Ernst Toller Feuer aus den Kesseln Historisches Schauspiel in zwölf Szenen. Der die Pfade bereitet stirbt an der Schwelle, doch es neigt sich vor ihm in Ehrfurcht der Tod Dem Andenken der Matrosen Köbis und Reichpietsch, erschossen am 5. September 1917   »Feuer aus den Kesseln!« nenne ich ein historisches Schauspiel. Ich habe Schauplätze verändert (Köbis war Heizer auf »Prinzregent Luitpold«, Reichpietsch Matrose auf »Friedrich der Große«), Ereignisse zeitlich verlegt, Personen erfunden, weil ich glaube, daß der Dramatiker das Bild einer Epoche geben, nicht wie der Reporter, jede historische Einzelheit photographieren soll. Künstlerische Wahrheit muß sich mit der historischen decken, braucht ihr aber nicht in jeder Einzelheit zu gleichen. Alle wesentlichen Vorgänge sind, wie der Anhang zeigt, dokumentarisch erhärtet. Der Plan der Handlung entstand im Jahre 1928. Sein Aufriß wurde in der »Welt am Montag« am 5. November 1928 veröffentlicht. Berlin, April 1930 E.T. Personen Köbis Reichpietsch Sachse Beckers Weber Fischer Neumann Roddei Plage Martin Friedrichs Holters Merten Sander Bräuner Bieber Linke Dames Reister Heizer und Matrosen von deutschen Kriegsschiffen Obermaschinistenmaat Purzelmann Andere Matrosen, Heizer, Maate Admiral von Scheer Kapitänleutnant Kohler Leutnant zur See Hoffmann Adjutant Andere Offiziere Kriegsgerichtsrat Schuler Vorsitzender des Kriegsgerichts Drei Verteidiger Portier Reichpietsch Frau Reichpietsch Anna Köbis Lucie Wachtmeister Pfarrer Gefängnisaufseher Dittmann Scheidemann Moos Luise Zietz Reichtagsabgeordnete Sachverständiger Simpf Reichstagsdiener Das Stück spielt vor Skagerrak, in Wilhelmshaven, Rüstersiel, Kiel und Berlin in den Jahren 1917, 1918, 1926 Erste Szene Sommer 1926. Deutscher Reichstag Untersuchungsausschuß. An einem Tisch Abgeordnete des Reichstags. (Diese Szene kann vor dem Bühnenvorhang gespielt werden.) Vorsitzender Abgeordneter Moos. Vor Eintritt in die Tagesordnung habe ich folgendes zu bemerken: Bei unseren Beratungen handelt es sich nicht um die Wiederaufrollung der Gerichtsverfahren, die im Zusammenhang mit den Marinevorgängen 1917 stattgefunden haben. Wir haben nicht die Aufgabe, nachzuprüfen, ob die Urteile juristisch berechtigt waren oder nicht. Stimme aus der Kulisse. Aber wir! Vorsitzender. Uns kommt es auf die Feststellung an, ob diese Unruhen aus der deutschen Marine hervorgegangen oder wieweit sie in diese hineingetragen sind. Ich erteile dem Sachverständigen, Herrn Simpf, früher Oberheizer auf »Helgoland«, das Wort. Simpf. Was keine Aufwiegelung zustande gebracht hatte, erreichte dieser unselige Prozeß. Von hier ab war alles Vertrauen dahin. Waren wir denn wirklich nur Kulis und Galeerensträflinge? Dieser Tag ist für die Geschichte der Kriegsgerichte in Deutschland ein schwarzer Tag. Ich habe mir immer gesagt: Wenn es noch Gerechtigkeit auf Erden gibt, muß diesen Leuten, die, soweit ich sie kenne, aus Vaterlandsliebe handelten, ihr Recht werden. Wir genossen die Früchte des Opfers. Das Essen wurde nach dem Prozeß merklich besser. Aber die Offiziere fühlten selbst: der Prozeß hat die Leute erst rebellisch gemacht. Vorsitzender. Die Zeugen Beckers, Sachse, Weber sind anwesend. Wir beginnen mit der Skagerrakschlacht... (Dunkel) Zweite Szene 31. Mai 1916. Schlacht am Skagerrak Großer Heizraum, durch Panzerwände dreigeteilt. Rechts und links schmale Niedergänge mit steilen Leitertreppen. In jedem Raum Kessel mit großen Feuertüren, Aschfallklappen, Manometer, Wasserstand, Lenzpumpen. An Seitenwänden Sprachrohre mit Pfeifen und Telephonen. Im mittleren Raum: Maschinentelegraph mit Zeiger, der Fahrttempo und Umdrehungszahl anzeigt. Zum Bunkerraum oberhalb des Heizraums führen die Bunkerschütten Lampen aufleuchten grün, rot, blau Grün: Durchstoßen! Rot: Aufwerfen! Blau: Aufbrechen! Backbordraum: Sachse, Köbis, Fischer. Mittschiffsraum: Obermaat Purzelmann (auf der Brücke am Sprachrohr des Maschinenraums), Beckers, Weber, Neumann. Steuerbordraum: Roddei, Plage, Martin Backbordraum Sachse ( summt ). »Ingenol, o Ingenol, kauf dir ein Pistol...« Ist da doch wieder Schwindel! In Schlicktau werden die Bengels auf den Straßen singen: »Lieb Vaterland, magst ruhig sein, die Flotte schläft im Hafen ein...« Köbis. Dicke Luft, Willy, die Herren spielen Kamerad mit uns. Da steckt was hinter. Fischer. Jungens, es geht los. Ich spür's im großen Zeh. Das ist wie mit Zahnschmerzen: Die spür' ich auch vorher. Verdamm mich, man weiß endlich, wozu man da ist. Haben lange genug gewartet. Zweiundzwanzig Monate blaue Affen gespielt. Steuerbordraum Roddei . Das erste Mal war ich auf Urlaub. Und am zweiten Tag kommt das Telegramm: »Sofort einrücken.« Ich hin zu Minna, die steht in der Küche, ich sag': »Minna, ich muß fort«, sagt sie: »Heinrich, ach nee!«, ich sag': »Marsch, Minna, in die Betten«, sagt sie: »Wenn die Gnädje kommt«, ich sag': »Zukieken ist auch ganz schön...« Plage . Darum kannst du nicht mehr hinten hoch... Aussehen tust du wie Braunbier mit Spucke! Martin . Mich können die Weiber am Arsch lecken. Wenn's jeden Tag zu fressen gäbe wie heute, wär' mir lieber. Weißes Brot und Butter   feine Sache! Mitschiffsraum Obermaat Purzelmann . Machen Sie vor, Beckers! Beckers . Purzelmann hat wieder einen hinter die Binde gegossen. Weber . Einen? Zehn ... Ich denk', zwei Wochen Werftliegezeit und am dritten Tag Essig. Neumann . Gib mir den Stumpen, Hans. Beckers . Der faulste Fetzen in der K. M. ist unser Purzelmann. Telephonist und aus Sprachrohren . Klar Schiff zum Gefecht! Klar Schiff zum Gefecht! Obermaat . Klar Schiff zum Gefecht! Telephonist und aus Sprachrohren . Parole: Friedrich der Große! Köbis . Da hast es, Willy. Fischer . Mein großer Zeh ... Endlich! (Glocke.) Beckers . Kohlen her! Sachse ( zum Rekruten an der Schütte ). Kohlen her! Kohlen her! Obermaat . Ventilatoren! (Ventilatoren heulen.) Sprachrohre . Kurs: Ost-Südost! Weber . Es geht nach England. Obermaat . Lenzpumpen anstellen! (Asche wird ausgepumpt) Sprachrohre. Maschinen 120 Umdrehung. Obermaat. Maschinen 120 Umdrehung. Telephonist. Manometerstand? Obermaat. Manometerstand? Weber. Fuftein. Köbis. Dreizehn. Roddei. Fuftein. Obermaat. Fünfzehn Atmosphären! Telephonist und Sprachrohre. Fünfzehn Atmosphären! Obermaat. Feuer hochbringen! Durchstoßen! Telephonist und Sprachrohre. Mittelmaschine stopp! Obermaat. Mittelmaschine stopp! Aufwerfen! Telephonist und Sprachrohre. Alle Maschinen große Fahrt voraus! Ventilation 270! Obermaat. Alle Maschinen große Fahrt voraus! Telephonist. Manometerstand? Obermaat. Manometerstand? Rufe. Fuftein! Fuftein! Fuftein! Obermaat. Fünfzehn Atmosphären! (Auf leuchten Lampen.) Rekrut (an der Schütte) . Kohle 'runter! Roddei. Hol mir Wasser! Martin. Kaffeepott her! Obermaat. Durchstoßen! ... Aufbrechen! ... Auswerfen! ... (Kurze Zeit dunkel, dann wieder hell.) Telephonist und Sprachrohre. Backbordmaschine große Fahrt voraus. Steuerbordmaschine kleine Fahrt! Alle Maschinen stopp! Obermaat. Backbordmaschine große Fahrt voraus! Steuerbordmaschine kleine Fahrt! Alle Maschinen stopp! ... Durchstoßen! Telephonist und Sprachrohre. Alle Maschinen große Fahrt zurück! Obermaat. Alle Maschinen große Fahrt zurück! ... Aufbrechen! Weber. Junge, Junge, jetzt geht's los! Sprachrohre. Kurs: Nord-Nordost! Obermaat. Aufwerfen! Sachse. Weißt du, wo wir sind? Sprachrohre. Turm Berta klar? ... Berta klar! Turm Cäsar klar? ... Cäsar klar! ... Turm Dora klar? ... Dora klar! ... Berta Cäsar Dora klar. Telephonist. Parole: Friedrich der Große. Köbis. Los, deine Feuer sind nicht hoch. Sachse. Du hast ein Loch im Feuer. Beckers. Dein Dampf steht nicht. Weber. Dein Wasserstand. Obermaat. Macht nur keine Märde! Los! Dalli! Beckers. Pedd di man nicht aufn Slips. Alle. Hummel, Hummel, Hummel, Hummel! ... Weiber her, Weiber her! ... Sprachrohre. Krengung 5 Grad. Entfernung 190 hundert. Schieber links zwozehn. Backbordseite Linienschiff voraus. 20 Knoten. Salve! (Klingeln.) Alle (zählen leise) . 21 ... 22 ... 23 ... (Detonation.) Weber. Der sitzt, du. Sprachrohre. Krengung 5 Grad. Entfernung 170 hundert. Schieber links ellef. Salve! (Klingeln.) Alle (zählen leise) . 21 ... 22 ... 23 ... ¦ Sprachrohre. Krengung 4 Grad. Entfernung 150 hundert. Schieber links ellef. Salve! (Klingeln.) Alle (zählen leise) . 21 ... 22 ... 23 ... (Detonation.) Telephonist. Parole: Friedrich der Große ... Maschinen äußerste Kraft voraus! Roddei. Klei di am Mors. Köbis. Pütz mit Wasser her! Martin. Nix zu fressen. Im Bunker Friedrichs. Was die heute für Kohle brauchen. Holters. 4 Körbe ... 5 Körbe ... 26 Körbe ... (Körbe an Laufkatze rollen.) Friedrichs. Außenbunker drei leer ... Innenbunker vier angebrochen. Mach Jan ... Ist der umgekippt! ... Jan ausgefallen ... Ruf mal 'raus, Jan ausgefallen! Merten. Jan ausgefallen! Obermaat. Ersatzmann! Sprachrohr. Krengung 4 Grad. Entfernung 120 hundert. Schieber links drei. Salve! (Klingeln.) Alle (zählen leise) . 21... 22 ... 23 ... (Detonation.) Sprachrohr. König schert aus! Roddei. Heimatschuß. Gratuliere. Sprachrohr. Krengung 3 Grad. Entfernung 90 hundert. Schieber rechts zwo. (Klingeln.) Alle (zählen leise) . 21 ... 22 ... 23 ... (Detonation.) Köbis. Deine Feuer sind nicht weiß. Sprachrohr. Feindliches Linienschiff in Brand geschossen. Rufe. Hurra! Sprachrohre. Krengung 3 Grad. Entfernung 70 hundert. Schieber rechts acht. Salve! (Klingeln.) Alle (zählen leise) . 21 ... 22 ... 23 ... (Detonation.) Sprachrohre. Feindliche Kreuzer scheren aus! Weber. Gib ihm Saures! Rufe. Hurra! Hurra! Hurra! (Detonation.) Sprachrohre. Turm Cäsar ausgefallen. Fischer. Verdamm mich ... (Mächtige Detonation. Stichflamme im Steuerbordraum, die für Augenblicke den Raum hell erleuchtet. Dann Dunkel. Stöhnen.) Köbis. Was war das? Telephonist und Sprachrohre. Volltreffer... Schornstein achtern. Beckers. Mensch, wir saufen ab! Weber. Mach keine Witze. Beckers. Sieh dir den Purzelmann an. Neumann. Als ob er sich in die Hosen geschissen hätt'. Weber. Weiß wie Käse. Beckers. Und zittern tut er wie ein Sülzkotelett. Obermaat ( am Sprachrohr ). Steuerbordheizraum klar? (Keine Antwort.) Obermaat. Steuerbordheizraum klar? (Keine Antwort.) Obermaat ( zum Telephonisten ). Steuerbordheizraum eins ausgefallen. Sprachrohr. Steuerbordheizraum eins klar? Telephonist. Steuerbordheizraum eins ausgefallen. Drei Mann ausgefallen. Sprachrohr. Krengung 3 Grad. Entfernung 90 hundert. Schieber rechts zwozehn. Salve! Alle ( zählen leise ). 21 ... 22 ... 23 ... (Detonation.) Köbis. Schweinerei!... Wo bleiben die Salbenhengste? Obermaat. Steuerbordheizraum eins braucht Sanitäter. Sprachrohr. Seydlitz Fühlung mit dem Feind verloren... Krengung 4 Grad. Entfernung 115 hundert. Schieber rechts vierzehn. Salve! (Klingeln.) Alle ( zählen leise ). 21... 22 ... 23... (Detonation.) Telephonist. Sanitäter unterwegs. Ablösung unterwegs. (Klopfen. Riegel werden aufgeschoben. Sanitäter mit Bahren, Ersatzleute, Ingenieur, Erster Offizier Kapitänleutnant Kohler) Erster Offizier. Tag, Kameraden. ( Keiner antwortet .) Brave Leute... (Tür zum Steuerbordraum wird aufgemacht. Laternen leuchten hinein.   Zwei Heizer verbrannt. Einer stöhnt.) Roddei. Och ... och ... Wasser, Wasser ... Erster Offizier. Hier Kamerad, Wasser. Roddei. Mehr Wasser... Oh ... Laß mein Bein los ... ( Schreit .) Laß mein Bein los, verdammter Bengel. Erster Offizier. Fassen Sie den Mann doch vorsichtiger an, Sanitäter ... Warten Sie, ich helfe ... Sanitäter. Beide Beine sind futsch. Roddei. Ich sag': Minna, ich muß fort... sagt sie: Heinrich, ach nee ... sag' ich: Marsch, Minna, in die Betten ... sagt sie ... Ich will nicht sterben!... Ich will nicht sterben!... Weiber will ich!... (Sanitäter tragen Roddei fort.) Erster Offizier. Kameraden, der Herr Kapitän dankt euch für tapferes Verhalten. Ruhmreich weht die deutsche Flagge auf den Meeren. Der Sieg ist unser. Ihr habt Seiner Majestät dem Kaiser Ehre gemacht... Ihr bekommt heute Extrazulage ... Tag, Kameraden. Alle. Tag, Herr Kapitänleutnant. Beckers. Ein feiner Kerl, der Kohler. (Erster Offizier und Ingenieur gehen.) Sprachrohre. Kurs: Nord-Nordwest. Köbis ( zu Reichpietsch, der stehengeblieben ist ). Max, wo kommst du her? Reichpietsch. Läufer Panzerdeck. Mal kleinen Besuch machen. Obermaat. Heizraum eins klar. Telephonist. Heizraum eins klar. Köbis. Was gibt's denn oben? Reichpietsch. Der Alte ist durchgedreht. Scheer sieht man überhaupt nicht. Sitzt im Panzerturm. Allerhand Verluste. Schlechte Sicht. (Detonation.) Reichpietsch. Ich verhol' mich, muß nach oben. Telephonist und Sprachrohre. Parole: Friedrich der Große ... Manometerstand? Obermaat. 13 Atmosphären. Telephonist und Sprachrohre. 13 Atmosphären. Obermaat. Aufbrechen! Aufwerfen! Telephonist und Sprachrohre. Alle Maschinen stopp! Äußerste Kraft zurück!     Maschinen stopp! Alle Kraft voraus! Schiffe Marschlinie! Sachse. Jetzt geht's heime! Sprachrohre. Kurs: Ost-Südost. Köbis. Und wer hat gewonnen? Weber. Na, wer denn sonst? Sprachrohr. Feindliche Flotte geschlagen auf dem Rückweg. Fühlung mit dem Feind verloren. Kurs Heimat. Alle. Hurra! Weber. Hast du einen Swarten, Hans? Beckers. Bloß noch einen, aber der steckt achter de Kusen. Obermaat. Marsch vorwärts! Feuer hochbringen. Rufe. Klei di am Mors! Beckers. Achtung! Stimmung bei den Chargen schlägt um. Obermaat. Noch sind wir nicht im Puff in Schlicktau. Beckers. Jetzt kann Purzelmann wieder das Maul aufreißen. (Dunkel.) Dritte Szene Juni 1917. Deutscher Reichstag Couloir vor Saal 12. Hin und Her von Abgeordneten mit Ledermappen Stimmen. »Und da habe ich dem Minister gesagt: ›Exzellenz, wenn Sie auf mich hören würden ...‹« »Steht ja nicht im Etat, lieber Freund, der Posten ist getarnt unter ...« »Besprechen wir die Sache im Restaurant. Wenn Sie unsern Antrag unterstützen, würden wir uns dafür einsetzen, daß Ihr Abänderungsantrag zum § 7 ...« »Gehen Sie mir mit Liebknecht! Der Mann war ein Psychopath sein Leben lang. Wer das nicht schon vor fünf Jahren wußte ...« »Ich habe einen Vetter in Sofia. Der hat Verwandte in London. Und die haben ihm das über Berner Bekannte geschrieben ...« »Ich bin genau im Bilde. Aber Bethmann hat ja taube Ohren. Ich habe es Ihnen vorausgesagt ...« »Könnten Sie mir nicht wieder mal zwei Mandel Eier schicken, Herr Kollege? Meine Frau war ganz entzückt. Der Schinken ist direkt eine Delikatesse ...« (Reichstagsdiener führt Reichpietsch und Sachse herein.) Reichstagsdiener. Nein, mitkommen können Sie nicht. Sie müssen hier warten. Die Herren sind bei einer wichtigen Beratung. (Reichstagsdiener geht in den Saal.) Sachse. Skagerrakschlacht im Reichstag ... Junge, Junge ... Reichpietsch. Du, da geht ein General, mach Männchen! Sachse. Die sehen hier alle nicht aus, als ob sie jeden Tag Steckrüben, Kriegsbrot und Marmelade fressen müßten. Reichpietsch. Ich möcht' mal wissen, was die Löhnung bekommen pro Tag. Sachse. Sicher nicht dreiundfufzig deutsche Reichspfennig. Die bekommen Diäten. Reichpietsch. Sieh mal, der hat das E. K. am weißen Band. Sachse. Für tapferes Flossenhochheben: Bewilligt, bewilligt, bewilligt! (Reichstagsdiener kommt mit Abgeordneten Scheidemann.) Reichstagsdiener. Hier sind die Leute, Herr Abgeordneter. Scheidemann. Was wünschen Sie? Reichpietsch. Wir wollen mal mit Ihnen über Verschiedenes sprechen. Scheidemann. Meine Zeit ist knapp. Wie heißen Sie? Reichpietsch. Max Reichpietsch. Sachse. Willy Sachse ... So kann es nicht weitergehen, in der Flotte, Genosse. Scheidemann. Sie sind in der Sozialdemokratischen Partei? Sachse. Bis 1914 gewesen. Scheidemann. Worüber haben Sie sich zu beklagen? Reichpietsch. Da ist vieles, worüber man reden muß. Beispielsweise die Verpflegung. Scheidemann. Wollen Sie Ihre Klagen nicht lieber schriftlich formulieren? Reichpietsch. Ich meine, das ist sehr wichtig. Der Drill ist schlimmer als im Frieden. Die Herren Vorgesetzten ... Sachse. Nee, Genosse, so geht's nicht weiter, Ihr müßt ein dickes Wort im Reichstag reden. Ihr werdet belogen von oben bis unten. Da heißt es immer: unserer Flotte kann keiner nichts. Wie war es denn mit der »Ariadne« und der »Mainz«? ... Abgesoffen sind sie, weil ihre Geschütze nicht so weit schossen wie die Engländer. Und die »Lützow«? ... Nach der Schlacht bei Skagerrak wurde sie mitgeschleppt, weil sie Volltreffer hatte, dann kam vom Zeppelin die Meldung, englische Zerstörer seien hinterher. Da haben sie die Unsern selber torpediert, obwohl einundzwanzig Kulis im Kasten eingeschlossen saßen. Die einundzwanzig sind elend abgesoffen. Von unsern eignen Leuten in den sogenannten Heldentod expediert. Da soll man Vertrauen haben zur Führung! Scheidemann. Haben Sie eine Seeschlacht mitgemacht? Reichpietsch. Natürlich. Die Schlacht an der Doggerbank und die Skagerrakschlacht vor einem Jahr ... Wenn's nicht anders wird, helfen wir uns selbst. Sachse. Dann schneiden wir die Kuttertaljen durch und werfen die Geschützverschlüsse über Bord. Scheidemann. Sind Sie wahnsinnig?! Schlagen Sie sich solche landesverräterischen Gedanken aus dem Kopf. Wollen Sie den Zaren unterstützen? ... Gewiß, ich begreife Ihre Empörung. Nur kann der einfache Mann nicht immer die taktischen Gründe verstehen ... Ich will Ihre Klagen gründlich prüfen. Wenn ein Korn Wahrheit dran ist, seien Sie versichert, daß ich bei der Etatberatung den Staatssekretär auf den Ernst der Lage hinweisen werde. Reichpietsch. Liebknecht hatte ganz recht, als er ... Scheidemann. Liebknecht ist ja nicht ernst zu nehmen. Also: guten Tag und machen Sie keine Dummheiten. Es wird alles geprüft werden ... Gleich, Herr Kollege ... (Geht zu den anderen) . (Hin und Her von Abgeordneten.) Stimmen. »Und da habe ich dem Minister gesagt: ›Exzellenz, wenn Sie auf mich hören würden ...‹« »Steht ja nicht im Etat, lieber Freund, der Posten ist getarnt unter ...« »Besprechen wir die Sache im Restaurant. Wenn Sie unseren Antrag unterstützen, würden wir uns dafür einsetzen, daß Ihr Abänderungsantrag § 7 ...« »Gehen Sie mir mit Liebknecht! Der Mann war ein Psychopath sein Leben lang. Wer das nicht schon vor fünf Jahren wußte ...« Reichpietsch. Jetzt gehen wir zur Opposition. Die helfen uns sicher. Sachse. Da geht einer, den kenne ich aus der »Illustrierten«. (Ihm nach.) Genosse! ... (Abgeordneter Dittmann dreht sich um. Reichpietsch und Sachse unterhalten sich mit ihm.) Stimmen. »Ich habe einen Vetter in Sofia. Der hat Verwandte in London. Und die haben ihm das über Berner Bekannte geschrieben... »Ich bin genau im Bilde. Aber Bethmann hatte ja taube Ohren ... Ich habe es ihm vorausgesagt ...« »Können Sie mir nicht mal wieder zwei Mandel Eier schicken, Herr Kollege? Meine Frau war ganz entzückt. Der Schinken ist direkt eine Delikatesse ...« Dittmann ( liest einen Zettel, den ihm Reichpietsch gegeben hat). »Divisionsbefehl: Allen Mannschaften ist das Lesen sozialistischer Zeitungen und Schriften verboten. Gezeichnet Bachmann.« ... Dieser Befehl ist ungesetzlich. Ich werde dem Herrn Staatssekretär gehörig aufs Dach steigen. Wurden viele sozialistische Zeitungen an Bord gelesen? Sachse. Einige sind auf den »Vorwärts« abonniert, die meisten lesen die »Leipziger Volkszeitung«. Reichpietsch. Die schlägt am besten an. Die hat Courage. Die spricht aus, was wir fühlen. Dittmann. Bist du bei der USP, Genosse? Reichpietsch. Ich möchte schon lange eintreten, andere auch. Dittmann. Darüber müßt ihr mit der Genossin Zietz sprechen, sie wird gleich kommen. Sachse. Was sollen wir tun? Dittmann. Was ihr tun sollt? Ihr müßt sehr vorsichtig sein. Reichpietsch. Wenn nur der ganze Schwindel ein Ende nähme! Dittmann. Wir wollen uns mit den ausländischen Genossen in Stockholm treffen. Wenn die Regierungen kein Friedensprogramm finden können, werden wir es tun. Habt Vertrauen, Genossen. Einerseits müßt ihr aktiv sein, andrerseits müßt ihr daran denken, daß ihr vors Kriegsgericht kommen könnt ... Da ist die Genossin Zietz ... Genossin Zietz, hier stelle ich dir zwei Matrosen vor, die mit der USP sympathisieren. Denk dir, auf den Kriegsschiffen gibt es viele Abonnenten der »Leipziger Volkszeitung«. Luise Zietz. Ihr seid ja Prachtkerls. Da müssen sich die Arbeiter in Wilhelmshaven vor euch schämen. Dort haben wir kaum ein Dutzend. Reichpietsch. Wir möchten gern ein paar Broschüren mitnehmen an Bord. Luise Zietz. Bekommt ihr. Bekommt ihr. (Sachse und Reichpietsch gehen.) Reichpietsch (im Gehen) . Die sind anders gebaut. Die werden uns helfen. Hast es gehört, gleich hat er uns mit »Du« und »Genosse« angeredet. (Hin und Her von Abgeordneten.) Stimmen. »Und da habe ich dem Minister gesagt: ›Exzellenz, wenn Sie auf mich hören würden ...‹« »Steht ja nicht im Etat, lieber Freund, der Posten ist getarnt unter ...« »Besprechen wir die Sache im Restaurant. Wenn Sie unseren Antrag unterstützen, würden wir uns dafür einsetzen, daß ihr Abänderungsantrag zum § 7 ...« »Gehen Sie mir mit Liebknecht. Der Mann war ein Psychopath sein Leben lang. Wer das nicht schon vor fünf Jahren wußte ...« »Ich habe einen Vetter in Sofia. Der hat Verwandte in London. Und die haben ihm das über Berner Bekannte geschrieben ...« »Ich bin genau im Bilde. Aber Bethmann hatte ja taube Ohren ... Ich habe es ihm vorausgesagt ...« »Können Sie mir nicht mal wieder zwei Mandel Eier schicken, Herr Kollege? Meine Frau war ganz entzückt. Der Schinken ist direkt eine Delikatesse ...« (Dunkel.) Vierte Szene Juli 1917. In Wilhelmshaven Deckraum in der Kasematte. An die Decke hochgehängt Backen (Tische) und Bänke. Seitlich oben in der konvexgewölbten Decke eine Luke, etwa zwei Quadratmeter groß, zu der eine steile Treppe hinaufführt. Man sieht durch die Luke den Himmel und einen Teil des Masts. An der Hinterwand ein ovales Schott, das mit Verreibern verriegelt wird. Aus dem Heizraum rennt Köbis, geschwärzt und verschmutzt Gesang. »Ja dieser Feldzug, der ist kein Schnellzug, wisch dir die Tränen ab mit Sandpapier.« »Marmelade, Marmelade, ist der schönste Fraß im Staate.« Beckers. Alwin, hau hin, gleich ist Musterung! Köbis. Ach was, Schiet! Ich hab' Zeit. Obermaat (kommt und pfeift) . Antreten zur Musterung! (Heizer treten an.) Gemurmel. Hummel, Hummel, Hummel ... Obermaat (zu Köbis, der als letzter kommt) . Auf diese Weise werden Sie Ihr Mützenband auch nicht wiederbekommen ... Stillgestanden! Richt euch! Augen gerade aus! Abzählen! ... Heizer. Eins ... zwei... drei... vier ... fünf ... sechs ... sieben ... acht... neun ... zehn ... elf... zwölf... Obermaat. Rührt euch! Sachse. Purzelmann spitzt auf E.K. Erster... (Leutnant zur See, Hoffmann, tritt ein.) Obermaat. Stillgestanden! Zwote Wache, zwote Backschaft zur Reinlichkeitsmusterung angetreten! Hoffmann. Danke. Obermaat. Rührt euch! Hoffmann. Erstes Glied, einen Schritt vortreten! (Zwischen den Gliedern.) Bück dich ... Zeig deine Zehen ... Höher das Bein... Du Schwein, hast du dich gewaschen? Beckers. Ja. Hoffmann. Nee. Noch mal waschen! Dritte Garnitur blau antreten. (Zu einem andern.) Zeig deine Pfoten ... (Zu Köbis.) Heb den Arm! ... Mensch, da kann man ja Rüben 'reinsäen. Hast du dich gewaschen? ... Köbis. Nee. Ich hab' keine K.A.-Seife mehr. Neue bekomm' ich nicht. Hoffmann. Dann wasch dich mit Sand. (Gemurmel.) Wer spricht da? Köbis. Die Rationen sind verkürzt worden. Früher konnte man Seife verbrauchen, soviel man wollte und ... Hoffmann. Na und? ... Köbis. Man braucht ja keine Seife zum Spaß. Wenn man sich nicht mal seinen Dreck vom Leibe waschen darf als Stoker ... Man ist ja kein Schwein. Hoffmann. Ihr müßt eben auskommen. Seife ist lebenswichtig für unser Vaterland. Deutschland ist von einer Welt von Feinden umgeben. Wer in so schwerer Zeit Seife veraast, der zeigt damit, daß er sein Vaterland nicht liebt. (Reichpietsch kommt gelaufen, erschrickt, will zurück.) Hoffmann. Was willst du? Reichpietsch. Wollte mal einen Kameraden besuchen. Hoffmann. Ich werde dir was besuchen. Marsch übern Topp! (Reichpietsch klettert den Mast hoch.) Hoffmann. Schlampige Kerls, Obermaat. Ich will euch mal lüften. Militärischer Dienst. Obermaat. Zu Befehl! ... Rührt euch! Stillgestanden! Rührt euch! ... Stillgestanden! ... Kniee beugt! ... Tiefer! ... Bauch einziehen! ... Wackeln Sie nicht! ... Auf ... Stillgestanden ... Hinlegen ... Auf ... Hinlegen ... Auf ... Hinlegen ... Auf ... Reichpietsch (schmutzig, mit durchgerissenen Händen) . Matrose Reichpietsch übern Topp geentert. Hoffmann. Wegtreten. Leute sollen antreten. (Treten an.) Gestern haben verschiedene Leute um mehr Brot gebeten. Das gibt es nicht. Dann müssen sie eben hungern. Sollte einer von ihnen dabei zugrunde gehen, bin ich gern bereit, ihn mit allen Kriegsehren beerdigen zu lassen. (Obermaat lacht.) Lachen Sie nicht, Obermaat, das ist mein Ernst. Eure Angehörigen haben noch weniger zu essen. Eure Kameraden in Flandern wären froh, wenn sie solch Essen bekämen wie ihr ... Tja, da wurde mir gemeldet, ihr hättet alle gestern das Mittagessen stehenlassen. Das sieht verdammt nach Meuterei aus. (Gemurmel.) Will jemand was dazu bemerken? Köbis. Im Stockfisch waren Würmer drin. Das ganze Schiff hat gestunken. Hoffmann. Natürlich, Herr Köbis. Sie möchten wohl Enten und Gänse essen? ... Red nicht solchen Quatsch! Ich habe das Essen selbst gekostet, und der Herr Stabsarzt hat gesagt, das Essen sei tadellos gewesen. Die Kartoffeln waren süß, weil sie ein bißchen angefroren waren. Ich habe öfter ein Auge zugedrückt, aber die Wirtschaft an Bord muß aufhören bei den Stokers. Besonders die alten Leute warne ich. Deren Winkel sitzen verdammt lose. Unser Kommandant macht sich gar nichts daraus, einen alten Herrn mit sechsjähriger Dienstzeit als gemeinen Mann heimzuschicken. Ihr seid außer Rand und Band, weil ihr nichts zu tun habt. Kerls, wir wollen uns nichts weismachen: Ihr wart gestern alle besoffen, und ich muß euch den Alkohol austreiben ... Obermaat, lesen Sie die Kriegsartikel vor. Obermaat. Artikel 1. Eingedenk seines hohen Berufs, Thron und Vaterland zu schützen, muß der Soldat eifrig bemüht sein, seine Pflichten zu erfüllen. Artikel 2. Die unverbrüchliche Wahrung der im Fahneneid gelobten Treue ist die erste Pflicht des Soldaten. Artikel 3. Jeder rechtschaffene, unverzagte und ehrliebende Soldat darf der Anerkennung und des Wohlwollens seiner Vorgesetzten versichert sein. Artikel 4. Dem Soldaten steht nach seinen Fähigkeiten und Kenntnissen der Weg selbst zu den höchsten Stellen offen. Artikel 5. Dagegen trifft denjenigen Soldaten, der seine Pflicht verletzt, die verdiente Strafe. Geringere Vergehen werden disziplinarisch bestraft, bei schweren tritt gerichtliche Bestrafung ein. Die Strafen, auf welche gerichtlich erkannt werden kann, sind Arrest, Festungshaft, Gefängnis, Zuchthaus und in den schwersten Fällen Todesstrafe. Ist der Kriegszustand erklärt, so werden die Strafen verschärft ... Hoffmann. Genug ... Meldungen und Gesuche. Obermaat. Heizer Beckers zwei Tage Urlaub überschritten. Hoffmann. Urlaub überschritten ... Im Kriege. Das ist Kriegsverrat! Was haben Sie zu Ihrer Entschuldigung anzuführen? Beckers. Ich bekam ein Telegramm, mein Vater ist gestorben, und wie ich zu Hause bin, höre ich, mein Vater ist im Hafen ertrunken, seine Leiche fischten sie erst am zweiten Tage heraus. Drei Tage Urlaub hatte ich nur, und da dachte ich mir, bis zur Beerdigung ... Hoffmann. Sie haben nicht zu denken. Und wenn Vater und Mutter sterben. Vierzehn Tage strengen Arrest ... Weiter. Weber. Ich möchte Herrn Leutnant um ein Paar neue Hosen bitten. Hoffmann. Neue Hosen? ... Du spinnst wohl! Laß dir die alten flicken. Heizrekrut Holters. Ich möchte Herrn Leutnant um Landurlaub bitten. Hoffmann. Landurlaub? ... Der Hafer sticht dich, ja? Aber hol dir keinen Tripper. Bewilligt. Obermaat. Nachtzeichen bis zehn Uhr. (Draußen Pfiff.) Maat (an der Tür vorbeigehend) . Backen und Banken. Backen und Banken. Hoffmann. Lassen Sie wegtreten. Obermaat. Stillgestanden! (Offizier geht.) Wegtreten! (Tische und Bänke werden heruntergeklappt. Einer mit Schüsseln zur Kombüse. Ein anderer teilt Messer und Gabeln aus.) Beckers. Schnösel! ... Der ganze Kerl ist keine zwanzig Jahre alt. Sachse. Ich möchte den mal sehen, wenn der Engländer Zunder gibt. Weber. Warum haben sie den Kohler aufs U-Boot abgeschoben und uns den Rotzer vor die Nase gesetzt! Weil der Kohler was anderes konnte als immer: »Ich befehle, ich bestrafe, ich befehle, ich bestrafe.« Der war ein anständiger Kerl. Dem vergess' ich nie, wie der bei Skagerrak die Jungens aus dem Heizraum holte. Köbis. Sterben können die meisten Offiziere, aber leben können sie nicht mit uns. Sachse. Richtig, Alwin. Für die Herren ist Krieg das große Los und für uns die große Niete. Dicke Gelder und doppelte Zulage und Beförderung und Huren und einen Klempnerladen voll blecherner Vögel... Beckers. Ich hab' den Schwindel längst erkannt. Mögen die Offiziere einen ehrlichen Beruf ergreifen. Fischer. Wie auf »König« müßten wir's machen, wo sie den Kapitän über Bord gekippt haben. Beckers. Mensch, sei vergnügt, jetzt kommt Kintopp. Sachse. Was ist nachmittag angesetzt? Weber. Kinodienst. Darauf freue ich mich schon seit heute morgen. Rufe. Was? Kintopp? Weber. Jawohl, Kintopp. Rufe. Hurra! Weber. Weißt du noch, Dicker, letztes Mal? ... Die Geliebte eines Königs ... Mensch, das Weib war dufte ... Solche Titten! ... Sachse. Eine Schlampe im Bett ist mir lieber als eine Königin im Kintopp. Was, Hans? Beckers. Klar. (Essen wird gebracht. Beckers zum Heizrekruten.) Na, Kleiner, fein, wenn man dem Offizier sein Dicker ist. Gibt's Urlaub alle Tage. Und nachts was Warmes fürs Gemüt. Köbis. Was brauchen wir an Land zu gehen, wir können das Land von Bord aus sehn. Rufe. Was gibt's, Pit? Friedrichs. Was wird's geben? ... Steckrüben, Drahtverhau. Weber. Ich mein' gar nicht, daß wir Kulis und Stoker ein Recht haben, mehr zu essen als die andern in Deutschland, aber wenn schon hungern, dann sollen alle hungern. Köbis. In der Offiziersmesse hört die Vaterlandsliebe beim Magen auf. Fischer. Wie auf »König« müßten wir's machen! Weber. Bei uns zu Hause sagt man: »Wer das Kreuz hat, der segnet sich zuerst.« Ich gebe zu, wenn ich als Bottelier in einer Provinzlast sitze, würde ich mir, ehe ich selbst Kohldampf schiebe, auch etwas abschneiden. (Reichpietsch kommt.) Rufe. Soldat übern Topp! Soldat übern Topp! Beckers. Max, du kommst doch von achtern. Was gibt's in der Offiziersmesse? Rufe. Steckrüben! Marmelade! Drahtverhau! Reichpietsch. Ich habe eine Speisekarte geklaut. Vom Lesen bin ich satt geworden für drei Wochen. Verderbt euch nicht den Magen. Rufe. Vorlesen! Vorlesen! Reichpietsch. Wenn ich den Herren servieren darf ... Also ... Hans, dir läuft das Wasser im Munde zusammen, bevor ich angefangen habe. Achtung! Königinsuppe mit Leberklößchen, Spinat mit verlorenen Eiern und Schinken ... Rufe. Steckrüben! Wo bleiben die Steckrüben?! Reichpietsch. Nur Geduld, meine Herren, in der schweren Not unseres Vaterlandes bleibt auch die Offiziersmesse von Steckrüben nicht verschont. Dritter Gang: Filet mit Steckrüben in Butter, Salat, Kompott ... (Gelächter.) Rufe. Und Schlampamper! ... Reichpietsch. Bitte sehr. Als Nachtisch: Backwerk mit Früchten und Mokka ... Was wünschen die Herren zu trinken? Wir haben alles, wir sind versorgt. Der deutsche Mann kann keinen Franzmann leiden, doch seine Weine trinkt er gern. Sieben Weißweinsorten, vier Rotweinsorten, Portwein, Sherry und, warte mal ... zehn verschiedene Schnapssorten. (Geschrei, Gelächter, Rufe.) Nein, meine Herren, Ihnen wird der Schnaps mit Recht über die Reling gekippt. Was brauchen Sie Schnaps? ... Essen Sie Marmelade. Fischer. Über Bord kippen, einfach über Bord kippen! Köbis. Vor Skagerrak war ein Kohlrabi so gut wie der andere. Gleiche Löhnung, gleiches Essen, wär' der Krieg schon längst vergessen. (Holters spielt auf Mundharmonika Melodie.) Weber (singt) . Nun ist es vollendet, nun ist es vollbracht, wir Matrosen haben Sturm erlebt manch schlaflose Nacht. Wer zurückkehrt, kann sich freuen, sei das Glück ihm beschert ... Alle (singen) . Aber viele der Matrosen liegen bei Samoa im Meer. Weber (singt) . Da kam Kaiser Wilhelm, der Vater vom Land, und er reicht einem jeden Matrosen so liebreich die Hand. Seid herzlich willkommen, die ihr wiederkehrt. Alle (singen) . Aber denkt an eure Brüder, die da ruhen im Meer. Weber (singt) . Da brachten sie einen Matrosen ohne Arme und ohne Bein, als dies Kaiser Wilhelm sah, brach ihm das Herz entzwei, mein Sohn, hast du ne Bitte, sie sei dir gewährt ... Alle (singen) . Aber der möcht' gern ruhen bei Samoa im Meer. (Schüsseln, Messer und Gabeln werden abgeräumt.) Fischer. Spielen wir eine Partie Skat. Neumann. Wer gibt? Mertens. Immer, wer so saudumm fragt. (Andere lesen die Zeitung.) Weber. Alwin liest wieder seine gelehrten Bücher. Die Professoren haben das Schlamassel auch nicht verhindern können mit ihrer Weisheit ... Holters. Soll einer schon beim Mischen gestorben sein. Köbis. »Ich habe mei Sach auf nichts gestellt.« Punkt. Schluß. (Klappt das Buch zu.   Neumann teilt aus.) Mertens. Mensch, laß dir die Finger vergolden! Weber. Gar nicht so dumm. Wie heißt der Zeilenschinder? Köbis. Max Stirner. Fischer. Aus jedem Dorf ein Hund. Reichpietsch (liest Zeitung) . Da legst du dir lang hin! ... Hört mal, was der schreibt: »Drei Jahre hochgemute Kriegszeit liegen hinter uns. Rußland ist abgetan und nicht mehr zu fürchten. Die Russen, wie alle Slawen, vermögen keine Persönlichkeiten hervorzubringen ...« Mertens (spielt aus) . Ein Herz hat jeder. Reichpietsch. »Frankreich verblutet sichtlich und kämpft mit fremdländischen Truppen, die eigenen weigern sich ...« Fischer. Immer dicke 'rein, gesagt wird nischt. Reichpietsch. »Italien ist militärisch erledigt. Treubruch und Großmachtkitzel werden sich furchtbar an dem falschen Volk rächen ...« Neumann. Dir Aas trau' ick nich! Reichpietsch. »So bleibt uns der Feind, den wir am stärksten hassen: Großbritannien. Mit jedem Tag rücken wir dem Endsieg über die meerbeherrschende Insel näher...« Köbis. In Schlicktau, die haben eine Ahnung ... Sachse. Wir können alles, wir können sogar im Laufen scheißen. Reichpietsch. »Es muß einen mit Stolz erfüllen, daß die Deutschen all die Jahrhunderte hindurch trotz den Einflüssen der Kulturkranken die Eigenschaft des Krieges bewahrt haben ...« Holters. Das bestimmst du wohl mit deinem dreckigem Hals ... Reichpietsch. »Tiefschmerzlich ist demjenigen, der von der Front heimkehrt, die jammervolle Flaumacherei im Deutschen Reichstag. Der elende Scheidemann-Frieden erscheint dem deutschen Soldaten als etwas Unerhörtes. Unsere lieben Feldgrauen und Blaujacken sagen: Lieber noch zehn Jahre Krieg als ...« Rufe. Mensch, hör auf! Mir bleibt die Spucke weg! Der soll mal herkommen! Köbis. Wer hat den Mist geschrieben? Reichpietsch. Ein Spezialberichterstatter, ein General z.D. Köbis. Auf Deutsch: zum Dumm-machen. Mertens. Das langt bis zur Alten. Holters. Mensch, du bist wohl doof, wir spielen doch zusammen. Mertens (zu Fischer) . Den stichst du. Fischer. As, As, zehn, zehn, ehrsame Bürger der Stadt. Mertens und Fischer. Schneider! Reichpietsch. Hört mal alle zu! ... Hört doch auf mit eurem dämlichen Skat! ... »Berlin, Reichstag. Auf Anfrage des Abgeordneten Haase erklärte Staatssekretär Capelle, daß die Beschwerden gegenstandslos seien. Im Heer und in der Marine seien laut Verordnung Menagekommissionen gewählt, die das Mannschaftsessen und den Wochenspeisezettel kontrollieren.« Köbis. So ein Schwindel! Beckers. Willy, halte dir feste! Sachse. Die Balken biegen sich! Weber. Von Rechts wegen dürfen sie den Reichstag nicht belügen. (Gelächter.) Reichpietsch. Menschenskinder, jetzt fällt mir ein, ich hab' was aufgeschnappt. Der Käpten will die Offiziersflunkis zu irgendwas ernennen. Beckers. Natürlich die Flunkis, die Pißpottschwenker, die Schmarotzer. Sachse. Als der sächsische Albert da war, wer hat die Kupfermünzen bekommen? ... Die Pißpottschwenker! Reichpietsch. Verdamm mich, der Alte hat Flunkis für die Menagekommission ernannt. Beckers. Das lassen wir uns nicht gefallen! Köbis. Jungens, ich schlage vor, wir wählen die Kommission. Reichpietsch. Klar! Weber. Wenn Capelle im Reichstag sagt, die Menagekommission wird gewählt, dann wird sie auch gewählt. Rufe. Bravo! Los! Wählen! Köbis. Wer soll 'rein? Rufe. Köbis ... Beckers ... Sachse ... Reichpietsch ... Weber ... Köbis. Hände hoch, wer für Beckers, Sachse, Weber, Reichpietsch, Köbis ist? ... Beckers, Sachse, Weber, Reichpietsch, Köbis sind gewählt. Morgen melden wir uns zum Rapport und stellen uns vor. Fischer. Nun können wir wieder den ernsten Teil beginnen. Wer spielt Skat? Neumann. Spiel allein! Jetzt beginnt der heitere Teil. (Beginnt zu spielen, andere begleiten mit Mundharmonika und Ziehharmonika.) Reichpietsch. Wenn an Land die Leute schlafen, geht es lustig zu an Deck, denn das Schiff verläßt den Hafen und herunter muß der Dreck. Alle. Holderi, holdero, holderia, ria, ria, holderia, ha-ha-ha, holderi, holdero, holderia, ria, ria, ha-ha-ha. Reichpietsch. Nicht allein mit Sand und Steine wird gewienert und geputzt, sondern auch des Seemanns Beine werden tüchtig abgenutzt. Alle. Holderi, holdero, holderia, ria, ria, holderia,ha-ha-ha, holderi, holdero, holderia, ria, ria, ha-ha-ha. Reichpietsch. Steh jetzt auf, du fauler Bauer, steh jetzt auf und rüste dich, der Kapitän steht auf der Lauer, er will fahren fürchterlich. Alle. Holderi, holdero, holderia, ria, ria, holderia,ha-ha-ha, holderi, holdero, holderia, ria, ria, ha-ha-ha. Reichpietsch. Und er haut ihn auf den Dassel, daß er auf die Nase fällt und die ganzen zwölf Apostel für 'ne Räuberbande hält. Alle. Holderi, holdero, holderia, ria, ria, holderia, ha-ha-ha. holderi, holdero, holderia, ria, ria, ha-ha-ha. Reichpietsch. Mit der Fleischback schwer beladen zieht der Steward über Deck, drinnen hat er Fleisch mit Maden, und das läuft von selber weg. Alle. holderi, holdero, holderia, ria, ria, ha-ha-ha, ha-ha-ha. holderi, holdero, holderia, ria, ria, ha-ha-ha. Obermaat. Antreten zum Kohlenübernehmen! Bißchen dalli machen! Rufe. Wir haben Freiwache jetzt, Kinodienst war angesetzt! Freiwache! Freiwache! Obermaat. Wer in drei Minuten nicht angetreten ist, den melde ich. (Geht.) Beckers. Die Herren Offiziere haben wieder gewettet, wer von ihren Stokers zuerst mit Kohlenübernehmen fertig ist. Der letzte blecht. Sachse. Auf unsere Kosten wollen sie Champagner saufen. Köbis. Kinodienst ist angesetzt kein Kohlen. Rufe. Wir machen nicht mit. Sollen sich mit Säbeln in die Fresse schlagen, wenn sie wetten. Neumann. Wozu haben wir eine Menagekommission gewählt? Fischer. Soll zeigen, ob sie Courage hat. Weber. Was hat die Menagekommission mit Kohlen zu tun? Köbis. Ihr habt recht, Kameraden. Nicht um das bißchen Fressen geht's. Es geht um unsere Rechte. Ich schlage vor, wir machen, was angesetzt war. Rufe. Ho! Ist das deine Courage? Köbis. Da der angesetzte Kinodienst nicht stattfindet, verduften wir zu einem einstündigen Spaziergang durchs Werfttor. Einverstanden? Rufe. Bravo! Einverstanden! Machen wir! Mit Holzklinken! Köbis. Also abhauen! (Sie steigen durch die Luke. Herein Obermaat.) Obermaat. Halt! Wohin geht ihr? Hiergeblieben! Antworten! Seid ihr verrückt?! (Oben an der Luke.) Ich lasse Sie nicht gehen! Köbis. Dann muß ich schwimmen! (Man hört den Aufschlag eines Körpers im Wasser.) Obermaat. Mit meinem Urlaub ist es Essig ... (Dunkel.) Fünfte Szene Einige Tage später. Lokal in Rüstersiel Vorne Ausschank. Große Tür führt zu einem mit schwarzweißroten Lampions und schwarzweißroten Papiergirlanden geschmückten Saal. Im Hintergrund die »Bühne« Lucie (trocknet Gläser ab, dabei singt sie) . Mariechen saß weinend im Garten, im Grase ruht schlummernd ihr Kind, durch ihre schwarzbraunen Locken weht leise der Abendwind. Sie war so still, so traurig, so einsam, geisterbleich, die dunklen Wolken zogen, und Wellen schlug der Teich ... Reichpietsch (an der Theke, hat die zweite Strophe gesungen) . Deine Stimme und Rothschilds Zaster. Mir ein Halbes. Lucie. Lucie. Hier mein Süßer! Reichpietsch. Ach nee, dein Süßer! ... Mit einemal wieder. Lucie. Quatsch nich, Krause, Max. Reichpietsch. Ja, früher ... Heute fängt bei euch Weibern in Schlicktau der Mensch beim Offiziersbullen an. Lucie. Du merkst auch alles! ... Noch ein Glas? Reichpietsch. Aber dalli! Ich muß 'rein. Lucie. Zicken macht ihr. Wenn das nur nicht schiefgeht. Junge, Junge ... Reichpietsch. Man hat auch seine Ehre, Puppchen. Lucie. Bleib noch ein bißchen. Reichpietsch. Treuloses Luder! Lucie. Hast weiches Haar. Reichpietsch. So bin ich am ganzen Körper. Lucie. Schwein! Reichpietsch. Hab dir nicht ... bist noch lange keine Dame, wenn du mit den Kadetten schläfst. Lucie. Wenn du es wissen willst: Ich verheirate mich ... Reichpietsch. Gratuliere ... Wer ist denn der werte Herr Gatte? Lucie. Militäranwärter. Reichpietsch. Feiner Pinkel, da können wir Stoker nicht mit. Lucie. D. u. ist er auch. Reichpietsch. D. u.? Noch feinerer Beruf. Du hast das große Los gezogen. Lucie. Nicht wahr? ... Wollen uns mal wieder treffen, Max? Reichpietsch. Wieso, gehst du fremd schon vor der Hochzeit? Lucie. Du hast so weiches Haar, Max. Reichpietsch. Na, denn prost! (Tür vom Saal wird aufgerissen.) Ruf. Sollst 'reinkommen, Max! (Reichpietsch geht in den Saal. Dames kommt.) Dames. Tag, Fräulein. Lucie. Tag. Dames. War das Reichpietsch? Lucie. Klar. Dames. Sind die Matrosen da drin? Lucie. Ja. Dames. Schon lange? Lucie. Ja. Dames. Viele? Auch Köbis? Lucie. So fragt man Leute aus. Warum? Dames. Nur so ... (Greift nach Lucies Nacken.) Na du ... Lucie. Sie, nehmen Sie Ihre Hände achtern, sonst können Sie sich was besehen. Dames. Wer nicht will, der hat schon ... Feiner Junge, der Reichpietsch, was? ... Ich muß 'rein. Die Kulis warten auf mich. (Dames geht in den Saal.) Lucie. Gerade auf dich ollen Dussel werden sie warten. Im Saal Köbis (auf der Bühne) . Kameraden! Vor zwei Tagen war für die dritte Wache Kinodienst angesetzt. Kommt der Befehl: Antreten zum kriegsmäßigen Kohlen. Warum? Weil die Herren Kapitäne mal wieder gewettet haben, wer den Rekord hält. Wir sollen uns abrackern, sie wollen den Sieg feiern. Der Kapitän hat wahllos Stoker 'rausgefischt und sie in den Tank gesperrt. Sechshundert Kulis und Stokers haben sich mit den Bestraften solidarisch erklärt. Darum sind wir hier. Die dreistündige Kriegsbereitschaft halten wir ein. Sachse. Kameraden! Wenn wir jetzt auch Kulis und Stoker sind, wir sind trotz unserer Militärkluft Proleten geblieben. Wir waren Packer und Metallarbeiter und Eisenbahner und Kutscher. Wenn der Krieg zu Ende ist, werden wir wieder Packer und Metallarbeiter und Eisenbahner und Kutscher sein. Anders wie die Offiziere. Für die ist der Krieg ein Handwerk. Ein Handwerk mit Risiko. Wenn es bei ihnen nur ums Vaterland ginge, müßten sie sich schämen, dicke Gelder einzustecken, sich den Bauch vollzuschlagen und aus der Liebe zum Vaterland ein Geschäft zu machen. Habe ich recht? Rufe. Recht hast du! Beckers. Sag mal, Hein, du hast in Leipzig eine Frau und vier Gören, der Herr Kapitän hat Frau und Kinder in Kiel. Für die in Leipzig kämpfst du, Hein, für die in Kiel kämpft der Kapitän. »Stolz weht die Flagge Schwarzweißrot« kann deine Frau geradesogut singen wie die Frau vom Kapitän. Aber vom Singen wird keiner satt. Es kommt darauf an, was in der Pfanne prekelt. Ob's in der Küche nach Steckrüben oder nach Schweinebraten riecht, ist ja wohl wichtig für die Ausdauer beim Singen. Das ist meine Meinung. Reichpietsch. Kameraden! Letzte Woche hat der Redakteur Herre von der »Leipziger Volkszeitung« im Deutschen Haus gesprochen. Er hat uns erklärt, warum Österreich mit den Serben Krieg anfing. Weil die ungarischen Magnaten nicht billige Schweine und nicht billige Pflaumen hereinlassen wollten. Kameraden! Ich bin ein apostolischer Christ, ich glaube an Gott und an ein Leben drüben, ich sage mir, gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, ich habe es ihm gegeben drei Jahre lang. Es gibt nur eine Partei im Reichstag, die nach Gottes Wort handelt: Du sollst nicht töten. Das ist die Opposition. Darum schließt euch der Oppositionspartei an. Wir werden die Liste mit euren Namen an die Opposition schicken. Die kann sie mit nach Stockholm zur Friedenskonferenz nehmen und vor aller Welt sagen, die deutsche Flotte will einen Frieden, der Deutschland leben läßt und alle anderen Länder. Wir sind die wahren Patrioten! Rufe. Bravo! Sander. Ich stehe hier für dreihundert Mann von der »Pillau«. Die halten zu euch. Geschrei. Hurra! Bräuner. Ich stehe hier für sechshundert Mann von »Kaiserin«. Die halten zu euch. Geschrei. Hurra! Bieber. Ich stehe hier für dreihundertfünfzig Mann von »Helgoland«. Die halten zu euch. Geschrei. Hurra! Linke. Ich stehe hier für zweihundert Mann von »Posen«. Die halten zu euch. Geschrei. Hurra! Köbis. Außerdem gehen mit uns: vierhundertacht Mann von »König Albert«, dreihundertachtzig Mann von »Westfalen« und alle Mann von »Prinzregent Luitpold«. Geschrei. Hurra! Hurra! Dames. Kameraden! Ich habe nicht viel zu reden. Ich meine, wir müssen zu Taten kommen, ich meine, wir sollen die weiße Flagge setzen und die Kasten nach England fahren ... Oder wir sollen die von Achtern hängen und dann die Potts in die Luft sprengen! Geschrei. Bravo! Unsinn! Bravo! Quatsch! Dames. Warum Quatsch? Eher wird nicht Friede, als bis wir alles kurz und klein geschlagen haben. Das ist gar nicht schwer, das ist das Einfachste von der Welt. Ich bin nicht für reden. Wenn wir nicht die Courage haben und zu Taten übergehn ... Am Ausschank Beckers. Max, kennst du den? Reichpietsch. Er sagt, er sei Heizer auf »Pillau«. Köbis. Hast du dir mal seine Hände angesehen? Reichpietsch. Warum? Köbis. Das sind keine Heizerflossen. Der hat nie im Heizraum geschuftet, darauf schwör' ich. Reichpietsch. Immer bist du mißtrauisch, Alwin. Köbis. Ich habe meine Gründe. Daß Spitzel zwischen uns stänkern, weiß ich schon seit einer Woche. Ich geh' 'rein. Lucie. Spendier einen Groschen! (Stellt das elektrische Klavier an.) Tanz mit mir! Reichpietsch. Morgen abend. Lucie. Morgen können wir alle auf der Verlustliste stehen ... Komm, tanz! Reichpietsch. Aber nur einmal 'rum, kleines Luder! Lucie (singt zur Melodie) . Denn ich bin ja so jung und verführerisch, denn ich bin ja ein Mädchen fürs Geld! ... Im Saal Dames. Wie die Russen müssen wir's machen: die Flotte in die Luft sprengen und verduften, eher wird nicht Schluß sein! Köbis. Kameraden! Sind die russischen Revolutionäre mit ihrer Flotte nach Deutschland gekommen und haben sie Willem gebracht als Ostergeschenk? ... Einen Dreck haben sie getan! ... Kameraden! Wir wollen uns darüber klar sein, wir haben zu früh losgeschlagen. Wir hätten warten müssen, bis die ganze Flotte hinter uns steht. Es kommt der Tag, wo wir demonstrieren, daß uns ein Dreck an Belgien und Polen und den baltischen Provinzen liegt. Kameraden! Wir sind nicht von England bezahlt, die Alldeutschen haben das Vaterland nicht gepachtet   wir sind auch Deutsche. Die Parteien werden uns nicht helfen. Wir müssen uns selbst helfen. Denkt an Karl Liebknecht! Nieder mit dem Scheißkrieg! Alle. Nieder mit dem Scheißkrieg! Ein Matrose (springt auf einen Tisch und singt). Wir kämpfen nicht fürs Vaterland, wir kämpfen nicht für Gott, wir kämpfen für das reiche Pack, wir Armen gehn kapott! (Alle im Chor mit ihren Gläsern den Takt trommelnd, fallen in Chor ein.) Matrose. Achtung! Ruhe! Auf der Straße rückt ein Seebataillon mit aufgepflanztem Bajonett an! (Tumult. Geschrei.) Köbis. Kameraden! Alles bleibt hier! Keiner geht 'raus! Laßt sie doch kommen! Wir haben demonstriert für unser Recht! Wir finden den Weg allein! Ammen und Kindermädchen brauchen wir nicht! Wir gehen freiwillig an Bord. Die Versammlung ist geschlossen. Jetzt beginnt der heitere Teil. (Köbis zieht aus seiner Tasche eine Mundharmonika und beginnt zu spielen, die andern singen.) In Hamburg, da bin ich gewesen, hab' in Samt und Seide gerauscht, meinen Namen, den durft' ich nicht nennen, denn ich war nur ein Mädchen fürs Geld. Mein Bruder, der hat mir geschrieben: Lieb Schwesterlein, kehre zurück. Deine Mutter liegt schwer krank darnieder, sie beweint ihr unglücklich Kind ... Was nützt dem Kaiser die Krone? Was nützt dem Seemann sein Geld? Es gibt doch nichts Schönres im Leben als in Hamburg ein Mädchen fürs Geld! Am Ausschank Lucie. Versteck dich, Max! Oben in meiner Kammer! Da sucht dich keiner. Reichpietsch. Gutes Kind. Lucie. Ach, Max, mir ist so angst um dich! Sie werden dich einsperren! ... Ich kenne einen Fischer, der nimmt dich mit nach Holland, da können sie dir was husten. Reichpietsch. Noch einen Halben! Bei uns in der Mannschaftskantine kostet die Flasche jetzt doppelt soviel wie in der Offiziersmesse. Nächstens werden die Herren noch was zubekommen. Extra. Zur Belohnung. Für tapferen Durst. Lucie. Max, ich fahr' dir nach. Wir treffen uns in Amsterdam. Reichpietsch (singt) . Denn ich bin ja so jung und verführerisch, denn ich bin ja ein Mädchen fürs Geld!... Lucie (weint) . Nicht ein bißchen hast du mich lieb! Reichpietsch (küßt Lucie lachend) . Du hast einen Bräutigam, und ich habe eine Braut in Berlin. (Herein kommt Marinewachtmeister mit einigen Posten.) Wachtmeister. Hände hoch! (Reichpietsch und zwei Matrosen, die an der Theke stehen, lachen.) Wachtmeister. Ihr verfluchten Ausreißer, Hände hoch! Reichpietsch. Schönes Wetter heute. Nur regnen sollte es nicht so viel. Wachtmeister. Ich schieße Sie nieder, wenn Sie Ihre Hacken nicht zusammenreißen! Reichpietsch. Prost, Herr Wachtmeister. Wachtmeister. Wer singt da? Sind da noch mehr drin? Reichpietsch. Ein ... gutes Dutzend. Wachtmeister. Ach so ... Leute, ich komme nicht als euer Vorgesetzter, ich komme als euer Freund. Reichpietsch. Wissen wir, wissen wir. Wachtmeister. Seid vernünftig, Leute, und sagt denen da drin, ich werde sie an Bord zurückführen. Reichpietsch. Mit »Hände hoch«? ... Wachtmeister. So schnell schießen die Preußen nicht ... Reichpietsch. Sie sind ein Spaßvogel ... Auf Ihre Gesundheit! Wachtmeister. Dann ist die Sache erledigt. Reichpietsch. Ihr Vorschlag ist Gold wert. Wachtmeister. Ich meine es gut. Reichpietsch. Ich auch ... Warten Sie hier. Im Saal Reichpietsch. Pst! Ruhe! Alles hört auf mein Kommando! Ein Wachtmeister mit vier Posten will euch gefangennehmen. (Gelächter.) Jungens, der wird Augen machen, wenn er euch sieht. Er denkt, Ihr seid ein Dutzend. Ich gehe jetzt 'raus, ihr sammelt euch und wartet. Das gibt einen Mordsspaß. Im Schankraum Reichpietsch. Alles in Ordnung, Herr Wachtmeister. Wachtmeister. Die anderen kommen mit? Dann ist ja alles gut. Reichpietsch. Für Sie ... Im Hintergrund das E. K. Erster. Wachtmeister. Es wird schon nicht so schlimm werden. Vielleicht geht's ohne Kriegsgericht ab. Reichpietsch (reißt die Türen zum Saal auf) . Melde Herrn Wachtmeister: Sechshundert Mann marschbereit! Wachtmeister (prallt zurück) . Was? ... Sechshundert?! Reichpietsch. Hipp hipp ... Alle. Hurra! Reichpietsch. Hipp hipp ... Alle. Hurra! Reichpietsch. Hipp hipp ... Alle. Hurra! Reichpietsch. Verduften Sie hinter der Theke, Herr Wachtmeister. Das E. K. Erster können Sie sich malen.   Bataillon ohne Tritt marsch! Alle (im Zuge abmarschierend, die Mützen schwenkend, singen) . Was nützt dem Kaiser die Krone? Was nützt dem Seemann sein Geld? Es gibt doch nichts Schönres im Leben als in Hamburg ein Mädchen fürs Geld... Lucie ( neben dem Wachtmeister, Arme in Hüften gestemmt, singt ). Es gibt doch nichts Schönres im Leben als in Hamburg ein Mädchen fürs Geld... (Dunkel) Sechste Szene August 1917. Untersuchungsgefängnis. Kanzlei Am Tisch sitzt Kriegsgerichtsrat Schuler, neben ihm ein Schreiber Schuler (zum Schreiber) . Tun Sie mir den Gefallen, lieber Müller, rasch einen Brief an meine Frau... Haben Sie eingespannt?... »Liebe Betty, ich danke Dir tausendmal für Deine Feldpostpäckchen. Die Unterhosen kann ich gut gebrauchen, auch die Hosenträger. Weniger die Leberwurst. Wir haben genug zu essen. Außerdem wird die Wurst den Kinderchen abgehen. Kann Mäxchen schon Papa sagen?... Ich habe gegenwärtig einen schweren Fall zu bearbeiten, der mir schlaflose Nächte bereitet. Aber daß mir die Sache übertragen wurde, ist eine besondere Auszeichnung für mich. Ich werde alles so anlegen, daß sich die Untersuchung juristisch sehen lassen darf ...« Posten ( herein ). Sachse, Beckers, Köbis, Reichpietsch zur Stelle. Schuler. Sofort... »Sei herzlichst gegrüßt... Dein ...« Danke!... Führen Sie die Leute herein. (Sachse, Beckers, Köbis, Reichpietsch werden hereingeführt.) Aha, da sind ja die Todeskandidaten... Wollen Sie nicht Haltung annehmen?... Alle draußen warten bis auf Reichpietsch. (Köbis, Sachse, Beckers werden abgeführt.) Wollen Sie eine Zigarette rauchen? Bitte... Schreiber, geben Sie dem Mann Feuer. (Zeichnet einen Galgen aufs Papier, zeigt auf seinen Revolver.) Wie Sie sehen, ist dies ein Revolver und das ein Galgen. Sie können erschossen oder gehängt werden. Das richtet sich nach Ihrem Verhalten. Setzen Sie sich... Ist die Zigarette ausgegangen? Kriegskraut. Hier... (Gibt ihm Streichhölzer.) Ja, wir leben im Krieg. Haben Sie das bedacht? (Reichpietsch schweigt.) Gehen Ihre Eltern in die Kirche? Reichpietsch. Meine Eltern gehören zur apostolischen Gemeinde. Schuler. Ihre armen Eltern!... Ihre Braut heißt Grete? Reichpietsch. Ja. Schuler. Wo haben Sie die kennengelernt? Reichpietsch. Zu Weihnachten kamen Liebesgaben aufs Schiff. Ich bekam ein Päckchen mit Pulswärmern. Dabei lag ein Zettel von ihr. Ich habe ihr gedankt. Später, auf Urlaub in Berlin, haben wir uns kennengelernt. Sie ist Verkäuferin bei Tietz. Schuler. Haben Sie Ihre Braut lieb? Reichpietsch. Ja. Schuler. Sie sollen sich gerühmt haben, Beziehungen zur Halbwelt zu unterhalten ... Reichpietsch. Ich verstehe Herrn Kriegsgerichtsrat nicht. Schuler. So schlimm wird es wohl mit der Liebe zu Ihrer Braut nicht sein ... Kennen Sie Port Arthur? Reichpietsch. Den Puff kennt jeder Kuli und jeder Offizier in der Flotte. Schuler. Geben Sie zu, Port Arthur besucht zu haben? Reichpietsch. Durch die Rippen schwitzen können's die Herren Offiziere auch nicht. Schuler. Das genügt mir... Wollen Sie jetzt das Protokoll von gestern unterschreiben? Reichpietsch ( liest ). So habe ich das nicht gesagt. Schuler. Vielleicht nicht mit genau denselben Worten. Dem Sinne nach haben Sie das gesagt. Reichpietsch. Vom schlechten Essen und der gemeinen Behandlung steht wieder nichts drin. Schuler. Immer wollen Sie sich auf das angeblich schlechte Essen ausreden ... Das gehört nicht ins Protokoll. Wollen Sie unterschreiben? Reichpietsch. Seit drei Wochen sitze ich im Gefängnis. Morgens, mittags, abends werde ich vernommen. Nachts reißt man mich aus dem Schlaf. Mein Kopf geht mir in Stücke. Wenn der Aufseher die Tür aufschließt, weiß ich, die Quälerei geht wieder los. Wieviel Protokolle habe ich schon unterschreiben müssen! Ich lasse mich nicht mehr quälen! Es steht doch nicht drin, was ich sage! Schuler. Wollen Sie mir vorwerfen, daß ich Protokolle fälsche? ... Unterschreiben Sie oder unterschreiben Sie nicht? ... Dann zeichne ich eben für die Richtigkeit. Reichpietsch. Ich möchte mich mal mit meinen Eltern aussprechen. Schuler. Daran hätten Sie früher denken sollen. Sie wissen selbst, daß Zivilpersonen die Einreise ins Festungsgebiet verboten ist. Reichpietsch. Von den Offizieren die Bräute bekommen alle Erlaubnis. Warum darf ich meiner Mutter nicht schreiben? Nicht mal eine Karte? ... Schuler. Ich würde es Ihnen gerne erlauben ... es darf nicht sein. Ich kenne die Gründe nicht. Reichpietsch ( schreit schluchzend ). Alles ist Schwindel. Schuler. Reichpietsch, machen Sie es mir nicht schwerer, als ich es schon habe. Sie sind ein intelligenter Mensch. Also unterschreiben Sie. Reichpietsch. Mir ist alles egal... ( Unterschreibt .) Schuler. Danke ... Abführen!... Beckers! ( Reichpietsch wird abgeführt. Schuler zum Schreiber .) Fügen Sie meinem Bericht an den Herrn Staatssekretär Capelle beim Absatz »Betrifft Charakterisierung Reichpietschs« hinzu: »Wenn mein persönlicher Eindruck von Reichpietsch noch in Frage kommen sollte, so kann ich ihn nur als das schildern, was man im Berliner Jargon einen Luden nennt. Polizeiliche Ermittlungen haben nach dieser Richtung Beweise nicht erbracht.« ( Beckers wird hereingeführt .) Beckers, wie ist das mit Ihnen? Sie lehnen die Gewaltidee ab? Beckers. Ja. Schuler. Sie sind der Schlimmste. Beckers. Nanu, habe ich nicht ein unschuldiges Gesicht? Schuler ( springt auf ). Sie verlogener Kerl, Sie schamloser Geselle! Jetzt besitze ich den Beweis, daß gerade Sie die Gewalt gewollt haben, und Sie wagen hier, frech zu leugnen. Hoffen Sie jetzt nicht auf Gnade! ( Setzt sich. ) Mit wahrer Freude werde ich Ihrer Hinrichtung beiwohnen. Eure sozialistischen Stimmen werden bald im Himmel singen. Kennen Sie diesen Zettel?... ( Er liest laut .) »Schiff läuft aus, wahrscheinlich unter Belagerungszustand. Wenn in drei Tagen keine Nachricht   dann los!« Beckers. Den Zettel habe ich geschrieben. Schuler. Sie geben zu, daß Sie gelogen haben? Beckers. Nein, ich habe nicht gelogen! Und wenn ich lügen täte, um meinen Kopf zu retten, den Sie mir nehmen wollen um nichts und wieder nichts, haben Sie noch lange nicht das Recht, mich schamloser Geselle zu nennen! Schuler . Wozu ich das Recht habe, bestimmen nicht Sie! Beckers . Als wir an Bord zurückkamen von Rüstersiel, taten wir unseren Dienst wie immer. Wir wollten nur etwas mehr als Menschen angesehen werden. Das Schiff lag unter Dampf, kurz bevor der Kasten in See stach, mußte eine Ordonnanz 'rüber aufs Flottenflaggschiff, der habe ich den Zettel für Sachse mitgegeben. Wir hatten in Rüstersiel ausgemacht, daß die anderen Besatzungen auch ausfliegen sollten für drei Stunden, wenn wir Strafe bekämen. Mein Freund Köbis kann das bestätigen. Schuler. Ihr Freund Köbis... Ich will Ihnen sagen, was die Worte »Wenn in drei Tagen keine Nachricht dann los« bedeuten. Das sollte der große Schlag werden, von dem Köbis in Rüstersiel gesprochen hat: Flottenstreik! Hochverrat! Beckers . Nein! Schuler . Sie haben heute Ihrer Glaubwürdigkeit den letzten Stoß versetzt. Hier steht mitstenographiert: »Und wenn ich lügen täte, um meinen Kopf zu retten«... Sie haben zugegeben, daß Sie mich belügen... Abführen! ( Beckers wird abgeführt .) Jetzt kommt die härteste Nuß ... Die Schwester von Köbis ist da? Schreiber . Sie wartet. Schuler . Ausgezeichnet. ( Köbis wird hereingeführt ) Setzen Sie sich. Köbis . Ich stehe. Schuler . Rauchen Sie eine Zigarette? Köbis . Nein. Schuler . Köbis, nehmen Sie Vernunft an, uns ist alles bekannt. Wir wissen, daß die Menagekommissionen der einzelnen Schiffe fest organisiert waren, dass die Menagekommission von »Friedrich der Große« die Zentrale darstellte. Wir haben die Liste mit den vierhundert Namensunterschriften für Stockholm beschlagnahmt. Sie haben Hochverrat begangen. Sie waren der Führer. Seien Sie nicht feige, bekennen Sie sich zu Ihrer Tat. ( Köbis schweigt .) Die Menagekommission war nur ein Köder, nicht wahr? Auf die politischen Ziele kam es Ihnen an? Köbis . Ich denke, Sie wissen alles? Schuler . Köbis, ich bin nicht nur Ankläger, ich meine es gut mit Ihnen. Sie stammen aus einer hochachtbaren Familie, wie konnten Sie so weit sinken? Seien Sie nicht eigensinnig, vertrauen Sie sich mir an. Köbis . Danke. Ich verzichte. Schuler . Damit imponieren Sie mir gar nicht. Köbis . Habe ich das gewollt? Schuler . Sie verscherzen sich jeder Hoffnung auf Gnade. Köbis . Habe ich darum gebeten?... Ich darf wohl jetzt wieder gehen? Schüler . Einen Augenblick noch. ( Gibt dem Schreiber ein Zeichen .) Bitte, holen Sie mir ein Glas Wasser. (Schreiber geht hinaus. Schüler legt seinen Revolver neben sich. Sekunden Schweigen.) Köbis . Stecken Sie ruhig das Ding da wieder ein, ich beschmutze meine Finger nicht, Herr Kriegsgerichtsrat. (Schreiber herein mit Anna Köbis. Anna stürzt auf Köbis zu.) Anna . Alwin! Köbis . Anna   nanu! ... Wein doch nicht Mädchen! Ich bitte dich, flenn hier nicht. Anna . Es steht schlimm um dich, Alwin. Köbis . Wir kommst du her? Haben sie dich verhaftet? Anna . Nein ... Alwin, denk an die Eltern! Gestehe alles! Es geht um dein Leben! Schuler . Köbis, haben Sie kein Erbarmen mit dem blutenden Schwesterherz? Köbis . Ach so ... auf diese Weise wollen Sie mich kirre machen? ... Pfui Deibel! ... Steh auf, Anna, bist ein gutes Mädchen ... Laß deine Hände weg von Männersachen ... Ich möchte in meine Zelle zurückgeführt werden. (Schuler gibt ein Zeichen. Köbis wird abgeführt) Schuler . Tja, Fräulein Köbis, wir beide haben unsere Pflicht getan. (Dunkel.) Siebente Szene August 1917. Admiralskajüte auf dem Flottenflaggschiff Admiral v. Scheer. Sie irren sich, Herr Kapitänleutnant, das war kein Dummerjungenstreich. Sie kennen die Leute von Skagerrak her, sie mögen sich damals tapfer gehalten haben, heute sind sie Landesverräter. Sie verwenden sich für Unwürdige ... Dummer Jungenstreich ... Wie kommen Sie darauf? Kapitänleutnant Kohler. Es war meine persönliche Meinung, Exzellenz. Admiral v. Scheer. Achte ich. Aber sie ist falsch. Ich danke Ihnen, Herr Kapitänleutnant. (Kohler geht. Admiral v. Scheer zu Schuler.) Sie rechnen mit Todesurteilen? Schuler. Unbedingt, Exzellenz. Admiral v. Scheer. Ich habe bei Skagerrak zwei Söhne verloren ... Diese Leute haben die Flagge von Skagerrak geschändet. Schuler. Wenn ich mir eine Meinung erlauben darf, Exzellenz, die wahren Schuldigen sind die Hintermänner. Admiral v. Scheer. Sie meinen die Sozis? ... Bethmann-Hollweg war zu schwach, hoffentlich wird Michaelis stark genug sein, diesen Krebs auszubrennen. Haben Sie Beweismaterial? Schuler. Einwandfreies, Exzellenz. Admiral v. Scheer. Annexionsloser Friede ... Ist doch glatter Landesverrat! Schuler. Zweifellos, Exzellenz. Admiral v. Scheer. Die Franzosen wollen Elsaß-Lothringen, die Pfalz, das linke Rheinufer. Und wir sollen in die Luft blasen ... Ich halte auch die Friedensresolution des Reichstags für ein Verbrechen. Die ganze Friedensbewegung basiert meiner Ansicht nach auf der Schwäche der Regierung gegenüber den linken Parteien ... Wollen Sie noch einen Schnaps? Schuler. Danke gehorsamst. Exzellenz. (Von draußen Musik der konzertierenden Matrosenkapelle.) Admiral v. Scheer. Da habe ich ein Rechtsgutachten aus dem Marineamt bekommen ... mit spitzfindigen Begriffsspaltereien. Von vollendetem Aufstand könne bei den Leuten keine Rede sein. Höchstens von militärischem Aufruhr. Ich brauche keine Kollegs. Ich trage die Verantwortung. Ich halte den Aufstand für gegeben ... Wir sollen wohl erst den »Erfolg« abwarten? ... Möchte mal sehen, was die Herren am grünen Tisch sagen würden, wenn der rote Lappen am Mast Seiner Majestät Kriegsflotte baumelte ... Ausbrennen, basta. Wir müssen wegen der Erschießung in Köln die Zustimmung des Kriegsministeriums einholen. (Zum Adjutanten.) Setzen Sie den Brief an Exzellenz von Stein auf, und legen Sie ihm mir zur Unterschrift vor ... Kommen Sie noch ein paar Schritte mit mir, Herr Kriegsgerichtsrat? Schuler. Zu Befehl, Exzellenz. (Admiral u. Scheer und Schuler gehen.) Adjutant. Hanke! (Hanke kommt.) Stenographieren Sie: »Es ist nicht ausgeschlossen, daß in den nächsten Tagen aus der Hochseeflotte heraus Todesurteile zu vollstrecken sein werden. Man muß bei der großen Arbeiter- und Industriebevölkerung Wilhelmshavens immerhin mit der Möglichkeit rechnen, daß im Zusammenhang mit dem Urteilsspruch Unruhen einsetzen, die in ihren Folgen die Marinewerkstätten, besonders auch hinsichtlich des U-Bootkrieges, in Mitleidenschaft ziehen könnten. Ich hatte mich daher mit dem Königlichen Gouvernement in Köln in Verbindung gesetzt, ob eine Vollstreckung dort erfolgen könnte. Das Königliche Gouvernement hat sich in entgegenkommender Weise dazu bereit erklärt. Es wird gebeten, das Einverständnis des Kriegsministers umgehend zu erteilen und das Gouvernement Köln entsprechend anzuweisen ... Datum und so weiter ...« Wenn Sie den Brief geschrieben haben, rufen Sie mich, ich bin in der Messe. (Dunkel.) Achte Szene September 1917. Kriegsgericht. Großer Saal Korvettenkapitän, Kapitänleutnant, Oberleutnant zur See, Protokollführer und Militärgerichtsschreiber. Rechts davon die Anklagevertreter. An gleicher Seite, längs der Wand, höhere Offiziere, einige Marinepfarrer. Auf der Anklagebank: Köbis, Reichpietsch, Beckers, Sachse, Weber. Davor Verteidiger in Uniform und Zivil Vorsitzender. Sie wollten Ihre Ziele nicht mit Gewalt durchführen? Reichpietsch. Nein. Schuler. Der Angeklagte Reichpietsch bestreitet heute die Gewaltidee. Ich beantrage die Verlesung seiner Aussage. Vorsitzender. »Wilhelmshaven, zehnter August. Während der Zeit meines Urlaubs in Berlin war ich zuerst beim Abgeordneten Dittmann, der führte mich persönlich zu der Frau Zietz. Daß mir die Ansichten der Partei über die nötigenfalls zwangsweise Durchführung der Beschlüsse der Stockholmer Konferenz im Wege der Gehorsamsverweigerung und des Streikes bekannt waren, gebe ich ohne weiteres zu ...« Ist das Ihre Unterschrift, Reichpietsch? Reichpietsch. Jawohl. Vorsitzender. Ich begreife Sie nicht, ein Soldat steht zu dem, was er sagt. Reichpietsch. Der Herr Kriegsgerichtsrat hat mich dies gefragt und jenes gefragt, ich habe ja gesagt oder nein gesagt, oder habe meinen Mund gehalten. Dann hat der Kriegsgerichtsrat das Protokoll diktiert. Worte kamen darin vor, die kannte ich mein Lebtag nicht, sagte ich was, hieß es gleich, »dem Sinne nach haben Sie es gesagt«   was sollte ich tun? Der Herr Kriegsgerichtsrat ist Offizier, und ich bin Gemeiner. Schuler. Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, Reichpietsch zu fragen, ob er diese Karte bekommen hat. Vorsitzender (liest) . »Lieber Freund, wir sind sehr erfreut. Unsere volle Unterstützung ist Euch sicher. Handelt vorsichtig. Mit besten Grüßen Luise.« Kennen Sie diese Karte? Reichpietsch. Frau Luise Zietz hat sie mir geschickt. Vorsitzender. Hatten Sie was mit der? ... Sie unterschreibt doch so intim »Luise«. (Gelächter.) Reichpietsch. Ich habe mit ihr keine fünf Sätze gesprochen. Vorsitzender. Luise, Luise ... merkwürdige Sitten ... Die Karte ist eine Antwort. Worauf? Reichpietsch. Ich hatte ihr geschrieben, daß wir Mitglieder werben für die USP. Schuler. Dem Angeklagten war das Programm der USP bekannt? Reichpietsch. Einen vernünftigen Frieden wollte sie. Schuler. So harmlos sieht das Programm nicht aus. Die wichtigsten Punkte des Programms der USP lauten: Übertritt der ganzen Flotte, soweit Mannschaften in Frage kommen, zur USP, Erzwingung eines baldigen annexionslosen Friedens durch Waffenniederlegung, Generalstreik und Verweigerung des Gehorsams gegenüber Befehlen der Vorgesetzten zur Unterdrückung der Streikbewegung in Marine- und Volkskreisen. Vorsitzender. Kannten Sie das Programm? Reichpietsch. Nein, davon habe ich von Herrn Kriegsgerichtsrat zum erstenmal gehört. Vorsitzender. Sie, Weber? Weber. Nein. Ich wollte, daß die Menagekommission ... Schuler. Die Menagekommission war der Vorwand für Ihre politischen Ziele. Weber. Die Menagekommission hat gleich am ersten Tag herausbekommen, daß fünfundzwanzig Pfund Butter in die Offiziersküche gewandert sind anstatt in die Mannschaftskombüse. Vorsitzender. Hier steht nicht zur Aburteilung das eventuelle, ich betone: das eventuelle Verhalten eines der Herrn Verpflegungsoffiziere, hier steht zur Aburteilung lediglich die Handlungsweise, in der die Anklagebehörde Hochverrat erblickt. Damit kein Mißverständnis entstehe: Inkorrektheiten, die übrigens überall in einem großen Organismus vorkommen, werden selbstverständlich ohne Rücksicht auf Rang und Stand unnachsichtig geahndet werden. Notabene, mir ist kein Fall in meiner langjährigen Praxis bekannt, wo ein deutscher Offizier sich derartiges zuschulden kommen ließ ... Kannten Sie das Programm, Beckers? Beckers. Nein. Vorsitzender. Sie, Köbis? (Köbis schweigt.) Ich mache Sie pflichtgemäß darauf aufmerksam, daß Ihr Schweigen gemäß der freien richterlichen Beweiswürdigung als Ja ausgelegt werden kann. Schuler. Die Tendenz des Programms, auch wenn es schriftlich nicht niedergelegt ist, war jedenfalls sämtlichen Angeklagten bekannt. Ein Verteidiger. Ich möchte den Herrn Anklagevertreter fragen, ob ihm das offizielle Programm der USP bekannt ist? Schuler. Nein. Verteidiger. Da die USP eine im Deutschen Reich offiziell zugelassene Partei ist, kann ich mir nicht vorstellen, daß sie das angeführte Programm hat. Schuler. Ich habe das Programm den Aussagen der Beschuldigten und Zeugen entnommen. Was für ein offizielles Programm die USP hat, ist gleichgültig. Vorsitzender. Reichpietsch, Sie haben die Zietz beim Abgeordneten Dittmann kennengelernt. Was wollten Sie bei Dittmann? Reichpietsch. Mich beschweren, weil wir die sozialistischen Zeitungen nicht mehr lesen durften. Vorsitzender. Wie kann ein Soldat sich bei einem Abgeordneten beschweren? Was gehen Sie die Abgeordneten, was geht Sie der Deutsche Reichstag an? Die Beschwerdeinstanz für einen Soldaten ist sein Vorgesetzter ... Was hat Dittmann gesagt? Reichpietsch. Das Verbot sei nicht gerecht. Wir sollten vorsichtig sein. Schuler. Der alte Trick. Vorsitzender. Warum wandten Sie sich gerade an Dittmann? Reichpietsch. Weil in der »Leipziger Volkszeitung« stand, Dittmann hat die Marine. Vorsitzender. Was ist das für ein Unsinn: »Dittmann hat die Marine«? Seine Majestät der Kaiser hat die Marine. Reichpietsch. Es hieß so. Verteidiger. Ich beantrage, den Abgeordneten Dittmann als Zeugen zu laden. Dies läßt sich telegraphisch so schnell bewirken, daß eine Unterbrechung der Hauptverhandlung nicht in Frage kommen dürfte. Dittmann soll über den Inhalt der Gespräche mit Reichpietsch und Sachse Angaben machen. Ich beantrage ferner, dem Zeugen aufzugeben, ein Exemplar des offiziellen Parteiprogramms der USP an Gerichtsstelle mitzubringen. Schuler. Ich bitte den Gerichtshof, die Anträge der Verteidigung abzuweisen. Der Zweck des Antrags ist ja ganz durchsichtig, durch die Ladung Dittmanns sollen für die Angeklagten mildernde Umstände geschaffen werden, die bei der Schwere der Tat nicht in Frage kommen. (Richter wollen sich erheben, um sich in Beratungszimmer zurückzuziehen. Vorsitzender winkt ab. Er berät kurz hinter Aktendeckeln mit den andern Richtern, setzt dann seine Offiziersmütze auf.) Vorsitzender. Ich habe folgenden Gerichtsbeschluß zu verkünden: Die Anträge der Verteidigung werden als unerheblich abgelehnt ... Ordonnanz, führen Sie den Zeugen Reister herein. (Reister herein.) Sie heißen Alois Reister, geboren in München am 3. 7.1895, katholischer Konfession. Reister. Jawohl. Vorsitzender. Erheben Sie die rechte Hand und sprechen Sie mir nach. Ich schwöre ... bei Gott dem Allmächtigen ... und Allwissenden ... daß ich nach bestem Wissen und Gewissen ... Reister. Nach Wissen und Gewissen... Vorsitzender. Nach bestem Wissen und Gewissen... Reister. Nach bestem Wissen und Gewissen... Vorsitzender. Die reine Wahrheit sagen... nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde... Reister. Nichts verschweigen werde... Vorsitzender. Und nichts hinzusetzen... Hören Sie doch! Reister. Und nichts hinzusetzen werde... Vorsitzender. So wahr mir Gott helfe. Reister. So wahr mir Gott helfe. Vorsitzender. Sie sollen über das Essen an Bord aussagen. Wie war das Essen? Reister. Das Essen war warm und reichlich. Auch in der See war das Essen gut... Es war immer noch besser als an der Front und in der Heimat. Vorsitzender. Haben Sie etwas von Mißständen in der Menage gehört? Reister. Die konnte es nicht geben. Der Bottelier hat den Proviant vorgewogen, und der Backschafter hätte sich nicht um ein Gramm Brot betrügen lassen. Vorsitzender. Sachse, was sagen Sie dazu? Sachse. Reister war Rollenschreiber. Beckers. Der weiß überhaupt nicht, was bei den Deckkulis los ist. Weber. Der läuft mit Extrahemden und Extrahosen und Extraschuhen herum, macht einen Bogen um die Kulis und sieht sich vor, daß er vom Schiff keinen Spritzer abbekommt. Vorsitzender. Noch eine Frage an den Zeugen?... Herr Staatsanwalt?... Einer der Herren Verteidiger? ...Der Zeuge ist entlassen. Ordonnanz rufen Sie den Zeugen Dames. ( Reister hinaus. Dames herein. ) Sie heißen Josef Dames, geboren in Elbing am 2. 2. 1894, evangelischer Konfession. Dames. Jawohl. Vorsitzender. Sie bleiben wegen Verdachts der Mittäterschaft vorläufig unbeeidigt. Selbstverständlich müssen Sie Ihre Aussagen so einrichten, als ob Sie unter Eid ständen. Dames. Jawohl. Vorsitzender. Sie haben an der Versammlung in Rüstersiel teilgenommen? Welchen Eindruck hatten Sie? Was wurde geplant? Dames. Zu Befehl, ich hatte vom ersten Moment an, wo ich die Sippe kennenlernte, den richtigen Riecher. Die Reden hätten Herr Kapitän hören müssen! Pfui Deibel! Als wenn die Kerle von England bestochen wären. Beckers. Du warst der größter Schreier, du Achtgroschenjunge! Dames. Ich lasse mich nicht beleidigen. Vorsitzender. Mäßigen Sie sich, Beckers. Beckers. Dem war nichts radikal genug. Der hat das Maul am weitesten aufgerissen. Dames. Habe ich, habe ich. Ich mußte denen auf die Schliche kommen. War nur möglich, wenn ich Anarchist markierte. Was die wollten? ... Die Offiziere an den Topp hängen und auf mit der Flotte nach England. Beckers. Lüge! Vorsitzender. Beckers, Sie erhalten später noch Gelegenheit, dem Zeugen Vorhaltungen zu machen. Dames. Der hat es nötig, Lüge zu rufen! Die wollten ihre Schiffe schon im Juli mit dem Dock im Kieler Hafen absaufen lassen. Vorsitzender. Wer ist »die«? Dames. Beckers, Reichpietsch und die andern. Vorsitzender. Reichpietsch, äußern Sie sich. Reichpietsch. Alles erstunken und erlogen! Vorsitzender. Beckers? Beckers. Köbis hat gleich gesagt, der Kerl ist ein Spitzel. Verteidiger. Schwebt ein Verfahren gegen den Zeugen? Dames. Gegen mich? Ausgeschlossen! Verteidiger. Wir leben unter Kriegszustand. Die Versammlungsfreiheit ist aufgehoben. Hat der Wirt in Rüstersiel mit polizeilicher Erlaubnis den Matrosen seinen Saal überlassen? Hat also die Versammlung mit Wissen und Willen der Polizei stattgefunden? Der Zeuge Dames kann vielleicht darüber Auskunft geben. Schuler. Ich bitte den Vorsitzenden, die Frage nicht zuzulassen. Verteidiger. Sollte das Gericht die Frage ablehnen, müßte ich beantragen, den Gastwirt Kähler als Zeugen zu laden. Kähler wird unter Eid bekunden, daß die Polizei von der Versammlung unterrichtet war. Kähler wird ferner bekunden, daß er mit Zustimmung der Polizei seinen Saal hergegeben hat. Ich frage nochmals: Ist der Zeuge Dames davon unterrichtet? Schuler. Ich beantrage Beschluß des Gerichtshofes über die Zulässigkeit der Frage. Vorsitzender ( berät hinter Aktendeckeln leise mit Richtern ). Ich habe folgenden Beschluß des Gerichts zu verkünden: Die Frage des Verteidigers wird nicht zugelassen. Verteidiger. Ich bitte um einen Gerichtsbeschluß über meinen Eventualantrag betreffend die Vernehmung des Gastwirtes Kähler. Vorsitzender ( nach flüchtiger Unterhaltung mit den Richtern hinter Aktendeckeln ). Ich habe folgenden Gerichtsbeschluß zu verkünden: Der Antrag auf Ladung des Gastwirtes Kähler wird abgelehnt... Noch eine Frage? ... Der Herr Staatsanwalt? ... Einer der Herren Verteidiger?... Beckers. Ich möchte eine Frage ans Gericht stellen: Wird dem Dames geglaubt, daß wir die Schiffe sprengen wollten? Vorsitzender ( blickt die andern Richter an, die nickend zustimmen ). Das Gericht unterstellt als wahr, daß die Angeklagten nicht ernstlich geplant haben, die Schiffe zu sprengen. Reichpietsch ( leise zu Köbis ). Anständige Richter. Schuler. Ich behalte mir weitere Schritte gegen den Zeugen Dames vor. Dames. Schritte gegen mich?... Oberleutnant Meier hat mir Urlaub versprochen ... Vorsitzender. Der Zeuge wird nicht mehr benötigt... Gerichtsschreiber, protokollieren Sie: Der Zeuge Dames wird in allseitigem Einverständnis entlassen. (Dames hinaus.) Schuler. Eben wird mir ein Protokoll gebracht, in dem der Verhaftete Calmus Aussagen macht, die den Tatbestand grell beleuchten. Darf ich vorlesen?... ( Vorsitzender nickt. ) Aus der Untersuchungshaft wird der Angeklagte Calmus vorgeführt und sagt aus: »Ich bin am ersten August auf Urlaub nach Berlin gefahren, ich wollte die USP-Zentrale besuchen. An der Tür traf ich einen Mann, der sagte, er sei der Reichstagsabgeordnete Dittmann. Dann kam der Abgeordnete Ledebour. Wir fuhren mittels Droschke und Straßenbahn in eine noble Wohnung, wo Offiziere und Zivilisten waren.« Vermutlich, möchte ich einschalten, englische und französische Offiziere, in deutscher Uniform. »Ich bekam Essen, ein Offizier, ein Major, sagte, ich solle tüchtig zuhauen. Nach dem Essen hat mir Ledebour gesagt, wir in der Marine müßten meutern. Ich mußte meine Hand auf die Klinge des Offiziersdegens legen und schwören, mitzumachen. Dittmann hat mir fünftausend Mark in Gold oder Banknoten versprochen, wenn ich bis Ende August Unterschriften von Matrosen einschicke. Ein Offizier hat dabei mit Geld in einem Lederbeutel geklimpert. Dittmann sagte mir, er habe noch eine Extrasache für mich: Ich sollte ein Attentat auf den Kaiser mittels Höllenmaschine verüben. Da bin ich aufgesprungen, habe meinen Revolver gezogen und die Anwesenden aufgefordert, die Hände auf die Stuhllehnen zu legen und den Attentatsplan zu zerreißen. Vor Schreck haben sie es getan. Ich habe gesagt, die Organisation an Bord werde ich in die Hand nehmen, darauf habe ich mein Ehrenwort gegeben. Aber wenn ich das geringste von dem Attentat höre, werde ich die Sache melden. Nachdem ich das gesagt habe, bin ich aus dem Zimmer gesprungen.« ... So das Geständnis von Calmus. Das Reichsmarineamt hat telegraphische Benachrichtigung erhalten. Die notwendigen Schritte sind unternommen. (Bewegung.) Zweiter Verteidiger. Ich stelle auf Grund des Geständnisses von Calmus noch einmal den Antrag, den Abgeordneten Dittmann als Zeugen zu laden. Vorsitzender ( nach flüchtiger Beratung hinter Aktendeckeln ). Ich habe folgenden Gerichtsbeschluß zu verkünden: Das Gericht lehnt den Antrag der Verteidigung ab ... Bevor ich die Beweisaufnahme schließe ... Haben Sie noch etwas zu Ihrer Entlastung vorzutragen, Reichpietsch? Reichpietsch. Wenn ich reden dürfte, wie mir ums Herz ist... Vorsitzender. Reden Sie nur, wenn Sie etwas zu sagen haben. Reichpietsch. Ich muß ganz von vorn anfangen... Meine Eltern waren Portiers ... Mit acht Jahren habe ich angefangen mitzuverdienen, ich habe als Tennisjunge Bälle gesammelt, zwanzig Pfennig bekam ich die Stunde. Was ich verdiente, gab ich meiner Mutter... Ich wollte auch etwas sein... Ich bin in die Deutsche Jugendwehr eingetreten, ich habe Griffe geklopft mit Stolz und habe »Deutschland über alles« gesungen. Ich habe mich zur Marine gemeldet 1912. Da kam der Krieg. Ich habe meinen Mann gestanden bei Skagerrak ... Nach Skagerrak begann wieder der alte Kommiß ... Die Herren sollten mal leben wie wir... der Fraß, die gemeine Behandlung... Ich glaube nicht mehr an den Krieg. Ich glaube an das Gebot: »Du sollst nicht töten« ... Schuler. Ich möchte den Herrn Vorsitzenden bitten, den Angeklagten nach seinen Vorstrafen zu fragen. Es wird sich zeigen, daß er das Gebot »Du sollst nicht stehlen« weniger geglaubt. Vorsitzender ( blättert in Akten ). Sie sind vierzehnmal disziplinarisch bestraft worden? Reichpietsch. Ja. Vorsitzender. Einmal vom Feldgericht wegen Diebstahls? Reichpietsch. Ich habe nicht gestohlen. Vorsitzender. Das Geld des bestohlenen Offiziers wurde bei Ihnen gefunden. Reichpietsch. Es war das Geld aus dem Zigarettenhandel, den ein Kamerad und ich an Bord aufzogen. Weil das verboten war und weil ich meinen Kameraden nicht auffliegen lassen wollte, habe ich geschwiegen. Schuler. Als Held und Märtyrer ist er ins Gefängnis gewandert! Vorsitzender. Noch eine Frage?... Herr Verteidiger? ... Dritter Verteidiger. Ich lege dem Gericht eine Abonnementsquittung vor, aus der hervorgeht, daß der Angeklagte Weber den »Vorwärts« gelesen hat und nicht die »Leipziger Volkszeitung«. Vorsitzender. Weber? Weber. Mich hat das Geschimpfe der »Volkszeitung« abgestoßen. Dritter Verteidiger. Ich habe den Eindruck, daß Weber mehr für Scheidemann als für Dittmann eintrat. Vorsitzender. Wie ist das, Weber? Weber. Ich war immer dafür, daß die Menagekommission sich um das Essen kümmert und fertig. Ich wollte mit der Politik überhaupt nichts zu tun haben. Köbis ( leise zu Beckers ). Dieser Heuchler! Beckers ( leise ). Laß ihn doch lügen! Köbis ( leise ). Die Bande ist nicht wert, daß wir sie belügen. Vorsitzender. Was wollen Sie, Köbis? Beckers ( leise ). Halt 's Maul! Köbis. Ich bitte das Gericht, Weber zu fragen, welchen Vorwurf er uns in der Tivoli-Versammlung machte. Vorsitzender. Nun, Weber? ... ( Weber schweigt. ) Köbis, wenn Ihr Freund Weber nicht den Mut hat, dann sagen Sie es. Köbis. Gerade Weber hat uns beschimpft, weil wir es ablehnten, unsern Kameraden den »Vorwärts« gewaltsam zu verekeln. Ich habe ihm geantwortet: »Du hast kein Recht, mir Angst vor der eigenen Courage vorzuwerfen, wir sind keine Revisionisten, wir sind Revolutionäre.« (Bewegung im Saal.) Schuler ( springt auf ). Das Eingeständnis! Köbis. Jetzt spreche ich! Ich habe geschwiegen, als hier Zeugen auftraten, die sagten, ich sei der Rädelsführer gewesen. Ich habe geschwiegen, als sie mir vorwarfen, ich hätte den »Prinzregent« in die Luft sprengen wollen. Ich habe geschwiegen, und ich wollte schweigen. Mir paßte nicht, mich vor Ihnen zu verteidigen. Ich verachte Sie! Sie sind der Feind, und nicht der Heizer auf den englischen Schiffen, mit dem ich vor dem Krieg zusammen geschuftet habe und mit dem ich nach dem Kriege wieder zusammen schuften werde. Vorsitzender . Ich entziehe Ihnen das Wort! Köbis . Wir waren ja zu dumm und zu feige, um das zu tun, was die Anklage uns vorwirft! Heute bereue ich es. Wir haben auf den Reichstag, auf die Abgeordneten, auf die Zeitungen, auf die USP gehofft. Keiner hilft uns, wenn wir uns nicht selbst helfen. Wir müssen der Anarchie von oben die Ordnung von unten entgegensetzen. Ihr habt kein Recht, für Deutschland zu sprechen. Deutschland   das sind wir! Vorsitzender . Schweigen Sie, oder ich lasse Sie abführen ! Köbis . Deutschland wird unsere Stimme hören, nicht Ihre! Vorsitzender . Wünscht einer der Herren noch das Wort? ... Die Beweisaufnahme ist geschlossen ... Ich erteile dem Herrn Anklagevertreter das Wort. Schuler . Meine Herren! Ich bin mir der Schwere der Verantwortung meines Amtes bewußt. Glauben Sie, daß Sie noch an dieser Stelle sitzen würden, wenn diese Menschen ihre fluchwürdige Absicht erreicht hätten? ... Verräter, die dem Vaterland in den Rücken fallen, in einem Krieg die Flotte zugrunde richten wollen, haben zehnfach den Tod verdient... In vielen schlaflosen Nächten habe ich ... (Dunkel.) Neunte Szene Gefängnis. Zellen. Davor vergitterter Gang Auf leuchtet Zelle von Reichpietsch Reichpietsch ( sitzt am Tisch und liest ). »Geliebte Eltern! Ich hätte Euch schon lange geschrieben, was mit mir los ist. Aber ich wollte erst mein Urteil abwarten. Nun ist dieser Tag gewesen, und er ist noch schlimmer ausgefallen, als ich gedacht habe. Es ist ein Todesurteil geworden. Das hätte wohl keiner gedacht, als wir im Juni Abschied nahmen, daß es das letzte Mal sein sollte. Nun bitte ich Euch, liebe Eltern, verzeiht mir diese letzten Vergehen, damit ich ruhig in die andere Welt hinübergehen kann, wo wir uns alle einmal wiedersehen. Auch danke ich Euch für all das Gute, das Ihr mir getan habt... Nun entschuldigt, daß ich nicht mehr schreibe, aber mir ist das Herz so schwer... Grüßt Willi und Gertrud, und Euch selbst umarmt und küßt zum letztenmal Euer Sohn Max« ( Schluchzt auf, läßt den Kopf auf die Tischplatte sinken, rafft sich auf, schreibt ) »Alles, was Ihr für mich machen könnt, ist, wenn Ihr durch einen Rechtsanwalt oder durch den Stammapostel der Gemeinde ein Gnadengesuch an den Kaiser macht.. .« Auf leuchtet Zelle von Köbis (Köbis läuft hin und her, hin und her. Die Zelle wird aufgeschlossen. Herein der Pfarrer.) Pfarrer . Ich komme, eh' es zu spät ist. Geben Sie Ihren verbohrten Trotz auf, gehen Sie in sich. Bekennen Sie: Ich habe gesündigt. Bitten Sie um Gnade, vielleicht hilft Ihnen der Allmächtige in letzter Stunde. Köbis. Sparen Sie sich Ihre Worte. Ich werde nicht um Gnade bitten. Pfarrer . Sie verstockter Mensch ... Köbis. Glauben Sie, daß es mir Spaß macht zu sterben? Ich sterbe nicht gern so jung, wahrhaftig nicht. Pfarrer. Na also ... Köbis. Was heißt hier »na also?« Das ganze Volk will den Frieden. Ich habe aufgemuckt, darum sterbe ich. Es werden noch mehr folgen. Pfarrer. Sie waren Ihren Eltern ein guter Sohn ... Haben Sie die Unglücklichen vergessen? Köbis. Weiß der Kuckuck, denen hätte ich gern noch einmal die Hand gedrückt... Pfarrer. Köbis, ich meine es wirklich gut mit Ihnen. Köbis. Das kenn' ich. Das hat der Kriegsgerichtsrat gesagt, dann der Richter, jetzt sagt es der Pfarrer, und auf dem Richtplatz wird der Henker sagen: Ich meine es wirklich gut mit Ihnen ... Verfluchte Heuchelei! Pfarrer. Köbis! Sie sind nicht zu retten ... Auf leuchtet Zelle von Beckers Beckers ( klettert ans Fenster ). Willi!... Auf leuchtet Zelle von Weber Weber ( am Gitterfenster ). Was ist los? Beckers. Hast du was gehört? Weber. Nein ... Hast du was gehört? Beckers. Nein. Frag mal Sachse. Weber ( klopft an die Wand ). Du, Dicker!... Auf leuchtet Zelle von Sachse Sachse ( am Gitterfenster ). Was ist los? Weber. Hast du was gehört? Sachse. Nein ... Hast du was gehört? Weber. Nein. Sachse. Ich werde mal nach dem Aufseher schellen. (Sachse drückt auf einen Knopf, draußen fällt eine Klappe. Aufseher kommt, schließt die Zelle von Sachse auf.) Aufseher. Was wollen Sie? Sachse. Haben Sie schon was gehört? Aufseher. Wir hören sowenig wie Sie. Sachse. Gar nichts? Aufseher. Der Pfarrer war wieder bei Köbis. Sachse. Der Vorarbeiter des lieben Gottes ... Aufseher. Ihr wart zuwenig. Sachse. Wie meinen Sie das? Aufseher. Das Volk ist eben zu dumm. Ihr hattet recht, das sagen alle. Ich war Schuster in Köln, hatte mir ein paar Pfennige gespart für meine alten Tage   auch hin ... Was meinen Sie, wie lange wird der Schwindel noch dauern? Sie kennen sich doch aus in der Politik? Sachse. Solange Ihr das Maul haltet. Aufseher. Jeder ist sich selbst der Nächste. Sachse. So denkt mancher, bis ihn, haste nich gesehn, der Schinder holt ... Lassen Sie uns wieder zusammen. Aufseher. Das kann mich die Stelle kosten. Das müssen Sie verstehn. Die kennen keinen Spaß. Die schicken mich an die Front zur Strafe. Sachse. Für eine Stunde. Aufseher. Na meinetwegen. (Aufseher schließt die Zellen von Köbis, Reichpietsch, Beckers, Weber auf, läßt die vier in die Zelle zu Sachse.) Beckers. Hat keiner was gehört? (Die andern schweigen.) Verdammte Quälerei!... Nachts träume ich, ich werde hingerichtet. Ich falle um wie ein Sack, aber ich bin nicht tot, ich denke, jetzt begraben sie mich lebendig, ich will schreien: »Kameraden, Kameraden!«... Die hören mich nicht. Das Getrommel ist zu laut, rumpumpum, rumpumpum... ich kann mich nicht rühren, sie packen mich und werfen mich ins Grab ... da wache ich auf und schrei'... Reichpietsch. Der Schwindel, ein Soldat hat keine Angst vorm Tode... Ja, wenn man nichts weiß... Sachse. Du auch? ... Kinder, ich halt's nicht mehr aus, ich halt's nicht mehr aus! Weber. Sein bißchen Verstand kann man verlieren ... ( Weint.   Schweigen .) Köbis. Vorm Sterben habe ich keine Angst, nur an das Knacken der Gewehrschlösser mag ich nicht denken. Dieses verfluchte Knack-knack, Knack-knack ... (Schweigen.) Beckers. Jungens, ich habe einen Plan. Wir lassen uns nicht morden. Ich habe einen Glasscherben eingenäht in mein Unterzeug, sie haben ihn nicht gefunden beim Filzen. Sowie wir was hören, ein Schnitt in die Pulsadern! Es tut nicht weh, du spürst es kaum, du wirst müder, immer müder, das dreckige Leben rinnt fort mit deinem Blut, du denkst gar nicht mehr daran, du siehst auf deine Klamotten... ab mit Schaden! Sachse. Ja, das sollten wir tun. Weber. Zeig her den Glasscherben. (Beckers zieht ihn heraus.) Reichpietsch. Warum noch warten?... Tun wir's gleich! Beckers. Alwin, was meinst du? Köbis ( lacht ). Wär' ein Mordsspaß, den Henkern das Vergnügen zu vermasseln!... Sachse. Schuler überlebt es nicht. Beckers. Unser Aufseherchen verliert seinen Druckposten. (Alle lachen.) Köbis. Nee, Jungens, Finger weg! Es ist bitter, von diesen Leuten noch an die Wand gestellt zu werden ... Unser Blut wird nicht umsonst fließen. Reichpietsch. Wenn sie Mut hätten und uns hinrichteten vorm Werfttor in Schlicktau... Sie werden uns heimlich niederknallen und heimlich verscharren. Meuchelmord, nach dem kein Hahn kräht. Köbis. Meuchelmord ist das richtige Wort. Trotzdem! Sachse. Was haben wir getan? Woher nehmen sie das Recht?... Weber. Hat der Kaiser nicht gesagt: »Ich kenne keine Parteien mehr«? ... Waren die Sozis keine Partei? Köbis. Recht?... Macht! (Von draußen ferner Gesang.) Beckers. Still! Reichpietsch. Die Internationale! Köbis. Wahrhaftig! Reichpietsch. Die Kameraden kommen! Sachse. Sie befreien uns! Alle ( singen leise ). Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!... ( Sie brechen ab, lauschen. Der Gesang draußen verstummt .) Köbis. Betrunkene Werftarbeiter. Nur im Suff erinnern sie sich an die Internationale. (Schweigen.) Sachse. Erinnert ihr euch an den Roddei vor Skagerrak? Bis zuletzt schrie der: »Weiber her! Weiber her!« Weber. Der Roddei... Auch schon längst Fischfutter... Sachse. Wird sich bald getröstet haben, seine Minna... Beckers. Was Warmes wäre jetzt nicht ohne. Weber. So eine mit Pfundsbrüsten. Reichpietsch. So was zum Reinkneifen. Köbis. Lassen wir uns Urlaub geben ins Puff Port Arthur. Sachse. Sie fragen einem immer nach dem letzten Wunsch. Ich werde sagen, ich möchte noch mal mit der dicken Marie aus Port Arthur... Reichpietsch. Kinder, die dicke Marie... Als ich das letztemal zu ihr ging, sagte sie: »Mensch, du bist der dreizehnte, du sollst es gut haben.« Hat sich ausgezogen. Splitternackt. Sachse. Hat sie bei mir nie gemacht. Weber. Tut sie sonst nur bei Offiziersbullen. Köbis. Mir war die Kleine lieber, die Alma. Reichpietsch. Nee, auf die dicke Marie lass' ich nichts kommen. Die tat es immer so... verstehste, mit Gefühl. Weber. Gefühl?... Hat sie markiert! Köbis. Wo soll das arme Luder Gefühl hernehmen bei dreißig Mann am Löhnungstag? Sachse. Wenn die grölte mit ihrer versoffenen Stimme: \>Denn ich bin ja so jung und verführerisch, denn ich bin ja ein Mädchen fürs Geld ... Beckers. Max soll sie nachmachen. Der kann es am besten. Reichpietsch ( stellt sich in die Mitte ). Denn ich bin ja so jung und verführerisch, denn ich bin ja ein Mädchen fürs Geld ... Sachse. Max muß dazu tanzen wie die dicke Marie. Reichpietsch. Nee!... Beckers. Ist ja egal... (Reichpietsch tanzt.) Alle ( klatschen den Takt, singen ). Denn ich bin ja so jung und verführerisch, denn ich bin ja ein Mädchen fürs Geld ... (Aufseher schließt die Zelle auf.) Aufseher. Nicht so laut! Ich komme in Teufels Küche ... Rasch in die Zellen! Ihr bekommt Besuch. (Aufseher führt Köbis, Reichpietsch, Beckers, Weber in ihre Zellen. Leutnant mit Unteroffizier und vier Mann kommt.) Leutnant. Die zum Tode Verurteilten! Aufseher. Zu Befehl, Herr Leutnant. (Köbis, Reichpietsch, Beckers, Weber, Sachse werden geholt.) Leutnant. Ich habe Ihnen folgende Ordre bekanntzugeben:     »Den 3. September 1917     1. Die gegen die Angeklagten Sachse, Weber und Beckers erkannte Todesstrafe mildere ich auf fünfzehn Jahre...     2. Ich bestätige das Urteil bezüglich der Angeklagten Reichpietsch und Köbis unverändert.     gez. Scheer, Admiral, Chef der Hochseestreitkräfte.« Sachse, Weber, Beckers in die Zellen. Köbis, Reichpietsch werden sofort zur Vollstreckung abtransportiert. (Köbis und Reichpietsch blicken sich stumm an, lassen sich wortlos fesseln und werden abgeführt Dunkel.) Zehnte Szene Während sich die Bühne verdunkelt, dumpfer Trommelwirbel, der anhält. Hall marschierender Kolonnen Kommandos. Halt!   Stillgestanden!   Präsentiert das Gewehr!   Gewehr ab!   Laden!   Legt an!   Feuer! (Lauter Trommelwirbel. Rampe wird hell. Hornsignal.) Ruf. Alle Mann heraus! Achtung! Stillgestanden! (An die Rampe tritt ein Marineoffizier.) Offizier ( liest ). »Schießplatz Wahn, den 5. September 1917. Die Vollstreckung der gegen die Angeklagten Reichpietsch und Köbis am 25. August 1917 erkannten Todesstrafe fand heute vormittag statt. Zur Strafvollstreckung war ein Detachement in Stärke einer Kompanie befehligt. Das Verfahren wurde von Major von Mörs geleitet. Auf dem Richtplatz wurde den Verurteilten, während des Detachement das Gewehr präsentierte, die Urteilsformel und die Bestätigungsordre vorgelesen. Nachdem dann dem Geistlichen gestattet worden war, den Verurteilten nochmals zuzusprechen, wurden ihnen die Augen verbunden. Darauf führten je zehn in zwei Glieder verteilte, auf fünf Schritt vor den Verurteilten aufgestellte Gemeine das Urteil auf Kommando aus, und zwar vormittags 7.03 Uhr. Der zur Teilnahme an der Vollstreckung landsturmpflichtige Arzt Werner stellte 7.04 Uhr den sofort eingetretenen Tod beider Verurteilter fest.« (Offizier geht ab. Dunkel.) Elfte Szene Ende September 1917. Portierwohnung in Berlin. Küche. Von draußen Leierkastengedudel und Klopfen von Teppichen Frau Reichpietsch. Die weiß auch nicht, daß heute Mittwoch ist. Das ist die Neue vom Kanzleivorsteher. Portier Reichpietsch (zum Fenster hinausrufend) . Sie, Fräulein, Teppichklopfen ist heute verboten! Was?... Ausnahme?... Da würden mir die andern wieder schön auf den Kopf steigen. Frau Reichpietsch. Die ist vom Land. Auf beide Backen doof. (Es klingelt.) Reichpietsch (am Gangfenster) . Zu wem wünschen Sie?... Zu Doktor Miericke?... Dritte Etage links... Nee, der Fahrstuhl ist außer Betrieb. (Schließt das Fenster.) Der Doktor hat sich beschwert, weil der Fahrstuhl nicht repariert wird. Frau Reichpietsch. Hast es dem Kommerzienrat nicht gesagt? Reichpietsch. Natürlich hab' ich. »Soll er ausziehn, nach Palästina«, hat er geantwortet. »Im Krieg geht noch mehr kaputt als Fahrstühle.« Frau Reichpietsch. Der hat's nötig, große Bogen zu spucken! Was weiß der vom Krieg! (Es klingelt.) Reichpietsch (am Gangfenster) . Zu wem?... Herrn Reichpietsch? Der bin ich selber. Kommen Sie 'rein! (Matrose herein.) Frau Reichpietsch. Ach, Sie kommen gewiß vom Max! Reichpietsch. Wollen Sie sich nicht setzen? Frau Reichpietsch. Ein Täßchen Kaffee werden Sie doch mit uns trinken? Malzkaffee... Immer noch besser als die olle Rübensuppe. Reichpietsch. Was macht der Max? Der läßt rein gar nichts von sich hören, der Junge. Frau Reichpietsch. Mecker man nich, Vater! Er wird wohl nicht haben können. Max ist immer ein bißchen langsam im Schreiben. Matrose (leise) . Ja, wissen Sie denn... (Bricht ab.) Reichpietsch. Der Willi ist in Frankreich, der hat erst gestern wieder geschrieben. Er wurde in die Strafkompanie versetzt und weiß nicht, warum... Er liegt vor Arras. Frau Reichpietsch. Willi ist der Bruder von Max. Matrose. Von Willi hat der Max nie erzählt. Frau Reichpietsch. Zwölfe hatte ich. Zwölf Kinder... neun sind gestorben. Reichpietsch. Was redst du... zwölf! Ist ja gar nicht wahr! Frau Reichpietsch. Werde ich doch wissen! Hast du sie geboren oder ich?... Reichpietsch. Red doch nicht, Mutter! Frau Reichpietsch. Seh sich einer das an! Schämt sich der Mann, daß er zwölf Kinder in die Welt gesetzt hat! Hättest dich vorher schämen sollen, Vater! Vorher! Vorher! (Lacht.) Reichpietsch. Ich werde mal das Fenster zumachen. Die Musike will auch nicht aufhören. Matrose. Entschuldigen Sie, Frau Reichpietsch... ich gehe lieber... Frau Reichpietsch. Wie denn? Erzählt haben Sie gar nichts ... Matrose. Es ist wohl besser... Frau Reichpietsch. Was ist denn, ist der Max krank? Matrose. Sie wissen wirklich nichts? Reichpietsch. Was sollen wir denn wissen? Frau Reichpietsch. Nu reden Sie schon! Sie machen einem ja richtig angst! Matrose. Max ist erschossen! Frau Reichpietsch (aufschreiend) . Jesus! Reichpietsch. Sagen Sie das noch mal! Matrose . Max ist erschossen! Reichpietsch . War denn wieder eine Seeschlacht? ... In der Zeitung stand nichts drin. Matrose . Früher oder später werden Sie es doch erfahren. Ihr Sohn und Köbis aus Neukölln wurden vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt und erschossen ... (Frau Reichpietsch weint, am Tisch sitzend, vor sich hin.) Reichpietsch . Wann wurde Max erschossen? Matrose . Am fünften September. Reichpietsch . Und heute ist der neunzehnte ... Matrose . Ja, haben Sie denn nicht seinen Brief bekommen? Wir dachten alle, Sie würden ein Gnadengesuch einreichen? Reichpietsch . Ein Gnadengesuch? Matrose . Max hatte Sie doch darum gebeten... Er hat es dem Posten erzählt, der bei ihm Wache stand. Reichpietsch . Gar nichts haben wir bekommen... gar nichts ... Matrose . Dann hat der Kriegsgerichtsrat den Brief nicht abgeschickt. Reichpietsch . Gar nichts haben wir bekommen, gar nichts ... Matrose . Ist das menschenmöglich?! Reichpietsch . Gar nichts ... gar nichts ... Matrose . Er war ein braver Junge. Alle Kameraden wissen es. Reichpietsch . Als er im vorigen Jahr auf Urlaub war, wollte er sich freiwillig nach Frankreich melden. Meine Frau hat gesagt: »Führe unsern Herrgott nicht in Versuchung.« Matrose . Wir werden ihn nicht vergessen. Reichpietsch . Sehen Sie hier, das Kästchen, das hat er geschnitzt, als er bei Güldenstein in der Brandenburgischen Straße auf Arbeit war... war seine liebste Stelle... Sauber ist das Kästchen gemacht, nicht? Matrose . Adieu, Frau Reichpietsch, adieu, Herr Reichpietsch! (Matrose geht.) Reichpietsch (geht zu seiner Frau, die, vor sich hin starrend, am Tisch sitzt) . Mutterchen, Mutterchen ... Frau Reichpietsch . Glaubst du das, Vater? Reichpietsch . Mutterchen ... Frau Reichpietsch . Der Max soll nun tot sein? (Reichpietsch schweigt.) Das ist nicht wahr ... Das dürfen sie nicht ... Das dürfen sie nicht ... Sie dürfen mein Kind nicht totschießen! ... (Dunkel.) Zwölfte Szene 1918. 2. November. Reede von Kiel Szene wie im zweiten Bild Telephonist und Sprachrohr. Heizraum eins bleibt klar? Maat. Heizraum eins bleibt klar! (Ablösung kommt.) Im Heizraum I Erster Heizer ( zum Abgelösten ). Na, Hein, dein Feuer ist aber niedrig. Zweiter Heizer ( Abgelöster ). Mit deinem Maul wirst du es schon hochblasen, Pit. Puste man, oder winke Frieda, das Mädchen hilft dir. Dritter Heizer. Liegt Kohle genug vor? Erster Heizer. Welche Feuer müssen wir reinigen? Zweiter Heizer ( Abgelöster ). Feuer eins und vier. (Obermaat kommt.) Maat. Zwote Wache abgelöst. Dampfstand vierzehn Atmosphären. Lenzpumpen angestellt. Heizraum eins alles klar. Rufe. Adjö, Hein!   Adjö, Pit!   Soll ich Lottchen grüßen?   Mensch verdufte! (Abgelöste Heizer gehen.) Zweiter Heizer. Du, koch Kaffee. Dritter Heizer. Hol Brot! (Die Heizer arbeiten.) Erster Heizer. Schweinerei, sag' ich! Dritter Heizer. Was brauchen wir an Land zu gehn, wir können das Land von Bord aus sehn ... Sprachrohre . Heizraum eins ... zwei... drei... alle Kessel klar! Zweiter Heizer. Hast du gehört, Hein? Sprachrohre. Erste Bereitschaft!... Dampfer binnen zwei Stunden klar! Rufe. Was ist los?   Dicke Luft! (Läufer kommt.) Zweiter Heizer. Weißt du was? Läufer. Ich habe munkeln hören, wir sollen 'rausfahren. (Heizer für Heizraum I und II kommen.) Stimmen. Die englische Flotte soll vor Helgoland kreuzen.   Das glaubst du selber nicht!   Unsere Minensperre liegt so weit, daß die gar nicht 'rankommen.   Und unsere U-Bootsfallen sind ein Dreck? (Ingenieur kommt.) Ingenieur. Dalli, dalli, Leute!... Ihr Feuer hat ein Loch... Das Wasser steht schlecht... Obermaat, Asche lenzen... Obermaat. Zu Befehl, Herr Ingenieur. Ingenieur. Also, Jungens, in zwei Stunden geht's 'ran an den Engländer. Jetzt kommt das deutsche Trafalgar... (Ingenieur geht.   Klingeln der Telephone. Klingeln der Maschinen-Telegraphen.) Telephonist und Sprachrohre. Mittelmaschine klar! ... Backbordmaschine klar!... Steuerbordmaschine klar!... Telephonist. Heizraum eins klar! ... Heizraum zwei klar!... Heizraum drei klar!... (Lampen aufleuchten, rot, dann blau.) Obermaat. Auf werfen!... Durchstoßen!... ( Zum Rekruten .) Wasser messen! Rekrut. Null Prozent. Obermaat. Lenzpumpen anstellen! Telephonist und Sprachrohre. Backbordmaschine kleine Fahrt voraus! (Matrose herein.) Obermaat. Was willst du? Matrose. Halt 's Maul!... Kameraden! Die Hochseeflotte soll auslaufen. Die Offiziere sagen: »Siegen oder in Ehren untergehen.« Können wir siegen? Wir haben heute nicht den 4. August 1914, wir haben heute den 4. November 1918. Österreich-Ungarn, Bulgarien, die Türkei haben Schluß gemacht. Das Waffenstillstandsangebot der Obersten Heeresleitung zeigt klipp und klar, das deutsche Heer kann nicht mehr, die U-Boote schaffen es nicht, wir sind am Ende. Für die Ehre unserer Offiziere Zehntausende opfern? ... Wollt ihr das? Alle. Nein! Matrose. Ich frage euch. Dampf auf oder alle Kessel Feuer aus? Einer. Reißt die Feuer aus den Kesseln! Alle. Feuer aus den Kesseln! Einzelne ( an Sprachrohren und Telephonen ). Feuer aus den Kesseln!   Feuer aus den Kesseln! (Aus den Feuerlöchern reiben die Matrosen die Glut.) Rufe. Da kommt unser Kapitän! Matrose. Herr Kapitän, die Mannschaft hat die Führung des Schiffs übernommen. Kapitän. Das ist der Zusammenbruch. Matrose. Der Monarchie, Herr Kapitän, nicht Deutschlands. Kapitän ( nach kurzer Pause ). Euch ist nicht zu helfen ... Jetzt zeigt, was ihr könnt! Matrose. Werden wir... Hein, führe den Kapitän in seine Kajüte. Du bleibst als Posten. Anderer. Und was wird mit den Kameraden, die sie gestern verhaftet haben? Anderer. Die holen wir 'raus! Anderer. Auf zum Militärgefängnis! Anderer. Die Bordkapelle an die Spitze! Alle. Auf zum Militärgefängnis! ( Während die Bühne sich verdunkelt, schallt unaufhörlich der Ruf: »Feuer aus den Kesseln!«, leiser und leiser werdend. Am Horizont: Masten vieler Kriegsschiffe. Durchs Werfttor marschieren Matrosen, voran die Bordkapelle. Die Rufe »Feuer aus den Kesseln!« werden übertönt von Marschmusik. Die Bühne schließt sich. ) Auswahl aus dem dokumentarischen Anhang der Erstausgabe des historischen Schauspiels »Feuer aus den Kesseln« Diese Dokumente sind   bis auf die besonders bezeichneten   entnommen der 4. Reihe im Werk des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses: »Die Ursachen des deutschen Zusammenbruches im Jahre 1918«. Herausgegeben im Auftrage des Deutschen Reichstags. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte, Berlin 1928   Divisionsbefehl »Allen Mannschaften und Unteroffizieren ist das Lesen sozialistischer Zeitungen und Schriften verboten. Gegen alle Unbotmäßigkeiten der Mannschaften ist mit aller Schärfe vorzugehen.« gez.: Bachmann Aus Sachse: »Von der Mobilisation zur Rebellion« Jeder rechtschaffene, unverzagte und ehrliebende Soldat darf der Anerkennung und des Wohlwollens seiner Vorgesetzten sicher sein.« (Artikel 3 der Kriegsartikel)   Das Wohlwollen Immer und immer wiederholen sich die Klagen von der Front her über Zurücksetzung der Mannschaften, Erbitterung erregende Bevorzugung der Offiziere bei der Verteilung der Liebesgaben, ja auch über direkte Hintanhaltung von für Mannschaften gelieferten Gaben pp. durch Stellen, welche die Verteilung vorzunehmen hatten. Es ist sehr betrübend, daß auf unser Offizierskorps durch solche Vorkommnisse einmal allgemein ein sehr schlechtes Licht fällt, andererseits wird dadurch die Arbeit der Frauenvereine und des Roten Kreuzes, für uns Werbende, in ganz unerträglicher Weise erschwert, zum Teil unmöglich gemacht. Zum Beispiel erfahre ich kürzlich: Ein Mann verbietet seiner Frau, sich ferner an Liebesgaben zu beteiligen, weil er Zeuge war, daß bei Verteilung von Liebesgaben die Offiziere den Wein ausgetrunken hätten (30 Flaschen), die Mannschaften je etwa 7 Zigaretten erhielten. Auf einem Schiffe sind die Mannschaften zur Zufriedenheit und Sparsamkeit betreffend Verbrauch von Lebensmitteln durch die Offiziere ermahnt, am selbigen Tage veranstalteten die Offiziere ein Essen mit 7 (sieben) Gängen, so daß die Mannschaft vor Erbitterung schäumt. Während die Mannschaften schwerste Dienste tun müssen, betrinken sich die Offiziere und schikanieren nachher im angetrunkenen Zustande, die herrschende strenge Disziplin mißbrauchend, die Leute. Wieviel von dem allen übertrieben ist, weiß ich nicht, daß vieles über Erfragen vieler wahr ist, läßt sich nicht bestreiten, weil von Leuten, gelegentlich ihres Urlaubs, an die Ihrigen mit Erbitterung erzählt, deren Wahrhaftigkeit nicht angezweifelt werden darf. Bestimmte Fälle öffentlich oder behördlich zu kennzeichnen, darf sich niemand erlauben, aus Furcht davor, seinen Lieben draußen ihr schweres bitteres Los noch mehr zu erschweren. Meines Erachtens wäre es aber doch unbedingt notwendig, solche Fälle an der richtigen Stelle zur Sprache zu bringen, damit einmal mit kräftigstem Besen gekehrt wird. Es werden ja geradezu Sozialdemokraten gezüchtet und schlimmster Samen zur Lockerung der Disziplin durch solche Taktlosigkeiten einzelner Offizierskreise ausgestreut und die wunderbare Arbeit des Roten Kreuzes illusorisch gemacht. Überhaupt ist das Mißtrauen gegen Höhergestellte durch nachgewiesenermaßen vorgekommene selbstsüchtige Ausnutzung von Liebesgaben so in die Saat gegangen, daß fast jede Gebefreudigkeit dahin ist. Ich mußte dieses einmal niederlegen und zur Erwägung geben, ob von seiten des Ausschusses etwas zur Besserung getan werden kann. Ich stehe mitten im Volksleben, bin mehr, wie manch anderer in meiner Stellung, in der Lage, die Regungen der Volksseele zu belauschen. Ich gebe mich gern aus in der Aufrüttelung der niedergehenden Begeisterung und Kraft des Volkes zum Siegeswillen. Kein Opfer des Krieges, keine Entbehrung, kein Eingriff in die Selbstbestimmung wirkt so lähmend und ist so unüberwindlich hindernd in der Arbeit als die vielen Enttäuschungen und offenbaren Verfehlungen angegebener Art in der kämpfenden wie in der Heimarmee; wir können aber nicht entgegnen. Aus dem Brief eines Pfarrers an Admiral Bachmann vom 16. 3.1917 (a. a. O. X, 1 S. 183 f.)   »Willkürherrschaft« In der ganzen Flotte hatte die geringschätzige Behandlung der Unteroffiziere und der Mannschaft durch die Offiziere, durch die häufig eines gebildeten Mannes unwürdige Ausdrucksweise der letzteren, ihren Eigennutz und die lockere Dienstauffassung, kurz durch die während des Krieges in erschreckender Weise hochgekommene Willkürherrschaft der oberen Vorgesetzten eine solche Erbitterung unter den Besatzungen hervorgerufen, daß es kein Wunder ist, wenn es zur Meuterei im Jahre 1917 kam. Die Offiziere suchen aber hierbei nicht die Schuld bei sich selber, sondern wollen durch übermäßige Strafen ihre gesunkene Autorität wiederherstellen. Auf »Nürnberg« wurden vom November 1917 bis April 1918, also in fünf Monaten, allein vom 1. Offizier an Strafen verhängt: Mittelarrest 230 Tage Gelinder Arrest 18 Tage Strafexerzieren 152 Stunden Strafwachen, Strafrapporte 59 Stunden ( a. a. O. X, 1 S. 175 )   Die »Flottenmeutetei« Am 31. Juli, abends 10 Uhr begann der Anfang vom Ende. Am 1. August hatte unsere 1. Heizerwache Freiwache, die morgens durch eine Kinovorführung ausgefüllt werden sollte. Unser Wachoffizier, Ing. Hoffmann, ein zwar nicht übler, aber etwas linkischer Vorgesetzter, gab am Abend vorher den Dienst als Freiwache heraus. Aber statt Kinodienst   der uns zustand   setzte er militärischen Dienst fest. Das war eine Strafe, und wir empfanden es auch so. Statt Freizeit: mit der ›Knarre‹ auf dem großen Exerzierplatz üben! Darnach sehnte sich niemand von uns. Aber wir fühlten die Absicht, uns zu schuriegeln, deutlich heraus. Wir besprachen die Maßnahme sofort und beschlossen, dem angekündigten Strafdienst auszuweichen. Zehn Tage vorher waren 240 Mann von der »Pillau«-Besatzung ausgerückt, weil man ihnen den versprochenen Urlaub willkürlich verweigert hatte. Der einsichtige Kommandant hatte diesen ›Ausflug‹ mit drei Stunden Strafarbeit gesühnt.   Das wirkte begünstigend auf uns.   Vor Mitternacht noch schrieb ich auf die Befehlstafel: »Wenn morgen früh kein Kino, dann Ausflug ohne Erlaubnis!« Der 2. August war angebrochen, graue Wolken trieben am Himmel, und gegen 7 Uhr begann ein lebhaftes Treiben auf unserm Schiff. Alle rüsteten sich zum Ausmarsch. Allmählich leerten sich die Mannschaftsräume, und Scharen von Heizern und Matrosen strebten durch das in der Nähe liegende Werfttor, dem großen Exerzierplatz zu. Der wachhabende Offizier auf der Schanze muß wohl Verdacht geschöpft haben. Viele strömten an Land, aber keiner kehrte zurück!... In Rüstersiel, das wir nach einer Stunde erreichten, zogen wir in den Saal der Wirtschaft »Zum weißen Schwan« ein. Das war ein Gewimmel! Das ganze glich einem Brutplatz großer Wasservögel nach einem Gewitterregen. Während ich mit einer Anzahl Matrosen unser Verhalten nach der Rückkehr an Bord besprach, bestieg Köbis die Bühne und setzte den Versammelten den Zweck und das Ziel unseres Ausmarsches auseinander. »Wir wehren uns, weil man uns bedrückt!« war der Sinn seiner Rede. Unter großem Beifall schloß er mit den Worten: »Nieder mit dem Krieg!« ... Aus: Hans Beckers »Wie ich zum Tode verurteilt wurde« (Verlag Ernst Oldenburg, Leipzig 1928)   Prozeß gegen die Meuterer Wer die Wahl hat, hat die Qual (Altes deutsches Sprichwort) Manchmal wurden wir wohl zwanzigmal am Tage verhört. Man hat uns fast damit verrückt gemacht. Köbis sagte zu mir, Dobring hätte gesagt, er würde bestimmt das Todesurteil für ihn beantragen, und das Gericht müßte sich seinem Antrag beugen. Ich denke noch an das traurige und auch trotzige Gesicht von Köbis. Er machte sich weniger daraus. Vor Köbis hatte Dobring scheinbar Angst. Einmal war Köbis bei Dobring zum Verhör, sie waren allein, der Schreiber mußte wohl hinausgehen. Da legte Dobring seinen Dienstrevolver neben sich auf den Tisch, legte den kleinen Finger auf den Drücker der Klingel und lehnte sich zurück und sah Köbis mit höhnischer Miene an. So haben sie fünf Minuten gestanden. Er hat wohl Angst vor ihm gehabt. Köbis sagte: »Er meint wohl, ich greife ihm an die Gurgel; dazu ist er mir viel zu schlecht.« Zu gleicher Zeit erzählte mir Sachse und Reichpietsch, daß sie bei Dr. Dobring zum Verhör zusammengekommen wären. Da hätte Dr. Dobring auf ein Blatt Papier einen Galgen gemalt und einen Revolver daneben gelegt und gesagt: »Das ist ein Revolver und ein Galgen; entweder Sie werden nur erschossen oder erhängt, das hängt von, Ihrer Aussage ab, ob Sie nur erschossen werden oder erhängt.« Aussage Beckers vor dem Untersuchungsausschuß des Reichstags (a. a. IX, 2 S. 284) Der Brief zur Charakterisierung Reichpietschs, der in der 6. Szene des Dramas an Staatssekretär Capelle geschrieben wird, ist dokumentarisch und befindet sich in den Akten des Untersuchungsausschusses.   Wie Protokolle entstehen Der Dobring erklärte damals, das das Eintreten für einen annexionslosen Frieden schon vollendeten Hochverrat bedeute und daß mich nichts vor einer Todesstrafe schützen könnte. Ich wurde mehrmals vernommen, ohne daß ich etwas Positives aussagen konnte, bis mir eines Tages Dr. Dobring ein Protokoll von dem Gerichtsschreiber vorlesen ließ, in dem geschildert wurde Aufbau und Ziele der Organisation (die gar nicht bestanden hat), mit dem Endzweck, durch Mithilfe der USPD, einen annexionslosen Frieden mit Gewalt und durch Aufstand zu erzwingen, und erklärte mir: »Nicht wahr, Michalski, dieses Protokoll ist richtig. Unterschreiben Sie es!« Dasselbe Manöver machte Dobring mit dem Heizer Adomeit. Adomeit sowie ich unterschrieben mit Vorbehalt, da uns der Kriegsgerichtsrat Dobring erklärte, daß nicht wahre Angaben sofort geändert und gestrichen würden ...   Artikel des Matrosen Michalski »Die Stimmen der Feldgrauen« im »Vorwärts« (a. a. O. IX, 1 S. 371) Was hätte Dittmann im Prozeß gegen Köbis, Reichpietsch unter seinem Eid erklärt? Dittmann: »Die Sozialdemokratie und auch die USP hatten immer offen erklärt, daß die Landesverteidigung Pflicht jedes Deutschen sei. Das hat Haase stets betont. Auch Ledebour hat gegen den Verteidigungsnihilismus sich immer gewandt.« R. A. Martin: »Wie verträgt sich diese Äußerung des Zeugen mit seiner Tätigkeit in bezug auf die Flottenmeuterei?« Dittmann (sehr erregt): »Ich verbitte mir diesen unerhörten Angriff. Ich bin nie an der Flottenmeuterei beteiligt gewesen. Ich werde Sie deshalb gerichtlich belangen.«   Prozeßbericht von Magdeburg im »Vorwärts« vom 10. Dezember 1924 Der Kampf der USP war ein politischer Kampf und hatte mit militärischer Sabotage nichts gemein, weder mit Deserteurpropaganda noch mit Meutereien von Heeres- und Marineangehörigen. Jeder, der damals uns gegenüber von Dienstverweigerung gesprochen hätte, wäre von uns als Spitzel betrachtet und behandelt worden. So fern lag unseren in jahrzehntelanger sozialistischer Schulung entstandenen Vorstellungen der Gedanke der militärischen Sabotage. Dittmann: Die Marine-Justizmorde S. 38 f.   Zum Tode verurteilt Gericht des IV. Geschwaders. Urteil in der Untersuchungssache gegen 1. Oberheizer Willy Sachse, Max Reichpietsch, Willy Weber S. M. S. »Friedrich der Große« 2. Heizer Köbis, Beckers S. M. S. »Prinzregent Luitpold« wegen Kriegsverrats hat ein auf Befehl des Gerichtsherrn und Chefs des IV. Geschwaders zusammengetretenes Feldkriegsgericht in der Sitzung vom 25. August 1917 für Recht erkannt: Die Angeklagten werden verurteilt: 1. Wegen vollendeter kriegsverräterischer Aufstandserregung: Reichpietsch, Beckers, Köbis, Sachse, Weber zum Tode, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebensdauer und Entfernung aus der Marine... (A. a. O. X, 1 S. 321 ff.) Aus der Urteilsbegründung Bereits zu Beginn des Jahres 1917 machte sich in der Flotte, wohl infolge der russischen Revolution, eine Bewegung geltend, die aus vorhandenen oder vermuteten Mißständen genährt wurde. Ein Teil der Mannschaften glaubte, Kritik an der Verschiedenheit des Essens für Offiziere und Mannschaften üben zu müssen. Vornehmlich mag es aber die Untätigkeit sein, zu der das Gros der Schlachtflotte mehrfach für längere Zeiträume verurteilt ist, auch der Wunsch nach baldigem Frieden, der die Unzufriedenheit nährte und die Köpfe verwirrte ... Am 21. Juni fuhr der Angeklagte Reichpietsch von »Friedrich der Große« nach Berlin, um sich angeblich bei der Parteileitung der USPD Auskunft über Menageangelegenheiten und ein Verbot des Haltens sozialdemokratischer Zeitungen der USPD zu holen. Er hatte mit dem Abgeordneten Dittmann in dessen Schreibstube und weiterhin mit den Abgeordneten Vogtherr, Haase, nochmal wieder Dittmann und der Frau Luise Zietz im Reichtagsfraktionszimmer längere Unterredungen ... Nach der Rückkehr, des Reichpietsch von Berlin kam nach Angaben Sachses die Bewegung unter den bis dahin beteiligten Flottenmannschaften mit dem letzten Ziele der USPD, nötigenfalls die gewaltsame Durchführung der Stockholmer Konferenzbeschlüsse durch einen Flottenstreik zu unterstützen, mehr in Fluß. Insbesondere war man fest entschlossen, bei Hungerstreiks die Befehle, auf aufständische Massen zu schießen, nicht durchzuführen... Als Zentralleiter der ganzen Bewegung haben Reichpietsch, Sachse und Weber für ihre Tätigkeit und deren Folgen voll und ganz einzustehen. Es lag deshalb keine Veranlassung vor, bei diesen drei Angeklagten gemäß § 58 Abs. 2 einen minder schweren Fall anzunehmen. Ebenso verneinte das Gericht bei den Angeklagten Beckers und Köbis einen minder schweren Fall. Diese beiden Angeklagten haben ebenfalls eine Hauptrolle in der ganzen Bewegung gespielt, insbesondere auch einen wesentlichen Anteil an dem Massenstreik am 1. und 2. August auf S. M. S. »Prinzregent Luitpold«. Gegen diese fünf Angeklagten erkannte das Gericht daher gemäß § 58 Abs. 1 MilStGB. auf Todesstrafe. (A. a. O. X, 1S. 321 ff.) Bestätigungsorder Ich bestätige das Urteil: 1. Bezüglich der Angeklagten Reichpietsch und Köbis unverändert. 2. Die gegen die Angeklagten Sachse, Weber und Beckers erkannte Todesstrafe mildere ich auf Zuchthausstrafen von je 15   fünfzehn   Jahren. gez. Scheer Die Richtigkeit der Abschrift beglaubigt gez. Martini Marine-Hilfs-Kriegsgerichtssekretär. (A. a. O. X, 1 S. 321 ff.) Abschiedsbrief Reichpietschs an seine Eltern Donnerstag, den 30. 8.1917 Geliebte Eltern! Ich hätte Euch schon lange geschrieben, was mit mir los ist, aber ich wollte erst mein Urteil abwarten. Nun ist der Tag gewesen, und er ist noch schlimmer ausgefallen, als ich gedacht hatte. Es ist ein Todesurteil geworden. Ob es vollstreckt wird oder ob es durch die Gnade des Kaisers verhindert wird, liegt in Gottes Hand. Ich habe keine Hoffnung mehr und habe mit dem Leben abgeschlossen. Das hatte wohl keiner gedacht als wir im Juni Abschied nahmen, daß es das letztemal sein sollte. Nun bitte ich Euch, liebe Eltern, verzeiht mir diese letzten Vergehen, damit ich ruhig in die andere Welt hinübergehen kann, wo wir uns alle einmal wiedersehen. Auch danke ich Euch für all das Gute, was Ihr an mir getan habt... Teilt mir bitte die Adresse und den Namen des Vorstehers oder Apostels der Gemeinde von hier mit... Und wenn Ihr noch mehr und Näheres über mein Vergehen wissen wollt, so schreibt an den, der Euch auf meinen Antrag hin zum erstenmal geschrieben hat. Nun entschuldigt, daß ich nicht mehr schreibe; aber mir ist das Herz so schwer, daß es mir unmöglich ist, noch mehr zu schreiben. Denn es ist traurig, als junger Mensch in der Blüte der Jahre, mit einem Herzen voll Hoffen und Sehnen, schon sterben zu müssen, sterben, durch harten Richterspruch. Grüßt Willi und Gertrud, und Euch selbst umarmt und küßt zum letzten Male Euer Sohn Max. Alles, was Ihr für mich machen könnt, ist, wenn Ihr durch einen Rechtsanwalt oder durch den Stammapostel ein Gnadengesuch an den Kaiser macht, in dessen Hand augenblicklich mein Leben ruht und dessen Hand auch mildtätig wirken wird. (A. a. O. IX, 1 S. 77) Diesen Brief haben die Eltern des Reichpietsch erst mehrere Wochen nach seinem Tode erhalten. Über seine Zurückhaltung äußert sich Korvettenkapitän Canaris, der Vertreter des Reichsmarineamts, in dem Untersuchungsausschuß des Reichstags: »Hierzu ist zu sagen, daß tatsächlich der Brief durch ein Versehen zu spät abgeliefert worden ist. Es ist selbstverständlich, daß dieses Versehen als außerordentlich bedauernswert bezeichnet werden muß, es wird aber bis zu einem gewissen Grade dadurch erklärt, daß der ohnehin überlastete Kriegsgerichtsrat in den fraglichen Tagen Hunderte von Briefen vorgelegt bekam. Der Kriegsgerichtsrat, um den es sich hier handelt, ist seinerzeit, wie aus den Akten hervorgeht, gerügt worden. Von einer Absicht oder einer Roheit der Gesinnung kann keine Rede sein.« (A. a. O. IX, 1 S. 135) Abschiedsbrief Köbis' an seine Eltern Köbis hat sich in der Angabe der Daten geirrt. Der Brief ist im Original erhalten. Liebe Eltern! Ich bin heute, den 11. 9. 1917 zum Tode verurteilt worden, nur ich und noch ein Kamerad, die andern sind zu 15 Jahren Zuchthaus begnadigt worden. Warum es mir so ergeht, werdet Ihr ja gehört haben. Ich bin ein Opfer der Friedenssehnsucht, es folgen noch mehrere. Ich kann der Sache nicht mehr Einhalt gebieten; es ist jetzt 6 Uhr morgens, um 6.30 Uhr werde ich nach Köln gebracht. Mittwoch den 12. 9. 4 Uhr morgens falle ich, ein Opfer der Militärjustiz. Ich hätte Euch gern noch einmal die Hand zum Abschied gedrückt, aber ich werde stillschweigend erledigt. Tröstet Paula und den kleinen Fritz. Ich sterbe zwar nicht gern so jung, aber ich sterbe mit einem Fluch auf den deutschen Militärstaat. Das sind meine letzten Zeilen. Vielleicht bekommst Du und Mutter diese einmal zugesandt. Auf immer Euer Sohn. Lieber Kamerad! Wenn Du solltest bald die Freiheit bekommen, sende dieses an Herrn Karl Köbis Berlin-Reinickendorf Chausseestraße 16   Ruhe und Ordnung durch Noske In der Kieler, Bahnhofshalle hat es stets ein Gewimmel von Blaujacken gegeben. Als ich die Bahnsperre passierte, stutzte ich doch beim Anblick der vielen Soldaten mit einem Gewehr in der Hand. In dem Augenblick rief jemand meinen Namen. Da erdröhnte die Halle von brausendem Hurra, und hundert Hände streckten sich mir entgegen. Eine Schar der Bewaffneten drängte meine Begleiter von mir ab und schob mich nach dem Ausgang zu. Die Leute hatten von meinem Kommen gehört. Dem Namen nach war ich vielen aus meiner Parlamentstätigkeit bekannt. Ohne Überlegung, was ich von ihrem Verhalten denken könnte, nahmen sie mich als ihren Wortführer in Beschlag... Ein ganz klares Bild von der Lage in Kiel konnte ich naturgemäß noch nicht haben. In meiner kurzen Ansprache beschränkte ich mich deshalb auf allgemeine Betrachtungen, die der politischen Lage entsprachen, und schloß mit der nachdrücklichen, mit großem Beifall aufgenommenen Aufforderung, Ordnung zu bewahren ... Die Erfüllung der Forderungen (der aufständischen Matrosen, E. T.) hing nicht vom Willen der Offiziere ab, sondern sie konnten nur nach Berlin der Regierung übermittelt werden. Das viele Reden war deshalb zwecklos. Aber die deutsche Revolution ist ohne unendlich lange Sitzungen und zahllose Reden nicht denkbar... Zu 1 Uhr mittags war wieder eine große Demonstrationsversammlung auf dem Wilhelmsplatz angesagt, in der Bericht erstattet werden sollte. Kurz vorher setzte ein heftiger Regen ein, den ich deswegen begrüßte, weil zu erwarten war, daß er eine ganze Anzahl von Leuten von der Straße vertreiben würde. Ich erinnerte mich, irgendwo gelesen zu haben, daß eine Revolution noch in den seltensten Fällen gemacht worden sei, wenn die Leute einen Regenschirm brauchten ... Am Freitag, dem 8. November, ließ ich alle Kommandanten und höheren Beamten der Intendantur nach der Station kommen, um die Sachlage zu schildern und mich ihrer Mitarbeiterschaft zu vergewissern. Auch dabei war kein Soldatenratsmitglied zugegen. Statt in prunkender Uniform waren alle Offiziere im Zivilrock erschienen. Mir war daran gelegen, eine persönliche Kränkung der Herren möglichst zu vermeiden... Sie hatten in den letzten Tagen Furchtbares erlebt und waren tief erschüttert. Daß ich mit vollem Verständnis für ihre Lage zu ihnen sprach, hat mir bei ihnen ein Vertrauen verschafft, ohne das eine Erledigung der Geschäfte unmöglich gewesen wäre. Wer nicht überflüssig wurde, blieb auf seinem Posten, trotz vieler Widerwärtigkeiten, die in den Kauf genommen werden mußten... Ein Kapitänleutnant von einem Schlachtschiff schrieb am 12. November, daß er alle seine Kraft in den Dienst des neugegründeten Staates stellen wolle: »Ich will mitarbeiten an seinem Aufbau, dieser Organisation, wo immer meine Arbeitskraft zum Nutzen der sozialdemokratischen Sache gebraucht werden sollte...« Aus einer Garnison schrieb mir am 14. November der Major beim Stabe eines Regiments: »Als alter Militär erlaube ich mir, Euer Hochwohlgeboren meine ganz besondere Anerkennung und Hochachtung für die ganz ungewöhnliche umsichtige und hinreißende Art auszusprechen, mit der Euer Hochwohlgeboren Ruhe und Ordnung in Kiel und Umgebung hergestellt haben, wie sie so gründlich und vollkommen wohl kaum anderen gelungen wäre...« Aus: Gustav Noske »Von Kiel bis Kapp«   Er war imstande, die »Leute« mit der größten Ruhe noch einmal zu erschießen Ich habe mich sehr darüber aufgeregt, als ich bei Gelegenheit der Berichte über den Münchner Dolchstoßprozeß las, daß Herr Dr. Dobring die Stirn gehabt hat, in München bei dem Prozeß zu sagen, er habe niemals die Angeklagten beeinflußt. Herr Dr. Dobring hat wiederholt bei jeder möglichen Gelegenheit gesagt: »Sie sind doch dem Tode geweiht, Sie haben doch nichts zu riskieren.« Sogar als man etwas zur Ruhe gekommen war, wollte er noch aus uns herauspressen, daß Herre damals die Hauptkanone der USPD für uns gewesen sein soll. Er sagte: »Sie dürfen die Leute nicht in Schutz nehmen, Sie müssen das sagen.« Ich hatte tatsächlich das Gefühl, als wenn er mich dazu verleiten wollte, insofern gegen die Gesetze zu verstoßen, als ich etwas Unwahres aussagen sollte, von dessen Unwahrheit Herr Dr. Dobring selbst überzeugt war. Der Mann hat heftig auf meine ganze seelische Verfassung eingewirkt, daß ich das in meinem Leben nicht vergessen werde. Ich sagte Herrn Dr. Dobring einmal: »Haben Sie noch nicht eingesehen, daß es ein Unrecht war, daß man diese beiden Kameraden erschossen hat? Es waren doch Menschen wie wir, sie taten nur, was ein Kind begriff, sie wollten nur dieses himmelschreiende Unrecht beseitigen; belastet das wirklich nicht Ihr Gewissen?« Da sagte Herr Dr. Dobring mir mit einer Kaltblütigkeit, daß mir der Verstand stehenblieb: »Ich wäre imstande, diese Leute mit der größten Ruhe noch einmal zu erschießen, besonders den Reichpietsch.« Aussage des Matrosen Weber vor dem Untersuchungsausschuß des Reichstags (a. a. O. IX, 2 S. 301)