll meine Frau Euch«, frug der Tischler, »die Kleine für die nächsten Tage abnehmen? Ihr habt hier niemand mehr.« »Nein, niemand mehr;« und aus seinen Augen flog ein Blick wie um Erbarmen flehend zu dem Angesicht des neben ihm stehenden Kindes. »Fragt sie selbst, Nachbar!« sagte er und ließ den Kopf auf seine Brust sinken. Aber er fühlte plötzlich die kleinen Arme zu sich emporstreben, und als er dann sein Kind emporhob, drückte er das Köpfchen fest an seine Wange; wie einen Strom von Lebensmut fühlte er es an sein Herz zurückfluten. »Nein, Nachbar«, sprach er, »seid bedankt! Aber mein Kind will doch nicht von mir; sie weiß, es ist nicht gut, so ganz allein zu sein.« Dann, als der Alte fortgegangen war, brach ein Strom von Tränen aus seinen Augen. Er kniete nieder zu der Toten. »Hilf mir, mein Kind; es wird mir schwer zu leben!« rief er, und die Kleine sah mit großen Augen zu ihm auf.   Vom Begräbnisse war John allein zurückgekommen, niemand hatte ihn begleitet; der alte Nachbar hatte der Toten ihren Sarg gemacht und war den letzten Weg mit ihr gegangen, dann war er in sein Haus zurückgekehrt. John stand in seinem Zimmer und sah sich schweigend in den leeren Wänden um; hier war nun Ruhe, aber wo war das Glück? – Auf der kleinen Schatulle standen neben anderem Geschirre die zwei Tassen mit den grob gemalten Rosen, die er vor ein paar Jahren am Hochzeitsmorgen gekauft hatte. Seine Augen streiften darüber hin, er sah noch den Herbstsonnenschein, der damals über der breiten Straße gelegen hatte; er schüttelte sich, der war ja längst vergangen. Draußen auf der Gasse war wie immer das gewerbliche Getöse, aber hier in der kleinen Kammer war es furchtbar still; auch der kattunene Vorhang dort in der Ecke hing so unbeweglich, als ob nun alles aus sei. Er konnte es nicht ertragen, er trat hinzu und zog ihn zurück; da fiel ein Mieder Hannas, das sie noch selbst dahin gehangen hatte, auf den Boden. Ein wilder Schmerz durchfuhr ihn, als er es aufhob; er taumelte auf einen Stuhl und schlug die Hände vors Gesicht. Da knarrte die nur angelehnte Kammertür; sein Töchterchen drängte sich hindurch und hielt ihm triumphierend ein Püppchen unter die Augen, ein Geschenk der Tischlerfrau, die das Kind während des Begräbnisses an sich genommen hatte. Nun aber hatte es nicht länger Ruhe gehabt; es war durch die Gärten und zur Hintertür hereingelaufen, um auch dem Vater seinen Reichtum zu zeigen. Der sah sie mit wirren Augen an; als sie aber erwartend vor ihm stehenblieb, hob er sie auf seinen Schoß und suchte sich zu fassen. »Was hast du da, Christinchen? Wer hat dir das geschenkt?« Aber bevor noch die Antwort des Kindes kam, wurde mit einem Stecken an die Tür geklopft, und ein alter, grauhaariger Weiberkopf guckte in die Stube; der zahnlose Mund blieb offenstehen, während der Kopf mit den kleinen munteren Augen Vater und Tochter zunickte. John kannte das Gesicht: es gehörte der alten »Küster-Mariken«, einer jener sauberen Bettlerinnen, wie wir manche bei uns zu Hause haben. Sie war eine Schullehrertochter vom Lande, hatte in ihrer Jugend in der Stadt gedient und dort einen kleinen Handwerksmann geheiratet. Nach dessen Tode hatte sie jahrelang mit ehrlicher Arbeit sich um die Lebensnotdurft abgemüht, dann war sie früh gealtert und verarmt; nur das schwer ersparte Geld zu einem guten Leichenbegängnis trug sie unantastbar in einem Lederbeutelchen an ihrem Leibe; was sie zu ihrer Nahrung noch bedurfte, holte sie sich nun Tag für Tag bei den Leuten, wo sie einst gedient hatte, oder bei deren Kindern oder solchen, die es ihr geboten hatten. John war ihr oft auf ihren »Suppengängen«, wie sie das selber nannte, begegnet und hatte der Alten freundlich guten Weg geboten. Auch jetzt nickte er ihr freundlich zu. »So kommt doch arm zu arm!« sagte er. »Was will Sie von mir, Mariken?« Aber von der Alten war noch immer nur der Kopf und die Krücke ihres Steckens in dem Zimmer. »John«, sagte sie, »kannst du ein altes Weib gebrauchen? Ich möchte in eins von deinen leeren Betten kriechen!« »Das Bettzeug ist schon verkauft, Mariken«, sagte John. »Nein, John, das Bettzeug hab ich selber, da brauchst du nicht zu sorgen!« »Was will Sie denn mit dem leeren Bett?« »Ei«, erwiderte die Alte, »so will ich's nach der Ordnung sagen: du weißt doch, ich hab ein Kämmerchen bei dem Schlachter Nissen, nur sechs Fuß hin und her, doch schmuck und sauber, und jeder kann auf meine Dielen treten!« »Nun«, unterbrach sie John, »hat der Sie jetzt hinausgeworfen?« Die Alte war einen Schritt in die Stube getreten und drohte schmunzelnd mit der Krücke: »Beileibe nicht! Aber das alte faule Gebäu muß eingerissen werden, und in dem neuen, da passet unsereins nicht mehr hinein. So hab ich an dich gedacht, John! Sie trauen dir zwar nicht; aber ich kenn dich besser! Du gibst mir Unterschlupf; ich halte dir deine Kammer hier so schmuck, wie jetzund die meine, und hüte dir dein Christinchen, wenn du auf Arbeit bist.« Sie machte mit ihren Fingern ein Häschen und nickte der Kleinen freundlich zu, die unverwandt der Alten ins Gesicht starrte. »Nur«, fügte sie hinzu, »wo ich meinen alten Kopf zur Ruhe legen kann, weiter braucht's nicht; du weißt ja, mein bißchen Essen hol ich mir schon selber!« John nickte: »Ja, ich weiß, Sie bettelt.« – Und in sich selber sprach er leis und traurig: »Mein Weib tat dies in ihrer Kindheit auch!« Aber die Alte rief: »Was sagst du, John?« und stieß mit ihrem Stecken auf den Boden. »Das ist kein Betteln! Das geben mir meine früheren Herrschaften und ihre Freunde, das gehört sich so; ich bin ein alter Dienstbot, den dürfen sie nicht verhungern lassen!« John sah sinnend auf das Weib; die Kleine war von seinem Schoß herabgeglitten und hielt der Alten ihre Puppe vor. »Sieh!« sagte sie, »die ist mein!« und nickte zur Bestätigung ein paarmal mit ihrem hübschen Köpfchen. Küster-Mariken hatte sich an ihrem Stock herniedergleiten lassen und hockte vor dem Kinde auf dem Fußboden. »Ei der Tausend!« sagte sie, »das ist wohl die Prinzessin Pomphia! Ja, die kenn ich; als ich so klein war wie du, ist ihre Großmutter bei mir gewesen; von der könnt ich dir Geschichten erzählen! Wenn nur dein Vater das alte Weib nicht aus dem Hause wirft!« »Nein, du sollst bleiben!« rief das Kind, und die Puppe wäre fast zu Fall gekommen, als sie mit ihren Händchen nach den dürren Fingern der Alten langte. John nickte seinem Kinde zu: »Willst du sie behalten, Christine, so sag ihr, daß sie morgen kommen mag!« Und so war es abgemacht. »Das liebe Dirnlein!« murmelte die Alte immer wieder, als sie aus dem Hause und durch die lange Straße ihrer Wohnung zu an ihrem Stecken ging. So waren nun wieder drei Bewohner in der Kate; und doch war es darin so still, daß die Buben und Pflastertreter, welche daran vorbeigingen, vergebens einen Zeitvertreib von dort erwarteten. Nur etwas Hübsches, das sie jedoch nicht zum Stillstehn brachte, gab es im Sommer bisweilen dort zu sehn. Das war ein dürftig, aber allzeit sauber gekleidetes Dirnlein, das mit einer Puppe oder einem anderen Spielwerk auf der Haustürschwelle saß, wo die Sonne auf ihrem braunen Scheitel glänzte. Wenn aber von drunten aus der Stadt die Turmuhr Mittag schlug, dann legte sie hastig ihre Puppe auf die Schwelle und ging mit vorgestrecktem Köpfchen einige Häuser, so weit Alt-Mariken es ihr erlaubt hatte, in die Stadt hinab; auch wohl, bedächtig und immer das Köpfchen rückwärtsdrehend, ging sie wiederum nach ihrer Haustür und nahm wie gedankenlos die Puppe in die Hand; bald aber trieb es sie aufs neue auf, und endlich, mit jenem Aufschrei vollsten Kinderglückes, flog sie dem von der Arbeit zu kurzer Ruhe heimkehrenden Vater in die ausgebreiteten Arme. Dann trug er seinen kleinen Trost die paar Häuser weit nach seiner Wohnung, wo schon die Alte mit ihren munteren Augen an der Türe harrte. »Nur herein, John! Nur herein!« rief sie, »die Kartoffeln hab ich Euch gekocht; und das Töpfchen Milch vom Nachbar Bäcker steht auch schon auf dem Tisch!« Dann band sie eine reine Schürze vor und ging mit dem irdenen Henkeltopf auf ihren eigenen Suppengang in die Stadt hinunter. John aber und sein Christinchen setzten sich an den Tisch nachdem er zuvor aus der Schatullenschublade ein derbes Schwarzbrot hervorgeholt hatte. Er schnitt zwei Stücke ab und brockte sie in die Milch, die in zwei Kümmchen verteilt wurde; zuletzt aßen sie mit etwas Salz die dampfenden Kartoffeln. Nachbar Tischlers bunte Katze kam herein und strich dem Kinde um die Beinchen; der warf Christinchen auch noch eine in Salz gestippte Kartoffel zu. Aber die Katze beroch sie nur, leckte einmal daran und begann sie dann mit ihren Pfötchen in der Kammer umherzurollen. Da lachten Vater und Tochter. »Die mag keine Kartoffeln«, sagte John; »das ist ein Leckerzahn! Schmeckt es denn dir, Christinchen?« Und als die Kleine ihm schmausend zunickte, holte er noch einmal etwas aus der Schublade. »Nun merk auf!« rief er, »nun kommt der Nachtisch!« Es war aber nur eine Messerspitze mit Butter, was er jetzt auf ihren Teller strich. »So«, sagte er, »damit iß nun deine letzte Kartoffel!« Und des Kindes Augen leuchteten vor Vergnügen. Wenn die kleine Haustürglocke schellte und Mariken mit ihrem Topfe wieder heimkam, dann griff John nach der Mütze und ging wieder auf seine Arbeit. Als Christinchen dann eines Tags in die Küche lief, sah sie die Alte am Herde sitzen und mit besonderem Behagen aus ihrem Topfe löffeln; ein leckerer Duft schwamm ordentlich in der Küche, und nach dem mageren Mittag mochte ein begehrlicher Ausdruck deutlich genug auf dem Kinderantlitz stehen. Die Alte legte den Löffel aus der Hand. »Komm, Kind, und halte mit!« rief sie, »das wird dir gut tun!« Aber Christine trat zurück und schüttelte das Köpfchen: »Ich hab mit Vater schon gegessen.« »Doch nicht von Frau Senator ihrer Sonntagssuppe!« »Ich darf nicht«, sagte das Kind leise. »Was?« rief die Alte. »Wer hat dir das verboten?« »Mein Vater«, kam es ebenso von den Lippen des Kindes. Wie Zornesröte flog es in das Gesicht der Alten. »So, so!« sagte sie und stemmte die Faust mit dem Löffel auf ihre Knie. »Ja, ja, ich glaub's: du sollst nicht mit mir von meinen Bettelsuppen essen!« Aber sie drängte die Worte zurück, die noch über ihre Zunge wollten; das Kind durfte das nicht hören. »Komm«, sagte sie und stellte ihren Topf beiseite, »ich bin satt; wir wollen in den Garten, da find ich dir noch ein paar Stachelbeeren. Du bist ein braves Kind! Sei deinem Vater allzeit so gehorsam; da wird dir's wohlgehen!« Und sie wanderten miteinander in den Garten, und so dürftig auch die Ernte ausfiel, die Alte erzählte so alles vergessen machende Geschichten von Prinzessin Pomphias Großmutter, daß der Leckerappetit der Kleinen, sie wußte nicht wie, verging. – – Das war in der Zeit, die sich so unauslöschlich dem Kinderherzen einprägte, daß dagegen alles, was vorher war, in Dämmerung versank, von der die Frau, die einstmals dieses Kind gewesen war, mir heute noch gesagt hatte, daß es in ihrer Kindheit die Rosenzeit gewesen sei.   John hatte dem Nachbar Tischler Wort gehalten: der Sarg der jungen Frau war bis auf den letzten Dreier von ihm bezahlt worden; er hatte sein Weib doch selbst begraben. Das anmutige Kind, das so jählings mutterlos geworden, mit dem jetzt wohl nachmittags die Alte durch die Straßen prunkte, hatte das Mitleid der Stadt erweckt; und war auch diese Teilnahme nicht von langer Dauer, es hatte dem Vater doch zu Arbeiten verholfen, die ihm sonst nicht gekommen wären, und da es meist Verdingsarbeiten waren, so half seine geschickte Kraft ihm jetzt zu gutem Verdienst. Und eines Sonnabends – das Kind mochte jetzt schon reichlich seine fünf Jahre alt sein – da John am Feierabend einen tüchtigen Wochenlohn vor sich auf den Tisch zählte und dann einen Teil davon zum Mietzins abschied, stand auch Alt-Mariken dabei, und auf die vielen Schillinge niederschauend, sprach sie: »Gib mir auch etwas davon!« Als er verwundert aufsah, fügte sie schmunzelnd bei: »Du glaubst, John, ich will nun auch bei dir betteln!« »Nein, Mariken; aber was will Sie?« »Nur acht Schillinge, um eine Tafel und eine Fibel dafür zu kaufen!« »Will Sie noch schreiben und lesen lernen?« »Nein, John, das hab ich, Gott und meinem seligen Vater Dank, nicht nötig! Aber mit Christinchen ist es an der Zeit. Und das soll sie schon von dem alten Weibe lernen; ich war einst meines Vaters beste Schülerin.« John reichte ihr, was sie verlangte. »Sie hat wohl recht, Mariken«, sagte er. – – Und so lernte Christine diese schwierigen Dinge leichter und um ein paar Jahre früher, als es armen Kindern sonst zuteil wird; und jetzt waren es andere Menschen als früher, nachdenkliche Leute, pensionierte Schullehrer, auch wohl alte Großmütter, die manchmal vor der kleinen Kate ihren Schritt hemmten und mit einem Ausdruck von zärtlichem Beifall auf das eifrige Kind dort auf der Haustürschwelle sahen, das, ohne umzublicken, unachtend der braunen Löckchen, die von der Stirn ihm in die Augen hingen, den Kopf über eine Fibel neigte und, alles um sich her vergessend, den kleinen Zeigefinger von einem Wort zum anderen rückte, sobald das Mündlein die schwarzen Druckzeichen in den hellen Sprachlaut umgesetzt hatte. Wenn aber am Feierabend der Vater da war, wenn sie mit aller Wichtigkeit ihm erst gezeigt hatte, wie weit sie heute auf der Tafel oder im Fibelbuch gekommen sei, und wenn sie dann miteinander ihr kleines Mahl verzehrt hatten, so ging er wohl noch einmal mit ihr hinaus unter den Sternenhimmel auf die Straßen, oder war es dort zu laut noch, in das Gärtchen und weiter in die Wege, die in das Feld hinausliefen. Dann hob er oft sein Kind auf beide Arme, und was er tags erfahren hatte, oder was nur an Gedanken bei der Arbeit ihm gekommen war, was sie verstand oder nicht verstand, das flüsterte er in die kleinen Ohren; er hatte keinen anderen Vertrauten, und ein ewig Schweigen soll kein Mensch ertragen können. Wohl bog das Kind bisweilen das Köpfchen zu dem seinen auf und lächelte ihm nickend zu; manchmal aber erschrak es und bat: »Nicht so! O, sag das nicht, mein Vater!« Er wußte nicht, war diese Tochter ihm ein neues Glück, war sie ihm nur ein Trost für ein verlorenes; denn immer wieder nach dem toten Weibe in Reu und Sehnsucht wollte ihm das Herz zerbrechen; noch im Traum betörte ihn der Reiz des längst vergangenen Leibes, daß er, vom Schlafe auffahrend, ihren Namen durch die dunkle Kammer schrie, bis er endlich faßte, was unrettbar der Vergangenheit gehöre. Manchmal in der Nacht hatte auch das Kind nach der Mutter gerufen und die Ärmchen weinend nach ihr ausgestreckt; wenn er dann am Abend darauf sie durch die Einsamkeit der Gassen auf seinen Armen trug, erzählte er ihr, wie Süßes oft im Traume ihm geschehen, wie schrecklich sein Erwachen gewesen sei. Dann frug das Kind wohl zitternd: »War denn Mutter bei dir in der Nacht?« »Nein, Christine; es war ja nur ein Traum.« Und das Kind frug weiter: »War denn Mutter so schön?« Dann drückte er sie heftig an sich: »Für mich das Schönste auf der Erde! Weißt du das nicht mehr? Du warst schon drei Jahre alt, als sie starb!« Als er das letzte Wort gesprochen hatte, stockte ihm die Rede plötzlich; ein Frösteln rann durch seine Glieder. Konnte er so einfach von ihrem Sterben sprechen? Er wollte sein liebes Kind doch nicht betrügen. – Die Kleine aber, die eine Weile geschwiegen hatte, sagte jetzt traurig: »Mein Vater, ich weiß gar nicht mehr, wie Mutter aussah!« »Wir hatten nimmer Geld zu einem Bilde; wir dachten auch nicht an den Tod!« antwortete John, und seine Stimme bebte; »aber er ist immer bei uns; streck nur den Finger aus, so kommt er schon!« Die Kleine drückte angstvoll das Köpfchen an seine Brust. »Nein, nein«, sagte er, »so ist's doch nicht! Du kannst schon deine beiden ganzen Händchen ausstrecken! Der liebe Gott ist doch über ihm; der hat auch versprochen, daß wir die Toten alle wiedersehen sollen; so lange mußt du warten.« »Ja, Vater«, sagte das Kind, und der kleine Mund drückte sich auf den seinen, »aber du mußt bei mir bleiben.« »Wie Gott will.« – – War bei ihrer Nachhausekunft Alt-Mariken noch wach, oder hatte die Haustürschelle sie wieder aufgeschreckt, dann schalt sie John, die Nacht sei nicht für Kinder, er trage sie noch in den Tod. Er aber sagte dann wohl halb für sich selber: »Besser früher Tod, Als spät die Not.« Da kam jener furchtbare Winter in den vierziger Jahren wo die Vögel tot aus der Luft fielen und die Rehe erfroren im Walde zwischen den von Schnee gebeugten Bäumen lagen, wo die armen Leute mit ihrem leeren Magen, um nicht gleichfalls zu erfrieren, in ihre kargen Betten krochen, die in ungeheizten Kammern standen; denn auch die Arbeit war mit eingefroren. John hatte sein Kind auf dem Schoß; er sann wohl darüber nach, warum in solcher Zeit das Mitleid nicht den Armen Arbeit schaffe; er wußte nicht, daß es an ihm vorbeigegangen war. Die lange nicht gestutzten Haare hingen über seine eingefallenen Wangen; die Arme hielt er um sein Kind geschlungen. Der Mittag war vorüber, wie die zwei leeren irdenen Teller auswiesen, die mit Kartoffelschale bedeckt neben einem Salzfaß auf dem Tische standen. Ein kaltes graues Zwielicht war in der Kammer; denn das Tageslicht konnte durch die dick mit Eisblumen überzogenen Scheiben nur kaum hineindringen. »Schlaf ein wenig, Christine!« sagte John. »Schlaf ist gut; es gibt nichts Besseres; es wird auch wieder Sommer werden!« »Ja«, hauchte das Kind. »Wart nur!« Und er nahm ein Wollentuch, das Hanna einst getragen hatte, und bedeckte sie damit. »Das ist Mutters Tuch«, sagte er, »deine kleinen Füße sind so kalt.« Sie ließ sich das gefallen und schmiegte sich an den Vater, der vergebens hoffte, daß der Schlaf ihr kommen werde. Et hatte die letzten drei Torf so vorsichtig in den kleinen Ofen geheizt, aber es war doch zu kalt geblieben. Da schellte die Haustürglocke, und Alt-Mariken trat nach einer Weile in die Kammer. Sie deckte ihre kleinen Augen mit der Hand: denn das graue Zwielicht dadrinnen hatte sie geblendet; dann nickte sie den beiden zu. »Das glaub ich«, sagte sie, »ihr könnt euch aneinander wärmen! So hat's unsereiner nicht; denn sieh, John, das Kinderkriegen hab ich nicht verstanden. Nur einmal war's ein totes, aber das zählt ja nicht.« John blickte nicht auf. »Da braucht Sie heute auch nur für sich allein zu frieren«, sagte er und nahm die kalten Füßchen seines Kindes in seine großen Hände. Nun, nun«, erwiderte die Alte; »ich weiß mir schon zu helfen; sorg nicht um mich, John! Die alte Senatorn hört gar zu gern die Geschichten von Anno damals, vom Kosakenwinter; und da kann ich aushelfen, John! Die haben mir heut drei Tassen heißen Kaffee eingebracht; da kann man's dann schon wieder aushalten, wo nur der Winter einheizt!« Sie lachte: »Ihr beiden solltet einmal tanzen! Das hat mir früher oft geholfen; die Tanzbein sind mir nur abhanden gekommen.« Da hob das Kind sein Köpfchen aus den Umhüllungen und sagte: »Vater, morgen ist doch Weihnachten; darf es hier dann nicht ein wenig wärmer sein?« John sah nur finster auf sie hin; die Alte aber huckte sich neben ihm und der Kleinen zu Boden: »Kind, Gottes Engel!« rief sie und streichelte mit ihrer warmen Hand Stirn und Wangen der Kleinen; dabei griff sie mit der anderen in ihre Tasche und fühlte nach den Schillingen, von denen sie nicht geredet, die sie aber neben dem Kaffee von der Frau Senatorin als Festgeschenk erhalten hatte. »Ja ja, Christinchen, sorg nur nicht! Unser Herr Christus hat dazumal auch warm in seinem Kripplein gelegen!« John schwieg noch immer; das Wort seines Kindes war ihm wie ein Schwert durchs Herz gegangen. Aber vor seinem inneren Auge stand jetzt plötzlich jener einsame Brunnen draußen auf dem Felde; er sah den Bretterzaun im Froste flimmern. Sein alter Arbeitgeber, von dem er ihn einst selbst erbeten hatte, war jahrelang tot; auch sie, um derenwillen es geschah – wen kümmerte das von damals noch? Hatten die Bretter einst sein Weib geschützt, sie konnten nun sein Kind erwärmen! – Das Blut stieg ihm zu Häupten; sein Herz hämmerte heftig. Das hörte das Kind, dessen Kopf daran lag. »Vater«, sagte sie, »was klopft so in dir?« »Das Gewissen!« – Er war zusammengefahren. Niemand hatte das gesagt, und war ihm doch, als habe er es gehört, deutlich, dicht vor seinem Ohr. »Mich friert!« sagte die Kleine wieder. Da stieg aufs neue der Brunnen vor ihm auf. »Wärme dich ein Stündchen in meinem Bette!« sagte er hastig; »dort wirst du schlafen; ich wecke dich dann wieder.« »Ja, ja, Christinchen«, rief die Alte, »ich setz mich zu dir; schlaf nur, Kind; die Welt ist gar zu kalt!« John aber stürzte aus der Kammer dem niedrigen Verschlage zu, der auf dem Hofe war; hier in der Dunkelheit, nach zugeriegelter Tür, schärfte er seine Handsäge und schliff sein Handbeil auf dem dort stehenden Schleifstein. – – In der Nacht, die diesem Tage folgte, fiel das Quecksilber in den Thermometern noch um mehrere Grade tiefer; die schneebedeckten Felder, auf welche die zitternden Sterne herabblinkten, schienen wie eine Öde, die nie ein Menschenfuß betreten. Dennoch vernahmen die Kranken oder in Sorgen Wachenden, welche in der Norderstraße ihre Schlafkammern nach den Gärten hatten, aus der Ferne die Schläge eines Beiles, die in der grenzenlosen Stille nach der Stadt hinüberschollen. Vielleicht mochte auch ihrer einer sich erheben und vom Bett aus, wiewohl vergebens, durch die flimmernden Fensterscheiben hinauszublicken suchen; aber wen kümmerte es weiter, wer draußen noch so geschäftig wach war? Als aber Alt-Mariken am Morgen spät erwachte, da sah sie von ihrem Bett aus, daß in dem Beilegerofen schon ein helles Feuer prasselte und ihre Schillinge nicht mehr nötig waren. In der Kammer stand John neben seinem Töchterlein und sah schweigend zu, wie sie behaglich sich die Kleider überzog und unterweilen mit ihren Händen an den Ofen klatschte. »O«, rief sie fröhlich und zog sie rasch zurück, »er hat mich ordentlich gebrannt!« Und allmählich schmolz der Schnee; die Sonne kam immer länger auf Besuch; die Schneeglöckchen hatten ausgeblüht, und die Veilchen zeigten dicke Knospen; Vögel und allerlei Wandergäste kamen; darunter auch, die nicht willkommen waren. John hatte eine Gartenarbeit unten in der Stadt und bog eines Abends, seinen Spaten auf dem Nacken, aus einer Nebengasse in die breite Straße ein, um durch diese und deren Verlängerung nach seiner Wohnung hinaufzugehen. Alle seine Gedanken waren bei seinem Kinde; sie kam ihm ja immer noch entgegen, wenn auch nicht so ungestüm wie früher; denn auf den Herbst hatte sie schon ihr siebentes Jahr. Da schlug von rückwärts der Schall eines Fußtrittes an sein Ohr, als ob er ihn einzuholen trachte. Er stutzte. »Wer ging doch so?« – Wie eine unheimliche Erinnerung überkam es ihn; aber er konnte sich nicht entsinnen; ihm war nur, als sei ihm Unheil auf den Fersen. Er sah nicht um; aber er ging jetzt rascher, denn es war ganz hell noch auf den Gassen. Doch auch das hinter ihm ging rascher; er brütete noch: wer kann das sein? – da schob ein magerer Arm sich in den seinen, und ein bleiches bartloses Gesicht mit kurzgeschorenem Schädel sah ihn aus kleinen scharfen Augen an. John erschrak bis in die Fußspitzen. »Wenzel!« stieß er hervor. »Wo kommst du her?« »Wo du auch einmal sechs Jahr gewesen bist, John! Ich hatte es noch einmal versucht.« »Laß mich!« sagte John; »ich darf nicht mit dir gesehen werden. Das Leben ist schwer genug.« Er ging noch rascher; aber der andere blieb ihm zur Seite. »Nur die Straße hier hinauf«, sagte er. »Du trägst das Zeichen der Ehrlichkeit da auf den Schultern; das tät mir gut zu meiner Reputation!« John stand still und trat von ihm zurück: »Du machst linksum, oder ich stoße dich hier zu Boden!« Der schwache Züchtung mochte den Grimm des Mannes fürchten; er zog grinsend seine alte Mütze: »Auf Wiedersehn, Herr John! Du bist heut just nicht höflich gegen einen alten Kameraden!« Er steckte die Hände in die Hosentaschen und ging nach links unter den Rathausschwibbögen zur Stadt hinaus. In furchtbarer Bewegung setzte John seinen Weg fort; ihm war, als wäre alles in ihm eingestürzt. Einige Häuser vor dem seinen kam ihm das Kind entgegen und hing sich an seinen Arm. »Du sprichst ja gar nicht, Vater? Fehlt dir was?« sagte sie nach einigen Schritten. Er schüttelte den Kopf: »Ja, Kind; wenn nur, was einmal dagewesen, nicht immer wieder zu uns kommen wollte!« Die Kleine sah zärtlich, voll unverstandenen Mitleids zu ihm auf. »Kann denn der Hebe Gott nicht helfen?« sprach sie zaghaft. »Ich weiß nicht, Stine; aber wir wollen zu ihm beten!« – – Am folgenden Tage hatte John den Gefürchteten nicht gesehen; er war auch nicht durch die Stadt, er war hinter derselben an den Gärten entlang auf seine Arbeit und wiederum nach Haus gegangen. Am Abend darauf sah er ihn hier auf sich zukommen; das bleiche Züchtlingsgesicht, um das jetzt ein Stoppelbart zu wachsen begann, war nicht zu verkennen. »Ei, Freund John«, rief Wenzel ihm entgegen, »ich glaub, du suchst mir auszuweichen; bist du denn noch so mürrisch?« John blieb stehen. »Dein Gesicht macht mich nicht fröhlicher«, sagte er. »Das denn vielleicht?« entgegnete Wenzel und zog ein paar Mark Geldes aus der Tasche. »Ich wollt mich auf eine Woche bei dir einmieten, John! Es ist nicht leicht für mich, Quartier zu kriegen!« »Miet dich beim Teufel ein!« sagte John. Als er aufblickte, kam aus einem Seitenwege ein Gendarm auf sie zu. John wies auf den Polizeisoldaten; aber Wenzel sagte: »Den fürcht ich nicht; meine Papiere sind in Ordnung.« Noch bevor dieser sie erreicht hatte, zog er sein Taschenbuch hervor und übergab es ihm, der mit amtlicher Würde den Inhalt durchstudierte. Schon streckte Wenzel seine Hand aus, um seinen Schatz sich wieder auszubitten; aber der Gendarm steckte die Papiere ruhig in seine eigne Tasche. »Er hat sich auf der Polizei noch nicht gemeldet«, sagte er kurz. »Er geht mit mir!« Und einen raschen Blick auf John werfend, ließ er den Züchtung vorangehen und folgte, die Hand am Säbelgriff. Der Bürgermeister befand sich auf dem Rathause in seinem Arbeitszimmer, als der Gendarm eintrat und den entlassenen Züchtung Wenzel meldete. Er lächelte. »Ein alter Bekannter!« »Ich traf ihn hinten am Kuhsteig; der John Glückstadt stand bei ihm«, berichtete der Gendarm. Der Beamte sann einen Augenblick: »Ja, ja, – John Glückstadt, das läßt sich denken.« »Freilich, Herr Bürgermeister; das Zusammentreffen schien mir sehr verdächtig, hinter der Stadt und um die Vesperzeit, wo niemand dort zu kommen pflegt.« »Wie meinen Sie das, Lorenzen?« frug der Bürgermeister, »Dieser John Hansen ist jetzt ein reputierlicher Mensch, der sich und seine Kleine ehrlich durchzubringen sucht.« »Sehr wohl, Herr Bürgermeister; aber sie waren vordem zusammen im Zuchthaus; es dürfte nicht ohne Bedeutung sein, daß sie auch hier gleich wiederum zusammenstehen.« Aber der Bürgermeister schüttelte den Kopf. Er hatte John im Winter ein kleines Darlehen gegeben und es in diesen Frühlingstagen zurückerhalten. »Nein, Lorenzen«, sprach er, »stören Sie mir den Mann nicht; den kenn ich besser: auch hat er Arbeit jetzt, die er nicht aufs Spiel setzen wird. Und nun lassen Sie den Wenzel kommen!« »Befehlen«, sagte der Gendarm und drehte sich militärisch nach der Tür. Aber die Zurückweisung seiner so wohlausgesonnenen Schlüsse auf John Glückstadt hatte heimlich ihn ergrimmt. Drum erzählte er noch am selben Tage Arbeitern und kleinen Handwerkern, mit denen er zusammentraf, und mit noch stärkeren Akzenten die verdächtige Geschichte; die brachten es an die Dienstboten und diese an die Herrschaften, und so war bald die ganze Stadt voll von den gefährlichen Plänen, welche Wenzel und John Glückstadt in erneuerter Kameradschaft miteinander geschmiedet hätten; und obwohl Wenzel schon am folgenden Tage wieder entlassen und dann von Behörde zu Behörde gewiesen war und hier niemals wieder gesehen wurde, so hatte er doch für John des Teufels Spur zurückgelassen. Dieser hatte gehofft, die Arbeit in dem großen Garten drunten in der Stadt den ganzen Sommer, ja gar künftige Jahre behalten zu können, denn der Besitzer hatte ihm wiederholt die Sauberkeit und Raschheit seiner Arbeit gelobt; jetzt aber kam die Botschaft von demselben, John brauche nicht wieder zu kommen. Bei Anfragen in anderen Häusern erhielt er trockenen Abschlag; mit Mühe bekam er endlich ln einem nahe belegenen Dorfe eine schlecht bezahlte Feldarbeit; aber auch die ging bald zu Ende. Sein Mut sank; seines Kindes Antlitz drückte ihn noch tiefer; das Elend war schon halb in seiner Kate; nur der Kleinen wußte die kluge Alte unter immer neuen Vorwänden ein Teilchen von ihren Suppengängen zukommen zu lassen. So war das Ende des August herangekommen und ein Abend, wo für den anderen Tag kein Mundvoll mehr im Hause war. Er saß am Bette seines Kindes, das schon mit dem Schlafe kämpfte, und sah starr auf das liebliche Gesichtlein; aber so still er saß, er wußte vor Angst nicht, wo er mit seinen Gedanken bleiben sollte. Da, als das Kind die Augen zu ihm aufschlug, brach es aus ihm hervor: »Christine!« aber er stockte einen Augenblick; »Christine«, sagte er nochmals, »könntest du wohl betteln?« »Betteln!« Das Kind erschrak über das Wort. »Betteln, Vater?« wiederholte sie; »wie meinst du?« Die Kinderaugen waren plötzlich erregt auf ihn gerichtet. »Ich meine«, sagte er langsam aber deutlich, »zu fremden Leuten gehen und sie um einen Sechsling oder noch weniger um einen Dreiling bitten, oder um ein Stück Brot.« Dem Kinde stürzten die Tränen aus den Augen: »Vater, warum fragst du so? Du sagtest immer, betteln sei eine Schande!« »Es kann auch kommen, daß Schande noch nicht das Schlimmste ist. – Nein, nein!« rief er dann laut und riß sie heftig in seine Arme. »Weine nicht, o weine nicht so, mein Kind! Du sollst nicht betteln; nimmer sollst du das! Wir essen nur ein bißchen weniger!« »Noch weniger, Vater?« frug die Kleine zögernd. Er antwortete nicht; aber ihr war, als fühlte sie ihn schluchzen, als er seinen Kopf gegen ihren kleinen Körper barg. Da wischte sie sich die Tränen vom Gesicht; und als sie eine Weile wie grübelnd dagelegen, brachte sie ihren kleinen Mund zu seinem Ohr. »Vater!« flüsterte sie leise. »Ja, mein Kind?« und er richtete sich empor. »Vater, ich glaub, ich könnte doch wohl betteln!« »Nein, nein, Christine; denk nicht mehr daran!« »Ja, Vater«, und sie schloß ihre Ärmchen fest um seinen Hals, »wenn du krank und hungrig wärest, dann wollte ich es doch!« »Nun, Kind; du weißt ja, ich bin kerngesund!« Sie blickte ihn an; er sah nicht sehr gesund aus; aber er lächelte ja doch. »So, schlaf nun!« sagte er und löste die Ärmchen sanft von seinem Nacken und legte sie in ihr Bett zurück. Und sie tat, wie getröstet, ihre Augen zu und war bald entschlafen; nur ihres Vaters Hand behielt sie noch fest in der ihren, bis auch die kleinen Finger sich lösten und das ruhigere Atmen den festen Schlaf bekundete. Er blieb noch immer sitzen; das erste Viertel des Mondes war heraufgekommen und schimmerte trübe in die Kammer, per Mann starrte in Verzweiflung auf sein Kind: was sollte er beginnen? Zur Sparkasse? – Aber wer würde für ihn Bürgschaft leisten? Zum Bürgermeister gehen und um ein Darlehn bitten – und das im hohen Sommer? – Im Winter hatte er es getan; er wußte genau die Zeit: die Bretter des Brunnens waren verbrannt und die Kammer wieder kalt gewesen. Der Bürgermeister hatte es ihm damals auch gegeben; aber die scharfen Augen des alten Herrn hatten ihn so seltsam angesehen. »Damit Er nicht wieder in Versuchung komme, John!« hatte er dabei gesagt; ihm aber hatten plötzlich die Beine unterm Leib gezittert. Ob denn der Bürgermeister von jener Sache wisse oder nur Gedanken habe, frug er sich jetzt; dann fiel's ihm auf die Brust, er war ein Züchtung, dem wird alles zugerechnet; weshalb war denn seitdem schon immer wieder keine Arbeit für ihn dagewesen? Wie eine drückende Wolke fühlte er den Verdacht ob seinem Haupte schweben. Das geliehene Geld zwar hatte er zurückgezahlt; aber, nein – nicht noch einmal zum Bürgermeister! – – Nebenan im Garten des Tischlers standen wohl noch ein paar Reihen Kartoffeln, sie schienen ganz vergessen zu sein – aber John biß die Zähne zusammen: er hatte durch ihn sein totes Weib begraben können. Einen Augenblick entflohen ihm die Gedanken; sie hafteten dort, wo der Ofen stand, wo ein schwacher Mondschimmer auf dem Messingknopfe schimmerte. »Hanna!« murmelte er, »du bist schon recht gestorben!« Wie in unausdenkbarem Elend streckte er die Hände mit ausgespreizten Fingern vor sich hin; aber die Bilder in seinem Kopfe wechselten, und die des Hungers waren doch die stärksten. Da plötzlich streckte sich ein weites Kartoffelfeld vor seinen Augen; es war draußen auf dem Felde neben dem von ihm beraubten Brunnen, der jetzt in einem hohen Ährenfeld verborgen stand. Die Kartoffeln waren noch immer nicht aufgenommen; andere Feldarbeit war im Wege gewesen. »Nur ein paar Bülte!« murmelte er, »nur um einmal satt zu werden!« Etwas von dem Trotz der Ausgestoßenen kam über ihn: »Es kann ja morgen wieder Arbeit kommen – wenn nicht, so muß ich's mit dem lieben Gott versuchen!« Er saß noch lange, noch manche Stunde, bis der Mond schon unter war und er alles schlafend glaubte; da schritt er leise aus der Kammer und aus dem Hause. Die Luft war schwül; nur mitunter fuhr ein Windstoß auf, und fast undurchdringliche Finsternis lag auf der Erde. Aber John war den Weg schon oft gegangen, und endlich, an dem Kraute, das um seine Beine schlug, fühlte er, er war auf dem Kartoffelacker. Er lief noch weiter hinein, denn ihm war, als müsse er überall gesehen werden; mitunter bückte er sich und wühlte unter den Büschen, mitunter zuckte er erschreckt zurück; aber es war nur das Gezücht, das hier gelegen hatte; ein Tausendfuß, eine Kröte waren über seine Hand geschlüpft. Das Säcklein, das er mitgenommen hatte, war halb gefüllt. Er stand und wog es in der Hand: es war genug; aber ... Er hatte den Sack schon umgekehrt, um alles wieder auf den Acker auszuschütten, nur unten hielt noch seine eine Hand das Linnen zusammen. Ihm war im Kopfe, als senke eine Waage sich auf und ab; dann sprach er langsam: »Ich kann nicht, lieber Gott! Mein Kind! Es soll ans Kreuz geschlagen werden; laß mich es retten; ich bin ja nur ein Mensch!« Er stand und horchte, als solle eine Stimme von oben aus der Nacht zu ihm herunterkommen; dann krampfte seine Hand sich um den Sack; er lief nur weiter, immer weiter; kaum fühlte er, daß jetzt hohe Ähren ihm mit ihren rauhen Köpfen ins Gesicht strichen; kein Stern zeigte ihm den Weg; er ging her und hin und kam doch nicht zum Ausgang. Ihn überfiel's, wie er vor einem Jahrzehnt als Aufsichtsmann so sicher hier geschritten war; es konnte nicht weit sein, wo einst sein Weib, ein sechzehnjährig Dirnlein, ihm in die Arme stürzte! In süßem Schauder ging er vorwärts; gleichmäßig rauschten bei seinem schritt die Ähren; ein Vogel, ein Rebhuhn oder eine Ammer, schwirrte vor ihm auf; er hörte es kaum, er schritt nur weiter, als ob er ewig so zu schreiten habe. Da zuckte fern unten am Horizont ein schwacher Schein; ein Gewitter schien heraufzukommen. Einen Augenblick stand er und besann sich: er hatte die dunklen Wolken am Abend schon gesehen; er wußte plötzlich, wo Ost und Westen war. Nun wandte er sich und beschleunigte seine Schritte; er wollte rasch nach Haus, zu seinem Kinde. Da war etwas vor seinen Füßen, er kam ins Straucheln, und eh er sich besonnen, tat er einen neuen Schritt; aber sein Fuß fand keinen Boden – – ein gellender Schrei fuhr durch die Finsternis; dann war's, als ob die Erde ihn verschluckt habe. Ein paar Vögel schreckten in die Luft, dann war alles still; kein Menschenschritt war jetzt noch in dem Korn. Eintönig säuselten die Ähren, und kaum hörbar nagten die Millionen Geziefers an den Wurzeln oder Schaften der Pflanzen, bis die immer drückendere Schwüle in einem starken Wetter sich entlud und in den hallenden Donnern und dem niederstürzenden Regen alle anderen Geräusche der Erde verschwanden. In der Kate am Ende der Norderstraße fuhr um diese Zeit ein armes Kind aus seinem Schlafe auf; ihm träumte, es habe ein Brot gefunden, aber es hatte in einen Stein gebissen. Halb im Traum noch griff es in das große Wandbett nach der Hand seines Vaters, doch es erfaßte nur den Zipfel des Kopfkissens und schlief dann ruhig weiter. – – John Glückstadt ist niemals wieder nach Haus und nie zu seinem Kinde zurückgekommen; alle Anstalten der Polizei, eine Spur von ihm zu finden, waren vergebens. Sein Verschwinden wurde einige Tage in der kleinen Stadt besprochen; die einen meinten er sei entflohen, um nachher mit seinem Kameraden Wenzel zusammenzutreffen und mit ihm übers Meer zu fahren, wo es den Spitzbuben gut zu gehen pflege; das Geld zur Überfahrt würden sie unterwegs nach Hamburg sich schon zu schaffen wissen, und das kleine Dings sei ja in guter Hut bei Küster-Mariken; die anderen meinten, am Deich da draußen in der Schleusengrube, neben welcher er und Wenzel ihr Schelmstück einst beraten hätten, habe er den Tod gesucht, und die Ebbe habe ihn ins Meer hinausgetrieben. Diese Meinungen wurden in einer Tischgesellschaft gegeneinander abgewogen. »Nun, und Sie, Herr Bürgermeister«, sagte zu diesem die alte Schwägerin des einstigen Zichorienfabrikanten, die er zu Tische geführt hatte, »was meinen Sie dazu?« Der Bürgermeister, der bisher kein Wort dazu geredet hatte nahm erst bedächtig eine Prise. »Hm«, sagte er, »was soll ich meinen? – Nachdem dieser John von Rechtes wegen seine Strafe abgebüßt hatte, wurde er, wie gebräuchlich, der lieben Mitwelt zur Hetzjagd überlassen. Und sie hat ihn nun auch zu Tode gehetzt; denn sie ist ohn Erbarmen. Was ist davon zu sagen? Wenn ich was meinen soll, so sollet ihr ihn jetzt in Ruhe lassen, denn er gehört nun einem anderen Richter.« »Wahrhaftig«, sagte die Alte ganz erstaunt, »Sie haben noch immer Ihre sonderbaren Meinungen von diesem John Glückstadt!« »John Hansen«, berichtigte der Bürgermeister ernsthaft.   – – – Mir kam allmählich das Bewußtsein, daß ich weit von meiner Vaterstadt im Oberförsterhause an dem offenen Fenster stehe; der Mond schien von drüben über dem Walde auf das Haus, und aus den Wiesen hörte ich wieder das Schnarren des Wachtelkönigs. Ich zog meine Uhr: es war nach eins! Das Licht auf dem Tische war tief herabgebrannt. In halbvisionärem Zustande – seit meiner Jugend haftete dergleichen an mir – hatte ich ein Menschenleben an mir vorübergehen sehen, dessen Ende, als es derzeit eintrat, auch mir ein Rätsel geblieben war. Jetzt kannte ich es plötzlich; deutlich sah ich die zusammengekauerte Totengestalt des Unglücklichen in der unheimlichen Tiefe. Nachdem ich heute den Namen meiner Wirtin erfahren hatte, wußte ich jetzt auch: noch einmal aus der düsteren Gruft hatte seine lebendige Stimme ein lebendig Menschenohr erreicht; aber es war nur das eines vierzehnjährigen Knaben. Am Abend nach dem Verschwinden des Armen, da ich bei einer befreundeten Familie eingetreten war, kam der Sohn mit seinem Schmetterlingsketscher schreckensbleich ins Zimmer. »Es hat gespukt!« rief er und sah sich um, als ob er auch hier noch nicht ganz sicher sei; »lacht nur nicht; ich hab es selbst gehört!« – Zwischen den Kartoffeln auf dem Acker neben dem Schinderbrunnen war er gewesen, um sich den Totenkopf zu fangen, der in der Dämmerung dort fliegen sollte; da hatte es unweit von ihm aus dem Kornfeld seinen Namen »Christian!« gerufen, hohl und heiser, wie er solche Stimme nie gehört; und da er entsetzt davongelaufen, sei es noch einmal hinter ihm hergekommen, als ob's ihn habe greifen wollen. Ich wußte jetzt, nach über dreißig Jahren: es hatte nicht gespukt, und nicht »Christian« hatte er es rufen hören: den Namen seiner Tochter »Christine« hatte der Mann da drunten in hoffnungsloser Sehnsucht ausgestoßen. Und noch eines wußte ich: ein Arbeiter, mein alter Freund aus der Kinderzeit, hatte einige Tage später draußen an dem Brunnen das Korn mähen helfen. »Da hätten wir bald einen Falken fangen können!« erzählte er mir eines Abends. »Einen großen?« frug ich. »Das mag der Herr glauben! Er war ein Stück in den alten Schinderbrunnen hinabgestoßen – der Himmel weiß, was drunten liegt – aber seine Fluchten waren zu weit in der Spanne, er schlug und arbeitete damit in dem engen Brunnen und kam nicht gleich heraus. Wir hatten nur keine Knüppel, ihn zu schlagen; auch wehte ein übler Dunst uns an; es war, als hätte schon vordem die Kreatur an Aas gesessen!« Ich hatte damals dieser Rede nicht geachtet; mich schauderte, da mich die Erinnerung jetzt befiel; der feuchte Nachtwind, der mich anwehte, tat mir wohl, vor allem, weil er von heut und nicht von damals war; ich wußte, der Brunnen war vor ein paar Jahren zugeschüttet. »Zu Bett!« sprach ich halblaut zu mir; »und, Seele, geh du auch zu Bett!« Ich löschte das Licht und ließ das Fenster offen, damit alles, was lebendig war, zu mir herein könne; und bälder, als ich gedacht hatte, kam der Schlaf; nur mit einem freundlichen Bilde spielte noch der Traum: ich sah die von der Morgensonne nur noch halb erleuchteten Straßen meiner Vaterstadt; ich hörte einen Wagen heranrasseln, und zwischen zwei lieben alten Leuten auf dem offenen Sitze saß die kleine Christine, und sie nickte mir freundlich zu, als sie bei mir vorbei- und über dem Zingel zur Stadt hinausfuhren. Der alten Mariken dachte ich nicht weiter; ich wußte, daß sie vor langen Jahren in St. Jürgens Stift ein ruhiges Sterbekissen gefunden hatte. – – Als ich spät am anderen Morgen in das Haus hinunterkam, erhob sich der Lohbraune von der Matte vor der Tür des Wohnzimmers und begrüßte mich wedelnd als einen Gast des Hauses; als ich aber eintrat, war niemand drinnen; nur die Magd öffnete eine Seitentür, guckte herein, als ob sie bestellt sei, meine Ankunft zu berichten, und lief dann rasch von dannen. Ich beschäftigte mich indes damit, die Bilder an den Wänden zu beschauen, aus denen deutlich zwei Generationen zu erkennen waren: auf der einen Jagd- und Tierstücke von Steffeck und dem alten Ridinger; über dem Sofa dagegen fand ich eine Kreuzesabnahme von Rubens, und je zur Seite die Bildnisse von Luther und Melanchthon. Am Sofa, auf dem lichtlosen Wandstücke am Fenster, hing, wie im Schatten der Vergangenheit, eine halberloschene Photographie; aber ein Kranz von Immortellen, wie Johns Tochter sie gestern auf unserem Waldgang gepflückt hatte, wohl gar derselbe, umgab den dunklen Rahmen. Mit Scheu fast trat ich näher: es was das Bildnis eines Soldaten in Uniform, wie dergleichen die jungen Landleute während ihrer Dienstzeit anfertigen lassen und nach Hause schicken. Der Kopf war leidlich ausgeprägt erhalten und zeigte mir das kaum mehr als einmal gesehene, aber unvergessene Antlitz des Arbeiters John Glückstadt; nur war in diesen Zügen noch nichts von Kummer oder Schuld; der kleine dunkle Schnurrbart saß unter der kecken Adlernase, und die Augen sahen ernst, doch sicher in die Welt hinaus. Es war John Glückstadt nicht; es war John Hansen, wie er im Herzen seiner Tochter fortlebte, für den sie gestern ihren frischen dauerhaften Kranz gepflückt hatte; mit diesem John hatte der doppelgängerische Schatten noch nichts zu schaffen. Es brannte mich, meiner edlen Wirtin zuzurufen: »Laß das Gespenst in deinem Haupte fahren; der Spuk und dein geliebter Vater, sie sind nur eines: er war ein Mensch, er irrte, und er hat gelitten! Aber ich hörte die Stimmen meiner Wirtsleute von hinten durch die Gartentür ins Haus kommen, und ich wandte mich von dem bekränzten Bilde ihnen entgegen, um ihren Morgengruß und ihre Scherze über meine Langschläferei in Empfang zu nehmen. – Wir lebten noch einen schönen Frühlingstag zusammen. Als ich aber spätabends mit dem Oberförster und seinem treuen Hunde noch einen Waldgang machte, da schwieg ich nicht länger; ich erzählte ihm alles, jedes einzelne, was in der vergangenen Nacht mir in Erinnerung und im eigenen Geiste aufgegangen war. »Hm«, machte der besonnene Mann und ließ seine Augen treuherzig auf mir ruhen; »das ist aber Poesie; Sie sind am Ende nicht bloß ein Advokat!« Ich schüttelte den Kopf: »Nennen Sie es immer Poesie; Sie könnten es auch Liebe oder Anteil nennen, die ich rasch an meinen Wirten genommen hätte.« Es war zu dunkel, um zu sehen; aber mir war, als ob ein herzlicher Blick von ihm mich streifte. »Ich danke Ihnen, lieber Freund«, sagte er dann; »aber der Vater meiner Frau – ich hatte freilich nur weniges von ihm gehört – ist mir nimmer so erschienen.« »Und wie denn anders?« frug ich. Er antwortete nicht mehr; sinnend gingen wir nebeneinander, bis wir das Haus erreicht hatten. »Ihr seid sehr langsam gegangen«, sagte Frau Christine, als sie uns entgegentrat; »ihr habt mich schier vergessen!« – – Als ich am anderen Morgen fortging, begleiteten mich beide, bis wo der Waldweg in die Landstraße ausläuft. »Wir schreiben Ihnen einmal!« sagte der Oberförster. »Ich bin sonst kein Briefsteller; aber gewiß, ich tu's; wir müssen Sie festzuhalten suchen, damit Sie einmal wieder den Weg zu uns hinausfinden!« »Ja, kommen Sie wieder!« rief Frau Christine; »versprechen Sie es; Ihr. Abschied würde uns nicht so traurig machen!« Ich versprach es gern; dann reichten beide mir die Hand, und ich stand und sah sie fortgehen; sie hatte sich fest an ihren Mann geschlossen; er legte sanft den Arm um ihre Hüfte. Dann kam eine Biegung des Weges, und ich sah sie nicht mehr. »Leb wohl, John Glückstadts Tochter!« rief ich leise; »nur die erste Silbe, nur das Glück ist dein geblieben; es wird schon treu sein, denn es ist an rechter Stelle!« – – Schon nach vierzehn Tagen kam der erste Brief des Oberförsters und ließ mich im Aktenlesen eine lange Pause machen. »Ich muß Sie auch noch Ihres Versprechens entbinden«, schrieb er; »gleich am Abend unseres Abschieds habe ich meiner Christine die Geschichte ihres Vaters erzählt, ausführlich, wie ich sie von Ihnen hörte. Sie mögen recht haben, er wird wohl so gewesen sein, und er war dann doch noch ein anderer Kerl, als wie er bisher weichselig im Herzen seiner Tochter ruhte; auch dürfen Mann und Weib nicht solch Geheimnis voreinander haben. Zwar ein leidenschaftlicher Tränensturz war die erste Folge, so daß ich schier erschrak und dachte, es möchte das Temperament des Vaters in meiner sanften Frau erwacht sein. Aber ihr eigenstes Ich erschien bald wieder; und jetzt – mein Freund, das Geißblatt am Waldesrande, das jetzt wieder blüht, so lieblich, dünkt mich, hat es fast niemals noch geduftet; und das Bild des John Glückstadt trägt nun einen vollen Rosenkranz; seine Tochter hat jetzt mehr an ihm; nicht nur den Vater, sondern einen ganzen Menschen. – Den Dank und Gruß, den Frau Christine mir für Sie aufgetragen, versteh ich in der frauenhaften Weise nicht zu Papier zu bringen; ich kann Sie nur bitten, sich das Herzlichste zu denken.« So schrieb der Oberförster damals; aber, wie es so geht, obgleich Briefe ein paarmal in jedem Jahre zwischen uns hin und her gegangen sind, ich bin nicht wieder dort gewesen. Aber hier links in der Ecke meiner Schreibstube, auf zwei Stühlen steht jetzt mein gepackter Reisekoffer; draußen an den Wallzäunen blüht einmal wieder das Geißblatt, und hier drinnen ist für eine Woche alles sauber weggeordnet; denn gewiß und wahrhaftig – morgen geht es fort zu meinen Freunden, zu John Glückstadts Tochter und zu meinem wackeren Oberförster. Sein Brief, der die Antwort auf meine Anmeldung brachte, war ein rechter Jubelbrief. »Wir harren Ihrer mit Freuden«, schrieb er; »Sie kommen just zur rechten Zeit; der Junge ist auch da mit seinem Examenszeugnis in der Tasche; seine Mutter ist schier verliebt in ihn und studiert sein Antlitz, um darin immer einen neuen Zug aus dem ihres Vaters aufzufinden, kommen Sie also; uns fehlt nur noch der Freund!« – – Gewiß, wenn Gottes Sonnenschein mich morgen weckt, ich komme! Die Armesünderglocke Die meisten der jetzt Lebenden werden von einer solchen Glocke gehört haben, sie selbst gesehen oder ihren Klang vernommen hat wohl niemand. Man meint zu wissen, sie sei den Kirchenglocken gegenüber nur von winziger Größe gewesen, etwa kaum zwei Schuh hoch, und habe ein feines und heftiges Geläute gehabt, womit sie den Verurteilten auf dem Todeswege begleitete, vom Austritt aus dem Gefängnis in die freie Morgenluft bis hin zur Femstätte und bis er sein armes Leben dem Schwerte oder dem Feuer, dem Galgen oder dem Rade hingegeben hatte. Von wo aber jenes jetzt bis zur Vergessenheit verschwundene Glöcklein seinen Klang erschallen ließ, ob von den Kirchentürmen neben den großen Glocken, ob aus einem eigenen Balkengefüge oder von dem Dache eines Gefangenhauses, das wird kaum jemand zu beantworten wissen. Die Sünderglocke im Magdalenenturm zu Breslau war erst auf Bitten ihres Meisters, dem sie zu Tode läutete, zu diesem Dienst geweiht worden. In einem Kirchturm unserer nördlichen Städte aber soll zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts ein Armesünderglöcklein gehangen haben, ein Dutzend Leiterstiegen unterhalb der drei großen Kirchenglocken. Hinter einer schmalen Turmluke, die nach Norden hinaus gelegen, wo vor der Stadt neben des Bürgermeisters Fischteich die Femstätte oder, wie die Leute sagten, der Galgenberg gewesen ist, soll es seine Stätte gehabt haben. So ein armer Sünder seinen letzten Gang hat antreten müssen, hat man die Luke aufgestoßen und dann unten auf dem Grund des Turmes das Glockenseil gezogen, damit das Geläute den Verfemten in den harten Tod geleite. Als nämlich die Exekutionen an Hals und Leben zunahmen, als bald ein glattes Hexlein zum Schmauchen, bald ein Raubmörder zum Rade, endlich gar ein hochfürstlicher Hofverwalter wegen begangener Untreue verurteilt wurde, in seinem Fuchspelz an einem gedoppelten Galgen aufgehangen zu werden, wollte ein wohlehrwürdiger Magistrat es auch an einem Sünderglöcklein nicht fehlen lassen. Aber sei es, daß der derzeitige Glockengießer der Stadt kein erster Meister war oder daß der Stadtsäckel an dem Metall zur Glockenspeise hatte sparen wollen, die Glocke klang, als sei sie nur aus Holz geschnitten, und reichte kaum ein halbes Tausend Schritte in die Weite, so daß sie dem Delinquenten zwar aus der Gefängnistür hinaus, aber nicht mehr in das Tor zu jener Welt hineinläuten konnte. »De holten Klock« wurde sie in der Stadt genannt; »Ut! All ut! All ut!« so deutete man ihr Geläute, und wenn sie erscholl, gingen die Leute mit erschrockenen Gesichtern auf den Gassen. In den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts aber ist dies Glöcklein durch einen Sturz bis auf den Boden des Turmes, wo es mit dem Rande auf einen dort aufgestellten Grabstein aufgeschlagen, zugrunde gegangen. Und als einige Jahre später an einem trüben Novembermorgen eine blasse, noch gar junge Dirne, die in der hilflosen Angst der Geburtsstunde mit eigenen Händen ihr neugeborenes Kind erdrosselt hatte, schwankend aus dem Tor der Fronerei getreten und von unehrlichen Fäusten auf den Henkerkarren gehoben war, um den Kuhsteig hinaus zur Femstätte geführt zu werden, da ist plötzlich ein fein Geläut vom Kirchturm her erschollen, so tröstlich, als riefe eines Engels Stimme, so lieblich, als sei es auf einmal wieder Frühling worden und die Maililien brächen duftend aus ihren lichtgrünen Blättern. Die arme Dirne aber, die in dem Karren rückwärts auf einem Bunde Stroh saß, ist in bittere Tränen ausgebrochen. Dies neue Armesünderglöcklein, dessen Klang hier zum ersten Male erschollen ist, hat nicht innerhalb des Turmes, sondern unter einem Dächlein draußen an dessen Mauer, aber wiederum gen Norden nach der Wasenstätte zu und oberhalb der schmalen Turmluke gehangen und viele tausend Schritte weit seinen Schall versandt. In der Stadt aber hieß man es nach seines Stifters Namen nur das Armowitzer Glöcklein. Franz Armowitzer war der Sohn eines zugewanderten Handwerksgesellen, der bei dem städtischen Rate und Glockengießer seit vielen Jahren in fester Arbeit stand, so daß er im Vertrauen auf seinen Meister und wohl auch auf sein eigenes Können sich eines Tages mit einer hübschen Dirne ehelich verbunden hatte. Denn auf zwei Glocken, die jetzt in Kirchtürmen der Umgegend hingen, stand zwar auf der einen: »Durch Marten Peters Guß ich meinen Klang bekam«, und selbigen Inhalts, wenn auch infolge geistlichen Einflusses lateinisch auf der anderen: »Me fudit Martinus Petrus«; allein es wurde stark gemunkelt, der eigentliche Meister dieser beiden klangreichen Glocken sei der Geselle Armowitzer. Nur er verstehe es, das Metall zu mischen, den Durchmesser der Wände und das Profil der Glocken zu entwerfen oder die Rippen zu konstruieren. Daher, sagte der Stadtorganist, käme bei diesen Glocken neben dem Hauptton auch die kleine Terz so schön und deutlich zu Gehör, während bei einer Glocke aus desselben Meisters Werkstatt, die vor Armowitzers Eintritt in dieselbe gegossen worden, sich nur ein wirres Durcheinander von Tönen ergebe, das nicht einmal den Hauptton bestimmt erkennen lasse. Fragte aber jemand den Gesellen: »Was haben die auf den Dörfern jetzt für schön Geläute, davon bist du doch wohl der Meister?« so pflegte er nur zu sagen: »Ich? Wie sollte das geschehen sein? Aber der Meister ist ein Greis; man soll dem Alter helfen, wo man kann.« Notizen zum Armsünder-Glöcklein »O Herr, dein Lenz ist kommen!« »Da weiß ich nicht, ob du mir gut bist!« Der Knabe in seinem Versteck hörte einen Seufzer des Mädchens, zu sehen vermochte er nichts. Als aber in diesem Augenblick das Mondlicht durch die Wolken brach, krampfte er seine junge Faust zusammen: der bleiche Mondschein beleuchtete das Antlitz des Mädchens, das mit geschlossenen Augen auf den Arm des jungen Patriziers zurückgesunken war, und ihre Lippen lagen wie hilflos halb geöffnet vor ihm. Da rauschte es seitwärts in den Büschen; mit einem Angstschrei war das vierzehnjährige Kind entflohen, aber ihrem Liebsten saß eine kräftige, junge paust an der Kehle. »Das – das wirst du lassen!« raunte Franz Armowitzer ihm in die Ohren, »die ist nicht für deinesgleichen!« Als aber jener mit plötzlicher Gewalt die Hand zurückstieß . . .   An freien Nachmittagen, wenn es Sommer geworden, liefen sie auch miteinander ins Feld hinaus, wo es ihnen zunächst lag, nach Osten hinter der großen Windmühle. War die Gegend auch öde, soweit die Äcker reichten, nur breite Wege von kahlem Sande oder Steinwällen eingefaßt, in denen am Rande Ginster blühte oder ein Gagelstrauch seinen würzigen Duft verbreitete, so war es doch ein anderes als zu Hause. Wenn nur ein brauner oder goldgrüner Sandkäfer vor ihnen herflog, oder gar ein Wiesel oder Igel vorüberlief, so war es ein Erlebnis, das sie abends beim Tee zu Hause zu erzählen hatten. Am schönsten war es fast, wenn dort über den Sandgruben der Stadt die kleinen, blaßroten Immortellen blühten; dann pflückte Franz, und Maike wand sie zu kleinen Kränzen. In der Großmutter Stube hingen schon solche über den Bildern an der Wand. Er litt nicht, daß sie selber pflückte, denn die Immortellen wuchsen meist am Rande der tiefen Grube, und manch Unvorsichtiger war dort schon mit dem unterhöhlten Erdreich in den Abgrund hinabgestürzt und mancher gar begraben. Er mochte schon elf Jahre und sie ein halbes weniger zählen, da gingen sie eines Nachmittags einmal nach Norden statt nach Osten. Auch hier lag vor ihnen die weite, sandige Fläche mit breiten Wegen und kahlem Steinwalle. Von dem – sie wußten es – fast eine Meile entfernt liegenden Dorfe konnten sie jedes Haus erkennen, am Westrande die Kirche mit dem hohen, spitzen Turm, sogar die Fenster und die Türen in derselben. »Siehst du?« sagte Maike lachend, »da geht die Kirchtür auf, und die Katz springt heraus; sie hat einen Besen in den Pfoten, ich denke, sie hat die Bänke abgefegt.« »Was schwatzst du?« rief Franz, der aus Gedanken auffuhr, »solche Katzen haben die Bauern nicht; die sind nur in deinen Märchen.« »Ich mag hier aber nicht weiter!« sagte Maike. Er sah sie an. »Nein, laß uns umkehren!« Ein Weg zweigte eben rechts ein wenig östlich ab. »Komm«, sagte er, »wir wollen diesen gehen!« Auch hier liefen nur die kahlen Wälle an beiden Seiten. »Da ist's nicht besser!« rief sie ihm schmollend zu und blieb zurück. Aber er kannte sie und ging, ohne sich umzusehen, in den neuen Weg. Kaum fünfzig Schritte hatte er getan, so kam schon ihre Stimme hinterher: »So wart doch, Franz! Warum läufst du von mir? Bist du bös, Franz?« Er stand still und sah sich um. »So komm«, sagte er und streckte ihr die Hand entgegen. »Nein, mein Haarband ist losgegangen; bind's mir erst wieder fest!« Und sie strich mit ihren schmalen Händen die Fülle rabenschwarzen Haars zusammen, die ihr tief unter dem Nacken herabfiel. Als er das im Sommerhauch wehende Band darüber wieder in eine feste Schleife knüpfte, lief eine Amsel mit zierlichen Schritten über den Weg. Er nickte nach ihr hinüber, daß sie aufflog. »Du bist auch so eine Schwarzdrossel!« sagte er zu dem Mädchen, »aber die Amsel singt so schön; schade, daß du nicht singen kannst.« »O«, sagte sie, »das tut nichts.« »Aber«, sagte er, »wenn du auf deinen kleinen Füßen gehst, das ist beinahe, als wenn gesungen wird.« Aus ihren dunkeln Augen fuhr ein Blick auf ihn. »Du!« sagte sie, und ein stolzes Lächeln fuhr über ihr zartes Antlitz. Dann legte sie ihre Hand in seine, und sie gingen miteinander in dem Wege weiter, und nur einzelne Worte wurden zwischen ihnen laut. Auf einmal gingen sie auf einem eingezäunten Wege, Nußsträucher und blühender Weißdorn standen zu beiden Seiten in dichtem Laubgedränge auf den Wällen; sogar der leichte Sommerwind schwieg hier. Blaue und feuerfarbene Falter spielten um die wilden Blumen, die aus den Rändern wuchsen, und mitunter kam vom Zaune her ein Duft von Geißblatt, das verborgen darin blühte. Fremd wie eine Andacht umfing es die beiden; in der Nähe der Stadt gab es nicht solche Redder, und so weit wie heute waren sie sonst noch nicht gekommen. »Hat die Drossel hier ihr Nest?« fragte das Mädchen leise, als ob sie kaum zu sprechen wagte. »Weiß nicht, vielleicht!« entgegnete Franz ebenso. Ein Neuntöter flog krächzend neben ihnen aus einem Hagedorn, und die Kinder traten näher, um nach einem Nest zu sehen. Aber ihre Augen hefteten sich starr auf einen Dorn, an welchem eine aufgespießte Biene noch die Flügel regte. »Pfui!« rief Franz, »das hat der schlimme Vogel getan, von dem der Schulmeister uns neulich erst erzählte!« und wollte behutsam die Biene herabziehen. »Laß, laß doch!« sagte Maike und hob sich neugierig auf den Zehen, um das vergebliche Arbeiten des gespießten Insekts zu betrachten. »O wie wunderbar!« Aber schon hatte der Knabe sie abgenommen und ihr mit dem Fuße einen raschen Tod gegeben. »Pfui, das ist grausam!« sagte er, griff nach des Mädchens Hand und zog es mit sich fort. Nach einer Weile hörten Zäune und Wälle auf, und die weite, braune Heide lag offen vor ihnen. Nur erst ein roter Schimmer flog darüber her, sie blühte noch kaum, es war erst Ende Juli. Aber fern am Horizonte zitterte die Luft in weißen Wellen. Ihnen zur Linken lag ein kleines Wasser, an dessen Rande zwischen Mummeln eine gelbe Iris blühte; dahinter stieg ein mäßig hoher Hügel auf. »Ein Heidengrab!« rief Maike. Aber Franz schüttelte den Kopf: »Sieh nur, es steht ein Pfahl darauf mit einer Spitze; das muß die Femstätte sein, der Galgenberg.« »Aber wo ist denn der Galgen?« »Der ist seit lange abgebrochen; ich glaube, sie brauchen ihn nicht mehr.« Hand in Hand, wie behutsam, stiegen die Kinder an dem Hügel hinauf. Als sie oben waren, ließ Maike die Hand des Knaben los und blickte über die Heide, die sich unabsehbar, bis wo die heiße Luft am Horizonte spielte, nach Nord und Ost hinauszog. Dann plötzlich stieß sie einen Schrei des Entzückens aus. Franz, der an dem Pfahl gestanden und dessen eiserne Spitze mit scheuem Finger betastet hatte, wandte jäh den Kopf. Da lag Maike unweit von ihm auf dem Boden; neben ihr war eine völlig kahle Stelle, die mit ein paar Steinplatten übermauert schien, aber ringsumher blühte eine Flut von jenen kleinen Immortellen, die er hinter der Mühle so oft für sie gepflückt hatte. Das Mädchen strich mit ihren Händchen darüber hin und wider, als wühle sie in einem Reichtum. »Und hier«, rief sie, »kann ich sie mir selber pflücken, hier ist keine Angst dabei. Und sieh nur, die sind nicht blaß, wie drüben auf den Sandbergen, sie sind ganz rot, wie Purpur leuchten sie.« Den Knaben durchfuhr es; ja, sie leuchteten wie Purpur: »Das ist von Blut!« rief er, »laß sie stehen!« Aber die Dirne lachte: »Du bist nicht klug!« sagte sie, riß eine Handvoll roter Blüten ab und hielt sie an ihr schwarzes Haar: »Siehst du, die lassen hübsch! Gefällt's dir nicht?« und ihre weißen Zähne blitzten durch die roten Lippen. Nur einen Augenblick sah er auf das hübsche Bild, dann faßte er sie am Arm und zog sie zu der öden Stelle. »Du bist ein dummes, eitles Ding«, sagte er, »das ist auch die gewesen, der man hier den Kopf vom Rumpf geschlagen hat. Denn hier auf diesen Steinen hat der Block gestanden, und dort auf der Pfahlspitze hat ihr junger Kopf gesessen, und die Krähen und Dohlen haben ihr die schönen Augen abgefressen.« Das Mädchen starrte ihn erschrocken an: »Wer? Was sagst du? Wem haben sie den Kopf abgeschlagen?« »Das weißt du nicht? Der Haselsgret! O sie soll so geschrien haben, aber wir sind damals noch nicht auf der Welt gewesen.« »Warum? Was hatte sie getan?« »Sie war vom Lande hierherum und hatte ihr eigenes Kind so lange im Dorfteich unter Wasser gehalten, bis es ganz weiß und tot war. Sie hatte es schon verdient.« Maike steckte sich beide Finger in die Ohren: »Nein, nein, schweig! Ich kann's nicht hören!« rief sie. »Hu, wenn mir das in der Nacht wieder einfiele!« »Du bist ja närrisch«, sagte er, »was geht das dich an?« »Mich? Nein, ich weiß nicht!« Ein Schwarm von Krähen zog lautlos über ihnen weg und weiter in die flimmernde Heide. Sie lachte schon wieder. »Aber meine Blumen will ich mir drum nicht verderben lassen!« rief sie, und da sie merkte, daß er keine Gegenwehr tat, machte sie sich eifrig daran, ihre Schürze mit den roten Blüten vollzupflücken. »Siehst du«, sagte sie, »du glaubst schon selbst nicht, daß sie von Blut so rot sind.« Sie steckte einen Strauß der glühendsten sich in ihr dunkles Haar: »Nun sag nur, ob's nicht schön ist! Aber die blonden Stadtdirnen dürften sie nicht tragen.« Sie hatte den Kopf zurückgelegt und sah mit ihren brennenden Augen zu ihm auf. Er blickte auf sie herab. Ein Schauer, wie er ihn noch nicht empfunden hatte, lief durch seinen Körper, als nähme eine Gewalt von ihm Besitz, von der er sich nie zu lösen hoffen dürfte. »Ja, es ist schön – du bist schön, Maike!« sagte er beklommen. Dann blieb er regungslos stehen und sah, wie ihre flinken Hände die Blumen pflückten und mit Fäden, die sie aus dem Schlitz ihres Kleides zogen, Sträuße und Kränze banden. Endlich war sie fertig. »Nun komm«, sagte sie, streifte die Kränze über ihre Hand und hing sich an seinen Arm. Aber er war stumm geworden und sah nur manchmal schweigend nach dem jungen bräunlichen Antlitz, das sich dann und wann an seine Schulter lehnte und mit lachenden Augen in die Welt hinaussah. Als sie in die Stadt und vor ihren Häusern angelangt waren, kam ein Ruf von der Straße herauf. Ein Mensch in etwas wunderlicher Kleidung stand still, machte einen Ausruf und hinkte weiter, um dasselbe zu wiederholen. Maike tat einen Angstschrei, daß Franz auffuhr und sie festhielt. »Was fehlt dir?« fragte er. »Der Scharfrichter! Das ist der Scharfrichter!« rief sie. Er besann sich. »Ja«, sagte er, »das geht uns freilich beide an. Es ist ja Freitag, und er ruft, daß wir morgen unsere Straße fegen sollen bei Vermeidung von einem Schilling Strafe an die wohlehrwürdige Stadtkasse.« Aber sie war ihm schon entflohen und stand drinnen in der dämmerigen Küche vor ihrer Großmutter, der alten Oligard Svendrofski. Dürres Reisig brannte im Feuerloch, und die Flammen lohten um den sausenden Kessel. »Sieh, alte Mutter«, sagte Maike, »sind das nicht schöne Blumen? Die welken auch nicht! Die Sträuße behalte ich, die Kränze sollst du haben, die kannst du über deine kleinen Bilder hängen.« Die Alte nahm die Kränze und hielt sie gegen die Herdflammen, um sie zu betrachten. »Wo sind die her?« sagte sie mit ihrer scharfen Stimme; »die habt ihr auf den Sandbergen nicht gepflückt.« »Nein, die hab ich auf dem Galgenberg gepflückt, so schön rot wachsen sie auf den Sandbergen nicht.« »Auf dem Galgenberg? Die hättest du sollen stehenlassen! Du weißt doch, von Kirchhöfen pflückt man keine Blumen.« »Das ist ja doch kein Kirchhof.« Die Alte kniff ein paarmal mit den Lippen und sah mit ihren roten Augen auf die Dirne. »Aber die Haselgret wurde, als er noch dastand, unter dem Galgen eingescharrt. – Fort mit Schaden!« sagte sie dann feierlich und warf die Kränze in die Flammen, die die trockenen Blumen wie mit Lust verzehrten. Maike stieß einen Schrei aus: »O pfui, pfui alte Mutter!« »Die Sträuße!« sagte die Alte streng. »Gib deine Sträuße! Du bist ein dummes Ding!« »Jawohl, das sagt ihr alle!« rief Maike zornig. »Was hab ich denn getan?« Oligard antwortete nicht, sie riß ihr die Sträuße aus den Händen und warf sie gleichfalls in die Flammen. Aber eins hatte sie nicht bedacht: Maike hatte, bevor sie Zugriff, ihre Hand geöffnet, und als die Großmutter aus der Küche ging, um vor der Hoftür nach ihrem Kater zu rufen, sammelte Maike ein Häufchen Sträuße von dem Boden der Küche auf. »Du mußt nicht zu klug sein, alte Mutter!« rief sie, lief nach dem Hausboden und verbarg dort die geretteten Blumen in einem finstern Winkel. Bruchstücke einer eignen Lebensgeschichte Aus der Jugendzeit Zu meinem siebzigsten Geburtstage wurde mir von meinem Verleger, Herrn Elwin Paetel, auf kunstreichem Blumenkissen ein Gedenkbuch überreicht, das als Titel meinen Namen trug: darunter: »Sein Leben und seine Dichtung von Dr. Paul Schütze«. Der Verfasser, mein junger Freund, konnte nicht dabeisein; ein Blutsturz hatte ihn wenige Tage vorher aufs Krankenbett geworfen, und zwei Tage nach meinem Feste starb er an einer Wiederholung dieses Übels. Ein tiefer Schatten ist über den frohen Tag gefallen, und die Hoffnungen, die wir an dies zu früh geschlossene Leben knüpften, sind erloschen; sein liebenswürdiges Buch aber, das er uns gelassen, hat – wenigstens unter den Meinigen – schon jetzt seine Freunde gefunden; nur gegen den Titel erhob mein, den Jahren nach, ältester Freund einen bescheidenen Protest: »Th. St. in seiner Dichtung«, schrieb er mir, »hätte es heißen müssen; denn von Deinem Leben hätte ich daraus doch gern mehr erfahren.« Dies Wort ist für mich Veranlassung geworden, die bereits seit einigen Jahren von mir begonnenen Aufzeichnungen über meine Jugendzeit wiederaufzunehmen, von denen ich den ersten Teil hier folgen lasse; denn meinem Freunde wie mir dürfte das Ziel nicht mehr zu ferne stehen. I. Von Mutters Seite Im siebzehnten Jahrhundert kam auf einem Halligenschiff einer ans Festland nach der Stadt Husum an der Westküste Schleswigs geschwommen; der hieß Wold. Er wurde später herzoglicher Verwalter auf dem ein und eine viertel Meile von der Stadt im gleichnamigen Amte belegenen, im Jahre 1772 jedoch parzellierten adligen Gute Ariewatt und der Stammvater der Familie Woldsen, welche noch bis über die Hälfte unseres Jahrhunderts hinaus in Hamburg, Amsterdam, sowie in Husum selbst geblüht hat. Der Bedeutendste dieses Geschlechtes war mein Urgroßvater mütterlicherseits, Senator Friedrich Woldsen in Husum der vor meiner Geburt verstorben ist; der letzte große Kaufherr, den die Stadt gehabt hat, der seine Schiffe in See hatte und zu Weihnachten einen Marschochsen für die Armen schlachten ließ. Unter den Miniatur-Familienbildern, die in silbervergoldeten Medaillons jetzt an meiner Wand hängen, sieht auch sein Antlitz unter gepudertem Haar, mit dem strengen Zug um den Mund, noch heute auf den Urenkel; aber auch die freundlichen blauen Augen, die ihm von Großmutter und Mutter zugeschrieben wurden, glaubt dieser in dem Bildchen zu erkennen. Aus dem daneben hängenden Medaillon schaut das Antlitz der Urgroßmutter unter dem halbmondförmigen hohen Spitzengewebe ruhig und ernst in die Welt hinaus; das kluge, jugendliche Köpfchen aber in dem amarantfarbenen Mieder, mit dem roten Röschen auf der mäßig hohen Puderfrisur, das seinen Platz über dem Medaillon des Urgroßvaters hat, ist dessen und der Urgroßmutter Tochter, Mamsell Fritzchen, die gern dem Vater in seinen kaufmännischen Rechnungen half, deren Liebe zu dem braven Major aber an dessen hartem Willen sich verbluten mußte. Zwei Liebeslocken, weiß gepudert wie das Haupthaar, hängen ihr vom Nacken aus je zu einer Seite um den Hals; an einer einfachen dunklen Litze liegt ein schwarzes Medaillon auf ihrer Brust. Ich hatte, schon als Knabe, es oft auf ihrem Bilde angeschaut; was mochte wohl darin enthalten sein? – Mir ahnte damals nicht, daß ich als Mann vielleicht der einzige sein würde, der außer ihr selbst es jemals würde geöffnet haben. Und doch – es mag gegen das Jahr 1848 gewesen sein, als unsere von dem genannten Urgroßvater einst auf dem Klosterkirchhof für sich und seine, Friedrich Woldsens, Erben erbaute Gruft einer Reparatur bedurfte, und die Maurer mit diesem Werk unter den Särgen, welche auf eisernen Stangen in der Tiefe standen, beschäftigt waren. Da, eines sonnigen Nachmittags, während ich mit meiner Mutter in dem Wohnzimmer des elterlichen Hauses am behaglichen Teetisch saß, wurde an die Tür gepocht, und auf unser »Herein!« trat ein Maurergesell ins Zimmer und überreichte uns ein kleines Medaillon, das, wie er berichtete, bei der Arbeit in der Gruft in einem eingestürzten Sarge gefunden war. Durch näheres Befragen wußte meine Mutter, daß der eingestürzte Sarg der Tante Fritzchens sei; sie sah nach ihrem Bilde hinüber, das damals mit dem anderen dort über dem Sofa hing, und auf dem das dunkle Medaillon sich deutlich abzeichnete. »Hier ist es«, sagte ich zu meiner Mutter; »sie hat es mit ins Grab genommen.« Als ich es dann öffnete, lag eine dunkle Haarlocke darin; von wem, darüber waren wir nicht zweifelhaft. »Laß es in die Gruft zurückbringen«, sagte meine Mutter; und so geschah es, nachdem ich die Kapsel wiederum geschlossen hatte. Nach dieser posthumen und doch fast persönlichen Berührung mit meiner jungen, längst vor meiner Geburt gestorbenen Großtante schrieb ich bald nachher, während meines unfreiwilligen Exils in Potsdam, ihr mein Erinnerungsblatt »Im Sonnenschein«. Noch ein Medaillon ist zurück: der stattliche Mann mit dem liebenswürdigen jungen Antlitz im braunen aufschlaglosen Rock, mit weißem Halstuch und weißgepudertem Haar, eine Lockenrolle an jeder Schläfenseite – es ist ein Sohn meines Urgroßvaters, mein Großvater mütterlicherseits, der nachherige Senator Simon Woldsen in Husum, von dem – wie ich schon irgendwo erzählt habe – als er gestorben war, einer seiner Schwiegersöhne, sein weinendes Kind zum Sarge emporhebend, sagte: »Heule nicht, Junge! So sieht ein braver Mann aus, wenn er gestorben ist!« – über dessen mit schwarzem Tuch bezogenen Sarg, da wir uns einst bei einem Familienbegräbnisse unten in der Gruft befanden, der alte Totengräber, welcher in der Jugend sein Kutscher gewesen war, liebkosend mit der rauhen Hand hinstrich und dabei sagte: »Dat is min ol' Herr; dat weer een guden Mann!« – von dem einst seine jüngste Tochter, meine Mutter, inmitten ihrer Familie, von heftiger Erinnerung ergriffen, ausrief: »So wie du hat keiner mich doch geliebt!« Ich weiß nur diese Nachreden auf ihn; ein eigenes lebendiges Wort von ihm selbst ist nicht auf mich gekommen. Wenn ich das liebe Antlitz auf dem schon verblaßten Bilde ansehe, so ist mir, als würde er auch wohl mich gleich meiner Mutter geliebt haben; aber schon in meinem vierten Jahre starb er. Er hatte mit seiner Frau, Magdalena, Tochter des Senator Feddersen in Husum, vier Söhne, die sämtlich in früher Jugend hingerafft wurden; ich entsinne mich nur noch aus meiner Knabenzeit, wie von alten Dienstboten, vielleicht von der Großmutter selbst, mir von ihrem herrlichen Fuhrwerk mit zwei schneeweißen Ziegenböcken erzählt wurde, mit denen sie lustig durch die Straßen kutschiert wären; aber auch, wie diese unregiersamen Haustiere mitunter in die an der Schiffbrücke vor den Wohnkellern zum Verkauf ausgestellte Töpferware geraten seien und dem nachsichtigen Vater wiederholte Entschädigungspflichten auferlegt hätten. – Ich selber hatte die kleinen frohen Herren nicht mehr sehen können; nur einer Szene noch – wiederum unten in unserer Gruft – entsinne ich mich: nach einem Begräbnisse in der Familie war ich allein mit meiner fast achtzigjährigen Großmutter hier hinabgestiegen; ich suchte zwischen all den großen Särgen den kleinen einer früh verstorbenen, geliebten Schwester, da hörte ich hinter mir ein auffallendes Geräusch, und als ich mich wandte, sah ich, wie die Großmutter einen kleinen Schädel aus einem zertrümmerten Sarge hob und ihn weinend an ihre Lippen drückte: »Das war mein kleiner Simon!« sagte sie zitternd, während sie sacht den Schädel wieder in die halbvergangene Kiste legte. Glücklicher gestaltete sich das Leben der Töchter in diesem großväterlichen Hause: drei Mädchen, Magdalena, Elsabe und Lucie, blühten in besonderer Anmut darin auf, so daß ich noch mitunter als Mann von alten Leuten ihre einstige Schönheit preisen hörte, und der Großvater, trotz seines zu frühen Todes, hat sie alle noch als Bräute, die älteste und die jüngste auch noch als Frauen in ihrer eigenen Wirtschaft sehen dürfen. – Die jüngste, Lucie, die anmutigste von ihnen, mit ihrem braunen Haar und dunkelgrauen Augen, wurde meine junge Mutter. Eine Zeitlang vor ihrer Konfirmation war sie in Altona in Erziehung und liebevoller Pflege ihrer Patin und Vaterschwester, welche früher an den dortigen Kaufmann Matthiessen, derzeit an einen Kanzleirat Alsen, verheiratet war. Aus dieser Zeit besitze ich ein französisches Themenbuch von ihr, auf dessen Einbanddeckel, jedenfalls von Schulkameradinnen, in zwei verschiedenen Handschriften, teils mit Bleistift, teils mit Tinte die Worte geschrieben sind: »Zartgefühl, Sanftmut, Liebreiz sind die Tugenden Luciens.« Erst nach ihrem Tode ist das Buch in meine Hand gekommen. Aber auch Eduard Mörike, da ich mit ihm und meinen Eltern im Sommer 1855 in den Stuttgarter Umgebungen spazierenging, riß mich gelegentlich beiseite und flüsterte mir zu: »Sie haben prächtige, prächtige Eltern; Ihre Frau Mutter hat so etwas Klares, Leuchtendes, Liebe Erweckendes!« Und, um noch eins zu sagen, was mich derzeit besonders stolz machte, ein Jugendbekannter, der einst aus der Fremde heimkehrte, erzählte mir von schönen Frauen, die er draußen in der Welt gesehen hatte, und schloß damit: »Aber die schönsten Augen, die ich je in meinem Leben sah, die hat doch deine Mutter!« Seit acht Jahren sind auch sie geschlossen und zerfallen. 2. Westermühlen Bei diesem Worte steigt ein ganzes Wald- und Mühlenidyll in mir auf; das kleine in Busch und Baum begrabene Dorf war die Geburts- und Heimstätte meines Vaters; hier lebten und wirtschafteten in meinen ersten Lebensjahren noch die beiden Eltern meines Vaters. Fünf Meilen etwa, durch meist kahle Gegend, führte aus meiner Vaterstadt der Weg dahin; dann aber ist mir, als habe plötzlich warmer Baumschatten mich umfangen, ein paar niedrige Strohdächer sahen seitwärts aus dem Laube heraus, zur Linken hörte ich das Rauschen und Klappern einer Wassermühle, und der Wagen, auf dem ich saß, fuhr über knirschenden Kies in eine dämmerige Tiefe. Wasser spritzte von den Rädern: wir fuhren durch ein kleines Gewässer, in dessen dunkle Flut Erlen und größere Waldbäume ihre Zweige von beiden höheren Ufern herabsenkten. Aber schon nach kaum hundert Schritten ging es wieder aufwärts, dann linksherum, und auf einem freien Platze und festem Boden rasselte der Wagen vor das zur Rechten liegende Müllerhaus, und mir ist noch, als sähe ich als etwa zweijähriges Bürschlein wie Schattengestalten meine Großeltern, den kleinen strengen Großvater und die kleine runde Großmutter, aus der etwas höher belegenen und von zwei Seitenbänken flankierten Haustür uns entgegentreten, die wie die zu beiden Seiten gelegenen hohen Fenster des langgestreckten schwarzen Hauses von den Kronen der davorstehenden Linden umdunkelt waren. Es ist das einzige Mal, daß ich die Eltern meines Vaters mit kaum bewußten Augen sah; es ist lange her, fast siebzig Jahre. Von dem durch Lindengrün umdüsterten Hause sah man über den davorliegenden freien Platz, von der linken Seite beginnend, zunächst auf einen Baum- und Obstgarten, welcher sich nach dem soeben von uns durchfahrenen schwarzen Wasser hinabsenkte; daran schlossen sich in gleicher Linie Ställe und Wirtschaftsgebäude; dann das alte schütternde Fachwerkgebäu der Wassermühle, und hinter dieser eine Holzbrücke, unter welcher der Mühlstrom sich hindurch- und rauschend in die Speichen der großen Räder stürzte; aber Obstgarten, Stallungen, Mühle und Brücke, alles – wenn meine Erinnerung mich nicht trügt – lag unter den Wipfeln ungeheurer Eichbäume, wie ich sie nie zuvor zu Hause bei uns gesehen hatte. Hinter dem Wohnhause war ein großer Garten, voll von Obstbäumen, Zentifolien und Lavendel; er hatte seine größte Breite nach rechts vom Hause aus; der von dorther durch Wiesen kommende Mühlstrom bildete in breiterer Ausdehnung hier seine Grenze; in der äußeren Ecke des Gartens, der auch dort noch einige Schritte über die Linie des Hauses hinausragte, stand ich eines Tages verwundert vor einem mit hohem Buchenzaune abgegrenzten viereckigen Raume; hinübergucken konnte ich nicht; aber während ich stand, kam stetes melodisches Summen aus dem Innern. Ich hatte dergleichen nie gesehen und schlich neugierig an den Seiten herum, bis ich eine im Zaune halbversteckte schmale Brettertür fand, über welcher ich mit meinem Kopfe mir bald freie Einschau in den inneren Raum verschaffte; denn hereindringen konnte ich nicht; sie war verschlossen. Eine Reihe von Bienenkörben stand auf zwei Seiten neben- und übereinander auf hölzernen Gestellen; eine Drahtmaske, ein Sack lagen daneben im Grase; das tönende Geziefer summte von allen Körben. Das war ein »Immenhof«, wie ich späterhin erfuhr, wie man sie dort zum Schutz der Bienen anpflanzte. Ich habe während meiner Knabenzeit diese Plätze, auch später an der Hand meines Onkels oder eines älteren Vetters, stets mit einem Gefühl von Andacht betreten, als näherte ich mich einem lieblichen Naturgeheimnis. Treten wir über die paar steinernen Treppenstufen an der Frontseite in das Wohnhaus! Auf dem geräumigen Flur, an den Seiten unter zweien Fenstern befinden sich große Kisten mit abgeschrägtem Klappdeckel; sie bergen das dem Müller von dem vermahlenen Korne zukommende Mehl, von dem im Hause verkauft wird; eine große Treppe führt nach dem Boden hinauf; Links und rechts nach vorn heraus zwei geräumige Zimmer; das zur Linken das Wohnzimmer, in einer Ecke zwei Flügeltüren mit Glasscheiben, die zu einem Alkoven führten, dem Schlafraume des alten Ehepaares. Eine Tür in derselben Wand ging in die gleichfalls große nach dem Garten hinaussehende Küche, wo ich später oftmals staunend neben dem alten Herde stand und staunend zusah, wie Möddely Marieken den in der Pfanne prasselnden Pfannkuchen plötzlich in die Höhe schleuderte, wie er in der Luft sich wandte und dann jedesmal genau mit der noch ungebackenen Seite wieder in die Pfanne klatschte. Ich höre noch das Lachen der Genugtuung, wenn ich der Alten meine Bewunderung über dies Kunststück aussprach; und der nächste Pfannkuchen pflegte dann meist noch um einen Fuß höher zu fliegen. Während es in der Wohnstube an den Wänden, und wohin man blickte, düster und verbraucht aussah, trat man links vom Flur aus in ein großes, helles Gemach mit untadelhaft geweißten Wänden; ein großes Fenster nach einem freien Seitenraum des Gartens gab das Licht, was die Linden den Fenstern an der Frontseite verwehrten. Unzweifelhaft wurden Kleine Eltern bei ihrem ersten Besuche als junge Leute hier mit mir hineingeführt; ein altmodisches Kanapee, das aus drei zusammengewachsenen Stühlen zu bestehen schien, und ein weißes Teegeschirr, mit roten Blumen bemalt, das auf einem Tischchen an der Wand stand, wurden schon damals oder später genau von mir in acht genommen. Von vorstehenden Beobachtungen habe ich gewiß nur wenige in meinem damaligen zweiten Jahre gemacht; aber ich bin später, in den Michaelisferien, oft dahin auf Einladung meines Onkels Hans, der dann als ältester Sohn der Müller war, zurückgekehrt. Bei jenem ersten Besuche waren um die Großeltern außer jenem ältesten, gescheiten und liebenswürdigen Bruder meines Vaters, der mit ihm ein durchgeistetes Antlitz gemein hatte, noch die jüngste, derzeit recht junge Schwester, meine geliebte Tante Lene mit ihrem stillen Madonnengesichte und die nicht hübsche, aber kluge und energische Tante Gretchen, die später den Bauervogt Hans Carstens in dem damals gleichfalls zu Hohn eingepfarrten Dorfe Hamdorf heiratete. Mein Vater, der Jurist, hielt diese Schwester zeitlebens in besonderer Achtung; ihr ganzes Wesen war von beruhigender Sicherheit. Sie hatte aber auch schon in ihrer Jugend über ihn gewacht; wie oft hat mein Vater, wenn er, wie so oft, auf seine Jugend kam, es uns erzählt! In Westermühlen war keine Schule; die Kinder mußten etwa eine halbe Meile weit nach dem benachbarten Eisdorf gehen. Besonders im Winter scharten sie sich dann an einem bestimmten Platze ihres Heimatdorfes und traten gemeinsam den Schulweg an. Zu Mittag blieben die Westermühlener in Eisdorf; ein Stück Butterbrot wurde aus der Tasche gezogen und in Gesundheit verzehrt. »Was bekamt ihr dann zu trinken? Milch oder Bier?« frug ich meinen Vater. Er lachte: »Ein großer kupferner Kessel mit frischem Brunnenwasser wurde zwischen uns auf den Tisch gestellt, da konnte jeder so viel trinken, als er Lust hatte.« Der Lehrer war ein alter Soldat gewesen; trotzdem meinte mein Vater noch in seinem hohen Alter, er habe seine Sache wohl verstanden, und erzählte gern, wie er am Weihnachtsabend herkömmlicher Gast in seinem elterlichen Hause gewesen, und wie gern er dann den Gesprächen zwischen ihm und seinem Vater gelauscht habe. Eine Episode aus dem Berliner Studienjahr 1839 Es ist Sonntag nachmittag vier Uhr; der Direktor in Hemdsärmeln und furchtbarem Amtseifer hammert, klebt, kommandiert, schilt und flucht. Der Komiker Dircks steigt schwärmend zwischen Stühlen und Latten herum, memoriert seine Rolle, zitiert Stellen aus dem »Don Carlos« und beglückt dabei bald diese, bald jene Schauspielerin mit einer halben Umarmung. Der Maler klebt eifrig mit, damit seine Dekorationen ins gehörige Licht gesetzt werden, streitet sich mit dem Direktor über das Decken der Setzstücke und streicht sich behaglich den angeklebten Knebelbart. Die Damen gehen ab und zu, lachen noch mitunter über die Witze des Komikers, fassen sich an ihr kleines Herz, memorieren ihre Rollen und sagen: »O Gott, o Gott!« – Der Tenorist übt mit dem Musikdirektor noch seine Lieder; beide können sich in dem Spektakel oft gegenseitig nicht verstehen. Rosenberg ist als Theatermeister sehr emsig; aber da er gar nicht durchfinden kann und allenthalben Widerspruch findet, so wird ihm die Sache am Ende verdrießlich. Die andern sind vom Direktor kommandiert und stehen sich mit dem größten Amtseifer gegenseitig im Wege. Niebuhr hat bereits sein Müllerkostüm angezogen, besieht die blanken Stahlknöpfe in seinem weißen Kamisol und freut sich über die allgemeine Verwirrung. Zu allem diesem spielt Scheby brillante Variationen, nachdem der Tenorist sich heiser gesungen. Direktor: Kuhn, wo sind Sie? Kuhn: Herr Rehse! Direktor: Ach, möchten Sie nicht so freundlich sein, den Komödienzettel abzuschreiben. Kuhn: Na – woso denn – –? Direktor: Ich hab ihn in Eiseners Stube hingelegt. Alle: Aber unterstehn Sie sich nicht, die Namen dabeizuschreiben! Kuhn: Na, aber hären Se mal – na, ich will's schon recht machen. (Ab.) Maler (für sich): Schaafskopp! Direktor (Kuhn nachrufend): Wollen Sie denn wohl so freundlich sein! – (indem er den Hammer gegen die Wand wirft) Verfluchte, verdammte Lumpenflickwerk! Nun will der knotige Schund nicht festhalten! – Wo stecken Sie denn alle, Eisener! – – Ach! Schlichtmann tritt herein und wird sogleich als Lampenmeister angestellt. Die andern beschäftigen sich auf die obenerwähnte Weise. Darauf tritt Kuhn herein und bringt den Zettel:   Heute Sonntag, den 23. Februar:   Theatr. alla scala. Der Stellvertreter, Lustspiel in einem Akt. Uhrmacher Hippel Herr Schlichtmann, mit dem Beinamen Gillis. Luise, seine Tochter Dem. Kuhn, ein Backfisch. – Weiter nichts? – Weiter nichts! Amanda, seine Nichte Dem. Völkner, ein Mädchen ohne Furcht und Tadel. Wolfgang Trollberg Herr Storm, ein unverbesserlicher Liebhaber. Alexander Trollberg Herr Dircks, Theaterarzt und Besitzer mehrerer Edelhöfe im Monde. Ein Bedienter Herr Kuhn, verfehlter Tenorist, derzeit für das Bedientenfach engagiert. Hierauf: Der reisende Student, Vaudeville in zwei Akten. Jakob, ein Müller Herr Niebuhr, der Müller vom vergangenen Jahr. Tollberg, gräflicher Verwalter Herr Dircks, verbrauchter Liebhaber, jetzt groß als komischer Mime. Brandheim, Ingenieurlieutenant Herr Storm, erster Tenorist. Hannchen, Jakobs Tochter Mad. Röse, Frau Direktorin. Margarethe, Wirtschafterin Dem. Völkner, ein handfestes Mädchen. Mauser, ein Student Herr Wagner, Tenor-Buffo und Theatermaler, ein junger Mann, über den sich manches sagen ließe. Das Gewitter hinter den Kulissen wird ausgeführt von Herrn Direktor Röse, der Feuerlärm von mehreren Mitgliedern des Theaters alla scala. Die Dekorationen im ersten Akt und die Setzstücke im zweiten sind vom Herrn Dekorationsmaler Wagner. Das Lied »Der Vater sagt usw.« im ersten Akt ist vom Opernregisseur Herrn Storm. Wegen Mangel an Platz ist der Zutritt auf der Bühne ernstlich untersagt. Musik dazu macht der Kapellmeister Herr Scheby. Meine Erinnerungen an Eduard Mörike Auf der alten Gelehrtenschule meiner Vaterstadt wußten wir wenig von deutscher Poesie, außer etwa den Brocken, welche uns durch die Hildburghausensche »Miniaturbibliothek der deutschen Klassiker« zugeführt wurden, deren Dichter aber fast sämtlich der Zopf- und Puderzeit angehörten. Zwar lasen wir auch unseren Schiller, dessen Dramen in der Stille eines Heubodens oder Dachwinkels von mir verschlungen wurden, und selbst ein altes Exemplar von Goethes Gedichten kursierte einmal unter uns; daß es aber lebende deutsche Dichter gebe, und gar solche, welche noch ganz anders auf mich wirken würden als selbst Bürger und Hölty, davon hatte mein siebzehnjähriges Primanerherz keine Ahnung. Erst auf dem Lübecker Gymnasium, das ich vor dem Abgang zur Universität noch eine Zeitlang besuchte, las ich Goethes Faust und Heines Buch der Lieder, und mir war dabei, als seien durch diese beiden Zauberbücher doch erst die Pforten der deutschen Dichtung vor mir aufgesprungen. Von den neueren schwäbischen Dichtern kam nur Uhland in meine Hände; aber trotz der schönen frühlingsklaren Lyrik blieb dessen dichterische Persönlichkeit mir ferner, vielleicht weil in der Sammlung der Gedichte die Balladenpoesie einen so breiten Raum einnimmt, die man damals ganz in den Vordergrund geschoben hatte, zu der, mit wenigen Ausnahmen, ich aber niemals ein Verhältnis finden konnte. Die Gedichte Eduard Mörikes, des letzten Lyrikers von zugleich ursprünglicher und durchstehender Bedeutung, der während meines Lebens in die deutsche Literatur eingetreten ist, lernte ich erst mehrere Jahre nach ihrem ersten Erscheinen (1838) während meiner letzten Studentenzeit in Kiel kennen. Wir waren dort derzeit eine kleine übermütige und zersetzungslustige Schar beisammen, die geneigt war, möglichst wenig gelten zu lassen; aber vor diesem Buche machten wir unwillkürlich halt. Da war Tiefe und Grazie, deutsche Innigkeit verschmolzen oft mit antiker Plastik, der rhythmisch belegte Zug des Liedes und doch ein klar umrissenes Bild darin; die idyllischen, vom anmutigsten Humor getragenen Stücke der Sammlung von farbigster Gegenständlichkeit und doch vom Erdboden losgelöst und in die reine Luft der Poesie hinaufgehoben. »Mich kann nichts so gefangen nehmen, als solche Ergüsse, die uns jählings umwogen und aus jedem Fleck der Erde eine Insel machen, von der man ungern wieder scheidet«, schreibt kurz vor dem Erscheinen der Gedichte Mörikes vertrautester Jugendfreund Ludwig Bauer in seinen unten zu erwähnenden Briefen; und wir waren in ähnlicher Weise von diesen Dichtungen getroffen. In dem später (Kiel, 1843) von uns herausgegebenen jugendlichen »Liederbuche dreier Freunde« findet sich aus jener Zeit unter der Überschrift »Eduard Mörike« ein Sonett von Th. Mommsen: Vorüber fluten stolz des Elbstroms Wellen, Die Schiffe tragend mit dem goldnen Horte – Der Reichtum wohnt hier wohl am weiten Porte; Allein der Friede weilet bei den Quellen. So will der Strom der Dichtung auch sich schwellen, Und weiter strebt er von der stillen Pforte, Wo Blumen wuchsen am verborgnen Orte Und wo am Waldsaum gaukelten Libellen. Ach! Wir sind oft anmutig, oft erhaben; Allein Gervinus stellt uns zu der Prose, Und recht behält er, sind wir erst begraben. Da fand ich in dem eignen Bett von Moose, Erblühend im geheimsten Tal von Schwaben Des reichen Liedersommers letzte Rose. Man sah durch diese Gedichte wie durch Zaubergläser in das Leben des Dichters selbst hinein, das zwar auf einen kleinen Erdenfleck beschränkt, aber dafür mit diesem auch desto inniger vertraut und überdies mit einem phantastischen Märchenduft umgeben war, der bei aller anmutigen Fremdheit dennoch dem Boden der Heimat zu entsteigen schien, und aus dem die bald zarten, bald grotesken Gestalten, Die sel'gen Feen, die im Sternensaal Beim Sphärenklang Und fleißig mit Gesang Die goldnen Spindeln hin- und widerdrehn, wie der gespenstische Feuerreiter mit seiner roten Mütze bis zur sinnlichen Deutlichkeit hervortreten. Diese Poesie erregte, wie von E. Kuh in seinem schönen »Gedenkblatt« treffend bemerkt ist, ganz von selber den Wunsch, die besonnten Rebhügel, die heimlichen Waldplätze oder stillen Dorfseiten aufzusuchen, denen sie entstammt ist; noch lieber, in des Dichters Pfarrgarten einzutreten und bei ihm selber anzusprechen. Aber freilich dazu fehlte mir derzeit auch das bescheidenste Legitimationspapier. Nach den Gedichten lasen wir auch die Novelle »Maler Nolten«, und trotz der mystischen Zwiespaltigkeit der Dichtung und des Mangels befriedigender Lösung der darin angeregten Konflikte, welches beides auch einem jugendlichen Leser nicht leicht entgehen kann, waren wir doch darüber einig, daß der Dichter, wie sein Freund Bauer gleich nach dem Erscheinen des Buches schreibt, »seinen Nolten aus dem dämmernden Brunnenstübchen hervorgeholt habe, wo Kunst und Natur als nachbarliche Quellen rauschen«; ja, daß in einzelnen Partien vielleicht das Höchste geleistet sei, was überall der Kunst erreichbar ist. Noch entsinne ich mich, wie ich eines Tages beim Eintritt in mein Zimmer einen unserer Genossen, einen eifrigen Juristen, mit feuchten Augen vor meinem Klavier auf einem Stuhle hängend fand; in der einen Hand hatte er das Heft der von Mörike selbst geschätzten Kompositionen von Hetsch, welche damals dem Buche beigegeben waren, mit der anderen suchte er unter Heraufbeschwörung seiner vergessenen Notenkenntnis auf den Tasten sich Agnesens Lied zusammen: Rosenzeit, wie schnell vorbei Bist du doch gegangen! Leider verfiel ich, da ich nach abgelegtem Staatsexamen in meiner Vaterstadt seßhaft geworden war, in den seltsamen Irrtum, meine Begeisterung auch bei allen anderen Menschen vorauszusetzen; derart, daß ich den »Nolten« der Lesegesellschaft unserer »Harmonie« höchst dringend anempfahl. Das Buch wurde auch angeschafft; aber – ich konnte mich bald kaum noch irgendwo sehen lassen, ohne ein mitleidiges Kopfschütteln der rüstigen Geschäftsleute dafür einzukassieren. Ich hatte mich von vornherein um allen Kredit gebracht. – Setzte es doch sogar einen Schriftsteller, wie A. v. Sternberg, mit dem ich in den fünfziger Jahren zusammentraf, in Erstaunen, daß ich Mörike überhaupt eine Bedeutung einräumen wollte. Er hatte zur Zeit, da dieser an seinem »Nolten« arbeitete, ihn persönlich kennengelernt, wußte von ihm aber nur mit herablassendem Lächeln zu erzählen, wie Mörike ihn eines Tages gefragt habe, ob er wohl auch eine Gräfin könne Staub wischen lassen, worauf er ihn dann beschieden, ja wenn es grad nicht nötig sei, da könne auch wohl einmal eine Gräfin zum Staubtuch greifen. – Die Stelle findet sich übrigens Bd. I, S. 225 im »Nolten«, und wird von Vischer in seinen »Kritischen Gängen« gegen einen Rezensenten verteidigt, da der Vorgang als ein ungewöhnlicher psychologisch motiviert sei. Und hier stehen wir vor der Frage: Woher kommt es, daß Mörike selbst in betreff der Gedichte noch heute ein so kleines Publikum hat? – Der gänzliche Mangel der flüssigen Phrase und jener aus der Alltäglichkeit der Anschauungen hervorgehenden bequemen Verständlichkeit schließt allerdings bei unserem Dichter den größten Teil der Jugend, insbesondere der jugendlichen Frauenwelt von vornherein aus; abgesehen davon, daß die Stoffe vielfach jenseits des gewöhnlichen Gesichtskreises dieses Alters und Geschlechtes liegen. Aber auch reifere Frauen oder Männer, denen man sonst wohl etwas zumuten kann, wissen oft sich nicht hineinzufinden. Ich möchte nachstehendes hervorheben. Einmal hat das Phantastische, das bei Mörike überall hindurchspielt, gegenwärtig überhaupt wenige Liebhaber; hier aber hat es noch dazu in mehreren Gedichten – so in der, allerdings köstlichen, 16 Seiten einnehmenden Erzählung vom »sicheren Mann« – eine mythische Welt zur Voraussetzung, die nur dem Dichter selbst und seinem engeren Kreise bekannt war. Als Tübinger Studenten auf einsamen Spaziergängen oder in einem fremden Gartenhause auf dem Österberge, wo sie sich heimlicher- und nächtlicherweise einnisteten, erschufen Mörike und Bauer diese Welt, die irgendwo im Stillen Ozean liegende Insel Orpüd mit der Hauptstadt gleiches Namens und ihrer Schutzgöttin Weyla, deren auf und über der Erde spielende Geschichte bis ins einzelne von ihnen ausgebaut wurde. Bauer schrieb später auf Grund dieser Erfindungen seine Dramen: »Der heimliche Maluff« und »Orplids letzte Tage«; Mörike die in den »Nolten« aufgenommene Szene »Der letzte König von Orplid«. Die in letzterer enthaltenen und dieser Mythenwelt entsprungenen kleineren Gedichte: »Gesang Weylas«, »Gesang zu Zweien in der Nacht«, »Elfenlied«, »Die Geister am Mummelsee«, sind dann auch, und freilich mit vollem Rechte, in die Sammlung der Gedichte übergegangen, aber sie beruhen sämtlich auf unbekannten oder ungewohnten Voraussetzungen. Weniger noch als mit diesen und dem »sicheren Mann« werden manche Leser mit dem gleichfalls dem »Nolten« entnommenen Zyklus »Peregrina« anzustellen wissen; die reizende Gestalt des Wundermädchens ist wie ein Irrlicht, von dem wir nicht wissen, ob wir es wirklich sehen oder ob es nur ein Bild der eigenen Phantasie vor unseren Augen spielt. Es kommt noch ein anderes hinzu. Insbesondere die Idyllen, die einen großen und köstlichen Teil der Sammlung ausmachen, haben in ihrer Vortragsweise, in Ausdruck und Redewendung etwas, das der antiken Dichtung abgelauscht und das, so fein und anmutig es sich der heimischen Weise einfügt, denen, die keine klassische Schulbildung hinter sich haben, nicht sofort geläufig sein mag. Wie es bei der Persönlichkeit dieses Dichters nicht anders sein konnte, die Welt seiner Studien verschmilzt sich mit seiner eigenen; der Verfasser schnupft zwar nicht, aber unleugbar ist es, daß er Lateinisch und vortrefflich Griechisch kann; und das von ihm verspottete »Schulschmäcklein« kommt hie und da, wenn auch in stets graziöser oder bewußt humoristischer Weise, in seinen eigenen Gedichten zur Erscheinung. Das alles sollte freilich die ernsteren Leser nicht veranlassen, das unvergleichliche Buch nach dem ersten Einblick ungelesen zur Seite zu legen; gleichwohl vermag ich nach eigener Erfahrung, trotz meiner vielfachen Bemühungen dafür, eine Vergrößerung der Mörike-Gemeinde nicht zu verzeichnen. Scheint doch auch, nach dem eingeklebten Titelblatt, die letzte, sechste Auflage der Gedichte nur eine maskierte fünfte zu sein. Nachdem von Mörike bereits 1846 die »Idylle vom Bodensee« und 1848 die zweite Auflage der »Gedichte« erschienen war, ließ auch ich ein wenig bemerktes Buch »Sommergeschichten und Lieder« in die Welt gehen, worin eine Auswahl meiner Gedichte und meine ersten Prosadichtungen zusammengestellt waren. Mit diesem in der Hand, wagte ich es bei Mörike, wenigstens aus der Ferne, anzuklopfen; im November 1850 schickte ich es ihm und schrieb ihm dabei von seinen norddeutschen Freunden und meiner dauernden Liebe zu seiner Dichtung, den Ausspruch eines heiteren Genossen nicht verschweigend: Die echten Lieder halten aus in Sommern und in Wintern; Sie haben aber Kopf und Fuß, dazu auch einen H-. Es vergingen ein paar Jahre, ohne daß ich über die Aufnahme meiner Sendung etwas erfahren hätte. – Dann im Mai 1853 erhielt ich aus Stuttgart das eben erschienene »Hutzelmännlein«, das die Perle der von dem Dichter erfundenen Sage von der schönen Lau enthält, zugleich mit dem herzlichsten Schreiben, das mir diesen Frühlingstag zu einem der schönsten meines Lebens machte. Was mir später von Österreich aus entgegengekommen ist, schrieb mir schon derzeit Mörike: »Höchst angenehm frappiert hat mich die Ähnlichkeit Ihres Nordens mit unserer süddeutschen Gefühls- und Anschauungsweise« ; und näher dann auf den Inhalt meines Büchleins eingehend: »Ihre Neigung zum Stilleben tut gegenüber dem verwürzten Wesen der Modeliteratur außerordentlich Wohl. Der alte Gartensaal, der Marthe Stube und so fort sind mir wie altvertraute Orte, nach denen man sich manche Stunde sehnen kann.« – – – »Das (Gedicht) von den Katzen wußte ich bald auswendig und habe manchen schon damit ergötzt. Von wem ist das? frug ich unlängst einen Freund. Nu, sagte er lächelnd, als wenn es sich von selbst verstünde – von dir! Die Zuversichtlichkeit des schmeichelhaften Urteils hat mich natürlich nicht wenig gaudiert.« – Mörike wird sich bei dieser freundlichen Äußerung freilich wohl bewußt gewesen sein, daß dies Gedicht, wenn es auch nicht von ihm herrührt schwerlich so entstanden sein würde, wenn der Verfasser nicht fleißig bei ihm in die Schule gegangen wäre. Schließlich wünschte er eine Andeutung meiner äußerlichen Existenz; das eine wolle mich zum Arzt, das andere zum Prediger machen. Ich ließ mich selbstverständlich nicht vergebens bitten. Später, in den Jahren, die ich während der Dänenherrschaft in dem großen Militärkasino Potsdam verlebte, sandte ich ihm das aus unserem Berliner Kreise hervorgegangene belletristische Jahrbuch »Argo«. Ich sammelte damals für ein Album zum Geburtstage meiner Frau Erinnerungsblätter aus der Heimat und handschriftliche Gedichte von mir bekannten Verfassern. Kugler hatte mir sein »An der Saale hellem Strande« schreiben müssen; von Eichendorff, mit dem ich in des letzteren gastfreiem Hause – »am ewigen Herd« – im Freundes- und Frauenkranze einen heiteren Tag verlebt hatte, erhielt ich das: »Möcht wissen, was sie schlagen, so tief in der Nacht«; nun bat ich auch Mörike um sein »Früh, wenn die Hähne krähn«. Und rechtzeitig im April 1854 langte zur Anwort eine reiche Sendung bei mir an; dem ausführlichen Briefe war außer dem gewünschten Autograph und einem desgleichen von Kerner mit dem charakteristischen Datum »Weinsberg im unglücklichen April 1854« – er hatte damals eben sein »Rickele« verloren – eine wertvolle Gabe beigeschlossen: »Ludwig Bauers Schriften, nach seinem Tode in einer Auswahl herausgegeben von seinen Freunden«. Das Buch ist ohne Angabe eines Verlegers 1847 zu Stuttgart erschienen. Mörikes Frau, Gretchen, geb. v. Speth, auf welche, wie der Dichter mir verraten und ich wohl weiter ausplaudern darf, sich die in seiner Sammlung befindlichen Gedichte »Ach muß der Gram«, »O Vogel, ist es aus mit dir«, »An Elise«, »Weht, wehet liebe Morgenwinde« beziehen, hatte es mit einer Widmung an die »Freunde in Schleswig« begleitet. Er selbst schrieb dazu: »Sie werden den herrlichen Menschen bald darin erkennen. Was die vorangedruckten Briefe betrifft (an deren Auswahl ich natürlich einen Anteil habe) – wenn Sie imstande wären, alles gehörig abzurechnen, was jugendliche Freundschaft nach der ihr eigenen Übertreibung Gutes an ihrem Gegenstande findet, so könnte es mir schon lieb sein, daß Ihnen ein Stück Leben von mir und meinem Kreis damit vorgelegt wird.« Und in der Tat sind diese Briefe allen zu empfehlen, denen daran liegt, den Jugendspuren unseres Dichters nachzugehen. Man sieht die beiden Freunde in die Sommernacht hinausschwärmen und sich auf einsamen Berghöhen und Waldplätzen zu künftigen Werken begeistern; von Mörike erfahren wir, daß er (1824) ein Trauerspiel vollendet, aber dann verbrannt habe, weil es nicht die ganze Höhe seiner Idee erreichte. Überall aber zeigt sich die beiden Freunden gemeinsame Neigung zum Phantastischen und Geheimnisvollen; noch als Pfarrer zu Ernsbach macht Bauer den Vorschlag, sich für Tag' und Nächte in dem verödeten Schloß zu Ingelfingen einzuquartieren, »in einem Zimmer, wo, wenn man allein ist, man sich zu Tode bängeln kann.« Es ist, als ob die jungen Dichter aus der Einsamkeit in der Natur, aus der Stille der Nacht die Offenbarung der Poesie erwarteten; und die »Felsenglocke Orplids, von welcher nur die Gazellen geweckt werden, seitdem die Gassen der heiligen Stadt verödet sind«, klingt überall hindurch. Hie und da in diesen Briefen wird uns, als läsen wir ein Gedicht von Mörike selbst. Zwischen den Blättern dieses so willkommenen Buches fand sich überdies die Nummer einer württembergischen Kirchenzeitung mit dem ersten Abdruck des trefflichen »Turmhahns«, worüber Mörike mitteilte, daß er als Pfarrer zu Cleversulzbach aus Anlaß einer Kirchenreparatur solch ein altes Inventarienstück zu sich genommen habe, während das Ganze unter Sehnsucht nach dem ländlich pfarrlichen Leben entstanden sei. Auch die Silhouetten des Dichters, seiner Frau und seiner Schwester Clara, der beständigen Genossin seines Lebens, waren beigefügt. In seiner liebenswürdigen und bescheidenen Weise gab Mörike dem jüngeren Freunde über die Entstehung einzelner seiner größeren Dichtungen Auskunft; in betreff seines »Nolten« schrieb er: »Verschiedene Partien im ersten Teil desselben sind mir selbst widerwärtig und fordern eine Umarbeitung. Was denken Sie deshalb für den Fall einer zweiten Auflage? Ich möchte Sie nicht gern zum zweitenmal als Korrektor unzufrieden machen.«   Im August 1855 wurde mir die Freude, mit meinen Eltern eine Reise in den deutschen Süden zu machen. Das Endziel war Heidelberg, wo mein Vater einst als Student der Rechte zu des alten Thibaut Füßen gesessen hatte, auch mit ihm befreundeten Söhnen eines Hainbundgenossen mitunter von dem alten Johann Heinrich Voß in dem Rebgange seines Gartens war empfangen worden. Ich aber dachte noch ein paar Meilen weiter zu einem lebenden Dichter, nach Stuttgart, wo Mörike derzeit mit seiner jungen Frau und seiner Schwester sein bewegliches Wanderzelt aufgeschlagen hatte. Während nun mein Vater, nur von seinem spanischen Rohre begleitet, in Heidelberg die Stätten seiner Jugend aufsuchte, setzte ich mich auf die Eisenbahn und fuhr nach Stuttgart. Mörike war nicht im Wartesaal, wie er mir geschrieben hatte. Meine Ankunft war mit einer Literaturstunde zusammengefallen, die er derzeit als Professor am Catharineum zu geben hatte. Als die Menge sich verlaufen hatte, blieb ich mit einem schwarzen Herrn auf dem Perron zurück, der nach dem mir bekannten lithographierten Bilde von Weiß jedenfalls nicht Mörike sein konnte; der aber bald auf mich suchend Umherblickenden zutrat und mir ein mit Bleistift geschriebenes Billett überreichte. »Salve Theodore!« schrieb Mörike, »Negotio publico distentus amicum, ut meo loco te excipiat, mitto carissimum.« Dieser Freund war Wilhelm Hartlaub, dem die erste Auflage der Gedichte gewidmet ist und der jetzt von seiner Dorfpfarre bei dem Dichter auf Besuch war. »Sie kommen zur glücklichen Stunde«, sagte dieser, als wir durch die Straßen schritten; »der Eduard hat gerade etwas fertig, was von überwältigender Schönheit ist.« – Die Dichtung, welche er meinte, war die Novelle »Mozart auf der Reise nach Prag«. In der einfach aber nett eingerichteten Wohnung, freilich mehrere Treppen hoch, wurde ich von Frau und Schwester empfangen. Mörike selbst war noch nicht da; aber während ich mich an einem Glase jungen Weins, noch aus dem Garten zu Mergentheim, nach der heißen Fahrt erquickte, trat auch er herein. Er war damals erst einundfunfzig Jahre alt; in seinen Zügen aber war etwas Erschlafftes, um nicht zu sagen Verfallenes, das bei seinem lichtblonden Haar nur um so mehr hervortrat; zugleich ein fast kindlich zarter Ausdruck, als sei das Innerste dieses Mannes von dem Treiben der Welt noch unberührt geblieben. Er faßte mich an beiden Händen und betrachtete mich mit großer Herzlichkeit. »Gelt, Alte!« sagte er dann zu seiner Frau, »so habe wir ihn uns ungefähr vorgestellt. Als ich eben da heraufgegangen bin, da hab ich mir die Stufe angesehen und gedacht, ob wohl der Storm da herübergestiegen ist?« Bei den Gesprächen, in die wir bald vertieft waren, offenbarte sich überall der ihm inwohnende Drang, sich alles, auch das Abstrakteste, gegenständlich auszuprägen; die Monaden des Leibniz erschienen ihm wie Froschlaich; von den kleinen Naturbildern des ihm befreundeten Dichters Karl Mayer sagte er: »Er kann nichts passieren lassen, ohne es auf diese Art gespießt zu haben.« – Über dem Sofa zwischen den Lichtbildern von mir und meiner Frau, die wir als Erwiderung der Silhouetten gesandt hatten, hing eine in Öl gemalte Mondscheinlandschaft; Mörike meinte, es stecke ein Gedicht darin. »Eine Nachtuhr!« sagte er und zeigte auf einen Felsblock im Vordergrunde des Bildes, über den, vom Mond beleuchtet, ein rieselndes Wasser tropfenweise herabfiel. Aber soviel ich weiß, ist dies schon keimende Gedicht nicht zur Entfaltung gediehen. Wir kamen auf Heine zu sprechen. »Er ist ein Dichter ganz und gar«, sagte Mörike; »aber nit eine Viertelstund könnt ich mit ihm leben wegen der Lüge seines ganzen Wesens.« Dagegen fühlte er sich zu Geibel und Heyse, dessen eben erschienene »L' Arrabbiata« er »eine ganz einzige Perle« nannte, hingezogen und wünschte sich nur Jugend und Gesundheit, um ihnen recht feurig entgegenkommen zu können; auch von unserer persönlichen Begegnung wünschte er, daß sie in eine frühere Zeit seines Lebens gefallen sei. Von mir, der ich damals erst im Beginn meiner Prosadichtung stand, hatte Mörike kurz zuvor die kleine Idylle »Im Sonnenschein« zugesandt erhalten. »Als ich das gelesen«, sagte er, »da habe ich gleich gesehen, das ist so mit einem feinen Pinsel ausgeführt; das mußt du Satz für Satz lesen. – Wisse Sie was!« fuhr er dann fort; »drei Stellen daraus möchte ich auf Porzellan gemalt haben.« – Er hatte eben nicht unrecht mit dieser freundlichen Kritik. Dann aber meinte er wieder: »Sie habe das an sich, so leise zu überraschen: Es war eine andere Zeit!« Ich hatte ihm erzählt, daß mein Vater, ein Müllersohn vom Dorfe, von seiner Jugend her eine Liebhaberei für Vögel habe und noch jetzt mit Behagen dem Treiben der Stare um die ausgehängten Brutkästen zuschaue. Als wir später bei der Besichtigung der Wohnräume in das Zimmer kamen, wo sein erst einige Monate altes Töchterlein in einer Wiege schlief, sagte er mir, daß er diese Liebhaberei meines Vaters teile, und zeigte auf zwei Rotkehlchen, die im Bauer vor dem Fenster standen: »Richtige Gold- und Silberfäde ziehe sie heraus; sie singe so leise, sie wollen das Kind nit wecke.« In meiner Heimat, wo das Plattdeutsche der Volkssprache sich schärfer von der Schriftsprache scheidet, ist man nicht gewöhnt, einen derartigen Anflug von Dialekt in der Unterhaltung zu hören; auch Mörikes Gedichte, hatte ich sie nun laut oder leise gelesen, waren mir stets nur in meiner eigenen Sprache dagewesen. Nun hörte ich den Dichter selber in behaglichster Weise sich in der Sprache seiner schwäbischen Heimat ergehen, insbesondere beim Mittagstische im Gespräch mit seinem Jugendfreunde Hartlaub. Als ich ihm meine Gedanken darüber kundtat, legte er zutraulich die Hand auf meinen Arm und sagte lächelnd: »Wisse Sie was? Ich möcht's doch nit misse.« – Noch ein anderes hatte mich stutzen gemacht, ohne daß ich gleicherweise einen traulichen Bescheid darauf bekommen hätte. Es war dies das Tischgebet, das Mörike kurz vor Beginn der Mahlzeit sprach. Ich mußte schweigend darüber nachsinnen, ob das ein Rest des früheren Pfarrlebens sei, oder vielleicht nur einer allgemein schwäbischen Haussitte angehöre; ein solche formulierte Kundgebung wollte mir zu dem Dichter nicht passen, wenngleich in seinen Gedichten sich nichts findet, das dem Glauben an eine persönliche dem Herzensdrange des Menschen erreichbare Gottheit widerspräche. Die Verse aber: . . . Aus Finsternissen hell in mir aufzückt ein Freudenschein: Sollt ich mit Gott nicht können sein, So wie ich möchte, Mein und Dein? Was hielte mich, daß ich's nicht heute werde? Ein süßes Schrecken geht durch mein Gebein! Mich wundert, daß es mir ein Wunder sollte sein, Gott selbst zu eigen haben auf der Erde! sind erst in der Ausgabe von 1867 veröffentlicht. Als das Gespräch sich auf das poetische Schaffen überhaupt wandte, meinte Mörike, es müsse nur so viel sein, daß man eine Spur von sich zurücklasse; die Hauptsache aber sei das Leben selbst, das man darüber nicht vergessen dürfe. Er sagte dies fast so, als wolle er damit den jüngeren Genossen warnen. Und daß es nicht ein bloß hingeworfenes Wort gewesen, beurkunden seine Gedichte, in denen der Inhalt eines reichen, wenn auch noch so stillen Lebens wie von selber ausgeprägt ist. Am Nachmittag wurde mir zu Ehren auf nordische Weise der Teetisch hergerichtet; Mörike meinte, oh, sie kennten das hier auch. Dann schleppte er mir selbst aus seinem Studierstübchen seinen großen Lehnstuhl herbei, und als ich mich hineingesetzt hatte, begann er seinen »Mozart« vorzulesen. Die noch jugendliche Frau des Dichters ging indessen, wie ein freundlicher Hausgeist, ab und zu; die wirtschaftliche Sorge für die Gäste hatte sie genötigt, sich dem pantomimisch kundgegebenen Wunsche ihres Mannes, sich mit in unseren Kreis zu setzen, mit dem liebenswürdigsten Ausdruck des Bedauerns zu entziehen. – Mörike las, wie mir damals schien, vortrefflich; jeder Anflug von Dialekt war dabei verschwunden. Auch hier aber hatte ich Gelegenheit zu bemerken, welch hohe Stellung der Dichter bei seinen Jugendgenossen einnahm, und wie sie überall nur das Schönste und Beste von ihm erwarteten. Schon 1823 schreibt Bauer in den erwähnten Briefen an ihn: »Aber dies ist mir lieb, daß nur dann Dein ganzes wunderbares Selbst vor mir steht, wenn sich die gemeinen Gedanken wie müde Arbeiter schlafen legen, und die Wünschelrute meines Herzens sich zitternd nach den verborgenen Urmetallen hinabsenkt. Die Poesie des Lebens hat sich mir in Dir verkörpert, und alles, was noch gut an mir ist, sehe ich als ein Geschenk von Dir an«; und an einer anderen Stelle: »Du bist mir schon so heilig, wie ein Verstorbener.« – Der jetzt gegenwärtige Hartlaub folgte der Vorlesung mit einer verehrenden Begeisterung, die er augenscheinlich kaum zurückzuhalten vermochte. Als eine Pause eintrat, rief er mir zu: »Aber, i bitt Sie, ist das nun zum Aushalte!« – Ich selbst freilich war von dieser Meisterdichtung, in der mir nur eine Partie, die mit den Wasserspielen, weder damals noch später hat lebendig werden wollen, nicht weniger freudig ergriffen. Daß außer einzelnen Gedichten, wie »Erinna an Sappho« oder »Besuch in der Karthause«, diesem Werke kein weiteres mehr von ähnlicher Bedeutung folgen sollte, ahnten wir damals nicht. Nach beendeter Vorlesung wandte das Gespräch sich auf den »Maler Nolten«, dessen erste Auflage vergriffen war. Der Verleger beabsichtigte eine neue; aber Mörike wollte den unveränderten Abdruck nicht gestatten; er hatte schon damals eine Umarbeitung desselben begonnen, welche er trotz der ihm noch vergönnten zwei Dezennien nicht vollenden sollte. Es wollte ihm nicht gelingen, bekannte er; er habe sogar das Buch schon einmal vor Ungeduld an die Wand geworfen. – Als wir anderen ihm dann zuredeten, er möge sich doch lieber neuen Schöpfungen zuwenden, meinte er, es werde doch kein Maler, dem Gelegenheit gegeben sei, ein Bild zu wiederholen, mit Bewußtsein dieselben Verzeichnungen wieder hineinmalen. – Und so ist er denn fortgefahren, Zeit und Kräfte an dem ihm fremd gewordenen Werke zu erschöpfen. Durch die Erwähnung Kerners, den aufzusuchen mir leider, trotz Mörikes dringender Empfehlung, der einmal festgestellte Reiseplan verwehrte, gerieten wir in das nicht nur in Schwaben leicht aufzuritzende Reich der Geister. Mörike, der die Sache ernst nahm, behielt sich vor, mir bei besserer Gelegenheit brieflich desfallsige Mitteilungen aus seinem eigenen Leben zu machen. Aber bekanntlich war er kein zu starker Briefschreiber; erst viele Jahre nachher durch einen meiner Söhne, der ihn als Tübinger Student mehrfach in seinem derzeitigen Wohnorte Nürtingen besuchte, habe ich etwas von diesen Vorgängen erfahren, welche nach dessen Aussage Mörike ihm mit einer die Nachtruhe gefährdenden Meisterschaft erzählt hatte. Eine Reihe derselben steht in unmittelbarer Beziehung zu Kerners seltsamem Buche: »Die Seherin von Prevorst«. Nachdem nämlich der Dichter nicht lange zuvor mit Mutter und Schwester von seinem Pfarrhause zu Cleversulzbach Besitz genommen, geht er eines Sommernachmittags in sein Weinbergshäuschen hinauf, um dort, wie es komme, ein bißchen zu lesen oder zu schlafen. Zufällig hat er unter seinen Büchern die erwähnte »Seherin« gegriffen und liest darin – die Geschichte steht S. 274 – was einem Pfarrer H. zu C. und dessen Nachfolger S. im Pfarrhause mit einem spukenden Amtsvorgänger Namens R-sch begegnet ist. Eben am Eindämmern, fährt es ihm durch den Kopf: »Ganz dieselben Wahrnehmungen hast du ja auch gemacht!« Die Anfangsbuchstaben des Pfarrers und seines nächsten Nachfolgers passen ebenfalls; nur der Name des Spukenden ist ihm nicht bekannt. Eiligst begibt er sich auf sein Studierzimmer und schlägt im Kirchenregister nach; und da steht es! »Rabausch« hatte der Pfarrer geheißen, der hier vor längerer Zeit gelebt und über den noch allerlei finstere Erzählungen im Schwange gingen. – Von der Zeit an hätten er und seine Hausgenossen die Äußerungen des Geistes mit Aufmerksamkeit beobachtet. Diese Hinneigung des Dichters zu einer von der Wirklichkeit getrennten, geheimnisvoll in sich abgeschlossenen Welt ist ein bezeichnender Zug seines Wesens, das überall dahin drängt, sich von der in flutender Bewegung tosenden Welt des Tages zurückzuziehen. Bei einem Abendspaziergange durch die Stadt wurde mir die Steinfigur des Hutzelmännleins gezeigt, welche oben an der Ecke eines Hauses huckte; weiterhin trat Mörike in einen Laden und kaufte mir ein paar weiße Kreidestifte, deren ich mich, wie er zu tun pflege, zum bequemen Niederschreiben poetischer Produktionen auf eine Schiefertafel bedienen möchte. Am anderen Vormittage kramte unser Gastfreund allerlei, besonders handschriftliche Raritäten aus: so, trotz seiner Abneigung gegen dessen Persönlichkeit, ein sehr durchkorrigiertes Gedicht von Heine; mehrere von Hölderlin, darunter eines aus der Zeit seines Irrsinns, aber auch ein Konzept des schönen Gedichtes »An Heidelberg«; endlich kam ein Blatt mit allerhand kolorierten Zeichnungen. Soviel ich mich entsinne, sollte es von einem alten Zeichenlehrer aus dem vorigen Jahrhundert stammen; Mörike, der eine mir entfallene Klassenbenennung für diese Art von Künstlern gebrauchte, hatte selbstverständlich den Mann nicht gekannt; aber während er auf die verschiedenen altfränkischen Dinge aufmerksam machte, mit denen der Bogen bedeckt war, begann er, leise und behaglich redend, mit dramatischer Lebendigkeit die Figur des alten Herrn in immer deutlicheren Zügen vor uns hinzustellen, so daß ich es zuletzt mit Augen vor mir sah, wie das fettige Zöpflein sich auf dem blanken Rockaufschlage hin- und widerrieb. – Nach einem Gemälde von Orplid, das nach Bauers Angabe in Mörikes Besitz sein sollte, erkundigte ich mich vergebens; es schien nicht mehr vorhanden. Dagegen sah ich eine Zeichnung, welche den Dichter in seiner früheren Jugend als einen besonders schönen Knaben zeigte. Das lithographierte Bild von Weiß, soviel mir bekannt, das einzige aus den kräftigeren Mannesjahren des Dichters, schien mir nicht ganz ähnlich; auch Mörike selbst meinte das. Gegen Mittag kamen meine Eltern, mit denen ich am Nachmittag nach Heilbronn und dann anderentags den Neckar hinab nach Heidelberg zurückfahren sollte. – Die nordischen Leute schienen Mörike zu gefallen; als wir mit ihm und seiner Schwester einen Spaziergang durch die Stadt und die umliegenden Anlagen machten, faßte Mörike mitten aus der Unterhaltung heraus mich unter den Arm und raunte mir zu: »Aber en passant, Sie habe recht liebe, liebe Eltern!« Und noch mehrmals kam er darauf zurück: »Ich komme noch nit aus mei Staunen und mei Freud; Sie habe wirklich prächtige Eltern!« Noch sehe ich ihn mit meinem Vater, den alten Poeten und den alten Advokaten, in aufmerksamer Betrachtung vor der Schillerstatue stehen; beide die Hüte in den Nacken gerückt; der eine mit seinem Regenschirm, der andere mit seinem spanischen Rohr unter dem Arm. Plötzlich wendet Mörike sich zu mir und sagt mit großer Herzlichkeit: »Wisse Sie was ? Ihr Herr Vater hat so was von einem alte Schweizer!« Dies Kompliment, wofür er es ansehen mußte, da ihm die Schweizer nur als ideale Gestalten aus Schillers Teil bekannt waren, konnte mein Vater unmöglich annehmen. »Ach wat«, rief er lachend in unserem Plattdeutsch, »ick bün man en Westermöhlner Burjung!« Möglich, daß das nun wieder Mörike nicht verstanden hat. – Auch meine Mutter zu charakterisieren schien dieser ein freundliches Bedürfnis zu empfinden; sie habe »so etwas Klares, Leuchtendes, Liebe Erweckendes«, meinte er. Aber der Tag verging. Beim Abschiede empfing ich als Gastgeschenk von Frau Gretchen aus der Garderobe des Haustöchterchens ein Paar gestrickte Schühchen für meine gleichaltrige kleine Tochter, von Mörike für meine Frau eine Art schelmischen Schönheitsdiploms, ein zierlich, jedoch verkehrt auf Glanzkarton gedrucktes Gedicht, wodurch die Adressatin genötigt wird, damit vor den Spiegel hinzutreten: »Und was kein Schmeichler ungestraft gewagt, Ihr eigen Bild hat es ihr nun gesagt.« Er habe, bemerkte Mörike, das Blatt für Agnes Schebest machen lassen, pflege es aber auch wohl an andere würdige Personen zu verabreichen. – In seine Sammlung ist übrigens dies Gedicht nicht aufgenommen. Dann verließen wir Stuttgart, und ich habe Mörike nicht wiedergesehen; auch geschrieben hat er mir, außer einem Gruß auf seinem »Mozart«, nur noch einmal, da mich ein großes Leid betroffen hatte. Grüße und kleine Sendungen sind noch einzeln hin- und widergegangen, bis dann der Tod auch dem ein Ende machte.