Friedrich Spielhagen Sturmflut Erstes Buch Das Wetter war gegen Abend unfreundlicher geworden. Auf dem Vorderdeck hatten sich die Gruppen der Erdarbeiter, die nach Sundin an die neue Eisenbahn wollten, enger zwischen den hochgestapelten Fässern, Kisten und Kasten zusammengekauert, von dem Hinterdeck waren die Passagiere bis auf wenige verschwunden. Zwei ältere Herren, die während der Reise viel zusammen geplaudert, standen auf der Steuerbordseite und blickten und deuteten nach der Insel, die der Dampfer nach Südwest zu umfahren hatte und deren flache, in gewaltigem Bogen bis zu dem Vorgebirge sich herumschwingende Küste mit jedem Moment bestimmter heraustrat. Das ist also Warnow? Verzeihung, Herr Präsident, – Ahlbeck, ein Fischerdorf, allerdings auch Warnowscher Grund. Warnow selbst liegt weiter landeinwärts. Der Turm der Kirche blickt noch eben über den Dünenrand. Der Präsident lächelte: Ja, ja, es ist klassischer Boden, sagte er, es ist viel um ihn gestritten worden; viel und – vergeblich! Und ich bin überzeugt, es war gut, daß der Streit vergeblich geblieben, zum wenigsten nur ein negatives Resultat gehabt hat, sagte der General. Ich bin nicht sicher, daß er nicht wieder aufgenommen wird, erwiderte der Präsident. – Graf Golm und Genossen machen neuerdings die größten Anstrengungen. Nachdem Sie die Unrentabilität der Bahn so schlagend nachgewiesen? Wie Sie die Unzweckmäßigkeit des Kriegshafens! Verzeihung, Herr Präsident, ich hatte nicht das Dezernat, oder genauer: Ich hatte es abgelehnt. Der einzige einigermaßen zweckmäßige Platz für den Hafen wäre eben dort, in der südlichsten Ecke der Bucht, im Schutz des Wissower Hakens, das heißt, auf Warnowschem Terrain gewesen. Ich habe freilich nur die Kuratel über das Vermögen meiner Schwester – Ich weiß, ich weiß, unterbrach ihn der Präsident, alte preußische Ehrenhaftigkeit, die bis zur Skrupulosität geht. Graf Golm und Genossen sind weniger skrupulös. Um so schlimmer für sie, sagte der General. Die Herren wandten sich und traten an ein junges Mädchen heran, das, auf einer geschützten Stelle an der Kajütenwand sitzend, sich die Zeit, so gut es gehen wollte, bald mit Lesen, bald mit Zeichnen in einem kleinen Album vertrieb. Du möchtest gewiß oben bleiben, Else? sagte der General. Wollen die Herren in die Kajüte? antwortete das junge Mädchen, von ihrem Buch aufblickend, ich finde es unten schrecklich, aber freilich, es ist Ihnen gewiß zu rauh, Herr Präsident! Es ist in der Tat auffallend rauh, erwiderte der Präsident, den Kragen seines Überrocks in die Höhe schlagend und einen Blick nach dem Himmel werfend. Ich glaube, wir haben noch vor Sonnenuntergang Regen. Sie sollten wirklich mit uns kommen, gnädiges Fräulein! Meinen Sie nicht, Herr General? Else ist wetterfest, erwiderte der General lächelnd; – aber einen Schal oder dergleichen könntest du doch umnehmen. Darf ich dir etwas holen? Danke, Papa! Ich habe hier noch alles Mögliche, sagte Else, auf ihre zusammengerollten Plaids und Tücher deutend. Ich will mich schon schützen, wenn's not tut – au revoir! Sie verneigte sich anmutig gegen den Präsidenten, winkte dem Vater freundlich mit den Augen und griff wieder nach ihrem Buch, während die Herren um die Ecke herum auf den schmalen Gang zwischen der Kajütenwand und der Brüstung einbogen. Sie las ein paar Minuten, blickte dann wieder auf und verfolgte die Rauchwolke, die aus dem Schlot in dicken, schwarzgrauen, durcheinanderwirbelnden Ballen, ebenso wie zuvor, sich über das Schiff wälzte. Auch der Mann am Ruder stand noch auf derselben Stelle, wie zuvor, ließ, wie zuvor, das Rad bald nach rechts, bald nach links laufen und hielt es dann wieder unbeweglich in den rauhen Händen. Und richtig, da war auch wieder der Herr, der mit so unermüdlicher Ausdauer das Verdeck vom Steuer bis zum Bugspriet und wieder vom Bugspriet bis zum Steuer hinauf und hinab schritt und dabei eine Sicherheit der Bewegung zeigte, die Else im Laufe des Tages wiederholt nachzuahmen versucht hatte, allerdings nur mit zweifelhaftem Erfolge. Sonst hatte er, meinte Else, nicht viel, was ihn besonders ausgezeichnet hätte. Und Else sagte sich, daß sie den Mann in einer größeren Gesellschaft schwerlich beachtet, sicherlich nicht beobachtet, vielleicht nicht einmal gesehen haben würde und daß, wenn sie ihn heute im Laufe des Tages zahllose Male angesehen und recht eigentlich studiert hatte, dies doch nur in dem Umstande seinen Grund haben konnte, daß nicht gar viel zu sehen, zu beobachten und zu studieren gewesen war. Ihr Skizzenbuch, in dem sie eben blätterte, bewies es. Das sollte ein Stück Hafen von Stettin sein – es gehört viel Phantasie dazu, um daraus klug zu werden, meinte Else. – Dies hier ist besser herausgekommen: die flachen Wiesen, die Kühe, die Leuchtbake, dahinter glattes Wasser mit ein paar Segeln; abermals ein Wiesenstreifen – endlich in der Ferne das Meer. – Auch der Mann am Steuer ist nicht übel: Er hat still genug gehalten. – Aber der Unermüdliche ist schrecklich mißraten: die reine Karikatur! Das kommt davon, wenn man immer in Bewegung ist! Endlich! Nur fünf Minuten, Herr So und So! Das kann wirklich gut werden – die Stellung ist vortrefflich! Else hielt das Buch in einiger Entfernung, um ihre Skizze als Bild zu sehen: Sie war höchlichst zufrieden. – Da sieht man, daß ich doch etwas zustande bringen kann, wenn ich mit Liebe arbeite, sagte sie bei sich und notierte unter das Bild: Der Unermüdliche. Mit Liebe. 26. August 72. E. v. W. Während die junge Dame so eifrig die Züge und die Gestalt des jungen Mannes auf das Papier zu bringen suchte, hatte auch ihr Bild vor seiner Seele gestanden. Und da war es ganz dasselbe, ob er die Augen schloß oder offen hielt: Er sah sie immer gleich deutlich und immer gleich anmutig und entzückend: Jetzt in dem Moment bei der Abfahrt von Stettin, als der Vater sie dem Herrn Präsidenten vorstellte und sie sich so zierlich verneigte; – dann, wie sie mit den beiden Herren frühstückte und so fröhlich lachte und das Glas an den Mund führte; – und wie sie oben auf dem Laufbrette neben dem Kapitän stand und der Wind die Kleider so fest an die schlanke Gestalt drückte und den grauen Schleier wie eine Flagge hinter ihr her peitschte. – Es war ganz erstaunlich, wie sich ihr Bild in der kurzen Zeit so fest in seine Seele geprägt, aber dann hatte er ja nun auch wieder einmal über ein Jahr nichts als Himmel über sich und Wasser unter sich gesehen. Da war's am Ende begreiflich, wenn das erste anmutig-schöne Mädchen, das er nach so langer Entbehrung erblickte, ihm einen so großen, so herzerquickenden Eindruck machte! Und überdies, sprach der junge Mann bei sich, sind wir in drei Stunden in Sundin, und dann – ade! ade! auf Nimmerwiedersehen! Aber was fällt denn denen ein? Ihr wollt doch nicht bei dem Wasserstand über den Ostersand? Er hatte sich mit diesen letzten Worten zu dem Mann am Steuer gewandt. Ja, Kapitän, dat is so 'ne Sak, erwiderte der Mann, den Tabak aus einer Backe in die andere schiebend. Mi dücht ok, wie sull'n mir Stüerbord hollen; aber de Kaptän meint ja – Der junge Mann wartete das Ende der Rede nicht ab. Er hatte in früheren Jahren dieselbe Fahrt wiederholt gemacht. Er hatte die Stelle, auf die sie loshielten, erst vor wenigen Tagen passiert und war erschrocken gewesen, da, wo früher eine Tiefe von fünfzehn Fuß gestanden, nur noch zwölf Fuß zu finden. Heute, nachdem der scharfe Westwind wieder so viel Wasser seewärts getrieben, konnten hier keine zehn Fuß mehr sein, und der Dampfer hatte acht Fuß Tiefgang! Und dabei keine Verminderung der Fahrgeschwindigkeit, kein Loten, keine einzige der gebotenen Vorsichtsmaßregeln! – War der Kapitän toll? Der junge Mann lief an Else mit einer Eilfertigkeit vorüber, und seine Augen hatten, als sie über sie hinstreiften, einen so eigentümlichen Ausdruck, daß sie sich unwillkürlich erhob und ihm nachblickte. Im nächsten Moment schon war er auf dem Laufbrett neben dem alten rundlichen Kapitän, auf den er lange und lebhaft, ja zuletzt, wie es schien, heftig einsprach, während er mit der Hand wiederholt nach einer bestimmten Stelle in die Richtung, in der das Schiff fuhr, deutete. Ein sonderbares Gefühl von Ängstlichkeit, das sie auf der ganzen Fahrt nicht empfunden, überkam Else. Gleichgültig konnte der Umstand nicht sein, der den so heiter-ruhigen Mann in solche Aufregung versetzte! Und jetzt stand auch bei ihr fest, was sie schon ein paarmal vermutet: daß er ein Seemann sei, und dann ohne Zweifel ein tüchtiger, der unbedingt recht hatte, mochte der alte, dicke Kapitän auch noch so phlegmatisch in dieselbe Richtung deuten und dann durch das Fernglas sehen und wieder mit den Achseln zucken, während der andere jetzt das Treppchen vom Laufbrett auf das Verdeck hinunterstürmte und gerade auf sie zukam, als wollte er sie anreden. Aber er tat es nicht, trotzdem, als er an ihr vorübereilte, seine Blicke ihren Blicken begegnet waren und er unzweifelhaft die stumme Frage in ihren Augen und auf ihren Lippen gelesen hatte; denn er stutzte für einen Moment und – wahrhaftig! Da kehrte er wieder um und war jetzt dicht hinter ihr! Mein gnädiges Fräulein – Ihr Herz klopfte, als ob es zerspringen sollte; sie wandte sich. Mein gnädiges Fräulein, wiederholte er. Es ist wohl nicht recht, Sie zu erschrecken, vielleicht ohne Grund. Aber unmöglich ist es nicht, – ich halte es sogar für wahrscheinlich, daß wir binnen fünf Minuten auflaufen; ich meine, auf den Grund geraten – Um Gottes willen! rief Else. Ich denke, es soll nicht schlimm werden, fuhr der junge Mann fort, wenn der Kapitän – so! Wir haben jetzt nur noch halben Dampf die halbe Geschwindigkeit, mein gnädiges Fräulein; aber er müßte Konterdampf geben, und wahrscheinlich ist auch das schon zu spät. Kann man ihn nicht zwingen? An Bord seines Schiffes ist der Kapitän souverän, erwiderte der junge Mann, trotz seines Unmuts lächelnd. Ich selbst bin Seemann und würde mir in einem ähnlichen Falle ebensowenig eine Einrede gefallen lassen. Von wirklicher Gefahr ist keine Rede. Die Küste liegt vor uns, und die See ist verhältnismäßig ruhig, ich wollte nur nicht, daß Sie der Augenblick überraschte – verzeihen Sie meine Dreistigkeit! Er hatte sich noch einmal verbeugt und entfernte sich dann schnell, als wollte er sich weiteren Fragen entziehen. – Von Gefahr ist keine Rede, murmelte Else; schade, ich hätte mich gern von ihm retten lassen. – Aber der Vater muß es wissen. Den Herrn Präsidenten sollte man freilich vorbereiten, er braucht es nötiger als ich. Sie wandte sich nach der Kajüte, aber schon hatte der langsamere Gang des Schiffes, der in der letzten halben Minute noch mehr verlangsamt war, die Aufmerksamkeit der dort versammelten Passagiere erregt. Der Vater und der Präsident kamen bereits die Treppe herauf Was gibt es? rief der General. Wir können doch unmöglich schon in Prora sein? sagte der Präsident. In dem Moment wurden alle wie von einem elektrischen Schlage durchzuckt, indem zugleich ein eigentümlich dumpfer knirschenden Ton das Ohr widerwärtig berührte. Der Kiel war über die Sandbank gestreift, ohne sich festzurennen. Ein schrilles Signal, ein paar Sekunden lang lautlose Stille, dann ein mächtiges Erbeben durch den ganzen Bau des Schiffes unter der gewaltigen Anstrengung der mit Konterdampf arbeitenden Schraube. Aber was vor ein paar Minuten noch die Gefahr beseitigt haben würde, war jetzt zu spät. Das Schiff mußte rückwärts über dieselbe Sandbank, die es vorhin nur kaum noch überwunden hatte. Eine größere Welle hatte, abrollend, das Hinterteil noch ein paar Zoll tiefer gedrückt. Die Schraube arbeitete unermüdlich, das Schiff neigte sich ein wenig auf die Seite. Aber es kam nicht mehr aus der Stelle. Ein Rennen und Laufen und Schreien, das plötzlich von überall her vernommen wurde, das sonderbar unheimliche Sichneigen des Schiffes – alles bewies zur Genüge, daß die Voraussage des »Unermüdlichen« eingetroffen und der Dampfer aufgelaufen war. * Alle Anstrengungen, das Schiff abzubringen, hatten sich als vergeblich erwiesen, ja, man durfte von Glück sagen, daß bei der gefährlichen Arbeit, die man ihr zumutete, die Schraube nicht gebrochen war. Auch war die Senkung des Rumpfes nach der Seite nicht weiter gegangen; und wenn die Nacht nicht stürmisch wurde, mochte man ruhig so liegen bleiben bis zum nächsten Morgen, wo ja dann ein vorübersegelndes Fahrzeug die Passagiere aufnehmen und weiter befördern werde, falls man wirklich bis dahin nicht wieder flott geworden sein sollte, was übrigens jeden Augenblick geschehen könne. So sagte der Kapitän, den das Unglück, das er durch seinen Eigensinn herbeigeführt, nicht aus seiner Ruhe zu bringen vermochte. Der Mann ist betrunken oder verrückt, sagte der Präsident, als der Kapitän seinen breiten Rücken gewandt hatte und wieder auf seinen Posten gegangen war. – Es ist eine Sünde und Schande, daß ein solcher Mann ein Schiff, und wenn es auch nur ein Schlepper ist, kommandieren darf Aber ich werde die strengste Untersuchung einleiten, und er soll exemplarisch bestraft werden. Der Präsident bebte vor Zorn und Angst und Kälte an dem langen, hagern Leibe, der General zuckte die Achseln. – Das ist alles ganz schön und gut, lieber Herr Präsident, sagte er, nur daß es ein wenig zu spät kommt und uns nicht aus der üblen Lage hilft. Ich mische mich grundsätzlich nicht in Dinge, die ich nicht verstehe, aber ich wollte, wir hätten jemand an Bord, der einen Rat geben könnte. An die Schiffsleute darf man sich nicht wenden, das hieße, die Subordination untergraben – was willst du, Else? Wende dich doch einmal an den Herrn! sagte Else. An welchen Herrn? Der dort; er ist Seemann. Er kann dir sicher den besten Rat geben. Des Generals scharfes Auge heftete sich auf die ihm bezeichnete Person. Ah, der! sagte er; – sieht wirklich danach aus – Nicht wahr? sagte Else. Und er hatte mir schon vorher gesagt, daß wir auflaufen würden. Gehört natürlich nicht zum Schiff? Bewahre! Das heißt: Ich glaube – sprich doch einmal mit ihm! Der General ging auf den »Unermüdlichen« zu. Mein Herr, ich höre, Sie sind Seemann? Zu dienen. Steuermann? Kauffahrerkapitän – Reinhold Schmidt. Mein Name ist General von Werben. – Sie würden mich verbinden, Herr Kapitän, wenn Sie mir über unsere Situation eine technisch-sachgemäße Aufklärung geben wollten – natürlich privatim und in aller Diskretion. Ich möchte Sie nicht veranlassen, gegen einen Kameraden auszusagen oder gar dazu beizutragen, seine Autorität zu erschüttern, die wir möglicherweise noch sehr nötig brauchen werden. Ist der Kapitän nach Ihrer Ansicht an unserem Unfalle schuld? Ja und nein, Herr General. Nein, denn die Seekarten, nach denen wir uns vorschriftsmäßig richten müssen, rechnen diese Stelle zum Fahrwasser. Die Karten hatten auch recht, bis vor wenigen Jahren. Seitdem haben hier starke Versandungen stattgefunden; überdies ist der Wasserstand infolge des seit Wochen herrschenden Westwindes fortwährend gesunken, Vorsichtigere vermeiden deshalb diese Stelle. Ich für mein Teil würde sie vermieden haben. Gut! Und was halten Sie von der Situation? Sind wir in Gefahr? Oder können wir in Gefahr kommen? Ich glaube, nein. Das Schiff liegt fast gleichmäßig auf, und auf schierem glatten Sand. Es kann, wenn sonst nichts dazwischen kommt, sehr lange so liegen. Wir sollten also von der Erlaubnis des Kapitäns, das Schiff zu verlassen, Gebrauch machen? Da die Überfahrt leicht und vollkommen gefahrlos, so kann ich zum mindesten nicht abraten. Dann aber müßte es geschehen, solange es noch hinreichend hell ist, am besten sofort. Und Sie? Sie würden bleiben – selbstverständlich? Selbstverständlich, Herr General. Ich danke Ihnen. Der General griff mit einer leichten Neigung des Kopfes an seine Mütze. Reinhold nahm mit einem kurzen Griff die seine ab, die Neigung durch eine straffe Verbeugung erwidernd. Nun? fragte Else, als der Vater wieder zu ihr trat. Der Mann muß Soldat gewesen sein, erwiderte der General. Das heißt? fragte der Präsident. Das heißt: Ich wünschte von meinen Offizieren immer so klare, sachgemäße Rapporte zu bekommen. Die Sache ist also die – Er wiederholte, was er soeben von Reinhold in Erfahrung gebracht, und schloß damit, daß er beim Kapitän die sofortige Ausschiffung der Passagiere, die dazu geneigt seien, befürworten werde. – Ich für mein Teil gedenke mich dieser Unbequemlichkeit, die noch dazu unnötig sein dürfte, nicht zu unterziehen; es wäre denn, daß Else – Ich, Papa! rief Else, ich denke nicht daran! Der Präsident war in großer Verlegenheit. Er hatte freilich erst heute morgen bei der Abfahrt von Stettin eine sehr oberflächliche frühere persönliche Bekanntschaft mit dem General von Werben erneuert, aber jetzt, nachdem er den ganzen Tag mit ihm verplaudert und sich als Ritter der jungen Dame bei zahllosen Gelegenheiten bewährt, konnte er doch wohl nicht anders, als mit einem Zucken der Lippen, das ein Lächeln sein sollte, erklären: Er wolle, wie bisher die Annehmlichkeiten, so nun auch die Unannehmlichkeiten der Reise mit den Herrschaften teilen; das preußische Ministerium werde sich schlimmsten Falls über den Verlust eines Regierungspräsidenten zu trösten wissen. Else hatte längst gesehen, wie unbehaglich dem Präsidenten das Verbleiben auf dem Schiffe war, aber der Papa hatte sich einmal für das Bleiben entschieden. Es würde ganz vergeblich sein, ihn nun noch nachträglich zum Fortgehen zu bestimmen. Reinhold war, seitdem er zuletzt mit ihrem Vater gesprochen, verschwunden und auch jetzt nicht auf dem Hinterdeck. So ging sie denn nach vorn, und da saß er auf einer großen Kiste und blickte durch ein Taschenteleskop nach dem Lande, so eifrig, daß sie in seine unmittelbare Nähe gekommen war, bevor er sie bemerkte. Er sprang eilig auf die Füße und wandte sich zu ihr. Ich habe eine Bitte an Sie, sagte Else, ohne die Augen zu senken. Und ich wollte eben eine an Sie richten, erwiderte er, ich wollte Sie bitten, daß Sie sich ebenfalls ans Land setzen lassen. Wir sind in einer Stunde flott; aber die Nacht wird stürmisch, und wir werden, sobald wir den Wissower Haken – er deutete auf das Vorgebirge – passiert haben, vor Anker gehen müssen. Das ist im besten Falle eine wenig angenehme Situation, im schlimmen Falle eine sehr unangenehme. Ich möchte Sie vor der einen und vor der anderen bewahrt wissen. Ich danke Ihnen, sagte Else. Und nun bedarf es meiner Bitte nicht mehr. Und sie sagte Reinhold, weshalb sie gekommen. Das trifft sich ja vortrefflich, rief er, aber es ist kein Moment zu verlieren. Ich will sogleich mit Ihrem Herrn Vater sprechen. Wir müssen unverzüglich fort. Wir? Ich werde Sie mit Ihrer Erlaubnis selbst ans Land bringen. Ich danke Ihnen, sagte Else noch einmal mit einem tiefen Atemzuge. – Sie hatte ihm die Hand gereicht; er hielt die kleine, zarte Hand in der seinen. Sie hatte ihm ihre Hand entzogen und eilte davon, dem Vater entgegen, der sich bereits über ihr langes Ausbleiben gewundert hatte und jetzt sie zu suchen kam. Im Begriff, ihr zu folgen, sah Reinhold zu seinen Füßen einen kleinen blaugrauen Handschuh liegen. Sie konnte ihn eben erst abgestreift haben. Er bückte sich schnell, hob ihn auf und steckte ihn in die Tasche. Den bekommt sie nicht wieder, sagte er bei sich. * Reinhold hatte recht gehabt: Es war kein Moment zu verlieren gewesen. Während das kleine Boot, dessen Steuer er führte, die schäumenden Wogen durchschnitt, überzog sich der Himmel immer mehr mit schwarzem Gewölk, das bald auch die letzte Spur der Abendhelle im Westen auszulöschen drohte. Ich fürchte, wir sind aus dem Regen in die Traufe gekommen, sagte der Präsident kläglich. Es ist ein Trost für mich, daß wir die Veranlassung nicht gewesen sind, erwiderte der General nicht ohne einige Schärfe in dem Ton seiner kräftigen Stimme. Ei, gewiß nicht, sicher nicht! bestätigte der Präsident; mea maxima culpa! Meine eigenste Schuld, gnädiges Fräulein. Aber, gestehen Sie: Trostlos ist die Situation, ganz verzweifelt trostlos! Ich weiß nicht, erwiderte Else, ich finde das alles wunderschön. Nun, da gratuliere ich von ganzem Herzen, sagte der Präsident, mir für mein Teil wäre ein Kaminfeuer, ein Hühnerflügel und eine halbe Bouteille St. Julien lieber. Aber, wenn es schon ein Trost, Leidensgefährten zu haben, so ist es ein doppelter, zu wissen, daß, was der traurigen Weisheit des einen als sehr reelles Leid, der jugendlichen Phantasie des andern als ein romantisches Abenteuer erscheint. Der Präsident hatte, während er spotten wollte, das rechte Wort getroffen. Elsen kam das Ganze wie ein romantisches Abenteuer vor, an dem sie eine aufrichtige, herzliche Freude empfand. – Der stattliche Seemann mit den helleuchtenden blauen Augen hatte gesagt, es sei keine Gefahr. Er mußte es wissen. Weshalb sollte sie sich also fürchten? Und wurde trotzdem die Sache gefährlich werden, so war er der Mann, das Rechte im rechten Moment zu treffen und der Gefahr zu begegnen. Und da stand sie nun, ein paar Schritte abseits von den beratschlagenden Männern, in ihren Regenmantel gehüllt, im Vollgefühl eines Glückes, wie sie es nie empfunden zu haben glaubte. – War es denn nicht auch wunderbar schön! Vor ihr das graue, wühlende, donnernde, unendliche Meer, über dem die schwarze Nacht drohend heraufzog, rechts und links in unabsehbarer Linie die weißlich schäumende Brandung! Sie selbst umrauscht von dem herrlichen feuchten Wind, der ihr um die Ohren knatterte und in ihren Gewändern wühlte und ihr einzelne Schaumflocken in das Gesicht trieb! Hinter ihr die gespenstisch-kahlen Dünen, auf denen, noch eben gegen den etwas helleren westlichen Himmel erkennbar, die langen Strandgräser nickten und winkten – wohin? Weiter in das lustige, prächtige Abenteuer, das ja noch lange nicht zu Ende war, nicht zu Ende sein konnte, nicht zu Ende sein durfte! – Es wäre jammerschade gewesen. Die Herren traten an sie heran. – Wir haben beschlossen, Else, sagte der General, eine Expedition über die Dünen in das Land hinein zu machen. Wenn wir uns in den Dünen nicht verirren, seufzte der Präsident. Dafür bürgt uns die Ortskenntnis des Herrn Kapitäns, sagte der General. Auf keinen Fall können wir hier die Nacht zubringen, rief der General. Willst du meinen Arm, Else? Danke, Papa! Ich komme schon hinauf. Und Else sprang die Düne hinauf, Reinhold nach, der, vorauseilend, bereits den Kamm erreicht hatte, während der Vater und der Präsident langsamer folgten und die beiden Diener mit den Sachen den Zug schlossen. Seltsam genug ist es, sagte der General, daß der Unfall uns gerade an dieser Stelle der Küste treffen mußte. Ist es doch wahrhaftig, als sollten wir für unsere Opposition abgestraft werden; und wahrhaftig, wenn meine Ansicht, daß ein Kriegshafen uns hier nichts nützen kann, auch nicht erschüttert ist, so erscheint mir jetzt, nachdem wir hier selber beinahe Schiffbruch gelitten, ein Hafen denn doch – Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen! rief der Präsident, – das mag der Himmel wissen! Und wenn ich an den gründlichen Schnupfen denke, den mir diese nächtliche Promenade in dem abscheulich nassen Sande zuziehen wird, und daß ich statt dessen jetzt in einem bequemen Coupé sitzen und heute nacht in meinem Bette schlafen könnte – so bereue ich jedes Wort, das ich gegen die Eisenbahn gesprochen und mich darüber mit unsern sämtlichen Magnaten überworfen habe, nicht zum wenigsten mit Graf Golm, dessen Freundschaft uns gerade jetzt sehr gelegen käme. Wie das? fragte der General. Schloß Golm liegt nach meiner Rechnung höchstens eine Meile von hier landeinwärts. Das Jagdschlößchen auf dem Golmberg – Ich erinnere mich, fiel der General ein, der zweite höhere Ufervorsprung nach Norden – rechts von uns. Wir können bis dahin kaum eine halbe Meile haben. * Der Wald hatte sich aufgetan. In der Mitte des freien Platzes vor ihnen lag ein stattliches, mit Türmen, wie es schien, flankiertes Gebäude, dessen Fenster vielfach erleuchtet waren – ein hellerleuchtetes Schloß mitten im Walde – Diener mit Fackeln vor dem Portale – in der altertümlichen Halle mit den sonderbar verschnörkelten Säulen, so ganz, wie es in einem Abenteuer sein mußte. – Else schüttelte der behäbigen Frau von Strummin die Hand und dankte ihr für ihre Bemühungen und küßte die hübsche kleine Marie mit den schelmischen grauen Augen und bat um die Erlaubnis, sie auch »Miete« oder »Mieting« nennen zu dürfen, wie die Mutter, die eben das Zimmer verlassen hatte. Mieting erwiderte die Umarmung mit größtem Feuer; ob sie das fremde Fräulein »Du« nennen dürfe? Dann schwatze es sich noch einmal so gut! Die bereitwillig gegebene und mit einem Kuß besiegelte Erlaubnis versetzte das übermütige Wesen in das größte Entzücken. – Du darfst nun gar nicht mehr weg, rief sie, – oder doch höchstens, um wiederzukommen, noch in diesem Herbst! Mich heiratet er ja doch nicht; ich habe nichts, und er hat nichts, trotz seines großen Majorats, und wenn wir die Eisenbahn und den Hafen nicht zustande bringen, machen wir hier alle bankrott, sagt mein Papa. Und dein Papa und der Präsident haben ja wohl die ganze Sache in der Hand, erzählte mein Papa, als wir herüberfuhren, und wenn du ihn dann heiratest, versteht es sich von selbst, daß dein Papa die Konzession gibt – so heißt es ja wohl? Ich weiß es wirklich nicht, erwiderte Else. Ich weiß nur, daß wir ganz arm sind und daß du meinetwegen deinen Grafen immer heiraten kannst. Ich tät's schon gern, sagte das kleine Fräulein ernsthaft, aber ich bin ihm auch nicht hübsch genug mit meiner kleinen unbedeutenden Figur und meinem Stumpfnäschen. Ich werde einmal einen reichen Bürgerlichen heiraten, dem unser alter Adel imponiert – denn die Strummins sind so alt wie die Insel, weißt du – einen Herrn Schulze oder Müller oder Schmidt. Wie heißt denn der Hauptmann, der mit euch gekommen ist? Schmidt – Reinhold Schmidt! Nein, du spaßt! Wahrhaftig nicht, aber er ist kein Hauptmann. Kein Hauptmann? Was denn? Ein Schiffskapitän. Von der Marine? Einfacher Schiffskapitän. Schade! Er ist ein so hübscher Mann! Ich hatte schon auf ihn für mich gerechnet! Aber ein einfacher Schiffskapitän! Frau von Strummin kam in das Zimmer, die jungen Damen zur Abendtafel zu geleiten. Mieting stürzte der Mutter entgegen, ihr die große Entdeckung mitzuteilen. – Es ist alles bereits geordnet, erwiderte die Mutter, der Graf hat bei Ihrem Herrn Vater und bei dem Herrn Präsidenten angefragt, ob sie den Kapitän in die Gesellschaft gezogen wünschten. Die beiden Herren haben sich dafür ausgesprochen, und so wird er auch bei Tisch erscheinen. Er scheint ja auch soweit ein ganz anständiger Mann, schloß Frau von Strummin. Ich bin wirklich neugierig, sagte Mieting. Else sagte nichts. Aber als sie, auf den Korridor tretend, dem Vater begegnete, der eben aus seinem Zimmer kam, flüsterte sie ihm zu: Ich danke dir! Man muß gute Miene zum bösen Spiel machen, erwiderte der General in demselben Ton. Else war ein wenig verwundert. Sie hatte nicht geglaubt, daß er die Etikettenfrage, die er in ihrem Sinne entschieden, so ernsthaft nehmen würde. Glücklicherweise für Reinhold selbst war ihm auch nicht einmal der Verdacht der Möglichkeit gekommen, sein Erscheinen oder Nichterscheinen bei Tische könne von seiten der Gesellschaft allen Ernstes debattiert werden. Wer einmal A sagt, muß auch B sagen, sprach er bei sich, während er mit Hilfe der Sachen, die er in dem Reisesack vom Bord des Schiffes auf alle Fälle mitgenommen, seinen Anzug, so gut es gehen wollte, in Ordnung brachte; – und nun zum Kuckuck die böse Laune! Habe ich mich in meiner Dummheit auf den Sand gerannt, so werde ich auch wieder flott werden. Den Kopf hängen zu lassen oder gar zu verlieren, hieße, die Dummheit nicht wieder gutmachen, hieße, sie nur noch vergrößern; und sie ist gerade hinreichend groß. Wo sind denn aber nur die Schuhe? Er hatte im letzten Augenblick an Bord die Schuhe, die er getragen, mit einem Paar großer Wasserstiefel vertauscht. Sie hatten ihm unterwegs im Spülwasser und Regen, im nassen Sande des Strandes und auf dem Wege die besten Dienste geleistet – aber jetzt! Wo waren die Schuhe? Jedenfalls nicht in dem Reisesack, in den er sie geworfen zu haben glaubte und aus dem sie nicht hervorkommen wollten, trotzdem er zuletzt in seiner Verzweiflung alles herausgewühlt und um sich geschleudert. Er mußte hier oben in der lächerlichsten Gefangenschaft bleiben oder unten vor den Herrschaften erscheinen in dem abgeschmacktesten Anzug: Wasserstiefeln und schwarzem Frack! Vor den Augen des Präsidenten, dessen lange, hagere Gestalt vom Scheitel des kleinen feinen Kopfes bis zu den Lackstiefeln, die er sogar an Bord getragen, das Bild peinlichster Akkuratesse war! Vor dem strammen, in seinen Interimsrock fest eingeknöpften General! Vor dem Grafen, der so schon einige Neigung zu haben schien, ihn gesellschaftlich nicht für voll anzusehen! Vor den Damen! – Vor ihr! Vor ihren lachlustigen braunen Augen! – Nun wohl, wenn ich der Tor gewesen, dem Winke dieser Augen zu folgen – so soll dies meine Strafe sein, so will ich jetzt Buße tun: in schwarzem Frack und Wasserstiefeln! * Hat man den Herrn Kapitän nicht gerufen? fragte der Graf den Hausmeister. Zu Befehl, Herr Graf, vor einer Viertelstunde. So wollen wir nicht länger warten. Die Höflichkeit der Könige scheint nicht auch die der Schiffskapitäne zu sein. Darf ich bitten, mein gnädiges Fräulein? Er bot Elsen den Arm. Zögernd legte sie die Fingerspitzen hinein. Sie hätte dem Kapitän gern die Verlegenheit erspart, die Gesellschaft schon bei Tisch zu finden. Aber schon hatte der Vater Mietings Mutter, der galante Präsident Mieting selbst den Arm geboten. Die drei Paare bewegten sich nach der Tafel, welche zwischen ihnen und der Tür hergerichtet war, als die Tür sich öffnete und die wunderliche Gestalt eines bärtigen Mannes in Frack und hohen Wasserstiefeln erschien, in der Else zu ihrem Schrecken den Kapitän erkannte. Aber im nächsten Augenblick mußte sie lächeln, wie die andern. Mieting ließ den Arm des Präsidenten los und stürzte in eine Ecke des Saales, um das konvulsivische Gelächter, in das sie bei dem unerwarteten Anblick ausgebrochen war, hinter ihrem Taschentuche zu verstecken. Ich bitte um Entschuldigung, sagte Reinhold, aber die Eile, mit der wir heute von Schiffe aufbrachen, ist, wie ich leider erst jetzt bemerkte, einer strengen Auswahl meiner Garderobe nicht günstig gewesen. Ich finde den Anzug sehr kleidsam, sagte Else mit einer verzweifelten Anstrengung, ihren Ernst wieder zu gewinnen, und mit einem strafenden Blick auf Mieting, die zwar aus ihrer Ecke hervorgekommen war, aber noch immer nicht wagte, das Tuch von dem Gesicht zu nehmen. Das ist viel mehr, als ich irgend gehofft habe, sagte Reinhold. Man hatte an der Tafel Platz genommen. Reinhold dem Grafen gerade und Elsen schräg gegenüber, während er zu seiner Linken Fräulein Mieting, zu seiner Rechten Herrn von Strummin hatte, einen breitschultrigen Herrn mit einem breiten roten Gesicht, dessen unterer Teil von einem breiten roten Bart bedeckt war und dessen breite laute Stimme Reinhold um so unbequemer war, als sie fortwährend in das leise lustige Geplauder der jungen Dame zu seiner Linken hineinschallte. Das gutmütige Kind fand, was sie gleich beim ersten Blick gesehen zu haben glaubte: daß der Kapitän mit seinen großen, hellen, blauen Augen, seiner braunen Gesichtsfarbe und seinem krausen braunen Vollbart ein hübscher, ein sehr hübscher Mann sei. Der Kapitän hatte so viel Geschichten zu erzählen! Und er erzählte so schlicht und treuherzig! – Du glaubst nicht, Else, wie interessant das ist! – rief sie über den Tisch herüber: Ich würde ihm die ganze Nacht zuhören! Das gute Kind ist in ihrem Geschmack nicht eben wählerisch, sagte der Graf zu Elsen. Das tut mir leid, sagte Else. Sie hat mich eben, wie Sie hören, zu ihrer Freundin erwählt. Das ist etwas anderes, sagte der Graf. Ihm gegenüber schrie Herr von Strummin dem General, der nur widerwillig zuzuhören schien, seine Ansichten über die Eisenbahn und den Kriegshafen ins Ohr. Er für sein Teil hatte sich vorgenommen, dies heikle Thema während der Tafel nicht zu berühren, jetzt war ihm jedes Thema recht. Verzeihe, lieber Freund, sagte er, seine Stimme erhebend, ich habe da so einiges von dem gehört, was du dem Herrn General über unser Lieblingsprojekt mitteilst. Du sagst immer »wir« und »uns«, aber du weißt, daß unsere Ansichten in wesentlichen Punkten divergieren. Ich möchte dich daher, wenn du schon einmal von der Sache sprechen mußt, bitten, es nur in deinem Namen zu tun. Ho, ho! rief Herr von Strummin, worin divergieren wir denn groß? Darin, daß ich auf Strummin ebensogut einen Bahnhof haben will wie du auf Golm! Aber wir können doch nicht alle einen Bahnhof haben, sagte der Graf mit mitleidigem Achselzucken. Natürlich wollen wir unseren Vorteil dabei haben – welcher vernünftige Mensch wollte das nicht – aber der steht dann doch in zweiter Linie: erst der Staat, dann das übrige. So halte wenigstens ich es, und so hält es hier der General. Gewiß halte ich es so, sagte der General, aber wie komme gerade ich zu der Ehre? Weil niemand durch die Ausführung des Projektes mehr gewinnen würde als Ihre Frau Schwester, oder wer immer Warnow, Gristow und Damerow einmal besitzen wird. Ich werde nie einen Fußbreit von den Gütern besitzen, sagte der General, die Augenbrauen zusammenziehend. Ja, ich bekenne mich offen als den entschiedensten Gegner Ihres Projektes! Ich halte es für strategisch nutzlos, und ich halte es für technisch unausführbar. Zwei Gründe, von denen jeder einzeln, wenn er zutrifft, zerschmetternd sein würde, erwiderte der Graf, ironisch lächelnd. Hinsichtlich des ersten beuge ich mich selbstverständlich einer solchen Autorität, obgleich wir ja nicht immer einen Krieg mit dem seeuntüchtigen Frankreich, sondern gelegentlich auch mit dem seetüchtigen Rußland haben könnten und uns dann ein Hafen mit der Front nach dem Feinde sehr nötig sein dürfte. Aber die Ausführbarkeit, Herr General, da glaube ich in aller Untertänigkeit ein Wort mitsprechen zu dürfen in meiner amphibischen Eigenschaft als wasseranwohnender Landedelmann. Unser Sand, so sehr er auch, zu unserm eigenen und unseres Herrn Präsidenten Leidwesen, die Wegebauten erschwert, ist ein vortreffliches Material für einen Eisenbahndamm und wird sich auch als ein guter Baugrund für die Fundamente unserer Hafenmauern erweisen. Bis auf die Stellen, wo wir wieder zu Pfahlbauern werden müßten, sagte der Präsident, der um des Generals willen nicht länger schweigen durfte. Es mögen dergleichen Stellen vorkommen, rief der Graf, der trotz des empörenden Widerspruchs von seiten der beiden Herren jetzt wenigstens die Genugtuung hatte, daß jede weitere Unterhaltung am Tisch verstummt war und er für den Augenblick allein sprach: Ich gebe es zu. Aber was würde damit anders bewiesen sein, als daß der Hafenbau ein paar Monate oder Jahre länger dauert und ein paar Hunderttausende, meinetwegen ein paar Millionen mehr kostet? Und was wollen die bei einem Werke sagen, das, wenn es einmal vollendet, ein unüberwindliches Bollwerk ist gegen jeden Feind, der von Osten droht? – Bis auf einen! sagte Reinhold. Der Graf hatte gar nicht daran gedacht, daß der Mensch sich ebenfalls in die Unterhaltung mischen könnte. Eine zornige Röte stieg ihm in die Stirn. Er warf einen finsteren Blick auf den neuen Widersacher und fragte in scharfem, wegwerfendem Ton: Und der wäre? Eine Sturmflut! erwiderte Reinhold. Wir hierzulande sind der Stürme und der Fluten zu gewohnt, um uns vor den einen oder den andern zu fürchten, sagte der Graf, sich zur Ruhe zwingend. Ich weiß es, erwiderte Reinhold, ich spreche aber auch nicht von den gewöhnlichen atmosphärischen und maritimen Ausgleichungen und Störungen, sondern von einem Ereignis, das nach meiner Überzeugung seit Jahren vorbereitet ist und nur auf die gelegentliche Ursache wartet, die nicht ausbleiben wird, um mit einer Gewalt hereinzubrechen, von der die kühnste Phantasie sich wohl keine Vorstellung machen kann. Sind wir noch im Gebiet der Wirklichkeit oder bereits im Reiche der Phantasie? fragte der Graf. Wir sind in dem Bereiche der Möglichkeit, erwiderte Reinhold, jener Möglichkeit, von der ein Blick auf die Karte uns belehrt, daß sie einmal oder mehrere Male bereits eine Wirklichkeit gewesen und nach menschlicher Berechnung in nicht allzulanger Zeit wieder eine solche werden wird. Sie machen uns äußerst neugierig, sagte der Graf. Er hatte es ironisch gesagt, aber er hatte nur der Stimmung der Gesellschaft den richtigen Ausdruck gegeben. Aller Augen hatten sich auf Reinhold gerichtet. Ich fürchte, die Damen mit diesen Dingen zu langweilen, sagte Reinhold. Nicht im mindesten, sagte Else. Ich schwärme für alles, was mit dem Meere zusammenhängt, rief Mieting mit einem schelmischen Blick zu Elsen hinüber. Sie würden mich in der Tat verbinden, sagte der Präsident. Bitte fortzufahren! sagte der General. Ich will mich möglichst kurz fassen, sagte Reinhold, seine Blicke bald auf den General, bald auf den Präsidenten richtend, als ob er nur für diese spräche: Die Ostsee scheint, nachdem sie einmal unter Revolutionen ungeheuerster Art entstanden war, eine Welt für sich zu sein. Sie hat keine Ebbe und Flut, ihr Salzgehalt ist viel geringer als der der Nordsee und nimmt nach Osten immer mehr ab, so daß die Fauna und Flora – Was ist das? fragte Mieting. Die Tier- und Pflanzenwelt, mein gnädiges Fräulein, des finnischen Meerbusens fast einen Süßseecharakter hat. Nichtsdestoweniger findet, wie ja denn auch sichtbar die Verbindung noch besteht, eine beständige Wechselwirkung zwischen dem Binnenmeere und dem Weltmeere statt: ein Zufluß und Abfluß von diesem in jenes, von jenem in dieses, unter der höchst komplizierten Zusammenwirkung und Mitwirkung der verschiedensten Ursachen, deren eine ich hervorheben muß, weil sie es gerade ist, von der ich spreche. Es ist die Regelmäßigkeit der von West nach Ost, von Ost nach West wehenden Winde, die das Ab- und Zuströmen des Wassers in seinen unterseeischen Kanälen, freundschaftlich gleichsam, auf der Oberfläche begleiten und befördern. Der Schiffer rechnete auf diese Winde fast mit der Sicherheit, mit der man auf das Eintreten ein für allemal feststehender Naturerscheinungen rechnet, und er durfte es, denn seit Menschengedenken war keine wesentliche Veränderung eingetreten, bis vor einigen Jahren plötzlich der Ostwind, der in der zweiten Hälfte des August einzutreten und bis in die Mitte des Oktober zu wehen pflegte, ausblieb und nicht wiedergekommen ist. Nun? Und die Folge davon? fragte der Präsident, der mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte. Die Folge davon, Herr Präsident, ist, daß sich in der Ostsee im Laufe dieser Jahre ganz ungeheure Wassermassen angesammelt haben, die wir um so weniger bemerken, als sie sich ja selbstverständlich nach allen Seiten gleichmäßig auszubreiten streben, der Hauptdruck aber nach Osten in immer gesteigerter Proportion stattfindet, so daß im Frühling des vorigen Jahres bei Nystad in Süd-Finnland vier Fuß über dem gewöhnlichen Wasserstand normiert waren, bei Wasa, zwei Grad nördlicher, bereits sechs Fuß und bei Tornev in dem nördlichsten Ausläufer des Bottnischen Busens sogar acht. Das allmähliche Steigen und die fast ausnahmslos hohen Ufer haben die Bewohner jener Gegenden einigermaßen gegen die größten Kalamitäten geschützt. Für uns aber, die wir fast ebenso ausnahmslos flache Ufer haben, wird ein plötzlicher Rückstau dieses jahrelang ununterbrochen nach Osten drängenden Stromes furchtbar werden. Der Rückstau muß aber bei einem starken Nordost- und Oststurm, besonders wenn er tagelang anhält, eintreten. Die von der Gewalt des Sturmes nach Westen gedrückten Fluten werden vergebens durch die schmalen Straßen der Belte und des Sundes in das Kattegat und Skagerrack einen Ausweg in den Ozean zu finden suchen und wie ein gehetztes Raubtier in die Hürde, sich über unsere Küsten stürzend, meilenweit in das Land hineinwälzend, niederreißend, was ihrer blinden Wut sich engegenstemmt, Äcker und Wiesen mit Sand und Geröll bedeckend, eine Verwüstung anrichten, von der noch Enkel und Enkelkinder schaudernd erzählen werden. Während Reinhold so sprach, war dem Grafen nicht entgangen, daß der Präsident und der General sich wiederholt verständnisvolle, bestätigende Blicke zugeworfen, daß Herrn von Strummins breites Gesicht vor Erstaunen und Schrecken ordentlich in die Länge gegangen war und – was ihn vor allem ärgerte – die Damen mit einer Aufmerksamkeit zuhörten, als handelte es sich um eine Ballgeschichte. Er wollte dem Menschen wenigstens nicht das letzte Wort lassen. Aber diese famose Sturmflut ist denn doch im besten – ich meine für Sie günstigsten – Falle eine Hypothese! rief er. Nur für die, die nicht von ihrer Notwendigkeit überzeugt sind, wie ich es bin, erwiderte Reinhold. Nun gut, sagte der Graf. Ich will einmal annehmen, daß der Herr mit seiner Überzeugung nicht isoliert dasteht. Ja, noch mehr, daß er recht hat, daß die Sturmflut heute oder morgen oder irgend einmal kommen wird: So scheint es doch, daß sie nicht alle Tage, daß sie nur in Jahrhunderten einmal kommt, – nun, meine Herren, ich habe den tiefsten Respekt vor der weit in die Zukunft ausschauenden Fürsorge unserer Behörden, aber dergleichen jahrhundertelange Perspektiven dürften denn doch auch der fürsorglichsten unabsehbar dünken, sie jedenfalls nicht bestimmen, zu unterlassen, was der nächste Augenblick erheischt. Zuletzt hüstelte der Präsident in die schlanken, weißen Hände und sagte: Sonderbar! Während der Herr Kapitän hier mit jenem vollen Tone, den nur die Überzeugung gibt, uns eine Sturmflut prophezeit, die unser liebenswürdiger Wirt, der freilich der Nächste dazu sein würde, – wie unser Fritz Reuter sagte – am liebsten in das Fabelland verweisen möchte, habe ich bei jedem Worte einer andern Sturmflut denken müssen – Noch einer! rief Mieting. Einer andern Sturmflut, mein liebes Fräulein, und auf einem ganz andern Gebiet. Ich brauche den Herren nicht zu sagen, auf welchem. Auch hier ist der gewöhnliche Lauf der Dinge auf die unerwartetste Weise unterbrochen worden, auch hier hat eine Aufstauung von Fluten stattgefunden, die sich in einem ungeheuren Strom – einem Goldstrom, meine Damen von Westen nach Osten ergossen haben. Auch hier prophezeien die Kundigen, daß so unnatürliche Verhältnisse nicht von Dauer sein können, daß sie die längste Zeit gedauert haben, daß ein Rückstau eintreten müsse, eine Reaktion, eine Sturmflut, die – um in dem Bilde zu bleiben, das der Sache so sonderbar entspricht, – sich, eben wie jene andere, zerstörend, vernichtend über uns stürzen und mit ihren trüben, unfruchtbaren Wassern die Stätten bedecken wird, auf denen die Menschen bereits für alle Zeiten ihr Reich und ihre Herrschaft fest gegründet zu haben glaubten. * Die Damen zogen sich, nachdem die Tafel aufgehoben, alsbald zurück. Frau von Strummin, die sonst um neun Uhr zu Bett zu gehen pflegte, war ernstlich müde. Mieting behauptete, es ebenfalls zu sein. Aber ihre glänzenden Augen widersprachen; und so waren denn die beiden Mädchen kaum allein, als sie erklärte, daß sie den Kapitän zum Sterben liebe. Das ist der Mann, den ich mir immer geträumt habe, rief sie: jung, aber nicht zu jung, so daß man Respekt vor ihm haben kann; klug, aber nicht zu klug, so daß man nicht eingeschüchtert wird; brav, aber kein Prahler – und dann die schönen weißen Zähne, wenn er lacht! Und er lacht so gern und so gutmütig! Ich unterschreibe alles, was du von ihm gesagt hast; aber bis zum Lieben – das ist doch noch ein weiter Schritt. Sehen – lieben – das ist bei mir eines. Aber man irrt sich dabei oft – sehr oft! Mieting begann, ihre rotblonden Haare aufzuflechten, und sagte in tragischem Tone: Das erste Mal – es ist unendlich lange her – ich war vielleicht zwölf Jahre – liebte ich den Kandidaten meines Bruders, ich habe nämlich auch einen Bruder. Er lebt jetzt in Hinterpommern – da, wo man für möglichst wenig Geld möglichst viel Sand kaufen kann. Der Kandidat ist natürlich schon lange verheiratet und Pastor, natürlich auch in Hinterpommern, dicht bei meinem Bruder – und da habe ich ihn in diesem Winter gesehen, bei einer Kindtaufe – Gott, wie ich mich geschämt habe! Es war entsetzlich! Und wenn es noch beim erstenmal geblieben wäre! Aber dieselbe Geschichte hat mindestens schon zwanzigmal gespielt – das letzte Mal im Februar in Berlin – im Opernhause – in der ersten Loge. – Papa sagte, es sei ein Bauernfänger, aber Papa sieht überall Bauernfänger, wenn er in Berlin ist, und verleidet einem jede Stunde, zerstört einem jede Illusion – ach, und es ist doch so süß, Illusionen zu haben, wenn man siebzehn Jahre alt und darauf angewiesen ist! Schläfst du schon? Nein, aber ich bin sehr müde; gib nur einen Kuß, und dann geh' auch zu Bett! * Auch die Herren waren nur noch kurze Zeit beisammen geblieben. Die von dem Grafen offerierten Zigarren fanden nur an Herrn von Strummin einen Liebhaber, da der General und der Präsident nicht rauchten, und Reinhold erklärte, für sein Teil die Güte des Grafen um so weniger noch länger in Anspruch nehmen zu wollen, als er morgen in der Frühe aufzubrechen gedenke und deshalb schon jetzt um die Erlaubnis bitte, sich dem Herrn Grafen empfehlen und für die erwiesene Gastfreundschaft danken zu dürfen. Es interessiere ihn, zu wissen, wie der Neptun die Havarie überstanden habe, und er sei sicher, das Schiff entweder noch in Wissow vor Anker zu finden oder gar schon in Ahlbeck, wohin es zurück müsse, die gestern dort ausgesetzten Passagiere abzuholen. Der General sagte kurz, indem er Reinhold die Hand reichte: Au revoir in Berlin, Herr Leutnant! Der Präsident trat heran und flüsterte: Ich wünsche Sie noch zu sprechen! Reinhold überlegte, auf seinem Zimmer angekommen, während er den unglückseligen Frack wieder in die Reisetasche zwängte, was die geheimnisvollen Worte des Präsidenten bedeuten möchten. Der Präsident empfing den späten Gast mit einer Verbindlichkeit, die Reinhold um so mehr auffiel, als er sich von dem zurückhaltenden und, wie es schien, etwas hochmütigen Herrn bis dahin kaum beachtet glaubte. Sie hatten in der Hafenfrage meine Partei zu lebhaft genommen, um nicht mit dem Herrn Grafen zusammenzustoßen, dessen Empfindlichkeit nach dieser Seite leider nur zu erklärlich ist. Sie scheuen vielleicht, um der übrigen Gesellschaft willen, eine doch mögliche Fortsetzung von Debatten, die unseren Wirt in eine so wenig gastfreundliche Aufregung versetzen, und – Genau so verhält es sich, Herr Präsident, sagte Reinhold. Ich dachte es mir. Sie werden also in wenigen Stunden an Bord des Neptun sein. Ich habe in meiner Koje ein Aktenstück frei liegen lassen, in dem ich unterwegs studiert: ein Memorial an den Herrn Minister über eben jene Hafenbaufrage, dann über den Zustand unserer Wasserstraßen, Lotsenverhältnisse, Küstenbeleuchtung – Verbesserungsvorschläge nach allen diesen Richtungen – und so weiter. Ich möchte die Papiere nicht gern in fremde Hände fallen lassen oder auch nur zeitweise in fremden Händen wissen. Und Sie würden mich um so mehr verbinden – Ich danke Ihnen von Herzen für das Vertrauen, das Sie mir schenken, Herr Präsident, sagte Reinhold. Die Papiere sollen sicher in Ihre Hände gelangen – Aber nicht, bevor Sie Einsicht genommen, fiel der Präsident schnell ein. Und das ist die Einleitung zu meiner zweiten Bitte. Sie sehen mich erstaunt an; die Sache ist einfach die: Der alte würdige Lotsenkommandeur in Wissow muß sich und will sich pensionieren lassen. Die Stelle wird zum nächsten Frühjahr, vielleicht schon im Laufe des Winters frei. Bei dem jetzigen Stand der Dinge, bei so vielen Fragen, die herzudrängen und erledigt werden müssen, ist der Posten von einer Wichtigkeit, die weit über den Einfluß ähnlicher Stellungen hinausgeht. Ich kann dem Herrn Minister für diesen Posten nur einen durchaus bewährten, intelligenten Mann in Vorschlag bringen, von dem ich weiß, daß er mich aus Überzeugung in meinen Plänen unterstützen wird. Können Sie sich nun aus jenen Papieren die Überzeugung verschaffen und daß Sie gern mit mir weiter arbeiten möchten, so würde ich mir mit Ihrer Erlaubnis verstatten, Sie dem Herrn Minister zu präsentieren. Aber, Herr Präsident, sagte Reinhold, Sie erweisen mir ein so großes, ein so überaus schmeichelhaftes Vertrauen, einem Mann, von dem Sie doch gar nicht wissen – Das wäre nun meine Sache, unterbrach ihn der Präsident lächelnd. Die Frage ist jetzt: Sind Sie geneigt, auf meine Proposition einzugehen? Ich erwarte, ja, ich wünsche jetzt keine Antwort. Ich bitte darum, wenn Sie mir in Sundin die Papiere wiedergeben und wir über einem Kotelett und bei einem Glase Burgunder das Nähere besprechen. Ein Nicken mit dem feinen grauen Kopfe, ein Wink mit der schlanken weißen Hand und Reinhold war entlassen. In Gnaden, aber doch, als ob ich bereits in seinen und der Regierung Diensten wäre, sagte Reinhold lachend, als er in seinem Zimmer auf und nieder schritt, den Vorschlag überdenkend, der ihm so unerwartet und doch wie der naturgemäße Abschluß alles dessen gekommen war, was der Tag gebracht. Sei ehrlich! sagte Reinhold, seine Wanderung unterbrechend. Gestehe es dir, um nicht ein paar tausend Meilen zwischen sie und dich zu legen, um in ihrer Nähe zu bleiben, um die Möglichkeit zu haben, sie einmal wiederzusehen, um den Toren weiter zu spielen, den du heute gespielt hast! Denn eine Torheit ist es doch! Was kann dabei Vernünftiges herauskommen? Die adlige Generalstochter würde den sehr bürgerlichen Lotsenkommandeur mit höchst verwunderten braunen Augen ansehen, wenn er es wagen wollte, die seinen allen Ernstes zu ihr zu erheben, und für den Herrn General bin und bleibe ich der Reserve-Leutnant – ein etwas, das nicht Fisch, nicht Fleisch ist und das man sich nur im Falle der Not – und auch dann nur mit innerem Widerstreben – gefallen läßt. Ich dächte, du hättest es erfahren! Und gesetzt, das Unwahrscheinlichste würde Wirklichkeit: Du könntest dir die Liebe des schönen Mädchens, die Freundschaft des Vaters erwerben – auf welche Gesellschaft würdest du in Zukunft angewiesen sein! Würde es dich sehr freuen, dem Herrn Grafen Golm, dem Herrn von Strummin und Genossen noch recht oft zu begegnen? Aus ihren Mienen, ihren Blicken zu lesen: Was will der Mensch in unserer Mitte? Kann er nicht bei seinesgleichen bleiben? Oder denkt er wirklich, sich oder seinen demokratischen Onkel – Reinhold mußte lachen: Onkel Ernst! – Er hatte ihn seit zehn Jahren nicht gesehen, aber wenn er ihn jetzt in Berlin so wiederfand: grollend, erbittert, unversöhnt und scheinbar unversöhnlich, wie er damals war – der alte starrköpfige Revolutionär und der alte steifnackige Soldat – eine feine Seide würden die zusammenspinnen! Und die gute Tante Rikchen mit dem kleinen ängstlichen Gesicht unter der großen weißen Haube und den kurzen trippelnden Schritten – sollte sie sich wohl mit dem schönen aristokratischen Fräulein sehr gut stellen? Und das kleine Cousinchen Ferdinande – nun sie muß mittlerweile eine große Cousine geworden sein, und wenn sie gehalten hat, was sie versprach: ein schönes Mädchen – das paßte vielleicht noch am besten, obgleich – Aber bin ich wirklich närrisch? Was soll denn das alles? Was ist denn das alles als tollste Phantasterei, deren du dich schämen solltest, deren du dich morgen schämen wirst! Morgen? Es ist schon Morgen! Zweites Buch Die letzte Station, meine Herren! Darf ich um die Billetts bitten? Reinhold reichte dem Schaffner das Billett und warf einen Blick auf den schlafenden Reisegefährten. Der aber regte sich nicht. Mein Herr, darf ich um Ihr Billett bitten? sagte der Schaffner in lauterem Ton. Der Schläfer richtete sich auf: Ach so! – Er griff in ein Seitentäschchen seiner grauen Joppe, gab das Geforderte, lehnte sich in seine Ecke zurück. Pardon! ich sollte meinen, wir müßten uns schon sonst begegnet sein. Es geht mir ebenso, erwiderte Reinhold höflich, aber mein Gedächtnis läßt mich im Stich. Vielleicht, daß der Name nachhilft: Ottomar von Werben, Sekondeleutnant im... Regiment Nr. 19. Ein freudiger Schreck durchzuckte Reinhold: Reserveleutnant Reinhold Schmidt. – Ich habe die Ehre gehabt, dieser Tage mit einem General Ihres Namens und seinem Fräulein Tochter auf dem Dampfer von Stettin nach Sundin zusammenzutreffen – Waren mein Vater und meine Schwester, sagte Ottomar – in der Tat merkwürdig! Er hatte sich wieder in die Ecke sinken lassen, aus der er sich mit höflicher Verbeugung erhoben. – Der Reserveleutnant flößt dem Gardeleutnant nur ein mäßiges Interesse ein, sprach Reinhold bei sich. Er würde unter anderen Umständen gewiß das Gespräch, das der andere so bald abgebrochen, nicht wieder aufgenommen haben. Hier wurde es ihm nicht schwer, eine Ausnahme zu machen. Ich hoffe, daß der Herr General und das gnädige Fräulein sich wohl befinden, begann er von neuem. Gewiß, ohne Zweifel! sagte Ottomar, das heißt, offen gestanden – ich habe sie, als sie vorgestern abend nach Hause kamen, eigentlich nur sehr flüchtig gesprochen; seit gestern morgen auf Urlaub – zur Jagd. – A propos, wissen Sie immer noch nicht, wo wir uns getroffen haben? Es kann eigentlich nur in Orleans gewesen sein, denn das ist meines Wissens das einzige Mal, daß mein Regiment mit dem Ihrigen in unmittelbaren Kontakt gekommen – Und in Orleans ist es gewesen! rief Reinhold, auf einer kombinierten Wache, zu der unsere beiden Regimenter die Mannschaften stellten. Und eine lustige Wache war's – dank Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft und muntern Laune. Wie ist es möglich, daß ich mich in diesen Tagen der Sache und des Namens nicht erinnert habe! Jetzt fällt mir alles wieder ein: Es kamen hernach noch mehrere Ihrer Kameraden, ein Herr von Wallbach – Wallbach – ganz richtig. Er fiel später vor Paris – armer Kerl! Bin sehr liiert mit der Familie – hat vielleicht das bessere Teil erwählt; verzweifelt langweiliges Dasein. Man muß sich wieder an das Alltagsleben gewöhnen – gewiß! sagte Reinhold. – Aber Ihr Herren seid doch in Eurem Beruf geblieben – und Graf Moltke wird Euch, meine ich, nicht auf Euren Lorbeeren schlafen lassen – Jawohl, allerdings – sagte Ottomar, – ohne Zweifel. – Sie werden länger in Berlin bleiben? Er hatte sich nach dem Fenster gebeugt, an dem jetzt häufiger Lichter vorübertanzten. Ein paar Wochen – vielleicht ebensoviel Monate – es kommt auf die Umstände an – Verhältnisse, die ich noch nicht zu übersehen vermag – Pardon, wollte nicht indiskret sein. Wie war doch der Name? Er wischte mit seinem Taschentuche an der Scheibe, die von seinem Hauch getrübt war. Reinhold mußte über die bequeme Art, die Unterhaltung zu führen, lächeln: Du darfst mehr als andere, sagte er bei sich und nannte dann noch einmal seinen Namen. Das nach dem Fenster gewandte Gesicht war ihm plötzlich zugekehrt mit einem Ausdruck der Überraschung, der Neugier, für den Reinhold keine Erklärung hatte. Pardon, wenn ich eine ganz dumme Frage tue: Haben Sie Verwandte in Berlin? Ja, ich habe sie seit Jahren nicht gesehen; sie zu besuchen ist der ursprüngliche Zweck meiner Reise hierher – mein Onkel hat ein, ich glaube, bedeutendes Marmorwarengeschäft – In der Kanalstraße? Ja. Sie kennen ihn? Nur von Ansehen – stattlicher alter Herr. Wir wohnen Springbrunnenstraße – dos-à-dos oder eigentlich Schulter an Schulter. Der Hof von dem Geschäft Ihres Herrn Onkels schneidet tief nach der Parkstraße hinüber; der kleine Garten von unserem Hause – die Grundstücke gehörten ursprünglich zusammen – lehnt sich seitwärts wieder an den größeren Garten Ihres Herrn Onkels. Da sieht man sich denn – über die Hecken und Mauern – sieht sich, ohne sich zu kennen – ich meine offiziell – sonst, wie gesagt, von Ansehen kenne ich Ihren Herrn Onkel sehr wohl, auch Ihr Fräulein Cousine – Er hatte das Fenster heruntergelassen. Der Zug fuhr in den Bahnhof ein, hielt. Reinhold langte seine Sachen von dem Gestell; er konnte sie nicht gleich zusammenfinden. Als er sich umwandte, war Herr von Werben bereits herausgesprungen. Reinhold sah ihn noch einen Moment, wie er sich hastig durch das Gedränge arbeitete, verlor ihn dann aber aus den Augen, während er seine Blicke umherschweifen ließ, die auf einem Herrn haften blieben, der in einiger Entfernung stand. Die stattliche, breitschultrige Gestalt – die Haltung des Kopfes, der selbst jetzt, wo er sich bald nach rechts, bald nach links wandte, so stolz aufgerichtet blieb, der volle, allerdings jetzt stark ergraute Bart – wie hatte er glauben können, den Mann nicht auf den ersten Blick wieder zu erkennen! Onkel Ernst! Sieh da, lieber Junge! Es war ein herzlicher Ton in der tiefen, kräftigen Stimme, und herzlich und kräftig war der Druck der breiten, starken Hand, die sich Reinhold entgegenstreckte. Wie er leibte und lebte – dein Vater! sagte Onkel Ernst. Die großen Augen, die starr auf Reinholds Gesicht gerichtet waren, wurden feucht. Die Hand, die noch die seine gefaßt hielt, ließ los. Der Onkel hatte ihn an seine Brust gezogen und geküßt. Lieber Onkel! Ihm selbst waren die Augen naß geworden. Er hatte einen so liebevollen Empfang von dem strengen, finsteren Manne nicht erwartet. Auch war die momentane Rührung jedenfalls wieder vorüber, als Onkel Ernst nun sagte: Deine Sachen sind bereits gestern gekommen. Wo bleibt denn Ferdinande? Sie ist hier? Da kommt sie! Ein großes, schönes Mädchen trat eilig heran. – Ich hatte dich ganz verloren, Vater. Guten Abend, lieber Vetter, und willkommen! Ein paar schwermütige blaue Augen streiften über ihn hin, aber mit einem unsicheren Ausdruck, wie Reinhold dünkte. Auch hatte etwas Hastig-Gleichgültiges in dem Ton der vollen, tiefen Stimme gelegen und flüchtig war der Druck der Hand, die sie ihm reichte. Dich hätte ich nun freilich nicht erkannt, sagte Reinhold. Ich dich ebensowenig. Du warst damals ein halbes Kind noch, und jetzt – Und jetzt wollen wir machen, daß wir aus dem Gedränge kommen, sagte Onkel Ernst. Ihr könnt euch das andere unterwegs und zu Hause erzählen. Er hatte sich bereits gewandt und ein paar Schritte getan, Reinhold war im Begriff, den freien Arm seiner Cousine zu geben, als plötzlich Herr von Werben neben ihm stand. Ich wollte mich Ihnen empfehlen, Herr Kamerad. Verzeihung, Herr von Werben! Sie waren so plötzlich verschwunden – Glaubte, Ihnen behilflich sein zu können – sehe, daß ich zu spät gekommen. Würden Sie die Güte haben, mich vorzustellen? Herr Leutnant von Werben – meine Cousine, Fräulein Ferdinande Schmidt. Ottomar verbeugte sich. Ferdinande erwiderte die Verbeugung – sehr förmlich, wie Reinhold meinte. Ich habe wiederholt das Vergnügen gehabt, das gnädige Fräulein am Fenster zu sehen – im Vorüberreiten; prätendiere natürlich nicht die Ehre, ebenfalls gesehen zu sein. Ferdinande antwortete nicht. Es lag ein unmutiger, fast finsterer Ausdruck auf ihrem Gesicht, das, jetzt sprechend, dem ihres Vaters glich. Ich will Sie nicht aufhalten, sagte Ottomar, hoffe bestimmt, noch das Vergnügen zu haben, Herr Kamerad; habe die Ehre, mein gnädiges Fräulein! Er verbeugte sich wieder und trat schnell zurück. Passagiere, die nach dem Ausgang hasteten, drängten sich dazwischen. Komm! Komm! sagte Ferdinande. Sie hatte Reinholds Arm genommen und zog ihn schier ungeduldig vorwärts. Ich bitte um Entschuldigung, aber ich konnte nicht wohl anders, als den Herrn vorstellen. Es schien dir unangenehm zu sein? Mir? Weshalb? Aber der Vater wartet nicht gern. Wer war denn das? fragte Onkel Ernst. Ein Herr von Werben – Offizier – bin zufällig mit seinen Verwandten auf der Reise zusammengetroffen. Ein Sohn des Generals? Ja. Reinhold fühlte ein Zucken der Hand, die in seinem Arm lag, und eine geflüsterte Stimme an seinem Ohre sagte: Vater haßt die Werbens; ich meine, den General – von achtundvierzig her – * Reinhold hatte aus den wenigen kurzen Briefen, die er während dieser zehn Jahre aus dem Hause seiner Verwandten erhalten, so viel herausgelesen, daß Onkel Ernsts Geschäft mindestens nicht schlecht gegangen sein könne. – Die gewählte Toilette Ferdinandes, die stattliche Equipage, in der sie mit donnernder Eile durch die langen, menschenwimmelnden, abendlichen Straßen gerollt waren, ließen ihn vermuten, daß der Onkel mittlerweile ein wohlhabender, wenn nicht reicher Mann geworden sein müsse, und der Eintritt in das Haus bestätigte vollauf diese Vermutung. Die breiten Marmorstufen, vor denen der Wagen – in dem Hausflur selbst – still gehalten; das von dem Hausflur durch eine Glastür getrennte quadratische Treppenhaus, in dem wiederum eine mit Läufern belegte Marmortreppe in drei Absätzen auf die Galerie führte, die an zwei Seiten des Treppenhauses hinlief und von der sich verschiedene Türen zu den Wohnräumen öffneten; das Gastzimmer in dem oberen Stock, in das ihn der Onkel selbst geleitet hatte, mit der Bitte, es sich hier bequem zu machen und hernach zum Abendbrot herunterzukommen – alles und jedes war aus dem Ganzen und Vollen: reich ohne Prunk, geschmackvoll sogar, aber doch, wie es Reinhold vorkam, ohne eigentliche Behaglichkeit – umgeben von einem kühlen Hauch, meinte er und fügte dann sogleich hinzu, daß dieses Gefühl wohl eine Einbildung sein werde, Folge einer Stimmung, wie sie so leicht den überkommt, der ohne rechte Vorbereitung in neue Verhältnisse tritt, in denen er sich nun in aller Eile zurechtfinden soll, unter Menschen, die uns keineswegs ganz fremd, aber auch nicht so bekannt sind, daß wir nicht in jedem Augenblick auf einen fremden, ja befremdenden, weil unerwarteten, unverhofften, vielleicht unerwünschten Zug gefaßt sein müßten. Onkel Ernsts Schwester war ihm mit offenen Armen entgegengeeilt und hatte ihn wieder und wieder umarmt mit einem Überschwang von Empfindung, die sich in reichlichen Tränen und Ausrufungen nicht genug tun konnte und einen wunderlichen Gegensatz bildete zu der gehaltenen Rührung, mit der ihr Bruder ihn empfangen. Auch hatte Onkel Ernst dieser Szene mit einem kurzen, barschen: Wenn du dich ausgeweint hast, Rike, möchte ich Reinhold auf sein Zimmer führen, schnell ein Ende gemacht; worauf denn die Tante eine letzte Umarmung benutzte, Reinhold zuzuflüstern: Er nennt mich noch immer Rike! Aber für dich bin ich Tante Rikchen, nicht wahr! Arme, alte Tante, sprach er lächelnd bei sich, als er sich die Seitentreppe hinab in das Speisezimmer begab, wo Onkel Ernst und Ferdinande ihn bereits erwarteten. Der große runde Tisch war nur mit vier Kuverts belegt. Reinhold hatte gehofft, jetzt auch seinen Vetter Philipp begrüßen zu können, nach dem er in dem ersten Durcheinander der Fragen und Antworten sich zufällig noch nicht erkundigt hatte. So tat er es denn jetzt. Er hatte die Frage an Ferdinande gerichtet. Philipp kommt selten, erwiderte sie. Sagen wir: Er kommt gar nicht. Reinhold blickte erstaunt den Onkel an, der diese Worte mit verdrießlicher Miene in einem herben, rauhen Ton gesagt hatte. Dafür glaubte er, in den Gesichtern der beiden Frauen einen ängstlich-verlegenen Ausdruck wahrzunehmen. Er hatte offenbar eine Saite berührt, die einen schrillen, unharmonischen Klang durch die Familie gab. Die Mahlzeit fängt gut an, dachte Reinhold, indem er zwischen dem Onkel und der Tante, Ferdinande gegenüber, Platz nahm. * Indessen schienen glücklicherweise seine Befürchtungen nicht in Erfüllung gehen zu sollen. Zwar konnte Tante Rikchen nicht wohl den Mund öffnen, ohne daß Onkel Ernst ihr den Faden der Rede kurz abschnitt; auch mischte sich Ferdinande wenig in die Unterhaltung, aber das hatte im Anfang nicht so viel auf sich oder war erklärlich, da Onkel Ernst vor allem von Reinhold einen ausführlichen Bericht seiner Schicksale und Erlebnisse während der langen Jahre, die sie einander nicht gesehen hatten, verlangte und mit einer Aufmerksamkeit zuhörte, die nicht gestört sein wollte. Dabei hatte Reinhold Gelegenheit, die ganz ungewöhnliche Fülle und Genauigkeit von Onkel Ernsts Kenntnissen zu bewundern. Er konnte keine noch so entfernte Stadt nennen, über deren Lage, Geschichte und merkantile Verhältnisse jener nicht vollständig unterrichtet gewesen wäre. Er sprach dem Onkel sein Erstaunen und seine Bewunderung darüber aus. Was willst du? erwiderte dieser. Wenn man als ein armer Teufel geboren ist und nicht, wie du, das Glück gehabt hat, von Berufs wegen in die Welt hineinschweifen zu dürfen, sondern als Junge und Jüngling und Mann an die Scholle geheftet war und an die harte Arbeit ums tägliche Brot, bis man ein alter Kerl geworden, und nun, wo man's sonst wohl könnte, nicht mehr zu dem Wanderstabe greifen mag – was bleibt einem übrig, als die Karten zur Hand zu nehmen und seine Nase in die Bücher zu stecken, um zu erfahren, wie groß und schön unser Herrgott seine Welt gemacht hat? Wenn Onkel Ernst so sprach, schwand alles Rauhe und Herbe aus seiner Stimme, alles Finstre aus seinen strengen Zügen – aber nur für einen Moment; dann lagerte sich wieder über Stirn und Augen die düstre Wolke wie graue Nebel um die Firnen eines Gebirges, die eben noch im Sonnenschein erglänzten. Reinhold konnte sich nicht satt sehen an dem schönen, alten Gesicht, dessen Ausdruck beständig wechselte, aber nie eine leiseste Spur von Flachheit und Unbedeutendheit zeigte, sondern immer groß und mächtig blieb; an dem herrlichen Kopfe, der jetzt, wo das überreiche, lockige Haar und der buschige Vollbart stark ergraut waren, noch stattlicher, königlicher schien als in früheren Jahren. Und dabei mußte er beständig an ein anderes Gesicht denken, dem er noch vor wenigen Abenden so gegenüber gesessen: an das des Generals von Werben, auch ein schönes, altes, strenges Gesicht, freilich in sich konzentrierter, gesammelter, ohne das gewaltige Feuer, das hier in prächtigen Garben emporschoß, um dann wieder, wie unter einer Aschendecke, weiter zu glühen und zu drohen. Denn daß diese innere, kaum verhaltene Glut bedrohlich sei und nur einer Veranlassung bedürfe, um prasselnd und donnernd hervorzubrechen – Reinhold hatte es sich von Anfang an gesagt, und es sollte nicht lange dauern, bis er den Beweis erhielt, wie er sich nicht getäuscht. Er war in der Erzählung seiner Fahrten und Irrfahrten bis zu dem Tage gekommen, wo er in Southampton die Nachricht von dem Ausbruch des Krieges erhielt und, alle Verhältnisse abbrechend, den sonstigen Gewohnheiten entsagend, nach Deutschland zurückeilte, die Pflichten gegen das bedrohte Vaterland zu erfüllen. Dann, als das große Ziel erreicht, größer, schöner, voller, als ich und wohl alle, die mit mir in den Kampf gezogen, gedacht und geahnt, gewünscht und gewollt – da bin ich unverzüglich zu meiner alten Beschäftigung zurückgekehrt, habe mein Schiff wieder übers Meer gelenkt, in dem stillen, freudigen Gefühl, meine Pflicht getan zu haben, in der Gewißheit, jetzt überall, wohin mich auch das wechselreiche Geschick des Seemanns führen möchte, in dem Schatten der deutschen Flagge ein Stück Heimat zu finden; in der frohen Zuversicht, daß ihr in dem schönen Vaterlande das schwer Errungene nie wieder verloren gehen lassen und die gute Zeit benutzen würdet, das so groß geplante, so machtvoll begonnene Werk auszubauen und zu vollenden, und daß, wenn ich heimkehrte, es in ein Land sein werde, voll Freude und Frieden und Sonnenschein in allen Herzen und auf allen Gesichtern. Und nun gar hier – im Schoße der Familie – an deinem Tische, Onkel Ernst, der du für des Vaterlandes Ehre und Glück so viel gekämpft und so viel gelitten – kann doch vollends von einer Zurückhaltung nicht länger die Rede sein; darf ich doch sicher auf herzlichstes Verständnis, auf unbedingte Billigung rechnen. Ich meine, die Sache ist so groß und so schwer, daß sie jedes Paares kräftiger Schultern bedarf, damit sie aus der Stelle rücke; und sie ist so gut und so heilig, daß ich den beklagen möchte, der nicht aus voller Überzeugung mitraten und mittuen will oder kann. Oder kann! rief Onkel Ernst, – sehr richtig! Habe ich nicht mitgeraten und mitgetan, so lange ich konnte: auf den Barrikaden in den Märztagen, auf den Bänken der Nationalversammlung und überall und zu jeder Zeit, wo und wie es menschenmöglich – ich meine einem ehrlichen Menschen möglich war, die Schulter an das Rad zu stemmen, wie du sagst? Ich will nicht davon reden, daß ich mir die Schultern dabei wund gedrückt – mehr als einmal; daß sie mich schikaniert und gelegentlich auch ins Loch gesteckt haben – das gehört dazu, und besseren Leuten als ich ist es nicht besser, wohl aber schlimmer, viel schlimmer ergangen. Gut! Es war ein Kampf – ein mit sehr ungleichen Waffen geführter, verzweifelter Kampf – meinetwegen! Aber doch ein Kampf! Was ist denn das jetzt? Ein Jahrmarkt ist's und eine Trödelbude, wo sie über den Ladentisch hinüber und herüber schachern. Die Wolke auf seiner Stirn war finsterer geworden, die dunkelblauen Augen wetterleuchteten, die tiefe Stimme grollte – ein Sturm war im Anzug. Reinhold hielt es nun doch für geraten, ein paar Segel einzureffen. Ich bin kein Politiker, Onkel, sagte er, ich habe, glaube ich, verzweifelt wenig Anlage dazu und habe jedenfalls keine Zeit gehabt, diese etwaige Anlage auszubilden. Ich kann dir deshalb nicht widersprechen, wenn du mir sagst, daß hierzulande leider nicht alles ist, wie es sein sollte. Aber dann wirst du mir auch zugeben, wie mir die aristokratischen Herren zugeben mußten, daß die Sache, von der andern Seite – ich meine von draußen, vom Bord eines Schiffes, von einem fremden Hafen jenseits des Ozeans aus gesehen – sich ganz anders und sehr viel besser ausnimmt. Und ich meine, du kannst mir nicht verargen, daß ich günstiger über den Mann denke und – gerade heraus – einen tiefen Respekt vor ihm empfinde, dem wir denn doch schließlich den Respekt zu verdanken haben, dessen der deutsche Name sich jetzt über die ganze Welt zu erfreuen hat. Ich kenne das Lied, sagte Onkel Ernst. Er hat es ja oft genug gesungen, der schlaue Finkler, und singt es noch jeden Augenblick, wenn die Gimpel einmal nicht ins Netz wollen: Wer hat 1864, wer hat 1866, wer hat 1870 gemacht? Ich! Ich! Ich! Und hat er nicht recht, Onkel? Nein und tausendmal nein! rief Onkel Ernst. Weil man die letzte Schaufel Erde wegnimmt, hat man deshalb ein alleiniges Anrecht auf den Schatz, den andere mit unsäglicher Arbeit und Mühe aus den Tiefen der Erde so weit geschürft und gehoben? Noch heute wäre Schleswig-Holstein dänisch, hätten die Junker es erobern, noch heute wäre Deutschland in tausend Fetzen zerrissen, hätten die Junker es zusammenflicken sollen; noch heute flatterten die Raben um den Kyffhäuser, hätten nicht tausend und abertausend patriotische Herzen und Köpfe von Deutschlands Einheit geschwärmt, für Deutschlands Größe gedacht Tag und Nacht, – die Herzen und die Köpfe von Männern, die man dafür nicht mit Grafen- und Fürstentiteln und Dotationen beschenkt und begnadigt hat. Weißt du, Onkel, sagte Reinhold, ich meine: Es ist mit der deutschen Einheit wie mit andern großen Dingen auch. In Gedanken waren schon gar viele westwärts nach Ostindien gefahren; in Wirklichkeit tat es schließlich nur einer, und der entdeckte – Amerika. Mir deucht, sagte Onkel Ernst grollend, der es entdeckte, hieß Kolumbus, und er soll zum Dank dafür in den Kerker geworfen und im Elend gestorben sein. Der hinterher kam und den Ruhm in die Tasche steckte und nach dem der Erdteil getauft ist, war ein armseliger Schächer, nicht wert, jenem die Schuhriemen zu lösen. Nun, wahrhaftig! rief Reinhold, wider Willen lachend – ich glaube, Onkel, so würde auf dem ganzen Erdenrund kein anderer Mensch über Bismarck sprechen. Wohl möglich! erwiderte Onkel Ernst; – ich glaube auch nicht, daß auf dem ganzen Erdenrund ein anderer den Mann so haßt wie ich. Onkel Ernst stürzte das Glas, das er sich eben voll geschenkt, in einem Zuge hinunter. Reinhold fiel bei der Gelegenheit auf, daß der Onkel auch sonst der Flasche reichlich zugesprochen, und er glaubte zu bemerken, daß die Hand, die das gefüllte Glas wieder zum Munde führte, ein wenig zitterte und der vorhin so stetige Glanz der großen Augen getrübt war und unheimlich flackerte. Ferdinande schien die Unterbrechung gar nicht zu bemerken. Sie starrte, wie sie es nun bereits fast während der ganzen Mahlzeit getan, mit einem seltsamen zerstreut-düstern Ausdruck vor sich hin und regte sich auch nicht, als jetzt die Tante, sich zu ihr hinüberbiegend, einige leise Worte sagte. Onkel Ernst, der eben das geleerte Glas wieder füllen wollte, setzte die erhobene Flasche heftig nieder: Ich habe dich schon tausendmal gebeten, Rike, das abscheuliche Flüstern zu lassen! Was gibt es denn nun schon wieder? Gar nichts! Ich fragte nur Ferdinande, ob Justus heute abend nicht käme. Wer ist Justus? fragte Reinhold, froh, daß irgendein anderer Gegenstand berührt wurde. Rike liebt es, die Leute möglichst familiär zu bezeichnen, sagte Onkel Ernst. Wenn sie halb zur Familie gehören, warum nicht? erwiderte Tante Rikchen, die entschlossen schien, sich diesmal nicht einschüchtern zu lassen. – Justus oder, wie der Onkel will, Herr Anders ist ein junger Bildhauer – Von dreißig und einigen Jahren, sagte Onkel Ernst. Also von dreißig und einigen Jahren, fuhr Tante Rikchen fort, genauer dreiunddreißig. Er wohnt schon, wer weiß wie lange, bei uns – Weißt du es nicht, Ferdinande? fragte Onkel Ernst. Ferdinande ist nämlich seine Schülerin, fuhr Tante Rikchen fort. Ah! sagte Reinhold, ich mache mein Kompliment. Es ist nicht der Rede wert, sagte Ferdinande. Seine beste Schülerin! rief Tante Rikchen. Er hat es mir selber noch gestern gesagt, und daß dein Hirtenknabe der Kommission sehr gefallen hat. Ferdinande hat nämlich einen Hirtenknaben auf der Ausstellung, nach dem Gedicht von Schiller – Von Uhland, Tante! Ich bitte um Entschuldigung, ich habe nicht das Glück einer gelehrten Erziehung gehabt, wie andere Leute, – nun weiß ich nicht mehr, was ich sagen wollte – Es wird wohl nicht so viel darauf ankommen, brummte Onkel Ernst. Du sprachst von Ferdinandes Hirtenknabe, Tante, sagte Reinhold einhelfend. Die Tante warf ihm einen dankbaren Blick zu, aber bevor sie antworten konnte, ertönte die Klingel auf dem Flur, und sofort fragte eine helle Stimme: Sind die Herrschaften noch bei Tisch? Es ist Justus! rief Tante Rikchen, ich dachte es doch! – Haben Sie schon gegessen? * Noch nicht, Tante Rikchen, sagte der Eingetretene. – Guten Abend, meine Herrschaften! – Ich bitte um Entschuldigung, Herr Schmidt, daß ich so spät komme! – Herr Kapitän Schmidt? – Würde es an der Familienähnlichkeit sehen, auch wenn ich nicht gewußt hätte, daß Sie heute eintreffen sollten – freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen! Reinhold hätte beinahe laut gelacht. – Die Erscheinung, das Wesen, das Sprechen des kleinen bärtigen, an den Schläfen bereits kahlen Bildhauers – seine Lebhaftigkeit, Freundlichkeit, Unbefangenheit – das alles stand in einem so wunderlichen Gegensatz zu der etwas gedrückten, ja gereizten Stimmung, die zuletzt an der Tafel geherrscht! Er hatte in dem Anblick des fremden Mannes, der, harmlos wie ein Kind, die Welt zu durchwandern und ihre Gefahren nicht zu kennen oder doch nicht zu achten schien, seine eigene Natur wiedergewonnen und schloß sich dankbar an den neuen, munteren Gefährten an. Dem Bildhauer wiederum gefiel der kräftige Mann mit dem offnen, freien Gesicht, den großen, hellblickenden, blauen Augen und dem braunen, lockigen Vollbart gar wohl; seine eignen kleinen, ein wenig rotgeränderten lebhaften Augen schweiften immer wieder zu ihm hinüber. Lassen Sie sich nur von Ihrem Herrn Onkel nicht gegen Berlin einnehmen, rief er. – Ich sage Ihnen: Es ist jetzt famös bei uns und wird mit jedem Tage famöser. Wir haben nämlich jetzt, was uns einzig und allein gefehlt hat, Geld; und wenn das Geld im Kasten klingt – Sie wissen nicht, was der Berliner da alles zu tun imstande ist. Berlin wird Weltstadt – blicken Sie mich nicht so strafend an, Fräulein Ferdinande – es ist bereits ein wenig abgegriffen für uns, aber der Herr Kapitän ist zweifellos noch nicht im Besitz des Geheimnisses, und wir müssen ihn doch vorbereiten, damit seine Ver- und Bewunderung nicht alles Maß übersteigt, wenn sich ihm morgen das erhabene Bild des Ungeheuers entschleiert mit den hundert- und abermals hunderttausend Köpfen, Armen und Beinen. Aber, wie lassen wir es uns auch sauer werden! Mit unserm Herzblut füttern wir das Ungetüm. Ich bin schon nur noch Haut und Knochen, und dabei habe ich schon wieder einen Auftrag, Tante Rikchen – Wieder ein Siegesdenkmal? fragte Tante Rikchen eifrig. Natürlich! Sie müssen nämlich wissen, Herr Kapitän: Es ist kein Städtchen jetzt so klein, es will nicht ohne Denkmal sein. Warum auch nicht? Die guten Leute in Posemuckel sind ebenso stolz auf ihre sechs braven Jungen, die sie ins Feld gestellt haben, wie wir auf unsere sechshundert oder sechstausend, und daß sie immer ein paar hundert Taler weniger zusammenbringen, als wofür man menschenmöglicherweise etwas Anständiges herstellen kann, ist auch nicht ihre Schuld. Und wie ziehen Sie sich aus diesem Dilemma? fragte Reinhold. Er setzt irgend einer alten Figur einen neuen Kopf auf, und die Viktoria oder Germania ist fertig, sagte Onkel Ernst. Ich protestiere gegen diese abscheuliche Verleumdung, rief der Bildhauer – ich habe ein einziges Mal den Versuch gemacht, einen Homer, der allerdings schon etwas lange im Atelier gestanden, durch Wegnahme seines ehrwürdigen Hauptes in den Rumpf einer Germania umzuwandeln. Aber es war nur der famösen Falten wegen – der ganz famösen Falten, für die mir seinerzeit Hähnel in Dresden die höchsten Lobsprüche erteilt hat. Und der Versuch mißlang? fragte Reinhold. Ja und nein, erwiderte Justus, sich die kahle Stirn reibend. Nein – denn die Germania steht fix und fertig auf ihrem Sandstein-Postament in Posemuckel und segnet, während ihr die schwerbewaffnete Rechte ermüdet herabsinkt, mit der erhobenen Linken, in der sie einen Lorbeerkranz hält, das deutsche Vaterland und seine treuen Posemuckler. Onkel Ernst schaute unter den buschigen Brauen auf den kleinen heiter-gesprächigen Mann wie ein gut gelaunter Löwe auf das Lieblingshündchen, das ihn lustig bellend umspielt. Ich wollte doch, Ihre Germania stünde auf dem Dönhofsplatze, sagte er. Weshalb? Ein alter, ehrwürdiger Rumpf, welchem ein um seine Mittel nicht verlegener Tausendkünstler einen neuen Kopf aufgesetzt hat, der nicht dazu paßt – das scheint mir ein vortreffliches Bild der neuen, deutschen Einheit und wohl wert, daß unsere gefügigen Herren Volksvertreter es sich recht oft von allen Seiten besehen. Justus lachte überlaut, als hätte Onkel Ernst den harmlosesten Witz gemacht. Sehen Sie, rief er, zu Reinhold gewandt – so ist er nun, der Herr Onkel! Der Neid, das ist seine Leidenschaft! Er beneidet unsern Herrgott, daß er die schöne Welt geschaffen hat – Schämen Sie sich, Justus! sagte Tante Rikchen. Und mich armen Erdenwurm um jede famöse Figur, die aus meinem Atelier hervorgeht. Er hätte sie natürlich viel famöser gemacht. Und darin hat er am Ende recht. Er ist nämlich ein geborner Künstler: ein Michelangelo – das heißt: ohne Arme – nur in der Phantasie. Und jeder Strich seiner Sägen, welche die prächtigen Marmorblöcke zu Treppenstufen und dergleichen schnöden Dingen zerschneiden, geht ihm durchs Herz, denn er denkt bei jedem: Was hättest du daraus formen und bilden können! Schwatzen Sie nicht solchen Nonsens! sagte Onkel Ernst. Es ist die lautere Wahrheit! rief Justus, immer zu Reinhold gewendet; – Ideen hat er, die Hülle und die Fülle – famöse Ideen – Onkel Ernst schüttelte in diesem Augenblick auch das Haupt, aber keineswegs mißmutig, vielmehr mit einer gewissen grimmigen Befriedigung, wie sie Reinhold während des ganzen Abends noch nicht an ihm wahrgenommen. Sollte er gegen Schmeichelei nicht weniger unempfänglich sein als andere Tyrannen auch? dachte Reinhold. Und der neue Auftrag? fragte er. Ein ganz famöser Auftrag, erwiderte Justus, seine dritte Tasse Tee schlürfend; – sie haben diesmal wirklich Geld, heidenmäßig viel Geld; das heißt: Für mich wird natürlich wieder nichts übrig bleiben – die Summe wird wieder mit den Auslagen verduften – Lassen Sie doch einmal hören! sagte Onkel Ernst. Er hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt und blies mächtige Wolken aus der Zigarre, die er sich eben angezündet, nach der Zimmerdecke. Reinhold hatte im Interesse der Damen auf die Zigarre verzichten wollen, was der Onkel aber nicht zugegeben: Seine Frauenzimmer seien daran gewöhnt; Justus, der kein Raucher war, knetete Brotkügelchen zu einer größeren Kugel zusammen; er war offenbar schon mitten in der Arbeit. Es ist im Grunde die alte Geschichte, sagte er: drei oder vier Stufen – sagen wir drei – aus Sandstein, darauf ein quadratischer Unterbau – aus Granit, auf welchem wieder ein viereckiger Ofen, auf welchem Ofen schließlich die Germania. Das ist alles Kinderspiel. Aber der Unterbau mit seinen Hauptreliefs: Hier liegt der Hase im Pfeffer! Aber das hilft nun nicht: Man muß eben originell im einzelnen sein, wenn man's im ganzen nicht sein kann; und da meine Originalität in möglichst guten Modellen besteht, werde ich diesmal unglaublich originell sein, denn ich habe unglaublich gute Modelle. Abschied des Landwehrmannes – denn volkstümlich muß die ganze Geschichte werden – Landwehrmann: Herr Kapitän Schmidt! Ich? rief Reinhold erstaunt. Sie und kein anderer. Ich habe Sie mir schon eine Stunde lang darauf angesehen, Sie hat mir der Himmel geschickt. Numero zwei: Bureau des Bezirksvereins zur Pflege und so weiter: Frauen, die Liebesgaben bringen, Tante Rikchen, Komiteemitglied, die eingelieferten Gaben mit kritischen Blicken prüfend – famös! In einer Ecke Cilli! Das ist ein schöner Gedanke, sagte Onkel Ernst. Wer ist Cilli? fragte Reinhold. Ein Engel, erwiderte Justus, die blinde Tochter des guten Kreisel, Ihres Herrn Onkels ersten Buchhalters, der natürlich als Bureauvorsteher fungiert, über sein Pult gebeugt, die Gaben registrierend. Er allein würde mein Werk unsterblich machen. – Drittens: Kampfszene – Offizier zu Pferde, mit dem Degen winkend, Landwehrleute, zur Attacke mit gefälltem Gewehr, marsch! Marsch! Hurra! Heranstürmend, unter ihnen unser Herr Kapitän, bereits zum Unteroffizier avanciert! Merken Sie schon was? Im übrigen die alte Leier. – Viertens der Einzug! Das schönste Mädchen der Stadt, den Siegeskranz darbringend, natürlich: Fräulein Ferdinande, diesmal Bürgermeisterstochter. Bürgermeister, majestätische Gestalt: Herr Ernst Schmidt. Ich bitte, mich aus dem Spiel zu lassen! sagte Onkel Ernst. Ich bitte, mich nicht zu unterbrechen! rief Justus. – Wo um alles in der Welt soll ich einen so klassischen Repräsentanten des guten, alten, echten, deutschen Bürgertums hernehmen? Das alte, echte, deutsche Bürgertum war republikanisch, grollte Onkel Ernst. Um so besser! rief der Bildhauer. – Ein Siegesdenkmal ist auch ein Friedensdenkmal; was hätten wir von dem Siege, wenn er uns nicht den Frieden brächte? Den Frieden nach außen, den Frieden nach innen: innerhalb der Parteien! Je schärfer die Partei in den Köpfen, auf den Gesichtern meiner Menschen ausgeprägt ist, um so deutlicher wird die tiefsinnige patriotische Symbolik des Werkes hervorspringen. Und deshalb muß man meinem Bürgermeister den Republikaner und Adelshasser auf hundert Schritt ansehen, ebenso wie meinem Regimentskommandeur den eingefleischten Feudalen und Demokratenfresser. Und da habe ich nun wieder ein Modell, das in seiner Weise ebenso klassisch ist: den General von Werben – Reinhold schaute erschrocken auf. Der Name kam ihm so unerwartet und – »der Vater haßt die Werbens«, hatte Ferdinande vorhin gesagt. In der Tat war Onkel Ernsts Gesicht plötzlich wie in Nacht getaucht. Auch die Frauen mußten das heraufziehende Gewitter fürchten: Ferdinandes schöne Züge wurden mit einem plötzlichen Rot übergossen, das ebenso plötzlich einer tödlichen Blässe wich, Tante Rikchen warf dem Bildhauer einen schnellen, ängstlichen Blick zu und schüttelte, verstohlen abwehrend, mit dem Kopf. Aber der merkte von dem allen nichts. Es wird der Knalleffekt des Bildes, rief er: Mit dem Ausdruck befriedigten Siegerstolzes, aber auch mit dem überwundenen Parteitrotzes, als wolle er sagen: Das Kriegsbeil zwischen uns ist nun auf alle Zeit begraben! Streckt mein General, sich seitwärts tief herabbeugend, meinem Bürgermeister die Hand entgegen, die jener mit männlich freudiger Rührung erfaßt, welche deutlicher als Worte sagt: So soll es sein! So soll es nicht sein! rief Onkel Ernst mit einer Donnerstimme. Eh ich die Hand erfasse, soll diese meine Rechte hier verdorren! Und wer mir die Schmach auch nur im Bilde antun wollte, zwischen dem und mir wäre das Tischtuch zerschnitten – so! Und er riß das Messer, das er ergriffen, quer über das Tischtuch, warf es aus der Hand, stieß seinen Stuhl zurück und erhob sich taumelnd. Aber es war nur die Wirkung des Berserkerzornes gewesen, denn er stand, als Reinhold auf ihn zusprang, ihn zu unterstützen, wieder fest und sagte in einem Ton, dessen erzwungene Ruhe seltsam und unheimlich mit dem wilden Ausbruch kontrastierte: Wir hatten zu lang bei Tisch gesessen, da stockt das Blut und steigt einem zu Kopfe. Gute Nacht, Reinhold, auf Wiedersehen morgen! Gute Nacht, ihr andern! Er war gegangen. Reinhold hatte über die erleuchteten Treppen und Korridore leicht sein Zimmer gefunden. Auf dem Tische standen die Lichter; er zündete sie nicht an; der halbe Mond schien hell genug, eine warme Luft drang durch das offene Fenster, an dem er in tiefem Sinnen stehen blieb. Schade, schade, murmelte er, – ich wäre hier gern länger vor Anker geblieben. Und mit dem Alten würde ich zur Not fertig werden. Er ist freilich wunderlich genug getakelt und verliert die Steuerung, wie es scheint, manchmal in bedenklicher Weise. Nun, es sind die Schlimmsten nicht; und man kann von uns Schmidts nicht die aristokratische Haltung der Werbens verlangen. Ferdinande ist ja zweifellos sehr schön – der Bildhauer hatte recht: »das schönste Mädchen der Stadt« und doch! Nicht drei Worte hat sie gesprochen – sollte es leer sein hinter der schönen Stirn? Ihre düstere Schweigsamkeit nur ein Mantel sein mit »famösen Falten«, die sie vermutlich ihrem Meister abgelauscht hat und mit dem sie nun ihre Unbedeutendheit verhüllt? Ich hatte mir ein anderes Bild von ihr gemacht nach der ersten Begegnung; es war doch Leben in ihr, als sie der Vorstellungsszene auf dem Bahnhof so kurz ein Ende machte und mich hernach so eilig wegzog. Freilich – nach dem, was ich eben gesehen – mußte ihr die Szene peinlich genug sein – Capulets und Montagus, nur durch eine Gartenwand getrennt – was ist denn das noch? Die Laubgänge in der Tiefe des Gartens, der sich unter dem Fenster, an dem Reinhold stand, ziemlich weit nach hinten streckte, traten zum Teil hell zwischen den Büschen hervor. Über eine der hellen Stellen war eben eine weibliche Gestalt geglitten, um sofort wieder zu verschwinden und nicht wieder zum Vorschein zu kommen. Er wollte eben das Fenster schließen, als er die Gestalt wieder erblickte, diesmal in dem Gange, der längs der Mauer oder Bretterwand – er konnte es nicht unterscheiden – hinlief, die, nach links zu, den Garten auf eine kleine Strecke von dem Nachbargarten trennte. Es schien, als ob sie den Kopf an die Wand lehnte, längere Zeit, wohl ein paar Minuten in dieser Stellung verharrend, bis sie sich bückte und etwas aufhob, das in dem Licht des Mondes für einen Moment weißlich schimmerte und das sie an ihren Busen drückte oder auch dort verbarg. Und jetzt trat sie von der Wand zurück und weiter in den Garten hinein, ihre Blicke schienen über das Haus, das nun vor ihr lag, zu schweifen; dann kam sie um das Rondell herum – Ferdinande! * An dem Eisengitter, das den etwas höher gelegenen Garten von dem Hofe trennte, tastete sich ein junges Mädchen hin. Sie ging langsam, gleichmäßigen Schrittes, in der erhobenen Linken einen Teller tragend, auf dem Butterbrote zu liegen schienen, und mit der Rechten im Weiterschreiten jeden dritten Stab des Gitters leicht berührend. Und an dieser gleichmäßigen Bewegung hatte Reinhold bereits die Blinde erkannt, bevor sie stehen blieb und, den Kopf ein wenig erhebend, das Gesicht der Sonne zuwandte. Die Sonne schien machtvoll, aber das Mädchen blinzelte nicht mit den Wimpern. Arme Cilli! murmelte Reinhold. Der Name war ihm von der Unterhaltung gestern abend in Erinnerung geblieben und daß die Blinde Herrn Kreisels, Onkel Ernsts Buchhalters, Tochter sei. Und da drüben, der Herr, der jetzt in die Tür des niedrigen Gebäudes trat und nun auf das junge Mädchen zukam, mußte der Vater sein: ein kleiner, alter Herr mit einem gänzlich kahlen Schädel, der in dem hellen Sonnenschein wie eine weiße Marmorkugel leuchtete. Die Blinde hatte die Schritte sofort erkannt. Sie wandte den Kopf und zeigte Reinhold den Rücken, über den ein Paar dicker, aschblonder Flechten so tief hinablief, daß die Enden hinter der Fundamentmauer des Gitters verschwanden. Sie nickte wiederholt dem Kommenden entgegen und hielt ihm mit beiden Händen den Teller hin, von dem er eines der Butterbrote nahm und alsbald zu essen begann, zwischendurch einige Worte sprechend, die Reinhold aus der Ferne nicht verstehen konnte, so wenig, wie des Mädchens Antworten. Wieder hob sie die Augen zur Sonne, nahm den Teller, den sie vorhin in der Linken getragen, in die Rechte und schritt den Weg, den sie gekommen, zurück, mit den Fingerspitzen jeden dritten Stab des Gitters leicht berührend. Reinhold hatte die ganze Szene beobachtet, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Das rührende Bild hatte seine Seele wie mit einem Zauber gefangen gehalten, und der Zauber hatte ihn noch nicht losgelassen, denn noch immer verfolgte er die Bewegungen des Mädchens mit atemloser Aufmerksamkeit: jede dritte Stange mit ihr berührend, als ob er sich selber an dem Gitter hintaste; ihres Wiedererscheinens hinter einem Weißdornbusch, der an dem Gitter wuchs und sie jetzt seinen Blicken entzog, harrend, wie der Schiffer des Wiederaufleuchtens eines Sternes harrt, den er beobachtet und den auf Sekunden, die er zählt, eine vorüberziehende Wolke verbirgt. Aber sie kam in der Zeit, die verfließen konnte, nicht zum Vorschein; dafür bewegte sich der Busch. Vielleicht wollte sie ein Zweiglein abpflücken und konnte nicht damit zurechtkommen, im Nu war er durch das Gartenpförtchen an ihrer Seite. Ein Dorn des Busches hatte, aus dem Gitter hervorragend, den im Winde wehenden Zipfel ihres weißen Schürzchens erfaßt und wollte nicht loslassen, wie geduldig sie sich auch bemühte, die Störung zu beseitigen. Verstatten Sie mir! sagte Reinhold. Sie hatte, noch bevor er bis zu ihr gekommen, sich aus ihrer gebückten Stellung aufgerichtet und ihm ihr Gesicht zugewandt, das jetzt, als er sprach, von dem lieblichsten Rot übergossen wurde. Ich danke Ihnen, Herr Kapitän, sagte sie. Der süße, melodische Klang ihrer Stimme harmonierte wundersam mit dem kindlich-heitern Lächeln, das die Worte begleitete. Woher wissen Sie, Fräulein Cilli, daß ich es bin, der mit Ihnen spricht? sagte Reinhold, indem er sich niederbeugte und den leichten Stoff aus dem Dorn löste. Von ihm, von dem Sie wissen, daß ich Cilli heiße und blind bin: von Justus. Wollen Sie meinen Arm nehmen, Fräulein Cilli, und mir erlauben, daß ich Sie bis an Ihre Wohnung geleite – ich vermute in dem Hause, da gerade vor uns. Ich gehe sicherer allein. Sie hatten das Ende des Gitters erreicht; vor ihnen lag das Haus, in dem Cilli wohnte. Sie hatte die Fingerspitzen an die eiserne Säule gelegt, in der das Gitter abschloß, und hatte das Gesicht etwas nach oben gerichtet mit einem seltsam träumerischen Ausdruck. Ich wünsche oft, ich wäre ein Künstler, sagte sie; aber ein Seemann – das möchte ich doch noch lieber sein. Wenn ich recht wundersam träume, dann fliege ich über die Lande auf weit ausgespannten Flügeln. Ein paar Schwalben schossen zirpend durch die Luft; die Blinde hob die achtlosen Augen. Die kommen übers Meer, ich nicht. Ich komme nur immer bis ans Ufer – nur immer bis ans Ufer! Ich bin recht undankbar, sagte sie, nicht wahr? Wie viele Menschen sehen nie das Meer, nicht einmal im Traume, wie ich – noch heute nacht. Justus kam an unserem Fenster vorüber; wir haben immer sehr spät Licht. Da rief er hinauf, daß Sie angekommen und ein so guter, lieber Mensch seien und so viel Wunderbares erzählt hätten von Ihren großen, großen Reisen. Sie müssen mir auch davon erzählen – wollen Sie? Sie streckte ihm die Hand entgegen. Gewiß will ich es! rief Reinhold; ich fürchte nur, daß Ihre Träume viel, unendlich viel schöner sind als alles, was ich Ihnen erzählen könnte. Die Blinde schüttelte den Kopf. Ich kann kein Ende finden, wenn ich ins Schwatzen komme, nicht wahr? Und nun halte ich Sie so lange auf, und Sie haben so viel Wichtigeres zu tun! Auf Wiedersehen! * Reinhold ließ seine Blicke um sich schweifen. Dieselbe Glocke, die vorhin, als Cilli aus dem Hause getreten, die Frühstückspause verkündete, erschallte jetzt abermals. Die Leute gingen wieder an die Arbeit. Um die Ecke des Hauses biegend, warf er durch weit offene Türen einen Blick in die Werkstatt, die den größten Teil des unteren Raumes einzunehmen schien. Grabkreuze und Grabtafeln wurden hier von geschäftigen Händen zurechtgehauen und gemeißelt. Er fragte nach dem Onkel. Man hatte ihn an dem Morgen noch nicht gesehen, er möchte wohl in dem Maschinenraum sein oder auf einem der hinteren Höfe. – Das Atelier von Herrn Anders? – Hier, in demselben Gebäude, gleich, wenn Sie um die Ecke kommen, die erste Tür, – die zweite ist das Atelier von dem Fräulein. Reinhold trat um das Haus und pochte an die erste Tür, neben der sich ein hohes, von innen bis zur Hälfte verhängtes Fenster befand. Man antwortete nicht, und er wollte schon weitergehen, als die Tür ein wenig geöffnet wurde. Aber es war nicht das freundliche Gesicht des Bildhauers mit den hellen Augen und dem lustigen Lächeln: ein fremdes, dunkles Gesicht, aus dem ein paar schwarze, glänzende Augen ihn anfunkelten. Verzeihung! Ich glaubte, zu Herrn Anders zu kommen. Herr Anders ist nicht hier; Herr Anders ist in seiner Wohnung, die dritte Treppe hinauf. Der mit dem dunklen Gesicht sagte das in einem unfreundlichen Ton und in einem Deutsch, das geläufig genug war, aber doch in jeder Silbe den Ausländer erkennen ließ. So will ich ihn dort aufsuchen. Herr Anders will in die Kunstausstellung, er zieht sich an. Wissen Sie vielleicht, ob Fräulein Schmidt in ihrem Atelier ist? Die Hartnäckigkeit des Fragers schien den jungen Mann zu ärgern. Die schwarzen Augen waren wie in Nacht gehüllt, die feine Oberlippe mit dem weichen Bärtchen zuckte, daß für einen Moment die weißen Zähne hervorblitzten. Er schloß die Tür, auf italienisch etwas durch die Zähne murmelnd, das nicht wie ein Segen klang. Reinhold wandte sich wieder in den Hof, vorbei an einer Stelle, wo man gewaltige Marmorblöcke vermittelst großer Sägen durchschnitt, die in der Schwebe hingen und je von einem Manne regiert wurden. Auch bei den Schneidemaschinen war Onkel Ernst nicht – eben dagewesen – vielleicht bei den Drehmaschinen – nebenan. Reinhold hatte Mühe, die Worte, die ihm ein Arbeiter ins Ohr schrie, zu verstehen, so groß war der nervenzerreißende, kreischende Ton der ungeheuren Sägen, die die Kraft des Dampfes mit unheimlicher Geschwindigkeit hinüber und herüber durch die auf der hohen Kante stehenden mannshohen Blöcke zog: acht, zehn, zwölf Sägen zu gleicher Zeit durch denselben Block, der dadurch in ebenso viele zolldicke Platten geschnitten wurde. Und zwischen je zwei Blöcken auf einem schmalen Gerüst war ein Mann unablässig beschäftigt, aus einem Eimer mit Sand vermischtes Wasser in die Fugen zu gießen, die die Sägen über sich ließen. Und der, welcher herabgestiegen war, um Reinhold Bescheid zu sagen, sprang eiligst auf seinen Platz zurück, die ellenlangen Funken zu löschen, die aus seinen Blöcken hervorzusprühen begannen. Herr Schmidt werde jetzt vielleicht drüben in den Werkstätten sein, wo die feineren Arbeiten so weit vorbereitet würden, bis sie in die Schleiferei kämen. Jene Werkstätten lagen auf der andern Seite des Hofes, von dessen gewaltigen Dimensionen Reinhold erst jetzt eine richtige Vorstellung bekam, ebenso, wie von der ungeheuren Ausdehnung, die des Onkels Geschäft offenbar hatte. In drei Werkstätten war er bereits gewesen, in mindestens ebenso viele hatte er, vorübergehend, einen Blick geworfen. Welche Kapitalien mußten in diesen massiven Gebäuden stecken, in dem Platz allein, den sie und die Hofräume einnahmen, in diesen komplizierten, sinnreichen Maschinen, in der Menge der bereits fertigen Waren und nun gar in diesen Massen unverarbeiteter Marmorblöcke, die überall über den Hof aufgestapelt lagen und zwischen denen sich die gepflasterten Wege hinzogen für die derbkonstruierten Wagen, auf denen von gewaltigen Pferden die ungeheuren Lasten hinüber und herüber geführt wurden! Laute Stimmen, die in seiner unmittelbaren Nähe erschallten, schreckten Reinhold auf: eine hellere und eine tiefe, in der er die seines Onkels zu erkennen glaubte. Es mußte ein Wortwechsel sein: Die hellere Stimme wurde immer heftiger, bis ein donnerndes: Schweigen Sie! den Redeschwall unterbrach. So konnte nur Onkel Ernst donnern. Er war stehen geblieben, unschlüssig, ob er näher treten dürfe, ob er den Streitenden ausweichen solle. Da aber kamen diese bereits um den Haufen Marmorblöcke, der sie bisher seinen Blicken entzogen, herum: der Onkel und ein fuchsbärtiger Mann, dessen unschönes Gesicht von Wut entflammt und wie verzerrt war. Auch auf des Onkels Stirn, aus der der breite Schlapphut hoch hinausgeschoben, lag eine rote Zorneswolke, aber seine großen, mächtigen Augen blickten fest und ruhig, und fest und ruhig war die Stimme, als er jetzt, den Neffen erblickend, sagte: Guten Morgen, Reinhold, obgleich es kein guter Morgen für mich ist. Wünschen Sie meine weitere Begleitung, Herr Schmidt? fragte der Mann. Allerdings, Herr Inspektor! Sie werden die Leute jetzt in meinem Beisein entlassen. Das werde ich nicht tun, Herr Schmidt. In meinem Beisein und in dem aller übrigen Leute! – Ziehen Sie die Glocke! Und Onkel Ernst deutete auf ein Gerüst, in dem eine große Glocke hing. Das ist meines Amtes nicht, sagte der Inspektor trotzig. Sie haben recht, erwiderte Onkel Ernst, denn Sie haben kein Amt mehr, von dieser Stunde an. Ich stehe auf vierteljährige Kündigung. Das wird sich finden. Onkel Ernst ging auf die Glocke zu. Reinhold kam ihm zuvor. – Erlaube das mir! sagte er. Er wartete des Onkels Antwort nicht ab und löste den herabhängenden Strang. Im nächsten Augenblick erschallten die lauten Schläge, mächtigen Klanges über den Hof tönend, das Kreischen und Knirschen der Sägen, das Pochen und Klopfen der Hämmer und Meißel übertönend, die Arbeiter von ihrer Arbeit aufschreckend. Schon kamen sie von da und dort herbei mit verstörten Gesichtern. Und jetzt richtete sich Onkel Ernst auf Die großen Augen flammten über die versammelte Menge, die Arme sanken von der breiten Brust, und aus der breiten Brust kam die mächtige Stimme wie grollender Donner: Leute! Ihr kennt die Haus- und Arbeitsordnung, sie ist euch vorgelegt – jedem einzelnen, der bei mir in Arbeit trat, sie ist in jeder Werkstatt angeschlagen, keiner darf sagen, daß ihm auch nur ein Punkt dunkel oder unverständlich geblieben; und so soll sie auch gehalten werden, Punkt für Punkt, wie von mir, dem Arbeitgeber, so von euch, den Arbeitnehmern. Ist einer unter euch, der hier vortreten und sagen kann, daß ich auch nur um eines Haares Breite von dem abgewichen, was ich euch versprochen, oder sonst meine Pflicht und Schuldigkeit im mindesten nicht erfüllt habe, der trete vor und sage es! Er machte eine Pause – die Arme wieder verschränkend und die Augen senkend, als wolle er auch nicht durch einen Blick jemand einschüchtern, seine Meinung frei zu äußern. Onkel Ernst schaute zum zweiten Male auf: Es hat sich keiner gemeldet, ich muß annehmen, daß ihr mir nichts vorzuwerfen, daß ihr keinen Grund zur Klage habt. Ihr aber, – ich habe Grund zur Klage gegen einige von euch; und damit ihr alle hört, was es ist und wer es ist, und daß ihr euch in Zukunft danach richtet, und wer noch etwa heimlich auf demselben Wege geht, weiß, was er zu tun hat, wenn er sonst ein ehrlicher Kerl ist, seid ihr hier zusammengerufen. – Jakob Schwarz, Johann Brand, Anton Baier – tretet ihr vor! Eine lebhafte Bewegung unter den Leuten entstand. Aller Augen richteten sich auf die Gruppe. – Was soll's? sagte der erste. Du wirst es gleich erfahren, erwiderte Onkel Ernst. – Ihr wißt, Leute, daß unsere Statuten euch verbieten, einem sozialistischen Verein anzugehören; daß ich diese drei Knall und Fall hätte wegschicken können, als ich vor acht Tagen erfuhr, wie es mit ihnen bestellt ist; daß ich Gnade vor Recht ergehen ließ, wenn ich sie nicht wegschickte, wenn ich ihnen Zeit ließ, sich zu besinnen. Gestern abend war die Frist abgelaufen; sie haben gestern abend Herrn Roller hier die von ihnen geforderte Versicherung, daß sie aus dem Verein ausgetreten, nicht gegeben. Herr Roller hätte sie heute morgen nicht wieder an die Arbeit lassen dürfen; er hat es getan und ist deshalb von diesem Augenblick an euer Inspektor nicht mehr und überhaupt aus meinen Diensten geschieden. Die Köpfe wogten durcheinander. Bestürzung malte sich auf den meisten Gesichtern, auf manchen Schadenfreude, der Inspektor versuchte ein höhnisches Lächeln, das aber nur zu einer traurigen Grimasse wurde. Ihr nun, fuhr Onkel Ernst fort, sich jetzt zum ersten Male an die Betroffenen wendend, nehmt eure Sachen und verlaßt den Hof auf der Stelle! Und ihr andern, laßt euch dies Exempel zur Warnung dienen und euch gesagt sein, was ihr freilich längst wissen solltet, daß mit mir nicht zu spaßen, sondern daß es mein bittrer Ernst ist mit dem, was ich sage, und – nun geht wieder an eure Arbeit! Eine Anzahl der Leute machte sofort kehrt und fing an, sich zu entfernen, aber andere – fast aus jeder Gruppe einige – blieben und rückten, während die Reihen sich lichteten, näher zusammen, als wollten sie einer bei dem andern Schutz suchen. Auch die zuerst gehen wollten, blieben wieder stehen, kehrten um und traten ebenfalls aneinander heran. Was steht ihr noch? fragte Onkel Ernst, – was wollt ihr noch? Aus der Menge der Unzufriedenen, die sich jetzt zu einem Knäuel zusammengeballt hatte, trat einer hervor – keiner von den dreien – ein Bursch, der hübsch gewesen sein würde, nur daß das junge Gesicht bereits von bösen Leidenschaften zerwühlt und verwüstet war. Seine hellen, frechen Augen sahen wässerig aus, als ob er bereits der Flasche ungebührlich zugesprochen. Er machte eine Geste, als ob er auf der Rednerbühne stünde, und sprach mit großer Geläufigkeit: Wir wollen wissen, Herr Schmidt, weshalb wir nicht Sozialisten und auch Kommunisten sein sollen, wenn wir wollen; wer uns verbieten kann, einzutreten in die Reihen der Arbeiterbataillone, die gegen die hartherzige Bourgeoisie marschieren, um sich ihr gutes Recht wieder zu erobern, das man uns so schmählich vorenthält? Wir wollen wissen – Schweig! donnerte Onkel Ernst, – schweig, elender Bube! Und schäme dich in deine Seele hinein, wenn du dich noch schämen kannst! Onkel Ernst war ein paar Schritte vorgetreten; der Jüngling wich vor ihm zurück, wie ein Schakal vor dem Löwen, und drückte sich in den Knäuel, der sich noch dichter zusammengeballt hatte. Was steht ihr da und steckt die Köpfe zusammen und murrt und droht? Denkt ihr, daß ich mich vor euch fürchten werde, mehr als vor dem elenden Buben, den ich von der Straße aufgenommen und gekleidet und genährt und in die Schule geschickt habe und der jetzt wissen will, weshalb ich ihm sein gutes Recht vorenthalte? Sein gutes Recht? Euer gutes Recht? Ehrlich zu halten, was ihr versprochen, wozu ihr euch durch eures Namens Unterschrift bekannt habt, – das ist euer gutes Recht – nichts mehr und nichts weniger! Wer hat euch gezwungen zu unterschreiben? Der Hunger! schrie eine rauhe Stimme. Du lügst, Karl Peters! rief Onkel Ernst – und wenn du Hunger gelitten, so war es, weil du ein Säufer bist und das Geld, das deiner Frau und deinen Kindern gehört, in die Branntweinkneipe trägst. Wir sind alle Sozialisten, wie wir hier stehen! schrie eine andere Stimme aus dem Haufen. So habt ihr alle gelogen und betrogen! rief Onkel Ernst; alle, wie ihr da steht! Gelogen habt ihr, als ihr unterschriebt, wovon ihr wußtet, daß ihr es nicht halten könntet und nicht halten wolltet! Ein dumpfes Gemurmel kochte in dem Haufen. Einzelne laute, drohende Rufe brachen hervor. Onkel Ernst sprang mit einem Satze bis unmittelbar vor den Knäuel. Auseinander! donnerte er; auseinander, auf der Stelle! Die Vordersten prallten zurück und drängten auf die, die hinter ihnen standen. Es hatte offenbar keiner den Mut, es bis zu Tätlichkeiten zu treiben. Sie wichen weiter und weiter; der Knäuel fing an, sich zu lösen. In einer halben Stunde seid ihr auf dem Kontor, euch ablohnen zu lassen! Die Leute waren gegangen, auch der Inspektor. Onkel Ernst wandte sich zu Reinhold: Da hast du eine Probe von der herrlichen preußischen Disziplin, die dir im Kriege so imponiert hat. Da hast du ein Stück von der neuesten deutschen Treue und Redlichkeit, wie sie sie in Bismarcks Schule gelernt haben! Aber Onkel, verzeihe, was hat mit diesem allen Bismarck zu tun? Was der damit zu tun hat? Onkel Ernst war stehen geblieben. Was der damit zu tun hat? Wer ist es gewesen, der das Wort gesprochen, daß Macht vor Recht geht? Oder wer, wenn er es nicht gesprochen, hat durch seine Handlungen so viel dazu beigetragen, daß der verruchte Satz zum Grundsatz der jetzigen Menschen geworden ist, nach dem sie ihr Tun und Lassen regeln? Wer hat unser gutes ehrliches Volk gelehrt, wie man mit denen, die sie zu ihren Vertretern bestellt haben, in ewigem Konflikt lebt und über die Köpfe dieser ihrer Vertreter weg nach seinen Zielen greift? Wie man sich eine Armee schafft und eine gefügige Partei, die zu allem Ja und Amen sagt, und was man sonst noch braucht, um diese Ziele sicher zu erreichen? Hast du es nicht gehört, das Wort von den Arbeiterbataillonen? Sie sind schon längst kein toller Traum mehr eines hirnverbrannten Schwärmers. Sie sind eine Wirklichkeit, die drohend wächst wie eine Lawine und sich früher oder später vernichtend über uns alle wälzen wird. Wer kann es ihnen verdenken? Macht geht ja vor Recht! Und so ist die Revolution in Permanenz erklärt und der Krieg aller gegen alle. Heute hat er gesiegt, glaubt er, gesiegt zu haben, und brüstet sich mit seinem Siege und mit der Kaiserkrone, die er für seinen Herrn erobert und von dem Sims nahm, wo sie ein anderer hinlegte, der sie nicht aus den Händen des Volkes nehmen wollte! Aus den Händen des Volkes von damals! – Eines so guten, so treuen, so gläubigen Volkes, dessen heiliger Traum eben diese Krone war! Frage die, ob sie noch glauben! Frage sie, wie sie über die Krone von Gottes Gnaden denken! Frage die, wovon sie träumen! Onkel Ernst deutete auf die entlassenen Arbeiter, die jetzt, heftig gestikulierend und aufeinander einsprechend, über den Hof nach dem niedrigen Gebäude gingen, aus dessen Tür vorhin Cillis Vater gekommen war. Wird die Ablohnung ohne Störung vor sich gehen? fragte Reinhold. Die Polizeiwache ist in zu großer Nähe, erwiderte Onkel Ernst mit finsterem Lächeln – heute fürchten sie noch die Polizei, du kannst ganz ohne Sorgen sein. Und eh' ich's vergesse: Ich danke dir, mein Junge! Wofür, Onkel? Es war nicht nötig, aber ich habe doch gesehen, daß du zu mir stehst, wenn es an den Mann geht. * Der junge Mann in Hemdärmeln, der Reinhold so wenig höflichen Bescheid gegeben, drohte, nachdem er die Tür wieder zugesperrt, mit der Faust und murmelte einen kräftigen Fluch in seiner Heimatsprache zwischen den scharfen weißen Zähnen. Dann trat er in den Raum zurück und schlich mit leisen Schritten bis an eine Tür, die das Atelier von dem Nebenatelier trennte. Er legte das Ohr an die Tür und lauschte ein paar Augenblicke. Ein Lächeln der Zufriedenheit erhellte sein dunkles Gesicht. Er holte, sich aufrichtend, tief Atem und schlich dann, unhörbar wie eine Katze, das eiserne Wendeltreppchen hinauf, das in sein Zimmerchen führte und von dem er vorhin auf Reinholds Klopfen herabgekommen war. Nach einigen Minuten kam er wieder die Treppe herab, diesmal ohne das Geräusch künstlich zu verdecken, sondern sogar fester als nötig auftretend und eine Melodie pfeifend. Er hatte jetzt Weste und Rock an und statt der Socken, die er vorhin getragen, Lackstiefel an den schmalen Füßen, auf die er beim Hinabschreiten zufriedene Blicke warf. Unten angelangt, trat er alsbald vor einen großen Spiegel aus schönem venezianischen Glase und musterte wiederholt seine ganze Gestalt mit größter Sorgsamkeit, zupfte an dem blauen Krawattchen, drückte einen der goldenen Knöpfe fester durch das Chemisette und strich sich mit einem feinen Kämmchen durch die wie Rabengefieder glänzenden blauschwarzen Locken. Sein Pfeifen wurde leiser und leiser und verstummte zuletzt. Er trat von dem Spiegel weg, bald diesen, bald jenen Gegenstand, wie er ihm eben in die Hände kam, mit einigem Geräusch bewegend, bis er unmittelbar an die Tür gelangt war, an der er vorhin gelauscht. Mit einem Griff hatte er einen Schemel erfaßt, den er zu diesem Behuf auf Armeslänge an die Wand gelehnt, und stand jetzt auf dem Schemel, wie vorhin das Ohr, jetzt das Auge an die Tür drückend – sehr nahe, denn er hatte das Loch mit dem feinsten Bohrer gebohrt mit großer Mühe, und große Mühe hatte es ihn gekostet, bis er den Nebenraum oder doch die Stelle, wo sie zu arbeiten pflegte, übersehen lernte. Das Blut schoß ihm in die dunklen Wangen, wie er so hindurchlugte. Auf einmal sprang er herab – unhörbar, wie eine Katze; der Sessel stand wieder an der Wand und er vor dem halbfertigen Marmor einer überlebensgroßen weiblichen Figur, als jetzt von der anderen Seite an die Tür gepocht wurde: Signor Antonio! Signora? rief der junge Mann von dem Platze aus. Er hatte Meißel und Schläger ergriffen, offenbar nur, um die Rolle des Überraschten besser vor sich selbst zu spielen. Können Sie einen Augenblick hereinkommen, Signor Antonio? Si, Signora! Er warf die Werkzeuge aus der Hand und lief nach der Tür, von der jetzt ein Riegel zurückgeschoben wurde. Trotzdem und trotz der erhaltenen Aufforderung klopfte er, bevor er öffnete. Mein Modell ist ausgeblieben, ich wollte heute an den Augen arbeiten. Sie haben schönere Augen als Ihre Landsmännin, Antonio, stellen Sie sich einmal dahin nur für ein paar Minuten! Ein zufrieden-stolzes Lächeln flog über das schöne Gesicht des Jünglings. Er trat Ferdinanden gegenüber in genau derselben Haltung, die sie ihrer Figur gegeben. Wo waren Sie gestern abend, Antonio? fragte sie nach einer Pause. In meinem Klub, Signora. Wann sind Sie nach Hause gekommen? Spät. Ich frage nur so. Wir sind gestern auch erst spät zu Bett gegangen. Wir haben Besuch – ein Vetter von mir – es wurde viel gesprochen und geraucht – ich hatte mir furchtbare Kopfschmerzen geholt und bin noch eine Stunde im Garten gewesen. Wollen Sie sich wieder hinstellen? – Oder sollen wir es aufgeben? – Es wird Ihnen schwer – mir deucht, Sie sehen angegriffen aus. No, no! murmelte er. Er hatte die Stellung wieder eingenommen, aber weniger geschickt als vorhin. In seinem Gehirn schwirrten wunderliche Gedanken, die sein Herz klopfen machten. – »Wann sind Sie nach Hause gekommen? – Ich bin noch eine Stunde im Garten gewesen.« – War es möglich? Nein! Nein! Es war unmöglich, es war ein Zufall – aber wenn er sie in tiefer Nacht allein im Garten getroffen hätte, was würde er gesagt, was getan haben? Es flirrte ihm vor den Blicken – er drückte die Hand, die er an die Stirne halten sollte, vor die Augen. Was haben Sie? rief Ferdinande. Die Hand sank herab, die Augen, die fest auf sie gerichtet waren, sprühten Flammen. Was ich habe? murmelte er, was ich habe? – Ho – non lo so neppur io: una febbre che mi divora, ho, che il sangue mi abbrucia, che il cervello mi si spezza; ho in fine, che non ne posso più, che sono stanco di questa vita! Ferdinande hatte versucht, dem Ausbruch standzuhalten; es war ihr nicht ganz gelungen. Sie zitterte von Kopf bis zu den Füßen. Aus den flammenden Augen war ein Funke in ihr eigen Herz übergesprüht, und ihre Stimme bebte, als sie jetzt, so ruhig als sie noch vermochte, erwiderte: Sie wissen, ich verstehe Sie nicht, wenn Sie so sinnlos schnell sprechen. Sie haben mich verstanden, murmelte der Jüngling. Ich habe nichts verstanden, als was ich ohne das gesehen, daß »ein Fieber Sie verzehrt, daß das Blut Sie erstickt, daß Ihr Gehirn zerspringen will, daß Sie dieses Lebens müde sind« – auf deutsch: daß Sie gestern zu lange in Ihrem Klub gesessen und zu viel von dem schönen Italien geschwärmt und dabei zu viel italienischen Feuerwein getrunken haben. Die Adern an seiner feinen weißen Stirn traten bläulich hervor; ein heiserer Ton, wie eines wilden Tieres Schrei, kam aus seiner Kehle. Er griff nach der Brust, wo er für gewöhnlich sein Stilett trug – die Seitentasche war leer – seine Blicke irrten umher, als suchten sie eine Waffe. Wollen Sie mich morden? Die rechte Hand, die noch auf der Brust zusammengekrampft war, löste sich und sank herab, die linke folgte, die Finger preßten sich ineinander, aus seinen Augen brach ein Strom von Tränen, die Glut erlöschend. Armer Antonio, sagte Ferdinande, ich verzeihe dir – noch einmal – zum letzten Male! Wenn sich diese Szene wiederholt, sage ich es dem Vater, und du mußt aus dem Hause. Und nun, Signor Antonio, stehen Sie auf! Sie reichte ihm die Hand, die er, noch immer kniend, an seine Lippen und an seine Brust drückte. Antonio! Antonio! ertönte draußen Justus' Stimme; zugleich wurde an die Tür gepocht, die auf den Hof führte. Antonio sprang auf die Füße. Ist Antonio hier, Fräulein Ferdinande? Ferdinande ging selbst, die Tür zu öffnen. Sie arbeiten noch? sagte Justus eintretend; – aber ich denke, wir wollen mit Ihrem Vetter in die Ausstellung. Ich warte auf ihn, er hat sich noch nicht sehen lassen; gehen Sie mit Antonio immer voran; wir treffen uns bei den Skulpturen. * Die Tür war ins Schloß gefallen, die Schritte der Fortgehenden verhallten – Ferdinande hatte sich noch nicht aus der Stellung bewegt. Es ist köstlich, sich so geliebt zu wissen – köstlich und – gefährlich! Er beobachtet mich auf Tritt und Schritt – keine meiner Mienen entgeht ihm – aber gestern abend scheint er wirklich zu Hause gewesen zu sein – er weiß noch nicht, daß ich schon nichts mehr wage, wenn er in der Nähe ist. Sie ließ sich auf einen Sessel sinken und nahm aus dem Busen den Brief, den er ihr gestern abend über die Gartenwand geworfen. Sie kannte ihn bereits auswendig; aber so sah sie doch wenigstens die Züge der geliebten Hand. »Warum hast Du keinen Versuch gemacht, mich wissen zu lassen, daß Du auf dem Bahnhof sein würdest? Du konntest ganz sicher an Schönau schreiben; jetzt war es ein Zufall, daß ich mit dem Zuge kam, ein Zufall, daß ich Deinen Vetter im Coupé kennenlernte – wie können wir weiter kommen, ja, wie können wir auch nur diese traurige Existenz weiter fristen, wenn wir alles dem Zufall überlassen? Wenn wir unser Glück nicht dem grausamen Schicksal durch unsere Kühnheit abtrotzen? – Nun mußte ich unter dem Vorwand, Dich aufsuchen zu wollen, Hals über Kopf aus dem Coupé stürzen, und wie leicht hätte ich Dich gar nicht oder mit Deinem Vater zusammen finden können – so wäre die Gelegenheit wieder einmal verloren gewesen. Ich hoffe, es soll jetzt ein wenig besser werden. Dein Vetter ist, wie er mir erzählte und wie mir eben meine Schwester bestätigte, unterwegs mit ihnen bekannt geworden – hat sich der Gesellschaft vielfach nützlich erwiesen – meine Schwester spricht mit großer Wärme von ihm. Er wird zweifellos kommen, dem Vater sich vorzustellen – andernfalls komme ich, dem »Kameraden« für die Dienste, die er den Meinigen geleistet, zu danken – in Elses und des Papas Auftrag – oder auch ohne Auftrag – laß mich nur machen! Das gibt immer eine Anknüpfung, die uns sehr vorteilhaft werden kann, um so mehr, als Dein Vetter ein bequemer Mensch scheint, mit dem nicht viel Umstände nötig sind. Stelle Dich nur gut mit ihm und nutze »den Vetter« aus zu Spaziergängen, Konzerten, Theater – Kunstausstellung – à propos! Laß Dich morgen – glänzender Einfall – auf die Ausstellung führen! Ich habe nur bis 12 Uhr Dienst; also vielleicht um halb eins – werde Elsen persuadieren, die schon den Wunsch ausgesprochen. Kann Dich hier bei der Gelegenheit vorstellen – darf es ja, nachdem wir gestern offiziell miteinander bekannt geworden – rechne also mit Bestimmtheit darauf – schreibe diese Zeilen wie gewöhnlich in fliegender Eile während der paar Minuten, die ich mich vom Teetisch wegstehlen konnte – verzeihe die Kritzelei – ich küsse Deine schöne Hand – in Gedanken – wie neulich, als Du sie mir über die Gartenwand reichtest – zum ersten Male – nicht zum letzten! Ich schwöre es Dir! – –« Sie ließ den Brief in den Schoß sinken. – Und kein Wort vom Vater! Kein Wort, welches darauf hindeutet, daß es ihm Ernst, heiliger Ernst ist; daß er wenigstens einen Versuch machen will, uns aus diesem schmachvollen Zustande zu erlösen! – Und er wußte doch noch nichts von der Szene gestern abend! Sie knitterte das Papier mit der Rechten, die darauf ruhte, zusammen und glättete es im nächsten Moment wieder mit beiden Händen und bedeckte es mit Küssen, faltete es sorgfältig, verbarg es wieder in dem Busen und lehnte dann die heiße Stirn auf die Marmorplatte des Tischchens. Ja, ja, rief sie, aufspringend – ich bin dieses Lebens müde, das kein Leben ist – ein elendes Scheinleben nur – ein Tod vor dem Tode – ja schlimmer; ein lebendiges Begrabensein! Ich will ihn sprengen, diesen fürchterlichen Sargdeckel – oder mich erwürgen mit meinen eigenen Händen! Ein Pochen an der Tür, das schon ein paarmal von ihr überhört war, erschallte lauter. Sie ließ die Arme sinken, warf einen Blick durch den Raum, griff nach dem Busen, wo der Brief verborgen war, strich sich mit beiden Händen über Haar und Stirn und Augen und Wangen: Herein! Ich fürchte, dich zu stören, sagte Reinhold, in der geöffneten Tür stehen bleibend. Komm nur herein und schließ die Tür! Es war die Ferdinande von gestern abend mit der halb gleichgültigen, halb finstern, undurchdringlichen Miene und der tiefen, klanglosen, müden Stimme. Reinhold tat, wie ihm geheißen. Sie legte die Modellierhölzer, die sie im letzten Augenblick auf gut Glück ergriffen, wieder auf das Tischchen und reichte ihm die Hand: Ich habe dich längst erwartet. Auch wäre ich viel früher gekommen, erwiderte Reinhold, – aber ein hübscher junger Mensch nebenan, den ich bei der Toilette gestört zu haben schien – Antonio – ein Italiener – Herrn Anders' Gehilfe – Konnte oder wollte mir keine Auskunft geben. Dann habe ich die Fabrikräume und den Hof durchstreift, deinen Vater zu suchen. Sie hatte die große Schürze abgebunden; Reinhold war vor ihre Arbeit getreten. Wie findest du es? fragte Ferdinande. Sehr schön, erwiderte Reinhold mit aufrichtiger Bewunderung; aber ich wollte, es wäre weniger schön, wenn es um ebensoviel heiterer wäre. Der Zug um den Mund, der Blick der von der Hand beschatteten Augen, der ganze Ausdruck in dem sonst so lieblichen Gesicht – scheint mir nicht recht in Übereinstimmung mit der friedlich-ländlichen Beschäftigung, die durch die Sichel und das Ährenbüschel angedeutet ist. Als ich hereintrat, glaubte ich, ein Mädchen zu sehen, das nach dem Geliebten ausspäht. Jetzt späht sie noch – aber wehe ihm, wenn er kommt! Er mag sich vor der Sichel hüten! Habe ich recht? Vollkommen, erwiderte Ferdinande, – und jetzt freue ich mich doppelt darauf, mit dir in die Ausstellung zu gehen. Wer so feinsinnig eine Dilettantenarbeit zu beurteilen weiß, mit dem muß es ein Genuß sein, die Werke wahrer Künstler zu betrachten. * Ich fürchte nun doch, ihr werdet mich so gründlich verwöhnen, daß ich mich nur schwer in mein einfaches Leben zurückfinde, sagte Reinhold, als er in des Onkels Equipage an Ferdinandes Seite durch die Tiergartenstraße dem Brandenburger Tor zurollte. Weshalb hat man Wagen und Pferde, wenn man sie nicht benutzten soll, erwiderte Ferdinande. Sie hatte sich in die Kissen zurückgelegt, mit der Spitze eines ihrer Füße nur eben den Vordersitz berührend. Reinholds Blick glitt fast scheu an der prachtvollen Gestalt hin, deren herrliche Formen ein elegantes Herbstkostüm auf das Vorteilhafteste hervorhob. Er glaubte erst jetzt zu entdecken, wie schön seine Cousine sei, und er fand es sehr erklärlich, daß sie offenbar die Aufmerksamkeit der bunten Menge erregte, von der die Promenade wimmelte, und mancher Kavalier, der an ihnen vorübersprengte, sich im Sattel wandte. Ferdinande schien nichts davon zu bemerken. Die großen Augen blickten vor sich nieder oder hoben sich mit einem träumerisch-müden Ausdruck zu den Wipfeln der Bäume, die, ebenso träumerisch-müde, regungslos die milde Wärme der herbstlichen Sonne zu trinken schienen. Vielleicht war es diese Ideenverbindung, daß Reinhold sich fragte, wie alt denn eigentlich das schöne Mädchen sei? Und ein wenig erstaunt war, als er bald herausgerechnet, daß sie nicht mehr weit von vierundzwanzig sein konnte. Sie hatte in seiner Erinnerung immer als das hochaufgeschossene, etwas magere, junge Ding gelebt, das sich eben zur Blume entfalten wollte. Aber freilich – es waren ja zehn Jahre seitdem vergangen. Vetter Philipp – damals ebenfalls ein langer, hagerer, junger Mensch – mußte ja bereits in dem Anfange der Dreißiger stehen. Ein zweirädriges Kabriolett, das hinter ihnen kam, überholte sie. Auf dem hohen Bock saß ein großer, stattlicher, breitschultriger, mit höchster, wie es Reinhold schien, etwas studierter Eleganz gekleideter Herr, der den wundervollen, mächtig ausgreifenden Rappen selbst mit den in hellen Glacés steckenden Händen lenkte, während der kleine Groom mit übereinandergeschlagenen Ärmchen in dem niedrigen Hintersitze schaukelte. Der Herr hatte einem begegnenden Wagen eben ausweichen müssen, und seine Aufmerksamkeit war nach der andern Seite gerichtet gewesen; jetzt – bereits einige Wagenlängen entfernt – wandte er sich auf seinem Sitze und grüßte lebhaft mit Hand und Peitsche, während Ferdinande in ihrer lässigen Weise durch ein Kopfnicken antwortete. Wer war der Herr? fragte Reinhold. Mein Bruder Philipp. Wie seltsam! Weshalb? Ich dachte nur eben an ihn. Das kommt ja so oft vor – und besonders in einer großen Stadt und um die Stunde, wo alle Welt unterwegs ist. Es soll mich nicht wundern, wenn wir ihn in der Ausstellung wiederfinden. Philipp ist ein großer Bilderfreund und zeichnet und malt selbst gar nicht übel. Da hält er still – ich dachte es mir – Philipp weiß zu leben. Im nächsten Augenblick waren sie Seite an Seite mit dem Kabriolett. Guten Morgen, Ferdinande! Guten Morgen, Reinhold! Horrender Treffer, daß ich dich gleich am ersten Tage treffe! Schlechtes Wortspiel, Ferdinande? He? Sieht stattlich aus, der Herr Vetter, mit dem braunen Gesicht und dem Bart – braucht sich aber auch der Dame an seiner Seite nicht zu schämen – he? – Wohin wollt ihr? In die Ausstellung? Das ist ja prächtig – sehen uns da – der Gaul ist heute wie toll – au revoir! Er berührte den Rappen, der bereits in dem Geschirr zu steigen begann, mit der Peitschenspitze und jagte davon, noch einmal über die breiten Schultern zurücknickend. Ich würde Philipp nicht wiedererkannt haben, sagte Reinhold, – er sieht euch – ich meine: dem Onkel und dir, gar nicht ähnlich. In der Tat war kaum ein größerer Gegensatz denkbar, als zwischen dem breiten, roten, bartlosen, glatten Gesicht des jungen Mannes mit dem kurzgeschorenen Haar und dem tiefgefurchten, von grauem Haar und Bart umwogten und umwallten prächtigen Antlitz von Onkel Ernst oder der edelblassen, vornehmen Schönheit Ferdinandes. Ein Glück für ihn, sagte Ferdinande. Ein Glück? Er ist, als was er erscheint, der Mann seiner Zeit; wir sind mittelalterliche Gespenster. Dafür geht er unter uns als Gespenst um – es ist nicht seine Schuld. Du stehst also in dem unseligen Zwiespalt zwischen ihm und dem Onkel auf seiner Seite? Wir andern werden bei uns zu Hause um unsere Meinung nicht gefragt. Du wirst dir das für die Zukunft merken müssen. In dem ersten großen, viereckigen Saale der Ausstellung – dem sogenannten Uhrsaale – stand die schaulustige Menge so dicht geschart, daß Reinhold, der Ferdinanden am Arm führte, kaum eine Möglichkeit des Weiterkommens sah. – In den Nebensälen ist es weniger voll, sagte Ferdinande, aber wir müssen doch ein wenig aushalten; es pflegen hier immer gute Bilder zu hängen. Wir wollen uns loslassen – man bewegt sich dann freier. Wie findest du diesen prachtvollen Andreas Achenbach? – Ist das nicht zum Entzücken? Wunderbar! In seinem besten, edelsten Stil! Himmel und Meer – alles grau in grau, und doch – wie scharf sich die einzelnen Partien voneinander abheben! Und wie er dann durch die rote Flagge da hinten am Mast des Dampfers und hier vorn durch die zitternden Lichter auf den überströmten Planken der Brücke wieder so viel Leben in die scheinbare Einförmigkeit zu bringen weiß – meisterhaft – ganz meisterhaft! Reinhold hatte mit großem Vergnügen Ferdinandes begeisterter Schilderung zugehört. – Hier kann sie sprechen, dachte er; – nun, sie ist eben eine Künstlerin! Du siehst das alles auch, aber nicht im Zusammenhang, und wüßtest nicht zu erklären, warum es so schön ist. Er stand da, in Betrachtung des Bildes verloren. Welches Manöver würde der Kapitän im nächsten Augenblick machen? Er mußte unzweifelhaft noch einmal umlegen, um vor den Wind zu kommen – dazu war er aber schon eine Schiffslänge oder so zu nahe an der Brücke – ein verteufeltes Manöver! dachte Reinhold. – Werden die wohl ohne Kompaß ans Land kommen, Herr Kapitän? fragte eine Stimme neben ihm, und fröhlich war das Lächeln, das um die lieblichen Wangen, um die feinen Lippen spielte, als sie ihm jetzt ohne alle Befangenheit die Hand reichte, wie einem alten Freunde. Wann sind Sie gekommen? Gestern abend, mein gnädiges Fräulein. Da haben Sie freilich noch nicht Zeit gehabt, sich nach uns zu erkundigen. Sind Sie allein? Mit meiner Cousine. Der müssen Sie mich vorstellen. Ich habe unten ihren Hirtenknaben gesehen – entzückend! Ich weiß ja jetzt erst von meinem Bruder, daß die Bildhauerin Ihre Cousine ist und daß wir Nachbarn sind und alles; – wo ist sie? Ich sehe mich vergebens nach ihr um. Nun, das ist lustig! Zwei verlassene Kinder in diesem Menschenwalde – ich fürchte mich ordentlich. Ich habe meinen Bruder hier hineingehen sehen, sagte sie. – Da – nein, das war Herr von Saldern – lassen wir ihn! – ich finde ihn schon und Ihre Cousine? Ist ebenfalls nicht hier. Schadet auch nichts. Es wird ihr so wenig an Bekannten fehlen wie mir. Bis wir sie finden, plaudern wir ein wenig; oder wollen Sie Bilder besehen? Es sind hier ein paar köstliche Passinis. Ich plaudere lieber. Es plaudert sich auch nirgends besser als auf der Ausstellung in den ersten Tagen. Man kommt eigens, um zu plaudern, seine Bekannten nach dem langen Sommer, wo alle Welt fort ist, wieder zu begrüßen, die neuesten Toiletten, die die Bankiersfrau und ihre Töchter – wir Offiziersdamen spielen keine Rolle – aus Paris mitgebracht haben, zu mustern – man hat furchtbar viel zu tun, und die Bilder laufen ja nicht fort. Sie wollen nun den Winter bei uns bleiben, sagte mein Bruder? Ein paar Wochen wenigstens. Dann bleiben Sie auch länger. Sie glauben nicht, wie amüsant Berlin im Winter ist! Und nun gar für Sie, dem so viel Kreise offen stehen! Ihr Herr Onkel macht ein großes Haus, sagt mein Bruder, von dem ich alle meine Weisheit habe: Künstler gehen aus und ein – natürlich, wenn die Tochter vom Hause selbst Künstlerin und überdies so schön ist! Ist sie wirklich so schön? Ich bin so neugierig! Bei uns geht es freilich stiller zu und ein wenig einförmig – immer dieselben Leute – Offiziere – aber es sind treffliche Männer darunter, die Ihnen sehr zusagen werden, und unter den Damen ein paar liebenswürdige, hübsche Frauen und Mädchen. – Und dann kommt Fräulein von Strummin! Mieting! Sie hat es mir unter tausend Schwüren in Golmberg versprochen und schon ein halbes Dutzend Briefe über das Thema geschrieben – sie schreibt nämlich jeden Tag, – manchmal zwei Briefe an einem Tage; der letzte handelte nur von Ihnen. Da wäre ich neugierig. Das glaube ich; aber ich werde mich hüten, es Ihnen zu sagen: Ihr Herren seid so schon eitel genug. Auch mein Papa hält große Stücke auf Sie – wissen Sie das? Er meinte, es wäre schade, daß Sie nicht in der Armee geblieben wären. Sie hätten das so leicht gehabt, könnten noch jeden Augenblick wieder eintreten. Sehr gütig, mein gnädiges Fräulein. Aber im Frieden! Ein Sekondeleutnant von dreißig Jahren – das geht schon nicht. Freilich, freilich! Aber, wie wäre es mit der Marine? Das ließe sich gewiß machen, und Sie blieben gleich in Ihrem eigentlichen Berufe. In dem bliebe ich freilich gern, antwortete Reinhold, und so geht mir denn auch eine Proposition, die mir der Herr Präsident von Sanden in diesen Tagen gemacht hat und die mich gleich zum Kommandeur befördern würde, sehr im Kopfe herum. Zum Kommandeur? rief Else mit verwunderten Augen. Zum Lotsenkommandeur, mein gnädiges Fräulein. Ah! Es lag eine Enttäuschung in dem Ausrufe, die Reinhold nicht entging. Er fuhr lächelnd fort: Das ist der Oberbefehlshaber von ein paar Dutzend rauher, wettergehärteter, seetüchtiger Männer und von einem Dutzend tüchtiger, sturmfester, schnellsegelnder Fahrzeuge, unter denen hoffentlich auch ein oder zwei Rettungsboote sich befinden – ein bescheidener Posten, mein gnädiges Fräulein, aber doch nicht ohne Verdienst und ganz gewiß voller Gefahren und, alles in allem, wert, daß jemand, der keine großen Ansprüche an das Leben machen kann, aber gern der Welt nach seinen Kräften und Fähigkeiten nützen möchte, seine Kräfte und Fähigkeiten und, was er sonst noch zu geben hat, freudig hingibt und daransetzt. Und ich – ich bliebe noch nebenbei in meinem ganz eigentlichen Berufe. Sie haben recht – das ist Ihr ganz eigentlicher Beruf. Nehmen Sie ja den Antrag an, den Ihnen der liebe, alte Herr gemacht hat! Sie sehen, Sie haben Freunde in allen Kreisen. Und handelt es sich schon um eine bestimmte Stelle, wenn man fragen darf? Ja, ich würde in Wissow meine Station haben. In Wissow? Sie schlug die Hände zusammen und lachte. In unserm Wissow? Nein, das ist aber köstlich! Da wären wir ja halbe Nachbarn, von Warnow aus, und auch von Strummin, wenn ich Mieting den versprochenen Gegenbesuch mache. Dann kommen wir, und Sie segeln mit uns – aber weit, weit hinaus – wollen Sie? So weit, wie Sie wollen! Ein Mann, ein Wort! Und nun müssen wir vorläufig unsere Entdeckungsreise fortsetzen. – Ach, du lieber Himmel! Die Prinzessin Heinrich August mit den Prinzessinnen! – Sie hat mich jedenfalls schon gesehen – sie sieht alles mit einem Blick, ich darf nicht mehr fort; aber – Ich gehe! rief Reinhold. Tun Sie's, es ist besser! Hier – haben Sie noch eine Hand! Auf Wiedersehen! * Ferdinande hatte in dem Uhrsaale mit den Damen ihrer Bekanntschaft nur so lange gesprochen, bis sie zu bemerken glaubte, daß Reinhold, der sich wiederholt nach ihr umgeblickt, sie für den Augenblick außer acht ließ und sich ganz der Betrachtung der Bilder hingab. Dann hatte sie den Damen eine Verbeugung gemacht, sich von einer Menschenwoge, die nach dem Nebensaale drängte, mit fortführen lassen, in dem Eingang des Nebensaales ein paar Momente gezögert, sich zu vergewissern, daß Reinhold ihr nicht folgte, und war dann mit schnellen Schritten und der Miene einer Dame, die nach der verlorenen Begleitung ausschaut und deshalb für die ihr begegnenden Bekannten nur ein flüchtiges Kopfnicken hat, durch diesen Saal und durch den Oberlichtssaal in den vierten Saal gegangen, aus diesem rechts ab in die lange Flucht der Kabinette gebogen, die sich von hier aus neben den Hauptsälen hinzieht und wohin, selbst in den ersten Tagen, die Besucher spärlicher kommen. Auch heute war es verhältnismäßig leer; nur hier und da strichen einzelne vorüber, mit flüchtiger Neugier die Bilder musternd, nirgends sich lange aufhaltend, einen gelegentlichen Blick der Verwunderung auf einen Offizier werfend, der sich von einigen mittelmäßigen Landschaften nicht losmachen zu können schien. Nun mußte auch sein Interesse befriedigt sein; er schritt rasch den Gang hinauf, bis ganz am Ende ein Bild wiederum seine Aufmerksamkeit erregte. Es war dasselbe, vor dem Ferdinande stehen geblieben war. Das Licht fiel so ungünstig auf das Bild, es konnte nur von der einen Stelle recht gesehen werden. So mußte der Offizier sehr nahe an die Dame herantreten, er streifte dabei ihr Kleid: Pardon! sagte er laut, und dann in leisem Ton, der nur eben ihr Ohr berührte: Wende dich nicht um, bis ich es dir sage! Sprich nach der Ecke zu! Es kann niemand bemerken; – zuerst: Ich danke dir! Wofür? Daß du gekommen bist. Ich bin nur gekommen, dir zu sagen; ich trage es nicht länger. Trage ich nichts? Nein – im Vergleich zu mir. Ich liebe dich, wie du mich. Beweise es! Wodurch? Dadurch, daß du nicht fragst, sondern handelst! Wenn mir die Hände gebunden sind! Zerreiße die Bande! Ich kann es nicht. Leb' wohl! Sie wandte sich nach dem Eingang, durch den sie gekommen; er vergaß alle Vorsichtsmaßregeln und vertrat ihr den Weg. Sie standen sich gegenüber, Aug' in Auge blickend – Ferdinande! Ich will weiter! Du mußt mich hören! Um Gotteswillen, Ferdinande, eine solche Gelegenheit kommt vielleicht in Wochen nicht wieder. Sie lachte höhnisch: Wir haben ja Zeit! Abermals wollte sie an ihm vorüber; er vertrat ihr abermals den Weg. Ferdinande. Noch einmal: Laß mich! Du brauchst eine Gelegenheit? Eine so gute, mich loszuwerden, kommt dir vielleicht nie wieder. Er trat mit einer Verbeugung zurück. Sie hätte frei gehen können; sie tat es nicht; die heißen Tränen waren in die großen Augen geschossen; sie wagte nicht, sich so in die Menge zu begeben, und wandte sich wieder nach dem Bilde, während er sofort dieselbe geschickte Stellung von vorhin einnahm. Sei gut, Ferdinande! Ich habe mich so auf diesen Augenblick gefreut – warum verbitterst du uns beiden die kostbaren Minuten? Du weißt, du mußt es wissen, daß ich zum Äußersten, wenn es sein muß, entschlossen bin. Aber wir können doch die letzten Schritte nicht tun, ohne alles überlegt zu haben. Wir überlegen schon seit einem halben Jahr. Über die Gartenwand hinweg in Worten, die man nur halb versteht, in Briefen, die nie sagen, was man sagen will. Das ist nichts. Du mußt mir das Rendezvous gewähren, um das ich dich so oft gebeten. Soll nie meine Hand in der deinen, meine Lippen auf deinen Lippen ruhen – und du verlangst Beweise der Liebe von mir! Sie schaute von der Seite zu ihm auf und blickte in seine schönen hellbraunen, nervösen Augen. Ein Paar schönerer, dunklerer Augen hatte so vor einer Stunde sie angeblickt und mit leidenschaftlicherem Feuer. Sie hatte ihnen widerstanden, diesen widerstand sie nicht. Ihre Wimpern sanken auf die glühenden Wangen: Ich kann es nicht, stammelte sie. Sage, ich will nicht. Ich habe dir unzählige Vorschläge gemacht. Ich habe mich neulich im Klub deinem Bruder vorstellen lassen. Er war entzückt, mich kennenzulernen – hat mich dringend gebeten, ihn zu besuchen – seine Bilder zu sehen – wie leicht können wir uns da treffen! Ich darf meinen Bruder nicht besuchen – durfte es schon längst nicht mehr und nun seit gestern abend! Dann dein Vetter! Er kommt gewiß zu uns. Ich werde ihm einen Gegenbesuch machen – dein Vater kann mir doch nicht die Tür weisen! Ich habe bereits daran gedacht und ihn vorbereitet. Es würde im besten Fall nur auf wenige Minuten sein. So will ich weiter nachdenken; wenn ich nur weiß, daß du willst – ich finde es schon und schreibe dir oder lieber, sage es dir, sobald du mir das Zeichen gibst. Ich wage es nicht mehr. Weshalb? Jemand beobachtet mich auf Tritt und Schritt; ich bin keinen Augenblick vor ihm sicher – Antonio – ich habe es dir gesagt, ich fürchte – Du fürchtest dich eben immer. Er machte eine schnelle, unmutige Wendung nach der Fensternische, in deren Nähe er stand. In demselben Moment verschwand ein auffallend schöner, elegant gekleideter junger Mann aus der Tür am andern Ende der Galerie. * Zwei Damen hatten sich auf eines der wenigen Sofas geflüchtet, deren die Ausstellung sich rühmen konnte. Neben ihnen stand ein Herr, dessen zerstreute und abgespannte Miene deutlich genug verriet, wie gern er sich ebenfalls gesetzt hätte. Mein Gott, das ist ja Golm! rief der Herr, aus seiner Gleichgültigkeit aufwachend. Richtig, Graf Golm! Das ist ja unglaublich interessant! Bring ihn gleich einmal her, Eduard! Aber der Graf hatte die Gruppe bereits bemerkt und kam mit großer Lebhaftigkeit auf sie zu, dem Herrn, der ihm ein paar Schritt entgegengegangen war, beide Hände hinreichend. Mein lieber Wallbach, wie freue ich mich, Sie zu sehen! Seit wann sind Sie hier? Seit gestern abend – wollen Sie mich Ihren Damen vorstellen? Meine Frau – meine Schwester Carla – Ich hatte allerdings bereits vor zwei Wintern die Ehre – indessen – Oh, man hat ein besseres Gedächtnis in Berlin, als Sie uns zuzutrauen scheinen, Graf! rief Carla, – besonders für Herren, die sich so selten machen. Carla strich ihre unendliche Schleppe zurück. Ich muß fürchten, die Damen zu derangieren, sagte der Graf, setzte sich dann aber doch in die ihm freigemachte Ecke. Wir haben in diesen Tagen unglaublich viel von Ihnen gesprochen, sagte Carla. – Die liebe Else! Sie ist hingerissen von Golmberg – es muß ja das reine Paradies sein! Ist Else nicht entzückend? Wir verwöhnen sie hier alle, sagt Ottomar, der sie selbst am meisten verwöhnt. Wer ist Ottomar, wenn man fragen darf? Herr von Werben! sagte Wallbach mit einem mißbilligenden Blicke auf Carla; – der Leutnant – Ah! Der heißt Ottomar! sagte der Graf. Unsere beiden Familien sind so liiert, sagte Herr von Wallbach; – mein armer Bruder, wissen Sie, fiel vor Paris an Herrn von Werbens Seite – Gewiß, gewiß – ich erinnere mich, sagte der Graf, der keine Ahnung von dem Umstande hatte. Und das hat unsere Intimität natürlich noch erhöht, sagte Carla. Man schließt sich ja im Unglück immer enger aneinander – und sie strich die bauschige Robe noch etwas mehr zusammen. Freilich! Freilich! sagte der Graf – im Unglück und – im Glück. Sie sind ein Philosoph! Ich schwärme für die Philosophie – Schopenhauer hat mir eine unglaubliche Freude gemacht – finden Sie Hartmann nicht auch entzückend? Wer ist das nun wieder? dachte der Graf, und laut sagte er: Gewiß – das heißt – Dann kennen Sie ihn nicht – ich meine: nicht gründlich – ich weiß ihn auswendig. Es gibt in diesem Moment nur drei Männer, die man studieren und immer wieder studieren muß: Bismarck, Hartmann und Wagner: die Politik der Gegenwart, die Musik der Zukunft, vermittelt durch die Philosophie des Unbewußten – da haben Sie die Signatur des Jahrhunderts. Herr von Wallbach zuckte mit den Achseln, trat dann aber mit lächelnder Miene Ottomar entgegen, der über die den Weg kreuzenden Schleppen sich glücklich bis zu der Gruppe am Fenster durchgearbeitet. – Sieh da, lieber Werben! Wir haben Sie lange erwartet. Bitte um Verzeihung, sagte Ottomar; – habe Elsen verloren – halbe Stunde lang gesucht – seien Sie mir nicht bös, gnädige Frau, und Sie, Fräulein Carla! Guten Morgen! sagte Carla, ohne die Lorgnette von den Augen zu nehmen. – Wer ist doch das, Luise? Frau von Elmar? Am Arm ihres Mannes! Nicht möglich! Ottomar hatte während der drei Tage, die er auf der Jagd gewesen, nicht eine Zeile geschrieben – er mußte dafür abgestraft werden. Und dann war es selbst ihr, seitdem ihr Verhältnis mit dem glänzenden Gardeoffizier bekannt war, schwer geworden, die andern jungen Männer in derselben Weise wie früher an sich zu fesseln. Der Graf kam frisch vom Lande und konnte schon ein paar Tage die ihm im Notfalle zuzuweisende Rolle spielen. – Lieber Graf! Meine Gnädige! Der Graf, den Herr von Wallbach eben mit Ottomar bekannt machte, wandte sich. Setzen Sie sich wieder her zu mir! Ich dächte, wir gingen jetzt! sagte Herr von Wallbach. Einen Augenblick! sagte Carla. Herr von Wallbach zuckte die Achseln. Er fand Carlas Spiel, das er vollständig durchschaute, sehr deplaciert; Ottomars Gesicht war schon finster genug, so finster in der Tat, daß er ein Wort der Entschuldigung sagen zu müssen glaubte: Sie ist und bleibt ein Kind! flüsterte er mit einem bezeichnenden Blick auf Carla. – Sie dürfen ihr nicht bös sein. Ich bin ihr nicht bös. So haben Sie anderweitigen Verdruß gehabt, fuhr Wallbach fort, Ottomar etwas auf die Seite ziehend. – Sie sollten wirklich auf eine Zeit von Berlin fort; das faule Friedensleben ist nichts für Sie. Auch habe ich gestern erst wieder mit dem Minister gesprochen, er trägt Ihnen seine Differenzen mit dem Vater nicht nach. Im Gegenteil! Er wünscht, daß Sie den Posten annehmen; nur wünscht er – aus Gründen – gerade dort keinen unverheirateten Attaché. Sie sehen, lieber Werben, ich bin offen – das kann Sie ja nicht beleidigen. Seien Sie es auch, und machen Sie Ernst! Glauben Sie mir: Uns allen wird wohler und behaglicher sein: Ihnen – Carla – mir. Sie können uns nicht verdenken, wenn wir schließlich etwas ungeduldig werden. Ich – ich bin selbst ungeduldig genug. Dann wären wir ja d'accord! Wenn es Ihnen also recht ist – still! Die Heinrich August! Die Prinzessin war, von der Gruppe am Fenster nicht bemerkt, in den Saal getreten und bereits bis in die entgegengesetzte Ecke gelangt und kam jetzt, indem das Publikum ehrerbietig zurücktrat, die Bilder flüchtig musternd, auf sie zu, dabei halb über die Schulter sich wendend, fortwährend mit Elsen plaudernd. Die Gruppe um das Sofa hatte sich eiligst erhoben und geordnet und verneigte sich tief. Da haben wir sie ja alle beisammen, sagte die hohe Frau mit liebenswürdiger Freundlichkeit. – Ach! Graf Golm! Was führt Sie von Ihrer himmlischen Insel in die staubige Stadt? Freilich, auch hier blühen Rosen! Fräulein von Werben hat mir das Abenteuer erzählt, das sie nach Golmberg geführt – der reine Roman! Ich sage ja immer: truth is stranger than fiction. – Werden Sie länger hier verweilen, lieber Graf? Sie müssen mir das sagen. Ich interessiere mich so für Ihre Insel, auf der ich im vorigen Herbst acht schöne Tage verlebte. Wie geht es Fürst Prora? Ihr Schlößchen auf Golmberg soll ja noch schöner liegen als sein berühmtes Jagdschloß? * Reinhold stand eben, ratlos, ob er weitergehen oder wieder umkehren solle, als eine Hand in gelbem Glacé seine Schulter berührte. – Da hätte ich dich endlich! Philipp! rief Reinhold, sich wendend und seinem Vetter die Hand reichend. Wo ist Ferdinande? Reinhold erzählte sein Mißgeschick. So suchen wir sie gemeinschaftlich, sagte Philipp; – ich komme aus den mittleren Sälen, da war sie nicht – vielleicht in einem der letzten. Er hatte seine Hand in Reinholds Arm gelegt mit der Vertraulichkeit eines Vetters und guten Freundes. Reinhold fühlte sich angenehm berührt und ein wenig beschämt, da er sich bewußt war, in dem Streit zwischen Vater und Sohn bereits für den ersteren Partei genommen zu haben. Ich freue mich aufrichtig, dich zu sehen, sagte er. Zweifle nicht an der Aufrichtigkeit! erwiderte Philipp lachend – und will nur hoffen, daß die Freude anhält. Übrigens beanspruche ich von dem Vergnügen mindestens fünfzig Prozent für meinen Anteil. Es ist immerhin eine Chance, endlich einmal einen vernünftigen Menschen in des Alten Gesellschaft zu wissen; und der Alte hat von jeher immense Stücke auf dich gehalten – vermutlich nur, um mich zu ärgern, aber das ist mir ganz egal. Ich bin so neu in diesen Verhältnissen, lieber Philipp – Diplomatisch? – Was hat er dir denn von mir gesagt? Kein Wort – auf Ehre! Kommt noch; aber ich warne dich, ein Wort zu glauben. Ich bin für ihn ein Egoist, ein Plusmacher, ein Gründer, ein Halsabschneider – was weiß ich! – Warum? Weil ich zehnmal reicher bin als er, weil ich seinen ganzen Marmorkram in die Tasche stecken kann, ohne es groß zu merken, weil ich – mit einem Worte – weil ich Erfolg gehabt habe! Na, ich tröste mich mit meinem Bismarck, den er haßt wie die Sünde. Bismarck ist mein Mann – ich schwöre auf Bismarck – ich gehe mit Bismarck durch dick und dünn. Der kennt auch den Rummel – und wie! Du kommst wohl nicht mehr in des Vaters Haus? fragte Reinhold. Nein; weshalb? Aber Philipp! – Als ob es das natürlichste Ding von der Welt wäre, wenn ein Sohn nicht mehr in des Vater Haus kommt! Natürlich? Was heißt natürlich? Ich finde es natürlich, wenn man in meinen Jahren keine Lust mehr hat, sich wie einen dummen Jungen behandeln zu lassen. Indessen, – ich habe, wie gesagt, prinzipiell nichts dagegen; in diesem Augenblick ist mir sogar daran gelegen; verschaffe mir nur eine Einladung! Ich will's versuchen – unter einer Bedingung! Nun? Daß du in meiner Gegenwart nicht auf deinen Vater schiltst. Philipp lachte. – Du bist ein Pedant, lieber Reinhold; – in unserer Zeit darf man die Personen und die Sachen nicht mit Sammethandschuhen anfassen wollen. Sonst kommt man unter den Schlitten, ehe man sich's versieht. Bismarck tut's auch nicht; der greift durch! In der Politik ist manches erlaubt, was für das bürgerliche Leben unstatthaft wäre. Gänzlich überwundener Standpunkt! Im Gegenteil, wir sind, Gott sei Dank, zu der Überzeugung gekommen, daß hier, wie dort, alle Vorteile gelten. Sieh' mal den kleinen schwarzen Mann da mit der großen dicken Frau! Vor zwei Jahren war er ein armer Pfuschmakler, der nicht von einem Tag auf den andern zu leben hatte. Heute ist er ein doppelter Millionär. Philipp hatte mit einem Ruck seinen Arm aus Reinholds Arm gezogen, um vor der Prinzessin und ihrem Gefolge, die eben jetzt vorüberging, Front machen und den Hut ziehen zu können. Reinhold, der durch Dazwischendrängende zurückgeschoben war, konnte, ohne selbst bemerkt zu werden, den Zug deutlich übersehen: die Prinzessin, die bald mit Else, welche zu ihrer Linken ging, bald mit Graf Golm, etwas hinter ihr zu ihrer Rechten, plauderte. Ein sonderbares Gefühl überkam Reinhold. Seine Flucht vorhin hatte in der Eilfertigkeit, mit der sie ausgeführt werden mußte, etwas Komisches gehabt, und er selbst hatte hinterher herzlich gelacht. Jetzt konnte er nicht lachen. Inmitten der frontmachenden, ehrfurchtsvoll grüßenden Menge fühlte er den gesellschaftlichen Abstand zwischen ihm selbst und der jungen Dame an der Seite der Prinzessin ganz anders als zuvor. Er gehörte eben zur Menge – nicht, wie sie, zu den Auserwählten – sie und – Graf Golm! Er wandte sich mit einem heimlichen Seufzer und erblickte dicht hinter sich Ferdinande. Sie sah ihn nicht. Ihre Augen waren, wie die aller, auf die Prinzessin-Gruppe gerichtet mit einer sonderbaren Starrheit, die durch bloße Neugier kaum erklärbar schien. Es lag wohl noch der Unmut, solange allein gewesen zu sein, auf dem schönen, verdüsterten Gesicht. Ferdinande! Sie fuhr, wie aus einem Traum erwachend, zusammen. Eine tiefe Glut hatte sich über ihre Wangen ergossen; Reinhold entschuldigte sich, so gut er konnte, Philipp trat herzu. Habt ihr sie gesehen? Wunderschöne Frau – schwärme für sie! Die kleine Werben scheint ja fabelhaft liiert mit ihr – der Kavalier an der andern Seite, höre eben, Graf Golm – grand seigneur, aber verschuldet bis über die Ohren – hat jetzt Gelegenheit, sich zu retten, wenn er klug ist; – werden, hoffe ich, in nächster Zeit ein Geschäft in großem Stil zusammen machen – kannte ihn noch nicht persönlich – seine Unterschrift war mir desto bekannter. – Und hast du den jungen Werben gesehen, Ferdinande? – Mit dem Fräulein von Wallbach, – soll ja jetzt richtig sein – keine schlechte Partie – sie ist so einhunderttausend schwer, und ihr Bruder, der ihr Vermögen verwaltet – er war auch dabei – der da, Reinhold, mit dem halbkahlen Kopf – ist ein geriebener Junge, und der junge Werben selbst – na – in diesem Augenblick ein etwas unsicheres Papier, aber kann vielleicht noch sehr steigen. Wollen wir gehen? sagte Ferdinande. Sie schritt, ohne die Antwort der Herren abzuwarten, voran, zu Reinholds gelindem Schrecken dicht vorüber an der Prinzessin und ihrer Gruppe. Die Prinzessin war abermals stehen geblieben, andere höchste Herrschaften, die eben gekommen waren, zu begrüßen. Ihre Begleitung war ein wenig zurückgetreten und führte unter sich eine leise Unterhaltung. So durfte er hoffen, unbemerkt durchzuschlüpfen, aber gerade in dem Moment, wo er vorüberging, streifte ihn Elses Blick, und sie nickte ihm so freundlich, ja herzlich zu, daß Graf Golm, dadurch aufmerksam geworden, sich halb wandte und ihn sicher erkannte, obgleich seine hellen Augen, anstatt zu grüßen, nur ein wenig zwinkerten und alsbald wieder eine andere Richtung nahmen. Darüber hatte Reinhold nicht bemerkt, daß Ottomar, der sich ebenfalls umgewandt hatte, sich vor Ferdinande, deren Kleid ihn streifte, mit einer gewissen gleichgültigen Höflichkeit verbeugte, um dann sofort das unterbrochene Gespräch mit Fräulein von Wallbach aufs eifrigste fortzusetzen, während Ferdinande die Verbeugung mit einem starren, leeren Blick beantwortete. Aber den Augen eines andern war von der kleinen Szene nichts entgangen: den schwarzen, glänzenden, funkelnden Augen des schönen, jungen Mannes, der vorhin schon das Rendezvous der beiden in der Galerie aus der Ferne beobachtet. Seine schwarzen Augen verfolgten die Davonschreitenden, bis sie in dem Ausgang verschwunden waren. Dann wandten sie sich in den zweiten Saal zurück und blieben mit einem Ausdruck tödlichen Hasses auf Ottomar haften. Jetzt weiß ich, von wem die Briefe sind, in denen sie so viel liest! – Du sollst es bezahlen, murmelte er durch die weißen Zähne. * An demselben Abend saßen in einem eleganten Salon des Hotel Royal unter den Linden an einem mit Karten und Plänen bedeckten Tische Graf Golm und der Geheimrat Schieler. Die Herren hatten über einer Flasche Wein lange und eifrig diskutiert, die lebhaften Farben in dem Gesicht des Grafen waren besonders intensiv, auch sprach sich ein gewisser Unmut in seinen Zügen aus, als er sich jetzt in den Schaukelstuhl zurücklehnte und sich schweigend hin und her zu wiegen begann. Der Geheimrat blätterte noch ein wenig in den Plänen, nippte an seinem Wein, lehnte sich dann ebenfalls zurück und sagte: Ich finde Sie doch, alles in allem, weniger geneigt, Herr Graf, auf unsere Projekte einzugehen, als ich nach unseren schriftlichen Verhandlungen vermuten durfte. Aber ist denn das noch unser Projekt! rief der Graf, aus seiner Lage emporschnellend. Was geht mich denn eigentlich die ganze Geschichte noch an, wenn ihr einen Nordhafen wollt anstatt eines Osthafens? Die Bahn wird dann eines meiner Güter durchschneiden und ein zweites berühren – ich wüßte nicht, weshalb ich mich deshalb echauffieren sollte! Wir wollen den Nordhafen doch nur, weil wir den Osthafen nicht bekommen können, erwiderte der Geheimrat gelassen. Zu einem Nordhafen wird sich die Regierung zur Not verstehen, zu einem Osthafen – nun, Herr Graf, mir deucht, nach den so überaus interessanten Äußerungen, die Sie aus dem Munde des Generals und des Präsidenten an Ihrem eigenen Tische gehört haben, müßten wir doch die Hoffnung endlich draußen lassen. Verschaffen Sie uns die Konzession des Osthafens, und die Sundin-Wissower Eisenbahn-Gesellschaft ist morgen fertig. Wie kann ich das, wenn Sie das nicht können, der Sie an der Quelle sitzen! Haben Sie nicht mit Hugo Lübbener gesprochen? Ich sollte meinen, ein so kulanter Mann und Ihr langjähriger Bankier – Er ist es erst seit drei Jahren, nachdem Sie ihn mir so dringend empfohlen, indessen mein Konto bei ihm steht sehr schlecht – die Abrechnung vom Juli ist noch bis auf den heutigen Tag nicht reguliert: Ich kann Lübbeners Gefälligkeit nicht weiter in Anspruch nehmen, ich habe noch gar nicht einmal gewagt, mich bei ihm sehen zu lassen. Hm, hm! sagte der Geheimrat mit der Miene eines Mannes, dem eine Sache, die er genau zu kennen glaubte, von einem durchaus neuen Gesichtspunkte gezeigt wird. Ich meinte, Ihre Angelegenheiten seien – abgesehen von vorübergehenden Verlegenheiten – doch im ganzen geordnet. Was Sie mir da – ich hoffe mit einiger hypochondrischen Übertreibung, mitteilen, überrascht mich sehr – sehr – Ich übertreibe nicht, entgegnete der Graf, – ich habe im Gegenteil eher zu wenig als zu viel gesagt. Dann aber begreife ich um so weniger, weshalb Sie auf unser Projekt nicht eingehen. Der Wert der beiden Güter steigt um das Doppelte, und eine Stelle im Verwaltungsrat ist Ihnen auch sicher. Das ist doch immer etwas. Nichts ist es, gar nichts! rief der Graf mit Heftigkeit – ein Tropfen auf einen heißen Stein! Was soll ich mit den armseligen paar Tausend, die ich an einem Abend im Ecarté gewinnen kann! Nein, wenn ich schon einmal unter die Gründer gehe, so darf es um keine Bagatelle sein. Der Geheimrat rieb sich mit dem Bleistift die lange Nase, um ein Lächeln zu unterdrücken und die Antwort, die ihm auf der Zunge schwebte: Wie kann man einen Spieler für alle Zukunft sicherstellen! Er sagte dafür: Sie sollten heiraten, Herr Graf! Die drei Mohrenköpfe in meinem Wappen bedeuten eine runde Million Mitgift. Nennen Sie mir die betreffende jüdische junge Dame! Ich könnte Ihnen mehr als eine nennen. Indessen ich hatte keine der schönen Töchter Israels im Sinn, vielmehr die Tochter eines Geschlechts, das, wenn auch etwas Wendenblut in seinen Adern fließt, beinahe ebenso alt ist wie das Ihre: Fräulein Else von Werben. Scherzen Sie? Ich bin nie ernsthafter gewesen. Die Sache geht mir schon seit drei Tagen durch den Kopf, das heißt, seitdem der glücklichste aller Zufälle zwischen Ihnen und den Werbens eine persönliche Begegnung arrangiert hat unter Umständen, die Ihnen hinüber und herüber – den Austausch weiterer geselliger Höflichkeiten zur einfachen Pflicht machen. Bedenken Sie doch, Herr Graf. Der Hauptgegner der östlichen Richtung unserer Bahn ist der General aus strategischen Gründen – mag sein! Aber – ich kenne den Mann genau – ganz gewiß auch aus persönlichen Rücksichten. Der Hafen kann nur auf Warnowschen Grund und Boden zu liegen kommen, das heißt, die Warnowschen Güter müssen an unsere Gesellschaft verkauft werden; sie können aber nicht verkauft werden – wenigstens vorläufig nicht – ohne seinen Konsens, als Mitkurator über das Warnowsche Vermögen. Nun gut: Heiraten Sie die Tochter, die das Vermögen dermaleinst zur Hälfte erben wird, und wir wollen doch sehen, ob er dem Schwiegersohn vorenthält, was er dem Direktor der Sundin-Wissower Eisenbahn- und Hafenbaugesellschaft verweigert. Es steht nicht umsonst geschrieben: Führe uns nicht in Versuchung. Ich glaube den General auch ein wenig kennengelernt zu haben, rief der Graf – und ich wette hundert gegen eins: Er würde der Versuchung widerstehen! Ich wette nie, entgegnete der Geheimrat; ich kalkuliere immer nur; und ich habe den Kalkül, daß Tropfen den Stein höhlen, zwar etwas unbestimmt, aber im ganzen doch immer richtig befunden. Hören Sie weiter! Der Legationsrat von Wallbach ist, als mein Kollege im Aufsichtsrat der Berlin-Sundiner Bahn, mit mir aufs äußerste interessiert, daß die Sundin-Wissower Bahn, die uns wieder flott machen soll – Sie sehen, Herr Graf, ich bin die Aufrichtigkeit selbst – zustande kommt. Der Legationsrat ist aber nach seines Vaters, des Ministers, Tode ebenfalls einer der Kuratoren des Warnowschen Vermögens, und Ottomar von Werben – der zweite Erbe – ist mit Wallbachs geistreicher Schwester verlobt, so gut wie verlobt. Wallbach rechnet viel zu gut, um nicht zu wissen, daß die Hälfte der Güter, wenn sie verkauft und an uns verkauft wird, doppelt – was sage ich: dreimal, viermal so viel wert ist als jetzt der ganze Komplex; scheut sich aber – aus einem Rest adligen Vorurteils – verzeihen Sie mir das Wort – energisch in den General zu dringen. Machen Sie mit ihm gemeinschaftliche Sache! – Ich meine, heiraten Sie die Tochter wie seine Schwester den Sohn. Der Graf, der, während der Geheimrat sprach, leise auf den Teppich tretend und manchmal stehen bleibend, um kein Wort zu verlieren, hin und her gegangen war, machte eine scharfe Wendung. Gut, sagte er, sehr schön! Aber ich müßte auf alle Fälle der Verkäufer sein, ich, als Nachbar und Schwiegersohn bekomme die Güter entschieden billiger als die Gesellschaft, die überdies den ganzen Komplex nicht einmal brauchen kann. So will ich doch lieber, was sie braucht, an die Gesellschaft verkaufen, als von der Gesellschaft, was ich zur Arrondierung meines Komplexes brauche, kaufen. Ich dächte, das wäre klar. Dem Geheimrat war es sehr klar, ausnehmend klar, vom ersten Augenblick an gewesen, und er hatte nur Zeit gewinnen wollen, sich von seiner Überraschung zu erholen. Der Zug des Grafen war ein Meisterzug, den er dem fahrigen jungen Manne niemals zugetraut hätte. Er war in der seltsamen Lage, den Übereifer, den er so künstlich entfacht, wieder zügeln zu müssen. Bravo! sagte er. Wir werden einen gewiegten Aufsichtsrat an Ihnen haben; ich gratuliere uns und Ihnen im voraus. Indessen teilen wir das Fell auch nicht, bevor wir den Bären erlegten! Wir rechnen bisher noch immer ohne einen Faktor, der denn doch sehr wichtig ist: ohne die Baronin Warnow selbst. Aber, wenn sie unter Kuratel steht und Sie mit Wallbach in dem Kuratorium den General majorisieren können – Nur bis zum ersten Oktober! Von dem Tage an, der zugleich ihr fünfzigster Geburtstag ist, hat die Baronin, laut testamentarischer Verfügung, Sitz und Stimme im Kuratorium, das dann also, wenn Sie wollen, eigentlich nur noch ein ihr zugeordneter Aufsichtsrat ist. Und Sie glauben, die Baronin werde unzugänglich für unsere Pläne sein? Ich glaube, daß die Ansichten der Baronin in dieser und jeder anderen Beziehung zu kennen, viel weniger wichtig ist als die des Signor Giraldi. Ihres Haushofmeisters? Haushofmeisters, Vorlesers, Gesellschafters – was weiß ich! Man sagt, sie sei mit ihm verheiratet? Sie wird sich hüten! Weshalb? Weil sie mit diesem Schritt jedes Anrecht auf das Vermögen verlöre, das dann direkt an Fräulein von Werben und ihren Bruder fiele, vorausgesetzt, daß sie der Baronin, ihrer Tante, nicht die Torheit nachmachten und sich auch unstandesgemäß verheirateten. Dann hätte freilich niemand etwas davon, als diverse milde Stiftungen. Ich habe, wie Sie sich denken können, von dem wunderlichen Testamente alles Mögliche und Unmögliche gehört, sagte der Graf. Könnten und möchten Sie wohl meine Neugier, die jetzt noch kaum so zu nennen ist, befriedigen? Sehr gern, sagte der Geheimrat. Die kleine Indiskretion, die ich allerdings damit begehe, schreibe ich in unserm Kontokorrent auf meinen Kredit; aber wo soll ich anfangen? Beim Anfang, sagte der Graf, – ich weiß viel, ich weiß wenig, ich weiß gar nichts. – Sie sehen: Ich bewege mich schon mit einiger Leichtigkeit in dem Jargon. Soll ich eine zweite Flasche – Danke, danke – ich habe noch einen Besuch vor – indessen – Sie haben recht: Sie müssen das jetzt wissen, und ich werde mich möglichst kurz fassen. Sie wissen, daß die regierende Herzogin von ... eine Seitenverwandte unseres Hofes ist. Fräulein Valerie von Werben, ebenso wie ihre ältere Schwester Sidonie, waren hier in Berlin mit der Prinzessin aufgewachsen; die Prinzessin hatte, als sie sich vermählte, zuerst Valerie mit sich an den neuen Hof genommen, hernach, als diese heiratete, ließ sie – ich glaube aus Pietät – die allerdings sehr viel weniger interessante und pikante Sidonie nachkommen. Der Baron Warnow lernte Fräulein Valerie in ... kennen, wo er – wir hatten damals noch die Courtoisie, Gesandte auch an kleineren Höfen zu unterhalten – in dieser Eigenschaft fungierte. Das schöne und geistreiche Mädchen sehen, lieben, heiraten, aus dem Staatsdienst treten, um ihr ganz leben zu können, war so ziemlich eins. Das war im Jahre 1840. Von 40 – 43 lebten die jungen Gatten in Warnow, am Anfang glücklich, dann weniger glücklich, und – ich muß aus den Andeutungen, die mir der Baron im Jahre 43 machte, schließen – zuletzt bereits passabel unglücklich. Der Baron wollte eine andere Diät versuchen: mit seiner jungen Frau reisen, die Welt sehen. Als sie zurückkamen, besuchte mich der Baron wieder: Er sah erbärmlich aus; der ewige Ortswechsel hatte ihm die Nerven derangiert, er hatte das Klima nicht vertragen können und so weiter. Das Wahre von der Sache: Er war wirklich krank, nur, daß die Krankheit weniger im Magen und in den Nerven als im Herzen seinen Sitz hatte, daß er eifersüchtig war, und, wir dürfen getrost annehmen: nicht ohne Grund. Es schien sich anfänglich um mehrere Gründe gehandelt zu haben, die sich aber zuletzt auf einen konzentrierten, dessen Name auch allein genannt wurde: ein gewisser Gregorio Giraldi, den die Baronin noch als Mädchen kennengelernt, während er sich – in einer untergeordneten Stellung, als Sekretär oder dergleichen der päpstlichen Gesandtschaft – kurze Zeit an dem ... Hofe aufgehalten. Wie dem auch sei: Sie hatten Signor Giraldi in Rom getroffen oder wieder getroffen; ein alter Eindruck wurde aufgefrischt oder eine neue Liaison geknüpft, die unzweifelhaft zur Kategorie der dangereuses gehörte, obgleich mindestens der Schein gewahrt und dem unglücklichen Gatten ein Rest von Hoffnung blieb, sonst wäre es unmöglich gewesen, daß er ein Jahr später seine Zustimmung zu einer zweiten Reise nach Italien gegeben hätte. Von dieser kam er nicht ganz so schnell zurück als von der ersten, dafür aber – allein! Das Klima hatte sich für seine Nerven noch verderblicher gezeigt, so, daß er sich von dem Schock nicht wieder erholen konnte, in der Tat auch nie wieder erholt hat, sondern sechs oder sieben Monate noch so hinsiechte und 1845 starb – an gebrochenem Herzen, sagen sie in den Romanen – nach längerem Leiden an einem Herzschlage, wie es in der Todesanzeige hieß. Glücklicherweise hatte der Tod ihm Zeit gelassen, sein Testament zu machen, und wir hatten unverhältnismäßig viel Zeit zur Abfassung gebraucht, infolge der Hartnäckigkeit des Generals, der damals noch Major, seit einigen Jahren verheiratet und Vater zweier Kinder war, die unterdessen gestorben sind – von den jetzt lebenden wurde Ottomar, wenn ich nicht irre, 1847, die Tochter mehrere Jahre später geboren. Der Baron hatte von dem Augenblicke, als er seinen Schwager kennenlernte, die zärtlichste Freundschaft für ihn gefaßt – eine Freundschaft, die durch die späteren ehelichen Zerwürfnisse um so weniger beeinträchtigt wurde, als Werben, der von vornherein die Partei seines Schwagers genommen, mit der Zähigkeit seines Charakters an diesem Programm festhielt und darum wiederholt die heftigsten Szenen mit der leichtsinnigen, übrigens auch von ihm sehr geliebten Schwester gehabt hatte. So sollten denn auch er, respektive seine Kinder, nach dem ersten Testamentsentwurf die alleinigen Erben sein, während der Baronin nur der verhältnismäßig geringe Pflichtteil zufiel. Werben lehnte die Erbschaft für sich definitiv ab, akzeptierte sie aber nach langen Verhandlungen für seine Kinder, freilich nur unter den seltsamsten Verklausulierungen. Er hatte von Anfang an befürwortet und zuletzt durchgesetzt, daß der Schwester die Möglichkeit einer Wiederverheiratung nicht abgeschnitten werden dürfe, weil dieser Schritt die Rückkehr zu einem geordneten Leben verbürge, vorausgesetzt, daß die Heirat eine standesgemäße und sonst zukömmliche. Ging die Baronin eine unstandesgemäße zweite Ehe gegen den Willen des Kuratoriums ein, so war sie eben auf den Pflichtteil reduziert. Blieb sie dagegen unvermählt, so sollte ihr der Genuß der halben Revenue des Vermögens nicht gestört und nicht geschmälert werden. Die andere Hälfte wurde zum Kapital geschlagen mit Abzug sehr bescheidener Erziehungsgelder für die Kinder des Generals, die ihrerseits in den Genuß des aliquoten Teils der Revenuen der zweiten Hälfte sukzessive treten sollten mit erlangter Volljährigkeit, respektive die Töchter bereits vor erlangter Volljährigkeit bei Eingehung einer Ehe, über deren Standesgemäßheit und sonstige Zukömmlichkeit wiederum das Kuratorium zu entscheiden hatte, wie im ersten Falle. Wollten sie – die Kinder – gleichviel ob Töchter oder Söhne – eine andere Ehe eingehen, so verlieren sie für ihr Teil jeden Anspruch auf die Erbschaft. Der aliquote Teil fällt an das Ganze zurück und wird dem, respektive den noch Erbfähigen zugeschlagen, ebenso als ob der oder die Betreffende aus dem Leben geschieden wäre. Ein kurioses Testament, sagte der Graf, der mit so gespannter Aufmerksamkeit zuhörte, daß er selbst das Schaukeln darüber vergaß. Ich bin nur für die Redaktion verantwortlich, erwiderte der Geheimrat. Die materiellen Bestimmungen sind fast ausschließlich das Werk des Generals, – nebenbei eines der gewissenhaftesten, d. h. pedantischsten Menschen, die existieren, und mit ihrer Parole: Gerechtigkeit, Billigkeit nach allen Seiten, sich und andern das Leben sauer machen. Ich sage Ihnen: Er hätte das Ganze haben können ohne alle und jede Mühe, und nun diese Hindernisse, diese Restriktionen! Ich erwähnte schon vorhin eine, die für uns speziell jetzt sehr wichtig ist. Der Eintritt der Baronin in das Kuratorium? Ganz richtig welcher Eintritt nun in wenigen Wochen stattfinden wird. Sind wir dann imstande, die Baronin oder ihr Faktotum, was auf dasselbe hinauskommt, für uns zu gewinnen, so haben wir freilich die Oberhand, und der Widerspruch des Generals ist, nach dieser Seite wenigstens, gebrochen. Andernfalls – und wir müssen auch auf den andern Fall gefaßt sein – unterscheidet sich unser schönes Projekt, die Warnowschen Güter in die Hände zu bekommen, von einer Seifenblase nicht mehr als ein Ei von dem andern. Und Sie haben die Baronin nicht einmal zu sondieren gesucht? rief der Graf in vorwurfsvollem Tone. Ich glaubte, es würde Zeit dazu sein, wenn die Baronin zu den bevorstehenden Verhandlungen, bei denen ihre persönliche Anwesenheit unabweislich ist, hier eintrifft. Sie ist bereits auf der Herreise, nach dem letzten Briefe in München, wo sie diesen Monat zuzubringen gedachte. Jetzt freilich will ich allerdings versuchen, sie zu bestimmen, entweder selbst früher zu kommen oder uns wenigstens ihr Faktotum zu schicken. Sie kennen den Herrn? Nicht persönlich, nur aus seinen Briefen. Signor Giraldi ist unzweifelhaft eine merkwürdige Persönlichkeit: Gelehrter, Künstler, Diplomat, Geschäftsmann – letzteres in erster Linie – zum Gegner möchte ich lieber den Gottseibeiuns selber haben. Der Geheimrat hatte sich erhoben; der Graf schaukelte sich wieder mit verdrießlicher Miene. – Sehr gütig, sagte er, – aber, verzeihen Sie mir die Bemerkung: Ich bin jetzt noch ebenso klug wie vorher. Dann verzeihen Sie auch mir die Bemerkung, Herr Graf, daß Sie ein wenig undankbar sind, erwiderte der Geheimrat, sich die Handschuhe anziehend. – Ich habe Ihnen gegenüber getan, was ich für unsere Aktionäre nicht tun würde, und wenn sie sämtlich auf den Knien vor mir lägen: Ich habe Ihnen den wahren Stand der Berlin-Sundiner Eisenbahngesellschaft angegeben; ich habe eingestanden, daß unsere einzige Rettung eine Fortsetzung der Bahn von Sundin durch Ihre Insel zu einem beliebigen Kriegshafen ist, der gleichsam den Kopf der Schlange bildet; mit andern Worten: daß wir unsere erste Gründung nur durch eine zweite retten können, die wir auf die erste pfropfen. Ich komme Ihnen entgegen, reiche Ihnen die weitausgestreckte Hand zur Verbindung, deute Ihnen die Mittel und Wege an, wie etwa nach menschlicher Klugheit die Ihnen, nicht uns – bedenken Sie das wohl, Herr Graf – entgegenstehenden Hindernisse beseitigt werden möchten, gebe zu diesem Zweck ein Familiengeheimnis preis, wie vorhin ein Geschäftsgeheimnis; offeriere Ihnen schließlich, wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf, die Hand einer jungen, schönen, liebenswürdigen Dame – und Sie sagen mir, daß ich vergebens hier gewesen bin! Der Geheimrat hatte seinen Hut genommen, der Graf sich noch immer nicht aus seiner Stellung gerührt. Es ist gewiß recht undankbar von mir, sagte er, – aber Sie wissen, man ist selbst für die angenehmsten Perspektiven nicht sehr empfänglich, wenn man sich in einer so unangenehmen Lage befindet wie ich. Ich möchte mir einen Vorschlag erlauben, Herr Graf. Wir haben uns beide warm gesprochen; ein Gang in der Abendkühle dürfte auch Ihnen wohl tun. Nehmen Sie Ihren Hut und erweisen Sie mir die Ehre, mich auf meinem Besuche zu begleiten. Zu wem wollen Sie? Zu dem General-Entrepreneur unserer Bahn, Herrn Philipp Schmidt. Der Graf richtete sich aus seinem Stuhle auf, ließ sich aber alsbald wieder sinken. Ich hasse den Namen, sagte er mürrisch. Was um alles in der Welt hat der Name mit der Sache zu tun, erwiderte der Geheimrat. Und die Sache ist, daß Herr Philipp Schmidt es sich einmal selbstverständlich zu einer hohen Ehre schätzen würde, die persönliche Bekanntschaft des Herrn Grafen zu machen. * Philipp ging in seinem Arbeitskabinett ungeduldig auf und ab, setzte sich wieder an den Schreibtisch, drückte auf die Feder eines geheimen Schubfaches, nahm das Billett des Geheimrats heraus, eigentlich nur, um sich zu vergewissern, daß er sich in der Stunde nicht versehen; und da er das Blatt einmal in der Hand und sonst nichts zu tun hatte, las er es wiederum so sorgfältig durch, als ob er es zum ersten Male läse: »Lieber Freund! Der Graf ist für uns von einer Wichtigkeit, die Sie noch immer zu unterschätzen scheinen. Daß er bis über die Ohren verschuldet, ist in meinen Augen für uns einfach eine Chance mehr; wir werden ihn um so billiger haben. Und haben müssen wir ihn. Die Schlappe, daß Fürst Prora sich definitiv weigert, als Mitbegründer zu fungieren, und sich höchstens je nachdem als simpler Aktionär beteiligen will, kann nur durch den Beitritt des Grafen einigermaßen ausgewetzt werden. Wir brauchen absolut einen hochadligen Namen nach oben und nach unten. Sie kennen den insularen Patriotismus nicht: Ein Leithammel muß erst vorangesprungen sein, freilich! Aber dann folgt auch die ganze Herde. Also, ein Königreich für den Leithammel! Das heißt in Zahlen ausgedruckt: erst einmal 50 000 Taler, die er, wie ich weiß, notwendig braucht, und die Sie oder Lübbener anschaffen müssen; sodann das Versprechen einer beliebig großen Anzahl goldener Berge, im Falle die Ostbahn zustande kommt – ein Fall, der schwerlich jemals eintreten wird; drittens – à conto der 50 000 und der goldenen Berge – das Versprechen seinerseits, auch in das Komitee einer Nordbahn zu treten. Ich werde heute abend alle Minen sprengen lassen und bringe ihn, unter irgendeinem Vorwand, den ich im Hereintreten affichieren werde. Lübbener muß auch zugegen sein, oder besser: später kommen – natürlich zufällig! Sollte ich den Grafen wider Erwarten vollständig obstinat und durchaus abgeneigt finden, den ersten Schritt zu tun, werde ich die Unterredung um neun Uhr abbrechen und komme dann allein.« »P. S. Halten Sie sich ja an den jungen Werben! Er ist eine kostspielige Freundschaft – ich weiß es; aber wir dürfen jetzt die Kosten nicht scheuen und müssen das Verhältnis des Grafen zu den Werbens in jeder Weise begünstigen. Es wäre schön, wenn Sie uns ihn heute abend als Nachtisch servieren könnten; nur direkt einladen dürfen sie ihn nicht! Überhaupt bitte, im Auge zu behalten, daß das Ganze durchaus den Anstrich der Improvisation und des Zufälligen haben muß – Sie verstehen das ja!« Philipp lachte in sich hinein, während er das Billett wieder einschloß: Ich denke, daß ich das verstehe. Er wollte sich ungeduldig erheben, als die Flurglocke ertönte. Sofort ergriff er einige Papiere, die er zu dem Zwecke schon zurecht gelegt hatte, tauchte sogar die Feder ein und war überaus eifrig im Schreiben, als der Diener den Herrn Grafen Golm und den Geheimrat Schieler meldete. Bitte die Herren, eintreten zu wollen, sagte Philipp über die Schulter, beugte sich über die Papiere und kritzelte weiter. Der Diener hatte den Herren bereits die Tür geöffnet, Philipp warf die Feder hin, erhob sich eilends, strich mit der Hand über die Stirn und sagte: Tausendmal Verzeihung! – hoffte, den Satz noch zu Ende zu bringen – die Relation, wissen Sie, Herr Geheimrat – Herr Graf Golm, ich schätze mich glücklich – Wir stören Sie, lieber Freund, sagte der Geheimrat, aber ich hatte dem Herrn Grafen so viel von Ihrer köstlichen Galerie vorgeschwärmt, und da der Herr Graf nur auf so kurze Zeit hier ist – Aber wir halten Sie von was anderm ab. Von nichts, was mir interessanter und angenehmer wäre, Herr Graf, ich geben Ihnen mein Wort, ich hatte heute abend zufällig nichts vor, gar nichts – ich glaube sogar, ich wäre zu Hause geblieben. Der Geheimrat drohte mit dem Finger. Auf Ehre, Herr Geheimrat! Philipp berührte die Glocke: Zünden Sie die Lampen in dem Salon an, auch in dem Speisezimmer! Und – Herr Graf, Herr Geheimrat – erweisen Sie mir die Ehre, mein frugales Junggesellenabendbrot mit mir zu teilen! Keine Umstände, wenn ich bitten darf! sagte der Graf. Verbieten sich von selbst, Herr Graf – ganz von selbst – darf ich die Herren ersuchen? Der Diener hatte die Flügeltüren zum Salon geöffnet. Sie haben schon hier einige sehr hübsche Sachen, wie mir scheint, sagte der Graf, der stehen blieb und sich in dem prachtvollen Arbeitskabinett umblickte. Ein paar Kleinigkeiten, Herr Graf – was man so gern um sich hat – Philipp hatte sich zu dem Bedienten gewandt, der eben in das Zimmer getreten war. Das ist fatal. Da läßt sich eben ein Herr melden, der mich in einer dringenden Geschäftssache auf eine Minute zu sprechen wünscht – Ich wiederhole meine Bitte – sagte der Graf. Und ich protestiere noch einmal gegen jede gütige Rücksichtnahme, die in der Tat ganz unnötig – nur auf eine Minute – Philipp komplimentierte die beiden Herren in den Salon, dessen Türen er hinter ihnen schloß. Angenehmer Mann, dieser Herr Schmidt – sagte der Graf. Nicht wahr? erwiderte der Geheimrat. Der Graf ließ seine erstaunten Blicke durch das stattliche Gemach schweifen, dessen fast überreicher Bilderschmuck und sonstige prachtvolle Ausstattung in dem hellen Licht der Kronleuchter und Kandelaber sich freilich glänzend genug ausnahm. Aber das ist fürstlich, sagte er. Und doch nur ein blasser Schatten von der Pracht, die der Mann in seinem neuen Hause in der Wilhelmstraße entfalten wird. Ich weiß nicht, erwiderte der Graf, dieser Luxus hat denn doch auch in den Augen von unsereinem etwas Deprimierendes. Im Gegenteil, sollte ich meinen, etwas Encouragierendes, sagte der Geheimrat. – Wenn Leute ohne Namen – oder gar mit einem solchen Namen – ohne Verbindung, ohne Vermögen von Haus aus – Herr Schmidt ist seines Zeichens einfacher Maurermeister – es in so kurzer Zeit zu solchen Resultaten bringen – was in der Welt ist euch Herren, die ihr so ungemessene Vorteile der Geburt, der Konnexionen und Protektionen, des ererbten Gutes vor ihnen voraus habt, unerreichbar, vorausgesetzt, daß ihr euch von gewissen, allerdings sehr ehrwürdigen Vorurteilen freimacht und frisch und fröhlich zugreift, wie es jene Leute tun. Und was hat den Mann so heraufgebracht? In erster Linie seine Intelligenz, Findigkeit und Energie, in zweiter einige glückliche Terrain- und Häuserspekulationen, die Hauptsache war freilich die Entreprise unserer Eisenbahn. Jetzt ist mir auch erklärlich, weshalb eure Aktionäre fortwährend darüber lamentieren, daß ihr zu teuer gebaut, sagte der Graf mit einem ironischen Lächeln. Philipp kam aus dem Arbeitskabinett, dessen Tür er wieder hinter sich schloß. Ich fürchte, indiskret zu sein, sagte er mit halblauter Stimme, sich zum Grafen wendend, – aber ich habe die Unvorsichtigkeit gehabt, Ihren Namen zu nennen, und mein Geschäftsfreund bittet so dringend – Wer ist es? fragte der Graf Herr Hugo Lübbener – Der Graf entfärbte sich ein wenig und warf dem Geheimrat einen schnellen, verstohlenen Blick zu, dem dieser unerschütterlich standhielt. Mein Bankier, sagte der Graf. Das hat er mir nicht einmal mitgeteilt! rief Philipp – dann darf ich doch gewiß – Es wird mir sehr angenehm sein, sagte der Graf, ein wenig verdrießlich. Das trifft sich ja wundervoll, lästerte der Geheimrat ihm zu, während Philipp durch die Tür, die er offen ließ, in das Kabinett rief: Nur näher, Sie Geheimniskrämer, Sie! Sollte wohl glauben, daß die Firma allein schon bei dem Herrn Grafen so gut akkreditiert ist – Wie der Herr Graf bei der Firma, sagte Herr Hugo Lübbener im Hereintreten. – Nehme mir die Freiheit, Herr Graf, da der Herr Graf mir nicht die Ehre erwiesen – Hatte bei Gott noch keine Zeit, rief der Graf, die Hand, die ihm Herr Lübbener etwas zaghaft bot, an den Fingerspitzen ergreifend, – eine Welt von Geschäften – Kennen wir, die wir beständig in der Geschäftswelt leben, sagte Herr Lübbener, – nicht wahr, Herr Geheimrat? – Aber nun will ich, nachdem ich die Freude und die Ehre gehabt, auch nicht einen Augenblick länger – Und er machte eine rückschreitende Bewegung nach der Tür. Der Graf warf einen Blick auf den Geheimrat, der die Augenbrauen in die Höhe zog. Aber wenn Sie um meinetwillen – um unsertwillen gehen, Herr Lübbener – sagte der Graf; – wir sind hier, um die köstliche Sammlung unseres liebenswürdigen Wirtes zu bewundern – Deren größter Bewunderer und Kenner Herr Lübbener selbst ist, fiel der Geheimrat ein. Weil ich ein paar gute Sachen besitze? sagte Herr Lübbener; – du lieber Gott! Man muß wohl heutzutage die Kunst, oder vielmehr die Herren Künstler protegieren. Das Beste fischt einem ja doch Freund Schmidt immer vor der Nase weg. Gestern stand dieser Riefstahl bei Lepke im Fenster, heute hängt er natürlich hier. Was haben Sie nur gegeben, Schmidt? Was glauben Sie? In jedem Falle nur die Hälfte. Philipp lachte, als ob er den alten Börsenwitz zum ersten Male hörte, der Geheimrat krähte wie ein alter, sehr heiserer Hahn bei Regenwetter, der Graf schien höchlich amüsiert. Was wollen die Herren? rief er – ein solches Bild ist einfach unschätzbar. Philipp hatte das Licht des Reflektors auf das Bild fallen lassen, das freilich nun erst seine ganze Schönheit enthüllte. Wirklich magnifique! sagte der Graf. Er war noch etwas näher getreten, so daß er selbst in den Lichtkegel geriet. Der Anblick des so hell erleuchteten Grafen mußte für die drei anderen Herren, die etwas zurückstanden, etwas besonders Komisches haben. Sie tauschten schnelle Blicke untereinander aus und verzogen sämtlich die Gesichter zu einem schadenfrohen Lächeln. Drittes Buch Der General arbeitete in seinem Kabinett; Tante Sidonie schrieb vermutlich an ihrem »Hofhaushalt«; Ottomar war noch nicht vom Exerzieren zurück; Else hatte ihre Wirtschaft in Ordnung gebracht, sich angezogen und jetzt, vor dem Frühstück, Zeit, Mietings Briefe zu lesen. Es waren heute morgen wieder einmal zwei zugleich eingelaufen. Else hatte sie, als sie ihr ausgehändigt wurden, vorläufig ungelesen in die Tasche gesteckt – sie wußte, es war nicht so eilig mit Mietings Briefen. Nun war sie in den Garten gegangen und wandelte unter den hohen Bäumen neben der Wand nach dem Schmidtschen Garten, ihrem Lieblingsweg, den einen der Briefe, der ihr zufällig zuerst in die Hände gekommen – die Reihenfolge pflegte gleichgültig zu sein – unter Lächeln entziffernd. Es war das keine leichte Arbeit: Mieting schrieb eine originelle, aber nicht sehr lesbare Hand. Jeder Buchstabe führte nicht nur ein separates Leben, sondern wußte sich auch mit seinen Nachbarn nach rechts oder links durchaus nicht zu stellen; dabei hatten alle eine entschiedene Abneigung gegen die Horizontale und wollten entweder leichtfertig nach oben hinaus oder versenkten sich hypochondrisch in tiefere Regionen, die bereits der folgenden Zeile angehörten. Zwischendurch fuhren seltsame Zeichen, wie Schwerter oder Lanzen anzusehen, die vermutlich Interpunktionen sein sollten, aber, weil sie sich niemals da fanden, wo man sie vermutete, sogar in ihrem Übereifer nicht selten zwischen die Silben der Worte gerieten, die Verwirrung eher vermehrten als verminderten. Was das nun wieder für dummes, lächerliches Zeug ist! sagte Else und ließ die Briefe erst in die Tasche gleiten, als jetzt Tante Sidonie in die Tür der Gartenstube trat und das Treppchen hinab in den Garten und auf sie zu kam. Ihre gutmütigen Augen fuhren umher und blieben zuletzt auf dem Spalier haften, an dem sie auf und nieder schritten. Endlich habe ich doch Ordnung hineingebracht, rief sie; – siehst du, Else, seit drei Tagen das Beet nicht mehr zertreten, die Blätter am Spalier nicht abgerissen! Es ist ja nur wilder Wein, aber er fing schon an, so hübsch auszusehen. Der August schwört, er sei es nicht gewesen; aber wer kann den Leuten trauen? Nun, ich habe meinen Zweck erreicht. Es ist heute so sonderbar still drüben, sagte Else. – Wollte der Himmel, es wäre immer so, erwiderte die Tante. Auch raucht der Fabrikschornstein nicht, fuhr Else fort, – mein Himmel, ich bemerke das jetzt erst: Es wird doch kein Unglück passiert sein? – Wissen Sie es nicht, August? August, der die gnädigen Fräulein zum Frühstück zu rufen kam, war erstaunt, daß die gnädigen Fräulein es nicht wußten. – Der Herr Schmidt hatte ja wohl so an zwanzig oder dreißig letzten Donnerstag weggeschickt, weil sie – mit Respekt zu vermelden – Sozialisten und Kommunisten waren, und das werden sich ja die andern, die auch wohl nicht besser sind, zu Nutzen machen und von dem Herrn Schmidt einen ganz erschrecklichen Lohn fordern, der wird ja wohl die Rädelsführer zur Tür hinauswerfen, und die werden mit den andern in hellen Haufen wiederkommen, um den Herrn Schmidt totzuschlagen, als der Herr Kapitän, der mit den gnädigen Herrschaften in Golmberg war, in der Tür steht, und – hast du nicht gesehen – ein paar Pistolen herauszieht; und da werden sie ja wohl Fersengeld geben. Auf dem ganzen Hof ist seit gestern abend keine Katze nicht mehr, und das soll ja dem Herrn Schmidt täglich ein paar tausend Taler kosten, sagen sie ja, und daß er bald werde zu Kreuze kriechen müssen. Aber das glaube ich nicht. Schrecklich! sagte Sidonie, den Kopf wiegend, – diese Nachbarschaft! Ich warnte deinen Papa, als er das Haus kaufte – man ist hier seines Lebens nicht sicher. Und solche Menschen soll man einladen! Else antwortete nicht. Die Bemerkung der Tante hatte sie mit sprachlosem Unwillen erfüllt. Aber als sie wenige Minuten später dem Vater am Frühstückstische gegenüber saß, fragte sie ihn, zu Sidoniens nicht geringem Schrecken, ohne alle weitere Einleitung, ob er von den Ereignissen auf dem Schmidtschen Hofe gehört? Daß der Herr Schmidt und der Herr Kapitän, wie es scheine, in Lebensgefahr gewesen seien? Und ob Ottomar nicht heute hinübergehen und dem Kapitän seinen Besuch erwidern solle, um so mehr, als die Tante die bereits ausgeschriebene Einladung für die nächste Woche zurückgelegt habe? Gewiß! erwiderte der General; – Ottomar soll die Einladung persönlich überbringen. Ich habe notwendig mit dem Kapitän zu sprechen und hatte sicher für heute Abend auf ihn gerechnet. Else blickte auf den Schoß, um die verlegene Röte nicht zu sehen, die sich in diesem Moment sicher auf den Wangen der Tante entzündet hatte. Ist mein Sohn schon zurück? fragte der General den aufwartenden Diener. Der Herr Leutnant waren eben vom Exerzieren gekommen. – Der General trug den Damen auf, Ottomar seinen Wunsch betreffs des Besuches und der Einladung mitzuteilen und ihm zu sagen, daß auf seinem Arbeitstische ein Brief für ihn liege, er für sein Teil müsse zu einer Sitzung. Der General erhob sich, machte den Damen seine stattliche Verbeugung und verließ das Zimmer. Er hatte gegen seine Gewohnheit nur ein paar Bissen gegessen, und seine Miene war zerstreut und finster gewesen. Elsen war das nicht entgangen, aber sie hatte nicht zu fragen gewagt. Glücklicherweise kam Ottomar bald, aber auch er brachte keine Heiterkeit mit: Der Major sei einmal wieder unausstehlich gewesen – dieselben Evolutionen hundertmal hintereinander, habe die Offiziere nach dem Exerzieren abgekanzelt wie Schulbuben, der ganze Dienst sei unausstehlich, er habe die Geschichte gründlich satt, er möchte lieber heute als morgen die ganze Geschichte an den Nagel hängen. Else hielt den Augenblick für übel gewählt, den verdrießlichen Bruder mit der Angelegenheit, die ihr so am Herzen lag, zu behelligen, und war froh, daß die Tante nicht, wie sie fürchtete, davon anfing. Aber der Brief, der für ihn auf des Vaters Tisch lag, ließ sich nicht wohl unterschlagen. Warum hat man den Brief nicht auf mein Zimmer getragen? fragte Ottomar, die Augenbrauen in die Höhe ziehend, den Diener. Er rückte seinen Stuhl, ging auf die Tür zu, die in seines Vaters Arbeitszimmer führte, blieb aber auf dem halben Wege stehen und strich sich mit der Hand über Stirn und Augen. – Das verdammte Exerzieren, sagte er, – der gesundeste Mensch muß dabei nervös werden. Er war gegangen; Elsen war sein Betragen peinlich aufgefallen; es wollte ihr nicht zu Sinn, daß das Exerzieren allein an seiner Verstimmung schuld sei: Dergleichen dienstliche Scherereien hatte er früher leicht genug getragen! Aber seit einiger Zeit war er wie umgewandelt: Seine herzerquickende Munterkeit und gute Laune waren wie verschwunden. Besonders war ihr in den letzten Tagen sein düsterverstörtes Wesen aufgefallen. Sie glaubte zu wissen, was es war, und hatte sich wiederholt vorgenommen, mit ihm darüber zu sprechen. Es war sehr unrecht, daß sie es nicht getan, bis es nun vielleicht schon zu spät war. Else überdachte das alles, während sie wieder ihren Lieblingsplatz in dem Gärtchen aufgesucht hatte; sie war innerlich zu aufgeregt, um eine ihrer gewöhnlichen Beschäftigungen vorzunehmen. Vielleicht kam Ottomar ebenfalls in den Garten; oder sie wollte ihn auch rufen, wenn er das Zimmer des Vaters verließ. Er hatte sie nicht bemerkt. Else sah, wie es um die feinen Lippen zuckte und bebte. Um Gottes willen, was ist dir, Ottomar? Wie du mich erschreckt hast! Du mich sicher noch mehr! Was gibt es, Ottomar? Ich bitte dich, sage es mir! Ist es der Brief, eine Herausforderung? Warum nicht gleich ein Todesurteil? – Ein ganz gleichgültiger Brief, der – der rekommandiert gewesen war und über den Papa für mich quittiert hatte. Ein gleichgültiger Brief – rekommandiert – aber gleichviel, wenn es der Brief nicht war, so ist es, was dich schon so lange beschäftigt und quält. Wie stehst du mit Carla, Ottomar? Mit Carla? Wunderliche Frage! Wie soll man denn mit einer Dame stehen, mit der man sich demnächst verloben wird? Ottomar, sieh mir in die Augen: Du liebst Carla nicht! Ottomar versuchte, den Blick auszuhalten, aber es gelang ihm nicht ganz. – Du bist närrisch, sagte er mit einem verlegenen Lächeln, – das sind Träume eines Mädchens. Er blickte jetzt die Schwester an und lächelte. Sieh, liebes Kind, die Sache ist ganz einfach. Ich gebrauche für mich und zur Verzinsung, respektive Amortisation, das heißt Tilgung der Schulden, die ich machten mußte, bevor ich dieses Frühjahr in den Genuß meiner Revenue kam, zehntausend Taler jährlich. Meine Revenue ist, bei der lächerlich billigen Verpachtung der Güter, wie du weißt, fünftausend; Carla hat fünftausend jährlich, macht zusammen zehntausend; das heißt, ich werde sie heiraten, und zwar sobald als möglich. Um deine Schulden zu bezahlen? Einfach, um leben zu können; denn dies hier – diese ewige Abhängigkeit, dieses ewige Versteckenspielenmüssen, um nichts und wieder nichts, da einem doch jeder in die Karten sehen kann, dies – dies – die Worte wollten ihm nicht mehr aus der Kehle, er bebte am ganzen Körper. Else hatte ihn noch nie so gesehen; auch ihr zitterten die Glieder. Aber sie war entschlossen, zu tun, was ihr Pflicht schien, was sie noch nie als Pflicht so klar erkannt hatte wie in diesem Augenblick. Lieber Ottomar, sagte sie, ich will nicht fragen, ob du wirklich so entsetzlich viel Geld brauchst – der Papa hat uns oft erzählt – Daß er als Leutnant mit achtzehn Talern monatlich ausgekommen ist – um Himmels willen, laß mich endlich damit in Ruh! Es waren damals andere Zeiten, der Papa stand in der Linie, ich bin in der Garde, und er und ich – wir sind himmelweit verschiedene Naturen – Gut – du sollst so viel brauchen, wie du sagst; ich bin in drei Jahren ebenfalls mündig und habe dann auch fünftausend Taler, ich will sie dir mit Freuden geben, wenn – - ich nicht bis dahin verheiratet bin? Das wolltest du doch wohl sagen? Dann werde ich eben nicht heiraten – ich – ich will gar nicht heiraten. Sie konnte die Tränen nicht länger zurückhalten, die ihr nun in Strömen aus den Augen brachen. Ottomar legte den Arm um sie: Du liebe, herzige Else, sagte er, – ich glaube wahrhaftig, du wärest dazu imstande, aber siehst du denn nicht, daß, sich auf Kosten einer Schwester retten zu wollen, die man von Herzen liebt, tausendmal häßlicher ist, als auf Kosten einer Dame, die man freilich nicht liebt, die aber sehr wahrscheinlich gar nicht einmal geliebt sein will? Aber, Ottomar, das – das ist's ja eben! rief Else, ihre Tränen trocknend. Daß du Carla, gerade Carla heiraten willst, von der ich gar nicht sagen will, daß sie überhaupt nicht lieben könnte, ja, von der ich überzeugt bin, daß sie dich in diesem Augenblicke liebt – in ihrer Weise; aber ihre Weise ist nicht deine Weise; und das würde sich nur zu bald herausstellen, auch wenn du selbst sie liebtest, was du ja eingestandenermaßen nicht einmal tust. Ihr paßt so gar nicht zueinander. Aber, Else, du weißt ja in Herzenssachen verzweifelt gut Bescheid! sagte Ottomar. – Von wem hast du denn das alles gelernt – vom Grafen Golm? Else errötete bis in die Schläfen hinauf, sie zog ihren Arm aus dem ihres Bruders. Das habe ich nicht verdient, sagte sie. Ottomar griff nach ihrer Hand und zog sie an die Lippen: Verzeihe mir, sagte er; – ich fühle es selbst, daß meine Scherze jetzt immer verunglücken. Der Himmel weiß, wie das zugeht. Es sollte ein Scherz sein, zu dem mich Golm, vermute ich, selbst verleitet hat. Er schwärmt nämlich für dich, falls du es noch nicht wissen solltest, und hat noch vorhin, als er mir auf dem Nachhausereiten im Tiergarten begegnet, nur von dir gesprochen. Ehe ich es vergesse, Ottomar: Papa wünscht, daß du hinüber gehst und den Kapitän Schmidt zu heute abend einlädst. Das kann ja August oder mein Bursche ebensogut besorgen, sagte Ottomar. Nicht ebensogut, sagte Else; – der Kapitän hat uns einen Besuch gemacht oder seine Karte gegeben, da niemand zu Hause war – was auf dasselbe herauskommt. Es ist doch nur schicklich, daß du ihm einen Gegenbesuch machst, und wenn du bei der Gelegenheit, was ja so bequem ist, die Einladung – Ich bin so abgespannt und müde – ich muß notwendig eine Stunde schlafen – Dann gehe hernach hin, es ist ja noch immer Zeit. Ich glaube, Else, du hast ein kleines Faible für den Kapitän, sagte Ottomar, seiner Schwester in die Augen blickend. Das habe ich, und das verdient er auch, sagte Else, den Blick mutig aushaltend. Sein Blick ruhte nachdenklich auf dem freien, mutigen Gesichte seiner Schwester und glitt dann, wie zufällig, ab über ein paar Fenster des Schmidtschen Hauses, die man von der Stelle übersehen konnte. Die blauseidenen Gardinen an dem einen der beiden Fenster waren heruntergelassen; sie waren es schon seit drei Tagen. Es hieß: Ich erwarte dich heute abend nicht. Ich werde hinübergehen, Else, sagte er, – und ich will es gleich tun, ich kann ja hernach schlafen. Du guter, lieber Ottomar, rief Else, den Bruder umarmend und küssend, ich wußte es ja. Else, auf einen Augenblick, wenn ich bitten darf! rief Sidonie aus der Tür des Speisezimmers. Ich komme, Tante! Else eilte davon. Ottomar schaute ihr mit düsterem Blicke nach. Die beiden Frauen verschwanden in dem Hause. Er ging ein paar Schritte weiter, bis wo ihn die dichten Gebüsche völlig einschlossen und vor aller Augen verbargen. Dennoch blickte er sich noch einmal vorsichtig um, riß dann die Uniform auf und zog den Brief hervor, den er auf seines Vaters Tisch gefunden. In dem Kuvert steckten mehrere Papiere, er nahm ein kleines Blatt heraus mit seines Vaters Handschrift. Auf dem Blatt stand: »Heute morgen auf die beiden eingeschlossenen Offizierswechsel, die ich für Dich bezahlt und quittiert: 1200 Taler, mit dem Bemerken, daß es die letzten Schulden sind, die ich für Dich bezahle, aus dem Grunde, weil mein eigenes Vermögen, wie Du aus einliegender Abrechnung ersiehst, bis auf einen kleinsten Rest zu demselben Zweck verbraucht ist und ich keinen Pfennig mehr bezahlen kann, ohne uns der Mittel für ein standesgemäßes Leben zu berauben oder selbst Schulden zu machen. Wonach sich zu richten bitte. v. Werben.« Ein schöner bunter Schmetterling wiegte sich durch die blaue Luft; ein Sperling kam aus dem Baum herbeigeschossen, haschte sich den Schmetterling, flog mit ihm auf den Rand der Gartenwand und zerpflückte seine Beute. Ein bitteres Lächeln spielte um Ottomars Lippen. Das hätte sich nun ausgeflattert, lieber Schmetterling. Es muß eben alles einmal ein Ende nehmen – so oder so! * Reinhold hatte sich gestern vergeblich bemüht, den Onkel zu überreden, in die von den Arbeitern geforderte Lohnerhöhung wenigstens diesmal zu willigen: Der Schaden liege zu augenscheinlich auf seiner Seite, wenn er durch den von den Arbeitern angedrohten Streik verhindert würde, die kontraktlich übernommenen Lieferungen rechtzeitig auszuführen. Sieh, Onkel, sagte er, – ich meine, es ist hier gerade wie bei einer Meuterei auf offener See. Wenn man nicht die Macht hat, die Kerle zu Paaren zu treiben, und Schiff und Ladung nicht zugrunde gehen lassen will – von dem eigenen Leben, das in Gefahr ist, ganz abgesehen – so muß man wohl Frieden mit ihnen machen. Das kommt einem stolzen Manne schwer an – ich weiß es aus eigener Erfahrung; aber es ist doch schließlich das Vernünftige. Und sind diese Gesichtspunkte nicht ganz die deinen, nun wohl! Lasse einmal die andern gewähren. Lege nicht das Gewicht deines Namens und deines Ansehens in die Waagschale der Widerstrebenden – Onkel Ernst lachte bitter. Das Gewicht meines Namens, meines Ansehens! Ei, lieber Reinhold, du irrst dich in der Person! – Heiße ich Bismarck? Bin ich Reichskanzler oder Ministerpräsident? Versinken sie in atemloses Schweigen, so ich mich von meinem Sitz erhebe? Steht eine Armee hinter mir, wenn ich mit dem Fuße stampfe? Pah, unsereiner heißt Schmidt, und damit ist alles gesagt. Nicht doch, Onkel! rief Reinhold, – damit ist nur gesagt, daß wir im Kleinen tun müssen, was der Mann im Großen tut. Und auch der große Bismarck weiß die Segel zu stellen und zu lavieren, wenn es sein muß – und sogar sehr geschickt, soviel ich von der Sache verstehe. Man muß auch von seinen Feinden lernen. Onkel Ernst antwortete nicht sogleich. Er ging, gesenkten Hauptes, die Hände auf dem Rücken, in dem Gemache auf und nieder, sich den grauen Bart streichend oder durch die buschigen Haare fahrend, in tiefstes Nachdenken versunken. Endlich schüttelte er wiederholt den Kopf; blieb stehen und sagte: Ich kann es nicht; ich kann nicht nachgeben, ohne mich selber aufzugeben, ohne aufzuhören, der zu sein, der ich bin. Aber weshalb muß ich es sein? Ich passe eben nicht mehr in diese Welt, so wenig wie sie zu mir paßt. Ich verliere nichts an ihr, sie verliert nichts an mir – im Gegenteil! Der andere, der an meine Stelle tritt, wird besser wissen, was man zu tun und zu lassen hat, um mit ihr in Frieden zu leben. Sei du dieser andere, Reinhold! Ich? rief Reinhold erstaunt. Du! – Du bist eine echte Schmidtsche Natur und hast dich so viel von den Wellen durchschütteln und durchrütteln lassen, daß der Stoß schon verzweifelt hart kommen müßte, den du nicht aushalten könntest. Du hast in deiner Jugend was gelernt, bist dann so lange draußen gewesen und siehst die Dinge vielleicht richtiger als unsereiner, der immer darin gesteckt und am Ende den klaren Blick verloren hat. Du bist durch keine Vergangenheit gebunden, durch kein Programm, mit dem du stehen und fallen mußt, kannst dir im Gegenteil ein ganz neues nach deiner Einsicht und nach den Verhältnissen schaffen, wie du sie siehst. Und dann, warum ich dich und dich vor allem zum Nachfolger haben möchte, – ich – Onkel Ernst stockte, wie jemand, der das Schwerste, Wichtigste noch zu sagen hat und sich erst durch einen tiefen Atemzug dazu Kraft schöpfen muß – - ich habe dich lieb, Reinhold, und – und – ich glaube, daß du mich auch ein wenig lieb hast, und das ist mehr, als ich von irgend einem Menschen auf der Welt außer dir zu sagen wüßte. Er hatte sich zum Fenster gewandt, an dem er stehen blieb. Reinhold trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. Lieber Onkel – Onkel Ernst blieb abgewendet. Lieber Onkel! Ich danke dir von ganzem Herzen für deine Liebe, die du mir wahrlich aus freien Stücken schenkst – denn womit hätte ich sie groß verdient? Das gestern hätte ich für den ersten besten Kapitän getan, dessen Steuermann ich seit vierundzwanzig Stunden war. Wenn freilich Liebe Liebe verdient, dann verdiene ich die deine: Ich liebe und verehre dich, wie nur ein Sohn seinen Vater lieben und verehren kann. Aber daß ich der einzige wäre, der dich liebt, sagst du jetzt wohl nur in deiner trüben Stimmung und denkst es hoffentlich nicht; und wenn du es wirklich denken solltest, so weiß ich es besser als du. So? sagte Onkel Ernst, – weißt es besser? Nichts weißt du davon. Hast du dir schon in hilfsloser Angst und Verzweiflung Haar und Bart gerauft, wenn die Natur ihr Werk zu langsam zu tun schien? Und bist du in die Knie gesunken, wie ein Begnadigter, als der erste Schrei deines Kindes dir ins Ohr tönte? Hast du Kinder auf den Knien gewiegt und heimlich und verstohlen in ihren lachenden Augen all dein Glück gefunden? Und dann gesehen, wie diese Augen dich nicht mehr anlachten, wie sie scheu über dich hinglitten und sich abwandten – die Augen und die Herzen! Dergleichen muß man erlebt haben! Du kannst im schlimmsten Falle doch nur von Philipp sprechen, sagte Reinhold, und auch hier siehst du gewiß zu schwarz, aber Ferdinande! Und wenn nicht alles ist, wie es sein sollte: Bist du nicht auch ein wenig daran schuld, lieber Onkel? So ein Mädchenherz will Sonnenschein, viel Sonnenschein! Ich habe während dieser Tage nicht gehört, daß du ein einziges Mal nur halb so gütig zu ihr gesprochen hättest, wie du doch stets mit mir sprichst – Weil du mich verstehst, rief Onkel Ernst, Ferdinande versteht mich nicht, ich verlange das auch freilich nicht – von ihr, wie von keinem Frauenzimmer. Sie sind nicht dazu auf der Welt, sie sind da, um zu kochen und zu stricken, wie Rike; oder, weil sie doch nicht alle kochen und stricken können, sich die Zeit mit Klavierspielen, Bildhauerin-Spielen und so weiter zu vertreiben. Ich halte es für eine der hauptsächlichsten Ursachen der Jämmerlichkeiten und Nichtsnutzigkeiten unserer Zeit, daß man den Frauenzimmern einen so großen Spielraum gibt und sie in tausend Dinge hineinreden läßt, die ein für allemal über ihrem Horizonte liegen. Übrigens, wenn du so große Stücke auf das Mädchen hältst – und ich gebe zu, sie ist ein bißchen mehr wert als sonst die Schnattergänse – heirate sie doch! Du hättest dann gleich einen Rechtstitel, mir den Kram da draußen abzunehmen. War das einer von des Onkels grimmigen Scherzen? War es sein Ernst? Reinhold wußte es nicht. Glücklicherweise wurde er der Antwort durch ein Klopfen an der Tür überhoben. Es war Cillis Vater, der alte Herr Kreisel, der in das Zimmer kam. Was gibt's, Kreisel? sagte Onkel Ernst. Aber, Mensch, wie wunderlich habt Ihr Euch ausstaffiert? Wollt Ihr zu einem Begräbnis? Die Toilette des alten Herrn schien Onkel Ernsts Frage zu rechtfertigen: Aus dem steilen Kragen des altertümlichen schwarzen Fracks mit den langen, spitzen Schößen ragte das kahle Köpfchen nur eben noch hervor, während die Stiefel unter den kurzen, verschabten, schwarzen Beinkleidern desto freieren Spielraum hatten. Dazu trug er in den Händen einen hohen Zylinder mit sehr schmaler Krempe von einer längst verschollenen Mode und ein paar Handschuhe, deren einstiger Glanz mit der Zeit ebenso verblichen war wie die Farbe auf seinem kleinen Gesicht, dessen ängstlicher, vergrämter Ausdruck nur zu gut zu seinem Anzug paßte. In der Tat, ich will zu einem Begräbnis, antwortete er mit seiner leisen, zitternden Stimme. Nun, so macht, daß Ihr fortkommt, sagte Onkel Ernst. – Wer ist es denn? Ich selbst. Onkel Ernst tat seine großen Augen weit auf: Seid Ihr toll geworden, alter Freund? Ich glaube, nein, erwiderte Herr Kreisel. Aber ich will zu einer gelegeneren Zeit noch einmal vorsprechen. Zu Eurem Begräbnis? wiederholte Onkel Ernst; – ich bin jetzt nicht zu Scherzen aufgelegt, – ach was, Reinhold, bleib! Und nun heraus mit der Sprache, Kreisel! Was gibt's, was wollt Ihr? Meinen Abschied! sagte der alte Herr, aus der Seitentasche des Fracks ein weißes Tuch nehmend und sich den kahlen Schädel wischend, auf dem große Tropfen standen. Und das darf ich wohl meinem Begräbnis gleich erachten. Nun, dann laßt Euch begraben! donnerte Onkel Ernst. Der alte Herr zuckte zusammen, als wenn er wirklich tödlich getroffen wäre; Reinhold stand verlegen und bekümmert. Onkel Ernst durchmaß mit großen Schritten das Zimmer, blieb dann mit scharfer Wendung vor dem kleinen Manne stehen und grollte aus seiner Höhe auf ihn herab: So! Das ist ja denn recht schön von Euch! Vierzehn Jahre haben wir nun zusammen gearbeitet in Freud und Leid; nie habt Ihr ein unebenes Wort aus meinem Munde gehört, das ich Euch nicht hinterher wieder abgebeten hätte, denn Ihr mit Euren schwachen Nerven könnt dergleichen nicht vertragen, und ich könnte Euch so wenig was zuleide tun wie Eurer armen Cilli. Und wenn ich nicht genug für Euch getan, so ist's nicht meine Schuld – ich habe aus freien Stücken Euer Gehalt verdoppelt und hätt's verdreifacht, wenn Ihr mir gesagt: Ich brauch' es! Nur, daß Ihr nie den Mund aufgetan habt und ich von jeher Euch alles aufzwingen mußte – und jetzt, wo – das verstehe der Teufel! Ich verstehe es nicht! Sie können es auch nicht verstehen, Herr Schmidt, wenn Sie mir nicht verstatten, meine Gründe zu sagen, erwiderte der Buchhalter, seinen Hut verzweiflungsvoll in den Händen drehend. Nun, so sagt sie in – in meines Neffen Gegenwart; ich habe keine Geschäftsgeheimnisse vor ihm. Es ist auch so eigentlich kein Geschäftsgeheimnis, sagte der Buchhalter. Es ist mein Geheimnis, das mir nur schon zu lange auf der Seele brennt. Ich muß Sie verlassen, Herr Schmidt, bevor Sie mich wegschicken, wie Sie am Donnerstag die Dreißig weggeschickt haben; auch ich – Er hielt den Hut jetzt fest, und das zitternde Stimmchen wurde fest; und er richtete die kleinen, zwinkernden Augen fest auf Onkel Ernst: Auch ich bin Sozialist! Es war gewiß ein heroischer Entschluß für den alten Herrn und eine tragische Situation, in der er sich befand, dennoch hätte Reinhold beinahe laut aufgelacht, als Onkel Ernst, anstatt in seiner Weise aufzuflammen und loszudonnern, nur die Augen weit aufriß und dann in einem bei ihm ganz ungewöhnlich ruhigen, fast milden Ton sagte: Seid Ihr nicht auch Kommunist? Ich halte auch den Kommunismus unter Umständen für berechtigt, erwiderte der alte Herr, die Augen wieder senkend, mit tonloser Stimme. Dann geht nach Haus, sagte Onkel Ernst, und schlaft eine Stunde, Euch von Eurer Aufregung zu erholen, und wenn Ihr wieder erwacht, denkt, daß Ihr die ganze Geschichte geträumt habt. Und nun kein Wort mehr, oder ich werde ernstlich böse. Der alte Herr wagte nicht zu widersprechen; er verbeugte sich zur Tür hinaus. Reinhold ergriff des Onkels Hand: Ich danke dir! Wofür, daß ich den armen alten Narren nicht ernsthaft nehme? Pah! Er versteht von diesen Dingen gerade so viel wie ein neugeborenes Kind und hat sich das so aus seinen Büchern zusammengelesen, über denen er die halbe Nacht verbringt, weil er nicht schlafen kann, und seine Cilli, das gute, arme Geschöpf, leistet ihm dabei Gesellschaft. Die Sorte Sozialismus kann man sich schon gefallen lassen. - Nun? Grollmann, der alte Diener, war eingetreten mit einem verlegenen Gesicht und einer Visitenkarte, die er aus der einen Hand in die andere nahm, als ob sie ein Stück heißes Eisen wäre. Und als hätte er sich an dem glühenden Eisen verbrannt, warf Onkel Ernst, nachdem er einen Blick darauf geworfen, die Karte auf den Tisch. – Bist du verrückt? Der junge Herr war so dringend, sagte Grollmann. Ich bin für ihn nicht zu sprechen – ein für allemal. Es wäre nur auf ein paar Augenblicke; der Herr Kapitän hätten ihn ja auch bereits angemeldet. Was heißt das, Reinhold? Reinhold hatte den Namen auf der Karte gelesen – Philipp hat mich in der Tat gebeten, erwiderte er, gleich das erste Mal, als ich ihn traf, und vorgestern, als ich ihm meinen Besuch machte – Du hast ihm einen Besuch gemacht? Ich hielt es für meine Schuldigkeit – ihm die Erlaubnis einer Unterredung mit dir auszumitteln; ich – Er mochte in Gegenwart des Dieners, wie genau auch das alte Faktotum die Familienangelegenheiten kennen mußte, das Thema nicht fortsetzen, auch Onkel Ernst schien verlegen: Ich muß in die Versammlung, sagte er. Du hast noch eine Viertelstunde, Onkel, sagte Reinhold. Es wäre nur für ein paar Augenblicke, wiederholte Grollmann. Onkel Ernst ließ seine zürnenden Blicke von dem einen zum anderen schweifen, als wollte er sie für die Folgen im voraus verantwortlich machen: Er mag hereinkommen! Wünschest du, daß ich hier bleibe, Onkel? Es ist besser, wenn du uns allein läßt. Reinhold war der Ansicht nicht; er kannte Onkel Ernsts Gesicht jetzt schon genau, um nicht zu wissen, daß ein Sturm in bedrohlicher Nähe stand. Seinem ausgesprochenen Willen mußte freilich Folge geleistet werden. Er begegnete Philipp in der Tür. Philipp war untröstlich, daß er Reinhold verdränge; der Papa und er seien gewiß in einer wichtigen Verhandlung begriffen gewesen, er könnte ja ein andermal wiederkommen. Ich weiß nicht, ob ich ein anderes Mal für dich zu Hause bin, murrte Onkel Ernst. Reinhold tat, als ob er das verletzende Wort nicht gehört, und eilte, sich entschuldigend, davon. Die Tür hatte sich hinter ihm geschlossen. Vater und Sohn standen sich gegenüber. Was wünschest du von mir? fragte Onkel Ernst, als ob er mit einem Dritten spräche, der einige Schritte rechts von Philipp auf dem Boden kauerte. Ich komme in Geschäften, antwortete Philipp, als ob der Angeredete einige Fuß rechts über dem Vater in der Luft schwebte. Ich mache keine Geschäfte mit dir. Dann vielleicht mit der Direktion der Berlin-Sundiner Eisenbahn-Gesellschaft. Ich mache keine Geschäfte mit der Direktion der Berlin-Sundiner Eisenbahn-Gesellschaft. Du stehst dir damit sehr im Licht. Das Geschäft würde für dich eminent vorteilhaft sein. Wir haben jetzt die Konzession für die Inselbahn, die Fortsetzung unserer Bahn, in der Tasche. Unser hiesiger Bahnhof muß erweitert werden. Als ich noch das Vergnügen hatte, mit dir zusammen zu arbeiten, haben wir gemeinschaftlich das Terrain gekauft, auf dem der Bahnhof steht – Auf deinem Anteil, wenn du erlaubst. Auf meinem Anteil, weil du den deinigen nicht veräußern wolltest – Zum Ankauf des deinigen hatte ich dir das Geld vorgeschossen, – soviel ich weiß, hattest du damals keines. Ich bin dir noch nachträglich sehr dafür verbunden – du hast damit den Grund zu meinem jetzigen Wohlstand gelegt, als ich, die Konjunktur erkennend und benutzend, einen Teil an die Gesellschaft verkaufte – Den du nicht verkaufen durftest. Ich hatte dir bereits vorher dein Geld bei Heller und Pfennig mit den landesüblichen Zinsen zurückgezahlt. Und nur einen kleinen Umstand vergessen, daß ich dir das Geld zu dem alleinigen Zwecke gegeben, mit mir billige Arbeiterwohnungen auf dem Terrain zu errichten. Freilich das hatten wir nicht schriftlich gemacht. Zum Glück für mich, und, ich sollte meinen, auch für dich! Nach dem, was gestern bei dir vorgefallen, wirst auch du wohl die Lust verloren haben, den Herren Stricke- und Krawallmachern den Brotkorb noch tiefer zu hängen, wie du es bisher auf deine Kosten getan. Aber du kannst jetzt wieder auf die Kosten kommen. Deine Arbeiterkolonie hat ja, sowieso, nie gedeihen wollen und liegt längst in den letzten Zügen. Mache der Geschichte ein Ende! Wir wollen zahlen, als ob deine Cottages ebenso viele vierstöckige Mietskasernen wären. Woher nehmt ihr das Geld, wenn ich fragen darf? Woher? Wo wir es immer hergenommen haben. Wo ihr es immer hergenommen habt! erwiderte Onkel Ernst. Es war das erste Mal, daß er den Blick streng und fest auf seinen Sohn wandte. Das heißt also, aus den Taschen des Publikums, dessen Leichtgläubigkeit ihr mit marktschreierischen und lügenhaften Prospekten auf das schamloseste belogen und betrogen habt, dessen bange Hoffnung ihr mit Scheindividenden fristet, die es selbst bezahlen muß, dessen laute Klage ihr in euern sogenannten Generalversammlungen frech erstickt, bis sich einmal ein Staatsanwalt darauf besinnt, daß Macht nicht immer vor Recht geht. Ich habe nicht gern mit dem Staatsanwalt zu tun – und mein Wagen hält vor der Tür. Der meinige auch, sagte Philipp, sich auf den Hacken umdrehend und das Zimmer verlassend. Onkel Ernst ging zu einem Seitentischchen und schenkte sich ein großes Glas voll. Die Flasche klirrte an das Glas; er brachte das Einschenken nur mühsam zustande und goß den Wein in einem Zuge hinunter. Er stand da, auf der Stirn eine rote Zorneswolke, die eine Hand auf den Tisch gestemmt, vor sich hinbrütend. Ich wollte es nicht, murmelte er, – ich wollte ruhig bleiben. Als er hereintrat, erinnerte er mich an seine Mutter – auch ein leeres Gesicht, sie hat mich nie verstanden, aber er war doch nur die Karikatur – die Leere ausgefüllt mit Brutalität! – Und dann die Stimme – auch ihre Stimme – ihre blecherne Stimme, wenn sie mir ihre hausbackene Weisheit auftischte – nur mit Frechheit verquickt – der freche, elende Bube! Er goß ein zweites Glas hinunter. Die rote Wolke auf der Stirn war nur noch dunkler geworden. * Reinhold wollte die Zwischenzeit benutzen, dem alten Buchhalter, den er im Laufe der letzten Tage wiederholt gesprochen und als einen zwar wunderlichen, aber trefflichen und rechtschaffenen Menschen kennengelernt, nach der soeben erlebten Szene ein beruhigendes Wort zu sagen. Gott sei Dank, daß Sie kommen, Herr Kapitän! Sie sind ja zugegen gewesen! Wie hat Herr Schmidt denn nur Papas Bekenntnis entgegengenommen? – Ich muß aus Papas Worten schließen: sehr schlimm. Im Gegenteil, Fräulein Cilli, der Onkel ist der Meinung, daß zwischen zwei so alten Freunden, wie er und Ihr Vater, eine theoretische Differenz sehr gleichgültig ist. Aber wenn es nun nicht bei der Theorie bleibt, rief der alte Herr – wenn nun die praktischen Konsequenzen gezogen werden, – von aller Welt – Nur nicht von Ihnen, lieber Herr Kreisel! Beantworten Sie mir die eine Frage: Würden Sie irgend eine geschäftliche Konjunktur benutzen, von Ihrem Chef eine Erhöhung Ihres Gehaltes zu erpressen? Niemals! rief der alte Herr, – niemals! Da sehen Sie selbst. Trotzdem Sie vielleicht in der Theorie ganz recht haben. Aber zwischen dieser und der Praxis liegt bei gebildeten Leuten, wie Sie, ein weiter, weiter und sehr rauher Weg, den Sie eben niemals einschlagen oder auf dem Sie nach den ersten Schritten schaudernd Halt machen würden. Ja, ja, die Nerven! murmelte der alte Herr, – ich habe die Nerven nicht dazu. Ich bin wie zerschlagen; ich glaube wirklich, er hat recht – eine Stunde Schlaf würde mir guttun. Er ging auf Reinholds und Cillis Zureden in das Haus; Reinhold hatte ihn die wenigen Schritte zur Tür begleitet; als er wieder in die Laube trat, saß Cilli, die Hände im Schoß gefaltet, das liebe, freundliche Gesichtchen erfüllt von tiefster Sorge und Bekümmernis, daß es Reinhold in die Seele schnitt. Ich weiß, daß der Vater nicht lange mehr lebt. Der Doktor hat schon immer gefürchtet, er werde seinen Nervenzufällen unterliegen, und einmal, als es sehr schlimm stand, hat er mir das gesagt, um mich vorzubereiten. Und wenn nun der Vater nur glauben wollte, daß ich ihn sicher nicht lange überlebe, so würde er auch verhältnismäßig ruhig sein. Auf Sie hält er sehr große Stücke; Ihnen glaubt er vielleicht, wenn Sie es ihm versichern. Aber wie kann ich das, liebe Cilli? Weil es die lautere Wahrheit ist. Ich bin krank, todkrank an meinen Nerven. Daß ich blind bin – seit meinem dritten Jahre – ist nur eine Folge dieser Krankheit, die ich wohl von dem Vater geerbt habe. Als ich acht Jahre alt war und es wieder einmal sehr schlimm um mich stand, hatten die Eltern zwei Ärzte gerufen, und der eine sagte zum andern, als sie hinausgingen – sie sagten es leise, und ich sollte es gewiß nicht hören, aber sie bedachten nicht, wie scharf ich höre – es wäre ein Wunder, wenn das Kind sechzehn Jahre alt würde. – Ich werde im nächsten Frühjahr sechzehn und – ich glaube nicht an Wunder. Die Ärzte irren sich so oft; ich hoffe zu Gott, daß sie es hier getan haben. Ich hoffe es nicht – ich wünsche es auch nicht. Aber Sie lieben ja das Leben so? Gewiß nur deshalb, weil ich weiß, daß ich so bald sterben muß, wie ihr alle ja auch sagt, ich fände die Welt nur so schön, weil ich blind bin. Was war das für ein fremder Schritt über den Hof? Reinhold schaute auf und erkannte Philipp. Wo zum Teufel steckst du? Ich habe dich schon auf deinem Zimmer und auf dem ganzen Hof gesucht! Philipp war außer sich. Er schalt in der heftigsten Weise auf die Verblendung, auf die Verstocktheit seines Vaters; Reinhold konnte nach allem, was er über den Verlauf der Unterredung hörte, dem Onkel nicht unbedingt Recht geben, aber er mochte auch die ungebührlichen Ausdrücke, in denen der Zornige sich erging, nicht dulden. Fange du nur auch noch an! rief Philipp – du bist mit daran schuld! Ich habe aus des Alten Reden herausgehört, was du mir gestern gesagt hast. Was um alles in der Welt hast du davon, ihn noch mehr gegen unser Projekt einzunehmen, von dem ihr alle beide nicht einen Pfifferling versteht; er, trotz seiner geschäftlichen Allweisheit, du, trotz deiner Schiffahrtskunde! Was geht es dich an, ob der Hafen nach Osten oder nach Norden kommt? Ob er da versandet oder ihn dort der Teufel holt? Willst du denn dein Vermögen hineinstecken? Und wenn es andere wollen, so lasse sie doch! Es kann ja jeder die Augen aufmachen, und wenn einer hineinfällt, so fällt er hinein. – Herr des Himmels, da ist der junge Werben! Er kann doch nichts gehört haben? Er hatte nichts gehört, obgleich seine düstere und verlegene Miene Reinhold selbst dies im ersten Augenblick fürchten ließ. Aber sein hübsches, junges Gesicht hatte sich bereits im nächsten wieder erhellt; er streckte ihm mit bezaubernder Freundlichkeit die Hand entgegen, die er dann auch Philipp, allerdings nicht ganz so freundlich – reichte: Hätte schon alle diese Tage kommen sollen, aber die dienstlichen Scherereien! – Ich sage Ihnen, Herr Kamerad, unerträglich! Sie haben keine Ahnung davon! Sie nun erst recht nicht, lieber Schmidt! Sie sind nie Soldat gewesen – warum? Das mögen unsere weisen Herren Ärzte wissen; wenn es nach mir ginge, müßten Sie noch jetzt im ersten Garderegiment nachdienen. – Aber, was ich sagen wollte, und weshalb ich so Hals über Kopf hergestürzt bin: Ich soll Ihnen eine Einladung von meinem Papa und meinen Damen bringen und tausend Entschuldigungen, daß die betreffende Karte gestern, der Himmel weiß wie, vertrödelt ist; zu heute abend – kleiner Zirkel – viel Militärs, – bei uns selbstverständlich – einige Damen – ebenfalls selbstverständlich – soll auch ein wenig gehüpft werden, sagt meine Schwester, die stark auf Sie rechnet – Sie schwingen doch gelegentlich ein Tanzbein? Auch mein Vater hat, wie er mir bereits gestern sagte, mit Ihnen zu sprechen – wichtige, mir problematische Dinge: Hafenfrage – Gott weiß was – Sie sehen, es ist schlechterdings notwendig, daß Sie ja sagen. Sie sagen doch ja? Und mit vielem Dank. Das ist prächtig! – Aber ist hier auf dem Hofe nicht das Atelier von Herrn Anders? Sein Satyr mit dem Bacchusknaben – oder ist es ein Amor? – macht ja ein enormes Aufsehen – ich bin noch nie in einem Bildhaueratelier gewesen – wäre es wohl zu unbescheiden, Herr Kamerad, wenn ich mich Ihrer freundschaftlichen Protektion bediente, um bei dem Herrn Zutritt zu erlangen? Reinhold war gern dazu bereit; Philipp bemerkte in gleichgültigem Tone, er wolle, wenn die Herren nichts dagegen hätten, die Gelegenheit benutzen, um nach den vier Marmorstatuen zu sehen, die er für sein Treppenhaus bei Anders bestellt habe und von denen zwei jetzt wohl beinahe fertig sein müßten. Er hatte im stillen gehofft, daß Ottomar »die vier Marmorstatuen« imponieren würden, aber Ottomar schien es nicht einmal gehört zu haben. Er ging mit Reinhold, den er unter den Arm gefaßt, voraus. Reinhold hatte, da er aus Erfahrung wußte, daß das Klopfen in Justus' Atelier vor dem Geräusch der Schlägel und Meißel selten gehört wurde, vorangehend, die Tür ohne weiteres geöffnet und war nun einigermaßen betreten, als er in einer Ecke vor einem Tonmodell, an dem Justus arbeitete, diesen mit Ferdinande stehen sah. Ottomar und Philipp waren so schnell hinter ihm hergekommen, daß sie alle bereits mitten in dem großen Raume sich befanden, bevor jene, in eifrigem Gespräch, wie sie waren, und umschwirrt von dem Lärmen ringsumher, ihr Kommen gehört hatten, bis Justus' Lesto – ein zottelhaariges kleines Ungetüm, bei dem man nie genau wußte, wo der Kopf und wo der Schweif sich befand – mit lautem Gekläff auf Philipp losstürzte, dessen Lackstiefel seinen Zorn zu reizen schienen. In dem Wirrwarr, der durch diesen mit großer Bravour ausgeführten Angriff entstand, – indem Philipp, für seine Beinkleider fürchtend, sich auf einen Schemel flüchtete, Justus sich totlachen wollte und zwischendurch vergebens: Lesto! Lesto! rief; die vier oder fünf Hilfsarbeiter, unter ihnen auch Antonio, einige Hindernisse aus dem Wege räumten und Stühle herbeitrugen, – war Reinhold die tiefe Röte entgangen, die Ferdinandes schönes Gesicht bei Ottomars Anblick bedeckt hatte, und der scheuverlegene Gruß, mit dem dieser ihr entgegengetreten war. Als die Verwirrung sich einigermaßen gelegt und selbst Lesto sich beruhigt, hatten die beiden ihre Fassung wiedergewonnen, um so leichter, als der erste Blick, den sie hinüber und herüber ausgetauscht, ein Versöhnungsfest gewesen. Er war zu ihr zurückgekommen nach drei langen, bangen Tagen. Sie hatte nach dem ersten, von freudigem Schreck durchzitterten Blick ihn nicht wieder angesehen und plauderte jetzt mit Reinhold und Philipp; aber für Ottomar war der Umstand, daß sie blieb, daß sie sich nicht gleich nach der ersten Begrüßung in ihr Atelier zurückzog, dessen Tür weit offen stand, ein untrügliches Zeichen ihrer Reue vielleicht, ganz sicher ihrer Liebe. Und so träumte auch Ferdinande den süßen, köstlichen Traum beglückter Liebe, aber welche klügste Vorsicht, welches feinste Spiel schützte sie vor den brennenden schwarzen Augen Antonios! Er hatte sich freilich wieder in eine fernste Ecke des Saales an seine Arbeit gestellt und klopfte und meißelte, scheinbar um alles, was um ihn vorging, unbekümmert, weiter. Aber gerade diese Ruhe, die ja eben nur ein Schein war, ängstigte sie tausendmal mehr, als wenn die brennenden Augen fortwährend auf sie gerichtet gewesen wären. Was er nicht sah, das hörte er – sie kannte die unglaubliche Schärfe seiner Sinne – und sie wußte es: Wenn er sich während der ganzen Zeit nicht umwandte, er würde es genau in dem Momente tun, den sie kommen sah, der kommen mußte. Und da war der Moment. Ottomar, sich sicher glaubend, trat an sie heran und flüsterte ihr ein Wort zu, das sie nicht verstand – so leise war es gehaucht – aber weshalb auch! Las sie es doch in seinen Augen, von seinen Lippen: Ich muß dich allein sprechen – in deinem Atelier! Aber wie es ausführen – Die Zeit verrann, es gab in Justus' Atelier so viel zu sehen, und der Gesprächige konnte kein Ende finden. Jetzt oder nie konnte es geschehen. Antonio hatte sich nicht umgeblickt, vielleicht hatte er es doch nicht gehört; vielleicht gelang es, mit Ottomar allein hinüberzugehen, während die andern blieben. Und es gelang. Philipp und Reinhold disputierten über irgend eines der dem Handel zugeteilten Symbole; Philipp, verstimmt und gereizt durch den Widerspruch, den er heute von allen Seiten erfuhr, in einer heftigen überlauten Weise! Justus dagegen folgte ihr und Ottomar auf dem Fuße. Da – auf der Schwelle bereits – wandte sie sich und flüsterte ihm zu: Philipp ist heute unausstehlich, machen Sie erst einmal zwischen den beiden Frieden! – Justus antwortete: Das wird so bös nicht gemeint sein, kehrte aber doch wieder um. Ferdinande trat eilends ein, hinter ihr Ottomar, sie machte ein paar Schritte nach links, bis sie sich vor den Blicken derer im andern Atelier vollkommen sicher wußte. Ihre Arme umschlagen ihn, wie sie sich von ihm umschlungen fühlte; seine Lippen brannten auf ihren Lippen, wie er die Süßigkeit ihres ersten Kusses trank: Heute abend? – Was du willst – Acht Uhr, im Bellevuegarten! – Wie du willst! * Ferdinande hatte sich längst von jeder Beaufsichtigung ihrer Tante frei gemacht. Sie war gewohnt, zu gehen und zu kommen, wie es ihr beliebte; die einzige Rücksicht, die sie zu nehmen hatte, war, daß sie sich pünktlich zu den Mahlzeiten einfand. Heute nun mußte sie eine Freundin besuchen und hinterlassen, daß sie wahrscheinlich zum Abendbrot, das regelmäßig auf Schlag neun Uhr angesetzt war, nicht zurück sein würde. Ihr Stolz krümmte sich unter der Notwendigkeit dieser Lüge, die noch dazu so unwahrscheinlich war, aber sie hatte ihr Wort gegeben. Ob Glück oder Unglück das Ende war, für sie war ihr Schicksal entschieden – es mußte eben sein. So ging sie denn, schon in Hut und Mantel, bereits um halb acht zu der Tante hinab. Aber, um Gottes willen, ist denn heute alles gegen mich armes Wurm verschworen? rief sie. Eben ist Reinhold auch hier gewesen, um zu sagen, daß er nicht kommt! Wo ist Reinhold? Ja, hat er dir denn das nicht gesagt? Eine große Soiree – so heißt es ja wohl – er meint, er müsse am Ende gar seine Uniform anziehen – Bei wem? Bei Werbens! Der junge Herr von Werben ist ja heute morgen selber hier gewesen – du hast ihn ja auch gesprochen in deinem Atelier! – Ich weiß von nichts, ich brauche ja auch natürlich nichts zu wissen! – Zu acht Uhr – es ist ja wohl schon halb? Ferdinande ließ den Kopf sinken: bei Werbens! Zu acht Uhr! – Wie war das möglich? Und wo willst du denn hin, wenn man fragen darf? Ferdinande sagte die vorbereitete Lüge. – Sie hatte in der Ausstellung Fräulein Marfolk, die Malerin, gesprochen: Fräulein Marfolk hatte so dringend gebeten, sie doch wieder einmal zu besuchen; sie habe ihr einige eigene Sachen und Photographien zu zeigen, die sie aus Rom mitgebracht – heute abend sei sie gerade frei – Professor Seefeld aus Karlsruhe komme auch, der sie – Ferdinande – dringend kennen zu lernen wünsche – sie habe eben zugesagt und könne nicht mehr absagen. Sie hatte bereits ein paar Schritte nach der Tür gemacht, als die heruntergelassenen Portieren langsam auseinandergezogen wurden. Signora Frederica – meine gehorsamste Reverenz! Ferdinande blieb erschrocken stehen. – Was wollte Antonio? In diesem Augenblick? Ich fürchte, daß die Damen mein Klopfen draußen nicht gehört; so habe ich gewagt einzutreten. Und er deutete in seiner leichten italienischen Weise kaum merklich auf ein paar Bücher, die er in der Hand trug. Heute ist nicht unsere Stunde, sagte Ferdinande. Ich bin morgen verhindert, Signora, und da wollte ich mir erlauben – Ich habe heute keine Zeit. Sie sehen, ich bin im Begriff auszugehen! Sie hatte es in einem heftigen Tone gesagt, zu dem scheinbar nicht die mindeste Veranlassung war. Ferdinande horchte auf den leisen, sich entfernenden Schritt und auf das Geräusch der Tür. Würde es die Glastür, die nach dem Garten, würde es die andere sein, die nach dem Flur führte? Es war die Glastür; er blieb im Hause! Weshalb hatte sie auch nur gesagt, daß sie ausgehen wolle? Sollte sie es nun aufgeben? Aber es war keine Zeit mehr, sich zu besinnen. Sie hatte die Absicht gehabt, an der Ecke eine Droschke zu nehmen, aber der Halteplatz war leer; sie mußte sich entschließen, die Springbrunnenstraße bis zur Parkstraße hinab zu gehen, wo sie sicher eine zu finden hoffte. Vielleicht war das gut; sie konnte sich so besser als in dem geschlossenen Wagen versichern, daß sie nicht verfolgt werde. Sie wandte sich im eiligen Dahinschreiten ein paarmal verstohlen um: Ein paar Menschen kamen ihr entgegen, keiner hinter ihr her; sie atmete leichter – er war ihr nicht gefolgt. Vor niemandem fürchtete sie sich, nur vor ihm. Aber er, den sie hinter sich fürchtete, war ihr in diesem Augenblicke schon weit voraus. * Unterdessen war die Droschke nur eine ganz kurze Strecke gefahren, bis zum Eingang in den Bellevuegarten. – Es ist absolut sicher hier, ich schwöre es dir, hatte Ottomar geflüstert, als er Ferdinande beim Aussteigen half. Der Kutscher steckte seinen Taler zufrieden in die Tasche und fuhr sofort weiter; Ottomar nahm Ferdinandes Arm und führte die Verwirrte, Geängstigte, halb Betäubte in den Garten hinein. Er hörte deutlich ihr tiefes Atmen: Ich schwöre es dir! wiederholte er. Schwöre, daß du mich liebst! Ich verlange nur das! Er legte statt der Antwort den Arm um sie, sie umschlang ihn mit beiden Armen; ihre Lippen zitterten aufeinander in einem langen, glühenden Kusse. Dann eilten sie, sich an den Händen haltend, tiefer in den Park, bis Busch und Bäume sie rings umdunkelten, und sanken sich wieder in die Arme, glühende Küsse tauschend und Liebesschwüre stammelnd – trunken von einer Seligkeit, die sie so lange, so lange geträumt hatten und die nun doch köstlicher war als alles köstlichste Träumen. So wenigstens empfand Ferdinande, und so sagte sie, während ihre Lippen immer wieder seine Lippen suchten; und so sagte Ottomar, und doch, in demselben Moment, wo er ihre glühenden Küsse erwiderte, war in seinem Herzen ein Gefühl, das er nie zuvor gekannt: ein Grauen vor der Glut, die ihn umloderte, eine Empfindung, wie die der Ohnmacht, gegenüber einer Leidenschaft, die mit der Allgewalt eines Sturmes ihn umrauschte und erdrückte. Jenes bange Gefühl mochte ja eine Täuschung sein; aber sie, die getan, um was er sie so oft, so flehentlich gebeten, ihm endlich die Zusammenkunft bewilligt hatte, in der er ihr seine Pläne für die Zukunft darlegen wollte – sie durfte, sie mußte erwarten, daß er jetzt endlich das Bild jener Zukunft entwarf, über dem er so lange schon gegrübelt haben wollte und das ihm in diesem Augenblick noch so unklar war wie je. Er glaubte nicht, was sie versicherte, daß sie nichts wolle, als ihn lieben, von ihm geliebt sein, daß alles, wovon er spreche, von seinem Vater, von ihrem Vater – Verhältnissen, die beachtet, Schwierigkeiten, die überwunden werden müßten – alles, alles ja nur Nebel sei, der vor den Strahlen der Sonne verschwinde, Kleinigkeiten, nicht der Rede wert, daß sie auch nur einen Moment der kostbarsten Zeit, nur einen Atemzug davon verlören! Er glaubte es nicht; aber er nahm sie nur zu gern beim Wort, bereits jetzt sich im stillen von der Verantwortung der Folgen freisprechend, die eine solche Vernachlässigung der einfachsten Gebote der Vorsicht und Klugheit haben könnte, haben mußte. Und dann vergaß er doch selbst wieder das Zunächstliegende und mußte sich von ihr daran erinnern lassen, daß seine Zeit um sei, daß man ihn zu Hause erwarte, daß er nicht zu spät zu der Gesellschaft kommen dürfe. Oder willst du mich mitnehmen? sagte sie. Willst du mich der Gesellschaft als deine Braut vorstellen? Du sollst dich meiner nicht zu schämen haben; es dürften nicht viele deiner Damen sein, auf die ich nicht herabsehen kann, und ich habe immer gefunden: Auf andere herabsehen können, ist schon die halbe Vornehmheit. Zu dir werde ich immer hinaufsehen müssen, groß, wie ich bin, ich muß mich doch zu dir und deinen geliebten Lippen erheben. Es lag eine wundervolle, stolze Anmut in diesem Scherz, und innigste Liebe in dem Kuß, den ihre lächelnden Lippen auf seine Lippen hauchten: Er war entzückt, berauscht von dieser liebevollen Anmut, dieser stolzen Liebe. Das war der letzte Kuß, sagte Ferdinande. Ich muß die Verständigere sein, weil ich es bin. Und nun gib mir deinen Arm und begleite mich bis zur nächsten Droschke; und dann gehst du direkt nach Haus und bist heute abend sehr schön und liebenswürdig und brichst noch ein paar Herzen zu denen, die du schon gebrochen und die du mir hernach zu Füßen legst zum Dank für mein Herz, das größer ist als sie alle zusammen. Ottomar blickte dem Wagen nach. Es war ein elender Gaul und ein elender Wagen; und als das Fuhrwerk jetzt in dem spärlichen Licht der wenigen Laternen in das Dunkel hineinschwankte, überkam ihn ein sonderbares Gefühl des Grauens und des Ekels; es sieht wie ein Leichenwagen aus, sagte er bei sich; – ich mochte den nassen Griff kaum anfassen. Er bog in die Große-Stern-Allee; es war der kürzeste Weg nach Hause. Unter den gewaltigen Stämmen dunkelte es bereits so stark, daß er nur eben den harten Promenadenweg, auf dem er eilends dahinschritt, deutlicher unterschied; auf der andern Seite des breiten Reitweges, an dem ein schmaler Fußpfad hinlief, hoben sich die Stämme der Bäume kaum noch von dem Waldesdunkel ab. Wie unzählige Male war er diese prächtige Allee hinauf- und hinabgeritten – allein, mit Kameraden, in der glänzenden Gesellschaft von Herren und Damen – wie oft mit Carla! Else hatte recht: Carla war eine ausgezeichnete Reiterin – die beste vielleicht von allen Damen, die eleganteste sicher. Man hatte sie beide so oft zusammen gesehen und zusammen genannt – es war im Grunde ganz unmöglich, jetzt noch zu brechen. Es gab einen furchtbaren Eklat. Ottomar stand still. Er war zu schnell gegangen; der Schweiß rieselte ihm von der Stirn; es war ihm so beklommen um die Brust, daß er sich Rock und Weste aufriß. Er hatte niemals die Empfindung physischer Furcht gekannt, und jetzt schrak er zusammen, und seine Augen bohrten sich ängstlich in das Dunkel, als hinter ihm ein leises Geräusch ertönte – vermutlich ein Zweig, der im Falle zerbrach. – Mir ist, als hätte ich einen Mord auf der Seele oder als sollte ich selbst im nächsten Augenblick ermordet werden, sprach er bei sich, als er, laufend fast, seinen Weg fortsetzte. Er ahnte nicht, daß er dem Knacken des Zweiges sein Leben verdankte. Antonio hatte, wie von einem Zauber gebannt, am Eingang der Allee gelauert, bald auf den Eisengittern sitzend, die dort den Fußpfad für Reiter unpassierbar machen, bald hin und her gehend, bald an einem Baumstamm lehnend, immer in denselben schwarzen Gedanken wühlend, Rachepläne schmiedend, sich in der Phantasie an den Qualen ergötzend, die er ihr, die er ihm zufügen wollte, sobald er sie in seiner Macht hätte. Er hätte die ganze Nacht da zubringen können, wie ein Raubtier, grimmig über die entflohene Beute, eigensinnig in seinem Versteck liegen bleibt, trotz des quälenden Hungers. Und was war das? Da kam er über den Platz herüber, gerade auf ihn zu: Sein an das Dunkel gewöhntes Auge erkannte ihn so deutlich, als ob's hellichter Tag gewesen wäre. Sollte die bestia die Dummheit haben, in die Allee zu kommen? Aber das war gut, so konnte er ihn desto sicherer auf seiner Seite verfolgen; hernach war nur der Reitweg zu überspringen, in dessen tiefem Sande die ersten Schritte sicher nicht gehört wurden und dann mit ein paar Sätzen an ihn heran und das Stilett in den Nacken oder, sollte er sich wenden, unter die siebente Rippe bis an den Griff! Und seine Hand preßte sich um den Griff, als wären Hand und Griff eines, und mit dem Finger der andern prüfte er wiederholt die nadelscharfe Spitze, während er mit langen Schritten von Baum zu Baum huschte – leise, leise – die weichen Tatzen eines Tigers hätten nicht leiser sich heben können. Ein trockener Zweig geriet ihm unter den gleitenden Fuß und brach knackend. Er drückte sich hinter den Stamm – gesehen konnte er nicht sein; aber gehört mußte es der andere haben: Er stand still – horchend, vielleicht den Angreifer erwartend – jedenfalls jetzt nicht mehr unvorbereitet – wer weiß? – Ein mutiger Mann, ein Offizier – umkehrend, dem Angreifer die Stirn bietend. Desto besser! Dann war's ein Sprung nur hinter dem Baum hervor! Und – er kam! Das Herz schlug dem Italiener bis in die Kehle, wie er sich jetzt, den linken Fuß vorsetzend, zum Sprunge bereit hielt; aber die Mordgier hatte ihm die sonst so scharfen Sinne betäubt, das Geräusch der Schritte war nicht nach ihm zu, war nach der entgegengesetzten Seite gewesen! – Als er seines Irrtums inne wurde, hatte sich die Entfernung mindestens um das Doppelte vergrößert, und um das Dreifache, bis er in seiner Bestürzung darüber sich entschließen konnte, was nun zu tun war. Die Jagd aufgeben! Es blieb nichts übrig. * Die drei nicht eben großen Zimmer in dem oberen Stock der von dem General bewohnten kleinen Villa in der Springbrunnenstraße waren zum Empfang der Gesellschaft hergerichtet. Das nach hinten gelegene größere, »der Saal« genannte Gemach blieb vorläufig noch geschlossen. Es sollte hernach da soupiert, nach dem Souper ein wenig getanzt werden. Else durchging noch einmal die Räume, zu sehen, ob alles in Ordnung sei. Sie pflegte das sonst nicht zu tun, da sie sich auf die meisterhafte Akkuratesse des vortrefflich geschulten August verlassen konnte; heute schien er zum ersten Male seine Aufgabe leichter genommen zu haben. Oder kam es ihr auch nur so vor? – Ich weiß nicht, was das nur heute ist? sagte Else. Sie trat vor den Spiegel und betrachtete ihr Bild mit großer Aufmerksamkeit: Sie fand sich heute nicht im mindesten hübsch, von dem neuen blauen Kleide hatte sie sich viel mehr versprochen; die Haarfrisur war gar zu locker geraten, die Rosenknospen waren entschieden zu dunkel, saßen auch zu weit nach hinten; ihre Augen hatten heute auffallend wenig Glanz, dafür war die Nase auf der linken Seite ganz merklich gerötet – ich weiß wirklich nicht, was das heute nur ist? sagte Else. Sie ließ sich in einen Fauteuil sinken, legte Fächer und Handschuhe in den Schoß und stützte den Kopf in die Hand. Und ich hatte mich so auf diesen Abend gefreut! Aber Ottomar ist an allem schuld. Wie kann man nur jemand heiraten wollen, den man nicht liebt! – Es kommt ja wohl oft genug vor – Wallbach liebt Luise gewiß nicht, so wenig wie sie ihn; aber Ottomar! Er hat sonst so viel Herz und kann so lieb und gut sein und doch! – Das abscheuliche Geld! Und wenn ich nun jemand liebte, der nicht adlig wäre, und meinen Anteil verlöre – ich würde mir nichts daraus machen! Wahrhaftig nicht! Aber ich könnte ihm dann doch nichts geben, wenn ich selbst nichts hätte – von dem Papa ganz abgesehen, der es gewiß nicht erlaubte, obgleich er alle Augenblicke wieder von ihm anfängt – es ist nur wegen der Hafenfrage, die ihm fortwährend durch den Kopf geht – ich bin doch so glücklich darüber, daß er immer so freundlich von ihm spricht – so glücklich – Großer Gott, Kind, was tust du? Was denn? rief Else, aus ihren Träumereien in die Höhe fahrend und ihre Tante erschrocken anblickend, die mit nicht minder erschrockener Miene vor ihr stand. Dein neues Tarlatankleid! Du zerdrückst es ja in tausend Falten! Und weiter ist es nichts? rief Else, tief aufatmend. Dir ist es nichts! rief Sidonie; – nun, du gewöhnst mich allmählich daran, daß dir nichts ist, worauf ich großen Wert lege! Aber ich soll keinem Herzog vorgestellt werden, sagte Else. Wie du alles durcheinander wirfst, Kind! Als ob du dich überhaupt mit einem Regierenden anders als zur linken Hand vermählen könntest! Wir haben überdies heute nur einen früheren Reichsunmittelbaren hier: Fürst Clemda, und der ist bereits versprochen. Ich rede also auch gar nicht einmal von dem! Hoffentlich auch von sonst niemandem, Tante. Es müßte mich alles täuschen, Else, oder dein Erröten, – ja, du bist errötet, liebes Kind, und errötest jetzt eben noch mehr – obgleich du deiner Tante gegenüber das wirklich nicht nötig hättest. Ich kann dich im Gegenteil versichern, daß ich die Partie in jeder Beziehung konvenabel und wünschenswert finde, und den Zufall – wenn es nicht Frevel gegen die göttliche Vorsehung ist, in solchen wichtigen Dingen von einem Zufall zu sprechen – Um Himmels willen, Tante, wenn du mich lieb hast, kein Wort mehr davon! rief Else. Der Schrecken, den sie empfand, jetzt auch die Tante vom Grafen Golm anfangen zu hören, nachdem Ottomar sie bereits heute morgen mit demselben Thema gequält, klang zu deutlich aus dem Ton ihrer Stimme heraus, um selbst Sidonien zu entgehen. Der Graf ist dreißig Jahr – die höchste Zeit für einen Mann seines Standes, um zu heiraten. Er muß, will und wird einen dieser Tage heiraten, und er könnte lange suchen, bevor er eine junge Dame fände, die allen Ansprüchen, die er machen kann und ohne Zweifel macht, so vollkommen genügt. Aber das alles ist abscheulich, Tante! rief Else, mit einer plötzlichen Wendung stehen bleibend und das Spitzentaschentuch zwischen den Händen zerknitternd, während ihr brennende Tränen der Scham und des Zornes aus den Augen stürzten. Verzeihung, Tante! sagte Else, der Tante die Hand bietend; – es war recht schlecht von mir, aber du weißt nicht, – ich weiß selbst nicht, wie ich heute abend bin. Sidonie hatte nicht ohne einiges Widerstreben die Hand genommen; der General kam herein. Das ist doch stark, sagte er: Ottomar ist bereits vor einer Stunde ausgegangen und noch nicht wieder zurück. Er wird eine wichtige Abhaltung haben, sagte Sidonie. Ohne Zweifel! sagte der General, mit gerunzelter Stirn, an dem grauen Schnurrbart drehend. Herr Geheimrat Schieler! meldete August, die Flügeltüren öffnend. Der Geheimrat begrüßte die Damen, indem er Sidonie die Hand küßte und sich vor Elsen tief verbeugte, und wandte sich dann zu dem General: Ich habe einen Sack voll Neuigkeiten, verehrter Freund. Es passiert jetzt wenig, was mich interessiert, und noch weniger, was mir Freude macht, erwiderte der General mit verbindlichem, aber doch düsterm Lächeln. Daß meine Neuigkeiten Ihnen Freude machen werden, daran zweifle ich leider selbst, sagte der Geheimrat. Interessant ist es Ihnen jedenfalls – und auch Ihnen – meine Damen – daß die Baronin, anstatt am ersten, wie sie ursprünglich beabsichtigte, bereits am zehnten, also in drei Tagen, eintreffen wird. Ich hatte heute morgen einen Brief, in dem davon noch nicht die Rede war, sagte der General. Mein Brief kam heute nachmittag, ist also zweifellos der neuere; übrigens nicht von ihr selbst, sondern – der Geheimrat hatte einen leichten Hustenanfall zu überwinden. Sprechen Sie den Namen getrost aus, lieber Freund, sagte der General. Er wird sich, wenn die Konferenzen erst beginnen, doch nicht vermeiden lassen. Da haben sie recht! rief der Geheimrat, und ich bin glücklich – Eine verwitwete Frau Oberst Gräfin von Fischbach mit ihren beiden Töchtern kam; die Damen waren in Anspruch genommen; der Geheimrat konnte den General auf die Seite ziehen. Ich wollte vorhin sagen, daß ich glücklich bin, Sie gegenüber dem, was Ihnen von München droht, in so gefaßter Stimmung zu finden. Ich weiß, wie peinlich Ihnen alles ist, was mit der Sache zusammenhängt, und doch muß ich Ihre Geduld noch einen Augenblick in Anspruch nehmen, bevor Sie mir von Ihren andern Gästen entführt werden. Meine zweite Neuigkeit: daß die Konzession erteilt ist – Unmöglich! rief der General. So gut wie erteilt ist. Wir haben noch heute vormittag eine Sitzung gehabt. Es lagen allerdings andere Sachen vor; aber Se. Exzellenz hätte doch jedenfalls – Er kennt Ihre Aversion gegen das Projekt; ich wiederhole auch: so gut wie erteilt ist; und das »so gut« ist in diesem Augenblick besser als gut. Ich flehe sie an, verehrter Freund, hören Sie mir freundlich zu: Die Sache ist von der enormsten Wichtigkeit nicht sowohl für mich, der ich ja nur ein indirektes Interesse daran habe, sondern in erster Linie für Sie. Also: Die Konzession wird natürlich nur für einen Nordhafen erteilt werden, gegen den Sie ja in letzter Linie auch nichts haben; nicht wahr? Gut. Nun weiß ich aber positiv, daß man – ein wenig hinter Ihrem Rücken – bis zum letzten Augenblick wieder zwischen dem Nord- und dem Osthafen geschwankt hat und daß der ausgeübte Druck nur eben nicht ganz hingereicht hat, die Waagschale nach Osten zu neigen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, von wem die Pression ausgegangen ist: Sie kennen ja besser als irgend jemand das Interesse, das Golm, der nebenbei in den Verwaltungsrat treten wird, an dem Zustandekommen der Bahn hat; und seine Verbindungen nach einer gewissen Region sind besser, aber sehr viel besser, als ich mir irgend habe träumen lassen. Ich sage Ihnen: Es fehlte nur noch ein Minimum. Und, denken Sie sich, da schreibt mir heute – ich muß nun schon den Namen nennen – Signor Giraldi schreibt mir, daß ihm zur besseren Regulierung und leichteren Verwaltung der Masse ein Verkauf der Güter angezeigt erscheine und daß die Baronin – das heißt, er, denn er wird hier wie überall der Mandatar der Baronin sein – in der Konferenz den Verkauf beantragen wird. Wallbach ist dafür, ist immer dafür gewesen, ich werde aus rein geschäftlichen Gründen nicht dagegen sein können; kurz, die Güter werden voraussichtlich verkauft werden. Es ist fast unmöglich oder doch wenigstens bis zur Unmöglichkeit unwahrscheinlich, daß Giraldi die hiesigen Verhältnisse kennt und weiß, daß in Golm ein eifrigster Kunde schon bereit steht. Wenn Golm aber auch nur die Möglichkeit sieht, den Handel abzuschließen, wird er Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um in der letzten Minute den Osthafen durchzudrücken. Und nun, mein verehrter, mein vortrefflicher Freund, verstatten Sie einem alten Freunde, von dessen Ergebenheit Sie überzeugt sind, ein vertrauliches, meinetwegen kühnes Wort: Sie sind nicht reich; Ottomar braucht sehr viel; es ist keine Kleinigkeit für Ottomar, wenn mit den übrigen Anteilen sein Anteil mit einem Schlage auf den doppelten, den vierfachen Wert steigt; und so wird Fräulein Else in derselben Proportion reicher; und wenn beide dermaleinst nach dem Tode der Baronin die übrige Hälfte erben und Fräulein Else ebenfalls eine passende Verbindung eingeht – sagen wir, mit Graf Golm, um den ersten besten Namen zu nennen – so dürfen Sie – was Gott noch lange in seiner Weisheit verhüten möge! – die Augen schließen in der schönen Zuversicht, daß der äußere Glanz Ihres Hauses für alle Zukunft, soweit Menschenklugheit reicht, gesichert ist. Seien Sie menschlich klug, verehrter Freund! Sie sollen ja nichts dafür tun! Sie sollen sich nur nicht dagegen stemmen. Der General hatte, ohne ein Zeichen der Ungeduld, wie er es sonst nur zu leicht äußerte, wenn ihm eine widerwärtige Meinung vorgetragen wurde, zugehört; auch hatte sich seine Stirn nicht umwölkt; es lag sogar ein ungewöhnlich weicher, fast melancholischer Klang in seiner Stimme, als er jetzt, ohne die Augen aufzuschlagen, wie mit sich selbst sprechend, sagte: Es würde in meinem Sinne nicht gut getan sein; ja, ich würde in meinem Sinne nicht mehr leben können und den Tod mit Recht als ein Schrecknis fürchten müssen, wie nur irgend ein ehrloser Feigling, wenn ich um eines äußeren Vorteils willen, und wäre er tausendmal größer, als er hier gleißt und lockt, meine klar erkannte Pflicht und Schuldigkeit nicht täte und mit allen Mitteln, die mir zu Gebote stehen, ein Projekt nicht bekämpfte, dessen Ausführung nach meiner festen Überzeugung eine offenbare Schädigung unserer Wehrkraft und eine gewissenlose Verschleuderung unserer Mittel sein würde, die, straff zusammenzuhalten, wir die gegründetste Veranlassung haben. Nach dem, was ich jetzt von Ihnen gehört, kann ich nicht anders, als die Sache aus eigner Machtvollkommenheit in der Session zur Sprache bringen und auf alle Fälle dem Minister mein abfälliges Gutachten unterbreiten. Und nun, lieber Freund, entschuldigen Sie mich! Ich muß meinen Damen ein wenig helfen, die Honneurs zu machen. Er wandte sich in den großen Salon; der Geheimrat blickte ihm mit bösen Augen nach: Der Mensch ist unverbesserlich – ich wundere mich, daß er mich nicht gleich hat an die Tür führen lassen. Das fehlte eigentlich nur. Strapazieren Sie sich nur nicht so, Herr Graf! Es hilft Ihnen doch nichts! * Der Graf war vor wenigen Minuten eingetreten, in seiner Landstandsuniform und mit dem Johanniterkreuz. Der Salon hatte sich mittlerweile beinahe gefüllt, und es hatte ihn einige Mühe gekostet, zu den Damen des Hauses durchzudringen. Else hatte ihm freilich von dieser Mühe nichts geschenkt: In dem Moment, als sie seiner in der Tür ansichtig wurde, hatte sie mit dem Hauptmann von Schönau das bereits angeknüpfte Gespräch eifrig fortgesetzt, so eifrig, daß der Graf, nachdem er Sidonie begrüßt, nun bereits seit einer halben Minute hinter ihr stand, ohne von ihr bemerkt zu werden, bis Schönau es endlich für seine Pflicht hielt, mit einem: Ich glaube, meine Gnädige – und einer Handbewegung sie auf den neuen Gast aufmerksam machen zu müssen. Ich schätze mich glücklich, sagte der Graf. Ah! Herr Graf Golm! rief Else mit gut gespielter Überraschung: Verzeihen Sie, daß ich Sie nicht sogleich bemerkt habe, ich war so vertieft – darf ich die Herren miteinander bekannt machen: Herr Hauptmann von Schönau vom großen Generalstab – ein lieber Freund unseres Hauses – Herr Graf von Golm – haben Sie den Papa schon gesehen, Herr Graf? Er ist, glaube ich, in dem andern Zimmer. Also, lieber Schönau – Da wandte sich Reinhold um und kam gerade auf sie zu. Else zitterte so, daß sie sich mit der linken Hand auf die Lehne eines Fauteuil stützen mußte. Sie wollte eine kleine Komödie vor dem klugen Schönau spielen; sie wollte die bis ans Herz Kühle, Unbefangene sein, aber als er jetzt auf sie zutrat, die schönen, treuen Augen glänzend, in den freien, männlichen Zügen eine gewisse Befangenheit, die zu fragen schien: Werde ich dir willkommen sein? Da wallte es in ihrem Herzen auf, warm und schön; und wenn die Hand auf der Stuhllehne auch liegen blieb, so reichte sie ihm die andere weit entgegen. Die dunklen Augen glänzten, ihre roten Lippen lachten und: Willkommen in unserm Hause, lieber Herr Schmidt! sagte sie, so frisch und frei, als ob es keinen schöneren Namen in der Welt gäbe. Er hatte ihre Hand ergriffen und sagte ein paar Worte, die sie nur halb hörte. Sie wandte sich nach Schönau um; der Hauptmann war verschwunden; über ihre Wangen flog ein Rot. – Es ist ganz gleich, murmelte sie. Was ist gleich, mein gnädiges Fräulein? Ich sage es Ihnen später, wenn – es soll nach Tisch ein wenig getanzt werden. Ich weiß freilich nicht – Ob ich tanze? sogar mit Leidenschaft. Auch den Rheinländer? Auch den Rheinländer! Und, trotz Ihres ungläubigen Lächelns, nicht so schlecht, daß Fräulein von Werben mir nicht die Ehre erweisen dürfte. Also den Rheinländer! Die andern habe ich schon alle versagt. Jetzt muß ich mich in die Gesellschaft stürzen. Sie nickte freundlich und wandte sich, kehrte aber alsbald wieder um. Mögen Sie meinen Bruder? Sehr! Ich wünsche so, daß Sie miteinander recht vertraut würden. Kommen Sie ihm doch ein wenig entgegen. Wollen Sie? Von Herzen. Sie wurde nun wirklich in Anspruch genommen; auch Reinhold mischte sich in die Gesellschaft, jetzt ohne irgend welche Befangenheit, die er beim ersten Eintreten in einen so glänzenden, ihm ganz fremden Kreis empfunden. War er doch von den Wirten empfangen worden wie ein lieber Freund des Hauses! Selbst die Augen der stattlichen Tante hatten nicht ohne eine gewisse gutmütige Neugier auf ihn geblickt, so förmlich auch ihre Verbeugung gewesen war. Dafür hatte ihm denn der General selbst so kräftig die Hand geschüttelt und nach den ersten Begrüßungsworten, ihn mit sichtbarer Vertraulichkeit auf die Seite ziehend, zu ihm gesagt: Ich muß Sie vor allem mit dem Oberst von Sattelstädt und dem Hauptmann von Schönau, beide vom großen Generalstabe, bekannt machen. Die Herren werden begierig sein, Ihre Ansichten in der Hafenfrage zu hören. Bitte, sprechen Sie sich gänzlich frei aus – ich lege ein Gewicht darauf. Ich selbst habe in der Angelegenheit noch eine spezielle Bitte, die ich Ihnen mitteilen will, sobald ich dazu komme. Das war doch schmeichelhaft genug für den simplen Reserveleutnant, hatte Reinhold bei sich gedacht. Was galt ihm jetzt, daß Graf Golm, so lange es nur möglich war, an ihm vorbeisah, und, als das Manöver einmal gänzlich mißlang, mit einem ärgerlich geschnarrten: Ah, Ah, Herr Kapitän – sehr erfreut, an ihm vorbeischlüpfte? Was kam darauf an? * Sind Sie nicht engagiert? fragte eine tiefe Stimme hinter Reinhold. Reinhold wandte sich: Nein, Herr General. Sind Sie kein Tänzer? Doch Herr General; aber der Herr General hatten die Güte, mir zu sagen, daß Sie mit mir zu sprechen wünschten; ich wollte mir eben erlauben – Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen; auch kam ich, Sie mir zu holen. Ich bin zu Ihren Befehlen, Herr General. Kommen Sie! Der General blieb trotzdem stehen. Der Anblick des Saales, der jetzt von den Tanzenden fast gefüllt war, schien ihn zu interessieren und zu fesseln. Reinhold, der unwillkürlich die Richtung, in die der General blickte, aufgenommen, sah, daß seine Augen auf Ottomar haften blieben, der mit Carla unter dem Kronleuchter in den künstlichen Variationen, zu denen die Polka herausfordert, herumwirbelte. Ein Lächeln flog über das ernste, strenge Gesicht. Dann, wie aus einem Traume erwachend, strich er sich mit der Hand über die Stirn und sagte noch einmal: Kommen Sie! Sie waren in das kleine Kabinett getreten. Setzen wir uns! sagte der General, indem er selbst auf einem Fauteuil Platz nahm und Reinhold an seine Seite winkte; ich will Sie nicht lange aufhalten. Ich bin wirklich nicht pressiert, Herr General, ich bin nur einmal engagiert zu einem späteren Tanz – mit Ihrem Fräulein Tochter. Das ist recht, sagte der General, – Else ist Ihnen Dank schuldig; und dabei bin ich selbst schon wieder im Begriff, Ihre Güte in Anspruch zu nehmen. Um es in einem Wort zu sagen: Sie haben vorhin mit dem Oberst Sattelstädt und mit Schönau gesprochen und den Herren Ihre Ansicht über die bewußte Frage ausführlich dargelegt. Die Herren sagen beide, daß Ihre Auseinandersetzungen ihnen ganz neue Gesichtspunkte gegeben hätten, die von der größten Wichtigkeit schienen und die Frage in den Augen aller, die überhaupt sehen könnten, entscheiden müßten: In unserem, das heißt, in meinem und der beiden Herren Sinne, die wir leider mit unserer Ansicht etwas vereinzelt dastehen und alle Ursache haben, uns nach Bundesgenossen umzuschauen. Ich bitte Sie nun, in unser aller Namen, dieser Bundesgenosse zu sein und uns ein schriftliches Elaborat über die Angelegenheit anfertigen zu wollen, von dem wir unumschränkten Gebrauch machen dürfen. Karten und sonstige Hilfsmittel, die Sie irgend wünschen mögen, wird Ihnen Schönau, mit dem Sie sich dieserhalb in Vernehmen setzen würden, bereitwilligst zu Gebote stellen. Die erste Frage ist nun: Wollen Sie uns den Gefallen erweisen? Ganz gewiß, Herr General, – und ich werde meine ganze Kraft daran setzen. Ich war im voraus davon überzeugt, aber ich glaube, Sie auf eines aufmerksam machen zu sollen. Der Präsident von Sanden hat mir gesagt, daß er auf Sie reflektiere, und meine Else mir mitgeteilt, daß Sie nicht abgeneigt sind, auf des Präsidenten Wünsche einzugehen und die betreffende Stelle anzunehmen. Die Stelle ressortiert nicht vom Kriegsminister, aber Ihre Relation wird böses Blut machen in mehr als einem Ministerium, und wir könnten in die Lage kommen, den Namen unseres Gewährsmannes nennen zu müssen – haben Sie daran gedacht? Nein, Herr General, aber ich habe mich meines Namens nie geschämt und, Gott sei Dank, niemals Ursache dazu gehabt; von dem Augenblicke, wo er in dieser Gemeinschaft und in dieser Sache genannt wird, würde ich glauben, stolz darauf sein zu dürfen. Der General nickte. Und nun noch eines: Die Sache pressiert – sehr. Wann glauben Sie, mit der Relation zustande kommen zu können? Wenn ich morgen vormittag mit Herrn von Schönau konferieren darf – bis übermorgen früh. Da würden Sie die Nacht zu Hilfe nehmen müssen. Ich bin ein guter Schläfer, Herr General – und ein guter Wacher. Der General lächelte. Ich danke Ihnen, lieber Schmidt. Es war das erste Mal, daß er Reinhold mit jener Vernachlässigung der Form anredete, durch die höhere Offiziere jüngere Kameraden auszeichnen. Er hatte sich erhoben; seine sonst so strengen Augen ruhten mit einem fast väterlichen Wohlwollen auf dem jungen Mann, der, errötend vor Glück und Stolz, dastand. Und nun gehen Sie und seien Sie noch eine Stunde vergnügt mit der Jugend; Sie sind ja selber, Gott sei Dank, noch jung genug. Da kommt mein Sohn, gewiß, um Sie zu holen. In der Tat, sagte Ottomar, der aufgeregt, eilig in der Tür erschien. Ich bitte um Entschuldigung; aber Else – Schnell, schnell! sagte der General. Ottomar zog Reinhold fort. Der General blickte den beiden jungen Männern sinnend nach: Schade, schade – murmelte er, aber man kann nicht alles zu gleicher Zeit haben, und wenn Ottomar – was gibt es? Der Brief wurde soeben abgegeben. Ein Brief? Jetzt? Wie ist das möglich? Das Haus ist offen, Herr General; der Mann, der ihn brachte, sagte, es wäre sehr gut gewesen, sonst hätte er schellen müssen; es sei sehr eilig. Wunderlich! sagte der General, den Brief, den er dem Diener abgenommen, betrachtend. Es war ein großer, geschäftsmäßig zusammengefalteter Brief und die Aufschrift in einer kanzleimäßigen Hand. Wunderlich! sagte der General noch einmal. Er hatte mechanisch den Brief erbrochen und begann zu lesen – Was war das? – Er strich sich über die Augen und blickte wieder hinein: Aber da stand es noch immer ganz deutlich, in ganz deutlichen, frechen Worten. Sein Gesicht wurde dunkelrot. Befehlen der Herr General noch sonst etwas? fragte August, der noch gewartet hatte, ängstlich. Nein, nein! Nichts, nichts! Du kannst gehen, murmelte der General, indem er den Brief sinken ließ und zusammenfalten zu wollen schien. Aber der Diener hatte sich kaum entfernt, als er wieder hineinblickte, um zu Ende zu lesen. Und jetzt zitterte der starke Mann vom Kopf bis zu den Füßen, während er, sich scheu umblickend, den Brief schnell zusammenfaltete und, die Uniform aufreißend, in die Tasche steckte. Der Unglückliche! murmelte er. * Der Vater stand an seinem Arbeitstisch, über dem die Hängelampe brannte. Auch auf der Konsole vor dem Spiegel brannten die Lampen noch, es war unheimlich hell in dem Zimmer, und unheimlich aufgeräumt, obgleich es heute genau so war, wie es Ottomar gesehen, solang er denken konnte. Er hätte am Ende doch die Uniform anziehen sollen. Ich bitte um Entschuldigung, Papa, daß ich im Negligé komme, ich war im Begriff, zu Bett zu gehen, und August machte es so eilig – Der Vater stand noch immer an dem Tisch, die eine Hand aufgestützt, ihm den Rücken zukehrend, ohne zu antworten. Das Schweigen des Vaters legte sich wie ein Alp auf Ottomars Seele; er schüttelte mit einer gewaltsamen Anstrengung die dumpfe Verzagtheit ab: Was wolltest du, Papa? Zuerst dich bitten, diesen Brief zu lesen, sagte der General, sich langsam umwendend und auf ein Blatt, das vor ihm auf dem Tische ausgebreitet war, mit dem Finger deutend. Ein Brief? An mich? Dann würde ich ihn nicht gelesen haben; ich habe ihn gelesen. Er war von dem Tisch zurückgetreten und ging, die Hände auf dem Rücken, langsam gleichmäßigen Schrittes in dem Zimmer auf und nieder, während Ottomar auf derselben Stelle, wo eben der Vater gestanden, ohne das Blatt zur Hand zu nehmen – die Handschrift war deutlich genug – las: »Hochwohlgeborner, hochzuverehrender Herr General! Ew. Hochwohlgeboren wollen gütigst entschuldigen, daß der ergebenste Endesunterzeichnete es wagt, Ew. Hochwohlgeboren Aufmerksamkeit auf eine Angelegenheit zu lenken, die das Wohl Ihrer werten Familie auf das ernstlichste zu gefährden droht. Es handelt sich aber um ein Verhältnis, das Ihr Herr Sohn, der Herr Leutnant von Werben, seit längerer Zeit mit der Tochter Ihres Nachbarn, des Herrn Marmorwaren-Fabrikanten Schmidt, unterhält. Ew. Hochwohlgeboren wollen dem Unterzeichneten erlassen – obgleich er sehr wohl dazu imstande wäre –, auf Einzelheiten einzugehen, die besser in der Verschwiegenheit bleiben, in der sie die Beteiligten – allerdings vergeblich – zu halten suchten, und wenn der Unterzeichnete sie bittet, den Herrn Sohn zu fragen, wo er heute abend von 8 – 9 Uhr und mit wem er eine Zusammenkunft gehabt, so ist es nur, um Ew. Hochwohlgeboren anzudeuten, wie weit das erwähnte Verhältnis bereits gediehen ist. Es würde so töricht wie unerlaubt sein anzunehmen, daß Ew. Hochwohlgeboren von dem allen unterrichtet wären und gleichsam nur ein Auge zugedrückt hätten, wenn Ihr Herr Sohn auf dem Punkte steht, sich mit der Tochter eines ultra-radikalen Demokraten zu verloben; im Gegenteil, der Unterzeichnete kann sich im voraus die schmerzliche Überraschung ausmalen, die Ew. Hochwohlgeboren bei Lesung dieser Zeilen empfinden dürften. Aber, Ew. Hochwohlgeboren, der Unterzeichnete ist auch Soldat gewesen und weiß, was soldatische Ehre ist – wie er denn seinerseits Zeit seines Lebens auf Ehre gehalten – und er hat es nicht länger mit ansehen können, daß mit der Ehre eines so braven, hochverdienten Offiziers hinter seinem Rücken ein freventliches Spiel getrieben wird von demjenigen, der mehr als jeder andere zum Wächter eben dieser Ehre berufen scheint. Der Unterzeichnete glaubt, daß es nach dem Obigen keiner besonderen Versicherung der ungemeinen Hochschätzung bedarf, mit welcher er ist Ew. Hochwohlgeboren und Ew. Hochwohlgeboren ganzer Familie treuester Verehrer.« Der General hatte seinem Sohn mehrere Minuten Zeit gelassen; jetzt, als Ottomar immer noch regungslos vor sich hinstarrte – nur die Zähne nagten geschäftig an der blassen Unterlippe – blieb er, durch die Länge des Zimmers von ihm getrennt, stehen und fragte: Hast du eine Ahnung, wer diesen Brief geschrieben hat? Nein. Hast du den leisesten Verdacht, die Dame, um die es sich handelt – Um Gottes willen! rief Ottomar heftig. Ich bitte um Verzeihung; aber ich bin in der peinlichen Lage, fragen zu müssen, da du mir die Erklärungen, die ich erwartete, schuldig bleiben zu wollen scheinst. Was soll ich hier erklären? fragte Ottomar mit verbissenem Trotz; – es ist, wie es ist. Kurz und bündig, erwiderte der General, – nur nicht ebenso klar. Mir wenigstens bleiben noch verschiedene dunkle Punkte. Hast du der Dame – ich darf mich doch so ausdrücken? Ich würde dich sonst darum ersuchen müssen – Also, hast du der Dame irgend etwas, und wäre es das Geringste, vorzuwerfen, was – abgesehen von den äußeren Verhältnissen, wovon später – dich verhindern könnte, sie in Elses Gesellschaft zu bringen? – Bei deiner Ehre! Bei meiner Ehre, nein! Weißt du von ihrer Familie – abermals abgesehen von den äußeren Verhältnissen – irgend etwas, auch nur das Geringste, was einen andern Offizier, der nicht in deiner exzeptionellen Lage wäre, verhindern würde und müßte, sich mit der Familie zu verbinden? – Bei deiner Ehre! Ottomar zögerte einen Moment mit der Antwort. Er wußte von Philipp absolut nichts Ehrenrühriges; er hatte gegen ihn nur den eingeborenen Instinkt des Gentleman gegen einen Menschen, der in seinen Augen kein Gentleman ist; aber es dünkte ihm Feigheit, sich hinter dies dunkle Gefühl verkriechen zu wollen. Nein! sagte er grollend. Du hast die Dame mit deinen Verhältnissen bekannt gemacht? Im allgemeinen: ja. Unter anderem damit, daß du enterbt bist, sobald du eine Dame, die nicht von Adel ist, heiratest? Nein. Das war ein wenig unvorsichtig, indessen: Ich begreife es. Aber im allgemeinen, sagst du, kennt sie die Schwierigkeiten, die auch im günstigsten Falle eine Verbindung zwischen ihr und dir haben würde? Ja. Hast du sie je fühlen lassen, daß du weder willens noch imstande seiest, die Schwierigkeiten zu beseitigen? Nein. Sondern sie vielmehr glauben lassen, sie vielleicht versichert, daß du sie beseitigen könntest und würdest? Ja. So wirst du die Dame heiraten. Ottomar zuckte zusammen, wie ein Roß, dem der Reiter die Sporen in die Flanken schlägt. Er hatte gewußt, daß das das Ende sein würde, sein mußte. Trotzdem, wie es jetzt ausgesprochen war, bäumte sich sein Stolz gegen den Zwang auf, den irgend jemand, und wäre es auch der eigne Vater, seinem Herzen antun wollte. Und im Hintergrunde lauerte wieder gespensterhaft die fürchterliche Empfindung, die er im Park gehabt, daß er schwächer sei als sie, die sich so vertrauensvoll in seine Arme schmiegte. Sollte er überall der Schwächere sein? Überall folgen, wohin er nicht wollte? Sich überall seinen Weg von andern vorschreiben lassen? Nun und nimmermehr! stieß er hervor. Wie, nun und nimmermehr? sagte der General. – Ich habe hier doch mit keinem eigenwilligen Knaben zu tun, der das Spielzeug zerbricht, das ihm nicht mehr gefällt, sondern mit einem Manne von Ehre, einem Offizier, der die Gewohnheit hat, sein Wort pünktlich einzulösen? Ottomar fühlte, daß er einen Grund, den Schatten eines Grundes – irgend etwas vorbringen müsse. Ich meine, sagte er, daß ich mich nicht entschließen kann, nach einer Seite einen Schritt zu tun, der mich in die Lage brächte, notwendig nach der andern Seite ein Unrecht zu begehen. Ich glaube, deine Lage zu verstehen, erwiderte der General, – sie ist nicht angenehm; aber, wer so vielseitig ist, sollte doch auf dergleichen gefaßt sein. Übrigens bin ich dir die Gerechtigkeit schuldig zu erklären, daß ich mich in deinem Betragen gegen Fräulein von Wallbach jetzt wenigstens zu orientieren beginne und darin nur die Konsequenz vermisse, an die du mich freilich leider niemals und in keinem Punkte gewöhnt hast. Nach meiner Auffassung war es deine Pflicht, ein für allemal zurückzutreten in dem Augenblicke, wo dein Herz ernstlich nach einer andern Seite engagiert war. Es wäre das immerhin, bei unsern engen Relationen mit Wallbachs, sehr unbequem und unangenehm gewesen, aber schließlich: Man kann sich in seinen Gefühlen täuschen, und die Gesellschaft akzeptiert auch dergleichen Wandlungen des Herzens und die praktischen Konsequenzen, wenn alles zur rechten Zeit und mit guter Manier geschieht. Wie du diesen Rückzug jetzt ausführen wirst, ohne dir und uns die ernsthaftesten Verlegenheiten zuzuziehen, weiß ich nicht; ich weiß nur, daß es geschehen muß. Oder hättest du dein Unrecht auf die Spitze getrieben und dich hier gebunden, wie du dich dort gebunden hast? Ich bin gegen Fräulein von Wallbach durch nichts gebunden, als was alle Welt gesehen hat, durch kein Wort, das nicht alle Welt gehört hat oder wenigstens hätte hören dürfen, und mein Gefühl für sie ist vom ersten Augenblicke an so schwankend gewesen – Wie dein Betragen. Sprechen wir also nicht mehr davon, fassen wir lieber die Situation ins Auge, die du dir selbst bereitet hast, und ziehen wir die Konsequenzen. Die erste ist, daß du dir deine diplomatische Karriere verscherzt hast – du kannst nicht mit einer bürgerlichen Gemahlin an dem Petersburger Hofe oder irgend einem Hofe erscheinen. Die zweite, daß du dich zu einem andern Regiment versetzen lassen mußt, da du, mit einem geborenen Fräulein Schmidt zur Gattin, in deinem Regiment aus den widerwärtigsten Konflikten und Kollisionen nicht herauskommen würdest. Die dritte, daß, wenn die Dame dir nicht ein Vermögen oder zumindestens einen sehr erheblichen Zuschuß mitbringt, das Arrangement deines äußeren Lebens für die Zukunft ein wesentlich anderes sein muß, als es bisher war, und ich fürchte, eines, das deinem Geschmacke wenig zusagen dürfte. Der vierten Konsequenz, daß du durch diese Verbindung – und wäre sie in bürgerlich-moralischem Sinne so ehrenwert, wie ich wünsche und hoffe – nach dem einfachen Buchstaben des Testamentes des Anrechtes auf die Erbschaft verlustig gehst, tue ich nur noch einmal Erwähnung, um alles gesagt zu haben. Ottomar wußte, daß der Vater nicht alles gesagt, daß er großmütig die fünfundzwanzigtausend Taler verschwiegen hatte, die er im Laufe der letzten Jahre für ihn an Schulden bezahlt – das heißt, bis auf einen winzigen Rest das ganze eigene Vermögen – und daß er dem Vater dies Geld in nächster Zeit nicht wieder zurückgeben konnte, wie es doch gewiß seine Absicht gewesen; vielleicht nie wieder würde zurückgeben können. Der Vater war dann auf sein Gehalt angewiesen, schließlich auf seine Pension. Er hatte in der letzten Zeit wiederholt davon gesprochen, seinen Abschied nehmen zu wollen! Sein Blick, der verwirrt den Boden gesucht hatte, irrte scheu zum Vater hinüber, der langsam, wie vorhin, im Zimmer auf und nieder schritt. War es die Beleuchtung? War es, daß er ihn heute anders sah als sonst: Der Vater erschien ihm um zehn Jahre gealtert, zum ersten Male als ein alter Mann. In das Gefühl ehrfürchtiger Liebe, das er stets für ihn gehegt, mischte sich eine Empfindung des Mitleids fast; er hätte ihm am liebsten zu Füßen stürzen und, seine Knie umklammernd, rufen mögen: Vergib mir, was ich vor dir gesündigt habe! Aber er war wie an die Stelle gebannt, die Glieder wollten sich nicht fügen, nicht folgen; die Zunge war wie an den Gaumen geklebt; er brachte nichts heraus als: Es bleibt dir dann noch immer Else. Der General war vor den lebensgroßen Bildern seiner Eltern, welche die eine Wand schmückten, stehen geblieben – einem höheren Offizier in der Uniform der Freiheitskriege und einer noch jungen Dame in der Tracht jener Zeit, der Else um Stirn und Augen auffallend ähnelte. Wer weiß, sagte er. Noch eins! Ich habe vergessen, zu sagen, daß ich mir vorbehalte, die nächsten Schritte selbst zu tun. Da du so lange gezögert, die Initiative zu ergreifen, wirst du mir diese Gunst wohl gewähren müssen. Ich bitte, daß du bis dahin keinen Schritt ohne mein Wissen tust. Wir müssen doch jetzt im Einvernehmen handeln, nachdem wir uns verständigt haben. Er hatte die letzten Worte mit einer Art melancholischem Lächeln gesagt, das Ottomar durchs Herz schnitt. Er konnte es nicht länger ertragen und stürzte aus dem Zimmer. Auch der General hatte bereits die Hand auf dem Drücker gehabt; aber, als Ottomar jetzt verschwunden war, zog er sie wieder zurück, trug die Lampe auf den Schreibtisch, von dem er ein Kästchen aufschloß und herauszog, worin er zwischen einigen, wenig wertvollen Schmucksachen seiner verstorbenen Gemahlin und seiner Mutter auch die eisernen Ringe der Eltern aus den Freiheitskriegen aufbewahrte. Er nahm die Ringe. Es ist eine andere Zeit gekommen, murmelte er, – keine bessere. Wohin, ach, wohin sind sie verschwunden: Eure Frömmigkeit, eure Pflichttreue? Eure keusche Einfachheit, eure heilige Entsagung? Ich habe mich redlich bemüht, euch nachzueifern, der würdige Sohn eines Geschlechts zu sein, das keinen andern Ruhm kannte als die Tapferkeit seiner Männer und die Keuschheit seiner Frauen. Was habe ich gesündigt, daß es so an mir heimgesucht wird? Er küßte die Ringe und legte sie in den Kasten und nahm von mehreren Miniaturbildern aus Elfenbein das eines bildschönen, braunäugigen, braunlockigen Knaben von vielleicht sechs Jahren. Lange betrachtete er es unverwandt. Der Mannesstamm der Werben würde mit ihm aussterben, und – er war mein Liebling. Vielleicht soll ich dafür bestraft werden, daß ich so unsäglich stolz auf ihn war. * Warum hat denn mein Bruder heute schon um vier Uhr nach dem Kaffee geschellt? fragte Tante Rikchen in der Küche. Ich weiß es nicht, erwiderte Grollmann. Ihr wißt nie was, sagte Tante Rikchen. Grollmann zuckte die Achseln, nahm das Präsentierbrett, auf dem das zweite Frühstück für den Herrn bereit war, und ging, kam aber nach wenigen Minuten wieder und stellte das Brett, wie er es vorher hinausgetragen, auf den Anrichtetisch. Nun? fragte Tante Rikchen empfindlich, – ist es einmal wieder nicht recht gewesen? Der Herr schläft, sagte Grollmann. Tante Rikchen ließ vor Schrecken bald die Kanne fallen, aus der sie eben für Reinhold den Kaffee abgegossen hatte. - Um Gottes willen, rief sie, – wie kann mein Bruder um diese Stunde schlafen! Das hat er ja, solange die Welt steht, noch nicht getan. Ist er krank? Glaube ich nicht, sagte Grollmann. Ist denn heute morgen wieder was passiert? Heute morgen – nein. Oder gestern abend? fragte Tante Rikchen, deren scharfen Ohren die kurze Pause, die Grollmann zwischen heute morgen und nein gemacht hatte, nicht entgangen war. Vermutlich! sagte Grollmann, starr vor sich hinblickend, während die Falten in dem verwitterten Gesicht sich mit jedem Moment zu vertiefen schienen. Unglücksmensch, sagt es mir! rief Tante Rikchen, den Alten am Arm packend und schüttelnd, als ob sie das Geheimnis aus ihm herausschütteln könnte. Ich weiß von nichts, sagte Grollmann, sich losmachend; – ist der Kaffee für den Herrn Kapitän fertig? Weshalb will ihn denn mein Neffe heute auf dem Zimmer haben? fragte Tante Rikchen. Ich weiß es nicht, erwiderte Grollmann und schlurfte mit dem Kaffeebrett davon, wie vorhin mit dem Frühstücksbrett. Es ist ein gräßlicher Mensch, sagte Tante Rikchen; – ich werde noch einmal den Tod von seiner Geheimniskrämerei haben. Er muß es mir sagen, wenn er wiederkommt. Aber Grollmann kam vorläufig nicht wieder, obgleich Tante Rikchen fast den Schellenzug abriß. Tante Rikchen war sehr ärgerlich und würde außer sich gewesen sein, wenn sie gehört hätte, wie Grollmann oben Reinhold alles unaufgefordert haarklein erzählte, was er ihr um keinen Preis erzählt haben würde. Denn sehen Sie, Herr Kapitän, sagte Grollmann, sie ist ja sonst ganz gut, das Fräulein Schwester; aber was sie weiß, das muß heraus – so oder so, und wenn es sie das Leben kostete. Und das kann der Herr nun schon gar nicht vertragen, besonders von dem Fräulein Schwester nicht; und unsereiner hat die Unannehmlichkeiten davon. Wie war es also? fragte Reinhold. Wie wird es gewesen sein, sagte der Alte! So gegen zwölf heute nacht kam er nach Haus aus der zweiten Versammlung, die die Fabrikanten abgehalten; ich habe ihm auf sein Zimmer hinaufgeleuchtet, wie gewöhnlich, habe die Lampen im Arbeitszimmer hoch geschroben und bin in das Schlafzimmer gegangen, um die Fenster zu schließen, die, bis er zu Bett geht, Sommer und Winter offen bleiben. Und da, dicht neben dem Fenster auf dem Teppich, hat es gelegen, was ich anfänglich für ein Stück Papier hielt, bis ich es aufnahm und fand, daß es ein regelrechter Brief war, den jemand von der Straße hineingeworfen haben mußte, denn es war ein Bindfaden um den Brief geschlungen, und der kleine Stein, der an den Bindfaden geknotet gewesen war, lag dicht daneben. So habe ich ihn denn zum Herrn hineingetragen und gesagt, wo und wie ich ihn eben gefunden. Der Herr hat einen Blick auf die Adresse geworfen und gesagt: Das ist mit verstellter Hand geschrieben; ich will nichts damit zu schaffen haben, wirf's ins Feuer! Aber ich habe ihm denn so lange zugeredet, bis er sich endlich dazu herbeiließ und den Brief aufmachte. Nun ist der Herr an der einen Seite des Tisches gestanden und ich an der andern, und ich habe ihm natürlich ins Gesicht gesehen, während er las, und bin grausamlich erschrocken gewesen, denn das Blut ist ihm so in den Kopf gestiegen, und die Hand, in der er den Brief hielt, hat ihm so gezittert, daß ich – mit Verlaub – geglaubt habe, der Schlag werde ihn rühren. Das ist aber wieder vorübergegangen, der Herr hat den Brief nur eben so aus der Hand fallen lassen und gesagt: Es ist dummes Zeug, ich wußte es ja; du kannst ruhig zu Bette gehen. Ich bin dann auch gegangen, aber ruhig bin ich nicht gewesen und auch weiter nicht verwundert, als der Herr heute morgen schon um halb vier nach mir klingelte – er ist immer ganz besonders früh munter, wenn er den Abend zuvor Sorgen oder Ärger gehabt hat oder ihm sonst was im Kopfe herumgeht. Diesmal mußte es aber arg sein: Der Herr war noch genau in demselben Anzug, in dem er gestern abend nach Hause gekommen, und das Bett war wie gestern abend. Derogegen war die Flasche Wein, die ich des Abends immer auf sein Zimmer stellen muß und aus der er für gewöhnlich nur noch ein oder zwei Gläser – manchmal auch gar nicht – trinkt, bis auf den letzten Tropfen leer. Frage ich ihn, ob er nicht jetzt wenigstens noch ein paar Stunden schlafen wolle und bin glücklich gewesen, als er sich wenigstens auf das Sofa gelegt und sich hat zudecken lassen und gesagt: Um halb neun Uhr, Grollmann, will ich geweckt sein. Um ein halb neun bin ich dann wiedergekommen; aber die Decke lag neben dem Sofa auf dem Boden, und ich wußte auf den ersten Blick, daß der Herr keine Minute geschlafen. Derogegen hatte er sich gewaschen und angezogen und sah nun erst recht schlimm aus. Er habe nicht schlafen können, sagte er, und nun auch keine Zeit mehr; er wolle in einer halben Stunde das Frühstück; um zehn müsse er wieder in eine Versammlung, zu der diesmal auch die Herren Arbeiter ihre Leute schicken würden. – Ich habe versprochen hinzukommen, sagte er. Wenn er doch nur jetzt noch einschlafen wollte, dachte ich so bei mir, denn er hatte sich, als er so sprach, in das Sofa gesetzt und stierte vor sich hin, wie einer, der schon halb über den Weg ist. Na, Herr Kapitän, und richtig, als ich eben mit dem Frühstück komme, aber ganz leise – da sitzt er in der Sofaecke eingeschlafen. – Laß ihn um Gottes willen schlafen, denke ich, wieder raus aus der Stube mit samt meinem Frühstück; und nun frage ich Sie bloß, Herr Kapitän, soll ich ihn wecken, wenn es Zeit ist, oder soll ich ihn schlafen lassen? Lassen Sie ihn schlafen, Grollmann, sagte Reinhold nach einiger Überlegung. Ich will die Schelte, die Ihnen zukommen sollte, auf mich nehmen. Reinhold stand auf und trat ans Fenster. Es war ein rauher, verdrießlicher Tag. Aus den tief herabhängenden, dunkeln Wolken sprühte ein feiner, kalter Regen; in den großen Bäumen rauschte es dumpf, und manchmal stieß der Wind hinein, und welke Blätter stöberten durch die graue Luft. Wie anders war die Szene gewesen, als er vor wenigen Tagen – es waren ihrer nur wenige, obgleich sie ihm eine Ewigkeit dünkten – zum ersten Male, auch an einem Morgen, hier hinabgesehen! Da hatte der Himmel so köstlich geblaut, und weiße Wolken hatten hoch oben friedlich am blauen Himmel gestanden, ganz still, als könnten sie sich an dem Anblick nicht ersättigen der schönen, sonnebeschienenen Erde, auf der die Menschen, umwirbelt freilich von dem Rauche der Essen und umknirscht von dem Lärm der Räder und Sägen, sich im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot erwerben mußten. Reinhold grüßte mit Auge und Hand nach dem Nachbarhause hinüber, von dem er längst schon zwischen den Zweigen der Platanen ein Fenster entdeckt hatte, das er seitdem eifriger beobachtete als je einen Stern; und hoffte dann, daß Ferdinande, die er plötzlich unten im Garten entdeckte, den Gruß, falls sie ihn gesehen, auf sich bezogen haben werde. Sie hatte den Gruß schwerlich gesehen, sah ihn auch selbst wohl nicht am Fenster, während sie zwischen den Büschen unter den rauschenden Bäumen auf- und niederging und des Regens, der auf sie herabsprühte, nicht zu achten schien. Wenigstens war sie ohne Hut, ohne Schirm, in ihrem Atelierkleide, ohne ein Tuch selbst – manchmal stehen bleibend und hinauf in die jagenden Wolken schauend, dann weiter schreitend, den Blick auf den Boden geheftet, offenbar in tiefste Gedanken versunken. – Sonderbare Menschen, diese Künstler, dachte Reinhold, indem er sich wieder zu seiner Arbeit setzte. Unterdessen stand Grollmann ratlos oben an der Treppe vor der Tür, die zu des Herrn Zimmern führte. Sein Gewissen war durch Reinholds Versicherung, daß er die Verantwortung übernehmen wolle, wenn der Herr die Stunde verschliefe, nicht ganz beruhigt. Wenn nur etwas passierte, daß ich ihn wecken müßte! sagte Grollmann. In diesem Moment hörte er die untere Flurtür gehen, und es kam jemand die Treppe herauf; Grollmann bog sich über das Geländer: ein Offizier – ein General! Der alte General von drüben! Das ist doch kurios – dachte Grollmann, richtete sich auf und stellte sich in Positur, wie es sich für einen alten Diener schickt, der auch Soldat gewesen ist. Der General war die Treppe hinaufgekommen: Ich wünsche Herrn Schmidt zu sprechen; können Sie mich melden? Es ist eigentlich nicht seine Sprechstunde, sagte Grollmann, – und – Vielleicht nimmt er mich doch an, wenn Sie ihm sagen, daß ich in einer dringenden Angelegenheit komme – hier meine Karte. Ist nicht nötig, Herr General – habe die Ehre, Herr General – Nehmen Sie die Karte nichtsdestoweniger! Grollmann hielt die Karte unentschlossen in der Hand, aber, wenn die Angelegenheit so dringend war – und er konnte doch einen General nicht so mir nichts dir nichts abweisen! – Wollen Sie einen Augenblick verzeihen, Herr General! – Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen, flüsterte er, als müsse er für seinen Herrn um Entschuldigung bitten, da dieser selbst es voraussichtlich nicht tun würde. Ich habe auch nicht geschlafen, erwiderte der General mit einem melancholischen Lächeln. * Die beiden Männer standen einander gegenüber, sich mit den Blicken gegenseitig messend, wie zwei Athleten, die in einen Kampf auf Tod und Leben gehen und sich doch nicht enthalten können, jeder des andern herrliche Erscheinung zu bewundern und sich zu sagen, daß, wenn sie unterliegen, sie einem ebenbürtigen Gegner unterlegen sind. Und dabei hatte der General durchaus die Empfindung, daß, wie gewaltig und kraftvoll der Mann, der ihm gegenüberstand, auch sonst sein mochte, er selbst in diesem Augenblicke der Gefaßtere, der Ruhigere und somit der Stärkere war. Er sah es an der düstern Glut, die in den Augen des Mannes loderte, an dem Beben der Hand, die jetzt auf einen Fauteuil deutete; er hörte es an dem Schwingen der tiefen Stimme, die jetzt zu ihm sprach: Ich habe Ihren Besuch nicht erwartet, Herr General, aber er überrascht mich auch nicht. Das vermutete ich, erwiderte der General, – und eben deshalb sehen Sie mich hier. Ich sagte mir, daß jede Stunde, die von uns ungenutzt verfließt, die Wahrscheinlichkeit eines freundlichen Arrangements der Angelegenheit, die mich zu Ihnen führt, verringert, indem sie dem elenden Schreiber dieses Briefes Zeit läßt, sein Gift weiter und weiter zu tragen. Darf ich Sie mit der harten Zumutung behelligen, dieses Schriftstück zu lesen? Wollen Sie sich unterdessen die Pein auferlegen, einen Blick in dieses Machwerk zu werfen? Die beiden Männer tauschten die Briefe, die sie erhalten, aus. Der Brief, den der General jetzt mit ruhiger Aufmerksamkeit durchlas, lautete: »Das also ist der Mann, der seine Arbeiter entläßt, wenn sie ihr Wort nicht gehalten haben, wie er sagt! Hält er denn seines? Er, der Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit fortwährend im Munde führt und sich rühmt, daß er allein an der alten demokratischen Fahne von 48 festgehalten? Und der jetzt durch alle zehn Finger sieht, wenn sein Herr Sohn sich mit dem Gelde, das er ehrlichen Leuten gestohlen, Landgüter kauft und Paläste baut? Und wenn seine einzige Tochter einem Gardeoffizier nachläuft, der jedes halbe Jahr eine andere Maitresse hat und den Teufel tun und Fräulein Schmidt schlechtweg zur gnädigen Frau von Werben machen wird? Oder denkt Herr Schmidt das? Wünscht der Herr Schmidt das? Es sähe dem großen Fortschrittsmanne ähnlich; denn anders zu denken, als zu sprechen, anders zu sprechen, als zu handeln, ist ja von jeher das Metier der Herren gewesen, das sie so lange treiben, bis einmal jemand hinter ihre Schliche kommt und ihnen das saubere Handwerk legt, wie es in diesem Falle zu tun beschlossen hat einer, der zu allem entschlossen ist.« Der General gab den Brief zurück und empfing den seinigen. Der Mann hat Ihnen gegenüber keine Maske vornehmen zu müssen geglaubt, sagte der General – bis auf die Handschrift. Trotzdem erkannte ich sie auf den ersten Blick, erwiderte Onkel Ernst. Es ist die eines gewissen Roller, der mehrere Jahre lang Inspektor auf meinem Hofe war, bis ich ihn vor wenigen Tagen wegen Ungehorsams – in derselben Arbeitersache, auf die er im Beginn des Briefes anspielt – entlassen mußte. Ich habe davon gehört, sagte der General. Das erklärt denn ja auch zur Genüge die brutale Rachsucht des Menschen; und auf den Weg, auf dem er entdeckt hat, was uns beiden bis zu diesem Augenblick Geheimnis war, würden wir ihm ja nicht folgen mögen, auch wenn wir es könnten. Lassen wir also diesen Punkt fallen. Ein anderer scheint mir wichtiger. Der Mann hat in dem Briefe, den er an mich geschrieben, seine Hand nicht einmal zu verstellen versucht; er hat also angenommen, daß wir nicht miteinander kommunizieren würden. Der General hob bei diesen letzten Worten, scheinbar zufällig, seine Augen, aber sein Blick war scharf und durchdringend wie eines Batteriekommandeurs, der, die Sekunden zählend, nach der Stelle späht, wo die erste Kugel einschlagen wird. Das ist der einzige Punkt, in dem er und ich uns begegnen, sagte Onkel Ernst. Seine Stimme, die unterdessen ruhig geworden war, bebte wieder, und er hatte die Augen niedergeschlagen. Der General sah, daß es ihm vermutlich leicht sein würde, eine Erklärung zu provozieren, die ihn aller weiteren Erklärungen seinerseits überhob. Aber er hatte seinen Plan Punkt für Punkt überlegt, und er war gewohnt, seine Pläne auszuführen. Er sagte: Bevor ich weitergehe, wollen Sie mir gütigst verstatten, Ihnen eine, wenn auch noch so gedrängte Schilderung meiner Welt- und Lebensanschauung und der Situation, in der ich und meine Familie uns befinden, zu geben. Denken Sie sich, ich bitte, es wäre dies zu irgend einem, übrigens gleichgültigen Zwecke nötig: Ich müßte sprechen, Sie müßten hören, ob schon der eine lieber schwiege und der andere lieber nicht hörte. Der General ließ Herrn Schmidt keine Zeit, ihm die erbetene Erlaubnis zu verweigern, sondern fuhr, ohne sich zu unterbrechen, fort: Ich stamme aus einer sehr alten, das heißt durch viele Generationen hindurch urkundlich beglaubigten Familie, die, wie es scheint, von Anfang an nicht reich gewesen und bereits seit zwei Jahrhunderten zu dem ärmeren, ja armen Adel gezählt werden muß. Es ist gewiß eine Folge dieser Armut, daß die männlichen Glieder der Familie fast ohne Ausnahme an den Höfen und in der Gefolgschaft ihrer Fürsten, besonders der militärischen, ihr Leben verbrachten, ja selbst die Frauen sich vielfach dem Dienste ihrer Fürstinnen widmeten. Eine von meinen Schwestern – wir sind unser drei Geschwister – an einen reichen adligen Grundbesitzer verheiratet, hatte das Unglück, sich in ihrer Wahl getäuscht zu haben, und beging das Unrecht, jenes Unglück ohne Würde zu tragen, ja darin die Entschuldigung für eine Leidenschaft zu suchen, die sie in der Fremde für einen Mann gefaßt hatte, der, wie der adligen Geburt, so auch sonst der Tugenden oder Eigenschaften ermangelte, die ich von jedem Manne verlange, den ich achten soll. Der Tod übernahm die Scheidung, in die mein Schwager nicht hatte willigen wollen. Sein großes Vermögen sollte meinen Kindern zufallen; ich akzeptierte nach langem Widerstreben und schweren Bedenken und nur, um die Todesstunde dem Unglücklichen nicht noch qualvoller zu machen, die Hälfte für meine Kinder, unter derselben Bedingung, die auch meiner Schwester für den Besitz der andern Hälfte gestellt wurde, nämlich, daß sie der Erbschaft verlustig gehen sollte in dem Augenblick, wo sie eine Ehe gegen die Traditionen unserer Familie, ich meine, eine unadlige Ehe eingehen würde. Ich bemerke dabei, daß ich für meine Person außer einem nach heutigen Begriffen sehr geringen Vermögen, das ich mir aus meinem Gehalte im Laufe der Jahre zurückgelegt, keine Ressourcen hatte und habe als eben dieses Gehalt. Ich besitze auch jenes kleine Vermögen nicht mehr. Mein Sohn hat nicht meine sparsamen Gewohnheiten geerbt; vielleicht, daß der Geist der Zeit, der dem Maßhalten, das uns Älteren als höchste Tugend empfohlen wurde, so abhold ist, in Rechnung gezogen werden muß; vielleicht beging auch ich einen Fehler, als ich ihm erlaubte, in ein Regiment zu treten, das, wie die Sachen einmal liegen, nur reiche Offiziere haben kann; – genug, mein Sohn hat Schulden gemacht, die ich bezahlt habe, solange ich sie bezahlen konnte. Ich würde dies nach dem eben angeführten Grunde nicht weiter können, und ich habe leider Ursache, zu vermuten, daß die Lage meines Sohnes eine sehr prekäre ist, sobald er der Revenuen seines Erbteils, die er seit anderthalb Jahren bezogen, verlustig geht. Es tut mir leid, Sie unterbrechen zu müssen, Herr General, sagte Onkel Ernst. – War es Ihnen recht, das Resultat Ihrer Erwägungen, welches es auch immer sein mag, gewissermaßen im voraus zu motivieren, so glaube ich, daß ich billigerweise für mich dieselbe Gunst beanspruchen darf. Ich kann dem nicht widersprechen, sagte der General, – dennoch wünschte ich, Sie erlaubten mir, die wenigen gewichtigen Worte hinzuzufügen, die ich noch zu sagen habe. Ich habe durchaus die Empfindung, daß es für alle Beteiligten besser sein würde. Nichtsdestoweniger muß ich auf meiner Bitte bestehen, sagte Onkel Ernst. Der General hatte wieder seinen klaren, festen Blick auf den Gegner geheftet. Sein Plan war durchkreuzt. – Du hättest schneller vorgehen sollen, sprach er bei sich. Wollen Sie denn die Güte haben, sagte er, sich in seinen Stuhl zurücklehnend. Onkel Ernst antwortete nicht sogleich. Er hatte sich, als ihm der General gemeldet wurde, zugeschworen, ruhig zu bleiben; er hatte sich, während der General sprach, diesen Schwur immer wiederholt. Er wußte, daß er es geblieben wäre, hätte er den hochmütigen Aristokraten gefunden, den er erwartete, hätte der Aristokrat ihm von vornherein mit kaltem Hohn oder mit brutaler Heftigkeit erklärt, daß er nicht an eine Verbindung seines Herrn Sohnes mit dem Bürgermädchen denke, den Vater vielmehr auffordern müsse, seine Tochter künftig besser zu halten, wenn er den Skandal vermeiden wolle, und dergleichen mehr. Nun war alles anders gekommen. Und das war es eben, was dem Leidenschaftlichen den Rest der Ruhe zu rauben drohte, was ihn zwang, ein paar Augenblicke noch zu schweigen, bis er das tobende Herz so weit bezwungen hatte, um wenigstens äußerlich die Fassung zu behaupten, um sich wenigstens nicht gleich bei den ersten Worten zu verraten. Nun mochte es sein! Ich habe keine Familiengeschichte zu erzählen oder auch nur zu skizzieren, Herr General; ich kann in dem gewöhnlichen Sinne nicht einmal von einer Familie sprechen; ich weiß zum Beispiel nicht, wer mein Großvater gewesen ist. Mein Vater sprach nie von ihm; es scheint, daß er keine Ursache hatte, auf seinen Vater stolz zu sein. Mein Vater war stolz, aber nur auf sich selbst: auf seine herkulische Kraft, auf seine rastlose Energie, auf seinen vor nichts zurückschreckenden Mut. Er war jähzornig, wie er stolz war. Als der Deichhauptmann, ein adliger Herr, bei einer Gelegenheit in Streit mit ihm geriet und die Hand an ihn zu legen wagte, schlug ihn mein Vater auf der Stelle nieder und mußte seine Gewalttat mit einem Jahre Gefängnis büßen. Es scheint, daß man von Erbtugenden und Erbfehlern auch bei Leuten »ohne Familie« sprechen kann. So habe ich von jeher instinktiv das König- und Fürstentum gehaßt, als eine Institution, die nur unmündigen oder verlebten, greisenhaft gewordenen Völkern ziemt, von einem kraftvollen, sich seiner Kraft bewußten Volke aber mit Abscheu zurückgewiesen werden muß. So habe ich insonderheit den Adel gehaßt, als den Abfall und die Splitter des Materials, aus dem das Götzenbild geformt ist; so habe ich alle Institutionen gehaßt, die sich in ihrem Grunde auf Königtum und Adel zurückführen lassen. Von diesem Zwange so wenig als möglich zu erdulden, mich in eine Lage zu bringen, in der ich nach meiner Überzeugung leben durfte – das war, solange ich denken kann, die höchste Leidenschaft meiner Seele: ein freies Gemeinwesen, eine Republik gleichberechtigter, von keinen Vorrechten einzelner geknechteter und geschändeter Menschen. Onkel Ernst machte eine Pause. Wieder mußte er den Strom niederkämpfen, der aus seinem Herzen aufbrausend und siedend zum Gehirn hinauftobte. Er mußte ruhig bleiben, gerade jetzt! Es kam einmal ein Tag, fuhr Onkel Ernst fort, wo dieses Ideal nicht fürder in den Wolken zu schweben, wo es auf Erden herabsteigen zu wollen schien. Ich beklage tief, Erinnerungen wecken zu müssen, die Ihnen, Herr General, gewiß peinlich und schmerzlich sind; ich kann es leider, wie Sie sehen werden, nicht vermeiden. Ich hatte am Abend des achtzehnten März tief hinten in der Königstadt den Bau von ein paar Barrikaden geleitet, an denen sich, weil sie wirklich kunstvoller und nach einem bestimmten System errichtet waren und wohl auch besser verteidigt wurden, die Macht unserer Gegner brach, wie hartnäckig, ja erbittert sie auch gerade hier kämpften unter Führung eines Offiziers, dessen todesverachtender Mut freilich wohl den Trägsten zur Nacheiferung entflammen mußte. In der Tat exponierte er sich fortwährend, fast, als ob er den Tod suchte. Mehr als einmal hatte ich die Büchse im Anschlage; ich sagte mir, daß ich den Offizier töten müsse, daß dieser eine der Sache, für die ich kämpfte, gefährlicher sei, als ganze Regimenter; ja, daß er die Personifikation der Sache sei, für die er kämpfte – ich konnte mich nicht entschließen. Es war wohl die Achtung, die ein Tapferer vor dem Tapferen hat – diesmal auf meine Kosten, denn ich war überzeugt, daß mich der Mann, wenn ich in seine Gewalt käme, ohne Barmherzigkeit töten würde wie ein giftiges Gewürm; und er bestätigte meine Voraussetzung. Das Bataillon, das er kommandierte, wurde zurückbeordert; ich sah, wie er mit dem Offizier, der die Botschaft überbrachte, in heftigen Wortwechsel geriet. Ich glaubte zu sehen, wie er mit sich rang, ob er dem Befehl, den er für eine Schmach und eine Dummheit zugleich hielt, – und von seinem Standpunkt sicher mit Recht: Wir hätten uns keine fünf Minuten länger halten können – Folge leisten solle oder nicht. Der militärische Gehorsam siegte: Er kam bis hart vor die Barrikade geritten und sagte, indem er den Degen klappend in die Scheide warf: Ich habe Ordre, mich zurückzuziehen; wenn es nach mir ginge, würfe ich euch da oben herunter und ließe euch über die Klinge springen, wie ihr da seid. - Dann wandte er sein Pferd und ritt Schritt für Schritt zurück. Selbst der Tod durch eine Kugel im Rücken hatte in diesem Augenblicke nichts Schreckliches für ihn. Wirklich pfiffen auch noch ein paar Kugeln an ihm vorbei; vor der Kugel, die seine tapfere Brust verschont hatte, war sein Rücken sicher. Onkel Ernst schwieg abermals. Der General hatte den Kopf schwer in die Hand gestützt, und er hob ihn auch nicht, als er, mit einer seltsam tonlosen, wie gebrochenen Stimme sagte: Ich bitte, weiter! Eine Viertelstunde später war ich ein Gefangener. Gegen vier Uhr wurden wir abgeführt – nach Spandau – getrieben, gehetzt. Meine Kraft war noch nicht gebrochen, aber Schwächere brachen zusammen. Neben mir ging ein junger blasser Mensch – ein zartes Bürschchen – ein Student mit einer Brille. Er hatte tapfer ausgehalten, solange er konnte, er konnte nicht mehr. Wie er auch die Zähne übereinander biß, die Tränen brachen ihm aus den Augen, wenn ein Kolbenstoß in den Rücken ihn zu einer Kraftanstrengung aufforderte, deren er nicht mehr fähig war. Ich konnte den Jammer nicht mehr mit ansehen, stürzte, alles vor mir niederwerfend, auf einen Offizier zu, der an der Seite des Zuges ritt, und schrie ihn an: Wenn Sie ein Mensch sind, dulden Sie nicht länger, daß in Ihrer nächsten Nähe Unmenschliches geschieht! Ich war außer mir; ich glaube, ich habe dem Pferde in die Zügel gegriffen. Der Offizier mag es für einen persönlichen Angriff gehalten haben; er gab dem Pferde die Sporen, daß es sich aufbäumte und mich zurückschleuderte. Ich raffte mich sogleich wieder empor: Wenn Sie ein Mensch sind – schrie ich wieder, mich ihm abermals in den Weg werfend. – Demokrat! knirschte er durch die Zähne, so stirb, wenn du nicht anders willst! Er hob sich im Bügel, sein Degen sauste auf mich nieder. Mein breitkrempiger Hut und mein dichtes Haar hatten die Wucht des Schlages gemildert, dennoch sank ich in die Knie, das Bewußtsein für einen Moment verlierend. Im nächsten stand ich wieder da, entschlossen, mein Leben teuer zu verkaufen, als ein anderer Offizier herangesprengt kam, dem ersten eine Meldung bringend, einen Befehl – ich weiß nicht was – worauf dieser mit einem: Ist es möglich? sein Pferd herumwarf. In demselben Augenblicke trat der Mond, der hinter schwarzem Gewölk verborgen gewesen war, hervor; in seinem Licht erkannte ich deutlich in dem Offizier meinen Gegner von der Barrikade. Er sprengte davon. Wir treffen uns zum dritten Male! schrie ich ihm nach, während ich mit Kolbenstößen in die Reihen zurückgetrieben wurde, – dann ist vielleicht die Reihe wieder an mir und – ich schwor es mir zu mit einem teuren Eide: Dann werde ich dich nicht wieder schonen. Seit jener Nacht sind vierundzwanzig Jahre verflossen; ich habe den Offizier oft und oft gesehen; er kannte mich natürlich nicht; ich hätte ihn unter Millionen herausgefunden. Ihm und mir sind unterdessen Haar und Bart grau geworden; ich schwöre zu Gott, daß ich wünschte und hoffte: Jenes dritte Mal werde mir erlassen werden. Es hat nicht sein sollen; er und ich stehen uns jetzt und hier zum dritten Male gegenüber. Die beiden Männer hatten sich in ihrer Erregung von den Sitzen erhoben. Keiner wagte, den andern anzublicken; beide scheuten sich, das nächste Wort zu sprechen. – Die schweren Tropfen klapperten gegen die Scheiben; die Stutzuhr auf dem Kamin hob zum Schlage aus. Der General kannte das Wort so gut, wie er die Stunde wußte, die nun schlagen würde; dennoch: Es mußte gesprochen werden. Und nun, sagte er, die Konsequenzen! Ich glaube, die Reihe ist an mir. Was es mich gekostet hat, heute morgen diesen Gang zu Ihnen zu tun – das lassen Sie mich mit mir selbst und meinem Gott ausmachen: Es ist mehr und weniger, als Sie annehmen mögen. Genug, ich bin hier und bitte Sie, meinem Sohn zu verzeihen, wenn er sich durch eine in diesem Falle zwar falsche, ja sträfliche, aber doch begreifliche Rücksicht auf Verhältnisse, in die er hineingeboren ist, von dem geraden Wege hat abdrängen lassen, der zu dem Vater des Mädchens führte, das er liebte; bitte Sie, die Kinder nicht entgelten zu lassen, daß die Väter sich in einer schlimmen Stunde mit den Waffen in der Hand gegenüberstanden, bitte Sie im Namen meines Sohnes für meinen Sohn um die Hand Ihrer Tochter. Onkel Ernst taumelte zurück wie ein Wanderer, vor dem ein Felsblock niederstürzt, ihm den Weg versperrend, während der Abgrund neben ihm gähnt und es ein Zurück für ihn nicht mehr gibt. Draußen tobte der Regensturm, die Stutzuhr schlug die zehnte Stunde. Onkel Ernst raffte sich zusammen: Der Block mußte aus dem Wege – mußte! Ich habe geschworen, daß diese Hand verdorren möge, bevor sie die Hand des Generals von Werben berührt. Schwerlich bei dem Gott, der die Allgüte und die Allbarmherzigkeit ist. Ich habe es geschworen. So bedenken Sie, was geschrieben steht, daß der Mensch wie Gras ist, das heute grünt, um morgen geschnitten zu werden und zu verdorren. Wir beide sind kein junges Gras mehr; wer weiß, wie bald für uns das Morgen kommt. Ich wünsche, es käme bald. Vielleicht auch ich. Und bis dahin? Bedenken Sie, daß der Väter Segen den Kindern wohl das Haus baut, aber daß wir keine Macht haben, den Bund zweier Herzen zu lösen, die sich ohne uns – sagen wir gegen unsere Wunsch und Willen – gefunden haben. Bedenken Sie, daß die Verantwortung des Unsegens, der aus diesem segenlosen Bunde weiter entstehen muß, von diesem Augenblick auf Ihr Haupt zurückfällt. Ich habe es bedacht. Und ich habe meine Pflicht getan. Der General machte seine stattlich-vornehme Verbeugung und bewegte sich, von Onkel Ernst höflich geleitet, nach der Tür. Dort blieb er stehen. Noch eines: Der Mangel des Konsenses der Väter verhindert – zumal in diesem Falle, in dem ein vermögensloser Offizier der Bewerber ist – die Verbindung. Nichtsdestoweniger wird sich mein Sohn für gebunden erachten, es wäre denn, daß Ihr Fräulein Tochter selbst ihm seine Freiheit zurückgibt. Ich nehme an, daß Ihr Fräulein Tochter dies nicht tun wird, vorausgesetzt, daß der Vater keinen Druck auf ihre Entschließungen ausübt. Diese Voraussetzung würde mich zu der Annahme berechtigen, daß der Herr General von Werben keinen Druck auf seinen Sohn ausgeübt hat, als der letztere ihn zu dem Antrage ermächtigte, mit dem er mich soeben beehrte. Die mächtigen Augen loderten, er hielt den Gegner in festem Griff – jetzt mußte es sich entscheiden. Über des Generals Gesicht zuckte es schmerzlich: Die Annahme würde nicht richtig sein. Das Bewußtsein der Pflicht war bei dem Vater stärker als bei dem Sohn. Er war gegangen. Das wilde Feuer in den Augen des Mannes, der zurückblieb, war zu einem Freudenfeuer geworden. Ich wußte es ja! Sie bleibt sich immer gleich, die Brut, auch wenn sie sich noch so sehr mit ihrer Tugend brüstet! Nieder! Nieder mit ihnen! Er stand da, vornübergebeugt, die starken Arme schüttelnd, als läge der verhaßte Gegner wirklich zu seinen Füßen. Dann richtete er sich auf. Die Arme sanken herab, das Freudenfeuer in den Augen war erloschen. Noch war der Sieg nicht sein; es galt noch einen Kampf – den schwersten – den Kampf mit seinem Fleisch und Blut. * Für Ferdinande hatte die Nacht keine Schrecken, der Morgen keine Dunkelheit gehabt. In ihrer Seele war es hellichter Tag, seit vielen Monaten zum ersten Male, ja, wie sie meinte, zum ersten Male, seitdem sie wußte, welch ein leidenschaftliches, stolzes, anspruchsvolles Herz in ihrem Busen schlug. Sie hatten es ihr ja so oft gesagt, in früheren Jahren die Mutter, später die Tante, die Freundinnen – alle: Es werde noch einmal ihr Unglück sein und daß Hochmut vor dem Falle komme. Und sie hatte stets trotzig geantwortet: So will ich unglücklich sein, so will ich fallen, wenn das Glück nur um den schnöden Preis der Demut zu haben ist, die sich immer vor dem Schicksal im Stande windet; ich bin keine Justus-, ich bin keine Cilli-Natur. So hatte sie noch gestern empfunden – in dem Augenblick selbst, der dem seligen Augenblick folgte, als sie seinen ersten Kuß empfangen und erwidert! Und heute lächelte sie über ihren Kleinmut unter Tränen des Glückes, heute bat sie dem Geliebten unter tausend glühenden Küssen, die sie in Gedanken auf seine schöne Stirn, seine holden Augen, seinen lieben Mund drückte, alles ab, was sie je gegen ihn Herbes und Bittres gedacht, gesagt und niemals, niemals wieder denken, wieder sagen würde! Sie setzte sich an der Stelle, wo er sie geküßt, in einen Sessel und träumte ihn weiter, den seligen Traum, während sie nebenan hämmerten und klopften und zwischendurch schwatzten und pfiffen und der Regen gegen das hohe Fenster klapperte; – träumte, daß ihr Traum die Macht hatte, ihn herbeizuzwingen, der jetzt die Tür langsam und leise öffnete und – es war ja nur ein Traum! – auf sie zukam mit dem holden Lächeln auf den lieben Lippen und dem köstlichen Leuchten seiner dunklen Augen, bis plötzlich das Lächeln auf seinen Lippen erstarb und nur die Augen noch leuchteten, aber nicht mehr in dem holden Feuer, sondern in der düstern, schwermutsvollen Tiefe von ihres Vaters Augen. Und jetzt waren es nicht nur ihres Vaters Augen; es wurde immer mehr er selbst – der Vater! Heiliger Gott! Sie war aus ihrem Schlummer emporgefahren, ihre Glieder schlugen, sie sank wieder in den Sessel zurück und raffte sich alsbald wieder empor. Sie hatte an dem Blick seiner Augen, an dem Brief, den er da in der Hand trug, mit dem ersten halbwachen Blick gesehen, weshalb er gekommen war. Sie sagte es ihm in halbwachen, wirren, leidenschaftlichen Worten. Er hatte das Haupt gesenkt, aber widersprach ihr nicht; er erwiderte nichts als: Mein armes Kind! Ich bin dein Kind nicht mehr, wenn du mir das antust! Ich fürchte, du bist es in deinem Herzen nie gewesen. Und wenn ich es nicht gewesen bin, wer ist daran schuld als du? Hast du mir je die Liebe gezeigt, die ein Kind von seinem Vater zu fordern berechtigt ist? Hast du je etwas getan, mir das Leben, das du mir gegeben, wert zu machen? Hat dir mein Fleiß je ein Wort des Lobes abgerungen, was ich leistete, je ein Wort der Anerkennung entlockt? Hast du nicht vielmehr alles getan, mich vor mir selbst zu demütigen, mich kleiner zu machen, als ich in Wirklichkeit war? Und jetzt, jetzt kommst du, mir meine Liebe zu entreißen, bloß, weil es dein Stolz so will, bloß, weil es dich beleidigt, daß ein so nutzlos niedriges Geschöpf auch einen Willen haben kann, etwas andres wollen kann als du? Aber du irrst dich, Vater! Ich bin trotz alledem deine Tochter. Du kannst mich verstoßen, du kannst mich ins Elend treiben, wie du mich mit dem Hammer da zerschmettern kannst, weil du der Stärkere bist; meine Liebe kannst du mir nicht entreißen! Ich kann es, und ich werde es. Versuche es! Der Versuch und das Gelingen ist eines: Willst du die Maitresse des Herrn Leutnant von Werben werden? Was hat die Frage mit meiner Liebe zu tun? So will ich sie in eine andre Form bringen: Hast du die Stirn, den elenden, törichten Geschöpfen gleichen zu wollen, die sich einem Manne hingeben – außer der Ehe oder in der Ehe, denn die Ehe ändert daran nichts – für irgend einen andern Preis als den der Liebe, den sie für ihre Liebe eintauschen? Herr von Werben hat nichts in den Tausch zu geben; Herr von Werben liebt dich nicht. Ferdinande lachte höhnisch auf. Und er ist gekommen, zu dir gekommen, von dem er wußte, daß du ihn und sein Geschlecht mit einem blinden Hasse verfolgst, um dir das zu sagen? Er ist nicht gekommen; sein Vater mußte den schweren Gang für ihn tun, zu dem er selbst nicht den Mut hatte, zu dem sich der Vater die Ermächtigung des Sohnes erst erpressen mußte. Das ist – Keine Lüge! Bei meinem Eid! Noch mehr: Nicht einmal aus freien Stücken ist er zu seinem Vater gegangen; er würde es heute nicht, er würde es vielleicht nie getan haben, wenn ihn der Vater nicht hätte rufen lassen, um ihn zu fragen, ob es wahr sei, was sich die Spatzen auf dem Dache erzählten und freche Gauner den ahnungslosen Vätern in anonymen Briefen schrieben, daß der Herr Leutnant von Werben eine Liebste habe so über die Gartenwand herüber, oder – was weiß ich! Zeig mir die Briefe! Hier ist der eine, den andern wird dir der Herr General gewiß gern überlassen; ich bezweifle, daß sein Herr Sohn darauf Anspruch erhebt. Ferdinande las den Brief Sie hatte für sicher genommen, daß nur Antonio der Verräter gewesen sein könne; aber dieser Brief war nicht von Antonio, konnte nicht von Antonio sein. So hatten noch andere Augen als die liebeglühenden, eifersuchtsprühenden Feueraugen des Italieners in ihr Geheimnis gesehen! Ihre eben noch bleichen Wangen flammten auf in zorniger Scham. – Wer hat den Brief geschrieben? Roller, in dem Briefe an den General hatte er nicht einmal seine Hand verstellt. Sie gab den Brief hastig dem Vater zurück und strich sich über die Hände, als wollte sie die Spur der Berührung entfernen. Der entlassene Inspektor war anfänglich in die Familie gezogen worden, bis Ferdinande sah, daß er die Augen zu ihr zu erheben wagte. Sie hatte den Vorwand eines Streites, den jener mit dem Vater gehabt, benutzt, die gesellschaftlichen Beziehungen erst zu lockern, dann fallenzulassen. Und die frechen, widerwärtigen Augen dieses Menschen – Sie ging mit großen Schritten auf und nieder, eilte dann an den Schreibtisch, der in der Tiefe des weiten Raumes stand, schrieb mit fliegender Feder ein paar Zeilen und trat dann mit dem Blatte an den Vater heran, der regungslos auf derselben Stelle stehen geblieben war: Lies! Und er las: »Mein Vater will mir das Opfer seiner Überzeugungen bringen und willigt in meine Verbindung mit dem Herrn Leutnant von Werben. Ich aber, aus Gründen, die mein Stolz niederzuschreiben sich sträubt, weise diese Verbindung für jetzt und immer als eine moralische Unmöglichkeit zurück und spreche den Herrn Leutnant von Werben los und ledig von jeder Verpflichtung, die er etwa gegen mich zu haben glaubt und hat. Dieser Entschluß, den ich in voller Freiheit gefaßt, ist unwiderruflich. Jeden Versuch des Herrn Leutnant von Werben, ihn umzustoßen, würde ich als eine Beleidigung ansehen. Ferdinande Schmidt.« Ist es so richtig? Er nickte: Dies soll ich ihm schicken? In meinem Namen. Sie hatte sich von ihm abgewandt und war, ein Modellierholz ergreifend, vor ihre Arbeit getreten. Der Vater faltete das Blatt zusammen und ging nach der Tür. Dort blieb er stehen. Sie blickte nicht auf, scheinbar ganz in ihre Arbeit vertieft. Seine Augen ruhten auf ihr mit einem tiefschmerzlichen Ausdruck. – Und dennoch! murmelte er, dennoch! Er hatte die Tür hinter sich geschlossen und schritt langsam über den Hof, durch dessen weite, öde Räume der Regensturm heulte. Wüst und leer! murmelte er, alles wüst und leer. – Das ist das Ende vom Liede für mich und sie. Onkel! Er schrak aus seinem dumpfen Brüten empor; Reinhold kam eilends vom Hause her auf ihn zu – barhaupt, aufgeregt. Onkel, um Gottes willen! – Der General geht eben von mir; ich weiß alles – was habt ihr beschlossen? Was wir mußten. Es wird Ferdinandes Tod sein! Besser den Tod als ein ehrloses Leben. Er schritt an Reinhold vorüber in das Haus. Reinhold wagte nicht, ihm zu folgen. Er wußte, daß es vergeblich sein würde. Viertes Buch In einem goldstrahlenden Salon des Hotel Royal schritt – wenige Tage später – die Baronin Valerie von Warnow unruhevoll auf und nieder. Sie hatte, auf Giraldis Rat, ihre gestern abend erfolgte Ankunft heute morgen in das Haus des Generals melden lassen, mit dem Hinzufügen, daß sie sich leider zu angegriffen fühle, um sich in Person vorzustellen. – Du darfst dich nicht dem Affront aussetzen, zurückgewiesen zu werden, hatte Giraldi gesagt; – Tugendnarren sind unberechenbar wie andere Narren auch; möglicherweise hat ihn das unverhoffte Glück, seinen Sohn endlich verlobt zu sehen, weich gemacht, und es kitzelt ihn, den Großmütigen, den Verzeihenden zu spielen. Wir werden ja hören, wie er die Botschaft aufnimmt, und danach unsere Maßnahmen treffen und unser Verhalten regeln. Valerie wußte zu gut, daß ihr Bruder keine Rolle spielte, daß er stets war, was er schien, und daß, wenn er je verzieh, es nicht die Folge einer augenblicklichen Wallung sein würde, sondern die Überzeugung, daß sie ohne seine Verzeihung nicht länger leben könne und daß sie seine Verzeihung verdiene, wenn tiefste Reue, der heißeste Wunsch, das Vergangene wiedergutzumachen, soweit es noch möglich war, sie dazu berechtigten. Aber der Tag würde eben nie kommen. Er würde heute, wie immer, jeden Versuch ihrer Annäherung mit kühler Höflichkeit zurückweisen, würde ihr auf ihre Anmeldung durch Sidonie antworten lassen, daß er ihr Unwohlsein bedauere und hoffe, es werde schnell vorübergehen, damit sie ihre Reise nach Warnow, zu der er bestes Glück wünsche, möglichst bald fortzusetzen imstande sei. Und nun vor fünf Minuten war die Antwort gekommen: nicht von Sidoniens steifstelliger zeremoniöser Hand, – in einer kleinen zierlichen Schrift, die nur zu sehen Valerien wohltat, bevor sie – mit erwartungsvollen, starren Augen, die sich zuletzt mit Tränen füllten – las: »Teure Tante! Wir freuen uns so, daß Du endlich hier bist! Papa, der Dich bestens grüßt, hat heute vormittag wieder einmal Sitzung – es ist im Kriegsministerium jetzt wie in einem Bienenkorbe – aber wir, d. h. Tante Sidonie und ich, werden, wenn es Dir recht ist, um 12 Uhr vorsprechen, uns nach Deinem Befinden zu erkundigen, ich noch speziell, eine liebe Verwandte endlich einmal kennenzulernen, die ich nie gesehen und die zu sehen, ich mich doch schon recht oft gesehnt habe. – Else. P. S. Ottomar war schon fort, als Dein Billett eintraf, ich lasse ihm Nachricht zurück und schicke auch zu Wallbachs, im Falle er, wie wahrscheinlich, dorthin gegangen sein sollte; er wird dann wohl mit Carla und Wallbachs kommen.« Du gutes, süßes Kind! Wie gern hätte sie die liebe Briefstellerin allein empfangen! Wie gern hätte sie ihm wenigstens den Brief unterschlagen, aber auch das durfte sie nicht wagen – jetzt um so weniger, wo ihr Mund ja sagen sollte, während ihr Herz nein schrie; wo ihre Lippen lächeln mußten, während eine Hölle in ihrem Busen tobte; wo sie üben mußte und wollte, was sie in seiner Schule gelernt! Sie drückte auf die Glocke und befahl dem Kammerdiener, der in dem Vorzimmer wartete, woraus man in ihre und in Giraldis Gemächer gelangte, den Signor zu bitten, sich einen Augenblick zu ihr zu bemühen. Sie hatte den Auftrag im gleichgültigsten Tone gegeben. Der Mann – ein junger Franzose, den Giraldi in Rom engagiert – war freilich erst seit einigen Wochen in ihrem Dienst; aber er stand ganz gewiß mindestens ebenso lange in Giraldis Solde wie die andern alle. Es war noch keine Minute vergangen, als sie seinen Schritt im Vorzimmer hörte, er war heute, wie immer, bereit, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Sie strich sich noch einmal flüchtig über die Stirn und Augen und versuchte, ob ihre Stimme leicht angab: Lieber Freund, ich habe – da öffnete ihm François schon die Tür. Lieber Freund, ich habe bereits die Antwort in den Händen – von meiner Nichte – so überaus liebenswürdig, daß es nur eine Falle sein kann. Sie hatte ihm den Brief gereicht, den er nur eben mit den Augen zu überfliegen schien – um ihn noch nach einem Jahre auswendig zu wissen, wie Valerie bei sich sagte, als er sich jetzt, den Brief zurückgebend, an demselben Tische niederließ, an welchem sie saß. Der Brief könnte nur eine Falle werden, wenn du ihn ernsthaft nähmest, dann freilich eine recht schlimme. Wie meinst du? Die junge Dame hat ihn für ihre eigene Rechnung geschrieben, ich meine ohne Auftrag des Vaters, der vermutlich, als sie ihn schrieb, gar nicht zu Haus gewesen ist. Das ist nicht möglich! Weshalb? Sie würde es nicht gewagt haben. Was wagt ein junges Mädchen nicht, wenn sie glaubt, daß es sie gut kleidet? Und doch! Hast du nicht gesehen, daß ihre Hand gestockt hat, als sie die Worte »Papa, der Dich bestens grüßt« schrieb, und erst wieder frei wird, nachdem sie sich bis zu der Wahrheit »er hat heute vormittag wieder einmal Sitzung« durchgelogen? Es ist immerhin interessant und vielversprechend, daß das Mädchen nicht einmal mit der Feder in der Hand zu lügen vermag. Von der können wir sicher alles erfahren, was wir noch zu wissen wünschen müssen. Aber was brauchten wir noch zu wissen? Wie? In Giraldis dunklen Augen zuckte der flüchtigste Schimmer eines Lächelns: Gestern abend, Herrin, waren meine Taschen noch beinahe leer; seitdem – Geschah ein Wunder? Kaum weniger als das. Giraldi sah nach der Uhr: halb zwölf, es ist noch gerade Zeit; und dreiviertel erwarte ich den Geheimrat Schieler: Ich habe nur ein paar Minuten mit ihm zu sprechen, – Nachträgliches zu einer langen Unterredung, die ich gestern abend mit ihm hatte – so daß ich bei dem Empfang deiner Verwandten zugegen sein und dir das Peinliche einer ersten entrevue erleichtern kann. Und der Geheimrat ist der Wundertäter? Der Geheimrat ist ein brauchbares Werkzeug, um so brauchbarer, als er von vielen gebraucht wird und in seiner Eitelkeit und Dummheit – was nicht ganz dasselbe ist, aber beinahe auf dasselbe herauskommt – immer noch die Spur der Hand, die ihn zuletzt gebraucht hat, als Trophäe seiner vermeintlichen Wichtigkeit und Klugheit an sich trägt. Es ist gut, daß ein Gewisser sich nicht ganz klar darüber zu sein scheint, wie zweischneidig ein solches Werkzeug ist: Er würde sonst in dem Gebrauche etwas vorsichtiger sein. Doch das nebenbei. Übrigens sind wir ihm zu Dank verpflichtet, soweit man jemand, der uns, ohne es zu wollen, einen großen Dienst leistet, zu Dank verpflichtet ist. War er es doch, der uns auf die günstige Konjunktur, die Güter an den Grafen Golm verkaufen zu können, aufmerksam gemacht hat, als es sich für ihn und seine Gesellschaft herausstellte, daß sie den Grafen, den sie notwendig brauchten, um keinen geringeren Preis haben könnten. Nun schnappt der Herr Graf nach dem fetten Köder genau so gierig, wie sie nach dem Herrn Grafen schnappen. Sie haben keine Ahnung von dem Angler, der dem Spiel ganz gemächlich zusieht, um, im rechten Augenblick, die dummen Fische mit einem Ruck vor seine Füße auf den trocknen Sand zu schnellen, wo sie sich dann zu Tode zappeln mögen. Aber das interessiert die Herrin nicht! Doch, doch! rief Valerie. Ich sehe an dem zerstreuten Lächeln um ihre Lippen und der Starrheit ihrer Augen, daß sie kaum zugehört hat. Glücklicherweise habe ich noch etwas in petto, das ihr Interesse erregen wird. Das Wunder? Noch nicht; noch geht alles mit natürlichen Dingen zu. Denn, was ist natürlicher, als daß Graf Golm die Güter, die ihm so gelegen kommen, um sich zu arrondieren und zu rangieren, so billig wie möglich haben will? Und wie könnte er sie wohl billiger haben, als wenn er ein Dritteil mit der Aussteuer seiner zukünftigen Gemahlin, das heißt, so gut wie geschenkt, und ein zweites Dritteil als präsumtives Erbe eben dieser seiner Gemahlin, das heißt, abermals so gut wie geschenkt, bekommt? Bleibt nur der dritte Teil, der leider, seit vorgestern, unwiederbringlich verloren scheint. Sieht die Herrin nun? Man braucht nur ein bißchen Liebe ins Spiel zu bringen, – sofort ist das Interesse der Damen da. Valerien schlug das Herz. Wie richtig war ihre Ahnung gewesen! Das holde Kind, zu dem sie noch eben wie zu einem Engel gebetet, – im nächsten Augenblicke schon hineingezogen, hineingezerrt in das schmutzige Spiel der Intrige von dieser grausamen, unerbittlichen Hand! Der Graf Golm liebt meine Nichte! Das habe ich nicht gesagt; ich bin sogar, ohne der Liebenswürdigkeit der jungen Dame im geringsten nahe treten zu wollen, überzeugt, daß es nicht der Fall ist. Er kennt sie erst seit kürzester Zeit – seit der Reise des Generals in den letzten Tagen des vergangenen Monats. Deine norddeutschen Landsleute sind ja im allgemeinen den Gefahren einer Romeoleidenschaft nicht sehr ausgesetzt. Überdies ein zu eklatanter materieller Vorteil ist an und für sich der Entfaltung der zarten Blume Liebe nicht eben günstig, und so ist denn die junge Dame in diesem Falle entweder durch den allzu ersichtlichen Positivismus des Bewerbers wirklich beleidigt oder stellt sich doch so, um sich nach einer andern Seite – ich werde hernach darauf zurückkommen – frei zu halten. Wenigstens beklagt sich der Herr Graf bitter über die ihm zuteil gewordene Behandlung und droht, zum Entsetzen des Geheimrats, mit Abfall, nur daß er glücklicherweise die Unvorsichtigkeit begangen hat, in Form eines bedeutenden, durch den Geheimrat ihm vermittelten Vorschusses auf die geplante Verbindung Handgeld zu nehmen, und infolgedessen vorläufig gebunden ist. Valerie staunte. Noch waren nicht zweimal vierundzwanzig Stunden vergangen, als Giraldi bei dem Empfang der Depesche, in der ihnen durch Sidonie die Verlobung Ottomars mit Fräulein von Wallbach nach München gemeldet wurde, in hellem Zorn aufflammte, trotzdem sie dieses Ereignis längst vorausgesehen und erwartet hatten; und heute schien derselbe Mann eine zweite Verbindung zu protegieren, durch die abermals, wenn nicht sichere Pläne, so doch stille, von ihm, wie sie wußte, zärtlich gehegte Hoffnungen vernichtet wurden! Giraldi hatte ihr diese Gedanken vom Gesicht gelesen; er fuhr lächelnd fort: Ich sagte: vorläufig, liebe Freundin; nur so lange, bis der Tropf – so lautet ja wohl euer deutsches Wort? – uns die Kastanien aus dem Feuer geholt hat – dann mag er gehen, und je ärger er sich die Finger verbrannt hat, desto lieber soll es mir sein. Er muß aber vorläufig festgehalten werden aus folgendem Grunde. Wir brauchen den Konsens des Generals zum Verkauf der Güter nicht, denn er ist – durch Herrn von Wallbach und unsern Freund, den Geheimrat, zweimal überstimmt. Was wir aber unbedingt brauchen, wenn der Handel abgeschlossen werden soll – das ist der Konsens der Regierung zum Bau der Bahn, und – der Geheimrat ist hier wieder mein Gewährsmann. Wenn dieser Konsens gegeben wird, so ist es nur, weil der Graf in die Sache verwickelt ist und sich der speziellen Protektion in gewissen höchsten Kreisen erfreut, deren Einfluß in den ausschlaggebenden ministeriellen Regionen gerade jetzt besonders mächtig ist. – Ich habe bereits wieder nicht das Glück, deine Aufmerksamkeit zu fesseln. Ich bin ganz Ohr. Es ist in unserm zwingendsten Interesse, und meine dringende Bitte geht dahin, daß du deiner Nichte gelegentlich zu verstehen gibst, wie du diese Verbindung ganz besonders konvenabel fändest und nur, um den Schein zu vermeiden, durch den Verkauf der Güter einen naheliegenden Vorteil daraus ziehen zu wollen, nicht wünschtest, daß die Sache so schnell publik oder auch nur faktisch – unter uns: rechtsgültig – werde. Das wird die junge Dame mindestens stutzig machen, bis wir nach dieser Seite im reinen sind und dann vielleicht auch wieder etwas für sie und ihre speziellen Neigungen tun können. Ist dir dies alles klar? Vollkommen, bis auf den letzten Punkt. Du deutetest schon vorhin an, daß meine Nichte nach einer andern Seite eine wirkliche Neigung habe, die uns nicht hinderlich sein würde? Die ich sogar, wenn die Zeit gekommen, auf alle und jede legitime Weise zu befördern gedenke, und wäre es auch nur, um den Herrn General in gleicher Münze zu bezahlen für das, was er einem gewissen Signor Gregorio Giraldi und einer gewissen Signora Valeria, verwitweten Frau von Warnow, geborenen von Werben, vordem und jetzt getan hat und tut. Bevor ich aber weiter von der liebenswürdigen Nichte berichte, muß ich eine kleine Geschichte von dem herrlichen Neffen erzählen, die zugleich als ein Beweis gelten mag der Gnade, mit der die Vorsehung dem hilft, der ihr gläubig vertraut. Das Wunder also? Entscheide selbst! Ich war gestern mittag, nachdem ich einige Besuche gemacht und empfangen, nach der Kunstausstellung gegangen. In der Nähe eines der Fenster erregte eine Figur in Lebensgröße zuerst meine Aufmerksamkeit, weil sie eine von den wenigen war, die wirklich gutes Licht hatten. Gewiß ein Meisterwerk, dachte ich, auf das sie besonders stolz sind. Es war keines, wenigstens nicht ersten Ranges. Auch der Gegenstand hätte kaum mein Interesse erregt, ein junger Hirte der Campagna in dem üblichen Kostüm, der mit erhobenen Augen und gefalteten Händen das Ave Maria betet. Nichtsdestoweniger fesselte mich das Bild in sonderbarer Weise. Ich glaubte mich selbst zu sehen vor fünfundzwanzig, dreißig Jahren, als ich so oft allein durch die Campagna streifte und Träume träumte, über die ich jetzt lächle, und schwärmerisch zum rosigen Himmel aufschaute, der für mich mit Engelscharen bevölkert war, und glühende Gebete emporsandte, von denen ich glaubte, daß sie erhört würden. Und seltsamer noch: Im nächsten Augenblicke sah ich nicht mich, sondern dich, wie ich dich gesehen an jenem unvergeßlichen Abend, als ich deiner Prinzessin und dir im Park vorgestellt wurde – den beiden Leonoren, wie man euch scherzend nannte, und ich mit dem ersten Blick in deine Augen mich verloren wußte, ohne zu ahnen, daß du mir damals schon verloren warst. Er strich sich über die gesenkten Augen, die er dann – wie zufällig – zu ihr erhob. Auch sie hatte die Wimpern gesenkt; aber auf ihren bleichen Wangen zitterte ein Rot. War es der Widerschein der Sonne jenes Abends? Giraldi hoffte es; er ahnte nicht, wie wundersam das Gefühl gemischt war, das bei diesen Erinnerungen die Seele der unglücklichen Frau durchbebte. Er hoffte auch, daß sich die Augen zu einem Blick heben würden, in dem ein Schimmer der alten Liebesglut glänzte, aber die Wimpern hoben sich nicht. Und dann sah ich weder mich, noch dich, oder vielmehr: Dann sah ich uns beide in einer dritten Gestalt – der Knechtsgestalt, in der er vielleicht jetzt, trotz alledem, nach Gottes Ratschluß und der heiligen Jungfrau Willen auf Erden wandelt. Nein, nein, nein! rief sie. Das kann der gerechte Gott nicht wollen! – Dann, sich besinnend, wie fürchterlich zweideutig ihre Worte waren, fügte sie hinzu: in Knechtsgestalt! Mein Sohn! Und meiner, sagte Giraldi sanft. – Aber er lebt ja nicht mehr! rief sie, – kann ja nach allem, was wir erfahren haben, nicht mehr leben! Wer war es denn, der mir das mit so grausamer Klarheit bewies, damals, als ich alles gegeben hätte für ein Lächeln von ihm. Damals, und jetzt nicht mehr? In ihr schrie es abermals: Nein, nein, nein! Denn dann wäre die Fessel, die mich an dich bindet, unzerreißbar. Aber sie wagte nicht, es auszusprechen, und beugte wiederum stumm ihr Antlitz in die Hände. Sein dunkles Auge ruhte fest auf der gebrochenen Gestalt. – Und jetzt nicht mehr? – Die Frage war nicht beantwortet worden. War es wirklich nur der Schmerz der Wunde, die so lange nicht vernarben konnte und nun nicht wieder aufgerissen sein wollte? War es der Zweifel, der in Verzweiflung verstummt ist, oder lauerte in dem Schweigen der Verrat? War es eines jener Zeichen, deren er in letzter Zeit mehrere beobachtet: ein Zeichen still geplanten Abfalls, heimlicher Empörung gegen seine Herrschaft? In dieser Stunde arbeite, plane ich noch für sie. Mag sie sich hüten, daß die Stunde kommt, wo ich es für mich allein und dann notwendig gegen sie tue! Giraldi hatte sich erhoben, dem Diener, der eben mit einer Visitenkarte in den Salon gekommen war, einige Schritte entgegenzugehen. – Ah, rief er, die Karte von dem Teller nehmend, – bitten Sie Seine Exzellenz, in mein Zimmer zu treten! Ich folge im Augenblick! Er hatte die Karte Valerien hingehalten. – Wer ist es? fragte sie, einen Namen lesend, auf den sie in ihrer Verwirrung sich nicht besinnen konnte. Wer das ist? Der Mann, der, halb erblindet, schärfer sieht als die meisten Menschen mit ihren beiden gesunden Augen! Der Mann, der, aller amtlichen Autorität entkleidet, dem Kanzler des deutschen Reichs mehr zu schaffen macht, als der Bevollmächtigte eines Großstaates es vermochte; der Mann, mit einem Worte, auf dessen gebrechlicher Gestalt die Last des Kampfes, den wir in Deutschland zu kämpfen haben, fast ganz allein ruht! Aber freilich, ich will mich gern bescheiden, daß meine Herrin für die Leiden unserer heiligen Kirche kein lebhaftes Mitgefühl habe, wenn sie nur ihre eigenen Leiden nicht ungeduldig trägt, wenn nur die unverhoffte, wie durch ein Wunder aufgetane Aussicht, die Unbill langer Jahre vielleicht mit einem Schlage zu rächen, sie zu locken vermag! Dann, wie weggezaubert, war alles Heroische aus Stimme, Miene, Haltung, Gebärde verschwunden. Er beugte sich zu der Sitzenden herab, nahm ihre Hand, auf die er mit ehrfürchtiger Zärtlichkeit seine Lippen drückte. Er war gegangen, noch in der Tür mit anmutiger Bewegung ihr einen Gruß zuwinkend, den sie, gehorsam lächelnd, erwiderte; dann sank sie, wie zerschmettert, in ihren Sessel zurück. Vergebens, vergebens! murmelte sie. Ich werde mich nie frei machen können, nie! Er ist der tausendmal Stärkere, und er weiß es – nur zu gut! * Sidonie rauschte durch die Tür und stand einer schlanken, blassen Dame gegenüber, die, sich auf Elses Arm stützend, ihr eine schmale, weiße Hand entgegenstreckte und wohl gewiß ihre Schwester Valerie war, nur, daß sie der Valerie, die sie gekannt und vor siebenundzwanzig Jahren zum letzten Male gesehen, auch nicht im mindesten ähnelte. Nicht, daß die Dame hier nicht noch immer fein und vornehm gewesen wäre – sie war es im Gegenteil noch mehr als früher, wie es Sidonie dünkte – auch war sie noch immer schön in ihrer Weise, sehr schön sogar; – aber der strahlende Glanz der dunkeln Augen, das verführerische Lächeln des kleinen, roten Mundes, die üppige Fülle des köstlichen, kastanienbraunen Haares, das in reichstem Kranz ihre Stirn umgab und, im Nacken leicht zusammengeknotet, in ein paar duftigen Locken auf die weißen, rundlichen Schultern herabringelte – wohin war all der zauberhafte Reiz geschwunden, über dessen Weltlichkeit und Sündhaftigkeit sie so oft geseufzt und geklagt hatte! Und dann, je länger sie in das edelbleiche Gesicht sah, das mit mildem Lächeln ihr zugewandt war, überkam sie ein sonderbares, aus alter Liebe und frischem Mitleid wundersam gemischtes Gefühl, so daß sie, sich mitten in den gewundenen Phrasen, an denen sie sich abmühte, unterbrechend, mit einem herzlichen: liebe Valerie! teure Schwester! ihre Arme ausbreitete, Valerien auf beide Wangen küßte und dann, wie erschrocken über diese unverantwortliche Wallung, in steifer Würde in dem Fauteuil saß und so streng und unnahbar blickte, wie ihre kurzsichtigen, gutmütigen Augen es nur irgend erlauben wollten. Aber das Eis war nun einmal gebrochen, und Else sorgte dafür, daß es nicht wieder ins Stocken kam, obgleich noch manche schwierige Stelle zu passieren war, so gleich, als Tante Sidonie nun doch wenigstens im Vorübergehen erwähnen mußte, daß der Bruder beim Eintreffen von Valeriens Brief das Haus bereits verlassen hatte, mithin von dem Besuch der Damen nichts wußte und wissen konnte, »dazu aber gewiß seine nachträgliche Genehmigung geben werde« – Else errötete für Tante Sidonie, als sie sah, wie schmerzlich es bei den ungeschickten Worten um Tante Valeriens feine Lippen zuckte. Sie beeilte sich, festzustellen, daß der Papa nach dem letzten, gestern eingetroffenen Briefe die Tante erst am Abend dieses Tages erwartet habe, bis ihr dann einfiel, daß ja nun auch der Gruß des Papa höchst unwahrscheinlich geworden war, und sie selbst, über die Widersprüche, in die sie sich verwickelte, errötend, schwieg. – Laß es gut sein, gute Else! sagte Valerie, ihr liebevoll die Hand drückend; – ich bin ja schon dankbar genug; es kann sich nicht alles auf einmal wenden; – und bei sich fügte sie hinzu: Es wird sich nichts wenden, solange ich in der Gewalt des Fürchterlichen bin, der wieder mit einem Blick der untrüglichen Augen gesehen hat, was mein sehnendes Herz nicht sehen konnte. Und dann flog ihr ängstlicher Blick nach der Tür. Wie mochte es zugehen, daß er sie so lange allein ließ? Welche Absicht verfolgte er dabei, er, der niemals etwas tat ohne eine bestimmte Absicht! * Der Eintritt des Grafen in den Salon war für die Baronin überraschend genug gewesen; aber ein Augenblick hatte für die Kluge hingereicht, um den Zusammenhang herauszufinden und daß diese Überraschung ein Werk Giraldis sei, das sie zu beobachten und über dessen Resultat sie hernach zu berichten habe. Es bedurfte freilich für sie dieses Anreizes nicht; Else war ihr in dieser einen Stunde so teuer geworden, jeder Blick der fröhlichen braunen Augen, die – sie wußte es – auch so ernst dreinschauen konnten. Als der Graf so unerwartet eintrat, hatte kein freudiger Aufschlag ihrer Augen, in denen sich sonst jede Regung widerspiegelte, kein lebhafteres Rot der Wangen, auf denen die Farbe so leicht wechselte, ihn begrüßt; – eine Miene des Staunens nur, wenig schmeichelhaft für den Ankömmling und für Valerie ein Beweis, wie gut der Schreckliche durch seine Späher berichtet war. Und nun würde er hereintreten – an der Hand des armen Ottomar, den er, wie alle, die in seine Nähe kamen, in den wenigen Minuten umgarnt, gewonnen, bezaubert, – würde hereintreten, einem Fürsten gleich, der, als der letzte, erscheint, nachdem dienstbeflissene Schranzen jedem der Befohlenen seinen Platz im Saale angewiesen, auf daß des Gebieters Auge nicht ängstlich zu suchen brauche, zufrieden lächelnd über die Versammlung schweifen könne, die nur auf ihn geharrt hat! Und da trat er herein, sich nur so lange auf Ottomars Arm stützend, daß jeder die vertrauliche Beziehung, die bereits zwischen ihm und dem Neffen der Dame des Salons bestand, bemerken konnte, und dann, seinen Schritt beschleunigend und Ottomar hinter sich lassend, auf die um das Sofa gruppierte Gesellschaft zuschreitend, in der das Gespräch sofort verstummte, während sich aller Augen neugierig, bewundernd auf den so eifrig Erwarteten richteten. Und wie unzählige Beweise Valerie auch von der Gewandtheit des Mannes hatte, sie war wieder einmal gegen ihren Willen gezwungen, die Überlegenheit zu bewundern, mit der er, ohne daß selbst sie zu sagen vermocht hätte, wie, in kürzester Frist der Mittelpunkt des Kreises geworden war, um den sich alles zu drehen, von dem jede Anregung, jedes Interesse auszugehen, zu dem jeder Gedanke, jede Empfindung wieder zurückzufließen schien. Else hatte wohl alles, was ihr sonst das Herz bewegt haben mochte, in diesem Moment vergessen, und als sie sich nach einiger Zeit mit einem tiefen Atemzuge zur Tante wandte, lag auf ihrem Gesichte das heimliche Bekenntnis: Dies ist mehr, viel mehr, als ich erwartet habe. Die Gesellschaft war fort; Giraldi, der sie bis an die Tür begleitet, kam wieder zurück, langsamen Schrittes mit erhobenem Haupt. * Der Herbst war gekommen und machte seine Herrschaft ungestüm geltend; es waren dunkle, häßliche Tage. Selbst in Reinholds Augen. Die häßlichsten und dunkelsten, die du je erlebt hast, sagte er jeden Morgen bei sich, wenn sich ihm, sobald er das Fenster öffnete, immer wieder dasselbe Schauspiel zeigte: schwarzes, tiefziehendes Gewölk, hinüber und herüber schwankende Bäume, von deren Zweigen rauhe Winde die braunen Blätter fegten und durch die regenschwere, raucherfüllte Luft seitwärts über die Dächer der Fabrikgebäude wirbelten, die so verregnet und traurig aussahen, als könnten aus ihnen nur noch Grabsteine hervorgehen. Und doch habe ich dunklere und häßlichere Tage durchgemacht, ohne den Mut zu verlieren, philosophierte Reinhold weiter. Das Wetter draußen ist es nicht, es ist, daß du hier, wohin du blickst, Menschen in Not und Jammer siehst wie auf dem Deck eines Schiffes, das in kürzester Zeit sinken wird, und nichts tun kannst, sie zu retten, sondern die Hände in den Schoß legen und all dem Jammer müßig zusehen mußt. Justus' Freundschaft war für Reinhold in diesen schlimmen Tagen unschätzbar; er richtete sich an dem ewig heitern Gleichmut des Künstlers wieder auf, wenn er fast verzagen wollte. – Ich begreife Sie nicht, sagte Justus; – ich habe gewiß alle Hochachtung vor Onkel Ernsts famösen Eigenschaften und nehme doch wahrlich aufrichtigen Anteil an Ferdinande – von Tante Rikchen, der armen Seele, die sich nächstens die Augen ausgeweint haben wird, ganz zu schweigen – aber die Sympathie und das Mitleid und dergleichen muß doch, wie alles auf der Welt, seine Grenzen haben, und wo mir so etwas ans eigne Leben geht und mich unfähig macht, rechtschaffen zu arbeiten, – sehen Sie, lieber Reinhold, da sage ich mit dem Grafen Egmont: Das ist ein fremder Tropfen in meinem Blut! Und – weg damit! Haben Sie an den Präsidenten geschrieben? Bereits vor drei Tagen. Das ist recht. – Weiß es Gott, wie ungern ich Sie verliere, aber Sie sind schon viel zu lange hier gewesen. Sie müssen wieder Schiffsbalken unter den Füßen haben und sich den Nordost um die Ohren pfeifen lassen, das wird Ihnen die Melancholie und Hypochondrie bald genug aus den Gliedern wehen und Hirn und Herz frei machen – glauben Sie mir! Vor der Hand können Sie mir einmal zu meinen Reliefs Modell sitzen. Ich brauche Sie eigentlich noch nicht, aber man muß die Rose pflücken, eh' sie verblüht. Ich werde Ihren Kopf deshalb, um Sie für alle Fälle sicher zu haben, gleich in Lebensgröße machen. Justus hatte alle anderen Arbeiten zurückgestellt und schaffte vom frühen Morgen bis in den Abend, der dem Fleißigen jetzt nur zu früh herabsank, an den Skizzen zu seinen Reliefs. Ich weiß nie, worüber ich mehr staunen soll, sagte Reinhold: über Ihre Kunst oder über Ihren Fleiß. Das ist dasselbe, erwiderte Justus; – ein fauler Künstler ist eine contradictio in adjecto, ist im besten Falle ein geistreicher Dilettant. Denn was unterscheidet den Künstler vom Dilettanten? Daß der Dilettant will und nicht kann, oder etwas will, was er nicht kann, und der Künstler kann, was er will, und nichts will, als was er kann. Dazu aber – zu der relativ vollständigen Herrschaft über die Technik und zum Bewußtsein der Grenzen seiner Kraft – gelangt er eben nur durch unablässigen Fleiß, der für ihn keine besondere Tugend, sondern vielmehr eben er selbst, seine Kunst selber ist. Das macht ihn freilich einseitig, borniert ihn nach tausend andern Richtungen – ich bin ja, wie Sie längst herausgefunden haben werden, zum Anbrennen dumm und unwissend, aber fragen Sie bei der Ameise an, die ihre Straße, weil es der kürzeste Weg ist, quer über den betretenen Fußpfad zieht, oder bei der Biene, die im Herbst so lustig mordet, um im Frühjahr wieder idyllisch schwärmen zu können, oder bei dem übrigen Kunst-Getier – die ganze Sippschaft ist dumm und borniert und grausam, aber sie bringt es zu was. Kühl bis ans Herz hinan muß der Künstler sein. So hab ich's bisher gehalten und denke es fürder so zu halten, und wenn Sie jemals den Namen Justus Anders in einem Ehestandsregister lesen, suchen Sie ihn nicht mehr in dem goldenen Buche der Kunst – Sie würden einen dicken Strich an der Stelle finden, wo er nach dem Alphabet einst gestanden haben könnte. Reinhold wollte das nicht gelten lassen, so wenig wie Justus' Theorie von der notgedrungenen Einseitigkeit des Künstlers. Er sehe in dem Künstler vielmehr den ganzen, vollen Menschen, dem nichts Menschliches fremd sei; den übervollen Menschen sogar, der eben seine Überfülle, an der er sonst zugrunde gehen würde, in seine Werke ausgieße und so neben der realen Welt, in der die gewöhnlichen Menschen lebten, eine zweite ideale Welt zu schaffen imstande sei. Und wenn Justus behaupte, daß er nie geliebt habe, so möge das ja wahr sein, obgleich er für sein Teil an der strikten Wahrheit der Behauptung seine bescheidenen Zweifel sich erlaube. Aber dann habe der große Finder eben die Rechte noch nicht gefunden, und wie er ja denn sich rühme, daß ihm das Rechte stets zur rechten Zeit käme, so würde ihm auch die Rechte zur rechten Zeit kommen. Das sind so Laienansichten, lieber Reinhold! rief Justus: Unsereiner, der nach eurer Meinung so etwas wie ein halber Gott sein soll, weiß es besser, mit welchem Ach und Krach die herrliche Schöpfung zustande kommt, und daß auch im besten Falle, wo es möglichst glatt geht, mit Wasser gekocht wird. – Und was die Liebe anbetrifft, so haben Sie darin gewiß mehr Erfahrung, und Erfahrung, sagte Goethes grauer Freund in Leipzig, sei freilich alles; aber besser sei es manchmal, wenn man die Erfahrung nicht erfahren habe. Und Justus summte die Melodie von: »Kein Feuer, keine Kohle« – während er, das Modellierholz in beiden Händen, an der Stirn des Tonbildes glättete. Er spritzte seine Figuren an, wickelte Reinholds angefangenen Kopf in nasse Lappen und wusch sich die Hände – So, ich bin fertig! Sollten Sie nicht wenigstens Ihr Stehpult zuschließen? sagte Reinhold, auf ein wurmstichiges altes Möbel deutend, auf und in welchem Justus' Korrespondenzen und sonstige Papiere herumzufahren pflegten. Wozu? sagte Justus; – an den Schmiralien wird sich keiner so leicht vergreifen. Das wird Antonio schon in Ordnung bringen; Antonio ist die Ordnung selbst. – Antonio! Räumen Sie hier mal ein bißchen auf, Antonio! – Kommen Sie! Die beiden jungen Leute standen vor dem Atelier. Überlassen Sie dem Antonio nicht zu viel? fragte Reinhold. Wieso? Ich traue dem Italiener nicht, so wenig, daß ich schon wiederholt die Empfindung gehabt habe, der Bursche müsse an dem Verrat Ferdinandes beteiligt gewesen sein. Justus lachte: Wahrhaftig, lieber Reinhold, ich fange an zu glauben, daß Cilli recht hat und daß Sie ein unglücklicher Mensch sind! Wie kann ein glücklicher Mensch sich mit solchen greulichen Gedanken plagen? Ich will nur eben hinaufspringen und ein bißchen Toilette machen; gehen Sie immer voran, ich komme in fünf Minuten nach. Justus war im Begriff, davonzueilen, als sich die Tür von Ferdinandes Atelier öffnete und eine ganz in schwarz gekleidete, mit einem dichten, schwarzen Schleier verhüllte Dame heraustrat, die, als sie der beiden ansichtig wurde, einen Moment stutzte und dann schnellen Schrittes und gesenkten Hauptes an ihnen vorüber an dem Gebäude hin nach dem Hofe zu ging. Die Freunde glaubten im ersten Augenblick, daß es Ferdinande selbst sei, aber Ferdinande war größer, es war auch nicht ihre Gestalt und ihr Gang. Wer aber könnte es sonst sein? fragte Reinhold. Ich weiß es nicht, sagte Justus, – vielleicht ein Modell – es gibt auch verschämte Modelle. Ich wünsche wenigstens, daß es eines sei. Es wäre das beste Zeichen, daß sie wieder arbeiten, das heißt vernünftig sein will. Justus sprang die Treppe, die zu seinen Wohnräumen führte, hinauf, Reinhold ging weiter. Als er um die Ecke des Gebäudes bog, verschwand die schwarze Gestalt eben in dem Flur des Wohnhauses. Auch Antonio, der, sobald die Freunde das Atelier verlassen, Justus' Pult aufzuräumen begann, hatte die schwarze Dame, als sie an dem Fenster vorüberhuschte, bemerkt. Er warf sofort die Papiere, die er in der Hand hielt, in den Kasten und wollte davon stürzen, besann sich aber, daß er in seinem Atelieranzuge doch wohl nicht folgen könne, und blieb verdrießlich stehen. Die schwarze Dame war bereits gestern um dieselbe Stunde bei Ferdinanden gewesen, er hatte, da noch alle im Atelier waren, seine Beobachtungen an der Tür nicht anstellen können. – Ein Modell war es nicht – er kannte das besser! Vielleicht kam sie ein drittes Mal zu gelegenerer Stunde. Er wollte es schon herausbringen! Er machte sich wieder an das Pult. – Pah, sagte er, da finde einmal einer was – Rechnungen, Kontrakte – die alte Leier! Und was hilft es, ihr Gespräch zu belauschen? Immer dasselbe leere Geschwätz. Ich weiß nicht, wozu er wissen will, was der Capitano mit dem Maestro schwätzt. Ich will alles tun, was er befiehlt. – Er ist sehr klug, sehr mächtig und sehr reich; aber wie kann er hier helfen? Ist sie nicht jetzt noch unglücklicher als zuvor? Und wenn sie je erführe, daß ich es gewesen bin – aber darin hat der Signor recht: Eines bleibt mir immer, das Letzte, das Beste – die Rache! * Die Freunde hatten in letzter Zeit, als Ferdinande noch das Bett hütete, Onkel Ernst sein Zimmer fast nicht mehr verließ und das Schmidtsche Familienleben infolgedessen so gut wie zerstört war, ihre Abende ziemlich gleichmäßig, wie sie sagten, oder sehr ungleichmäßig, wie Tante Rikchen sagte, zwischen dieser und Kreisels geteilt. Reinhold mußte der Tante recht geben und versuchte auch weiter nicht, sich zu entschuldigen, da er nicht lügen mochte und den wahren Grund doch nicht bekennen durfte. Die Wahrheit aber bestand darin, daß ihm die ewigen Klagen der Tante den Rest des Lebensmutes zu rauben drohten und er umgekehrt in der sonnigen Atmosphäre, die das liebe blinde Mädchen um sich her verbreitete, den Trost und die Labung fand, deren er so sehr bedurfte. Freilich war auch diese sonnige Atmosphäre in letzter Zeit ein wenig getrübt gewesen. Es war eine Vermutung der Freunde, daß der wunderliche alte Herr, nachdem er einmal, wie er sich ausdrückte, mit Ehren doch nicht länger Sozialist sein könne, dem Lieblingswunsch seines Herzens, für Cilli auch nach seinem Tode zu sorgen, nun sogar seine Abneigung gegen das Börsenspiel zum Opfer gebracht habe und mit dem winzigen Vermögen, das er sich im Laufe der Jahre mühsam zusammengespart, eifrigst spekuliere. Er tat zwar sehr geheimnisvoll damit und leugnete es, wenn Justus ihn damit neckte, aber Justus ließ sich nicht irremachen und wollte sogar aus einer gelegentlichen Äußerung entnommen haben, daß es der trübe Stern der Berlin-Sundiner sei, dem der alte Herr das schwankende Schifflein seines Glückes anvertraut. Damit schien denn freilich übereinzustimmen, daß in den letzten Tagen, während derer das fast entwertete Papier infolge der neuen glückverheißenden Aspekte zu einem Gegenstande wildester Spekulation geworden und fast um das Doppelte gestiegen war, auch die gute Laune des alten Herrn sich wieder eingefunden hatte. Cilli sagte, nun wäre alles wieder gut für sie, und Reinhold hatte, wenn sie das mit ihrem holden Lächeln versicherte, sich eine andere, viel schlimmere Sorge auszureden gesucht – eine Sorge, die er einmal gegen Justus angedeutet, worauf dieser in seiner leichten Weise erwidert: Unsinn! Liebe ist eine Schwachheit; Engel haben keine Schwächen; Cilli ist ein Engel, und damit – basta! Er fand Cilli allein in dem bescheidenen Wohnzimmerchen, im Begriff, die Teesachen auf dem alten, vergilbten, harten Sofa zu ordnen. Wo bleibt Justus? fragte sie. Er wollte sich nur eben umziehen. Wie weit ist er mit Ihnen? Ich werde morgen oder übermorgen fertig. Dann komme ich dran. Ich freue mich so darauf – ich meine: auf das Bild. Ich möchte gar zu gern wissen, wie ich aussehe. Wenn ich auch noch so oft so mache – sie strich langsam mit dem zarten Zeigefinger über ihr Profil – das ist gerade, als ob ihr in den Spiegel blickt; ihr wißt doch nicht, wie ihr ausseht, bis es euch ein großer Künstler in eurem Bilde zeigt. Mein Gott, Cilli, sagte Justus, die Tür öffnend und auf der Schwelle stehen bleibend: Geben Sie mir zur Abkühlung eine Tasse Tee mit ein wenig Rum. Die Berlin-Sundiner sind wieder um ein halbes Prozent gestiegen – das soll mal ein heitrer Abend werden! Und ein heitrer Abend war's; und als Reinhold spät in der Nacht auf sein Zimmer kam, fand er einen Brief des Präsidenten, in dem ihm in offizieller Weise mitgeteilt wurde, daß der Herr Minister seine Anstellung genehmigt und er sich sofort betreffenden Ortes vorzustellen habe, da er spätestens am ersten Dezember seinen Posten antreten müsse. * Muß ich dem Droschkenkutscher für meine kleine Person und meinen kleinen Koffer wirklich zwanzig Silbergroschen bezahlen? fragte Mieting, die Tür zu Elses Zimmern aufreißend. Mein Gott! Mieting! Erst beantworte mir meine Frage! Ich weiß es nicht. Das gnädige Fräulein weiß es auch nicht, August! rief Mieting auf den Korridor hinaus; bezahlen Sie ihm also, was er haben will. – Und nun, du Liebe, Einzige, Beste, sage mir, ob ich dir willkommen bin! Mieting flog Elsen um den Hals, lachend und weinend: Siehst du, nun bin ich doch hier – ohne Brief, nachdem ich mich hundertmal angemeldet. Und Mieting tanzte im Zimmer umher und fiel Elsen dann wieder um den Hals und rief. Dies ist der schönste Abend meines Lebens, und wenn du mich morgen früh wieder wegschickst – der schönste Abend war es doch! Und ich hoffe, daß diesem Abend noch manche glückliche folgen werden – für uns beide! Ach, du weißt gar nicht, liebes Mieting, wie willkommen du mir bist! rief Else, Mieting Umarmung und Kuß herzlich zurückgebend. Wenn ich das nur weiß, sagte Mieting, so will ich das andre gar nicht wissen, das heißt: Ich möchte es eigentlich schrecklich gern; aber verständig sein und diskret sein ist jetzt für mich Ehrensache, weißt du; und von dieser Seite kennst du mich noch gar nicht; – ich mich auch nicht. Wir müssen mich erst kennenlernen, das wird himmlisch amüsant sein – Gott, welchen Unsinn ich vor lauter Freude schwatze! So war denn kaum eine Woche vergangen, als sich das heiter-gesprächige Mädchen bereits zum Liebling aller und jedem beinahe unentbehrlich gemacht hatte. Der General, der sich fast gänzlich in sein Zimmer zurückgezogen, brachte wieder, wie sonst, wenn man nicht in Gesellschaft war, ein paar Abendstunden in der Familie zu; ließ sich von Mieting über landwirtschaftliche Dinge, in denen sie Autorität selbst für ihren Papa zu sein behauptete, unterrichten und wiederum von ihr ausfragen: Was denn eigentlich eine Schlacht sei! Ob Moltke wohl manchmal gähne, wenn die Sache sich in die Länge ziehe? Selbst Ottomar, der seit seiner Verlobung sich kaum noch im Hause blicken ließ, – bei uns ist er nicht, sagte Carla, – erschien jetzt wieder, wenn er wußte, daß der Vater nicht zugegen sein würde, und neckte sich mit dem schelmischen Mädchen so lustig, daß es einem ins Herz schnitt, meinte Else. – Die Dienstboten selbst waren von dem gnädigen Fräulein entzückt. – Ottomars Bursche behauptete, die passe zehnmal besser für seinen Herrn Leutnant, die Kammerjungfer lobte an ihr, daß man sich doch wenigstens mit ihr zanken könne, was bei dem gnädigen Fräulein ganz unmöglich sei, und August sagte, sie sei eine aus dem Effeff. In den beiden folgenden Tagen wurde Mieting in auffallender Weise ihrem Programm untreu. Sie war in der Gesellschaft, sehr gegen ihre Gewohnheit, zerstreut und schweigsam, legte dafür vor der Dienerschaft eine indiskrete Neugier über die Verhältnisse und Gewohnheiten der benachbarten Familien, besonders der Schmidtschen, an den Tag, trieb die Unverständigkeit sogar so weit, von ihrer bevorstehenden Abreise zu sprechen, und daß es die höchste Zeit sei, verschiedene Besuche bei Freunden der Eltern zu machen, die sie bisher in sträflicher Weise vernachlässigt habe. Sie ging auch in der Tat einige Male ohne Elsen aus und war besonders den Nachmittag des dritten Tages auf mehrere Stunden verschwunden, kam dann freilich zum Tee nach Hause, aber so wunderlich aufgeregt, daß es selbst Tante Sidonie nicht entging und Else anfing, sich ernstlich zu beunruhigen. Doch wie erschrak Else, als Mieting ihr, nachdem sie beide sich früher als gewöhnlich zurückgezogen, um den Hals fiel und unter heftigstem Weinen rief: Else, Else, du brauchst dich nicht mehr zu ängstigen und zu grämen! Ich schwöre es dir bei dem, was mir das Heiligste ist, unsrer Freundschaft, er liebt dich! Ich weiß es von ihm selbst! Die erste Wirkung dieser Worte schien nicht die von Mieting erwünschte und erhoffte zu sein, denn Else brach jetzt ebenfalls in Tränen aus. Aber Mieting fühlte, während sie die Freundin im Arm hielt und ihren Kopf an ihren Busen drückte, daß die Tränen, wie heiß und leidenschaftlich auch immer, doch keine Schmerzenstränen waren; daß der starre Gram, der Elses armes Herz so lange bedrückte, sich gelöst und daß sie stolz und glücklich sein durfte, der Freundin diesen Dienst geleistet und den Bann gebrochen zu haben. Und nun laß dir erzählen, wie ich es angefangen, sagte sie, indem sie Else zu sich auf das Sofa zog und die Hände in ihren Händen behielt. Die ganze Schwierigkeit, siehst du, lag darin, ihn einmal selbst zu sprechen. Aber nun sprich mal mit einem, der nicht kommt, dem man an keinem Orte begegnet, weder in der Gesellschaft noch auf der Straße, obgleich man Wand an Wand wohnt, und zu dem man auch nicht hingehen kann, und wenn man die reinsten Absichten von der Welt hat. Ich legte mich also aufs Horchen bei den Leuten. Und nun hörte ich zu dem, was ich bereits wußte, daß er die Vormittage auf seinem Zimmer arbeitet und die Nachmittage in dem Atelier von einem Bildhauer, Anders heißt er, verbringt, der ihn »moduliert«, sagte August; ich dachte, es würde wohl modelliert heißen, obgleich ich für meinen Teil auch nicht wußte, was das war. Mein Plan war fertig. Ich besuchte gestern Tante Valerie, brachte die Rede wieder auf die Bildhauerei, und daß ich so schrecklich gern einmal einen Bildhauer bei der Arbeit sehen möchte; ob Herr Giraldi mich nicht einmal in ein Atelier führen könne, aber womöglich in das von Herrn Anders, der uns so nahe wohne, und weil meine Zeit jetzt doch nur noch sehr beschränkt sei? Herr Giraldi – das muß man ihm lassen: Was die Höflichkeit betrifft, da ist er allen unsern Herren über – war gleich bereit, und auch deine Tante sagte zu; aber nur, wie mir schien, weil Herr Giraldi es wünschte. Also: Bist du schon einmal in einem Atelier gewesen? Natürlich nicht. Gott, ich hatte mir das alles so zurecht gelegt, unten beim Tee, und nun weiß ich rein gar nichts mehr. Ich weiß nur, daß, als wir hereinkamen – ganz unerwartet, weißt du – er von dem Stuhle aufsprang, wie elektrisiert, und vor Freuden ganz rot wurde und, als wir endlich ein vernünftiges Wort zusammen sprechen konnten, nichts sagte als: Fräulein von Strummin, mein gnädiges Fräulein! Gott, Else, er hätte wirklich weiter gar nichts zu sagen brauchen: Ich wußte, woran ich war! Aber es blieb natürlich nicht dabei, ich mußte ihm doch erzählen, wieso es möglich war, und daß ich schon seit zwei Wochen hier bei dir bin – und – du darfst nicht glauben, Else, daß ich unverständig oder indiskret gewesen – wir haben eben über dich gesprochen, wie sich das von selbst verstand, und weshalb er sich gar nicht mehr sehen lasse – das mußte ich doch fragen! Und da sagte er: Wie gern ich käme, das brauche ich Sie nicht zu versichern – mit einem Akzent auf »Sie«, Else weißt du! Jetzt paß auf, Else! Leider gibt es Verhältnisse, die mächtiger sind, als daß wir beim besten Willen uns darüber wegsetzen könnten, und ich bitte Sie, glauben zu wollen, daß ich unter diesen Verhältnissen mehr leide, als ich sagen kann und darf. Dabei strich er sich über die Stirn und sagte dann: Aber ich komme sicher noch einmal, bevor ich von hier fortgehe. – Wohin? – Ich habe gestern abend einen Brief von – nun rate mal, Else! – von dem lieben Präsidenten hat er einen Brief gehabt, und hat – denke dir nur, Else! – die Lotsenkommandeurstelle in Wissow wirklich erhalten – in Wissow, Else! Ich wußte vor Freude gar nicht, was ich sagen sollte, aber er las mir die Gedanken vom Gesicht und lächelte und sagte: Wir sind dann halbe Nachbarn, gnädiges Fräulein. – Und wollen gute Nachbarschaft halten, sagte ich. – Das wollen wir, sagte er. – Und wenn wir einmal Besuch aus Berlin haben, sagte ich; – Und Sie mich mit einer Einladung beehren, sagte er; – So kommen Sie, sagte ich; – und da sagte er – nein; da sagte er gar nichts, Else, aber er drückte mir die Hand! Hier, Else, hast du die Hand wieder! Denn sie war nicht für mich, sondern für dich, du liebe, liebe! Die Freundinnen hielten sich lange umschlungen, und dann folgte eine eingehende Erörterung der wichtigen Frage: Was Reinhold unter den »Verhältnissen« verstanden haben könne? – Wir bringen's nicht heraus, sagte Mieting endlich; die Verhältnisse sind eben die Verhältnisse, weißt du: Daß du Else von Werben heißt und er Reinhold Schmidt und du eine reiche Erbin bist, und wenn du nur wolltest, den reichsten und vornehmsten Mann heiraten könntest, und er arm ist und »Frau Lotsenkommandeur« allerdings nicht wie Frau Baronin oder Frau Gräfin klingt. Vielleicht hat er auch gehört – man hört hier ja alles – daß du dein Erbe verlierst, wenn du deinem lieben Herzen folgst, und da hat er auch wahrhaftig recht, von »Verhältnissen« zu sprechen, ganz abscheulichen Verhältnissen! Wir mußten, sagte Mieting, schließlich doch unser Gespräch abbrechen und uns ein bißchen um die andern bekümmern, die unterdessen auch in dem Atelier herumgewandert waren und sich italienisch unterhalten hatten, was Herr Anders wunderschön sprechen soll, sagte Herr Giraldi. Es war auch noch ein Italiener da – ein bildschöner Mensch mit einer Papiermütze auf den rabenschwarzen Locken – sie tragen alle Papiermützen – des Marmorstaubes wegen, sagte Herr Anders, der übrigens gar nicht wunderschön ist, – ich hätte nie geglaubt, daß ein Künstler und noch dazu ein so großer, sagen sie ja, so wenig stattlich aussehen und so klein sein könne. Und wenn man ihn erst sprechen hört, so glaubt man's erst recht nicht; denn wie der schwatzen kann, Else, der ist mir noch über, weißt du; und wie der lachen kann, Else, das läßt sich gar nicht beschreiben, daß einem das Herz im Leibe mitlacht vor lauter Vergnügen, ihn lachen zu hören und zu sehen. So etwas Drolliges gibt es gar nicht mehr. – Wir stehen also vor dem Bilde von Reinhold, – so rund, weißt du, und erhaben – in Relief, nennen sie's – und die Ähnlichkeit! Für wen ist denn das? frage ich. – Für die zukünftige Frau Gemahlin des Herrn Originals, sagt Herr Anders. Sie soll es an einem schwarzen Sammetbande als Medaillon um den Hals tragen. – Denke dir, Else, den Unsinn! Ein Medaillon, so groß wie ein kleines Wagenrad! So redet er nun immer. – Es ist eine Studie für die Skizzen dort, sagt Reinhold. »Hilfsbereitschaft«, wo ein alter Herr hinter einem Tische sitzt, und ein blindes Mädchen kommt heran mit ihrer Gabe – ich habe weinen müssen, wie ich das sah. – Wer doch auch dabei sein könnte, sage ich, so recht aus Herzensgrunde. – Das Vergnügen können Sie jeden Augenblick haben und mir nebenbei noch eine unaussprechliche Freude machen, sagte Justus – so heißt er nämlich mit Vornamen – drolliger Name, nicht? – Wieso? sage ich. – Sehen Sie, hier ist noch ein »famöser« Platz, sagt er; – famös ist nämlich sein drittes Wort – für ein recht lebensfrohes, heitres Gesicht, wie ich es mir schon längst gewünscht, weil mir die Geschichte sonst zu sentimental wird, nur daß ich kein gutes Modell hatte. Bitte, bitte, liebes Fräulein, sitzen Sie mir Modell! – Gott, Else, ich wußte ja gar nicht, was das war; aber ich blickte nur deinen Reinhold an, und er sagte: Ja, tun Sie's – so mit den Augen! Herr Giraldi sagte, eine Königin könne mich um die Ehre beneiden, in einem solchen Kunstwerk verewigt zu werden, und übermorgen werde ich verewigt! Else hätte die ganze Nacht zuhören können; aber Mieting, die einen so ereignisreichen Tag glücklich hinter sich und die Gewohnheit, um zehn Uhr spätestens todmüde zu sein, noch immer nicht ganz überwunden hatte, fielen über dem Reden fast die Augen zu, und Else brachte sie zu Bett und küßte das gute Kind, das seine Arme um ihren Hals schlang. * In den nächsten Tagen hatte Else mehr als gewöhnlich in der Wirtschaft zu tun, und eine andere Angelegenheit nahm ihr Interesse gebieterisch in Anspruch. Es fand bei dem Vater, nachdem nun beinahe zwei Monate lang hinüber und herüber verhandelt war, die Schlußkonferenz über die zukünftige Verwaltung des Warnowschen Vermögens statt, in der mit den drei Stimmen der Herren von Wallbach, des Geheimrats Schieler und Giraldis, des Mandatars der Baronin, gegen die eine Stimme des Generals, der seine dissentierende Ansicht mit den Motiven zu Protokoll gab, der möglichst sofortige Verkauf des ganzen Komplexes beschlossen und Graf Axel von Golm eintretenden Falles nach Annahme der von dem Familienrat ebenfalls vereinbarten Verkaufsbedingungen als Käufer akzeptiert wurde. – Der Vater kam bleich und erschöpft, wie Else ihn nie gesehen, aus der mehrstündigen Konferenz. Sie haben es fertig gebracht, Else, sagte er. Die Warnowschen Güter, die nun zweihundert Jahre im Besitz der Familie gewesen sind, werden ausgeschlachtet und verschachert werden – deine Tante Valerie mag es verantworten, wenn sie kann. Denn sie, und sie allein, trägt die Schuld, daß hier ein alt-ehrwürdiges Geschlecht kläglich zugrunde geht. Wäre sie meinem Freunde ein gutes und treues Weib gewesen – doch was hilft es, über vergangene Dinge zu jammern! Es ist töricht selbst in meinen Augen, geschweige denn in den Augen jener, denen die Gegenwart alles ist. Und ich muß es einräumen: Die Herren haben ganz im Sinne unserer Zeit gehandelt, klug, rationell, in eurem Interesse. Ihr alle werdet, wenn der Verlauf so glänzend ausfällt, wie der Geheimrat triumphiert, mindestens um das Doppelte reicher. Es ist sehr unväterlich, Else, aber ich hoffe: Er triumphiert zu früh. Der Graf, den er als Käufer nennt, kann den unsinnigen Preis, – denn der wirkliche Gesamtwert der Güter ist kaum eine halbe, geschweige denn eine ganze Million – nur zahlen, wenn er sicher ist, daß man ihm die ungeheuere Last sofort wieder von den Schultern nimmt, das heißt, wenn das skandalöse Projekt, dessen staatsgefährliche Torheit ich mit Hilfe der Herren vom Generalstabe und des Kapitän Schmidt so schlagend nachgewiesen habe, zustande kommt. Käme es dennoch zustande, erteilte man die Konzession, so wäre das ein Affront gegen das bißchen Autorität, das ich beanspruchen darf, aber auch so beanspruche, daß ich es ansehen würde, als hätte man mich in dem diesmaligen Avancement übergangen: Ich würde sofort meinen Abschied nehmen. Die Entscheidung steht vor der Tür. Für Golm ist es eine Lebensfrage; er ist entweder heillos ruiniert oder ein Krösus, und ich eine Exzellenz oder ein armer Pensionär – ganz im Sinne der Zeit, die überall va banque spielt. Nun, wie Gott will! Ich kann nur gewinnen, nicht verlieren, denn das Höchste, Beste: mein reines Gewissen, das Bewußtsein, treu zu der alten Fahne gestanden, gehandelt zu haben, wie ein Werben handeln muß, kann mir nichts und niemand rauben. So sprach der Vater zu Elsen in einer Aufregung, die, so sehr er sich zu beherrschen suchte, aus jedem seiner Worte, aus dem schwingenden Ton selbst seiner tiefen Stimme hervorzitterte und bebte. Es war das erste Mal, daß er sie so in sein innerstes Vertrauen zog, sie zum Zeugen eines Kampfes machte, den er sonst in seiner verschwiegenen, stolzen Seele still durchgekämpft haben würde. War es Zufall? War es Absicht? War das allzu volle Gefäß nur eben übergeströmt? Oder ahnte, kannte der Vater ihr Geheimnis? Wollte er ihr sagen: Auch an dich wird vielleicht bald eine solche Entscheidung herantreten, ich wünsche, ich hoffe, daß auch du zu der Fahne stehen wirst, die mir heilig ist, daß auch du eine Werben sein wirst? Und in dieser resignierten Stimmung nahm sie denn auch mit leidlicher Fassung eine Nachricht entgegen, die ihr Mieting beim Nachhausekommen mitbrachte und die sie sonst mit Trauer erfüllt haben würde: Mieting wollte fort, mußte fort. Sie hatte bei der Dame, von der sie kam, einen Brief der Mama vorgefunden, in der die Mama über ihre lange Abwesenheit so schmerzlich Klage führte, daß sie gar nicht anders könne, als auf der Stelle, das heißt: morgen früh, abreisen. Wie ihr dabei zu Mute sei, wolle sie und könne sie nicht sagen. Damit fuhr Mieting davon. Am Abend übergab August, nicht ohne einige Feierlichkeit, Elsen einen Brief, den ihm das gnädige Fräulein im letzten Augenblicke vor der Abreise gegeben hatte mit der ausdrücklichen Weisung, ihn pünktlich zwölf Stunden später, Schlag neun Uhr abends, abzuliefern. – Es war ein Brief in Mietings verworrenster Handschrift, aus dem Else mit Mühe das Folgende enträtselte. »Nachmittags sechs Uhr. Geliebte Else! Glaub' mir kein Wort von allem, es ist alles nicht wahr, meine Mutter hat gar nicht geschrieben; ich habe Dich schon seit acht Tagen auf das grenzenloseste belogen und betrogen, denn ich bin seitdem gar nicht mehr um Deinethalben hingegangen, und es wäre auch das unzweckmäßigste Mittel gewesen, da, wie mir jetzt klar ist, Dein Reinhold längst gemerkt hatte, wie es mit uns stand, und aus dem Wege blieb, noch bevor wir selbst eine Ahnung hatten. Überhaupt hat es mit den Augen angefangen, denn bis dahin ging alles ganz gut. Als er aber an die kam, sagte er: Bei der Gelegenheit werde ich auch herausbringen können, von welcher Farbe eigentlich Ihre Augen sind, ich habe mir schon alle die Tage darüber den Kopf zerbrochen. – Ich behauptete, sie wären gelb; Tante Rikchen meinte, grün; er selbst: braun, und Cilli, die den Ausschlag geben sollte, sagte, sie wäre überzeugt, daß sie blau seien, ich sei so heiter, und heitere Menschen müßten blaue Augen haben. So haben wir hin und her gescherzt, und jeden Tag fing er wieder von meinen Augen an, und weil man doch nicht gut von Augen sprechen kann, ohne sich in die Augen zu sehen, sah ich ihm in die Augen, während er mir in die Augen sah, und – ich weiß nicht, ob Du dieselbe Erfahrung gemacht hast, Else – wenn man das so ein paar Tage lang getan hat, fängt man an, klarer und immer klarer zu sehen, was da auf dem Grunde vorgeht, – ganz kuriose Dinge, sage ich Dir, daß es einen heiß und kalt überläuft. So war mir schon ein paarmal zu Mute gewesen und heute mittag wieder, nur noch ein bißchen schlimmer als früher. Else, so beklommen, weißt Du, und immer beklommener, als er plötzlich dicht vor mir kniete – ich hatte mich nämlich, weil mir selbst die Knie zitterten, hingesetzt – und mir wieder so in die Augen schaute, und ich ihm – das mußte ich doch, Else? – fragte, aber ganz leise, – was das heißen solle? – Das soll heißen, sagte er – aber auch ganz leise – daß Sie endlich einmal Farbe bekennen müssen. – Ich gebe Ihnen, wenn Sie nicht gleich aufstehen, einen Nasenstüber, sagte ich noch leiser. – Ich stehe nicht auf, sagte er, aber so dicht an meinen Ohren, daß ich ihm gar keinen Nasenstüber mehr geben konnte, sondern ihm allen Ernstes um den Hals fallen mußte, sagte, daß ich ihn liebe und sein Weib werden wolle, und was man denn alles in solchem schrecklichen Augenblicke sagt. Ich bin ganz unsinnig vor Freuden und würde vor Freuden lauter Unsinn angeben, und das darf ich nicht, weil ich geschworen habe, verständig zu sein und Dir Ehre zu machen. Morgen früh wird gereist, morgen abend acht Uhr bin ich zu Hause, halb neun habe ich der Mama alles gesagt, und um neun Uhr gibt Dir August diesen Brief, denn nach der Mama bist Du selbstverständlich die nächste dazu. Deine Dich über alles liebende verständige Miete. P S. Bei dem »alles« ist »er« jetzt natürlich ausgenommen; es tut mir schrecklich leid. aber es geht nicht anders, weißt Du!« Das liebe närrische Kind, sagte Else, als sie den Brief zu Ende gelesen, mit einem tiefen Atemzuge – ich gönne es ihr von ganzem, ganzem Herzen! Und während sie so da saß und darüber nachdachte, wie das doch so wunderlich gekommen sei und wie glücklich die beiden wohl in ihrer Liebe sein möchten, wurden ihre Augen immer starrer, ihr Atem immer schwerer, und dann drückte sie die Hände in die Augen, neigte ihren Kopf auf Mietings Brief und weinte. * Drei Tage später – die herbstliche Sonne war im Untergehen, und es dämmerte bereits in dem weiten Gemache – saß Giraldi an seinem Schreibtisch in der Nähe des Fensters und durchlief die eingegangenen Briefe. Es hatte sich im Laufe des Tages, den er seit dem frühesten Vormittag in wichtigsten Geschäften in der Stadt zugebracht – der Verkauf der Güter an den Grafen hatte heute stattgefunden – eine nicht unbedeutende Zahl angesammelt: Politisches aus Paris und London, Kirchliches aus Köln und Brüssel, der ausführliche Bericht eines vertrauten Freundes aus Straßburg über den Stand der Dinge in Elsaß-Lothringen, Geschäftsbriefe der verschiedensten Art: englische, französische, italienische, deutsche; – Giraldi kostete die Lektüre des einen nicht mehr Mühe als die des andern. Er machte sogar seine Notizen am Rande stets in der Sprache des Korrespondenten. – Das wächst und wächst, murmelte er; – man hat nicht mehr weit vom Mittelpunkt der Dinge, und wie ergötzlich ist es, wenn man so Ereignisse, die ohne uns nie hätten geschehen können, als stupende Neuigkeiten aus dem Munde anderer hört! Leider fangen sie auch schon hier an, die Bedeutung des titel- und ordenlosen Signor, des simplen Privatsekretärs einer Dame von Stande, zu wittern, und damit ist freilich der beste Teil meiner Wirksamkeit vorbei. Man hört alles, solange man nichts ist, und hört es richtig. Sobald die Leute mit Fingern auf uns zeigen, erfährt man nur noch wenig und das wenige falsch. Das ist der Fluch, der auf den Königen liegt. Was wollen Sie? rief Giraldi heftig. Monsieur Antonio, Monsieur! sagte François flüsternd; – er bittet so dringend – Schon gut! sagte Giraldi. Willkommen, mein lieber Antonio! – Nicht doch, mein Sohn – ich habe die Weihen ja nicht! Antonio hatte, sich tief herabbeugend, die Hand, die Giraldi ihm gereicht, an die Lippen geführt. – Je weniger du ihm traust, desto demütiger mußt du sein, sagte Antonio bei sich. Mir sind Sie geweiht, Signor, sagte er laut. Ich höre das gern, erwiderte Giraldi: Der schönste Schmuck des Jünglings ist ein dankbares Gemüt. Hast du sie endlich wieder einmal gesehen und gesprochen? Nur gesehen, Signor – als sie eben aus ihrem Atelier nach dem Hause ging. Sie anzusprechen, wage ich nicht – sie spricht, sagen sie, mit niemandem, und niemand darf in ihr Atelier. Aus dem Gespräche deines Maestro und des Kapitäns noch immer nichts von Belang? Der betreffende Name nicht erwähnt? Nein, Signor, im Gegenteil! Seit die junge Dame abgereist ist – – Ich weiß – vor drei Tagen - sind sie sehr vorsichtig geworden und sprechen so leise, daß es unmöglich ist, mehr als hin und wieder ein Wort zu verstehen. Dafür fand ich soeben diesen Brief, den der Maestro heute vormittag erhalten und den Tag über wohl ein dutzendmal gelesen, auch dem Kapitän, als er am Mittag kam, gezeigt hat. Es war gefährlich, einen Brief, der ein so großes Interesse erregte, zu entwenden. Der Maestro hatte ihn, wie er mit allen Briefen zu tun pflegt, in das Pult geworfen; als er vorhin fortging, auch wirklich zugeschlossen und den Schlüssel mitgenommen; ich verstehe längst, das gebrechliche Schloß ohne Schlüssel zu öffnen. Morgen früh findet er den Brief wieder im Pult. Von wem ist der Brief? Ich glaube, von der jungen Dame – es ist eine entsetzliche Handschrift, Signor! Gib! Giraldi nahm Antonio den Brief aus den Händen und trat an das Fenster, das letzte Licht des Tages zur Lektüre zu benutzen. Ein abergläubisches Grausen durchrieselte Antonio, als er sah, mit welch unheimlicher Geschwindigkeit der Mann am Fenster die Seiten des Briefes durchlief, von denen er, der sich so viel auf seine Kenntnis des Deutschen zugute tat, kaum eine Zeile zu lesen vermocht hatte. Wie durfte er wagen, sich in einen Kampf der Schlauheit und Klugheit einzulassen mit ihm, der alles durchschaute, alles wußte, als stünde er mit dem bösen Teufel im Bunde! Und doch, eines wußte er nicht: Daß er ihn, während er da am Fenster stand und das Abendlicht wie eine Aureole um sein schwarzlockiges Haupt leuchtete, durchbohren würde mit dem Stilett hier in seiner Brusttasche, wenn er es wagen sollte, ihn zu betrügen und zu verraten, wie er unzweifelhaft sonst alle Welt verriet und betrog. Giraldi hatte die beiden letzten Seiten langsamer gelesen als die vorhergehenden; er las sie jetzt sogar noch einmal. Dann entzündete er, ohne ein Wort zu sagen, die Kerze, die auf seinem Schreibtische stand, setzte sich und begann, wie es schien, diese beiden letzten Seiten abzuschreiben. Die Feder flog über das Papier, fast so schnell, wie vorhin sein Auge über die Seiten. In wenigen Minuten war es getan; er gab den Brief Antonio zurück. – So, jetzt lege ihn wieder an Ort und Stelle – mit größter Sorgfalt. Und bringe mir jeden Brief in dieser Handschrift. Du leistest mir dadurch einen großen Dienst, und meine Dankbarkeit wird mit deiner Bereitwilligkeit, mir zu dienen, Schritt halten. Ich tue, was ich tue, um Ihretwillen, Signor! sagte Antonio; – ohne die Hoffnung, die Erwartung eines Lohnes. Den einzigen, den ich mir wünsche, können selbst Sie mir nicht gewähren. Meinst du? erwiderte Giraldi. Was weißt denn du, Knabe, was ich vermag oder nicht vermag? * Du sollst sehen, Carla, er kommt heute wieder nicht, sagte Frau von Wallbach, eine womöglich noch bequemere Lage in ihrem Fauteuil versuchend. Carla, die am Flügel saß, zuckte die Achseln und machte pianissimo einen Lauf mit der rechten Hand. Auch Fräulein von Strummin ist abgereist, ohne uns eine Abschiedsvisite gemacht zu haben. Die alberne kleine Person, sagte Carla, den Lauf wieder zurückmachend. Und Else ist nicht einmal hier gewesen, diese Ungeschicklichkeit zu entschuldigen. Um so schlimmer für sie, sagte Carla. Die Tür hinter ihr nach dem Vorsaal wurde geöffnet: Nur die vertrauteren Freunde nahmen bei kleineren Gesellschaften ihren Eingang durch dies Gemach – ihr Gemach; der Eingetretene mußte entweder Ottomar oder der Graf sein. Sie hatte nichts gehört, sondern ließ, während der Schritt über den dicken Teppich näher kam, ihre Finger träumerisch über die Tasten gleiten: »Schon sendet nach dem Säumigen der Gral« – Mein gnädiges Fräulein! Ach, lieber Graf, sagte Carla, ein wenig aufblickend und dem Grafen halb über die Schulter die linke Hand reichend. Der Graf hatte die ihm so nachlässig gereichte Hand an seine Lippen gezogen. Rücken Sie den Sessel da hierher – nicht so nah! – So! und lassen Sie sich durch mein Geklimper nicht stören. – Wissen Sie, lieber Graf, daß Sie ein gefährlicher Mensch sind? Aber meine Gnädige! rief der Graf, was tue ich denn? Alle Welt vergöttert Sie, warum soll ich nicht dürfen, was alle Welt darf? Weil Sie nicht alle Welt sind, weil – Carla hob die Augen. Der Graf war immer wie berauscht, wenn er einmal in diese blauen Augen blicken durfte, unter deren müde herabsinkenden Lidern sich ihm eine geheimnisvolle Welt von Zärtlichkeit und Schalkhaftigkeit zu verbergen schien. Weil ich zu spät gekommen bin, flüsterte er leidenschaftlich. Man darf eben nicht zu spät kommen, lieber Graf, das ist der schlimmste Fehler im Kriege, in der Politik – überall. Sie spielte: »- nur ein Jahr an deiner Seite hätt' ich als Zeuge deines Glücks ersehnt!« – Der Graf starrte schweigend vor sich hin. – Er nimmt das für ernst, dachte Carla; – ich muß ihm wieder ein wenig Mut machen. Warum sollten wir nicht Freunde sein? sagte sie, ihm die Rechte reichend, während die Linke intonierte: »Kehr' bei mir ein! Laß mich dich lehren, wie süß die Wonne reinster Treu'!« Gewiß, gewiß! rief der Graf, einen langen, feurigen Kuß auf die dargebotene Hand drückend. Warum sollten wir nicht Freunde sein! Nicht wahr? Die Freundschaft zwischen reinen Seelen ist so süß! Aber die Welt ist nicht rein! Sie liebt, das Strahlende zu schwärzen, sie will Garantien. Geben Sie ihr die in diesem Falle einzig mögliche: Heiraten Sie! Und das raten Sie mir? Gerade ich, ich werde einen unschätzbaren Vorteil davon haben: Ich werde Sie nicht ganz verlieren. Mehr kann ich nicht verlangen, mehr verlange ich nicht. Und Carla spielte mit beiden Händen: »Laß zu dem Glauben dich belehren: Es gibt ein Glück, das ohne Reu'!« Großer Gott, Carla – mein gnädiges Fräulein, wissen Sie, daß ich etwas Ähnliches – in fast denselben Worten – Von Herrn Giraldi gehört habe, sagte Carla, als der Graf verlegen schwieg. Sprechen Sie es ganz ruhig aus; es beleidigt mich nicht: Er ist der klügste der Menschen, vor dem man keine Geheimnisse haben kann, selbst wenn man wollte, und – ich will es nicht; Sie – sollten es auch nicht wollen. Er liebt Sie sehr; er will Ihr Bestes – glauben Sie mir! Und trauen Sie ihm! Ich glaube es, sagte der Graf; – und ich würde ihm unbedingt trauen, wenn die Verbindung, um die es sich handelt, nicht auch einen ganz kleinen geschäftlichen Beigeschmack hätte. Sie wissen, ich habe heute den Warnowschen Komplex gekauft. Ich hätte schwerlich ein so ungeheures Risiko auf mich genommen, gar nicht auf mich nehmen können, wenn man nicht hätte durchblicken lassen, daß ich zum mindesten die Hälfte des Kaufgeldes in Form der Mitgift – Verschonen Sie mich mit dergleichen, lieber Graf, rief Carla; ich verstehe ein für allemal nichts davon! Ich weiß nur, daß meine Schwägerin ein entzückendes Geschöpf ist und daß Sie ein schrecklich blasierter Mensch sind, vor dem jedes ehrliche Mädchen ein Grauen empfinden müßte. Und jetzt gehen Sie in den Salon. Der Graf nahm ihre Hand von den Tasten, drückte auf dieselbe leidenschaftliche Küsse und eilte in einer Bewegung, die halb gemacht und halb empfunden war, in den Salon. Er ist doch ein lieber Narr, flüsterte Carla, über die Schulter gewandt, dem Enteilenden mit der Lorgnette vor dem Auge nachblickend. Das ist er, sagte eine Stimme neben ihr. Mon Dieu, Signor Giraldi! Wie immer zu Ihren Diensten! Wie immer zur gelegenen Stunde! Sie sind noch nicht im Salon gewesen? Natürlich nicht! Kommen Sie! Plaudern wir noch ein paar Minuten! Ein tête-à-tête mit Ihnen ist ja ein vielbeneideter Vorzug. Und dabei ist dies respektable tête-à-tête nicht ganz so gefährlich wie das vorhergehende, sagte Giraldi, sich zu Carla auf ein kleines Sofa setzend, das in der Tiefe des Zimmers unter einem Wandkandelaber stand. – Haben Sie mit ihm gesprochen? Soeben! Und was hat er erwidert? Er begreift alles, nur nicht – Also doch nicht alles. Lassen Sie Ihr ironisches Lächeln: Er ist wirklich so unbedeutend nicht. Er ist zum Beispiel klug genug, nach dem Interesse zu fragen, das Sie speziell an seiner Verbindung mit Else nehmen können. Zürnen Sie nicht, wenn ich noch ein ganz klein wenig weiter lächle, sagte Giraldi. Der Herr Graf fragt nach dem Interesse, das ich an der Sache habe, er, auf dessen Seite der ganze Vorteil liegt? Nun ja, ich gebe es zu: Der Verkauf hätte sich in die Länge gezogen, da der Herr General aus purem Eigensinn überhaupt nicht und Ihr Herr Bruder aus Gründen der Schicklichkeit nicht an das Gründungskomitee direkt verkaufen will und durchaus eine Mittelsperson verlangt; ich gebe weiter zu, daß der Graf nicht nur die in jeder Hinsicht bequemste, schicklichste, sondern auch die für uns lukrativste ist, weil er als Nachbar wirklich mehr bezahlen kann als jeder andere. Aber das ist ein Vorteil für uns, den wir durch andere Vorteile, die wir ihm gewähren, auf das reichlichste kompensieren. Glauben Sie mir; liebes Fräulein, das alles weiß der Graf so gut wie ich; und er spielt auch nur den Unwissenden und infolgedessen Zaghaften, aus Gründen, die ich Ihnen der Reihe nach nennen will. Erstens: Es ist immer gut, wenn man die Hand nicht sieht, die uns das Glück in den Schoß wirft – man kann dann gelegentlich so undankbar sein, wie man will; zweitens, er liebt Sie und – wer möchte es ihm verdenken? – hält seine Sache noch nicht für durchaus verloren, solange Sie nicht vermählt sind; drittens ist er gar nicht sicher, daß er von Fräulein von Werben akzeptiert wird, und zu dieser Unsicherheit hat er in der Tat gegründetere Veranlassung, als sich seine Philosophie und Eitelkeit zusammen träumen lassen. Sie deuteten bereits wiederholt auf eine Neigung hin, die Else zu dem hübschen Schiffskapitän haben sollte, sagte Carla. So sehr ich Ihren Scharfsinn auch bewundere, lieber Giraldi, hier ist die Grenze meiner Gläubigkeit. Und wenn ich unumstößliche Beweise, – wenn ich es schwarz auf weiß habe von der Hand der vertrautesten Freundin Elses, jenes kleinen Fräuleins von Strummin, das so Hals über Kopf abgereist ist, um uns aus der Sicherheit ihrer Insel heraus durch die Nachricht ihrer Verlobung mit dem Bildhauer Justus Anders zu überraschen? Bitte lachen Sie nicht; es ist alles positiv, was ich Ihnen erzähle. Herr Justus Anders aber ist wieder der vertrauteste Freund des Herrn Kapitäns; die Freundespaare, scheint es, haben hinüber und herüber keine Geheimnisse, jedenfalls hat Fräulein von Strummin keine vor ihrem Verlobten. Sehen Sie, liebes Fräulein: Jene Mitteilung von Elses maritimen Neigungen und Beziehungen würde am Ende doch den Grafen bestimmen, seine Bewerbung aufzugeben, und bis jetzt waren wir ja der Ansicht, es sei das bequemste für alle Teile, ihn an Else zu verheiraten. Wollen Sie ihn für sich selbst – und es scheint so – nun, so kann auch gewiß dazu Rat werden. Nur übereilen würde ich an Ihrer Stelle nichts. Wir können ja das Spiel so lange hinauszögern, wie es uns beliebt. Weshalb sollten Sie auch die Süßigkeit des Brautstandes nicht bis zum letzten Tropfen auskosten? Um so mehr, als Ottomar – große Seelen beleidigt die Wahrheit nicht – das Glück, das ihn in den Armen der anmutigsten, der geistreichsten aller Frauen erwartet, wohl schwerlich nach seinem wahren Wert zu schätzen weiß. Das heißt, sagte Carla, Ottomar muß tun, was Sie wollen: Sie haben ihn in der Hand. Nun, lieber Freund, ich weiß ja, wie mächtig Ihre Hand ist; aber ich gestehe, nicht zu begreifen, worin in diesem Falle die Macht besteht. Daß Ottomar Maitressen gehabt hat, vermutlich noch hat – nun, ich habe auch meinen Schopenhauer gelesen, der von der Monogamie nicht spricht, weil er sie nirgends hat entdecken können. Und ich möchte nicht gerade die erste Frau sein, die ihren Geliebten deshalb weniger interessant findet, weil er anderen Frauen interessant ist. Seine Schulden? Nennen Sie mir einen, der keine hätte! Treffen wir also, wenn wir sonst d'accord, danach unsre Maßregeln, erwiderte Giraldi. – Mitte Februar bereits finden Sie, daß Ihre so zart organisierte Natur den Anstrengungen der Saison nicht länger gewachsen ist, daß Sie, bevor Sie in den neuen Abschnitt Ihres Lebens eintreten, durchaus der Sammlung und Ruhe bedürfen, die Ihnen die Stadt ferner nicht zu gewähren vermag. Und da trifft es sich nun herrlich, daß um dieselbe Zeit die Baronin, meine liebe Freundin, von dem Bedürfnis nach Ruhe getrieben, eine Zuflucht in dem stillen Warnow sucht. Ich habe mir Schloß und Park von dem Herrn Grafen, der seit heute morgen Besitzer der Güter ist, eigens zu diesem Zwecke für die Monate Februar und März reserviert. Er wird entzückt sein, daß Fräulein von Wallbach die Zurückgezogenheit der Tante ihres Verlobten teilen will. Nicht allein! Die Baronin wird auf ihren dringenden Wunsch von Fräulein Else begleitet werden. Der Herr Graf, dem um diese Zeit seine Geschäfte – in erster Linie der Hafenbau in Warnow – den Aufenthalt auf dem Lande zur Pflicht machen, wird alles tun, die Einsamkeit der Damen zu beleben und zu erheitern. Welches Schauspiel das Erwachen des Frühlings auf dem Lande, am Ufer des Meeres zu beobachten, vielleicht auch das Weiteraufblühen von der lieben Else stiller Neigung zu dem Manne ihrer Wahl, der es auf seinem neuen Posten – er ist seit einigen Tagen Lotsenkommandeur – genau so weit nach Warnow hat wie der Graf von seinem Schlosse aus! Wie scheint Ihnen mein kleiner Plan? Entzückend! sagte Carla; – aber ob ausführbar? Das lassen Sie meine Sorge sein. Geben Sie mir nur Ihre beiden schönen Hände darauf, daß Sie mich unterstützen wollen. Hier haben Sie sie! Und auf beide drücke ich als Siegel der Bestätigung meine Lippen. * Ach, der Herr Kapitän! rief August, Reinhold auf dem Vorsaal erblickend. Der Herr Kapitän stand bei August in großer Gunst, und der Herr Kapitän, der immer so freundliche Augen machte, schaute heute so ernst darein – Der Herr Kapitän werde es gewiß auch schon wissen, sagte August. Um Himmels willen! rief Reinhold, was ist geschehen? Ist jemand im Hause krank? Krank auch schon, erwiderte August, – aber nur vor Schrecken. August hatte Reinhold die Tür zum Salon geöffnet. Reinhold blieb ein paar bange Minuten allein. Was konnte sich ereignet haben, das die Familie in einen Schrecken versetzte, der sich selbst auf dem Gesicht des Dieners widerspiegelte? Und das heute, gerade heute, als ob ihm das Herz nicht schon schwer genug war! Ein leichter Schritt kam über das Parkett des Speisesaales und über den Teppich des Seitenkabinetts, und Else streckte ihm, hereintretend, die Hand entgegen. Sie kommen, um Abschied zu nehmen! Ich weiß alles von Fräulein – von Mieting. Ich komme, um Abschied zu nehmen, erwiderte Reinhold; aber bevor wir davon sprechen, sagen Sie mir, wenn es möglich ist, welches Unglück Sie betroffen hat. Es muß ein Unglück sein! Er hatte ihre Hand noch immer in der seinen und starrte, selbst bleich vor Aufregung und Teilnahme, in ihr bleiches, schönes Gesicht, in die geliebten braunen Augen, die sonst so mutig und fröhlich blickten und heute so trüb und traurig. Der Vater würde mich schelten, wenn er hörte, daß ich ein Unglück nenne, worauf er stolz zu sein behauptet. Und doch, wer weiß, wie es in seinem Herzen aussieht, wie er es in seinem Herzen trägt und – ertragen wird! Der Vater ist im Avancement, vor dem er stand, übergangen. Sie wissen, was das heißt. Er ist eben hin, sein Abschiedsgesuch persönlich dem Minister vorzutragen. Großer Gott! rief Reinhold; ein Offizier von dieser lautersten Gesinnung, von diesen hohen Verdiensten um das Vaterland. Else saß da, starren, brennenden Auges vor sich niederblickend. Ein bittres Lächeln zuckte um die feinen Lippen, während sie ein paarmal langsam mit dem Kopfe nickte. Reinhold sah, wie künstlich die Fassung war, mit der sie ihm entgegengetreten, wie tief sie die Kränkung schmerzte, die ihrem Vater widerfahren war. Der Vater war entschlossen, seinen Abschied zu nehmen, sobald die unglückliche Konzession gegen seinen Willen durchging. Aber, daß man nicht so lange gewartet hat, ihm nicht einmal die wenigen Stunden gelassen hat, seinen Entschluß auszuführen, das ist es, was ihn empört und woran, fürchte ich, sein stolzes Herz verblutet. Und nun gar heute! Heute, wo ich auch noch von dem Vater über Ottomar – Reinhold blickte erschrocken auf; Else hatte ihre Augen gesenkt, ein flammendes Rot war ihr in die Wangen geschossen; sie fuhr langsam leise fort: Wo ich alles erfahren habe! Konnte Ihnen nicht wenigstens das erspart werden? fragte Reinhold nach einer dumpfen Pause. Ich glaube, nein, sagte Else, wieder aufblickend. – Ich glaube, daß der Vater einem richtigen Gefühle folgte, als er heute morgen, wo er mit mir wie mit einem Freunde seine Lage, unsere Lage – alles durchsprach, mir auch das vertraute. Ja, ich kann mich von dem Gedanken nicht losmachen: Es wäre besser gewesen, und es stünde besser um – um uns alle, hätte ich es von Anfang an erfahren. Was da hinüber und herüber gefehlt und versehen – alle die verworrenen Fäden – sie konnten, war es überhaupt noch möglich, wohl nur von einer Frauenhand geschlichtet werden. Was gäbe ich um die unersetzlichen Minuten, die da verloren gingen! Ach, ich weiß, ich würde die Worte gefunden haben, die zu Ottomars Herzen, zu dem Herzen Ihrer Cousine gesprochen hätten! Die arme Ferdinande! Was muß sie gelitten haben! Was muß sie leiden! Und auch mein armer Ottomar! Er ist wahrlich so schuldig nicht, als er vielleicht selbst Ihnen scheint. Sie können nichts dafür, daß Sie ihn nicht besser kennengelernt haben, daß mein innigster Wunsch, Sie möchten recht vertraute Freunde werden, nicht in Erfüllung gegangen ist. Wir wissen ja jetzt, weshalb er Sie gemieden, wie freilich auch seine besten Freunde, Schönau und die anderen – selbst mich – uns alle. Und doch! Ich kenne ihn aus früheren, besseren Tagen: wie weich, wie liebebedürftig und liebevoll sein Herz, wie es für das Schöne und auch für das Gute empfänglich ist, wenn er auch wohl nie die Kraft gehabt hat, es in sich reifen zu lassen, ihm allein zu leben. Aber, wie schwer mag es auch sein in dem Leben, das ihn umgibt, an dem er doch teilnehmen muß, an dem ich doch selbst in meiner Weise teilgenommen und mich glücklich gefühlt habe – in all diesen Vorurteilen des Standes, der gesellschaftlichen Rücksichten, die wir gar nicht mehr als solche empfinden, weil wir in ihnen groß geworden sind, und von denen sich wohl keiner von uns ohne schweren Kampf losringt. Und wenn er in diesem Kampfe unterlegen, so haben die wunderlichen Verhältnisse unserer Familie gewiß auch dazu beigetragen; und nun zuletzt die Zurückweisung, die er in der Person unseres Vaters erfahren, – ach, ich will es ja nicht verteidigen, daß er da, leidenschaftlich und heftig wie er ist, aus dem Hause stürzte – wir wußten ja nicht, keiner von uns, was er vorhatte – und als Carlas Verlobter zurückkam. Aber verdammen, ganz verdammen kann man ihn doch nicht. Ich entschließe mich schwer, jemand zu verdammen – in dem Menschenherzen sind so viele Tiefen, in die kein Senkblei hinabreicht, so habe ich auch Ihren Bruder nie verdammt. Im Gegenteil, ich habe um seinetwillen, und – ich darf es nicht leugnen – um Ihretwillen – alles getan, was ein Bruder in einem solchen Momente für den Bruder tun würde. Ich habe selbst die Freundschaft, die Liebe meines Onkels, der mir sehr teuer ist, aufs Spiel gesetzt und, ich fürchte, verloren. Seit heute morgen habe ich in all dem Kummer, der über uns hereingebrochen, mich immer gefragt, wie Sie, Sie dabei empfänden, habe ich mich gesehnt, diese Worte von Ihnen zu hören. Nun, da ich sie gehört, ist mir so viel leichter ums Herz. Nun wird – zwischen uns wenigstens – alles wieder werden, wie es war. Das glauben Sie, glauben Sie wirklich? fragte Reinhold. Von ihren Lippen schwand das reizende Lächeln; sie zog ihre Hand, die sie ihm vorhin gegeben und die er festgehalten, leise zurück, das Blut schoß ihr wieder in die Wangen, die dann noch bleicher wurden als zuvor. Sollte ich mich geirrt haben? stammelte Else. Ich denke nicht, sagte Reinhold, weil ich – verzeihen Sie mir – nicht denken kann, daß Sie in diesem Moment ganz aufrichtig gewesen sind. Und – Sie haben es ja selbst ausgesprochen – was hat das Verderben über Ihren Bruder, über meine Cousine gebracht, als daß sie nicht aufrichtig waren – weder gegen sich selbst, noch einer gegen den andern, noch gegen ihre Freunde – daß sie nicht den Mut ihrer Überzeugung, daß sie nicht den rechten Mut der Liebe hatten? Nun wohl! Ich für mein Teil will und darf diesen Vorwurf nicht auf meine Seele laden; ich will mein Gewissen frei haben, wie schwer auch mein Herz bleiben mag. Darf ich sprechen, und wollen Sie mir antworten, wie es Ihnen das Herz gebietet? Ich will es, sagte sie mit tonloser Stimme. Nun denn, sagte Reinhold: – Ich bin gekommen, von Ihrem Herrn Vater Abschied zu nehmen, bevor ich von Ihnen Abschied nahm, ihm aus dem Grunde meines Herzens zu danken für die Güte, durch die er mich beglückt, für das Vertrauen, dessen er mich gewürdigt. Vielleicht, so dachte ich, würde er dann gesagt haben, daß er wünsche und hoffe, mich wiederzusehen. Und ich würde ihm haben erwidern müssen, daß ich, als ehrlicher Mann, von dieser Erlaubnis keinen Gebrauch machen könne – es wäre denn unter einer Bedingung. Und – würde ich gesagt haben – diese Bedingung, Herr General, ist unmöglich. Ich habe bei jener unglückseligen Veranlassung und in den wiederholten vertraulichen Gesprächen, mit denen Sie mich vorher und nachher beehrt, vollauf Gelegenheit gehabt, mich in Ihr Denken und Empfinden einzuleben; Sie haben es sogar nicht verschmäht, mich in die Verhältnisse einzuweihen, die in Ihrer Familie obwalten, und so bin ich überzeugt, daß Sie nie aus freiem Herzen meine Bewerbung um die Hand Ihrer Tochter verstatten werden, die – ich liebe. Else antwortete nicht, sie regte sich nicht. Die ich geliebt habe, fuhr Reinhold mit vor Erregung zitternder Stimme fort – ich darf sagen, vom ersten Moment, da ich sie erblickt; deren Bild vor meiner Seele gestanden – hellen, stetigen Glanzes, unverrückbar wie der Nordstern, und daß ich überzeugt bin, wie von meinem Leben, wie diese Liebe nur mit meinem Leben schwinden kann. – So würde ich zu Ihrem Vater gesprochen haben. Und dann, sagte Else leise, dann wären Sie zu mir gekommen? Ja, sagte Reinhold, dann wäre ich zu Ihnen gekommen. Und ich hätte Ihnen gesagt, daß ich in der Gewißheit, von Ihnen geliebt zu sein, namenlos glücklich bin; und daß ich Sie liebe von ganzem, ganzem Herze. Sie hielten sich umschlungen; er küßte ihr Haar und Stirn und Lippen; sie lehnte schluchzend den Kopf an seine Schulter. Und nun, Geliebter, da du weißt, daß ich dir treu sein werde im Wachen und im Traum und dein Weib sein will und dir folgen werde bis ans Ende der Welt, wann immer du mich rufst – jetzt rufst du mich nicht und läßt mich hier bei meinem Vater, dessen Trost und Stütze ich in dieser Trübsal bin, bei meiner Tante Valerie, die sich an mich klammert in ihrer Herzensangst. Ach, da ist so viel des Leides, das ich zum Teil nur ahne und das darum doch nicht weniger vorhanden ist und von dem ich weiß: Es wird hereinbrechen, sobald ich den Rücken wende. Es kommt auch so vielleicht, und ich kann es nicht hemmen, aber ich habe dann meine Pflicht getan – weißt du, würde Mieting sagen. Das alte herzige Lächeln glänzte in den braunen Augen, die zu ihm aufleuchteten: Wir müssen nur Geduld haben und klug sein und uns sehr, sehr lieb haben – da muß sich ja alles finden; nicht wahr, Geliebter? Wer sich von dir geliebt weiß, flüsterte Reinhold, der fürchtet auf der Welt nur eines: deine Liebe nicht zu verdienen! * Die Freunde wanderten auf dem hellerleuchteten Perron, der Abfahrt des Zuges harrend. Sie werden sich nicht in Sundin aufhalten? fragte Justus. Nur morgen, erwiderte Reinhold; – das wird hoffentlich genügen, um mich dem Präsidenten und meinem nächsten Vorgesetzten, dem Baurat, vorzustellen und meine Instruktionen in Empfang zu nehmen. Ich denke, der Präsident ist hier, sagte Justus, – schon seit vier Tagen, er soll ja den Vorsitz in dem Verwaltungsrat der neuen Eisenbahn übernehmen. Man hat ihm ja die famösesten Anerbietungen gemacht. So melden die Zeitungen, ich glaube es nicht, erwiderte Reinhold. – Ein Mann, wie der Präsident, kann auf den Schwindel nicht eingehen; überdies, wenn er hier wäre, er hätte mich sicher zu sich kommen lassen. Und übermorgen sind Sie auf Ihrem Posten und lassen sich den Nord-Ost um die Nase pfeifen und wettern in Ihre Teerjacken hinein – ach, was sind Sie für ein glücklicher Mensch! Justus seufzte; Reinhold blickte den Freund an, der mit niedergeschlagenen Augen trübselig neben ihm ging, und brach in ein helles Gelächter aus. Sie haben gut lachen, sagte Justus, – ich habe Sie heute damit verschonen wollen, um Ihnen Ihr Glück und Ihre Freude nicht zu stören, aber es ist vielleicht besser, wenn ich es Ihnen jetzt sage, anstatt es Ihnen zu schreiben, wie ich wollte. Sie kommen ja nun in seine nächste Nachbarschaft und tun mir gewiß die Liebe, einmal hinüberzufahren und dem Alten – ich glaube, er ist nicht einmal alt – ins Gewissen zu reden. O weh! sagte Reinhold, weht der Wind daher? Und wie! rief Justus, – daß einem Hören und Sehen vergeht. Sie wissen, daß Mieting mir umgehend schrieb, es sei alles in der famösesten Ordnung. Die Mama sei, wie sie vorausgesagt, gleich auf ihrer Seite gewesen, der Papa habe – natürlich! – eine furchtbare Szene gemacht, um – wie sie vorausgesagt – eine Stunde später klein beizugeben, vorausgesetzt, daß »der Steinklopfer« seine Tochter anständig ernähren könne, denn er könne ihr nichts mitgeben – keinen Schilling – er sei ein armer, ruinierter Mann. Gut! Ich akzeptiere den ruinierten Schwiegervater, und er akzeptiert mich, als ich ihm nachwies, daß ich schon seit einer Reihe von Jahren nie unter – aber das wissen Sie ja alles, und ich wiederhole es auch nur, um Ihnen die grenzenlose Falschheit dieses Danaers ins rechte Licht zu setzen. Justus war unter einer Laterne stehen geblieben und zog ein Blatt aus der Tasche – Wenn auch die Orthographie zu wünschen läßt, es sind ellenlange Buchstaben, wie Sie sehen, und der Sinn ist wenigstens nach einer Seite deutlich genug. Justus schlug mit der Rückseite der Hand auf das zerknitterte Blatt und las: »Geehrter Herr!« – das erste Mal war ich ein »Sehr geehrter Herr«! – »Infolge eines Telegramms, das ich soeben aus Berlin erhalte, ist der Stand meines Vermögens ein so anderer geworden, die Aussichten meiner Tochter für die Zukunft haben sich so wesentlich verändert, daß mir die Lage, die Sie ihr auch im besten Falle bieten können, nicht mehr für sie genügend erscheint, und ich, als ein gewissenhafter Mann und fürsorglicher Vater, bevor ich mich endgültig entscheide« – als ob er das nicht bereits getan hätte – »noch um einige Wochen Aufschub bitten muß, bis sich die eingetretene, für mich so glückliche Konjunktur vollständig überblicken läßt. Hochachtungsvoll, Otto von Strummin, Rittergutsbesitzer auf Strummin, Kreistagsdeputierter, Vize-Präsident des landwirtschaftlichen Vereins zu« – kann ich nicht lesen – ist auch genug! Und Justus zerknitterte den unglücklichen Brief vollends und steckte ihn mit zornigem Schnauben in die Tasche. Wenn ich doch nur wenigstens wüßte, was der Herr Rittergutsbesitzer meint? Ich glaube freilich, die ganze Geschichte: Telegramm, Konjunktur – es ist alles blauer Dunst, den er mir vormacht, um mich los zu werden – meinen Sie nicht? Gewiß will er Sie los werden, erwiderte Reinhold; und das Benehmen des Mannes ist ja kläglich genug; aber mit der Sache, auf die er anspielt, wird es wohl seine Richtigkeit haben, und ich glaube, Ihnen sagen zu können, um was es sich handelt. Man hat Herrn von Strummin aus diesem oder jenem Grunde, wahrscheinlich um ihn von der ersten reichen Beute auszuschließen, im dunkeln über den Stand der Konzessionsfrage gehalten, ihm vielleicht eingeredet, die Konzession werde nicht erteilt werden. Aber trösten Sie sich, Justus! Nicht Sie – Herr von Strummin hat seine Sache auf Sand gebaut. Es wird bald genug zu Tage und er zu Ihnen kommen und sprechen: Sehr geehrter Herr, ich habe mich furchtbar blamiert, und da haben Sie meine Tochter. Das wäre famös, sagte Justus, trotz seines Kummers lächelnd; aber – ich glaube nicht daran. Justus! Justus! rief Reinhold. Muß man das am grünen Holz erleben? Von wem habe ich denn das Wort, daß Sandstein schwer zu bearbeiten sei, Marmor aber noch viel schwerer, und daß, wer sein Leben lang in Sandstein und Marmor arbeite, das Leben leichtnehmen müsse, wenn ihn nicht der Teufel holen sollte? Wollen Sie sich denn wirklich holen lassen – Sie? Ja, das sagen Sie wohl! erwiderte Justus; – ich kenne mich selbst nicht mehr. Oh, diese Liebe, diese Liebe! Ich habe es ja immer geahnt, ich habe es ja immer gesagt, sie würde mein Unglück sein, sie ist noch jedes Künstlers Unglück gewesen! Ich habe heute mittag, während Sie ihre Visiten machten, einen Blick in Ferdinandes Atelier geworfen: Sie arbeitet an einer Bacchantin – in der Stimmung! Es ist aber auch danach! Das heißt: genial bis zur Tollheit, bis zur reinen Karikatur! Das hat sie nun davon, das herrliche Geschöpf! Onkel Ernst ist schön durch: Er hat sich zum Stadtverordneten wählen lassen, weil er noch nicht genug zu tun hat, und wird sich nächstes Jahr in das Abgeordnetenhaus und den Reichstag wählen lassen und sich mit Arbeit betäuben, was jedenfalls gesunder ist als mit Wein. Aber die arme, arme Ferdinande! – Ich glaube, Reinhold, Sie müssen einsteigen. – Reinhold hatte sich gesetzt, das Signal zur Abfahrt ertönte bereits, als die Tür nochmals aufgerissen und ein Herr von dem Schaffner eiligst hineingeschoben wurde. Bitte, hier! Ich habe kein leeres Coupé mehr; Ihr Billett auf der nächsten Station! Der Schaffner warf die Tür zu. Guten Abend, Herr Präsident! Wollen Sie mir erlauben? fragte Reinhold, dem Präsidenten die große Reisetasche abnehmend und auf das Gestell legend. Mein Gott, sind Sie es? fragte der Präsident; – wo wollen Sie denn hin? Ich wollte nicht verfehlen, Ihrer Ordre gemäß, mich morgen, am ersten Dezember, in Sundin Ihnen vorzustellen, erwiderte Reinhold, ein wenig erstaunt. Ja so, ja so! sagte der Präsident; – verzeihen Sie die dumme Frage – ich bin so abgehetzt, verwirrt – noch einmal, verzeihen Sie! – Und er streckte Reinhold mit seiner gewohnten anmutigen Freundlichkeit die Hand hin. Ich war vier Tage in Berlin, sagte der Präsident, – hätte Sie auch sicher gebeten, mich zu besuchen, indessen – offen gestanden: Ich habe mich herumgedrückt, wie ein Verbrecher, dem die Polizei auf den Hacken ist; mich vor keinem anständigen Menschen sehen lassen, wenn ich es vermeiden konnte. – Sie wissen vielleicht, was mich nach Berlin geführt hatte. Die Zeitungen, Herr Präsident – Ja, ja. Die Zeitungen! Gott sei es geklagt, es bleibt nichts mehr in einem anständigen Dunkel – alles wird ausgeplaudert, und wenn es doch noch immer die Wahrheit wäre! Leider ist es meistens weder die ganze noch die halbe. Was hat man, das heißt, was haben die Herren, denen daran gelegen war, nicht schon auf meine Kosten gelogen! Ich sollte mich für das Zustandekommen der Eisenbahn auf das lebhafteste interessieren, dafür agitieren, dem Herrn Minister fortwährend in den Ohren liegen, die Konzession zu erteilen – ich, der ich mich von Anfang an mit Händen und Füßen dagegen gesträubt, den Herrn Minister auf das dringendste gewarnt habe! Sehen Sie, das ist das Entsetzliche! Das Vertrauen zu der Ehrenhaftigkeit, der Integrität unsrer Beamten ist erschüttert – das ist für mich der Anfang des Endes, der drohende Schatten, den eine Zukunft vorauswirft, die ich Gott bitte, mich nicht erleben zu lassen. Er schwieg ein paar Augenblicke und fuhr noch erregter als vorhin fort: Wenn man doch nur oben den Takt, ich sage, nur den Takt hätte, diese so höchst verderbliche, ich gebe es zu, weit über das Maß hinausgespannte Tendenz des Publikums zum Mißtrauen und Zweifel nicht noch zu bestärken! Aber es wird auch Sie aufs peinlichste berühren – es genügt ja schon die flüchtige Bekanntschaft, um ihn achten und schätzen zu lernen – der General von Werben – Ich weiß, Herr Präsident, sagte Reinhold, als der Präsident wiederum schwieg – und meine Bekanntschaft mit dem hochverehrten Manne ist keine flüchtige geblieben. Nun denn, was sagen Sie? rief der Präsident. – Es haben Differenzen zwischen ihm und dem Minister obgewaltet, ich weiß es – Differenzen, die ausgetragen werden müssen. Es ist schwer, es ist schließlich unmöglich, mit jemandem zu amtieren, der durchaus einen andern Strang ziehen will. Einer muß weichen, und selbstverständlich der Untergebene, aber – gerade in diesem Augenblicke! Das hätte man vermeiden sollen! Das wird wieder Öl ins Feuer schütten, als ob es nicht schon so hell genug brennte, als ob man den Herren Gründern die Sache nicht schon leicht genug gemacht hätte! Die werden sich ins Fäustchen lachen: Da seht ihr's ja! Wir wollten eigentlich, bescheiden wie wir sind, morgen unsre Aktien zu 75 Prozent an die Börse bringen, aber jetzt bitten wir um 80 und 85! Ein Papier, das einen General von Werben in die Luft schnellt, wird so schwer doch wohl sein! – Sehen Sie, werter Herr, so werden sie's in allen Zeitungen ausposaunen; und – wenn auch alles erlogen ist, wenn die Stellung des Generals schon längst unhaltbar war – die Menge geht nach dem Schein, urteilt nach dem Schein, und – der Schein ist gegen uns. Und wäre es nur das! Aber wir, von denen unser erhabener Monarch mit solchem Recht gesagt hat, daß wir vom Schicksal bestimmt sind, unser Brot im Schweiße unsers Angesichts zu essen – wir fangen an, vom Schein leben zu wollen, von dem gleißenden, nichtsnutzigen Schein. Nehmen Sie diese Eisenbahnaffäre! – Sie ist Schein, wohin Sie auch blicken: Schein sind die Gründe, die für sie plädiert werden – gute Chausseen, anständige Kommunalwege sind alles, was wir für die bescheidenen Bedürfnisse unsrer Insel brauchen, die der Prospekt prahlerisch »die Kornkammer Deutschlands« nennt; – Schein ist die Kaution, auf deren Grund die Konzession nur erteilt werden darf – ich weiß, daß sie nicht einmal die paar hunderttausend Taler aufbringen können. Schein – schamloser Schein – und was von dem herrlichen Kriegshafen zu halten ist, der das Ganze krönen soll – nun, Sie wissen das ebensogut und besser als ich. Der Präsident stand auf und trat an das Fenster, an welchem die Lichter der Stadt bereits seltener und schneller vorübertanzten. Dann kam er wieder zu seinem Platz zurück und sagte, sich näher zu Reinhold beugend, in einem beinahe geheimnisvollen Tone: Erinnern Sie sich eines Gespräches an dem Abend, als ich das Vergnügen hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen, an der Tafel des Grafen in Golmberg? Ich habe in diesen Tagen so oft daran denken müssen! Nun Ihre Sturmflut, – ich hoffe zu Gott, sie wird nicht kommen; – aber, wenn sie käme, wie Sie prophezeit haben – ich würde sie für ein Gleichnis dessen nehmen, was über uns hereindroht, ja! Für ein Zeichen des Himmels, ob wir vielleicht, aus unserm frevelhaften Taumel, aus unserm Schaum- und Traumleben erwachend, emporschreckend, uns den gleißenden Schein aus den Augen reiben, um – wie unser Fichte sagt, zu sehen, – »das, was ist«. Das kann so nicht bleiben – es ist unmöglich – ein Volk kann nicht auf die Dauer um das goldene Kalb tanzen und dem Moloch opfern. Es geht entweder unter in der Flut seiner Sünden, oder es klammert sich an den rettenden Ararat echter Mannes- und Bürgertugend. Gebe Gott, daß unser Volk zu dem letzteren die Kraft hat! Mir kommen Stunden, wo ich daran verzweifle! Der Präsident lehnte sich zurück und schloß die Augen. Wollte er das Gespräch abbrechen? War er zu erschöpft, um es fortzusetzen? Jedenfalls wagte Reinhold nicht, die Gedanken zu äußern, von denen seine Seele erfüllt war. So saß denn auch er still in seiner Ecke. Die letzten Lichter der Stadt waren längst verschwunden. Auf der weiten nächtlichen Ebene, die der Zug durchsauste, lag eine leichte Schneedecke, von der sich die Wälder dunkel abhoben. Droben an dem schwärzlichen Himmel funkelten und blitzten zahllos die ewigen Sterne. Reinholds Auge war emporgewandt. Wie oft, wie oft hatte er so vom Deck seines Schiffes in winterlicher Sturmnacht aufgeschaut mit bangem, zagendem Herzen! Und sein Herz hatte wieder mutig geschlagen, so auch nur eines der lieben, vertrauten Lichter ihm den einsamen Pfad erhellte. Und heute, wo sie ihm alle leuchteten, die goldenen Sterne, – und größer, prächtiger als alle, der Stern seiner Liebe – heute sollte er verzagen? Nimmermehr! Mochte die Sturmflut kommen – sie würde ihn bereit, sie würde ihn auf seinem Posten finden. Fünftes Buch Auf Schloß Warnow hatte die Gesellschaft seit einer Stunde abgespeist; Frau von Wallbach, Else und Graf Golm, der zu Mittag geladen gewesen, saßen in dem Salon um den Kamin, in dem nur ein spärliches Feuer brannte. Es war den ganzen Tag, trotzdem heute erst der Februar zu Ende ging, seltsam schwül gewesen – François hatte sogar vorhin die Fenster öffnen müssen. Der Graf hielt es für die höchste Zeit, die Unterredung abzubrechen. Ich glaube, die Pferde werden vorgeführt, sagte er, sich erhebend und Frau von Wallbach die Hand küssend, – entschuldigen Sie mich für heute, gnädige Frau! Spreche, wenn Sie erlauben, morgen wieder vor; wollte Fräulein Carla die Hafenanlagen endlich einmal zeigen – interessiert sich sehr dafür – hoffe, gnädige Frau werden von der Partie sein – au revoir, gnädige Frau! Er entfernte sich schnell, ohne die Antwort der Dame abzuwarten. Als er eilig durch das Vorgemach schritt, von dem Portierentüren nach mehreren Seiten führten, kam Carla, das Reitgewand mit der einen Hand in die Höhe hebend, in der andern Hut und Handschuhe haltend, ihm entgegen. – Ihre Frau Schwägerin ist noch im Salon, sagte er laut. Danke! erwiderte Carla ebenfalls laut. Er machte ihr mit Hand und Augen ein Zeichen. Haben Sie dies entzückende alte Bild schon betrachtet? Welches? Dies hier, bitte! Sie waren so weit seitwärts getreten, daß sie aus dem Salon, zu dem die Portieren offen waren, nicht wohl gesehen werden konnten. Einen einzigen! flüsterte der Graf Du bist toll! Den ersten – letzten heute! Sie hob die Lippen zu ihm auf. Engel! Wirklich entzückend! sagte Carla laut, und wieder im Flüsterton: Um Himmels willen, mach', daß du fortkommst! Sie huschte in den Salon; der Graf stürzte auf den Korridor. Beide hatten, während ihre Aufmerksamkeit nach dem Salon gerichtet war, nicht bemerkt, daß in dem Moment, wo ihre Lippen sich berührten, die Portiere einer zweiten Tür, die zu den innern Gemächern führte, gehoben und ebenso schnell wieder geschlossen wurde. Ist Else nicht mehr hier? fragte Carla. Ich wollte euch Adieu sagen. Frau von Wallbach wandte den Kopf so weit, daß sie Carla zur Not sehen konnte: Ich habe mit ihm gesprochen. Was hast du gesagt? fragte Carla eifrig. Es ist zu langweilig, – ich halte es hier nicht mehr aus. Das war alles? Mir ist es genug. Seht zu, wie ihr allein fertig werdet. Aber Eduard hat doch selbst deine Anwesenheit hier für nötig gehalten! Dein Bruder kann nicht verlangen, daß ich mich eurethalben zu Tode langweilen soll. Carla zuckte die Achseln: Du wirst morgen bei besserer Laune sein; adieu! Ich reise morgen ab, verlasse dich darauf! François blickte in den Salon: Verzeihen die Damen, der Herr Graf läßt anfragen, ob Mademoiselle – Ich komme! rief Carla, die Hand nach dem Hut ausstreckend. Nicht wahr, liebe Seele? – Bitte, schling' mir das Gummiband hinten durch! – Du bleibst? – Danke! Adieu, liebe Seele! Sie hatte ihre Schwägerin noch einmal umarmt, die Handschuhe vom Sessel genommen und eilte, das Gewand weit hinter sich schleifend, davon. Wenn es nur nicht so langweilig wäre! sagte Frau von Wallbach, in ihren Fauteuil zurücksinkend. Als der Graf hinabkam, wurden die Pferde eben vorgeführt. Herr von Strummin saß auf der runden Bank, die den dicken Stamm einer breitästigen Linde umgab, und schlug mit der Spitze seiner Reitpeitsche in den feinen Kies. Kommst du endlich? fragte er, ärgerlich aufblickend. Fräulein von Wallbach will sich von den Damen noch verabschieden, sagte der Graf, an des Freundes Seite Platz nehmend, – dergleichen geht nicht so schnell; wir werden wohl noch einige Minuten warten müssen. Desto besser, sagte Herr von Strummin; – ich habe ja, sowieso, noch nicht das Vergnügen gehabt, dich eine Minute lang allein zu sprechen. Also, ohne Umschweife: Es tut mir leid, aber ich muß meine fünftausend Taler wiederhaben. Das tut mir ebenfalls leid, lieber Strummin, erwiderte der Graf lachend, denn ich kann sie dir nicht wiedergeben. Nicht wiedergeben! rief Herr von Strummin, während ihm das Blut noch mehr in das rote Gesicht schoß. Du hast mir doch gesagt, daß ich zu jeder Zeit darüber disponieren könne! Wobei ich natürlich voraussetzte, daß du nicht gerade die unpassendste wählen würdest. Du weißt, daß ich morgen die Hypothek zurückzahlen muß. Weshalb hast du gekündigt! Es war unbesonnen genug! Ich habe es dir ja gleich gesagt. Ich wollte die Zinsen sparen, und wenn man für eine Million zwei wiederbekommt, – indessen – allerdings – wie die Sachen heute liegen – Kannst du von Glück sagen, daß dir das Kuratorium einen neuen Termin zur Zahlung der zweiten Rate gegeben hat, die ja morgen auch fällig war. Gewiß, sagte der Graf, es ist sehr liebenswürdig von den Herren; ich wäre in einer verteufelten Lage; aber angenehm ist meine Situation darum noch immer nicht. Die verdammte Hypothek! Mein Gläubiger ist von einer unbequemen Dringlichkeit. Er sagt, er müsse das Geld zurückhaben. Bei der Gelegenheit erfährt man vielleicht, wer dein Gläubiger, mit dem du so geheimnisvoll tust, eigentlich ist. Ich habe mein Ehrenwort gegeben – Dann nicht! Ist mir übrigens auch ganz gleich, und wenn du morgen eine halbe Million an den betreffenden Herrn zahlen kannst, wirst du meine fünftausend auch wohl aufbringen. Ich weiß ja noch gar nicht, ob ich werde zahlen können! rief der Graf ungeduldig; – das ist es ja eben! Ich habe meinem Bankier – es ist nicht Lübbener mehr – Haselow \& Kompagnie – ich konnte mit Lübbener nicht mehr auskommen – illimitierte Verkaufsorder gegeben. Wenn aber morgen unsere Aktien noch mehr heruntergehen – sie standen vorgestern schon fünfundvierzig – Und gestern fünfundzwanzig. Unmöglich! rief der Graf. Ja, Mann, bekümmerst du dich denn um gar nichts? Ich – ich – ich habe meine Korrespondenz in letzter Zeit – die Anwesenheit der Damen hier – ich bin jetzt so in Anspruch genommen – Scheint so, erwiderte Herr von Strummin, einen Brief aus der Tasche ziehend. Habe es mir gestern von meinem Bankier schreiben lassen, da ich die Geschichte kommen sah; trage es seit heute morgen mit mir herum, war auch schon vorhin in Golm, es dir zu sagen. Er hatte den Brief entfaltet: »Sundin-Wissower heute massenhaft zu fünfunddreißig offeriert, ohne Abnehmer zu finden, stiegen dann wieder auf fünfundvierzig, da große Posten verlangt. Als aber bekannt wurde, daß Lübbener selbst der Käufer, um den Kurs zu halten, fielen rapide auf fünfundzwanzig bis Postschluß. Überzeugt, daß weiterer Rückgang unaufhaltbar.« – Da hast du die Bescherung! Das ist allerdings arg, murmelte der Graf Und wem verdanken wir das alles! schrie Herr von Strummin. Dir! Einzig und allein! Du hast uns erst in die Geschichte hineingesetzt, uns goldene Berge versprochen, uns dann wohlweislich im dunkeln gelassen, bis ihr euren Gründerprofit in der Tasche hattet. Dann sind wir doch wieder auf den Leim gegangen, und schließlich wirfst du eine halbe Million an die Börse und diskreditierst unsere eigenen Aktien, und ich Esel gebe dir noch mein letztes bares Geld. Und anstatt die Nase in deine Geschäfte zu stecken, wie es deine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit wäre, dammelst du hier mit den Frauenzimmern herum, und – Ich glaube, daß der letzte Punkt nichts mit der Angelegenheit zu tun hat, sagte der Graf, sich erhebend. So! rief der andere, ebenfalls aufspringend; – nichts zu tun hat! Meinetwegen, meinetwegen! Ruinier dich, wie du willst! Aber laß wenigstens andere Leute aus dem Spiel; und ich sage dir, wenn übermorgen, Schlag zwölf Uhr, nicht meine fünftausend Taler, die ich dir auf Ehrenwort geliehen habe, bei Heller und Pfennig auf meinem Tisch in Strummin liegen – Mein Gott, schrei' doch nur nicht so! sagte der Graf – du sollst dein Geld ja haben. Unsere Aktien können ja wieder steigen. Und – der Steinklopfer läuft dir nicht weg! * Else hatte die Zeit zu einem Spaziergange benutzen und – da sie Carla und den Grafen bereits entfernt glaubte – Frau von Wallbach aus Höflichkeit zur Begleitung auffordern wollen. Hut und Tuch bereits in der Hand, war sie, aus den Zimmern der Baronin kommend, arglos die Portiere zum Vorzimmer öffnend, eine sehr unfreiwillige Zeugin der pikanten Szene geworden, welche dort zwischen dem Grafen und Carla stattgefunden. In ihrer Bestürzung hatte sie die Portiere wieder fallen lassen, ohne auch nur daran zu denken, ob man sie bemerkt habe oder nicht, war die Treppe hinabgeeilt und irrte jetzt in dem Garten umher, versuchend, sich einzureden, was sie gesehen, müsse ein Irrtum, ein Blendwerk ihrer Augen gewesen sein; es sei nicht möglich, daß Carla sich so weit vergessen, ihren Bruder so schmählich verraten könne. Aber je gewaltsamer sie das abscheuliche Bild zurückdrängen, zu zerstören suchte, in desto häßlicherer Deutlichkeit stand es vor ihrer Seele. Was würde Ottomar – erfahren mußte er es ja – sagen, was tun? Vielleicht aufjauchzen, daß die Kette, die ihn fesselte, zerrissen – zur rechten Zeit! Aber das hätte Ottomar wieder nicht ähnlich gesehen. Kein Mann würde es geduldig hinnehmen – und er! Der Aufbrausende, Empfindliche, Jähzornige, der schon so oft um kleinerer und kleinster Dinge willen – ein mißfälliges Wort, ein Blick, der ihn beleidigt – im Duell sein Leben aufs Spiel gesetzt! So würde er nicht einmal eine verratene Liebe, so würde er nur die verletzte Eitelkeit zu rächen haben, mit seinem Leben eintreten für eine Sache, an die er selbst nicht glaubte, nur, weil die Gesellschaft es wollte, nur, weil in den Augen der Gesellschaft die traurige Komödie dieser Irrungen und Verirrungen durchaus einen blutigen Abschluß verlangte! Oh, dieser elenden Sklaverei, in der sie sich doch selbst einst wohlig und frei gefühlt. Es duldete sie nicht länger zwischen den hohen, geradlinigen Taxushecken und dem wirren Gestrüpp der Buchengänge, aus denen hier und da Götter und Göttinnen aus Sandstein hervorschauten in verzwickten Stellungen und mit übertriebenen Gebärden, wie erschrocken über sie, die anders denken, anders empfinden wollte als die Menschen, die ihren Stolz und ihre Freude an diesen verschnörkelten und abgezirkelten Herrlichkeiten hatten. Hinweg, hinaus! Am liebsten zu ihm, dem Liebsten, um in seinen starken Armen Schutz zu suchen vor dieser hohlen Gespensterwelt; an seiner treuen Brust ihren Zorn, ihren Schmerz auszuweinen, sich in seiner reinen Nähe rein zu fühlen von all diesem selbstgeschaffenen Jammer, diesem sinnlosen Elend, ihn nie – nie wieder zu verlassen! Und, wenn dies höchste Glück ihr auch noch versagt war, wenn sie zurückkehren mußte in die Sklaverei unmöglicher Verhältnisse – hinaus ins Freie doch! Über die braunen Wiesen, durch die grauen Felder zu den weißen Dünen, die aus der Ferne winkten, einen Blick zu haben auf das Meer, sein geliebtes Meer! Ob es ihr von dem Geliebten einen Gruß brächte, einen Anhauch seines Atems, ihr die heiße Stirn zu kühlen, die brennenden Augen zu erquicken, und wär's durch eine Träne ungestillter Sehnsucht nur. * Kein größerer Baum, hier und da nur ein paar verkrüppelte Weiden und wüstes Gesträuch an den Gräben, die sich hinüber und herüber zogen, und an dem breiteren, träge fließenden Bach, den sie jetzt auf einer baufälligen, hölzernen, geländerlosen Brücke passierte. Der Bach mußte von der Hügelkette rechter Hand kommen, an deren Fuße in großen Abständen Else die Gebäude der beiden anderen Warnowschen Güter, Gristow und Damerow, liegen sah. In ungeheurem Bogen sich herumschwingend, stieg sie allmählich zu dem Wissower Haken, der immer gerade vor ihr blieb, empor, während die Ebene nach links ohne die mindeste Erhebung sich hinstreckte bis zu den niedrigen Dünen, die nur hier und da weißlich über den Rand der Heide ragten. Nur einmal zeigte sich auf ein paar Minuten in einer Lücke, durch die der Bach seinen Ausgang nehmen mochte, ein bleigrauer Streifen, der das Meer sein mußte, obgleich es Else kaum von dem Himmel unterscheiden konnte. Denn bleigrau war auch der Himmel über ihr, nur, daß er nach Osten über dem Meere noch etwas dunkler schien als nach Westen über den Hügeln, und an dem bleigrauen Gewölbe hier und da einzelne weißliche Flecke schwebten, wie Pulverdampf, der in regungsloser Luft an derselben Stelle stehen bleibt. Kein leisestes Lüftchen regte sich, und doch schauerte von Zeit zu Zeit ein seltsames Raunen durch die Öde, als ob die braune Heide sich aus ihrem starren Schlaf losringen möchte. Und durch die schwere, trübe Luft zog es wie ein leiser, langgezogener Klageton, und dann wieder grenzenlose Stille, daß Else das Klopfen ihres Herzens zu hören vermeinte. Aber schrecklicher fast als das Schweigen der Öde war das Gekreisch einer großen Schar von Möwen, die sie aus einer der häufigen Senkungen der Heide aufgescheucht hatte und die nun, in der grauen Luft hin und her schwankend, die spitzen Schnäbel abwärts geneigt, sie lange Zeit verfolgten, wie in wütendem Zorn über den Eindringling in ihr Gebiet. Dennoch schritt sie weiter und weiter, schneller und schneller, einem Drange folgend, der keinen Widerspruch der verständigen Überlegung aufkommen ließ, der selbst stärker war als das Grauen, das aus Himmel und Erde sie mit Gespensteratem anhauchte, mit dämonischen Stimmen drohte und warnte. – Und dann kam noch eine andere schreckliche Furcht. Schon aus weiter Ferne hatte sie – am Fuße des Vorgebirges, das sich immer mächtiger heraushob, – dunkle, sich bewegende Punkte bemerkt, wie sie, jetzt näher kommend, sich überzeugte: Arbeiter – mehrere Hundert, die an einem scheinbar endlosen Damme, der bereits zu einiger Höhe aufgestiegen war, karrten und schütteten. Sie konnte nicht anders, als den Damm überschreiten; ja, wenn sie nicht einen großen Umweg machen wollte, mußte sie die langgezogene Linie der Karrenschieber durchschneiden. Sie tat es mit einem freundlichen Gruß an die, die ihr zunächst waren. Die Leute, die schon verdrossen genug schafften, ließen die Karren stehen und glotzten sie an, ohne ihren Gruß zu erwidern. Als sie eine kurze Strecke weiter gegangen, schallten Rufe und rohes Gelächter hinter ihr her. Unwillkürlich sich wendend, sah sie, daß ein paar von dem Haufen ihr gefolgt waren und erst still standen, als sie sich wandte, vielleicht auch nur durch den Lärm, den die anderen erhoben, zurückgehalten. Sie setzte ihren Weg, beinahe laufend, fort. Es war jetzt nur ein schmaler Pfad über den kurzen, verdorrten Rasen und durch die breiten Sandstreifen, mit denen die aufsteigende Lehne des Vorgebirges abwechselnd bedeckt war. Else sagte sich, daß sie den Leuten unten noch lange, bis sie die Höhe erreicht, sichtbar bleiben werde, noch jederzeit von ihnen verfolgt werden könne. Oder wenn sie zurückkehrte, während die Dämmerung tiefer herabgesunken war, die Leute vielleicht schon Feierabend gemacht hatten, kein Aufseher ihre Rohheit in Schranken hielt, die wüsten Menschen, um sie zu beschimpfen, zu schrecken, zu ängstigen, die ganze unendliche Ebene bis Warnow vor sich hatten. Sollte sie gleich jetzt umkehren, wo es noch Zeit war, einen der Aufseher um seine Begleitung bitten? Während Else so bei sich überlegte, eilte sie, als wenn ein Zauber sie zöge, mit klopfendem Herzen die Lehne hinauf, deren oberster Rand sich in gleichmäßiger, nach dem Meere zu hebender Linie scharf von dem grauen Gewölbe des Himmels absetzte. Mit jedem ihrer Schritte dehnten sich links das Meer und die Dünenkette breiter und weiter, halb schweifte der Blick hinaus, wo der dunstige Himmel mit dem dunstigen Meere zusammenfloß, und über den schön geschwungenen Bogen der Küste bis zu dem bewaldeten Golmberg, der in schwärzlicher Bläue herüberdrohte. Über die zu ununterscheidbarer Masse zusammengedrängten Wipfel ragte der Turm des Schlosses. Zwischen dem Golmberg drüben und der Höhe, auf der sie stand, – unwirtlich wie das Meer selbst, von dem sie nur durch den gelblichen Saum der Dünen geschieden war, – die braune Ebene, die sie durchwandert; – als einzige Stätte der Menschen das Fischerdorf Ahlbeck, das jetzt, hart an dem Fuße des Vorgebirges, fast unmittelbar zu ihren Füßen lag. Auch dort, zwischen den Häusern und der See auf dem breiten Strande, zogen sich lange bewegliche Linien von Arbeitern bis auf die beiden Molen, die, sich mit den Spitzen zusammenneigend, weit in das Meer hineinliefen. An den Molen ein paar größere Fahrzeuge, die ausgeladen zu werden schienen, während eine Flottille von Fischerbooten, alle in derselben Richtung, dem Ufer zustrebte. Sie hatten die Segel ausgespannt, wurden aber wohl nur von den Rudern getrieben. Seltsam stach die gleichmäßige Stellung der braunen Segel und die einförmige Bewegung der Ruder an den Fischerbooten von dem wirren Durcheinander der weißen Möwen ab, die, wie vorhin über ihr, jetzt in halber Höhe zwischen ihr und dem Ufer unaufhörlich kreisten. Wie sie jetzt höher und höher stieg, trat rechts hinüber erst ein blasser Streifen hervor – die Küste des Festlandes – dann wieder die bleigraue Fläche des Meeres, auf der sich hier und da ein Segel zeigte; endlich diesseits, unmittelbar unter ihr, eine weiße Dünenspitze, die sich allmählich nach dem Vorgebirge zu keilförmig verbreiterte, bis es eine kleine flache Halbinsel wurde, in deren Mitte ein paar Dutzend größerer und kleiner Häuser zwischen den weißen Dünen auf der braunen Heide lagen. – Das war Wissow! Das mußte Wissow sein! Und nun, da sie auf dem Punkte stand, den sie erstrebt mit dem Aufgebot all ihrer physischen und geistigen Kräfte, und, wie verlangend sie auch die Arme ausbreitete, das Ziel ihrer Sehnsucht noch so weit, so unerreichbar weit vor ihr lag – nun erst glaubte sie die stumme, schauerliche Sprache der Öde, der Einsamkeit um sie her zu verstehen: das Wispern und Raunen auf der Heide, die klagenden Geisterstimmen in der Luft: allein, allein! Unendliches Weh stieg in ihrem Herzen auf, ihre Knie wankten, sie sank in der Nähe der Blöcke auf einen Stein, drückte das Gesicht in die Hände und brach in lautes Weinen aus, wie ein hilflos verlassenes Kind. Sie sah nicht, wie ein Mann, der hinter den Blöcken, an die Signalstange gelehnt, das Meer beobachtend, gestanden hatte, von den seltsamen Lauten in seiner Nähe aufgeschreckt, hervortrat. Sie hörte nicht, wie er mit eiligen Schritten über den kurzen Rasen auf sie zukam: Else! Sie fuhr mit einem dumpfen Schrei empor. Else! Und abermals schrie sie auf – ein wilder Freudenschrei, der seltsam durch die lautlose Stille hallte – und sie lag an seiner Brust, klammerte sich an ihn, wie ein Ertrinkender: Reinhold! Mein Reinhold! Sie weinte, sie lachte, sie jauchzte immer wieder: Reinhold, mein Reinhold! Sprachlos vor Glück und Staunen über das holde Wunder, zog er sie zu sich nieder auf den Stein, auf dem sie gesessen; sie drückte ihren Kopf an seine Brust: Ich habe mich so nach dir gesehnt! Else! Geliebte Else! Ich mußte kommen, ich konnte nicht anders. Es hat mich hergezogen, wie mit Geisterhänden! Und nun hab ich dich! Oh, verlasse mich nicht wieder! Nimm mich mit dir dort hinab in dein Haus! Da ist meine Heimat, bei dir, bei dir! Er hatte sie die wenigen Schritte bis zu den Blöcken geführt und stand jetzt, seinen Arm um ihren Leib schlingend, hart an dem Rande des Vorgebirges, dessen trotzige Stirn so jäh abstürzte, daß sie da oben unmittelbar über dem grauen Meere in der grauen Luft zu schweben schienen. Sieh, Else, das ist der Sturm! Ich höre ihn, ich sehe ihn, als ob er schon entfesselt wäre! Es können noch Stunden vergehen, aber kommen wird er, kommen muß er – wie alle Zeichen verkünden: mit furchtbarer Gewalt. Die metallne Fläche da unter uns wird, in wilde Wogen gewühlt, ihren Gischt hinaufspritzen bis auf diese Höhe! Wehe den Schiffen, die nicht jetzt schon in den Hafen geflüchtet und vielleicht selbst dort nicht vor der wilden Wut gesichert sind! Wehe den Niederungen da unter uns! Ich wollte es dir heute morgen schreiben, denn ich sah es schon seit gestern, und daß ihr besser tätet, von Warnow fortzugehen, aber du wärst ja doch nicht gegangen. Ein dumpfer, rollender, in der Ferne verzitternder Ton machte sie aufhorchen, gleich darauf fuhr ein Sausen durch die Luft, ohne daß sie, selbst in dieser Höhe, eine Bewegung spürten, und dem alsbald wieder die regungslose Stille folgte. Reinhold sprang empor. Es kommt schneller, als ich gedacht. Wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Was willst du? Dich zurückbringen. Das darfst du nicht, du mußt auf deinen Posten. Ich würde mich verachten, wenn ich dich von deiner Pflicht zurückgehalten hätte; und wie könntest du mich noch lieben, deine Liebe nicht als eine Last empfinden, wenn ich es täte! Wie weißt du denn, ob du nicht in kürzester Zeit, vielleicht jetzt schon unten nötig bist? Und die Leute ratlos dastehen und nach ihrem Kommandeur ausschauen? Reinhold, bei deiner Liebe: Habe ich recht oder nicht? Wohl hast du recht, aber – Kein Aber, Geliebter! Sie waren, Hand in Hand, eiligen Schrittes den Weg, den Else vorhin bis zur Höhe hinaufgestiegen, hinabgegangen und standen jetzt an dem Querpfad, der nach beiden Seiten, auf die Warnower Heide hüben, zu der Wissower Halbinsel drüben, hinabführte. Bis zu dem Fuße bloß, bis ich dich auf dem rechten Wege weiß, sagte Reinhold. Keinen Schritt mehr! Horch, was war das? Auch er hatte es bereits vernommen – ein Geräusch, wie von Pferdehufen, die in schnellstem Tempo auf den harten Rasen schlugen, hinter der Hügelwelle, die sich vor ihnen erhob und ihnen den weiteren Blick unmöglich machte. Im nächsten Moment wurde auch schon ein Reiter über dem Hügel sichtbar. Jetzt war er oben, hielt das Pferd an, hob sich im Sattel und schien um sich zu spähen. Es ist der Graf, sagte Else. Eine tiefe Glut war in das Gesicht geschossen: – Jetzt wirst du mich doch noch eine Strecke begleiten müssen, sagte sie mit einem tiefen Atemzuge – komm! Sie hatte seinen Arm genommen. In dem Augenblicke hatte der Graf, der, über sie weg, nach der Höhe gesehen, den Blick abwärts wendend, die beiden bemerkt. Er gab seinem Pferde die Sporen und war, die Böschung hinabgaloppierend, im Nu bei ihnen. Ohne Zweifel hatte er bereits vorher Reinhold erkannt, denn, als er jetzt sein Pferd parierte und den Hut zog, zeigte sein Gesicht keine leiseste Spur von Erstaunen oder Verwunderung; er schien vielmehr Reinhold gar nicht zu bemerken, als ob er Else hier allein getroffen hätte. Das nenne ich Glück haben, gnädiges Fräulein! Wie Ihre Frau Tante sich freuen wird! Sie hält da drüben, der Wagen konnte nicht weiter – bitte um Erlaubnis, Sie bis zum Wagen zu begleiten – nicht zweihundert Schritt. Er hatte sich aus dem Sattel geschwungen und das Pferd am Zügel gefaßt. Reinhold blickte Else fest ins Auge; sie verstand und erwiderte den Blick. Wir sind Ihnen sehr dankbar, Herr Graf, sagte er, aber möchten Ihre Güte nicht einen Augenblick länger als nötig in Anspruch nehmen. Ich werde meine Braut selbst bis zur Frau Baronin begleiten. Ah! sagte der Graf. Er hatte sich im voraus an der grenzenlosen Verwirrung geweidet, die nach seiner Meinung die beiden Ertappten in seiner Gegenwart empfinden mußten, und an dem Schrecken, der die Baronin durchzucken würde, wenn er ihr sagen konnte, in wessen Gesellschaft er ihr Fräulein Nichte zu treffen das Glück gehabt. Denn daß der Mensch, nachdem er nun dazugekommen, mit einer gestammelten Verlegenheitsphrase sich hinab nach Wissow trollen würde, nahm er als selbstverständlich an. Und jetzt! Er glaubte, sich verhört zu haben; er glaubte, kaum seinen Augen trauen zu dürfen, als Else und der Mensch, als ob er gar nicht mehr da wäre, ihm den Rücken wendend, Arm in Arm weiterschritten. Er war mit einem Satz wieder in den Bügeln. So erlauben Sie wenigstens, daß ich das freudige Ereignis der Frau Baronin melde, rief er, im Vorübersprengen ironisch tief den Hut ziehend und vor ihnen her den Hügel hinaufjagend, hinter dem er dann alsbald verschwunden war. Die Baronin hatte den Wagen verlassen und kam auf die Liebenden zu. Else ließ Reinholds Arm los und eilte der Tante entgegen. Sie hatte, indem sie sie stürmisch umarmte, bereits alles Nötige mitgeteilt. Als Reinhold jetzt herantrat, reichte ihm die Baronin die Hand und sagte mit bewegter Stimme: Sie bringen mir das liebe Kind und – sich selbst; so haben Sie doppelt Dank! Er hatte den Damen in den Wagen geholfen; noch einen Druck der geliebten Hand, und das Gefährt setzte sich in Bewegung. Er durfte jetzt keine Minute mehr verlieren. Unten in Wissow waren die Leuchtbaken schon entzündet; in diesem Augenblick blinkte auch auf dem Meere ein Licht auf – das Signal nach einem Lotsen. Er sprang in mächtigen Sätzen hügelab, als dicht vor ihm aus einer Falte des Terrains, die nach rechts, tief einschneidend, in der Längenrichtung des Vorgebirges lief, ein Reiter auftauchte und auf dem Pfade halten blieb. Es war so plötzlich geschehen, daß Reinhold fast gegen das Pferd gerannt wäre. Sie haben es jetzt sehr eilig, scheint es, sagte der Graf. Ich habe es sehr eilig, erwiderte Reinhold, atemlos von seinem raschen Lauf, und wollte an dem Kopf des Pferdes vorüber. Der Graf warf es herum, so daß er jetzt die Front gegen Reinhold hatte. Geben Sie Raum! rief Reinhold. Ich bin auf meinem Gebiet, erwiderte der Graf. Der Weg ist frei. Und Sie sind für Freiheiten aller Art. Noch einmal: Geben Sie Raum! Wenn es mir beliebt. Reinhold griff dem Pferde in die Zügel, das von einem scharfen Sporenhiebe in beide Flanken hoch aufbäumte; Reinhold prallte zurück. Im nächsten Moment hatte er das lange Einschlagemesser gezogen, das er, nach Seemannsweise, stets bei sich führte. Es sollte mir leid tun um das Tier, rief er; aber wenn Sie nicht anders wollen – Ich wollte Ihnen nur guten Abend sagen, Herr Kommandeur – ich hatte es vorhin vergessen: Guten Abend! Der Graf zog mit höhnischem Gelächter den Hut, warf das Pferd abermals herum und jagte, seitwärts ab, in die Senkung zurück, aus der er hervorgekommen war. * Es war bis nach Hause wenig zwischen den Damen gesprochen worden. Die Tante schien unter einer tiefen Abspannung zu leiden; dazu die unsichere, eilige Fahrt auf dem schlechten Wege, der sich, wie Reinhold vorausgesagt, bei der seltsam schnell herabsinkenden Dunkelheit, kaum noch von der Heide abhob. Else schrieb ein paar herzliche Zeilen an den Vater. Sie hatte das Briefchen einem alten, sichern Diener zur Versorgung übergeben und schritt nun in wundersamer, halb banger, halb freudiger, ja übermütiger Erregung in ihrem Zimmer auf und nieder: »Else von Werben, Lotsenkommandeur Reinhold Schmidt, Verlobte. Berlin – Wissow!« Ein Lotsenkommandeur? Was ist das eigentlich? – Und Wissow? Weiß keine von den Herrschaften, wo Wissow liegt? – Wissow, meine Herrschaften, ist eine kleine sandige Halbinsel mit etwa zwanzig Häusern, von denen keines ein Viertel so groß sein soll wie das Jagdschloß auf Golmberg oder auch nur wie eines der Wirtschaftsgebäude vom Stammschloß Golm, an dessen steinernem Hoftore man auf dem Wege von Prora nach Warnow vorüberkommt. – Wie wunderlich! – Freilich! Aber sie hatte immer einen wunderlichen Geschmack! Else zuckte zusammen, als jetzt, wie sie so am Fenster des Erkers vorüberhüpfte, ein greller Blitz die weite Ebene vor ihr in ein fahles Licht tauchte und alsbald ein langhin rollender Donner die Fenster klirren machte. Und dann war's, als ob ein Erdstoß das Schloß in seinen Grundfesten erschütterte; von dem hohen Dach prasselten die Ziegel, Jalousien klapperten herunter, Türen krachten zu, ganze Fenster mußten auf einmal herausgerissen sein, während es um die Mauern, um die Giebel, durch die Fugen und Ritzen winselte und zischte und heulte. Ein Laufen und Rennen und Rufen war im Schloß; Tritte näherten sich ihrer Tür. Es war die alte Kammerfrau der Tante: Ob das gnädige Fräulein nicht zur gnädigen Frau kommen wolle? Else erschrak über das todbleiche, verweinte Gesicht. Sie konnte nicht anders denken, als daß der Schrecken über den fürchterlichen Donnerschlag das physische Unwohlsein der Tante bis zu diesem Grade gesteigert habe. Nein, nein, murmelte sie: Das ist es nicht, ich muß dich haben, du mußt bleiben, aber nicht, weil ich mich vor dem Wetter fürchtete – ich fürchte mich vor etwas, das viel schrecklicher ist. – Ich trage es nicht länger! Jetzt ist der rechte Augenblick, oder nie! Ich muß es von der Seele haben, ich muß – ich muß! Draußen tobte der Gewittersturm und donnerte gegen das alte Herrenhaus in langen, ungleichmäßigen Stößen und pfiff und heulte an den Wänden, zwischen den Giebeln hin, wie rasend vor Wut, daß er auf einen Widerstand traf, daß dieser Widerstand seiner Allmacht zu trotzen versuchte. So wird er rasen, sagte Valerie schaudernd, wenn er morgen kommt und sein Opfer fordert und es nicht folgen will, nicht folgen wird und wenn er sein Ärgstes täte und wenn er es vernichtete. Ja, Else, er kommt morgen; ich fand den Brief vor, als wir zurückkamen. Sein teuflischer Plan ist reif, der Ottomar, dich, euch alle zugrunde richten soll. Ich selbst kenne diesen Plan nur zum Teil. Felsenhart, wie sein Herz ist – er hat es doch empfunden, daß meine Seele sich von ihm gewandt hat, wie sehr, wie ganz, – das weiß er, das ahnt er freilich nicht, sonst lebte sie sicher nicht mehr, die er doch einst, so weit er lieben kann, geliebt, und die ihn so grenzenlos geliebt hat! Den du gekannt haben müßtest in seiner Jugend Schönheit und Glanz, um zu begreifen, wie selbst reine Frauen dem Zauber nur schwer zu widerstehen vermochten. – Es war so: Ich war in Herz und Phantasie ohne Zucht und Scham, ich muß es gewesen sein, wie hätte es sonst geschehen können, daß die Verlobte, deren Hochzeit in wenigen Wochen sein sollte, nur einen Moment brauchte, um in rasender Leidenschaft für einen Mann zu entbrennen, den sie zum ersten Male sah, vor dem überdies selbst ihr stumpfes Gewissen sie warnte! Ich könnte sagen: Es war ein Rausch, der mich in die Arme des Entsetzlichen, das heißt in mein Verderben stürzte. Aber daß dieser Rausch so lange anhielt, daß ich wußte: Ich war berauscht, daß ich berauscht sein wollte! Es erscheint mir jetzt alles wie ein wüster Traum, trotzdem die goldene Sonne Italiens ihn durchleuchtet, Orangendüfte ihn umwehen, die sanften Fluten des blauen Meeres ihn umschaukeln. Mein Gatte hatte nach wenigen Monaten den törichten Kampf aufgegeben; er war abgereist – geschlagen, gebrochen, ohne auch nur noch die Kraft zu haben, eine Entscheidung herbeizuführen, mir schriftlich nur überlassend, solange fern zu bleiben, wie es mir beliebe. Ob er gehofft hat, diese scheinbare Großmut werde mich rühren, der Entfernte stärker zu meinem Herzen sprechen als der Anwesende, die Trennung mich lehren, was ich an ihm verlieren würde, bereits verloren habe – ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich für seine jämmerliche Flucht, wie ich es nannte, nur Spott und Hohn hatte, ohne einen Schatten des Mitleids an ihn dachte, wenn ich überhaupt an ihn oder an irgend etwas anderes dachte, als meine Freiheit in gierigen Zügen zu genießen. Unsere Hoffnung war, daß mein Gatte selbst auf Scheidung dringen werde und, da wir – Dank der teuflischen Gewandtheit des Fürchterlichen – die Sitte scheinbar nie verletzt hatten, mein Gatte freiwillig gegangen war, ich nicht ihn, sondern er mich verlassen, konnte die Scheidung nicht anders, als zu meinen, das heißt zu unsern Gunsten ausfallen – waren doch unsere Geschicke von jetzt an unauflöslich verbunden! Und nun kam ein Umstand, der – o Else, habe Erbarmen mit mir! Wir hofften auf meines Gatten Tod. Von Giraldis Spähern – er hat sie ja über die ganze Erde verbreitet – war uns berichtet, daß mein Gatte krank sei; dann, daß seine Krankheit eine bedenkliche Wendung nehme; endlich, daß die Ärzte keine Hoffnung gäben, wenn auch die Auflösung so bald nicht erfolgen werde. Wir zitterten vor der Botschaft, die mich an sein Krankenlager rufen würde. So leicht freilich sollte man uns nicht finden. Wir hatten uns den einsamsten Ort gewählt; meine alte Feldner war unsere einzige Begleitung. Das schönste Knäblein wurde geboren und, sobald ich dem Schrecklichen folgen konnte, dort in den Händen der Treuen zurückgelassen. Ich mußte mich ja wieder in der Welt zeigen! Und keine Gewissensbisse! Nicht einmal das Verlangen, das unschuldige Kind da oben im Gebirge zu sehen, von ihm zu hören! Sage, daß ich wahnsinnig war, es ist vielleicht das rechte Wort. Aber noch immer lebte mein Gatte, und von der Feldner kam die Nachricht, daß Reisende – Bekannte von uns – durch ihr Bergnest gekommen waren; daß sie durch einen Zufall nur der Entdeckung entgangen sei. Die treue Seele bat, sie und das Kind aus ihrer Vereinsamung zu erlösen; sie fragte, ob ich das holde Geschöpf denn nicht einmal sehen wolle, eine Königin würde stolz auf ein solches Kind sein! Berauscht, wie ich war, von dem Gifttrank sündenvoller Leidenschaft, den niemand so fein wie er zu mischen verstand – der Notschrei der Guten drang doch zu meinem verstockten Herzen. Ich wollte mein Kind sehen, ich wollte es um mich haben; es gehöre zu meinem vollen Glück; nichts als ein volles, ja übervolles Glück könne mir jetzt noch genügen. – Er mußte seine ganze Überredungskunst aufbieten, mich von einem Schritte abzuhalten, der, wie er mir bewies, unser ganzes, so sorgsam geplantes Spiel über den Haufen werfen mußte. Er teilte mir seinen Plan mit. Wir hatten im Frühjahr Paestum besucht. Der junge, hübsche Kustos, der uns in den Ruinen herumgeführt, war mir in angenehmer Erinnerung geblieben, ebenso wie die rundliche, kleine Frau, die er unlängst erst heimgeführt. Ich hatte die beiden armen Menschen um ihr freies Glück beneidet. – Das seien die rechten Leute, sagte Giraldi, ihnen unsern Cesare anzuvertrauen; die junge Frau werde den Zuwachs ihrer Sorgen leicht genug tragen, der kräftige Gatte dem Kinde ein trefflicher Beschützer sein; überdies sei durch die in Paestum selbst stationierte Militärwache die Sicherheit auf das ausreichendste verbürgt. Ganz anders freilich lautete der Bericht der Feldner. Sie schilderte voller Entsetzen die Wüstenei, über deren verbrannte Fläche die Malaria ihren Giftodem hauche, die bleichen Fiebergesichter der armen Bewohner in den verfallenen, schmutzigen Hütten. Und als wäre das Schicksal ihm verpflichtet: An einem der nächsten Tage schon kam die Nachricht, der Ärmste hier in Warnow hatte ausgeatmet! Eine namenlose Angst überfiel mich. Vergebens jetzt, daß Giraldi mich zu beruhigen suchte. Die Unmöglichkeit, zu dem Kinde zu gelangen; die Furcht, es zu verlieren, es vielleicht bereits verloren zu haben, machten mich fast rasend. Giraldi selbst mußte es endlich zugeben: Der Himmel, tröstete er, werde Ersatz schenken. Der Himmel wollte den unnatürlichen Eltern kein zweites anvertrauen: Das so ruchlos hingeopferte, blieb das einzige. Und hier greife ich in meiner Erzählung um Jahre vor, wenn ich sage, ich danke Gott, daß es das einzige geblieben, ja mehr! Ich schaudre vor dem Gedanken, jenes Kind der Sünde und Schande könne wirklich noch leben, es könne eines Tages wieder auftauchen aus dem Dunkel, das es so lange Jahre verschlungen; vor mich hintreten und sprechen: Hier bin ich, Cesare, dein Sohn! Das ahnt er, das weiß er. Und deshalb ist es kein Zufall, daß er gerade jetzt wieder und wieder das Schreckbild heraufbeschwört. Ach! Keiner versteht die teuflische Kunst wie er! – Cesare sei nicht gestorben; Cesare lebe, wandle auf Erden in Knechtsgestalt, um in kürzester Frist die Bettlerhülle abzuwerfen und vor uns dazustehen in leuchtender Schönheit. Längst belügt er mich, wie alle Welt. Das letzte Mal, daß er mir, glaube ich, seine Pläne, und auch da wohl nur zum Teil, enthüllte, war an dem Morgen nach meiner Ankunft in Berlin, wenige Minuten, bevor ich dein liebes Antlitz zum ersten Male sah. Ich darf und will dich nicht mit den widerwärtigen Einzelheiten behelligen; es sei dir genug, zu wissen, daß ich mit dem Mut, ihm zu trotzen, auch die Macht habe, seine Pläne zu vereiteln. Das Netz, in dem er euch zu Fall zu bringen wähnte, wird sich über seinem schuldbeladenen Haupte zusammenschnüren! Wenn er mir morgen hohnlächelnd mit der Kunde entgegentritt, die ihm mitzuteilen der Graf und Carla sich beeifern werden, daß Else von Werben ihr Erbe verscherzt hat – er soll die Antwort hören! Und wenn er triumphierend meldet, daß Ottomar zu seiner verratenen Liebe zurückgekehrt ist und ebenfalls sein Erbe verscherzt hat – ich will ihm die Antwort nicht schuldig bleiben. * Auch durch Berlins geradzeilige Straßen sauste heute abend der Sturm. Mag er doch! Was kümmert's uns! Überall floß der Champagner in Strömen; die zahlreichen Diener hatten zu tun, die geleerten Flaschen in den silbernen Eiskübeln durch neue zu ersetzen. Dabei schien man gegen etwaige Nachlässigkeiten der Bedienung sehr empfindlich zu sein. Man schalt die Leute, man wollte von der ersten Marke haben, die zweite tauge ganz und gar nichts; man half sich von Tisch zu Tisch mit diesem Wein, mit jener Schüssel aus. Philipp ging jetzt, das Glas, das oft wieder gefüllt werden mußte, in der Hand, von Tisch zu Tisch, hier mit Lobsprüchen über das glänzende Fest, dort mit kordialen Zurufen, famos, alter Kerl! Brav gemacht, mein Junge! – An nicht wenigen Stellen mit lautem Hallo und Hurra und Gläserschwingen begrüßt, während man sich an andern erst darauf besinnen zu müssen schien, daß der Herr in weißer Krawatte und Weste mit der massiven Stirn und dem höflichen Lächeln auf dem roten, rasierten Gesicht, der da mit halbgefülltem Glase vor ihnen stand, der Wirt des Hauses sei. Philipp hatte die Runde durch den Saal gemacht und mußte nun auch dem Wintergarten seinen Besuch abstatten, der sich mit seiner vollen Breite rechtwinklig in den Saal öffnete. Er stieß hier sogleich auf eine größere, von jungen Leuten besetzte Tafel, die ihn mit solchem Enthusiasmus empfingen, daß er darüber einen kleineren Tisch in der Nähe zu übersehen schien und eben, den jungen Leuten mit der Hand winkend und noch ein Scherzwort zurufend, vorüber und weiter wollte, als eine heisere, wohlbekannte Stimme sagte: Nun, Schmidt, sollen wir nicht der Ehre gewürdigt werden? Ein Zucken flog über Philipps Gesicht, aber es strahlte wie in freudigsten Überraschung, als er sich jetzt umwandte und, beide Arme erhebend, rief: Endlich, ja zum Tausend, Lübbener, Herr Geheimrat! Wo haben Sie denn gesteckt? Glaubte wahrhaftig, sollte ganz um das Vergnügen kommen! Und so mutterseelenallein! Daran erkennt man den Löwen! Nachzügler! sagte der Geheimrat, an das hingehaltene Glas anklingend; machte sich so! Wenn Sie sich nur amüsieren! rief Philipp. Aber gottvoll! rief Lübbener. Wir sehen hier in beide Räume; bester Platz unter allen! Gebührt Ihnen auch, rief Philipp, der beste Platz im Saale, der beste im Hause! Wo wären Saal und Haus ohne Sie! Mein guter Hugo, alte treue Seele! Wie von Rührung übermannt, hatte Philipp den kleinen Mann umarmt und hielt ihn, der sich nicht zu sträuben wagte, noch an seine Brust gedrückt, als ein paar Schritte von ihnen eine überlaute Stimme rief: Meine Herren! Oh weh! sagte Philipp, Lübbener aus seiner Umarmung lassend. Meine Damen und Herren! Steigen Sie auf einen Stuhl, Norberg! Steigen Sie auf zwei Stühle, Norberg! Der eine tut's nicht! Meine Damen und Herren! Lauter, lauter! Meine Damen und Herren! Das Sprichwort sagt: Jedermann ist seines Glückes Schmied – Bravo! Nur, daß leider das Schmieden nicht jedermanns Sache ist, und so wird es denn auch meistens danach. Zum Schmieden gehört eben ein Schmidt – Sehr gut! Still da! Und wenn ein Schmidt sein Glück schmiedet, so dürfen wir versichert sein, daß es eine Arbeit ist, mit der er sich vor Meister und Gesellen sehen lassen kann. Ausgezeichnet! Bravo, bravissimo! Und, meine Damen und Herren, die Meister und besonders wir jungen Gesellen, die wir noch viel zu lernen haben und lernen wollen, werden ihm auf die Finger sehen, ob wir vielleicht loskriegen, wie er es macht und mit was für Werkzeug er arbeitet; denn das Werkzeug – das ist die Hauptsache! Es war beinahe vollständige Stille eingetreten; Herr Norberg, jetzt seiner Sache sicher, fuhr in pathetischem Tone fort: Welches aber ist sein Werkzeug? Natürlich zuerst der Amboß – der Amboß, der unerschütterliche, aus dem Gußstahl der Redlichkeit – Hört! Hört! - der Redlichkeit, die jeden Schlag und Stoß vertragen kann, weil sie fest in sich selber ruht und, wenn ich mich so ausdrucken darf, glatt poliert durch den guten Leumund aller Redlichen – Ausgezeichnet! Bravo! Bravo! Er sprach in der überschwenglichen Weise, in der er begonnen, weiter von dem »wuchtigen Hammer der Kraft«, den der Meister, den er feiere, wie kein andrer, zu schwingen wisse; von der »unermüdlichen Zange der Energie«, mit der er einmal gefaßte Pläne festhalte, von dem »Blasebalg« sogar »des vollatmigen Mutes«, der die Flamme der Begeisterung, die zu allem Schaffen gehöre, immer wieder von neuem in der eigenen Brust und in den Herzen seiner Mitarbeiter entfache. Endlich als Schlußstein gleichsam des Gebäudes seines Glückes, oder, um in dem Bilde zu bleiben, als letztes Glied der langen Kette rühmlichster Werke, die er geschmiedet, dieses Haus, das man wohl ein Schloß nennen dürfe, zu schaffen, das er so groß, so prächtig nicht für sich hergerichtet habe, denn er sei der bescheidenste der Menschen, sondern für seine Freunde, die er heute zu Hunderten, als Repräsentanten der übrigen Tausende, um sich versammelt und die nun ihre repräsentative Eigenschaft durch ein dreimaliges, für tausendfach geltendes Hoch auf den braven uneigennützigen Schmidt und Schmied seines Glückes betätigen möchten. Die Gesellschaft entsprach, die einen aus Überzeugung, die meisten in der Weinlaune, nicht wenige aus bloßer Höflichkeit mit überlauten, von der Tafelmusik mit lärmenden Fanfaren begleiteten Hochrufen dieser Aufforderung, während der Redner von dem Stuhle herabstieg und den Dank des Gefeierten und die Glückwünsche der Genossen mit stolzer Bescheidenheit entgegennahm. Herr Norberg wohlgefällig: Aber nun, Schmidt, alter Junge, 'rauf auf das Seil! Das hilft Ihnen nichts! Der große, stattliche Mann, der jetzt auf dem Stuhle stand, war freilich sichtbar genug. Und da man sein Erscheinen auf diesem Platz bereits erwartet hatte, trat alsbald wenigstens so viel Ruhe ein, daß er mit einigem Anstand beginnen konnte. Er wolle sich kurz fassen, und er sei glücklicherweise in der Lage, es zu dürfen. Ein Dank, wie er ihn für die ausgezeichnete Ehre, derer man ihn soeben gewürdigt, für das Wohlwollen, für die Freundschaft, ja, er wage das Wort: für die Liebe empfinde, mit der man ihn überschütte, – ein solcher Dank sei, herzlich, wie er empfunden, auch in wenigen Worten, die von Herzen kämen, gegeben. Es sei seine Kraft, sein Mut, es sei seine Redlichkeit gerühmt worden – das seien Eigenschaften, die er, zumal die letztere, von jedem Manne verlange, und so dürfe er hoffentlich einen Minimalanteil des so überreich gespendeten Lobes akzeptieren. Aber, meine Herrschaften, wo ist der Kopf geblieben? Der Verstand, die Intelligenz? Sie werden mir sagen, die sind eben nicht vorhanden. – Unsereiner ist kein Fürst-Reichskanzler, der nicht bloß das Herz, sondern auch den Kopf auf dem rechten Flecke hat. Ja, meine Herrschaften, ich gestehe: Er ist mein Ideal; aber – ein unerreichbares! Was eine welthistorische Größe, wie er, in sich vereinigt, die verschiedensten und doch sämtlich nötigen Eigenschaften, wenn man Erfolg haben will – dazu müssen wir kleinen Leute uns assoziieren. Und für mich ist es kein Spiel des Zufalls, sondern eine Fügung und sichre Bestätigung, daß in diesem Moment, ohne vorhergegangene Verabredung, wie Sie mir aufs Wort glauben werden, die beiden Männer neben mir stehen, die im geschäftlichen und in jedem Sinne des Wortes meine Sozii sind; und in dieser Sozietät, wenn ich wirklich das Herz sein sollte, ganz gewiß das Departement des Kopfes inne haben: Hier rechts von mir Herr Geheimrat Schieler, hier links von mir Herr Bankier Hugo Lübbener! Brausender Beifall erhob sich, der zum schallenden Gelächter wurde, in das selbst die Unbefangenen einstimmten, als im nächsten Augenblick, von unwiderstehlichen Händen der Halbberauschten getragen, gehoben und festgehalten, die von Philipp zitierten Herren in Person rechts und links von ihm auf Stühlen erschienen. Philipp erfaßte mit rascher Geistesgegenwart die Hände der beiden und rief: Da habe ich sie, da halte ich sie, meine beiden Köpfe, die nur einer, und, alles in allem, mit mir eines, ein Herz und eine Seele sind! Ich wollte Sie nun eigentlich bitten, diese beiden, ohne die ich gar nichts wäre, leben zu lassen; aber, da wir drei eben eines, und wir uns doch, bei aller Lebenslust, hier nicht wohl selber leben lassen können, ersuche ich – ersuchen wir Sie, denen ein Hoch zu bringen, denen wir verdanken, daß wir alle heute abend hier – und ich denke: vergnügt – beisammen sind: Dem Baumeister dieses Hauses und den übrigen Künstlern, die es geschmückt haben, ein donnerndes Hoch! Der Sturm brauste noch fort, als Anton, der Kammerdiener, an Philipp herantrat, der in einer Gruppe von Herren stand, die alle zugleich unter heftigen Gestikulationen auf ihn einsprachen. Anton mußte es sehr dringend haben, denn er zupfte seinen Herrn wiederholt am Ärmel und zog ihn fast gewaltsam aus der Gruppe heraus. Philipps Gesicht war hoch gerötet gewesen; aber bei den ersten Worten, die der Diener ihm, der sich nur unwillig neigte, ins Ohr flüsterte, wurde es erdfahl. Er zog jetzt selbst den Mann hastig noch ein paar Schritte seitwärts. Wo ist der Herr? Er steht da nebenan im Billardsaal, erwiderte Anton. Hier ist seine Karte. Der Diener war ebenso blaß wie sein Herr, er brachte die Worte kaum durch die klappernden Zähne. Begleitungsmannschaft? Sie sind vorn im Vestibül, und auf der Straße und auf dem Hof – ach, Herr, Herr! Still! Willst du mir helfen? Gern, Herr! Philipp sagte dem Mann ein paar Worte ins Ohr, der sich dann eilig durch den Saal in das Vestibül entfernte, von wo er, unaufgehalten, durch eine Tür in die Souterrainräume verschwand. Philipp stand ein paar Momente da, die kräftigen Lippen fest zusammengepreßt, die starren Augen auf den Boden geheftet. Das hatte er nicht erwartet; er hatte gehofft, noch mindestens eine Woche Zeit zu behalten – der Teufel hatte es dem Lübbener eingegeben. Indessen – der große Coup wäre am Ende doch mißglückt, und jetzt hatte er noch das bare Geld, vorausgesetzt – es mußte eben gewagt sein! Herr Kommissar Müller? fragte Philipp, der noch die Karte in der Hand hielt. Habe die Ehre! erwiderte der Kommissar, die Arme so langsam von der Brust wegnehmend, daß er Philipps ausgestreckte Hand nicht wohl ergreifen konnte. Und was verschafft mir das Vergnügen? fragte Philipp. Das Vergnügen dürfte wohl nur ein recht mäßiges sein, Herr Schmidt. Ich habe einen Verhaftsbefehl gegen Sie. Aus der Gesellschaft heraus? Aber Herr Müller, vierhundert Personen, denken Sie! – Ohne Wirt! – Das ist ja schlechterdings unmöglich! Es muß möglich sein. Dann ist es nicht nötig. Sie sind mein Gast – Toilette um diese Stunde gleichgültig – bleiben mir zur Seite, versteht sich – Vetter, der eben angekommen, was Sie wollen! Ihre Leute – in Zivil, nehme ich an, wie Sie – amüsieren sich unterdessen himmlisch mit meinen Leuten. Hernach fahren wir gemeinschaftlich in meinem Wagen – Sehr gütig! Für einen Wagen ist bereits gesorgt, er hält auf dem Hofe unter einem paar Dutzend Equipagen. Wir brauchen also das Vestibül, soviel ich weiß, gar nicht wieder zu passieren. Sie sehen, Herr Schmidt, ich gehe mit der größten Rücksicht zu Werke; muß nun aber freilich bitten, meine Geduld auf keine längere Probe zu stellen. Nun denn! Wenn Sie nicht anders wollen; aber umziehen werde ich mich doch hoffentlich dürfen? Dagegen habe ich nichts. Sie werden sich freilich meine Gegenwart dabei gefallen lassen müssen. Meine Pflicht, Herr Schmidt! Er berührte Philipp am Arm und sagte mit leiser Stimme: Wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, keinen Fluchtversuch zu machen, der nebenbei sicher resultatlos sein würde, kann ich Ihnen – der Kommissar winkte mit dem Kopfe rückwärts – diese Begleitung wenigstens ersparen. Keinen Fluchtversuch! sagte Philipp lachend; – ei, Herr Kommissar! Ich denke an nichts anderes, ich verschwände hier in dem Parkettboden oder durch die Wand da, wenn ich nur könnte. Philipp hatte in dem Korridor, auf dem sie jetzt standen, eine Tür geöffnet. Dies ist ein Durchgangszimmer, sagte er in einem Tone der Erklärung; nun wäre es mir lieber, wenn wir rechts durch jene Tür in meine Wohnräume gingen, die heute noch mit zu den Gesellschaftsräumen gezogen sind; aber, da es halt nicht kann sein, müssen wir durch diese links in mein Schlafzimmer. Hier – bitte, Herr Kommissar! – Mein Toilettenzimmer – das letzte in der Reihe – und dunkel; aber dem läßt sich abhelfen. Philipp hob einen der Armleuchter, den er im Schlafzimmer von der Konsole unter dem Spiegel genommen, und leuchtete umher, wie um den Kommissar zu überzeugen, daß in den Wänden, die die aus Eichenholz geschnitzten Schränke frei ließen, keine zweite Tür und die, durch die sie eingetreten, der einzige Ein- und Ausgang war. Er hatte den Armleuchter auf einen Tisch gesetzt, sich den Frack ausgezogen und öffnete jetzt einen der Schränke. Ich werde, während Sie sich umziehen, in Ihrem Schlafzimmer warten, sagte der Beamte. Bitte, erwiderte Philipp, der seine weiße Weste abwarf und die Krawatte abknöpfte; – hoffe, daß Sie die Fauteuils nach Ihrem Geschmack finden. Der Beamte war wieder in das Schlafzimmer getreten, ohne die Tür ganz zu schließen, und hatte in einem der prächtigen Lehnsessel Platz genommen. Herr Schmidt, der während der letzten fünf Minuten auf Morgenschuhen gegangen sein mußte, schien abermals an einen Schrank getreten zu sein, an dem er kramte: Lackstiefel – unmöglich – das sind die rechten – so – hörte der Beamte ihn, wie im Selbstgespräch sagen. Das Knarren eines Stuhles – er war ein schwerer Mann – ein halblautes Fluchen – die Stiefel konnten nicht leicht angehen – dann Stille. Lautlose Stille für eine Minute, während der Kommissar Müller sich aus seinem Fauteuil erhoben hatte und an das Fenster getreten war, über das Glasdach des Hofes hinüber die hellerleuchteten Fenster des Ballsaales zu betrachten, hinter denen jetzt einzelne Damen und Herren sichtbar wurden. Herr Kommissar Müller trat vom Fenster zurück in das Zimmer. - Sind sie fertig, Herr Schmidt? Keine Antwort. Sind Sie – Herr Gott, der Mann hat sich ein Leid getan – Der Beamte stieß die angelehnte Tür auf – der Armleuchter brannte auf dem Toilettentisch – Kleider und Wäsche waren umhergestreut – das Zimmer war leer. Machen Sie keinen schlechten Scherz, Herr Schmidt, sagte der Beamte mit einem Blick auf die großen Schränke, deren Türen zum Teil offen standen. Aber er glaubte nicht mehr an einen Scherz, als er jetzt, nachdem er hastig in die offenstehenden Schränke hineingeblickt, mit dem Armleuchter über die in Holzfarbe ausgeführten Ledertapeten der Wände rechts und links und hinauf und hinab leuchtete: Keine Spur einer Tür! Und doch! Es mußte eine da sein! Da endlich! Diese kaum merkliche Ritze, da, wo der dunklere Streifen der Tapete die hellere Täfelung einfaßte – wundervoll gemacht – hier unten, kaum sichtbar, das winzige Schloß – Herr Müller drückte, stieß gegen die Tür – um sofort zu hören, daß sie von Eisen war und seiner größten Anstrengungen spotten würde. Er lief aus der Garderobe in das Schlafzimmer – die Tür nach dem Durchgangszimmer war verschlossen! Da rechts neben dem Drücker dasselbe Schloß wie an der Tapetentür – nicht größer als die Schlüsselöffnung auf dem Zifferblatt einer Stutzuhr! Er war gefangen! Sechstes Buch Der General war an seinen Arbeitstisch getreten, auf dem ein Brief, den vor einer Viertelstunde Herr von Wallbach durch seinen Diener gesandt hatte, offen lag. Vornübergebeugt, die Hand auf den Tisch stemmend, in dumpfer Betäubung, mechanisch fast las er ihn noch einmal, richtete sich dann mit einem tiefen Atemzuge auf und fuhr sich über die buschigen Brauen, als wolle er das Furchtbare, was er da eben gelesen, aus seiner Seele wegwischen wie einen bösen Traum. Nicht bloß, was er gelesen! Zwischen den Zeilen flirrten und wirrten unheimliche Dinge, die er selbst, während er las, hineingeschrieben, eben wie in einem bösen Traum das eigentlich Entsetzliche nicht die Bilder sind, die an der geängstigten Phantasie vorüberziehen, sondern die Erwartung des Grauenvollen, das demnächst kommen wird. Eine Verlobung, die zurückgeht – das war schon oft dagewesen und mochte wieder geschehen; ja, es war eine Bagatelle, ein Nichts, sobald nur die Ehre gerettet war, sobald Ottomar mit seinem Leben für eine unangreifbare Ehre eintreten konnte. Warum sollte sich nicht Wallbachs Feigheit – er hatte den Mann immer für einen Feigling gehalten – hinter Ottomars Verlegenheiten verstecken, die »eine Höhe erreicht und einen Charakter angenommen, und es als mindestens zweifelhaft erscheinen ließen, ob Herr von Werben noch als Offizier und Gentleman, ja nur vom Standpunkte bürgerlicher Ehrenhaftigkeit satisfaktionsfähig sei«. Dies mußte aus dem Wege! Er hatte geglaubt, es sei seit jener letzten Affäre, als er im Herbst die an ihn eingelieferten Wechsel bezahlte, alles geordnet, weil ihm eben keine Wechsel mehr präsentiert wurden – er hatte sich geirrt, gröblich geirrt. Der General riß an der Klingel; er selbst war heute morgen, wie jetzt häufig, nachdem er seinen Abschied genommen, in Zivil; er wollte die Uniform anziehen. Es würde wieder ein paar Minuten kosten; aber er fühlte sich immer unsicher, wenn er die Uniform nicht anhatte – er durfte sich heute nicht unsicher fühlen. Er wollte, da August länger als nötig ausblieb, nachdem er zum zweitenmal geklingelt, sich eben in sein Schlafgemach begeben, als an die Tür gepocht wurde und auf sein ärgerliches Herein der Hauptmann von Schönau in das Zimmer trat. Verzeihen Sie, Herr General, sagte Schönau, wenn ich unangemeldet eintrete; ich fand den Diener nicht draußen, und was mich herbringt, duldet nicht den mindesten Aufschub. Das Gepräge klarster Ruhe und energischer Konzentration, das das feingeschnittene Gesicht des Hauptmanns für gewöhnlich zeigte, hatte dem Ausdruck tiefster Sorge und Bekümmernis Platz gemacht. Sie kommen in Ottomars Angelegenheit, fragte der General, seinen Schrecken bemeisternd und dem Hauptmann die Hand entgegenstreckend. Ja, Herr General; und ich bitte, ich beschwöre Sie, mir jede Aufklärung zu erlassen. Es ist aber so, daß ohne allen und jeden Verzug Ottomars heute fällige Wechsel bezahlt werden müssen. Schönau hatte bei aller Bestimmtheit mit fliegender Eile gesprochen. Dem General war kein Zweifel, daß die Gedanken des Hauptmanns in derselben Richtung wie die seinigen arbeiteten: Es könne jede Verzögerung sobald und solange Ottomar sich selbst überlassen bliebe und sich in seiner gewohnten Weise zu retten versuchte, die Situation nur erschweren, die Schwierigkeit selbst für den besten Willen der Freunde unüberwindlich machen. Wie schmerzlich auch sein Stolz unter dem Bewußtsein, die hereindrängende Gefahr nicht aus eigenen Kräften abwehren zu können, blutete – er war, noch während Schönau sprach, entschlossen, die ihm so großmütig dargereichte Hilfe anzunehmen, vorausgesetzt, daß es eine Möglichkeit war, die Schuld, die er einging, zurückzuzahlen. Er sagte das in den kürzesten Worten, indem er zugleich den Stand seines Barvermögens angab und die Summe nannte, die im besten Falle auf den Anteil, den er noch an seinem Hause hatte, zu leihen sein möchte. – Wird das genügen, fragte er, und für wieviel werde ich Ihnen verpflichtet sein? Es wird genügen, sagte Schönau. Sie haben mir auf meine letzte Frage nicht geantwortet, sagte der General. Ich bitte, mir eine Antwort zu erlassen, erwiderte Schönau, es genüge Ihnen, daß der Rest meine Mittel nicht überschreitet und daß es für mich ein Stolz und eine Ehre ist, Ihnen und – Ihrer Familie dienen zu können. Der General preßte die Lippen zusammen. Es war bitter, sehr bitter. Von einem Geräusch an der Tür aufgeschreckt, hatte er, sich wendend, den Oberst von Bohl in das Zimmer treten sehen. Ottomar war bereits bei ihm gewesen, hatte alles gemeldet, die Angelegenheit konnte jetzt ohne den Regimentschef nicht weiter geführt werden. Des Obersten immer strenges, soldatisches Gesicht trug den Stempel feierlichen Ernstes. Er sagte, nachdem er sich mit kurzen Worten über sein Eindringen entschuldigt: Sie sind so freundlich, lieber Schönau, mir Ihren Platz abzutreten. Ich habe dem Herrn General Mitteilungen zu machen, die keinen Aufschub dulden und die ich ohne Zeugen machen muß. Auf Schönaus Lippen zuckte ein Wort, aber er sprach es nicht aus, sondern verbeugte sich und sagte: Zu Befehl, Herr Oberst! Und dann, zum General gewandt: Ich bitte um die Erlaubnis, Ihrem Fräulein Schwester unterdessen meine Aufwartung machen zu dürfen; und – nach einer kleinen Pause: – Im Falle den Herren dennoch meine Gegenwart wünschenswert wäre, ich glaube, daß meine Visite bei dem gnädigen Fräulein sich in die Länge ziehen wird. Er verbeugte sich noch einmal und ging. Ich weiß alles! rief der General und sagte sich in demselben Augenblick, daß er eine Unwahrheit spreche. Der Oberst schüttelte den Kopf: Sie wissen nicht alles, Herr General; Schönau hat es Ihnen nicht sagen können oder, wie ich fast aus seiner Miene schließe, nicht sagen wollen. So bin ich auf alles gefaßt, sagte der General mit tonloser Stimme. Und wieder schüttelte der Oberst den Kopf: Ich wünsche es, obgleich ich es für unmöglich halte; machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt: Die Wechsel Ihres Sohnes, die heute fällig werden, sind sämtlich gefälscht. Der General taumelte zurück, sank in den Stuhl, die hämmernden Schläfen in die kalten Hände pressend, mit blutlosen Lippen murmelnd: Alles, alles vorbei – vorbei! Der Oberst, der selbst nur mit äußerster Mühe seine Fassung bewahrte, zog sich einen Stuhl heran und sagte: Es ist fürchterlich, ich habe nicht einmal Trostworte, denn ich weiß nur zu wohl, Sie werden den Umstand, daß es Ihr Name, der Name des Vaters ist, an dem und vermittelst dessen die Fälschung ausgeführt ward, nicht als Milderungsgrund gelten lassen. Sie haben recht, vollkommen recht, sagte der General, – das ist in der Tat irrelevant, gänzlich irrelevant. Hatte er ihn verstanden? Wußte er, was er sprach? – Der Oberst berichtete nun in seiner knappen Weise: Ottomar hatte sich gegen zehn Uhr bei ihm melden lassen und, sogleich vorgelassen, mit der Apathie gänzlicher, hoffnungsloser Verzweiflung gemeldet, daß er heute morgen Herrn von Wallbach gewisser Gerüchte wegen, die über sein Verhältnis zu Fräulein Ferdinande Schmidt einerseits und Fräulein von Wallbachs Beziehungen zu dem Grafen Golm andrerseits in der Gesellschaft zirkulierten und nur von Herrn von Wallbach hätten herrühren können, durch Herrn von Laßberg auf Pistolen habe fordern lassen. Herr von Wallbach, ohne sich auf die Wahrheit oder Unwahrheit jener Gerüchte oder über seine Beteiligung an der Verbreitung irgend weiter einzulassen, habe Satisfaktion refüsiert, bis Herr von Werben sich von dem zirkulierenden Verdacht, in letzter Zeit bei seinen Geldangelegenheiten zu unlautern Mitteln gegriffen zu haben, gereinigt. Selbstverständlich werde er – Herr von Wallbach – für diese ehrenrührige Insinuation, falls sie sich nicht bewahrheiten sollte, Genugtuung leisten. Herr von Wallbach, fuhr der Oberst fort, war seiner Sache leider nur zu sicher. Sein Gewährsmann nämlich, dessen Namen er aus, ich weiß nicht welchen Rücksichten auch gegen Herrn von Laßberg verschwiegen, konnte – nach der Versicherung Ihres Sohnes – niemand gewesen sein als eben der, mit dessen Hilfe die unglückselige Manipulation ins Werk gesetzt worden, ein Herr, dessen Name, wenn ich mich recht erinnere, letzter Zeit in dem Wallbachschen Kreise vielfach genannt wurde, – Herr Giraldi. Unmöglich! rief der General, das – das konnte mein Sohn nicht – unmöglich – Verzeihen Sie, Herr General, sagte der Oberst, ich folge in meiner Relation ganz genau der, wie ich überzeugt bin, durchaus objektiven Darstellung der Tatsachen, wie ich sie aus dem Munde Ihres Sohnes habe. Danach hat jener Herr Giraldi vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft das lebhafteste Interesse für Ihren Sohn an den Tag gelegt. Herr von Werben deutete auch an, daß Herr Giraldi seine Leidenschaft für die genannte Dame gekannt und gefördert habe. Es scheint, daß der Verführer Herrn von Werben als bequemstes Mittel, seine Verbindlichkeiten los zu werden, die Spekulation an der Börse – selbstverständlich unter anderm Namen – empfahl; daß er ihn zu dem verwegensten Differenzspiel verlockte, ihn auch anfänglich ein paarmal gewinnen ließ, bis dann plötzlich die Karten gegen ihn schlugen – und immer mehr gegen ihn, und dann – wie gewöhnlich – Wechsel gegeben werden mußten. Der Hauptmann hatte unterdessen die qualvollste halbe Stunde verlebt. In der fürchterlichen Gewißheit, daß er zu spät gekommen war, daß Ottomar verloren sei, nachdem er seinen Regimentschef offiziell von seinem Vergehen in Kenntnis gesetzt und dieser wiederum, wie er nach seiner Sinnesart und seinen Begriffen von Standesehre auch gar nicht anders konnte, den Vater mit dem Vorgefallenen bekannt gemacht. Als Schönau eintrat, fand er die beiden Herren in stummem Hinbrüten; er wagte, als der Jüngste, nicht, das unheimliche Schweigen zu brechen. Es wäre mir ganz besonders lieb, Herr Hauptmann, wenn Sie mir in Gegenwart des Herrn Generals Ihre Ansicht ohne Rückhalt mitteilten. Sie verbinden mich durch diese Erlaubnis, Herr Oberst. Es drehte sich für mich alles darum, daß der Herr General und seine Familie, wie sie es in so vollem Maße verdienen, möglichst geschont würden. Das implizierte allerdings auch die Schonung meines Freundes bis zu einem gewissen Grade. Das heißt, die Wechsel mußten, was ich mit des Herrn Generals Hilfe ausführen zu können hoffte, bezahlt und als des Herrn Generals Wechsel bezahlt werden. Ich würde dann natürlich darauf bestanden haben, daß der Unglückliche sofort unter einem Vorwande, der sich ja leicht geboten hätte, seinen Abschied nahm und sich gänzlich in das Privatleben zurückzog. Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann, und hoffe, daß die so überaus betrübende Angelegenheit auch in dienstlicher Beziehung auf die von Ihnen angedeutete Weise ihren Abschluß finden kann. Ich freue mich in diesem Sinne, daß ich, ich gestehe, in der ersten Erschütterung und Verlegenheit über das, was zunächst geschehen müsse, Herrn von Werben einen Urlaub von drei Tagen bewilligt habe, um den er selbst mich bat zur Arrangierung gewisser Angelegenheiten, die er mir nicht näher bezeichnete, wie er denn auch das Ziel der kleinen Reise, die er zu diesem Zwecke machen müsse, nicht angab. Es mag dieser Urlaub die schickliche Einleitung zu seinem Entlassungsgesuch sein, das er zugleich mit seiner Meldung einzureichen haben würde und das ich allerhöchsten Ortes zu befürworten mich anheischig mache. Ich setze dabei voraus, daß die Wechselangelegenheit in der von dem Herrn Hauptmann angegebenen Weise inzwischen arrangiert ist. Schönau warf dem Oberst einen dankbaren Blick zu und erhob sich. Er wollte das über alles Erwarten günstige Resultat, das die Unterredung gehabt hatte, nicht wieder aufs Spiel setzen und wußte nur zu gut, daß jedes Wort, das noch gesprochen würde, dahin führen könne, ja, führen müsse. Auch der Oberst hatte sich erhoben. Einen Augenblick noch, meine Herren, sagte der General. Ich danke Ihnen, meine Herren, fuhr der General fort – und er schien seine ganze Selbstbeherrschung wiedergewonnen zu haben: Ihnen, Herr Oberst, für die humane Gesinnung, die Sie dem Sohne eines anderen eine Milde beweisen läßt, die Sie dem eigenen Sohne sicher nicht erweisen würden; Ihnen, lieber Schönau, für die Liebe, mit der Sie mir nicht bloß Ihr Vermögen, sondern, wie auch der Herr Oberst, Ihre Überzeugung selbst zum Opfer bringen wollten. Ich kann dieses Opfer nicht annehmen, meine Herren. Eine falsche Ziffer verdirbt die Rechnung, eine falsche Annahme macht den Schluß hinfällig. Lassen Sie den Vater die Konsequenzen ziehen, die Sie aus Freundschaft und Mitleid nicht haben ziehen mögen. Wenn ich den Betrug meines Sohnes mit Hilfe des Herrn Hauptmanns – allein könnte ich es ja nicht einmal – auf mich nähme und also – wovor mich Gott bewahre! – erlaubte, daß jemand, der selbst nicht reich ist, wie Sie, lieber Schönau, sich für einen Betrüger zum armen Manne machte, so müßte meinem Sohn, da weiter nichts gegen ihn vorliegt, ein ehrenvoller Abschied gewährt werden. Se. Majestät, unser allergnädigster Kriegsherr, müßte die Ehrenhaftigkeit eines Mannes besiegeln, der vor Gott und seinem Gewissen – vor seinem Vater und Ihnen, meine Herren, die Sie in diesem Moment die Augen nicht aufschlagen mögen – ehrlos ist. Er könnte die, die an seiner Ehrenhaftigkeit zweifeln – und es wird ihrer genug geben – seine Feinde werden dafür sorgen – zur Rechenschaft ziehen, er, der sich sagen muß, daß sie Recht haben, daß er, indem er Satisfaktion fordert und erhält, abermals – einen Betrug verübt. So, meine Herren, würde die eine Lüge – verzeihen Sie das Wort – tausend neue Lügen gebären; und wir, wie wir hier sind, hätten dieses Lügengewebe angezettelt, müßten die, die sich darin verstrickten, ohne Warnung, ohne Hilfe lassen. Das ist ein unmögliches Verhältnis, meine Herren! Unmöglich – selbst für meinen Sohn. Und es ist unmöglich – für mich. Der Obrist stand in der bittersten Verlegenheit. Wollen wir jetzt den Herrn General allein lassen, lieber Schönau? Der General war an der Tür stehen geblieben und hörte mechanisch zu, wie ihre Schritte über die Steinfliesen des Flures, dann, an den Fenstern des Zimmers vorüber, auf der Straße sich entfernten. Nun hörte er nichts mehr als den Sturm, der draußen heulte. Sie waren gegangen, die Männer der lautersten Ehre, die Repräsentanten seines Standes, nachdem sie über den Ehrlosen, seines Standes Unwürdigen das Urteil gefällt hatten. Das Urteil lautete: Tod. Tod von seiner eigenen Hand. Und der Vater sollte es ihm verkündigen. Nein! Das nicht. Sollte es nur bestätigen, was er selbst sich ja gesprochen haben mußte; sollte nur sagen: Dein Vater billigt, was du zu tun beschlossen hast. Gott sei deiner Seele gnädig! Als August auf den Ruf der Klingel in das Zimmer trat, saß der General, abgewandt, an seinem Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt. Auf dem runden Tisch hinter ihm, auf den er früher die fertigen Akten zu legen pflegte, stand ein Kasten, auf dem Kasten lag ein Brief. Mein Sohn muß eine längere Reise unternehmen, sagte der General. Er braucht dazu meine Pistolen. In dem Brief ist der Schlüssel. Du gehst sofort hin und bringst ihm Kasten und Brief. Hernach will ich ebenfalls verreisen; du wirst, wenn du zurückkommst, meine Sachen zurechtmachen – auf ein paar Tage. Der General aber ließ, nachdem August das Zimmer verlassen, die Stirn auf die gefalteten Hände sinken und saß so lange Zeit, während manchmal sein ganzer Körper wie von wildestem Fieber geschüttelt wurde oder ein dumpfes Stöhnen sich seiner gequälten Brust entrang, betend für seines Sohnes Seele, Abschied nehmend von dem Sohne, auf den er so unsäglich stolz gewesen und der nicht mehr leben konnte mit der Schande, die er auf sich geladen; von dem Sohne, den er so sehr geliebt und den er, ach, noch immer so sehr liebte! Und nun erhob er sich – ein alter, gebrochener Mann, der nur noch eines auf Erden zu tun hatte. Dazu – das wußte er – würde seine Kraft sicher reichen. Und nicht zitternd und unter hervorquellenden brennenden Tränen wie vorhin die Pistole, die er dem Sohne geschickt – mit fester Hand und starren glühenden Augen lud er die zweite, mit der er den Schurken niederschießen wollte, der mit teuflischer Arglist seinen Sohn in Schande und Tod gelockt. * Ferdinande war heute wie immer zur gewohnten Stunde in ihr Atelier gegangen; sie hatte sogar zu arbeiten versucht; aber mit welcher stählernen Energie und wie lange sie sich nun auch bereits geübt, ihr Talent unter ihren Willen zu zwingen, und wie weit sie es auch in dieser schmerzlichen Übung bereits gebracht – heute war der Kampf vergeblich gewesen, und sie hatte wieder einmal ihre Werkzeuge fortgelegt. Zum letzten Male, sagte sie. Sie hatte eigentlich gemeint: für heute, aber das Wort, das sie laut gesprochen, hatte in dem großen, hohen Raum so eigen geklungen, als ob gar nicht sie, sondern jemand anderes es gesagt – von weit her – eine geisterhafter prophetische Stimme, daß sie erschrocken lauschend stand, ob die Stimme noch mehr sagen würde. Weshalb eine Prophetenstimme, um zu vernehmen, was das eigne gebrochene Herze längst gesagt? Cilli hatte es besser! Oh, der Glückseligen! So jung zu sterben, ohne daß je der leichteste Makel auch nur den leuchtenden Saum ihres Gewandes befleckt! Drüben, wenn es ein Drüben gab – und für sie gab es ja eines – den Himmel wiederzufinden, den sie sich schon auf Erden in ihrem keuschen, demutvollen Herzen geschaffen! Und sie nun, die Unglückseligste! Sie, für die das Drüben ein schönes Märchen war, seitdem das rastlose Gehirn da hinter ihrer brennenden Stirn zu arbeiten begonnen; sie, deren wollendes Herz einst alle Wonnen des Erdenlebens in sich einschlürfen wollte wie das Meer die Ströme, die brausend, jauchzend ihm entgegenrollen, und das nun verschmachtete, wie die dürre Wüste unter dem ehernen Himmel! Sie, deren machtvolle Natur geschaffen schien, die grauenhafte Bürde des Lebens weiterschleppen zu müssen, die ungemessenen Jahre bis zu einem späten, öden Grabe, wie ein gefangener Held unter der schweren Last, die man den starken Schultern aufgeladen, nicht hoffen darf, zusammenzubrechen, zu verzucken unter den Peitschenhieben des Treibers; wie der schwächere Gefährte, er müßte denn, die Last abwerfend, sich seinen Peinigern entgegenstürzen: Ihr oder ich! Nein, kein Oder! Der Tod war ja gewiß für den, der ihn nicht fürchtet! Fürchtete sie den Tod? Sie! Mit dem Steinbohrer da, mit dem ersten besten Werkzeug von ihrem Arbeitstisch wollte sie es vollbringen mit dieser ihrer Hand, wenn – Wenn da drinnen in dem tiefsten Herzen, wo doch noch ein verschütteter Quell sickern mußte, eine Sirenenstimme nicht klagte und lockte: Stirb nicht, sonst tötest du auch mich, die letzte von den Schwestern allen, die mächtigste! Nur ein Augenblick ist mein – nur einer und vorher Nacht und hinterher Nacht; aber er überstrahlt die Herrlichkeiten aller Ewigkeiten, dieser einzige Augenblick! – Nebenan hatten sie wieder den ganzen Morgen gepfiffen und gesungen und gelärmt, – und lauter noch als sonst, da der Meister heute nicht zugegen, und hatten sich stundenlang darüber unterhalten, und ob es wohl, wenn sie erst eine Frau Meisterin hätten, – ein Witzbold hatte das Wort aufgebracht – auch noch so lustig im Atelier zugehen werde. Nun war es still geworden, nur der Sturm sauste und heulte um das stille Haus und rasselte und rüttelte an dem hohen Fenster. * Onkel Ernst, der, die Hände auf dem Rücken, in dem Zimmer auf- und nieder geschritten war, hatte, in dumpfes Grübeln versunken, die leise Tür nicht gehen hören. Jetzt, am andern Ende des Zimmers angekommen, wandte er sich und zuckte zusammen. Cilli! sagte er mit tiefem Atemzuge. Cilli, wiederholte er, indem er nun auf sie zuging, die ihn schweigend erwartete. Er stand vor ihr. Die schweren finsteren Gedanken, in denen er eben noch gewühlt, und das engelhafter verklärte Antlitz, in das er blickte – es berührte ihn wundersam; und seine Hand, die jetzt die ihre erfaßte, zitterte, und seine Stimme bebte, als er, sie zu einem Sessel geleitend, sagte: Was führt dich zu mir, Kind? Ist dein Vater kränker geworden? Ich glaube, nein, erwiderte Cilli, obgleich ich weiß, daß er es nicht lange überleben wird. Das ist ja alles Unsinn und dummes Zeug, sagte Onkel Ernst – und die Milde in dem Ton seiner Stimme kontrastierte eigen mit den rauhen Worten. Ich weiß, wie gütig Sie sind, erwiderte Cilli, und ich hatte mir heute morgen vorgenommen, Ihnen aus dem Grunde meiner Seele zu danken für alles, was Sie an uns getan haben und an meinem armen Vater tun werden, wenn ich nicht mehr bin. Ich will davon nichts hören, sagte Onkel Ernst. Ein geisterhaftes Lächeln spielte über Cillis bleiches Gesicht. Der Tod hat eine beredte Stimme, sagte sie. Ich habe darauf vertraut, als ich mich eben zu Ihnen schleppte; und daß meine Stimme, die aus einem Herzen kommt, in dem der Tod wohnt, zu Ihrem Herzen dringen wird, das, wie rauh es auch oft scheint, doch so mild und gut gegen die Armen, die Verlassenen, die Hilflosen, die Unglücklichen ist. Sie sprach so leise; Onkel Ernst hatte Mühe, sie zu verstehen. Was wollte das arme Kind? Sprich es aus, Cilli, sagte er. Du weißt, dir könnte ich nichts abschlagen, auch wenn es mir schwer würde, es zu erfüllen. Sie dürfen es mir auch nicht abschlagen, obgleich es Ihnen sehr schwer werden wird, denn Sie sind sehr stolz, und der Stolz brachte den herrlichsten der Engel zu Fall, und Ihr Stolz blutet schon heute aus einer tiefen Wunde – verzeihen Sie, daß ich daran rühre – es ist gewiß sehr schmerzlich – aber der Herr am Kreuz vergab seinen Beleidigern – allen, und, wer sündigt, und wäre er im Menschensinne noch so klug – er weiß nicht, was er tut. Wer aber im Menschensinne sündigt, weil er liebt, mit einer solchen armen liebenden Seele fühlt ja jeder gute Mensch göttliches Erbarmen. Wie sollte es der Vater nicht, der für seine Kinder auf Erden der Stellvertreter des Vaters im Himmel und vollkommen sein soll, wie der Vater im Himmel vollkommen ist. Seien Sie barmherzig gegen Ferdinande! Nicht doch, mein Kind! Es ist ja alles – was du da sprichst – aber dir bin ich gut. Und das Papier da – das hat sie dir gegeben? Sie schritt langsam nach der Tür; dort blieb sie stehen, wandte sich, erhob beide Hände in bittender Gebärde nach ihm, der ihr mit traurig-düstern Blicken nachschaute, und tastete nach dem Griff. Sie sind alle gegen mich im Bunde, im Guten, wie im Bösen, murmelte Onkel Ernst. Er starrte auf das Blatt: »Ich sage Dir Lebewohl – für immer! Du brauchst meine Liebe nicht, – und Deine Liebe! Ich habe sie erfahren! Zertreten hast du mein Herz, zerbrochen hast Du meine Seele, – mein Herz, meine Seele, meine Liebe Deinem Stolz geopfert, hingeschlachtet – mitleidslos, wie ein fanatischer Priester. So hüllt Euch denn in Eure Pharisäertugend, labt Euch an Eurem hochmütigen Stolz! – Für uns: Willkommen die Schande! Willkommen das Elend! Willkommen der Tod!« Er preßte die Hände gegen die hämmernden Schläfen, es flirrte ihm vor den Augen, er taumelte nach dem offenen Fenster, die glühende Stirn, die Brust, von der er die Kleider gerissen, dem Sturm bietend, der ihm entgegenbrauste. Stützen Sie sich nur fest auf meinen Arm, Fräulein, hatte Grollmann gesagt, als er Cilli in der Tür in Empfang genommen. Er hätte für sein Leben gern gewußt, was sie drinnen so lange mit dem Herrn verhandelt, aber sie war so entsetzlich bleich, und ihr Atem ging so schnell und stockte dann wieder – er hatte nicht das Herz, sie zu fragen, und wenn sie die Antwort auch nur ein Wort gekostet hätte. Und dann, als sie auf dem ersten Absatz angekommen waren und sie nun trotz alledem stillstehen mußte, hatte sie ihm kaum fühlbar – es war wohl alles, was sie konnte – seine Hand gedrückt und ihm zugelächelt. Das ist ja auch eine Antwort, dachte der Alte. In der Nähe des einen der beiden hohen Fenster, da, wo Herr Anders selbst zu arbeiten pflegte, stand auf einem niedrigeren Postamente eine Büste aus weißem Marmor. Es war das Bild der Braut von Herrn Anders; Grollmann, der nun schon so viele Jahre dem Künstlertreiben zugesehen und ein halber Kenner war, hatte seine Freude an dem Bilde gehabt, wie es mit jedem Tage ähnlicher und immer ähnlicher wurde – ordentlich zum Greifen, hatte Grollmann gesagt. Auf das Bild war sie zugegangen und war davor stehen geblieben, hatte die Hände erhoben und das Bild gestreichelt, gerade als ob sie mit dem Bilde spräche – und hatte es geküßt, als ob's ein lebendiger Mensch wäre – und hatte sich auf den Schemel gesetzt, der dabei stand und auf den Herr Anders sich zu stellen pflegte, wenn er nicht zu seinen Figuren hinaufreichen konnte, – und hatte den Kopf an das Postament gelehnt und sich nicht weiter geregt. Das arme Kind! sagte Grollmann. Sie schläft wahrhaftig schon mit halbgeschlossenen Augen, und wie freundlich sie lächelt! Es ist ein Jammer, daß ich sie wecken soll; wenn ich ihr einen Mantel, oder – da liegt ja so was wie eine Decke. Grollmann tat einen Schritt und stieß an ein Trittbrett – das klappte in die Höhe; es gab ein lautes Geräusch. Ärgerlich wandte sich der Alte; er hatte sie gewiß aufgeweckt! Aber die Augen waren noch immer halb geschlossen, und sie lächelte wie vorhin. * Es war wenige Minuten vor zwölf, als an dem Abfahrtperron des Berlin-Sundiner Bahnhofes eine Droschke vorfuhr, von deren Bock August schnell herabsprang, dem General herauszuhelfen. Der General stieg die Stufen hinauf, während August sich vergebens nach einem Gepäckträger umsah. Ich sagte es Ihnen ja, rief der Droschkenkutscher, August den kleinen Koffer zulangend, unsereiner wird doch das wohl kennen. Ein Gepäckträger, der vorüberging, bestätigte die Aussage des Droschkenkutschers. Der Mittagszug ging seit dem heutigen Ersten um elf; der nächste Schnellzug in der Nacht um zwölf Uhr, wie sonst. Ein höherer Beamter trat heran; er hatte in dem Regiment gedient, das der General, als Oberst, zuletzt kommandiert: Wenn es der Herr General, wie es scheine, so eilig habe – da sei vor wenigen Minuten ein Herr auch zu spät gekommen; der Herr habe einen Extrazug verlangt; es werde schwer halten, da alle Züge heute mit zwei Lokomotiven hätten abgelassen werden müssen, des Sturmes wegen, der ja oben, nach Sundin zu, furchtbar wüten solle. Auch müßten sie ein paar Lokomotiven in Reserve halten, falls ein Unglück passierte, um so mehr, als die Telegraphenleitung nach Sundin bereits zerstört sei und sie etwaige Nachrichten nur auf großen Umwegen erhalten würden. Indessen ließe es sich doch vielleicht noch machen. Der General sagte, daß er warten solle, er wisse noch nicht, was er tun werde. August ging tief bekümmert; es war das erste Mal, solange er bei dem Herrn General diente, daß der General nicht wußte, was er tun werde. In der Tat war der unglückliche Mann in einem Seelenzustand, der an Wahnsinn grenzte. Nach der fürchterlichen Abrechnung mit seinem Sohne alles, was ihm noch von Kraft blieb, auf den einen Punkt konzentrierend: Rache, ungesäumte, unerbittliche Rache nehmen zu wollen an dem tückischen Buben, dem gleißnerischen Schurken, der ihm jetzt den Sohn geraubt, wie vormals die Schwester, und Schande über Schande auf den stolzen Namen der Werben gehäuft. Hatte er zuviel verlangt? War der Tod bittrer als die Seelenqual, die er erduldet in diesen fürchterlichen Stunden? – Ottomar mußte zu sterben wissen; er durfte nicht auf die Schande des Betruges die tausendmal größere Schande einer feigen Flucht wälzen! Und dazu – zu dieser feigen, schimpflichen Flucht – hatte Schönau Ja und Amen sagen können? Hatte er denn wirklich vorher seine und des Obersten Meinung so gänzlich mißdeutet? War er allein zurückgeblieben aus einer früheren besseren Zeit, unverstanden von dem jetzt lebenden Geschlecht, wie er es nicht mehr verstand? Wo blieb denn noch der Unterschied zwischen einem Edelmann und einem Komödianten, der von seinen Gläubigem davonläuft, einem Kommis, der mit der Kasse seines Prinzipals durchgeht – der Unterschied zwischen Ottomar von Werben und Herrn Philipp Schmidt? Es war keiner: Der bürgerliche Bankerotteur und der adlige Fälscher – sie standen auf einer Stufe. Ich höre soeben, Herr General, daß auch Sie nach Sundin wollen. Ich muß annehmen, in der gleichen Angelegenheit, die mich dorthin führt. Man hat mir in einer halben Stunde einen Extrazug versprochen. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, sich derselben Gelegenheit zu bedienen? Des Generals konzentriertes strenges Gesicht war so gramzerissen und verwüstet; die klaren, befehlenden Augen blickten so verwirrt, so hilfslos. Wie damals er, so hatte jetzt Onkel Ernst durchaus die Empfindung, daß er der Stärkere, Gefaßtere sei. Er schob dem General, der sich, schwankend fast, an den Tisch lehnte, mit höflicher Gebärde einen Stuhl hin, indem er selbst vor ihm, der seiner Aufforderung mechanisch Folge leistete, Platz nahm. Ich nehme an, Herr General, daß Sie der Brief des Herrn von Schönau erreicht hat. Der General schien es nicht verstanden zu haben; auch hatte er wirklich nur die Worte gehört. Was wußte Herr Schmidt von Schönaus Brief? Er tat diese Frage, wie sie ihm eben durch den Kopf ging. Jetzt war es Onkel Ernst, der verwundert aufschaute. Aber Sie haben doch einen Brief von Herrn von Schönau erhalten? Ja. Des Inhalts, daß Ihr Sohn – abgereist ist? Der General nickte. Vor einer Stunde – von diesem Bahnhof – nach Sundin? Nach Sundin? wiederholte der General. – Sonderbar, daß er darauf nicht sogleich verfallen war! Wenn Ottomar denn schon leben wollte, so mußte freilich die Rache an dem Schurken das erste sein. Oder war es das letzte, was er noch vor seinem Tode ausführen wollte? Er hätte es dem Vater überlassen können, aber hier war doch ein Schimmer von Licht in dieser schauerlichen Nacht, eine Spur, die wieder aus dem Herzen des Sohnes, der demnach nicht so ganz verloren war, in das des Vaters hinüberleitete. Es stand nicht in dem Billett, sagte er. Stand nicht darin? sagte Onkel Ernst, ja, mein Gott – Er brach plötzlich ab-, sein Gesicht verfinsterte sich, und seine Stimme klang rauher, fast so, wie an jenem Morgen, als er weiter fragte: So wurde in dem lakonischen Billett des Herrn auch wohl des Umstandes keine Erwähnung getan, daß Herr von Werben mit meiner Tochter die betreffende Reise unternommen hat? Der General richtete sich bei diesen Worten auf, wie jemand, der eine unerwartete Beleidigung schroff zurückweisen will. Die Blicke der beiden Männer begegneten sich, aber während Onkel Ernsts Augen mächtiger aufflammten, suchten die des Generals den Boden; er fiel mit einem leisen Stöhnen in seinen Stuhl zurück. Der Unglückliche, murmelte er. Sie verdanken es diesem Umstande – ich meine, der Dazwischenkunft meiner Tochter, daß er überhaupt noch am Leben ist, sagte Onkel Ernst. Ich habe dafür keinen Dank, erwiderte der General mit dumpfer Stimme. Und daß der Vater nicht den Tod des Sohnes auf seinem Gewissen hat. Der Vater würde die Verantwortung dafür zu tragen gewußt haben. Ich hätte es mir denken können, murmelte Onkel Ernst. Er saß ein paar Augenblicke schweigend, jetzt auch mit gesenkten, düstern Blicken; aber heute und hier war nicht die Zeit und der Ort, die alte Fehde aufs neue zu beginnen. Er sagte mit gelassener Stimme: Wenn dem Herrn General nicht bekannt war, wohin Herr von Werben sich gewandt und – mit meiner Tochter, darf ich dann fragen, was den Herrn General hierher geführt? Ich wollte den, von dem ich annehmen mußte, daß er der Verderber meines Sohnes geworden ist, nachdem er auch sonst schon Verderben und Schmach in meine Familie getragen, zur Rechenschaft ziehen. Ich gestehe, daß mir diese Absicht jetzt kaum noch einen Sinn zu haben scheint und daß ich – Der General machte eine Bewegung, sich zu erheben. Gehen Sie nicht fort, Herr General, sagte Onkel Ernst. Ich würde, wenn die Zeit es erlaubt hätte, zu Ihnen gekommen sein, mir die Gunst einer Unterredung zu erbitten. Jetzt, da der Zufall – wenn wir dies Zufall nennen dürfen – uns zusammengeführt, benutzen wir diese halbe Stunde – sie erspart uns vielleicht Jahre einer nutzlosen Reue. Der General schoß unter den buschigen Brauen einen finstern, unsichern Blick auf den Sprecher. Ja, Herr General, der Reue, sagte Onkel Ernst, ich wiederhole es, trotzdem wir beide wohl bis jetzt nicht viel Gelegenheit hatten, das Ding kennenzulernen. Ich glaube, wir können uns beiden, ohne uns zu überheben, das Zeugnis ausstellen, daß wir Zeit unseres Lebens das Rechte gewollt haben nach unserem besten Wissen und Gewissen. Aber, Herr General, von der ersten und einzigen Unterredung, die ich bis jetzt mit Ihnen hatte, klingt mir ein Wort im Ohr – und ich höre es in diesem Moment deutlicher als je – das Wort, daß ich zwar nichts vergessen, aber auch nichts gelernt habe. Es war sehr hart für jemand, der, wie ich, seinen höchsten Stolz darein setzte, rastlos nach besserer, reinerer Erkenntnis, nach Klarheit und Wahrheit von Jugend auf gestrebt zu haben. Und doch, Herr General: Es war nicht anders. Wie das geängstigte Herz auch schrie – das unerbittliche Wort wollte sich nicht zum Schweigen bringen lassen: Du, der du dich rühmst, nichts zu vergessen, entbehrst des besseren Rufes: Und du hast nichts gelernt! Dieser schlimme Kampf, Herr General, in dem ich fast zugrunde gegangen bin und der mich ganz gewiß die Lebenskraft mancher Jahre gekostet hat – ich habe ihn gekämpft bis heute – bis vor einer Stunde. Die scham- und ehrlose Tat meines Sohnes, mit dem ich jahrelang bereits in unnatürlicher Feindschaft gelebt – sie sollte denn doch wohl meinen Trotz nicht brechen! Was geht es mich an, schrie ich, wenn er sich Gift aus dem Honig sog? Wenn er mit der Scheu vor törichten Vorurteilen, die ich dem Knaben lächerlich gemacht, später auch die Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Gesetzes verloren hat? Wenn er deine Lehre, daß es des Mannes Pflicht sei, auf eigenen Füßen zu stehen, in seiner eigenen Kraft zu ruhen, dahin verkehrt hat, daß es des Kraftvollen Recht sei, an sich zu reißen, was dem Arm erreichbar ist, unter die Füße zu treten, was sich, als das Schwächere, unter die Füße treten läßt? – Er war verderbt von Kindesbeinen an, schrie ich. Möge die Natur die Verantwortung übernehmen für alles, was sie in ihrer dunklen Tiefe schafft! Was kümmert's uns, die wir aus dem Chaos, wo Recht und Unrecht, Sinn und Unsinn unterschiedslos ineinander schwanken und fließen, nach dem Licht der freien Selbstbestimmung streben! Was kümmert's vor allem uns Plebejer, die der Stolz des Aristokraten auf seine Väter lächerlich dünkt? Mögen doch die Kinder ihre Wege gehen! Weshalb sollte uns das Wohin fragwürdiger erscheinen als das Woher, nach dem wir grundsätzlich nicht fragen? Schreib, du bleiches Gespenst der Familienehre, dein Menetekel an die Wand des Fürstenschlosses! Schreib's an die Wand dem Fürstendiener! Aber versuche nicht, den freien Mann zu ängstigen, der keine Ehre hat und keine Ehre will, als die, sich selber treu zu sein! Und da, Herr General, – als ich so mit mir und meinem Gott haderte – ich glaube an einen Gott, Herr General, Demokrat und Republikaner wie ich bin, – trat über meine Schwelle ein Engel, wenn man ein Wesen, dessen himmlische Güte und Reinheit nichts mehr von der Erde zu haben scheint, so nennen darf, meines Buchhalters Tochter, ein blindes Mädchen, von dem der Herr General in seinem Familienkreise vielleicht hat sprechen hören. Sie kam, mir zu sagen, daß meine Tochter geflohen sei – mit Ihrem Sohne geflohen, um ihn, den sie mit jeder Faser ihres heißen, leidenschaftlichen Herzens liebte – zu retten, zu schützen vor dem Tode, zu dem der eigene Vater – ich wußte nicht, welcher Tat willen – ihn verurteilt. Aber – ich hatte das Gespenst von meiner Schwelle gejagt – ich wollte jetzt auch auf des Engels sanfte Stimme nicht hören, trotzdem seltsame Schauer, die ich nicht zu deuten wußte, mich durchrieselten. Onkel Ernst drückte die Hand in die Augen und fuhr dann, mit einer gewaltsamer Anstrengung seine tiefe Bewegung niederkämpfend, fort: Und, Herr General, wenn ich Ihnen, in dem ich von jeher die Verkörperung des mir feindlichsten und verhaßtesten Prinzips gesehen, Ihnen, vor dem ich mich in meiner Selbstgerechtigkeit so hoch vermessen, ein Bekenntnis getan habe, das meinem Stolz nicht leicht geworden ist; wenn ich eingestanden habe, daß der Grundsatz schrankenloser Freiheit und absoluter Selbstbestimmung in seiner äußersten Konsequenz schwächere Geister zu Abwegen führen kann, vielleicht führen muß, wie ich sie jetzt meine Kinder wandeln sehe – das eine unwiederbringlich verloren, das andere wandelnd an dem Abgrund, in den irgend ein schnöder Zufall es stürzen mag – Herr General, sollten Sie wirklich nichts zu bereuen, nichts wieder gutzumachen haben? Sollten die engen Schranken adliger und militärischer Routine, in die Sie die leichtbeschwingte Seele Ihres Sohnes zu bannen suchten, ihm nicht ebenso verderblich geworden sein? Ihm, der in einer freieren und leichteren Atmosphäre die schönen Gaben seines hellen Geistes, die Lebensfreudigkeit seines warmen Herzens fröhlich und naturgemäß entfaltet hätte und nun, von Vorurteilen nach allen Seiten eingeengt und eingezwängt, in unlösbare Widersprüche verwickelt, sich allmählich daran gewöhnt hat, das Leben in Widersprüchen als etwas Selbstverständliches, jedenfalls Unvermeidliches anzusehen, so ganz, so sehr, daß sein Tod in diesem Augenblick nur ein Widerspruch mehr gewesen sein würde? Ein ungeheurer, ungeheuerlicher Widerspruch. Oder wäre das nicht der Tod von eigner Hand in dem Augenblicke, wo diese Hand erfaßt wird von dem Mädchen, das der zum Selbstmord Verurteilte – es geht aus allem, was ich jetzt erfahren, unwiderleglich hervor – mit aller Kraft, deren sein Herz fähig ist, und über alles, und ganz gewiß weit mehr, als das eigne Leben liebt; und dieses Mädchen, solcher Liebe wahrlich nicht unwert, in Tönen, wie sie nur aus einem liebenden, verzweifelten Herzen kommen können, zu ihm spricht: Lebe für mich, der du alles bist! Die ich Vater und Haus und Heimat verlassen habe, um für dich zu leben, ohne Hoffnung auf gute Tage – mit dir! In Schande und Elend, wenn es sein muß – mit dir! Onkel Ernsts große Augen glänzten in prächtigem Feuer; aber in des Generals kummervollem Antlitz wollte sich nicht einmal ein schwächster Widerschein entzünden. Er schüttelte langsam das graue Haupt: Ich muß eine Frage tun, die sehr grausam klingt, es aber wahrlich nicht sein, sondern uns nur aus dem Reich glänzender, aber nach meinem Bedünken phantastischer Träume auf diese dunkle Erde zurückbringen soll: Gilt die Perspektive, die Sie da meinem Sohn eröffnen, auch für Ihren Sohn? Onkel Ernst zuckte zusammen; das Feuer in seinen Augen wollte erlöschen. Es dauerte einige Momente, bis die Antwort kam: Die Fälle sind himmelweit verschieden, so weit wie eine leichtsinnige Handlung, mit der, der sie beging, niemand ein Leid zufügen wollte, die er – ich weiß es – wieder gutmachen zu können hoffte, zu der er endlich durch teuflische Einflüsterungen verführt war, sich von einer Handlung unterscheidet, die mit kaltblütigster Überlegung, in dem vollen Bewußtsein der für tausend andere verderblichen Folgen begangen wurde. Und für die es mithin in Ihren Augen keine Sühne gibt? Onkel Ernst rückte unmutig, ungeduldig in seinem Stuhl. Was soll das jetzt, Herr General? Sie nur daran erinnern, daß wir, mögen wir uns wenden, wie wir wollen, das Leben doch immer nur von unserem Standpunkte aus beurteilen, die Handlungen der Menschen doch immer nur mit dem Maßstabe messen können, dem Abstammung, Erziehung, Bildung, Nachdenken uns in die Hand gegeben haben. Oder glauben Sie, daß der Jobber, der Börsenspieler, der waghalsige Gründer in ihren Herzen – wenn dergleichen ein Herz hat – auch über Ihren Sohn den Stab brechen werden, wie es der ehrenfeste Mann, der solide Fabrikherr tut, trotzdem er der Vater ist? Wollen Sie dem alten ehrenwerten Offizier verübeln, daß er die unehrenhafte Handlungsweise eines Offiziers verdammt und brandmarkt, trotzdem dieser Offizier sein Sohn, ja gerade, weil er sein Sohn ist? Können Sie wähnen, ich gönnte meinem Sohn, den ich geliebt habe, wie je ein Vater seinen Sohn geliebt, ja, den ich noch in diesem Augenblicke mit einer Liebe liebe, die mein Herz zerfleischt – Des Generals Stimme zitterte, er tat einen schweren, stöhnenden Atemzug, der schauerlich durch das stille Gemach klang – - können Sie wähnen, ich gönnte ihm das Leben nicht, daß Sie da schildern, wenn ich es nicht für eine Unmöglichkeit hielte? Mag sein, daß die engen Schranken, von denen Sie vorhin sprachen, mir den geistigen Horizont so eingeengt, den freien Flug der Gedanken ein für allemal gehemmt haben. Aber diese Bedingungen des Denkens und Empfindens – sie existieren für den ganzen Stand, müssen für ihn existieren, soll er nicht zugrunde gehen; und so existieren sie auch für meinen Sohn. Niemals und unter keinen Umständen wird er, kann er vergessen, daß er einen Makel auf das Wappenschild seinen Ahnen geworfen, daß er den Degen, den ihm sein Kriegsherr gab, selbst zerbrochen, daß er vor einem Kameraden – und begegnete er ihm in menschenleerer Wüste – die Augen niederschlagen, geflissentlich die Gesellschaft obskurer Menschen suchen muß, denen er früher ebenso geflissentlich aus dem Wege ging. Über Onkel Ernsts Gesicht zuckte es. Da türmte sie sich wieder vor ihm auf die Mauer, die Stolz und Hochmut quer durch das blühende Leben gezogen; die Mauer, die er in seiner Jugend stürmischen Tagen hatte erobern wollen in einem Anlauf und die er dann in langen, mühseligen Jahren versucht hatte abzutragen, Stein um Stein! Und kein Stein fehlte, steil und schroff und unerbittlich und unübersteiglich wie nur je! Und er stand hüben mit machtlosen Händen und drüben sein Kind, das nun verloren sein sollte, weil Stolz und Hochmut es so wollten. Er sprang auf So muß ich denn allein ans Werk gehen. Welches war Ihr Plan? Der General hatte sich ebenfalls erhoben; die einfache Bewegung schien dem sonst so straffen, raschen Manne schwer zu werden. Im Großen der, erwiderte Onkel Ernst: Mein Kind nicht, ohne mich mit ihr versöhnt zu haben, in das Leben ziehen zu lassen, dessen bunte Wechselfälle niemand berechnen kann und dessen wohl sonst allzu rauhe Bahn ich ihr durch meinen Rat, durch meine Hilfe möglichst ebnen wollte. Ihr Sohn hatte in dem ersten Hin und Her seiner verstörten Gedanken, bevor die Botschaft seines Vaters kam, nach Warnow eilen wollen, den Verräter angesichts der Frau Baronin, seiner Tante, zur Rede zu stellen, die – nach der Aussage jenes Schurken – die materielle Verantwortung, so zu sagen, der beklagenswerten Manipulationen auf sich genommen, für den Ausfall wenigstens unter allen Umständen aufzukommen versprochen hatte. Ich für mein Teil hoffte und hoffe, sie noch in Sundin zu erreichen, um Ihrem Sohne sagen zu können, daß seine Weiterreise keinen praktischen Zweck hat, da ich für mich das Recht in Anspruch nehme, die Schulden des Mannes, der mit meiner Tochter flieht und sie doch also auch wohl heiraten wird, zu bezahlen. Sollten Sie weiter – nach Warnow – gegangen sein, so werde ich ihnen auch natürlich dahin folgen und überall hin, bis ich sie erreiche. In Warnow verspreche ich mir außerdem noch die Hilfe meines Neffen. Er besitzt, wie er verdient, die höchste Achtung meiner Tochter, und er würde – davon bin ich überzeugt – zu dem Segen des Vaters das herzliche Glückauf eines Freundes fügen, der in dem Buch der Ehre die Kapitel nicht überschlägt, die von der Menschlichkeit handeln. Die Geduld des leidenschaftlichen Mannes war erschöpft; in den letzten Worten grollte sogar ein verhaltener Zorn. Er knöpfte seinen Überrock zu und griff nach seinem Hut, der neben dem Kofferchen des Generals auf dem Tische stand, als jener Beamte, der dem General vorhin seine Dienste angeboten, zugleich mit dem Bahnhofsinspektor vom Perron aus in das Zimmer trat. Der Inspektor wandte sich zu Onkel Ernst, ihm anzukündigen, daß der Zug bereit sei, während der andere Beamte dem General eine Depesche überreichte. Ich war gerade im Bureau, sagte er, als sie einlief – über Stettin, heute morgen sehr früh in Prora aufgegeben. Ich glaube, der Inhalt ist für den Herrn General von Wichtigkeit. Der General hatte das Blatt zur Hand genommen: »Komme mit dem nächsten Zuge. Furchtbarer Sturm – muß vielleicht zu Reinhold – Tante dann allein mit dem Schrecklichen – komme um meinet-, Ottomars, der Tante willen, die sich uns in die Arme wirft – es steht alles auf dem Spiel. Else.« Onkel Ernst trat heran: Ich muß Ihnen Lebewohl sagen, Herr General. Ich komme mit Ihnen. * Auf Schloß Warnow hatte niemand geschlafen, außer Frau von Wallbach. Und auch sie war wiederholt durch seltsame Geräusche geweckt oder doch beinahe geweckt worden. Was das wohl gewesen sein möge? – Die Kammerjungfer, die ihr die Schokolade vor das Bett brachte, sagte, das sei der Sturm, der seit gestern abend, nachdem die gnädige Frau sich zur Ruhe begeben, ganz erschrecklich tobe. – Wie sonderbar, sagte Frau von Wallbach. Warum bist du aber so früh gekommen? Ich wollte ja erst um elf Uhr fahren. Es ist bereits zehn, gnädige Frau; es wird heute nicht Tag. Natürlich, sagte Frau von Wallbach, wenn du die Jalousien nicht öffnest. Sie sind gar nicht geschlossen, gnädige Frau, wir wagten es gestern abend nicht mehr, gnädige Frau. Den einen Flügel hat auch schon der Wind heruntergerissen, wie ich vom Flurfenster aus gesehen habe. Wie sonderbar, sagte Frau von Wallbach. Du hast doch gepackt? Gewiß, gnädige Frau, aber aus unserer Reise wird wohl nichts werden. Herr Damberg hat herüber sagen lassen, es täte ihm sehr leid, aber es ginge nicht; man könne nicht wissen, was passierte, und er müsse alle seine Pferde auf dem Hofe behalten. Ja, was soll denn passieren? Ich weiß es nicht, gnädige Frau; sie sagen ja, das könne sehr schlimm werden. Ach, gnädige Frau, wenn Sie doch nur aufstehen und selber sehen wollten! Es ist, als ob die Welt unterginge. Sie laufen alle mit bleichen Gesichtern herum, und ich ängstige mich zu sehr, gnädige Frau! Du bist nicht gescheit. Ist Fräulein von Wallbach schon auf? Gewiß, gnädige Frau; und sie hat schon zweimal nach der gnädigen Frau gefragt. Sag' ihr hernach, daß ich sie jetzt sehen könne. Und dann richtest du der Frau Baronin eine Empfehlung aus, und ob sie die Güte haben wolle, mich nach Prora fahren zu lassen. Ich würde ihr, sobald ich angezogen, meine Aufwartung machen. Valerie war allein, als die Damen bei ihr eintraten, und bereits zu der Fahrt angezogen. Auch sie sah blaß und angegriffen aus, so sehr, daß die gutmütige Luise sofort rief: Sie sollten sich wieder zu Bett legen, liebe Baronin, anstatt sich diesem Wetter auszusetzen, das ja wirklich greulich zu sein scheint. Ich will mit Elsen fahren – mir schadet so was nicht; oder, was das Gescheiteste wäre: Wir bleiben alle hier und leisten Ihnen Gesellschaft, wenn meine Gesellschaft auch nicht übermäßig interessant ist. Ich danke Ihnen für Ihre Güte, liebe Frau von Wallbach, und bitte um Entschuldigung, wenn ich trotzdem die Pflichten der Gastfreundschaft verletze. Es soll und kann nur für einige Stunden sein, da ich heute noch einen anderen Besuch erwarte – Herrn Giraldi, mit dem ich dringendste Geschäfte zu besprechen habe. Er wird erstaunt und unzufrieden sein, mich nicht zu finden. Ich wollte Sie deshalb bitten, ihm zu sagen, daß ich meine Nichte nach Wissow begleitet habe, deren Verlobter – Sie haben ohne Zweifel von Fräulein von Wallbach bereits das Nähere erfahren – in diesem furchtbaren Sturm jeder Gefahr ausgesetzt ist. Wir haben bis jetzt vergebens auf Nachricht, wie sie unter diesen Umständen selbstverständlich war, geharrt; haben jetzt auch keine Hoffnung mehr, welche zu erhalten, und fürchten Schlimmes, vielleicht das Schlimmste – ich wenigstens, während das liebe Mädchen mir noch immer Mut einzusprechen sucht, an dem es ihr innerlich wohl selbst gebricht. Man hatte heute leider nicht den kürzeren Weg nach Wissow wählen dürfen. Durch den unendlichen Regen, der seit gestern abend herabgoß, waren, nach Aussage des Kutschers, die Strandfelder und Wiesen, durch die Else gestern abend gewandert war, bereits zu sehr aufgeweicht. Es sei heillos, sagte Herr Damberg, der Pächter, der zu Pferde vom Dorfe her ihnen entgegenkam und wieder eine Strecke neben dem Wagen zurückritt; ja man könne gar nicht wissen, ob die Sache nicht noch schlimmer werde und ob man nicht doch besser tue, dem Rate des Herrn Lotsenkommandeurs zu folgen, der bereits gestern überall an der Küste Botschaft habe herumsagen lassen, es werde eine Sturmflut geben, wenn der Sturm von Osten komme, die sehr weit reichen könne, und man solle sich darauf vorbereiten. Nun lägen ja das Schloß und der Gutshof hoch genug – es müßte denn ärger als arg kommen; aber die Senkung hier, deren Sohle mit der Feldmark und den Strandmarschen gleiches und vielleicht noch etwas tieferes Niveau habe, werde jedenfalls auch überflutet werden, und sie säßen dann in Warnow richtig auf einer Insel. Das sei eine verteufelte Situation, besonders da sie hier, mitten auf dem Lande, keine Boote hätten, und die Geschichte könne, wer weiß wie lange, dauern. Der alte Mann drückte die Mütze, die er abgenommen, wieder möglichst tief in die Stirn, gab seinem Gaule die Sporen und sprengte abwärts nach dem Hofe, während der Wagen eben die ersten Häuschen des Dorfes erreichte. Auch hier hatte sich die Aufregung, die heute selbst das trägste Gemüt ergriff, der Leute bemächtigt. Wenn sie gleich vor der Flut, falls sie kommen sollte – mit Ausnahme etwa von ein paar Büdnerstellen am Fuße der Hügel – gesichert waren, so hatte der Sturm auf der verhältnismäßigen Höhe bereits desto größeres Unheil angerichtet: Stroh- und Ziegeldächer zum Teil oder ganz abgedeckt, Fensterscheiben eingedrückt, Schornsteine heruntergeworfen, Zäune umgelegt, Baumzweige massenhaft herabgeschlagen, ja die Bäume selbst umgebrochen. Auf dem kleinen freien Platze vor dem Wirtshause, so ziemlich auf der höchsten Stelle, lag die mächtige Linde, der Stolz des Dorfes, mit den Wurzeln herausgerissen. Es war erst vor einer halben Stunde geschehen. Ein Glück, daß die drei Fuhrmannswagen, die von Jasmund herunterkamen und weiter nach Prora wollten, nicht schon da gehalten, wo sie jetzt – vor der Tür des Wirtshauses – hielten, Pferde und Leute – es wäre alles totgeschlagen worden. Die Leute wollten auch nicht weiter, sagte der Wirt, der an die Kutsche der Herrschaften getreten; sie müßten fürchten, daß ihnen der Sturm die Wagen von der Straße fegte; wenn der Weg nach Wissow ja auch zum Teil hinter den Hügeln weglaufe und so einigermaßen geschützt sei, so könne es doch hernach hinter dem Hafen nach Wissow herab, wo der Sturm wieder frei zufassen würde, sehr schlimm werden. Weiter, weiter! rief Else. Ihre Gedanken flogen dem Wagen voraus, der ihr, trotzdem der brave Kutscher und die kräftigen Pferde das Mögliche taten, nicht aus der Stelle zu kommen schien. Es wäre auf dem schlecht gehaltenen und durch die Regengüsse hier und da fast zerstörten Wege noch langsamer gegangen, wenn die Hügel, in deren mittlerer Höhe man fuhr, die Wut des Sturmes nicht gebrochen hätten. Nur ein paarmal, wo man auf die Höhen gelangte, traf sie seine volle Gewalt; es schien ein Wunder fast, daß das Gefährt nicht heruntergewirbelt wurde. In solchen Augenblicken, wo der Blick über die Ebene nach links hin bis zu dem Meere schweifte, sahen die Damen mit Grausen, wie über der langen wellenförmigen Linie der grauen Dünen von dem Golmberge bis zum Hafen eine andere weiße Linie auf und nieder schwankte, um hier und da in haushohen Strahlen emporzuschießen oder in dichten Wolken landeinwärts zu zerstieben. Sie wußten, daß dies die Brandung war, die Brandung desselben Meeres, dessen Wellen sonst, fünfzig, hundert Schritte von dem Fuße der Dünen entfernt, auf dem glatten Sande sich überschlugen und verrannen. Else hatte laut geschrien, entsetzt von dem Anblick, der sich ihr darbot, als jetzt, nachdem man die Hügelkette passiert, die dann in den Wissower Haken nach dem Meere aufstieg, Wissow selbst unter ihnen lag. Die kleine Halbinsel, die höchstens eine viertel Meile lang und an dem Fuße des Vorgebirges halb so breit sein mochte, erschien mit ihren winzigen Häusern, von der keineswegs bedeutenden Höhe gesehen, wie ein schmales Brett, auf das Kinder ihr Spielzeug aufgebaut, um es dann in den Strudeln eines schäumenden Baches treiben zu lassen. Und doch! Die kleinen Häuser auf dem grauen Sande – sie mochten noch immer, so unglaublich es schien, einen sichern Schutz gewähren! Aber wie durfte sie hoffen, daß er auf der Schwelle eines derselben ihr entgegen treten werde, sein Boot eines von den paar Dutzend größeren und kleineren Fahrzeugen sein werde, die dort, unmittelbar unter ihnen, in der Bucht zwischen der Halbinsel und dem Festlande vor ihren Ankern wie Nußschalen auf und nieder schwankten! Er würde da draußen sein – da draußen, wo, so weit das Auge reichte, schäumende Wogen sich über schäumenden Wogen türmten – da draußen, wo Meer und Himmel in einem gräßlichen Grau ineinander brauten, als hätten sie sich vereinigt zum Untergang der Welt. Da – da! Es kam nichts über Elses zuckende Lippen, die deutende Hand fiel schwer herab. Valerie nahm die kalte, starre Hand. Er wird wiederkehren, Else! * Es war gegen vier Uhr nachmittags. Frau von Wallbach saß vor dem Kamin, starrte in die Kohlen, die man nach vielen Bemühungen endlich glücklich entfacht hatte, und war im Begriff, trotz des grausamen Lärmens, der um das Schloß tobte, ihren Ärger in einem erquicklichen Nachmittagsschläfchen zu vergessen, als ihr Herr Giraldi gemeldet wurde, der soeben angekommen sei. Frau von Wallbach hatte eben Zeit, den Kopf nach der Tür zu wenden, als Giraldi bereits eintrat. Er war noch im Reiseanzug, hatte nur den durchnäßten Mantel auf dem Flur abgeworfen. Sein sonst so sorgsam gepflegter schwarzer Bart floß in wirren Strähnen herab, die sonst so ruhig glänzenden dunklen Augen sprühten in unheimlichem Feuer, das sonst wie aus gelbem Marmor gemeißelte unbewegliche Gesicht war in zuckende Falten zerrissen. Na, Sie sehen auch gut aus! sagte Frau von Wallbach. Ich bitte um Entschuldigung, erwiderte Giraldi, seit heute nacht unterwegs, durch die widerwärtigsten Hindernisse überall aufgehalten, lange ich endlich hier an, um zu vernehmen, daß die Frau Baronin, mit der ich wichtige, unaufschiebbare Angelegenheiten zu besprechen habe, nicht zu Hause ist. Sie können sich denken – Erst setzen Sie sich einmal, sagte Frau von Wallbach. Ihr Herumstehen und hastiges Sprechen macht mich ganz nervös. Ich bitte nochmals um Entschuldigung, sagte Giraldi. Ist gar nicht nötig, ich bin ja nur hier geblieben, um Sie zu empfangen, obgleich ich Ihnen ehrlich gestehen muß, daß ich Sie lieber nicht empfangen hätte. Dann will ich Ihre kostbare Zeit keinen Augenblick länger in Anspruch nehmen – Bleiben Sie ruhig sitzen und machen Sie keine Redensarten. Ich mache, wie Sie wissen, nie welche, und bin heute schon gar nicht in der Stimmung dazu. Ja, ja, wenn Sie mich auch noch so verächtlich ansehen! Sie halten mich ohne Zweifel, wie die andern, für halb kindisch oder närrisch. Aber Kinder und Narren sprechen die Wahrheit, und die Wahrheit, lieber Herr Giraldi, ist, daß, wenn Sie sich nicht hineingemischt und alles kopfüber, kopfunter gestellt hätten, heute Carla Ottomars Frau und alles in schönster Ordnung sein würde, während sie jetzt in dem entsetzlichen Wetter – Sie müssen ihnen ja wohl noch begegnet sein – mit dem Grafen herumreitet, trotzdem ich ihr, in Gegenwart des Grafen, gesagt habe, daß es ein Skandal ist, abgesehen davon, daß sie sich auf den Tod erkälten wird. Sie können mich unmöglich für den Zug, der unwiderstehlich Herz zum Herzen führt, verantwortlich machen, erwiderte Giraldi mit einem Versuch seines souveränen ironischen Lächelns, das aber nur zu einer hämischen Grimasse wurde. Ach was, Herzen, sagte Frau von Wallbach; das bißchen Herz, das Carla überhaupt hat, – Ottomar hat's gehört und keinem andern; und das würde auch für eine Ehe ungefähr ausgereicht haben; ich kenne wenigstens welche, die mit noch weniger ganz gut fertig werden. Sie glauben vielleicht, wunder was ausgerichtet zu haben, nachdem Sie Ottomars und Carlas Verbindung glücklich hintertrieben; und Sie sind, glaube ich, nicht weniger froh darüber, daß Else nun auch um ihr Vermögen kommt. Aber Sie irren sich gründlich. Die Baronin und Else sind ein Herz und eine Seele. Und wenn Ottomar die Cousine von dem Herrn Kapitän heiraten will, so wird die Baronin jetzt erst recht nichts dagegen einwenden, und sie wird die beiden Geschwister, und wenn die Herren Kuratoren sich auf den Kopf stellen, zu Erben einsetzen. Frau von Wallbachs letzte Worte waren ohne den mindesten Anflug von Ironie, wie sie denn auch das Vorhergehende in ihrer lässig-bequemen Weise gesprochen hatte, den hübschen Kopf etwas seitwärts in die Lehne des Fauteuil gedrückt, die Augen über Giraldi weg nach der Zimmerdecke gerichtet, als ob alles da oben angeschrieben stände und sie es nur einfach herunterläse. Aber keine leidenschaftlichste Heftigkeit, kein erbittertster Angriff hätte den Mann, der, an den blassen Lippen nagend, vor ihr gesessen hatte, ohne sie mit einem Worte zu unterbrechen, und sich jetzt erhob, um mit einer stummen Verbeugung das Zimmer zu verlassen, so aus der Fassung bringen können, als diese unerschütterliche Ruhe, diese formlose Aufrichtigkeit einer Frau, die er bis dahin für eine Null gehalten, für die hohlste aller hohlen Modepuppen, und die jetzt dies zu sagen, ihm ins Gesicht zu sagen wagte! So war er denn kaum in das Speisezimmer getreten, wo an einer Ecke der Familientafel ein Kuvert für ihn serviert war, als er dem wütenden Zorn, der ihn fast erstickt hatte, freien Lauf ließ. Er stampfte, wildeste Verwünschungen ausstoßend, mit den Füßen. Giraldi brach ein Stück von dem Weißbrot, zu dem er das Glas Wein ausschlürfte, das François eingeschenkt. Dann fing er an, langsam, die Hände über der Brust verschränkt, in dem großen Gemach auf und nieder zu schreiten. Wie hatte er sich nur so von seiner Leidenschaft hinreißen lassen können! Was in der Welt war denn geschehen, worauf er nicht hätte gefaßt sein müssen, worauf er nicht schon seit langem gefaßt gewesen? Das Wetter trug die Schuld, wenn seine Nerven ein wenig derangiert waren – ein Wetter nur für nordische Barbaren und mit den Barbaren im Bunde! Ein feindlicher Dämon war es zweifellos, der das kleine Dampfboot, das ihn von Sundin nach der Insel hinüberbringen sollte, in der Dämmerung des Morgens gegen ein ruderlos treibendes Wrack laufen ließ und so zur Umkehr zwang; ein feindlicher Dämon, der den plumpen Schiffern verbot, sein Gold zu nehmen und die Überfahrt in offenem Fahrzeug zu wagen, bis denn endlich mittags um halb zwölf der Dampfer ausgebessert war und dann doch noch eine Stunde brauchte, die halbe Seemeile zurückzulegen! Dämon gegen Dämon! Gregorio Giraldi war der stärkere! Wenn das Telegramm wirklich den General rechtzeitig in Berlin erreicht, wenn er mit dem Elfuhrzuge von Berlin abgegangen – er konnte vor drei Uhr nicht in Sundin, vor sechs Uhr nicht in Warnow sein! Eine Stunde! In einer Stunde waren Königreiche gewonnen und verloren worden; und lag ja alles, alles sonst für ihn: Ottomar, in dem Netz, das er ihm über den Kopf geworfen, unrettbar verstrickt, voraussichtlich bereits in tödlicher Fehde mit Wallbach, dessen leichtsinnige Schwester nun die Geliebte, nach allem Anschein die Buhle des Grafen war! Die stolze Else die verlobte Braut des niederen Mannes, ihre Liebe mit ihrem Erbe bezahlend. Die Bahn frei von allen Hindernissen und an ihrem Ende der reiche Schatz, das stolze Vermögen, das Valerien jetzt von Rechts wegen zukam und das sie ihrem leiblichen Sohne, dem Wiedergefundenen, von den Toten Auferstandenen, das heißt: ihm selbst frei hinterlassen durfte! Konnte sie da wählen? Blieb ihr nur eine Wahl? Mußte sie sich nicht fügen, sie mochte wollen oder nicht? Und, wenn sie wankte – eine Minute nur allein mit ihm! – hier in diesem Raum, in dem sie so oft in der Phantasie mit ihm geweilt, den sie ihm so genau geschildert, daß er jedes Möbel, jedes Bild an der Wand kannte – dieses zuerst – das Bild des Mannes, aus dessen Armen er sie hohnlachend gerissen, damit dermaleinst sein Bild hier hänge – des neuen Herrn, der diesen barbarischen Bau niederreißen würde, ein neues Schloß zu bauen – dem neuen Herrn! Er stand vor dem Bilde, mit hämischem Lächeln zu ihm aufschauend. Du warst der letzte deines Stammes, Mann mit der engen Stirn und dem breiten Ordensbande über der leeren Brust! Und jetzt moderst du in der Gruft deiner Ahnen! Und er, dem du im Leben nicht bis an die Knie reichtest, steht lebend hier in seiner ungeschwächten Kraft, der Bauernsohn, der jetzt der Stammvater werden wird eines Geschlechtes von Fürsten, für die selbst der Stuhl des heiligen Petrus nicht zu hoch sein soll! Ein Stoß, wie von einem Erdbeben, schütterte durch das Schloß. Die Fensterscheiben klirrten, Türen flogen auf und krachend wieder zu. Das Bild, zu dem er emporschaute und das ein Menschenalter an seinem rostigen Nagel gehangen, schwankte und stürzte herab, daß der morsche Rahmen aufrecht gestanden, vornüber niederklappte, ihm vor die Füße. Er war zurückgesprungen. Regst du dich noch, verfluchter Staub? In die Hölle mit dir zu seiner verfluchten Seele! Und wie zur Antwort auf des Meisters Stimme aus dem Abgrund der Hölle, die er gerufen, heulte und gellte es um Warnow-Schloß. * Carla, sagte der Graf. Er hatte sein Pferd dicht an das ihre herangedrängt, sie bog sich zu ihm hinüber; er legte den rechten Arm um den schlanken Leib und küßte sie wieder und wieder auf Mund und Wangen. Du böser Mann, sagte Carla. Sie trieben die Pferde an; die geängstigten Tiere flogen über den schwankenden Grund, durch blankes Wasser, über eine hölzerne Brücke, abermals durch Wasser, bis der aufsteigende Boden wieder fester wurde. Hinüber wären wir, sagte der Graf lachend, aber wie wir zurückkommen sollen, weiß ich nicht. Wir werden nun schon ganz zusammenbleiben müssen. Wäre es dir recht, süßes Mädchen? Sie ritten jetzt, um die Pferde sich verschnaufen zu lassen, im Schritt. Der Sturm, dem sie so die Stirn boten, faßte sie mit Vollgewalt. Die keuchenden Pferde mußten sich vornüber legen, als hätten sie eine schwere Last hinter sich. Ihre Reiter ließen ihnen die Zügel; sie hatten gern die Hände frei. Eine Ewigkeit mit dir, sagte Carla, während ihre glühende Wange fast die seine streifte, aber ich muß in einer Stunde zurück sein. Du schwörst mir, daß, wenn wir zurückkommen, du in Gegenwart der Baronin, Elses und Herrn Giraldis unsere Verlobung erklärst und daß wir heute über vier Wochen Mann und Frau sind! Bedarf es dazu eines Schwurs? Ich will einen Schwur. Sie hatte seine Hand ergriffen, die sie an ihren Busen drückte. Wobei soll ich schwören? Bei dieser kleinen Hand? Bei diesem holden Busen? Bei deinem süßen Selbst, das ich vor Liebe aufessen möchte? Bei deiner Ehre! Es war nicht die kosende Stimme von vorhin – die Worte kamen gepreßt, als ob ihm der Sturm die Brust beklemme. Und so kam die Antwort zögernd und beklommen: Bei meiner Ehre! Seine Augen, die vorhin, in Leidenschaft schwimmend, auf sie geheftet gewesen waren, blickten seitwärts. Sie zog hastig ihre Hand aus der seinen, warf das Pferd herum und galoppierte davon. Die Bewegung war so plötzlich ausgeführt, daß es ihm gar nicht möglich gewesen wäre, sie zu verhindern. Aber auch jetzt hielt er sein Pferd zurück, das sich ebenfalls gewandt und hinter dem Gefährten her wollte. Soll ich sie laufen lassen? Das feurige, durch den Sturm so schon verängstete Pferd, das seinen Gefährten weiter und weiter entschwinden sah, bäumte sich hoch und schoß dann, als sein Reiter es herunterdrückte, wie ein Pfeil vorwärts. Der Graf hätte es in diesem Augenblicke vielleicht nicht einmal halten können, aber er wollte es auch nicht. Er gab ihm noch die Sporen und hatte in wenigen Sekunden – sein Zögern hatte auch nur Sekunden gewährt – Carla eingeholt. Carla, Carla! Geh! Du liebst mich nicht! Er schoß vor, daß er ihr Pferd am Zügel ergreifen konnte, parierte dann das seine und brachte so beide zum Stehen. So entkommst du mir nicht! Sie blickte ihn fast feindlich an. Aber Carla, dies ist ja Tollheit! Ich bin toll, murmelte sie. Und ich bin's – toll – verliebt in dich. Wir sind's beide; laß uns toll sein – ganz toll. Seine schönen weißen Zähne blitzten, wie er es lachend rief, sie mit dem Arm umschlingend. Ich reiße dich zu mir aufs Pferd! Sie fühlte, daß er die Kraft habe, es auszuführen. Die Sinne vergingen ihr fast, sie warf sich wie eine Bacchantin rückwärts, ihn mit beiden Armen umschlingend: Mit dir! Mit dir! Nimm mich, nimm mich! Ich bin dein, dein, dein! Du liebes, tolles Mädchen! Er hatte Kuß um Kuß auf ihre lechzenden Lippen gedrückt; jetzt ließ er sie aus seinen Armen zurück in den Sattel gleiten, aus dem er sie halb herausgehoben, gab ihr die Zügel wieder in die Hand und, beide zugleich die Pferde herumwerfend, ritten sie, Seite an Seite bleibend, dem Sturm entgegen, den allmählich sich senkenden Plan längs des Eisenbahndammes nach Ahlbeck hinab. Sie sprachen weiter kein Wort: Es war alles verabredet. In Ahlbeck, nicht weit vom Strande, stand ein Wirtshaus, das der Graf schon mehrmals als Absteigequartier benutzt, wenn er sich bei einer Strandjagd zu sehr verspätet hatte, um noch nach Golm oder Golmberg zurückgelangen zu können. Die beiden Zimmer waren die vornehmsten im Hause, und es war selbstverständlich, daß eine Dame, die sich von einem über Erwarten anstrengenden Ritt auf eine halbe Stunde erholen wollte, in eines derselben gewiesen wurde, und der Kavalier, der die Dame begleitete, sich das andere erbat, um sich ebenfalls ein wenig zu restaurieren. Die beiden Zimmer waren durch eine Tür verbunden, aber das ging ja schließlich niemand etwas an. Unmittelbar vor Ahlbeck klemmte sich der Weg, der bisher über die Breite der Senkung hinableitete, zwischen zwei Dünen zusammen, die, landeinwärts vorgeschobene Posten der Stranddünenkette, förmlich ein Tor bildeten, durch das man an schönen Tagen einen wundervollen Blick auf das rasch zum Strande absinkende Dorf und über das Dorf weg auf den stets von Booten belebten Strand und weiter in die Unermeßlichkeit des Meeres hatte. Sie waren, die Kraft der Pferde aufs äußerste antreibend, bis zu diesem Punkte gekommen, als die schnaubenden Tiere plötzlich zurückprallten, während sie selbst, vollendete Reiter, wie sie beide waren, fast aus den Sätteln geschleudert wurden. Der Druck des Sturmes verschloß den Raum zwischen den beiden Dünen wie mit ehernen Türen. Laß uns umkehren! sagte Carla. Der Graf antwortete nicht sogleich. Er sah, was für die kurzsichtige Carla grau in grau ineinander floß, in allen Einzelheiten: das in dem oberen, ihnen zunächst gelegenen Teile vom Sturme halbzerstörte Dorf, von dem fast kein Haus mehr ein heiles Dach trug, während in der tieferen Hälfte nur noch hier und da ein und das andere Gebäude, unter ihnen das Wirtshaus und die zwei großen Schuppen der Heringsräucherei, aus einer Wolke hervorblickte, für die der Graf im ersten Augenblicke keine Erklärung hatte. Es konnte das doch unmöglich die in Gischt und Schaum zerpeitschte Brandung sein! Wo waren, wenn dies die Brandung, die Häuser, die hart am Strande in langer Reihe sich hinzogen? Wo die hundertfünfzig Ahlbecker Fischerboote, die gestern abend vor dem Unwetter heimgekehrt? Wo die sechs Jachten, die gestern abend noch, mit Bausteinen von Sundin, an den Molen vor Anker gegangen? Wo die beiden Molen selbst, die man bereits im vorigen Herbst auf gut Glück begonnen und während des milden, sturmfreien Winters bei dem unglaublich niedrigen Wasserstande bis auf ein Geringes fertig gestellt? Wo, vor allem, die Million, die man – ebenfalls bis auf ein Geringes – da hineingebaut? Sollte der verdammte Lotsenkommandeur, der ihm überall in die Quere kam, nun doch schließlich recht behalten? Der Mensch, der in diesem Augenblick vielleicht Else als seine verlobte Braut umarmte, während er – Drüber weg, wenn's nicht zwischendurch geht! rief er, sein Pferd die Düne rechts hinauf spornend, und durch die Zähne murmelte er: Ich will wenigstens was von der Geschichte haben. Carla war ihm gefolgt. Von oben wurde der Anblick freilich nicht tröstlicher; ja er war so furchtbar, daß der Graf selbst, als sie jetzt die Pferde Schritt vor Schritt durch verstrüpptes Gebüsch drängten, sich fragte, ob sie nicht doch lieber umkehren sollten. Und was ihm noch unheimlicher schien als selbst das rasende Meer, das waren die vielen Menschen, die da unten – seinen scharfen Augen wohl erkennbar – durcheinander wirrten, ja, wie er jetzt sah, in kleinen Scharen die Abdachung des Wissower Hakens, an dessen Fuß sich ein Teil des Dorfes lehnte, hinaufhasteten. Es mochten die sein, welche dem Strande zunächst wohnten, die Erdarbeiter zumal, die dort auf dem flachen Sande ihr Barackenlager aufgeschlagen. Was ging ihn das Gesindel an? Mochte es sehen, wie es fertig wurde! Das Wirtshaus war entschieden von der Flut noch nicht erreicht; das war die Hauptsache. Er hatte ja Carla aus der Obhut ihrer Schwägerin unter dem Vorwande, ihr den Sturm aus nächster Nähe zu zeigen, von dem Schlosse entführt; man würde aus den Fenstern des Gasthofes den Sturm aus nächster Nähe haben! Und sich seine Blume zu pflücken in dem Graus da unten – es war toll! Das tollste Stück in seinem Leben, im Vergleich zu welchem alles Vorhergegangene nur ein Kinderspiel! Folge mir nur getrost, Carla! rief er, indem er jetzt wieder voranritt. Sie waren, in scharfem Trabe, bereits in die Mitte der Senkung gelangt, als der Graf zu seinem Grausen sah, daß die Brandungsmauer, die in der Öffnung der Dünen gestanden, sich in Bewegung zu setzen und auf sie zuzukommen schien. Er glaubte im ersten Moment, daß es eine Täuschung seiner aufgeregten Sinne sei, aber freilich auch nur einen Moment. Um Gottes willen, zu, zu! schrie er, sein erschöpftes Pferd mit Sporen und Peitsche zur äußersten Eile antreibend. Er sah sich nicht um, er wagte nicht, sich umzusehen; er hörte aus dem fürchterlichen Brausen, daß die Sturmwelle sich hinter ihm weg landeinwärts wälzte – hinter ihm! Das keuchende Pferd stolperte die Böschung hinauf – gerettet! Er brauchte das Tier nicht anzuhalten; es stand von selbst. Neben ihm hielt Carla. Wie sie es fertig gebracht, er wußte es nicht; er hütete sich, danach zu fragen. Und jetzt blickte er zurück. Die mindestens hundert Schritt breite Fläche, die sie eben durchritten, war ein einziger Strom, der seine grauen Wasser, schäumend und brausend, landeinwärts wälzte. Der Graf sah schaudernd, wie der Strom hinter ihm sich mit dem Meere vor ihm linkshin vereinigt hatte. Es gab keine Verbindung zwischen hier und Warnow mehr: Sie waren auf einer langgestreckten Insel, deren Spitze, nach Warnow zu, in den Fluten versank und sich in der Weißen Düne seewärts zu ihrem höchsten Punkte erhob, um wahrscheinlich noch einmal zwischen Düne und Hof in zwei Teile zerrissen zu werden. Die keuchenden Pferde klommen und klommen und stampften sich in den Sand, der ihnen unter den Hufen wegrutschte hinab in den Strom, der, wo vor einer Sekunde noch die Brache gewesen, von der einen Senkung herüber nach der andern Senkung schoß. Carlas Pferd stürzte zusammen, der Graf trieb das seine noch ein paar Schritte weiter und warf sich aus dem Sattel in dem Moment, wo das Tier unter ihm weg, wie ein lebloses Ding, vielleicht leblos, nach der Tiefe glitt. Mit Händen und Füßen arbeitete er sich weiter hinauf – hinauf! Sein Unglück verfluchend, das ihn gerade an die steilste Stelle geführt, und doch nicht wagend, sich weiter nach links zu wenden, weil es hier doch wenigstens Gräser und fußhohes Strauchwerk gab, an das er sich anklammern konnte, während dort der glatte Sand nicht den mindesten Halt bot. Der Angstschweiß rieselte ihm über die Stirn in die Augen – er sah nichts mehr, er hörte selbst das Brüllen der See, die von der andern Seite an der Düne brandete, nur noch als ein wirres Sausen in den betäubten Ohren. Er hatte den Rand erreicht und strauchelte, da er keinen Widerstand für die greifenden Hände fand, vornüber und raffte sich dann wieder auf – mit verstörten Sinnen um sich blickend. Da lag, nicht weit von ihm, ein schwarzer Gegenstand – War das Carla? Wie kam sie dahin? – Tot? Der schwarze Gegenstand regte sich – er schwankte weiter, bis zu ihr. Carla! Sie hatte sich auf den Knien erhoben und stierte ihn an, der sich jetzt zu ihr beugte, sie aufzurichten. Aber kaum hatte sie seine Hand berührt, als sie empor- und zurücktaumelte. Sie lachte gell auf. Der Sturm, der ihr den Hut weggeschleudert hatte, peitschte das lange Haar, das sich gelöst, – ein paar Strähnen quer über das todbleiche, zu einem schauerlichen Grinsen verzerrte Gesicht. Sie ist wahnsinnig, murmelte der Graf, zurückweichend, so weit er vermochte. Er hätte gewollt, es wäre weiter gewesen: Ein winziger Raum, in der Mitte mit einer muldenförmigen Vertiefung und Rändern, die gestern noch mannshoch und scharf gezackt gewesen waren und die der Sturm bereits bis auf ein paar Fuß herunter glatt gekämmt hatte. Wie lange konnte es währen, bis die letzte Handbreit des fortstiebenden Sandes in die Mulde gefegt und sie hier ohne den mindesten Schutz saßen, selbst wenn die Flut nicht bis über den Rand steigen sollte! Und geschah beides nicht – blieb dieser Punkt in dem wogenden Graus – den Grafen durchschüttelte ein Schauer nach dem andern bis ins Mark. Wie sollte die Menschennatur dies aushalten: den peitschenden Sturm, die Güsse, die die zerstiebende Brandung fast ohne Unterlaß über die Düne schüttete – die lange, lange Nacht hindurch, die herabzusinken begann. Schon konnte er mit seinen scharfen Augen von dem Golmberg, der kaum eine Viertelmeile entfernt war, nur noch in der grauen, wasserdunsterfüllten Luft verdämmernde Umrisse erkennen; der Wissower Hafen war gänzlich verschwunden. Und nach rechts das donnernde, heulende, brüllende Meer, und ringsumher die Brandung, die an der Düne höher und höher hinaufleckte und über der bereits überschwemmten Kette hier und da in turmhohen Strahlen aufspritzte. – Und dort – bald so nah vor ihm, daß er zurückzuckte, und im nächsten Moment wieder so weit, daß sie auf dem Golmberg zu sein schien – die schwarze unbewegliche Gestalt des Weibes, dessen Lippen noch vor einer Stunde an seinen Lippen gehangen, das – nein, nein! kein lebendes, geliebtes Weib, – ein grausiges Gespenst, der grausen Tiefe entstiegen, und da sitzend – zusammengekauert, unbeweglich – um ihn wahnsinnig zu machen! Und der Unglückselige schrie laut auf in seiner Angst und schlug die Hände vor das Gesicht und wimmerte und weinte wie ein Kind. * Es ist halb fünf Uhr, sagte Else; wir müssen fort. Bleib' du hier! Ich bin sicher, daß der Vater unterdessen gekommen ist, ja er kann, wenn er auch mit dem Mittagszuge abgegangen, jetzt noch nicht in Warnow sein. Aber der Schreckliche ist sicher da, erwartet dich, fährt vielleicht wieder fort, ohne deine Rückkehr abzuwarten – Ich muß ihn sprechen, murmelte Valerie. Und sollst ihn nicht allein sprechen. Sie saßen am Fenster in Reinholds Studierstube, rechter Hand, wenn man in das einstöckige, verhältnismäßig stattliche Haus trat – verhältnismäßig zu den anderen Häusern, die eben noch kleiner waren. Else war beinahe in allen gewesen. In den Häusern der beiden Oberlotsen und in fünf oder sechs Häusern der vierundzwanzig anderen Lotsen, die auf zwölf Häuser verteilt waren; und in dem des Obersteueraufsehers, der wieder mit dem Untersteueraufseher in einem Hause wohnte, und sie wäre auch noch in die andern Lotsenhäuser und in die Fischerhütten, deren es auch wohl ein paar Dutzend geben mochte, getreten, nur daß es nicht nötig war, weil die Leute überall, wohin sie kam, vor den Türen standen und ihr die Hände entgegenstreckten. Und der Herr Kommandeur würde zurückkommen, sagten die Frauen, wenn es auch ein schlimmer Sturm sei, der schlimmste, den Clas Rickmann erlebt, der doch zweiundneunzig Jahre alt war und der also wohl ein Wort mitsprechen könne! Der Herr Kommandeur verstände seine Sach' und hätte sechse bei sich, die verstanden auch ihre Sach', und sei mit dem neuen Rettungsboot schon die Zeit vorher dreimal draußen gewesen, ohne daß es einmal umgeschlagen, und so würde es auch heute nicht umschlagen, noch dazu, da seine liebe Braut selber gekommen wäre, um ihn zu empfangen, wenn er zurückkäme. Und dann hatte sie eine ganze Schar von Frauen und Mädchen, während eine noch größere Schar von Kindern hinter- und nebenherlief, nach dem Platze begleitet bis beinahe an das Ende der Halbinsel, wo auf einer hohen Düne Signalstangen und große Leuchtbaken standen, und hinter der Düne – die noch wenigstens einigen Schutz bot – ein dichter Knäuel von Männern in hohen Wasserstiefeln und sonderbaren, bis weit in den Nacken reichenden Wachsleinwandhüten, die auf die rasende See hinauslugten und, als das Fräulein unter sie trat, die Wachsleinwandhüte zogen und Clas Janßen, als dem Ältesten, das Wort ließen, damit er dem Fräulein ordentlich Bescheid sage, und mit vornüber gebogenen Köpfen eifrig zuhorchten und nickten und, wenn sie sich abwandten, um auszuspeien, sorgfältig darauf achteten, daß es unter dem Wind war. Und Clas Janßen erzählte, daß heute morgen, als es so weit hell wurde, eine Jacht, die jetzt hinten in der Bucht ankere, eingelaufen und die Nachricht gebracht, daß dicht an der Grünwalder Oie ein Schiff auf dem Strande sitze und die Notflagge trage. Das Schiff – ein kleiner holländischer Schoner – sei ihnen gut gebaut erschienen und könne es schon noch ein paar Stunden oder so aushalten, da es auf glattem Sande sitze, wenn die Wellen die Menschen nicht vorher herunterspülten. – Eine halbe Stunde später wäre das Rettungsboot dann in See gewesen mit dem Kommandeur, und sie hätten es drei Stunden lang verfolgen können, wie es gegen den Sturm aufkreuzte, und hätten es zuletzt noch in der Brandung gesehen vor der Oie; aber die Brandung müsse doch wohl zu stark sein, und das Wetter wäre zu undurchsichtig – sie hätten es dann verloren – selbst vom Ausguck oben und aus dem schärfsten Fernglase – und wüßten nicht, ob der Kommandeur an Bord gekommen, und es sei gewiß ein schwer' Stück Arbeit, da es so lange daure. Aber der Kommandeur, der werde es schon durchholen. Und nun solle das Fräulein hineingehen und sich von Frau Rickmann eine Tasse Tee machen lassen, sie wollten ihr schon Bescheid sagen, wenn das Boot in Sicht wäre, und was das Zurückkommen betreffe, da solle das Fräulein auch nur ganz ruhig sein: Der Herr Kommandeur verstände seine Sach', und die sechse, die mit ihm wären, die verständen auch ihre Sach'. Und nun, wie in einem wirren, schönen Traum, war es, daß Else nach dem Strande lief neben einem Manne in hohen Wasserstiefeln und einer sonderbaren Kopfbedeckung, der im Laufen allerlei erzählte, wovon sie kein Wort verstand, und dann auf dem Platze war, wo sie bei der Ankunft gewesen, im Schutze der Düne und dann oben auf der Düne, auf der jetzt die Leuchtfeuer durch den Abenddunst flimmerten. Und dann sah sie plötzlich das Boot, das sie beständig, Gott weiß wo, in der dicken Luft gesucht, ganz nahe, und war dann an einer ganz anderen Stelle, wo das Ufer flach war und die Brandung nicht ganz so fürchterlich tobte, und sah wieder das Boot, das jetzt noch einmal so groß schien wie vorhin, sich mit dem ganzen Kiel aus dem weißen Schaum heben und wieder im Schaum versinken und wieder heben, während ein paar Dutzend von den Männern in den weißen Schaum hineinliefen, der ihnen über den Köpfen zusammenschlug. Und dann kam einer durch die abrollende Welle, in hohen Wasserstiefeln, und hatte gerade solchen sonderbaren Hut auf, und sie stieß einen Freudenschrei aus und stürzte ihm entgegen und hing an seinem Halse, und er hob sie in die Höhe und trug sie eine Strecke, bis sie den Fuß wieder auf den Sand setzen konnte. Und ob er sie dann weiter getragen, ob sie zusammen geflogen oder gegangen, – sie wußte es nicht und sah ihn eigentlich erst, als er bereits, nachdem er sich umgezogen, an dem gedeckten Tische saß und lachte, weil sie ihm ein Glas Portwein nach dem andern einschenkte, während die Tante lächelnd dabei saß und Frau Rickmann ab und zu ging und Hammelkoteletts mit dampfenden Kartoffeln und Rührei mit Schinken auftrug, und er, trotzdem er keinen Blick von ihr verwandte, – alles aufaß mit dem Hunger eines, der seit Morgen um sieben bis jetzt keinen Bissen gegessen. Es war keine Zeit dazu gewesen. Es war ein bös Stück Arbeit gewesen, bis zu dem gestrandeten Schiff zu kommen, und ein noch böseres, die armen Menschen mitten aus der Brandung zu holen, aber es war gelungen; sie waren sämtlich gerettet – ihrer acht. Hatte sie dann bei Grünwald ans Land setzen müssen – was wieder ein schwierig Ding war und ihn so lange aufgehalten, aber es war nicht anders zu machen gewesen, da die armen Menschen, die die ganze Nacht in der Takelage gehangen, in einem zu jämmerlichen Zustande waren; aber sie würden schon noch einmal durchkommen. Berauscht von dem Wonneduft der wunderholden Blume, die sie sich von des Abgrunds Rand pflücken mußten, bemerkten sie erst jetzt, daß Tante Valerie sie verlassen. Else teilte ihm mit schnellen Worten mit, um was es sich für die Ärmste handle, und wie sie nun keinen Augenblick mehr verlieren dürften, um den schlimmen Weg nach Hause wieder anzutreten. Keinen Augenblick! rief Reinhold, sich erhebend, ich will sogleich das Nötige anordnen. Es ist bereits geschehen, sagte Valerie, die, hereintretend, die letzten Worte gehört, der Wagen hält vor der Tür. In dem tiefen Sande war das Geräusch der Räder von den Glücklichen nicht gehört worden, ebensowenig wie der Hufschlag von dem Pferde eines Reiters, den Tante Valerie vorhin durch das Fenster gesehen und dessen Botschaft in Empfang zu nehmen sie vorhin aus dem Zimmer gegangen. Er war da, er befahl ihr zu kommen! – Sie wußte es, bevor sie den Brief erbrach, den ihr François überreichte. Sie hatte den Brief gelesen – in der kleinen Stube linker Hand, am offenen Fenster stehend, während François draußen stand – und hatte, während sie las, laut gelacht und das Blatt in Stücke gerissen und die Stücke verächtlich zum Fenster hinausgeschleudert in den Sturm, der sie im Nu verwehte. Madame lacht, hatte François gesagt, – auf französisch, wie immer, wenn er eindringlich sprechen wollte – aber ich versichere Madame, daß die Sache nicht zum Lachen ist und daß, wenn Madame nicht vor sechs Uhr auf dem Schloß ist, es ein großes Unglück gibt. Ich werde kommen. Else war sofort bereit, und Reinhold versuchte mit keinem Worte, mit keinem Blicke, sie zu halten. Er hätte sie so gern begleitet, aber daran war nicht zu denken. Er durfte jetzt seinen Posten keine Stunde verlassen, könnte ihn doch jeden Augenblick die Pflicht wieder rufen! Und Else hatte den Mantel noch nicht umgebunden, da trat ein Lotse herein, Meldung zu bringen von dem Boote, das um zwei Uhr ausgesegelt nach dem Dampfer, der von dem Wissower Haken signalisiert war. Sie waren auf der Rückfahrt – es war mittlerweile fünf Uhr geworden – erschrocken gewesen über die Brandung, die an den Dünen zwischen dem Hafen und dem Golmberge stand, und hätten so weit als möglich hineingehalten, um sich zu überzeugen, ob die See durchgebrochen wäre, wie der Herr Kommandeur vorausgesagt. Das hätten sie denn nun zuerst, eben der grausamen Brandung wegen, nicht feststellen können, aber als sie dann, um darüber ins klare zu kommen, noch näher gehalten, habe Clas Lachmund zuerst und dann auch die andern auf der Weißen Düne zwei Menschen gesehen, von denen der eine wohl eine Frau gewesen sein möchte, die sich nicht geregt hätte, während der andre – ein Mann – Zeichen gemacht. Es hätte ihnen aber, trotz aller Mühe, nicht gelingen wollen, heranzukommen, ja, sie müßten von großem Glück sagen, daß sie wieder flott geworden, nachdem sie sich dicht bei der Weißen Düne festgesegelt, und dabei hätten sie denn freilich gesehen, daß der Durchbruch stattgefunden – nord- und südwärts von der Weißen Düne sicher, wahrscheinlich aber auch an anderen Stellen. Um die beiden auf der Weißen Düne stehe es allerdings schlimm, wenn sie nicht vor Nacht noch geborgen würden. Wer können die Unglücklichen sein! fragte Valerie. Schiffbrüchige, gnädige Frau – wer sonst! erwiderte Reinhold. Die zwei Menschen aber auf der Düne – er hatte es Elsen nicht sagen mögen – waren sicher keine Schiffbrüchige, da ein Schiff, das gestrandet, längst, vom Haken aus, gemeldet gewesen wäre. Und wenn auch der Oberlotse Bonsak ein wenig übertrieben haben mochte, wie er es bei dergleichen Gelegenheiten ja zuweilen tat – Gefahr war jedenfalls: Gefahr für die beiden, von denen er nichts wissen wollte, als daß es Menschen waren, die ohne ihn verloren sein mußten. * In der großen, vom Rauch schlechten Tabaks und dem Mißduft verschütteten Bieres und Branntweins erfüllten Gaststube im Wirtshaus von Warnow lärmten die heute morgen angekommenen Fuhrknechte, zu denen sich im Laufe des Nachmittags ein paar Viehhändler gesellt hatten, die nun auch lieber bleiben wollten. Der Wirt stand bei ihnen und schrie noch lauter als seine Gäste, denn er mußte am besten wissen, ob eine Eisenbahn, die nicht über Warnow, sondern von Golm direkt am Wissower Haken hin nach Ahlbeck ging, ein Unsinn sei oder nicht. Und der Herr Graf, der werde schöne Augen machen, wenn er die Bescherung sähe. Aber, wenn einer partout nicht hören wolle, müsse er's wohl zu fühlen bekommen. Der Wirt führte das große Wort so laut und eifrig, daß er nicht einmal bemerkte, wie seine Frau hereinkam und die Schlüssel zu der Herrschaftsstube oben vom Brett an der Tür nahm, während das Mädchen die zwei Messingleuchter aus dem Wandschrank langte, in die sie Lichte steckte, die sie anzündete und mit denen sie der Frau nachlief. Er wandte sich erst, als ihm jemand auf die Schulter klopfte und wissen wollte, wo er seine Pferde einstellen solle; der Knecht sage, es sei kein Platz mehr. Ist auch nicht, sagte der Wirt; wo kommst du her? Von Neuenfähr; die Herrschaften, die ich gebracht habe, sind schon oben. Wer sind denn die Herrschaften? fragte der Wirt. Weiß nicht: ein junger Herr und eine junge Dame, was von den Vornehmen, glaube ich. Konnte ihnen gar nicht schnell genug fahren. Aber da soll mal einer schnell fahren bei diesem Wetter! Schritt vor Schritt! Zwei Mähren oder eine – das war ganz gleich. Ein Einspänner, der immer hinter mir kam, hätte mir ebensogut vorbeifahren können. Muß wohl ein Warnowscher gewesen sein, bog vor dem Dorfe rechts ab. Der Jochen Ratzenow, sagte der Wirt, war heute morgen in Neuenfähr; ja, der hat eine höllische Mähre! Na, dann komm, wollen mal nachsehen. Glaube aber nicht, daß es geht. Der aus Neuenfähr folgte dem Wirt auf den Flur, wo sie den Herrn trafen, den er gefahren. Der Herr nahm den Wirt auf die Seite und sprach leise mit ihm. Das kann lange dauern, dachte der aus Neuenfähr, ging zur Tür hinaus, spannte die Pferde ab und zog sie, während er den Wagen – einen leichten offenen Holsteiner – vorläufig stehen ließ, unter das weitvorspringende Dach eines Schuppens, wo sie doch vor dem Ärgsten geschützt waren. Er hatte den dampfenden Tieren eben noch Decken aufgelegt, als der Herr aus dem Hause trat und auf ihn zukam. Ich bleibe möglicherweise nicht lange hier, sagte der Herr, vielleicht nur eine Stunde; wir fahren dann weiter. Wohin, Herr? Nach Prora oder nach Neuenfähr zurück, ich weiß es noch nicht. Das geht nicht, Herr! Weshalb nicht? Die Pferde halten's nicht aus. Ich weiß besser, was Pferde aushalten; sage Ihnen hernach Bescheid. Der aus Neuenfähr ärgerte sich über den befehlshaberischen Ton, in dem der Herr zu ihm sprach, wagte aber keine Widerrede. Der Herr, der jetzt einen Paletot mit blanken Knöpfen anhatte – während der Fahrt hatte er einen Überrock getragen – schlug den Kragen in die Höhe, als er sich jetzt, um den Schuppen herum; nach der Straße wandte. Das Licht aus der Gaststube fiel hell auf seine Gestalt. Aha! sagte der aus Neuenfähr; – dachte mir's doch! Das schnauze einen noch an, wenn man längst in der Reserve ist. Der Teufel soll den Herrn Leutnant fahren! Ottomar hatte sich von dem Wirte genau Bescheid sagen lassen; der Weg, der gerade durch das Dorf abwärts leitete, war auch sonst nicht zu verfehlen. Er ging langsam und blieb wiederholt stehen: ein paarmal, weil ihn der Sturm, der ihn gerade von vorn traf, nicht weiter ließ, und dann wieder, weil er sich darauf besinnen mußte, was er denn eigentlich im Schloß wolle. Der Kopf war ihm so wüst von der langen Fahrt in dem offenen Wagen durch den schauderhaften Sturm, und dann im Herzen – da war es so dumpf, es war ihm, als ob er nicht einmal mehr die Kraft habe, dem Schurken ins Gesicht zu sagen, daß er ein Schurke sei. Und dann – es hatte ja in Gegenwart der Tante sein sollen, sein müssen, wenn der Elende hinterher nicht alles wieder ableugnen und die Tante weiter in sein Lügengewebe verstricken sollte, wie er sie alle verstrickt hatte. Oder war dies alles ein zwischen ihm und der Tante abgekartetes Spiel? Es war doch eher verdächtig, daß sie gerade heute, wo man erwarten mußte, daß er kommen würde, den Schurken zur Rechenschaft zu ziehen, so früh schon das Schloß verlassen hatte. Mit Elsen freilich. Aber konnte die Liebe, die sie Elsen zuzuwenden schien – heimlich, wie denn dies alles in dunkeln, verborgenen Wegen schlich – nicht auch nur eine Liebe nach dem Rezept Giraldis sein: Die Tante hatte es übernommen, Elsen anzulocken und zu betören, wie Giraldi ihn; und sie waren beide ins Garn geflogen, und die schlauen Finkler lachten die dummen Gimpel aus. Die arme Else, die sich sicher auch auf die schönen Versprechungen verlassen und nun zusehen mochte, wie sie als Frau Lotsenkommandeur mit ein paar hundert Talern fertig würde, da drüben irgendwo in dem elenden Fischernest! Da – das sollte unser Erbe sein – das Schloß am Meer, wie wir's getauft hatten, wenn wir uns unsere Zukunft ausmalten; – wir wollten's gemeinsam bewohnen – den einen Flügel du, den andern ich. Und wenn du den Prinzen heiratetest und ich die Prinzessin, dann wollten wir losen, wer es allein haben sollte, – zusammen ginge es nicht mehr von wegen des großen Gefolges! Und nun, du liebste, beste von allen Mädchen, bist du so weit von mir, des Liebsten harrend, der vielleicht in den Sturm hinaus ist, ein paar Heringsfischern das kostbare Leben retten, und ich – Er hatte sich auf einen Stein gesetzt, der auf dem äußersten Rande der Schlucht, nach der Senkung zu, vorragte, in dem lockeren Mergel wohl nur noch festgehalten durch die Wurzeln einer schönen, kräftigen Fichte, die sicher einst viel weiter ab von dem Rande gestanden hatte und sich jetzt unter dem Druck des Sturmes ächzend und knarrend nach hinten bog, als wollte sie dem Sturz in die Tiefe entfliehen. Uns beiden ist nicht zu helfen, sagte Ottomar. Das ist denn allmählich so weggebröckelt, und wir hangen mit den Wurzeln in der Luft. Der Stein, der uns gern gehalten hätte, tut's auch nicht – im Gegenteil! Und dann nur noch ein tüchtiger Sturm, wie jetzt, und wir liegen beide unten! Ich wollte bei Gott, wir lägen da; und du hättest mir im Fallen den Schädel zerschmettert, und die Flut käme und spülte uns hinaus ins Meer, und wüßte keiner, wo wir ein Ende genommen! Und sie? Sie, die er eben verlassen in dem elenden geschmacklosen Gasthofszimmer, sie, als er zur Tür hinausging – sie dachte gewiß, er sähe es nicht mehr – sich auf das harte Sofa warf, den Kopf auf der Lehne in die Hände gedrückt, weinend, ohne Zweifel! Worüber? Über ihr jämmerliches Los, das sie an einen kettet, der schwächer war als sie. Sie hatte die Kraft, sie würde es durchhalten, mochte kommen, was wollte. Aber was konnte auch für sie kommen? Sie hatte ihm hundertmal unterwegs gesagt, daß er sich über das elende Geld keine Gedanken machen solle, daß ihr Vater viel zu stolz sei, um ihr eine Bitte zu verweigern – die erste, die sie, so weit ihre Erinnerung reiche, je an ihn gerichtet, die letzte, die sie je an ihn richten würde. Und so hatte sie noch in Neuenfähr, wo sie eine halbe Stunde auf den Wagen warten mußten, an ihren Vater geschrieben. Die Sache ist aus der Welt, hatte sie gesagt, ihm das Haar aus der Stirn streichend, wie eine Mutter dem Sohn, der dumme Streiche in der Schule gemacht. Sie war die stärkere. Aber was verlor sie denn auch, ihren Vater? – Sie schien ihn nie wahrhaft geliebt zu haben; ihr behagliches Leben in dem schönen, reichen Hause? – Was weiß ein Mädchen, was und wieviel zum Leben gehört! – Ihre Kunst? Sie nahm sie ja überall mit sich; sie hatte ja lächelnd gesagt, die reiche für sie beide aus. Natürlich, sie würde ihn ja nun auch noch erhalten müssen, den weggejagten Leutnant! Die Fichte, an der er lehnte, ächzte und stöhnte wie ein gequältes Tier, Ottomar spürte, wie die Wurzeln sich hoben und dehnten und der Mergel die steile Böschung hinabschollerte, während es oben in dem Gezweig pfiff und heulte und knatterte wie Kleingewehrfeuer. Ich hatte es damals so einfach, sagte Ottomar, der Vater hätte meine Schulden bezahlt und wäre stolz auf mich gewesen, anstatt mir jetzt eine Pistole zu schicken, als ob ich nicht ebensogut wüßte wie er, daß es mit Ottomar von Werben zu Ende ist; und Else hätte oft und gern von ihrem Bruder gesprochen, der bei Vionville fiel. Die liebe Else, wie gern sähe ich sie noch ein einziges Mal! Er hatte vom Wirt gehört, daß der Wagen der Damen, wenn sie am Abend, wie ihm der Kutscher gesagt, zurückkämen, hier, als auf dem einzigen noch praktikabeln Weg, vorüber müsse; der nähere unten durch die Niederung halte nicht mehr. Jetzt wieherte es ganz deutlich – in seiner unmittelbarsten Nähe – in dem Hohlweg, an dessen Rande er stand über einem Wagen, der von den rückwärts drängenden Pferden gegen die Wand des Hohlwegs geschoben wurde. Mit einem Satze war er hinter dem Wagen in dem Hohlweg und bei dem Kutscher, vorn an den schnaubenden Pferden, dem Mann helfend, sie herumzureißen, es war noch eben Platz. Wo sind die Damen? Ausgestiegen – oben – hatten's so eilig – über den Steg in dem Grund nach dem Parke – Herr Gott! Herr Gott! Wenn sie nur noch herübergekommen sind! Herr meines Lebens! Ottomar hatte aus den wirren Worten des Kutschers, die der Sturm noch dazu größtenteils unverständlich gemacht, nur so viel begriffen, daß Else in Lebensgefahr sei. Was war das für ein Steg? Wo war der Steg? Er lief rufend, schreiend dem Kutscher nach. Der Mann hörte nicht. * Giraldi sah nach der Uhr, es war in zehn Minuten sechs. François, der bereits vor einer halben Stunde zurückgekommen, hatte geschworen, er sei überzeugt, Madame würde sich sogleich hinter ihm her auf den Weg gemacht haben. Der Weg sei gar nicht so schlecht, wie er gedacht; sie könnten um sechs recht gut auf dem Schlosse sein. Giraldi ging ins Haus, François noch einmal zu fragen. François war nicht zu finden. Jemand wollte ihn vor ganz kurzer Zeit durch den Gartensaal nach dem Park haben gehen sehen. Er habe einen Mantel umgehabt. Der Bursche ist gescheit, sagte Giraldi bei sich, er hat sein Geld und macht sich davon. Du bist in derselben Lage, du solltest einem so klugen Beispiele folgen. Und dennoch: Es war ja noch nichts verloren, es war noch alles zu gewinnen, ja, es war alles gewonnen, sobald Valerie auf seiner Seite stand: Aber Valerie mußte eben zu allem Ja sagen – mußte, mußte, mußte! Er wußte kaum, wie er in den Park gekommen war, vielleicht, um nach François zu suchen; vielleicht, weil man ihm gesagt, daß man von dem Altan in der Südecke den Weg nach Wissow über die Hügel auf längere Strecken gut übersehen könne, wenn in der Dunkelheit, die mit jedem Moment tiefer hereinzusinken schien, überhaupt noch etwas in größerer Entfernung zu sehen gewesen wäre! Und wo war die Südecke? Als wenn man zwischen dem Gestrüpp dieser raschelnden Hecken, in dem Dunkel dieser sausenden, ächzenden Bäume Bescheid wissen könnte. Er blickte auf seine Uhr – er konnte die feinen Zeiger auf dem Zifferblatt nicht mehr erkennen. Er ließ das Werk repetieren – er hörte das leise Klingen nicht in dem Donner des Sturms, der um ihn, über ihm krachte und rasselte. Er wollte noch fünf Minuten abzählen, wenn sie dann nicht kam, – mochte es sein! Und da war der Altan, nach dem er so lange gesucht – ein hölzerner Bau auf vier dünnen Pfeilern, zu dem eine schmale gerade Treppe hinaufführte. Er lag hoch genug, um das Terrain zwischen dem Parke und den Hügeln drüben zu überblicken, einen fünfzig bis hundert Schritt breiten, muldenförmigen Grund, durch den ein dunkler, sich schlängelnder Steg führte. Er betrachtete sich die Situation genau. In der verhältnismäßigen Helligkeit auf seiner Warte hatte er auch die Uhr sehen können: Es war zehn Minuten vor sechs, und also keine Sekunde mehr zu verlieren. Er wollte sich nun durch den Park nach dem Schloßhof zurückbegeben – er würde dort sofort erfahren, ob Valerie gekommen war oder gar schon der andre. Dann – im Notfalle – zurück durch den Park, über den Steg, in das Dorf. Er würde schon ein Fuhrwerk auftreiben und dann – zum bösen Teufel, elendes Barbarenland, auf Nimmerwiedersehen! Er ließ die Blicke noch einmal über die Hügel drüben schweifen, auf deren Rande er den Wagen hatte sollen kommen sehen. Unsinn! Wer konnte da noch etwas erkennen, wo über alles sich ein grauschwarzer Schleier breitete, der mit jeder Minute undurchsichtiger wurde. Selbst der Steinpfad in dem Grunde hob sich kaum noch heraus; die dunkle Linie schwankte hin und her, die Steine schienen sich zu bewegen. Aber das bewegte sich wirklich – das waren die Steine nicht – es waren Menschengestalten – Frauengestalten – zwei – die über die Steine kamen – sie, zweifellos, mit dem verhaßten Mädchen – gleichviel! Er war das steile Treppchen hinabgestürzt durch den Buchengang, in dem es fast völlige Nacht war, nach dem Pförtchen, das er vorhin, wo der Buchengang anfing, in der Einfriedigung des Parkes bemerkt und auf das, wie er annahm, jener Steinpfad mündete. Valerie bebte zurück, als sie den Entsetzlichen so plötzlich, wie eine Ausgeburt des Dunkels und der entfesselten Elemente, vor sich sah. Aber schon hatte er sie an der Hand ergriffen und in den Gang gezogen, während Else auf der Tante flehende Bitte: Laß mich mit ihm allein! stehen geblieben war, ungern Folge leistend, mit den scharfen Augen die im Dunkel des Ganges verschwindenden Gestalten der beiden verfolgend. So stand sie, spähend, lauschend – fürchterliche Minuten, von denen sie jede Sekunde an den Hämmern ihres Herzens hätte zählen können. Jetzt sah sie die beiden, die eiligen Schrittes in der Tiefe des Ganges auf und ab zu gehen schienen, sie glaubte einzelne verflatternde Worte zu vernehmen. Dann wieder verschlang das wilde Konzert des Sturmes und der Flut jeden Laut. In dem Dunkel verschwanden die Gestalten – sie konnte die Angst nicht länger ertragen; sie eilte in den Gang hinein – vorüber an etwas, das an ihr vorbeihuschte – er! Sie schrie es heraus: Verräter! Mörder! Der wilde Schrei klang nicht lauter als eines Kindes Lispeln. Sie stürzte den Gang hinab bis zu dem Altan, Tante, Tante! rufend, während sie doch nur noch eine Tote zu finden erwarten durfte. Da – am Fuße der Treppe. Sie kauerte auf den untersten Stufen der Treppe, auf ihrem Schoß den Oberkörper der Dahingestreckten, von deren eiskalter Stirn ein warmer Strom herabrieselte. Aber sie lebte ja noch! Sie hatte mit ihren schlanken Fingern die Hand, welche die ihre ergriffen, zu drücken versucht, und jetzt kamen leise Worte, die Else, tief sich herabbeugend, zu fassen suchte: Ängstige dich nicht! – Es ist nichts – ein Fall gegen das Geländer, als er mich wegschleuderte – frei, Else, frei! – Frei! Else überlegte, während sie mit ihrem und der Tante Taschentuch und einem Fetzen, den sie von ihrem Kleide riß, die Wunde auf der Stirn, so gut es gehen wollte, verband, ob sie versuchen solle, die leichte Gestalt bis zum Schlosse zu tragen. Der Verband war fertig; sie wollte die Tante eben sanft aus ihrem Schoße heben, als es durch die Büsche, durch die Hecken, zwischen den Bäumen herankam, auf sie zu, wie tausend und abertausend Schlangen, deren Zischen selbst durch das Heulen des Sturmes hindurchklang mit seltsam gräßlichem Laut, vor dem Elsen das Blut im Herzen stockte. Atemlos horchte sie hin und fuhr dann mit einem gellen Schrei in die Höhe, die Tante emporreißend, mit der Kraft der Verzweiflung die Treppe hinaufziehend, tragend, die Ohnmächtige, sich selbst aus der Flut zu retten, die durch den Park hereinbrach. Und so saß sie, den Kopf der Ärmsten wieder auf ihrem Schoß haltend, umheult von dem Sturm, umdonnert von der Flut, die fortwährend den schwanken schwachen Holzbau bis in die Fugen der morschen Bretter erschütterte, betend, daß Gott ihnen den einen senden möge, den einzigen, der sie erretten könnte aus dieser gräßlichen Not. * Ferdinande war, als Ottomars Schritt über den Flur die knarrende Treppe hinab verhallte, aufgesprungen und ein paarmal in dem kleinen Zimmer hin und her geschritten, dann hatte sie sich wieder auf das Sofa geworfen, wie Ottomar sie zuletzt gesehen, den Kopf in die Hände auf die Lehne gedrückt. Aber sie hatte vorhin nicht geweint; sie weinte auch jetzt nicht. Sie hatte keine Tränen. Sie hatte keine Hoffnung mehr, keinen Wunsch mehr, außer dem einen: für ihn sterben zu dürfen, da sie doch nicht für ihn leben konnte, ihr Leben für ihn nur eine Last und eine Qual mehr sein würde. Hätte sie doch dem Offizier mit der klaren Stirn und den klugen, mitleidigen Augen geglaubt: Sie täuschen sich, liebes Fräulein! Ihre Flucht mit Ottomar ist keine Lösung, ist nur eine Verwicklung mehr, und die allerschlimmste. Der Schwerpunkt liegt für Ottomar in seiner so grausam kompromittierten Ehre als Offizier. Hier muß wenigstens der Schein gerettet werden. Aber mag er doch reisen; nur allein! Nur nicht mit Ihnen! Ich beschwöre Sie: nicht mit Ihnen! Glauben sie mir: Die Liebe, auf deren Allmacht Sie so vertrauen, die, wie mit Götterhänden, Ottomar über alle Nöte weghelfen soll – sie wird sich gänzlich ohnmächtig erweisen – ja schlimmer als das: Sie wird den Rest der Kraft, den Ottomar vielleicht sonst noch aufzuwenden hätte, vollends brechen. Um seinetwillen – wenn Sie doch an sich nicht denken wollen – gehen Sie nicht mit ihm! – Wenn sie ihm doch helfen könnte! Sie hatte ja für sich selbst keinen Wunsch, kein Verlangen. Gott war ihr Zeuge! Und wenn sie heute nacht in seinen Armen ruhte, er in den ihren – sie konnte daran denken, ohne daß ihre Pulse klopften, ohne daß bei dem Gedanken die Verzweiflung, die ihr das Herz abdrückte, auch nur für einen Moment gewichen wäre: Er wird aus deiner Umarmung, deinen Küssen keine neue Kraft, keinen frischen Lebensmut schöpfen! Er wird sich von dem Lager der Liebe erheben – ein lebensmüder, gebrochener Mann! Wenn nicht Kraft und Mut zum Leben – so zum Sterben doch! Wenn sie für ihn sterben könnte, ihm sterbend sagen könnte: Siehe, der Tod ist eine Wonne und ein Fest für mich, wenn ich hoffen darf, daß du von Stund' an das Leben verachten und, weil du es verachtest, groß und schön leben wirst, wie einer, der nur lebt, um groß und schön zu sterben! Die Wirtin hatte die gnädige Frau, da die gnädigen Herrschaften doch nun gewiß zur Nacht bleiben würden, eigentlich fragen wollen, wie sie es mit den Betten nebenan in der Kammer gehalten wünsche, blieb aber stehen, als sie die Tür gehen und die gnädige Frau einen leisen Schrei ausstoßen hörte. Du lieber Gott, dachte die Wirtin: Das ist denn doch bei den vornehmen Leuten fast noch schlimmer als bei unsereinem. – Denn der gnädige Herr, der zurückgekommen, hatte sogleich in einem nicht eben lauten, aber offenbar heftigen Ton zu sprechen begonnen. Was die beiden jungen Leute wohl nur miteinander haben? dachte die Wirtin und schlich auf den Fußspitzen nach der Tür. Aber sie konnte nichts verstehen, nichts von dem vielen, was der gnädige Herr sagte, und die paar Worte auch nicht, die die gnädige Frau dazwischen sprach. Und dann war der Wirtin, als ob das gar nicht die helle Stimme von dem gnädigen Herrn sei und als ob die beiden gar nicht deutsch sprächen; und sie hatte das Auge an die Ritze gelegt und zu ihrem Erstaunen und Schrecken einen wildfremden Mann bei der gnädigen Frau im Zimmer stehen sehen. Ich will nicht wieder umkehren, schrie Antonio, nachdem ich den halben Weg gelaufen, wie ein Hund hinter der Herrin her, die ein Räuber gestohlen, und die andere Hälfte im Stroh des Wagens zusammengekrümmt gelegen habe, wie ein Tier, das der Schlächter auf den Markt fährt. Ich will kein Hund länger sein, ich will nicht länger leiden, ärger als ein Tier. Ich weiß jetzt alles, alles, alles: Wie er dich verraten hat, der ehrlose Feigling, um zu der andern zu laufen, und wieder von der zu dir und vor deiner Tür gelegen und um Gnade gewinselt hat. Und der gottverfluchte Giraldi, dem ich die Kehle zusammenschnüren will, wann und wo ich ihn nur wieder treffe, so wahr ich Antonio Michele heiße! Ich weiß alles, alles, alles! Und daß du ihm heute nacht deinen schönen Leib geben wirst, wie du ihm deine Seele gegeben! Der Ärmste hatte kein Verständnis für das halb verächtliche, halb melancholische Lächeln, das um die stolzen Lippen des schönen Mädchens zuckte. Lache nicht! schrie er, oder ich töte dich! Und dann, als sie sich halb erhoben – nicht aus Furcht, nur, um den Wütenden zurückzuweisen – Verzeihe, oh, verzeihe mir! Ich dich töten, dich, die du mein alles bist, meines Lebens Licht und Wonne! Ich verlange ja so wenig; ich will ja harren – jahrelang – wie ich jahrelang schon geharrt, und will nicht müde werden, dir zu dienen, dich anzubeten wie die heilige Madonna, bis der Tag kommt, da du den Flehenden erhörst! Ich kann dir nichts gewähren. Ich habe nichts zu gewähren, ich bin so arm, viel ärmer als du! Ich bin nicht arm, schrie er, ich bin eines Fürsten Sohn, bin mehr als ein Fürst. Hörst du? rief der Wahnsinnige, hörst du? Er stand mit weitausgestreckten Arm, lächelnd, die schwimmenden Augen, wie in seligem Triumph, auf Ferdinande gerichtet, die ihn entsetzt anstarrte. Auf einmal wurde das Lächeln zur schauerlichen Grimasse; die Augen blitzten in tödlichem Haß, der ausgestreckte Arm zuckte zurück, die Hand krampfte sich auf der Brust, als jetzt unmittelbar unter dem Fenster eine Stimme hell durch das Toben des Sturmes das Geschrei der Menschen übertönte in befehlendem Ton: ein Seil – ein starkes Seil, das längste, das ihr habt! Ein eiliger Schritt, drei, vier Stufen zu gleicher Zeit nehmend, kam die knarrende Treppe herauf – der Wahnsinnige lachte gell. Die Wirtin hatte ebenfalls die helle Stimme unten gehört und den eilenden Schritt auf der Treppe. Es gab sicher ein Unglück, wenn der Herr jetzt hereinkam, während der fremde unheimliche Mensch bei der gnädigen Frau war! Sie stürzte in das Zimmer in dem Augenblick, wo der Herr von der andern Seite die Tür aufriß. Ein Wutgeheul ausstoßend, mit hochgeschwungenem Stilett, raste ihm Antonio entgegen. Aber schon hatte sich Ferdinande zwischen beide geworfen, noch ehe Ottomar die Schwelle überschreiten konnte, mit weit ausgebreiteten Armen den Geliebten deckend, die eigene Brust dem niederzuckenden Stoß bietend, ohne Klagelaut zusammenbrechend in Ottomars Armen, während an ihnen vorüber der Mörder stürzte in feiger, wilder Flucht vor dem Anblick der Untat, die er nicht gewollt und die, wie ein greller Blitz, die Nacht seines Wahnsinns zerriß, hinab die Treppe, mitten zwischen die Menschen hindurch, die das Wimmern der Sturmglocke, die Schreckensrufe der Vorübereilenden, aus dem Gastzimmer, überall her aus dem Hause aufgescheucht, und die nun entsetzt vor dem fremden Menschen mit den flatternden schwarzen Haaren, der in seiner Hand ein blutiges Messer schwang, auf die Seite wichen. * Wollen Sie mich fahren, Freund? Wohin, Herr? Nach Neuenfähr. Wieviel geben Sie, Herr? Soviel Sie wollen. Steigen Sie auf, Herr! hatte der aus Neuenfähr gesagt, froh, daß er, anstatt den weiten Weg in solchem Wetter leer zurück zu fahren, nun einen Passagier haben soll, der so viel geben würde, wie er haben wollte. Er wollte es nicht billig tun; aber den Mordlärm mußte er doch noch hören. Er wird sobald nicht wiederkommen, murmelte der Herr, und ich laufe Gefahr, ihm noch einmal zu begegnen; ist es so schon ein halbes Wunder, daß er mich nicht gesehen hat. Ottomar hatte in seiner unmittelbaren Nähe gestanden, als er vorhin seine Befehle an die Leute gab. Er hatte auch, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verschaffen, seinen Namen genannt und daß es seine Tante und seine Schwester wären; und daß sie keine Sekunde verlieren sollten, oder es wäre zu spät. Der Herr trat tiefer in das Dunkel des Schuppens, vor dem der Wagen stand. Er wollte auf alle Fälle gesichert sein. Da aber kam der aus Neuenfähr bereits zurück – in großer Aufregung: Die junge Dame sei totgestochen, die er mit dem jungen Herrn hierher gefahren! Wenn er gewußt hätte, daß es der Herr von Werben war! Und daß die schöne junge Dame, die gnädige Frau Gemahlin, so halb totgestochen werden sollte von einem fremden Landstreicher – ein junger Kerl mit schwarzen Locken und schwarzen Augen – und die schwarzen Locken habe er jetzt auch wieder gesehen, als der Kerl aus der Haustür stürzte – ganz deutlich, er könne es beschwören. Der Kerl könne sie noch unterwegs anfallen. Er für sein Teil fürchte sich nicht, er fürchte sich vor dem Teufel nicht, aber, wenn der Herr doch am Ende nun lieber hier bleiben wolle – Nein, nein, nein! Fahr zu, ich gebe dir auch das Doppelte von dem, was du forderst! Damit war der Herr in den Wagen gesprungen. Der aus Neuenfähr hatte vorhin fünf Taler fordern wollen; jetzt würde er es unter zehn nicht tun und hätte dann also zwanzig. Dafür konnte man selbst eine Mordgeschichte im Stiche lassen! Macht Platz! Zum Donnerwetter! fluchte der aus Neuenfähr und knallte mächtig mit der Peitsche über den Köpfen der dunklen Gestalten, die ihm auf der Dorfstraße entgegen liefen und von denen er mehr als eine beinahe überfahren hätte. Für zwanzig Taler konnte man wohl einen schon ein bißchen überfahren – in der Dunkelheit! In der Dunkelheit und in dem Sturm! Das war ja wahrhaftig noch schlimmer als vorhin, obgleich's da auch schon schlimm genug gewesen; und er habe hundertmal gesagt: Wir wollen in Faschwitz bleiben, Herr; und hernach, als sie nach Gransewitz gekommen: Wir wollen in Gransewitz bleiben, Herr! Aber der junge Herr – was ja der Herr von Werben gewesen – habe immer gerufen: fort, fort! Wenn der gewußt hätte, daß eine halbe Stunde später die gnädige Frau mausetot sein würde! Und habe sich noch die Pferdedecken geben lassen, um ihr die Füße einzuwickeln! Hier, auf dieser selbigen Stelle! Dem aus Neuenfähr erschien die Erinnerung so wichtig, daß er still hielt, dem Herrn die Stelle ordentlich zu zeigen und nebenbei die Pferde ein bißchen verschnaufen zu lassen, die kaum gegen den Sturm ankommen konnten. Fort, fort! rief der Herr. Na, na! sagte der aus Neuenfähr; haben Sie's denn auch so eilig? Hieb aber denn doch wieder auf die Pferde, als der Herr, der schon hinter ihm im Wagen gestanden, ihn mit der rechten Hand an der Schulter packte und, mit der linken nach links deutend, rief. Da, dahin! Wohin? sagte der aus Neuenfähr. Gleichviel! Dahin! Wir kommen schon noch aneinander vorüber, sagte der aus Neuenfähr, nicht anders meinend, als, der Herr fürchte, er werde dem Wagen, der, ihnen entgegenkommend, eben aus dem grauen Dunst auftauchte und wohl noch ein paar hundert Schritt entfernt sein mochte, auf dem schmalen Wege nicht ausweichen können. Der Herr hatte ihn an beiden Schultern gepackt. Donnerwetter! schrie der aus Neuenfähr; sind Sie denn ganz verrückt? Ich gebe Ihnen hundert Taler! Ich will für hundert Taler nicht versaufen! Zweihundert! Hot! schrie der aus Neuenfähr und peitschte auf die Pferde, die er nach links gerissen hatte, von dem sandigen Wege herunter, in die Marschen hinein. Das Wasser klatschte unter den Hufen: dann aber kam festerer Grund; es war am Ende so schlimm nicht, und zweihundert Taler – Hot! schrie der Mann und peitschte wieder auf die Pferde. Die liefen, als ob der Teufel hinter ihnen wäre. Er konnte sie nur mit Mühe in der Hand behalten. Darüber war er viel weiter abgekommen, als er gedacht. Er hatte nur eben ein bißchen vom Wege abhalten und hernach wieder einbiegen wollen. Aber, als er sich umsah, war der Weg mitsamt den Bäumen verschwunden, als wäre alles mit einem nassen Schwamme weggewischt. Und um ihn sprühte es aus der grauen, dicken Luft, daß er nicht mehr wußte, ob er geradeaus oder rechts oder links halten solle. Er konnte sich auch nicht mehr auf sein Gehör verlassen. Auf dem Wege hatte er den Donner des Meeres links gehabt, hernach gerade vor sich – jetzt war's ein solcher Höllenlärm ringsumher – konnte er denn schon so nahe an der Brandung sein? Es bemächtigte sich seiner eine fürchterliche Angst. Wer war der unheimliche Passagier, den er da hinter sich auf dem Wagen hatte und der ihm zweihundert Taler geben wollte, wenn er dem andern Wagen, der ihm entgegengekommen, auswich? War es ein Mordgeselle von dem Landstreicher? Er hatte ebensolche schwarzen Augen und schwarzes Haar und einen langen schwarzen Bart dazu und hatte ebenso eine wunderlich fremdländische Aussprache! War es der leibhaftige Teufel, dem er seine arme Seele verkauft für zweihundert Taler? Herr Gott! Herr Gott! stöhnte der Mann, laß mich hier heraus! Ich will's bei Gott nicht wieder tun! – Herr Gott! Herr Gott! Der Wagen fuhr durch schieres Wasser, der Mann hörte es durch die Räder zischen. Er hieb wie rasend auf die Pferde, die bäumten sich und schlugen aus, aber er kam keinen Schritt vorwärts. Mit einem Satz war der Mann vom Wagen herunter bei den Pferden. Es gab nur noch eine Rettung: absträngen, fortjagen, was die Mähren laufen wollten! Eben hatte er das zweite Pferd los und hob den Kopf, und – die Haare sträubten sich ihm, als ob alles, was bis jetzt passiert, nur Kinderspiel gewesen gegen das, was er jetzt sah. Er hatte doch nur einen auf dem Wagen gehabt, und jetzt waren es ihrer zwei. Und die zwei hatten sich an den Kehlen gepackt und rangen miteinander und schrien durcheinander; der eine, sein Passagier, als wenn er um Gnade bäte, und der andere gellte dazwischen wie der leibhaftige Teufel, und – der andere war der Mordhund von vorhin – Mehr sah der Mann aus Neuenfähr nicht. Er hatte sich mit einem verzweifelten Sprung auf das Sattelpferd geworfen, das war mit ihm davongejagt, die Beimähre nebenher; Und das Wasser war über ihn weggespritzt, und dann war er bis an den Leib im Wasser gewesen, und dann bis an die Schultern, während die Mähren schwammen, und dann hatten sie wieder Grund unter sich gehabt, und er war auf dem Festen gewesen, und die Mähren hatten gestanden, weil sie nicht mehr konnten, und die, auf der er saß, hatte so gezittert, daß er fast herunter gerutscht wäre. Und er hatte sich umgesehen, was das denn eigentlich gewesen? Vor ihm lag ein Dorf. Das konnte doch kein anderes als Faschwitz sein, nur daß Faschwitz eine halbe Meile in gerader Linie vom Meere lag, und da hinter ihm, wo er herkam – es war gerade ein wenig heller geworden, so daß er doch eine Strecke sehen konnte – war die offenbare See, die fürchterliche Wogen schlug, die weiter und weiter, brausend und schäumend, wer weiß wie weit, in das Land rollten. Die sind ersoffen wie Katzen, und mein schöner neuer Holsteiner – daß ich das – Dem aus Neuenfähr war, als ob er jetzt doch wohl nicht fluchen dürfe. * Die zuerst Gekommenen brauchten den Herzulaufenden die Unglücksstelle nicht mehr zu zeigen. Es konnte jeder den weißangestrichenen Altan drüben sehen und die schwarzen Frauengestalten – einmal zwei, dann wieder nur eine, die vorhin – sagten die zuerst Gekommenen – mit dem Taschentuche immerfort gewinkt hatte und jetzt in der Ecke zusammengekauert saß, als habe sie die Hoffnung aufgegeben und erwarte ergebungsvoll ihr Schicksal. Wenn doch nur der Herr Leutnant wieder käme: Es sind doch seine leibhaftigen Verwandten. Wenn es kein Mittel gab, ein Seil hinüberzuschaffen und drüben zu befestigen, so daß an der schwankenden Brücke einige herübergleiten konnten, um dem Floß auch von drüben her die Richtung nach dem Altan zu geben – war keine Rettung. So meinte der Schulze, und so meinten die andern. Sie schrien es aber einander in die Ohren, es hätte in dem fürchterlichen Lärmen niemand ein gesprochenes Wort verstehen können. Da stand Ottomar plötzlich unter ihnen. Er hatte mit einem Blick die ganze Situation begriffen. Eine Leine her! schrie er, und schafft Licht! – Die Weiden da! Sie hatten ihn sofort verstanden: die vier alten hohlen Weidenbäume hart am Rande! Man solle sie in Brand stecken! Es war dabei freilich, wenn es überhaupt gelang, Gefahr für das Dorf, aber daran dachte nicht einer. Sie stürzten nach den nächsten Häusern, sie schleppten geteertes Werg, Kienstücke armevoll herbei, stopften alles in die Höhlungen. Ein paar vergebliche Versuche – und dann flammte es auf – sprühend, knatternd, – einmal hoch aufleuchtend, jetzt wieder zusammensinkend – seltsam wechselnde Lichter auf die hunderte von bleichen Gesichtern werfend, die alle, alle mit fürchterlicher Starrheit auf den Mann gerichtet waren, der da, die Leine um die Brust geschlungen, in dem Strome mit dem Strome kämpfte. Würde er es durchhalten? Mehr als ein Paar schwieliger Hände fügten sich betend zusammen. Es lagen Weiber auf den Knien, schluchzend, wimmernd, die Nägel ins Fleisch krampfend, das Haar raufend, wie im Wahnsinn aufkreischend, als wieder eine fürchterliche Welle heranrollte und über ihn wegrollte und er in der Welle verschwand. Aber da war er wieder. Er war auch eine Strecke stromab getrieben, aber er hatte seinen Ausgangspunkt gut gewählt; noch war der Altan weit unter ihm; es schien ein Wunder, daß er so durch den Strom kam! Und nun war er in der Mitte. Er schien nicht weiter zu kommen; er glitt langsam stromab. Aber immer noch war der Altan unter ihm; wenn er die Mitte überwand, konnte, mußte es gelingen! Und nun gewann er sichtbar Raum; näher und näher, Fuß um Fuß – in schräger gleichmäßiger Linie nach dem Altan! Rauhe, störrische Gesellen, die ein Leben lang verfeindet gewesen waren, hatten einander bei den Händen gefaßt; Weiber fielen einander schluchzend in die Arme. Ein Herr mit kurzem grauem Haar und dichtem grauem Schnurrbart, der eben atemlos, vom Dorfe her, herbeigelaufen war und, dicht bei den brennenden Weiden stehend, deren Glut ihn fast umleckte, mit stieren Blicken den Schwimmer verfolgt hatte und mit heißen Gebeten und Versprechungen: Daß alles vergeben sein solle und vergessen, wenn er ihn nur wieder haben sollte, den geliebten, den heldenmütigen Sohn – er schrie jetzt laut auf – einen fürchterlichen Schrei, den der Sturm verwehte, und stürzte zum Ufer hinab, wo die Männer standen, die die Leinen hielten, ihnen zurufend, sie sollten zurückziehen: zurück! Es war zu spät. Da kam sie herabgeschossen, die mächtige Fichte, an deren Fuß vor einer halben Stunde noch der Schwimmer gesessen – herausgerissen von dem Sturm, hinabgeschleudert in die Flut, sich wälzend in den Strudeln des Stromes, wie ein Ungeheuer der Tiefe entstiegen, jetzt die mächtigen Wurzeln herauskehrend, die noch den Stein umklammert hielten, und jetzt sich hebend, kerzengerade, wie sie einst gestanden im Licht der Sonne, und im nächsten Moment niederschmetternd über den Schwimmer, auf den Schwimmer – und dann, mit der Krone unter die schäumenden Strudel schießend und die Wurzeln nach oben kehrend, aus dem Bereich des Lichtes hinaustreibend in die finstere Nacht. Sie hatten ihn zurückgezogen, da seltsamerweise die dünne Leine nicht zerrissen war – einen toten Mann, an dessen Seite, als er am Ufer ausgestreckt lag – er hatte nur eine klaffende Wunde über der Stirn, wie einer, der den ehrlichen Reitertod gestorben – der alte Mann mit dem Schnurrbart kniete und den Toten auf den schönen blassen Mund küßte. Und jetzt geschah, was den Menschen, die hier in dieser einen Stunde so seltsam Befremdliches, grausig Furchtbares durchlebt, als ein Wunder erschien. Die Weidenfackeln, die von den Wurzeln bis in das struppige Gezweig alle auf einmal brannten, warfen ein fast tageshelles Licht über den Uferraum, über die Menschenmenge, den Strom, den Altan drüben – weit in den überfluteten Park hinein bis zu dem Schloß, dessen Fenster hier und da in dem Widerschein des Feuers rötlich aufflammten. Und in diesem Licht kam, den schmalen Strom daher, auf dessen Rasengrunde sonst die Dorfkinder spielten, die sich gern von dem Rande der Böschung in die Tiefe kugelten – denselben schäumenden Wasserweg, den eben noch die struppige Fichte sich hinabgewälzt, wie ein Meerscheusal, das mit hundert Armen nach seiner Beute greift, – ein schlankes, schönes Boot geschossen, das eben erst an der hinteren Rampe des Schlosses, wie an einem Hafenquai, eine seltsame Ladung ausgeladen. Und hatten da gehört, wie es stand, und der am Steuer hatte gesagt: Kinder, es ist meine Braut! Und die sechs hatten gerufen: Hurra für den Kommandeur! Und Hurra für seine Braut! Und schossen nun vorüber mit niedergelegtem Mast, während die sechs die Ruder aufrecht hielten, wie in einem Flaggenboot, das den Admiral zur Hafentreppe bringt. Und die Flagge flatterte hinter dem, der am Steuer saß und mit leisem Druck der starken Hand durch die schäumenden Strudel das willige Fahrzeug lenkte nach dem Ziel, das die klaren, untrüglichen Augen festhielten, wie der Adler seine Beute, ob auch das mutige Herz noch so wild gegen die Rippen pochte. Und schossen so vorüber – vorüber an der Menge, die atemlos dem Wunder staunte, vorüber an dem Altan, nur um ein weniges. Da drückte der am Steuer, daß das Boot sich wandte, wie ein Adler im Fluge; und die sechs setzten die Ruder ein – alle auf einen Schlag – und die Ruder schnellten wieder hinauf, und das Boot lag längsseit am Altan, über den und über das Boot eine riesige Woge ihren schäumenden Kamm nach dem Ufer rollte und dort, zerschellend, den Gischt bis in die brennenden Bäume schüttete, die Atemlosen am Ufer in eine sprühende Wolke hüllend. Und als die sprühende Wolke zerstäubt war, da sahen sie, in dem trüben Licht des verlöschenden Feuers, den Altan nicht mehr, und nur noch wie einen Schatten das Boot, das rechtshin in dem Dunkel verschwand. Und dann atmeten sie auf, wie aus einer einzigen angstbeklemmten Seele, von der die Angst genommen ist. Und hurra! Hurra! Hurra! erscholl es, wie aus einer einzigen Kehle, daß es den heulenden Sturm übertönte. Mochte das Boot im Dunkel verschwinden! Sie wußten: Der am Steuer verstand seine Sache, und die sechs an den Rudern verstanden ihre Sache auch, und es würde wiederkehren, gerettet, die Geretteten tragend aus Sturm und Flut. * Die sinkende Sonne stand nicht mehr hoch über den Hügeln. In ihrem magischen Licht erglänzte die stille Wasserfläche, die das ungeheure Halbrund zwischen dem Golmberge und dem Wissower Haken bedeckte. Die schrägen, rotgoldenen Strahlen schienen blendend in Reinholds Augen, der eben sein Boot von der See in die weite Bucht steuerte, hart an der Weißen Düne hin, an deren steiler Wand die hereinrollende langgestreckte Welle hinaufleckte, während das Boot auf ihrem breiten Rücken vorüberschwebte, mit den Spitzen der gleichmäßig sich hebenden und wieder einsinkenden Ruder beinahe den Rand streifend. Die Blicke der Männer, die die Ruder führten, waren, als sie so vorüberglitten, auf die Düne gerichtet, und in aller Erinnerung stand sicher die Rettungsszene in der Sturmnacht; aber keiner von ihnen sprach ein Wort. Sie wollten den Kommandeur in seinen Gedanken nicht stören. Ernste, traurige Gedanken – ernster und trauriger, als die braven Leute denken mochten und begreifen konnten. Was waren ihnen die beiden, die sie hier von dieser Sandkuppe mit unsäglicher Mühe und hundertfacher Gefahr des Todes für jeden einzelnen unter ihnen aus der Todesgefahr erlöst – was waren sie ihnen gewesen als ein paar Menschen mehr, die sie an dem Tage bereits gerettet hatten. Wie der Herr Graf und das vornehme Fräulein dahin gekommen, in welchem Verhältnis die beiden zueinander standen – was fragten sie danach? Aber er! Wie hatte es ihn durchschauert, als er die glänzende Carla von Wallbach, die er noch vor wenigen Tagen im Licht der Kronenleuchter durch den Salon von Warnow hatte tänzeln und kokettieren sehen, – ein Bild des äußersten Elends, die Gewänder durchpeitscht von der Nässe, die zarten Glieder geschüttelt vom eisigen Frost, mit halb verstörten Sinnen, zusammengekauert, kaum noch einer menschlichen Gestalt ähnlich, auf der sturmumdonnerten Düne fand und nach dem Boote trug; und sie, in dem Augenblick, als er sie dort niederlegte, aus ihrer Betäubung erwachend und ihn erkennend, wie im Wahnsinn aufkreischte: Retten Sie mich vor ihm! Und ihn – den fremden Mann – angstvoll umklammert hielt, wie ein Kind die Mutter, daß er sich mit Gewalt losmachen mußte! – Und als dann der Graf, der in einem kaum minder bejammernswerten Zustande war, nachdem ihn zwei von den Lotsen in das Boot getragen und in der Nähe Carlas niedergelegt hatten, plötzlich wieder auftaumelte und, auf die Gefahr hin, über Bord zu fallen, nach dem Vorderteil des Bootes schwankte und dort, in finsterm Trotz in sich hineinbrütend, saß, teilnahmlos an allem, was um ihn her vorging. Und immer trauriger wurden Reinholds Gedanken. Es war ihm ja dann das Höchste noch gelungen: Er hatte die Geliebte dem sichern Tode entreißen dürfen, und mit ihr die unglückliche Frau, von der sie beide, als wären sie ihre Kinder, geliebt wurden und die sie beide, wie eine Mutter, liebten und verehrten. Es war ja so viel des höchsten Glückes, und doch! Und doch! Wie teuer war dieses Glück erkauft? War noch ein Glück, was so teuer erkauft werden mußte? Gab es überall noch ein Glück auf Erden, wenn das Unglück in seiner mitleidslosen Gestalt so dicht daneben lag? Mußten sie sterben, so jung, so schön, so überreich ausgestattet mit herrlichsten Eigenschaften und Gaben? Und wenn sie sterben mußten, weil sie nicht mehr leben konnten, nicht mehr leben wollten, der Tod für sie nur eine Erlösung aus unentrinnbaren Verschlingungen – als welch fragliches Gut erschien das Leben, mit dem auch nur die Möglichkeit solch grausigen Geschickes geboren war? Wie mochten die beiden Väter es ertragen? Würdevoll – ohne Zweifel – und doch! Und doch! Sie hatten das Schloß und den Park umrudert und näherten sich dem Ufer an derselben Stelle, wo in jener Nacht die Weiden gebrannt hatten, deren verkohlte Stumpfe noch von dem Strande anfragten. Es lagen bereits mehrere größere und kleinere Boote da, aus Ahlbeck und selbst von entfernteren Dörfern an der Küste. Von überall her – meilenweit – waren sie gekommen, denn überallhin – meilenweit – war sie in diesen Tagen von Mund zu Mund getragen – mit manchen Variationen und immer dieselbe doch, – die rührende Geschichte von dem Jüngling, der ein Mädchen lieb hatte, die beide von Hause flohen und weder Glück noch Stern hatten, und nun gestorben waren und heute begraben werden sollten. Der sehr große Hof war, besonders in dem dem Schlosse zunächst gelegenen Teile von einer großen, wohl aus tausend Personen bestehenden Menschenmenge angefüllt, die in dichten Gruppen zusammenstanden und, während sie den auf das Portal zuschreitenden Herren, ehrerbietig grüßend, Platz machten, dieselben neugierig musterten, hinter ihnen her sich leise ihre Bemerkungen mitteilend. – Der neben dem Herrn Kommandeur ging, das war der Herr Präsident! belehrten die, die ihn kannten. – Wenn der Herr Präsident, der doch der Oberste im ganzen Regierungsbezirk und dazu ein so guter Herr war, der es mit allen wohl meinte, gekommen und bei dem Begräbnisse zugegen sein würde, da könne der Herr Graf auch in Gottes Namen zu Hause bleiben. Und wenn der Herr Graf bei ihnen hier Herr spielen wolle – sie wollten es ihm schon verleiden! Aber Herr Damberg sage ja, daran sei gar nicht zu denken; der müsse froh sein, wenn man ihm das liebe Leben lasse. Die Herren waren in das Schloß getreten. Eine größere und glänzendere Gruppe, die sich jetzt auf der Brücke zeigte, lenkte die Aufmerksamkeit der Menge dorthin. Es war eine Schar von Offizieren in ihren Galauniformen, denen in einiger Entfernung eine größere Zahl von Unteroffizieren folgte – von dem Regiment des Herrn von Werben, sagten die, die gedient und Ottomar im Sarge gesehen hatten. – Und der Herr Oberst, der voranging, das sei jedenfalls der Kommandeur von dem Regiment, und daß der kommandieren könne, das sehe ihm einer, der gedient und mit in Frankreich gewesen, an den Augen und an der Nase an. Und der Hauptmann, der neben ihm gehe, das sei einer vom Generalstab, den habe am Ende Feldmarschall Moltke selber geschickt. Und da solle nun ein Wort wahr sein von all dem dummen Gerede über den jungen Herrn von Werben, und daß sie ihn nicht nach Berlin geschafft, weil er da kein ehrliches Begräbnis gehabt hätte, und nun kämen sie von Berlin den weiten Weg, um ihn begraben zu helfen! Justus, der mit größter Bereitwilligkeit die Leitung der einfachen Trauerfeierlichkeit übernommen und jetzt die Offiziere über den Hof hatte kommen sehen, zögerte in der Vorhalle so lange, bis er sie empfangen und in die Zimmer rechter Hand, wo sich die Gesellschaft versammelt, hatte führen können. Dann winkte er Reinhold, ihm zu folgen, und geleitete ihn zu der Tür in der Tiefe der Halle, die er vorsichtig öffnete und sogleich wieder hinter ihnen abschloß. Es ist jetzt niemand mehr der Zutritt gestattet, erklärte er. Was sagen Sie, Reinhold? Die hohen, prächtigen Räume, deren Läden geschlossen waren, erfüllte das milde Licht zahlloser Kerzen auf den Kronen- und Wandleuchtern und auf Kandelabern zwischen Bosketts von immergrünen Pflanzen und jungen Tannen, die in einer schönen, sich nach dem Eingang des Saales öffnenden Ellipse die beiden Särge umgaben. Mit alten Gewaffen, die Justus der Rüstkammer des Schlosses entnommen, und schönen Abgüssen von Antiken, ja Originalen, die ein früherer kunstsinniger Besitzer gesammelt und die er hier und da aus den Sälen und Zimmern herbeigeschafft, und wieder mit Gruppen von Blattpflanzen und Tannen, zwischen denen Lichter brannten, waren die Wände ringsum geschmückt. Habe ich es nicht famös gemacht? flüsterte Justus, und alles in den paar Morgenstunden! Die beiden würden ihre Freude daran gehabt haben! Er an den Waffen, sie an den Figuren! Aber das Schönste sind sie doch selbst. Ich muß nun die Familie rufen, Reinhold, bevor wir die Särge schließen, unterdessen nehmen Sie Abschied. Sie haben nicht so viel Gelegenheit dazu gehabt wie die andern. Justus war durch eine Tür, die nach den innern Gemächern führte, verschwunden. Reinhold stieg die Stufen hinauf und trat zwischen die Särge, in denen sie den ewigen Schlaf schliefen. Ja, sie waren schön! Schöner noch, als sie im Leben gewesen. Der Tod schien jeden Erdenrest von ihnen getilgt zu haben, auf daß die edle Natur sich in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbaren möge. Wie groß, wie vornehm dieses Mädchenantlitz, wie hinreißend anmutig dieses Jünglingsgesicht! Und als hätten sie, sterbend, den Bund der Seelen wahrhaft vollzogen und jeder dem andern liebend gegeben, was ihn zumeist im Leben schmückte, so spielte um ihre Lippen, die sonst so stolz geschürzten, ein süßes, glückselig demutvolles Lächeln, während der Tod mit dem rastlosen Flackern der nervösen Augen und dem ungeduldigen Zucken des feinen Mundes, alles Unfertige, Halbe aus seinen reinen Zügen weggewischt und nichts zurückgelassen als den Ausdruck des heldenhaften Willens, mit dem er in den Tod gegangen und für den die breite rote Wunde auf der weißen Stirn das feierliche Siegel war. Durch die Büsche hinter ihm rauschte es leise. Er wandte sich und breitete Elsen seine Arme entgegen. Sie lehnte sich weinend an seine Brust: Nur einen Augenblick, flüsterte sie, daß ich dein liebes Herz kann schlagen fühlen und weiß, daß du mir lebst. Sie richtete sich wieder auf. Ade! Zum letzten Mal! Ade! Du lieber, geliebter Bruder! Ade! Du schöne stolze Schwester, die ich so sehr geliebt haben würde! Sie hatte beiden die bleichen Lippen geküßt; Reinhold nahm sie in seine Arme und führte sie von der Estrade hinab seitwärts, wo er Justus und Mieting in bescheidener Entfernung, Hand in Hand, zwischen den Büschen stehen sah, während, von hinten her kommend, der General, Valerie und Sidonie, Onkel Ernst und Tante Rikchen auf der Estrade erschienen, Abschied zu nehmen von den Toten. Feierliche und doch verwirrende Momente, deren Einzelheiten Reinholds tränenumflortes Auge nicht zu fassen und festzuhalten vermochte, während vor Justus' klarem Künstlerblick ein rührend schönes Bild sich an das andere reihte, keines rührender und schöner für ihn, der diese Menschen und ihre Verhältnisse so genau kannte, als das letzte, das er noch sah: Den General, der die gänzlich erschöpfte Valerie – sie war nur für diesen Moment aus ihrem Krankenzimmer hervorgekommen und hatte den Kopf mit einem Spitzenschleier umwunden – die Stufen der Estrade, mit zärtlicher Sorge, beinahe hinabtrug, während Onkel Ernsts mächtige Gestalt, die noch oben stand, sich zu der guten, kleinen Tante Rikchen hinabbeugte und ihr mit der breiten, starken Hand beschwichtigend über das bleiche, verkümmerte, betränte Gesicht strich. Eine halbe Stunde später bewegte sich der Trauerzug nach dem Friedhofe, der, ein paar hundert Schritte von dem Dorfe entfernt, auf der höchsten Stelle der zum Ufer gewordenen Hügelkette lag. Ein langer, feierlicher, stiller Zug, Schritt für Schritt begleitet von den monotonen Kadenzen der an der steilen Uferwand an- und abrollenden Dünung. Und dann und wann der schrille Schrei einer Möwe, die, über dem blinkenden Wasser sich wiegend, das wundersame Schauspiel neugierig betrachten mochte, oder ein geflüstertes Wort vom Nachbar zum Nachbar, das bereits die zunächst Vorangehenden oder Folgenden nicht mehr hörten. So das Wort, das der General zu Onkel Ernst sprach, als eben die Spitze des Zuges den Friedhof berührte: Fühlen Sie sich stark genug? Und das, von Onkel Ernst erwiderte: Erst jetzt fühle ich mich wieder stark. Aber selbst Reinhold und Else, die hinter ihnen gingen, würden es nicht verstanden haben, hätten sie es gehört. Noch hatte Onkel Ernst niemandem als dem General die Depesche gezeigt, die inhaltsschwere Depesche, im trocknen Lapidarstil einer Polizeibehörde: »Philipp Schmidt, heute nacht, im Begriff sich auf dem Dampfer ›Hansa‹ von Bremerhaven nach Chile einzuschiffen, erkannt, in seiner Kabine durch Revolverschuß selbst getötet, entwendete Gelder unberührt vorgefunden, wird morgen abend 6 Uhr beerdigt werden.« Da, unter der breiten Hand, die er in den Überrock geschoben, lag das Blatt, und das mächtige Herz schlug dagegen, schlug in Wahrheit wieder stark und wieder stolz, nun, da er sich sagen durfte, daß sein unglückseliger Sohn denn doch nicht zu den Feigen gehört hatte, denen das Leben über alles geht; daß es doch auch für ihn ein Maß der Schande gab, das nicht überfließen konnte, weil er in demselben Moment den Lebensbecher ausschüttete – ein Getränk zu schal und ekel selbst für seine entweihten Lippen! Die Särge waren in die gemeinsame Gruft versenkt. Zu Häupten der Gruft stand Onkel Ernst – barhaupt, und barhaupt vor ihm in weitem, dichtem Halbkreise die Menge.