Carl Sternheim Das Fossil Drama in drei Aufzügen   Aus dem bürgerlichen Heldenleben Personen Traugott von Beeskow, General der Kavallerie a. D. Seine Frau Ursula, seine Tochter Otto, sein Sohn Sofie, geb. von Maske, Ottos Frau Ulrike, Achim, deren Kinder Ago von Bohna Fräulein von Rauch, Gouvernante Föhrkolb, Chauffeur Auf dem Lande in Preußen Der erste Aufzug Erster Auftritt Traugott von Beeskow ( in militärischer Bluse ): Bin tot für Welt, Welt für mich mausetot! Kommt mir nicht mit Frage und Plan! Keinen Akt mehr! Hier ist zwischen Diesseits und Jenseits Neutralien. Hier sind wir nicht Vater und Sohn, ich nicht preußischer General der Kavallerie a. D. mit Helm und Puschel du kein Industriekapitän. Doch ich in der Sternwarte oben Astrolog. Du Alchimist im Keller unten, basta! Otto von Beeskow : Ich will keine Anknüpfung. Traugott : Wir haben ein Ehrenwort zwischen uns! Dieser Pavillon, Marke Panzerturm, in unseren Gärten ist kein Büro, Versammlungslokal: doch Mausoleum, das uns erlaubt, uns von Zeit zu Zeit als Denkmäler, Kolossalstatuen aus besserer Zeit zu sehen: Mich Sieger von Saint Gaillard, dich Erfinder des Giftgases YT, das Eisenbeton zu Staub bläst. Aus Selbstentschluß bin ich nicht mehr kommensurabel, umgangsunfähig. Nur Formel, auf Aktien kaltgestellt. Otto : Basta. Es gibt auch nicht Plan noch Frage. Warnung! Traugott : Einem Kavalleriegeneral? Otto : Ago Bohna ist plötzlich aus Moskau da! Traugott : Himmel, Arsch und Zwirn! Otto : Du bist nicht fossil: reagierst kräftig. Traugott : Das war Aufstoß psychologischer Säure. ( Brüllt ): Komm mir nicht chemisch! Logisch! Wesentlich! Otto : Ich vermied Zeitworte und Attribute. Sagte kurz: Ago! Traugott : Verflucht! Otto : Du siehst, es bedarf keines Akts, dich aus dir selbst zu sprengen. Traugott : Das Substantiv birgt Krach und Katastrophe. Otto : Ich sagte: Ago. Punkt. Traugott : Dein Punkt ist krepierender Fünfzigpfünder! ( Er stößt mit dem Fuß auf ): Bumm! Ich kenne mich in Dynamik aus. Otto : Ich nannte nur deines Neffen Namen und den Moskaus dazu. Traugott : Moskau ist Kladderadatsch, Ago Kataklysma. Die Formel A plus B Weltuntergang. Otto ( geht zur Treppe nach unten ): Mehr war's nicht. Traugott : Halt! Nachdem du wider Abrede das Feuer eröffnetest. Otto : Ich weiß sonst nichts. Traugott : Behauptest du, auszusagen, braucht's Satz? Gibt das Dingwort nicht klarste, allgemeinste Vorstellung? Sind wir Feuilletonisten, Papperlapapps? Wir verständigen uns stenographisch. Sag' Wahrheit! Nachdem du trotz Schwur nicht verzichtet hast, mich wieder funktionell zu machen, kurble weiter. Otto : Das sind seit drei Jahren erste Worte zwischen uns. Neunzehnhundertneunzehn, zwanzig und einundzwanzig schwiegst du wie ein Fisch. Traugott : Was hatte ein preußischer General nach Versailles zu sagen? Sprache hatte er zu verlieren, Schnauze zu halten. Otto : Auch der deutsche Geschützfabrikant konnte nichts hinzufügen. Unser Schweigen war korrekt, historische Notwendigkeit. Taktvoll schwiegen deine, meine Frau, deine Tochter im Quintett mit. Traugott ( brüllt ihn an ): Bäh! Otto : Stimmt. Jetzt aber stellt sich heraus, durch Draht, der keine Leitung hatte, waren wir mit Welt noch verknüpft. Traugott : Bengel! Otto : Durch den Bengel, den du auf Knien vergöttertest, Mutter anbetete und Ursula – da fehlt das Wort. Dieser Ago spukt nach fünfjähriger Kriegsgefangenschaft in Rußland und Sibirien, nach siebenjähriger Abwesenheit am Horizont. Traugott : Und du willst, ich sause zum Hörer: Hier Beeskow – wer dort? Otto : Ich fühle, Strom kommt in dir, Du bist verbunden. Traugott : Du gaunerst, lügst, schiebst! Kannst das von deinen Geschäften her nicht lassen. In einer Definition unterschlägst du Wesentliches. Seinen letzten Brief! Otto : Ich weiß den Inhalt nicht. Traugott : Du flunkerst. Nur seinen Wortlaut kennst du nicht. Otto : Ich sah nach der Lektüre deine Augenbraue flackern. Traugott : Die kennst du, seit ich dir das erstemal die Hose hier auf deinem Streitroß strammzog. Kennst des Briefes Inhalt. Otto : Riet ihn vielleicht. Traugott : Dir ist meine Augenbraue Lexikon. Otto : Ago wurde dort – angesteckt? Traugott ( brüllt ): Nicht mit Syphilis! Die ist mit Salvarsan und Quecksilber heilbar. ( Stürzt die Treppe hinauf .)   Zweiter Auftritt Ursula tritt auf, wechselt Blick und Geste mit Otto, steigt die Treppe hinab . Traugott ( erscheint oben auf der Treppe ): Ein Maschinengewehr steht hier bereit. Wer sich auf über hundert Meter meiner Festung naht, auf Halt nicht steht, wird durch Schießscharten gesiebt. Ich warne Neugierige! Habe Fernrohre, Zeiß und Compagnie, mit denen ich euch und euren Machenschaften durch den Nabel in die Nieren blitze. Bin fossil, doch halte den Finger am Hahn, um aus dem Himmel loszubollern. Otto : Krach ist überflüssig, Papa; schau ruhig weiter zum Schützen und Wassermann. Ich gucke nach wie vor mit Ursula in meine Retorten. ( Er steigt die Treppe in den Keller hinab .) Traugott ( saust die Treppe hinab ): Angeschlossen? Abgeklingelt! Aber plötzlich! Bumm, bumm! Ursula ( kommt die Treppe von unten herauf ): Tag, Papa! ( Küßt ihm die Hand .) Traugott : Bist du im Bild, Ursel? Ursula : Glaub's. Traugott : Heißt Beeskow! Uradel feudal! Urkundlich 550. Als Hohenzollern noch auf Bäumen krochen. Das ist Sache! Ursula : Ich schätze sie wie stets. Traugott : Bist die letzte Rassige am Stamm. Wallach dein Bruder. Ursula : Bin Beeskow. Wie du befiehlst. Traugott : Wasser? Ursula : H2O. Traugott : Basta! Daß man Mineralwasser draus machen kann, ist schnuppe. Zufall! Ursula : Allemal Beeskow! Papa. Traugott : Verplempere dich nicht. Wesentlich die Sintflut überdauert. Après le déluge immer noch Beeskow. Ursula : Und immer wieder voran! Traugott : Bist mein Pluszeichen. Ursula : Und trotzdem Rückzug, wenn Ago kommt? Traugott : Kommt? Hierher vielleicht? Ursula : Bestimmt! Traugott ( außer sich ): Ja, was denn? Ursula : Telegramm! – ( Reicht es ihm .) Otto ( ist an der Treppe aufgetaucht ). Traugott ( zu ihm ): Dazu hattest du den Mut nicht! Otto : Augenbraue! Traugott ( liest ): Ankomme... – ( Ballt das Papier und wirft es von sich ): Ha! Ursula : Wirklich en arrière, Vater? Stellst dich tot, vereist? Traugott : Ich bin inkommensurabel, Attrappe. Ursula : Vergleich! Zu Bohna vor allem! Klitsche bei Klitsche und Schicksal bei Schicksal seit Jahrhunderten urkundlich. Hast es mich hundertmal gelehrt. Otto : Wirklich. Traugott : Sagst du, Entgleister? Wagst du –? Otto : Sage ich im Hinblick auf dich. Traugott : Maß, Vorbild. Kein Vergleich bin ich. Fast siebenzig – er halb so viel. Ursula : Das ist fossil. Traugott ( auf sie zu ): Mädel! Otto : Sie hat recht. Ursula : Genug der plötzlichen Rückzüge! Entweder – oder! Otto : A bas le silence! Ursula : Aufklärung, Vater! Wer Sternen auf den Leib rückt ... Otto : Muß Moskau und den Teufel nicht fürchten. Traugott ( bückt sich nach dem Telegramm, entknüllt und liest es ): Morgen – heut' vielleicht schon? Ursula : So schnell wie möglich handeln natürlich! Traugott : Gut! Plötzlich entschieden! Doch Taktik, Strategie aus dem Effeff. Ursula : Allemal. Otto : Wir alle unter deine Befehle. Traugott : Blutwallung. Auf! ( Zu Otto ): Du, Blitz rüber! Auf Vorposten fort! Patrouillen schwärmen lassen! Er soll mich hier nicht überfallen! Otto : Befehl! ( Ab .) Traugott : Schlacht! Die große Wollust bullert wieder. Ich massiere Infanterie und – bumm! Das große Geschütz. Glühst du wie ich? Ursula : Durch dich in einer Flamme zur Entscheidung! Traugott : Flieg über Ereignisse auf. Segle in Röcken und plänkle besser als der bürgerlich bestochene abtrünnige Bruder. Brauch deine Reize bis zur Tollkühnheit und liefere ihn mir schließlich. Ursula : Ich will für dich taugen! Traugott : Und dann ich auf ihn – bumm – bumm – und Schluß – mit Infanterie, Artillerie und massenhaft Reserven Kavallerie! Tätärätä!! ( Er bläst laut wie eine Trompete .) Die Szene wird schnell dunkel und wieder hell .   Dritter Auftritt Sofie, Otto und Ago treten auf . Ago : Ist das –? Sofie : Die Burg. Auch Montsalvatsch genannt. Otto : Fort Fossil. Panzerplatte. Schlachtschiff. Abstrakt. Sofie : Nicht so laut. Man weiß nicht, ob er oben steckt. Ago : Ruft ihn doch! Otto : Der ist nicht rufbar. Tritt ohne Stichwort als deus ex machina auf. Fortinbras oder so. Ago : Wie drollig ängstlich ihr vor ihm seid. Sofie : Für ihn sind wir Ausbünde menschlicher Verwahrlosung. Ago : Taktik ist's, mich nicht Aug in Aug sehn zu wollen. Ohne daß ich es sein muß, macht er Feind aus mir. Sofie : Wahrheit: Du bist's! Ago : Ich komme nicht als der, der ich sonst bin. Nicht zu Kampf und nutzloser Auseinandersetzung heim. Nach fünf Jahren schlicht zu Menschen, die mich liebten und die ich liebte. Otto : Schlicht – aus Moskau – blendend! ( Zeigt ): Da oben Sternwarte, Laboratorium unten. Von Rücksicht, Umschweif unter Elementen, die keinen Anprall fürchten, keine Rede. Doch Mark wird gebrüht, Kern gestanzt, geformelt. Sofie : Hier sind auch wir, Sohn und Schwiegertochter, nicht berücksichtigt, Bourgeois genannt. Keine Sekunde kannst du hier andere als todfeindliche Säure sein, die bei Namen gebrüllt wird. Otto : Mit Echo! Je eher desto besser. Ago : Ist das Pose, Hang zur Panik? Otto : Pose? Alles sonst ist ihm Feuilleton. Sofie : Willst du Kontakt mit ihm, knall ihn mit ersten Schüssen über den Haufen. Sonst schießt er. Otto : Kernschüsse! Sofie : Auf Leben und Tod! Ich zum Beispiel, von seinen Gasen zersetzt, lebe nur durch bürgerliche Aufdringlichkeit um ihn. Otto : Hier wird gesäuert, Atomie getrieben. Sofie : Trotzt deine neue Weisheit jeder Ätzlauge? Ago ( lacht ): Das tut sie wahrhaftig! Otto : Dann los! Ago : Was soll mir, ihn zu werfen, nützen? Wo Millionen andere, meiner Aufklärung näher, zu überzeugen sind. Sofie : Traurige Strategie. Otto : Wer, glaubst du, steht eurer Entwicklung als brutalster Feind? Wir Groß- und Kleinbürger? Sofie : Sind labile Konjunktur, unansehnlich. Otto : Feudalität aber ist noch im heutigen Preußendeutschland produktiv. Sofie : Und wie! Otto : Zwischen euch liegt Entscheidung! Ago : Euch? Wofür nimmst du mich? Sofie : Bolschewik? Otto : Kommunist. Ago : Muß Vokabel sein – gut! Sofie : Wir Farblosen nähmen dich mit Vorbehalten wie du bist. Otto : Weil ich auf Sensation des Augenblicks und Entwicklungen reagiere, nicht meiner Heirat wegen, bin ich für ihn Bürger. Sofie : Für ihn bist du A oder B mit der Voraussetzung, A und B bedeuten ein Starres, mit dem er zu Zwecken in Ewigkeit rechnet. Otto : Nicht kalkuliert. Kalkül ist bourgeois. Ago : Ich habe begriffen und wußte es stets. Kenne die Marke von Kind auf. – Und Ursula? Sofie : Liebt dich eine Bürgerin, geht sie mit dir auch als »Rotem« ins Bett. Da macht's ihr sentimentaler Zustand, nicht deine Gesinnung. Für Ursula bist du nicht nur auf Vaters Ordre Blaublut; Bohna, wie sie Beeskow ist, und kannst nur das bis in den Tod feierlich bedeuten. Ago : So strikt ist feudales Deutschland noch? Otto : Auch das marxistische. Alles Boxkampf und Kommando! Nur wir in der Mitte passen uns an, fließen. Ago : Warum nennt ihr den Alten fossil – nicht radikal? Sofie : Weil er Gewordenes über Werden setzt. Ago : Gewordenes muß geformelt werden. Doch nicht aus aristokratischen Bedürfnissen mit Plus- und Minuszeichen. Otto : Für ihn bist du Minus. Sofie : Tief unter Null. Ago : Das wäre Blödsinn, den ich ihm nicht zutraue. Als Feind muß ich mächtig für ihn vorhanden sein. Otto : Wie bist du's geworden? Sofie : Als du, Ulanenleutnant, loszogst, schienst du adliger Durchschnitt. Otto : Panoptikum. Blauweiß mit Silber und Kartusche. Ago : Kasinoglanz. Auf Fahne, Toast und Prost gedrillt. Otto : Säule bei Liebesmählern. Sofie : Verliebt. Ago : Total in Ursula und ohne Wort ihr versprochen. Otto : Mit einem Vierteldutzend Gspusi dazu. Sofie : Kavalier, wie's üblich war! Ago : Versprochen auf ihre Fähigkeit hin, rassereine Bohnas zu entbinden, neuen preußischen Armeeglanz auf die Beine zu stellen. Otto : Glatte Sache. Fortiter et constanter per aspera ad astra und so. Sofie : Weiter! Ago : Die ersten blut- und fleischfetzenden Granaten bewiesen, auch des besessensten Adligen Beharrungswille ist Blödsinn, reißt ihn ein Treffer wie Hinz und Kunz in Stücke. Otto : Platzt Menschliches wie Seifenblase, gewöhnt man sich an Analyse. Ago : Sehr. Das bleibt nicht äußerlich. Solange Kommiß, Hurra und Pulverchloroform die Dauben zusammenhielt, konnte man das Geschwür auf der Epidermis sänftigen. In stinkenden Gefangenenlagern, Latrinen, Fieberräuschen – Otto : Bücher, Pamphlete dazu – Ago : Nein! Auch die ich später in Massen las, schmissen nicht um. Leben selbst mit Ungeheuerlichkeiten, Hunger, Metzelei, Eiterbrei alle Tage. Dann in Siechtum auf nassem Stroh die Frage: Warum auf solche Weise leben? Sofie : Erkenntnis daraus? Ago : Welt gehorchte stets nur feudalem und bürgerlichem Kommando, dessen letztes Ziel das allgemeine Morden aus Profitdrang war. Sofie : Hört, hört! Ago : Kampf aufs Messer zwischen Geizigen und Neidischen. Sofie : Oho! Ago : Euer Mehrwert, der über notwendigen Verbrauch geschaffene kapitalistische Tauschwert, ist das aristokratische Element, das den Besitzlosen Raum sperrt. Das weiß ein Narr. Doch mein Blitz war: Im Stofflichen nicht nur, im Geistigen auch. Wie ihr gehäufte Millionen nicht braucht, aus ihrem Bereitsein nur die zu breite gesellschaftliche Plattform schafft, verbürgt euch ein Unmaß Bildung das protzige Vorhandensein. Jeder Band Goethe in euren Bücherschränken, dessen Inhalt von euch nicht gewußt wird, stärkt eure gräßliche Geltung. Sofie : Rembrandt, Mozart ein Vorwand für die Gebildeten? Ago : Wie jede Aktie, Obligation, Werttitel. Otto : Kapital nicht sündhaft –« Ago : Auch jeder geistige Besitz als unstatthafte Geltendmachung toter Vergangenheit. Sofie : Das ist niedlich! Otto : Das soll der Alte hören? Ago : Mehr, wenn er will. Das sind erst Brocken. Ich bringe ein ganzes, druckreifes System mit. Otto ( schlägt die Hände über dem Kopf zusammen ): Um Gottes willen, Bohna! Sofie ( nach Pause ): Kurz, Ago – das ist nichts für einen Siebzigjährigen. Otto : Für solchen besonders. Machen wir kurz zum Frühstück kehrt. Verduften schleunigst. Sofie Flink! Solange noch Zeit ist. Otto : Kommt! Ago : Ist das Furcht um ihn? Otto : Angst vor Panik. Komm! Dalli! Ago : Wie's beliebt. Ich bin nicht aufdringlich. Kam, vor Erschütterungen und Katastrophen zu verschnaufen her. Sie wollen hinaus, da tritt   Vierter Auftritt Ursula von draußen auf . Sofie ( zu ihr ): Da ist – Ursula ( auf Ago zu ): Ago! Guten Tag zu Haus. Ago ( reicht ihr beide Hände ): Ursula! Ursula ( zu ihm ): Kaum verändert. Ago : Du auch nicht. Sofie : Schöner? Ago : Vielleicht. Sofie : Grade wollen wir zum Frühstück hinüber. Ursula : Sieht Ago Vater nicht erst? Ago : Ist er hier? Ursula : Gleich. Ago : Weiß er? Ursula : Natürlich. Du warst krank? Ago : Dreimal schwer. Ursula : Hergestellt? Ago : Auf meine Weise. Ursula : Sehr als Mann! Ago : Sehr als Mensch. Sofie ( zeigt auf Ursula ): Und sie? Ago : Sehr als Weib. Sofie : Schöner doch? Ago : Reifer – weiß nicht. Ursula : Hoffentlich. Otto : Meine Assistentin. Zur Chemie berufen. Ago : Neigung zur Analyse? Ursula : Synthese. Wir bauen eine Welt in Reagensgläsern. Ago : Rekonstruiert! Ursula : Bauen auf, sage ich. Und weiß jetzt mit Worten umzugehn. Sofie : Also kommt nach – wenn's durchaus sein soll – ihr Vater sprechen müßt. Ursula : Muß sein! Otto : Vielleicht gelingt dir's, ihn heut zum erstenmal mit hinüberzuziehn. Ago : Wird versucht. ( Sofie und Otto exeunt .)   Fünfter Auftritt Ago : Und doch verwandelt. Jetzt ist's deutlich. Ursula : Du auch. Mir fremd geworden. Ago : Kein Wunder! Wann war's? Ursula : Sieben Jahr. Ago : Welche! Weltkrieg, Umsturz dazwischen. Ursula : Welche! Du warst achtundzwanzig. Ago : Du dreiundzwanzig. Was war gemeinsam? Ursula : Gefühl. Ago : Mehr Traum als Wissen von allem. Ursula : Ich kannte dein Bärtchen, Zähne. Ago : Ich die Bluse mit Knöpfen. Allerhand Band. Ursula : Ich kostete, was Knabe und Jüngling war. Ago : Und ich, was keusches Mädchen an dir. Doch an allem mehr genippt als gegessen und das Ganze mit Vorschmack auf den Lippen geschmeckt. Ursula : Glaubst du, weil du inzwischen nachgedacht hast, kennst du die Dinge besser? Ago : Weil ich Richtung des Lebens änderte. Von mir absah. Welt nicht mit Absichten wollte, doch Vorstellung und Urteil naiv von außen aus den Dingen empfing. Als ob ich an dir nicht mehr hergebrachte Tugenden des Mädchens aus adligem Preußenhaus finden, mich aber von Niedagewesenem, neuem Weiblichen aus dir berauschen wollte. Ursula : Ohne Qualitäten? Ago : Ohne alles, was Vergangenheit wertvoll nannte: nur mit dem geschmückt, was hier und jetzt wichtig ist. Ursula : Beides kann nicht das gleiche sein? Ago : Muß nicht und kommt nicht drauf an. Ist unwahrscheinlich, weil Voraussetzungen ständig wechseln. Ursula : Warten wir ab, wie lange du im Hinblick auf mich so bescheiden bleibst.   Sechster Auftritt Traugott ( steht plötzlich oben auf der Treppe ): Und was machst du, Welt ohne Absicht angaffend, mit dir selbst, sind das nicht die hundsföttischsten Lügen? Ago : Onkel Traugott! Das ist wieder mal richtiger Kavallerieflankenangriff. Traugott : Wir halten fossil am Erprobten. Wo bleibst du selbst bei solcher Nabelschautechnik? Ago : Stets von Mannigfaltigkeit benommen. Traugott : Ausrede für Faulheit und Anarchie. Ago : Feudal gesehen. Traugott : Leitartikel. Feuilleton. Europa kennt das Geschwätz. Damit geht Asien lahm. Wir sind in strengen Klimaten Täter, Attentäter. Ein sanglantes Schlachtfeld der alte Erdteil. Ago : Zugegeben bis jetzt. Und ihr noch an der Front? Traugott ( die Treppe hinunter auf ihn zu ): Heißt du Bohna? Ago : Bohna! Melde mich nach sieben Jahren gehorsamst zur Stelle. Traugott : Gehorsamst? Wollen sehen! Ursula : Doch bittet er vor weiterem verschnaufen zu dürfen, Papa. Traugott : Sind wir auf einer Landpartie zum Kaffeekochen und Kegeln? Spielen wir Skat? Ich bin kein Landauer, in dem er spazieren sitzt; du kein Schirmständer, in den der Regen seiner Gefühle abtropft. Ago : Ich kein Glacis, das im Sturm genommen sein will. Traugott : Aber? Ursula : Schwamm, wenn du willst. Traugott ( außer sich ): Schwamm drüber! Ursula : Er saugt uns auf. Füllt sich mit uns und macht, mag er, kehrt, weil die Voraussetzungen wechseln. An ihm sind deine fossilen Methoden falsch. Er ist die neue Sorte Mensch. Traugott : Welche? Ursula : Die ohne Beharrungs- mit Anpassungssinn. Ago : Ungefähr, doch anders. Ursula : Wenig gewurzelt. Ago : Wenig belastet. Ursula : Weniger verantwortlich. Ago : Unabhängig! Traugott : Hundsfötter eben! Ago : Bevor du dich in nur im Familienkreis erlaubte Kraftausdrücke verlierst, stelle ich fest, in Anbetracht, wir sind alle drei und scheinen nicht, kann es Streit zwischen uns über Weltanschauungen nicht geben. Sondern seid ihr auf meine neugierig, nur Information. Während ich eure aus Vergangenheit kenne. Ursula : Zugegeben. Ago : Ich dränge mich nicht auf, frage nur, wird sie zu hören gewünscht? Sonst sage ich im Vorbeigehn guten Tag und verschwinde lautlos für immer. Traugott : Der Tag, den du wünschst, ist verwünscht für unsereinen. Ago : Ohne ihn zu kennen? Traugott : Himmel Herrgott ...! Ago : Ich müßte preußische Feudale schlecht kennen, bist du innerlich nicht neugieriger, als nur wütend auf ihn. Also offenes Visier! Ich liefere mich zu ausführlicher Rekognoszierung und müßte an dir und der Sippe verzweifeln, weichst du großangelegter Aufklärung über des Gegners Absichten aus. ( Zu beiden ): Was wäre euer Zweck noch, entstellt ihr Wirklichkeit wie Bürger, statt sie gründlich zu stellen? Traugott : Wer sagt, ich weiche aus? Doch lasse ich mir auch für Vorpostengefechte vom Feind keine Taktik vorschreiben. Ago : Einverstanden. Ich darf verschnaufen und bin wie ihr selbst auf der Hut. Ursula : Einverstanden!   Siebenter Auftritt Otto ( steckt den Kopf zur Tür hinein ): Statt Kadaver, Trümmerhaufen finde ich traute Familienszene. Traugott : Papperlapapp! Otto : So nehme ich die gegenseitiger Ausrottung Entronnenen für schleuniges Frühstück in Anspruch. Traugott ( auf die Treppe zu ): Mir langt's zum Frühstück. Kullern Eingeweide. Füttere indes die Bestie tüchtig! ( Exit oben .) Ago : Temperament! Otto : Brisanz! Toll, daß du die Knochen noch beieinander hast. Ago ( zu Ursula ): Und du – erträgst du mich zum Frühstück? Ursula ( ist die halbe Treppe hinauf, ruft ): Was soll ich, Vater? Traugott ( Gebrüll ): Marsch marsch!! Otto : Befehl aus dem Hauptquartier. Unwiderruflich. Komme, was mag! Ago : Respekt! ( Reicht der herabgestiegenen Ursula den Arm. Gehen hinaus .) Vorhang Der zweite Aufzug Erster Auftritt Die Gouvernante steht mit dem fünfzehnjährigen Joachim, der sechzehnjährigen Ulrike in der Tür . Gouvernante : Hier wartet ihr, bis Großpapa kommt. Mutti will unbedingt, ihr wünscht ihm zu Kaisers Geburtstag Glück. Er erwartet's den ganzen Tag. Achim : Es gibt keinen Kaiser mehr. Das ist fossil. Gouvernante : Anständig, Achim, fällt es deiner Natur auch schwer. Tu es Mutti zulieb. Achim : Man tut so den ganzen Tag nichts, als Rücksicht auf die Eltern nehmen. Mutti kümmert sich nicht um den Kaiser und solche Sachen, Die Geschichte geht von Ihnen aus! Gouvernante : Distanz, Freund. Ich bin immer noch Fräulein von Rauch für dich. Nicht vergessen! ( Wirft die Tür von außen zu .) Achim : Wenn schon! Der Bestie könnte ich vor Wut ein Kind machen! Uli : Bitte, Achim, menagier dich! Achim : Die ist mein Nagel zum Sarg. Entweder kokett oder frech. Wie schön wäre Leben ohne die! Die Alten an sich sind gut erzogen. Aber die mit Schiller, Goethe und jetzt mit Großpapa! Passiert eine Katastrophe, hat sie schuld. Uli : Was soll passieren? Achim : Dir ist wohl was auf die Nerven gefallen, daß du dich so anstellst? Uli : Laß mich in Ruh, sonst sage ich ihr, was du über sie redest. Achim : Und ich, daß du die Nacht wieder geschmökert und wie ein Schlot gequalmt hast. Uli : Und ich, daß du mit Lisbeth – immer an der Wand lang. – Achim : Und ich, daß du in Onkel Ago bis über die Ohren verliebt bist. Uli : Du bist verrückt! Achim : Und wie, Uli! Weil er Bolschewik ist; das reizt dich mächtig. Uli : Wichtigkeit. Du weißt nicht mal, was das bedeutet. Achim : Du hast Ahnung! Uli : Bist der geborene Bourgeois. Achim : Ich Bourgeois? Von wegen! Uli : Fett und genußsüchtig, voilà tout Achim : Und du mit deinen dicken Beinen! Mutti hat recht, sagt sie, du posierst auf ästhetisch. Voilà tout Uli ( lacht auf ): Ich auf ästhetisch! Achim : Bloß, weil er Bolschewik und das was Neues ist. Uli ( reicht ihm eine Tüte mit Bonbons ): Jetzt bist du still! Achim ( nimmt ): Karamel? Uli : Glaubst du, Ago liebt Ursula wirklich? Achim : Klar. Wie sie ihn. Und vielleicht noch mehr. Uli : Ich finde sie nicht schön. Achim : Altertümlich. Doch feine Beine. Uli : Ich finde meine Beine nicht zu dick. Achim : Zu dicke Waden. Lisbeth hat feine. Uli : Vielleicht sieht Ago mehr auf Gesinnung. Achim : Wenn der Großalte dem seine zwischenkriegt ( Singt Offenbach, Großherzogin von Gerolstein ): Da biff, baff, bumm, Da ridi, ridi, dumm. Ich bin der General Bumm-Bumm! ( Er lacht .) Uli : Ago fürchtet sich vor dem Teufel nicht. Hat die Jugend und die Sozialdemokraten hinter sich. Ich finde ihn blendend. Voilà tout. Achim : Würdest du ihn? Uli : Heiraten! Klar. Aber ich glaube, er ist für so was nicht: hat ethische Hemmungen. Achim : Liebt Ursula. Uli : Ich bin reicher als sie. Und er hat nichts, muß seine Klitsche hier verkaufen. Achim : Du bist nicht sein Typ. Gibst du mir die ganze Tüte, sag ich dir, was ich weiß. Uli : Teilen! Achim : Die ganze! Uli : Du weißt gar nichts. Achim : Was ich gestern abend bei ihm durchs Schlüsselloch sah. Uli ( gibt ihm die Tüte ): Da! Achim : Also, wie er im Hemd steht – sieht er auf dem Schreibtisch die Bilder der Mischpoche eins nach dem andern an. Die Erzeuger, mich, dich – Uli : Und? Achim : Stellt sie weg, schüttelt den Kopf. Uli : Was bedeutet das? Achim : So – nebbich – denk ich! Uli : Idiot! Achim : Ich? Uli : Er! Achim : Und dann nimmt er das von Ursula – feierlich – ( Gebärde ): – mit Schwung. Uli : Und? Achim : Küßt es. Uli : Quatsch! Achim : Mächtig. Mitten mang! Ehrenwort! Sie hat eben feine Beine. Uli : Die sind nicht auf dem Bild. Und von ihrem Busen ( sie lacht ): der ist nebbich! Achim : Trotzdem. Uli : Mir ist er wirklich egal. Achim : Wer's glaubt! Uli : Kannst es in meinem Tagebuch lesen. Da steht wörtlich: Onkel Ago ist Bolschewik und Idiot. Achim : Das finde ich auch. Das soll kiebig sein. Uli : Es gibt aber viele. Die Gegend wimmelt, und der neue Chauffeur ist auch so ein pikfeiner. Achim : Du scheinst dich zu solchen hingezogen zu fühlen. Uli : Zu dem Chauffeur? Achim : Weil du ihm immer die Beine zeigst. Uli : Ich –? Achim : Und wie! Wenn du so übereinandergeschlagen sitzt. Das kenne ich! Uli : Ich übereinandergeschlagen? Übrigens will das nichts sagen. Mutti tut es und alle Damen auch; du als Bourgeois natürlich – Achim : Ich werde Landwirt. Kümmere mich sonst überhaupt um nichts. Basta! Und später – bei mir raucht's! ( Gebärde .) Uli : Und ich, dauert es mir zu lange und wird zu dumm, gehe ins Kloster. Achim : Da mußt du erst katholisch wie Großvater Maske werden. Uli : Wichtigkeit! Achim : Im Kloster kannst du vielleicht mit deinen Beinen angeln gehen. Uli : Pah! ( Sie singt ): Warum denn weinen, wenn man auseinandergeht, Wenn an der nächsten Ecke schon ein andrer steht ... Achim ( wiederholt mit ihr singend den Refrain und sie tanzen ).   Zweiter Auftritt Traugott tritt blitzschnell mit Ursula auf. Uli stößt einen Schrei aus . Traugott : Nun, ihr Rotte Korah? Bei welcher Straftat oder Gesinnungslosigkeit erwische ich euch wieder? Achim : Im Gegenteil, Großpapa. Wir kamen, dir herzlich zu Seiner Majestät Geburtstag gratulieren. Traugott : Dabei steht ihnen die angeborene Infamie im Blick. Uli : Wir kommen auf Mamas ausdrücklichen Wunsch. Traugott : Schon gut. Bei mir sind keine Leckereien zu holen. Achim ( präsentiert ihm die Tüte ): Davon haben wir genug. Bitte! Traugott : Danke. Was soll aus euch werden? Achim : Uli sagt, sie geht ins Kloster. Traugott : Protestantische Beeskow! Satanisch! Uli : Es ist noch nicht bestimmt. Traugott : Ich sehe dich schon woanders. Uli : Das kann auch sein. Traugott : Und du, Bengel? Achim : Sicher kein Bolschewik wie andere Leute. Traugott : Na! Ich will nicht sagen, was ich denke. Achim : Warum nicht? In unserer Familie nimmt man kein Blatt vor den Mund. Uli : Sei nicht frech, Achim. Achim : Das ist nicht frech. Reitest du noch oft auf der Schaukelstute, Großpapa? Traugott ( plötzlich mit Gebärde einer Ohrfeige für Uli ): Raus! Oder ich vergreife mich! ( Kinder mit Geheul exeunt .)   Dritter Auftritt Traugott : Gelichter! Das ist Sodom und Gomorrha, doch gottlob auf totes Geleis abgeschoben. Ursula : Traurig als Anpassungsprodukt. Vor klareren Horizonten könnte sich der Junge prachtvoll abheben. Traugott : Halbblut ein für allemal. ( Neuer Ton ): – und er? Ursula : Was du fürchtetest. Traugott : Kein Phantasma? Ursula : Wissenschaft wie deine und meine. Tatsachen. Traugott : Gebrauchsfertig? Ursula : Ich sah das handgeschriebene Manuskript nur von außen. Was er daraus erläuterte – rund. Traugott : Und? Ursula : Sträubt sich das Blut nicht – Geist wird ihm überall erliegen. Traugott ( außer sich ): Auf welchem Sackbahnhof halten wir eigentlich? Ursula : Strecke, die von Signalen abhing, scheint zu Ende. Jetzt geht's blind und begeistert auf ungebahntem Weg durch dick und dünn. Traugott : Wohin?! Erst aber gibt's mit uns noch saftigen Zusammenprall. Mit Pomp sind wir Anno dunnemal auf die Weltbühne gesprungen. Wir latschen nicht ohne Klamauk in die Kulisse ab. Ursula : Uns bleibt als Fertigware keine Wahl, als uns an den Mann zu bringen. Traugott : Ihr Weiber ginget wohl ohne weiteres ab? Ursula : Nein, Vater. Auch wir sind zum Geschlecht – mehr als du glaubst – Charakter! Und nun – sei nicht bang wie sonst um mich. Oder du hast die Blöße, die er blitzschnell findet. Glaube, mit Räuschen und süßem Kompromiß ist mir nicht gedient. Traugott : Du liebtest ihn. Ursula : Vielleicht Traugott : Liebst ihn noch? Ursula : Gibt das bei unsereins den Ausschlag? Je bei dir, Vater? Wir sind erst Rasse und Klasse und wie es heut heißt: Person vor allem. Traugott : Was du verlörst ... Ursula : Ich muß nur uns in mir lebendig halten. Traugott : Weißt du's noch? Ursula ( müde ): Ja, Vater! Traugott : Ich liebe – bewundere dich, Mädchen. Ursula : Deine Schule, Vater! ( Kurze Pause .) Ursula ( mit neuem Ton ): Und – Plan? Traugott : Erst das Manuskript, Buch. Mit ihm ist er stark. Ohne es – qui vivra, verra! Ursula : Wer von uns? Traugott : Du! Ich nur im Hintergrund. Ursula : Und wie ? Daß zwischen uns nichts dunkel bleibt! Traugott ( faßt sie bei den Händen, flüstert ): Ran und marsch marsch! Restlos vertrau ich dir diesmal, und sollte sich zum Schein die Hölle vor mir öffnen. Die ganze Leidenschaft vorgetäuscht! Ohne das geht's nicht. Ursula : Mit Kaltblütigkeit siegtest du für Hohenzollern. Wirst du, wenn es mich betrifft, ruhig bleiben? Deine Ursula? Traugott : Eiszapfen sein im Vertrauen auf dich. Ursula : Wirklich mitansehn? Traugott : Eiszapfen! Ursula : Denn zu solchem Ziel brauche ich die Arme frei! Traugott : Du wirst es richtig machen. Ich vertraue dir. Ursula : Dann geh. Er muß gleich hier sein. Traugott ( zur Treppe ): Kaisers Geburtstag! Symbol! Ursula : Nicht sehen, horchen! Traugott : Geschworen! ( Die Treppe hinauf. Verschwindet .) Ursula : Wie lange lebte in einem Mann, der Ahnen und Jahrhunderte in sich verschiebt, zu einem Weib die Liebe?   Vierter Auftritt Ago ( tritt auf ): Ich verabschiede mich. Ursula : Schon? Ago : Mich wird niemand vermissen. Ich fahre mit dem Nachtzug. Auto zwölf Uhr dreißig hier ab. Ursula : Ich dachte, mit des Gutes Verkauf hättest du länger zu tun. Ago : Agenten! Da Otto aus Rücksicht auf seinen Vater den vorteilhaften und natürlichen Kauf glatt für sich ablehnt. Ursula : Kurz: Abschied. Ago : Bei dem ich nicht wage, Persönliches noch anzurühren. Ursula : Zu viel aufgewühlte Mitwelt ist in uns beiden. So lange Tellheim sozial, früher hieß es in seiner Ehre bestürzt ist, spielt Minna von Barnhelms Schicksal keine Rolle. Ago : Es sind noch immer Männer Tellheims! Ursula ( gibt ihm die Hand ): Lessing war ein großer deutscher Dichter. Ago ( nimmt sie ): Der größte! Ursula : Der Punkt, in dem wir übereinstimmen. Ago : Der einzige? Ursula : Vielleicht. Ago : Soll versucht werden, das klarzustellen? Ursula : Keine Liebeserklärung! Ago : Die ist unnötig. Ehe wir uns nicht mitmenschlich verstünden, gäben wir persönlich keinen Finger her. Ursula : Du auch nicht? Ago : Ich auch nicht. Ursula : So bleiben wir aus dem Spiel. Ago : Sind es trotz uns. Und das ist unser heutiges Schicksal. Ursula : Uralt. Sie konnten – warum immer – zusammen nicht kommen. Ago : Verwechsele uns nicht in der Weltgeschichte. Uns hemmen keine Intrigen, kein vom Dichter gewolltes höheres Moment mehr. Wir spüren nur, unser Interesse an unserem Kollektivschicksal ist mächtiger als das am eigenen. Ursula : Du hast jedenfalls Sinn dafür. Ago : Du auch! Verkenn' dich nicht. Und damit bist du, fern von Namen und Begriffen, doch Kind der neuen Zeit. Ursula : Ich leugne nicht, über Persönliches hinaus bin ich erregt. Doch nur aus meiner Familie, Rasse, Herkunft – aus Vergangenheit. Ago : Aber –! Ursula : Nichts mehr von mir! Schnell noch den Sinn von dir, der mir als Andenken bleibt. Ago : Was ich tat, tat Kopernikus! Nicht, daß er die Astronomie als solche änderte, doch faßte er den Gedanken: Wir sehen falsch, vom falschen Standpunkt aus. Wenn man den Gesichtskreis änderte! Früher galt die Erde als starr – und sie bewegt sich doch! – Kein feudales oder bürgerliches Ideal prüfe ich im einzelnen mehr, habe sie aus ihrem falschen Standpunkt sämtlich verworfen und einen neuen gewonnen. Ursula : Wirklich? Du bist –? Ago : Kein Praktiker. Ob sich entwickelnd oder rascher Gewalt das Proletariat zur Herrschaft kommt, rührt mich nicht; überhaupt nicht Tat und Politik. Ich lebe und wirke dafür, daß es kein neuer neunter November in Deutschland ohne eigene Wissenschaft rat- und hilflos findet. Ursula : Kannst du sie ihnen geben? Ago : Aus unkompromittierter proletarischer Philosophie suche ich ihre Gesamtkraft zu organisieren, wie vorher eine feudale und bürgerliche dieser Klassen Kräfte mobil machte. Ursula : Hast du den Start, auf den es ankommt? Ago : Des Proletariers durchgesetztes unbeirrbares, unvergleichliches Klassenbewußtsein! Ursula ( ernst ): Der Start ist gut! Ago ( entflammt ): Prachtvoll, und ihr sollt sehen, wie Welt im Sturm aufbricht, weiß sie erst, sie tauscht für Hingegebenes Lebendigeres ein. Ursula : Quod esset demonstrandum. Ein Konjunktiv – Ago : Bald Wirklichkeit! Ursula : Es ist zu simpel und frech. Ich glaube es nicht. Ago : Kapitel für Kapitel ist alles gründlich verzahnt. Aus Rasse und Natur bin ich kein Träumer. Nur krasse Tatsache steht in meinem Buch. Ursula : Woher nahmst du die abertausend neuen über Nacht? Ago : Krieg, Revolution entwickelten sie. Ursula : Sag' eine als Beispiel. Ago : Jedes Kind, ehelich oder nicht, trägt künftig den Namen der Mutter! Damit sind zwei historische Laster des Durchschnittmanns, – Treulosigkeit, mangelnde Verantwortung und ihre barbarischen Folgen unschädlich gemacht; menschliches Neuland gesichtet. Ursula : So nenne ich dich besser den anderen Kolumbus. Ago : Du gibst zu, das leuchtet ein? Ursula : Die Logik packt, doch ist die Sache ethisch grauenhaft. Vom Mann aus gesehen. Wirft uns Mädchen aus Mystischem und Mysterien ins eiskalt Rationale. Ago : Erspart dem Kind die Schande aus des Vaters Zügellosigkeit. Nicht des Manns und des Weibs Wollust, des Kindes Schicksal ist des Aktes Sinn. Ursula : Sein Sinn ist des gefesselten Menschen süße Befreiung. Ago : Solche Anarchie heißt Feudalität. Après nous le déluge. Ursula ( stark ): Es lebe der Trieb! Ago : Das ruft neunzehnhundertdreiundzwanzig die Uradlige. Ursula : Adel ist immer noch produktiv! Ago : Darum steht ihm , nicht dem erledigten Bürgertum, der soziale Mensch auf Leben und Tod. Ursula : Wir beide sind des Kampfes Symbol. Ago : Ich ehre den Gegner! Ursula : Ich liebe den Feind! Ago : Wagst du solche Blöße? Ursula : Nackt ist das Weib nicht bloß, doch in seiner Waffen Vollbesitz. Ago : Ich fühle es! Ursula ( tritt ihm näher ): Wehr dich, so gut du kannst! – Nichts verhehle ich mehr. Sage, ich liebe und liebte nur deine Erscheinung eines Manns, und entsetze mich vor dieses Menschen neuen Inhalten. Ago : Die du nicht begreifst. Ursula : Die ich als Gifte für eine erlauchte, bewiesene und geformte Welt und meine Besonderheit in ihr wittere. ( Faßt seine Hand .) Was sonst als diese unter Weibern unvergleichliche Ursula mit dem Blick und dem Griff tat es dir an – daß du an allen Gliedern vor mir zitterst? ( Sie steht ihm Blick in Blick .) Ago ( schwach ): Ursel! Ursula : Ursel für dich und mich allein. Und zerschlägst du meine Einzigkeit, machst du dir die unter allen Auserwählte unkenntlich. Ago : Erliege ich dir, entstelle ich die mir bewußte Welt so sehr, daß ich trotzdem nicht leben wollte. Ursula ( noch näher an ihn ): Trotzdem nicht? ( Und mit Aufbietung ihrer weiblichen Macht ): Trotzalledem nicht? Ago ( berauscht ): Wie süß das ist – ( Lehnt an ihr .) Ursula : Gewöhnlich oder – süß besonders ? Ago ( auffahrend ): Hör' mich, begreif mich ganz! Deine Schönheit, Anarchie des aus dir brechenden Weiblichen, schmecke ich in einem. Meine gegliederte Schöpfung mußt du erst langsam verstehen lernen. Ursula : Also bring das Buch, lies es mir! Ago : Wann? Ursula : Heut spät. Hier! Ago : Wann? Ursula : Wenn drüben bei uns alles schläft. Ago : Wann? Ursula : Elf! Vor der Abfahrt. Daß ich für alle Zukunft unterrichtet bin. Ago : Und hingegeben hörst du mich? Ursula : Das Weib unbestechlich den Mann. Keinen Kolumbus, keinen Kopernikus. Ago : Ich überwältige dich! Ursula : Mit noch so feierlichen Worten nicht. Ago : Mit Tat! ( Sucht sie an sich zu ziehen .) Ursula ( macht sich los ): Fort! Eh man stört! Ago : Elf! Ursula : Elf! Hier! Ago ( schnell exit ). Ursula ( wankt einen Augenblick, läuft zum Fenster, sieht dem Fortgeeilten nach, wirft ihm hinter vorgehaltener Gardine einen hingegebenen Kuß nach. Faßt sich und will die Treppe hinaus. In diesem Augenblicke tritt auf ):   Fünfter Auftritt In Schwarz, sechzigjährig, die Generalin von Beeskow . Ursula ( fliegt ihr wortlos an den Hals ): Mutter! Generalin : Was hast du, Kind? So außer dir? Ursula : Nichts, Mutter. Generalin : Hat der General –? Ursula : Sag' Vater – alles ist auf bestem Weg. Ich fliege gleich zum Bericht zurück. Nur einen Augenblick! ( Eilt davon. Generalin steigt Stufen der Treppe hoch .) Traugott ( oben aus der Tür ): Wo ist das Kind? Wo ist ...? ( In großer Generalsuniform und allen Orden .) Generalin : Alles auf bestem Weg. Kommt gleich zum Bericht zurück. Und hier ein Telegramm vom Bund der echten Vaterländischen. ( Gibt es .) Traugott ( unten liest ): » Am hohen Festtag drei Hurras unserem verehrten Gründer und Hauptwart !« Danke! ( Er läuft zum Grammophon, das er rasend ankurbelt. Der Hohenfriedberger Marsch tönt. Traugott schmettert Kommandoton ): Und nun: das Ganze – aufgesessen!! ( Er besteigt im Federhelm das Schaukelpferd. Zieht den Degen, brüllt ): Attacke vorwärts, marsch marsch! ( Mitsingend und den Degen mächtig schwingend, reitet er wie toll .) Generalin ( mit entzücktem Aufschrei ): Traugott! Traugott! Ach! Vorhang Der dritte Aufzug Erster Auftritt Otto und Fräulein von Rauch steigen aus dem Laboratorium herauf . Otto : Hier ist Geld. Rauch : Damit kann ich nichts anfangen, wo ein Sommerhut, ein bißchen garniert, das Doppelte kostet. Otto : Vorgestern hast du ebensoviel bekommen. Rauch : Und Wäsche, Kleider, Stiefel? Du willst mich gut angezogen. Otto : Es soll nicht in die Puppen gehn. Rauch : Ich darf nicht betteln müssen. Das verdirbt den Charakter. Bin schließlich eine von Rauch. Otto : Keine Gefühle! Rauch : Gefalle dir nicht mehr? Otto : Im Gegenteil. Du hast es gerade gefühlt. Rauch : Ich liebe dich grenzenlos, Otto, vor Gott! Otto : Das paßt mir sehr. ( Er gibt ihr Geld .) Da! Doch kümmere dich um Uli! Sei scharf hinterher. Das Mädchen fängt an, Augen und Ohren überall zu haben, wo ich nicht will. Rauch : Sie ist frühreif. Dein Temperament. Läuft hinter Ago her. Otto : Der ist heut abend endgültig fort. Rauch : Gottlob in jedem Sinn! Otto : Und jetzt dalli! Vorsicht Stufe! Pst! ( Schiebt sie zur Tür hinaus und folgt nach einem Augenblick .)   Zweiter Auftritt Föhrkolb ( steigt zum rechten Pavillonfenster herein. Läßt eine elektrische Taschenlampe aufglühen ): Pst! Uli ( steckt den Kopf aus dem Vorhang des Erkers heraus ): Pst! Hallo! Föhrkolb : Schon da? Uli : Grade erwischte ich den alten Herrn in voller Tat mit der Gouvernante. Habe Augen, wo ich nicht soll! Bande! ( Sie tritt hervor .) Föhrkolb ( kichert ): Eiwei! Uli : Mund halten! Ganz meine Sache! Föhrkolb : Selbstverständlich. Ehrenwort, Fräuleinchen! Uli ( tritt auf ihn zu ): Hören Sie: Bilden Sie sich nur nichts ein, daß ich Sie mitten in der Nacht heimlich treffe. Föhrkolb : Was soll ich mir einbilden? Uli : Das ist pure Neugier von mir, zu sehen, was eine Sorte Mensch wie Sie eigentlich treibt. Föhrkolb : Was soll ich treiben? Warte mit dem Auto, Baron Ago, auch so einen Salonkommunisten, zur Bahn zu fahren. Eine halbe Stunde Zeit noch. Uli : Das interessiert mich nicht. Wie Sie sonst leben, denken und so weiter? Föhrkolb : Nichts Besonderes. Uli : Sie sind doch wirklicher – Bolschewik! Föhrkolb : Kapede, So was ähnliches. Uli : Also was wollen Sie mit mir, die ich Kapitalistin bin? Föhrkolb ( grinst ): Sie sind aber auch ein sehr hübsches Mädchen, Fräuleinchen! Uli : Das wäre mir egal, ob Sie hübsch sind. Hübsche gibt's massenhaft. Aber was Sie anderes als wir denken –? ( Plötzlich ): Still! Licht aus! Achim ist hinter uns her. Föhrkolb ( läßt die Lampe verlöschen ): Ausgeschlossen. Kein Mensch! Der ist mit Lisbeth los. Uli : Würden Sie, kämen Sie plötzlich zur Macht – sagen wir, Sie stürmten unser Schloß in solcher Nacht mit Fackeln, Handgranaten, Sie an der Spitze von Genossen, Marke Garibaldi und so – was würden Sie mit mir machen? Föhrkolb : Das können Sie sich doch lebhaft denken, Fräuleinchen. Uli : Was ich mir denke, würde jeder in solchem Fall mit mir tun. Dazu brauchen Sie kein Kapedeer zu sein. Sie müßten es neu und speziell ausführen. Föhrkolb : Verflucht! Das ist gegen alle Kleiderordnung. Uli : Sie haben die Pflicht, in allem originell zu sein. Föhrkolb : Da gibt's keine neuen Vorschriften. Uli : Das wäre blödsinnig. Dann bleibt ja alles beim alten. Ich danke! Oder zum Beispiel, ich erlaubte Ihnen, mich zu küssen und so weiter – was würden Sie fühlen? Föhrkolb : Aufregen würde ich mich und mächtig amüsieren. Uli : Sonst nichts? Das amüsiert doch jeden anderen auch. Wenn ich mit Ihnen als Kapedeer was anfinge, sollte es was Neues sein, wie wenn ich katholisch würde. Sensation! Föhrkolb : An Ihnen sind auch nur Ihre Niedlichkeiten. Die allerdings effeff. Und die kann man sich nur auf eine Weise zu Gemüte führen. Uli : Da irren Sie sich. Ich genieße Sie auf ganz besondere Art, als Tief-unter-mir-Stehenden, einen gefährlichen Burschen, eine Art Raubtier. Bestie. Machten Sie mich nicht aus Standesunterschieden gruseln, stünde ich nicht hier. Das ist sicher. Föhrkolb : Gruseln machen Sie mich auch. So peh a peh. Uli : Na wie, na und? Föhrkolb : Vor mir selbst. Uli : Na was, was dann? Föhrkolb : Wenn ich merke, denke ... ( Tritt auf sie zu ): Donnerwetter, kleines Aas! Uli : Los doch! Föhrkolb : Sie sind auch bloß so eine Ausbeuterin wie die anderen! Uli : Na und? Föhrkolb : Profitgier. Aasgeier, sonst nichts. Uli : Wenn schon? Föhrkolb ( erregt ): Frechheit! Uli : C'est la vie, chéri. Föhrkolb ( außer sich ): Jetzt auch noch französisch! Uli : Voilà! Föhrkolb : Da könnt' ich dir eine pflastern, daß dir die Gesichtszüge entgleisen! Uli ( ihm zugewandt ): Los doch! Föhrkolb : Sie meinen es gar nicht so? Uli : Ich meine es genau so, Kleiner. Föhrkolb ( haut ihr eine ): Da hast du sie! Uli ( tritt verblüfft zurück ): Donnerwetter! Föhrkolb : Gleich schwirrt die zweite. Uli : Du bist wirklich ein Gefährlicher! Föhrkolb : Dir und der ganzen Sippschaft bringe ich Lebensart bei. Wir sind bis hierher geladen, wir Proleten! ( Nach einem Augenblick anderer Ton ): Sind Sie auch nicht bös'? Uli : Warum? Föhrkolb : Weil ich Ihnen die gelangt habe? Uli : Du bist ein Schaf, Fritz. Mit deinem Bolschewismus nicht im reinen. Das habe ich heraus. Föhrkolb : Das wird sich finden. Die Knallschote saß. Uli : Die hättest du dich allein nie getraut; habe ich dir glatt eingeblasen. Föhrkolb : Na wart' mal ab! Ich fingere es schon. Uli : Du würdest mich lieber liebkosen. Föhrkolb : Das allerdings auch, Fräuleinchen. ( Er strahlt ): Aber feste mang! ( Tritt näher .) Uli : Jetzt nicht! Ich habe Wind, wir müssen verduften. Pst! Föhrkolb : Ein Küßchen wenigstens. Uli ( hält ihm den Mund hin ): Aber Abstand, kleiner Kapede! Und schnell! Föhrkolb ( küßt sie ): Sie sind zu süß! Ich weiß gar nicht. Mollig und schnurrig. Verstehen's mit Männern, Fräuleinchen. Feine Sache! Uli : Gefall' dir? Föhrkolb : Mächtig! Uli ( hebt den Rock ): Beine? Föhrkolb : Klasse! Uli : Nicht zu dicke Waden? Föhrkolb : Keine Ahnung. Uli : Jetzt aber nach zwei Seiten ab. Ich wittere Morgenluft! Föhrkolb : Und brauchst vor mir keinen Bammel zu haben. ( Das Bein schon im Fenster .) Uli : Keine Ahnung! ( Ruft plötzlich ): Man kommt schon! Föhrkolb exit zum Fenster. Uli unschlüssig, läuft die Treppe nach unten hinab .   Dritter Auftritt Traugott und Ursula treten auf . Traugott : Was flitzt hier der Chauffeur herum? Der Bande ist das Betreten der Gegend verboten. Man muß, sie zu klappen, Fußangeln legen. Ursula ( noch in der Tür ): Welche Nacht! Traugott : Die ganze Gesellschaft der Fixsterne am nördlichen Himmel unsere begeisterten Zuschauer! Ursula : Nie sah ich sie mit bloßem Aug' so deutlich. Nicht wie sonst sind sie kühl auf schwarzem Grund genagelt, doch hängen lichtschwangere Lampen in den Äther herab. Traugott : Klotzig ihr starres Verharren! So sah sie Kopernikus. Im Zentrum der Polarstern, abhängig von ihm der kleine Bär, vom Drachen und Cepheus bewacht. Ist Arion dein Liebling, Pollux der Riesige? Ursula : Antares im Skorpion. Er hat das hellste Auge. Traugott ( Arm um ihre Schulter ): Sieh Adler, Schwan, Kassiopeia mit dem Fuhrmann in der Milchstraße auf strahlender Wacht. Ursula : Ich beneide dich um die Kenntnis so rassiger Treue. Traugott ( drohend ): Die du im Herzen nicht mehr hast? Ursula : Im Laboratorium hetze ich Moleküle in Hast. Immer auf Jagd nach ihrer Sprengbarkeit. Das nimmt die Seele an. Traugott : Beharrung ist dir vor allem ins Blut geerbt. Ursula : Aus Beruf mir das Gleichnis steten Wechsels gesetzt. Traugott : Plötzlich spür' ich dich Haltung verlieren. Ursula ( lacht schmerzlich ): Und sähest du mich und ihn durchs Fernrohr, glichen wir dem Löwen und der Jungfrau, die in schrecklichem Zusammenprall aufeinander wollen. Traugott : Warum lachst du, ist dir nicht so zu Mut? An Himmeln stößt nichts zusammen. Ursula : Wir armen Menschen – ach! Traugott ( zärtlich ): Zögerst du, Kleine? Hapert's? Langt die Puste nicht? Soll ich den Kerl noch vorher mit Tritten zum Teufel jagen und begnügen wir uns in Gefahrorkanen tatenlos mit gestirntem Himmel? Ursula : Als abgestoßene Planeten trieben wir im Firmament und sind doch verantwortlich, als Fixsterne zu gelten. Traugott : Dem Vaterland Leuchte gegen inneren und äußeren Feind zu sein: Echt Vaterländische! Taugen wir nicht? Irrten in uns selbst? Heraus mit der Sprache! Ursula : Du dich nie, das weiß Gott. Und ich – das muß sich ihm gegenüber beweisen. Traugott : Siehst du deutlich, was folgt? Bist du klar? Ursula : Daß ich nicht widerlegen kann, was er verkündet. Denn ihm diktierte die Zeit und mitmenschliches Gewissen; kein persönlicher Ehrgeiz mehr, den ich beurteilen könnte. Besiege ich ihn doch, muß es mit Reiz und von mal zu mal größerem Rausch aus mir sein. Traugott : Klar! Von mal zu mal! Nur an der genialen Stufung hängt der Sieg. Nicht schnell und billig, nicht, ohne Einbrüche in dir immer wieder aufzufüllen. ( Stark .) Und nie an die Reserve heran! Über den Mann fort, hurtig an ihm vorbei! Du stehst in überflügelnder Offensive, das Ganze, eine Flanke darf keinen Moment halten. Ursula : Seine menschliche Besinnung nicht sein! Traugott : Und deine weibliche Besinnungslosigkeit nicht von weitem! Kapiert? Ursula : Wie stets begriffen. Traugott : Hör' beim Marsch, allem Vor und Zurück deines Vaters und einer Welt brüllenden Herzschlag! ( Er schmettert singend ): »In dem wilden Kriegestanze ...!« ( Grüßt sie stramm militärisch und steigt, die Weise weiter summend, die Treppe hinauf .) Ursula eilt zum Fenster, späht hinaus . Traugott ( von oben ): Nun? Ursula : Nichts. ( Stille .) Traugott : Na? Ursula : Noch nicht. ( Stille .) Traugott : Käm er nicht? Ursula : Bestimmt. Traugott : Weißt du alles? Ursula : Im Blut. Traugott : Buch, Schrift Reserve? Gewärtig? Ursula : Alles! Traugott : Vor Sieg kein Halt! ( Und in Zärtlichkeit und großer Bewegung ): Ursula! Ursula : Die echte Vaterländische! ( Plötzlich ): Er kommt! Traugott oben schnell exit   Vierter Auftritt Nur des Kamins helle Flammen erleuchten den Raum . Ago ( tritt auf ): Wie ging's? Ursula : Leicht, als alles schlief. Dir? Ago : Abschied vorbei. Auto. Gepäck warten. Den kleinen Jungen traf ich, als ich zur Tür hinauswischte. Ursula : Die helle Nacht regt alles Leben auf. Ago : Himmlische Aufgeregtheit der Natur! Schlachtruf aller Revolutionen. Ursula : Der Marxschen nicht. Nur Vernünftigkeit. Ago : Wir halten weit vor Marx. Über Bakunin hinaus wollen wir Religion und Kunst. Proletarische! Traum und, wo es frommt, kompletten Wahnsinn. Unbeschränkter sind wir als ihr, unvoreingenommen: doch wollen das Ganze nicht mehr privat, doch aus dem Gemeinsinn föderalistischer Menschen. Ursula : Wir wollten es selbstsüchtig? Ago : Aus Standesinteresse wart ihr gegen beherrschte Klassen scharf. Ursula : Als Adlige sind wir Christen dazu. Ago : Maßlose Selbstsucht brauchte Ventil, den Volldampf abzulassen. Dazu wird Milde und Mitleid gelehrt, die schüchtern ins Volk tropfen. – Höre meiner Lehre Essenz gleich zu Anfang des Buchs. ( Er liest ): »Glücklich der Mensch, der in Arbeit verbraucht, nicht mit dem Wust feudaler oder bürgerlicher Bildung bepackt ist, die einen in Vorurteile Gefesselten aus ihm macht. Und daß er begreift: Was noch gewußt wird, ist feindlich gegen ihn vom Gebildeten gewollt. Von Plato über furchtbare Menschengeschichte sind sogenannte ›Ideale‹ gegen ihn mobil gemacht, werden durch Wahrheitslehrer vermehrt und lebendig erhalten, die keine Wirklichkeit der Dinge hinnehmen, doch aus Anmaßung vernünftiger und besser wollen. Natur der Welt zu einer geglaubten und gedachten grauenhaft entstellen! – Welt selbst, der schlichte Mensch ist noch nicht angebrochen!« Ursula : Das geht aufs Ganze! Ago : Diesem Unmaß gedachter Ideale stellt sich proletarische Aufklärung entgegen, die sagt: »Nur Wirklichkeit, die unvergleichliche, besteht, in der alle Kreatur ihr Recht nimmt, aus keiner voreingenommenen Norm, keinen Befehl der Besserwissenden, doch aus sich selbst zu gelten und, als Ding an sich, verantwortlich zu sein.« Ursula : Bündig. Ago : Aber ich verhehle nicht: So viel Sinn für des Lebens besonderen Schmuck ist heut erst recht in mir, daß über Sehnsucht, das All mit meiner Flamme anzuzünden, der Drang der süßere ist, ich könnte dich stärker als einst berauschen, und daß er schon in allen Hintergründen meines Kommens war. Ursula : Wie unbescheiden du über erste Behauptungen wirst! Da hieß es: Nieder der entfesselte Trieb. Statt mich aber wirklich, wie alle Welt ohne Vergleich hinzunehmen, soll ich doch mit mir selbst nur verglichen sein, und du willst besondere Wirkung auf mich. Isolierst mich dir selbst zu Stolz und Freude. Das aber lehne ich als von dir verworfenen Standpunkt ab, will, du mißt mich nach dem neuen. Das Buch als deine Erleuchtung soll sagen: Das trennt den Besitzenden vom Proletarier, daß der keinen Besitz, als er schnell wieder fortgibt, will. Sünde am Mitmenschen sei jedes für sich behaltene, materielle und geistige Gut, des Bürgers Ideale und Kultur. Daß ich dir letzte Nuance aus toter kapitalistischer Epoche sein soll, ist für das Mädchen, das dich begreift, die größte Kränkung und setzt dich herab. Ago : Nein! Ursula : Der Kompromiß, den du nicht darfst. Auch die Frau soll kein Vorwand zum Ideal, doch ein Ding, klar zu sagen, sein. Ago : So strikt will ich es nicht. Ursula : So mußt du es wollen. Ago : Vorrechte leugne ich. Vorzüge der Natur sollen gelten. Ursula : Das fiel dir zu deiner Bequemlichkeit rechtzeitig ein. Ago : Glaubst du, über Nacht ist eine neue Weltordnung vollkommen? Ursula : Das fragte ich. Du aber sagtest, Revolution und Krieg hätten sie auf einmal fertiggemacht. Das war gelogen! Ago : Wirklich war seit Jahren keine Stunde mehr so produktiv. Ursula ( stark ): Warum dann solches Buch schon gedruckt? Wer zweifelt, daß menschliche Einsicht in des Unsichtbaren Pläne langsam steigt? Wie aber darf einer, dem stündlich noch Wichtigstes zu seiner Erkenntnis zuwächst, als Prophet auftreten, der ein Chaos überbietet? Vorm siebenten Tag hatte Gott kein Resultat. Ago ( zeigt in das Buch erregt ): Trotzdem ist hier vieles reif. Ursula : Das Ganze nicht! Tragisch für euch, daß ihr mit dem, was ihr für die Menschheit wälzt, nicht fertig seid. Tragischer für die Welt, fände die Vorsehung kein Mittel, euch vor unbedachten Taten unschädlich zu machen. Ago : Und weil wir nicht vollendet haben, sollt ihr inzwischen den Menschen weiter plündern dürfen? Soll das Entsetzliche fortdauern? Ursula : Es entsetzt euch nur theoretisch. Praktisch, du beweist's, will auch der Rebell Erlesenes. Wir aber verurteilen euch darum nicht, fordern nur Vollkommenheit der Führer, wie wir sie besaßen: Euer ganzes Verantwortungs- und Ehrgefühl. Ago : Seit wann pocht das Weib, das liebt, auf Ehre? Ursula : Seitdem es der Mann in solchem Sinn erzog. Seit wann der Sozialist auf Befriedigung persönlicher Leidenschaft? ( Sie ist ihm nahegetreten, sieht ihm voll ins Gesicht .) Ago : Seitdem die Frau so schön wie du geschaffen wurde. Ursula ( frohlockt ): Beginnst du über geschlossenen Kreis das zu fühlen? Ago : Ich spüre – liebe dich! Ursula : Liebst –? Was bedeutet das endlich? Ago ( ausbrechend ): Und begehre dich! Ursula : Glatt heraus für dich selbst? Tragische Unlogik! Ago : Rausch, der dir entbrandet – Einzige! Ursula : Noch ist dein Werk nichts wert. Gestehst du endlich? Ago : Noch bin ich nicht Held, die Sache aber –! Ursula : Noch lange nicht! Ago ( umfaßt sie ): Liebe dich mehr als ich mitmenschlich bin. Ursula : Wirf Halbheit fort. ( Sie greift nach dem Buch ): Zerstöre –! Ago ( außer sich ): Nein! Ursula : Was uns trennt und zu Größerem nicht frommt. Befrei uns. – ( Sie hält das Buch hoch in der Hand .) Ago ( mit Schrei ): Mörderin! ( Greift nach dem Buch; doch unterliegt er ihrer Blicke Glut .) Ursula ( hat das Buch in die Kaminglut, wo es aufflammt, geschleudert, stürzt mit großem befreiten Schrei und ausgebreitet in seine Arme ): Ago! Ago ( nimmt sie, trägt sie, wirft sie halb in Stürmen der Liebe und Empörung durch den Vorhang ).   Fünfter Auftritt Schon in Ursulas letzte Worte ist Traugott auf der oberen Bühne erschienen. Er und sein mächtiges Schattenbild haben die letzten Akzente mitgelebt. Jetzt hängt er über dem Geländer den im geschlossenen Erker Befindlichen entgegen, daß quer sein Schatten sich über die ganze Bühne legt, verharrt einen Augenblick, ein einziger großer drohender Blick. Da gellt Ursulas erstickter Schrei des Weibes – man sieht Traugott jäh das Geschehene begreifen – er krächzt einen heiseren Schrei und brüllt mit riesiger Gebärde: Canaillen! Wozu er Schüsse des Revolvers in den Vorhang schießt, dann die Treppe herabstürzt .   Sechster Auftritt Beim ersten Schuß ist Uli im Gelenk der Treppe erschienen und Föhrkolbs Gesicht am Fenster rechts aufgetaucht . Uli ( die den Vorhang auf- und zugerissen hat ): Beide! Mörder! Fossil! Jetzt stürzt Uli mit erhobenen Fäusten und großem Schrei Traugott, der sie von sich schüttelt, an die Kehle. Worauf sie zum Fenster, zur Tür stürzt, gellend in Krämpfen »Zu Hilfe!« ruft . Föhrkolb ( wie Blitz ins Fenster, auf Traugott zu, der ihn zurückschleudert, dann zu Uli ): Ich sause zur Stadt, die Bestie der Gerechtigkeit zu liefern.   Siebenter Auftritt Otto ( ist schnell aufgetreten, überblickt mit einem Blick die Lage. Zu Traugott ): Fort: Los mit dem Sechszylinder! In dreißig Minuten über die Grenze! Hast den visierten Paß bei dir? Traugott : Immer! Doch nicht so wild und keine Aufregung und Tragik mehr. ( Mit geballter Faust auf der Brust und letztem Blick zum Erker ): Die sind in mir erwürgt vorbei! Jetzt Form wieder und Haltung bis zum Schluß. ( Tritt auf Föhrkolb zu ): Hier das Publikum muß vor allem im Bild bleiben. Fahren Sie mich selbst, Jüngling, und – liefern mich der Gerechtigkeit! Otto : Vater – bist du –? Traugott : Was soll mir heutzutag passieren? Was, Dummkopf?! He? ( Und da Otto starr nicht antwortet, stark ): Na also! ( Dann zu Föhrkolb in schnarrendem Kommandoton ): Vorwärts, marsch, marsch! Über alles Ordnung und Gerechtigkeit in Deutschland! Hurra! ( und geht barhäuptig, den Chauffeur am Arm hinter sich herziehend, hochaufgerichtet hinaus ). Schnell der Vorhang   Finis