Friedrich Spielhagen Platt Land Erstes Buch Erstes Kapitel. Der Wagen hielt, und Gerhard erwachte. Er hatte in der dumpfen Schwüle des engen Gefährtes so fest geschlafen, und jetzt war die sonnige Stille um ihn nur wie ein hellerer Traum. Erst ein langer Blick durch das offene Fenster zur Rechten auf den Roggen, dessen hohe Halme sich nicht fortbewegten, und zur Linken auf die verkrüppelte Weide, die ebensowenig von der Stelle rückte, brachte ihn vollends zum Bewußtsein. Eilfertig griff er nach Hut und Stock und Tasche, die vor ihm auf dem Rücksitz lagen, öffnete den Schlag und sprang hinaus, nicht wenig verwundert, als er sich nach einer flüchtigen Umschau mitten zwischen den Feldern fand. »Ich dachte, wir wären in Kantzow?« »Sind wir auch«, erwiderte der Postillion. Der Mann hatte es auf hochdeutsch gesagt, so daß ihn Gerhard nicht mißverstanden haben konnte; und da, neben der Weide, war ja auch ein schmalerer Weg, der von der Landstraße in ziemlich gerader Richtung durch eine mächtige Weizenbreite auf ein paar kleinere Gehöfte zuführte, welche in ziemlich bedeutender Entfernung zerstreut am Rande des Waldes lagen. »Das ist also Kantzow?« fragte er. »I bewahre«, sagte der Postillion, »das sind man die Büdners«. »Was sind Büdners?« »Büdners sind – Büdners«, sagte der Postillion. »Freilich! aber ich soll diesen Weg gehen?« »I bewahre!« Der Postillion war unterdessen mit der Schweppe seiner Peitsche fertig geworden, die ihm, während er auf dem Bocke nicht minder fest schlief wie sein einziger Passagier im Wagen, unter das Rad gekommen war. Nun wies er mit dem Stiele über die Decke nach rückwärts; und Gerhard, sich um den Wagen herumbewegend, sah weit abseits von der Straße, in grüner Umgebung von Baum und Busch, die Gebäude und Dächer eines großen Hofes. »Da werde ich wieder zurück müssen«, sagte er. »Man ein lüttes Ending«, erwiderte der Postillion; »man bis zu der zweiten Weide, da geht der Weg ab; Sie können gar nicht fehlen«. »Warum haben Sie aber nicht dort gehalten?" rief Gerhard. »Ja, das sagen Sie wohl!« erwiderte der Postillion. Gerhard mußte über die unverwüstliche Ruhe des Burschen lachen und gab mit gutem Herzen sein reichliches Trinkgeld, das jener so gelassen in die Tasche steckte, als habe er's vollauf verdient. Man muß sich eben an die Art dieser Menschen gewöhnen, sprach Gerhard bei sich, dem Wagen nachblickend, der sich bereits wieder in schläfriger Langsamkeit die Straße hinaufbewegte; – Büdners sind Büdners – sehr instruktiv! sagen wir: Außenbauern! – Nun, ich bin ja gekommen, um andere Menschen, eine andere Natur, eine andere Wirtschaftsweise kennenzulernen; ich denke, es soll mich nicht gereuen. Wie eigen dies ist! eigen und in seiner Weise auch schön! Hier in der Heimat der Platt redenden Menschen ist man wirklich auf dem platten Lande! Durch die Seele des jungen Mannes zog das Bild seiner bergigen, wälderreichen thüringischen Heimat; aber nur in dämmernden Umrissen und weichen Farben, die zu verzittern schienen vor dem machtvollen Licht, welches die tiefstehende Sonne, der er jetzt den Rücken wandte, über die Kornfelder strahlte. Unermeßlich, wie das Meer, breiteten sie sich vor ihm nach Osten, in der Richtung der Straße, die er gekommen war; wie Inseln erschienen die weit verstreuten Höfe, die hier und dort aus der gelben Fläche auftauchten; und die dunkleren Linien bedeutender Forste, die von Norden und Süden bald näher herantraten, bald in die Ferne zurückwichen, wirkten nur wie Streifen in gleichmäßiger Höhe an der See hinstreichender Ufer. In der ungeheuren Runde war, außer ein paar Kälbern und Füllen, die Gerhards scharfes Auge in einer entfernten Koppel entdeckte, kein lebendes Geschöpf zu erblicken , unsichtbar trillerten, hoch oben in dem strahlenden Äther verloren, die Lerchen; unsichtbar zirpten die Grillen an den beiden Wegseiten in dem mannshohen Korn. Von Zeit zu Zeit nickten ein paar Halme hinüber und herüber in einem Lufthauch, den die heiße Wange des Wanderers nicht spürte; dann wieder stand alles unbeweglich, wie im Zauberschlaf, eingesponnen von der roten Abendglut, die mit jedem Moment ihr zitterndes Netz dichter über die Landschaft wob. Gerhard war stehengeblieben und hatte eine und die andere Ähre gepflückt, die Körner prüfend. Der Weizen war prachtvoll; aber der Roggen ließ zu wünschen, wenigstens entsprach die Frucht weder in Gewicht noch Größe den mächtigen Halmen; Gerhard meinte, daß auf solchem Boden bei sorgfältigerer Kultur eine reichere Ernte erzielt werden müßte. Der Weizen mochte noch ein paar Wochen stehen, aber der Roggen war reif, zum Teil überreif; Gerhard wunderte sich, daß man ihn noch nicht geschnitten, und wie man es anfangen werde, in der nur noch gegebenen kurzen Frist diese ungeheuren Massen zu bewältigen. Auch hatte er unterwegs, obwohl es Sonntag war, an mehreren Stellen lange Reihen von Mähern und Binderinnen bemerkt; er hätte im Interesse seines künftigen Prinzipals gewünscht, auch in diesem Eden eine solche hochnötige Tätigkeit entfaltet zu sehen auf Kosten selbst der Sabbatruhe, die freilich wunderbar zu diesem Landschaftsbilde stimmte. Über seinen Untersuchungen hatte er ein Gefährt nicht beachtet, das auf der Landstraße ihm entgegengekommen war und jetzt, wenige hundert Schritte von ihm, an der von dem Postillion bezeichneten Weide in den zum Gutshofe fahrenden Weg einlenkte. Soweit er über den Roggen, der sich dazwischenschob, sehen konnte, war es derselbe offene zweisitzige Jagdwagen mit denselben großen Braunen, der vor dem Gasthofe der letzten Station dicht neben der Post gehalten hatte. Es fiel ihm etwas schwer auf die Seele, ob dies vielleicht ein Wagen sei, den Herr Zempin ihm entgegengeschickt; aber er hatte durchaus nicht auf eine derartige Aufmerksamkeit gerechnet, und jedenfalls fühlte er sich außer Schuld, wenn er von ihr keinen Gebrauch gemacht. War er doch, bevor er in den Postwagen stieg, sogar an das Gefährt herangetreten und hatte dem blauberockten Kutscher ein Kompliment über die Schönheit der prächtigen Tiere gemacht. Der Mann hatte ihn mit offenem Munde, ohne ein Wort zu erwidern, angestarrt, wie Gerhard vermutete, weil er sein thüringisches Hochdeutsch nicht verstand; aber je offenkundiger er dem Manne ein Fremder erschien, um so sicherer würde er sich doch seines Auftrages entledigt haben, hätte er einen solchen gehabt. Der Wagen fuhr immer in derselben Entfernung vor ihm her auf den Hof zu und verschwand jetzt hinter ein paar Gebäuden an einer Stelle, wo auch Gerhard einige Minuten später anlangte, um zwischen zwei, die niedrige, mit Schlingkraut und Disteln überwucherte Umfassungsmauer kaum überragenden Steinpfeilern den Hof zu betreten. Während der junge Mann auf dem schlecht gehaltenen, mit zertretenem Stroh und vertrocknetem Dünger stellenweis reichlich bestreuten Damm langsam dahinschritt, schweiften seine verständnisvollen, wißbegierigen Blicke überall umher. Zu den Kornbreiten, die er eben erst durchwandert, gehörte solch breiter und weiter Hof. Der Hof von Vacha dort oben in den lieben Heimatbergen hätte hier zehnmal reichlichen Platz gefunden, und die sämtlichen Wirtschaftsgebäude desselben waren zusammen kaum so groß, wie die eine Scheune da zur Linken unter ihrem ungeheueren, gleich einer braunen, moosübersponnenen Bergeshalde anfragenden Strohdach. Nur daß bei ihm zu Hause die Regierung längst keine Strohdächer mehr duldete, die freilich hier bei den großen Entfernungen der einzelnen Gebäude voneinander weniger gefährlich sein mochten. Gerhard wunderte sich auch nicht länger, daß die Einfahrt in den Hof durch kein Tor verschlossen gewesen war: Tor und Umfassungsmauern wären bei diesen Dimensionen unzweckmäßig gewesen und hätten den Charakter der alten Behaglichkeit und des ungetrübten Friedens, den alles atmete, unschön gestört. Behaglichkeit und Frieden! Wie behaglich standen und lagen und putzten sich die stattlichen Enten, die sich hier in dem Schatten eines hohen Reisighaufens zusammendrängten, an dem Rande eines kleinen grünen Tümpels, der irgendwie mit dem Düngerhofe in Verbindung zu stehen und in einem ausgemauerten, halb verschütteten, überwachsenen Graben irgendwo seinen Ausfluß zu haben schien! Wie behaglich kratzten und scharrten die zahllosen Hühner auf den trockenen Höhen und nassen Tiefen des eingekoppelten großen Düngerhofes vor dem mächtigen Viehhause, durch dessen weit geöffnete Türen eben nur noch die Ansätze der Futtergänge sichtbar wurden, während das Innere im Dunkel verdämmerte! Wie friedlich klang das Zirpen der Schwalben, die einzeln und in Scharen durch die blaue Luft hinüber und herüber schossen! das Girren und Gurten der Tauben, die überall die Strohdächer bevölkerten und sich jetzt in ein paar gewaltigen Schwärmen erhoben, aufgescheucht vielleicht durch einen nur ihren scharfen Augen sichtbaren Punkt hoch oben in dem glanzerfüllten Äther! Enten, Hühner und Tauben und ein prächtiger Pfau, der nickend vor ihm hertrabte, und ein Storch, welcher sich eben auf den First einer Scheune niederließ und, den langen Schnabel in die Höhe reckend, zu klappern begann, waren denn auch die einzigen lebenden Wesen, die sich blicken ließen. Sonst lag der gewaltige Hof in seiner sonnigen Stille da, als wäre er unbewohnt. Selbst der Jagdwagen war verschwunden, den Gerhard, als er den Hof betrat, noch in einer entfernten Ecke hatte anhalten sehen; kein Mensch ließ sich blicken, den er hätte ansprechen können. Freilich, den Weg zum Herrenhause zu finden, bedurfte er keines Führers. Es ragte mit seinem steilen, hier und da etwas schadhaften, von Giebelfenstern durchbrochenen Ziegeldache und mit einem Teile seines oberen Stockwerkes stattlich genug über einem Boskett von Bäumen und Büschen, wodurch es in seiner ganzen Länge von dem Wirtschaftshofe geschieden wurde. Rechts und links um das Boskett schwangen sich breitere, kiesbestreute, von frischen Räderspuren durchfurchte Wege, ein wenig aufsteigend zu einer Art von Rampe vor der Front des Hauses, das jetzt sichtbar wurde. In demselben Augenblicke aber erhob sich ein zottiger Neufundländer in der Nähe der Haustür von einer zerrissenen Bastmatte und schlug mit dumpfem, warnendem Bellen an, worauf denn sofort, wie aus der Erde gewachsen, eine ganze Meute von Hühnerhunden, Teckeln, Bracken und Windspielen laut wurde und sich dem Fremdling entgegenstürzte, der ruhig stehenblieb, wartend, bis die erste Aufregung der Tiere sich gelegt haben würde. Das dauerte denn auch nicht lange. Die lärmende Gesellschaft mochte finden, daß dieser hier nicht als Feind sich nahte; und als der Neufundländer, der es gar nicht so bös gemeint hatte, um Entschuldigung bittend seine Schnauze in die Hand des Fremden schob und sich schier behaglich den krausen Pelz streicheln ließ, war das gute Einvernehmen allerseits hergestellt: Gerhard sah zu seiner Genugtuung nur noch beschämt gesenkte Ohren, treuherzig blickende Augen und gastfreundlich wedelnde Schweife, während er, inmitten seiner neuen Freunde, nach der weit offenen Haustür schritt, auf dessen Schwelle der Neufundländer, der vorangetrabt war, sich wieder umwendend den Fremden aufzufordern schien, ohne Bedenken einzutreten. Aber Gerhard zögerte. Er hatte sich keineswegs eingebildet, daß die Ankunft eines einfachen Volontärs in Herrn Zempins Hause und Familie als ein Ereignis angesehen würde; aber hier auf der Schwelle wäre er doch gern von einer freundlichen Menschenstimme begrüßt worden; und die sonderbare Stille, die sich von dem sonnigen Hofe in das schattige Haus fortpflanzte, fiel ihm schier beängstigend auf das Herz. Von dem nicht eben hohen, aber weiten, an den Wänden hier und da mit vergilbten, braun eingerahmten Jagdbildern dekorierten und mit wenigen eisernen Gartenmöbeln ausgestatteten Flur führte ein halbes Dutzend Türen nach rechts und links und nach hinten in das Innere des Hauses. Eine und die andere war nur angelehnt, ein paar standen offen; Gerhard mußte fürchten, einen indiskreten Blick in eines der Gemächer zu werfen, die allerdings wohl in diesem Moment von ihren Bewohnern verlassen waren. Das Bellen der Hunde war sicherlich laut genug gewesen, die Aufmerksamkeit jemandes zu erregen, der sich in der Nähe befand. So stand er denn nach ein paar zögernden Schritten ratlos und erschrak fast, als er, sich auf ein unbestimmtes Geräusch, das er hinter sich vernommen, umwendend, anstatt des Neufundländers einen Menschen erblickte. Es war ein alter Mann, dessen wohlgenährter Leib in einen langen blauen, fadenscheinigen Überrock mit altertümlich hohem Kragen geknöpft war, aus dem der große, platte, mit schlichtem, bereits ergrautem Haar spärlich bedeckte Kopf nur zur Hälfte hervorragte. Das dicke Gesicht mit den verschwommenen Zügen war vor acht oder vierzehn Tagen vielleicht rasiert gewesen, jetzt hatte es einen Überzug wie von Mehl, und aus dem dicken, verschwommenen, mehligen Gesicht blinzelten unter dicken Lidern ein Paar verschwommener grauer Augen. Gerhard hatte in seiner ersten Überraschung vollauf Zeit, diese Beobachtungen zu machen, denn der alte Mann, den er kaum hatte eintreten hören, blieb unbeweglich, als hätte er bereits minutenlang dagestanden und ebensolange den Fremden, der ihn, der Himmel weiß warum, nicht gesehen, mit dem unbestimmten Lächeln auf dem unbestimmten Gesicht bewillkommnet. »Ich habe die Ehre?« sagte Gerhard, sich höflich verbeugend. »Vadder Deep«, sagte der alte Mann. Die Stimme war dick und mehlig und unbestimmt, gerade wie das unaufhörlich lächelnde Gesicht; Gerhard nahm an, daß der alte Mann seinen Namen genannt, obgleich er in die größte Verlegenheit gekommen wäre, wenn er ihn hätte wiederholen sollen. »Mein Name ist Gerhard von Vacha«, sagte er, »ich habe wohl das Vergnügen, ein Mitglied der Familie –« Er machte eine kleine Pause, der Bestätigung oder Ablehnung seiner Vermutung harrend, sah sich aber in dieser Hoffnung getäuscht: das Lächeln auf dem mehligen Gesicht war so unbestimmt wie vorher. ,»Oder doch Genossen dieses Hauses vor mir zu sehen«, fuhr er auf gut Glück fort; »– und so sind Sie wohl von meiner Persönlichkeit hinreichend unterrichtet, und daß mein Kommen auf heute festgesetzt. Wenigstens war es so zwischen mir und meinem Freund Stude verabredet, der im Namen des Herrn Zempin die Korrespondenz mit mir geführt hat.« Wieder machte Gerhard eine erwartungsvolle Pause – der alte Mann lächelte. Gerhard wurde die Situation ein wenig unheimlich. Hatte er es mit einem Blödsinnigen zu tun? wer war dieser sonderbare alte Herr? oder gehörte er gar nicht zur Herrschaft? war es ein alter, stumpf gewordener Diener, den man das Gnadenbrot im Hause gab? Die Kleidung war freilich so wenig herrschaftlich als dienerlich; aber Gerhard neigte doch mehr zu der letzteren Vermutung, als der Mann ihm jetzt, trotz seines Sträubens, die kleine Reisetasche abnahm, welche er noch immer in der Hand hielt, und, ohne ein Wort zu sprechen, sich nach dem Hintergrunde des Hausflurs bewegte, dort den Flügel einer großen Tür öffnete und ihn mit einem kaum veränderten Lächeln aufforderte, die Treppe, die jetzt sichtbar wurde, hinaufzusteigen. Gerhard folgte, heimlich seinen Jugendfreund verwünschend, der in seinen Schilderungen der Situation auf Kantzow und der Aufzählung und Beschreibung der Glieder der Familie Zempin augenscheinlich wieder mit gewohnter Flüchtigkeit zu Werke gegangen war, und der vor allem die kleine Aufmerksamkeit hätte haben können, den Freund, wenn nicht bereits auf der letzten Station, so doch wenigstens bei dem Eintritt in das Haus zu bewillkommnen und ihm so die Verlegenheit zu ersparen, in der er sich jetzt befand. »Ich nehme an, Freund Stude hat mit der Familie einen Ausflug gemacht«, sagte er, als er mit dem schweigsamen Alten über den oberen Flur schritt, welcher, ebenso weit, aber höher, luftiger als der untere und ähnlich wie er mit Jagdbildern ausstaffiert, seine Fenster nach dem Gutshof hatte. Der Alte wandte das mehlige Gesicht halb um und lächelte. Der Mensch ist positiv blödsinnig, dachte Gerhard, Immer voranschreitend mit einem schlurfenden, unsicheren Gang, der genau mit seiner ganzen übrigen Erscheinung harmonierte, führte ihn der alte Mann nun in ein Zimmer, nach dessen Bestimmung Gerhard nicht zu fragen brauchte. Seine vorausgesandten Koffer und sonstigen Sachen standen sorgfältig neben- und aufeinander gestellt an der einen Wand; an der anderen, der Tür gegenüber, das mit einer weißen, von der Decke herabhängenden Gardine verkleidete Bett – reinlich und schicklich, wenn auch nicht eben glänzend, geradeso wie die übrige Ausstattung an Schränken, Stühlen und Tischen – alles in allem ein Zimmer, von dem Gerhard wohnlich angemutet wurde, und das jetzt, als der alte Mann die grauen Rouleau in die Höhe zog und der Abendschein durch die vergilbten, mit wildem Wein fast übersponnenen Scheiben der beiden Fenster rötlich hereinfiel, noch ein ganz besonderes, trauliches, ja poetisches Ansehen bekam. Gerhard mochte sich nicht enthalten, dieser seiner Empfindung Ausdruck zu geben und dem Alten, der eine stumme, aber genaue Inspektion des Bettes, des Nachttisches und der übrigen Einrichtung beendet hatte, in freundlichen Worten für seine Sorgsamkeit zu danken. Er wollte eben noch einen letzten Versuch machen, herauszubringen, wann er sich Hoffnung machen dürfe, Herrn Zempin und seine Familie begrüßen zu können, als der Alte, seiner Frage, wie es schien, zuvorkommend, etwas Unbestimmtes murmelte, wovon Gerhard nur die Worte: nachsehen – Damen – Garten – wenigstens mit einiger Deutlichkeit verstand, und dann mit genau demselben unbestimmten Lächeln in den unbestimmten Zügen zum Zimmer hinausschlurfte. Das ist ein wunderlicher alter Kauz, dachte Gerhard; – nicht sehr einnehmend und ein wenig stark vermausert, aber doch nach dem Rechten sehend mit seinen blinzelnden Augen, und was seine Schweigsamkeit betrifft, das ist hier wohl des Landes so der Brauch: mich soll nur wundern, ob mein redseliger Freund auch verstummt ist unter diesen Stummen – was ist denn das? Aus dem Garten, in dessen grüne Räume er beim Eintreten in das Zimmer einen flüchtigen Blick geworfen, klang es herauf wie Mädchenlachen und eilfertige Rufe junger männlicher Kehlen – erst aus der Ferne und jetzt näher und vielfältiger und so deutlich, daß es keine Täuschung gewesen sein konnte; ja, der Lauscher oben glaubte einzelne Worte zu unterscheiden: »hier! – nein! – ja! – wo ist nun wieder Fräulein Maggie? – Maggie! Maggie!« »Gott sei Dank!« murmelte Gerhard. Der Zauber war gebrochen und in der erfreulichsten Weise. Es gab in dieser stillen, sonnigen Öde wirklich Menschen, die lachen und schwatzen konnten, unter anderen ein Fräulein, das Maggie hieß, und das man sehr oft rufen mußte, bevor es kam. Gehörte sie zur Familie? gehörte sie zur Gesellschaft? denn eine Gesellschaft war es doch wohl, die da unten ihr lustiges Wesen trieb! Gerhard konnte sich nicht sogleich von dem Stande der Dinge überzeugen: als die ersten Töne an sein Ohr schlugen, hatte er mit dem Kopf in der Waschschüssel gesteckt. Endlich war er so weit, daß er in die Nähe des Fensters treten und seine Neugier befriedigen durfte, ohne daß er hätte fürchten müssen, selbst gesehen zu werden. Wenn er auch vorhin das Fenster geöffnet, so gewährte das darüberweg hangende Ranken- und Blättergewirr hinreichenden Schutz, machte es aber freilich dem Beobachter unmöglich, mehr als flüchtige Einzelheiten wahrzunehmen: helle Damenkleider, die sich hin und her bewegten auf einem großen Rasenplatze, welcher bis an das Haus reichen mochte und hinten durch Buschwerk begrenzt wurde – zwischendurch eine und die andere eilfertige männliche Gestalt, ebenfalls in lichten Zeugen – ein bunter Reif, der emporgeschleudert wurde – wohl nur versuchsweise, denn die ganze Schar lief gleichzeitig nach dem herabfallenden, und eine männliche Stimme erklärte wiederholt, daß »man ohne Fräulein Maggie nicht anfangen dürfe«. Dann links, seitwärts von dem Rasenplatze, auf einem kiesüberstreuten Wege, durch eine Lücke in den Blättern, wie in einem festen Rahmen sah Gerhard einen Kinderwagen, den eine Magd schob und an den jetzt eine Dame herantrat, um sich mit dem Kinde, während der Wagen stand, zu schaffen zu machen. Gerhard blickte nach dieser Gruppe mit besonderer Aufmerksamkeit. Er wußte, daß Herr Zempin seit nicht allzulanger Zeit zum zweitenmal verheiratet war; die Sorgfalt, mit der die Dame die Kissen ordnete und sich dann, den unsichtbaren Schatz, der sehr vernehmlich schrie, beruhigend und liebkosend, noch tiefer beugte, ließ unschwer die junge Mutter und die Dame vom Hause erkennen. Leider wandte sie dem Beobachter den Rücken, und so konnte er nur mit Sicherheit feststellen, daß Frau Zempin groß und schlank war, ihr in dem Abendschein glänzendes dunkles Haar in Flechten zusammengesteckt trug, und ihr Kopf auf einem Halse ruhte, welcher, vielleicht nur infolge der Beleuchtung und des Gegensatzes zu der dunkeln Kleidung und dem dunkelglänzenden Haar, seltsam weiß und zart erschien, als sie jetzt neben dem Wägelchen, das sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, langsam dahinschreitend zwischen den Büschen verschwand. Gerhard hatte bereits vorhin auf alle Fälle einen Anzug, wie er für eine ländliche Gesellschaft passen mochte, aus dem Koffer genommen. Er beeilte sich jetzt, mit seiner Toilette fertig zu werden und knüpfte eben noch vor dem kleinen Spiegel – in Hemdsärmeln – an seiner Krawatte, als ein zugleich rascher und schwerer Schritt über den Vorflur kam. Es blieb ihm noch gerade Zeit, in seinen Rock zu schlüpfen, da wurde auch schon mit einem kurzen Klopfen, das wie Hammerschlag dröhnte, an die Türe gepocht. So konnte nur der Herr des Hauses pochen. Zweites Kapitel. »Gut Heil in Kantzow!« Die Stimme des Herrn Zempin war breit und mächtig wie seine Gestalt, die im Hereintreten fast den Rahmen der Tür ausgefüllt hatte; und Gerhard fühlte seine Hand in der ihm dargereichten verschwinden, während er, der sich doch seiner guten Mittelgröße bewußt war, verwundert zu dem Riesen ausschaute. »Gut Heil! und mögen Sie recht lange bei mir bleiben!« fuhr die Donnerstimme fort – »ich wollte, ich dürfte sagen: für immer! Sie werden diesen egoistischen Wunsch begreiflich finden, bevor Sie noch acht Tage in Kantzow älter geworden sind.« Herr Zempin hatte Gerhards Hand, die er schier zerdrückt, losgelassen und sich mitten im Zimmer auf einen Stuhl gesetzt; der Stuhl krachte, als wollte er unter der Last zusammenbrechen. Herr Zempin achtete dessen so wenig wie des Umstandes, daß der Stuhl noch mit Gerhards Kleidungsstücken bedeckt gewesen war, die nun zum Teil herunterfielen. Seine eigene Kleidung stand allerdings mit der Unordnung, die er angerichtet, nicht im Widerspruch: eine Art von weiter, einst grau-grün gewesener, jetzt ins Gelbliche verschossener Joppe, deren braune Hornknöpfe zum Teil abgesprungen waren – ein frisches, aber zerknittertes und mit Rotweinflecken arg betupftes Hemd, das sich, von keiner Weste eingeschränkt, aus den trägerlosen Beinkleidern von gelbem Nanking ungebührlich hoch aufbauschte, die obere Brust und den herkulischen Hals zwischen dem weit zurückgeschlagenen Kragen nackt lassend. Die großen Füße, an denen die blauzwirnenen Strümpfe ungebührlich tief hinabglitten, staken in gestickten, sehr abgetragenen und sehr ausgetretenen Morgenschuhen. Um den mächtigen Kopf starrte das dunkelblonde, krause Haar nach allen Seiten wie eine Mähne, und der buschige Bart, der, um den ausdrucksvollen Mund rasiert, an den vollen Wangen herab unter dem massiven Kinn zusammenlief, machte die Ähnlichkeit vollkommen. »Ein Löwe von einem Menschen!« sprach Gerhard bei sich, seinerseits einen Stuhl herbeitragend und Herrn Zempin gegenüber Platz nehmend. »Ich danke Ihnen von Herzen für einen so herzlichen Empfang«, sagte er; »und wenn redlicher Wille und Fleiß Ihnen genügen, so weiß ich, daß Sie Ihr großmütiges Vertrauen an keinen Unwürdigen verschwendet haben.« Der Riese schüttelte das buschige Haupt. »Was reden Sie von Großmut!« rief er; »ich sage Ihnen: Ihr Kommen ist für mich ein Fest. Sie wissen nicht, Sie können nicht wissen, was es heißt: jahraus jahrein unter Menschen zu leben, denen man – nicht ein Barbar erscheint – zu einer so klassischen Anschauung schwingen sie sich nicht auf – aber ein Sonderling und halb verrückt, nur weil sie uns nicht verstehen, nur weil sie keine Ahnung haben, was in Kopf und Herz von unsereinem vorgeht.« Da Gerhard selbst keineswegs sicher war, Herrn Zempins Gedanken und Empfindungen in diesem Moment richtig zu verstehen, so begnügte er sich damit, ihn mit achtungsvoller Aufmerksamkeit weiter anzublicken, wobei er denn die Bemerkung machte, daß die lebhaften, dunkelblauen Augen des Mannes durch tiefe Säcke einigermaßen entstellt wurden. Übrigens blieb ihm auch kaum die Zeit für eine Antwort, und Herr Zempin schien keine erwartet zu haben, sondern fuhr mit erhöhtem Eifer fort: »Ich sage von unsereinem, denn wenn Sie auch so viel jünger sind, als ich, und noch ein Knabe waren, als das große Ereignis eintrat, von dem unsere Ära datiert, so haben Sie doch mit den Vorzügen Ihrer Abstammung von einem alten Kulturvolk, Ihrer adeligen Geburt, Ihrer Schul- und Universitätsbildung immerdar in dem Lichte der Sonne gelebt, die, nachdem sie einmal aufgeglüht, nie wieder untergehen kann: im Lichte der Julisonne!« Herr Zempin deutete mit weit ausgestrecktem Arm nach dem Fenster, durch dessen Laubgitter die eben untergehende Julisonne rote Strahlen in das Zimmer sandte, Gerhard gerade in die Augen. Er war im Begriff gewesen, ein wenig seitwärts zu rücken, blieb nun aber ruhig sitzen im Gefühl des Komisch-Unschicklichen, das eine derartige Bewegung in diesem Moment gehabt haben würde. Herr Zempin indessen hatte an nichts weniger, als an die wirkliche Sonne draußen gedacht und mit der energischen Geste nur seine Rede begleitet. Denn jetzt streckte er, wie vorhin den rechten, so den linken Arm aus und rief: »Der heiligen Sonne des Juli vom Jahre dreißig! Mir hat sie geschienen! vierzehn Jahre sind's nun, und doch ist mir, als wär's gestern gewesen, denn ich habe sie flammen sehen auf den Zinnen des Louvre, des Palais royal mit diesen meinen Augen! und mit diesen meinen Händen habe ich die Barrikaden, wenn nicht bauen – leider! leider! ich war ein paar Tage zu spät von Heidelberg gekommen! – so doch abtragen helfen, damit ein freies Volk zu seinen Tempeln wallen könne, Gott zu danken für den glorreichen Sieg. Denn ich glaube an einen Gott, Herr von Vacha! Wer solcher Tage gewürdigt – Tage, in denen der Baal der Tyrannei von seinem Piedestal der Lüge und Heuchelei gestürzt wird, wie ein tönern Gebild des Aberglaubens und der Pfafferei, der er ist – muß an einen Gott der Freiheit und Gerechtigkeit glauben! muß, Herr von Vacha, muß!« »Ich glaube an ihn«, sagte Gerhard. »Das ist es ja, warum ich ›wir‹ und ›uns‹ sage«, rief Herr Zempin; »und warum ich überzeugt bin, daß wir uns verstehen werden – was sage ich: verstehen bereits jetzt, nachdem wir kaum zehn Worte miteinander gewechselt. Denn das ist die wahre Freimaurerei der Bildung, die wahre Demagogie, die keiner äußeren Zeichen bedarf, aber doch vom Eingeweihten zum Eingeweihten in Zeichen spricht, nach welchen das Luchsauge eines Metternich vergeblich spürt. Mögen sie unser herrliches Hambacher Fest beschnödeln und verfluchen; mögen sie das Hambacher Schloß zehnmal in eine Marburg umtaufen, ich sage: Hambach ist überall, wo auch nur zwei vereinigt sind im Namen der wahren Dreieinigkeit und Dreiherrlichkeit: im Namen der Freiheit, der Gleichheit und Brüderlichkeit!« Die gewaltige Stimme des riesenhaften Mannes bebte, die Säcke unter den Augen traten noch stärker hervor, die Augen selbst schimmerten in feuchtem Glanz. Gerhard konnte und mochte seine Bewegung nicht verhehlen. Es war ja eine wunderliche Situation, in die er so ohne alle Vorbereitung geraten: in diesem Hause, das er vor einer Viertelstunde betreten, in diesem Zimmer, in dem er sich kaum noch umgeblickt, gegenüber dem Herrn des Hauses, den er, der ihn zum erstenmal sah, und der doch mit ihm, dem so viel Jüngeren, dem Untergebenen, sprach wie mit einem vertrautesten Freunde und Gleichberechtigten – sie beide hier sitzend – wie auf der Bühne, dachte Gerhard – während vom Garten die Rufe und das Lachen der Spielenden durch das offene Fenster hell in die sonnige Stille des Zimmers hereinschallte; – Gerhard empfand dies alles vollkommen deutlich, und doch war die Wärme, mit der er jetzt Herrn Zempin die Hand reichte, keine erheuchelte, und es kam ihm vom Herzen, als er mit ebenfalls bebender Stimme Herrn Zempin nochmals seines Dankes versicherte, und daß er es als einen Hochgewinn seines Lebens im voraus begrüße, sich die Freundschaft eines Mannes zu erringen, zu dem er gekommen sei wie der lehrbedürftige und lerneifrige Schüler zu dem anerkannten, verehrten Meister. Herr Zempin schüttelte das Löwenhaupt; aber das Lächeln, das seine vollen Lippen umspielte, hatte durchaus nichts Abweisendes. »Ja, ja«, rief er; »ich darf wohl – sans me vanter – behaupten, daß ich mich meiner Künste nicht zu schämen brauche; daß ich ein bißchen mehr von der Sache verstehe wie Krethi und Plethi. Aber ›das Beste, was du wissen kannst‹... nun Ihnen, – Ihnen darf ich es nicht nur – Ihnen werde ich es sagen; und ich hoffe zuversichtlich zu unser beider Gewinn, denn: docendo discimus ! In den Augen der anderen freilich, da bin ich, was Sie ebenfalls sein werden, und ich glaube Sie darauf vorbereiten zu müssen, da bin, da bleibe ich ein Studierter, das heißt: ein unpraktischer Mensch, der trotz seiner Bücherweisheit, oder vielmehr gerade dieser wegen, nicht den Hund vom Ofen locken, geschweige denn ein Roggenfeld rationell bestellen kann. ›Rationell‹ – sprechen Sie das Wort nicht aus, lieber Herr von Vacha, in Gegenwart eines unserer Nachbarn! oder Sie bringen sich von vornherein um das bißchen Kredit, das man Ihnen – als einem lateinischen Landmann – allenfalls gönnen möchte! ›Rationell‹ wirtschaften nur Faselanten und Charlatans; was ein ordentlicher, in der Wolle gefärbter pommerscher Landmann ist, der treibt's, wie's sein Vater und vordem sein Großvater trieb; und freilich, ›wie man's treibt, so geht's!‹ Und fragen Sie mich: wie es geht? so muß ich leider sagen: bergunter geht's. Bergunter mit unserem vielgepriesenen pommerschen Wohlstand! bergunter, wie die Lawine, die, wenn sie einmal ins Gleiten gekommen, keine Macht der Erde aufzuhalten vermag in ihrem verderblichen Gang talwärts, wo sie dann zwischen öden Felsen jämmerlich zerschellt.« Herr Zempin fuhr sich mit der Hand über die Stirn in das buschige Haar und starrte vor sich nieder, hob dann aber gleich wieder die Augen und sagte: »Doch dies sind trübe und betrübende Dinge, von denen Sie noch mehr erfahren werden, als Ihnen lieb sein wird, und mit denen ich Sie in der ersten Stunde unseres Beisammenseins billig verschonen sollte. Und der Lärm, den das junge Volk da unten treibt, erinnert mich, daß ich Sie hier freventlich für mich allein in Anspruch nehme, während die Gesellschaft die gerechtesten Ansprüche an Sie hat, wie Sie an die Gesellschaft.« Herr Zempin hatte die letzten Worte mit einem Lächeln und einer Bewegung des mächtigen Hauptes und einer Handbewegung nach dem Fenster hin begleitet, indem er sich gleichzeitig erhob. In seinem Mienenspiel, in seinen Gesten, in der Haltung war ein ritterlicher Anstand, mit dem der grotesk saloppe Anzug auf das sonderbarste kontrastierte. Und als Gerhard, der sich ebenfalls erhoben, nun wie vorhin zu ihm ausschaute, sah er, was ihm in der ersten Überraschung entgangen, daß – eine etwas allzugroße Fülle vielleicht abgerechnet – der Riese mit seinen etwa vierzig Jahren noch immer als ein auffallend schöner Mann gelten mußte, der in seiner Jugendblüte gewiß bezaubernd gewesen war. Mich soll nur wundern, ob er dich in diesem Aufzug zur Gesellschaft begleiten wird, dachte Gerhard, während sie jetzt die Treppe hinabschritten, wobei jede Stufe unter den Pantoffeln des Riesen erkrachte; und er fühlte sich ordentlich erleichtert, als Herr Zempin, nachdem sie auf den unteren Flur gelangt, stehenblieb und ernsthaft sagte: ›Ich muß Sie für ein paar Minuten um Entschuldigung bitten, bis ich ein wenig Toilette gemacht. Die Wahrheit zu gestehen: man hatte mich aus meinem Nachmittagsschlaf geweckt, und in der Freude, Sie begrüßen zu dürfen – nun, unter Hausgenossen nimmt man das nicht so genau – Stude soll Sie in den Garten geleiten; ich komme sofort nach; wo steckt denn eigentlich der Stude? Es ist mir sehr lieb, daß unsere erste Entrevue unter vier Augen war – es spricht sich da immer besser und freier; aber es wäre seine Pflicht gewesen, mich zu Ihnen zu geleiten. Wo haben Sie ihn verlassen?« »Ich habe ihn noch nicht gesehen«, erwiderte Gerhard. »Noch nicht gesehen? wie ist das möglich? noch gar nicht gesehen?« »In Wahrheit, nein.« »Aber wie ist das möglich? er hat Sie doch von Radebas abgeholt?« Gerhard hatte sich bereits im stillen gewundert, daß der Freund, der doch mittlerweile wohl von seiner Ankunft unterrichtet war, noch immer nicht zum Vorschein gekommen. Der Zusammenhang wurde ihm mit einem Schlage klar: Herr Zempin hatte ihm Stude bis Radebas – der letzten Station – entgegengeschickt; der Wagen, der dort vor dem Gasthofe neben dem Posthause gehalten und hernach vor ihm her auf den Hof gefahren, war Herrn Zempins Wagen gewesen; Stude hatte das Zusammentreffen mit ihm verfehlt, oder – was bei der ihm bekannten Leichtlebigkeit des Freundes nicht zu den Unmöglichkeiten gehörte – den ihm gewordenen Auftrag gar nicht ausgeführt. Während Gerhard, was ihm so blitzschnell durch den Kopf ging, in einen möglichst unbefangenen Ausdruck brachte, stand Herr Zempin da, mit dem etwas gesenkten buschigen Haupt und den niederwärts blickenden funkelnden Augen einem Löwen ähnlicher als je zuvor; und eine Löwenstimme war es, die jetzt in tiefen, wie Donner rollenden, das stille Haus vom Giebel bis zum Grunde erfüllenden Tönen rief: »Vadder Deep! Vadder Deep!« Als wäre er aus den gescheuerten, mit weißem, zertretenem Sand bestreuten Dielen herausgewachsen, trat jener alte Mann, der Gerhard vorhin empfangen, von hintenher zu ihnen heran und blickte, den großen Kopf etwas seitwärts auf den hohen, abgeschabten Kragen senkend, mit seinem unbestimmten Lächeln zu dem Zornigen auf. Der aber schrie auf ihn ein: »Habe ich dir nicht gesagt und noch ganz besonders auf die Seele gebunden, daß du den Stude zur rechten Zeit mit dem Wagen wegschicken solltest? Nun scheint der Stude gar nicht einmal mitgefahren zu sein, und der Esel von Jochen hat sich nicht in Radebas gemeldet, trotzdem Herr von Vacha hier ihn noch speziell angeredet, und ist leer zurückgekommen, während Herr von Vacha mit der Post bis hierher sich hat rumpeln lassen müssen. Da sollte man doch gleich des Teufels werden!« Der alte Mann murmelte mit seiner mehligen Stimme etwas auf plattdeutsch, wovon Gerhard nur so viel zu verstehen glaubte, daß Stude im Moment der Abfahrt nicht zu finden gewesen sei und der Wagen, wenn der Anschluß an die Post erreicht werden sollte, nicht länger habe warten können. »So hättest du den Jochen wenigstens gehörig instruieren müssen«, schrie Herr Zempin; »du weißt doch, daß man mit dem Kerl die Wände einrennen kann. Aber die Sache ist, es ist auf dich ebensowenig Verlaß wie auf die anderen, und man darf sich nicht eine Viertelstunde hinlegen, ohne daß alles quer geht.« Gerhard, dem diese Szene um so peinlicher war, als es sich dabei um ihn handelte, nahm alle Schuld auf sich. Warum habe er den Kutscher nicht direkt gefragt! er hätte sich doch denken können, daß Herrn Zempins Gastfreundschaft nicht erst auf der Schwelle seines Hauses beginne! »Natürlich weiß, oder wenigstens wünscht ein Mann wie Sie dergleichen Ungehörigkeiten zu entschuldigen«, rief Herr Zempin; »aber ungehörig bleibt ungehörig, und wenn Sie erst einmal bei uns zu Hause sind, werden Sie's bald satt bekommen, diese Mohren weiß waschen zu wollen.« Gerhard konnte sich eines Lächelns nicht erwehren: der alte Mann, auf den doch diese Worte in erster Linie zielten, und der, als ginge ihn die Sache nicht im mindesten an, mit dem halb blödsinnigen Lächeln auf dem mehligen Gesichte dastand und mit den dicken Lidern über den verschwommenen Augen blinkte – sah einem Mohren gar zu wenig ähnlich! Er versuchte nochmals, der Angelegenheit eine harmlose, womöglich heitere Wendung zu geben; aber der einmal erregte Zorn des Riesen war so leicht nicht zu beschwichtigen. »Glauben Sie mir«, rief er, »ich lasse oft, vielleicht nur zu oft fünf gerade sein; aber in gewissen Dingen darf man nicht mit mir spaßen; und wer da meiner bestimmten Order zuwiderhandelt, tut es auf seine Rechnung und Gefahr. Mit Freund Stude werde ich hernach ein ernstes Wort sprechen, und der Jochen soll sogleich seinen Denkzettel bekommen. Wo –« »Auf dem Hofe«, sagte der alte Mann; »er putzt das Sielenzeug.« »Bitte, kommen Sie mit mir, Herr von Vacha!« rief Herr Zempin. Er eilte zum Hause hinaus und nun an der Front hin mit gewaltigen Schritten, die bepantoffelten Füße kaum vom Boden hebend, umschwärmt von den Hunden, gefolgt von Gerhard und dem Alten. Gerhard wäre gern zurückgeblieben; aber das hätte, der bestimmten Aufforderung Zempins gegenüber, wie eine Unhöflichkeit ausgesehen. Über den dämischen Alten! Warum mußte er den sonst so schweigsamen Mund so zur Unzeit auftun? Hatte er das Ungewitter von seinem verstäubten Haupte auf den Kutscher ablenken wollen? vermutlich: er war mit seiner Denunziation so schnell bei der Hand gewesen! Sollte der alte Blaurock so harmlos gar nicht sein? oder in dem Hause eine bedeutendere Stellung einnehmen? Schien ihn doch Herr Zempin für alles verantwortlich zu machen, selbst für das Tun und Lassen des Hauslehrers! Aber wenn er ein Anverwandter war: ein Onkel, Vetter, oder auch nur etwas wie Oberinspektor, Hausmeister oder dergleichen, so würde sich Herr Zempin wohl die Mühe genommen haben, ihm eine so einflußreiche Persönlichkeit vorzustellen! Gerhard wollte durch eine direkte Frage an den Alten seiner Ungewißheit ein Ende machen, als er durch einen lauten zornigen Ruf Herrn Zempins erschreckt wurde. Er eilte um die letzten Büsche des Bosketts, hinter denen die gigantische Gestalt eben verschwunden war, und sah zu seiner großen Freude, daß es sich nicht, wie er gefürchtet, um den Kutscher handelte. Herr Zempin stand da, eifrig in die Höhe deutend, wo eine große Flucht Tauben, zu einer dichten Wolke zusammengedrängt, mit rasender Schnelligkeit sich in kleinen und immer kleineren Kreisen drehte. Über der herumwirbelnden, im Abendschein blitzenden Wolke hing ein großer Falke – die mächtigen, weitgespannten Schwingen nur so viel regend, um stets über dem Mittelpunkt des Kreises zu bleiben. »Eine Flinte! meine Büchse!« schrie Herr Zempin. Vor dem Donner der Löwenstimme, die von dem schrillen, unisonen Warnruf sämtlicher Hähne, dem ängstlichen Quaken der Erpel, dem mißtönenden Gekreisch des Pfaues und dem wütenden Gebell der Hunde begleitet wurde, schien selbst der Falke zu erschrecken. Er stieg langsam; die Taubenschar mochte glauben, dem Feinde entwischen zu können. Sie schoß geradeaus seitwärts; aber eine weiße, am äußersten Rande, mochte das Kommando nicht verstanden haben oder das Manöver nicht ausführen können; sie blieb ein wenig zurück, mit ängstlichem Flügelschlag bemüht, die kleine Entfernung, die sie von dem großen Haufen trennte, einzubringen. Es war zu spät; der Falke stieß schneller, als ein Stein fällt, herab; im nächsten Moment schon stürmte er, nun die Schwingen mächtig regend, die Beute in den Fängen, davon und war alsbald hinter dem Dache des Pferdestalles verschwunden. »Hätte ich nur eine Büchse gehabt!« schrie Herr Zempin, dem Räuber mit der Faust nachdrohend; – »ich hätte dir den Spaß versalzen! Er stand keine hundertfünfzig Fuß hoch; ich schieße auf zweihundert einer Taube auf dem Dache den Kopf glatt vom Rumpfe weg und pariere auf jeden Schuß. Wollt ihr die Mäuler halten! man kann ja sein eigenes Wort nicht verstehen!« Er schleuderte einen der ihn umbellenden Hunde mit dem Fuße weg, daß das mehr vor Schreck als vor Schmerz aufheulende Tier weit durch die Luft flog; aber noch weiter flog der Pantoffel von dem schleudernden Fuß, dem Alten entgegen, der jetzt mit der Büchse vom Hause her um das Boskett kam und sich bückte, den Pantoffel aufzuheben. »Laß nur liegen, Vadder Deep«, schrie Herr Zempin, »und trag die Büchse wieder fort! Sie sind à quatre épingles , Herr von Vacha; Sie brauchen nicht zurück ins Haus; dort links am Hause hin durch ein Pförtchen in der Hecke rechts! Ich bin in ein paar Minuten bei Ihnen.« Mit der Hand winkend, den einen Fuß im Pantoffel, den anderen nur bestrumpft, schritt er davon, im Vorübergehen in den zweiten Pantoffel fahrend, den der Alte bereits zurechtgestellt; ohne den Kopf zu wenden, auf den hinter ihm Herschlurfenden einscheltend mit einer Stimme, die mit Rücksicht vielleicht auf den neuen Hausgenossen gemäßigt schien wie Donner, der in der Ferne grollt. Drittes Kapitel Die Meute hatte sich über den Hof zerstreut oder war dem Herrn gefolgt; nur der alte Neufundländer war zurückgeblieben und blickte, die buschige Rute sanft bewegend, zu Gerhard auf. Gerhard mußte lachen. Sah es doch gerade aus, als wollte das gute, verständige Tier den Fremden um Entschuldigung bitten, wenn die Menschen sich hier ein wenig wunderlich gebärdeten! Da stand er wieder auf dem einsamen Hofe, allein, wie er ihn vor kaum einer Stunde betreten; und er sollte seinen Weg zur Gesellschaft in den Garten allein finden, wie vorhin in das Haus! War es nicht klüger zu warten, bis Herr Zempin sich um- oder vielmehr angezogen? aber das dürfte leicht länger dauern, als einige Minuten, und zu versuchen, ob er des Alten wieder habhaft werden könne, verlohnte sich wohl nicht der Mühe. Welch rätselhafte Erscheinung dieser zugeknöpfte, schweigsame Blaurock! welch fabelhafte Gestalt der halbnackte Riese, der sein Herz so offen trug wie die zottige Brust, und anstatt von Frau und Kindern und Haus und Hof zu sprechen, sich in der ersten Minute über die fernliegendsten Dinge mit wortreicher Leidenschaftlichkeit erging! Hatte er wirklich seine Absicht, den Kutscher zu strafen, über den Raubvogel vergessen, wie er es den unschuldigen Hund entgelten ließ, daß der Alte ihm die Büchse nicht schneller gebracht? Er schien sich auf seine Geschicklichkeit im Schießen nicht wenig zugute zu tun: einen Taubenkopf auf zweihundert Schritt!... Freilich mit den Händen, die wie ein Schraubstock fassen! und mit den blitzenden Augen! Welch ein Kraftmensch! ja, und welch ein Prachtmensch! als hätte die Natur ein halbes Dutzend zusammengeschmolzen, um einmal einen ganz nach ihrem Sinne zu formen! Und seine Freude bei dem Empfang war gewiß echt: der Mann kann nicht heucheln! und wie schmeichelhaft ist diese Freude für mich! da darf ich wohl, ohne mir etwas zu vergeben, über einen gelegentlichen Mangel landesüblicher Höflichkeit gelassen wegsehen; oder übt man Höflichkeit hierzulande nicht? und überläßt deinesgleichen, die Honneurs zu machen? Nun, ich werde es alsbald erfahren! Gerhard war, immer von dem Hunde begleitet, an der Giebelseite des Hauses und dann, an der hohen, dichten Hecke hinschreitend, bis zu dem ihm bezeichneten Pförtchen gelangt. Es kostete einige Mühe, die schief in den Angeln hängende Holzgittertür zu öffnen, während der Neufundländer, der sich irgendwo durch ein Loch in der Hecke gezwängt hatte, seinen Bemühungen von der anderen Seite teilnahmvoll zuschaute, um, sobald er eingetreten, das Kunststück bei einer zweiten, nicht minder hohen und dichten Hecke zu wiederholen, die mit der ersten parallel lief. Nun verläßt mich der auch noch! dachte Gerhard. Jene zweite Hecke mußte nach dieser Seite die Grenze des Spielplatzes bilden; wenigstens hörte der junge Mann das Lachen und Rufen der Gesellschaft jetzt aus nächster Nähe. Aber vergeblich spähte er nach einem für Menschen praktikabeln Durchgang: die Hecke war ohne Unterbrechung und blieb ohne Unterbrechung, obgleich er nun bereits in dem schmalen Gang eine ganze Strecke fortgewandert. Schon war der fröhliche Lärm hinter ihm verstummt, und nun mündete der Gang, anstatt nach rechts in den offenen Garten, geradeaus in ein Wäldchen von halbwüchsigen Tannen und Lärchen, durch deren schlanke Baumstämme die untergehende Sonne hier und da glutrote Lichter warf. In dem dichten Nadeldach oben, durch dessen Lücken der tiefblaue Himmel hoch hereinschaute, sang eine Amsel in leisen, süßen Tönen ihr melancholisches Lied. Ein dürres Ästchen auf dem mit trockenen Nadeln bedeckten Pfad knackte unter Gerhards Fuß; die Amsel verstummte, und eine Dame, die wenige Schritte davon in einer Art von Laube, die viereckig in den Tann geschnitten war, auf einer Bank gesessen hatte, richtete sich lauschend empor, erhob sich vollends, trat aus der Laube und stand jetzt vor Gerhard. »Verzeihung, gnädige –« Unzweifelhaft war es dieselbe Dame, die er vorhin an dem Kinderwagen mit dem Kinde beschäftigt gesehen; er hatte sie sofort an der dunkeln Kleidung, dem reichen, braunen Haar und der schlanken Gestalt wiedererkannt; aber das war unmöglich Frau Zempin! »Verzeihung, mein gnädiges Fräulein«, verbesserte er sich, »wenn ich Ihre Einsamkeit störe. Es ist nicht ganz meine Schuld. Ich irre hier als ein Fremder in dem Garten umher und würde Ihnen wahrhaft dankbar sein für einen Fingerzeig, der mich zur Gesellschaft weist, die ich aufsuchen soll, und zu der ich nicht gelangen kann. Unterdessen verstatten Sie mir, mich Ihnen vorzustellen.« Er nannte seinen Namen. Absichtlich hatte er die Ansprache ein wenig länger gemacht, um der jungen Dame Zeit zu lassen, sich von der Verwirrung zu erholen, in die sie sein plötzliches Erscheinen offenbar versetzt hatte. Ihre Blicke irrten scheu seitwärts; die zarten, im ersten Moment wie vor Schrecken bleichen Wangen waren von einem lebhaften Rot übergossen. »Ich muß fürchten, daß Ihnen mein Name völlig fremd ins Ohr klingt«, fuhr Gerhard fort; »und daß mithin eine Erläuterung –« »Nein, nein!« sagte das junge Mädchen; »ich weiß – wir sind ja alle längst auf Ihre Ankunft – ich wundere mich nur, daß Sie so allein – haben Sie denn meinen Onkel – Tante Julie – ich sah sie freilich noch vor kurzem im Garten –« Die Stimme klang süß und leise; und als sie jetzt plötzlich abbrach, war es wie vorhin, als die Amsel schwieg. »Ihren Herrn Onkel habe ich bereits gesprochen«, sagte Gerhard; und erzählte dann, wie er von Herrn Zempin auf das gütigste empfangen worden, und wie er sich, jedenfalls infolge seiner Ungeschicklichkeit oder Unachtsamkeit, bis in diesen abgelegenen Teil des Garten verirrt habe. »Wie unangenehm für Sie!« sagte das junge Mädchen. »Gar nicht«, erwiderte Gerhard heiter; »ich habe sogleich ein Stück des Terrains kennengelernt, auf dem ich mich doch nun bewegen soll; und wenn ich nun bei diesen Terrainstudien, wie ich nur zu sehr fühle, einer freundlichen Führung in jeder Beziehung dringend bedürftig bin, so wüßte ich nicht, wie ich es glücklicher hätte treffen sollen.« Gerhard lüftete, wie um seinem Kompliment Nachdruck zu geben, stehenbleibend den Hut; eigentlich aber wollte er die Gelegenheit wahrnehmen, seiner Begleiterin in das Gesicht zu schauen, das er nun, da sie aus dem Halbdunkel der Tannen traten, zum ersten Male von dem Widerschein der Abendglut hell beleuchtet sah. Es war kein eigentlich schönes, ja nicht einmal regelmäßiges Gesicht; aber auf den feinen, bleichen Zügen lag ein Zauber von Anmut und Güte, der Gerhard um so inniger rührte, als selbst ihr Lächeln etwas Schwermütiges, ja Kummervolles hatte. Sie hob, wie der junge Mann gewünscht und erwartet, die Augen – große, graublaue Augen, die so gütig und mild, aber auch so ernst und nachdenklich blickten, daß er verwirrt, ja gewissermaßen beschämt die seinen senkte: man mußte in der Tat sehr selbstbewußt sein, wenn man vor diesen Augen bestehen wollte! Er hatte keine Antwort auf seine Frage erwartet, dennoch ängstigte ihn ihr Schweigen, als sie jetzt einen geschlängelten Pfad durch eine Wiese schritten, deren in Samen geschossenes Gras fast so hoch war, wie die niedrige Hecke links, die nach dieser Seite den Garten gegen die Felder abschloß. Jenseits der Felder im Norden zog sich der Wald in manchen Krümmungen hier überall näher, als von der Landstraße aus, aber immer noch so weit, daß er nur als einförmiger, dunkler Rahmen das Bild begrenzte. Gen Westen über dem freien Felde und über einem weit nach Süden vorspringenden Ausläufer des Forstes hing die Abendglut, jetzt nicht mehr purpurn, sondern tief safranfarben, während der Himmel über ihr grünlich schien und nur noch im Zenit seine tiefe Bläue bewahrte. In dem hohen Weizen an der Hecke warnte und lockte der Rebhahn; süßer Würzduft aus Wald und Feld und Wiese und Garten erfüllte die weiche, regungslose Luft. »Wie schön dies ist!« sagte Gerhard. »Es freut mich, daß Sie es finden«, erwiderte das Mädchen. »Finden Sie es denn nicht?« »Gewiß, aber dafür ist es meine Heimat, und es wäre schlimm für mich, wenn ich die nicht liebte; kenne ich doch nichts weiter von der Welt! Dort hinüber – in der tiefsten Einbiegung, fast schon im Walde – liegt Kosenow, wo wir wohnen; Sie werden die Dächer eben noch sehen; für uns geht die Sonne immer eine Stunde früher unter. Die Weiden dort stehen auf der Grenze zwischen den beiden Gütern. Links in dem breiten Einschnitte zwischen unserem Walde, der Schwanheide, und dem Buchwalde, der Uhle – das ist Retzow; mein Vater und der Onkel bewirtschaften es gemeinschaftlich. Die Felder von Retzow schieben sich zwischen Kosenow und Kantzow herein bis an die Weiden. Rechts von den Weiden, das Kirchdorf, das ist Zarnewitz – ein Herr Sallentin wohnt da. Seine Familie ist heute hier; auch der Pastor Pahnk mit Frau und Tochter; dort – aber ich langweile Sie mit all den Namen, die Sie ja doch nicht auf einmal behalten können.« »So sagen Sie mir nur noch einen«, rief Gerhard lachend; »und ich versprechen Ihnen, daß ich den ganz gewiß behalten werde!« »Welchen?« »Ihren eigenen.« »Ich heiße Edith.« »Ein schöner Name und ein seltener.« »Ich verdanke ihn meiner verstorbenen Mutter. Sie war vor ihrer Heirat mehrere Jahre in England gewesen – als Erzieherin – und hatte wohl die Sprache und die Namen sehr lieb gewonnen. Meine Schwester – wir sind unserer zwei Geschwister – hat einen noch weniger häufigen Namen –« »Maggie!« »Woher wissen Sie das?« fragte Edith erstaunt, »aber gewiß hat Ihnen Herr Stude –« »Mein allzu leichtlebiger Freund hat mich über die Namen der Familie ebenso im dunkeln gelassen, wie über tausend andere Dinge, die zu wissen mir wünschenswert, ja notwendig waren. Nein! ich hörte nur vorhin ›Maggie‹ ein paar dutzendmal rufen in den verschiedensten Stimmen und Tonlagen, ohne übrigens die junge Dame gesehen zu haben, denn nun kam Ihr Herr Onkel, und ich mußte meinen Beobachtungsposten am Fenster aufgeben. Ich habe also richtig geraten? Gleicht Ihnen – ich meine, ist Ihnen Ihr Fräulein Schwester ähnlich?« »Nein, o nein! Maggie – aber Sie werden sie ja sehen.« »Meine freundliche Führerin darf mich nicht so auf halbem Wege verlassen, ich finde mich sonst wahrlich in der Gesellschaft so wenig zurecht, wie hier in dem Garten. Ihr Fräulein Schwester ist Ihnen also nicht ähnlich?« »Sie soll ganz und gar das Abbild unserer verstorbenen Mutter sein, sagen die, welche unsere Mutter gekannt haben. Wir haben von ihr beide wohl nur das dunkle Haar; aber Maggies ist dunkler. Die Mutter starb, als sie Maggie das Leben gegeben – verzeihen Sie!« »Was, Fräulein Edith?« »Sie haben selbst Ihre Mutter erst kürzlich verloren?« »Vor einem Jahre – eine edle, vortreffliche Frau; ich wollte, Sie hätten sie gekannt!« »Herr Stude hat mir – hat uns oft von ihr erzählt und von Ihrem verstorbenen Herrn Vater, dem er so viel verdankt, und daß Sie nun für alle Ihre Brüder so klug und umsichtig sorgen –« »Da hat Ihnen der gute Stude wahrlich mehr erzählt, als er verantworten kann«, sagte Gerhard lächelnd; »ich sorge für sie, indem ich hier und da mein bißchen Autorität, als der Älteste, auszuüben mich bemühe, was mir denn auch von Zeit zu Zeit so ziemlich gelingt – das ist alles.« »Sie haben Ihrer Brüder willen sogar Ihr Studium aufgegeben – Ihre ganze Karriere – und sind Landmann geworden, nur, um das väterliche Gut früher übernehmen und so den Brüdern besser forthelfen zu können, und –« »Der Stude ist ein Schwätzer«, rief Gerhard ärgerlich, »glauben Sie mir, Fräulein Edith, es ist kein wahres Wort – nein, Ihnen darf ich auch kein unwahres Wort sagen; aber meine Juristerei habe ich nur deshalb an den Nagel gehängt, weil ich Landmann mit Leib und Seele bin, und in der Tat ganz gegen meine Neigung, nur um meinem Vater den Gefallen zu tun, studiert und auch das erste Examen gemacht habe – was nebenbei gar keine Heldentat ist. Sie lächeln, Fräulein Edith?« »Daß Sie sich so eifrig gegen einen Ruhm wehren, der mir doch so beneidenswert scheint. Sorgen zu können, wo es der Sorge bedarf; helfen zu können, wo Hilfe nötig ist; mit kluger, fester Hand die Fäden zu schlichten, die sich sonst zu einem unentwirrbaren Knäuel verschlingen; die Wolke zu bannen, die man heraufziehen sieht, dunkler und immer dunkler –« »Aber Fräulein Edith –« Er hatte die schlaff herabhängende Rechte des jungen Mädchens ergriffen, während sie mit der Linken, sich seitwärts neigend, ihre Augen bedeckte, aus denen die Tränen stürzten. Der zarte, jungfräuliche Busen hob und senkte sich ungestüm; der schlanke Leib erzitterte von dem Schluchzen, das sie vergeblich zu unterdrücken sich mühte. Das war so plötzlich gekommen – aus dem Lächeln, mit dem das holde Gesicht ihm noch eben zugewandt gewesen, wie Regen aus heiterem Himmel – Gerhard war sehr betreten und zugleich auf das innigste gerührt. »Mein Gott, was ist Ihnen?« rief er, »ich bitte, ich beschwöre Sie, sagen Sie es mir, wenn Sie es sagen können. Ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen – wie dürfte ich das! – aber glauben Sie mir, ich meine es ehrlich.« Er fühlte einen leichten Druck der schlanken Finger, die sich seiner Hand entzogen. Sie trocknete die Tränen und versuchte, ihm langsam das Gesicht zuwendend, zu lächeln: »Was müssen Sie von mir denken!« »Ich denke«, erwiderte Gerhard mit Wärme, »daß, wenn Sie weinen, Sie es nicht ohne Ursache tun, und daß, wenn Sie mich erst besser kennen und Vertrauen zu mir haben, Sie mir vielleicht einmal sagen, welches die Ursache war.« »Ich habe so großes Vertrauen zu Ihnen«, sagte das junge Mädchen – und ihre schönen Augen blickten ihn groß und ruhig an – »wer gegen seine Brüder so treu und brav ist, der meint es gewiß mit allen Menschen gut – wie sollte er es nicht mit einem armen, schwachen Mädchen? Und warum ich geweint? – ich bin gewiß, Sie sind so klug, wie Sie gut sind; ich kann ja nicht verlangen, daß Sie dies – meine kindische Schwäche – vergessen sollen, aber Sie dürfen mich auch nicht weiter fragen. Sie versprechen mir das, nicht wahr?« »Ich verspreche es Ihnen, wenn Sie mir versprechen, Ihr Verbot zurückzunehmen in dem Augenblick, wo Sie eines Freundes bedürfen, auf den Sie sich unbedingt verlassen können. Wollen Sie das – so geben Sie mir noch einmal Ihre Hand!« Sie legte, tief atmend, ihre Hand langsam in seine ausgestreckte. Wieder ruhten ihre Blicke ineinander. Welch liebe Augen, dachte Gerhard; in liebere hast du nie geschaut! Und da zuckte es in diesen Augen wie ein Blitz, der über den Himmel fährt. In demselben Moment hatte sie ihre Hand hastig zurückgezogen und war von ihm einen Schritt weggetreten. Erschrocken wandte sich Gerhard seitwärts: da, wohin der Blitz gezuckt, stand jener alte Mann, der ihn vorhin in Empfang genommen. Hatte er schon länger da gestanden? Jedenfalls hatte ihn Gerhard nicht kommen sehen und kommen hören, gerade wie vorhin auf dem Hausflur. Es war das sicher ein Zufall; der alte Mann konnte nichts dafür; und dann, das mehlige Gesicht lächelte so dämisch, und unter den dicken Lidern blickten die verschwommenen Augen so unsicher, während die breiten, unbestimmten Lippen etwas auf plattdeutsch murmelten. »Es ist gut«, sagte Edith. Der Alte lächelte und schlurfte lächelnd an ihnen vorüber, die Richtung einschlagend, aus der sie eben kamen, während sie ihren Weg fortsetzten, um das dichte Gebüsch herum, hinter dem der Alte hervorgetreten sein mußte. »Sagen Sie mir um Himmels willen«, rief Gerhard, sobald er sich aus der Gehörsweite des Alten glaubte, »wer ist diese sonderbare Gestalt?« »Herr Deep.« »Aber mir deucht, ich hörte ihn von Ihrem Herrn Onkel anders nennen?« »Wohl: Vadder Deep. Vadder ist unser plattdeutsches Vater.« »Ah so! Nun aber sagen Sie selbst, ob ich hier nicht in der Gefahr bin, aus einem Irrtum in den anderen zu fallen, aus einem Mißverständnis in das hundertste. Ich hätte den würdigen Mann unzweifelhaft bei erster Gelegenheit mit: Herr Vadderdeep angeredet! Also: ein Onkel, vermute ich, oder doch sonst ein näherer Verwandter? ich meine auch verstanden zu haben, daß er du zu Ihnen sagte?« »Er nennt uns alle du; aber ein Verwandter ist er nicht.« Edith hatte seine Fragen mit einer fast abweisenden Knappheit beantwortet und in einem Ton, dessen dumpfe Geschlossenheit sein leises Ohr empfindlich traf. Auch ihr Gesicht hatte einen Ausdruck angenommen, den er noch eben auf diesen feinen, weichen Zügen für unmöglich gehalten haben würde: einen düsteren Ausdruck von Unwillen oder Scham, oder beidem. War sie unwillig auf ihn? schämte sie sich der kleinen Szene an der Buschecke? konnte sie ihm daraus einen Vorwurf machen? Nun ja; er hätte ihre Hand nicht noch einmal zu ergreifen und so lange festzuhalten brauchen, bis der Alte dazukam! – wer hätte die Hand nicht festgehalten! Oder tat es ihr leid, daß sie sich vorher so hatte hinreißen, den Fremden einen Blick in ihr Herz hatte tun lassen? Dann war er ihr trotz alledem nur ein Fremder, und wenn es einen Moment anders geschienen, sollte er es schleunigst vergessen; aber sie selbst hatte gesagt, daß sie das nicht verlangen könne. Empfand sie diesen Widerspruch nicht? und fühlte sie nicht, wie ihn ihr Schweigen, das er doch nur ungünstig für sich auslegen konnte, peinigte? war es nicht ihre Aufgabe, ihre Pflicht, dies dumpfe, herzbeklemmende Schweigen zu brechen? Er blickte zu ihr hinüber, die neben ihm, aber am äußersten Rande des Weges ging. Sie hatte den Kopf gesenkt und hob ihre Augen nicht ein einziges Mal vom Boden. Diese Hartnäckigkeit machte Gerhard ärgerlich. Mein Gott, dachte er, wir können doch unmöglich in dieser Stimmung vor die Gesellschaft treten; es sieht ja wahrhaftig aus, als ob wir uns gezankt hätten. Ich werde die traurigste Rolle von der Welt spielen! Sie konnten nicht mehr weit von der Gesellschaft und von ihr nur noch durch einen großen Rasenplatz getrennt sein, in dessen Mitte ein dichtes Boskett den mittleren Teil des Hauses und die davor spielende Schar verdeckte. Der Weg teilte sich nach rechts und links; Gerhard blieb stehen. »Mein Fräulein – Fräulein Edith –« Sie war, offenbar zögernd, seiner Aufforderung gefolgt und stand, halb gewandt, den Blick noch immer auf den Boden geheftet. »Sagen Sie mir das eine, Fräulein Edith, sagen Sie mir, daß Sie mir nicht zürnen, sagen Sie mir, daß –« »Herr von Vacha! Herr von Vacha!« erscholl hinter ihnen eine mächtige Stimme. Auf dem Wege, den sie gekommen, und auf den zwischen den Büschen hervor überall schmalere Pfade mündeten, stand Herr Zempin, in dem Moment, wo Gerhard sich wandte, den Strohhut lüftend, an seinem Arme eine Dame, die dem Riesen weitaus nicht bis an die breite Schulter reichte und mit einer kleinen weißen Hand lebhaft winkte. »Ihr Herr Onkel!« sagte Gerhard. »Und Tante Julie«, sagte Edith. Viertes Kapitel. Gerhard konnte seine Frage, auf die ihm keine Antwort geworden, nicht wiederholen: für Herrn Zempin bestand der Zwischenraum von vierzig Schritten nicht. »Da sind Sie endlich!« rief er, »wo haben Sie denn gesteckt? meine Frau und ich und die halbe Gesellschaft suchen Sie seit einer Viertelstunde –« »Glauben Sie ihm nicht! glauben Sie ihm nicht!« rief die kleine Frau mit einer Stimme, deren heller Sopran gar wunderlich in den gewaltigen Bariton ihres Gatten hineinklang; »er ist erst seit fünf Minuten unten, und so lange allerdings – wie freue ich mich, Sie endlich begrüßen zu dürfen!« Julie hatte sich von dem Arme ihres Gatten losgemacht und bot schon von weitem die weiße Hand, die Gerhard zu ergreifen eilte, während Edith stehenblieb. So mußte er denn die nötige Aufklärung selbst in wenigen Worten geben. Die junge Frau lachte hell auf und zeigte dabei zwei Reihen blendend weißer Zähne. »Ja, ja, das Wäldchen; ich hätte es mir denken können, es ist ihr Lieblingsplätzchen! die liebe Edith! die liebe, große Träumerin! Also, nochmals willkommen! herzlich willkommen!« » Per tot discrimina rerum! « donnerte Herr Zempin mit einer deklamatorischen Geste über den Kopf der kleinen Frau hinweg. »Ich weiß nicht, was dein barbarisches Latein heißt!« rief diese, sich von Gerhard wieder zu ihrem Gatten wendend; »ich weiß nur, daß du ein schrecklicher Mann bist und unseren Freund jedenfalls in einem schrecklichen Aufzuge empfangen hast. Da, der Knopf ist schon wieder auf!« »Wenn du nur putzen kannst!« »An dir! ich muß ja wohl, da du es nicht tust. Und er sieht doch geputzt so stattlich aus, nicht wahr, Herr von Vacha?« »Herr Zempin wird immer stattlich aussehen«, sagte Gerhard. In der Tat gewährte Herr Zempin in schwarzem Gesellschaftsrock, hoher weißer Weste, hellen Beinkleidern und mit einem breitrandigen Strohhut auf dem mächtigen Haupt, dessen dichte Mähnen jetzt gesellschaftlich gekämmt und gebürstet waren, eine überaus stattliche Erscheinung, wie man sie gern bei einem Fürsten voraussetzt, und Gerhard hatte sein Kompliment aus voller Überzeugung gemacht; aber Frau Zempin rief: »Um Himmels willen, verderben Sie ihn mir nicht noch mehr, er ist schon eitel genug! Aber das seid ihr Männer freilich alle, alle! – Du, liebe Schlanke, hast wieder einmal geträumt! träumst noch? kann Herr von Vacha auch träumen? was habt ihr denn zusammen geträumt? Aber das sollen Sie mir selbst sagen, Herr von Vacha! En avant , ihr beiden! ich muß nachholen, was ihr klug vorweggenommen.« Sie hatte Edith, die regungslos stehengeblieben, im Herantreten Wange und Kinn mit der kleinen weißen Hand berührt; Edith hatte nicht aufgeblickt, nahm aber den Arm, den ihr der Oheim mit ritterlicher Artigkeit bot, und ging mit ihm, wie Julie es wünschte, voraus. »Geben Sie mir auch Ihren Arm, Herr von Vacha!« sagte Julie. »Wie finden Sie denn unser liebes Pommerland? haben Sie es sich so arg vorgestellt? haben Sie sich meinen Mann so schön gedacht?« Sie machte sehr kleine Schritte – Gerhard konnte nicht entscheiden, ob absichtlich, um zurückzubleiben, oder weil die überaus zierlichen, in den niedlichsten, weit ausgeschnittenen Schuhen kaum noch steckenden Füßchen immer so trippelten. Doch war die Dame nicht so winzig klein, wie sie ihm vorhin an dem Arm des riesenhaften Gemahls erschienen: nur etwas unter Mittelgröße, von rundlicher Figur, deren Taille vielleicht zu tief saß und nicht ohne künstliche Nachhilfe zu diesem geringen Umfange gebracht sein mochte. Wenigstens krachte das schwarze Seidenkleid, das sie trug, so oft sie den bunten Schal wieder auf die Schultern zog. Diese Schultern aber, die sie, ebenso wie den Hals, sonst völlig unverhüllt und wohl nicht ganz ungern zeigte, waren von tadelloser Schönheit und einer Weiße, die in dem sanften Abendlicht wie poliertes Elfenbein erglänzte. Gerhard drängten sich diese Bemerkungen mit um so größerer Lebhaftigkeit auf, als Frau Zempin in Ausdruck und Mienenspiel, in der munteren Art zu sprechen, im hellen Klang der Stimme selbst der vollkommenste Gegensatz zu der jungen Dame war, die nun da ein paar Schritte vor ihm ging am Arm des mächtigen Mannes, gesenkten Hauptes, schweigsam, oder doch nur mit wenigen leisen Worten auf dessen eifrige und, wie es schien, scherzhafte Fragen antwortend. Denn er lachte wiederholt, aber nicht in seiner gewöhnlichen Weise, wie er denn auch die gewaltige Stimme zu einer Art von lautem Geflüster herabstimmte und sich dabei mit galanter Zuvorkommenheit zu seiner Begleiterin niederbeugte. Julies scharfe, graugrüne Augen mußten die Richtung von Gerhards Blick aufgefaßt haben; denn sie sagte, ihr munteres Geplauder plötzlich unterbrechend, mit einer leichten Deutung der kleinen Hand nach den Voranschreitenden: »Sie lieben sich so! ich könnte manchmal eifersüchtig werden, wenn ich nur ein wenig mehr Talent zur Eifersucht hätte. Ist Ihnen denn nicht aufgefallen, wie fabelhaft ähnlich sie einander sind?« »Offen gestanden, nein«, erwiderte Gerhard; »in den Augen vielleicht – gelegentlich wenigstens, wenn der Blick nach unten gerichtet ist und die etwas schweren Lider sich plötzlich senken und dann wieder langsam heben, nur daß Fräulein Edith, ich glaube, graue Augen und Ihr Herr Gemahl zweifellos blaue hat.« »Wie scharf Sie beobachten! – erlauben Sie einen Moment!« Der Schal war ganz von den Schultern geglitten; Gerhard leistete hilfreiche Hand. »Ich sollte eigentlich nicht«, rief Julie, den wiedergebotenen Arm, bevor sie ihn nahm, leicht mit dem Fächer berührend – »ich sehe schon, man muß sich vor Ihnen hüten! Aber im Ernst, Sie haben recht, und dann: die schlimmste Scheidung ist die Scheidung der Gedanken, sagt Achim von Arnim so schön und wahr – kennen Sie seine Gräfin Dolores? – ein himmlisches Buch – Sie müssen es jedenfalls lesen – und ich sage, die größte Ähnlichkeit ist die Ähnlichkeit der Gedanken, der Empfindungen, der Neigungen, des Charakters, des Temperaments. Und wie gleichen sich die beiden in allen diesen Beziehungen! – Sie glauben es nicht; derselbe Hang zum Grübeln, dieselbe Leidenschaft für Dinge, die für uns Weltkinder kaum oder gar nicht existieren, dieselbe Sentimentalität vor allem! sentimentale Eichen! – ist es nicht ein Wort Heines? – lieben Sie Heine? – Moritz haßt ihn, er nennt ihn einen Renegaten, oder heißt es Apostaten? Aber Sie wollten mir sagen, was ihr beide da zusammen geträumt habt in dem melancholischen Wäldchen! Denn geträumt, geschwärmt, Sentiments ausgetauscht habt ihr, gestehen Sie es! das liebe Kind sah ja fast aus, als hätte es geweint. Über was denn? über mich – par exemple ? – Lassen Sie meinen Schal, es ist so warm! also gebeichtet, mein junger Herr Ritter!« »Wenn zu lügen überall gestattet wäre, so würde ich jetzt lügen, nur um Ihnen beichten zu können, gnädige Frau!« erwiderte Gerhard. »Ich sage es ja«, rief Frau Zempin; »Sie sind ein gefährlicher Mensch! ich halte es für meine heilige Pflicht, als Hausfrau und Mutter, die jungen Damen vor Ihnen zu warnen. Aber damit Sie sehen, daß ich ein gutes Herz habe und selbst mit Sündern Erbarmen fühle, will ich Ihnen auch eine Warnung mit auf den Weg geben. Es ist gerade noch Zeit – bleiben Sie einen Moment stehen – noch hat man uns nicht bemerkt: – eine junge Dame in Weiß –« »Es sind da vier oder fünf junge Damen in Weiß, gnädige Frau!« »Sie ist nicht dabei, bemerke ich; aber sie wird kommen; und wenn sie kommt – hüten Sie sich, hüten Sie sich vor ihr, wie der Schiffer vor der Lorelei!« »Der sich bekanntlich nicht hütete, gnädige Frau; denn die Wellen verschlangen am Ende Schiffer und Kahn; – aber wer ist es? Fräulein Maggie?« »Sie wissen alles!« »Ich weiß gar nichts und tappe und taste herum, wie ein Blinder; also haben Sie Erbarmen mit mir, gnädige Frau, wie Sie es wollten! Weshalb soll ich mich vor Fräulein Maggie hüten?« »Sie werden es sehen, wenn Sie – sie sehen.« »Darin ist es vielleicht zu spät.« »Wie fein! wie wahr!« »Also bitte, gnädige Frau!« »Maggie ist bereits versprochen.« »Aber, gnädige Frau, das pflegt denn doch eine Warnung und ein Kompaß für den tollkühnsten und unerfahrensten Schiffer zu sein!« »Wenn die Verlobung öffentlich ist; diese ist es nicht; und es gibt Leute, die Ihnen sagen werden: es sei kein wahres Wort daran. Ich weiß es besser: Maggie ist meine beste, meine liebste, süßestes, einzige Freundin, soweit ein Mädchen von siebzehn Jahren und eine alte dreiundzwanzigjährige Frau Freundinnen sein können. Ich rate Ihnen aufrichtig zum Guten, Herr von Vacha!« »Und ich danke Ihnen gewiß nicht minder aufrichtig für Ihre Güte, gnädige Frau. Den Namen des Glücklichen darf man wohl nicht wissen?« »Otto – ich meine ein Herr Otto Bagdorf auf Bulitz – Bulitz ist nur durch die Schwanheide von Kosenow getrennt – Schwanheide heißt der große Wald – der Tannenwald; der andere, der Buchwald bei Bulitz, heißt die Uhle. Ist es nicht ein reizender Name? – ich meine: Schwanheide? – so romantisch! und durch den romantischen Wald führen so viele Pfade –« »Ich verstehe – und ist der Herr in der Gesellschaft dort?« »Natürlich! aber natürlich ist er augenblicklich ebenfalls verschwunden. Sie lachen? ich liebe die Menschen, die so verständnisinnig lachen! Verständnisinnig, Herr von Vacha! was ich Ihnen vertraut – kein Wort – kein Blick –« »Aber, gnädige Frau –« »Still, um Himmels willen!« Die Gesellschaft der jungen Leute hatte die Heranwandelnden längst bemerkt und das Spiel nur noch gerade mit so viel Eifer fortgesetzt, als nötig war, um ihre Neugier nicht zu verraten und doch durch gelegentliche eifrige Blicke zu befriedigen. – Jetzt wandten sich zwei der zunächst stehenden Herren und kamen, Stöcke und Reifen in den Händen, der Dame vom Hause und ihrem Begleiter entgegen. »Herr Hermann Spatzing – unser großer Maler –« sagte Julie, vorstellend. »Fünf Fuß anderthalb Zoll, keinen Strich mehr, keinen Strich! bis auf die Tolle!« Herr Spatzing strich mit der Hand durch sein krauses, schwarzes, überaus reiches Haar, drehte den schwarzen, stark gewichsten Schnurrbart, blinzelte mit den kleinen, schwarzen Äuglein und reichte Gerhard die Hand, wobei er sich, als könne er sonst nicht heranreichen, auf den Fußspitzen hob. »Freue mich ausnehmend, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr von Vacha; bin in diesem Frühjahr mit Ihrem Herrn Bruder in München zusammengetroffen – nur sehr flüchtig – es gibt grausame Damen, die sagen, ich sei immer sehr flüchtig.« Herr Spatzing legt die Hand aufs Herz, riß die schmalen Äuglein so weit als möglich auf, warf einen schmachtenden Blick auf Julie und seufzte. »So ist er nun immer«, sagte Julie lachend; »oh, diese Künstler, diese Künstler! Erlauben Sie, Ihnen Herrn –« »Harfagar«, sagte Herr Spatzing. »Unausstehlicher, Sie!« rief Julie, mit dem Fächer drohend, »Herr Doktor – nicht wahr? – Lindblad aus Schweden.« »Genannt Harald Harfagar«, sagte Herr Spatzing. Der Vorgestellte, ein stattlicher, schöner junger Mann mit langem, blondem, in der Mitte gescheiteltem Haar und krausem Schnurr- und Knebelbart, lächelte selbstgefällig und murmelte, mit merkbar ausländischem Akzent, einige höfliche Worte. »Nun kommen Sie, Spatzing, und helfen Sie mir, Herrn von Vacha mit den anderen bekannt machen«, sagte Julie, die inzwischen mit dem Maler geflüstert hatte. »Luising, Emming, Stining! aber so laßt euch doch endlich einmal los! Lining, Tining! wo wollt ihr denn nun wieder hin! Herr Bollmann, holen Sie sie doch zurück! – einer ist genug, lieber Benz! – Aber helfen Sie mir doch, Spatzing!« Spatzing half vorstellen, und weil er und Julie fortwährend durcheinandersprachen und oft denselben Namen zu gleicher Zeit nannten, würde Gerhard in bitterster Verlegenheit gewesen sein, wenn er hätte sagen sollen, welche von den jungen Damen Fräulein Luising Sallentin, und welche Fräulein Tining Pahnk, und welche Fräulein Lining Pahnk, und welche Fräulein Emming Sallentin war. Dazu kam, daß die fünf oder sechs jungen Damen alle mehr oder weniger blondes Haar, blaue Augen und helle Gesichtsfarbe hatten; alle im Moment, wo ihr Name genannt wurde, dieselbe ernsthafte Miene und genau dieselbe tiefe, etwas linkische Verbeugung machten, um sofort über der Himmel weiß was in derselben verlegen-lustigen Weise zu lachen und dann alle auf einmal davonzuflattern, wie ebenso viele weiße Schmetterlinge. Ein wenig besser erging es Gerhard mit den Herren, obgleich ihm auch hier die durchgehende Ähnlichkeit der Physiognomie, Haltung und besonders der Sprache manche Verlegenheit bereitete. Soviel er verstand, waren es sämtlich Gutsbesitzer- und Pächtersöhne aus der Nachbarschaft, mit Ausnahme eines etwas verwildert aussehenden Jünglings in schäbigem, braunem Sammetrock, der eine Zereviskappe auf dem starren, ungebürsteten Haar, das entsprechende Band über einer nicht ganz sauberen Chemisette trug, und ihm als Herr Studiosus Benz vorgestellt wurde, Vetter des Fräulein Sallentin. »Und nun geben Sie mir Ihren Arm wieder, Herrn von Vacha«, sagte Julie, »damit ich Sie auch mit den älteren Herrschaften bekannt mache. Sie müssen nun einmal den Kelch bis auf die Neige leeren.« Sie zog ihn fast aus dem Kreise heraus. »Ich versichere Sie, gnädige Frau«, erwiderte Gerhard, »daß mir der Trank ganz vortrefflich mundet; ich bin echtes Thüringer Blut, und das fließt niemals munterer, als in munterer Gesellschaft.« »Darum liebe ich auch Ihren Landsmann, den guten Stude, so«, erwiderte Julie; »aber freilich, Sie sind eine so viel vornehmere Natur. Vornehme Naturen sind immer im Grunde seriös, melancholisch. Leugnen Sie nicht! ich sehe es an Ihren Augen. Es ist darin eine verborgene Tiefe – ein zentrales Feuer lodernder Empfindung und elementarer Leidenschaft, das nur auf die Gelegenheit wartet, um hervorzubrechen.« »Auch wenn dies Feuer so energisch beschworen ist, ruhig zu bleiben als freundlich Element?« »Spotten Sie nur! Sie kennen das Wort: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.« »Es ist aber Abend, gnädige Frau, und ein entzückender dazu.« »Nur daß der Stern des Abends noch nicht aufgegangen.« Er zögert ungebührlich lange. »Je später der Abend, um so schöner die Gäste und – die Sterne.« »Gnädige Frau, rauben Sie mir nicht das bißchen Unbefangenheit, über das der Neuling in einer Gesellschaft stets nur zu verfügen hat!« »Sie ein Neuling! Sie, der Sie von einer Sicherheit sind, die mich schaudern macht! – Wo willst du hin, Edith?« »Ich will der Frau Pastorin ihr Umschlagetuch herausschicken; hernach möchte ich Saling ein wenig helfen.« »Du bist so gut! – wie die Vorsehung!« Julie streckte die Hand nach Ediths Wangen aus; es war Gerhard, als ob das junge Mädchen der Berührung auswich. Sie entfernte sich schnell, nach einer flüchtigen Verneigung, quer über den Rasenplatz nach dem Hause. »Sagen Sie mir, Herr von Vacha«, sagte Julie hastig und leise, »was ist das zwischen Ihnen und Edith?« »Zwischen mir und Fräulein Edith?« »Es muß da irgend etwas sein – Edith hatte positiv verweinte Augen, als wir euch trafen, und jetzt hat sie Sie mit keinem Blicke angesehen.« »Ich versichere Sie, gnädige Frau –« »Gut! heute! versichern Sie heute alles, was Sie wollen. Morgen oder übermorgen werden Sie mir beichten, denn Sie werden dann eingesehen haben, daß ich, die Lustige, die Leichtlebige, doch die bessere und Ihre beste Freundin bin.« Gerhard fühlte einen leichten Druck des runden Armes, der sich jetzt dem seinen entzog, denn sie waren, am Rande des Bosketts hinschreitend, bei einer Stelle angelangt, wo die Büsche sich zu einem Halbkreis einbogen und so eine Art von offener Laube bildeten, von der man den Rasenplatz und das gegenüberliegende Haus übersehen konnte. Hier saß an einem großen, halb abgeräumten Teetisch eine Gesellschaft älterer Damen, welchen Gerhard nun vorgestellt wurde. Frau Pastor Pahnk, Frau Sallentin, Frau Bollmann, Fräulein Bollmann, Frau Stut, Fräulein Stut und noch drei oder vier andere: die Mütter oder Tanten der jungen Damen auf dem Rasenplatz, wie diese in ihrer blonden jugendlichen Befangenheit und Lachlust, so in behaglicher Fülle und würdevollem Ernst einander zum Verwechseln ähnlich, besonders, als sie jetzt, nachdem sie sich alle auf einmal erhoben und, sobald ihr Name genannt wurde, in derselben drollig breiten Weise feierlich verbeugt, alle auf einmal wieder setzten, die mit mancherlei schreienden Bändern geschmückten Hauben über die Strickstrümpfe beugten und die fallengelassenen Maschen wieder aufnahmen. Es entstand eine feierliche Pause, in der sich Gerhard vergebens hilfesuchend nach der Dame vom Hause umsah, die sich nach der Vorstellung alsbald entfernt hatte. – Sie hätte jetzt Gelegenheit, über meine Sicherheit zu schaudern, dachte Gerhard mit einem stillen Seufzer. »Wie gefällt es Ihnen denn bei uns?« sagte plötzlich eine fette Stimme – Gerhard konnte nicht unterscheiden, von welcher der Damen, da keine der Hauben sich vom Strickstrumpf erhoben hatte. Indessen, das Eis war gebrochen. »Ich danke, ausgezeichnet«; erwiderte er. »I, das wird dem jungen Herrn schon bei uns gefallen«, sagte eine zweite fette Stimme – Gerhard, der nun genau achtgab, meinte, es sei die der Frau Bollmann, wenn es nicht die der Frau Sallentin war. »Ohne Zweifel«, sagte er. »Wenigstens kann man bei uns lernen, was wirtschaften heißt.« Die dritte Stimme war entschieden schärfer, als die beiden ersten; Gerhard vermutete, daß sie von einer weniger behäbigen Dame kam, die mit womöglich noch größerem Eifer strickte, und die er für Fräulein Bollmann nahm, falls es sich nicht herausstellte, daß es Fräulein Stut sei. »Deshalb eben kam ich«, sagte er. »Denn bei Ihnen zu Hause ist es man schwach mit dem Wirtschaften«, sagte eine vierte, sehr fette Stimme; – »ich bin auch mal durch Thüringen gekommen, vor zwanzig Jahren, als ich meinen lieben verstorbenen Mann nach Kissingen brachte. Du lieber Gott! ist das ein Elend! Ich sage Ihnen, liebe Bollmann, nichts als Berge, wo sie mit einer Kuh vor einem Ding, das ein Pflug sein soll, rumackern – es war nämlich schon im August, liebe Sallentin, und unsere ganze Gerste stand noch auf den Hocken, als wir abreisten – ich sage Ihnen, das Herz kann einem dabei brechen.« Hier wiegten sämtliche Hauben in langsam-feierlichen Schwingungen bedauernd hinüber und herüber, mit Ausnahme der einen, die vorwurfsvoll wackelte: »Aber, liebe Frau Stut!« »Na, Frau Pastorin, das ist doch wahr«, erwiderte Frau Stut; »Wahrheit schwimmt oben, sagte immer mein lieber verstorbener Mann, und was so ein junger angehender Ökonomiker ist, der sich belehren will, wird mir das nicht übel nehmen.« »In keiner Weise«, sagte Gerhard. »Aber Herr von Vacha ist ja selbst Gutsbesitzer – zwei Güter, Frau Stut!« sagte Frau Pastor mit Bedeutung. Sämtliche Strickzeuge sanken herab, und sämtliche Hauben hoben sich, um erst auf Gerhard bewundernde und dann auf die arme Frau Stut entschieden mißbilligende Blicke zu werfen. Frau Stut war sehr rot geworden: »Das hab' ich nicht gewußt«, rief sie; »das hätte man doch einem Menschen sagen sollen! So was muß ein Mensch doch wissen!« »Was muß man wissen?« fragte Julie, die eben kam. »Daß der Herr selber zwei Güter hat!« rief Frau Stut. »Zwei große Güter!« rief Julie lachend; »jedes einzelne so groß wie Kantzow und Kosenow zusammen. Widersprechen Sie mir nicht, Herr von Vacha! Das ist ein gefährlicher Mann, meine Damen! ich hätte ihn hier nicht bei Ihnen allein lassen sollen; aber ich kann meinen Moritz nicht finden; er ist jedenfalls mit Ihrem Mann nach den Georginen, Frau Pastor. Über seinen Georginen und Gewächshäusern vergißt er nämlich alles, Herr von Vacha. Wir wollen einmal hingehen; hernach müssen wir Abendbrot essen.« Sie hatte Gerhards Arm wieder genommen und ihn aus der Laube geführt; aber sie hatte kaum ein paar Schritte gemacht, als ihnen Herr Spatzing entgegeneilte und, beide Arme ausstreckend, rief: »Ich kann Sie nicht passieren lassen; ich habe von den jungen Damen Befehl, den Herrn von Vacha lebend oder tot herbeizuschaffen!« »Dann nehmen Sie ihn in unser aller Interesse lieber lebend«, sagte Julie; »hier ist er, ich habe so noch etwas im Hause zu tun.« Sie trippelte über den Rasenplatz davon, aber nicht nach dem Hause zu. »Ist es nicht eine entzückende Frau?« rief Spatzing laut genug, daß die Dame es noch hören mußte; »welcher Wuchs! welche Schultern! welche Bü—« Er brach mitten im Worte ab und sagte in leisem Tone, Gerhard aus den schwarzen Augen anblinzelnd: »Schade, daß sie sich so furchtbar schnürt! und das Gangwerk! ich bin froh, daß ich die Beine nicht zu malen brauche! die Füße sind freilich wieder entzückend. – Hier, meine Damen, bringe ich ihn! Stellen Sie sich hierher, Herr von Vacha – zwischen Fräulein Luise Sallentin und Fräulein Tining Pahnk! – Ist Ihnen der Stock recht? Na, dann kann es wieder losgehen! Fräulein Tining! aufpassen!« Das unterbrochene Spiel wurde fortgesetzt, und bald war Gerhard einer der Eifrigsten. Er hatte den anmutigen Zeitvertreib immer gern gehabt, und wenn er auch seit langer Zeit aus der Übung war, so halfen ihm sein scharfes Auge und seine feste Hand bald die erste Unsicherheit überwinden. Die von ihm geschleuderten Reifen durchschwebten die Luft in so genau bemessenen Kurven, daß Fräulein Luise Sallentin nur eben den Stock emporzuhalten brauchte; und wenn Fräulein Tining Pahnks Reifen allerdings die entschiedenste Neigung hatten, aus der Bahn zu irren, so war es ihm noch jedesmal gelungen, durch einen kühnen Sprung nach seitwärts, vorwärts oder rückwärts der Flüchtlinge habhaft zu werden. Und dann war es die Stunde, in der auch Erwachsene wieder etwas von dem holden, süß berauschenden Zauber spüren, der die Herzen spielender Kinder füllt; die Stunde, da der Tag zu Ende ist und die Nacht nicht kommen will; die Stunde, da die Schatten zwischen den Büschen tiefer werden, die höchsten Spitzen der Bäume sich gegen den lichtgrünen Himmel schärfer abzeichnen, die Blumen üppiger duften; und weil die Insekten in den Blumen und die Vögel in den Bäumen und Büschen schweigen, und Blumen, Bäume und Büsche so regungslos stehen, die Stimme rufender Menschen so eigen tönt: reiner, weicher, melodischer, wie Widerhall und Nachklang aus einer besseren Welt. Und für Gerhard verzitterte in diesem Zauber ein zweiter, der in ganz anderer und doch kaum weniger mächtigen Weise sein Herz erbeben machte und seine Phantasie erregte: Aus dem Schornstein jenes Daches sah er die dünne Rauchsäule in den Himmel aufsteigen zum ersten Male; auf jenen grünumrankten Fenstern blinkte ihm der Abendschein zum ersten Male; diese blühenden Mädchengesichter, diese rüstigen jungen Männergestalten – das muntere Lachen, die harmlosen Scherzworte – sein Auge hatte es nie zuvor erschaut, sein Ohr nie zuvor vernommen: eine neue, fremde Welt, die ihn gereizt hätte, auch wenn sie weniger schön gewesen wäre, und, da sie so schön war, ihn völlig entzückte. Und zum Zeichen der Verheißung, daß diese schöne Welt noch Schöneres, Holderes berge, schimmerte – wie ein glänzend Auge, das plötzlich zu uns aufblickt – aus dem graublauen Himmel über einer schwarzen Wand ineinander verflochtener Wipfel uralter Bäume groß und golden der Abendstern, und – »Maggie! Maggie! kommst du endlich!« riefen ein paar Stimmen. Fünftes Kapitel. Sie waren ihr entgegengerannt und hatten sie umringt und schalten auf sie ein. Nun trat sie aus dem Kreise hervor, auf Gerhard zu, der sich ebenfalls, wenn auch langsamer, genähert. War's der Zauber der Stunde und des Ortes, war's die innere Erregung, mit der er, sich selbst kaum bewußt, ihrem Kommen entgegengeharrt – wie ein Neophyt der Erscheinung des Wunders –: er fühlte sich von Maggies Anblick so verwirrt, daß er, als sie mit einem holden Lächeln und einem leisen, freundlichen: »Guten Abend!« ihm die Hand reichte – so unbefangen, harmlos, als hätte sie ihn lange schon gekannt – er seinerseits die kleine Hand kaum zu ergreifen wagte und ein paar Worte stammelte, ohne zu wissen, was er sagte. Und seltsam! er hätte, wäre sie in diesem Moment im Abendschein dahingeschwunden, nicht anzugeben gewußt, wie sie ausgesehen; er hätte nur sagen können, daß er etwas Holdseligeres in seinem Leben nie erschaut, daß er nie für möglich gehalten, es könne das Leben etwas so Holdseliges bieten. Es war wie ein Traum; und der Traum wurde kaum deutlicher, nur glänzender, als sie jetzt – sie war an Tining Pahnks Platz getreten – in gemessener Entfernung neben ihm stand und ihm die Reifen zuwarf, indem sie sich dabei jedesmal ein wenig auf den Fußspitzen hob und sich leicht vornüber neigte, wie wenn sie einen Pfeil vom Bogen schnellte. Es war wie ein Traum; und wie im Traum nur immer ein Bild sich dem Chaos zu entringen und vom warmen Blute der Phantasie zu trinken pflegt, während die anderen schattenhaft vorschweben, so war ihm alles sonst in Abendschatten eingetaucht und versunken; und er sah – schimmernd, wie vorhin den einsamen Stern – einzig deutlich die zierliche, knospende Gestalt, in Weiß gekleidet, wie die übrigen Mädchen – nur daß das Kleid kein Kleid zu sein schien, sondern ein Glanz, der sich um sie und mit ihr bewegte. – Und dann schwand auch die reizende Gestalt, und er sah nur noch das liebliche, junge, süß lächelnde Gesicht, aus dem die großen, dunkeln Augen leuchteten. Und dann sah er nur noch die großen, dunkeln, leuchtenden Augen. »Aber, Herr von Vacha, wie schlecht werfen Sie jetzt!« rief Fräulein Luise Sallentin. Gerhard erwachte aus seinem Traum. Da war die Szene wieder, die ihn vorhin so entzückt: das Haus drüben, die Büsche, die Bäume, der Rasenplatz, die Gestalten der Spielenden, aber alles dunkler, wie der Himmel droben dunkler geworden, als habe der Abendstern das irdische Licht aufgesogen. An dem Rande des Bosketts, abseits von der Gesellschaft, stand ein Paar in, wie es schien, eifrigem Gespräch: Frau Zempin und ein junger, schlanker Mann, den er vorhin nicht bemerkt hatte. »Nun werfen Sie wieder gut!« rief Fräulein Sallentin. Fräulein Sallentin sollte sich der neu erwachten Spiellust ihres Nachbars nicht lange erfreuen. Von dem Wege her, der an dem Garten hinter der hohen Hecke vorüberführte, erschallte lautes Geschrei, Singen, Rufen, Jauchzen und Kreischen. Die Spieler auf dem Rasenplatze warfen Stöcke und Reifen fort und eilten nach dem Durchlaß an der inneren Hecke, der sich ganz nahe beim Hause befand und den Gerhard deshalb vorhin nicht gefunden. In einem Nu war der Platz leer; auch Frau Zempin und der schlanke junge Herr waren wieder verschwunden; Gerhard fand sich mit Maggie allein. Aber der Zauber war gebrochen, wenn sein Herz auch heftiger schlug, als er den Reifen, den er eben Fräulein Sallentin hatte zuschleudern wollen, in der einen, den Stock in der anderen Hand, mit möglichstes Unbefangenheit fragte: »Was bedeutet dies, mein gnädiges Fräulein?« »Daß wir zwei allein weiterspielen sollen.« Sie hatte sich nicht von der Stelle bewegt und hob jetzt den Stock; Gerhard kam der Aufforderung sofort nach; sie fing den Reifen und warf ihn zurück, sich auf den Fußspitzen hebend und vornüber neigend – gerade wie vorhin. Das ging so eine kleine Weile; dann sagte sie: »Wir haben ja noch kein vernünftiges Wort zusammen gesprochen; es ist so hübsch von den anderen, uns allein zu lassen. Finden Sie nicht?« »Ganz gewiß, mein gnädiges Fräulein.« »Nennen Sie mich nicht: Gnädiges Fräulein! Sagen Sie, wie die anderen: Fräulein Maggie! Wollen Sie?« »Ganz gewiß, Fräulein Maggie.« »Das ist hübsch von Ihnen; ich finde es überhaupt sehr hübsch, daß Sie nun doch gekommen sind.« »Wieso: nun doch, Fräulein Maggie?« »Ich hatte Herrn Stude gesagt, er solle Ihnen schreiben: Sie möchten ja nicht kommen.« »Er hat mir nichts der Art geschrieben; warum aber sollte er das schreiben? Was hatten Sie gegen mich?« »Ich? Gar nichts! Im Gegenteil! Aber Sie bleiben nicht bei uns.« »Für immer?« »Für die kürzeste Zeit; es ist zu langweilig und häßlich hier.« »Das dürften Sie nicht sagen, Fräulein Maggie.« »Dann sagt Ihnen Fräulein Maggie etwas anderes: bei der ersten Schmeichelei, die Sie ihr machen, hat unsere Freundschaft am längsten gedauert.« Gerhard wußte nicht, wie es gekommen, aber sie waren sich nicht mehr so fern, ja so nahe, daß er ihre Augen, die er kaum noch unterschieden, wieder leuchten sah, glänzender, zaubermächtiger als zuvor. »Ist es eine Schmeichelei, Fräulein Maggie, wenn ich –« Er brach ab; das Herz schlug ihm bis an die Kehle; sie stand unmittelbar vor ihm, die dunkel leuchtenden Augen zu ihm erhoben, ein schelmisch trotziges Lächeln auf den knospenden Lippen: »Nun?« »Wenn ich an die lange Dauer unserer Freundschaft von vornherein nicht glaube?« Sie lachte – leis und girrend, wie Schwalben zwitschern. »Eine Schmeichelei? Freilich! Das tragen Sie zur Strafe für Ihr Kompliment, bis ich's Ihnen wieder abnehme!« Sie hatte mit schneller Bewegung ihm den Reifen, den sie in der Hand hielt, über den Kopf um den Hals gelegt; im nächsten Moment eilte sie über den Rasenplatz dem Hause zu, in dessen Nähe sie mit einer zweiten weiblichen Gestalt zusammentraf, die nicht minder eilig von rechts herkam, und in der Gerhard Frau Zempin zu erkennen glaubte. Die beiden Damen, die einander untergefaßt hatten, stiegen eben die Treppe zur Veranda hinauf, als Gerhard nicht weit von sich jenen schlanken Mann, den er vorhin im Gespräch mit Frau Zempin beobachtet, auf sich zukommen sah. Er hatte gerade noch Zeit, den Reifen abzunehmen, als jener bereits bei ihm war. »Ich erlaube mir, mich selbst Ihnen vorzustellen. Mein Name ist Otto Bagdorf auf Bulitz«, sagte der junge Mann. Er hatte Gerhard die Hand gereicht, indem er zugleich den hohen Hut höflich lüftete. »Ich wollte vorhin nicht stören«, fuhr er fort. – »Sie waren so eifrig im Spiel; hatten Sie übrigens durch den ganzen Garten gesucht – Fräulein Maggie und ich – der alte Dämelack von Vadder Deep behauptete, Sie müßten irgendwo im Garten sein. Freue mich ausnehmend, Ihre Bekanntschaft zu machen; hoffe mit Bestimmtheit, werden gute Nachbarschaft halten.« Herr Bagdorf sprach das alles so schnell herunter – als hätte er's auswendig gelernt – mit einer hohen, schnurrenden Stimme, indem er fortwährend mit der Reitpeitsche in der Luft fuchtelte oder gegen seine Stulpstiefel klappte. Er war, soweit Gerhard bei der matten Dämmerung unterscheiden konnte, ein hübscher Mann mit blondem Schnurrbart und sehr hellen Augen, deren Blick so ruhelos war, wie die ganze Haltung, und ebensowenig Vertrauen einflößte, wie die schnurrende Stimme. Herr Bagdorf schien die Zurückhaltung, womit Gerhard seine Höflichkeit erwiderte, nicht zu bemerken; er schob sogar, während sie nun dem Hause zuschritten, seinen Arm unter und rief: »Wir müssen zusammenhalten. Man wird Ihnen sagen: ich sei ein eitler, aufgeblasener Mensch; kehren Sie sich nicht daran! Die Sache ist, daß ich ein bißchen mehr gelernt und von der Welt gesehen habe, als unsere anderen jungen Herren. Und ist man dann noch gar Landwehroffizier, wie ich zum Beispiel – ich nehme an, daß wir Kameraden sind, Herr von Vacha? –« »Bedaure,« sagte Gerhard, »für uns in den kleinen Staaten hat der Dienst wenig Anziehendes. Wir lassen jemand für uns einstehen: ein System, das ich nicht billige, aber dem man sich, wie die Dinge einmal bei uns liegen, fügen muß.« »Ab«, sagte Herr Bagdorf – »nun, hat auch sein Angenehmes: diese ewigen Kontrollversammlungen und sechswöchigen Übungen und alle paar Jahre großes Manöver – ich kann Ihnen sagen, das ist eine verdammte Schererei. Indessen, das tut nichts; ich meine, wir müssen doch gute Kameradschaft halten. Sie müssen mich besuchen – sind in einer Stunde in Bulitz – gleich morgen – zum Frühstück – lasse es noch ein paar anderen sagen – wollen Sie?« »Sehr gütig«, erwiderte Gerhard, »aber ich bin hier nicht mein eigener Herr; ich denke und hoffe, daß Herr Zempin morgen mit der Ernte beginnen wird; es scheint mir die höchste Zeit.« Herr Bagdorf lachte und rief: »Der Tausend, Sie nehmen das ernsthaft! da werden Sie hier sehr isoliert stehen: halten Sie sich an Vadder Deep, der läßt auf Retzow schon seit Donnerstag mähen. Haben übrigens heute hier auch angefangen: auf der Retzower Scheide – die Leute kamen vorhin nach Hause; sind jetzt jedenfalls auf dem Hofe, und die Gesellschaft – bei der bunten Balge.« »Was ist das?« »Ach, das kennen Sie nicht? ein Spaß, den man den Leuten macht, wenn sie das erstemal von der Ernte kommen. Man steckt ein Dutzend Flaschen mit Branntwein und andere, die mit Wasser gefüllt sind, in eine große Bütte – oder Balge, wie wir sagen – die man bis an den Rand vollgießt; tut auch Äpfel hinein, Backpflaumen, dergleichen. Das Ganze wird dicht zugedeckt mit Kletten, Disteln und so weiter, mitten darauf ein größerer Busch. Sie fangen nun an, nach den Flaschen zu krabbeln: großes Hallo, wenn einer eine Branntweinbuddel kriegt, großes Gelächter, wenn's nur eine mit Wasser war. Dabei bespritzen sie sich, schlagen einander die nassen Büsche um die Köpfe, schließlich allgemeine Begießerei. Nun, das wird Sie amüsieren, aber nehmen Sie sich in acht! man kann dabei ausgewaschen werden wie ein Pudel! und dabei fällt mir ein, daß ich vom vorigen Aust her noch ein Hühnchen mit Fräulein Maggie zu pflücken habe. Hören Sie! es ist schon im vollen Gange. Kommen Sie schnell!« Diese letzten Worte wurden bereits auf dem Hausflur gesprochen, den man durch ein paar Hinterzimmer erreicht hatte. In den verlassenen Zimmern hatten Fenster und Türen aufgestanden, auch der Flur war leer; vom Hofe her kam das Geschrei und Gejuchze, das Gerhard bereits vorhin gehört: nun aber näher und lauter. Herr Bagdorf hatte seinen Arm losgelassen und eilte voran, zur Tür hinaus, rechts am Hause hin und verschwand hinter dem Boskett. Langsamer folgte Gerhard. Die Neugier, zu erfahren, was nur der Lärm, der immer toller wurde, zu bedeuten habe, trat sehr zurück hinter einer anderen Empfindung. »Und das ist ihr Verlobter!« murmelte er, »ihr Verlobter! – ein Hühnchen mit ihr zu pflücken! hat der Mensch denn keine Eingeweide! ich möchte, ich brauchte das nicht mit anzusehen; ich möchte, ich wäre nicht gekommen! freilich! bin ich denn deshalb gekommen? und soll ich mich von der hübschen Frau Zempin auslachen lassen? – Pah! sei kein Narr und heule mit den Wölfen.« Das Bild lag nahe: in das Geschrei der Knechte, das Kreischen der Mägde mischte sich jetzt wütendes Gebell und langgezogenes Heulen der Meute, als ob die wilde Jagd hinter dem Boskett vorüberbrauste. Und als nun Gerhard um die letzten Büsche trat, bot sich ihm ein Schauspiel, das man in der Tat eine wilde Jagd, wenn auch in anderem Sinne, nennen durfte, und über dessen Seltsamkeit er denn doch seine ungesellschaftlichen, ja menschenfeindlichen Regungen bis auf weiteres vergaß. Sechstes Kapitel. Es war derselbe Teil des Hofes zwischen dem Boskett und dem Herrenhause auf der einen und einer großen Scheune und kleineren Wirtschaftsgebäuden auf der anderen Seite, wo Gerhard vor ein paar Stunden mit Herrn Zempin gestanden, als der Falke die weiße Taube fing. Auf diesem Platz, der jetzt im Abenddunkel viel kleiner als vorhin erschien, war eine Menge Menschen – Gerhard meinte, es müßten fünfzig bis sechzig sein – in wildestem Kampf begriffen; und daß es Männer und Frauen waren, die diesen Kampf kämpften, erhöhte ihm das Abenteuerliche, freilich auch, für den ersten Anblick wenigstens, bis er sich klarmachte, daß es trotz alledem sich doch nur um einen Scherz handeln könne, das Widerwärtige des Anblicks. In seiner unmittelbaren Nähe schleppte ein baumlanger Bursche eine Dirne mit sich fort, die aus Leibeskräften kreischte. Er hatte ihren Kopf unter seinen Arm gepreßt und rieb ihr das Gesicht mit einem Strohwisch oder dergleichen, bis ein paar andere Dirnen der Bedrängten zu Hilfe kamen und der Knecht die Flucht ergriff, verfolgt von den drei Dirnen, die ihn vergebens einzuholen suchten und das Wasser aus dem Eimer, womit die eine bewaffnet war, hinter ihm herschütteten. Dicht daneben ging es einem Knecht desto schlimmer. Er hatte, ebenfalls mit einem Eimer in der Hand, dagestanden und vermutlich nach einer Gegnerin ausgeschaut, als ihm eine Dirne, die, von ihm unbemerkt, herangeschlichen war, von hinten den ganzen Inhalt einer großen Gießkanne über den Kopf schüttete und kreischend entfloh, während er, hinter ihr herrennend, Gleiches mit Gleichem zu vergelten suchte. Hinter diesen und ähnlichen Einzelkämpfen, die Gerhard genauer beobachten konnte, wirrte und tobte die eigentliche Schlacht um einen Brunnen, welcher der Mittelpunkt und auch wohl das Ziel des Kampfes war, und bald von den Knechten, bald von den Mägden, doch immer nur auf kurze Zeit, behauptet wurde. Jetzt eben hatten die Knechte die Position im Sturm genommen und schienen sich zu halten. Ein paar bearbeiteten ununterbrochen den kreischenden Schwengel, während andere die leeren Eimer unter den Ausguß hielten und die vollen wieder anderen reichten, die Guß auf Guß den andrängenden Mägden entgegenschleuderten. Diese wehrten sich, so gut es ging, aus Eimern und Gießkannen, die in einem benachbarten Wirtschaftsgebäude gefüllt werden mochten; wenigstens war zwischen diesem und dem Kampfplatz eine Art von Kette gebildet, wie es bei Feuersbrünsten zu geschehen pflegt. Nun aber mußte ein Trupp der Knechte, vermutlich auf Schleichwegen von der Feldseite her, sich dieses Kastells bemächtigt haben. Sie stürzten plötzlich aus der Tür hervor, ihrer sechs oder acht, mit vollen Eimern; die erschrockenen Mägde, die von ihrer Festung abgeschnitten und zugleich auf ihrer Rückzugslinie bedroht waren, erhoben ein durchdringendes Gekreisch und flüchteten nach allen Seiten. Die Schlacht schien für sie verloren, als ihnen eine unerwartete Hilfe wurde. Ein Wasserstrahl ergoß sich über die dichte Schar der Knechte, die den Brunnen besetzt hatten, und der Strahl war so mächtig, so gut gezielt und so andauernd, daß jene, nachdem sie eine kurze Weile standgehalten, Brunnen und Eimer im Stich ließen und, die Jacken über die Ohren ziehend, schreiend und scheltend davonliefen. Gerhard konnte sich des Lachens nicht erwehren und lachte noch herzlicher, als er, sich um das Boskett wendend, von dem der Strahl kam, die Batterie, die den Knechten so gefährlich geworden, in voller Tätigkeit erblickte. Es war aber eine ziemlich große Feuerspritze, an deren Hebern sämtliche übrigen jungen Herren sich abmühten, während Herr Spatzing das Mundstück dirigierte. Die ungebetenen Helfershelfer schienen den Scherz kaum weniger ernsthaft zu nehmen, als die Kämpfenden selbst; Herr Spatzing schrie und schalt, und die an den Hebern schrien und zählten im Takt: eins – zwei! eins – zwei! als gelte es, einen brennenden Hof zu retten; und Herr Zempin, der dabeistand, schlug im Takt die mächtigen Hände und schrie ebenfalls: eins – zwei! eins – zwei! mit seiner gewaltigen Stimme, die, wie der Donner eines Vierundzwanzigpfünders das Kleingewehrfeuer, so die Stimmen der anderen übertönte. Und jetzt, da die jungen Herren bei der ungewohnten Arbeit erlahmten, und die Knechte, den geringeren Strahl nicht weiter scheuend, zurück an den Brunnen eilten, stürzte der Riese auf die Spritze los, die Herren wie Kinder auf die Seite schiebend und alle an den einen Schwengel kommandierend, indem er allein den anderen hob und niederdrückte und wieder hob, mit einer solchen Gewalt, daß jene fünf oder sechs mit ihrem Schwengel mehr auf und ab geschleudert wurden, als selbst hantierten. Unterdessen hatten die Mägde, hoffend, daß man ihnen nichts tun werde, sich in großen Haufen am Brunnen gesammelt, die mitgebrachten und von den Knechten im Stich gelassenen Eimer zu neuem Kampfe füllend. Herr Spatzing, der nur darauf gewartet und zu diesem Zweck für ein paar Minuten dem Strahl eine andere Richtung gegeben, lenkte ihn nun auf die eifrige Schar, die in ein Zetergeschrei ausbrach und nach allen Seiten auseinanderstob, verfolgt von Herrn Spatzing, für dessen Geschoß die durch das Dunkel schimmernden Mieder und Hemdärmel der Fliehenden allzeit sichere Zielpunkte boten. Das aber wollten die jungen Damen nicht leiden, die selbstverständlich für die Mägde Partei genommen, den Herren an der Spritze durch ihre Zurufe die schwere Arbeit erleichtert und zuletzt, dem unermüdlichen Riesen gegenüber, allein möglich gemacht hatten. Sie erhoben lebhafte Einsprache, sekundiert von den älteren Damen, die das Benehmen der Männer abscheulich nannten, während diese, die Damen zu necken, nur um so eifriger arbeiteten. Die muntere Luise Sallentin rief: wenn sie nicht hören wollten, so sollten sie es zu fühlen bekommen! Tining Pahnk erklärte, daß man sich rächen müsse! Sie hatten sich unzweifelhaft schon vorher mit den Mägden der Küche im Herrenhause verständigt, denn schon im nächsten Moment war ein großer Kessel mit Wasser da, das dann alsbald aus irdenen Töpfen und Krügen auf die ungehorsamen Herren herabregnete und goß. Diese protestierten, lachten, drohten, ließen – wohl nicht ungern – von der Spritze ab und versuchten, den gefährlichen Kessel umzustürzen, was auch nach einigen mißglückten Versuchen dem Studenten Benz mit einer plötzlichen geschickten Fußbewegung gelang. Leider aber ergoß sich der volle Strom unmittelbar nach der Gruppe der älteren Damen. Einige, die nicht mit dem bloßen Schrecken davongekommen waren, eilten, die Säume der Kleider aufhebend, in das Haus; die zurückbleibenden schalten auf die unbändigen Herren. Diese aber hatten keine Zeit, die Strafpredigt zu Ende zu hören, da sie sich entweder vor den jungen Damen, denen noch einige volle Krüge geblieben waren, retten mußten, oder auch ihrerseits die mit leeren Händen Fliehenden um die Büsche herum, durch die Büsche durch verfolgten. Das Schauspiel des Kampfes zwischen den Knechten und Mägden auf dem Hofe fand sein, allerdings gemildertes, Abbild in dem Streit der jungen Herren und Damen vor dem Herrenhause: Lärm, Jauchzen, Schreien, Lachen, Hilferufe von allen Seiten – fliehende, verfolgende Gestalten hier und dort und überall, während der beinahe volle Mond über das Scheunendach heraufstieg und mit seinem trügerischen Lichte die dunkel-wilde Szene noch phantastischer machte. Gerhard hatte, ein aufmerksamer Beobachter, abseits gestanden an einer Stelle zwischen den Büschen, von der er so ziemlich alles sehen konnte, ohne selbst gesehen oder doch erkannt zu werden, es hätte denn jemand bis zu ihm herantreten müssen. Und wer sollte sich, wenn es nicht zufällig geschah, die Mühe geben? war doch jeder, so oder so, von dem Spiel in Anspruch genommen, das allen ein altgewohntes war, dem sie sich mit voller Lust hingaben, während dieser tolle, mondüberglänzte Wirrwarr im besten Falle für ihn nur den Reiz der Neuheit und des Seltsamen hatte und sein Gemüt unbeteiligt ließ. Oder war es so unbeteiligt nicht? war es vielleicht nur schon zu sehr beteiligt? Weshalb, wenn es das nicht war, spähte sein Blick so gespannt, so ängstlich in das Dunkel dort, in das Mondlicht hier, bemüht, die vorüberhuschenden Gestalten zu erkennen? weshalb schlug sein Herz, als er in dem weißen Kleide, das von der dunkeln Männergestalt verfolgt wurde – um dann in einem benachbarten Winkel des Gebüsches sich einholen zu lassen und mit der dunkeln Gestalt zu einer unbeweglichen Gruppe fest zusammenzuschmiegen – Maggie und Herrn Bagdorf zu erkennen glaubte? weshalb dies spöttische Lachen, als das Pärchen nun, ohne ihn, der sich in die Büsche drückte, gewahr zu werden, sich eng umschlungen haltend, in leises Zwiegespräch verloren, dicht an ihm vorüberkam, und er – in dem Strahl des Mondes, der die Wandelnden streifte – den schönen Schweden und die muntere Luise Sallentin erkannte? Was war daran lächerlich, daß die beiden einander gern hatten? was daran, daß sich die beiden anderen liebten, ärgerlich? »Und doch: Ich kann's, ich will's nicht glauben!« stieß Gerhard heraus, den Buschzweig, den er in der Hand hielt, zornig knickend. »Was wollen Sie nicht glauben?« sagte ihre Stimme neben ihm. Gerhard zuckte zusammen – aber nur in freudigem Schreck. »Was bekomme ich, wenn ich aufrichtig bin, Fräulein Maggie?« »Nicht viel!« erwiderte sie; »denn ich bin überzeugt, daß Sie es nicht sein werden; wann wäret ihr Männer jemals aufrichtig gegen uns arme Mädchen! Und nun gar Sie! Sie, der Sie sich vor meiner Freundschaft fürchten wie vor einem kalten Wasserstrahl!« »Doch nur aus einem Grunde, Fräulein Maggie!« »Den ich nicht wissen will! aber etwas anderes: was hat Ihnen meine Schwester von mir gesagt?« »Daß Sie einander nicht ähnlich sind.« »Weiter nichts?« »Daß Sie das Ebenbild Ihrer verstorbenen Mutter sein sollen.« »Weiter nichts? besinnen Sie sich!« »Ich finde wirklich weiter nichts!« »Es ist auch gerade genug – in Ediths Munde! Und Tante Julie? die hat doch mehr gesagt! nun? so sprechen Sie! oder soll ich es Ihnen sagen?« »Es wäre mir in der Tat lieber!« erwiderte Gerhard mit einem Lachen, das ihm nicht aus dem Herzen kam. »Ich werde mich hüten. Aber Ihnen will ich einen Rat geben: hüten Sie sich, zu glauben, was Edith oder Tante Julie, oder wer es auch sei, über mich spricht. Es ist kein Wort davon wahr, hören Sie, kein Wort! Ich könnte warten, bis Sie selbst dahinterkommen – denken Sie in diesem Augenblicke; und daß es hübscher von mir wäre, wenn ich so lange wartete? Ich will aber nicht darauf warten – Tante Julie zu Gefallen – ich will es nicht, und ich will es nicht!« Sie hatte das alles mit leiser Stimme gesagt – hastig, aber durchaus nicht leidenschaftlich – selbst nicht die letzten Worte, obgleich sie dabei mit der Spitze des zierlichen Fußes auf den Boden klappte. Dazu hatte das reizende Gesichtchen, in das der Mond hell schien, keinen zornigen Ausdruck, höchstens von Trotz, wie eines eigensinnigen Kindes; und Gerhard hätte durchaus die Empfindung gehabt, daß ein schönes, verwöhntes Kind vor ihm stehe und über irgendein eingebildetes Leid in seiner unbedachten Weise sich beklage, wenn ihre Augen nicht gewesen wären: die großen, dunkeln, im Mondschein feucht schimmernden – das waren keines Kindes Augen! Mehrere Stimmen riefen durcheinander. Der Platz vor ihnen war fast leer; nur in der Nähe des Leutehauses, aus dem Lärm und Musik erschallte, ging es noch lebhaft zu; auch um das Boskett herum war es still geworden; die Stimmen der Rufenden schienen schon von der Haustür herzukommen. »Man ruft zu Tisch,« sagte Maggie schnell. – »Antworten Sie nicht! Ich wollte Sie noch eines fragen: Wo haben Sie den Reifen gelassen? habe ich Ihnen nicht gesagt: Sie sollten ihn tragen, bis ich ihn Ihnen abnehme?« »Ich bin der Ketten so wenig gewohnt, Fräulein Maggie!« »Man soll sie Ihnen wohl noch mit Blumen schmücken? Hier ist eine! Die werden Sie doch wohl tragen dürfen!« Sie hatte die dunkelrote Rose, die er vorher bereits an ihr bemerkt, vom Busen genommen und reichte sie ihm. Er hätte die kleine kühle Hand, die er berührte, so gern an die Lippen gedrückt; aber er wagte es nicht, befestigte die Rose mit zitternden Fingern in seinem Knopfloch und wollte dem holden Kinde seinen Arm bieten. »Nein, nein!« sagte sie hastig; »so nicht! Sie gehen hier am Hause hin; ich komme um das Boskett von der anderen Seite. Bei Tisch treffen wir uns. Ich will es schon so einrichten; ich bin noch vor Ihnen da, wenn Sie es nicht sehr eilig haben! Sie brauchen deshalb nicht übel von mir zu denken. Sie tun mir einen Gefallen; ich sage Ihnen später einmal, warum.« Sie legte den Finger auf den kleinen Mund und huschte davon. Gerhard hatte es nicht eilig. Er mußte erst die Rose aus dem Knopfloch nehmen und wieder und wieder an seine Lippen drücken. »Wenn dies alles nur ein Traum ist«, murmelte er, »ich habe einen köstlicheren nie geträumt!« Siebentes Kapitel Es war ein paar Stunden später. Er hatte ihr in den offenen Wagen geholfen, den Edith, die bereits vor Tisch nach Hause gefahren, wieder zurückgeschickt. Aber diesmal hatte er die kleine kühle Hand nicht losgelassen, bevor er sie, wie flüchtig immer, mit den Lippen berührt; und sie hatte die Hand in den Schal gewickelt, indem sie sich in den Sitz zurücklehnte, die großen Augen unverwandt auf ihn gerichtet, bis die feurigen, ungeduldigen Pferde mit mächtigem Sprunge anzogen und das leichte Gefährt die erhellte Rampe hinab in die dunkle Nacht hineinwirbelten. Der Rest der Gesellschaft war in den Gartensaal zurückgekehrt; er hatte, Müdigkeit vorschützend, um die Erlaubnis gebeten, sich auf sein Zimmer begeben zu dürfen. Wirklich begann er hier an seinen Koffern zu kramen, die Vorbereitungen für die Nacht zu treffen und für morgen, wo er in aller Frühe auf und bei der Arbeit sein wollte, wie er es mit dem hünenhaften Oberinspektor Klempe bei Tisch abgeredet. Auch ein paar Bücher herauszunehmen mochte geraten sein – an Schlafen war ja doch nicht zu denken; oder sollte er sich gleich hinsetzen und an Bruder Max schreiben, von dem er in Sundin einen Brief auf der Post vorgefunden? Aber das hatte auch am Ende bis morgen Zeit, um so mehr, als Max' Brief solange unterwegs gewesen war und ihn die Antwort doch wohl nicht mehr in Rom erreichen würde. An Fritz nach Bonn zu schreiben, war im Grunde dringender. – Ob Karl seinen letzten Brief wohl noch in Bremen erhalten? war es nicht sicherer, gleich nach Liverpool zu adressieren? Der liebe Junge durfte Europa nicht verlassen, ohne von seinem Ältesten ein Lebewohl! ein Glückauf! mitzunehmen auf seine erste Fahrt nach Amerika! Er hatte die Schreibsachen hervorgeholt und auf dem runden Tische vor dem Sofa zurechtgelegt. Das kleine, harte Sofa war so unbequem, und der Tisch knackte widerwärtig, wenn man ihn berührte. Morgen ließ sich wohl eine bequemere Einrichtung schaffen. Morgen! Würde er sie morgen wiedersehen? Hatte das ihr letzter Blick verheißen, wenngleich der kleine Mund stumm geblieben? Hing ihr Auge jetzt eben auch an der glänzenden Scheibe des Mondes, während sie so zwischen den Kornfeldern durch die ambrosische Nacht dahinfuhr? Dachte sie seiner, wie er ihrer dachte? Törichter Wahn! kindischer Wunsch! Was war er ihr, was konnte er ihr sein, als eine neue Erscheinung in dem gewohnten, engumschriebenen Kreise – ihr nur deshalb interessant, weil er ein Neuling und solange er ein Neuling war? Morgen oder übermorgen war der Neuling ein Bekannter, ein Sklave mehr an dem Triumphwagen, und die junge Königin würde seine Huldigungen so gelassen-gnädig entgegennehmen wie die anderen. Heute abend freilich – Und was war's denn gewesen? ein neckisches Spiel, das nur ein Tor für ernsthaft nehmen konnte; ein fortgesetzter holder Übermut, in dem auf den Reifen, den sie ihm im Garten um den Hals gehängt, die Rose folgte, die sie ihm ins Knopfloch gesteckt in der süßen Heimlichkeit der dunkeln Büsche und vor aller Welt im hellen Zimmer wieder abgefordert, weil er, wie sie sagte, ihr Geschenk mißachtet und die arme Rose zerknittert habe. Und dann hatte sie selbst erst die arme Rose lachend zerknittert und dann zerpflückt und die Blätter auf den Boden zerstreut; und die anderen jungen Herren hatten sich auf die Blätter gestürzt – wie Hühner auf den Gersten, hatte Herr Zempin gerufen, der dabeistand und sich vor Lachen die Seiten hielt. Auch Frau Zempin war herzugekommen – aus dem zweiten Zimmer, die Karten in der kleinen Hand, und hatte in der Tür gestanden und so herzlich gelacht; und Herr Bagdorf, der mit ihr spielte, hatte über ihrer weißen Schulter ein grimmiges Gesicht gemacht, bis sie sich zu ihm wandte und ihm vermutlich einige Trostworte zuflüsterte, denn er hatte mit seiner krähenden Stimme ebenfalls gelacht – plötzlich, wie auf Kommando – und sie hatten sich wieder zu ihrem Spiel gesetzt. Wer waren noch gleich die beiden anderen Mitspieler gewesen? der kleine dicke Pastor Pahnk und der nicht minder kleine dicke Herr Sallentin; aber einmal hatte doch auch Vadder Deep dagesessen in seinem blauen, zugeknöpften Rock! Es mußte gewesen sein, als er selbst auf den Mokierstuhl gebannt war und Maggie ihm die eingesammelten Ausstellungen der Gesellschaft so schalkhaft-feierlich berichtete. Was hatte sie nicht alles vorgebracht? er sollte passabel hübsch sein, sehr hübsch, unwiderstehlich, unausstehlich, allzu schweigsam, allzu redselig, über alle Maßen von sich eingenommen, von einer rührenden Bescheidenheit! Er hatte den Herrn oder vielmehr die Dame zu kennen gewünscht, die ihm den letzten Lobspruch erteilt. Niemand wollte es gesagt haben, Frau Zempin behauptete, es sei Maggies Wort, und die Maggie müsse auf den Mokierstuhl. Maggie leugnete hartnäckig: sie habe sich jedes Urteils enthalten, und auf den Mokierstuhl wolle sie nicht, sie säße da immerfort, das ganze Jahr hindurch, Tante Julie möchte es sich doch einmal versuchen; sie sei ja sicher, nur Schmeicheleien zu hören. Es hatte einen förmlichen Streit zwischen den beiden Freundinnen gegeben, der nur dadurch unterbrochen wurde, daß Vadder Deep – wie war er nur plötzlich wieder vom Spieltisch verschwunden? – mit einer mächtigen Bowle heranschlurfte, und Herr Zempin, ein volles Glas in der Hand, die Gesellschaft – Damen und Herren – aufforderte, ihm Bescheid zu tun und der Freiheit der Meinungen, der Freiheit der Empfindungen, der Freiheit endlich des Wortes, des gedruckten und gesprochenen, ein Hoch zu bringen! Das war denn geschehen mit dem: Sie lebe hoch! sie lebe hoch! aus dem Don Juan, das Herr Spatzing auf dem Klavier intonierte; und dann hatte Herr Spatzing mit einigen geschickten Akkorden übergeleitet zur Melodie: Freiheit, die ich meine – und das ganze Lied war gesungen vom ersten bis zum letzten Vers dreistimmig von Herrn Spatzing und den beiden Studenten, von der übrigen Gesellschaft so ziemlich unisono – die jungen Damen hatten den Text vortrefflich gewußt – und Herr Zempin war gelegentlich mit seiner Donnerstimme eingefallen, wenn ihm die anderen nicht kräftig genug einsetzten. Dabei hatten ihm zuletzt die Tränen in den Augen gestanden, und er hatte den kleinen dicken Pastor umarmt, der seinesteils so tapfer mitgesungen und so kräftig angestoßen und sein Glas bis auf die Nagelprobe geleert, wie er's gelernt, dazumal als lustiger Korpsbruder zu Halle an der Saale! – Und »An der Saale fernem Strande« klangs vom Klavier, und ein richtiger Kommers war's geworden, an dem die jungen Damen jubelnden Anteil nahmen, bis die Mütter und Tanten schließlich dem übermütigen Treiben ein Ende machten mit der Erklärung, daß morgen auch noch ein Tag sei, und ein Erntetag überdies, und sie für heute nach Hause müßten. Und Herr Spatzing hatte intoniert: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus«, – und ihm – dem stillen Lauscher – war so wunderlich zumute geworden bei dem lieben, alten Liede, denn er hatte daran gedacht, wie lange es dauern werde, daß er »hinaus« müsse und nicht sagen könne, daß er »übers Jahr« sich wieder einstelle und – wessen Schätzlein mochte sie dann sein? Bagdorfs? er hatte sie genau beobachtet während des Liedes; sie hatte nicht mitgesungen, wie sie sich denn überhaupt kaum beim Singen beteiligt; sie hatte so still für sich dagesessen, die Hände im Schoß leicht gefaltet, mit gesenkten Wimpern, die sie nicht ein einzigmal hob, bis das Lied zu Ende war, und als sie dann ausschaute, war es allerdings nach Bagdorf, der in der Tür zum Nebenzimmer mit Julie stand und mit ihr flüsterte, aber in dem Blick war keine Liebe gewesen, viel eher Mißtrauen, Trotz, oder sonst eine unwillige Regung. Und dann war der Blick zu ihm hinübergeglitten, und über das süße Gesicht hatte ein blitzschnelles, schalkisches Lächeln gezuckt – blitzschnell, und doch nicht flüchtig genug für Julie, die den Finger der kleinen weißen Hand schalkhaft warnend hob. Wem hatte die Warnung gegolten? dem schönen Mädchen? oder ihm? oder ihnen beiden? Meinte es Julie ernsthaft mit ihrer Warnung? Es schien bedenklich, die hübsche, voll Schelmerei und Neckerei steckende Frau ernsthaft zu nehmen. Und welche Veranlassung zu wirklicher Besorgnis – wenn sie anders für ihren Freund Bagdorf besorgt war – hätte ihr denn Maggie heute abend gegeben? Oder stand es um jenes Verhältnis zwischen Herrn Bagdorf und Fräulein Maggie so, daß ein einziger freundlicher Blick, der einem fremden Herrn gegönnt wurde, es ins Wanken bringen konnte? Bestand es überhaupt gar nicht? Julie hatte sich freilich Maggies beste Freundin genannt; aber das bewies für diesen Fall noch nicht viel; die besten Freundinnen können Geheimnisse voreinander haben, oder in ihren Ansichten über das, was für ihr beiderseitiges Glück notwendig ist, sehr weit auseinandergehen. Und hatte nicht Maggie ganz ausdrücklich und mit einer bei ihr, wie es schien, durchaus ungewöhnlichen Energie ihm befohlen, kein Wort zu glauben, was Tante Julie von ihr, über sie sagen würde? Das konnte sich doch nur auf jenes sogenannte Verhältnis bezogen haben, das eben deshalb noch keines in dem gewöhnlichen Sinne war, höchstens eines werden sollte, und schwerlich jemals werden würde. »Nein! niemals! niemals!« rief Gerhard, und lachte dann über die leidenschaftliche Heftigkeit, mit der er es gerufen. Das Lachen kam ihm nicht vom Herzen, er fühlte es wohl und ging nun in dem Zimmer auf und nieder mit schnellen, ungleichmäßigen Schritten, und blieb dann wieder stehen, wenn ihm sein Gedächtnis, das heute ganz rebellisch war, den einen und den anderen wichtigen Punkt nicht wieder mit voller Klarheit zurückbringen wollte: ob sie die Rose, die sie ihm geschenkt, wirklich bereits vorher im Garten getragen? Ob sie den Druck seiner Hand erwidert, als er ihr in den Wagen half? Nur in einem war ihm das Gedächtnis ganz treu geblieben: wo er auch ging und stand, und ob er sich in die Sofaecke warf und das Gesicht in den Händen barg, oder am offenen Fenster in die Mondennacht hineinstarrte – immer und überall sah er ihre Augen – die großen, braunen, bald in sanftem Schein erglänzenden, bald in Strahlenfeuer leuchtenden Augen. »Und die werde ich niemals wieder vergessen«, sagte er, »und wenigstens darüber kann ich ruhig zu Bett gehen.« Aber er regte sich nicht vom Fenster, an dem er mit verschränkten Armen lehnte, immer nach Nordost starrend – in die Richtung, wo, wie er wußte, Kosenow lag. Wie traumhaft schön die holde Sommernacht! wie gemacht zum Träumen! Der Himmel droben mit seinem wolkenlosen, schwärzlichen Blau, in dem der goldene Mond bereits westwärts hing, während hier und da einige wenige Sterne schimmerten – der stille Park unten, Baum und Busch und Rasenplätze und Laubengänge hier klar hervortretend, dort heimlich ineinander verdämmernd – war nicht alles wie ein liebes, halbvergessenes Märchen aus der seligen Kinderzeit? Der Nachtwind, der durch das Blätter- und Rankengewirr vor dem Fenster säuselte – er mochte den Träumer nicht stören; auch nicht das gelegentliche Klappern von Tellern und Schüsseln, das irgendwoher aus ferner Küchenregion erschallte, oder der dumpfe Klang einer Fiedel, die – wohl im Leutehause – eine unermüdliche Hand strich – so, gerade so mußte es in einem Märchen wispern und klappern und fiedeln und – horch! welch melodischer Klang? Wehte er auf den Mondenstrahlen hernieder aus Ariels Reich? war's Gesang aus der Tiefe des Parkes von wohlgeschulten Männerstimmen? Aber der schöne Schwede und der Studiosus hatten doch wohl vorhin mit der Familie Sallentin das Haus verlassen? Indessen, sie und der Maler konnten es nur sein; sie hatten das Eichendorffsche Lied bereits heute abend gesungen, nur daß Gerhards gutgeschultes Ohr jetzt deutlicher und immer deutlicher die vierte Stimme – den zweiten Tenor – unterschied, der vorhin – zum großen Leidwesen der Gesellschaft – gefehlt. War es der so lebhaft vermißte, flatterhafte Freund? Er hatte sich des Leichtsinnigen heute abend recht geschämt; aber es schien niemand in seinem Fortbleiben etwas Auffallendes oder gar Bedenkliches zu finden; so hatte denn auch er sich beruhigt und schließlich nur gewünscht, er hätte in dem unbekannten und manchmal nicht ganz gefahrlosen Wasser, durch das er sein Schifflein steuern mußte, den Jugendfreund als Piloten zur Seite gehabt. Da traten die Sänger zwischen den Büschen hervor, kamen auf das Haus zu und standen jetzt unter seinem Fenster. Der Mond schien hell auf die Gestalten: den kleinen Maler, den langen Schweden und seinen Kommilitonen mit der Zereviskappe – wer aber war die vierte Gestalt? Die Größe stimmte ungefähr, aber dieser Mann erschien noch einmal so breit und dick – und doch! »Guten Abend, Gerhard!« riefs herauf. »Guten Abend, Anton!« rief Gerhard hinab. »Darf ich noch zu dir kommen?« »Versteht sich!« »Wir auch?« krähte Herr Spatzing und schlug mit den Armen, als wenn er zum Fenster emporfliegen wollte. »Ihr bleibt unten!« befahl Stude, »oder geht mit herauf. aber legt euch zu Bett und schlaft euren Rausch aus! Sie haben – nämlich alle einen Hieb, Gerhard! Das kommt davon, wenn ich einmal den Rücken wende. Ich hoffe, du bist noch einigermaßen nüchtern, Alter?« »Komm nur!« sagte Gerhard und zog sich vom Fenster zurück, um dem lauten Gespräch in der stillen Nacht, während voraussichtlich die anderen Hausbewohner bereits schliefen, ein Ende zu machen. Denn daß der Freund alle Ursache habe, ebenfalls zu Bett zu gehen, schien leider nur zu gewiß. Achtes Kapitel Gerhard leuchtete dem die Treppe Heraufpolternden entgegen, Unmut im Herzen und eine Strafpredigt auf den Lippen; aber der Unmut schwand, und er fand kein einziges scheltendes Wort, als er das liebe bekannte Gesicht nun vor sich sah, aus dem die gutmütigen Augen ihn so weinselig anlachten. War's doch sein ältester Freund, der Gefährte seiner Jugendspiele, der Genosse auf der Schulbank, der Mitschuldige bei der ersten Zigarre, der Vertraute bei der ersten Liebe, der Bewunderer seiner ersten Gedichte, der Sekundant bei seinem ersten Duell – und der mit ihm an seines Vaters Sterbebett gestanden, und den er seitdem nicht wiedergesehen, »Vier Jahre sind's nun«, sagte Anton; – »er war auch mir ein Vater, weiß es Gott, Gerhard! und den ich mehr liebte, als ich den eigenen liebe; und wenn er nicht gestorben wäre – wozu mir nebenbei keine rechte Veranlassung vorzuliegen schien – so würde auch für mich alles anders gekommen sein, obgleich ich schließlich nicht eben unzufrieden bin, daß es so gekommen ist.« »Es ist dir wenigstens nicht schlecht bekommen«, sagte Gerhard, den korpulenten Freund lachend betrachtend. »Ja, spotte du nur!« rief dieser; – »einmal hatte ich stets das Talent zum Fettwerden, und seine Talente soll man ausrunden; und zweitens: wir wollen uns wieder sprechen, wenn du so lange hier sein wirst wie ich!« »Das werde ich aber nie sein«, sagte Gerhard. »Abwarten, lieber Junge, abwarten! ich habe es hier gelernt, das Abwarten, hier überstürzt sich keiner, kann ich dich versichern. Ich habe hier überhaupt ungeheuer viel gelernt – nur nicht plattdeutsch, das ist unmöglich, das geht gegen unsere thüringische Zunge. Und da wir eben von der Zunge sprechen, Gerhard: die meine klebt mir am Gaumen – und ich habe zufällig hier etwas in der Tasche, was mir Freund Hinrichs in Radebas vorhin heimlich hineingesteckt hat, damit ich unterwegs nicht verdurste – es ist ein prachtvoller Rotspon; Hinrichs schmuggelt ihn selber über die Mecklenburger Grenze – acht Silbergroschen die Flasche! Du erlaubst doch?« Er hatte die Flasche bereits entkorkt und die Wassergläser auf dem Tische vollgeschenkt: »Die liebe alte Heimat, Gerhard!« »Ich sollte es eigentlich nicht«, sagte Gerhard, ihm Bescheid tuend, »aber für einmal mag's sein; morgen –« »Quid sit futurum eras, fuge quaerere! Was morgen sein wird – frage, oh, frage nicht! wie ich es in dem einzigen philologischen Seminar, dem ich zu assistieren das Pech hatte, ebenso treu wie elegant übersetzt habe – frage, oh, frage nicht!« wiederholte Anton mit würdevollem Kopfschütteln und abwehrender Handbewegung – »Carpe diem! carpe diem! freu dich des Lebens! – glaub mir, lieber Gerhard: das ist die Quintessenz der ganzen Weisheit, und wer's begriffen, der hat so ziemlich alles begriffen, was sich begreifen läßt.« »Ich habe wahrhaftig nichts gegen die Freude am Leben«, sagte Gerhard, »du weißt es; und gar heute abend erscheint mir die Welt so schön und das Leben ein so köstliches Ding, aber –« »Kein Aber!« rief Anton; »das ist es ja eben, was dir anklebt wie ein Nessuskleid, und was du durchaus ablegen mußt: dies ewige, leidige Aber! ein verruchtes Wort, ein wahrhaft gotteslästerliches Wort! denn Gott sah an, was er gemacht hatte, und siehe: es war sehr gut. Und nun kommt ihr hinterher und wollt mit eurem ›Aber‹ dem lieben Herrgott sein Machwerk korrigieren, als wär's eines meiner griechischen Exerzitien aus der Sekunda – die waren freilich sehr bunt!« Er lachte in seiner drolligen Weise, indem er die verquollenen Augen beinahe schloß und in sich hineinkicherte, als sei die Scherzeslust ein Wein, den man mit Mühe und Not über die Zollgrenze gepascht und sehr bedächtig trinken müsse, und so, daß keiner der kostbaren Tropfen verloren gehe. »Ich hoffe, daß die deines Zöglings dich etwas weniger rote Tinte kosten«, sagte Gerhard. – »Apropos: wo hat der junge Herr denn den ganzen Abend gesteckt, während sich der Mentor des Lebens freute? Ich dachte anfangs, er sei mit dir; dann merkte ich freilich, daß das nicht wohl möglich sei, und dann habe ich, offengestanden, nach ihm zu fragen vergessen; wußte ich doch wahrhaftig unter so viel neuen Gesichtern, in all dem Trubel und Wirrwarr manchmal kaum, wo mir der Kopf stand. Wie alt ist der Junge denn eigentlich?« Von Antons dickem Gesicht war bei Gerhards ersten Worten das Lachen verschwunden. Er saß da mit einer Miene der Verwunderung und zugleich Verlegenheit, die Gerhard gewiß nicht entgangen wäre, hätte er nicht eben aus einem seiner Koffer ein Kistchen Zigarren hervorgelangt, das er nun öffnete und dem Freunde darbot. Anton nahm, entzündete die Zigarre an dem Lichte, tat ein paar bedächtige Züge und sagte: »Er würde im nächsten Monat fünfzehn werden.« «Würde – werden – was heißt das?« fragte Gerhard erstaunt. »Das heißt, lieber Gerhard, daß der arme Junge – Hugo hieß er – sie nannten ihn aber mit ihrer gewöhnlichen Diminutivendung: Huging und lachten mich aus, weil ich anfangs stets Hucking sagte – mit einem harten K, weißt du – und das Diminutiv klang um so komischer, weil Huging so lang war wie Lewerenz' sein Kind; und das war sein Unglück, denn ich bin überzeugt, sonst wäre er nicht oben gegen die Tür gestoßen, als das Pferd, das mit ihm durchgegangen war, wieder in den Stall setzte; so aber kriegte er den ganzen Schlag vorn gegen die Stirn und lebte dann freilich noch sechs Wochen; aber es war schließlich ein Glück, als er starb – ein großes Glück.« Anton seufzte und leerte das halbvolle Glas, indem er den Inhalt langsam, ohne abzusetzen, in die Kehle laufen ließ. Gerhard traute seinen Ohren kaum. »Und das hast du deinem Vater, hast du mir nicht geschrieben?« rief er; »und läßt mich hierher kommen, so unvorbereitet, daß es der reinste Zufall ist, wenn ich mit meiner kläglichen Nichtkenntnis der Personenverhältnisse so durchgeschlüpft bin, ohne durch eine verfängliche Frage anderen Schmerz zu erregen oder selbst in die größte Verlegenheit zu geraten! Nein, Anton, das ist zu stark! das ist über den Spaß! Wie lange ist denn der Knabe tot?« »Drei Jahre«, sagte Anton kleinlaut. Gerhard war aufgestanden und schritt schweigend im Zimmer hin und her; Anton betrachtete aus seiner Sofaecke bald den erzürnten Freund und bald das leere Glas, das er sich nicht wieder vollzuschenken wagte, trotzdem ihm ein Labetrunk gerade jetzt besonders willkommen gewesen wäre. Da Gerhard gar nicht wieder sprechen zu wollen schien, mußte er's schon, und so sagte er denn in weinerlichem Ton: »Siehst du, Gerhard, das wußte ich; und deshalb bin ich heute abend auch bei Hinrichs sitzengeblieben, trotzdem wir die Post kommen sahen, und Hinrichs selbst sagte: nun müßte ich wohl fort. Ich dachte, sein erstes Wort ist nach dem Jungen, und dann ist die Katze aus dem Sack. Aber Gerhard, das wirst du mir zugestehen: ich habe niemals positiv weder dir noch dem Alten gegenüber behauptet, daß der arme Junge, der übrigens ein richtiger Tunichtgut war, noch lebe; ich habe nur nicht gesagt, daß er tot sei.« »Eine reizende Entschuldigung!« sagte Gerhard. »Wenn man sich gern entschuldigen möchte und über keine besseren Gründe verfügen kann, hat der schlechteste noch einen gewissen Reiz«, erwiderte Anton; »und dann, Gerhard, ein gerechter Richter muß sich auch auf den Standpunkt des Angeklagten zu stellen, ja in seine Seele zu versetzen wissen –« »Ich klage dich nicht an und bin dein Richter nicht«, sagte Gerhard. »Mir bist du es«! rief Anton; »der einzige, den ich anerkenne, weil er mich nicht ungehört verdammen wird, wie es der Alte zweifellos täte. Und dann, wie solltest du nicht bis zu einem gewissen Punkte mit mir sympathisieren können, der du bis zu einem gewissen Punkte ganz dasselbe an dir erfahren? Du hast, deinem Vater zuliebe, Jura studieren müssen, wie ich auf Verlangen des meinigen Theologie; wir haben beide unser erstes Examen gemacht, du, weil du, gewissenhaft wie immer, auch gegen deine Neigung gearbeitet hattest, ich, trotzdem ich meiner Neigung, nicht zu arbeiten, durchaus gefolgt war: also gewissermaßen gegen meinen Willen und ganz gewiß ohne mein Zutun, und Gott mag's den Herren Examinatoren vergeben! Nun freilich trennen sich unsere Wege: dein guter Vater starb; der meine lebt; du warst in jeder Beziehung dein eigener Herr, ich war es in keiner. Du hattest von dem Gelde deines Vaters, sagen wir: deinem eigenen Gelde, studiert; ich hatte ebenfalls mit dem Gelde deines Vaters, sagen wir: anderer Leute Geld, gefaulenzt. Du hattest ein Recht zu sagen: jetzt will ich meinen Weg – einen neuen Weg – gehen; ich hatte das Recht nicht; ich hatte vorher gebummelt; was sollte ich tun, als weiter bummeln, da ich einen neuen Weg zu wählen und nun gar konsequent zu verfolgen nicht die Kraft besaß und auf dem alten zum Ziele zu gelangen nicht die mindeste Lust verspürte?« Er hatte sich nun doch das Glas wieder vollgeschenkt, einen tiefen Zug getan, und fuhr in einem viel sichereren, fast lebhaften Tone fort: »Ich will kein großes Gewicht darauf legen, daß ich niemals aus Überzeugung Pastor hätte werden können; ich habe wiederholt für unseren hier – ein drolliger alter Stöpsel – nicht wahr? – gepredigt und gefunden: es geht ganz gut auch ohne Überzeugung, ja, die Sache hat sogar ihr Amüsantes, das sich allerdings später wohl verlieren mag; aber da sind zwei andere Umstände, die für mich unüberwindlich waren. Sieh mal, Gerhard: du bist – ich erkenne es dankbar an – nie ein Spielverderber gewesen und nichts weniger als ein Pedant; aber – es geht eben, wenn man von dir spricht, ohne Aber nicht – du bist ein enthusiastisches, opferfreudiges Gemüt, dem es nur wohlig ist, wenn es, mit Hintenansetzung des eigenen Vorteils, für anderer Leute Vorteil schaffen und wirken kann. So warst du von jeher, so bist du ohne Zweifel noch heut. Das ist eine Anlage, wie andere auch, für die man dem Himmel dankbar sein mag, wenn man sie hat. Ich habe sie, sage was du willst, nicht, oder in verschwindend kleinem Maße: erstes Fakt. Zweites Fakt: du warst, als dein Vater vor vier Jahren starb, der Älteste, der Senior der Familie, trotz deiner damals einundzwanzig Jahre; deine liebe Mutter, deine drei Brüder – sie waren auf deine Einsicht, deine Energie, schließlich auch auf dein kleines Privatvermögen angewiesen. Für eine liebe Mutter tut man alles, und mit Brüdern, wenn sie noch so unbändig sind und uns noch so unbändig viel Geld kosten – entweder werden sie mit einem, oder man wird mit ihnen fertig, auf alle Fälle kommt die Geschichte zu Ende, und die liebe Seele hat Ruhe. Zugestanden? Schön! Nun aber ich? Meine arme Mutter war in ihrem elften Wochenbett gestorben, bei der Geburt ihrer zehnten Tochter. Mein Vater – Gott erhalte ihm sein Gottvertrauen und seine Zähigkeit! erhalte sie ihm für seine zehn Töchter und gebe, daß ich, sein einziger Sohn, nie an seine Stelle zu treten brauche, so lieb mir auch die Erinnerung an die alte, efeuumrankte Kirche in unserem lieben alten Heimatdorfe da oben in den lieben alten Heimatbergen ist! Ja, ich gehe noch einen Schritt weiter: Gott verhüte, daß ich überhaupt jemals in eine Stelle komme! denn was würde die Folge sein? Der Alte würde mir sofort fünf schicken als Abschlagszahlung und den Rest im Sterbefalle; und ich säße auf einer Pfarre, die vielleicht nicht einmal für eine einzige Quarre eingerichtet ist, mit zehn Schwestern, von denen bis zum jüngsten Tage von der ältesten bis zur jüngsten mir kein Christenmensch eine abnimmt. Die armen, häßlichen Kirchenmäuse! – Das war das zweite Faktum, über das ich nicht wegkonnte, Gerhard! und nun sei wieder gut! oder ich tue mir ein Leides an und gehe in das zweite Examen, was für mich, ich schwöre es dir, gleichbedeutend mit Selbstmord wäre!« »Du bist und bleibst –« »Ein Faulpelz, ein Bärenhäuter, ein Tunichtgut, ein Taugenichts – nenne mich, schilt mich, wie du willst! ich habe alles verdient; ich verdiene auch nicht, daß ich dein Freund heiße; aber ich kann ohne deine Freundschaft nicht leben.« »Und mit meiner Freundschaft auch nicht, wenigstens nicht hier!« rief Gerhard. Anton setzte das volle Glas, das er bereits den Lippen genähert, zögernd wieder auf den Tisch und sagte kleinlaut: »Nun gar! Du meinst doch nicht –« »Beantworte mir nur die eine Frage!« unterbrach ihn Gerhard; »in welcher Eigenschaft hast du, nachdem du kaum ein halbes Jahr hindurch – ich will annehmen, deine Schuldigkeit getan – diese letzten drei Jahre hier gelebt?« Anton kraute sich in dem starren, sehr kurz um den runden Kopf geschorenen Haar: »Höre«, sagte er, »das ist eine verzweifelte Frage, wenn du sie wörtlich nimmst. In welcher Eigenschaft? Höre, Gerhard: es ist doch etwas Furchtbares um die positiven Geister, denen es nicht, wie Nathan dem Weisen, genügt, ein Mensch zu sein. In welcher Eigenschaft? ich kann dir entweder keine, oder ich muß dir ein halbes Dutzend nennen: als Gesellschafter Herrn Zempins, der doch, als Witwer, positiv einen Gesellschafter brauchte; als sein Vertrauter und postillon d'amour , während er vor zwei Jahren um seine jetzige Frau warb, die doch wirklich entzückend ist mit ihren weißen Zähnen und Schultern – die erste habe ich nicht mehr gekannt – sie soll ebenfalls sehr schön gewesen sein –; weiter: als sein Sekretär und Buchhalter vorher und nachher, obgleich allerdings mein Amt in letzterer Beziehung so ziemlich eine Sinekure ist; als sein Vorleser an langen Winterabenden, wenn er auch meistens über der Lektüre einschläft; als Frau Zempins rechte Hand bei allen gesellschaftlichen Arrangements, wenn ich dieses Ressort auch provisorisch an den kleinen Spatzing abgetreten habe – als ihr Chapeau auf den Bällen im zehnmeiligen Umkreis, wohin sie Herr Zempin entweder nicht begleitet, oder wo er sich jedenfalls nicht um sie bekümmert; als –« »Hans Dampf in allen Gassen«, unterbrach den Redseligen Gerhard ärgerlich, »als fünftes Rad am Wagen, als Lückenbüßer im besten Fall! Und in dieser ehrenhaften Qualität soll ich dich hier als meinen Jugendfreund anerkennen? Muß ich dir auseinandersetzen, wie peinlich, ja wie demütigend das für mich ist? um so mehr, als ich selbst mich hier in keiner festumschriebenen Stellung bewege und alle Klugheit und allen Takt nötig haben werde, mir nach keiner Seite hin weder etwas zu vergeben noch Ansprüche zu machen, zu denen ich nicht berechtigt bin?« »Nun gar!« erwiderte Anton gedehnt; »das heißt, du hast ja recht, vollkommen recht, von deinem – will sagen, von unserem thüringischen Standpunkt; aber eines, weißt du, schickt sich nicht für alle, und was für unsere Verhältnisse sehr unschicklich oder völlig unmöglich wäre, ist für die Verhältnisse hier durchaus in der Ordnung, ja eine Notwendigkeit. Du wirst mir das einräumen, sobald du mit Land und Leuten nur einigermaßen bekannt bist. Fünftes Rad, sagst du? aber sie spannen hier vier mächtige Gäule vor, wo wir mit einer alten mageren Kuh fertig werden, weshalb sollen sie hier nicht fünf Räder am Wagen haben? eine mechanische Unmöglichkeit liegt nicht vor, wenn sich das fünfte nur mit den übrigen vieren bewegt und dreht.« Antons rundes Gesicht glänzte vor Wonne über die gelungene Beweisführung, für die er sich mit einem übervollen Glase belohnte, um dann im zuversichtlichsten, behaglich-dozierenden Tone fortzufahren: »Es geht hier eben alles ins Große und Breite, und warum auch nicht? sie haben es ja dazu. Sie brauchen sich hier nicht vor Überschwemmungen in den Niederungen zu fürchten und vor Dürre in den Bergen – sie brauchen nur zu säen und sind sicher, daß sie ernten; sie haben kein hungriges Proletariat, das ihnen das bißchen Wohlstand aufzehren hilft oder verleidet; der ärmste Katemann und Tagelöhner hierzulande ist besser daran, als mancher Bauer und Schulze bei uns; sie haben vor allem, in diesem stillen Winkel wenigstens, den Jammer des Dreißigjährigen Krieges, das Elend des Siebenjährigen, die Not der Freiheitskriege gar nicht oder kaum gespürt, und nicht nötig, ihre beste Kraft daran zu setzen, um Wunden zu heilen, die ihren Großvätern und Urgroßvätern geschlagen wurden. Das wissen sie, das fühlen sie, danach leben sie, und danach beurteilen sie die menschlichen Dinge. Du machst dir zum Beispiel ganz unnötige Sorgen über deine Stellung hier im Hause und in der Familie. Du bist, weil du wünschtest, die hiesigen ländlichen Verhältnisse kennenzulernen, durch meine Vermittlung als Volontär hierher gekommen; aber in den Augen Herrn Zempins – du magst nun anstellen, was du willst – wirst du nie etwas anderes sein als ein lieber, hochwillkommener, hochgeehrter Gast, um den Tränen fließen werden, wenn er wieder geht, und der, wenn er den Mut hat, von Kostgeld sprechen mag. Ich habe den Mut nicht gehabt, das Thema auch nur zu berühren – Gott soll mich bewahren! – ich glaube, er schlüge mir ein paar Knochen im Leibe entzwei! Du weißt nicht, was pommersche Gastfreundschaft ist! ich sage dir, der reine Homer in Stulpenstiefeln! Wie viele seid ihr heute abend bei Tisch gewesen? ich kalkuliere, einige dreißig. Es war Sonntag, meinst du, und Gesellschaft? ich sage dir, so kann es jeden beliebigen Alltag sein, ohne daß ein Mensch geladen ist. Du bist gekommen, du bist willkommen – und damit ist für deine Wirte die Sache positiv erledigt; das andere hast du selber mit dir abzumachen. Willst du acht Tage bleiben – gut; aber auch, wenn du acht Jahre bleibst, man wird kein Wort darüber verlieren, höchstens darüber wegsterben, und dann übernimmt dich der Sohn oder beliebige Rechtsnachfolger. Du lachst? ich sage dir, das ist nicht bloß alles hier schon dagewesen – das kommt alle Tage vor. Da ist Salchen – sie kam vor acht Jahren, als Zempins erste Frau, deren Cousine oder dergleichen sie war, gestorben, auf eine Woche, um ein bißchen nach dem Rechten zu sehen – du weißt nicht, wer Salchen ist? Aber du mußt sie doch bemerkt haben, wenn nicht vor Tisch oder nach Tisch, so doch bei Tisch beim letzten Gang, und wo der Plätze letzte sind? Das derbe Mädchen mit den kohlschwarzen Locken und den weißen Zähnen und dem stereotypen Lächeln auf dem Gesicht, das stets vom Widerschein des Küchenfeuers glänzt! Nein? freilich, dergleichen Blümchen Wunderhold sind nicht für euch vornehme Herren; die findet nur, wer im Walde so vor sich hin geht, um nichts zu suchen – du meinst, ich habe sie gefunden? gestehe, was dein frivoles Lachen bereits verraten hat! du glaubst nicht an die Uneigennützigkeit der Freundschaft zwischen einem Jüngling von fünfundzwanzig und einer Jungfrau von fünfunddreißig, auch nicht, wenn der Jüngling gern gut ißt und trinkt und die Jungfrau in dem Departement von Küche, Keller und Speisekammer unumschränkt regiert! Aber kann ich dafür, wenn sie – in jener seltsamen Verblendung, welche liebende Gemüter nur zu oft verdunkelt – an meine feierliche und loyale Erklärung, daß ich niemals mein zweites Examen machen werde, nicht glaubt? oder wenn sie – mit der Findigkeit eines suchenden Herzens – neuerdings entdeckt hat, daß die Theologie vielleicht nicht einmal mein eigentlicher Beruf sei, ich vielmehr das ausgesprochenste Talent zu einem Landwirt habe? Ich habe ihr lachend erwidert, daß ich diese Supposition notwendig übelnehmen müsse, sintemalen hierzulande jeder den entschiedenen Beruf zum Landmann hat, der für jede andere ehrliche Hantierung entschieden zu dumm ist; aber Salchen hat den Humor meiner Replik nicht gefaßt; sie hat überhaupt keinen Humor; wenige Menschen haben Humor – hierzulande kein einziger – Spatzing nicht ausgenommen; alle sind sie nur komisch – ein Objekt für den, der den Humor hat. Jean Paul hat diese äußerst feine Distinktion mit dem Tiefblick des wahren Genies gemacht – überhaupt Jean Paul, höre! du! phänomenal, wenn auch ein bißchen konfus und überspannt – Schuld der miserabeln Verhältnisse – hätte hier in Pommern leben müssen, wo nichts kuhschnappelmäßig verhungert oder wolkenkuckuckshaft verhimmelt und verblasen – im Gegenteil, alles plastisch, konkret, zum Greifen reell ist. Guter Gott! wenn ich denke, was der Mann aus dem komischen Stoff, der hier brach liegt, gemacht haben würde! was noch jeden Tag ein wahrhaft großer humoristischer Dichter, wenn er käme, aus diesem Stoff machen würde! er braucht ja nur zuzugreifen! Höre! ich habe manchmal gedacht, ich wäre der glückliche Mann; ich bin plastisch, konkret, reell, materiell, wenn du willst, und Humor – höre, Humor –« Die schwere Zunge versagte plötzlich ihren Dienst, die kleinen Augen schlossen sich vollends, der große, runde Kopf sank seitwärts auf die Sofalehne; nur mit Mühe konnte Gerhard den Trunkenen aufrütteln, der lallend versicherte, es sei nicht der Wein, sondern die Freude des Wiedersehens, oder die Hitze des Tages, oder der Gedanke an Salchen, bei dem er erfahrungsmäßig jedesmal einschlafe. Auf alle Fälle könne er allein zu Bett gehen, denn hinsichtlich des Bettes halte er es mit Montaigne, der es hart liebte und für sich allein, in welchem Punkte der Franzose von Horaz abweiche, den er übrigens auch verehre als einen kleinen, dicken, behaglichen Kerl, obgleich man freilich bei ihm, wie bei allen klassischen Gliederpuppen, vergeblich nach Humor suche. »Denn Humor, Gerhard, siehst du, Humor –« Das momentane Versiegen schien die Fülle des Redestroms nur vermehrt zu haben. Gerhard mußte seine ganze Autorität aufbieten, um den Taumelnden zu vermögen, sich in sein Zimmer zu begeben, das glücklicherweise, nur wenige Türen entfernt, ebenfalls an dem Hauptflur des oberen Stockes nach dem Hofe zu lag und denselben Eindruck von Unbehaglichkeit und Unbewohntsein machte, der Gerhard noch von des Freundes Studentenzimmern her in peinlicher Erinnerung war. Er soll von hier fort; er geht hier unter, sprach Gerhard bei sich, als er nun wieder sein eigenes Zimmer aufsuchte; solche Verhältnisse mußten einem Geiste, wie dem seinigen, verderblich werden. Man ißt nicht ungestraft Lotos mit den Lotophagen! Der gute, leichtlebige Mensch! Mein Gott! ich hab's ja an mir selbst erlebt – heute – welch wunderbare, selige Lotosstunden – oder waren's Tage, waren's Wochen? Gerhard stand an dem offenen Fenster, abwartend, daß der Tabaksrauch sich verzogen hätte, nur mit Mühe die Müdigkeit bekämpfend, die nach den Anstrengungen und Aufregungen des Tages sich bleiern auf sein Hirn legte. Er war kaum noch imstande, die einzelnen Szenen und Momente voneinander zu sondern. Der abendliche Garten, der mondbeschienene Hof, der helle Gesellschaftssaal – das webte und floß ineinander wie die Bilder einer Laterna magica; und so wandelten sich die Personen eine in die andere; nur formte sich aus dem Chaos immer wieder das Bild des holden Mädchens, das ihm die Rose geschenkt, die er wieder hatte herausgeben müssen. War's ein Symbol gewesen ihrer schwankenden Gunst? war's eine Probe, zu sehen, wie hartnäckig er verteidigen würde das ihm aus Götterschoß und goldenen Wolken zugefallene Glück? Hatte er die Probe schlecht bestanden? Man pflegt nicht so glücklich zu sein nach einer verlorenen Schlacht! nein! die Schlacht war nicht verloren! und muß man in solchem Kampfe nicht zuvor besiegt sein, um siegen zu können? ja, nur siegen zu wollen? und sagte ihr letzter Blick nicht: morgen sehen wir uns wieder, da wird es sich entscheiden! Oh, daß es schon morgen wäre! Der Nachtwind, der lauter in den Blättern vor dem Fenster raschelte, weckte den Träumer. Der Anblick des Himmels hatte sich verändert: den Mond, der bereits über den Wipfeln der Bäume hing, verschleierten graue Wolken, durch die ein fahles Licht nur noch spärlich drang. Unter den hohen Bäumen, zwischen den dichten Bosketts des Parkes lag die Nacht schwarz und undurchdringlich; über dem weiten Rasenplatze dämmerte ein unsicheres Grau, so daß Gerhard die Gestalt, die vom Hause herkommend sich nach der Tiefe des Parkes zu bewegte, erst gewahr wurde, als sie die Mitte des Platzes erreicht hatte, wo der Lichtschein aus dem Fenster eine scharfe Helligkeit hervorbrachte. Die Gestalt blieb plötzlich stehen und wandte sich nach dem Fenster. Vielleicht hatte der nächtliche Wanderer die helle Stelle vorher nicht bemerkt oder für Mondschein gehalten, oder doch angenommen, daß der Schein aus einem verschlossenen Fenster falle, und hemmte nun den Schritt, ängstlich, zu wissen, ob das Licht in dem Zimmer des Fremden vielleicht nur aus Unachtsamkeit brennen geblieben war. Gerhard hatte mittlerweile die breiten Schultern und den langen Rock von Vadder Deep erkannt. Er wollte dem alten getreuen Eckehart kein Ärgernis geben; er schloß das Fenster und löschte das Licht, um ihn glauben zu machen, daß er zu Bett gegangen sei. Aber als er nun, bereits halb entkleidet, wieder an das Fenster trat, stand die Gestalt in derselben Haltung auf demselben Platze. Einem Käfer gleich, dachte Gerhard, den etwas in seinem Laufe erschreckt hat, und den der Schrecken festhält, lange, nachdem die Gefahr vorüber ist. Gerhard mußte lachen; aber das Lachen schwand und machte einer sonderbaren Empfindung von Mißbehagen und Ärger Platz, als die Gestalt, trotzdem wiederum mehrere Minuten vergangen waren, sich noch immer nicht bewegte. Ich könnte wahrhaftig nicht einschlafen, wenn ich denken müßte, daß der alte Narr da wer weiß wie lange noch hier nach dem Fenster mit seinen verschwommenen Augen blinzelt; dachte Gerhard, und hatte in demselben Moment das Fenster geöffnet. »Wer da?« Ein Windstoß schlug das Fenster klirrend wieder zu. Hatte das Geräusch den Alten verscheucht? war er des Wartens überdrüssig geworden? jedenfalls hatte Gerhard die Beruhigung, daß der Platz frei war, als jetzt die Wolke sich verzog und der Mond sein geisterhaftes Licht über den Park streute. Aber auch die traumselige Stimmung war verschwunden. Dafür bemächtigte sich seiner, wie er nun so nach dem Feuerzeug tastete, eine seltsame Beklommenheit, ein ihm sonst ganz fremdes, unbestimmtes Grauen vor einem namenlosen Unheil, das aus dem Dunkel an ihn heranschleiche. War's einfach Überreizung seiner Nerven, welche die Überfülle der Ereignisse und Eindrücke des Tages leicht erklärte? war die schwarze Gestalt draußen ebenfalls ein Symbol gewesen und eine Mahnung? ein Symbol des Schattens, der gerade da am schwärzesten ist, wo die Sonne am goldigsten scheint – eine Mahnung des leidigen Dämon »Aber«, dessen Einfluß nach des Freundes Aussage übermäßig bei ihm sein sollte? Er war an dem Tische, wo das Licht wieder brannte, stehengeblieben, hatte die Mappe aufgeschlagen und durchflog noch einmal die Briefe der Brüder. Max' Brief war die Antwort auf die erste Ankündigung seines Entschlusses, bis zum Spätherbst auf ein pommersches Gut als Volontär zu gehen; mit Fritz hatte er seitdem bereits mehrfach korrespondiert. Aus beider Brüder Briefen sprach, ihrem verschiedenartigen Charakter gemäß, aber in gleich rührender Weise, die Liebe zu ihm, die Sorge, daß er sich um ihret- – der Brüder – willen unerträgliche Lasten aufbürde. Max schrieb: »Im Begriff, mit einem halben Dutzend Kameraden zu unserer Stammkneipe am Monte Testaccio auszuziehen, erhalte ich Deinen Brief, und sitze nun hier, nachdem ich die Bande weggeschickt, in meinem einsamen Atelier mit einem Katzenjammer, als hätte ich all den Orvieto im Leibe, den die anderen zusammen heute noch trinken werden. Beim heiligen Raphael, welche Nachricht! Während ich hier, unter dem Vorwand zu studieren, in der heiligen Roma seligste Tage und entzückendste Nächte verschlendre und verdehne, willst Du es Dir – wie der Kaiser in der Ballade – sauer werden lassen in Hitze und Kälte, denn ich bin überzeugt, daß es auch während der Erntezeit gelegentlich friert in dem vermaledeiten Lande, das ja wohl gen Norden an die Eskimos grenzt! willst unter plattköpfigen, plattredenden, plattmäuligen Menschen, die Fischblut in den Adern haben und nach Robbentran duften, Monate deines kostbaren Lebens vertrauern als – Volontär! das heißt als ein Mensch, der keinen Willen hat, haben darf, als den seines plattköpfigen usw. (siehe oben!) seines Prinzipals, Du: der Chef unserer Familie, der Burgherr von Vacha! – Gerhard, Du weißt, es war mein liebster Gedanke von jeher, unseren halb verfallenen Ahnensaal auf Vacha wiederherzustellen in seinem alten, romanischen Glanz und die übertünchten, verräucherten Wände mit prachtvollen Fresken zu erleuchten. Aber wenn ich denke, welcher Mühen, Entbehrungen – Demütigungen Du Dich unterziehen mußt, um die wackligen Fundamente erst einmal wieder mit soliden Futtersteinen zu untermauern, dann, Gerhard, ja dann möchte ich Zirkel und Winkelmaß und Pinsel und Palette in den Tiber werfen, wo er am tiefsten ist, und mein Leben als Rinderhirt in der Campagna beschließen. Nein, nein! ich fühl's: ich habe genug gebummelt! ich muß zurück; ich muß in München sehen, was die Berge von Skizzen gebären, die ich hier zusammengeschmiert; ich weiß, dies ist mein letzter Brief aus Rom –« »Und ich«, murmelte Gerhard lächelnd, »weiß, daß er sich's überlegen wird; ja mehr: daß er noch an demselben Abend sein Teil Orvieto in derselben Osterie am Monte Testaccio mit denselben Kameraden getrunken hat.« Er nahm den Brief des Bonner Studenten, dessen kleine, gleichmäßig zierliche Schrift mit den kühnen, hastig-unregelmäßigen Zügen der Hand des Künstlers wunderlich kontrastierte: »Lieber Gerhard! Ich würde Dich schon wieder um Geld bitten müssen, wäre ich nicht überzeugt, daß es bereits unterwegs ist. Bin ich doch von jeher gewohnt, meine Wünsche von Dir erfüllt zu sehen, bevor ich sie ausgesprochen. Die Dissertation ist fertig und geht morgen in die Druckerei. Tu l'as voulu! Ich könnte doch möglicherweise Lust bekommen, die Dozentenkarriere einzuschlagen, sagtest Du; und da sollten denn alle Vorbereitungen getroffen sein. Und so zwingst Du mich, Dir Kosten zu machen, die vielleicht, die wohl gewiß unnötig sind, denn, wie ich jetzt denke, ist all mein Sinnen und Trachten auf das handelnde Leben gerichtet. Ich brenne darauf, vor eine große, komplizierte Aufgabe gestellt zu werden, wie sie der Vachasche Rechtshandel war. Es klingt ja sehr anmaßend, Gerhard, aber – die Professoren haben mir mit ihren Komplimenten den Kopf verdreht – ich bin überzeugt, wäre ich unseres Vaters Anwalt gewesen: wir hätten den Prozeß nicht verloren; wir hießen nicht bloß, wir wären Barone von Vacha, und unser Ältester brauchte nicht, um das zerbröckelnde Gebäude unseres Glücks vor dem Einsturz zu bewahren, sich durch das Leben zu arbeiten und zu plagen wie ein Pächterssohn –« Gerhard ließ den Brief aus der Hand gleiten. Die lieben Jungen! als ob ich Gott Apollo selber wäre, der vom Olymp herabgestiegen, um die Herden des Admet zu weiden! Mich bedauern, mich! Du, mein pochend Herz, du weißt es besser! Und doch hat der Anton recht: ich kann mein Ohr gegen die Stimme der Pflicht nicht verschließen; ich habe es nie gekonnt. Und keine holden Mädchenaugen und kein silbernes Mädchenlachen sollen mich je vergessen machen, was da geschrieben steht überall zwischen den Zeilen, daß ich für euch denken und handeln und voll Rat und Mäßigung und Weisheit und Geduld sein muß weit über meine fünfundzwanzig Jahre. Das kleine Sofa war nicht bequemer geworden, und der wacklige Tisch knarrte wie vorher; aber – er hatte sich erkundigt – die Post nach Grünwald kam nur einmal, des Morgens früh, durch Kantzow; so hätten die Briefe erst übermorgen abgehen können. Das durfte nicht sein, Bruder Max in Rom mochte sich immerhin noch ein wenig gedulden, die beiden anderen sollten nicht vergebens auf ihren Ältesten hoffen. Wohl noch eine Stunde lang schimmerte das Licht aus dem weinrebenumrankten Fenster in den nun völlig dunkeln Park. Und Gerhards Augen, auch wenn sie weniger heiß und von dem langen Starren auf das Papier geblendet gewesen wären, hätten, als er dann noch einmal an das Fenster trat, die schwarze Gestalt nicht aus dem schwarzen Schatten der Bosketts lösen können, in dem sie noch immer stand und nach dem erhellten Fenster blinzelte; und jetzt, als das Licht zum zweiten – wohl für heute nacht zum letzten Male erlosch, die geballte Faust schüttelte, und dann mit langen raschen Schritten durch die Gänge dahineilte, während der Nachtwind in den Büschen zu beiden Seiten raschelte und aus den riesenhohen Pappeln in der Tiefe des Parkes die Eule schrie. Zweites Buch Erstes Kapitel. Seit Gerhards Ankunft auf Kantzow waren neun Tage vergangen – Tage, wie sie sich der Landmann zur Erntezeit wünscht, und wie er sie braucht. Schon um drei Uhr war es hell, und wenn die Sonne eine Stunde später, von keinem leichtesten Nebel verschleiert, schwimmend und zitternd in ihrem Glanz, über dem Horizont auftauchte, kam sie wie eine übermächtige Kaiserin in ein bereits unterjochtes Land. Und den langen heißen Tag über hemmte sie nichts in ihrem Triumphzuge; selbst die großen, weißen Wolken, die manchmal gegen Mittag sich an dem tiefblauen Himmel türmten, standen ehrfurchtsvoll beiseite und wollten mit ihrem blendenden Schein nur die Macht und Pracht der Herrscherin erhöhen und widerspiegeln. Und im Westen waren die Gluten noch nicht verloschen, die hinter der Scheidenden herflammten, so erschien bereits der goldene Mond, der folgsame Trabant, dienstfertig schnell dieselbe Bahn durchlaufend, wie um sich zu überzeugen, daß heute nichts vergessen und alles bereit sei für das Schauspiel, das morgen mit derselben Pracht gefeiert werden sollte. Und wie in den himmlischen Räumen ein Tag dem anderen zum Verwechseln glich, so boten die heißen Felder Tag für Tag dasselbe Bild. Wohin das Auge blickte – überall tauchten aus dem goldenen Meer der Ähren die Köpfe von Hunderten und aber Hunderten von Mähern und Binderinnen; überall auf den Wegen und über die Felder rasselten von den Höfen her die vierspännigen leeren Wagen, kehrten die vollbeladenen in kaum geringerer Eile zu den Höfen zurück. »Immer in Galopp, nur immer in Galopp!« sagte der Oberinspektor Klempe zu Gerhard; »das ist die Hauptsache, Herr von Vacha; dann kriegen wir auch den Roggen bis Sonnabend ins Fach– nur immer in Galopp – das muß man kennen!« Es war nahe der Scheide von Kantzow und Retzow. Gerhard hatte an einer weit entfernten Stelle das Einfahren überwacht und war eben herübergeritten, dem Oberinspektor, der hier mähen ließ, zu melden, daß man voraussichtlich für die Woche noch mit mehreren Hunderten von Fudern im Rückstande bleiben werde. »Ich würde einen schlanken Trab unter allen Umständen für rationeller halten«, erwiderte er. »Was ist das nun wieder: rationeller?« sagte Herr Klempe; – »das ist ja ein ganz equivoques Wort! das hab' ich noch mein Lebtag nicht gehört!« »Rationeller ist: verständiger, zweckdienlicher, Herr Klempe.« »Ja, warum sagen Sie das denn nicht gleich!« rief Herr Klempe. »Sie brauchen selbst nicht selten Fremdwörter, Herr Klempe«, erwiderte Gerhard lächelnd; und für sich setzte er hinzu: »und beinahe immer falsch.« »So?« rief Herr Klempe; »tue ich das? Das weiß ich ja partout nicht; aber posito gesetztenfalls, so sind es Wörter, die jeder Christenmensch braucht, und nicht solche equivoque, die kein Teufel kennt: rationeller! – willst du stehen, Racker!« Herr Klempe stieß seinem großen, starkknochigen Schimmel die Sporen in die Flanken, riß ihn dann wieder mit plumper Faust zurück und fuhr fort: »Rationeller! na, meinetwegen! aber Galopp, Herr von Vacha, Galopp, das ist absolutement nötig; das ist staatscher – läßt besser, mein' ich, und hält die Kerls wach, daß sie nicht auf den Mähren einschlafen. So was muß man kennen! Und was das Fertigwerden betrifft: man kann nicht mehr tun, als man tun kann. Was nicht ins Fach kommt, setzen wir in Mieten; was wir nicht in Mieten setzen, bleibt in den Hocken stehen; einmal kommt's auch dran.« »Aber vielleicht zu spät«, erwiderte Gerhard lebhaft; »wir werden dies Wetter nicht ewig haben; das Barometer fällt seit gestern zusehends, und der Herr Landrat hat, wie Sie wissen, die Sonntagsarbeit definitiv verboten.« »Was ist das nun wieder: definitiv?« »Endgültig.« »Und eine verdammte Schererei ist das von dem Herrn Grafen!« rief Klempe; »wenn er weiter nichts wollte, hätte er in Gottes Namen noch vier Wochen in Berlin bleiben können. Solange die Welt steht, hat noch jeder Christenmensch sonntags eingefahren, wenn in der Ernte die Arbeit prestiert.« »Trotzdem komme ich auf meinen Vorschlag zurück«, sagte Gerhard – »die Retzower werden bis heute abend entschieden mit dem Roggen fertig; die Kosenower haben keine Eile, da sie über acht Tage in der Reife zurück sind; man könnte ihnen beim besten Willen nicht helfen. So sind die sechs Retzower Gespanne auf drei bis vier Tage frei. Mit sechs Gespannen mehr sind wir bis Sonnabend mit dem Roggen fertig und bringen auch unser Heu herein, wozu es wahrhaftig die höchste Zeit wäre.« »Das ist klar wie Kloßbrühe«, rief Klempe; – »aber was hilft alles Reden? Sie tun's nun einmal nicht, unser Herr und der Vogelsteller auf Kosenow; sie geben sich kein gutes Wort, und posito gesetztenfalls, sie täten's, käme Vadder Deep doch hinterher und sagte: ›Ich kann die Pferde nicht hergeben‹; dann wär's noch just so; das muß man kennen! Jochen Schnut! Jochen Schnut!« Der Statthalter Jochen Schnut, der eben, als der erste von vierzig bis fünfzig Mähern, den frischen Anhieb getan, trat aus der Reihe, kam, die Sense auf der Schulter, heran, rückte vor Gerhard die Mütze und blickte mit den hellen Augen fragend zu dem Inspektor empor. »Glaubst du, Jochen Schnut, daß Vadder Deep uns die Pferde auf drei oder vier Tage gibt?« »Ja, Herr Inspektor, wie soll ich das wissen?« »I, Jochen, stelle dich nur nicht so dämlich! Du kennst Vadder Deep: glaubst du's, oder glaubst dies nicht?« »Na, Herr Inspektor, dann glaube ich es nicht.« Herr Klempe blickte Gerhard triumphierend an und fuhr in seinem Examen fort. »Und warum glaubst du es nicht, Jochen Schnut?« »I, Herr Inspektor, das kann er ja von wegen des Kosenower Herrn gar nicht.« »Und wenn der Kosenower es erlaubte?« Jochen Schnur drehte den Halm, an dem er kaute, aus dem rechten Mundwinkel in den linken. »Na, Jochen Schnur, raus mit der Sprache!« »I, Herr Inspektor, Vadder Deep gibt uns die Pferde ja doch nicht.« Der Inspektor brach in ein so gewaltsamen Gelächter aus, daß ausnahmsweise in seinem bis an die Augen reichenden struppigen schwarzen Bart der Mund sichtbar wurde; Jochen Schnur aber verzog keine Miene in seinem noch vom letzten Sonntag her rasierten Gesicht, sondern nahm nur den Halm aus dem linken Mundwinkel wieder in den rechten. Die Unterredung des Inspektors mit seinem Statthalter war natürlich plattdeutsch geführt worden; aber Gerhard hatte während der kurzen Zeit bereits solche Fortschritte in der Erlernung des Dialektes gemacht, daß er das Gesprochene recht wohl verstand. So war ihm denn auch die wörtliche Übereinstimmung der Aussagen der beiden Männer nicht entgangen. An eine vorhergegangene Verabredung war nicht zu denken; folglich mußte jeder aus derselben Überzeugung, also auch aus einer gemeinschaftlichen Quelle geschöpft haben; er hätte gar zu gern gewußt, welches diese Quelle war. »Und weshalb meinen Sie, daß Herr Deep die Pferde nicht gibt?« wandte er sich an den Statthalter. Der Mann war entschieden auf die Frage nicht gefaßt; es dauerte einige Zeit, und er mußte mehrmals den Halm hinüber und herüber schieben, bis die Antwort kam: »Vadder Deep hat ja noch sein halbes Heu draußen – das muß er doch auch erst herein haben.« »Wissen Sie das gewiß?« »Ich glaube.« »Auf den Wiesen an der Schwanheide?« »Ja, Herr!« Der Statthalter kaute noch ein weniges an seinem Halm, wartete, die hellen, pfiffigen Augen senkend, ob noch etwas beliebt werde; er rückte, da keine weitere Frage kam, wieder seine Mütze und ging zu den Mähern zurück, die sich schon eine gute Strecke in den neuen Block hineingearbeitet hatten. »Ich möchte mich überzeugen, wie es in Retzow mit dem Heu steht«, sagte Gerhard. – »Vielleicht kommen Sie mit, Herr Klempe?« »Bei der Hitze?« sagte der Inspektor; »und was geht es mich an?« »Dasselbe könnte ich auch von mir sagen, Herr Klempe.« »Dann wüßt' ich nicht, weshalb Sie sich die Mühe machen wollen«, erwiderte der Inspektor; – »aber jeder nach seinem Gustibus. Freilich Sie –« Er brach ab, langte in die Seitentasche und zog eine große Flasche heraus, deren nicht mehr bedeutenden Inhalt er sich langsam in die Kehle laufen ließ; Gerhard hielt sein Pferd an, das er bereits gewandt hatte; der Ton, in dem der Inspektor die letzten Worte gesprochen, hatte etwas gehabt, das ihm nicht gefallen. »Freilich ich?« fragte er. Der Inspektor, der die beinahe leere Flasche gegen das Licht hielt und so den ernsten Ausdruck von Gerhards Gesicht nicht bemerken konnte, antwortete leichthin: »Man sagt, Herr von Vacha, daß Sie das jüngste Kosenower Fräulein heiraten wollen.« »Wer sagt so?« »Alle Welt.« »Und was hat dies hier zu tun, wenn ich fragen darf?« Der Inspektor, der in der Absicht, auch noch den letzten Rest hinunterzuschlucken, die Flasche dem Munde bereits genähert hatte, blickte erschrocken auf »I, Herr von Vacha«, sagte er, »ich habe es ja nicht bös gemeint, und wie käme ich wohl dazu? denn wenn Sie dann auch Retzow übernehmen sollten, da unser Herr so große Stücke auf Sie hält, und der Kosenower – na, das verstände sich ja von selbst, wenn Sie sein Schwiegersohn sind – so würden Sie gewiß dafür sorgen, daß ich eine andere gute Pacht bekomme.« Der Inspektor hatte es in einem fast demütigen Tone gesagt; Gerhard beeilte sich, den Reuigen zu versichern, daß er ihm nicht zürne, und wandte sein Pferd. »Wie geht denn der Braune heut?« fragte der Inspektor. »Wie Sie sehen, vortrefflich.« »Ich nehme ihn gern wieder –« »Ich danke Ihnen – guten Morgen!« »Wollen Sie wirklich noch nach Retzow?« »Allerdings.« »Sie reiten am nächsten grad über den Hof-, vielleicht sehen Sie da meinen Schatz –« »Ich soll Fräulein Garloff etwas ausrichten?« »Es hat gar keine Eile; der Pastor fragte gestern nur, wann das erste Aufgebot sein solle; aber es hat gar keine Eile.« »Also nochmals guten Morgen!« Gerhard trieb sein Pferd an; der Inspektor blickte ihm etwas verstört nach und murmelte in den struppigen Bart: »Mit den adligen Herren ist schlecht Kirschen pflücken, und der hat's dick hinter den Ohren, wenn er auch noch so manierlich tut und sich für den Braunen zehn Pistolen zu viel hat abnehmen lassen. Da steht der Racker schon wieder auf den Hinterbeinen! Aber reiten kann er – das muß wahr sein.« Es war ein Glück für Gerhard, daß er ein gewandter und sicherer Reiter war, sonst wäre er in diesem Moment gewiß abgeworfen worden. Auf dem schmalen Feldwege war ihm ein beladener Erntewagen in der Gangart der Pferde, die der Inspektor für die einzig richtige hielt, entgegengekommen, der Braune war mit einem mächtigen Satze auf die Seite in das hohe Korn geprallt, hatte sich ein paarmal blitzschnell um sich selbst gedreht und hieb jetzt, da dies nicht geholfen, mit den Vorderhufen in die Luft. Gerhard, der Herrn Klempe die heimliche Schadenfreude, ihn bei dem Ankauf des völlig scheuen und verrittenen Pferdes übervorteilt zu haben, nicht gönnte und sehr wohl wußte, daß in diesem Moment die Augen sämtlicher Arbeiter auf ihn gerichtet waren, nahm alle Kunst und Kraft zusammen, und es gelang ihm, das vor Angst rasende Tier zu bewältigen und schließlich zu beruhigen. Dann ritt er im scharfen Trabe davon, auf dem Wege, der sich zwischen einer mächtigen Weizenbreite zur Linken und Roggenfeldern zur Rechten, welche bereits kahl waren, oder auf denen das Korn in Hocken stand, nach dem etwa eine Viertelmeile entfernten Retzow schlängelte. Zweites Kapitel Indessen mäßigte er bald das rasche Tempo. Die Sonne sandte, obgleich es kaum zehn Uhr war, glühende Strahlen herab; von dem schlanken Halse des Pferdes rieselte der Schweiß; kein Luftzug, als der durch die Bewegung des Reitens selbst hervorgebrachte, kühlte seine Wangen, und es denkt sich besser nach, wenn man von Zeit zu Zeit dem Tiere die Zügel auf den Hals legen und sich die perlende Stirn trocknen kann. An Stoff zum Nachdenken fehlte es nicht; diese neun Tage hatten so reichlich dafür gesorgt, als sollte es für ebenso viele Jahre ausreichen. Alle Welt sagt es also! das heißt: die Herren Spatzing, Lindblad und Benz, die ja auch vollauf Zeit zum Gebärdenspähen und Geschichtentragen hatten; Herr Otto Bagdorf, dessen Eifersucht nicht ganz unberechtigt war, wenn man sein Verhältnis mit dem schönen Mädchen nicht ebenfalls aus der Luft gegriffen. Denn von einem Verhältnis zwischen ihm selbst und Maggie konnte doch in keinem Sinne des Wortes die Rede sein. Was war denn geschehen, das auch nur den geringsten positiven Anhalt gegeben hätte? Sie war alle Tage gekommen, zu Wagen oder zu Pferde – manchmal schon des Vormittags – und war bis zum späten Abend geblieben. Aber war das nicht ihre Gewohnheit? oder wenn sie jetzt etwas häufiger kam, bot das große Waldfest, das Julie angeregt und über das nun bereits seit einer Woche debattiert wurde, nicht eine ausreichende Erklärung? Waren die Fräulein Sallentin, Fräulein Pahnk und die anderen jungen Damen der Nachbarschaft nicht fast ebensooft da? und sollten diese nicht ebenfalls verlobt sein, heute mit diesem, morgen mit jenem jungen Herrn? Schwebten die Verlobungen hier nicht in der Luft, zahlreich wie Sommerfäden an einem sonnigen Septembertage, und ebenso gegenstandslos und zerreißbar? Konnte er sich denn wundern, wenn die landesläufige Klatschsucht sich auch an ihn heftete, um so mehr, als er ein Fremder, ein Neuling in dem Kreise, das heißt ein besonders brauchbarer Haken war, um allerhand Vermutungen, Prophezeiungen, Auslegungen daran zu hängen? Geschwätz, müßiges Geschwätz müßiger Menschen – weiter nichts! Wohl! aber er saß doch nun eben nicht in seiner Stube, wie heute in der ersten Morgenfrühe, und schrieb an Bruder Max die neun Tage freventlich hinausgezögerte Antwort auf dessen reumütigen, melancholischen Brief. Was hatte er da tun sollen, als seinen Aufenthalt in Kantzow schildern in den rosigen Farben eines vollkommenen far niente , das durch die Gegenwart einer ganzen Anzahl liebenswürdigster und schönster Mädchen zu dem süßesten von der Welt gemacht werde? ein wahres Lotosleben, in dem man nichts mehr wisse von der schweren Ruderarbeit auf dem öden Meere, nichts von Lästrygonen, Zyklopen und anderen bösen Menschen und Ungeheuern, denen man sonst auf seiner Irrfahrt auf Tritt und Schritt begegne, sondern das Dasein dahinfließe in mühelosem Genuß und seliger Verschollenheit? Den Brief hatte er dann selber seinem ersten Bekannten, dem schweigsamen Postillion, übergeben; und der Brief würde gewiß seine Wirkung tun da unten in dem schönen Land Italien und dem geliebten genialen Bruder Ruhe flößen in das leichtbewegliche, lenkbare Künstlerherz. Jetzt aber – er war allein auf der weiten Flur – er hätte denn die beiden mächtigen Kolkraben, die eben vor ihm aufflogen, und die drei Störche, die da hinten auf dem Felde zwischen den Hocken spazierten, und den Falken, der über dem fernen Rande der Schwanheide schwebte, für Gesellschaft nehmen müssen – allein mit seinem Herzen, das so ungestüm schlug, als ritte er nicht im Schritt nach Retzow in Geschäften, die ihn, wie der Inspektor sagte, nichts angingen, sondern sprengte mit verhängten Zügeln dort hinüber, wo am Waldessaume, zwischen Bäumen und Büschen halb versteckt, das hohe Dach des Herrenhauses von Kosenow winkte mit jenem Zauber, den nur das Herz des Liebenden fühlt. Ja, er liebte das wunderbare Mädchen! was sollte er's hier leugnen unter dem wolkenlosen Himmel, zu dem seine Seele aufjubelte mit der Lerche, die sein Auge vergeblich suchte in dem leuchtenden Blau! zwischen den Feldern, auf denen in der zitternden Hitze über den Stoppeln die Zikaden unablässig schwirrten! Ach! es war nur eine Ätherliebe, die sich nie ein Nest bauen würde! nie einen Herd, in dem die Heimchen zirpten! Hatte er nicht vor kaum einem Jahre der sterbenden Mutter zugeschworen mit einem teueren Eid, daß er den Brüdern Vater sein wolle nach bestem Wissen und Gewissen? und ihnen helfen wolle, ihre Ziele zu erreichen, mit allen Kräften und ganzem Vermögen? und hatte er dies Versprechen nicht buchstäblich genommen? durfte er, der unbemittelte Landmann, es wagen, seine Hand auszustrecken nach der reichen Gutsbesitzerstochter, der viel umworbenen? konnte er, der arme Baron, konkurrieren mit jenem Majoratsherrn von Basselitz, der auch auf der Liste und ganz gewiß nicht zu unterst stand, und der, wenn sie sich auch über ihn lustig machten, zwei Stunden lang zu traben hatte, bis er sein Gebiet von einem Ende bis zum anderen durchritten? – ja, mit jenem Bagdorf nur, der doch wenigstens, als ein gänzlich unabhängiger Mann, auf seinem väterlichen Erbe da drüben in Bulitz saß? Was konnte er für sich anführen, als daß er sie liebte mit jedem Blutstropfen, der durch sein Herz rollte! Aber sagten das die anderen nicht? – Und daß sie ihn wieder liebte? einzig ihn? – wie durfte er das behaupten? womit konnte er's nur vor sich selbst beweisen, wenn er nicht einen heißeren Blick der großen leuchtenden Augen bei dieser, einen wärmeren Druck der kleinen kühlen Hand bei jener Gelegenheit zu Zeugen anrufen wollte? trügliche, bestechliche Zeugen in der Tat, die noch manchen anderen Klienten sich dienstfertig anbieten mochten! Ah! Der Braune, welcher, mit den Zügeln auf dem Halse, bedächtig Huf vor Huf in den weichen Stoppelboden drückend, ganz vergessen haben mochte, daß er geritten wurde, schrak zusammen, als er plötzlich das Gebiß im Maule und die Sporen in den Flanken fühlte. In wenigen Minuten war die Strecke bis auf den Retzower Hof zurückgelegt. Der Hof von Retzow, vor dessen Herrenhause unter den beiden breitkronigen Linden Gerhard nun hielt, hatte, wenn auch in kleineren Dimensionen, vor dreißig Jahren dem von Kantzow oder von hundert anderen Gütern der Gegend geglichen; jetzt, meinte Gerhard, gewähre er in seiner Zerfallenheit und Verkommenheit wohl ein einziges Bild, das den Maler in Rom trotz alledem fesseln und zu einer interessanten Skizze ein willkommenes Motiv bieten würde, seinem praktischen Auge aber trübselig und beleidigend erschien. War es doch, als wollten die alten Gebäude eine mahnende Illustration liefern zu dem alten Wort, daß Unfriede verzehrt, – der Unfriede, der zwischen den beiden Brüdern geherrscht, seitdem sie damals bei der Erbteilung dreimal über Retzow gewürfelt, und nachdem sie dreimal dieselben Augen geworfen, auf den Rat der Nachbarn das Gut zum gemeinschaftlichen Besitz und zur gemeinschaftlichen Verwaltung übernommen und sich seitdem – es war nun beinahe zwanzig Jahre her – noch über keine einzige der zu treffenden Maßregeln hatten einigen können! Hatte der Blitz irgend einmal der Riesenpappel an dem Giebel des Viehhauses die Krone geknickt, daß sie, nur eben noch mit dem Stamm zusammenhaltend, dreißig Fuß lang seitwärts herabhing, und wollte sie da – ein vertrocknetes Gestrüpp – hängenbleiben, so mochte sie's, greulich wie es aussah. Hatte bei derselben oder einer anderen Gelegenheit der Sturm die Ställe und Scheunen zum Teil abgedeckt, hier ein Fach eingedrückt, dort eine Tür halb aus den Angeln gerissen – es war in all der Zeit keine Hand bereit gewesen, Schäden abzuhelfen, die anfänglich klein, mittlerweile das Ganze zu zerstören drohten. Wer hätte sich eine Mühe nehmen sollen, die ihm keiner dankte? Die Herren Inspektoren gewiß nicht, von denen auf das verrufene Gut nur diejenigen kamen, die nirgends sonstwo eine Stelle fanden; und selbst diese rohen und gewissenlosen Menschen hatten es niemals lange ausgehalten; bereits seit Jahren hatte sich keiner mehr gemeldet und – Vadder Deep hatte das Regiment allein gehabt. Ein seltsames Regiment, von dem Gerhard, der von dem ersten Tage an in aller Stille die wunderliche Wirtschaft aufmerksam beobachtet, sich noch immer auch nicht annähernd ein Bild machen konnte. Schien doch in Retzow, von dem Statthalter bis zum Gänsejungen, jeder zu tun, was ihm beliebte; hörte man doch nie ein Kommandowort – das auch aus Vadder Deeps unbestimmtem Munde eigen genug geklungen haben müßte – und doch ging alles in der Außenwirtschaft nach dem Schnürchen und jedenfalls sehr viel besser und glatter, als in Kantzow unter dem lärmenden Oberinspektor und den beiden Unterinspektoren, die vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend in ihren Stulpenstiefeln auf den Feldern und in den Ställen herumliefen. Die zerfallenen Scheunen boten freilich keinen sicheren Aufbewahrungsort mehr für die reiche Ernte; aber um den Hof herum standen in abgemessenen Entfernungen Miete neben Miete, so regelrecht gebaut, gut gedeckt und glatt abgeharkt, daß es eine Freude für ein richtiges Landmannsauge war. An einer hatte man eben noch gearbeitet, ohne jede Aufsicht, wie es Gerhard geschienen, aber emsiger und stiller, als man in Kantzow pflegte; und die zuführenden Wagen waren mit Pferden bespannt gewesen, die das Lieblingstempo des Herrn Klempe besser ausgehalten hätten, wie die Kantzower abgetriebenen Gäule, und sich trotzdem nur in einem mäßigen Trabe bewegten. Gerhard hatte Zeit, diese Beobachtungen und Betrachtungen zu machen und anzustellen, während er im dichten Schatten der Linden der Rückkehr eines Knechtes harrte, der gegangen war, Vadder Deep herbeizuholen, welchen er noch vor einer halben Stunde in der Scheune bei dem Rapsreinigen gesehen haben wollte. Der Mann ließ lange auf sich warten, und Gerhard begann schon so ungeduldig zu werden, wie sein armer Brauner, dem die Fliegen gar arg zusetzten, als in die offene Haustür ein Mädchen trat, dessen Erscheinung sein Interesse sofort auf das lebhafteste in Anspruch nahm. Es konnte nur Anna Garloff sein, die Tochter des Försters in der Schwanheide und Herrn Klempes verlobte Braut. Drittes Kapitel. Sie mochte zwanzig Jahre zählen, konnte aber auch noch jünger sein, wenn den Ausdruck der kindlichen Züge Krankheit oder Kummer vor der Zeit so schwer und trüb gemacht hatten. Man durfte auf Krankheit schließen aus dem matten, gelblichen Ton der Gesichtsfarbe, und mußte an Kummer glauben, wenn man sah, wie es jetzt, wo sie sich gewiß unbeobachtet wähnte, um den kleinen Mund zuckte, und sie die Augen zum Himmel aufschlug mit einem so hoffnungslosen, verzweifelten Blick, daß es Gerhard durchs Herz schnitt. Es hätte für ihn des Seufzers nicht bedurft, der über die bleichen Lippen zitterte, als sie nun, langsam, wie sie gekommen, in den Flur zurücktreten wollte. In der Wendung, die sie dabei machte, erblickte sie den Reiter, den ihr der tiefe Schatten der Bäume, unter denen er hielt, bis dahin verborgen. Sie erschrak offenbar auf das heftigste, faßte sich aber sofort und gewann den bleichen, zuckenden Lippen sogar ein schwaches freundliches Lächeln ab. »Ich bitte um Verzeihung«, sagte Gerhard, seinen Hut ziehend, »mein Name – aber ich sehe, ich brauche mich nicht vorzustellen, ebensowenig wie ich zweifle, mit Fräulein Anna Garloff –« Das Mädchen verneigte sich in einer etwas linkischen Weise, die doch nicht ohne Anmut war; ihre Lippen bewegten sich zu einer Antwort, die aber nicht kam; Gerhard beeilte sich, ihr über die Verlegenheit wegzuhelfen: »Ich freue mich, daß ich endlich das Vergnügen habe, Sie kennen zu lernen: ich bin nun bereits drei- oder viermal hier auf dem Hofe gewesen oder doch über den Hof geritten, ohne Sie zu sehen. Heute –« Er wollte sagen, daß er einen Gruß für sie von ihrem Bräutigam habe; aber das Wort wollte ihm nicht aus der Kehle: der rohe, plumpe Mensch und dies zarte, feine Geschöpf – es berührte ihn wie eine schlimme Disharmonie; er mußte etwas anderes sagen: »Was mich heute herführt, ist der Wunsch, Herrn Deep, wenn es sein kann, zu sprechen. Ist er vielleicht drinnen?« »Ich glaube kaum – ich weiß es nicht – ich weiß selten, wann Herr Deep kommt oder geht.« Die etwas tiefe Stimme war so weich und schüchtern, wie der Blick ihrer fast stets gesenkten Augen; Gerhard fühlte sich in jedem Moment stärker von dem eigenen Wesen des Mädchens angezogen. »Ich bin in demselben Fall«, sagte er lächelnd; »aber ich meinte, das sei nur so in Kantzow, wo er doch nicht zu Hause –« Er brach abermals ab; die Blicke des Mädchens irrten suchend umher, als spähe sie nach etwas aus, das ihr ein Abbrechen des Gespräches möglich mache. Da kam denn auch der Knecht zurück: Herr Deep sei nicht mehr in der Scheune, vielleicht bei der nächsten Miete, oder auch nach Kantzow gegangen. »So werde ich ihn dort wohl treffen«, sagte Gerhard, die Zügel ordnend. »Wollen Sie nicht einen Augenblick hereinkommen und eine Erfrischung nehmen?« sagte das Mädchen, aufatmend – in der Hoffnung vermutlich, daß du die Einladung ausschlägst, dachte Gerhard. »Ich danke«, sagte er, »ich muß nach den Wiesen an der Schwanheide, ich wollte dort etwas besichtigen. Ich war noch nicht dort; ist es nicht derselbe Weg wie nach Kosenow?« »Es ist nicht der nächste«, erwiderte das Mädchen; »aber der andere ist sehr sonnig; wenn Sie nach Kosenow zu reiten bis an die Waldecke und sich dann links halten, haben Sie Schatten bis zum See.« Sie hatte diese Worte in einem lebhafteren Tone gesagt – weil sie weiß, daß sie nun bald von dir erlöst ist – dachte Gerhard; armes Mädchen! und in vier Wochen soll ihr erstes Aufgebot mit dem rohen Trunkenbolde sein, und du sollst ihr das sagen? nimmermehr! Er reichte ihr vom Pferde herab die Hand. »Leben Sie wohl, Fräulein«, sagte er; »nun, da ich Sie kennen gelernt, hoffe ich, Sie öfter zu sehen, und auch die Bekanntschaft Ihres Vaters möchte ich nun doppelt gern machen. Ich höre, daß er ein überaus tüchtiger Forstmann ist; ich selbst bin ein halber Forstmann und möchte von ihm lernen. Leider habe ich bis jetzt keine Zeit gefunden, ihn aufzusuchen.« Die bleichen Wangen des Mädchens hatten sich mit einer Röte bedeckt, die sofort wieder schwand, um einer womöglich noch tieferen Blässe zu weichen. Sie zog die Hand, welche sie ihm bis dahin furchtsam gelassen, hastig zurück und sagte, die langen Wimpern senkend, mit leiser Stimme: »Mein Vater war noch vor einer halben Stunde hier; Sie träfen ihn schwerlich zu Hause, auch wenn Sie sich die Mühe machen wollten, bis zur Försterei zu reiten. Und –« Sie stockte und rang sichtbar nach Atem, bevor sie, jetzt kaum noch verständlich, fortfahren konnte: »Er ist sehr – sehr menschenscheu, mein Vater; mein armer Vater –« Unter den gesenkten dunkeln Wimpern stürzten Ströme von Tränen über die bleichen Wangen; sie drückte die Hände in das weinende Gesicht und lief in das Haus. Es wäre offenbar vergeblich gewesen, ihr zu folgen, wie sehr auch Gerhard das gutmütige Herz dazu drängte. So blieb ihm nichts übrig, als sein Pferd zu wenden und den Hof zu verlassen in tiefer Erregung über das seltsame Benehmen des Mädchens, für welches er ohne ihre letzten Worte eine Erklärung unschwer gefunden hätte. So freilich, sprach er bei sich, während er über die Felder auf die nahe Waldecke zuritt, wenn ein barbarischer Vater sie nicht zu der verhaßten Ehe zwingt, wenn sie selbst den Vater bemitleidet – wie soll man das verstehen? Oder opfert sie sich für den Vater? Aber Stude sagte, daß der alte Sonderling längst verwitwet sei, nur das eine Kind und weniger Bedürfnisse habe als ein Klausner. Oder sieht sie ihr und des Vaters Unglück kommen, weil sie jetzt trotz alledem den rohen Menschen heiraten muß – aber das stimmt wieder gar nicht mit den treuen Augen und dem keuschen Kindermund. Es ist peinlich, zu denken, es ist fast undenkbar, daß dieser Mund je an dem bärtigen Maule des Kerls gehangen hat; und doch! in vier Wochen soll das Aufgebot sein! Darüber könnte man wahrlich seine gute Laune auf lange hinaus verlieren! In der Tat war es dem jungen Manne, als sei der Tag dunkler geworden. So mußte denn der Braune, der trotz der fürchterlichen Hitze fortwährend zu schlankem Trabe angetrieben wurde, den Unmut des Reiters empfinden. Und war es nun Übermüdung, war es Erinnerung der derben Lehre, die das Tier vorhin bei dem Erntewagen erhalten, es scheute kaum noch, als jetzt eine große Kette Rebhühner mit lautem Geräusch aus dem Graben zur Rechten brach und schwirrend unmittelbar vor ihm erst über den Weg, dann rechts schwenkend in den nahen Wald flog. Das kleine Ereignis, das Gerhards Jägerauge unwillkürlich gefesselt – er hatte vierundzwanzig Stück gezählt, und dann kamen noch die beiden Alten hinterher geflogen – war ein Glück für den Braunen. Gerhard zog den Zügel an und klatschte dem wackeren Tiere, das dankbar nickte, den schlanken, nassen Hals. Der Schatten des Waldes fiel über den Weg, der sich an der Ecke gabelte: links ab am Rande hin zu den Wiesen, geradeaus durch den Wald nach Kosenow. Er hatte sie seit zwei Tagen nicht gesehen, und in zehn Minuten konnte er dort sein. Es wäre freilich das erstemal gewesen; aber sein Entschluß, nirgends in der Nachbarschaft Besuche zu machen, konnte auf die Dauer nicht durchgeführt werden. Was ging ihn der Krieg der beiden Brüder an? und wenn, wie ja alle ihn versicherten, ein geschäftlicher Verkehr mit dem Kosenower Herrn mißlich, aber doch nicht unmöglich war – weshalb nicht den geschäftlichen Vorwand, welcher sich so bequem bot, ergreifen und Vadder Deep die Sache über den glatten grauen Kopf wegnehmen, um mit dem Herrn direkt zu verhandeln? Der Umstand, daß er nicht im Visitenanzuge war, begünstigte ja nur das Unternehmen, und da vor ihm – wie lockte es so wonnig kühl aus dem stillen, schattigen Walde! Gerhard starrte in die hohe, dämmerige, nur hie und da von gelbroten Lichtern durchzitterte Halle, welche der breite, durch mächtige Tannen führende Weg vor ihm auftat, und lenkte dann seufzend links ab an dem Rande hin. Es war entschieden heute kein Glückstag; er hatte es schon beim Erwachen gespürt nach einer mehr als halbdurchwachten Nacht, denn auch gestern abend war wieder große Gesellschaft in Kantzow gewesen. Die übermütige Laune in dem Briefe an Max war ihm nicht aus dem Herzen gekommen; während der Arbeit des Morgens hatte er fortwährend gegen trübe Gedanken kämpfen müssen, und nun mußte ihm zum Überfluß das arme Kind in der Tür des zerfallenden Herrenhauses von Retzow begegnen! – Wie vermochte eine fühlende Seele sich in den Himmel der Liebe froh und freudig aufzuschwingen, wenn sie mit der frischen Erinnerung namenlosen Erdenjammers so peinlich und so schwer belastet ist! Sonderbar! Die beiden einzigen Male, da er in diesen neun Tagen daran gemahnt worden, daß unter der glatten, sonnedurchleuchteten Woge des Lebens, auf der sein Boot so lustig dahinschwamm, nicht minder rastlos und unaufhaltsam ein dunkler Strom des Wehes und Leides strudle und wirble – beide Male war es in der Gestalt eines jungen, weinenden Mädchens gewesen! Und daß die beiden Mädchen hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer Bildung und auch in Ausdruck, Haltung, in jeder inneren und äußeren Beziehung so verschieden waren und doch gleichtief aus dem dunkeln Strom geschöpft hatten, bewies ja nur, wie breit er war. Gleichtief geschöpft? nein, nein! es mochte wohl dasselbe sein, wie mit den Händen der beiden Mädchen: die Natur hatte sie gleichschlank und zierlich geformt; aber die der jungen Aristokratin waren weich und weiß geblieben, die der armen Förstertochter hatten Sonne und Arbeit gebräunt und hart gemacht. – Und über all dem Grübeln und Philosophieren wirst du noch mitsamt dem Gaul im Morast versinken! Der Braune hatte durch immer vorsichtigeres Schreiten angedeutet, daß ihm der Boden nicht geheuer scheine, seitdem Gerhard von dem schattigen Wege am Waldsaume links ab quer auf die Wiese gelenkt, die hier in mächtigem Halbkreis tief in den Forst schnitt. Eine weite, prächtige Wiese, die, wenn der Ostwind das ellenhohe Gras in Wogen trieb, dem Auge des Landmannes den erfreulichsten Anblick gewähren mußte, oder auch dem des Jägers zur Dämmerungszeit, während das Wild heraustritt, oder in erster Frühe, wo ›der helle Morgenstern, der Schatten und der Atem sein hochwacht vor dem edlen Hirsch gegen Holze einziehen‹, jetzt aber, kahl geschoren, in dem grellen Licht der Mittagssonne dalag – ein Bild der Verlassenheit und Öde. Ein melancholisches, gespenstisches Bild, meinte Gerhard, aus dem selbst der in Rom nichts machen könnte, und das höchstens einem schwermütigen Poeten zu ein paar geisterhaften Strophen den passenden Stoff gewähren möchte. Er würde vielleicht in dieser lautlosen Stille die feierliche Stimme vernehmen, die da verkündet, daß der große Pan tot sei, und die Wolken von weißen Schmetterlingen würden ihm angstvoll über dem Grabe des Allgottes zu flattern scheinen, als abgeschiedene Seelen. Von jenem kleinen See dort, dessen Spiegelfläche fürchterlich blitzt und gleißt wie ein Medusenschild, sind die Nixen schaudernd zu ihren Schwestern, den Dryaden, in den nahen Wald geflüchtet, und verschmachtende Fischlein drängen sich angstvoll in das hohe Uferschilf! Viertes Kapitel. Der Pfad, welchen Gerhard aufgefunden und den bereits sorgfältig ausgeglichene, aber noch erkennbare Pferde- und Räderspuren als sicher bezeichneten, führte gerade auf den See zu. Er hatte hier nichts mehr zu tun, nachdem er seine Vermutung, das Vadder Deep sein Heu bis auf den letzten Halm ins Trockene gebracht, bestätigt; aber an dem schilfumbuschten Ufer des Sees stand eine Gruppe Weiden; er wollte den Braunen ein paar Minuten in dem Schatten verschnaufen lassen, bevor er den Heimweg antrat. Schon hatte er sich der Baumgruppe auf wenige Schritte genähert, als er bemerkte, daß zu deren Füßen, hart am Rande des Wassers, den Kopf in beide Hände gestützt, ein Mann saß, der nach dem grünen Jagdkleide und der Flinte, die er zwischen den Knien hielt, zu schließen, der Vater des Mädchens auf dem Hofe von Retzow, der Förster Garloff sein mußte. Schlief der Mann? war er gänzlich versunken in seine Gedanken? hatte der weiche Rasengrund den Hufschlag des Pferdes völlig verschlungen? – er rührte sich noch immer nicht aus der Stellung, als jetzt Gerhard in seiner unmittelbaren Nähe stillhielt. Das glatte, blinkende Wasser, das dichte, ragende Schilf, dessen harte, schwerterscharfe Halme unbewegt standen, als wären sie aus Metall, die hohlen, verkrüppelten Weiden mit den wie in Angst gesträubten Zweigen, an welchen sich keines der graugrünen Blätter bewegte, und unter ihnen die regungslose Gestalt des Mannes, der, gegen alle Jägerart, so gar keinen Sinn mehr zu haben schien für die Außenwelt, daß er einen Reiter bis auf ein paar Schritte an sich herankommen lassen konnte, ohne auch nur aufzusehen – es lag für die gedrückte Seele des jungen Mannes etwas Unheimliches, Grauenhaftes in dieser Situation. »Guten Tag, Herr Förster!« sagte er, eben laut genug, um die Aufmerksamkeit des Mannes zu erregen, falls er nicht wirklich schlief Aber er mußte geschlafen haben; denn wie er sich nun jäh aufrichtete, blickten die tiefliegenden Augen unter den grauen, buschigen Brauen verwirrt, wie traumumsponnen, zu dem Reiter empor, der höflich grüßend den Hut lüftete und den Mund zu einem freundlichen Worte öffnete, das nicht über seine Lippen kam. Denn urplötzlich ging in dem Gesicht des Mannes eine seltsame Veränderung vor. Die Augen schienen sich aus den tiefen Höhlen drängen zu wollen, die wettergebräunten Wangen wurden erdfahl wie eines Sterbenden, und die eben noch so festen Züge verzerrten sich zu einer schauerlichen Maske des äußersten Entsetzens. Und nun, wie einen Spuk abzuwehren oder einen wirklichen Feind, sprang der Mann auf die Füße, das Gewehr an die Wange reißend. Fast in demselben Moment aber setzte er wieder ab, drückte die Hand vor die Augen, als ob er sich überzeugen wolle, daß er wache. Als die Hand dann wieder herabsank, sah Gerhard ein noch blasses, aber verhältnismäßig ruhiges, tief durchfurchtes, ausdrucksvolles, ja edles Antlitz. Diese sonderbaren Wandlungen hatten sich so schnell vollzogen, daß Gerhard kaum Zeit geblieben wäre, etwas zu seiner Verteidigung zu sagen oder zu tun. Aber er hatte in der Tat gar nicht an sich gedacht und beeilte sich nun, den Mann, den sein plötzliches Erscheinen so erschreckt hatte, um Entschuldigung zu bitten. Dann nannte er seinen Namen und fügte hinzu, welches Geschäft ihn hergeführt, und wie er schon längst vorgehabt, den Herrn Förster in seinem Hause aufzusuchen, um das Handwerk zu grüßen, denn er selbst sei ein halber Forstmann, da sein Besitz – genauer der Besitz seiner Familie, den er zu verwalten habe – zum größten Teil aus Bergwald bestehe. Gerhard hatte mit solcher Ausführlichkeit von sich Rechenschaft gegeben, um den Mann vertraulich zu machen und ihm Zeit zu lassen, völlig wieder zu sich selbst zu kommen. Er schien auch seine Absicht zu erreichen: während er sprach, verschwanden die letzten Spuren von Erregung und Verwirrung aus des Försters Mienen, die nun vielmehr jenen Ausdruck in sich gefaßter Ruhe und Willensenergie annahmen, die man ihm als die charakteristischen Eigenschaften des Mannes bezeichnet hatte. Dabei bemerkte Gerhard, daß er keineswegs so alt sei, wie er ihn sich vorgestellt und wie er ihm im ersten Moment erschienen, wenn auch der bis auf die Mitte der Wangen reichende Backenbart, sowie das kurz geschorene, sehr dichte Haar völlig grau waren. Haar- und Barttracht, der Schnitt der Züge, der soldatische Ausdruck, hatten Gerhard unwillkürlich an die Bilder der Kämpfer aus den Freiheitskriegen erinnert, bevor er, als der Förster den Hut abnahm, die fürchterliche Narbe bemerkte, die aus dem Haar heraus breit und rot quer über die Stirn bis an das linke Auge hinablief und wirklich von ihm, wie zur Erklärung auf Gerhards Blick, als ein lebenslängliches Andenken an den Tag von Waterloo bezeichnet wurde. Der tiefe, etwas hohle, aber feste Klang der Stimme, die einfache, korrekte Weise sich auszudrücken harmonierten völlig mit der fast vornehmen Erscheinung und der soldatischen Haltung; und Gerhard fand es in diesem Falle noch besonders leicht, seinem Grundsatze zu folgen: jeden Menschen als seinesgleichen zu behandeln. Ja, er fühlte sich ganz entschieden zu einem Manne hingezogen, der so augenscheinlich nicht zu der großen Herde gehörte, und dem er schon um deshalb willigen Anspruch auf seine Teilnahme einräumte, weil er zweifellos unglücklich war. So konnte kein Glücklicher sprechen, so konnte kein Glücklicher blicken! und dann klang ihm noch immer das ›Mein armer Vater!‹ aus dem bleichen Munde der Tochter im Ohr. Er mochte sich nicht enthalten, bei einer schicklichen Wendung des Gesprächs, das er ohne Aufdringlichkeit fortzuführen wußte, seiner Begegnung mit dem jungen Mädchen zu erwähnen, und es schien ihm kein gutes Zeichen, daß der Förster diese Äußerung nur mit einem schnellen, finster prüfenden Blick erwiderte, wie er denn allem, was nur den Anschein des Persönlichen hatte, geflissentlich auswich, während er auf sachliche Fragen höflich bereitwillige Auskunft gab. Zu Gerhards Verwunderung war er auch mit der thüringischen Waldwirtschaft genau bekannt. Er verdanke diese Kenntnis, sagte er, den paar Büchern, die er besitze, und ein wenig der geringen Beobachtung, die er habe anstellen können, als er nach der Schlacht bei Leipzig durch jene Gegend kam, ja in einem detachierten Jägerbataillon auf der Suche nach abgesprengten Fragmenten der französischen Armee ein paar Tage lang die Kreuz und die Quer durch Gerhards heimische Wälder strich. »Ich wunderte mich schon«, sagte Gerhard, »daß Sie sofort in mir den Thüringer erkannt hatten.« »Ich habe das gute Ohr und das treue Gedächtnis des gemeinen Mannes für Dialekte«, erwiderte der Förster; und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: »Ich lebe ja nur noch im Walde oder meinem stillen Hause und habe Jahre meines Lebens in völliger Einsamkeit verbracht; da behält man zuletzt selbst die einzelnen Stimmen über Jahrzehnte weg – wie gern man sie auch manchmal vergäße.« Er schien unzufrieden mit sich, daß er sich zu so intimen Äußerungen hatte verleiten lassen, und schritt nun, die Entfernung zwischen sich und Gerhard um etwas vergrößernd, die Augen auf den Boden heftend, schweigend weiter; hier und da schleuderte er einen dürren Zweig, der über den Weg gefallen, auf die Seite, oder zögerte bei einer Stelle, wo die Holzwagen allzu tiefe Furchen in den weichen, schwarzen Boden geschnitten, ein paar Momente. Man war längst im Walde, durch den der Förster einen etwas längeren, aber, wenigstens soweit der Wald reichte, völlig beschatteten Weg zu führen versprochen hatte. Jetzt lenkte er aus dem schmalen, vielfach gewundenen Pfade auf eine breite Schneise, und sie hatten bereits eine kleine Strecke darin zurückgelegt, als er plötzlich stehenblieb, um gerade vor sich in die Schneise hinabzustarren, die noch mehrere hundert Schritte in gerader Linie vor ihnen herlief. Daß der Förster in seinem eigenen Revier den Weg verloren, war undenkbar; da Gerhard in der ganzen Schneise nicht das mindeste Auffallende entdecken konnte und doch auch nicht fragen mochte, blieb er für die Erklärung eines so seltsamen Betragens – denn der Förster stand noch immer unbeweglich – auf bloße Vermutungen angewiesen. Die zunächstliegende war, der Mann sei, wenigstens zeitweise, geistig gestört, was ja denn auch sein Benehmen bei der ersten Begegnung und zugleich den Kummer der Tochter erklären mochte. Dennoch sagte Gerhard eine Stimme, daß diese Annahme falsch sei. In dem Benehmen des Mannes war ihm immer fühlbarer etwas entgegengetreten, was ihn mit Achtung, ja mit einer Ehrfurcht erfüllte, wie er sie nicht allzu häufig vor einem Menschen empfunden: der Stempel eines besonderen Schicksals, das Zeichen eines ungewöhnlich großen Unglücks, das den Mann von den Reihen der übrigen absonderte und in die Einsamkeit bannte, um dort mit Gedanken zu leben, die das Haar vor der Zeit bleichten, mit Erinnerungen, die manchmal für sein inneres Auge sichtbare Gestalt annahmen. Der seltsame Mann drückte die Hand gegen die Augen, gerade wie vorhin, nachdem er auf ihn angeschlagen, und sagte dann emporblickend: »Es sind hier ganz in der Nähe, fast auf unserem Wege, ein paar recht wohlerhaltene Hünengräber. Würde es Sie wohl interessieren, die zu sehen?« Hatte er über die einfache Frage so lange nachgedacht? Gerhard war überzeugt, daß es nicht der Fall war, daß ganz etwas anderes durch die Seele des Mannes gezogen. Immerhin! vielleicht bekam er einmal des Mannes wahres Gesicht zu sehen, wenn er vorläufig die Maske für das wahre Gesicht nahm. »Gewiß!« erwiderte er, »ich habe bereits von den Hünengräbern sprechen hören; man beabsichtigt, wenn ich nicht irre, auf dem Platze eine Gesellschaft zu geben, ein Fest zu arrangieren.« »Wer beabsichtigt das, wenn ich fragen darf?« »Die ganz Nachbarschaft, soviel ich weiß; die Anregung geht wohl von Kantzow, ich meine, von Frau Zempin aus.« »Und wann sollte das stattfinden?« »Ich glaube, bereits in den nächsten Tagen.« »Ist man um die Erlaubnis bei dem Herrn Oberförster eingekommen?« »Bedarf es einer solchen?« »Unzweifelhaft! Die Hünengräber liegen in einer Ecke des Forstes, die dort, wo die Schneise endet, von dem Wege aus, der von Retzow nach Kosenow geht, nach Süden in die Feldmarken von Kantzow und Kosenow hineinschneidet. Es sind ungefähr fünfhundert Morgen Hochwald, über die nun bereits seit mehreren Jahren zwischen dem Fiskus und den beiden Herren Zempin prozessiert wird. Früher wurde das Terrain zu dem Zempinschen Besitz gerechnet; aber der Herr Landrat will aus alten Plänen und Akten herausgefunden haben, daß es zur schwedischen Zeit Kronwald war und als solcher auch in die Hand der preußischen Regierung übergehen mußte. Die Regierung hat den Prozeß in erster Instanz gewonnen, und bis die zweite Instanz entschieden hat ist der Fiskus, wenn nicht Eigentümer, so doch Verwalter, und die Handhabung der Polizei steht bei ihm.« »Und Ihr Herr Oberförster?« »Würde schwerlich die Erlaubnis geben, bevor der Herr Landrat dafür gewonnen ist.« »Ah so, und Sie selbst dürften selbstverständlich nicht durch die Finger sehen.« »Ich pflege meine Pflicht buchstäblich zu nehmen und auszuführen; ich würde es tun, auch wenn es nicht die einzige Möglichkeit wäre, wie ein Mann in meiner Lage durchs Leben kommen und es ertragen kann.« Der Förster brach ab und vergrößerte wieder den Raum zwischen sich und dem Reiter. So gelangte man schweigend bis an das Ende der Schneise. Dann ging es links ein paar Schritte auf dem Waldwege, bis zu einer Stelle, wo rechts zwischen den weniger dicht stehenden gewaltigen Stämmen eine kleine Lichtung sich öffnete. Man war angelangt. Gerhard fragte, ob er absteigen und das Pferd zurücklassen solle; der Förster verneinte es; das Terrain bleibe eben, und er beabsichtige, den Herrn hernach durch den Tann bis an die hier sehr nahe Lisiere zu führen. Er schritt voran, Gerhard folgte in einer sonderbar erwartungsvollen, ja feierlichen Stimmung. Es war so still unter den Riesenbäumen, deren schlanke Wipfel kein Lufthauch regte, aus deren dichtem Gezweig kein Vogellaut tönte. Dann und wann nur das leise Knacken eines trockenen Zweigleins unter den Hufen des Pferdes, die sonst unhörbar in den dicken Moosteppich sanken. Und oben blaute der Himmel so hoch, als stehe er hier weiter von der Erde; und der Sonnenschein, der hier und da auf die gewaltigen Säulen der Stämme glitt oder auf dem übersponnenen Boden lag, war matt und gedämpft, als ob er durch gemalte Kirchenfenster fiele. Nun betraten sie die Lichtung selbst, einen fast ovalen Raum von mäßigen Dimensionen, in dessen Mitte sich die beiden Gräber türmten, welche sofort Gerhards Interesse in vollen Anspruch nahmen. Es waren die ersten, die er sah, und sie waren so wohlerhalten, daß sie ein vollkommen klares Bild der ursprünglichen Anlage gewährten. Ja, man durfte wohl mit Fug behaupten, daß wenigstens die kolossalen Blöcke, die, vier oder fünf an der Zahl und von oben nach unten an Größe allmählich abnehmend, die eigentlichen Gräber belasteten seit den Tagen, da jener Vormenschen starke Hände sie hier aufgerichtet, um keinen Zoll von der Stelle gerückt waren, wenn sie auch tiefer eingesunken sein mochten, oder der Boden sich um sie her erhöht hatte. Von den kleineren Steinen, welche als Umfriedung die größeren umgaben, lag wohl einer und der andere nicht mehr ganz auf seinem alten Platze; doch war auch der kleinste so mächtig, daß, wer immer sich an ihm versucht, bald genug davon abgestanden, wenigstens konnte man die ursprüngliche Anordnung noch überall erkennen. Die Blöcke und Steine, zwischen denen hie und da Ginster und Farren hoch aufgeschossen, waren fast überall mit einer dichten Moosdecke überzogen, nur der eine, größte, an dem Kopfende des bedeutenderen der beiden Gräber, war nach der Außenseite völlig kahl, wie Gerhard bemerkte, während er mit seinem Gefährten die ehrwürdige Stätte langsam umkreiste. «Ist es doch, als ob die Stelle einer Inschrift harrte«, sagte er. »Harrte? nur harrte?« erwiderte der Förster; – »für mich ist sie beschrieben, und ich lese, was da geschrieben steht, sehr deutlich – nur allzu deutlich!« Gerhard, der abgestiegen war und den Braunen am Zügel führte, blickte erstaunt den Förster an. Die Stimme des Mannes hatte so seltsam schmerzlich und feierlich zugleich geklungen, daß dem Hörer auch nicht für einen Moment die Annahme wiederkam, er habe es doch mit einem Irrsinnigen zu tun. Es gab nur eine Auslegung der wunderlichen Worte: die Stätte war dem Manne durch eine Erinnerung – ob geweiht oder verflucht? – wer mochte es entscheiden! – merkwürdig auf jeden Fall. Gerhard hütete sich, eine Frage zur tun, die freilich nahe genug lag, auf die er aber sicher eine ausweichende Antwort erhalten hätte. So sprach er denn lieber von dem mutmaßlichen Alter der Gräber, von dem wohlerhaltenen Zustande, und ob sie wohl jemals geöffnet wären? Der Förster meinte: nein; der Anschein spräche dagegen; überdies habe früher kaum jemand den Ort gekannt, da noch vor einem Menschenalter der Wald sich viel weiter nach Süden gezogen und erst von den Zempins, dem Vater und den Söhnen, so weit abgerodet sei. Es habe auch, bei der Gleichgültigkeit der Menschen dieser Gegend gegen alles Historische, schwerlich irgend jemand ein Interesse an diesen Dingen gehabt, bis neuerdings der Herr Landrat einen besonderen Eifer nach dieser Richtung an den Tag gelegt. Ja, er – der Förster – möchte vermuten, daß gerade der Wunsch, die Gräber öffnen zu dürfen, wozu er die Erlaubnis bei den Herren Zempin nachgesucht und nicht erhalten, die Veranlassung für den Herrn Grafen gewesen, weshalb er den alten, halb vergessenen Rechtsstreit aufs neue angefacht habe. »Ich meine«, sagte Gerhard, »es wird die Regierung schließlich doch den kürzeren ziehen, wenn ich Sie recht verstanden, und die Herren Zempin so lange Jahre im unangefochtenem Besitz des Waldes gewesen sind. Nach meiner Auffassung sind infolgedessen die Ansprüche des Fiskus als verjährt zu betrachten.« »Unangefochten war der Besitz nie«, erwiderte der Förster; »und verjährt?« Er stand vor jenem großen Stein; seine Augen blickten starr auf die kahle Fläche, die für ihn beschrieben war: »Verjährt? was verjährt denn? verjährt der Axthieb, den der ungeschickte Holzfäller in den jungen Stamm tat? nimmermehr! er wird nicht das, was er ohne den Hieb geworden wäre, auch wenn er ihn scheinbar verwindet: nicht so stark, nicht so hoch, und sehr wahrscheinlich ein verkrüppelter, unscheinbarer Baum, der kein Nutzholz gibt und nur noch dazu taugt, verbrannt zu werden. Verjährt die Wunde des angeschossenen Hirsches? Auch wenn er nicht ins Dickicht kriecht und verreckt und die Füchse ihn fressen – er bleibt ein Kümmerer: wir sehen's eine Zeitlang an, und daß er nicht wieder wird, und schießen ihn aus Mitleid vollends tot. Ist der Menschenleib aus anderem Stoff? Wir verbinden und bepflastern die Wunde – nun ja! und sie heilt auch und vernarbt auch, und nach dreißig Jahren zuckt's und brennt's in der alten Wunde. Und des Menschen Seele? des Menschen Herz? was verjährt denn da? die kleinste Unbill nicht, die man uns angetan, als wir noch ein Kind waren! die geringste Freundlichkeit nicht, die man uns erwiesen; keine heilige und keine unreine frevle Regung, keine gute und keine böse Tat! Und der Welt gegenüber? mag das Gesetz auch einmal ein Auge zudrücken und tun, als ob es vergäße, vergessen könnte – das wirkliche Leben starrt dich an mit grassen Augen, die sich nimmer schließen, und lächelt höhnisch, so du von Vergessenheit sprichst. Ist nicht die Zukunft das Kind des Heute, wie das Heute das Kind des Gestern? übernimmt nicht eines die Erbschaft des anderen? muß sie übernehmen, es mag wollen oder nicht? muß Gott selbst nicht die Sünden der Väter an den Kindern rächen bis ins vierte Glied? Ins vierte nur? da wär er gnädiger gegen die Menschen, als wir gegen die Tiere sind. Hören Sie den Falken? Der erste selbständige Schuß, den ich tat hier in diesem selben Walde – vor fünfzig Jahren, und ich war damals eben sieben – war auf einen Falken; denn mein Vater hatte mir gesagt, daß der Falke ein Räuber und ein Mörder sei, und der Forstmann verpflichtet, ihn zu töten, wo er ihm zum Schuß komme. Und ich schoß den Falken tot auf dem Gipfel der Eiche, in der sein Horst war. Aber die Jungen waren bereits flügge, und bei dem Schuß flatterten sie aus dem Horst in den Wald hierhin und dorthin. Und übers Jahr gab's wieder Falken und waren wieder Räuber und Mörder. Was konnten sie dafür? was tue ich, als meine Pflicht, wenn ich den da totschieße, wie die anderen auch?« Der Falke, dessen Schrei sich wiederholt aus immer größerer Nähe hatte vernehmen lassen, kam eben über die Lichtung gestrichen, ohne die drohende Gefahr zu ahnen, als bis es zu spät war. Denn schon hatte der Förster das Gewehr im Anschlage, der Schuß krachte, und im Bogen sauste der Falke herunter in das Moos, das er, verendend, noch ein paarmal mit den langen Schwingen schlug. Der Förster nahm den toten Vogel auf und betrachtete ihn aufmerksam, bevor er ihn in seine Jagdtasche steckte, während Gerhard einige Mühe hatte, das erschrockene Pferd zu beruhigen. Der Förster entschuldigte sich: »Ich hätte daran denken sollen«, sagte er; – »um so mehr, als ich das Pferd kenne; aber ich war ein unbequemer Mensch von jeher, und das Unglück und die Einsamkeit haben nichts daran gebessert.« Ein flüchtiges, unsäglich schwermütiges Lächeln sänftigte für einen Moment den strengen Ernst der Züge; Gerhard wurde lebhaft an das blasse Gesicht der Tochter erinnert, die sonst dem Vater wenig ähnlich sah. Er dankte dem Förster für seine Begleitung, die er nun nicht weiter in Anspruch zu nehmen brauche. Dann bot er ihm, bereits vom Pferde herab, die Hand. Übersah der Förster die Bewegung, oder wollte er sie nicht sehen? Jedenfalls faßte er nur militärisch an seine Dienstmütze, bevor er das Gewehr, das er wieder geladen, über die Schulter hing und, sich wendend, gesenkten Hauptes über die Blöße davonschritt, während Gerhard in der entgegengesetzten Richtung nach Süden durch den immer lichter werdenden Wald auf das freie Feld und den Weg nach Kantzow lenkte. Fünftes Kapitel Als Gerhard auf dem Hofe anlangte, wurde eben die Mittagsglocke für die Leute gezogen; die Herrschaft speiste – gegen die Sitte des Landes und nicht zum Vorteil für die Wirtschaft – erst mehrere Stunden später. Herr Zempin war um diese Zeit fast immer in den Gewächshäusern oder bei den Blumenbeeten; auch heute, wie Gerhard auf seine Anfrage erfuhr. So begab er sich denn dorthin auf einem kleinen Umwege. Er hatte, während er sich umzog, von seinem Fenster aus in der großen Laube auf der anderen Seite des Rasenplatzes eine kleine Gesellschaft versammelt gesehen, unzweifelhaft in eifriger Debatte über das bereits seit einer Woche ständige und, wie es schien, unerschöpfliche Thema des Waldfestes. Sobald er sich blicken ließ, wußte er, würde man ihn festzuhalten versuchen; und es lag ihm daran, sich mit Herrn Zempin sobald als möglich über die Kosenower Angelegenheit auszusprechen. Das Barometer, das auf dem Hausflur hing, war abermals gefallen, und – war es die Hitze, waren es die Erlebnisse des Morgens? – er fühlte eine dumpfe Schwere in Kopf und Herz, als ob der Druck der Atmosphäre auch auf ihm lastete, als ob die Sonne auch für ihn die längste Zeit geschienen, als ob auch für ihn eine Katastrophe sich vorbereite. Die Gewächshäuser waren auf einem Gelände errichtet, das erst Herr Zempin zu dem Garten hinzugezogen, und zu dem man auf dem kürzesten Wege über einen kleinen Nebenhof gelangte, der von den Ställen für die fremden Pferde und einigen kleineren Wirtschaftsgebäuden eingeschlossen war. Hier pflegte an Tagen, wo großer Besuch auf Kantzow war – und dergleichen Tage gab es viele in der Woche – eine förmliche Wagenburg aufgefahren zu sein, worin manchmal alle Fuhrwerke – vom Leiterwagen bis zur eleganten Equipage – vertreten waren. Heute fand Gerhard nur drei oder vier und wieder nicht das zierliche Korbwägelchen, dessen Ponys sie selbst lenkte, während der kleine Groom hinter ihr auf seinem unsicheren Sitze hin und her geschleudert wurde. Dafür prangte hoch und breit eine offene Kutsche von ein wenig altertümlicher, schwerfälliger Bauart, mit einem mächtigen Wappen in rot, blau und silber, das die Baronenkrone trug, auf dem gelben Schlage. Diese Kutsche war unzweifelhaft zum ersten Male hier, solange er in Kantzow weilte; sollte sie den Majoratsherrn aus Basselitz gebracht haben? Es war wenigstens der einzige Baron, dessen er hatte erwähnen hören, freilich mit dem Hinzufügen, daß er nicht in Kantzow verkehre, wie lange er auch bereits in Kosenow aus und ein ging – mit einer Beharrlichkeit, pflegte Frau Zempin lächelnd hinzuzufügen, die eines besseren Erfolges würdig wäre. Sollte die Beharrlichkeit schließlich doch gekrönt sein? dachte Gerhard; – es würde für dich ohne alle Schmerzen nicht abgehen; aber es gibt auch heilsame, heilende Schmerzen – das ist ein Trost. Es mußte ein leidiger Trost sein. Gerhard wurde es immer trüber zu Sinn, je weiter er in das sonnige Revier kam, von dem jeder Zoll breit der fleißigsten Gartenkunst gehörte. Blumen überall, wohin das Auge blickte; ganze Wälder hochstämmiger Rosen, die freilich ihre schönste Zeit hinter sich hatten, während die der prunkenden Georginen, die in endlosen Reihen Hunderte von Quadratruten bedeckten, eben gekommen war. Dann wieder Beete, ja Felder voll Nelken, Levkoien, Reseda, veredeltem Rittersporn, Balsaminen, Duft- und Zierblumen aller Art, von denen manche selbst Gerhard, ein wie großer Blumenliebhaber er auch von je gewesen, unbekannt waren. Und aus diesen Blumenwäldern und -feldern stieg köstlicher Würzduft in die heiße, stille Luft, durch die sich wollüstig auf sammetnen Schwingen prächtige Falter wiegten, hier über dem prangenden Blumenflor ebenso in ihrem Revier, wie vorhin über der sonneverbrannten Wiese die flatternden weißen Schmetterlinge. Es ist wahrlich sehr schön, murmelte Gerhard; nur darf man nicht zuvor in so trübe Augen geblickt, so seltsame Reden vernommen haben und – das Barometer so tief stehen. In dem Palmenhaus, wohin ihn einer der Gärtnerburschen gewiesen, fand Gerhard Herrn Zempin. Eine Araukaria, über deren Ankauf er lange Zeit mit dem Direktor des botanischen Gartens in Grünwald verhandelt, war heute morgen endlich angekommen, und die Vorhalle, in der schon seit Wochen alles zu dem Empfang vorbereitet gewesen, mit dem stattlichen Fremdling geschmückt. Man war soeben mit der Aufstellung fertig; die Arbeiter konnten ihre Werkzeuge nicht schnell genug für Herrn Zempin auf die Seite schaffen und selbst die Halle verlassen. »Wie soll man in der Unordnung des Anblickes froh werden?« rief er Gerhard entgegen; »wo die Natur alles mit so wunderbarer Ordnung und zierlicher Anmut gebildet hat, muß auch die Umgebung dem entsprechen. Meinen Sie nicht?« »Ohne Zweifel!« erwiderte Gerhard, sich im stillen wundernd, wie der seltsame Mann dieses ästhetische Prinzip nur für die eigene Erscheinung nicht gelten ließ oder doch nicht forderte. Sein Anzug war nicht ganz so bedenklich, wie bei jener ersten Begegnung; aber die verschossene Joppe bildete wieder das Hauptkleidungsstück, die Füße staken wieder in den ausgetretenen Pantoffeln, und Haar und Bart starrten, als wären sie seit Wochen nicht gekämmt, um den prachtvollen Kopf, um das große, jetzt in der freudigen Aufregung doppelt schöne Gesicht. »Das ist nun meine Lust«, rief er, »meine einzige, darf ich wohl sagen, meine reinste gewiß! Und Sie haben sich unterdessen wieder einmal auf den heißen Feldern abgequält; zwischen den langweiligen Hocken und Erntewagen, mit dem faulen, widerspenstigen Gesindel herumgeärgert, zu einziger Erquickung, wenn es hoch kam, ein lehrreiches Gespräch mit dem geistreichen Klempe, abermals über Hocken, Erntewagen et cetera !« »Und was werden Sie von mir denken«, erwiderte Gerhard, »wenn ich nur zu dem Zwecke gekommen bin, Ihnen den Inhalt eines derartigen Gespräches, das in der Tat stattgefunden, mitzuteilen? Ihre Entscheidung darüber entgegenzunehmen und Ihre Befehle zu erbitten?« Gerhard wußte bereits aus Erfahrung, daß Herrn Zempins Teilnahme auf geschäftliche Angelegenheit zu lenken nicht leicht und seine Aufmerksamkeit dabei festzuhalten noch viel schwerer war. Er ließ ihm deshalb zu einer Ablehnung, die er stets bereit hatte, keine Zeit, und sich selbst in seinem Vortrage durch die Wolken des Mißvergnügens nicht stören, welche, je länger er sprach, immer dunkler über Stirn und Augen des Mannes zogen. »Ich weiß«, schloß er, »daß ich Ihnen mit solchen Mitteilungen keine Freude mache; aber ich halte sie für meine Pflicht, um so mehr –« er zögerte einen Moment und fuhr dann auf Herrn Zempins finster fragenden Blick entschlossen fort: »als niemand sonst in Ihrer Umgebung, soviel ich sehen kann, dafür das nötige Interesse, vielleicht auch den nötigen Mut dazu hat.« »Und ich danke Ihnen«, rief Herr Zempin, Gerhard die gewaltige Hand entgegenstreckend, »danke Ihnen aufrichtiger, herzlicher, als Sie denken mögen. Denn selbst Sie, so scharf Sie mit Ihren klugen, vorurteilsfreien Augen beobachten, können nicht wissen, wie sehr Sie recht haben, wie dringend ich jemandes bedarf, der es wirklich ehrlich mit mir meint und für mich eintritt, wo meine Gutmütigkeit und meine Bequemlichkeit das Feld für Leute frei lassen, die nichts anderes sehen, nichts weiter wollen, als ihren eigenen Vorteil. Ich bin nicht immer so gewesen, glauben Sie mir; aber wie der große König, den ich respektiere, trotzdem er ein Tyrann war, am Schluß seines Lebens sagte: Ich bin es müde, über Sklaven zu herrschen – so darf ich bekennen: Ich bin es müde geworden, mit der Dummheit, der Gemeinheit, die mich auf Tritt und Schritt umgibt, zu kämpfen. Mit welchen hochfliegenden Plänen bin ich damals von der Universität, von meinen Reisen zurückgekommen in diese meine Heimat! wie habe ich es mir als ein köstliches, ja als das allein menschenwürdige Dasein gedacht, als freier, unabhängiger Mann auf meinem vom Vater ererbten Hufen zu sitzen und, ein zweiter Prometheus, das Licht der Aufklärung meinen Hintersassen, meinen Nachbarn, meinen Landsleuten voranzutragen; diesen abgelegenen, dem Vaterlande so lange entfremdeten Winkel nun erst wirklich für Deutschland und für das größere Reich der Bildung des Jahrhunderts zurückzuerobern! Großer Gott, wenn ich daran denke! und denke, was daraus oder vielmehr wie so wenig, so gar nichts daraus geworden! wie nach und nach die himmelhohen Projekte so jämmerlich zusammengeschrumpft, die flammenden Aspirationen elend erloschen sind, als wären's ebenso viele Unschlittkerzen. War es, ist es meine Schuld? Ich habe es mich oft gefragt – ich kann mich nach bestem Wissen und Gewissen vielleicht nicht ganz freisprechen, aber noch weniger ganz verdammen. Gerade da am wenigsten, wo meine Torheit für den, der nicht genauer hinsieht, am offenkundigsten zu liegen scheint. Ich habe mein bestes Land an die Büdner hingegeben für einen Spottpreis, ja – aber doch nur, um den stupiden Besitzern unserer weiten Latifundien, um der trägen Regierung mit einem guten Beispiele voranzugehen und ein Geschlecht von freien kleinen Bauern schaffen zu helfen, ohne das jedes Land, es sei so reich wie es sei, schließlich verarmen und untergehen muß. Denken Sie an England! erinnern Sie sich der rührenden Verse, die Goldsmith in seinem deserted village wie melancholischen Abendsonnenschein um die Hütten breitet, aus denen Habgier und Hoffart die Bescheidenheit und die Unschuld vertrieben hatten! – Daß ich allein blieb, keinen Nachfolger fand, nicht einen einzigen, und schon deshalb ein Versuch, der durchaus, um zu gelingen, von der allgemeinen Meinung getragen werden mußte, ein verfehlter war – das kann ich mir nicht zur Schuld anrechnen; das ist eine Ungerechtigkeit, welche der Staat, welche die Provinz an mir begangen, und die man mich außerdem mit einem Vierteil meines Vermögens hat büßen lassen, ganz abgesehen von dem Ruf eines Don Quichotte und Verschwenders, den ich, als Marktknochen, habe in den Kauf nehmen müssen. Freilich, hätte ich mir das schöne Geld durch die Gurgel gejagt, wie Herr Hinrichs auf Radebas, oder mir dafür einen Hirschpark angelegt, wie Gustav Stut auf Faschwitz, oder goldene Vogelbauer gekauft, wie mein Bruder auf Kosenow, oder aber auch den Haufen fein beisammen gehalten und noch immer mehr dazugekratzt und gescharrt, und wär's aus dem tiefsten Schlamm, wie mein Herr Schwiegervater auf Swinhöft – das würde man begreifen! Das sind Liebhabereien, mit denen am Ende der gesunde Menschenverstand sehr wohl bestehen kann. Der gesunde Menschenverstand! Wissen Sie, was das heißt? das heißt die kleinlichste, erbärmlichste, banausischste Gesinnung! das heißt: der schmutzigste Geiz, der bornierteste Egoismus! das heißt: die kurzsichtigste Kirchturmpolitik, die niederträchtigste Liebedienerei nach oben, die brutalste, schindermäßigste Frechheit nach unten!« Die Augen des Mannes sprühten Blitze, während er, wie ein Löwe an dem Gitter seines Käfigs, vor Gerhard in dem engen Raume der Halle auf und nieder schritt, hinter sich die Araukaria, welche er diese ganze Zeit so ungeduldig herbeigesehnt, und die er nun völlig vergessen zu haben schien. Gerhard hatte keinen Versuch gemacht, den Redestrom zu unterbrechen; er wußte nun bereits aus Erfahrung, daß es dem Zufall überlassen bleiben mußte, ob Herr Zempin auf das eigentliche Thema zurückkam. Heute war die Aussicht dazu möglichst gering und er deshalb nicht wenig erstaunt, als Herr Zempin, nachdem er noch ein paarmal schweigend, aber mit lebhaftem Mienen- und Gebärdenspiel die Halle durchmessen, plötzlich auf der eisernen Bank, die zu bequemerer Betrachtung der Araukaria angebracht war, Platz nahm und, ihn an seine Seite winkend, in viel ruhigerem Tone, durch den sogar eine gewisse, bei dem Manne höchst auffallende Unsicherheit hindurchklang, also fortfuhr: »Verzeihen Sie, daß ich so weit von der Sache, die uns beschäftigt, abgeschweift bin; aber ich gerate jedesmal in Zorn, wenn ich bedenke, was diese Menschen sind und was sie sein könnten – Menschen mit dem Mark der Bären und Löwen in den Knochen, und geistig begabt genug, wenn sie diese Gaben nur benutzen wollten. Sie haben es nie gewollt, vielleicht, ja wohl gewiß nur darum nicht, weil sie es nie gebraucht, gemußt, weil niemals hinter ihnen die dura necessitas stand, die harte, segensvolle Mutter so ziemlich alles Guten und Großen auf Erden. Wir – ich meine meinen Bruder Johann und mich – sind freilich noch ein wenig von der Not gestreift worden, mit der unser Vater so mannhaft gekämpft, aus der er sich so machtvoll herausgerungen in schwerer, unermüdlicher Arbeit. Als wir zu Jünglingen heranwuchsen, war der Vater längst schon in der Lage, uns alle unsere Launen befriedigen zu können. Und Gott mag wissen, daß es uns daran so wenig fehlte, als wären wir geborene Prinzen und nicht die Söhne eines weiland blutarmen Gutsverwalters! Sehen Sie, das ist der Fluch der Emporkömmlinge, von dem ihr Aristokraten niemals zu leiden habt! Ich darf und will meinen Vater nicht schelten; sie sagen ja, ich sei sein vollkommenes Ebenbild, leiblich und geistig, und so würde ich es wohl, wär ich er gewesen, nicht besser und weiser getrieben haben. Und dann waren wir zwei von zwölf Kindern – zwei schönen Mädchen und zehn überkräftigen Jungen – allein übrig geblieben; die anderen alle hatte der Tod weggerafft und mehr als einmal ein jäher, gewaltsamer: Sturz mit einem wilden Pferde, Ertrinken beim Baden – was weiß ich? Dazu war meine Mutter, deren Kraft zuerst die Sorge um die Not des Lebens, dann Kummer und Gram um den Verlust so vieler blühender Kinder gebrochen, in ein zu frühes Grab gesunken, zu früh für den Vater, der dadurch seiner besten Stütze beraubt; viel zu früh für uns, deren unbändige Wildheit fortan nicht einmal mehr durch die Rücksicht auf die Gute, Kränkliche um ein weniges gezügelt wurde. Von diesem Moment, von dem Moment, da sie ihre sanften Augen schloß, datiert – ich erinnere mich ganz genau – die traurige Ära des Bruderhasses und der Bruderfehde, die leider bis auf den heutigen Tag nicht abgeschlossen ist, im Gegenteil, nachdem sie sich auf vier Augen beschränkt, nur immer heftiger entbrannte, wenngleich ich meinen Bruder, der eine halbe Meile von mir entfernt wohnt, seit Jahren nur immer aus der Ferne gesehen, falls wir uns einmal auf den Feldern begegneten. Anfangs grüßten wir uns doch wenigstens, zuletzt hat auch das aufgehört; das Tischtuch ist völlig zwischen uns zerschnitten; wir kennen uns einfach nicht mehr. Und das ist denn auch die Antwort auf Ihre Frage, ob ich mich in der bewußten Angelegenheit nicht an meinen Bruder wenden möchte.« Er stand schnell auf, machte sich an der Araukaria zu schaffen, kam aber gleich wieder an seinen Platz zurück und sagte: »Und ist auch die einzige Entschuldigung für die Erzählung von Geschichten, die ihnen, dem am wenigsten Neugierigen und zugleich Verschwiegensten aller Sterblichen, höchst geschwätzig und indiskret, ja in Anbetracht der in jeder Beziehung rangierten und klaren Verhältnisse, worin Sie selbst aufgewachsen sind, auf die Sie durch wer weiß wie viele Generationen zurückblicken, so recht gründlich plebejisch und widerwärtig erscheinen müssen.« »Ich kann das durchaus nicht gelten lassen«, erwiderte Gerhard lebhaft; »ich bin keineswegs so wenig neugierig, wie Sie annehmen, wenn ich auch allerdings sagen muß, daß meine Neugier nur der herzlichen Teilnahme entspringt, die ich vom ersten Augenblicke an für Sie – für Ihre Familie empfunden. Auch habe ich die Körner, welche mir der Lauf der Unterhaltungen gelegentlich zuführte, sorgsam beachtet und gesammelt und hätte durchaus nichts dagegen gehabt, wenn sich der kleine Schatz auf loyalem Wege vermehrt hätte. Zu fragen, mich aufs Ausforschen und Aushorchen zu legen, erschien mir freilich ein solcher Weg nicht, und ich sagte Ihnen bereits, daß Freund Stude sich vorher und nachher in allem und jedem, was Ihre Verhältnisse, Ihre Familie betrifft, einer Verschwiegenheit beflissen hat, die man bei dem Leichtlebigen, Redseligen nicht vermuten sollte. Um so dankbarer aber bin ich nun Ihnen, da sie aus freien Stücken den Schleier lüften, der für den Neuling, den Fremden, oft so unbequem dicht über Angelegenheiten liegt, die gar nicht des Schleiers bedürfen. Und wie ich mich nun durch Ihr Vertrauen aufs höchste geehrt fühle, so ist es mir unmöglich, Sie in dem Glauben zu lassen, daß meine Verhältnisse nur Erfreuliches bieten. Zwar meine drei Brüder und ich – ich darf sagen, ein innigeres Band hat Geschwister wohl selten umschlungen; und so kann ich recht empfinden, was Sie entbehren, und wie schmerzlich diese Entbehrung für ein großes und edelmütiges Herz, wie das Ihre, sein muß. Sonst aber hat in meiner Familie der Streit jahrelang geherrscht, noch dazu in der widerwärtigsten Form: um mein und dein. Sie sehen mich erstaunt an, Herr Zempin, und ich schließe daraus – was ich übrigens auch schon sonst vermutet – daß Stude Ihnen gegenüber so verschwiegen gewesen ist wie gegen mich. Oder vielmehr – er hat diese Verschwiegenheit nur gebrochen, um über meine Vermögensverhältnisse Märchen zu verbreiten, die seiner Eitelkeit schmeicheln mögen, mir aber höchst peinlich sind, und die auf ihren winzigen Wahrheitskern zurückzuführen ich mir schon lange vorgenommen. Darf ich diese Gelegenheit benutzen?« »Sie setzen mich in das höchste und schmerzlichste Erstaunen«, erwiderte Herr Zempin. – »Aber bitte, sprechen Sie! Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß, was Sie mir mitteilen, völlig unter uns bleibt.« »Im Gegenteil«, erwiderte Gerhard, »ich wollte Sie ganz ausdrücklich und dringend bitten, meine Mitteilungen nicht geheim zu halten, sondern ihnen in Ihrer Gesellschaft eine möglichst weite Verbreitung zu geben, besonders aber Ihre Frau Gemahlin davon zu unterrichten.« »Sprechen Sie!« wiederholte Herr Zempin. »Es ist«, hub Gerhard an, – »um es kurz zu sagen, mein Großvater, der uns, nach Menschenbegriffen, ins Unglück gestürzt hat, durch eine Weltlust, wie sie in dieser Maßlosigkeit, glaube ich, nur das vorige Jahrhundert gekannt hat. Mein Großvater scheint durchaus der Typ jener Lebemänner gewesen zu sein, deren Motto es war: après nous le déluge ! Auch war er – ich gestehe es zu meiner Beschämung, obgleich ich unschuldig genug daran bin – viel mehr Franzose als Deutscher: ja, er war ganz Franzose in seiner Sprache, seinen Sitten, oder leider in seiner Sittenlosigkeit, in seinen Tendenzen und Sympathien. Schon als ganz junger Mensch nach Paris geschleudert – in das Paris des Faublas und der liaisons dangereuses – hatte er – als ein reicher, bildschöner, junger Kavalier – selbst unter den Roués jener Tage glänzenden Elends durch seine Verschwendung, seine Tollkühnheit, seine zahllosen Abenteuer sich eine traurige Berühmtheit erworben, und sein verwildertes Herz blieb in Frankreich, auch als er mit den Refugiés der Revolution – den Genossen seiner Ausschweifungen und Abenteuer – nach Deutschland zurückgekehrt war und geheiratet hatte. Ich vermute, dieser letztere Schritt war nur eine jener wilden Launen gewesen, aus denen sein Leben bestand; wenigstens verließ er nach Jahresfrist Weib und Kind und das Schloß seiner Väter, um ruhelos durch die Welt zu schweifen, sich heute für eine Tänzerin in Neapel zu schlagen, morgen für die Bourbonen in der Champagne, und zuletzt mit einer gewissen Ausdauer, die bei ihm, dem Wankelmütigsten der Menschen, sich ganz seltsam ausnimmt – für Napoleon! Ja, Herr Zempin, es ist furchtbar, daß ich es sagen muß: in den Schlachten, die den Fall Preußens herbeiführten und die Knechtschaft Deutschlands besiegelten, zog ein Vacha seinen Degen für Frankreich gegen sein Vaterland, nicht gezwungen, nicht durch seinen Lehns- oder Fahneneid gebunden, wie so mancher ehrliche Kerl, mit blutendem Herzen – sondern aus wüstem Übermut, oder in sklavischer Huldigung des Usurpators, dessen freche Genialität seinem blasierten Herzen imponiert haben mochte. Da ist es denn förmlich als eine Gnade für uns anzusehen, daß sein letzter Waffengang wenigstens nicht mit seinen deutschen Brüdern war, sondern mit Rußland, wohin er seinem vergötterten Helden in den verderblichen Feldzug von 1812 folgte. Gerhard schwieg, ergriffen von Erinnerungen, deren düstere Farbe mit der wehmutvollen Stimmung, die ihn bedrückte, nur zu sehr harmonierte. War nicht alles, was er da eben erzählt, ein Kommentar zu der herben Lehre des Mannes im Walde, daß nichts verjähre – nicht in der Natur, nicht im Menschenleben, keine gute, aber auch leider keine böse Tat? Mit gespannter Aufmerksamkeit, die sich in dem lebhaften Mienenspiel seines ausdrucksvollen Gesichtes, in manchem Heben und Senken der Augenbrauen, langsamem Wiegen des Hauptes und blitzschnellem Zucken der vollen Lippen widerspiegelte, hatte Herr Zempin zugehört. Jetzt legte er Gerhard die breite Hand auf das Knie und sagte: »Es ist in der Tat fürchterlich, was Sie da berichten – für Sie doppelt fürchterlich, weil Sie, der Enkel dieses Apostaten der Freiheit und Vaterlandsliebe, ein edler Mann nicht nur, sondern – ein Edelmann sind; das heißt auferzogen und aufgewachsen in der Tradition Ihres alten Geschlechtes, in der Lehre von der Kontinuität der Erbfolge in jeder Bedeutung des Wortes, in dem aristokratischen Wahn – verzeihen Sie das Wort! – daß ein Verbrechen der Ahnen auch noch das Wappenschild des Enkels beflecke. Da sind wir Plebejer freilich besser daran; ich weiß zum Beispiel nicht – und so geht es den meisten meinesgleichen – wer mein Großvater war. Da kann ich freilich auf ihn nicht stolz sein, aber ich brauche mich auch nicht im übertriebenen Ehrgefühl seiner zu schämen.« »Und sind doch stolz auf Ihren Vater«, fiel Gerhard mit Lebhaftigkeit ein – »und sind es mit Recht – auf den Mann, der durch seinen Fleiß, seine Energie und zweifelhaft hohe intellektuelle Begabung sich herausgehoben hat aus plebejischem Dunkel zu der stolzen, weithin sichtbaren Höhe eines der reichsten Grundbesitzer dieses reichen Landstriches! Nein, Herr Zempin, lassen Sie mich immerhin über meinen Großvater erröten, wenn Sie mir nur erlauben, daß mein Herz höher schlägt, sobald ich meines Vaters gedenke. Und da Sie einmal Geduld genug gehabt haben, meine Familiengeschichte so weit anzuhören, so vergönnen Sie mir, noch ein Kapitel – das letzte – hinzufügen zu dürfen, das die Andeutungen vervollständigen wird, die ich vorhin über meine augenblickliche Lage machte. Darf ich?« »Ich bitte Sie, Herr Baron!« Gerhard blickte erstaunt auf: es war das erstemal, daß ihn Herr Zempin oder überhaupt jemand auf Kantzow so nannte. »Stude ist unschuldig«, sagte Herr Zempin lächelnd; »er ist über Ihre Würden so verschwiegen gewesen, wie über diejenigen Ihrer Vorzüge, auf die ich größeres Gewicht lege. Der Lauf unseres Gespräches hat mich eben nur an einen Brief erinnert, den ich bereits seit zwei Stunden bei mir trage, wo ihn ein reitender Bote brachte – von Teschen. Die Sache ist am Ende eilig; verzeihen Sie meine Nachlässigkeit!« Er hatte an sich herumgefühlt und brachte jetzt aus der tiefen Tasche seiner Joppe zwischen Stücken Bindfaden, Bast, Gartenscheren und anderen Werkzeugen einen großen Brief zum Vorschein, dessen mächtiges, rotes Siegel ein adliges Wappen zeigte. Herr Zempin deutete auf die Adresse, die an ›Herrn Baron Gerhard von Vacha. Hochwohlgeboren.‹ lautete. – »Ihr Herren untereinander pflegt euch in derlei Dingen nicht zu verschreiben«, fügte er lächelnd hinzu. – »Genieren Sie sich nicht!« Gerhard erbrach den Brief, der aus nur wenigen Zeilen bestand, welche er auf der Stelle Herrn Zempin mitteilte. »Der Graf Westen beehre sich, Herrn Baron Gerhard von Vacha die Grüße auszurichten, die ihm Baron Odo von Vacha in Berlin an den Herrn Vetter, zurzeit in Kantzow, aufgetragen. Er, der Graf, und seine Gemahlin hofften, recht bald die persönliche Bekanntschaft des Herrn Barons zu machen.« »Wie sonderbar«, sagte Gerhard, »daß dies in dem Augenblick mir zu Händen kommt, wo ich im Begriffe stand, Ihnen mitzuteilen, wie es geschehen, daß wir – ich meine, unsere Linie der Vacha – Barone sind ohne die immerhin wünschenswerte Baronie. Es ist wiederum der Leichtsinn meines Großvaters, der, um eine Ehrenschuld von ungeheurem Betrage bezahlen zu können, die er in einer leichtsinnigen Nacht auf sich geladen, sein Erstgeburtsrecht und seine Ansprüche auf die Hauptmasse der Vachaschen Güter – zu jener Zeit noch in den Händen eines kinderlosen Oheims – einem um mehrere Jahre jüngeren Vetters verkaufte, der allerdings der legitime Erbe gewesen sein würde, wenn mein Großvater ohne männliche Nachkommenschaft gestorben wäre. Nun aber war mein Vater, sein einziger Sohn, damals bereits ein kräftiger Jüngling von achtzehn, neunzehn Jahren, über dessen Kopf weg der schlimme Handel nach alten Familienbestimmungen und Verträgen gar nicht abgeschlossen werden konnte. Und doch kam er zustande – in tiefster Heimlichkeit, die erst mehrere Jahre später von der anderen Seite gelüftet wurde, als der Oheim gestorben und mein Großvater, ohne von seiner Frau, die er von Anfang an betrogen, von seinem Sohne, den er kaum je gesehen, Abschied zu nehmen, ausgezogen war, um nie zurückzukehren.« »Ein Opfer des russischen Feldzuges?« frage Herr Zempin. »Wir wissen es nicht«, erwiderte Gerhard, »und das Dunkel, das über seinem Ende liegt, wird wohl schwerlich jemals gelüftet werden. Es ist niemals seit seiner Abreise, die eigentlich eine Flucht war, irgendeine Nachricht, irgendein Lebenszeichen von ihm in die Heimat gelangt. Vielleicht ist er gleich in einem der ersten Gefechte geblieben – an Wagemut hatte es ihm nie gefehlt – vielleicht ist er, wie die Tausende der anderen, in den Schneefeldern auf dem Rückzuge elend umgekommen; vielleicht hatte er sich doch gerettet und nur Deutschland für immer den Rücken gewandt, um, in gewohnter Weise die Welt durchschweifend, sein Abenteurerleben, der Himmel weiß wo, zu beschließen. Jedenfalls spielt die Ungewißheit über seinen Verbleib eine leidige Rolle in dem Rechtsstreit, der nun zwischen meinem Vater und dem Vetter entbrannte. Ich darf Sie nicht mit den Einzelheiten eines Handels behelligen, der über zwei Jahrzehnte geführt ist, und in dem sonderbarere Peripetien vorkommen, als von denen die Rechtsphilosophie sich träumen läßt. Das Ende war eine vom Gerichte beliebte Art von Vergleich oder Kompensation, nach welcher dem Vetter die Hauptmasse, meinem Vater gewisse Güter, deren Konnex mit der Hauptmasse zweifelhaft war, zugesprochen wurden und – vermutlich als eine Entschädigung für den mageren Anteil – das Recht, den Baronentitel zu führen, der ursprünglich nur an der Hauptmasse haftete. Mein Vater hat den Titel nie geführt. Er gehörte zu den Leuten, die, nach des Dichters Worten, einen Strohhalm breit verfechten, wenn Ehre auf dem Spiele; er wollte sein gutes, ganzes Recht, nicht des Rechtes Schein; er hat auch den Besitz jener ihm zugesprochenen Güter nie angetreten, und nur mit äußerster Mühe und tausend Bitten und Tränen hat meine teuere Mutter ihm die Erlaubnis abgerungen, daß sie auf uns, seine Söhne, übertragen werden durften. Dafür hatte er, überzeugt, daß er endlich doch siegen müsse, während des Streites Schulden kontrahiert, die er, als der Sieg sich gegen ihn entschieden, durch den Gewinn aus Unternehmungen landwirtschaftlich-industrieller Natur, die nicht immer einschlugen, abzutragen suchte. So ist sein Leben ein einziger, oft verzweifelter Kampf gegen ein widriges Geschick gewesen; und seine Todesstunde hat nur die Gewißheit verklärt, daß seine Söhne selbst lieber sterben würden, als einen leichtesten Makel auf dem Leben eines Mannes lassen, dessen Herz so rein war wie das Herz der Wasser.« Gerhards Stimme hatte bei den letzten Worten gebebt, und er konnte, als ihm jetzt Herr Zempin die Hand drückte, nicht gleich die Augen aufschlagen. Wie er es nun tat, sah er, daß die Augen des Mannes selbst voll Tränen standen. Einer so herzlichen Teilnahme gegenüber schämte er sich nicht länger der eigenen Tränen und der tiefen Bewegung, mit der er dem Freunde, der die mächtigen Arme nach ihm ausstreckte, an die Brust sank. »Und nun«, sagte Herr Zempin lächelnd, indem er Gerhard wieder auf die Bank zog, »da die frohe Ahnung, die mich bei Ihrem ersten Anblick überkam: daß wir Freunde werden müßten, sich so bald und so ganz erfüllt, darf ich von dem Vorrecht der Freundschaft Gebrauch machen und mich ein wenig in die Angelegenheiten Ihres Herzens mischen, nur um Ihnen einen Wink zu geben, der Ihnen vielleicht gerade in diesem Augenblicke ersprießlich ist? Sie blicken mich erstaunt an; aber ich glaube sehr genau zu wissen, weshalb Sie mir gerade jetzt diese Mitteilung machten. Ich habe ein Paar sehr scharfer Augen; und wenn ich mich auch wenig in die Gesellschaft mische, ich sehe doch so ziemlich alles, was da vorgeht. Sie wissen, worauf ich hinaus will?« »Ja«, erwiderte Gerhard. »Das ist recht«, rief Herr Zempin; »das habe ich erwartet. Und so kurz und bündig, wie Ihr vertrauensvolles, ehrliches Ja: Sie lieben meine Nichte Maggie, oder, wenn das zu viel ist, Sie interessieren sich, interessieren sich lebhaft für das schöne Kind. Wie sollten Sie auch nicht? Sie mit Ihrem empfänglichen Herzen? Aber auch das Herz der Kleinen ist empfänglich; und es müßte mich denn alles trügen, oder Sie haben auf dies kleine empfängliche Herz einen großen, dauernden Eindruck gemacht. Hier werden Sie nun, wenn ich Sie fragte, ob Sie derselben Überzeugung sind, natürlich nicht wieder mit ja antworten aus selbstverständlicher Delikatesse und Bescheidenheit. Und doch möchte ich Sie gerade vor dieser Bescheidenheit warnen. In dem Kampfe um Weibergunst so wenig, wie in dem um Ruhm, darf man sich zu sehr auf seinen persönlichen Wert verlassen; selten, kaum jemals wird die schöne Helene dem Würdigsten zuteil, wenn er nicht auch zugleich der Eifrigste, der Kühnste, ja, verzeihen Sie das Wort: der Keckste ist. Die lieben Mägdelein wollen es einmal so, und um so mehr, je umworbener sie sind. Nun wird es Ihnen nicht entgangen sein, daß unsere kleine Prinzessin der umworbensten eine ist. Fügen Sie zu Ihren übrigen Verdiensten noch das einzige, das Ihnen – nicht in meinen, vielleicht aber in den Augen der Prinzessin, fehlt, und das Rätsel ist gelöst, und Turandot wird ja sagen, wie ich von Herzen Amen.« Herr Zempin hatte mit gewohntem Eifer, aber auch mit einem seinem leidenschaftlichen Wesen sonst fremden, freundlichen Humor gesprochen; Gerhards Herz war von den wechselndsten Empfindungen bestürmt. Zu seiner Beschämung war selbst der Unwille nicht ganz ausgeschlossen, der ihn überkommen, als vor wenigen Stunden Herr Klempe sich jene plumpe Anspielung erlaubte auf ein Verhältnis, das zwischen ihm und Maggie bestehen sollte. Je weniger er aber eines Freundes gutmütigem Eifer zürnen konnte, um so schmerzlicher empfand er das grelle Licht, das nun so plötzlich in Tiefen seiner Seele fiel, in die er selbst nur erst scheue, sehnsuchtsvolle Blicke geworfen. Hatte er sich doch kaum zu gestehen gewagt, daß er das schöne Mädchen liebe, und zu der Möglichkeit, daß sie ihn wiederliebe, aufgeschaut wie zu den Sternen, die man nicht begehrt, weil das Begehren Torheit wäre. Und nun hörte er das alles aus eines anderen Munde als etwas, das sich ganz von selbst verstehe, woran man gar nicht zweifeln könne: ein Geheimnis nicht länger und ein Problem, sondern eine offenkundige Tatsache, über die sich jeder seine Meinung bilden dürfe. »Ich will mich nicht zieren«, erwiderte er, »und wie ein Kind Verstecken spielen, nachdem Ihr scharfes Auge mich einmal entdeckt hat. Aber Sie selbst können ja nun sofort aus den Mitteilungen, die ich Ihnen soeben – auf mein Wort! – mit keiner Nebenabsicht, nur meinem Wahrheitsdrange folgend, über meine Lage gemacht habe, die Konsequenzen für den Fall ziehen. Das Rätsel wird ungelöst bleiben, wenn meine Keckheit der Schlüssel sein soll. Woher sollte ich die nehmen? Mein Leben wird noch auf Jahre hinaus eine Fortsetzung des Kampfes sein, worin mein edler Vater schließlich unterlegen. Und ich kämpfe diesen Kampf nicht für mich allein, sondern auch für meine drei Brüder, die mir nicht helfen können, denen ich im Gegenteil helfen muß, ja, die für die Entwicklung ihrer schönen Talente gänzlich auf mich und das sehr bescheidene Kapital angewiesen sind, das mir persönlich eine gute alte Tante, deren Pate und Liebling ich war, vermacht hat. In das schwanke Schifflein meines Glückes noch ein geliebtes Weib nehmen – das hieße nicht keck und kühn handeln, das wäre tollkühn, das wäre gewissenlos.« »Auch wenn die Segel Ihres Schiffleins sich so mit günstigern Fahrwind füllen«, rief Herr Zempin eifrig; »und Sie flott und frei dahintreiben können, wo Sie vorher mühsam rudern mußten? Lassen Sie uns ohne Bilder sprechen, als klare, verständige Männer, die da wissen, daß auch die Herzensangelegenheiten unter die Jurisdiktion der praktischen Vernunft fallen. Ich habe allen Grund anzunehmen, daß trotz einiger sehr kostspieligen Launen, die mein Bruder Johann hat, und trotz seiner geringen wirtschaftlichen Einsicht seine finanzielle Lage eine sehr gute, ja glänzende ist. Ich glaube nicht, daß Edith, die von jeher ein sonderbares Kind war, jemals heiraten wird; aber, täte sie es auch – es ist für beide Mädchen genug vorhanden. Sie sind kein Glücksjäger; Sie wollen sich Ihre Position in der Welt selbst schaffen, nicht von einem reichen Schwiegervater Ihr Nest füttern lassen – das ist ja alles ehrenwert und brav und Ihrer würdig; aber Sie unterschätzen sich selbst dabei in unverantwortlicher Weise: für einen Mann wie Sie ist kein Mädchen weder zu gut, noch zu schön, noch zu reich. Der Tausend! ich sollte in Ihrer Lage sein, oder ich wollte, ich wäre der reiche Mann, der Ihnen eine schönste Tochter zu geben hätte! Mit Freude und mit Stolz wollte ich es tun. Und ich kann Ihnen sagen, daß Ihre Bescheidenheit abermals in der Irre geht, wenn Sie annehmen: es ist nur eben meine Freundschaft und meine Voreingenommenheit, die mir Sie in einem so günstigen Lichte zeigt. Ich kann Ihnen sagen: andere sehen Sie nicht anders; haben im Gegenteil vom ersten Moment in Ihnen den gefährlichsten Mitbewerber um Turandots Gunst richtig herausgefunden. Da ist –« »Herr Bagdorf«, sagte Gerhard. »Pah! das ist Ihr Ernst nicht!« rief Herr Zempin. »Ich würde ihn weniger ernsthaft nehmen, wenn er sich nicht der so mächtigen Protektion einer Dame erfreute, die –« Gerhard verstummte, da er plötzlich Herrn Zempins Blick auf sich gerichtet sah mit einem Ausdruck, dessen Meinung er nicht verstand. Nach einer kleinen, von Gerhards Seite etwas verlegenen Pause sagte Herr Zempin – wiederum in einem ganz eigenen Tone: »So protegiere ich dafür Sie; wir wollen doch sehen, wer mächtiger ist, meine Frau oder ich! ich denke –« Er nagte an den Lippen und brach plötzlich aus: »Bagdorf – der Fant, der Hohlkopf – der –, lächerlich!« Und er lachte; das Lachen war laut genug, aber es war ein hohler, häßlicher Klang darin, der Gerhards Ohr unangenehm berührte. Er hatte bereits wiederholt die Bemerkung gemacht, daß Herr Bagdorf bei Herrn Zempin nicht eben in besonderer Gunst stand; doch hatte er den Grad der Abneigung nicht für so groß gehalten. Er hätte das Gespräch, das ihm von Minute zu Minute peinlicher wurde, gern abgebrochen; Herr Zempin schien es nicht zu bemerken. »Nein«, sagte er; »Sie sind auf einer ganz falschen Fährte, und ich muß Ihnen schon auf die richtige helfen. Ich weiß mit voller Sicherheit, daß Lafing Basselitz – Lafing soll heißen Bogislaf – sich schon seit ein paar Jahren um Maggie – oder genauer gesprochen, da der junge Herr – der nebenbei an die Dreißig ist – hier wie in jedem anderen Falle seiner Mutter die Initiative überläßt – die Frau Mutter für ihn bewirbt; – und das will nicht nur ernst – das will sehr ernst genommen sein. Ich habe, als ich zwanzig Jahre jünger und leichtsinniger, auf einem recht – guten Fuß mit ihr, die damals noch nicht längst Witwe war, gestanden; und wir haben uns, wie vernünftige Leute pflegen, aus unserer kleinen Liaison ein gegenseitiges Wohlwollen für die Folgezeit bis auf den heutigen Tag gerettet. Ich kenne sie also besser als die meisten und finde es völlig begreiflich und in der Ordnung, daß sie hier in unserem ganzen Kreise allerdings nicht geliebt, aber desto mehr gefürchtet wird, jedenfalls allen ohne Ausnahme höchlichst imponiert. Sie ist in der Tat eine ungewöhnliche Frau, trotzdem Dativ und Akkusativ bei ihr in einem unerbittlichen Kriege liegen, in dem von beiden Seiten kein Pardon gegeben wird. Lieber Himmel! sie hatte bis zu ihrem siebzehnten Jahre, wo sie der Baron aus einem Gänsemädchen zur Frau Baronin machte, ein hochdeutsches Wort kaum gehört und ganz gewiß nicht gesprochen, und das Institut in Grünwald, wohin sie der Baron gegeben, mußte sie, da es eine Pension für junge Mädchen, aber nicht für junge Frauen war, nach kaum einem halben Jahre eines schönen Tages schleunigst verlassen. Der Sohn, der dann zur Welt kam, blieb der einzige; einzelne Söhne haben immer einen schweren Stand, besonders wenn der Vater früh stirbt und die Mutter, allen Vormundschaftsgerichten und Majoratskautelen der Welt zum Trotz, unumschränkte Regentin ist und bleibt und bleiben wird und will, auch wenn Lafing sich verheiratet. Und dann erst recht. Zu dem Zwecke muß aber die Heirat ganz von ihrer, der Frau Mutter, Gnade sein; und so ist ihr gerade eine Bürgerliche, gegen die das ci-devant Gänsemädchen ja sonst Einspruch erheben müßte, besonders willkommen. Sie hat bis jetzt freilich die Unerbittliche gespielt, um ihre schließliche Zustimmung desto kostbarer zu machen. Seitdem Sie aber im Felde erschienen und den Sieg an Ihre Fahnen zu heften scheinen, ist man, nach meinen sehr guten Nachrichten, aus der bisherigen Defensive herausgetreten, und wir müssen jeden Augenblick auf einen Gewaltstreich gefaßt sein.« »Ich glaube, daß der Feind bereits innerhalb der Mauern ist«, erwiderte Gerhard mit einem Lächeln, das ihm nicht vom Herzen kam; – »wenigstens habe ich auf dem Hofe eine große, mir unbekannte Chaise mit einem Baronenwappen auf dem Schlage bemerkt.« »Das ist sie, bei Gott, das ist sie!« rief Herr Zempin eifrig. »Sie Unglücksmann! und das sagen Sie mir erst jetzt? und sagen es so ruhig, so kühl! Sind Sie Ihres Sieges so sicher? oder – wäre Ihnen an dem Siege wirklich nichts gelegen?« Gerhard hatte keine Zeit zu einer Antwort, bei der es mit einem einfachen Ja oder Nein freilich nicht getan war; denn bereits während Herrn Zempins letzter Worte hatten sich ganz in der Nähe Stimmen vernehmen lassen, und jetzt zeigte sich die Gesellschaft, die zwischen den Gewächshäusern unbemerkt herangekommen war, auf dem kleinen Platze vor dem Palmenhause und kam auf den Eingang zu; voran, mit eifrigen, mächtigen Schritten, eine große, stattliche Dame – unzweifelhaft die Baronin von Basselitz – hinter ihr, wie das Gefolge hinter einer Königin, die übrigen: Herren und Damen. – Gerhards Herz hatte vergeblich so gewaltsam geschlagen: Maggie war nicht in der Gesellschaft. Sechstes Kapitel Herr Zempin hatte, sobald er der Kommenden ansichtig wurde, eine Bewegung um die Araukaria herum nach dem Pförtchen gemacht, welches aus der Halle auf den Platz hinter dem Palmenhause führte. Aber es war für einen unbemerkten Rückzug zu spät; so fuhr er sich denn nur mit den breiten Händen durch das buschige Haar und mit den Füßen kräftig in die allzu weiten Pantoffeln und trat der in die Halle rauschenden Baronin mit einem Anstand entgegen – dessen sich ein König, der so überrascht worden wäre, nicht hätte zu schämen brauchen – meinte Gerhard, der, von der Araukaria halb verdeckt, ein aufmerksamer Beobachter der Szene war. »Ich bin untröstlich, gnädige Frau, von Ihrer Anwesenheit nicht unterrichtet gewesen zu sein«, sagte Herr Zempin. »Das glaube ich«, unterbrach ihn die Baronin; »denn dann hätten Sie Zeit gehabt, sich zu absolvieren – oder heißt es absentieren?« »Ich würde mich absentieren, wenn ich nicht sicher wäre, daß Sie mir wegen meiner derangierten Toilette gnädige Absolution erteilen«, erwiderte Herr Zempin, die Hand der Baronin, die er noch in der seinen hielt, mit ritterlichem Anstande an die Lippen führend. »Sie bleiben ein Schäker, Sie alter Sünder«, sagte die Baronin, mit dem Fächer, den sie in der Linken hielt, Herrn Zempin einen tüchtigen Backenstreich versetzend; »übrigens bin nicht vor Ihnen gekommen – wo ist denn – aha!« Sie hatte jetzt erst Gerhard bemerkt und starrte ihn nun mit ihren großen Augen an – wie ein unbekanntes Tier in der Menagerie, dachte Gerhard, der sich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Das Benehmen der Dame war gewiß nicht höflich, aber diese sonderbare Erscheinung durfte offenbar mit dem Maßstabe der gewöhnlichen Höflichkeit nicht gemessen werden. »Erlauben Sie mir«, sagte Herr Zempin vorstellend – »Ist nicht nötig,« unterbrach ihn die Baronin von neuem, »ich habe schon genug von dem Herrn gehört, und der Herr wird mir kennen, denke ich. Freue mir übrigens, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, Herr Baron! Hätte wohl noch lange auf die Ehre warten können, wenn ich nicht selbst gekommen wäre. Na, ich bin ja auch alt genug, um einem spröden jungen Herrn einen Schritt entgegen zu tun, ohne mich was zu vergeben.« »Aber nicht ohne diesen betreffenden Herrn durch Ihre Güte aufs tiefste zu beschämen«, erwiderte Gerhard, sich über die Hand beugend, die ihm die Baronin entgegenstreckte. Die Hand war groß und fleischig und erinnerte so an die des Herrn Zempin, drückte auch kaum minder kräftig. »Ja, ja, schöne Redensarten und feine Komplimente – damit seid ihr Herren auf der Welt gekommen. – Das ist ein ganz anderer Schnack, als von Ihre Studentenjungens!« Diese letzten Worte waren an Julie gerichtet, die eben herantrippelte, und wahrscheinlich für diese bestimmt; aber die Stimme der Baronin war so kräftig, wie die Akustik der kleinen Halle vorzüglich, und Julie warf einen erschrockenen Blick rückwärts nach den in der Tür stehenden jungen Herren. »I was!« sagte die Baronin, »ich werde mir vor die Jungens genieren? Warum sind sie überhaupt mitgelaufen? wir brauchen ihnen hier gar nicht; sie können auch die jungen Damens wieder mitnehmen.« »Es ist hier in der Tat entsetzlich heiß«, sagte Julie, das Gesicht mit dem zusammengeklappten Sonnenschirm fächelnd. – »Wie habt ihr beiden Herren das in der Bruthitze aushalten können! Hinaus, hinaus, ihr jungen Leute! damit wir nicht noch sämtlich ersticken.« Julie trieb die kaum Eingetretenen aus der Halle, wobei Herr Spatzing mit einwärts gekehrten Füßen sonderbare Sprünge ausführte und die Arme hob und senkte, wie ein aufgescheuchter Rabe, dem die Flügel beschnitten sind, worüber sich denn Stude totlachen wollte, während der schöne Schwede und der Student sehr böse Mienen machten, und nur die Mädchen froh schienen, aus der Nähe der Gefürchteten zu kommen. »Ich denke, wir gehen auch«, sagte Julie. »Genieren Sie sich nicht«, erwiderte die Baronin. »Ich habe in der Laube eine kleine Erfrischung aufstellen lassen, da Sie durchaus unser Mittagsbrot verschmähen.« »Na, denn sehen Sie man nach, ob alles in Ordnung ist!« »Aber, Moritz, hörst du denn nicht, daß die Frau Baronin uns los sein will«, rief Julie, zu ihrem Gatten gewandt. »Sie brauchen dabei gar nicht zu lachen, kleine Frau«, sagte die Baronin, Julie auf die Wangen klopfend; »ich kenne Ihnen, seitdem Sie Frau Zempin sind, und Ihren Gatten – na, den kenne ich schon ein bißchen länger – wir laufen uns einander nicht davon. Diesen scheuen Vogel muß ich festhalten, da ich ihn mal habe; also gehen Sie man immer voraus; geben Sie mich Ihren Arm, Herr Baron!« Julie war, nach dem unruhigen Ausdruck ihrer lebhaften Augen und dem gelegentlichen Zucken des kleinen Mundes zu schließen, mit dem Arrangement keineswegs zufrieden, wenn sie auch zwischendurch lachte und die Baronin eine Tyrannin schalt. Herr Zempin konnte seinen Unmut weniger gut beherrschen; er blickte mit gerunzelter Stirn und gesenkten Brauen vor sich nieder und sah einem erzürnten Löwen ähnlicher als je, wagte aber doch keinen Widerspruch zu erheben – für Gerhard ein Beweis der unbedingten Herrschaft, welche die Baronin auf alle ausübte. Konnte er selbst doch, als er jetzt ihrem Befehle nachkam und ihren bereits ausgestreckten Arm in dem seinen fühlte, sich einer Beklemmung des Herzens nicht erwehren, wenn er auch fest entschlossen war, in dem ihm mit solcher Rücksichtslosigkeit angebotenen Kampfe keinen Zoll breit nachzugeben. Indessen schien auch die Baronin zu seinem Erstaunen keineswegs so sicher und siegesgewiß, wie er nach ihrem ersten Auftreten hatte annehmen müssen. Wollte sie nur erst Zempins, die vor ihnen her zwischen den Blumenbeeten dem Parke zugingen, aus der Gehörweite wissen? war sie um einen schicklichen Anfang verlegen? fand sie die Sache schwerer, als sie sich gedacht? oder ließ nur eine übergroße Erregung sie nicht zu Worte kommen? Nach den ungleichmäßigen, bald männlich großen und raschen, bald zögerndschleppenden Schritten der Dame, ihrem schweren Atmen und grotesken Mienenspiel mußte er schließen, daß das letztere der Fall sei. Er wollte sich den Vorteil nicht entgehen lassen. So ergriff er denn das Wort, indem er die Frau Baronin nochmals um Entschuldigung bat, wenn er ihre Erwartung nicht erfüllt und sich in Basselitz vorgestellt habe. Sein Drang, sich in ihm so völlig neuen Verhältnissen möglichst schnell zurechtzufinden, die wichtigen Arbeiten, die er vorgefunden und an denen er mit Eifer und Neigung seinen bescheidenen Anteil genommen, seien vielleicht in den Augen einer so ausgezeichneten, pflichtgetreuen Landwirtin, als welche ihm die Frau Baronin von allen gerühmt werde, schon hinreichende Entlastungsgründe. Dann aber wolle er nicht verhehlen, daß er zweifelhaft gewesen, ob ihm bei der Kürze der Frist, die ihm für seinen Aufenthalt in dieser Gegend zugemessen, überhaupt erlaubt sei, Verbindungen anzuknüpfen, die, wie lohnend auch immer für ihn selbst, für die anderen doch eine so geringe Ausbeute versprechen. Er sehe nun freilich aus einer liebenswürdigen Aufmerksamkeit, die er noch eben erst von seiten des Grafen Westen erfahren, aus dem so überaus gnädigen Entgegenkommen der Frau Baronin, daß er unrecht getan, in diesem Falle selbst entscheiden zu wollen, anstatt die Entscheidung vertrauensvoll in die Hände so gütiger Nachbarn zu legen, und daß er sich bemühen werde, sein Unrecht sobald als möglich wiedergutzumachen. Die Baronin hatte Gerhard, während er sprach, mit keiner Silbe unterbrochen, ihn dafür aber fortwährend mit Blicken angesehen, in denen Erstaunen, Unruhe, Mißtrauen, Unwille abwechselten. Bei seinen letzten Worten zog sie plötzlich ihren Arm zurück und rief mit einer Heftigkeit, die sie sich nicht im mindesten zu verbergen bemühte: »Halten Sie mir für ein Kind mit meinen siebenundvierzig Jahren, daß Sie mir so mit Zuckerbrot den Mund stopfen? und selber in eins wegreden, wie ein reingewaschener Engel? Denken Sie denn, ich habe keine Augen im Kopfe und nicht gesehen, wie Sie da« – sie wies mit vor Erregung zitternder Hand auf den vor ihnen gehenden Herrn Zempin – »die schönsten Blicke gewechselt haben, als ich bei Ihnen hereinplatzte? und daß ich die Blickerei nicht verstanden: Halten Sie sich man stramm? Lassen Sie die Alte man gehörig abfallen! – wie? was? wie? können Sie das leugnen, mich ins Gesicht?« Sie war stehengeblieben und starrte mit weit aufgerissenen, zornigen Augen Gerhard an, der den Blick fest erwiderte und mit aller Ruhe, die er aufbieten konnte, sagte: »Verstatten Sie mir vorerst die Bemerkung, gnädige Frau, daß ich an den Ton, welchen die gnädige Frau gegen mich anzunehmen beliebt hat, nicht eben gewöhnt bin; sodann die Bitte, mir gütigst mitteilen zu wollen, worin ich eigentlich der gnädigen Frau dienen kann.« »So!« sagte die Baronin, »mein Ton gefällt Sie nicht? Na, dann will ich mir möglichst kurz fassen, damit Sie sich nicht lange über mir zu ärgern brauchen. Mein Sohn mag das lütte Ding, die Maggie Zempin, gern und will ihr partout heiraten; fehlt man noch meine Einwilligung – denn ohne mir tut Lafing nichts – würde ihm auch schön bekommen. Vielleicht besinne ich mir, vielleicht auch nicht. – Aber ich will hier niemand haben, der mir dazwischenkommt – verstehen Sie mir?« »Vollkommen«, erwiderte Gerhard; »bis auf den einen Punkt, weshalb die gnädige Frau gerade mich mit diesen schätzenswerten Mitteilungen beehrt.« »Dann verstehen Sie mir gar nicht«, rief die Baronin. Sie war dicht vor Gerhard hingetreten. »Antworten Sie mich mit ja oder nein; lieben Sie das Gör, die Maggie, oder lieben Sie ihr nicht?« »Ich bedaure, der gnädigen Frau alles und jedes Recht zu dieser Frage absprechen zu müssen«, erwiderte Gerhard, dem trotz der Gewalt, die er sich antat, das Blut in die Wangen schoß. »Sie wollen mir nicht antworten?« »Die gnädige Frau hat meine Antwort.« »Und damit gedenken Sie mir fortzuschicken?« »Ich bitte die gnädige Frau, sich zu erinnern, daß nicht ich es gewesen bin, der diese Unterredung gewünscht und herbeigeführt hat; und daß folglich nicht ich es bin, den die Schuld trifft, wenn das Resultat derselben der gnädigen Frau nicht gefällt. Wollen wir vielleicht die Promenade fortsetzen, gnädige Frau?« Und er machte eine Handbewegung, indem er zugleich mit einer schicklichen Wendung ein wenig von der Baronin zurücktrat. Die Baronin leistete seiner Aufforderung keine Folge, sondern rief, ohne sich von der Stelle zu bewegen, mit einer Stimme, die der Zorn heiser machte: »So! so, so! So behandeln Sie die Basselitz? so denken Sie mit der Basselitz fertig zu werden? aber Sie kennen ihr sehr schlecht! die ist mit noch ganz anderen Leuten fertig geworden! Wer der Basselitz an den Wagen fährt, der mag sehen, wie er sitzenbleibt; die Basselitz bleibt sitzen, das kann ich Sie sagen!« Und die Baronin schwang ihren großen, zusammengeklappten Sonnenschirm, wie ein Kutscher seine Peitsche. »Haben die gnädige Frau sonst noch Befehle für mich?« sagte Gerhard. Er zog mit höflicher Verbeugung seinen Hut, wobei er sich eines ironischen Lächelns nicht erwehren mochte. Das Lächeln schien die Baronin außer sich zu bringen. Ihre übervollen, noch eben zornroten Wangen wurden blaß, während die blitzenden Augen eine unheimliche gläserne Starrheit annahmen und der große, nicht unschöne Mund sich häßlich verzog. Sie wollte offenbar etwas erwidern, fand aber nicht das Wort, oder die Leidenschaft hatte ihr die Kraft geraubt: die Lippen zuckten nur ein paarmal tonlos. Dann kehrte sie sich auf den Hacken um und stürmte mit eiligen, mächtigen Schritten, fast laufend, den Gang zwischen den Blumenbeeten hinauf, Zempins nach, die bereits eine geraume Strecke voraus waren. Gerhard wartete, bis sie das Paar erreicht hatte, das nun stehengeblieben war. Dann wandte er sich nach rechts, einer Plantage hochstämmiger Georginen zu, die eine vollkommene Deckung bot, und weiter an den Georginen hin, auf einen ihm wohlbekannten Pfad, der durch einige ganz neue Anlagen aus dem Blumengarten über die jetzt geschnittenen Wiesen des äußersten Parkes in das Tannenwäldchen führte, wo er, zumal in dieser Stunde, hoffen durfte, vor jeder Begegnung sicher zu sein. Siebentes Kapitel. Kein leichtestes Lüftchen linderte die brütende Schwüle zwischen den grünen Mauern; kein leisester Ton in dem dämmerigen Revier, als das leise Knistern, wenn der Fuß des Eilenden auf den mit Nadeln bedeckten Sandwegen ein trockenes Zweiglein berührte. Da war auch schon der kleine viereckige, in den Tann geschnittene, von ein paar stattlicheren Bäumen überwölbte Platz mit der aus Latten und Ästen hergerichteten Bank, auf die er sich setzte, die pochenden Schläfen in die Hand stützend. Die Siegesfreude hatte nur allzu kurze Zeit gedauert – und was war das für ein Sieg, der doch, genau betrachtet, in nichts anderem bestand, als in einem höflichen Ausweichen und klugen Rückzuge? Weshalb hatte er den Hohn der Frechen nicht mit Hohn erwidert? Weshalb ihr nicht seinen Zorn und seine Verachtung in das brutale Gesicht geschleudert – brutal, wie schön es auch einst gewesen sein mochte? Sie hatte fragen dürfen, die herrschsüchtige Megäre, was er sich selbst kaum noch zu fragen gewagt! Er hatte ihr das Recht dazu abgesprochen – freilich! aber auch mit Recht? Durfte sie nicht wissen, was, wie es schien, die Spatzen von den Dächern pfiffen? was unzweifelhaft – wie konnte er jetzt noch daran zweifeln? – schon hundertmal hinter seinem Rücken verhandelt war von dem Quartett der jungen Herren, das allabendlich nach dem Tee bei einer kleinen Extrabowle auf Studes Zimmer bis in die Nacht hinein lärmte? von den jungen Damen in der Laube, deren Gekicher jedesmal verstummte, so oft er herantrat? von den umfangreichen Frau Müttern und behäbigen Fräulein Tanten in endlosem Kaffeeklatsch und obligatem Stricknadelgeklapper? Das war die Gesellschaft, deren Harmlosigkeit und Gutmütigkeit ihm Stude so gerühmt: diese Allerweltsschwätzer und übereifrigen Geschichtenträger und Gebärdenspäher! Und er – er ging durch diese Gesellschaft wie Hans der Träumer, der nichts sieht, nichts hört – ein lächerlicher Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt – ein scheues Wild, das vor dem Gekläff der Meute hinter ihm in den dichtesten Tann fliegt, ob das klopfende Herz da vielleicht zur Ruhe käme! Und doch! und doch! war schleunige Flucht nicht das Klügste und schließlich auch das Tapferste? und – so oder so – das einzige, was ihn aus diesem Irrsal erretten, ihn aus den Banden, in die er sich verstrickt, erlösen, ihn aus dem engen, schwülen Gefängnis der Leidenschaft herausführen konnte in das lichte Leben selbstbewußten Handelns, in den hellen Sonnenschein treuer Pflichterfüllung? Mochte das Licht auch anfangs die verwöhnten Augen schmerzen, mochte die Sonne auch noch so heiß brennen – er würde sich wieder daran gewöhnen! er mußte es! Durfte er denn frei dem Zuge seines Herzens folgend? War er der Märchenprinz, der auf Abenteuer ausgeht und an den Dornenwald gelangt um das Königsschloß, wo die holde Prinzessin den Zauberschlaf schläft, und der sein gutes scharfes Schwert nun schwingt und sich seinen Weg bahnt durch alle Hindernisse; und der Dornen spottet, die ihm das seidene Wamms zerfetzen und die tapferen Hände und die glühenden Wangen blutig ritzen; und der Ungetüme lacht, die ihn aus wütenden Augen anstarren und mit gierigen Zähnen nach ihm hacken? Oh, ein gutes Roß und ein scharfes Schwert und ein seligleichtes Märchenprinzenherz! Dann – ja dann! Und wie der Träumer nun vor sich hinstarrte, trat – in der schwülen Einsamkeit und lautlosen Stille, die ihn umgaben – aus dem heißen Hirn das Zauberbild seiner aufgeregten Phantasie wie leibhaftig vor sein inneres Gesicht. Die dichte Wand der Tannen wurde zur stachligen Dornenhecke, durch deren grünes Dämmer die roten Sonnenstrahlen vor ihm herschlüpften, den kühnen Ritter weiter und weiter zu locken in das köstliche Abenteuer. Da war's ja schon, das efeuumrankte Tor mit den schlafenden Wächtern, der schattige Hof, das hohe Portal, die weiten Hallen, die enge Wendeltreppe! hinauf! hinauf! bis an die niedere, eisenbeschlagene Tür – die dreht sich in den verrosteten Angeln – Heiliger Gott! war er wahnsinnig! da! in der schmalen Öffnung der Tannenwand, wie in dem Rahmen einer Tür – Er sprang empor – beide Arme weit ausgestreckt; – und sie lag an seiner Brust; er preßte die holde, schmiegsame Gestalt an sein rasendes Herz; er drückte den heißen Mund auf die knospenden Lippen, die zu ihm auflächelten; er zog sie zu sich auf die Bank und küßte sie wieder, wie sie ihn, und blickte in die strahlenden, märchenhaften Augen und traute noch immer den eigenen Augen kaum. »Bist du's! bist du's wirklich? war und wahrhaftig? ich habe, ich halte dich? du liebst mich, glühend und innig, wie ich dich?« »Hast du daran gezweifelt, Geliebter?« »Ja, ich hab's! und habe gezweifelt, ob ich dich lieben dürfte – noch vor einer Minute! oder ist's eine Ewigkeit? Kann es denn je anders gewesen sein? oder, wenn es anders war, so war's kein Leben, nur ein wirrer Traum, ein dämmernd Ahnen dessen, was kommen sollte, kommen mußte! Ja, es mußte, mußte kommen! wie Schleier fällt es mir von den Augen, ich war ein töricht-furchtsamer Knabe; mehr noch, ich war feig und schlecht! dich lieben, von dir geliebt sein – das ist Tugend und Tapferkeit, das ist Glück, ist Seligkeit, das ist alles – du, mein alles!« Er konnte sich nicht genug tun; nicht in jauchzenden, stammelnden Worten, nicht in glühenden, innigen Blicken, nicht in zärtlichen, zaghaft-scheuen Liebkosungen. Er streichelte ihre Hände, ihr Gewand, er berührte ihr weiches, lockiges Haar; sie wieder zu küssen, wagte er nicht; ja, er dachte nicht daran; war es denn nicht genug, war's nicht zu viel für einen Sterblichen, zu wissen, daß dies holdeste Geschöpf nun sein war, sein gewesen war, von Anfang an, sein bleiben sollte alle Zeit? »Du ewig Nachdenklicher! Bedenklicher!« »Für dich! für uns! wir können nicht immer hier sitzen in der heiligen Einsamkeit, die selbst die neugierigen Vögel respektieren; wir werden hinaustreten müssen in die Gesellschaft, die so wenig und der so wenig heilig ist, die an unserem süßen Geheimnis bereits genascht hat, bevor wir noch gewagt, davon zu kosten, und die, da wir ihr nun das pikante Vergnügen rauben, uns verketzern und verlästern wird. Mag sie! ich fürchte sie nicht mehr, im Gegenteil: jedes Zagen und Zaudern wäre mir unerträglich, und wie ich vorher jenen Menschen scheu aus dem Wege gegangen bin, so will ich – so wollen wir jetzt offen und kühn vor sie hintreten. Komm, Geliebte! komm!« Er wollte sie mit sich von der Bank emporziehen; sie hielt ihn an beiden Händen fest mit einem gespannten, fast erschrockenen Ausdruck, der aber sofort wieder in süßes Lächeln sich löste. »Du Rascher, Wilder! laß die Kleine, Dumme für dies eine Mal die Weitsichtigere, die Klügere sein! Sieh, Geliebter, ich fürchte mich auch vor niemand, weil –« »Du weißt, daß du alle beherrschst.« Sie hob die gesenkten Augen mit einem raschen, schelmischen Blick. »Mag sein – ein wenig; aber ich fürchte für dich! Versteh mich recht: du kennst unsere Art und Weise nicht; du bist aus einer anderen Gegend, wo die Menschen milder sind und feiner, wenn sie dir nur etwas gleichen. Ich habe schon oft für dich gezittert bei ihren Späßen und Scherzen; sie meinen es ja nicht bös, aber es hat dich gewiß manchmal verletzt. Und wieviel schlimmer würde das alles jetzt sein, wo sie – dich nicht für ihresgleichen halten, gewiß nicht, denn sie fühlen wohl den Unterschied – aber so tun dürfen, als ob du zu ihnen gehörtest, weil du dir deine Braut aus ihrem Kreise erwählt hast. Und was mich vor allem besorgt macht – du kennst meinen Vater noch immer nicht.« »Es ist nicht meine Schuld; sie haben mir so abgeraten: er sei unerbittlich gegen alles, was aus Kantzow kommt. Du hast es selbst gesagt in den ersten Tagen –« »Ich weiß; aber es ist nun einmal nicht anders; du sollst ihn erst kennenlernen, und er kann sehr hart sein, sehr grausam! Auch stehe ich gar nicht so gut mit ihm, wie Edith, die sein Liebling ist und alles von ihm haben kann und es auch bei ihm durchgesetzt hat, daß wir hierher nach Kantzow dürfen; mir allein hätte er es nie erlaubt. Da müssen wir vorsichtig sein, den rechten Augenblick wählen; – laß mich nur machen: ich finde es schon!« »Du wirst es deiner Schwester sagen?« »Auf keinen Fall!« »Weshalb? sie scheint mir gut und edel; sie wird sich mit uns freuen, sie wird uns helfen, wenn Hilfe nötig ist. Sag es ihr, ich bitte dich!« »Du weißt nicht, was du forderst; du darfst hier keinem trauen, nur mir!« »Wenn ich nun aber morgen, vielleicht schon heute doch nach Kosenow komme?« Sie blickte ihn wieder erstaunt-erschrocken an; er teilte ihr mit, um was es sich handelte, und wie die Sache keinen Aufschub dulde. Maggie dachte nach. – Wie süß der Ernst dem holden Gesichtchen stand! und doch so süß nicht, wie das Lächeln, mit dem sie jetzt, sich an ihn schmiegend, sagte: »Laß es wenigstens bis morgen! heute nicht; heute auf keinen Fall! Es ist heute jemand bei uns, der – die – denn es ist eine, die – mit einem Worte: die Baronin Basselitz.« »Die Baronin? bei euch?« »Ich bin mit ihr gekommen; sie hat mich abgeholt, und ich muß natürlich wieder mit ihr fort – sehr bald – gleich – wir müßten eigentlich schon unterwegs sein. Was ist dir, Lieber?« Gerhard vermochte nicht alsbald zu antworten; er fühlte sich auf das wunderlichste, ja peinlichste berührt. Er sagte sich, daß er nicht verlangen dürfe, die Geliebte solle alle ihre gesellschaftlichen Verbindungen Knall und Fall abbrechen, womöglich bereits abgebrochen haben, bevor sie sich ihre Liebe gestanden; – nur diese Intimität mit der Frau, die ihn eben so schwer beleidigt – um Maggies willen, die jetzt seine Maggie war – es kam ihm unehrlich, ja unnatürlich vor. – »Du kannst nicht an der Seite einer Frau sitzen«, rief er, »die, nach dem, was eben zwischen uns vorgefallen, wenn sie wüßte, daß du mich liebst, daß du mein sein willst, aus dem Wagen springen oder dich in blinder Wut mit den eigenen Händen aus dem Wagen schleudern würde!« »Nach dem, was zwischen euch vorgefallen!« rief Maggie, »und soeben! ich weiß ja von nichts; ich war in dem Hause, dich zu suchen, dann hier im Parke – großer Gott, was ist denn geschehen?« »Ahnst du es nicht? errätst du es nicht?« erwiderte Gerhard; »muß ich es wirklich in Worte fassen, was in der Erinnerung schon mir die Seele empört? und dich empören wird, wenn ich es dir sage!« »Sprich! sprich doch!« rief Maggie; »sage mir alles, alles! jedes Wort! es kann nicht so schlimm sein wie die Angst, die ich jetzt erdulde!« Sie hatte seine beiden Hände ergriffen und blickte ihn mit großen, mehr vor Erwartung als vor Schrecken starren Augen an. »Du hast recht«, sagte Gerhard, »verzeihe! Ich muß es jetzt ja sagen, du mußt jetzt wissen, wie niedrig gesinnt diese Frau ist, wie tief sie – nicht sowohl mich, wenn ich es recht bedenke – denn was bin ich ihr? was ist sie mir? – sondern mein süßes Mädchen gekränkt, das sie doch mit ihrer Gnade beehrt! – einer Gnade, die sich aufs Warten legt, die vielleicht einmal ja sagt, vielleicht auch nicht, je nachdem ihr die Laune steht, oder der gnädige Herr Sohn bei seiner Laune bleibt oder sich auf was anderes besinnt!« Und er erzählte ihr nun, möglichst ausführlich, jene Szene mit der Baronin. Sie hatte – schon nach seinen ersten Worten – die langen Wimpern gesenkt, und, während er weitersprach, kam und ging das Rot auf ihren zarten Wangen; um die knospenden Lippen zuckte es wie Hohn, dann wieder umspielte sie ein feines, fast schalkisches Lächeln. Und dies Lächeln blieb, als Gerhard geendet, und sie zu ihm emporblickte und plötzlich die Arme um seinen Nacken schlang. »Ich muß dich küssen! für deinen edeln Zorn! für deinen Mut, der Tyrannin zu trotzen! Und nun laß mich lachen! oder darf ich es nicht? Ist es nicht zum Lachen, wenn die Gnädige von mir spricht, wie von einem Vögelchen, dem man das Bauer aufsperrt oder zu, wie's einem beliebt, und das man kirre macht mit einem Stückchen Zucker von Zeit zu Zeit? Denkt sie, daß ich eine Ewigkeit Zeit habe, auf ihren Lafing zu warten? Wenn du Lafing kenntest! ich glaube, du wärest nicht so zornig geworden – Lafing und du!« Sie streichelte ihm das Haar aus der Stirn, sie drängte ihn an beiden Schultern zurück, um ihn recht zu betrachten, und zog ihn zärtlich an ihre Lippen und küßte ihn und rief immer wieder lachend: »Lafing und du! du und Lafing!« Gerhard selbst mußte lachen. Sie war ihm nie so reizend erschienen, wie in dieser schelmischen Laune, vor welcher der letzte Rest seines Grolls und Unmuts dahinschwand, um in seiner Seele nichts zu lassen, als eitel Liebe und Anbetung des holden Geschöpfes. Dem Trunkenen, Seligen waren Minuten wie ebenso viele Augenblicke dahingeschwunden, als sie sich plötzlich seinen Armen entzog: »Horch!« Man hörte Stimmen rufen, erst aus der Ferne, dann näher und näher, und jetzt ertönte es bereits im Wäldchen: »Maggie! Maggie! Fräulein Maggie!« »Es ist die höchste Zeit«, sagte Maggie; »und wenn du morgen kommst: kein Wort zu Edith, zu meinem Vater! trau deiner kleinen Maggie! und nun noch diesen Kuß! den letzten heut! und – das nehme ich mit zum Angedenken an diese Stunde! nein! nur um es zu küssen, bis ich dich wieder küssen darf; dann sollst du ihn wieder haben.« Sie hatte ihm den Ring vom Finger gezogen, den einzigen, den er trug. »Ist das dein Wappen?« »Ja.« »Und bald auch meines!« Sie küßte den Ring und ließ ihn in den Busen gleiten: »Du bleibst noch ein paar Minuten und gehst nach der anderen Seite! Ade, Ade!« Sie hatte ihn nun doch noch einmal umarmt; dann aber war sie, schnell wie ein Vogel, von ihm fort quer über den kleinen Platz geeilt und in der schmalen Öffnung der Tannenwand verschwunden. »Als wär's ein Traum gewesen!« murmelte Gerhard. Er hatte sich wieder auf die Bank gesetzt. Die Stimmen der Rufenden waren verstummt; es war lautlos still wie vorhin, die roten Sonnenlichter schlüpften durch die grünen Zweige, die kein Hauch bewegte; betäubend starker Harzduft erfüllte die heiße, zitternde Luft. Ein holder, süßer Traum, zu hold und süß für dieses Leben, und deshalb so bald, zu bald verträumt. Er schloß die Augen, den Nachklang ihrer Stimme noch ein wenig festzuhalten, die Süßigkeit ihrer Lippen noch einmal zu spüren auf den eigenen bebenden Lippen, den Strahlenglanz ihrer Augen noch einmal leuchten zu sehen durch das purpurne Dunkel, in das er sich versenkte. Doch das Dunkel wurde dichter und dichter. Er hatte die Empfindung, als ob er in einem Kahn auf spiegelglattem, schnellfließendem Wasser ohne Ruder, ohne Steuer stromab treibe, einer großen, dunkeln Höhle zu, die ihm Kühlung und Erquickung versprach von des Lebens und der Liebe Qual und Lust. Dann schlug er die Augen auf und blickte vor sich hin auf den sandigen Boden und hinüber zu der Tannenwand und hinauf zu dem dichten Gezweig, durch das nur spärlich das Blau des Himmels leuchtete. Sonderbar! Wie war das alles in so reinen Linien und klaren Farben, als wär's eben frisch hervorgegangen aus des Schöpfers Hand! Und von seiner Stirn, in der die Schläfen so gehämmert, war der Druck verschwunden; und in seiner Brust, wo das Herz so wild gepocht, war's still, so still! Und durch die heilige Stille hörte er – fern und süß wie von Engelslippen: Edith! Er wiederholte laut den Namen, den seine halbwache Seele zu vernehmen geglaubt, und bei dem Klange der eigenen Stimme kam er erst zum vollen Bewußtsein. Wie lange hatte er geschlafen? Er sah nach der Uhr; es waren nur zehn Minuten vergangen, seitdem er sich wieder auf die Bank gesetzt und die Augen geschlossen, um von Maggie zu träumen; und nun, da er erwacht, war Maggies Bild wie ausgelöscht, und das ihrer Schwester stand so deutlich vor ihm da, als sei sie's gewesen, die ihn vorhin verlassen: die dunkle, schlanke Gestalt, die schwermütigen Augen – selbst den weichen Klang ihrer Stimme glaubte er zu hören – sonderbar! sonderbar! Freilich! auf diesem selben Platze war er ihr begegnet; von dieser selben Bank hatte sie sich erhoben, als er dort aus den Tannen hervortrat. Und das Buch dort hinter der Bank mochte ihr in dem Moment entglitten sein und lag nun da, wie es gefallen, aufgeschlagen, in dem weichen, trockenen Moose. Er hatte es vorhin nicht gesehen, obgleich es doch kaum zu übersehen war; es konnte während der Zeit niemand den Platz besucht haben, wenn es ihr gehörte. Er bog sich über die Lehne, es aufzuheben. Dabei klappte er es zu und hielt es so in der Hand, den Titel auf dem Rücken, den Einband in tiefstem Erstaunen betrachtend. Mein Gott! das war ja genau derselbe Einband, derselbe Schnitt, wie die alte Ausgabe von Goethes Werken in seinem elterlichen Hause! und der Band, der einzige, der in der Ausgabe fehlte! Wilhelm Meisters Lehrjahre! Wie war das möglich? wie kam das Buch hierher? in Ediths Hand und Besitz? denn auf dem ersten Blatte stand ihr Name in schönen, deutlichen Zügen? Nun, man brauchte deshalb freilich nicht an Wunder zu glauben. Die Ausgabe – von 1806 – war doch ihrerzeit gewiß weit verbreitet gewesen, und weshalb sollte nicht auch ein Exemplar sich hierher verirrt haben in diese Ultima Thule, und in demselben Einband und Schnitt, welche die Verlagsbuchhandlung in ein und derselben Fabrik für viele Exemplare hatte anfertigen lassen, obgleich das, soviel er wußte, damals noch nicht eben gebräuchlich war? Es konnte sich ja nur so verhalten. Er würde sich davon überzeugen, wenn er der Besitzerin morgen ihr Eigentum zurückbrachte. Er hatte den Band aufgeschlagen und darin geblättert; sein Auge blieb auf einer Seite haften, die Verse enthielt, das Lied des Harfners: ›Wer nie sein Brot mit Tränen aß‹ – Er konnte es seit der Knabenzeit auswendig, dennoch las er es durch, wie ein neues Gedicht: so eigen anders erschien es ihm – von einer Bedeutung und Tiefe, die er vorher kaum geahnt und ganz gewiß nicht ermessen: – ›denn alle Schuld rächt sich auf Erden‹ – Er sprach den letzten Vers laut vor sich hin und wiederholte ihn dann im stillen noch mehrmals. Es war die traurige Weisheit des Mannes aus dem Walde, und fast in dieselben Worte gekleidet. Wie hatte er doch gesagt? – ›Nichts verjährt – nichts in der Natur und nichts im Menschenleben – keine gute und keine böse Tat!‹ Nun denn! so lassen wir den Bösen ihre bösen Taten! und halten wir uns, die wir uns gut zu sein bemühen, an die guten! Er hatte das Buch zu sich gesteckt und bereits ein paar Schritte gemacht, als er das Knirschen von Rädern in dem tiefen Sandwege vernahm, der hinter dem Wäldchen an der hohen Hecke hin von Kantzow nach Kosenow führte. Es war zweifellos der Wagen der Baronin – war Maggie an ihrer Seite? Er konnte sich leicht davon überzeugen: in wenigen Sekunden wäre er an der Hecke gewesen und brauchte nicht zu fürchten, daß er gesehen werde, während er alles sah. Er wollte es nicht sehen: das nicht! Stimmen drangen an sein Ohr – Frauenstimmen, ihm Unverständliches lebhaft besprechend, und wurden dann undeutlicher und verklangen, und alles um ihn her war wieder still wie zuvor. Er atmete tief auf. Er mochte ja nicht bös sein! es mochte ja geschehen müssen! Er wollte ihr freudig vertrauen, wie sie's von ihm verlangt! Aber es war keine Freudigkeit in seinem Herzen, als er jetzt langsamen Schrittes das Wäldchen verließ, sich nach dem Hause zu begeben, wo er die Gesellschaft bereits bei Tische anzutreffen fürchten mußte. Achtes Kapitel. Indessen war die Mahlzeit heute sehr hinausgezögert worden. Man hatte die Frau Baronin, die darauf bestand, erst abfahren, und ein paar Gäste, die gerade eben verspätet eintrafen, sich von dem Staube des Weges reinigen lassen wollen. Zu diesen waren andere gekommen, deren Mittagsstunde allerdings längst vorüber war, die aber, nur um keine Störenfriede zu sein, nichts dagegen hatten, wenn man auch für sie Kuverte legte. Zu dem Zwecke mußte die Tafel umgedeckt, dann verlängert und schließlich aus dem gewöhnlichen Speisezimmer in den nach dem Garten zu angebauten Saal verlegt werden. Fräulein Saling und Stude, ihr treuer Helfer in solchen wirtschaftlichen Bedrängnissen, hatten die Hände voll, bis alles schicklich geordnet, und Herr Zempin, der seinen Löwenhunger kaum noch zu bändigen vermochte, endlich an der Spitze seiner Gäste Platz nehmen durfte. Gerhard hatte gehofft, sich die Gelegenheit zunutze machen und aus dem durcheinanderwirrenden Schwarm der alten und neuen Gäste auf sein Zimmer und von dort in die stillen Felder retten zu können; aber Herr Zempin hatte ihn kaum erblickt, als er ihn sofort anrief und den Neuangekommenen vorstellen zu dürfen bat, wobei er jedesmal den Titel geflissentlich hervorhob. Gerhard hätte lachen mögen, wäre ihm weniger ernst zumute gewesen. In einer Gesellschaft, die ihn neun Tage lang immer bei seinem Namen genannt, war er plötzlich und ausschließlich ›Herr Baron‹ geworden; er hütete sich, dagegen Einspruch zu erheben, weil er herausfühlte, daß er die Sache dadurch nur schlimmer machen würde. – »Und dann«, sagte Herr Zempin: »in dem Kampfe gegen meine alte Freundin, in dem Sie nun einmal engagiert sind, und den Sie durchfechten müssen und werden – daraufhin kenne ich Sie – wird sich das bißchen Titel, das Ihnen so verächtlich deucht, als eine mächtige Schutz- und Trutzwaffe erweisen – glauben Sie mir!« »Vorläufig«, erwiderte Gerhard, »scheint mir diese Waffe ein Magnet, der die Aufmerksamkeit der Gesellschaft in einer recht unbequemen Weise anzieht.« »Das würde heute auch ohne die Titelfrage der Fall sein.« Gerhard war über diese Worte, die ihm Herr Zempin in dem Moment, als man sich setzte, ins Ohr raunte, erschrocken gewesen, und es sollte ihm während der Mahlzeit allzuviel Gelegenheit werden, die Richtigkeit zu erproben. Es mußte noch einen anderen Grund haben, weshalb, selbst von dem fernsten Ende der Tafel, die Blicke eifrig miteinander Flüsternder sich so oft und immer mit demselben Ausdruck der Neugier oder Verwunderung auf ihn wandten. Es unterlag keinem Zweifel: sein Streit mit der Baronin war ein Geheimnis für niemand mehr, und ebensowenig, mußte er annehmen, dessen Veranlassung. Freilich war nur Herr und Frau Zempin – und auch sie aus der Entfernung – Zeugen gewesen; aber die Dame hatte sicher in ihrer Wut den beiden Gatten und wer es hernach von der Gesellschaft hören wollte, alles erzählt und mit welchen Übertreibungen vermutlich! mit welchen Zusätzen! Gerhard sauste es in den Ohren, wenn er daran dachte; und wie sein Name und wie ihr Name auf allen diesen geschäftigen Zungen war und mit dem Fisch und dem Braten zerkaut wurde. Und als gar Frau Sallentin, seine Nachbarin, nach einigen Anspielungen, gegen die er taub geblieben, anfing, offen von der Frau Baronin zu sprechen, welcher der Herr Baron ja wohl so trefflich gedient habe; und wie sie – Frau Sallentin – der Hochmütigen, die alle Damen behandle, als ob sie – die Damen – geborene Gänsemädchen wären, ›indem daß doch der Fall bekanntlich umgekehrt liege‹ – eine solche Lektion von Herzen gönne; – da mußte er seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht den Stuhl zurückzuschieben und die Tafel, die ihm zur Hölle wurde, zu verlassen. Seine finstere Miene mußte der wenig Scharfsichtigen aufgefallen sein. Sie leitete das Gespräch von dem unsicheren fremden Boden auf ein Terrain, wo sie sich ganz sicher fühlte, da sie es als ihr eigenes betrachten durfte. »Denn sehen Sie, Herr Baron: unsere Gören, unsere Kinder – das sind wir ja selbst: was ihnen im Kopf steckt, das fühlen wir – was wir Eltern sind – auch im Kopfkissen; und wenn nun gar das liebe Herz im Spiele ist – na, Herr Baron, Sie sind ja auch noch so jung, und gerade jetzt, wo Sie selbst – was ich sagen wollte: Sie werden es auch schon bemerkt haben mit meiner Luising und mit Lindblad. Man kann es dem Gör nicht verdenken: sie waren alle in ihn verschossen in Grünwald auf den Offizier- und Studentenbällen, und er hat ja auch soweit das Seinige gelernt und seinen Doktor in diesem Frühjahr gemacht, wozu ihm mein Mann das Geld gegeben; denn er hat rein gar nichts, und das ist für einen Landmann sehr schlimm; er ist nämlich Landmann und hat nur so nebenbei Chemie studiert, weil das in Schweden so Mode ist, obgleich mein Mann sagt: das sei alles dummes Zeug, und deshalb kriegte er Luising noch lange nicht; na, und da habe ich denn natürlich als Mutter ein übriges tun müssen.« »Wie denn das die Mütter so zu tun pflegen«, sagte Gerhard, um doch nicht ganz stumm zu bleiben. »Na, alle auch nicht«, fuhr Frau Sallentin, durch dieses Zeichen von Teilnahme sichtlich ermutigt, fort; – »aber Luising ist einmal mein Liebling, und da habe ich denn meinen Alten glücklich so weit herumgekriegt, bloß, daß es man noch am besten fehlt. Ich weiß, was Sie sagen wollen, Herr Baron! I ja, man hat zu leben; aber fünf Kinder sind fünf Kinder, das werden Sie mir zugeben, und viele Hunde sind des Hasen Tod. Da bin ich denn auf den Gedanken gekommen –« »Auf welchen Gedanken?« fragte Gerhard, durch das plötzliche Verstummen seiner Nachbarin aus den eigenen Gedanken aufgescheucht. »I, Herr Baron«, sagte Frau Sallentin, mit dem Messer drohend, das ihr eben als Löffel für die Bratensauce gedient hatte; »tuen Sie doch nicht, als ob Sie es nicht wüßten!« »Ich versichere Sie –« »Wissen Sie es wirklich nicht?« rief Frau Sallentin, das Messer hinlegend; »ja, aber ich denke, er hört nur noch auf Ihren Rat; freilich, wenn er vorausgesehen hat, daß Sie selbst – schlau genug ist er, schlau wie ein Fuchs.« Frau Sallentins Blick war auf Herrn Zempin gerichtet; Gerhard konnte also nicht zweifeln, wen die Dame meine; obgleich der letzte Vergleich für den löwenmäßigen Freund der möglichst unpassende schien. »Ich fürchte, gnädige Frau, ich werde auf diese Weise nicht erfahren, was Sie sich zu Fräulein Luises Gunsten ausgedacht«, sagte er. »Na«, erwiderte die Dame, »mir ist es eigentlich schon halb leid, davon angefangen zu haben, denn ich kenne Sie doch eigentlich auch man wenig; aber klare Rechnungen machen gute Freundschaften, und da man ja nicht wissen kann, ob wir nicht vielleicht doch noch einmal Nachbarn werden –« Sie sah wieder zu Herrn Zempin hinüber, der eben mit seiner nächsten Umgebung besonders eifrig disputierte, bog sich über den jetzt völlig leeren Teller, als wolle sie ihr rotes Gesicht in ihm spiegeln, und sagte mit vorsichtig leiser Stimme: »Trinitatis vor drei Jahren fünftausend, und letzten Johanni zwei, macht sieben, und zu Neujahr wieder fünf, macht zwölf; und mein Mann hat das Geld auch leihen müssen, wenn er nicht seine Pfandbriefe verkaufen wollte, und muß es mit viereinhalb verzinsen, und wir haben noch keinen Schilling Zinsen von ihm gesehen, geschweige denn das Kapital, und mein Mann sagt: so ginge es nicht länger, denn so reich wären wir nicht, und ich sage: ist richtig, Alter, sind wir auch nicht; laß dir über das Ganze einen Wechsel auf Sicht ausstellen und einen Revers dazu, daß er Retzow Lindblad in Pacht gibt, sobald er den Wechsel nicht einlösen kann. Dann ist Lindblad versorgt, und wir haben Luising dicht bei uns. Habe ich nicht recht?« »Unzweifelhaft!« erwiderte Gerhard eifrig, um das Erstaunen, ja den Schrecken zu verbergen, womit ihn die Mitteilung erfüllt hatte. »Na also!« sagte Frau Sallentin, das Gesicht vom Teller hebend und Gerhard triumphierend anblickend. »Es sind da nur noch einige Bedenken«, fuhr Gerhard fort, indem er eine möglichst unbefangene Miene annahm; »ich selbst –« »Ja, wenn Sie selbst Retzow übernehmen wollen – das ist etwas anderes«, erwiderte Frau Sallentin mit sauer-süßer Miene; »freilich ein bißchen in Verlegenheit könnte er dabei geraten, der alte Freund, und das möchten Sie doch auch wohl nicht, wenn –« »Verzeihung«, unterbrach Gerhard; »ich wollte etwas ganz anderes sagen; ich selbst habe wiederholt noch heute morgen aus Herrn Klempes Munde gehört, daß er sehr stark auf Retzow reflektiert und, ich glaube, ziemlich bindende Zusagen von Herrn Zempin erhalten hat.« Frau Sallentin lächelte verächtlich. – »So«, sagte sie, »Sie glauben? glauben wirklich? na, denn glauben Sie mir: das ist man so ein dummer Schnack von dem Kerl, dem Klempe, um sich wichtig zu machen. Bindende Zusagen? wo soll er denn die von Zempin herhaben? Der ist schon gebunden genug, sollte ich meinen! Und der Kerl selbst hat nicht einen Schilling im Vermögen!« »Aber er will doch in aller Kürze heiraten«, sagte Gerhard. Frau Sallentin rückte mit ihrem Stuhl möglichst nahe an ihn heran und sagte in eifrig-vertraulichem Flüstertone: »Ja, sagen Sie mir man bloß, was ist das eigentlich bloß für eine Geschichte? die Anna ist immer ein ordentliches Mädchen gewesen, solange sie hier bei ihrem Vater war, und nun schon zwei Jahre Wirtschafterin in Grünwald im Deutschen Hause; da hat man ihr auch nichts nachsagen können – der alte Garloff, der wollte ihr auch, wenn so was vorkäme! – und von dem Klempe war nun schon gar keine Rede, der immer nur zum Wollmarkt und so nach Grünwald fährt, und verliebt sich in den versoffenen Kerl und muß nach Retzow, um die Landwirtschaft zu lernen, und in vier Wochen soll schon das Aufgebot sein, sagt Pastor Pahnk – hören Sie, Herr Baron, das gefällt mir nicht! Da steckt etwas dahinter, glauben Sie nicht?« Gerhard wurde die Antwort erspart, denn in diesem Moment rief Herr Zempin über den Tisch herüber: »Aber, verehrte Frau Nachbarin, Sie nehmen auch unseren Herrn Baron gar zu sehr in Beschlag. Kann's Ihnen ja nicht verdenken; aber wir anderen wollen doch nicht ganz leer ausgehen. Ich weiß mich hier meiner Angreifer gar nicht mehr zu erwehren, die mir durchaus unsere miserabeln Herren Minister als große Staatsmänner verkaufen wollen; und das bei der himmelschreienden Not der schlesischen Weber, bei dem heiligen Trierschen Rockskandal, bei den unglaublichen Bundeszuständen! Der Baron ist ein unabhängiger Mann; er wird auf meiner Seite stehen, auf seiten der Opposition gegen ein Regime, welches das in allen Fugen krachende Schiff des Staates über kurz oder lang auf der Sandbank der Heuchelei und Dummheit festfahren und zum Scheitern bringen wird, wenn nicht jeder Mann an Bord seine Pflicht tut.« Herr Zempin war im vollen Zuge über ein Thema, das stets seine Leidenschaft entzündete. Unaufhaltsam floß der Strom der Rede, die sich nicht selten zu wirklicher Beredsamkeit aufschwang, während seine breite Brust die Donnerworte vulkanisch herausschleuderte, die blauen Augen Flammen sprühten und die Löwenmähne über der zornroten Stirn sich zu sträuben schien. Gerhard mußte an Mirabeau denken; aber der Zauber, den der genialische Mann vom ersten Moment auf ihn ausgeübt und dem er sich bisher noch immer willig überlassen, hatte eben jetzt keine rechte Kraft. Durch den oratorischen Donner hörte er fortwährend die fette, leise Stimme an seiner Seite, die ihm noch eben so ominöse Dinge zugeflüstert, und das gelegentliche Lächeln auf dem breiten, roten Gesicht der Frau galt wohl schwerlich der Güte des Puddings, in dem sie jetzt schweigend eifrig löffelte, um dann von Zeit zu Zeit einen Blick auf ihren Mann zu richten, der ihr schräg gegenübersaß und ebenfalls eifrig und schweigend löffelte und gelegentlich lächelte. »Nun, bei Gott!« sprach er bei sich, »einen Teil ihrer Zinsen essen die braven Leute heute schon heraus; und wenn ich bedenke, daß sie die Woche ein paarmal kommen und die Töchter fast jeden Tag, und der Herr Schwiegersohn in spe und der Herr Neffe – unzweifelhaft für dieselbe Rechnung – bereits so lange sich hier füttern lassen – so kann bei Jahresschluß die Differenz so groß nicht sein.« Sein verdüsterter Blick irrte über die lange Tafel, an der heute wohl vierzig bis fünfzig Personen sitzen mochten. Das war bereits wiederholt während der Zeit seines Aufenthaltes vorgekommen; und er hatte darin nur eine bunte und lustige Illustration der unendlichen pommerschen Gastfreundschaft gesehen, die Studes drittes Wort war. Heute sah er das Bild in einer sehr anderen Beleuchtung; heute, wenn die Frau an seiner Seite wahr gesprochen – und was hatte sie davon, ihn zu belügen? heute sah er es als das, was es war: eine großartige Verschwendung, ganz im Sinne und Geiste des Gastgebers, aber die ihn auf die Dauer zugrunde richten mußte und jedenfalls bereits jetzt in arge Verlegenheiten gebracht hatte. Und dieser Mann, auf dessen prächtige Stirn nie ein leisester Schatten der Sorgen fiel, die auf seiner Schwelle kauerten – sein großes Herz hatte noch immer Raum zur zärtlichsten Sorge für das Wohl anderer! Was konnte es ihm sein, ob der Fremde sich die Liebe der Nichte erwarb? lief er nicht ganz augenscheinliche Gefahr, sich deswegen alle Freunde und Nachbarn zu verfeinden? Freilich nahm er es ja so leicht mit der ihm doch so nötigen Wohlmeinenheit und Hilfsbereitschaft der guten Leute, daß er sie aufs Spiel setzen konnte eines Menschen wegen, der kein anderes Verdienst hatte, als sein langjähriger Verwalter zu sein und ein Verhältnis mit der hübschen, unglücklichen Försterstochter zu haben! Daß man seine grenzenlose Güte nicht verstand, womöglich in hämischer Weise zu seinen Ungunsten, zu seiner Schande auslegte – nun, das war in der bekannten Weise der lieben Nachbarn und Freunde! So grübelte Gerhard, während Champagnerpfropfen knallend gegen die Decke flogen und der Lärm im Saale nicht größer werden konnte. Selbst des Hausherrn gewaltige Stimme war kaum von Zeit zu Zeit noch vernehmbar – von den älteren Herren schien jedem einzig darum zu tun, den Nachbar niederzuschreien. Die Gesichter und gewaltsamen Gestikulationen der jüngeren ließen noch Schlimmeres befürchten, nur daß die jungen Damen kaum aus einem Lachen herauskamen, das nicht immer die Schönheitslinie achtete. Gerhard wurde es trüber und trüber zu Sinn, je länger das Bacchanal dauerte. Endlich, als fast keiner mehr den Platz innehatte, auf dem er anfänglich gesessen, hob Herr Zempin die Tafel auf. Man schwärmte in den Park, welcher freilich den vom Weine und stundenlangen Geschwätz Erhitzten keine Kühlung bot; selbst nicht in den langgestreckten Schatten der Hecken, Bosketts und Bäume, geschweige denn in den noch von der glühenden Abendsonne bestrahlten Wegen und Plätzen, die jeder scheu vermied. Um so seltsamer erschien das Gebirge weißgrauer Wolken, das sich im Süden aufgetürmt hatte, und dessen oberste Ränder und Spitzen, vom Rasenplatz aus gesehen, unheimlich über den First des Herrenhauses herüberleuchteten. Die Besorglicheren gingen nach dem Hofe, wo man, im vollen Anblick des drohenden Gewitters, schneller die schwierige Frage entscheiden zu können hoffte, ob es besser sei, sofort anschirren zu lassen oder ›sich die Geschichte noch ein bißchen anzusehen‹. Herr Zempin war entschieden für das letztere; was erwarte denn die Herren zu Hause? öde Zimmer, ein trockenes Abendbrot und die Reue, eine muntere Gesellschaft vor der Zeit verlassen zu haben! Die Gewitter aus dem Süden kämen nie herauf – das sollten die Herren endlich wissen, oder, wenn sie ihm nicht glaubten, es sich von Vadder Deep sagen lassen, der es doch, nachdem er einige sechzig Jahre ›die Geschichte‹ beobachtet, ganz bestimmt wissen werde. Vadder Deep blinzelte zu den Wolken empor, rieb sich das unrasierte Kinn und lächelte. »Vadder Deep«, rief Herr Bollmann von Zipkenhagen, der heute noch mehr als gewöhnlich getrunken hatte, dem Alten einen derben Stoß versetzend; – »was meinst du?« Der Alte blinzelte nochmals nach oben, zuckte die breiten Schultern und lächelte. »Du bist ein Clas, Vadder Deep!« schrie Herr Bollmann. »Ein richtiger«, sagte Herr Stut; – »du sollst sehen, Karl, es kommt herauf!« »Eine Buddel Champagner dagegen!« schrie Herr Bollmann. »Meinetwegen zwei!« schrie Herr Stut zurück. Der Streit nahm seinen Fortgang, während Vadder Deep dabeistand und jede der einander widersprechenden Behauptungen mit demselben unbestimmten Lächeln begleitete. Gerhard hatte während der Tafel wiederholt vergebens nach dem Alten ausgeblickt, dessen platter Kopf sonst ziemlich regelmäßig gegen das Ende der Mahlzeit an dem unteren Ende des Tisches zwischen den hohen Achseln des blauen Rockes auftauchte. Auch zu der Gruppe an der Tür konnte er eben erst getreten sein – aus dem Hause oder hinter dem Boskett hervor – man wußte ja niemals, wann Vadder Deep und von wo er kam! Gerhard hatte sich bereits daran gewöhnt, aber heute machte das Erscheinen des Mannes noch einen besonders widerwärtigen Eindruck auf ihn; und als das graue Gesicht nun zu den grauen, von fahlem Glanze überzitterten Wolken aufblinzelte und dazu lächelte, war es ihm, als ob das Gesicht und die Wolken in Rapport ständen; als ob der Alte hier unten das Wetter da oben heraufbeschworen und es auch wieder bannen könnte, wenn er wollte; und die Herren, die des Alten spotteten, in ihrem trunkenen Übermut nicht wüßten, was sie taten. Sollte er den Moment benutzen und von dem Alten, dessen man so schwer habhaft wurde, die Retzower Gespanne für die nächsten Tage fordern? Es wurde ihm nicht leicht; aber sie sagten ja alle, daß die Entscheidung schließlich bei dem unheimlichen Menschen liege; so mochte es um der Sache willen geschehen. Er tat einen Schritt auf den Alten zu, als dieser, der halb abgekehrt von ihm gestanden, vollends den breiten Rücken wandte und, an Herrn Sallentin herantretend, demselben ein paar Worte ins Ohr raunte, worauf Herr Sallentin ihn sofort eifrig auf die Seite zog. Gerhard blieb keine Zeit, das Ende einer Unterredung abzuwarten, deren Gegenstand er selbst sein mochte. Wenigstens sah sich Herr Sallentin wiederholt nach ihm um und, wie es ihm schien, mit keineswegs freundlichen Blicken. Stude kam aus dem Hause, eilfertig, wie immer bei solchen Gelegenheiten, unter dem Arm Gerhards Pistolenkasten. Die Herren im Park wollten nach der Scheibe schießen; Herrn Zempins Pistolen seien noch von neulich nicht gereinigt; er – Stude – habe Gerhards in Vorschlag gebracht und gleich selbst geholt; er habe doch nichts dagegen? ob er nicht mitkommen wolle? Herr Zempin lasse ihn dringend bitten. Neuntes Kapitel. Mehrere der Wetterbeobachter vor dem Hause hatten Gerhard begleitet, da die Wolkenwand, anstatt heraufzuziehen, beinahe schon hinter dem Dache der gegenüberstehenden Scheune versunken war. Es dauerte nicht lange, als sich so ziemlich sämtliche Herren auf dem Schießplatze eingefunden. Auch mehrere Damen waren gekommen, um mit geschlossenen Augen und abgewandten Gesichtern ein paar Kugeln zu verschießen, deren Spur auf der Scheibe, trotz des eifrigen Suchens der jungen Herren, nicht aufgefunden werden konnte. Dann waren sie, Arm in Arm, wieder davongeflattert, zur großen Befriedigung Herrn Zempins, der alle seine Liebhabereien ernsthaft nahm und so auch das Pistolenschießen, das, wie er sagte, nun einmal kein Kinderspiel und ebensowenig ein Damenspiel sei, was übrigens nach seiner Ansicht so ziemlich auf dasselbe hinauskomme. Herr Zempin hatte den Rock ausgezogen und die übrigen Herren – da man doch einmal unter sich sei – gebeten, seinem Beispiel zu folgen. Er ging gern in Hemdsärmeln – wie Stude behauptete, um seine gewaltige Gestalt zu bester Geltung zu bringen –; aber heute war es nicht Eitelkeit und nicht Bequemlichkeit allein. Gerhard sah auf den ersten Blick, daß für dieses Mal der Riese die Wirkung des Weines, von dem er sonst völlig unberührt blieb, verspürte. Sein Gesicht glühte, und während die Säcke unter den Augen stärker heraustreten, schienen die Augen selbst kleiner geworden zu sein und einen anderen, herberen, schärferen, weniger offenen, ja manchmal fast wilden Ausdruck zu haben, den Gerhard nie zuvor bemerkt hatte, und der auch jedesmal abnahm oder völlig schwand, sobald Herr Zempin sich zu ihm wandte. Und das geschah sehr oft und immer mit der ritterlichen Höflichkeit, die dem Manne so wohl stand, und die er in dem Verkehr mit ihm noch stets herausgekehrt. Ja, Gerhard mußte bemerken, daß diese Höflichkeit heute etwas besonders Verbindliches und Herzliches hatte und so allerdings in den schärfsten Gegensatz trat zu den Schroffheit und Herbheit, mit der Herr Zempin einige andere aus der Gesellschaft behandelte, und seltsamerweise gerade solche, die er sonst völlig zu ignorieren schien, wie den schönen Schweden und den Studiosus Benz. Dem ersteren erklärte er mit einer Ironie, die nur zu durchsichtig war, daß es beim Pistolenschießen unzweifelhaft weniger auf eine zierliche oder gar gezierte Haltung ankomme, als darauf, daß man ein scharfes Auge und eine feste Hand habe, und daß der Herr Doktor vielleicht besser täte, beide noch ein wenig zu üben, bevor er mit firmen Schützen auf den Stand trete; – dem Herrn Studiosus, der sich allerdings auffallend ungeschickt anstellte, nahm er sogar die Pistole aus der Hand: wenn der Herr Studiosus durchaus jemand totschießen wolle, so müsse er, als Wirt, ihn doch im Interesse seiner übrigen Gäste ersuchen, daß er dann wenigstens mit sich den Anfang mache. Vergebens bat ihn Gerhard, zuerst mit Blicken, und als diese unbeachtet oder unverstanden blieben, indem er ihn auf die Seite zog, mit ein paar freimütigen Worten, zu denen er in seiner herzlichen Teilnahme die Berechtigung fand, ein Spiel aufzugeben, das ihn allzusehr zu erregen scheine. »Im Gegenteil«, erwiderte Herr Zempin; »ich muß heute Pulver knallen und Kugeln einschlagen hören, wenn ich nicht ersticken soll. Darin haben Sie freilich recht, man sollte den schönen Zorn nicht an so miserable Gesellen verschwenden, wie –« Er brach jäh ab, und sein Gesicht wurde finsterer als zuvor. Als Gerhard, der Richtung der starren, zornigen Augen folgend, sich wandte, sah er Herrn Bagdorf, der auf den Schießplatz trat. Gerhard hatte Herrn Bagdorf, der erst gegen das Ende der Mahlzeit gekommen war – in Reitfrack und Stulpenstiefeln – völlig unvorbereitet auf eine so große Gesellschaft, wie er sagte – nur ganz flüchtig gesehen und gesprochen, als er vorhin an der Laube vorüberkam, wo jener sich in seiner stutzerhaften Weise den Damen angenehm zu machen suchte. Wäre er doch da geblieben, dachte Gerhard jetzt; – ich muß versuchen, ihn wieder wegzubringen. Er ging in dieser Absicht auf Bagdorf zu, als Herr Zempin mit überlauter Stimme rief: »Nun, Herr Leutnant, haben die Damen Sie wirklich fortgelassen?« »Sie haben mich sogar hierher geschickt«, erwiderte Bagdorf, höflich den Hut ziehend. »Wirklich!« rief Herr Zempin; »indessen: die Gunst muß doch ein wenig gleichmäßig verteilt werden! Wir sind den Damen für ihre zarte Aufmerksamkeit sehr verbunden!« »Kommen Sie, Herr Bagdorf«, sagte Gerhard; und dann zu Herrn Zempin mit Bedeutung: »Ich möchte Herrn Bagdorf die Araukaria zeigen.« »Bagdorf schert sich den Kuckuck um Araukarien!« rief Herr Zempin; – »nicht wahr, Bagdorf? wir suchen nur das Schönste auf den Fluren, womit wir unsere Liebe schmücken! Hier, nehmen Sie! Sie sind ja ein famoser Schütze! Drei Schüsse um drei Flaschen Champagner! Wie?« »Ich danke ergebenste, erwiderte Bagdorf; »meine Hand ist heute nicht so ganz sicher.« »Sie haben heute schon zu viel Damenhände gedrückt, mon cher !« Bagdorf erblaßte und warf einen schnellen, halb erschrockenen, halb ärgerlichen Blick auf Herrn Zempin, den dieser mit einem lauten und höhnischen Gelächter beantwortete, indem er sich zugleich umdrehte und, zu den anderen gewandt, rief: »Also weiter, meine Herren! wer war an der Reihe?« Gerhard hatte Bagdorf am Arm genommen und mit sich fortgeführt. »Ich glaube, er ist betrunken«; sagte Bagdorf. Seine Stimme zitterte, und sein Arm zitterte. »Ich fürchte«, erwiderte Gerhard; »er war schon vorher gegen ein paar andere Herren mehr als unartig.« »Was sollte er auch speziell gegen mich haben? Wissen Sie etwas?« »Nein«, erwiderte Gerhard; »ich weiß nichts.« Und in demselben Moment schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: es müsse Julie sein, um die es sich handelte. Der wegwerfende Ton, in dem Herr Zempin heute vormittag über den Mann gesprochen, sein scheinbar durch nichts gerechtfertigter Ausfall eben, und – Bagdorf hatte während des Nachtisches wieder eine geraume Zeit neben Julie auf einem leer gewordenen Stuhle gesessen! Gerhard erinnerte sich des Umstandes erst jetzt. In demselben Augenblicke kam ihnen Julie entgegen. Hatte ihr die kurze Trennung bereits zu lange gedauert? war es Zufall? Vielleicht ein Zufall; ebenso wie die Verwunderung, mit der sie nun die weißen kleinen Händchen zusammenschlug, vielleicht nicht gespielt war. Sicher ernst aber war der Schrecken, welcher sich in ihren Zügen malte, als Bagdorf auf ihre lachende Frage: »Sie sobald zurück! was bedeutet denn das?« mit verstörter Miene erwiderte: »Ich wollte mich Ihnen empfehlen, gnädige Frau; ich habe vergessen – ich muß sofort nach Bulitz.« Die Blicke der beiden begegneten sich. »Wenn Sie durchaus zurückmüssen, darf ich Sie nicht halten wollen. Leben Sie wohl, und auf baldiges Wiedersehen! Sie wissen, wir haben für das Fest noch Unendliches zu besprechen!« Der Ton, in dem Julie das sagte, war völlig ungezwungen, ganz in ihrer leichten, lebhaften Weise; und so war die Bewegung, womit sie jetzt, als Bagdorf ging, ihren Arm in Gerhards legte. »Sie sollen mich noch ein wenig begleiten, lieber Vacha – oder muß ich auch Herr Baron sagen, wie die anderen? nein? ich danke ihnen, denn ich möchte recht gern vertraulich mit Ihnen sprechen – wie Emmeline, wissen Sie, in der Schweizerfamilie. Es ist mir lieb, daß Bagdorf gegangen ist und ich Sie auf diese Weise allein habe; Bagdorf – er wäre gewiß der letzte, vor dem ich à la Emmeline reden möchte. Erschrecken Sie nicht! ich will meinem Manne keine Konkurrenz machen: ich erwarte keine Konfidenzen von Ihnen; aber Sie erinnern sich, was ich Ihnen in der ersten Stunde gesagt habe: ich bin Ihre Freundin! Das klang keck, ruhmredig, nicht wahr? aber jede lady born and bread , wenn sie verheiratet ist, ist die mütterliche Freundin jedes unverheirateten gentleman born and bread , der in ihre Nähe kommt; und heute kann ich es Ihnen beweisen.« Sie waren von dem Hauptwege abgebogen auf die schmaleren verschlungenen Pfade durch die Bosketts. Von dem Schießplatze kam dann und wann der Knall eines Pistolenschusses, von dem Rasenplatze tönte das Lachen und Rufen der Gesellschaft; hier in den schmalen Gängen war es einsam und still; in den Büschen sangen die Vögel der Abendkühle entgegen. Gerhards Herz schlug unruhig. Was hatte ihm Julie zu sagen? oder wenn er nach ihren letzten Worten leider kaum im Zweifel sein konnte, daß sie nicht von sich selbst, daß sie von ihm, von Maggie sprechen wollte, wie sollte er es aufnehmen? durfte er an eine Freundschaft glauben, vor der ihn Maggie wiederholt gewarnt? eine Freundschaft, deren Aufrichtigkeit ihm ganz zweifellos niemals erschienen war und ihm jetzt – wenn er, was eben geschehen, irgend richtig gesehen und gedeutet – doppelt zweifelhaft erscheinen mußte? »Sie beschämen mich, gnädige Frau«, sagte er, »durch eine Güte, die zu verdienen ich bis jetzt so wenig, so gar keine Gelegenheit hatte.« »Ich will Ihnen gerade diese Gelegenheit geben«, erwiderte Julie, »indem ich, ohne daß Sie zürnen dürfen, alles vor Ihnen herausplaudere, was ich auf dem Herzen habe, wie ein rechtes Kind, das ich ja auch wirklich bin. Also: es ist gekommen, wie ich vorausgesehen, wie ich Ihnen vorausgesagt, daß es kommen würde, weil es kommen mußte: der kühne Schiffer hat sich nicht vor der Lorelei gehütet; er schaut nur hinauf in die Höh! Wie gesagt: das mußte kommen, und darüber verliere ich weiter kein Wort. Die Melodie ist eben zu wundersam und gewaltig; sie zwingt selbst solche, denen die Natur kaum ein bißchen Phantasie und Herz mitgegeben; sollen da andere kalt bleiben, die ganz Phantasie, ganz Herz sind, wie Sie, lieber Vacha! Widersprechen Sie mir nicht! wir Frauen verstehen uns darauf. Wir wissen euer Herz zu taxieren, als ob eure Brust von Glas wäre; wir sehen, wie groß es ist, wir fühlen, wie warm es ist. Und sehen wir's und fühlen wir's, fliegt euch unser Herz zu, wenn es ledig ist, und oft genug, wenn es gebunden ist. Das ist keine Freigeisterei der Leidenschaft – das ist ewiges Gesetz der Natur. Darf ich weitersprechen?« »Ich bitte Sie«, sagte Gerhard. Er brachte es kaum heraus. Seine Wangen brannten, seine Schläfen hämmerten. »Denn nun verläßt mich doch mein kecker Kindermut ein wenig«, fuhr Julie fort. »Gut, wie Sie sind, und edel – so gut und edel, wie ich – ich sage es ohne Scheu – noch keinen Mann getroffen habe, Sie sind doch immer ein Mann, das heißt: Sie glauben sich durch Ihre Stärke und Klugheit gegen jede Gefahr geschützt, glauben, die schroffen Felsenriffe verachten zu dürfen. Wir Frauen aber, die am flachen, ruhigen Ufer wohnen und wohnen müssen, weil wir eben Frauen und keine Nixen sind –« Durfte er es sagen? durfte er sagen: Sie wissen nicht, gnädige Frau, welche Pein ich ausstehe, denn Sie wissen nicht, daß Sie von meiner Verlobten sprechen? Er hoffte noch immer, dadurch, daß er nichts völlig in Abrede stellte, aber auch nichts unbedingt zugab, aus der peinlichen Verlegenheit, die ihm Juliens Neugierde bereitete, sich und sein Geheimnis zu retten. Denn schließlich war dies, konnte dies alles von ihrer Seite doch nichts anderes sein, als ein etwas gewaltsamer Versuch, die Wahrheit zu erfahren. So gewann er es denn über sich, lächelnd in munterem Tone zu erwidern: »Ich wollte Sie nur bitten, gnädige Frau, wie töricht und verblendet Ihren klugen Frauenaugen auch die Schiffer erscheinen mögen, oder vielmehr gerade deshalb – der schönen Lorelei keines ihrer goldenen Haare zu krümmen. Die Mohren wäscht man ja nimmer weiß, und ›töricht, auf Besserung der Toren zu harren‹ singt der Dichter. »Sie wollen mir mit jener feinen Ironie, die Ihnen so gut steht, das Mißliche, vielleicht Unschickliche meines Benehmens zu Gemüte führen«, erwiderte Julie. »Glauben Sie mir, ich habe ein leises Ohr für solche Mahnung und würde ihr unbedingt folgen, wenn ich Sie weniger lieb hätte, und dann – dasselbe leise Ohr hat auch den letzten Angstschrei eines Unglücklichen gehört, den die Wellen am Ende doch mitsamt dem Kahn verschlangen.« Sie blickte zu ihm auf. In den sonst so munteren Augen, auf den sonst so lachlustigen Zügen lag ein Ernst, der Gerhard erschreckte. Aber er wollte die einmal angenommene Position bis aufs äußerste verteidigen. »Also ein Märchen aus alten Zeiten?« sagte er. »Leider kein Märchen«, erwiderte Julie, »sondern eine wahre, traurige Geschichte, die in allerneuester Zeit gespielt hat – vor zwei Jahren etwa – und die ich Ihnen erzählen will – sie ist nicht eben lang. Auch will ich sie so kurz wie möglich machen. Also: Er – der Name ist ja gleichgültig – war ein junger, sehr hübscher Mann, ein Bauerssohn freilich, aus – irgendwoher aus Mecklenburg – aber braver Eltern Kind, und selber brav, fleißig, tüchtig, bescheiden und nebenbei ein hübscher, ganz ungewöhnlich hübscher Mensch. Wir alle mochten ihn sehr gern; er war oft bei uns, so oft er konnte – ja so, ich habe noch nicht gesagt, daß er als Wirtschafter in Kosenow fungierte – und an mich hatte er sich angeschlossen. Er teilte mir alles mit: wie sauer er es sich habe werden lassen in seiner Jugend – lieber Gott! er war ja selbst noch ein halbes Kind mit seinen zweiundzwanzig Jahren! und wie die Eltern den letzten, schwer verdienten Groschen darangesetzt, daß er was Ordentliches lerne, und wie sein einziger Ehrgeiz sei, es dereinst den guten Eltern zu entgelten und, was er vor den zahlreichen jüngeren Geschwistern voraus habe, an diese wieder mit Zinseszinsen abzutragen. Sie werden ihm das nachfühlen können, lieber Vacha, der Sie selbst für Ihre Brüder von einer so rührenden Zärtlichkeit sind! Mit einem Worte, es war ein herziger, lieber Junge und – weshalb soll ich es nicht sagen, ich war ihm gut, ich hatte ihn lieb wie eine Schwester den Bruder.« Julie zog ihren Arm zurück, und, sich abwendend, fuhr sie mit dem Tuche über die Augen, lächelte aber gleich wieder und sagte, Gerhards Arm abermals nehmend: »Ich habe versprochen, kurz zu sein, aber Sie wissen, wovon das Herz voll ist – dem armen Jungen war es bald voll genug, ach! allzu voll! sein hübscher, treuherziger Mund floß über zu mir, seiner Freundin, in Lob und Preis der Einen, Einzigen, Unvergeßlichen. Ach! seine Begeisterung war so echt, so goldig rein! Und daß er begeistert, berauscht war, konnte ich es ihm verdenken, ich, die ich selbst unter dem ersten vollen Zauber der Wunderblume stand, die aus der Knospe brach! Aber warnen konnte ich, und gewarnt habe ich – ehrlich, redlich, auf Kosten oft meiner eigenen Empfindung, mit blutendem Herzen, wenn ich ein edles, schönes Herz so bluten machte. Und war ja doch alles vergebens! Ich sah es – auch in jenem Falle, wie heute – daß es kam, kommen mußte, und – dann war es da! Eines Abends – es war ein schwüler Juliabend wie heute – er war herübergejagt von Kosenow auf seinem eigenen Pferde – er besaß sonst nichts auf der Welt, und es war sein ganzer Stolz – und er traf mich hier in diesem selben Gange, und ich glaube, es war dieselbe Stelle. Was er mir alles gesagt in stammelnden, wütenden Worten unter tausend Tränen, ich weiß es nicht mehr – ich weiß nur, sie, sein Engel, sein Himmel war an nichts schuld, nur der Vater; er hatte eine fürchterliche Szene mit dem Vater gehabt; er könne nicht länger in Kosenow bleiben, er müsse von seinem Himmel, aus dieser Welt scheiden – ach! ich nahm es nur für ein Bild, ich riet ihm selbst, auf einige Zeit wenigstens unsere Gegend zu verlassen. Am nächsten Tage erhielt ich einen Brief – ein Gedicht vielmehr von seiner Hand – mein erstes und mein letztes überschrieben – ich bewahre es noch als teueres Andenken – und am nächsten Tage verbreitete sich das Gerücht: auf dem Darß – einer Halbinsel ein paar Meilen von hier – sei ein junger Mann, der – jedenfalls in der Nacht – zu nah an das steile Ufer geraten, mit seinem Pferde hundert Fuß hoch hinabgestürzt und auf den Steinen des Strandes zerschmettert. Es ist, wie Sie wissen, kein Märchen; ich brauche Ihnen also nicht zu sagen, wer der unglückliche Verunglückte gewesen ist.« Julie schwieg; Gerhard kämpfte mit aller Macht, die Erregung, die ihn bei dieser Erzählung ergriffen, wenigstens nicht zu zeigen. »Sie haben recht, gnädige Frau«, sagte er; »das ist eine traurige Geschichte; eine traurige, keine tragische. Es ist ein Unglück, gleich jeder anderen schweren Krankheit, die ihr Opfer dahinrafft. Man muß den Toten beweinen, wenn er es verdient; man kann die Hinterbliebenen: die armen Eltern, die Geschwister, die Freunde bemitleiden, aber man darf niemand einer Schuld zeihen. Das hat denn doch etwas Tröstliches, wenigstens in meinen Augen, wie alles, was wir aus der Hand der Natur empfangen.« »Gewiß«, sagte Julie; »wir können eben den Lauf der Natur nicht ändern; und es ist die Natur der Nixen, daß sie oben auf dem abendsonnebestrahlten Felsen ihr Lied singen, während unten auf dem dunkel flutenden Rhein irgendein Unglück passiert.« Gerhard blieb stehen. »Gnädige Frau«, sagte er; »es ist vielleicht nicht recht, daß ich so lange geschwiegen; aber es wäre feig und unrecht in jeder Beziehung, wollte ich Ihnen jetzt noch länger verschweigen, daß Ihre Geschichte, der, wie mir scheint, noch andere nicht minder pikante folgen sollen, zur Heldin eine Dame hat, die seit heute morgen meine Verlobte ist.« »Also wirklich!« rief Julie; »wirklich! – seit heute morgen! nachdem Sie die schreckliche Szene mit der Baronin gehabt – in dem Wäldchen, nicht? – ich sah Maggie von dort kommen – aber sie war so kühl, so gleichmäßig heiter, entschuldigte sich so ruhig bei der Baronin, daß sie sie habe warten lassen – sie sei eingeschlafen in der Hitze – und doch! doch! der arme, arme Bagdorf! Verzeihen Sie! Ich kann nun einmal nichts für mein Herz, das mit meinen Freunden fühlt und sich mit ihnen freut und mit ihnen leidet. Mein Gott! ich finde es ja so begreiflich: er kann sich mit Ihnen nicht messen, er hat es selbst herausgefunden, gestanden, mir geklagt – noch heute mittag bei Tisch – und daß er keine Hoffnung mehr habe. Und Ihnen – brauche ich es zu sagen, zu versichern, daß ich Ihnen alles Glück wünsche, und Heil und Segen, mein lieber Freund!« Sie hatte seine beiden Hände erfaßt und wieder und wieder gedrückt, während sie zu ihm auflächelte. »Ich danke Ihnen, gnädige Frau«, erwiderte Gerhard, »für einen Wunsch, der selbst Ihrem guten Herzen nicht leicht fallen kann.« »Nicht leicht?« erwiderte Julie eifrig; »mein Gott – einer von euch kann sie doch nur haben, und da muß man wahrlich von ganzem Herzen wünschen, daß es der Klügste, der Mutigste, der Bravste ist; denn daß er alle Klugheit und allen Mut nötig haben wird, um zu seinem Ziele zu gelangen, ist leider gewiß. Ja, lieber Freund, jetzt darf ich nicht nur, jetzt muß ich offen sprechen und ohne Bild. Ich sehe auf Ihrem Wege mehr als eine Gefahr. Nicht – ich schwöre es Ihnen bei allem, was mir wert und teuer ist – als ob ich an Maggies Liebe für Sie, an Maggies Beständigkeit zweifelte! Sie ist ein so eigen geartetes Wesen! wer kann behaupten, auf den Grund ihrer Seele geschaut zu haben! und die rechte Liebe und Treue kommt ja auch erst mit dem rechten Ritter; die anderen waren eben die rechten nicht. Es sind – ganz im Vertrauen – noch einige da, außer Bagdorf; und nicht zu vergessen – den Baron von Basselitz. Aber selbst der Baron ist mir kaum noch bedenklich nach dem Strauß, den Sie heute morgen so mutig mit meiner guten Freundin, seiner Frau Mutter, bestanden. Ganz leicht wird sie Ihnen Ihren Sieg auch trotzdem nicht machen, sie gehört nicht zu denen, die eine Kränkung vergeben, und noch weiß sie ja gar nicht, wie unverzeihlich Sie ihren bis zur Tollheit aufgebauschten Stolz beleidigt haben. Sie sehen, lieber Freund, ich räume alle Hindernisse vor Ihnen weg mit geschäftiger Freundeshand; eines ist für mich zu schwer; es ist das, woran mein armer Wilhelm – er hieß Wilhelm Meink – wir sind ja jetzt im Reiche der Wirklichkeiten, und so darf ich den Namen nennen – zugrunde gegangen – der Wahnsinn von Maggies Vater.« »Der Wahnsinn?« rief Gerhard. »Wie soll man es anders nennen?« erwiderte Julie. »Es ist ein Familienzug. Nach allem, was mir der gute alte Vadder Deep erzählt, der ihn genau gekannt hat, ist schon der Vater der beiden Brüder wahnsinnig gewesen; dieselbe Selbstüberschätzung, dieselbe Rechthaberei, derselbe Hochmut und Eigendünkel, dieselbe Verschwendung, dieselbe Maßlosigkeit im Genuß bei der tyrannischsten Eifersucht. Das geht ja so schön Hand in Hand! Was hat die arme Maggie schon unter dieser Tyrannei gelitten! Von Edith spreche ich nicht: sie ist in ihrer kühlen Selbstvergötterung, in ihrem finsteren Mißtrauen gegen jede freie Regung des Geistes und Herzens – nur nicht des eigenen natürlich! – die echte Zempin. Aber Maggie mit ihrer beweglichen Phantasie, mit ihrem exquisiten Feingefühl für alles Schöne – auch ein Zempinscher Zug, wenn Sie wollen! – doch wie vergeistigt bei ihr, wie köstlich in das Anmutige, Spielende, Reizende, Liebenswürdige übersetzt! Und nun jede Regung ihres nach Schönheit und Liebe schmachtenden Herzens von der mönchischen Schwester bekrittelt, von dem wahnsinnigen Vater mit Füßen getreten! Ja, ja, Wahnsinn! es ist nichts anderes! Einen armen Knaben – denn er war ein Knabe in seinem frommen Glauben, in seiner rührenden Schwärmerei – zu mißhandeln bis aufs Blut, weil er ihn mit seinem Kinde – sie war ein Kind mit ihren fünfzehn Jahren – an einem Sommerabend in der Jasminlaube getroffen! Der Jasmin duftet betäubend an einem Sommerabend; aber das ist eine Entschuldigung für die Kinder, nicht für den Vater; für den Vater! merken Sie wohl! der Gatte, wenn er Zempin geheißen, hätte es freilich, ohne auf der Stelle zu morden, nicht tun können.« Sie waren, in ihrer Erregung rascher und rascher vorwärts schreitend, bis an das Wäldchen gelangt. Julie hatte sich auf die Bank sinken lassen – dieselbe, auf der Gerhard vor ein paar Stunden mit Maggie gesessen. – Er war vor der Dame stehengeblieben, mit Teilnahme und Verwunderung auf sie hinabblickend. War diese Frau, die jetzt schluchzend das Taschentuch in das Gesicht preßte, dieselbe lachlustige, stets zu neckischen Worten bereite, von drolligen Einfällen übersprudelnde, aller Sentimentalität so gründlich abgeneigte Julie? Und nun wischte sie sich die Tränen ab und rief, das Taschentuch zornig zerknitternd und die kleinen Füße hastig bewegend: »Aber das ist ja wohl so euer Herrenrecht! Wann hättet ihr je an die selbstlose Freundschaft einer reinen Frau geglaubt! wie könntet ihr daran glauben, die ihr nicht rein seid, die ihr nur die Lust kennt, nur die Lust wollt, gleichviel woher ihr sie nehmt, ob von der Magd oder der Herrin, ob von der Dirne oder der Dame! von der einen noch lieber als von der anderen: ihr braucht euch da ja nicht einmal bis zur Bitte zu erniedrigen oder gar eure kostbare Freiheit unter das Joch der Ehe zu beugen! Oh, der Tyrannei! der feigen, brutalen Tyrannei, die sich womöglich noch in die Maske der allgemeinen Menschenliebe hüllt! – allgemeine Menschenliebe! Man müßte weinen, wenn es nicht zum Lachen wäre!« Sie lachte höhnisch auf und brach dann wieder in zorniges Weinen aus; sie war außer sich. Es dauerte geraume Zeit, bis Gerhard sie mit freundlichen Worten nur einigermaßen beruhigen konnte. Ihr krampfhaftes Schluchzen wurde milder; sie hatte seine beiden Hände ergriffen, die sie plötzlich an ihren Busen, an ihre Stirn drückte: »Oh, Sie sind gut, Sie sind mein guter Engel«, rief sie; »Sie retten mich vor Verzweiflung!« Plötzlich sprang sie auf, sich das Haar aus dem Gesichte streichend, angstvoll um sich blickend: »Mein Gott, was tue ich! wenn er uns so gesehen hätte! Er würde den Freund morden wie die Gattin! was sind ihm Freund und Gattin, wenn seine Eifersucht ins Spiel kommt! Ich bitte, ich beschwöre Sie – folgen Sie mir nicht! bleiben Sie hier! Er darf uns – niemand darf uns hier zusammen sehen! Dank! tausend, tausend Dank für Ihre Güte! und – vergessen Sie diese Stunde!« Sie war davongeeilt in der Richtung des langen Heckenganges, der unmittelbar nach dem Hause führte. Er hatte sich nun doch auf die Bank gesetzt; seine Knie zitterten, das Herz hing ihm schwer in der Brust, so schwer! in seinem betäubten Gehirn schwirrten und hafteten die Gedanken, der eine immer trauriger und schattenhafter als der andere, der eine vor dem anderen zurückbebend, wie Mitwisser schlimmer Taten, die sich einander nicht ins Gesicht zu sehen wagen. Von dem Parke her ertönte ununterbrochen, und jetzt in der abendlichen Stille deutlicher als zuvor, das Lärmen und der Jubel der Spielenden auf dem Rasenplatze, zwischendurch dann und wann der dumpfe, kurze Knall der Pistolen. Und jetzt – wie an jenem ersten Abend, als er, die Gesellschaft suchend, sich hierher verirrt hatte und Edith traf – fing die Amsel über ihm in dem dichten Gezweig an zu singen, melancholisch-leise, als hauche eine einsame Seele ihre Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe in sanften Tönen aus. Freundschaft und Liebe! Hatte die kleine weiße Hand, die er eben in der seinen gehalten, ihm nicht das stolze Bild des Freundes, die holde Gestalt der Geliebten verwischt und entstellt! Hatten sie ihm nicht im Laufe dieses einen Tages, was ihm hier lieb und wert und teuer geworden, zu entreißen versucht, entrissen, daß er sich fremder, einsamer, unendlich einsamer fühlte als am ersten Tage? Das Vögelchen da oben hatte doch sein Klagelied; – er hatte nichts, was ihm Trost gewähren, woran er sich halten konnte in diesem Chaos schmerzlicher Empfindungen, trostloser Gedanken – nichts! nichts! Und doch! Eines! Da hinten, auf der Grenze nach Zarnewitz, in der entferntesten Ecke des Gutes, mähten sie noch und banden Garben! Er wollte hin, mit mähen, binden, aufladen – arbeiten bis zur sinkenden Nacht im Schweiße seines Angesichtes; helfen, die Ernte in die Scheune bringen vor dem Gewitter, das heute am Himmel gestanden und wiederkommen und losbrechen würde, morgen – einen dieser Tage! Er sprang empor und eilte aus dem dumpfen Wäldchen ins Freie. Und als er den weiten, hohen Himmel über sich sah, und ein leiser Abendwind, der über seine heiße Stirn strich, ihm den frischen Duft der Wiesen und Felder auf weichen Schwingen entgegentrug, da atmete er tief, wie jemand, der, aus schweren angstvollen Träumen erwachend, sich besinnt, daß er jung und stark ist und die Arbeit, die er liebt und die ihn wieder liebt, seiner harrt. Zehntes Kapitel. Und wieder stand ein Gebirge grauer, sich übereinander türmender Gewitterwolken zu derselben späten Nachmittagsstunde wie gestern an derselben Stelle im Süden an dem heißen blauen Himmel, als Gerhard sein Pferd durch die Allee hoher alter Linden lenkte, die auf das Hoftor von Kosenow führte. Aus dem unendlichen Gewirr dicht verschlungener Zweige, deren Blätter kein Hauch bewegte, floß das Gesumm zahlloser Insekten zu einem ununterbrochenen tiefen, schwingenden Ton zusammen. Das grüne Dunkel und die geschäftige Stille harmonierten mit Gerhards Empfindung. Nach den leidenschaftlichen Übererregungen des gestrigen Tages lag es auf seiner Seele wie ein Schleier und wie ahnungsvolles Schweigen, in dem der Nachhall so vieler, einander widersprechender Stimmungen in einem einzigen bangen Gefühl verzitterte; und zwischendurch ein zuckender Gedanke des eingesponnenen Geistes, der den dumpfen Trübsinn abrütteln wollte. Das war gewesen wie jetzt, wenn der Huf des Braunen hellen Klanges an einen der Steine im Wege schlug; und dann kam wieder das atembeklemmende Schweigen der Erwartung auf das, was kommen würde und kommen mußte, wie es in dem Buche des Schicksals geschrieben stand; nur daß das trübe Auge die dunkle Schrift nicht zu lesen vermochte und kaum hätte lesen wollen, wäre sie zu lesen gewesen. Und da war er am Tor. Unwillkürlich hielt er das Pferd an, wie jemand auf der Schwelle eines Hauses zögert, aus dem er sich eine Entscheidung holen will, die folgenschwer auf sein Leben einwirken, ja dessen Lauf notwendig für alle Zukunft hierhin oder dorthin lenken wird. Wie würde ihn der Vogelsteller empfangen? Hatte der menschenscheue Sonderling überhaupt schon von ihm gehört? oder bereits zu viel gehört? Unmöglich war das letztere keineswegs: es würde durchaus im Charakter und Geschmack der Baronin gewesen sein, wenn sie gestern bei der Rückkehr von Kantzow sich in wütenden Worten Luft gemacht hätte über den Frechen, der es gewagt, die Augen zu Maggie zu erheben! Ja, wozu bedurfte es der Baronin, um Maggies Vater mit etwas bekannt zu machen, was unzweifelhaft schon von wer weiß wie vielen geschäftigen Zungen durch die ganze Nachbarschaft getragen war? Und wie der Vogelsteller seine väterlichen Rechte verstand – Juliens Geschichte von dem armen Jungen, der seine Kühnheit mit dem Leben büßen mußte, hatte es bewiesen! Ach, der häßlichen Geschichte! ach, der bösen, bösen Zunge! Aber gewiß, gewiß! nur einen Blick in die holden Augen, ein Lächeln nur ihres süßen Mundes – dann würde der Schleier von seinem Auge sinken, dann würde das schwere Herz wieder mutig pochen, dann würde alles wieder gut, dann würde sie wieder seine Maggie sein! Und war dies nicht wie die Erfüllung des Traumes, den er gestern in dem Tannenwäldchen geträumt, bevor sie kam? Geradeso hatte er zu Pferde vor einem altehrwürdigen Tor gehalten, von dessen zerbröckelnder Zinne der Efeu wucherte und in langen Strähnen herabhing auf das halbverlöschte Wappen über dem Bogen, während die schweren Pfeiler, die das Gesims trugen, in hoch aufgeschossenem Ginster und Schlehdorn versanken. Nun wohl! das wäre fürwahr kein rechter Ritter – ein jämmerlicher Feigling wär's, der seine Heldentaten nur träumt und vor den Dornen und zischelnden Schlangenzungen der Wirklichkeit feig zurückbebt! Dies ist, trotz seiner märchenhaften Staffage, ein ganz reelles Tor, und das da ein pommerscher Gutshof, wie andere auch! Die letztere Voraussetzung traf nicht ganz zu. Zwar stimmten die Gebäude hinsichtlich der Zahl, Lage und Größe mit dem landesüblichen Schema, das Gerhard nun bereits so genau kannte; aber sie waren aus besserem Material errichtet, einige sogar durchweg aus Stein und mit Ziegeln gedeckt. Dieser Umstand allein würde dem Hofe, welcher überdies ringsum von einer hohen, hie und da von mächtigen Bäumen überschatteten Mauer gleichmäßig geschlossen war, ein bedeutenderes Ansehen gegeben haben, wenn nicht ein Blick auf das Herrenhaus sofort bewiesen hätte, daß hier ein älteres und vornehmeres Geschlecht gehaust haben müsse, als die Gutsbesitzer von gestern und die Pächter von heute, die sonst auf den Höfen des Landes ihr Wesen trieben und sich in ihren weitschichtigen, stillosen, oft mit Stroh gedeckten, meist einstöckigen Häusern behaglich genug fühlten. Dieses hier war, soweit es Gerhard durch das Laubgitter von vier mächtigen Linden, die davorstanden, erkennen konnte, zweistöckig, in der überladen zierlichen Architektur der späteren Rokokozeit mit großer Sorgfalt ausgeführt: die Eingangstür, zu der eine stattliche Rampe von beiden Seiten hinaufleitete, ein hohes, von Säulen getragenes Portal, über dem ein Balkon weit vorsprang; die Fenster von reich ornamentierten Sandsteinpilastern eingerahmt und mit verschnörkelten Wappen gekrönt. Vor dem nicht eben hohen Dach erhob sich ein stattlicher Giebel, der nicht recht zu dem übrigen passen wollte und nur eine Konzession an die Sitte des Landes oder durch praktische Hinsichten bedingt sein mochte, ein Zwang, für den sich der Baumeister durch eine Überzahl und Überlast aufgebauschter Vasen, Wappen und verrenkten Figuren aus Sandstein auf dem breiten, von dem Giebel nach den Enden laufenden Gesims reichlich entschädigt hatte. Während so Hof und Haus denselben einheitlichen Charakter solider Nutzbarkeit und echter, nun freilich im Laufe der Jahre stark verblaßter Vornehmheit trugen, nahm sich um so wunderlicher ein Gebäude aus, das in der fernsten Ecke des Hofes errichtet war und dessen seltsame Konstruktion den Zweck, für den es bestimmt sein mochte, nicht erraten ließ. Oder eigentlich war es nicht ein Gebäude, sondern vielmehr ein Komplex von Baulichkeiten: hier ein schlanker, viereckiger Turm, unten aus Stein, in der Mitte aus Holz, mit einem Glashäuschen oben, wie die Laterne eines Leuchtturmes; daneben ein Etwas, das in dem Erdgeschoß wie ein amerikanisches Blockhaus aussah und im oberen wie ein einziger großer, auf der vorderen Seite mit Draht vergitterter Käfig; dann wieder ein anderer runder Bau, der plötzlich achteckig wurde, um ebenso plötzlich wieder rund zu werden und in einer aus Eisen und Glas hergestellten Kuppel zu endigen; und so noch ein paar andere Konstruktionen von unbestimmter Form – alles mit scheinbar völliger Willkür eines an das andere mehr geklebt, als gebaut, daß Gerhard an die architektonischen Fratzen des Prinzen Pallagonia bei Palermo erinnert wurde, von denen er in Goethes italienischer Reise gelesen hatte. Indessen sollte er über die Bestimmung dieser seltsamen Anlage nicht lange im dunkeln bleiben. Als er, unwillkürlich sein Pferd darauf zulenkend, sich ihr noch etwas genähert, vernahm er ein verworrenes Geräusch durcheinanderschallender Vogelstimmen, das mit jedem Schritte lauter und vieltöniger wurde zu großer Verwunderung und Beunruhigung des Braunen, der die Ohren hinüber und herüber bog und sich nur noch sehr ungern auf den unheimlichen Ort zu bewegte. Aber Gerhard hatte jetzt in die Tür des Blockhauses einen Mann treten sehen, bei dem er sich nach dem Herrn und den Damen erkundigen wollte, und der seinerseits nach dem Fremden auszuschauen schien. Wenigstens stand er jetzt unbeweglich, die Augen gegen die grelle Abendsonne mit der Hand beschirmend, über welche zottiges, graues Haar von dem mächtigen Haupte, das keine Bedeckung trug, in wirren Strähnen herabhing, wie vorhin die Efeuranken über das alte Tor. Und wunderlicherweise erschien Gerhard diese seltsame Gestalt, deren mächtiger Leib in einen dunkelgrünen Rock geknüpft war, während die langen gespreizten Beine in erdfarbenen Gamaschen steckten, wie der richtige Hüter, ja wie die Personifikation des alten Tores. Aber das hatte ihn freundlich eingelassen; wie würde ihn dieser hier empfangen? denn unzweifelhaft war es Maggies Vater, der Vogelsteller. Gerhard konnte sich doch in dem Moment, als ihm die Überzeugung kam, einer starken Beklommenheit nicht erwehren. Und diese Beklommenheit wurde wahrlich nicht verringert durch das Benehmen des Mannes, der jetzt, nachdem er selbst höflich grüßend seinen Namen genannt und gefragt, ob er die Ehre habe, Herrn Johann Zempin vor sich zu sehen? – ohne seine Stellung im geringsten zu verändern, fortfuhr, ihn mit der Hand über den Augen schweigend anzustarren. Es war beinahe wie bei der Begegnung mit dem Förster gestern am Rand des Wiesensees, und Gerhard machte sich bereits auf einen ähnlichen Ausbruch gefaßt. Um so erleichterter fühlte er sich, als nun der Mann aus der Tür heraus auf ihn zutrat und, freilich wiederum schweigend, ihm die Hand reichte, indem er dabei immerfort mit dem Ausdruck tiefster, aber keineswegs unfreundlicher Verwunderung zu ihm aufschaute, gerade wie jemand, der in einem Fremden plötzlich einen lieben Freund zu erkennen glaubt und nur noch seinen Augen nicht recht traut. Handelte es sich hier wirklich um ein Mißverständnis? Gerhard glaubte seinen Namen noch einmal nennen zu sollen. Statt jeder weiteren Antwort nickte der Vogelsteller nur wiederholt und mit immer freundlicherem Ausdruck, drückte ihm noch einmal stärker als zuvor die Hand, um sie plötzlich loszulassen und, den gekrümmten Zeigefinger in den Mund steckend, so gellend zu pfeifen, daß der Braune sich auf den Hinterbeinen herumdrehte und Gerhard, der im Begriff war, abzusteigen, in ernstliche Gefahr geriet, in dem Bügel hängen zu bleiben und geschleift zu werden. Der Vogelsteller sprang herzu, griff dem geängsteten Tiere in die Zügel und riß es herunter. Gerhard sprang aus dem Sattel; der Vogelsteller klopfte dem Pferde auf die Schulter, besah und befühlte es von allen Seiten, schüttelte den Kopf, trat davor hin, und plötzlich, es mit beiden Armen an den Vorderbeinen umfassend und seine Brust gegen die Brust des Tieres stemmend, hob er es mit dem ganzen Vorderleibe hoch in die Höhe, wie andere etwa einen großen Hund aufheben. Der Braune hatte keinen Versuch gemacht, sich dieser sonderbaren Umarmung zu entziehen; ja er zitterte, wie er jetzt wieder auf allen Vieren stand, am ganzen Körper und ließ sich von dem herbeigepfiffenen Knecht wegführen, den Kopf sinken lassend, als schäme er sich in tiefster Seele. Der Vogelsteller blickte ihm lächelnd nach, wandte sich dann zu Gerhard, klopfte ihm auf die Schulter, gerade wie zuvor dem Pferde, schüttelte auch wieder das Haupt, aber nicht verächtlich wie vorhin, sondern mit demselben Ausdruck von Verwunderung, die nur noch freundlicher und herzlicher geworden war. Gerhard hatte Ursache, mit dem Empfang zufrieden zu sein; ja er fühlte sich durchaus zu dem sonderbaren Manne hingezogen, mehr noch, als es Herrn Zempin gegenüber der Fall gewesen war, an den der Bruder in Erscheinung, Haltung, Mienen- und Gebärdenspiel vielfach erinnerte. Nur daß bei dem Kantzower alles ausgeprägter, durchgebildeter, formvoller erschien, während dieser Mann trotz seiner riesigen Gestalt, welche die des Bruders noch um Haupteslänge überragen mochte, und trotz des Beweises seiner herkulischen Kraft, die er noch eben abgelegt, die Formlosigkeit, das Linkische und Unsichere eines Jungen hatte, der allzu schnell emporgeschossen ist und nicht weiß, was er mit seinen Gliedern anfangen, welche Miene er dem Fremden machen soll, und aus Furcht, etwas Törichtes, Unpassendes zu sagen, lieber ganz schweigt. Denn noch immer hatte Gerhard kein einziges Wort von den freundlich lächelnden, wie auch das übrige Gesicht, bartlosen Lippen gehört, und diese Schweigsamkeit mußte ihm um so mehr auffallen, als er nun völlig an den Redeüberschwang gewöhnt war, in dem der Kantzower seinem leidenschaftlichen Herzen Luft zu machen pflegte. Bedurfte es für den Vogelsteller eines solchen heilsamen Gegenmittels nicht? Das gelegentliche Flackern in den graublauen Augen, das blitzschnelle Zucken um den stummen, melancholischen Mund, die Zornesröte, die dem Manne jäh in die Stirne gestiegen war, als er vorhin dem Pferde in die Zügel fiel – alles bewies, daß hier ein Feuer unter der Asche glühte, um so heißer, je dichter die Decke war, um so verheerender, wenn sie die Decke durchbrach. – Möchte er doch nur zu sprechen anfangen, dachte Gerhard. Sein Wunsch sollte erfüllt werden, wenn auch vorläufig in beschränktem Maße. Er war dem Vogelsteller auf eine Bewegung hin, die einer einladenden Gebärde ungefähr glich, in das Blockhaus gefolgt, dessen Erdgeschoß aus einem einzigen großen Raume bestand, wo eine Unzahl von Geräten durch- und übereinander standen, hingen und lagen, wie sie ein regelrechter Finkler zu seinem Gewerbe braucht: schier zahllose größere und kleinere Bauer aus dünnen, weißen Holzstäben; Ruten, Netze, Sprenkel, Werkzeuge aller Art; eine Hobelbank, eine Drechslerbank, an der eben noch gearbeitet schien – in der einen Ecke ein offener Herd, auf welchem an einem schwelenden Feuer ein Topf brodelte – mit Leim, nach dem Geruch zu urteilen – in der anderen Ecke ein großer Schrank mit ausgestopften kleineren Vögeln, während größere auf dem Schranke placiert waren oder auch mit gespannten Flügeln von der nicht allzu hohen Decke herabschwebten – das Ganze ein grausester Wirrwarr, hier magisch verdämmernd in den fernen Ecken des weiten, niedrigen Raumes, dort grell gestreift von der roten Abendsonne durch die nur angelehnte Tür. Und hier – an seinem häuslichen Herde, dachte Gerhard – fand der Vogelsteller, wenn nicht die Sprache, so doch vorläufig die Stimme. Er brummte und summte behaglich, während Gerhard die praktische Einrichtung und solide Arbeit der Bauerchen, die noch dazu vermutlich eigenes Fabrikat wären, lobte; die Konstruktion der Sprenkel anders fand als in Thüringen, aber wie er glaubte, zweckdienlicher und haltbarer, und seine aufrichtige Bewunderung der Kunstfertigkeit und vollendeten Kenntnis aussprach, womit in den ausgestopften Vögeln die Natur bis in die feinsten Einzelheiten beobachtet und wiedergegeben sei. Die Finklerkunde, die Gerhard, als echter Thüringer – ›vom Walde‹ noch dazu – wirklich besaß, und die er so ohne allen Zwang und jegliche Zurschaustellung anbringen durfte, schien den pommerschen Vogelsteller zu entzücken. Die graublauen Augen glänzten durch das Halbdunkel, das Summen und Brummen wurde immer behaglicher und lauter; und nun kamen Worte – sehr abgerissen erst und schwer verständlich – doppelt schwer für Gerhard, weil sie im entschiedensten Platt waren – dann zusammenhängender, deutlicher – Worte, die Zufriedenheit und Verwunderung ausdrückten und endlich in einen Satz zusammengefaßt wurden, den er erst ebenfalls im Platt sagte und dann sofort ins Hochdeutsche übersetzte, indem er Gerhard die beiden riesigen Hände auf die Schultern legte: »Sie mag ich leiden! Sie mag ich sehr gern leiden!« Er hatte beide Male das ›Sie‹ stark hervorgehoben, als ob er den Mann da vor ihm in schärfstem Gegensatz bringen wollte zu anderen Menschen, die er durchaus nicht leiden könne. Dabei lag in dem Ton der überaus weichen Stimme eine so große Herzlichkeit, ja eine wirkliche Begeisterung, daß Gerhard sich aufs innigste gerührt fühlte. Aber zu einem Danke, für den er in seiner Bewegung nicht gleich den schicklichen Ausdruck fand, ließ ihm der seltsame Mann keine Zeit: er hatte ihn alsbald, noch an den Schultern, zu einer Tür geschoben, hinter der eine sehr schmale und steile Treppe in den oberen Raum leitete. Hier umfing den Nachkletternden sofort Geschwirr, Zirpen und Singen von Hunderten von Vögeln, die in dem Riesenkäfig, der nur an der einen Seite mit einem Drahtgitter versehen war, frei herumflatterten: von einem der hier aufgerichteten Bäumchen und baumähnlichen Gestelle nach dem anderen, von den Futter- und Trinknäpfen am Boden zu den Nestern in den obersten Zweigen und an der Decke. Es schienen ausländische zumeist, nebst einheimischen, die sich zur Gesellschaft schickten, viele von den schönsten roten und grünen, in dem Abendscheine, der durch das Drahtgitter fiel, doppelt prächtig leuchtenden Farben. Und Gerhard sah zu seiner Verwunderung, daß die zierlichen Geschöpfe, die ihm scheu auswichen, nicht die mindeste Furcht vor dem Vogelsteller hatten. Sie umschwärmten ihn, sobald er eingetreten; sie setzten sich auf sein struppiges Haupt, auf die breiten Schultern; sie pickten ihm das Futter aus den gewaltigen Händen. Er mußte die Zudringlichen erst verscheuchen, als er jetzt seinen Gast durch eine sehr schmale Tür auf eine, die Innenseite des Turmes, den man nun betrat, umkreisende Wendeltreppe schob. Aus dem Grunde des Turmes wuchs eine schlanke Fichte, deren Krone sich oben in der Laterne ausbreiten durfte. Dem schlanken Stamme waren zu den natürlichen künstliche Äste angefügt, die man auf starken Brettern von der Wendeltreppe aus an einzelnen Stellen, wo sich Nester befanden, erreichen konnte. Da durch vergitterte Öffnungen Licht und Luft von allen Seiten hereindrang und die Laterne oben wiederum nur aus einem Drahtgeflechte bestand, war es Gerhard begreiflich, wie der Baum, der an dem Orte gewachsen, sich in dieser Einkapselung nun bereits zehn Jahre völlig frisch erhalten. Wenigstens glaubte Gerhard den Vogelsteller so verstanden zu haben – es war fast unmöglich, ein Menschenwort deutlich zu vernehmen bei dem betäubenden Kreischen und Schreien der Dohlen, Elstern, Häher, Spechte und des übrigen Gesindels, das hier sein lärmendes Wesen trieb. Ein mächtiger Rabe, der wohl sonst das Regiment führen mochte, kam aus der Krone herabgeflogen auf die Schulter des Vogelstellers und schien, nach manchen gravitätischen Verbeugungen stillsitzend, den Kopf mit drolliger Verdrehung vorwärts neigend, ehrfurchtsvoll zu erwarten, ob der Herr vom Hause Befehle für ihn habe. Der aber begnügte sich damit, dem Getreuen das glänzende Gefieder zu streicheln und entließ ihn dann, worauf der Vogel sich wieder nach oben schwang, während jener, mit Gerhard hinter sich, die Wendeltreppe hinabstieg, bis zu dem Grunde des Turmes, wo man durch eine Tür in einen dritten Raum gelangte. Aus diesem ging es treppauf in einen vierten, aus dem vierten treppab in einen fünften, und so treppauf, treppab noch durch eine ganze Reihe von Räumlichkeiten, die sich nur darin glichen, daß sie sämtlich von frei fliegenden Vögeln durchschwärmt waren. Aber nirgends hielt man sich längere Zeit auf; es schien dem Vogelsteller einzig darum zu tun, dem Gaste seine Schätze zu zeigen, wie ein Sammler hastig Kasten um Kasten öffnet und wieder verschließt, nachdem der neugierige Besucher kaum einen Blick auf die Herrlichkeiten geworfen. Gerhard war es zufrieden. Das beängstigende Geschwirre und Geflatter, das unaufhörliche Zirpen, Zwitschern, Singen der kleinen, das Rufen, Schreien, Kreischen der großen Vögel, das fortwährende Hinauf- und Hinabklettern auf den schmalen, steilen Treppchen, der penetrante Dunst, der trotz der sorgfältigen Lüftung in all diesen zum Teil sehr engen Räumen herrschte – das alles hatte ihn zuletzt ganz verwirrt, betäubt; und er atmete hoch auf, als der Vogelsteller endlich eine Tür öffnete, die aus dem wunderlichen Labyrinth ins Freie führte. Wie wenig auch die Umstände bis jetzt eine wirkliche Unterhaltung begünstigt hatten, es war doch zwischen den beiden schon manches Wort gewechselt – nach Gerhards Empfindung weit über die angeborene oder angewohnte Schweigsamkeit des Vogelstellers hinaus. Er konnte nicht mehr darüber im Zweifel sein, daß der wunderliche Mann, aus welchem Grunde immer, ihm seine volle Gunst zugewandt habe. Schon mehr als einmal hatte er die großen, phantastischen Augen unter den buschigen Brauen mit einem überaus freundlichen, fast zärtlichen Ausdruck auf sich gerichtet gesehen, und es überraschte ihn kaum noch, als der riesige Mann, indem sie jetzt auf das Herrenhaus zuschritten, ihm den Arm vertraulich auf die Schultern legte, wie ein Vater seinem Sohne, mit dem er zufrieden ist. Die Versuchung, seines Herzens große Angelegenheit zur Sprache zu bringen und alles auf einmal zu entscheiden, lag nahe. Aber Maggie hatte ihn mit solcher Inständigkeit gebeten, vorderhand zu schweigen – durfte er die Verantwortung des kühnen Schrittes übernehmen, auf die Gefahr hin, daß er mißlang? das eben erst in unerklärbarer Weise ihm zugewandte Wohlwollen des Vaters sich in ein furchtbares Gegenteil verwandelte? Was war denn der unberechenbaren Laune eines Mannes unmöglich, der, abseits von den Pfaden der Menschen, seit so vielen Jahren sein Sonderlingsdasein geführt und sein Sonderlingswesen offenbar zu nicht minder wunderlichen Formen aufgetrieben und aufgebauscht hatte, wie der Künstler die Sandsteingötter da oben auf dem Dache des Hauses! Über dem Dache, mit den obersten, unheimlich gleißenden Spitzen fast in dem Zenit gipfelnd, stand die Gewitterwand im Süden. Gerhard hatte von dem Kantzower nicht ohne Mühe die Erlaubnis erhalten, den Vogelsteller um Abtretung der Retzower Gespanne für einige Tage zu bitten. – »Es hilft Ihnen ja doch nichts«, hatte der Kantzower gesagt, und Gerhard erwidert: »So lassen Sie mich's wenigstens versuchen!« Der Augenblick schien günstig. Als ob er von dem Zwist der Brüder nichts wisse und es sich nur um eine alltägliche Gefälligkeit handle, die der Nachbar dem Nachbar, geschweige denn der Bruder dem Bruder gern gewährt, trug er sein Gesuch vor, das denn auch sofort, nun doch zu seiner Überraschung, bewilligt wurde, wenn auch mit dem Zusatze: Weil Sie es sind! Die Wendung war zu schmeichelhaft-verführerisch, um nicht den zweiten Teil seiner Mission auf dieselbe Bahn zu lenken. Weshalb sollte der Gedanke des Waldfestes, anstatt in Frau Juliens Kopf, nicht in seinem eigenen entstanden? weshalb nicht er um das Zustandekommen desselben ängstlich besorgt sein? Und daß zu diesem Zustandekommen die Einwilligung womöglich persönliche Beteiligung des zweiten Besitzers des Waldes gehöre, war ja selbstverständlich, abgesehen von der Freude der beiden jungen Damen, einmal wieder unter dem Schutze ihres Vaters in der Gesellschaft zu erscheinen. Es stehe dann nur noch die Erlaubnis des Oberförsters, oder besser: des Landrats aus, die, wie ihm der Förster Garloff gesagt, bei der Lage der Dinge erforderlich sei, aber nach seiner eigenen Ansicht, gerade wegen der Unentschiedenheit des Rechtshandels, gar nicht verweigert werden könne. Gerhard sollte es sofort bereuen, sich ganz gegen seine Natur und Gewohnheit zu solchen diplomatischen Winkelzügen herbeigelassen zu haben. Schon den wunderlichen Mann sich ›in der Gesellschaft‹ vorzustellen, wollte ihm in keiner Weise gelingen; und nun hatte er kaum den Namen des Försters ausgesprochen, als jener, ihn loslassend und mit den langen Armen in der Luft umherfahrend, in Worten, die der Zorn anfangs für Gerhard fast unverständlich machte, auf den Förster, den Oberförster, den Landrat, die Herren von der Regierung zu toben begann. Besonders aber schien der Förster, auf den er immer wieder zurückkam, seine Wut zu entflammen. – »Der alte Schleicher«, donnerte er, »der tückische Hund, der immer hinter mir her ist, und dem ich den Schädel einschlage, wenn er mir noch einmal in den Weg tritt, so wahr ich Johann Zempin heiße! Den sollte ich um Erlaubnis bitten! ich! ich! ich! Und das mutet mir mein Moritz-Bruder zu! das! das! das!« Gerhard gelang es, hier endlich zu Worte zu kommen und den Wütenden zu versichern, daß im Gegenteil der Bruder in Kantzow durchaus keine Neigung habe, die Autorität der Behörde anzuerkennen. Aber Frau Zempin und die anderen Damen und ebenso seines Wissens die Herren fürchteten, es könnten, wenn auch das Fest selbst nicht weiter gestört und gehindert würde, den Brüdern nachträglich aus ihrer Renitenz ernste Ungelegenheiten erwachsen. »Sie dürfen mir nicht zürnen«, fügte er hinzu, »wenn ich, der Fremde, eine Angelegenheit, die ich nicht übersehen kann, mit den übrigen, die sie doch besser kennen sollten, falsch beurteile.« »Ihnen bin ich nicht bös!« schrie der Vogelsteller, »Ihnen gar nicht! Sie hab' ich lieb! aber Christian Sallentin und Wilhelm Stut und Karl Bollmann und wer immer behauptet, mein Moritz-Bruder und ich dürften nicht auf unserem Grund und Boden tun, was wir wollten – der ist ein Schurke und lügt es in seinen Hals hinein! Was? die uns stören? die uns hindern? laß sie man kommen! ich bin dabei, ich und mein Moritz-Bruder! – laß sie man kommen! laß sie man kommen!« Wenn der Mann in seiner tobenden Wut einem feuersprühenden Vulkan geglichen, so war es jetzt, nachdem der Ausbruch vorüber, von den hinausgeschleuderten, lohenden Worten wie Aschenregen auf ihn zurückgesunken. Das sonst bleiche Gesicht, das im Zorn furchtbar aufgeglüht, war plötzlich erdfahl geworden; die eben noch Blitze sprühenden Augen starrten gläsern aus den vertieften Höhlen; und als er seines Gastes Schultern wieder umfaßte, war es ihm offenbar um eine Stütze zu tun: der Arm lag schwer auf, und die Knie des langsam Schreitenden knickten wiederholt zusammen, bis sie das Haus erreichten. Hier ließ sich der Wankende in dem Portale auf eine Bank fallen und versank, den Kopf in die Hand stützend, in gänzliche Apathie. Wenigstens antwortete er auf Gerhards wiederholte Fragen nicht, und dieser war schon im Begriff, in das Haus zu gehen und Hilfe herbeizurufen, als zu seinem Trost eine alte Dienerin erschien, bei der er sich nach den Damen erkundigte, indem er zugleich bedeutsam auf den Herrn wies. Die unfreundliche Alte mochte an dergleichen Zustände bei dem Herrn gewöhnt sein: sie zuckte nur eben die Achseln, ein paar Worte murmelnd, aus denen Gerhard zu verstehen glaubte, daß er sich mit ihr entfernen möge und bereits von den Damen erwartet werde. Das Innere des Hauses entsprach völlig dem Äußeren: ein hoher, achteckiger Flur mit gewölbter Decke – Wände und Decke vergoldet und bemalt, doch war die Vergoldung verblichen und die Malerei halb verwischt. Und so von verblichener und vermischter Pracht zeugte jedes der hohen Zimmer, durch welche die Alte Gerhard führte, nachdem sie an einer Tür im Flur vergeblich mehrmals gepocht. Die gewirkten Tapeten, die Dekorationen der Decken, die verschnörkelten Kamine, die Möbel: hochlehnige Stühle, gestickte Lehnsessel, geschweifte Kommoden, reichgeschnitzte Schränke – alles hatte einstmals bessere Tage gesehen; selbst in der Luft schwebte ein seltsam abgestandener Duft, der nirgends als in alten unbewohnten Schlössern vorkommt. Auch schien keiner dieser Räume bewohnt zu sein, man hätte denn die prachtvollen Papageien und Kakadus, von denen jedes Zimmer mindestens einen in einem mächtigen, blinkenden Messingbauer enthielt, und von denen manche bei Gerhards Anblick ein tobendes Geschrei erhoben, für Bewohner halten müssen. Die voranschlurfende Alte hatte wiederum eine der vergoldeten Flügeltüren geöffnet und Gerhard in einem Gemach allein gelassen, das sich sofort als das Wohnzimmer der Damen ankündigte, obgleich die Ausstattung in dem schönen und besonders reich dekorierten Raume derjenigen in den anderen Räumen wesentlich glich. Aber die Möbel, für die man offenbar nur die prachtvollsten und am besten erhaltenen gewählt hatte, klebten nicht in steifstelliger Würde an den Wänden, sondern waren zu bequemem Gebrauch an schicklichen Stellen placiert. In der Mitte des, wie der Flur, achteckigen Raumes prangte sogar ein Stutzflügel aus der Rokokozeit, von besonders schöner Arbeit; die Klappe war hochgestellt, auf dem Pulte und dem davorstehenden gestickten Sessel lagen Noten, als sei eben erst gespielt worden; die beiden nischenartig vertieften Fensterplätze waren mit frischen Blumen geschmückt, die hohe Tür, durch die man über einen mit Orangebäumen bestellten Perron in den sonnigen Garten blickte, stand weit offen. Auch fehlten hier glücklicherweise jene entsetzlichen bunten Schreihälse; nur ein kleiner grauer Papagei kletterte schweigend an seiner Stange in einer Wandnische. Es war so still in dem hohen, kühlen Raume – Gerhard glaubte fast das Schlagen seines Herzens zu hören, wie er so, ohne sich zu regen, in der Nähe der Tür erwartungsvoll lauschend stand. Das Knistern eines leichten Fußes auf der Treppe des Perrons, das Rauschen eines Kleides, ein Schatten, der vor der Kommenden her auf die Schwelle fiel – und Edith trat mit raschen Schritten herein. Elftes Kapitel. Obgleich Gerhard sich gesagt, daß er im Salon der Schwestern sei, hatte er doch nur immer an Maggie gedacht, hatte er jetzt doch nur Maggie erwartet. Nun, da er Edith statt ihrer sah, war es eine Enttäuschung, die aber nicht eben lange anhielt. Denn alsbald berührte ihn mächtig die Eigenart des Mädchens, gerade wie bei der Begegnung an jenem ersten Abend, und gerade wie damals reichte ihr bloßer Anblick hin, um das falsche Bild, das Julie ihm von ihr aufgedrängt, zu zerstreuen, als wäre es nicht gewesen. Dies ist keine Frau, hatte er damals gesagt, und als er jetzt in ihre Augen schaute, sprach er bei sich: »Dieser reinen Mädchenseele ist Selbstvergötterung so fremd, wie finsteres Mißtrauen; nie hat ihr Herz eine leiseste Regung getrübt, über welche die keuschen bleichen Wangen hätten erröten müssen.« Ihre Wangen waren sehr bleich, und aus den großen grauen Augen sprach lebhafte Angst. »O mein Gott«, sagte sie, indem sie Gerhards dargebotene Hand festhielt, »was hat es gegeben? zwischen Ihnen und dem Vater? ich hörte seine Stimme so laut – ich lief durch den Garten – sah Sie aber nicht mehr auf dem Hofe – was war es?« »Nichts zwischen mir und Ihrem Herrn Vater, der mich mit der größten Güte empfangen hat«, erwiderte Gerhard, »und auch nichts, glaube ich, was Sie besorgt zu machen braucht – es müßte denn der augenblickliche Zustand Ihres Herrn Vaters sein.« Und er erzählte ausführlich seine Begegnung mit dem Vater vom ersten bis zum letzten Moment. Sie hatte längst seine Hand losgelassen und ihn durch eine Bewegung aufgefordert, ihr gegenüber in einem der Fenster, wo wohl ihr gewöhnlicher Sitz war, Platz zu nehmen. Während er sprach, hingen ihre Blicke starr an seinen Lippen; nun, da er geendigt, atmete sie tief und sagte leise, wie mit sich selbst redend: »Gott sei Dank! Gott sei Dank!« und dann seine Frage, ob sie nach dem Vater sehen wolle, beantwortend: »Nein, nein, er duldet das nicht; selbst ich darf mich in solchen Stunden nicht um ihn bekümmern, soviel Einfluß ich auch sonst auf ihn habe. Er sucht die tiefste Einsamkeit, am liebsten im Walde, wo er dann manchmal Tage und Nächte zubringt und sich nur heimlich auf den Hof schleicht, um seine Vögel zu füttern und einen Bissen Brot zu essen, den er immer im Vogelhause findet. Wenn er endlich, oft halb verhungert und verdurstet, zurückkehrt, ist er wieder ruhig und still wie gewöhnlich, so, wie Sie ihn fanden, als Sie kamen.« »Und Sie haben häufiger so trübe, sorgenvolle Stunden durchzumachen?« fragte Gerhard teilnehmend. »In den letzten Jahren«, erwiderte Edith, »früher selten, sehr selten. Jetzt freilich reicht oft eine scheinbar geringfügige Veranlassung hin, um ihn in diese fürchterliche Aufregung zu versetzen, worauf dann tiefe Abspannung unmittelbar folgt und ein Gefühl – wie soll ich es ausdrücken? – der Beschämung, daß er sich so hat hinreißen lassen, und dann flieht er vor den Menschen, ich glaube, vor sich selbst. Heute wird diese Empfindung um so stärker sein, weil gerade Sie es sind, der ihn so gesehen hat.« »Weshalb gerade ich?« fragte Gerhard. Edith antwortete nicht sogleich. Sie hatte sich über ihr Nähkörbchen gebeugt und suchte darin, aber, wie es Gerhard vorkam, nur um die Röte zu verbergen, die plötzlich ihre Wangen bedeckte, als sie die letzten Worte gesprochen hatte. Sie kramte auch mit zitternden Fingern weiter, während sie mit leiser, zögernder Stimme erwiderte: »Ich hatte dem Vater von Ihnen gesprochen, wie freundlich, wie gut Sie gegen mich gewesen, trotzdem ich Ihnen doch recht kindisch, recht töricht erscheinen mußte.« »Aber Fräulein Edith!« »Gewiß – es konnte nicht anders sein. Der Vater hatte es gern gehört – er ist glücklich, wenn ich – wenn mir ein Glück begegnet – es ist ja ein Glück, einem guten Menschen zu begegnen. Er sprach alle diese Tage wieder und wieder von Ihnen; er wünschte dringend, Sie zu sehen, kennenzulernen; er war betrübt, daß Sie nicht kamen. Ich war es auch. Ich hätte Sie gern um Verzeihung gebeten, oder, wenn Sie lieber wollen, mich Ihnen in einem besseren Lichte gezeigt, und schämte mich doch – Sie sehen, ich bin meines Vaters Kind – Ihnen zum zweiten Male unter die Augen zu treten. Und dann vor allem: ich hatte die Überzeugung, daß Sie meinen Vater verstehen würden, daß Sie gegen ihn so freundlich sein würden, wie Sie es gegen mich gewesen. Aber ich verfalle schon wieder in den larmoyanten Ton und hatte mir doch vorgenommen, wenn ich Sie wiedersehen sollte, recht mutig zu sein, recht fröhlich! Seien Sie mir nicht bös!« Sie hatte das Gesicht erhoben und lächelte, aber die großen Augen glänzten feucht. »Ich müßte es sein«, erwiderte Gerhard bewegt; »doch nur, weil Sie sich mir anders zeigen, anders zeigen wollen, als Ihnen ums Herz ist. Wie kann ich da mein Versprechen erfüllen, das ich Ihnen – wahrlich nicht aus leerer Höflichkeit, sondern aus vollem Herzen – gegeben: Ihnen zu dienen, wann und wo Sie meiner bedürften? Und Sie wissen, daß Sie Versprechen gegen Versprechen eingesetzt, daß Sie mir dann voll und ganz vertrauen, mir die Ursache Ihres Kummers sagen wollten. Ich brauche jetzt nicht mehr nach dieser Ursache zu fragen; Sie brauchen mir nicht mehr zu sagen, daß die Tochter sich um den Vater sorgt, um den Vater grämt. Sprechen Sie zu mir, wie eine liebe Schwester zum Bruder sprechen würde, der von einer langen Reise zurückgekehrt ist, und gegen den sie die Pflicht hat, ihn von dem zu unterrichten, ihn in das einzuweihen, was er nicht weiß und wissen kann und doch wissen muß, weil es der Sohn, weil es der Bruder ist: Sprechen Sie von Ihrem Vater!« Er hatte ihr bei den letzten Worten die Hand gereicht, die sie ohne Verlegenheit für ein paar Momente festhielt und nun mit einem freundlichen Drucke losließ. »Ich will es gern«, sagte sie, »zu Ihnen – zu niemand sonst auf der weiten Welt, wenn die weite der engumgrenzten gleicht, die ich einzig und allein kenne. Es ist wohl nicht gut, in einer Welt aufzuwachsen, die eben keine ist – ein Paradies für unsere Kinderjahre – ein Gefängnis, wenn der Geist beginnt die Flügel zu regen. Ich habe das in letzter Zeit schmerzlicher und immer schmerzlicher empfunden und mich oft bang gefragt, ob ich nicht in meiner Weise auf demselben Wege bin, der meinen Vater dahin gebracht, daß er jedem fremden Menschen scheu ausweicht. Sie sind der erste und einzige, solange ich denken kann, vor dem er nicht geflohen ist, dem er gleich im ersten Moment sein wahres Antlitz gezeigt hat. Der Vater, so sehr der Schein dafür spricht, haßt die Menschen nicht – ich schwöre es Ihnen. Sein Herz ist voll Milde und Güte. Jemand leiden zu sehen, ohne beizuspringen, einen Bittenden zurückzuweisen, wäre ihm unmöglich. Er gibt, und gibt mit vollen Händen – oft, zu oft an solche, die seine Güte auf das entsetzlichste mißbrauchen – und ist dann tieftraurig, wenn, wie das ja nicht anders sein kann, seine guten, milden Hände zuletzt nichts mehr zu geben haben. Ich bin so arm, wie der Winter, sagte er einmal zu mir bei einer solchen Gelegenheit; der tut's gewiß auch nicht gern und läßt doch die unschuldige Kreatur erfrieren und verhungern. Und dabei standen ihm die Tränen in den Augen, ihm, der alle Kreatur liebt und den alle Kreaturen wieder lieben. Haben Sie es nicht bemerkt, wie zutraulich seine Vögel zu ihm sind? ich bin überzeugt, daß er ihre Sprache versteht, wie Menschenrede, und daß sie verstehen, wie er zu ihnen spricht. Ist doch selbst seine große Leidenschaft nur in scheinbarem Widerspruch mit seiner Tierliebe. Erst hat er in strengeren Wintern Hunderte und Hunderte der armen Geschöpfchen durchgefüttert, und so manche haben im Frühling nicht wieder fort gewollt; zu den freiwillig Gefangenen sind dann allerdings andere gekommen, die bleiben müssen, wie gern sie vielleicht entfliehen; aber sie haben es ja alle so gut, und der Vater ist so glücklich, wenn draußen der Schnee auf den Feldern und im Walde fußhoch liegt und es nun um ihn herum zwitschert und singt und jubelt wie im Mai. Das sollten doch die Tierchen auch bedenken und dem Vater dankbar sein. Meinen Sie nicht?« »Gewiß«, rief Gerhard, »ich habe mich selbst davon überzeugen können, daß sie dankbar sind.« Ediths Blick, der bittend und fragend auf ihn gerichtet gewesen, irrte niederwärts. »Sie sind sehr gut«, sagte sie mit leiserer Stimme; »Sie lächeln nicht, während Sie mir doch wohl nur zustimmen, um mich zu trösten. – Doch das möchte noch sein, wenn sich der Vater nicht auch andere, persönliche Ungelegenheiten bereitete, die mir viel schwerere Sorgen machen. Es ist neuerdings verboten, Vögel zu fangen – wenigstens gewisse Arten – vielleicht mit Recht; aber der Vater kehrt sich nicht an das Verbot und liegt in fortwährendem Streit mit den Behörden – dem Grafen, ich meine: dem Herrn Landrat, dem Oberförster, der ein pedantisch strenger Mann ist, dem Förster, der gewiß seine Pflicht tut, wenn er den Weisungen seiner Vorgesetzten folgt. Bis jetzt sind nur noch immer Geldstrafen über ihn verhängt worden, die ich meistens habe entrichten können, ohne daß er es erfahren hat. Vor einigen Wochen aber ist der Vater abermals von dem Förster betroffen, der unglücklicherweise ein paar Arbeiter bei sich hatte, die es doch wohl ausgeplaudert haben würden, denke ich mir, so daß Herr Garloff denunzieren mußte; und ich fürchte, es wird diesmal nicht mit einer Geldstrafe abgetan sein; man wird, was man schon längst gedroht, zur Ausführung bringen und den Vater zum Gefängnis verurteilen. Es wäre fürchterlich – der Vater ertrüge es nicht – es wäre sein Tod!« Edith hatte die Hände im Schoß gefaltet; aus den starren Augen rollten Tränen über ihre bleichen Wangen. Gerhard versuchte, sie zu trösten: es sei ja doch vorläufig nur eine Möglichkeit; und selbst, wenn es geschehen sollte, würde es sich schlimmstenfalls um ein paar Tage handeln; aber er denke, der schlimmste Fall werde nicht eintreten; er wolle sich morgen gleich bei dem Grafen, den er sowieso besuchen müsse, nach dem Stande der Angelegenheit erkundigen und hoffe, gute Nachricht zurückzubringen. Edith schüttelte den Kopf »Ich war gestern selbst drüben in Teschen«, sagte sie, »der Herr Graf konnte mich nicht empfangen – er wollte es wohl nicht. Die Frau Gräfin, bei der ich mich dann melden ließ – ich hatte sie sonst schon gesehen – war höflich und kühl, wie immer; versicherte, sie wolle mit ihrem Gemahl sprechen, obgleich eine Frau sich in dergleichen Dinge nicht mischen sollte. Und sie hat ja auch darin recht, nur nicht für die Tochter, die weiß, daß es sich um Tod und Leben des Vaters handelt. Und dann sagte sie noch, der Graf wäre überdies sehr erzürnt auf den Vater und den Onkel, mit denen die Regierung in einem Rechtsstreite liegt –« »Ich weiß«, sagte Gerhard, »wegen des Retzower Waldes.« »Der Vater ist überzeugt«, fuhr Edith lebhaft fort, »daß er das Recht auf seiner Seite hat; und wie er sonst bereit ist, alles hinzugeben auf eine Bitte, würde er nicht einen Finger breit vor einer Drohung zurückweichen, oder die mindeste Konzession machen, durch die er sich etwas von seinem Rechte vergäbe, und könnte er sich dadurch vor Gefängnis und Tod retten. Die Frau Gräfin machte sogar nach dieser Seite eine Anspielung, die ich lieber nicht verstand. Oder tat ich darin unrecht?« »Gewiß nicht«, sagte Gerhard; »aber die Frau Gräfin tat unrecht, an Ihren Vater ein solches Ansinnen zu stellen, und bewies damit nebenbei, daß sie sich doch mehr um die Angelegenheiten ihres Gemahls bekümmert, als sie Wort haben will. Nun verstehe ich aber erst, weshalb Ihr Vater gegen den Förster so heftig erzürnt ist, der ihm, wie ich von dem Manne selbst gehört, auch in der Rechtssache Widerpart hält und ihm so in jeder Weise entgegentritt.« »Der Grund liegt tiefer, viel tiefer«, erwiderte Edith; »Herr Garloff gehört zu den wenigen Menschen, gegen die der Vater eine unüberwindliche Abneigung hat, ja deren bloßen Anblick er nicht ertragen kann. Er weiß sich selbst keine Rechenschaft darüber zu geben, wie das wohl in solchen Fällen immer ist. Ich habe manchmal schon gemeint, daß der eigentliche Grund viele Jahre zurückliegt und mit einer Katastrophe zusammenhängt, die den Vater in seinen jungen Jahren, als Knaben schon, betroffen hat.« »Darf ich wissen, was es war?« fragte Gerhard. »Ich wollte, ich könnte Ihnen mehr als Vermutungen mitteilen«; entgegnete Edith. – »Nur so viel ist sicher, daß der Vater damals – er ist vielleicht zwölf Jahre gewesen – einen ungeheuren Schrecken gehabt, der ihn in eine sehr schwere Krankheit warf, die er ohne seine gewaltige Natur gewiß nicht überstanden hätte, und von der er völlig wohl nie wieder genesen ist. Denn viele Jahre lang ist ihm die Erinnerung von allem, was der Krankheit vorhergegangen – seines ganzen jungen Lebens bis dahin – durchaus entschwunden gewesen, und noch bis auf den heutigen Tag liegt für ihn über den Wochen und Monaten vor und nach der Krankheit ein dichter Schleier.« »Aber woher wissen Sie, daß ein großer Schrecken jene Krankheit hervorgerufen?« fragte Gerhard. »Ich schließe es aus den Phantasien des Vaters während zweier Krankheiten, in denen ich ihn habe pflegen dürfen, und die beide dieselbe Veranlassung hatten, die ich auch für die der ersten halte. Beide Male war es ein Feuer, das plötzlich gewaltsam aufflammte – das erstemal eine Scheune, aus deren Luken die Flammen schlugen, als er zur Nachtzeit arglos vorüberging; das zweitemal nur ein Haufen Stroh in der Küche, das die Mädchen aus Unachtsamkeit hatten liegen lassen, und das so geschwelt haben mochte, bis es in dem Luftzug der Tür – es war wiederum Nacht, und der Vater hatte sich irgend etwas aus der Küche holen wollen – auf einmal in hellem Brand stand. Beide Male verfiel der Vater in Krämpfe und Delirien, in denen er immer von denselben Schreckensbildern gepeinigt wird. Er ist im Walde in tiefer Winternacht, und das Blut in den Adern gerinnt ihm in der grausamen Kälte; er will fliehen – er kann es nicht; er kann sich nicht bewegen, nicht regen, gebannt durch irgend ein Entsetzliches, das er in der Dunkelheit nicht deutlich zu erkennen vermag und nicht begreift, bis plötzlich ein ungeheures Feuer aufloht, dessen Schein ihm das Entsetzliche in voller Klarheit zeigt, aber auch zugleich verzehrt; denn nie deutet er an, was es gewesen, nur daß vor dem grellen Schein die dunkeln Gestalten jener Menschen vorüberhuschen, deren Anblick ihm noch heute Grauen erregt.« »Haben Sie je gehört, daß hier – auf dem Hofe vielleicht oder in der Nachbarschaft – damals ein großes Feuer stattgefunden hat?« fragte Gerhard. »Nein«, erwiderte Edith, »der Vater weiß eben von nichts, und wen könnte ich fragen? es ist nun schon so lange – über dreißig Jahre her. »Doch müssen noch viele aus jener Zeit leben«, warf Gerhard ein, »zum Beispiel gleich der Förster, der in dieser Gegend groß geworden, wie er mir sagte, und selbst einer jener für Ihren Vater grauenvollen Menschen ist. Aber gerade deshalb haben Sie sich an ihn nicht wenden mögen?« »Ja«, erwiderte Edith, »und dann ist noch ein anderer, den ich um alles in der Welt nicht fragen möchte –« Sie brach ab und blickte scheu auf, als wolle sie sich überzeugen, daß niemand sonst in der Nähe sei. »Herr Deep?« fragte Gerhard. »Mein Gott!« rief Edith erschrocken, »aber woher wissen Sie –« »Ich dachte es mir«, erwiderte Gerhard; »Ihr Gesicht hat eben jetzt genau denselben Ausdruck wie neulich, als der Mann so plötzlich vor uns stand. Nun, das Grauen vor dem unheimlichen Alten kann ich für meinen Teil Ihrem Vater und Ihnen völlig nachfühlen.« »Vor niemand hat der Vater ein stärkeres«, sagte Edith; »die beiden anderen haßt er nicht eigentlich, viel weniger fürchtet er sie; aber gerät doch in Zorn auf sie bei der kleinsten Gelegenheit und vermeidet, ihnen zu begegnen, wie er kann; diesen Menschen, den er nur zu häufig sieht, haßt er, fürchtet er, während er ihn zugleich aufs tiefste verachtet.« »Sie sagten: die beiden anderen, Fräulein Edith? aber haben bis jetzt nur den Förster genannt. Wer ist der andere? Ihr Onkel?« Edith nickte. »Und – wenn ich Sie recht verstehe – auch von Ihrem Onkel spricht der Vater in seinen Phantasien?« »Aber seltsamerweise nur von ihm, wie er jetzt ist.« »Weshalb seltsamerweise?« »Der Onkel kann damals doch nur ein ganz kleiner Knabe gewesen sein; aber freilich, oft verwechselt er ihn mit dem Großvater.« »Und diese Phantasien, sagen Sie, waren in den beiden Fällen, von denen Sie sprechen, dieselben?« »Genau dieselben; nur erinnere ich mich, daß der Vater das zweitemal – es war jetzt vor drei Jahren, und es mag sein, ich habe da genauer acht gegeben, weil ich älter und gefaßter war – wiederholt französische Worte, ja ganze Sätze französisch sagte, und, soweit ich es verstehe, in einem reinen Akzent. Und das ist gewiß sehr sonderbar, da er nicht französisch gelernt hat und sehr verwundert war, als ich es ihm sagte und die Worte, die ich behalten, wiederholte: er habe dergleichen nie in den Mund genommen, und ich hätte mich wohl verhört.« »Das ist zweifellos nicht der Fall gewesen«, entgegnete Gerhard nachdenklich. – »Wie ich jetzt das alles kombiniere, bleibt es gewiß noch immer sehr sonderbar, aber doch wohl nur deshalb, weil wir die vielleicht ganz einfache Erklärung nicht haben. Lassen Sie mich eine aufs Geratewohl versuchen. Gleich für den letzten Umstand: das Französischsprechen des Vaters in seinen Phantasien. Sie sagen, jenes verhängnisvolle Ereignis müsse in die Knabenzeit Ihres Vaters fallen; das heißt: da Ihr Vater, soviel ich weiß, mit dem Jahrhundert geht, in die Zeit, als die Franzosen noch ganz Deutschland überschwemmten. Ihr Vater, nehmen wir an, hat damals als Knabe die Bekanntschaft der leidigen Gäste gemacht – sicher nur auf kurze Zeit, auf Monate, vielleicht nur Wochen, aber Kinder lernen schnell. Während jener kurzen Zeit hat eben das Ereignis stattgefunden; und wie es für den wachen Geist versunken ist und nur in den Fieberphantasien heraufdämmert, so klingen auch die französischen Laute mit an, die das Ohr des Knaben gerade damals begierig einsog – zum erstenmal und zum letztenmal in seinem Leben. Und nun das Ereignis selbst. Lassen wir es eine der plötzlich aufflammenden Feuersbrünste gewesen sein, die in so stürmischen Zeiten alltäglich sind, oder allnächtlich, denn die Szene spielte sicher zur Nacht. Ich sehe die Szene. Zwei Knaben – Ihr Vater und der Onkel – von zwölf und sieben Jahren schlafen in ihrem Kämmerlein zur Winterszeit. Der ältere träumt einen schrecklichen Traum von schlimmen Taten, wie sie damals die Phantasie der Erwachsenen und der Kinder erfüllten. Er möchte erwachen, er kann es nicht, er kann nur in seiner Angst die Decke von sich schleudern. Der Frost, den er nun erduldet, verwebt sich in den Fiebertraum: er ist im wilden Walde, in der Winternacht, in tiefem Schnee, ohne Kraft, sich zu regen, erstarrt. Und nun weckt ihn Rufen und Schreien, so weit, daß er vom Lager auf an das Fenster taumelt; – es ist nicht der milde Schein des Herdfeuers, nach welchem er sich so gebangt – eine einzige rote Lohe, die ihm entgegenschlägt. In der roten Lohe aber erscheinen die schwarzen Gestalten des Vaters, des Försters, Deeps, die in Wirklichkeit eben an dem Fenster vorüber zur Feuerstätte eilen, für seine umnebelten Sinne aber in die Flamme stürzen. Mit einem Angstschrei bebt er zurück, wankt er nach dem Bette des Brüderchens; die Gestalt des ruhig schlafenden Kindes ist das letzte, was er noch wirklich sieht, der Name des Brüderchens ist das letzte, was noch über seine Lippen kommt – dann umfängt ihn die bange, lange Nacht des Typhus, sein jung frisch Leben verwüstend, nichts in der Seele zurücklassend, als das geheimnisvolle Grauen vor den Menschen, deren Gestalten sich ein für allemal mit den Schreckensbildern jenes halbwachen, fürchterlichen Traumes verwebt haben, während freilich die Bilder selbst so verwischt sind, daß sie für gewöhnlich unsichtbar bleiben und nur in dem grellen Schein eines plötzlich aufflammenden Feuers mit allen Einzelheiten vor die Seele treten. So, dächte ich, erklärte sich ziemlich alles in einfacher Weise, selbst die sonst unbegreifliche Verwechslung des Vaters und Bruders, der ja jetzt dem Vater, wie derselbe damals gewesen ist, zum Verwechseln ähnlich sein soll. Was sagen Sie, Fräulein Edith?« »Daß Ihre Erklärung sehr fein, sehr scharfsinnig ist«, erwiderte Edith; »nur daß freilich noch so manches –« Sie strich sich über die Stirn und sagte mit einem Versuch zu lächeln: »Aber es ist wirklich sehr unrecht von mir, daß ich Sie solange bei Gegenständen festhalte, die trübselig sind, man mag sie betrachten, wie man will. Lassen Sie uns von etwas anderem sprechen.« »Im Gegenteil«, erwiderte Gerhard lebhaft; »Sie ahnen nicht, wie groß mein Interesse an diesen Gegenständen, an diesen Personen ist. Sie wollten sagen, daß Ihnen noch so manches unerklärlich bleibe. Ich glaube es gern, aber was ist es?« Wieder hatte Ediths Blick den ängstlichen Ausdruck, der den großen, ernsten Augen sonst ganz fremd war, und ihre Stimme klang unsicher, als sie, sich vornüber beugend, sagte: »Sie können das Grauen, das der Vater vor Herrn Deep empfindet, nachfühlen – weshalb?« »Zuerst«, erwiderte Gerhard, »ist es mir, der ich mein Herz immer auf der Zunge habe, unter allen Umständen peinlich und unheimlich, mit einem Menschen verkehren zu sollen, der nicht spricht; doppelt unheimlich, wenn ich, wie in diesem Falle, überzeugt bin, daß er nicht sprechen will; daß er dies Dunkel künstlich und klüglich um sich verbreitet, um sein Zwecke zu verfolgen. Ich gestehe, daß ich den Mann anfänglich für blödsinnig gehalten habe; ich bin längst von dieser Ansicht zurückgekommen. Jemand, der eine große Wirtschaft in so musterhafter Ordnung hält, wie er die Retzower; jemand, der alles sonst sieht, alles hört, obgleich er auf nichts und auf niemand zu achten scheint; der, wie ich schon wiederholt bemerkt, in alle Verhältnisse nicht nur eingeweiht ist, sondern auch von allen Menschen, trotzdem ihn jeder für gewöhnlich wie ein überflüssiges Möbel auf die Seite schiebt, bei wichtigen Dingen zu Rate gezogen wird als eine zweifellose Autorität; und der bei so viel scheinbarer Demut, Bescheidenheit, Selbstlosigkeit schließlich immer seinen Willen durchsetzt – ein solcher Mann kann sehr vieles sein – ein guter und ehrlicher Mensch ist er gewiß nicht.« »Mein Gott, wie richtig Sie ihn beurteilen!« rief Edith. »Ich glaube in der Tat, daß ich es tue«, erwiderte Gerhard; »ich wundere mich über nichts mehr, als daß die anderen ihn nicht ebenso sehen, jedenfalls die Widersprüche nicht zu bemerken scheinen, die in ihrer Beurteilung des Mannes doch klar zutage liegen. Taubenunschuld und Schlangenklugheit lassen sich nun einmal nicht zusammenreimen. Das klingt freilich ketzerisch, und ich habe mich wohl gehütet, mit dieser meiner Ketzerei hervorzutreten, die man, ich bin davon überzeugt, nur verlachen oder als unberufene Ratgeberei zurückweisen würde. Um so lieber ist mir, daß ich mit Ihnen übereinstimme, auf deren Urteil ich mich doch gewiß verlassen kann.« Gerhard hatte das so eifrig gesagt und dabei Edith so ernsthaft in die Augen geblickt, daß sie lächeln mußte und lächelnd sagte: »Verzeihen Sie mir! aber Sie sind – außer etwa meinem guten Vater – der einzige, der mir ein so glänzendes Zeugnis ausstellt. Den anderen bin ich eine Schwarzseherin, eine Kassandra, deren trauriges Geschäft es ist, harmlosen Menschen die Freude zu verderben – durch meinen Anblick, durch mein Wesen allein, denn ebensowenig wie Sie habe ich jemals versucht, den anderen von dem zu sprechen, was mir das Herz oft schwer genug bedrückt.« »Und wenn wir nun doch die guten Propheten nicht wären!« rief Gerhard; »wenn wir für die helle Lebensfreude, der wir um unser Prophetentum entsagt, ein Etwas eingetauscht hätten, das kein Wissen; nur der Schein des Wissens ist – es wäre nicht das erstemal in meinem Leben, daß mir dergleichen begegnete; ich wünsche und hoffe, es ist auch diesmal der Fall – für Sie und für mich.« »Ich wünsche es wohl«, erwiderte Edith; »aber ich kann es nicht hoffen, ohne mich selbst zu belügen. Ich habe eben zuviel gesehen, um noch irren zu können – im einzelnen vielleicht, im ganzen sicher nicht: für mich steht es fest, daß jener Mann meines Vaters böser Dämon ist, daß er seit vielen Jahren heimlich sein böses Spiel treibt, und daß er es über kurz oder lang gewinnen wird, wenn er es nicht bereits gewonnen hat. Ich weiß – doch wie darf ich Ihnen all das Häßliche sagen!« »Ich bitte, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir alles, alles!« rief Gerhard. »Sie haben es mir versprochen! Sie müssen Ihr Wort halten!« »Es ist schwer – sehr, sehr schwer«, entgegnete Edith; »aber ich will es versuchen. Nur zürnen Sie nicht, wenn es beim besten Willen mißlingt, schon deshalb, weil ich von den Dingen, von denen ich sprechen muß, so wenig verstehe. – Sie können sich denken, daß sich der Vater bei seiner Art zu sein kaum, oder kaum noch um die Wirtschaft bekümmert; er mag es früher mehr getan haben, jetzt liegt alles in den Händen der Inspektoren – ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was das heißt. Wir sind in diesem Jahre wieder mit der Ernte acht Tage zurück – so ist es immer und bei allen Gelegenheiten. Von einer Kontrolle der oft rohen, ungebildeten und unwissenden Menschen ist natürlich keine Rede; sie verausgaben und nehmen ein, führen auch wohl ein sogenanntes Wirtschaftsbuch, das niemals revidiert, dessen Richtigkeit niemals geprüft wird, und welches einer dem anderen überliefert als ein Zeichen und Beweis, daß, wer in Kosenow veruntreuen will, es ungestraft darf. Und es ist wohl darum, weshalb die paar ehrlichen Männer, die darunter waren, bereits in kürzester Frist wieder fortgingen. Der eine, den ich bat, mir den Grund zu sagen, erwiderte mir nach einigem Zögern: ›Hüten Sie sich vor Herrn Deep!‹ – Diese Warnung, die leider vergeblich ist, da ich mich nicht vor der Gefahr schützen kann, hat nur eine Erklärung: jene untreuen Menschen müssen ihren Raub mit Herrn Deep teilen, und wer das nicht will, ist die längste Zeit Inspektor auf Kosenow gewesen.« »Aber«, rief Gerhard, »welche Macht hätte dieser Mensch, die Leute so zu seinem Willen zu zwingen?« »Die Macht vermutlich, die der Böse, der ganz Böse über den nur halb Bösen, über den Schwachen, den Anfänger hat«, erwiderte Edith. – »Und dann, unsere Leute, die Knechte, die Mägde sind davon überzeugt, daß man auf alle Fälle mit ihm gut stehen müsse, wenn man nicht zu Schaden kommen wolle.« »Ich habe Ähnliches auch schon von unseren Leute gehört, sagte Gerhard, es aber – wenigstens zu Anfang – für die Wirkung jener abergläubischen Furcht gehalten, die der gemeine Mann nun einmal vor dem blödsinnigen oder doch rätselhaften Menschen hat.« »Es ist leider viel mehr als bloßer Aberglaube«, erwiderte Edith – »ich kenne zwei oder drei Fälle, wo die, welche ihm entgegen zu sein wagten, es schwer büßen mußten, und ich würde sicher noch mehr solcher Fälle kennen, wenn die Furcht den Leuten nicht den Mund schlösse. Ist es doch mit dem Vater nicht anders: er gibt dem Manne, was er fordert, was er erbittet, um aus seiner verhaßten und gefürchteten Nähe zu kommen.« »Aber was hat er von ihrem Vater zu fordern, zu erbitten, als höchstens ein Almosen?« rief Gerhard. »Es sind auch oft Almosen«, erwiderte Edith, »nur daß sie, fürchte ich, nie an die gelangen, für die sie bestimmt sind. Dann hat er seit langen Jahren einen Bruder in Amerika, dem es schlecht geht, und für den er in regelmäßiger Wiederkehr eine Unterstützung haben möchte. Ich bin überzeugt, dieser Bruder hat nie existiert, oder existiert längst nicht mehr. Dann sind Zuschüsse für Retzow erforderlich, das durchaus nicht rentieren will, obgleich es den besten Weizenboden in der ganzen Umgegend hat und, wie Sie selbst sagen, unter trefflicher Kultur ist. Dann ist des Vaters Leidenschaft für die Vögel sehr, sehr kostspielig; es gehen fortwährend große, große Summen nach Hamburg und anderen Orten an die Händler, und – diese Summen gehen durch Herrn Deeps Hände!« »Das ist allerdings sehr schlimm«, sagte Gerhard, »besonders, wenn man erwägt, daß diese Räuberei bereits so viele Jahre und ganz gewiß systematisch getrieben ist. Das müßte selbst den größten Reichtum schädigen, ja mit der Zeit erschöpfen.« »Und der Vater ist längst kein reicher Mann mehr«, sagte Edith; »wenn er es auch wohl früher gewesen. Ich fürchte – nicht für mich, aber für ihn – daß jetzt viel eher das Gegenteil der Fall ist.« »Sollten Sie hier nicht wirklich zu schwarz sehen, Fräulein Edith?« »Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß seit einiger Zeit – o mein Gott, wie soll ich das sagen! – daß der Vater, der sich sonst nie um dergleichen kümmerte, wiederholt ernstlich beunruhigt war, weil eingegangene Verbindlichkeiten nicht befriedigt werden konnten, und – was für ihn viel entsetzlicher ist – weil er Bitten abschlagen mußte, er, der sonst immer doppelt und dreifach soviel gab, als um was man ihn bat. Noch heute morgen –« Sie stockte einen Moment und fuhr dann entschlossen fort: »Ich dürfte es nicht sagen, denn es ist nicht mein Geheimnis: aber vielleicht wissen Sie Rat, vielleicht können gerade Sie, da Sie mit dem Onkel so befreundet sind, Hilfe schaffen. Sie haben gestern Anna Garloff gesehen, sagte sie mir, und sind freundlich zu ihr gewesen, wie Sie es gegen alle sind. Das arme, unglückselige Mädchen! wir kennen uns von Kindheit auf; sie ist nur wenig älter als ich und monatelang, besonders zur Winterszeit, in unserem Hause gewesen. Vater hatte sie sehr gern; es war mir später oft, als wenn er an der Tochter gutmachen wolle, was er an dem Vater gegen seine bessere Überzeugung unrecht tun mußte; denn eigentlich würde der arme Herr Garloff mit seiner unbestechlichen Rechtlichkeit ein Mann nach seinem Sinne sein, und ist es auch, bin ich überzeugt, und er achtet ihn im Inneren hoch. Auch Herr Garloff haßt den Vater nicht, das hat er mir selbst einmal und Anna hundertmal gesagt, und es war gewiß ein Beweis seiner versöhnlichen Gesinnung, wenn er uns sein einziges Kind, das er über alles liebt, anvertraute. Dann wurde Anna nach Grünwald geschickt: sie müsse lernen, sich selbst durchs Leben helfen, sagte Herr Garloff. Wie es möglich gewesen, daß das feine, sanfte Geschöpf auch nur für die kürzeste Zeit in Herrn Klempe den Mann ihres Herzens hat sehen können, ich fasse es nicht. Aber es ist doch einmal so, und Anna unlöslich gebunden; ihr Vater würde nie erlauben, daß sie ihr Wort bräche; sie würde es sich selbst nie vergeben, obgleich sie wisse, daß sie unglücklich werden müsse, ach! jetzt schon grenzenlos unglücklich sei! So sagte sie mir heute morgen unter tausend heißen Tränen. Ich habe mit ihr geweint; ich habe sie gebeten, beschworen, lieber den Zorn ihres Vaters, lieber alles zu erdulden, als einen Mann zu heiraten, den sie weder liebt noch achtet, den sie niemals weder lieben noch achten wird. Es war vergebens – sie blieb dabei, sie könne nicht mehr zurück; aber es würde vielleicht ihr schweres Los ein wenig erleichtern, wenn sie von hier fort käme, je weiter, je lieber, am liebsten nach Amerika. Sie habe sich lange schon mit dem Gedanken getragen, aber ihn nicht auszusprechen gewagt, da Herr Klempe durchaus nicht von hier fort gewollt – im Vertrauen auf Versprechungen, die ihm der Onkel gemacht, und bei denen es sich, wie mir Anna schon früher angedeutet, um Retzow handelt. Gestern nachmittag aber ist Herr Klempe zu ihr gekommen und hat gesagt: es würde nun doch wohl mit Retzow nichts werden; es sei ein anderer Bewerber da, dem er nachstehen müsse, so habe auch Herr Deep gesagt, und, wenn der es sage, sei es gewiß. Sie wollten nun suchen, anderswo eine Pachtung oder ein kleines Gut zu übernehmen; der Onkel würde ihnen gewiß Geld dazu leihen, aber es möchte am Ende nicht genug sein, sie solle auch meinen Vater bitten. Anna hat es nicht gewollt, aber sie fürchtet sich so vor dem rohen Menschen – und war nun doch gekommen. Ich zweifelte daran, daß der Vater die bedeutende Summe, um die es sich handelte, zur Verfügung habe, dachte aber, daß auch ein Teil der Ärmsten schon von Nutzen sein werde, und ging zu ihm. Er geriet in tiefste, für mich unendlich schmerzliche Verlegenheit, als er mir sagen mußte, daß es ihm für den Augenblick völlig unmöglich sei, ja daß er nicht einmal ein Versprechen für die Zukunft zu geben vermöge, daß –« Edith brach ab, zu bewegt, um weitersprechen zu können; oder darüber erschrocken, daß sie so viel – zu viel gesagt. Gerhard mußte nach einem flüchtigen Blick auf das errötende Gesicht ihm gegenüber das letztere annehmen; zu einem zweiten Blick hatte er nicht den Mut. War er selbst unter dem anderen Bewerber um Retzow gemeint? War sein Name genannt worden? Wußte Edith um sein Verhältnis, um seine Liebe zu Maggie? Wo war Maggie? Wo blieb sie so lange? Weshalb, wenn sie nicht zu Hause war, sagte es Edith nicht? Aber wie konnte sie nicht zu Hause sein, da sie nach ihren gestrigen Verabredungen ihn heute doch erwartete? Mußte er nicht aus bloßer Schicklichkeit nach Maggie fragen? Wie hatte er die Frage solange zurückhalten können? Warum fragte er nicht wenigstens jetzt, da sich ihm die Notwendigkeit der Frage aufdrängte? Unwillkürlich hob er seine Augen zu Edith, als ob er von ihrem Gesicht die Antwort auf das alles lesen müsse. Auch sie hatte in demselben Moment die Augen erhoben; ihre Blicke begegneten sich und irrten dann, wie von einer und derselben Regung geleitet, wieder seitwärts. Ein seltsamer Schauder durchrieselte Gerhards Herz, daß es, hoch aufatmend, ihm den Atem raubte: als sei ihm eine Offenbarung geworden, auf die er in keiner Weise vorbereitet war, die ihn verwirrte und erschreckte, und, indem er nun Maggies Bild vor die Seele zu rufen strebte, beschämte. Es wollte nicht klar werden, das Bild der holden Zauberin; es schien verblaßt und verwischt wie die schwebenden Genien dort an der Wand, und, wie diese, übertrieben in Bewegung und Ausdruck – eine manierierte Kopie echter Anmut und Lieblichkeit. Seine Gedanken strebten zurück zu dem ernsten Thema, in dem Edith abgebrochen. Aber es war ja erschöpft. Das Schicksal der armen bleichen Förstertochter war besiegelt, wenn ihr die erflehte Hilfe nicht wurde – ein traurigeres Schicksal jedenfalls, als die bekümmerte Freundin ahnte. Und sie selbst, die Unschuldige, Reine, Gute, die nicht helfen konnte mit dem unermeßlichen Schatz ihrer Liebe und Treue – nicht der Jugendgespielin, nicht dem Vater; und mit den klaren, keuschen Augen an dem Horizonte ihres Lebens Wolke sich über Wolke türmen sah, wie sich dort über dem nahen Walde Wolke über Wolke türmte, und wußte, daß das Gewitter losbrechen müsse – früher oder später – was mochte sie gelitten haben, bis sie die edle Scham des Herzens besiegte, bis sie den edleren Mut fand – für den Gott sie segnen möge! – ihr Leid zu sagen und zu klagen, und zu fragen, ob denn keine Hilfe sei? War denn keine? Es mußte Rat geschafft werden; sie erwartete diesen Rat von ihm – wünschte, daß er bei dem Onkel in Kantzow seinen Einfluß geltend machen möchte! Aber nach den merkwürdigen Mitteilungen der Frau Sallentin gestern war auch der Onkel keineswegs der reiche Mann, für den er der Welt galt, für den ihn Edith hielt. Durfte er selbst es wagen, sich anzubieten? Aber was konnte er tun, er, der so arm war, und nur reich an dem, was so wenig, so gar nichts galt auf dem Markte des Lebens! Oder jene dort hätte nicht so traurig mit den schönen stillen Augen vor sich niederstarren dürfen! Wie schön sie waren, diese Augen! wie edel diese klaren, reinen Züge! wie königlich die schlanke Gestalt in dem einfachen schwarzen Kleide – demselben, das sie an jenem ersten Abend getragen – in der Gesellschaft, wie heute in ihrem stillen Hause, als ob es ihr einziges wäre, als ob sie mit ihren traurigen Gedanken und Sorgen kein prunkhafteres haben dürfe! Und wie so ungesucht anmutig jede Bewegung der edeln Gestalt, wenn sie sich manchmal ein wenig vornüber bog oder wieder zurücklehnte! Wie bescheiden das Spiel der schlanken Hände, womit sie dann und wann die lebhaftere Rede begleitete! Und wie so schmucklos und doch so ausdrucksvoll diese Rede! – schmucklos und ausdrucksvoll und sinnig und schön und gut, wie sie es eben selbst war ganz und gar! Und dann fiel ihm ein, daß, was er noch zu hören glaubte, nur der Nachklang ihrer Stimme in seiner Seele war; daß sie nicht mehr sprach, und es an ihm sei, zu antworten. Aber bevor er die hin und her hastenden Gedanken sammeln konnte, begann sie von neuem: »Sehen Sie, nun habe ich Sie doch wieder traurig gemacht, gerade wie neulich; das ist sehr unrecht von mir, um so mehr, als ich dieses Mal gar keine Entschuldigung habe. An jenem Abend freilich – es war ein wunderlicher Zustand. Ich hatte im Wäldchen gelesen – etwas, was mich unendlich wehmütig gestimmt hatte – Wilhelm Meister – die Kapitel, wo das Feuer in dem Städtchen ausbricht nach der Aufführung des Hamlet. Ich mußte bei dem alten, armen Harfner, der ratlos, hilflos durch die Gärten irrt, immer meines Vaters denken; und wie wenig ich auch der süßen Mignon gleiche – in ihrem traurigen Los, unter Menschen zu leben, die achtlos an ihr vorüber den eigenen Interessen nachgehen, und daß sie niemand hat, dem sie ihr Leid klagen kann – darin fand ich doch mit meinem Schicksal eine gewisse Ähnlichkeit, die ich denn, wie das wohl geschieht, recht übertrieben haben mag. Aber ich hatte heiße Tränen geweint, und – da kamen Sie! Und nun lachen Sie mich nicht aus! Während wir miteinander sprachen, und ich bei jedem Ihrer Worte fühlte, daß es aus einem milden, freundlichen Herzen kam – ach! es tat mir so wohl, es war mir so neu – es hatte noch niemand so gütig und so verständnisvoll zugleich mit mir geredet – und dann – nun, lachen Sie immerhin! dann war es mir wie eine Fortsetzung meiner Lektüre. Es war Wilhelm Meister selbst, der da an meiner Seite ging. Und so völlig ist es ja nicht ein Traum gewesen, vielmehr die Wirklichkeit ist schöner als der Traum; ich darf, was die arme Mignon nicht durfte: dem Freunde mein Leid klagen; und ich weiß, er zürnt mir nicht, wenn ich von meiner Freiheit einen recht unbescheidenen Gebrauch mache.« »Er würde Ihnen nur zürnen, wenn Sie an der Innigkeit seiner Freundschaft den leisesten Zweifel hätten«, sagte Gerhard, die Hand, die sie ihm bot, herzlich drückend; »aber noch viel mehr würde er sich selbst zürnen, wenn seine Ähnlichkeit mit Ihrem Helden allzu groß wäre. Ich will ihm seine überreichen Talente, seine Kunstbegabung, die feurige Beredsamkeit, die bestrickende Anmut und Liebenswürdigkeit – ich will ihm alles gern lassen, wenn er mir nur erlaubt, ein wenig fester in meinen Schuhen zu stehen und nicht immer der Spielball eines jeden zu sein, der sich die leichte Mühe macht, ihn hierhin oder dorthin zu lenken. Und damit Sie dem Vergleich weiter nachforschen und ihn – nach dieser Seite wenigstens – zu meinen Gunsten entscheiden mögen – hier ist das Buch, das Sie gewiß bereits schmerzlich vermißt haben.« Er überreichte ihr lächelnd den Band, den er aus der Tasche nahm, indem er ihr erzählte, wo er ihn gefunden, und wie seltsam es sich träfe, daß es gerade der einzige Band sei, der in seinem Exemplar des Werkes zu Hause in Vacha fehle. »So müssen Sie mir den Gefallen tun, ihn zu behalten«, entgegnete Edith, »denn es ist wiederum der einzige Band des ganzen Werkes, den ich besitze.« »Aber wie ist das möglich?« rief Gerhard erstaunt. »Ich weiß es nicht zu sagen«, erwiderte Edith, »ich habe ihn vor ein paar Jahren in jenem Schreibsekretär entdeckt, wo er in einer Schublade zwischen vergilbten Papieren lag – Akten, Briefschaften aus der schwedischen Zeit der Grafen Carlström, die die Güter vordem besessen, und von denen sie der Großvater gekauft hat. Ich muß also glauben, daß das Buch von damals herrührt.« »Wahrscheinlich; sehr wahrscheinlich", erwiderte Gerhard, »aber es ist doch der seltsamste Zufall von der Welt. Wie kann der eine Band, gerade dieser Band, hierher gekommen sein? Sie haben niemals einen zweiten hier gesehen?« »Niemals«, erwiderte Edith; »ich darf es mit Bestimmtheit versichern. Wir haben so wenige Bücher, und ich war von jeher ein große Bücherfreundin.« »Seltsam! seltsam!« wiederholte Gerhard und betrachtete sinnend den kleinen Sekretär, auf den Edith gedeutet. Es war ein überaus zierliches Möbel aus der echtesten Rokokozeit; in dem Grafenschlosse in Wilhelm Meister konnte es, wie es da war, gestanden, aus der geöffneten Schublade die schöne Gräfin den Ring genommen haben, welchen sie dann Wilhelm schenkte. Und war nicht alles, was ihn hier umgab, wie eine Szenerie aus Wilhelm Meister? Dieser himmelblaue Plafond mit der von Nymphen umschwebten, zur Jagd ziehenden, mondsichelgeschmückten Diana; diese gewirkten Tapeten mit den gaukelnden, Blumenketten windenden Genien; die verschnörkelten Möbel – der französische Garten draußen, auf dessen steilen Taxushecken und hohen Pyramiden der heiße Nachmittagssonnenschein grüngoldig lag – die fahle Gewitterwand, die unbeweglich an dem leuchtenden Himmel über dem Garten und dem nahen Walde stand! Eine seltsame Stimme unterbrach das gedankenvolle Schweigen, in das die beiden jungen Seelen versunken waren. Sie kam von dem kleinen grauen Papagei in der Nische, der, während ihres Gespräches oben still auf seiner Stange unbeweglich sitzend, ein aufmerksamer Lauscher gewesen und nun zu fragen schien, weshalb man nicht weiterspreche. Er wiederholte dieselbe Phrase unverändert und sehr vernehmlich mehrere Male, ohne daß Gerhard sie verstanden hätte. »Was sagt der Vogel?« fragte er. »Das möchte ich von Ihnen erfahren«, erwiderte Edith lächelnd, »aber wie sollten Sie besser als wir diese seltsamen Laute zu deuten wissen! Er hat noch einen großen Vorrat davon, den er nur zum besten gibt, wenn er besonders gedankenvoll ist. Ein Professor der Botanik aus Grünwald, der viele Jahre im Süden Amerikas zugebracht und auf einem Ausflug in unsere Wälder mit seinen Schülern durch Kosenow kam, erklärte mit Bestimmtheit, es sei indianisch, und zwar ein altertümlicher Dialekt, der gar nicht mehr gesprochen würde, weil der Volksstamm, der ihn sprach, ausgestorben ist, und den er selbst deshalb nur in einigen Worten kenne, die er auch nannte, ich aber leider wieder vergessen habe. Roko, meinte er, müsse an die hundert Jahre alt sein. Und sehr alt ist er sicher, denn er stammt schon aus der Zeit der schwedischen Grafen. Auch spricht er noch gelegentlich ein schwedisches Wort, manchmal auch ein hochdeutsches, das er von uns gelernt; für gewöhnlich aber platt, seine Lieblingssprache, in der er sich mit den Mägden, wenn sie das Zimmer reinigen, und mit dem Vater stundenlang unterhält. Es ist bewunderungswürdig, wie schnell er lernt – lange Phrasen oft nach wenigen Wiederholungen – ja ohne daß man sie ihm besonders vorsagt, nur vom Zuhören. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn er aus unserer Unterhaltung dies und jenes behalten, das er vielleicht erst nach Jahren wieder anbringt. Denn er ist ebenso gelehrig als er launisch ist.« Sie waren aufgestanden und zu dem Vogel getreten, der, mit dem Körper nach unten hängend und den Kopf seitwärts emporrichtend, das Paar aufmerksam zu betrachten schien. Plötzlich, den Schnabel einhakend, kletterte er auf die höchste Sprosse, wo er sitzenblieb, jetzt die runden Augen nur noch auf Gerhard richtend – »als ob er mich kennte«, sagte Gerhard. »Bon jour, mon ami!« schnarrte der Vogel. Die Worte kamen mit so vollkommener Deutlichkeit – man hätte sagen können, mit einem so echten Akzent – Gerhard und Edith blickten sich verwundert, fast erschrocken an. »Comment cela va-t-il?« schnarrte der Vogel. »Das ist erstaunlich!« flüsterte Edith. »C'est bien triste!« schnarrte der Vogel, das schwarze, von einem weißen Ringe umgebene Auge unverwandt auf Gerhard richtend; »C'est bien triste!« Er wiederholte die Phrase noch mehrmals und verstummte dann, ohne seine Stellung zu verändern oder das Auge von Gerhard abzuwenden. »Ich habe das noch nie von ihm gehört«, sagte Edith, Gerhards fragenden Blick beantwortend; »wer weiß, wie lange er es schon in seinem wunderlichen alten Kopfe beherbergt. Aber daß es ihm gerade einfallen muß, während Sie vor ihm stehen!« »Es ist seltsam«, erwiderte Gerhard. »Nun schon zweimal – gestern Herrn Garloff gegenüber und eben erst, als ich Ihren Vater traf – habe ich die wunderliche Empfindung gehabt, ich sei gar nicht fremd hierzulande, vielmehr bereits einmal hier gewesen und hätte es nur vergessen, wie die Menschen mich vergessen, außer einem und dem anderen, der sich meiner, wenn auch dunkel, erinnert. Daß ein unvernünftiges Geschöpf durch ein paar zufällige Laute meine Phantasie in derselben Weise erregen könnte, würde ich freilich nicht für möglich gehalten haben.« »Schelten Sie mir meinen Roko nicht«, sagte Edith; »blickt ein unvernünftiges Geschöpf aus so klugen Augen? Und wenn er in Ihnen einen alten Freund zu erkennen glaubt, geht es mir denn anders? heißen wir nicht, wer sich uns freundlich naht und mit Güte begegnet, willkommen, als einen, den wir lange schon schmerzlich erwartet?« Sie hatten sich von dem Vogel abgewandt, zur Beruhigung Gerhards, dem der starre, unverwandte Blick der schwarzen Augen förmlich unheimlich geworden war, um so mehr, als die Miene des Tieres, oder was man dafür nehmen mochte, voll tiefster Trauer und schwersten Leides zu sein schien. Indessen hütete er sich wohl, diesen Eindruck in Worte zu bringen; war doch sein Gespräch mit dem lieben Mädchen nur schon zu ernst gewesen! hatte er ihr doch so wenig Tröstliches, Erfreuliches sagen können! Sollte er nun noch von Maggie beginnen, nachdem sie – wie er jetzt gar nicht mehr zweifeln durfte – der Schwester geflissentlich keine Erwähnung getan? War das Verhältnis der Schwestern zueinander wirklich so schlecht, wie Maggie schon wiederholt angedeutet? – Schwieg Edith nur, weil sie von ihm eine Mitteilung erwartete, die er ihr ja – nachdem sie ihm zuerst so großmütig ihr Vertrauen geschenkt – durchaus schuldig war? Diese Gedanken beunruhigten ihn dergestalt, daß er – zum ersten Male – auf das, was sie sagte, nicht andächtig gelauscht und nur eben noch die letzten Worte verstanden hatte. Er erschrak deshalb, als sie jetzt, nach einer kleinen Pause und mit gänzlich veränderter, tonloser Stimme – scheinbar völlig aus dem Zusammenhang plötzlich sagte: »Auch Sie erwarten jemand schmerzlich, nicht wahr? aber Maggie – Sie wissen, daß Maggie der Liebling der Baronin – und gestern – die Baronin war so sehr dringend – seit gestern –« Sie brach ab. Gerhard fühlte, wie ihm das Blut heiß in die Stirn schoß, während die Wangen Ediths, die noch immer mit gesenkten Augen dastand, bleicher wurden als zuvor. Und dann stürzte ihm alles Blut zum Herzen zurück, das sich zusammenkrampfte, als habe eine grausame Hand es jäh berührt. »Ihr Fräulein Schwester ist seit gestern bei der Frau Baronin?« fragte er mit tonloser Stimme. »Maggie ist auch schon früher – schon sehr oft auf längere Zeit drüben gewesen«, erwiderte Edith schnell; – »diesmal handelt es sich nur um ein paar Tage, nur bis zu dem Waldfest – wenn ich die Baronin recht verstanden. Die Baronin möchte gern dabei sein und nicht allein – sie ist mit uns sehr befreundet; in den größeren Kreis kommt sie kaum jemals. Welche Gründe sie hat, jetzt von ihrer Gewohnheit abzuweichen – ich weiß es nicht. Aber sie will es doch und will Maggie als Begleiterin – Maggie konnte es nicht wohl abschlagen; sie –« Das arme Mädchen! Die Farbe kam und ging auf ihren zarten Wangen; die Hände, die sie auf die Lehne eines Stuhles stützte, zitterten. »Lassen Sie es gut sein, Fräulein Edith«, sagte Gerhard; »Ihr Mund ist nur an Wahrheit gewöhnt, und irgendwo auf Erden muß es doch ein Heiligstes geben, das nicht entweiht werden darf, nicht entweiht werden kann. Leben Sie wohl, Fräulein Edith, und Gott segne Sie!« Er hatte sich bereits der Tür genähert, durch die er vorhin gekommen. »C'est bien triste! c'est bien triste!« schnarrte der Vogel. Gerhard wandte sich; er sah die hohe Gestalt zusammengesunken in dem Stuhl, die Augen mit der einen Hand bedeckend, während die andere im Schoße lag. Er trat noch einmal zu ihr, nahm ihre Hand, die er ehrfurchtsvoll an seine Lippen führte und wieder in ihren Schoß gleiten ließ. Dann hatte er das Zimmer verlassen. Drittes Buch Erstes Kapitel. Gestern bei der Rückkehr von Kosenow hatte Gerhard den Weg über Retzow genommen und war Vadder Deeps, den seine scharfen Augen schon aus weiter Ferne mitten auf dem Felde unter den Arbeitern bei Aufrichtung einer Miete entdeckt, wirklich habhaft geworden, indem er direkt auf den Ort zusprengte und dem Alten keine Zeit zum Entwischen ließ. Er hatte ihn dann, im Namen der beiden Herren Zempin, beauftragt, die Retzower Gespanne morgen mit dem frühesten nach Kantzow zu schicken auf eine Stelle, die er bestimmt bezeichnete. Damit der Alte nicht, wie er es gelegentlich tat, sich mit Schwerhörigkeit entschuldigen könne, hatte er die Stimme laut erhoben, so daß sämtliche Arbeiter ihn vernehmen mußten, und auch sonst geflissentlich den Auftrag in die Form eines strengen, unabweislichen Befehls gekleidet. Während er nun heute selbst in den Morgenstunden auf dem entgegengesetzten Ende des Gutes die Aufarbeitung des Restes, der vom vorigen Tage geblieben, überwacht hatte, wurde ihm, als er gegen zehn Uhr nach Hause kam, um sich zu dem beabsichtigten Besuch bei dem Grafen zurechtzumachen, durch einen der beiden Unterinspektoren – wie etwas, das sich ja eigentlich von selbst verstände – die Mitteilung, daß bis zur Stunde kein Retzower Gespann sich auf der bezeichneten Stelle habe blicken lassen. Gerhard war empört. Wie sehr er auch dem Alten mißtraute und – vollends seit gestern – überzeugt war, es müsse hinter dem geheimnisvollen Wesen des Mannes mehr und Schlimmeres sich verbergen, als außer ihm und Edith irgend jemand zu argwöhnen schien – er hatte eine derartige Widerspenstigkeit nicht für möglich gehalten. Er fragte nach Herrn Zempin und hörte, daß er bereits wiederholt nach ihm verlangt und jetzt in seinem Arbeitszimmer sei. Dorthin begab er sich denn sogleich. Herr Zempin war – sehr gegen seine Gewohnheit – bereits in vollem Anzuge und kramte, als Gerhard eintrat, zwischen seinen Papieren. »Gut, daß Sie kommen, lieber Baron!« rief er Gerhard entgegen; »ich habe eine Welt für Sie zu tun. Sehen Sie diesen Aktenstoß, den mir der Graf – aber vorerst: aus Ihrem Besuche bei dem Grafen kann heute nichts werden. Der Bote, der Sie anmelden sollte, hat mündlichen Bescheid gebracht, daß der Graf heute morgen nach Sundin gefahren ist und vor morgen vormittag nicht zurück sein wird. Die Frau Gräfin läßt sich Ihnen empfehlen und hat dem Boten eine Einladungskarte gegeben, die schon für Sie bereitgelegen – auf morgen fünf Uhr zum Diner. Gehen Sie ja hin – schon um den Herrn Grafen ad oculos zu demonstrieren, daß man bei uns zulande nichts so heiß esse, als es eingebrockt ist. Da! den ganzen Aktenstoß hat er – oder der Amtsschreiber – mir geschickt! scheint auch schon bereitgelegen zu haben! Die leidige Prozeßgeschichte, in der das Gericht uns den Eid zuschieben will, daß bei der Übernahme der Güter die Unterlassung unseres Protestes gegen die Ansprüche des Fiskus aus völliger Unkenntnis der Sachlage, heißt: der Fiskusansprüche, geschehen sei! Es ist die Schlinge, an der man uns aufknüpfen will – wir müssen auf jeden Fall den Hals heraus haben. Es sind da die alten Akten nachzusehen – sie liegen unten im Schrank – nehmen Sie sich nur vor dem Staub in acht! – werden bis auf den Grund des Wustes tauchen müssen. Mir scheint der Kaufkontrakt des Vaters mit dem Schweden weitaus die Hauptsache – unsere magna charta , sozusagen – er muß auch dabei sein – denke ich – werden ihn schon finden mit Ihren klugen, gewissenhaften Augen. – Dann ist hier eine andere Geschichte. Die alte Schulten – die Mutter vom Schulten-Jochen, wissen Sie – soll nun doch durchaus ins Irrenhaus! Gemeingefährlich! dummes Zeug! blödsinnig ist sie – und nicht erst seit gestern – und getaugt hat sie ihr Lebtag nicht viel – kenne sie von Kindesbeinen an – war Ausgeberin schon in Kosenow, als der Vater dort Verwalter – aber gemeingefährlich, weil sich der Jochen, der lange Schlingel, noch von ihr prügeln läßt – Unsinn – sage ich; obgleich mir auch Vadder Deep schon lange damit in den Ohren liegt. Reskribieren Sie einfach: ich wolle nicht, beantrage eventuell eine Entscheidung der Regierung, und den Kreisphysikus mag der Teufel holen! So, lieber Freund, da habe ich Ihnen die Schultern mal wieder übervoll geladen; und nun muß ich machen, daß ich in den Wagen komme – nach Gartendamm – auch wieder eine fatale – eine recht fatale Geschichte, die ich Ihnen später gelegentlich erzähle! Adieu einstweilen!« Er hatte die Mütze bereits auf, als er Gerhard die Hand reichte. »Ich bitte Sie, einen Moment zu verziehen«, sagte Gerhard; »die Retzower Gespanne –« »Sind nicht gekommen – ich weiß«, rief Herr Zempin; »Vadder Deep war vor einer Stunde selber hier, sich zu entschuldigen; es ging eben nicht. Mußte heute mit drei Wagen Korn nach Grünwald – ich hatte das ganz vergessen, und die übrigen drei hat meine Frau für das Fest übermorgen mit Beschlag belegt. Der Teufel mag wissen, was sie da alles hinauszuschaffen haben; aber wir dürfen den Frauensleuten nicht in ihren Kram kommen!« »Ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn ich das alles gestern gewußt hätte«, sagte Gerhard. »Freilich, freilich!« warf Herr Zempin ein. »Denn«, fuhr Gerhard mit größerem Nachdruck fort, »ich fürchte, daß ich in Zukunft von der Machtvollkommenheit, mit der Sie mich in einer mich fast beschämenden Weise ausgestattet haben, einen viel vorsichtigeren Gebrauch werde machen müssen.« »Sie meinen wegen der Order und Konterorder von gestern und heute«, rief Herr Zempin lachend – »ach, lieber Freund, da kennen Sie unsere Leute wirklich nicht; dergleichen passiert zu oft! Leider! wollen Sie sagen; ich gebe es zu; und auch, daß das Dritte im Bunde: le désordre , gewöhnlich nicht ausbleibt. Es ist nicht recht: es muß anders werden, und es soll anders werden – ich verspreche es Ihnen. Nun machen Sie aber auch ein freundliches Gesicht! Sie haben mich bereits zu sehr verwöhnt, und gerade heute – aber, wie gesagt, davon ein anderes Mal – leben Sie wohl!« An der Tür blieb er wiederum stehen: »Was ich sagen wollte – schlagen Sie lieber in der Angelegenheit mit der Schulten einen milderen Ton an, oder lassen Sie sie meinetwegen einsperren. Die Welt verliert nichts an ihr, und ich möchte Vadder Deep, der sich nun einmal darauf kapriziert hat, nicht entgegen sein – gerade jetzt. Er ist bei dem Akte der Überlieferung der Güter als Zeuge zugegen gewesen. Von seiner Aussage – und es ist schon abgemacht, daß er vorgefordert wird – hängt viel – sehr viel ab – vielleicht alles. Lassen Sie sie einsperren – es ist wirklich das zweckmäßigste. Keine Umstände mit mir, bester Freund! Bleiben Sie hier, und – an die Gewehre!« Er lachte, schüttelte Gerhard nochmals die Hand, nickte und war aus dem Zimmer. Es war ein mäßig großes Gemach zu ebener Erde, dessen einziges Fenster nach dem Garten ging. Außer den Aktenrepositorien bestand das Meublement hauptsächlich aus einem sehr langen und breiten, mit schwarzem Leder überzogenen, stellenweise schon recht schadhaften Sofa, wo Herr Zempin seine Nachmittagsruhe zu halten pflegte, und einem großen Zylinderbureau, auf dessen stets geöffneter Klappe in wüstem Durcheinander Berge von Papieren lagen, die Gerhard erst beiseite schieben mußte, um nur Raum für seine Arbeit zu gewinnen. Er wollte keine Minute verlieren; er wollte keine Minute Zeit haben, dem Mißmute nachzuhangen, mit dem er gekommen, und den die eben stattgehabte Unterredung in eine Stimmung verwandelt, über die er sich lieber keine Rechenschaft gab; er wollte das Ungeheure, das ihn seit gestern nachmittag bedrückte, beängstigte und wieder erhob und beseligte, wenigstens auf eine kurze Spanne Zeit von seiner Seele wälzen. Die Angelegenheit der blödsinnigen Frau schien am dringendsten und wohl auch am schnellsten zu erledigen; so nahm er denn die darauf bezüglichen Akten zuerst vor. Es war ein ganzes Faszikel: Personalia, Leumundszeugnisse, landrätliche Reskripte, ärztliche Gutachten – letztere für Gerhard besonders interessant, weil eines immer dem anderen möglichst widersprach. Es schien ihm ein frevelhafter Leichtsinn, auf so entgegengesetzte Aussagen der Experten hin den bürgerlichen Tod eines Menschen zu dekretieren – es fiel ihm, als er an Herrn Zempins Worte dachte: oder lassen Sie sie einsperren, – jenes fürchterliche ›recht gern!‹ des Prinzen in Emilia Galotti ein. Herr Zempin war eben auch sehr ›eilig‹ gewesen! »Ich bin es nicht«, sagte er bei sich; »ich will mir die kleine Mühe nicht verdrießen lassen, die Frau selbst zu sehen und zu sprechen, die Herr Deep durchaus ins Irrenhaus haben will.« So war er abermals mit seinen Gedanken bei dem greulichen Menschen angelangt. Freilich, wie war es möglich, ihn loszuwerden, den alten Maulwurf, dessen lichtscheue Gänge nach allen Seiten hin liefen, dessen widerwärtige Spur man auf allen Wegen und Stegen, in Flur und Wald und Wiese traf! – er wenigstens traf! Den übrigen schienen ja seine Schliche verborgen zu sein oder für das natürlichste Ding von der Welt zu gelten! – Hatte nicht Edith gesagt: ich bin ihnen eine Kassandra? Das edle Mädchen – eine Priesterin sicherlich! nun denn, so will ich in ihrem Tempel der Hüter sein und mit starken Hüterfäusten den Schelm und Dieb greifen, der sich in das Heiligtum zu schleichen wagt, wie in die Spelunke. Er hatte hastig, zornig das Aktenfaszikel wieder zu sammeln gesucht, das, schlecht geheftet, in einzelnen Bogen und Blättern auseinander gefallen war über den Wust von Papieren auf dem Pulte, zum Teil auf den mit zerrissenen und unzerrissenen Briefen bedeckten Boden. Endlich glaubte er alles richtig beisammen zu haben und schlug, um sich davon zu überzeugen, Blatt für Blatt um. Dabei gelangte er an einen Brief, den er vorhin nicht bemerkt hatte: »Ew. Hochwohlgeboren erlaube ich mir, auf Ihr geehrtes gestriges Schreiben mitzuteilen, daß es mir leider nicht möglich gewesen, den eingeschlossenen, von Herrn A. St. ausgestellten und von Ew. Hochwohlgeboren akzeptierten Wechsel über 1000 Taler an hiesigem Orte zu placieren, es mir aber vielleicht noch in Grünwald, wohin ich morgen abend fahre, gelingen wird, worauf Valuta umgehend erfolgen soll. Ich benutze diese Gelegenheit, Ew. Hochwohlgeboren darauf aufmerksam zu machen, daß medio hujus eine längere Reihe von Akzepten Ew. Hochwohlgeboren, im Gesamtbetrage von 10,354 Taler, fällig wird, für deren abermalige Prolongation ich nicht stehen kann, da Platt und Lüttmann, wie ich soeben erfahre, dieselben nicht, wie sie gehofft, in ihrem Portefeuille haben behalten können, sondern weiter begeben müssen. Für die qu. Akzepte schleunigst auf Deckung bedacht zu sein, möchte ich daher ebenso ergebenst wie dringend raten als Ew. Hochwohlgeboren allzeit dienstfertiger Freund und Rechtsbeistand P. A. Zinker. Gartendamm, 29. Juli 1844« »Herrn Moritz Zempin, Hochwohlgeboren auf Kantzow.« Gerhard hatte bis zu dem Datum und der Adresse des bis auf die Unterschrift von einer Schreiberhand aufgesetzten Briefes gelesen, bevor er sich völlig bewußt wurde, daß er an Herrn Zempin gerichtet war, und daß es sich um eine Angelegenheit von heute handle – dieselbe unzweifelhaft, die jenen so eilig in die Stadt getrieben. Also wirklich, wirklich! Die Andeutungen und Mitteilungen, die ihm gestern mittag Frau Sallentin über die Zerrüttung von Herrn Zempins pekuniären Verhältnissen gemacht und die er schlimmstenfalls für starke Übertreibungen der übelgesinnten Frau gehalten, bestätigten sich in einem Umfange, der ihn entsetzte. Ja, dies war entsetzlich, selbst wenn es nur augenblickliche Verlegenheiten waren, selbst wenn Herr Zempin imstande war, so ungeheueren Verbindlichkeiten nachzukommen. Ohne große Opfer und Verluste sicher nicht! Und die Verlegenheiten konnten nicht nur momentan sein! Die schon so lange ausstehende Sallentinsche Schuld, die nicht einmal verzinst wurde, die Prolongation der Wechsel, für die der Advokat diesmal nicht stehen zu können glaubte, bewiesen es. Und der Rat des Mannes, auf Deckung zu denken, klang er nicht wie Drohung, ja, in einem Augenblicke, wo er den neuen Wechsel ›vielleicht noch in Grünwald‹ zu placieren hoffte, wie ein Hohn? schneidend und widerlich, dem Gelächter gleich, das da eben aus dem Garten von der Laube herüberschallte! Sie konnten sich amüsieren und ihre Narrenspossen treiben auf seine Kosten, der jetzt auf dem Wege nach der Stadt war – großer Gott! mit welch drückenden Empfindungen, unter wie schweren Sorgen! Freilich, er hatte sie sich selbst bereitet und aufgebürdet, und er war der Mann danach, die schlimme Last zu tragen! Aber was hatte sie verschuldet, die Gute, Schöne, deren zarte Mädchenschultern er gestern unter einer nicht minder schweren Last gebeugt gesehen, wie tapfer sich auch das edle Herz gegen den Druck wehren mochte! So stand er noch, den schlimmen Brief in den Händen, das eigene Herz übervoll von Mitleid und Mitsorge, als er ein Geräusch vor dem offenen Fenster vernahm. Er hatte gerade Zeit, den Brief in das Faszikel zu legen, da wurden auch schon die Vorhänge von grüner Seide, die er, um ungestört zu sein, vorhin zugezogen, ein wenig auseinander getan, und Julie steckte den Kopf durch die Öffnung, die beiden Enden der Gardine wie einen Schleier um sich zusammenziehend. »Darf man für einen Moment stören, Herr Baron?« »Bitte, gnädige Frau!« »Nur für einen Moment! Ich weiß, wie kostbar Ihre Zeit ist, und Moritz versteht sich darauf, seine Freunde in Atem zu erhalten. Er ist in die Stadt, nicht wahr?« »Ja, gnädige Frau.« »Ohne mir Adieu zu sagen – natürlich! Und wann kommt er zurück?« »Ich vermute: heute abend – ich weiß es nicht.« »Dann weiß es niemand – ja, aber wie soll es denn nun werden?« »Was, gnädige Frau?« »Wir sind in der schrecklichsten Verlegenheit. Wir müssen ganz notwendig einen Wagen nach Grünwald haben und zwei Boten zu Pferde nach Westrow und Heindorf an Fischers und Suhrs – denken Sie, Stude hat die längst ausgeschriebenen Einladungen liegen lassen! sie würden es mir nie vergeben – bitte, bitte, lieber Herr Baron, helfen Sie einer armen geplagten Frau!« Sie hielt die Vorhänge noch immer fest. In dem grünen Halbdunkel glänzten ihre lachenden Augen und blitzten ihre weißen Zähne – wohl für jeden sonst ein reizender Anblick, der aber Gerhard widerwärtig berührte. Er glaubte seit gestern nicht mehr an dieses Lächeln. »Ich bedaure, gnädige Frau«, sagte er; – »ich weiß wirklich nicht zu helfen; soviel mir bekannt, sind alle Leute und Pferde auf dem Felde. Sie sollten sich an den Herrn Oberinspektor wenden, gnädige Frau!« »Aber Klempe, der eben zurückgekommen, schickt mich zu Ihnen! Bitte, bitte! da ist ja noch der Rappe meines Mannes – zur Not könnte einer von den Herren reiten – ob freilich einer reiten kann? Glauben Sie?« »Jedenfalls bedarf der Rappe, der wieder mehrere Tage gestanden, eines guten Reiters.« »Wie Sie!« »Ich bin leider hier sehr beschäftigt, gnädige Frau.« »Als ob ich Ihnen dergleichen zumuten würde! Sie sind abscheulich!« Sie ließ, den Kopf zurückziehend, die Vorhänge fallen, tat sie aber alsbald, und diesmal weiter als vorhin, auseinander: »Lieber, lieber Herr Baron, sind Sie mir bös?« »Welche Ursache hätte ich dazu?« Er war endlich von dem Pulte an das Fenster getreten. »Die abscheulichen Gardinen!« sagte Julie. Gerhard zog die Schnur. »Gott sei Dank!« sagte Julie. Sie hatte sich mit beiden Armen auf das Fensterbrett gelehnt, den Schal über Schultern und Busen fest zusammenhaltend, wie vorhin die Vorhänge, die lebhaften Augen zu Gerhard, der vor ihr stand, mit einem fast zärtlichen Ausdruck erhebend. »Ich war gestern so aufgeregt – die Hitze, die große Gesellschaft, das lange Sitzen bei Tisch, die vielen Gäste – lieber Himmel, man hat schließlich seine Nerven, wie wenig Wesens man auch sonst daraus macht. Ich habe gewiß schreckliches Zeug geredet – wir Frauen sind nun einmal so! Da ist denn alles pechschwarz oder schneeweiß, was vielleicht harmlos grau ist. Uns erleichtert es das übervolle Herz, und dann ist's wieder gut; aber bei euch bleibt es sitzen, und das ist schlimm. Denn ihr tragt es uns nach und laßt uns bitten und betteln um einen freundlichen Blick, um ein gütiges Wort. Das kostet euch so wenig, und doch kargt ihr damit. Geht, ihr seid schlecht!« Der hübsche Mund verzog sich zu einem reizenden Schmollen; Gerhard wußte nicht, was er antworten sollte. Vielleicht hatte es die lebhafte junge Frau so bös gar nicht gemeint; und durfte er ihr im Grunde wegen einer Warnung zürnen, deren Berechtigung sich so furchtbar schnell herausgestellt? War es ritterlich, war es auch nur klug, die zornige Scham, die Bitterkeit, die ihn erfüllten, dieser Frau zu zeigen? an dieser Frau auszulassen? »Sehen Sie, nun sind Sie wieder gut – ich wußte es: Sie können nicht lange zürnen! Und ich bin ja so reumütig, so gern bereit, alles, alles was ich gesagt habe, zurückzunehmen. Die liebe Kleine! Ich habe einen Brief von ihr – sie schreibt so entzückende Briefchen – es ist auch etwas für Sie darin, oder vielmehr, ich glaube, er ist ganz und gar für Sie und bloß zur Vorsicht an mich adressiert. Als Erklärung will ich nur vorausschicken, daß Maggie, wie sich gebührt, in dem kleinen Scherz, den wir für übermorgen vorbereiten, die Hauptrolle hatte, die nun leider ausfällt, wodurch wir nebenbei in die gräßlichste Verlegenheit kommen, Aber hören Sie!« Sie hatte sich aufgerichtet und aus dem Busen ein Rosabriefchen genommen, das sie entfaltete. Dabei glitt ihr der Schal von den runden Schultern; sie versuchte es ein paarmal, ihn wieder hinaufzuziehen, und stand endlich davon ab, obgleich sie nun, während sie sich, das Blatt in den Händen haltend und mit den Ellenbogen auf dem Fensterbrett einen Stützpunkt suchend, weit vornüber neigte, Nacken, Hals und Busen preisgeben mußte. »Geliebte, einzige, süße Tante! Denke Dir um Himmels willen, wie es mir seit vorgestern ergangen ist! Zuerst hatte ich mit der Baronin einen völligen Zank, sobald wir kaum bei euch vom Hofe herunter waren; ich glaubte wahrhaftig ein paarmal, sie würde mich höchst eigenhändig erdrosseln. Das ging so mit obligaten reichlich vergessenen Tränen – notabene nicht von mir! – bis zu uns, wo sie sich dann wenigstens so weit beruhigt hatte, um zwischen der Suppe und dem Fisch – wir hatten wirklich Fisch – aus Faschwitz – vortreffliche Flundern! – Papa und Edith ihr großes Leid zu klagen. Sehr delikat, nicht wahr, meine süße Tante? und so überaus klug! Sie konnte ja auf so große Sympathie bei den beiden rechnen! Leider für die gute Baronin war die Sympathie auf der verkehrten Seite: man nahm sogar entschieden Partei; Edith in ihrer gewöhnlichen versteckten, und der Papa – wohl nur der lieben Edith zu Gefallen – sonst bin ich und ist ihm die Sache ja sehr gleichgültig – in seiner bekannten heftigen Weise. Es ging grausam zu – die beiden älteren Herrschaften sagten sich Dinge – ich hielt es zuletzt für geraten, das Feld zu räumen – während Edith blieb, um Öl ins Feuer zu gießen – und war im Begriff, den Ponywagen anspannen zu lassen, um mich zu Dir zu retten, als die Baronin hinter mir herkam und mich mit Gewalt in ihren Wagen schleppte. Ich mußte mich entführen lassen, nur um den Skandal nicht noch größer zu machen. Und da sitze ich nun, meine süße Tante, auf dem Schlosse am Meere, eine Gefangene in des Wortes eigentlichster Bedeutung; zur Gesellschaft niemand als die zürnende Herrin und den girrenden Lafing; unter mir die Wipfel des Parkes, im Herzen die Sehnsucht, denn Du weißt ja, süße Tante: on revient toujours à ses premières amours  –« » À ses premières amours «, sagte Julie, sich aufrichtend und Gerhard listig zublinzelnd – »das arme Kind! Und Sie sind nicht gerührt, Sie Barbar! Nicht einmal über die Schlußwendung?« »Weshalb gerade über die, gnädige Frau?« »Sie sind von Marmelstein! und das nach Ihren gestrigen vertraulichen Konfidenzen!« »Und nach Ihren so interessanten Mitteilungen, gnädige Frau, über die premières amours von Fräulein Maggie – wenn es die premières waren!« »Also doch!« sagte Julie, »also doch!« Der Ton bemühte sich, traurig zu sein; aber aus den zwinkernden Augen wollte das listige Blinzeln nicht schwinden. – »Also hat doch jemand sich gestern die leidige Mühe gegeben, Öl in das Feuer zu gießen, das ich mit meinem törichten Reden entfacht – weiß der Himmel, ohne es zu wollen – und von dem aufgewirbelten Rauch hat sich ein Paar so heller, kluger Augen verdunkeln und blenden lassen! Über euch törichte Männer! Nach wem in aller Welt sollte denn die arme Kleine, das Herzchen voll Sehnsucht, ausschauen über die Wipfel des Basselitzer Parkes?« »Vielleicht steht es in dem Postskript, das ich da auf der letzten Seite sehe«, sagte Gerhard. »Und wenn es nun da stände«, rief Julie, das Blatt umdrehend. »Wollen Sie dann wieder ganz gut sein? Doch ich will nicht handeln und feilschen. Hören Sie und gehen Sie in sich, Sie wilder Mensch! – ›Ich muß bis übermorgen hierbleiben, es ist nicht anders. Aber zum Feste komme ich, und sollte ich aus dem Fenster springen. Sage es ihm, und daß er Vertrauen haben soll, wie er es der kleinen Maggie versprochen, die ihn mehr als alle Worte –‹ Nein, Strafe muß sein! und daß Sie das Letzte, Beste nicht zu hören bekommen, das sei Ihre Strafe! – Großer Gott!« Sie hatte das Briefchen wieder in den Busen stecken wollen; es war ihr entglitten und auf den Boden gefallen. Sie setzte den Fuß darauf, indem sie zugleich mit beiden Händen den Schal dicht um die Schultern zog. – Salchen ging auf dem Kieswege am Hause hin dicht hinter ihr am Fenster vorüber. Julie rief, indem sie sich den Anschein gab, Salchen nicht zu bemerken, überlaut: »Also ich kann keinen Wagen bekommen? das ist ja jammerschade! – wie soll es denn nun werden!« – und dann, als Salchen ein paar Schritte weiter war, bückte sie sich schnell, hob den Brief auf, versteckte ihn und flüsterte mit einem ängstlichen Blick auf die sich Entfernende: »O mein Gott, sie hat es gewiß gesehen! den Brief – als ob Sie ihn mir aus dem Fenster geworfen! – und sie sagt ihm alles wieder, die entsetzliche Person! Nun, Sie sind ja sein Freund – das ist mein einziger Trost! adieu! adieu! und –« Sie drückte den Zeigefinger an die Lippen und lief davon, quer über den Rasenplatz nach der Gartenlaube. Gerhard schloß die Vorhänge und eilte an das Zylinderbureau. Was sollte er mit dem Brief des Advokaten anfangen? Ihn frei liegen zu lassen, schien unmöglich; ihn an sich zu nehmen, bedenklich. Nach einigem Besinnen entschloß er sich zu dem letzteren. Eine Minute darauf war er aus dem Zimmer, wo er die schlimme Entdeckung gemacht, auf dem Wege nach den Katen, die Frau zu sehen, die Vadder Deep durchaus ins Irrenhaus haben wollte. Zweites Kapitel. Wie fest sich auch Gerhard vorgenommen, nur noch an die nächsten Obliegenheiten zu denken – die Auffindung des Briefes, den er jetzt in der Tasche trug, und die Fensterszene mit Julie hatten ihn wieder mitten in den Wirbel seiner Sorgen und Qualen geschleudert. Was hatte Julie von ihm gewollt? die Frage nach Pferd und Wagen war selbstverständlich nur der Vorwand gewesen, sich ihm, der ihr seit vorgestern geflissentlich auswich, zu nähern – zu welchem Zwecke? mit ihm zu spielen wie die Katze mit der Maus? sich, wenn möglich, seiner Angst zu freuen? seine Klage zu vernehmen? ihm ihren Trost anzubieten? Denn daß sie in dem Besuch Maggies bei seiner schlimmsten Feindin in dem Augenblicke, wo er ihr seine Liebe gestanden, den Anfang des Endes, das Ende selbst sah, so gut wie er selbst oder Ediths treues Auge; daß sie den Versicherungen Maggies vom Gegenteil nicht den mindesten Glauben schenkte, das war ja sonnenklar, mochte sie mit dem kleinen Munde noch so melancholisch zucken, während sie am liebsten geradeheraus gelacht hätte. Weshalb aber nicht herausgelacht? es war bei Gott lächerlich genug! wo auf der Welt gab es einen Menschen, der sich so gründlich von einem schönen Mädchen hatte nasführen lassen, das nicht einen Moment in ihm etwas anderes gesehen, als ein einfaches und doch – wie der Erfolg lehrte – ganz sicheres Mittel, zu ihrem Zwecke zu gelangen? Wie nun, wenn das hübsche Weib nur nachahmte, was ihm das schöne Mädchen vorgemacht? wenn er abermals als bequemer Schirm dienen sollte, hinter dem sich eine unsaubere Komödie abspielte? wenn die kosende Freundlichkeit, das rastlose Spiel der munteren Augen, das freche Zurschaustellen ihrer Reize, die bald als Sorge, bald als Freude sich maskierende Teilnahme an seinem Wohl und Wehe – wenn alles nur darauf abzielte, ihm, in dem sie mit Recht den Freund des Gatten sah, die Augen zu verblenden, ihm und aller Welt den Beweis zu liefern für ihre Worte von vorgestern: daß jede verheiratete junge Dame von vornherein die Freundin jedes jungen, unverheirateten Mannes sei, er mochte nun Otto Bagdorf oder Gerhard Vacha oder wie immer heißen? und daß eine solche teilnahmvolle, uninteressierte Samariterin in der Ausübung ihrer barmherzigen Pflichten sich selbst durch die wohlbegründete Furcht vor der Tyrannenlaune eines eifersüchtigen Gemahls nicht beirren lasse? Nur freilich: konnte sie sich nicht eben das allzu gefällige Fräulein Salchen bestellt haben, um die Erschrockene desto drastischer zu spielen? Der Brief entglitt den geschickten Händen so auffallend ungeschickt; der kleine Fuß stellte sich herausfordernd unvorsichtig auf das Blatt am Boden, das Salchen, die nur zwei Schritte entfernt war, doch unzweifelhaft längst bemerkt hatte! Lug und Trug und Verrat überall, für jemand, der – nach Verrätern spürt! Ja! ja! es war nicht anders – er wollte verraten sein! er wollte Maggie schuldig finden, weil er sich selber schuldig wußte! Hatte er sich dem bezaubernden Eindruck, den Edith auf ihn gemacht, nicht willenlos, widerstandslos hingegeben? sich in Mitleid, Bewunderung, Liebe berauscht, bevor gegen die, der er Liebe und Treue geschworen, ein einziger Beweis vorlag, er hätte denn Juliens böswilliges Geschwätz vom Tage vorher für einen Beweis nehmen müssen? als er noch jeden Augenblick erwarten durfte, daß sie zur Tür hereintreten würde? er noch nicht wußte, daß sie bei der Baronin zu Besuch war? – Und dieser Besuch, konnte er nicht eine Notwendigkeit sein, deren Gründe sie ihm nachträglich erklären würde? für die er selbst, wenn er nur wollte, einen und den anderen Grund zu finden vermochte? hatte sie nicht eben in dem Briefe an Julie ihre Bitte wiederholt, Vertrauen zu ihr zu haben? Der Brief, dessen leichtfertig witzelnder Ton ihm so sehr mißfallen, war es vielleicht nicht der rechte Brief, wenn er doch schon einmal durch Juliens Hände gehen sollte? Hatte Maggie sich nicht dieser Vermittlung bedienen müssen, überwacht, wie sie es ohne Zweifel von den Argusaugen der Baronin war? Gab es denn noch etwas zu verheimlichen, nachdem sie die wütende Baronin in ihres Vaters, in Ediths Gegenwart zur Rede gestellt? Was, großer Gott, sprach denn eigentlich gegen sie, als der eine, eine Blick Ediths! woraufhin hatte er sie verurteilt, als auf diesen einen Blick, der ihm gesagt: hoffe nicht mehr auf Maggie, sie ist für dich verloren! – War Edith unfehlbar? war sie nur eine unverdächtige Zeugin gegen eine Schwester, die so ganz anders geartet war als sie selbst? mit der sie, nach Maggies eigener Aussage, niemals harmoniert hatte? und in diesem Falle – In welchem Falle? wirst du nicht jetzt den letzten Faden in das aberwitzige Gewebe schlagen und behaupten, daß Edith dich liebt? Und du schämst dich nicht, verrückt, wie du bist, über die Vernunft oder Unvernunft eines anderen Menschen aburteilen zu wollen? Er stand still, sich den perlenden Schweiß von der heißen Stirn, den pochenden Schläfen zu trocknen. Mitleidlos brannte die Sonne hier auf dem schattenlosen Sandwege durch das Dorf, wenn man die acht oder zehn Katen, die rechts und links zerstreut lagen, so nennen wollte: erbärmliche, von dicken, moosüberwucherten Strohdächern wie in den Sand gedrückte, mit niedrigen, in der Mitte quer durchgeteilten Türen, kleinen quadratischen, vergrünten und vergilbten Fenstern spärlich versehenen Hütten, an deren graubraunen Lehmwänden zwischen dem dünnen Fachwerk inselartige hellere Flecken nur noch eben daran erinnerten, daß sie einst weiß getüncht waren. Vor den Hütten befanden sich hinter Mäuerchen, die man aus lose aufeinander gepackten, jetzt mit Schlehdorn überwucherten Steinen aufgeführt, wenige Fuß breite Plätzchen, die sich durch ein paar hochstämmige Sonnenblumen, sehr vereinzelte Stangen, an denen Bohnen hinaufrankten, im übrigen nur durch eine Fülle von allerhand Unkraut, zwischen dem hier und da eine Kartoffelstaude hervorragte, als Gärten ankündigten. Das sehr bescheidene Häuschen des Schmieds, das der Feuergefährlichkeit wegen aus Stein gebaut und etwas abseits lag, nahm sich neben diesen elenden Baracken wie ein Palast aus. Gerhard war auf seinem Wege in die Felder schon oft genug hier vorübergekommen, aber niemals war ihm die Jämmerlichkeit dieses Anblicks so aufgefallen, wie jetzt in dem grellen Schein der Vormittagssonne, die alle Blößen und Mängel grausam aufdeckte. Und so bemerkte er zum ersten Male, daß diese Arbeiterhütten, die sich kaum oder gar nicht von den darangeklebten Schweine- oder Kuhställchen unterschieden, nur durch eine eiserne Gittereinfassung und dahinter sich hinziehende doppelte Reihe Akazien von der neuen Anlage der Blumengärten getrennt war. Das aus Eisen und Glas konstruierte Dach des Palmenhauses ragte hoch herüber. Für die Summe, welche die vorgestern angekommene Araukaria und die zur würdigen Ausstattung des Fremdlings getroffenen Einrichtungen gekostet, hätte man an Stelle dieser traurigen Brutnester der Unordnung, Unreinlichkeit und Krankheit ebenso viele reinliche, gesunde, menschenwürdige Wohnstätten schaffen können. Aber vielleicht fühlten die Menschen, die hier hausten, das Elend und die Unwürdigkeit ihrer Lage so wenig, als die paar Kinder, die da in dem heißen Sande des Weges herumkrochen, sich ihres Schmutzes und ihrer Nacktheit schämten, wenn das auch keine Entschuldigung für den Herrn war, der sie in dieser Lage ließ. Freilich! er war ja jetzt selbst in einer schlimmen, vielleicht verzweifelten Lage. Nun, die hier zur Nacht ihre arbeitmüden Glieder auf die schmutzigen Lager streckten, mochten darüber ruhig schlafen – um ihretwillen hatte er die Wechsel nicht akzeptieren und prolongieren müssen. Ein flachsköpfiger, etwas größerer Bube, der sich mit einem ganz kleinen, in Lumpen gehüllten Kinde schleppte, hatte Gerhards Frage nach der Wohnung der Schulten-Jochen endlich gefaßt und führte ihn seitwärts vom Hauptwege in ein kurzes Nebengäßchen, das von einem grünbewachsenen Tümpel abgeschlossen wurde, aus dem man das Wasser für die Gärten und Gewächshäuser schöpfte. Das letzte, hart am Rande des Tümpels stehende Häuschen, auf das der Junge wies, schien Gerhard ein ganz besonders elendes und verfallenes Ansehen zu haben, vielleicht nur deshalb, weil er dicht davorstand, die Lumpen, mit denen man die zerbrochenen Fensterscheiben ersetzt hatte, deutlich genug sah, und ihm der Rauch aus der oberen geöffneten Hälfte der niedrigen Tür unmittelbar entgegenqualmte, so dicht, daß das Feuer auf dem Herde in dem dunkeln Flur noch eben hindurchschimmerte. Eine Frau, die an dem Herde gestanden, trug ein Kind auf dem Arme; und als sie, um Gerhard einzulassen, auch die untere Tür geöffnet, wurde ihm klar, weshalb er sie nicht bei den Arbeiterinnen im Hofe oder auf dem Felde bemerkt. Die arme Person hatte ein verkommenes und vernachlässigtes Aussehen, gerade wie das Kind, das sie trug; doch sprach aus ihrem blassen, unschönen Gesicht große Gutmütigkeit, und so beantwortete sie auch Gerhards Fragen nach des Schulten-Jochen Mutter bereitwillig, wenngleich nicht ohne einige Verwunderung, sei es über die Fragen selbst, sei es über die Person des Fragers, die ihr bis jetzt noch nicht zu Gesicht gekommen sein mochte. Dann führte sie ihn durch den raucherfüllten Flur die drei oder vier Schritte nach einer Tür, die sie öffnete, um ihn voranzulassen und selbst in das kleine, niedrige, halb mit Betten angefüllte Zimmer zu folgen, an dessen offenem Fenster auf einem Schemel eine Frau saß, die sich sofort bei seinem Eintritte erhob, einen Knix bis auf den Boden machte und, sich wieder aufrichtend, ihm mit beiden Händen Küsse zuwarf. »Laß deine Narrenspossen, Mutter«, sagte die junge Frau; – »der Herr will dich sprechen.« »Eine große Ehre, eine sehr große Ehre«, sagte die Alte unter erneuten Knixen, »wenn ich auch nicht das Vergnügen habe, französisch zu sprechen, aber der gnädige Herr Baron wird vorlieb nehmen. Der Herr Baron sprechen ja so gut deutsch, ei, so gut, daß es eine Freude ist, es zu hören, eine wahre Freude!« Gerhard war nicht wenig verwundert über diese Ansprache, die, während die junge Frau natürlich Platt sprach, in einem ganz leidlichen Hochdeutsch vorgebracht wurde. »Sie ist Wirtschafterin in Kosenow gewesen noch zur schwedischen Zeit«, sagte die junge Frau zur Erläuterung. »Als wenn mich der gnädige Herr nicht kennte«, sagte die Alte mit einem hochmütigen Lächeln; – »man ist zwar nur eine arme Wirtschafterin, aber man kann sich, Gott sei Dank, sehen lassen, und der gnädige Herr waren schon gestern abend so überaus freundlich, natürlich für die vornehmen Herren ist unsereins nicht.« Die Alte strich sich das graue Haar glatt, zupfte an ein paar verblichenen Bändern, die sie auf ihre armselige Kleidung an möglichst unpassende Stellen gesetzt hatte, hüstelte, knixte und lächelte mit affektierter Verschämtheit. »Sie spricht von ihrer Wirtschafterinzeit in Kosenow«, sagte die junge Frau abermals in erläuterndem Tone. »Mische dich nicht in die Unterhaltung zwischen dem gnädigen Herrn und mir«, sagte die Alte unwillig, »du kannst meinetwegen den Garloff heiraten; mir paßt er schon lange nicht mehr. Sie müssen nämlich wissen, gnädiger Herr, daß ich mit dem Förster verlobt bin; er ist eigentlich nur Försterbursche, und ein bißchen mehr Ansprüche kann man denn doch am Ende wohl machen. Und wenn mich der Herr Baptiste mit nach Frankreich nimmt, wie er mir gestern abend versprochen hat, als ich ihm in dem langen Gange nach der Küche begegnete – und der Herr Baron darf einem ehrlichen Mädchen nicht so scharf in die Augen schauen, man hat auch ein Herz und Mitleid mit so schönen vornehmen Herren, wenn sie auch zehnmal Franzosen sind.« Die junge Frau war hinausgegangen, um nach ihrem Topfe auf dem Herde zu sehen; die Alte war näher an Gerhard herangetreten und sagte zu ihm im flüsternden Tone, während sie fortwährend ängstlich nach der offenen Tür blickte: »Der gnädige Herr wird mich nicht verraten, ich kann es dem Herrn Baptiste nicht begreiflich machen, er versteht es nicht und ist doch sehr wichtig, sehr wichtig! Hüten Sie sich vor meinem Bräutigam! er würde mich totschießen, wenn er wüßte, daß ich hier mit dem gnädigen Herrn spreche und den Brief von dem anderen gnädigen Herrn besorgen will. Ich habe schon ein paarmal gesehen, wie sie die Köpfe zusammengesteckt haben, und der Herr Deep, das ist ein grundschlechter Mensch, und die anderen tun schließlich alles, was er sagt.« »Wer sind die anderen?« fragte Gerhard eifrig. »Um Gottes willen!« Die junge Frau war wieder eingetreten; die Alte legte die Finger auf den welken Mund, schlich zu ihrem Platze am Fenster zurück, hüstelte und lächelte selbstgefällig vor sich hin, während die Junge sagte: »So kann sie stundenlang schnacken, wenn sie mal hineinkommt; dann spricht sie auch wieder für mehrere Tage kein Wort. Von Kosenow erzählt sie am meisten; es ist ihre beste Zeit gewesen, hernach ist es ihr immer schlecht gegangen.« Die Alte tat entweder, als ob sie nicht hörte, was die Junge sagte, oder sie hörte es wirklich nicht. Gerhard glaubte das letztere annehmen zu sollen. Sie stierte vor sich hin, fortwährend die Lippen bewegend, hüstelnd, zwischendurch lächelnd, an den verblichenen Bändern zupfend oder das graue Haar glättend. Es hatte offenbar keinen Sinn, länger zu bleiben. Aus der Alten war nichts mehr herauszubringen, vielleicht konnte er noch dies und jenes von der jungen Frau erfahren. Sie wußte nicht viel zu berichten: sie selbst sei nicht von hier – eine Katenmannstochter aus Zarnewitz, habe den Schulten-Jochen vor sechzehn Jahren geheiratet, die Mutter war schon im Hause, war immer dagewesen, seit Jochens Vater gestorben. Damals, als sie heiratete, habe sie die Mutter sehr dick gefunden, aber seit ein paar Jahren sei sie mager geworden, nicht, daß sie nicht genug zu essen bekomme, aber das Essen wolle nicht mehr anschlagen, der Doktor sage, die Alte habe die Zehrung. Übrigens sei sie gar nicht so alt; Jochen habe einmal gesagt, sie könne knapp fünfzig sein, und das werde so ziemlich seine Richtigkeit haben; Vadder Deep habe es auch gesagt, der müsse es doch wissen. Vor Vadder Deep habe die Mutter große Furcht, der wollte sie ja wohl ins Narrenhaus nach Grünwald bringen, und so werde es gewiß kommen, denn, was Vadder Deep wolle, sagte Jochen, und so sagten sie alle, das geschehe, obgleich die Mutter es ja doch nicht lange mehr treiben werde und sie sie ruhig die paar Monate noch in ihrem Stuhle sitzen lassen könnten. Ihr sei sie nicht weiter zur Last, besonders jetzt, wo sie kaum noch was äße; und was Vadder Deep sage, daß sie eines Tages die Kinder schlachten werde, das sei dummes Zeug, man könne ihr ganz ruhig ein Kind stundenlang auf den Schoß setzen, und das sei was wert, wenn man schon acht habe und nächstens ein neuntes dazubekomme. Die Alte tue auch sonst keinem Menschen etwas zuleide, und Vadder Deep brauche kein solches Aufsehen davon zu machen, weil sie neulich wütend geworden und dem Jochen das Gesicht zerkratzt. Es sei dem Jochen ganz recht gewesen, warum betrinke er sich jedesmal, wenn er mit dem Herrn Inspektor Korn nach der Stadt fahre, und komme dann betrunken nach Hause und wolle der alten Frau ihre paar lumpigen Bänder vom Leibe reißen. Die machten sie doch nicht arm, und es ginge keinem was an, auch dem Jochen nicht, und der Jochen sollte sich schämen; denn wenn die Alte, als sie jung gewesen, nicht gut getan habe, wie Vadder Deep sage, und daß kein Mensch wissen könne, ob der Schulten-Jochen auch wirklich des Jochen Schulten Sohn wäre – seine Mutter bleibe sie doch immer, und das sage ja Jochen auch, denn er sei eigentlich ein guter Kerl, wenn er nur von dem verdammten Branntwein lassen könnte; aber bei dem Herrn Klempe würden sie ja wohl noch alle zu Säufern. So erzählte das arme Weib in eintöniger, apathischer Weise, während sie, das Kind auf dem Arme, neben Gerhard vor der Haustür stand. Das Kind wurde unruhig und fing an zu schreien; die Frau sagte, sie müsse ihm seinen Brei geben, Milch habe sie schon bei dem vorigen Kinde nicht mehr gehabt. Gerhard bot ihr ein paar Geldstücke, die er ihr schließlich in die braunen Hände drücken mußte: so viel hätte sie noch nie zusammengesehen, davon könnten sie ja wochenlang leben! Gerhard sagte: desto besser, und entfernte sich eilig; der Anblick dieses hoffnungslosen Elends schnürte ihm das Herz zusammen, und in seinem Kopfe schwirrten und wirrten von den wunderlichen Reden der Alten seltsame Gedanken und dunkle Ahnungen, die wieder mit anderen, nicht minder seltsamen und dunkeln Gedanken und Ahnungen zusammenflossen, ohne daß sich daraus etwas klar gestalten wollte. Nur eines stand bei ihm fest, daß, wenn er es verhindern könne, Vadder Deep seinen Willen nicht haben: daß die alte Frau nicht ins Irrenhaus solle. Drittes Kapitel. Eine bekannte Stimme, die laut hinter ihm herrief, riß ihn aus seinen Gedanken. Es war Anton Stude, der mit dem flachsköpfigen Jungen, der jetzt das Kind nicht mehr auf den Armen trug, eilends durch den tiefen Sand herankam. Der Schweiß floß ihm von dem runden Gesicht, dem er mit dem Strohhut Kühlung zufächelte, als er nun Gerhard, der stehengeblieben war, eingeholt hatte. »Ist das ein Leben! rief er; keine Ruh bei Tag und Nacht! Dieses Fest ist noch mein Tod! Da habe ich nun wieder zwei Einladungen vergessen, und kein Bote aufzutreiben, als dieser entzückende Page – nebenbei der älteste Prinz des Hauses, aus dem du da kommst. Was stehst du denn noch, holder Jüngling, und glotzest mich mit deinen intelligenten Karpfenaugen an? Du könntest schon halb nach Faschwitz geschwommen sein! Ja so, du willst die Briefe! Sehr richtig, mein weiser Daniel! Hier! und nun, göttlicher Argostöter, mach dich auf die geflügelten Sohlen!« Er versetzte dem Flachskopf einen ermunternden Schlag. Der Junge trabte durch den Sand davon; Anton wischte den Strohhut trocken und stülpte ihn auf: »Bevor ich noch einen Sonnenstich bekomme! Ist das eine Hitze! ist das ein Leben! du hast's gut! aber was führt dich denn eigentlich hierher? und wo willst du hin? Nach Hause? Da haben wir's näher um den Tümpel – Sod, sagen sie hier, und hernach durch das Pförtchen hinter dem Palmenhause.« Sie gingen an dem versumpften Rande des Pfuhls hin und den von den Wasserkarren zerfahrenen Weg nach dem Parke. Anton war redseliger denn je. Das Fest sei ja in diesem Stadium der Vorbereitungen eine schlimme Schererei, besonders für ihn, der überall angeben, raten, helfen müsse, denn die anderen machten nur dummes Zeug, selbst Spatzing, der doch, als Künstler, etwas von solchen Dingen verstehen sollte. Aber der breitrandige Hut mache den Künstler nicht, und das wallende Lockenhaar, sondern was unter Hut und Locken stecke, und da habe er sich während dieser Tage hundertmal anch' io! zurufen müssen; oder vielmehr: io! schlechtweg! Wenn das Fest gloriös würde – und er hoffte es zuversichtlich – so sei es einzig und allein sein Verdienst! So schwatzte und prahlte Anton noch ein langes und breites, worauf sein schweigsamer Gefährte nur mit halbem Ohre hörte. Die Gloriosität des Festes mußte allerdings außergewöhnlich werden, wenn sie sich auf gleiche Höhe erheben sollte wie die Kostensumme, die Anton, der leidenschaftlich gern rechnete, sobald es nicht seine Angelegenheiten betraf, eben in ihren einzelnen Posten aufzählte. Von dieser Summe fiel, wie es schien, bis auf einen verschwindend kleinen Teil alles auf Frau Julie, als die Unternehmerin und eigentliche Seele des Ganzen, das heißt: auf Herrn Zempin, dessen letzter Wechsel sich ›vielleicht noch in Grünwald‹ versilbern ließ! »Sag, Anton«, unterbrach er plötzlich den Redseligen, – »hast du je gehört oder selbst bemerkt, daß Herrn Zempins Geldangelegenheiten nicht so rangiert sind, wie es in seinem eigenen Interesse wünschenswert wäre und die, die ihn lieb haben, wünschen müssen?« Anton stand still und blickte, die kleinen Augen soweit als möglich aufreißend, den Frager an. »Aber wie kommst du nur darauf?« brachte er endlich hervor. »Gleichviel«, erwiderte Gerhard; »antworte immerhin! Du kannst dir denken, daß ich nicht aus müßiger Neugier und am wenigsten in böser Absicht frage. Du hast dergleichen gehört und selbst bemerkt? nicht wahr?« »Nun ja!« erwiderte Anton; – »gehört – was hört man nicht, wenn man so halbe und ganze Nächte lang mit ein paar guten Freunden die Beine unter den Bostontisch steckt? Man will sich doch zwischendurch auch einmal unterhalten, wobei man denn, was wirklich ist und was sein könnte, durcheinandermischt, wie die Karten, die man eben aus der Hand gelegt hat. Und selbst bemerkt? höre! das ist eine verzweifelt indiskrete Frage! höre du! Darauf ließe sich viel antworten oder wenig, je nachdem man den Begriff ›rangiert‹ eng oder weit faßt. Bei enger und engster Fassung müßte ich sagen: ja, ich habe dergleichen wohl hin und wieder bemerkt; bei weiterer und nun gar weitester ist Herr Zempin der rangierteste Mensch von der Welt; denn ich weiß nicht, wie man rangierter sein kann, als wenn man das Geld, das man braucht, entweder hat oder doch gepumpt kriegt.« »Also das letztere ist doch manchmal nötig?« fragte Gerhard. »Aber das ist doch selbstverständlich!« rief Anton. »Kann ein Mensch oder eine Kommune, ein Staat existieren, ohne manchmal pumpen zu müssen? Oder ist nicht vielmehr diese Notwendigkeit Zeichen und Beweis der wirtschaftlichen Solidität des betreffenden Einzel- oder Gemeinwesens? Ja, sind sie nicht um so reicher, je mehr Schulden sie haben? Wer in Rom hatte mehr als Cäsar, aber wer gab auch glänzendere Feste? welcher Staat hat eine größere Schuldenlast als England, und jedes Kind weiß, daß es das reichste Reich der Welt ist! So hat auch Herr Zempin Schulden – gewiß, und ich bin stolz darauf, daß er sie hat!« Anton lächelte triumphierend; augenscheinlich hielt er seine Beweisführung für durchaus gelungen und Gerhards Schweigen für eine Huldigung seiner siegreichen Argumente. Aber Gerhard überlegte nur, ob er es wagen dürfe, den leichtsinnigen Gefährten in die Mitwissenschaft seines traurigen Geheimnisses zu ziehen. Es schien gefährlich und vor allem nutzlos; gefährlich, weil der Schwätzer in diesem Falle schwerlich reinen Mund halten, nutzlos, weil der Vertrauensselige ihm keinen Glauben schenken würde, und er ihm doch das leidige Dokument, das er in der Tasche trug, nicht zeigen durfte. Und indem er den Inhalt des ominösen Briefes, den er fast wörtlich behalten, noch einmal in Gedanken durchlief, erinnerte er sich auch der Initialen, mit denen der Advokat den Aussteller des Wechsels bezeichnet hatte: A. St. – Anton Stude! Es schien wie ein toller Einfall, erzeugt von der Hundstagssonne, die auf sie herabbrannte, aus dem Chaos durcheinanderhastender Gedanken in dem überreizten Gehirn, und doch, und doch – Sie hatten die Hinterseite des Palmenhauses erreicht, wo im Schatten der steinernen Mittelhalle ein paar Bänke standen. Gerhard setzte sich; nur widerstrebend nahm Anton neben ihm Platz: er habe es ganz besonders eilig; man erwarte in der Laube mit Ungeduld seine Rückkehr und die Nachricht, daß er einen Boten aufgetrieben; Gerhard möchte doch mitkommen, man empfände schmerzlich seine Zurückhaltung, die man bisher als Scheu ausgelegt habe, seit vorgestern aber – seit der Baronisierung – sehr geneigt sei, für Hochmut zu nehmen. »Laß sie es nehmen, wofür sie wollen«, sagte Gerhard, »ich bin nun einmal in keiner Gesellschaftsstimmung und würde durch meine Gegenwart die muntere Laune nur beeinträchtigen. Auch will ich dich nicht lange aufhalten; möchte dir nur noch eine Frage vorlegen –« »Was mir der Alte gestern geschrieben hat?« rief Anton, – »ich hätte es dir schon gesagt, wenn wir nur eine Minute ungestört beisammen gewesen wären. Der Alte schreibt –« »Davon ein anderes Mal; ich wollte dich fragen, ob Herr Zempin beim Arrangement seiner Geldgeschäfte jemals deine Hilfe in Anspruch genommen hat?« Anton riß wiederum die kleinen Augen weit auf. »Höre du! das ist –« »Wieder eine sehr indiskrete Frage – ich weiß es, und zu der ich den Mut nur in meinem herzlichen Interesse für Herrn Zempin und dich gefunden habe. Ich werde dir deshalb auch in keiner Weise zürnen, wenn du mir einfach antwortest: das geht dich gar nichts an.« »Meinem besten, liebsten Freunde das antworten?« rief Anton, »nun gar! eher würde ich mir die Zunge abbeißen. Du kannst mich fragen, was du willst. Ich warte nur darauf, habe immer nur darauf gewartet und mich gewundert, daß du so wenig, so eigentlich gar nichts fragst; und da habe ich dir allerdings auch nichts erzählt. Denn, siehst du, Gerhard, eine Maxime muß selbst der leichtfertigste Mensch haben, und: was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß – höre! das ist meine große, einzige Maxime, mit der ich noch immer gut gefahren bin, und zu der die anderen: wer viel fragt, bekommt viel Antwort – Reden ist Silber, Schweigen ist Gold und so weiter – ja nur Korrolarien, Ausführungen, Folgerungen, wie du es nennen willst, sind. Und in deinem Falle war doppelte Vorsicht dem weisen Manne, der ich mir zu sein schmeichle, doppelte Pflicht. Ich sagte mir: schilderst du dem Zyklopenvolke hier den Liebling deiner Seele – deliciolae nostrae , sagt Tacitus, oder ist es Cicero? – nach dem Leben, so stolz, eigen, bedächtig und fein – wie die Knaben Venedigs, weiß du, von denen jeder Doge werden kann – wäre das den Glotzaugen nur ein Steckbrief und eine Mahnung, einem Menschen mit so besonderes verdächtigen Kennzeichen möglichst weit aus dem Wege zu gehen. Umgekehrt! schilderst du ihm die Zyklopen, wie sie wirklich sind: als unendliche Fresser und Säufer, und sehr geneigt, bei der kleinsten Provokation mit den größten Felsstücken um sich zu werfen – ja, so wird dein feiner, kluger Odysseus sich wohl hüten, das geschnäbelte Meerschiff an diesen klippenreichen Strand zu steuern. Und, höre, Alter, ich wollte dich doch so gern hier haben! und wenn's dir leid tut, daß du gekommen bist – und ich habe den starken Verdacht – denke, dem alten Schlingel von Anton tut's nicht minder leid, daß er dir ein Leides zugefügt, aber er hat's gut gemeint, und so seien ihm seine Sünden vergeben! Amen!« Anton hatte Gerhards Hand ergriffen und an seine Brust gedrückt, gerade gegen sein Zigarrenetui in der Seitentasche. Er nahm es sofort heraus, entzündete sich eine Zigarre und dampfte in schweigender Rührung mächtig vor sich hin. Oder wollte er nur der Antwort auf die ihm gestellte positive Frage ausweichen? Dann war es unfein, weiter in ihn zu dringen; aber Gerhard wußte sich von einem Interesse beseelt, dem alle anderen Rücksichten nachstehen mußten. So wiederholte er seine Frage. Anton nahm den Strohhut ab und rieb sich mit dem Tuch das kurze, feuchte Haar. »Arrangement seiner Geldgeschäfte, sagte er, »– meine Hilfe – höre, du stellst deine Frage auch – was nennst du meine Hilfe? nennst du zum Beispiel die kleine Gefälligkeit so, daß man seinen Namen, wenn gerade kein Würdigerer zugegen ist, auf einen Wechsel als Aussteller, oder wie das Ding heißt, kritzelt?« »Also wirklich!« sprach Gerhard bei sich, und laut sagte er, indem er sich bemühte, einen möglichst gleichmütigen Ton anzuschlagen: »Freilich nenne ich das so, und nenne es eine große Gefälligkeit, die unter Umständen zu einer großen Verantwortlichkeit werden kann.« »Verantwortlichkeit?« fragte Anton verwundert; »Wie das? unter welchen Umständen?« »Wenn der Wechsel protestiert wird, das heißt, der Akzeptant den Wechsel am Verfalltage nicht einlöst, vermutlich, weil er ihn nicht einlösen kann, wo denn der Gläubiger das Recht hat, sich an den Aussteller zu halten, respektive an die Giranten, soviel ihrer sind.« »Die dann statt des Akzeptanten bezahlen müßten?« »Ganz gewiß, und auch sonst an die Stelle des ersten Schuldners treten in all den drakonischen Konsequenzen einer Wechselschuld, die das Wechselrecht sehr gewissenhaft aufzählt, als da sind: Exekution, Arrest und so weiter.« »Das wäre ja eine kuriose Geschichte«, sagte Anton, »eine ganz verfluchte Geschichte! das Schuldgefängnis in Grünwald, an dem ich gelegentlich vorübergekommen, hat gar kein fröhliches Aussehen.« »Ebensowenig wie du selbst in diesem Moment.« »Da mag der Kuckuck fröhlich sein, wenn einer einem solche Raupen in den Kopf setzt!« »Aber es handelt sich doch nur um ein Problema, wie der Patriarch im Nathan sagt.« »Den Teufel handelt es sich um ein Problema!« rief Anton; »im Gegenteil, um ein ganz reelles Fakt! es ist noch nicht drei Tage her, als er mich in sein Zimmer rief und mich meinen Namen auf so einen verdammten Wisch kritzeln ließ. Ich hatte gar keine Zeit und auch gar keine Lust, das Zeug zu lesen, ich denke aber, es waren tausend Taler! Der Tausend! ich habe in meinem Leben noch keine hundert beisammen gehabt, geschweige tausend!« »Das würde denn auch weiter nichts zu bedeuten haben, wenn die Verhältnisse Herrn Zempins so rangiert sind, wie du annimmst«, erwiderte Gerhard. »Natürlich hat es nichts zu bedeuten«, rief Anton, »es ist ja nur, daß du einen mit deinem ernsthaften Gesicht und deinen verzweifelten Fragen am hellichten Tage gruselig machst. Nicht rangiert, ei, das wäre noch schöner! Da wären ja auch unsere – ich meine Salchens fünftausend in den Rauchfang geschrieben.« »Was ist es damit?« fragte Gerhard, »kannst du mir es sagen?« »Warum nicht?« erwiderte Anton, »da wir gerade davon sprechen, und ich sowieso nach dem Briefe des Alten zu einem Entschlusse kommen muß – daß sich Gott erbarm! Aber höre! du bist schuld daran! du hattest mir so ins Gewissen geredet – na, und ich bin ein lenksamer Mensch und habe wirklich an den Alten geschrieben, und wie die Sachen hier ständen; ich meine, daß der Junge schon so lange tot ist. Als ob ich was dafür könnte! meinetwegen möchte er heute noch leben! und lebte er doch! Aber nun ist der Alte – ich hatte es vorausgesehen – fuchswild! auf der Stelle soll ich zurück – zu ihm – nach Vacha – unter seinen höchsteigenen Augen mich auf das zweite Examen vorbereiten – in einem halben Jahre spätestens müßte ich fertig sein! nun gar! in einem halben Jahre! nicht in einem halben Jahrhundert! Nein, bei allen Olympiern, da heirate ich lieber Salchen, die, nebenbei, nun sie sieht, daß ihr Theseus sich die Flügelschuhe anzieht – ich hatte ihr natürlich den Brief des Alten als Medusenschild vorgehalten – in solcher verzweifelten Lage greift man zu verzweifelten Mitteln – nicht länger Pardon gibt und, wie der rasende See – sie raste wirklich – ihr Opfer haben will. So ist denn – ich meine, so hat sie denn beschlossen, daß ich definitiv umsatteln und – man müßte lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre – mein jung frisch Leben in Stulpenstiefeln an ihrer Seite auf Retzow vertrauern soll.« »Auf Retzow?« rief Gerhard. »Sie ist ein höllisches Frauenzimmer«, erwiderte Anton, sich den Kopf kraulend; »und teufelmäßig gescheit – das muß ihr selbst der Feind lassen. Sie hat bei Frau Julia einen Stein im Brett, sagt sie, wenn ich gleich nicht weiß, was sie damit meint, und schwört, Frau Julia müsse tun, was sie wolle. Warum nicht? muß ich Unglücklicher es doch auch! Frau Julia soll sich nun hinter Herrn Zempin stecken, bei dem Salchen ebenfalls einen Stein im Brett hat. Besagten Stein kenne ich nun; er besteht – und damit komme ich auf unsere Hämmel zurück – aus fünftausend Talern, die Salchen im Vermögen und – ich weiß nicht bei welcher Gelegenheit – es ist schon vor meiner Zeit gewesen – Herrn Zempin geliehen, und für die er ihr eine Verschreibung – so heißt es ja wohl? – auf das Retzower Inventar gegeben. Na, fünftausend ist nicht viel auf einem Gute, das unter Brüdern hunderttausend wert –« »Und zur Hälfte Eigentum des Bruders ist«, warf Gerhard ein. »Bleiben noch fünfzigtausend – kalkulierte Anton weiter; von denen uns also schon der zehnte Teil gehört; die Rechnung stellt sich also für uns um so günstiger.« »Wenn ihr die Rechnung nicht ohne den Wirt gemacht habt.« »Was heißt das?« »Das heißt: daß hierzulande ein Hypothekenbuch nicht existiert und infolgedessen dergleichen Verschreibungen, wenn sie nicht in aller Form Rechtens abgefaßt sind, einen sehr fraglichen Wert haben, jedenfalls den eigentlichen Wechseln nachstehen. Aber du weißt das gewiß so gut wie ich.« »Keine leiseste Ahnung!« sagte Anton. »Denn daß für Retzow bereits andere wechselpflichtige Verschreibungen existieren, hörte ich zufällig«, fuhr Gerhard fort – »ich habe keine Veranlassung, darüber ein Stillschweigen zu beobachten, das mir nicht auferlegt ist.« Und er teilte Anton mit, was er vorgestern über Tisch von Frau Sallentin erfahren. Anton schüttelte den Kopf: »Nun gar!« sagte er; »zehntausend! höre, du: ich glaube, die gute Dame hat sich nur wichtig machen wollen; und wenn auch, das ist ja gar nichts; die Herren leihen sich hier gegenseitig Tausende und aber Tausende, ohne eine geschriebene Zeile, schon einfach deshalb, weit ihnen das Schreiben ein Scheuel und Greuel ist – ich kenne welche, die seit Jahren keine Feder in der Hand gehabt haben. Und dann: Sallentins sind steinreich; Luising kann schließlich auch mit ihrem schönen Schweden wo anders glücklich sein – je weiter von Kantzow fort, je glücklicher, denn bei der holden Julia wird ja jeder zum Romeo.« Der Ernst des Gespräches hatte schon viel zu schwer auf Anton gelastet, als daß er eine so reizende Gelegenheit, zum Scherz zurückzukehren, unbenutzt vorübergehen lassen konnte. Er berührte Gerhards Seite, blinzelte ihm schlau zu und kicherte voll innigstem Vergnügen in sich hinein. Gerhard war es unmöglich, in das Lachen einzustimmen. Mit jedem Worte, das gesprochen wurde, erschien ihm die Lage Herrn Zempins mißlicher und dunkler; eine Verbindlichkeit wälzte sich auf die andere, wie an dem heißen Nachmittagshimmel sich gestern und vorgestern Gewitterwolke über Gewitterwolke türmte. Und dabei war ein Umstand, der ihn besonders peinlich berührte: hier trat nun bereits ein dritter Bewerber um Retzow auf. Hatte Herr Zempin bei den anderen ebenso große Hoffnungen erweckt, wie er es, wenigstens früher, bei dem Verwalter ganz offenbar getan? Gerhard mußte sich darüber Gewißheit verschaffen: Herrn Zempins Ehre schien ihm dabei auf dem Spiele zu stehen. Er fragte Anton, ob er die Mitbewerberschaft Herrn Klempes nicht fürchte; Anton lachte. »Das ist nun wieder so eine Donquichotterie des guten Zempin«, rief er, »eine von der Sorte, derer du auch fähig sein würdest. Da ist ein hübsches Mädchen, das sich in einer schwachen Stunde vergessen hat; item ein grimmiger Vater, der das Mädel womöglich totschösse, wenn der Handel nicht wenigstens einen legitimen Ausgang nähme; item ein roher, gewissenloser Patron, der entschieden vergessen würde, das Mädel zu heiraten, wenn ihm nicht ferner weite gute Verköstigung à la Karl Buttervogel zugesagt wird; item ein Enakssohn von einem Menschen, der in seinem Riesenherzen Raum für alles hat: Mitleid mit einem schönen, weinenden Mädchen, Achtung vor einem schon so tief unglücklichen alten Manne, dem die Geschichte das Herz brechen würde; eine Art Wohlgefallen sogar an dem Clown, an dem er Natur studiert – nimm alles nun in allem, und ich zweifle gar nicht: er wird auch unter anderem dem Clown Retzow versprochen haben; aber versprechen und halten – halten können – das ist denn doch nicht immer ein und dasselbe.« »Um so schlimmer für alle Teile«, sagte Gerhard; »besonders wenn, wie hier, so viel Menschenglück und Leid, vielleicht Tod und Leben, von der Erfüllung des Versprochenen abhängt. Übrigens weiß ich mit Bestimmtheit, daß Klempe selbst die Hoffnung aufgegeben und den mächtigeren Bewerbern das Feld räumen will. Ich meine nur, deine Liste ist noch nicht vollständig, der Mächtigste fehlt noch.« Anton blies eine sehr lange und dünne Rauchsäule in die Luft, indem er dabei den Versuch machte, seine kurze, dicke Nase zu erblicken. Dann wandte er die zwinkernden Äuglein auf den Gefährten mit einem etwas unsicheren, spürenden Ausdruck und sagte in zögerndem, tastendem Ton: »Erinnerst du dich noch der kleinen Minna Fischlin in Bonn, für die du als blutjunger Fuchs so schwärmtest? Das allerliebste Blondinchen, das hinter der runden Vase mit den Goldfischchen hervor so schelmisch über die Straße herüber nach dir kokettierte, und dem du das reizende Sonett machtest, indem du ihren Namen mit den besagten Bewohnern der Vase in eine so sinnige Verbindung brachtest, um es dann mir – denn damals hattest du noch volles Vertrauen zu deinem getreuen Pylades – vorzulesen und mein Urteil zu hören? und erinnerst du dich, was das kritische Orakel – geistreich dunkel, wie Orakel pflegen – antwortete: Laß sie schwimmen, alter Junge, laß sie schwimmen! – du aber befolgtest den Rat und tatest wohl daran. Na, Alter, und dasselbe hätte ich gesagt, hättest du mich diesmal deines Vertrauens gewürdigt. Laß sie schwimmen! hätte ich gesagt, laß sie in Gottes Namen schwimmen! wenn schon aus keinem anderen Grunde, so aus dem, daß du sie doch nicht wirst halten können in deinem großmütig-weitmaschigen Netz. Lieber Himmel! man muß das mit angesehen haben drei Jahre lang, wie wunderbar behend dies Fischlein ist, wie es in diesem Moment so still dicht unter der Oberfläche steht, daß, wer's nicht besser weiß, glaubt, es mit der Hand greifen zu können, und im nächsten in die Tiefe schießt und an dem entgegengesetzten Ende des Teiches wieder auftaucht! Das Stückchen hat sich nun schon mindestens ein halbes Dutzend Male wiederholt während dieser drei Jahre mit den nötigen, durch die Umstände gebotenen Änderungen, aber immer mit derselben Virtuosität der Ausführung und, ich fürchte, immer zu demselben Endzweck, der, wie es scheint, denn nun ja auch glücklich erreicht ist. Na, Alter, du brauchst dich deshalb nicht zu schämen; Hochmut kommt vor dem Fall und Großmut vor dem Betrogenwerden! Und du wirst dich deshalb nicht hundert Fuß vom Felsen stürzen, wie der arme sentimentale Junge, mit dem sie sich von Lafing in der Laube überraschen ließ, bloß um ihm in Gegenwart Lafings einen grausamsten Laufpaß zu geben. Ich erwähne diese Geschichte mit Absicht, weil ich vermute, daß sie dir bereits zu Ohren gekommen, aber in der Version, die Frau Julie ihr gelegentlich gibt, wenn es ihr gerade so paßt; ein andermal erzählt sie sie auch wieder anders. Also noch einmal, du brauchst dich weder zu schämen noch zu grämen – im Gegenteil, es wäre in keinem Falle ein Glück – es wäre ein positives Unglück für dich gewesen. Ein bequemer Schwiegervater ist der mehr als halb verrückte Vogelsteller doch wahrhaftig nicht, und eine liebenswürdigere Schwägerin als die Kopfhängerin von Schwester kann ich mir auch schon vorstellen. Verwandte überhaupt! höre, ich habe vor Verwandten einen Horror, der wohl von meinen zehn Schwestern herstammen mag; und das einzig Gute, was ich Salchen nachreden kann, ist, daß sie absolut gar keinen Anhang hat. Ein solcher Vorzug wiegt in meinen Augen alle goldigsten Gaben der Aphrodite auf. Nimm zum Exempel das hübsche Försterkind; ich schwärme für sie; ich bin damals, als ich hierher kam, ein paar Wochen ganz toll gewesen – du magst mir es glauben oder nicht – ja, ich weiß nicht, ob ich nicht noch selbst heute – na – es ist unnötig, darüber zu reden – aber der Vater! der Vater! mein Gott, ich habe absolut keine Vorurteile, und daß er zehn Jahre lang Festungs- und Baugefangener gewesen und Ketten getragen – ich vermute, du weißt das noch nicht einmal: er hat anno fünfzehn, als die Truppen aus Frankreich zurückkehrten – er selbst, als Feldwebel, mit Ruhm und Orden bedeckt – er soll der Bravste der Braven gewesen sein – einen Offizier erstochen, der ihn aufs gröblichste insultiert, und ist, zum Tode verurteilt, wegen seiner Bravour vor dem Feinde, erst zu lebenslänglicher Festungsstrafe, dann auf Verwendung, ich weiß nicht wessen, völlig begnadigt worden – was ich sagen wollte, ja! diese seine Vergangenheit hätte ich, ohne die Wimpern zu zucken, mit in den Kauf genommen – aber den Blick der hohlen, traurigen Augen – die namenlose Schwermut um den verschlossenen Mund – und das so Tag für Tag vielleicht zu sehen – nein, höre, Gerhard, lieber gleich schon selbst tot, als so sich das bißchen helle Lebensfreude Schatten um Schatten verdüstern zu lassen. Und nun – meorum prime sodalium – du mein erster und bis zur gegenwärtigen Stunde liebster Genosse – mit dem ich so oft den Tag bei einer Bowle, die du bezahlen mußtest, um seine Langeweile betrogen, das glänzende Haar, wenn nicht mit syrischem Ölzweig, so doch mit der Zereviskappe der Rhenanen geschmückt – laß ab vom herzkränkenden Leid und – uns zu der Gesellschaft gehen, wo liebenswürdige Frauen und reizendste Mädchen nicht mehr verlangen, als dir zu huldigen mit doppelter Inbrunst, weil du solange dich hast anschmachten lassen, und denen du dich schon um deshalb gnädig zeigen mußt, sintemalen zwar auch Götter verwundet werden können, dann aber doch nicht ordinäres Blut, sondern Ichor bluten.« Während Anton so in gewohnter Weise Sinn und Unsinn, Geistreiches und Albernes durcheinandermischte, war Gerhards Herz von den wechselndsten Empfindungen bestürmt, aus denen sich aber mit aller Entschiedenheit ein Entschluß losrang, welcher in der letzten Ermahnung des Genossen einen etwas wunderlichen, aber doch treffenden Ausdruck fand; der Entschluß, der Gesellschaft, koste es, was es wolle, sein wahres, von Scham und Zorn erglühtes Antlitz nicht zu zeigen; ihr so einen Triumph zu rauben, wonach sie zweifellos bereits sehnsüchtig ausschaute. Denn daß Julie sein ihm abgepreßtes Geständnis sofort verwertet und die große Neuigkeit jedem, der sie hören wollte, mitgeteilt, ging ja schon aus der Sicherheit hervor, mit der Anton über sein Verhältnis zu Maggie gesprochen, als über eine Sache, die man wohl kommentieren könne, deren Existenz aber über jeden Zweifel feststehe. Und seltsam – dies alles und was damit zusammenhing, es kränkte ihn nicht so tief, wie die wenigen mißachtenden Worte, die Anton über Edith gesprochen. Hier – das fühlte Gerhard tief – war eine Kluft, die nicht zu überbrücken war. Aber freilich, wie konnte er für die feinsten und tiefsten Schwingungen der Saiten seines Herzens, denen er selbst in entzückter Bewunderung ahnungsvoll lauschte, ein Verständnis erwarten! Der Freund, den sein Humor nicht hinderte, gewisse Verhältnisse und Personen mit durchaus nüchternen Augen in dem klarsten Lichte zu sehen – er hatte keine Ahnung davon, wer der gefährlichste, der einzig gefährliche Bewerber um Retzow war! Sollte er den Namen nennen? einen Verdacht aussprechen, für den er nicht den mindesten Beweis hatte, so wenig, wie er beweisen konnte, daß, was sich da im Süden – und heute um mehrere Stunden früher als die Tage vorher – am Horizonte zusammenzog, keine unschädlichen Dünste seien, sondern ein Gewitter, das nur so lange Zeit brauchte, um desto furchtbarer loszubrechen? Und anblicks dieser weißgrauen Dunstgebilde, die, der aufsteigenden Sonne folgend und sich allmählich verdichtend und verdunkelnd, am Nachmittage wieder, als türmendes Gebirge, mit gleißenden Kanten und Zacken, fast bis in den Zenit ragend, über das hohe Dach des Herrenhauses herüberdräute, saß Gerhard Stunde um Stunde in der großen Laube am Rasenplatze inmitten der zahlreichen Gesellschaft. Unter Frau Juliens Vorsitz zog sie die Einzelheiten des famosen Waldfestes, das nun übermorgen definitiv stattfinden sollte, zum hundertsten Male in genaueste Erwägung. Herr Spatzing rief enthusiastisch: durch den Herrn Baron käme die Sache erst in den rechten Schwung! und Herr Bagdorf, der sich seit vorgestern nicht hatte blicken lassen und jetzt nur ›auf eine Minute‹ herübergekommen, sagte einmal über das andere: »Sehr gut! ganz famos!« und Julie, die anfangs scheu und beobachtend ein wenig beiseite gestanden, näherte sich ihm und drückte ihm mit einem vielsagenden und noch viel mehr verheißenden Blicke stumm die Hand. Viertes Kapitel. Graf Westen hatte Gerhard noch in der Tür des Schlosses mit ausgesuchter Höflichkeit bewillkommnet und ihn dann seiner Gemahlin zugeführt, die im Salon ihre beiden ältesten Töchter von der englischen Gouvernante die letzten Lektionen überhören ließ. Die Gräfin hatte nur eben Zeit gehabt, Gerhard mit einem höflichen Lächeln die Hand zu reichen, und die beiden Herren entlassen mit der Bitte, sich nicht zu weit vom Hofe zu entfernen, damit sie die Tischglocke nicht überhörten, die in fünfundzwanzig Minuten zum ersten Male ertönen würde. Der Graf entschuldigte sich bei Gerhard, wenn der Anfang der Tafel sich noch so lange hinzögere. »Ich will nur ganz ehrlich sein«, sagte er, »und gestehen, daß ich Sie absichtlich eine Stunde früher gebeten, um mir die Freude machen zu können, Sie in aller Muße in meiner Wirtschaft herumzuführen. Ich denke, ganz ohne Interesse wird die Sache für Sie nicht sein; jedenfalls werden wir Stoff genug finden, ein Stündchen zu verplaudern, wahrscheinlich auch ein wenig miteinander zu streiten; ich mache Sie von vornherein darauf aufmerksam, daß unter meinen Einrichtungen neben vielem Erprobten sich eines und das andere findet, was allerdings nicht diskutabel ist. Indessen, noblesse oblige ! Wer, wie ich, seinen Ehrgeiz darein setzt, eine Wirtschaft herzustellen, die für den Regierungsbezirk, ja für die ganze Provinz ein Muster sein soll, an dem die braven Leute, die von rationeller Wirtschaft nicht den Deut verstehen, studieren und lernen können, muß den Mut haben, zu experimentieren, auf die Gefahr hin, sich in den Augen der Dummköpfe gelegentlich zu blamieren.« Nun hatte man freilich Gerhard von den verschiedensten Seiten gesagt, daß man in dem ganzen Regierungsbezirk die viel besprochene Musterwirtschaft des Herrn Grafen nur als ein einziges großes und noch dazu völlig verfehltes Experiment betrachte, und der Experimentator mithin in den Augen der Leute, die etwas von der Sache verstanden, das heißt jedes ordentlichen Ökonomen, keineswegs bloß gelegentlich, sondern ständig in der angedeuteten übeln Lage sei; aber er hatte auch bereits zu viel Proben gehabt von der Voreingenommenheit der Herren Gutsbesitzer und Pächter hierzulande gegen alles, was einer Neuerung auch nur entfernt ähnlich sah, um dem Urteil unbedingt zu trauen; und so war denn seine Versicherung, daß er sich von dem Rundgange ebensoviel Vergnügen wie Belehrung verspreche, und daß er dem Grafen im voraus für seine Güte dankbar sei, durchaus aufrichtig. Die Besichtigung, an die man nun sofort ging, erstreckte sich über das ganze Gut und vertiefte sich bis in die kleinsten Einzelheiten. Man durfte die Wirtschaft musterhaft nennen in allem, was Ordnung und Akkuratesse betraf; und wenn sich auch über die praktische Nutzbarkeit dieser oder jener Einrichtung in der Tat streiten ließ, die Wirksamkeit einer und der anderen Maschine sich noch erst bewähren sollte, die Verwendbarkeit oder Dauerhaftigkeit der eingeführten edeln Rassen noch manche harte Probe zu bestehen hatte, so gebührte der Liberalität des Besitzers, der Zeit, Mühe und Geld nicht schonte, um wichtigen Fragen auf den Grund zu gehen und vielleicht nur negative Resultate zu erzielen, desto reicheres Lob. Sonst durfte man freilich wohl die Trefflichkeit der Einrichtung selbst nur zum minderen Teile auf Rechnung des Grafen schreiben. Gerhard machte bald die Entdeckung, daß zwischen dessen Enthusiasmus für rationelle Landwirtschaft und seinen Einsichten und Kenntnissen ein bedenkliches Mißverhältnis stattfand. Glücklicherweise schien der Graf selbst keine Ahnung davon zu haben, oder er würde so manche gewagte oder offenbar falsche Ansicht nicht geäußert und eine oder die andere Erläuterung und Erklärung dem Oberinspektor überlassen haben, der schweigend folgte und darauf rechnen mochte, daß der Gast die Widersprüche und Ungereimtheiten in den Behauptungen des Gebieters selbst herausfinden und sich zurechtlegen werde. Auch ließ es Gerhard bei einem bescheidenen Einwand hier und da bewenden, der von dem Grafen stets sofort mit siegreichen Gründen zurückgewiesen wurde, und so gelangte man in bestem Einvernehmen und gegenseitiger voller Befriedigung an das Ende der Besichtigung in dem Augenblicke, als von dem Schlosse die Tischglocke zum ersten Male erschallte. Die Tafel, zu der Gerhard eine Viertelstunde später die Gräfin aus dem Salon in den Speisesaal führte, war nur mit drei Kuverts belegt. – »Unsere Kinder speisen mit dem Hauslehrer und der Gouvernante bereits um zwölf Uhr«, sagte die Gräfin; – »und wenn wir weiter keine Gäste geladen haben«, fügte der Graf hinzu, »so geschah es, um uns des einen desto mehr erfreuen zu können.« Die Mahlzeit, bei der der Hausmeister in weißer Binde, schwarzem Frack und Kniehosen mit Schnallenschuhen an dem Büfett schaltete und zwei Diener in Livree servierten, war ebenso ausgesucht wie die Ausstattung der Tafel glänzend. Der Graf schien in der besten Laune, und die Gräfin legte mit jedem Gange etwas von der Zurückhaltung ab, die bei ihr mehr eine Folge der Erziehung und des Naturells, als beabsichtigt sein mochte. Es war augenscheinlich, daß beide Wirte ihrem Gaste sich in jeder Weise gefällig erzeigen wollten, und Gerhard hatte alle Ursache, sich für so günstige Gesinnungen seinerseits dadurch dankbar zu erweisen, daß er sich von seiner besten Seite gab. Er hatte bis jetzt jede Anspielung auf das, was ihm zumeist, ja einzig am Herzen lag: vom Grafen zu erfahren, ob Ediths Vater wirklich zu einer Gefängnisstrafe verurteilt sei, geflissentlich vermieden, und es war ihm das um so leichter geworden, als der Graf und die Gräfin, wie es schien, nicht minder geflissentlich seiner Situation als Volontär auf dem Gute eines der nächsten Nachbarn mit keinem Worte Erwähnung taten. Indessen die Zeit verstrich, die Mahlzeit näherte sich ihrem Ende, und der Graf hatte seine Gemahlin gebeten, ausnahmsweise zu gestatten, daß der Kaffee an der Tafel serviert werde, auch daß sie für ihre Person zugegen bleibe, da er etwas mitzuteilen habe, was ihm erst heute morgen von seiten des Onkels Exzellenz aus Berlin zugegangen sei und, wie er hoffe, den verehrten Gast und sie selbst einigermaßen interessieren würde. Es war ihm also später voraussichtlich unmöglich, seine Angelegenheit zur Sprache zu bringen, und so benutzte er denn die erste schickliche Gelegenheit, um vorläufig wenigstens einmal den Namen Zempin in die Unterhaltung einzuflechten. Die verlegene Pause, die sofort entstand, weissagte freilich nichts Gutes, und ebensowenig das eigentümliche Lächeln, das um den etwas herben Mund der schönen Gräfin spielte, bevor sie, mit einem Seitenblicke auf den Gemahl, der an seiner Habichtsnase entlang mit halbgeschlossenen Augen auf den Teller starrte, in ihrer Weise vorsichtig jedes Wort erwägend, erwiderte: »Gestehen wir es nur, lieber Baron, Sie haben mit dem Namen da einen Punkt berührt, den ich als den einzigen Differenzpunkt bezeichnen möchte, der zwischen uns, ich meine meinem Manne und mir einer- und Ihnen andererseits, bestehen dürfte. Ich habe mich ausdrücklich mitgenannt, weil ich hier, wie freilich, Gott sei Dank, so ziemlich in allen Dingen, mit meinem Gatten völlig d'accord von Anfang an gewesen und jetzt erst recht bin, da wir das Glück Ihrer persönlichen Bekanntschaft gemacht haben.« »Sie würden mich verbinden, gnädige Gräfin«, sagte Gerhard, sich verneigend, »wenn Sie Ihren für mich so unendlich schmeichelhaften Worten eine genauere Bestimmung des besagten Punktes, dessen Vorhandensein ich zum voraus tief beklage, hinzufügen wollten.« Die Gräfin richtete den Blick wieder auf den Gemahl, welcher unter dem magnetischen Einflusse der stahlblauen und stahlharten Augen die eigenen von dem Teller aufschlug und, mit einer höflichen Handbewegung, lächelnd sagte: »Ich lasse meiner verehrten Vorrednerin um so lieber das Wort, als ich überzeugt bin, daß ich einen besseren Interpreten meiner Gesinnungen und Ansichten nimmer finden könnte.« »Sie hören, lieber Baron«, sagte die Gräfin, »wie ich in eine Lage gezwungen werde, die Ihre ritterliche Schonung herausfordert. Mein teurer Ulrich verargt Ihnen – nein, der Ausdruck ist nicht richtig – empfindet es schmerzlich, daß Sie, als Ihnen der Wunsch kam, die hiesigen landwirtschaftlichen Verhältnisse kennenzulernen, nicht ihm den Vorzug gegeben haben; er meint: der Edelmann hätte sich hier, wie es ja immer und überall wünschenswert ist, zum Edelmanne halten sollen; um so mehr, als in dieser Gegend, Gott sei es geklagt, die Edelleute so spärlich gesät sind, daß man die wenigen, die existieren, nicht wohl übersehen kann, und er sich schmeichelt, daß der Name Westen auf Teschen in der verhältnismäßig kurzen Zeit, die wir hier wohnen, auch über die Grenzen des Regierungsbezirkes oder der Provinz hinaus einen guten Klang hat.« »Ich bitte untertänigst um Verzeihung, gnädige Gräfin«, erwiderte Gerhard, »wenn ich, bevor ich mich gegen eine so schwere Beschuldigung zu verteidigen wage, Ihren letzten Worten den Vorwurf allzu großer Bescheidenheit machen muß. Der gute Klang des Namens Westen-Teschen reicht viel weiter, als Sie annehmen. Er war schon, als ich im vergangenen Jahre in Tharandt einen Kursus durchmachte, mir vollkommen vertraut, aber – darf ich es sagen? – gerade das war für mich entscheidend und der Grund, weshalb ich nicht in Teschen anklopfte, obgleich ich wußte, wie willig sich hier die Tore dem lernbegierigen Volontär öffnen.« »Ist es sehr unschicklich, wenn ich es ausspreche, daß ich das nicht verstehe?« fragte die Gräfin. »Ich glaube, dir das Verständnis vermitteln zu können, liebe Alix«, fiel der Graf ein. – »Unser lieber Baron hat mir vorhin den Beweis geliefert, daß er sein Tharandt glänzend absolviert hat, und er hier, wo uns denn doch noch viel zu einer Anstalt im großen Stil fehlt, wenig, ja kaum etwas Neues hätte lernen können. Es kommt ihm auch, wenn ich ihn recht verstehe, gar nicht auf das Neue an – im Gegenteil: gerade das Alte reizt ihn: der Urväterbrauch, die überlieferte Methode; wenn man so nennen darf, was das diametrale Gegenteil von Methode ist. Habe ich recht, Herr Baron?« »Vollkommen, Herr Graf«, erwiderte Gerhard; »am meisten zu der leisen Ironie, die durch Ihre Worte hindurchklingt.« »Nur, daß Sie dann wiederum«, fuhr der Graf fort, »die Ehre Ihres Besuches am allerwenigsten Herrn Moritz Zempin hätten zuwenden dürfen.« »Und weshalb das, Herr Graf?« fragte Gerhard, innerlich nicht wenig erschrocken über die bedenkliche Wendung, die das Gespräch nehmen zu wollen schien. »Weil«, entgegnete der Graf, »Sie bei ihm weder das eine noch das andere finden; ich meine: weder das Neue noch das Alte, sondern eine überaus bedenkliche Mischung von beiden, die nur einen so klaren Kopf, wie den Ihren, und der mit so soliden Kenntnissen angefüllt ist, nicht in Verwirrung bringen kann.« »Verbindlichsten Dank, Herr Graf; aber – verstatten Sie mir die Bemerkung – sollte Ihr Urteil über Herrn Zempins wirtschaftliche Fähigkeit nicht um einen Schatten zu streng sein?« »Gewiß!« fiel die Gräfin ein; »du bist zu streng, Ulrich! viel zu streng!« »Ich glaube nicht«, erwiderte der Graf, »anderenfalls würde ich es auszusprechen nicht gewagt haben. Ich möchte mir sogar erlauben, mein Urteil noch zu verschärfen oder doch zu erweitern, indem ich es auch auf den Charakter, die Sinnesart des Mannes ausdehne. Glauben Sie mir, Herr Baron, ich kenne den Mann genau; ich bin ihm seit den acht Jahren, die ich in der Provinz lebe und als Landrat fungiere, zu oft auf den Ständetagen, in landwirtschaftlichen Versammlungen und bei ähnlichen Gelegenheiten begegnet und entgegengetreten. Wir sind eben Antipoden, so sehr, wie es nur der geborene Aristokrat und der dezidierte Parvenü sein können: derjenige, der klar erkannte Ziele mit Ernst und Konsequenz anstrebt, und wer den phantastischen Gebilden einer zügellosen Phantasie weniger nachläuft als nachspringt, um dann wieder auf lange Zeit in tatenlose Ruhe und Trägheit zu versinken. Solche Menschen wirken immer unheilvoll, aber nirgends und niemals unheilvoller, als wenn sie unter Zuständen, die freilich reformbedürftig sind, leben, in einer Zeit, wo diese Reformen ins Werk gesetzt werden sollten. Ich bin noch eben jetzt in Berlin wiederholt der Gnade gewürdigt worden, Seiner Majestät meine Ansichten über diese unsere Zustände und die Reformen, welche ich für notwendig halte, persönlich unterbreiten zu dürfen; ich habe Exzellenz, dem Herrn Minister, in meiner Eigenschaft als Landrat eingehende Vorträge halten müssen, die bei unserer verwandtschaftlichen Beziehung, wie Sie sich denken können, sehr bald in vertraulichste Unterredungen übergingen – ich darf sagen, daß mir das hohe Glück beschieden war, mich in vollster Übereinstimmung mit den Ansichten der allerhöchsten Person und meines verehrten Chefs und Onkels zu finden über das, was unserer Provinz not tut, damit sie sei – besser: wieder werde, wozu sie Geschichte und Natur gleicherweise bestimmten: eine Hochburg der Königstreue, eine feste Wehr konservativer Gesinnung gegen die trübe Flut des königs- und gottlosen Liberalismus, der vom Rhein, von Schlesien herandrängt und überall in den großen Städten seine Hydrahäupter erhebt. Das platte Land, hat seine Majestät so wahr wie geistreich zu mir gesagt, das ist der Fels, auf den ich meine Hoffnung besserer Zeiten baue; das platte Land überall, und das Land der Platt redenden Menschen insbesondere! – Nun, lieber Baron, und diesen Fels untergraben eben Menschen, wie dieser Zempin, der, weil er – sehr gegen die Gewohnheit der hiesigen Landleute – durch ein paar Universitäten gelaufen ist, die Weisheit der Welt erschöpft zu haben glaubt. Verstatten Sie mir nur ein einziges Beispiel, woran die destruktive Tendenz der Theorien des Mannes sonnenklar ist. Soll Pommern, insonderheit Neu-Vorpommern und Rügen, Gott wieder wohlgefällig und dem König angenehm werden, muß es – ich meine das platte Land – zurückkehren in den Besitz des Standes, dem es die Ungunst der Zeiten und die Folgen des unseligen Gesetzes vom 9. Oktober 1807 entrissen haben: in den Besitz des Adels. Das ist nicht unmöglich, wenn unsere, jetzt allerdings fürchterlich dezimierten, Standesgenossen ihre Schuldigkeit tun und an ihrer materiellen, auch wohl moralischen Regeneration ununterbrochen arbeiten, unter dem Schutze unseres allergnädigsten Monarchen und seiner erleuchteten Diener, die keinen lebhafteren Wunsch haben, als ein solches Bestreben nach Kräften zu fördern: durch Errichtung von Majoraten, wo die Möglichkeit dazu vorhanden, durch Bevorzugung unseres Standes bei der Verpachtung der Unmenge von Domänen, die unsere Provinz zählt, und vielleicht allmähliche Rückwandlung dieser Staatsgüter in adlige Lehnsgüter – mit einem Worte durch Kreierung von Latifundien, die dann wieder, in englischer Weise, an Pächter abgegeben werden mögen, damit sich der Adel, ungestört durch kleinliche Sorgen, im Staats-, Hof- und Militärdienst seinen natürlichen Pflichten widmen möge. Nun kann auf der Welt diesem so einsichtsvollen und vielverheißenden Plane nichts mehr widerstreben, als eine weitere Zersplitterung des schon zertrümmerten Besitzes durch Ausschlachtung größerer Güter in kleinere Höfe, die man an sogenannte freie Bauern gibt. Und das gerade ist es, was Ihr Herr Zempin getan hat, um es freilich sofort an seinem Vermögen hart zu büßen. Ich wünsche von Herzen, daß seine anderen Extravaganzen, unter denen seine Blumenpassion nicht die schlimmste sein dürfte, ihm besser bekommen mögen. Aber das ist ja eben der Fluch des Parvenütums. Aus Bauern sind sie hervorgegangen – Sie wissen, daß diese Zempins auf den Gütern eines uralten schwedischen Grafengeschlechtes sitzen, deren einer Verwalter noch der Vater war – und bäuerisch sind ihre Tendenzen, Empfindungen, Gewohnheiten, womit sie denn die echt bäuerische Geschmacklosigkeit verbinden, es dem Adel nach- und gleich- und womöglich zuvortun zu wollen in Dingen, welche das ausschließliche Vorrecht des Adels schon um deshalb bleiben sollten, weil nur der Adel das angeborene und anerzogene Geschick dazu hat. Ich gehe hier nicht mehr auf die Jagd, weil ich sicher sein kann, daß ein Herr Müller oder Schulze neben mir auf denselben Rehbock schießt und dann schwört, er habe allein geschossen; und ich gestehe, daß sich mir auf den Sundiner Rennen, die ich anstandshalber besuchen muß, das Herz umdreht, wenn ich im Herrenreiten dieselben Herren Müller und Schulze in rotem Frack und Stulpstiefeln auf dem Plane erscheinen sehe. Es ist eben die alte Fabel, die hier leider traurige Wirklichkeit ist: es geht den Leuten zu wohl; die Domänenpächter bekommen manchmal ihren ganzen Pachtschilling aus der Lammwolle heraus, die Gutsbesitzer ersticken in ihrem Fett – verzeihe den Ausdruck, liebe Alix! – weshalb sollten Sie sich keine Rennpferde und Windhunde erlauben? auf den Landständetagen lärmende Opposition machen und der Regierung in allem Widerpart halten? Und da sind es wiederum die Brüder Zempin – denn der eine ist mutatis mutandis wie der andere, und gleiche Brüder, gleiche Rappen – die auch in diesem Punkte als Muster des Bauerntrotzes gelten dürfen. Mein Gott, was haben mir diese Menschen schon das Leben sauer gemacht! Da ist keine Verordnung, der sie sich nicht widersetzen, kein Verbot, das sie nicht übertreten, keine Verpflichtung, zu deren Erfüllung sie nicht durch Strafandrohungen und Strafmandate angehalten werden müssen! So sind sie in jedem Zuge der ausgeprägte Typ jener Bauernsöhne, welche sich Herren dünken, weil sie sich auf alten Herrensitzen breitmachen dürfen; auf den Sitzen der Herren, die verarmt und dezimiert wurden, weil sie hier und da – ich gebe es zu – den Glanz der Repräsentation des Standes ein wenig übertrieben hatten oder Haus und Hof verließen, um für ihren Gott und ihren König das Blut auf den Schlachtfeldern zu verspritzen.« Der Graf lehnte sich in den Stuhl zurück, offenbar sehr zufrieden mit seiner Rede, welcher der Hausmeister am Büfett, mit zur Seite geneigtem Kopfe, ohne sich zu regen, andachtsvoll gelauscht hatte, während die beiden Diener bei dem Servieren des Nachtisches jedes Geräusch sorgfältig vermieden. Der Gräfin, die dem beredten Gemahl schon wiederholt mißbilligende Blicke zugeworfen, mochte nicht entgangen sein, wie auf dem Gesichte des Gastes die Farbe wiederholt gewechselt hatte. Sie sagte mit ihrem huldvollsten Lächeln: »Gestehen Sie, lieber Baron, daß Sie von den Ausführungen meines Gatten nicht völlig befriedigt sind; und du mußt mir schon die Bemerkung erlauben, lieber Ulrich, daß auch ich es nicht bin. Du hast diesmal, was sonst nicht deine Gewohnheit ist, der Güte deiner Sache durch allzu häufige Einmischung des Persönlichen geschadet; aber ich bin überzeugt, daß unser Herr Baron das eine von dem anderen wird zu trennen wissen.« »Wenn ich aufrichtig sein darf, gnädige Gräfin«, erwiderte Gerhard, »so ist mir, was ich allerdings sonst immer anstrebe, gerade diesmal nicht völlig gelungen; doch lag zweifellos die Schuld nicht an dem Sprecher, sondern an dem Hörer, der nicht vergessen konnte – gerade in diesem Augenblicke, wo er sich der liebenswürdigsten Gastfreundschaft erfreut – daß die Gastfreundschaft überall heilig ist, auch unter dem Dache eines ehemaligen Herrenhauses, dessen immerhin von Bauern abstammende Bewohner den Fremden mit offenen Armen und Herzen aufgenommen haben.« Gerhard bereute sofort, daß er sich in seiner Entgegnung, die er sich und welche er Zempins schuldig zu sein glaubte, zu einer solchen Lebhaftigkeit hatte hinreißen lassen. Wie sollte er jetzt noch den Mut finden, auch nur ein Wort zugunsten von Ediths Vater einzulegen! Das gute Einvernehmen, das bisher zwischen ihm und dem Grafen geherrscht, schien unwiederbringlich gestört. Der Graf biß sich auf die Lippen, eine verlegene Pause entstand, während welcher der Hausmeister den Kopf von der rechten auf die linke Seite neigte und die Diener Blicke wechselten, ob sie mit dem Einschenken des Champagners fortfahren sollten, bis ein Blick der Gräfin ihrem Zweifel ein Ende machte. »Ich ersuche die Herren«, sagte sie, »ihre Gläser zu leeren auf die Gastfreundschaft, in welcher Gestalt und Form sie uns auch entgegentreten möge, und«, fuhr sie, sich plötzlich des Französischen bedienend, lächelnd fort, indem sie gleichzeitig das eigene Glas erhob, »da ich abstrakte Toaste nicht liebe, wollen Sie, Herr Baron, mir erlauben, nun doch wieder das persönliche Element heranzuziehen, aber in einer Form, für die ich zum voraus Ihrer und meines Gemahls sicher bin, der für reizende Frauen und anmutige Mädchen schwärmt und mir zugeben wird, daß die Damen, deren Gegenwart Ihren Aufenthalt, Herr Baron, unter einem gewissen Dache belebt und denen wir schon deshalb dankbar sein müssen, ebenso reizend wie anmutig sind.« Die Gräfin verneigte sich, an ihrem Glase nippend, erst gegen den Gast, dann gegen den Gatten, lächelnd und im stillen sich fragend, ob sie nicht etwa den ersteren, dessen Gesicht abermals von einer lebhaften Röte bedeckt wurde, durch ihr Französisch in eine böse Verlegenheit gebracht habe. Sie atmete förmlich erleichtert auf, als Gerhard, dem die Sprache von Jugend auf vertraut und völlig geläufig war, ohne eine Pause eintreten zu lassen, ebenfalls französisch erwiderte: »Ich danke Ihnen von Herzen, gnädige Frau, für die Güte, mit der Sie über meine Unschicklichkeit weggesehen haben; sodann für die Gelegenheit, die Sie mir geboten und die zu ergreifen ich nicht zögern darf, von einer Sache zu sprechen, die mir – im Interesse eben jener Damen, deren Sie in so liebenswürdiger Weise Erwähnung taten – sehr am Herzen liegt.« Und Gerhard, sich nun zum Grafen wendend, aber so, daß die Gräfin sich ebenfalls für beteiligt halten mußte, berichtete, wie er von Fräulein Edith Zempin gehört, daß eine Gefahr, welche man in diesem Falle wirklich ein Damoklesschwert nennen dürfe, über dem Haupte ihres Vaters schwebe, dem eine Gefängnisstrafe, wie sie ihn bedrohe, ein schlimmeres Übel dünke, als selbst der Tod. Er seinerseits wisse ja freilich, daß das Gesetz keine Ausnahmen statuiere, aber die besondere Gemütsart des menschenscheuen Mannes, die bis zur Manie gehende Leidenschaft für das Volk der Vögel, seien gewiß mildernde Umstände, die ein gerechter Richter nicht unberücksichtigt lassen könne, zumal wenn ein Mann von der Autorität des Herrn Grafen dafür plädiere. Und diese Verwendung werde um so höher angeschlagen werden, als man ja die anderweitigen gewichtigen Gründe sehr wohl kenne, die der Herr Graf habe, der Brüder Zempin, seiner Gegner in dem Rechtshandel um den Retzower Forst, nicht zu schonen, mithin ein Schritt von seiner Seite zugunsten des Angeklagten als ein Akt edelster Humanität gelten müsse. Gerhard hatte mit bescheidener Lebhaftigkeit gesprochen, im Inneren froh, all das Schmeichelhafte für den Grafen, das er klüglich anbrachte, in die gefällige Form glatter französischer Phrasen kleiden zu dürfen. Auch mochte er mit der Wirkung seiner Worte wohl zufrieden sein: der Graf hatte ein paarmal, die Spitzen des langen Schnurrbartes wohlgefällig berührend, zu seiner Gemahlin hinübergeblickt, die ihrerseits die sonst so strengen Augen mit immer freundlicherem Ausdruck auf den Sprecher gerichtet hatte und, als er nun geendet, sich mit einem aufmunternden: »Nun, mein Lieber, was sagst du?« zu dem Gemahl wandte. »Ich sage«, erwiderte der Graf ebenfalls französisch, »daß ich unserem werten Gaste mich aufs tiefste verpflichtet fühle für seine so überaus gütigen Gesinnungen in dem Augenblicke, wo er begründete Veranlassung hatte, mir ein wenig zu zürnen; und daß ich, was in meinen schwachen Kräften steht, versuchen werde, ihm gefällig zu sein. Nur zwingt mich die Wahrheitsliebe, hinzuzufügen, wie ich fürchte, daß die Angelegenheit, die sich bereits seit längerer Zeit in den Händen des Richters befindet, schon zu weit gediehen ist. Indessen ich will sehen, was sich tun läßt.« Er wiederholte die letztere Phrase noch ein paarmal und fuhr dann auf deutsch fort: »Freilich, freilich; diese Herren treiben es auch gar zu arg. Da soll morgen in dem Retzower Forst eine große Gesellschaft, wie ich höre, vor sich gehen, über die uns unser werter Gast gewiß Näheres mitteilen kann. Die unbedingt nötige Erlaubnis aber zur Benutzung des Forstes ist, wie ich sicher weiß, bis zur Stunde nicht eingeholt worden, und wird – daraufhin kenne ich die Herren – auch schwerlich eingeholt werden. Nun, ich werde ein Auge zudrücken, und so wird es der Herr Oberförster tun. Restiert nur noch der Förster, für dessen Nachgeben ich nicht einstehen möchte: er ist ein alter Soldat, der sich an seine Instruktionen hält mit einer Gewissenhaftigkeit, zu der er – ein begnadigter Baugefangener – auch freilich die begründetste Veranlassung hat. Ich will übrigens mit dem Manne selber reden, und kann es zufällig noch heute, da er, ebenso wie ein gewisser Deep, der Ihnen bekannt sein dürfte, Herr Baron, in der Retzower Prozeßsache eine Aussage zu machen hat und wahrscheinlich eben jetzt in der Amtsstube ist.« Der Graf beauftragte den Hausmeister, dafür zu sorgen, daß der Förster Garloff, den er noch zu sprechen wünsche, das Schloß nicht verlasse; sodann aus seinem Privatarbeitszimmer einige Papiere zu bringen, die auf dem Schreibtische bereitlegen. »Es sind dies die Papiere«, sagte er, sich wieder zu seiner Gemahlin und Gerhard wendend, »die mir vom Onkel Exzellenz heute zu Händen kamen, und deren merkwürdigen Inhalt mitteilen zu dürfen ich vorhin um deine Erlaubnis bat, liebe Alix.« »Du machst mich in der Tat neugierig«, sagte die Gräfin; »nach deiner Miene müßte ich glauben, daß es sich um ein Staatsgeheimnis handelt.« »Um ein Geheimnis allerdings«, erwiderte der Graf, »das sogar auch einen hochoffiziösen Anstrich hat, insofern, als die Diplomatien zweier Staaten bereits darin tätig sind, und dessen Lösung deinen bekannten Scharfsinn auf die strengste Probe stellen wird.« »Ohne Schmeicheleien, lieber Freund«, erwiderte die Gräfin, »und ohne lange Einleitung, wenn ich bitten darf.« »Ohne alle Einleitung wird es freilich nicht gehen«, sagte der Graf; »doch will ich mich, deinem Befehle gemäß, bemühen, dieselbe möglich kurz zu fassen. Die Sache ist –« Der Hausmeister war wieder eingetreten: er hatte die vom Herrn Grafen befohlenen Papiere, trotz allen Suchens, nicht finden können. Der Graf runzelte die Stirn, besann sich dann aber, daß er sie eingeschlossen; er wolle selbst gehen, sie zu holen, bitte dringend, sitzenzubleiben, werde in einer halben Minute zurück sein. »Spannen Sie Ihre Erwartungen nicht zu hoch«, sagte die Gräfin, als der Graf den Saal verlassen, sich abermals des Französischen bedienend, das sie mit großer Geläufigkeit, wenn auch nicht eben sehr richtig, sprach; »ich vermute, daß alles auf einen Scherz hinausläuft; er wird uns seine Ernennung zum Präsidenten in Sundin, welche er, unter uns, ein wenig ambitioniert, und die ihm vom Onkel Exzellenz in sichere und nahe Aussicht gestellt ist, mitteilen wollen. Freilich eine so rasche Erfüllung hätte ich selbst nicht vermutet. Indessen: wir werden ja sehen! Lassen Sie mich lieber diesen Augenblick benutzen, Herrn Baron, Ihnen zu sagen, daß Sie mir durch Ihre kluge Parteinahme für die Zempins einen Dienst erwiesen haben, den ich Ihnen deshalb nicht weniger danke, weil er vielleicht unabsichtlich war, wenn er es war. Ich vermute das Gegenteil. Ich möchte darauf wetten, daß Ihnen – lassen Sie uns einmal ganz aufrichtig sein, Herr Baron! – diese Zempins ebenso unsympathisch sind, wie meinem Gatten oder mir, die Damen eingeschlossen, deren plumpe Koketterie oder gesuchte Einfachheit und fiktive Noblesse einem Manne von Ihrem guten Geschmacke unmöglich gefallen kann. Ich habe deshalb auch, noch bevor ich das Glück hatte, Sie persönlich zu kennen, meine originelle Freundin, die Baronin Basselitz, ausgelacht, die durchaus wissen wollte, daß Sie sich für eine der Töchter des Kosenower Zempin – ich glaube, es ist die jüngste – interessieren. Wie richtig mein Gefühl war, beweist mir ein Brief der Baronin – sie schreibt sehr originelle Briefe, en passant – den ich heute morgen empfing, und worin sie mir die bevorstehende Verlobung des Baron Bogislaf mit dem Mädchen anzeigt. Ich sagte sofort zu meinem Gatten, daß er gegen die Verwandten der zukünftigen Gemahlin unseres reichsten Großgrundbesitzers, wes Abstammung immer seine Mutter, die Baronin, ist – etwas mildere Saiten aufspannen müsse. Diese abermalige Mesalliance ist ja freilich ein großen Unglück; aber, wie die Sachen hier einmal liegen, muß man gute Miene zum bösen Spiele machen: die Solidarität der so schwer bedrohten Interessen unseres Standes erfordert das gebieterisch. Ich würde mich wahrhaft glücklich schätzen, wenn Sie mir sagen könnten – nicht, daß Sie meine Ansichten im Prinzip teilen, davon bin ich von vornherein überzeugt – sondern, daß ich auch darin recht gehabt, wenn ich in Ihrem Plädoyer für die Zempins nur eine ebenso taktvolle wie kluge Verteidigung unserer gemeinschaftlichen Sache sah.« Gerhards Herz wurde, während die Gräfin so sprach, von wechselnden Gefühlen bestürmt. Hier also war die volle, unzweifelhafte Bestätigung dessen, wogegen sich sein Stolz doch immer noch heimlich gesträubt: die Bestätigung des schmählichen, frechen Verrats, dessen Opfer er in seiner Verblendung geworden war! Nun – mochte das eitle Herz noch einmal zucken! – das war vorbei, mußte vorbei sein, damit die befreite Seele sich rein baden konnte in dem reinen Äther, in dem Edith wohnte. Er hatte ihr eben dienen können mit Hintansetzung seiner persönlichen Eitelkeit, indem er für ihren geliebten Vater sprach und ihr so hoffentlich einen Teil der Sorgen- und Kummerlast von dem edeln Herzen nahm. Was wollte es gegen diese beseligende Empfindung sagen, daß die Gräfin auch sie in ihr Verdammungsurteil der Zempiner Damen einschloß! was wußte diese Frau von der Guten, Schönen! fiktive Noblesse! fürwahr! Glücklicherweise legte sich die Gräfin das Lächeln, das um Augen und Lippen des Gastes spielte, nur zu ihren Gunsten aus; auch mußte sie auf eine andere Antwort verzichten, weil ihr Gemahl noch während ihrer letzten Worte wieder in den Saal trat. Da sie nicht merken lassen wollte, ein wie vertrauliches Thema sie mit dem Gaste verhandelt, wandte sie sich sogleich zu dem Eingetretenen: »Nun, da bist du ja, mein Lieber: wir sterben vor Neugier.« »Nur ein ganz klein wenig Geduld, meine Liebe«; sagte der Graf. Fünftes Kapitel Der Graf hatte dem Hausmeister einen Wink gegeben, worauf sich dieser mit den beiden Dienern entfernte. Zu seinem Platze an der Tafel zurückgekehrt, legte er, sich setzend, die mitgebrachten Papiere neben den Dessertteller und sagte, nachdem er sich die Lippen mit ein paar Tropfen Champagner gefeuchtet: »Ich habe die Leute weggeschickt, liebe Alix, weil das wichtige Dokument, das ich vorzulegen um die Erlaubnis bitte, trotzdem es ein französischer Brief ist, mir in deutscher Version von Onkel Exzellenz vermutlich in der guten Absicht gesandt ist, mir die kleine Mühe des Übersetzens zu ersparen, falls ich mich veranlaßt finden sollte, das Schriftstück einem und dem anderen Herrn Nachbar mitzuteilen, von denen man ebensogut die Quadratur des Zirkels, als Kenntnis einer fremden Sprache fordern könnte. Und diese Mitteilung wird, wie Onkel Exzellenz vorausgesehen, allerdings wohl nötig werden, da nur die intimste Erinnerung an Land und Leute vor einigen dreißig Jahren, die ich, abgesehen davon, daß ich ein Eingewanderter bin, unmöglich haben kann, eine Lösung des Rätsels verspricht. Um nun sofort zur Sache zu kommen – ich sehe, liebe Alix, daß du bereits ungeduldig wirst – es handelt sich darum, in unserer Gegend ein Gut, vielmehr das Gut zu entdecken, auf welchem der besagte Brief – etwa vom neunzehnten Januar bis Ende desselben Monats, spätestens bis Anfang Februar 1813 – denn der Brief besteht aus mehreren, an verschiedenen Tagen während eines Zeitraums von etwa zwei Wochen entstandenen Absätzen – geschrieben ist, von dem Vicomte Victor Amadé de Brissac, Oberst in dem Korps des Marschalls St. Cyr und sein persönlicher Adjutant, auf dem Rückzuge der französischen Armee nach der Katastrophe an der Beresina. Ich bemerke für dich, liebe Alix, der die einzelnen Daten dieser schrecklichen Ereignisse weniger gegenwärtig sein möchten, daß die Katastrophe am 12. Dezember 1812 stattfand, und der Kaiser, der der Armee vorauseilte, bereits am 14. durch Dresden kam, um sich eiligst nach Paris zu begeben, von seiner Nation die ungeheueren Opfer zu fordern, die der bevorstehende Revanchefeldzug kosten mußte. Zu diesen Opfern gehörte natürlich Geld und abermals Geld; und da die zum Teil noch recht gefüllten Kriegskassen, welche die dem Kaiser mit ihren Stäben zuerst folgenden Marschälle und Generäle bei sich führten, in Paris notwendiger und vor allem sicherer waren, als unterwegs – wo man sich noch immer durch Requisitionen schadlos halten konnte – mochte es geschehen, daß einzelne, besonders gewandte und vertrauenswerte Offiziere mit diesen Kassen vorausgeschickt wurden. Eine solche, unter jenen Verhältnissen unendlich verantwortliche und schwierige Mission wurde auch dem Vicomte de Brissac zuteil – wie der Erfolg zeigte, zu seinem persönlichen Verderben und zum nachträglichen tiefsten Kummer seiner Familie. Um von der letzteren, einem Edelmanne schlimmsten Kalamität zuerst zu sprechen, so geschah in Frankreich damals, was ja auch bei uns leider Regel ist: daß der große Haufe, der keine Achtung vor dem Unglück hat, zumal wenn es gilt, edle Namen in den Staub zu ziehen, die Ursache und Schuld des nationalen Verderbens einigen wenigen, das heißt: den Führern, aufbürdete und über Verrat schrie, wo der Finger Gottes auch dem blödesten Auge hätte sichtbar sein müssen. Und – tout comme chez nous – den Aberwitz der Pöbelphantasie adoptierte eine hocherleuchtete sogenannte liberale Geschichtsschreibung, die alten albernen Märchen unermüdlich wieder aufwärmend zum Gaudium der großen Menge und zum tiefsten Leide der doch gewiß unschuldigen Nachkommen von Braven, die sich aus ihren Gräbern nicht mehr verteidigen konnten. Dieses Leid traf denn nun auch die Brissacs in einem um so schlimmeren Grade, als das Grab des Vicomte völlig unbekannt war. Man behauptete mit frecher Stirn, der Vicomte habe sich mit der gefüllten Korpskasse bei passender Gelegenheit, an der es ja in dem unglaublichen Wirrwarr nicht fehlen konnte, von Berlin aus, bis wohin man seine Spur genau verfolgen konnte, davongemacht und auf der doppelt schimpflichen Flucht ein schmähliches Ende genommen. Die Vicomtesse, die sich der glücklichsten Ehe kaum ein halbes Jahr erfreut hatte, hüllte sich, wie es Frauen ziemt, den schmählichen Verleumdungen gegenüber in ihren Witwenschleier und das Gefühl einer Würde, zu deren Höhe das Geschrei des Pöbels nicht hinaufreicht; der junge Vicomte aber, dem die Mutter noch während des unglückseligen Feldzuges das Leben gab, und der jetzt also ein Mann von zweiunddreißig Jahren ist – in hochangesehener Stellung, wie ich nebenbei bemerken will – ruhte und rastete nicht, bis er den Flecken abgewaschen, womit Bosheit und Niedertracht sein Wappenschild befleckt hatten. Seinen unermüdlichen, durch seine Stellung und seine persönlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen zu den höchsten Familien Frankreichs unterstützten Bemühungen gelang es, in den Archiven des Kriegsministeriums eine Kopie des Passes aufzufinden, der dem Obrist Vicomte de Brissac vom Marschall Augereau, damals Oberbefehlshaber in Berlin und in den Marken, ausgestellt war, und in welchem alle Kommandanten, Behörden und so weiter aufgefordert wurden, dem genannten Vicomte auf seiner, die höchste Eile erfordernden wichtigen Mission jeden möglichen Vorschub zu leisten. Daß diese Mission nur einen Zweck haben konnte: die Beförderung der Korpskasse nach Paris, lag zwar von vornherein auf der Hand, wurde aber noch durch die gerichtliche Aussage eines alten Zahlmeisters, der bei der Überlieferung zugegen gewesen und den der Vicomte, ich weiß nicht wo, entdeckt hatte, bestätigt. Selbst die enragiertesten demokratischen Schreier wagten die Tatsache selbst nicht länger anzuzweifeln, und vor ihnen wenigstens hatte man Ruhe. Aber dem pietätvollen Sohne war dies nicht genug: bis dahin kam mein Vater auf seiner Fahrt, und kam nicht weiter, weil er sein Leben für seinen Kaiser lassen mußte – das war es, was ihm noch festzustellen blieb. Die Vicomtesse wußte, daß, während sie bei der Geburt ihres Knaben mit dem Tode rang, ein langer Brief ihres Gatten auf dem Schlosse angekommen war, den sie in halbem Delirium gelesen, und aus dem sie sich nur so viel erinnerte, daß ihn der Vicomte auf eben jener verhängnisvollen Reise – jedenfalls noch zu Anfang derselben – denn es war viel von grausamer Kälte und tiefem Schnee die Rede gewesen – geschrieben; sie konnte aber nicht sagen, von welchem Orte; sie meinte, es sei kein bestimmter Ort angegeben worden. Dieser kostbare Brief schien unwiederbringlich verloren, entweder sofort in jenen Tagen von den gewissenlosen Leuten oder in einem kurze Zeit darauf, noch während der Krankheit der Vicomtesse, auf dem Schlosse stattgehabten Brande. Der Vicomte, ihr Sohn, ließ sich durch keine Schwierigkeit abschrecken; nach unendlichem Suchen – wer in frommem Glauben sucht, läßt Gott finden! – entdeckte er in einem vergessenen Koffer, vergraben unter wertlosen Dingen, wie sie sich in einem alten Schlosse anhäufen, eben jenen Brief. Sie werden sofort sehen, weshalb die arme Vicomtesse sich keines Ortsnamens erinnern konnte. Bevor ich aber an die Lektüre selbst gehe, muß ich noch bemerken, daß in dem Paß die Route Stettin-Sundin – eine der französischen Militärstraßen jener Zeit, liebe Alix! – genannt und ausdrücklich bemerkt war, daß von Sundin aus die Wahl der einzuschlagenden Route ganz dem Ermessen des Herrn Vicomte anheimgestellt sei. Nun aber ist es überaus unwahrscheinlich, daß bis zu dem letztgenannten Orte den Vicomte irgend ein Unfall getroffen, geschweige denn das Verhängnis ereilt haben sollte; dazu war die Furcht vor den Franzosen innerhalb der von ihnen besetzten Distrikte noch zu groß; auch widerspricht dieser Annahme der Inhalt des Briefes. Von Sundin aus mußte der Weg weiter westwärts, vermutlich nordwestlich nach dem von den Franzosen okkupierten Hamburg, durch das damals noch schwedische Neuvorpommern, das heißt unseren Regierungsbezirk, gehen; und auf diese Folgerungen sich stützend hat eben Onkel Exzellenz gerade mir den Brief gesandt, den der Vicomte mit den nötigen Erläuterungen unserer Gesandtschaft in Paris anvertraut hatte, und der von dieser wiederum nach Berlin an das Ministerium übermittelt wurde. Onkel Exzellenz, der die Angelegenheit – für die sich auch Se. Majestät lebhaft interessiert – mit gewohntem Eifer in die Hand genommen, ersucht mich dringend, alles aufbieten zu wollen, das Geheimnis zu lüften, das leider noch über der Angelegenheit schwebt. Und nun, liebe Alix, mein werter Herr Baron: dies ist der Brief, wenn man so nennen kann, was schon mehr ein unter den seltsamsten – ich darf sagen: tragischsten Verhältnissen abgefaßtes Memoire ist.« Die Gräfin hatte über dem Interesse, welches ihr diese Mitteilungen denn doch einflößten, das Gefühl der Enttäuschung überwunden, das sich anfangs ziemlich deutlich auf ihren Mienen ausgeprägt; auch Gerhard war, in seine eigenen Gedanken verloren, dem Vortrage des Grafen nur mit halber Aufmerksamkeit gefolgt, bis die Seltsamkeit und das Geheimnisvolle der Begebenheit, deren Schauplatz eben diese Gegend gewesen sein sollte, auch seine Teilnahme erregte und zuletzt fesselte. Hatte doch der Französisch-Russische Krieg in der Geschichte seiner eigenen Familie eine so verhängnisvolle Rolle gespielt! und hier schien es sich um ein Schicksal zu handeln, das dem seines Großvaters in mehr als einem Punkte glich. Selbst die Nachforschungen des Vicomte nach dem verschollenen Vater fanden ein Gegenbild in den Bemühungen seines eigenen Vaters, das Dunkel aufzuhellen, das über dem Tode des Großvaters hing, nur daß diese Bemühungen nicht, wie hier, auch nur mit einigem Erfolge gekrönt waren; und, wären sie es gewesen, schwerlich, wie hier, dazu beigetragen hätten, das Andenken eines ungerecht Verdächtigten und Verurteilten zu reinigen und wiederherzustellen. Dessen mußte Gerhard schmerzlich gedenken, als jetzt der Graf, nachdem er an dem Kaffee genippt, welchen die Gräfin unterdessen eigenhändig serviert, und bemerkt hatte, daß man ihn nicht für die hier und da auffällige Steifheit der Übersetzung verantwortlich machen wolle, also begann:   »Ich schreibe dies, meine Vielgeliebte, von einem Orte aus, den ich nicht nennen darf, um, würde der Brief aufgefangen, die Meute nicht auf unsere Spur zu bringen; unter Verhältnissen, bei deren Schilderung aus demselben Grunde die größte Vorsicht mir die Feder führen muß; – in der Ungewißheit, ob dies jemals in Deine lieben Händen gelangt, ja in der Hoffnung, daß es mir vergönnt sei, noch vorher in Deine Arme zu eilen und Dich an ein Herz zu drücken, welches nur für Dich schlägt. Weshalb ich dennoch schreibe? Könnte die Liebe wirklich so fragen? sollte sie nicht aus eigener Erfahrung wissen, daß nächst dem unaussprechlichen Glück der geliebten Nähe es kein größeres gibt, als sich mit dem Gegenstande seiner Zärtlichkeit in Gedanken zu beschäftigen, die Phantasie gleichsam zu zwingen, ihre luftigen Gebilde an Stelle der Wirklichkeit treten zu lassen? Oh, meine vielgeliebte Sophie, ich sehe Dich im Wachen und im Traume – auf der Terrasse unseres Schlosses im milden Scheine unserer schönen südlichen Wintersonne; in dem abendlichen, kerzenerhellten Salon, bald allein, bald in Gesellschaft der guten Tante, des würdigen Pfarrers, vielleicht auch eines oder des anderen unserer braven Nachbarn; sehe Dich, wie ich Dich zuletzt sah: das holde Gesicht von Tränen der Verzweiflung überströmt, die dann vor einem Lächeln schwinden – einem Lächeln der Hoffnung, meine Liebe – einer süßen Hoffnung, welche zur herrlichsten Erfüllung werden wird, wenn der gute Gott die Gebete erhört, die ich stündlich für Dein Wohl zum Himmel sende. Müßte ich zweifeln, daß Deine Gedanken bei mir weilen, wie die meinen bei Dir, ich würde diese Stunde nicht überleben mögen; aber ich würde sehr traurig sein, meine Liebe, stände vor dem Auge Deines Geistes meine gegenwärtige Situation in allen Einzelheiten so klar, wie ich Dir auf jedem Schritte Deines Weges folgen darf. Ist doch mein Pfad so dunkel, wie der Deinige hell! so voller Gefahren, wie der Deinige von allen guten Engeln behütet! – so dunkel in der Tat und gefahrvoll, daß ich ihn am liebsten ganz allein gehen möchte, und schon die Begleitung der beiden Menschen, die meine Gesellschaft bilden, mein Herz beschwert und mein Gewissen beunruhigt. Zwar mein getreuer Baptiste würde mich ja nicht verlassen, selbst an den Pforten des Ortes, den ein frommer Christ, Gott sei gelobt, nie betreten wird; und mein Freund, den ich bereits von Paris aus jener Zeit her kenne, als meine Sophie noch nicht als unumschränkte Königin in meinem Herzen regierte, und der während der Kampagne mein Pylades geworden, ist einer von den Menschen, welchen nicht nur die Furcht fremd ist, sondern welche die Gefahr suchen, um der Gefahr willen, und mit ihr spielen wie der Sturmvogel mit den Wellen. Auch sollte ich mich eher seinen Pylades nennen, da er sich zum Orest viel besser qualifiziert, schon deshalb, weil er der Ältere ist, besonders aber, weil seine Bekanntschaft mit den Furien eine nur allzu genaue und von nur allzu langer Dauer. Oh, meine Sophie, wenn ich sehe, wie keine höchste Begabung des Geistes, keine Vorzüglichkeit und Schönheit des Leibes den Menschen vor dem Verderben der Seele schützen kann, so er der Liebe ermangelt, wie soll ich Dir danken, die Du diese reinigende, heiligende Flamme in meinem Busen entzündet hast, auf daß sie dort nur mit meinem Leben verlösche! Ich möchte dies Geplauder, das freilich nur für mich beglückend ist, so gern fortsetzen, aber...   Zwei Tage später, nachmittags. Darf ich ihn vollenden, den abgebrochenen Satz? Warum nicht? die Wahrscheinlichkeit, den Brief expedieren zu können, ist immer geringer geworden – ich schreibe eigentlich nur noch für uns beide – für den seligen Augenblick, wann wir wieder vor dem traulichen Kamin sitzen, dessen Flamme unsere erste Liebe sah und nun ein glückliches Paar beleuchten wird, doppelt glücklich, weil es wieder vereinigt ist nach so langen Trennungsleiden – dreifach glücklich, wenn auf dem Schoße der jungen Mutter – oh, mein Gott, wohin verirrt sich meine trunkene Phantasie, deren Glut nicht Eis und Schnee eines nordischen Winters, nicht der Schmerz der Wunde – nun! da steht es – das böse Wort, und mag nun stehen bleiben! Sie wird geheilt sein, bevor ich meine Sophie wiedersehe, oder heilen in dem Moment, wo ich sie wiedersehe. Ich brauche mich ihrer nicht zu schämen; sie ist ein rühmliches Angedenken des glorreichen Tages von Borodino; sie hat mir mein Obristpatent eingebracht. Ich muß ihr also manches vergeben, wenn es auch freundlicher von ihr gewesen wäre, nicht gerade jetzt wieder aufzubrechen, wo ich zur Ausführung meiner Mission der freiesten Verfügung über alle meine Kräfte der Seele und des Leibes bedarf, und – das Thermometer beständig zehn Grad unter Null steht. Freilich ist gerade der letzte Umstand die bewirkende Ursache – so sagt Baptiste, der nichts, so sagt mein Freund, der ein wenig, und so sagt schließlich auch unser Wirt, der, glaube ich, ziemlich viel von der Sache versteht –   Am folgenden Tage, morgens. Er ist sonst nicht sehr gesprächig, unser Herr Wirt, und was er sagt, nicht immer sehr angenehm, zum Beispiel, daß wir besser täten, des Abends kein Licht zu brennen – ein Wunsch, der natürlich für uns Befehl ist, und dessen Befolgung mich gestern abermals abbrechen ließ, nachdem ich kaum begonnen. Nicht als ob wir Gefangene wären, meine Liebe, durchaus nicht! Wir könnten jeden Augenblick gehen, wenn der Schnee, welcher alle Wege tief bedeckt hat, die Kälte, welche selbst dem Gesunden das Mark in den Knochen erstarren macht und eine aufgebrochene Wunde tödlich vergiften würde, schließlich die Rachgier einer brutalen Bevölkerung nicht ebensoviel unübersteigliche Hindernisse für uns wären. Das letzte vielleicht das schlimmste, trotzdem es jeder adäquaten Ursache zu entbehren scheint. Was haben wir diesen Menschen getan? gerade diesen, welche – in dem stillsten Winkel des Landes – von den Leiden des Krieges kaum etwas verspürt, den Untertanen noch dazu eines Staates, mit dem wir bis zum letzten Augenblicke die freundlichsten Beziehungen unterhielten, welche man freilich jetzt, wo wir am Boden zu liegen scheinen, schnell genug von jener Seite aufgegeben hat? Ist Deutschland wirklich eine Nation? oder auf dem Wege, eine zu werden, da es patriotische Schmerzen selbst in Teilen fühlt, die längst schon von dem Hauptkörper abgetrennt sind? Ich habe diese Fragen durch die Interpretation des Freundes unserem Wirte vorgelegt; er aber schüttelte nur das mächtige Haupt und wiederholt seine Warnung, nach Dunkelwerden kein Licht mehr zu brennen. Es verhält sich aber damit so: Wir sind in einem Schlosse einlogiert, welches zwar nicht an der Landstraße liegt, aber von derselben auch nicht so weit entfernt ist, daß man durch die zahlreichen und gewaltigen, leider jetzt blätterlosen Bäume und die schneebedeckten Büsche etwa erleuchtete Fenster nicht entdecken sollte. Das Schloß steht schon seit Jahren leer, da der Besitzer, was ich sehr begreiflich finde, sich in schöneren Gegenden, als sie diese ultima Thule bietet, behaglicher fühlt. Der Verwalter des Gutes, eben unser Wirt, bewohnt mit seiner Familie ein unbedeutendes Nebenhaus. Jedes Zeichen von Leben nun in dem Schlosse würde die Aufmerksamkeit der Passanten, die Neugier der Nachbarn erregen; und unsere Sicherheit beruht eben darauf, daß dies nicht geschieht, daß das Schloß Tag und Nacht mit verschlossenen, oder doch nur vereinzelt und vorsichtig geöffneten Jalousien daliegt – verlassen und verödet, wie die Leute es seit so langer Zeit zu sehen gewohnt sind. Nur unter dieser Bedingung, wiederholt uns täglich der Wirt, könne er unser Bleiben verstatten und sich für unsere Sicherheit verbürgen. Du magst glauben, meine geliebte Sophie, daß ich für mein Teil so gemessenen Anweisungen mit der Pünktlichkeit nachkomme, welche ich meiner Mission, welche ich Dir schuldig bin, und auch bei meinen Gefährten auf die strikte Einhaltung einer Hausordnung dringe, die freilich dem Leichtsinn des einen und der waghalsigen Kühnheit des anderen gleich lästig und widerwärtig ist. Und nun fragst Du, geliebtes Herz, welcher unglückliche Zufall uns denn in diese Situation, die einer Gefangenschaft nur zu ähnlich sieht, geführt hat? Es ist mit wenigen Worten gesagt. Eine militärische Eskorte, wie sie mich bis zu der zweiten Etappe meiner Route begleitet, wäre von dort aus nur noch vom Übel gewesen. Sie würde die Aufmerksamkeit der fanatisierten Bevölkerung auf uns gelenkt und uns doch im Falle des entschlossenen Angriffes einer größeren Schar keinen hinreichenden Schutz gewährt haben. Wir verzichteten also auf jede Begleitung, packten unsere Uniformen in den Koffer – mein Freund war durch die Gnade des Kaisers, mit Überspringung der unteren Chargen, nach dem Tage von Borodino, der uns für das Leben verband, das wir uns gegenseitig retteten, zum Kapitän ernannt worden – und hüllten uns in Zivilkleider. Ein mit zwei tüchtigen Pferden bespannter Leiterschlitten sollte uns noch vor Abend nach der kleinen Stadt X. an der X.schen Grenze bringen, von wo wir nur noch zwei oder drei Tagereisen nach X. gehabt haben würden. Aber bereits in der Mitte unserer Fahrt überfiel uns ein fürchterlicher Schneesturm, der den sinkenden Tag zur Nacht und die bis dahin völlig glatte Bahn unwegsam machte. Wie wir dann vom Wege ab über die Felder, zuletzt durch Wälder hierher gekommen, wüßte ich nicht zu sagen. Aber es war die höchste Zeit, daß wir irgend wohin kamen, besonders für mich, der die Schmerzen der Wunde kaum noch ertragen konnte und durch das hinzutretende Fieber fast der Besinnung beraubt war. Wir waren eben in der kritischen Lage, in welcher man mit jedem Obdach vorlieb nimmt, die erbärmlichste Hütte dem bedrängten Reisenden wie ein Schloß, und ein Schloß, wie uns nun wirklich eines aufnahm, wie ein Feenpalast erscheint. Mich brachte man sogleich in ein Bett, in welchem ich – nun denn, ich will es nur gestehen, geliebte Sophie, mich heute nach sechs Tagen noch befinde, und an diesen Zeilen kritzele – für meinen Zustand schon viel zu lange, sagt der Freund und droht, mir die Feder aus der Hand zu nehmen. Er ist der Stärkere, auch wenn ich gesund wäre, geschweige jetzt, wo ich krank bin; ich weiche der größeren Kraft. Adieu, Geliebte, für heute!   Mehrere Tage später. Es war doch für längere Zeit, daß ich es aufgeben mußte, mich mit meiner geliebten Sophie, wenn nicht im Geiste, so auf dem Papiere zu unterhalten – in der Tat, ich weiß kaum, für wie lange. Frage ich meine Empfindung, war es eine Ewigkeit, nach der Versicherung des Freundes sollen es nur ein paar Tage gewesen sein. Er hatte mir zu spät die Feder aus der Hand genommen, der liebe Freund! Wie kann ich ihm je seine Güte danken! die treue Sorge vergelten, die er mir bei Tag und Nacht widmet, er, der in allem, was ihn persönlich betrifft, keine Sorge kennt! Oh, meine Sophie, welch ein Mann ist dies! Man muß ihn lieben, um so inniger, als er sich selbst zu hassen und die wunderbarsten Gaben nur deshalb aus der Hand der Natur empfangen zu haben scheint, um sie gegen Gott zu wenden und ein Leben zu zerstören, das darauf angelegt war, eine Welt zu beglücken. Welche Widersprüche, oh, meine geliebte Sophie, in einer Menschenseele, die, wie ein Schiff auf ödem Meere, den Leitstern verloren hat und ohne Ziel und ohne Zweck in das Chaos hineinschwankt! Kann man so erhaben und so klein, so großmütig und so grausam, so gefühlvoll und so frivol, so klug und so töricht zu gleicher Zeit sein! Man muß es glauben, wenn man die intime Geschichte von dem Leben dieses Mannes kennt, wie er selbst sie mir erzählt während der langen Stunden unendlicher, durch keinen Lichtstrahl erhellter Winternächte, welche er an meinem Bette durchwachte, ohne, glaube ich, jemals die Augen zu schließen! Denn er, der jede Lust erschöpft hat, erträgt jedes Ungemach mit dem Heroismus eines Indianers und spottet der süßen Bande des Schlafes, wie jeder anderen Fessel. Ich habe schon ein paarmal versucht, von dem Rechte der Freundschaft Gebrauch zu machen und ihn mit sanfter Gewalt zu zwingen, über diese Widersprüche nachzudenken – es war immer vergeblich. Nun noch eben hat eine kleine Szene zwischen uns stattgefunden, welche für den seltsamen Mann so charakteristisch ist, daß ich sie Dir erzählen muß. Da in der endlosen Monotonie unseres Daseins selbst ihm, dem geistreichsten Menschen, zuletzt der Gesprächsstoff zu versiegen drohte, hatte er nach Büchern gesucht, die hier nicht zu finden waren, und endlich doch in seinem Koffer eines entdeckt, das sich aus der Bibliothek seines Schlosses durch Zufall dorthin verirrt, oder das er auch, sich eine müßige Stunde zu verkürzen, bei der Abreise mitgenommen – er konnte sich des Umstandes nicht mehr erinnern. Indessen, da war es, und, wie mir der Freund sagte, zu unserem Glücke eines der wenigen Bücher, auf welche Deutschland mit einigem Stolze blicken kann. Ich gestehe, daß ich mir trotz dieser Versicherung keinen großen Genuß von der Lektüre versprach, und daß es in der Tat einige Zeit dauerte, bis ich derselben auch nur einigen Geschmack abgewinnen konnte. Der Freund meinte lachend, es müsse an seiner Übersetzung liegen; aber diese Entschuldigung durfte ich nicht gelten lassen; ich war im Gegenteil der Überzeugung, daß sich das Original nicht annähernd so gut ausnehmen werde, als seine improvisierte, in keinem Moment um einen Ausdruck verlegene oder gar stockende Version. Dann aber fühlte ich mich bald von einem Zauber erfaßt, der mit jeder Seite, welche der Freund umschlug, mächtiger wurde. Nie hätte ich den Deutschen ein Genie zugetraut, das sich dem eines Voltaire, eines Rousseau getrost an die Seite stellen kann, ja, wenn ich nicht irre, das Pathos des einen mit dem Esprit des anderen vereinigt und noch eine Menge literarischer Tugenden damit verbindet, welche wir bei uns in einer Schar von kleineren, wenn auch noch immer ausgezeichneten Geistern zerstreut finden. Der Freund, dem der tiefe Eindruck, welchen das eminente Werk auf mich machte, nicht entging, verriet den patriotischen Stolz, den er in diesem Moment empfand, durch das Leuchten seiner großen, blauen Augen und das Vibrieren seiner sonoren Stimme. Es war nicht möglich, etwas Schöneres zu sehen, als diesen Mann, der von dem Feuer, welches das größte Genie seiner Nation in seine empfängliche Seele strömte, über sich selbst erhoben, ja der Genius seiner Nation zu sein schien. Auf einmal stockte seine Vorlesung, seine Augen wurden feucht bei einer Stelle, in welcher ein alter, unglücklicher Mann sein Leid klagt, dessen Tiefe keiner ermessen könne, der niemals – so ungefähr lautete der Text – mit Tränen sein Brot netzte und kummervolle Nächte, auf seinem Lager sitzend, weinend verbrachte. – oh, meine heißgeliebte Sophie, hätte ich hier nicht Deiner gedenken sollen, die Du jetzt unzweifelhaft solche traurigen Nächte verbringst? nicht meiner eigenen kummervollen Lage? hätte ich meine Tränen zurückhalten können? hätte ich mich hier entbrechen können, den Freund, den ich so tief gerührt sah, daran zu erinnern, daß er selbst einer schönen, edeln, höchst liebenswerten Frau das furchtbarste Witwentum, das der Verlassenen und Verratenen, bereitet? daß er einen Sohn des Vaters beraubt, der den liebevollsten der Väter verdient hätte, und dem das Verhängnis den grausamsten aller gegeben? Oh, meine Sophie, was habe ich nicht gesagt, dieses Felsenherz zu erweichen! und was war seine Antwort, die er mir lachend gab: Ich bitte um die Erlaubnis, mit den Tränen und dem Kummer warten zu dürfen, bis ich so gebrochen bin und einen ebensolchen langen weißen Bart habe, wie der alte phantastische Schwachkopf in dem Buche – bis dahin, mein Lieber – es lebe die Freude! es leben die Weiber! es lebe der Wein! obgleich wir hier in diesem freudlosen Aufenthalt der Weiber gänzlich ermangeln, und der Wein, den uns unser Wirt bietet, ein ganz Teil besser sein müßte, bevor man ihn gut nennen dürfte. Damit stand er auf; und jetzt höre ich ihn durch die geöffneten Türen von drei oder vier Zimmern in einem Saale, bis zu dem ich noch nicht gelangt bin, auf einem etwas verstimmten Klavier Arien aus der berühmtesten deutschen Oper des berühmtesten deutschen Maestro spielen, in denen er sich unterbricht, um einem Papagei, der sich seit gestern ebenfalls dort befindet, dieselben Melodien vorzupfeifen und ein paar französische Worte zu lehren. Er hat mir eine Wette proponiert, daß der Papagei eher Französisch lernen werde, als ich Deutsch. Oh, meine Liebe, dieser Mann wird noch am Rande des Grabes scherzen! Aber auch bis dahin die dämonische Herrschaft nicht verlieren, die er auf jeden Menschen – ja, ich möchte sagen, auf jedes Geschöpf ausübt, das in seine Nähe kommt. Da ist der älteste Sohn unseres Wirtes, ein Junge von zehn bis zwölf Jahren, höre ich, der aber die Größe eines achtzehnjährigen Kindes hat, infolgedessen seine Erscheinung das seltsame Gemisch von Kindlichkeit und Jünglingtum ist, das man sich vorstellen kann. Ich fürchte, der Verstand des armen Jungen hat mit dem schnellen Wachstum seines Riesenleibes nicht gleichen Schritt gehalten. Er hat die treuherzigen Augen eines gutmütigen Hundes und die Scheuheit eines verfolgten Wolfes. Auch ist er während der ersten Tage nicht zum Vorschein gekommen, obgleich er stets hier in dem Schlosse sich aufgehalten hat, da seine übrigen Geschwister, deren noch sieben oder acht sind, in dem kleinen Verwalterhause an irgend einer ansteckenden Krankheit darniederliegen, und die Mutter, wie mir Baptiste sagt, täglich die Familie um ein neues Mitglied vermehren kann! Arme Leute! sie dauern mich von Herzen! Nun, jenen halbwilden Knaben, um auf ihn zurückzukommen, hat der Freund, nachdem er ihn in irgend einem Winkel entdeckt, in der kurzen Zeit so zu zähmen gewußt, daß er, wie durch ein Zaubermittel, an ihn gebannt ist, seine Gesellschaft sucht, wo und wie er kann, ja, wie ich von Baptiste erfahren, die Nächte auf einer Matte vor der Tür unseres Zimmers zugebracht hat, nur um in der Nähe des angebeteten Mannes zu sein. Auch seinen größten Schatz hat er ihm sofort gebracht – eben jenen Papagei, den, wie es scheint, die Herrschaft zurückgelassen, und der nun, ich weiß nicht mit wieviel Recht, in den Besitz des Jungen übergegangen ist. Der Junge ist ein passionierter Vogelfreund, der zur Sommerzeit – wenn es in diesem abscheulichen Lande einen Sommer gibt – mehr Stunden im Walde, fürchte ich, als in der Schule verbringt. Auch versteht er eine Menge Vogelstimmen nachzuahmen – eine Virtuosität, in welcher er vielleicht nur noch von meinem Freunde übertroffen wird, der, als ein Sohn der vogelreichsten Wälder, es in dieser seltsamen Kunst bis zur Meisterschaft gebracht hat. Man kann nichts Wunderlicheres hören, als diese beiden, wie sie sich gegenseitig zu übertreffen suchen und für das Ohr des Lauschenden, der mit geschlossenen Augen daliegt, mitten in dieser winterlichen Öde die holde Musik hervorzaubern, welche im Frühling die duftenden Wälder erfüllt. Und dabei zu denken, daß dieser Mann, der sich mit einem halb kindischen Bauernknaben so harmlos vergnügt und dessen sonores Lachen immer zwischendurch ertönt, derselbe ist, der an den Höfen der Fürsten die glänzendsten Rollen gespielt, der so viele Tränen hat fließen machen, noch fließen macht – oh, meine Liebe, diese Deutschen sind unergründlich! Gedanken und Empfindungen, die bei uns ewig nur in verschiedenen Menschen wohnen und diese Menschen durch eine Welt trennen, finden sich in einem deutschen Kopfe, in einem deutschen Herzen beieinander! Und wir glauben, dieses Volk beherrschen zu können, dessen Sprache uns so unverständlich ist wie seine Ideen!   Am folgenden Tage. Endlich, endlich, meine heißgeliebte Sophie, bin ich so weit hergestellt, daß ich das Bett verlassen und, obwohl noch etwas entkräftet, auf den starken Arm des Freundes gestützt eine Promenade durch die nächsten Zimmer machen konnte. Es sind schöne Räume, die mit einem gewissen Luxus im Stile Louis quinze möbliert sind, und in denen man sich manchmal aus diesem traurigen Lande in unser eigenes Schloß an den sonnigen Ufern des Durance versetzt wähnen könnte. Brauche ich Dir zu sagen, meine heißgeliebte Sophie, wie gern meine Phantasie die Reise macht! wie mein Herz in diesen süßen Illusionen schwelgt. Ach! daß es nur Illusionen sind! aber sie werden es nicht bleiben. Die Gnade des guten Gottes, der so weit geholfen, wird weiter helfen, nicht um meinetwillen, der ich in diesen traurigen Tagen nationalen Unglücks und persönlichen Kummers seine strenge, aber gerechte Hand nur zu wohl erkannt habe, sondern eines Engels willen, den ich anbete, und in diesem Engel ihn, der ihn mir gesandt.   Mehrere Tage später. Meine Prüfungen sind noch nicht zu Ende. Wir hätten reisen können, soweit es mich betraf Aber seit vorgestern ist das Unwetter, welches uns hierher getrieben und das während meiner Krankheit geruht hatte, in noch fürchterlicherer Weise abermals hereingebrochen. Entsetzliche Stürme rasen um das Haus und erschüttern es in seinen Grundfesten, ununterbrochen wirbelt der Schnee herab und türmt sich, wo er Widerstand findet, zu unglaublicher Höhe; die Wege sind unfindbar, vor allem die Seitenwege, welche wir einschlagen müßten. Wir würden keine Stunde weit kommen, versichert unser Wirt. Ich suche mich in Geduld zu fassen, aber unglücklicherweise ist die des Freundes nun plötzlich erschöpft, wie er denn immer nur von momentanen Wallungen sich bestimmen läßt. Er hat gestern mit dem Wirte einen schrecklichen Auftritt gehabt, dem ich nur dadurch ein Ende machen konnte, daß ich mich zwischen die Rasenden warf Ich durfte dem Freunde die Vorwürfe nicht ersparen, die ein so unsinniges Betragen verdiente. Sind wir doch vollständig auf die Willfährigkeit dieses Menschen angewiesen! Sind wir doch gezwungen, ihm zu vertrauen! und hat er sich doch bis jetzt dieses Vertrauens nicht unwürdig gezeigt durch seine rauhe und wortkarge, aber kluge und vorsichtige Gastfreundschaft! Wie mag man einen Menschen reizen, dessen Freundschaft uns notwendig, dessen Feindschaft uns verderblich werden muß? und der ganz gewiß nicht zu jenen gehört, die man ungestraft reizen und beleidigen darf: ein halbwilder, riesenhafter Mann, von herkulischer Stärke, unter dessen blondem Haargewirr hervor ein Paar blauer Augen für gewöhnlich düster niederwärts blicken, um gelegentlich Blitze zu schleudern oder, – wie gestern in dem Streite mit dem Freunde – fürchterliche Flammen des Zornes zu sprühen, die mich schaudern machen. Dazu kommt noch ein Umstand, der meine Sorge erhöht. Meine Liebe: der Mann ist arm, die Not, mit der er wohl stets gerungen, liegt in schweren Falten auf den harten, von der Natur groß und sogar schön gedachten Zügen; aber jetzt ist das Elend seiner kranken Familie grenzenlos, und – er weiß – ich wage es kaum niederzuschreiben, Baptiste hat es mir erst jetzt gestanden: in der Schreckensnacht unserer Ankunft, als der Freund den Kranken in das Haus geleitete, mußte ein wichtiges Stück unseres Gepäcks der Sorge Baptistes anvertraut bleiben. Weder ich, der ich halb besinnungslos war, noch der Freund, der seine liebevolle Sorge ganz mir widmete, hatten bedacht, daß eben jenes Stück, welches der Freund sonst nicht aus den starken Händen ließ, den um so viel schwächeren Baptistes entgleiten würde. Er hatte die Hilfe des Wirtes in Anspruch nehmen müssen, für den freilich auch eine größere Last Kinderspiel wäre. Aber er war denn doch über die Schwere des Koffers verwundert gewesen, er hatte Fragen gestellt, welche Baptiste beantwortete, so gut seine Verlegenheit und sein gebrochenes Deutsch es verstauen wollten. Baptiste sagt, er zweifle nicht, daß der Mann, dessen Verstand gewiß nicht schlecht ist, sehr genau wisse, was der Koffer enthält, der jetzt zu Füßen meines Bettes steht. Baptiste hat mir bei dieser Gelegenheit noch ein Bekenntnis gemacht, dessen Inhalt wahrlich nicht geeignet ist, meine Sorge zu verringern. Es existiert hier in dem Schlosse eine junge Person, welche für gewöhnlich der kinderreichen Frau des Verwalters in der Wirtschaft an die Hand gehen mag, und die er zu unserer ausschließlichen Bedienung bestimmt hat. Sie ist vom ersten Abend hier gewesen und hat das Schloß seitdem nicht wieder verlassen; die nötigen Lebensmittel werden in der Nacht von unserem Wirte selbst herbeigeschafft, und er versichert, daß es gelungen sei, das Geheimnis unserer Anwesenheit vor aller Welt, selbst vor den Leuten des Gutshofes, zu bewahren, die nicht anders wüßten, als daß jener Sohn, dessen ich Erwähnung getan, nebst der Haushälterin, um der ansteckenden Krankheit der Pächterwohnung zu entgehen, einen zeitweiligen Aufenthalt in dem Schlosse gefunden. Du siehst, meine Sophie, es war auf alles klüglich Bedacht genommen, nur darauf nicht, daß für die Augen einer eifersüchtigen Liebe kein Geheimnis existiert. Eben jene junge Person aber wird von einem Burschen der Nachbarschaft leidenschaftlich geliebt. So hat sie selbst Baptiste gleich am ersten Tage anvertraut, sei es, um sich in den Augen des Frechen ehrwürdiger zu machen, sei es, um seine Begehrlichkeit noch mehr zu entflammen, Baptiste behauptet das letztere, und daß sie es an keiner bäuerlichen Koketterie habe fehlen lassen, ihn auf eine Probe zu stellen, der sein Leichtsinn freilich nicht gewachsen war. Er würde mir unzweifelhaft diese Episode seines Lebens so wenig gebeichtet haben, wie unzählige ähnliche, wäre nicht ein Umstand dazugekommen, durch welchen leider dieses törichte Abenteuer zu einer sehr ernsthaften Angelegenheit für uns zu werden droht, wer weiß es, bereits geworden ist. Der Ort ihrer Rendezvous ist ein Zimmer gewesen zu ebener Erde, aber hoch genug gelegen, daß, wäre selbst jemand in dem schneeerfüllten Garten, auf welchen das einzige Fenster geht, vorübergekommen, er keinen Blick in das Innere hätte werfen können. Nun haben sie aber die Unvorsichtigkeit so weit getrieben, nicht einmal die Gardinen zu schließen, bis plötzlich gestern abend durch die unverhüllten Scheiben ein Gesicht hereinschaut, um dann sofort wieder zu verschwinden. Zum Überfluß kreischt das erschrockene Mädchen laut, und Baptiste reißt das Fenster auf, dem Neugierigen, dessen dunkle Gestalt eben in die Büsche taucht, einige Soldatenflüche nachzusenden. Das Mädchen kann nicht behaupten, daß der Indiskrete ihr Geliebter gewesen, aber der Verdacht liegt nur zu nahe –   Einen Tag später. Ist es das ungeheure Unglück, welches über unser Vaterland hereingebrochen, und dem – ich bin davon überzeugt – noch weiteres namenloses Leid folgen wird; ist es die Krankheit, welche meine Jugendkraft geschwächt; ist es die fürchterliche Situation, in welcher wir uns einem unbekannten Schrecklichen verteidigungslos gegenüberbefinden – ist es, meine heißgeliebte Sophie, nur der Gedanke an Dich – ich weiß es nicht, aber mein Geist ist verdüstert, und mein Herz ist schwer. Darf ich mich darüber wundern, wenn selbst die scheinbar unverwüstliche Spannkraft des Freundes den auf uns lastenden Druck der Sorge nicht mehr tragen kann? Er will es natürlich nicht zugeben; er lacht, wenn ich von Sorge spreche; aber sein Lachen klingt weniger sonor, und wenn er sich unbeachtet glaubt, bemerke ich wohl den düsteren, verlorenen Blick seiner sonst so strahlenden Augen. Sein Wesen hat sich seit dem Streite mit unserem Wirte verändert; an die Stelle der souveränen Rückhaltlosigkeit, mit welcher er früher seine Gedanken und Empfindungen äußerte, ist eine gewisse schweigsame Scheu getreten, die mich beängstigt; ja, er, der stets zu allem, was er tat, so toll es auch manchmal war, die Welt zu Zeugen herbeizurufen schien, verbirgt sich vor mir, den er den einzigen Freund nennt, welchen er jemals besaß. Dafür hat er mir vor einer Stunde den Beweis geliefert. Er hatte sich aus unserem gemeinsamen Schlafzimmer entfernt, wie ich glaubte, um in dem Gartensaale zu musizieren oder mit seinem jungen Freunde und dem Papagei sich in gewohnter Weise zu unterhalten. Aber er blieb länger aus als gewöhnlich, und ich vernahm weder sein aus Vorsicht stets gedämpftes Spiel, noch eine von den Possen, bei denen es manchmal nur zu laut hergeht. So trieb mich denn eine Unruhe, die ich nicht bemeistern konnte, durch die dazwischenliegenden Zimmer nach dem Saale, in dessen halboffener Tür ich verwundert stehenblieb. Der Knabe war da, aber hielt sich still in einer Ecke, die großen, wunderlichen Augen starr auf den angebeteten Mann gerichtet, welcher an einem Sekretär saß, dessen besondere Zierlichkeit mir schon früher aufgefallen war, wie denn das ganze Gemach mit vorzüglich reichem Geschmack möbliert ist. Vor ihm lag ein Papier, auf welchem er geschrieben zu haben schien, denn er hatte die Feder noch in der hohlen rechten Hand, während er mit Daumen und Zeigefinger von der linken Hand einen Ring zog, den er für gewöhnlich trägt, weil in dem Stein – einem Smaragd von ungewöhnlicher Schönheit – ein Wappen eingraviert ist, mit welchem er zu siegeln pflegt. Er sagte mir gelegentlich, daß es nicht das Wappen seiner Familie, sondern das seiner Frau sei, welche ihrerseits einen gleichen Ring mit seinem Wappen trage, und daß diese Ringe bei der Verlobung zwischen ihnen ausgetauscht worden. Diesen Ring nun betrachtete er in tiefem Nachdenken, um denselben dann an seine Lippen zu drücken und abermals zu betrachten, während ein tiefer Seufzer zu meinen Ohren drang. Ich hoffte, mich unbemerkt, wie ich gekommen, zurückziehen zu können, mußte aber doch ein Geräusch gemacht haben, denn er warf den Ring und das Blatt vor ihm in ein offenes Fach des Schrankes, das er hastig zuschob, indem er sich zugleich mit verstört ärgerlicher Miene erhob. Ich bat um Entschuldigung, wenn ich gestört habe, und entfernte mich sogleich. Er kam mir aber sofort nach und sagte lachend: Wissen Sie, woran ich eben geschrieben? An meinem Testament! Es ist mir heute eingefallen, es könnte doch einmal mit mir ein schnelles Ende nehmen, und da ich gerade über einiges zu verfügen habe, möchte ich, daß es nicht nur in die rechten Hände komme, sondern daß man auch erfahre, ich habe die Absicht gehabt, einiges wieder gut zu machen, was ich schlecht gemacht. Ich werde Ihnen das Dokument anvertrauen, wie in Ihrer Kasse mein Vermögen deponiert ist. – Sollte meine Chance eines schnellen Endes minder groß sein, als die Ihre? erwiderte ich. – Pah, sagte er; Sie sprechen doch nicht von der albernen Geschichte hier? Was wollen Sie, wenn man uns totschlagen wollte, hätte man hier in dem verlassenen Schlosse doch wahrlich die beste Gelegenheit! Unser Wirt ist ein grober Kerl, aber er ist deshalb noch kein Schurke und weiß recht gut, wir sind trotz unserer Zivilkleider bis an die Zähne bewaffnet. Sie können jetzt Ihre Pistolen so gut handhaben wie ein anderer; und Baptiste, ein so großer Nichtsnutz er ist, fürchtet sich vor dem Teufel nicht. Glauben Sie mir: mit drei Männern wie wir bindet man so leicht nicht an. – Aber weshalb läßt man uns nicht fort? fragte ich. – Ich glaube, erwiderte er, es war bisher wirklich unmöglich; der Schnee mußte sich erst ein wenig setzen, die Wege mußten erst ein wenig aufgeräumt werden. Dann ist noch ein anderer Umstand, den mir unser Wirt vorhin mitgeteilt hat. Die Stunde seiner Frau kann jeden Moment eintreten. Dürfen wir es dem armen Schelme verdenken, wenn er sich unter solchen Umständen nicht eben weit vom Hause entfernen will? Er möchte uns deshalb auch nicht, wie er anfangs versprochen, bis nach X., sondern nur bis zu seinem Nachbarn bringen, der uns dann weiterfahren soll. – Aber, rief ich, so ist ja das Geheimnis, das wir bisher so streng gehütet, rettungslos kompromittiert! – Ich fürchte, das ist es schon seit der Affäre des Baptiste, erwiderte er, fügen Sie sich in das Unvermeidliche! Jener Nachbar ist bereits im Schlosse, damit wir ihn kennen lernen. Wenn Sie einverstanden sind, können wir morgen nacht schon fahren.   Eine Stunde später. Ich habe den Mann gesehen, dem wir uns anvertrauen sollen, sobald uns unser Wirt bis zu dem nächsten Gute, dessen Verwalter oder Pächter eben jener Mann ist, gebracht hat. In meinen Leben sah ich keinen Menschen, dem ich mich weniger gern anvertraut hätte! keinen, der aus so hündischen Augen überall hingeblickt, nur nicht in die Augen dessen, der mit ihm spricht! keinen, dessen grobsinnliche Lippen zu einem so widerwärtigen Lächeln so beständig verzerrt gewesen wären. Ach, meine Sophie, ich fürchte die hündische Demut dieses Menschen viel mehr als die Rauheit unseres Wirtes, viel mehr als die Gefahren einer Winterreise auf Schleichwegen durch ein feindliches Land, von dessen brutaler Bevölkerung das Schlimmste zu befürchten steht. Und daß der kühne Freund meine Befürchtungen teilt, hat er mir soeben bewiesen. Einer der verwegensten Spieler der Armee, ist er während des ganzen Feldzuges von fortwährendem Glück begleitet gewesen. Er will die große Summe, die er in meiner Kasse hat – es sind 400 000 Francs in Billetts – den Wölfen opfern, wie er sagt, um das übrige, das ich nicht angreifen darf, zu retten. Ich kann das Opfer nicht annehmen. Das Geld gehört nicht mehr ihm, wie er selbst zugesteht. Es ist ungefähr die Summe, durch die er sich von einem schmählichen Vertrage loskaufen kann, den er zuungunsten seiner eigenen Familie mit einem Vetter auf Widerruf geschlossen hat. Diesen Widerruf hat er vorhin aufgesetzt und ihn eben von mir und Baptiste unterschreiben lassen. Er sagt, daß der Widerruf, ebenso wie die Rückzahlung des Sündengeldes, an keine Zeit gebunden sei, da der Vetter wohl von der Ansicht ausgegangen, für den Verschwender werde diese Zeit niemals kommen – gleichviel! ich will, ich darf mich nicht retten auf Kosten einer unschuldigen Frau, eines unmündigen Sohnes, die durch diesen Mann nur schon zu viel gelitten haben – es hieße, mich zum Mitschuldigen einer Freveltat machen! So möge denn Gottes Wille geschehen! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Wir sollen nicht morgen – wir sollen in einer Stunde aufbrechen? Es gilt, einem Überfall zuvorzukommen, welchen jener betrogene Geliebte der Haushälterin auf morgen geplant hat. So sagt mir Baptiste, der es soeben von dem Mädchen gehört, die es wieder in der vergangenen Nacht von ihrem Geliebten erfahren, mit dem sie sich scheinbar ausgesöhnt. Das erbärmliche Geschöpf, das für ihren neuen Liebhaber eine ernstliche Neigung zu haben scheint, ist außer sich. Ich glaube, sie meint es ehrlich, ich muß ihr vertrauen. Sie hat versprochen – und wenn es ihr das Leben kostete – diesen Brief durch eine Gelegenheit, die ich nicht begriffen, nach unserer letzten Etappe zu befördern. Sie muß ihn augenblicklich mit fortnehmen, da später keine Gelegenheit sein würde, ihn in ihre Hände zu spielen. Ich kann dir nur noch Adieu sagen. Weshalb auch mehr! es sagt ja alles! Adieu, Heißgeliebte, adieu! adieu! –« Sechstes Kapitel. Der Graf legte das letzte Blatt zu den übrigen und wandte sich, da er den Blick Gerhards, der in Nachdenken versunken schien, nicht erhaschen konnte, an die Gräfin. – »Nun, was sagst du, liebe Alix?« »Ich sage«, erwiderte die Gräfin, »daß du uns da eine Geschichte vorgelesen hast, die zu einem vollständigen Roman zu erweitern selbst ich mich anheischig machen würde, obgleich ich bekanntlich, Gott sei Dank, an einem Übermaße von Phantasie gerade nicht leide.« »Auch würde uns die Phantasie nicht eben weiterhelfen«, sagte der Graf; »wenigstens dürfte meinen Auftraggebern kein wesentlicher Dienst damit geleistet sein, wenn ich ihnen das Dokument, mit einigen phantastischen Randglossen vermehrt, zurückschickte. Was sie verlangen, sind Fakta, genaue Daten, zum mindesten bestimmte Hinweise, auf die hin sich weiterforschen läßt. Aber auch die werden sehr schwer zu beschaffen sein, da die Angaben in dem Briefe selbst, besonders im Anfange, so sehr unbestimmt gehalten sind, und man überdies bei den anzustellenden Recherchen mit äußerster Vorsicht wird zu Werke gehen müssen, wenigstens, falls man sich zu der Ansicht bekennt, daß es sich hier um die Eruierung eines Verbrechens, vielleicht um Auffindung noch lebender Verbrecher handelt.« »Aber im Punkte des Verbrechens können doch, deucht mir, gar nicht zwei Ansichten existieren«, sagte die Gräfin. »Mir wenigstens ist ohne weiteres klar und steht für mich unerschütterlich fest, daß jene Menschen den Vicomte und seine interessanten Begleiter, der mir ebenfalls ein vornehmer Mann gewesen scheint, und den Diener, oder was der Monsieur Baptiste sonst gewesen ist, ermordet und die reiche Beute unter sich geteilt haben.« »Und doch läßt sich noch eine und die andere Möglichkeit denken«, erwiderte der Graf. – »Weshalb sollen die Reisenden bei so mißlichen Verhältnissen ihre Lage nicht für bedenklicher und gefährlicher erachtet haben, als sie in Wirklichkeit war? Die Bemerkung des Freundes, daß, wenn man es auf ihr Leben abgesehen, das verlassene Haus die günstigste Gelegenheit böte, scheint mir sehr richtig. Und wer wären die Mörder gewesen? ein Mensch, der vierzehn Tage oder drei Wochen lang eine rauhe, aber, wie der Vicomte selbst zugeben muß, kluge und vorsichtige Gastfreundschaft übt; – eine zweite Person, die nur einmal auftritt und die in Wirklichkeit, was auch die aufgeregte Phantasie des Vicomte daraus gemacht, nur einer unserer stupiden, dämisch lächelnden Pächter gewesen sein wird; – eine dritte endlich, die gar nicht auf die Bühne kommt, sondern deren Gesicht nur einmal vor den Augen zweier Menschen mit schlechtem Gewissen in nächtlicher Weile am Fenster auftaucht, oder auch nicht – wie man will. Nun, meine Liebe, gegen Leute, auf denen weiter keine Belastungsmomente ruhen, würde ein Untersuchungsrichter – ich nehme an, die Sache hätte sich jetzt zugetragen – vielleicht vorgehen müssen – ich gebe es zu; aber ganz gewiß mit starkem Zweifel, ob er die Rechten erwischt hat, ob die Rechten nicht vielmehr ganz wo anders zu suchen sind.« »Aber wo denn? wo in unserem Falle?« rief die Gräfin. Der Graf zuckte die Achseln. »Der Weg, den die Reisenden zurücklegen mußten, bevor sie das von den Franzosen besetzte Hamburg erreichten, war noch sehr lang.« »Das hieße denn doch Schwierigkeiten suchen, wo gar keine sind,« sagte die Gräfin eifrig; »hieße, an der höchsten Wahrscheinlichkeit geflissentlich vorübergehen, um ganz unbestimmten Möglichkeiten nachzulaufen. Nein, mein Lieber, mit dergleichen Spitzfindigkeiten, die im Grunde weder spitz noch findig, sondern das gerade Gegenteil sind, darf man uns Frauen nicht kommen!« Der Graf verbeugte sich. »Ich wage nicht zu widersprechen«, sagte er, »um so weniger, als ich mich ja übrigens zu deiner Ansicht neige und nur, als Jurist, auch die Kontras hervorheben zu müssen glaubte. Also, die unglücklichen Reisenden sind ermordet worden, und zwar von jenen drei Männern – denn weniger werden es doch wohl nicht gewesen sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach war aber der Mörder eine viel größere Zahl, denn es ist kaum anzunehmen, daß diese Leute das Risiko eines Kampfes Mann gegen Mann gelaufen sein werden gegen drei bis an die Zähne bewaffnete, an Gefahren aller Art gewöhnte Krieger, die, wie die Mörder vermuten durften, bereits mißtrauisch geworden waren und sicher auf ihrer Hut sein würden. Die so fast mit Bestimmtheit vorauszusetzende Komplizenschaft ist nun freilich wieder ein schwer zu beseitigender Übelstand für den, welcher unsere Ansicht teilt und folglich den Ort der Tat irgendwo in unserem Regierungsbezirke suchen muß. Denn eine Tat von solcher Bedeutung, die viele Mitwisser gehabt, bleibt nicht verborgen, kann nicht verborgen bleiben. Irgend ein Verräter oder auch nur unvorsichtiger Schwätzer findet sich immer. Hier ist das offenbar nicht der Fall gewesen.« »Daraus schließe ich meines bescheidenen Teils nur«, sagte die Gräfin, »daß jene Annahme großer Komplizenschaft wieder eine ganz willkürliche, vielmehr falsche ist, die Täterschaft sich vielmehr auf jene drei beschränkt hat. Ja, weshalb auch nur drei? Der Wirt soll ein Mann von ungewöhnlicher Körperkraft gewesen sein, dem vielleicht nur der Freund, und wohl auch kaum der, gewachsen war. Der kranke Vicomte, den ich mir überdies als einen schmächtigen und schwächlichen Herrn denke, kommt nicht in Rechnung; und der Baptiste erscheint mir als ein Schwätzer und Fanfaron , der bei dem ersten Schusse davonläuft.« »Also du meinst, daß die Opfer erschossen sind?« »Ich habe das nur so hingeworfen. Freilich, wenn der Mord nicht in dem Hause selbst geschehen ist – und für das Haus möchte ich mich nicht entscheiden – wenn der Überfall also unterwegs stattfand – wird man wohl zu den Schußwaffen gegriffen haben.« »Und warum möchtest du dich für einen Schauplatz entscheiden, der nicht das Haus war?« »Einmal, weil der Brief selbst sagt, daß man in einer Stunde aufbrechen wolle. Nun könnte eben diese Stunde die verhängnisvolle gewesen sein; man könnte die Abfahrt unter diesem oder jenem Vorwande auch wieder aufgeschoben haben. Gewiß, aber ich bin gegen das Haus, aus dem man doch erst den Sohn des Wirtes und die Haushälterin hätte entfernen müssen. Sodann scheinen ja die übrigen Insassen des Gutes in der Tat nichts gewußt zu haben; es wäre sehr schlimm für die Mörder gewesen, wenn die erste Kunde von der Anwesenheit der Fremden in dem Schlosse zu den Leuten auf dem Hofe durch den Lärmen gelangte, ohne den es doch wohl bei einer solchen Mordaffäre nicht abgeht.« »Bravo!« rief der Graf; »ich mache dir, liebe Alix, mein Kompliment und prophezeie, daß, wenn in diese dunkle Geschichte je ein Licht fällt, man es deinem inquisitorischen Genie zu danken haben wird. Es fehlt jetzt wirklich nur noch die Angabe des Ortes und die Feststellung der Personen, die freilich sehr erleichtert sein würde, wenn man über den ersteren Punkt im reinen wäre.« »So beginnen wir mit diesem Punkte!« sagte die Gräfin, deren lebhaften Geist die wortreiche Verwunderung des Gatten ebenso anspornte, wie die stumme, aber sichtbar gespannte Teilnahme, womit der Gast der Diskussion folgte. »Wenn der Ort nur ein ganz klein wenig genauer bezeichnet wäre!« sagte der Graf. – »Aber so! ein Gutshof ist es natürlich gewesen, leider haben wir im Regierungsbezirk so und soviel hundert Güter.« »Aber nicht so viele«, entgegnete die Gräfin, »auf welche die Beschreibung paßte.« »Die Beschreibung? ja, lieber Himmel, was nennst du Beschreibung? Ich finde keine Spur davon.« »Ich eine ganze Reihe Spuren und zum Teil sehr deutliche«, sagte die Gräfin. »Zuerst die Situation des Gutes – du brauchst nicht nachzusehen, ich habe mir die wichtigeren Punkte so ziemlich wörtlich gemerkt. Es soll nicht unmittelbar an der Landstraße liegen, aber auch nicht so weit, daß man erleuchtete Fenster durch die winterlichen Bäume und Büsche nicht sehen könnte.« »Was sich wiederum von einigen hundert Wohnhäusern auf unseren Gütern sagen lassen dürfte.« »Unzweifelhaft, nur daß niemand eines dieser Häuser ein Schloß nennen wird.« »Womit der Franzose jedes Herrenhaus auf dem Lande zu bezeichnen pflegt, es mag auch noch so unansehnlich sein.« »Aber dies hier ist nicht unansehnlich – im Gegenteil: es macht offenbar selbst auf den doch gewiß sehr verwöhnten Vicomte einen gewissen Eindruck, besonders die Einrichtung. Es möchte denn doch hierzulande wohl wenige Herrenhäuser geben, die im Stile Louis quinze möbliert sind.« »Ich fürchte, es gibt keines – oder keines mehr. In den Häusern, die Schlösser genannt zu werden verdienen und selbst von einem Franzosen so genannt werden würden, und die ich denn doch wohl sämtlich von außen und innen kenne, ist das Meublement, wenn man von vereinzelten Stücken absieht, nirgends älter als aus dem Ende des vorigen, höchstens dem Anfange dieses Jahrhunderts. Und dann werden wir wohl auf Basselitz, auf Griebenow, auf Grenwitz, auf Karlsburg und so weiter nicht gern nach Meuchelmördern suchen wollen, abgesehen davon, daß diese Güter niemals Jahre hindurch von ihren Bewohnern verlassen gewesen sind.« »Aber Kosenow ist es zum Beispiel gewesen.« »Wie? was?« rief der Graf, »unser Kosenow – ich meine das Zempinsche?« »Ich kenne kein anderes.« »Aber dies hier kennst du doch auch nicht, so wenig wie ich.« »Davon hernach. Zuerst, was sich doch auch schon von der Landstraße bemerken läßt, von der es durch ein Stück Wald und einen Teil des sich dazwischenschiebenden Parkes getrennt ist: haben wir in Kosenow ein Schloß.« »Ein Haus, soviel ich bemerken konnte, ein wenig stattlicher, als die Regel ist.« »Und ich wiederhole: ein Schloß im französischen und deutschen Sinne, zum mindesten Schlößchen, und das, was entscheidet, im Stile Louis quinze möbliert.« »Um Himmels willen, wie weißt du das?« »Sehr einfach, mein Lieber! Die älteste Tochter hatte mir vor einigen Tagen einen Besuch gemacht, den ich allerdings durchaus nicht zu erwidern brauchte, da er rein geschäftlicher Natur war – es handelte sich um die vorhin besprochene Angelegenheit ihres Vaters, und ich habe dir nichts gesagt, weil ich weiß, daß du dergleichen Einmischungen nicht liebst. Nun, gestern nach dem Briefe der Basselitz mit der Nachricht von der bevorstehenden Verlobung der jüngsten Tochter mit Baron Bogislaf dachte ich, es wäre am Ende doch geraten, eine Art Rekognoszierung darüber anzustellen, wie weit man sich eventuell mit den Leuten gesellschaftlich einlassen könne. Dazu muß man die Leute aber in ihrer Behausung sehen – wenigstens ist das für mich immer entscheidend gewesen – genug, ich fuhr gestern vormittags als du in Sundin warst, hinüber, oder genauer, ich schickte im Vorüberfahren meine Karte hinein.« »War das nicht ein wenig unvorsichtig, liebe Alix?« fragte der Graf in bescheidenem Tone. »Wenn man nun den Mut hatte, dich anzunehmen?« »Man hatte den Mut«, erwiderte die Gräfin; »man empfing mich sogar, als ob es das Natürlichste von der Welt wäre; man tat ferner, als ob man keine Ahnung davon habe, welches Motiv meinem Schritte einzig und allein zugrunde liegen konnte, indem man den Besuch der Schwester in Basselitz mit keinem Worte erwähnte, so daß ich zuletzt selbst die Rede darauf bringen mußte, und auch dann wich man noch sehr geschickt aus: die Schwester sei so oft drüben, der Frau Baronin sei die Gesellschaft der Kleinen immer eine angenehme Zerstreuung in ihrer Einsamkeit, und so fort! Ich versichere dich, lieber Freund, die junge Dame spielte ihre Rolle, alles in allem, so übel nicht; trieb die Affektation sogar so weit; mich um Entschuldigung zu bitten, daß sie die Unschicklichkeit begangen, mich mit der Angelegenheit des Vaters zu behelligen! Eh bien! das wollte ich eigentlich nicht erzählen, sondern nur, wie erstaunt ich war, hinter den Tannen des Waldes und den Linden des Parkes, an denen wir so manchmal achtlos vorübergefahren, oder um deren herrschaftliche Stattlichkeit wir höchstens diese Menschen beneidet hatten, ein Haus zu finden, wie es sich nur für einen Edelmann schickt, enfin ein Schloß oder Schlößchen, wenn es durchaus kein Schloß sein soll – und darin zu meinem noch größeren Erstaunen eine Einrichtung aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, so wohl erhalten und so vollständig, wie ich mich kaum, außer in fürstlichen Schlössern, gesehen zu haben erinnere. Daß diese Entdeckung, die für uns, als halbe Nachbarn, immerhin etwas spät kam, heute schon von solcher bedeutenden Wichtigkeit werden würde, habe ich freilich nicht gedacht.« Der Graf rieb die hohe, schmale Stirn. – »Das ist allerdings eine Entdeckung, deren Wichtigkeit man kaum hoch genug veranschlagen kann. Kosenow war, wie auch Kantzow und Retzow, ebenso wie Bulitz, auf dem jetzt ein Herr Bagdorf wohnt, und Faschwitz, das einem gewissen Stut gehört, damals im Besitze der schwedischen Grafen Carlström. Die Carlströms waren sehr verschuldet – sehr, und der letzte, Graf Axel, lebte infolgedessen fast immer auswärts – in Schweden oder in England, wo er reiche Verwandte hatte. Die Güter, die er nicht länger halten konnte, wurden subhastiert . Zwei, wie gesagt, kamen in andere Hände, die drei Hauptgüter in die des Zempin, des Vaters der beiden Brüder. Nun, ich gestehe: das hat für mich nie etwas Auffallendes gehabt. Wie viele Vermögen wurden damals verloren und erworben! Es konnte jeder ein Vermögen machen; besonders bei der fast völligen Entwertung der Güter zu großem Landbesitz gelangen, wer nur ein Stück Geld in der Hand hatte und nicht blöde war.« »Aber immerhin mußte man doch dieses Stück erst haben«, fiel die Gräfin ein, »und der Vicomte schildert ausdrücklich den Wirt, den Verwalter, der in dem Nebenhause wohnt – ich erinnere dich daran, lieber Ulrich! – in äußerst dürftigen, mißlichen Verhältnissen! Nun, und mit einem Male hat dieser blutarme Mann das nötige Kapital, um drei unserer größten Güter zu übernehmen! Wenn das nicht gravierend, wenn das nicht geradezu beweisend ist, so weiß ich freilich nicht, was man so nennen soll.« »Du gehst sehr schnell, meine Liebe«, sagte der Graf; – »beweisend! Zu einem Beweise im juristischen Sinne gehört gar viel, obgleich ich ja nicht in Abrede stellen kann, daß die von dir mit so eminentem Scharfsinne gefundenen Momente in hohem Grade belastend sind, wozu für mich noch eines kommt, was allerdings nur von subjektiver Bedeutung ist: meine Überzeugung, ich möchte sagen, mein instinktives Gefühl, daß diese Zempins, um die es sich ja einzig und allein handeln würde –« Der Graf brach kurz ab, es fiel ihm zu seinem Schrecken ein, daß die Diskussion mit seiner Gemahlin ein Resultat ergeben, das ja freilich ihm selbst im höchsten Grade überraschend war, dem Gaste aber bei seiner vorhin geäußerten Parteinnahme für die Zempins überaus peinlich sein mußte. Auch war es ihm jetzt, worauf er in seinem Eifer nicht geachtet, recht bedenklich, daß Gerhard sich so gar nicht an der Untersuchung beteiligt, sondern, in seinem Sessel zurückgelehnt, dann wieder auf Momente den Kopf in die Hand stützend, dagesessen, mit allen Zeichen der Aufmerksamkeit gewiß und ohne ein Mißfallen zu äußern – aber das letztere war ja bei einem jungen Manne von so feinen Sitten selbstverständlich und keineswegs ein Beweis seiner Zustimmung. Die Gräfin, die nach Frauenweise nur das nächste Ziel im Auge hatte und sich das Stocken in der Rede des Gemahls ganz anders auslegte, kürzte die eingetretene Pause ab, indem sie lächelnd sagte: »Scheue dich nicht, das letzte Wort auszusprechen! Ich fühle mich in keiner Weise beschwert. Avancen, die man dergleichen Leuten macht, haben genau die Bedeutung, die man ihnen geben will. Und wenn infolge dieser Affäre, wie vorauszusehen, aus der Verbindung des Barons Bogislaf mit der kleinen Person nichts werden sollte – nun, so haben wir eine Mesalliance weniger zu beklagen, was ja schon an und für sich ein vortreffliches Resultat sein würde, angenommen, daß weiter nichts bei der ganzen Sache herauskäme.« Gerhard, den die kurze Pause aus seinem schmerzlichen Brüten aufgeschreckt und der die Augen des Grafen mit einem eigentümlichen Ausdrucke auf sich gerichtet sah, faßte sich gewaltsam und sagte, sich zur Gräfin wendend: »Ich glaube in der Tat, gnädige Gräfin, daß im übrigen das Resultat ein wesentlich negatives sein wird. Wollen mir die gnädige Gräfin verstatten, meine Gründe dafür in aller Kürze darzulegen. Wie sehr auch ich den ungemeinen Scharfsinn bewundere, mit dem Sie einzelne Anhaltspunkte, die sich darzubieten schienen, erfaßt und kombiniert haben, so ist mir, dem ruhig-aufmerksamen Zuhörer, doch nicht entgangen, wie wenig wirklichen Anhalt diese Punkte gewähren. Schon der Herr Graf hat bemerkt, daß die sehr vagen Andeutungen der Lage des Gutes bei einer beliebig großen Zahl von Gütern hiesiger Gegend zutreffen würden. Wie aber, wenn die Route der unglücklichen Reisenden gar nicht nach Westen und nach Hamburg ging, sondern nach Süden in der Richtung auf Magdeburg, das nicht viel ferner gelegen und ebenfalls noch von den Franzosen besetzt war? Bedenken die Herrschaften, wie mit dieser Version, die genau nicht mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit für sich hat, als die erste, das so schon zu große Untersuchungsfeld sich ins Unendliche erweitert! wieviel Herrenhäuser sofort auftauchen, die im Stil Louis quinze möbliert sind, was sage ich! zu jener Zeit, vor nun zweiunddreißig Jahren, möbliert gewesen sind, und es jetzt keineswegs mehr zu sein brauchen! Man wird zur Erledigung dieses Punktes die Experten abhören müssen: die Kunstverständigen, Antiquare, Raritätensammler, die sofort unter sich in Streit darüber geraten dürften, was denn hinsichtlich eines Meublement unter der Bezeichnung Louis quinze zu verstehen sei, und was nicht! Sodann: der Mann, dessen Name unglücklicherweise – die gnädige Gräfin muß mir den Ausdruck verzeihen! – in dieser Angelegenheit genannt wurde, ist tot; seine Komplizen, deren er gewiß – darin gebe ich der gnädigen Gräfin recht – nur sehr wenige gehabt, sind es vielleicht auch – zweiunddreißig Jahre sind eben eine lange Zeit. Und lebten sie noch – wer so lange reinen Mund gehalten, wird wahrlich jetzt kein offenes Bekenntnis mehr ablegen, oder sich auch nur ungeschickt verraten. Schließlich – indessen, ich möchte, bevor ich fortfahre, mich vergewissern, ob ich bisher auch nur mit einigem Geschick und Glück für meine Auffassung plädiert habe.« »Aber mit großem Geschick«, sagte der Graf höflich; »unzweifelhaft – ob mit Glück – mein Gott, wir tappen ja alle im Ungewissen herum – aber, bitte, bitte, fahren Sie fort! schließlich –« »Schließlich, wenn, was ich für äußerst unwahrscheinlich, ja fast unmöglich halte, der Ort festgestellt werden könnte, an dem die Tat begangen; wenn jeder Zweifel über die Personen schwinden sollte, die sie begangen, und diese Personen nach zweiunddreißig Jahren noch am Leben wären – nun denn, welche Genugtuung erwächst aus der Welt von Mühe und Arbeit, ohne die man sicher nicht zum Ziele gelangen wird, für die Beteiligten – ich meine für die Familie des Vicomte? Der aufgefundene Paß, der über die Natur seiner Mission keinen Zweifel läßt, die Tatsache, daß er nicht nach Frankreich zurückgekehrt, das heißt, auf dieser Mission so oder so verunglückt ist – das sind zwei Fakta, die, unanzweifelbar und unumstößlich, wie sie sind, ausreichen, um sein Andenken für alle Zeiten gegen jede hämischste Verleumdung sicherzustellen. Das hat der Herr Graf selbst zugegeben. Was nun noch folgt, ist nichts weiter als Rache über ein Grab hinaus, das sich vor einem Menschenalter geschlossen, an Menschen, die diese unendliche Zeit gehabt haben, ihre Schuld abzubüßen, und wäre es auch nur dadurch, daß sie das Bewußtsein dieser Schuld so lange haben tragen müssen. Aber alles spricht dafür, daß die Rache diese Menschen nicht mehr treffen wird, wohl aber – und das finde ich so fürchterlich – wohl aber andere, die keinen Teil an jener Schuld haben, es müßte denn eine Schuld sein, von schuldigen Eltern abzustammen. Ich gestehe, gegen die Möglichkeit einer solchen rachsüchtigen Gerechtigkeit sträubt sich meine Empfindung auf das äußerste; und wenn es immer edler ist, unrecht zu leiden, als unrecht zu tun – selbst in dem Moment, wo es erlitten wird, wo es getan werden müßte – wie soll man eine Handlungsweise bezeichnen, die darauf hinausgeht, ein Recht zu konstituieren, das undenkbar ist ohne die höchste Ungerechtigkeit, ja ohne die entsetzlichste Grausamkeit gegen Menschen, die uns niemals unrecht taten, die vielleicht unserer Hochachtung und Liebe, der Hochachtung und Liebe aller guten Menschen wert und würdig sind.« »Sehr schön«, sagte die Gräfin, »aber verzeihen Sie mir die Frage, Herr Baron, würden Sie wohl ebenso denken und sprechen, wenn Sie an dieser Angelegenheit beteiligt wären, wie Sie unbeteiligt sind? wenn Sie den Mord eines teuren Verwandten und nun gar eines Vaters zu rächen hätten, wie der Vicomte de Brissac?« Über Gerhards Gesicht flog ein seltsames Zucken, er hob mit fast heftiger Gebärde den Kopf, auf seinen Lippen schien eine Antwort zu schweben, die aber nicht kam, da in dem Moment der Hausmeister in den Saal trat, um dem Grafen zu melden, daß der Förster Garloff anfragen lasse, ob er sich nicht entfernen dürfe, indem er anderenfalls einen notwendigen Dienst versäumen müßte. »Mein Gott«, sagte der Graf ärgerlich; »dieser Mann macht wirklich Prätensionen wie ein Fürst! Ich wette, daß der Deep, trotzdem ich ihn nicht bestellt, noch immer geduldig wartet, ob ich nicht weitere Befehle für ihn habe.« »Herr Deep ist noch im Bureau«, meldete der Hausmeister. »Sagte ich es nicht?« rief der Graf »Der Alte hat trotz alledem mehr Form und Lebensart, als die Jüngeren, wiewohl man den Herrn Förster wahrlich auch nicht mehr zu den letzteren zählen kann.« »Ist jener Deep der wunderliche alte Mann, den du schon wiederholt in der Angelegenheit des Retzower Forstes zu dir hast kommen lassen?" fragte die Gräfin. »Eben derselbe, meine Liebe«, erwiderte der Graf; »weshalb?« »Sagtest du mir nicht, der alte Mann sei eine lebendige Chronik aller Geschichten, die hierzulande gespielt, und dir deshalb in seiner Weise ganz interessant?« »Allerdings, meine Liebe, aber warum – ja so! nun, das ist in der Tat ein Gedanke! ein glänzender Gedanke!« »Und ist der Mann nicht bereits seit langer Zeit den Zempins attachiert?« »Auch das! auch das!« rief der Graf, »und wenn der Alte irgend etwas weiß – er ist freilich entsetzlich stupid und, ich glaube, halb blödsinnig – aber in diesem Falle um so besser, um so besser! Laß mich nur machen – ich werde sogleich –« Der Graf hatte sich bereits erhoben. »Noch einen Augenblick!« sagte die Gräfin; – »ist nicht auch der Förster aus dieser Gegend? Mir deucht, sein Zeugnis in der Retzower Sache war dir gerade deshalb von Wichtigkeit?« »Freilich!« »Vielleicht wäre es geraten – schaden kann es ja unter keinen Umständen – wenn du auch ihn etwas zum Plaudern brächtest?« Der Graf lachte. – »Zum Plaudern!« rief er; – »den? du kennst den Mann nicht; ich wollte eher das Büfett dort zum Plaudern bringen!« »Gleichviel! er wird doch beantworten müssen, was du ihn fragst. Es würde nur auf die Fragen ankommen.« »Wahrhaftig«, sagte der Graf; »ich will dir das überlassen. Einen geschickteren Inquirenten finde ich nicht.« »So laß die Leute hereinkommen«, sagte die Gräfin lächelnd; »wenn sich für mich das Fragen auch nicht schicken dürfte, so möchte ich allerdings gern hören, was du fragst, und was sie antworten.« »Ich dächte, es wäre das beste, wenn wir einen nach dem anderen abhörten?« sagte der Graf, sich zu Gerhard wendend; – »mit wem sollen wir anfangen?« »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Gerhard, »wenn ich in diesem Falle nicht einmal eine Meinung zu äußern wage.« »Weil Sie kein Amt haben«, rief der Graf lachend; – » mon dieu , ich habe hier im Grunde auch keines – wenigstens vorläufig nicht; aber das ist doch von keiner Relevanz. Das Ganze ist ja, alles in allem, nur ein Pourparler .« »Die Herren nehmen die Sache viel zu schwer«, sagte die Gräfin ungeduldig; »weshalb so viel Umstände mit diesen Leuten? Laß den Förster zuerst kommen: ich verspreche mir von ihm am wenigsten.« »Also der Förster! Ich ließe ihn bitten, für einen Moment hereinzukommen!« Der Hausmeister, der dem letzten Teile des halblaut geführten Gespräches mit schuldiger Devotion zugehört hatte, entfernte sich und kam alsbald mit dem Förster zurück, der, nachdem er ein paar Schritte in das Gemach getan, in straffer, militärischer Haltung stehenblieb und die Gesellschaft finster anblickte, wobei die Gräfin zu bemerken glaubte, daß er den Gast besonders fixierte. Gerhard hatte die Unruhe von seinem Sitze aufgetrieben, und der Graf war aus Höflichkeit seinem Beispiele gefolgt, während die Gräfin ihren Platz behielt. Die beiden Herren waren näher an den Förster herangetreten. »Ich habe Sie kommen lassen, lieber Garloff«, sagte der Graf, »um Sie zu fragen, ob für die Benutzung des Retzower Forstes morgen eine spezielle Anfrage respektive Bitte um Erlaubnis von den betreffenden Herrschaften bei dem Herrn Oberförster eingegangen, respektive Ihnen insinuiert ist?« »Mir ist nichts davon bekannt, Herr Landrat.« »So, so!« sagte der Graf; »also nichts! ich dachte es mir. Indessen: es wäre mir aus manchen Gründen wünschenswert, wenn das beabsichtigte Fest trotz der unterlassenen Anmeldung keine Störung erlitte. Verstehen Sie mich?« »Ich bedaure: nein, Herr Landrat.« »Aber mein Gott, das ist doch sehr einfach«, sagte der Graf, dessen gute Laune durch die Zurückhaltung des Försters und durch die wiederholte Anrede mit seinem offiziellen Titel, an die er ganz und gar nicht gewöhnt war, bereits einen harten Stoß erhalten hatte; – »die Störung könnte doch nur von Ihnen, ich meine: von der Forstverwaltung, ausgehen, und ich wünsche eben, daß nichts dergleichen geschieht.« »Nach meiner Instruktion darf ich mich hier einzig und allein nach den Befehlen meines unmittelbaren Vorgesetzten, des Herrn Oberförsters, richten; vielleicht haben der Herr Landrat die Güte, das Notwendige noch rechtzeitig veranlassen zu wollen.« »Das wird sich finden; vorderhand kennen Sie meine Intentionen, was Ihnen ja hoffentlich genügen wird.« »Haben der Herr Landrat sonst etwas zu befehlen?« »Ich danke Ihnen: nein! das heißt –« Der Förster, der die militärische Haltung durchweg festgehalten, hatte bereits eine Wendung nach der Tür gemacht, als sie geöffnet und von dem Hausmeister die seltsame Gestalt Vadder Deeps mehr in den Saal geschoben, als eingelassen wurde. Der Graf geriet in einige Verlegenheit; der Hausmeister hatte ihn offenbar mißverstanden. Seine inquisitorische Methode war bis jetzt durch kein besonderes Resultat ausgezeichnet worden; er hatte die klug ersonnene Einleitung zu lang ausgesponnen, und das unerwartete Eintreten Deeps schien den Faden völlig durchschnitten zu haben. Den Mann wieder hinauszuschicken, ging nicht wohl an, weil dadurch die Fragen, die er nun doch noch an den Förster stellen wollte, eine Bedeutung angenommen hätten, welche zu verdecken er gerade beflissen war. So faßte er denn einen schnellen Entschluß und sagte: »Es ist mir lieb, daß Sie kommen, Deep, während der Herr Förster – Sie schenken mir wohl noch ein paar Minuten, Herr Förster? – die Sache ist, wie ich im voraus bemerken will, in keiner Weise offiziell, nur eine Gefälligkeit, welche die Herren mir erweisen, wenn Sie mir ein paar Fragen beantworten – eine Auskunft erteilen, die ich nur von älteren Leuten aus dieser Gegend erwarten kann. Zuerst: wann sind Sie geboren, lieber Deep? Sie haben das ja schon zu den Retzower Akten gegeben; aber das Datum ist mir augenblicklich nicht gegenwärtig.« Vadder Deep blinzelte nach der Decke, als ob dort irgendwo zwischen den Rosetten und Schnörkeln des Stuckes die Zahl geschrieben stehen müßte, und er nur einige Mühe habe, sie zu finden. »Siebzehnhundertachtzig« murmelte er endlich. »Und Sie, Herr Förster?« »Siebzehnhundertfünfundachtzig«, erwiderte der Förster; »auch mein Personale befindet sich bereits bei den Retzower Akten und dürfte auch sonst dem Herrn Landrat bekannt sein.« Der Graf warf dem Förster einen unwilligen Blick zu, besann sich aber sofort darauf, daß er hier seine Autorität nicht geltend machen dürfe, und sagte in einem sehr höflichen Tone: »Gewiß, gewiß, Herr Förster – wir sind ja alte Bekannte! Sie sind im Schwanheider Forsthaus geboren, waren dann Gehilfe, erst Ihres Vaters, dann bei Ihres Vaters Nachfolger. Sie sehen, ich habe alles noch im Kopfe, auch daß Sie dann 1813 in den Krieg gingen, wo Sie sich ja äußerst wacker gehalten haben – ungewöhnlich tapfer; während unser guter Deep hier, nachdem er längere Zeit Retzow in Pacht gehabt, im Jahre 1815, als der verstorbene Herr Zempin Retzow, Kantzow und Kosenow übernahm, nach Hinterpommern übersiedelte, von wo Sie doch gleich wann in hiesige Gegend zurückkehrten, lieber Deep?« »Achtzehnhundertvierundzwanzig«, las Deep nicht ohne Anstrengung von der Stuckdecke. »Ganz richtig, achtzehnhundertvierundzwanzig; und der Herr Förster wurde ein Jahr später – kehrte ein Jahr darauf hierher zurück, um die Stelle anzutreten, die er noch heute mit so großem Pflichteifer verwaltet. Nicht wahr, das alles verhält sich so? ich darf mithin annehmen, daß Sie beide bis zum Jahre 1812 respektive 1813 noch hier im Lande waren und sich der damals herrschenden Zustände und der damaligen Ereignisse natürlich mit vollkommener Deutlichkeit und Genauigkeit erinnern. Gerade auf den letzteren Punkt kommt es aber in dem betreffenden Falle an. Und da möchte ich nun die Herren bitten, mir zu sagen, ob Ihnen aus jener Zeit etwa erinnerlich ist, daß irgendwo auf einem Gute hier im Regierungsbezirke eine kleine Gesellschaft französischer Offiziere längere Zeit – ein paar Wochen hindurch – eine Zufluchtsstätte gefunden? Ich füge hinzu, daß in dieser, wie gesagt, kleinen Gesellschaft ein vornehmer Herr war, dessen hinterbliebene, sehr reiche Familie sich dem ihr unbekannten Wohltäter dankbar erweisen möchte, und eben deshalb bemüht ist, diesen oder dessen Nachkommen ausfindig zu machen.« Der Graf, der mit der harmlosen Schlußwendung, die er der Sache gegeben, ganz besonders zufrieden war, suchte in den Augen der Gräfin die Anerkennung seiner Klugheit zu lesen und war sehr betreten, als ihm anstatt eines freundlichen Lächelns nur ein leichtes, mißbilligendes Kopfschütteln zuteil wurde. Darüber bemerkte er nicht, daß die Antwort, worauf doch schließlich alles ankam, ausblieb. Vadder Deep studierte eifriger als je an den Ornamenten der Decke, während der Blick des Försters starr auf den parkettierten Fußboden geheftet war. »Nun, meine Herren!« sagte der Graf ungeduldig; »es scheint, daß Ihnen ein derartiger Fall nicht erinnerlich ist; und dabei will ich bemerken: die Tatsache selbst – ich meine: der Aufenthalt jener Herren, unter denen sich nebenbei ein deutscher Edelmann befand – steht völlig fest, noch mehr: auch der Ort, ich meine das betreffende Gut ist schon gefunden, und zwar liegt es in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, das heißt, in nächster Nähe der Orte, wo sich die Herren während eben jener Zeit zugestandenermaßen befanden.« Das Kopfschütteln der Gräfin war sehr ausdrucksvoll geworden; der Graf rief in ärgerlichem, fast heftigem Tone: »Aber, Deep, so reden Sie doch!« Der verlorene Blick der verschwommenen Augen wandte sich langsam von der Decke abwärts und irrte dann seitwärts zu dem noch immer auf den Fußboden starrenden Förster. »Weißt du was, Fritz?« Über die wie in Nacht getauchten Züge des Försters zuckte es wie ein greller Blitz. »Nein!« stieß er hervor. Vadder Deep lächelte: »Ich weiß auch nichts.« »Auch Sie nicht?« rief der Graf; »auch Sie nicht?« Vadder Deep lächelte: »Garloff hat so ein gutes Gedächtnis, und meines –« Es blieb unverständlich, was Vadder Deep in seiner unsicheren Weise noch murmelte. »Ich habe Ihr Gedächtnis bei anderen Gelegenheiten im Gegenteil sehr vortrefflich gefunden«, rief der Graf, der mit jeder Sekunde mehr die Haltung verlor. »Ich glaube, du kannst die Herren entlassen«, sagte die Gräfin. »Ich danke Ihnen!« sagte der Graf mit einer sehr kurzen Handbewegung, indem er sich gleichzeitig auf den Hacken umwandte. Vadder Deep machte sofort von der erhaltenen Erlaubnis Gebrauch und schlurfte mit schwankenden Tritten nach der Tür, in der er stehenblieb, als ob er auf seinen Gefährten wartete. Der aber stand noch immer, ohne sich zu regen, nur daß seine Augen nicht mehr niederwärts, sondern geradeaus auf Gerhard gerichtet waren, mit demselben schaudervollen Ausdruck der Todesangst oder doch des grausigsten Entsetzens, wie bei jener ersten Begegnung am Rande des Wiesensees. Doch war das nur für einige Momente, die dem gräflichen Paare, das eben leise, aber sehr lebhaft disputierte, gewiß entgangen waren. Dann hatte auch er sich gewandt und war mit raschen Schritten an Vadder Deep vorüber, der ihm lächelnd Platz machte, zur Tür hinausgeeilt. Vadder Deep und der Hausmeister folgten; Graf und Gräfin und ihr Gast waren wieder allein. Die Gräfin erhob sofort ihre Stimme. »Es tut mir leid, lieber Ulrich, aber ich habe diesmal deine gewöhnliche Klugheit vermißt. Weshalb dieser unverhältnismäßig höfliche, fast bittende Ton, wo ein autoritativer viel mehr an der Stelle gewesen wäre? Solchen Leuten muß man imponieren, muß man einfach befehlen, wenn man zu seinem Ziele kommen will. Und dann, welche Unvorsichtigkeit – du darfst mir das Wort nicht übelnehmen – seine Karten so aufzudecken, während diese Menschen die ihren gründlich festhielten und – ich habe es wohl gesehen – sich einander geschickt in die Hände spielten.« »Mein Gott, liebe Alix«, rief der Graf, »wer dich so sprechen hört, sollte wahrhaftig glauben, jene beiden Leuten wären selbst in die Sache verwickelt, und ich hätte sie in sträflichster Unvorsichtigkeit entwischen lassen!« »Und wer sagt dir, daß sie es nicht sind, und daß du es nicht getan? Ja, mein Gott, lieber Ulrich, hast du denn ganz vergessen, wie in dem Briefe des Vicomte jener erste Helfershelfer – denn etwas anderes ist der Mensch nicht gewesen – ausdrücklich ein Nachbar genannt wird? Nun, und war der Pächter von Retzow kein Nachbar des Kosenower Verwalters? der nächste Nachbar? und kann dieser überaus widerwärtige, impertinente Mensch, der Förster – ein Mensch, der schlecht genug war, seinen Offizier zu ermorden – nicht ebensowohl der zweite Helfershelfer und Mörder jener Unglücklichen gewesen sein? Ich muß dir sagen, lieber Ulrich, wären mir die Verhältnisse der beiden so klar gewesen, wie sie es dir doch in der Tat waren – ich würde mich sehr gehütet haben, so vorzugehen, und vor allem, die beiden gleichzeitig zu vernehmen, anstatt sie einzeln abzuhören und hernach zu konfrontieren.« »Als ob mir der dumme Kerl von Stabenow die Wahl gelassen«, rief der Graf; »als ob ich ihm nicht ausdrücklich einen Wink gegeben, den Deep später hereinzubringen! Und im übrigen, liebe Alix: dein Scharfsinn in höchsten Ehren; aber dein Eifer reißt dich zu weit – viel zu weit! Ja, wahrhaftig, wenn es nicht zu ungalant wäre, ich müßte wirklich lächeln! Diese Menschen Komplizen eines so abscheulichen Verbrechens! Dieser alte Mann, der die Gutmütigkeit selber ist, dessen Harmlosigkeit und – gerade heraus – halber Blödsinn ihn zum Stichblatt der schlechten Witze und zum Kinderspott der ganzen Umgegend macht? und nun der Förster gar! ja, Liebe, du kennst eben die Geschichte dieses Mannes nicht! du weißt nicht, daß jener Totschlag – von Mord ist keine Rede – von ihm begangen wurde infolge eines schwersten Provokation in einem Augenblicke, als man im Begriffe war, ihn, der Wunder der Tapferkeit getan und mit dem eisernen Kreuze dekoriert war, vom Feldwebel zum Offizier zu befördern! daß man ihn allerdings nach der Strenge der Kriegsgesetze zum Tode verurteilen mußte, aber froh war, als man ihn zu lebenslänglicher Festungsstrafe begnadigen konnte; daß sich die höchsten Personen für ihn interessiert und seine völlige Begnadigung längst zuvor erwirkt hätten, wäre nicht die hochselige Majestät in diesem Punkte besonders diffizil gewesen! Ja, meine Liebe, das alles mußte man freilich wissen, um mein Vorgehen – ich will immer noch nicht sagen: zu billigen, aber ganz gewiß billiger zu beurteilen, so, wie ich überzeugt bin, daß der Herr Baron es tut.« »Und ich bin überzeugt«, sagte die Gräfin, »daß wir unseren lieben Gast mit einer Angelegenheit, die ihm, als einem Fremden und, wenn ich mich so ausdrücken darf, völlig Unbeteiligten, doch nur ein mäßiges Interesse einflößen konnte, nicht einen Augenblick länger behelligen dürfen, und bitte dringend, die Diskussion ein für allemal abzubrechen.« »Ich bin völlig deiner Meinung, liebe Alix«, sagte der Graf; »Sprechen wir von etwas anderem!« Aber ein anderes Gespräch wollte sich nicht gestalten. Der Graf war innerlichst verletzt durch den Widerspruch, den er in Gegenwart Gerhards von seiner Gemahlin erfahren; und war empört über diesen, der den direkten Appell an seine Billigung nur mit einer höflichen Verbeugung erwidert hatte. Er fand das anfangs so günstige Urteil, das er sich über den neuen Bekannten gebildet, voreilig, übertrieben, ja geradezu falsch – er hatte eben keinen glücklichen Tag; es schien, als ob er sich heute nicht auf sich verlassen könne. Aber auf wen konnte man sicher überhaupt verlassen. Der Herr Gardeleutnant Baron Odo von Vacha, mit dem er in Berlin bei Onkel Exzellenz an der Tafel zusammengetroffen, hätte ihm den Herrn Vetter auch wohl weniger warm zu empfehlen brauchen! Und weshalb hatte der Leutnant den ihm persönlich kaum bekannten Vetter so herausgestrichen? doch nur, weil der weimarsche Prinz, der mit den Vachaschen Familienverhältnissen sehr vertraut schien, über die Tafel herüber geäußert: er hoffe, daß die Vachas das Kriegsbeil begraben hätten und fortan in Frieden miteinander lebten! Was gingen ihn selbst die Vachaschen Familienhändel an? was wußte er von diesen Händeln? Und nun mußte er doch, da es an jedem anderen Gesprächsstoffe zu fehlen anfing, auf eben jenen Herrn Gardeleutnant zurückgreifen. Wie dankbar er ihm sei, daß er ihm zu einer so interessanten Bekanntschaft verholfen, und wie er hoffe, daß diese Bekanntschaft bei dem nachbarlichen Verhältnis von seiten des Herrn Barons nicht minder eifrig gepflegt werden würde, als es von seiner und seiner Gemahlin Seite gewiß geschehen werde. Endlich fand Gerhard eine schickliche Wendung, um sich bei seinen Wirten für heute zu beurlauben. Die Gräfin, die zuletzt sehr schweigsam geworden, bot ihm mit zerstreutem Lächeln die Hand, die sie etwas schnell zurückzog, da er keine Miene machte, sie an die Lippen zu ziehen; der Graf geleitete ihn bis zur Rampe, wo der Braune schon gesattelt stand. Man hatte Gerhard ausdrücklich bitten lassen, daß er nicht im Gesellschaftsanzuge kommen möchte, sondern ganz sans gêne ; – »und ich hoffe, dabei bleibt es auch in Zukunft«, sagte der Graf; – » au revoir , lieber Baron, au revoir !« Siebentes Kapitel. Es war gut für den Braunen, daß er in Teschen überreichliche Zeit gehabt hatte, sich auszuruhen. Und doch hatte Gerhard, wie er nun durch die Felder in den schwülen Abend hineinjagte, kein Ziel vor sich, und seine rasende Eile hatte keinen Zweck, nur daß er instinktiv fühlte, wie er nach der fürchterlichen Gewalt, die er sich angetan, die ungeheuersten seelischen Erregungen in sich zu verschließen, in einer großen physischen Anstrengung Rettung suchen müsse vor dem Sturm in seinem Innern, der sich nicht länger fesseln lassen wollte, und der, entfesselt, ihn zum Wahnsinn treiben konnte. Ja, auf diesem Wege lag Wahnsinn! wie mochte eine Menschenseele das fassen, ohne sich zu zerrütten! wie mochte ein Menschenherz das empfinden, ohne zu zerspringen! Wär's nicht eine Barmherzigkeit des Himmels gewesen, wenn die Gewitterwand da im Süden hinter ihm, anstatt zusammenzusinken, wie sie's nun schon alle diese Tage um diese Stunde getan, das gräßliche graue Haupt mit den blinkenden Hörnern emporgereckt hätte über ihn weg bis in den Nord und nach Ost und West, über den ganzen Horizont, und mit gnädiger Nacht ihm eine Welt verdeckt hätte, die ihn, wie sie so lieblich dalag im rötlichen Abendscheine, zu verhöhnen schien, daß er wisse, was er wußte, und doch weiterleben wolle, weiterleben müsse, daß es keinen Blitzstrahl für ihn gebe, der ihn zerschmetterte und erlöste von der unerträglichen Last und Qual eines ein für allemal zerstörten Lebens! Dies konnte nie wieder heilen, nie wieder gut werden! Was bis dahin geschehen war und ihm die Sonne verdunkelt hatte – es waren nur Wolken gewesen, die vorüberzogen, vorüberziehen mußten, ja vielleicht in ihrem Schoße dennoch Segen bargen, ihre Flut nur herabschütteten, die Erde zu tränken, auf daß die junge Saat tausendfältige Frucht trage; die Windsbraut nur entfesselten, damit der junge Baum seine Wurzeln tiefer und tiefer treibe in den mütterlichen Boden. Maggies wunderbaren Reize hatte seine Phantasie entzündet und ihn glänzende Träume träumen lassen von einem Glücke, das nicht von dieser Erde schien, und doch so ganz irdisch, so von keinem Strahle gestreift war, der aus dem Himmel einer großen, echten, gotterfüllten Liebe fällt. Aber als die Zauberin ihm ihr wahres Antlitz zeigte, und wie tief er sich erniedrigt, und Scham und Gram ihn zu Boden drücken wollten, da hatte sich doch alsbald der Stolz aufgebäumt in dem kräftigen Herzen und hatte ihm mit eherner Stimme zugerufen: rüttle ihn ab, den dumpfen Alp einer Stunde, da deine Seele müde war! wache auf! und erhebe die Augen zu den ewigen Göttern, die dir verzeihen werden, daß du ihre Hoheit für einen Moment in den buhlerischen Reizen einer Circe zu finden geglaubt! Und die Götter hatten ihm verziehen. Und was er je an frommen Regungen und heiligen Gedanken in seinem Herzen, seiner Seele empfunden und getragen, was ihn je über ihn selbst und alles Kleinliche und Gemeine hoch erhoben – es hatte sich in dem einen Bilde gestaltet, es hatte sich in dem einen Namen zusammengefaßt: Edith! Und von ihr, der Reinen, der Hohen, das Erdenleid abzuwehren, das um sie her in trüben Dünsten aufstieg – es war sein Sinnen und Trachten gewesen, bei Tag und bei Nacht. Vor diesem Gedanken war selbst die herzliche Teilnahme zurückgetreten, die er an dem Mißgeschick des Freundes nahm; ja, er hatte das schwere Gewitter, das über Kantzow stand, nur immer in Verbindung gesehen mit den schwarzen Wolken, die sich tief und tiefer auf Kosenow zu senken schienen; und hatte in seiner Seele Plan auf Plan gewälzt, wie er den Freund lösen könnte aus den Banden, in die er sich in seines Sinnes Torheit verstrickt, ein täppischer Löwe, und wie er den Vater des angebeteten Mädchens retten könnte aus den Schlingen, die ein hinterlistiger Schurke ihm gestellt und die sich nun über dem Haupte des Arglosen, Ahnungslosen zusammenzogen. Und wenn es zum Schlimmsten kam, wenn das Verderben unaufhaltsam war und die Katastrophe hereinbrach – nun denn, der Löwe ist ein königliches Geschöpf und würde sich das Mitleid verbitten; und – durfte er sich's gestehen? – hatte er sich nicht mehr als einmal schon ertappt bei dem Ausmalen des Bildes: wie er zu der rührenden Gruppe der Tochter, die den blinden Vater führt, auf deren zarte Schulter sich der Wankende stützt, herantrat und bat: Laß mich dir helfen! vertraue mir den Vater! vertraue mir dich selbst! ich hätte nicht gewagt, mich dir, du Hohe, zu nahen, derweil des Glückes Sonne dir den Pfad erhellte; nun, da so tiefes Dunkel auf deinen Dornenweg fällt, nun, da du arm bist wie auch ich, dich nur auf dich selbst verlassen kannst wie auch ich – jetzt darf ich mich dir wohl zum Gefährten anbieten, zum treuesten der Diener. Und vor dem Lichte, das von diesem Bilde ausging – trotzdem die zaghafte Hand kaum einen Umriß fest zu ziehen, kaum eine Farbe kräftig aufzutragen wagte – wie hatte sich das Dunkel gelichtet, wie war aus dem Dunkel eine rosige Dämmerung geworden, die Verkündigerin eines Tages voll von prächtigstem Sonnenschein! Und nun! und nun! In der Einsamkeit der Felder – allein mit sich und seinem namenlosen Leide – schrie Gerhard laut wie ein auf den Tod verwundetes Tier. Das Mädchen, für das er jeden Blutstropfen seines Herzens freudig dahingegeben hätte, die Enkelin des Mannes, der seinen Großvater erschlagen! Der Freund, an dessen prächtige Gestalt sich seine junge Seele bewundernd angeschmiegt, wie eine Rebe an den Ulmenbaum, der Sohn des Mannes, der seines Vaters Vater ermordet! mit schnöder Hinterlist, mit feiger Grausamkeit, mit brutaler, entsetzlicher Schändung alles dessen, was selbst dem rohesten Wilden heilig ist! Und seine Helfershelfer! Mit welchem Mitleid hatte das herbe Los des einen ihn erfüllt! Wie hatte er sich gesorgt, es mochte den armen Mann zu all dem Leid, das er schon erduldet, nicht noch schlimmeres treffen! wie sich bemüht, ein Mittel zu finden, ihm das Leid abzuwehren oder den Schlag doch so zu wenden, daß er nicht allzu hart treffe! Und dieser Mann – es war nicht auszudenken! – Und jener andere, vor dem ihn vom ersten Moment eine innere Stimme gewarnt, in dem er mit jedem tieferen Blicke in die Verhältnisse der Menschen um ihn her den bösen Feind dieser Menschen, den planvollen Zerrütter und Zerstörer dieser Verhältnisse zu erkennen geglaubt – hatte er nicht bereits gehofft, dem Buben einen dieser Tage die dichte Maske von dem schändlichen Gesichte zu reißen! Und nun war dieser Bube so sicher vor ihm, als wenn er bereits nicht mehr die reine Luft mit jedem Atemzuge vergiftete und die Erde entheiligte überall, wohin ihn die plumpen, heimtückisch schleichenden Füße trugen. So mußte der Liebe süßer Trank verschüttet werden, und den übervollen Becher des Hasses und der Rache durfte die gierige Lippe nicht berühren. Ja, ja, er gierte nach Rache, nach Vergeltung! Was er da vorhin ausgesprochen von der Unsittlichkeit der Rache über ein Menschenalter hinaus – es war ja nicht sein wahres Gefühl, seine echte Überzeugung gewesen, und Schmach ihm, wenn es so gewesen, auch nur einen Augenblick! Hier war nicht eine persönliche Eitelkeit verdientermaßen gekränkt, oder auch ein schuldloses Herz tief verwundet, oder selbst ein Lebensglück zerstört. Das alles mag, das alles darf, das alles kann das Individuum in sich selbst verwinden oder auch nicht verwinden – es bleibt sein eigenstes Geschick. Hier war geschehen, was die Menschheit beleidigt und durch die Verzeihung des einzelnen, selbst wenn er verzeihen wollte und könnte, nicht aus der Welt geschafft wird, die solche Taten aus ihren Fugen treiben würden, ließe man sie ungestraft geschehen, blieben sie ungesühnt. Nichts verjährt! – er hatte es nicht verstanden, als der Mann es sagte – jetzt verstand er es. Und wenn Geringeres verjähren mochte – dies nicht – nicht dies! Oder was war's denn, was jetzt aus seinem Herzen aufquoll wie dunkles Blut aus einer Wunde, die man nicht oder kaum gefühlt, als sie uns geschlagen wurde in dumpfer Kindheit, und mit der man groß geworden, ohne der verblaßten Narbe zu achten – und die nun doch einen edleren Teil verletzt und nach langen, langen Jahren aufbricht zu unserem Entsetzen! – Als er geboren wurde, war der Großvater schon seit sieben Jahren verschollen; als er heranwuchs, hatte er – wie wäre es anders möglich gewesen! – Partei genommen für den Vater, dem der Großvater so schweres Leid, so viel Verdruß, Kummer und Sorge als einziges Erbteil hinterlassen; er hatte ihn, den sein leiblich Auge nie erblickt, nur durch des Vaters grollendes, durch der guten Mutter weinendes Auge gesehen; – hatte ihn, dessen Schatten so schwer in seiner verehrten Eltern, in sein eigenes, in der geliebten Brüder Leben fiel, verabscheut und gehaßt wie einen bösen Dämon, wie den Vater der Finsternis, gegen dessen Übermacht die guten Dämonen, die Geister des Lichtes, vergeblich ringen. So war's gewesen vor ein paar Tagen noch, als er dem Freunde die Geschichte seiner Familie in Umrissen zeichnete und sich nicht entbrechen konnte, den Mann um einen Vater zu beneiden, der, ein einfacher Bauer, durch Geistes- und Willenskraft eine namenlose Familie zu einer so stolzen Stellung im Leben erhoben, während jener, sein Ahn, der hochgeborene Edelmann, ein altes, ruhmvolles Geschlecht durch maßlose Wüstheit in einen Abgrund von Kummer, Schmach und Gram gestürzt. Und nun – Wie hatten sich die Bilder verschoben! Wie hatten sie ihre Stellen gewechselt! Wie traten auf dem dunkeln Bilde hell und heller die großen Linien und prächtigen Farben hervor, während von dem anderen das trügerische Licht schwand, und es nun dastand – roh und plump, wie es in Wirklichkeit war, und geschändet mit schwarzen Flecken, die keine Kunst wegwaschen konnte! Wie königlich hob sich der Edelmann neben dem tückischen Bauer! Ein Dämon immerhin, aber in den verzerrten Zügen doch noch eine Ähnlichkeit mit den Söhnen des Himmels! Ein Wüstling gewiß, aber mit einem Stück vom Herzen noch, und dies Stück groß genug, um Raum zu haben für treue, aufopfernde Freundschaft, für die Bewunderung des Genius, für das Mitleid mit einem armen, verlassenen Knaben, für Scherz und tolle Possen unter des Henkers Beil! Ein Abenteurer zweifellos, aber ein Ritter, wenn nicht ohne Tadel, so ohne Furcht! Und der Ritter erschlagen von dem Bauer, nicht in offenem, ehrlichem Kampfe um die Güter der Erde, die der eine nicht lassen und auf die der andere nicht länger verzichten will – nein, wie ein Metzgerknecht den Stier erschlägt, nachdem er ihm mit plumper Schlauheit die unentrinnbare Schlinge um die starken Lenden, den mächtigen Nacken geworfen. Das sollte ungestraft bleiben, ungesühnt? Und gab es dafür keine Sühne, und gab es dafür keine Strafe im Sinne und nach dem Buchstaben des Gesetzes – so blieb die Rache, die kein Gesetz kennt, als ihr eigenes. Und Rache! rauschte der Abendwind in den Wipfeln der Riesentannen, unter denen er dahinjagte; und Rache! blickte es mit finsteren Augen aus dem Dunkel des Dickichts, das die Sandhügel bedeckte, auf die er jetzt, weit abseits von der Straße, das keuchende Pferd hinauftrieb. Nun hielt er oben auf der kahlen Höhe. Unter ihm lag im letzten Schein des Abends die reiche Küstenlandschaft; dort durch die breite Öffnung zwischen weißschimmernden Dünen blaute die See herein; in der Ferne rechts zwischen Dünen und Wiesen die Türme eines Städtchens; weit zerstreut auf den Feldern, von Baum und Busch umgeben, die stattlichen Höfe; gerade vor ihm auf mäßiger Höhe seewärts, und gewiß mit seiner Fronte das Meer beherrschend, ein großes, weißes Schloß, dessen lange Fensterlinie im Abendsonnenschein funkelte, der mit rotem Lichte auf den dichten Massen des Parkes lag, der den landwärts mählich absinkenden Hügel bedeckte. Die Stelle, wo er hielt, mußte jener Aussichtspunkt sein, von dem in der Gesellschaft schon so oft die Rede gewesen, und den aufzusuchen ihn bis dahin nur die rastlose Arbeit abgehalten hatte. Wie würde sein empfängliches Auge sonst sich an der so einfachen und doch charakteristischen Schönheit dieses landschaftlichen Bildes, das noch dazu eben in der günstigsten Beleuchtung stand, ergötzt haben? Was war es ihm nun? Ja, konnte er ohne tiefste Bitterkeit das weithin glänzende Schloß betrachten? Nicht, weil sie dort weilte, die ihm Treue geschworen, die ihm zum Symbol seiner Treue den Ring vom Finger gezogen? Was war sie ihm jetzt? Der Ring mahnte ihn nur an jenen, den sein Großvater wehmütig betrachtet, als der Vicomte in den Saal trat, jenen Ring, mit dem er sein Testament untersiegelt, den Widerruf des Vertrages, den der Wilde, Leichtlebige mit dem Erbvetter geschlossen – den Widerruf, der, wenn er zur rechten Zeit zur Stelle gewesen wäre, den Vachaschen Prozeß entschieden, ja unmöglich gemacht, und das Vachasche Erbe in den Besitz des Vaters, in seinen Besitz, in den Besitz der Brüder gebracht haben würde. Und wenn es sich noch fände, das kostbare Dokument? Der Widerruf war an keine Zeit gebunden gewesen. Das war in dem Vertrage ausdrücklich bemerkt, und gerade das hatte ja den Prozeß in endlose Länge gezogen. Wenn er sich noch fände, geschrieben von des Großvaters Hand, von ihm unterzeichnet, von ihm untersiegelt, beglaubigt durch die Unterschriften des Vicomte und seines Dieners, deren Echtheit wiederum durch den Brief des Vicomte gegen allen Zweifel geschützt war – wenn es sich noch fände, das unschätzbare Dokument? Was war unmöglich, wenn dies andere möglich gewesen, wenn das schnöde, so klüglich verhüllte Verbrechen in schwere Decke so vieler Jahre von sich geschleudert und im Lichte des Tages herumging, den klugen Augen der gänzlich unbeteiligten Gräfin deutlich sichtbar, nur, weil sie die Augen nicht schloß vor dem, was jeder sehen konnte, der sehen wollte! Und durfte er nicht sehen wollen? konnte er die Augen schließen, ohne drei andere Augenpaare zuzudrücken: die leuchtenden Augen des jungen Malers in Rom? die klugen, sinnigen Augen des Jünglings, der da in Bonn über die Pandekten gebückt saß? des fröhlichen Knaben, dessen helle Blicke jetzt über die weite Wasserwüste des Ozeans schweiften? Hatte er nicht der sterbenden Mutter geschworen, den dreien Vater zu sein, nach bestem Wissen und Gewissen, mit allen seinen Kräften! Was würde an seiner Stelle der Vater getan haben – der stolze, strenge Mann, der lieber verhungert wäre, als von dem, was er für sein gutes Recht hielt, auch nur eines Strohhalmes Breite preiszugeben? – Er hatte längst das Pferd den Hügel hinabgelenkt auf einen schmalen, von tiefen Geleisen durchfurchten Weg, der an dem Rande des Waldes hinlief; dann bei der ersten Abbiegung links in den Wald hinein, ohne zu wissen, wohin der mit Gras und Lattich und Farrenkraut überwucherte Pfad ihn führte. Was kam's darauf an? Wollte, konnte er an die Stätte zurück, die ihm fast schon zur zweiten Heimat geworden? – zum Haus des Freundes, der nimmermehr sein Freund sein durfte? War er nicht wie der von seinem Zweifels- und Gewissenqualen umgetriebene Faust, ›der Flüchtling, der Unbehauste? der Unmensch ohne Zweck und Ruh‹? Unmensch, wenn er den Zweck nicht verfolgte, den er einzig und allein noch haben durfte! Unmensch, wenn er ihn verfolgte! ohne Ruhe so wie so. Der Wald entließ ihn aus seinem schwülen Dunkel, ehe er sich's versah. Vor ihm lag ein großer Hof, über dessen Ziegeldächer ein Glasturm ragte – es konnte nur Kosenow sein; und dort, weiter rechts, blickte ja auch die oberste Fassade des Herrenhauses mit der Galerie der Sandsteingötter durch die Wipfel der Parkbäume. Ein Schauer überrieselte ihn; er hielt den keuchenden Braunen an, der nur zu willig stand, und schaute lange, regungslos, starren Auges auf das friedliche Bild. »Armes Mädchen!« murmelte er; »armes, armes Mädchen!« Das Herz war ihm so schwer in der bang atmenden Brust, die starren Augen waren ihm so heiß – er hätte so viel darum gegeben, wenn er hätte weinen können. Er lenkte das Pferd im Schritt an der Parkmauer hin, um die sich der Weg bog, der an der Mauerseite mit breitkronigen Platanen und Kastanien bepflanzt war, deren dichtes Gezweig ihm keinen Blick auf Park und Haus gestattete. Mochte es sein! Und plötzlich ward ihm doch der Blick durch eine Lücke in den Bäumen, die für eine Pforte in der Mauer gelassen war: die Hinterseite des Hauses mit der vorgebauten Terrasse, die breite Treppe, der von hohen Taxuswänden eingeschlossene Blumenplatz, in dessen Mitte aus immergrünen Gesträuchen eine Flora ragte – alles getaucht in das schwermütige Licht, das der matte Widerschein der längst untergegangenen Sonne über die müde Erde hauchte. Die Fenstertür des Saales stand offen – des Saales, in dem er mit ihr jenes wunderbare Gespräch geführt, ohne zu ahnen, wie nah ihn jene Rätsel berührten, die nun – ach! für ihn keine Rätsel mehr waren; – ohne zu ahnen, daß jener zierliche Schreibtisch wohl derselbe, an dem der Abenteurer reuevoll den Ring einer verlassenen und doch geliebten Frau küßte; – daß jenes altertümliche Klavier dasselbe, über dessen Tasten seine Finger glitten, sich mit den Weisen seines Lieblingsmeisters über die trübe Schwere der Stunden wegzutäuschen; und daß jener kluge Vogel von ihm den Gruß gelernt, mit dem er über ein Menschenalter weg den Enkel empfangen, zu dem Enkel sagen sollte: es gibt Taten, die nicht verjähren, Taten, von denen, hüllten sie auch die Menschen in noch so kluges Schweigen, die unvernünftigen Tiere reden werden. – Und doch, und doch! War's möglich, den Furien zu entrinnen, vor deren Rachegeschrei er wie im Wahnsinn durch Feld und Wald gejagt war – da, nur da konnte es sein in eben jenem Saale, wo sie weilte, die Gute, Schöne, die Schuldlose! Über die Schwelle, die ihr heiliger Fuß betrat, hätten sie ihm nimmer zu folgen gewagt, die scheusäligen Gestalten! Oh, daß er nicht dorthin durfte, nicht sich retten durfte zu ihr – zu ihr, deren engelgleiche Reinheit eine Welt von Verbrechen entsühnen mochte! Und als hätte sie sein heißes Flehen herbeigerufen, trat die hohe, geliebte Gestalt langsam heraus auf die Terrasse und stand nun, dunkel auf dem hellen Grunde, regungslos nach dem Walde blickend, über dessen Wipfel die Wetterwand herüberdrohte. Und nun hob sie beide Arme, einer Betenden gleich, und ließ sie langsam sinken und schritt dann langsam in den Saal zurück. Er hatte die Arme mit ihr erhoben; er hatte sie der Davonschreitenden sehnend nachgestreckt. – Und als sie nun entschwunden, all sein Sehnen, sein Flehen sie nicht hatte halten können – die Stelle leer war, auf der sie gestanden, und die ganze Welt leer und entgöttert – da schwanden Haus und Garten wie hinter trüben Schleiern, die sich darüber breiteten. Aber die Schleier waren Tränen, die ihm in die starren, heißen Augen traten. Und dann hob sich krampfhaft die gepreßte Brust, die die Last nicht mehr ertragen konnte; den ersten qualvollen Tropfen folgten schnell und schneller mildere, schmerzlösende, und er weinte – weinte, wie er seit seiner Mutter Tode nicht geweint – das Haupt seitwärts an den Stamm der Platane gelegt, während das gute Roß niederwärts gebogenen Halses mit dem armen Herrn zu trauern schien. Die breite Blätterkrone ob seinem Haupte durchschauerte raunend und murmelnd ein plötzlicher Abendwind; ein Schuhu, der dort gekauert, hob sich auf und brach raschelnd durch das dichte Gezweig – der Braune schnob – Gerhard fuhr sich über die Augen, griff nach dem Zügel und lenkte von der Parkmauer, über die er keinen Blick mehr werfen mochte, in den sandigen Weg – Er ritt durch die stillen, heißen Felder, aus denen ein grauer Dunst aufstieg, die Gegenstände rings verdunkelnd und höher und höher den Horizont umhüllend. Aber oben war der Äther noch rein; und in dem reinen Äther stand hellen Glanzes ein einsamer Stern. Und Gerhard ritt dem einsamen Sterne entgegen. Viertes Buch Erstes Kapitel. Die Sonne war an einem völlig wolkenlosen Himmel strahlend aufgegangen; wohin das Auge schaute, erglänzte die Erde in ihrem machtvollen Lichte. Aus den Roggenstoppeln, in den goldigen Weizenbreiten tönte durch die stille, heiße Luft unablässig das Zirpen und Schwirren der Zikaden; in den kühligen Laubschatten der Bäume und Büsche des Parkes jubilierten die Vögel – es schien eitel Schwarzseherei, heute an die Möglichkeit eines Gewitters zu glauben, ja, nur daß sich am Nachmittage die Wolken im Süden wieder türmen würden, wie sie es nun bereits seit fünf Tagen getan. Und täten sie's – nun, Vadder Deep versicherte, so würden sie sich gegen Abend verziehen, wie die anderen Tage; er erinnere sich, daß dergleichen wochenlang gedauert und das Barometer dabei noch tiefer gestanden wie heute, ohne daß es zum Ausbruch gekommen; er verstünde sich besser auf das Wetter, als die dummen Barometer. Vadder Deep war heute morgen schon in aller Frühe erschienen, ein bißchen nach dem Rechten zu sehen. In der Tat hatte Julie ihn von Retzow holen lassen; ihr Gatte war gestern nicht zurückgekehrt, es wurde fraglich, ob er überhaupt sich zum Feste einstellen werde; Herr Klempe war bereits seit gestern in einem unzurechnungsfähigen Zustande, und der Baron hatte sich, nachdem er ausgeritten, auf sein Zimmer begeben und nicht einmal zum gemeinschaftlichen Frühstück eingefunden, bei dem es auf Rechnung des Tages ganz besonders lustig herging. Gerhard konnte sich davon überzeugen, da das Frühstück in der großen Laube eingenommen wurde. Es war nicht seine Schuld, wenn er nicht fröhlich sein durfte mit den Fröhlichen! Zwar den erdrückenden Alp unaussprechlichen Leides, der gestern abend sein Herz belastet, hatte der holde, allzeit willige Gefährte der Jugend und der Kraft, ein kurzer, traumlos tiefer Schlaf, von ihm genommen. Ja, er empfand heute morgen eine Ruhe, über die er erstaunt war, bis er sich klar wurde, daß sie die Folge eines Entschlusses war, den er unbewußt bereits gestern trotz des Aufruhrs seiner Seele in sich getragen und den die stille Nacht nur gereift hatte. Völlig gereift, obgleich er ihn in zwei Briefen an seine Brüder noch in die Form einer Frage brachte: »Würdet ihr unseren Großvater, dessen vorzeitiges, schmähliches Ende mir der wunderbarste Zufall entdeckt hat, rächen wollen, wenn es nur auf Kosten unschuldiger Menschen, zumal eines edelsten Mädchens geschehen könnte, das euer Bruder liebt?« Er durfte der Antworten auf die beiden gleichlautenden Briefe bald entgegensehen. Fritz wollte seine Ferien in Bonn zubringen, um, nachdem er eben erst glänzend promoviert, sofort an einer Preisaufgabe für den Herbst zu arbeiten; von Max hatte er, als er gestern abend nach Hause kam, einen Brief vorgefunden, den jener bereits aus München geschrieben, wohin er vor wenigen Tagen zurückgekehrt war, da er lange genug, zu lange für des Bruders Börse, unter Palmen gewandelt. – Er war über diese Nachricht im ersten Augenblicke sehr betreten gewesen; er hätte dem Bruder so sehr einen längeren Aufenthalt in dem gelobten Lande der Kunst gegönnt; und der Gedanke, daß jenen ein rechtzeitig abgesandter Brief vielleicht doch noch in Rom gefunden und gehalten hätte, vermehrte die unbehagliche Empfindung. Nun freilich sah er in der übereilten Rückkehr seines Lieblings fast einen Wink des Schicksals, das ihn in seiner Herzensnot nicht allein lassen wollte, ihm den Treuesten der Treuen seinen Wünschen, seiner Sehnsucht erreichbar gemacht. Die Briefe an die Brüder hatte er zu größerer Sicherheit selbst nach Radebas auf die Post gebracht und war mit einem dritten in der Tasche nach Kosenow hinübergeritten. Unter dem Torwege hatte der alte Kutscher Johann Ewers gestanden; dem hatte er den Brief für Fräulein Edith anvertraut, und Johann Ewers hatte versprochen, ihn sogleich zum Fräulein zu bringen, die schon auf sei; ob der Herr Baron nicht hereinkommen wolle? Gerhard hatte es abgelehnt und sich nach dem Herrn erkundigt. Der Herr war während der Nacht im Vogelhause gewesen, wie auch die beiden Nächte vorher; aber gleich nach Sonnenaufgang wieder zu Walde gezogen. Daß der Herr, selbst wenn er im Laufe des Tages zurückkehrte, an der Gesellschaft bei den Hünengräbern teilnehmen werde, schien Johann Ewers völlig undenkbar; aber Fräulein Edith habe den großen Wagen zurechtzumachen befohlen, also werde sie doch hinfahren wollen, obgleich er, Johann Ewers, nicht wisse, was das zu bedeuten habe. Fräulein Maggie sei noch immer in Basselitz und werde auch wohl sobald nicht wiederkommen, da sie sich gestern durch die Kammerfrau der Frau Baronin einen ganzen Koffer voll Sachen habe holen lassen. Gerhard war bereits entschlossen gewesen, unter irgend einem Vorwande von dem Feste fern zu bleiben. Nun konnte davon nicht mehr die Rede sein, obgleich er selbst für Ediths Entschluß keine Deutung fand. Aber da alles, was sie tat, gewiß recht und gut war, mußte er sich darein fügen, so schwer es ihm fiel, sein einsames Zimmer zu verlassen und sich zu der Gesellschaft in der Laube zu begeben, von der er denn auch auf Anregung Spatzings, der ihn über den Rasenplatz hatte kommen sehen, mit Hurra und geschwungenen Champagnergläsern empfangen wurde. Spatzing hatte Julien vorgestellt, daß an einem solchen Sonn- und Festtage gar nichts anderes als Champagner getrunken werden dürfe, und Julie war durchaus seiner Meinung gewesen. »Aber freilich«, sagte Julie, indem sie Gerhard nach der stürmischen Begrüßung etwas auf die Seite zog, »jetzt erst wird der Tag für mich wahrhaft zum Feste. Ich glaube, ich hätte keinen Augenblick vergnügt sein können, wäre der fern geblieben, an den ich doch im stillen bei allen diesen unendlichen Arrangements und Mühen immer nur gedacht habe. Sie brauchen mich nicht so erschrocken anzusehen; es ist die harmloseste Eitelkeit von der Welt: ich bilde mir ein, daß ich die Macht besitze, lauter fröhliche Herzen und Gesichter um mich her schaffen zu können. Sie haben diese meine Macht während der letzten Tage auf eine harte Probe gestellt, und so ganz unnötigerweise! Hören Sie!« Sie legte ihren Arm in den seinen und führte ihn noch ein paar Schritte seitwärts: »Ich hatte heute morgen abermals ein Briefchen von Maggie – ein so herziges Briefchen! Sie kommt – natürlich! wie würde sie ausbleiben! – aber sie kann es nicht hindern, daß sie mit der Baronin und – nun seien Sie einmal wirklich gut! – mit Lafing kommt! Sie bittet, sie beschwört, sie fleht Sie an, ihr nicht anrechnen zu wollen, was zu verhindern sie ja gar nicht die Macht hat. Ich habe ihr geantwortet, daß ich mich für den edelsten, den feinfühligsten der Männer verbürge. Wird mich dieser Mann Lügen strafen?« Ein lauter Lärm, halb Jubel, halb Zank, von der Laube her enthob Gerhard der leidigen Antwort. Pastor Pahnks waren angekommen. Tining und Lining hatten erklärt, daß sie in der alten Kalesche des Vaters unmöglich zu einem solchen großartigen Feste fahren könnten und lieber zu Hause bleiben wollten, wenn es nicht anders zu machen wäre. – »Und nun meinen Tining und Lining«, sagte der kleine, dicke Pastor, »es wäre eben anders zu machen, wenn die Kantzower Herrschaften die Güte hätten, meine Alte und mich und die beiden Gören auf ihre Wagen zu verteilen.« Julie war sofort bereit: Herr und Frau Pastor sollten zu ihr in den Wagen kommen, nebst dem Herrn Baron, während ihr Mann, wenn er ja noch zurückkehrte, mit Salchen und Tining und Lining in den zweiten müßten, aus dem dann die jungen Herren in einen dritten zu wandern hätten – »Der leider nicht da ist, meine Gnädige!« rief Spatzing, »oder doch nur in einer Form, die mir wiederum Kantzows, das durchaus heute den Vogel abschießen muß, nicht würdig scheint.« In dieser Lage der Dinge, die von allen Seiten als eine sehr schwierige, ja verzweifelte bezeichnet wurde, kam, als Retter aus der Not, Herr Bagdorf von Bulitz. Er hatte ursprünglich nur um die Erlaubnis nachsuchen wollen, sich den Kantzowern anschließen zu dürfen; nun sei er überglücklich, wenn er den Herrschaften bei dieser Gelegenheit einen Dienst leisten könne, der für ihn – den einsamen Insassen seines großen Wagens – eine wahre Wohltat sei. Herrn Bagdorfs Anerbieten wurde dankbar angenommen; aber wenn auch so drei vortreffliche Plätze, auf die man in keiner Weise gerechnet, hinzukamen, so fehlte doch immer noch ein vierter, den ausfindig zu machen jeder mit einem anderen Vorschlage herbeikam, bis Gerhard auf das bestimmteste erklärte, daß er reiten würde, und sich auch in diesem Entschlusse durch keine Vorstellungen und Bitten, zuletzt auch nicht durch das Schmollen Juliens abbringen ließ. – »Sie wollen nicht mit mir fahren«, sagte Julie, »gehen Sie! ich habe auf Dank nie gerechnet!« Die Abfahrt war auf den Glockenschlag drei festgesetzt; aber es war bereits zwei, als man noch immer in der Laube an dem Frühstückstische saß, bis Julie meinte, daß die Damen sich jetzt, um Toilette zu machen, zurückziehen müßten. In dem Augenblicke, als sie sich erhob, schlug ein plötzlicher Wirbelwind die Zipfel des Tischlakens übereinander, daß die schlanken Gläser zum größten Teile umfielen und zerbrachen; zugleich zeigten sich über dem Dache des Hauses die gleißenden Zinken und Zacken der Wetterwand. Spatzing schlug vor, den alten Bekannten, dessen Harmlosigkeit man nun doch genügend erprobt, mit dem letzten Reste der Flaschen ein Hoch zu bringen, das er selbst intonierte und in das die anderen jubelnd einstimmten. Da nicht mehr für alle Gläser vorhanden waren, mußten einige Damen sich dazu verstehen, an den Gläsern der Herren zu nippen, während diese wieder sich um die Gläser rissen, woraus die Damen getrunken. Spatzing, der auf einen Stuhl gestiegen, rief, daß so geweihte Gefäße nie wieder in profanen Gebrauch genommen werden dürften und forderte die Herren auf, nicht gefühlloser wie der Wirbelwind, aber ebenso schnell und energisch zu sein, indem er bei diesen Worten sein Glas auf den Boden zu den bereits zerbrochenen schleuderte. Die anderen folgten jauchzend seinem Beispiele, während Gerhard Herrn Zempin entgegenging, der, eben zurückgekehrt, verwundert über den Lärmen, in den Garten getreten war. »Was bedeutet dies Scherbengericht?« fragte er. Gerhard antwortete nicht. Herrn Zempins Miene war, trotzdem er die Frage lachend gerufen, finster wie die Wetterwolke hinter ihm über dem Dache seines Hauses; und Gerhard hatte, als er die Gläser auf dem Boden klirren hörte, an das zersprungene Glück von Edenhall denken müssen. Zweites Kapitel Seitdem in dem Urwalde an den Gräbern ihrer Häuptlinge Menschen der Vorzeit das letzte Totenfest gefeiert, hatte die ehrwürdige Stätte eine so zahlreiche Versammlung nicht gesehen, eine so glänzende sicher nie. Wohl von zwanzig der größten Güter waren sie gekommen mit ›Hütt und Mütt‹ – das heißt: mit sämtlichen Gliedern der Familie, für die man sich ein Vergnügen aus dem großen Feste versprach, und zu denen nicht in letzter Linie die Kinder gerechnet wurden. Und man war gekommen: die Herren in ihren besten Anzügen, die Damen in möglichst geschmackvoller Sommertoilette, die kleinen Jungen in Sammetjäckchen und weißen Höschen, die kleinen Mädchen in luftigen, bändergeschmückten Kleidchen. Und diesem Staate der Herrschaften gemäß waren die Kutscher und Diener, die Gefährte, die Bespannungen gewählt und ausstaffiert worden; ja man hatte nach dieser Seite ebensoviel Pracht und Prunk entfaltet, als es sonst nur bei der feierlichsten aller Gelegenheiten, bei dem Sundiner Rennen, zu geschehen pflegte, wo man mit dem einheimischen, rügenschen, mecklenburgischen, ja mit dem schlesischen Adel: mit den Keffenbrinks und Lankens, den Hahns und Henkels, und wie sie alle hießen, konkurrieren mußte. Die stattlichen, offenen, mit Kränzen geschmückten Karossen waren fast sämtlich mit vier vom Sattel gelenkten Pferden bespannt gewesen; die seidenen Kappen und Jacken der Jockeys in allen Farben des Regenbogens schillernd, die Geschirre der herrlichen Rosse funkelnd von Silber und Messingbeschlägen; nicht wenige hatten Vorreiter gehabt; einige waren sogar sechsspännig gekommen, was indessen als ein Verstoß gegen die Verabredungen von den anderen gerügt wurde. So boten denn die Wagen, die in der breiten, auf den Festplatz stoßenden Schneise in der Ordnung, in der sie gekommen, nebeneinander aufgefahren waren, mit den stampfenden, wiehernden Rossen und den geschäftigen Leuten einen höchst stattlichen Anblick und prächtigen Hintergrund für das überaus belebte Bild, das der eigentliche Festplatz gewährte. Man hatte soeben den ersten Teil des Programms, den Kaffee, absolviert, allerdings genau zwei Stunden später, als bestimmt war – zu Juliens nicht geringem Verdruß, obgleich sie sich die Schuld allein beimessen mußte. Zwar ihr Gedanke, zwischen den beiden Hünengräbern eine aus Erde und Moos ausgeführte, mit einem bewimpelten Zeltdach versehene Küche zu etablieren, an deren Tisch sie selbst mit Lining und Tining Pahnk den von den Mägden an Ort und Stelle gebrannten und zubereiteten Kaffee servierte, war gewiß sehr glücklich gewesen, nur daß die Bereitung allzuviel Zeit erforderte und die Austeilung des vielbegehrten Trankes an etwa sechzig Erwachsene und ein paar Dutzend Kinder von der einen und noch dazu beschränkten Stelle aus auf unüberwindliche Schwierigkeiten stieß. Die einen wünschten Kuchen zu ihrem Kaffee, die anderen Kaffee zu ihrem Kuchen; diese hatten sich eine Tasse erobert, in der nur noch der Kaffee fehlte, jene, die sich glücklich bis zur Quelle herangedrängt, würden Kaffee erhalten haben, wenn sie nicht der Tassen ermangelt hätten. Die Kinder baten und lärmten, die älteren Damen schüttelten die Hauben über die mangelhafte Einrichtung; die älteren Herren machten lachend ihre Scherze und riefen Herrn Hinrichs von Radebas Beifall, der von einem der Steine herab verkündete, er habe soeben eine immer fließende Quelle entdeckt, wozu der Zugang völlig frei sei. Diese Quelle aber war ein großes Faß Rotwein, das er bereits tags vorher heimlich hatte anfahren und aufstellen lassen, und bei dem er nun, nachdem es von seiner Mooshülle befreit, das Amt eines Küfers und Oberschenken in Person übernahm, während Diener geschäftig den Durstigen die gefüllten Humpen zutrugen oder die leeren aus den Händen nahmen. So wurde es, zu Juliens nicht geringem Ärger, um ihre Küche her immer leerer und stiller, gerade als sie den Kaffee kesselweise vorrätig und Geschirr, das sie mittlerweile auf einem Leiterwagen aus Kantzow hatte herbeischaffen lassen, im Überflusse besaß. Denn nun hatten auch die jungen Leute ihre Ungeduld, endlich einmal zum Spielen zu kommen, nicht länger zügeln mögen und: Seht euch nicht um! und: Eins, zwei, drei – das letzte Paar herbei! schallte von hier und dort; und überall huschten jungfräulich weiße Kleider und sommerlich lichte Herrengestalten durch die braunen Stämme, denn das freie Terrain um die Hünengräber hatte sich bald als zu klein erwiesen, besonders da man die Kinder in ihren Vergnügungen nicht stören wollte und das Halbdunkel des Waldes zu verführerisch lockte. Das Fest war in diesem Moment, wenn auch in den Augen der Eingeweihten, noch keineswegs auf seiner Höhe, so doch für den unbefangenen Beobachter in seinem liebenswürdigsten Stadium. Wohl waren die zechenden Herren bereits ein wenig überlustig und überlaut, aber lustig und laut konnte und sollte es bei einer solchen Gelegenheit hergehen. Und sicher ließen sich die würdigen, in kleinen Gruppen zusammensitzenden und promenierenden Gattinnen der Zechenden durch den Lärmen nicht abhalten, die verunglückte Kaffeeküche einer ebenso gründlichen als scharfen Kritik zu unterziehen, woran sich der naheliegende Wunsch knüpfte, daß das Abendbrot etwas besser ausfallen möge. Die ganz dem Spiele hingegebenen jungen Damen und Herren und nun gar die jauchzenden Kinder hatten den Kaffee vergessen und dachten noch nicht an das Abendbrot. In den Lärmen, das Rufen, das Jubeln auf dem Festplatze tönte von der Schneise her das Wiehern der Vollblutpferde, denen in bereitgehaltenen fliegenden Krippen und Eimern Brot und Wasser gereicht wurde, während die Kutscher und Jockeys die Wahl hatten zwischen den gefüllten Kaffeekesseln aus Juliens Feldküche und einem großen Fasse Bier, das sich durch seinen Laubschmuck vor den danebenliegenden Wasserfässern auszeichnete. Man hatte durchaus die Empfindung, daß es für den Augenblick jedem in seiner Weise wohlig und behaglich war. Dazu die herrliche Umgebung hochragender Tannen; die würzige, wenn auch ein wenig heiße Luft, aus der sich der lästige Rauch und Geruch der Kaffeebrennerei längst verzogen; das sanft gedämpfte Licht des leuchtenden Julihimmels, dessen gen Westen sinkende Sonne man zwischen den Riesenbäumen so wenig sah, wie die Wetterwolke im Süden, derer übrigens außer einigen besonders fürsorglichen älteren Damen niemand gedachte – wahrlich! nur ein gänzlich verstörter Geist, ein durch Kummerüberlast hoffnungslos gedrücktes Herz hätte gegen den berückenden Zauber des Ortes und der Stunde unempfindlich bleiben können! So sprach Gerhard zu sich, um sich vor sich selber zu rechtfertigen, wenn er in gewissem Sinne jenen Zauber voll empfand, als er jetzt in einiger Entfernung, an dem Stamme einer Tanne lehnend, dem lustigen, bunten Treiben zuschaute. Hatte sich doch seinem lebhaften Geiste von frühester Jugend an der Ernst des Lebens, wahrlich sehr gegen seinen Wunsch und seine Neigung, aufgedrängt! war doch sein empfindsames Herz so gern fröhlich mit den Fröhlichen, nur daß es sich nicht entbrechen konnte, mitzufühlen und mitzuleiden, so oft es in die Berührung mit dem Leide anderer kam, die keineswegs ihm nahestehende Personen zu sein brauchten! besaß doch auch er für das Schöne in jeder Form und Gestalt jenen tief empfänglichen, dankbaren Sinn, der seine sämtlichen Brüder auszeichnete und der ein Erbteil seiner Familie schien – ein Erbteil vielleicht von dem wilden, genialen Großvater her! Ach, daß der Schatten dieses Mannes so schwer und dunkel in sein Leben fiel – schwerer und dunkler jetzt, als je zuvor! Konnte ihn denn nichts aus diesem Dunkel lösen? Gab's denn kein Zauberwort, ihn zu bannen? kein blinkend Schwert, ihn abzuwehren, den bleichen Schemen, der nah und näher huschte, zu trinken von dem Widderblut, das ihm die fürchterliche Kraft verlieh, laut, unwiderstehlich den Racheschrei zu heulen in Ohr und Herz des schaudernden, widerwilligen Lauschers! so laut, daß es den Lärmen der Zecher, die Rufe der Spielenden, das helle Jubelgeschrei der Kinder übertönt haben würde – Lust und Scherz dieser aller, von denen kein einziger je den grausen Gast beleidigt. Und wie er also bei sich dachte, fiel sein Blick auf eine Gestalt, die nicht weit von ihm, ebenfalls abgesondert von den anderen, stand und ihn beobachtet haben mußte, denn jetzt setzte sie sich in Bewegung mit der Gebärde jemandes, dem eingefallen ist, worauf er sich besonnen, und entfernte sich schlurfenden Schrittes nach der Gruppe der Zechenden, wo sie der Nachschauende alsbald aus den Augen verlor. Dafür hob sich ihm eine andere Gestalt aus derselben Gruppe heraus: die riesige Gestalt des Freundes, riesig jetzt noch unter all diesen hochgewachsenen, breitschultrigen Männern. Er stand da, in seiner übertriebenen Weise gestikulierend und sprechend, in heftigem Zank, wie es schien, mit Hinrichs von Radebas, der, ein geborener und nicht eben feiner Necker, ihm immer ein Widersacher war und heute leichteres Spiel als sonst haben mochte. Denn Gerhard war vom ersten Moment das düstere und zerstreute Wesen des Freundes aufgefallen, der während des ganzen Nachmittags, ganz gegen seine Gewohnheit, selbst für ihn keinen freundlichen Blick, kein herzliches Wort gehabt hatte und offenbar sehr an sich halten mußte, um seine böse Laune nicht an den anderen auszulassen. Wußte doch Gerhard nur zu gut, was dem Manne die Laune verdorben! ahnte er doch, daß er noch weitaus nicht alles wisse! – Ein paar gemeinschaftliche Freunde, unter ihnen Anton, trennten die Streitenden, indem sie mit gefüllten Gläsern zwischen dieselben traten. Gerhard wandte sich von seinem Beobachtungsposten am Rande der Lichtung tiefer in den Tann. Er taugte doch wohl nicht für die lärmende Lust – es war ihm, als sei seine Gegenwart hinreichend, diese Lust zu stören. Und dann, von jener Seite mußte sie kommen! Er hatte freilich die Hoffnung aufgegeben; ja, durfte er nur wünschen, daß sie kam? Sie gehörte nicht in diesen Kreis, so wenig wie er selbst. Der Lärmen des Festes war hinter ihm geblieben; durch die Stille, die ihn nun umgab, hörte er einen Wagen, den eine Biegung des Weges zwischen den mächtigen Tannen ihm verbarg. Nun sah er die ihm so wohlbekannten prächtigen Braunen, das gute Gesicht von Johann Ewers auf dem Bocke, den offenen Wagen endlich – sein Herz hatte umsonst so freudig erwartungsvoll gepocht: der Wagen war leer. »Wo ist Fräulein Edith?« rief er. »Hier«, sagte eine Stimme hinter ihm. Er wandte sich und erblickte wenige Schritte von ihm entfernt die geliebte Gestalt. Ein süßer Schrecken durchrieselte ihn; er vergaß, ihr entgegenzueilen, und seine Hand bebte, als Edith jetzt, an den Erstarrten, Sprachlosen herantretend, ihm lächelnd die Hand bot. »Wie freue ich mich, Sie zu sehen! Und wie danke ich Ihnen!« »Sie haben mein Briefchen bekommen?« »Es war mein Morgengruß; es hätte mir kein lieberer werden können.« Er hatte ihre Hand losgelassen und schritt neben ihr, ohne das Glück der geliebten Nähe zu fassen, kaum wagend, die Augen zu ihr zu wenden, als könnte ein Blick den holden Traum zunichte machen. Johann Ewers hatte gehalten, im Falle die jungen Herrschaften vielleicht einsteigen wollten; und er fuhr nun langsam weiter vorauf, ohne sich nach ihnen, die durch die Tannen neben dem Wege herschritten, umzuwenden – sie konnten ihn ja jeden Augenblick abrufen! »Werden Sie mich anmaßlich schelten«, sagte Edith, »wenn ich bereits gestern abend auf Nachricht von Ihnen hoffte? ja mir einbildete, Sie würden selbst kommen? und daß ich recht traurig war, als Sie nicht kamen? Und einmal hatte ich sogar schon Ihre Stimme zu hören geglaubt – vom Garten her, von wo Sie doch nicht kommen konnten – so deutlich, daß ich in die Tür trat, nach Ihnen auszuschauen. Ist das nicht wunderlich?« Er durfte ihr nicht sagen, wie nah er ihr in jenem Moment gewesen war; so sagte er denn, er habe sich gescheut, so spät vorzusprechen, und berichtete ausführlicher, als in dem Briefchen möglich gewesen, wie sich der Graf über die Angelegenheit des Vaters geäußert. »Ich habe es nicht anders erwartet«, erwiderte Edith, »und ich wiederhole, ich wage kaum noch eine Hoffnung zu hegen. Meine Dankbarkeit für Ihre Güte ist deshalb nicht weniger groß.« Er antwortete nicht; sie gingen schweigend nebeneinander; lautlos glitten ihre Schritte über den moosbedeckten Boden; unter den Rädern des Wagens knackte manchmal ein dürres Ästchen im Geleise; dann vernahm man aus der Ferne und vereinzelt Stimmen vom Festplatze her. »Ist Maggie bereits da?« Die Frage war für Gerhard so überraschend gekommen; er blieb unwillkürlich stehen. »Nein«, sagte er, »weshalb«? Sie hatte versucht, seinen Blick zu erwidern, dann aber gleich die dunkeln Wimpern gesenkt; und so, mit gesenkten Wimpern und leiser, hastiger sprechend als vorher, sagte sie: »Es ist mir auch deshalb lieb, daß Sie mir – daß ich Sie vorher getroffen. Ich habe ein Unrecht gutzumachen, ein schweres Unrecht, das ich an Maggie begangen. Ich hatte kein Recht, Maggie zu verurteilen, bevor sie sich verteidigen, bevor sie ihre Gründe darlegen konnte, die vielleicht, die gewiß sehr gewichtig sind. Maggie ist ein so kluges Mädchen und ein so eigenes – ich muß mich so oft bescheiden, daß ich sie nicht verstehe und begreife – im alltäglichen Leben; und nun gar in einem Falle, wo es sich um das Glück ihres Lebens handelt! Und gerade für mich war ruhiges Abwarten naheliegende, gebieterische Pflicht, da ich doch hinreichend in die Situation eingeweiht bin, um, wollte ich mir nur die Mühe geben, wohl selbst einen und den anderen Grund für Maggies Handlungsweise finden zu können. Sie durfte mit der Baronin nicht sofort brechen; sie mußte noch für eine kurze Zeit den Schein des alten Verhältnisses und guten Einvernehmens mit der wunderlichen, heftigen Frau, die sie ohne Zweifel in ihrer Weise sehr liebt, aufrechterhalten; und das konnte sie nur, wenn sie der Bitte, vielmehr dem leidenschaftlichen Drängen derselben nachgab und ihr nach Basselitz folgte – auf ein paar Tage, die wir uns hätten in Geduld fassen sollen. Sehen Sie, das ist es, was ich Ihnen durchaus sagen mußte, und weshalb ich hauptsächlich gekommen bin; und auch Maggie muß ich es sagen, und daß sie nun genug Rücksicht auf die Launen der Baronin genommen hat und heute abend mit mir nach Hause fahren soll. Aber ich bin überzeugt, es wird da meines Zuredens nicht bedürfen; sind Sie es nicht auch?« »Nein«, sagte Gerhard, »durchaus nicht; obgleich ich es vielleicht schicklicher fände, wenn Fräulein Maggie nicht gerade die ersten Tage ihres Brautstandes im Hause der Schwiegermutter verlebte.« »Mein Gott«, rief Edith; »wie können Sie nur so sprechen?« »Weshalb nicht? ich habe es aus bester Hand! von der Gräfin Westen, der es die Frau Baronin, die es doch wissen muß, durchaus nicht unter dem Siegel der Verschwiegenheit geschrieben hat – wenigstens wurde mir die Sache als ein einfaches Faktum mitgeteilt.« »Ohne schon ein solches zu sein oder auch dadurch zu werden, wie die Baronin vielleicht hofft, die nur zu gern ihre Wünsche an die Stelle der Tatsachen setzt! Aber Maggie wird stets ihren Weg gehen, und keine Kunst der Überredung und keine Furcht vor irgend jemand oder irgend etwas würde sie je bewegen, anders zu handeln, als nach ihrem eigensten Willen. Sie dürfen niemand glauben, als ihr selbst!« »Verzeihen Sie mir, Fräulein Edith: ich habe, fürchte ich, Ihrem Fräulein Schwester bereits zu viel geglaubt!« »So haben Sie Mitleid mit einem siebzehnjährigen, verwöhnten Kinde, das nicht so anmutig sein würde. wenn es leichter zu berechnen wäre!« »Ich war in Herzenssachen nie ein guter Rechner. Der Anmut Ihrer Schwester mache ich mein tiefstes Kompliment; mein Mitleid möchte ich lieber dahin wenden, wo ich sicher wäre, daß es nicht hohnlachend zurückgewiesen wird.« »Ist es denn wirklich Ihr voller Ernst, mit Maggie zu brechen?« »Ich habe, solange ich denken kann, noch nie ein Wort gebrochen, mein gnädiges Fräulein; aber der eine Teil allein, er mag so ehrlich sein, wie er will, kann einen Vertrag nicht halten.« Sie hatten beide lauter, schneller, erregter gesprochen; Johann Ewers wandte sich auf dem Bocke: »Wir sind nun bald 'ran, Fräulein Edith!« Aber wenn der alte treue Mensch damit andeuten wollte, daß es für sein liebes Fräulein und den jungen Herrn, dem sein Fräulein entschieden gut war und der ihm selbst so gut gefallen, die höchste Zeit sei, sich zu vertragen, so hatten sie ihn nicht verstanden oder folgten doch seiner Mahnung nicht. Sie gingen den Rest des Weges stumm nebeneinander her, Edith voll ernster Sorge, ob sie, was sie für Pflicht gegen Maggie hielt, nicht aus persönlichem Interesse, schlecht und ungeschickt erfüllt; Gerhard außer sich, daß er aus Ediths Munde hören mußte, was – er sich alles selbst gesagt – beide in tiefster Erregung bedenkend, daß vielleicht bereits der nächste Augenblick die Entscheidung bringen könnte; beide sich voll bangsten Zweifels fragend, was denn nun werden sollte, wenn diese Entscheidung in dem Sinne fiel, welcher der scheinbar einzig wünschenswerte war. Und da, vor ihnen auf dem Wege zwischen dem Festplatze und der Schneise, hielt die altertümliche Kutsche der Baronin. Sie selbst saß noch breit im Fond, Maggie stand aufrecht und bedrohte mit dem Sonnenschirm einige Herren, die von rechts her den Wagen stürmen zu wollen schienen, während links an dem offenen Schlage inmitten eines großen Damenkreises, für den Julie das Wort führte, den Hut in der Hand, ein jüngerer Herr von mittlerer Größe den kleinen Kopf mit dem bereits sehr spärlichen, schlichten blonden Haare nach allen Seiten neigte. Gerhard brauchte seine stumme Begleiterin nicht zu fragen, wer dieser Herr sei. Auch blieb gar keine Zeit zur Erklärung, denn die Baronin hatte die Kommenden bereits bemerkt und rief überlaut, zu den Maggie und sie bestürmenden Herren gewandt: »Nun laßt es man mit die Redereien! vor Ihnen wären wir noch lange sitzengeblieben; aber nun ist das was anderes, machen Sie mich mal Platz, daß ich aussteigen kann!« Die stattliche Dame hatte sich so schnell erhoben und so gewaltsam herausgeschwungen – die alte Chaise schwankte in ihren Federn hin und her; Maggie war mit einem kleinen, lachenden Schrei auf den Sitz zurückgefallen, oder hatte sich auch geschickt fallen lassen. Die Baronin war auf Gerhard zugetreten, am Arme Lafings, den sie im Herabspringen aus dem Kreise der Damen gerissen. »Na, das ist man gut, Herr Baron, daß Sie endlich kommen«, schrie sie – »ich wollte doch nicht wieder fort, ohne Ihnen gesehen und meinen Sohn vorgestellt zu haben. Dies ist nämlich mein Sohn!« Lafing, der den Hut noch immer in der Hand hielt, verbeugte sich zu wiederholten Malen, indem er dabei sehr rot wurde, einige unverständliche Worte murmelte und jetzt, als die Mutter seinen Arm losließ, in verlegener Weise an seinem dünnen, rötlichen Backenbarte, den er nach der englischen Mode trug, zu zupfen begann. »Wir sind nämlich sehr bös, mein Lafing und ich«, schrie die Baronin, »daß Sie gestern nun doch beim Grafen gewesen sind, nachdem Sie mich gesagt haben, daß Sie nirgends Visiten machen wollten. Nicht wahr, Lafing, wir sind sehr bös?« Lafing lächelte, murmelte abermals etwas Unverständliches und zupfte zur Abwechslung an dem überaus hohen und steifen Hemdkragen, wobei er, die kleinen, wasserblauen Augen halb schließend, das Köpfchen so tief als möglich herunterzog wie eine erschreckte Schildkröte, um es dann plötzlich wieder in die Höhe zu recken und die kleinen Augen möglichst weit aufzureißen. Und das ist der Gegner, vor dem du hast zurückstehen müssen! dachte Gerhard, und im nächsten Moment sagte er sich: es kann nicht sein! Unwillkürlich suchte sein Blick Maggie, die sich wieder im Wagen aufgerichtet hatte und mit den Herren disputierte, die nun durchaus wollten, daß auch sie aussteigen solle. Plötzlich wandte sie sich – zum ersten Male – nach der Seite, wo er mit der Baronin und Lafing stand, und rief, indem sie ihn, zugleich vertraulich nickend, mit einem schalkhaften Lächeln begrüßte: »Wir bleiben also?« »Steig man aus, Kleine!« rief die Baronin zurück, »ich habe ein paar Worte mit dem Baron zu sprechen. Geben Sie mich Ihren Arm, wenn ich bitten darf!« Gerhard konnte nicht wohl anders, als dem Befehle nachkommen; ja er mußte froh sein, aus einer Situation erlöst zu werden, die mit jedem Moment peinlicher wurde. Ein großer Schwarm Herren und Damen hatte sich um sie versammelt, mit neugierigen Ohren und Blicken jedem Worte, jeder Bewegung der Hauptpersonen der Szene folgend. Die Baronin drängte sich in ihrer ungenierten Weise durch den dichten Haufen, indem sie dabei zu Gerhard, aber laut genug, daß es jeder hören konnte, sagte: Das fehlte mich noch gerade, hier vor diese Gesellschaft zum Eulenspiegel zu werden! Da die wunderliche Frau mächtige Schritte machte, hatten sie bald auf dem Wege, den Gerhard eben mit Edith gekommen, eine Strecke zurückgelegt, die sie völlig aus der Gehörweite der Gesellschaft brachte. Jetzt ließ die Dame seinen Arm los und sagte: »Na, Herr Baron, nun wollen wir uns mal ordentlich aussprechen! Sie sind mich bös und haben auch Ursach dazu. Aber Sie dürfen es mit der Basselitz nicht so genau nehmen! Sie meint es gut, auch mit Sie; und Sie sind ja so ein feiner, artiger Herr, viel zu fein für die Basselitz; aber das gleicht sich denn sacht aus, und schließlich gibt es die beste Freundschaft. Weshalb sollen wir auch Feinde sein, der Herr Baron und ich – habe ich heute morgen zu die Kleine gesagt –: er hat dich die Cour gemacht, na, das haben schon viele getan, und du läßt dich ja auch gern die Cour machen; und wenn du es in diesem Falle ein bißchen weit getrieben: na, es ist ja ein hübscher Mann, in den ich mir auch verlieben könnte, und ich hatte doch eigentlich hauptsächlich die Schuld, indem ich dir so lange zappeln ließ und du nicht wußtest: will sie mich Lafing geben oder will sie es nicht? Das ist eine dumme Situation für so ein lüttes junges Ding, in der sie dann allerhand Dummheiten macht und andere verständige Leute – mir zum Beispiel – verleitet, auch welche zu machen. Nun werde ich heute nachmittag mit dich rüberfahren, weil er am Ende doch nicht zu uns kommt, und mit ihm sprechen, artig und manierlich, wie ich schon neulich mit so einem feinen Herrn hätte sprechen sollen. Dann ist die Sache gut. – Sehen Sie, Herr Baron, so habe ich zu die Kleine gesagt; und nicht wahr? nun ist die Sache gut. Und nun geben Sie mich wieder Ihren Arm und führen Sie mir zu meinem Wagen zurück.« »Wollen Sie mir eine Frage erlauben, gnädige Frau?« »Fragen Sie immerzu!« »Sie haben das alles in derselben Weise mit Fräulein Zempin durchsprochen?« »Was ich Ihnen sage!« »Und Fräulein Zempin hat ihre völlige Zustimmung zu erkennen gegeben?« »Na, das versteht sich doch von selbst! Würde sie denn sonst mit mich nach Basselitz gekommen sein? und bei mich bleiben? Denken Sie denn, daß Basselitz ein Sklavenschiff ist, und ich der Kapitän davon bin? Sie will es Sie übrigens selbst noch sagen, was ich auch so weit ganz in Ordnung finde.« »Dann bitte ich um Ihren Arm, gnädige Frau.« Sie schritten die kurze Strecke zurück; die Baronin sagte: »Sie sollten gleich mit uns kommen, Herr Baron! es ist ja ein Platz im Wagen frei, und dann hat die Schnackerei ein für allemal ein Ende. Ich lasse Sie heute abend nach Kantzow fahren. Was wollen Sie in diese Gesellschaft, besonders, da sie noch alle heute abend naß werden wie die Katzen. Ich dachte schon, es würde losgehen, als wir von Basselitz wegfuhren. Na, wie Sie wollen; aber nun tun Sie mich wenigstens den Gefallen und holen Sie mich die Kleine! Lafing sehe ich da zwischen die Herrens stehen, den will ich mich schon selber langen.« Sie hatte, nun wieder bei dem Wagen angelangt, Gerhards Arm losgelassen. Gerhard entdeckte Maggie an dem entgegengesetzten Rande des Platzes in einem Kreise der jüngeren Herren. Er schritt sogleich auf die Stelle zu. Sie hatte ihn offenbar sofort gesehen, denn sie schlüpfte, als er auf ein paar Schritte nahe war, aus dem Kreise, rufend: »Da kommt der Herr Baron, der mich holen soll! sagte ich es nicht? Nicht über den Platz, Herr Baron! sie laufen uns sonst mit den Tischen um! bitte, bitte! hier am Rande hin!« Sie hatte ihn wieder mit dem schalkhaften Lächeln begrüßt; er wußte ja, wie falsch die holde Miene war, und wie falsch das Herz, das unter diesem knospenden Busen schlug; und doch konnte er, wie sehr er sich zürnte, nicht verhindern, daß sein eigen Herz ihm bis in die Kehle pochte, als er an ihrer Seite den Platz, wo man jetzt die Abendtafel herrichtete, umkreisend, unter den dichten Kronen der Riesentannen hinschritt. Hatten sich doch auch Tannenzweige über sie gebreitet, als er sich in dem Überschwang einer Liebe berauschte, die ihm wie ein Trank schien, entwendet von der Tafel der ewigen Götter, und die doch nichts war als hohler Schaum. – Es kann nicht – kann nicht sein! rief es in seinem Herzen, wie vorhin; nur daß die innere Stimme noch hinzufügte: Und wenn es nicht wäre – was dann? was dann? Wenige Sekunden waren verstrichen, während sie so nebeneinander hinschritten; doch dünkte es ihm eine Ewigkeit. »Wie glücklich bin ich, Sie wiederzusehen!« sagte ihre leise Stimme. »In der Tat, mein gnädiges Fräulein –« »In der Tat? – mein gnädiges Fräulein? – zu mir? zu deiner Maggie? – das? – Wache ich denn, oder träume ich?« »Verzeihung, mein gnädiges Fräulein! aber wenn dies, wie unzweifelhaft, abermals eine Komödie ist, so haben Sie Ihre Rolle nicht gut gelernt: Ihre Rede paßt nicht ganz zu dem Stichwort der Frau Baronin.« »Also ist es wirklich wahr?« »Was?« »Daß Sie Edith lieben!« Sie war stehengeblieben und schaute zu ihm auf. In der grünen Dämmerung glänzten die braunen Augen so seltsam – ein Schauder durchrieselte ihn. »Gehört das mit zu der Rolle?« »Wenn's eine wäre, weshalb wagen Sie denn nicht, mich anzusehen? Ihre Augen waren doch sonst so zaghaft nicht! Aber Sie wissen recht gut, daß ich nicht blind bin, und daß Sie sich vor mir nicht verstecken können. Lieben Sie Edith, oder lieben Sie sie nicht?« »Sie haben sich alles und jedes Rechts zu dieser Frage begeben.« »Dann will ich für Sie antworten: ja, Sie lieben Edith! Sie haben sie vom ersten Abend an geliebt; und sie hat Sie geliebt in ihrer klugen, stillen Weise, die um so sicherer zum Ziele führt. Deshalb durfte sie vierzehn Tage lang nicht nach Kantzow kommen, während sie doch nach Ihnen verschmachtete, damit auch Sie das Schmachten und Sehnen lernten und sich die Zeit damit vertrieben, der kleinen Maggie weis zu machen, daß sie Ihnen alles sei, und die kleine dumme Maggie Ihnen zuletzt um den Hals fiel – und, und – gehen Sie, oder, bei Gott, sie tut es jetzt auf der Stelle noch einmal!« Um den reizenden Mund zuckte es wie verhaltenes Weinen; sie stampfte mit dem kleinen Fuße in das weiche Moos, einem Kinde gleich, dem die Puppe verweigert wird, und das doch klug genug ist, zu wissen, daß ihm das Trotzen nichts helfen wird. »Nein, fürchten Sie sich nicht! Sie sagen ja alle: ich habe meinen Kopf für mich; aber ich habe auch mein Herz für mich: ich will den Mann, den ich liebe, ganz für mich, oder gar nicht. Und ich habe es gesehen – als wir zurückkamen und die Baronin mich zur Rede stellte – in des Vaters, in Ediths Gegenwart –: an Ediths Benehmen, an ihrem Schweigen, ihren Blicken. Ich kenne diese Blicke! Sie hat mir noch jede Freude im Leben verdorben, ich will ihr nicht Gleiches mit Gleichem vergelten; und wenn ich es auch wollte, es hülfe mir ja nichts. Wie dürfte ich mich mit Edith messen! Sie ist so gut, so edel, so rein, so wahr! ich kann ja nichts, als ein bißchen Komödie spielen!« Sie lachte hell auf Tining Pahnk und Luise Sallentin, die eben durch die Tannen kamen und an ihnen vorüberstrichen, riefen: »Was gibt's, Maggie! Sag's uns, Maggie!« »Eine lustige Geschichte!« rief Maggie zurück, »die euch köstlich amüsieren wird. Laßt sie euch von dem Herrn Baron erzählen; ich muß zur Baronin. Adieu, adieu!« Sie lief davon, Edith entgegen, welche die Schwester gesucht hatte und ihr etwas mitteilen zu wollen schien; aber Maggie hatte nur eben Zeit, ihr ein paar Worte ins Ohr zu sagen und etwas in die Hand zu drücken, das Edith nicht nehmen wollte und dann doch nahm und in die Tasche gleiten ließ. Dann eilte sie nach dem Wagen, in dem die Baronin bereits Platz genommen. Lafing, der am offenen Schlage stand, half ihr, den Hut in der Hand, hinein, indem er selbst folgte, nachdem er die Gesellschaft, die sie begleitet, wiederholt höflich gegrüßt. Der Bediente schloß den Schlag und kletterte zu dem Kutscher auf den hohen Bock. Die feurigen Pferde zogen mit mächtigem Sprunge an; der Wagen rollte den Waldweg hinauf. Tining Pahnk und Luising Sallentin wehten mit den Taschentüchern, da jetzt der Wagen eben an einer lichten Stelle zwischen den Stämmen sichtbar wurde; aus dem Wagen wehte es zurück, aber es war das Tuch des höflichen Lafing. Maggie hatte sich in die Ecke gedrückt und hielt ihr Tuch vor dem Gesicht. Tining und Luising sahen sich, nach einem Seitenblick auf Gerhard, bedeutungsvoll an. »Und es ist dennoch alles Komödie«, murmelte Gerhard. Aber das eitle Herz wollte nicht recht glauben, was der Mund sprach. Für eine Komödie war es doch gar zu natürlich gewesen; und in dem einen Punkte: daß er Edith liebe, hatte sie sicherlich die Wahrheit gesprochen. Sollte da alles andere Lug und Trug sein? Drittes Kapitel. Der Zauber, dessen sich Julie rühmte: rings um sich her zufriedene Herzen und Gesichter schaffen zu können, wirkte heute entschieden nicht mit seiner vollen Kraft. Es sah fast so aus, als ob der verunglückten Kaffeeküche ein verunglücktes Abendbrot folgen solle. Waren die ausgezeichneten Leistungen jener nicht gewürdigt worden, weil sie für alle Welt ein paar Stunden zu spät kamen, so erschien dieses ebenso für alle Welt ein paar Stunden zu früh. In ihrer Sorge, abermals nicht zur rechten Zeit fertig zu werden, hatte Julie die Herrichtung der Tafel und was sonst an Vorbereitungen zum Abendbrot nötig war, übermäßig beeilt, und, wie bei der Kaffeeküche alles quer gegangen, so machte sich hier – zu ihrem eigenen und ihres Stabes Erstaunen – alles wie von selbst. In kürzester Frist waren die niedrigen Böcke in langer Reihe nebeneinander aufgestellt, mit breiten, eigens dazu abgepaßten Brettern belegt, die Bretter wiederum mit blendenden Tischtüchern bedeckt; das Herbeischaffen des diesmal reichlich vorhandenen Geschirrs, das Anrichten der fertig gehaltenen Speisen, endlich die Herrichtung der Sitze, die aus sehr großen, mit Stroh gestopften Säcken bestanden, über die man wollene Tücher breitete – eines folgte dem anderen mit solcher Schnelligkeit, eines paßte zu dem anderen mit solcher Genauigkeit – und da streckte sich, wie aus dem dichten Moose hervorgezaubert, die schier unendliche, für einige achtzig Personen ausreichende opulente Tafel; es fehlte, wie sich Julie an der Spitze ihres Stabes überzeugte, an nichts – nur an den Gästen. Die aber herbeizuschaffen schien eine Unmöglichkeit, welche Mühe sich auch die Adjutanten gaben. Herrn Hinrichs Faß, berichtete Anton, sei noch zur Hälfte gefüllt, und solange ein Tropfen fließe, habe Herr Hinrichs erklärt, ließe er keinen von der Stelle. Die älteren Damen hatten ihre Promenaden, die jungen Leute ihre Spiele so weit ausgedehnt – man könnte ebensogut eine Schar hin und her hastender Ameisen einzeln auflesen, als die durch den ganzen Wald zerstreute Gesellschaft zusammenbringen – sagte Spatzing, sich das lockige Haar aus der schweißtriefenden Stirn streichend. Dasselbe bekundeten die Herren Lindblad und Benz; selbst Vadder Deep, der doch sonst zu allem Rat wußte, zuckte die breiten Schultern und murmelte etwas von Abwartenmüssen. Aber die Kinder wollten nicht warten, und man mußte ihnen den Willen tun, schon um sie zu verhindern, die niedrige Tafel als einen besonders geeigneten Spielplatz weiter zu benutzen, wie es bereits einige wilde Buben zu Juliens Schrecken getan und dabei eine fürchterliche Verwüstung unter dem Geschirr und den Speisen angerichtet hatten. So fing denn an dem einen Ende die Kinderschar an zu schmausen unter der sehr mangelhaften Aufsicht ihrer Bonnen, zu denen sich zum Glück nach und nach einige Mütter und Tanten gesellten. Allmählich kamen auch einige Gruppen der jungen Leute von der Promenade oder den Spielplätzen und nahmen sofort, da sie doch einmal gerufen waren, an der Tafel Platz, welche, weil überall große Zwischenräume blieben, ein buntscheckiges, ganz und gar nicht festliches Aussehen bekam, um so mehr, als nur wenige mit dem vorlieb nahmen, was sie gerade vor sich fanden. Die anderen dagegen holten besonders leckere Schüsseln, die sie hier oder da bemerkt hatten, und verwandelten auf diese Weise die ursprüngliche Ordnung sehr bald in ein wüstes Durcheinander. Zum wahren Entsetzen von Julien und zur höchsten Indignation von Frau Sallentin, die eben an der Spitze einer größeren Schar älterer Damen herankam und es für sehr unpassend erklärte, daß man, ohne auf sie zu warten, mit dem Abendessen begonnen. Julie entschuldigte sich, so gut sie konnte, und wurde dabei von Frau Suhr und Frau Fischer unterstützt, die, als Mütter zahlreicher Kinder, lebhaft ihre Partei nahmen, während Frau Bollmann und Frau Stut sich auf Frau Sallentins Seite schlugen. Es kam zu einem scharfen Wortwechsel, der damit endete, daß Frau Sallentin erklärte, in einer Gesellschaft, die denn doch schließlich ein Picknick sei, und in welcher man nicht die geringsten Rücksichten auf Leute nehme, die ebensogut ihren Teil beigetragen hätten, und denen man nebenbei, wie man sehr wohl wisse, sich zu großem Danke verpflichtet fühlen sollte, nicht länger bleiben zu können und das Anspannen befahl. Dieses Äußerste wurde nun freilich noch abgewendet, da Luising und Lindblad, die durchaus keine Lust hatten, so früh aufzubrechen, sich ins Mittel legten und den Zorn der Mutter und Schwiegermutter so weit besänftigten, daß der Befehl widerrufen werden konnte. Aber mit dem guten Einvernehmen zwischen den Damen war es zu Ende. – »Und das ist um so mehr schade«, sagte Anton zu Gerhard, »als zwischen den Herren bereits seit zwei Stunden ein Kriegsbeil nach dem anderen ausgegraben wird. Ich glaube, es liegt an dem unheimlichen Platze, und die alten hier begrabenen Berserker gehen unter uns spuken. Ich kenne das ja aus langjähriger Erfahrung, und daß sie sich in die Haare geraten, sobald sie etwas in ihren hohlen Schädeln spüren; aber so schlimm wie heute ist es nie gewesen. Besonders ist unser guter Zempin, sonst der einzige Mensch unter den Zyklopen, in einer wahrhaft polizeiwidrigen Stimmung. Weiß der Kuckuck, was er heute hat! Er muß während der letzten Tage sehr böse Erfahrungen gemacht haben und in verzweifelt schlechter Gesellschaft gewesen sein: man erkennt ihn gar nicht wieder. Er hat selbst mir ein paar Dinge gesagt, die ich um unserer alten Freundschaft willen vergessen und vergeben will; ich bitte dich, nimm dich vor ihm in acht: er schont heute weder Feind noch Freund!« Gerhard war nur durch eine Rücksicht festgehalten worden: er wollte nicht fort, ohne Edith noch einmal gesprochen zu haben. Er wollte ihr sagen, daß die kurze Unterredung zwischen ihm und Maggie die bitteren Zweifel nicht aus seinem Herzen habe reißen können; daß, träfe Maggie auch in diesem Falle wirklich keine andere Schuld, als die unbegreiflichen Leichtsinns, doch sein Vertrauen zu tief erschüttert und in seinen Augen eine vertrauenslose Liebe eine Qual und ein Wahnsinn, und dieser Qual durch eine schleunige Abreise zu entfliehen sein fester Entschluß sei. Und indem er so zu sich sprach, war er ehrlich genug, sich einzugestehen, daß ein einziges freundliches Wort, ein gütiger Blick von Edith genügen würden, diesen festen Entschluß umzustoßen. Er meinte, daß sie ihm wohl dies Wort, diesen Blick hätte gönnen können; daß sie wohl etwas weniger eifrig Julie bei der Herrichtung der Tafel, bei dem Auspacken und Austeilen der Speisen hätte zu helfen brauchen; daß die Kinder, von denen sie fortwährend umgeben war, und in deren Mitte sie jetzt auch wieder an der Tafel saß, sie wohl auf ein paar Minuten losgelassen haben würden, wenn sie sich nur hätte losmachen wollen. Er galt ihr eben nicht so viel, wie er sich geschmeichelt; und sie würde ihn, wenn er nun auf der Stelle ginge, um nie wiederzukehren, vergessen – ein wenig langsamer vielleicht, wie die anderen, aber doch vergessen. Und so vergessen zu werden für all seine Liebe, für alles, was er um dieser einen willen an heiligsten Pflichten geopfert; für die Gewissensqualen, die ihn nun sein Leben lang verfolgen mußten – das würde das Ende vom Liede sein. Mittlerweile waren die letzten aus dem Walde gekommen und hatten nicht ohne Mühe Plätze gefunden, nachdem die ersten von dem Raume, der im Überflusse vorhanden war, allzu freien Gebrauch gemacht. Noch schlimmer wurde es, als endlich auch die Herren von dem Weinfasse abließen und zu wissen wünschten, weshalb in aller Welt man sie denn gerufen, wenn man ihnen nicht einmal einen Sitz anzubieten habe? Juliens Adjutanten umliefen die Tafel und beschworen die Herrschaften, zusammenzurücken; man tat es widerwillig und ungeschickt, da man nicht getrennt werden wollte und sich doch trennen mußte, wenn der fortwährende Ruf nach »bunter Reihe« erfüllt werden sollte. Es gab überreiche Veranlassung zu allerhand Reibereien und Mißhelligkeiten, bis man sich wohl oder übel zurechtfand und Spatzing endlich der bis dahin verborgen gehaltenen Musik das Zeichen geben konnte, mit einer mächtigen Fanfare einzusetzen und dann ein, wie er wußte, in diesen Kreisen sehr beliebtes Musikstück folgen zu lassen. Diese gelungene Überraschung tat die beste Wirkung; man lobte allgemein den guten Einfall; die verstimmten Gemüter schienen sich in den Akkorden, welche die Waldeshallen gar prächtig durchrauschten, zu sänftigen, und nun wurde auch der armen Julie heute abend zum erstenmal für ihre unendlichen Mühen der gebührende Lohn. Denn kaum waren die letzten Töne verhallt, als sich Pastor Pahnk erhob und Damen und Herren aufforderte, diejenige leben zu lassen, der man alles in allem zu danken habe, daß man hier so herrlich und in Freuden lebte, und: ›Frau Julie Zempin soll leben, hurra, hoch!‹ erklang es von allen Seiten; die Musik blies Tusch und nochmals Tusch, und Julie erklärte ihrer Umgebung, daß dies der schönste Augenblick ihres Lebens sei. Zu dieser Umgebung gehörte seit einigen Minuten auch Gerhard. Julie hatte ihn angerufen, als er von ungefähr vorüberstrich, und er hatte auf keine Weise ausweichen können, obgleich er nun, sehr gegen seinen Wunsch, unmittelbar an Juliens Seite zu sitzen kam. Denn Bagdorf, der bis dahin ihr Nachbar gewesen – auf der anderen Seite saß der Pastor – war sofort aufgestanden, um ›dem Würdigeren Platz zu machen‹, oder, wie Julie, nachdem er davongestürzt, lachend versicherte, um zu versuchen, ob er sich neben Emming Sallentin noch einschmuggeln könne. Denn sein armes Herz, sagte Julie, läßt ihm keine Ruhe, und seitdem ihm Maggie definitiv verloren ist, hat er sich darauf besonnen, daß Emming seine eigentliche, jedenfalls seine ältere Flamme war. »Ach! diese unseligen Flammen, lieber Baron! wie glücklich könnten die Menschen sein, wenn sie von diesen Flammen nicht zu leiden hätten! Ich meine natürlich euch jungen Leute; wir alten Frauen sind, Gott sei Dank! über diese Torheiten hinaus.« Julie hatte durch den endlichen, kaum noch gehofften Erfolg ihre ganze gute Laune und Heiterkeit wiedergefunden, und Gerhard war gerade in der Stimmung, die unleugbaren Vorzüge der jungen Frau in dem besten Lichte zu sehen. Weshalb sollte er mit seinem Grame spielen, da ihm niemand Dank dafür wußte? weshalb der Stunden schönes Gut sich eigensinnig verkümmern mit Grübeleien, die zu keinem Resultate führten? Sollte er einmal entsagen, so wollte er es vollständig, auch auf die Gefahr hin, von Edith, die in keiner allzu großen Entfernung von ihm saß, für den neuesten Courmacher Juliens gehalten zu werden. Denn er hatte kaum mit ein paar höflich freundlichen Worten Julie zu ihrem Erfolge gratuliert, als sie ihn sofort, zur Gegengabe, mit jenen Liebenswürdigkeiten überschüttete, denen er so oft vorsichtig ausgewichen war; sich nur noch mit ihm unterhielt, nur noch für ihn Augen zu haben schien – alles, wie sie kichernd versicherte, um die Damen Sallentin und Stut zu ärgern, die ihnen schräg gegenübersaßen. Sie war dabei so witzig und drollig und trieb so anmutige Possen, daß Gerhard ihrem Übermut keinen Einhalt hätte tun mögen, wenn er es auch vermocht hätte. Sie versicherte ihm ein Mal über das andere, wie sie ja recht gut wisse, daß er sich nicht das mindeste aus ihr mache, und er deshalb für die Ruhe ihres Herzens weiter nicht zu fürchten brauche. Trotzdem begegnete Gerhard manchen Blicke aus den lebhaften grünlichen Augen, der ihn unter anderen Umständen gewarnt haben würde, und er konnte es zuletzt nicht mehr für einen Zufall halten, daß ihre glänzende Schulter heute so gar oft seine Schulter streifte und die zierlichen, allerdings immer überbeweglichen Füßchen so oft seinen Fuß berührten. In der inneren Aufregung, worin er sich befand, und die er durch eine gewaltsame Lustigkeit zu betäuben suchte, bemerkte er weder, daß er mehr als gewöhnlich Wein trank, noch daß Juliens kokettes Spiel und die Bereitwilligkeit, mit der er darauf einging, nicht nur von den gegenübersitzenden Frauen scharf beobachtet und mit hämischen Glossen begleitet wurden; bis jemand ihn von hinten berührte und er, sich umwendend, Anton erblickte, der ihm mit den Augen winkte. Er erhob sich unter irgend einem Vorwande und mit dem Versprechen, alsbald zurückzukehren, und folgte Anton, der ihn ein paar Schritte seitwärts führte. »Nimm's nicht übel«, sagte Anton, »daß ich dich störe, aber es ist da oben, wo wir sitzen, eine verfluchte Stimmung, und jede Kleinigkeit ist hinreichend, die Kampfhähne wieder aneinander zu bringen. Und nun fängt der Hinrichs, der heute den Satan im Leibe hat, an, auf euch – ich meine dich und Frau Julie – zu sticheln. Zempin weiß ja, daß es dummes Zeug ist und Hinrichs ihn bloß ärgern will; aber es ist besser, wenn du dich anderswohin setzest, am liebsten mit zu uns kommst; sie sind schon empfindlich, daß du dich so wenig um sie bekümmerst. Ich weiß, daß du dich den Kuckuck darum scherst, aber tu es Zempin zuliebe!« »Ich habe heute keine besondere Veranlassung, den Gefälligen gegen Herrn Zempin zu machen«, erwiderte Gerhard. »Weiß, weiß!« sagte Anton, »aber man muß ihm heute etwas zugute halten. Höre! ich glaube jetzt auch, es steht in nervo rerum bei ihm nicht alles, wie es sollte; sie führen gar zu kuriose Reden. Und dabei trinkt der Hinrichs ihm immerfort zu, und, wenn Zempin auch einen Hieb vertragen kann, mit Hinrichs von Radebas möchte der Teufel nicht um die Wette trinken. Komm, ich bitte dich!« Anton war, sehr gegen seine Gewohnheit, so dringend, und Gerhard hatte die peinliche Empfindung, daß sein Betragen während der letzten Stunde nicht ganz tadelfrei gewesen; so folgte er denn Anton, nachdem er sich von Julie beurlaubt, die ihn versicherte, daß sie seinen Platz jedenfalls freihalten werde. Fast die ganze Zechgesellschaft hatte sich um das obere Ende der Tafel, von der sie eine Schar junger Leute vertrieben, geschart; auch das Faß war dorthin geschafft, weil Hinrichs erklärt hatte, daß Champagner nur ein Getränk für Frauenzimmer sei. Die meisten der Herren hatte Gerhard, als nächste Nachbarn von Kantzow, bereits wiederholt und manche sehr oft gesehen; von denen, die er nicht kannte, starrten ihn, wie er herantrat, einige mit der dumpfen Neugier halb oder ganz Berauschter an, während andere, ohne sich um ihn zu bekümmern, ihre lärmende Unterhaltung fortsetzten. Weder die Aufmerksamkeit jener, noch die Gleichgültigkeit dieser schien unbefangen, wie es zu sein pflegt, wenn in einem Kreise derjenige, über den man eben gesprochen, unvermutet erscheint. Anton hatte Gerhard auf den Platz gedrängt, den er selbst verlassen. Er war so zwischen Herrn Sallentin und Herrn Hinrichs zu sitzen gekommen; Herr Sallentin blickte nicht von seinem gehäuften Teller auf, sondern aß, in gewohnter Weise schmatzend, gierig weiter, während Herr Hinrichs ihm sogleich ein übervolles Glas entgegenhielt und auf ihn einschrie: »Haben wir auch mal die Ehre! Das ist ja schön! na, dann trinken Sie mal eins! Nein, das ist nichts! aus! aus! hier bei uns wird immer ausgetrunken!« »Ich bitte, bei meiner Gewohnheit bleiben zu dürfen«, sagte Gerhard. »Aha!« schrie Hinrichs, »pfeifst du um die Ecke? dann haben Sie ja dieselbe Gewohnheit wie Ihr Herr Prinzipal!« Ein rohes Gelächter, in das die meisten einstimmten, begleitete diese Worte. Gerhard blickte zu Herrn Zempin hinüber, dessen gerötetes Gesicht und blutunterlaufene Augen deutlich genug bewiesen, daß er sich in demselben Zustande befand, wie – den unermüdlich schmatzenden Sallentin ausgenommen – wohl so ziemlich die ganze Gesellschaft. Gerhard war entschlossen, sich sobald als möglich wieder zu entfernen, bis dahin aber den Tauben oder völlig Unempfindlichen zu spielen. »Es ist doch nur in der Ordnung, wenn sich ein junger Volontär nach seinem Prinzipal richtet«, sagte er. »Hört ihr«, schrie Hinrichs; »der junge Herr will sich nach seinem Prinzipal richten! na, da kann er's weit bringen! meinst du nicht, Christian?« Herr Sallentin hatte nichts gehört und schmatzte weiter; auch von den anderen stimmten nur wenige in Herrn Hinrichs Lachen ein; der Witz hatte augenscheinlich keinen rechten Anklang gefunden. »Ich bitte um Entschuldigung, Herr Baron«, sagte Hinrichs höhnisch; »aber von uns Bauersleuten können Sie nicht den feinen Ton verlangen, wie bei dem Herrn Grafen. Wir können nicht alle Barone und Grafen sein, nicht war, Karl?« Herr Stut schüttelte den Kopf; der Mitlacher war eine noch geringere Zahl, Herrn Hinrichs Stern schien im raschen Sinken; er stürzte ein volles Glas hinunter und rief ärgerlich: »Meinetwegen! mir ist's recht, wenn die Herren Adligen zusammenhalten; wir haben diesmal nur den Vorteil davon. Denn ohne den Herrn Baron würden wir schwerlich hier sitzen; ich wette, er hat den Herrn Grafen herumgekriegt. Oder hast du zu guter Letzt doch klein beigegeben, Moritz, und pflichtschuldigst um Erlaubnis gebeten, daß wir uns auf deinem Grund und Boden amüsieren dürfen?« Herr Zempin hob die zornigen Augen und sagte grollend: »Das hast du nun schon sechsmal gefragt.« »Aber ich habe sechsmal keine Antwort bekommen«, rief Hinrichs triumphierend; »und das ist doch kein Spaß, wenn man hier ruhig seinen Rotspon trinkt und dabei jeden Augenblick erwarten kann, daß der Förster kommt und sagt: Allons , marsch! zum Tempel hinaus!« »Du weißt ebensogut wie ich, daß das nicht geschehen wird.« »Den Teufel weiß ich! Woher denn? Ich denke, ihr habt euren Prozeß so gut wie verloren?« »So warte, bis er verloren ist!« »Bei dir muß man sich allerdings immer aufs Warten legen.« Herr Zempin war mit einem dumpfen Wutschrei in die Höhe gefahren! »Du brauchst nicht mehr lange zu warten, bis ich dir mein Glas an den Kopf werfe!« »Hoffentlich nicht, bevor's so leer ist, wie deine Ta–« Der Spötter konnte das Wort nicht beenden; der schwere Humpen sauste herüber, und wenn ihm auch nur der Kopf gestreift wurde, so war der Wurf so gewaltig, daß der starke Mann umsank, Herrn Sallentin auf die Schulter, der ruhig den Bissen, den er auf der Gabel hatte, in den Mund führte und dann, kauend, die plötzliche Last nur eben von sich wegdrückte. Aber schon war der halb Betäubte in die Höhe getaumelt, Zempin entgegen; Gerhard, Stude und ein paar andere warfen sich zwischen die Wütenden, und es gelang ihnen wenigstens, einen Kampf Mann gegen Mann zu verhindern, der für Hinrichs jedenfalls einen übelsten Ausgang genommen haben würde. Den Tobenden zerrten seine besonderen Freunde seitwärts, um ihm die glücklicherweise leichte Wunde mit Wasser zu kühlen – sehr gegen seinen Willen: er habe nun einmal die Wasserscheu; sie sollten ihm ein Glas Rotspon geben, das tue bessere Dienste! Die Freunde lachten nur und kehrten, da sie sahen, daß weiter kein Unglück angerichtet, zu ihren Plätzen zurück, die meisten hatten sich gar nicht die Mühe gegeben, aufzustehen. Bis auf einige Lücken, die nicht wieder ausgefüllt wurden, war nach wenigen Minuten die Physiognomie der Gesellschaft genau dieselbe, wie sie Gerhard vorgefunden. Gerade diese an Stumpfsinn grenzende Gleichgültigkeit hatte ihn schmerzlich berührt. Wie tief mußte der Standpunkt der Moral einer Gesellschaft sein, wo eine solche Szene als etwas Alltägliches angesehen und behandelt werden konnte! eine Szene, die nicht unter übermütigen Jünglingen stattgefunden, sondern unter reifen Männern, Familienvätern, großen Grundbesitzern, Landstandsmitgliedern, von deren Einsicht und Entscheidung das Wohl und Wehe von Hunderten und aber Hunderten von Menschen abhing! War die scharfe Kritik des Grafen über die Lebensführung dieser Männer nicht völlig berechtigt gewesen? konnte er auch nur den Freund von dem allgemeinen Verdammungsurteil ausnehmen? Er war in brutaler Weise gereizt worden – sicherlich! aber war seine Handlungsweise weniger brutal? er mußte in seiner prekären, vielleicht verzweifelten Lage die plumpen Streiche des Gegners doppelt schmerzlich fühlen – leider! leider! aber hüllt sich ein verständiger Mann dann nicht um so dichter in das Gefühl seiner persönlichen Würde! geht ängstlich jeder Angelegenheit aus dem Wege, welche rohen und übelwollenden Menschen einen Einblick in sein Unglück, seine Verzweiflung gewährt? So war er eben der Gentleman nicht, für den er sich gab, für den er selbst den Mann noch immer genommen. Es war das letztemal, daß er dem Manne in den Weg getreten – mochte denn in Zukunft jeder von ihnen den eigenen Weg gehen! Er hatte nach der Schneise gewollt, wo bei den Wagen zwischen anderen Reitpferden, auf denen einzelne jüngere Herren gekommen, auch sein Brauner von dem Buben des Schulten-Jochen gehalten wurde; aber er zögerte, als er den Rand des Festplatzes erreicht hatte. Er mochte sich nicht eingestehen, daß er nicht von dannen konnte, ohne ihr Lebewohl gesagt zu haben – Lebewohl für immer! Vielleicht war auch diese Liebe nur eine Täuschung und ein Traum; aber die Täuschung war so süß, der Traum so hold, und das Erwachen mußte so bitter und schmerzlich sein! Konnte er ihn denn nicht noch ein paar Stunden festhalten – ein paar armselige Stunden! So stand er da, in trübstes Sinnen versunken, düsteren Auges auf das Treiben vor ihm starrend, das jetzt in dem matten Dämmerlicht des Abends einen höchst widerwärtigen Eindruck auf ihn machte. An der vielfach verwüsteten Tafel mochte etwa nur noch die Hälfte der Gäste sitzen; die übrigen schwärmten auf dem Platze umher, in der unsteten Weise von Leuten, die sich eben von einem stundenlangen, üppigen Mahle erhoben: wüstlautes Sprechen, Rufen, mißtönende Ansätze zu einem Gesange, der nicht über den ersten Vers des Liedes hinauskam; Quinquilieren der Musikanten, die nun zum Tanze aufspielen sollten, dazwischen Weinen übermüdeter Kinder, die nach Hause und ihren Bettchen verlangten. Von der Wagenburg her kam das Gejauchze und Gejohle betrunkener Kutscher und Reitknechte, das Wiehern und Stampfen der durch das lange Stehen unbändig gewordenen Pferde; und ob dem Haupte des Sinnenden als unheimliche Begleitung zu all dem Lärmen hier unten seltsame Töne in den Lüften: dumpfes Sausen und Heulen, Knacken, Knarren, langgezogenes Ächzen und Stöhnen der Riesenbäume, deren dichte Kronen wie aus eigenem Antriebe sich hinüber und herüber bogen, denn hier unten spürte Gerhard keinen leisesten Lufthauch in der drückenden Schwüle, und doch – »Es wird in wenigen Minuten losbrechen«, sagte eine tiefe Stimme hinter ihm. Gerhard wandte sich; es war der Förster – er hatte denselben während des ganzen Nachmittags nicht bemerkt. »Ich bin immer hier gewesen«, sagte der Förster, wie zur Antwort auf Gerhards fragenden Blick; – »habe den Platz umkreist, wollte mich nicht einmischen und den Kinderchen die Freude verderben; aber der Sturm kommt vielleicht ohne Regen, oder der Regen, nachdem das Unglück geschehen ist; das Feuer zwischen den Steinen muß gelöscht werden.« Das Feuer auf dem Herde der Kaffeeküche hatte man, so mancher wirtschaftlichen Zwecke wegen, weiterbrennen lassen und gerade jetzt wieder reichlich genährt; eine dicke Rauchsäule stieg von den Gräbern auf; die Flamme selbst sah man nicht, nur ihren matten Widerschein hier und da auf den mächtigen Stämmen. Das Schauerlich-Phantastische der Szene wurde noch vermehrt, als sich jetzt plötzlich hinter den Steinen der Gräber hervor dunkelrote und blaue Lichter zu gleicher Zeit nach verschiedenen Richtungen über den Festplatz bewegten. Es war der Anfang der Illumination, die mit dem Tanze die letzte Nummer des Programms bildete. »Sind die Menschen wahnsinnig?« rief der Förster. »Ich habe genug dagegen gesprochen«, erwiderte Gerhard. »Kommen Sie!« sagte der Förster. Es klang wie eine Bitte und ein Befehl zugleich. Gerhard ging willig mit; die Stimme, die gestern und heute in seinem Herzen so laut den Förster verklagt, war für den Moment völlig verstummt; der merkwürdige Mann erschien ihm ehrfurchtsgebietender als je. »Ich werde die Leute mit den Laternen aufhalten«, sagte er. »Sehr wohl, obgleich ich eigentlich Ihre Gegenwart wünschte, wenn ich mit Herrn Zempin –« »Ich bin sofort wieder bei Ihnen.« Im Nu hatte Gerhard die ihm zunächst befindlichen Laternenträger – Dorfjungen, welche die Bäume erklettern und an vorragenden Ästen die Ballons befestigen sollten – eingeholt und ihnen die Kerzen auszulöschen befohlen. Die Jungen, die sich selbst auf den Spaß schon gestern gefreut, gehorchten nicht alsbald; Gerhard riß ihnen die Laternen fort, die Lichter ausblasend, einen Ballon, der bereits Feuer gefangen, mit dem Fuße austretend. Lindblad und der Studiosus, die diesen Teil der Illumination unter ihrer besonderen Aufsicht hatten, kamen herbeigestürzt und verlangten heftig zu wissen, was dieser Eingriff in ihre Rechte zu bedeuten habe? Gerhard sagte es ihnen in wenigen Worten, die bei der Eile, mit der er sprach, nicht höflich klangen. Die beiden Freunde, denen Gerhard vom ersten Augenblicke verhaßt gewesen, und die heute, wie gewöhnlich, zu viel getrunken, ergriffen eifrig eine so günstige Gelegenheit, ihrem Grolle Luft zu machen. Sie erklärten Gerhards Benehmen für provozierend und anmaßend, und daß sie sich seine Einmischung ein für allemal verbäten. Ein paar junge Herren, die den Wortwechsel hörten, eilten herbei und nahmen für die beiden gegen den Fremden Partei; Gerhard, der kostbare Minuten in unnützem Zanke verloren gehen sah, geriet in Zorn und machte die Sache dadurch nur schlimmer; man schrie von allen Seiten auf ihn ein; er mußte jeden Augenblick gewärtig sein, daß es zu Tätlichkeiten kommen werde, als plötzlich eine gewaltige Stimme, die nur aus einer Brust kommen konnte, den Lärmen um ihn her übertönte. Er durchbrach den Kreis seiner Angreifer und stürzte nach den Hünengräbern, von wo die gewaltige Stimme erschallte, und wo er wiederum erst einen Ring zu durchbrechen hatte, der sich aus Neugierigen gebildet, die sehen wollten, wie das zwischen Zempin und dem Förster ablaufen würde. Der Förster stand mit dem Rücken gegen den hochragenden Stein, dessen kahle Fläche für ihn beschrieben war, das Gewehr halb im Anschlage – gegen Herrn Zempin, der wenige Schritte von ihm entfernt auf ihn eindonnerte: noch sei er hier Herr, und wer ihm auf seinem Grund und Boden entgegentrete, der tue es auf seine Gefahr! »Die Gefahr ist auf Ihrer Seite«, rief der Förster mit starker Stimme; »ich bin hier im Namen des Gesetzes und fordere Sie zum anderen Male auf, meinen Anweisungen Folge zu leisten. Deep, der dort steht, wird mir bezeugen, daß ich den Herrn Landrat gebeten, das Nötige zu veranlassen, es ist nichts dergleichen geschehen; ich habe bereits die äußerste Nachsicht geübt; eine weitere Verantwortung kann ich nicht übernehmen. Sag es ihm, Deep! dir wird er es glauben!« Vadder Deep, der in unmittelbarer Nähe des Försters an dem Steine stand, so daß Zempin jene und den Stein vor sich hatte, zuckte die breiten Schultern und lächelte, während Zempin schrie: »Ich brauche Deeps Belehrung so wenig wie die Ihrige, Herr Förster. Zum letzten Male frage ich Sie, wollen Sie meinen Grund verlassen oder nicht?« »Und ich Sie zum letzten Male: wollen Sie das Gesetz respektieren oder nicht?« »Nun denn!« schrie Herr Zempin, »so werde ich mein Hausrecht wahren!« »Zurück!« rief der Förster, »oder Ihr Blut kommt über Sie!« Er hatte das Gewehr zur Wange gerissen; entsetzt stob die umstehende Schar auseinander. Aber der Förster hatte wohl nur schrecken oder sich Raum schaffen wollen, oder besann sich erst jetzt, daß er in dem Gewimmel von der Schußwaffe keinen Gebrauch machen könne. Im Nu hatte er die Flinte hinter sich an den Stein gelehnt und seinen Hirschfänger herausgerissen, dessen vorgehaltene Spitze im nächsten Augenblicke des heranstürmenden Gegners gewaltige Brust durchbohrt haben würde, wenn Gerhard nicht mit Gefahr seines Lebens sich zwischen sie geworfen und dem Förster die Klinge in die Höhe geschlagen hätte, um dann Herrn Zempin entgegenzustürzen. Es schien ja Wahnsinn, den zornigen Riesen auch nur für kürzeste Frist aufhalten zu wollen, aber die Leidenschaft verdreifachte Gerhards Kraft. Der Förster hatte den Hirschfänger auf den Boden geschleudert, und indem er nun seinerseits die Kämpfer auseinander zu reißen suchte, waren die drei wie in einen Knäuel verwickelt, worin die in schweigendem Entsetzen Herumstehenden bei der tiefen Dämmerung nur noch durcheinanderzuckende Menschenleiber erkennen mochten. Und so sah die Szene ein Mann, der, aus der Tiefe des Waldes kommend, zwischen den Steinen der Hünengräber, ein Hüne selber an riesiger Länge des Leibes und machtvollen Gliedern, vor wenigen Sekunden hervorgetreten war und nun bei den anderen stand, die er nicht sah, weil die großen Augen unter den buschigen Brauen auf die dunkle, unentwirrbare, kämpfende Gruppe starrten. Und plötzlich wurde die kahle Wand des Blockes, vor der sich der Kampf abspielte, und wurden die Kämpfer selbst von einem blutroten Scheine übergossen. Das Feuer auf dem nur wenige Schritte entfernten Herde schlug, nachdem es unendliche Massen frischer Tannenzweige, die man darauf geworfen, durchschwelt, in haushoher Flamme empor, und wie die rote Flamme die graue Dämmerung, so durchriß ein fürchterlicher Schrei die dumpfe Stille – ein Schrei aus der Brust des Hünen, der sich auf die Kämpfenden gestürzt, mit einer Kraft, die nicht mehr menschlich schien, den Förster gegen den Felsblock schleudernd und den riesigen Zempin zu Boden ringend. Im nächsten Moment hatte er sich wieder aufgerichtet und den atemlos taumelnden Gerhard an sich gerissen, ihn mit den gewaltigen Armen umschlingend, wie ein Vater den Sohn an sich reißen und pressen würde, den er aus Todesgefahr gerettet, mit fürchterlicher Stimme rufend: »Mörder! Mörder! den erwürge ich, der ihm ein Haar auf seinem Haupte krümmt! Schleich dich nur weg, Deep! Du Hund, ich kenne dich jetzt! – Garloff! Garloff! du! du! – wer ist der dritte, der sich da vom Boden hebt? Vater! Vater!« Beide Hände vor sich streckend, die rollenden Augen auf den Bruder gerichtet, stand der Vogelsteller da mit gesträubtem Haare – ein Bild des äußersten Entsetzens, wie es die Menschenseele nicht erträgt, wie es den stärksten Menschleib, einer schwanken Binse gleich, knickt und bricht. – Gerhard kniete an der Seite des völlig Ohnmächtigen, neben ihm Edith. Wie sie dorthin gekommen war, er wußte es nicht. »Wir müssen versuchen, ihn nach dem Wagen zu schaffen«, rief er; – »wer hilft mir?« Es war niemand da, der ihm hätte helfen wollen. Zempin war, sobald er in seinem übermächtigen Gegner den Bruder erkannt, wohl um sich vor sich selbst zu retten, wie ein Rasender davongestürzt; der Förster war nach der Feuerstelle geeilt, von der die Flamme, einer gewundenen Säule gleich, die oben in züngelnden Zacken ausstrahlt, von der Windsbraut haushoch emporgewirbelt wurde, mit jähem, gelbem Schein nach allen Seiten die Szene entsetzlicher Verwirrung beleuchtend: rufende Männer, jammernde Frauen, schreiende Kinder, hierhin, dorthin stürzend, umheult, umdonnert von dem Sturme, der die Kronen der Riesenbäume durcheinanderpeitschte, mächtige Äste abkrachte, Wolken von dürren Zweigen, Tannenzapfen, trockenen Nadeln auf die Geängsteten herabschleuderte; was noch von der Tafel übrig war, zusammenriß, die Laken aufrollend, zerfetzend, seitwärts, hoch empor gegen die Bäume werfend, mit allem, was in ihnen hängen geblieben. Und wenn die Szene bereits im grellen Lichte der Flamme schauerlich gewesen, so wurde sie wahrhaft fürchterlich in der Dunkelheit, die nun folgte, nachdem es dem Förster gelungen, das Feuer auseinanderzuzerren und mit dem Wasser der Handeimer zu löschen. Freilich war es die höchste Zeit, denn schon hatte die Windsbraut die Flamme, die sie anfangs zusammengedreht, auseinandergerissen; flackernde Zweige, brennende Nadeln stäubten nach allen Seiten den Unglücklichen auf die Köpfe, auf die Kleider – es durfte als ein Wunder gelten, daß nicht schon namenloses Unglück geschehen war. Indessen währte das Dunkel, das im Gegensatze zu der tagesklaren Helligkeit, die nur eben noch gewesen, als völlige Finsternis gelten mußte, glücklicherweise nur wenige Sekunden. Dann wurde es abgelöst durch ein seltsames Flackerlicht, das von ober her, seitwärts durch die sturmgepeitschten Kronen der Tannen, durch die Stämme selbst zu kommen schien – das rotgelbe Licht so schnell einander folgender, ineinander verzuckender Blitze, daß man hätte glauben mögen, der Wald stehe ringsum in Flammen. Und nun taten auch die von den harrenden Kutschern bereits vorher angezündeten Wagenlichter, die großen Stallaternen, mit denen sich manche versehen hatten, um sich von den Vorreitern durch den Wald nach Hause leuchten zu lassen, vortreffliche Dienste. Ja, es wäre ohne diese wirksame Hilfe völlig unmöglich gewesen, die durch den Lärm des Sturmes, das Flackern der Blitze, die herabschlagenden Äste und Zweige rasend gemachten Pferde zu bändigen, die aneinandergeratenen Wagen zu lösen, aus dem Gewirr herauszufinden und so weit zu bringen, daß die von den rufenden Vätern, Brüdern zusammengebrachten Familien einsteigen konnten. Es war freilich mehr ein Hineinstürzen, als Einsteigen, denn die geringste Verzögerung wurde von den Kutschern und Herren des nächsten Wagens übel empfunden und mit Fluchen und Schelten gerügt. Es sorgte eben jeder für sich und die Seinen, unbekümmert, was dabei aus den anderen wurde, im besten Falle hoffend, die anderen würden sich auch wohl zurechtfinden. Und man fand sich schließlich zurecht, da die Herren von frühester Jugend auf mit Wagen und Pferden so gut Bescheid wußten, wie ihre Kutscher und Knechte, und selbst die Frauen zu viel Abenteuer auf grundlosen Waldwegen in dunkler Nacht durchgemacht hatten, um völlig den Mut zu verlieren oder den verlorenen nicht wieder zu gewinnen, sobald sie nur erst mit den Kindern im Wagen saßen, und Jochen oder Karl, oder gar der eigene Gatte, Vater, Bruder auf dem Bocke oder im Sattel waren. So dauerte es denn kaum eine halbe Stunde, bis die tolle Flucht bewerkstelligt und Herr Zempin, dessen kommandierende Löwenstimme man fortwährend den Lärmen hatte übertönen hören, als der letzte den Platz verlassen konnte. Wenigstens glaubte er, der letzte zu sein, und sagte so zu Anton Stude, der als treuer Adjutant an der Seite des manchmal völlig Rasenden geduldig ausgehalten und bei der Entwirrung des Fluchtgedränges mit gutmütigem Zureden und humoristischen Trostworten mehr genützt hatte, als jener mit allen polternden Befehlen. Er bestätigte, daß niemand mehr da sei. Beide hatten einen Wagen nicht bemerkt, der noch immer auf der Schneise an einer besonders dunkeln Stelle stand, und neben dem ein lediges Pferd von einem derben Jungen mühsam gehalten wurde. Auf dem Platze selbst war das Feuer längst erlöscht und das Flackerlicht der Blitze nicht hell genug, daß man die paar unbeweglichen Menschen zwischen den mächtigen Steinblöcken der Hünengräber hätte entdecken können, ohne den Platz abzusuchen. Aber die ungeduldigen Pferde wollten sich nicht mehr halten lassen. »Meinen Bruder hat wohl der treue Freund nach Hause geschafft?« fragte Herr Zempin grollend, als bereits der Wagen in Bewegung war. »Er ist Ihnen nicht minder treu«; sagte Anton beschwichtigend. Herr Zempin antwortete nicht. Viertes Kapitel. Von dem Augenblicke, als der Vogelsteller in seinen Armen zusammenbrach, dann das geliebte Mädchen neben ihm bei dem Ohnmächtigen kniete, hatte, was sonst noch um ihn her vorging, für Gerhard kaum noch die Deutlichkeit eines Traumes gehabt. Und da alles nach dem Wege zwischen dem Festplatze und der Schneise drängte, der die einzige Möglichkeit des Entrinnens bot, war nur noch selten ein Eiliger, Rufender in ihre Nähe gekommen, aber ohne sie zu sehen, vielleicht ohne sie sehen zu wollen. Hatte doch jeder für sich und die Seinen zu sorgen – wie sollte er sich zu alledem um andere bekümmern, die ihn nichts angingen! Edith, die auf einem niedrigen Steine kauerte, hatte mit Gerhards Hilfe den Kopf des Vaters auf ihren Schoß gebettet. Der riesige Mann, der sonst ausgestreckt auf dem Rücken lag – einem mächtigen Baumstamme gleich – regte kein Glied; nur das langsam gleichmäßige Sichheben und -senken der breiten Brust bewies, daß er atmete, lebte. Sein Zustand schien wieder jene völlige, ohnmachtähnliche Erschöpfung, in die er nach besonders furchtbaren Ausbrüchen seines Berserkerzornes zu verfallen pflegte. So hatte auch Edith Gerhard zugeflüstert, und daß sie warten wollten, bis der Tumult der Flucht vorüber und der Weg frei sei. Bis dahin würde der Vater sich hoffentlich so weit erholt haben, um den Wagen besteigen zu können; auf Johann Ewers könnten sie sich unter allen Umständen verlassen. Es war für Gerhard ein wunderbar süßes Gefühl, daß Edith so von sich selbst und ihm in einem Worte sprach, daß sie ihm mit keiner Silbe für seine Hilfe gedankt hatte, so wenig, wie es eine Schwester in demselben Falle dem Bruder gegenüber tun würde. Und wohl bedurfte es dieses Trostes, den Aufruhr einigermaßen zu sänftigen, der, wie der Sturm den Wald, seine Seele durchtobte nach der grausigen Szene, die er eben durchgemacht, und deren entsetzliche Bedeutung – außer zweien! – doch wohl nur er begriffen hatte. Jene zwei – sie würden schweigen, wie sie bisher, wie sie noch gestern vor dem Grafen geschwiegen! Und er – er würde schweigen um ihretwillen, für die er jeden Tropfen seines Herzblutes gern dahingegeben hätte. Aber wenn der Unglückliche, der da bewußtlos hingestreckt lag, zum Bewußtsein käme – zum Bewußtsein dessen, was er gesehen! in dem Aufblitzen der Flamme diesmal die Lösung des grausigen Rätsels der erbarmungslosen Sphinx gefunden hätte, deren Tatze ihm das junge, frische Leben für immer geknickt und ihn hier abermals zu Boden geschlagen, den riesenstarken Mann! – Wenn er die Sprache wiedergewönne, nur, um es auszusprechen, das Wort, das auf den dicken Lippen des Untiers schwebte und das, wenn es einmal ausgesprochen war, ihn und das geliebte Mädchen für immer trennen mußte in unendlich bitterer und grausamer Weise, als sie ja ohnedies getrennt waren! – Großer Gott! was waren die Schrecken dieser Nacht im Vergleich mit denen, die seine Phantasie heraufbeschwor – nein! die sich nah und näher drängten, getrieben von einer unwiderstehlichen Gewalt – Bestien gleich, die ein Waldbrand rudelweise vor sich hertreibt! So saß er in schmerzlichem Brüten und Zweifelsqualen, die Blicke bald auf den kranken Mann richtend, bald auf das geliebte Mädchen, versuchend, beim Schein der Blitze die bleichen, holden Züge zu unterscheiden, von seligem Schauer durchrieselt, wenn er die großen, gramumflorten Augen auf sich gerichtet sah, von Zeit zu Zeit ein leises, inniges Wort mit ihr wechselnd, während über ihnen, rings um sie her der Sturm donnerte und heulte durch den wie in Höllenfeuer aufflackernden Wald. »Ich glaube, Sie können jetzt aufbrechen«, sagte eine tiefe Stimme dicht neben ihm, und aufschauend gewahrte er die dunkle Gestalt des Försters. »Ich habe dem Johann gesagt, daß er herankommen solle«, fuhr der Förster fort; »er hält bereits auf dem Wege; auch Ihr Pferd ist da – der Junge kann es nach Kantzow reiten, oder ich will's tun, wenn Sie es mir anvertrauen wollen, nachdem ich Herrn Zempin mit in den Wagen geholfen – falls Sie es erlauben.« Wiehern vom Wege her bestätigte die Worte des Försters, und Johann kam über den Platz. Er hatte Gerhards Braunen an den Wagen gebunden und Karl Schulten die Zügel gegeben. Lange würde der Junge die Pferde nicht halten können; aber es werde ja auch wohl nicht so lange dauern, daß sie den Herrn im Wagen hätten. Er wäre näher herangefahren, aber es sei unmöglich auf dem Platze wegen der vielen Sachen, die herumlägen. Die drei Männer standen beieinander, sich mit ein paar Worten darüber verständigend, wie sie ihn tragen wollten. Als sie sich niederbogen, ihn aufzuheben, bemerkte Gerhard bei dem Lichte eines besonders grellen Blitzes, daß der Vogelsteller die großen Augen weit aufgeschlagen hatte; im nächsten Moment hatte er sich emporgerichtet, mit weit ausgestreckter Hand gebieterisch auf den Förster deutend, der sofort zurücktrat und in die Finsternis zwischen den Steinblöcken tauchte, um seinen verhaßten Anblick dem Vogelsteller zu entziehen. Der aber hatte seinen Arm um Gerhards Nacken geschlungen, weniger, wie es Gerhard schien, sich zu stützen, als sich seiner Nähe zu versichern. Aber obgleich er so ohne eigentliche Hilfe, wenn auch mit unsicheren Schritten, sich fortbewegte, blieb es doch zweifelhaft, ob er sein Bewußtsein wiedererlangt habe. Weder schien ihn die Gegenwart Ediths zu überraschen, noch die des treuen Kutschers; die an ihn gerichteten Fragen beantwortete er nicht. Als aber Gerhard, nachdem er Edith in den Wagen geholfen, bevor er sein Pferd bestieg, noch einmal die Hand hineinreichte, wurde sie von dem Kranken ergriffen und festgehalten, und Gerhard mußte ihm gegenüber Platz nehmen, während Karl Schulten den Braunen hinter dem Wagen herreiten sollte. Man konnte dem Jungen den Auftrag unbesorgt erteilen: er und der Braune waren alte Freunde. Das war denn allerdings heute nacht wohl nötig, und ebenso, daß Johann Ewers und seine Pferde sich so gut verstanden, und die Tiere aus Freundschaft taten, wozu sie Zügel und Peitsche nicht gebracht hätten. Die Dunkelheit auf dem engen Waldwege war, wenn nicht gerade die Blitze flammten, undurchdringlich; das Krachen und Knacken der Zweige, die oben oft ganz dicht über ihnen zusammenschlugen, entsetzlich; und als man endlich den Wald hinter sich hatte und auf das freie Feld bog, tobte der Sturm mit solcher Wut, flackerten die Blitze mit solcher Helligkeit, krachte der Donner, den im Walde der Lärmen in den Bäumen übertönt hatte, so fürchterlich, daß Gerhard und der Kutscher herabsprangen, die geängsteten Pferde zu führen, und der Junge ihrem Beispiele folgte, sobald der Braune nur einen Moment auf allen vier Beinen stand. Glücklicherweise gelangte man sehr bald in den Schutz der Hofgebäude und so bis an das Haus.   Es war zwei Stunden später. Gerhard hatte den Kranken zu Bett bringen helfen und hatte dann mit Edith an seinem Bette gesessen, wo der Riese lag, wie er vorhin auf dem Waldboden gelegen, ausgestreckt auf dem Rücken, nur daß er jetzt die großen Augen fortwährend auf Gerhard gerichtet hatte mit einem seltsamen traumhaften und doch suchenden Blicke, manchmal langsam den Kopf bewegend, wie jemand, der mit peinlicher, vergeblicher Anstrengung sich etwas in die Erinnerung rufen will. Gerhard betete, daß es ihm nicht gelingen möge, und sein Gebet schien Erhörung zu finden. Das Suchende des Blickes verlor sich allgemach; der Kranke schloß von Zeit zu Zeit die Augen und war endlich fest entschlafen. Edith machte nach einiger Zeit Gerhard ein Zeichen; Gerhard zog leise seine Hand, die der Kranke fortwährend festgehalten, zurück und ging aus dem Schlafgemache, einen langen, schmalen Korridor hinab bis zu dem Hausflur, aus dem er unmittelbar in den Salon der Schwestern gelangte. Edith hatte ihm vorhin schon den Weg bezeichnet, und daß die Tür nach dem Flur neulich nur, wie gewöhnlich, verschlossen gewesen, Unberufenen Zutritt zu verwehren. Korridor und Flur waren matt erleuchtet gewesen; in dem Salon brannte eine Lampe. Nun schritt er auf und nieder in dem weiten, schönen Gemache, dessen altertümliche, in dem unausreichenden Scheine der Lampe verdämmernde Pracht den seltsamsten Gegensatz bildete zu der einfachen, fast dürftigen Ausstattung von des Vogelstellers Schlafzimmer. Konnte oder wollte der Mann nicht vergessen, daß der Knabe nicht in dem Schlosse gehaust, sondern drüben in der engen Verwalterwohnung inmitten zahlreicher Geschwister, denen die Mutter das Brot zumessen mußte, wenn es reichen sollte, und das auch so vielleicht nicht immer reichte? Und gab er selbst mit übervollen Händen, nur, um die Last des Reichtums los zu werden, die ihn drückte, und von dem ihm eine Ahnung sagen mochte, daß es unrecht Gut sei und als solches nimmer gedeihen könne? Und wenn Edith auch, Gott sei Dank, das Schreckliche nicht ahnte und ein gnädiges Geschick ihr das fürchterliche Geheimnis nie enthüllen mochte – war es nicht schon traurig genug für die Ärmste, zu wissen, daß dieses, ihr Vaterhaus, kein sicherer Schutz mehr für sie war? daß sie früher oder später aus diesen Räumen werde wandern müssen, einer dunkeln, kummervollen Zukunft entgegen? Wie sollte ein freudiges Los erblühen aus dieser trostlosen Gegenwart für sie? Sie würde sich nimmer retten aus dem zerbröckelnden, zusammenstürzenden Vaterhause in das festgefugte, glänzende Baronenschloß, wie es die andere getan – die Kluge, Schlaue, Falsche! Was kümmerte die das trostlose Leid des guten Vaters? der Gram der edeln Schwester? Für sie würde stets ein bequemer Wagen bereitstehen, sie in behagliche Sicherheit zu bringen, bevor der Sturm losbrach! Wie der Sturm um das Haus wütete und heulte, einem Raubtier gleich, das nach Beute schrie! wie er an den vergoldeten Türen rüttelte, an den Jalousien rasselte, als wollte eine Mörderfaust den Einlaß erzwingen! wie der Regen, der in Strömen losgebrochen, da sie eben das Haus erreicht hatten, gegen die Scheiben prasselte und aus den Rinnen gurgelte! wie schwarz die heulende, strömende, jetzt selbst nicht mehr von dem fahlen Lichte der Blitze durchzuckte Nacht die Erde deckte, als sollte das Chaos wiederkehren! War es nicht schon da? Kann die sternenlose Nacht so finster sein, wie eine Menschenseele, der jede Hoffnung geschwunden, aus dem Sturm der Gedanken, aus dem wirren Schwall ineinander fließender und rinnender Gefühle, von denen das eine immer trostloser ist als das andere, sich wieder aufwärts und hinauf zu ringen zum Frieden und zur Klarheit? »C'est bien triste!« schnarrte eine heisere, tiefe Stimme. Gerhard fuhr von der Fenstertür, wo er gestanden, herum, auf den Vogel zu, den er ganz vergessen, und der nun, in seiner Nische auf der obersten Stange sitzend, den Kopf seitwärts geneigt, ihn mit den schwarzen, im Scheine der Lampe glitzernden Augen anstarrte. »Unglücksvogel!« murmelte er, »um Gottes willen, schweig!« In der Überspannung seiner Einbildungskraft, in der wirren Flucht seiner Gedanken erschien ihm das Tier wie ein böser Dämon, der, wenn er anders wollte, den Rest des Geheimnisses, die Geschichte der grausen Tat erzählen konnte, Wort für Wort – »Tu's nicht! tu's nicht! um ihrethalben!« Der Vogel blinkte mit den dämonischen Augen, als wollte er sagen: ich will es mir überlegen – versprechen kann ich dir nichts! Da wurde die Tür nach dem Flur geöffnet, und Edith erschien in Begleitung der alten, unfreundlichen Dienerin, die Wein, Brot und Früchte auf einem Brette trug. »Ich kann Sie nicht fortlassen«, sagte Edith, »ohne Ihnen eine Erfrischung angeboten zu haben, Sie werden sie bedürfen nach allem, was wir durchgemacht.« »Sie schicken mich fort?« sagte Gerhard. Edith antwortete nicht sogleich; sie ordnete die Sachen, welche die Alte auf den Tisch gestellt hatte. Dann, als diese sich entfernt, trat sie auf Gerhard zu, ihm beide Hände reichend. »So dürfen Sie nicht sprechen, Sie wissen es wohl! Der Vater schläft – ich bin nicht sicher, daß es ein gutes Zeichen ist; er verfiel in Fieber und Phantasieren jene beiden Male, von denen ich Ihnen erzählt habe, oder er hatte, wie neulich, die Kraft, in seine geliebte Einsamkeit zu entfliehen; ich finde ihn heute so schwach, so hinfällig, so weich, so ganz anders wie sonst – ist es eine Wendung zum Besseren oder Schlimmeren? wir werden es heute nacht nicht mehr erfahren, und deshalb sollen auch Sie ein paar Stunden schlafen – wer kann wissen, welche neuen Sorgen uns der nächste Tag bringt!« Sie hatte eingeschenkt und bot ihm das Glas. »Seien Sie gut, wie immer, und tun Sie, was ich bitte! Sie sollen bei dem grausamen Wetter nicht wieder zu Pferde – Johann fährt Sie in einer halben Stunde hinüber – das Pferd bringt ihnen der Junge morgen früh. Im Laufe des Tages kommen Sie herüber und erkundigen sich, wie es dem Vater geht. Daß Sie uns nicht verlassen, ich weiß es; aber verlassen Sie auch den Onkel nicht – mir zuliebe. Wenn er heute nicht gut gegen Sie gewesen, wie mir Herr Stude erzählt hat, er wird es Ihnen abbitten; und er braucht nachsichtige Freunde in diesem Augenblicke, wo ihm alle Welt feindlich gesinnt scheint. Wollen Sie?« »Um Ihretwillen!« »Ich wußte es. Freilich soll es ja edler sein, den Freund, der fliehen will, nicht zu halten, aber Sie wollen ja nicht fliehen; und wenn alles um uns her schwankt und wankt, wie könnten wir willig die einzige treue Hand loslassen?« »Sie für Ihre Person, Fräulein Edith, könnten es und würden es. Wenn Sie meine Hand halten, ist es um anderer willen. Wann hätten Sie je an sich gedacht!« Er hatte, sehr gegen seine Absicht, das bittere Gefühl, das in ihm aufgestiegen war, durchklingen lassen. Ein flüchtiges Rot zog über ihre bleichen Wangen; sie schlug vor seinem sehnsüchtig prüfenden Blicke die Augen nieder, während es schmerzlich um ihre feinen Lippen zuckte. Ein schwerer Entschluß schien sich in ihrer Seele vorzubereiten, und ihre Stimme klang matt und traurig, als sie – immer noch mit gesenkten Wimpern – nach einer kleinen Pause sagte: »Wie kann man es, wie kann man an sich denken, wenn man fortwährend an andere, für andere zu denken hat, die selbst nicht denken und nicht fühlen wollen. Nein, nein, nicht fühlen können! Könnten sie's, wär's ja unmöglich, daß sie handelten, wie sie handeln.« »Sie wollen von Ihrem Fräulein – von Maggie sprechen.« »Gott weiß, daß ich es nicht will; aber ich muß wohl. Ich meinte, es würde Ihnen aus meiner Hand, aus der Hand einer Freundin, einer Schwester –« »Sie sollen mir meinen Ring wiedergeben? ich sah, wie Maggie, als sie nach dem Wagen der Baronin lief, an Ihnen vorüberkam und Ihnen etwas in die Hand drückte, das Sie nicht nehmen wollten. Es war mein Ring?« »Ja! ich mußte ihn nehmen, wenn ich ihn nicht fallen und in dem dicken Moose verloren gehen lassen sollte; aber Maggies Wunsch erfüllen, den Ring an Sie geben – das brauchte ich freilich nicht, nur –« Sie stockte. »Sprechen Sie ohne Scheu, mich zu beleidigen!« »Es kann Sie nicht beleidigen, wenn ich Sie bitte, den Ring, der Ihnen verleidet und für Sie entweiht ist, nicht wiederzunehmen; wenn ich Sie bitte, ihn mir zu schenken – als Andenken an den liebsten, den besten, den edelsten Freund, den ich je gehabt, den ich jemals haben werde.« Sie drückte den Ring an ihre Lippen, indem sie dabei Gerhard mit einem Blicke ansah, der ihn durchschauerte. Die Alte kam, zu melden, daß Johann Ewers vorgefahren sei, und blieb in der Tür stehen. »Gute Nacht denn, Fräulein Edith!« sagte Gerhard. Die Alte war wieder hinausgegangen; Edith hielt ihn mit beiden Armen umschlungen. Und als nun Gerhard durch die sausende Nacht dahinfuhr, leuchtete ihm kein Stern wie gestern; aber in seinem Busen war es lichter, wonniger, sonniger Tag. Er wußte sich geliebt – geliebt von dem reinsten, edelsten Wesen, wie sie wußte, daß er sie liebte. Und wenn dies Bewußtsein für sie und ihn das einzige sein sollte, was sie retteten aus dem Zusammensturz – war es nicht so beseligend, daß alles andere dagegen nichts erschien? ja, mußte nicht alles andere ihnen zufallen? war die Flamme ihrer Liebe nicht rein und stark genug, eine Welt zu entzünden und zu heiligen, und wäre sie noch so dunkel und noch so voll Lug und Trug? Und er hatte so kleinmütig sein können, hatte schier verzagen wollen, er, der Starke, der Glückselige! Ja, jetzt, jetzt erst konnte er den Kampf aufnehmen mit dieser Welt! Sie mußten siegen, die reinen Geister des Lichts über die Dämonen der Finsternis! Fünftes Kapitel. »Ich begreife nicht«, sagte Anton, »woher du an einem solchen Tage den Mut nimmst?« »Der Tag an und für sich ist nicht schön«, erwiderte Gerhard. »Für sich?« rief Anton; »ja für wen denn? für mich ganz gewiß nicht! ich habe einen so kolossalen Kater, daß selbst die Sintflut heute ihn nicht ersäufen könnte! Herr des Himmels, wie das gießt! ich glaube, die Welt geht unter! Und das nennst du bloß: nicht schön! höre, du! ich glaube, du hast dreifaches Erz um die Brust!« »Leider nicht«, erwiderte Gerhard lachend; »oder ich würde nicht bis auf die Haut durchnäßt sein. Entschuldige!« Sie befanden sich auf Gerhards Zimmer. Gerhard war soeben von einem Ritte nach Hause gekommen, den er durch die Felder gemacht, um sich von dem Stande der Dinge draußen zu überzeugen. Es hatte dort freilich bös ausgesehen. Der Sturm der Nacht und der Regen, der jetzt – um zehn Uhr morgens – noch immer in Strömen herabgoß, hatten große Flächen in den Hafer- und Gerstenbreiten niedergelegt; an das Einfahren des Weizens, den man seit einigen Tagen zu schneiden begonnen, war nicht zu denken. Die Hocken, die zum größten Teile nur noch formlose Haufen waren, mußten wieder aufgerichtet werden – es sah bös, sehr bös aus; aber ein paar Stunden Sommersonne würden, wenn nicht alles, so doch das meiste wieder gutmachen. »Ich glaube, die Sonne scheint nimmer wieder«, sagte Anton. Gerhard hatte sich umgezogen und trat zu dem Freunde, der, am Fenster stehend, in den Park blickte, dessen Bäume und Büsche Wind und Regen zerzausten. »Dich drückt noch mehr, als der Katzenjammer und Regentag«, sagte er. »Freilich«, erwiderte Anton, »obgleich's wahrhaftig an einem von beiden genug wäre.« »Dann also heraus damit! ich will es wissen, und ich muß es wissen; soviel ich sehe, bin ich der einzige von euch allen, der den Kopf oben hat.« »Wozu nicht viel gehört; wir anderen lassen ihn verzweifelt tief hängen; und leider keiner mehr, als –« »Herr Zempin – ich weiß es.« »Nun eben! Du hast es ja schon vorgestern gesagt – oder war es vor zwei Jahren? mir geht es wie ein Dutzend Mühlräder im Kopfe herum.« »Trink ein Glas Wein, um ein wenig Klarheit hineinzubringen! Da ist welcher! Frau Zempin hat ihn heraufgeschickt, als ich nach Hause kam. Sie stand am Fenster – sie ist die Aufmerksamkeit selbst.« »Ja, ja«, sagte Anton – »Gott, wie das heute schmeckt – wie Tinte! und es ist unser bester Larose! – ja, ja! die arme Frau, ich fürchte, wir haben ihr manchmal zuviel getan.« »Ich erinnere mich nicht, daß du jemals schlecht über sie gesprochen hättest.« »Habe ich auch nicht! weshalb sollte ich! ist sie doch immer gut gegen mich gewesen! ist doch ihr einziger Fehler, daß sie zu gut gegen alle Menschen ist!« »In den Augen eines eifersüchtigen Ehemannes leider ein sehr schlimmer.« »Gerade davon wollte ich sprechen. Weshalb ist Zempin eifersüchtig? Sie kokettiert ein bißchen mit aller Welt – dann hätte er sie nicht heiraten sollen; so ist sie schon als Mädchen gewesen – ganz Grünwald kannte die schöne Julie Semlow – du weißt, daß sie bei ihrer verwitweten Schwester lebte – bei dem alten Sünder in Swinhöft kann's ja kein Pferd aushalten, geschweige denn ein schönes Mädchen. Damals sagte er – Zempin nämlich: das eben reize ihn. Ich glaub's schon; dann sollte er ihr aber auch jetzt ein bißchen Freiheit lassen und nicht bei jeder Kleinigkeit aus der Haut fahren und einen Höllenlärm anschlagen, wie gestern abend.« »Gestern abend?« »Oder heute nacht, als wir nach Hause kamen. Frau Julie war schon gleich im Anfang fort, weißt du – oder vielmehr: du weißt es wohl nicht, mit Spatzing und Bagdorf. Na, das war doch ganz natürlich, da Bagdorf Pastors in seinen Wagen gepackt hatte; er hätte freilich mit denen fahren können; aber es ging alles drunter und drüber. Genug, als wir hier ankamen, war Bagdorf noch da und wartete auf seinen Wagen, den Pastors hernach von Zarnewitz hierher schicken sollten. Nun muß ich bemerken: Zempin war schon unterwegs ganz rabiat; er donnerte gegen alles und alle: gegen Hinrichs, Sallentin, seinen Bruder, den Förster, seine Frau, Bagdorf – du kriegtest auch dein Teil.« »Was hatte ich getan?« »Nichts, das war's eben. Du hättest dich so gut wie gar nicht um ihn bekümmert; hättest in dem Streite zwischen ihm und dem Förster offenbar des Försters Partei genommen; wärst die Veranlassung, daß Lindblad und Benz nicht wieder mitgekommen, sondern mit Sallentins gefahren sind; sie wollten sich von dir nicht länger wie Schuljungen behandeln lassen – haben sie gesagt.« »Er sollte froh sein, daß er die Schmarotzer endlich los ist. Was hatten die beiden hier in Kantzow wochenlang auf der Bärenhaut zu liegen? Die unbegreifliche Langmut, mit der er das ertrug, würde wahrhaftig den Bruch zwischen ihm und Sallentin schließlich nicht verhindert haben.« »Nur daß der Bruch so vielleicht ein paar Tage früher kommt.« »Was denn offenbar ganz gleichgültig ist.« »Ihm schien es nicht so – doch das nebenbei. Und dann hattest du noch ein Verbrechen begangen! Du hattest zu lange neben Frau Julie gesessen und dich zu gut mit ihr unterhalten.« »Zempin sollte sich schämen.« »Tut er vielleicht auch, verhindert ihn aber nicht, sich in Eifersuchtsqualen zu winden wie Laokoon in den Schlangen. Gelt, Alter, das Bild war gut, sehr gut! in meinem Kopfe fängt es wieder an, heller zu werden – das macht die Unterhaltung mit dir und der Rotspon.« Anton tat einen tiefen Zug und schüttelte sich – der Larose mochte doch noch ein wenig wie Tinte schmecken. Gerhard, der nachdenklich auf und nieder ging, blieb stehen: »Aber wenn ich der Sünder bin, so kann es nicht auch Bagdorf sein?« »Warum nicht?« erwiderte Anton, »bei einem Othello ist alles möglich, und wenn die Abwesenden freilich unrecht haben, so bleiben die Anwesenden deshalb nicht ungehudelt. Nun war aber Bagdorf anwesend und mußte das Bad bezahlen. Nicht, daß von der Hauptsache die Rede gewesen wäre – Gott bewahre! Diese Herren haben immer gegeneinander etwas auf dem Kerbholze, wenn sie einander durchaus Bosheiten und Grobheiten sagen müssen: eine Partie Boston, die sie im vergangenen Winter gespielt – ein Pferd, über das sie vor Olims Zeiten geschachert. Das leidige Hauptthema ist jedenfalls erst zwischen ihm und seiner Frau abgehandelt, nachdem Bagdorf sich verabschiedet hatte mit der Versicherung, daß er unser Haus zum letztenmal betreten. Der dritte Abtrünnige an einem Abend! Und nun muß der unglückselige Klempe seinen Quartalrausch gerade jetzt haben!« »Aber der Mensch war ja schon gestern morgen unzurechnungsfähig, und ich denke, er fährt in diesem Stadium jedesmal in die Stadt und kommt nach ein paar Tagen nüchtern wieder, wenn er überhaupt je nüchtern ist.« »Ganz recht! Nur berichtete Johann Schnut, der ihn nach Grünwald gefahren – übrigens sein richtiger Kumpan, der Schnut! – er sei diesmal besonders wild gewesen und habe sich heilig und teuer verschworen, daß er nicht wiederkommen wolle.« »Als ob solchem Gesellen etwas heilig und teuer wäre, außer der Schnaps! Und den darf er ja hier so viel trinken, wie er will.« Anton seufzte und bewegte den schweren Kopf langsam hin und her. »Es ist ein schreckliches Laster – ein ganz entsetzliches Laster; der Himmel bewahre einen in Gnade davor! Die Menschen werden hier noch alle daran zugrunde gehen – ich habe es immer gesagt. Selbst Zempin, der sonst in dieser Beziehung wirklich eine rühmliche Ausnahme macht, hatte gestern abend einen fürchterlichen Hieb. Über Johann Schnuts Nachricht – ich glaube, der verschmitzte Kerl hat es eigens darauf angelegt – weshalb wäre er sonst noch so spät mit der Meldung gekommen? – wurde er wirklich wie toll. Es mußte sofort wieder angespannt werden, und eine Viertelstunde darauf war er fort; und wenn ich ihn nicht speziell daran erinnert hätte, dir den Zettel zu schreiben, in dem er dich bittet, während seiner Abwesenheit die Wirtschaft zu führen – er hätte alles hier stehen und liegen lassen, wie es war.« »Er hat nicht gesagt, wie lange er wegbleiben will?« »Keine Idee.« »Und du glaubst wirklich, es handelt sich für ihn diesmal darum, den Klempe wieder herbeizuschaffen?« »Es hat ganz auf mich den Eindruck gemacht. Ich habe auch eine dunkle Erinnerung – mein Perzeptionsvermögen war gestern abend leider etwas geschwächt – daß er wiederholt sagte: der Schurke – es kann auch der Schuft gewesen sein – muß zurück, und sollte ich ihn – ich weiß wirklich nicht mehr was – etwas Angenehmes für den auf die besagte Weise Zurücktransportierten war es sicherlich nicht.« »Das klingt in der Tat befremdend; wenigstens ist mir diese Anhänglichkeit an den liederlichen Menschen unbegreiflich.« »Die Anhänglichkeit mag so groß nicht sein, als die Notwendigkeit, ihn bei guter Laune zu erhalten, von wegen – wegen – jemand in Retzow.« »Vadder Deep?« »Ach was, Vadder Deep! wegen der Anna!« Gerhard hatte sich schnell von dem Fenster, wo er das Wetter beobachtete, umgewandt; die beiden Freunde blickten einander starr in die Augen. »Das wäre furchtbar, Anton!« »Nicht wahr? ich habe mich auch immer gesträubt, es zu glauben, obgleich mir Salchen schon seit acht Tagen damit in den Ohren liegt – diese Weiber sind ja wie versessen, wenn es gilt, eine hübsche Dirn um Ehre und Ruf zu bringen. Aber leugnen läßt sich nicht, daß so manches klar wird, was vorher dunkel war; vor allem die doch sonst ganz tolle Idee, den vertrunkenen Schlingel als Pächter nach Retzow zu bringen, auf die Gefahr, den alten Sallentin damit furchtbar vor den dicken Kopf zu stoßen, von meiner Wenigkeit – das heißt von Salchen, der er entschieden auch Versprechungen gemacht hat, ganz zu schweigen.« »Und so schweige denn!« rief Gerhard heftig; »schweige von einem Handel, der so abscheulich wäre – nein, nein! Dies kann nicht sein! Zempin ist in meinen Augen nicht mehr, wofür ich ihn anfänglich gehalten; aber das lasse ich auf den Mann nicht kommen, und du, sein Freund –« Gerhard war zu erregt, um weitersprechen zu können; Anton kraulte sich verlegen hinter den großen Ohren. »Ja, ja«, sagte er, »ich bin sein Freund, obgleich er mich, unter uns, manchmal miserabel behandelt; und die Freundschaft ist ja auch soweit ein gutes Ding, aber ein Regenrock, den anderen auf jeden Fall trocken, oder ein Schwimmgürtel, ihn über Wasser zu halten, das ist sie denn doch nicht. Und unser Freund hat eine absonderliche Neigung, ins Wasser zu gehen, wo es am tiefsten ist; und dabei, zu seinem Unglücke, an einem verteufelt schweren Erdenreste zu tragen. Na, andere machen's nicht besser oder nicht viel besser, es ist einmal des Landes der Brauch, den sie von der mittelalterlichen Barbarei, in der sie noch mit dem halben Leibe stecken, treu bewahrt haben. Väterlich-patriarchalisches Regiment, weißt du! mit besonderem Akzent auf das erste Epitheton. Und Zempin hat, wenn nicht die Entschuldigung, so doch den leidigen Vorzug, ein verzweifelt schöner Kerl zu sein.« »Ich will davon nichts weiter hören!« rief Gerhard. »Wollte Gott, daß wir alle davon nichts weiter zu hören bekommen«, sagte Anton. So sehr Gerhard sich bemühte, er vermochte nicht, den abscheulichen Gedanken loszuwerden. Ja, er bohrte sich nur tiefer in seine Seele, während er jetzt, Anton, der halb eingeschlafen im Sofa saß, von Zeit zu Zeit einen finsteren Blick zuwerfend, im Zimmer auf und ab schritt. Das seltsame Betragen, die tiefe Schwermut des armen Mädchens, ihr sehnlicher Wunsch, aus dieser Gegend fortzukommen; die auch für einen so rohen Menschen, wie der Klempe, unbegreifliche Leichtfertigkeit, mit welcher derselbe wiederholt von seiner Braut gesprochen; Zempins nicht minder unbegreifliche Nachsicht mit dem Trunkenbolde; seine bei verschiedenen Gelegenheiten geäußerte Scheu vor dem Förster – die Szene gestern abend – großer Gott! welche fürchterliche Bedeutung gewann diese Szene, wenn der Förster wußte, daß Zempin der Verführer seiner Tochter sei, und er den Mann vor der Spitze seines Hirschfängers gehabt hatte! Der Regen schlug mit Gewalt gegen die klappernden Fenster – Anton fuhr aus seinem Halbschlafe auf: »Die Welt geht unter«, sagte er. »Und weiß denn Frau Zempin davon?« »Wovon?« sagte Anton. Es wurde an die Tür gepocht, und Spatzing kam hereingehüpft. Aber nicht weit, dann ließ er sich auf den nächsten Stuhl fallen und sagte: »Ich bitte um Verzeihung, Herr Baron; aber mir ist es in die Glieder gefahren, wenn ich sehe, daß Stude schon wieder trinken kann. »Similia similibus« , sagte Anton, das Glas, an dem er kaum genippt hatte, schaudernd auf den Tisch setzend. »Nur für Kandidaten der Theologie«, sagte Spatzing; »Künstler sterben daran. Oh, der zartbesaiteten Künstlerseelen!« »Und der jämmerlichen Künstlermagen«, sagte Anton. »Könnten jene so zartbesaitet sein, wenn diese weniger jämmerlich wären?« sagte Spatzing. – »Nur aus dem verbrennenden, in Asche zusammensinkenden Körper schwingt sich der Phönix des Genius in den lichten Äther der Kunstgefilde.« »Dann wird ihr Genius wohl bald die Reise machen«, sagte Anton; »was überhaupt von Körper an Ihnen ist, sieht heute sehr bös verbrannt und zusammengesunken aus.« »Sie haben das große Wort gesagt«, erwiderte Spatzing; »ja, ich werde reisen – bald, so bald als möglich. Dieser Nebel drückt mich nieder, ich muß die Sonne wiedersehen. Oh, wie beneide ich Ihren Bruder, Herr Baron! um das Plätschern der Fontana di Trevi, um das Säuseln der Kastanien und immergrünen Eichen im Garten der Villa Albani.« »Mein Bruder ist seit einer Woche bereits wieder in München«, sagte Gerhard. »Großer Gott – zu welchem Zwecke?« »Um zu arbeiten, vermute ich.« Spatzing wiegte das lockige Haupt und seufzte: »Arbeiten! Wie sagt Conti? oder ist es der Prinz? – ich kann das nie behalten: Arbeiten? das ist seine Lust; nur zu viel arbeiten kann ihn um den Namen Künstler bringen.« »Na, Spatzing«, sagte Anton – »dann haben Sie sich hier nicht um den Namen gebracht.« »Weil ich zu wenig gearbeitet, meinen Sie? Nun weiß ich wieder nicht, sagt es der Prinz oder Conti: ›Ein Weniges, aber mit Fleiß!‹ – Daß ich fleißig gewesen, fleißig habe sein wollen – Apollo ist mein Zeuge; aber was hilft aller Fleiß des Künstlers, wenn das schöne Modell fortwährend vor ihm flieht, wie Danae vor dem Gotte.« »Daphne«, sagte Anton. »Danae oder Daphne – der Effekt bleibt derselbe.« »Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, Ihr Bild von Frau Julie habe bis jetzt auch nur den mindesten Effekt auf mich gemacht.« »Retten Sie mich vor diesem erbarmungslosen Spötter, Herr Baron!« rief Spatzing kläglich. Gerhard hatte bereits die Mütze in den Händen, im Begriffe, den beiden Schwätzern das Feld zu räumen, als wiederum gepocht wurde. Frau Zempin bitte die Herren zum Frühstück, meldete das Mädchen, und der Herr Baron möge entschuldigen, daß es so lange gedauert; es sei heute alles ein bißchen aus der Ordnung. Gern wäre Gerhard gerade jetzt einer Begegnung mit Julie ausgewichen, aber eine passende Entschuldigung fiel ihm nicht sogleich ein, und er wußte, daß jede Entschuldigung Julie kränken würde. Er fühlte, daß er nicht das Herz habe, sie gerade jetzt zu kränken. Unten in dem Speisezimmer, das heute mit dem zusammengeschobenen Tische, auf dem nur fünf Kuverts lagen, einen befremdlichen Eindruck machte, empfing Julie die Herren, indem sie Anton und Spatzing freundlich zunickte, während sie Gerhard die beiden kleinen Hände zugleich reichte. »Sie haben schon seit dem frühesten Morgen Wind und Wetter getrotzt«, rief sie, »für uns, die Faulenzer und Langschläfer, wenn ich auch freilich wenig oder gar nicht geschlafen habe!« In der Tat sah die hübsche Frau trotz des Lächelns auf ihren Lippen müde und abgespannt aus. Ihre für gewöhnlich von frischer, kräftiger Farbe überhauchten Wangen waren blaß; die sonst immer so munteren Augen blickten matt und hatten tiefe, dunkle Ringe. Den Ausdruck des Ernstes, den ihre ganze Erscheinung gewährte, erhöhte ein schwarzes, bis an den schneeweißen Hals geschlossenes Seidenkleid; den Schal, den sie trotzdem fest um die Schultern geschlungen trug, hatte sie wohl nur aus Gewohnheit hinzugefügt, oder um der heute allerdings empfindlichen Kühle zu wehren. Sie bat nochmals um Entschuldigung wegen der Verspätung des Frühstücks, und wenn der Tisch ein so buntscheckiges Aussehen habe. Salchen sei in den Wald gefahren, um womöglich noch etwas von dem Geschirre zu retten; unterdessen habe sie zusammensuchen lassen, was man in der Küche und in den Schränken gestern als allzu schlecht oder als allzu gut zurückgelassen. »Was kommt am Ende darauf an«, sagte sie; – »die Hauptsache ist und bleibt, daß man sich unter Freunden weiß. Wenn der gestrige Tag kein Glückstag zu nennen ist – das Gute muß ich ihm nachrühmen: er hat mich gelehrt, wie wenig man sich auf seine sogenannten Freunde verlassen kann, und wie wenig wirkliche Freunde man hat.« Sie blickte bei diesen Worten Gerhard an und wandte auch sonst ihre Rede fast ausschließlich an ihn. Unter anderen Umständen würde er kaum darauf geachtet und am allerwenigsten der hübschen Frau Dank für eine Bevorzugung gewußt haben, an deren Aufrichtigkeit er nie geglaubt – heute sah er ihr ganzes Wesen in einem anderen Lichte. Hatte er sie doch bis dahin stets für das rechte Schoßkind des Glückes gehalten und ihre Launen im besten Falle für Glücksübermut. Aber zu welchen Extravaganzen kann eine lebhafte, lebensfrohe Frau nicht das Bewußtsein eines Unglücks treiben, unter dem sie hilflos leidet? Und wenn Antons Verdacht sich bestätigen sollte, wenn sie selbst diesen Verdacht teilte – und es fielen ihm jetzt jene Worte schwer auf die Seele, die sie vor wenigen Tagen erst über die brutale Tyrannei schuldbefleckter Gatten zu ihm gesprochen – was mochte diese Frau schon gelitten haben! was mochte sie in diesem Augenblicke leiden! Die sich nur mühsam fortspinnende Unterhaltung gewann durch Salchens Eintreten neuen, freilich nicht eben erfreulichen Stoff. Salchen – wie sie Anton beständig nannte – die übrigen riefen sie Saling – war eben von den Hünengräbern zurückgekommen mit einem Wagen voll Scherben. Was etwa noch gut und heil geblieben, hätten Frau Sallentin und Frau Stut an sich gerissen, die, jede mit einem Wagen, eine halbe Stunde vor ihr auf dem Platze gewesen, unter dem Vorgeben, daß es ihr Geschirr sei. Sie habe ganz deutlich gesehen, daß die große Suppenterrine mit dem blauen Muster auf Frau Sallentins Wagen gestanden, und es Frau Sallentin auf den Kopf zugesagt; aber Frau Stut habe schnell ein Laken darüber gedeckt, und die beiden Damen seien natürlich der armen Haushälterin über gewesen. Von den giftigen Reden, die Frau Sallentin gegen alle geführt, die zu Kantzow gehörten, wolle sie lieber schweigen, und die Kosenower hätten ebenfalls ihr Teil bekommen, und Frau Stut habe gesagt, so etwas, daß sich zwei Brüder vor einer ganzen großen Gesellschaft in die Haare gerieten, kenne sie gar nicht, und – »Du wolltest uns ja mit dem allen verschonen«, sagte Julie; »so tue es nun auch!« Die Redselige schwieg, und während sie, beleidigt, das Rührei verzehrte, das ihr Julie selbst aufgefüllt, betrachtete sie Gerhard zum ersten Male genau. Bis jetzt hatte er über die Dame möglichst weggesehen und war ihr ausgewichen, soweit es die allgemeine Höflichkeit zuließ. Ihre Erscheinung und ihr Wesen waren ihm vom ersten Moment an unsympathisch gewesen: er hielt die kohlschwarzen Locken, mit denen sie sich, ganz gegen die Sitte des Landes und die Mode der Zeit, den Nacken und sogar die Stirn umkräuselte, für ebensowenig echt, als die zwei Reihen blendend weißer Zähne, welche sie fortwährend zeigte, und die große Freundlichkeit und Gefälligkeit, die sie gegen jeden einzelnen in der Gesellschaft bewies. Er hatte sie ein paarmal im Vorübergehen sich mit den Mägden in der Küche oder dem Milchhofe in gemeiner Weise zanken hören; und wenn sie ihm noch ganz besonders wohlzuwollen schien und umsichtig und unermüdlich für seine geringen Bedürfnisse sorgte und sich wiederholt beklagte, daß sie für einen so guten, so freundlichen Herrn so gar wenig tun könne, durfte er wohl mit Recht die Quelle dieser Zärtlichkeit in dem Wunsche der Dame entdecken, den Freund ihres wankelmütigen Anton sich zum Freunde zu machen. Anton hatte ihn mehr als einmal gebeten, und wäre es auch nur um seinetwillen, der es doch schließlich büßen müsse, der einflußreichen Person eine etwas größere Aufmerksamkeit zu schenken. Gerhard hatte sich nicht überwinden können, und gar heute morgen fand er seine Abneigung völlig gerechtfertigt. Er dachte mit Schaudern an das Unheil, das die Schwatzhafte, die der armen Anna Garloff trauriges Geheimnis durchschaut haben wollte, in der Folge anrichten könne, vielleicht schon angerichtet hatte. Juliens ganz auffallende Blässe und Zerstreutheit schien einen tieferen Grund zu haben, als der Streit mit ihrem Gatten wegen Bagdorf. Daß es hier zu einer Katastrophe kommen würde, hatte sie seit Tagen voraussehen müssen und, wie er ihre neulichen Worte jetzt auslegte, vorausgesehen. Ja, Gerhard fragte sich, ob er der jungen Frau nicht auch in diesem Punkte schweres Unrecht getan? ob nicht ihr einziges Unrecht, wie Anton meinte, darin bestehe, daß sie zu gut gegen alle Menschen war, oder, wie sie sich ausdrückte, nur glückliche Gesichter um sich sehen könne. Mit welcher Liebenswürdigkeit nahm sie sich Spatzings an, der heute von Anton die schlimmsten Dinge über sein verunglücktes Porträt zu hören bekam! wie gütig suchte sie Salchens böse Laune zu beschwichtigen! wie teilnehmend erkundigte sie sich nach Edith und dem Schwager in Kosenow, und ob Gerhard nicht im Laufe des Tages selbst herüberfahren werde – von Reiten sei keine Rede. Wenn Gerhard auch heute unumschränkter Herr sei, so sei er doch ein viel zu galanter Mann, als daß er sich den Befehlen einer Dame nicht fügen sollte. Das Geräusch eines schnell über den Hof heranrollenden Wagens machte alle nach dem Fenster blicken. Gerhard glaubte zu bemerken, daß Julie noch blässer wurde und mit Salchen schnelle und erstaunte oder erschrockene Blicke wechselte. Aber Spatzing, der an das Fenster gestürzt war, rief: es sei nicht Herr Zempin; und fast in demselben Moment hörte man den Wagen vor der Haustür anhalten. Anton, der in gewohnter Weise gegangen war, den unverhofften Besuch zu empfangen, kam wieder herein: es sei der Graf, der anfrage, ob er Gerhard seinen Besuch machen dürfe. »Bitte, in den Salon, bitte, bitte!« rief Julie. – »Mir zuliebe!« Der Salon lag dem Speisezimmer gegenüber auf der anderen Seite des Flurs; und dorthin führte Gerhard den Grafen, der bereits ausgestiegen war und ihm in der Haustür entgegenkam. Sechstes Kapitel. Nach der ersten Begrüßung, die von seiten des Grafen überaus verbindlich war, und nachdem er sich der Empfehlungen seiner Gemahlin an den liebenswürdigen Gast, der ihnen vorgestern einen so interessanten Nachmittag bereitet, entledigt, blickte er sich im Zimmer um und sagte: »Verzeihen Sie, Herr Baron, wo befinden wir uns hier eigentlich?« »In dem sogenannten Salon«, erwiderte Gerhard, »genauer: dem Empfangszimmer der Frau Zempin.« »Sehr hübsch arrangiert – in der Tat! die Dame hat Geschmack, viel Geschmack – ich bitte nochmals um Verzeihung wegen meiner Frage. Ich habe Ihnen Dinge von Wichtigkeit, großer Wichtigkeit mitzuteilen und möchte versichert sein, daß wir völlig ungestört sind.« »Völlig, Herr Graf. Herr Zempin ist seit heute morgen verreist; die Zimmer nebenan sind die besonderen Gemächer der Frau Zempin, die mich speziell gebeten hat, Sie hierher zu führen, und übrigens noch selbst mit der anderen Gesellschaft drüben ist.« Der Graf schien von der Antwort nicht ganz befriedigt, nahm indessen mit einer Verbeugung auf dem Sofa, zu dem ihn Gerhard geleitet, Platz. Gerhard selbst war bei der Ankündigung des Grafen von wichtigen Dingen, die ihm mitgeteilt werden sollten, sehr erschrocken. Hatte der Mann nun doch eine verfolgbare Spur aufgefunden? Eine längere Pause entstand, bis der Graf nach einem zerstreuten Blicke durch das Fenster, in dessen unmittelbarer Nähe sie saßen, auf die vom Winde hin und her gezausten Büsche des Bosketts, sich entschlossen zu Gerhard wandte und sagte: »Lassen Sie mich sofort zur Sache kommen, Herr Baron! Ich hatte gestern abend einen Brief von Ihrem Herrn Vetter, dem Baron Odo. Der Brief ist unzweifelhaft – obgleich dessen keine Erwähnung geschieht, im Gegenteil ein subjektiv-gemütliches Motiv vorgeschoben wird – auf erneute Anregung des Prinzen geschrieben, der, wie mir aus allem hervorzugehen scheint, Ihnen überaus gnädig gesinnt ist und auf jeden Fall eine völlige Aussöhnung Ihrer respektiven Familienbranchen herbeiführen will. Nun hat Ihr Herr Vetter jedenfalls sehr gewichtige Gründe, den Wunsch und Willen seines zukünftigen Souveräns zu ehren und zu befolgen. Er wendet sich daher an mich, den er für ganz besonders geeignet halten mag, bei Ihnen eine vorläufige Sondierung in diesem zarten Punkte vorzunehmen, und glaubte, wie ja auch ganz richtig ist, zu diesem Zwecke mir eine genaue Darstellung des Vachaschen Familienstreites geben zu sollen. Aus dieser Darstellung nun –« Der Graf, der bis dahin in einem ruhig geschäftsmäßigen Tone zu sprechen versucht hatte, unterbrach sich auf eine ungeduldige Bewegung, die Gerhard machte, und rief mit Lebhaftigkeit: »Ich bitte Sie, lieber Baron, sagen Sie mir das eine: wie mochten Sie vorgestern auch nicht mit einer Silbe andeuten, in welcher schauerlich nahen Beziehung Sie selbst möglicherweise – ja, wenn mich nicht alles trügt, unzweifelhaft – zu dem entsetzlichen Falle stehen? Wie mochten Sie mit der Vermutung, mit der bestimmten Behauptung zurückhalten, daß jener deutsche Edelmann in der Gesellschaft des Vicomte nur Ihr Herr Großvater gewesen sein kann? Ja, mein Gott, bedachten Sie denn nicht, daß, wenn sich die Identität feststellen ließe, der authentische Brief des Vicomte vielleicht allein hinreicht, Ihren Erbstreit wieder aufzunehmen? Daß, wenn sich jenes Dokument der Kündigung des Vertrages, das im Beisein des Vicomte aufgesetzt und durch seine Unterschrift und die des Dieners beglaubigt ist, noch fände – und was findet man nicht, wenn man eifrig sucht! – der Erbstreit – ganz abgesehen von der Ihnen gewissen Huld und Gnade Ihres Fürsten – einfach aus rechtlichen Gründen zu Ihrer und Ihrer Herrn Brüder Gunsten entschieden werden müßte? Bedachten Sie denn das alles nicht?« »Ich habe alles bedacht, Herr Graf«, erwiderte Gerhard mit einer Ruhe, die er weit entfernt war, wirklich zu empfinden; »und eben weil ich es getan – bereits vorgestern während der Lektüre des merkwürdigen Briefes und seitdem reiflicher nach jeder Richtung – habe ich geschwiegen und würde ohne Ihre gütige Teilnahme, die mich zu tiefstem Danke verpflichtet, mit keinem Worte auf eine Angelegenheit zu sprechen gekommen sein – wenn man anders die entfernteste Möglichkeit, die auch nicht die mindeste Wahrscheinlichkeit für sich hat, so nennen darf« »Nicht die mindeste Wahrscheinlichkeit!« rief der Graf – »aber wie nennen Sie denn die unleugbare Tatsache, daß Ihr Herr Großvater 1812 nach Rußland gegangen – mit der französischen Armee – und seitdem spurlos verschollen ist? Die wunderbare Identität des Schicksals jenes deutschen Edelmannes und Ihres Herrn Großvaters: daß beide ihr Haus verlassen in Unfriede mit ihren Gemahlinnen, beide denselben Handel unter denselben höchst eigentümlichen Bedingungen mit ihrem Erbvetter über die Familiengüter abschließen? Lieber Herr Baron, das sind denn doch Wahrscheinlichkeiten, die für sich allein, in meinen Augen wenigstens, die Sache geradezu entscheiden; und ich begreife in der Tat nicht, wie Sie Ihre Augen, deren klaren Blick ich bewundere, gegen Gründe verschließen können, die selbst für den Unbeteiligten geradezu zwingend sind.« »Für den Unbeteiligten!« rief Gerhard; »ich gebe es zu, Herr Graf, aber keineswegs für den Beteiligten; ich meine für den, der die Angelegenheit sofort auf ihre praktische Seite hin ansieht; der sich fragt und fragen muß: sind hier Resultate zu erzielen? werden diese Resultate im Verhältnis stehen mit der aufgewandten Mühe? werden sie nicht im besten Falle die Interessen anderer, die an dem ganzen Handel völlig unschuldig sind, mehr oder weniger schwer, vielleicht sehr schwer schädigen? werden diese Interessen – die heiligen Interessen der Familienehre, des Familienstolzes – nicht irreparabel geschädigt, selbst wenn das Resultat ein völlig negatives wäre, einzig dadurch, daß man an diese alten Geschichten rührt, die in Staub und Asche zerfallen, sowie man sie berührt? Nun, Herr Graf, ich habe mir diese Fragen vorgelegt, und wenn ich meine Antwort auf alle zusammenfassen soll, kann ich nur sagten: hier ist Schweigen, Fahrenlassen, womöglich Vergessen Pflicht – eine Pflicht nebenbei, die zu erfüllen mir, Gott sei Dank, nicht eben schwer fällt.« »Seltsam!« erwiderte der Graf, »es scheint, daß hier die Rollen ausgetauscht sind! Ich, der Unbeteiligte, plädiere mit Eifer für die kräftige Verfolgung einer Angelegenheit, die Sie, der Beteiligte, gleichgültig, ja widerwillig von sich weisen. Aber – verzeihen Sie mir die Bemerkung, sollte hier der Unbeteiligte nicht den Vorzug des objektiveren, das heißt des richtigeren Blickes haben vor dem Beteiligten, der nur nach subjektiven Gründen entscheidet? Sie erinnern sich, wie ich selbst anfangs wenig geneigt war, den raschen Schlußfolgerungen der Gräfin zuzustimmen. Zwei Tage ruhigen Nachdenkens haben mich davon überzeugt, daß die vielverspottete Frauenlogik hier doch wieder einmal den richtigen Punkt getroffen hat. Wie ich die Sache jetzt ansehe, zolle ich zwar einigen Ihrer Gründe gern jeden schuldigen Respekt – billigen, gut, stichhaltig heißen kann ich zu meinem Bedauern keinen derselben. Sie fragen, ob hier Resultate zu erzielen sind? ich sage: ja, wenn man die nötige Mühe nicht scheut; und damit beantworten sich Ihre übrigen Fragen, die sämtlich die irrige Voraussetzung der Fruchtlosigkeit der aufgewandten Mühe zum Grunde haben. Gewähren Sie mir nur noch eine Minute freundlicher Aufmerksamkeit! Daß die in dem Briefe des Vicomte von seinem Begleiter und Freunde angegebenen Kennzeichen – wenn ich mich so ausdrücken darf – sämtlich auf Ihren Herrn Großvater passen, erscheint mir kaum zweifelhaft und kann, deucht mir, für Sie, der Sie doch jedenfalls durch Familientradition viel genauer über den seltsamen Mann unterrichtet sind, gar keinem Zweifel unterliegen. Der Name ist nicht genannt – allerdings; aber es gibt Indizien, die den Namen auch für den skrupulösesten Richter irrelevant machen, vielmehr: ersetzen. Ferner: wer sagt uns, daß wir nicht auch noch zu dem Namen gelangen, der sehr wahrscheinlich den Mördern bereits vor der Tat bekannt war, jedenfalls nach der Tat aus den vorgefundenen Briefschaften, Papieren et cetera bekannt wurde? Mit dem Namen zurückzuhalten, liegt, soviel ich sehen kann, für die Menschen keine Veranlassung vor, sobald sie erst einmal der Tat überwiesen sind. Sie behaupten: dieser Erweis ist unmöglich – ich sage wiederum: nein! Der eine der Täter: der alte Zempin, ist tot – wohl; aber die zwei anderen: der Deep und der Förster Garloff, leben noch. Sie hatten es leicht, sich zu verbergen und unbehelligt zu bleiben, solange kein Verdacht gegen sie vorlag; sie sind jetzt in das unbequem helle Licht eines entschiedenen Verdachtes gestellt, und den Effekt dieses Lichtes wollen wir doch einmal erst abwarten. Ich denke dabei noch gar nicht an die oft entscheidende Wirkung eines regelrechten Kreuzverhörs, vorläufig nur an eine genaue Beobachtung der Leute, an das sorgfältige Durchforschen ihrer Antezedenzien, an ein kluges Zusammenstellen von Äußerungen, die sie bei dieser, jener Gelegenheit gegen diesen, jenen getan haben – Äußerungen, die völlig harmlos schienen und doch vielleicht, richtig verstanden, äußerst gravierend sind. Dergleichen Recherchen, Beobachtungen können sehr weit führen. Und wer auf der Welt sagt uns, daß diese Menschen keine Mitschuldigen hatten, die ebenfalls noch leben? oder wenn keine Komplizen, so doch direkte oder indirekte Zeugen der Untat? Ja, spricht nicht die höchste Wahrscheinlichkeit für diese Annahme? gehe ich zu weit, wenn ich einen und den anderen solcher Zeugen bereits gefunden zu haben glaube? Erinnern Sie sich doch, lieber Baron: es ist in dem Briefe von einem Knaben des Zempin die Rede, der während der ganzen Dauer ihres Aufenthaltes in der Gesellschaft der Herren gewesen ist. Der Knabe wird sehr genau, so genau geschildert, daß Leute, die ihn damals gekannt haben, ihn nach der Schilderung wiedererkennen müssen, sich bei der Gelegenheit auch vielleicht des Umstandes der ansteckenden Krankheit in der Familie des Verwalters erinnern werden, welche die Absperrung des Knaben in dem Herrenhause notwendig machte. Das Alter des Knaben wird auf zehn bis zwölf Jahre angegeben. Nun habe ich bereits – übrigens unter einem anderen Vorwande – die Kirchenbücher in Zarnewitz, wohin Kosenow eingepfarrt ist, nachschlagen lassen. Das älteste Kind des Zempin war ein Mädchen, geboren 1799, gestorben im Januar 1813, also wahrscheinlich in eben jener Epidemie; das zweite ein Sohn: Johann, geboren 1800, noch am Leben; das dritte wieder ein Mädchen, ebenfalls 1813 gestorben; das nächste wieder ein Sohn, Moritz, noch lebend, aber erst 1805 geboren; dann folgt eine lange Schar Knaben, die uns nichts angehen, übrigens sämtlich später gestorben sind. Es kann sich also hier nur um jene beiden ältesten Knaben handeln, vielmehr um den einen, den zwölfjährigen, der von dem Wuchs eines achtzehnjährigen geschildert wird, was man doch unmöglich von einem siebenjährigen Buben sagen könnte, und der eben deshalb kein anderer als der jetzige Besitzer von Kosenow, Johann Zempin, gewesen ist. Auf ihn paßt das Alter, die Persönlichkeit, die Leidenschaft für Vögel – mit einem Worte: jedes Indizium. Ich höre, daß der Mann überaus wunderlich sein soll – einige sagen: nicht ganz zurechnungsfähig; aber eine Erinnerung jener Zeit muß er doch haben, besonders wenn man ihm die Einzelheiten ins Gedächtnis ruft. Bedenken Sie, was damit gewonnen wäre! Und das ist noch nicht alles. Aus den Akten über eine Person hier in Kantzow – es handelt sich um eine Blödsinnigkeitserklärung – ist mir erinnerlich – Sie sehen, wie man sich an alles mögliche erinnert, wenn man einmal einen Punkt fest ins Auge faßt – daß diese Person Wirtschafterin in Kosenow gewesen ist. Es hat unzweifelhaft sehr viele Wirtschafterinnen in Kosenow gegeben; aber die fragliche Person steht, wie ich mich ebenfalls genau erinnere, in höherem Alter, mithin liegt sicherlich die Möglichkeit vor, daß sie gerade die ist, die wir suchen, die wir brauchen. Habe ich nicht recht?« »Es scheint so, Herr Graf«, erwiderte Gerhard; »aber scheint auch leider nur. Ich habe – eben auf Anregung jener Akten, die mir Herr Zempin zur Durchsicht gab und die sich noch in unserem Bureau befinden – jene Frau aufgesucht und mich überzeugt, daß sie, wenn auch eine harmlose Blödsinnige, aber ganz gewiß eine Blödsinnige ist. Wiederum hat eine Krankheit, die er als Knabe durchgemacht, dem Herrn Zempin in Kosenow vollständig die Erinnerung für alles geraubt, was in seiner Jugend vorgefallen. Das ist eine Tatsache, die ich aus dem Munde der Tochter habe, und die von vielen unverdächtigen Zeugen erhärtet werden kann. Fassen wir nun alles zusammen, Herr Graf, worauf wir uns zur Not stützen könnten, was haben wir: zwei Menschen, die, wenn sie die Täter waren, ihr zweiunddreißig Jahre lang gehütetes Geheimnis mit ins Grab nehmen werden; eine Blödsinnige, deren Aussage, falls hier überhaupt von einer solchen die Rede sein kann, kein Gericht der Welt akzeptieren dürfte; einen kranken Mann, dessen Gedächtnis für das, worauf es uns ankommt, völlig und hoffnungslos zerrüttet ist. – Sie sehen, Herr Graf, ich habe nichts zu erwägen vergessen. Sie werden mir zugeben müssen, daß es nicht meine Schuld ist, wenn diese Erwägungen mich zu nichts geführt haben, als zu eben jenem negativen Resultat, welches Ihnen mitzuteilen ich bereits die Ehre hatte, und welches zu meinem Bedauern Ihre Billigung auch jetzt noch nicht zu finden scheint.« »In der Tat«, sagte der Graf, »ich würde mich einer Unwahrheit schuldig machen, wenn ich es in Abrede stellte. Sie haben mich in keiner Weise überzeugt; unsere Ansichten gehen völlig auseinander. Ich gestehe, daß mich das in Verwunderung setzt, daß es mich schmerzt. Ich hoffte in Ihnen einen Bundesgenossen zu finden, der, wo ich nur eine Pflicht erfüllte, mit seinem ganzen Herzen, mit allen teuersten Empfindungen und Traditionen der Familie engagiert ist – und ich sehe mich einem Abweisenden, ja fast einem Widersacher gegenüber – für mich eine peinliche Situation, die ich aber annehmen muß, wie sie mir Verhältnisse, denen ich mich zu beugen habe, aufdrängten. Hier liegt ein Wunsch des Herrn Ministers, meines Onkels, vor, der für mich Befehl ist; Seine Majestät selbst hat wiederholt das lebhafteste Interesse für die Angelegenheit bezeigt – ein Interesse, das noch unendlich wachsen würde, wenn Seine Majestät wüßte, daß es hier sich auch darum handelt, den Sproß einer uralten deutschen Adelsfamilie in sein legitimes Recht wieder einzusetzen. Wenn das alles aber auch nicht wäre, es bleibt noch genug, was mich zum energischsten Vorgehen in dieser Angelegenheit zwänge: das Interesse des Staates, der durch den Raub jener Menschen auf das empfindlichste geschädigt wurde; die Wiederherstellung der so schmählich gestörten sittlichen Ordnung; der Schutz der so schwer bedrohten gesellschaftlichen Verhältnisse. Oder sollen wir ruhig zusehen, daß der Sohn eines unserer vornehmsten Geschlechter hierzulande die Tochter aus einem Hause zur Gemahlin erhebt, das nach meiner moralischen und juridischen Überzeugung mit dem schwersten Makel behaftet ist? dessen Wohlstand keine andere Quelle hat, als Raub und Mord? Ich bitte, ich beschwöre Sie, Herr Baron! versetzen Sie sich nur einen Augenblick in die Lage des Baron Basselitz! Nehmen Sie an, Sie ständen auf dem Punkte, eine solche entsetzliche Verbindung einzugehen, ohne eine Ahnung des wahren Sachverhaltes, was würden Sie von einem Manne – und nun gar von einem Edelmanne – denken, der diesen Sachverhalt gekannt und Sie nicht gewarnt, Sie ungewarnt in Ihr Verderben hätte rennen lassen? Ist der Umstand, daß Baron Bogislaf die Beleidigung vielleicht weniger tief empfinden wird, eine Entschuldigung? und dürfen wir nicht überzeugt sein, daß die Baronin, die trotz ihrer Abstammung, vielleicht gerade wegen ihr, in diesem Punkte sehr skrupulös ist, erführe sie nur ein Wort von dem, was wir hier verhandelt haben, die junge Dame, die sie jetzt mit mütterlicher Zärtlichkeit überschüttet, Knall und Fall nach Hause schickt? daß –« Der Graf schwieg plötzlich. »Verzeihen Sie; mir deucht, ich hörte in dem Zimmer nebenan ein Geräusch; wir befinden uns hier in so unbequemer Nähe der Tür –« Gerhard, der unmittelbar am Fenster saß, gegen das der Regen fortwährend prasselte, und überdies von seinen Gedanken ganz in Anspruch genommen war, hatte nichts gehört, folgte aber dem Beispiele des Grafen, der sich erhoben hatte. »Sie sehen«, sagte der Graf, »aus meiner Ängstlichkeit die Explosionsfähigkeit der Materie, die wir hier verhandeln.« »Ich teile diese Ängstlichkeit vollkommen«, erwiderte Gerhard; »und so, denke ich, auch mit Ihnen die Überzeugung, daß tiefste Geheimhaltung der Angelegenheit für uns unverbrüchlich ist.« Auf des Grafen Gesicht malte sich eine Verlegenheit, welche er hinter einer abweisenden, ja empfindlichen Miene nicht ganz verbergen konnte. »Verzeihung!« sagte er, »ich war bereits in der peinlichen Lage, feststellen zu müssen, daß unsere Ansichten in dieser Sache divergieren. Sollte aus dieser Divergenz nicht auch für einen jeden von uns eine Verschiedenheit der Pflichten resultieren? Überdies vergessen Sie nicht: meine Frau ist vom ersten Augenblicke an in die volle Mitwissenschaft der Angelegenheit gezogen, deren nahe Beziehung auf Sie, Herr Baron, wir – meine Frau und ich – allerdings nicht ahnten. Hier entsteht für uns – ich gebe es zu – eine Rücksicht, die wir zu ehren wissen werden. Im übrigen aber möchte ich auf keinen Fall durch ein Versprechen, wie Sie es zu fordern scheinen, weder für mich noch für meine Frau Maßnahmen und Schritten präjudizieren, deren Notwendigkeit sich in Zukunft herausstellen sollte.« »Ich bin weit davon entfernt, Herr Graf, Ihnen Versprechungen abzufordern oder gar Vorschriften machen zu wollen«, erwiderte Gerhard; – »ich bin im Gegenteil sowohl Ihrer als der Frau Gräfin völliger Diskretion und Delikatesse versichert in Behandlung einer Materie – um mich Ihres Bildes zu bedienen – von der ein vorsichtig verstreuter Funke hinreicht, das Glück und die Ehre einer unbescholtenen Familie auf das schwerste zu schädigen, vielleicht zu vernichten.« »Wenn doch nur«, rief der Graf, »diese Familie – denn Sie sprechen offenbar von den Zempins – nicht selbst so geschäftig wäre, ihr Glück zu untergraben und ihre Ehre zu kompromittieren! Mein Gott, Herr Baron, ich verstehe ja bis zu einem gewissen Grade die Teilnahme, die Sie in zu weit getriebener Großmut und Humanität diesen Leute gewähren. Aber – Sie kennen meine Ansichten über diese Leute, und die letzten Tage haben wahrlich nicht dazu beigetragen, mich milder zu stimmen. Mir sind über die Vermögensverhältnisse des Herrn hier Dinge zu Ohren gekommen, von denen nur die Hälfte sich zu bestätigen braucht – und der Mann steht vor einem greulichen Bankrott. Sodann soll ja gestern bei dem Feste zwischen dem Herrn Zempin und dem Förster Garloff eine ganz abscheuliche Szene stattgefunden haben – offene brutale Widersetzlichkeit gegen einen Beamten im Dienst, als welcher doch der Förster unter allen Umständen vorläufig gelten muß. Die Sache wird unzweifelhaft zur Anzeige kommen und streng geahndet werden und dürfte, nebenbei bemerkt, bei der noch schwebenden Entscheidung über die Forstkontraventionen des Kosenower Herrn sehr schwer ins Gewicht fallen. Indessen, ich bemerke zu meinem Schrecken, daß ich Ihre kostbare Zeit schon über Gebühr lange in Anspruch genommen habe. Ich hatte eigentlich die Absicht, Sie aufzufordern, mich zu jener blödsinnigen Person, der Schulten, zu begleiten; aber da Sie mir schon zuvorgekommen sind – auch bin ich selbst heute etwas pressiert – ich verschiebe es auf ein anderes Mal. Nein, keinen Schritt weiter! es ist ein entsetzliches Wetter – was soll aus unserer Ernte werden – und meine armen Pferde – adieu, Herr Baron, adieu! – Nach Hause, Friedrich!« Der Wagen, welcher solange vor der Haustür gehalten, rollte, umbellt von einigen Hunden, die dem Unwetter Trotz boten, die Rampe hinab. Gerhard ging nicht wieder hinein, da er draußen zu tun hatte. Als er am Hause hin zu dem ersten Fenster von Juliens Zimmer, das an den Salon stieß, gelangte, bemerkte er, daß die dunkeln Vorhänge sich bewegten. Der Wind konnte es nicht sein – dazu war die Bewegung zu energisch. Er erinnerte sich des Geräusches nebenan, das der Graf gehört haben wollte. Aber dann hatten sie von dem Moment an leiser gesprochen; es war die höchste Unwahrscheinlichkeit, daß, wer da auch gelauscht haben mochte, mehr als einzelne unzusammenhängende Worte verstanden haben sollte. Nichtsdestoweniger war es eine neue Sorge zu den anderen, die wahrlich schon schwer genug auf sein Gemüt drückten. Siebentes Kapitel. Er schritt weiter über den Hof nach der großen Scheune, die Mütze gegen den strömenden Regen tief in das Gesicht gezogen, die Augen starr auf den holprigen Damm gerichtet, zwischen dessen auseinandergefahrenen Steinen in den Vertiefungen große Wasserlachen standen. Eine schlimme Stunde lag hinter ihm. Abermals hatte er der Stimme, die in seinem Herzen laut nach Rache schrie für den ermordeten Ahn, Schweigen gebieten müssen. Aber diesmal war er nicht allein mit sich gewesen und dem Bilde des geliebten Mädchens; diesmal hatte er auch noch die Qual erduldet, gegen seine Überzeugung zu sprechen, und in den Augen eines Mannes, an dessen guter Meinung ihm doch gelegen war, als Tor und Phantast, ja als ein Dummkopf und Feigling zu erscheinen. Wie glücklich war er gewesen, daß Edith nicht bereits gestern an die Szene bei den Hünengräbern Folgerungen geknüpft hatte, die so nahe lagen; daß der kranke Vater kein Wort gesprochen, was ihr, wenn nicht den ganzen schrecklichen Zusammenhang, doch genug enthüllte, um sie mit Angst und Grauen zu erfüllen vor dem, was ihr noch verborgen blieb! Wie überglücklich, als sie ihm heute morgen schrieb, die Nacht sei ruhig verlaufen, der Vater sei sogar in der Frühe aufgestanden, um seine Vögel zu füttern, wenn er seitdem auch wieder, erschöpft und ohne zu sprechen, auf dem Sofa liege! Und nun hing das Geheimnis, wie ein zweischneidig Schwert, an einem Haar, das jeden Augenblick reißen konnte; um das edelste Herz zu durchbohren! Ediths Mitteilung war die Antwort auf ein Briefchen, worin er ihr heute morgen gemeldet, daß er vorderhand in Kantzow die Wirtschaft ganz allein zu führen habe und, wenn überhaupt, so frühestens am Abend auf eine kurze Zeit hinüberkommen könne. Die Aussicht auf diese Abendstunde war jetzt das einzige, was ihm den gesunkenen Mut wieder etwas hob. Sie schien um so sicherer, als es heute kaum noch etwas zu tun gab. Aber gerade aus dieser unfreiwilligen Muße – die Feldarbeit hatte völlig eingestellt, das Vieh in die Ställe getrieben werden müssen – sollten für Gerhard die größten Widerwärtigkeiten erwachsen Außer den Katenleuten und den ständigen Knechten gab es in diesem Augenblicke in Kantzow über fünfzig Feldarbeiter, die nur für die Zeit der Ernte engagiert, aber, ebenso wie die Knechte, auf dem Hofe einquartiert waren und verköstigt wurden. Er kam aus dem Viehhause, wo sich ein paar der eingetriebenen Kühe losgerissen und eine schlimme Verwirrung unter den anderen angerichtet hatten, zurück, als er von weitem aus dem Leutehause, wo jene Arbeiter ihre Mahlzeiten einnahmen, eine große Schar davon nach der Küche, die in einem Nebengebäude des Herrenhauses gelegen war, sich in langer Linie bewegen sah. Jeder hatte eine Schüssel in den Händen, und sie besprachen sich laut miteinander. Es war kein Zweifel, die Leute waren mit ihrem Essen nicht zufrieden und wollten ihre Klagen in der Küche anbringen. Gerhard, so sehr er sich beeilte, kam doch erst zur Stelle, als bereits zwischen Salchen und den Mißvergnügten der heftigste Wortwechsel im vollen Gange war. Die Leute, die ein Bestimmtes zu fordern hatten, behaupteten, sie brauchten eine so schlecht zubereitete und überdies nicht einmal ausreichende Kost nicht für ihr volles Teil zu nehmen, worauf Salchen nichts vorzubringen wußte, als eine Flut von Schimpfreden gegen die von Jahr zu Jahr wachsende Unverschämtheit der Leute. Einige Mägde, welche die Hauptschuld treffen mochte, unterstützten die Wirtschafterin; es war ein wüstes, unfruchtbares Gezänk, das jeden Moment in Tätlichkeiten übergehen konnte. Gerhard hieß einmal erst die Leute, bis auf einige wenige, die Küche räumen und ließ sich dann den Fall vortragen. Es stellte sich heraus, daß die Klagenden in ihrem guten Rechte waren und sie kein anderer Vorwurf traf, als ihr Recht in ungebührlicher Weise geltend gemacht zu haben. Gerhard ersparte ihnen diesen Vorwurf nicht und bat dann Salchen, nachdem er die Beschwerdeführer hinausgeschickt, das Nötige schleunigst veranlassen zu wollen. Salchen wagte kein Wort der Erwiderung, aber ihre Miene bewies, wie tief sie die Kränkung empfand, obgleich Gerhard die Schärfe höflich zu mildern gesucht hatte, indem er bemerkte, wie bei der heute im Hause herrschenden Verwirrung ein derartiges Versehen ja durchaus erklärlich und entschuldbar sei. Dagegen rief eine der Mägde laut genug, daß Gerhard es hören mußte: der Herr würde ja sehen, wie weit er auf diese Weise ›mit der Sorte‹ komme. Fünf Stunden später sollte Gerhard sich von der Wahrheit dieser Bemerkung überzeugen. Wieder – es war zur Zeit des sogenannten ›kleinen Abendbrotes‹ – ertönte vom Leutehause her Geschrei und Lärmen, wieder setzte sich eine Schar mit Schüsseln und Tellern von dort aus in Bewegung. Es schien äußerst unwahrscheinlich, daß Salchen zum zweiten Male sich desselben Vergehens sollte schuldig gemacht haben, und das wüste Geschrei der Menschen bewies zur Genüge, in welchem Zustande sie sich befanden. So hatte Gerhard denn einen schwereren Stand als heute mittag. Die Leute wollten sich durchaus nicht zufrieden geben, trotzdem sie jetzt ebenso entschieden im Unrecht waren, wie vorhin im Recht; auch mochten sie glauben, daß sie mit dem fremden jungen Herrn, der heute allein auf dem Hofe war, im schlimmsten Falle leichtes Spiel haben würden. Aber Gerhard erklärte ihnen mit aller Ruhe, daß er ihnen bewiesen zu haben glaube, wie willig er sei, wirklichen Beschwerden Abhilfe zu verschaffen, daß er aber unbilligen Forderungen nicht die geringste Konzession machen werde. Und wenn sie etwa wähnten, ihn durch Geschrei und Drohungen einschüchtern zu können, so seien ja fünfzig Mann allerdings stärker als einer; aber der eine habe auf seinem Zimmer ein Paar sehr vorzüglicher Pistolen, und mit deren Hilfe werde er das Recht des Hauses, dessen Herr er heute sei, gegen Tumultuanten und Friedensbrecher zu schützen wissen. Glücklicherweise kam es nicht zu diesem Äußersten, gerade weil die Leute fühlen mochten, daß Gerhard zum Äußersten entschlossen war. Sie zogen sich murrend und widerwillig, aber ohne weitere Schritte zu versuchen, in das Leutehaus zurück, das für den Rest des Abends nun von ihrem Lärmen widerhallte. Jochen Schnut, der Statthalter, rapportierte gegen acht Uhr, daß sich bereits zwei Parteien gebildet hätten; ja diejenige, die sich für Gerhard erklärt, die größere sei. Gerhard hatte alle Ursache, dem schlauen Menschen nicht zu trauen, von dessen Doppelzüngigkeit und Böswilligkeit er schon eine lange Reihe Beweise gesammelt hatte. So nahm er denn die Meldung mit der Bemerkung entgegen, daß er sich doch lieber auf seine Wachsamkeit verlassen wolle und Jochen Schnut das denjenigen, die es anginge, sagen möge. Jochen Schnut tat, als ob er nicht verstehe, was der Herr Baron meine; Gerhard war überzeugt, daß sein Wort an die rechte Stelle kommen werde. Aber sein sehnsüchtiger Wunsch, gegen Abend, und wäre es auch nur auf eine halbe Stunde, nach Kosenow hinüber zu reiten, mußte nun unerfüllt bleiben und der treue Karl Schulten durch Regen und Wind mit einem Briefchen davontraben, worin er sein Nichtkommen entschuldigte, so gut es, ohne den wahren Grund zu nennen, angehen wollte. Er durfte Ediths Sorgenlast um kein leichtestes Gewicht vermehren, und er wußte, daß sie, die Land und Leute so genau kannte, dies nicht leicht nehmen würde. Hatte er doch selbst sich darauf gefaßt gemacht, daß die zweimal kaum unterdrückte Revolte am Abend zum dritten Male, und dann voraussichtlich mit entscheidender Heftigkeit, losbrechen werde. Und in dieser voraussichtlichen Entscheidung war er einzig und allein auf sich angewiesen. Von den beiden Unterinspektoren hatte der eine bereits vor mehreren Tagen infolge eines Zankes mit Klempe den Dienst verlassen; der andere war ein völlig unbrauchbarer und unzuverlässiger Mensch, der sich besser zum Knecht als zum Verwalter geschickt hätte, und der es im stillen vermutlich mit den Leuten hielt; wenigstens hatte er sich während der Tumultszenen immer scheu auf die Seite gedrückt. Anton und Spatzing hatten sich früh am Nachmittage auf ihre Zimmer begeben; Anton wollte endlich einmal den Brief seines Vaters beantworten, Spatzing heute oder nie die letzte Hand an das verunglückte Porträt legen. Beide waren nicht wieder zum Vorschein gekommen und schliefen wohl ihren Rausch aus. Gerhard war es zufrieden; sie würden ihm, gutmütig und unentschlossen, wie sie waren, im entscheidenden Falle keine tatkräftige Hilfe geleistet haben, vielleicht nur hinderlich gewesen sein. Vor allem war es ihm lieb, daß Julie sich nicht blicken ließ. Sie hatte sich bereits von dem Mittagessen entschuldigen lassen, da sie sich zu angegriffen fühle. Gerhard hoffte, sie werde – wie sie sich denn um das, was draußen vorging, niemals kümmerte – auch heute von dieser Regel keine Ausnahme gemacht haben. Wenn es zum Schlimmsten käme, würde sie es noch immer früh genug erfahren. Unter der Hand hatte er angeordnet, daß – des Sturmes wegen, wie er sagte – die Läden in dem Erdgeschosse geschlossen werden sollten. Indessen – hatte man seine Drohung denn doch beherzigt, konnte man sich über das, was man tun wollte, nicht einigen, war vielleicht nun des stundenlangen Lärmens müde und dachte, daß morgen auch noch ein Tag sei – jedenfalls wurde es gegen Abend in dem Leutehause stiller und stiller; die Lichter in den kasemattenartigen Kellerräumen erloschen allgemach; die meisten mochten bereits ihre harten Lagerstätten aufgesucht haben; die anderen folgten dann wohl bald diesem Beispiele – Gerhard durfte mit einiger Zuversicht annehmen, daß, wenigstens für heute, die Gefahr vorüber sei und die Ruhe nicht weiter gestört werden würde. Er bedurfte der Ruhe. Die letzte Nacht hatte ihm kaum eine Stunde Schlaf gebracht, und heute war er seit dem frühesten Morgen unablässig in Anspruch genommen worden. Er wußte, daß, wenn es sein mußte, ihn Entschlossenheit, Mut und Kraft nicht im Stiche lassen würden, aber er war doch herzlich froh, daß es nun allem Anscheine nach nicht zu sein brauchte. So saß er in seinem einsamen Zimmer auf dem harten Sofa, vor sich auf dem runden Tische die brennenden Lichter und die geladenen Pistolen. Die Dunkelheit war – mehrere Stunden früher als sonst – völlig hereingesunken, während das Unwetter ununterbrochen fortwütete, ja an Heftigkeit noch zuzunehmen schien. Guß folgte auf Guß in immer kürzeren Pausen, und schauerlich tönte das Brausen und Rauschen und Heulen des Sturmes durch die hohen Bäume und aus den nachterfüllten Tiefen des Parkes. In dem Hause selbst regte sich kein Mensch, desto deutlicher vernahm Gerhard das Poltern in den Schloten, das Pfeifen und Wimmern in den Korridoren, das Klappern der Türen und Läden. So war es gestern nacht drüben in Kosenow gewesen; so würde es heute dort sein. Und sie allein mit dem kranken Vater die lange, bange Nacht! und er hier, festgebannt, ohne die Möglichkeit, ihr zu helfen, ein Trostwort zu sagen, ihre liebe Hand in die seine zu nehmen, in den geliebten Augen zu lesen, daß es in dieser Dunkelheit einen Stern gebe, und daß dieses Sternes Licht nicht verlöschen könne, was auch immer das Schicksal über sie beschließe! Und während all sein Denken und Sehnen zu ihr strebte, war er traurig, daß es seiner Phantasie nicht gelingen wollte, das holde Bild zu erfassen. Nur die hohe, schlanke Gestalt sah er, wohl, weil er sie stets – und auch gestern auf dem Feste – in genau demselben dunkeln Kleide gesehen, und ebenso die schöne, klare Form des Kopfes, dessen reiches, braunes, leicht gekräuseltes Haar stets in derselben Weise arrangiert war; aber das edelblasse Antlitz, das er einst kaum für hübsch gehalten und das ihm jetzt der Inbegriff aller Schönheit und Holdseligkeit schien, blieb ihm wie von einem Schleier verdeckt, durch den nur manchmal ihre großen, milden, treuen Augen liebevoll schimmerten. Und dann waren es wieder nicht mehr ihre Augen, sondern die, in welche er heute vormittag geblickt, um in ihnen einen Ausdruck zu finden, den er dort nie gesucht haben würde; und dann sah er so deutlich, als ob sie neben ihm in der anderen Ecke des Sofas säße, Juliens pikantes Gesicht, aber nicht in dem gewöhnlichen koketten Spiel der feinen, stets beweglichen Züge, sondern überhaucht von Melancholie, wie es heute vormittag gewesen war. Und je mehr er sich bemühte, dieses Bild zu bannen, um so klarer stand es da – unmutig richtete er sich auf. Es kam ihm wie ein Frevel vor. Was ging ihn diese Frau an? was ihr Leid, das sie sich doch wohl in ihrem Leichtsinn zumeist selbst bereitet hatte? Ja, war sie überhaupt nur imstande, wahrhaft Leid zu empfinden? oder spielte und kokettierte sie damit, wie mit allem und mit allen? Und das war ja noch die beste Auslegung! er hatte sie früher herber beurteilt; aber freilich, bei ihm brauchte man ja nur anzupochen und um Rat, Trost oder Beistand zu bitten, und er vergaß, was er sonst gegen den Bittenden auf dem Herzen hatte, und war zur Hilfe bereit. Es pochte an die Tür – oder hatte ihm die Einbildungskraft nur den Streich gespielt? Es pochte zum zweitenmal vernehmlicher; er ging zu öffnen: Juliens Kammermädchen stand draußen: die Frau lasse den Herrn Baron doch so sehr bitten, für einen Augenblick herabzukommen; das Kind schiene krank zu sein, die Frau möchte so gern mit dem Herrn Baron sprechen, im Fall nach dem Arzte geschickt werden müßte. »Wollen Sie mich zur gnädigen Frau bringen!« Gerhard dachte nur noch ganz flüchtig daran, daß seine Selbstironie sich so schnell und wörtlich erfüllte. Das zarte, kaum einjährige Kind, dem er oft in seinem Wägelchen auf den Parkwegen begegnet, war immer sein besonderer Liebling gewesen; und es war nicht sein geringster Vorwurf gegen Julie, daß sie sich um das liebliche Geschöpfchen kaum zu bekümmern schien. Sollte ihr jetzt der Ernst des Lebens von allen Seiten gezeigt werden? Achtes Kapitel. Das Mädchen hatte ihn in das Kinderzimmer geführt, in dessen Tür Julie ihm bereits entgegenkam. Sie bat mit wenigen Worten um Entschuldigung, daß nun auch sie ihn noch belästigen müsse. Aber sie habe ein so völliges Vertrauen zu seiner Güte. Ob er sich die Kleine einmal ansehen wolle? vielleicht finde er, daß sie sich unnötig ängstige. Gerhard folgte ihr zu dem Bettchen des Kindes. Es lag mit geröteten Wänglein in unruhigem Schlafe; aber Köpfchen und Ärmchen hatten nur eine mäßig erhöhte Wärme, und das Fieber, wenn es vorhanden, war sicher sehr unbedeutend. Gerhard meinte, Julie beruhigen zu dürfen; er könne ja keine Verantwortung übernehmen, dazu reichten die geringen medizinischen Kenntnisse nicht aus, die er sich für seinen Landmannsberuf erwerben zu müssen geglaubt; er schlage vor, noch eine Stunde oder so zu warten, ob das Fieber zunehme, und in diesem Falle selbstverständlich nach dem Doktor zu schicken. »Aber wird das bei dem schrecklichen Wetter und nach allem, was vorgefallen, keine Schwierigkeiten machen?« fragte Julie. »Das lassen Sie meine Sorge sein, gnädige Frau«, erwiderte Gerhard, mißmutig, daß Julie von der Revolte der Leute nun doch erfahren. Sie hatte ihm einen Stuhl herbeigerückt und dann selbst auf der anderen Seite des Bettchens Platz genommen. Er blickte, das Kind beobachtend, nicht zu ihr hinüber und sah nur manchmal ihre kleinen weißen Hände um das Kissen geschäftig. Wie hätte er gedacht, je mit dieser Frau eine Empfindung zu teilen! ein und dasselbe tiefernste Interesse zu haben! er hätte es ebensogut für möglich gehalten, Kamerad zu werden der tanzenden Mücke und gut Freund mit dem singenden Vogel in den Zweigen! Ach, der matte Schein der Lampe da auf dem Seitentische war nicht die Glückssonne, in der es den Mücken und Vögeln wohlig ist! Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, ohne daß zwischen ihnen ein Wort gewechselt wurde, während Gerhard auf das Atmen des Kindes lauschte und draußen Sturm und Regen brausten und rauschten. Seine Prognose schien sich zu bestätigen: die Unruhe der kleinen Patientin ließ nach, von den Bäckchen verlor sich die Röte, das Köpfchen fühlte sich kühl an. »Ich glaube, daß wir uns völlig beruhigen dürfen«, flüsterte Gerhard. Er hatte sich erhoben; auch Julie stand auf und kam um das Bettchen herum: »Wie danke ich Ihnen! Wie sehr danke ich Ihnen!« »Wofür, gnädige Frau? daß ich eine Menschenpflicht gern erfülle?« »Auch dafür, ich weiß es ja, daß ich selbst – daß Sie für mich – und doch –« Sie brach schnell ab; das Mädchen, das schon ein paarmal ab und zu gegangen, war wieder eingetreten. »So will ich mich Ihnen denn empfehlen, gnädige Frau«, sagte Gerhard; »sollte die Kleine, gegen unser Erwarten, wieder unruhiger werden, haben Sie die Güte, es mich sofort wissen zu lassen.« Er verbeugte sich und ging nach der Tür. In einer gewissen Verwirrung, die sich seiner bemächtigt, und unbekannt mit der Situation des Zimmers, das er nie vorher betreten, hatte er sich in der Richtung geirrt. Die Tür führte in Juliens Schlafgemach. »Ich bitte um Entschuldigung, gnädige Frau!« Julie, die dem Mädchen ein paar Worte gesagt, war ihm nachgekommen. »Genieren Sie sich nicht! Sie kommen hier sogar schneller auf den Flur. Erlauben Sie, daß ich Sie führe!« Das von Juliens Lieblingsparfüm erfüllte Schlafgemach war matt erleuchtet; Gerhard bemerkte im Vorübergehen die geschmackvolle Dekoration des stattlichen Raumes. Unter dem großen, blauseidenen Betthimmel stand nur ein Bett; Herrn Zempins eigenes Schlafzimmer lag neben dem Bureau – er könne das Kindergeschrei nicht vertragen, hatte er gelegentlich zu Gerhard geäußert. Aus dem Schlafgemach gelangte man in Juliens Zimmer, das wiederum an den Salon stieß, wo Gerhard heute vormittag die Unterredung mit dem Grafen gehabt hatte. Unwillkürlich warf er einen Blick nach dem Fenster, dessen Gardine sich bewegte, als er vorüberging. Er bat Julie, sich nicht weiter zu bemühen, da er nun vollkommen Bescheid wisse. »Gönnen Sie mir ein paar Augenblicke«, flüsterte Julie. Das Licht der Lampe, die auf dem Tische vor dem Sofa brannte, schien hell auf sie. Ihr Gesicht war noch bleicher als heute morgen; man sah den müden Augen an, daß sie geweint hatten; um den kleinen Mund zuckte es schmerzlich. »Was ist es, gnädige Frau?« Sie schüttelte den Kopf: »Wie Sie das sagen, so ruhig, so kühl! – haben Sie denn wirklich gar kein Mitleid mit mir? ist es denn nicht auch Menschenpflicht, einer armen Frau, die fühlt, daß sie untergeht, eine Hand zu reichen? Ja, ja, die untergeht – ohne Sie! Sie sind der einzige, der mich retten kann! und Sie stoßen mich von sich! Gehen Sie!« Sie hatte sich in die Sofaecke fallen lassen, das Gesicht in den Händen bergend, sich bemühend, ihr Schluchzen zu ersticken. Schon einmal hatte Gerhard die reizende Frau in derselben Situation, in demselben Zustande gesehen. Damals hatte er alles nur für eine wohlberechnete, vortrefflich gespielte Komödie genommen; aber eine so kluge Frau spielt doch dieselbe Rolle nicht zweimal auf die Gefahr hin, bei der Wiederholung als Betrügerin entlarvt zu werden. So war denn dies hier echt, wie es auch immer mit jener Szene in dem Tannenwäldchen beschaffen gewesen sein mochte. Julie mußte seine Gedanken erraten haben. »Sie trauen mir nicht«, sagte sie, das weinende Gesicht ein wenig erhebend; »Sie haben mich zu oft auf einer Lüge ertappt. Sie haben recht: mein ganzes Leben ist eine einzige, große, fortgesetzte Lüge. Glauben Sie mir kein Wort, das ich sage: vielleicht glaube ich morgen selber nicht mehr daran. Gehen Sie!« »Ich gehe, gnädige Frau«, sagte Gerhard; »Sie sind jetzt in übergroßer Aufregung. Sie werden morgen ruhiger denken und empfinden; vielleicht auch meine Empfindungen Ihnen gegenüber besser würdigen. Auf morgen also, gnädige Frau!« »Nein, nein, nein!« rief sie, sich rasch erhebend und ihm in den Weg tretend: »heute, heute! wer weiß, was morgen ist, ob ich morgen noch hier bin – oder Sie noch hier sind. Wissen Sie denn das? wissen Sie denn, ob er Ihnen nicht das Haus verbietet, wie Bagdorf? warum nicht! Warum soll ich nicht Ihre Mätresse so gut sein wie Bagdorfs? Es kann mich ja haben, wer will! Wollen Sie mich?« »Gnädige Frau –« »Das klingt sehr frech, nicht wahr? sehr gemein? ich sage das nur ebenso, wie ich es gestern abend von ihm gehört. Die Frau soll ja wohl des Mannes Abbild sein oder werden? weshalb erscheint Ihnen das Abbild so schrecklich, der Sie das Original so lieben?« »Ich darf dies nicht länger anhören, gnädige Frau; nicht um Ihres Gatten willen, dessen Freund ich bin; nicht um Ihretwillen, die Sie morgen bereuen werden, was Sie heute in Ihrer Aufregung gesagt; nicht um meinetwillen, der, so zwischen Gatten und Gattin gestellt, in eine Lage kommt, die zweideutig und peinlich und unerträglich ist.« »Ich werde nichts bereuen«, rief Julie, als ob Gerhard nur von ihr gesprochen; – »ich bin auch nicht weiter aufgeregt, höchstens vor Freude, mich Ihnen endlich einmal zu zeigen, wie ich bin. Ich habe noch keinem Menschen gegenüber das Verlangen gehabt; ich schwöre es Ihnen; ich habe anfangs Sie belügen zu dürfen geglaubt, wie ich alle Welt belüge; aber ich habe schlecht und ungeschickt gelogen, und habe mich geschämt, und dann ist es über mich gekommen, wie – wie eine Gier, daß ich Ihnen sagen wollte, wie ich wirklich bin, mögen Sie mich immerhin vollends verachten. Ein bißchen mehr oder weniger, was ist daran gelegen! ich habe es doch wenigstens von der Seele!« Ihre Augen loderten; ihr Busen, dessen reizende Formen das weiche, weite Schlafgewand zugleich verhüllte und zeigte, wogte stürmisch; sie hielt mit beiden Händen seine Hand umfaßt, er hätte sich nur gewaltsam losreißen können. So folgte er ihr zum Sofa, auf das sie ihn zu sich niederzog. »Haben Sie wohl eine Ahnung, wie unsereins wird – eine von den – Damen, die ihr stolzen Männer nicht viel höher achtet wie die Dirne und meistens auch nicht viel besser behandelt? Wie solltet ihr? wie sollte einer von euch das ahnen, die ihr aus gutem Hause seid! Ihr habt ja sorgsame Eltern und Lehrer gehabt, und wenn ihr schließlich nicht gut tut, ist es eure Schuld. Nun denken Sie sich in dem abgelegensten Winkel des Landes auf einem großen Gute, das ein anständiger Mensch nie besucht, ein Mädchen von zehn, zwölf Jahren, das noch nicht lesen und schreiben kann, weil die Mutter seit der Geburt eben dieses Kindes in einem Hinterzimmer des verfallenden Hauses krank liegt, und der Vater, trotz seines Reichtums, viel zu geizig ist, ihm eine Gouvernante, eine Lehrerin zu halten. Dafür treibt sich denn das Mädchen mit den Hof- und Dorfjungen in den Ställen und Koppeln und auf den Feldern umher und lernt da, was – da zu lernen ist. Ich kann Ihnen sagen: es gab, als ich zwölf Jahre war, für mich keine Geheimnisse mehr; es war nicht meine Schuld: ich hätte eben blind und taub sein müssen, wenn es anders hätte sein sollen. Dann starb meine Mutter, oder vielmehr: hörte auf zu vegetieren; und mein Vater ergriff mit Freuden die Gelegenheit, mich loszuwerden unter dem Vorwande, daß er in einem Hause, in dem keine Frau mehr sei, mit einem heranwachsenden Mädchen nichts anzufangen wisse. Ich war ein nachgeborenes Kind, um viele Jahre jünger als meine drei älteren Schwestern, die alle schon seit Jahren verheiratet waren. Sie hatten keine Schwierigkeit gehabt, Männer zu finden: reiche Mädchen sind ja eine gesuchte Ware – sie hatten sämtlich Offiziere geheiratet. Die Spekulation war den Herren schlecht bekommen. Wir hatten von der Mutter Seite ein eigenes mäßiges Vermögen. Die Herren begnügten sich mit diesem Vermögen, das jede Schwester bei ihrer Heirat ausgezahlt erhielt, und welches nur gerade die Heirat ermöglichte, in der festen Erwartung, es habe der reiche Schwiegervater mit der Versicherung, seinerseits nicht einen Pfennig zu der jungen Wirtschaft beisteuern zu können, nur einen Scherz gemacht. Sie kannten den Vater nicht. Er hielt Wort; und nicht demütigste Bitten, wütendste Vorwürfe der Schwiegersöhne, nicht die Tränen, die Verzweiflung seiner Töchter – nichts konnte ihn bewegen, den Jammer und das Elend zu lindern, das über die neugegründeten Familien hereinbrach. Denn alle drei Herren waren vor ihrer Heirat tief verschuldet gewesen und hatten während der Ehe die alte Gewohnheit nicht aufgegeben. Alle drei mußten früher oder später ihren Abschied nehmen und führten dann mit ihren Frauen und Kindern in kleinen Städten das traurige Leben, welches solche Verhältnisse zur notwendigen Folge haben. Der zuletzt Verheirateten und Jüngsten der drei ging es noch am besten. Ihr Mann starb, und die kurze Ehe war kinderlos geblieben. So konnte sie als junge Witwe äußerlich mit einigem Anstande leben, und sie wußte diesen äußerlichen Anstand auch so ungefähr aufrechtzuerhalten, trotzdem sie bald von den Freiheiten ihrer Stellung den ausschweifendsten Gebrauch machte. Und in das Haus dieser Schwester, deren Namen die Herren Offiziere und Assessoren in Grünwald nur mit Lächeln aussprechen, kam das dreizehnjährige Mädchen, das noch nicht lesen und schreiben konnte. Ich weiß nicht, ob ich es so bald bei meiner Schwester gelernt hätte, wenn mir nicht von einem schlanken Fähnrich, der im Hause viel verkehrte, ein Liebesbriefchen zugesteckt wäre, mit dem ich zu meiner Verzweiflung nichts anzufangen wußte. Ich ging zu meiner Schwester und bat sie, mich in die Schule zu schicken. Sie konnte sich völlig in meine Situation versetzen, die sie fast genau so durchgemacht hatte. Ich bekam Privatstunden und darf sagen, daß ich den kläglichen und lückenhaften Unterricht gut ausgenutzt habe, nicht aus Wißbegierde oder Ehrgeiz – einzig, weil ich bald herausgefunden, daß ein bißchen Lektüre und Französisch und Englisch zu den Toilettenrequisiten, um mich so auszudrücken, einer feinen Dame gehöre. Ich wollte eine feine Dame sein, so, was ich eben darunter verstand. Ich war auch durch das Schicksal meiner Schwestern gewitzigt: ich kannte meinen Vater besser, als sie, und wollte eine klügere Heirat machen. Dieser Entschluß, der bei mir, als ich noch nicht eingesegnet war, zu völliger Klarheit gereift und den ich mit planvoller Konsequenz auszuführen bestrebt war, rettete mich, wenn man es eine Rettung nennen kann, daß man ein wenig später elend wird. An Gelegenheit, es früher zu werden, fehlte es in dem Hause meiner Schwester nicht, obgleich ich es ihr zum Lobe nachsagen muß, daß sie mich nicht auf ihren Weg zu ziehen suchte, sondern mich einfach gewähren ließ, zufrieden, an dem jungen, munteren, hübschen Mädchen einen Anziehungspunkt mehr für den Taubenschlag zu haben, den sie ihr Haus nannte, und vermutlich denkend – wenn sie sich anders Gedanken über mich machte – daß der Weg ja deutlich genug vorgezeichnet und betreffendenfalls breit genug für uns beide sei; im stillen vielleicht verwundert, warum ich denn so gar lange zögerte, diesen Weg zu betreten. Ich war mittlerweile neunzehn Jahre alt geworden. Endlich kam der, den ich gesucht hatte, oder vielmehr: endlich entschied ich mich. Ich hätte ihn früher haben können; er ging schon seit Jahren bei uns aus und ein und hatte mir, trotzdem er einer der enragiertesten Courmacher meiner Schwester war, vom ersten Augenblicke an heimlich den Hof gemacht. Daß er bereits Witwer, daß er sechzehn Jahre älter als ich, gereichte ihm in meinen Augen eher zum Vorzug; er würde zu leben wissen und mich leben lassen, wie mir's gefiel – dachte ich; und – er war reich! Verkaufen mußte ich mich doch, und er konnte wenigstens den Preis bezahlen. Er lächelte auch nur, als mein Vater wiederum in gewohnter Weise goldene Berge versprach; begnügte sich durchaus damit, daß mich mein Vater mündig erklären ließ und ich die Disposition über mein mütterliches Erbe bekam – alles, wie es in demselben Falle bei meinen Schwestern geschehen – er war die Uneigennützigkeit und Generosität selbst. Ich ließ mich dadurch keinen Augenblick blenden; ebensowenig wie durch die Vorzüge, die er ja unzweifelhaft vor den Herren hatte, unter denen ich wählen konnte. Das wäre eine Art Entschuldigung für mich, und ich will mich nicht besser machen, als ich bin: ich wollte eine gute Partie – das war alles. Und doch – ich schwöre es Ihnen: es lag nur in der Hand des Mannes, ob ich eine gute Frau werden sollte oder nicht. Ich hätte dem Manne, bei dem ich Liebe gefunden, auch meine Seele gegeben, und diese Seele war bildungsfähig, mehr noch: sie war liebefähig, sie war liebebedürftig. Liebe! Liebe von ihm! von ihm! hat er sie je, je – auch nur für den flüchtigsten Moment bei mir gesucht? hat er jemals etwas anderes gesucht, als was ihm jede andere hübsche Frau – was sage ich: jede dralle, rotbackige Hofmagd – ach! ich wollte Ihnen alles sagen, und jetzt – aber habt ihr Männer wohl eine Empfindung für den Ekel, die Scham, den Zorn einer nicht ganz verworfenen Frau, die sich als Dirne behandelt weiß, behandelt sieht? oder könnt ihr euch wundern, wenn sie nun wirklich zur Dirne wird? Ich bin es nicht geworden, mein Mann mag Ihnen nun gesagt haben oder sagen, was er will, obgleich ich es wahrhaftig leicht genug gehabt hätte. Begegnet man doch nur so selten einmal einem edeln Manne, dem an die Reinheit einer Frauenseele zu glauben Bedürfnis ist! stürzen sich doch die anderen so gierig auf die freie Beute, die sie sofort – und meistens ja auch vollkommen richtig – in einer vernachlässigten, brutalisierten Frau wittern! Ich hatte die Auswahl; ich hätte sie alle haben können; und diese demütigende Leichtigkeit der Eroberung ist vielleicht der Grund, weshalb ich mit allen spielte. Auch mit Bagdorf – ich schwöre es Ihnen! und wenn das Spiel mit ihm ein wenig ernsthafter war oder wurde, als mit den anderen, so ist es aus einem Grunde, den sie bereits ahnen sollten, und den ich Ihnen, da Sie ihn doch nicht ahnen, sagen muß. Ich wollte, ich will von meinem Manne geschieden sein! Ich habe ihn auf den Knien gebeten, mir diese Gunst zu gewähren: er hat mich höhnisch verlacht und zurückgestoßen. Er hat seine guten Gründe. Der erste: seine ungemessene Eitelkeit, die sich bei dem Gedanken windet, eine Frau könne ihn, den Eroberer aller Herzen, freiwillig verlassen; der zweite: ich bin und bleibe die Tochter und Miterbin meines Vaters, und dieser Vater ist in der Mitte der siebzig und kann nicht ewig leben. Ich bin so dumm gewesen, diesen zweiten Grund anfänglich für weniger gewichtig zu halten; jetzt glaube ich nicht mehr, jetzt weiß ich, daß er mindestens ebenso schwer wiegt, wie der andere. Aber als Sie kamen, war ich so klug noch nicht. Ja, Sie sind es gewesen, durch den ich meinen Mann eigentlich erst wahrhaft kennen und beurteilen, das heißt: aus Herzensgrunde verachten lernte. Sind Sie doch der erste wahrhafte Gentleman, mit dem mich mein Schicksal leider so spät zusammengeführt hat! Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Ihre unerschöpfliche Güte, Ihre stets gleiche Freundlichkeit und Höflichkeit gegen alt und jung, reich und arm; Ihre Anspruchslosigkeit, die prunklose Stille, mit der Sie taten, was Sie für Ihre Pflicht hielten – hundertmal mehr, als irgend jemand von Ihnen erwartete oder gar forderte – mein Gott, das war mir alles so fremd, so neu und so reizend zugleich, so anziehend und bewunderungswürdig. Ich habe seitdem mehr als einmal gedacht: so wie mir muß den Menschen zumute gewesen sein, als Christus unter ihnen erschienen war: so selig-beschämt, so wollüstig-erschrocken, und doch, infolge dieser Scham, dieses Schreckens, so störrisch-widersetzlich, so unaufhaltsam getrieben, das Böse nun erst recht zu tun! Und dann erfüllte es mich mit heimlicher Wut, daß Sie sich für Maggie interessierten – für Maggie, die nicht besser, die viel, viel schlechter ist als ich. Ich triumphierte über die Enttäuschung, die Ihnen bevorstand. Hatten doch Maggie und ich uns einander längst in die Karten gesehen, in die Hände gespielt! War ihr doch Bagdorfs scheinbare Courmacherei nur ein bequemes Mittel gewesen, die Baronin endlich zu einem Entschlusse zu bringen, ebenso wie ich scheinbar Bagdorfs Bewerbung um sie begünstigte, einem Ausbruch der Eifersucht Zempins solange als möglich auszuweichen. Denn nach Frauenart wollte ich wohl den Zweck der Trennung und Scheidung von Zempin, fürchtete mich aber, das Mittel, das ich für das einzig wirksame erkannte, mit Entschiedenheit zu gebrauchen, wie sich ein Leidender vor einer Operation fürchten mag, von deren Notwendigkeit er doch überzeugt ist. Nun ließ mich Maggie fallen, weil Sie ihr mit Recht, wie der Erfolg gelehrt hat, zur Erreichung ihres Zweckes unendlich dienlicher schienen, als Bagdorf; sie hatte die Stirn, es mir zu sagen, zehn Minuten, nachdem sie Ihnen das Bekenntnis Ihrer töricht-edeln Leidenschaft durch ihre buhlerischen Künste abgeschmeichelt und den Verlobungsring vom Finger gezogen. Dieser Ring hat dann hernach in der Komödie mit der Baronin die gehoffte Wirkung gemacht: Sie hatten ihr ihn natürlich aufgenötigt! – ein junger, mit allen Vorzügen des Körpers und Geistes geschmückter, nicht gerade reicher, aber doch begüterter Mann von echtestem Adel lag ihr zu Füßen – Lafing mochte sich vorsehen! – Ich war empört; ich wollte mich an Maggie rächen, um so mehr, als ich die Folgen von Maggies Schwenkung von Bagdorf fort zu Ihnen sofort in der vermehrten Eifersucht Zempins zu leiden hatte. Sie erinnern sich der Brutalität, mit der er Bagdorf auf dem Schießstande behandelte. Ich warnte Sie vor Maggie, indem ich mich zugleich an der Qual weidete, die ich Ihnen dadurch verursachte, und wiederum mich unsäglich unglücklich fühlte, wenn ich dachte, wie unsäglich glücklich mich eine Liebe, die hier verschmäht und verraten wurde, gemacht hätte. Sie werden sich jetzt mein tolles Benehmen in dem Wäldchen erklären können. Und nun – nun – ja, sehen Sie mich nur an: ich will mich vor Ihnen im Staube winden – nun kam der wahnsinnige Gedanke über mich, ob ich mir nicht Ihre Liebe gewinnen könnte. Ich wollte mich in Ihr Vertrauen stehlen, dadurch, daß ich mich durch Maggies Briefe als Maggies Vertraute legitimierte; ich wollte Ihnen über die Enttäuschung weghelfen, indem ich an Maggies Liebe zu glauben schien und doch die Möglichkeit, daß alles nur ein Spiel sei, beständig durchblicken ließ, um Sie allmählich an das Unvermeidliche zu gewöhnen. Ich wollte Sie quälen, martern, bis Sie mir in die Arme sänken – ach, in welchen Wahnsinn verstrickt sich nicht eine Frau, die nach Liebe schmachtet und daran verzweifelt, den süßen Trank je an die lechzenden Lippen zu bringen! Und dann – seit einigen Tagen – beschlich mich die Furcht, Sie möchten sich bereits getröstet haben. Aber das ist unmöglich: es ist wieder nur Ihre Güte, die allen zuteil wird, die Sie leiden sehen, oder die ihre Leiden geschickt zu drapieren wissen: Sie können nicht die Schwester des Mädchens lieben, das Sie so schmählich verraten hat! Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, es würde mich wahnsinnig machen; ist doch Edith in ihrer kühlen, unnahbaren Tugend die lebendige Kritik, die Verurteilung meiner elenden Existenz! Ich weiß, Sie werden mich nie lieben, aber die Prüde, Hochmütige darf Sie auch nicht besitzen; sonst ist mein letzter Trost dahin: die, die Ihrer Liebe würdig sein soll, muß Eigenschaften haben, von denen ich mir keine Vorstellung machen kann. Sehen Sie – das, oder ungefähr das wollte ich Ihnen sagen, und jetzt dürfen Sie sagen, daß ich Ihnen gewährt, was ich meinem Manne nie gewährt: daß Sie meine Seele nackt gesehen haben! Es ist kein schöner Anblick, nicht wahr? Aber bei Personen meiner Art braucht ja auch nur der Körper schön zu sein.« Sie lächelte zu diesen letzten Worten; aber es war nicht das alte leichtfertige Lächeln – nur ein medusenhaftes Zucken um den kleinen Mund, durch dessen wie zu einem wollüstigen Kuß leicht geöffnete Lippen im Scheine der Lampe die weißen Zähne blitzten. Das schlichte, hellbraune Haar hatte sich zum Teil gelöst und fiel ihr, wie sie so, starren Auges vor sich niederblickend, dasaß, in langen, weichen Strähnen an den Schultern herab über den sich unruhig hebenden und senkenden Busen. Sie dachte wohl kaum daran, daß sie in diesem Moment wirklich schön war, und war es vielleicht gerade deshalb, weil sie nicht daran dachte. So empfand Gerhard, und er sagte sich, daß, wenn er jetzt in der Tat die Seele dieser Frau ohne Hülle gesehen, es ein Jammer sei, sollte eine solche Seele verlorengehen, und ob denn keine Möglichkeit, sie zu retten. Dies Werk der Rettung durfte ja freilich nur einer in die Hand nehmen, aber leider konnte er jetzt nicht mehr, wie er es noch vor wenigen Tagen getan haben würde, aus Überzeugung Julie sagen, daß sie ihren Gatten völlig verkenne, mußte sich vielmehr gestehen, ein und der andere Zug in dem Bilde, trotzdem es von einer in Leidenschaft zuckenden Hand entworfen, möchte wohl nach dem Leben sein, wenn auch das Ganze verfehlt und falsch war Er versuchte in diesem Sinne zu sprechen, aber Julie unterbrach ihn nach den ersten Worten. »Schweigen Sie um Gottes willen!« rief sie, »wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie hasse, wie ich ihn hasse, den Sie nicht kennen, den Sie niemals kennen werden, denn er würde in seiner verruchten Eitelkeit versuchen, Gott zu belügen, gerade wie er sich selbst belügt – er, der brave Mann! der ehrliche Mann! der Märtyrer seiner Gemütlichkeit! das Opfer seines Temperaments! Hat er Schulden? nun – er wird sie bezahlen, sobald er bei Kasse ist! hat er ein Mädchen verführt? nun – er würde sie heiraten, wenn er nicht zufällig verheiratet wäre! Und da ist es denn doch eine wahrhaft edle Tat, wenn er dem armen Dinge einen Mann verschafft und bei Nacht und Nebel hinter dem Manne herläuft, im Fall der Mann Miene macht, das Mädchen sitzenzulassen. An dem Mädchen wäre so viel nicht gelegen – sie ist wahrhaftig die erste nicht, wie sie nicht die letzte sein wird; aber die Sache könnte sich am Ende so wenden, daß daraus ein triftiger Scheidungsgrund für die legitime Gattin erwüchse. Das muß auf jeden Fall vermieden werden!« »Einen solchen Scheidungsgrund«, rief Gerhard, »müßte die Gattin doch längst haben, wenn der Mann wirklich das ausschweifende Leben führte, dessen sie ihn zeiht!« »So?« erwiderte Julie höhnisch, »meinen Sie? soll ich etwa meine eigene Schwester vor Gericht fordern? Oder die Baronin Basselitz, die sich ihres alten Liebhabers schwerlich erinnern wird: sie hat vorher und nachher so viele gehabt! Oder die eine und die andere meiner lieben Nachbarinnen? mein Gott! man muß doch gute Nachbarschaft halten! und was die langmütigen Herren nicht wissen, oder wissen wollen, das braucht die gefälligen Damen ja nicht weiter heiß zu machen! Oder soll ich mir von Vadder Deep die lange Liste der Dirnen geben lassen, die er in dem stillen Retzow für seinen Herrn jahraus, jahrein gehalten, und wenn der Herr satt war, anderweitig verkuppelt oder mit einem Kinde auf dem Arme und einem Stück Geld in der Tasche in die weite Welt geschickt hat? Vadder Deep wird sich hüten, es möchten dabei böse Dinge zur Sprache kommen! Und die Dirnen selbst! lächerlich! wer sollte auf die hören! um einen solchen Alltagsfall würde kein Richter auch nur einen Termin ansetzen! Ich will ihm freilich wünschen, daß sich der Vater diesmal nicht zum Richter in Sachen seiner Tochter macht!« »Sie sprechen von Anna Garloff!« rief Gerhard. Juliens Augen blitzten. »So wissen Sie es auch schon?« »Ich vermute, daß wir aus derselben trüben Quelle geschöpft haben, und daß diese niemand anders, als der schurkische Vadder Deep ist.« »Dann fragen Sie doch meinen Mann selbst!« »Das werde ich.« »Sie werden es nicht – um Gottes willen, nein!« rief Julie, ihn, der sich erheben wollte, mit beiden Händen festhaltend. »Er ermordete mich, er ermordete Sie – dich – dich! von dem jedes Haar auf deinem lieben Haupte den schlechten Menschen tausendfach aufwiegt. Du sollst nicht um der Elenden willen sterben, die nicht wert ist, daß sie dir die Schuhriemen löst, wenn es auch ihre Wonne wäre, dir als Sklavin zu dienen!« Sie hatte sich an ihm nieder auf den Boden gleiten lassen, indem sie seine Hände festhielt, und als er sie ihr entzogen, seine Knie umklammert, gegen die sie ihren Busen, ihr Gesicht drückte. Plötzlich richtete sie sich mit einem leisen Schrei in die Höhe, lauschend: »Barmherziger!« Auch Gerhard hatte das dumpfe Geräusch vernommen, es mochte nur das Rauschen des Sturmes gewesen sein. Er wollte eben mit einem entscheidenden Worte der Szene ein Ende machen, als deutlich in dem nassen Sande der Rampe die Räder eines Wagens knirschten, der dann auch sofort vor der Haustür hielt. »Es ist Ihr Gemahl, ich werde ihm entgegengehen«, sagte er und bewegte sich auf die Tür zu, die in den Salon führte. Julie warf sich ihm in den Weg. »Um Gottes willen! durch mein Schlafzimmer! und die Kinderstube! ich halte ihn so lange auf!« In demselben Moment kam schon Herrn Zempins schwerer Schritt durch den Salon; schnell wie der Blitz hatte sich Julie nach der Tür gestürzt und den Schlüssel umgedreht, Gerhard mit der ausgestreckten Hand nach der anderen Tür weisend. »Dies ist Wahnsinn!« sagte Gerhard flüsternd. Sie wiederholte ihre flehende Gebärde, und nun lag die Hand des, der durch den Salon gekommen, auf der Türklinke, die schnell und gewaltsam ein paarmal herabgedrückt wurde; aber bereits im nächsten Moment flog die Tür krachend auf, ohne daß man einen Stoß oder Schlag gehört hätte, und Herr Zempin trat herein, auf Gerhard zu. »Ah! Sie sind es!« Seine wütenden Blicke fuhren hin und her zwischen Gerhard und Julie, die von der Tür bis mitten in das Gemach getaumelt war. »Ihre Frau Gemahlin«, sagte Gerhard, »hatte die Güte, meinen Rat bei Grete in Anspruch zu nehmen, die ihr nicht ganz wohl schien; ich hoffe indessen: es hat nichts zu bedeuten.« »Ich hoffe es ebenfalls«, erwiderte Herr Zempin mit einem zweideutigen Lächeln, und dann sich zu Julie wendend: »Du mußtest sehr erschrocken gewesen sein, daß du dich dem Herrn Baron in dieser derangierten Frisur zeigen konntest.« »Entschuldigen Sie, Herr Baron!« sagte Julie, die losgelösten Haarsträhnen über die Schultern werfend: »wer denkt in solchen Momenten daran!« »Oder daran, daß die Tür verschlossen war«, sagte Herr Zempin, sich im Zimmer umblickend, als spähte er nach sicheren Zeichen für seinen Verdacht. In Juliens auf Gerhard gerichteten Augen blitzte ein Schimmer von Triumph; offenbar hatte ihr Gatte nicht gehört, daß die Tür erst im Moment, als er durch den Salon kam, verschlossen wurde. Damit war der Hauptgrund der Furcht vor den Folgen des unbedachten Schrittes, wozu sie sich in ihrer Bestürzung hatte verleiten lassen, fortgefallen. »Wir haben heute sehr Veranlassung gehabt, die Läden und die Türen zu verschließen«, sagte sie; »du weißt nicht, zu wie großem Danke wir alle dem Herrn Baron verpflichtet sind.« Zempin wandte den grollenden Blick fragend auf Gerhard. »Eine kleine Emeute der Leute, welche die Abwesenheit des Herrn zu unberechtigten Forderungen benutzen zu können glaubten«, erwiderte Gerhard; »ich bitte hernach um die Erlaubnis, Ihnen darüber und über meine sonstigen Maßnahmen Rapport erstatten zu dürfen. Für den Augenblick will ich mich den Herrschaften empfehlen.« »Wollen Sie nicht noch einmal nach dem Kinde sehen?« fragte Julie, mit einer mutigen Wendung nach ihrem Schlafzimmer. »Ich möchte Sie und Ihren Herrn Gemahl nicht länger stören; ich erfahre wohl nachher, daß es der Kleinen weiter gut geht.« Er verbeugte sich und ging. In der Tür nach dem Salon, an der das abgebrochene Schloß hing, sah er nur eben, wie Herr Zempin die Mütze, die er bis dahin nicht abgenommen, auf das Sofa schleuderte. Neuntes Kapitel. Gerhard schritt in seinem Zimmer hin und wieder, in tiefer Erregung über das soeben Erlebte und in hohem Grade unzufrieden mit sich selbst. Er hätte die tolle Beichte der schönen Frau nicht so lange anhören dürfen! War er durch seine Nachgiebigkeit nicht schuld, daß es zu der wahnsinnigen Liebeserklärung und der verfänglichen Situation kam? und nun zuletzt zu der abscheulichen Szene mit dem eifersüchtigen Gatten, den er doch auch mit hatte betrügen helfen, indem er auf Juliens Lüge einging? Er hatte offenbar in dem letzten Punkte nicht anders handeln können; aber von der widerwärtigen notwendigen Konsequenz mußte er den Rückschluß machen, wie schief es um das stand, was vorhergegangen. »Und jetzt hast du es dir zuzuschreiben«, sprach er bei sich, »wenn du Ediths und deines Herzens Wunsch, zu dem Manne zu stehen, nicht ausführen könntest, wäre er der Hilfe auch noch so würdig. Hier ist deines Bleibens nicht mehr.« Ein schneller Schritt dröhnte über den Flur. Gerhard pochte das Herz; kam er als Freund oder Feind? Und da, wie an jenem ersten Nachmittage, stand die mächtige Gestalt auf der Schwelle, den Rahmen der Tür beinahe ausfüllend. »Ich bitte Sie um Verzeihung!« Er war auf Gerhard zugetreten, ihm die breite Hand weit entgegenstreckend, in die jener zögernd die seine legte. »Es bedarf dessen für mich nicht«, sagte Gerhard. »Aber für mich! oder sollen die da Verständigung zwischen uns vermitteln?« Er wies auf die Pistolen, die noch, wie Gerhard sie vorhin bereitgehalten, auf dem Tische lagen. »Sie sollten mir beistehen, Ihr Hausrecht zu wahren«, erwiderte Gerhard; »es tut mir weh, daß Sie auch nur einen Augenblick glauben konnten, die Ehre Ihres Hauses sei mir weniger heilig.« »Und eben deshalb bin ich Ihrer Verzeihung bedürftig; kommen Sie! lassen Sie uns wieder Freunde sein; ich bedarf wahrlich eines Freundes.« Er hatte sich, nachdem er Gerhard nochmals die Hand gedrückt, in die Ecke des Sofas geworfen. Der Schein der Lampe fiel hell in sein Gesicht, dem Wind und Wetter, Mangel des Schlafes, Sorge, Leidenschaft übel mitgespielt. Das feuchte blonde Haar hing ihm in Zotteln über die gefurchte Stirn, die Säcke unter den Augen waren schwer und dunkel; der vierzigjährige Mann sah wie ein Sechziger aus. Gerhard hatte die Pistolen in den Kasten gelegt, den er zuklappte, und, Herrn Zempin gegenüber, sich einen Stuhl an den Tisch gerückt. Er gab, um womöglich allen weiteren Erörterungen über die eben stattgehabte Szene auszuweichen, eine ausführliche Relation der Ereignisse des Tages; Miene und Blick Herrn Zempins verrieten, daß er nur mit geteilter Aufmerksamkeit zuhörte. »Sehr gut! sehr gut!« sagte er, Gerhard bei der ersten Pause unterbrechend; »ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet. Diese verfluchten Kerls! habe ich Ihnen nicht prophezeit, daß Sie mit dem Gesindel anders umspringen würden, bevor Sie ein paar Wochen in Kantzow älter geworden? Humanität ist ein schönes Ding, wo sie hingehört; behandeln Sie aber einen Gaul wie einen Menschen, wird der Gaul Sie bald genug unter den Beinen haben. Ich kann aus Erfahrung sprechen: ich habe das Experiment gemacht; es ist mir schlecht bekommen. Ja, ja, mein Lieber: ich bin aus dem Sattel und nicht ganz sicher, wieder hineinzukommen. Im bürgerlichen Leben nennt man es einen Bankrott. Das scheint Sie nicht zu überraschen? aber freilich, die freundnachbarlichen Zungen sind sehr geschäftig gewesen während der letzten Zeit, und der Herr Graf, der, wie ich höre, Ihnen eine stundenlange Visite gemacht, hat ja schon vor dem Wolfe geschrien, bevor er kam. Er war auch heute in Zarnewitz, die Kirchenbücher zu studieren, ob da etwa unter anderen Kuriosis verzeichnet steht, daß Bankrottmachen eine Zempinsche Familienangewohnheit.« Er lachte überlaut und brach plötzlich ab – er hatte offenbar vergessen, daß er lachte. »Ich hoffe, Sie sehen Ihre Angelegenheiten viel zu düster an«, begann Gerhard nach einer unheimlichen Pause; »wenn ich auch leider, daß Sie momentan in Verlegenheit sind, weiß, weniger durch das Gerede der Nachbarn, als durch diesen Brief, den ich vor drei Tagen zwischen den Akten fand und Ihnen zuzustellen bis zu diesem Augenblicke keine Gelegenheit hatte.« Er nahm aus seinem Portefeuille das ominöse Schreiben des Advokaten; Zempin warf einen flüchtigen Blick darauf, bevor er es in die Tasche steckte. »Das ist noch nicht das Schlimmste«, sagte er, »Wir werden morgen Schlimmeres hören.« »Weshalb morgen?« »Ich bin auf den Gedanken gekommen, ob es nicht zweckmäßig wäre, bevor die Sache sich nicht mehr vertuschen läßt, eine gemeinschaftliche Besprechung meiner Gläubiger zu arrangieren. Ich habe vorgestern Zinker gebeten, die Verhandlungen zu leiten, und finde unten einen Brief, wo er mir schreibt, er könne, wie die Dinge jetzt lägen, die Notwendigkeit einer Zusammenkunft nicht recht begreifen. Doch wolle er für sein Teil kommen, da er sowieso in der Gegend zu tun habe. Recht höflich von dem Kerl, der Tausende von mir verdient hat! Nun, Deep hat die anderen zusammentrommeln müssen, und so werden Sie morgen in Retzow Gelegenheit haben, eine lange Galerie von Spitzbubengesichtern kennen zu lernen.« »In Retzow?« »Retzow ist so hübsch abgelegen, und Vadder Deep plaudert nicht.« Gerhard erschrak. Da tauchte schon wieder die unheimliche Gestalt des Mannes auf, der nicht plauderte, mit dem man alles besprechen zu dürfen glaubte, mit dem man auf dem abgelegenen Retzow nur schon zu vieles Bedenkliche besprochen hatte, wenn anders Juliens Verdacht begründet war. Und wenn er es war – und Gerhard zweifelte jetzt nicht mehr daran – so würde es doppelt schwer halten, ihn vor dem Menschen zu warnen, der sich in sein Vertrauen eingenistet seit so langer Zeit, und das Vertrauen sicher zu seinen schändlichen Zwecken mißbraucht hatte, wie alles, woran er die schnöden Hände legen konnte. Und doch, es mußte geschehen! Aber bevor Gerhard das rechte erste Wort gefunden, fuhr Zempin fort: »Ich denke, Sie werden meinen Plan billigen. Vielleicht ist die Geschichte nicht ganz so schlimm, wie sie aussieht, und man weiß doch wenigstens, woran man ist. Für heute will ich Sie nicht mit den Einzelheiten behelligen, das wäre zu umständlich und langweilig. Überdies werden Sie alles morgen zu hören bekommen, denn ich rechne mit Sicherheit darauf, daß Sie mir mit Ihrem Rate zur Seite stehen, um so mehr, als Zinker, außerdem daß er der größte Grobian, auch noch der größte Esel ist, der existiert. Und nun lassen Sie uns von etwas anderem sprechen!« Der Versuch des Mannes, in den unbefangenen Plauderton zu fallen, in dem er bis jetzt mit seinem jüngeren Freunde noch stets verkehrt, mißlang völlig. Ja, seine Stimme klang unsicher und dumpfer, als er, ohne den starren Blick zu verändern, sofort weiter fragte: »Ihnen hat Klempe nicht gesagt, daß er nicht wiederkommen wolle?« »Ich würde Ihnen das mitgeteilt haben«, erwiderte Gerhard; »übrigens haben Herr Klempe und ich keineswegs die Gewohnheit gegenseitiger Konfidenzen.« »Als ob Sie mir das zu sagen brauchten! was hätte der vornehme Mann mit dem Urplebejer zu schaffen? Indessen der Klempe pflegt zu schwatzen – da hätte auch das mit unterlaufen können. Und mir läge sehr viel daran, Gewißheit zu haben. Die Möglichkeit, daß der Mensch – die Sache ist, ich erwarte von ihm einen großen Dienst, den er natürlich nicht umsonst tun soll, für den ich ihm aber leider in diesem Augenblicke den ausbedungenen großen, sehr großen Preis nicht zahlen kann, so daß ich fürchten muß, er kündigt mir den Handel wirklich, wie er mir heute in Grünwald, von wo ich eben komme, angedroht. Er war freilich im halben Delirium, aber das hindert Säufer nicht, ihre wahre Absicht auszusprechen – im Gegenteil! – Sie wissen nicht, welchen Dienst mir der Mensch leisten soll?« Die schweren Lider zuckten, aber hoben sich nicht; die Stimme war noch dumpfer und heiserer geworden. »Ich wollte es nicht glauben«, erwiderte Gerhard, »bis ich es von Ihnen bestätigt hörte; ich gestehe, ich hoffte, das werde nimmer geschehen.« »Ich möchte auch, ich brauchte es nicht zu bestätigen«, sagte Zempin mit einem ärgerlichen Stöhnen, »aber das Unglück ist nun leider geschehen und würde wahrhaftig dadurch nicht kleiner werden, daß man die Hände in den Schoß legte und nicht vielmehr der Sache die möglichst schickliche Wendung zu geben suchte. Ich verkehrte, als ich in Heidelberg studierte, viel mit dem Fürsten Prora und bin hernach noch jahrelang mit ihm in Korrespondenz geblieben. Er machte es und macht es bis auf den heutigen Tag nie anders: die Hälfte seiner Förster, Wirtschafter und so weiter ist mit Mätressen von ihm verheiratet. Was ist auch daran Besonderes oder gar Verfängliches? Diese Leute nehmen es in der Regel nicht so genau –« »Nur daß Sie leider, wie es scheint, es dieses Mal mit einer Ausnahme zu tun haben«, unterbrach ihn Gerhard. Nun hoben sich doch die Augen des Mannes zu einem schnellen, finsteren Blicke, aber Gerhard wollte auch nicht eine Minute lang den Glauben erwecken, als ob er den schnöden Handel billige. »Oder vielmehr, ich bin davon überzeugt«, fuhr er fort, »und davon, daß das Mädchen tausendmal zu gut ist für ein Leben voll Elend und Schande, wie es ihr der rohe Trunkenbold bereiten würde«. »Sie nehmen die Sache auch gleich gar zu tragisch«, sagte Herr Zempin, den gewaltigen Kopf unmutig schüttelnd; – »mein Gott, ich hätte ihr gern einen Besseren ausgesucht, wenn ich das Aussuchen gehabt hätte. Was wollen Sie? ich hätte die süße Dirne selbst geheiratet, wenn ich nicht zufälligerweise schon verheiratet wäre.« Gerhard zuckte zusammen; das waren dieselben Worte, die Julie vorhin dem Manne in den Mund gelegt! Sie kannte ihn besser, als er geglaubt! »Man pflegt die Ehe sonst nicht den Zufälligkeiten beizuzählen«, sagte er. »Nun denn, unglücklicherweise!« rief Herr Zempin. »Weshalb soll ich nicht aussprechen, was Sie längst schon wissen: diese Ehe ist ein Unglück für mich; sie ist die Quelle all meines Unglücks. Ich bedurfte einer Frau, die durch Liebe, Güte, Milde, Umsicht mein wildes Herz gebändigt, die durch Einfachheit, Sparsamkeit meine kostspieligen Gewohnheiten auf das Maß zurückgeführt, mich aufgefordert hätte, Ordnung in meine zerrütteten Finanzen zu bringen. Und nun diese – diese, die von alledem das Gegenteil tut! die –« »Nicht weiter! ich bitte Sie!« rief Gerhard. Des Mannes Blick lag finster und forschend auf Gerhard. »Hat sie Ihnen auch schon das alte Sirenenlied gesungen von dem Knospenherzen, das nur der Liebessonne bedurft hätte, sich zu öffnen – und so weiter! und so weiter! Ich bitte Sie, lieber Freund, verschonen Sie mich damit! Sie sehen, ich kann es auswendig.« Das war nun wieder dasselbe Bild, wenn auch in anderer Beleuchtung, das Julie vorhin von sich entworfen! Eine schauerliche Empfindung bemächtigte sich Gerhards. War's doch gerade, als ob vor zwei sich gegenüberhängenden Spiegeln ein Mensch dem anderen eine höhnische Fratze macht, und die Zerrbilder ins Endlose eines das andere anstarren. Dies war kein gegenseitigem, für beide Teile schmerzliches Mißverstehen mehr; man wollte sich nicht verstehen, nicht verständigen. Und so würde auch jedes deiner Worte vergeblich sein, sprach Gerhard bei sich, und wenn du mit Engelzungen redetest. Und doch! und doch! hatte er sich nicht selbst, hatte er nicht Edith versprochen, zu dem Manne zu stehen? und war es nicht ein Jammer, daß dieser Mann – so reich begabt, so entschieden das Mittelmaß der Menge in jeder Beziehung überragend – nicht imstande sein sollte, das Schiff seines Glückes vor dem jämmerlichsten Untergange zu bewahren? An das trotzige Herz des Mannes sich zu wenden, war wohl vergeblich; aber so ganz konnte ihm die Leidenschaft den scharfen Verstand nicht umnebelt haben, daß er die Untiefe nicht sehen sollte, wenn man nur mit fester Hand darauf hinwies – die schlammige Untiefe, die sich Vadder Deep nannte. Gerhard war aufgestanden und ein paarmal durch das Zimmer geschritten; jetzt trat er wieder an den Tisch. »Sie sind in einer trüben Stimmung«, sagte er, »welche nach den bösen Tagen, die Sie durchlebt haben, nur zu begreiflich ist; ich selbst bin schmerzlich aufgeregt und erschöpft zugleich: ich würde Sie bitten, diese Unterredung abzubrechen, nur daß mir etwas auf der Seele lastet, das ich nur schon zu lange getragen habe und nach den schlimmen Mitteilungen, die Sie mir soeben über ihre Situation gemacht, nicht länger tragen mag und darf, auf die Gefahr hin, von Ihnen ein Phantast gescholten zu werden, oder Sie gar empfindlich zu kränken. Ich muß mit Ihnen von Herrn Deep sprechen.« Herr Zempin machte eine unwillkürliche Bewegung, aber Gerhard ließ ihm keine Zeit zu einer Erwiderung, sondern gab in kurzen Zügen das Bild des unheimlichen Menschen, wie es sich ihm von der ersten Begegnung aus unsicheren Umrissen im Verlaufe der Zeit immer deutlicher und immer widerwärtiger und immer häßlicher und bedrohlicher gestaltet hatte. »Ich würde nicht begreifen«, rief er, »wie die unvereinbaren Widersprüche zwischen Erscheinen und Benehmen und Tun und Handeln des Mannes nicht Ihnen, nicht allen längst aufgefallen und offenbar sind, wenn ich nicht bedächte, daß die ungeheuerlichsten Erscheinungen gerade den Menschen, die tagtäglich mit denselben verkehren, als völlig normal gelten; und sodann: daß der Mann vermutlich mit klügster Berechnung seine Rolle so viele Jahre hindurch gespielt und, von Unverfänglichem oder doch scheinbar Unverfänglichem ausgehend und mehr und immer mehr wagend, Sie und alle zuletzt an das Außerordentlichste gewöhnt hat. Oder ist es nicht das Außerordentlichste, wenn man sieht, wie dieser Mann, der mehr als halb blödsinnig zu sein scheint, bis in das kleinste Detail hinein den völligsten Überblick über alles hat, was hier in Kosenow und, ich bin überzeugt, in der ganzen Nachbarschaft sich ereignet – ich meine: nicht bloß in wirtschaftlichen Dingen, sondern in den Familien, ich möchte sagen, im Herzen jedes einzelnen? wie jeder ihn zum Vertrauten hat, damit es ihm doch ja recht leicht wird, einen um den anderen und an den anderen zu verraten? wie er jetzt Herrn Sallentins Klagen über Sie geduldig zuhört und Ihnen eine Minute später bestätigt, daß Sie alle Ursache haben, Herrn Sallentin nicht zu trauen, ohne daß Sie, der kluge, scharfsichtige Mann, auch nur einmal auf den Gedanken kommen, ob es denn nicht für Sie gefährlich sei, diesem Vertrauten von Freund und Feind so unbedingtes Vertrauen zu schenken? Und daß Ihr Vertrauen auf Tritt und Schritt von dem Manne verraten wird, das ist es eben, was ich längst fürchte, was mir der heutige Tage abermals bewiesen hat; denn die Emeute der Leute ist von Vadder Deep und seinem Helfershelfer, Jochen Schnut, angezettelt, um Sie in den Augen Ihrer Nachbarn zu diskreditieren. Und so könnte ich Ihnen eine ganze Reihe von Beweisen liefern, wenn es mich hier nicht zu weit führen würde, und wenn ich nicht der Überzeugung wäre, daß der, welcher Sie im kleinen so frech und systematisch bestiehlt, belügt und betrügt, es bereits auch längst im großen getan hat. Und die Gelegenheit, die ihm Kantzow etwa nicht bietet, seine Diebesgelüste zu befriedigen, sucht er und findet er in Kosenow.« Und Gerhard teilte nun, ohne mit irgend etwas zurückzuhalten, die Beobachtungen mit, die Edith gemacht; die Sorge Ediths, daß ihr Vater jahre- und jahrelang auf das schamloseste von Vadder Deep betrogen und ausgeplündert sei in einem Umfange, der sich eben leider nicht übersehen lasse, vielleicht aber die schlimmsten Befürchtungen noch überträfe. Gerhard hatte mit Eifer, ja mit einer Leidenschaft gesprochen, die gerade durch den Zwang, den er sich auferlegen mußte, nur noch stärker angeschürt wurde. Durfte er doch, daß Deep den Vertrauensvollen an die eigene Gattin verraten, und nun gar den gräßlichen Verdacht, den er gegen den unheimlichen Menschen hegte, nicht einmal andeuten, geschweige denn aussprechen! Herr Zempin hatte, wie unwillig auch immer im Anfang, hernach doch mit sichtbar steigendem Interesse zugehört, das zuletzt, als Gerhard von den Kosenower Verhältnissen zu sprechen begann, das deutliche Gepräge der Überraschung, des Staunens, der Bestürzung annahm. Dennoch schüttelte er, als Gerhard nun schwieg, das mächtige Haupt und sagte mit dem Lächeln der Überlegenheit: »Aus allem, was Sie da so beredt und warm vorgebracht, habe ich nur den Schluß gezogen, daß Sie ein ebenso ausgezeichneter Jurist geworden wären, wie Sie ein vorzüglicher Landmann sind. Der Tausend! ich möchte wahrhaftig nicht Ihnen gegenüber auf der Bank der Angeklagten sitzen! Sie könnten mit Ihrer Suade und dialektischen Gewandtheit einen Engel zur Verurteilung bringen, geschweige einen armen sündigen Menschen, der meinetwegen Vadder Deep sein mag. Ich bin ja auch nicht so blind, nicht zu sehen, daß der alte Schlingel mich hier und da rechtschaffen betrügt; aber was wollen Sie? man soll dem Ochsen und so weiter – und das geduldige, plattfüßige Tier hat manchen ehrlichen Scheffel Korn für mich ausgedroschen. Und was er mir im kleinen stiehlt, bringt er mir im großen wieder ein. Retzow, kann ich Ihnen sagen, hat mir im Laufe der Jahre stattliche Summen abgeworfen – es ist mein Eldorado, während Kosenow im besten Falle ein – sehr unsicheres Terrain ist.« »Und die Summen, die Sie aus Retzow bezogen haben, stimmen mit den Rechnungsbüchern?« fragte Gerhard. »Nun freilich! Das heißt, offengestanden, ich habe mich während der letzten sechs Jahre oder so kaum noch darum gekümmert; aber woher sollte denn der Alte das Geld nehmen, wenn nicht aus Retzow?« »Aus Retzow wohl, aber vielleicht nicht aus der Wirtschafts-, sondern aus seiner eigenen Kasse. Ich habe auf Ihrem Bureau Quittungen gesehen, worin Sie Herrn Deep den Empfang von großen Summen einfach bestätigen, ohne daß erwähnt gewesen wäre, auf welches Konto diese Summen gehörten.« »Mein Gott!« rief Zempin heftig; »auf welches Konto denn, als auf das meines Anteils an Retzow, das vielleicht um ein paar hundert oder tausend – aber das wäre wieder unmöglich, wenn meines Bruders Verhältnisse so schlecht stünden, da es doch immer nur ein Vorschuß auf dessen Konto sein könnte. – Nein, nein, lieber Freund, glauben Sie mir, das sind Hirngespinste, ist eitel Schwarzseherei, ist ein Ausfluß des Stückchens Hamletnatur, das Ihrem sonst so gesunden Wesen beigemischt ist und Ihren Taten des Gedankens Blässe ankränkelt. Sonst wäre es nicht möglich, was mir die Basselitz gestern in der Eile als sicher mitgeteilt hat, daß Lafing nun doch über Sie den Sieg davongetragen. Das durfte nicht sein – verzeihen Sie mir: einem Lafing Basselitz durfte ein Vacha nicht das Feld räumen. Sie haben Ihr Licht unter den Scheffel gestellt, und meines wird nun infolgedessen morgen ein bös Teil dunkler brennen; ich hatte mir viel von der Wirkung versprochen, wenn ich den Herren in meinem besten Freunde den Schwiegersohn meines Bruders präsentiere. Pah, Mann, lassen Sie deshalb den Kopf nicht hängen! Wer wird ›auf Weibertreue bau'n, beweglich wie die Well'!‹ Die Weiber sind – eben Weiber; man kann ohne sie nicht leben, wie man ohne die Luft nicht leben kann; soll man deshalb für jeden vollen Atemzug dankbar sein? Wenn die Götter von mir Dankbarkeit wollten, hätten sie mich sollen als ein Deep geboren werden lassen: dann würde ich mich durch das Leben gedrückt und gebückt und gelogen und getrogen und jeden Fußtritt der Menschen und des Schicksals geduldig hingenommen haben. Nun aber bin ich – Gott sein Dank – meines Vaters Sohn! ›Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor!‹ wie oft habe ich dieser Worte Chamissos denken müssen. Nun, und Riesen sind trotzig, sie wollen auch einmal an der Tafel der Götter in Nektar und Ambrosia schwelgen, auf die Gefahr hin, daß die Neidischen sie in den Tartarus schleudern. Da würde ich dann wohl mit Ihrem Großvater mich zusammenfinden, der mir fortwährend vor der Seele steht, seitdem Sie mir neulich von ihm erzählt: Bauernmark und Rittermark – Titanenblut beide! Das ist ein unbequemes Blut, mein Lieber! ich gebe es zu; und nicht am wenigsten für die, in deren Adern es rollt. Aber wir müssen eben leben, wie wir geboren werden, und tun's auch, solange es geht. Und geht's nicht mehr, so mag's eben zu Ende gehen, und je schneller, je besser. – Gute Nacht! auf Wiedersehen morgen!« Die Stelle war leer, wo der Gewaltige gestanden; das stille Zimmer dröhnte nicht mehr von seiner mächtigen Stimme. Dennoch glaubte Gerhard noch immer die Riesengestalt zu sehen, die dröhnende Stimme zu hören. – Und dann kamen ihm die Verse Iphigeniens in den Sinn von den Männern aus Tantalus' Geschlecht, deren gewisses Erbteil die gewaltige Brust und das kraftvolle Mark der Titanen war, aber denen der Gott um die Stirn ein ehern Band schmiedete, und deren scheuem, düsterem Blicke er Rat und Mäßigung und Weisheit und Geduld verbarg. Fünftes Buch Erstes Kapitel. Es hatte während der Nacht ohne Unterlaß gestürmt und geregnet, und dann war aus der Nacht Tag geworden – aus der schwarzen Finsternis eine graue Dämmerung. Die schweren Wolkenmassen, die, Guß auf Guß herabschüttend, sich von Westen nach Osten wälzten, streiften fast die sturmgezausten Wipfel der Parkbäume und die Firsten der Scheunendächer. Selbst den Enten und Gänsen war das Unwetter zu arg geworden: sie drückten sich an einigermaßen geschützten Plätzen zusammen; das Hühnervolk hatte sich, so gut es ging, verkrochen; die Hähne wagten nicht mehr zu krähen. Gerhard war auch heute wieder auf sich allein angewiesen. Klempe war nicht zurückgekommen; Gerhard hatte es nicht erwartet, aber Herr Zempin mußte es erwartet haben, denn er hatte im Laufe des Morgens wiederholt ungeduldig nach dem Manne gefragt und sich zuletzt, aufs tiefste verstimmt, in sein Bureau eingeschlossen. Auch Julie war nicht aus ihren Zimmern gekommen und hatte Gerhard nur durch das Mädchen sagen lassen, daß es der Kleinen gut gehe. Anton und Spatzing schlichen trübselig in dem verödeten Hause umher; Anton versicherte, daß die Welt positiv untergehe, und Spatzing erklärte, er könne ebensogut bei dem Scheine einer Küchenlampe, der durch einen nassen Scheuerlappen fiele, sein Porträt vollenden, als bei dem Himmel heute. Gerhard war nicht in der Stimmung, auf die Klagen der Müßiggänger zu hören. Die Zusammenkunft in Retzow war auf zehn Uhr angesetzt. Er benutzte die kurze Zeit, die ihm noch bis dahin blieb, ein paar Worte an Edith zu schreiben, in welchen er ihr für die Nachricht, die sie ihm vor einer Stunde geschickt: daß in dem Zustande des Vaters keinerlei Veränderung eingetreten sei, dankte und ihr für den Nachmittag seinen Besuch bestimmt versprach. Der geschlossene Wagen, der zur rechten Zeit vorgefahren war, mußte lange warten: der Herr hatte noch immer im Bureau zu tun. Endlich kam er mit einem großen Stoße Akten und Papieren, den er verdrießlich auf den Rücksitz warf. »Ich hatte gedacht, Sie würden mir helfen, die Scharteken zusammensuchen«, sagte er. »Es hätte nur eines Wortes von Ihnen bedurft«, erwiderte Gerhard; »ich gestehe, daß ich vergeblich darauf gewartet habe.« Zempin wandte sich zu dem Unterinspektor, der dabeistand: »Ist Klempe zurück?« »Nein, Herr.« »Sie können, wenn das Wetter besser wird, die fremden Leute zum Mähen schicken; unsere sollen dreschen.« »Ich habe es bereits angeordnet«, sagte Gerhard. »Ja so: ich vergaß – fort!« Er hatte sich in seine Ecke gedrückt und saß da, die Mütze tief in die Stirn gezogen, durch das Fenster an seiner Seite auf die verregneten Felder starrend, mit den Zähnen an den vollen Lippen nagend oder sich das massive Kinn reibend, dann wieder ungeduldig sich aufrichtend, um sofort wieder zurückzusinken, ohne ein Wort zu sprechen. Auch Gerhard schwieg. Das unfreundliche Benehmen des Mannes beleidigte ihn nicht; er sagte sich, daß man gegen jemand, der sich in einer solchen Lage befindet, Nachsicht üben müsse. In einer solchen Lage! in welcher? er hätte darauf schwören mögen, daß der Mann selbst es nicht genau wußte; aber so viel war klar: er sah diese Lage heute morgen anders, als sie ihm noch gestern abend erschienen war. Hatte er, in seinen Papieren kramend, neue, schlimme Entdeckungen gemacht? drückte die Last der Ungewißheit, mit der er es früher so leicht genommen, heute, am Tage der Entscheidung, auf seine Seele? war es einfach physisches Unbehagen und Erschöpfung nach den letzten ruhelosen Tagen und schlaflosen Nächten – wie dem auch sein mochte: das war der Titan nicht mehr, der gestern abend noch das Schicksal selbst herausfordern zu können meinte – das war ein Mann, der über seinen Sorgen, seinem Verdruß selbst die Höflichkeit vergaß, auf die er doch sonst ein so großes Gewicht legte. So kamen sie, ohne ein Wort miteinander gewechselt zu haben, in Retzow an. In einer Ecke des Hofes, der, unfreundlich selbst bei dem hellsten Sonnenschein, heute im Regensturme einen abscheulichen Anblick gewährte, war unter einem verfallenen offenen Schuppen bereits eine ganze Anzahl von Fuhrwerken zusammengeschoben: zwei oder drei geschlossene Kutschen, die übrigen Jagdwagen oder kleine Leiterwagen, deren man sich bediente, um besser auf schlimmen Wegen fortzukommen. Gerhard, als er die bescheidenen, verregneten und beschmutzten Gefährte sah, mußte an die stolze Wagenburg denken, die vorgestern auf der Schneise neben dem Festplatze geprangt hatte. In der Tür unter den sausenden Bäumen empfing die Aussteigenden Vadder Deep in demselben hochkragigen Rocke, der während der letzten Tage jede bestimmte Farbe verloren hatte, die Beinkleider heute in den schiefgetretenen Stiefeln, das gewöhnliche verschwommene Lächeln auf dem unrasierten mehligen Gesichte, über das von dem platten Schädel aus dem glatten dünnen Haar Tropfen um Tropfen rann. Denn es regnete eben wieder in Strömen; dennoch zögerte Herr Zempin auf den wackligen Stufen der Tür. »Sind schon alle hier?« Vadder Deep zuckte die breiten Achseln: »Platt und Lüttmann und Zinker fehlen noch.« »Das sind ja die Wichtigsten«, rief Zempin, »ohne die können wir gar nichts anfangen. – Die ganze Geschichte hat wirklich keinen Sinn ohne die beiden«, fuhr er, sich zu Gerhard wendend, fort; »ich hätte bei Gott Lust, wieder umzukehren.« Gerhard blickte Vadder Deep an. Vadder Deep lächelte und murmelte etwas, das ungefähr klang, wie: »werden wohl noch kommen.« »Wollen Sie nicht einstweilen hineingehen?« sagte Herr Zempin zu Gerhard; »ich habe noch ein paar Worte mit Vadder Deep zu sprechen.« Aus einer halb offenen Tür rechter Hand erschallte der Lärmen vieler überlaut durcheinandersprechender Stimmen. Ungern trat Gerhard ein. Es war ein sehr großes, viereckiges Gemach, das die ganze Tiefe des Hauses einnahm und je zwei Fenster nach dem Hofe und nach dem Garten hatte, und dessen geringe Höhe durch die freiliegenden, zum Teil weit durchgebogenen Deckbalken noch beeinträchtigt wurde. Vor vielen Jahren mochte es einmal weiß getüncht gewesen sein; jetzt sah man nur einzelne Spuren davon: der Putz war in großen, unregelmäßigen Stücken von Decke und Wänden gefallen, und es waren dadurch die seltsamsten, landkartenähnlichen Muster entstanden. Der zertretene Kalk, obgleich man ihn augenscheinlich für heute zusammengefegt, färbte noch hie und da die auseinanderklaffenden, wurmstichigen Dielen mit einem dünnen, weißlichen Überzuge, worin die derben Sohlen von Stulpstiefeln vielfach ihre nassen Spuren abgedrückt hatten. In der Mitte des Raumes befand sich eine große Tafel, die ursprünglich sauber gedeckt und mit den substantiellen Notwendigkeiten eines pommerschen Frühstücks ordentlich bestellt gewesen sein mochte. Aber jetzt waren angebrochene Schüsseln und gebrauchte Teller durch- und übereinander geschoben; dazwischen halb geleerte Weinflaschen und Gläser, von denen so manches seinen roten Inhalt über das Tischtuch ergossen. Auch hatten die meisten wohl ihr Frühstück beendet und standen nun, rauchend und schwatzend, in kleineren und größeren Gruppen umher, während Herr Sallentin und einige wenige an der Tafel saßen und unermüdlich weiter aßen, ohne sich durch den Tabakrauch stören zu lassen, der in dichten Wolken die von dem Dunste der Speisen und nassen Stiefel und Kleider erfüllte Atmosphäre durchzog. Gerhards Eintreten hatte niemand bemerkt, und er seinerseits war durchaus nicht begierig, sich in die Gesellschaft zu mischen, die übrigens viel zahlreicher war, als er vermutete: es mußten wiederholt mehrere in einem Wagen gekommen sein. Von den jüngeren Herren, mit denen er vorgestern in Streit geraten, konnte er nur den schönen Schweden bemerken; die anderen, älteren, waren meistens dieselben, welche die Trinkgesellschaft des Herrn Hinrichs gebildet hatten, dessen krähende Stimme Gerhard auch jetzt wieder aus einer der Gruppen vernahm. Außer diesen ihm bekannten Herren waren aber noch verschiedene da, die er zuvor nie gesehen, und die er nach ihrer Kleidung und Physiognomie für Kaufleute oder Handwerker aus der Stadt nehmen mußte. Alles in allem eine Versammlung, die er aus freien Stücken keinesfalls aufgesucht haben würde, und von der er sich für Herrn Zempin im besten Falle wenig Gutes versprach. »Was wollen Sie eigentlich hier?« fragte die krähende Stimme des Herrn Hinrichs, der plötzlich neben ihm stand. Es war dieselbe Frage, die Gerhard sich eben selber vorgelegt; aber er konnte freilich Herrn Hinrichs nicht dieselbe Antwort geben. »Ich wollte mich nach Ihrem Befinden erkundigen«, sagte er höflich. Herrn Hinrichs rote Gesichtsfarbe wurde purpurn und der breite, grüngelbe Streifen, der ihm von dem rechten Auge über die Schläfe in das fuchsige Haar lief, blau und orange. »Nach meinem Befinden?« stammelte er, »nach meinem Befinden? wissen Sie, Herr –« »Was, Herr Hinrichs?« Die Herrn Fischer von Westrow und Suhr von Heindorf traten heran, ein paar gutmütige, bescheidene Männer, die Gerhard erst auf dem Waldfeste kennengelernt hatte, und deren Begrüßung er mit besonderer Freundlichkeit erwiderte. Herr Hinrichs hatte nach einem wütenden Blicke sich auf den Hacken umgedreht. »Die Sache gefällt mir hier gar nicht«, sagte Herr Fischer mit halblauter Stimme, »es ist etwas im Werke, das ich nicht verstehe. Hinrichs und Sallentin, die noch vorgestern das Blaue vom Himmel fluchten, weil sie keinen Schilling von ihrem Gelde wiederzusehen bekommen würden, sind heute ganz guter Dinge, als ob sie das Geld schon in der Tasche hätten.« »Mit Stut und Bollmann ist es ebenso«, sagte Herr Suhr. »Sie haben beide darauf angestoßen, daß sie noch mit einem blauen Auge davongekommen wären.« »Ohne vorher ein Glas an den Kopf zu kriegen,« sagte Herr Fischer, den Nachbar lachend in die Seite stoßend. Gerhard lachte aus Höflichkeit ein wenig mit und sagte dann: »Ich verstehe in der Tat die Ängstlichkeit von Herrn Zempins Gläubigern nicht. Mag er immerhin tief verschuldet sein – und wir werden heute wohl erfahren, wie tief er es ist – die Passiva werden doch die Aktiva nicht übersteigen.« »Man kann es nicht wissen«, erwiderte Herr Fischer. – »Retzow ist, wenn der Fiskus den Waldprozeß gewinnt, höchstens hunderttausend Taler wert, obgleich die Außenwirtschaft in gutem Stande ist; denn der Hof muß von Grund aus neu gebaut werden, und überdies gehört es Zempin doch nur zur Hälfte. Kantzow war ein Prachtgut, aber ist es nicht mehr, seitdem Zempin das beste Stück an die Büdner parzelliert; und wie jämmerlich das Inventar und wie es überhaupt heruntergewirtschaftet ist – na, Herr Baron, das wissen Sie so gut wie wir. Man kann es jetzt auch nicht höher als hundert-, höchstens hundertzwanzigtausend Taler schätzen, denn was in den Gewächshäusern und Gärten steckt – das ist zum Fenster hinausgeworfenes Geld. Nun und damit sind wir zu Ende. Das kleine Vermögen, das Frau Zempin von ihrer Mutter hat, gehört ihr zu eigen; für das übrige würde Gütergemeinschaft sein, nur daß sie es man nicht haben, und der Alte auf Swinhöft kann's noch wer weiß wie lange treiben, länger wenigstens, als Zempins Gläubigern lieb ist; und wenn er stirbt, sind Herr und Frau Zempin schwerlich noch unter einem Dache, sie sollen ja wie Hund und Katze leben.« »Ja ja«, sagte Herr Suhr, »und mit so einem Vermögen, wenn es erst einmal ins Wackeln kommt, das ist gerade wie mit unseren Dünen, wo das Meer anlangen kann: jedes Jahr nimmt ein Stück weg, ohne daß man's merkt, und dann kommt einmal eine Sturmflut und geht mit dem Reste in die offene See. Ich kann Ihnen sagen, Herr Baron: bei uns hierzulande steht es mit Hunderten von scheinbar großen Vermögen nicht anders. Glauben Sie mir: für uns kommen schlimme Zeiten, ja, sie sind eigentlich schon da, ohne daß die Herren es wissen.« »Das Schlimmste in Herrn Zempins Fall«, sagte Gerhard, »scheint mir, daß sein Kredit weit über das rechte Maß erschüttert ist.« »Das meine ich gerade«, sagte Herr Suhr, »aber wie kann man jemand beim besten Willen Kredit geben, wenn man keine ordentlichen Bücher führt, infolgedessen den Stand seines eigenen Vermögens nicht kennt, und nicht weiß, ob man nicht in der nächsten Stunde das Geld selbst gebrauchen wird. – Aber wo bleibt Zempin?« Er war soeben mit Vadder Deep in das Zimmer getreten. Es gingen ihm wohl einige – wie Fischer und Suhr – entgegen und reichten ihm die Hand; die meisten aber begnügten sich mit einer Begrüßung aus der Ferne, oder taten, als ob sie sein Kommen nicht bemerkt hätten, wie Herr Sallentin, der in diesem Moment allein am Tische saß und von der kunstgerechten Zerlegung eines riesigen Spickaals ganz in Anspruch genommen schien. Gerhard sagte sich, daß in einer Wirtsstube das Eintreten eines neuen Gastes ungefähr dieselbe Wirkung hervorbringen würde, wie hier das Erscheinen des Hausherrn, auf dessen Kosten man vorgestern auf dem Waldfeste geschwelgt und sich heute wiederum an Speise und Trank gütlich getan. Was die Ähnlichkeit der Situation mit einer Wirtshausszene vollkommen machte, war der Umstand, daß Vadder Deep sich kaum wieder hatte blicken lassen, als alle Welt nach ihm rief. Dem einen sollte er eine frische Flasche, dem zweiten einen Nordhäuser, dem dritten eine Pfeife oder Zigarre bringen; und Vadder Deep hatte für jede der mannigfachen Anforderungen, der an ihn gestellt wurden, dasselbe unbestimmte Lächeln, wie ein alter Kellner, der sich aus seinem Phlegma weder durch Versprechungen noch Scheltreden aufrütteln läßt. Denn auch an letzteren fehlte es nicht: man war es nicht gewöhnt, sich Vadder Deep gegenüber zu genieren. Und wie nun Gerhard ihn mit einem Haufen von Tellern und Schüsseln in beiden Händen an sich vorüberschlurfen sah – während die Regentropfen von vorhin noch in dem dünnen Haar und zwischen den grauen Bartstoppeln hingen – da wollte denn auch ihm der Gedanke, daß dieser stumpfe, von allen gehudelte Mann ein gefährlicher Mensch sei, ganz phantastisch und abenteuerlich erscheinen. Mochte es immerhin sein, daß der alte Maulwurf in seinen krummen, dunkeln Gängen kleinen Vorteilen nachgeschlichen war – mochte er auch geradezu gestohlen haben, wenn die Gelegenheit günstig und die breite Hand mit den plumpen Fingern just den Gegenstand deckte – eine Tat, die Entschlossenheit, Mut und Kraft der Seele und des Leibes forderte, hatte der verkommene, schlaffe Geselle nie getan. Wer immer ihm den Großvater erschlagen – dieser hier mochte den Helfershelfer gemacht haben, aber in dem entscheidenden Augenblicke hatte er sich gewiß auf die Seite gedrückt, wie er sich dort eben, mit seiner Last in den Händen, schräg durch die halb offene Tür auf den Flur drückte. Dort, bemerkte Gerhard, wurden ihm die Teller von einer weiblichen Gestalt abgenommen, in der er Anna Garloff zu erkennen glaubte. Er hatte gehofft, das arme Mädchen heute zu sehen und zu sprechen – es war ein Hauptgrund gewesen, weshalb er Zempins Wunsch, ihn zu begleiten, schließlich doch erfüllt hatte, trotzdem er sich sagen mußte, daß er dem Manne wenig oder gar nichts nützen könne, nachdem er ihn ohne alle und jede Instruktion gelassen, ihn in nichts eingeweiht hatte. Aber wann tat der Mann jemals, was man verständigerweise von ihm erwarten mußte? von welchem Ziele, daß er noch so fest ins Auge gefaßt zu haben schien, ließ er sich nicht durch die nächste leidenschaftliche Wallung nach einer anderen Seite treiben? Gerhard schaute düsteren Blicks durch die trüben Scheiben des Fensters, an dem er, der Gesellschaft den Rücken kehrend, stand, in den verwilderten Garten, dessen verkrüppelte Büsche und vor Alter halb kahle Obstbäume der Wind zerzauste. Ein Mädchen kam aus dem Hause und ging einen Weg hinauf, der erst in gerader Richtung führte und dann sich seitwärts in Büschen verlor, hinter welchen das Mädchen, das einen Korb am Arme trug, verschwand. Es war Anna Garloff. Sein Entschluß war sogleich gefaßt. Hier im Zimmer würde ihn niemand vermissen, kaum sein Hinausgehen bemerken. In der nächsten Minute hatte er Zimmer und Haus verlassen, im Garten denselben Weg verfolgend, den er Anna hatte einschlagen sehen. Er entdeckte sie bald an einer Johannisbeerhecke, von der sie zwischen den nassen Blättern die kümmerlichen Früchte pflückte. Der Wind, der durch die Hecke sauste, hatte sie wohl seinen Schritt überhören machen; sie schaute erst auf, als er in ihrer unmittelbaren Nähe war, und erschrak so, daß sie das Körbchen fallen ließ. Gerhard hob es ihr wieder auf und sagte, indem er sich daran machte, ihr den verursachten Verlust zu ersetzen: »Ich hatte gehofft, Ihnen eine freundlichere Erinnerung zurückgelassen zu haben. Soll ich gehen?« »Ach nein! ich habe so sehr gewünscht, Sie zu sehen! – Fräulein Edith hatte gesagt, Sie kämen gewiß bald einmal wieder herüber.« »Ich wäre früher gekommen, wenn nicht die letzten Tage so voller Unruhe gewesen wären. Aber, liebes Fräulein, wir wollen die kostbare Zeit nicht mit Komplimenten verlieren. Ich habe Ihnen freilich nur zu sagen, daß Sie auf mich rechnen dürfen, soweit meine Kräfte reichen. Ich wollte, das wäre weiter; aber wenn man schweren Kummer hat, wie Sie, ist es schon ein Trost, zu wissen, daß man nicht ganz allein steht. Sie hatten gewünscht, ich solle wiederkommen? So wollten Sie mir etwas mitteilen, mich um Rat fragen – gleichviel – was war es?« Das arme bleiche Mädchen, das, während er sprach, immer so still vor sich hin geweint, schüttelte den Kopf. »Ein paar Tage früher, sagte sie – jetzt ist es ja auch damit vorbei.« »Womit?« »Er kann ihm ja nichts mehr geben, wenn er in Konkurs kommt, wie sie alle sagen.« »Wir müssen das eben abwarten; hoffentlich steht es nicht so schlimm; und wenn alle sich mit weniger begnügen, als worauf sie gehofft oder worauf sie Ansprüche haben, wird Herr Klempe es auch müssen.« »Aber Herr Klempe kommt doch zurück? nicht wahr, er kommt zurück?« In den grauen Augen lag eine unaussprechliche Angst; Gerhard zögerte mit der Antwort. »Dann muß ich sterben«, sagte das bleiche Kind mit tonloser Stimme. »Aber gibt es denn keinen anderen Ausweg, als jene Verbindung, die Ihnen selbst mit Recht so gräßlich ist?« rief Gerhard. »Wer zwingt Sie auf diesen Weg? die Furcht vor dem Gerede der Leute, dem Sie ja doch nicht vorbeugen werden? die Scheu vor Ihrem Vater?« »Mein armer, unglücklicher Vater!« rief Anna schluchzend. »Wenn ich nur sähe, daß Ihr Vater auf diese Weise glücklicher würde! ja, muß er nicht so völlig unglücklich werden? gibt es ein größeres Unglück für einen Vater, als seine Tochter ihr Leben lang in den unwürdigsten Verhältnissen zu wissen? – in Verhältnissen, so trübselig, jämmerlich, so alles Trostes und aller Hoffnung bar, daß der Tod hundertmal vorzuziehen ist?« »Ich will ja auch sterben – und ich wäre schon tot – es ist nur so schwer, so schwer!« Gerhard bereute tief sein unbedachtes Wort. »Mein Gott«, rief er, die schlaff herabhängende Hand des Mädchens fassend; »so dürfen Sie nicht sprechen! so dürfen Sie nicht denken! Ich schwöre Ihnen, daß Sie mich völlig mißverstehen. Ich habe nur sagen wollen, daß Sie unrecht tun, wenn Sie sich vor dem böswilligen Geschwätz der Menschen, vor dem Unwillen, meinetwegen Zorn Ihres Vaters mehr fürchten, als vor dieser Heirat. Die Menschen sprechen sich bald müde; der Zorn eines Vaters erschöpft sich; nur die Gemeinheit ermüdet nie, erschöpft sich nie. Vor dem Los, ein hilfloses Opfer dieser Gemeinheit zu werden, will ich Sie bewahren, nicht in den Tod treiben.« »Was bleibt mir anderes, wenn ich Herrn Klempe nicht heiraten soll? Ich kann so nicht leben!« Ihr weinender Blick irrte an ihrer Gestalt niederwärts; ein in das traurige Geheimnis nicht Eingeweihter hätte wohl schwerlich begriffen, was die Unglückliche meinte. »Sie können so nicht leben, sagen Sie«, erwiderte Gerhard eifrig; »aber einmal drängt es wohl mit der Entscheidung nicht, und sodann, die Welt ist so groß! was Ihnen hier unmöglich dünkt, das wird Ihnen verhältnismäßig leicht werden unter Menschen, die Sie nicht kennen und von denen Sie selbst nicht gekannt sind. Ich denke dabei an meine Heimat; es wird mir nicht allzu schwer fallen, Sie dort in eine Lage zu bringen, die wenigstens erträglich – vielleicht viel – viel freundlicher ist, als Sie jetzt für irgend möglich halten. Sie sind so jung! ich möchte sagen, selbst noch ein Kind!« In der Tat, die regelmäßigen Züge des kleinen Gesichtes waren so unerschlossen, der Ausdruck, trotz alles Leides, so voll hilfloser Unerfahrenheit und kindischer Scheu, aber auch zugleich voll von jenem Eigensinn, der bei Kindern wohl oder übel den Mangel an Einsicht und Charakter ersetzen muß. Gerhard hatte die dunkle Empfindung, daß diese dumpfe Beschränktheit dem armen Kinde feindlicher und verhängnisvoller sein werde, als die Welt, vor der sie sich so fürchtete. Auch hatte sie wohl kaum verstanden, was er gesagt, denn sie wiederholte nur: »Ich kann so nicht leben.« »Weiß denn Ihr Vater darum?« fragte Gerhard. »Um was?« »Daß Sie – heiraten müssen?« »Ich glaube.« »Und den nicht heiraten dürfen, den Sie heiraten müßten?« Das arme Kind wurde totenblaß und starrte ihn mit entsetzten Augen an. »So wissen Sie es?« stammelte sie; »hat er es Ihnen gesagt?« »Wer? Herr Zempin?« Sie schüttelte den Kopf. »Er! er!« »Herr Deep?« »Ja, ja! Er ist ja der einzige, der es weiß; Herr Zempin mußte es ihm sagen – er ist doch ein paarmal hier gewesen – und wer hätte auch sonst mit Herrn Klempe sprechen sollen? Herr Deep hat es Ihnen gesagt?« Gerhard hielt es für das geratenste, die Frage einfach zu bejahen. Er fürchtete, das arme Kind werde wissen wollen, ob Deep aus freien Stücken gesprochen? ob von ihm gefragt? aber dazu waren ihre Gedanken wohl zu verworren. Sie fragte nur wieder: »Herr Klempe kommt zurück?« Gerhard war überzeugt, daß das Mädchen sich das Gräßliche des Gedankens einer Verbindung mit dem rohe Menschen niemals völlig klargemacht hatte, und daß sie sich jedenfalls in diese Gefahr nur stürze, um einer, die sie für noch schlimmer hielt, auszuweichen. Aber bei dem ersten Worte, das er vorsichtig wagte: ob er nicht einmal mit ihrem Vater sprechen dürfe, geriet das arme Kind ganz außer sich: der Vater werde es ihr nie vergeben, daß sie sich mit Herrn Zempin eingelassen; der Vater habe ihr nur ein einziges Mal eine Warnung gemacht: sie solle sich vor Herrn Zempin hüten; der Vater habe ihr nie ein böses Wort gesagt, selbst neulich morgens nicht, als er sie in Tränen getroffen und dann wohl gemerkt habe, wie es mit ihr stehe; und er sei ja schon so grenzenlos unglücklich, und ehe sie ihm das antäte, lieber, tausendmal lieber wolle sie sterben. Und während sie mit vor Schluchzen kaum vernehmlichen Stimme so sprach, liefen ihr die Tränen stromweis über die bleichen Wangen, und der zarte Körper zuckte, daß Gerhard jeden Augenblick fürchtete, sie könnte in Krämpfe verfallen. Der Regen, der etwas nachgelassen, setzte mit erneuter Heftigkeit wieder ein. Anna blickte ängstlich nach dem Hause: Herr Deep, der sie nach den Früchten geschickt, werde sich bereits wundern, wo sie so lange bleibe. Er dürfte sie ums Himmels willen nicht beisammen sehen; Gerhard möchte doch ja noch ein paar Minuten draußen bleiben und auf einem anderen Wege zurückkommen; am besten über den Hof; man gelange aus dem Garten leicht in den Hof. Sie nahm ihr Körbchen, das sie auf die Erde gesetzt hatte, um sich die Augen zu wischen, wieder auf, tat ein paar Schritte und blieb zögernd stehen: »Sie sagen es Fräulein Edith nicht?« »Wenn Sie es nicht wünschen, obgleich Ihr Geheimnis bei Fräulein Edith vollkommen sicher wäre, die so herzlichen Anteil an Ihnen nimmt.« »Nein, nein! sagen Sie ihr es nicht; ich würde mich vor ihr zu Tode schämen; und sie hält so viel von ihrem Onkel: sie würde es gar nicht glauben. Wenn ich tot bin, soll sie dies wiedernehmen – ich habe es von ihr – es ist auch ihr Haar drin – oder nehmen Sie's lieber gleich; es ist sicherer. Bitte, bitte, tun Sie's!« Sie hatte ein kleines goldenes Herz, das sie an einem schmalen Sammetbändchen am Halse trug, abgeknöpft und Gerhard in die Hand gedrückt. Dann war sie um den Busch, hinter welchem sie standen, in den Gang gebogen, der nach dem Hause führte. Eine Blaumeise, die sich still in den Busch gedrückt, schlüpfte jetzt behutsam durch das Gezweig und flatterte schnell davon. »Großer Gott!« dachte Gerhard; »ich glaube, das Vögelchen da hat mehr Mut und Verstand, als das arme Kind. Wie soll dies werden?« Zweites Kapitel. Als Gerhard in das Zimmer zurückkehrte, traf er in der Tür mit einem großen, behäbigen, langsam sich bewegenden und langsam mit breiter, überlauter Stimme redenden Herrn zusammen, der ihm von Zempin, der ihn in Empfang genommen, als Herr Advokat Zinker vorgestellt wurde. »Na«, sagte Herr Zinker, sich im Zimmer umsehend, während er sich den Regenrock auszog und den Wollschal abband, »das ist ja eine große Gesellschaft. Ich möchte nur wissen, wozu die alle gekommen sind; ich wäre nicht gekommen, wenn ich nicht noch in Teschen mit dem Herrn Grafen zu tun hätte.« »Sie schrieben mir das bereits«, sagte Herr Zempin leise. »Sie hätten ruhig zu Hause bleiben können; die ganze Gesellschaft hätte zu Hause bleiben können«, sagte Herr Zinker, ohne seine Stimme zu mäßigen. »Platt und Lüttmann kommen nicht. Sie haben noch herumgeschickt, als ich eben fortfahren wollte. Und ohne Platt und Lüttmann weiß ich wirklich nicht, wozu wir uns die Mühe machen.« »Die anderen Herren haben doch dasselbe Interesse und dasselbe Recht, sich über meine Angelegenheiten zu informieren«, sagte Herr Zempin mit einer höflichen Handbewegung nach seinen übrigen Gästen, die zum größten Teil herangetreten waren. »So?« sagte Herr Zinker; »Sie werden ja sehen – na, dann kann die Geschichte losgehen; ich denke, daß wir nicht lange Zeit brauchen.« Er hatte sich nach dem oberen Ende der Tafel begeben und mit der Rückseite der Hand einige Teller und Gläser weggestreift, die dann Vadder Deep, der ihm gefolgt war, zusammenstellte und vollends abräumte. »Sie könnten mir ein Glas Grog machen lassen, Vadder Deep«, sagte Herr Zinker; »Rotspon tut's heute morgen nicht; von Kognak, Vadder Deep, halb und halb! So, meine Herren, nun können wir meinetwegen anfangen.« Herr Zinker hatte einen Packen Papiere neben sich hingelegt, in denen er zu wühlen begann, während die Herren an der halb abgedeckten Tafel ihre Plätze wieder aufsuchten. Herr Sallentin war noch immer mit dem Spickaal nicht fertig; vor ihm stand eine Schüssel mit den Johannis- und Stachelbeeren, die Anna eben gepflückt. Herr Sallentin befühlte, während er mit der Rechten einen Bissen zum Munde führte, mit der Linken eine und die andere Beere und schien, nach seinem Kopfschütteln zu urteilen, mit dem Resultat nicht zufrieden. »Meine Herren«, sagte Herr Zinker, mit einem Messer an die nächste Flasche klopfend. »Meine Herren! Sie haben heute sehr viel Zeit; ich habe leider gar keine. Sie müssen deshalb entschuldigen, wenn ich mich möglichst kurz fasse und Herrn Bollmann da unten bitte, etwas weniger laut mit Herrn Stut zu sprechen, damit ich nicht so zu schreien brauche – ich bin bei dem Hundewetter schon heiser genug. – Meine Herren! – stellen Sie es man hierher, Vadder Deep! – Sie haben doch gesagt: halb und halb? – ein bißchen Zucker mehr hätte nicht schaden können! – Meine Herren! Herr Zempin-Kantzow hat mich gebeten, einer freundschaftlichen Zusammenkunft zwischen ihm und seinen Gläubigern, behufs genauerer Feststellung des Standes seines Vermögens und Proposition, respektive Entgegennahme von Vorschlägen zu einem eventuellen Arrangement seiner Angelegenheiten – ja, meine Herren, entweder ist dies eine Zusammenkunft von Menschen oder von Hunden – wenn das erstere, wie ich annehme, der Fall, muß ich Herrn Hinrichs dringend bitten, seinen Ponto, der mir hier fortwährend zwischen den Beinen herumkriecht, bei sich zu behalten – wo war ich stehen geblieben? ja so! – zu präsidieren. Ich eröffne hiermit die Versammlung; und indem ich wohl mit Recht annehme, daß Sie über den Stand der Aktiva des Gemeinschuldners wenigstens annähernd unterrichtet sind, wollen wir gleich zur Aufstellung der Passiva übergehen. Ich habe hier eine alphabetische Liste nach den Angaben des Herrn Zempin angefertigt, von der ich nicht schwören möchte, daß sie vollständig ist, und von der ich überdies nur insoweit Gebrauch machen werde, als ich die hier aufgeführten Herren nach Kategorien – was Kategorien heißt? Kategorien heißt: Klassen, Herr Bank; – aber, meine Herren, das muß ich denn doch befürworten: wenn Sie mich fortwährend unterbrechen wollen, werden wir vor morgen früh nicht fertig, und ich habe allerhöchstens eine Stunde Zeit – also: nach Kategorien eingeteilt habe. Und da wollen wir denn mit den Rechnungsschuldnern anfangen, wobei ich aber bemerke, daß ich nur diejenigen Forderungen zulassen kann, bei denen periculum in mora , das heißt, Herr Bank – denn ich sehe Ihnen an, daß Sie wieder fragen wollen, gegen die, wenn sich nicht jetzt oder binnen kurzem bezahlt werden, später der Einwand der Verjährung erhoben werden könnte. Na, und da können wir ja gleich mit Ihnen anfangen, Herr Bank, damit Ihre liebe Seele Ruhe bekommt.« Herr Bank, ein kleiner, kahlköpfiger, zappliger Mann, den Gerhard anfangs nicht bemerkt hatte, war ein Viktualien- und Kolonialwarenhändler aus Gartendamm. Seine Rechnung lief eine ganze Reihe von Jahren und war von einem sehr bedeutenden Betrage. Ihm folgte ein Herr Möller aus Grünwald mit einer Forderung von mehreren tausend Talern für gelieferte Weine; diesem der akademische und Handelsgärtner Herr Hahn, ebenfalls aus Grünwald, dessen spezifizierte, seit vielen Jahren laufende Rechnung mehrere Foliobogen füllte und mit der Araukaria, als letztem Item, und einer Hauptsumme schloß, deren Höhe Herrn Zinker zu der Bemerkung veranlaßte, es werde sich bei näherem Zusehen hoffentlich herausstellen, daß einige von den gelieferten Pflanzen stark in Samen geschossen seien, worauf Herr Hahn erklärte, er sei nicht hierher gekommen, um sich beleidigen zu lassen, und sich kaum durch Herrn Zempins Versicherung beruhigen ließ, daß er die Rechnung ohne jede Prüfung gutheiße und keine lieber bezahlen werde, als gerade diese. Herr Zempin sagte es in seiner höflichsten Weise, wie er sich denn überhaupt bemühte, durch ruhige, würdevolle Haltung den saloppen, ja possenhaften Ton abzuschwächen, in dem Herr Zinker die Verhandlungen führte, und der von der Gesellschaft mit wenigen Ausnahmen nur zu willig aufgenommen und unterstützt wurde. Besonders zeichnete sich in dieser Beziehung Herr Hinrichs aus, so daß Gerhard es nicht länger mit ansehen und anhören konnte. Er nahm den bereits wieder mehr als halb Trunkenen beiseite und erklärte ihm, daß er, als Hausgenosse und Freund Herrn Zempins, ein solches Benehmen keinen Augenblick länger dulden werde; und er hatte die Genugtuung, fast gegen seine Erwartung, den schlimmsten Störenfried zum Schweigen gebracht zu haben, trotzdem er, so laut, daß jedermann es hören konnte, hinter ihm her gerufen: er werde tun, was ihm gefiele und sich durch keinen Baron der Welt darin beirren lassen. Die tätige Teilnahme, zu der ihn die Gegner herausforderten, hatte Gerhards Herz wieder dem Freunde zugewendet, mehr, als er es nach den Erlebnissen der letzten Tage und nun gar nach der Szene eben mit dem unglücklichen Mädchen im Garten für möglich gehalten. Aber auch wohl ohne das hätte er dem Manne in diesem Augenblicke sein Mitleid nicht versagen können. Er hatte zweifellos durch seinen Leichtsinn sich selbst das Gericht, das jetzt über ihn erging, bereitet; aber war es deshalb weniger fürchterlich? trafen die Vorwürfe, mit welchen dieser Gläubiger seine Forderungen begleiten zu müssen glaubte, weniger hart? schnitten die höhnischen Glossen jenes anderen weniger tief? war es nicht eine grauenhafte Demütigung für den stolzen Mann, dies alles in seinem eigenen Hause, an seiner eigenen Tafel erdulden zu müssen von seinen Freunden und Nachbarn, die redlich geholfen hatten, den großherzigen Verschwender in eben diese Lage zu bringen? Fürwahr: diese Stunde durfte als Buße und Entgelt gerechnet werden für so manches, was der Mann gesündigt haben mochte! Die Verhandlung nahm trotz aller Unterbrechungen und Störungen ihren Fortgang; man war bis zu den Schuldverschreibungen und Wechselschulden gelangt; die Herren Fischer und Suhr hatten eben erklärt, daß sie mit ihren Forderungen nur in dem Falle vorgehen würden, falls von den anderen Gläubigern ein wirklicher Konkurs beschlossen werden sollte, als Herr Zinker, nachdem er einige Minuten in seinen Papieren gekramt, Herrn Suhr unterbrechend und zum Überfluß wieder einmal an die Flasche klopfend, sagte: »Die Sache ist nämlich die, meine Herren, daß von anderen Gläubigern seit gestern eigentlich nicht mehr die Rede sein kann, weil die Herren Platt und Lüttmann, die, wie Sie wissen, mit zirka zwanzigtausend Talern für sich partizipieren, außerdem aus Gründen, die ich nicht kenne und die mich auch nichts angehen, alle übrigen, mir bis jetzt bekannten Forderungen infolge von gestern auf meinem Bureau abgeschlossenen Verträgen an sich gebracht haben: namentlich die Schuldverschreibungen im Besitze der Herren Sallentin, Hinrichs, Bollmann und Stut, im Gesamtbetrage von zweiundzwanzigtausendfünfhundert Talern. Dazu kommen die Restkaufgelder der Büdnereien im Betrage von dreißigtausend, die Herr Zempin schon seit fünf Jahren bei Platt und Lüttmann verpfändet hatte, nebst den aufsummierten Zinsen; dazu – na, was ist denn das?« – Herr Zinker, der fortwährend in seinen Papieren gekramt, hatte einen größeren Brief in die Hände bekommen, den er vorher nicht beachtet haben mußte. Wenigstens besah er denselben nach allen Seiten, ehe er ihn erbrach, indem er dabei einige unverständliche Worte murmelte. Die Nachricht, daß Platt und Lüttmann eine Reihe der wichtigsten Posten aus völlig unbekannten, ja unerfindlichen Gründen aufgekauft, war für den bei weitem größeren Teil der Gesellschaft so überraschend gewesen, daß in dem Moment, als Herr Zinker jenen großen Brief fand und erbrach, um den ganzen Tisch herum tiefes Schweigen entstanden war, während aller Blicke an Herrn Zinker hingen, erwartend, daß der, wenn er die Lektüre des Briefes beendet, die unterbrochene Aufzählung fortsetzen werde. Aber Herr Zinker schien mit dem Briefe nicht fertig werden zu können. Er las ihn ein-, zweimal durch – drehte ihn um, besah die Adresse, rieb sich die Augen, las zum dritten Male und ließ die Hand, worin er den Brief hielt, langsam auf den Tisch sinken, murmelnd: »Na, das ist denn doch gerade, als ob man eins mit der Axt vor den Kopf kriegte.« Das Staunen, der Schrecken, die sich auf dem Gesichte des Mannes ausprägten, waren so intensiv, daß für den Moment niemand zu fragen wagte. Gerhard blickte Herrn Zempin an, neben dem er saß; Herr Zempin zuckte die Achseln und sagte: »Nun, Herr Advokat, Sie sehen, wir sind sehr gespannt.« »Vadder Deep!« rief Herr Zinker, plötzlich aus seiner Betäubung aufwachend, überlaut: »Vadder Deep! bleiben Sie doch mal einen Augenblick hier!« Vadder Deep, der einen hohen Haufen Teller, den er aufeinander gebaut, eben in die Arme genommen hatte, setzte seine Last wieder hin und blinzelte den Advokaten über die Länge des Tisches an. »Die Sache, meine Herren«, sagte Herr Zinker mit einem Tone der Stimme, der völlig anders klang, als in dem er bisher gesprochen, »ist die, daß ich hier etwas habe, was mir erst heute morgen kurz vor meiner Abfahrt von meinem Kollegen, dem Rechtsanwalt Mohr, überschickt wurde, als auf unsere heutige Versammlung bezüglich, ich aber erst jetzt lese, weil ich es für unwichtig hielt. Nun aber ist es von einer Wichtigkeit – von einer – ja, meine Herren, wenn es nicht ein aus dem Bureau meines Kollegen hervorgegangener und mit Beobachtung aller Formen aufgenommener notarieller Akt wäre – nun, meine Herren, ich würde und müßte glauben, daß sich einer von Ihnen einen nebenbei recht schlechten Spaß mit mir gemacht. Da diese Möglichkeit ausgeschlossen ist, bleibt mir nichts übrig, als Ihnen mitzuteilen, daß gestern, laut notariellem, hier abschriftlich in meinen Händen befindlichem Vertrag, die Herrn Platt und Lüttman ihre sämtlichen Forderungen welcher Art und unter welchen Rechtstiteln immer zediert haben an Herrn Christian Dietrich Deep, zurzeit in Retzow. Zugleich meldet Herr Rechtsanwalt Mohr, im Namen seines Klienten, des Herrn Christian Dietrich Deep, auf Grund von Vorschüssen, die er zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Posten aus seiner Privatkasse dem Herrn Zempin gemacht, eine Forderung im Gesamtbetrage von fündundzwanzigtausend Talern an den Gemeinschuldner an, wobei er sich zugleich zur Vorlegung der Rechnungsbücher erbietet, zu deren Erläuterung die Abschrift eines Vertrages beigefügt ist, laut welchem Herr Johann Zempin auf Kosenow im Jahre 1840, also bereits vor vier Jahren, zur Ausgleichung von anerkannten Schuldforderungen seine Besitzrechte der ideellen Hälfte von Retzow an Herrn Christian Dietrich Deep abgetreten hat. Ich frage nun den hier anwesenden Herrn Deep: verhält sich das alles so?« In dem weiten Gemache hörte man keinen Laut, als das Klopfen des Regens gegen die Scheiben. Aller Augen waren auf den Mann geheftet, der noch immer an dem unteren Ende der Tafel hinter dem Haufen Teller stand. In dem verschwommenen Gesichte zuckte keine Miene, die kleinen grauen Augen unter den dicken Lidern blinzelten schläfrig wie immer; um die breiten Lippen irrte das alte öde, halb blödsinnige Lächeln. Man sah nicht, daß sie sich bewegten, man hörte nur die mehlige Stimme sagen: »Wenn das da geschrieben steht, so wird es sich ja auch wohl so verhalten.« Er hatte die Teller aufgenommen und schlurfte mit seiner Last nach der Tür des Zimmers hinaus. Bis dahin hatte sich niemand geregt; man hatte kaum zu atmen gewagt. Jetzt blickte der Nachbar den Nachbar an, schweigend: was man da gehört war so ungeheuerlich, so völlig unglaublich, undenkbar – hatte man denn geträumt? Stand die Welt auf dem Kopfe? war das eine Weinflasche? waren dies die eigenen Hände? Ein neuer fürchterlicher Guß prasselte gegen die Scheiben; die alten, morschen Fenster klapperten; eines sprang auf und klirrte draußen in Scherben; ein Windstoß sauste herein, die Papiere des Advokaten flogen im Zimmer umher; die Tür, die Vadder Deep halb offen gelassen, schlug donnernd zu – alle waren von ihren Sitzen aufgefahren; man sprach, man schrie durcheinander, ohne daß einer darauf geachtet hätte, was der andere sagte. Was konnte der andere auch anderes sagen, als daß dies unerhört, daß so etwas noch nie dagewesen, daß Vadder Deep der größte Schurke sei, den die Welt gesehen. Die breite Stimme des Advokaten übertönte den Lärmen. »Meine Herren, mit dem Schreien kommen wir nicht weiter! Übrigens bin ich selbst der Meinung, daß wir die Versammlung aufheben. Meine Herren: ich hebe hiermit die Versammlung auf!« Es hatten sich verschiedene an Herrn Zinker herangedrängt, seine Ansicht über den skandalösen Fall zu vernehmen: das könne unmöglich mit rechten Dingen zugegangen sein; von einer Sache, die offenbar so planvoll vorbereitet, müsse er – der Advokat – doch eine Ahnung gehabt haben! warum er denn kein Wort habe verlauten lassen? Herr Zinker, der, als langjähriger Anwalt Herrn Zempins, das Gewicht dieser Vorwürfe fühlen mochte, zuckte zuerst die Achseln und nahm, als man weiter in ihn drang, zu seiner allbekannten und gefürchteten Grobheit seine Zuflucht: man solle ihn in Teufels Namen ungeschoren lassen! Die Herren möchten die Nasen in ihre eigenen Angelegenheiten stecken, wo sie voraussichtlich manches finden würden, was sie lieber nicht fänden! »Ist dies etwa nicht meine Angelegenheit?« schrie Herr Sallentin; »würde ich gestern – übrigens auch auf Ihre spezielle Veranlassung – an Platt und Lüttmann mit Damno zediert haben, wenn ich gewußt hätte, daß sie an demselben Tage weiterzedieren würden und noch dazu an Vadder Deep, der die eine Hälfte von Retzow schon seit Jahren in der Tasche hat und die andere nun gewiß festhalten wird? Und Sie wollen mein Freund sein?« »Der Teufel ist Ihr Freund!« schrie Herr Zinker, mit der Faust auf den Tisch schlagend. »Und wenn Sie jetzt nicht –« Herr Sallentin zog sich sehr schleunig hinter den ihm assistierenden Herrn Lindblad zurück. Der Advokat stülpte den Hut auf, nahm seine Akten zusammen und verließ das Zimmer. Sein Fortgehen war das Signal zu einem allgemeinen Aufbruch. Man konnte sich ja unterwegs weiterbesprechen und weiterzanken, denn das verworrene allgemeine Gespräch war bereits in einen nicht minder verworrenen Zank ausgeartet, der in kleineren Gruppen mit Aufbietung aller Stimmittel geführt wurde. Es währte keine Viertelstunde, als Zimmer und Haus verlassen waren und der letzte Wagen über das fürchterliche Pflaster des Hofes davonrollte. Während dieser ganzen Zeit hatte Herr Zempin dagesessen, ohne von dem Lärmen um ihn her die mindeste Notiz zu nehmen, ohne auch nur einmal die gesenkten Augen zu erheben, starr vor sich hinblickend, wie ein völlig Abwesender, ja Betäubter oder Sinnloser, nur daß die Farbe auf dem Gesicht kam und ging und von dem entsetzlichen Kampfe Kunde gab, der hinter der breiten Stirn, in der mühsam sich hebenden und senkenden mächtigen Brust tobte. Gerhard, der keinen Blick von ihm verwandte, hatte jeden Moment gefürchtet, es werde dieser grauenhaften Ruhe urplötzlich ein grauenhafter Ausbruch folgen, und dann – das wußte er – standen Menschenleben auf dem Spiel. Aber war es Klugheit, war es Zufall – von denen, die den Mann vorgestern und auch heute wieder am schwersten gereizt hatten, kam niemand in seine Nähe, und daß Vadder Deep sich nicht würde blicken lassen, wußte Gerhard. Er war hinausgegangen, um das Anspannen zu befehlen; als er wieder in das Zimmer kam, saß Herr Zempin noch immer in unveränderter Stellung. Nicht ohne ein geheimes Grauen trat er an den Regungslosen heran: hatte er es mit einem Wahnsinnigen zu tun? Würde dieser Wahnsinn sich zuerst gegen ihn wenden? Und in der Tat lag in dem Blicke, den der unglückliche Mann jetzt auf ihn richtete, nachdem er seine Meldung, daß der Wagen vorgefahren sei, ein paarmal wiederholt, etwas, das seinen Verdacht zu bestätigen schien: eine trübe, gläserne Starrheit und durch die Starrheit hindurch ein unheimliches, seitwärts schielendes Funkeln, wie im Auge eines wilden Tieres. Das: »Ich danke Ihnen!« kam ganz mechanisch-tonlos heraus, und mechanisch-steif waren die Bewegungen, als er sich nun erhob und, ohne sich umzusehen, nach der Tür schritt. Er hatte die Mütze auf dem Tische liegen lassen und wäre barhaupt in den Wagen gestiegen, wenn Gerhard sie ihm nicht geholt hätte. Sollte er das unheimliche Schweigen brechen? Ein einziges Wort, das noch nicht einmal unbedacht zu sein brauchte, konnte die stille Wut entfesseln. Denn daß es nicht Betäubung war, was den Mann stumm und starr in der Wagenecke sitzen ließ, wie er vorhin am Tisch gesessen – zeigte das fortwährende Zucken der vollen Wangen und die Blutstropfen, die von der starken Unterlippe, an der die Zähne unablässig nagten, über das massive Kinn liefen. Waren das bereits die Weiden auf der Schneide zwischen Retzow und Kantzow? Unmöglich! und doch; links war die große, halb abgemähte Weizenbreite, auf der heute weitergemäht werden sollte. Auch tauchten in der Entfernung hinter den verregneten Hocken die Köpfe von Arbeitern auf; aber es waren viel weniger, als auf dem Platze hätten sein müssen, kaum ein Dritteil der Leute; entweder hatte der Unterinspektor wieder einmal den Befehl falsch verstanden, oder die Leute hatten die Arbeit verweigert. Während Gerhard noch so bei sich dachte und froh war, daß Herr Zempin wenigstens diese Unordnung nicht bemerkte, fiel sein Blick an der breiten Brust des Mannes vorüber durch das andere Wagenfenster, und er erschrak. Über eine große Kurve, die der Weg an dieser Stelle machte, sah er auf der Weizenbreite zur Rechten, die bereits abgemäht war, und von der man des bösen Wetters wegen nicht hatte einfahren können, sämtliche Gespanne halten, einige noch leer, ein paar bereits halb geladen, um die Gespanne herum eine dichte Schar von Leuten; aus der Schar herausragend einen Reiter auf einem Schimmel, der unter Gestikulationen zu den Leuten zu reden schien. Der Reiter konnte nur Klempe sein. Die Gespanne und der Menschenhaufen befanden sich auf dem Acker, aber dicht am Wege; in wenigen Minuten mußte der sehr rasch fahrende Wagen an der Stelle sein, wenn sie auch für den Augenblick infolge der durch die Kurve bedingten Richtung seinen Blicken entzogen war. »Ich sehe da«, sagte er, »Klempe ist zurück. Er scheint allerdings gleich eine seiner gewöhnlichen Dummheiten angerichtet und die Wagen herausbeordert zu haben; aber es ist gewiß geraten, daß Sie den Mann vorderhand gewähren und fünf gerade sein lassen.« »Was sagen Sie?« Gerhard wiederholte seine Worte, indem er einen noch größeren Nachdruck auf die Warnung legte und hinzufügte: »Um des armen Mädchens willen!« Herr Zempin war, wild um sich blickend, aus seiner Ecke in die Höhe gefahren; er hatte entweder nicht gehört oder nicht verstanden, was Gerhard gesagt. Plötzlich tauchten rechts die Fuhrwerke und Menschen auf, der Wagen blieb vor irgend einem Hindernis im Wege stehen; in demselben Moment hielt Klempe am Schlage, mit lauter, bis zur Unverständlichkeit heiserer Stimme gegen die Insassen perorierend und mit dem Stiele seiner Reitpeitsche gegen das Fenster fuchtelnd. Hinter ihm her drängten die Leute, zum größten Teil ebenso betrunken wie der Oberinspektor, und ebenso wie er schreiend und gestikulierend. Der von dem Lärmen geängstigte und schlecht gelenkte Schimmel drängte gegen den Wagen; die von dem Peitschenknopf getroffene Scheibe klirrte in Scherben – mit einem dumpfen Wutschrei hatte Zempin Schlag und Fenster aufgestoßen und war aus dem Wagen gesprungen, Klempe entgegen, dem Schimmel mit beiden Händen in die Zügel fallend, das Tier, trotzdem es sein Reiter, ihm die Pfundsporen in die Flanken schlagend, vorwärts trieb, mit so furchtbarer Kraft zurückstoßend, daß es in die Hinterbeine sank. Klempe hieb mit dem schweren Peitschenstiel auf den bloßen Kopf des Riesen, aber schon im nächsten Moment war er an der Brust gepackt, aus dem Sattel gerissen, niedergestoßen in den Schmutz des Weges und mit einem Fußtritt in den Graben an der Wegseite geschleudert. Das rettete dem Elenden wohl das Leben; denn, über den Graben setzend, stürzte sich der Wütende den Leuten, die, auf ihre Menge vertrauend, trunkenen Mutes ihrem Führer zu Hilfe eilen wollten, entgegen, in den dichtesten Haufen springend, zwei, die er zu gleicher Zeit in den Nacken gegriffen, aneinanderschmetternd, daß die Armseligen für tot zusammenbrachen, und dann, eine Furke schwingend, die er irgendwem entrissen, niederrennend, zu Boden schmetternd, wer ihm immer in den Weg, in den Bereich der gewaltigen Hände kam. Mehr sah Gerhard nicht; denn nun hatte er selbst sich seiner Angreifer zu erwehren. Daß man ihn durchaus nicht schonen wollte, bewies der Ausdruck der brutalen Gesichter seiner Angreifer, bewiesen die Rufe, mit denen sie einander anfeuerten: »Schlagt den adligen Hund tot! schlagt dem Baron die Pfanne ein!« – Aber sei es, daß es zufälligerweise weder die Stärksten, noch die Verwegensten waren, die sich an ihn gemacht; sei es, daß das Wüten des Riesen, der sich jeden Moment zu ihnen wenden konnte, den Mut der Menschen doch etwas lähmte – Gerhard, der den Stiel einer Sense als Waffe gefunden und an einem der Wagen eine gute Rückendeckung hatte, vermochte wenigstens sich zu behaupten, wenn er auch fühlte, daß seine abnehmende Kraft einer so unerhörten Anstrengung nicht mehr lange gewachsen sein würde. Schon ging sein Atem schwerer und schwerer, schon begannen die Arme zu erlahmen und die Finger steif zu werden. Er sagte sich, daß, wenn es ihm beschieden sei, sein Leben in einem so elenden Kampfe zu verlieren, er es wenigstens teuer verkaufen wolle und holte eben zu einem mächtigen Streich gegen den baumlangen Kerl, der sein schlimmster Gegner war, aus, als plötzlich ein Geschrei ertönte: »Jungs, lauft, lauft!« – und die ganze Meute, von ihm ablassend, über das Feld davonstürzte, sich nach allen Richtungen zerstreuend, während ein paar berittene Gendarmen, die eben des Weges gekommen sein mußten, die Fliehenden mit gezogenem Säbel verfolgten, einen und den anderen niederritten und ein paar Versprengte in Haft nahmen. Von Klempe und seinem Schimmel war nichts mehr zu sehen. Hofknechte, die sich am Kampfe nicht beteiligt, aber den Bedrängten auch nicht beigestanden, und die jetzt, nachdem der Sieg sich für die Herren entschieden, sehr unterwürfig taten, sagten, daß der Oberinspektor sich alsbald aus dem Graben aufgerafft, sein Pferd, das einer von ihnen festgehalten, bestiegen und auf dem Wege nach Retzow in Galopp davongeritten sei. Sie hätten den schlechten Menschen nicht festhalten wollen; es sei ja wohl ein Glück, wenn er sich nicht wieder in Kantzow sehen lasse. Gerhard war auf Herrn Zempin zugetreten, der seine fürchterliche Waffe weggeworfen hatte und nun, schwer atmend, dastand, mit der nach allen Seiten um das mächtige Haupt sich sträubenden Mähne und den rollenden, blutunterlaufenen Augen einem Löwen gleichend, dem die Beute entflohen. »Das kam mir gelegen!« rief er; »ich denke, ich habe ihnen gezeigt, daß ich noch Herr bin! Aber, was ist denn mit Ihnen? hat man sich auch an Ihnen vergriffen? Sie sind ja verwundet!« »Es kann nicht von Bedeutung sein«, erwiderte Gerhard, der jetzt erst das Blut bemerkte, das ihm von der Stirn über die Wange herabtropfte; »ich fühle wenigstens nichts. Lassen Sie uns lieber nach den Leuten da sehen!« An einer der nächsten Hocken lehnten, augenscheinlich schwer verwundet, zwei oder drei Menschen, um die einige andere beschäftigt waren; Gerhard war im Begriffe, dorthin zu gehen, als Zempin ihn am Arme ergriff: »Zum Teufel, Herr, mit Ihrem zärtlichen Herzen! lassen Sie die Kerls die Suppe ausessen! und erlauben Sie, daß ich für Sie sorge: Sie scheinen es zu bedürfen.« Gerhard hörte die Worte, aber wie aus weiter Ferne, und dann hatte er durch die Dämmerung, die sich plötzlich über seine Augen senkte und die er vergeblich abzuschütteln suchte, nur verschwimmende Bilder von Herrn Zempin, der in der anderen Ecke des Wagens saß und sich wiederholt zu ihm herüberbog, trotzdem aber manchmal an dem entgegengesetzten Ende der Weizenbreite zu sein schien, die an dem zerbrochenen Fenster mit den wie Spreu durcheinanderwirbelnden Hocken vorübertanzte. Ein paarmal wollte aus der Dämmerung völlig Nacht werden; aber er vermochte doch, als der Wagen vor dem Hause hielt, ohne die Hilfe, die ihm Herr Zempin bot, auszusteigen; mußte sich dann aber freilich sofort an den Türpfosten lehnen, da sich alles um ihn im Kreise zu drehen begann. Ein durchdringender Frauenschrei, der hinter ihm ertönte, brachte ihn alsbald zu sich; sich wieder umwendend, sah er Julie, die schreckensbleich, mit weit ausgestreckten Händen mitten auf dem Flure stand. Zugleich kamen von rechts und links aus dem Salon und Speisezimmer Anton und ein ihm unbekannter Herr herausgestürzt, Anton auf ihn zu, während der Herr Julie in seinen Armen auffing, gerade als Herr Zempin in die Haustür trat, rufend: »Das ist so Frauenzimmermanier, ohnmächtig zu werden, wenn andere Leute der Hilfe bedürfen! lassen Sie meine Frau nur den Mädchen, Doktor, und sehen Sie nach dem Herrn hier!« Gerhard protestierte; der Doktor geriet in Verlegenheit; Herr Zempin tobte; Gerhard eilte, der Szene, zu der jetzt auch die Mägde herbeiliefen, ein Ende zu machen, indem er Antons Arm nahm und sich von ihm auf sein Zimmer führen ließ. Drittes Kapitel Gerhard erwachte auf seinem Sofa aus einem unruhigen Schlafe. Er hatte sich hartnäckig geweigert, zu Bett zu gehen, obgleich der Doktor dringend dazu geraten. Ich habe keine Zeit, krank zu sein, hatte er bei sich gesagt, und das war auch sein erster Gedanke, wie er jetzt, bei dem matten Lichte der verhängten Lampe, die, als er einschlief, noch nicht gebrannt, nach der Uhr sah. Er erschrak – beinahe zehn! So hatte er über vier Stunden geschlafen: was mochte während der langen Zeit nicht alles geschehen sein! etwas Gutes sicher nicht! kam doch das Schlimme jetzt Schlag auf Schlag! Und Edith, die ihn heute nachmittag vergeblich erwartet, war nun sogar ohne Nachricht geblieben! konnte er nicht das wenigstens noch ins Werk setzten? Er hatte sich erhoben und versuchsweise einen Gang durch das Zimmer gemacht. Er fühlte eine große Mattigkeit in den Gliedern und eine peinliche Schwere und Dumpfheit im Kopfe; doch auch das würde sich wohl verlieren. Der Arzt hatte versichert, die Wunde habe nichts zu bedeuten: eine tüchtige Schramme, die bereits zu bluten aufgehört; es sei die Erschütterung von dem Schlage, die allerdings beachtet sein wolle, aber ebenfalls nach der nötigen Ruhe sich verziehen würde. Wenn der Mann nur zugleich gesagt hätte, wie ich die finden soll! murmelte Gerhard. Es tastete an der Tür; Anton kam herein, auf den Fußspitzen, verwundert, das Sofa leer zu finden, und sehr ungehalten, als ihm der Freund nun aus dem dunkeln Hintergrunde des Zimmers entgegentrat. »Es ist ein Elend mit dir«, rief er; »erst willst du nicht zu Bett, dann bleibst du nicht einmal auf dem Sofa. Und ich war so froh, als ich dir vorhin die Lampe brachte, daß du fest schliefst. Ich bin allerdings wie ein Mondenstrahl still aus und ein geschlüpft.« »Ich hätte dich gern als Mondenstrahl gesehen«, sagte Gerhard. »Gott sei Dank, daß du wenigstens noch Witze machen und lächeln kannst«, erwiderte Anton seufzend; »ich kann es nicht mehr. Oh, diese Welt! ich glaube jetzt sicher, sie geht unter. Wie soll eine Welt existieren, auf der es nur noch Verrückte gibt, wenn ich mich und zur Not dich ausnehme. Dich freilich nur, falls du dich sofort von mir zu Bett bringen läßt.« »Ich will es tun, sobald ich einen Brief geschrieben, den du mir auf jeden Fall besorgen mußt – nach Kosenow.« »Ist nicht mehr nötig. Es war bereits vor drei Stunden von dort jemand – nun, mit einem Worte: man war hier, um sich zu erkundigen. Die Geschichte war schon nach Kosenow gekommen, natürlich mit den nötigen Übertreibungen. Es schien, man hat dich mindestens für halbtot gehalten; man war sehr aufgeregt und nur mit einiger Mühe davon abzubringen, dich selbst aufzusuchen und sich zu überzeugen, daß man von uns nicht belogen werde.« »Von uns?« »Von Herrn Zempin und mir. Man ist mit Herrn Zempin noch eine Stunde allein gewesen; dann ist man wieder fortgefahren.« »Man? weshalb sagst du nicht: Fräulein Edith?« »Nun eben!« sagte Anton; »aber jetzt tu mir die Liebe, Alter, und laß dich zu Bett bringen!« Gerhard, der sich aufs Sofa geworfen, antwortete nicht. Edith war ihm so nahe gewesen, er hatte sie nicht gesehen! Was mochte sie mit ihrem Onkel besprochen haben? Hatte sie ihn ins Vertrauen gezogen? ihm alles gesagt? sie hielt so viel von ihm! und, wenn man Julie glauben durfte, er von ihr! Und doch! es war ein unerträglicher Gedanke, daß jemand, es sei auch, wer es sei, das Heiligtum seiner Liebe betreten sollte! Anton hatte sich Gerhard gegenüber an den Tisch gesetzt, bald den Freund verstohlen anblickend, bald seine gefalteten Hände betrachtend, zwischendurch leise seufzend und langsam den Kopf schüttelnd. »Höre!« sagte er, plötzlich das Stillschweigen unterbrechend, »da du doch einmal nicht zu Bett gehen willst und auch soweit schon ganz hübsch grimmig zu sein scheinst, was immer ein gutes Zeichen ist – auf die Gefahr hin, daß du mir noch besonders bös wirst: bleib nicht länger hier in Kantzow, als unbedingt nötig! Na, ich dachte es doch, daß du in die Höhe fahren würdest! können denn ein paar alte Freunde und exzeptionell vernünftige Menschen nicht in aller Ruhe über so etwas sprechen! Sieh, Alter, du sagtest am ersten Abend – weißt du noch? – ich müßte von hier fort, das sei kein Aufenthalt für mich; hier ginge ich zugrunde. Ich sage heute nicht mehr, daß du unrecht hast. Und ich bin hier wenigstens dick und rund geworden, während du zusehends abmagerst, daß es ein wahrer Jammer ist und für mich ein Beweis, wie spottschlecht dir das Klima bekommt, oder die Kost, oder der Rotspon, der entschieden für dich zu schwer ist. Wenn es nun noch bis zum Herbst so fortginge, würdest du keinen Schatten mehr werfen. Und dann, ganz offengestanden: diese Gesellschaft ist nicht deine Gesellschaft, ich meine, die du haben mußt, wenn du dich wohlfühlen sollst: Zyklopen, sage ich immer, Zyklopen! keine Menschen! von unsereinem kann der zehnte erst die Steine vertragen, mit denen sie um sich werfen. Und mein runder Plebejerschädel ist zehnmal härter, als dein ovaler Aristokratenkopf. Nimm zum Exempel ein solches Ungetüm, wie meinen Freund Hinrichs, mit dem ich ganz vortrefflich zurechtkomme, während du mit ihm heute morgen ja wohl schon wieder aneinandergeraten bist, wie vorgestern mit ziemlich der Hälfte von allen den jungen Herren, die leicht noch schlimmer sind, als die alten. Und wie die Herren, so die Knechte. Du bist zu gut gegen die Kerls, hundertmal zu gut! daran sind die groben Klötze nicht gewöhnt, sie vertragen es nicht; sie vertragen nur eben so grobe Keile, und wenn sie jemand nicht keilt, wollen sie ihn wenigstens zum Dank dafür totschlagen: du hast's heute an dir selbst erfahren, und was heute nicht geschehen ist –« »Mit einem Worte«, rief Gerhard, den Freund unterbrechend; »Herr Zempin wünscht, daß ich gehe!« »Nun gar!« erwiderte Anton, »Wie kommst du darauf? das ist ein ganz absonderlicher, ein ganz wunderlicher Gedanke.« Anton blickte dabei an dem Freunde vorbei, und seine Stimme, die von Anfang an nicht sicher gewesen war, zitterte hörbar. »Wunderlich oder nicht: ich will es wissen, und auf der Stelle! in genau denselben Ausdrücken, in denen du deinen Auftrag erhalten hast!« »Ausdrücken – Auftrag!« erwiderte Anton; »ich habe keinen Auftrag.« »So doch einen Wink, den ich zur Not auch verstehe – zum Teufel, Mann; ich bin nicht in der Wartelaune!« »Ich gebe dir mein Ehrenwort, ich habe keinen Auftrag, auch keinen Wink bekommen, den ich an dich weitergeben sollte. Was ich vorbringe, dafür darfst du niemand als mich verantwortlich machen. Freilich, wenn du so auf mich einfährst, tut es mir leid, daß ich überhaupt angefangen.« »Ich bitte dich um Verzeihung; du sollst nicht wieder über mich zu klagen haben. Aber dann mußt du mir reinen Wein einschenken. Was du bis jetzt vorgebracht, waren nur Scheingründe.« »Scheingründe nennst du das«, rief Anton entrüstet, »solche balkenverklammerte Gründe, wie Aristophanes sagt! höre, du bist schwer zu befriedigen! Das heißt – ich habe allerdings noch ein paar andere, mit denen ich aber – unter uns – nicht gern herausrücke, weil – indessen – wenn du durchaus willst: Alter, ich bin jetzt positiv davon überzeugt: Zempin ist auf dich eifersüchtig. Ob mit Recht oder Unrecht – na, Gerhard, wir sind allzumal Sünder und saufen Unrecht wie Wasser, sagt die Schrift – ich würde wie Rotspon gesagt haben, aber das ist Geschmacksache – und daß Frau Julia eine entzückende Dame ist – ei, Alter – das zu sehen, dazu braucht man nur überhaupt Augen im Kopfe zu haben und nicht einmal so hübsche, braune wie du, was hierzulande sowieso eine Seltenheit ist, und in das Seltene sind ja die lieben Weiberchen ohne weiteres wie vernarrt. Auch ein veritabler Baron kommt ihnen nicht alle Tage in die Fingerchen, womit – ich meine mit den Augen und der Baronschaft – ich übrigens deine sonstigen Ehrenqualitäten keineswegs erschöpft haben will – im Gegenteil! wenn ich ein Frauenzimmer wäre, ich würde mich auch in dich verlieben; jetzt danke ich Gott, daß ich dein Freund bin und dich bloß zu lieben brauche. Aber die Frauenzimmer sind einmal euch hübschen Kerlen gegenüber wie die Motten, die ins Licht fliegen. Sie haben dich ja schon alle hier umschwärmt und angeschwärmt, ohne daß du es, glaube ich, gemerkt hast. Nun, und denkst du denn, daß Leute, die, wie Zempin, bisher die Generalpächter der Frauengunst im zehnmeiligen Umkreise waren, so etwas ganz gelassen ansehen können? und wenn sie auch scheinbar den jungen Sieger auf seinem Triumphzuge mit Teilnahme begleiten oder gar: Evoe, Bacche, Evoe! rufen, nicht im stillen bei sich sagen: der Schwerenöter, wenn er mir nur nicht ins Gehege kommt! Für diese Furcht gibt es für sie keine Assekuranz: sie haben zu oft das sechste Gebot mitsamt dem: Was ist das? verletzt. Unglücklicherweise bist du nun vorgestern beim Feste so schauderhaft liebenswürdig gegen Frau Julia, und gestern abend eine volle Stunde und bei verschlossenen Türen – höre, Alter, ganz unter uns: es war etwas stark, und man braucht gerade kein geborener Vulkan wie unser guter Zempin zu sein, um da ein bißchen Feuer zu speien. Und heute muß die arme Frau wieder gerade auf den Flur kommen, als du in die Tür trittst, und über deinen Anblick in Ohnmacht und Krämpfe fallen und in Gegenwart des Doktors und Salchens und eines halben Dutzend Frauenspersonen ihren eigenen Gatten Mörder! nennen – ich glaube sogar: blutiger Mörder! – na, Gerhard, ganz unter uns: dergleichen würde uns auch keinen allzu großen Spaß machen, besonders wenn mein liebes Salchen ganz in aller Stille das Feuer schürt und von Briefen spricht, die du ihr – ich meine nicht Salchen, sondern Julien – aus dem Bureaufenster zugesteckt haben sollst und was dergleichen Abscheulichkeiten – von Salchen, meine ich – mehr sind. In summa  –« » In summa «, rief Gerhard; »du hast die moralische Überzeugung, daß Herr Zempin mich der Niedertracht fähig hält, ihm zum Danke für seine Gastfreundschaft die Frau zu verführen.« »Hör, du, ich glaube, er traut eher seiner Frau zu, daß sie dich verführt.« »So habe ich die Wahl zwischen dem Schurken und dem Gecken – ich danke für beides.« »Wußte ich; und eben deshalb will ich dich aus dieser verfänglichen Situation herausheben, um so mehr, als ich, ganz ehrlich gestanden, an die Aufrichtigkeit von Frau Julias plötzlicher Leidenschaft für dich noch immer nicht so recht glauben kann; und du also sozusagen für nichts und wieder nichts in das böse Dilemma gerätst. Die Geschichte mit Bagdorf hat zu lange gespielt und ist zu ernsthaft gewesen, und solche Pandorenbüchsen wie Frau Julia haben immer einen doppelten Boden. Versteh mich recht, Alter!« »Ich verstehe dich vollkommen, und du sagst mir leider nichts, worüber ich nicht schon längst klar wäre, obschon ich in den letzten Tagen – gleichviel! ich habe es satt, darüber zu rätseln: ich gehe morgen!« »Nun gar! morgen! so eilig ist es nicht.« »Oder übermorgen – jedenfalls, sobald sich ein anständiger Vorwand finden läßt, den der erste beste Brief gewährt, der für mich kommt.« Gerhard war aufgesprungen und schritt im Zimmer hin und her; er fühlte nichts mehr von Schwäche. Anton war sitzengeblieben, sich abwechselnd bald die linke, bald die rechte Schläfe krauend. Plötzlich sagte er: »Höre, Gerhard, könntest du es nicht so einrichten, daß dabei ein anständiger Vorwand für mich abfiele?« »Ein Vorwand – wozu?« »Mit dir zu gehen.« Er hatte sein Gesicht gewandt und versuchte das alte drollige Lächeln, brachte es aber nur zu einer trübseligen Grimasse. »Was treibt dich auf einmal fort?« fragte Gerhard, der wieder auf dem Sofa Platz genommen. »Wenn ich es mit einem Worte beantworten soll«, erwiderte Anton, »so nenne ich das inhaltschwere: Salchen! – Gerhard, das ist eine furchtbare Person! Ich habe ihr den Brief des Alten gezeigt, sie hat mir dies kostbare Dokument in Fetzen gerissen, vor die Füße geworfen. Und doch, wenn ich hier bleibe, heiratet sie mich – an Händen und Füßen geknebelt, wie weiland König Gunther – aber sie heiratet mich, und dann magst du nach acht Tagen auf meinem Grabe beten, denn länger hielt ich es nicht aus – nein – nicht acht Stunden, keine acht Minuten! Denke dir um Gottes Willen, sie hatte gestern den Schlüssel an ihrer Kommode stecken lassen, wo sie ihre Papiere sorgfältig verwahrt – ich wollte endlich einmal wissen, wie alt sie eigentlich sei – und da fand ich die Bescherung: fünfunddreißig! jawohl, fünfundvierzig ist sie nach dem Taufscheine! und daneben ein verbrauchtes altes Gebiß und einen großen Haufen verfilzter schwarzer Locken! es war entsetzlich!« Anton schauderte wie gestern, als ihm der Larose wie Tinte schmeckte; Gerhard konnte sich trotz seiner trüben Stimmung des Lachens nicht erwehren. »Lache nur«, sagte Anton, »wer wie du Tag für Tag geschwelgt in der Blumen Süßigkeit – hat gut lachen, wenn sich ein armer Teufel, wie ich, in die Nesseln setzt.« »Dann also ernsthaft: hast du ihr positive Versprechungen gemacht?« »Sie behauptet es – aber was behauptet ein solcher ehewütiger Satan nicht! Es ist ein hartes Wort, aber, weiß es Gott, Gerhard: die Person hat den Teufel im Leibe, oder auch mehrere. Sie behauptet, ich hätte dich zu keinem anderen Zweck hierher gebracht, als um mich von ihr loszueisen; behauptet außerdem: ich hätte sie verleitet, ihre fünftausend Taler an Zempin zu geben, während sie es nur getan hat, um Zempin für das Retzower Projekt, mit dem sie sich, wer weiß wie lange trägt, günstiger zu stimmen. Nun soll ich Ärmster vor dem Risse stehen, denn daß ihr Geld mit dem anderen flöten gegangen, ist ja wohl seit heute morgen gewiß. Ich hätte auch heute mit in Retzow sein sollen und ihre Rechte vertreten, sagt sie. Ich! Rechte vertreten! kannst du dir einen solchen Nonsens vorstellen! und gegen Zempin, dessen Tasche mir offen gestanden, solange was drin war, obgleich ich zu meiner Ehre sagen muß, ich habe von dieser Freiheit den bescheidensten Gebrauch gemacht! Und wenn ich wirklich die Wechsel bezahlen soll, die ich für ihn ausgestellt, so sind das starke Prozente, und es war, milde gesprochen, ein wenig kurios von Zempin, mich in eine solche Situation zu bringen. Er leidet an kuriosen Einfällen. Hat er mir doch heute nichts weniger zugemutet, als Anna Garloff zu heiraten!« »Das ist eine Unwürdigkeit«, rief Gerhard erregt. »Dachte ich anfangs auch«, erwiderte Anton, »aber dann dachte ich wieder, ein Ertrinkender klammert sich an das Bein des ersten besten, der in seiner Nähe schwimmt – was ja ebenfalls nicht hübsch ist, weil der Mann sich verständigerweise sagen müßte, daß er sich dadurch nicht rettet und den anderen mit in die Tiefe zieht. Aber, höre, wenn die so schwarzgrün unter einem gähnt, höre – ich glaube, da ist es mit dem Verstande und der Moral und der Delikatesse und all dem Brimborium noch weniger weit her als sonst schon, und die Bestie, die in uns allen steckt, stellt sich auf die Hinterbeine und zerfleischt und zerreißt, wer in ihre Tatzen kommt. Und in dem Manne steckt eine schlimme Bestie, glaube mir, der ich ihn solange kenne: eine gewaltige, gänzlich ungezähmte, die noch immer ihren Willen gehabt hat und sich eine Welt, in der sie ihren Willen nicht hätte, gar nicht vorstellen kann und dann diese Welt gleich in zehntausendmillionen Stücke schlagen möchte. Tyrannennatur – Tyrannenlaune! und worauf verfällt die nicht, um sich Luft zu schaffen! Denke an den verstörten Saul und den holden David! Der hatte auch weiter keine Schuld, als daß er keine hatte, und das war gerade ausreichend, um ihm den königlichen Zorn, respektive Wurfspieß zuzuziehen. Und ein bißchen Schuld hast du sogar: ich denke in diesem Augenblicke nicht an Frau Julia, aber Salchen erzählt mir, du habest gestern morgen mit dem Grafen eine lange Unterredung gehabt – sie hat natürlich an der Tür gehorcht – es ist eine Spezialität von ihr – und da sollt ihr beide ja greuliche Dinge über Zempin gesprochen haben. Salchen will nicht beichten, und ich habe sie mit den fürchterlichsten Drohungen dingfest oder vielmehr mundfest zu machen gesucht, daß sie kein Wort davon an Zempin sagt. Das hieße richtig, Öl ins Feuer des ehelichen Zwistes gießen, und Zempin haßt keinen Menschen wie den Grafen; ich habe immer im stillen gedacht, weil er für sein Leben gern selbst ein Graf wäre, oder ein Fürst, oder König – warum auch nicht: er hat es ja dazu! Oh, Richard, oh, mon roi! Ein Kreuzzug – höre! das wäre so was für ihn gewesen! Assur, Joppes Strand, Askalon, beturbante Sarazenenköpfe, braune Weiberbusen, Schwerterklirren, Lautenklimpern – alles Unsinn, ich gebe es zu – vanitas vanitatum! aber doch im großen Stil, aus dem vollen und nicht aus dieser miserabeln Gegenwart, in der nicht einmal mehr die Haus- und Hofnarren recht gedeihen, geschweige denn die gekrönten! Ach, wahrhaftig, mir tut das Herz weh, wenn ich das so recht bedenke, ich würde weinen, wenn ich mich nicht schämte, und wenn ich nicht so durstig wäre. Du hast wohl nicht noch von gestern – von dem Larose – wahrhaftig, da auf der Kommode! – ein ganz stattlicher Rest! Aber ich darf dich nicht länger wachhalten – es wäre unverantwortlich; können ja morgen weiter deliberieren . Du darfst auf keinen Fall aus dem Zimmer, der Doktor hat es mir doch besonders auf die Seele gebunden. Soll ich dich zu Bett bringen? nein? gute Nacht also! und höre – den Rest nehme ich mit – es ist wirklich schade darum, und meine Zigarren sind auch zu Ende, und ich muß etwas zur Beruhigung meiner Nerven tun.« Der gute, leichtlebige Mensch hatte ihn allein gelassen – allein mit sich und dem Heer von schmerzlichen Gedanken, das noch sein Kissen umschwärmte, als Mitternacht längst vorüber war. Die letzte Mitteilung Antons, daß Salchen seine Unterredung mit dem Grafen belauscht, hatte seine ohnehin schon fieberhafte Aufregung auf das äußerste gesteigert. Sollte der dünne Faden reißen, an dem das Geheimnis hing? sein und Ediths Geschick in der gemeinen Hand eines Salchens liegen? Es war ein furchtbarer Gedanke. Er versuchte, sich seine Unterredung mit dem Grafen ins Gedächtnis zu rufen, die einzelnen Ausdrücke, Wendungen, um sich womöglich zu überzeugen, bei dem schnellen Wechsel der Redenden und dem raschen Tempo, in welchem gesprochen wurde, habe ein Lauscher, der nicht den Sachverhalt bereits kannte, unmöglich ein deutliches Bild desselben gewinnen können. Aber schon ein undeutliches Bild, eine Ahnung der Wahrheit in der Verräterseele dieses Weibes, und es konnte der Funke werden, vor dem er den Grafen gewarnt hatte – der Funke, der das Glück der Zempins in die Luft sprengte. Ach, mit diesem Glücke war es wohl sowieso vorüber, aber gerade das würde ihm die Hände gebunden haben, ganz abgesehen von seiner Liebe zu Edith, seiner herzlichen Teilnahme an Ediths Vater. Schien es ja nun leider gewiß, daß Zempin ihm seine Freundschaft entzogen; daß er seiner eigenen Freundschaft nicht wert – der Mann lag am Boden, verwundet, hilflos trotz seiner Riesenkraft – sollte er ihm, dessen Stolz so tief, so tief gedemütigt war, noch den Gnadenstoß versetzen mit der Kunde, daß der Vater, dessen er sich so rühmte, ein Dieb und Mörder gewesen! das Vermögen der Zempin von vornherein nichts weiter, als eine blutige, mit tückischer Hinterlist und feiger Grausamkeit erraffte Beute? Nimmermehr! es war ihm, als ob er ebensogut selbst einen Meuchelmord hätte begehen können! O schlimme, schlimme Nacht! Wie die aufgescheuchten Gedanken hin und her hasteten in dem verwüsteten Gehirn! Wie es in den Schläfen siedete und hämmerte, mochte er den fieberheißen Kopf auf diese oder jene Seite wenden! Wie die gequälte Brust nach Atem rang! Wie die zuckenden Hände bald die Decke von dem brennenden Körper schleuderten und wieder über die fröstelnden Glieder zogen! Und draußen heulte und raste der Sturm durch den sausenden Park, und der Regen hämmerte gegen die klappernden Scheiben! Wollte es denn nimmer Morgen werden, wenn schon die mitleidslose Nacht keinen Schlaf für ihn hatte! Und endlich kam der Schlaf, aber es war nicht der erquickende, glieder- und kummerlösende – eine trübe Dämmerung nur, durch welche die Gedankenjagd weiterraste, schattenhafter, gespenstiger, fürchterlicher. In lichterlohen Flammen stand das Schloß, auf dessen höchster Zinne Maggie und Lafing tanzten, während er über den Burghof durch die Haufen wütender Knechte, die nach ihm mit Stangen und Sensen schlugen, die gerettete Edith trug, zu der Zugbrücke, die unter seinen Füßen in den Wallgraben sank, in den Teich, in den brausenden See, daß er unsägliche Kraft nötig hatte, den Kopf des geliebten Mädchens über dem Wasser zu halten, bis er plötzlich sah, es war nicht Edith, sondern Anna, als aus dem Chaos ein Scheusal tauchte – Vadder Deep, der mit plumpen Händen an dem Gewande des Mädchens zerrte und zerrte und dabei fortwährend lächelte. Das arme Kind flehte mit todesbangen Blicken zu ihm auf und sank, und er mit ihr tiefer, tiefer, abgrundtief, in purpurne Waldesnacht, in welcher Julie auf schlankem Zelter vor ihm herjagte, sich häufig im Sattel wendend, mit den kleinen Händen winkend. Nun hatte er sie erreicht, er fühlte ihren heißen Atem über seine Stirn wehen, das Wallen des weißen nackten Busens an seiner sich dehnenden Brust; sein lechzender Mund trank ihre Küsse; – sie glitt aus seinen Armen, aus der Zimmertür, durch die er ihr nachstürzte auf den Turnierplatz, an dessen entgegengesetzten Schranken der schwarze Ritter auf mächtigem Rappen hielt, das Visier geschlossen, die Lanze hochgerichtet. Ich fürchte dich nicht! Du bist kein König und kein Ritter; ein schnöder, plumper Bauer, wie dein Vater, und kannst, wie er, nichts als einen wehrlosen Edelmann morden. Hier ist mein Handschuh! Heb ihn auf, wenn du es wagst! Der schwarze Ritter öffnete das Visier: es war Zempin; aber dann war es ein schönere, fremder Mann, den er nie gesehen, und der ihm doch so bekannt und kein anderer als sein Großvater war. Der sah ihn an mit liebevollen Blicken, denen sein Herz entgegenwallte, und mit zornfunkelnden Augen, vor denen sein Herz erbebte, und wies mit der eisernen Hand nach den Schranken, wo auf dem Throne Johann ohne Land saß in preußischer Gardekürassieruniform – Vetter Odo, der sich totlachen wollte, daß er das reiche Erbe nun doch an sich gerissen; und alle die Herren und Damen lachten mit, die Schranken bebten und barsten und krachten zusammen über der heulenden, wimmernden Menge, die nach allen Seiten in den finsteren, blitzedurchzuckten Wald stob, daß nur er und Edith übrigblieben an dem Hünengrabe, unter dem der Großvater begraben lag. Und oben in den grünen Tannen rauschte es feierlich, und er trat zu Edith und sprach. Ich habe jetzt nur dich, sei du mein Weib und erlöse mich und entsühne diese schnöde Welt! Aber Edith schüttelte den Kopf und wies auf den Stein, an dem der Förster lehnte und auf die Worte deutete, die da geschrieben standen. Er wollte die Worte lesen, er vermochte es nicht; je mehr er sich mühte, desto verworrener wurde die Schrift; unendliche Angst ergriff ihn; er wußte, Ediths und sein Glück hing daran, daß er die Worte lesen konnte. Der Falk da oben kann's, sagte der Förster, das ist auch ein Räuber und Mörder – er hatte die Flinte an der Wange, der Schuß krachte – es war nicht der Falke, es war Edith, die er durchs Herz geschossen – Mit einem fürchterlichen Schrei fuhr Gerhard in die Höhe. Viertes Kapitel. Der Morgen graute durch die Fenster, vor denen die Ranken des wilden Weines schwärzlich auf und nieder schwankten. Die Uhr zeigte drei: so mußte der Tag bald kommen. Er würde, wie die letzten, draußen Sturm und Regen bringen und drinnen Sorge und Kummer, aber es war doch nicht die fürchterliche Nacht mit den Schreckensbildern, aus deren Graus sich das geängstigte Herz endlich losgerungen. Er hatte sich vollends erhoben, nicht ohne Mühe. Die Glieder waren steifer und schwerer als gestern, und im Kopfe war es so dumpf und wüst: er taumelte, während er in der Dämmerung nach seinen Kleidern tappte. Er wollte nicht wieder zu Bett gehen; vielleicht noch auf dem Sofa eine Stunde ruhen. Aber er fand keine Ruhe. Sobald er die Augen schloß, huschten durch die Gedanken, die er vergebens festzuhalten suchte, die Spukgestalten seiner Fieberträume; er konnte es nicht länger ertragen; es war ihm, als ob er in der dumpfen Luft des Zimmers ersticken müßte. Er riß das Fenster auf und ließ die kühle, regenschwere Morgenluft um seine heißen, pochenden Schläfen wehen. Sein starrer Blick war nach Osten gewandt, wo sich über den hin und her wiegenden Wipfeln der Parkbäume in den schwarzgrauen Dunstmassen ein mattrötlicher Streifen abzeichnete. Dort hinüber lag Kosenow. Seit jener Nacht hatte er die geliebte Gestalt nicht wieder gesehen, hatte er die süße Stimme nicht wieder gehört; seit jener Nacht, die mit dem Ringe, den sie an ihre Lippen drückte, mit dem Kuß, den die keuschen Lippen auf die seinen hauchten, ihren Bund besiegelt! zwei lange trübe Tage! zwei unendlich grausige Nächte für ihn! für sie! wie sollten sie, wie konnten sie die Pfeile und Schleudern des Geschicks ertragen, wenn sie nicht zusammenstanden? Eines aus des anderen Augen Trost und Hoffnung sog? Eine unendliche Sehnsucht erfaßte ihn: es wäre Verrat gewesen, einen Moment länger zu zögern, sobald ihn nur erst die Glieder wieder trugen. Was Müdigkeit, was Fieber! er war ja jung und stark! wann hatte ihm je der abgehärtete Körper, die vielgeprüfte Kraft der Sehnen und Muskeln den Dienst versagt! draußen, zu Pferde, würde alles besser werden! Der treue Braune hatte sich gewiß schon gewundert, wo nur der Herr so lange blieb. Indem er sich, so gut es in der Dämmerung gehen wollte – er mochte die verlöschte Lampe nicht wieder entzünden – hastig ankleidete, sah er auf dem kleinen Teppich vor seinem Bette etwas liegen, was, als er es achtlos aufnahm, zu seiner nicht geringen Verwunderung eine Damenschleife war – eine blauseidene Schleife, wenn ihn das matte Licht am Fenster nicht täuschte, bei dem er den seltsamen Fund betrachtete. Wie kam die hierher? es war seines Wissens kein weibliches Wesen in seinem Zimmer, an seinem Bett gewesen! Edith? dem widersprach Antons Bericht! Salchen? er wäre wohl der letzte, an dem sie Samariterdienste übte! – Julie? unmöglich! sie durfte es nicht wagen. – Aber hatte ihr hellgraues seidenes Schlafgewand, in dem er sie vorgestern abend gesehen, nicht ebensolche Schleifen gehabt? Wunderlich! Im Traume hatte er sie in seinen Armen gehalten: der Traum war sehr, sehr deutlich gewesen, deutlicher als die anderen, aber Gott sei Dank ein Traum, und Traumgestalten tragen keine Schleifen! Mochte der Himmel wissen, wie die hierher verschleppt war! Er hatte das Band in den Kasten der Kommode geworfen, aus der er sich Wäsche genommen; es war wohl besser, wenn er den Kasten verschloß. In dem stillen Hause, wo in den Korridoren, auf der Treppe noch das Dunkel brütete, knarrten die verzogenen Dielen, die steilen Stufen unter seinen leisen Schritten; die heisere Schelle an der unverschlossenen Haustür hatte einen seltsam lauten Klang. Auf dem Hofe regte sich nichts; vereinzeltes Krähen der Hähne klang dumpf hervor aus entlegenen Winkeln; auf dem Dache des Herrenhauses kreischte die Wetterfahne; Gerhard knöpfte sich schaudernd dichter in den Überrock, während er nach dem Stalle schritt. Ein Mann kam ihm entgegen: es war der Unterinspektor, der sehr verwundert war, daß der Herr Baron schon auf sei: er habe gestern gehört, es stünde mit dem Herrn Baron sehr schlimm. Aber das sei denn um so besser, wenn er sich so schnell wieder herausgemacht; er wisse sowieso nicht, was heute vorgenommen werden solle, und von Herrn Zempin erfahre man nichts. Viel sei freilich nicht zu tun; die fremden Leute hätten sich sämtlich, der größere Teil noch gestern, der andere während der Nacht, davongemacht. Sie fürchteten sich vor der Untersuchung; im Laufe des Nachmittages sei auch schon der Amtsschreiber dagewesen und habe Protokoll aufgenommen. Einige würden wohl schlecht wegkommen; sie verdienten es; aber die Hauptschuld trage der Herr Klempe, der ein Faß Branntwein von Grünwald mitgebracht, eigens, um die Leute betrunken zu machen, denn, was er sonst hier gewollt, habe kein Mensch herausbringen können, nur daß er auf den Herrn wütend gewesen, dem er die schlechtesten Dinge nachgesagt; aber das habe er auch wohl schon früher getan, wenn er seinen Quartalsrausch gehabt, und diesmal habe es so schlimm mit ihm gestanden, wie nie vorher. Herr Wenhak war sehr dienstfertig und wollte durchaus nicht leiden, daß der Herr Baron den Braunen selber sattle. Die Anordnungen des Herrn Barons sollten pünktlich ausgeführt werden; daß der Herr, wenn er zum Vorschein komme, andere Anordnungen träfe, sei nicht anzunehmen. Der Herr könne auch gar nichts Besseres tun, als den Herrn Baron gewähren lassen. Der Braune war gesattelt; Gerhard sagte, er werde in höchstens einer Stunde zurück sein, und ritt davon. An dem Parkwäldchen gabelte sich der Feldweg: geradeaus nach Kosenow, links ab nach Retzow. Gerhard hatte, sich im Sattel wendend, bemerkt, daß Herr Wenhak ihm nachblickte: er schlug den Retzower Weg ein; dann wollte er über die Felder und hernach durch den Wald nach Kosenow reiten. Es war mittlerweile ein wenig heller geworden, trotzdem sich graublaue Wolkenmassen immer dichter vom Osten heraufwälzten und den Morgenstreif am Horizont, der sich jetzt aus einem trüben Rot in trübes Gelb verwandelt hatte, ganz auszulöschen drohten. Es regnete nicht, aber die Luft war naß und schwer; der Wind rauschte in unregelmäßigen Stößen über die Felder, deren zusammengeregnete Hocken den trübseligsten Anblick gewährten. Hie und da schritt ein Storch zwischen den Hocken, langsam, wie verdrießlich über das böse Wetter, und verdrießlich klang das Krächzen der Krähen, die, in unregelmäßigen Scharen vom Walde herziehend, in der schweren Luft von dem Winde hin und her geworfen wurden. Der Braune schüttelte im Trabe die Ohren: er mochte nicht wohl begreifen, was sein Herr eigentlich hier draußen wollte, wo es so viel unbehaglicher war, als in dem warmen Stalle. Auch Gerhard fand die Erquickung des Leibes und der Seele nicht, die er suchte. Er mußte die Zügel anziehen, sein Kopf konnte die heftigere Erschütterung nicht ertragen: es fröstelte ihn, trotzdem es ihn manchmal mit fliegender Hitze überlief. Sollte er kränker sein, als er Wort haben wollte? sollte er umkehren, bevor er seinen Zustand verschlimmerte? würde Edith nicht erschrecken, wenn er so vor sie trat, mit dem schlimmen Aussehen nach der schlimmen Nacht? Und es war ja unmöglich, jetzt schon in Kosenow zu erscheinen. Sie würde ihn zu jeder Stunde empfangen, gewiß; aber vielleicht hatte sie die Nacht wachend bei dem kranken Vater verbracht und suchte jetzt in einem kurzen Morgenschlummer Kraft für den nächsten Tag. Er war bis zu der Stelle gelangt, wo der Weg, der von Retzow kam, in den Wald und an den Hünengräbern vorüber nach Kosenow führte. Er lenkte an dem Wege vorbei am Rande des Waldes hin, um, die große Wiese halb umkreisend, auf den Pfad zu treffen, den ihm der Förster an jenem Vormittage gezeigt, und der, nach vielen Wendungen, beinahe vor dem Hoftore von Kosenow mündete. Da war die große Wiese schon. Sie hatte neulich in dem grellen, durch keinen Schatten gemilderten heißen Sonnenlicht einen melancholischen Anblick gewährt, der aber doch nicht ohne alle Poesie war: die Poesie der Verlassenheit und Öde, des lautlosen Schweigens über dem von weißen Schmetterlingen mystisch umflatterten Grabe des Pan. Dies hier war aller Poesie bar, wie aller Farbe: in schmutziges Grau gehüllte Prosa des Landes, die nur an regenschwere Überröcke und kotige Stulpstiefel denken läßt. Selbst das Gras, das seitdem üppig emporgeschossen und jetzt von dem unendlichen Regen und dem Sturme glattgedrückt war, hatte ein schleimiges Ansehen, wie ein Kleid, das am Leibe des Ertrunkenen klebt. Unwillkürlich richtete Gerhard den schaudernden Blick auf den Wiesensee, von dessen in kurzen, krausen Wellen gefurchter Oberfläche er zwischen einer Lücke in den hohen Uferbinsen ein ziemlich großes Stück und einen kleinen Teil des entgegengesetzten Ufers sehen konnte. Gerade den Teil, wo die verkrüppelten Weiden hart an dem flachen, sandigen Ufer standen, über welches bis an die bloßgelegten Wurzeln der weiße Schaum der Wellen hinaufleckte. Um die windzerzausten Köpfe der Weiden flatterten mit lauten Gekrächze ein paar Krähen, angelockt, wie es schien, durch etwas, das da in dem weißen Schaume lag und sich bewegte; oder war es nur das An- und Abrinnen der Wellen? Und wie er so hinstarrte, glaubte er zu sehen, sah er, was ihm das Blut in den Adern gerinnen und das Haar sträuben machte. Heiliger Gott! konnte es sein? Nein, nein! es war ein Spuk der überreizten Sinne! es war nur, weil er eben an das arme Mädchen dachte! Und während die bange Seele noch das Gräßliche von sich abzuwälzen suchte, hatte er bereits dem Braunen die Sporen in die Flanken gestoßen. Ein paar Sätze – und das Tier versank bis über die Fesseln in den aufgeweichten Grund; mit äußerster Anstrengung vermochte Gerhard sich herauszuarbeiten und den festen Boden wiederzugewinnen. Nun jagte er an dem Rande des Moores zurück, die Stelle zu suchen, von wo aus er neulich sicher bis zu den Weiden geritten. Da war der Distelstrauch; hier und da bezeichnete ein Stein die Linie des sonst unsichtbaren Weges. Der Boden schwankte; ein paarmal schlugen die Hufe durch die Rasennarbe; er achtete nicht darauf – die Weiden! die Weiden! jetzt war er daran! noch die Binsen, die sich dazwischenschoben – Er war vom Pferde gesprungen und kniete in dem nassen Sande neben dem Körper der Ärmsten, den er nun völlig aus dem Wasser gezogen. Sein erster Blick hatte ihm gesagt, daß keine Rettung mehr sei. Das war nicht die Kälte des Wassers in den kleinen Händen, auf der kindlichen Stirn – das war die Kälte des Todes; es war der Tod, der unter den halbgeschlossenen Lidern aus den verglasten Augen starrte, der auf den fahlen Wangen, auf den bläulichen Lippen lag! Armes, armes Kind! so wußtest du dir keinen Ausweg aus dem dunkeln Labyrinth deiner Qualen, als in den finsteren Tod? War es gestern schon beschlossen von dem gepreßten Herzen, als du das Medaillon von dem Busen nahmst? oder mußte erst ein brutales Wort des elenden Trunkenboldes dir das Todesurteil sprechen? Ach! und es stirbt sich so schwer, wenn man so jung ist! Armes erwürgtes Vögelchen, du sehntest dich nach Luft und Licht! arme geknickte Blume: du schmachtetest nach Sonne! du wolltest ja nicht viel! wärst mit so wenigem zufrieden gewesen, hättest dein bescheidenes Blumendasein so hingeblüht, dein harmloses Vogelleben so verzwitschert – es sollte nicht sein! Er hatte die erkälteten Hände aus den seinen gleiten lassen; er hatte die Lider über die starren Augen gedrückt. Der Anblick des stillen, bleichen Mädchens erweckte in ihm nichts von dem Grausen, das sonst der Tod um sich breitet, nur unendliches, herzschwellendes, atembeklemmendes, tränengieriges Mitleid. »Ich bin bald wieder hier«, sagte er, als ob das tote Kind ihn hätte vernehmen können, als ob die Krähen es beherzigen sollten, die jetzt über dem jenseitigen Ufer flatterten. Er hatte den Braunen, der mit fliegenden Flanken schnaubend dagestanden, wieder bestiegen und jagte über das Moor, dann rechts auf den Weg nach Retzow, auf dem er einen Wagen erblickte, der ihm entgegenkam. Es war eines der Retzower Gespanne, das leer nach Gartendamm fuhr, reparierte Teile einer Häckselmaschine zu holen. Gerhard sagte dem Manne mit wenig Worten, welchen Dienst er von ihm verlange. Es war ein gutmütiger Mensch, der sofort bereit war. »Ich will ein paar Schütten Weizenstroh auf den Wagen tun«, sagte er, »es ist durch und durch naß, aber das arme Mamselling wird auch nicht trocken sein, und es stößt dann doch nicht so. Ne, wo ist es möglich! Vor einer Stunde habe ich Mamselling noch gesehen. Ich hatte eben die Pferde gefüttert, da kam sie aus dem Hause und guckte nach dem Wetter, dachte ich, und daß da heute nicht viel zu sehen sei; und dann ging sie wieder hinein und muß dann auch gleich durch den Garten hierher gelaufen sein. Das arme Mamselling! ne, wo ist es möglich!« »Wissen Sie, ob Herr Klempe gestern in Retzow gewesen ist?« fragte Gerhard. »Ja, der ist dagewesen, aber man so ein paar Minuten. Er hielt vor dem Hause und schalt und schimpfte immerzu; Vadder Deep stand dabei und lachte so vor sich hin. Ich und die anderen Knechte, wir haben auch gelacht über den betrunkenen Kerl. Du lieber Gott! wenn wir gewußt hätten, daß Mamselling sich darüber das Leben nehmen würde – das arme Mamselling!« Der Knecht saß wieder im Sattel; im scharfen Trabe ging's nach dem See. – Er kenne die Wisch ganz genau, sagte der Knecht, und seine Pferde wüßten auch Bescheid; er könne ganz gut mit dem Wagen bis zu den Weiden. Der Knecht fuhr vorauf. Die Binsen schoben sich auf die Seite. Der Knecht wandte sich im Sattel: »Mein Gott, der Herr Förster ist schon da«, sagte er. Jetzt sah ihn auch Gerhard: auf eben dem Platze, in eben der Stellung, in welcher er ihn neulich hatte sitzen sehen, nur daß er jetzt, statt der Flinte, zwischen den Knien den Leib des toten Kindes hielt, dessen Kopf auf seinem Schoße ruhte. Das tiefgebeugte Haupt richtete sich langsam auf, als Gerhard herantrat. Das Gesicht war fahl, versteinert; die tiefliegenden Augen blickten gläsern, fast wie vorhin bei der Toten, und die tiefe Stimme konnte so hohl nur aus einer Brust kommen, in der das Herz es müde war, zu schlagen: »Ich habe erst gestern abend spät von Deep erfahren, daß Klempe sie verlassen, und wer ihr Verführer ist. Ich habe die ganze Nacht mit mir gerungen, ob ich meinem Kinde vergeben dürfte. Jetzt war ich auf dem Wege zu ihr; ich wollte ihr sagen, daß ich es auf meine Rechnung nähme, daß sie versuchen solle, weiterzuleben. Sie hat nicht auf mich gewartet, sie hat die Rechnung ohne mich ausgeglichen.« Er beugte sich nieder auf die Tote und küßte ihr die Stirn, von der er das nasse Haar zurückstrich; blickte dann wieder zu Gerhard auf und sagte, nach dem Walde deutend: »Ich sah Sie von dort aus, wie Sie mit Lebensgefahr hierher ritten; ich konnte nicht sehen, was es war; ich wußte es doch. Der alte Fluch ist aufgewacht und geht um; es wird ihn keiner bannen; auch Sie nicht, so gut Sie es meinen. Ich möchte Ihnen so gern für Ihre Guttat danken, ich kann es nur durch die Bitte: eilen Sie fort aus diesem verfluchten Lande, aus der Nähe verfluchter Menschen, bevor die Unschuldigen mit den Schuldigen getroffen werden! – Nun, Karl Clas, willst du mich und meine Tochter fahren?« Er hatte die dumpfe Stimme, die kaum für Gerhard vernehmbar gewesen, erhoben zu Karl Clas, der erst so bereitwillig und mutig gewesen, und jetzt bei seinen Pferden stand, einen Strohhalm zerkauend und scheue Blicke auf die Gruppe werfend. »Wenn ich man keine Ungelegenheit davon habe«, sagte er, »ich soll nach Gartendamm, wir brauchen die Maschine morgen, und Vadder Deep ist nicht sauber, wenn einer nicht tut, was er sagt.« »Ich werde mit vorreiten und Sie entschuldigen«, sagte Gerhard. – »Lassen Sie mich Ihnen helfen, Herr Förster!« Sie hatten das tote Kind auf den Wagen gehoben und mit Halmen leicht bedeckt. Gerhard reichte dem unglücklichen Vater seine Hand hin, die dieser zögernd nahm. »Ich bin so tief in Ihrer Schuld«, sagte er, »das könnte kein volles Menschenleben abtragen, und wer weiß, wie lange ich noch zu leben habe. Gehen Sie von hier, so schnell wie möglich!« »Mein Fortgehen war bereits beschlossen«, erwiderte Gerhard; »für einen der nächsten Tage.« Der Förster blickte vor sich nieder, ganz wie damals auf der Schneise, einem völlig Abwesenden gleich. Nach einer Weile hob er das gesenkte Haupt und sagte: »Ich möchte Sie gar gern vorher noch einmal sehen.« »Ich besuche Sie jedenfalls. Und jetzt – kann ich für Sie, für das arme Kind –« Er warf einen Blick nach der in den Garben Gebetteten. »Da werde ich selber wohl den Totengräber und Küster und Pfarrer machen müssen«, erwiderte der Förster mit schwermütigem Lächeln. »Man ist in diesem Punkte hier etwas streng. Glücklicherweise habe ich ein Stück Land, das mir zu eigen gehört. Der Herr Landrat und der Herr Pfarrer werden es wohl erlauben, daß ich sie da begrabe.« »Ich will Ihnen diese Erlaubnis verschaffen, wenn Sie es wünschen. Darf ich zugegen sein?« »Ich nehme es dankbar an; – heute abend – ich denke, es ist nicht zu früh: sie hat es ja auch so eilig gehabt. Einen Sarg besitze ich seit Jahren; ich wollte den Leuten möglichst wenige Umstände machen, wenn ich einmal plötzlich aus der Welt müßte; aber da sie mir zuvorgekommen, mag sie ihn haben.« Er hatte jetzt aus freien Stücken Gerhards Hand ergriffen und, ehe sich der junge Mann dessen erwehren konnte, geküßt, war dann rasch auf den Wagen gestiegen, wo er sich zu Häupten der Toten setzte. Die Pferde zogen an – im Galopp: ein schauerlicher Anblick für Gerhard; aber es war die einzige Möglichkeit, über den Sumpf zu kommen. Erst am festen Rande wurde die Eile vermindert. Der Wagen mit seiner traurigen Last verschwand im Walde, Gerhard spornte den Braunen auf den Weg nach Retzow. Fünftes Kapitel. An den Fenstern jenes Zimmers vorüberreitend, in dem gestern die Versammlung stattgefunden, hatte Gerhard den, den er suchte, dort an dem Tische sitzen zu sehen geglaubt. Er war schnell vom Pferde gesprungen, hatte den Zügel durch den eisernen Ring des Ständers geschlungen und war, ohne sich aufzuhalten, in das Haus geeilt. Wußte er doch, wie schnell der schwerfällige Alte war, wenn es galt, jemand auszuweichen, von dem er nicht gefunden sein wollte. Aber als er jetzt das Zimmer betrat, sagte ihm sein erster Blick: der Mann hatte ihm heute nicht entwischen wollen. Ohne Zweifel hatte er das Klappern der Pferdehufe so gut gehört, wie das Knarren der Tür und den Schritt des, der über die holprigen Dielen herankam. Dennoch hob er die Augen nicht von dem Teller, auf dem er gemächlich ein Ei zerklopfte. Vor ihm stand eine dampfende Kaffeekanne, eine Branntweinflasche, Schinken, Brot und Butter, und was noch sonst zu einem derben Frühstück gehören mochte. »Herr Deep!« Er hatte nun doch aufgeblickt; in den kleinen grauen Augen zuckte es, aber er rührte sich nicht von seinem Sitze und fuhr gelassen in seiner Beschäftigung fort, in gleichgültigem Tone sagend: »Ah! der Herr Baron! wo kommen Sie so früh her?« »Ich komme von dem See auf der Schwanenwiese, wo sich vor einer Stunde Anna Garloff ertränkt hat.« In dem verschwommenen Gesicht bewegte sich nichts, die plumpe Hand klopfte vorsichtig weiter, und die mehlige Stimme sagte in genau demselben lässigen Tone: »Was geht das mich an? Sie sollten die Nachricht dem Förster bringen.« »Herr Garloff fährt die Leiche eben nach dem Forsthause, auf dem Wagen, den Sie nach Gartendamm geschickt haben.« »Sie werden mir hoffentlich für den Schaden stehen, der mir daraus erwächst.« Um die breiten Lippen spielte ein Lächeln; nicht das alte, öde, blödsinnige – ein freches, satanisches Lächeln, das Gerhard das Blut sieden machte. »Den Löffel niedergelegt, augenblicklich! und auf von dem Stuhle! oder ich schlage Sie nieder wie einen Hund!« Das Lächeln schwand, das mehlige Gesicht wurde grau; ein tückisch-trotziger Blick schoß zu Gerhard empor; dann aber legte er zögernd den Löffel und das Ei hin und richtete sich langsam empor, indem er sich dabei mit beiden Händen an der Tischkante hielt, die er nicht losließ, als er aufrecht stand. »Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen«, sagte er; »aber ich rate Ihnen: nehmen Sie sich in acht! jetzt bin ich Herr auf Retzow; ich könnte Sie wegen Hausfriedensbruch belangen.« Die dicke Stimme war diesmal kaum verständlich, und die plumpen, behaarten Hände hielten offenbar nur deshalb so fest, damit Gerhard das Zittern nicht gewahren möchte. Die Bestie war feig; Gerhard hatte nie daran gezweifelt. »Ich denke«, sagte er, »Sie werden froh sein, wenn ich Sie nicht mit den Gerichten in Berührung bringe.« »Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen«, wiederholte Vadder Deep. »Lassen Sie Ihre verruchten Lügen, die bei mir nicht verfangen!« rief Gerhard. »Sie wissen ganz genau, was ich von Ihnen will; aber damit Sie keinerlei Ausrede haben, sollen Sie es auch noch von mir hören. Ich will, daß Sie den Herren Zempin, beiden Brüdern, zurückerstatten, was Sie ihnen früher oder später gestohlen haben, bei Heller und Pfennig; ich will, daß Sie dann diese Gegend verlassen, um in irgendeinem abgelegenen Winkel Ihr schändliches Dasein zu beschließen, wobei es Ihnen an einer kleinen Pension, die Ihnen die Not des Lebens fernhält, nicht fehlen soll. Haben Sie verstanden?« »Sie sprechen ja laut genug.« »Nun wohl! Und was erwidern Sie?« »Daß ich neugierig bin, zu hören, wie Sie Ihren sogenannten Willen durchsetzen werden.« »Sie sagen also – Sie wagen also, nein zu sagen?« Eine lange Pause erfolgte. Vadder Deep stand da, unbeweglich vor sich niederblickend, und er hob die Augen nicht, als er jetzt anfing zu sprechen mit der alten dicken, langsamen Stimme, die aber gar nicht mehr verschwommen murmelte, sondern sehr vernehmlich klang und die einzelnen Worte hinzählte, als wären's Geldstücke, die durch die plumpen, vorsichtigen Finger liefen. »Ich wüßte nicht, was dabei groß zu wagen wäre! Oder wollen Sie mir vielleicht mit einer alten Geschichte kommen, die drüben in Kosenow gespielt haben soll? Ich würde mich doch wohl hüten, Ihnen zu sagen, wo die Glocken hängen, die Sie haben läuten hören. So dumm bin ich noch lange nicht. Oder wenn Sie etwa glauben, Garloff würde schwatzen, da könnten Sie am Ende länger warten, als Ihnen lieb ist. Und wen hätten Sie denn außer uns beiden, von dem Sie erfahren könnten, was Sie so gern wissen möchten? den Kosenower Herrn? na, meinetwegen! ich wünsche viel Glück dazu! oder die Mutter vom Schulten Jochen? Sehen Sie, Herr Baron, ich habe so bei mir überlegt, ob es sich wohl der Mühe verlohne, der alten mallen Person die Kehle ein bißchen zuzudrücken, damit sie dem Herrn Grafen nicht auch noch solches dummes Zeug vorschwatzt, wie neulich Ihnen. Aber es verlohnt sich nicht; es ist ebensogut, wenn man die Alte ins Irrenhaus steckt, wo sie hingehört, und da haben wir sie denn gestern abend hingeschickt, Zempin und ich. Sie haben sich nicht verhört, Herr Baron: Moritz Zempin und ich. Der kam gestern abend herüber, nachdem er vorher bei seinem Schwiegervater in Swinhöft gewesen war. Da hatte er denn auch nicht viel Gutes in Erfahrung gebracht und war ein bißchen hitzig, wollte sich sogar an mir altem Manne vergreifen, und um ihn etwas abzukühlen, habe ich ihm die bewußte alte Geschichte erzählt, wie alte Leute hierzulande sie sich untereinander noch gelegentlich erzählen, zum Beispiel: der Garloff und ich. Ich sollte es eigentlich nicht: Garloff hatte es mir verboten; aber ich bin dann, als ich Zempin los war, bei Garloff gewesen und habe ihm bewiesen, daß ich es tun mußte, wenn wir Ruhe behalten wollten, das heißt: wir alle, denn wenn man eine Krähe vom Dache schießt, können die anderen nicht sitzen bleiben. Nun, und Sie selbst, Herr Baron, sind ja ein so überaus verständiger junger Herr und hören schon mit halben Ohre. Wie sollen Sie nicht begreifen, daß wir uns alle am besten befinden, wenn die alte dumme Geschichte unter uns bleibt und jeder jeden gewähren läßt. Dann können wir hier in Frieden und Freundschaft leben: Garloff auf dem Forsthause, Zempin auf Kantzow, Sie in Kosenow und ich in Retzow. Ich werde ein bequemer Nachbar sein, und Sie werden mich in jeder Beziehung billig finden. Ich habe Zempins nur abgenommen, was ihnen ein anderer abgenommen hätte, wenn ich es nicht tat. Ich werde sie nun, da ich so ziemlich habe, was ich wollte, weiter nicht drücken: im Gegenteil! ich werde für mein Teil, ich meine: für den Rest meiner Forderungen, die kulantesten Bedingungen stellen; ja, mir jetzt eine Ehre und ein Vergnügen daraus machen, die übrigen Verbindlichkeiten der Herren aus der Welt zu schaffen und zur Regulierung ihrer Verhältnisse die Hand zu bieten. Der Herr Baron wird mich dabei unterstützen. Der Herr Baron spielt keine Karte, wie ich bemerkt habe; aber so viel wird der Herr Baron davon wissen, daß, wenn einer ein so sicheres, unverlierbares Spiel in der Hand hat, wie ich, der andere immer gut tut, mitzugehen. Jetzt hat der Herr Baron wohl auch mich verstanden?« War das Vadder Deep? Vadder Deep, der sonst nie drei Worte im Zusammenhang sprach und jetzt das alles vorbrachte, ohne zu stocken, ohne um einen Ausdruck verlegen zu sein? Selbst die Gestalt schien eine andere: der große, platte Kopf hatte sich höher aus den runden Schultern gehoben; die Hände, die im ersten Schrecken nach der Tischplatte gegriffen, hatten längst losgelassen und lagen jetzt bequem auf dem breiten Rücken; die kleinen Augen blinzelten nicht mehr, sie blickten starr und grausam, wie die Augen eines Raubvogels auf die sichere Beute. Gerhard hatte, während der Mann so sprach, mehr als einmal den Grimm, der ihn erfüllte, mit Gewalt niederkämpfen müssen. Dieser Mensch, der von dem Mißduft tiefster Gemeinheit umgeben war, wie das Zimmer erfüllt von dem Dunst des gestrigen Bacchanals – dieser Mensch wagte, ihn in seine Gemeinschaft zu ziehen! wagte, mit ihm zu sprechen, wie mit einem Komplizen! War das Entsetzlichste wirklich? wußte der Mann, weshalb er bis dahin geschwiegen? wußte er, was ihm auch jetzt wieder die zitternden Lippen schloß? las der Mann mit den stechenden, grausamen Augen in seiner gefolterten Seele, als er jetzt nach einer Pause, in der er sich an seinem Triumph über den Gegner geletzt haben mochte, mit einem Lächeln, das immer frecher um die breiten Lippen spielte, fortfuhr: »Ja, mein Herr Baron, so ein armer alter Mann wie ich muß sehen, wie er sich durch die Welt bringt. Sie haben mich vorhin einen Hund genannt – ganz richtig; man hat mir jahrelang nur die Knochen zugeworfen; ich wollte auch einmal wieder Fleisch essen. Ich hätt's schon längst gekonnt, wäre der Garloff nicht gewesen, der mir das Maul verbot, und daß ich die Zempins auf die alte Geschichte hin ein bißchen schröpfen durfte. Nicht, als ob an der Geschichte ein wahres Wort wäre – der Herr Baron verstehen mich! – nur daß man von seinem Vater dergleichen nicht gerne erzählen läßt. Aber Zempins hätten auch ohne das den alten Freund ihres Vaters kein solches Hundeleben führen lassen sollen. Ich habe immer gedacht, es kommt die Zeit, wo ich euch alle hintereinander bringe, und es war mir ein rechtes Gaudium, als sich am Sonntag die beiden Brüder an der Kehle hatten. Es blieb leider dabei. Nun hat wenigstens Moritz ein übriges getan. Ich wasche meine Hände, wenn sich die Anna ertränkt hat; und wenn mich der Herr Baron über die Nachricht nicht weiter verwundert sah, so ist es, weil das ja gar kein anderes Ende nehmen konnte. Noch gestern abend habe ich zu Moritz gesagt: das wird schlimm ablaufen, du solltest dich beizeiten mit dem Mädchen auseinandersetzten! Er hat ihr auch in meinem Beisein goldene Berge versprochen; aber die Anna ist wie ihr Vater. Die Garloffs waren von jeher verrückt. Der Großvater der Dirn, der Vater von Garloff, hat sich totgeschossen, weil ihn der Oberförster vor den Holzfällern einen Spitzbuben genannt; warum sollte sie nicht ins Wasser gehen, ehe die Leute mit Fingern auf sie wiesen? Wie Garloff selbst es nehmen wird? Ei, Herr Baron, ich will nicht beschwören, daß er's besonders gut nimmt, aber je schlimmer er's nimmt, desto besser für mich.« Vadder Deep schmatzte mit den breiten Lippen, als ob ihm der letzte Gedanke besonders munde, indem er sich dabei das unrasierte Kinn rieb, wie jemand, der überlegt, ob er das Thema wohl ganz erschöpft habe. »Ja so«, sagte er, »der Herr Graf! Sehen Sie, Herr Baron, den fürchte ich nun ganz und gar nicht. Was kann der uns tun – ich meine, was kann der aus der alten Geschichte machen – wenn wir alle reinen Mund halten? Dann mag er die Scharteke, die er Ihnen letzten Sonnabend vorgelesen, man in den Papierkorb werfen, oder die Frau Gräfin ihre Locken drein wickeln. Und passen Sie auf: der Herr Graf und ich werden noch die besten Freunde. Gestern ist die Entscheidung aus Berlin gekommen wegen des Retzower Forstes. Der Fiskus hat in zweiter und letzter Instanz gewonnen. Ich könnte, als jetziger Besitzer von Retzow, dem Fiskus trotzdem noch manche Nuß zu knacken geben und den Herrn Grafen schikanieren, da ich die Sache besser kenne, als alle Gerichte zusammen. Aber ich werd's nicht tun, und der Herr Graf wäre ja wohl der einzige, der uns allenfalls hineinreden dürfte.« »Sie haben einen vergessen, der sein letztes Wort noch nicht gesprochen hat!« rief Gerhard. »Ach so!« sagte Vadder Deep mit einem Blick nach der Zimmerdecke. »Na, Herr Baron, Sie sind noch jung; da glaubt man an so was; wenn Sie erst so alt sind wie ich und erfahren haben, wie's in der Welt zugeht, werden Sie just so denken wie ich. Ich denke aber: wer lebt, lebt, und der wäre ein Narr, der sich nicht so viel vom Leben nimmt, als er bekommen kann; und wer gestorben ist, der ist tot; und die Toten stehen nicht wieder auf.« »Es hat schon manches Grab sich geöffnet, und wären noch so schwere Steine darübergewälzt.« »So hat der Garloff doch geschwatzt?« Die Hände hinter dem breiten Rücken ließen einander los; unter den dicken Lidern schoß ein tückischer Blick zu Gerhard hinüber; die freche Stimme schien jetzt die einzelnen Silben zu zählen: »Sie haben mich noch immer nicht verstanden! Wenn's einmal nötig wird, werde ich selbst das Grab in aller Stille ausräumen; Sie aber werden mit keinem Finger daran rühren. Denn was dabei zutage käme, das würde kein Anblick für das Fräulein in Kosenow sein. Das Fräulein müßte Ihnen dann den hübschen Ring wiedergeben, den Sie ihr am Sonnabend abend geschenkt haben. Die alte Sara ist seit jeher eine gute Freundin von mir, und Sie hatten die Unvorsichtigkeit gehabt, die Tür halb offen zu lassen. Und wenn ich es nicht seitdem schon wüßte: gestern abend haben Zempin und ich ein langes und breites darüber gesprochen, und er hatte es aus der ersten Hand: er hatte es von dem Fräulein selbst.« Der Alte hatte während der letzten Worte schnell ein paar Schritte seitwärts gemacht, so daß er die Breite des Tisches zwischen sich und Gerhard brachte. Aber Gerhard schämte sich keiner Wallung; er hatte nur schon zu lange die verpestete Atmosphäre dieses Zimmers geatmet. Als er aus der Tür stürzte, hörte er ein heiseres Gelächter hinter sich. Warum sollte der Teufel nicht lachen? Er hatte sein Spiel glänzend gewonnen! Und das konnte ein gerechter Gott dulden? Ein armes gutes Mädchen mußte so schwer einen Fehltritt büßen, der so leicht wiegen mußte vor ihm, dem Allwissenden, Allverzeihenden! an dem Vater der Unglückseligen wurde seine Schuld so furchtbar heimgesucht! Menschen, die sich gut zu sein bestrebten aus allen Kräften ihrer Seele, wurden in den trüben Schwall von Verbrechen und Sünde gewaltsam hineingezogen, von der grauenhaften Flut fortgewirbelt, ohnmächtig, widerstandslos – und jenes Scheusal durfte triumphieren! durfte sein verderbliches Netz Masche um Masche weiterweben ungestört! durfte sich das Leben gestalten ganz nach seinem schnöden Sinne! jeder bösesten Lust seines verruchten Herzens frönen ungestraft! Gab es einen Gott? Aber wie konnte sein erhabenes Gesetz von Schuld und Sühne Wahrheit werden, wenn der Mensch, dem er es offenbart, sich weigerte, es ins Werk zu setzen? Hatte Gott es ihm nicht offenbart? Hatte Gott ihn nicht in den Abgrund blicken lassen, daß die teuflischste Verworfenheit sonnenklar vor seinen schaudernden Augen lag? ihn nicht, wenn je einen Menschen, berufen zum Rächer mit furchtbar vernehmlichen Stimme, welche die Toten hätte erwecken können? Die Toten, die schmählich Hingemordeten! dort im Walde unter den Hünengräbern wie Hunde Verscharrten! Er wußte jetzt die Stätte selbst – das böse Gewissen des Mannes hatte sie verraten auf ein zufälliges Wort hin, das ganz anders gemeint war! So deutlich hatte Gottes Finger gewiesen auf das, was seine Pflicht, seine einfache, zweifellose, heilige Pflicht, er mochte es betrachten, von welcher Seite er wollte – und er weigerte sich! »O Gott, mein Gott«, stöhnte er aus tiefster Seele; »habe Mitleid mit mir! ich will kein Glück für mich; ich weiß, daß jede Hoffnung, die ich für mich genährt, eine kindische Torheit war; daß ich entsagen muß – ganz und völlig, ohne den Trost gemeinschaftlicher Tränen, ohne ihr sagen zu dürfen, weshalb ich mich von ihr losreiße für immer, um so für immer in ihren Augen ein Meineidiger zu sein und ihr Herz zu vergiften, während das meine sich vor Sehnsucht nach ihr verzehrt! Gott, mein Gott, gibt es keinen Ausweg aus diesem Irrsal? oder, wenn ich als Opfer fallen soll deinem furchtbaren Gebot, daß der Väter Sünden sollen gerächt werden an den Kindern – nimm mich! aber gib sie frei, die Gute, Reine! um deiner selbst willen! Wer soll noch an Menschenhoheit und Menschenwürde glauben, wie soll das Chaos nicht wiederkehren, wenn du deine Engel nicht schützen kannst!« In der schrecklichsten Seelenangst irrte Gerhard umher; sein Pferd bald hierhin, bald dorthin wendend, nun auf den Wegen, nun über die Felder reitend, ohne dort oder hier ein Ziel zu haben, bis er sich – es waren Stunden vergangen – plötzlich in der Nähe von Kantzow befand. Er wußte nicht, wie er hingekommen; er hatte gemeint, nahe bei Kosenow zu sein. Mochte er es denn für ein Zeichen nehmen: für eine Besiegelung des Entschlusses, des einzigen, der sich mit einiger Klarheit aus dem Nebel seines Inneren losgelöst: Edith nicht wiederzusehen, bevor er nicht auch äußerlich das Band abgestreift, das ihn während der letzten Tage noch an Kantzow gehalten. Er konnte Ediths Wunsch nicht mehr erfüllen: er konnte nicht mehr zu dem Manne stehen, dessen brutale Selbstsucht die arme Anna in den Tod getrieben; zu dem Manne, der die fürchterliche Erbschaft des Vaters antrat – gleichviel, ob mit Widerstreben oder nicht; dem Manne, der sich dem Scheusale in Retzow demütig beugte, von ihm die Regeln und Gesetze seines Handelns empfing,. mit ihm überlegte, wie man den berufenen Rächer stumm machen könne, indem man ihn zur Mitschuld verlockte, und wäre es durch ein Engelsbild. Sechstes Kapitel. Vor dem Hause hielt ein Leiterwagen, auf dem in dem Stroh hinter den beiden Sitzsäcken ein paar Koffer und Kisten lagen, eine Staffelei und verschiedenes Gerümpel, das zu den Requisiten von Herrn Spatzings sogenanntem Atelier gehörte. In der Türe begegnete ihm der Maler selbst, der seinen Farbenkasten unter dem Arme trug. »So sehe ich Sie doch noch!« rief Spatzing; »ich hatte bereits die Hoffnung aufgegeben; ich habe alle Hoffnung aufgegeben.« Er warf einen wehmütigen Blick zu dem grauen Himmel empor. »Reisen Sie glücklich!« sagte Gerhard. »Das wäre ein zu kurzer Abschied für die lange Freundschaft«, rief Spatzing, Gerhards Hand festhaltend und drückend; »Stude gibt mir das Geleit bis Radebas; er macht sich eben zurecht. Ich will nur mein Beduinenzelt vollends auf den Wagen packen; dann wollen wir frühstücken – zum letzten Male! zum allerletzten Male! wenn mir das Rührei nicht vor Rührung im Munde steckenbleibt. Sie frühstücken mit uns! Sie sehen sehr frühstücksbedürftig aus.« »Sie finden mich auf meinem Zimmer«, sagte Gerhard, sich losmachend. Er war kaum auf seinem Zimmer angelangt, als die Tür vorsichtig geöffnet wurde und Anton hereinschlich. Er schloß die Tür ebenso leise wieder und legte den Finger auf den Mund: »Ich sah dich kommen; sie glaubt, ich bin auf meinem Zimmer; wir haben vielleicht fünf Minuten; ich hätte dir geschrieben; es ist besser so, aber kein lautes Wort – wenn sie nicht schon horcht!« Er legte das Ohr an die Tür und versuchte, als er sich wieder zu Gerhard wandte, das alte schelmische Lächeln: »Das Mordio, wenn sie sieht, daß ich durchgebrannt bin! Ich habe mich entschlossen: jetzt oder nie! es ist wie eine Erleuchtung des Himmels! Es summte mir im Ohre schon seit gestern abend, die ganze Nacht durch: die erste Nacht in meinem Leben, die ich nicht geschlafen habe, ohne daß mich eine fröhliche Bowle wachhielt: fort von hier! Das stand fest, baumfest; es fehlte nur das Wann? und das Wie? Zuerst gedachte ich, mich dir als Zaunkönig auf die Adlerflügel zu setzen und mich von dir davon- und emportragen zu lassen zur Freiheitssonne. Damit ist es nun nichts, wenn du wirklich – ich hätte es mir freilich gestern abend nicht träumen lassen; aber du warst von je ein unberechenbarer Mensch – hier in der pommerschen Ackerfurche dein Lerchennest bauen willst.« »Wer hat dir das gesagt?« »Zempin: er wußte alles, ob von dir, oder der deinen, oder von euch beiden – ich bin nicht daraus klug geworden; genug, er weiß es und war ganz glücklich darüber. Ist überhaupt ein Glückstag für ihn. Gestern nachmittags während du schliefst, war er drüben in Swinhöft, dem Alten seine Lage auseinanderzusetzen, und daß er sich nicht retten könne, wenn der nicht hunderttausend oder so 'rausrückt. Natürlich muß er abziehen, wie er gekommen, mit einigen niederträchtigen Witzen, die der Alte für seine Schwiegersöhne immer parat hatte, in den Kauf. Aber es mochte dabei doch wohl ein bißchen lebhaft hergegangen sein, und der alte Geizdrache sich ungewöhnlich geärgert haben, oder seine Zeit war sowieso abgelaufen, und der Teufel wollte nicht länger warten – du bist heute morgen kaum vom Hofe gewesen, sagt der Inspektor Wenhak, da kommt ein Reitender von der anderen Seite – von Swinhöft: den Alten hat der – na, sagen wir: der Schlag hat ihn gerührt. Julie will heute nachmittag hinüber, falls sie sich bis dahin von dem Schrecken erholt. Zempin ist schon fort – auf dem Rappen – um schneller hinzukommen; ich glaube, sich zu überzeugen, daß der Alte wirklich mausetot. Ist das ein Leben! Gestern will der alte Sünder keinen roten Dreier herausrücken, und heute muß er die Million hergeben! Zempin sagt: es sei eine runde Million, wenn nicht mehr. Da kommt auf ihn eine viertel mindestens. Na, du weißt, ob er sie brauchen kann! Und wie wir so darüber sprechen, – es war bei mir auf dem Zimmer, ich lag sogar noch zu Bett, – und wir darüber einig sind, daß er sich durchaus mit Frau Julia wieder auf einen guten Fuß stellen müsse, und ich ihm rate: er solle ihr die Geschichte mit der Anna erzählen, um so mehr, als ich überzeugt sei, daß Vadder Deep es längst schon an Salchen und Salchen wieder an Frau Julia verraten habe – wird er herausgerufen und kommt nach ein paar Minuten wieder – mit einem Gesicht! – weiß Gott, Gerhard: es ging im wirklich nahe – die Tränen standen ihm in den Augen – er hatte es zuerst gar nicht glauben wollen, aber der Karl Päsel war ihnen selbst im Walde begegnet – dicht vor der Försterei – und hat dabeigestanden, wie der Garloff das arme Kind aus dem Stroh genommen und auf seinen Armen ins Haus getragen – es hat keiner mit anfassen dürfen, und die Strohhalme haben so hinterhergeschleift – großer Gott, und du hast sie aus dem Wasser gezogen! das zu denken! und wie sie wohl schauderhaft ausgesehen! und was für eine süße Dirn sie war, als ich hierher kam: der kleine rote Mund und die stillen treuen Augen und, wenn sie mal lachte, das entzückende Grübchen in der rechten Wange –« Anton wischte sich die Augen: »Na, ich habe heute keine Zeit zum Weinen; und so sagte Zempin, oder etwas, das darauf hinauslief. Aber soll ich ganz ehrlich sein, Gerhard: es war ihm schon gar nicht mehr weinerlich zumute. Denn – es klingt schrecklich, aber – such is life! sagen die praktischen Engländer: – nächst dem alten Sünder in Swinhöft konnte ihm kaum jemand gelegener sterben, als die arme kleine Dirne. Er gestand es auch ganz offen ein – du weißt: er ist manchmal kurios offenherzig: seine anderen Verhältnisse hätten ihn weiter nicht geniert; es sei kein einziges darunter, das ihm bewiesen werden könnte oder ihm zu beweisen – nach pommerscher Rechtsgewohnheit – sich der Mühe verlohne: nur das mit der armen Anna hätte ihm schwer auf der Seele gelegen, zumal, nach der Geschichte gestern mit Klempe, alle Hoffnung, es zu vertuschen, verloren gewesen. So hätte denn Frau Julia ohne weiteres den Antrag auf Scheidung begründen können, und von einer Frau, die eben eine Viertelmillion geerbt, läßt man sich nicht scheiden, wenn man es vermeiden kann. Dabei hatte er nur eine Sorge; die war, wie der alte Garloff sich benehmen würde. Aber du kennst Zempin: eigentliche Furcht ist ihm so fremd, wie dem Grafen Richard von der Normandie, und mit den Sorgen nimmt er es so leicht wie Egmont. Weiß Gott, Gerhard: ich mußte an Egmont denken – wie er so dastand und mit einer Handbewegung dieses Aber wegschnellte und mit einem Kopfaufwerfen jenes Wenn, und alles schier und glatt machte: seine Schulden und sein Verhältnis mit Julie, das du – denn dich fürchtet er am allermeisten – nicht weiter stören würdest, denn du heiratetest Fräulein Edith und wärst fortan sein lieber Neffe; und ich heiratete Salchen, das sei absolut notwendig – ich hätte es versprochen, und was ein ehrlicher Mann verspreche, das halte er; und Salchen wisse zu viel von seinen Verhältnissen, als daß er sie nicht wie ein rohes Ei behandeln müsse, und wenn er es auch zur Not begreiflich fände, daß ich die Anna nicht hätte heiraten wollen – in diesem Falle sei er unerbittlich, oder mit unserer Freundschaft habe es die längste Zeit gedauert. Die fünftausend kriegen wir natürlich wieder und noch fünftausend, oder soviel wir wollen, dazu. Ist es nicht furchtbar? Glaubst du nicht, wenn ich mich weigerte: er nähme mich beim Kragen und schleppte mich an den Altar, und Pastor Pahnk müßte uns nolens volens zusammengehen? Es ist ein entsetzlicher Mensch, aber bös kann ich ihm doch nicht sein; im Gegenteil: ich habe nach dir keinen Menschen auf der Welt, glaube ich, so lieb wie ihn, und ich würde ihm alles zuliebe tun und noch tausend Wechsel für ihn ausstellen, und ich habe mir wahrhaftig beinahe Gewissensbisse gemacht, daß ich ihm nicht aus der Verlegenheit helfen und die arme Anna heiraten wollte – man hätte sich ja arrangieren können – und das arme Kind wäre wenigstens nicht ins Wasser gegangen – aber Salchen! nein! hier verwandelt sich die Milch der frommen Denkungsart in gärend Drachengift, und während Zempin perorierte und gestikulierte, hatte ich meine Flucht beschlossen. Spatzing hängt der Himmel zu schwer über Kantzow; seit gestern – seitdem er gehört, daß Zempin bankrott – kann er den Druck nicht mehr ertragen. Er hat sich darauf besonnen, daß er ein halbes Dutzend Aufträge in Grünwald hat, die noch während seines Erdenwallens ausgeführt werden müßten; er wolle zu Weihnachten wiederkommen und Juliens Porträt fertigmachen – Honorarvorschüsse kann er nicht wohl mehr fordern, sintemalen er, glaube ich, das ganze Honorar bereits vier- oder fünfmal bekommen – enfin: er hatte für heute morgen um einen Wagen gebeten. Wir waren mit der Zeit so gute Freunde geworden; kann ein Mensch, kann selbst Salchen es mir verdenken, wenn ich dem guten Freunde bis nach Radebas das Geleit gab? Um die Sache wahrscheinlich zu machen, nehme ich nichts mit: nicht meine Lieblingspfeife, nicht einmal einen Überzieher bei dem Hundewetter! Wer sich durch Schwimmen retten will, wenn das Schiff untergeht, muß sich möglichst leicht machen. Ich habe nur eine Sorge: Spatzing sattelt noch im letzten Augenblicke um. Seitdem er gehört, daß wieder Geld wie Heu da ist, schneidet er Gesichter, als ob er Leibschmerzen hätte. Jede Sekunde ist kostbar: ich schreibe dir, wo ich geblieben; aber nicht früher, als bis ich in Sicherheit bin. Hinrichs soll mich über die Mecklenburger Grenze schmuggeln: er kennt aus langjähriger Erfahrung die geheimsten Schleichwege und Verstecke, in denen mich Argus selbst nicht entdecken würde. Und nun – wie der Geist von Hamlets Vater: ade! ade! gedenke mein!« Anton hatte sich in Gerhards Arme gestürzt; die Tränen liefen ihm über die dicken Backen. »Oder soll ich bleiben?« schluchzte er. »Auf keinen Fall«, sagte Gerhard; »es ist die einzige Möglichkeit, dich vor dem Untergange zu retten.« »Ich fürchte nur: ich kann nicht mehr auf eigenen Füßen stehen; ich habe es verlernt.« »So wirst du es wieder lernen, und dann bin ich doch noch immer da.« »Und du schickst mich nicht ins zweite Examen?« »Wir sprechen später darüber; ich frage nach dir bei Herrn Hinrichs und suche dich auf, bevor ich selbst –« »Was selbst?« »Gleichviel – hast du Geld?« »Ich weiß nicht – vorgestern hatte ich, deucht mir, noch was«, erwiderte Anton, in den Taschen herumsuchend. »So nimm auf alle Fälle!« »Na – meinetwegen! es ist nicht das erste.« »Und soll nicht das letzte sein – still!« Es tastete jemand an der Tür, und Spatzing schwankte in das Zimmer; die Rabenlocken hingen ihm über die geisterhaft bleiche Stirn, während die kleinen schwarzen Augen in dunkeln Ringen fürchterlich rollten. Er lehnte sich an den Pfosten; die Arme fielen schlaff herunter, der Kopf lag auf der linken Schulter. »Habe ich es nicht gesagt!« rief Anton. »Ich hätte es voraussehen müssen«, murmelte Spatzing in dumpfen Tönen: »es war zu viel für mich. Sich loszureißen auf einmal, wo man festgewachsen ist mit allen Fasern seines Herzens – ohne den Gastfreunden Lebewohl sagen zu dürfen – danken zu dürfen für alles Gute und Liebe, das man monatelang genossen – anstatt des Dankes ein unvollendetes Werk zurückzulassen – meine Nerven ertragen es nicht – mein Künstlerstolz erträgt es nicht – ich kann nicht reisen.« »Sie werden anders darüber denken, wenn Sie erst auf dem Wagen sitzen«, sagte Gerhard. »Ich kann nicht denken –« murmelte Spatzing, sich vor die Stirn schlagend: »hier ist es so hohl, so dumpf! und hier in der Brust so schwer – dazu die Magenindisposition, die ich mir vom Waldfest mitgebracht habe – ich bin sicher: dies entwickelt sich zu einem fürchterlichen Typhus.« »Den Sie entschieden besser in Grünwald durchmachen, wie hier«, sagte Gerhard; »ich rate Ihnen auf das dringendste: reisen Sie sofort, verlieren Sie keine Minute!« »Aber er sieht wirklich übel aus«, sagte Anton; »und bei dem Wetter und dem Regen!« Gerhards scharfes Auge hatte längst entdeckt, daß die geisterhafte Blässe und die schwarzen Ränder nirgendswo herstammten als aus dem Malkasten, mit dem sich der Künstler vorhin geschleppt; er war nicht in der Stimmung, an dieser Komödie Geschmack zu finden, »Der Regen wird Herrn Spatzing guttun; ich sehe es ihm an den Augen an«, sagte er. Spatzing sprang vom Stuhle empor, auf den er sich eben hatte fallen lassen. »Kommen Sie, Stude! ich werde unterwegs liegenbleiben – ich weiß es; aber es ist einmal beschlossen – man soll mir nicht nachsagen, daß ich ein Talent, doch kein Charakter sei – so mag es geschehen, obgleich auch Fräulein Saling schwört, daß ich in den offenbaren Tod renne.« Gerhard wollte eine so günstige Wendung nicht unbenutzt lassen; er tat, als ob die Sache jetzt entschieden, die Reise definitiv beschlossen sei und geleitete die beiden Freunde bis zu dem Wagen. Wäre sein Herz weniger schwer gewesen, er würde über die kläglichen Gesichter haben lachen müssen. Der Maler saß bereits auf dem Strohsack, das mit dem breitrandigen Hute bedeckte Lockenhaupt in die Hände gestützt; Anton, im Begriffe hinaufzuklettern, schüttelte ihm mit einem vielsagenden Blicke noch einmal die Hand, als er, sich wendend, Salchen, die unbemerkt herangetreten war, in der offenen Haustür stehen sah. Er zuckte zusammen, riß seine Hand zurück und schnitt ein entsetzliches Gesicht, das ein lustiges Lachen darstellen sollte, mit weinerlicher Stimme rufend, während er auf den Wagen hastete: »Also auf acht Uhr spätestens! ich lasse mich auf keinen Fall halten, und wenn Hinrichs seinen besten Rotspon vorfährt! Adieu, Gerhard! adieu, Salchen! und heute abend einen sauern Hering! oder auch zwei!« »Fort!« rief Gerhard. Die Pferde zogen an; der Wagen rollte schnell davon, Spatzing wehte mit einem weißen Tuche, das von dunkeln Flecken starrte; Anton hatte nicht den Mut, sich umzublicken; Gerhard wandte sich; Salchen vertrat ihm den Weg. Ihr widerwärtiges Gesicht, das ihn sonst stets demütig anlächelte, war zu einer wütenden Fratze verzerrt; die falschen weißen Zähne blitzten unheimlich durch die blassen Lippen: »Daran sind Sie schuld«, zischte sie; »aber Sie sollen an mich denken!« Gerhard würdigte das böse Geschöpf keiner Antwort; er ging an ihr vorüber in das Haus, auf sein Zimmer. Siebentes Kapitel. Und nun mußte er das Wann und Wie der eigenen Abreise in Erwägung ziehen. Ihm bot die Lösung größere Schwierigkeit, als dem Freunde, den sein Leichtsinn davontrug, wie den Vogel die Schwingen. Ließ Anton doch keine halbgetane Arbeit zurück, kein Geschäft unerledigt, keine Vertrauensposten unausgefüllt! Aber er, in dessen Händen, nicht erst seit Klempes Verschwinden, sondern eigentlich vom ersten Tage an, die ganze große Wirtschaft gelegen! der – was wohl in Kantzow vor ihm noch keiner getan – ein genaues Buch, eine ordentliche Korrespondenz geführt hatte! der sich sagen mußte, daß sein Fortgehen – zumal jetzt in der Erntezeit, bei den schwierigen Arbeiterverhältnissen – die heilloseste Verwirrung zur unmittelbaren Folge haben würde! Und doch, wie konnte er bleiben? auch nur die kürzeste Frist? und wie konnte er Herrn Zempin gegenüber seinen Entschluß, gehen zu wollen, rechtfertigen, ohne daß dabei Dinge zur Sprache kommen mußten, die auszudenken schon eine Marter und die auszusprechen ihm unmöglich war? Hatte er doch zu dem genialischen Manne mit so großer Bewunderung aufgeschaut! dem liebenswürdigen Freunde sein ganzes Herz entgegengetragen! und sollte nun sagen: ich kann dich nicht mehr lieben und nicht mehr achten, dich, der du mit den herrlichsten Gaben nicht gewissenhafter geschaltet hast, wie mit deinem Vermögen; dich, in dessen Herzen keine edle Wallung sich regt, die nicht sofort von der trüben Flut rücksichtsloser, erbarmungsloser Selbstsucht verschlungen wird; dich, der du im Grunde auch nur ein Komödiant bist und die wahre Farbe deines Gesichtes mit der prahlerischen Schminke der Humanität bestrichen hast, wie der armselige Mensch da vorhin sich seine Jammermiene aufgemalt hatte! Und ist kein Gefühl, außer deiner Selbstsucht bei dir echt, so hat deine Freundschaft zu mir die Probe nicht besser bestanden! Wie könnte auch wahre Freundschaft in einer Seele wohnen, die sich der eigenen Unwahrheit bewußt ist? wie könnte an das Zartgefühl, an die Selbstbeherrschung eines anderen glauben, wer jedem rohesten Triebe blindlings zu folgen von Jugend auf sich gewöhnt hat? Es würde ja nur in deinem Sinne sein, wenn ich neben der Liebe zu einem edelsten Mädchen noch Muße fände für eine Buhlschaft mit einem verführerischen Weibe! Und Julie! sie mag so schlecht nicht sein, als sie leichtsinnig und wetterwendisch ist; aber wenn sie sich in ihre plötzliche Neigung zu mir nur aus Verzweiflung gestürzt hat, oder das Ganze auf eine Laune hinausläuft – es würde gerade hinreichen, mir den Aufenthalt hier zu verleiden und unmöglich zu machen; wäre auch das unsäglich Traurige, das namenlos Grausige nicht, das rings um mich her wie verworfenes Unkraut aufschießt. Nein, nein! jetzt müssen alle anderen Rücksichten schweigen; jetzt kann keine Rede mehr sein von Verletzung der Form, der Etikette; jetzt ist deine höchste Pflicht, dich zu retten, ehe das Unkraut dich erstickt. Mögen sie's dann nehmen, wie sie wollen! Während Gerhard so trübe Gedanken in seiner Seele wälzte, hatte er längst begonnen, seine Sachen aus Schränken und Kommoden zusammenzusuchen und in die Koffer zu packen, die er selbst aus einer Kammer in der Nähe herbeigeholt. Die Arbeit würde ihm sonst schnell und leicht von der Hand gegangen sein, da er bei seiner Ordnungsliebe immer alles bereit hatte; heute schien er nicht aus der Stelle zu kommen: die einfachsten Handgriffe wurden ihm schwer, er hatte sich jeden Augenblick darauf zu besinnen, was er eigentlich gewollt; wiederholt mußte er sich setzen, um ein ohnmächtiges Gefühl der Ermattung zu verwinden. Dieser Zustand war erklärlich genug, aber deshalb um nichts weniger peinlich, jetzt, wo er jeder Kraft der Seele bedurfte und auch des Leibes. Lag doch noch ein so schweres Tagewerk vor ihm! Hatte er doch noch Meilen zu reiten, bevor er – wohl erst gegen Abend – in Grünwald angekommen sein konnte. Von dort wollte er morgen einen Wagen hierher schicken, die zurechtgestellten Sachen abholen zu lassen, und dann – Ja, was er dann tun würde, was dann aus ihm werden sollte – er mochte, er konnte nicht daran denken. Grau und unbestimmt und trostlos, wie der Himmel heute über die Erde sich breitete, lag die Zukunft vor ihm. Endlich waren die Koffer gepackt. Er setzte sich an den Tisch und schrieb mit fliegender Feder einen Abschiedsbrief an Herrn Zempin, in dem er ihm für die Gastfreundschaft, die er in seinem Hause genossen; dankte und ihn um Verzeihung bat, wenn Gründe, die im einzelnen darzulegen er heute nicht die Kraft in sich fühle, ihn zwängen, dieses Haus zu verlassen, ohne persönlichen Abschied zu nehmen. – Er fügte eine kurze Relation des Standes der Wirtschaft hinzu, und daß Herr Zempin die Rechnungsbücher und sonstigen Papiere in seinem Bureau geordnet vorfinden würde. Der Brief, den er noch einmal durchlas, war verworren und ungeschickt; er fühlte es wohl, aber auch, daß ein zweiter Versuch nicht besser ausfallen möchte. So siegelte er denn, um den Brief hernach selbst auf das Bureau zu legen. Und nun Julie! Er hätte ihr am liebsten ebenfalls geschrieben; aber da sie einmal zu Hause war, mußte er anfragen lassen, ob sie ihn empfangen wolle. Es war zugleich die einzige Möglichkeit, ihr die Schleife zurückzuerstatten, bevor sie in andere Hände kam. Der Kasten der Kommode, in den er heute morgen das Band gelegt, war beim Einpacken bis jetzt unberührt geblieben. Der Kasten hatte einen besonderen Schlüssel, den er stets bei sich trug; der Schlüssel wollte nicht recht schließen, wie es der Fall zu sein pflegt, wenn mit einem nicht völlig passenden Schlüssel an einem Schlosse gearbeitet ist. Endlich gelang es ihm, zu öffnen. Die Schleife war fort; auch an den Briefschaften, die er hier, sorgfältig geschichtet, aufzubewahren pflegte, hatte die diebische Hand gerührt, obgleich sie sich offenbar bemüht, die gestörte Ordnung nachträglich wiederherzustellen. Gerhard klingelte nach dem Mädchen. Das Mädchen hatte heute nicht das Zimmer des Herrn Barons aufgeräumt; Fräulein Saling hatte es ausnahmsweise getan; sie selbst war unten beschäftigt gewesen. Das Mädchen sah mit Erstaunen die gepackten Koffer. »Wollen der Herr Baron denn auch fort?« fragte sie. Die einfache, selbstverständlich Frage des Mädchens hätte Gerhard beinahe aus der Fassung gebracht. Das Auffallende, gesellschaftlich Unschickliche seines Schrittes trat ihm mit beschämender Klarheit vor die Seele. Er hatte nicht den Mut, dem Mädchen die Wahrheit zu sagen. Er beabsichtige allerdings, in nächster Zeit Kantzow zu verlassen, da wichtige Geschäfte ihn in seine Heimat riefen; nun habe er, da heute morgen Zeit im Überflusse sei, ein paar Sachen, die er nicht weiter brauche, im voraus zurechtgelegt. Ob die gnädige Frau ihn wohl empfangen würde? Er müsse ein paar Besuche in der Nachbarschaft abstatten, von denen er vor Abend nicht zurück sein könne; möchte aber gerade deshalb gern die gnädige Frau sprechen, bevor sie selbst nach Swinhöft fahre. Das Mädchen war gegangen, wie es Gerhard geschienen, durch seine Erklärung keineswegs befriedigt. Er beschloß, ein paar Sachen, die noch umherstanden – unter ihnen der Pistolenkasten – lieber so zu lassen, um seiner Lüge wenigstens den Anschein der Wahrscheinlichkeit zu geben. Das Mädchen kam nach wenigen Minuten zurück: Frau Zempin bedauere außerordentlich; aber sie fühle sich unwohl und müsse im Bett bleiben, wenn sie heute nachmittag zu der Fahrt nach Swinhöft kräftig genug sein wolle. »Ich habe Frau Zempin einiges Notwendige mitzuteilen, das ich ihr schreiben will. Warten Sie einen Moment.« Er schrieb – in Gegenwart des Mädchens: »Ich gehe, um nicht wiederzukehren. Werden Sie mich trotzdem nicht empfangen?« Das Mädchen kam nach wenigen Minuten mit einem ebenfalls versiegelten Zettel zurück: »Gehen Sie! und mögen Ihnen die Arme, in die Sie eilen, geöffnet sein, wie es mir heute nacht Ihre Arme waren.« »Es ist gut«, sagte Gerhard. »Erzählten Sie mir neulich nicht, Sie wollten den Dienst hier wieder aufgeben?« »Ich bekomme morgen meinen Schein«, sagte das Mädchen; »ich kann es mit Mamsell Saling nicht aushalten; und dann –« Die hübsche Dirne wurde rot und zupfte an der Schürze: »Und es sind nicht alle Herren wie der Herr Baron, und die arme Anna Garloff –« Das Mädchen wischte sich mit dem Zipfel der Schürze die Augen. »Sie haben ganz recht«, sagte Gerhard; »es ist sehr hart, sterben zu müssen, wenn man so jung ist. Gehen Sie sobald als möglich, und nehmen Sie das mit auf die Reise.« Er hatte Mühe, dem Mädchen das Trinkgeld aufzudrängen: das habe ja Zeit bis morgen und sei auch viel zu viel. Sie dürfe gar nicht sagen, daß sie so viel von dem Herrn Baron bekommen habe; das würde eine böse Schnackerei geben. »So schweigen Sie«, sagte Gerhard. Das dankbare Mädchen fragte, ob sie dem Herrn Baron das Frühstück, das schon lange unten stände, auf das Zimmer bringen sollte? Gerhard lehnte es ab: er habe keinen Appetit. In der Tat fühlte er das dringendste Bedürfnis nach einer Erquickung; aber es war ihm unmöglich, sich noch als Gast des Hauses zu betrachten, von dem er innerlich Abschied genommen. Und jetzt war er bereit. Er trat an das Fenster, einen letzten Blick in den Park zu werfen. Es war kein liebliches Bild in dem grauen Lichte des Regentages, mit den vom Wind durcheinandergepeitschten Wipfeln der Bäume, den zerzausten Bosketts, dem plattgedrückten Grase des Rasenplatzes, auf dem hie und da große Wasserlachen standen. Und er dachte jenes ersten Nachmittages, als er an eben diesem Fenster lehnte, und der schönen, ahnungsvollen Zukunft sein Herz freudig entgegenpochte, das jetzt so dumpf und bang in der Brust hing, und die roten Sonnenstrahlen durch die breiten Blätter des wilden Weines zitterten, von denen jetzt der Regen Tropfen um Tropfen rann! Und so rann Tropfen um Tropfen aus seinen Augen; und er schämte sich seiner Tränen nicht. Sechstes Buch Erstes Kapitel. Nach Teschen zum Grafen mußte Gerhard über Herrn Sallentins Gut Zarnewitz; er brauchte also keinen Umweg zu machen, um Pastor Pahnk aufzusuchen, bei dem er den Wunsch des Försters, der Tochter auf seinem eigenen Grunde die Ruhestätte zu bereiten, befürworten wollte. In der Nähe des großen Kirchdorfes lenkte von einem Feldwege auf die Hauptstraße ein Reiter, in dem er, erst als er bereits ganz nahe war, den geistlichen Herrn erkannte, der heute in Stulpenstiefeln und Regenrock, eine breitschirmige Mütze tief ins Gesicht gedrückt, sich von einem Pächter oder Gutsbesitzer in nichts unterschied. Auch kam er eben von dem ›Priesteracker‹, den er selbst bewirtschaftete. Das Unwetter habe ihm keinen großen Schaden getan, da er den Weizen beinahe ganz herein gehabt und sein Hafer den Regen sehr gut habe brauchen können. Überdies sei das Barometer seit heute morgen fortwährend im Steigen; er prophezeie noch für den Abend gutes Wetter. Gerhard mußte endlich das wirtschaftliche Gespräch, das sich in unendliche Länge zu ziehen drohte, geradezu abbrechen, um sein trauriges Anliegen vorzubringen. Der Pastor hatte von dem bösen Fall noch nichts gehört. Das arme, arme Mädchen! er habe sie getauft und eingesegnet; sie sei immer sehr gut und fleißig gewesen; gerade von ihr würde er am wenigsten vermutet haben, daß sie ein solches Ende nehmen sollte! Ob er die von dem Förster gewünschte Erlaubnis gebe? Herzlich gern! Ob geweiht oder ungeweiht – Gottes Erde sei es schließlich überall, und ob er für die arme Seele über dem Grabe bete, oder in seinem stillen Kämmerlein – der gnädige Gott werden ihn da und hier hören. Also, er für seinen Teil: in Gottes Namen! aber der Herr Baron kenne den Herrn Grafen; der Herr Graf sei ein sehr strenger Herr; dem Herrn Baron freilich werde er es gewiß nicht abschlagen. Es sei auch nach allen Seiten das beste und klügste, wenn von der unglücklichen Geschichte so wenig Wesens als möglich gemacht würde. Von dem vielen Gerede würden die Toten nicht wieder lebendig, und zwischen den Lebenden setze es nur böses Blut. Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! – das sei immer sein Wahlspruch gewesen, und das biblische Wort habe er vorgestern dem Herrn Grafen in das Gedächtnis zu rufen sich erlaubt, als der Herr Graf ihm – allerdings unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, die gegen den Herrn Baron, der vollständig eingeweiht sei, nicht nottue – den Verdacht mitgeteilt, der gegen den verstorbenen Herrn Zempin und gegen einige gewisse andere Personen rege geworden. Er habe den alten Zempin gut gekannt; der sei geradeso gewesen wie der Kantzower: übermütig im Glück und ohne Kraft, das Unglück zu ertragen. Solche Menschen seien unberechenbar; aber bis zum Verbrechen – das sei denn doch eine große Kluft, und da bleibe er – der Pastor – lieber diesseits stehen mit seinem Urteil und überlasse die Entscheidung Gott, der allein Herz und Nieren prüfen könne und sich deshalb auch die Rache vorbehalten habe. Der Herr Graf sei mit diesem seinem Glaubensbekenntnis nicht recht zufrieden gewesen; aber es werde nichts so heiß gegessen, wie es gekocht werde. Der Herr Graf werde mit der Zeit auch wohl noch dahinterkommen, und für seinen Übereifer sei der Umstand, daß Zempin seit gestern wieder ein reicher Mann, ja reicher sei, als er je gewesen, der allerbeste Dämpfer. Einen so einflußreichen Mann, der bei den Kreis- und Provinzialtagen die größte Rolle spiele, auf ein so durchaus windig leeres Gerücht, auf eine bloße Vermutung hin in den schlimmsten Leumund zu bringen und gleichsam einen Kampf auf Leben und Tod mit ihm zu beginnen, werde sich der Herr Graf wohl dreimal überlegen und sich mit dem Retzower Forst begnügen, der ja nun dem Fiskus definitiv zugesprochen sei. Und das von Zempin, das gelte mutatis mutandis von Vadder Deep. Das sei jetzt eine gewichtige Person – Gott seis geklagt! – Und was den Förster betreffe, – du lieber Gott, wer möchte es wohl übers Herz bringen, dem armen geschlagenen Manne das schwere Kreuz, an dem er zu tragen habe, noch schwerer zu machen? So redete der gutmütige Herr in seiner behaglich lässigen Weise, indem er dabei fortwährend mit den kurzen Beinchen seinem kleinen, runden Pferde die Weichen berührte und einmal über das andere stillhielt, um mit aller Umständlichkeit aus einer großen runden Dose eine gewaltige Prise in das stumpfe Näschen zu stopfen, das nur eben zwischen den dicken, wettergebräunten Backen rötlich hervorblickte. Gerhard ließ sich die innere Ungeduld nicht merken, und dann: aus den langatmigen Reden des geschwätzigen alten Herren durfte er annehmen, daß der Graf die Angelegenheit entschieden nicht mehr so hoffnungsvoll ansah, wie anfangs; und vor allem, daß jener sein Versprechen gehalten und ihn selbst in keiner Weise ins Spiel gebracht hatte. In dem Maße aber, als der Eifer des Grafen erlahmte, wuchs seine eigene Zuversicht, daß der letzte bitterste Tropfen in dem Leidenskelch dieser Tage bleiben, daß Edith nicht jetzt und nie das Geheimnis erfahren werde! Dieser Gedanke beherrschte seine Seele völlig; alles andere erschien dagegen geringfügig. Die Reiter waren an das erste Haus des Dorfes, den großen Krug, gelangt, welcher, an dem Kreuzungspunkte zweier Landstraßen gelegen, für die ganze Nachbarschaft eine hervorragende Wichtigkeit hatte. So war denn auch heute wieder eine kleine Wagenburg vor demselben aufgefahren: ein paar Chaisen, ein halbes Dutzend vierspänniger Leiterwagen von einem benachbarten Gute, welche Korn nach Grünwald gebracht hatten, und deren Knechte sich jetzt drinnen gütlich taten, während die abgesträngten schweißtriefenden Gäule deckenlos in dem rauhen Winde froren und die Köpfe zusammensteckten; ein Zigeunerkarren, in dessen Stroh ein junges braunes Weib und ein paar zerlumpte, schwarzäugige Kinder kauerten, während der Vater dem struppigen mageren Pferdchen Brot in die fliegende Krippe schnitt, und – zu Gerhards nicht geringer Verwunderung der Kantzower Wagen mit Spatzings Sachen, ohne Pferde, zum Beweis, daß es auf einen längeren Aufenthalt abgesehen war. So sagte auch der Wirt, der, durch das Klappern der Hufe angelockt, mit einem großen Präsentierteller, auf dem unterschiedliche Gläser Grog dampften, in die Haustür trat. Er rief ein Mädchen herbei, die das Getränk hineintragen sollte, während er den Herren die gewünschte Auskunft gab. Herr Stude und Herr Spatzing seien beinahe schon vier Stunden hier – seit neun Uhr. Sie hätten erst nur ein Glas Grog gegen die rauhe Luft trinken wollen, aber ein paar Gutsbesitzer aus Mecklenburg vorgefunden, und dann seien die Herren Lindblad und Benz dazugekommen – sie kämen immer um diese Zeit in den Krug – und da hätten sich die Herren natürlich nicht so bald wieder trennen mögen und säßen noch, trotzdem Frau Sallentin bereits ein paarmal geschickt und sie zu Tische hätte bitten lassen. Nun sei Herr Sallentin selber gekommen, sie zu holen, und zu Herrn Hinrichs nach Radebas sei ebenfalls geschickt, der müsse gleich eintreffen. Dann würden sie wohl zusammen auf den Hof gehen. Daß die beiden Herren heute noch weiter kämen, glaube er nicht; sie würden wohl sicher in Zarnewitz bleiben. Vor einer Stunde sei auch noch ein Herr von Ramberg dagewesen, einer von den vier Schwiegersöhnen des Herrn Semlow, der nach Swinhöft gewollt habe; der werde dort in einem schönen Zustande ankommen, denn er hätte gleich eine Champagnerbowle spendieren müssen von wegen der Erbschaft; jetzt eben seien die Herren zur Abwechslung wieder beim Grog. Ob der Herr Pastor und der Herr Baron nicht absitzen und ein wenig näher treten wollten? es gehe drinnen gar lustig zu; besonders stelle Herr Stude so tolles Zeug an, daß man sich darüber totlachen könne. Aus dem Zimmer rechterhand erschallte lautes Hallo und, den Lärm übertönend, eine Gerhard sehr bekannte Stimme, welche: Der Papst lebt herrlich in der Welt – aus voller Brust intonierte. Es fängt doch wieder an zu regnen, sagte der Pastor mit einem verschämten Blick nach den angelaufenen Fenstern des Honoratiorenzimmers; sollten wir nicht einen Augenblick eintreten? Gerhard entschuldigte sich: seine Zeit sei so kurz gemessen; er habe dem Förster seinen Besuch fest zugesagt und möchte nicht kommen, ohne den gewünschten Konsens mitzubringen; zu dem Zwecke müsse er doch aber auch beim Grafen in Teschen vorsprechen. »So nehmen Sie wenigstens mit unserem frugalen Mittagbrot vorlieb«, sagte der Pastor, »meine Frauenzimmer werden sich sehr freuen, und – nehmen Sie's mir nicht übel – Sie sehen schlimm aus; eine Stunde Erholung wird Ihnen guttun.« Sie waren mittlerweile bis zu dem Pfarrhause gelangt, das, am Ende des Dorfes, unmittelbar neben der uralten Kirche, von vielhundertjährigen Linden umdüstert, lag. Eine junge Magd berichtete: die Frau Pastor und Fräulein Tining und Lining seien bereits vor einer Stunde zu Sallentins gebeten und hätten hinterlassen, der Herr Pastor möge doch ja gleich nachkommen: Herr Stude und Herr Spatzing würden da sein, auch Herr Hinrichs würde erwartet und noch ein paar andere. Gerhard, der dem Pastor die Verlegenheit, in die ihn dieser unerwartete Zwischenfall versetzte, nur zu deutlich ansah, begehrte sogleich weiter; das aber wollte jener durchaus nicht zugeben. Mit dem Mittagessen auf dem Hofe habe es gute Wege; die Herren aus dem Kruge würden sobald nicht aufbrechen, davon habe sich der Herr Baron doch wohl selbst überzeugt, und wenn er nun auch dem Herrn Baron kein Mittagessen anzubieten habe, ohne daß er eine Erfrischung zu sich genommen, lasse er ihn nicht fort. Gerhard mußte absteigen und die Magd einen Imbiß und eine Flasche Wein in das Studierzimmer schaffen, wohin Gerhard seinem gutmütigen Wirt mit Widerstreben folgte. Der Boden brannte ihm unter den Füßen, jede Minute schien ihm ein unersetzlicher Verlust, und trotzdem er noch völlig nüchtern war und sich, bei aller innerer Erregung, körperlich tief ermattet fühlte, flößte ihm Trank und Speise Widerwillen ein. Aus Höflichkeit nahm er ein wenig Weißbrot und trank ein paar Gläser von dem vortrefflichen Weine, während der Pastor den guten Dingen so eifrig zusprach, als erwarte ihn nicht das Mittagessen auf dem Hofe. »Ein Sperling in der Hand ist besser, als eine Taube auf dem Dache«, sagte er; »und was der Magen hat, das hat er. Und ganz unter uns: bei Sallentins ist oft Schmalhans Küchenmeister; ich sage immer: damit sie bei anderen Leuten für drei essen können. Sonst hätten sie's wahrhaftig dazu; aber je mehr er hat, je mehr er will! Na, ich darf keinen Stein auf die Leute werfen; andere machen's nicht viel besser: jeder für sich und Gott noch ganz besonders für mich – das ist der Wohlspruch so ziemlich all der Herren Domänenpächter und Gutsbesitzer, wie viele ich ihrer auch kenne – und ich kenne ein gut Teil. Den Kantzower nehme ich aus. Bei dem habe ich noch nie vergebens angeklopft, wenn's ein Scherflein für die Armen zu bitten galt; im Gegenteil: er gab immer doppelt und dreifach, so daß ich ihn zuletzt gar nicht mehr angehen mochte, um so weniger, als ich manchmal wohl merkte, wie er auch nichts übrig hatte. Daß es freilich so schlecht mit ihm stehen könne, hätte ich mir nicht träumen lassen. Den ganzen Anteil an Retzow abgetreten! und an Vadder Deep! ich wollt's erst gar nicht glauben! Niemand wollte es glauben; es klingt wie ein Märchen. Es sagen auch alle, das könne nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, und ist's gewiß nicht, und unrecht Gut gedeiht nicht, und wie gewonnen, so zerronnen. Schon deshalb möchte ich an die Geschichte nicht glauben, die mir der Herr Graf erzählt hat. In dem Augenblicke, wo den Zempins der Besitz wirklich unter den Fingern zu zerrinnen schien, erbt der eine durch seine Frau eine Viertelmillion, und der andere verlobt seine Tochter an unseren reichsten Standesherrn. Das sieht wahrlich nicht wie ein Gericht Gottes aus! So denkt gewiß der Herr Graf, wenn ich ihn irgend recht beurteile; und so denkt Sallentin, der ganz unglücklich darüber ist, daß er seine Forderung an Zempin, die er heute voll ausgezahlt bekäme, vorgestern mit zweitausend Damno verkauft hat. Es ist eine alte landläufige Meinung: die Zempins sind Gücksmenschen, und das scheint sich ja wirklich zu bestätigen, obgleich freilich auch hier noch immer nicht alles Gold ist, was glänzt, und der Himmel in seiner Weisheit dafür sorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wenn es wahr ist, was man so erzählt – ich habe es – aber ganz unter uns, Herr Baron! – von der Frau Sallentin –, daß der Saufaus, der Klempe, nur für einen anderen eintreten sollte, so wird der Tod der armen Dirne für den anderen doch ein böses Menetekel sein, um so mehr, als unsere liebe Frau Zempin, meine verehrte Gönnerin, leider nicht in dem Rufe steht, nur für ihren Gatten und ihre Häuslichkeit zu leben. Und dem guten Kosenower soll es ja seit Sonntag noch immer recht übel gehen, und dabei ist er nun wirklich verurteilt – zu vierzehn Tagen, was mir auf alle Fälle ein bißchen sehr hart scheint, und doppelt hart, wenn man bedenkt, daß es einen Mann trifft, der, abgesehen von seiner momentanen Krankheit, in seinem ganzen Leben, glaube ich, freiwillig noch nicht vierzehn Stunden hintereinander in der Stube gewesen ist und nun vierzehn Tage hinter Schloß und Riegel zubringen soll. Aber trinken Sie doch mal aus, Herr Baron! Wollen Sie wirklich schon aufbrechen?« Gerhard hatte sich erhoben; er könne es nicht verantworten, den Herrn Pastor länger festzuhalten. Seine Zeit sei ebenfalls um; er bitte dringend, ihn jetzt beurlauben zu wollen. »Ich hätte gern noch ein paar Stunden so angenehm mit Ihnen geplaudert«, sagte der gutmütige Herr, der allein das Wort geführt hatte; »aber man soll den, der fort will oder muß, nicht halten. Und noch einmal – übernehmen Sie sich nicht! Ihre Hand ist heiß; ich sehe es an Ihren Augen, daß Sie nicht wohl sind; ich möchte schwören, daß Sie Fieber haben. Ein alter Landpastor versteht sich auf dergleichen.« Gerhard stellte das in Abrede: es sei nur die natürliche Folge einer schlechten Nacht und der traurigen Erlebnisse des Tages. Er kenne seine Natur und wisse, dergleichen habe bei ihm gar nichts zu bedeuten. »Ja, ja, so seid ihr jungen Leute«, sagte der Pastor; »aber das ist die Tugend der Jugend, daß sie keine hat – wenigstens nicht in dem Sinne von uns Alten. Na, ich war auch nicht anders, als ich jung war. – Es war mir eine Ehre und eine Freude, Herr Baron! Kommen Sie glücklich hinüber und zurück! Auf recht baldiges Wiedersehen!« Zweites Kapitel. Unter einem halbverfallenen Torfschuppen auf freiem Felde hatte Gerhard vor dem Unwetter Schutz gesucht, das ihn mit unglaublicher Wut auf dem Wege zwischen Teschen und Kosenow überfallen. Der treue Braune stand neben ihm, wie er jetzt auf einem umgestülpten Karren saß. Das Pferd zitterte in dem rauhen Winde, der durch die Ruine strich; er selbst schauderte vor Frost, und doch brannte die Stirn in der aufgestützten Hand. Aber es war nicht das Gefühl seiner Schwäche, was ihn an dem schauerlichen Orte festhielt, als der Regensturm vorübergebraust war und sogar die Nachmittagssonne sich mühte, aus den jagenden Wolken hervorzublicken. Er sollte nun von Edith Abschied nehmen, Abschied für immer! Konnte er den bitteren Kelch nicht eine Spanne Zeit, und wäre sie noch so kurz, von den Lippen fernhalten? Was würde er ihr sagen? was konnte er ihr sagen, ohne daß die großen, treuen Augen verwundert, erschrocken zu ihm aufblickten und sich dann abwandten, den grausamsten Schmerz zu verbergen, den eine edle Frauenseele empfinden mag? Würde da der Trost vorhalten, den er sich fortwährend wiederholte, daß es kein anderes Mittel gab, ihr das Entsetzliche jetzt und in Zukunft zu verbergen? Und er durfte nach dem Besuche beim Grafen freilich mehr als je hoffen, es werde das geschehen können. Der Pastor hatte den edlen Herrn ganz richtig beurteilt. Der plötzliche Umschwung in den Glücksumständen des Kantzowers; die Entschlossenheit, mit der die Baronin Basselitz an dem Plane einer Verbindung zwischen Lafing und Maggie festhielt, trotzdem die Gräfin, wie es schien, dagegen mehr als nur Andeutungen über das Geheimnis hatte fallen lassen; seine eigene wiederholte positive Erklärung, daß er auf keinen Fall und unter keinen Umständen selbsttätig in der Angelegenheit auftreten und ebensowenig, falls jene Dokumente sich fänden – was ja überdies der Gipfel der Unwahrscheinlichkeit sei – von ihnen Gebrauch machen und den Vachaschen Erbschaftsstreit wieder anfachen werde – das alles hatte die Stimmung des Grafen offenbar völlig verändert, obgleich er sich die Miene gab, bei reiflicher Überlegung die fast unbesiegbaren Schwierigkeiten eines juristischen Beweises denn doch eingesehen zu haben. Und darin habe ja Gerhard völlig recht; die Ehrenrettung des verstorbenen Vicomte sei auch ohne dies eine vollkommene; und was die Schädigung betreffe, die der Staat durch die Unterschlagung der ihm zufallenden Kriegsbeute erlitten – obgleich selbst diese Frage, wie Gerhard so scharfsinnig nachgewiesen, eine offene sei – so könne man mit gutem Gewissen den jetzt definitiv für den Fiskus gewonnenen Retzower Forst als Kompensation ansehen. Überdies müsse er gestehen, sich von dem Herrn Deep eine ganz andere und günstigere Meinung gebildet zu haben, nachdem er ihn heute vormittag besucht und ihm ausführlich berichtet, wie er auf völlig legale Weise durch kluges Haushalten des Ersparten und allerdings nicht minder kluges Benutzen der finanziellen Bedrängnisse der Herren Zempin allmählich zu einem bedeutenden Vermögen und schließlich so weit gekommen, daß er sich als Besitzer von Retzow betrachten dürfe. Herr Deep werde sich in dieser seiner Eigenschaft bemühen, ihm – dem Grafen – in jeder Weise gefällig zu sein, habe ihm auch sofort bei der Exploration der Hünengräber, die immer ein Lieblingswunsch auch von ihm gewesen, zu jeder freundnachbarlichen Hilfsleistung bereit erklärt; werde, sobald der Herr Graf befehle, und wär's noch heute abend, mit den Vorarbeiten beginnen und sie hoffentlich so weit fördern, daß der Herr Graf sozusagen nur noch die letzte Hand daranzulegen brauche. Dann war der Graf auf den Selbstmord von Anna Garloff zu sprechen gekommen, wo er sich denn auf Gerhards Bitte sofort bereit erklärte, dem unglücklichen Vater seinen Wunsch zu gewähren: die durch Gesetz und Sitte geforderte Verweigerung eines ehrlichen Begräbnisses würde dem armen Manne ja das Herz brechen! Schließlich war der Graf untröstlich, Gerhard bestätigen zu müssen, daß Herr Johann Zempin allerdings zu einer namhaften Freiheitsstrafe verurteilt sei; indessen habe er sofort, ohne einen desfallsigen Antrag des Damnaten abzuwarten, einmal aus eigener Initiative bis zur vollständigen Genesung des Kranken die selbstverständliche Sistierung der Urteilsvollstreckung beantragt, sodann bei Onkel Exzellenz die Niederschlagung der Angelegenheit auf dem Gnadenwege befürwortet; er hege nicht den mindesten Zweifel, daß allerhöchsten Orts einem betreffenden Gesuche gern Folge gegeben werden würde. Es gereiche ihm zu aufrichtiger, hoher Freude, Gerhard diese Mitteilungen machen zu können, welche – so erlaube er sich anzunehmen – dessen Empfang heute in Kosenow, wenn möglich, eine noch ganz andere Weihe verleihen dürften. Gerhard hatte seinen Dank ausgesprochen, ohne auf die letzte Andeutung einzugehen. Sie konnte nur einen Sinn haben: der Graf war – und dann unzweifelhaft durch Deep – von seinem Verhältnis zu Edith unterrichtet. Und nun glaubte er auch erst das diplomatische Verhalten des Grafen in dem rechten Lichte zu sehen: der Graf wollte sich dem eventuellen Schwager des Basselitzer Barons auf jede Weise gefällig erweisen und wußte jetzt ganz genau, weshalb Gerhard so ängstlich beflissen war, nicht an ein Geheimnis zu rühren, dessen Enthüllung ihm die Verbindung mit der Dame seiner Wahl für immer unmöglich machen mußte. So konnte er sich auch nur das gnädige Lächeln der Gräfin deuten, die zum Schlusse der Unterredung in das Zimmer kam, weil sie fürchtete, über so vielen wichtigen Dingen vergessen zu werden und doch auch ihre innigsten Wünsche für die baldige Genesung des Herrn Zempin und beste Empfehlungen für Fräulein Edith dem Herrn Baron mitgeben möchte. Es sei so schade, daß er nicht bleiben könne! Soeben hätten sich die Baronin Basselitz mit Baron Bogislaf und Fräulein Maggie zu einem Nachmittagsbesuche anmelden lassen. Sie würden gewiß den Rückweg über Kosenow nehmen, wenn sie erwarten dürften, den Baron dort noch vorzufinden. Dann abermals ein gnädiges Lächeln und Darreichen der schönen weißen Hand zum Kusse und erneute Freundschaftsversicherungen des Grafen, der ihm durchaus seinen Wagen aufdringen wollte und empfindlich schien, als Gerhard das gütige Anerbieten entschieden ablehnte und seinen Braunen wieder bestieg. »Und nun komm, du treues Tier«, sagte Gerhard, »und trag deinen Herrn durch die letzte, die schwerste Leidensstation!« Ein Ritt von einer halben Stunde brachte ihn auf den Hof von Kosenow. Es dauerte geraume Zeit, bis er einen Knecht aufgetrieben, dem er das Pferd übergeben konnte. Freilich erfuhr er von dem Manne, daß das Fräulein bereits vor einer Stunde weggefahren sei, er wisse nicht zu sagen wohin, er glaube, nach Kantzow – vielleicht könne der Herr Baron im Hause von Frau Sara das Nähere hören. Gerhard ging in das Haus; die Alte, die aus dem Korridor kam, an dessen Ende das Schlafzimmer des Kranken lag, begegnete ihm auf dem Flur. Es kostete ihm Überwindung genug, die Person anzusprechen; aber es gab kein anderes Mittel, die nötigen Erkundigungen einzuziehen. Nur mit sichtbarem Widerstreben gab die Alte unbestimmte Antworten: ja, Fräulein Edith sei seit einer Stunde fort, vielleicht nach Kantzow, vielleicht auch nicht; sie habe nicht die Ehre, vom Fräulein gesagt zu bekommen, wohin Fräulein gehe, und wann sie wiederkehre; gestern sei sie ja wohl drüben gewesen. Der Herr Baron werde am besten wissen, weshalb Fräulein im Lande herumkutschiere, während der Vater krank läge. Ob der Herr Baron den Herrn sprechen könne? daran sei gar nicht zu denken, der Herr schlafe; er schlafe immerfort und solle sich wohl den Tod davon holen, daß er plötzlich geweckt werde! Warum sei denn der Herr Baron nicht vorgestern oder gestern schon gekommen? Das Fräulein sei immer nach der Tür gelaufen, wenn sich etwas auf dem Hofe geregt habe! Gerhard mußte es aufgeben, bis zu dem Kranken zu gelangen. Er habe nicht die Zeit, auf die Rückkehr das Fräuleins zu warten; möchte ihr aber ein paar Worte schreiben und fände gewiß das Nötige in ihrem Zimmer. Er machte der böswilligen Alten jeden Widerspruch unmöglich, indem er, ohne ihre Einwilligung abzuwarten, auf den Salon zuschritt, dessen Tür er glücklicherweise unverschlossen fand. Er trat hinein und zog die Tür hinter sich zu. Die Alte hatte nicht gewagt, ihm zu folgen; er sah sich allein in dem schönen, weiten Gemache, das ihm heute in dem trüben Lichte des düsteren Spätnachmittags von einer unsäglichen Schwermut erfüllt schien. Hier hatte ihm die Sonne seiner Liebe zuerst gestrahlt, viel – viel zu schön, als daß sie nicht alsbald wieder hätte untergehen sollen. – Wäre ich klüger gewesen, ich hätte es damals schon wissen können; aber welcher Mensch ist klug, wenn ihm neidische Götter ein höchstes Glück vor die trunkenen Augen gaukeln? Ich bin der Spiegelung entgegengeeilt, hochklopfenden Herzens; nun hat der Sand der Wüste, der es erzeugt, das Trugbild wieder verschlungen, und alles ist öde und leer um mich, den Verschmachtenden! Was sollte er tun? Verzichten auf den letzten Glückesschimmer? sie nicht noch einmal, zum letzten Male, sehen? nicht sein Haupt lehnen dürfen an die geliebten Knie? sein Herz erleichtern von der Tränenflut, die seine seufzende Brust beklemmte, die starren Augen brennend machte? So grausam konnte das Schicksal sein? Mochte es denn sein Ärgstes tun? Mochte es den Unschuldigen verschlingen mit dem Schuldigen! Mochte es den Enkel büßen lassen, was der Ahn gefrevelt! Mochte jenes Pult, an dem der Unglückselige einer treulos verlassenen Frau seine Schuld gebeichtet, wieder dem Enkel dienen, wenn er der einzig Geliebten schrieb, daß er sie verlassen müsse, weil – nun, weil es wohl irrende Menschen gibt, die Mitleid und Erbarmen haben, aber nur einen ewigen, allwissenden Gott, vor dem nichts verjährt, und der der Väter Sünde rächt bis ins vierte und fünfte Glied! Er hatte sich an den Sekretär gesetzt, auf dessen offener Platte eine geschlossene Briefmappe lag, woraus unbeschriebenes Papier, wie es schien, hervorragte. Er wollte einen Bogen herausziehen; es waren ihrer mehrere; auf dem einen stand von Ediths Hand unter dem Datum des Tages: Lieber, einzig, ewig Geliebter! Ich muß Dir schreiben, da ich Dich vorgestern, gestern nicht gesehen; ich muß – Nichts weiter! Sie mochte dann wohl noch einen Moment gezögert haben und war entschlossen aufgesprungen, einen letzten Versuch zu machen, ihm zu sagen, was sie in der Verzweiflung, ihn zu sehen, hatte schreiben wollen. Was? Ihren Kummer, ihre Sorgen, ihre Angst – alles, alles, was ihr schönes Herz belastete; was ein edles Herz nur dem Geliebten und auch ihm nur Hand in Hand und Lippe auf Lippe anvertrauen kann. Und er sollte ihr schreiben, daß der einzig, ewig Geliebte – Hatte er das Herz dazu? hatte er die Hand, der Treuen, Guten den Dolch ins Herz zu stoßen? Neben dem Blatte lag der Band des Wilhelm Meister aufgeschlagen. Seine Augen irrten von dem Blatte in das Buch; mechanisch las er, was ihm eben zuerst in die Augen fiel. Es war die Szene auf dem Grafenschlosse, als die schelmische Baronesse sich den frevlen Scherz erlaubt, Wilhelm als Grafen auszustaffieren, und nun der allzu Folgsame in dem Hausrock des Grafen, beim Scheine der Argandschen Lampe, die vor ihm, dem im großen Sessel Sitzenden, steht, die schöne Gräfin erwartet – in nicht geringer Verlegenheit. ›– jeder weibliche Reiz, der jemals auf ihn gewirkt hatte, zeigte sich wieder vor seiner Einbildungskraft. Marianne erschien ihm im weißen Morgenkleide und flehte um sein Andenken. Philinens Liebenswürdigkeit, ihre schönen Haare und ihr einschmeichelndes Betragen waren durch ihre neueste Gegenwart wieder wirksam geworden, doch alles trat wie hinter den Flor der Entfernung zurück, wenn er sich die edle, blühende Gräfin dachte, deren Arm er in wenig Minuten an seinem Halse fühlen sollte, deren unschuldige Liebkosungen er zu erwidern aufgefordert war –‹ Wie wundersam ihn das berührte! Wie eine Situation, von der wir genau zu wissen glauben, daß wir uns bereits einmal darin befunden. Die Personen freilich und ihre Charaktere, die Namen selbst sind verändert: die damals Marianne hieß, heißt jetzt Julie; aus der Philine ist eine Maggie geworden, und nicht der blühenden Gräfin wallt das Herz entgegen, sondern Edith; aber der vorausschauende Geist weiß mit Sicherheit, was nun kommen wird, wenn es auch nicht das Bild des Grafen ist, das der Pfeilerspiegel zeigt neben dem Sekretär, sondern das von Ediths Vater, der mit einem Lichte in der Hand aus der Tapetentür, dem Spiegel gegenüber, hereintritt, unbeweglich ein paar Momente stehenbleibt, und die Tür sachte wieder hinter sich zumacht. Gerhard strich sich über die heiße Stirn, die brennenden Augen: es war so grauenhaft deutlich gewesen, das Bild! die ungeheure Gestalt, das buschige Haupt, die großen und doch knabenhaften, in Verwunderung oder Schrecken erstarrten Züge des guten, sehr abgemagerten und bleichen Gesichtes – der halb erblindete Spiegel hatte alles wohl gezeigt – um die gelbe Flamme der Kerze war ein trübfarbiger Ring gewesen; – selbst das leise Schließen der Tür glaubte das überreizte Ohr vernommen zu haben! – War er auf dem Wege, wahnsinnig zu werden? War er es bereits? Oh, nur noch ein wenig halt aus, mein armer Kopf! du gequältes Herz! Er versuchte zu schreiben; die Feder entsank der zitternden Hand nach den ersten Worten. Vielleicht ließ sich sagen, was sich nicht schreiben ließ. Er glaubte nicht daran; aber dies war unmöglich. Er war aufgestanden und schritt in dem Gemache hin und her, das er vielleicht, das er wohl sicher nie wieder betreten würde. Von solcher Unruhe, Ungewißheit, Angst mochte der Großvater gefoltert gewesen sein vor der verhängnisvollen Fahrt, vor der ihm das ahnende Herz sagte, daß sie die letzte seines abenteuerlichen Lebens. Waren die kunstreichen Finger noch einmal über die Tasten des alten Klaviers dort geglitten? hatten noch einmal die Weisen des Lieblingsmeisters ertönen lassen? – Was war's gewesen? Don Juans übermütiges: Treibt der Champagner? oder des Komturs schauerliche Mahnung? – hatte er dem hochaufgeschossenen blöden Jungen, der ihn so liebte, noch einmal die Wangen gestreichelt? ihm gesagt, daß er nicht weinen solle? er wolle ihn später holen in seine schöne Thüringer Heimat, wo die Wälder höher ragten, die Vögel fröhlicher sängen und die Fernen duftiger blauten? War dann auch noch zu dem Papagei getreten, mit dessen Kapriolen er sich eine und die andere der unendlichen Stunden zu verkürzen gesucht? hatte ihm ein letztes Stück Zucker in den krummen, gesprächigen Schnabel gesteckt? ihm ein letztes Mal das graue Gefieder gekrault? – Und hatte das wunderliche Geschöpf zum Abschied dieselbe Leidensmiene gemacht, wie jetzt? – Armes Tier, warum kauerst du zitternd mit gesträubten Federn auf deiner Stange? du hast Wasser und Futter! die gütige Herrin hat dich nicht vergessen in der Sorge dieser Tage! Sorgst du um sie? um den kranken Herrn? weißt, daß das längst geborstene Glück von Kosenow nun vollends zerspringen wird? geht es mit dir selbst zu Ende? bist müde, zu sehen, wie die Welt nach hundert Jahren noch immer dasselbe Tal des Leides ist? im Indianer- wie im Pommernlande? Der sterbende Vogel hob die halb verglasten Augen; Gerhard konnte es nicht länger ertragen; er eilte aus dem Gemache durch die offene Terrassentür in den Garten auf den Hof, wo der Knecht den Braunen hielt; saß auf und sprengte dem nahen Walde zu. Er hatte ihn noch nicht erreicht, als ihm zwei Equipagen entgegenkamen, in deren erster er sofort die große offene Kutsche der Baronin Basselitz erkannte, die allein im Fond saß; in der folgenden, die noch zurück war – einem eleganten Jagdwagen – saßen zwei: ein Herr und eine Dame – er konnte nicht darüber im ungewissen sein, wer die zwei waren. An ein Ausweichen war nicht zu denken; in der nächsten Minute war er an der Kutsche, die bereits hielt. Die Baronin war auf die Seite gerückt, an der er vorbei mußte, und streckte ihm weit die Hand entgegen. Woher? und wohin? Gerhard sagte, daß er von Teschen über Kosenow komme und zum Förster wolle. »Das ist brav von Sie!« sagte die Baronin; »wäre schon selber zu dem Manne gefahren, der ein alter Protegé von mich ist, hatte man heute keine Zeit; tu's vielleicht noch, wenn ich von Teschen komme, wo wir eine Visite machen wollen; muß sich doch mal präsentieren, das junge Paar! Na, man immer 'ran!« Der zweite Wagen hielt nun ebenfalls, dicht hinter dem ersten. Gerhard grüßte von dem Schlage der Kutsche aus; Lafing war sofort herabgesprungen und kam auf ihn zu; Maggie, die sitzengeblieben, lächelte und winkte mit der Hand. »Wundern sich, daß wir in zwei Wagen kommen, da doch in meiner alten Karrete Platz für achte ist«, rief die Baronin; »aber ich kann das Getue und Gehabe und die ewige Löffelei von die beiden nicht aushalten. Na, Lafing, brauchst darüber nicht rot zu werden! und du, Kleine, brauchst dir nicht zu verschleiern! Der Herr Baron gönnt euch das; nicht wahr, Herr Baron? Und nun, Lafing, steig man wieder ein und fahrt vorauf, ich habe noch ein paar Worte mit dem Baron zu sprechen.« Lafing eilte zu seinem Platz zurück; auf dem nicht breiten Wege mußte der Jagdwagen langsam vorüberlenken; Maggie, die auf der linken Seite saß, kam dabei Gerhard so nah, daß er, trotz des weißen Schleiers, ihre glühenden Wangen sah; sie wagte die Augen nicht aufzuschlagen, sie wagte nicht zu grüßen; sie wagte sich nicht zu regen, als Lafing, der endlich den Hut wieder aufgesetzt hatte, jetzt, als sie eine kleine Strecke entfernt waren, den Arm um sie schlang – Gerhard dachte flüchtig daran, was sie wohl gegeben hätte, wäre ihr diese Demütigung erspart geblieben! Die Baronin hatte ihn noch näher herangewinkt, indem sie ganz in die Ecke rutschte, und sagte in einer Art von rauhem Geflüster: »Das ist eine heillose Geschichte! und ich bin überzeugt: mein alter Freund, der Kantzower, steckt dahinter; er hat nach diese Seite nie etwas getaugt, und nach manche andere auch nicht. Er mag sich nur vor dem Garloff in acht nehmen; der hat sein Leben lang keinen Spaß verstanden, und dies ist kein Spaß, Gott sei's geklagt! Die arme Dirn! Der arme alte Mann! Lohn's Sie Gott, Baron, daß Sie sich seiner annehmen! Aber ich bin ja immer mit Sie einverstanden, auch in dem, daß Sie von die andere alte Geschichte nichts wissen wollen, die der Graf – na, Sie verstehen mir! – Das fehlte mich noch gerade, habe ich zu den Grafen und zu die Gräfin gesagt: wenn wir erst anfangen wollten, in unsere Familiengeheimnisse zu kramen und wie Hans und Kunz zu ihr Vermögen gekommen, dann könnten wir jawohl alle samt und sonders ins Zuchthaus wandern. Ich danke dafür! An dem da – die Baronin wies rechts hin nach der Gegend, wo Kantzow lag – wäre mich trotz alledem nicht so viel gelegen und an seine liebe Frau noch weniger, und sie sind ja heute reicher, als je. Aber wenn Sie dem Alten« – sie wies geradeaus auf Kosenow – »ein Haar auf seinem guten, ehrlichen Kopfe krümmen, dann haben Sie es mit mich zu tun! – Na, Herr Baron, Sie werden zu meiner schönen Rede Ja und Amen sagen. Sie brauchen mich keine Konfidenzen zu machen; ich weiß von die Kleine, wie der Hase läuft. Und ich wünsche Sie von ganzem Herzen alles Glück und Segen, und wird nicht fehlen, denn die Sie sich ausgesucht haben – na – ich sage weiter nichts, als: die ist echt gut, ich wollte man, die andere wäre halb so. Und vor Ihnen, Baron, habe ich ordentlich ein mütterliches Gefühl, und wenn ich eine Tochter hätte, und Sie wollten ihr – weiß es der liebe Gott, Baron – ich wüßte nicht, was mich, nächst das Glück von mein Lafing, eine größere Freude machen könnte. Na, nun leben Sie wohl und reiten Sie, sobald Sie bei den Förster gewesen, nach Hause. Sie sehen mich gar nicht so aus, als ob Sie heute viel zuzusetzen hätten. – Fort, Karl!« Die Baronin hatte sich die Tränen, die ihr reichlich über die vollen Wangen gelaufen waren, energisch abgewischt und sich in ihre Ecke zurückgelehnt. Die Kutsche rollte davon; Gerhard verfolgte seinen Weg; der Wald nahm ihn auf Die Begegnung mit der Baronin hatte ihm wohlgetan. Diese Worte, diese Tränen hatten nur aus einem Herzen kommen können, dessen angeborener Adel sich trotz aller Leidenschaften, die es früher oder später durchtobt, siegreich behauptet. Er hatte eine aufrichtige und energische Freundin mehr auf der Welt; und sein dankbares Gemüt wußte den hohen Wert eines solchen unverhofften Schatzes in diesem Augenblicke voll zu schätzen. Selbst die Anspielung der Baronin auf sein Verhältnis zu Edith hatte ihn keineswegs verletzt. Hätte die Unterredung länger gedauert, wäre er nicht so verwirrt gewesen, so unfähig, seine Gedanken zusammenzuhalten und auszusprechen – er fühlte, daß er der großherzigen Frau seine Zweifelsqualen gebeichtet, daß er sie gebeten haben würde, ihm beizustehen in seiner Not, mit ihm, für ihn zu entscheiden. Und er glaubte, ihre Antwort voraus zu wissen; ja, er versuchte, diese Antwort in die ihr eigentümliche krause, drastische Form zu kleiden, die ihn anfangs so häßlich berührt und jetzt so freundlich anmutete. Er mußte über den Versuch lächeln und erschrak, daß er noch lächeln konnte. Großer Gott! so weit war es gekommen mit ihm, der so gern lachte! Er brauchte sich keine Gewissensbisse darüber zumachen: es war nur ein Aufatmen der gepreßten Brust gewesen, kurz wie der Sonnenblick, der eben durch die grünen Wipfel geschienen, und dem bereits wieder das Dunkel gefolgt war, das sich jetzt tiefer und dichter in den Wald senkte. Er war vorher noch nie nach der Försterei gekommen; er wußte nur, daß er von dem Hauptwege, der gerade auf Basselitz führte, links in einen Nebenweg abbiegen mußte. Eben hier zweigte sich ein solcher ab; war es der rechte? Eine morsche Brücke führte über den Graben; drüben unter den bemoosten Tannen saß auf dem Steine eine weibliche Gestalt, die sich bei seiner Annäherung erhob und anfing zu knixen und Handküsse zu werfen. Wie kam sie hierher, die arme Wahnsinnige? Sie war auf ihn zugelaufen und hatte den Steigbügel geküßt. »Man wartet schon so lange auf den gnädigen Herrn Baron; ich habe gesagt, daß ich dem Herrn Baron entgegengehe, denn der Herr Baron sei mir einen kleinen Dank schuldig von wegen des Briefes, den ich für ihn nach Zarnewitz getragen, und würde gewiß kommen, wenn ich ihn darum bäte. Und dann wollte ich dem Herrn Baron sagen, daß ich den Monsieur Baptiste doch lieber nicht heiraten möchte, wenn Herr Zempin auch gestern abend selbst bei mir vorgesprochen und die besten Worte gegeben hat, und mich in einer schönen Chaise nach Grünwald schicken wollte, wo mich der Monsieur Baptiste erwartet. Dann hätte er mir auch einen französischen Kammerdiener mitgeben müssen und nicht den Jochen Schnut, der mich unterwegs geschlagen hat, als ich aus dem Wagen sprang, weil er so nach Branntwein roch. Ja, schnarch du nur erst einmal! und heidi über die Felder durch die dunkle Nacht zu meinem alten Schatz! Der schlägt mich nicht und gibt mir zu essen und zu trinken, und es ist eine so schöne Leiche, und das Fräulein aus Kosenow hat so schöne Blumen gebracht, ich habe mir auch eine ins Haar gesteckt, in einem halben Jahre ist die Trauer um, und dann machen wir Hochzeit.« Die Alte nestelte in dem grauen Haar an der halbentblätterten Rose, zupfte an den verblichenen Bändern und begann, neben dem Braunen herzulaufen. Gerhard bat sie, zurückzubleiben und nachzukommen; sie knixte und warf Kußhände, während er eiligst davonritt. – »Der alte Fluch geht wieder um«, murmelte er; »und niemand kann ihn bannen.« Der Weg mündete im dichtesten Forst auf eine Lichtung, an deren Rande, von den Riesenbäumen hoch überragt, die altertümliche Försterei lag: das auf den Giebeln mit Hirschgeweihen geschmückte Wohnhaus und ein paar Nebengebäude, zusammen ein kleines Gehöft bildend, das nach dem Wege hin mit einer niedrigen, grün überwucherten Mauer, durch die eine Lattentür führte, geschlossen war. Auf dem Hofe vor dem Hause unter den dicken Kastanien stand ein Wagen, vor dem eben Johann Ewers die Pferde heranführte. Das Fräulein könne nicht länger warten, von wegen des Herrn, der heute wieder recht krank sei; wären auch schon in Kantzow gewesen; Fräulein werde sich so freuen, daß der Herr Baron nun doch gekommen. Edith trat aus dem Hause; sie eilte die Stufen herab auf ihn zu; er hielt sie umschlugen; sie lehnte weinend den Kopf an seine Brust: »Endlich, endlich! Wie habe ich mich nach dir gesehnt!« Er vermochte kein Wort zu erwidern; er konnte nur noch denken, daß, wenn sie sich wirklich trennen müßten, dieser Augenblick der letzte seines Lebens sein möchte. Der Förster stand in der Tür; Edith entzog sich Gerhards Armen ohne Hast und winkte dem Förster, der im Begriff war, sich zurückzuziehen: »Bleiben Sie, mein Freund! Ich habe keine Geheimnisse vor Ihnen.« Der Förster drückte kräftig die Hand, die Gerhard ihm entgegenstreckte. Gerhard sagte ihm in wenigen Worten, daß er die Erlaubnis des Pastors und des Landrats mitbringe. »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen«, erwiderte der Förster; »es wäre auch gar zu traurig gewesen, wenn mein armes Kind nicht einmal Ruhe in ihrem Grabe gehabt hätte. Wollen Sie die Stätte sehen?« »Wir waren sicher, daß man dir nichts abschlagen würde«, sagte Edith, während sie durch das Haus nach dem Garten gingen; »ich mußte zum Vater zurück, und Herr Garloff meinte, du kämest vielleicht erst sehr spät; da haben wir sie denn vor einer halben Stunde bestattet.« Aus dem kleinen, sorgfältig gepflegten Garten gelangte man in ein Tannenwäldchen, dessen Dunkel hier und da durch eine Birke erhellt wurde. Aus einem runden Platze hob sich eine Edeltanne hoch empor, die, ihr starkes Gezweig nach allen Seiten ausbreitend, den offenen Raum beinahe überdachte. An dem Fuße des herrlichen Baumes war der Grabhügel bereits geschüttet, den ein alter Mann, welchen Gerhard nach seiner Kleidung für einen Gehilfen des Försters nahm, mit ausgestochenen Rasenstücken bekleidete. Der Alte zog die Mütze, machte sich dann aber gleich wieder an seine Arbeit; der Förster sprach leise zu ihm, wozu der Alte von Zeit zu Zeit nickte. Edith hatte auf das Kopfende des Hügels, der schon fertig war, Blumen gestreut, die sie aus einem dastehenden Korbe nahm; Gerhard folgte ihrem Beispiele; aber sein Herz war nicht bei der Schlafenden da unten. Ediths Worte: ich habe keine Geheimnisse vor Ihnen, hatten ihn peinlich berührt. Sie mochte ja nur ihr Verhältnis gemeint haben, von dem der Förster wohl bereits gestern durch den geschäftigen Vadder Deep gehört, oder sie selbst ihm aus diesem oder jenem Grunde Mitteilung gemacht. Aber wenn er den Worten eine andere Bedeutung beimessen mußte? wenn Edith wußte, was vor ihr verborgen zu halten sein Sinnen und Trachten und Mühen alle diese Tage hindurch gewesen war? Der Förster hatte das leise Gespräch mit dem Gehilfen beendet und sich zu ihnen gewandt. – »Es ist Zeit, Fräulein Edith«, sagte er. »Ich bin im Begriff«, erwiderte Edith, und dann zu Gerhard: »Herr Garloff bittet dich, ihm eine halbe Stunde zu schenken. Hernach erwarte ich dich, der Vater sehnt sich so sehr nach dir und –« Sie hatte seine beiden Hände ergriffen und starrte ihm angstvoll in die Augen. »Du bist krank!« rief sie. »Ich bin nicht krank«, sagte Gerhard; »geh! ich komme bald.« Edith stand zweifelnd; des Försters Blick ruhte prüfend auf Gerhard. »Ich bin nicht krank!« wiederholte Gerhard ungeduldig; »aber die Minuten sind kostbar; du darfst den Vater nicht länger allein lassen.« »Ich begleite den Herrn Baron nach Kosenow«, sagte der Förster. »Ich schicke den Wagen zurück«, rief Edith. Sie hatte sich entschlossen losgerissen und eilte aus dem Wäldchen durch den Garten in das Haus. Gleich darauf hörten die Zurückgebliebenen das Geräusch des Wagens. »Kommen Sie hinein, Herr Baron«, sagte der Förster; und dann Gerhards stumme, bange Frage beantwortend, mit leiser, mitleidsvoller Stimme: »sie weiß es nicht.« Er hatte Gerhards Arm ergriffen und führte den mechanisch Folgenden in das Haus. Drittes Kapitel. »Ich versichere Sie, ich bin nicht krank; Ihr Trank hat mir gut getan; kehren Sie sich nicht an meinen Puls; es ist das Fieber der Ungewißheit, des Zweifels, ob Fräulein Edith wirklich noch immer nichts weiß. Sie schien mir so verändert; oder ist es nur meine Sorge, die mich ihre Miene, ihre Worte mißdeuten ließ?« Gerhard saß in dem Urväterlehnstuhle, dem einzigen gepolsterten Möbel des sonst mit klösterlicher Einfachheit ausgestatteten Gemaches; der Förster rückte sich jetzt einen Sessel heran und erwiderte: »Ich glaube Sie völlig beruhigen zu können. Von mir hat Fräulein Edith nichts erfahren und wird, ohne Ihren Wunsch und Willen, nie etwas erfahren; und das Erinnerungsvermögen des Vaters scheint doch im wesentlichen sich nicht gehoben zu haben, wenn er auch allerdings, wie mir Fräulein Edith erzählt, auf einen neuen Punkt gefallen ist, dessen er früher niemals Erwähnung getan. Bis gestern abend hat er auch nur immer so still vor sich hin brütend dagelegen. Nun aber hat, während Fräulein Edith in Kantzow war, nach Ihnen zu sehen, der Gendarm die Order gebracht, daß sich der Vater morgen zur Antretung seiner Haft in Grünwald zu gestehen habe. Die Sara, die eine böse Person ist und, ich bin überzeugt, im Solde von Deep steht, hat nichts Eiligeres zu tun gehabt, als das Schreiben, von dessen Inhalt sie der Gendarm unterrichtet haben wird, zum Kranken zu bringen, den die Erschütterung über die leidige Nachricht – denn er fürchtet sich vor dem Gefängnisse wie ein Kind, das er ja in vieler Beziehung ist – sofort wieder in den alten Zustand versetzt. Als Fräulein Edith nach Hause kommt, hört sie ihn wieder seine französischen Phrasen vorbringen. Es sind die alten Phantasien; nur spricht er zwischendurch – und das ist eben der neue und wichtige Punkt – von einem Paket Papiere, das er durchaus an jemand abgeben muß und abzugeben verhindert wird, und das er dann versteckt und nun, wie sehr er auch danach sucht, nicht wiederfinden kann. Ich glaube mit Bestimmtheit, daß dies dieselben Papiere sind, die Ihr Großvater kurz vor der Abfahrt aufgesetzt hat und von denen im Briefe des Vicomte ausführlich die Rede ist.« »Aber wie kommen Sie zu der Kenntnis dieses Briefes?« rief Gerhard erstaunt. »Durch eine Abschrift«, erwiderte der Förster, »die Deep sich durch den Hausmeister des Grafen zu verschaffen gewußt hat unter dem Vorwande, er glaube der Sache auf der Spur zu sein und hoffe, dem Herrn Grafen durch seine Entdeckungen, wozu er aber notwendig den Brief brauche, eine unverhoffte Freude zu machen. Deep hat mir gestern abend die Abschrift zu lesen gegeben. Es hat sich gewiß im ganzen alles so verhalten und zugetragen, wie es der unglückliche Herr seiner Gemahlin geschrieben hat; und was dann kam – ich werde Ihnen auch da nicht mehr viel Neues erzählen können, und doch möchte ich Sie bitten, es mich erzählen zu lassen. Es ist eine Gnade, die Sie mir damit erweisen. Darf ich?« Gerhard nickte zur Antwort. – Er hatte dies erwartet, als ihn der Förster zu bleiben bat; dennoch! es war ein furchtbarer Gedanke, daß jetzt der letzte Schleier fallen sollte. Das Herz bebte ihm; er lehnte sich in den Sessel zurück, die Augen mit der Hand bedeckend, damit der Förster seine Erregung nicht allzu deutlich bemerke. Der aber holte tief Atem und begann mit leiser, unsicherer Stimme, die erst allmählich fester und lauter wurde. »Der greuliche Plan ist in dem bösen Herzen Deeps ausgebrütet worden, und es hat lange gedauert, bevor er Zempin dafür gewinnen konnte, trotzdem die große Armut, mit der er beständig zu kämpfen hatte, und nun vollends gerade damals die Krankheit in seiner Familie – es war der Typhus in seiner entsetzlichsten Form – den heißblütigen, leidenschaftlichen und im Grunde seines Herzens ehrgeizigen und genußsüchtigen Mann zur Verzweiflung gebracht und zu jedwedem Verbrechen vorbereitet hatte. Aber wild und roh, wie er war, widerstrebte ihm der Meuchelmord; er hatte Deep erklärt, wenigstens unter seinem Dache könne er es nicht tun – vielleicht ginge es draußen unter dem freien Himmel. Er war, trotz seiner Riesenstärke und seines Löwenmutes, der unentschlossenste von uns dreien. Von uns dreien! denn mich hatte Deep von Anfang an ins Vertrauen gezogen. Er kannte meinen wütenden Haß gegen die Franzosen. Ich war, als Jäger bei dem alten Baron Basselitz, dem Großvater von Baron Bogislaf, in Stralsund gewesen während der Belagerung. Ich hatte mit schanzen helfen und den Sturm und den Straßenkampf mitgekämpft; der Major Schill war an meiner Seite erschossen worden. Das war nun schon drei oder vier Jahre her, aber mein Blut kochte, wenn ich nur die Franzosen nennen hörte; Franzosen totzuschlagen, wo ich sie fände, erschien mir kein Verbrechen – im Gegenteil eine Tat, die der Patriot dem Vaterlande schuldig sei. Und ich hielt die Fremden samt und sonders für Franzosen; Vadder Deep hatte Zempin beredet, mir nicht zu sagen, daß ein Deutscher unter ihnen sei. Ich will nicht behaupten, es würde mich dieser Umstand zurückgeschreckt haben; ich erwähne ihn nur der Vollständigkeit wegen. Ich vermute sogar, der Franzosenfreund würde mir hassenswerter erschienen sein, wie der Landesfeind. Trotzdem weigerte ich mich, wie Zempin sich geweigert. Nun aber geschah es, daß sich infolge des Verrates, den das leichtsinnige Geschöpf, das ich liebte, an mir verübt, sich zu dem Wahnsinn des patriotischen Fanatismus die Raserei der Eifersucht gesellte. Ich lechzte nach dem Blute des Verführers; meine grenzenlose Wut riß auch den zaudernden Zempin mit fort. Die Ausführung wurde beschlossen und die Stunde festgesetzt. Wir hatten den späten Abend herankommen lassen, einen sternenklaren Abend, den das Leuchten des in Unmasse gefallenen Schnees noch mehr erhellte, selbst in dem Walde, der damals viel dichter bestanden war als jetzt und sich ein paar tausend Schritte weiter nach Süden streckte. Sie fuhren auf einem großen Leiterschlitten; ich erwartete sie auf dem Wege an den Hünengräbern. Nach der Verabredung sollte dort, unter irgendeinem Vorwande, der Schlitten halten, damit ich Zeit gewönne, meinen Teil an der Greueltat zu tun. Der Schlitten kam heran und hielt; der Bolzen der Deichsel sollte verloren gegangen sein; man müsse ihn irgendwie ersetzen. Deep war mit Zempin abgestiegen; sie taten, als ob sie an der Deichsel arbeiteten; sie konnten nicht fertig werden; in der Tat kämpfte Zempin noch immer mit sich selbst, während Deep flüsternd zuredete. Mich hielt ein anderer Umstand. Ich vernahm plötzlich eine mir unbekannte Stimme deutsch reden; ich mußte glauben, es habe sich jemand zu den Fremden gesellt; denn wenn ich auch, als sie an mir, der ich hinter einer Tanne im Anschlage stand, vorüberkamen, nur fünf gezählt hatte – ich mochte mich verzählt haben, und jetzt waren sie sämtlich von dem Schlitten gestiegen, und der Schlitten und die Pferde verdeckten mir die Gestalten, so daß ich nicht zum Schuß kommen konnte, obgleich ausreichendes Büchsenlicht war. So wurde auch ich unsicher, und wer weiß, ob nicht alles ungeschehen geblieben wäre, wenn der eine – Ihr Großvater – sich nicht in seiner Ungeduld hätte verleiten lassen, Zempin für seine Ungeschicktheit und Widerspenstigkeit einen Streich zu versetzen. Mit einem Wutgeheul fuhr ihm Zempin an die Kehle. Erlassen Sie mir, das Furchtbare zu schildern. Es war alles das Werk weniger gräßlicher Minuten, vielleicht Sekunden; ich hatte bereits vorher infolge einer Wendung, die er gemacht, mein Opfer, den Verführer meiner Braut, auf dem Korn, und mein Schuß krachte in dem Moment, als Zempin mit seinem Gegner handgemein wurde. Deeps Dolchmesser war nicht minder schnell und sicher gewesen wie meine Büchse. Etwas länger währte der Kampf der beiden fast gleichstarken Männer, dann – aber ich wollte Sie ja mit den Einzelheiten verschonen; nur das darf ich wohl sagen: an meiner Hand klebt kein Tropfen von dem Blute Ihres Großvaters. Ich preise den Zufall, der es so gefügt; mein Verdienst ist es nicht. Was demnächst geschehen mußte – es war alles vorbedacht und vorbereitet. Spaten, Schaufeln und Spitzäxte hatten unter dem Schnee versteckt gelegen; aber der Boden war so hart gefroren, daß unsere Arbeit zu langsam vonstatten ging. Deep, der für alles Rat wußte, machte den Vorschlag, das Erdreich durch Feuer aufzutauen. Wir konnten es ungefährdet tun; wer sollte uns stören in der Winternacht im tiefsten Forst? So schlug denn bald die Lohe, mit Klafterholz, das zur Hand war, reichlich genährt, hoch empor an dem Kopfstein des zweiten Hünengrabes, von dessen Fläche das dicke, schneebedeckte Moos in der Flamme verzehrt wurde und seltsamerweise nie wieder gewachsen ist. Das Ringen am Sonntag abend zwischen Zempin und uns hat genau an der Stelle stattgefunden, wo wir den Erschlagenen in dem aufgetauten Boden das Grab gruben, beim Scheine eines zweiten Feuers, das wir, nachdem jenes erste erloschen, entzündet hatten. Der Moment, wo wir unsere Opfer von dem Wege, wo sie lagen, herbeischleppten und so unsere Gestalten und unser gräßliches Tun von dem Feuer taghell beleuchtet war, muß derjenige gewesen sein, in dem der unglückliche Knabe sah und begriff, was da Entsetzliches geschehen war und geschah. Wir sind nie auf den Gedanken gekommen, daß er uns beobachtet haben könnte; haben immer nur angenommen, daß die Antipathie, die er gegen den eigenen Vater und später gegen Deep und mich an den Tag legte, wenn es hoch kam, auf einen ganz unbestimmten Verdacht beruhe; jetzt erst ist mir aus dem, was Fräulein Edith mir mitgeteilt hat, der Zusammenhang klar. Er ist in Verzweiflung über die Trennung von dem bewunderten und geliebten Manne in dem Hause zurückgeblieben – ganz allein, denn Rike Strelow – so hieß das unglückselige Mädchen – hatte sich sofort auf den Weg gemacht, den ihr anvertrauten Brief versprochenermaßen nach Zarnewitz zu einem Freunde zu tragen, von dem sie wußte, daß er noch in derselben Nacht nach Sundin fahren würde. Es war dies Jochen Schulten, mit dem sie ebenfalls in einem intimen Verhältnisse stand, und der sie auch später geheiratet hat. Durch die nun leeren Räume irrend, sieht der verlassene Knabe ein Paket liegen, das Ihr Großvater in der Eile der Abreise vergessen. Er weiß, daß die in dem Paket enthaltenen Papiere von der größten Wichtigkeit sind, denn er ist stets zugegen gewesen, während sie geschrieben wurden, auch bei der Untersiegelung und der Unterzeichnung durch den Vicomte und Baptiste. Sofort ist er entschlossen, hinterherzulaufen, obgleich ihm der Vater unter Androhung strengster Strafe verboten, sich aus dem Hause zu entfernen. Trotz des Vorsprungs von einer Viertelstunde, den wir hatten, holt er uns, durch den knietiefen Schnee rasenden Laufes dahereilend, in dem Moment ein, als der Kampf begonnen. Er weiß nicht, was das zu bedeuten hat; er sieht auch wohl nicht klar vor dem Schweiß, der ihm in Strömen von der Stirn in die Augen rinnt; er hört nicht deutlich vor dem Hämmern des Herzens in der keuchenden Brust, vor dem sausenden Blut in den Schläfen, während er, von Angst- und Frostschauern überrieselt, hinter dem dicken Stamm einer Tanne verborgen steht. Nun loht die Flamme auf: er sieht, was geschehen ist. Von Entsetzen ergriffen, weicht er von Stamm zu Stamm zurück, bis er sich aus der Nähe der Mörder weiß, und rast den Weg, den er gekommen, zurück. Im Hause wieder angelangt, hat er nur noch eben so viel Kraft und Besinnung, das kostbare Paket zu verstecken; dann bricht er ohnmächtig zusammen in den verlassenen, eiskalten Zimmern und wird so von seinem Vater – er hatte den Rest der Schreckensnacht bei Deep zugebracht – am Morgen gefunden. – Ich glaube, Sie werden mir beipflichten, daß, was ich hier vermutungsweise zusammengestellt, sich aller Wahrscheinlichkeit nach so verhalten haben wird.« »Man muß es annehmen«, sagte Gerhard; »aber weiter, weiter: ich beschwöre Sie!« »Wenn ich in dem Folgenden, wo wir wieder auf dem Boden der Tatsachen stehen, fuhr der Förster fort, mehr als mir lieb von mir selbst rede, so ist es nicht, um mich in Ihren Augen weniger schuldig erscheinen zu lassen, als es bis jetzt der Fall sein muß, es gehört eben zur Vollständigkeit meiner Erzählung. Die Tat war kaum geschehen, als mich, ich kann nicht sagen: Reue erfaßte – ich möchte es lieber Scham nennen, wie sie den ergreift, der in einer Sache, welche er im übrigen für gerecht hält, zu weit gegangen ist und, sozusagen, über das Ziel hinausgeschossen hat. Schon der Umstand, daß, wie ich nun erfuhr, der eine der Erschlagenen in der Tat ein Deutscher war, machte mich stutzig, wenn ich mir auch trotzig sagte, er habe sich sein Schicksal selber bereitet. Schlimmer traf mich die Überzeugung, die sich mir aufdrängte, daß ich mich doch mindestens ebensosehr durch persönliche Rachsucht, als durch patriotischen Haß zu der Tat hatte treiben lassen, und das Mädchen, für dessen Treulosigkeit ich mich gerächt, und in der ich nur eine Betörte, Verführte gesehen, wohl selbst die Verführerin gewesen sein mochte und mich bereits vorher wiederholt verraten hatte. Das Allerschlimmste aber: was mich auch zur Tat getrieben, Raublust war es nicht gewesen, und nun sah ich mich als den Mitschuldigen von Menschen, die sich einzig und allein von ihrer Gewinnsucht, ihrer Geldgier hatten leiten lassen. Ja, ich erfuhr erst, nachdem die Tat geschehen, um was es sich für sie gehandelt, als bei dem Scheine des Feuers der schwere Kasten, der die Kasse enthielt, herbeigeschleppt wurde, um seines Inhalts entledigt und hernach zu den Toten, nebst Uniformen, Epauletten und allem, was uns möglicherweise verraten hätte, in die tiefe Grube geworfen zu werden. Zempin sagte mir später, Deep habe diesen Punkt vor mir geheimhalten und ihn überreden wollen, den Kasten in dem Stroh des Wagens zu lassen, oder in einem günstigen Augenblicke, von mir unbemerkt, in den tiefen Schnee zu versenken; er aber – Zempin – habe darauf bestanden, daß ich auch meinen Anteil erhalten müsse. Sie hätten sich den Streit sparen können. Ich erklärte sofort: ich würde nicht ein Stück von dem Golde, das nun in hohen Haufen vor uns lag, anrühren. Ich bin dabei geblieben; und so oft Sie so gütig waren, mir die Hand zu reichen, war es mir immer ein geringer Trost, daß meine Hand nicht im gemeinen Sinne schmutzig war. Die beiden, die sich nun allein in die Beute teilen durften, mußten dennoch wohl mehr als ein Dritteil abgeben an gewisse Händler, die ihnen das französische und russische Gold, aus dem der Schatz hauptsächlich bestand, und das in den Händen der Landleute zu auffallend gewesen sein würde, und die Obligationen und sonstigen Wertpapiere, mit denen sie nun gar nichts anzufangen wußten, gegen landesübliche Münze oder Kassenscheine umtauschten. Ich glaube, daß die Väter der jetzigen Herren Platt und Lüttmann in Gartendamm, die ebenfalls schon assoziiert waren, das Geschäft vermittelt und das Geheimnis, das für sie kein Geheimnis bleiben konnte, klüglich mit in das Grab genommen haben. Auch sind sie es gewesen, die nominell Zempin das Geld vorschossen, als er bei der Subhastation der Carlströmschen Güter die drei größten und schönsten in seinen Besitz brachte. Da es aber trotz dieser Vorsicht aufgefallen sein würde, wenn auch Deep sich in unserer Gegend angekauft hätte, so hatte Zempin beschlossen, daß der auswandern solle. Deep tat es, vermutlich ungern genug, aber, wenn er auch der weitaus Klügere von beiden war, so fürchtete er – und mit Recht – Zempins brutale und gewalttätige Natur, die keinen Widerspruch duldete. Dies alles fand statt, während ich bereits längst gegen den Erbfeind im Felde stand. Ich hatte wenige Tage nach der Tat – meine Büchse auf der Schulter – die Heimat verlassen und mich einem der Freikorps, die damals gerade in der Bildung begriffen waren, angeschlossen. Aber der Krieg hielt mir nicht, was ich mir von ihm versprochen. Ich glaubte bald genug mit anderen Kameraden – Jünglingen und jungen Männern aus den höheren Ständen – zu sehen, daß dies kein Krieg des Volkes war für die Freiheit, die wir im Sinne hatten, sondern einer, den unsere Herrscher gegen den verhaßten Räuber ihrer Throne führten. Und wenn ich mich so nicht mehr mit rechter inniger Freudigkeit für die große, gute Sache schlagen konnte, so sollte ein Zufall dazu beitragen, meine bereits schwankende Überzeugung von der Gerechtigkeit meiner eigenen Sache noch mehr zu erschüttern. Ich erzählte Ihnen bereits, daß ich nach der Leipziger Schlacht durch Ihre Heimat kam. Ich hatte meine Mitschuldigen geflissentlich nie gefragt, wie der Deutsche, den wir ermordet, geheißen und woher er gestammt. So konnte mir auch der Name Vacha, den ein Bergschlößchen, in das ich eines Tages mit den Kameraden ins Quartier kam, ebenso wie die Familie der Besitzer führte, nicht weiter auffallen. Von der Familie war niemand anwesend. Ein alter Hauswart, der zurückgeblieben und uns mit zutunlicher Freundlichkeit empfing und bewirtete, erzählte, der Herr sei im vorigen Jahre nach Rußland gezogen und nicht wiedergekehrt. Durch gewisse Verträge, die er mit dem Erbvetter geschlossen, sei die Witwe in einen Prozeß verwickelt, der wohl einen übeln Ausgang für sie nehmen werde; sie befinde sich eben wieder in der Stadt, diesen Prozeß zu betreiben, der junge Herr stehe im Felde, um die Unehre, die der Vater über die Familie gebracht, mit Franzosenblut abzuwaschen. – Dann zeigte man uns in der Ahnengalerie das Bild des treulosen Herrn. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick, trotzdem ich nur einmal in sein Gesicht gesehen, als es bereits von Todesblässe bedeckt war. Der Kastellan, der meine Bewegung bemerken mochte, fragte, ob ich ihn gekannt? und als ich das verneinte, sagte er weiter: es sei ein gar wundersamer Herr gewesen: wild und verwegen, aber bei alledem voller guter Eigenschaften: über die Maßen freigebig und leutselig gegen die Armen, die alle seinen Tod beklagten; und er selbst, der ihn von Kindesbeinen gekannt, sei überzeugt, wenn er nur am Leben geblieben, er würde zur Vernunft gekommen sein und das Unrecht, das er an seiner Familie getan, wieder gutgemacht haben. Ich sagte zu mir: vielleicht auch nicht! und suchte mir einzureden, der Verräter am Vaterlande und seiner Familie habe den schmählichen Tod doppelt verdient. Aber ich weiß nicht, wie es zuging: von dem Tage an verfolgte mich das Bild des Mannes bis in meine Träume, wenn ich mich auch immer mit meinem Gewissen abzufinden suchte, ja, die Sache so wendete, ich dürfe dem Schicksal zürnen, das mir eine Tat, die ich im Glauben an die Gerechtigkeit meiner Sache getan, zur Schuld verkehren und mir so das Leben, das ich immer schwer genommen, ganz verleiden wolle. Es sollte ja noch viel schlimmer kommen. Aber das wissen Sie bereits, und so lassen Sie mich über meine Sträflingszeit kein Wort verlieren. Auch werden Sie sich jetzt wohl denken können, mit welchen Gefühlen und Gesinnungen ein Mensch meiner Art wieder in das Leben trat, nachdem man ihn zehn Jahre lang um einer Tat willen eingekerkert und Eisen hatte tragen lassen, die einem adligen Offizier höchstens ein paar Monate Festungshaft zugezogen hätte; denn es war nur ein Duell in etwas unregelmäßiger Form gewesen; mein Gegner hatte sogar den Degen früher gezogen als ich; es hatten auch Offiziere genug dabeigestanden und die grausame Beschimpfung gehört, die mich rasend gemacht. Und schließlich hatte man mich nicht freigegeben, weil man sich von dem Unrecht, das man mir angetan, überzeugt, sondern weil eine gutherzige, schöne Frau einen Fußfall getan und um Gnade gebeten für jemand, der ihr Freund und Beschützer, als sie noch am Saume des Waldes als kleines nacktfüßiges Mädchen die Gänse hütete. Durch die Fürsprache dieser Frau, der Baronin Basselitz, erhielt ich auch die Stelle hier, wo ich unter einer Art von Polizeiaufsicht den Rest meines Lebens in Frieden hinbringen mochte, vorausgesetzt natürlich, daß ich mir auch nicht das mindeste zuschulden kommen ließ. So mußte ich der Schrecken armer Kinder und alter Weiber werden, und was den Armen recht war, konnte den Reichen nicht anders als billig sein, obgleich ich gerade den Kosenower Herrn gern geschont hätte und geschont habe, wo es möglich war. Er hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn es nicht immer möglich war. Ich mußte hart sein, sage ich; aber ich war es auch in gewissem Sinne. Ich glaubte nicht mehr an einen allgütigen Gott, nur an einen, dessen Gebot ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn, und der denn am Ende selbst nicht einmal immer auf die strenge Ausführung seines eigenen Gebotes bedacht ist. Wenigstens schien er Ausnahmen zu machen, und Zempin, der Vater, meine ich, den ich nun hier, als Großgrundbesitzer in Herrlichkeit lebend, vorfand, war doch wohl eine solche Ausnahme. Ich sah freilich bald, wie wenig es mit dieser Herrlichkeit auf sich hatte, sah es an der Geflissenheit, mit der er dem alten Kameraden auswich, an dem scheuen, düsteren Blick, wenn er ihm einmal nicht ausweichen konnte. Und dann: von all den blühenden Kindern, um deretwillen er – man darf es annehmen – zumeist die Untat begangen, die ihm wenigstens, bei seiner Sinnesart, wären sie am Leben geblieben, als ebensoviele Milderungsgründe gegolten hätten, lebten nur noch zwei; auch die Frau, die er sehr geliebt, war gestorben, bevor sie sich recht des Umschwungs seiner Glücksverhältnisse freuen konnte, ja, ich bin überzeugt, aus heimlichem Gram über das, was sie vielleicht nicht bestimmt wußte, aber ganz gewiß ahnte. Und an den beiden überlebenden Söhnen hatte er nicht viel Freude. Der Älteste, dem er eben Kosenow abgetreten, war ein menschenscheuer Sonderling, wenig oder gar nicht geeignet, einer großen Wirtschaft vorzustehen und einer jungen, übermütigen, bildschönen Frau zu gefallen, mit der er sich auf den Wunsch des Vaters zu gleicher Zeit verheiratet. Es war eine Predigerswaise, die als Gouvernante ein etwas abenteuerliches Leben geführt und als Frau, fürchte ich, weitergeführt haben würde, wäre sie nicht bald gestorben. Von den beiden Töchtern gleicht ihr die jüngere auf ein Haar, während die ältere von dem Vater wenigstens das brave, weiche Herz hat. Der andere Sohn, der Kantzower –« Der Förster brach plötzlich ab und starrte durch das Fenster, an dem sie saßen, über den Garten nach dem Grabe seiner Tochter, dann fuhr er nach einer langen Pause, die Gerhard nicht zu unterbrechen wagte, mit dumpfer Stimme fort: »Es wird mir schwer, über ihn zu sprechen, und doch muß ich es, nicht bloß um meinetwillen, damit Sie meine Handlungsweise verstehen, sondern vor allem um Ihretwillen, damit Sie die Ihrige danach einrichten können. Ich weiß ja, daß er einige gute Eigenschaften hat, wenn man Wallungen von Edelmut, die ihn manchmal noch überkommen, so nennen darf; aber ich weiß auch, daß sein Herz von Selbstsucht und Genußsucht angefault ist über und über, und der Kern schon angefressen war, als er von seinem wilden Universitätsleben hierher zurückkehrte. Deep hatte nicht viel mehr zu tun, ihn vollends zu verderben; was zu tun übrigblieb, hat er freilich redlich getan. Verzeihen Sie, wenn ich nicht in geordneter Folge erzähle. Sie werden das Zusammengehörende schon zusammenfinden. Deep war bereits hier, als Zempin, der Vater, noch lebte. Er war zurückgekommen, nachdem er in Hinterpommern in Spiel und Liederlichkeit seinen Raub vertan, kurze Zeit, nachdem ich selbst mich hier wieder angesiedelt. Er hatte gehofft, von Zempin, der ihn bereits wiederholt unterstützt, noch mehr herauszupressen; der aber erklärte ihm rund heraus, daß davon keine Rede sei, und daß er ihn, wenn er etwa, wie er gedroht, schwatzen wolle, totschlagen würde. Ich weiß nicht, ob Zempin Wort gehalten hätte – er war der Mann dazu; aber nun gab es noch einen, der dem Elenden im gleichen Falle dasselbe angedroht und der sicher Wort gehalten haben würde, und der war ich. Ich wollte Ruhe haben und mußte Ruhe haben: ich stand im Begriff, ein gutes, bescheidenes, älteres Mädchen, das mich schon lieb gehabt, ehe ich in den Krieg zog, und das mir trotz alledem treu geblieben, als Frau heimzuführen. Es war an dem, was sie von mir wußte, genug; sie sollte nicht noch mehr erfahren. Noch einmal trat der Versucher zu mir. Zempin war plötzlich am Schlage gestorben in seiner blühendsten Manneskraft; die Söhne traten des Vaters Erbschaft an, wie der Versucher sagte, auch die von des Vaters Verbrechen. Es handle sich nicht um eine öffentliche Angeberei, die ja durchaus nicht in unserem Interesse läge; nur darum, den Söhnen zu sagen, was man von dem Vater wisse, um von ihnen, die doch wohl das Andenken des Vaters würden rein erhalten wollen, oder wenigstens nicht selbst in Ungelegenheiten kommen möchten, den Preis des Geheimnisses zu erpressen. Meine Antwort war dieselbe, wie das erstemal. Und von dieser meiner abermaligen verschärften Weigerung und von diesem Moment stammt das System, das der schlechte Mensch mit fürchterlicher Konsequenz durchgeführt hat bis auf den heutigen Tag. Man hielt dafür, daß ihn das Unglück stumpf und blödsinnig gemacht – es war, wie Sie wissen, nur die Maske, hinter der er seinen Plan verfolgte: das, was er im Sprunge nicht hatte erreichen können, in vorsichtigen Schlangenwindungen zu erschleichen. Ich sah wohl manches von seinen Ränken, vieles sah ich nicht, wollte es auch nicht sehen. Was ging es mich an, ob er für den Kantzower den unermüdlichen Kuppler spielte und ihn moralisch ruinierte, wenn er auch die physische Überkraft des Riesen, der seines Vaters ganzes Abbild war, nicht brechen konnte! ob er den Verschwender auf Tritt und Schritt bestahl und betrog! Ich hatte keinerlei Sympathie für den Mann; ja ich muß sagen: ich hegte einen heimlichen Haß und Groll gegen den Übermütigen, den Prahler. Der Kosenower tat mir leid; aber auch weniger seiner selbst willen, der mich doch oft seinen ahnungsvollen Haß auf kaum erträgliche Weise hatte fühlen lassen und mir fortwährend durch seine kindische Leidenschaft für die Vögel die schwersten Ungelegenheiten bereitete, als um Fräulein Ediths willen, die gegen meine arme Tochter so gut und lieb war, und die ich wie mein eigen Kind, ja fast mehr als mein eigen Kind liebte. Und dann: ich kannte den Umfang der Betrügereien, die er an dem schwachen Manne verübte, nur zum kleinsten Teile, und ein Hineinreden verbot sich aus den genannten Gründen von selbst, würde auch sicher ganz erfolglos gewesen sein. Ich überspringe die traurigen und immer traurigeren Jahre des längst Verwitweten und Vereinsamten bis zu dem Moment, wo Sie mich am Rande des Schwanensees fanden. Ich hatte nichts von Ihrer bevorstehenden Ankunft gehört; ich vermute, obwohl ich es nicht weiß, ebensowenig wie Deep; er würde mir vielleicht doch noch davon Mitteilung gemacht haben. Wenigstens sagte er so; es ist ja aber freilich jedes Wort, was aus seinem Munde kommt, Lüge. Ich war, als Sie mich fanden, eben von Retzow gekommen und saß da, mehr von Kummer, als von der Hitze des Tages entkräftet, zum Sterben traurig. Ich hatte – zum wievielsten Male, großer Gott! – bei mir bedacht, ob ich nicht endlich, endlich meinem elenden Dasein ein schnelles Ende machen, ob ich das weitere Elend meines unglücklichen Kindes, das ich nun mit Sicherheit voraussah, der schon unerträglichen Last hinzufügen sollte! Und doch ahnte ich das Schrecklichste noch nicht einmal! ich sah in meinem Kinde nur das Opfer einer, mir freilich bei seinem stillen, sittsamen Wesen unbegreiflichen Verblendung; ich grübelte, wie sie dazu gekommen! ob dies neue Unglück ein notwendiges Glied mehr in der Kette sei, die ich mit mir herumschleppte von jener Nacht im Walde; und so, grübelnd, brütend, war ich im Halbschlafe nach dem alten Bergschlößchen vor das Bild des Mannes entrückt, der nun plötzlich leibhaftig vor mir stand, jünger freilich und freundlich-mild, als käme er aus Regionen, wo ja wohl mit der Erdenschwere auch die Schuld von uns abfallen mag. Sie nannten mir den halbvergessenen Namen. Warum ich sie nun nach der Mordstätte führte, ich weiß es nicht mehr; ich glaube, um mir das Fürchterliche ganz klarzumachen, daß der alte Fluch leibhaftig wieder umgehe und durch nichts gesühnt werden könne. Aber hatte ich denn je empfunden, was ich jetzt empfand? Hatte ich je Reue empfunden? Vergebens, daß ich mir sagte, ich selbst habe nicht Hand gelegt an Ihren Großvater; ein anderer habe ihn erschlagen, und wieder in eines anderen Kopf sei das Verbrechen ersonnen. Von solchen Scheingründen will das aufgeregte Gewissen nichts hören. Dafür rief es mit einer um so vernehmlicheren Stimme: Mörder! daß es mir ins Herz dröhnte und mir keine Ruhe mehr ließ Tag und Nacht. Und wären Sie nur Ihres Großvaters Ebenbild im Geist und Gemüt gewesen, wie Sie es an Gestalt und in den Gesichtszügen waren, wären Sie ein wilder, übermütiger, reicher Junker gewesen – die Stimme in mir hätte wohl weniger laut geschrien. Nun aber war das Gegenteil der Fall. Ich hatte bereits selber Ihre Freundlichkeit erfahren; ich vernahm von Herrn Stude, den ich gelegentlich traf und zum Sprechen brachte – Sie wissen, es hält nicht schwer – das Nähere über Ihre Familienverhältnisse, und wie gut und brav Sie von jeher sich gehalten, und Fräulein Edith, die mich öfter besucht, bestätigte alles und fügte noch mehr hinzu, was mich schon damals einen Blick in ihr Herz tun ließ. So kam der Sonnabend nachmittag bei dem Grafen. Deep, mit dem ich im Bureau warten mußte, hatte bereits von Ihrem Besuche bei der Mutter der armen Wahnsinnigen gehört und Verdacht geschöpft; er fürchte, sagte er: Sie wüßten mehr, als Sie sich merken ließen. Ich mußte aus dem ganz unerwarteten und ungeschickten Verhör, das nun der Graf mit uns anstellte – in Ihrer Gegenwart – dasselbe annehmen; aber ich wollte mir das Bekenntnis, das aus freien Stücken abzulegen ich bereits halb und halb entschlossen war, nicht entreißen lassen und schwieg. Aber auch Sie hatten geschwiegen, trotzdem Sie den Zusammenhang wußten, oder mindestens ahnten. Daß das letztere der Fall, schloß ich, noch bevor ich den Brief des Vicomte kannte, aus dem Gange des Verhörs und aus Ihrer Haltung während desselben – Deep meinte, es sei das nur Schlauheit, die sicher zu ihrem Ziele kommen wolle; ich ahnte den richtigen Grund – ohne übrigens Deep ins Vertrauen zu ziehen – und der Sonntagabend an den Hünengräbern bestätigte meine Ahnung: Sie schwiegen um Fräulein Ediths willen. Mußte ich nun auch nicht schweigen, selbst Ihnen gegenüber? Durfte ich Ihr Herz, das Sie gewiß nur mit Mühe gebändigt hatten, aufregen durch die Erzählung des eigentlichen Sachverhalts, den Sie doch immer noch nicht kannten? den letzten Zweifel zerstören, der doch noch immer in Ihrer Seele lauern mochte? Durfte ich Ihnen sagen, was Sie doch nur von mir erfahren konnten: daß der Großvater der Dame, die Sie liebten und von der Sie geliebt wurden, Ihren Großvater erschlagen? So schien denn in der Tat Schweigen für mich Pflicht; und daß ich dem immer stärker werdenden Drange nicht nachgeben dürfe, mein Gewissen zu erleichtern durch ein offenes Bekenntnis, wenigstens Ihnen gegenüber, der mir wohl sein Mitleid und seine Verzeihung geschenkt hätte; und so die Last meiner Schuld wie bisher weiterschleppen müssen. Ich hoffte, es werde nicht mehr allzulange dauern.« »Ich hoffe das Gegenteil«, rief Gerhard, des Mannes beide Hände ergreifend; »Sie haben in meinen Augen Ihre Schuld tausendfach abgebüßt, und mein Leben lang werde ich es Ihnen danken, daß Sie mir alles gesagt. Ja, nun, da ich alles weiß, da für mich der letzte Schleier von dem Geheimnisse gefallen, ist mir, als sähe auch ich wieder meinen Weg klar. Ich gestehe, ich war entschlossen – ich glaubte entschlossen zu sein, mich von Edith für immer zu trennen, ihr für immer entsagen zu müssen. Ich halte hier Ihre Hand ohne eine andere Regung in meiner Seele als innigstes Mitleid, herzlichste Achtung. Wie sollte sich da je der Schatten meines Großvaters drängen können zwischen mich und die Geliebte? Aus meiner Seele wird er nimmer aufsteigen; in meiner Seele wird nur das Gebet sein, daß sie das Geheimnis nie erfahre, und, sollte es ihr doch einmal ein unglücklicher Zufall offenbaren, dann hoffe ich zu Gott, ist unser Bund so fest, daß nichts ihn auch nur vorübergehend erschüttern kann. Eines freilich ist es, was mich drückt. Edith würde, sollte der Vater sterben, die Hälfte der Erbschaft ihres Vaters antreten müssen; ich selbst, als ihr Gatte, wäre der Mitgenießende. Diese Erbschaft ist jetzt durch den Raub, den Deep vollführt, um ein bedeutendes reduziert; doch würde das Vermögen immerhin sehr beträchtlich sein, da nach dem, was ich anzunehmen Grund habe, nur der Anteil an Retzow verloren und Kosenow noch unberührt ist. Ihnen brauche ich nicht zu sagen, daß ich auch nicht den geringfügigsten Teil von dem Raube – denn ein Raub bleibt es – mir aneignen würde und auch nicht für Edith aneignen kann, für die ich doch in diesem Falle mit handeln und so handeln muß, als ob sie alles wüßte. Hier sehe ich vorderhand keinen Ausweg; aber er wird sich finden.« »Ist er nicht schon gefunden?« erwiderte der Förster. »Es geht aus dem Briefe des Vicomte klar hervor, daß Ihr Großvater eine sehr große Summe in der Kasse hatte, auf die Sie ohne allen und jeden Zweifel die gerechtesten Ansprüche haben.« »Ich bin selbst darüber keineswegs sicher«, erwiderte Gerhard, »doch würde es mich zu weit führen, wollte ich Ihnen meine Gründe dafür auseinandersetzen. Genug: ich würde unter keinen Umständen, und wären alle rechtlichen Einwürfe gehoben, mit dem Finger an ein Vermögen rühren, dessen Verlust ich als eine gerechte Fügung des Himmels ansehe, und das ich für verfallen erachte, in wessen Hände es gefallen sein mag.« »Ich muß mich in dieser Frage Ihrer besseren Einsicht und Ihrem Gefühle unterordnen«, sagte der Förster; »aber ist es denn auch dasselbe mit dem Dokument, das jenen Erbschaftsvertrag wieder aufhebt, und das ohne Zweifel sich bei den Papieren befindet, deren Verbleib zu entdecken der Kranke sein Gehirn abmartert?« »Ich fürchte, es ist dasselbe«, erwiderte Gerhard; »aber lassen Sie uns nicht die Zeit mit Fragen verlieren, für deren Entscheidung jeder positive Anhalt fehlt, und so Gott will, immer fehlen wird. Ich bitte, lassen Sie uns für heute abbrechen.« Gerhard wollte sich erheben; der Förster legte ihm die Hand auf die Knie. »Verweilen Sie«, sagte er. »Der Wagen, den Fräulein Edith zurückschicken wollte, ist noch nicht da; und wenn wir heute abbrechen, möchte es leicht für immer sein. Meine Frist ist so gut wie abgelaufen und – die eines anderen mit der meinen.« Er starrte bei den letzten Worten wieder durch das Fenster nach dem Grabe der Tochter; das strenge Gesicht war in Nacht gehüllt. »Ich habe es geschworen heute morgen auf das Haupt der Toten,« sagte er mit leiser, fester Stimme. »Sie hätten es nicht schwören dürfen«, rief Gerhard heftig. »Sie nicht!« »Bin ich denn wirklich so elend und verworfen«, erwiderte der Förster nach einer langen Pause, ohne Gerhard anzublicken, »daß ich verwirkt habe, was das natürliche Recht jedes Menschen ist: für ein Fürchterlichstes, was einem Menschen von einem anderen angetan werden kann und wofür es kein Gericht auf Erden gibt, sich selbst Gerechtigkeit zu nehmen? Und mir ist ja ein ehrlicher Kampf, wie er einem freien, unbescholtenen Manne gern gewährt wird, versagt. Der entlassene, unter Polizeiaufsicht stehende Sträfling kann den Herrn Rittergutsbesitzer nicht vor die Mündung seiner Pistole fordern. Was bleibt mir da, als meine gute Büchse? Brauche ich hinzuzufügen, daß ich ihn nicht länger überleben werde, als nötig ist, um von neuem zu laden?« »Und so zum Meuchelmord den Selbstmord zu fügen«, rief Gerhard. »Nein, nein und tausendmal nein! Das können Sie nicht! das dürfen Sie nicht! um Ihrer selbst willen nicht, der Sie dann wahr und wahrhaftig eine gräßliche Schuld auf sich laden, die Sie, der bejahrte Mann, nicht wieder durch ein langes, kummervolles Leben abbüßen könnten; Sie dürfen es um meinetwillen nicht, der Ihnen über das Grab des Großvaters die Hand gereicht hat, der jetzt wieder Ihre Hand hält und Sie bittet, Sie beschwört, Ihr Herz zu bändigen, redlich zu versuchen, Ihr schweres Kreuz weiter zu tragen; der ihnen verspricht und schwört, es Ihnen tragen zu helfen durch die Freundschaft, durch die Achtung, durch die Liebe, die er Ihnen entgegenbringt, mit der er an Ihnen festhalten, zu Ihnen stehen wird bis an sein oder Ihr Lebensende.« »Und verlassen mich doch gleich hier«, sagte der Förster mit schwermütigem Lächeln; »aber ich vergaß, daß – der Mann Ihr Freund ist.« »Nicht mehr!« erwiderte Gerhard; »ich habe mich gänzlich von ihm losgesagt; ich werde sein Haus nicht wieder betreten.« »Wenn das der Fall ist«, sagte der Förster, »brauche ich Ihnen freilich kaum noch zu sagen, was ich gestern durch Deep erfahren, um so weniger, als es in meinem Munde den Anschein rachsüchtiger Angeberei gewinnt. Und doch ist es wohl für alle Zukunft besser, wenn Sie davon unterrichtet werden.« »Ich glaube alles zu wissen», erwiderte Gerhard; »ich war heute morgen bei Deep.« »Ah!« sagte der Förster, »ich verstehe! und der Verräter hat sein kühnes Spiel weitergespielt. Er hat Ihnen gesagt, daß er Zempin in das Geheimnis eingeweiht hat?« »Ja!« »Und daß Zempin Ihr Schweigen und Ihr Gewährenlassen von Ihrer Liebe zu Fräulein Edith erhofft?« »Auch das!« »Nur zugleich fürchtet, nein – überzeugt ist, es bestehe zwischen Ihnen und seiner Frau ein intimes Verhältnis, das er aber zu ignorieren entschlossen ist; vorausgesetzt, Sie beschleunigen Ihre Verbindung mit Fräulein Edith und schweigen natürlich weiter wie bisher? Nun, so kennen Sie den Mann freilich, und ich rate ihnen nur, hüten Sie sich vor ihm! Glauben Sie mir, er würde auf den bloßen Verdacht hin, Sie könnten den Bund brechen wollen, der so, wenn auch unausgesprochen, nach seiner Auffassung zwischen ihm und Ihnen besteht, die Wut, mit der er gegen Sie erfüllt ist, fessellos walten lassen. Ich kann Ihnen sagen, daß Deep, der gewiß das Seine redlich beigetragen, diese Wut zu schüren, wünscht und hofft, es werde früher oder später geschehen, ebenso wie er wünscht und hofft, ich werde an Zempin tun, was er selbst gern täte, hätte er den Mut dazu.« »Und darum«, rief Gerhard, »dürfen wir eben nichts tun. Wie könnte das gut und recht und billig sein, was nach den Wünschen und Hoffnungen dieses Scheusals geschähe! Nein, nein! glauben Sie mir: die Fäden, die sich hier hundertfach durcheinanderschlingen, schlichtet keines Menschen Klugheit und keines Menschen Hand. Ich habe mich selbst feig und lässig gescholten, daß ich Gott meine Hand versagen wollte zur Ausführung dessen, was ein so klares Gebot der Pflicht und Ehre scheint. So klar und doch nicht klar genug für unser schwaches Auge! – Und nun darf ich keine Minute länger zögern. Der Wagen kommt nicht; ich bedarf seiner auch nicht. Mir ist, als hätte sich aus unserer Unterredung frische Kraft durch meine Glieder ergossen: aus der Überzeugung, die sich immer mehr in mir befestigt, die ich nie so stark gefühlt: daß die Guten mächtiger sind, denn die Bösen, weil den Guten auch das Böse zum besten dienen muß, während den Bösen selbst nicht das Gute gedeiht.« »Gebe Gott, daß es sich so verhält«, sagte der Förster; »nach dem, was ich vom Leben erfahren, muß ich es in Abrede stellen. Aber vielleicht haben mir Schmerz und Kummer und Gram das Auge getrübt und den Geist umnebelt; Sie sind jung und brav und gut; ich will Ihnen folgen auch gegen meine Überzeugung.« Sie hatten sich beide erhoben und verließen das Gemach, wo es bereits stark zu dunkeln begann. Vor dem Hause hielt der alte Forstgehilfe Gerhards Braunen und wehrte der armen Wahnsinnigen nicht, die sich vergeblich bemühte, dem Pferde ein paar Astern in dem Stirnhaar und in der Mähne zu befestigen. »Ich habe sie bereits gesehen und gesprochen«, sagte Gerhard zum Förster. »Ich werde dafür sorgen, daß sie wieder zu ihren Verwandten zurückgebracht wird.« »Tun Sie das nicht«, sagte der Förster; »es hieße das einfach, sie Deep in die Hände liefern; Sie wissen, wie grausam diese Hände sind; und daß er bei allem, was er ausfinden mag, die Unglückliche auf die Seite zu schaffen, der Hilfe Zempins versichert sein darf.« »Aber was soll aus ihr werden?« sagte Gerhard; »dann muß sie eben ins Irrenhaus; und das wäre das sichere Mittel, aus einer harmlos Blödsinnigen eine Tobsüchtige zu machen.« »Ich werde sie hier bei mir behalten«, erwiderte der Förster. »Da ich doch einmal, wie Sie sagen, mein Kreuz weitertragen muß, so ist die Gegenwart derer, die durch ihre Treulosigkeit den ersten Grund zu all meinen Leiden gelegt, wohl die passendste Gesellschaft. Ich sage das nicht im Spott.« »Ich weiß es«, erwiderte Gerhard; »es kommt aus Ihrem braven Herzen, in dem der Quell des Mitleids durch keine trübste Erfahrung verschüttet werden konnte.« Sie traten aus der Tür, wo sie gestanden, und kamen die Stufen herab; die Wahnsinnige ging ihnen sofort entgegen und zog Gerhard mit manchen Winken und geheimnisvollen Zeichen und Gebärden auf die Seite: »Reiten der Herr Baron nur nicht zu weit in den Wald! Mit dem Fritz habe ich mich ja wieder vertragen – er liebt mich zu sehr! – aber dem Zempin und dem Deep traue ich noch immer nicht.« Gerhard dankte der Ärmsten für ihre Warnung, worüber sie ganz glücklich schien. Sie küßte ihm den Saum des Rockes; er machte sich los, schwang sich in den Sattel und sprengte davon. Als er sich, bevor er in den Wald bog, noch einmal umblickte, sah er, wie der Förster sich die Büchse, die in der Haustür gestanden, über die Schulter hing, während die Wahnsinnige, die ihm wieder eine Strecke nachzulaufen versuchte, atemlos stehenbleibend, tiefe Knixe machte und Kußhände nachschickte. Viertes Kapitel. In tiefster Erregung, welche von den Mitteilungen des Försters in seiner Seele nachzitterte, mochte Gerhard eine Viertelstunde schärfsten Trabes durch den Tann geritten sein, als er, aufschauend, plötzlich den Braunen anhielt. War er denn auf dem Wege nach Kosenow? er hätte in dem Tempo längst aus dem Seitenwege, der zum Forsthause führte, auf dem Hauptwege, ja, in Kosenow selbst sein müssen, und er befand sich noch immer im dichtesten Walde auf einem vielgewundenen Pfade, aus dessen durchweichtem Boden der schnaufende Braune mit Mühe die Hufe zog. Gerhard hatte zu wenig Gelegenheit gehabt, den Wald zu durchschweifen und kennenzulernen, als daß er sich, nachdem er einmal aus der Richtung gekommen, so leicht hätte orientieren können. Jedenfalls war er in diesem Reviere nie zuvor gewesen, denn nirgends, auch nicht um die Hünengräber herum, hatte er so mächtige, hochragende Tannen gefunden, als unter denen er jetzt dahinritt, nachdem er sich aus dem Schlamme des Pfades im Dickicht herausgearbeitet. Der Boden war durchaus trocken; dafür aber auch der Weg völlig verschwunden, und indem er nun zwischen den dicken Stämmen bald rechts, bald links durchzukommen suchte und hier um eine kleine Insel von Unterholz sich wenden, dort um einen Baum, den der Sturm der letzten Tage niedergeworfen, lenken mußte, konnte er nach wenigen Minuten nicht mehr zweifeln, daß er sich völlig verirrt habe. Was seine Situation wahrhaft bedenklich machte und seine Ungeduld vermehrte, war, daß die Dunkelheit von allen Seiten zugleich den Wald einzuhüllen begann, trotzdem seine Uhr, wie er eben noch erkennen konnte, erst auf acht wies. Freilich mußte die Nacht unter den Riesenbäumen früher anbrechen, zumal die schwarzen Wolken fast die Wipfel streiften. Nur daß es nicht so eigentlich mehr Wolken waren, sondern ein dichter, schwarzgrauer, wallender, jagender Dunst, aus dem sich dann und wann eine dunklere Masse abhob, deren Bewegung und Richtung man zur Not erkennen mochte. Der sturmartige Wind war den ganzen Tag streng östlich gewesen. Kosenow lag vom Forsthause südöstlich. Er ritt dann freilich eben genau in der entgegengesetzten Richtung, also ungefähr auf Bulitz oder Retzow zu, aber es war am Ende besser so: er durfte hoffen, schneller in ein Terrain zu kommen, das er genau kannte; der Braune hielt sich wacker, das jetzt Versäumte ließ sich, sobald er erst wieder auf dem rechten Wege, durch verdoppelte Eile ungefähr wieder einbringen, und sein waidmännischer Instinkt sagte ihm, daß der Schlag Hochwald bald zu Ende sein und er dann auf einen Weg oder eine Schneise kommen müsse; und da, ehe er's sich noch versehen, war ein Weg und – er hatte richtig kalkuliert – der Weg, der ihn in wenigen Minuten aus dem Walde und auch alsbald nach Retzow führen würde. Zwar brauchte er jetzt nur wieder umzukehren, denn diesen Weg durch den Wald kannte er; es war derselbe, den er heute morgen hatte reiten wollen, um nicht zu früh nach Kosenow zu kommen. Aber eben deshalb, weil es der längere, tat er besser, über Retzow zu reiten. Und er brauchte gar nicht einmal bis dahin; er konnte, wenn er sich, die Schwanenwiese zur rechten, links am Waldessaume hielt, auf den Fahrweg gelangen, der von Retzow an den Hünengräbern vorüber fast in gerade Linie auf Kosenow lief. Gerhard hatte das alles ruhig bedacht, um diesmal seiner Sache sicher zu sein. Ein abermaliger Irrtum wäre jetzt um so unbequemer gewesen, als es eben wieder zu tröpfeln begann: vom Tröpfeln zum wolkenbruchartigen Regen war heute nur ein Schritt. Und dann – die Schwäche, die ihm im Laufe des Tages wiederholt so peinlich gewesen, überkam ihn abermals und stärker, als je zuvor. Die Kopfwunde, die er gar nicht beachtet, begann heftig zu schmerzen, während ihm seltsam-unheimliche Schauer den Rücken hinabrieselten. Er mußte sich gestehen, daß er sich nicht allzulange mehr im Sattel werde halten können. Er warf einen langen, prüfenden Blick zum Himmel. Was war das? Vor ihm, wenn auch weiter südlich, traten plötzlich die zerrissenen Ränder einer ungeheuren schwarzen Wolke hervor in einem schmutzig rötlichen Lichte, das alsbald die breite Masse zu erhellen begann. Die Helligkeit breitete sich mit jeder Sekunde weiter und wurde in demselben Maße intensiver: kein Zweifel, es brannte auf einem der benachbarten Güter! Gerhard hatte kaum diese Überzeugung gewonnen, als er seine Schwäche, seine Schmerzen nicht mehr fühlte und dem Braunen die Sporen in die Flanken stieß. Galt es doch dem Feinde, vor dem jeder Landmann eine nur zu begründete Furcht, gegen den er den tiefsten Abscheu hat! Und mit jedem Sprunge des Pferdes wurde es ihm mehr zur Gewißheit, daß es Kantzow war, welches brannte – Kantzow, das in diesem Augenblicke von Herrn und Herrin verlassen! von ihm verlassen war, dessen Obhut man es anvertraut! auf dem sich kein Mensch befand, der irgend eine Autorität ausüben oder auch nur beanspruchen konnte – es hätte denn Salchen sein müssen, oder der kaum zurechnungsfähige Unterinspektor! Oder sollte er sich doch irren? nicht in der Richtung, aber in der Entfernung des Feuers? Indem jetzt die Tannen, durch die er dahinjagte – auf die Gefahr, mitsamt dem armen Braunen Hals und Beine zu brechen – immer kleiner wurden, hätte die Helligkeit nach dem Horizont zu wachsen müssen, während sie dort entschieden abnahm, ja, höher in den Zenit zu steigen schien. Und selbst, wenn es in Camerow oder Lassow, die in derselben Richtung lagen, brannte, war dies Phänomen unerklärlich. Vielleicht, daß die Dichtigkeit der Dunstmassen, welche die unteren atmosphärischen Schichten erfüllten, dem Lichte nur nach oben auszustrahlen verstattete! Nun hatte er den Rand des Waldes erreicht – dieselbe Ecke, hinter welcher heute morgen der Wagen, der die Leiche Anna Garloffs trug, in dem Walde verschwand. Vor ihm lag die Schwanenwiese, jenseits Retzow; links südlich Kantzow: er hätte jetzt das Feuer sehen müssen! Es war wohl ein matter Schein in den unteren Wolkenschichten nach der Seite, aber das war nur ein Widerschein der Wolke oben – wie diese nur den Widerschein eines Feuers zurückwarf, das ihm bis dahin der Hochwald verdeckt hatte, und das er nun deutlich über den Wipfeln sah, die sich dunkel davon abhoben. In jähem Entsetzen starrte er hin. Vergebens, daß er sich sagte, er habe sich bereits einmal geirrt und könne sich wieder irren; – der Trost wollte nicht verfangen; sein Herz klopfte schneller und schneller, wie er jetzt, so oft er sich im Sattel wandte, bemerkte, daß der Schein heller und heller wurde und sich allmählich über den ganzen östlichen Horizont breitete. Und jetzt sah er auch deutlich die einzelnen feuerdurchleuchteten Rauchwolken, die emporqualmten und von dem Winde seitwärts über den Wald getrieben wurden. Die Situation war völlig klar: er konnte keinen Augenblick länger daran zweifeln, daß diese Feuerwolken von den Scheunen und Ställen in Kosenow, vielleicht von dem Herrenhause selbst aufstiegen. Und in dem Moment, wo ihm diese Gewißheit kam, hatte er die volle Überlegung und Ruhe wiedergefunden. Er erinnerte sich, gehört zu haben, daß die Löschvorrichtungen in Kosenow durchaus unzureichend seien; wie er sich durch eigenes Anschauen überzeugt, daß sich eine neue, vortreffliche Spritze nebst allen nötigen Apparaten in Retzow befand. Deep würde sich nicht beeilen, dem bedrängten Nachbargute zu Hilfe zu kommen: er war der Mann danach, Kosenow abbrennen zu sehen, ohne den Finger zu rühren! aber, wie die Sachen lagen: einer direkten Aufforderung von seiner Seite würde der Mann entschieden Folge leisten. Es handelte sich um einen Umweg von höchstens fünf Minuten. Als wüßte der Braune, was es gelte, flog er auf dem sandigen Wege am Waldsaume hin, dann rechts den Feldweg nach Retzow. Nur im Vorüberjagen hatte Gerhard den Schwanensee gesehen, an dessen Rande sich die Weiden gespenstisch abhoben von dem Wasser, dessen noch immer bewegte Fläche unheimlich flimmerte: da tauchten auch schon die Gebäude von Retzow auf, da hielt er vor der Tür. Drüben an der Scheune stand ein angespannter Wagen – eine Chaise, wie es schien, sonst regte sich nichts auf dem Hofe. Er hatte sich aus dem Sattel geschwungen und den Zügel durch den Ständerring gezogen. Den Ständer hatte er eben noch gesehen, den Ring mußte er durch schnelles Tasten finden; so stark dunkelte es bereits in dem Schatten des Hauses und der alten Linden, durch deren dichtes Gezweig der Wind sauste. Eine breite Gestalt trat in die halb offene Tür und wollte sich, schnell, wie sie herausgetreten, zurückziehen. Im Nu war Gerhard auf den Stufen, unmittelbar vor der breiten Gestalt. »Es brennt in Kosenow, Herr Deep! ich muß mich wundern, daß Sie noch hier sind und, so muß ich annehmen, auch Ihre Wagen und Leute. Es ist keine Sekunde zu verlieren!« »Ah, der Herr Baron!« sagte Vadder Deep in dem Tone jemandes, der eben erst den, der zu ihm spricht, an der Stimme erkennt, »– wo kommen denn Sie her? Ich bin es nur just gewahr geworden, dachte, es sei in Zulitz! Will gleich den Leuten Bescheid sagen und anspannen lassen – komme selbst mit – in zehn Minuten spätestens! Reiten Sie nur getrost hinüber – in zehn Minuten!« »Ich bleibe solange – der Braune muß sich verschnaufen. Eilen Sie, Herr Deep!« »Da sind die Leute schon«, sagte Vadder Deep. In der Tat kamen aus der zerfallenden Spelunke, die in Retzow als Leutehaus galt, ein paar Männer, welche der mit jeder Sekunde heller werdende Schein herausgelockt hatte. »Es brennt in Kosenow!« rief Gerhard ihnen entgegen; »die Spritze und die Wagen heraus! Zwei Louisdor, wer zuerst vom Hofe kommt! und dem Spritzenmann vier!« Die Männer mochten die Stimme des jungen Barons, der in Kantzow jetzt allmächtig war, erkannt haben; und Vadder Deep stand bei dem Baron – es hatte also mit den Louisdors seine Richtigkeit, und Vadder Deep ließ den Baron hier kommandieren, wie er in Kantzow kommandierte; da konnte man das halbausgetrunkene Schnapsglas schon im Stiche lassen; bei einem Feuer gab's Schnaps vollauf! Andere dunkle Gestalten tauchten auf: Rufe und Gegenrufe – Rennen und Laufen hierhin, dorthin – nach den Ställen, zu den Wagen, die in einer Ecke des Hofes nebeneinander aufgefahren waren – nach der Scheune, wo die Spritze und die Wasserkufen standen – »Sie sehen, die Leute haben den besten Willen«, sagte Gerhard; »wenn eine Säumnis eintritt, mache ich Sie dafür bei dem Herrn Grafen verantwortlich.« Gerhard hatte es, ungeduldig und zornig über Vadder Deeps Langsamkeit, der sich noch immer nicht von der Schwelle gerührt, in lautem, drohendem Tone gerufen. In den dunkeln Flur fiel ein Lichtstreifen aus der Tür einer Hinterstube, die eben halb geöffnet wurde. Gerhard sah die undeutliche Silhouette einer Frau, die einen gellenden Schrei ausstieß. In demselben Moment wurde die Frau aber bereits von jemand, der hinter sie getreten, zurückgerissen und die Tür wieder zugemacht. Gerhard stürzte nach der Tür. Die, welche den Angstschrei ausgestoßen, mußte die arme Wahnsinnige sein! Er hatte sie ihm nachlaufen sehen; sie war dann weiter gerannt quer durch den Wald und – so oder so – in Deeps grausame Hände gefallen! Die Chaise draußen war die, aus der sie gestern nacht Jochen Schnut entsprungen war; Jochen Schnut war's, der sie in jenem Zimmer festhielt. Gerhards eilender Fuß war in dem dunkeln Flur an irgend einen Gegenstand gestoßen; bevor er die Tür erreichte, hatte Deep ihn eingeholt. Mit einer Kraft, die er dem Alten nimmer zugetraut, warf er sich ihm entgegen und suchte ihn von der Tür wegzudrängen. Es gelang für ein paar Momente; dann hatte ihn Gerhard auf die Seite geschleudert und die Tür aufgerissen. Das Gemach war hell genug durch eine Lampe, die auf dem Tische vor dem Sofa brannte, erleuchtet, dennoch traute er seinen Augen kaum: an dem Tische stand Julie im Reiseanzug, den Hut auf dem Kopfe, schreckensbleich nach der aufspringenden Tür starrend, während die lange und dünne Gestalt Bagdorfs sich durch das geöffnete niedrige Fenster drängte und sofort in dem Dunkel des Gartens verschwand. Der Gegensatz zwischen dem, was er erwartet, und dem, was er sah, war zu stark: Gerhard brach in lautes Gelächter aus. »Töten Sie mich lieber!« rief Julie. Sie hatte sich ihm zu Füßen gestürzt und hielt seine Knie umklammert, während er sich vergeblich von ihr zu befreien suchte. »Töten Sie mich! Endigen Sie Ihr Werk! Es ist alles Ihr Werk! Nach Ihrem grausamen Brief heute morgen – wie kann ich noch leben!« »Versuchen Sie's noch einmal mit Bagdorf; vielleicht kommt er wieder zur Tür herein, nachdem er sich aus dem Fenster salviert?« Abermals wolle er sie von sich abstreifen; sie ließ sich, krampfhaft festhaltend, hin und her durch das Gemach zerren. »Der Elende!« schluchzte sie; »der jämmerliche Feigling! ich hätte ihn fortgejagt – noch heute nacht – auf der nächsten Station – sobald er mir diesen Dienst getan – der andere hätte mich ja doch freigeben müssen: die Entführte, die Ehebrecherin! – ich hätte ihm seine Schande reich bezahlt – ich bin jetzt reich – ihm ist es ja doch nur um das Geld zu tun!« Die Tränen flossen ihr in Strömen über das bleiche Gesicht aus den starren, weit aufgerissenen Augen. Es mochte ein Gran von Wahrheit sein in dem, was sie da, vor Schluchzen halb unverständlich, herausstieß. Nur hatte das Stück schon zu oft gespielt und er nicht die Zeit, es, wie die anderen Male, zu Ende zu hören. Er sagte ihr das mit ruhiger, fester Stimme; sie ließ seine Knie los und stand auf »So ist's auch mit mir zu Ende«, murmelte sie, nach dem Sofa schwankend. Aber bevor sie es erreicht, blieb sie stehen, lauschend. Durch die halb offene Tür über den Flur vernahm man deutlich, wie die Hufe eines Pferdes auf das holprige Pflaster vor dem Hause, dann auf die Trittstufen schlugen. Im nächsten Moment erschallte – noch von der Haustür her – eine laute, zornige Stimme, der eine andere heisere Stimme antwortete; und wieder im nächsten kam's über den Flur schweren, eiligen Schrittes. »Retten Sie sich!« schrie Julie, mit beiden Händen Gerhard nach dem Fenster drängend, während ihres Gatten Gestalt schon auf der Schwelle stand. »Diesmal hattet ihr vergessen, die Tür zu verschließen!« »Ich hatte heute keinen Tür zu verschließen, so wenig wie vorgestern abend«, erwiderte Gerhard; »wenn Ihnen meine Versicherung nicht genügen sollte, werde ich meine Worte vertreten, wie es unter Männern von Ehre der Brauch ist. Für jetzt habe ich in Kosenow Dringenderes zu tun. Und noch eines: ich schlage mich nur mit Gentlemen; Sie werden an dieser Dame zu zeigen haben, daß Sie auf jenen Titel Anspruch machen dürfen.« Er schritt an Zempin vorüber, die Augen fest auf ihn richtend, den Überraschung, Wut, Unentschlossenheit, oder was immer es war, sprachlos und regungslos machten. – Neben seinem Braunen vor der Haustür stand Zempins gewaltiger Rappe, schnaubend, mit gesenktem Kopfe; die großen Schaumflecken auf Hals und Brust und Weichen konnte Gerhard selbst durch die Dunkelheit erkennen, die in unmittelbarer Nähe des Hauses herrschte, während sonst über den Hof, besonders über die Scheunenwand drüben, an der die Chaise, worin Julie mit ihrem Buhlen hatte fliehen wollen, noch immer hielt, eine unsichere Helligkeit flimmerte. Die Wagen wurden eben angespannt; Spritze und Wasserkufen waren wenigstens hinausgeschoben. Gerhard ritt noch einmal an die Leute heran und wiederholte seine Aufforderung, ihm schleunigst zu folgen und das Versprechen der Belohnung. Mehr konnte er jetzt nicht tun. – »Ich habe schon zu viel Zeit verloren«, sagte er bei sich, während er von dem Hofe dem Walde zusprengte, über dem bis in den Zenit der rote, unten von grauweißen Wolken durchwirbelte Feuerschein stand. Fünftes Kapitel. Als er den Wald erreicht, bevor er in das Dunkel tauchte, wandte Gerhard sich im Sattel, ob die Wagen ihm noch immer nicht folgten. Auch jetzt sah er sie nicht; wohl aber einen einzelnen Reiter, welcher denselben Weg, den er eben durchmessen, heranjagte: der Reiter konnte nur Zempin sein. Einen Moment überlegte er, ob er den Verfolger erwarten solle, dann gab er dem Braunen die Sporen und sprengte in den Wald. Nicht, daß ihn Furcht fliehen machte! aber der Mann würde ihn zur Rede stellen wollen, und er selbst nicht imstande sein, die Beschuldigungen zurückzuweisen, die Anklagen zu entkräften; und so Beschuldigungen, Anklagen, Vorwürfe, Schmähungen über sich ergehen lassen müssen in widerwärtigem, unfruchtbarem Wortwechsel. Sprach doch der Schein so gegen ihn: die durch Juliens unkluges Benehmen vorgestern abend provozierte Szene; – ihr wahnwitziger nächtlicher Besuch, bewiesen durch die Schleife, die ihm Salchen gestohlen und ganz sicher an Zempin ausgeliefert hatte, als derselbe eben – vermutlich durch einen eifersüchtigen Verdacht getrieben – von Swinhöft nach Hause zurückkehrte – sein Haus leer fand und von der Verräterin erfuhr, wohin sich seine Frau gewandt. Bagdorf oder er – was galt dem Eifersüchtigen das! wen er fand, war der Schuldige! Konnte doch, wie er ihr ins Gesicht geschleudert, seine Frau haben, wer wollte! und das alles, alles in diesem Augenblicke, wo er eine Viertelmillion schwerwiegender Gründe hatte, sich nicht von ihr scheiden zu lassen! – und Deep, der ja zweifellos in Bagdorfs und Juliens Interesse war – wie mochte der Ränkevolle die Sache gedreht und gewendet haben, um den Verdacht des Wütenden ganz auf den verhaßten Gegner zu lenken! – und, großer Gott, wo war das Billett geblieben, das ihm Julie heute morgen geschrieben, und in dem sie in so zweideutigen Worten auf den nächtlichen Besuch angespielt? – er hatte das Blatt vernichten wollen; erinnerte sich aber nicht, daß dies wirklich geschehen, und dann konnte er es ebensogut haben liegen lassen; konnte es ebensogut wie die Schleife in Zempins Hände gefallen sein! Diese Gedanken schossen durch Gerhards Seele, während er, vornüber gebeugt, den Braunen zu äußerster Schnelligkeit antrieb. Das Tier, dem er heute schon so viel zugemutet, hielt sich noch immer wacker – bei dem großen Vorsprung, den er hatte, schien es undenkbar, daß er eingeholt werden könne, und, von dieser Sorge befreit, war er im Geist bereits in Kosenow. Wann mochte das Feuer ausgebrochen sein? vielleicht schon, als Edith von der Försterei zurückkam, und das war der Grund, weshalb sie den Wagen nicht geschickt hatte. Was mochte brennen? nach dem Umfange und der Intensität des Feuerscheins mehrere Gebäude, vielleicht mittlerweile der ganze Hof. Auch das Herrenhaus? Und wenn das der Fall, wohin hatte sie den kranken Vater gerettet? war er gerettet? war Edith nicht in Gefahr gewesen? war sie beschädigt? verwundet? – großer Gott! und sie im besten Falle allein mit dem Kranken! und er noch immer tief im Walde, noch nicht einmal bis zu den Hünengräbern, welche die Hälfte des Weges von Retzow nach Kosenow bezeichneten! Und nun – Der Braune, der in einer der tiefen Furchen, die den Weg durchzogen, einen Fehltritt getan, strauchelte, taumelte, raffte sich mit Hilfe seines Reiters wieder auf, versuchte, in die frühere Gangart zu fallen – vergebens! Gerhard war abgestiegen, sobald er sich von dem Unglück überzeugt. Sollte er das Tier seinem Schicksal überlassen und zu Fuß weitereilen? Er überlegte noch, als er hinter sich Hufschlag vernahm. Oder war es nur das Knacken und Rauschen der vom Winde geschüttelten Bäume? Er lauschte; der Braune, der, am ganzen Leibe zitternd, dagestanden, richtete den Kopf auf: es war Hufschlag! Gerhard konnte nicht länger in Zweifel sein; und der Hufschlag kam in rasender Eile näher und näher. Was sollte er tun? Sich in die Büsche werfen? es wäre wohl das erstemal, daß ein Vacha vor seinem Feinde geflohen! Er wandte den Braunen, so daß er die Front gegen den Verfolger hatte, und rief, als die schwarze Masse durch das Dunkel heranstürmte, ein lautes Hallo. Der Verfolger parierte. »Ich danke Ihnen«, rief Gerhard, »Sie hätten mich in der nächsten Sekunde samt meinem hinkenden Braunen überritten!« »Das also verschafft mir das Vergnügen! nun, zu dem, was wir miteinander abzumachen haben, brauchen wir ja auch der Pferde nicht!« Er hatte sich aus dem Sattel geschwungen; die beiden befreundeten Tiere schnoben einander an, froh, sich hier so plötzlich wieder vereinigt zu finden; die beiden Menschen, die einst Freunde gewesen, mühten sich, den fliegenden Atem zu bändigen, um bei all dem Haß und Zorn, der die Brust erfüllte, mit scheinbarer Ruhe sprechen zu können. »Der Pferde nicht«, sagte Gerhard, »aber doch wohl der Zeugen! Ich habe Ihnen bereits erklärt, daß ich Ihnen in jeder Weise zu Diensten stehe, in welcher Männer von Ehre ihre Händel miteinander abzumachen pflegen; ich habe gehofft und hoffe noch, daß dieser Appell an Ihre eigene Ehre nicht vergebens sein wird.« Gerhard hörte das Knirschen der starken Zähne, dann kamen die zischenden Worte: »Vielleicht verkürzt es Ihren Langmut in etwas, wenn ich Ihnen sage: Sie sind ein Schurke durch und durch.« »Vielleicht täte es das, wenn ich nicht wüßte, wie wenig wählerisch Sie in den Mitteln sind, um Ihre Absichten durchzusetzen.« »So tut es vielleicht das!« Der Schlag, den er nach ihm geführt, sauste an Gerhards Gesicht vorbei; nur seine Schulter war eben noch gestreift. Er hatte, zurückspringend, den Zügel des Braunen, den er bis dahin festgehalten, losgelassen. »Sie sind wahrlich ein Ehrloser!« rief er; »die Entscheidung der Waffen ist dem Überstarken natürlich zu prekär!« »Dahin wollte ich Sie!« rief Zempin mit höhnischem Lachen. »Hier ist, wonach Sie ein solches Verlangen tragen. Ich fand sie auf Ihrem Tische. Sie selbst haben sie geladen; ich habe sie nicht weiter berührt, als um neue Zündhütchen aufzusetzen und sie in die Tasche zu stecken. Übrigens haben Sie die Wahl!« Er hatte aus den Taschen seines Überziehers rechts und links die Pistolen herausgenommen und hielt, beide in einer Hand an den Läufen fassend, die Kolben Gerhard entgegen. »Nun sind Sie mit Ihren Ausflüchten hoffentlich zu Ende! Da ist es hell genug!« Gerhard hatte, von Zorn übermannt, eine der Waffen ergriffen und war Zempin auf den Platz der Hünengräber gefolgt. Eine Wolke, die über der Blöße stand, reflektierte machtvoll das von dem nahen Feuer ausstrahlende Licht; das ganze Rund war von einer seltsamen Dämmerung, die nicht Tag und nicht Nacht war, erfüllt; an den Hünengräbern konnte man die einzelnen Steine unterscheiden, vor allen den einen, dessen kahle Fläche mit furchtbarer Deutlichkeit heraustrat. Gerhards schaudernder Blick war auf die Fläche gerichtet; er wußte jetzt, was da geschrieben stand! Und sollte sich dieser Stein noch einmal zum Zeugen bieten, wie Menschenblut in schnödem Mord vergossen ward? Was anders war dieser Kampf, mochte er nun töten oder getötet werden? und, so oder so, sollte der alte Fluch sich immer neu gebären? die alte Missetat neue Missetat erzeugen, weil die Schlechten es wollen, weil, die sich gut zu sein bemühen, machtlos sind den Bösen gegenüber? »Ich werde mich nicht zu diesem Duell zwingen lassen, das keines ist!« rief er; »nur eine brutale Metzelei, kaum weniger brutal, als die, von der jene Steine dort erzählen.« Zempin, der ein paar Schritte von ihm fort gemacht hatte, um Distanz zu gewinnen, wandte sich auf den Hacken und schrie: »Die Steine! ich sollte meinen, die Rolle des Erzählers hätten Sie übernommen! Oder wem verdanke ich's, daß ich mir nur noch eben die Geschichte von Ihrer Mätresse vorrücken lassen mußte? Sie werden mir natürlich sagen: die habe es wieder von Salchen, und die habe es wieder aus Ihrem Gemunkel mit dem Grafen erlauscht! Was schert es mich, woher sie's hat! Soll ich euch beide in die Welt laufen lassen, damit es doch ja alle Welt erfährt? Nehmen Sie Ihre Stellung, Sie Allerweltsschwätzer! Ich zähle drei, wenn dann der Herr Baron von Vacha sein bißchen Mut noch nicht beisammen hat, schieße ich ihn nieder wie einen Hund. Eins –« »Ersparen Sie sich das übrige!« sagte Gerhard mit fester Stimme. »Daß es mir nicht an Mut fehlt – Sie wissen es; daß ich eine Pistole zu gebrauchen verstehe, mindestens so gut wie Sie, wissen Sie ebenfalls; und dies ist der Gebrauch, den ich von dieser meiner Pistole mache, die ich für Sie, für Ihres Hauses Sicherheit und Ehre geladen hatte, als mir nicht einer, sondern fünfzig gegenüberstanden!« Er hob die Pistole nach der feurigen Wolke ob ihren Häuptern und feuerte. »Nun schießen Sie, wenn Sie den Mut haben!« Er war ruhig, die gesenkte Pistole in der Hand, stehengeblieben. »Und Sie denken, ich soll mich durch solche Großmutspossen äffen lassen? Sie irren sich!« Er hatte es mit vor Wut und Haß heiserer Stimme geschrien und hob die Pistole fünf Schritte vor Gerhards Brust. Gerhard blickte in die stieren, zornfunkelnden Augen – ein scharfer Knall – der Riese taumelte vornüber und stürzte unmittelbar zu Gerhards Füßen – durch den gewaltigen Körper zuckte es ein paarmal, dann lag er regungslos – ein toter Mann. Gerhard war neben dem Gefallenen niedergekniet. Hatte er sich selbst erschossen? Unmöglich! Er hatte bis zum letzten Moment die Mündung auf sich gerichtet gesehen; an der Pistole, die er aus der starrenden Hand nahm und schaudernd wieder in das Moos fallen ließ, war der Hahn noch gespannt, das Zündhütchen unversehrt. Er versuchte, die ungeheure Last aufzurichten, vergebens! Die zitternden Hände, die schreckengelähmten Arme versagten den Dienst. Ratlos, verzweifelt, betäubt von dem Furchtbaren, Unbegreiflichen, hilfeheischend, wo doch keine Hilfe sein konnte, blickte er um sich. Der Förster stand neben ihm, die Büchse in den Händen. »Sie! Sie!« Gerhard war aufgesprungen, voller Entsetzen den Förster anstarrend, der jetzt neben der Leiche kniete, wie eben er, und sich dann wieder emporrichtete. »Die Kugel ist ihm durchs Herz durch und durch geschlagen; es war kein leichter Schuß bei dem bösen Lichte, trotz der geringen Entfernung.« Er deutete auf die Hünengräber. »Ich war im Walde, die Schulten zu suchen, die hinter Ihnen hergelaufen und nicht wiederkam; sah das Feuer, wollte nach Kosenow, war bis dahin gelangt; mußte ein wenig verschnaufen nach dem Lauf durch dick und dünn. Dann kamen Sie; ich habe jedes Wort gehört; ich hatte die Wahl, ob ich Sie töten lassen wollte, oder noch einmal zum Mörder werden. Und nun eilen Sie nach Kosenow, und überlassen Sie mir den Toten; ich will besorgen, was zu besorgen ist. Ich höre, daß schon Hilfe kommt; es werden die Retzower Wagen sein, ich will einen anhalten.« Von dem Wege her vernahm man dumpfes, verworrenes Geräusch – Ächzen und Knarren der Achsen, Hufschlag der Pferde, Rufen der Knechte, dazwischen eine helle, kommandierende Stimme; durch die Stämme blitzten Lichter auf, – näher und näher. »Fliehen Sie! fliehen Sie!« »Vor wem und wozu?« erwiderte der Förster. »Was ich getan habe, habe ich getan. Vor dem da droben will ich es verantworten: er wird mein Stoßgebet gehört haben – was kümmern mich die Menschen!« Er hatte sich von Gerhard mit sanfter Gewalt losgemacht und ging mit starken Schritten dem Wege zu. Gerhard wollte ihm nacheilen, ihn zurückhalten; aber er taumelte wie ein Trunkener; es wurde ihm dunkel vor den Augen; er sank in die Knie, die Hände in das Moos stemmend, mit aller Kraft seiner Seele gegen die Ohnmacht, die ihn überfallen wollte, ankämpfend, sich wieder aufraffend, den Lichtern entgegenwankend, die auf ihn zukamen, und in deren grellem Schein er den Grafen erkannte, neben dem der Förster schritt, während die Baronin einem der Leute die Fackel aus der Hand riß und, vorauseilend, nach der Stelle lief, wo in dem dicken Moose, einem Baumstamme gleich, der dunkle Körper lag. Sie hatten ihn auf den Rücken gelegt; der Schein der Fackeln fiel grell auf das starre Antlitz, das noch in den zusammengepreßten Lippen, über den schweren Brauen den wilden Grimm ahnen ließ, der im letzten Moment das leidenschaftliche, nun für immer gebändigte Herz erfüllte. Aus den Augen der Baronin tropfte Träne um Träne; sie mochte daran denken, wie sehr sie einst diesen Mann geliebt. Der Graf wandte unsichere Blicke bald auf den Toten, bald auf Gerhard, bald auf den Förster, der, neben ihm stehend, mit halblauter, aber für alle vernehmlichen Stimme, durch die auch nicht die leiseste Spur von Erregung zitterte, sprach: »Sie sehen, Herr Graf, es verhält sich alles genau so, wie ich Ihnen sagte. Dort stand ich; hier, wo ich jetzt stehe, der Herr Baron; da, wo Karl Clas mit der Fackel steht, Herr Zempin; meine Kugel hat ihn in der linken Seite getroffen, ist durchs Herz gegangen und auf der entgegengesetzten Seite wieder heraus. Sein Tod muß augenblicklich erfolgt sein. Die Untersuchung wird die Richtigkeit meiner Angaben bestätigen. So darf ich denn wohl hoffen, daß dem Herrn Baron keinerlei Ungelegenheiten aus dieser Sache erwachsen. Ich habe ihm schon zu viele in seinem Leben gemacht, trotzdem ich von ihm nur Liebes und Gutes erfahren, weit, weit mehr, als mir irgend zukommt; und so auch von der Frau Baronin da, der ich verdanke, daß ich den Rest meines Lebens wenigstens keine Ketten getragen. – Und, was ich noch bemerken wollte, Herr Graf, die Gerichtsbehörden sind manchmal in ihren Urteilen etwas unsicher und haben Mühe, den Schußkanal einer Büchsenkugel von dem aus einer gezogenen Pistole zu unterscheiden. Verstatten Sie mir einen Moment!« Er hatte von den beiden Pistolen, die zu Füßen des Grafen lagen, die eine aufgenommen und war ein paar Schritte zurückgetreten, wie jemand, der an einer geladenen Waffe etwas demonstrieren will. »Die Kugel aus einer Pistole wie diese, wenn sie von links in die Brust schlüge, würde ungefähr diese Wirkung haben.« Er winkte Gerhard mit den ernsten, stillen Augen – Gerhard sprang hinzu, noch eben schnell genug, den Zusammenbrechenden in seinen Armen aufzufangen. Sechstes Kapitel. Der Graf war mit einem der Leiterwagen und den nötigen Leuten zurückgeblieben; die Baronin hatte Gerhard in ihre Kutsche genommen; sie fuhren, den übrigen Wagen vorauf, was die Pferde laufen konnten, durch den Wald, in dem es von Sekunde zu Sekunde heller wurde. Die Baronin war voll mütterlicher Sorge für Gerhard, der kaum noch hörte, was die Dame sprach. »Wir sahen das Feuer, als ich eben von Teschen abfahren wollte – Maggie und Lafing waren schon seit einer Stunde weg – Maggie hatte Migräne, und ich wollte dem Grafen noch mal über die Geschichte meine Meinung sagen. Na, und wie er mir vor der Tür begleitet, sehen wir das Feuer. Es mochte eben aufgehen, denn der Schein war man noch schwach, und so denken wir: es ist in Basselitz, das von Teschen in dieselbe Linie wie Kosenow liegt. Der Graf will mir begleiten, na – meinswegen, obgleich ich mit solche Sachen schon selber fertig werde. Wir fahren über Retzow und Bulitz, sage ich, das ist weiter, brauchen aber nicht durch den Wald, wo es grundlos ist. – Kommen gegen Retzow, rückt das Feuer immer weiter rechts, konnte nicht Basselitz sein; ist Kosenow, sage ich. Der Graf wollte es nicht glauben; aber was weiß der davon! Das sind wir auch schon mitten mang die Retzower Wagen. Aber Sie hören mir nicht?« Die Baronin nahm Gerhards Hand. »Ihre Hand ist eiskalt, und Ihre Stirne brennt; ich sagte Sie ja schon heut nachmittags Sie sollten sich nicht zuviel zumuten! Na, Sie haben es sich nicht eingebrockt, das weiß der liebe Gott; und der Garloff, sehen Sie, der arme Kerl, für dem ist's ein rechtes Glück, daß er all das schwere Leid vom Herzen hat; er konnt's ja lange schon nicht mehr tragen; und Zempin – na, er ist tot, und Gott weiß am besten, warum er solche Menschen macht, und ein Prachtmensch war's trotz alledem, und – i, schämen Sie sich doch nicht vor mich – ich könnte gut und gern Ihre Mutter sein, und mir sitzen die Tränen auch nah genug!« Die gute Frau brach in lautes Weinen aus, indem sie Gerhards Hals umschlang und seinen Kopf an ihren Busen legte. »Wir beide haben ihnen beiden lieb gehabt«, schluchzte sie, »und vor ihnen getan, was wir tun konnten, und mehr kann kein Mensch nicht; damit müssen wir uns trösten und für das andere den lieben Gott sorgen lassen, daß der auch ein bißchen zu tun behält. Und passen Sie Achtung: vor Ihnen kommen jetzt bessere Tage, wenn das hier auch mal wieder verteufelt schlimm aussieht. Habe ich es nicht gesagt: der ganze Hof brennt von einem Ende bis zum anderen! und vom Herrenhaus ist's ausgegangen, das ist ja schon beinahe ganz nieder; bloß das alte Inspektorenhaus steht noch! natürlich, das ist weit genug abgelegen, und was gar nicht mehr zu brauchen ist, läßt das Feuer immer stehen. Friedrich, fahre Er da man gleich vor! – Sie sollen sehen: da finden wir ihnen. Und nun tun Sie mich die einzigste Liebe und lassen Sie brennen, was brennen will, und mir das Kommando führen! Was zuviel ist, ist zuviel, und was Sie heute schon durchgemacht haben, das hätte kein Pferd ausgehalten, geschweige denn ein Mensch.« Gerhard will erwidern, daß er sich noch kräftig genug fühle, aber die Zunge versagt ihm den Dienst; er bringt es nur zu einem Gemurmel, auf das die Baronin, deren sachkundiger Blick das grausige Schauspiel vor ihr beobachtet, nicht hinhört, und das sie auch vor dem Sausen der Flammen, vor dem Geprassel der einstürzenden Giebel und Balkendecken nicht wohl verstehen könnte. Dann hält der Wagen vor einem kleinen Hause, das Gerhard bereits früher gesehen, aber nicht beachtet hat, und das ihm doch wahrlich merkwürdig genug hätte sein sollen, denn es ist ja das alte Verwalterhaus, aus dem der Knabe in das Schloß verbannt war mitsamt seinem Papageien. Was ist aus dem geworden? mit verbrannt? er war bereits im Sterben. War es kein Trugbild, was durch die Tapetentür trat, während er an dem Sekretär saß? War es Ediths Vater, der mit dem Lichte in der Hand nach den Papieren suchte? hatte er sie gefunden? weiß es Edith nun doch? Ihm schießt das alles durch den Kopf, während er der Baronin, die aus dem Wagen gesprungen, mühsam folgt. In der niedrigen Tür steht Edith, übergossen von der roten Glut, wie das kleine Haus und alles ringsumher von roter Glut übergossen ist; und doch erscheint sie ihm so bleich, und sie blickt ihn an mit so wundersam großen, traurigen Augen: ich weiß es! Wer hat es gesagt? Ediths Mund? oder ihre Augen? oder eine Stimme in ihm? Dann ist Edith nicht mehr da; die Baronin führt ihn durch ein weites, niedriges Zimmer, das grauweiße Wände hat, und wo in der einen Ecke ein großer Haufen Korn aufgeschüttet ist. Aber es ist wohl kein Zimmer, sondern eine Küche, denn auf der anderen Seite befindet sich ein halb in die Wand gemauerter, halb offener Herd, auf dem ein großes Feuer flackert, das man entzündet hat, weil der rote Schein draußen durch die kleinen Fenster nicht genug Helligkeit gibt; ein anderes Licht ist nicht da, auch kein Stuhl, kein Tisch, nur ein Bett aus rohem Tannenholz, wo der Vater ausgestreckt liegt, den großen struppigen Kopf auf einem mit blaubuntem Kattun überzogenen Kissen, während über den langen Leib eine rotseidene Steppdecke gebreitet ist. Die Baronin, die von ihm fort an das Bett geeilt, macht ihm Platz, wie er jetzt herantritt. Des guten Mannes Gesicht ist viel kleiner als sonst und sieht in dem Scheine des Herdfeuers wie verklärt aus; er lächelt ihm so liebevoll entgegen aus tief eingesunkenen und doch seltsam hellen Augen, die sich dann von ihm abwenden auf etwas, das jener zwischen den ausgestreckten abgemagerten Händen auf der rotseidenen Bettdecke hält und jetzt mühsam ein wenig emporhebt – ein versiegeltes kleines Paket und dann einen Ring, mit dem das Paket gesiegelt ist: In dem Paket sind die Papiere, die dein Großvater vor der Abfahrt geschrieben, und der Ring ist deines Großvaters Ring. – Es hat das niemand gesagt, denn niemand spricht ein Wort: er weiß es auch ohne das. Das Bett, auf dem der Kranke liegt, die Gestalt der Baronin, alles um ihn schwankt und wankt. Ihm ist, als ob er selbst hin und her schwanke; als ob, was jetzt der Kranke spricht mit tiefmüder und doch fröhlicher Stimme, weit, weither zu ihm herübertönte: »Ich hab's gefunden – in dem Sekretär! – hatte überall gesucht im Keller, auf dem Boden – es war ja im Sekretär! – Dein Großvater saß daran und schrieb – wollte ihn nicht stören – machte die Türe wieder zu – war aber gar nicht dein Großvater – der ist ja schon lange tot – hatt's ja mit angesehen, wie sie ihn totschlugen und die anderen und an den Hünengräbern verscharrten – sah alles wieder in der Flamme – und wo ich's hingesteckt in dem Sekretär ganz unten unter die schwedischen Akten – mußte lange suchen – und es knisterte und qualmte – laß brennen, laß brennen – ich fand's endlich doch und den Ring! Werden jetzt sagen, ich habe das Haus und den Hof angesteckt, weil's mir ja doch nicht gehört – nichts – nichts – Gott sei Dank! und ich morgen ins Gefängnis muß und dann die Vögel verhungerten. Das ist ein dummer Schnack – Edith würde sie gefüttert haben und Johann Ewers – als Edith kam, brannte es schon – bin mit dem Lichte zu nah an die Gardine gekommen, im Korridor – weiß ich jetzt – Edith weiß es auch – Edith weiß alles – frag' nur Edith!« Das Haupt des Todmüden sinkt auf die Seite; er lächelt wie ein Kind in seinem friedlichen Schlummer, und wie ein Kind, das mit seinem Spielzeuge eingeschlafen, streckt er manchmal noch die Riesenhand nach dem Paket, nach dem Ringe aus. Der Ring gleißt und glitzert im Scheine des hell auflodernden Feuers; aber jetzt ist es nicht mehr ein Ring, es sind deren zwei – zwei ganz gleiche Ringe, nur der eine ist ein wenig kleiner, als der andere; und den kleineren hat Edith, die plötzlich ihm gegenüber an der anderen Seite des Bettes steht, langsam vom Finger gestreift und leise zu dem anderen gelegt. Frag nur Edith! Und das ist ihre Antwort! Das, und der Blick voll Liebe und Treue und Trauer, den sie auf ihn gerichtet hält! Er liest alles in dem Blicke, alles: ›meine bange Ahnung hat mich nicht betrogen: das Unheil, dessen schwarze Flügel ich rauschen hörte, nun ist es da und trennt uns für immer. Ich danke dir für deine Liebe; ich danke dir, daß du mit allen Kräften gerungen hast, das Unheil von mir abzuwehren – es sollte nicht sein! In dem Buche des Schicksals steht's geschrieben, und da steht's geschrieben von deines Großvaters Hand!‹ Nein! Nein! Nein! In unseren Herzen ist unser Schicksal! In unseren Herzen, die voll reiner, heiliger Liebe sind, und die Liebe ist die größte unter ihnen und sollen ihr alle Dinge zum besten dienen. Und alles sonst ist Lüge, gotteslästerliche Lüge, wo's auch geschrieben steht! Ins Feuer mit der Lüge! So ruft's, so schreit's in ihm wie mit Posaunenstimme, obschon kein Wort über die bleichen, zuckenden Lippen kommt. Der Wahnsinn des Fiebers hat ihn ergriffen. Er greift in die Luft und reißt das Blatt heraus aus dem Buche des Schicksals und greift nach dem Paket und stößt die Baronin fort, die ihn hindern will, es ins Feuer zu werfen, wohin's gehört. Und lacht triumphierend, wie das Höllenfeuer, aufflammend, die Lüge gierig verschlingt und zusammensinkt und nur noch ein Stern ist – der Stern der Liebe, der in unermeßbarer Ferne funkelt, während schwarze Nacht von oben auf ungeheuren Schwingen herabrauscht. Dunkler und dunkler wird's vor seinen Augen, bleicher und bleicher wird der Stern: Edith! Edith! Und von dem Sterne tönt's zurück: Gerhard! Gerhard! Er hebt die schweren Wimpern noch einmal und lächelt den Stern an – das bleiche Angesicht der einzig Geliebten, deren Lippen seine Lippen küssen. Siebentes Kapitel. Vor dem Herrenhause in Vacha, unter der breitkronigen Linde, neben dem runden steinernen Tische, an dem die Burgherren zur Zeit des ewigen Landfriedens schon gezecht haben mögen, sitzt an einem wundervollen Nachmittage im Spätherbste die jungen Herrin des Hauses in eifrigem Gespräche mit Schwager Fritz, während Schwager Max, die Mappe auf den Knien, auf der Brustwehr des Altans kauert, der über dem Tale der Vacha hängt, und der Stunde noch eine Farbenskizze abgewinnen will. Jetzt hebt er den Kopf und blickt in die duftige Ferne; dann fallen die kurzen, dunkelglänzenden Locken wieder über die scharfgeschnittene Stirn, und die geniale, vielgeübte Hand fliegt über die Leinwand. Er muß sich hasten: blauer und blauer dämmert's aus den Schluchten herauf, und morgen will er, nach beinahe drei Monaten, in denen er so viel Wunderbares erlebt – da oben im Lande, das im Norden an die Eskimos grenzt – wieder zurück in sein geliebtes München. Ebenso wie Fritz nach Bonn zu den ebensolange unterbrochenen Studien. Sie hatten schon heute aufbrechen sollen, aber die Baronin, die Lafing und Maggie eigentlich bis nach Nizza begleiten wollte, ist gestern in Kassel wieder umgekehrt, um noch einen Tag bei Gerhard und Edith zu verbringen, bevor sie die Rückreise nach Pommern antritt, und ›ich denke, die jungen Herren werden Gerhard helfen, ihre alte Freundin die Honneurs vor ihre Ahnenburg zu machen‹. Die jungen Herren haben sich nicht lange bitten lassen; sie trennen sich nach dem langen, ereignisreichen Beisammensein schwer genug von ihrem Ältesten und der angebeteten jungen Schwägerin, und sie sind während Gerhards Krankheit Wochen und Wochen die Gäste der Baronin auf Basselitz gewesen und stehen mit ihr auf dem besten Fuße, besonders der Maler, der, nach Aussage aller, in unverantwortlicher Weise von der guten Dame bevorzugt und vorgezogen wird. In der Tür, die noch mit den dicken Eichengirlanden zu Ehren des Einzuges vor drei Tagen geschmückt ist, erscheint Stude im Schlafrock, tritt aber, als er die beiden unter der Linde erblickt, sofort wieder zurück und steckt nur noch den Kopf hervor. »Nun, Anton«, ruft Fritz, »hast du endlich Schicht gemacht?« Stude verzieht das Gesicht zu einer tragikomischen Grimasse. » Apage , böser Bube, der du mit lächerlichen zweiundzwanzig Jahren deinen Doktor in Sicherheit hast und mich alten Knaben zu schnöder Faulheit verlocken willst! Bis des Tages Gestirn erloschen, ist mir nicht vergönnt, aus meiner Zelle zu gehen. Ich hab's geschworen bei dem grauen Haupte meines Vaters und meiner zehn Schwestern blonden Locken!« Das drollige Gesicht verschwindet, aber nur für einen Moment. »Na, ausnahmsweise, weil's der letzte Abend ist! Sie müssen ja auch bald zurückkommen. Ich will nur den alten Flaus ausziehen und ein festlich Kleid anlegen, wie es sich für die Gesellschaft von Menschen schickt, die, wie ihr, das Leben in holdem Müßiggang verschleudern.« »Ob er wohl diesmal Ernst macht?« sagt Fritz, sich wieder zu Edith wendend. »Ich glaube es«, erwidert Edith. »Der Tod des Onkels, Gerhards Krankheit, zuletzt das Wiedersehen seines Vaters, den die Sorge um die vielen unversorgten Töchter mehr noch drückt, als die Last der Jahre – das alles hat ihn tief erschüttert. Er hat mir selbst gestanden: ich weiß, daß ich die Grenze längst überschritten, wo der leichte Sinn zu frevelhaftem Leichtsinn wird: es ist die höchste Zeit für mich, umzukehren. – Und glücklicherweise ist es ja noch nicht zu spät. Gerhard sagt: er ist ein so genialer Mensch: wenn er nur wirklich will, kann er das Versäumte im Fluge nachholen, sein letztes Examen mit Glanz bestehen. Dann ist ihm ja unsere Pfarre gesichert. Ich freue mich dessen, um Studes und Gerhards willen. Ich weiß, er würde den Freund schmerzlich vermissen und ist glücklich in dem Gedanken, ihn dauernd, ihn für immer in seiner Nähe zu behalten.« »Nun«, sagt Fritz: »auf Stude allein würde ich mich nicht verlassen; aber, mit Gerhard ihm zur Seite, ist der Erfolg gesichert. An Gerhards Edel- und Gradsinn zieht sich die mutwilligste, krauseste Ranke willig hinauf. Hat er denn nicht auch uns erzogen, mich und den Farbenkleckser da, und den wildesten der wilden Jungen, den in Valparaiso, der in seinem letzten Briefe schreibt: ›Sorgt Euch nicht um mich, jeder Schiffer hat einen Stern, zu dem er zuerst und zuletzt emporblickt, dem er unbedingt vertraut, daß er ihn aus aller Not und Gefahr erretten werde; und so habe auch ich meinen Stern, und der heißt Gerhard.‹« Die Augen Ediths glänzen stolz; dennoch sagt sie in einem herausfordernden Lächeln: »Wenn ihr ihn nur loben könnt!« »Und du ihn loben hören kannst! Glaub' ich doch bei meiner Seele, du gibst dir manchmal die Miene, unseren brüderlichen Enthusiasmus zu bekritteln, nur, um dir beweisen zu lassen, daß er wahr und wahrhaftig in seinem reinen, treuen Wesen wie in einer hohen Burg wohnt, zu der das Niedrige und Gemeine keinen Zugang hat. Du meintest vorhin: er hätte dir das traurige Geheimnis enthüllen, er hätte an dich glauben müssen! Ja, Edith, jetzt, wo ihr eure Hände zum ewigen Bunde ineinandergefügt! Aber, wer streifte den Ring vom Finger in jenem verhängnisvollen Augenblicke? Du tatest es aus Edelmut, aus Liebe – ich gebe es zu – vielmehr: ich weiß es; aber, Edith, diesen Edelmut, diese Liebe hatte er gefürchtet, mußte er fürchten, je besser er dein Herz kannte! Und denke auch, wie lange Zeit – denn in solchen Verwicklungen werden Tage zu Monden, Wochen zu Jahren – du bedurftest, dich auf dein Herz zu besinnen, die wahre Sprache deines Herzens zu verstehen. Ja, habe ich unrecht, wenn ich behaupte, Gerhards Krankheit hat erst die Überzeugung in dir gereift: er kann ohne mich, ich mag ohne ihn nicht leben.« Edith blickte sinnend vor sich nieder. – »Ja«, sagte sie, »in jenen endlosen Nächten, als ich durch das Seufzen des Windes in den Bäumen des Basselitzer Parkes und das dumpfe Rauschen der Wogen am Strande auf jeden Atemzug seiner Brust lauschte und fürchten mußte: jeder werde der letzte sein – da habe ich es erfahren; da habe ich mir geschworen, wenn Gott ihn am Leben erhielt, wolle ich die Seine werden – müsse ich die Seine werden – trotz alledem! Ich finde es ja auch jetzt so selbstverständlich, daß ich jeden Zweifel besiegte, so völlig undenkbar, daß der Kampf meiner Seele hätte zu einem anderen Resultate führen können; aber den Kampf selbst darfst du mir nicht verargen. Es war derselbe, der auch Gerhard manche, manche schlimmste Stunde gekostet. Und für mich war der Sieg um so viel schwieriger, als für ihn, wie Geben seliger denn Nehmen, Verzeihen süßer als um Gnade bitten.« Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Noch immer so stolz bescheiden! nein, Edith, als der da und ich an das Krankenbett Gerhards eilten und die Antwort auf seine Frage: ob wir des Großvaters Tod rächen wollten auf Kosten des Mädchens, das er liebte, eben jenem Mädchen brachten, indem wir es auf den Knien anflehten, uns den Bruder zu erhalten, der nicht genesen konnte ohne sie – wer war's denn da, der zu gewähren hatte – wir oder du?« »Meinst du, daß es uns Frauen leichter wird, gegen die Stimme unseres Herzens zu handeln, als euch Männern, das Opfer eures Verstandes, eurer besseren Einsicht, eures weltlichen Ehrgeizes, wenn du willst, zu bringen?« Die großen, glänzenden Augen Ediths ruhen so fest auf ihm – seine Wimpern senken sich unwillkürlich, und eine schnelle Röte fliegt über das feine, bleiche Gesicht. Dann aber schaut er mutig auf und erwidert: »Nun denn! – ich habe es nicht Wort haben wollen; aber meine Hochachtung vor dir ist so unbedingt, mein Vertrauen zu dir so unbegrenzt – ich danke dir, daß du mir Gelegenheit gibst, dir mein ganzes Innere zu enthüllen, damit fortan zwischen dir und uns Brüdern auch nicht der Schatten eines Zweifels, eines Mißverständnisses bleibe. Oder eigentlich kann ich nur für mich selbst, nur von mir selbst sprechen. Max' enthusiastisches Künstlerherz hatte Gerhards Frage sofort mit einem freudigen, rückhaltlosen Ja beantwortet; und so ist das nachträgliche Ja unseres jungen Schiffers gewesen und wird's bleiben in alle Zeit – darauf magst du dich verlassen. Auch ich, Edith, ich schwöre es dir, habe keinen Moment vergessen: er ist der Chef der Familie, er ist der älteste, der treueste, der beste der Brüder, der Vaterstelle an dir, an deinen Brüdern vertreten: du hast dich seinem Willen zu fügen, seine Handlungen zu sanktionieren; und in diesem Sinne durfte ich meine Bitten mit Max' Bitten und Flehen vereinigen. Aber – du hast das Wort gesprochen, Edith: ein Opfer war's – für mich! ein Opfer, das der Mensch dem jungen Juristen brachte, der die Weisheit Salomonis unter seinem frischen Doktorhute zu tragen wähnte. Und, Edith, ich hatte unseren Prozeß aufs gründlichste studiert; ich darf sagen: ich war mit an diesem Studium zu einem Rechtsverständigen geworden; der Traum meiner Studentenjahre war gewesen: ich könnte den Prozeß da wieder aufnehmen, wo er weniger kräftigen Händen entfallen war, und dann natürlich zu einem glorreichen Ende führen. Ich hatte stets an der Möglichkeit festgehalten, das Geheimnis, das über dem Ende des Großvaters lag, könnte enthüllt werden; es könnte sich der an keine Zeit gebundene Widerruf des Großvaters finden, und – dieser Widerruf hat sich gefunden durch ein halbes Wunder und – war vernichtet worden! Was ich dabei empfand? einem Archimedes müßte so zumute sein, der im Begriff steht, von dem endlich entdeckten festen Punkte die Welt aus den Angeln zu heben, und dem neidische Götter diesen Punkt unter den Füßen wegziehen! Um das unschätzbare Dokument in meiner Rechten zu halten – ich würde damals meine Linke willig in das Feuer gelegt haben, das es verzehrte. Und heute, Edith, –« »Heute?« »Würde ich – ich selbst mit beiden Händen die Papiere verbrennen, könnte es noch einmal geschehen.« »Du bist fest, fest davon überzeugt?« »Wie von meinem Dasein.« »Und was hat diese Überzeugung in dir zuwege gebracht?« »Nicht die andere, die sich mir seitdem erschlossen, daß auch mit den Papieren – dem Widerruf des Großvaters – wie die Dinge lagen, kein Beweis zu führen gewesen wäre. Eine Handschrift kann gefälscht werden, die Unterschriften von Zeugen, die schon seit einem Menschenalter im Grabe ruhen, sind schwer – sind gar nicht zu beurkunden. Deep würde keine Macht der Welt zum Geständnis gebracht haben, hätte er auch nicht noch in derselben Nacht seinen gräßlichen Tod gefunden, und das Grab selbst, das er ausgeleert, erzählte nichts mehr. Deines guten Vaters Aussagen würden angezweifelt, Gerhards Mitteilungen der Bekenntnisse des Försters, der halben Zugeständnisse Deeps für nichts geachtet sein. Weiter – woran weder Gerhard noch der Graf gedacht: die Tat war nicht in Preußen, sondern in Schweden, wozu Neuvorpommern damals noch gehörte, geschehen. Die preußischen Gerichte hätten sich erst mit den schwedischen, diese wieder mit den französischen, zuletzt mit unseren weimarischen verständigen müssen. Und so hätte sich die Sache fortgewälzt von einem Gerichtshof zum anderen, von Instanz zu Instanz; und ich, der ich den Prozeß zu führen gehabt, würde mein jung frisch Leben daran gesetzt und dabei verwüstet haben, wie unser armer Vater das seinige. Indessen, diese nachträgliche Einsicht würde selbst noch heute nicht bestimmend für mich sein, ebensowenig wie der Umstand, daß hinterher auch dem Staate, dem Gemeinwesen, nicht nur kein Schaden aus der Wendung der Sache entstanden, sondern ein offenbarer Gewinn erwachsen, nachdem ihr sofort auf Kosenow zugunsten des Staates verzichtet und das zusammengeraubte Vermögen Deeps, als eines ohne jegliche Verwandte Gestorbenen, an den Fiskus gefallen ist; schließlich auch die Brissacsche Familie uns ihre Zustimmung, ja, ihre innigste Dankbarkeit ausgesprochen hat; mit einem Worte, der Handel zu allseitiger völliger Befriedigung ein für allemal geschlichtet ist. Das alles, wie gesagt, hätte für mich sein, oder auch nicht sein können, es wäre für mich völlig irrelevant, stünde ich noch auf dem alten Satze, daß man der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen müsse, und sollte die Welt darüber zugrunde gehen; diesen absurden, gotteslästerlichen Satz hatte die bessere Einsicht bei mir verdrängt, daß eine solche Gerechtigkeit die höchste Ungerechtigkeit sein würde gegen die schöne, herrliche Gotteswelt, die unter allen Umständen bestehen soll, und nicht bestehen könnte, wäre wirklich der Mensch verdammt, die Erbschaft seiner Väter immer und überall anzutreten. Nein, Edith, nein! und tausendmal nein! er soll nicht dazu verdammt sein, er ist es nicht! Kein Mensch soll und darf verantwortlich gemacht werden für etwas, das er nicht begangen; und – was unendlich wichtiger und darum auch unendlich schwerer zu begreifen und unendlich schwerer auf sich anzuwenden und in Tat zu übersetzen ist: er soll und darf sich selbst dafür nicht verantwortlich machen wollen; er soll den Mut haben, sich – wie in ökonomischen – so auch in sittlichen Dingen – und da erst recht – auf seine eigenen Füße zu stellen und mit sich selbst, für sich selbst ein neues Leben beginnen.« Die sonore Stimme des jungen Mannes bebt vor tief innerster Erregung; seine dunkeln Augen leuchten: »Und weißt du, Edith, wem ich diese Einsicht, dies neue Evangelium verdanke? ihm, dem ich so vieles, dem ich alles sonst schon zu danken habe: meinem, deinem Gerhard, dem unerschütterlichen Glauben, mit dem er – trotz alledem und alledem! an der Heilslehre festhielt und sie mutig verkündete und ihrem Gebote gemäß handelte bis in das Delirium des Fiebers hinein, und mit dem letzten Aufgebote seiner Kräfte die unseligen Papiere ins Feuer schleuderte, damit aus der Asche eine neue Welt erstehe, damit aus dem irdischen Feuer ein göttliches werde, das uns alle durchglüht und erleuchtet hat: auch dich, Edith! Auch du bedurftest seiner Hilfe, seines Beispiels! Ein Schwanken, ein Zaudern nur von seiner Seite – und du hättest dich, wie ich, nicht von dem alten Bunde der finsteren, weltvernichtenden Gerechtigkeit loslösen können, und der neue, herrliche Bund wäre nie geschlossen. Habe ich recht?« Ediths Augen schimmern von Tränen, und ein seliges Lächeln verklärt die jungfräulichen Züge: »Mein Leben wird die Antwort auf die Frage sein!« flüstert sie. »Und dir, du Guter, Edler, Dank, unendlichen Dank, daß du mir gesagt, was zu hören ich mich so sehr gesehnt, was mich erst wahrhaft zu eurer Schwester macht!« »Hallo!« ruft der auf der Brüstung des Altans, indem er den breiten Hut ergreift und in das Tal hinabwinkt. Dann legt er Pinsel und Palette in den Kasten, wirft noch einen Blick in die Landschaft, einen zweiten auf die Skizze, kommt über den Hof und setzt sich zu den beiden. »Nun, habt einmal wieder spekuliert, während die Sonne jede Tanne zu Goethes grüngoldnem Baume des Lebens machte? Ihr seid die wahren Gottesleugner! Es gibt überhaupt nur noch zwei harmlos-fromme Menschen; das bin ich, und der andere ist dein guter Papa, Edith. Als wir in Basselitz waren, hielt ich auch die Baronin für eine Auserwählte; aber seitdem sie Lafing und Maggie in die weite Welt entlassen, finde ich sie sehr stark von des Gedankens Blässe angekränkelt. Freilich: wem dabei keine Gedanken kommen!« »Nichts gegen Maggie, wenn ich bitten darf!« sagt Edith sanft. »Gegen Maggie? ich? gegen Maggie, für die ich schwärme? die ich anbete? Ich verweise auf meine Skizzenbücher, wo ihr holdes Bild in hundert Variationen, auf mein Herz, wo es in Lebensgröße steht – von dem ersten Momente! Mein Gott! wie deutlich ich mich daran erinnere! Wir waren eben angekommen – Fritz war hinaufgegangen – es sollte ja nur einer vorgelassen werden – die Baronin hatte euch begleitet – Lafing mochte fühlen, daß er überflüssig war – wir – sie und ich – standen in einem der tiefen Fenster – unter uns der Park – durch die Wipfel der Bäume, über die Wipfel fort das blaue Meer – ich sah alles nur wie im Traum – ich sah nur ihre Augen und – Gott verzeih mir's! – hatte völlig vergessen, daß ich einen todkranken Bruder eine Treppe höher hatte, daß ich zu einem anderen Zwecke gekommen, als mich in die schönsten Augen zu verlieben, die meine Augen je erblickt. Ich war stumm – der Mensch ist immer stumm, wenn ihm eine Offenbarung wird – auch sie war stumm – vielleicht, daß sich auch ihr in diesem Moment etwas offenbarte, was dem schönen Herzen vorher dunkel war. Dann aber faßte sie sich zuerst und sagte mit jener Stimme, die süßer ist, als Mandolinenklang in stiller, lauer Sommernacht –« »Du bist ein nichtsnutziger Schwätzer, Max!« »Nein, das sagte sie nicht, Fritz! einmal duzten wir uns damals noch nicht, wie jetzt; und nichtsnutzig? per bacco! Wem verdankt es Lafing, daß die Baronin darauf bestand: der Winter dürfe nicht ins Land kommen, bevor Maggie Frau Baronin von Basselitz wäre? und daß der liebe kleine, dicke Pastor in Zarnewitz bei der Gelegenheit auch Gerhard und diese junge Dame zusammengehen müsse? Mir, und einzig und allein mir! dem Lichte, das von mir ausstrahlte, und in das sich der schöne Schmetterling zu stürzen drohte, auf die Gefahr hin, eine arme Malersfrau zu werden! So ging denn die kluge Baronin hin und löschte das Licht aus, und sie wurden Mann und Frau und – saßen im Dunkeln. Er fährt sich über Stirn und Augen und sagt, plötzlich in einen ernsthaften Ton fallend: Das arme Mädchen! sie tut mir bei Gott von ganzem Herzen leid; es ist doch hart, Lafing heiraten zu müssen. Sie sagt: sie habe es gemußt. Sie hatte Vertrauen zu mir, mehr als zu irgend einem von euch; sie fühlte sofort heraus, daß ich sie verstehen würde, wie eine Künstlernatur die andere versteht. Und daß sie ihren Beruf verfehlt hat, daß sie auf die Bühne gehört und eine der größten Schauspielerinnen geworden wäre, die die Welt gesehen – davon bin ich überzeugt wie von meinem Leben. Doch das nebenbei! Sie erzählte mir also einmal, während ich im Park skizzierte und sie mir zusah: sie habe einen Traum gehabt – als zwölfjähriges Mädchen. Es sei ihr eine bildschöne Frau erschienen, die niemand gewesen sein könne, als eure Mutter, Edith, deren Ebenbild sie selbst ja wohl sein soll. Diese habe sie bei der Hand genommen und durch das Haus geführt und durch den Garten und die Felder, und habe auf jedes gedeutet und gesagt: dies wird dein Vater verlieren und dies und dies und alles, und wird arm werden, ganz arm, und du wirst hinaus müssen in die Welt wie ich, und die Sklavin hochmütiger, fremder Leute sein, wie ich es gewesen, außer du heiratest den! Und da sei aus dem Walde – alles im Traume, versteht ihr! – Lafing gekommen auf einem Schimmel und sei abgestiegen und habe vor ihr gekniet, und das habe so drollig ausgesehen, daß sie habe lachen müssen, und vor Lachen sei sie erwacht. Und als sie am nächsten Morgen in den Garten gegangen und aus dem Garten in den Wald und an den seltsamen Traum gedacht habe und an Lafing, sei Lafing leibhaftig aus dem Walde gekommen auf einem Schimmel, und der Schimmel habe gescheut vor ihr, die plötzlich aus den Büschen an der Wegseite aufgetaucht. Sie will vor dem Schimmel, der unmittelbar vor ihr sich bäumt, fliehen und fällt. Lafing, als ein exzellenter Reiter, der er ist, reißt das Tier herunter, springt aus dem Sattel und kniet neben ihr nieder, die sich bereits wieder aufgerichtet, so daß er faktisch zu ihren Füßen liegt. – Von dem Augenblicke an, sagt sie, habe sie festiglich geglaubt, daß sie Lafing heiraten müsse, und an dem Gedanken festgehalten, und sei immer wieder darauf zurückgekommen, obgleich ihr Herz – wie sie mit rührender Aufrichtigkeit gestand – sie mehr als einmal nach einer anderen Seite gezogen. Du lachst, Fritz! Du glaubst nicht an die Geschichte? ich bin überzeugt, daß sie buchstäblich wahr ist; du nicht auch, Edith?« »Maggie ist von jeher ein so eigenes Kind gewesen«, erwiderte Edith; »wer kann sagen, was sich in dem seltsamen Kopfe, in ihrem wunderlichen Herzen abgespielt! Und dann: ihr dürft nicht vergessen: das arme Kind hat nie eine Mutter gehabt.« »Auch du warst erst drei Jahre, als die Mutter starb«; murmelte Fritz. »Ich war und bin meines guten Vaters Kind; von frühester Jugend auf drehte sich mein Sinnen und Denken um den Vater, dessen Liebling ich auch war: wohl in zu ausgesprochener Weise. Maggie empfand das tief: sie fühlte sich vereinsamt – sie war es.« »Hatte sie nicht dich zur Schwester?« sagte Fritz. »Wir sind so ganz verschiedene Naturen; auch habe ich es wohl nicht verstanden, mir ihre Liebe, ihr Vertrauen zu gewinnen, die sie dann Personen schenkte, die es oft am wenigsten verdienten; wie ihre alte Kinderfrau Sara, an der sie mit der größten Zärtlichkeit hing. Dann kamen später noch andere, deren Einfluß auf sie leider nur zu groß war –« »Die famöse Tante Julie zum Beispiel!« ruft Max. »Ja, ja – auch das hat sie mir gesagt! Oh, diese Tante Julie, die ich nie zu Gesicht bekommen! und wohl ihr! sie würde sonderbare Dinge von mir gehört haben, unter anderen: wie jammerschade es sei, daß wir nicht mehr in den schönen Zeiten leben, wo so liebe Damen sich in glühenden Schuhen zu Tode tanzen mußten, oder auch in einem Nägelfaß einen Burgberg hinabgekollert wurden.« »Was sagt er da, der Mosjö, von hinabgekollert?« ertönt eine kräftige Stimme. – »Wer ist hinabgekollert? frage Er hier seinen Bruder, ob ich den Berg nicht 'runter und 'rauf gehüpft bin wie ein Wippstart – uff!« Die Baronin ist, Gerhard und dem Vater vorauf, zu ihnen getreten. Ihr volles Gesicht glüht von der Anstrengung des Steigens; sie fächelt sich mit ihrem Taschentuche und sagt einmal über das andere: »Uff! diese Berge! nein, Kindings! diese Berge! es wäre wunderschön bei euch; und die Schneidemühle ist ein Prachtwerk und wird euch manchen runden Taler abwerfen, wie Gerhard mich das alles erklärt hat; aber diese Berge, uff! Nun gib mich aber auch was zu trinken, Edith! so eine Flasche von eu'r köstliches Bier, und ein Budding, weißt du, mit Käse – es ist, sowieso, die Zeit für das lütt Abendbrot. –« Die Sonne ist seit einer halben Stunden hinter die purpurnen Berge gesunken; am Horizont steigt die Dämmerung herauf; aber der ganze obere Himmel ist rosig durchleuchtet. Und von dem rosigen Himmel fällt ein Widerschein auf die steilen Dächer und altersgrauen Mauern der Vachaburg und auf die Gesellschaft, die nach dem ›lütt Abendbrot‹ noch immer unter der Linde plaudernd beisammensitzt. Die Baronin hat das Wort – jedenfalls in dem Sinne, daß ihr jeder gern das letzte Wort läßt. Die drei Brüder wetteifern gegen sie in ritterlicher Aufmerksamkeit, und sie ihrerseits verkehrt mit ihnen, als ob sie alle ihre Söhne wären, und mit Edith wie mit einer lieben Tochter. Für den alten Freund, der still an ihrer Seite sitzt, hat sie immer ein herzliches Wort; und Stude, der nun, strahlend in dem Wohlgefühl absolvierter Pflicht, mit unermüdlichem Appetit und unverwüstlichem Humor erschienen, ist ihr eine bequeme Zielscheibe ihrer harmlosen Witze: es sei so jammerschade, daß er sein Staatsexamen noch immer nicht gemacht! sie habe gerade die Pfarre in Granskewitz zu vergeben, auf der man bloß drei Pfarrerswitwen säßen, von denen die jüngste noch lange keine fünfundvierzig Jahre sei wie gewisse Damen, für die er einstmals geschwärmt. Sie lacht über ihre Späße, als ob ein anderer sie gemacht hätte; aber ein feineres Ohr hört heraus, daß die Lustigkeit der guten Frau nicht so ganz von Herzen kommt; und es überrascht eigentlich niemand, als sie plötzlich in ihrem sonoren Lachen abbricht und nach einer gedankenvollen Pause, tief aufseufzend, sagt: Heute reisen sie von Kassel ab. »Und ich hatte mich schon so darauf gefreut, die Gesellschaft in München, wo ich sie einholen sollte, herumzuführen!« ruft Max. »Wäre auch alles sehr schön gewesen«, erwidert die Baronin; »aber das blieb unterwegs mit die Berge immer so bei – just so, wie hier bei euch – und ich dachte: das hältst du auf die Dauer nicht aus. Und dann: es kam mich doch ein bißchen komisch vor, daß die beiden jungen Leute mit mich alte Person in der Welt herumziehen sollten, als ob sie noch nicht vor sich selber laufen könnten. Wenn Lafing auch sein Leblang, glaube ich, keine acht Tage ohne mich gewesen ist – einmal muß er's doch lernen, und – ich auch. Ich habe mir nun auch entschlossen, daß ich von Basselitz abziehe, ehe sie zu Weihnacht zurückkommen, und mir in Granskewitz einrichte, das mir mein seliger Mann gleich von vornherein zu meinem Witwensitz bestimmt hatte. Es wird mich sehr wunderlich vorkommen; aber besser ist besser! Zwei Frauen in demselbigen Hause taugen nicht; eine kann nur befehlen – das ist jetzt Maggies Sache, und ich könnte das Kommandieren nicht lassen – da gäb's dann bloß Verwirrung und Unfriede. Das heißt: Maggie ist ja so gut gegen mir und gegen Lafing! – Du glaubst es gar nicht, Edith! –« »Gewiß glaube ich's«, sagte Edith eifrig. »Ich meine nur«, fährt die Baronin fort; »es ist ja nicht so wie bei euch beiden; mit mein Lafing muß man umzugehen wissen und ein bißchen Geduld haben; er ist ja so ein guter Junge, bloß sein Kopf ist nicht von die hellsten, und da kann er manchmal recht eigensinnig sein.« Der Maler schneidet ein grimmiges Gesicht, das die Baronin glücklicherweise nicht bemerkt. Aber sie fühlt, daß sie wohl in ihrer Aufrichtigkeit diesmal ein wenig zu weit gegangen – selbst so guten Freunden gegenüber – und da fällt ihr zur rechten Zeit der Brief ein, den sie gestern in Kassel von der Gräfin vorgefunden, und der verschiedenes enthält, das für die anderen von Interesse ist. Sie ist im Laufe des Tages über all dem Besehen und Herumwandern nicht dazu gekommen, ihre Neuigkeiten mitzuteilen und tut es jetzt. »Denkt euch, Kindings, Julie, die sich doch in Grünwald in die Einsamkeit vergraben wollte, ist plötzlich nach Paris gereist, auf den ganzen Winter, versteht sich: mit ihrer Schwester! Die beiden werden da eine schöne Seide zusammen spinnen! Na, mir geht's nichts an, und ein bißchen Trost ist ihr ja auch zu gönnen, da Bagdorf sich nun doch mit Emming Sallentin verlobt hat. Ich bin froh, daß ich sie aus der Nähe los bin; sie tat ja zuletzt kaum noch was anderes, als über uns allen räsonieren, und fand es schrecklich, daß ihr und Lafing und Maggie Hochzeit gemacht habt drei Monate nach ihres Mannes Tode! Na, ihr hatten wir doch nicht dazu eingeladen! still genug ist es auch dabei hergegangen, und sie sollte man ganz still sein, die ruhig zu Hause blieb, als wir ihn zu Grabe trugen. Aber ich habe es immer gesagt: es ist bei ihr im Kopfe nicht ganz richtig! Und in ihrem Herzen auch nicht: ihr armes Wurm von Kind hat sie bei Salchen in Grünwald gelassen! Denk dich, Edith! na, ich werde ein Auge drüber haben und Salchen auf den Dienst passen und schlimmstenfalls das Wurm zu mich nehmen, und wäre es mit Gewalt. – Und dabei fällt mir ein: Sallentin hatte doch partout Retzow für Lindblad pachten wollen; aber die Regierung – schreibt mich die Gräfin – will alle drei Güter in Bauergüter parzellieren. Na, ich freue mir darüber, und Zempin, wenn er's hören könnte, würde sich noch im Grabe darüber freuen. Er hat hundertmal zu mich gesagt: diese großen Güter – dabei kommt nichts heraus, als daß wir faul und dumm werden und uns die gebratenen Tauben ins Maul fliegen lassen, bis wir eines Tages keinen Sperling in der Hand und mehr Schulden als Haare auf dem Kopfe haben und von Haus und Hof müssen. Ja, ja, der! Das war ein ganzer Kerl, als er damals von die Universität kam! wie der zu reden verstand! und hat's auch recht gut mit die kleinen Leute gemeint, als er sein bestes Land für ein Spottgeld an die Büdners gab, und wenn er hernach – ich hab' ihn oft genug gewarnt, und er hörte auch anfangs auf mir, aber später – später –« Die Baronin wischt sich die Augen, fährt aber alsbald in erregtem Tone fort: »Und nun denkt euch, was mich die Gräfin schreibt: der Graf ist ganz außer sich über die Regierung. Da wäre ihm doch zehnmal lieber gewesen: der Deep hätte alles beisammen behalten! Gott soll mir bewahren! ich glaube: er hätte ihm womöglich noch zum Oberamtmann gemacht! Er war ja ganz verliebt in den gräßlichen Kerl! Ich muß mir noch heute über das Gesicht wundern, das er machte, als ich bei ihm vorfuhr und ihm erzählte, wie ich den Deep gefunden. – Großer Gott, sagt der Graf, und daran bin ich am Ende schuld! Noch gestern habe ich mit ihm davon gesprochen, daß ich die Gräber öffnen lassen will, und er hat sich gleich angeboten, mich zu helfen. Aber, wie hätte ich gedacht, daß er sich schon heute morgen ans Werk machen würde – nach so eine Nacht! seine Wagen und seine Leute sind ja alle in Kosenow bei dem Brande gewesen! Wie sind Sie denn so früh dahin gekommen? Ich erzähle ihm denn, daß ich den Doktor Blank aus Gartendamm hätt' holen wollen zu Doktor Müller aus Grünwald, der schon in Basselitz wär, denn Gerhard läge auf den Tod. Und als wir an die Hünengräber gekommen, hätt's so gestöhnt und gewimmert, und ich hätt' zu Friedrich gesagt: halt mal still, Friedrich! Du sollst sehen, da ist noch was passiert. Mein Herr Graf hört kaum hin, und zu mich in den Wagen und was die Pferde laufen wollten zurück nach die Gräber. Es waren mittlerweile schon Menschen genug da, denn ich hatte hingeschickt, wem ich just begegnete; aber helfen hatten sie ihm alle nicht können, denn der Stein hat achtzig Zentner gewogen, und da lag er geradeso, wie ich ihn vor einer Stunde gefunden, bloß daß er mittlerweile mausetot war. Kindings: ich kann gewiß ein gut Teil vertragen; aber das unglückselige Menschenkind zu sehen mit dem halben Leibe aus der Grube und mit dem halben Leibe drin, und die scharfe Kante von dem Stein ihm gerade ins Rückgrat, daß ihm alle Knochen im Leibe entzweigeschlagen waren! Und ich wußte ja an dem Tage noch gar nicht, was er da gewollt, der greuliche Mörder, der Leichenschänder, und dachte, er hätt' sich wirklich nur lieb Kind bei dem Grafen machen wollen, und das glaubt ja der Graf noch bis auf den heutigen Tag, wird's auch glauben bis an seinen letzten, denn das Grab war ganz leer, davon habe ich mir selbst am Nachmittage überzeugt, als sie endlich den Stein in die Höhe hatten. Wohin er's gebracht, was er drin gefunden, das wird kein Mensch je erfahren; die alte malle Mutter Schulten ist ja hernach noch einmal mit eine halb vermoderte französische Kokarde aus den Wald gekommen und ist damit herumstolziert; aber als ich ihr fragte, woher sie die hätt', lacht sie so und sagt: sie wolle es nur dem Herrn Baron sagen, als wie Gerhard; aber, eh wir dir wieder auf die Beine hatten, Gerhard, weißt du, da war die Alte ja tot.« Wem die Baronin eigentlich die Geschichte erzählt, ist nicht wohl erfindlich, denn jeder der Anwesenden kennt sie bis ins kleinste Detail; es ist eben eine Hauptgeschichte der Baronin, auf die sie – natürlich nur in diesem Kreise – immer wieder zurückkommt. Vielleicht denkt sie auch daran, daß der kleine Kreis morgen für lange, lange Zeit sich trennen wird, und wer kann sagen, ob er jemals wieder vereinigt sein wird. Da mögen ihr denn all die wunderbaren Ereignisse durch den stets geschäftigen Kopf gehen, und sie mag in ihrer Weise die Moral daraus ziehen, denn sie sagt nach einer langen Pause: »Ja, ja, Kindings, es ist ein altes Wort, und ein wahres: Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher.« Glücklicherweise hat die gute Frau so schlimme Erinnerungen in dem Kreise wecken dürfen, ohne die Stimmung im mindesten zu trüben. Und eigentlich hat nur einer ein wirklich aufmerksames Ohr geliehen: der junge Jurist, der nicht müde wird, von Deep zu vernehmen, den er für ein finanzielles und ökonomisches Genie erklärt, das zu einem großen Staatsmann oder Verbrecher prädestiniert gewesen; Max und Anton, die sich ein paar Schritte entfernt, haben einen gestern unterbrochenen Disput über die Holbeinsche Madonna aufgenommen, die Anton über die Sixtinische stellt, was Max für einen Wahnsinn erklärt; Gerhard und Edith sitzen Hand in Hand, selig in dem Gefühl, daß jetzt, nach Fritzs Geständnis, das Edith dem Geliebten mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen mitgeteilt, ihr Glück ohne die kleinste Trübung ist wie der Himmel über ihnen. Und noch ein anderer schaut dankbar auf zu dem reinen Äther, durch den eine Schar Stare zieht, die den Süden suchen. Sein Blick verfolgt die kleine Wolke, die immer blasser wird und wohl nur noch dem Falkenauge des Vogelstellers wahrnehmbar ist. Aber er tut es instinktiv, aus alter Gewohnheit, ohne Verlangen, mit den Vögeln zu wandern, ohne Wunsch, sie in seinen Käfigen festzuhalten. Er braucht seine schlimmen Träume nicht mehr mit den Vögeln in die Ferne zu schicken, er braucht sein Herz nicht mehr von den Vögeln zur Ruhe singen zu lassen. In seinem Herzen ist es ganz ruhig, er hat keine schlimmen Träume mehr. Er weiß ja jetzt alles! auch daß die Papiere verbrannt sind, nach denen er sein Leben lang gesucht! Aber was kann darin gestanden haben, als daß die Kinder das Glück genießen möchten, das den Ahnen nicht beschieden war? Das Wölken ist im lichten Äther zerflossen. Der Blick des guten, treuen Mannes wendet sich wieder erdenwärts und weilt voll inniger Zärtlichkeit auf dem Kinde seines Herzens und dem Enkel des Mannes, den der Knabe so sehr geliebt.