Hermann Stehr Drei Nächte Roman Ich will auf Höhen sterben und im Licht. Stehr, Lebensbuch. Hermann Stehr Sein Werk dient seinem Leben. Erfüllt ist es von der heißen Sehnsucht, die Seele zu erkennen, aus den Umklammerungen des Daseins und dunkelsten Finsternissen sich loszuringen in Freiheit und Licht. Diesen mit Hingabe des heiligsten Selbst geführten Kampf um die Wahrheit spiegeln Stehrs Bücher wieder. Leben und Schaffen sind ihm eins; Dichter und Mensch lassen sich nicht voneinander trennen. Der Künstler wächst an seinem Werke und mit ihm; nie abgeschlossen in seinem Wesen, stets werdend, reifend, sein Leben immer höher hinauf bauend. Der äußere Entwicklungsgang des Dichters ist schnell erzählt. In Habelschwerdt in der Grafschaft Glatz wurde Hermann Stehr am 16. Februar 1864 als Sohn eines Sattlermeisters geboren. Er besuchte die Volks- und die Präfektenschule seiner Vaterstadt; kam später auf die Präparandenanstalt nach Landeck und dann auf das Lehrerseminar in Habelschwerdt. Im Juli 1885 begann er seine Laufbahn als Volksschullehrer; unter der Gunst seiner Behörde hatte er nach eigenem Geständnis nicht allzu sehr zu leiden. In einer Reihe schlesischer Dörfer war er tätig. Die entscheidenden Jahre fallen in die Zeit seines Aufenthaltes in Pohldorf (Grafschaft Glatz). Aus dem inneren Muß seiner Wesensart, der er ihr Eigenrecht zu erkämpfen suchte, nicht aus der Leidenschaft blinder Aufsässigkeit wehrte er sich in notvollem Ringen wider eine Macht, die ihr Recht nur in der Gewalt zu erblicken schien. Im Jahre 1900 wurde Stehr nach Dittersbach versetzt. Mit stetig wachsender Hingabe und Freude widmete er sich seinem Beruf, bis ihn 1911 ein Ohrenleiden zwang, aus dem Amte zu scheiden. Später siedelte er nach Warmbrunn über. Dem Besucher des »Mandelhauses« offenbart sich die tiefe Güte eines Künstlers, der auch in dunkelsten Zeiten nur der mahnenden Stimme seines Innern gehorcht hat und nun im Hellen wandelt, unerschütterlich in seinem Wesen. Stehr ist Schlesier. Und sein Werk ist fest verankert in dem Boden seiner Heimat. Nicht in dem Sinne freilich, als bildeten Schlesiens Grenzen zugleich die Grenzen seiner Welt und seiner Dichtungen. Der Baum wurzelt im Erdreich; seine Wipfel aber ragen ins Himmelslicht, umspielt vom Glanz der Ewigkeit. Nicht Schlesier, nicht schlesische Stammesart will Stehr zeichnen; Menschen schildert er – und der Rätselhaftigkeit ihres Innern geht er nach. Die Heimat wird ihm zur Welt, die Dichtung ... Spiegel des Alls. Von der Seele her erblüht ihm sein Wissen. Sein Denken ist anschaulich gerichtet, nicht kritisch. Auf der Fülle der Erscheinungen läßt er seinen Blick ruhen – und erkennt das Gesetz, das sie bindet. Er geht nicht hinter die Dinge zurück; er schaut und erfährt . Der Gunst der Menge hat er sich nie verdungen. Die Gesichte, die Bilder, die vor ihm aufstiegen und die er zum Dauerleben erweckte in der Form des Kunstwerkes, waren ihm Trost in bitterster Not. Erlösungen wurden ihm seine Dichtungen, Bekenntnisse, Befreiung auf dem Weg ins Lichte. Die Jugend des Künstlers fällt in die Jahre, da der Naturalismus seinen Siegeszug antrat. Auch Stehr begann als Naturalist. Aber nicht die sichtbaren Dinge der Umwelt zergliedert er bis ins feinste. Auf äußere Handlung legt er so gut wie gar kein Gewicht. Er ist Naturalist der Seele. In der Stille unseres Innern vollziehen sich die für uns entscheidenden Ereignisse. Der Wirklichkeit wird das Ich gegenübergestellt. Gestalthaft betont erscheint Stehr vor allem in seinen ersten Schöpfungen; die späteren Bücher zeigen, daß sein Wesen zugleich durch die Idee beherrscht ist. Nicht bloß künstlerisch, auch philosophisch malt sich ihm die Welt. Seine Werke wenden sich nicht an den Geist, den Verstand, sondern an die Seele des Lesers; das ist der Schlüssel zu einer richtigen Würdigung Stehrscher Kunst. Über den großen Unterschied zwischen Seele und Geist freilich sieht die Gegenwart gern hinweg. Die Seele ist ewig; sie ist der Gott in uns. Nur mit Hilfe des Geistes jedoch gelangen wir in ihr unermeßliches Reich. Darin besteht zum Beispiel das Göttliche der Wissenschaft, daß sie uns durch den Geist die unendlichen, schimmernden Weiten der Seele auftut. Und: inmitten des Alls stehend, dessen Einheit in sich fassend, redet der Dichter zu seinem Volk. In der Hand des Künstlers liegt nach Stehr die wahre Würde des Menschentums. Der Dichter wird zum Propheten, zum Künder, zum Führer in neue Reiche des Seins. Eine kunstvoll durchgebildete äußere Form adelt Stehrs Bücher. Für jedes seiner Werte schafft er sich eine neue Prosa. Schwingt doch auch jedes Leben in dem ihm eigentümlichen Rhythmus! Streng und knapp wirkt der Stil im »Graveur«. Wie Seufzer, die sich mühsam einer gequälten Brust entringen, muten die Worte an. Müde, zag verhallende Klagetöne dringen in »Leonore Griebel« an unser Ohr. Ein Bild jagt hier das andere. Bitterster Erdenschmerz zittert in den Zeilen des »Letzten Kindes«. Ein fast überirdischer Glanz ruht auf dem Abschnitt, der die Wanderung der Mutter, des Kindes und des Engels durch die Gefilde des Todes schildert – in wirksamem Gegensatz läßt Stehr den Schneider, dessen Frau und die Gevatterin in der Mundart des Volles reden. Wundersam beseelt ist die Sprache in den »Geschichten aus dem Mandelhause«. Man meint, das heimliche Raunen schwingender Saiten zu vernehmen. Und man hat das Gefühl, als wolle der Künstler die Töne, die er angeschlagen hat, nicht jählings abbrechen. Er berauscht sich selbst an ihrer Schönheit und läßt sie langsam, leise verklingen. Voll heimlicher Glut ist die Darstellung im »Begrabenen Gott«. Man spürt des Dichters tiefes Mitleiden und seine Ehrfurcht vor den Rätseln der Menschenseele. Zu satter Schönheit, zu herber Kraft steigt die Sprache auf in den »Drei Nächten«, im »Abendrot« und vor allem im »Heiligenhof«. Wie seelenvoll ist sie in jenen Teilen, die das Leben des hübelheiligen Lenleins in einer märchenhaft-stillen Welt zeichnen; und wie Packend wird sie wiederum, sobald der Dichter z. B. Sintlingers Schicksal oder die seltsamen Fügungen in Fabers Dasein schildert! Knapp gehalten in der äußeren Form, fast schmucklos ist der Beginn des »Anton Gudnatz«, während dem Schluß der Novelle ein sieghaftes inneres Frohlocken einen seltsamen Zauber verleiht. Der Eigenart der Erlebnisse und Wandlungen ist auch in dem jüngsten Roman, im »Peter Brindeisener«, die Sprache angepaßt. Schon die ersten Bücher lenkten die Blicke auf Stehr. Da leuchtete ein Dichter mit fast unheimlicher Seherkunst in die Tiefen unserer Seele. Mit gewaltiger Kraft stellte er seine Menschen vor uns hin. Erschüttert lebte man ihre Leiden mit, und bewundernd stand man vor der Naturgewaltigkeit dieser Werke. Denn man fühlte wohl: hier spricht das Schicksal selbst, das uns erbarmungslos in Finsternisse hinabstößt. Ein heiß nach Licht ringender Künstler enthüllte seinen ganzen wühlenden Schmerz und seine brennende Sehnsucht. Ein Einsamer sprach, der seinem Leben Gestalt geben wollte; der unerschrocken seinen Weg ging, weil er sich allein vor der Ewigkeit der Seele verantwortlich glaubte. In der Tiefe seiner Qual sah der Dichter anfangs keine andere Rettung als den Tod. Wilde Leidenschaft lodert auf im »Graveur«, im »Schindelmacher« – Szenen von packender Wucht ziehen an uns vorüber. In beiden Erzählungen wachsen die Helden, von tierischem Haß gepackt, hinaus über die Grenzen menschlichen Wesens. Und als sie sich in die enge Form ihres Ichs wiederfinden, gibt es für sie nur einen Ausweg: in freiem Entschluß wählen sie den Tod. Das Wesen des Mannes sucht Stehr zu ergründen – und das Wesen der Frau. Mit erstaunlichem Spürsinn hellt er Leonore Griebels heimlichstes Seelenleben auf; in die maßlosen, verdämmernden Räume ihres Innern läßt er uns blicken. Von dem Roman führt ein grader Weg zu »Meta Konegen«. Keinen Einzelfall, sondern die Tragik, die jede Ehe in sich birgt, stellt Stehr in diesem Drama dar. »Wir leben von dem Leben anderer Seelen, die uns lieben. Und wenn die in Verwesung übergehn – wo nehmen wir den Atem her für unsern Atem?« Die Ehe am Morgen wollte der Dichter in einem eigenen Werke behandeln. Die Ehe am Mittag schildert »Meta Konegen«; die Ehe am Abend die Novelle »Das Abendrot«. Zwei greise, müde Menschen starren schmerzzerwühlt in den Schacht ihres Lebens. Gericht wird gehalten über eine Ehe, die in Wahrheit keine Ehe war, weil sie der Liebe entbehrte. Stehrs Bücher aus der ersten Zeit seines Schaffens enden zumeist tragisch. Und doch: mit dem Blick auf das Ewige. Auch der Tod ist ja kein Ende; niemand vermag sich dem Kreis des Geschehens zu entziehen. Leben ist nicht Stillstand, sondern steter Fluß, fortwährende Bewegung. Immer reicher wurden Stehrs Dichtungen, immer größer im inneren Ausmaß; getragen von dem Glauben an die Heiligkeit unseres Seins. Zum Weltbild erweitern sich seine Werke. Doch nur über Trümmer führte ihn der Weg zum Blickpunkt der Ewigkeit. Die Brücken, die ihn mit der Vergangenheit verbanden, mußten abgebrochen werden. »Der begrabene Gott« entstand. Mit bewundernswerter Gestaltungskraft schildert hier der Künstler ein Schicksal voll bitterster Not. Das Bild ihres Gottes, der ihr nur ein Peiniger gewesen, begräbt Marie Exner. Sie erstickt ihr Kind, um alle Hoffnungen betrogen. Holzscheite schleppt sie herbei. Alsbald steht das Haus in Flammen. Man vernimmt die Stimme der Mutter, die ein Wiegenlied singt. In Asche bricht alles zusammen. Der alte Gott war zerschlagen. Von weiterem Aufwärtsschreiten künden die »Drei Nächte«. Einen Wendepunkt im Leben und Schaffen des Dichters bedeutet der Roman. Geschlossenheit zeichnet ihn aus. Jeder der drei Hauptteile zeigt die verschiedensten Abstufungen und bildet doch ein Ganzes in sich. Innerlich notwendig sind die einzelnen Kapitel miteinander verknüpft. Immer tiefer in Not und Verzweiflung hinein führt der Weg, den Fabers Eltern gehen. Das Gespenst der Vergangenheit zerschmettert ihr Dasein und tötet sie. Faber aber wird Herr des Schicksals. Aus seelischen Umklammerungen ringt er sich los; er gewinnt Macht über die Finsternis seiner Jugend. Mit jubelndem Frohlocken schließen die »Drei Nächte«. Zum neuen Menschen hatte sich Stehr durchgekämpft. Immer reifere Gaben schenkte er uns. In demselben Jahre, in dem das alte Reich in Trümmer geschlagen ward, erschien der »Heiligenhof«. War dem Dichter bisher das Erlebnis der eigentliche Anstoß zu seinen Büchern geworden, so ging er jetzt (zum ersten Male) von der Idee aus. In den einzelnen Personen aber zeichnet er Menschen von Fleisch und Blut. Die Ideen setzte er in Leben um. An dichterischen Schönheiten ist der Roman reich, fast überreich. Wer vergißt je die Gestalt des Heiligenlenleins? Tiefste eigene Überzeugungen offenbart der Künstler. Dichtung und Philosophie schließen in dem Werk einen innigen Bund. Eine neue Lebensbotschaft bringt Stehr seinem Volke. Das Wesen, das den Grund des Weltalls bildet, ist auch unser Wesen. Es gibt kein Mehr, kein Weniger – Leben ist Tod, und Tod ist Leben. Durch den Geist und sein Denken wird alles verschleiert. Doch schon auf Erden können wir wandeln in jenem Hause ohne Mauern, »das einige das Jenseits heißen, andere den Himmel und noch andere das Nichts, weil es das All ist«. Wer zurücksinkt in den Schacht seiner Seele, erlebt in sich alles, das Weltall und Gott mit seinen Wundern und Geheimnissen. Doch auch der »Heiligenhof« ist kein Abschluß oder Ausklang. In seiner Größe und Erhabenheit zeigt sich Stehrs Können aufs neue im »Peter Brindeisener«. Da unternimmt es der Künstler – ein in der deutschen Literatur unerhörtes Beginnen – seinen letzten großen Roman noch einmal zu erzählen. Freilich: die Ereignisse, die Erlebnisse durch das Auge Peter Brindeiseners gesehen. Die Objektivität des Erkennens wird dadurch erschüttert, vernichtet; wie ein Spuk huscht das Dasein vorüber. Durch alle Höhen und Tiefen eines Menschenlebens werden wir geführt. Der Tod des Helden aber ist kein Ende, sondern Erfüllung, höchster Jubel, Aufgehen im All. Wieder kündet der Dichter von der Seele und ihrem Wirken über Raum und Zeit hinaus. Mit den Lebenden sind wir verkettet. Jedoch stärkere Macht über uns haben die Toten. Sie werden in uns aufs neue geboren; sie klopfen an die Türen unserer Herzen; wir spüren ihr Sein: ihren Fluch, ihren Segen. Einen Einblick in sein Ringen und seine Entwickelung gibt uns Stehr in dem »Lebensbuch«, das Gedichte aus zwei Jahrzehnten vereint. Er veröffentlichte es in dem Bewußtsein, daß er damit sein Heiligstes seinem Volke anvertraue. Nicht bloß vom poetischen Standpunkt aus wollen die Verse gewürdigt sein. Sie halten Erlebnisse fest, die für den Künstler von entscheidender Bedeutung gewesen sind. Die Lieder sind rein zeitlich geordnet. Ein Lebensbuch ist das Werk für Stehr gewesen; ein Lebensbuch könnte es auch für viele werden, die ernst mit dem Dasein ringen. Wie die epischen Dichtungen im »Heiligenhof«, so gipfelt die Lyrik in dem »Monolog des Greises«. Im Licht der ewigen Seele sollen wir unser Leben auswirken. Wer durch immer Weichendes nach ew'gem Maß hindurch gewandelt und geläutert hat sein Wesen, der tritt, unzerstörbar wie Odysseus auf Asphodeloswiesen und erschaut wie Goethe das geheimnisvolle Reich der Mütter, sieht wie Lao-Tse, der drob verstummt, daß seines Schweigens Donnerlaut von dem Gewölbe der Jahrtausende herniederklingt, seit er im Busch verschwand. Unser Herz werde weit wie Gottes Weltallshalle. Niemanden sollen wir richten als – uns selbst. Und der Dichter, der Mensch Stehr bekennt: Ich will auf Höhen sterben und im Licht, nicht winseln, wenn der Tod mich anfaßt, sondern erhobnen Haupts und selig durch ihn schreiten. Denn ganz gehör ich dann den sel'gen Weiten, von denen nur ein schwacher Schimmer fällt durchs bunte Formenfenster dieser Welt. In dem Wissen um die Göttlichkeit unserer Seele gipfelt Stehrs Weltbild, und in dem Glauben an den Endsieg des Guten. Wie's auch das Märchen offenbart, das in Wahrheit gar kein Märchen ist, die Geschichte von dem armen Glücksucher Wendelin Heinelt. Des Dichters Werk aber zieht immer weitere Kreise. Vgl. im einzelnen: Hermann Stehr und sein Werk. Ein Bekenntnis von Helmut Wocke. Wilhelm Meister-Verlag. Berlin. 1923. Der »Heiligenhof« vor allem und das »Lebensbuch« haben bereits tiefe Wirkungen ausgeübt. Und im Norden und Süden unseres Sprachgebietes würdigen Vertreter deutscher Geisteswissenschaft Stehrs Dichtung und Philosophie – in der Erkenntnis, daß mit seinem Schaffen eine neue Zeit angebrochen sei, und daß er der suchenden Gegenwart den einzigen Weg der Rettung weise: den Weg zu unserem eigensten Selbst, den Weg zu deutscher Innerlichkeit. Helmut Wocke Die erste Nacht Mein Leben ist still geworden wie ein gefangener Vogel, der seine Freiheit vergessen mußte. Die Zeit, in der das Erhabene uns so nahe steht wie die große Torheit, liegt schon zehn Jahre hinter mir. Ich bin weder dem einen erlegen, noch hat mich das andere verlockt. Der Mittelweg führte mich in die breite Menge, und die meisten Blüten setzten keine Frucht an, und sinne ich jenen ungebärdigen Jahren nach, scheint's mir schon manchmal, als erinnerte ich mich an den Traum eines Fremden. Das Merkwürdigste in meinen Brausejahren ist auch wirklich nicht mir, sondern einem andern begegnet. Von diesem schönen aber schweren Schicksal, das damals mein Leben berührte, will ich nun erzählen, und zwar möglichst so, wie ich es frisch unter dem Eindruck niedergeschrieben habe. Nur weniges ergänze ich zur Abrundung und Klarheit aus dem Gedächtnis und dem Geist jener Begebenheiten und Menschen. Es war im Jahre 1898. Ich hatte dazumal mein Lehramt noch nicht lange angetreten. Aber schon in jener Zeit besaß ich die glückliche Hartnäckigkeit, durch mein Leben meiner Seele zum Ausdruck verhelfen zu wollen, ohne viel Rücksicht auf die dumpfen Gewohnheiten des Alltags und die kümmerlichen Ängstlichkeiten zu nehmen, von denen die Mehrzahl meiner Kollegen sich schrecken ließen. Darum geriet ich gar bald in ein unerfreuliches Verhältnis zu meiner Behörde. Zum Lohne für die Achtung vor den Notwendigkeiten meiner Persönlichkeit wurde ich in rascher Folge versetzt und zwar in absteigender Güte, so daß ich mich in jenem Jahre in dem weltverlassenen Raspenau befand. Allein ich war guten Mutes. Denn von der Erde konnte man mich, Gott sei Dank, nicht verschwinden lassen, und überall, wohin ich kam, hatte ich das Beste, was ein Mensch nur haben kann: meine sehnsüchtige Seele, die Wunder der Natur und mein Amt. Denn das war mir in jenen jungen Tagen zu allen Stunden noch ein Kostbares. Nachdem ich Schrank, Kommode, Waschgerät, Bettstatt und Tisch aufgestellt, in der Kahlheit meines engen Stübchens heimisch geworden war und mich überzeugt hatte, daß mein älterer Kollege ein erstorbener Mensch sei, der im Kampf mit der Not ums Brot alles Schwingende in sich verloren hatte, begann ich meine gewohnten Entdeckungsfahrten unter den Menschen und in der Umgebung. Raspenau, ein Dorf, das 750 Seelen zählte, lag am Fuße des schlesischen Gebirges so, daß nur seine letzten Häuser die sanfte Anhöhe hinangestiegen waren, mit der das Land sich zum Aufschwung einer vielgliedrigen Bergwand rüstete. Dahinter lauerte das ärmliche Weberdörflein Wecknitz, ohne Kirche, ohne Turm, ohne Geläut, stumm und abgeschlossen an den steinigen Fuß des Gebirges gepreßt und an stillen Abenden, wenn die Luft schimmernd in dem Laube der Birken stand, ertönte das dumpfe Stoßen der Webstühle bis in die Gasse von Raspenau herüber, daß es war, als zöge in der Ferne eine Prozession Schwerkranker vorüber, die außer dem trockenen Husten eines unheilbaren Leidens kein Geräusch verursachte. Ein paarmal stieg ich bis in das Birkenwäldchen, das an der Grenze der Feldfluren lag, und blickte hinunter in das Gewirr der geduckten Hütten, in deren Mitte das Schulhaus stand, das sich durch seine größeren Fenster und die weitläufigere Anlage als solches kennzeichnete. Aber Armut war auch der Stempel seines Wesens. Dieser gemeinsame, trostlose Zug lastete über allem und ward noch erhöht durch den Schatten, den die Bergwand fast zu allen Tagesstunden über die Hütten rinnen ließ, wie um sich zu entschädigen, daß sie vor hundert Jahren mit rauhen Winden und allen Unbilden unfruchtbarer Öde diese Niederlassung der Armut nicht hatte hindern können. Der einzige Weg nach Wecknitz war ein Steig; denn außer Karren und Hundewägelchen gab es kein Gefährt im Dorfe. Auf dem Rücken schleppten die Weber das Garn hin und das Gewebe her, und noch nie war das Gepolter eines bespannten Fuhrwerks gegen die Schrotwände der Häuschen gestoßen. Ich empfand Mitleid mit dem Manne, der da drunten in der Schule hauste, und den ich noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Denn obwohl ich mich über der Ungunst der Verhältnisse erhaben fühlte, kam mir doch gar nicht der so natürliche Gedanke, daß andere und selbst ohne diese geheime Eitelkeit, sich dieselbe Freiheit erwerben könnten. Unter allerhand Gedanken, die dies Erbarmen immer neu variierten, trat ich stets den Rückweg nach Raspenau an, und obwohl ich mir immer vornahm, nach dem Wesen des abgesägten Kollegen Umfrage zu halten, unterließ ich es doch immer in einer unbegreiflichen Herzensträgheit. An einem Sonntage, beim Abstieg vom Chor der Kirche, fragte ich mehr zerstreut als neugierig meinen ersten Lehrer, was es mit dem Kollegen von Wecknitz doch für eine Bewandtnis habe, daß er sich nie in der Kirche blicken lasse. Mein älterer Kollege war ein sehr vorsichtiger Mann, und nur von Menschen, die ihm durchaus nicht schaden konnten, sprach er in scharfen Ausdrücken. Hier aber mußte ein besonders günstiger Fall für seinen Mut vorhanden sein, denn er stieß im Hinabschreiten über die steile, dunkle Holzstiege nur ein verächtliches Lachen aus, blieb, nachdem wir durch das Turmpförtchen auf den Kirchplan getreten waren, stehen, zog mit der Rechten die verwehten, grauen Haarsträhnen über seinen kahlen Vorderkopf, wandte sich zu mir und tippte mit dem Zeigefinger der Linken an seine Stirn. »Verrückt?« fragte ich. Er drückte den Zeigefinger noch stärker gegen die Stirn und sagte kopfschüttelnd: »Nein, das nicht, aber wahnsinnig.« Nach dem Mittagmahl erzählte er mir, so viel er von dem Kollegen Franz Faber wußte. Es war wenig. Er verkehre mit keinem seiner Amtsbrüder, wiewohl er noch jung und unverheiratet sei, gehöre keinem Verein an, treibe sich nur immer im Walde umher und habe überhaupt die seltsamsten Gewohnheiten. So sei beobachtet worden, daß er, der Lehrer, einem erwachsenen Mädchen die Garnhucke den Berg hinaufgetragen habe, was doch kein Mann so ohne gewisse Gegenleistungen tun könne. Er, Christoph Dünnbier selbst, darauf leiste er seine sämtlichen feierlichen Eide auf einmal, habe beobachtet, wie er in einer hellen Mondnacht im Mai in der Mitternachtsstunde, Schlag zwölf, auf dem Kirchhof zu Raspenau promeniert sei. Das tue doch kein gescheuter Mann. Und wenn er noch so viel Bücher lese, der saubere Herr Faber, er werde schon sehen, wohin das führe. Die Geistlichkeit sei ihm, wegen der Verachtung der kirchlichen Pflichten, so wie so auf dem Nacken. Was nutzen ihm denn seine guten Revisionsprotokolle? fragte er, wenn er immer und immer wieder unter Hintansetzung jeglicher Subordination bei den amtlichen Konferenzen dem lieben, guten Erzpriester widerspreche und widerspreche, als habe niemand außer dem Lehrer von Wecknitz einen Kopf?! Das sei doch Wahnsinn. Dann kam Christoph Dünnbier auf die Geschichte von seines Vaters Brudersohn, der sich auch durch übermäßigen Genuß schwarzen Kaffees, Einsamkeit und unmäßiges Bücherlesen in jungen Jahren um den Verstand gebracht habe und nun vom Wahn getrieben, er sei Geistlicher geworden, von Pfarrhof zu Pfarrhof durchs Land streife. Ich fand es für geraten, dem alten Manne nicht zu gestehen, daß seine Erzählung gerade mein Interesse an dem seltsamen Menschen geweckt habe, und hielt unauffällig Umfrage bei anderen, die mir zum Teil ähnliches erzählten, sich zum Teil sehr gewunden vorbeidrückten, zum Teil die Geschichten über Faber um tragische, brutale oder komische Szenen vermehrten, je nach dem Wesen ihrer Seele, nach ihrem Alter oder dem Grade ihrer Bildung. Alle aber stimmten darin überein, daß er am längsten Lehrer gewesen sei. Das sagten seine Amtsbrüder. Ein alter Bauer, mit dem ich über Faber von ungefähr in einen Disput geriet, aber meinte, er sei ein zweitüriges Haus, während fast alle anderen Menschen nur Wohnungen mit einem Zugang seien. Von all den geheimen Erkundigungen ward ich nicht klar über ihn, noch weniger froh in mir. Denn es bedrückte mich, daß ich durch eine Anteilnahme, die schon auffällig wurde, die Schmähsucht der breiten Masse unterstützt hatte. So nahm ich mir vor, eine persönliche Bekanntschaft herbeizuführen. Ich trieb mich in der Umgebung von Wecknitz in der Hoffnung umher, ihm einmal zu begegnen, saß auch wohl in der dumpfen Schenke des Weberdörfleins und trank tapfer Schoppen um Schoppen des matten Bieres. Ich bekam ihn nicht zu Gesicht. Je hartnäckiger mir das Geschick die Erfüllung meines Wunsches versagte, um so eigensinniger bestand ich darauf. Endlich begünstigte mich das Glück. Es war am Ausgange von einem der kleinen Engtäler, durch die die Bergwand ihre vielen kleinen Wässerlein in die steinige Mulde rinnen läßt, in der Wecknitz lagert. Da höre ich nicht allzuweit von mir von geschulter Baritonstimme ein uraltes Volkslied singen, eines von jenen Liedern, die noch nicht gedruckt sind. Ich gehe dem Klange der Stimme nach. Aber da mußte ich auch schon stehen bleiben. Ganz eigensinnig verharrte der Sänger auf einem Ton, ließ ihn leise hinwehen wie ein seidenes Tüchlein, schlug ihn prall an, stieß ihn zornig von sich und löste ihn endlich aus sich los mit einem schluchzenden Piano, und ich hatte die Empfindung, als suche eine Seele vergeblich nach Erinnerungen, mit denen dieses Lied verknüpft sei, und lasse endlich traurig ab. Nach einer Pause erhob sich von derselben Stelle eine wehmütige Kadenz, die immer wiederholt wurde und nur ihre Betonung wechselte. Ein ganz widersinniger Rhythmus wurde endlich mit Hartnäckigkeit festgehalten. Der Sänger schien sogar darin eine tiefe Befriedigung zu finden. Dann entstand abermals eine Pause. Ich tat indessen einige lautlose Schritte. Da sah ich den Mann endlich. Er saß auf einem Haufen großer Steine am Bach, den Hut im Nacken, baumelte mit den Beinen und fuhr dabei träumerisch mit dem Stock in dem klaren Bergwasser umher. Der Glutdunst des Sommers zitterte über ihm. Nun reckte er sich aus, nahm den Stock aus den Wellen, stützte ihn auf einen Stein des felsigen Ufers. lehnte den Kopf auf seine Krücke und schien gegen die Erde zu sinnen. Gleich darnach ließ er das Lied, an dem er soeben so absonderlich herumgestimmt hatte, wieder aus sich herauswandeln. Es ging bedächtig an mir vorüber, seine Tonwellen formten in der Sommerluft ein greisenhaftes Weiblein mit jener süßen Züchtigkeit, die manchmal mit den weißen Haaren über Frauen kommt. Mit niedergeschlagenen Augen, einer buntblumigen Bänderhaube auf dem mageren Kopfe, die abgearbeiteten Hände auf der Brust gefaltet, so schwebte das Wesen des Liedes vor den Stämmen hin. Dann war es still. Nur das Bergwasser redete mit leisem Wellen eintönig, immerzu... Ich wußte, der Sänger war der Langgesuchte, und mit ein paar langen Schritten über das Wiesenstreiflein war ich bei ihm angelangt. Er schrak zu mir herum. Ein Paar brauner, blitzender Augen packten mich, daß ich schüchtern meinen Gruß sprach. »Guten Tag!« klang es unwirsch zurück. »Verzeihen Sie, ich bin in dieser Gegend nicht bekannt.« »Ich auch nicht. Bedaure, mein Herr! Adieu!« Scharf schnitt er die unbeholfene Anknüpfung ab, erhob sich und verließ mich mit einem stolzen Neigen seines scharfgeschnittenen Kopfes. Ein wenig ärgerlich strebte ich in einem Bogen um Wecknitz der Birkenlehne nach Raspenau hin zu, und als ich von der halben Höhe her noch einmal hinuntersah, erblickte ich ihn gerade die Stufen zum Schulhause emporschreiten. So war es also doch der Faber gewesen. Aber es gibt auf Erden keinen sichereren Weg, etwas in unsere Gewalt zu bekommen, als daß es sich uns versagt. Und ob ich auch, meinem Dorfe zuschlendernd, unwirsch die Steine des Weges mit dem Fuße wegschleuderte und immer wieder vor mich hinmurmelte: »Bin ich denn ein Hund?«, je näher ich Raspenau kam, um so mehr nahm eine geheime Sicherheit Besitz von mir, zwischen seiner und meiner Seele sei trotzdem ein Kontakt geschlossen worden, dessen Kraft uns auf irgendeine Weise nun zusammenführen müsse. Die Stärke dieses Glaubens bestand eben darin, daß ich keine wirklichen Gründe, als nur die Empfindung der Ähnlichkeit unserer Wesenheit besaß. Genug, ich vertraute der Unzerreißbarkeit des mystischen Bandes zwischen uns und unterließ von nun an jeden Versuch einer Annäherung. Indessen ward das Wetter zwischen mir und meinen nächsten Vorgesetzten erst launisch, dann trübe; ich hielt mich für unnötig gegängelt; das Mißbehagen mit manchen meiner Extravaganzen wurde mir mit beißender Schonung nahegelegt; meine Amtstätigkeit fand immer weniger Gnade, und ehe der Herbst das erste Gelb durch das Geblätter des Waldes geblasen hatte, begann ein immer lebhafteres Geplänkel intimer Feindseligkeiten zwischen mir und meiner nächsten Instanz. Die Kollegen, die so unendlich feine hygroskopische Organe für derlei Veränderungen besitzen, erlitten eine merkliche Einbuße an Sympathie zu mir. Christoph Dünnbier lächelte peinlich, wenn ich nur Alltägliches zu ihm sprach, beschützte die grauen, spärlichen Haarsträhnen seines kahlen Vorderhauptes mit der Rechten wie vor einem anziehenden Winde und ging immer von mir, als habe ich ihn um eine Summe Geldes betrogen. Ich regte mich über diese mir nur zu geläufig gewordenen Vorgänge nur sehr wenig auf. Nein, ich fand eine große Genugtuung darin, denn diese Wolke feiger Scheelsucht, die sich immer dichter um mich zusammenzog, brachte die Empfindung einer immer stärkeren Annäherung an Faber in mir hervor, so daß ich oft aus diesem Grau um mich leibhaftig das Paar seiner braunen, blitzenden Augen auf mich gerichtet sah, ein wenig überlegen zwar, doch mit einem Interesse, das nicht allzu spöttisch war. Dann kam der Winter und ich saß Tag und Nacht in meinem Stübchen und bemühte mich, diesen Kontakt mit einem Fremden zu zerbrechen. Zu diesem Zwecke wählte ich das Studium von Taines Geschichte der Entstehung des modernen Frankreichs. Das Versenken in die Vielfältigkeit äußeren Geschehens sollte mich heilen von dieser seelischen Monomanie. Denn, vielleicht zum größten Teil aus Trotz oder Stolz, ich hatte mir die Ansicht gebildet, diese nebelhafte Beziehung zu Faber sei nichts als ein Beweis der beginnenden Zersplitterung meiner Persönlichkeit. So sollte mich eine Wanderung durch die blutigen Zerklüftungen der französischen Revolution ablenken und innerlich zusammenschweißen. Aber die Vorstellung der Wirkung eines Buches auf uns ist immer anders als die Wirkung selbst. Dieser Krankheitsbericht über einen riesigen Wahnsinn, in dem alle Dramatik abgeschliffen ist, alle Tatsächlichkeit zu abstrakter Feststellung erniedrigt wird, wirkte in Verbindung mit der rhetorischen Monotonie einer nur geistreichen Dialektik niederdrückend und lähmend auf mich. Zugleich zerrieb er den Glauben an die Selbstkraft des Individuums ganz und machte mein Dasein abhängig von dem Spinnengewebe zufälliger Zweckmäßigkeiten. So legte sich eine beklemmende, unbewegliche Atmosphäre auch um meine innerste Seele, die mehr als vorher mit geheimer Feindseligkeit gegen allen äußeren Zwang erfüllt wurde. Wenn ich dann in der Nacht, die mich oft durch ein Rütteln oder einen undeutlichen Angstruf aus dem Schlummer riß, von meinem einsamen Lager aus das Auge auf die Finsternis um mich richtete, tauchte wohl ganz aus der Tiefe das Gesicht Fabers auf. Aber dann war kein Trotz und zorniger Stolz in ihm, sondern es lag die Verhärmtheit und Blässe über seinen Zügen, die jenes Grübeln über Menschengesichter bringt, das so lange dauert, bis es in machtlose Wehmut endet. So stand es eine Weile in der Nacht, leise geneigt und unbeweglich wie ein Bild tiefen Erdenkummers und zerging dann gleich einer weißen Wolke, nichts zurücklassend als ein Beben in der Nacht um mich und ein Gefühl der Reue in mir über meine Gemütsverhärtung einem Menschen gegenüber, von dessen verborgener Not mir diese geheimnisvolle Kunde geworden war. Immer nahm ich mir vor, diesem Zustand durch einen Versuch der Annäherung ein Ende zu machen, und immer wurde dieser löbliche Vorsatz von dem Staubgeriesel kleinlicher Tage verschüttet und erstickt. Gegen das Ende des März hin war mir Faber wieder einmal in der Nacht »erschienen«, und nach dem Verschwinden seines Bildes hatte ich aus der Tiefe der Finsternis ein schmerzliches Aufstöhnen zu hören vermeint. Ich war sogleich ganz wach, setzte mich auf und wartete auf die Wiederholung des Rufes. Es blieb still, das Beben in der Luft verging, und ich legte mich wieder hin, ganz verstört von dem Gedanken, daß der unglückliche Kollege vielleicht vor dem seelischen Zusammenbruch stehe, indessen ich trotz dieser wiederholten Warnungen in Gleichgültigkeit hinlebe. Ich schenkte am anderen Morgen einer Ausflucht meiner Trägheit, die mir zuflüsterte, Faber sei wohl nicht mehr als ein gewöhnliches Rauhbein, keinen Glauben, sondern warf mich nach Klassenschluß in andere Garderobe. Nach dem Mittagessen eröffnete mir jedoch Herr Christoph Dünnbier unter Überreichung der Verfügung die Festsetzung einer amtlichen Bezirkslehrerkonferenz für den Anfang des nächsten Monats. Gegenstand der Tagesordnung: ein Vortrag des Lehrers Franz Faber aus Wecknitz über Hilfsmittel bei der Erziehung der Kinder. So beschloß ich, meine Annäherung diesem Tage zu überlassen. Die Amtshandlung ging am 9. April, vormittag um 10 Uhr, in dem Klassenzimmer III b der Kreisstädtischen Schule vor sich. Das Gebäude war ein gewöhnlicher viereckiger Kasten, der sich nur von den vielen seinesgleichen dadurch auszeichnete, daß er ein wenig abseits gelaufen war, um sich hinter dem breiten Rücken einer unförmlichen Kirche zu verbergen, deren Größe durch nichts als eine Sammlung der Geschmacklosigkeiten von Jahrhunderten gebildet wurde. Die Schule aber stand in einiger Entfernung und bemühte sich, durch ein schüchternes Türmchen über der Front ihre willige Abhängigkeit vor dem heiligen Unding anzudeuten. Der Platz zwischen diesen ungleichen Nachbarn war kahl und baumlos, und man konnte wohl meinen, mitten im bescheidenen Verkehr der Kleinstadt hier fern vom Leben zu sein. Nie knirschte ein Wagen seine Spur in den Kies, selten überschritt ein Erwachsener das Plätzchen. Kinder aber stoben fluchtartig vorüber und erhoben, wenn sie glücklich entronnen waren, jenseits der niedrigen Mauer ein Geschrei der Freude. Heute wandelten die so leicht erblassenden Lichter des Vorfrühlings über den feuchten Sand, und es war ergötzlich anzusehen, wie sie neckisch und lose über die würdigen Rücken der Männer glitten, die in einem Schritt dem Aufgang zur Schule zustrebten, der einer gewissen Feierlichkeit nicht entbehrte. Von beiden Seiten, entweder aus dem Inneren der Stadt oder rechts von der Landstraße her fanden sich die Teilnehmer ein, stauten sich vor den Stufen wohl zu kleinen, flüchtigen Gruppen und stiegen nach einem sichernden Seitenblick nach dem Pfarrhof unter gemäßigtem Geplauder die wenigen Stufen empor. Ich hielt mich auf dem Vorplatz auf, um Faber noch vor Beginn der Versammlung nahezutreten und ein Zusammensein in irgendeinem Gasthause mit ihm zu besprechen. Er kam nicht, und als nach Ablauf der zehnten Stunde aus der Tür des geistlichen Heims die schwarze Gestalt des Dr. Pfister trat, mußte auch ich das Klassenzimmer aufsuchen. Dort hockte die ganze Lehrerschaft der Umgegend schon mit seitwärts gedrückten Knien und ließ bei meinem eiligen Eintritt sofort von ihrem Geplauder ab. Eine Weile nach mir, noch ehe das Gespräch sich wieder erholt hatte, schritt durch die weit geöffnete Tür der geistliche Herr. Alle erhoben sich, so gut es ging, zum Zeichen der Achtung, und als nach dieser kleinen Aufregung jeder in den Marterbänken die bequemste Stellung wieder eingenommen hatte, saß vor mir in der ersten Bank Franz Faber. Er mußte unmittelbar hinter dem Konferenzleiter hineingeschlüpft sein und nahm so ruhig seinen Platz ein, als sitze er schon seit langem da, die linke Hand zwanglos um einige Blätter geschlossen. Dr. Pfister ernannte einen der städtischen Lehrer, der lang und mager war und ein spitzbübisches Slavengesicht hatte, mit einer wehmütigen Weiberstimme zum Protokollführer, nachdem er unter einem stereotypen Lächeln, als erzähle er Witzchen, die Konferenz eröffnet hatte. Während er stehend sprach, streckte er hin und wieder seine Fetthand über die Brüstung des Katheders und hob dabei den Zeigefinger, an dem der Ring der geistlichen Räte mit dem großen blauen Steine steckte. Bald danach stand Faber vor uns, sah einen Augenblick sinnend in sein Manuskript und begann dann, seine Arbeit vorzulesen. Das war nicht die volle und mutige Baritonstimme, mit der er mich vor dem Walde abgeschüttelt hatte, sie klang müde, wie erschöpft von langem, schnellen Laufen, hatte keine Tragkraft mehr, und alle Sätze wurden wie eine ganz belanglose Gleichgiltigkeit durch sie laut. So, als habe eine Krankheit von ihm Besitz genommen, klang sie. Still und bescheiden stand er da, die Schultern gesenkt, das scharfgeschnittene Gesicht blaß, mit dem Ausdruck einer bitteren Weichheit. Der Eindruck dieser Resignation fiel um so mehr auf, weil er in schroffem Widerspruch zu dem Geiste des Vortrages stand. Dieser begann mit der Feststellung der vollkommenen Rätselhaftigkeit des Lebens und der Seele des Menschen. Dann zeichnete er mit scharfen, sicheren Strichen die Stückhaftigkeit und den Widerspruch verschiedener philosophischer Systeme, um im Anschluß daran vor der urteilslosen Verhimmelung von Lehren zu warnen, deren alte Sätze nur durch rücksichtslosen Zwang als Wahrheiten aufrecht erhalten werden, und die nur durch Anwendung von Gewalt die große Zahl der Anhänger bei ihren Standarten erhalte. Denn auch sie ist wie aller Menschenwahn nur ein Weg zur Wahrheit. Ihre Wahrheit ist Suchen, und sie bringt nur jenen Ruhe, die bereit sind, sich innerlich zu töten. Ein unhörbarer Ruck ging bei diesen Worten durch die Zuhörer, viele senkten verschämt das Gesicht, als hätten sie eine Blasphemie gegen »die heilige Mutter Kirche« ausgesprochen, andere bekamen jenes blicklose Auge, womit feige Männer in den Augenblicken der Entscheidung sich wappnen, die mutigste Servilität aber räusperte sich ostentativ. Dr. Pfister langte mit mildem Lächeln seinen Bleistift her und schrieb etwas in sein Taschenbuch, darauf nahm er sein Haupt so in die Hand, daß uns der Ausdruck seines Gesichtes entzogen wurde. Die Luft war stockend und beklemmend von der Feindseligkeit der Seelen und schwer zu atmen. Faber sammelte mit einem flüchtigen Blick den Erfolg seiner Worte, bekam davon den Ansatz zu einem ironischen Lächeln um seinen Mund und las unbeirrt weiter, nur ein wenig gelassener, nein, demütig. Seine Arbeit beschäftigte sich nun mit dem Schlendrian der Ansichten innerhalb der gültigen Pädagogik, die weniger der Ausdruck des gegenwärtigen Standes der Wissenschaft, als vielmehr der Standpunkt der staatlichen Auffassung von dem Zwecke des Menschen sei. Mit bitterem Sarkasmus sprach er von dem niemals existierenden Typus, den die Lehrer zwangsweise in das Kind hineinkonstruieren müssen, ohne mehr als sentimentale Aussicht auf das wirkliche Wesen des Kindes zu nehmen, das, jedes für sich, eine einzigartige Offenbarung des Universums, eine nie sich zum zweiten Male wiederholende Schöpfung darstelle. In den Sätzen glühte das verheimlichte Feuer eines einsamen Grüblers. Die müde Gelassenheit, mit der er diese Rebellion aussprach, wirkte direkt tragisch. Mir schnürte es die Brust zusammen, und ich rief mitten in seine Worte ein lautes »Bravo«, nur um mich innerlich zu entlasten. Denn das alles berührte mich weniger als Sache, sondern als das Bekenntnis eines Mannes, an dessen Ringen ich in so vielen Gesichtern der Nacht hatte Anteil nehmen dürfen. Ich sah kaum, wie Dr. Pfister seine Hand vom Gesicht nahm und mit mißbilligendem Erstaunen nach mir schaute, mir ging der folgende Hauptteil des Vortrages fast spurlos verloren, der von der Benutzung der Phrenologie, der Handkunde und noch anderen Hilfsmitteln für die Erkenntnis der Wesensart des Kindes handelte, ich saß da und starrte versunken in das Wesen dieses Mannes, das sich mir auftat wie ein geheimnisvoller, tiefer Gang. Plötzlich stockte der Redner. Ich schrak aus dem sinnenden Hinschwinden auf und bemerkte, wie Faber seine Blätter mit zitternder Hand senkte und mit einer tiefen Traurigkeit über uns hinsah. Doch nur einen Augenblick dauerte diese Unentschlossenheit. Eine trotzige Falte grub sich zwischen die Brauen, und mit erhobener Stimme las er die kurzen unvergeßlichen Schlußworte: »Die Freiheit der Menschheit gibt es nicht. Wir sollen die Kinder nicht von sich, sondern zu sich, – von uns erlösen. Seien wir demütige Diener, daß jeder Mensch zu seiner Freiheit gelange, die der unzerbrechliche Zwang und der Halt in aller Not ist. Vermögen wir uns zu der Ehrfurcht vor diesem ihrem Gott nicht hindurchzuringen, dann ist unsere Erziehung eine Gefahr, und wir sollten als Hinberufene von bannen gehen.« Er verbeugte sich. Keine Hand, sein Mund rührte sich zur Anerkennung. Voll Galle rief ich mein »Bravo!« Faber warf mir einen verweisenden Blick zu, und indem er die wenigen Schritte an seinen Platz tat, faltete er bedächtig die Blätter zusammen und ließ sie in seine Seitentasche gleiten. Die Erwartung eines Strafgerichtes erfüllte den Raum. Dr. Pfister drehte lächelnd den Bleistift zwischen Daumen und Zeigefinger, genoß eine Weile den Schrecken kleiner Seelen, dankte dann mit seiner Wöchnerinnenstimme dem »jungen Herrn« für seine Mühe und stellte den Vortrag zur Diskussion. Alles blieb still. »Da sich niemand zum Wort meldet,« fuhr er dann in weinerlicher Milde fort, »so möchte ich einiges erwähnen, was ich mir aufgeschrieben habe. Der Herr Vortragende hat mit viel Fleiß und Mühe vieles zusammengelesen und uns dargeboten, und wenn die Gesamtwirkung eine andere war, als er wohl erwartete, so habe ich nicht nötig, ihm daraus einen Vorwurf zu machen. Denn das hieße ihm das Vorrecht seiner Jugend verargen. Auch Ausdrücke wie »Tugendbold« und ähnliche sind wohl auf nichts als auf eine vorübergehende Vorliebe für Extravaganzen zurückzuführen. Nein, was mich schmerzlich berührt hat, das ist allein die Tatsache, daß in der Arbeit, die doch von der Erziehung der Kinderseele handelte, mit keinem Worte Jesu Christi, unseres einzigen Vorbildes gedacht worden ist.« Und nun gab er die Gallerte gewohnter Phrasen von sich, um zu schließen: »Alles Menschenstreben hat in alle Ewigkeit die Erkenntnis zum Ausgang, daß wir zum Wissen kommen, nichts zu wissen. Wir christ-katholischen Lehrer haben diesen langen Irrweg nicht notwendig, wenn wir uns bei Anfechtungen der Eitelkeit mit den Worten zu Gott wenden: Führe uns nicht in Versuchung!« Der spitzbübische Slave am Protokolltisch verzeichnete mit eifrigem Wohlgefallen die zerreibenden Sätze des guten Hirten. Franz Faber erhob sich und erklärte mit unsicherer und gepreßter Stimme, daß sein Thema laute: »Hilfsmittel der Erziehung«, daß aber Jesus Christus einem katholischen Lehrer doch mehr als ein Hilfsmittel sein müsse, und er habe es vermeiden wollen, die Anwesenden mit Beweisen eines Axioms zu langweilen. Trotz des starken Hiebes gegen Dr. Pfister waren seine Worte nichts als eine vollkommene Unterwerfung. In Scham starrte ich auf seinen Rücken, der sich ruhig gegen die niedrige Bank preßte. Der Vorsitzende nahm keine Notiz von Fabers Entgegnung; eine böse Falte legte sich quer über seine gut gepolsterte Stirn, und mit unterdrücktem Widerwillen in seiner Kastratenstimme lud er die Anwesenden ein, Erfahrungen und Fragen aus dem Amtsleben zum Besten zu geben. Niemand fühlte den Mut, Erfahrungen gehabt zu haben, und so erhob sich nach einer gewaltigen Prise der Slave zur Verlesung des Protokolls. Er hatte die Absicht des geistlichen Rates nur zu gut verstanden und dem Protokoll eine Fassung gegeben, die eine nur leicht verkappte Denunziation Fabers wegen unchristlicher Gesinnung enthielt, denn die Entgegnung des Vortragenden war unterschlagen worden. »Ich denke, es ist gut so?« fragte der Slave nach Beendigung der Vorlesung zu Dr. Pfister hinauf, und dieser lächelte zurück. »Hat jemand gegen die Fassung des Protokolls etwas einzuwenden?« Bei dieser Aufforderung des Vorsitzenden hob Faber ein wenig das Haupt, ließ es aber sobald wieder gleichgültig sinken. Er mußte einen bewußtlosen Tag haben, daß er sich ergeben den Strick um den Hals legen ließ. Die Empfindung haben, es geschehe eine Infamie und schon aufstehen und die Anfügung der Worte Fabers beantragen, war eines bei mir. Ich tat es mit vor Erregung bebender Stimme. »Es ist sehr schätzenswert von Ihnen, diesen kleinen Irrtum bemerkt zu haben«, redete Dr. Pfister mit seiner Wöchnerinnensüße und der bösen Falte im Fett seiner Stirn. »Ich möchte nur noch wissen, wie Herr Lehrer Faber sich zu dieser Frage verhält, die das Wesentlichste vom Gang der heutigen Konferenz nur ganz unerheblich berührt.« Zu meiner Überraschung schüttelte mich der Wecknitzer auch diesmal ab. »Ich bin ganz der Meinung des Herrn Rates,« sprach er, »daß es sich nur um eine Formalität handelt, habe aber nichts dagegen, wenn meiner bedeutungslosen Worte im Protokoll Erwähnung geschieht.« Ha, was soll denn das heißen? fragte ich mich, ganz aus den Fugen geraten über so viel Widersprechendes. Der Kaisertoast brauste an mir hin, die Unruhe der hinausströmenden Versammlung trug mich die Stiege hinab, schob mich in den Schulhof, verlief sich, und nach, ich weiß nicht welcher Zeit, grüßte mich ein Mann, der eine blaue Leinwandschürze vorgebunden hatte und sagte: »Ach, Herr Lehrer, warten Sie etwa auf den Rektor Metzner? Der kommt heute nicht mehr her.« Ich fand mich unter der Tür nach dem Schulhof lehnen und erkundigte mich nun, ob der Frager der Schuldiener sei. Während er redselig begann, einen Abriß seiner Lebensschicksale zu geben, las ich zerstreut von meiner Uhr die Zeit ab und reichte dem Mann, der eben von seiner Verheiratung erzählte, ein Trinkgeld und ging davon, weil es schon einhalb ein Uhr Nachmittag war. Ich lief in dem Städtchen umher, ging nach Hause, begann meine Schularbeiten, schlief, arbeitete, trödelte umher, und immer ward ich die quälende Vorstellung nicht los, daß ich Schiffbruch gelitten habe. Ich? Aber so ist es ja. Alles, was geschieht, geschieht an uns. Allein eben, weil ich nicht ergründen konnte, was eigentlich mit Faber vorgegangen war, kam ich in mir nicht zur Ruhe. Es half nichts, die Schnur meiner Vermutungen stets aufs neue abzugreifen, ich stand am Ende immer vor anderen, einander widersprechenden Ergebnissen. Er will sich ducken; er will es. Zu dieser Überzeugung kam ich am leichtesten. Aber, warum hatte Faber dann überhaupt diese rebellische Arbeit vorgelesen, gleichsam sein Haupt auf einer Schüssel seinen Gegnern ostentativ überreicht? Ostentativ. Ja, wenn es Bekehrung war, steckte in diesem aufgewandten dramatischen Apparat eine Menge Pose. Jedoch, warum hatte er den Schluß des Vortrages mit erhobener Stimme, wie eine unabwendbare Kriegserklärung gelesen? Und wenn er sich unterwerfen wollte, warum hatte er meine Hilfe, die ihn von den üblen Folgen disziplinarer Scherereien bewahren sollte, abgelehnt? Vielleicht, weil er jener seltenen Art starker Menschen angehörte, die die Buße von Übeln sich nicht schwer genug bereiten können. Warum? Warum? Ich spann immer neue Schleier von Vermutungen und litt zuletzt unter einer Abspannung, einem leisen Taumel, wie er uns erfaßt, wenn wir lange mit gleichen Schritten um einen kreisrunden Platz gegangen sind. Ich sah Fabers Bild nicht mehr in den Nächten. Aber die Stelle, von der es mir verschwunden war, lag jetzt in mir, und alle Stunden, auch die ruhigsten, erfüllte ein Vibrieren des Fernsten meiner Seele. Bald aber trat jene Wandlung ein, die ich fast nicht zu hoffen wagte, und die mir für immer den unumstößlichen Beweis erbracht hat, daß ehrliche Sympathie auch die andere Seele, nach der es uns hindrängt, ebenso bindet wie uns. Denn etwa fünf Wochen nach der Konferenz erhielt ich einen Brief von Faber, in dem er mich um einen Besuch in seiner Wohnung bat. Es fiel mir nicht ein, diese Bitte als eine neue Bestätigung seiner Anmaßung zu deuten, sondern, indem ich die ganze Reihe innerer und äußerer Vorkommnisse, von der dieses Brieflein das letzte Glied darstellte, durchlief, wurden mir seine so schlichten Worte bedeutungsvoll, beluden sich mit den Gebilden meiner lebhaften Einbildungskraft und erfüllten mein Gemüt mit Beklemmung. Wir wissen mehr als uns bewußt wird. Nach Schluß des Nachmittagsunterrichts entwickelte ich bei den Vorbereitungen zum Besuch eine solche Eile, als gelte es mit einem Menschen schnell noch ein paar entscheidende Worte zu sprechen, der schon auf einem sich in Bewegung setzenden Bahnzug Platz genommen hat. In voller Aufregung sprang ich die Treppe des Schulhauses hinunter, an Christoph Dünnbier vorbei, der unter der Tür seiner Wohnung erschienen war, mich mit mißbilligenden Augen ansah und die Haare seines nackten Schädels beschützte. Als ich über die Schwelle der Haustür schritt, wagte er, mir ein sehr bedenkliches: Hm, Hm! nachzusenden. Dann hatte ich das Dorf hinter mir, die sanfte Anhöhe hängte sich in die Knie, und ich mäßigte meine Schritte. Alles Feld lag so seltsam geduckt um mich, die Raine zwischen den Ackerbreiten dehnten sich in ungewohnten Linien in eine Luft hinaus, die mit dem Dunst der leidenschaftlichen Fruchtbarkeit des Mai erfüllt war, einer grauen, ruhelosen Schicht, in der die Laute der Vögel gedämpft erklangen und alle Dinge mit zweiten leuchtend-zerfließenden Umrissen umwittert waren, die den natürlichen Farben einen satteren Ton und eine größere Leuchtkraft gaben. Die Lerchenlieder verloren sich schmachtend in die blauende Höhe, die Birken trugen das verhuschende Grüngewölk der ersten Belaubung mit ihren schlanken Gliedern. Kurz, alles hatte einen so sonderbaren, niegesehenen Ausdruck, daß ich es plötzlich nicht begriff, wie ich auf den Weg nach Wecknitz komme. Solche Fremdheit und Unbegreiflichkeit des Handelns überfällt uns vor jeder wichtigen Tat, und weil ich damals noch nicht wußte, daß der Menschen Hand immer durch Schatten zugreifen muß, gab ich diesem Gefühl der Unsicherheit in mir nach, zog das Billett Fabers hervor und las es mehrere Male aufmerksam durch, so, als trügen diese so klaren Worte noch irgendeinen verborgenen Sinn, der mir nicht entgehen dürfe. Wirklich, ich kam zu der sonderbaren Überzeugung, Faber erwarte mich erst gegen Abend. Es war in der Mitte der fünften Nachmittagsstunde. Ich setzte mich, auf der Anhöhe angelangt, abseits vom Wege, mitten im Birkenwäldchen auf einen Stein und sah nach Wecknitz hinunter. Das Licht der weißen Stämme war um mich und mir schien es, als sei ich von einem heiteren, lichten Schreine eingeschlossen. In dem Weberdörflein drunten blühten alle Obstbäume, und Wecknitz sah nicht aus wie eine Menschensiedlung, sondern wie ein See aus weißen und rosa Wogen. Die grauen Hausdächer schwammen darin wie unbewegliche, halbversunkene Kähne, vermorscht und verlassen. Das Poltern der Webstühle schien von Wellen der Tiefe herzurühren, die gurgelnd und stoßend einem verborgenen Ausweg zuströmten. Mitten ragte die Schule, plump und trostlos wie das festsitzende Wrack eines größeren Fahrzeuges über die schimmernden Wogen des Blütensees. Ein leiser Wind war erwacht, und lautlos leckte der weiße Schaum an den alten Planken empor. Meine junge Seele verfing sich in Träumen, aus denen mich die schnelle Kühle des Frühlingsabends aufriß. Es war dreiviertel sechs Uhr geworden und dunkelte schon ganz leicht. Der Dunst war von der Erde aufgestiegen und schwamm vor einem mäßigen Winde als Gewölk am Himmel hin. Die Sonne begann hinter die Waldmauer der Feistelberge hinunterzuglühen, während durch die Wolken im Osten die blassen Lichtschleier des aufgehenden Vollmondes wehten. In Sätzen sprang ich den Abhang hinunter und bog wahllos auf einem der vielen schmalen Hühnersteige in das Gewirr der Obstbäume ein. Nach einigem Hin und Her stand ich vor der Schule, das heißt, ich stutzte ein wenig an dem engen Zugange, der durch ein Vorgärtchen an die wenigen Stufen führte, die zu erschreiten waren, ehe man an die einfache Tür gelangte. Der lange Schrotbau lag mit den geschlossenen Fenstern seiner niedrigen Front in einer Art mürrischer Einsamkeit auf einem Hügelchen, auf den es hinaufgeklettert zu sein schien, um zu allen Tagesstunden den Kinderchen wie eine lebendige Mahnung vor Augen zu stehen. Ich stand an dem Brunnen, dessen Wasser sich immer gurgelnd verfing, und stellte mit dem geheimen Wunsche Betrachtungen an, Faber möge mich bemerken und mir entgegengehen, um so unserer Annäherung den peinlichen Beigeschmack zu nehmen. Bald jedoch erkannte ich, daß er als Bittender von seinem Stolz nie die Erlaubnis zu dieser Demütigung erhalten würde. So trat ich in den Hausflur, der von jener maukigen Luft erfüllt war, die die offenen Lehrzimmer in alle Teile der Schule zu senden pflegen. Das Schulzimmer war ein getünchter, kahler Raum, groß und niedrig. Ihm gegenüber, ein wenig schief in der Bohlenwand sitzend, die Tür wohl zur Lehrerwohnung. Ich klopfte. An dem lauten Ton erkannte ich, daß das Zimmer leer sei. Ich schritt an einer engen Holztreppe vorüber, die jäh in das Dämmern des Bodenraumes aufstieß, und kam an die Tür nach dem Hofe. Hier hörte ich Menschenstimmen. Ich konnte nicht gleich entscheiden, ob sie aus dem Hofe drunten klangen, oder in irgendeinem Raume des Hauses eingeschlossen waren. Da fiel mein Blick auf eine vernutzte Tür, links neben dem hinteren Ausgang. Richtig, hier war es. Eine schmerzvolle Mädchenstimme redete bittend in langem Strome. Schonend und ruhig erklang die Stimme des Mannes. Das Gespräch kam gegen die abgenutzte Tür. Ich sprang auf den Zehen schnell in den Hausflur zurück, um hinter die Bodentreppe zu treten. Unterwegs fiel mir der Stock aus der Hand und polterte auf die Steinfliesen. Ehe ich ihn aufheben konnte, ging die Tür auf. Faber trat auf die Schwelle, erkannte mich sogleich und half mir über die Betretenheit, in die ich geriet, daß er mich herzlich begrüßte. Seine Lustigkeit war schlaff und gezwungen. Das Gesicht übernächtig und gealtert, und während er meinen Worten zu lauschen schien, schaute er, etwas anderem nachsinnend, zu Boden und begann, gedankenvoll seine ungewöhnlich langen Füße voreinander setzend, im Flur hinzuwandeln. Auf der Schwelle der Haustür hielt er an. »Meine Karte ist eigentlich gegenstandslos geworden«, sagte er und lächelte mich traurig an. »Bin ich zu spät gekommen?« »Ja – und nein.« Und als er sah, daß ich die Krücke meines Stockes fester umspannte, setzte er fort: »Aber, damit will ich Sie natürlich nicht verjagen. Wir wollen sehen.« Wiederum schaute er zu Boden, schob mit der Spitze seines rechten Fußes irgend etwas zur Seite, rückte sich dann herauf und sprach im Hausflur hin: »Liese! Machen Sie das Abendbrot zurecht.« Ein gehorsames und ergebenes »Ja« antwortete, und ich sah, leise und eilig, ein Mädchen zur Hoftür hinaushuschen, das von einer seltenen Zierlichkeit war. »Es ist die Tochter meines Nachbars, des alten Plaschkewebers. Sie besorgt die wenigen Aufwartedienste«, erklärte mir Faber, und seine Stirn umwölkte sich. »Sie haben Verdruß mit ihr gehabt?« fragte ich. – »Mit ihr nicht, mit mir, und zwar habe ich ihn jetzt«, antwortete er und sah gleich mir in das geöffnete Klassenzimmer, vor das wir getreten waren. »Haben Sie den Geruch überwunden?« fragte er nach einer Weile. »Nun – freilich spür' ich ihn auch noch, aber was will man machen?« »Eben, eben! Man will eben nichts machen. Durchaus will man nicht.« Er lachte bitter und kehrte sich um. »Haben Sie Lust, noch mein anderes Leben zu sehen?« »Wie meinen Sie das?« »Na, das Schulhaus ist so ein Symbolum meines Lebens. Denn es ist morsch, unwohnlich und gewährt mir nur noch in einem Winkel Unterschlupf.« »So, sans phrase «, entgegnete ich leicht. »Natürlich, sans phrase ! Bloß so.« Er sprach eigentlich nicht mit mir, sondern redete nach Art der Einsamen mit sich, bitter und spöttisch, voll Hohn gegen sich. Wir standen vor der Treppe zum Boden. »Da unten sind noch drei Zimmer und die Küche, aber...« Die Liese kam eben zur Hoftür herein. Faber unterbrach sich und sah nach dem Mädchen. Unter seinem Blick hielt es an. »Wie Sie es gesagt haben, Herr Lehrer?« fragte sie mit glücklicher Unterwürfigkeit. »Ja«, erwiderte Faber merkwürdig rauh. Mit einem Glanz im Gesicht verschwand sie hinter der vernutzten Tür. »Sie meint meine Anweisungen zum Abendbrot«, sagte Faber erklärend, und wiederum schlug sich die Falte tiefer über seiner Nasenwurzel nach der Stirn hin. »Sie hat ganz sonderbar schöne, braune Haare«, bemerkte ich. »Außerdem kocht sie ganz gut«, sprach er ironisch. »Ja, und dann dächt' ich, wir gingen nun in meine Bude. Bitte!« Unter beißendem Lachen sprang er die Treppe hinauf. Er lief so schnell, daß ich ihm nicht folgen konnte. Noch ehe ich die steile Stiege emporgeklommen war, schloß er die Tür, und ich befand mich allein in einem schummrigen Dunkel. Halb von Grimm, halb von Scham erfüllt, kam ich im Aufstieg mit der Rechten an ein rauhes Gemäuer, das sich mir als der riesige Schornstein offenbarte, und stand gleich darauf an der niedrigen Tür. Eben kochte in mir der Zorn, und im Hineintreten fragte ich unvermittelt: »Ja, warum bin ich nun eigentlich zu spät gekommen?« stieß, während ich diese rauhen Worte sprach, schon nach dem dritten Schritt in die Stube an einen Stuhl und setzte mich, als sei ich von Faber dazu eingeladen worden. Der antwortete nichts, sondern kramte in einer geöffneten Kiste umher, aus der er bald dies, bald jenes Kleidungsstück herausnahm und in den rechts neben dem Eingang stehenden Schrank hängte. Nach einer Weile, als sei er eben jetzt von meinen Worten getroffen worden, hielt er inne, starrte einen Augenblick in den geöffneten Schrank, schloß mit sinnend zähen Bewegungen ihn und die Kiste, kehrte sich um, ließ seinen Blick über das Stübchen gleiten, sah mich dann tief an, nickte schmerzlich mit dem Kopfe und sagte: »Ja, Herr Kastner...« Seine Stimme klang trauervoll, und mit einer Armbewegung, als werfe er etwas von sich, setzte er sich auf einen Stuhl, stützte seine Arme auf die Knie und legte die Hände flach gegeneinander, indem er genau Finger auf Finger paßte. Als ich ihn so sitzen sah, dem schweren Klang seiner Stimme in mir nachlauschte und im Überschauen die Unordnung gewahrte, in der sich das Stübchen befand, erblickte ich in mir nicht nur das schmerzensblasse Gesicht Fabers, wie es aus meinen unruhigen Nächten mich angesehen hatte, sondern mußte auch daran denken, wie sicher mein Ahnen gewesen sei, das mir vor kurzen Stunden den vor mir Sitzenden als einen Menschen gezeigt hatte, der, vom Trittbrette eines abfahrenden Zuges herab, noch einige Worte zu mir reden wollte. Eben hatte ich mir vorgenommen, das peinliche Schweigen durch die Erzählung meiner nächtlichen Heimsuchungen zu brechen, als Faber den Kopf hob und bitter zu mir heraufsprach: »Warum sagen Sie denn nicht, was Sie von mir eben denken?« »Da haben Sie recht,« erwiderte ich betroffen, »eben habe ich über Sie nachgedacht...« Allein, noch ehe ich vollenden konnte, stand er auf, rückte geräuschvoll den schief in die Stube stehenden Tisch vor das einfache Sofa und unterbrach mich mit sarkastischem Lachen: »Nun, mein lieber Herr Kastner, warum schießen Sie denn da nicht los? Sie wissen doch, daß wir uns vor dem anderen nicht verbergen können.« »Trotzdem Sie es wissen,« antwortete ich mit herzlicher Schonung des Aufgelösten, »unternehmen Sie es selbst, nicht bloß jetzt, sondern seit langem, einen Menschen zu täuschen, der den innigsten Anteil an Ihnen nimmt.« Er blickte mich betroffen an und lud mich dann ein, am Tisch Platz zu nehmen. Als wir saßen, ich trotz aller Widerspenstigkeit auf dem arg mitgenommenen Sofa, er auf einem Stuhle mir gegenüber, sagte er mit unsicherem Lächeln: »Wie wäre es nun aber, wenn Sie sich täuschten in der Annahme, daß ich es auf die Täuschung des anderen abgesehen habe?« »Dann bleibt zweierlei übrig: entweder der Zweifel an jeder Erkenntnis auf Grund von Tatsachen, oder die Überzeugung, der andere sei unsicher in sich.« Die Folge dieser scharf zupackenden Antwort war ein lautes Gelächter Fabers, das er ausstieß, aufsprang und mit großen Schritten auf- und niederging. Dann nahm er langsam wieder seinen früheren Platz ein und, als müsse er irgend etwas Störendes am Bein seines Stuhles untersuchen, beugte er sich nieder und fragte: »Nicht wahr, weil ich vor fünf Wochen mich so unbegreiflich auf der Konferenz benommen habe?« Und weil ich nicht den Mut hatte, es ihm schonungslos ins Gesicht zu sagen, richtete er sich auf und wiederholte dringend dieselbe Frage: »Wie? So sagen Sie es nur gerade heraus!« »Allerdings habe ich mir zum großen Teil wegen dieser Ihrer seltsamen Haltung die Meinung gebildet, Sie seien Ihrer nicht sicher. Denn wozu in aller Welt warfen Sie der engen, geknebelten Menge den Fehdehandschuh hin? Entweder Sie mußten frisch-fröhlich den Haufen niederrennen wollen, was doch wohl unmöglich ist aus vielen Gründen, die uns die Scham aufs Gesicht treiben müßte, oder Sie hätten am Ende des Vortrages in aller Kühle die Erklärung abgeben müssen, daß Sie die Entlassung aus dem Schuldienst erwarten, wenn man mit solchen Gedanken gegen den Geist des Amtes sündigt oder – – – Mein Gott, ich kann Ihnen sagen, daß ich in den Zeiten, da ich leidenschaftlich über dieses Ereignis nachgesonnen habe, noch eine ganze Menge von Möglichkeiten fand, die Ihrer würdig waren. Doch die Rebellion mit nachfolgender glatter Unterwerfung habe ich nicht anders erklären können, als daß Ihnen die Hand zum Schlage gejuckt hat, daß Sie aber vor den Folgen Ihrer geistigen Aufsässigkeit zurückschreckten.« Während ich das sprach, hatte Faber das Gesicht von mir abgewandt und sah zum Fenster hinaus, wo die Sonne hinter den Bergen einen inbrünstig roten Strom ihres verscheidenden Lichtes heraufsandte, der durch blasse Schleier gemildert wurde, die der aufstrebende Mond hineinhauchte. Sein Gesicht, das im Profil zu mir stand, hatte leidend scharfe Linien bekommen, und seine beiden Hände auf dem Tisch waren wie zu verzweifeltem Gebete geschlossen. Am ihm die Überzeugung zu nehmen, ich habe mich durch Rücksichtslosigkeit für die von ihm erfahrenen Kränkungen rächen wollen, erzählte ich alles, was ich um ihn gelitten hatte. »Nach allem, was geheim zwischen uns hin- und hergegangen ist.« damit vollendete ich meine Erzählung, »und was, wie ich immer deutlicher sehe, der Wahrheit unserer Gefühle entspricht, konnte ich nicht anders als ehrlich, ohne Rückhalt zu Ihnen sprechen, um Ihnen und mir zu dienen, und nun bitte ich, geben Sie die Verschlossenheit auf, die, wie ich ahne, zu lange gleich finsteren Wänden um Sie gestanden hat. Denn aus der Luft, die um Sie hängt und beklemmend Ihr ganzes Haus erfüllt, ersehe ich ...« Faber ließ mich nicht ausreden, er kehrte mir sein erschüttertes Gesicht zu, erfaßte meine Hände und sagte mit leise vibrierender Stimme nichts als die beiden Worte: »Du! ... Bruder!« Damit war auch äußerlich ein Band geschlossen, das lange unsere beiden Seelen auf geheimnisvolle Weise vereinigt hatte. Nachdem wir eine kurze Weile in dieser Stellung verharrt hatten, löste Faber nach einem vollen Druck seine Hände aus den meinigen und trat in einer Art ans Fenster, die mich aufforderte, ihm dahin zu folgen. Es war das linke der beiden Fenster, an das wir traten. Von dessen oberer Hälfte streckte ein Lärchenbaum, der die Ecke des Hauses schützte, seinen untersten Ast schräg vorüber. Ein Fink ging eben mit behutsamem Trippelschritt tiefer in das Geäst hinein. Wir beide sahen den zierlichen Bewegungen des Tierchens zu, das mit ängstlich starren Punktaugen nach uns blickte, und rührten uns nicht, um es nicht zu verjagen. »Es sucht sein Nest auf«, sagte Faber mit versonnentrauriger Stimme. »Es weiß, wo es ruhen soll, und wenn es dann am Morgen aufwacht, ist ihm sein Lied gewiß.« Mit einem tiefen Atemzug schloß er die Betrachtung. »Wenn er in der Nacht nicht einer Katze zum Opfer gefallen ist«, setzte ich hinzu, um ihn aus seiner, wie ich glaubte, sentimentalen Anwandlung zu reißen. »Wenn auch, so bleibt ihm doch die Qual erspart. Da es den Tod nicht kennt, leidet es nicht an seinem Leben«, antwortete er. »Oder umgekehrt«, erwiderte ich. »Mag sein. Trotzdem ist es seines Lebens sicher, solange es lebt«, sagte er finster nach einigem Sinnen. »Und warum sollten wir Menschen es nicht sein?« »Weil wir unseres Wesens nicht sicher sind, unserer Notwendigkeit, unserer Absichten; weil unser Ich ein so vielfältig gesponnenes Seil ist, daß, wer es entwirren will, in seiner tiefsten Seele schwindelnd, davon ablassen muß, weil jeder neue Gedanke über die alten stolpert, sich in ihren Netzen verfängt und so im Kreise gewirbelt wird, dem er entrinnen wollte. – ›Ich‹, mein lieber Kastner, ›Ich!‹ Wenn die Rechte die Linke faßt, haben wir das ›Ich‹. So kommt man nicht von der Stelle und sieht doch in qualvoll klaren Augenblicken das Land, wohin man wandern soll.« Er schloß mit schwebender Stimme, nicht als ob er am Ende sei, sondern als ob er sich nur unterbreche, und tat einen unauffällig sichernden Seitenblick nach mir hin. Ich hütete mich wohl, ihn durch irgendeine Frage in seinem harten Stolz zurückzuschrecken, denn nach all dem, was ich aus seiner Umgebung und aus seinen vieldeutigen Äußerungen entnehmen mußte, handelte es sich nicht um die Folgen seines Konferenzvortrages, also um einen vorübergehenden Verdruß, sondern hier riß eine Seele an ihrem Grundreis. So harrte ich schonend. Aber ich harrte vergebens. Mein neuer Freund schwieg, und als ich nach ihm hinsah, bemerkte ich, daß er sein vergrämtes Gesicht gegen die Fensterscheiben gepreßt hielt und mit weiten, unbeweglichen Augen in den sinkenden Abend starrte. Als ich dieses Antlitz mit weichem Schmerz so den Schatten hingegeben sah, die unhörbar aus dem Himmel sanken, stieg plötzlich das Bild des keck-trotzigen Mannes vor mir auf, der mich einst am Bach in Wecknitz von sich getrieben hatte. Und ich weiß heute noch nicht, wo ich die Brutalität hernahm, ihn aus gnädigem Versinken zu reißen. Aus bloßen Vermutungen heraus, aber sicher, als wüßte ich alles, fragte ich: »So wollen Sie, willst du, in diesem Zweifel verwesen?« Er antwortete nicht. – Deswegen sprach ich weiter: »Dich auflösen, an deinem schwächlichen Erkennen verkommen – aber Faber, so rede doch! Nicht wahr, man hat dich aus dem Amte gejagt? Denn alles in deinem Hause sieht wie Flucht aus.« Da reckte er sich endlich langsam auf, sah mich mit einem schwachen Lächeln an und sagte mit leiser, versagender Stimme: »Man hat mich nicht fortgejagt. Leider. Aber was du von der Flucht gemerkt hast, das ist wahr – und nicht wahr. Ja und nein. – Die Regierung hat mir eine Rüge zugeschickt, und ich habe sie unterschrieben. Ich habe mir den Strick um den Hals gelegt, und nun kann ich nicht erwürgen. Verstehst du, und diese Sünde gegen mich habe ich aus Tugend begangen. Alles in mir und um mich ist verwirrt: Haß und Liebe, Furcht und Sehnsucht ...« Nachdem er den vorletzten Satz ins sinkende Grau der Luft gesandt hatte, wieder, als breche er ein monotones Lied ab, fügte er das andere murmelnd hinzu und sah mit auf die Brust geneigtem Haupte weiten Auges die Diele hin. »Du wirst vieles an mir seltsam finden,« setzte er dann mit einer vor Erregung matten Stimme fort, »für mich aber ist das Seltsamste, daß ich dich zum Ende rief und nun am Anfang stehe. Entweder ist meine Kraft meine Schwäche, oder dies Zagen bis in meine Seele hinein der einzige Weg zu meinem Frieden; du mußt wissen, es gibt Stunden im Menschenleben, in denen die Worte ihre gewohnte Bedeutung verlieren und die Gedanken wie Vögel in der Nacht sich bewegen, von denen man wohl den Flug hört, aber nicht weiß, welche Richtung sie nehmen.« Dann schwieg er, und ich fühlte dies Zagen als eine erneute Aufforderung, ihn auf dem Wege weiter zu führen, den er so gerne gegangen wäre. »Lieber Faber,« sprach ich dann, »rede alles, was du sagen mußt. Sicher bist du in einer jener Stimmungen, in denen Menschen die Tragweite ihrer Gedanken nicht mehr erfassen, und sie brauchen ein anderes Hirn zu ihrem Bewußtsein und ein anderes Ohr, ihre eigenen Worte zu hören und zu verstehen. Rede, und wenn du es forderst, so soll nie ein Wort dieser Nacht über meine Lippen kommen.« »Ich fordere nichts von dir, als was du selbst von deiner Seele verlangst«, sprach er mit schwacher Stimme, und jedes seiner Worte klang fremd, als läge in ihm schon der Duft und Ton einer anderen Zeit. »Siehst du, Kastner, wenn ich in mein Leben zurücksehe, so gleicht es ganz dieser Dämmerlandschaft, in der alles Bekannte ungenau, verschwommen, grotesk, alles Fremde sicher und vertraut erscheint. Sicher ist nur der in den Schatten vor sich, der die ungezügeltste Einbildung hat. Jeder Tag aber, den wir neu leben, sollte die makellose Folge unserer ganzen Vergangenheit sein. Wenn du mich heute so verstört und wirr gesehen hast, so ist nichts daran schuld, als daß ich an meinem Leben irr geworden bin, in dieser Unsicherheit jahrelang umsonst von den Schatten meiner Vergangenheit Klarheit verlangte und heute einen Entschluß gefaßt habe, der mir glücklich schien, solange ich allein war. Sobald du aber in meinem Hause mir gegenüberstandst, empfand ich ihn als eine qualvolle Verfehlung. Es ist wahr, der Einsame geht an sich eher in die Irre als der Laute im Strom der Menge. Das Heiligste verträgt den allzu scharfen, zudringlichen Blick nicht. Mit jenen Gründen, aus denen unser Wesen steigt, verbindet uns am stärksten ein vertrauensvolles Ahnen. Doch, was nutzt es? Unter meinem leidenschaftlichen, zweifelsüchtigen Bohren löste sich die Welt meiner Vergangenheit zum Spuk auf. Alle Schatten tränkte ich mit meinem Sinnen, und wenn ich sie jetzt frage, so antworten sie mir mit meiner Unruhe. Aber vielleicht sind wir Menschen alle Ströme, die im Sande verkommen. Vielleicht auch ging ich schon fehl, als ich meiner noch sicher zu sein glaubte. Vielleicht ... vielleicht ...« Kopfschüttelnd brach er ab, setzte sich auf den Stuhl neben sich, sah zu Boden und schwieg. Ich berührte ihn leise mit der Hand an der Schulter, und als er fragend das Gesicht zu mir erhob, sagte ich: »Faber, traust du mir nicht?« Hastig ergriff er meine Hand, und sie herzlich drückend, stieß er hervor: »Nein, nein, ich muß – ich muß mein ganzes Leben noch einmal durchkosten; dann wird es sich ja zeigen, ob ich zu Grunde gehen muß oder nicht. Jedenfalls will ich nicht gleich einem Narren zufällig in eine Grube stolpern und darin umkommen.« Dann lehnte er sich zurück und sah lange in die Nacht über sich, um endlich mit ganz leiser Stimme seine Erzählung zu beginnen: »Es läßt sich streiten, ob es besser sei, von seinen Ahnen zu wissen, oder über die Geschichte seines Geschlechtes im Unklaren zu bleiben. Sicher hat manchen der böse Geist deswegen unterjocht, weil die Versuchungen seines Blutes und die Kenntnis der Eigenschaften seiner Väter in ihm die Überzeugung hervorbrachten, er sitze in den Klammern eines unentrinnbaren Fatums. Jedenfalls weiß ich von meinen Voreltern gerade so viel und so wenig, daß meine Phantasie Boden genug hat, allerhand abenteuerliche Möglichkeiten für wahr zu halten. Gesehen habe ich von meinen Großeltern keines, und das Gesicht meiner Großmutter, von kindlichen Einbildungen geschaffen, schimmert manchmal aus der untersten Schicht frühester Erinnerungen neben den Rätselgestalten erster Märchen zu mir her, daß es geheimnisvoll und niegewesen wie diese erscheint. Trocken, herb und bitterböse starrt es aus einem roten Nebel herauf, und jene schreckhafte Luft steht um sie, die das Erscheinen des Alps in dämmrige Kinderzimmer bringt. Noch heute, wenn ich mit zurücksinkendem Gefühl mich jenen Gegenden meiner Seele nähere, in der ihr Abbild ein spukhaftes Leben führt, überkommt mich eine solche Beklemmung, daß ich mit meinem Blick ins Licht entrinnen muß. In heidnischen Städten bauten die Priester das Bild furchterregender Gottheiten auf einem Hügel über allen Dächern, damit die Menschen sich dem Banne überirdischer Not nie entziehen könnten. So wirkte das Leben dieser Frau auf das Schicksal unserer Familie. Nur selten, und dann vorsichtig und karg sprachen meine Eltern über die Geschicke meiner Ahnen, und so sind diese gelegentlichen Bemerkungen und ein Brief, den ich nach dem Tode meines Vaters in der Schublade seines Stehpultes fand, die einzigen Quellen für die Geschichte meiner Großeltern. Danach stammten beide aus Baden, und mein Großvater bekleidete beim Ausbruch der Revolution ein höheres juristisches Amt. Nach dem Schreiben zu urteilen, das er aus Offenburg an seine Frau, meine Großmutter, richtete, muß er ein unruhiger, leidenschaftlicher Mann gewesen sein. Als er, um der Freiheit besser dienen zu können, seine Stelle im Stich ließ, ging meine Großmutter von ihm und suchte mit ihren beiden Söhnen, damals noch Knaben im zarten Alter, vor der steigenden Unruhe Schutz auf dem väterlichen Gut im Elztal. Aus dem eben erwähnten Briefe ist zu entnehmen, daß meine Großmutter damals noch eine, wenn auch feste und stolze, aber im Grunde heitere Frau gewesen sei, die nicht bloß aus Ärger über Vernachlässigung den Mann auf Zeit verließ, sondern vor allem deswegen in den Wald auswich, weil ihr diese allgemeine Gleichmacherei und der Sturm auf geheiligte Institutionen mit Hilfe ausländischer Abenteurer ein Greuel war. Aber die Abwendung seiner Familie trieb meinen Großvater nur immer tiefer in den Trubel. Er zog am 13. Mai mit vor das Großherzogliche Schloß, reiste ruhelos im Lande umher, um die Unzufriedenheit zu schüren, und als durch den Einmarsch der Preußen das wirre Freiheitsregiment in Gefahr geriet, trat er in die Armee der Insurgenten ein. Auf diese Nachricht verließ meine Großmutter heimlich ihre Eltern und wagte sich, als Bäuerin verkleidet, unter die Aufrührer, nicht, um an dem Kampfe teilzunehmen, sondern ihn im letzten Augenblicke vor dem Schlimmsten zu bewahren und zu sich herüberzureißen. Aber sie kam zu spät. Im Treffen bei Waghäusel ereilte ihn sein Geschick. Als nämlich an diesem Tage auf die Kunde vom Herannahen des Groebenschen Korps die Freischärler den Widerstand aufgaben und die Flucht ergriffen, stürzte er, wohl aus Verzweiflung und Zorn über ihre Feigheit, allein gegen die feindlichen Bajonette und fand so den Tod, den er gesucht hatte. Meine Großmutter hat seinen Leichnam vom Felde geholt und begraben. An diesem Tage wurden wohl ihr Lebensmut und ihre ganze Seele mit verscharrt. Sie verließ ihre Heimat und kam 1850 nach Heisterberg. Schon damals soll sie das Aussehen einer Greisin gehabt haben, ein langes, mageres Gesicht voll tiefer Längsfalten, die hohe Stirn gefurcht, und einen bitteren, drohenden Ernst in den schwarzen Augen. Bis an ihr Lebensende ging sie nie anders als in tiefer Trauer; nicht nur der Kleidung nach. Wortlos hat sie die Jahre durchmessen, ohne Lächeln, ohne Grimm, ernst und fern, daß alle, die sie gekannt, bei ihrer Berührung Schmerz und Grauen ergriffen hat, weswegen jeder glaubte, sie sei von krankem Tiefsinn besessen. Aber sie wußte stets, was sie tat, wenn die Mächte, denen sie gehorchte, auch den Menschen verborgen blieben. Wohl um ihre beiden Knaben aus Verhältnissen zu reißen, die sie leicht in die unselige Bahn ihres Vaters ziehen konnten, verließ sie ihr Vaterland und gründete sich zu Heisterberg in Schlesien mit den Resten ihres Vermögens eine bescheidene Existenz. Die Monotonie ihres Schmerzes, die übertriebene Strenge eines verängsteten Herzens, all die Enge, Härte und Unnahbarkeit, die um diese todeswunde Frau immer lasteten, waren kein Boden für die Buntheit und Freude, nach der nun schon alle Kinder langen, nach der auch ihre beiden Knaben hungerten. Der jüngere, eine ungebärdige, hochbegabte Seele, zerriß die Kette des mütterlichen Regiments als siebzehnjähriger Bursche, indem er vom Krankenlager weg, kaum genesen, mit der Nonne, die ihn gepflegt hatte, durchging und nie mehr etwas von sich hören ließ. – Meine Großmutter muß die bei Frauen so seltene Scheu vor vollzogenen Tatsachen besessen haben, denn sie rief weder nach dem Verlorenen, noch holte sie sich ihren Älteren, meinen Vater, heim, der in jener Zeit schon als Geselle in der Fremde arbeitete. Aber ihr war auch nicht mehr soviel Mut geblieben, das Unabwendbare still hinzunehmen. Nicht, daß man anfangs ihrem Leben die leiseste Wirkung des schweren Schlages angemerkt hätte. Still und aufrecht, fern und gelassen ging sie durch ihre Tage. Gegen den Herbst hin aber kam langsam eine ihr gänzlich fremde Weichheit über sie. Die sonst stets geschlossenen Fenster ihrer Wohnung standen den ganzen Tag offen, und die froh-unruhigen Rufe der Wandervögel drangen in die stumme Stube. Dürre Blätter, die ein Windstoß auf die Dielen legte, hob sie mit vorsichtigem Finger auf, als seien es Schmetterlinge, und wenn sie in das große Sterben draußen herniederwirbelten, schaute sie ihnen mit einem Gesicht nach, unter dessen Unbeweglichkeit der Glanz einer großen Freude zu schimmern schien. So stand sie und sah oft stundenlang durch die Kronen des Gartens auf den Himmel, der sich von Tag zu Tag mehr umwölkte. Als die Zeit herangekommen war, in der durch tiefe, unbewegliche Nebel dann und wann ein rotes, windvergessenes Blatt taumelt, ein letzter, müder Sonnenfunke, erhob sie sich nicht mehr von dem Stuhle, den sie sich hart an die Scheiben gerückt hatte. Vom Morgen bis in den Abend hinein saß sie in seltsam aufgereckter Haltung, und die Füße waren zusammengestellt, wie in steter Bereitschaft zum Gange. Hin und wieder, je weiter dies unheimliche Erstarren fortschritt, immer länger, ließ sie ihren Kopf in den Nacken sinken und starrte mit weiten, unbeweglichen Augen über sich. Dort droben in der Tiefe sah sie wohl Wege, deren unentwirrbaren Verschlingungen sie nachsann, und hob sie die Stirn wieder herüber, so lag das unerbittlich herbe Antlitz in dem weißen Haar wie das Gesicht einer Toten im Schnee. Nie mehr entkleidete sie sich; selbst während des Schlafens kamen die Schuhe nicht von ihren Füßen, bis sie eines Tages nicht mehr aufstand. Von der Aufwärterin, die an ihrem Bette erschien, verlangte sie Schreibzeug und Papier. Mühsam sitzend, kritzelte sie das einzige Wort »Komm!« auf eine Karte und adressierte sie an meinen Vater. Als der nach drei Tagen eintraf, lag sie schon in den Schatten des Todes. Mit einem bösen Blick vertrieb sie die Wärterin aus der Stube. Dann hörte man den Riegel im Schloß der Tür gehen. Am Abend trat der Herbeigeeilte blaß und tiefernst aus dem Krankenzimmer. Drin aber lag eine Tote. Was die Sterbende in diesen letzten Stunden zu meinem Vater geredet, habe ich erst sehr spät erfahren. Unnatürlich gereckt, wie in der Entschlossenheit eines zu allem bereiten Willens, lag die Leiche im Sarge, angetan mit ihren werktäglichen Kleidern, die Schuhe an den Füßen, ein Tuch um die Schulter geschlagen. Zwischen den zu Fäusten geschlossenen Händen steckte ein Kreuz. Auf den halbgeöffneten Lippen, in den heraufgekehrten Sternen der weit aufgerissenen Augen lag ein letztes, verzweifelt-furchtbares Drohen. So ist sie, ihrem Wunsche gemäß, auch begraben worden. Wenige, meist alte Weiber, die aus Gewohnheit und Langeweile mit jeder Leiche gehen, erwiesen ihr die letzte Ehre. Wir waren eine fremde Familie, von weit her, meine Großmutter hatte nie Anschluß gesucht, sondern systematisch jede Annäherung durch Verdoppelung der Herbheit von vornherein abgelehnt. Was sollte man sich um die Tote kümmern? Die Handvoll Leute standen nicht harmlos in dem wohligen Schmerz, der eine so seltsame Sicherheit gibt, umher, sondern offensichtlich hielten sich die meisten von dem Grabe fern. Nur da und dort wagte ein Kühner näher zu treten und mit langem Hals auf den Sarg in der Grube zu blicken, als halte es die ganze Versammlung für gar nicht so unmöglich, daß es der Toten einfallen könne, den Deckel zu sprengen und kraft ihrer geheimnisvollen Macht mit den mageren Händen am Grabesrand heraufzuklimmen und unter Hohngelächter alle davonzutreiben. Sie lag ja nicht ergeben wie andere da unten, sondern zu allem bereit, mit lauernd-weiten Augen, das Kreuz wie einen Hammer in der gefausteten Hand, hockte sie gleich einem argwöhnischen Wächter in ihrer Erdnische und verfolgte alles mit unbestechlich bitteren Augen, was oben im Lichte vorging. Mein Vater hat während der Zeremonie dagestanden wie ein Bild aus Stein: aufrecht, tränenlos, eine finstere Blässe im Antlitz, selbst ohne jenes leise Vibrieren des Schmerzes, das auch sonst starke Menschen im Unglück durchlauft. Am Ende soll er drei große Schaufeln Erde auf den Sarg seiner Mutter mehr geworfen als geschüttet haben. Dann wendete er sich schroff ab und schritt einsam nach Hause. Diesem und jenem aus dem Grabgeleit, der sich verstohlen nach meinem Vater auf dem Heimweg umschaute, soll er ganz verwandelt vorgekommen sein, als ob man seine Jugend verscharrt habe. Aufrecht, düster und ein wenig spöttisch, gleich seiner Mutter, sei er für sich hingegangen, mit langen, unbeirrten Schritten. Durch den Tod werden nahe Menschen erst in uns geboren. Die wundergläubigen Augen des Volkes sahen nachher in mancher schwarzen Wolke, die still und düster durch den Mondschein über unserem Dach hinwandelte, das Gespenst meiner gestorbenen Ahne, das wohl auch unbeweglich da droben stehen blieb, bis es beim Geläut der Morgenglocke brausend zerstob. Erst viel später, da meine Seele schon unrettbar in dem Strom eines schweren Schicksals untergetaucht war, erfuhr ich von dem Spuk, auf dessen Einfluß man allgemein die Fügungen zurückführte, von denen unsere Familie heimgesucht wurde. Aber da kochte mir der Kopf noch so toll, daß ich nicht Zeit fand, mich nach meiner Ahne in den Wolken umzusehen. Nur jetzt, da die Kette, an die ich geschnürt bin, von Jahr zu Jahr kürzer wurde, so daß ich mit meinen Füßen nur um meine Füße laufen kann, erliege ich an manchen drückenden Abenden dem Wahn, die harte Alte fahre über dem Rücken der Feistelberge langsam durch die Luft und drohe mit den Augen zu meinem Fenster herüber. Gerade dort, durch den Sattel kommt sie dann.« Faber wandte den Kopf eine Weile nach dem Fenster hin, als wolle er prüfen, ob das Gesicht, von dem er gesprochen, ihn eben wieder schrecke, ruckte aber jäh wieder herum und brach in ein spöttisches Gelächter aus. Noch ehe es verklungen war, wurde vorsichtig an die Tür geklopft. Er rief barsch sein »Herein« und sprang auf, als wollte er dem Kommenden entgegengehen. Als aber Liese langsam und umständlich, mit Lampe, Tischtuch und noch vielem anderen beladen, unter schüchternem Gruß zu uns hereintrat, hielt er mitten im Schreiten inne und maß sie mit einem langen Blick. Dann wandelte er weiter an den verlaufenen Stühlen hin, an der Kleiderkiste vorüber, bis in die Nähe der Fenster, immer das Auge brütend gesenkt und die Hände auf dem Rücken. Liese kam und ging indessen lautlos ein und aus. Sie trug ein buntgeblümtes Kattunfähnchen, eine weiße, umkrauste Schürze und litt augenscheinlich unter meiner Gegenwart und der bitteren Insichgekehrtheit Fabers. Einigemal huschte ihr braunes, übergroßes Auge zu ihm hin. und weil sie sich von mir beobachtet fühlte, lächelte sie jedesmal schwach hinterher, um mich irrezuführen. »Es ist gedeckt«, sagte sie endlich leise und trat vom Tisch zurück, gegen die Tür hin. »Schön,« antwortete Faber und fuhr aus seinem Nachsinnen herauf, »und nun gehen Sie nach Hause.« »Erst werde ich aber doch das Geschirr wieder mitnehmen müssen.« »Ja, richtig. Natürlich!« »Und dann will ich auch warten, weil doch vielleicht noch dies und das zu holen ist.« »Liese!« sprach Faber jetzt gedehnt und ironisch betont. Dabei sah er sie so scharf an, daß das Mädchen ganz verwirrt wurde. »Nun ja.« antwortete sie, jäh errötend, »und dann kommt doch Schröfel noch um achte.« »Er soll morgen noch einmal nachfragen. Es wird sich ja zeigen.« Liese hatte während dieses Gesprächs die verirrten Stühle geordnet und bückte sich eben nach der Kleiderkiste. Bei den letzten Worten Fabers schrak sie herum und stotterte erbleichend: »Ich sollte ihn aber doch abbestellen.« »Nein, es kann sich doch wohl noch ändern«, antwortete Faber gezwungen – leicht, ihren plötzlich ratlos gewordenen Blicken ausweichend. Einen Augenblick stand das Mädchen betroffen da. Dann sagte sie dumpf: »Nu da«, und ging hinaus. Ihre abfallenden zierlichen Schultern waren noch hängender, das Köpfchen auf dem schmalen Hals tief geneigt, das ganze krankhaft feine Figürchen eingesunken. Zögernd knarrte die Tür ein; unentschlossen, dann und wann aussetzend, hörten wir ihren leisen Schritt auf der Stiege. Wir sahen schon am Tisch, und Faber lauschte mit dem Ausdruck der Trauer ihrem verhuschenden Gange. Plötzlich riß er sich zurück und sagte: »Ja, das nutzt eben nichts!« Dabei zuckte er leidenschaftlich die Achseln und atmete tiefer aus. Weil ich ahnte, daß zwischen den beiden eine tiefere, feinere Unstimmigkeit herrschte, als die gelegentliche Mißhelligkeit zwischen Herr und Dienstbote, hütete ich mich, mit einem Wort daran zu rühren, sondern kam, ein klein wenig innerlich beklemmt, der Aufforderung Fabers, tüchtig zuzulangen, nach. Denn ich war gewiß, die nächsten Stunden würden auch über diese Angelegenheit Licht verbleiten. Das behagliche Gespräch, wie ich es beim Mahle liebe, war aber mit meinem Gegenüber nicht in Gang zu bringen. Er begnügte sich mit halben Antworten und hantierte dann wieder leidenschaftlich mit dem Eßgerät, stumm und eilig, wie es die Art Einsamer ist. »Dein Vater übernahm nach dem Tode seiner Mutter das Anwesen?« fragte ich darauf, denn ich hoffte, Faber so wieder in Bewegung zu setzen. »Anwesen. Na ja. Es war ein einstöckiges, holzgedecktes Häuschen, eng und verwinkelt, das ein wenig in die stille Wiesenstraße hineinsprang.« »Von seinem Bruder hat er auch damals nichts erfahren?« »Nichts. Das Gericht erließ, wie das in den Fällen üblich ist, eine Aufforderung in allen Zeitungen an ihn, sich zu dem Erbe zu melden. Ohne jeden Erfolg. Es war wenig zu holen, und ihm lag wohl daran, verborgen zu bleiben. »Dein Vater blieb lange ledig?« »Ja, aber wie kommst du zu der Ansicht?« »Nun, ehe seine Seele sich mit der toten Mutter ganz auseinandergesetzt hatte, mußte wohl eine lange Zeit vergehen.« Faber sah mich verlorenen Auges lange an und antwortete dumpf: »Hast recht, hast ganz recht. Vielleicht war es ihre Absicht, meine Geschwister und mich überhaupt zu hintertreiben. Es sieht wirklich fast aus, als sei ich unberechtigter Weise auf der Welt.« Bei diesen Worten nickte er schwer mit dem Kopfe, indeß er hüstelnd Brotkrümchen auf dem Tischtuch zusammenlas. »Aber Faber!« »Nein, nein«, antwortete er heftig auf meine Mahnung. »Muß eine Mutter, die im Leben vollständig Schiffbruch gelitten hat, nicht sehnsüchtig wünschen, daß ihren Kindern ein gleiches Los erspart bleibe, und kann der Mensch anders vor der Qual des Lebens bewahrt werden, als daß man seine Geburt verhindert? So ist wohl der Schatten der Toten immer drohend mit meinem Vater aus- und eingegangen und hat an seinem Bett gesessen und sich über seine arbeitenden Hände gebeugt. Es sind gewiß schlimme, finstere Jahre für ihn gewesen. Mit seinem Handwerk ging es auch nicht vorwärts. Oft waren Pfennige seine ganze Barschaft. Er hat mir manchmal davon erzählt. Aber zuletzt – zuletzt – es kann nicht anders gewesen sein – die toten Menschen haben eine größere Kraft über uns als die lebendigen; ihre Liebe ist Unerbittlichkeit; ihr Mahnen Drohen; ihr Ernst hat nur Peitschen, und ihre Enttäuschung über uns wird zur Verzweiflung des Herzens. Ob wir zurückweichen vor ihnen, ob wir ihren blassen Spuren folgen: es ist gleich, wir verfallen immer tiefer jenem unwandelbaren Erstarren, aus dem heraus die Entschlafenen schrecken oder anziehen. Und ehe mein Vater von seiner toten Mutter ganz ausgesogen war, stellte er in der Notwehr zwischen sie und sich milde, still verzückte Augen, eine reine, tiefe Seele und ein heiliges, liebes Herz: sein Weib, meine Mutter.« Faber hatte zu essen aufgehört und starrte, die Arme aufgestützt, jetzt stumm auf den Tisch. »Du willst damit sagen,« sprach ich, »daß eigentlich nicht Liebe sie zusammengeführt hat?« »Liebe,« erwiderte er dumpf, »wenn man darunter die Tanzwanderung nach einer außerirdischen Sonne versteht, nein; aber insofern Liebe des Lebens tiefste, unumgängliche Notwendigkeit ist, ja. Trotzdem ehelichte mein Vater meine Mutter nicht, sondern nahm sie nur zu sich.« »Er schloß also eine Gewissensehe?« fragte ich. Faber lächelte spöttisch. »Nein, nein! Alles war komplett: Aufgebot, Trauung mit Ring, Weihe und Pfarrer. Gott bewahre! Aber sie blieben Getrennte auch nach der Vereinigung. Das weiß ich gewiß, denn ich erlebe es an mir bis heute. In jeder Neigung und Hoffnung, in jeder Sehnsucht und jedem Entschluß bin ich gespalten. Wir müssen, nicht weil wir wollen, sondern aus Zwang, aus unerbittlicher Not heraus. Ich kann eher aus der Welt hinausspringen als aus dem Tanz, zu dem die da drunten mir aufspielen.« Ich begnügte mich damit, den Kopf verneinend zu bewegen. »Nicht?« fragte mich Faber und sah finster aus. »Nein,« antwortete ich fest und ruhig, »denn dann hätte unser Leben keinen Zweck und keinen Sinn, als die Zwecklosigkeit und den Widersinn derer, die wir zeugen und dadurch in den Tod hetzen. Siehe, alle unsere Handlungen nach der Vergangenheit werten, heißt immer in der Nacht bei Lampenlicht arbeiten. Erinnerung ist eine Denktätigkeit. Können wir nicht Denkfehler begehen, und hast du vorhin nicht selbst gesagt, daß unter zweifelsüchtigem Bohren dein ganzes Leben sich in Spuk auflöst?« Faber saß auf diese Entgegnung eine Weile betroffen da, dann sprang er so heftig auf, daß sein Stuhl polternd zurückfuhr und begann, die Hände tief in die Taschen gewühlt, stark in der Stube auf- und niederzuwandern. Kaum war er dreimal die kurzen Dielen hin- und hergeschritten, als Liese die Tür geräuschlos öffnete, erschreckt stutzte und, weil ich auch aufstand, herankam und den Tisch abräumte. Sie war noch immer tiefblaß und verängstet. Faber aber trat sofort ans Fenster und sah hinaus. Ich nahm ein Buch, und darin blätternd warf ich dann und wann einen Blick auf die beiden. Ohne das Auge zu erheben, ordnete Liese alles, langsam und Peinlich genau, wie mir schien, mit Absicht trödelnd. Doch mein Freund regte sich nicht, sondern war in dem Anblick der schönen Nacht versunken. Da ging sie endlich, hielt in der Tür einen Augenblick inne, richtete ihren Blick nach Faber hin, als wolle sie ihn anreden, atmete aber nur tief und verschwand. Auf das Einschnappen des Schlosses erhob sich Faber eilig und ging ihr nach. Ich hörte ihn auf der Treppe gedampft und gütig auf sie einreden, die mit Trauer in der Stimme antwortete. Als er wieder hereingekommen war, trat er vor mich hin und schüttelte lächelnd den Kopf. »Ein seltsames Mädchen! Sie bildet sich ein, wir könnten sie noch zu dieser oder jener Hilfeleistung brauchen und ist mit nichts zu bewegen, nach Hause zu gehen. – Da wird sie nun da unten sitzen und gespannt auf jeden Laut und Schritt von uns lauschen. Was soll man da machen?« Die letzten beiden Sätze waren durch eine Pause von seinen übrigen Worten getrennt. Sie furchten die Stirn schon wieder mit der tiefen, bösen Falte über der Nasenwurzel und zitterten von Leidenschaft. Ich konnte nur nicht erkennen, ob diese Bitterkeit sein Ernst oder seine Maske war, und noch ehe ich mit behutsamen Worten an diesem Schleier rühren konnte, trat er schon wieder von mir weg und lehnte sich zum offenen Fenster hinaus. Er riß sich rasch von mir los, wie Menschen tun, die empfinden, daß des anderen Seele ein Ahnen auf sie richtet, dessen Aussprechen sie verhindern wollen. Ich folgte lächelnd und beugte mich neben ihm hinaus. Er machte mir Platz, so gut es ging, löste aber den Blick seiner Augen nicht von dem Himmel, der in reiner Bläue sich über dem tiefschwarzen Rücken der Feistelberge spannte. Das Licht seiner Steine zuckte und glomm unruhig, als flackere es unter der Wucht eines unhörbaren Sturmes. »Liese scheint mir von der Hartnäckigkeit besessen zu sein, die schwächlichen Menschen eigen ist.« Mit diesen Worten, die ich möglichst belanglos sprach, nahm ich gegen seinen geheimen Willen die Unterhaltung wieder auf. »Ja, aber sie hat die Hartnäckigkeit der Güte«, antwortete er nach einer Pause. »Dann, denke ich, müßte sie aber gerade deinem Wunsche nachkommen und zu Hause ihrer überbürdeten Mutter helfen. Du sagtest doch, sie sei die Älteste einer armen, kinderreichen Familie. »Nun, sie wird schon gehen«, sagte er nach längerem Schweigen und setzte bald darnach, um die Unfreundlichkeit seiner Worte abzuschwächen, wie mir anfangs schien, aus purer Verlegenheit hinzu: »Es ist ein Glanz, ein Glanz ... da drüben, rundum, die Sterne! ...« und seine Stimme brach wieder im Schweben ab. Aus tiefer, strömender Hingegebenheit redete nach kurzer Pause seine untergetauchte Seele zu sich: »... und sie kehren sich nicht daran, was ich von ihnen will, und wenn ich mich auch wegwende und trübsinnig auf meinen Schatten stiere, so blühen sie weiter hinter meinem Rücken. Vielleicht sind Ideen über das Leben die tiefsten Verfehlungen am Leben. Warum kann man nicht heute noch wie ein Kind sich genügen lassen an dem Schimmer, den uns das Licht ins Haar flicht? Die Welt ist ja nicht anders geworden. Das glimmt und strahlt noch wie in der Kindheit, und nichts hindert mich im Grunde, den Garten da drunten für das Gärtlein hinter meines Vaters Haus in der Wiesenstraße zu halten. Komm, setzen wir uns hinein. Unser kleines Haus war von irgendeinem armen Teufel, den niemand mehr kannte, an einen kurzen, jähen Hang gebaut worden und hielt sich nur mit einem tiefen Felsenkeller in der Erde fest. Mein Vater sagte einst: die alte Budike wird noch einmal ganz herunterrutschen und nimmt uns alle mitsammen mit, und wenn des Dorn-Schusters Haus drüben nicht stände, so spränge sie wohl über die Gasse hinüber und fiele gar hinunter bis auf die Brauergasse zwischen die Steinmauern. Da lag ich oft bis tief in die Nacht hinein und lauschte, ob das Haus sich aufmache, unversehens mit all den schlafenden Menschen den kühnen Gang zu wagen. Ich hatte einen festen Glauben an die friedliche Sicherheit seiner Mauern, wenn auch die vordere Wand sich schief gegen die Straße stemmte, als wehre sie herzhaft einem verborgenen Wagemut, der irgendwo seinen Sitz hatte. Ja, ich vertraute unserem niedrigen, hochgegiebelten Holzhause mit seinen verträumten Fenstern ganz. Und wenn es ja einmal anderen Sinnes werden sollte, so konnte nur der Wind schuld sein, von dem ich damals glaubte, er niste wie die Vögel in den Bäumen unseres Gartens, weil er auch so zu fliegen verstand wie sie und noch viel mehr. Am Tage war er unsichtbar; in der Nacht aber, wenn ich so lag und horchte, nahm ich wahr, wie er in den Bäumen aufwachte, die davon erschraken und erst hohe, klagende Töne ausstießen. Allein niemals kehrte er sich an ihre Angst, sondern wurde stark und stärker, daß endlich alle Bäume ganz laut zu schreien begannen, am lautesten der hohe Birnbaum am Pförtchen, an dessen Stamm die Hundehütte für unsern Murr stand. Selbst der Haselstrauch hinten an Sebalds hohem Bretterzaun ließ es sich nicht gefallen, und ich hörte ihn ärgerlich wispern, wenn die großen Bäume ein wenig still waren, um Atem zu schöpfen. Der Wind kehrte sich nicht an die Starken und die Schwachen; er schlug nur immer auf sie ein in schweren Stößen, bis er sich endlich aus ihren Kronen losgemacht hatte und in langem Brausen über unser Haus flog. Das sollte immer mitfliegen. Doch es mochte nicht, denn es wußte, wir alle schliefen in ihm und durften nicht gestört werden. Ob der Wind es auch stieß, so viel er konnte, daß es vor Angst bebte und mit seinen Fenstern klirrte, es wich aber doch nicht von der Stelle, unser braves Haus, sondern wehrte sich, so gut es ging, heulte mit den kurzen Essen, schrie kreischend mit seiner Wetterfahne und knirschte vor Wut mit den Wänden bis tief in die Erde hinein. Ein paarmal bog ich mich aus dem Bett und guckte hinaus in die Nacht. Da stand der Himmel strahlend blau, die Sterne flimmerten und flirrten scharf und grell, und dann und wann sah ich des Windes schwarze Wolkenflügel eilend darüber hinjagen, daß selbst die Sterne ihre schönen glänzenden Augen vor Entsetzen schlossen. Dann kroch ich schnell und ängstlich zurück und wühlte das Gesicht in die Kissen, weil ich dachte, nun würde das Haus doch nicht länger widerstehen, sondern gleich mit uns allen in die Brauergasse hinunterstürzen zwischen die Steinmauern. Ich schloß die Augen und fühlte schon bald, wie ich flog, wiegend und schwang immer weiter hinaus und hinauf, an den Sternen vorbei, bis in den Himmel hinein. Unser Murr lief hinter mir her, und ich hörte ihn immer schwächer tief unter mir bellen. Manchmal folgte auch meine Mutter mir Davongetragenem. Sie breitete die Arme nach mir aus und rief mit hoher, klagender Stimme. Aber es gelang mir zum größten Schmerze nicht, mich von der Gewalt, die mich hinauswiegte, loszumachen. Und oft war am Morgen mein Kissen noch naß von den Tränen, die ich im Traume vergossen hatte. Dann blieb ich immer solange liegen, bis die Nässe verschwunden war, denn um alles in der Welt hätte ich nicht über mein Traumerlebnis und meine geheimen Besorgnisse reden mögen. Aber mich, nach der niedrigen Decke unseres Kinderstübchens schauend, ruhte ich noch halb im Banne der seltsamen Nachtgesichte, lauschte ihren Tönen in mir nach und genoß mit geschlossenen Äugen den bunten Wandel ihrer Vorüberflucht oder sah meinen beiden Geschwistern, Peter und Resa, zu, die sich unter großem Geräusch zum Schulgange rüsteten. Während die beiden nach ihren vielverstreuten Kleidungsstücken umhertobten und bei den vielfältigen Zusammenstößen ein jedes in seiner Weise explodierten, Peter in etwas ingrimmiger Tätlichkeit. Resa in tränenvollen Beteuerungen ihrer Unschuld, die endlich in Injurien übergingen, fühlte ich kleiner, traumumfangener Nesthaken mich weit von ihnen entfernt und war nicht imstande zu begreifen, wie meine älteste Schwester so lieb zu den beiden Unholden sein konnte. Sie war schlank und blaß, ihr Gang fast lautlos und so ruhig, baß der überdicke, weißblonde Zopf auf ihrem Rücken sich kaum rührte. Nie verließ sie ein singender Friede, nie ihre immer stummfrohe Ruhe. Mit unbestechlicher Konsequenz versah sie die ihr übertragene mütterliche Hilfe und verstand es, dem unerträglichen Wortschwall Resas sowohl wie den tätlichen Insulten Peters endlich einen Dämpfer aufzusetzen, ohne mit dem unendlich gefürchteten elterlichen Eingreifen zu drohen. Einst aber, als Resa von einem unvermuteten Stoß ihres Erbfeindes Peter zwischen zwei Stühlen so zur Erde geschlagen war, daß ihre Stirn blutete, wandte sie sich, noch blasser als sonst, nach der Tür, um wirklich den Vater herbeizurufen. Da entfuhr meinem Bruder ein schleckvoller Fluch. Als Anna dies schlimme Wort gehört hatte, stand sie einen Augenblick wie gelähmt, ihre blauen Augen kummervoll auf den Missetäter geheftet, der immer tiefer in den Winkel zwischen Bett und Wand kroch. Dann sank sie auf einen Stuhl, bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und stotterte unter Schluchzen: Ach, Peter, jetzt wird dich Gott strafen. In diesem Moment sah ich von meinem Spiel auf und bemerkte, daß mein Bruder kohlschwarzes Haar und unbewegliche, dunkelglühende Äugen habe. Weil ich das früher an ihm noch nicht bemerkt hatte, glaubte ich, das sei die Strafe für seine Todsünde, und hielt mich seit dieser Zeit aus verborgener Furcht von ihm noch ferner. Auch an dem Morgen, der mir eben in der Seele steht, nach einer Nacht, in der ich vom Traum wieder durch rätselvolle Weiten geführt worden war, erhob ich mein Äuge aus kindlich wichtigem Sinnen und sah, wie meine Geschwister die Tür stürmten. Resa war, ihre Tasche schwenkend, schon hinaus, Peter beugte sich noch einmal in die Stube herein und blies aus Leibeskräften auf mich zu, als habe er die Absicht, mich mit seinem Atem von der Bettkante herunterzuwehen. Seine Augen waren in der Anstrengung noch größer und starrer; sein voller, aufgetriebener Mund, die ungewöhnliche Rundung seiner Wangen, die leidenschaftliche Verzerrung des ganzen Gesichts flößten mir kleinem Menschen doch so viel Furcht ein, daß ich vorsichtshalber unter meine Decke kroch. Als ich mich wieder hervorwagte, klang Peters Lachen schon von der Stiege her, und Anna stand vor dem kleinen Spiegel. Sie hatte ihre schweren, blonden Zöpfe heraufgenommen und legte sie versuchend bald so oder so über den Scheitel. Durch den winzigen Scherben mußte sie wohl meine Augen gesehen haben, die mit stiller, ernster Aufmerksamkeit all ihren Bewegungen folgten, denn plötzlich warf sie ihre reichen Haare wieder zurück und wendete sich mit feinem Lachen um. »Na, was siehst du denn so eigen auf mich, Franzel?« fragte sie mich unter glühendem Erröten. »Wenn du die Haare so hast wie vorhin, kannst du da auch eine Königin werden?« fragte ich wieder. Da stürzte sie auf mich zu und küßte stürmisch mein ganzes Gesicht, indem sie mich immerfort dummes Franzel nannte. Das gefiel mir nicht lange, und ich wollte aufstehen. Während sie aber sonst beim Anziehen mit mir sehr übermütig war und mich oft unversehens in die Luft schwang und herumtanzte, klagte sie diesmal über Schmerzen in der Brust, als sie mich auf den Stuhl hob. Ich aber achtete nicht darauf, daß sie dasaß, die Hände auf den Schoß faltete und schwer nach Atem riß, sondern schlug mich schon wieder geheim mit Bedenken, was werden solle, wenn der Wind einmal unser Haus einstieß. »Kann Peter auch Wind blasen?« fragte ich. »O ja«, antwortete sie. »Solchen Wind, wie er in den Bäumen schläft und über unser Haus geht?« drang ich wieder in sie. »Nein, solchen nicht«, gab sie mühsam zur Antwort. »Aber der Luftwind kann ein Haus einschmeißen?« fragte ich weiter. »Freilich«, antwortete sie leise. »Und den Himmel auch und die Sterne auslöschen?« So belästigte ich sie in einem fort. Anna legte endlich die Hand auf meinen Kopf. Da fühlte ich, wie sie leise zitterte, und ich hörte auf, von dem Winde zu sprechen, damit sie sich nicht noch mehr ängste. Dann gingen wir in den Garten an Murr vorüber, der vor seiner Hütte saß und freudig den Schwanz im Grase rührte. Sonst mußte er »Schön« vor uns machen und das Pfötchen geben. Heute aber wandelten wir an ihm vorbei, und er hörte auf zu wedeln, hielt gedankenvoll den Kopf schief und sah uns ernst an. Es war ein ganz stiller, weißleuchtender Maimorgen, die Bäume ragten viel höher in den Himmel als sonst, dann und wann fiel eine Blüte aus den Kronen in das Gras herunter und lag dann im Grün, als sei sie aus der Erde gewachsen. Ich fragte, ob die andern Blumen auch aus dem Himmel kommen, und meine Schwester sagte ja, das geschehe in der Nacht, wenn alle Menschen schlafen. Sie fallen von dort her zu uns, wo die Sterne blühen. Deswegen sehen die meisten auch aus wie Sterne, und manche sind weiß und gelb wie diese. Die Kinder und alle Menschen stammen auch aus dem Himmel und dürfen dahin zurückfliegen, wenn sie müde geworden sind auf der Erde. Dann wandeln sie droben zwischen den Sternen, wie sie hier unten an den Blumen hingegangen sind. Wir spielten an der rechten Langseite des Gartens auf und nieder, wo eine Reihe Stachelbeersträucher standen, unter deren Blättern schon kleine, grüne Beerchen hingen. Denn an Sebalds hohen Bretterzaun wagte ich mich nur ganz selten, weil wir uns vor dem Manne fürchteten, den noch niemand gesehen hatte. Es ging das Gerücht unter uns Kindern, es sei ein mißgestalteter Zwerg, der immer mit einer scharfen Hacke hinter dem Zaune auf uns lauere. Wir hörten ihn manchmal unter bösem Murmeln Steine an die Bretter werfen oder mitten in unser Singen und Spielen mit schriller Stimme schimpfen. Deswegen zog ich meine Schwester auch an diesem Morgen zurück, wenn sie sich allzunahe an den Haselstrauch heranwagte, der in der Ecke nach Sebalds Garten breit und ungestört wucherte. Indessen stand mein Mund nicht still. Aus den großen, blauen Augen, mit denen Anna meinem Heraufschauen immer voll stiller Güte begegnete, schöpfte ich einen Mut zu Bekenntnissen aus dem Innersten der Seele, der mein Herz beklemmte und doch antrieb, sich immer aufs neue zu offenbaren. »Nicht wahr,« fragte ich meine Schwester weiter, »der Wind trägt die Leute in den Himmel?« »Nein, das tun die Engel«, sprach sie. »Die sendet Gott jedesmal, wenn ein Mensch auf Erden im Tod liegt«, antwortete sie und stand still und sah über sich, wo im hellen Blau eben ein paar weiße Wölkchen schwammen. »Sieh dort, so weiß sind ihre Kleider, und so unhörbar wie die Wolken nahen die Engel den Menschen und nehmen sie mit sich.« Lange schauten wir den glänzenden Wolken zu, so lange, bis sie im Lichte zergingen. Mir war recht ängstlich zu Mute, daß die Engel, die die Leute von der Erde holen, so nahe über uns flogen, deswegen atmete ich erleichtert auf, als sie verschwunden waren. »Aber den Sebald, der immer mit der Hacke hinter dem Zaune steht, den holen die Engel nicht, wenn er stirbt,« sagte ich nach einigem Sinnen, »den graben die Männer in die Erde,« fragte ich weiter. Aber Anna gab mir darauf keine Antwort, sondern fuhr mir nur mit zitternder Hand wieder über die Haare. Um die Stachelbeersträucher wuchsen viele Blumen, besonders goldgelbe, deren Blütenblätter schön regelmäßig um einen noch satter gefärbten Knopf in der Mitte wie die Speichen eines winzigen Rades standen. Wir nannten sie Spinnrädchen und liebten sie mehr als die andern Blumen dieser Zeit. Anna sagte plötzlich, sie sei müde und setzte sich. Ich war damit einverstanden, weil ich glaubte, sie wolle mir einen Kranz flechten. Aber kaum hatte sie sich niedergelassen, als sie sich zurücklehnte, die Arme rückwärtig unterstützte und schwer nach Atem rang. Ihre Wangen waren weiß, und Mund und Augen öffnete sie so weit, daß ich meinte, sie wolle »Sterben« spielen. Doch sie erhob sich wieder, sammelte keuchend und übereilig Blumen auf ihre Schürze und begann sie zu ordnen. Ich sprang auf und holte auch Blüten, soviel meine kleinen Hände zu fassen vermochten. Anna saß und beugte sich über ihre Hände. Sie neigte sich immer tiefer auf ihren Schoß, und ich konnte gar nicht begreifen, daß sie so still blieb, ob ich auch immerfort auf sie einredete. Ihre Hände lagen schon ganz unter einem Berge von Blumen verborgen. Doch sie rührte die Finger nicht fleißig und geschickt wie sonst, sondern sank immer mehr vornüber und fiel endlich lautlos zur Seite. Anfangs glaubte ich, es sei auf einen Schrecken abgesehen und warf von weitem meine Blumen auf ihr Gesicht. Weil aber nichts, selbst nicht Kitzeln und Stoßen, ihre Ruhe stören konnte, kam eine solche Angst über mich, daß ich laut zu weinen begann und davonlief. Noch ehe ich das Haus erreichen konnte, stieß ich gegen meine Mutter, die, deutlicher durch meine Aufregung als meine Worte, von dem unglücklichen Ereignis unterrichtet, an mir vorüber in den Garten stürmte, um bald, beladen mit der schlanken, welken Last, zurückzukehren und in der Kinderstube zu verschwinden. Ich, der ich nicht begreifen konnte, auf welche Weise meiner Schwester so übel mitgespielt worden war, fürchtete, es möchte irgend jemand einfallen, mich für das Unglück verantwortlich zu machen. Deswegen verkroch ich mich hinter einen Haufen grober Bausteine, die neben Murrs Hütte lagen, suchte mir den dunkelsten Winkel darin aus und fühlte mich geborgen, sowie ich recht von allen Seiten eingezwängt darin saß. Während ich nun, um auch von vorn gegen Eingriffe gesichert zu sein, mich bemühte, einen Stein gegen meine Füße heranzuziehen, kam mir unversehens ein schrecklicher Gedanke. Meine Schwester hatte gezittert, als ich ihr von dem wilden Winde erzählte, vielleicht war sie gar aus Angst darüber umgefallen, und mich allein traf die Schuld an dem Unglück. Gleich darauf hörte ich die Mutter und dann den Vater nach mir rufen; ihre Stimmen irrten im Hause und dann im Hofe umher, kamen gegen den Garten, und je deutlicher ich das schmerzliche Beben in dem Tun hörte, um so furchtbarer erschien mir das Ereignis, das ich angerichtet hatte, und um so fester war ich entschlossen, mich nicht zu melden. Ich zog den Kopf ein, schloß die Augen, und als die Rufe mir gar zu weh taten, stopfte ich die Finger in meine Ohren. So sah ich lange zusammengeschnürt in einer brausenden Nacht. Vielleicht bin ich gar eingeschlafen. Als ich die Augen zu öffnen wagte, war ich entsühnt und dachte, wenn ich jetzt einen Strauß Blumen pflücke und sie meiner Schwester bringe, sei alles wieder gut. Die Blüten, die auf Annas Händen und Gesicht gelegen hatten, wagte ich aus Scheu nicht anzurühren. In großem Bogen ging ich um die Unfallstelle herum und wanderte dann, mein Sträußchen krampfhaft hinter dem Rücken verbergend, dem Hause zu. Annas Bett in der Kinderstube war zerwühlt, aber leer. Furchtsam schlich ich aus dem engen, schummerigen Raume und stand eine Weile auf dem kleinen Flur unschlüssig, ob ich der Beklemmung nachgeben, das Bukett eilig hinwerfen und fortlaufen solle, immer geradeaus, irgend wohin, daß ich nichts mehr sehe und höre, oder ob ich einem Schmerz gehorche, der mich in der Kehle würgte, und laut aufschluchze. Indem ich kleine fliehendsäumige Schrittchen machte, hörte ich aus der Stube der Großmutter gedämpfte Stimmen. Das Zimmer lag unserer Schlafstube gegenüber und wurde immer verschlossen gehalten. Nur der Vater betrat es manchmal im Dämmern von Sonntagsabenden, schloß hinter sich zu und erschien dann gerader und ernster als sonst. Deswegen war dieser geheimnisvolle Raum für uns Kinder der Inbegriff alles Begehrenswerten, und unsere Sehnsucht, die mehr aus Schauer als glückvoller Erwartung bestand, trieb uns gar oft an das Schlüsselloch, durch das wir, wenn mit dem Auge nichts zu erreichen war, hineinbliesen oder wohl gar Strohhalme hineinsteckten, um dann unter Herzklopfen zu warten, ob sie nicht von Geisterhänden weggezogen würden. Jetzt aber war der Tür, die gerade vor mir lag, wenn ich mich nur ein wenig herumwandte, ein gut Teil ihrer schreckhaften Besonderheit genommen, denn ein Schlüssel steckte in dem Schloß wie in allen andern und hielt gar seinen Griff verlockend schief, als sei es von ihm darauf abgesehen, daß ich hingehe und ihn vollends herumdrehe. Aber mein Mut, stark genug, diesen Gedanken zu fassen, reichte nicht hin, ihn auszuführen, und so ließ ich mich auf der Schwelle nieder, rückte recht bescheidentlich in die Ecke und faßte mein Sträußlein fest mit beiden Händen, in der Absicht, es bei ihrem Heraustreten Anna zu reichen, damit sie mich zu sich hineinnehme mitten in die Geheimnisse der Großmutterstube. Denn seit dies Unbegreifliche sich an meiner Schwester ereignet hatte, war der Bereich ihres Lebens gewachsen, mir köstlich, tief und wundersam geworden. Ein weniges hatte ich erst in meinem Eckchen gesessen, da ging die Tür auf, und eine wohltuend tiefe Männerstimme rief gedämpft: Ah, da sitzt ja wohl der kleine Ausreißer! Mutter und Vater traten auch herzu und wollten nun von mir wissen, wie es zugegangen sei, daß Anna unter den Strauch gefallen war. Ich klemmte meine Blumen fest zwischen die Knie und schwieg, obwohl sich jedes nach seiner Art bemühte, mich zum Sprechen zu bringen: Der Vater mit strengem Gebot, die Mutter mit Liebkosungen, der fremde Mann durch gütiges Zureden. Es war umsonst. Ich durfte doch nicht sagen, sie sei von meinen Windgeschichten so erschrocken. Aber als der unbekannte Mann sein Gesicht so nahe zu mir herneigte, daß ich nichts sah, als einen langen braunen Bart und zwei forschende Augen hinter großen Brillengläsern, verließ mich meine Standhaftigkeit, und ich wirbelte in Angst alles heraus von dem Winde, den Sternen, Blumen, Wolken und Totenengeln, von Sebalds Hacke und seinem Begräbnis. Inzwischen beteuerte ich immer und immer wieder, daß ich meine Schwester nicht umgestoßen habe, und da es mir nicht entgangen war, welch günstigen Eindruck meine Verteidigungsrede auf alle hervorgebracht hatte, stand ich am Ende auf und versuchte, zu Anna hineinzuschlüpfen. Der Fremde hielt mich zurück und sagte, wenn ich meine Schwester nicht schlafen lasse, so werde sie sterben, und ich selbst könne auch krank werden. Mutter schloß die Tür ab, nahm den Schlüssel an sich, und die drei gingen stumm die steile Steintreppe hinunter. Ich blieb in meiner Ecke sitzen, und als drunten aus der Werkstatt meines Vaters Hammerschlag ertönte, hob ich mich auf die Zehen, klopfte vorsichtig an die Tür und rief leise den Namen meiner Schwester. Ich rief sie immer dringender mit all den Kosenamen, die sie so gern hatte. Es blieb totenstill, meine Stimme klang mir fremd und ängstigend, und das Schlüsselloch stierte böse und drohend auf mich. Deswegen legte ich die Blumen auf die Schwelle und flüchtete in den Garten. Das Gras lag an der Stelle, wo meine Schwester umgesunken war, noch eingedrückt, die Blumen welk und wirr. Die Baumstämme steckten gleich schwarzen Pfählen in der Erde. Kein Vogellied klang mir; es war alles fremd und leer. Nur Murr kletterte an mir herauf. Seine Kette klirrte schwach, und er sah mich mit seinen braunen Augen bittend an. Darum setzte ich mich, da, wo ich stand, ein paar Schritte hinter dem Pförtchen, zu ihm ins Gras. Er legte sich neben mich, und ich hielt ihm meine Hände hin. Als seine weiche, warme Zunge über sie leckte, brach plötzlich all der Schmerz, der dunkel und schwer auf mir lastete, los, daß ich bitterlich weinen mußte. In derselben Nacht hatte ich einen Traum, der mir immer als Beweis gilt, daß wir in jenen unergründlichen Tiefen der Seele, aus denen die Gesichte des Schlafes steigen, nicht nur teil haben an aller verborgenen Gegenwart, sondern auch unter den Schatten der Zukunft erschauern. Ich saß mit meiner Schwester Anna im ungewissen Lichte des niederen Bodens unseres Hauses und trieb mit ihrer Hilfe einen Kreisel über die ausgetretene Diele hin. Manchmal tanzte er rechts in das Dunkel hinein, aus dem die steile Holzstiege in den oberen Boden kletterte, manchmal fuhr er direkt gegen den Ausgang hin, um uns ins Freie zu entrinnen. Dabei stürzte er aber den Absatz hinunter, den er nicht gesehen hatte, sprang zuckend, als sei er verwundet, einigemal auf und ab und blieb dann ganz still liegen. Das machte mir ganz besonderen Spaß, und ich trieb ihn mit Absicht immer nach der Tür hin. Anna aber bat mich, davon abzulassen, denn wenn der Kreisel zu oft den Absatz hinunterhüpfen müsse, dann werde er sterben. Sie saß halb im Dunkel der Bodenstiege, trug ein weißes Kleid und hockte auf ihren untergeschlagenen Beinen. Das Dachfenster warf einen weißen, bebenden Lichtfächer in die Dämmerung über uns. Aus Trotz hatte ich den Kreisel doch wieder über den Absatz geschlagen und warf ihn nun mit übermütigem Lachen hinauf in den hellen Kreis vor den Schoß meiner Schwester. Sie erschrak davon so heftig, daß sie mit erbleichendem Gesicht sich jäh aufrichtete und starr auf den Kreisel sah. Dieser begann sich zu meinem Erstaunen plötzlich selbst zu drehen, erst langsam mit kaum vernehmbarem Geschnurr, dann schneller mit immer stärkerem Brummen, endlich raste er mit solcher Eile über die Diele, daß er ein hohes, schneidendes Heulen hervorbrachte. Von irgendwoher hörte ich das unbarmherzige Klatschen einer Geisel. Zugleich spritzten blasse Funken aus dem tanzenden Holz und bildeten ein brennendes Rad um ihn. Ich wollte Anna zurufen, sie solle wegrücken, sonst werde sie verbrennen. Aber noch ehe ich den Schrei aus der beklemmten Brust reißen konnte, wirbelte der ganze Niederboden, das Dach, die Stiege, die Kammertüre und die hölzerne Mangel in der Ecke rundumher. Meine Schwester streckte hilfesuchend die Arme nach mir aus, wurde aber von dem schrecklichen Tanz ergriffen und fortgerissen. Die Wucht der Drehung zog ihren Leib immer länger auseinander. Ihr Gesicht war blaß und tief eingesunken, die blauen Augen schmerzvoll weit geöffnet. Jedesmal, wenn die unsichtbare Geisel klatschend niederfuhr, ging ein Zucken durch den langen, dünnen Leib. Endlich entzündete sich das Kreisen noch mehr, es ward ein brennender Trichter, in dem Anna umhergetrieben wurde. Mit dem Pfeifen der Windsbraut verschwand alles in die Höhe. Nur die Augen meiner Schwester hingen noch lange in der Luft und schimmerten in großer Liebe auf mich nieder, bis sie mit ganz leisem Wehlaut auch erloschen. In Angst erwachte ich. Aus dem Garten ertönte das lange, klagende Heulen unseres Hundes, endete wimmernd, setzte schwach ein und schwoll dann wieder laut an, daß es klang wie der verzweifelte Schrei eines fernen Menschen. Am Morgen war meine Schwester tot; in wildem Fieber, wie in Flammen, war sie gen Himmel gefahren. Die Blumen lagen zertreten und verstreut um die Schwelle. Dann kam eine alte, häßliche Frau und kehrte sie zusammen. Sie richtete nach manchen Besenstrichen den vielhöckerigen Leib auf und brach in ohnmächtig brodelndes Husten aus, schrumpfte ein und kehrte unter fortwährendem Murmeln wieder weiter. Mich überkam ein schmerzender Zorn, als ich das sah, und da sie die Blüten, die nun wie grüner Unrat aussahen, auf der Schaufel in den Müllkasten auf dem Hofe trug, schlich ich mich hinter sie und gab ihr einen Stoß, daß ihr Kopf ein wenig gegen den Deckel des Kastens fuhr. Mit rotgeränderten Äugen und Schimpfwort«« vertrieb sie mich. Doch ich fühlte weder Furcht noch Reue, auch als mir Mutter diese Unart verwies, sondern empfand im Gegenteil eine starke Genugtuung. »Warum hat sie der Anna die Blumen verdorben«, sagte ich trotzig. Das war in der Werkstelle, die zugleich unser Wohnzimmer bildete. Ich saß am Tisch hinter meinem Töpfchen Milch; der Vater füllte ein großes Lederkummer mit Stroh. Auf meine Worte brach die Mutter in Tränen aus und setzte sich auf die Ofenbank. Der Vater unterbrach seine eifrige Tätigkeit und blickte sie ernst an. »Laß das Weinen sein; sie muß Ruhe haben«, sagte er dann, und sein Gesicht erblaßte dabei. »Warum haben wir sie in die Stube der Mutter gelegt«, antwortete sie. »Nicht wahr, damit auch die andern noch krank würden«, erwiderte der Vater. »Auch. – du weißt ja selbst, daß es nicht gut war«, entgegnete die Mutter. Der Vater aber antwortete darauf nicht, sondern ergriff den Schlägel und hieb aus Leibeskräften auf das Kummet. Er ließ nicht nach, obwohl es schon dünn wie ein Kuchen war. Plötzlich warf er alles von sich und trat an das Fenster, das die Straße hinuntersah bis zu dem roten Wasserturm. Er stand hoch aufgerichtet und stemmte die Knöchel seiner großen Fäuste auf den Werktisch. Mich beklemmte das Schweigen meiner Eltern. Ich glitt vom Sofa und spielte mich zur Tür hinaus. Keines wußte, daß ich die abergläubische Furcht meiner Mutter verstanden hatte, und ich mochte es ihnen nicht sagen, sondern ging in den Hof auf den Sandhaufen. Und während ich saß und immer den Sand aus meinen Händchen rinnen ließ, sann ich darüber nach, wie es möglich wäre, daß Anna in meinem Traume feurig in die Höhe gefahren, nach ihren eigenen Worten vom Engel geholt und zugleich nach der Meinung meiner Mutter von der Ahne getötet worden sei. Murr machte so kluge Augen, als wisse er es, ruckte an der Kette und mühte sich dann bis an den Zaun, streckte die Schnauze durch das Staket und schnob so sehr durch die Nase, daß sich davon der Staub auf der Erde rührte. Aber ich mochte ihn weder fragen, noch traute ich mich in den Garten. Denn wenn ich lange auf den Hund sah, so hatte er das Gesicht eines alten Menschen, und ich mußte mich wegwenden, weil mir die Furcht kam, er könne meine verzauberte Großmutter sein. Durch die Bäume hingen durchsichtige Nebel wie ausschwebende Gewänder. Ein Brausen war in der Höhe, wo die Sonne wie ein kreisender Feuerwirbel stand. Alles um mich ward ein buntes Schwinden und Auftauchen. In dieser grenzenlosen Unsicherheit fand ich kein Entscheiden zu einem Spiel: das eintönige Greifen und Rinnenlassen des Sandes entsprach zu sehr dem Nahen und Verwehen aus Unergründlichkeiten in Unergründlichleiten, das um mich und in mir lebte und doch nie die eindeutigen Züge eines schon Geschauten trug. Es ist ja wahr, unsere Jugend hat den Sinn, den ihr unser späteres Leben gibt, und Erinnerung und Vorgang eines Erlebnisses sind zwei verschiedene Erfahrungen. Aber ich täusche mich doch nicht über jene Empfindungen aus früherer Kindheit, die, lange vergessen, mir erst vor Tagen deutlich geworden sind. Von meinem Schulfenster aus beobachtete ich das versunkene Spiel eines kleinen, noch berockten Jungen am Schulbrunnen. Er fing das vom Steintroge triefende Wasser in seinen Händchen auf und ließ es wieder laufen. Die ganze Lebhaftigkeit seiner bunten Einbildungen spiegelte sich aus dem Gesicht und den Gebärden. Plötzlich sanken seine Händchen in den Schoß; wie unter dem Einfluß eines Schreckens saß er regungslos, das Gesicht bekam den Ausdruck tiefer Melancholie, und die Äugen wurden unbeweglich, blicklos und fernhingebunden, wie die eines alten, zerschellten Menschen, der rundum nichts als Trümmer und Ratlosigkeiten sieht. Nichts Schreckhaftes oder Störendes war um ihn: das Mailicht spielte zitternd über den Stufen, die summende Wolke der Bienen stäubte um die blühenden Kronen. Wie ich dem Grunde der seltsamen Verwandlung dieses Kindes nachsinne, sehe ich mich plötzlich als kleinen Jungen im Hofe meines elterlichen Hauses sitzen und Sand mahlen und wußte, was an mir in jener Stunde geschehen ist. Die grauen Tücher des Todes wehten um mich. Da habe ich nicht weinen können, denn Tränen kommen uns erst, wenn der Schmerz ins Enge spielt. Das Begräbnis Annas befreite mich von dieser großen Verlassenheit. Meine Schwester lag in einem weißen Sargbett im Hause und schlief einen tiefen, schönen Schlaf unter Blumen. Die vielen Leute, die herbeikamen, vermochten sie nicht zu wecken, obwohl alle herzutraten und aus einem Teller ihr Wasser in das Gesicht spritzten. Sie warteten immer ein wenig und sprachen leise zu ihr. Dann gingen sie in die Stube, deren Tür weit ausstand und aßen von den großen Bergen Kuchen. Dazu tranken sie Kaffee aus Krügen, die nie leer wurden. Alle sprachen, es sei schade »um das junge Ding«. Davon wurden sie immer hungriger, lobten das gute Gebäck, und ein alter Mann mit einem langen Rocke weinte immerzu und hörte gar nicht auf zu essen. Ich war sehr stolz, daß so viele Menschen zu meiner Schwester kamen. Nur ärgerte es mich, daß jeder sie mit Wasser bespritzte. Endlich mochte das auch meinem Vater zuviel sein. Denn er gab einem Manne ein Zeichen. Dieser deckte einen schönen Deckel auf sie, an dem rings weiße und rote Quasten hingen, die rund wie Murmeln waren. Dann schraubte er ihn fest, damit ihn niemand mehr herunternehmen und meine Schwester erschrecken könne. Die Schrauben quietschten ein wenig im Holz. Da weinten alle, die so 'was nicht hören konnten, am meisten meine Mutter. Man mußte sie gar halten; sonst wäre sie umgefallen. Ich machte mir aus dem Quietschen gar nichts, sondern zählte die weißroten Kügelchen am Deckel und dachte, wenn ich mir alle nehmen könnte, so hätte ich wohl zwei Hosentaschen voll. Plötzlich liefen die Leute vor dem Hause und auf den Stufen: »Sie kommen!« und alle, die nahe am Sarge standen, traten etwas Zurück. Der alte Mann in der Stube hörte auch auf zu essen und kam gegen die Tür, sich mit einem geblümten Taschentuch die Stirn wischend. Dort versteckte er sich hinter dem breiten Rücken meines Vaters, der, noch gerader als sonst, alle überragte und mit blassem, finsterem Gesicht den Sarg betrachtete. Meine Mutter weinte nicht mehr so sehr. Mir zur rechten Hand hatte sich der Dorn-Schuster eingefunden, der an vielen Abenden zu meinem Vater kam und mit ihm plauderte. Er hielt seinen hohen Hut mit beiden Händen gegen den Leib gepreßt, weinte still vor sich hin, bewegte fortwährend die Lippen und nickte von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe. Der Dorn Robert, sein großer, rothaariger Junge, aber betete gar nicht, obwohl er dem Vater bis über die Achseln ging, sondern starrte auch immerfort auf die schönen Kugelquasten. Deshalb stieß ihn der alte Dorn manchmal mit dem Arme in die Seite, bis der häßliche Junge von ihm wegrückte, gegen den Tischler Rinke hin, der krumm, mit vorgeneigtem Gesichte und ein wenig spöttisch eingekniffenem Auge von einem zum andern sah. Der Geistliche saß schon eine Weile in seinem weißen Hemde, rechts und links Ministranten, und sprach mit lauter, langer Stimme aus seinem Buch. Ein anderer Mann, dem ein weißer Bart aus dem Gesicht weit über den Nock herunterhing, machte es dem Geistlichen genau nach, wenn er aufhörte. Ich achtete auf all das aber nur halb, sondern richtete meine ganze Aufmerksamkeit auf Dorn Roberts Hände. Mir war es nicht entgangen, daß er immer näher an den Sarg herantrat und, wenn er sich unbeobachtet glaubte, nach den Quasten griff. Klopfenden Herzens wartete ich, ob es der Abscheuliche wahrhaftig wagen würde, meiner Schwester, die fest eingeschraubt schlief und sich nicht wehren konnte, die schönen Kugeln wegzunehmen. Und wirklich: Als Knaben und Mädchen anfingen zu singen und wegen des traurigen Liedes alle in schmerzliche Bewegung gerieten, riß er schnell eine Handvoll Kugeln ab und steckte sie ein. Aus Schmerz über diesen Diebstahl an Anna, und weil ich sie selbst gern gehabt hätte, begann ich so laut zu weinen, daß ich das leise Schluchzen der andern und das Lied übertönte und konnte durch nichts beruhigt werden. Endlich führte mich ein Mädchen fort, hinauf in den Garten. Weil sie schön angezogen war und lieb zu mir redete wie meine Schwester, ging ich mit ihr. Nach jenem Begräbnis begann ich meine Mutter zu sehen, vorher habe ich von ihr gelebt wie von der Sonne, der Luft, dem Wasser. Nun trat sie in mein Leben, noch nicht mit ihrem Schicksal, sondern als gütiger, liebegebender Mensch, dem jener sinnige Ernst und die etwas schwermütige Frohheit zu eigen war, die sie, wie meine Schwester Anna, geschickt machte. Anteil an meiner kindlichen Betrachtsamkeit zu nehmen und, soweit es ihre Zeit erlaubte, auf meine Fragen zu antworten. Unermüdlich trabte ich hinter ihr her, von Stube zu Stube, über die Stiegen, durch die Kammern, saß neben ihrem Waschfaß oder am Herde und spann meine einsamen, bunten Spiele, gefördert durch einen Blick, geleitet von einem Zuruf. And doch war mir Anna noch nicht entschwunden. Sie bildete noch lange die Gefährtin all meiner Unternehmungen. Ich redete zu ihr, schickte sie da- und dorthin und erduldete es ohne Schmerz, wenn sie vor mir zerrann. Denn ihr Tod war mir nichts als eine Verwandlung, eine andere Eigenschaft ihres Lebens. Nur auf die Tür der Großmutter-Stube, auf deren verhangene Fenster, durfte ich nicht sehen. Dann befiel mich jedesmal ein Bangen, ein so schmerzvolles Gefühl des Einsamseins, daß ich laut zu singen begann, und immer geriet ich durch diese langen, leidenden Töne, die ich hinausschrie, auf den Gedanken, Begräbnis zu spielen. Eine Schachtel, ein Kästchen, ein großer Stein stellte Annas Sargbett vor, kleine Steinchen, wirr und dicht umhergelegt, bildete das Grabgeleit. Ich klemmte mein Taschentuch am Halse fest, und so angetan mit dem schönen Spitzenhemd, sang ich tief und feierlich, oder rauh und laut, oder dünn und hoch, je nachdem ich dem Vorgange gemäß als Geistlicher, Kantor oder Singschule zu wirken hatte. Kaum daß mir die ersten Töne gelungen waren, verwandelte sich alles: ich sah in Wirklichkeit den Dorn-Schuster, den Rinke-Tischler, meine Eltern und alle Leute, roch die Zitronen in der Hand der Träger, hörte das Klirren des Sprengwedels, und meine Schwester lag in den Blumen, blaß und tief schlafend. Aber wie mein Gesang leidenschaftlicher wurde, verwandelte sich Anna, öffnete die Augen, stand aus dem Sargbett auf und wandelte hin. Die Kraft meiner Töne heftete Flügel auf ihren Rücken, und bald hob sie mein hohes, unermüdliches Lied auf, leitete sie ins Gewölk und führte sie endlich ins unergründliche Himmelsblau. In diesen Augenblicken war sie mir deutlicher und schöner als je zuvor. Darum übte ich dies Spiel immer von neuem, zuletzt auch ohne die schreckhafte Veranlassung durch Großmutters Stube. Ich nannte es auch nicht mehr Begräbnis, sondern das »Annaspiel«. Was Fernhintragendes in mir lebt, wurde in jenen Stunden geboren, die mir alle Weiten nahe und freundlich machten. Meine beiden Geschwister hänselten mich wegen dieses geistlichen Spiels und gaben mir den Namen Pastor. Dies taten sie wohl auch, weil ich immer lenksam, fromm und vertraglich war. Obwohl meine Mutter mich und mein Spiel vor ihnen zu schützen sich bemühte, wagte ich bald nur an verborgenen Orten Anna in den Himmel zu singen, und endlich begnügte ich mich damit, solange in die Höhe zu schauen, bis über mir in der Luft ihre schönen, stillen Augen erschienen und auf mich niedersahen. Sie sind mir geblieben in all den Jahren bis heutigen Tages. Wie oft leuchteten sie in unruhvoller, schlafloser Nacht vor mir auf und geben mir auf geheimnisvolle Weise ein kindliches Vertrauen in diesem zerstückten Leben. Die Augen, die Augen... ich glaube, es wird nichts nützen.« – Faber sah starr auf die Tür, als ob wer dastände, ihn bannend, von ihm gebannt. »Aber sie hat doch braune Augen«, sagte ich. Doch er hörte mich nicht in seiner Selbstversunkenheit, sondern fuhr fort: »Irgendwo, irgendwann ist mir etwas Notwendiges aus der Hand geglitten, und nun zeugt alles in mich hinein, wahllos und geil, und mein Glaube ist ohne Unterscheiden. Was irgend Klang, Farbe oder Rhythmus meiner Vergangenheit weckt, wirkt in mir, wirkt mich.« »Ich verstehe dich nicht«, sprach ich dürr. »Die tiefsten Worte sind auch nicht zu verstehen, sie sind nur zu glauben wie die Musik. Wir werden gespielt, es spielt aus uns, Kastner! Siehst du, ich wollte etwas anderes aus meiner Kindheit holen, einen silbernen, frohen Ton. Statt dessen weben diese weißen Mondschleier um den Bäumen, aus fast versunkenen Zeiten herstammend, das Huschen einer Seele um mich, von der ich nichts wollte und will, und doch lebt sie von mir wie der Atem meines Mundes. Allein ihre vollkommene Abhängigkeit von mir ist die Macht über mich. Spürst du nicht auch diese rätselhafte Verwandtschaft? Als sei die verwehte Seele meiner Schwester ins Leben zurückgekehrt und diene und glänze um mich in der Gestalt dieses zierlichen, stillen Mädchens. Und im tiefsten ist es nicht sie, sondern durch sie eine andere. – Die andere – ja...« »Das ist wohl Liese, der du die Garnhucke getragen hast«, sagte ich, nicht ohne heimliche Schadenfreude, ihn in seiner Verstiegenheit zu verwunden, und doch auch mit leisem Schmerz. »Ganz recht, sie ist es. Aber es leben zehn gleiche schwächliche, machtlose, bedürftige Mädchen ihres Alters in Wecknitz. Warum mußte ich mich ihrer gerade annehmen?« Ich lächelte ein wenig malitiös und antwortete: »Nun, aus dem uralten, neuen Grunde vielleicht.« »Kastner, ich wollte, es wäre Liebe«, sagte er. »Aber sie ist es noch nicht und ist es schon nicht mehr. Ich bin dessen nicht fähig. Und dann soll sich das Schicksal meines Vaters und meiner Mutter nicht wiederholen. Wenn es nicht anders sein darf, gehe sie an mir, aber nicht durch mich zugrunde. – Denn da ist noch etwas Finsteres ..., das stärker sein muß als mein stärkster Wille ...« »Du wirst fühlen, daß ich dich nicht verstehe«, sagte ich, um ihn dem Bohren zu entreißen. »Nein, nein! Das führt zu nichts. Es ist besser, ich erzähle weiter. Eine Reihe der folgenden Jahre, so vielfältige Veränderungen sie auch brachten, ging ohne tiefe Eindrücke an mir vorüber. Was ich aus ihr weiß, klingt von später und von anderen hinein, nicht aus mir. Der französische Krieg warf nur schwache Wellen in unser verlorenes Gebirgsstädtchen Heisterberg. Aber nach dem Siege schwamm ein Zucken des Milliardenrausches auch über unsere Dächer, wirbelte Staub aus alten Winkeln, riß Spinnweben von verträumten Augen und jagte die Leute eiliger durch die Straßen, in vielfältige Unternehmungen, vor denen sie sich sonst gewiß ängstlich gehütet hätten. Die meisten waren wohl der Meinung, ein wenig Wagemut und Skrupellosigkeit reiche hin, ihnen einen Teil der Reichtümer zu verschaffen, die plötzlich auf allen Straßen lagen. Die neue Eisenbahn, die man seit vierzig Jahren projektiert hatte, sollte endlich an der Neiße hin, nach der nahen Grenze geführt werden. Es war klar, daß dann der südöstliche Teil des Städtchens allen Verkehr auf sich ziehen mußte. Die Wiesenstraße lag auf der entgegengesetzten Seite, dort, wo die kleinen, ärmeren Häuser zögernd in stillen Reihen in die wellige Ebene hinausliefen. Die meisten waren unscheinlich, verhutzelt vor Alter und hätten in manchem Dorf durchaus kein Aufsehen erregt. Mein Vater sah ein, daß unter den neuen Verhältnissen diese Gegend noch mehr veröden müsse. Rasch und entschieden wie sein Gang waren auch seine Entschlüsse. Während die meisten sich noch an der wohligen Unruhe der Vermutungen und Befürchtungen gütlich taten, schloß er in einer Nacht den Kauf eines Hauses am Burgberge ab, und bald standen wir mitten im Trubel des Umzuges. Die an sich gewiß löbliche Sorge um das wirtschaftliche Wohl seiner Familie war nicht der einzige, wenigstens nicht der tiefste Grund, warum er der alten Herdstelle untreu wurde. Wenn er auch alles in seiner breiten Brust verschloß, so war ich außer der Mutter wohl der einzige, der etwas von seiner geheimen Absicht erriet. Auch die Großmutterstube erlag der allgemeinen Auflösung, und wir Kinder, deren emsige Helferdienste mehr hinderten als fördersam waren, stürzten uns mit einer wahren Gier in den Raum, der so lange das Ziel unserer Sehnsucht gewesen war. Noch heute, wenn mich die modrige Luft stets verschlossener Zimmer trifft, liegt deutlich diese niedrige, lange Stube vor mir, die von der nahen, weißen Wand des Nachbarhauses ein lebloses Licht erhielt, in dem die wenigen Möbelstücke in fast drohender Stille standen, daß wir Kinder erst über eine rätselhafte Beklemmung zu jenem lauten Draufgängertum gelangten, das von dem hinter uns eintretenden Vater gezügelt werden mußte. Während dann Peter und Resa sich mit dem Korbstuhl am Fenster beluden und eiligst verschwanden, durchstöberten meine Augen den Ort, in dem die Anna zu Tode gekommen war, und weil ich seitdem zum Knaben herangewachsen war, für den das Sterben ohne Blutlachen zu den Unmöglichkeiten gehört, suchte ich nach den Spuren des Kampfes, dem meine Schwester zum Opfer gefallen war, entdeckte aber nichts, als einen großen, dunklen Flecken neben dem Bett. »Ist das von dem Anna-Blute?« fragte ich meinen Vater. Der ließ seinen Blick von stummem Betrachten langsam auf mich niedersinken und sagte dann mit leichter Betroffenheit: »Was für ein Anna-Blut?« »Nun, weil doch Großmutter die Schwester totgemacht hat«, antwortete ich. Da kam, wenn ich mir heute die Szene vergegenwärtige, in seinem Gesicht eine trauervolle Freude auf. und mich voll mit seinen schwarzen Augen umfassend, sagte er: »Du kleine Seele! Nimm nur und trag' die Fußbank da hinaus. Sie wird uns nicht mehr schaden.« Dann kehrte er sich von mir ab und trat an das Fenster, neben dem der Korbstuhl gestanden hatte. Als ich wieder zurückkehrte, verdeckte seine hohe, weitausladende Gestalt noch immer das Fenster. Ich wagte mich nicht mehr hinein, um ihn nicht zu stören, sondern ging voll geheimer Freude davon, weil mein ernster Vater so schön auf mich gesehen hatte. Ein Teil der Geräte aus Großmutters Stube kam irgendwohin, ein anderer Teil wurde mit anderem Gerümpel unter die Sparren unseres neuen Hauses gesteckt. So schien die Gewalt der toten Ahne auf immer zerstört, und wir Kinder hatten sie bald vergessen. Aber mit jedem Umzuge ist eine gewisse Gefährdung unserer lückenlosen Entwicklung verbunden. Denn wir Menschen gleichen in der Seele mehr den Pflanzen, als unser Stolz es sich gestehen will. Die meisten und nicht die schlechtesten beziehen die Sicherheit ihrer Grundsätze aus dem Boden, auf dem sich ihre Tage bewegen, und eine Auflösung der gewohnten Ordnung zieht eine mehr oder minder erhebliche Verschiebung in der Lagerung unseres Innern nach sich. Dabei tut es nicht allzuviel, ob wir um die nächste Ecke oder nach Amerika auswandern. Immer versinken ganze Gebiete unseres inneren Daseins, daß sie nur noch halbverstanden in das Bewußtsein klingen wie der Wahn eines unbekannten Fremden, und was sich ehedem leise und wie im Traum in uns gerührt hatte, schlägt unvermutet laut und stürmend die Glocke des Herzens. Vorderhand merkten wir, mit Ausnahme des Vaters, nichts von der beginnenden geheimen Umbildung unseres Lebens. Besonders wir Kinder überließen uns ganz dem Reiz des Ungewohnten. Unser neues Anwesen war ein Haus der Unruhe. Mit überdicken Mauern klebte es, zwischen drei andere gekeilt, an der Sohle jenes hohen, felsigen Absturzes, der in ferneren Zeiten eine feste, natürliche Wehr bildete, als unsere Stadt noch ein von Kriegsvölkern oft beranntes Bergnest war. Nach hinten, auf den Stadtgraben zu, hatte es, uns Kindern damals, die Höhe eines Turmes, nach vorn schmiegte es sich betulich an den Burgberg, eine Straße, die in einer engen Kurve jäh aus dem hohen Torbogen des alten Wartturmes schoß und steil gegen den Fluß hinlief. In dem alten Stadtgraben lag die Chaussee, und den ganzen Tag donnerten die Lastwagen vorüber. Über den Burgberg quietschten und ratterten die festgehemmten, leichteren Fuhrwerke bergab. Immer in Gefahr, ins Rollen zu kommen, fuhren sie an unserer Haustür vorüber. Auf der einen Seite floß der dumpfe, besonnene Lärm mehr ländlichen Lebens, und über den Burgberg ergoß sich die kleinliche Unruhe des städtischen Verkehrs. Nach dieser Seite hin türmte sich die verwitterte Stadtmauer auf, in die überall Fenster gebrochen waren, daß es an Abenden aussah, als funkten und flackerten noch die Lichter der Wachmannschaften auf dem Mauerkranze, obwohl schon Jahrhunderte die Stadtumwallung zur Wand der Hinterhäuser des Ringes degradiert war. Der alte Wartturm stieß zwar noch jäh seine ungeschlachte Spitze in die Luft und trug unentwegt den riesigen, kaiserlichen Doppeladler, wenn auch nur der alte Willmann hinter den Mauerzacken seine Nelken zog. So fielen allerlei bunte Beklemmungen auf uns, die wir, wie auf schmalem Rain, zwischen den Rädern wohnten. Kein Ausruhen und Besinnen unter eigenen Wipfeln, war mehr möglich; jeder Schritt aus dem Hause brachte uns hinaus. Dazu duldete das enge Innere selbst keine Gemächlichkeit. Stube türmte sich auf Stube. Die schmalen Flure gestatteten kein Verweilen, steile Stiegen hetzten in Leidenschaftlichkeit. Auf die breiten Baumkronen des Spitalgartens über dem Fluß spielten einen schwachen Schimmer alter, versonnener Stille in unsere Stube, und in ruhigen Nächten klang das schwache Rauschen der Neiße bis unter den Boden an unser Bett. Besaß mein Vater auch nun den Laden, nach dem er sich gesehnt hatte, und durfte er nun auch hoffen, nicht mehr so ausschließlich auf die Bauern angewiesen zu sein, deren Hinterhältigkeit und kleinliches Geizen er so haßte, so überkam in den ersten Wochen den starken Mann doch oft ein solches Bangen nach seinem alten Heim, daß er sich mehreremal aus dem Bette stahl und mitten in der Nacht dem Haus seiner Mutter einen Besuch abstattete. Dann sahen ihn Leute aus den Nachbargärten oft stundenlang unter dem hohen Birnbaum stehen oder auf den Steinen neben Murrs Hütte sitzen und behaupteten, er habe von Zeit zu Zeit erregt gemurmelt, als spreche er verhalten mit jemand. Endlich glaubte er wohl die wachsamen Augen, die aus Schleiern seinem Leben folgten, begütigt zu haben, denn er richtete sich entschieden in seiner Lage ein. Dabei geriet er in einen Streit, der, unbedeutend an sich, die schwersten Folgen hatte. In jenen Zeiten unbegrenzter Abenteurerlust nach dem glücklichen Kriege schien alles Seltsame möglich, und neben den skrupellosen Draufgängern, die Existenz und Ruf an verwegene Hirngespinste setzten, etablierten sich geheime Nester von Träumern und Projektenmachern, die nicht gesonnen waren, den unsicheren Wettlauf nach dem Reichtum mitzumachen, sondern sich begnügten, die absonderlichsten Gerüchte in Umlauf zu setzen. Bald sollte im Norden der Stadt ein großes Kohlenflöz gemutet worden sein; bald hieß es, hinter dem Gänsewinkel werde eine umfangreiche Hüttenanlage ausgesteckt zur Verarbeitung von Eisenerzen aus dem fernen Heuberge; bald redete man von der Niederlegung alter Häuser im Interesse des Verkehrs und der Verschönerung der Stadt. Die Hartnäckigkeit, mit der diese Torheiten diskutiert und, endlich erschöpft, von anderen verdrängt wurden, brachte eine allgemeine Unsicherheit und Unruhe hervor und machte vor allem jene reizbar, die zu nichts entschlossen waren, als ihren Besitz zu behaupten. Eines Tages nun brachte ihm der Dorn-Schuster, unser Nachbar von der Wiesenstraße, die Nachricht, der Magistrat habe beschlossen, den steilen Burgberg zu verbreitern, um dadurch diese gefahrvolle Straße für die Fuhrwerke leichter passierbar zu machen. Zu dem Zwecke sollte nicht nur der Wartturm, dies altehrwürdige Wahrzeichen der Stadt, verschwinden, sondern, wenn es eben nicht anders ginge, die linke Häuserzeile vom Fleischer Mahn bis zum Schuhmacher Grulich niedergerissen werden. Mein Vater lachte herzlich nach dieser Erzählung, die Dorn unter vielen Beteuerungen seiner Treue und voll ehrlicher Bekümmernis vorgetragen hatte. Dann setzte er dem Verzagten die Gründe auseinander, warum dies undenkbar sei. Dorn hatte seine großen Hände vor sich auf den Tisch gelegt, sah meinen Vater dann und wann bewundernd von der Seite an, machte seine vielen belanglosen Bemerkungen und ging endlich beruhigt davon. Aber das Gerücht wollte nicht nur nicht aufhören, es nahm immer festere Form an. Um nicht überrascht zu werden, setzte sich mein Vater mit seinen Nachbarn ins Einvernehmen und beredete sie zu festem, einmütigem Zusammenstehen. Aber es kam wohl nicht viel dabei heraus, denn der Fleischer war ein Trunkenbold und geriet, statt zu überlegen, in unflätige Wut, der Gerber Pfeffer, dem sein Weib in der ersten Nacht die Hosen genommen hatte, wollte erst mit seiner Veronika sprechen, und der alte Grulich lächelte verlegen in seine Schusterkugel, sagte dagegen nicht weiß noch schwarz. Deswegen wollte sich mein Vater, wie er sagte, auf seine eigenen Absätze verlassen. Nun, das hat er schon getan, und wie! Eines Tages standen da unten auf dem Graben der Bürgermeister Schrader und der langnasige Ratmann Kunze, sahen an unserem Hause herauf und redeten und gestikulierten so heftig, als hecke wirklich der Plan in ihrem Kopfe, der kurzen Burgzeile den Untergang zu bereiten. Eigentlich redete nur der Bürgermeister mit seiner lauten Knarrstimme, während der alte Kunze sich meistens damit begnügte, Tabak in seine Nase zu stopfen und dann ein großmächtiges Taschentuch geigend an dem gefüllten Organ hin und wider zu ziehen. Ich hatte in den Tagen mancherlei aufgeschnappt, um von den Männern da unten ziemlich Schreckliches zu erwarten, nahm sie, auf der Ritsche stehend, gar sorgsam aufs Korn und tauchte jedesmal blitzschnell unter das Fensterbrett, wenn der spindeldünne Herr Bürgermeister heraufsah und seine Rechte gegen die Wand ausstreckte. Mein Vater redete tiefer in der Stube mit meiner Mutter und sagte endlich: ›Ich mach's jetzt und geh' gleich zu ihnen hinunter. Ein scharfes Wort wiegt in der freien Luft leichter als in der Stube.‹ Damit zog er mich von der Ritsche und beugte sich zum Fenster hinaus. Sogleich rief auch schon der Bürgermeister: »Guten Tag, Meister Faber, ach, kommen Sie doch mal runter!« Mein Vater tartschte lachend die Mutter auf die Schulter und sagte: »Na also, Weib!« Die ersten Stufen nahm er laufend, auf dem zweiten Flur mäßigte er seine Eile, die nächste Stiege legte er säumend zurück und trat endlich in gemächlicher Festigkeit hinaus auf die Straße zu den Wartenden. Ich war ihm unbemerkt gefolgt, wagte mich aber nicht gleich hinaus ins Freie. Plötzlich lachte mein Vater laut auf. Da war ich draußen und lehnte von ungefähr an der Wand des gegenüberliegenden Pferdestalles, den dreien im Rücken. »Die Mauer da?« fragte mein Vater mit beißender Lustigkeit und deutete auf die ummauerte Senkgrube mit dem sehr schadhaften Bretterbelag. »Jawohl, das muß weg, auf jeden Fall, Herr Faber, da wäscht Sie kein Regen ab.« »Mich braucht kein Regen zu reinigen und auch sonst kein anderer. An der Grube aber rücke ich keinen Stein. Mir paßt sie noch, und wenn sie Ihnen nicht gut genug ist, dann meinetwegen ändern Sie's auf Ihre Kosten; aber stören Sie mich nicht im Geschäft.« Auf diese Worte ergoß sich Herr Schrader in langer Rede. Anfangs dämpfte er sein Organ, aber je mehr der Stadtgewaltige sich zügelte, desto mehr wuchs seine Erregung, und weil der Ratmann dastand und auf seine Stiefeln hinuntermurmelte, anstatt mutvoll für das Ansehen der Stadt einzutreten, wurde er immer blasser, immer dünner, immer länger, verlor endlich seine Beherrschung und blies meinem Vater etwas wütend unter die Nase, was ich nicht verstehen konnte, so nahe ich mich auch an die Gruppe laviert hatte. »Erregen Sie sich doch nicht, Herr Bürgermeister«, sagte mein Vater und berührte lächelnd mit der Hand seine Schulter. Der Angeredete wich mit deutlicher Mißachtung zurück und sagte drohend: »Vergessen Sie sich nicht!« »Haben Sie keine Angst. Vor Ihnen steht der Sattlermeister Faber und nicht Ihre Frau«, sprach mein Vater jetzt mit ruhiger Kälte und richtete sich kerzengerade auf. »Solange es Ihnen in Milkes Haus nicht stinkt, solange schadet Ihnen auch wohl nicht der Geruch aus meiner Latrine.« »Herr Ratmann, Sie sind mein Zeuge! Was meinen Sie, Herr Sattlermeister Faber, mit Milkes Haus?« fragte der Bürgermeister flüsternd und blaß bis in die Zähne. »Es stinkt«, beschied ihn mein Vater gelassen. Dann setzte er hinzu: »Sie sind der Herr der Stadt, gewiß; aber nur bis an die Traufe meines Hauses, und damit, holla!« Er lüftete seine Mütze und verschwand unter der Tür. Der Bürgermeister stach mit langen Beinen davon, ohne sich nach dem Ratmann umzusehen, der gedrückt und kopfschüttelnd folgte. Ich war damals weit entfernt davon, den Worten meines Vaters, die den Bürgermeister und seinen Begleiter in die Flucht schlugen, einen tieferen Sinn unterzulegen. Dazu trugen in jener glücklichen Zeit alle Dinge und Menschen für mich nur eine harmlos-glückliche Physiognomie, und mein Vater erschien mir als der Mittelpunkt des Lebens. So fand ich es nur zu natürlich, daß meinem Vater ein Fremder ebensowenig widerstehen könne als sonst jemand in unserer Familie. Erst später erfuhr ich, daß die tatenlustige Frau Schrader den Gemahl in einer kläglichen Knechtschaft hielt, wofür sich das Stadtoberhaupt an den Likören und Delikatessen in der Kaufmann Milkeschen Hinterstube schonungslos und gratis rächte, obwohl es aus allen Mundwinkeln der Stadt troff, der Chef des Hauses »Milkes sel. Witwe und Sohn« stehe in verbrecherischen Beziehungen zu seiner verwitweten Tochter. Das junge, kapriziöse Weib hatte nämlich im zweiten Jahre nach ihres Mannes Tode im Vaterhaus ein Kind geboren und sich geweigert, den Namen des Erzeugers anzugeben. Allerhand rätselhafte Andeutungen über okkulte Mächte, denen sie hatte gehorchen müssen, hatten die Stadt dahin gebracht, an blutschänderische Beziehungen zwischen Vater und Tochter zu glauben, trotzdem nichts zu beweisen war, als daß der einsame, wunderliche Alte seitdem sich ganz verborgen hielt und fast nur mit seinem Kinde hinter verschlossenen Türen oder in dem weiten, verwilderten Garten hinter dem Hause lebte. Dort sahen argherzige Späher die beiden oft innig verschlungen auf der Bank sitzen, und der Vater bemühte sich mit unermüdlichen Liebkosungen, seine Tochter von einer unheilbaren Trauer abzubringen, die sich dann und wann in einer Flut von Tränen und lauten Verwünschungen entlud. Sie riß sich in solchen Augenblicken wohl auch mit allen Zeichen des Entsetzens aus den Umarmungen ihres Vaters und eilte laut jammernd an das Grab des früh verstorbenen Kindes ihrer geheimnisvollen Schande. Dies war tief im Garten unter einem weitschattenden Nußbaum begraben worden. Dort warf sie sich dann nieder und wühlte ihre weißen, langen Hände tief in die Erde des kleinen Hügels. Anfangs war die Aufregung des Volkes über diesen schändlichen Zwang, in dem Milke das arme Weib hielt, so groß, daß nächtlich sein Haus mit Kot beworfen wurde und ein Hagel anonymer Denunziationen die Polizei bombardierte. Seit aber der Bürgermeister sich des verfemten Hauses angenommen hatte und Tag und Nacht vor vollen Flaschen und überladenen Schüsseln sich das endlose Murmeln des Ausgestoßenen anhörte, versiegte die gewalttätige Wut der Menge und verwandelte sich in beißenden Spott über den Hüter des Gesetzes. Daß sich mein Vater diese törichte Anschauung der Menge zu eigen machte und vor allem keine Bedenken trug, sie öffentlich auszusprechen, verstehe ich heute noch nicht völlig, da er doch der Tragik des Lebens, wo immer sie sich zeigte, eine einfache, tiefe Ehrfurcht entgegenbrachte. Vielleicht stand er in jener Zeit stark unter dem Einfluß des Tischlers Rinke, der damals öfter und länger als sonst, oft bis tief in die Nacht hinein, an unserm Tisch hockte. Und wenn ich auch allen Grund habe zu glauben, daß mein Vater in seinen Maßnahmen sich nicht von dem Rat des alten Walzkollegen leiten ließ, so wird ihm wohl der bittere Widerspruchsgeist dieser scheelen Seele eine Zeit geschadet haben. Denn Förderndes ist aus dem Zwiespalt mit dem Bürgermeister uns nicht erwachsen. Trotzdem der Postbote und der Polizist fast alle Tage lange Briefe ins Haus schleppten, obwohl mein Vater immer und immer wieder in knirschender Geduld große Bogen Papier mit seinen ungelenken Buchstaben füllte, die Senkgrube mußte verschwinden, und als Zugabe zu seiner Niederlage bekam er die unversöhnliche Feindschaft des Herrn Schrader. Ich habe nicht bemerkt, daß mein Vater betrübt darüber gewesen wäre, konnte er sich doch immerhin mit dem Gedanken trösten, sein scharfes Zupacken habe dem Magistrat den Mut zur Vernichtung der ganzen Burgzeile genommen, die tatsächlich unterblieb, aber wohl nur deshalb, weil sie allein in dem heimlich wimmelnden Nest der Träumer und Phantasten ausgebrütet worden war. In diesem Trost, der doch eine Täuschung war, bestärkte ihn Rinke, ein von meiner Mutter instinktiv wenig geschätzter, einsiedlerischer Mann. Er war sicher der einzige Mensch, dem mein Vater in Freundschaft verbunden war, obwohl er in allem Äußeren und Inneren seinen ärgsten Gegensatz bildete. Nein Vater, ganz der Mann freier, zuversichtlicher Kraft, mit einer hohen Stirn, die an jeder Seite in einem tiefen Winkel in sein glänzend schwarzes, immer kurzgehaltenes Haar schnitt. Den Kopf herrisch getragen, den starken Schnurrbart stets wie energisch seitwärts gerissen, mit leidenschaftlich-sicherem Schritt, wandelt er durch die Erinnerung an jene und frühere Zeit. Nur über dem schwarzen Augengrund lag manchmal eine blinde Wolke, wenn er versonnen sich verlor, und seine Mundwinkel sahen dann bitter eingesägt aus. Der Tischler Rinke hatte ganz das Wesen eines Gnomen. Der Mann war irgend einmal im Leben zerbrochen und dann notdürftig wieder zusammengeleimt worden. Seinen Oberkörper trug er stets geneigt, den Nacken gekrümmt. Die Augen in dem mageren, stets glattrasierten Gesicht, das durch den Ausdruck einer fatalen Güte entstellt wurde, sahen scheu bohrend von unten her. Seine Bewegungen, nicht unedel, wirkten doch unangenehm, denn es haftete ihnen eine Sanftmut an, die nicht überzeugte. Die Stimme klang wie aus einer eingeschlagenen Brust. Das war der Mann, mit dem mein Vater am Stecken einen großen Teil Deutschlands und Italiens durchwandert hatte, ein Mensch, der sicher in den Grundwassern des Lebens wohnte und dem es, nach dem Feuer seiner oft gesenkten Augen zu schließen, eine Leidenschaft war, sich an dem Dasein immer und immer tief zu verwunden. Möglich, daß diese Gewalt seiner Schwäche das innerste Band zwischen den grundverschiedenen Männern bildete. Denn er war um zehn Jahre älter als mein Vater, und die Haare, obwohl noch ungebleicht, lagen als dünne, glanzlose Schicht über die Schläfe hin, immer peinlich geordnet, nach der Art pedantischer Greise. Sein Lachen konnte zu Zeiten jung klingen, und er erhielt sich in seinen abseitigen Winkeln vielleicht nur um dieses beseelten, schönen Tones halber, den eine lange Reihe verlorener Jahre nicht hatte töten können. Noch heute grüble ich umsonst über den Grund nach, weswegen der Mann so zeitig sich aufgegeben hat und in unheilbare Menschenfeindlichkeit geraten ist. Früh hatte er sich an ein lautes und leeres Weib verhandelt, mit dem ihn ein endloser Zwist verband. Während sie das dämmerige Hinterzimmer mit unablässigem Getöse erfüllte, saß er in der blauen Leinwandschürze am Fenster und las in alten Büchern. Die Hobelbank und all das Handwerksgerät waren in eine Ecke geräumt, sauber, blank und unbenutzt sah es aus wie eine wohlbehütete Sammlung von Kuriositäten aus Väterzeiten. Denn seine hämisch beißende Art hatte ihn um alle Arbeit gebracht, und außer Blaseröhren für Knaben und allerhand verwunderlicher Basteleien wirkte er nichts mehr, sondern ließ sich von seinem Weibe erhalten, die er dafür verachtete. So trotzte er der Gewohnheit der Menschen. Ohne dem Leben der andern reinere Handlungen und eine klarere, tiefere Weisheit tätig entgegenzustellen, begnügte er sich damit, an den Torheiten der Menge vernichtende Kritik zu üben. Sicher strebte er in seiner Jugend nur wirklicher Schlechtigkeit entgegen; aber mit zunehmendem Alter verfolgte er summarisch alle Handlungen seiner Mitmenschen mit ätzendem Gift. Allein, was ich an anderen einreiße, das füllt auch in mir zusammen, und nachdem er ein halbes Dasein das Leben seiner Umgebung unterminiert hatte, war das ganze Erbteil seiner Väter in ihm vernichtet, und die voreiligen Einbildungen eines unglückseligen Gemütes standen als Wahrheit um ihn: die Welt der Menschen war ihm ein wirrer Haufe von Jämmerlichkeit, Widersinn, Aberwitz und Gemeinheit, ein häßlicher Lärm um nichts. Wie ist es nur möglich, daß das Leben am Leben verderben kann? Und doch trinken die Menschen mit ihrem Atem ihr Herz aus, und die Seele erzeugt Gedanken, an denen sie stirbt. Ja, dieser Tod bleibt nicht auf den Befallenen beschränkt, er ist anpassungsfähiger als alle Mikroben der Welt.« – – – – – – – Faber hielt lauschend inne, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und starrte mit gesenktem Kopf vor sich hin. Das Licht der Petroleumlampe summte in die peinvolle Stille. Der Wind stieß plump aufs Dach, und dann klang wieder nichts als dieser leise, leise Ton des Lichtes. Auch an Fabers Ohr mußte er gerührt haben, denn er hob langsam den Kopf und blickte versonnen in die Flamme, als wolle er erforschen, wie sie diesen Laut hervorbringe. Mit Millionen goldglänzender Füßchen trippelte sie auf dem rußigen Docht, sehr ängstlich und sehr ungeduldig. Er lächelte schwach, ohne seinen Ernst zu verändern und begann aufs neue: »Eine Flamme hat etwas unlösbar Geheimnisvolles. Schon als Knabe habe ich abseits von dem schwatzenden Kreis, der sich allabendlich in der Stube meiner Eltern auf der kurzen Burgzeile versammelte, in einem Winkel gehockt und auf die Decke gestarrt, wo die Tischlampe die bekannten konzentrischen Zitterkreise malte. Wie auf ein Geheimnis sah ich hin in stummem Staunen und konnte es nie begreifen, daß all die Leute, die am Tisch saßen, so eifrig zu reden imstande seien, wenn das Licht so eigen brannte. Es fanden sich immer dieselben Leute bei uns ein, wenn sie auch nicht jedesmal alle anwesend waren: Eine lange, magere Frau, welche so eigen lachen konnte, so wehend, zwischen den gespreizten Fingern hindurch, erzählte die Geistergeschichten von dem Burggrafen von Grafenort, der nach seinem Tode allnacht mit dem Kopf unter dem Arm umgehen mußte, weil er als Freimaurer seine Seele dem Teufel verschrieben hatte; von dem feurigen Hunde im Gänsewinkel und den tanzenden »Jesuitergebeinen« auf dem Schwedenkirchhof. Ein alter Junggeselle, Maler von Profession, log unter fortwährenden Wahrheitsbeteuerungen die tollsten Sachen zusammen, hörte aber sofort tiefgekränkt auf, wenn des Pfeffer-Gerbers Tochter, ein mildes, bleichwangiges Mädchen, hereintrat. Dann brummte der unverheiratete etwas von »dummen Gänsen«, saß noch eine Weile stumm und beleidigt da und verschwand dann stillschweigend. Der Dorn-Schuster hatte seinen Sitz immer auf der Holzbank, die ihre steife Lehne gegen das Brett des ersten der beiden Fenster preßte. Er ließ sich nur in Intervallen sehen, dann nämlich, wenn eine Wolke des Mißgeschicks um unser Haus stand. Dieser sanfte, verschwommene Mann lebte des Glaubens, meinem Vater sei geholfen, wenn er ihm die plumpe Zutraulichkeit, das rührende Ungeschick und die vollkommene Hilflosigkeit seines Herzens leiblich näher bringe. Vielleicht auch wollte er gar nicht helfen, sondern ward von seiner Ohnmacht instinktiv in den Luftkreis des Außergewöhnlichen getrieben. Kurz, er saß hinter dem Tisch, breit, gelassen und sicher. Die großen Hände lagen vor ihm ausgebreitet. Seine ausdruckslosen Augen sahen immer erstaunt umher, und die ewige Verwunderung hatte die semmelblonden Brauen hoch in die Stirn hinaufgezogen. Jedes herankreisende Gespräch fand ohne weiteres seinen Beifall, wohl deswegen, weil er immer Gelegenheit fand, seine belanglosen, ja törichten Zwischenbemerkungen zu machen, um dann, wenn es mit dem Austausch der Meinungen hoch herging, auch mit seinen Geschichten herauszurücken, da er bei solchen Gelegenheiten sicher sein konnte, daß niemand recht ihrer achtete. Er erzählte stets von seiner Arbeit: von ein- und zweinähtigen Stiefeln, von Kinder- und Knöchelschuhen. Die meisten fanden es komisch, daß er sich jedesmal dabei ungewöhnlich erregte. Aber sie übersahen, daß er darin seine Lebensanschauung vortrug. Diese gipfelte in dem Ausruf: ›Das nimmt amal kee gut' Ende!‹ Aus den Veränderungen im Geschmack der Käufer schloß er auf Wandlungen im Weltgetriebe. In jener Zeit verloren sich die zweinähtigen, gewichsten Langschäfter vom Markte. Da prophezeite er nun das Aussterben der Bauern und Knechte und das Heraufkommen der »Ökonome«, er tat das mit leidender, durchdringender Stimme, einem schmerzvollen Zug im Gesicht, mit feuchten, ängstlichen Augen. Immer versicherte er sich der Zustimmung meines Vaters, und hatte er es mit seinem Geschrei endlich dahin gebracht, daß jedes auf ihn hörte, brach er bestürzt ab und sah beschämt umher. Mein Vater schätzte ihn, wie man ein altes, unbrauchbares Möbel in seiner Stube gern hat, dessen vollkommene Zwecklosigkeit uns veranlaßt, ihm irgendeinen unbegreiflichen Sinn unterzuschieben. Nein, wenn ich mir den Ausdruck herzlichen Wohlwollens vorstelle, mit dem mein Vater seinen Schulkameraden oft unbemerkt betrachtete, so komme ich zu der Überzeugung, daß sein Gemüt von dem tiefen, reinen Klang schon damals getroffen wurde, der um diesen kindhaft hilflosen Mann hing. Aber er ließ es ihn nie allzu deutlich merken, sondern duldete es sogar, wenn unsere Gesellen und Lehrjungen sich hänselnd über ihn hermachten, lachte wohl dröhnend mitten hinein, lehnte sich dann in seine Sofaecke zurück, kümmerte sich anscheinend um nichts und sog große Wolken aus seinem Pfeifenrohr. Meine Mutter strickte und blickte mit ihren klaren, grauen Augen gutmütig im Kreise umher. Räusperte sich die Schwarzwälder Uhr neben dem Ofen, um neun zu schlagen, so gab der Vater meiner Mutter mit den schwarzen Augen einen Wink. Sie legte dann eilig die Arbeit auf den Tisch und sagte milde: »Nun, Kinder, es ist Zeit zu schlafen. Wir wollen beten!« Der Besuch empfahl sich, und jedes, Gesellen und Lehrjungen natürlich eingeschlossen, kniete vor einem Stuhle nieder. Mit schlaftaumelnder Zunge leierten wir den kleinen Rosenkranz her. Alle beteten. Nur mein Vater wandelte indessen gleichmütig hinter unserm Rücken auf und nieder. Und alle Abende, wenn ich so vor meinem Stuhle abwechselnd auf dem rechten und dem linken Knie hockte, überkam mich ein absonderlicher Gedanke. Es war mir, als sei er dadurch, daß er an unserem Gebet nicht teilnahm, weit von uns entfernt. Als gehe er in einer fremden Luft auf und nieder und sinne mit seinen funkelnden, schwarzen Augen in unbekannte Weiten. Ich kam mir so verlassen vor, und mir ward es oft um meinet- und meiner Geschwister willen wehe ums Herz. Schaute ich aber auf meine Mutter, dann wurde ich meinen kindlichen Kummer wieder los. Sie kniete unbeweglich neben mir, und ihre Augen ruhten auf dem Christusbilde über ihr. Dabei glänzten sie, von dem Lichte seitwärts getroffen, wie gute Sterne. Oh, und was für einen Gute-Nacht-Kuß preßte ich dann auf ihre schmalen, schönen Lippen, einen glühenden, wobei mir das Herz schlug. Dem Vater durften wir nur die Hand reichen. Stellten wir uns auf die Zehen, um nach einem Kuß zu langen, dann wies er uns wortlos ab mit seiner breiten, braunen Hand, die voller Schwielen war. Meine Geschwister empfanden nichts dabei und stürmten zankend und sich stoßend zur Tür hinaus. Mich traf Vaters Abweisung oft tief in die Brust wie kalter Atem, und ich ging, an den Nägeln kauend, langsam hinweg, wie Kinder gehen, denen ein Almosen verweigert worden ist. Dann trat wohl, wenn es des Vaters wegen sich tun ließ, meine Mutter an mich heran, drückte mir die Hand, zündete eine Laterne an, gab sie mir und sagte: »Du mußt dich nicht fürchten, sieh, du bist ein Junge. – Sei vorsichtig mit dem Licht! Lösch es aus, ehe du einschläfst!« Droben unter dem Dach aber lag ich dann noch lange wach, während das Schnarchen der Gesellen und Lehrlinge zu uns herüberdrang in die Kinderkammer. Über mir im Finstern zitterten die weißen, konzentrischen Lichterkreise weiter, zwischen denen Schattenringe schwebten. Sie lagen aber an keiner Decke, sondern schwammen in der Finsternis der Nacht. Heftete ich meine Äugen ganz scharf darauf, so flossen sie zu einem helleuchtenden Punkt zusammen, und es war mir dann, als habe die große, unendliche Nacht um mich ein Loch, durch das, wenn es gelänge, hinauszusehen wäre in eine ferne, golden-schöne Luft. Dann fiel mir ein, daß dort vielleicht mein Vater hinschaue, wenn er hinter unseren Rücken auf- und niederschritt, während wir beteten. Ich strengte mich an, den Strahl meines Auges auch hindurchzubohren bis in jene geheimen Weiten; aber zu meinem Schmerze floh das kreisende Licht so tief in die Nacht, daß es nicht größer als ein blitzender Nagelkopf war. Lange trieb ich das so, bis mir einfiel, meine Mutter habe mir Vorsicht mit dem Lichte angeraten. Und ich war damals erst ein Achtjährling und dachte, meine Mutter habe auch das Licht über mir, das Loch in der unendlichen Finsternis, meiner Vorsicht empfohlen. Da ich das nicht ausblasen konnte, da es auch vor meinen geschlossenen Augen gaukelte, wußte ich mir keinen anderen Rat, als zu beten, bis das Licht erlosch. Dann atmete mich die Nacht an mit ihren geheimnisvoll tiefen, lautlosen Atemzügen. Die Glocke der Stadtuhr schlug ganz lange, und ihr Schall zerfloß singend in der Luft. Wir aber war's, als ob meine Mutter aus den Lüften zu mir rede, ich solle mich nicht fürchten; denn ich lag schon halb im Traume. So tauchte das Spiel mit den Fernen, das nach meiner Schwester Tode in mir erwacht war, wieder auf. Denn die Süchte des Menschen wandeln sich, aber sie sterben nicht. Glühten in jener Zeit die Augen Annas auch nicht auf mich herab, so lockte das Leuchten nicht minder in die Weiten, in denen sie scheinbar für immer erloschen waren. Es gab aber auch andere Abende in meinem Elternhause. Dann sagte mein Vater gleich nach dem Abendbrot zur Mutter: »Heut gehen die Kinder zeitig schlafen. Mach', daß du aufwäschst und mit ihnen betest. Ich hab's nicht gern, daß sie dasitzen und alles aufschnappen.« »Und ihr schert euch ins Nest«, wandte er sich an die Lehrlinge. Den Gesellen wünschte er ohne weiteres »Gute Nacht«. Bald war die Stube leer. Meine Mutter ging still umher, stiller wie sonst immer. Uns Kindern war bange, wenn wir auf sie sahen; denn sie lächelte gar selten und dann auch so schwach und schüchtern. Einmal bemerkte ich gar, daß ihre Hände zitterten, als sie einen Topf austrocknete. Mein Vater aber lehnte an solchen Abenden nicht behaglich in der Sofaecke, sondern saß vorgebeugt, paffte kurz und schnell aus seiner Pfeife und horchte gespannt auf jedes Geräusch draußen. Gewöhnlich, während wir beteten, kam dann der Besuch. Die Tür ging langsam und umständlich, als winde sich wer mit einer großen Bürde in die Stube, und nach leisem Gruß, der meist in dem Murmeln unsers Gebets unterging, suchte er mit leichtschlürfendem Schritt seinen Platz auf. Wenn unsere Köpfe neugierig herumflogen, saß der Tischler Rinke gewöhnlich schon auf der Holzbank hinter dem Tisch. Wir haßten ihn, weil er schuld war, daß meine Mutter dann so still und traurig einherging. Deswegen mochten wir ihn nie recht ansehen, sondern gaben ihm die Hand mit trotzig gesenkter Stirn. Einmal aber sah ich ihm voll und feindselig ins Gesicht. Das war an einem Abende, den ich nie vergessen werde. Die finstere Februarnacht warf Wände schweren Schnees herunter. Ein träger Wind wischte mummelnd über die Scheiben der Fenster. Unser Gebet klang dumpfer als sonst, und das Schweigen der beiden Männer am Tisch lag peinlich in dem Dämmern, mit welchem das Licht der Lampe über die Wand vor mir floß, auf die ich meine Augen richtete. Sie sah nicht aus wie eine feste Mauer, sondern wie eine regengraue Weite, gegen die wir mit unsern machtlosen Gebetsworten ankämpften, und das Christusbild in der Mitte stak gleich einem winzigen Türlein in dem Halbschatten. Während wir mit dumpfem Murmeln diesem Notausgang entgegentasteten, saß der krumme Mann hinter uns und schaute gleich meinem Vater durch das leuchtende Loch im Finstern auf all die Wunder, die mir noch immer verborgen waren. Ich empfand das wie eine bittere Ungerechtigkeit, und während ich dann dem hinter dem Tisch Sitzenden die Hand reichte, nahm ich mir vor, heute noch nicht schlafen zu gehen. »Schreibst du auch schon ins Heft?« fragte mich Rinke mit einem Lächeln, das mir häßlich vorkam. »Natürlich«, antwortete ich keck und sah ihn dabei feindselig an. »Was? Natürlich? Range, ist das eine Antwort?« brauste mein Vater auf. »O ja, Herr Rinke«, verbesserte ich kleinlaut. Aber im Hinausgehen war mein Vorsatz noch einmal so fest, alles zu erlauschen, was die beiden miteinander reden würden. Dann lag ich in der Kammer droben im Bett. Die Geschwister schliefen. Meine Schwester lachte zäh und formlos im Schlafe. Gegen zehn kamen die Lehrjungen heim, vorsichtig, mit ausgezogenen Stiefeln. Das Geländer der Treppe quietschte, manche Stufen ächzten. Da blieben sie stehen und schlichen dann auf den Zehen weiter. Endlich waren sie in den Betten, unterhielten sich noch eine Weile flüsternd, kicherten unter der Decke und schnarchten dann beide laut und deutlich. Der Altgesell hatte zuletzt auch heimgefunden. Leise durch die Zähne pfeifend, daß es klang, als singe er über ein Haar, war er eingeschlafen. Es schlug elf Uhr. Der Wind zerriß die Töne der Stadtuhr in der Luft und blies sie als wimmernde Fetzen durch die Ritze des Ziegeldaches. Schnell und lautlos wie eine Katze war ich aus dem Bett, die zwei Stiegen hinab. Vom Hausflur führte eine selten verschlossene Tür in den Laden, die ich bald ertastet und glücklich hinter mir zugezogen hatte. Im Begriff, mich zurechtzufinden, rührte ich an ein Paar Zugblätter, daß deren schwere Eisenriegel klirrend aneinanderstießen. Mit Herzklopfen heftete ich meine Augen auf die Wand, wo sich das Fenster der Glastür abzeichnete, die aus der Wohnstube in den Laden führte. Wenn das Schattenkreuz sich bewegt, dann reiß' aus! dachte ich mit klopfendem Herzen. Aber es stand ganz still, nun zitterte es ein wenig. Denn jemand ging in der Stube mit so schweren Schritten auf und nieder, daß die Tür sich bewegte und mit ihrem abgenutzten Schloß knarrte. Das war mein Vater. Ganz leise schlich ich hin. Gebückt tastete ich mit den Händen nach dem mit Flickflecken bis obenhin gefüllten Henkelkorbe, der nahe bei der Tür stehen mußte. Da wollte ich mich auf den Henkel setzen und die nackten Füße mit den Flecken einhüllen, denn mein fast unbekleideter Körper begann unter dem Frost zu beben. Ehe ich mich setzte, warf ich erst einen Blick in die Stube. Der Tischler saß zusammengesunken am Tisch und starrte mit seltsam aufgerissenen Augen wie ratlos über die Stube nach meinem Vater hin, der in tiefer Versonnenheit eben am Tisch vorübersteuerte. Den Kopf gesenkt, die Füße hart aufsetzend, wanderte er wie mutterseelenallein auf die hintere Wand zu. Plötzlich zuckte sein schwarzes Haupt herauf, und schrill hielt er im Schreiten inne. »Eine schöne Wandlung!« so redete er erregt zu dem Tischler hin. »Da meinst du, es gehe uns einen Quark an, ob der Unternehmer seine Arbeiter abmurkst? Er hat ihnen den höchstmöglichen Lohn zu zahlen und außerdem dafür zu sorgen, daß sie ein menschenwürdiges Leben führen, nicht, daß sie in solchen Löchern hausen, wo Laster und Krankheit sie im Schlafe anfallen.« »Und wer will sie zwingen, wenn sie es eben nun doch nicht tun?« fragte Rinke höhnisch. »Wer? Wir, die Gemeinde aller billig denkenden Menschen! Alle, die der Brustfleck noch schmerzt beim Anblick von Unrecht«, antwortete mein Vater entschieden. »Faber, Robert, du vergißt zu schnell!« Rinke gab es lächelnd zurück. »Du hattest recht, und deine Senkgrube mußte doch verschwinden. Wir sitzen doch bloß in der Karrete, fahren und lenken tun uns andere. Ob's hott oder hüh geht, ob's schüttelt und stößt, ob irgend jemand unter die Räder kommt, das ist denen egal ...« »Bis es dem Meister endlich einmal zuviel wird«, vollendete mein Vater mit tiefer, bewegter Stimme. »Dann nimmt er die Kandare selber in die Hand. Laß gut sein, und wir Männer haben Gewalt über ihn. Wenn tausend rechter Herzen zusammenstehn, dann muß er ihn' den Willen tun.« Es entstand eine lange Pause, und ich hörte meine Mutter vom Ofen her, wo sie wohl saß und strickte, mit geschlossenem Munde husten. Endlich fragte Rinke trocken: »Du meinst mit dem Meister Gott?« Mein Vater bejahte schweigend. »Und wenn der nu nich will? Wenn der sich um das Zappeln in unserer Brust nischt kümmert?« Mein Vater schwieg. »Ach, und da meinste, da hilft eben das Beten, was?« Des Tischlers Stimme war leise und boshaft. »Warum denn nicht?« antwortete mein Vater nach einer Pause. »Es braucht nicht auf den Knien zu sein und nich aus 'm Buche. Man steht ehrlich auf seinen zwei rechtschaffenen Beinen und zuckt nich mit der Wimper, und mag's auch lange anders aussehen.« »Und da läßt er dich stehen, bis du umfällst. Ja, ja, Faberlein! Hi, hi, hi.« Rinke hatte mit unnatürlich hoher Stimme gesprochen und lachte dann leise in sich hinein. Darauf fuhr er fort: »So is' und nicht anders! Wer hat gewart' wie ich und is nie so ganz verzweifelt. Aber es hat mich gepreßt Jahr um Jahr, ohne Absetzen. Und nu seh' mich einer an! Bin ich noch ein Mensch? Nee, nee, Robert! Wenn's da droben eenen Meister hat...« »Rinke, reden Sie nich so was!« rief meine Mutter erschreckt. »Nee, nee,« begütigte der Tischler. »Frau Faber, ich sage ja nich, es hat keenen, ich spreche bloß, Wenn's eenen hat, dann seien wir alle zusammen Pack, um das er sich nischt kümmert. Nischt. Und da ist ihm doch wohl auch egal, ob wir gut sein oder böse.« Gepeinigt und leise, wie er gesprochen, setzte er jetzt aus. Mein Vater hatte, auf dem Sofa sitzend, mit geneigtem Kopfe zugehört und verharrte noch eine Weile schweigend. Dann erhob er sich umständlich, schüttelte den Kopf und sagte mit erhobener Stimme: »Nein, Rinke, das glaubst du selber nich.« Aber da wurde der Tischler plötzlich leidenschaftlich. Seine Worte klangen fauchend, als presse ihm eine Hand den Hals zusammen: »Ich glaube das nicht bloß, nein, ich wer' von jetz' an danach handeln! Ich hab's satt, mich von dem Wahl-Mensche – damit meinte er seine Frau – erhalten zu lassen. Jawoll, und ich hab' schon damit angefangen.« Wein Vater tat einen überlegenen Schritt vom Tisch weg und vor sich niederlächelnd, fragte er mit gütigem Hohne: »Na, na! Und wie hast du denn das eigentlich eingefädelt?« Dann schob er sich einen Gebetstuhl an die hintere Wand ganz ins Dämmern und setzte sich mit allen Zeichen heiterer Spannung zurecht, um zu hören, wie sein guter Wandergenosse auf seine alten Tage »partuh schrecklich böse sein wollte«. Rinke druckste und klaubte anfangs verlegen in den Worten umher. Mein Vater schlug aufs Knie und rief lustig: »Was, gick und gack, schieß endlich los! Denn ein richtiger Lump muß vor allem frech sein, sonst bringt er's zu nichts.« Danach lachte er übermütig. Aber wie dann der Tischler, ärgerlich darüber, als Gockel behandelt zu werden, anfing zu erzählen, und nach einigen Sätzen sich zu seiner trocken-zynischen Weise wieder erholt hatte, hob sich mein Vater in die Höhe, und die Heiterkeit seiner Mienen machte tiefem Ernst Platz. Die Kirchenverwaltung der Stadt, das war der Inhalt der Erzählung, wollte auf das Bauernchor neue Bänke anschaffen und hatte für die Arbeit eine Submission ausgeschrieben. Rinke war mit unter den Bewerbern und kam mit einem andern Tischler in die engere Wahl. Um in das Geschäft zu rücken, ging nun der Krumme, der sein Lebtag freiester Gesinnung angehangen, nicht nur fleißig zur Kirche, sondern ließ eine Menge Sakramente über sich ergehen, und der Pfarrer hatte ihn schon durch den Glöckner Kinzel wissen lassen, er werde wohl der Erwählte sein. Dies alles gab Rinke mit vielen Verzierungen seiner Spottlust zum besten, und je herberen Ernst er auf dem Gesichte meines Vaters gewittern sah, desto boshafter und schonungsloser wurden seine Worte. Am Ende rieb er sich die Hände und rief: »Siehst du, da wär'n wir, Faber!« »Das is natürlich alles Blech, was du hier erzählt hast«, sagte mein Vater nach einer Pause. »Wie denn Blech?« lautete des betroffenen Tischlers Gegenfrage. »Also, du hast alles so gemacht, wie du gesagt hast?« fragte untersuchend mein Vater weiter, seltsam ruhig und tonlos und erhob sich. »Natürlich!« antwortete Rinke und sah unsicher auf. Mein Vater stand nun am Tisch und bohrte sein Auge auf den Krummen ein. »So«, sagte er dann. »Das ist aber noch nicht alles. Wie ich dich kenne, kommt das Beste noch. Du erhältst den Zuschlag und gibst ihn mit Hohnlachen zurück. Nicht wahr, das ist doch deine Absicht bei der ganzen Sache?« »Fällt mir nicht im Traume ein«, platzte der Tischler hin, der die ganze Situation noch nicht übersah. »So? Auch nicht, wenn ich als Freund darum bitte?« fragte mein Vater eisig. Rinkes Gesicht wurde fahl und warf trotzig ein »nein« über den Tisch. «Auch nicht, wenn ich als Mann von Ehre es von dir verlange?« Die Stimme meines Vaters bebte wie ein Seil vor dem Reißen. Rinke schüttelte nur heiser lachend den Kopf. Da brauste mein Vater los: »Hier ist deine Mütze, Mensch, und dort ist die Tür. Noch geb' ich dich nicht verloren. Verstehst du? Aber wenn du die Jauche nicht ausspeist, die dir in der Gurgel sitzt, überschreitest du meine Schwelle nie mehr.« Ich sah noch, wie Rinke hinter dem Tisch hervorkroch. Dann aber fiel ein roter Nebel in die Stube. Mein Vater wurde lang und wuchs bis an die Decke. Mich warf der Frost. Eine Tür schlug wie Kanonendonner. In Angst sprang ich von meinem Korbe auf und lief die Treppen hinauf. Mein Kopf schrumpfte zur Größe einer Nuß ein. Zähneklappernd zog ich die Decke über mich. Dann hörte ich die Stadtuhr schlagen. Sie wieherte wie ein Pferd. Ich zählte und zählte und verlor die Besinnung. – – – – – – – Am Morgen fand mich meine Mutter in Fieberphantasien im Bett. Nie habe ich sicher erfahren, ob meine Eltern dahintergekommen sind, daß ich Zeuge dieses folgenschweren Ereignisses gewesen bin. Aus Aussicht auf die Hand des Vaters hütete ich mich, danach zu fragen. Der aber war lieber zu mir, nachdem ich das Krankenbett verlassen hatte. Nicht, daß er einen Kuß von mir angenommen hätte, nein, ich fühlte es nur instinktiv, es war mir wohler in seiner Nähe. Ich umgab ihn mit Aufmerksamkeit, holte ihm unbefohlen Streichhölzer herbei, brachte den Stiefelknecht und las die Federchen von seinem Sonntagsgewand, wenn er ausgehen wollte. Dafür sah er mich oft so eigen an mit ruhenden, still glänzenden Augen, so wie ein mildes Feuer in unendlicher Ebene brennt. Ich war glücklich darüber, und meine Kindheit sonnte sich in diesem einsamen Lichte seines stolzen Auges. – – – – – – – In uns ruht die ganze Skala des Daseins, alle Geister des Himmels und alle Ausgeburten des Schattens schlafen in der Brust des Menschen und harren ihres Erweckens. Hätte das Auge meines Vaters nicht so auf mir geruht, es stünde besser um mich... Vielleicht, wer weiß es? Allein es ist doch nun so gekommen. Aus seiner breiten Brust, hinter seiner hohen, kühnen Stirn hervor stürzte sich jenes Anstemmen gegen alles Bestehende in mein zehnjähriges Leben, das mich seitdem nie verlassen hat. Die Natur gab mir, wohl schon im Werden, einen großen Teil des väterlichen Wesens. Aber das Kecke, das toll Wagende, hatte bisher im Banne der mütterlichen Seele in mir gelegen und in der Gewalt der blauen Augen, die damals – und seitdem für lange – zu dem Lichte geworden waren, das von Wundern zitterte, die hinter der Menschenfinsternis blühen.« Der Erzähler hielt inne und saß ganz unbeweglich da in der Luft jener unwiederbringlichen Zeit, die er über sich heraufbeschworen hatte. Seine Augen, über denen eine dumpfe Schicht lag, waren weit geöffnet und doch wie spürend zurückgewandt mit all ihrer Sehkraft. Die Linien seines Gesichts schienen verwischt. Nur die bitteren Falten von den leicht beweglichen Nasenflügeln zu den Mundwinkeln hin waren geblieben. Wie im Schlafwachen lehnte er in der Ecke des Sofas, und tonlos, wie im Traume, sprach er noch die Worte über sich: »Und doch bin ich es nicht gewesen, was nun aufklingt, aufschreit. Nicht mein eigentliches »Ich«, nur eine Nuance von mir.« Dann versank er in völliges Schweigen. Sein Gesicht ward blaß und fiel wie leidend ein. Der Wind draußen war leichter geworden. In gestrecktem Flug eilte er an dem Hause hin. Seine Schwingen sangen durch die Nacht wie die Messer riesiger Sensen. Nur dann und wann verfing sich seine Wucht an den Wänden, daß ein Knistern und Knacken von den Sparren bis in den Grund durch das Gebälk fuhr. Nach einer solchen Erschütterung erhob sich Faber wie auf einen dringenden Anruf aus der Versunkenheit, sammelte mit eingedrückten Augen seine inneren Bilder und begann weiter zu erzählen, aber mit jener unwirschen Stimme, die ich bei unserm ersten Zusammentreffen an ihm kennengelernt hatte. »Wir Menschen unserer Zeit sind Wesen der Zusammenbrüche. Kaum einer unter den Tausenden, die überhaupt bewußt leben, wächst ungestört aus den Notwendigkeiten des einen Lebensalters in den freier beschränkenden Zwang des nächsten hinein. Unsere Entwicklung gleicht mehr dem Entrinnen aus Zerstörungen, und die Erfolge der inneren Zeiten scheinen immer wieder Trümmer zu sein. Und doch bezweifele ich, ob es die Absicht der Natur sei, daß wir uns stets aus kreisenden Wassern nackt auf eine Insel retten müssen, um dort solange zu verharren, bis wir stark genug zu einem neuen Untergange sind. Am erschütterndsten ist der Ausgang der Kindheit, wenn er nicht an ihrer natürlichen Grenze, der Pubertät, liegt. Erkenntnisse kommen über uns, die wir nicht fassen, Erfahrungen, denen wir nicht gewachsen sind. Die Seele sucht diesen unseligen Geschenken durch krause Wildheit zu entfliehen und errichtet in Notwehr einen Wall rüder Tollheit um sich. Was für ein Rüpel wurde ich nach der Schlucht, die jene Nacht in mein Leben gerissen hatte, in der der Kampf meines Vaters mit dem Tischler Rinke begann, der Schrecken meiner Lehrer! Fast die ganze Stadt fürchtete mich. Das Wort »Gehorsam« war auf einmal aus meinem Bewußtsein geschwunden. Keine Achtung und Ehrfurcht besaß ich, nichts Demütiges und Weiches mehr, überall schrie ich mein brutales »Ich«. Meine Lehrer erschöpften umsonst die ganze Stufenleiter ihrer Strafen an mir; die alten Weiber riefen Gottes Strafgericht über mich, die würdigen Bürger prophezeiten meinem Vater das größte Unglück mit mir. Meine Mutter, die mich sonst mit einem Blick ihrer sanften Augen regiert hatte, schritt zu einer permanenten Prügelei. Ich lachte sie aus. Mein Vater schlug mich oft, daß ich besinnungslos weggetragen werden mußte. Es half nichts. Ja, einmal geriet ich über eine vermeintlich ungerechte Züchtigung in eine solche Wut, daß ich ein auf dem Tische liegendes Brotmesser ergriff und auf meinen Vater eindrang. All mein Sinnen verfing sich in Abenteuerlichkeiten; all mein Handeln wurde zur Verirrung; ich lebte in einem Rausch des Widerstandes gegen alles und alle. In jenen Zeiten kochte ich auch in den Fiebern einer frühzeitigen erotischen Entzündung, verlor meine Unschuld und vergriff mich an mir selbst. Manchmal aber kam doch in meine fessellose Seele eine tiefe Reue, die einem Wüten glich. Ich weinte über mich bis zum Taumel. Dann verbrachte ich Tage in stiller Einsamkeit auf dem Dachboden oder unter den Weiden am Neißeufer und peinigte mich mit aller Art Entbehrungen wie ein Asket, um nach kurzer Spanne in einem wilden Streich all die guten Vorsätze wie Plunder von mir abzuschütteln. Meine verwilderten Haare, meine schmutzigen Hemdärmel, meine stets zerrissenen Hosen tauchten wieder überall auf, wo es Lärm, Verhöhnung, zerschlagene Fensterscheiben und nächtlich läutende Hausglocken gab. All meine Kameraden jener tollen Monde sind verkommen, im Trunk, in Straßengräben, im Gefängnisse. Ich rettete mich vor dem vollkommenen Verlieren bis heute. Denn es gab zwischen mir und ihnen stets eine letzte Schranke, deren Überschreiten ich ihnen wehrte. Im Innersten verachtete ich sie. Dort trug ich, was sie nie kannten, heimlich und unversehrt, den süßen Schimmer meiner frühen Kindheit über mir. und er lag auf diesen dunklen Stunden, wie das weiße Mondlicht in der Nacht auf schwarzen Dächern liegt.«– – – – – Faber verstummte. Die Hände zwischen die Knie geklemmt, saß er lange mit geneigtem Kopfe da. Auf ein erinnerndes Räuspern von mir hob er seinen zerflossenen Blick in meine Augen und nickte mir, schwermütig lächelnd, zu. »Ich erzählte ein wenig zu umständlich«, sagte er. »Aber für den Zweifelsüchtigen gibt es keine Sicherheiten und keine Selbstverständlichkeit.« »Im Gegenteil,« erwiderte ich, »über die Gründe des plötzlichen Bruches zwischen deinem Vater und Rinke hast du mich noch nicht genügend unterrichtet.« »Hm, hm. Na ja«, antwortete er, sann ein wenig nach und fuhr sich dann über die Augen. »Aber ich kann nicht mehr, ich fühl's, daß ich dem Kreisen, das nun auf mich zukommt, nicht mehr gewachsen bin. Vielleicht, wenn ich es doch erzwingen wollte, würde ich mitten im Erzählen einschlafen. Es muß übrigens nicht mehr weit von zwölf entfernt sein.« Ich zog die Uhr und sah, daß sie schon ein Viertel nach eins zeigte. »Na siehst du, Kastner! Hab' Dank für die Ausdauer. Ich werd' mich aufs Ohr drücken. Denn drei durchwachte Nächte machen sich endlich doch geltend, und dann ist eine nahende Sicherheit über mir. Vielleicht muß es doch nicht sein. Morgen abend um sieben erwarte ich dich hier. Das heißt, wenn du willst.« »Faber!« sagte ich vorwurfsvoll. »Schön!« Er nahm die Lampe und geleitete mich an die Haustür. Ich lehnte das Anerbieten seiner Begleitung ab. »Also auf Wiedersehen!« rief er mir nach, der ich schon zwischen den Obstgärten hineilte. Die Nacht war dunstig-blauweiß. Aus allen Ästen schüttelte der Wind die blassen Blätter überreifer Blüten über mich auf den Weg. Im Säuseln der Birken, auf dem Hügel zwischen Raspenau und Wecknitz, schrak ich herauf. Die Birkenstämmchen standen wie weiße schwanke Tempelsäulen um mich, und der machtlose Vollmond sank nach dem schwarzen Brausen des Feistelwaldes hin.   Ende der ersten Nacht. Die zweite Nacht Der andere Tag hatte vom Morgen bis zum Abende gleichsam an der Schwelle der Nacht gelegen. Wie ein blasser Bechermund hing die Sonne in der Höhe und goß schwere Nebel über alles aus, daß die Erde zur Wolke im Gewölk wurde. Als ich die sanfte Lehne gen Wecknitz hinanschritt, sang der Turm von Naspenau mit seiner tiefen, alten Glocke Abendsegen. Die Klänge fielen kraftlos durch die Luft und erloschen im Grase. Nachdem die Erde den letzten Ton eingesogen hatte, kam ein Schimmer, eine machtlose Heiterkeit über sie. Freilich sah ich davon nichts als das schwache Leuchten der Wiesen ein wenig rechts und links vom Wege, denn ich ging gesenkten Auges hin und wollte meinen Blick erst im Birkenwäldchen zu dieser späten Schönheit erheben, um die volle Überraschung zu genießen. Indes ich so Fuß vor Fuß setzte und halbe Betrachtungen durch mich hinschwanden, näherte sich mir auf dem Wege das dumpfe Stoßen von Schritten. Da träumte ich versonnen in mich hinein: das könnte ja das Poltern sein, das dem Webstuhl eines Wecknitzer Häusleins entlaufen sei, weil es sich nicht mehr von dem plumpen Holze hin- und herschlagen lassen, sondern in die weite Welt laufen wollte, um dort auch etwas zu lernen. Aber ich war nicht imstande, den sonderbaren Einfall zu Ende zu spinnen, denn das Poltern war mir ganz nahe gekommen und hielt dicht vor meinen Füßen. Ich hob lächelnd mein Gesicht, um zu erfahren, in was für einem Leibe es stecke und sagte fragend und überrascht: »Nun?« Es nahm mit ungewöhnlich langen Armen seine alte Mütze vom Kopfe, machte etwas wie eine Verbeugung und sagte dann: »Ach, Sie wern nämlich woll verzeihn, ich bin nämlich Plaschke aus der Wecknitz. Plaschke Thaddees.« Und weil es mir nicht gelang, das Lächeln zu unterdrücken, fuhr das Poltern fort: »Ich bin ein eenfacher Mann, freilich. Es is au nich wegen mir. Sie sein doch der Herr Lehrer Kastner aus Raspe, der de gestern bei unserm Herrn war?« Ich nickte. »Nu sehn Sie, do sein mer ja! Nämlich, meine Älteste, de Liese, is doch bei 'm aso fir Wirtschaftern, mecht ma sprechen. Na und das is Ihn ein komsches Mädel, vo der erschten Windel an, of deutsch gesagt. Sie hat Ihn aso een ganz andern Geist, wie mir Plaschke-Leute alle, daß ees wahrhaftig manchmal denken muß, sie zwirnt doppelt. Wissen Sie, aso koplischant und konzise is sie und auch mangolsch, mit eem Worte, versponnen. Da mochte unser Herr Lehrer ein Auge of sie gekriegt haben in der Schule. Und dernachern leid't er nich, daß sie spult, sorgt fir Kleeder. läßt sie das Kochen lernen in Siebenhuben beim Klemt-Gastwirt, alls. Nach, eene solche Guttäte soll ma sich doch suchen dahier in der Welt! Au sonst hilft er uns da und dort, wenns amal hapert. Mich schmeißt nämlich der Herrgott mit Kindern. Und Meine, nämlich gutt is sie ja, alle ponähr, nä, da mißt' ich liegen. Aber sie is doch, wie ma spricht, ein Pfriemer, dar de in Essig getaucht is. begiehts, beißt und sticht, manchmal tagelang. Was soll ma da machen?« Plaschke hatte den Faden verloren und stach mit dem Stock im feuchten Sande des Weges umher. Dann sah er mich erwartungsvoll an. »Sie wollten mir von Ihrer Tochter erzählen«, sagte ich und sah prüfend über ihn hin, über seinen vierschrötigen, zusammengesessenen Oberkörper, der auf langen, dürren Beinen balanzierte und auf sehr kurzem Halse einen ungemein ausdrucksvollen Kopf trug. »Richtig, nee, nee. Ma vermärt sich aso. Ich bin nämlich hinterm Webstuhl afir, of gut Glücke naus geloffen, die is gleich hinter mir.« »Die Liese?« fragte ich. »Ebens, ebens. Sie will nämlich patuh nich mehr beim Herrn Lehrer blein, uf und darvo in de Welt nei.« »Warum denn nun?« fragte ich weiter, weil Plaschke verstummte und ratlos an mir vorbei ins Leere sah. »Ja, da kann ich nich gescheide aus ihr wern. Die verführt Reden, die kann keens verstehn. Und da dacht ich ebens, wenn Sie ihr den Kopp zurecht setzten. Sie sein gestudiert, und wie man hört, hält unser Herr Lehrer große Stücke vo Ihn. Da sagen Sie ihr, sie soll sich ihren Packs nehmen und soll wieder munder giehn. Nich wahr, Sie sein a so gut. Ich denke, Sie wern sie in den Birken treffen, und da nehmen Sie amol keen Blatt firs Maul. Sie kann doch nicht mir nischt dir nischt fortlaufen.« »Was ich tun kann, will ich tun«, entgegnete ich dem armen Aufgeregten, der meine Hand ergriff, sie heftig preßte und dann mit den Worten: »Na, da dank ich Ihn recht schön. Ma muß halt das Leben kaun, und wenn eem de Zähne vollends gar ausbrechen«, an mir vorüber auf dem Wege nach Raspenau zu eilig fortstolperte. Seine Schritte klopften noch eine Weile durch den Dunst; dann verloren sie sich plötzlich, als seien sie von der Erde eingeschluckt worden. Daraus entnahm ich, daß er sich in einem Graben in den Hinterhalt gelegt habe, um seine Tochter abzufangen, wenn sie ja etwa, trotz meiner Einsprache, auf der Flucht bestehen sollte. Das war mir eine Beruhigung, und eiliger setzte ich meinen Weg fort. Die Birkenkronen, die erst als durchsichtiges Grüngewölk am Boden zu liegen schienen, schwebten, als ich die letzte Bodenfalte hinter mir hatte, nur wenige Schritte entfernt, gerade vor mir, gleich grüngoldigen Flammen auf den schwanken Alabasterleuchtern ihrer Stämme, denn eben wurden sie von dem schrägen Golde des letzten Lichtes getroffen. Und dort erspähte ich auch schon den dunklen Kopf Lieses. Sie saß auf einem begrasten Steine zwischen zwei Birken, leicht an einen der beiden Stämme gelehnt, das ziemlich umfangreiche Bündel neben sich. In der Haltung eines tief Versunkenen wandelte ich an die Wartende heran, das Gesicht abgewendet, als habe ich nur Äugen für den Flug Krähen, die über dem Wald des Feistelberges fort sich in dem Dämmern immer mehr verloren. Da grüßte mich auch schon ihre leise, wohllautende Stimme, und als ich mich umwandte, erhob sie sich in der ihr eigenen demütigen Art von dem Steine und bemühte sich in der Verlegenheit, das herabgeglittene helle Kopftuch aus dem Nacken über das reiche braune Haar zu ziehen. »Ach, das ist ja die Liese!« rief ich mit gut geheucheltem Erstaunen. »Wo wollen Sie denn noch so spät hin, nach Raspe oder wieder in die Schule? Da können wir ja zusammengehen.« Sie bewegte verneinend den Kopf, und mit geschlossenen Augen sagte sie leise: »Nich nach Raspe und nich nach Hause. Ich habe plötzlich einen Gang, und es is möglich, ich komme zum Abende nich nach Hause, vielleicht auch morgen nich, ma weeß eben nich.« »Und das Bündel, da neben Ihnen?« fragte ich. »Das sein meine nötigsten Sachen«; antwortete sie, die Augen zu Boden geschlagen. »Da wollen Sie wohl dem Herrn Lehrer fortlaufen?« »Meinem Herrn? meinem Herrn?« fragte sie, und es klang wie erhaltene Beglückung. »Nee, aber ausweichen will ... will ich ... muß ich, nich auf lange.« »Aber Liese ...« Doch sie unterbrach mich, erhob ihr blasses, zartes Gesicht und heftete die großen Augen fest auf mich: »Gelt. Sie verstehn mich nich! Das glaub' ich schon. und ich wirde es auch nich gewagt haben, wenn ich nich wüßte, wie Sie mit meinem Herrn stehn. und daß Sie der eenzige Mensch sein, dem er vertraut da hier rum.« »Hat es denn etwas gegeben?« fragte ich, da sie verstummte. Sie errötete, glücklich lächelnd. »Ach. Sie meinen, er wäre böse of mich gewesen. Nee, das kann mein Herr nich. Aber sehn Sie, es reißt was Schweres an ihm. Er sagt nie was, zu niemandem. Aber ich hab's gefühlt, wie es auf ihn zukam, schon vorm Jahre, und nu is ganz über ihm. Ich weeß, er muß wohl fort von hier. Aber verstehn Sie, das halt' ich nich aus. Das könnt' ich nich ertragen, auf der Treppe zu stehn und zu sehn, wie er fortginge aus der Schule und aus Wecknitz. Sie müssen wissen, er hat an mir gehandelt wie ein zweiter Vater. Und deswegen zittre ich, wo ich geh' und steh', und es geht um mit mir bei helllichtem Tage. Deswegen will ich fort, irgendwohin in den Busch, wo die Menschen weit sein und ihre Häuser, wo ich nich amal den Rauch aus den Essen rich und keene Sonne seh', und da will ich liegen und warten, bis alles vorbei is, was ich nich versteh', und was doch sein muß. Dernachern will ich den Packs da nehmen und will wieder nundergehn zu meim Vater und will mich hinter den Webstuhl setzen, wo mich mein Herr hat afürgezogen. Und zwischen dem Poltern kann sich mei Auge dann und wann durchstehlen durch de Obstbäume zur Schule. Da wird wohl alles gehn.« Um die Flügel ihrer dünnen, schönen Nase nestelte verhaltenes Weinen, und erschöpft sank sie auf den Stein zurück, faltete die Hände im Schoß und senkte Wieder das Gesicht. Ich wollte fragen, ob sie ihren Herrn liebe, kam aber nicht dazu, sie mußte schon von meinem Gedanken getroffen worden sein, denn sie sagte unvermittelt: »Aber denken Sie nich etwan was anders. Ich hab's mit dem ersten Herrgottsleibe ein mich gelegt, daß ich ihm fir all sein Guttäte dienen will, aso lange sich eine Ader rührt in mir.« »Aber warum gehen Sie denn fort?« »Weil ich zitter; weil ich Angst Hab' und kann mir nich helfen, und wenn ich um ihn bleib', da könnt' er am Ende bloß aus Barmherzigkeit zu mir dableiben und doch nich mehr recht froh werden. Denn er hat schon amal, ich weeß ganz genau wegen mir, den Schröfel abbestellt und die Kiste wieder ausgepackt. Nu hab' ich noch eene Bitte, Herr Lehrer, deshalb Hab' ich auch of Ihn gewart'. Gehn Sie nunder und sagen Sie meinem Herrn, Sie hätten mich getroffen, und das Plaschke-Mädel sei ein widerborstiges Ding, dumm und nich recht gescheidt und besteh' darauf, fortzulaufen. Reden Sie's ihm recht ein und helfen Sie ihm so viel wie möglich, daß er feste bleibt und fortgeht. Und nu gute Nacht ...« Ihre Stimme schlug über. Sie wendete das Gesicht ab und riß mit zitternden Händen an dem Bündel herum. »Aber liebes, törichtes Mädchen«, sagte ich tief ergriffen und zog ihre Hände von dem Bündel fort. »Liese, begreifen Sie nicht, daß Sie durch all das Ihren Herrn gerade dazu brächten, entgegen seiner Notwendigkeit zu handeln?« Dann setzte ich ihr auseinander, daß ihr Verschwinden im Dorfe nicht unentdeckt bleiben könne, daß die Aufregung, die darüber entstände, meinen Freund zwänge, hier auszuharren, um böse Gerüchte zu entkräften; daß er außerdem dazu getrieben würde von Furcht und Sorge um sie, und als ich geendet hatte, saß sie lange mit bedeckten Augen, und ihr junger Busen ging stürmisch auf und nieder. Endlich richtete sie sich auf. »Gut, ich will mich zusammennehmen«, sagte sie mit einer tiefsonnigen Stimme. »Es ist schon finster. So komme ich wohl ungesehen zur Hintertür hinein in meine Küche. Ich danke Ihnen recht schön, Herr Kastner!« Sie nahm ihr Bündel auf den Rücken und verschwand nach links zwischen den Stämmen. Als ich aus dem Gewirr der Steige zwischen den Gärten glücklich den Zugang zum Schulhause gefunden hatte, hörte ich schon Fabers tiefe Stimme, die mit einem unförmigen Brummelbaß Zwiesprache hielt, die Treppe herunter auf mich zukommen. Etwas von dem alten Schneid lag in ihr, und nachdem auf ungelenken, schweren Beinen ein plumper Ballen mit Gemurmel, das als Fluch und Gruß gelten konnte, sich hart am Zaune an mir vorbeibugsiert hatte, stand Fabers hoher Schatten vor mir, und er legte grüßend die Hand auf meine Achsel, indem er sagte: »Ich dachte schon, du würdest nicht kommen.« Dem Davongehenden rief er zu: »Gute Nacht, Schröfel!« »Entschuldige,« erwiderte ich, »ich habe mich unterwegs aufgehalten.« »Ist dir etwa die Liese begegnet?« fragte er, und ich staunte, wie ruhig er war. »Warum hätte mir ausgerechnet ›Fräulein‹ Plaschke begegnen sollen?« Vorsichtig drückte ich mich an der Wahrheit vorbei. »Weil ich sie seit etwa einer Stunde vermisse und im ganzen Hause nicht finden kann«, entgegnete er. In demselben Moment stieß eine Holzkanne an die Tür, nach welcher hin wir langsam geschritten waren, und gleich darauf stieg Liese die Treppe herab und schritt auf den Brunnen zu. »Ach, da ist sie ja«, rief Faber. »Liese!« »Ja, Herr«, antwortete das Mädchen leise. »Guten Abend, Herr Kastner!« »Wo sind Sie denn? Seit einer Stunde sind Sie verschwunden«, fragte er mit dringender Güte. »Entschuldigen Sie, Herr, ich war of eenen Augenblick bei der Gerth Mile drüben an der Lehne.« Damit verschwand sie im Hause. Am Brunnen angekommen, blieb Faber stehen und sagte mehr zu sich als zu mir: »Gott, ja! es kann ja sein, warum denn nicht!« »Wie kommst du darauf, verzeihe, wenn ich überhaupt frage, anzunehmen, die Liese könnte davongehen?« »Ach, eigentlich sage ich das aus einer puren Empfindung heraus, und dann wäre das auch nach ihrem seltsamen Wesen in der letzten Zeit denkbar. Überhaupt ist sie ein Geschöpf, das nur aus Seele und Liebe zu bestehen scheint«, redete er versonnen. »Also doch Liebe?« fragte ich. »Ja, wie ich sie um der paar Fähnchen und um der wenigen Hilfe willen wahrhaftig nicht verdient habe. Sie lebt nur für mich. Je tiefer dieser letzte Zwiespalt über mich kam, um so größer wurde ihre Angst. Da läuft ihr dann allerhand über den Weg. Zum Beispiel heut nachmittag erst. Ich höre sie eilig den Flur hin zur Haustür laufen, und wie ich eine Weile nachher herauskomme, lehnt sie am Türpfosten, schreckensblaß und mit geschlossenen Augen. Rein wie in Bewußtlosigkeit. Und als ich sie mit Mühe wachgeschüttelt habe, öffnet sie die Augen und sieht mich groß und schmerzverwundert an. Nach vielen Bemühungen bekomme ich's endlich aus ihr heraus: Sie habe stark und eigen jemand an die Haustür klopfen hören, so daß es sie aus der Küche hinausgetrieben habe, und als sie laufend die Tür erreicht habe, steht da ein hochbetagter Greis, ausgerüstet wie ein Wanderer, über den Brunnen gebeugt und trinkt aus der hohlen Hand Wasser. Als er seinen Durst gelöscht hat, dreht er sich nach ihr um und nickt ihr freundlich zu, in der Art, als solle sie herabkommen und mit ihm gehen. Aber sie kann kein Glied rühren, ein solches Entsetzen kommt über sie, denn der Greis trägt ganz meine Züge, verwittert und vertieft vom hohen Alter, aber unverkennbar. Auch Haltung und Gebärde machen ihn ganz zu meinem weißhaarigen Abbild. Er lächelt ihr in gütiger Größe zu, darauf wandelt er, bedachtsam den Stab setzend, den Gang hinunter und verschwindet zuletzt zwischen den Gärten, wie aufgesogen von Grün und Licht.« Nun verstand ich, was Liese mit dem »Umgehen« gemeint hatte, sagte aber Faber auch jetzt noch nichts davon, sondern fragte: »Und was denkst du darüber?« »Was soll man denken, wo denken zu nichts führen kann?« antwortete er nach einigem Überlegen. »Vielleicht hat Liese wirklich hellseherisch den Ausgang meines und ihres Lebens geschaut. Denn der Mann ihres Gesichtes hat wirklich in meinem Leben existiert und existiert noch, wenn auch als überwundene Macht. Unser Inneres wurzelt in der Zeitlosigkeit. Wir haben es nicht allein, wir haben es mit allen und dem All gemein. Vornehmlich aber mit jenen, die mit uns eines Sinnes sind. Aus diesem Grunde allein kann ihr Wissen um mein Geheimstes gestiegen sein, da ich natürlich ihr nie davon gesprochen habe. Ja, vor diesen Tiefen des Daseins ergreift den Schwindel, vor dem sie sich auftun!« Faber stand, den Kopf erhoben, und atmete stürmisch, als glänze ihm eine Erscheinung. Und jetzt, da er zu reden begann, klang seine Stimme von Glück zitternd. »Kästner,« rief er stürmisch aus, »mein lieber, einziger Freund, so wäre es möglich, daß auch in diesem schwarzen Schatten meine Erlösung läge, wie der Samen in der Erde! Ich, der Halbzerbrochene, könnte wirklich noch als Mann der hohen Warte enden, gleich ihm!?« »Welche Schatten meinst du und welchen Mann?« fragte ich, weil Faber wie im Hinhorchen verstummte. Da fiel die Verklärung wieder von ihm ab. und er antwortete: »Ach, laß nur! Die Wasser meines Lebens sind in Fluß geraten, und bald wirst du meine rätselhaften Worte verstehen lernen. Es stößt mich wohl von selbst bis dahin. Und viel zu früh muß ich vielleicht erkennen, daß der Blitz, der mich eben erschüttert hat, eine Täuschung gewesen sei. Aber das ist mir doch unumstößlich klar; das Gespinst, das mein Leben und das Leben dieses kleinen Mädchens verbindet, ist ohne eines Menschen Zutun, wie uranfänglich geflochten. Denn vom ersten Tage meines Hierseins, erst fern und immer näher umschwebt mich diese schmetterlingsflüglige Seele. Wie oft, in der Schulzeit noch, hat sie sich unbemerkt ins Haus eingeschlichen, um die Nacht auf der Schwelle meiner Tür zu schlafen. Wie es über sie fiel, so wird es wieder von ihr sinken. Nein. Nein. Die voreiligen Willensmenschen! Was ich muß, das werde ich tun, und wen das Leben fängt, den kann sein Wille nicht befrei'n.« »Komm,« sagte er dann nach längerem Schweigen, »es wird kühl hier. Droben brennt die Lampe. Wir müssen uns sputen. Ich fürchte, die heutige Nacht wird länger als die erste.« In langen Sprüngen stürmte er die Bodenstiege hinauf. und als ich hinter ihm eintrat, hatte er der kleinen Stube schon einen Anstrich von Ordnung gegeben. Die paar Stühle standen an die Wand gedrückt, der eine war in die Ecke zwischen dem rechten Fenster und den Kleiderschrank geschoben. Daneben auf dem Fensterbrett standen eine Flasche mit Wasser und ein Glas. »Willst du dich an das Fenster setzen?« fragte ich. »Ja«, entgegnete er. »Ich glaube, in dem halben Dämmern, in dieser Abgeschlossenheit komme ich leichter zu der Empfindung einsamer Sicherheit, und dein Aufmerken stört weniger. Ich genieße die Kraft deiner mitgehenden Seele, ohne von dem Gericht deiner Blicke da und dort doch verwirrt zu werden. Ich denke, wir tragen das Sopha und den Tisch auch noch etwas nach dem Ofen hin.« »Wie du willst«, sagte ich, ein wenig gedrückt. »Du bist doch nicht beleidigt? Sieh.« sprach er rasch und überzeugend, »ich erzähle doch eigentlich wegen mir, vor dir, nicht für dich, und je mehr du unsichtbarer Miterleber bist, um so sicherer bauen sich die Notwendigkeiten meines Lebens in mir auf. – Leidende sind nun mal schon grillig«, fügte er lächelnd hinzu, als alles stand, wie er es sich dachte, und sah mich mit Augen an, die um Schonung baten. Ich reichte ihm wortlos und herzlich die Hand. Dann suchte ich die heilste Stelle auf dem klippenreichen Sofasitz. Er war einen Schritt zurückgetreten und stand, halbabgewendet, in der Stube, den Kopf sinnend geneigt. »Du bist mir gestern abend die Angabe der Gründe schuldig geblieben, die deinen Vater zu dem unvermittelten Bruch mit dem Tischler Rinke geführt haben«, begann ich, um ihn weiter zu führen. »Ich weiß schon, ich weiß,« sprach er suchend, »ja, sicher wollte mein Vater seinen Freund nicht für immer von sich treiben, sondern ihn nur in seiner Weise zum Aufgeben ehrloser Pläne zwingen. Daß das Zerwürfnis zum ewigen Bruch der beiden Männer führte, daran war neben der gehässigen Hartnäckigkeit des Tischlers die Stimmung jener Zeit schuld, in die es fiel.« Mit leisen, überlegenden Schritten war Faber, während er diese Worte sprach, an seinen Platz hinter den Schrank gegangen. Dort saß er einige Minuten schweigend, ein Bein über das andere geschlagen, zurückgelehnt, daß ich nichts von ihm sah, als seine überlangen Füße. Dann begann er mit ruhiger Stimme weiterzuerzählen: »Ein neuer Geist rumorte im Lande. Die Eisenbahnlinie war ausgebaut und sah nachts mit den roten Lichtern ihrer Signalmasten bis zu unsern Fenstern. Der Zug rollte an der Stadt vorüber, und an stillen Tagen dröhnte sein Keuchen bis auf den Marktplatz von Heisterberg. Die scheuen Dohlen des grauen Wartturmes aber stoben gackernd aus den Mauerritzen und umkreisten lange die plumpe Spitze, die den Doppeladler trug. Die alte Gemächlichkeit war auf Nimmeraufstehen aus ihrer Ruhe gerüttelt worden, und der neue Lauf der Dinge, der sonst nur gute Freunde zu läßlichem Streit am sicheren Ofen geführt hatte, wuchs sich immer mehr zu einer besorgniserregenden Angelegenheit aller aus. Er lockte dem Bauer das Gesinde vom Hofe, zauberte Fabriken um die Stadt, machte die Armen begehrlich und dreist, die Besitzenden anmaßend und hart. Das behäbige breitbeinige Dahertreten verschwand; hastig, mit gebeugtem Rücken, wie im Stoß, rannte das Leben hin. Die schmaltürigen Läden der Krämer gingen ein. Die meisten rissen die kleine, heisere Klingel von der Wand. Prunkvolle Schaufenster blühten über Nacht auf und waren oft nach Wochen schon geschlossen. Der Hammer des Verganters pochte bis tief in die Nacht. Das weite, neue Reich erbebte unter dem Geschrei überhitzter Massen, und der dumpfe Marschschritt der Arbeiterbataillone warf sein leises Echo bis in die holprigen Straßen unseres Bergstädtchens. Mit dieser Auflösung alter Verhältnisse und Begriffe ging, sicher auch in meiner neuen Heimatsstadt, eine gewisse Verirrung der Sitte. Denn von jeher, wie ich weiß, stand sie in dem Ruf, das Bedürfnis nach Moral dann und wann durch einen tollen Exzeß besonders in Punkto Liebe auffrischen zu müssen. Und so benutzten die Söhne der angesehensten Familien jene Zeit, in einem abgelegenen Hause mit ihren Mädchen zu Gelagen zusammenzukommen, die mit einem Tänzchen im Adamskostüm schlossen. Genug, die wenigen, die von dem Bahnbau und überhaupt von der ganzen neuen Zeit nur Schlimmes erwartet hatten, behielten recht. Die Schar der Furchtsamen und Besorgten wuchs. Aber niemand wußte eigentlich recht, wer an den allgemeinen Nöten die Schuld trug. Man mußte wenigstens einen Namen haben, ein Schlagwort, das wie eine Fahne alle Elemente der Ordnung um sich scharte. Endlich hatte man es gefunden: die Sozialdemokraten waren die Anstifter all der Schäden. Und so blind die Vielen sich anfangs der Gewalt des Umschwunges hingegeben hatten, so unbesehen stolperten sie auch in die summarische Verurteilung der Verwandlung und ahnten nicht, daß die Sozialdemokratie nur einen winzigen Bruchteil dessen darstellte, was untötbar seine Keime gebärend in alles Leben streute und überlegten nicht, daß die sozialdemokratische Anschauung nicht allein durch den wirtschaftlichen Umschwung veranlaßt, sondern auch eine notwendige Folge des zentralisierten Polizeistaates, der Kasernierung einer Nation durch Generationen, der allgemeinen Volksschule und nicht zum geringsten des christlichen Bekenntnisses sei. Man beging den Fehler, in den die Masse dem Neuen gegenüber scheinbar naturnotwendig immer verfallen muß, man maß die auftauchende Bewegung nach dem Unbehagen, das ihre Verwirrungen verursachten. Sozialdemokrat wurde ein Sammelname für Unglauben, Unzucht, Betrug, Raub und Diebstahl. Und die Bürger glaubten in Wahrheit für das Dasein Gottes, die Unschuld ihrer Töchter, gegen die verwerflichen Neigungen ihrer Söhne und die ärgerliche Anmaßung des Gesindes zu kämpfen, wenn sie sich gegen diesen inneren Feind erhoben. Unsere beiden Kapläne versammelten die Wohlgesinnten in der Hinterstube einer Konditorei am Ring und nannten diesen Verein, der wöchentlich geheimnistuerische Zusammenkünfte abhielt, Kasino. Der Bürgermeister Schrader, als Organ der exekutiven Polizeigewalt und Kriegervereinshauptmann, erließ geschwollene Aufrufe zum Krieg gegen den Umsturz. Kein Geburtstag, kein Schweineschlachten ging ohne Kaiserhoch ab. Überall setzte man an Stelle des schmucklosen Rechtssinns schneidiges Draufgängertum; lärmender Patriotismus verdrängte die selbstverständliche Vaterlandsliebe. Aber es blieb bei diesem künstlichen Taumel der Loyalität nicht allein, man bemühte sich, des Gespenstes der neuen Zeit in einem Menschen von Fleisch und Bein habhaft zu werden, um auf seine Brust das Mal der Schande zu heften, nachdem man sie so gründlich durch Thesen und Resolutionen verdammt hatte. Zwei junge Burschen wurden vom Tanzsaale abgeführt und in der Folge zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie in der Trunkenheit den Kaiser beleidigt hatten. Gekränkte Frauen bezichtigten ihre Männer, verlassene Mädchen ihre ungetreuen Liebhaber. Jedes selbständige, freie Urteil machte verdächtig. Allenthalben erwachte ein schleichendes, horchendes Wesen, und nur jene waren befriedigt, deren Wohlergehen sich beim Anblick der Bedrängnisse anderer steigert, die nur der Fanatismus beglückt und jene, die so voll Niedrigkeit sind, daß sie um zeitlicher Vorteile willen ihre Grundsätze verschachern. Mein Vater hielt sich abseits von diesem Treiben und ließ sich durch nichts verleiten, hinter seinem Werktisch hervorzukommen, ja; mit einem deutlichen Zwang ließ er des Dorn-Schusters weitschweifige Berichte über alle Vorgänge in der Stadt über sich ergehen und stand nur von Zeit zu Zeit, wie um seine Geduld zu lüften, auf, um unter einem höhnischen Auflachen einen Rundgang durch die Stube anzutreten. Stets auch ließ er uns alle im Unklaren, ob er über die hanebüchene Torheit der Erzählung oder die Gutgläubigkeit des Erzählers in diese spottende Lustigkeit ausbrach. Nie aber legte er der Langatmigkeit Dorns die geringste Fessel an. Denn neben der schmerzvollen Verwunderung über die »neumodische Zeit« beschwerte allerhand häusliche Sorge des Armen Gemüt, und wenn er auch in Scham mehr darum herredete, so hatten wir alle es bald heraus, daß sein Junge, der Robert, nicht gut an seiner Stelle tue. Er war von seinem Vater, dem wegen geistiger Enge alles Außergewöhnliche und Ferne kostbar erschien, als Kellnerbursche nach Wien verdingt worden und hielt nun durch allerhand unziemliche Streiche seiner Eltern Kummer in stetem Atem. Kam auch der arglose Schuster über seines Einzigen Entgleisungen unschwer hinweg, so wurde sein Weib davon um so tiefer bedrängt, die, von Natur aus menschenscheu, sich immer mehr in Kleinmut verlor. So saß Dorn an manchen langen Abenden und schwatzte Himmel und Erde durcheinander, von niemand gestört, von niemand angeregt. Nur wenn er auf des Rinke-Tischlers seltsamen Aufschwung zu sprechen kam, empfand ich ein Aufhorchen meines Vaters. Ohne im mindesten die Gebärde der Gleichgültigkeit zu versehen, saß er da und schob dann und wann mit der Spitze seines Fußes etwas beiseite, in keinem Worte des Zerwürfnisses mit seinem Freunde gedenkend, ob der Schuster auch oft genug sich verwunderte, den Krummen gar nicht mehr bei uns zu treffen. Er ist heraufgekommen, pflegte mein Vater in scheinbar gütigem Gleichmut zu sagen, hat das Haus voll Leute und muß die Ohren steif halten, seit ihm alle kirchlichen und städtischen Arbeiten übertragen worden sind. Ich sah ihn erst heute da und da, und wenn sich der Dunst in seinem Kopf gelegt hat, kommt er von selbst wieder und setzt sich auf die Bank hier hinter den Tisch. Auf diese Weise brachte er es dahin, daß Dorn jedesmal ahnungslos seinen Windsack weiter ausbeutelte. Aber wenn des Schusters tappsender Schritt sich aus dem Hausflur auf die Straße verloren hatte, verharrte mein Vater lange in tiefen Gedanken auf seinem Platz in der Sofaecke. Die Pfeife ging ihm aus, und trüber Ernst grub Falten in sein Gesicht. Vielleicht verließ ihn in diesen Augenblicken der Glaube ganz, es könne ihm je gelingen, den Verirrten mit der Treue seines unerschrockenen Herzens aus den schmachvollen Verwickelungen zu lösen. Mir frühwachem Knaben waren seit jener Kampfesnacht die bunten Schatten vom Auge geglitten, und meine junge Seele nahm teil an dem Gram der Alten. Denn seit die Wirbel der tollen Monde sich ganz in mir zur Ruhe gerast hatten, ging ich wieder im Banne stiller Betrachtsamkeit. Brach von Zeit zu Zeit auch die kaum überwundene Ungebärdigkeit in mir durch, so war ich doch meist wie sonst: fügsam, fleißig und gut. Da setzte der Kampf meiner Eltern gegen ihr Schicksal ein, an dem mein Leben einen so tiefen Anteil nehmen sollte, während meine beiden Geschwister fast nur wie nahe Fremde darunter litten. Ich war Ministrant geworden und hatte mich unlustig eines Morgens um sechs Uhr unter dem steifgefrorenen Deckbett hervorgewunden. Zitternd vor Kälte entzündete ich das Lichtstümpfchen auf dem Mehlkasten und begann dann nach meinen Unterhosen zu suchen, die nirgends zu finden waren. Nach wenigen oberflächlichen Bemühungen weckte ich unsanft meine Schwester und machte ihr harte Vorwürfe über die Unordnung. Natürlich nahm sie die Störung mit gehöriger Entrüstung auf, und wir befanden uns bald in einem erregten Streit, bei dem meine Schwester so in Nachteil geriet, daß sie in lautes Weinen ausbrach, dem ich mit leisem Pfeifen und Singen sekundierte. Die Unterbeinkleider hatten sich endlich unter meinem Bett gefunden, und ich war im Begriff, mit dem Licht die Kammer zu verlassen. Da rüstete sich die kleine Flamme zum Erlöschen. Ich stellte den Leuchter wieder auf den Mehlkasten zurück, um dem letzten Ringen des Lichtes zuzusehen. Kurz vor dem Erlöschen brennt jede Flamme eine Weile gleichmäßig, wie mit einem zitternden Lächeln, um dann mit immer schwächer werdendem fieberndem Auffahren in die Nacht zu hüpfen. Diese Stille war eben über das kümmerliche Licht gekommen. Die Hände auf die Knie gestemmt, stand ich vor dem Mehlkasten. Jetzt – jetzt – jetzt, sagte ich in Gedanken; aber das Flämmchen kämpfte tapfer. Mit ganz leisem, doch hörbarem Jappen fuhr es immer auf, als schnappe es in Todesangst nach Luft. Da – ganz finster war es! Ich war tief betroffen, als mich plötzlich Nacht umfing und starrte einige Augenblicke auf die Stelle, wo eben das Licht noch leise gezittert hatte. Ein fernes Mitleid mit irgend etwas machte mich traurig ernst. Ich zog die Zehen der nackten Füße von den eisigen Dielen, streckte die Hände vor mich und tappte der Tür zu. Meine Schwester schlief schon wieder. Ihr ruhiges Atmen wurde nur manchmal von einem Stoßen ihrer Brust erschüttert, sonst war es ganz still. Ich hatte mich an die Stiege fortgegriffen und stand am ersten Stufen. Da hörte ich auf der unteren Treppe Schritte heraufkommen, mühselig, behutsam. Ich bückte mich, um zu erkennen, wer es sei. Ein schwaches Dämmern schwankte auf dem unteren Flur auf und nieder, an der Wand entlang, über eine Tür und einen daneben stehenden gelben Schrank. Dahinter wandelte ein blasser Lichtkreis, wie ihn Laternen mit runden Scheiben werfen. Nun stand meine Mutter in der Haltung eines tiefgebeugten Menschen vor der Tür auf dem zweiten Flur, stellte die Laterne vor sich auf den Boden, sah starr in den schmutzig-gelben Schein und fuhr sich dann unter schwerem Aufatmen mit der Hand über die Stirn. Ein heißer Schmerz stieg in mir auf, und wie ein Stein flog ich die Treppe hinunter an ihren Hals. »Mutterle, sei nich böse. Ja? Gelt, sei wieder gut«, flüsterte ich. Sie neigte sich und berührte mit kalter Lippe meine Stirn. Dann schob sie mich einen Schritt von sich und sagte endlich, jede Silbe hart und bitter betonend: »Sie haben deinen Vater beschimpft. – Meinen stolzen, herrlichen Mann«, setzte sie, sich selbst vergessend, hinzu. »Wer?« rief ich, »ich spuck' ihm ins Gesicht! Ich weiß ...« Verweisend hielt sie mir den Mund zu und zog mich fort, die Stiege hinab. Drunten trafen wir den Vater, der halb angekleidet auf- und abging. »Range, was hast du für einen Lärm gemacht?« schnaubte er mich an. Seine Stimme donnerte noch, klang aber doch wie eingezwängt, und durch das halboffene Hemd sah ich seine behaarte Brust in heftigen Stößen arbeiten. Mit gesenktem Kopfe stand ich vor ihm, und etwas wie ein Verlangen nach Schmerz und Demütigung wurde in mir wach. So hob ich in scheuer Bitte mein Auge. Aber er verstand meinen Stolz nicht, sondern berührte mit der Hand verzeihend meinen Scheitel und sagte unter beißendem Lachen zu meiner Mutter: »Nun, ich muß es eben wegkratzen.« Die Laterne in der Hand, verließ er schütternden Schrittes die Stube. Als ich hinter ihm drein wollte, fing mich die Mutter mit schmeichelnden Armen auf. »Aber ich will sehen, was Vater wegkratzt«, sagte ich hastig. »Laß sein, das ist nicht für ein Kind«, sprach sie traurig. »Ist es etwas sehr Böses? Hund? – Luder? – Zigeuner? – Noch schlimmer?« fragte ich, mich überstürzend. Meine Mutter nickte schmerzvoll und sagte, mir die Haare aus dem Gesicht streichend: »Das verstehst du noch nicht.« »O ja,« bettelte ich. »Mutter, wir haben ja schon Dezimalbruchrechnung.« »Ach Gott, ach Gott, mein armer Junge«, antwortete sie widerstrebend. »Du darfst es aber niemand sagen, auch Peter und Resa nicht. Es steht draußen an der Wand neben der Tür mit Farbe geschrieben: ›Hier wohnt ein Sozialdemokrat‹.« »Ist das noch mehr wie Teufel?« fragte ich erschreckt. Da schloß sie mit einem langen Kuß meinen Mund. Allein ich war doch tief bekümmert. Beim Ministrieren betete ich tiefandächtig für meine Eltern und bat Gott inständig, er möge den strafen, der die abscheulichen Worte an unser Haus gemalt hatte. – – – – – – – Mein Gebet war umsonst. Gott schützte weder meine Eltern, noch strafte er den Übeltäter. Etwa acht Tage darauf, Montag früh, sammelte sich vor unserm Hause eine Menge Menschen an, zischelten miteinander, stießen sich in die Seite und sahen dann wieder an der Wand hinauf. »Haha,« schrien die Gassenjungen, »Sozialdemokrat!« Ja, es stand wieder an der Wand, dasselbe wie vor acht Tagen, nur hatte der Erbärmliche, wohl weil er bemerkt hatte, daß seitdem alle Morgen in der finstern Frühe die Wand in Manneshöhe mit der Laterne abgeleuchtet worden war, mit Aufopferung seine Verleumdung über die Haustür gemalt, so daß sie unserer Wachsamkeit entgehen mußte. Der Skandal an sich und die freche Pfiffigkeit des Unbekannten versetzten den Schwarm der Gaffer in die vergnügteste Laune, auch in die Fenster der gegenüberliegenden Häuser drängten sich neugierige Gesichter. Aus allem ging hervor, wie wenig Sympathie mein Vater genoß, der, einer landfremden Familie mit unerforschlicher Vergangenheit entsprossen, ernst und schweigsam seinem Haus und Geschäft lebend, sich so ganz den faden Eitelkeiten der kleinen Stadt fern hielt. Und während draußen die schadenfrohe Neugier sich erschöpfte und wieder entzündete, durchmaß mein Vater sinnend die Stube. Kein Wort kam von seinen Lippen. Er trug das bleiche Gesicht zur Erde geneigt und fuhr sich von Zeit zu Zeit hastig an seinen Schnurrbart. Da wagte endlich meine Mutter ihn zu erinnern, daß es notwendig sei, Anstalten zur Entfernung der ärgerlichen Worte zu treffen. Doch das versetzte ihn in Zorn: Er wolle sich nicht ein zweites Mal narren lassen, hinausgehen und unter dem Gelächter des Packs das Gekritzel von der Wand schaben. Außerdem sei das Sache der Polizei, die die Bürger zu schützen habe und durch lässige Handhabung des nächtlichen Wachtdienstes sich mitschuldig an der Infamie eines Schurken gemacht habe. Nun ward er mich gewahr, der, in eine Ecke gedrückt, beklommen alles verfolgte. Mit rauhen Worten wies er mich zur Schule, und als ich ihm die Hand zum Abschied reichen wollte, schob er mich von sich. Meine Mutter gab mir einen Kuß und flüsterte mir zu: »Gott mit dir, mein Junge!« Mit fressender Scham im Herzen wand ich mich durch den Menschenknäuel und floh zur Schule. Als ich die Klasse betrat, schrie mir alles entgegen: »Sozialdemokrat!« Mir war aller Mut abhanden gekommen; ich weinte mit zusammengebissenen Zähnen in mich hinein und wagte kaum aufzublicken. Plötzlich stand vor mir der Sohn eines Gerichtssekretärs, ein langaufgeschossener, blasser Junge mit sonnensprenkligem Gesicht, roten Haaren und widerlichen Augen. Ich hatte ihm in meinen wilden Wochen bei einem Klassenaufruhr mein Tintenglas auf den steifgebügelten Sommeranzug geworfen, weil er sich stets zu den Reichen hielt und in den Häusern der Vornehmen herumdienerte, während er den Handwerkerkindern ein hochfahrend abstoßendes Wesen zeigte. »Seid mal ruh'g, Jungens!« schrillte seine dünne Stimme in den Lärm. Mit einem Male war es still. »Du, Bürschchen,« sagte er und beugte sich zu mir. »du, weißt du, daß du der Sohn eines Diebes und Räubers bist? Ins Rettungshaus gehört sowas, ins Zuchthaus!« Damit hieb er mir eine Ohrfeige herunter. »Du lügst, lügst, lügst!« heulte ich in Qual, und mein eisenbeschlagenes Lineal sauste so wuchtig über seinen Schädel, daß das Blut spritzte. Die ganze Klasse stieß einen einzigen Schreckensschrei aus. Dann sprang man auf mich ein. Wütend um mich hauend, gelang es mir, die Tür zu erreichen und auf den Flur zu entfliehen. Hier prallte ich auf den Lehrer. Er packte mich am Arm, und als er das Blut an dem Lineal bemerkte, kam blinder Zorn über ihn, daß er mich an den Haaren unter Schimpfworten in die Klasse zurückzog. Ich stand am Katheder, und es war mir, als sterbe ich ab, nicht aus Furcht, nein, aus Scham. Es kam eine Starre über meinen Nacken, vor den Ohren sauste es. Mein ganzes Fühlen war ein hilfesuchender Schrei, und ich weiß sehr wenig von dem Strafgericht, das über mich erging. Der Schuldiener prügelte mich, und der Lehrer verbot meinen Mitschülern, mit mir zu verkehren. Dann setzte er mich auf die letzte Bank zwischen zwei verlauste Betteljungen. Mehr weiß ich nicht. Es ist ungerecht! – wühlte es in mir. Die unschuldig erduldete Schmach brachte Ekel, Haß und Verachtung über mich. Blöde und stumpf hockte ich auf meinem Strafplatz. Zuletzt schlief ich vor Ermattung ein. Erst der Schlußgesang der Klasse weckte mich. Als letzter verließ ich das Zimmer und gelangte auf menschenleeren Gäßchen nach Hause. Die Aufschrift war, Gott sei Dank, weggekratzt. Ein Maurer stand auf der Leiter und strich die beschädigte Stelle mit gelber Farbe. In meiner wilden Zeit hatte ich den Mann öfter als einmal öffentlich verhöhnt. Man kannte ihn in der ganzen Stadt unter dem Namen Spuck-Beck. Er trug den Kopf krampfhaft nach links gedreht und schielte, wie um dieses Übel wettzumachen, mit beiden Augen stark nach rechts. Vor dem Sprechen zog er jedesmal geräuschvoll den Speichel im Munde zusammen, spuckte, durch die Zähne zischend, aus und setzte dann, ein langes, gedankenvolles »Mm« vorausschickend, polternd ein. Als er mich sah, hängte er den langgestielten Maurerpinsel an einen Leitersprossen, schlürfte, spuckte aus und schrie dann: »Mmm, – de Schule schon aus, Jüngla?« Erschreckt richtete ich mein Gesicht zu dem Fragenden empor. Bei dem Wort »Schule« kam ein Gefühl tiefster Hilflosigkeit und Verlassenheit über mich. Meine Augen waren starr auf den über mir Stehenden gerichtet und sahen doch ins Leere hinaus. Ich konnte mich nicht vom Fleck rühren. Endlich löste sich der Krampf, und der mühsam zurückgehaltene Jammer brach durch in einem Schluchzen, das den ganzen Körper schüttelte. So floh ich in die Wohnstube und sank, mein Gesicht in die Hände vergrabend, vor einem Stuhle in die Knie. Als gelte es die Rettung aus großer Gefahr, schrie ich nur immer: Ach Gott, o je, o je! Hinter meinem Rücken war es eine Weile ganz still. Wann aber fuhr mich mein Vater an, wegen des Gewimmers. Aber ich war doch nicht fähig, mich zu halten, sondern weinte, wenn auch leiser, weiter in meine Hände hinein. Nach einigem Warten sagte mein Vater. Ja. Gut. Essen wir weiter! Hastig setzte das Geklapper der Messer und Gabeln wieder ein; dazwischen schwirrten klingend die Teller; keiner sprach, der Sitte unseres Hauses gemäß, ein Wort. Dann das gemurmelte Tischgebet. Poltern: »Wohl gespeis' ham?« Gesellen und Lehrjungen trappten zur Tür hinaus. Eine Weile hörte ich dann nur die Mutter bekümmert atmen. Wein Vater schritt überlegend hinter mir hin und her. Die Uhr pickte sorglos. Die Schritte des Sinnenden wurden kürzer und lauter; endlich blieb er mit einem Ruck stehen und sagte: »Na, ein Junge kniet nich! Steh' auf und sprich, was hast du wieder ausgefressen? Nu!« Mit lieben Armen half die Mutter mir Zögerndem auf. »Geh, Kind,« sprach sie dabei gütig, »sag's dem Vater, was dir fehlt oder was es ist.« Ich muß wohl einen erbarmungswürdigen Anblick geboten haben mit dem kummerblassen Gesicht, dem stumpfen Blick und der schlaffen Gestalt, durch die die letzten Wellen des Schmerzes in bebenden Stößen fuhren, denn die Stimme meines Vaters war ungewöhnlich sanft, als er ermutigend sprach: »Nun, red' nur, Franz!« Und ich schüttete vor dem Rat dieser beiden treuen Herzen meinen Schmerz aus. Da ich geendet hatte, holte mein Vater, als schöpfe er ihn aus einem Brunnen, mühsam Atem und hielt ihn eine Weile drohend an. Dann platzte er donnernd heraus: »Junge, ist das auch wahr, was du gesagt hast?« »Vater, wahrhaftig meiner Leib und Seele, so wahr ich Ministrante bin!« beteuerte ich und sank ihm in die Knie. Da legte sich seine harte, große Hand auf meinen Scheitel und mir war, als wälze sich eine große stumme Last, eine Quader auf mein junges Herz, daß ich vor Bestürzung still war. »Pfui«, sagte mein Vater. »Hast du's gehört. Weib? Soll ich das Schnupftuch auch auf den Fleck legen? Das Geschwür stech' ich auf! Keinem hab' ich aufs Bein getreten!« Und als meine Mutter doch noch zum Guten reden wollte, schnitt er ihr das Wort ab: »Egal! Es muß ein Ende gemacht sein. Ich schlage an die Tür der Schule, der Pfarre und des Rathauses!« Er verließ die Stube und kehrte nicht lange darnach zum Ausgang gerüstet wieder zurück, gab noch diese und jene geschäftliche Anordnung, fragte mich, ob der Pfarrer Zimbal Schulrevisor sei, strich sich vor dem Spiegel den Schnurrbart zurecht und ging mit dem grimmig-lustigen Ausruf: Nu kann's losgehen! von dannen. Allein es half nichts. Der Lehrer setzte mich zwar an den alten Platz, blieb aber lieblos, ja abstoßend zu mir. Der Pfarrer zeigte seine Abneigung anders. Im Kommunionunterricht zog er mich auffällig oft zu Antworten heran und erklärte dann mit Erbarmung und Liebe: Ja, ja, armer Faber, lerne, lerne! Sei fleißig im Weinberge des Herrn! Du hast das Licht der Religion und die Gnade Gottes ganz besonders notwendig. Von solchen Worten kam ich mir wie bespien vor, und eine Feindseligkeit gegen den Geistlichen, die meinem frommen Herzen wehe tat, kam in mir auf. Selbst von der Kanzel herab warf dieser Gottesmann eines Sonntags seine giftigen Pfeile. Ich saß mit meinem Vater in der Kirche und hörte seiner Predigt über den guten Hirten zu. Er beschäftigte sich mit den Pflichten des Priesters seinen Pfarrkindern gegenüber. So kam er auch auf die »teuflische neuzeitliche Bewegung unter den Kindern der Welt« zu sprechen; diesen »wahren Knappen Belials«. Seine Stimme ward stark, dröhnend; er schlug leidenschaftlich auf den gepolsterten Rand des Predigtstuhles und hob dann beschwörend die Hände gen Himmel. »Ha, o der frechen Gemeinheit dieser Gesellen«, rief er etwa. »Denn, wenn durch die Vorsehung Gottes Licht in die verborgenen Höhlen ihrer Seele fällt, wenn treue Christen in der Betrübnis ihres frommen, einfältigen Herzens dieses gottabgewandte Leben an den Pranger stellen und öffentlich, wenn auch geschützt, auf sie weisen, um sich ihrer Bosheit nicht auszuliefern, dann, oh, dann nimmst du, Lästerer, um dich den Mantel der gekränkten Biederkeit und dringst mit harten Worten in die geweihte Klause der Priester des ewigen Gottes.« Seine Stimme schnappte über. Es entstand eine Bewegung unter den Zuhörern; viele wendeten die Köpfe nach meinem Vater, dem also Geschändeten. Der reckte sich starr auf. Die Züge seines Gesichtes wurden hart wie Stahl. Dann schoß er zu seiner ganzen Größe auf und heftete einen Augenblick sein Gesicht voll tiefster Verachtung auf den Pfarrer, der nur eine Bankzeile von uns entfernt war und bei dem Anblick des drohend Aufgerichteten erbleichte, weil er fürchten mochte, mein Vater würde sich zu einer Entgegnung hinreißen lassen. Aber der ging, ohne ein Kreuz zu schlagen, erhobenen Hauptes hinaus, und die tausend Augen der Gemeinde schillerten in Schadenfreude hinter ihm her. Mein Herz trieb mich dem Beschimpften nach. An der Stiege, welche von dem Bauernchor in das Schiff der Kirche herunterführte, blickte er sich nach dem scheuen Trippeln um, das seinem Schritt folgte, und eine trauervolle Freude erhellte die Starrheit seines Antlitzes. Am Weihkessel ging er, abgewandten Gesichtes, vorbei. Ich aber griff hinein und besprengte mich mit dem geweihten Wasser. Wie ich mich umwandte und hinausschlüpfen wollte, schrie der Pfarrer Zimbal eben dröhnend: »Auf, tuet euch weit auf, ihr Tore des ewigen Heils, auf daß die Pest des Unglaubens von dir weiche, du gute und sehr gute Herde des göttlichen Hirten!« Da wischte ich draußen im Lichte der Sonne das heilige Naß von meiner Stirn, denn ich wollte sein wie mein Vater. Der aber eilte ohne Umsehen weiter und betrat seit diesem Sonntage keine Kirche mehr. Er versuchte auch nicht, den Pfarrer Zimbal wegen Mißbrauches der Kanzel zur Rechenschaft zu ziehen oder wenigstens zu erforschen, wessen geheime Wühlarbeit seit Wochen und Monden seinem Leumund so schadete. Er lebte still und aufrecht hin, nur eifriger tätig als sonst, als sei nichts vorgefallen, was ihn innerlich angehe. Denn es gibt eine tugendhafte Mannesschwäche. Das ist die aus edlem Stolz. Mein Vater besaß sie. Bei diesem Mann der wortarmen Entschiedenheit gab es nichts Dekoratives, nichts Halbes. Jede Tat, ja jede Äußerung bis herab zur Geste sprang mit urwüchsiger Gewalt unmittelbar aus seinem Wesensmittelpunkte. Keinen Vorhalt, kein tastendes Präludium sandte sein Wollen voraus. Bis in den kleinsten Zug fertiggefeilt schob seine verschlossene Seele endlich den Entschluß ans Licht, hart und unwiderruflich. Ihm war die Zähigkeit der Kleinen fremd, dem als recht Erkannten unter kluger Benutzung der Verhältnisse bei seinen Mitmenschen Geltung zu verschaffen. Sein Edelstreben befaß keine Modulation. Verteidigung und Angriff bestanden bei ihm aus einem, dem Hieb. Wohl aus Ehrfurcht vor sich und den Menschen war es ihm unmöglich, mit dem Schmutz und der Verschlagenheit seiner Gegner zu rechnen, denn Gemeinheiten machen den Helden wehrlos aus Ekel. Darum kam auch nichts als ein bitteres Lächeln in seine Züge, als einige Tage nach seiner Flucht aus der Kirche die Polizei bei ihm Haussuchung nach sozialistischen und anarchistischen Büchern und Briefen hielt. Mit kalter, verachtungsvoller Höflichkeit geleitete er den Beamten zur Tür hinaus. Kein Wort der Genugtuung kam über seine Lippen, daß man auch nicht ein verdächtiges Papierschnitzel gefunden hatte. Mit hocherhobenem Haupte stand er noch immer da, und wenn er auch dann und wann in ein düsteres Fernsein verfiel, so rettete sich sein Auge doch immer wieder in das blitzende Leuchten, und wie je schütterten seine Schritte über Flur und Stiege. Behaglich und gesammelt saß er nach leidenschaftlich-fleißigem Tagewerk in seiner Sofaecke und ließ, vom Sinnen zurückkehrend, sein Auge wohl über den Tisch wandern, der nun einsamer stand als sonst. Denn seit hinter jedem Schritte meines Vaters das Zischeln lief, waren so nach und nach all die Schwätzer und Stuhlwärmer ausgeblieben. Nur der Dorn-Schuster hatte sich fester auf seiner Bank eingenistet. Stets betrat er mit bekümmerter Miene unsere Stube, und stets kam doch die alte, kindhafte Aufgeräumtheit über ihn beim Anblick meines unberührten Vaters, der ruhig jeden Versuch seiner märigen Güte, dem »niederträchtigen Volke«, insbesondere aber dem Rinke-Tischler, eins zu versetzen, zurückwies, im übrigen aber geduldiger und aufmerksamer des Schusters komische Mutmaßungen über die große Wendung der Zeit ertrug. Ja, tauchte aus der Seele des Aufgeregten, der die ganze Welt nur durch seine Schusterkugel betrachtete, ein treffender Gedanke, so beteiligte sich mein Vater mit einem langen Blick, einer zustimmenden Geberde oder kurzen Bemerkung sichtbar an dessen Kummer. Verlor sich Dorn gar – und es geschah fast immer – in seine Familiensorge, dann blühte im Gesicht meines Vaters ein tiefes, ehrlich-schönes Mitleid, wenn er es auch vermeiden gelernt hatte, ihm Räte zu erteilen oder ein zu herzliches Erbarmen zu zeigen. Denn der gütige Mensch war zu keiner Strenge gegen seinen ungeratenen Jungen zu bringen, dessen Leichtsinn schon zu Veruntreuungen übergegangen war, sondern er drohte, beschwor, klagte, vertuschte und bezahlte, um am Ende in eine fast wirre Verstörtheit zu verfallen, während sein kleinmütiges Weib tagelang von sinnloser Angst durch die Finsternis der Dachkammern getrieben wurde und dann wie in Todesgier sich aus schwindelnd hohen Fenstern neigte. Erzählte das Dorn, so griff mein Vater herzlich nach dessen großen, mehligweißen Händen, die zuckend auf dem Tische lagen, und hielt sie, bis in dem Gesichte des Armen das Zittern vergangen war. Immer verließ uns dann der Schuster in halber Gebeugtheit, und mein Vater begleitete ihn, die Rechte wie schützend auf seine Schulter gelegt, bis an die Haustür. Dort wartete er, bis der Schatten des Davongehenden im schwarzen Torbogen des Wartturmes verschwunden war, und kehrte mit Schritten zurück, die wie Aufstampfen klangen, und einem Gesicht, in dem bittere Entschlossenheit wetterleuchtete. Zu bittere Entschlossenheit, so bitter, daß der Trotz dieses herrischen Antlitzes mir wie der Schmerz des eigenen jungen Herzens wehtat und eine Bekümmernis über mich kam, an der ich nach dem Zubettgehen stundenlang litt, weil mir nichts Rechtes einfiel, wie ihr abzuhelfen und meinem Vater die alte frohe Kühnheit wiederzugeben sei. Ich lag und blickte den blassen Strahl entlang, den der Mond durch das Dachfenster in die tiefe Finsternis der Kammer spielen ließ und baute ruhelos abenteuerliche Pläne zur Errettung meines Vaters, den in meiner leidenschaftlichen Phantasie ein Heer ekler Feinde umgab; oder kroch unter die Decke und verfiel in schmerzvolles Hinschummern, das in stummem Weinen endete. Dann kam die Nacht, die über meines Vaters Schicksal entschied. Sie stand in mitternächtiger Bläue draußen und sah mit einem gelben, blinzelnden Stern durch die Dachluke auf mich. Da knisterte es in der Kammertür, und bald darnach wurde der hölzerne Riegel weggezogen, fiel herunter und baumelte einigemal an seiner Schnur hin und wieder. Ich streifte erschrocken das Deckbett ein wenig von der Brust und richtete mich halb auf, um den späten Eindringling zu erkennen. Aber es war plötzlich wieder ganz still, und ich sah nichts als schwere Ballen, die auf mich zurollten und dahinter ein Etwas, das, hochaufgerichtet, stutzte und mit unsichtbaren, zwingenden Augen mich betrachtete. In lähmendem Schrecken rief ich nach meiner Mutter und sank dann zurück. Und wahrend ich in Angst alle mir bekannten Gebete durcheinanderwirbelte, näherte es sich mit streichenden Schritten meinem Bette, blieb stehen, schob die Decke von meinem Leibe, ergriff die kraftlos herunterhängende Hand, drückte sie gebietend und entfernte sich mit denselben über die Diele wehenden Schritten. Die Tür ging knisternd, der Riegel klappte gegen das Holz. Darauf war wieder nichts als die stille Finsternis um mich, aus der eine Erwartung auf mich einfloß, der stürmisch atmend auf seinem Lager lauerte und beklommen grübelte, was das zu bedeuten habe. Auf einmal fiel eine Hülle in mir nieder, ein Schatten, und ich wußte, daß ich hinunter müsse, um unser Haus zu bewachen. Jede Angst war in diesem Augenblicke aus meiner Seele geblasen. Ruhig stieg ich aus dem Bett, kleidete mich an, tastete nach den Streichhölzern und schlich auf den Socken durch die Tür, die durch den Riegel verwahrt war, wie immer. Es fiel mir gar nicht ein, darin einen Widerspruch gegen die Tatsächlichkeit des geheimnisvollen Vorganges zu finden, so sehr wirkte er in meinem Innern schon gleich einem lange gefaßten Entschluß. Mit einer Überlegenheit, die mir noch heut unbegreiflich ist, überzeugte ich mich davon, daß die große Stube, deren Fenster nach dem Burgberg zu gingen, unverschlossen sei und huschte dann über die zweite Stiege in den unteren Flur, um vorsichtig die Haustür aufzuschließen. Es kostete mich einige Mühe, mit dem ungefügen Schlüssel das verrostete Schloß zu bewegen, und ich mußte wegen des Kreischens einigemal absetzen, weil ich meine Eltern nicht stören wollte, die, nur durch den kurzen Flur von mir getrennt, in dem kleinen Alkoven neben unserer Wohnstube schliefen. Endlich war alles vorbereitet, die schwere Tür nur angelehnt und die Klingel abgestellt. In einem Anflug von Furchtsamkeit tastete ich ohne bestimmte Absicht in die Ecken und kam an ein handliches, nicht zu schweres Kummetholz, das ich als einzige Waffe mit mir nahm. Und nun sah ich droben in der Stube, die auch als Vorratsraum diente und spähte durch das geöffnete Fenster auf die Straße. Die einzige Laterne an Mahn-Fleischers Hausecke hatte längst ihr rotes Auge geschlossen, und es war, als blicke ich in eine finstere Schlucht hinunter, vollgesackt von lautlos dumpfer Enge. Nur der Adler auf dem Wartturm knarrte dann und wann über die Dächer, daß es wie verhaltenes Schnarchen klang. Da pfiff der Nachtwächter eins und ging dann den Berg hinauf durch den Torbogen. Seine großen Stiefeln knallten wie Schüsse gegen das Pflaster. Danach mummelte wieder nur die schwarze Stille in der Schlucht. Ich sah auf die wenigen Sterne am tiefdunklen Himmel. Sie blinzelten müde wie die Augen schläfriger Tiere. Nur manchmal kam ein gieriges, wildes Aufflackern, wie traumhafte Raublust, in sie. Eine zähe, beklommene Schlaffheit spann sich daraus über mich, daß ich die Stirn in die Hand stützen muhte. Dann hatte ich ein Gefühl, als sinke ich hinaus in den leeren Raum. Da ging es ganz leise: klapp, klapp, stand still und wieder klapp, klapp, klapp; und ich dachte, es seien die Sterne, die aufeinander Jagd machten. Dann horte ich unterdrücktes, schleimiges Husten. Wie weggehauen war der Schlaf. Wenige vorsichtige Sätze brachten mich an die Tür, die ich lautlos öffnete und hinausschlüpfte. Neben dem Hauseingange stand auf dem Bürgersteig eine kurze Leiter. Dies sehen und mit ganzer Wucht gegen den Leiterbaum rennen, war eins. Mit einem leisen Fluch stürzte ein Mensch herunter, wie ein Sack dem Lastträger von dem Rücken fällt und blieb lautlos liegen. In meiner Bestürzung griff ich um mich, wühlte in meinen Hosentaschen, erwischte die Streichhölzer und leuchtete über den Gefallenen hin, ihm ins Gesicht. Es war Rinke. Er lag, anscheinend leblos, mit offenem Munde da, und aus einer Stirnwunde quoll dunkles Blut. Da verließ mich die Beherrschung. Entsetzt floh ich ins Haus, rüttelte wie wahnsinnig an der Schlafstube meiner Eltern und schrie: Vater, mach' auf! Ich hab' ihn. Um Gottes willen. Vater! In den Unterhosen stürzte der Gerufene zu mir heraus. Ich stotterte: Rinke liegt draußen auf dem Pflaster; ich hab' ihn tot gerannt! Schon erschien auch meine Mutter auf der Schwelle, totenblaß, die Laterne hochhaltend, daß ihr Schein über uns floß. Mein Vater nahm sie ihr aus der Hand und gebot mir: Komm mit, aber sprich kein Wort mehr! Mit großer Anstrengung folgte ich dem Voranschreitenden; aber an der Tür begannen mir die Knie zu zittern, und erschöpft sank ich auf die dort stehende Hausbank. Nach einer Weile trat mein Vater vor mich, in der einen Hand die Laterne, in der anderen ein zerbrochenes Töpfchen, aus dem schwarze Farbe floß und eine Schablone. Er fragte mich etwas und rüttelte an mir, weil ich nicht antworten konnte. Dann fühlte ich mich noch hilflos lächeln, mir schwand die Besinnung nicht im Rauch der Ohnmacht, sondern die wohligen Schatten des Schlafes fielen so schnell über mich, daß ich nur noch bemerkte, wie meine Mutter aus einer grenzenlos tiefen Nacht sich zu mir niederbeugte. Ich schlang meine Arme um ihren Nacken und ward davongetragen. – – – – – – – Am andern Morgen fand ich mich in dem Schlafzimmer meiner Eltern. Das Fenster stand auf, und die frohe Sonne eines ungemein warmen Februartages lachte herein. Vom Spitalgarten herüber hörte ich das Pfeifen der ersten Stare. Ein Gefühl tiefer, kraftvoller Beglückung erfüllte mein Herz so ganz, daß mir vorerst keine Bedenken kamen, warum ich nicht in meiner Kammer liege. Als aber bald darauf meine Mutter eintrat, sich über mich beugte und besorgt fragte, wie es mir gehe, standen plötzlich die Ereignisse der Nacht greifbar deutlich vor mir. Vor allem sah ich den Tischler Rinke mit offenem Munde und blutiger Stirn daliegen und erkundigte mich in großer Angst, ob er wirklich tot sei. Zu meinem Staunen schüttelte die Mutter den Kopf, gab mir den Rat, recht tief ins Bett zu kriechen und ruhig liegen zu bleiben, denn offenbar sei das Fieber noch nicht von mir gewichen. Ich sollte Fieber gehabt haben, und alles Tolle dieser Nacht war nur eine Halluzination meines blutüberfüllten Hirns gewesen? Aufgeregt wehrte ich mich gegen diese Ansicht meiner Mutter, setzte mich im Bett auf und erzählte, um sie vom Gegenteil zu überzeugen, bis in alle Einzelheiten, bis auf meine Empfindungen den ganzen Hergang, wie das Unsichtbare bei mir eingetreten sei, mich aus der Kammer gelockt, kurz, alles genau, wie es vor sich gegangen war, und daß ich endlich auf der Hausbank in Schlaf gesunken sei. Während ich sprach, war auch mein Vater eingetreten. Er gab mir ein Zeichen, ruhig fortzufahren, setzte sich auf einen Stuhl und hörte aufmerksam zu. Sein Gesicht war blaß, voll schmerzlichen Ernstes, und über seinen Augen lag eine Stumpfheit. Zuweilen sahen sich meine Eltern mit langem Blick an und bewegten dann verneinend den Kopf, als ständen sie vor einem Unbegreiflichen. Fliegend und stotternd kamen die Worte aus meinem Munde, je nachdem die Freude an meinem Heldenmute sie beflügelte oder die Furcht vor dem Urteil meines Vaters sie mir auf der Zunge zerbrach. Am Ende wurden sie von Schluchzen ganz erwürgt, denn das Entsetzen, das mich von dem anscheinend toten Tischler ins Haus gejagt hatte, nahm wieder Besitz von mir, und verzweifelt weinend grub ich das Gesicht in die Kissen, weil ich glaubte, einen Mord begangen zu haben, alles sei für mich vorbei, und meine Eltern, anstatt befreit, seien von mir vor allen geschändet. Meine Mutter überließ mich nur Augenblicke dieser Zerrissenheit. Sie richtete mit liebreichen Armen mich auf und sprach mir Trost zu: In Fieberzuständen, zu denen ich so leicht neige, kämen allerhand wilde Gesichte über den Kranken. Die Erregung, aus der sie geboren würden, wirke noch in das Wachsein hinein, und so erschienen uns die Fratzen der kranken Hitze auch dann noch als wirkliche Wesen, wenn sie schon erloschen seien. Sie habe mir den Zustand schon am gestrigen Tage angemerkt und sei, von Unruhe getrieben, in der Nacht zu mir in die Kammer gekommen, um mich, der unter wirren Reden, in Schweiß gebadet, auf zerwühltem Lager gekauert habe, herunterzutragen. Das geheimnisvolle Etwas, das mich aus der Kammer gelockt, sei also niemand als sie selbst gewesen. Alles übrige müsse ich als Ausgeburt des Fiebers betrachten und über niemand davon reden, sonst könne es soweit kommen, daß mich die Leute für einen Nachtwandler hielten und überall verspotteten. Mit hilfesuchenden Augen sah ich meine Mutter an, die all das mit der Überzeugungskraft geredet hatte, die großer Liebe eigen ist; aber trotz unbedingter Hingabe an sie, gelang es mir nicht vollkommen, das als Spuk anzusehen, was mich mit geheimem Glück erfüllte, ungeachtet ich vor der Tatsächlichkeit der schrecklichen Folgen für Rinke zugleich wünschte, es möge alles nur eine Heimsuchung des Fiebers gewesen sein. Mein Vater hatte während des Zuspruchs meiner Mutter am Fenster gestanden und uns den Rücken zugewandt. Jetzt, da ich bestürzt schwieg, kehrte er zurück, blickte mich lange überlegend an, schloß dann die Augen und nickte sich versonnen zu. »Hm, hm,« sagte er darauf mit etwas spöttischem Lächeln, »du willst also mit einem Streichholz dem Manne ins Gesicht geleuchtet haben?« Ich brachte ein furchtsames »Ja« heraus. »Und glaubst fest, daß es der Tischler Rinke gewesen sei?« fragte er weiter. Ein Zug im Gesicht meines Vaters, ein Schwingen seiner Stimme gab mir den sicheren Glauben an das Erlebnis der Nacht plötzlich wieder, und ich antwortete unerschrocken: »Ja, es war ganz gewiß Rinke. Er lag da, und aus seiner Wunden Stirne floß Blut.« Nach einer langen Pause, die er wieder geschlossenen Auges zubrachte, sagte mein Vater mit einem schwach sieghaften Blick auf meine ängstlich gewordene Mutter zu mir: »Nun, Franz, beruhige dich. Wenn es Rinke gewesen wäre, so hätten wir ihn oder seine Leiter heut morgen finden müssen, nicht wahr?« »Aber hast du nicht den zerbrochenen Farbentopf und die Schablone gefunden?« fragte ich, obwohl das Lächeln meines Vaters längst zur bitteren Grimasse geworden war und sein Auge in zehrender Glut brannte. Statt mir zu antworten, wandte er sich an meine Mutter. »Ich glaube,« sagte er, »die Ladentürklingel ging.« Am liebsten wäre ich auch aufgesprungen und ihr nachgelaufen, die ohne ein Wort sich erhob und eilig auf den Flur verschwand, denn alle Gesten meines Vaters waren eisig gemessen und umständlich, als bereite sich in ihm ein verheerendes Gewitter. Beklommen streckte ich mich ins Bett zurück. Da stand er auch schon hart neben mir, beugte sich über mich und sprach mit unnatürlich leiser Stimme: »Es kann natürlich nicht anders sein, als wie deine Mutter gesagt hat; denn warum hättest du das alles auch wagen sollen?« Ich mußte meine Augen schließen vor seiner furchtbaren Nähe. »Franz, du?« fragte er noch einmal und legte seine Hand auf meine Achsel. Mir schlug das Herz, und ich glaubte, es sei nun alles vorbei, darum wagte ich zu bekennen, was ich in all den Jahren ersehnt hatte. »Weil ich dir so gut bin. Vater!« hauchte ich und lag regungslos und ergeben. Aber statt schneidendes Gelächter zu hören, fühlte ich einen langen Kuß auf meiner Stirn, und seine tiefergriffene Stimme sagte: »Mein lieber Sohn.« Es war mir unmöglich, die Augen zu öffnen; ich ward wie von Wellen geschaukelt, und doch lag ich in einem Schein strahlenden Lichtes. Er hat mich geküßt, mein Vater hat mich geküßt, sang es in mir, und mein Herz schlug gleich einem unbändigen Vogel. Als ich endlich die Augen erhob, war ich allein. Der Sonnenschein glühte zitternd über dem Dach der gegenüberliegenden Mühle; das Pfeifen der Stare im Spitalgarten war zum Schmettern geworden; das Blau des Himmels flatterte wie eine Fahne aus dem weißen Gewölk. Mein ganzes Leben war eine Süßigkeit von Anbeginn. Durch die Wand, an der ich lag, hörte ich meiner Mutter bedachtsames Wirtschaften; von der Werkstatt her sprang vielfältiges Gehämmer durch die Diele. Es war, als klänge um mich die Emsigkeit guter Geister, die nichts anderes trieb, als mein Bestes zu wirken. In dieser Gehobenheit und tiefinnerlichen Sicherheit brachte ich den ganzen Tag zu. Und obwohl am andern Morgen der Glaube an die Wirklichkeit meines Kampfes mit dem Tischler noch ganz sicher bestand, war das Ereignis selbst mir nicht mehr so bedeutsam, daß ich hätte dadurch versucht werden können, meiner Eltern Wunsch zu brechen. Wir war es genug zu wissen, es solle verborgen bleiben, und daß meine Seele, die nicht begriff, wozu die Schweigsamkeit gut sei, so tat, als wäre ihr alles klar und nötig, das verlieh mir vor mir eine über die Jahre hinausgehende Würde. Im stillen stellte ich mir schon vor, wie ich mit meinem Vater rede, neben ihm sitze oder hergehe, und wie er sich hin und wieder zu mir neige, wie zu einem Freunde. Wenn ich in Gedanken bis zu diesem Ereignis gekommen war, so wußte ich immer nicht, was mein Vater zu mir sagen würde. Ich sah nur im Geiste seine schwarzen Augen unverwandt auf mich gerichtet, die mehr glühten als sonst, weil sein Gesicht so sehr blaß war, und sein Schnurrbart zitterte wie in leisem Winde. Aber was ich ihm sagen lassen sollte, konnte ich nicht herauskriegen. Den ganzen Nachmittagunterricht, während des Schreibens und Lesens, hatte ich mich mit meinem Vater umhergetrieben und war immer herzlicher geworden. Allein, wenn die Hauptsache kommen sollte, wenn er sich zu mir neigte, wurde sein Gesicht weiß, sein Auge bohrte, sein Schnurrbart zitterte, aber er sagte kein Wort mehr. Als ich nun aus der Schule heraustrat auf den Platz, fuhr ein Tischlerjunge auf einem Zweiräder zwei lange, neue Bretter vorüber und hielt mit seinem Gefährt an der Kirche, vor dem engen Pförtchen, das von außen auf das Chor der Jungfrauen führte. Ich bemerkte, daß es einer von den Lehrlingen des Tischlers Rinke sei, ging in der Reihe mit meinen Mitschülern bis um die nächste Straßenecke und lief dann auf den Platz zurück, trotzdem der Aufpasser einen unangenehmen Lärm machte. Der Junge saß auf den Brettern und kraute sich den Kopf. Mit Steinen, die ich vor mir herrollte, spielte ich mich an ihn heran. Als ich hart neben ihm war, richtete ich mich auf und sah ihn an. »Na, habe ich das Maul nich die Quere?« fragte er mich höhnisch. Darauf hatte ich gewartet und erwiderte schlagfertig: »Freilich, und de Ohre an den Stiefelschäften.« »Gell, du bist der Faber-Junge?« fragte er. »Och, wer wär' ich och da! Mei Vater putzt Hufeisen, und meine Mutter spinnt Spucke«, entgegnete ich im Jargon meiner tollen Monate weiter. »Und ich mach' rote Suppe aus Rotznasen«, sprach der Tischler und erhob sich. Deswegen trat ich ein wenig zurück. »Und dein Meester macht Darmsaiten aus Eselsohren«, gab ich zurück. »Meenst du etwa mich?« fragte er und rückte näher. »Nee, den Esel,« erwiderte ich, »und läßt du mich nich zufrieden, so sag' ich's deinem Meester.« In diesem Augenblicke fuhr er auf mich los. traf mich aber nicht und lief mir nach, der leichtfüßig, neckend vor ihm hersprang. Bald aber wurde aus der Verfolgung ein lustiges Jägerspiel, und dann saßen wir als gute Freunde auf den Brettern. Es war ein dicker, ziemlich törichter Junge und nicht lange, so hatte ich ihm alle Würmer aus der Nase gezogen. Sein Meister sei am Morgen in der Stube gefallen und habe sich einen solchen Schaden getan, daß er sofort nach Breslau gefahren sei und vielleicht vierzehn Tage unten bleiben müsse. Was für ein Schaden es sei, am Schädel oder am Buckel, wisse keines von den Leuten, denn früh um sechs sei der Meister, der Bucklinski, schon zum Tempel hinausgewesen. Nun machte er seinem Zorn Luft, nannte ihn einen höhnischen Hund, wünschte, er möchte sein Maul gebrochen haben und sagte, es sei nicht zum Aushalten bei ihm. »Warum lachst du denn?« fragte der Junge zuletzt. Ja, wahrhaftig, ich konnte mir nicht helfen, und jetzt, da der Erfolg meines nächtlichen Abenteuers so unzweifelhaft vor mir lag, sprang ich, ohne zu antworten, auf und lief über den Platz, durch die Straßen, sang wie besessen und schwang die Schultasche immer um meinen Kopf. Die ganze Stadt regte ich mit meinem Siegeslied auf. An der Postecke, beim Anblick des gähnenden Torbogens, erlosch plötzlich der Jubel in mir. Sehr langsam und zögernd vor Erwartung betrat ich die Stube. Statt des Schimmers lag sie voll von Lasten und verheimlichtem Kummer. Mein Vater saß gebückt vor seinem Vesperkaffee. Er streifte mich beim Eintritt mit einem gleichgültig vorübergehenden Blick, um seine Augen dann in zweckloser Beharrlichkeit wieder auf das schmale Stück Diele zwischen den auseinandergestellten Beinen zu heften. Die Mutter wagte aus Scheu oder Schonung die Geschirre der beendeten Mahlzeit nicht vom Tisch zu räumen, sondern ging in unruhiger Geschäftigkeit vor dem Ofen auf und nieder, trug Töpfe hinaus und brachte sie leer herein, wand den Hader aus, obwohl er ganz trocken war und beobachtete indessen voll barmherzigen Kummers den Gebeugten. Ein Paarmal war ich im Begriff, auf ihn zuzugehen und ihm von Rinkes Reise nach Breslau zu erzählen. Aber schon nach dem zweiten Schritt, wenn er von dem nahenden Geräusch aufgeschreckt, den Kopf hob und mit unwirschem Erstaunen über mich hinsah, entwich mir der Mut. Verwirrt trat ich ans Fenster und schaute lange hinaus, und jedesmal fühlte ich dann, wie die Augen meines Vaters in trauervoller Freude auf mir ruhten, und zugleich wußte ich auf geheimnisvolle Weise, daß die Nachricht von Rinkes Reise ihn noch tiefer verwunden mußte und schwieg. Von diesem stummen Bohren wurde mein Vater einige Tage gebunden, und immer folgten mir seine überlegenden Blicke. An einem Abende, das Dämmern fiel wie ein tiefer Aschenschleier vor den Fenstern nieder, rief er mich vor seine gebeugte Stirn und fragte, ohne das Gesicht zu erheben, ob ich zu Ostern aus der Schule komme. Dann sagte er, ich sei anfällig und so zart gebaut, daß ich unmöglich ein Handwerk ergreifen könne. Das war nun nicht wahr, denn überall ordneten sich nach kurzer Zeit die Knaben willig unter meine umsichtige Kraft. Einen Augenblick kam mir eine Versuchung zum Widerspruch. Doch da hob mein Vater sein Gesicht; es war weiß, und sein Auge packte mich, daß mir das Wort in der Kehle sitzen blieb. »Nun,« sagte er, »aber du scheinst mir nicht auf den Kopf gefallen zu sein. So sollst du Lehrer werden. Das Geschäft geht zwar schlechter, aber ich hoffe, dich durchhalten zu können. Du bist mein Sohn. So weiß ich, daß du mir unmöglich Schande machen kannst. Gib mir deine Hand darauf.« Ich legte zaghaft meine Rechte in seine Hand. Er schüttelte sie heftig, damit ich das Jucken darin nicht wahrnehmen sollte. Aber es arbeitete trotz des festen Griffes so heftig in seinen Fingern, daß ich bestürzt in sein Gesicht sah. Aus seinem Munde kam ein seltsames Blasen, zugleich knirschte er mit den Zähnen, und seine Lippen zitterten. Mit aller Gewalt kämpfte er gegen die Rührung, die ihn zu übermannen drohte. Plötzlich schleuderte er meine Hand aus der seinen und stürmte zur Tür hinaus. Seine Schritte verklangen auf der knarrenden Stiege in die Werkstatt. Langsam löste sich die Beklemmung von meiner Brust. Ich fiel der Mutter um den Hals und gestand ihr unter Tränen, ich wollte nicht Lehrer, sondern Schiffskapitän werden. »Kind,« sagte sie. »denk' doch, das große Wasser, und wie weit es is!« »Wenn's aber ginge. Mutter«, schmeichelte ich. »Der Vater will's nich.« antwortete sie. »und Vaters Segen baut den Kindern Häuser.« – – – – – – – Man müßte Menschen, die uns enttäuschen, aus sich entfernen, wie man einen Schluck lauen Wassers ausspeit, sie abtun, wie man den Schweiß von seinen Fenstern wischt. Aber nur die Wertlosen und die Heiligen können das. Für den großen Menschen bedeutet dieser Betrug einen Speerstoß, dessen Wunde nie mehr zuheilt. Denn ich bin gerade so tief in anderen als in mir. So kam mein Vater über den Schimpf und die Schande, die ihm der Tischler Rinke angetan hatte, nicht hinweg und brachte es doch auch nicht über sich, diesen Treubruch und mit ihm eine Menschenbeziehung, die wohl einst seine ganze Seele erfüllt hatte, durch die Gerichtsstuben zu schleifen. Hastig trieb er sein Werk; bitter spornte er seine Leute. Das Essen verschlang er ohne zu kosten, und seine Ruhe war ein Versinken, aus dem er mit dem Lächeln des Selbsthohnes erwachte, meine Mutter, die ihn zu Vergeltungsmaßregeln stachelte, sah er auf das Höchste erstaunt an und ließ sie stehen. Einmal aber, als sie zu sehr in ihn drang, faßte er mit flachen Händen ihren Kopf, als wolle er sie so emporheben und schüttelte ihn leidenschaftlich. Sein Gesicht trug dabei einen Zug bitterster Überreizung, und er rief fortwährend: »Wach auf, Weib! Wach auf, Weib!« Und doch hätte er aufwachen sollen. Denn nachdem Rinke zurückgekehrt war, stürzte er sich in ein turbulentes Leben. Wo eine Fiedel klang oder sich eine Maste drehte, an den Tischen angesehener Zechbrüder, oder wo die Karten ihr buntes Rad schlugen, war er dabei. Er nahm die Gepflogenheit törichter Müßiggänger an, mit Alkohol sich auf das Mittagsmahl und den Schlaf vorzubereiten, und bildete er bei den Veranstaltungen der Honoratioren auch nur ein geduldetes Anhängsel, so überbrückte der sonst so melancholisch Gedankenvolle die Kluft durch laute Witzeleien und aufdringliche Vertraulichkeit. Wie oft hörte ich nicht sein trunkenes, schrilles Lachen tief in der Nacht an unserm Hause vorbeitorkeln, und mir war es dann, als wiehere er vor Hohn über meinen Vater. Den aber lockte dies herausfordernde Leben nicht in Rache hinein. Den frechen Augenaufschlag des vorübergehenden ungetreuen beantwortete er mit einem langen Blick trauervollen Mitleides. Das war alles. Im übrigen stand er in klaren Nächten lange am Fenster oder unter der Haustür, betrachtete hingegeben das Spiel des unruhigen Frühlingsgewölkes und lauschte den Stimmen des Windes, die oft wie die Schreie unerlöster Geister über die Dächer hinfuhren. Trat er dann wieder unter uns, so trug sein Antlitz einen tiefen Glanz, eine schimmernde Verfinsterung, die zuletzt notvollem Frieden wich. Sein Blick aber war noch lange nachher in einer sprechenden Gebärde jenen Weiten zugewendet, aus denen die Schatten ihn geschreckt, die rätselhaften Rufe ihn getroffen hatten. Meine Mutter rang an solchen Abenden doppelt inbrünstig in ihrem Gebete zu dem Christusbilde empor, als gelte es, daß Leben meines Vaters einer feindlichen Macht zu entreißen. Das alles wirkte, wie ein uneingestandener Wirbel, ein verderbliches Sieden, das den Bau unseres Familienlebens lockerte. Meinen Bruder Peter, der in der Werkstatt meines Vaters die Sattlerei erlernt hatte, trieb es in die Fremde. In verdrossenem Gleichmut verließ er uns, und kaum war er einige Tage fort, so konnte ich mich schon nicht mehr genau an die Umstände seines Wegganges erinnern. Resa, die immer an tausend bunten Bändern allerhand leichten Hoffnungen nachgegaukelt war. zwitscherte sich eines Tages auch über die Schwelle und fuhr davon, in irgendeine Stadt des Südwestens, ich weiß nicht, war es Frankfurt am Main oder Straßburg. Sie ist mir seitdem nicht mehr zu Gesicht gekommen. Nun der endlose Kleinkrieg der beiden nicht mehr unser Haus erfüllte, empfand ich doch, wieviel sie mir gewesen waren. Hilf- und schutzlos bebte meine Jugend in der schweren Luft, die von dem Leben meiner Eltern ausging. Bei dem Gedanken an den Lehrerberuf sah ich mich in dem Schlund einer engen Gasse vor einem niederen, unfreundlichen Pförtchen stehen und brachte die Hand nicht herauf, um anzuklopfen. Der Himmel über mir, und Weiten, die ich nicht sah, obwohl sie vorhanden waren, hingen voll ungesungener Lieder und wartender Lichterschöne. Aber das Wort meines Vaters: Du bist mein Sohn, vertrieb die Berückungen immer wieder, und mit jähem Trotz rettete ich mich in seinen Willen. – – – – – – – So trabte ich bangen Herzens nach meiner Schulentlassung mit einer Schar Knaben zum Pfarrer Zimbal, unserem Ortsschulinspektor, um ihm, wie es Sitte war, für den genossenen Unterricht zu danken. Wir standen in langer Reihe an die Wand gedrückt im Hausflur des Pfarrhauses. Die anderen Knaben scherzten flüsternd miteinander. Hin und wieder hielt sich einer mit Zeigefinger und Daumen die Nase zu und lachte, indem er sich zusammenkrümmte, bei geschlossenem Munde, daß seine Backen aufliefen wie zwei kleine Kürbisse. Mir klopfte das Herz in Erwartung. Der leise Lärm verstummte, und unsere Füße fuhren zusammen, als oben eine Tür in den Angeln schwang und die feierlichen Schritte des Erwarteten laut wurden. »Er is – er is nich!« wisperte es verstohlen durcheinander. Dann aber erklang ein Räuspern. Er erschien am Anfang der Treppe. »Gelobt sei Jesus Christus!« riefen wir den schwarzen Beinkleidern da oben entgegen. »In Ewigkeit. Amen!« antworteten sie. Dann stand der geweihte Herr vor uns, den Zeigefinger der Rechten überlegend in die geschlossene schwarze Weste gehängt, und ließ seine metallgrauen, kalten Augen die Reihe hinabgleiten. Als sie auf mich trafen, bäumten sie sich einen Augenblick ärgerlich zurück. Er strich sich aber den Unmut aus dem breiten Gesicht, und indem seine Hand schnappend von dem glänzenden Doppelkinn abglitt, begann er seine Ermahnungen an das andächtig lauschende, jugendliche Plenum. Ich befand mich in einer zerrissenen Stimmung. In Furcht vor abermaliger öffentlicher Verletzung war ich hergekommen; durch seine abweisende Gebärde hatte sich ein Mißtrauen hinzugesellt, das mir wehtat, nicht nur weil mein frommes Herz nach heiligem Zuspruch verlangte, sondern weil mein ganzes Inneres durch die schweren Ereignisse der letzten Zeit so wund getrieben war, daß es förmlich nach Güte und Trost schrie. Ein ehrlich liebevolles Wort hätte mich armes Kind an seine Knie gedrückt und vielleicht für immer an die Nacht gefesselt, deren Vertreter er war. Das verstohlene Flehen meiner Augen aber blühte ihm umsonst. »Nun geht und lasset die Samenkörner des Glaubens und der christlichen Liebe in euren jungen Herzen wachsen«, so endete er die Reihe von Sätzen, die gleich bunten Blasen, selbstgefällig schillernd, über unsere Köpfe hingefahren waren. Wir traten einzeln an ihn heran, sagten unser Sprüchlein und küßten ihm die Hand. Für jeden hatte er nun ein liebes, ermunterndes Wort; diesem streichelte er die Wange, jenem legte er milde seine Hände auf den Scheitel. Ich hatte mich an der Tür aufgestellt und kam als letzter zum Handkuß. Die Stiefel der anderen sprangen schon klappernd über den Kirchplatz. Zaghaft näherte ich mich ihm. Aber er scheuchte mich mit Stirnrunzeln zurück und fragte: »Du – du bist ja wohl – mh – der Faber, nicht wahr? – Der Sohn von dem – mh – Faber-Sattler?« Allein ich knickte nicht zusammen, da er in grausamer Mühe Nägel in mein Gemüt trieb. Es riß die Wehmütigkeit aus meiner Seele, und mit keckem Zorn im Auge antwortete ich scharf und laut: »Jawohl, der bin ich!« »Seh' mir einer den Wicht an!« rief er mit leisem Empören. »Warum kommst du denn da erst her? Ein Lump wirst du ja doch.« »Das wird sich zeigen!« gellte ich. Dann floh ich ohne Gruß. Ein Würgen fraß sich in meiner Brust aufwärts. Ich lief wie sinnlos über den Kies. Aber in der Mitte des Kirchplatzes legte es sich wie zwei unbarmherzige Arme um meine Brust und preßte sie so heftig zusammen, daß ich nach Atem ringend stehen bleiben mußte. Plötzlich verdunkelte es sich um mich; es rieselte grau aus der Höhe, ein ganz leiser Wirbel, der bald wie kreisender Nebel um mich stand und durch mich lief, daß es ätzend über meine Augen floß und stoßend durch meine Brust polterte. Eine alte Frau ging gerade vorüber. »Jüngla, dir is wohl schlecht?« fragte sie mitleidig. Wahrhaftig, da stand ich großer Junge, der ich mich vor der Mitternacht und dem Rinke-Tischler nicht gefürchtet hatte, mitten auf dem Kirchplatz und weinte. Ärgerlich riß ich mit dem Ärmel der Jacke die Tränen aus den Augen. Dann wandte ich mich um und spähte, ob irgend jemand dastehe und sich über mich lustig mache. Ich wäre in blindem Zorn über ihn hergefallen. Wie ich mit meinen Blicken so in Streitlust umherstöberte, kam ich an das vergoldete Bild des gekreuzigten Menschenfreundes, das an einem massigen Kreuze vor der Mitte der Kirchenfront hing. Die Schatten der kahlen Zweige der beiden Ahornbäume lagen wie blutschwarze Striemen über seinem Leib. Aber in unermüdlicher Wehrhaftigkeit beschützte er mit ausgebreiteten Armen sein Haus. Die Mauer der Kirche hatte hinter seinem Rücken einen tiefen Riß, vom Dachfirst bis in die Grundmauern, doch der Heiland wußte davon wohl noch nichts; denn sein Antlitz strahlte wie immer voll göttlicher Sicherheit. Ich bemerkte den Schaden heute zum ersten Male, und eine seltsame Ruhe kam in mich. Nicht, als ob ich die eben erlittene Züchtigung als berechtigt anerkannt hätte; ein kühler, unbegreiflicher Trost floß in mein Herz. Grübelnd ging ich von dannen. Auf dem Ringe fiel mir ein, daß sich mein Vater über die lieblose Behandlung, die mir in der Schule zugefügt worden war, beim Pfarrer beschwert hatte. Aber was konnte ich für die Bosheit der anderen? Oder hatte der Pfarrer bemerkt, daß ich das Weihwasser von meiner Stirn gewischt hatte, da mein Vater aus der Kirche vertrieben worden war? Ach nein, ich war ja schon außerhalb der Kirche gewesen. Vielleicht hatte es jemand gesehen und ihm gemeldet. Der Kirchplatz war aber doch leer gewesen. Zuletzt überfiel es mich wieder: Die Kirche hat einen Riß vom Dach bis in den Grund. Sonderbarerweise nahm ich das als die Erklärung der pfarrherrlichen Lieblosigkeit hin. Zu Hause angekommen, wich ich mit großer Ruhe und männlicher Sicherheit den Fragen meiner Mutter nach dem Ausfall der Audienz durch allgemeine Bemerkungen aus. Ich war gewachsen und fühlte es in der Ferne meines Bewußtseins wie ein dumpfes, namenloses Wehe, eine schmerzvolle, weite Leere, über der bitterblasse Helle lag. Dann stieg ich mit kaltem Lächeln die Treppe hinauf. In der Kinderkammer stand ich lange neben meinem Bette, in dem ich mich so oft mit traumheißen Wangen umhergeworfen hatte und genoß in wehem Stolz etwas wie das Gefühl des Vertriebenseins. Ein schmaler Sonnenstreifen strich über meinen Scheitel hin. Ich ließ das feine Gewebe der rastlos tanzenden Lichtstäubchen über mich rinnen, trat ins Dunkel zurück und sah es mit wartenden Sinnen an, wiegte mich hin und her, aus dem Licht in den Schatten, und alles geschah so willenlos, als sei ich ein Gewächs, das von einem inneren Luftzug geschaukelt würde wie eine Blume, die sich befruchtet fühlt. Da traf mein Auge, die bebende Sonnenschwinge entlangschauend, auf den zitternden Lichtkreis, den sie an die gegenüberliegende Bretterwand malte. Das Loch in der Finsternis um uns ... und plötzlich fiel mich große Trauer an, daß ich so im Schatten stehe und eigentlich nichts mehr habe, als diesen ärmlichen Lichtkreis, hinter dem doch auch nur wieder eine Dachkammer lag. Tiefe Schwermut wurde durch den Gedanken noch vertieft, daß das alles die Strafe für meine Sehnsucht sei, einmal durch das Loch hinter die unendliche Nacht sehen zu können, wie mein Vater. Niedergeschlagen stieg ich die Treppe hinab, setzte mich in einem Gefühl der Ermattung auf die Bank unter unsere Haustür und starrte mit zerstreuten Augen auf die Straße. – – – – – – – So stürzen Städte in uns ein; Welten der Seele veröden leise; Revolutionen stoßen neue Erden auf mit anderen Steinen und anderen Sonnensystemen in Traumwelten. Das knickt den gesunden Menschen nicht, der der Schacht seiner Erneuerung ist. Er lächelt ein kümmerliches Lächeln, er schaut mit den großen Augen einer bitterglücklichen Sehnsucht: manchmal ein noch nie gehörter Laut nur, ein vorübergehendes allgemeines Müdewerden – je nachdem. Dann bläst uns schon wieder der krause Wind der Stunden in den Nacken, und wir trotten weiter mit wirren Gesichtern, tiefer in die Gosse, näher der Sandwüste der Gewöhnlichkeit, höher hinauf – – je nachdem. – – – – – – – Die Vorbereitungen zu meiner Übersiedlung in die Präparandenanstalt einer benachbarten kleinen Stadt drängten die Empfindung des neuen Zustandes in mir zurück. Mein Vater segnete mich zum Abschiede mit einem langen, stummen Blick. Dann drückte er mir stark die Hand und sprach: »So geh' also!« Nichts weiter; aber wie er es sagte, enthielt es eine ernste Mahnung; eine Drohung, einen Schlag von unten her, eine Übertragung seiner Kraft. Mit zuckenden Lippen murmelte ich irgend etwas, streckte ihm noch einmal die Hand hin und ging. Er blieb im Zimmer, und ich hörte noch, wie er mit langen Schritten umherzugehen begann. Meine Mutter ließ sich von dem Kutscher zwischen Betten und Kisten auf den Rücksitz eines alten Halbgedeckten pferchen. Ich kletterte neben den Rosselenker auf den Bock. Der kleine Mann lächelte mir mit seinem roten, viereckigen Gesicht zu, um das ein spärlicher Bart wie eine graue, mottenzerfressene Boa hing, und fuhr dann dem abgetriebenen Schimmel mit der Peitsche um die Ohren. Das Rößlein schlug ärgerlich mit dem Schwanze und schlenkerte auf geschwollenen Beinen davon. Die Kotbleche schwirrten; die Häuser rannten langsam zurück. Da war der Kirchhof, da die letzte Fabrik! Nun polterte das Gefährt über die Bohlenbrücke, daß es war, als falle ein Gebäude ein. Die hellgrünen Weiten der Felder, der Tanz einsamer Bäume an fernen Rainen verwandelte die geheime Kümmernis meines Herzens in frohes Schauen. Dann lief der leichte Wind mit meiner letzten Trauer davon. Ich kam mir ordentlich beneidenswert vor, so in die weite, schöne Welt hineinzufahren und sah zu meiner Mutter zurück. Die saß da und hatte große, reine Augen, über denen gar keine Brauen waren, ein stillseliges Gesicht, wie es Kinder haben. Darum fragte ich nicht, ob es schön sei, sondern betrachtete alles mit noch größerer Freude. Dorf um Dorf – Felder – Wälder – stundenlang so. Dann holperten wir über das löcherige Pflaster der kleinen Stadt, die wie ein grauer, verwitternder Ballen zwischen die Berge geklemmt war. Das wilde Wasser hatte ihn irgend einmal hierhergespült und in die Enge eingeteilt. Aus den weiten Wäldern, die die seinen Täler wie dunkelblauer Rauch füllten, waren dann Menschen hervorgekommen und hatten mit Axt und Säge sich aus ihm die ersten Hütten gebaut. Nun blühte die kleine Siedlung im Vermorschen und vermorschte im Blühen seit Jahrhunderten. Die Menschen kamen und verloren sich in den engen Straßenzeilen; aber die ernste Fröhlichkeit aus den ferneren Wäldern ging ihnen auf der kurzen Lebensausfahrt nimmer ganz verloren. Ich kam zu einer Witfrau, die in einem langen, kahlen Raume, dessen Wände rosa getüncht waren, außer mir noch sieben Bürschlein eine recht schmale Kost verabreichte. Acht Betten standen rundherum an den Mauern, vor oder neben jedem ein hölzerner Koffer für die wenigen Habseligkeiten. Bald war auch mein Ruhelager bereitet, und die Mutter streichelte die kanariengelbe Kattundecke mit den schwarzen, großen Punkten darüber. Der erste Hauch des Abends lag vor der Sonne. »Komm!« sagte meine Mutter, und als sie mich an der Hand nahm, fühlte ich, wie sie zitterte. Ich wußte, was kommen sollte, und mir schlug das Herz. Vorsichtig stiegen wir die dunkle Treppe hinab, meine Mutter vor mir. Unten drehte sie sich plötzlich um und breitete die Arme nach mir aus, und ich sank ihr an die Brust. Ihre Tränen rannen über meine Wangen. Dabei hörte ich sie hauchend reden, so vieles Liebe, Süße, Geheimste, wie es ein Mutterherz nur aufbewahren kann in seinen himmeltiefen Schächten. »Da.« sagte sie und machte sich los. »da, und wenn du Hilfe brauchst, hier gebe ich dir ein Rezept. Gebrauch' die Medizin, sie hilft in aller Not, mein lieber, lieber Junge!« Verschämt, mit einem rührend weichen Ernst um ihre schmalen Lippen, drückte sie mir einen einfachen Zettel in die Hand. »Geh' nicht mit, es macht dir's nur schwerer. Noch einmal, Gott mit dir, Junge!« sprach sie schnell, küßte mich noch einmal und war verschwunden. Noch lange stand ich da an der dunklen Treppe mit dem Zettel in der Hand und wußte nicht warum. Endlich kam ich zu mir und schlich in den Hof, wo eine kleine Laube stand. Dort entfaltete ich das Papier. In großen Kinderbuchstaben hatte meine Mutter mit einem Zimmermannsbleistift darauf geschrieben: Oh, du heiligstes Herz Jesu, du süßeste Mutter Gottes, Maria, steh' mir bei! Ein Vaterunser und Ave Maria. Droben hörte ich die Jugend meiner neuen Kameraden lärmen. Das Raunen des Abends bewegte die springenden Knospen der Bäume; die Glocken der Stadt sangen in das blasse Gold des leise sterbenden Lenztages hinein. Mir ward es von kommenden Tränen grau vor den Augen. Aber ich sagte mir, ich sei nun allein, auf mich selber gestellt, da schicke es sich nicht wie ein Mädchen zu weinen. Den Zettel barg ich, sorgsam gefaltet, in meinem Taschenbuch und ging hinauf in die Stube. Noch einmal wurde ich in die Demut und gesegnete Einfalt meiner Kindheit zurückgeführt. Hinter dem Wall rüder Tollheit, hinter dem Gewölk bitterer Erfahrungen hatte sie geschlafen wie eine Rose. Ihr Duft ward noch einmal wach. Von dem Herzen und den stillen Augen meiner Mutter entzaubert, strömte über mich der alte Glaube, die bedingungslose Hingabe, die Selbstentäußerung Gott und der Kirche gegenüber. Gerade in der ersten Zeit der Fremdheit unter meinen neuen Genossen und in der Fremde bildete dies fast meinen einzigen Halt. Ein wenig mißtrauisch bewegte ich mich unter meinen Mitschülern und nahm unter der Maske frühreifer Überlegenheit nur von fern und außen Teil an den Ausgelassenheiten, durch ein hingeworfenes Wort, ein fröhliches Krümmen der Lippe, oft nur durch eine Gebärde. Ich muß sagen, dieses Bescheiden, das eigentlich ohne Absicht über mich gefallen war, aber doch von dem Trotz festgehalten wurde, weil ich bemerkte, welche Vorteile es mir brachte, kam mich leidenschaftlichen, aktiven Menschen hart an und vergrößerte anfangs die Schwermut, wenn ich mutterseelenallein des Sonntags nachmittag in der kahlen Stube vor meinem Buche saß, während die andern alle im Freien umhertollten. Aber drückte es mich gar zu herb ins Herz, dann riegelte ich die Tür ab, kniete an das Fenster, das nach den fernen Bergen meiner Vaterstadt sah, zog den Zettel meiner Mutter hervor und betete für meine Eltern. Mit einem kecken Sprung gelangte ich dann mitten in das Leben, das meine Mitschüler führten, in diese phantastische, abenteuerlich-heldenhafte Springprozession. An einem spätsommerlichen Regentage saß ich an einem Fenster unserer Bude und hielt, ohne zu lesen, ein Buch auf meinen Knien. Die Schüler der oberen Klasse Kaliske, Brandt und Rieder standen in leisem Geplauder am andern Fenster, vor dem Bett Brandts, der durch eine stoische Art in den Geruch eines Philosophen gekommen war. Die beiden Brüder Schick, Söhne eines Försters, saßen am Tisch einander gegenüber. Der Ältere, gelangweilt und bitter, lag, den Kopf in die linke Hand gelümmelt, halb über den Tisch und schlug, von Zeit zu Zeit einen derben Fluch und eine Verwünschung auf seinen geizigen Vater ausstoßend, mit der Faust auf den Tisch, um dann wieder für lange in dumpfe Verzweiflung zu verfallen. Sein jüngerer Bruder, dem wegen des Stockschnupfens immer der große fette Mund sperrangelweit aufstand, betrachtete ihn mit einer Miene, die halb Kummer, halb Ärger ausdrückte, schweigsam und gründlich. Endlich sagte er einfach und bestimmt: »Du bist ein Esel!« Das Spiel wiederholte sich zwischen beiden jedesmal, wenn die gemeinsame Kasse bis auf den letzten Heller erschöpft war, und jedesmal auch stürzte der Ältere, durch die Beleidigung aufgebracht, ohne Kriegserklärung auf den mit dem Stockschnupfen und wälzte sich mit ihm im stummen, ergrimmten Kampf auf dem Boden umher, bis der Jüngere blaß gewürgt und zerzaust dalag. Der schwermütige Emil nahm dann in der Haltung des Propheten Jesaias den früheren Platz am Tisch ein und verfiel in sein altes Brüten. Der Stockschnupfen-Gustav trödelte mit zuckender Lippe und bösen, weiten Augen seine Kleider zurecht und verließ mit allen Zeichen tiefster Verachtung die Stube. Ehe er die Tür schloß, kehrte er sich noch einmal zurück und rief seinem Bruder als lieblichen Scheidegruß das Wort »Luder« zu. Ohne sich zu erheben, mit einem fürchterlichen Schmetterschlag auf die Tischplatte, jagte ihn der in eilige Flucht. Belustigt hatten wir alle den brüderlichen Zweikampf verfolgt, nun kehrte jeder wieder zu seinem Interesse zurück. Am Bette Brandts floß das Geplauder ein wenig erregter weiter; vom Ofen her, wo Kristen und Mach Schach spielten, ohne es recht zu verstehen, krakelte er wieder fort. Ich hob mein Buch auf das Fensterbrett und suchte die Stelle, wo ich mich unterbrochen hatte. Aber es lag doch nicht mehr der alte Frieden der Langeweile über uns unfreiwillig Gefangenen. Der kleine Raufhandel hatte alle reizbar gestimmt. Am Ofen ertönte bald der schrille Protest Kristens, dem ein Bauer seines Gegners die Königin geraubt hatte, und trotz des demütigen, wortreichen Zuspruches des kleinen Mach erklärte der Geschädigte diese Handlungsweise hartnäckig für eine rohe Gemeinheit, ohne indes etwas anderes, als erneute langatmige Erklärungen zu erzielen. Endlich strich er ärgerlich die Figuren vom Brett und beide setzten sich, wenn auch nicht feindselig, so doch verbittert, an den Tisch. Es war nun ganz still in der Stube. Das Gespräch der drei Großen hatte sich erschöpft, und außer den Regenschnüren, die gegen die Fenster peitschten, rührte sich nichts, was dieses gallige Lasten, dies mißmutige Gespanntsein abgeleitet hätte. Da löste sich Kaliske von der Gruppe am Fenster und begann, immer vor dem Tisch hin und her, einen Spaziergang in der Stube. Es war ein bunter, verwickelter Mensch, mit einem sehnigen, unruhigen Gesicht, das älter aussah als seine siebzehn Jahre. An der rechten Seite seiner großen geknickten Nase saß, gleich einem erbsengroßen, haarigen Käfer, eine Warze, und um die hohe Stirn blühte wie ein goldiger Schein eine Fülle krausen, rotblonden Haares. Nach einigen Pendelgängen begann er in einer selbsterfundenen Sprache einen komischen Monolog, der sich immer mehr entzündete und zuletzt nur eine leidenschaftliche Jagd von Fratzen war. In solchen Augenblicken befand sich Kaliske in einer vierten Dimension, in einer Art Rausch, und keiner von den jüngeren Schülern wagte zu lachen, weil der Redner dann augenblicklich in Wut verfiel und mit Ohrfeigen um sich warf. Mich aber juckte an diesem Tage der Übermut, und ich lachte bei einer seiner irrsinnigen Kapriolen laut heraus. Sogleich sprang er auf mich zu und herrschte mich, die rechte Hand streckend, an: »Larikassimatutu!« Das hieß: Wenn du nicht gleich den Mund hältst, hau' ich dir eine runter! Sein Gesicht war zornrot. Aber ich ließ mich nicht schrecken, schnellte zu meiner ganzen Größe auf, daß ich ihn um Handbreite überragte und erwiderte: »Versuch's nur!« Der Traumzustand wich sofort von ihm, und er wandte sich verblüfft zu Brandt hin, der von seinem Bettrand aus dem Vorgang mit philosophischer Gelassenheit zuschaute. Er war einer der gefürchtetsten Keiler, und um mich Renitenten in die gebührenden Schranken zurückzuweisen, sagte er ruhig: »Mach' dich nicht mausig, sonst kriegst du's mit mir zu tun!« Aber zum Erstaunen aller senkte ich auch jetzt noch nicht die Fahne der Empörung, sondern erwiderte: »Das ist mir egal!« Sogleich erhob er sich mit höhnischem Auflachen, zog Kaliske zurück und fragte wegwerfend, ob ich etwa Lust hätte, mit ihm zu boxen. Dabei bohrte er seine blauen, nichtssagenden Augen in die meinen und schnellte die rechte Faust schlagend in die Luft. Weil mir nichts übrig blieb als schmachvolle Unterwerfung oder rühmlicher Untergang, so wählte ich den Kampf. »Natürlich bis zur Erschlaffung,« sagte er dumpf, »Pardon gebe ich nicht.« »Ganz wie du willst«, antwortete ich. Rieder, ein sanftmütiger Bursche, hatte den Handel bis hierher gehen lassen, nun übernahm er die Vermittlung, um den Streit aus der Welt zu schaffen. Als Stubenältester war er verantwortlich für den Frieden und die Ordnung in unserer Bude. Aber weil Brandt erklärte, mich nur schonen zu wollen, wenn ich mir von Kaliske eine »herunterlatschen« lasse, mußte ich fest bleiben, obwohl Schick, Kristen und Mach in Angst auf mich eindrangen, doch nachzugeben. Die Beschwichtigungsversuche waren also fehlgeschlagen. Rieder ließ sich von allen das Ehrenwort geben, nichts zu verraten, und verriegelte die Tür. Schick, Kristen und Mach rückten entsetzt am Tisch zusammen. Kaliske nahm seine Geige aus dem Kasten, setzte sich auf einen Holzkoffer in der Ecke und fuhr sich nervös mit dem Zeigefinger über die haarige Warze. Brandt ergriff die Zahnbürste und rieb, um sich zu wilder Tapferkeit anzustacheln, seine Zähne mit Kochsalz, daß der ganze Mund blutete. Dann holte er Asche aus dem Ofen, füllte sich damit die Mundhöhle und spülte sie danach mit Wasser aus. Es bot einen barbarischen Anblick, wie er so einen Strahl Schmutz und Blut in den Eimer spie und hatte wohl den Zweck, mich furchtsam zu machen. Kaliske ergriff jetzt seine Geige, neigte das erblaßte Gesicht tief darauf und schloß die Augen. Der Bogen fuhr ein paarmal wie taumelnd durch die Luft, dann spielte er sich sacht auf die Saiten. Ein Geflecht schneidend feiner Singtöne, wie es Mückenschwärme im Sommerlicht uns um den Kopf weben und dadurch das Kochen der stehenden Glut vermehren, zitterte er aus dem Holz heraus und erfüllte damit die Stube. Ich ward von dem summenden Singen wie benebelt, unerträgliches Unbehagen erfüllte mich, und ich hätte mich schreiend auf Brandt stürzen müssen, wenn er nicht schon mit einer Grimasse des Lächelns, die Zähne breit und weiß, auf mich zugetreten wäre. Ich entblößte schnell auch den linken Arm bis hinauf zur Achsel und verschränkte ihn mit dem linken Arm meines Gegners so, daß die Muskeln des Oberarmes sich bequem den Schlägen darboten. Nun ich das warme, zuckende Fleisch Brandts an dem meinen spürte, flog einen Moment ein Rausch durch mein Hirn. Aber ich biß die Zähne zusammen und packte, um mich zu halten, mit finsterem Auge in das Gesicht Brandts, das noch immer automatenhaft lächelte. Plötzlich tauchte ich ganz ins Klare, Kalte. Der kleine Mach lag mit dem Gesicht auf der Tischplatte, Kristen und Schick starrten offenen Mundes auf uns. Auch Kaliske mußte aufgeblickt haben, denn seine Geige stieß einen langen, schrillen Schrei aus und stürzte sich nach einem Stakkatolauf in den Taumel eines rasenden Tanzes. Da gab's kein Halten mehr! Noch ehe Rieder das Zeichen zum Anfang geben konnte, hieb ich meine scharfen Knöchel in die Muskeln meines Gegners und erhielt darauf einen Schlag, der wie ein schwaches Klirren mir den Rücken hinunterlief. Bald waren wir im Takt. Eins, zwei! Eins, zwei! Unsere Arme röteten sich immer tiefer. Die Schläge lagen eine Weile wie weiße Flecken in der Haut. Nun schoß mir von jedem Hieb ein Reißen und Bersten durch die Muskeln. Aber: Eins, zwei! Eins, zwei! Die Geige jauchzte wie toll. Meine Faust war nur noch ein Stein am Arm, der immer größer, schwerer und wuchtiger wurde. Ich hatte jedes Gefühl verloren. Die Schläge Brandts wirkten nur als dumpfe Erschütterungen. Bis auf eine Empfindung, als umspanne ein Griff schmerzend meinen Hinterkopf, war ich ruhig. Aber da erhielt ich einen Hieb zwischen den Oberarmmuskel und den Beuger, wie einen Messerschnitt in den Knochen und warf meinen Fauststein mit Wut auf dieselbe Stelle Brandts. Davon zitterte Blässe über sein Gesicht. Noch einen Schlag! Seine Augäpfel wankten, noch einen! Der Griff umklammerte meinen Hinterkopf schmerzender. Aber: Eins, zwei! Eins – zwei! Ich sah, wie Rieder auf- und abschwankte. Die Nase Brandts wurde lang wie ein Schnabel, als laufe sie aus dem Gesicht. Da riß man uns auseinander. Mach lag mit vergrabenem Gesicht weinend auf dem Tisch. Schick und Kristen standen am Fenster und wagten nicht, sich umzudrehen. Kaliske hielt die Geige immer noch krampfhaft unter das Kinn gestoßen; aber der Arm mit dem Bogen hing schlaff herunter, und die weiten Augen standen wie abwesend im blassen Gesicht. Brandt ging ruhig, als sei nichts geschehen, zu seinem Bett und streifte sich den Hemdärmel herab. Ich goß mir Wasser ins Becken und kühlte meinen Arm, der zu schmerzen anfing. Schon sah er blau aus, und das Blut war aus den geborstenen Gefäßen unter der Haut bis in die Hand gespritzt. Niemand wagte zu sprechen. In der Luft lag der Atem einer denkwürdigen Tat. Rieder bemühte sich um mich, und ich wehrte, nur zum Scheine, diese Ehre ab. Bald aber ward meinem Stolze hart zugesetzt, und weil ich bemerkte, daß auch Brandt großer Erschöpfung nicht mehr recht Herr werden konnte, ließ ich einem ziemlich kläglichen Gefühl immer größeren Spielraum in mir. Aber, den Arm hochgelagert, hielten wir tapfer bis nach dem Abendbrot aus. Wir genossen es mit einer Hand und krochen dann beide ins Bett. Den ganzen anderen Tag brachte ich unter der Decke zu. Die linke Körperseite war angeschwollen, und der Arm schwarz wie ein Ast der Erle. Unsere Wirtin witterte wohl etwas von einem unbotmäßigen Ereignis; aber sie mußte sich damit beruhigen, daß ich an Magenkrampf und Brandt an Kopfweh leide. Mit heiterer Würde trank ich mehrere Tassen eines abscheulichen Tees, während sich Brandt trotz grämlichen Protestes ein dickes Tuch um den Kopf winden lassen mußte, überhaupt lag er blaß, stumm, zerrieben auf seiner rechten Seite und fuhr fast den ganzen Tag mit dem Zeigefinger um einen Ast im Sitzbrett des Stuhles. Er machte den Eindruck eines Menschen, dem seine Weltanschauung zertrümmert worden ist, eines Philosophen ohne System, eines entthronten Fürsten, und wenn er je seine Augen zu mir erhob, so war es, als spucke er vor mir aus. Kaliske würdigte mich keines Blickes, sondern saß den ganzen Tag an Brandts Bett und goß ein dünnes, unruhiges Gelispel in das bleiche Gesicht des Stoikers. Mich erfüllte ein sicheres Behagen, und ich mußte an mir halten, nicht breit und dröhnend herauszulachen. So verging der Sonntag, Zeit genug, daß die ehrgebundenen Lippen unabsichtlich dies und das von dem denkwürdigen Kampfe verlieren konnten. Als ich Montags in der Präparandie erschien, wurde ich wie ein Triumphator empfangen, mit Fragen durchlöchert, von allen Fingern betastet, und mein schwarzblauer Arm erregte glückvolles Entsetzen. Die Notabeln der Anstalt erwiesen mir ihre Gunst, und ich sprang aus meiner Schmerzdämmerung in eine blühend überhitzte, phantastisch-heroische, abenteuerliche Welt, in die Welt der deutschen Vorjünglinge. Alles Nützliche heißt ledern, alle Pflicht Sklaverei. Die Rücksichtnahme ist Unmännlichkeit; noch nichts ist entdeckt, noch nichts erfunden, alles muß neu geschaffen werden, von Gott angefangen bis zur Stiefelsohle. Es ist ein Bohren, Fliegen, Überschlagen, Kobolzschießen; alles übertrieben, seltsam, gewalttätig, noch nie dagewesen, und jeder hält den bunten Flicken, den er sich angeheftet, für das Letzte, allein Berechtigte. – Gleich am andern Tage stellte mich auf dem Nachhausewege der Kapitän Gläsner. Er war ein Schüler des Oberkursus, der die Absicht hatte, seinem Vater ein Schnippchen zu schlagen und, anstatt »den Bakel zu retten, über der Midgartschlange mähniges Haupt zu fahren«, das heißt, Seemann zu werden. Er übte sich in der freien Zeit in allen Gewohnheiten der Schiffer, schwamm und tauchte, saß nächtelang am Wasser, um Strandwache zu halten, trieb sich in den Spelunken umher, ging breitbeinig und schwankend wie ein Bär und spuckte fortwährend geräuschvoll aus. Wir alle waren ihm verächtliche Landratten, er trug klotzig und flämisch seinen Kopf über uns erhaben. »Du gefällst mir, Junge,« sagte er zu mir und griff meine Arm- und Beinmuskeln durch, »und ich will sehen, ob ich dich heuern kann. Komm um zwei in meine Bude, wir wollen auf den grauen Stein gehen.« Zur richtigen Zeit war ich bei ihm. Auf dem Tisch standen eine große Flasche und eine Blechdose, nicht länger als ein Finger. Er steckte beides zu sich und ging mir voraus, mit Kopfnicken mich nach sich winkend. Durch niedrigen Buchenwald stiegen wir den niedrigen Berg aufwärts und machten auf seiner freien, etwas eingesunkenen Kuppe Halt. Hier spie er aus, produzierte einen gräulichen Fluch, setzte die Flasche an und gab sie nach einigen unmenschlichen Zügen schweigend mir. Es war ein Schnaps darin, vor dem ich die Zunge sofort zurückzog, so brannte er. Aber ich schluckte zum Scheine lange und laut. Der Kapitän sagte schmunzelnd, ich sei ein »richtiger Hund«, riß sie mir vom Munde und stellte sie in den Schatten. Dann suchte er aus dem Versteck eine schwere Spitzhaue und begann wütend in das Steingeröll einzuschlagen. Es sollte eine Mole errichtet werden, und als sein Gesicht in Schweiß gebadet war, setzte er sich in den Schatten und trank Schnaps. Ich war die Matrosenkompagnie und mußte nun die angefangene Arbeit vollenden, vielfältig regiert und unterbrochen von groben Lästerungen. Dazwischen malträtierte er fortwährend die Flasche, erhitzte sich, warf die Arme in die Luft, schrie und tobte wie ein Berserker. Endlich erklärte er, ich sei müde und müsse zur Muskelstärkung einen Priem nehmen. Das verhindere außerdem Skorbut und Seekrankheit. Er kam mit dem geöffneten Blechdöschen auf mich zu, in dem die schwarzen, speckigen Raupen lagen. Weil ich zögerte, schob er lachend ein solch abscheuliches Ding neben die Zähne. Aber mir graute dennoch. Deswegen stieß er mich »jämmerlichen Gossenfahrer« zur Seite und begann an meiner Stelle weiter an der Mole zu schuften. Die Steine flogen nur so, rechts und links ergossen sich braune Strähnen aus seinem Munde. Plötzlich wurde er papierweiß im Gesicht, auf seiner Stirn standen dicke Schweißperlen, die Haue zitterte in seinen Händen. Eine Weile sah er noch mit großen, stieren Augen umher, spie den Priem aus und murmelte dann, er müsse in seine »Koje« gehen. Torkelnd verschwand er im Gebüsch, die Äste krachten, und nicht lange, so hörte ich, wie bei meinem Kapitän die Seekrankheit ausbrach. Ich wartete noch ein wenig, und als er zu schnarchen anfing, lief ich nach Hause. Er nahm mich nicht wieder mit auf die Mole, ließ aber in seinem Seemannsdienst nicht nach und erlebte das Glück, daß seine Nase immer röter wurde. Danach trat ich in den Geheimbund »Die Brüder des ewigen Waldes« ein. Wir waren nichts als die Fortsetzung eines früheren Ordens, von dem unter den Schülern nur noch halbverlorene, geheimnisvolle Sagen gingen. Unter entsprechenden Zeremonien erfolgte meine Aufnahme. Eines Tages führte mich ein blasser Junge mit tiefliegenden, großen Augen auf wirren Steigen weit in den Wald hinein und verschwand dann plötzlich von meiner Seite mit der Warnung, mich nicht von der Stelle zu rühren, wenn mir mein Leben lieb sei. Ich kauerte mich geduldig nieder. Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein. Nichts als das Sieden der Nadeln war über mir, und dann und wann fiel ein Fladen Sonnenlicht durch die Wipfel wie ein goldenes Eichhörnchen und lief über das Moos. Auf einmal schoß fern ein hoher Singruf durch das Dämmern des Waldes, da und dort antwortete es, rundumher. Und kam immer näher. »Amozim!« rief es von allen Seiten. Es war, als schieße man mit dem Wort auf mich. Plötzlich, als blase jemand ein Licht aus, erlosch das Getöse, und ich hörte nichts als das Knacken dürrer Zweige unter eilenden Füßen. Im nächsten Augenblick stand eine Schar Knaben im Kranz um mich, und ich hörte nur ihren keuchenden Atem. Sie hatten alle ihr Gesicht mit Ruß schwarz gefärbt, wie Bergleute, die von der Schicht kommen. Ihre Augen rollten, und die roten Lippen sahen aus wie die Lefzen von Raubtieren. Jeder trug ein Stearinlicht in der Hand, stoßbereit gefaßt, als sei es ein Dolch. Ich erhob mich. Da ließen alle wieder den Ruf los, den ich eben gehört hatte: »Amozim!« Ihre Stimmen waren jetzt gewaltsam gedämpft. Denn es sollte klingen wie das Zusammenschlagen von Schilden. Dann ordneten sie sich zu Paaren. Mit einem sanften Griff dirigierte mich ein ewiger Bruder, der durch ein weißes Kreuz an der Stirn als Haupt des Bundes kenntlich gemacht war, an die Spitze des Zuges, und schweigend setzten wir uns in Bewegung. Ohne Weg, quer durch den Hochwald, über eine Schlucht ging es dem geheimnisvollen Ziele zu. Nachdem wir uns durch die peitschenden Äste einer Schonung gewunden hatten, standen wir endlich vor dem Klubgebäude. Es war eine aus Stangen, Steinen und Moos errichtete Hütte, die mit einem Ofenrohr eine dünne Peitschenschnur von Rauch in die Luft blies; drinnen war sie so niedrig, daß die Größeren fast an die Decke stießen. Ein kleines Reisigfeuer brannte auf niedrigem Steinherd. Um den gruppierten sich die Brüder, schoben mich in die Mitte und entzündeten an dem Feuer ihre Lichter. Die Tür war zugeschlossen worden, und da kein Fenster vorhanden war, standen wir bald in dicker, qualmender Nacht. Es war eine Szene aus der Unterwelt, und ich muß sagen, daß mein Herz mit furchtvollen Schlägen darüber quittierte. »Amozim!« murmelten alle wieder. Auf diesen Ruf trat das Oberhaupt an mich heran und entfaltete ein altes, schwarzes Buch. Rechts und links, wie bei einem Pontifikalamt, stellten sich Kerzenträger auf. Nun begann der Häuptling die Beschwörungsformel abzulesen: »Ich, der redende Brunnen, Herr und Meister der Brüder des ewigen Waldes, beschwöre dich, rufe und befehle dir, durch die Macht des Fleisch gewordenen Wortes, durch die Macht des ewigen Vaters, wie auch durch die Kraft dieser Worte: Messias, Satan, Emanuel, Sabaoth, Adonai, Athanatos, Tetragrammatron, Elohim, Heloi, El, Sadai, Jehovah, Jesus, Alpha und Omega, daß du mir gehorsam und beantwortest alle an dich gerichteten Fragen und Befehle.« Dann legte er mir allerhand seltsame Fragen vor, und jedesmal mußte ich antworten: »Ich will und schwöre!« Die Befehle lauteten furchtbar, mir wurde fast übel davon. Darauf erhielt ich den Namen »der reißende Bär«. Am Ende drohte mir »der redende Brunnen« mit dem schrecklichen Bannfluch des heiligen Adalbert, wenn ich Verrat an der Brüderschaft üben sollte. Er verfluchte mein Bett, mein Weib, meine Kinder, Felder, Scheunen, Haus, Vieh und alles, was an mir lebte. Ich geriet in einen Taumel und trieb wie in einer schwatzenden Turbine rundum. Nachdem ich von »wilden« Tieren zerrissen, verbrannt, gehenkt und erwürgt worden war, gehörte ich der Brüderschaft an. Jeder berührte mit dem Zeigefinger seine Lippen und legte mir ihn auf den Mund. Danach stießen alle ihr Licht in der Herdasche aus, wobei sie abermals »Amozim« murmelten, setzten sich nieder und aßen die mitgebrachten Butterschnitten. Gespräche, als wohnten wir im Mittelpunkt der Erde, als trüge uns der Wind, als wären wir jeder ein Asmodis, würzten das Mahl. Bald redete »der Totenvogel«, bald »das Einhorn«. Aber es kam dabei doch gar nichts Reales heraus. Wir liefen eigentlich nur alle vierzehn Tage ein paar Stunden mit geschwärzten Gesichtern im Walde herum und aßen unser Butterbrot, sammelten Reisig, riefen fleißig »Amozim« und hatten eigentlich alle eine Heidenangst vor dem »grünen Teufel«, dem Förster. So ging das einige Monate hin, und es gewährte mir eine ungemeine Lust, von Zeit zu Zeit aus meinem Leben austreten zu dürfen, alles hinter mir lassend, in einer anderen Welt, als fremdes Wesen, zugleich groß und verborgen vor mir, am Anfange der Dinge zu stehen. Oft, wenn ich mit weißgewaschenem Gesicht dem Walde enteilte und wieder durch die Straßen ging, empfand ich das Leben der Leute und auch mein eigenes Dasein als eine Vermummung, einen Spuk. Das Reden und Sichgebaren der Menschen kam mir ungemein zwecklos vor. Ganz genau erinnere ich mich eines Gedankens, der mich wie eine Erleuchtung überfiel, als ich einst sah, wie ein Mann seine eingespannten Ochsen durch die Straßen führte. Ich erkannte, wie der Mensch dem Tier ebenso dient, wie dieses ihm und ebenso von ihm gefesselt und unterjocht wird, wie er es gängelt und seiner Freiheit beraubt. Nur wußte ich aus dieser Erkenntnis noch nichts zu machen, sondern empfand bloß eine große, glückvolle Unruhe bei diesem Fremd- und Neuwerden in der Welt. Erst die Folgen des Zusammenbruchs der Brüderschaft fügten die Erlebnisse in den Fortgang meiner Entwicklung. Eines Tages gelangte die Nachricht in die Stadt, das Beinhaus neben der Kapelle auf dem Stachelberge sei von einem Frevler geschändet worden. Der Mensch hatte in der Nacht die Tür erbrochen und einen der dort aufgestapelten Totenschädel gestohlen. Der Klausner war von dem Gepolter erwacht. Als er auf den kleinen Platz vor die Wallfahrtskapelle trat, sah er aus dem Beinhaus einen Schatten huschen und mit wieselartiger Schnelle den Berg hinunterhasten. Der Gottesstreiter stürzte sich ins Kirchlein und wimmerte mit der winzigen Glocke seine Angst ins Tal. Die Stadt geriet in die größte Aufregung. Wir Schüler redeten von nichts als von dem geheimnisvollen Diebstahl auf dem Stachelberge und strömten in dicken Scharen an den Ort des Unheils, um mit angenehmem Gruseln uns alles genau anzusehen und für den Verwegenen grenzenlose Bewunderung zu fassen. Nur einer von allen blieb still, bleich und gleichgültig. Es war Hirzel, »der redende Brunnen«, das Haupt der »ewigen Brüder«. Er hatte vor Wochen seine Mutter, die er abgöttisch liebte, durch den Tod verloren. Seitdem war der sanfte Junge mit den tiefliegenden Augen schwermütiger und einsilbiger als sonst. Für alles hatte er nur ein bitter-schmerzliches Lächeln. Dieses Hinschmelzen wich nach und nach scheuem Brüten. Es kam vor, daß er, der sich immer einsam hielt, mitten im Gange stockte, in einen Winkel oder hinter eine Tür trat und mit den Augen irgend etwas aus dem Boden bohrte. Bei der letzten Neuaufnahme in unserem Geheimbund war er geradezu furchterregend gewesen. In Inbrunst und Qual hatte er den Strom verwilderter Worte wie aus kochendem Eingeweide hervorgestoßen, daß sein Atem wie rot und knisternd zwischen den Lichtern über das alte Hexenbuch hinfuhr. Dann sank er erschöpft auf die Grasbank und hielt lange den schwarzen Band mit so verzweifeltem Griff auf den Knien fest, als sei er ein Verspielter und dies seine letzte Rettung. Das grüne Waldlicht zitterte durch die Türspalte über sein blasses Gesicht. Aber er erhob sich nicht und ließ das Buch nicht los. Ich schlich mich als letzter davon und wagte nicht, ihn aus der finsteren Verzückung zu reißen. In der zweiten Nacht nach dem Diebstahl verschwand er. Als er am anderen Tage noch nicht wiederkam, mußte es dem Dirigenten der Anstalt gemeldet werden, der sofort eine peinliche Umfrage unter uns Schülern anstellte, aber nichts erfuhr, als daß Hirzel das letzte Mal auf dem Heimwege aus den Abendstudien gesehen worden war, die gemeinsam in den Klassen abgehalten wurden. Der Dirigent schrieb an Hirzels Vater, einen armen Weber tief im Gebirge. Ehe aber Antwort kam, drei Tage nach seinem Verschwinden, stolperte Hirzel in der tiefen Dämmerung über die Schwelle seiner Wirtsleute und brach dort zusammen. Man trug ihn aufs Bett, wo er kalkweiß ohne Lebenszeichen liegen blieb. Ein Böttcher desselben Hauses flößte ihm einige Löffel Kornbranntwein ein. Nach einigen Augenblicken hob er tastend den Arm und hauchte Worte. »Um Jesu willen, einen Bissen Brot«, flüsterte er kaum hörbar, sog eine Tasse Milch aus und verschlang die Butterschnitte. Unter Lachen und Weinen kaute er hastig und gierig wie ein halbverhungertes Tier, daß die Frauen, die ihn umstanden, sich vor Erbarmen wegwenden muhten. Dann streckte er sich im Bett, atmete einigemal vor Erschöpfung laut auf und schlief ein, indem er fortwährend lautlos die Lippen bewegte, wie es Menschen vor übergroßer Schwache tun. So schlief er Tag und Nacht und Macht und Tag. Die Mahlzeiten nahm er niedergeschlagenen Auges ein und antwortete auf keine Frage, die an ihn gerichtet wurde. Seine Kleider waren feucht, über und über mit Schmutz bedeckt und rochen dumpfsäuerlich, wie die Kluft von Waldarbeitern. Am vierten Tage erschien der Leiter der Anstalt wieder, um sich nach Hirzels Ergehen zu erkundigen und den Versuch zu machen, den Gründen seines geheimnisvollen Verschwindens nachzuforschen. Er hieß Malchow und war ein ängstlich-liebevoller Wann. Nun war er doppelt von Kummer beschwert, denn nicht nur, daß sein gütiges Herz unter dem Leiden Hirzels litt, es wurde noch von dem zweiten Lehrer bedrängt, der als Ordnungsathlet unter allen Umständen auf einer drakonischen Strafe bestand. Herr Malchow traf den Ausreißer schon außerhalb des Bettes, wie er am Fenster saß und mit stumpfem Auge hinaus-, aber auf nichts sah. Die Mitschüler mußten die Stube verlassen und hörten dann Malchows Stimme unausgesetzt und lange ohne Erfolg den Armen bedrängen. Endlich antwortete Hirzel, erst stockend und karg, dann fließend aber leise und vielfältig von Schluchzen unterbrochen. Er hatte den Totenkopf aus dem Stachelberger Beinhaus entwendet, war damit auf Umwegen, immer durch Wälder, auf den Kirchhof gewandert, wo seine Mutter begraben lag. Sie war gestorben, ehe er sie noch einmal lebend sehen konnte. Nun hatte er in der Nacht unter Anwendung von geweihter Kreide, geschwärzten Lichtern und mit Hilfe des Totenkopfes durch Anrufung und Beschwörung unterirdischer Geister die Abgeschiedene zitieren wollen, um noch einmal mit der über alles Geliebten zu sprechen. Aber der Geist der Verklärten war ausgeblieben. Da hatte Hirzel Totenkopf und Hexenbuch irgendwo im Walde verscharrt und war schmerzerfüllt, im Taumel des Hungers, weitergeirrt, nur von dem Drange beseelt, hinzusinken und zu sterben. Aber der Flor des Todes, der sich immer mehr vor seinen Augen verdichtete, führte ihn wieder an den Ort zurück, von dem er ausgegangen war, und als er die Glocken der Stadt in der Tiefe unter sich vernommen hatte, war die Sucht zu leben wieder in ihm erwacht. Tiefgebeugt und Tränen in den Äugen schlich Malchow davon. Hirzel aber lag auf seinem Bett, das Gesicht in die Kissen vergraben und hob den Kopf nicht, den ganzen Abend und die ganze Nacht nicht. Schon am anderen Morgen war die ganze Stadt voll von der seltsamen Begebenheit, und der Stadtpfarrer machte sich auf die Beine, um im Interesse des Ansehens der Kirche und ihrer Heiligtümer die Relegation Hirzels von der Anstalt zu verlangen. Vergebens wandte Herr Malchow alles an, um den wohlgenährten, strengen Herrn dieser Verirrung kindlicher Liebe gegenüber freundlicher zu stimmen. Er erreichte nichts, als daß der Pfarrer Nitsche erklärte, die Angelegenheit mit seinen Confratres noch einmal zu besprechen und ihm innerhalb achtundvierzig Stunden Mitteilung von dem Ausfall der Konferenz zu machen. Kaum hatte Hirzel von diesem Stande der Dinge gehört, da setzte er sich im Bett auf. In seinem Gesicht lag Todesschrecken. Am Ende kam eine schmerzvolle Freude in seine Züge. Er zog sich an, sagte allen Adieu und erklärte, zum Anstaltsleiter zu gehen und alles aus der Welt zu schaffen. Nachmittags fand man ihn erschossen im Walde. – – – – – – – Wir litten alle unter schwerem Druck und undurchdringlichen Heimsuchungen, da der sanfte, liebe Hirze! plötzlich neben unseren Füßen in den Abgrund, in die Nacht versunken war, die alles umgibt. Unser aller Leben war durch seinen Tod unsicher und gefahrvoll geworden. Am unheilvollsten wirkte sein Sterben auf uns »ewige Brüder«. Wir getrauten uns nicht, einander mit dem geheimen Handdruck zu begrüßen, gingen uns aus dem Wege und litten doch gleicherweise unter der Furcht, es könne eines Tags wieder das Lichtstümpfchen auf dem Flurfenster der Anstalt stehen, durch das Hirzel die Versammlung im Walde anzeigte. Mit scheuem Blick streiften wir jeden Morgen die gefahrvolle Stelle und atmeten erleichtert auf, wenn sie leer war. Die Hand des Toten blieb in seinem Grabe, und so verliefen sich die Aufregungen unserer Seele gemach, und das Wässerlein unserer Tage schlüpfte wieder wie immer über die gewohnten kleinen Sorgensteine hin. Ja, wir wurden emsiger als vorher in der Erfüllung unserer Pflichten, einesteils, um dadurch die Entdeckung des Geheimbundes zu verhüten, andernteils, um wieder sicher zu werden in unserm Leben. Allein, es war seltsam, wenigstens erging es mir so; je höher die Mauer wuchs, mit der ich mich von jenen abenteuerlichen Abschweifungen trennte, um so unbehaglicher und leerer wurde es um mich und in mir. Wie schutz- und hilflos stand ich in meinem Leben, als ich nicht mehr von Zeit zu Zeit in der Grenzenlosigkeit mich verlieren, in der Buntheit mich vertauschen und in dem gruseligen Schatten rätselvoller Kräfte untertauchen konnte. Immer mißmutiger griff ich mich an dem engen Gestänge der Alltäglichkeit hin, mit einer noch nicht gerichteten Vergälltheit, von blinder Auflehnungssucht erfüllt. Wäre ich mir dazumal so rücksichtslos zu Leibe gegangen, wie ich es später oft fertigbrachte, so wäre es mir klar geworden, daß das Führen in mir zu einem energischen Schritt ausholte. Aber ich verstand mich nicht und ließ es immer bedrohlicher anwachsen. Eines Nachmittags sprang es mir fix und fertig ins Gesicht. Ich ging in einem Schwarme von Mitschülern die Schönauer Allee entlang, und wir käscherten zum Vergnügen in unserem Wissen umher, jonglierten mit Spitzfindigkeiten, stellten durch vieldeutige Fragen einander Fallgruben und belachten die Genasführten unbändig laut. An einer schroffen Kurve stand der Stadtpfarrer Nitsche, wie aus dem Boden gewachsen, vor uns. Mochte er nun glauben, unser lautes Gelächter habe ihm gegolten, oder war ihm alle Fröhlichkeit als sündige Ausgelassenheit unangenehm, kurz, er stutzte vor unserer langen Reihe, die über die ganze Straße reichte und ließ mit einem indignierten Lächeln sein Auge das bunte Glied hinuntergleiten. Dann setzte er, das Gesicht streng und heilig, den Stock weiter. Vor mir aber stand blitzartig scharf das Bild des Pfarrers Zimbal, da er uns Entlassenen im Flur des Pfarrhauses gegenübertrat und mich nachher schändete, und heißer Zorn warf mir das Blut in den Kopf. Unsere Reihe zerriß, alle zogen tief die Mütze und verneigten sich; ich allein ging aufgereckt und das Gesicht angewandt vorüber. Kaum waren wir außer Hörweite, so fielen alle mit Fragen über mich her, warum ich dem Geistlichen den Gruß verweigert habe. »Weil er den Hirzel in den Tod getrieben hat«, antwortete ich und war plötzlich, durch das Bild verlockt, in einem Gedankengefüge, in einer Kette von Notwendigkeiten, die sich unter meinem Bewußtsein zusammengeschoben und mit dem Erschrecken, dem Grimm und Schmerz beladen hatte, mit allem Demütigenden und Bösen, das ich seit je von dem Geweihten meiner Heimatsstadt erfahren mußte. In heißer Leidenschaft redete ich ein Langes und Breites davon, daß die Lieblosigkeit Nitsches allein Schuld sei an dem grausen Ende Hirzels. Die meisten saßen – wir hatten uns an einen Hang hingelagert – betroffen da. Dann brach der Lärm los, fast jeder wollte das Gleiche wie ich gedacht haben, stimmte mir bei und vervollständigte durch Erzählungen das Charakterbild des Pfarrers Nitsche zum Ausdruck niedrigster Bosheit, Infamie und Hinterlist. Man erging sich in Verwünschungen und Drohungen. Am schlimmsten von allen trieb es einer, mit Namen Rotter, ein plumper Gesell, voll roher Bauernspäße, mit einem stoßenden Gange und großen Nasenlöchern, die von Knorpeln halb geschlossen waren. Er hatte sich eine Gerte von einem Strauch geschnitten, hoppste toll umher, hieb wütend durch die Luft und floß von Schimpfwörtern über, die um so unflätiger klangen, weil er im Dialekt sprach. Fortwährend schwor er, den Pfaffen, wo es immer sei, »mitten in die Larve« zu schlagen. Nur ein blonder, zaghafter Knabe warnte und bat uns, sich nicht an Gott zu versündigen, der doch alles sehe und höre. Niemand achtete auf ihn, und in größter Aufregung gingen wir auseinander. Schon in den Abendstudien explodierte die ganze Anstalt wie ein Pulverfaß; in allen dunklen Ecken ballten sich Rotten von Verschwörern zusammen. In der zweiten Nacht wurden dem Pfarrer die Fenster eingeworfen. Dann duckte sich die allgemeine Rachsucht so unvermittelt und kläglich, wie blind und bramarbasierend sie aufgejächt war, und hatte mich der gespreizte Lärm der Revolte unangenehm berührt, so schämte ich mich nun für all die Feigen, die beim Heraufziehen der Vergeltung sich so klein und schleimfromm wie nur irgend möglich machten. Niemand wollte die Steine geworfen haben, und ich ärgerte mich fast, nicht an dem Glase des Pfarrhauses gesündigt zu haben, denn dann hätte ich ihnen doch zeigen können, wie ein Mann handeln muß. Aber schon bald bot sich mir Gelegenheit, meine Festigkeit auf die Probe zu stellen. Auf irgendeine Weise fraß sich der Verdacht bis zu den Ohren unseres guten Herrn Malchow, der nächtliche Kanonier der Pfarrwohnung stecke unter seinen Schülern, und war der sanfte Mann seit Hirzels Tode mit umwölkter Stirn umhergegangen, so verlor er bei dieser Nachricht etwas die Haltung eines liebreichen Menschen und leitete, von dem Ordnungsathleten Bleyer, dem zweiten Lehrer, angestachelt, eine gewaltsame Inquisition ein. Eine bleiche Furcht kroch durch alle Bankreihen, als eines Vormittags plötzlich das Schnurren des unterrichtlichen Kreisels abbrach und einer um den anderen zu scharfem Verhör in das Konferenzzimmer geschmettert wurde. Freilich beschränkte sich die Untersuchung nur auf Räudel, ganz Fromme und solche, die sich markant von der Masse abhoben. Doch schon, nachdem die ersten drei, unter ihnen Kapitän Gläsner, aus dem Feuer zurückgekehrt waren, erkannte man, daß die »Schuster« auch Witterung von der ewigen Brüderschaft bekommen hatten, und der geheimnisvolle Handdruck wanderte als Versprechen unzerbrechlichen Schweigens unter den Bänken durch die Klasse. Da schnarrte Bleyer auch mich vor den grünen Tisch. Herr Malchow saß vor einem großen Bogen Papiers und sah mit kummervoller Liebe auf mich. Bleyer trat eine Wanderung durch die Stube an und schlug mit den Hacken vor Zorn laut auf, weil seinem Chef schon so bald der scharfe Schneid abhanden gekommen war. »Du hast einen Haß auf den Hochwürdigen Herrn Pfarrer?« fragte Malchow. »Nein«, antwortete ich. »Was, du unterstehst dich, zu lügen?« fuhr mich Bleyer an. »Ich sage die Wahrheit«, antwortete ich ruhig. Herr Malchow nickte mir zu und fuhr weiter fort: »Aber, du hast ihm doch vor drei Tagen den Gruß verweigert.« »Ja, das habe ich getan«, bekannte ich. »Aber ...« Kaum hatte ich »aber« gesagt, so sauste Bleyer wie ein Geschoß auf mich ein. »So? Aber! Allerliebst! Du willst noch ›aber‹ sagen, Bürschchen? Herr Dirigent, er hat sich einer Lüge schuldig gemacht. Denn aus Liebe und Hochachtung unterläßt niemand den Gruß. Eine riesige Rüdigkeit! Eine riesige Rüpelhaftigkeit!« Er gurrte das häufige »r« aus dem Bauche, der Gegend des untersten Westenknopfes und schnappte kriegerisch mit dem Finger. Malchow sah unter den Tisch. Als der Wütende fertig war, hob er seine Augen und sagte: »Nun, was wolltest du sagen, Faber?« Der Scharfmacher stand einen Augenblick sprachlos da. Dann verließ er mit langen Schritten das Zimmer. Als Malchow sich allein sah, ward ihm wohler. Er stand auf und fuhr sich übers Gesicht. Darauf trat er liebreich zu mir, und ich bekannte, daß ich beim Auftauchen des Pfarrers an eine Demütigung erinnert worden sei, die mir einst Herr Zimbal angetan habe. Aus einem Zorn, der mich überrumpelt, habe ich dem Herrn den Gruß nicht geboten. Im übrigen gestand ich, der Meinung zu sein, Pfarrer Nitsche habe Hirzel in den Tod getrieben. Herr Malchow verharrte schwermütig und wortlos eine Weile am Tisch, dann verwies er mir den freventlichen Argwohn, fragte mich, ob mir etwas von einem Geheimbund bekannt sei, und weil ich dazu die größten, erstauntesten Augen der Welt machte, wurde er sehr vergnügt. – Daß ich an der Fensterwerferei nicht beteiligt sei, stehe für ihn ohne weiteres fest. »Nja, du liebe Jugend,« sagte er dann mit gütigem Verweisen, »husch, husch! Nja! Siehst du, ein Mann, du willst doch ein Mann werden, der muß sehen, sinnen und dann erst sagen. Und will das Pferdl wieder mal mit dir durchgehen, denk' an die drei ›S‹ und an deinen Dirigenten, der dich eigentlich entgegen höherer Weisung aufgenommen hat.« Das verletzte meinen Stolz. »Habe ich die Prüfung nicht bestanden, Herr Dirigent?« fragte ich erregt. »Nja, alles,« antwortete er, »sehr gut sogar! Auch jetzt bin ich mit dir zufrieden, wenn auch manchmal zu viel hartes Holz an dir ist. Allein ich weiß, du wirst mal ein tüchtiger Lehrer werden, und damit du siehst, wie gut ich es mit dir meine, sollst du wissen, daß der hochwürdige Herr Pfarrer Zimbal mich gewarnt hat, dich aufzunehmen, denn deine Führung hat wohl früher viel zu wünschen übrig gelassen.« In seiner Freude, mich nicht strafen zu müssen, schwatzte er heraus, was er gewiß nie sagen wollte und sah nicht, welchen Eindruck es auf mich machte. Die tiefgeheimen Wunden rissen in mir auf, eisiger Schmerz, ein Lächeln qualvoller Genugtuung erfüllte mich. Wie betäubt schlich ich davon. Draußen umringten mich die Mitschüler mit besorgten Mienen. Nur der blonde, fromme Denunziant kauerte blaß auf seinem Platz. Sie hatten den wilden Bleyer herauskommen sehen und glaubten, ich sei entlassen. Als ich in derselben Nacht lag und über mich in das Finstere sah, während die anderen schliefen, fiel mir der Gedanke ein, der mir beim Anblick des Ochsengefährtes gekommen war, und ohne Skrupel setzte ich daran, daß es mit den Geistlichen wohl ähnlich sein müßte. Sie dienen der Kirche – ich verstand damals darunter das einsame Gottesgebäude und den stets verschlossenen Pfarrhof – so kommt's eben, daß sie anders werden wie die übrigen. Aber was mir der Pfarrer Zimbal angetan hatte, war doch Sünde! Nun, dann sündigen sie eben. Da lebte ja vor Jahren in meiner Vaterstadt ein Kaplan, der mit der Tochter aus dem »Gasthaus zu den elftausend Jungfrauen« eine Liebschaft und dann ein Kind hatte. Als alles herauskam, floh er, ging aber mit dem Schiff, auf dem er nach Amerika fahren wollte, unter. Nun mußte er alle Nacht als Maus über die Saiten des alten Klaviers laufen, das man in eine gemiedene Stube getragen hatte. Außerdem schlief doch der Pfarrer Mücke aus Siebeneiche oft mitten während des Meßopfers ein, und stieß der Meßner ihn an, sagte er: »Ich paß!«, denn er träumte dann vom Mauscheln, dem er bei tapferem Kannenschwung bis hart an das Geisterstündlein zu huldigen pflegte. Also, basta, sann ich, die Pfarrer sündigen eben. Damit drehte ich mich gegen die Wand, um einzuschlafen. Aber dem Blick des Auges, der auch hinter dem geschlossenen Lide sich nicht beruhigen konnte, schien die Mauer erst leicht schwefelgelb, dann leuchtend orange zu glühen. Aus dem tief goldigen Licht wurde ein durchsonntes Kirchenschiff. Der Pfarrer Zimbal stand auf der Kanzel und schrie: »Tut euch auf, ihr Pforten des ewigen Heils!«, und mein Vater und ich schlichen beschimpft davon. Das regte mich so auf, daß ich bald wieder auf dem Rücken lag und weiter bohrte: Im Katechismus steht doch, der heilige Geist sucht sich die Priester aus, und sie wohnen gleichsam in dem Alkoven, neben des Herrgotts guter Stube und verwalten seinen Gnadenschatz. Wie ist's da möglich, daß sie sündigen? Entweder ist Gott nicht klug genug, ihre Arglist schon im voraus zu erkennen, oder es fehlt ihm die Gewalt, die Unwürdigen aus den Kirchen zu schmeißen. Denn auch die bösen Pfarrer hören Beichte, kommunizieren, segnen Ehen ein und taufen, bleiben also immer noch das Rohr, durch das uns Gottes Gnadenschätze zuströmen. Ist da Gottes Gnade noch dieselbe, wenn sie durch solche Seelen gegangen ist? Schadet das Wasser meiner Gesundheit nicht, und wird es nicht ekelhaft verderbt, wenn es durch ein Jauchenrohr mir zufließt? Kommen da nicht Unheiligkeiten auch unter die Lehre und das Gesetz? Am Ende ist alles anders, als es im Katechismus steht, und Luther, Calwin, Zwingli und unser heimischer Schwenkfeld, die gegen arge Mißbräuche zu Felde zogen, behaupteten ein gutes Recht. Ich lag in einem seelischen Wundfieber. Eine Hitze, die mir ins Gesicht schlug, sog mich in immer tiefere Zweifel hinein. Es waren Stunden wollüstiger Angst, wie zuletzt alles, losgenietet und abgebrochen, in buntem Wirbel um mich flog. Gegen das Ende, als sich meine Phantasie müde getobt hatte, fielen eine solche Öde und das Gefühl einer solch völligen Ratlosigkeit über mich her, daß ich zu beten versuchte, um mich aus der Not zu retten. Ich hauchte wohl lange, heiße Worte in meine Kissen hinein, aber sie hatten keine Kraft, sondern vermehrten nur die Betäubung, in die, bis zur schmerzvollen Pein, immer wieder Rinkes Stimme freche und gemeine Witzeleien krähte. Wie ein Trunkener, verwüstet und dumpf, kroch ich in den Schlaf, der mich mit verwildertem Träumen durch die ganze Nacht hetzte und am Morgen in den Tag, wie in ekelhaftes, gemeines Beginnen entließ. Darum entschloß ich mich, der Anstalt und somit dem Lehramte den Rücken zu kehren und fühlte mich erlöst und geborgen, als mein Brief in der Wäschekiste unterwegs war. Ich zog es vor, das Schreiben mit dem Fuhrmann Feige nach Hause gelangen zu lassen, weil es nur so sicher in die Hände meiner Mutter kam, der ich, ohne Angabe von Gründen, meine Absicht als Wunsch kundgab und sie bat, den Vater unauffällig über seine Meinung auszukundschaften. Der Jugend bedeutet jeder feste Entschluß schon seine Erfüllung, und während die Antwort noch ausstand, verfügte ich über mein Leben, als sei es schon nicht mehr gebunden. Das Erlebnis mit dem Kapitän Gläsner hatte meine kindliche Begeisterung für den Schiffsdienst abgekühlt, und so fand ich, im Bestreben, mich dem Einfluß der Kirche möglichst zu entziehen, die Laufbahn eines Försters als schön und erstrebenswert. Ich sah mich schon, die Flinte auf dem Rücken, den Hund an der Seite, durch den hohen Wald gehen, und ob ich auch keinem Menschen etwas von dem Plane verriet, es ruckte mir doch den Kopf höher und ließ mich zu einer Art überheblicher Gleichgültigkeit kommen. Dieser Episode der inneren Befreitheit bereitete der Brief meiner Mutter ein jähes Ende. Mit ihrer schweren Arbeitshand hatte sie in großen, hilflosen Buchstaben die letzten Vorgänge in unserem Hause und an meinem Vater niedergeschrieben. Wie ein freudiger Schreck durchfuhr es mich, als ich unter der Wäsche den großen Bogen hervorzog, der kraus mit den lieben Schriftzügen bedeckt war. Stube und Garten wurden mir zu eng. Auf einer Anhöhe, unweit der Stadt, las ich die Worte meiner Mutter immer und immer wieder, und was mir von dem bunten Rauch der Abenteuerlust in den Ferien fast verdeckt worden war, das trübe Schicksal, das sich immer fester in den Wänden unseres Hauses einnistete, stand Plötzlich scharf und drohend vor mir: Mein Vater litt zwar nicht mehr unter den Anfeindungen und Verunglimpfungen seiner Mitbürger, aber alles mied ihn wie einen Verfemten und sein Geschäft wie eine Spelunke. Das Hufeisen auf der Ladentürschwelle rostete, weil die Füße der Kunden seine beuligen Nägel nicht mehr blank kratzten. Die Werktafeln donnerten nicht mehr unter Hammerschlägen. Vor Wochen war der letzte Gesell davongegangen, denn er hatte es nicht ausgehalten, den ganzen Tag auf dem Rössel zu sitzen und die Daumen umeinanderzudrehen. Die Freude an meinen Fortschritten hielt meinen Vater allein noch aufrecht und brachte von Zeit zu Zeit den alten Mut in seine Augen. Die Hoffnung, die er auf das Gelingen meines Lebens setzte, hatten ihn auch das Geschick leichter überwinden lassen, das über den Dorn-Schuster hereingebrochen war. »Schon lange«, so etwa schrieb meine Mutter, »lag ein schwerer Kummer wie ein grauer Schimmel über sein Gesicht. Er saß öfter als sonst an unserm Tisch; aber kaum, daß er sich niedergelassen hatte, regierte eine Unruhe in ihm, die ihn die Füße aneinanderstoßen, die Hände durchwinden ließ, in der Stube umhertrieb und unversehens zur Tür hinausjagte. Vor drei Wochen nun, in den Abendstunden, schlüpfte er ängstlich in unser Zimmer und schloß schon die Tür hinter sich, bevor er kaum die Füße umgestellt hatte, ganz wie einer, dem die Häscher auf den Fersen sind. Dann saß er eine Weile stumm auf der Fensterbank und starrte mit verzweifelter Aufmerksamkeit auf seine Hände. Ein Geräusch im Flur trieb ihn in die Höhe. Er steckte dem Vater schnell einen Beutel voll harten Geldes zu und zwängte sich dann in den engen Spalt zwischen Glasschrank und Wand. Anfangs verhielt er sich ruhig in seinem Versteck. Bald aber redete er wirr und halblaut von allem, was ihn getroffen hatte. Sein Sohn, der Robert, hatte seine Stelle in Wien verlassen und sich der Vagabondage ergeben. Vom Diebstahl war er zum Raub übergegangen und sah nun in einem Tiroler Kerker seiner Bestrafung entgegen. Dorns Frau hatte der Gram auf den Dachboden gelockt und sie dort mit der Wäscheleine erwürgt. Er müsse, so stotterte Dorn fortwährend in großer Angst, jetzt auf der Hut sein, daß man ihn nicht auch einsperre, weil er der Vater eines Räubers sei und seine Frau getötet habe. Leider erwiesen sich die Worte des Irren als Wahrheit. Der Vater beruhigte den Armen durch gütigen Zuspruch, zog ihn hinter dem Schrank hervor, führte ihn durch die Stadt, und als sie vor dem Krankenhause standen, redete er ihm vor, sie seien jetzt auf dem Bahnhof und wollten nach Berlin fahren. Nach einer Viertelstunde tobte der Beklagenswerte schon in der Zwangsjacke. Allein innerhalb vierzehn Tagen verließen ihn die Angstvorstellungen. Mit ihnen schwand jede Erinnerung an sein bisheriges Leben, und seine Seele blühte in wirrer, kindhafter Heiterkeit wieder auf.« Das schrieb meine Mutter, kürzer und treffender, wie ich es sagen kann, in jener kargen Art, zu der Menschen durch ein hartes Leben gelangen. Am Schlusse stellte sie es mir anheim, zu handeln, wie ich müsse. Natürlich konnte da von so oder anders wollen nicht mehr die Rede sein. Jetzt von der Anstalt abzugehen hieß, meinem Vater, der schon gebeugt dastand, von hinten unversehens einen Stoß versetzen, daß er auf das Gesicht hinschlug. Noch erblickte ich die ganze Welt durch meine Tränen hindurch als eine graue, formlose Masse, aber ich sprang auf und lief den Pfad hinunter der Chaussee zu, die sich im Tale hindehnte wie eine gelbe, endlose Pfütze. Mein Leiden, der Aufruhr des Zweifels, alles, was mich in den Tagen gleich einem hitzigen Fieber auf- und abgeworfen hatte, sank in mich hinein und lebte dort weiter als eine lauernde Unruhe, ein scheeles, verstohlenes Aufhorchen. Ja, es schwand zeitweise ganz aus meinem Bewußtsein, da mich die Arbeiten zur Aspirantenprüfung ganz in Anspruch nahmen. Eine fast krankhafte Sucht und Empfänglichkeit kam über mein ohnehin leicht- und treufassendes Gedächtnis. Aber wenn ich so aus dem Katechismus oder der Bibel memorierte, sagte es in mir: Es ist ja alles nicht wahr! Dann lächelte ich triumphierend, als habe ich etwas Wichtiges gefunden, und gieriger verschlang ich allen religiösen Lernstoff, nur um mir immer von neuem die Beteuerung geben zu können, daß man das alles den Menschen nur vormache. Den Beweis für diese rein mechanische Leugnung lieferte mir vorderhand allein meine schlimme Erfahrung. Immer deutlicher klangen auch die Worte des Tischlers aus grauer Erinnerung herüber, die so kraß an dem Bilde Gottes herumgedeutet hatten, an jenem Abende, als ihn mein Vater über unsere Schwelle getrieben. Sie nagten und minierten in meiner Seele, ohne daß ich die Kraft fand, ihnen Einhalt zu tun. Was sage ich? Mir war es im Gegenteil recht, so einsam zu sitzen oder zu liegen und den geheimen Schauer dieser verborgenen, fortschreitenden Vernichtung über mich ergehen zu lassen. Aber erhob ich mich dann, so fühlte ich mich betäubt, erschlafft, gallig, leer, wie einer, der großen Hunger hat und nichts besitzt, um ihn zu stillen. Vielleicht bin ich damals zerbrochen und habe seitdem das Leben anderer geführt. Vielleicht auch habe ich mich doch noch gerettet, und war es nur in jenem verwehten Lichte, das am Horizonte der damaligen inneren Öde stand, immer machtlos tröstete und doch nicht ganz erlosch. – Vielleicht auch täusche ich mich mit einer Täuschung. Denn es ist wohl ebenso unmöglich, sich restlos zu erkennen, als man mit seinem Blick sich auf den Grund seines Auges sehen kann. ... Kastner! Schläfst du? Ich kann nicht mehr. Komm, gib mir die Hand und geh'! – Wenn ich soweit bin, will ich dir schreiben.«   Ende der zweiten Nacht. Die dritte Nacht Acht Tage später, solange hatte Faber gebraucht, aus tiefer Aufregung zu innerer Entschiedenheit zu kommen, saß ich meinem Freunde in seinem Stübchen wieder gegenüber. Der Tag war ungewöhnlich heiß gewesen. Die Dämmerung stand noch, wie ein hellgrauer, leidenschaftlicher Hitzedunst, draußen. Das Weiß der getünchten Hauswände und das Grün der Birken am fernen Grenzhügel glasteten aus diesem Verkochen des Tages mit krankhaft übertriebener Schärfe. Der Amselruf aus dem Walde der Feistelberge schnitt dann und wann als schrilles, hysterisches Gellen durch die Dämmerung und hinterließ eine beklemmte Stille, ein peinliches Aufhorchen. Durch die Kronen der Obstbäume ging der Wind ganz leise und geruhig und führte solch schwaches Rauschen vorüber, daß es nur in den stockenden Augenblicken zu vernehmen war, doch so verhaucht, daß man im Zweifel sein konnte, woher es rühre. Es schien auch durch das Haus zu wehen, über die Stiegen hinauf und hinab, an der Tür vorbei. Faber hob den Kopf und lauschte hinaus auf den Gang. »Hörst du?« fragte er dann gedämpft, »es schleichen draußen Kleider über die Stufen, stehen gebauscht vor unserer Tür und streifen über den Boden.« »Ich würde das für die Laute des leisen Windes halten«, sagte ich. Er lächelte und zuckte mit den Achseln. »Nun, wir können uns ja überzeugen«, sprach ich und erhob mich, um zu gehen und durch die Tür zu blicken. Aber er streckte abwehrend den Arm aus. »Ach nein, laß nur«, sagte er gütig. »Mag das Mädchen immer horchen. Wir wollen sie nicht beschämen.« Dann senkte er den Kopf, und indem er die Diele entlang sah, sprach er versonnen mehr zu sich als zu mir: »Übrigens ist es seltsam, daß wir oft zu hören meinen, was wir denken. – Verwandelt die Natur uns, oder verwandeln wir das Gesicht und den Laut der Dinge?« Er hob das Gesicht wieder, das er über seine gelassen gefalteten Hände geneigt hatte. »Wenn man darin klar entscheiden könnte, wäre dem Menschen der größte Teil schwerster Verantwortlichkeit genommen. So oder so. Denn nur die Sicherheit, alles oder nichts zu vermögen, wäre die wahre Lebensfreiheit. So kommen wir in der Empfindung, als Geschobene oder Abgleitende wirken zu müssen, nie zu einem klaren Bilde von uns und bei Welt. Und wenn nicht dieser unbeirrbar leise Ruf stillster Stunden in mir lebte, dieses tiefste, geheimnisvolle Lied wäre, vor dem es kein draußen und drinnen, kein oben und unten gibt, ich weiß nicht, wohin mich die Verfinsterungen dieser letzten Tage geführt hätten. Ein Hoffen, das so unzerstörbar ist, weil es gar so unbegreiflich erscheint, lockt uns aus Dunkel durch Nächte und steht doch so ferne wie die Morgenhelle des Frühlings um drei Uhr nach Mitternacht. Aber doch liegt in ihm jene grandiose Macht unserer Seele, die imstande ist, das Stückwerk dieses Lebens zu einer notwendigen, heiligen Angelegenheit des Weltalls umzuschaffen. Denn das Leben, wie es sich unter unseren Händen bildet, erfüllt nie alle Forderungen. Mancher Wunsch hat eine schwache Brust, schreit sich vor der Zeit krank und stirbt mit offenem Munde. Wenn dann zufällig seine Erfüllung kommt: ein Glück, ein Wissen, ein Besitz, so weht einen nur Trauer an, denn es erscheint plötzlich eine verlorene Zeit, die schneller dahinlief, lauter auftrat und kecker lachte. Dann bepackt man die Erinnerung mit dieser verspäteten Erfüllung und schickt die gute Frau hinaus auf die unendlichen Friedhöfe der Seele, die rückliegende Zeit, und heißt sie, das unvermutete Geschenk dort am Grabe eines ungebärdigen, frühverstorbenen Wunsches niederlegen. Doch was nutzt es? Der Zwang des Blutes liegt über jedem Menschenleben. Geschehnisse regeln den Gang dieser geheimnisvollen Uhr, die in der unverantwortlichen Kinderzeit, wohl gar vor der Geburt über uns hereinbrechen. Der »freie Wille« ist nichts als der zu spät erscheinende Doktor, der an dem Bette des Kranken irgendein unheilbares Leiden konstatieren kann. Denn das Schicksal kennt keine Diät. Auf irgendeine Weise sind alle Menschen Krüppel. – – – Wie oft habe ich dieses Delirium halber Wahrheiten durchgemacht! – Aber wenn man ins Reden kommt, arbeitet man wie eine schlecht gestellte Mühle, die ganze Körner, feines Mehl, Schrot und Schalen durcheinander wiedergibt, und geht meine Erzählung so weiter, wirst du nicht klar, Kastner, und mir hilft es nichts. Darum muß ich schon wieder hübsch chronologisch verfahren. Die Aspirantenprüfung, das Aufnahmeverfahren in das Lehrerseminar meiner Vaterstadt, war vorüber, und die große Schar der Vielgezwickten saß voll Spannung in einem kleinen Klassenzimmer zusammengepfercht. Der tiefe Abend sog immer mehr Licht ein, und schon glich die Reihe der jungen Ahornkronen vor dem Seminargebäude einem Zug dichter Wolkenballen, die hart am Boden lagen. Man hatte mich arg hin und her geschüttelt und gesiebt, und ich hockte auf meinem Platz, von einer Niedergeschlagenheit erfüllt, die doch im Tiefsten nicht ganz ernst war. Denn, daß ich mich im Rechnen so unsäglich taperig benommen und endlich zur Verzweiflung des Herrn Malchow das Viertel von 766 nicht mehr herausgebracht hatte, belastete mich vor allem mit einer bitteren Verfinsterung aus verletztem Stolz, weil einige über mich gelacht hatten, als sei ich ein Blödling. Und ich begann das geduckte Geplauder der vielen jungen Menschen um mich unausstehlich zu finden, die in dem tiefen Dunkel unnatürlich aufgedunsene Köpfe hatten. »'s wird, was wird, und wenn's ein Entrich wird!« schrie plötzlich ein Übermütiger aus dem Hintergrunde, aus der Gegend des Kleiderrechens, und brach in ein Gelächter aus, in das die meisten wie erlöst einstimmten. In diesem Augenblick wurde die Tür vom erleuchteten Korridor aus geöffnet. Die Helle blähte sich wie ein roter Vorhang in das Dunkel, und eine grillige Männerstimme lief irgend etwas herein. Dann prallte die Tür wieder zu. Von den ersten Bänken aus wurde die Aufforderung zur Ruhe weitergegeben, und alle saßen beengter als vorher. Aus ihren Körpern stieg eine schwere Wärme, daß es war, als atme man in der Nähe eines heißen Ofens. Mein Nebenmann, der bisher andauernd und hastig auf seinen Nachbar eingeredet hatte, saß, die Hände auf dem Pultbrett gefaltet, mausstill, wie ein ausgezankter Schüler. Es war ein dürftiges, banddünnes Bürschchen, eher ein Junge, und ich merkte, wie ihn jetzt, da er schweigen mußte, die Angst zusammenzog. Eben, als ich ihn mit einem Blick streifte, hob er das Gesicht zu mir und sagte tonlos: »Ich habe nur noch eine Mutter!« Dann starrte er wieder regungslos auf seine zusammengegriffenen Hände, die wie ein graues Häufchen vor ihm im Verfinstern lagen. Aber ich gab ihm auf seine Worte, die er auch gesprochen haben würde, wenn er mutterseelenallein gesessen hätte, keine Antwort außer einem Brummlaut, sondern überließ mich meiner Sorge um den Ausfall der Prüfung. Je genauer ich mir alle ihre Phasen ins Gedächtnis zurücklief, desto ungünstiger erschien die Rolle, die ich gespielt hatte, und gegen einen negativen Erfolg ließen sich keine Gründe aufbringen. Nun, dann wurde ich eben Post- oder Bahnmensch, oder trat bei einem Maurermeister ein. Tausend Sachen! Meine Einbildung bemächtigte sich dieses Faktums wie einer ersehnten Tatsache. Mir gelang nicht die mindeste Trauer, auch als die bekümmerten Gesichter von Vater und Mutter vor mir auftauchten. Fort, fort! Ich stand auf, trat ans Fenster und lehnte die Stirn an die kalte Scheibe. Der Florianiberg hob seinen langen Rücken gelassen ins Grau des Nachthimmels. Hinter dem Dach der kleinen Kirche glomm der rote Mond herauf, daß es aussah, als bräche Feuer aus ihrem First. Gut, ein Ende! sagte ich zu mir und begab mich auf meinen Platz. Kaum hatte ich mich gesetzt, so stieß mich der Kleine an den Arm. Entschuldigte sich furchtsam und fragte, ob Musik und zwei Realfächer ein Hauptfach ausmachten. Ehe ich antworten konnte, ging die Tür auf, und bald stand der Direktor, einen Bogen Papier in der Hand, zwischen zwei Kerzenlichtern auf dem Katheder. Rechts, in der Haltung eines preußischen Gendarms, hatte sich ein großer, ungefügiger Mann postiert, links schwankte aus dem Dunkel ein langes, schmales Männchen mit zwei breiten Nagezähnen und glastenden, großen Brillengläsern. Der Direktor, Dr. Bode, drückte seinen dicken, dicht behaarten Graukopf tief aufs Papier und las nach einigen einleitenden Worten die Namen aller, die durch das Examen gekommen waren. Wir saßen wie angewachsen. Mein kleiner Nachbar lag auf seinen Armen. Ich war seelenruhig, und während die schüchtern gute Stimme des Doktor Bode durch unsere Reihen stöberte, da und dort einen Laut der Freude weckend, mußte ich daran denken, welche Ähnlichkeit diese Szene mit der Investitur der »ewigen Brüderschaft« habe. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn irgendeiner der Auserlesenen statt seines froh-erschrockenen »Hier!« ein feierliches »Amozim!« gerufen hätte. Da klang auch mein Name wie durch eine fremde Schicht gedämpft an mein Ohr, und ich spürte einen kleinen inneren Schlag gegen mich geführt, der als schwaches Nieseln wie eine Gänsehaut über meinen Körper lief. Dann wurde ich matt wie nach einem Wettlauf, lehnte mich zurück und zog mir die Weste herunter. Doktor Bode schwieg, und der Raum war peinvoll still von dem Schmerz der Entgleisten. Der Kleine neben mir, dessen Name nicht genannt worden war, hatte sich von seinen Armen erhoben, saß holzsteif da und blickte starr auf die roten Lichter des Katheders. Dabei sah ich den großen Drosselknoten seines dünnen Halses auf- und niedersteigen, wie bei einem, der vor großer Angst schluckt. Plötzlich stieß er den Pfeiflaut eines sterbenden Hasen aus und sank dann wieder auf seine Arme. »Seien Sie doch kein Kind.« sagte ich in sein Ohr und legte meine Hand auf seinen Rücken, »da machen Sie eben in sechs Monaten das Rennen noch mal!« Aber er erwiderte nichts, sondern lag ganz aufgelöst auf dem Pult und wurde von stummem Schluchzen gerüttelt. Ich wußte nicht, wie ich ihm eine Freude machen sollte und steckte nach einigem Überlegen mein letztes Fünfzigpfennigstück verstohlen in seine Billetttasche. Zwischen den zwei Kerzenlichtern des Katheders floß indessen monoton die Stimme des Direktors, der ich nur halb lauschte. Plötzlich, wie mir schien, ganz unvermittelt, erhob sich alles mit Getöse und drängte dem Ausgang zu. Ich zog mich zurück, und während der Schwarm an der Tür sich immer wieder festkeilte, sah ich durch das Fenster und sann, nur um mir auszuweichen, nach, was Dr. Bode gesagt hatte: Außer einer undeutlichen Vorstellung davon, dem Seminar meiner Vaterstadt überwiesen zu sein, war nichts in meinem Gedächtnis haften geblieben. Als letzter trat ich endlich auch den Heimweg an. Die Schatten der Ahornkronen lagen wie undeutliche Heuhaufen auf dem graugelben Platz. Der Mond hing gleich einem roten Papierlampion über dem Florianiberge. Auf dem Wege knirschten die Schritte der Davongehenden in die Nacht hinaus, sicher und froh. Mich aber überkam ein so klägliches Gefühl, daß ich versucht war, über den Rasen zu schleichen und mich in den Schatten der Strauchgruppe hinzulegen und in die Nacht hinaufzustarren. Aber aus dem Seminargebäude drang ein leerer, endloser Laut, wie das Sausen ferner Spinnspulen, dann und wann von dem Klang einer ausgespielten Orgel wie von singendem Schluchzen unterbrochen; hinter den geschlossenen, verhängten Fenstern der Seminarwohnungen huschten manchmal Schatten vorüber. Das trieb mich davon. Doch je weiter ich kam, desto mehr überfiel mich eine solche Ratlosigkeit, als stehe ich verirrt in einem fremden, unbekannten Lande. Im grellen Scheine eines erleuchteten Schaufensters hob ich mein Gesicht und sah vor mir zwei junge Mädchen gehen, eine Blonde und eine Braune. Die Blonde, schlank und biegsam, hatte ihren rechten Arm um die Taille der Freundin gelegt, und während sie lachend mit ihr plauderte, ging sie so ruhig, daß sich der lange Zopf kaum auf ihrem Rücken rührte. Als ich das bemerkte, mußte ich an meine Schwester Anna denken. Gerade so war auch sie gegangen, und so gelassen wie die Fremde, hatte auch sie den linken Arm mit der weißen, halboffenen Hand immer herabhängen lassen. And wie ich auf diese schöne, weiße Hand mit den schlanken Fingern blicke, die immer erlischt und wieder im Licht aufflimmert, kommt mir die Empfindung, wenn ich hinginge und sie ergriffe, wäre alles gut. Aber bei diesem Gedanken wird mir plötzlich heiß, und das Herz klopft mir bis in den Hals hinauf. Im Schein einer Straßenlaterne wagte ich endlich vorüberzugehen, zog den Hut, sah sie an und grüßte mit versagender Stimme. Die Braune, in welcher ich die Tochter des Buchhändlers Bunzel erkannte, hörte ich hinter mir lachen und offenbar boshaft tuscheln. In dem langen, sanften Oval der andern war fast ein Erschrecken bei meinem heißen Vorübertauchen sichtbar geworden. Und eben, als mich das Spottgelächter der Bunzel zu stärkerem Ausschreiten trieb, hörte ich die Fremde in verweisendem Tone sagen: »Wie er blaß ist!...« Diese Worte, die mit hörbarem Mitgefühl gesprochen worden waren, jagten mich in eine wenig rühmliche Flucht. Noch ehe der Schutz der nächsten Ecke erreicht war, preschte ich quer über die Straße, schnitt den Schwarm der Philister und lief im Schatten der Häuser dem Ringe zu. Ich kam mir in meiner Hilflosigkeit entlarvt vor; des schönen Mädchens Mitleid entzündete bittere Scham in mir. Ich hätte zurückgehen und lachend an den beiden vorüberschreiten mögen, um zu zeigen, daß ich kein Schmachtlappen sei. Aber ich fühlte, daß ich das Hohnlachen der Buchhändlerstochter nicht ertragen würde. So flog ich weiter über die Katzenköpfe des Ringes, und meine Bitterkeit ward indessen Zorn. »Die Gänse! Die dummen Gänse!« murmelte ich vor mich nieder und konnte es mir doch nicht ganz verhehlen, dies Würgen in der Kehle und dies heiße, aufgelöste Fluten in meiner Brust seien vielleicht Tränen und nicht Schmerz. Auf der Schwelle unseres Hauses wurde ich ruhiger, als habe ich mich aus kreisenden Wassern auf festes Land gerettet. Die Tür war geschlossen; aber wenn ich gegen sie drückte, rührte sich die feine Klingel, und dann entstand ein feiner, trauriger Ton, etwa wie ihn ein schlafender Vogel ausstößt. Das gemahnt mich daran, daß meine Eltern in Ungeduld und Sorge auf mich warteten, und ich trat in den Hausflur. Meine Mutter, die mich am Schritt erkannt haben mußte, kam mir im Hause entgegen. »Na, Junge, wie ist's gegangen, schlecht, was?« fragte sie mich mit abgerungener Lustigkeit. Aber die geheime Sorge zerriß die Worte rauh, die spaßend klingen sollten. »Ganz gut, Mutter, ja, ganz famos«, antwortete ich. Meine Worte müssen verzweifelt geklungen haben, denn sie faßte mich am Arme, zog mich zu der winzigen Flurlampe und beugte mich zu sich nieder. »Sei stille. Red' leise. Mir kannst du alles sagen. Du, Franz!« So redete sie abgerissen auf mich ein, und ihr gutes Gesicht ward immer bekümmerter. Doch sie lächelte standhaft. »Nun, was soll ich denn Schlimmes sagen?« tröstete ich sie. »Ich bin eben durchgekommen. Das ist alles.« »Wie du mich erschreckt hast, du lieber, guter Junge. Freu' dich, komm', lach', spring'! Du – du – halber Herr! Da – du Alter, sieh! Der Junge, wie er tut und is – na, sag's alleine, ich hör's auch gerne noch einmal!« Das redete meine Mutter stoßweise, kosend, scheltend, mit einem Worte, glücklich, während sie mich durch die Tür in die Wohnstube vor meinen Vater schleppte, der wie immer in der Sofaecke saß und rauchte. Er richtete sich auf und sah meine Mutter mit einem strengen Lächeln an. »Na,« sagte er dann, »wozu denn Spatzen schießen? Es ist, ich sehe, einfach wie's sein muß. – Da, nimm deinen Hut runter. Bist reichlich schnell gelaufen. Setz' dich und iß.« Darauf lehnte er sich zurück und war, als sei nichts vorgefallen. Von Zeit zu Zeit, wenn er sich unbeobachtet glaubte, sah er fest auf mich. Dann schimmerte sein Auge. Einmal begegnete ich zufällig diesem Blick unterdrückter Freude. Da räusperte sich der herbe, goldene Mann und brummte wegwerfend: »Na, ja. Das ist doch rein gar nichts.« Meine Mutter aber trippelte lächelnd umher, fuhr liebkosend über meinen Scheitel, sooft sie an mir vorüberging, und begann dann sogar ein Lied zu summen. Erst zwischen den Zähnen, durch unser Zuhören ermutigt, lauter und lauter, und endlich verlor sie sich ganz in ihre heimliche Seele. Du hast es mich einst am Fingerwasser singen hören. Weißt du, an jenem Nachmittag. Es war ein uraltes Lied, neckisch und karg, wie sie es wohl als kleines Mädchen zu abendlicher Zeit unter den Torlinden ihres väterlichen Freihofes hatte aufklingen hören, aus der rauhen Brust alter Knechte, die gewohnt sind, die Schmerzen des Lebens innerlich zu erwürgen. Eine Strophe habe ich mir gemerkt: Obgleich mein Schiff vor Anker liegt bei ganz konträrem Winde, hab' ich die Hoffnung immer noch, daß ich den Ausweg finde. Sie sang den Vers einigemal hintereinander mit einer gang widersinnigen Betonung. Aber sie konnte wohl nur durch Wiederholung dieses Fehlers ganz in jene ferne, fast vergessene Zeit zurücktauchen, da sie die Sorgen noch von der Stirn scheuchen konnte, wie das blonde Gelock mit leichtem Finger sich hinter das Ohr streichen läßt. Auch mein Vater hatte endlich zu lauschen begonnen. Aber er wurde düster davon, verfiel in Brüten und ging schlafen, ohne auf uns zu achten. Ehe er die Schlafstubentür öffnete, hörten wir ihn eine Weile stillstehen. Dann begann er knurrend und unwirsch zu reden, als wolle er jemand an seiner Seite vertreiben. Ja, er trat sogar fordernd mit dem Fuße auf, lachte höhnisch, ging leise hinein und prüfte von innen das Schloß. Davon kam eine Furcht über mich, ein Mitleid mit meinem Vater. Trostlosigkeit schob sich zwischen mich und meine Mutter, die im Augenblick tausend Fragen in mir ausbrütete. Wir hatten beide das Gesicht nach der Tür gewandt und sahen uns doch peinvoll in die Augen. Da schnappte der Riegel hinter die Haspe. Meine Mutter fuhr zusammen und kehrte sich dann aufatmend zu mir. Ihr Gesicht war bleich und trug zu meinem Erschrecken unzählige seichte Runzeln, daß es wie zerknittert aussah. Wie war sie in den drei Jahren meines Fortseins gealtert! Sie saß schon etwas gebückt, die abgemagerten Schultern hingen wie geknickte Flügel. Nur in den Augen, die sich nun langsam mit Wasser füllten, lag die alte Jugend ihrer unbegrenzten Liebe. »Ja, ja, Franz,« hauchte sie, »so treibt er's schon lange. Der Himmel mag's wissen; aber das nimmt kein gut Ende.« Mit stummem Nicken, von dem die Tränen niederfielen, die im Auge gestanden hatten, endete sie und blieb dann gebeugt sitzen, mit weiten, lesenden Augen. Kein Wort sagte sie mehr, denn sie wußte, daß ich das sah, was ihre Augen aus der Luft sogen. »Aber, Mutter, warum gab er den Widerstand so schnell auf?« fragte ich aus der Mitte meiner Gedanken. »Er mußte«, antwortete sie dumpf. »Nein, man muß nicht«, sprach ich erregt. »Ja, aber für wen sollte er denn arbeiten?« fragte sie ratlos. »Für die Leute«, lautete meine Antwort. »Es kam niemand mehr. – Ja, so nach und nach blieb der aus und der. Die Bauern hatte er sich vertrieben. Die Schuldner bezahlten. Dann war's alle.« »Warum?« fragte ich. Aber meine Mutter wiederholte nur mit gramvollem Gesicht meine Frage und zuckte ratlos die Achseln. Allein kein Vorwurf, kein schwaches Greinen kam über ihre Lippen. Sie sah sich nur in unserer Stube um, der alle Behaglichkeit fehlte, seit sie zugleich Werkstatt geworden war. Die Gesellen auf allen Straßen in der Welt, die Lehrlinge hinterdrein. Im Laden lag der Staub auf allen Vorräten. Statt der breiten Tafel mit den plumpen Beinen, an der noch vor kurzer Zeit eine Menge arbeitstüchtiger Menschen sich unter altväterischen Gebräuchen zu den Mahlzeiten versammelt hatten, stand nun ein engbrüstiges Tischlein, gebrechlich und schüchtern, wie auf den Zehen. An Stelle des Glasschrankes kauerte in der Ecke eine schmutzige Walkwanne mit eingeweichtem Lohleder, das einen muffigen Geruch im Zimmer verbreitete. Die meisten Bilder waren durch Werkbretter von der Wand vertrieben worden. Nur das Heilandsbild, vor dem wir immer gebetet hatten, war wohl durch meine Mutter gerettet worden und hing vergessen und segenlos im dunkelsten Winkel. Die eichenen Holzkeulen, die plumpen Stanzblöcke und eisernen Füllstangen, die lange Reihe der Holzrößchen waren verschwunden. Die stolzen Geräte des selbstherrlichen Handwerkers lagen als altes Gerümpel auf dem Boden. Ein Nähkloben lehnte wie ein einsamer Betteljunge an dem einzigen Werktisch, auf dem neben einigen kleinen Lederspitzelchen und Gurtestückelchen ein winziger Hammer, eine Schere, ein Messer und eine Ahle lagen. Es sah aus, wie bei einem Flickschuster. Meine Augen wurden immer bewölkter von dem Rundgang durch diese Zeichen des Verfalls. »Ja, Franz,« sagte meine Mutter nun mit tiefer, trockener Stimme, »manchmal hält er im Arbeiten inne und sieht sich in der Stube um, wie ich und du es eben machen. Darauf sitzt er ganz still; kaum atmet er; manchmal schließt er auch die Augen und fährt sich langsam über die Stirn. Zuletzt packt er den Hammer und schlägt auf irgend etwas los, daß ich denk', er will alles in Grund und Boden zerdemolieren, und sein Gesicht wird fahl dabei wie eine Lehmtenne.« »Geht es den andern aber nicht auch so? Man macht doch jetzt fast alles in Fabriken«, erwiderte ich, um sie zu trösten. »Nicht allen, Junge«, sagte sie nach einigem Sinnen und krümmte die Lippen wie in schmerzvollem Lächeln. »Man muß der Sache ehrlich ins Gesicht sehen. Der Sattler auf der Balkengasse beschäftigt mehr Gesellen als früher, und der Wagenbauer Endel aus dem Ringe hat gar sein Haus aufgebaut.« »Dann meinst du, ist es bloß wegen dem?« fragte ich, ohne eigentlich zu wissen, was ich meinte. Es zog mich nur auf das leidenschaftliche Kreisen der mütterlichen Seele zu. So begriff ich auch nicht, weshalb meine Mutter bei meiner Frage wie schreckhaft ertappt aufsah. »Also hast du es auch bemerkt?« fragte sie dann zögernd. Ich nickte, um sie, deren gedrückte Erregung ich steigen sah, weiter zu führen. »Sie ist seit Tagen schon hartnäckig«, sagte sie. »Eigentlich von der Stunde an, da du bei uns eintrafst. Sonst, wenn ich singe, und steht sie noch so schwarz und bösartig in der Ecke, kann sie sich nicht halten. Aber vorhin, hast du's gesehen?, floß sie dunkel bis nahe an den Tisch herüber und schluckte mein Lied ein, das wie ein Schleier um sie sank.« Ich begriff immer noch nicht, was sie meinte, und sah, wenn auch nicht mehr so sicher, ihr erwartungsvoll aufs Gesicht, das forschend nach der Tür gekehrt war. Und weil ich ihr doch so zusetzte, fuhr sie zu reden fort, immer das Auge auf die Tür geheftet, als könne sie jeden Augenblick von Geisterhand geöffnet werden, »da nahm und führte sie ihn hinaus. Aber draußen wußte er, wer neben ihm stehe und jagte mit Worten an ihr und trat auf, als sie nicht wich. – Töten wird sie ihn zwar nicht, wie sie Anna mit Hitze erstickt hat, aber sterben kann er an ihr, wenn das so fortgeht.« Jetzt ging mir der Sinn auf. »Du meinst die Großmutter?« fragte ich. »Um Gottes willen, nicht den Namen!« Mutter sprang auf und versiegelte meine Lippen mit drei Kreuzen. »Und wenn du dich vor ihr hüten willst, sprich und denke nie ihren Namen. Das vermag sie herbeizuziehen.« »Mutter!« rief ich. Aber die Gütige lächelte nur überlegen-bitter, schüttelte den Kopf und strich mit einer raschen Handbewegung meinen Zweifel aus der Luft. »Franz,« sprach sie dann, »ich weiß es! Sie hat ihn ja vor ihrem Tode gebunden und verschnürt, und dann ist sie nicht gestorben, sondern als Leiche, mit Schuhen an den Füßen, dem Tuch über der Stirn aus dem Leben hinausgegangen. Weißt du, dein Vater war vor ihrem Verschwinden ein lachender Hüpfer, froh und frisch wie nur einer, dem die Haare kraus um die Ohren stehen. Und nun – wann hast du ihn je einmal lachen sehen, solange du lebst? Und alles, was er anrührt, und was in seine Nähe kommt, verwandelt sich ins Schwere und Freudlose.« Das trieb mich auf und jagte mich durch die Stube. Eine heiße Empörung gegen die Ansicht der Mutter und ein leidenschaftliches Einsaugen ihrer mystischen Furcht stritten in mir. Nachdem ich zweimal neben ihrem Stuhle hin und her durch die Stube geflogen war, blieb ich vor ihr stehen und fragte: »Und hat sie auch den Tischler Rinke gemacht? Was? Und des Pfarrer Zimbals Haß gegen ihn und mich?« Sie nickte schmucklos und bestimmt, nahm meine zuckende Hand und zog mich auf einen Stuhl neben sich: »Komm', setz' dich, Franz! Siehst du, alles! Sogar den guten Dorn hat sie solange umhergewirbelt, bis er den Verstand verloren hat.« »Und wer hat den Dorn-Robert zum Diebstahl getrieben und die Frau an der Wäscheschnur aufgehängt, etwa auch sie?« fragte ich mit spöttischem Lächeln. »Verzeihe, Mutter, aber das ist Torheit.« Doch sie antwortete mit vollkommener Ruhe und Sicherheit: »Warum er das so gefügt und geschlungen hat, weiß ich nicht. Seine wirkenden Hände sind in ewigem Dunkel.« »Wie denn ›Er‹, warum denn nun plötzlich ›Er‹?« »Nun ja, Gott, der Herr!« »Ich dachte, das ist mehr der Teufel! –« »Vielleicht auch, kannst recht haben. Denn er lenkt ja alle Geister. Siehst du. Franz, du erinnerst dich doch noch, ehe du fortgingst vor drei Jahren, im Frühling, in der Nacht hat es dich aus dem Bett gefühlt, und du hast den Rinke-Tischler heruntergestoßen. Ich habe damals anders sprechen müssen, weil dein Vater es wollte. Siehst du, da hatte er ihn in der Gewalt, den Elenden, und hat ihn nicht gepackt, vor das Gericht geschleppt und sich und uns alle gereinigt. Mein lieber Junge. Ich habe vor ihm gelegen auf den Knien und um Rache gebeten. Er hat mich angesehen, finster und verzweifelt gelächelt und leise gesagt: Weib, das verstehe ich kaum, viel weniger du. Aber, ich darf nicht! Dazu hat er seine Fäuste in die Luft geschüttelt.« – »Wie? Und willst du da auch behaupten, er hat damals freiwillig darauf verzichtet, seine Ehre wiederzuholen und Vergeltung zu üben?« »Lange habe ich auch nicht daran geglaubt. Aber in jenem Frühjahr, da er gar so unbegreiflich sich in seiner Schande duckte, er, der mehr Macht hat als zehn Männer, wurde auch mir das Geflüster und Getuschel der Leute sinnvoll, und ich hab' mich, erst noch zweifelnd, aufs Lauern und Horchen gelegt. Im Frühjahr tauen alle Geister, die der Winter gebunden hat, aus. Die Quellen speien sie auf die Erde, die Höhlen atmen sie aus. und mit den Blättern der Bäume wachsen sie aus den Wurzeltiefen in die Luft hinauf, und sind sie gereckt und gerichtet, so schwingen sie sich auf den Wind und reiten und quälen ihn fast zuschanden. Damals fuhr ihr Heulen und Bellen nur immer über unser Haus. Mit meinen Augen sah ich sie als schwarzen, verzerrten Fladen solange über unserem Dache stehen, bis es ihr gelang, das Rauchseil aus der Esse zu erfassen und daran in unser Haus zu fahren. Denke nicht klein von Vater; er hat sich gewehrt, wie ein Mensch es nur vermag. Wie viele Male rang er sie hinaus; aber sie ließ nicht nach. In tiefer Nacht taumelte sie mit Flügeln gegen die Scheiben oder flüsterte geformtes Reden durch den Fensterspalt. Ich kämpfte mit Beten gegen sie. Vater richtete sich mitten im Schlafe auf und murmelte schwer in die blaue Nacht hinein, bitter und wild, bis sie mit schmerzvollem Gellen an der Mauer draußen hinuntersank und von den Neißewassern fortgeführt wurde.« – Das alles sagte meine Mutter dumpf und eintönig, wie schlafwandelnd über ihre gefalteten Hände hin, und unsere Stube erschien mir wie ein dumpfer, endloser Gang. Das Licht der Lampe war heruntergebrannt und so schwach, daß es nur in einem roten Brodem stand. Aus Furcht und Mitleid mochte ich nicht mehr auf meine Mutter sehen, sondern starrte auf die verdämmernde Wand. Da tippte sie mit dem Finger an meine Schulter, und als ich mich umwandte, sah meine Mutter gefaßt und aufrecht da. Ihr Gesicht sah nicht mehr alt aus, ihre Augen, über denen wie bei kleinen Kindern gar keine Brauen waren, leuchteten. Ehe ich ein Wort sprechen konnte, neigte sie sich zu mir, ergriff meine Hand und flüsterte bittend und schwärmerisch zugleich: »Du, mein Junge, du! – Nun sind wir zwei, jetzt muß es uns gelingen, dem Herrgott die Zuchtrute aus der Hand zu winden. Komm', machen wir es wie früher, eh' wir schlafen gingen!« Sie kniete hin an den Platz, an dem sie gebetet hatte, als ich noch Kind war, und richtete ihr Auge auf das Heilandsbild, das als grauer Fleck im finstern Winkel schwamm. Ich aber war aus dem Taumel grell erwacht und reckte mich bitter und trotzig immer schärfer in die Ansicht, daß es hieße, mich unterwerfen und auslöschen, wenn ich auch hier auf der Diele kniete. So stand ich lange neben ihr, während meine Mutter mit weicher, flehender Stimme Vaterunser um Vaterunser, Ave Maria und Anrufungen betete. Was? Gott zertrümmerte uns ungerechter Weise, und wir sollten an seine Füße herankriechen! Aus der Erinnerung, welchen Schimpf und welche Schmach sein Diener über Vater und mich gebracht hatte, kam es wie Hohnlachen in mir auf. Mit gesenktem Kopfe, in den Wunden meiner Vergangenheit wühlend, begann ich hinter dem Rücken meiner Mutter auf- und abzuwandeln. Plötzlich umfaßte es mein Herz, mein Kinn wurde heraufgestoßen. und ich bemerkte, daß meine Mutter aufgehört hatte zu beten. Ihr Gesicht war in ratlosem Schrecken auf mich gerichtet, die Augen weit und verloren, der Mund schlaff und offen. Endlich brachte sie es würgend heraus: »Mein Gott! Soweit bist du auch schon?« Dann wandte sie sich langsam wieder um, sank über die Arme auf den Stuhl und fuhr fort, leise hauchend, wie in großer Angst, zu beten. Mir zitterte vor Liebe und Rührung das Herz, doch ein wilder Griff durch mich hin ließ nicht zu, daß ich neben ihr niederkniete. Ich begann sogar wieder auf- und abzuwandern. Nach langer, stummer Andacht erhob sich meine Mutter. Ich trat zu ihr, küßte sie tief und innig und sagte: »Gute Nacht, meine liebe, liebe Mutter! Verzeihe! Aber ich kann nicht anders.« Da stand sie und sah mich an, mit weitem, trauervollem Auge. Dann zog sie meinen Kopf zu sich herab, schlang ihre Arme um meinen Hals und küßte mich leidenschaftlich und unter Schluchzen. »O Gott, mein Gott!« stammelte sie dabei. Ganz erschüttert suchte ich mein Bett auf. Durch die Ritze der Bretterwand fiel das Licht des roten Mondes und lag über der Diele wie blutige Lanzen. Aus der Gesellenkammer drang eine schreckhafte Stille auf mich ein, als lägen Gestorbene darin. Das leere Bett meiner Schwester neben mir wagte ich nicht anzugreifen, weil ich fühlte, daß ich dann vor Weh aufschreien würde. In meiner Verwirrung und Beklemmung sehnte ich mich, es möge draußen ein Schrei aufklingen, ein Sturm, irgend etwas Wildes und Lautes. Statt dessen drang das Rauschen der fernen Neiße herauf, endlos und öde, wie Irre vor sich hinsummen. Unter dem Dach im Finstern stand der Lehnstuhl meiner Großmutter und war doch auf einmal deutlich sichtbar. Vor Bestürzung schloß ich die Augen. Als ich sie wieder öffnete, saß, von Licht umflossen, das schöne, fremde Mädchen darauf, das ich am Abende gegrüßt hatte und nickte mir liebevoll zu. Da war ich so glücklich, daß ich mich in die Kissen einwühlte, denn ich schämte mich eigentlich vor mir über meine Lieblosigkeit, Unmännlichkeit und Schwäche. – – – – – – – So kam ich in mein Vaterhaus zurück. – Mit den Bedrängnissen meines Lebens trat ich in die Daseinsnot meiner Eltern. Ich ging aus mir gleichsam heraus und befand mich an einem traurigen Orte, wie wohl jemand seine enge, beklemmende Wohnstube verläßt und Schutz in einer Stadt sucht, die dem Untergänge geweiht ist. Als ich am andern Morgen das Wohnzimmer betrat, saßen meine Eltern schon beim Frühstück, jedes vor seinem dampfenden Töpfchen. Mein Vater schien aufgeräumt und neckte mich wegen der Langschläferei. Ich ging auf den frohen Ton ein, den er angeschlagen hatte, und bald brachten wir uns mit Späßen ins Gedränge. Die Mutter steuerte zu unserem Geplänkel ihr stilles Lächeln bei. Aber je länger dies Spiel dauerte, desto deutlicher empfanden wir seine Gezwungenheit und Absicht, und desto mehr wich aus dem Gesicht meiner Mutter der Ausdruck innerer Frohheit und machte einem starren, maskenhaften Lächeln Platz. Mein Vater schnitt das quälende Versteckspiel endlich mit einem beißenden Lachen mitten durch und verharrte dann stundenlang blaß und verschlossen bei seiner kümmerlichen Arbeit. So kam nie eine herzliche Freude in unserem Hause auf. Jedes ging in seiner eigenen Luft eingeschlossen umher. Darum atmete ich erleichtert auf, als dies erzwungene Aneinandergekettetsein aufhörte. Mein Vater überließ mir ein kleines Zimmer unmittelbar über dem Hausflur, neben der Stube, in der ich nächtlich auf den Tischler Rinke gelauert hatte. Es war ein kleiner, kühler Raum. Neben dem Eingange stand ein eisernes Bombenöfchen und hielt sich mit einem langen Rohr an der Wand fest. Eine Häusertiefe jenseits der Straße stieg die Stadtmauer auf. Dort verbrachte ich nun einen großen Teil des Tages und sann oft stundenlang über das Verhängnis unserer Familie nach. Oft grübelte ich solange, daß ich in einen Zustand krankhafter Empfindsamkeit geriet. Dann lehnte ich mich aus dem einzigen Fenster, damit mich das Leben der Gasse wieder auf die gewohnten Beine stelle. Der Burgberg und seine Bewohner waren noch wie je. Aus dem Wahnschen Fleischerladen stiegen in endloser, wenn auch tröpfelnder Reihe Frauen und Mädchen mit Taschen und Papierpaketen beladen auf das Pflaster herauf, indessen aus dem Hausinnern des immer trunkenen Meisters unförmiger Schreibaß und wilde Beilhiebe tönten, als stampfte und gröhle darin kein Mensch, sondern eine überhitzte, sich zerstörende Maschine. In dem Gärtchen an der Stadtmauer wandelte einsam und geruhig des Pfeffergerbers weiße Schürze, und setzte Wahns Toben einen Augenblick aus, so klangen hinter den Johannisbeersträuchern in die leise Gasse sanfte Liedtöne, mit denen der verschüchterte Mann sich seinen Abend verschönte. Die Essen schmauchten ihre Rauchwirbel in den Himmel, und da und dort glühten die übereinandergetürmten Häuser schon mit erleuchteten Fenstern ins Dunkel. Endlich hauchte das letzte Abendrot nur noch schwach um den alten Wartturm, und dann und wann tauchte hinter den Mauerzacken das weiße Haupt des alten Willmann auf, der da droben seine Nelkenbeete umgrub und von Zeit zu Zeit sich aufrichtete, um über die Dächer zu lugen. Zuletzt war die Gasse finster. Man sah die Fußgänger nicht mehr, sondern hörte nur ihre Tritte über die Katzenköpfe stolpern, in der Torwölbung des Turmes aufpoltern und dann verschwinden. Die Spitzen der hohen Wehrmauer starrten unbeweglich wie die Panzerhauben riesiger Wächter in den Nachthimmel. Der Doppeladler knarrte mit seinen eisernen Flügeln in der Luft, und drunten brauste die Neiße schwach wie ein ferner Wald. Das alles führte mich aus der Beunruhigung meines Gegenwartslebens in die Zeit meiner Kindheit hinüber, und die Friedlosigkeit endete schließlich in einem wohligen Rausch traumhafter Bilder. Die Erinnerung an jene Tage hätte keine anderen Male in mir hinterlassen als die Empfindung, sie durchlebt zu haben, wäre ein Abend nicht mit Ereignissen beladen gewesen, die teils tief zurückgriffen, teils weit hinauswiesen. Es war am Ostersonnabend des Jahres 1881. Die Auferstehungsglocken hatten die Dämmerung erschüttert, und das Leben auf der Gasse drunten trieb froh und festtäglich hin. Mir aber war es nicht möglich, an die Freude der Menschen heranzukommen. Alle Leute gingen mir unerreichbar hin, und wenn sie redeten, so war es mir, als höre ich undeutlich Uhren in verrammelten Stuben schlagen. Da hob ich mein Auge gen Himmel. Der lag in der Schärfe seines letzten bleichen Lichtes, matt und müde des langen Tages. Aber es ging ein Glanz von ihm aus, der allen Dingen eine niegesehene, erschütternde Wesenheit gab. Als ich meinen Blick wieder sinken ließ, blieb er an einem der Fenster haften, die durch die Stadtmauer gebrochen waren. Dort lehnte ein junges Mädchen weit hinaus. Ihr schlanker Leib strebte wie süchtig der gesunkenen Sonne nach. Blonde, schwere Flechten hingen über die Schultern und ihr Gesicht, das in den Nacken gebogen war, schimmerte in bleicher Verzückung. Aus jenen Tiefen meiner Seele, in denen das Bild meiner gestorbenen Schwester Anna wie in einem gläsernen Sarge schlief, stieg ein mir bis dahin unbekanntes, schmerzvoll süßes Gefühl, das mich um so mehr erschütterte, da ich daran denken mußte, daß Anna an ihrem letzten Tage, als sie mit mir in unserem Garten hinter der Wiesenstraße stand, ebenso verzückt und blaß in den Himmel gestarrt hatte, über den die weißen Wolkenengel geflogen waren, die die Menschen von der Erde holen. Von dieser Hingebung dessen, was wir Herz nennen, mußte das Mädchen getroffen worden sein, denn ich bemerkte, daß eine Unruhe über sie kam. Sie ließ von dem Träumen in den Himmel hinauf ab und schien jenen zu suchen, der ihr Inneres berührt hatte. Im nächsten Augenblicke spürte ich, daß ihr Auge auf mir ruhe. Mein Herz begann laut zu schlagen, und ohne zu wissen, was ich tat, richtete ich mich auf, trat ein wenig zurück und warf ihr eine Kußhand zu. Da schnellte sie bestürzt empor und verschwand in der Tiefe des Zimmers. Etwas später erschien sie wieder am Fenster mit einem kleinen Kinde auf dem Arme. Sie zeigte ihm den Himmel, an dem nun der blasse, frühe Mond sich erhob, sprach zu ihm mit einer Stimme, die der jener Fremden ähnlich klang, die mir auf dem Wege vom Seminar begegnet war und bedeckte das Gesicht des Kindes von Zeit zu Zeit mit stürmischen Küssen. Jedesmal, ehe sie das Gesicht zu neuer Liebkosung neigte, glaubte ich zu erspähen, daß sie nach mir hinsehe, und ich fühlte dann ihre Küsse wie einen heißen Strom auf meine Lippen und Wangen gehen. Die Häuser lagen schon lange im stumpfen Schimmer des Mondes, die Fenster in der Stadtmauer waren schon alle erloschen, ich aber saß noch immer und starrte hinaus auf allerlei lichte Träume, die vor mir spielten. Da näherte sich von dem kleinen Brückenplatze her, in den der Burgberg und der Stadtgraben mündeten, der Lärm von Männerstimmen. Zwei krachbreite Bässe kollerten in lustigem Wechsel gegeneinander, und eingekeilt zwischen ihnen schnitt manchmal ein hohes, schrilles Organ durch, quäkend und oft überschnappend, bis es immer wieder von dem begütigenden doppelten Brummlachen verschüttet wurde. Dann vernahm man wieder nichts als den Taumelschritt der Trinkerpatrouille in den schlafstillen Gassen. Jenseits der Brücke lag eine verrufene Trinkstube, die zur Zeit des Bahnbaus entstanden war und noch damals das Stelldichein verlorener Männer bildete. Von dort her trugen wohl auch diese Armen ihren Rausch nach Hause. Sie bogen eben um Grulichs Ecke in den Burgberg ein. Es waren, wie ich vermutet hatte, drei Männer. Ein kleines, zusammengesunkenes Bündelchen von Mann hing zwischen zwei großen ungeschlachten Gestalten, mehr von ihnen geschleift als gehend. Ich hörte ihn unausgefetzt mit seiner schrillen Stimme gegen die Freiheitsberaubung protestieren und zog mich ein wenig hinter die Gardine zurück, um ungestörter beobachten zu können. In der Nähe unseres Hauses riß sich der Kleine plötzlich aus dem Griff seiner Begleiter und stand nach einigen geschickten Sprüngen vor unserer Haustür. Er schien vollkommen nüchtern geworden zu sein. »Rührt mich nich an!« herrschte er seine Kumpane an, die sich näherten, um ihn wieder fortzuschleppen. »Ich habe mit euch nichts zu schaffen. Wenn ich auch mit euch saufe, so bin ich noch lange nich euer Bruder!« »Nu, Hermann! Rinke, da hör' och, komm' und laß das Gealber. Du wirst a solange machen, bis dich Klapper einlocht«, redete der eine der Trinker begütigend auf ihn ein. Der andere aber zog ihn fort und sagte mit beißendem Lachen: »Komm' und laß das A–loch stehn. Es temperiert eben wieder mit 'm. Gut' Nacht, Rinke!« Mühsam stiegen die beiden weiter. Das war also der Tischler, und dahin hatte ihn die Treulosigkeit gegen meinen Vater geführt! Er war nun mitten auf die Straße getreten und stierte den Davongehenden nach. Als ihre Schatten in dem Dunkel der Torwölbung untergetaucht waren, brach er in vergnügt-leises Lachen aus. Dann näherte er sich wieder vorsichtig der Haustür, sah an der Wand empor und sann eine Weile nach. »Ich geh' eben nei und sprech gun Amd, Faber, und so und so«, sprach er darauf vor sich hin. »Wird sich schon alles wieder machen. Nee, nee! Es is noch nich aller Tage Amd!« – Jetzt stand er auf unserer Schwelle und begann leise an die Tür zu klopfen: »Heda, Robert, mach' auf! Schnell! Es muß heute runter vo mir. Es ist ein heiliger, guter Tag heute. Hörst du's nich? Die Luft hat geklungen. Mich erbeißt es sonst inwendig. Du bist ein guder Kerl, du bist ein ehrenbraver Mann. Ich lauf' und sag's, wo du willst. Sie können mich anspucken, ich mach' mir nichts draus, ich sag' all's, all's sag' ich, wie's is. Aber ich muß wieder in die Höh'!« Seine Stimme war immer dünner und hilfloser geworden. Nun setzte er sich auf die Steinstufen und sank in sich zusammen. Plötzlich riß er sich auf und schrie grell und qualvoll: »Faber-Robert!!« Dann begann er kindlich-weich zu flennen. Dazwischen betete er, verfluchte und verwünschte sich. Aufs tiefste erschüttert, tastete ich mich über die Stiege hinunter und traf im Flur unter der kleinen Flurlampe meine Mutter. Sie stand aufgereckt da, notdürftig bekleidet. Ihre Hände waren betend ineinandergekrampft, und während die Lippen sich hauchend bewegten, starrten die Augen weit offen, in einem fanatischen Feuer glühend, nach der Haustür, hinter der der Trunkene noch immer schluchzte und fluchte. »Mutter!« rief ich sie leise an, um den Vater nicht zu erwecken. »Mutter!« Aber sie starrte wie abwesend nur immer den Gang hin und fuhr fort, beschwörend zu beten. Endlich, beim nochmaligen Ruf schrak sie herauf und fragte erschöpft: »Was hat's denn? – Ach so, du bist's! –« Dann nickte sie ein paarmal und lächelte. »Siehst du,« flüsterte sie dabei, »jetzt hab' ich den Elenden in meine Gewalt gekriegt, und nun laß ich ihn nicht mehr los, bis er – bis er – ganz – ganz – –« da begann sie zu wanken. Ich sprang hinzu und führte sie geräuschlos auf das Sofa in der Wohnstube. Dort sank sie auf den Tisch und begann leise und weh zu weinen. Ich hielt ihre zuckenden Hände und wartete, bis sie sich beruhigt hatte. Dann küßte ich ihre Stirn, die welk und kalt war, und stumm ging jedes auf sein Lager. – – – – – – – – – – – – – – – – – Am folgenden Ostermorgen weckte mich Posaunengetön, und als ich den Vorhang meines Fensters ein wenig beiseite schob, sah ich eine Prozession von Männern in der milchweißen Frühe den Burgberg hinaufgehen. Die blauseidene Fahne mit dem Bilde des heiligen Josef in der Mitte wogte, zum Greifen nahe, an mir vorüber. Vom Turme der hohen Kirche jubelten alle Glocken. Die Männer kamen von Emmaus. Schon vor Tage hatten sie sich aufgemacht und waren im Dämmern den Florianiberg hinaufgestiegen, um in der kleinen Kirche unter den alten Linden den Heiland zu suchen und mit ihm zu reden, wie es die Jünger der Bibel getan hatten, nachdem der Herr von ihnen gegangen war. Sie zogen regellos vorbei, von keinem Zwang als dem ihres hohen Alters beengt und gebunden, und ihre Schritte klangen hart vor Schwäche oder schlürfend vor Erschöpfung. Den meisten zitterte der Rosenkranz in den welken Händen. Nur manche sangen, den eisgrauen Kopf geneigt, das Lied gegen die Erde, das die Spielleute an der Spitze des Zuges wie einen Siegesmarsch an den Mauern der ruhenden Häuser emporschmetterten. Unter all den Männern, die von den Jahren gedorrt und gedemütigt waren, schritt nur der alte Willmann in ruhiger Kraft hin. Seine weißen Locken wehten auf dem Rücken, der breite Bart bebte von dem sicheren Gange. Ohne zu singen oder zu beten, hob er seinen Kopf aus der Mitte der Geneigten und schaute mit dem Ausdruck stiller Freude nach dem kleinen Fenster seiner Klause empor, das hoch droben aus der Wackenmauer des Wartturmes ins weiße Morgenlicht blinzelte. Darauf duckte sich das Gedröhn der Hörner und Posaunen und der Mummelgesang der Greise in die Torfahrt, hob sich gedämpfter wieder in die Höh' und wehte dann leiser und leiser über den Ring der Kirche zu, deren Glocken noch einmal stark zu jubeln begannen. Wie erstickt vor Glück brachen sie dann jäh ab, und bald war von dem Liede nichts mehr übrig wie ein Zittern im Licht des jungen Tages. Noch lange nachher lag ich in dem schmalen Bette meines Stübchens und kostete bei geschlossenen Augen das Schweben einer silbernen Helle um mich. Meine Seele, die spät in der vorigen Nacht an dem düster-schrecklichen Leben des Tischlers Rinke und dem erschütternden Anblick meiner Mutter endlich im Schlaf erblindet war, lag nun in mir, als habe sie nie etwas beschattet und verschüttet. Ich weiß es wohl, nicht die Segnungen der Kirche durch Glockenruf, Prozession und Feiertagsstimmung hatten das Tor zu meinem Lebensmut wieder aufgesprengt, sondern es war der geheimnisvolle Strom gewesen, der aus dem weihen, stillen Antlitz des Mädchens am Fenster in der Stadtmauer in mich geflossen war und den heiligen, unberührten Kräften meiner übertrümmerten Jugend zum Ausgang in mein Leben verholfen hatte. Jedenfalls wirkte das Vertrauen zu mir nach dem monatelangen Siechliegen solche Wunder, daß ich die Kraft und den Willen in mir fühlte, das zerstörte Dasein meiner Eltern wieder zusammenzufügen und ins Licht zu heben. Diese Stunde in der Osterfrühe gehörte zu jenen seltenen Augenblicken großer Erhobenheit der Seele, in denen die vielverschränkten Wirrnisse des Lebens sicher in die Straße zu großem, wenn auch fernen Siege münden. Als ich unter der Decke hervor in meine Kleider sprang, stand der Entschluß in mir fest, dem erwählten Beruf treu zu bleiben und es zu etwas Tüchtigem darin zu bringen, um den Ruf unserer Familie wieder aufzurichten und meinen Eltern einen glückvollen Lebensabend zu bereiten. Kampf! Kampf! Mit dem Messer zwischen den Zähnen und kein Nachgeben und Zucken! In mir irgendwo aber stak ein Fensterlein mit lichten Scheiben. Dahinter blühte ein stilles, gutes Mädchengesicht zu mir her. Das redete allerlei Süßes und Betörendes und verlieh meiner ernsten Absicht die herzliche Frohheit. Mit sicheren Schritten betrat ich durch die sperrangelweite Tür die Wohnstube, die festtäglich geordnet voll des Frühlichtes war. Nur der süßlich-dumpfe Geruch der Cichorie schwamm darin wie der heimliche Atem des Kummers. Der Vater stand in weißen Hemdärmeln am Fenster, die schwarze Seidenbinde um den Hals, glattrasiert und blank gescheitelt. Die Mutter bückte sich eben über einen Topf am Herd. Bei meinem frohen Einbruch fuhren beide herum. Ich wünschte ihnen, der Sitte unseres Hauses gemäß, »gesegnete Feiertage«, tat das aber mit einer so hellen Stimme und einem so freien Gesicht, daß mein Vater ungläubig seine Hand in die meine legte und die Mutter ein fast bestürztes Gesicht unter meinem herzlichen Kuß bekam. Wenn sie mich gefragt hätten, was mir widerfahren sei, schwerlich wäre mehr als Belangloses über meine Lippen gekommen, denn von all den bunten Gesichten schimmerte nur noch ein lichtes Gefühl in mir. und wie rätselhaft Beschenkte saßen wir bald um den engbrüstigen Tisch mit den ängstlichen Beinen. Mein Vater verließ seit einem Jahre nur noch in der Dunkelheit und bei notwendigen Besorgungen das Haus, und blieb er auch an diesem erlösten Tage der Gewohnheit seiner Menschenscheu treu, so trug er sich doch mit gemächlichem Trödeln das Rauchgerät zusammen, rückte einen Stuhl ans Fenster und blies bald große Wolken in das Feiertagslicht hinaus, während seine Äugen stät und still über die Bäume des Spitalgartens nach der Hainoldhöh blickten und die Finger seiner Rechten auf dem Fensterbrett trommelten. Mich aber trieb das helle Flackern, das in mir nicht zur Ruhe kam, aus dem Hause durch die Stadt. Die Erwartung, einem noch nie Gesehenen zu begegnen, führte mich in den Gassen umher. Vor offenen Haustüren blieb ich ein Weilchen stehen, weil es mir war, das Unbekannte könne die verborgene Stiege des Hintergrundes herabkommen. An den Schaufenstern hielt ich an, und während meine Blicke gleichgültig die Auslagen musterten, spähte mein Lauschen hinter mich nach einem schwebenden Schritt. Aber ein Tritt im Hausinnern trieb mich von den Türen, das leise Heranrauschen eines Kleides verscheuchte mich von den bunten Fenstern, und traumbefangen irrte ich weiter. Einen Augenblick trat ich unter das offene Kirchtor. Als ich aber die predigende Stimme des Pfarrers Zimbal hörte, erlosch das Strahlen in mir, und ich floh. Und doch dachte ich gar nicht daran, daß mich die Liebe jage. Ich durfte mir nur vorstellen, das Mädchen, das von der Stadtmauer gestern abend nach mir geschaut hatte, könne aus einem Hause mir leibhaftig entgegentreten, dann erschrak ich. So floh und suchte ich sie lange, seligwirre Stunden. Am späten Nachmittage betrat ich vom Ringe her den Burgberg, um nach Hause zu gehen. Die Sonne stand schon geneigt und der lange, unförmige Schatten des Wartturmes erfüllte die enge Straße. Da kam es mir in den Sinn, wie schön es sein müsse, hoch da droben hinter dem Mauerkranze zu stehen, der um den vieleckigen, plumpen Zuckerhut der Spitze lief und über das Gewirr der Dächer unter mir den fernen Tanz der blauen Berge zu betrachten. Ich erinnerte mich auch, daß es für den alten Willmann keine liebere Freude gebe, als den Besuch eines jungen Menschen, sei es Männlein oder Weiblein. Allerdings hatte ich auch gehört, daß der Zudrang des jungen Volkes sehr nachgelassen habe, seit der frohe Alte einem hübschen Bürgertöchterlein einen Kuß geraubt und mit den Burschen allerlei, wie die Leute sagten »albernes Gerede« geführt habe. Da ich vor dem einen sicher war und das andere nicht fürchtete, sprang ich bald die enge Steinstiege empor, die steil an dem alten Gemäuer hinaufkletterte und vor dem niedrigen Pförtchen endete, das, über der Mitte der Torwölbung, unter den Ranken wilden Weines verborgen war. Die Tür versperrte ein klapperndes Schloß, und auf mein Klopfen und Rütteln hörte ich rostige Angeln kreischen. Schwere Schritte näherten sich auf hohlliegenden Brettern und standen an der Pforte still. »Wer draußen?« fragte eine volle, gesunde Stimme. »Ich!« antwortete ich törichterweise. »Gar nicht übel!« verhöhnte mich der Alte. »Aber, Mann oder Weib?« – »Ein Bursche!« beschied ich ihn. »Na also!« Mit diesen Worten, die unter Lachen gesprochen wurden, öffnete der Greis das Pförtchen weit und ließ seine lebhaften, schwarzen Augen Prüfend über mich hingleiten. »Sie werden verzeihen, Herr Willmann...« wollte ich meine Anrede beginnen. Aber er schüttelte seinen großen, ausdrucksvollen Kopf und sagte lächelnd: »Und so fort. Kenn' ich schon! Also spazieren Sie herein.« Er trat beiseite und schrillte das Schloß wieder zu. Wir standen in einer hohen Finsternis, in der, uns gegenüber, ein viereckiges Stück blauen Himmels hing. Es war die Öffnung, welche hinaus an den Mauerkranz führte. Rechts neben uns, kaum drei Armlängen entfernt, stand die kleine Tür zu dem Wohngemach offen, das im halben Dämmern lag, als habe sich darin das graue Licht einer längst vergangenen Zeit erhalten. Dort hinein wollte ich. Der Alte hielt mich am Arm zurück. »Vorn herein und hinten raus.« sagte er. »ganz wie im Leben.« Er schritt vor mir hin, bog und schwang sich mühelos durch die Luke hinaus. Und dabei war der Greis weit über achtzig. Möglichst geschickt wand ich mich ihm nach, ohne seine Hand zu ergreifen, die er mir von oben entgegenstreckte. Dann lichtete ich mit lachendem Aufatmen mich neben ihm auf. Ich bin seit meinem siebzehnten Jahre nicht mehr gewachsen, und so reichte ich dem hünenhaften Greise bis an die Schultern. Mit großer Freude musterte er mich abermals, klopfte mir auf die Achsel und sagte strahlend: »Schön, schön! Gut, sehr gut! Sie heißen Schnabel?« fragte er dann. »Nein. Faber.« »Oh. Faber? des Sattlers? Da sind wir ja Nachbarn!« »Ja. Ich habe Sie heute am Morgen unter den Emmausjüngern gesehen. Da bekam ich Lust, Sie kennenzulernen.« »Bloß deswegen?« fragte er ironisch. »Nicht allein«, antwortete ich etwas betreten. »Schon als Knabe habe ich mich gesehnt, hier oben zu stehen und über alles hinzublicken.« Dann bog ich mich über einen Mauerzacken und starrte angestrengt hinunter, denn ich wollte den Alten hindern, über unsere Familie zu sprechen. Die verwitterten Dächer der Häuser, regellos durcheinander und übereinander geschoben, sahen aus wie die Rücken großer Schildkröten, die in Muße über den steilen Berg hinunterkrochen, um in den Wassern der Neiße unterzutauchen, die schwarz und still drunten vorüberzogen. Rund um die Stadt stieg das Land in langgestreckten Hügeln empor, als eile es, sich von den grauen Mauern der Stadt zu den fernen Bergen fortzuschwingen, damit es nicht auch gebändigt und von Dächern vergraben werde. Tiefblau, groß und ruhig wallte das Gebirge weit draußen vorüber. Da räusperte sich der alte Willmann hinter mir. Als ich mich umdrehte, sah ich in seine sinnenden Augen und erkannte, daß er mich die ganze Zeit über betrachtet habe. Er nickte mir freundlich zu und rückte auf dem kleinen Bänkchen hin, daß ich neben ihm Platz nehme. Der Gang, der, von den Mauerzacken gegen die Tiefe geschützt, um die hohe, pyramidenförmige Spitze lief, war nicht breiter als zwei Schritte und dazu noch kurze. Seine innere Hälfte nahmen zierliche Beete ein. Sie waren peinlich sauber gehalten und trugen an manchen Stellen schon frisches Grün. Dann redeten wir dies und das von seiner Arbeit an dem seltenen Gärtchen. und er behauptete, daß ihm die Mühe gar keine Beschwerde bereite, weil das Alter nicht mehr so ungeduldig sei, die Handgriffe zu zählen. »Wissen Sie, und die Blumen gedeihen hier droben besser, weil sie der Sonne näher gehoben sind. Denn je tiefer das Licht hinunterlangen muß an die Erde, desto mehr entartet es«, sagte er nach einer Pause, in der ich, abgewandt, wieder sein sinnendes Auge auf mich gefühlt hatte. Aber aus seiner Stimme war nun die forcierte Borstigkeit geschwunden; sie hatte einen weichen, tiefen Klang. Mit unauffälligem Erstaunen kehrte ich mich zu ihm und war überrascht von der milden Schönheit seines Gesichtes, in dem die Augen voll jener fernhinzielenden Träumerei lagen, die nur ein reines Alter entzünden kann. »Sagen Sie mal,« begann er nach wohligem Säumen, »warum bin ich Ihnen denn heute morgen aufgefallen?« »Na, Herr Willmann ... Sie trugen Ihre schönen, weißen Haare über all den Alten und Müden wie, wie eine Siegerfahne«, antwortete ich, plötzlich von einem rätselhaften Schwung gepackt. »Das wollte ich nicht hören, junger Mann.« sagte er, betroffen zur Erde schauend, »das nicht! Aber Sie mögen wegen Ihrer Augen recht haben und denken, das Geblase und Geläut hat mir den Kopf gereckt. Ja, sehen Sie. und es ist dann auch etwas Wahres darin, es hat mir wirklich den Kopf gehoben – aber, weil es ihn mir nicht gehoben hat.« In seine Züge kam eine große Leidenschaftlichkeit. Plötzlich erhob er sich wie fliehend, trat an die Mauerbrüstung und wendete sein Gesicht ab, dem Gebirge zu. Als er sich wieder neben mir niederließ, hatte die stille Heiterkeit aufs neue Besitz von ihm genommen, und in sich hineingesprächelnd sagte er: »Komisch, wie die frühe Jugend und das späte Menschenalter sich gleichen; beiden siedet das Wasser in der hohlen Hand. Aber wir Weißen lassen es nicht überlaufen. Das ist der einzige Unterschied.« Ich glaubte ihn zu verstehen und antwortete: »Sie mögen mit Ihrem Mißtrauen recht haben, Herr Willmann. Allein ich würde die verspritzten Tropfen nicht nehmen, unter die Leute gehen und sagen, das hat der alte Herr getan.« »Wie alt sind Sie?« fragte er darauf. »Ich weiß nicht«, antwortete ich. »Denn der meisten Leute Alter entspricht wohl nicht ihren Jahren, sind sie erst aus den Kinderschuhen heraus.« »Sie meinen, wenn Menschen geboren werden, so ist es, als ob ein Handwerker zu seiner unterbrochenen Arbeit in die Werkstatt zurückkehrt?« fragte der Greis mit großen Augen. »Ja,« sprach ich, »oder vielleicht wie ein junger Vogel schon dem Himmel näher ist, wenn er sein Nest verläßt, das auf einem Baume oder Berge gebaut ist.« »Himmel?« fragte der Alte skeptisch. »Wo ist der Himmel?« Ich hob die Hand und wies hinaus. »Weil es das Lichte und Helle ist. Nicht wahr«, sagte Willmann und nickte. – So saßen und redeten wir, und ich wurde von der Weite dieser alten Seele immer mehr über mich hinausgeführt und tauchte oft mit so fremden, fernen Worten vor mir auf, daß ich ganz verwundert war. Als das Not über den Bergen schwamm, trieb ich wie im Rausch und mußte verstummen. Auch der alte Willmann saß schweigend neben mir und hielt wie verzückt sein weißes Gesicht dem Glanz des Abends hin. Dann erhob er sich, warf einen Blick auf den Burgberg hinunter, trat zu mir und fragte: »So gehört Ihnen wohl auch der braune Kopf, den ich diese letzten Abende so oft in dem Fenster über der Tür Ihres väterlichen Hauses gesehen habe?« »Ja«, antwortete ich zaghaft. Da lächelte der Alte glücklich. »Nun – neben uns aus der Stadtmauer guckt ein blonder Mädchenscheitel«, sagte er dann schalkhaft. Mir schoß das Blut ins Gesicht, ich wehrte mich und sah auf die andere Seite. Der Greis aber hob ein Samenbeutelchen von der Bank auf und streute einige Körner daraus in die rote Luft hinaus. »Wir wollen das in das Licht säen, mein junger Freund, damit es ins Sonnenhafte gedeihe«, sagte er sinnend. »Und wenn Sie mir altem Wolkenpfründner wieder eine Freude machen – auch die Blumen aus der Nahe sehen wollen, die und andere –, dann lassen Sie sich bald wieder einmal hier oben sehen. Sie sollen mir herzlich willkommen sein.« Ganz beklommen von dem, was mir widerfahren war, kam ich in meinem Stübchen an. Ich wagte nicht, aus dem Fenster zu schauen, sondern saß am Tisch und träumte in das Schöne hinein. Als ich auffuhr, starrte schon längst die schwere Nacht um mich. Auf der Straße drunten trappten dann und wann Schritte vorüber. – – – – – – – Welches Rätsel ist nicht der Gang des Menschen! Immer ein rechter und ein linker Schritt, und jeder ist ein Irrtum, eine Entartung der Absicht. In jedem Augenblicke aber wiegt auch der unsichtbare Meister in uns diese Verfehlungen gegeneinander ab. und zwischen unseren Füßen zieht er den Weg. Wie auf zwei Flügeln fallen wir über Abgründe unbekannten Küsten entgegen; denn auch unser ganzes Leben scheint aus dem Kampf des ewig Gegensätzlichen hervorzugehen. Den Ausschreitungen des Schicksals entlaufen wir, um in den Vertreibungen des Willens Schutz zu suchen. Aber welches Schema der Mensch auch ersinnt, um die stets flüchtige Hieroglyphe des Lebens zu bannen; er gleicht doch immer einem Manne, der ein Haus des Abends in Besitz nimmt und die Nacht über sich dort in eine Stube legt, um zu ruhen. Und wenn der Morgen heraufzieht, so muß er aufstehen und schon wieder davonziehen, und er weiß nicht, wer die waren, die in den dunkeln Stunden mit ihm unter demselben Dach gewesen sind, noch was ihm von ihnen und der unruhigen Nacht widerfahren ist. Nur auf dem Wege fällt ihm dies und das ein. So geht es mir, wenn ich auf die folgende Zeit meines Daseins zurückschaue. Nach der Ostervakanz zog ich auf das Seminar meiner Vaterstadt, das heißt, ich brachte die Unterrichtsstunden dort zu und wohnte als Ortseingesessener im Vaterhause, während meine Mitschüler im Internat hausten. War ich auch so der schlimmsten Beschädigung entrückt, so kostete ich doch soviel des Bitteren, daß ich es nie vergessen werde. Denn das System, nach dem man uns jungen Leute dort erzog, war das landläufige der Zerstörung und Unterjochung. Das Gebäude, in dem man uns in Unmündigkeit erhielt und jede freie Regung erdrosselte, lag außerhalb der Stadt, auf einer Bodenwelle und glich von außen in seiner kalten, grauen Härte einem Gerichtsgebäude oder einer Niederlassung der Trappisten. Durch seine hohen Gänge schlich eine pietistische Stickluft. Eine lebensfremde Frömmigkeit und Ehrbarkeit hockte in allen Winkeln, sprach aus allen Gesichtern. Die Lehrer schritten in steifer, geistlicher Würde einher und erlaubten sich nur, hinter verschlossenen Türen zu lachen. Sie thronten so fern in einer Wolke der Unnahbarkeit, daß keiner von denen, die sie führen sollten, es wagte, ihnen seine Bedrängnisse zu enthüllen und in der Not um Rat zu fragen. Mit Gebet stand man auf, mit Gebet aß man, schlief man ein, und alles das nicht nach dem milden Zwang herzlicher Frömmigkeit, nein, unter der mürrischen Stirn eines starren Gebotes. Eine Zigarre zu rauchen, war eine grobe Ausschreitung, ein Glas Bier zu trinken Völlerei, mit einem Mädchen zu sprechen Unkeuschheit. Nur jene, deren Blick immer in Demut gesenkt blieb, deren Lippen stets in stummen Gebeten zitterten, standen im Schatten der Huld. Es war eine militärische Drillanstalt der Gottseligkeit, ein Kloster mit den Formen der Kaserne, und deswegen gehörte sie damals zu den Musteranstalten. Aber wie es hier war, ist es wohl in den meisten Lehrerbildungsanstalten: Man erzieht die Jünglinge zum Servilismus, darum sind auch nirgends die Bedientenseelen so zahlreich wie in Preußen. So kam es, daß ich mich im Seminar gar bald recht unbehaglich fühlte, nur mühevoll den instinktiven Widerwillen gegen den Beruf unterdrücken und den Entschluß aufrecht erhalten konnte, meiner Eltern wegen darin Tüchtiges zu leisten. Das Versprechen an meinen Vater bewahrte mich indes vor jeder Untreue. Mit finsterem Mut stürzte ich mich in die Arbeit. Die Furcht, aus Unachtsamkeit oder Schwäche in gemächlichen, aufgelösten Stunden über das Schicksal unserer Familie zu sprechen, schloß mich auch hier von meinen Mitschülern ab, so daß ich zu keinem in ein anderes als rein oberflächliches Verhältnis trat. Zudem hatte ich in den tollen Knabenjahren all jene kleinen Räubereien am Unerlaubten genossen, die meine Kameraden nun zu heimlichen Unternehmungen anregten, verbotene Zigarren. Bier, eben alles bis zu Liebschaften. Ich fand es fade, über solchen Krimskrams ein langes und breites zu sprechen und ging einsam, abseits meinen Weg, auf dem mich wohl manchmal Schwermut überfiel, wenn ich sah, wie er gar so fern von Heiterkeit und Sonne führte. Außerdem legte das Leben im Elternhause noch manche geheime Last hinzu. Denn es rieb sich in jener Reizbarkeit auf, mit der der Leidende den Leidenden erträgt. Kurz, ich erlag oft einem Gefühl tiefster Verlorenheit. Dann machte sich wohl eine Helle über mir auf, und die Erinnerung an jenen Ostersonntag kam, da ich neben dem alten Willmann über mich und alle Berge hinaus in das Abendrot geschwärmt hatte. Ich brachte es aber lange nicht über mich, wieder an das Pförtchen über der Torwölbung des Turmes zu klopfen, weil ich sorgte, mein Vater könne die Besuche bei dem Greise als die Absicht empfinden, sein Unglück an Fremde zu verraten, und beschränkte mich darauf, von meinem Fenster aus den alten Wartturm sehnsüchtig anzuschauen und auf meinem Wege zu und von der Anstalt hinaufzugrüßen. An einem Sommerabend saß ich aber doch wieder auf dem Bänkchen hinter dem Mauerkranze an der Seite des einsamen Alten, anfangs stumm wegen der Untreue gegen meinen Vater und bedrückt über das lange Ausbleiben. Allein der Gütige wußte mit gleichmütigem Geplauder meine Beklommenheit zu heben und mit Warten und gelassenem Führen meine Verschlossenheit zu lösen, daß sich gar manches meiner geheimen Sorge in meine Worte verirrte. Erleichtert schlüpfte ich dann wieder unter dem Schutze des Dunkels hinter meinen Tisch und genoß die doppelte Freude, mich gegeben und bewahrt zu haben. Diese, bei einem Jünglinge meines Alters seltene Kargheit und Keuschheit war es wohl, wenn auch nicht allein, daß mich der Greis mit immer größerer Freude, zuletzt mit offener Liebe empfing, als sei ich nicht eines Fremden, sondern sein eigener Sohn. Bald gab es nur wenige Tage in der Woche, an denen ich nicht, sei es auch nur auf Augenblicke, zu dem Alten hinaufsprang. In demselben Maße, wie mich die Zurückhaltung etwas verließ, erwärmte sich der Alte an meiner leidenschaftlichen Not und meinen ungebärdigen Schmerzen für sein Leben, dessen Unruhe weit von ihm abgerückt war, wie hinter Bergen schlafende Städte stehen. Es dauerte Wochen, ehe er dies und jenes von seinen Geschicken in das Gespräch einflocht, und immer streifte er nur mit einigen Worten vorüber. An einem Oktobertage aber verlor er sich tief an seine Erinnerungen. Der Herbst jenes Jahres war ungewöhnlich lang, mit immer wolkenlosen Tagen und einer Lichtfülle, der nur die sommerliche Glut fehlte. Und der Sonntagnachmittag, an dem ich hinter der Mauerzinne neben dem Greise saß, schien der Höhepunkt der herbstlichen Schönheit zu sein. Die Luft flimmerte im Licht. Über den Dächern unter uns zitterte es wie von unzähligen leuchtenden Flämmchen. Die Stadtmauer mit ihren verschiedenfarbigen Steinen hing wie bebend neben uns in der Höhe und sah nicht aus wie etwas Festes, sondern wie ein riesiger, uralter Teppich, dessen verwittertes Muster noch einmal schwach leuchtete. Die gelben Grasbüschel zwischen den Steinen muteten an wie goldene Fähnchen, die auf das morsche Gewebe gesteckt waren. Weit hinaus dieselbe fürchterliche Schöne, als verbrenne die ganze Natur in tausend bunten Flammen. Der Florianiberg loderte im gelben Feuer der Ahornkronen, in der Bronzeglut des Buchenlaubes und in dem wehenden Funkenregen der Birken. Diese bunte, entzückende Vernichtung zog alle Täler entlang, glomm um jede Hütte und breitete sich aus, soweit der Blick über die wellige Ebene flog, bis an die Berge, die in die Luft dampften wie silberblaue, mächtige Rauchwolken. Auf den Telegraphendrähten saßen Stare und quirlten ihr schrilles Pfeifen in die feiertägliche Stille. Meisen geigten ruhlos aus allen Gürten. Von Zeit zu Zeit klangen die Glocken der Ähren von den Türmen und verschollen traumhaft gleich den Paukenschlägen einer fernen, grandiosen Festmusik. Dieses alles genossen wir miteinander, und gerade der Alte war unerschöpflich in Bildern, die tief in den Zauber des Herbstes fühlten, dieses Abendrot des Jahres. Plötzlich faßte er meine Hand und sagte: »Weißt du, mein lieber Junge, du bist doch nicht böse, daß ich so spreche?« Ich schüttelte mit glücklichem Lächeln den Kopf und erwiderte den Druck der alten, bebenden Hand herzlich. »Weißt du,« sprach er, »wenn man als alter Mann so sitzt und sieht, so fühlt man, daß einen das Leben doch nicht umsonst getrieben und gejagt hat, und daß das Dasein des Menschen doch einen hohen Sinn hat, der freilich anders ist als der, welcher die Menge führt.« Ich fragte, wie er das meine. Er sann einen Augenblick und bewegte dann abwehrend den Kopf. Nach einer Weile stillen Überlegens begann der Greis aus seinem Leben zu erzählen. Er stammte aus einem jener kleinen Häuser am Stadtgraben, die furchtsam, enganeinandergeschachtelt den Uferrand der Neiße entlang stehen und wie in weltabgewandter Demut sich kaum getrauen, nach der Straße zu ein Fenster zu kriegen. Nach der Neiße zu trieben sie lauschige Altanen, um in ihrem Schutze mit vielen Fenstern, wie mit stillen, verwundert-horchenden Augen über das Wasser drunten zu sehen. Sie standen damals so und haben sich heut wohl noch nicht geändert. In einem dieser Häuser wohnte Willmanns Vater, der Stadtschreiber und Vertraute des damaligen Bürgermeisters von Euen, in seinen guten Jahren ein hoher, fröhlich-strenger Mann. Wäre der Einfall der Franzosen nach der unglücklichen Auerstädter Schlacht nicht gewesen, er hätte sein Leben wie seinen Rock glatt gebürstet bis zum Tode. Nun erschienen Jeromes Franzosen, Bayern und Sachsen auch in unserer Gegend und schrieben von ihrem Hauptquartier zu Pischkowitz Kontributionen in der ganzen Umgegend aus. Das war so um das Jahr 1807. And während alle Bürgermeister und Schulzen den Eindringlingen alles nach Willen erfüllten, fiel ihnen Heisterbergs Oberhaupt, der Herr von Euen, durch Querulieren, Harthörigkeit und verletzliche Gehorsamtuerei so beschwerlich, daß ihm eines Tages der Befehl zuging, vor dem französischen General zur Verantwortung zu erscheinen. Der Stadtschreiber Willmann, in dem man die Haupttriebfeder zu allen Ärgerlichkeiten vermutete, mußte mit ihm gehen. Was dort auf dem Schlosse zu Pischkowitz geschehen ist, wird nie ganz aufgeklärt werden. Der fremde General, ein roher, äußerst gewalttätiger Patron, schlug den Herrn von Euen vor seinem Gefolge ins Gesicht und ließ ihm außerdem 30 Stockhiebe verabreichen. Dem verhaßten Stadtschreiber spielte man wohl noch übler mit. Bei Nacht und Nebel kamen die beiden wieder zu Hause an. Wochenlang hielt sich Willmann vor seinem Weibe und seinem einzigen Sohne verborgen, ging nicht aufs Rathaus und war durch kein Bitten und keine Tränen zu bewegen, sein Zimmer zu verlassen, in das er sich, durch den Türspalt, das Essen reichen ließ. Als er sich endlich wieder herauswagte und, den blauen Aktendeckel unterm Arm, dem Rathause zuschritt, war er ein verwandelter Wann. Die Augen scheu gesenkt, die Schultern hängend, den Rücken gekrümmt, die Brust eingeklemmt, scheu und zusammengehüfelt, stöberte er umher. Nach Monaten mußte er aus seinem Amte scheiden, weil es sich zeigte, daß sein Geist Schaden gelitten hatte. Nun saß er an seinem Schreibtisch und arbeitete vom Morgen bis in die Nacht ohne Unterlaß. Oft hörte man ihn mit lauter, befehlender Stimme sprechen, als verlese er ein langes, diatonisches Gesetz. Als die Nachricht von dem Sieg bei Leipzig ihn erreichte, starb er vor Freude. In seinem Nachlaß fand man in unzähligen Abschriften den »Entwurf einer Verfassung, die das Volk vor der Bedrückung durch Tyrannen zu schützen geeignet ist«. Die Frau verkaufte das Haus und zog zu ihren Eltern hoch ins Gebirge. Der junge Willmann kam zu einem Feinmechaniker nach Prag in die Lehre. Die Auflösung, die damals ganz Europa ergriffen hatte, die Unruhe und Zerrüttung seiner Familie steckte ihm im Blute, und als er es in seinem Handwerk zur größten Geschicklichkeit gebracht hatte, riß es ihm die Augen von der Lupe weg und lenkte sie in die große Welt. Ein abenteuerlicher Wagemut trieb ihn aus der Metternichschen Stickluft überall dahin, wo ein Volk sein Leben gegen die Unterdrückung für die Freiheit einsetzte. Er kämpfte mit den weißen Burschen gegen die Engländer; rannte hinter dem Revolutionsruf des alten Lafayette durch die Straßen von Paris, vagabondierte mit den Carbonari in Italien umher, diente im Solde des Schweizerischen Siebener-Konkordats und exerzierte endlich unter Bem, schon ergraut, in seinem letzten verzweifelten Freiheitsdrange, vor den Toren Wiens. Aber auch hier brach die Sache seiner heiligsten Hoffnung durch den Kleinmut, die Uneinigkeit und aufgeblasene Torheit der meisten Freiheitshelden zusammen. Windischgrätz fegte sie von den Gassen und kehrte sie mit eisernem Besen in die Kerker. An dem Tage, an dem Blum erschossen wurde, hockte Willmann mit anderen in der verrammelten Stube eines Hinterhauses auf der Kettenbrücke, finster, verbittert und hörte schweigend dem Zank und den kindischen Prahlereien zu, mit denen die Mutlosen ihre geheime Furcht zu verbergen trachteten. Als der Tag glücklich vergangen war, ohne daß ein Gewehrkolben gegen die Tür geschmettert hatte, in der Nacht, wagten sie endlich aufzuatmen. Nun schleppten die Weiber Essen und Wein aus der nächsten Taverne, und es begann ein übermütiges, unbesorgtes Schmausen und Trinken, wie wenn alles auf das Beste gelungen sei. Da schrieb Willmann mit zornbebendem Finger das Wort »Dreck!« in den Staub auf den Deckel eines Klaviers und schlich hinaus. In dieser Nacht kam ihm die Erkenntnis, daß der Mensch sich erst innerlich frei machen müsse von Wahn, Niedrigkeit, Enge und Irrtum, dann fallen endlich alle äußeren Fesseln von selbst. Nun begann eine Periode innerer Erlebnisse, während er mit Anspannung aller Kräfte für die Sicherstellung des nahenden Alters zu sorgen begann. Er wandte sich dem Maschinenbau zu und sah sich nach zwei Jahrzehnten im Besitz eines Vermögens, das ihn aller Not überhob. »Nun sitze ich«, so schloß er seine Erzählung, »an dem Ort, von dem ich ausgegangen bin, ledig der meisten Fesseln. Die Leute kennen mich nicht, und ich begreife selbst oft nicht, wer ich bin. Aber wenn Abende glänzen, wie der unter uns, an denen der Tag so bunt und heiter zu Tode kommt, dann fühle ich mich geborgen in meinen Augen, die durch tausend Erblindungen in wunscharme Klarheit gerettet wurden.« Dann erhob er sich und schaute lächelnd auf das Gewimmel der Spaziergänger, das unter dem Turm verschwand und aus der Torwölbung quoll. Als er sich wieder zu mir kehrte, fragte ich: »Herr Willmann, und welches ist der Sinn des Lebens?« Da antwortete er mit gütigem Ernst: »Mein Junge, das darfst du fragen; aber ich darf nicht antworten. Noch nicht. Vielleicht später. Vielleicht auch nicht.« – Traurig darüber, daß mich der Greis doch nicht seines ganzen Vertrauens würdigte, ging ich davon. – – – – – – – Ich hätte müssen kein Jüngling sein, wäre des alten Willmanns Erzählung spurlos an mir vorübergegangen. Aber die tollen Abenteuer des greisen Revolutionärs warfen meine Phantasie doch nicht zu sehr aus der gewohnten Bahn, denn unser ganzes Haus war ja voll von, wenn auch siecher, Unbeugsamkeit, und in mir selbst kochte der Freiheitsdurst wie eine verschüttete heiße Quelle. In jener Zeit drangen auch die ersten Nachrichten von dem Schicksal meines Großvaters an mein Ohr. So kam es, daß ich in manchen Augenblicken träumte, mein Ahne sei gar nicht in dem Kampf bei Waghäusel umgekommen, sondern habe sich unter fremdem Namen seiner Familie nachgeschlichen und sitze nun als der Alte vom Turm in dem Schutze einer grotesken Vergangenheit uns nahe und wache über unser Wohl. Seltsam war ja auch Willmanns fast väterliche Zärtlichkeit zu mir, die noch immer zunahm. Wenn ich aber mit neugierigen Fragen um sein Geheimnis schlich, wurde er plötzlich der fremde Wann, fern, hart, sogar feindselig. Tage lag dann Schwermut und Kummer über ihm, und sein Blick wirkte wie eine schmerzvolle Drohung. Hatte er mich gründlich verscheucht, so blühte nur seine Güte doppelt rührend, und ich fühlte gar bald, daß die kleinen Überraschungen, mit denen der Greis mich neckend erfreute, den Zweck hatten, den Nachhall seiner Härte schneller in mir zu verwischen. Mit dem Einsetzen der kalten Jahreszeit brach unser Verkehr ab. Der Schnee duldete kein Verweilen hinter dem Mauerkranze, und mit derselben heiteren Festigkeit, wie am ersten Tage, verwehrte mir der wunderliche Alte den Eintritt in sein niedriges Stübchen. Er tat das mit vielen gewaltsamen, humorvollen Gründen, hielt mir in der hohen Finsternis der plumpen Spitze eine Art feierlicher Rede, gab mir allerlei gute Räte für den Winter und verabschiedete sich, unvermutet in schweren Ernst verfallend, mit ein paar bebenden Worten und dem herzlichen Druck seiner kalten, zitternden Hände. Er schob mich eilig durch das Pförtchen und kreischte sofort das Schloß ein. Verblüfft stand ich unter dem Vordächlein und hörte Willmanns Schritt mühsam, wie schmerzvoll, der Stube zuschleichen und zögernd verschwinden. Der Gedanke, bis zum Frühjahr allein sein zu müssen, kam mich recht hart an, denn all meine Kümmernisse und Aufregungen hatte ich zu dem lieben Greise getragen, damit er sie in mir schlichte und glätte. Daß er mir die Erlaubnis erteilte, bei einem Anlaß von höchster Wichtigkeit an seine Tür klopfen zu dürfen, erschien mir als ein gar magerer Trost; denn wo sollte das Überschlimme herkommen, da ich über unsere Familie noch immer mir Schweigen auferlegte und es auch fernerhin tun wollte. Aber der Fall trat eher ein, als es mir lieb war. Wie in allen Seminaren bestand auch in Heisterberg die Einrichtung, den Zöglingen zweimal im Jahre, um Weihnachten und um die großen Ferien, Stipendien zu verabreichen, deren Höhe von der Bedürftigkeit, dem Fleiß und der Führung des einzelnen abhängen sollte. So sagte wenigstens unser Direktor, der Doktor Bode, der einen gestutzten Schnurrbart wie ein Kanzlist und einen sokratischen Hängebauch sein eigen nannte und außerdem die Gewohnheit besaß, vor seinem Eintritt ins Klassenzimmer stets erst die Mütze zur Tür hereinzustecken. Wurde er von einem Vorgesetzten angeredet, so lächelte er entschuldigend, ehe er antwortete. Es war ein grundguter Mann mit dem vorsichtigen Auftreten eines preußischen Beamten und den unbeholfenen Manieren eines Stubengelehrten. Ich hatte keinen Grund, an seiner Versicherung zu zweifeln. So bemühte ich mich tapfer um ein großes Stipendium und saß halbe Nächte bei den Büchern. Vor Jugendtollheiten hielt mich der ernste Geist ab, den unsere trüben Familienverhältnisse und die Erfahrung in mir geboren hatten. Indem war ich ohne Geld, denn bei uns war nun schon oft Schmalhans Küchenmeister. Wenn ich so abends die Mutter, mit scheuem Blick zum Vater hin, die Salzkartoffeln und das trockene Brot auf den Tisch tragen sah, wenn ich bemerkte, wie der Gebeugte geringschätzig die Speise musterte, mit Knirschen zulangte, mit bitterem Lächeln aß und dann empört aufstand, indem er das Messer auf den Tisch hieb, wenn all die Bitterkeit, Trauer und Wehmut mich bestürmten, dann kam ein unendlich süßes Glücksgefühl über mich bei dem Gedanken, daß ich einst an das engbrüstige Tischlein treten und vor den Augen der lieben Gebückten einen klingenden Reichtum hinstreuen würde: Lacht, Vater und Mutter, lacht! Bei der ersten Ausschüttung, drei Monate nach meinem Eintritt ins Seminar, wurde mein Hoffen enttäuscht. Ich erhielt nur das Schulgeld erlassen, nicht einen roten Heller in die Hand, trat an den Tisch neben dem bärbeißigen Lehrer, dem die Verwaltung der Anstaltskasse übertragen war und quittierte mit etwas affektierter Kühle. Das Fehlschlagen meiner Erwartung regte mich auch wirklich nicht sehr auf, denn ich tröstete mich damit, daß man mich erst beobachten wolle, um dann doppelt zu geben, wenn man sich von der Grundlosigkeit des Verdachtes überzeugt hatte. Ein Verdacht bestand, denn es war mir bekannt, daß Doktor Bode ein Studienfreund des Stadtpfarrers Zimbal war und die beiden Männer die Beziehungen, wenn auch etwas gedämpft, noch aufrecht erhielten. Außerdem verkehrte unser Religionslehrer Neumann als gerngesehener Gast auf dem Pfarrhofe, der im Laufe der Jahre, und besonders seit Herr Zimbal in den Reichs- und Landtag als Abgeordneter gesandt worden war, den Mittelpunkt der klerikalen Politik unserer Gegend bildete. So oder so. Der Geistliche, wenn er zum Pfaffen wird, ist unversöhnlich wie eine alte Jungfrau, und der Pfarrer Zimbal musterte mich bei Begegnungen auf der Straße noch immer mit der alten, kühlen Härte, mit der er mich armen Jungen einst von seinem Flur vertrieben hatte. Es ist auch nebensächlich, wie seine Abneigung gegen mich das Lehrerkollegium angesteckt hat. Die Tatsachen haben bewiesen, daß ich mit meinem vorschnellen Verdacht nicht auf unrechter Fährte gewesen bin. Bald sollte ich das erfahren. In Heisterberg war es üblich, daß die Seminaristen in der Schulmesse, die allmorgendlich in der Aula des Seminars abgehalten wurde, dem Geistlichen am Altar zu dienen hatten. Des Sonntags war für die Schüler ein feierlicher Gottesdienst in der Pfarrkirche. Dann mußten die Seminaristen, mit bunten Röckchen und weißen Hemdchen bekleidet, denselben Dienst versehen. Es war putzig anzuschauen, wenn hochgeschossene Jünglinge in dieser kirchlichen Tracht, die eigentlich für Knaben berechnet war und den jungen Männern kaum bis an die Knie reichte, vor dem Altar hin- und herknicksen mußten. Als ich das erstemal das sah, befiel mich Scham, denn ich war einer der Größten meiner Klasse und hätte in dieser Montur unzweifelhaft eine vollkommen lächerliche Figur abgegeben. Darum beschloß ich, diese Ehre auf jeden Fall von mir abzuwenden. Mein Hintermann in der Klasse, der Sohn eines Dominialschäfers, von Geburt aus in jeder Art von Unterwürfigkeit bewandert, fand sich leicht bereit, meine Rolle als Ministrant zu übernehmen, wenn mich die Reihe traf und freute sich mit seinem glucksenden Lachen recht herzhaft in sich hinein, weil es ihm vergönnt war, ohne Gefahr auch einmal ein Abenteuer zu bestehen. So ging es an den gelben Bäumen vorbei in den Winter hinein, und ich hatte in all meinen geheimen Lebensnöten diese Verfehlung beinahe vergessen. Eines Morgens, in der Katechismusstunde – es war etwa vier Wochen vor Weihnachten – rief mich der Religionslehrer mit eigentümlich eingekniffener Stimme auf, daß ich das gelernte Pensum hersage; ich fuhr in die Höh', und als ich es wie verhaltenen Zorn in seinen langen, geraden Backen hinunterlaufen sah, richtete ich mich noch straffer auf und packte mit vollem Blick in sein blasses Gesicht. Dann begann mein Vortrag. Pater Neumann senkte seine hohe Stirn so tief, daß ich die hintere Seite seiner großen, abstehenden Ohren betrachten konnte, und das Haarhäufchen, das wie eine schwarze Maus mitten auf seinem blanken Schädel kauerte, kam in Gefahr, herunterzurutschen. Nun hatte ich geendet. Der Religionslehrer tippte noch einige Male mit dem Bleistift auf das Katheder und richtete sich dann auf. »Hmja, Faber, gut«, sagte er und lenkte jetzt seine dunklen Augen, die wie zwei große Stanzlöcher aussahen, auf mich. »Sie haben gut memoriert – und nicht ministriert. Sie sind diese Woche an der Reihe, lassen sich aber vor dem Altar nicht sehen, jetzt nicht, und, erinnere ich mich recht, früher auch nicht.« Ich sagte ihm meinen Grund, schlicht und furchtlos. Pater Neumann schlug seinen Bleistift leicht auf und stieg mit dürren, umständlichen Beinen vom Katheder. Als er sein Haarmäuschen auf dem Kopf aufgedreht hatte, war er wieder ruhig in seinem langen Rock und begann, in dem Raum vor den Bänken auf- und niederwandelnd, von der hohen Würde und heiligen Ehre des Ministrierens einen langen Sermon, ja, verstieg sich soweit, diesen Dienst ein Werk zu nennen, um das die Engel im Himmel uns beneiden. Ich hörte aufrecht und ernst zu. Dann stieg er wieder auf seinen Kathederstuhl und fragte nach gepreßtem Aufatmen: »Und was haben Sie nun zu sagen?« »Ich habe den Danske ersucht, mich zu vertreten«, antwortete ich. Er schob die Brauen über der Nasenwurzel zusammen und hieß mich ruhig setzen. Alles war so ganz im Ton einer beiläufigen Unterhaltung verhandelt worden, daß alle meinten, die Sache sei erledigt. Es kam aber anders ... Acht Tage später sah ich zwischen der dritten und vierten Abendstunde, also nach fünf Uhr, unter meinen Mitschülern in der Klasse. Da erschien der Hilfslehrer Mieding und rief mich ins Konferenzzimmer. Dort traf ich das Lehrerkollegium vollzählig um den langen, grünen Tisch versammelt, alle stumm, pfahlsteif, voll drohender Würde. Mir blieb der Atem in der Brust stehen, aber ich drückte mir die Nägel in die Hand und dachte: Kopf hoch! Da fuhr auch schon Doktor Bode so ungestüm empor, daß die Knöpfe seiner Weste an der Tischkante rasselten. »Sie haben die Anstaltsgesetze auf das gröblichste verletzt!« schrie er ohne Umschweife mit erzwungener Aufregung, schilderte dann mein Verbrechen, bewies mir Ungehorsam, Hartnäckigkeit und überlegten Trotz, da ich nach der eingestandenen Schuld weder Reue gezeigt, noch auch, wie es sich doch gehöre, Herrn Pater Neumann um Verzeihung gebeten habe. Eine Rüge und Verlust des Stipendiums war meine Strafe. Ich traf auf keinen milden Zug bei all meinen Richtern. Mit fast schreiender Stimme bat ich um einige Worte zu meiner Verteidigung, denn es schnürte mir die Kehle ein. Doktor Bode, der gute Mann, schoß in höchster Wut wie ein Bolzen wieder herauf und brachte nichts heraus als ein mehrmaliges: »Raus!« Alle markierten Entsetzen, und der dröhnende Baß des bärbeißigen Kassierers überschlug sich wegen meiner »bodenlosen Frechheit«. Der eilige, kleine Mieding sprang auf mich zu und fragte höhnisch, ob er mir die Tür öffnen solle. Finster und feindselig sagte ich: »Bitte!« Die Tür flog auf, ich machte Kehrt und war draußen auf dem Korridor. Der war voll Rauschens wie von unsichtbaren Wassern, die Lampen schwirrten wie gelbe Vögel hin und her. Ich wartete, bis alles still war, die Lichter wieder sicher an den Wänden glühten und betrat dann aufgereckt, mit erzwungenem Lächeln, das ich kalt und verzerrt wie eine Fratze im Gesicht fühlte, das Klassenzimmer. Niemand wagte zu fragen, was es gegeben habe. Ich nahm meine Stirn in die Hand und machte mich über mein Buch. So war es also wieder nichts mit der Unterstützung, und ich hatte es mir schon ausgemalt, wie ich meine Eltern zu Weihnachten überraschen wollte. Ein kleines Christbäumchen, über und über mit blitzenden Silberstücken behängen, sollte unvermutet im Dämmern vom Werktisch meines Vaters aufleuchten. Noch während ich nach der letzten Unterrichtsstunde aus dem Seminar nach Hause ging, fraß die bittere Trauer über die Vernichtung meiner Hoffnung an mir. Plötzlich überfiel mich eine Stille, die war voll geheimen, sarkastischen Frohlockens; ich war nicht imstande, mich ihr zu entziehen. So, als ob die Lehrer, durch das Böse, das sie mir auf Drängen des Paters Neumann angetan, mich von sich losgebunden und mir die ganze Freiheit wiedergeschenkt hätten, war es mir. Ein bitterer Jubel, den ich vorderhand nicht begriff, lag in mir, schwang meine Beine zu trotzigem Schreiten und läutete mir das Herz hart und kalt. Meine Eltern merkten nichts von dem, was vorgegangen war; nur trieb es mich früher als sonst auf mein Stübchen. Denn, wenn ich das zerknitterte, demütige Gesicht meiner Mutter und die düstere Verlorenheit im Auge meines Vaters bemerkte, dann faltete es mir die Hand zur Faust, und ich war versucht, sie dröhnend mitten auf den Tisch zu setzen. Darum schützte ich dringende Arbeit vor, wünschte beiden gute Nacht und stieg hinauf hinter meine Tür. Mein Zimmerchen war finster wie ein zugenagelter Kasten. Das Bombenöfchen in der Ecke schluckte an seinem kleinen Feuer und blinzelte dann und wann mit dem roten Türloch auf, wie mit einem einzigen Auge, schläfrig und mißvergnügt, und sein roter Blick glitt träge an der gegenüberliegenden Wand entlang. Ich mochte die Lampe nicht anzünden und mich in den engen Kreis des Lichtes gefangen setzen, sondern stand in der Finsternis wie in schwarzer, grenzenloser Weite, erlöst und verlassen zugleich. Kam dann der rote Streifen neben mir auf und sank vorüber, so war es mir, als gehe unsichtbar ein wegkundiger Wanderer vorbei, und der Lichtstreifen aus seiner Laterne zittere über einen stillen Flußspiegel zwischen mir und ihm. Davon kam ein dumpfes Stocken in mein Hirn, so, als würde ich von einer letzten, rätselhaften Sicherheit abgedrängt. Bald puffte das Feuer im Ofen nur noch in langen Zwischenräumen schwach auf und blies ein Schwelen ins Dunkel, das so matt war, daß es wie machtloser, roter Atem zerrann, ehe es die Wand ertastet hatte. In Angst murmelte ich: Man müßte zum Direktor gehen und bitten, die Strafe zurückzunehmen, oder zum Pater! Wir brauchen doch das Geld! Denn meine Eltern hungern ja. Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, als ein Picken, Knistern und Rasseln durch den kleinen Ofen lief, in dem Rohre hinaufhuschte und scheinbar durch die Mauer verschwand. Ich war von jeher ein beherzter Mensch. Aber nun dies hören und denken, die Großmutter spuke um mich, war eins. Ohne zu überlegen, griff ich über die Bettdecke nach meiner Mütze und schlüpfte auf den Zehen in den Flur. Die Treppe knarrte nicht unter meinen Füßen. Drunten hörte ich den schweren, brodelnden Atem meines Vaters aus der Schlafstube, stellte die Klingel ab, schloß die Haustür auf und stand draußen unter dem Nachthimmel; der hing in der Höhe wie ein schwarzblaues Stahlschild mit unzähligen, blitzenden Silberbuckeln. Ich werde mich nicht bücken, dachte ich bei mir, als ich das sah, und begann die Füße zu setzen, einen vor den andern, über den Berg hinauf, in die Torwölbung hinein, über die enge Stiege, immer schneller, als könne es gar nicht anders sein und hielt bald den rostigen Griff von Willmanns Türpforte in der Hand. Ich wartete und schlang ein wenig an meinem fliegenden Atem. Erst jetzt fiel mir's ein, ob der Greis noch wach sei. Ich hob den Kopf und sah durch das Weingerank den Schein des stillen Lichtes aus seinem Fenster in die Nacht hinaushängen. Im nächsten Augenblick wirbelte ich auch schon mit ungestümer Hand die drei verabredeten Schläge gegen die Tür. Drinnen kam des Greises Schritt vorsichtig bis hart ans Pförtchen. Hier hielt er, und ich hörte den Alten schwer überlegend atmen, dann sprach er unwirsch und knurrend meinen Namen als Frage. Ich sagte: »Ja« und schämte mich, daß in einem Frost, der mich plötzlich befiel, mir die Zähne aufeinanderschlugen und eine Erregung über mich kam, die als Zittern durch meinen Körper lief. Am liebsten wäre ich wieder nach Hause gerannt, doch das Pförtchen ging auf, und der Schein der Lampe, die Willmann in der Hand trug, sank heraus. Kein Gruß, kein Laut kam von den Lippen des Alten, und als ich ihm drin gegenüberstand, musterte er mich mit finster-ernstem Blick. Da rührte sich mein verletzter Stolz. »Wenn ich störe, Herr Willmann, so will ich nur gleich wieder gehen«, sagte ich möglichst fest. Er griff, ohne etwas zu erwidern, mit seiner freien Hand nach meiner herunterhängenden Rechten, und als er das Beben in ihr wahrnahm, sprach er kühl: »Schließ' ab und komm'!« Bei meinem Eintritt ins Zimmer stand die Lampe schon auf dem Tisch, und Willmann zog vor einer Nische in der Mauer den grünen Vorhang fester zusammen. Der Raum war eng und niedrig, aber ihm fehlte das Heimelige nicht, das alten Wachtstuben eigen ist. Seine Einrichtung, aus einfachen, dunkelgebeizten Eichenmöbeln, entsprach eigentlich ganz der früheren Bestimmung und bestand aus einem rammigen Tisch, zwei Stühlen und einer Bank, die um zwei Wände und in die tiefe Fensternische hineinlief. In der Ecke knotzte ein winziger, grüner Kachelofen, und an den Wänden hingen einige vergilbte Kupferstiche. Willmann hatte sich in der dämmerigen Fensternische niedergelassen, und obwohl sein Haupt in den breiten, weißen Bart gesunken war, bemerkte ich doch, wie er mich aufmerksam beobachtete. Ich stand noch immer in der Nähe der Tür und konnte meiner Bestürzung über das veränderte Betragen des Verehrten nicht Herr werden. Doch die Überzeugung, es sei besser, die Sache im Guten oder im Schlimmen ans Ende zu bringen, als fortzulaufen, bestimmte mich, ohne Aufforderung auf der Bank Platz zu nehmen. Kaum war das geschehen, so hob Willmann den Kopf, strich sich den Bart zurecht und erzählte ohne Umschweife etwa folgendes: »Als ich noch in Prag lernte, war ich einst allein in der Werkstatt und machte mich in Neugier an eine Maschine heran, die der Meister niemand anvertraute. Hinter meinen unkundigen Griffen löste sich irgendwo die Sicherung, und das äußerst zierliche, komplizierte Werk begann nun so rasend zu arbeiten, daß ich fürchten mußte, es könne jeden Augenblick in Stücke fliegen. In Angst riß ich die Tür auf und rief nach dem Meister. Er kam, sah, worum es sich handle, stellte mit einem Fingerdruck die Maschine ah, verabreichte mir eine Ohrfeige und sprach: ›Man soll nicht nach Hilfe schreien, ehe man nicht selbst alles versucht hat.‹« Nach diesen Worten ließ der Greis eine Pause eintreten, richtete seine Augen fest auf mich und fragte: »Hast du mich verstanden?« »Ja.« antwortete ich, »alles. Sogar das von der Ohrfeige.« »Und willst du mir jetzt noch etwas anvertrauen?« fragte er weiter. Ich zögerte. Willmann blickte indessen zum Fenster hinaus, dann drehte er sich um und sah, wie ich dasaß, mit finsterem Blick die Tischplatte anstierend. »Hast du deinen Eltern schon davon gesprochen?« fragte er abermals, aber ein wenig weicher. »Nein.« sagte ich dumpf, »sie würden zu sehr darunter leiden.« »So?« sprach er. »nun, dann erzähle also!« Ich begann stockend und unsicher, aber je weiter ich kam, desto mehr verwandelte sich die Angelegenheit und wurde aus dem vereinzelten, bitteren Mißgeschick zu, einem festverbundenen Glied in der Kette der Lieblosigkeiten und Bedrückungen, die ich in meinem Leben erfahren hatte. Doch von dieser Erkenntnis schwieg ich. um nicht das Unglück meiner Eltern antasten zu müssen und beschränkte mich darauf, dem Greis eine Vorstellung von dem Kummer zu geben, den die Verweigerung des Stipendiums mir verursachte. Allein, ich habe wohl nicht verhindern können, daß die geheime, tiefe Finsternis meiner Seele meine Worte verzweifelter und gramvoller gestaltet hat, als es die Bedeutung des Vorganges an sich erforderte, denn schon ehe ich geendet hatte, sah ich Willmanns weißes Haupt wie von unterdrücktem Lachen rucken, und als ich dann verdutzt schwieg, sprang er auf und brach in schrankenlose Lustigkeit aus. »Huhu! Schrecklich, furchtbar!« sprach er erstickt und wurde von einem neuen Lachkrampf geschüttelt. Da kam ich auch steil auf die Füße, wie von oben her ein Balken auf die Stirnseite fällt. »Herr Willmann, für mich ist es aber schlimmer Ernst, sehr schlimmer«, sagte ich bebend und trat hinter dem Tisch hervor. »Ach nee«, entgegnete er und näherte sich mir in ungebrochener Laune, um seine erhobene Rechte auf meine Achsel zu legen. Ich wich vor ihm zurück, unfähig zu atmen und fast betäubt vor Bitterkeit. Da zog er den Schritt wieder an sich. Die Lustigkeit fiel wie eine Vermummung von ihm, und sein Auge forschte über meine Züge. Dann sagte er trocken: »Schön. Gehe nach Hause und lege dich schlafen. Morgen früh trittst du vor den Pater Neumann und bittest ihn um Verzeihung.« Da war es mir, als erhielte ich einen Stoß vor die Brust. Was Zimmerchen verfinsterte sich von meinen aufsteigenden Tränen, und indem ich ganz leise mein »Gute Nacht« stotterte, drehte ich mich dem Ausgange zu, griff nach meiner Mütze und suchte den Drücker an der Tür. Die Wand floß wie ein graues Wasser vor mir, und der Griff war nicht zu finden. Plötzlich fühlte ich mich an der Achsel gefaßt und wurde herumgezogen. Willmann stand dicht vor mir. Sein Gesicht strahlte in der tiefen Güte, die ich an ihm gewohnt war. »Nein, nein,« sagte er herzlich, »so war es nicht gemeint. Komm' und setz' dich, mein lieber Junge!« Er zog mir die Mütze aus der Hand, drückte mich auf die Bank und neigte sich so nahe zu mir Erschüttertem, daß sein Bart meine Wange streifte. »Hat die Ohrfeige sehr weh getan. Faberlein?« fragte er liebreich. »Herr Willmann, wenn Sie alles wüßten«, stammelte ich vorwurfsvoll und griff nach seiner Hand. Er erwiderte den Druck mit voller Herzlichkeit und sagte: »Faß dich nur jetzt! Wenn du älter geworden bist und daran zurückdenkst, hoffe ich, wirst du mir nicht mehr zürnen deswegen, denn wer sich gegen seine Vorgesetzten auflehnt, muß ein Recht dazu haben in der Notwendigkeit seines Lebens. Der Aufsässige aus bloßer Leidenschaft wird ein unfreier und knechtischer Mann.« Ich hob den Kopf, um etwas zu erwidern. Er ließ mich nicht beginnen, sondern fuhr fort: »Nein, nein, ich weiß schon. Was die Lehrer dir angetan haben, war töricht und hart. Abzubitten gibt es da natürlich nichts. Doch nun sage mir alles, was du sonst auf dem Herzen trägst; vielleicht kann ich dir helfen.« Das erstemal in meinem Leben kam die Wollust des Ausströmens über mich, die eine Angst und neues Beladen ist. Wie man aus einer dunklen Stube in die andere flieht, so entrann ich mit meinem Wort der Gebundenheit unabwendbarer Tatsachen, um mich zum Schlecken in meinem Leben erst recht als in einer weglosen Fremde wiederzufinden. Mein Erzählen wurde ein Jagen, ein Wirbel leidenschaftlicher Ausrufe. Wie Stößer, vom Sturm getrieben, taumelten meine Worte, und mir ging die Empfindung ganz verloren, was zu verschweigen und was zu bekennen sei. Ich vergaß, wo ich war und was das Neben sollte, das wie ein Rausch mit mir arbeitete. Als säße ich einsam am fremden Tisch in einsamer Stube, niemand zum Genossen, als den Klang meiner zerhackten, freudlos heißen Stimme, so redete ich von meiner Frömmigkeit und ahnungsvollen Kindersehnsucht nach Licht, dem Kampf meines Vaters mit dem Tischler und Pfarrer, von Zimbals Härte, von Kaliske, Hirzels Tod und dem Pfarrer Nitsche. Die Zweifel an meinem Glauben, die ich vor mir verheimlicht und doch alle getreulich aufbewahrt hatte, tauchten herauf wie grelle Sicherheiten, und da es für mich damals noch keinen anderen Standpunkt gab denn den, die Kirche wirklich als eine Institution Gottes und jeden Priester als seinen geheiligten Diener anzusehen, einen Himmelsmittler, hocherhoben über die Menschen: Ward ich nicht nur tiefer ratlos in meinem Leben und mutlos im Herzen, während ich erzählte, sondern sogar irre an Gott selber, weil gerade von der Kirche mir das schwerste Unrecht widerfahren war und ihre Gewalten meine Not wie eine Schande behandelt, mich verlassen, von sich gestoßen und verfolgt hatten. Als ich geendet hatte, erwachte ich wie aus einem Traumwandeln und wußte nicht, sei es der Nachhall meiner Stimme, der sich lang und singend durch die Stube dehnte, oder sei es der Laut des Windes, der sich aufgemacht hatte und um die Fenster strich. Willmann sah mir gegenüber, finster und leidenschaftlich, seine Augen groß und kochend, und sein Mund bewegte sich in leisen, stoßenden Worten, die ich nicht verstand. »Herr Willmann«, sagte ich zaghaft und bittend. Er rührte sich nicht aus seinem bösen Bann. »Herr Willmann«, bat ich dringender. Der Greis verharrte noch eine Weile versunken und entstellt. Dann richtete er sich schwer auf und lenkte seinen Blick auf mich. Sein Auge war tastend und unsicher, als sitze ich in großer Ferne, oder als liege dichter Nebel zwischen mir und ihm. Während er mich so zu suchen schien, sank die Härte ganz aus seinem Gesicht, und jener trauervolle Ernst kam in den Zügen auf, der mich von ihm geschreckt hatte, wenn ich früher mit Fragen über den Sinn des Lebens in ihn gedrungen war. Nachdem er mich lange sinnend betrachtet hatte, sagte er: »Faber, und wenn ich dir nun den Rat gebe, gehe nach Hause und versuche mit ernstem Willen, ob du es über dich bringst, daß dein zerschlagener Glaube wieder zusammenheilt, könntest du das, mein lieber Junge?« »Herr Willmann,« antwortete ich, »wenn ich nur vergessen könnte, was ich erfahren habe und gegen meine Absicht sinnen mußte. Aber wenn ich sitze und im Katechismus lese oder in der Bibel, so steht es in mir auf und mäkelt an allem, und Zweifel fressen an mir. Ich kann nicht mehr beten, und selbst von den Sakramenten kommt kein Frieden in mich. Denn sehen Sie, die Priester lehren anders und handeln anders, und gar vieles aus den Naturwissenschaften stimmt auch mit ihrem Wort nicht überein. Ist es falsch, warum lehrt man es uns? Ist es wahr, warum muß ich anders glauben? Ich kann nicht! Ich kann das nicht, was sie von mir wollen.« Wieder verging eine lange Pause. Willmann saß regungslos da und sann schwer vor sich nieder. Dann begann er in demselben fast drohenden Ernst: »Ich wollte, es stünde anders um dich. Aber es läßt sich wohl nicht mehr auswischen. Das sehe ich. Ja, es ist finster um dich, und wenn ich dich gehen lasse in deiner Not, so kannst du stürzen, und ich müßte mir Vorwürfe machen, daß ich dir nicht beigesprungen bin mit der Hilfe, die ich habe.« Darauf fuhr er entschlossen in die Höhe und sagte fest: »Gut, es muß sein!« Ich hatte mich auch erhoben. Willmann packte mit festem Blick in meine Augen, streckte mir die Hand über den Tisch entgegen und sprach: »Aber Faber, hier versprich mir's, daß du in deinem Leben keinen unrechten Gebrauch machen willst von dem, was sich dir nun öffnen soll. Denn viele sind schon zugrunde gegangen daran. Und ich weiß nicht, was mir geschähe, wenn es zu deinem Verderben ausschlüge. Nun geh' nach Hause, und morgen, wenn du Zeit hast, wollen wir den Vorhang wegziehen.« Stumm und tief ergriffen tastete ich mich durch den finsteren Vorraum, und Willmann schloß hinter mir ab. Eben schlug die Uhr auf dem Ratsturm zwölf. Der hohe Wind blies die Schläge ineinander, daß sie sich anhörten wie ein einziges mächtiges Signal. – – – – – – – Am andern Abend fand ich mich bei guter Zeit in dem Turmzimmer ein, und der Alte begrüßte mich mit ernster, vertrauter Freundlichkeit. Mit keinem Wort kam er auf die Vorgänge der vergangenen Nacht zurück. Nach einigen belanglosen Fragen schob er den grünen Vorhang von der Nische und enthüllte seine kleine Bücherei. Da standen die Werke von Renan, Feuerbach, Strauß, Spinoza, Darwin, Kant, Gibbon, Ranke und mancher anderer großer, freier Männer. Dies und jenes der Bücher nahm ich mit ehrfurchtsvoller Erregung in die Hand, wog und betastete es, kurz, sättigte in jugendlich überschwänglicher Weise meine sinnliche Neugier, bis er mit Lächeln den Vorhang wieder zuzog. »Das sind nun die Bösewichte,« sagte er dann, »die dir bis jetzt den Zutritt in meine Stube verwehrt haben. Aber wenn ich dich mit ihnen nun bekannt mache, so warne ich dich im voraus, ihnen aufs Wort zu glauben und so in ähnliche Abhängigkeit zu geraten, wie die ist, aus der du dich lösen willst. Den Gott können sie dich so wenig lehren, wie irgendwer auf der Welt, den mußt du in deinem eigenen Herzen erleben. Aber den Schutt wollen wir aus der Seele räumen und niedrige, unwürdige Dächer einreißen, daß du zu dir gelangen kannst, denn der einzige Weg zu Gott ist der Mensch selbst!« Er saß eine Weile und sann. Darauf fuhr er fort: »Rühme dich auch deines neuen Wissens keinem Menschen gegenüber. Man soll keinem Brot reichen, der an Brei gewöhnt ist, und wenn du deinen Mund nicht hältst, so werden sie dich verfolgen und nicht ruhen, bis sie dich zugrunde gerichtet haben. Bist du reif und sicher, magst du tun, wozu dein Herz dich treibt. Denke an deinen Vater!« So oder doch ähnlich so redete er zu mir, und ich versprach, ganz nach seinen Worten zu handeln. In der gleichen, ernst-würdigen Art lehrte und handelte er alle die vielen Stunden und vergaß auch nicht, mich immer und immer wieder zu treuem Fleiß in der Schule zu ermahnen. Seine Unterweisungen sollten zwei Teile umfassen, einen negativen und einen positiven. Leider haben die Ereignisse nur die Abhandlung der ersten Hälfte zugelassen. Aber das wußten wir ja damals nicht. Voll Begeisterung und einem Eifer, als gelte es die Welt aufs neue zu erobern, gingen wir an die Arbeit. Teils trug Willmann an der Hand von Aufzeichnungen, die er sich tagsüber gemacht hatte, vor, teils las er aus diesem oder jenem Werke vor, das den Gegenstand, um den es sich gerade handelte, in wissenschaftlich gründlicher Weise beleuchtete. Manchmal mußte auch ich vorlesen. Seine Absicht ging dahin, mir den Beweis zu liefern, daß die Kirche nichts als eine geschichtlich gewordene Institution und die Fortsetzung des römischen Imperiums sei, die in ihrer Lehre nicht nur den willkürlichsten Gebrauch von den eigenen Kirchenvätern gemacht, sondern in ihrem Bestreben, zur Weltmacht anzuwachsen, sich nicht gescheut habe, selbst klare und eindeutige Worte Christi und der Apostel zu unterdrücken, zu verdrehen, ja sogar als häretisch zu bezeichnen, wie es die Bulle »Unigenitus« mit Sätzen aus Augustinus und dem heiligen Paulus unternimmt; du kennst ja wohl auch all das talmudisch-scholastische Versteckspiel. Ich aber wurde damals von den neuen Erkenntnissen wie von hellem Licht in die Augensterne getroffen, die, an halbes Dämmern gewöhnt, erst im Schmerz des Sehens und vor Erstaunen nicht recht zu begreifen wagten, dann aber ein Feuer in mir entzündeten, daß ich zu den verwegensten Vermutungen fortgerissen wurde und mich oft zu bizarren Meinungen verstieg. Der Greis duldete das anfangs kopfschüttelnd, faßte bei den phantastischen Ausschreitungen mahnend oft meine Hand, um mich zur Besinnung zu bringen und verwies mir, als all die kleinen Mittel seines Unwillens fruchtlos blieben, ernst dies ungesunde Schweifen. Aber er konnte ja nicht ahnen, daß diese Explosionen meiner leidenschaftlichen Natur die Folge des jahrelangen Verkrümmtseins in Winkeln und stummen Bohrens seien. Er sah darin mehr die Unbedachtsamkeit und Eitelkeit meiner Jugend und verfiel in Trauer und Bekümmernis, daß ich immer und immer wieder losraste. Mit ernstem Willen zwang ich mich daher zu äußerlicher Ruhe, konnte aber nicht verhüten, daß innerlich der von meiner Erfahrung zu Trümmern geschlagene Glaube wie von einem gepeitschten Brande vernichtet wurde. Als der Frühling über unsere Stadt sank, war aus meinem blühenden Kinderglauben eine Schar grauer, sonnenloser Schemen geworden. Ich hütete sie sorgsam aus Klugheit an meiner Oberfläche und schob die gewohnten religiösen Worte wie Marionetten am Draht meines Willens aus und ein. Drunten in mir, fern, lag das neue Erkennen und Fühlen, ein geheimer Garten, mein Hoffen, mein Frieden. Diese seelische Zweiteilung hatte sich ohne mein Zutun vollzogen und erfüllte mich anfangs mit geheimer Freude. Je mehr aber die lebendige Welt meiner Wesenheit in die Tiefe sank, je mehr die alten Straßen meiner Empfindungen, Betrachtungen und Urteile verödeten, desto peinigender wurde dieser Zustand. Ließ auch Willmann, um die seelische Gefahr zu mildern, in die mich seine systematische Zerstörung alter Begriffe brachte, dann und wann einen Zipfel des Glaubens sehen, den er sich erlebt und erarbeitet hatte, seine gelegentlichen Bemerkungen waren zu karg, eine sichere Vorstellung seiner Anschauung zu ermöglichen. Wenn ich es mir heut' überlege, so war ihm Gott die unvorstellbare Allgewalt, die alles bildet, durchdringt und erfüllt. Nicht als etwas Fremdes, Hineinwirkendes, sondern der tiefste Grund und Inhalt jedes Dinges, jeder Wesenheit. So wandelte seine Seele durch die Natur und die Schicksale der Menschen wie zwischen hohen, tiefsinnigen Götterbildern hin. Liebe, Güte, Barmherzigkeit; alle süße, tiefe Sorgsamkeit des Herzens bildeten ihm den nur uns Menschen eigentümlichen Adel. Das war ein zu hohes, weißes Firnenlicht für mich, der ich damals noch zu tief in der Idolatrie meines alten Glaubens, in der sinnlichen Not eines engen Lebens verstrickt war; eine zu ferne und späte Weisheit, als daß sie hätte vollen Eingang in meine junge Seele finden können. Viele selige Ahnungen, Träume mystisch gestillten Verlangens, geheimnisvolle Sicherheiten waren heimatlos geworden in mir, bedrängten mein Inneres als dumpfe Beklemmungen und warfen es in Schweifen und Suchen hin und her – – – – – – – Da schwammen die blauen Inseln des Frühlingshimmels wieder durch das weiße Gewölk heran; die Grasbüschel zwischen den Steinen der Stadtmauer fingen grünes Feuer, und eines Tages blühte gar aus dem Fenster der blonde Mädchenkopf, den ich in der ernsten Winterarbeit fast vergessen hatte. Wie das Gesicht einer versunkenen Welt, mir noch lebendig gerettet, tauchte sie vor mir auf, und das Spiel scheuer Zärtlichkeit zwischen uns begann aufs neue, aber süßer und etwas voller durch inneres Vertrautsein, kühner und deutlicher unter dem Einfluß der steigenden Sonne. Meine Unruhe fand ein Ziel, meine Friedlosigkeit Erfüllung. Träume und Ahnungen webten und sangen her und hin. Im Feuer meines Schwärmens ertrug ich jetzt sogar das Wissen, daß das Mädchen ein Mensch sei, Wally Göppert heiße und bei ihrem Schwager, dem Kaufmann Pausewang, wohne. Ich schrieb sogar Briefe an sie, die ich anfangs wieder vernichtete und dann tagelang nur verborgen und ängstlich des Mädchens Anblick genoß, weil es mir war, als müsse sie es erraten, daß ich mich an ihr vergangen habe. Endlich fand ich den Mut, diese kalligraphisch geschriebenen Epistel an sie zu senden, und obwohl ich keinen Namen daruntersetzte, verursachte mir dann jeder Briefträger, der auf unsere Haustüre zusteuerte, Herzklopfen. Wally lehnte nach solchen Ergüssen länger aus dem Fenster, und vermied sie auch, nach mir herunterzusehen, so hörte ich dafür aus der Tiefe des Zimmers ihre weiche Altstimme glücklich singen, wenn sie sich zurückgezogen hatte, und nahm es als ihre Antwort auf. In dieser Verfassung befand ich mich, als ich zu Anfang des neuen Schuljahres als einer der ersten auf dem langen Korridor eine Tür weiter trabte. Voll eines neuen Mutes, gerettet und zugleich tiefer gefährdet, nahm ich Platz in der höheren Klasse. Mein Gesicht war in jener Zeit blaß und hohlwangig und meine Schweigsamkeit herb und fast bitter. Die Mitschüler legten mir die Wortkargheit als Hochmut aus und zielten sogar mit versteckten Hänseleien nach mir. Dann entglitten mir manchmal die Zügel der Selbstbeherrschung, und ich geißelte sie in Ausdrücken, über die ich nachträglich erschrak, weil sie dies und das von meinem geheimen Wissen verrieten. Bei den Lehrern verlor ich jede Sympathie. Sie verstanden mich nicht, darum mißtrauten sie mir und erblickten vielleicht in meiner Blässe und dem Hang zur Einsamkeit die Merkmale verborgener Sünden. Wenigstens sprach Doktor Bode einst von den Gefahren des Alleinseins, der kindlichen Fröhlichkeit und den frischen Farben der Wangen als den Kennzeichen reiner Herzen und unverdorbener Seelen. Und das sagten die, die so wenig das Amt eines gütigen, weisen Jugendführers erfüllten und mit schuld an der Not und Gefahr meines Lebens waren. Der Zorn tropfte oft heiß in meinen Drosselknoten, aber das Mitleid mit meinen Eltern und das Versprechen an den alten Willmann duckten mich immer wieder unter. Eines Tages aber fiel doch der Funken in die geheime Zündmasse. Das Jahr war schon weit in den Sommer gerückt; das reifende Korn zitterte in der Hitze, und schon der Morgen kochte. Wir saßen in jenem Klassenzimmer, dessen Fenster auf den grellbesonnten Sand des Hofes hinausgehen. Sie waren geöffnet, die grauen Drellvorhänge heruntergelassen, und, obwohl es doch die erste Stunde war, hingen die meisten schon mehr in den Bänken. Pater Neumanns Stimme klang matt und undeutlich, als komme sie aus einem tiefen Korbe. Lange redete er so monoton und zerkaut; von Zeit zu Zeit streckte er sich und stieß einige Sätze schrill und gereizt heraus. Dann ruckten sich die Zusammengesunkenen auf und stellten den Kopf eine Weile aufrecht auf den steifen Hals. Aber wenn der schlecht vorbereitete Präzeptor wieder nichts bot als die Langweiligkeit wirrer Umschweife, krochen die Köpfe wieder enttäuscht zwischen die Schultern. Der Vortrag stolperte wie ein schlechtgeleitetes Gefährt auf unwegsamer Straße weiter, und mir bereitete es ein Vergnügen, zu beobachten, daß der Pater immer erregter wurde und manche Worte geradezu wieherte. Ich saß aufrecht da und sah ihm unverwandt in die Augen, um ihn noch mehr zu verwirren. Oft senkte er die Stirn, drückte sein Haarmäuschen auf den blanken Kopf und las unter dem Schutze der Hand große Strecken aus dem aufgeschlagenen Buch. Kam er dann wieder zur Höhe, so gab ich meinen Augen einen verweisenden Glanz und hakte mich mit dem Blick wieder fest. Ich geriet in die beste Stimmung. In dieser Weise sprach er vom Primat Petri und schleppte unter Schweiß aus dem Dogmengestrüpp allerhand Beweismittel zusammen, zu denen ich für mich kritische Fußnoten machte. Endlich gelangte er zu den Zeremonien der Papstwahl und betonte breit und wuchtig, daß die Kardinäle im Konklave nur unter direktem Einfluß des heiligen Geistes das Oberhaupt der Kirche wählen. Bei diesen Worten muß ich wohl gelächelt haben, denn er hielt im Vortrag inne, fixierte mich mit kalter Blässe und rief mir dann schrill zu: »Nun, Faber! Sie – Sie – Sie wagen zu lachen?« Die ganze Klasse zuckte wie unter einem Peitschenhieb aus halbem Traume, und ich wußte vor Verdutztheit nicht gleich, was er von mir wollte. Endlich hatte ich mich gefaßt und sagte etwas verlegen: »Verzeihung, ich glaube nicht gelacht zu haben!« »Glauben! Glauben Sie, wo es notwendig ist! Hier sind Tatsachen! Sie haben gelacht«, fuhr er weiter auf mich los. »Bitte, wenn es so ist, so geschah es ohne meinen Willen«, antwortete ich. »Was? Freche Ausflüchte! Nun lügen Sie noch vor Ihren Mitschülern!« Seine Worte stürzten nur so aus dem Munde. »Ich lüge nicht!« versetzte ich nun scharf. »Nun, also, Faber, warum lächelten Sie denn?« fragte er plötzlich liebreich und vertrauenerweckend. Und ich Unseliger ließ mich wirklich übertölpeln und antwortete: »Ich dachte im Moment an Alexander den Sechsten und Benedikt den Achten.« »Schweigen Sie, schweigen Sie!« fistelte er in höchster Wut. »Jetzt habe ich Sie erkannt, und alles ist wahr. Setzen Sie sich«, fügte er nach einer Weile voll Verachtung hinzu und nahm zögernd den Vortrag wieder auf. Plötzlich aber brach er ab und sagte gequält: »Nein! Nicht! Die Luft ist mir zu verdorben hier«, ergriff mit bebenden Händen den Hut und stürmte hinaus, wobei das Haarmäuschen auf seinem Kopfe ein entrüstetes Männchen machte. Furchtsam sahen mich meine Mitschüler an, denn sie begriffen offenbar den Vorgang nicht. Mir aber kam alles schrecklich komisch vor, und ich begann laut zu lachen. Doch die Reue folgte. Zu Hause saß mein armer Vater am Werktisch, den Nähkloben zwischen den Beinen und zog emsig den Faden durch den Lederbesatz von Hosenträgern. Bei meinem Eintritt in das Zimmer warf er die verhaßte Arbeit hin. »Na, wie is?« Er stand auf und erwiderte mit diesen Worten meinen langen, trauervollen Blick. »Gelt ja, immer Hosenträger – Hosenträger – Hosenträger! Ja, und noch einen Pfennig weniger pro Stück. Man möchte sich aufknüpfen am ersten besten ... aber was will man machen? Junge, Junge!« »Wie wär's, Vater, wenn du in der Zeitung ...« »Haha!« Er fiel mir mit Hohnlachen ins Wort. »Junge! Weiter nichts.« Das sagte er bitter und machte eine abwehrende Handbewegung durch die Luft. »Nicht wahr? In den Zeitungen, so etwas wie versteckte Bettelei treiben, damit alle sagen dürfen: dem Faber lauft das Wasser in die Mundwinkel. Niemals! Na, und?« Er stand vor mir und wartete spöttisch auf einen neuen Einwurf. Eine ferne, leise Angst vor schwerer Verantwortung, die ich durch die unbedachte Antwort an den Religionslehrer auf mich geladen hatte, brachte mich dazu, einen andern Vorschlag zu äußern. »Oder wie wär's.« sagte ich. »wenn du die Waren weniger genau und aus leichteren Zutaten herstelltest, damit du mit den Fabrikwaren der Geschäfte konkurrieren könntest?« »Die Waren!« höhnte er. »Wer fragt mich nach Waren!« Dann trat er an seinen Meisterbrief, der eingerahmt an der Wand neben der Tür in dem Laden hing, fuhr über das Glas und murmelte bitter: »Meister. Meister ... ha!« Darauf wandte er sich wieder zu mir und sprach: »Was ich aus der Hand gebe, muß so redlich und gut sein, wie jedes Wort aus meinem Munde. Wer lumpige Arbeit macht, wird langsam selber ein Lump!« Darauf verfiel er in Brüten. Meine Mutter aber stand geknickt an der Ofenbank und wagte nicht, die Wassersuppe auf den Tisch zu tragen. Das Fenster war halb geöffnet. Das Schüttern eines Lastwagens tönte vom Stadtgraben herauf, dumpf und hohl, wie die Bässe eines Trauermarsches. Dazwischen hörte man den leisen Gesang spielender Kinder aus dem Spitalgarten: Ringel, ringel Kasten, morgen müss' mer fasten ... Die Wanduhr tickte hüstelnd in unseren Kummer. Da scholl der schrille Pfiff einer Lokomotive vom Bahnhof herüber. Mein Vater fuhr herum, stürmte über die Stube und schlug das Fenster zu. »Ich kann das Pfeifen für meinen Tod nicht leiden«, murmelte er und ging an seinen Platz auf dem Sofa. Ich aber hätte weinen mögen vor Trauer über meine Voreiligkeit gegen den Pater Neumann. Eine große Unruhe und unbezwingbare Furcht, als stehe mir die Auflösung und Zerstörung meines ganzen Lebens bevor, bemächtigte sich meiner und trieben mich umher. Die Straßen des Städtchens wurden mir oft zu eng, und ich irrte draußen in den Feldern umher. Aber überall schreckten mich meine Einbildungen: Die Berge zitterten grau und erschöpft, wie Aschenhaufen in dem Dunst der mittsommerlichen Luft; die Bäume wagten kaum ein Blatt zu wenden, und die Sträucher lauerten wie verendetes Wild auf den Raien. Und einst sah ich fern von mir einen Mann auf der Straße, der blieb von Zeit zu Zeit stehen, fingerte erregt zum Himmel, trabte in komischer Eile ein Stück weiter, den Rücken gekrümmt, als suche er etwas Verlorenes und begann dann über den Graben zu springen. Dabei hörte ich ihn laut rufen, als feuere er sich an, und meckernd lachen. Neugierig spielte ich mich zwischen den Ährengassen heraus auf die Chaussee und sah ihn bald vor mir. Es war der irre Dorn-Schuster. Noch immer sprang er herüber und hinüber. Sein Gesicht war gerötet, seine Augen weit und erregt, seine Mütze saß ihm im Nacken. Ich rief ihn an. Da stand er still, ging an den nächsten Baum, kratzte mit den Fingernägeln an der Rinde umher und kam dann unvermutet so schnell auf mich zu, daß ich zur Seite treten mußte, damit er mich nicht umrenne. »Kennen Sie mich denn nicht. Herr Dorn? Ich bin ja der Faber-Franz, der Sohn des Sattlermeisters Robert Faber, Robert«, sprach ich. Er richtete sich stier auf und horchte wie auf ein rätselhaftes Geräusch aus der Ferne. »Aha,« sagte er und streckte mir seine mehlweiße, große Hand hin. »ein Sohn, haha, ein Sohn! Wissen Sie, ein Sohn! – Ein Sohn!« Er schüttelte den Kopf und machte eine abwehrende Gebärde mit der Hand. Dann schaute er finster auf die Erde und atmete aus wie ein überwachtes Tier. Bald aber erholte er sich zu seiner kindhaften Fröhlichkeit und begann unbändig zu lachen: »Also, hähähä. Sie sind also ein Sohn. Komisch! Das ist wie mit dem Könige von Serbien. Wie der aso die Leute – und auf der Heinoldhöh' stürzte ein Wagen, pardautz, samt 'm Bauer über den Rand nunder. Jaja, der Wind, der Wind! Es is mit 'm Bürgermeester sei'm Hunde auch nie anders. Da hat der Pfarrer gesagt: Recht muß Recht bleiben; aber das Wasser, das Wasser –! Das kümmert sich um nischt. Das geht bergunter. Ja. Na, ich muß gehen. Die Schwester Marianne hat nämlich die Raupen eingesperrt. Adje!« Er wandte sich ab, sprang zehnmal über einen Straßenstein und tollte dann gestikulierend und lachend in die Stadt zurück, ins Spital. Mir lösten sich die Knie. Ich mußte mich auf den Grabenrand setzen. Nach langem fiel es auf meine Seele: Wenn es deinem Vater geht wie dem Dorn-Schuster, dann bist du schuld. Du! Du! Ich blieb erstarrt sitzen, bis die Abendschatten mich nach Hause trieben. – – – – – – – So kamen die großen Ferien heran. Drei Tage vor Beginn der Freiwochen, zum Schluß der letzten Unterrichtsstunde, verlas der Direktor die Namen der mit einer Unterstützung Bedachten. Jener seltsame Instand, in dem man mit Inbrunst die Erfüllung einer Hoffnung ersehnt und sich zugleich sagen muß, daß jede Erwartung töricht sei; jenes Herzklopfen schlotterte in meiner Brust, das heiße, kurze Atemstöße loslöst, während das Denken eine kalte Starre im Bann hält. Nichts als das Bestreben, unter allen Umständen eine würdige Haltung zu bewahren, verleitete mich, meinen Nachbar zu fragen, wann er abzureisen gedenke, als der Direktor hinter seiner Kopfbedeckung in der Klasse erschien. Ich erhielt keine Antwort. Der Gefragte sah gespannt auf das Katheder, wo Doktor Bode seine Brillengläser putzte und indessen schiefen Kopfes nach dem Bogen schielte, der vor ihm lag. Ich fühlte mich allein und verlassen und glaubte, auf dem Rücken von den schadenfrohen Augen meiner Mitschüler ein Brennen zu spüren. Am den Direktor nicht ansehen zu müssen, ergriff ich in meiner Verlegenheit und Aufgeregtheit ein Tintenglas, neigte es zu mir her und blickte gespannt hinein. Derweil begann der Mann mit dem Kanzleibart die einleitenden Worte. »Es gereicht mir zur Freude,« so sprach er etwa, »den meisten von Ihnen eine Freude bereiten zu können. Sie werden heut' die Stipendien erhalten. Fleiß und Bedürftigkeit sind auch diesmal wieder die ausschlaggebenden Faktoren, beziehungsweise Gründe für die Bemessung der Höhe der Unterstützung gewesen. Daß daneben die Führung sehr schwer ins Gewicht gefallen ist, versteht sich von selbst. Nur ein Fall ist bei der diesmaligen Verteilung als Novum vorgekommen. Wir mußten einen Schüler trotz guter äußerer Führung und tadelloser Leistungen wegen einer Gesinnung ausschließen, die die Grenze des Erträglichen fast überschreitet. Nur die Erwägung, daß sie nicht das Produkt freien Willens sei und bei dem Ernst und den guten Anlagen des Betreffenden wohl noch in die rechten Wege einlenken wird, haben das Kollegium bestimmt, es bei dieser geringen Strafe zu belassen.« Das Hüsteln um mich hatte aufgehört. Die Worte des Direktors verklangen in einer vollkommenen Stille. Wir war es, als sei die Stube von dem Geflatter von Vögeln erfüllt. Ich neigte das Tintenglas immer mehr. Die Tinte floß heraus, über die Pultfläche der Bank auf den Fußboden. Und während ich abwesend auf den glänzenden, schwarzen Streifen vor mir starrte, raste, lachte, fluchte und wimmerte es in mir. »Faber!« rief der Direktor. Ich sprang auf. »Nein, durchaus nicht ... glauben Sie?« stotterte ich. »Sie vergießen ja die Tinte!« sprach er laut, um mich Verstörten zu sich zu bringen. »Oh ... vergessen ... bitte ...« Mit Gewalt entriß ich mich endlich dem betäubenden Wirbel meines Innern. Eben setzte um mich ein leises Lachen ein. Da hatte ich meine Sicherheit wieder. Mit kaltem Haß antwortete ich: »Verzeihen Sie, Herr Direktor, ich war auf Ihren Zuruf nicht vorbereitet. Der kleine Schaden, den meine Unachtsamkeit verursachte, läßt sich wohl leicht wieder entfernen.« Er sah mich forschend an. Ich erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. »Setzen Sie sich«, sagte er, wühlte hastig in seinen Papieren, stellte die Mütze hier- und dorthin, streifte prüfend mit seinen Augen über mich, als wolle er noch etwas sprechen, raffte aber dann alles zusammen und ging schnell hinaus. In der Tür drehte er sich zurück und rief grell in den Lärm: »Ich bemerke, daß die Stipendien heut' nachmittag um fünf Uhr im Konferenzzimmer ausgezahlt werden.« Mechanisch, mit überlangen, steifen Armen und klammen Fingern trödelte ich meine Bücher zusammen. Die Gesichter meiner Mitschüler sah ich wie blasse Papierfetzen durch eine graue Luft an mir vorbeihuschen. Unter großem, glücklichem Gelärm leerte sich die Klasse. Ich allein blieb zurück, und weil ich einsah, daß ich so wie so nicht nach Hause gehen könne, stopfte ich die Bücher unter die Bank und trat ans Fenster. In diesem Augenblick begann das Mittagsgeläut auf dem nicht allzu fernen Kirchturme. Die Glockenschläge fuhren wie tönende Kugeln durch die Luft, prasselten auf das hohe Dach des Seminargebäudes und schlugen vor mir auf den schrill besonnten Sand, daß er davon weithin zu erzittern schien. Dieser Sturmwirbel in die dicke, stehende Mittagshitze löste die Starre, die über mir lag. Laufend verlieh ich das Seminar. Noch immer trommelten die Schläge der Glocken in der Höh'. Doch nun war es, als würden sie mir gegen den Rücken geschleudert, daß ich unmöglich langsamer gehen oder stehenbleiben konnte. Die Leute, die mir entgegenkamen, trugen den Kopf geneigt und blinzelten von unten in die grelle Sonne. Manche Männer hielten die Mütze in der Hand und bewegten betend die Lippen. Als ich das sah, kam jäher Zorn über mich. Sie haben meinen hungernden Eltern das Brot vom Munde gerissen, murmelte ich vor mir hin, und sagen, sie tun es im Namen Gottes. Eines sauberen Gottes. Dann riß ich den Hut vom Kopfe und stürmte weiter zwischen Obstgärten hin und war bald im Felde. Dort hob ich den Blick und sah einen Bauer vor mir gehen. Er hatte die kurze Jacke ausgezogen und trug sie und ein Bündel in einem rotkarierten Tuche am Stock auf der Achsel. Bei seinen langsamen, watenden Schritten wetzten die Schäfte seiner langen Stiefel laut aneinander. Der Anblick solch rauher Gelassenheit gab mir eine gewisse Ruhe zurück, und ich sagte zu mir, daß dies Rasen zu nichts führe. Links vom Wege stieg der sanfte Rücken der Kaiserhöh' an, auf dem ein verknorrter Feldbirnbaum stand. Dorthin lenkte ich meine Schritte und warf mich lang in seinen Schatten. Nach kurzer Zeit fiel eine solche Trauer und Mutlosigkeit über mich, daß ich mein Gesicht in das Gras drücken und schluchzend weinen mußte, soviel ich mich dagegen wehren mochte. Der Gott meiner Kindheit lag zerschlagen und entweiht von jenen, die ihn mir gepredigt hatten. Auch der Allgeist Willmanns, an den ich mich mit Staunen und geheimer Scheu geschmiegt, hatte mich verlassen. Ohne Hilfe und Zuflucht lag ich wie vertrieben in der Öde. Hingehen und mir den Anschein geben, als sei nichts gewesen? Um alles in der Welt nicht mehr in die Feigheit zurückkriechen, die mich um der Kindesliebe willen in den letzten Wochen entwürdigt hatte! Ich mußte heraus aus dem Berufe, der mich erniedrigte und zerstörte und den Glauben an die Göttlichkeit einer Macht verlangte, der es nur um bedingungslose Unterwerfung, nie aber um Wahrheit und den aufrechten Frieden meiner Seele zu tun war. Kaum hatte sich dieser Gedanke in mir zusammengeschoben, so wich aller Traum und Schimmer, alles ahnungsvolle Empfinden einer großen und guten Ordnung der Welt von mir, und ich sah mich in einem erbarmungslosen Leben, wo nur Macht gegen Macht steht, rücksichtsloser Kampf tobt, Grausamkeit, Härte und Verlogenheit. Die Erschütterung meines Gemütes war so stark, daß ich aufspringen mußte, damit es mich nicht erwürge. Lange stand ich so an den Baum gelehnt, und die feste Erde um mich wogte wie ein Meer. Ich aber sah auf das entheiligte Leben mit starren Augen, über die langsam die letzten Tränen sanken. Ihr habt meinen hungernden Eltern das Brot vom Munde gerissen, murmelte ich fortwährend vor mir hin und wußte kaum, was ich sagte, denn ich war wie in dumpfer Trunkenheit. Endlich wich der Schmerz von mir. Jene grausame Gelassenheit kam über mich, die aus großer Erschöpfung steigt. Ich werde hingehen, sann ich kühl, und meinen Vater aufreißen, wie es mich aufgerissen hat, daß er die Scheu vor dieser großen Lüge verliert und sieht, es gibt keinen anderen Glauben als den an uns. Dann wird er alles verkaufen, was ihm noch etwa geblieben ist, und wir gehen in ein neues Leben. Dem Pater Neumann aber will ich erst seine Lehre vor die Füße werfen. Damit war ich fertig. Ich hob meine Augen und sah in die Runde. Die Sonne lag längst hinter den Bergen. Da und dort richtete sich schwerfällig ein Mann aus dunklen Ährenweiten auf, als steige er krumm aus der Erde. Die Männer riefen sich rauh eine gute Nacht zu und verschwanden langsam gegen das nahe Dorf hin in den Schatten der Dämmerung. Von der Stadt her stöhnte die letzte Dampfpfeife. Ich schritt den Rain nach der Straße hinunter und strebte der Stadt zu. – – – – – – – Die Straßen Heisterbergs waren finster. Die Lichter in den Laternen sahen aus wie blutige Augäpfel in Käfigen aufgehängt. Rote, lange Fäden gingen von ihnen aus und verloren sich im Schwarzen. Die winzigen Ladenklingeln pinkten, Türen knarrten auf und polterten zu, die Leute wuselten matt und zwecklos umher. Ich hatte die Empfindung, ganz hoch und dünn zu sein und kam nur mit großer Beherrschung vorwärts. Trotzdem rannte ich bald an diesen und jenen an und hörte hinter mir entrüstete Ausrufe »über den besoffenen Kerl«. Endlich erblickte ich in einem kleinen Schaufenster Peitschen, Schabracken, in der Mitte einen ältlichen Reitsattel, Strumpfbänder und Pferdezäume. Ich stand vor dem Hause des Sattlermeisters Günzel an der Ecke der Balkengasse, in dem Pater Neumann wohnte. Aus irgendeinem Grunde betrat ich das Gebäude durch die Seitentür und befand mich in einem engen Flur, den der Geruch von Leder, Lack und Schwärze erfüllte. Dies weckte in mir den Gedanken an die zerstörte Existenz meines Vaters. Aufgepeitscht und aufs neue erbittert, stieg ich die Treppe hinauf. Sie wollte kein Ende nehmen und drehte sich immerfort durch einen fast finstern Schacht. Zuletzt stand ich noch vor einer Tür. Ludmilla Brendel, Damenschneiderin, lautete die verschnörkelte Aufschrift. Gegenüber, den schmalen Flur hin, hing ein Briefkasten neben der Tür. Darunter befand sich ein Schildchen mit den zwei Worten: Neumann, Religionslehrer. Ich zog tief Atem, rückte mich in die Höh' und stieß bann energisch den Drücker in das Porzellannäpfchen. Der Schein der Flurlampe fiel über mich. Da stand der Verhaßte auch schon vor mir. Als er mich starr und finster Aufgerichteten sah, stutzte er und erbleichte. Mit kaltem Lächeln grüßte ich: »Guten Abend!« »In Ewigkeit«, antwortete er schwach, ermannte sich aber und fragte freundlich: »Was wollen Sie, Faber?« »Ich habe mit Ihnen zu sprechen«, antwortete ich mit meiner ausgetrockneten, harten Stimme laut. »Kommen Sie in einer Stunde wieder«, beschied er mich kurz, schlug die Tür zu und schloß sie ab. Im Augenblick kam Wut in mir auf, und ich war versucht, die Tür mit den Fäusten einzuschlagen. Aber im nächsten Moment lächelte ich über mich. Ich krieg' dich heute abend schon noch, Freundchen, murmelte ich böse vor mir hin, tastete mich bis in die Mitte der Treppe und setzte mich dort auf eine Stufe, um zu warten, bis die Stunde vorbei sei. Da konnte ich ihn außerdem sicher abfangen, wenn er sich drücken wollte. Doch wie ich so eine Weile in dem halben Dunkel saß, kam die Müdigkeit schwer über mich. Um den Schlaf zu verscheuchen, rief ich mir alles ins Gedächtnis zurück, was ich sagen wollte und murmelte es zwischen meinen gespreizten Beinen gegen die Diele: Noch Origines wußte nichts von der Hölle, nur von Gewissensqualen ... Paulus, der Apostel, warnt in Kolosser zwei, achtzehn, vor dem Glauben an Engel... Es war, als schraube der Schlaf schmerzhaft mein Hirn ein; aber ich riß mich auf und begann, die Geschichte von den Dekretalen des Isidorus zu sagen. Mehr weiß ich nicht. Nach vielleicht einer halben Stunde fühlte ich einen Druck auf meiner Achsel. Als ich die Augen aufschlug, gewahrte ich zunächst nichts als ein gelb-rötliches Schummern um mich. Ich versuchte vergeblich, es zu durchdringen und neigte dann den Kopf, um weiterzuschlafen. »Herr Faber,« sagte da eine feine, ängstliche Mädchenstimme, »was machen Sie denn hier?« Nun wurde ich des Schlafes Herr und schlug die Augen auf. Vor mir stand Wally Göppert, neigte sich so tief zu mir herab, daß der Rand ihres Strohhutes meine Stirn berührte und fragte bekümmert: »Sind Sie denn krank?« Ich konnte nicht begreifen, was geschehen sei, sah mich erstaunt um, und als ich neben mir die Traillen des Treppengeländers erblickte, erfaßte ich ungefähr die Ereignisse, die mich hierhergeführt hatten. »Ich warte«, sagte ich dumpf. »Was sagten Sie?« fragte das liebe, blasse Mädchen mit fliegender Stimme und neigte sich wieder zu mir. Da traf mich der Geruch ihres Haares. Eine heiße, schmerzvolle Betörung kam über mich. Denn ich dachte, sie sei mir nachgeschlichen und wolle mich nun erretten. »Wally,« flüsterte ich, »liebe Wally!« und streckte ihr verlangend beide Hände hin. Sie erfaßte meine Finger, zog mich sanft nach dem Ausgange zu und hauchte in großer Aufregung: »Um Gottes willen, wenn uns jemand hier trifft!« Eine dunkle Überzeugung, daß ich hierbleiben müsse, lehnte mich zurück. Da näherten sich droben im Flur hinter einer Tür Schritte. In höchstem Schrecken sprach sie: »Es kommt jemand!« und eilte die Treppe hinunter. Ich taumelte ihr nach. Als mich auf der Straße die kühlere Nachtluft anwehte, wurde ich ganz wach und wußte, daß ich meinem Vorsatz untreu geworden sei. Am liebsten wäre ich weggelaufen und hätte mich wieder auf die Lauer gelegt. Aber ein Bangen schnürte meine Brust ein. und so blieb ich an der Seite des Mädchens. Wir gingen den dunklen Stadtgraben hin und wider. Keines wagte ein Wort zu sprechen. Ich hörte auch sie von Zeit zu Zeit schwer atmen. Plötzlich rief sie: »Da fällt ein Stern!« und streckte die Hand nach dem Nachthimmel aus. Ich sagte: »Ja, es war ein weißer!« und blickte wie trunken auch hinauf. Dann begann sie mit weicher, ruhiger Stimme zu erzählen, wie sie auf dem Wege zu ihrer Schneiderin mich anfangs nicht recht erkannt und für einen Trunkenen gehalten, nach dem Verlassen der Brendelschen Wohnung sich aber überzeugt habe, daß ich es sei, der, wohl von plötzlichem Unwohlsein befallen, diesen absonderlichen Ort aufgesucht habe, um sich zu erholen. Die seltsamen Worte, die ich im Schlaf vor mich hingesprochen, hatten sie besonders erschreckt. Anfangs wiegte ich mich auf dem Tonfall ihrer stillen, sanften Stimme, ohne eigentlich recht dem Sinn der Worte zu lauschen. Je mehr aber ihre Erzählung fortschritt, desto mehr kam der kalte, unerbittliche Schmerz über mich, und als sie am Ende nach der Bedeutung meines Traumredens fragte, stand es kraß vor mir: ich müsse nach Hause, meinen Vater aufreißen und mit ihm in ein neues Leben gehen. Wir waren durch den Torbogen an der Ritterstraße geschritten und befanden uns am Anfange dieses kurzen, dunklen Schlundes. Mein Gram und der Schmerz der ersten Liebe, die Ersehnte, kaum gewonnen, wieder verlassen zu müssen, stürzten mich aufs neue in einen bitteren Rausch, und unvermutet ergriff ich ihre Hand, bedeckte sie mit Küssen und stammelte irgendwelche Worte, ließ sie stehen und lief dem Ringe zu, der mit seiner Ecklaterne fahl in die Gasse hereinblinzte. In wenigen Augenblicken trabte ich schon den Burgberg hinunter. In der Stube meiner Eltern kam ich wieder zu mir. Meine Mutter bemühte sich, mich Erschöpften aufzurichten, der auf dem Schemel am Werktisch zusammengekauert saß. Ich konnte nicht sprechen und strengte mich fortwährend an, den Hut zu erlangen, der neben meinen Füßen lag. Die Hände meiner Mutter zitterten, und sie drang mit aller schonenden Liebe in mich, zu sagen, was mir fehle. Mein Vater stand am Fenster: steif, stumm und bleich. »Nun, was hat's also?« brach er endlich los. »Nichts hat's – nichts – nichts – rein gar nichts!« antwortete ich dumpf. »Aha!« sagte er nach einer Pause, kam mit langen, leisen Schritten auf mich zu, blieb vor mir stehen und musterte mich durchdringend vom Kopf bis zu den Füßen. »Siehst du.« rief er dann mit wankender Stimme an mir vorüber der Mutter zu, »so muß es kommen! So – so – man hat ja einen breiten Rücken. Nun ladet der Junge noch seinen Pack darauf. – – – Zum Donnerwetter, also was gibts?« Drohend wartete er eine Weile auf Antwort. Ich konnte nur schlingen und bebte am ganzen Leibe. Da sah ich, daß er ein langes Messer vom Tisch raffte. Ich sprang auf. Er aber packte mich an der Brust, rüttelte mich und sprach so nahe in mein Gesicht, daß mich sein kochender Atem ganz übergoß: »Rede! Auf der Stelle! Und wenn du, Hund, Schande in mein Haus gebracht hast, so stoß' ich dir das Messer zwischen die Rippen. – Nun, wird's?!« »Wenn du mich nicht losläßt, schon gar nicht«, stotterte ich. Er ließ mich fahren, trat zurück und rief: »Haha, nun wird's gut! Also doch, wie?« Ich aber sank wieder auf den Schemel. Mein Herz wogte müde, und mein Leben lag wie ein verwüstetes Land in mir. Ich war schwach wie ein Kind, das eben die Krämpfe verlassen haben. Warum stirbt man in solchen Momenten nicht, da alle innersten Lichter erlöschen. Stier und tonlos, die Dielen mit leeren Augen betrachtend, sagte ich endlich: »... Du hast recht. Vater ... Hunde, ja Hunde ... es ist alles Lüge, alles ... der Gott der Kirche ist ein Wahn ...« Und obwohl ich das heute schon so oft gesagt hatte, kam jetzt, da ich es vor meinen Eltern wiederholte, eine verzweifelte Angst über mich, und ich schrie qualvoll: »Wir müssen den wahren Gott suchen!« Dann sank mir der Kopf auf die Brust, und ich fühlte auf meinen Händen, daß ich weinte. Der Vater trat herzu und hob mir sanft das Gesicht herauf. »Franz. um Gottes willen, rede«, sagte er weich. Aus seinem Antlitz war alles Blut gewichen, und feine schmalgenagten Lippen bebten. »Ich bin nicht schlecht. Vater.« sprach ich schwach, »und wenn ihr ein wenig Geduld mit mir habt, will ich alles sagen.« Der Vater trat zurück und lehnte sich mit aufgestützten Armen so an den Tisch, daß er das Licht der Lampe verdeckte. Ich war froh, daß er mein Gesicht nicht sehen konnte. Dann begann ich zu erzählen. Mein Vater rührte sich nicht. Seine Gestalt schien sich unhörbar auseinanderzurecken. Als ich von meiner Sehnsucht, seiner Bedrängnis zu helfen, redete, breitete er die Arme nach mir aus und rief erregt: »Kind! Mein Kind!« Aber er ließ sie bald wieder sinken, neigte den Kopf so tief, daß sein Kinn auf die Brust stieß und murmelte: »Weiter! Weiter!« Es wurde wie ein Eisgang in mir und alles strömte heraus, was mich bis zur Zerstörung gepeinigt hatte, nur von Willmann und Wally Göppert schwieg ich. Dann war ich am Ende. Mein Vater hing zusammengeschrumpft am Tisch und hielt seine Augen auf etwas Unsichtbares gerichtet. Das schien ganz fern zu liegen. Dann schüttelte er sein Haupt, und der Flug eines bitteren Lächelns zerknitterte seine Züge. Er hob seine Faust vor die Augen, öffnete und schlug sie wieder ein. Dabei begann er, das Ferne anzureden: »O ja, die schlügen wohl noch, o ja! – Aber, was würdet ihr dann sagen, ihr zwei toten Augen, die nicht tot sind!? Ich weiß, ihr seht alles. Nein, ich hab' dir gefolgt, ich hab' sie dir nicht zugedrückt, und überall gehen sie mit mir wie Engel ... wie Engel? ... doch nun ... dein Herze muß das wohl wissen. – – Aber, müssen die Toten nicht tot sein, und wären's Mütter? Muß mein Leben immer über deinen Sarg stolpern? Und es stolpert, es zerbricht! Siehst du's denn nicht, Mutter, nun sind sie über meinem Kinde her. Mach' deine toten Augen zu! Ein einziges Mal mach' sie zu, einen Tag und eine Nacht! Ich bitt' dich um alles in der Welt!« Er hatte zwei springende Schritte in die Mitte der Stube getan, toll seine Faust in die Luft gebohrt, war wieder starr geworden, und aus den Schächten seiner Vergangenheit kam es wieder hervor: »... sengen, morden, brennen – denn das Gericht ist für Lumpen – es würde so. Ein Rebeller, wie mein Vater, und mit Schande zugedeckt ...« Plötzlich stockte er, sah sich in höchster Aufgeregtheit um und stürzte, wo er stand, auf die Knie, hob seine ausgezehrten braunen Hände betend empor wie ein Kind und rief in inbrünstiger Qual: »Du meine Mutter, du hast mich im Leibe getragen, hilf mir! Mich packt die Wut! Es wird mir rot vor den Augen!« Meine Mutter war von der Ofenbank gerutscht und lag, die Hände über dem Kopf gefaltet, auf der Diele. Ich sprang in höchster Bestürzung auf. »Vater!« hauchte ich in Sorge. Da riß es ihm den Kopf herauf. Graue Scham im Gesicht, arbeitete er sich auf die Füße. Als er die schluchzend daliegende Mutter gewahrte, trat er zurück, beschattete seine Augen mit der Hand, stand eine Weile überlegend und drückte sich dann stumm wie ein Verurteilter durch die Tür. Hinter gütigem Zuspruch hob ich meine Mutter auf. Ihr Leib war welk, ihr Gesicht eingefallen. Während ich sie zum Sofa gängelte, murmelte sie fortwährend: »Nun hab' ich keine Hoffnung mehr ... nun hab' ich keine Hoffnung mehr ...« Gegen meinen Kuß wehrte sie sich mit steifen Armen, zusammengepreßten Lippen und großen, verzweifelten Augen. Sie bog den Kopf in den Nacken und stammelte kämpfend: »... Nein! ... Nicht! Nicht!! ...« Ich war selbst am Umfallen und wankte blöde und leer ins Bett. – – – – – – – Solange die Menschen Brot essen, bleibt ihr Leben irrational, und wenn ich die Welt meines Gemütes mit der Laterne meines Denkens durchleuchte, so werden für alle Zeit weite Strecken und gerade jene sich meinen Begriffen entziehen, in denen die Wurzeln unseres Schicksals liegen. Das Ich, das wir kennen, ist nicht identisch mit dem Ich, wie es ist; denn das Leben des Menschen verhält sich zu seinem Dasein wie die Bildsäule zu dem Berg, aus dessen Marmorbrüchen sie stammt. Aus dieser Erkenntnis rührt alle Hoffnung und Verzweiflung der Menschen. Als ich am Morgen erwachte, war es mir, als sei mein Dasein zu Schutt zerschlagen. Ich fand mich im zerwühlten Bett zusammengeringelt wie ein verwundetes Tier. Langsam, unter Schmerzen, zog ich meinen Leib auseinander. Da drang das ganze Leid meines jungen Lebens auf mich ein. und ich empfand nicht anders, als strecke ich mich in Martern hinein. Eilig schob ich mich deswegen wieder zusammen, die Knie unters Kinn, wie Kinder im Mutterleibe ruhen. Meine Seele suchte Schutz beim Körper. So hätte ich vielleicht den ganzen Tag gelegen, mit leeren Augen die gegenüberliegende Wand anstierend, wenn nicht der Schlag der Turmuhr an mein Fenster gefahren wäre, mich an meine Pflicht gemahnend. Ich stand auf und sagte mir, daß ich mich um der Eltern willen zusammenraffen müsse. Das war der dünne Faden, an dem ich mich in den Tag zurückgriff. Sonst hatte mich jede Widerstandskraft verlassen. Wie einer, der mit nacktem Leibe einem verheerenden Brande entronnen ist, kam ich in die Stube meiner Eltern. Auch sie traf ich, mit Handgriffen gegen eine Betäubung ankämpfend. Die Mutter diente, umständlich mit den Füßen die Schritte suchend, um den Ofen. Der Vater bastelte versunken am Werktisch. Bei meinem Gruß huschte ein Lächeln schwach nestelnd an den Mundwinkeln meiner Mutter auf, mein Vater sprang nervös-hastig von seinem Schemel und kam mir entgegen. »Na, guten Morgen,« rief er mit abgerungener Heiterkeit und gab mir die Hand, »auch guten Morgen. Kind!« Ich habe wohl die Trauer und Besorgnis wegen seiner lauten Herzlichkeit nicht ganz unterdrücken können, denn er schüttelte den Kopf und sagte: »Ach, ich bin alt. Das muß man sich eben endlich eingestehen. Wenn man jung ist, ängstet man sich in Träumen. Das Alter hat auch schwere Träume im Wachen; aber die gehn vorüber. Es geht überhaupt.« Dann trat er zu meiner Mutter, klopfte sie weich auf die Schulter und sprach mit Jucken im Gesicht: »Kümmert euch bloß nicht um mich! Ich war öfter grob wie Bohnenstroh, ich seh's ein. Aber nu wird's anders. Du vergehst mir ja sonst ganz. Mutter! So wer'n wir's machen: gut zu 'nander sein und fester zusammenrücken. Und du,« wandte er sich von neuem an mich, »wisch das Wort aus dem Kopf. Du weißt, welches. Ich habe es aus meinen Ohren gewischt. Das mit dem Gelde muß ertragen werden wie schlechtes Wetter.« Bei diesen Worten kehrte mir die Mutter ihr entfärbtes Gesicht zu und sah mich furchtsam an. Deswegen fand ich nicht den Mut, mein Heiligstes vor ihnen zu retten, sondern senkte den Kopf und schwieg. So, den Kopf geneigt und schweigend saß ich auch die letzten Stunden bis zu den Ferien in der Klasse und duldete das Getriebe des Unterrichts, das wie belangloses Gesurr um mich lief. Die Lehrer ließen mich in meiner Abgeschiedenheit sitzen, nur der Pater Neumann fragte mich gleich am nächsten Tage, was ich am Abend bei ihm gewollt habe. »Ich weiß es nicht mehr«, antwortete ich und sah gleichgültig vor mich hin. Der Geistliche forschte lange in meinem Gesicht und sagte dann verwundert, aber doch mit einem leisen Beben in der Stimme. Wohl wegen meiner stillen Verstörtheit: »Komisch!« und bewegte wiegend seinen Kopf. »Ja, es ist komisch«, antwortete ich und versank wieder in stumme Verschlossenheit. Denn meine Entwickelung schien abgebrochen und zerschlagen zu sein. Von all den inneren Erleuchtungen und leidenschaftlich heißem Planen waren nichts übrig geblieben als leise Geräusche, die mich weltfern, gleichsam außer Hörweite umschwebten: Klopfen, Hämmern. Fallen wie von Brettern, und die nur wahrzunehmen waren, wenn ich die Augen eindrückte und gleichsam in mich zurückkroch. So ging und saß ich umher wie im Schlafwandeln. Meine Eltern sahen diesem seltsamen Gebaren ratlos zu, hüteten sich aber aus Takt, mir mit Fragen und voreiliger Sorge wehe zu tun. Mich hielt Scheu ab, ihren notvollen Zustand durch das Geständnis meiner Lage zu erschweren, weil ich mich schuldig an dem Zusammenbruch meiner Eltern fühlte. Eine Seele gab es, die sich meiner Verfinsterung tätig angenommen und dies Kauern an den verworrenen Straßen meines Lebens in klare Einsicht umgewandelt hätte: Das war der alte Willmann. Aber seit dem Tage, an dem ich gegen den Pater Neumann unrechten Gebrauch von meinem verborgenen Wissen gemacht und damit das feierliche Versprechen an Willmann gebrochen hatte, betrachtete ich nicht bloß den Weg zur Turmpforte für mich auf immer verrammelt, sondern ich arbeitete mich endlich zu dem Entschluß durch, solange alle Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Welt, alles Suchen nach Wahrheit zu unterlassen, bis ich die Schuld gegen meine Eltern und die Untreue gegen den ehrwürdigen Greis abgebüßt hätte. Nichts sollte mehr in mir Raum haben als die Sorge für meine Eltern. Durch dieses selbstgeschaffene Gelübde hoffte ich auch den Allgeist Willmanns Zu versöhnen, gegen den ich freventlich gesündigt hatte. Ich glaubte seine Nähe oft zu fühlen im Brausen des Windes, in einem fast redenden Rauschen der Bäume, in einem großen Schatten, den ich, vom Schlafe auffahrend, neben meinem Bett empfand, und nahm diese Beklemmungen und rätselhaften Heimsuchungen für Beweise seines Daseins. So verwandelte sich unmerklich die stille Verlorenheit meiner Seele in stille, ahnungsvolle Sicherheit, und während ich noch als Unwürdiger und Abgedrängter trauerte, näherte ich mich, ohne es zu wissen, schon schüchtern und furchtsam meinem Gott. Allein das Schicksal meiner Eltern war zu weit gediehen. Fall folgte auf Fall, und der Fortgang dieser geheimen Bildung wurde schon im Anfang wieder in Frage gestellt. Meine Mutter schien sich am ehesten von uns allen der Folgen jenes Abends erwehrt zu haben, der keinen Zweifel mehr zuließ, welche schicksalsvollen Verkettungen das Glück von unserem Hause fernhielten. Ihre Augen glommen oft in einem Glanz, der mich restlos erfreut hätte, wäre er nicht manchmal in starres Brennen übergegangen. In solchen Momenten faßten ihre Hände, was sie auch hielt, krampfhaft und drohend wie eine Waffe. Aber schnell, wie diese schreckhafte Veränderung kam, ging sie auch wieder, und ich legte ihr leine Bedeutung bei; denn eine obwohl umwölkte, doch tiefe Liebe und Zärtlichkeit verschönte dann tagelang ihr emsiges Schaffen. Nach einer schlaflosen Nacht trat ich ungewöhnlich früh in unsere Wohnstube. Das Grau des ersten Lichtes lag wie ein schwerer Dunst in dem Gemach, daß die Gegenstände nur schwach hervortraten. Ich setzte mich an Vaters Platz auf das Sofa und sah zum Fenster hinaus, um das Kommen des Morgens zu beobachten, der wie ein schwacher Feuerbrodem hinter den Tüchern rot zu rauchen begann. Eben sann ich darüber nach, ob die Natur oder meine zerwühlte Nacht dem Morgen diese schwere Stimmung gegeben habe, als aus der Gegend des väterlichen Werktisches ein Seufzen klang, leise und zäh, wie es manchmal aus dem Munde angstvoll Träumender kommt. Ich sah gespannt hin, gewahrte aber nichts als die gerade Linie der Werkplatte und darüber die Schemen irgendwelcher Geräte. Deswegen glaubte ich, dies niedergezwungene Stöhnen bewußtlos selbst ausgestoßen zu haben und versuchte, zu meiner Beruhigung, es ein zweites Wal hervorzubringen. Wie ich mich auch bemühte, der Ton wurde jedesmal rauher und tiefer. Das wehe Vibrieren dieses langen, müden Atemzuges gelang mir nicht: Also rührte der Laut doch nicht von mir her. Ich stand auf und sah mich mit einer Ungründlichkeit in der Stube um, die mir die Wahrnehmung als Täuschung bestätigen sollte. Denn das Grübeln einer langen Nacht macht unlustig zu neuen seelischen Aufregungen. Ein leerer Breitwagen fuhr polternd den Stadtgraben hin, und seine Eisenteile klirrten. Ich war im Begriff, an das Fenster zu treten, um in flüchtender Neugier zu sehen, wer so zeitig und schnell fahre, als kennte ich alle Fuhrleute der Stadt. Bei den ersten Schlitten stieß ich an einen weichen Ballen, und als ich mich niederbeugte, erkannte ich die zusammengekauerte Gestalt meiner Mutter, die vor dem Arbeitsschemel des Vaters hockte. Sie wandte mir ihr übernächtigtes Gesicht einen Augenblick zu und lieh es dann langsam wie vor großer Ermattung wieder zwischen die Hände auf den Sitz des Schemels sinken. »Guten Morgen, Mutter,« redete ich sie an, als ich mich von der Überraschung erholt hatte, »warum stehst du denn so zeitig auf? Es ist ja noch grauer Morgen.« Eine tiefe Stille nahm meine Worte auf. Endlich antwortete meine Mutter: »Nein, nein, es ist Nacht. Tiefe Nacht.« Sie redete tonlos, wie ein unabwendbares Geschick in uns laut wird. Trotzdem ich sofort wußte, daß ihre Worte einen tieferen Sinn hatten, lautete mein Trost: »Aber Mutter! Dort ist der Morgen, rauchrot wie ein Kohlenfeuer!« Es dauerte wieder eine Weile, ehe sie antwortete: »Mein Kind, es ist Nacht. Nacht. Du müßt's doch auch wissen, du, denn du hast die Nacht auch.« »Mutter, du bist krank,« sagte ich nun hastig, »ich werde den Vater rufen.« Ihre Augen bekamen den Glanz einer frischen Wunde. »Ja, ja, geh'!« sprach sie strafend, »seit dem Abend weiß ich's ja, daß du es verstehst, deinem Vater weh zu tun.« »Aber, Gott im Himmel, Mutter!...« rief ich bestürzt. »Was sagst du da?« Mit dieser Frage schnitt sie mir die Worte ab, und jäh kam in ihr Gesicht ein heißes Leben. Sie hob im Schwung eines einsetzenden Sturmes beschwörend ihre Hand. Doch nur einen Augenblick verharrte sie so. Dann sank ihr Arm wieder fallend auf den Sitz des Schemels, und sie kauerte sich hin wie vorher. »Ach, wenn doch ein Mensch wär', zu dem ich reden könnte«, sagte sie in ringendem Aufatmen. »Mutter, bin ich dir nicht gut genug?« fragte ich unsicher. »Du!« sagte sie und sah mich mit beängstigender Starrheit an, »ich red' anders, und du red'st anders. Wir verstehen uns nicht mehr ... aber ich hör' doch nicht auf.« Dann hob sie ihr Haupt und wandte das Gesicht dem Fenster zu, durch das eben der erste Strom des vollen Lichtes floß. In diesem roten Glanz verharrte sie solange, bis ein entrücktes Lächeln ihre Züge verklärte, eine Hingenommenheit über sie kam, daß offenbar nichts vor ihrer Seele stand, als ihre geheime Sehnsucht. Diese flüsterte sie bewußtlos ins Licht: »... er rang mit dem Engel, bis die Morgenröte heraufstieg ... wieder vorbei ... aber in Gott sind drei Personen, und das waren erst zwei Nächte... Warum ist mein Glauben so klein! Es ist ja noch der heilige Geist, der mit den linden, weißen Flügeln ... ja, ja; der wird's machen.« Ich erkannte, daß ihr Glaube geschont werden müsse, um ihr die letzte Hoffnung nicht zu zerstören. Deswegen ließ ich mich neben ihr nieder, die immer noch, ohne mich zu beachten, mit ihrer Sorge redete. Behutsam legte ich meinen Arm um sie und näherte das Gesicht dem ihren, mit einem Kuß den Bann zu brechen, dem sie verfallen war. Obwohl ihre Augen geschlossen blieben, mußte sie meine Absicht gemerkt haben, denn sie wich zurück und sagte plötzlich mit rauher Stimme zu mir: »O ja, ich weiß, daß du ein gutes Herz hast. Deswegen wird mich Gott auch erhören. Für wen bet' ich denn, wie für dich und Vater?« »Für mich?« fragte ich. »Ja.« antwortete sie. »seit dem bösen Abend weiß ich, daß auch du in ihrer Macht bist.« Ich ahnte, daß sie die Großmutter meinte, wagte aber nicht zu widersprechen, um sie nicht noch mehr zu reizen, sondern sah sie nur lächelnd an und schüttelte den Kopf. Allein ihr Auge bekam doch jenen bohrenden Blick, der so schrecklich wirkte, und um mich zu überzeugen, sprach sie über das geheime Ringen mit dem Gespenst unserer Familie, wie sie mit ihrem Gebet alle Zugänge unseres Hauses verrammelt, die Luft mit ihrem reinen Atem gesättigt und tödlich für böse Geister gemacht habe. Der Hexe mit den unsterblichen Augen seien die Flügel aus dem Rücken, die Zunge aus dem Munde gerissen, in allen Winkeln des Hauses keime ein Segen. Aber nun, da die Teufelin unserer Familie äußerlich nichts mehr anhaben könne, sei sie, zum bösen Geist geworden, auf die List verfallen, uns innerlich zu schaden. Nur die schreckliche Hausdrude habe mich zu der Untat des schweren Abends verstrickt und löse die stolze Seele des Vaters auf. Meine Mutter sprach alles leise, heiß, mit einem Zittern der Angst und des Hasses in der Stimme. Sie war ganz in die heidnischen Grundwasser des Christentums, in den Dämonenglauben untergetaucht und trug im Gesicht die Züge einer Märtyrerin. Nicht dieser Anblick allein, wie eine heilige Seele von unbegrenzter Liebe aus ihren stillen Kreisen gerissen, in Flackern und Zucken umhergetrieben wurde, sondern vor allem die Erkenntnis erschütterte mich, daß meine Mutter eigentlich gegen keinen Wahn, nein, gegen Tatsachen rang. Denn von den Totenhügeln meiner Ahnen strich wirklich der Wind, der unser Haus in Trümmer legte. »Mutter!« sagte ich verstört und muß mich wohl vorgeneigt haben, so daß sie glauben mochte, ich wolle abermals den Versuch machen, ihren Mund im Kuß zu berühren, denn sie schob mich zurück und beteuerte, solange eine Liebkosung von mir entbehren zu müssen, bis ich durch inbrünstiges Gebet wieder meine Lippen geheiligt habe, die von den gotteslästerlichen Worten des bösen Abends entweiht worden seien. »Denn küssest du mich so,« sagte sie, »dann legst du deinen Unsegen auf meinen Mund und mein Gebet, wenn es herfürgeht, verliert alle Kraft der Hilfe.« Sie sah wohl meine tiefe Erschütterung und empfand mein geheimes Einverständnis mit ihr, und so fühlte ich mich plötzlich von ihrem Verlangen innerlich bedrängt, der Not ihrer Liebe beizustehen. Deshalb klang ihre Frage wie ein Jubel: »Willst du mit mir beten, mein Junge, mein lieber?« – »Aus vollem, ehrlichem Herzen?« fragte sie noch einmal. – »Ja, ja, alles, alles, was du willst«, antwortete ich. Dann knieten wir nebeneinander wie in den Tagen meiner frühen Kindheit, ich, der verirrte Wahrheitssucher, und meine beglückte Mutter, und beteten flüsternd, um den Vater nicht zu wecken, und über mich kam, soviel ich auch innerlich dagegen kämpfte, doch ein ganz schwaches Zittern der Inbrunst, ein allerletzter Schimmer von dem Trümmerfelde meines vernichteten Kinderglaubens. Als wir geendet hatten, umarmte mich Mutter in solcher Freude, wie wenn ihr eben ein neues Leben geschenkt worden sei und ging gleich so frisch an ihr Tagewerk, als habe sie ein langer, gnädiger Schlaf gestärkt. Allein unsere Seele kennt keine Klugheit; sie will selbst Barmherzigkeit und Liebe nicht gelten lassen, wenn es mit dem Verzicht auf eine heilige Notwendigkeit bezahlt werden muß. Und wenn ich mir auch unzählige Male bewies, daß auch der Stärkste nicht hätte anders handeln dürfen, wie ich gegen meine Mutter gehandelt hatte: ein schwerer, dumpfer Rest blieb in mir, der mich des erneuten Vergehens gegen den hohen Allgeist anklagte. Doch trotz dieser Anfechtungen blieb ich dem einmal gefaßten Entschluß treu, solange meines Lebens gar nicht zu achten, bis ich meinen Eltern aus jener Not geholfen hatte, in die sie durch mich geraten waren. Alles, was ich tun konnte, um das Andenken an Willmanns Güte in mir nicht zu Tode zu kränken und wenigstens in der Seele ein enges Pförtchen zur Freiheit offen zu halten, bestand darin, daß ich die Gebete, zu denen mich Mutter nun fast alle Tage zwang, im stillen jenem unbekannten Gotte weihte und ihm alle Schmerzen opferte, die ich darüber empfand. Diesen gleichen verborgenen Diebstahl beging ich auch durch den Empfang der Beichte und des Abendmahls in seinem Namen. Wohl hatte ich viele sonnenlose Tage und düstere Nächte deswegen, aber ich schmiegte mich dennoch ganz vor die Füße meiner Eltern. An einem Morgen kam ich mit meiner Mutter aus der Frühmesse, ich bedrückt und mit niedergeschlagenen Augen, wie einer, den das böse Gewissen belastet ..., sie schlüpfte leicht und eilig einen Schritt vor mir her. Als wir aus der Torfahrt des Wartturmes heraustraten, fiel eine rote Nelke aus der Höhe vor meine Füße nieder. Ohne nach dem Spender zu spähen, bückte ich mich und hob sie unbemerkt auf. Niemand konnte sie geworfen haben als der ehrwürdige Greis, und wenn es auch sicher Torheit war, ich deutete diesen Gruß als ein Zeichen seiner unverminderten Neigung zu mir und faßte den Entschluß, zu ihm zu eilen, sobald ich ohne Scham vor ihm bestehen könne. Auf solchen Schleichwegen erlistete ich mir endlich karge Ruhe und das Recht auf die Hoffnung, mein und meiner Eltern Leben werde sich nach so langen Bedrängnissen doch noch ins Lichte heben. Denn auch in meinem Vaterhaus wohnte seit dem Morgen, an dem ich mit der Mutter das erstemal nach Jahren wieder gebetet hatte, eine wundersam stille, schwach besonnte Luft. Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, so ist es mir, als sähe ich eine Reihe klarer, schöner Spätherbstmorgen. Alle Weiten sind leer von der Schneide der Sense; alle Felder müde und weich im Widerschein entschwundenen Glückes, dessen wirrer Traum in flüchtenden Vogelschwärmen noch einmal über sie hinstreicht oder aus unerreichbaren Fernen in weißen Wölkchen noch einmal grüßt. Durch die gelichteten Wälder plappern die Bäche wie ratlos Verirrte. Aus allen Poren der Erde aber bricht das Licht, das sie in gesegneten Tagen einsog und nun vor Erschöpfung wieder ausströmt, daß alle Dinge in einer fortwandelnden Helle stehen, durch die sich die letzten Blätter lautlos zur Erde drehen. Nur wenn sie irgendwo anstreichen, entsteht ein wispernd-surrender Ton, gleich dem verwankenden Geräusch des letzten Rädchens eines stehenbleibenden kunstvollen Werkes. Das Schicksal des Menschen hat Jahreszeiten wie das Jahr. Meine Mutter hauste in alter froher Geschäftigkeit, und auch mein Vater schien verändert: ganz Güte, ganz Sanftmut. Er begrüßte mich stets mit einem Lächeln, das anfangs wohl wie unter Anstrengung durch eine starre Verbitterung brach, bald aber mühelos das eingefallene Gesicht erleuchtete. Nur wenn er sich ganz allein in der Stube sah, erlahmte sein froher Fleiß, und mit großen Augen ins Leere starrend, sah er lange untätig. Auch stand er auf, trat ans Fenster und fuhr, in sich versinkend, fortwährend mit der Rechten über das Holz des Fensterbrettes. Er rückte an den Bildern der Wand, hob den Werktisch hin und her, als habe er gewackelt; verlor sich Wohl auch mitten in der Stube und nagte an seinen Fingern. Wie auf eine geheime Verabredung blieben meine Mutter und ich daher tunlichst um ihn: sie saß und strickte endlos, ich hockte am Tisch über meinen Büchern. Der Vater aber schielte dann und wann verstohlen nach uns herum und trommelte darauf frisch mit seinem Hämmerchen über das Leder. Denn unser Geschäft war wirklich ganz aus der Erinnerung der Leute getilgt. Die wenigen Waren hingen unter großen Leinenlaken im Laden. Aber mein Vater gab doch den Anschein seines freien Meistertums nicht auf, obwohl er in Wirklichkeit nichts als Lohnarbeiter der Firma Kahl und Maruske in Breslau war, für die er noch immer Hosenträger fertigte. Der geheime Grimm hatte ihn scheinbar verlassen und war einer sicheren Resignation gewichen. Wenn er seine zehn Paar Traggürtel fix und sauber neben sich liegen hatte, setzte der Beginn des Feierabends mit dem Nachtessen ein. Wir öffneten das Fenster, und die Kühle der zeitigeren Dämmerung erfüllte das Zimmer. Das Not schlich manchmal über die Diele, das Rauschen der Bäume aus dem Spitalgarten tönte schwach herein, und wir saßen, um Licht zu sparen, bis tief in die Nacht im Finstern. Ich gab wohl meine gelernten Pensa zum besten und beantwortete, soweit mein Wissen reichte, die Fragen, die mein Vater an mich richtete. Die Stricknadeln meiner Mutter pinkten ihr feines, eintöniges Lied dazwischen. Manchmal aber wuchs mit den Schatten der Nacht lastendes Schweigen in unsere Stube; jedes saß stumm wie hinter einer schwarzen Wand gefangen; das Strickzeug der Mutter klang wie schwaches Kettenklirren, und setzte es aus, dann hörte man nur den Atem unserer Brust furchtsam und schneidend wie durch ein Gitter blasen. An einem dieser von verborgener Furcht beladenen Abende erlosch in mir die Hoffnung für immer, das Glück unseres Hauses könne doch noch reifen, wie eine bittere Frucht in der letzten Herbstsonne zu Fülle und Schönheit sich rundet. Es war später geworden als je an einem anderen Tage. Keines wagte das Licht anzuzünden, denn jedes scheute sich wohl, des anderen Blässe und Sorge zu erleuchten, und so warteten wir stumm auf einen Hirnschlag der Stimmung zum Besseren. Vom Stadtgraben herauf klang selten das Gespräch Vorübergehender, die Bäume des Spitalgartens murmelten mit hartem Laube; die Wasser der Neiße hörte man leise ziehen. Ich saß auf dem Schemel am Werktisch und lauschte dem Laut des wandernden Flusses, der mir vernehmlicher tönte, wenn ich meinen Blick auf den ruhigen Nachthimmel lichtete, in dem die Sterne wie spielende Funken hingen. »Es klingt, als wenn die Mücken in der Luft tanzten«, sagte meine Mutter vom Ofen her und begann ihre Nadeln wieder zu rühren. Nein Vater atmete laut ein, als wolle er etwas erwidern, räusperte sich aber und schwieg. Auf dem Stadtgraben näherten sich vom Pfeffer-Gerber her jagende Schritte. Die Hackeneisen schwerer Stiefel klapperten gegen das Pflaster. Hinter unseren Fenstern warf es den Läufer klatschend hin. Mit Gemurmel arbeitete er sich wieder auf. Man hörte ihn torkelnd umhertreten, als suche er etwas, und dann begann eine hohe, ausgemergelte Stimme an unserem Hause heraufzusingen: – – – – – – – »Unser Herr Professor trinkt gern ein Dideldideldum. und dann wird's besser, dreht er sich um.« – – – – – – – Ich erkannte, daß es der Rinke-Tischler sei, der uns wieder einen Besuch abstattete. Meine Mutter mußte von dem gleichen Schrecken getroffen worden sein, denn es ging wie ein Schnitt durch das Dunkel. Sie erhob sich und griff am Ofen herum, nach Streichhölzern suchend. Ich bewegte mich zum Fenster, sah gleichmütig hinaus und sagte leicht: »Das ist wieder so ein Bruder aus der Destille!« Rinke sang immer lauter und wilder. Dazwischen rief er fortwährend: »Prost, Sattlermeister!« Ehe ich das Fenster schließen konnte, jächte auf der Straße ein anderer heran und schrie: »Franze! Franze! Meinen Stecken her, Franze!« Da flammte das Licht in unserer Stube auf. Der Vater saß steif auf seinem Sofaplatz und hörte auf den Lärm der Trinker. Rinke sang noch immer, und der andere schrie fortwährend darein. Da ging plötzlich ein reißendes Gewittern über das Gesicht meines Vaters. Mit ein paar Schritten war er am Fenster und hob den Arm, es zu öffnen. Meine Mutter verfolgte mit fast krankhafter Gespanntheit seine Gebärden und griff verlegen ihren Strumpf durch. Der Vater aber ließ plötzlich seine Hand sinken und brach zu unserem Erstaunen in ein tolles Gelächter aus. »Franze,« so äffte er des Trunkenen weinerlich-zornigen Ruf nach. »Franze, haha, ja, ganz so!« Er sah belustigt durch die Scheiben und wurde immer von neuen Anfällen, fast wie vom Lachkrampf, geschüttelt. Meine Mutter war sehr blaß geworden, legte enttäuscht den Strumpf weg, krümmte die Lippen in erzwungenem Lächeln und fragte mit beklommener Stimme: »Aber Mann, du wirst dir noch ein' Schaden tun. Was hat's denn?« Er drehte sich um, sah, nach Sammlung ringend, gegen die Erde, schüttelte den Kopf, als begreife er etwas nicht und sagte dann, ohne uns anzusehen: »Hmhm! Ich werd' mir erst anrauchen, dann erzähl' ich's euch.« Als er die Pfeife in Brand gesteckt hatte, begann er zu erzählen: »'s sind jetzt dreißig Jahre her – nun ja –. Ich war dazumal ein junger Kerle, forsch und lustig; adrett, geschniegelt und gebügelt. Ich arbeitete dazumal in Neiße und verdiente sieben Mark die Woche, nach altem Gelde zwei Taler zehn Silbergroschen. Die Meisterin kochte was Ordentliches, die Arbeit war sein und sauber, ha, was sollte da 'nen jungen Kerl nicht der Hafer stechen! Wir machen also 'nen schönen Sonntags eine Spritzfahrt nach Jauernig, der Hecht-Franze, ich und der Geselle vom Tapezier Wimpel, unser Huzelmann. Wir nannten ihn aber bloß so, eigentlich hieß er Thadäus Hutzler – nein Hubler – doch Hutzler ... Also ... wir – n – mieten uns eine offene zweispannige Droschke, steigen auf wie die Barone mitten auf'm Ringe und kutschen, mir nichts, dir nichts, als gehöre uns ganz Preußen, durch Neiße ...« Hier brach er ab, nachdem er den letzten Satz mit Anstrengung, unter wiederholten Anlaufen gegen eine sichtbare Abneigung gesprochen hatte. Er riß sich aber doch aus der hereinbrechenden Verdüsterung gewaltsam auf und fuhr fort: »Hutzelmann hatte eine Liebste – – also, wie wir auf die Mährngasse kommen, da ...« Seine Worte verdorrten ihm auf den Lippen. Er stützte den Kopf in die Hand und lächelte in bösem Hohn gegen die Tischplatte, während die Finger seiner Rechten grabend den Schnurrbart auszogen. Dann spuckte er verächtlich aus und murmelte: »Haha, ich Esel! Warum sitze ich hier und schwatze wie ein Weib?« Er raffte sich grimmig auf und fing an, rasch in der Stube auf und ab zu gehen. Obwohl meine Mutter so gut wie ich wußte, daß ihn nur seine unterdrückte Rachsucht stachelte, daß es ihn trieb, das Gift der erzwungenen Sanftmut in wildem Zorne auszubrechen, redete sie ihm gütig zu und sprach: »Nun, da ist doch nichts dabei, wenn du erzählst. Es ist ja Feierabend.« »Vielleicht, ja.« antwortete der Vater und trieb die Luft schnaubend durch die Nase, »hast recht, man hätte Zeit und sollte ein Ende machen.« »Aber du hast doch früher auch manchmal erzählt«, setzte die Mutter unbeirrt fort, und ihre Worte klangen zaghaft und aufreizend zugleich. Mit einem Schritt, der mehr einem Sprung glich, stand mein Vater vor ihr, sah bohrend auf sie nieder und schrie endlich gemartert: »Früher! Warum sagst du: Früher?« »Mußt du dich etwa schämen vor diesem Worte?« fragte meine Mutter, und ich spürte, wie sie ihn vorsichtig weiterführen wollte. Denn nun klang leise sogar etwas wie Hohn in ihrer Stimme. Der Vater stutzte, beugte sich nahe zu ihrem Gesicht und sagte stockend: »Du meinst, Weib, ich sollte doch noch meine Hände freimachen?« »Warum nicht?« fragte sie und sah ihm furchtlos in die Augen, »jawohl, freimachen, dich und uns, reinwaschen, dich und uns.« »Wie?« sprach mein Vater in schreckhaftem Staunen, »das sagst du? Hier, auf dem Flecke, wo deine Füße stehn, solltest du niederknien und beten, daß ich mich erhalt'. Dem Stein, der aus meiner Hand fliegt, muß ich nach, und dann gnade Gott uns allen. Ich kenn' mich besser! Das ist das eine. Und dann: Wenn ich dem Pack zuleide gehen will und dem treulosen Freunde, muß ich erst selber treulos werden, Pack sein, innerlich Pack sein. Solange ich lebe, will ich halten, was ich der Mutter in die kalte Hand gelobt habe, mich an keines Menschen Leben vergreifen und an keiner Macht, die über mir ist. Geh' ich daran zugrunde, so sterb' ich in Ehren.« Er trat weg und begann wieder umherzuwandeln. Während er hin- und widerging, verschwand seine Aufgerecktheit immer mehr, er sank ein und schüttelte murmelnd fortwährend das Haupt. Unvermutet blieb er vor mir stehen, maß mich mit den Augen, und sich halb zur Mutter wendend, sagte er feierlich: »Da, Mutter, mein Sohn ist auch noch einer! Und ruft es mich ab, ehe es hell um mich geworden ist, so wird er das Licht an meinem Grabe anstecken.« Erschüttert, ohne zu wissen, was ich tue, bot ich meine Hand zum Versprechen. Aber er bewegte verneinend den Kopf und sagte: »Nein, keinen Knebel, um Gottes willen, keinen Knebel! Wenn du Ehre mitbekommen hast, dann wirst du aus eigener Kraft dich hüten, mein Grab zu besudeln.« Er lehrte sich ab und ging mit den behutsamen Schritten, die er sich seit Monaten angewöhnt hatte, an seinen Platz zurück, rauchte sich die Pfeife an und sah vor sich nieder. Darauf kam ein kümmerliches Armenlächeln über sein Gesicht, das langsam in der Versunkenheit leeren Ernstes erlosch. Mir war zumute, als habe sich mein Vater eben lebendig begraben. Ich schlug ein Buch auf und starrte auf die Buchstaben, maß mit den Augen die Ränder, die Schriftfläche, zählte die Zeilen und litt indessen an der Empfindung, von unsichtbaren Banden immer enger und enger zusammengeschnürt zu werden. Da begann meine Mutter zu singen: »Graus war die Nacht, und um die Giebel der Försterwohnung heulte Sturm. Der fromme Greis las in der Bibel, und sieben schlug's am Kirchhofsturm.« Leise, wie Vogelflügel über entblätternde Blüten streichen, sang sie; leise, wie die Hände einer Krankenpflegerin, waren die Töne des alten Liedes. Sie bewegte kaum die blassen Lippen beim Gesänge. Manchmal riß das Mitleid zuckend an ihrer Stimme, manchmal zitterte sie in angstvoller Liebe. So sang sie die dreizehn Strophen. Und als der letzte Ton wie ein niedergleitendes Blatt sich in der Ecke verloren hatte, schlief der Schmerz in unseren offenen Wunden. Der tote Ernst war aus dem Gesicht des Vaters verschwunden, und eine weiche Aufgelöstheit hatte die scharfen Runzeln geglättet. »Es ist elf«, sagte er milde und erhob sich. »Ich bin müde, und dein Singen hat den Schlaf gerufen. Gute Nacht, liebes Weib! Gute Nacht, mein Sohn!« Mit stillen, gleichen Schlitten ging er von uns. Weine Mutter sah ihm gedankenvoll nach. »Hab' ich's recht gemacht, Franz?« fragte sie mich nach einer Weile. Ich sah sie traurig an. Da verstand sie, was ich sagen wollte und sprach: »Freilich, du hast recht, besser war es, wenn er aufgesprungen wäre. Aber, das ist ja wohl vorbei.« – – – – – – – Als ich in meinem Stübchen angekommen war, lehnte ich mich zum Fenster hinaus und schaute zum Nachthimmel auf. Er war tief, fast schwarzblau. und je länger mein Blick auf ihm ruhte, desto mehr verdunkelte er sich. Stern um Stern sog er in seine bodenlose Tiefe, bis zuletzt nur ein einziges, winziges Flackerlichtlein in der unübersehbaren, finsteren Höhenwüste übrigblieb. Das stand nicht allzu fern über den Dächern der Häuser, die wie die Rücken riesiger, schwarzer Tiere anzusehen waren. Mein Vater stirbt an seiner Mutter, sann ich; er ist schon so gut wie erloschen. Und als ich mein Äuge wieder zum Himmel wendete, war auch der letzte Stern von der Nacht ausgewischt. Da fiel es mir auf die Seele: Und ich werde um seinetwillen auch zugrunde gehen müssen. In der Luft nahte ein Wuchten, wie der Schwung von großen, unsichtbaren Flügeln. Muß das so sein? fragte ich die finstere Höhe. Aber sie gab mir keine Antwort. Das Rauschen der Flügel droben war vorübergehuscht, und kein Laut rührte sich rundum, als der ferne Schritt des Wächters und das Knarren des eisernen Doppeladlers auf dem Wartturm. Niemand auf der ganzen Erde konnte mir sagen, ob das der Sinn des Lebens sei, daß Kinder um ihrer Eltern willen sterben müssen. War es nicht genug, daß ich aus Liebe zu meinem Vater einen Beruf auf mich genommen hatte, den ich nicht liebte? Sollte ich ihm nun auch die Sehnsucht nach meinem Gott opfern, bei dem alten, toten Glauben verharren und dadurch einem Leben mich unterwerfen, das nichts als ein langes Verwesen bedeutete? Das Licht aus Willmanns Stube glomm ruhig und geborgen aus der Mauer, tröstlich und sanft. Da wurde ich von leidenschaftlicher Sehnsucht nach Sicherheit und Frieden aus Kampf, Finsternis und Schmerz, die mein Leben waren, gefaßt und überlegte: Wenn ich mir ein Herz nähme, zu ihm ginge, meine Untreue eingestände, seine Vergebung erbäte und meine schweren Nöte ihm anvertraute, so würde er weder mit seiner Güte noch mit seiner Weisheit zurückhalten, und ich könnte noch einmal meines Daseins und meiner Hoffnung froh werden. Kaum hatte ich dies gesonnen, so sah ich das Licht aus der Tiefe des Zimmers heranschwanken, als sei der Greis durch meine Gedanken vom Tische aufgescheucht worden. Ich konnte deutlich die Lampe sehen und glaubte sogar den Kopf des Alten wahrzunehmen. Lange schwebte das Licht so am Fenster, und ich war ganz glücklich in dem Wahn, Willmann stehe dort und schaue nach mir her. Dann verschwand der Schein wieder tiefer ins Zimmer, stand eine Weile ruhig, wankte hin und her, erlosch scheinbar, tauchte auf, schwamm ans Fenster, schimmerte verlangend in die Nacht und sank in die Tiefe zurück, um nach einiger Zeit wieder wie ratlos umherzuwandeln. Selbst als ich mich ausgekleidet hatte und noch einmal zum Turme hinaufsah, gewahrte ich noch immer das Licht unruhig umherirren. Ich legte mich nieder und bemühte mich, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, um den Greis nicht weiter zu stören. – – – – – – – Ich habe ihn nie mehr wiedergesehen. Am anderen Morgen war er schon nicht mehr unter den Lebenden. In der späten Nacht, gegen die zwölfte Stunde, hatte der revidierende Wächter hinter den Willmannschen Fenstern einen grellen Feuerschein wahrgenommen. Da aber die Röte nicht ununterbrochen gegen die Scheiben stand, sondern zurückging, auflohte und wieder auf Augenblicke ganz versank, glaubte der biedere Mann, es handle sich um irgendeine der vielen Marotten des Greises, durch die er dem niederen Volke Heisterbergs ein unbegreifliches Wesen geworden war, betrachtete noch ein Weilchen das Spiel des Feuers hinter den kleinen Fenstern und ging mit Verwünschungen von dannen, als er den Greis droben ein durchdringendes, wieherndes Gelächter ausstoßen hörte. Auf dem Ringe zog er einen Kameraden aus einer Nische und erzählte ihm den Vorfall. Doch indem er nun des sonderbar gellenden Lachens Erwähnung tat, kam ihm plötzlich der eben gehörte Laut selbst nicht mehr als die Äußerung unbändiger Lust vor, sondern nun klang er ihm wie der hohe Schrei der Todesnot. Laufend erreichten die beiden wieder den Wartturm. Da sahen sie schon die Lohe hinter den Fenstern lecken. Jetzt zerbrachen die Scheiben und klirrten aufs Pflaster. Die Flammen züngelten am Gemäuer hinauf. Einer der Männer rannte die Stiege hinauf und donnerte rufend gegen die Pforte, der andere lief und lärmte die Feuerwehr aus dem Schlafe. Allein ehe die Löschmannschaft auf dem Platze erscheinen konnte, hatte der Brand einen Umfang angenommen, der eine Rettung unmöglich erscheinen ließ. Vergeblich versuchte man durch die niedrige Tür ins Innere vorzudringen; umsonst schlugen die Äxte der Steiger gegen das uralte, eisenfeste Gemäuer, um die Fensteröffnungen zu erweitern. Der Hauptmann tobte und pfiff, die Gendarmen fluchten, das Wasser der Spritze prasselte meistens gegen die Mauer. Nach zwei Stunden war alles vorüber. Aus den Fensterlöchern puffte dann und wann ein Schwaden bleichen Rauches. So war ein Menschenleben in Flammen aufgegangen, das alle Stunden seines Daseins in Feuer gelodert hatte. In der Frühe nach dem Brande führte ein Bauer aus einem fernen Gebirgsdorfe seinen hochgeleiterten Lastwagen nach Heisterberg. Er war ein ferner Verwandter Willmanns mütterlicherseits und hatte vor zwei Tagen einen Brief des Greises empfangen, in dem dieser ihm das Mobiliar seiner beiden kleinen Stuben schenkte, da er entschlossen sei, die Stadt zu verlassen und auf immer nach Österreich zurückzukehren. Es kostete Mühe, den alten Mann von der Tätsächlichkeit des Unglücks zu überzeugen. Hartnäckig buchstabierte er in dem Briefe umher, stand lange auf der Schwelle des Turmpförtchens und schaute trübselig in die Finsternis der hohen Spitze, aus deren zusammengebrochener Tiefe der schwelende Rauch der letzten Balkenreste stieg, fiel sogar dem gealterten, galligen Bürgermeister Schrader beschwerlich und fuhr endlich untröstlich und mit Verwünschungen von dannen, als habe der alte Willmann diesen tragischen Tod nur gewählt, um seine geizige Sippe noch einmal gründlich zu ärgern. Die ganze Stadt, die das Wesen dieses einzigen Greises nur nach seinen vielfältigen Schrullen beurteilt hatte, machte sich die törichte Meinung des Bauers zu eigen und verunehrte sein Andenken sogar durch Zorn, der so weit ging, daß man nach den oberflächlichsten Bemühungen es für unmöglich erklärte, seine Überreste in der Asche aufzufinden und in geweihter Erde zu bergen. Selbst die Kirche nahm sich seiner Gebeine nicht an, weil er der österlichen Pflicht nie genügt hatte. Ja, der Pfarrer Zimbal fand in der sonntäglichen Predigt Gelegenheit, auf das schreckliche Ende als die gerechte Strafe eines unversöhnten Sünders hinzuweisen. So schweifte der einzige Mensch, der mein wegloses Leben ins Sichere hätte weisen können, als ungeborgener, verfemter Geist, und mir blieb nicht einmal der Trost, mich reinen Herzens an seinen Schatten schmiegen zu dürfen. Denn ob ich auch bald von der selbstquälerischen Bezichtigung loskam, ihn an seinem letzten Abende mit meiner Unruhe aufgescheucht und durch seine Stuben in den Tod getrieben zu haben, über die Neue wurde ich nicht Herr, daß mein untreues Fernbleiben seine letzten Wochen vergällt und den bitteren Entschluß in ihm gereift hatte, in der Fremde sein Grab zu suchen. In jenen Tagen lag vollkommene Windstille über Heisterberg. und aus der herbstfeuchten Erde braute dichter Nebel um die Dächer der Stadt. Auf diese Weise quälte mich die Klage um den Toten ohne Unterlaß, und in den Bemühungen, sein Leben und sein Ende mit den Notwendigkeiten meines Geschickes in ursächlichen Zusammenhang zu bringen, geriet ich in das undurchdringliche Dunkel, das mein Leben bis heute umfängt. Denn ich sagte mir, daß Willmanns Dasein wahrscheinlich ausgeklungen wäre, wie der Ton einer Glocke im Abendrot des fluchtreichen Herbstes einschläft, wenn ich nicht seinen geneigten Weg gekreuzt hätte. Und ich kam, selbstzerstörerisch diesem Gedanken nachhängend, zu der Überzeugung, nicht nur unsere Familie sei vom Schicksal zur Vernichtung bestimmt, sondern vor allem auf meinem Dasein laste so die Fülle des Unsegens, daß meine Berührung Heitere verdüstere und schon Bedrängte noch in tiefere Not hineintreibe. Kein Sonnenstrahl sank in die Schlucht, in die ich mich verirrt hatte, und doch umgab mich auch nicht ganz lichtlose Nacht. Denn wie hätte ich dann überhaupt existieren können! Wenn ich den Zustand meines Lebens betrachte, wie er damals begann und mit wenigen Erleichterungen bis zu diesem Augenblicke angedauert hat, so gleicht er der Luft in diesem kleinen Zimmer in Wecknitz. Und wie ich hier hinter dem Schrank kauere, die Schatten meines Lebens heraufbeschwöre und noch einmal mit ihnen ringe, so habe ich all die schweren Jahre einsam und notvoll gegen sie gekämpft. Aber es blieb stockend um mich von den Finsternissen der Nacht wie hier. Kaum schwelte zu manchen Zeiten blasse Helle der Hoffnung über mich, wie vor den beiden Fenstern neben mir das eiste Wittern der Frühe bebt, während drunten noch alle verdunkelten Gärten schlafen und weiter draußen die schwarzen Feistelberge herüberdrohen. And wie das Licht dort auf dem Tische müde zuckt und doch an seinem Verdursten sich immer wieder zu neuen bleichen Schleiern aufrafft, so glomm mein Geist stets neue, blasse Kreise der Erkenntnis vor meine Füße, daß ich nicht ganz verzagte. Aber ich blieb doch in Mauern gefangen, die eng und niedrig wie die Wände dieses Zimmers um mich standen, und der Ausweg schwankte stets ungewiß und verschlossen in den Schatten vor mir wie die Tür dort neben Bettstatt und Ofen. Es waren fast oresteische Ketten, mit denen ich mich selbst gefesselt hatte. Aber eines der seltsamsten Mittel, die Menschen anwenden, ihrem Leiden zu entschlüpfen, besteht darin, daß sie es übertreiben, und so hatte ich es in den vier Nebeltagen nach Willmanns Tode dahin gebracht, mir nicht nur unsere Familie und vor allem mich, sondern das Leben der Menschen überhaupt und die ganze Welt zu Schmerz und Not geschaffen vorzustellen. Mochte ich die kurze Burgzeile hinauf- oder hinuntersehen, überall fand ich die geheimnisvolle grause Nacht am Werke, die Menschen in immer tiefere Finsternisse zu ziehen. Den Fleischer Mahn hatte der Trunk von seinem jagenden Gefährt unter die Räder gestoßen, der alte Grulich saß erblindet vor der Schusterkugel in seiner Stube, und der Pfeffer-Gerber strich zwar wie sonst noch an den Abenden hinter den Johannisbeersträuchern des Gärtleins an der Stadtmauer umher und sang, die rechte Hand unters Kinn geschlagen, in die Schatten, aber sein Lied klang nicht mehr verschüchtert und leise. Denn seine eheliche Rechtlosigkeit hatte ihn endlich wundgerieben, und von heimlichem Rausch entzündet, schnob das demütige, zerbrechliche Männchen Revolutionsgesänge, bis er in der Laube über den Tisch sank und einschlief. Wohin ich sinnen und sehen mochte, es gab nicht einen Menschen, den sein Schicksal nicht plagte. Hatte ich also ein Recht, gegen das große Dunkel mich aufzulehnen, das alle führt? War es nicht vielmehr meine Pflicht, meine Qual mutig auf mich zu nehmen und treu zu tragen? Soweit war ich, als der Nebel, der so lange die Dächer Heisterbergs bedrückt hatte, eines Abends verschwand wie eine Decke, die unversehens jemand wegzieht, und alles schimmerte und läutete in der Stadt. Die Kinder faßten sich an den Händen und wogten in bunten, singenden Ketten die Häuser hin. Der Himmel flatterte über den Türmen wie eine blauseidene, schimmernde Fahne, in die die sinkende Sonne rote Streifen malte. Und plötzlich kam mit der Tod des alten Willmann auch nicht mehr so schrecklich vor. Er war in das Feuer hineingestorben, in das Licht, in die Verklärung alles Irdischen, und wie mich dieser Gedanke, gleich einer Erlösung, überfiel, brachte ich es auch über mich, aus meinem Fenster hinaus wieder den alten Wartturm anzusehen. Er stand in rosigem Licht da. Aber seinem verwitterten Gemäuer bebte der Schimmer wie eine empfindsame Haut, und der Adler lag mit gebreiteten Schwingen über der Spitze, als sei er im Begriff, gestreckten Fluges sich in den Himmel fortzuschwingen. So war die Seele des Greises ins Unermeßliche entwichen, reißend, mit einem schreckhaft frohen Jauchzen, und ich betrachtete den Turm, von Abendglut übergossen, wie eine Offenbarung, wie ein tiefes Symbol eines tiefen Lebens. Meine Augen suchten selbst in den Winkeln und ausgebröckelten Löchern des verwitternden Gebäudes noch bedeutsame Spuren dieses geliebten, ausgereiften Lebens. Das schwindende Licht rückte indessen immer höher an dem Gemäuer hinauf, und nun loderten die Mauerzacken wie ein Feuerkranz um die plumpe, hohe Spitze. Und in der linken Ecke bemerkte ich auf einer Stange, gleich einer winkenden, blassen Hand, einen hohen Strauß weißer Astern. Ich war von dem Anblick so erschüttert, daß mir die Tränen nur so über die Wangen schossen. Mit Blumen grüßte mich der Tote noch von jenseits des Grabes her! Ich barg meinen Kopf in die Hände und verlor mich in die Vergangenheit. Da sah ich den Ehrwürdigen hinter der Wehrmauer stehen, und der Abend blühte so rot wie heute um die Spitze. Aus dem Fenster in der Stadtmauer neigte sich ein blonder Mädchenkopf. Als Willmann den sah, blinzelte sein Auge glücklich zu mir her, der neben ihm stand, nahm Samenkörner, streute sie in den Abend hinaus und sagte: Wir wollen das ins Licht säen, damit ihr Leben ins Sonnenhafte gedeihe ... Als ich meinen Kopf aus den Tränen hob, war das Rot längst erloschen, und das Dunkel braute um den Turm; aber die bleiche Asternhand sah ich noch hinter den Mauerzacken winken. – – – – – – – Die blasse Hand hat mich wirklich in den Schimmer geführt. Eines Sonntags fand ich mich als Teilnehmer an der Prozession ein, die nach dem Laternenanzünden allabendlich um den Ring unseres Städtchens zog, bis die Nachtwächter ihre erste Stunde pfiffen. Sie bestand fast nur aus Gesellen und Dienstmädchen. Wenige Schreiber, Schüler und Töchter kleinerer Bürger waren darunter. Nach dem Abendessen strömten sie aus den vier Straßen auf das breite Trottoir des Ringes und pilgerten unermüdlich nach Liebe, immer wechselweise eine Reihe Schürzen und eine Reihe Glimmstengel. Scherzreden und Gelächter flogen hin und wider, und im Scheine der Ecklaternen verfingen sich auf einen Moment die Blicke der Verliebten. Bürger kreuzten dick und langsam den bunten Schwarm. Der Herbsthimmel hing hoch und voller Sternenfunken über dem Rathaus. Er war so groß und blau, daß man verstummen mußte, wenn man ihn ansah. Dies Schweigen ergriff oft alle. Dann war es so still, daß man das Wasser des Stadtbrunnens über den ganzen Platz klingen hörte. In solchen Augenblicken wurde mir vor Erwartung fast bange, denn ich glaubte, nun werde Wally Göppert unvermutet an mich herantreten und fragen: »Warum gehen Sie so allein?« Dann wollte ich antworten: »Fräulein Wally oder liebe Wally, ich warte auf Sie. Nehmen Sie es mir nicht Übel, daß ich an dem Sommerabend so von Ihnen fortgelaufen bin, denn ich war damals sehr unglücklich. Ehe die weißen Astern verwelkt find, müssen Sie wieder gut sein auf mich.« Das wollte ich sagen, wenn sie kommen und mit der Hand meine Achsel berühren würde. Ich dachte mir noch vieles Schöne aus, auch von dem alten Willmann. Aber wenn ich im besten Zuge war, prasselte das Lachen und Scherzen vor und hinter mir wieder auf. Alles, was ich mir ausgesonnen hatte, kam mir recht töricht vor. Ganz beklemmt ging ich an der weit offenen Tür des Kaufmann Pausewangschen Hauses vorüber und sah immer nur das winzige Flurlämpchen, das wie ein gelber Nagelknopf von der finsteren Wand schimmerte. So kreiste ich unzähligemal um das Rathaus und hatte eben wieder den Entschluß gefaßt, unwiderruflich den letzten Rundgang anzutreten, als ich einen Burschen vor der breiten Tür zu meiner Ersehnten in aufgereckter Haltung und geckenhaftem Schritt auf- und niederpendeln sah. Er wippte mit seinem Spazierstöckchen, sang ausgelassen lustig durch die Zähne, blieb häufig stehen und leuchtete mit brennender Zigarre auf das Zifferblatt seiner Uhr, kurz, benahm sich wie einer, der ungeduldig ein versprochenes Stelldichein erwartet. Das machte ihn mir verdächtig, und als ich näher hinsah, erkannte ich in ihm den Sohn des Glöckners Kinzel, der als Kommis in der Eisenhandlung der Stadt beschäftigt war. Ein fader, widerlicher Schwätzer mit dem Draufgängertum, der Ladendiener auszeichnet. Wenn Wally Göppert mit ihm ging, so wollte ich ihr keine Stunde im Wege sein, konnte ich auch nicht begreifen, wie dann die Verheißung Willmanns von meinem glücklichen, sonnenhaften Leben in Erfüllung gehen sollte, die mich doch eigentlich hierher geführt hatte. Das Wort Lebendiger ist vieldeutig und unsicher wie ihr Leben; aber das Versprechen, das Abgeschiedene uns hinterlassen haben, gilt uns als heilig. Es mußte wahr sein, was der Greis zu mir gesagt hatte, und ich fühlte, daß ich mein Leben nicht würde ertragen können, wenn mir das Licht dieser blonden Mädchenhaare erblassen müßte. So ward ich verhindert, jäh und barsch vom Ringe weg in mein Bett zu laufen. Geduldig, wenn auch in zweifelsüchtiger Unruhe, begann ich, wieder vor der breiten Tür vorbeizukreisen. Schon pfiff in einer fernen Gasse der erste Nachtwächter. Nur wenige, nun schon zu Paaren verschlungen, wandelten noch umher. Ich trat, um mir nichts entgehen zu lassen, vom Bürgersteig auf das Pflaster des Platzes und behielt den Hauseingang sorgsam im Auge. Die helle Hose Kinzels schwenkte noch immer auf und ab. Plötzlich flammte im Innern des Hauses ein Licht auf, und der Verliebte verschwand, wie von dem Schein gerufen, in den Flur. Allein schon bald tauchte er mit schnellem Schritt wieder unter der Tür aus und entfernte sich eilig und ohne Umsehen in der Richtung nach der Kirche. Hinter ihm quoll ein fettes, grunzendes Husten aus dem Hause, und noch ehe der Flüchtling die nächste Straße erreicht hatte, stand der dicke Pausewang auf der Schwelle, schaute sichernd die Ringseite auf und ab, schnob zornigen Atem ins Dunkel und steuerte dann quer über den Platz auf das rote Licht der Stadtbrauerei zu. Obwohl der erste Versuch einer Annäherung so mißlungen war, obwohl ich mich sogar an den folgenden Abenden überzeugen mußte, daß zwischen Wally und dem faden Kommis eine Beziehung bestehe, ich verlor doch nicht die frohe Sicherheit, das Mädchen sei mir noch geneigt. Sie stand zwar neben ihm und duldete, daß er auf sie einsprach; näherte ich mich aber, um von ferne vorüberzugehen, so bemerkte ich, wie sie teilnahmslos wurde, von ihm ein wenig abrückte und nach mir hinsah, als wünsche sie, ich möchte hinzutreten und sie von dem Zudringlichen befreien. Doch was soll ich all die süße Unruhe beschreiben, was an dem bunten Spiel verheimlichter Liebe herumtasten! An einem Abende, eben als ich an den beiden wieder vorüberging, ließ sie Kinzel brüsk stehen und entfernte sich von ihm nach der Kirchstraße hin. In einer dunklen Nebengasse holte ich sie ein und sagte ihr all die schönen Worte, die ich mir seit langem ausgesonnen hatte. Das Städtchen lag still. Die Laternen blinzelten, und wir gingen bald Hand in Hand wie Kinder, die sich verloren und endlich wiedergefunden haben. Wir kamen bis hinaus zwischen die Gärten, und wie unsere Schritte in dem Laube unhörbar wurden, verstummten wir auch. Durch das Gewirr der fast kahlen Äste sahen wir die fadendünne Mondsichel hinter den Bergen heraufschwimmen, und aus dem Seminar klang heiser und schwach der Diskant einer Orgel, als zirpe eine letzte Grille im schwarzen Felde draußen. Wir hatten uns losgelassen und horchten in das Dunkel. Die dumpfen, großen Laute der Nacht, die Last der unbarmherzigen Einsamkeit drangen auf uns ein, und ich weiß nicht, wie es kam: ich hatte Wally an mich gezogen. Wir standen aneinandergelehnt: das unnennbare Bangen, das uns eben noch getrennt, vor dem wir mit den Augen ins Dunkel hinausgeflüchtet waren, wuchs nicht mehr aus der Erde. Das Gefühl tiefster Geborgenheit erfüllte uns. Aber als sich in verschwiegenem Rausch unsere Stirnen berührten, durchzuckte mich ein so schmerzvolles Beben, daß ich erschrak. Auch Wally trat hochaufatmend von mir weg und sagte mit erstickter Stimme, sie habe Furcht und wolle nach Hause gehen. Ich lachte sie zwar tapfer aus; aber mir war doch auch wieder so seltsam bange, und so wandelten wir zurück. Unterwegs sprach sie von Kinzel: Das sei gewiß kein guter Mensch. Er rede wohl ganz amüsant, immer vergnügt und nett, daß sie ihm gern zuhöre. Allein es liege etwas hinter seinen Worten, mehr im Klang der Stimme und in seinen Augen, das ihr Furcht einflöße und sie zugleich schwach und willenlos mache. Immer, wenn er ihr nahe, bringe sie es nicht fertig, davonzugehen. Und wenn ich nicht gut aufpasse, dann könne es vielleicht wirklich noch dahin kommen, daß er sie einmal küsse. Scherzend und glücklich trennten wir uns. In der Nacht brach ein starker Wind los. und am Morgen waren die Astern über der Wehrmauer des Wartturms verschwunden. Willmanns blasse Hand hatte mir den Weg ins Licht gewiesen und war nun auf ewig in die Luft verweht. Ich hielt mich wirklich für einen jener Glücklichen, denen alles Harte des Daseins überreich durch Liebe vergolten wird. Alle Tage blühte mir wieder das seine, lange Gesicht des lieben Mädchens aus dem Fenster der Stadtmauer, und ich war reicher als je. Singend spielte ich mich in meine Arbeit und sah mit leichtem Wut auf den Berg der Wiederholungen zur Entlassungsprüfung. Manchmal war Wally durch Arbeiten im Hause an dem Zusammensein mit mir verhindert. Dann ließ sie ein weißes Tuch vom Fenster flattern, und wir tauschten aus der Entfernung Zärtlichkeiten, denen ich, wieder mit mir allein im Stübchen, Worte verlieh. Erregt zwischen Tür und Tisch auf- und abschreitend, redete ich das Stürmen meiner Verliebtheit vor mich hin. Ich sah Wally leibhaftig um mich, und die Worte, die ich zu ihr sprach, klangen mir oft so schön, daß ich sie mir zur Erinnerung aufschrieb. Auf diese Weise wurde ich fast so etwas wie ein Dichter. Wirklich! Und mochte alles, was ich zu Papier brachte, auch nur krauses Stammeln sein, ich kostete doch den Zauber, mich in ein unaussprechlich anderes Leben zu erhöhen, das mein Glück und meinen Schmerz tiefer befreite und tiefer belud. Die Unbegreiflichleiten der Wirklichkeit wurden mir zu Unbegreiflichleiten des Traumes, und alle Dinge umwitterte oft ein Klang von ferner her, daß ich kaum den Sinn meiner Worte verstand oder über die Tatsache eines weitschauenden Wissens hinter der Erkenntnis betroffen war, wenn die Nüchternheit wieder um mich klapperte. Geradezu schmerzhaft war mein Erstaunen, als ich einst den Vers gedichtet hatte: Auf bleicher Stirn wohnt deiner Schönheit Glanz, in schweren Augen trägst du all mein Glück: Und seh ich dies und deines Goldhaars Kranz, ergreift mich Bangigkeit um dein Geschick. Die letzte Zeile bohrte sich mir wie ein Drohen ins Ohr. Ich kam nicht darüber hinweg, trotzdem ich diesen ganzen Anfang mehreremal laut las, um von dem Rhythmus der Worte weitergetragen zu werden. Nun hing wohl über Wallys Wesen eine flüchtige, leise Umwölkung; aber nie wäre es mir wachend in den Sinn gekommen, hinter ihrer gedämpften Heiterkeit das steigende Grau eines fernen Schicksals zu wittern. Im Gegenteil schwebte um ihre schlanke, behende Gestalt die Musik des Traumes, den meine Kindheit mit der Schwester Anna erlebt hatte. Irrtümer des Verstandes lassen sich leicht ausmerzen wie Rechenfehler; gegen den sogenannten Wahn der Einbildungen sind die meisten Menschen wehrlos, vor allem aber Liebende. Und während ich ehrlich dagegen kämpfte, verdüsterte sich die Luft um mein geliebtes Mädchen, veränderten geheime Befürchtungen ihr Bild, so daß mir gar ihre rührende, hingebende Schönheit manchmal zuckend zu schimmern schien, wie unter den Schauern eines verborgenen Fiebers. Um mir Wally aus diesen Schatten wieder in sonnige Sicherheit zu bringen, beschloß ich endlich, diese unheilvolle Probe meiner Dichtkunst vor ihr preiszugeben und war schon im voraus froher Hoffnung voll, ihr ausgelassenes Lachen werde mich gründlich von allen Grillen heilen. – – – – – – – Am Allerheiligentage schritt ich wartend den schmalen, felsigen Steig hin und hei, der, an der Sohle des Florianiberges dem Laufe der Neiße dicht angeschmiegt, über einen sanft gehobenen Wiesenstreifen den Ausblick nach der übereinandergetürmten Stadt freiläßt. Nach Norden zu sieht man einen Zipfel des Kirchhofes über den Abhang gleiten. Die Luft war ein einziges, silbriges Schimmern, kalt und köstlich. Die makellose, winterliche Blässe des Himmels spannte sich still über die Dächer und Türme von Heisterberg. Nur ein Beben schwebte fortwährend ganz schwach in der Höhe wie von eben verklungenem, eben anhebendem Geläut. In mir wurde es ein geruhiges Erwarten und doch auch ein leises, wiewohl verklärtes Zittern. Das Wasser zu meinen Füßen ging lautlos und glänzend über die Steine; die kahlen Zweige der Buchen, Erlen und Ahorne standen unbeweglich über mir und ließen aus tiefem Schlaf noch dann und wann ein vergessenes Blatt sinken, das sich behutsam auf den Wellen niederließ und wie ein rotes oder gelbes Schifflein davongetragen wurde. Ich dachte eben darüber nach, was es doch für einen Zweck habe, mein Mädchen mit törichten Befürchtungen zu betrüben, und daß es vielleicht das beste wäre, ich ließe die Grillen von dem Wasser auf Nimmerwiedersehen fortnehmen wie diese welken Blätter, da stand Wally unvermutet neben mir Versunkenem. Ihr Gesicht war von dem Lauf über den steilen Abhang noch blasser als sonst, die schwarzblauen Augen glühten tiefer, und ihr heißer Atem traf meine Wangen wie reife Sommerluft. Da sah auch schon das geheime Bangen um sie wieder fest in mir, und ich dachte nicht mehr daran, es ungesehen fortschwimmen zu lassen. Ehrliche Verliebte find die ungeschicktesten Heuchler, und es dauerte nicht lange, so hatte es Wally heraus, daß mich etwas bedrücke. Aber ich zögerte, mein Geheimnis mir nichts dir nichts vor ihren ungeduldigen Augen auszubreiten, sondern redete, sie und mich zu versuchen, spielend daran herum, als sei es die ausbündigste Torheit der Welt und zugleich ein schlimmes Verhängnis. Endlich erklärte Wally sehr entschieden, es wissen zu müssen, und weil ich mich immer noch neckend weigerte, kamen wir überein, eine Art Gottesurteil anzustellen. Zwei gleich lange Zweige sollten nebeneinander auf das Wasser gesetzt werden. Wessen Rütlein zuerst an dem kleinen Strudel angelangt sein würde, nach dem mußte es gehen, und der andere durfte kein Wort dawider sagen. Ich wählte die Zweige von der Erle, dem zauberkräftigsten unter den Laubbäumen, und Wally umwand den ihren mit einem roten Faden aus ihrem Hutbande. Die Hände zitterten ihr kaum merklich dabei, und ihr Busen stieg und sank beklommen. Auf herausstehenden Steinen balanzierte ich ein Stück in den Fluß hinein und richtete, ehe ich die Zweiglein dem Wasser übergab, noch einen fragenden Blick nach dem Mädchen, das sich auf einem Stein niedergelassen hatte und mit zusammengezogenen Brauen und harten Augen meine Bewegungen verfolgte. Bald schwammen unsere Schicksalshölzchen auf dem schwarzen, ruhigen Wasser. Erst hielten sie sich zusammen, denn ich hatte sie mit den Knospen aneinandergeklemmt; aber in der Mitte des Weges wurden sie ein paarmal gedreht und dann auseinandergerissen. Mein Zweig taumelte zur Seite und begann sich am Ufer durch welkes Laub zu winden; Wallys Rütlein stellte sich sofort wieder ein und schoß gerade auf den Strudel zu, in dem es, mit dem roten Wimpel voran, verschwand und nicht wieder zum Vorschein kam. Wir waren beide betroffen. Wally hob ein Blatt auf, zerzupfte es versunken und nickte dazu schwer mit dem Kopfe. Dann lehrte sie mir ihr Gesicht zu und fragte lächelnd, aber mit unsicherer Stimme: »Hast du noch mehr solcher Zaubermittel?« Ich war nun entschlossen, den unglückseligen Vers auf jeden Fall für mich zu behalten, da er allein an dieser peinlichen Wandlung schuld war und antwortete trotzdem wie gebannt: »Wenn du versprichst, mich recht tüchtig mitzulachen, werde ich dir's sagen.« Sie leichte mir ihre Hand herauf, und nach einer kurzen Einleitung sprach ich die Strophe, nicht ohne geheime Beklemmung. Wally hörte mit zu Boden gekehrtem Gesicht zu und bat fortzufahren, als ich geendet hatte. Ich mußte bekennen, vor Bangen im Dichten steckengeblieben zu sein. »Wegen der letzten Zeile, nicht wahr?« fragte sie. Und als ich bejahte, hob sie den Kopf und sah mich mit verzehrenden Äugen an. Ihre Züge zuckten dabei in schmerzvoller Leidenschaftlichkeit. Ehe ich ein Wort sprechen konnte, kam es wie ein Sturm über sie. Sie sprang auf, umschlang mich, schluchzte, überdeckte mein Gesicht mit heißen, schlingenden Küssen, sog sich förmlich mit ihrem Körper an meinem Leibe fest und stammelte wie eine Verfolgte, in höchster Angst: Ich solle nicht an ihr zweifeln und sie nicht verlassen, denn sie liebe mich so unendlich, unendlich; mich, mich allein! Wir stockte das Herz vor Beklommenheit über die unbegreifliche Verwandlung dieses süßen, stillen Menschen. Ja, mich überfiel sogar etwas wie Scheu, daß ich nicht wagte, ihre fessellosen Liebkosungen zu erwidern. Da riß sie sich plötzlich los, hielt mich mit steifen Armen von sich, sah aus strömenden Augen forschend in mein Gesicht und sank mit einem leisen Wehlaut ganz erschöpft auf ihren früheren Sitz an dem Baum. Sie verfiel in totes Schweigen, und nichts rührte sich an ihr als die bebenden Schultern des über die Knie gebogenen Leibes. Ich trat heran, streichelte ihren Scheitel und rief sie liebreich bei ihrem Namen. Unter den Berührungen meiner Hände erschauerte sie wie frierend, und als ich Miene machte, sie herauf in meine Arme zu heben, entglitt sie mir, stand weggewandt, den Fluß hinaufsehend und begann dann langsam, wie in schwerer Betäubung, den Steig hinzuwandeln. Behutsam und still hielt ich mich neben ihr. Derweil sickerte der Abend durch die Bäume, der Fluß begann zu rauchen, und wir kletterten den Abhang hinauf. Beim Abschiede war ihre Hand kalt und ihr Gesicht noch immer bewölkt von schamvollem Lächeln. »Auf Wiedersehen«, sagte ich und wollte sie umfangen; aber sie wich aus, krümmte schmerzvoll die Lippen und ging eiligen Schrittes davon. – – – – – – – Am andern Tage wartete ich vergebens auf das Erscheinen Wallys am Fenster der Stadtmauer, vergeblich streifte ich abends vor dem zweiflügeligen Tore des Pausewangschen Hauses. Das Lämpchen blitzte wie ein gelber Nagelknopf von der finsteren Hinterwand des Flures, manchmal huschten Schritte die Stiege auf und nieder: Das Mädchen ließ sich nicht sehen. Und so blieb es auch die folgenden Tage. Ich war überzeugt, sie zürne mir, weil ich ihre leidenschaftlichen Liebkosungen unerwidert gelassen und kein Wort des Mitgefühls auf die Erzählung ihrer häuslichen Not gefunden hatte. Und wenn ich mich in der Tat der jungenhaften Angst auch ehrlich schämte, die mir das Wogen ihres Busens und das Feuer ihrer Küsse eingejagt hatte, so fühlte ich doch mit jedem Tage deutlicher, den sie sich entzog, daß das nicht der einzige, wenigstens nicht der tiefste Grund meiner Scheu gewesen war. Nein, eigentlich hatte mich deswegen diese vollkommene Ratlosigkeit erfaßt, weil sie, die Süße, gedämpft Heitere, das ganze Ebenbild meiner verklärten Schwester Anna, sich so jäh vor meinen Augen in das Gegenteil, in einen mir fremden, unbegreiflichen Menschen verwandelt hatte. Und weit, weit in meiner Ferne dämmerte außerdem eine Furcht, die noch kein Gesicht, und ein Zweifel, der noch kein Wort hatte. Darum brannte ich darauf, mich vor ihr und sie vor mir wieder zu rechtfertigen. Nach einer Woche wurde sie mir durch das Dunkel zugeführt. Ich lehnte grübelnd und frierend in der Pfeilernische neben dem Eingang des Pausewangschen Hauses. Der Ring war menschenleer, und die eisten Schneeflocken flimmerten ungestört durch den roten Lichtdunst der Laternen zur Erde. Neben dem Rathause türmte sich die steinerne Dreifaltigkeitsstatue wie ein erstarrter Springbrunnen aus Schatten in die halbe Finsternis hinauf. Und wie ich denken muhte, so erloschen und zugleich doch furchterregend sieht der alte Glaube in mir aus, näherte sich jemand mit behenden, leichten Schritten aus der Walauer Straße, blieb einen Augenblick am Denkmal stehen und strebte dann geraden Weges auf mich zu. Noch ehe die Gestalt den breiten Bürgersteig erreicht hatte, erkannte ich in ihr die Erwartete. Sie fuhr leicht zusammen, als ich auf sie zutrat, faßte sich aber schnell und sprach einige belanglose Worte des Erstaunens, mich hier zu sehen; das gab mir einen leise schmerzenden Stich, und statt der liebkosenden Worte, die sie mir wiedergewinnen sollten, brachte ich nichts fertig, als ihre Hand zu ergreifen und bekümmert ihre Augen zu suchen. Endlich vermochte ich, traurig und vorwurfsvoll, ihren Namen zu sagen. Sie aber zog mich in das Dunkel zurück nach der anderen Ringseite hin, damit wir den Blicken ihres Schwagers entgingen, der um diese Zeit seinen allabendlichen Ausflug in die Stadtbrauerei antrat. Dort wandelten wir auf und nieder, und sie plauderte hastig von den vergnügten Stunden, die sie eben beim Buchhändler Bunzel zugebracht habe. Es flackerte und zuckte wieder in ihren Worten, und sie klangen mir gar nicht so unbefangen fröhlich, sondern wie gehetzt und ängstlich, daß mich aufs neue Schmerz und Schweigen ergriffen. Plötzlich verstummte sie verlegen, faßte leidenschaftlich meine Hand und stammelte: »Sei gut, mein Lieber, sei mir gut!« Ich tröstete sie, soweit ich es in meiner Verwirrtheit vermochte, und da ich der Meinung war, sie halte mich wirklich für hart und gefühllos, versuchte ich, ihr meine Gemütsverfassung am Allerheiligentage klar zu machen. Allein kaum hatte ich diesen Namen ausgesprochen, als sie mir den Mund zuhielt und mich beschwor, um Gottes willen dieses Vorganges nicht mehr zu gedenken. Deswegen sprach ich nur davon, wie weit doch meine Liebe zu ihr in meinem Leben zurückreiche, daß sie geweiht sei durch den Segen des toten Willmann, und redete von der Güte und Schönheit meiner Schwester, der Wally in vielem Besten so ähnlich sei. Meine Worte mögen wohl von dem Traum meiner Kindheit, an den sie rührten, besonnt und berauscht geklungen haben, denn ich fühlte, wie sie davon ergriffen wurde, und wie die böse Unruhe um sie ganz verschwand. Sie ging wieder leicht und ruhig neben mir hin, umduftet von dem Zauber der Jugend und Schönheit. Als die Laternen erloschen, blieb sie stehen, neigte ihr Gesicht so nahe an das meinige, daß ich ihre Augen in der Nacht glänzen sah und sagte mit leiser, glückverhaltener Stimme: »Ich will jetzt ganz deine stille, sanfte Anna sein, nimmer die Wally, die dir wehtut, gar, gar nimmer!« So trennten wir uns. Sie verschwand in dem großen Haustor. und ich ging in die lichteste, trunkenste Nacht meines Lebens. Wallys Gesicht, ihr ganzes Wesen, war nun für Wochen in friedvoll-sichere Stille getaucht. Ihre Altstimme klang wieder gesättigt von tiefer Beseeltheit. Manchmal waren ihre Zärtlichkeiten scheu, voll der frommen Verwunderung erster Mädchenliebe. Sie lauschte meinen Worten wie Offenbarungen und empfing meine Herzlichkeiten wie unverdientes Glück. Und doch sah sie mich oft mit erwartenden Augen an, wenn ich, mitten im Spiel der Liebe, von den Finsternissen meines Lebens gestreift, leichter Düsterkeit verfiel, als sehne sie sich nach einem tieferen Strom meines Daseins, nach der Sorge und Not meines Lebens. Aber ich brachte es nicht über mich, von dem Letzten und Heimlichsten meiner Seele zu ihr zu reden und wagte auch nie, nach den heiligen Verborgenheiten ihres Lebens meine Hand auszustrecken, sondern gab ihr immer nur Liebkosungen. Hatte ich so ihr Erwarten getäuscht, dann verharrte sie lange ratlos in meinen Anblick versunken und klagte dann leise, daß ich sie nicht liebe. Am anderen Tage, wenn ich in der Finsternis des Wintermorgens über den Ring ins Seminar ging, sah ich sie wohl mit dem Gebetbuch in der Hand zur Kirche eilen. Kinzel traf ich nie wieder vor ihrem Hause. Dafür suchte er auf jede Weise an mich heranzukommen, grüßte mich, obwohl er einen ausgewachsenen Schnurrbart trug, bot mir Zigaretten an und schritt bald zu Vertraulichkeiten fort, von denen er sich durch meine deutliche Kühle nicht abhalten ließ. Er sog sich an mir fest und bohrte sich brutal in mich hinein. Wallys Demut und Trauer wuchs indessen und steigerte sich oft zur Ängstlichkeit. An einem Abende blieb sie wieder aus, ohne mir vorher ein Zeichen gegeben zu haben, und am anderen Tage sah ich sie blaß und verstört förmlich vor mir fliehen. Das reifte meinen Zweifel zum Argwohn und steigerte meine Furcht zum Zorn. Ich versuchte zwar noch einigemal, ihrer habhaft zu werden, aber nicht, sie mir wiederzugewinnen, sondern mich jäh von ihr loszuschneiden. An einem Abende dehnte ich deswegen die Streifereien bis tief in die Nacht aus. Als ich nach Hause kam, hörte ich in dem finsteren Flur jemand dumpf und monoton murmeln. Ich riß mit einem Streichholz Licht und traf nach einigem Suchen meine Mutter, nur mit dem Hemd bekleidet, in den Winkel neben dem Speiseschrank geklemmt, mit dem Gesicht gegen die Wand, leer und verzweifelt vor sich niederredend. Sie lichtete vorwurfsvoll ihre Augen auf mich und sagte: »Kommst du endlich wieder zu uns? Da ist's nur gut!« Dann streichelte sie mir liebreich die Wange und schlüpfte in die Schlafstube. Wie ein Zunder fiel meine Liebe zu Wally von mir ab, und ich lag lange Stunden voll Schmerz und Schrecken wach, weil ich des flatterhaften, ungetreuen Mädchens halber das Schicksal meiner Eltern und meine heiligsten Gelübde vergessen hatte. Wir gingen die Augen auf. In den Monaten des abgewandten, betörten Herzens war meine Mutter abgemagert und um Jahre gealtert; auch den Vater hatte die Auflösung weiter zermergelt. Zwischen die Handgriffe des Gebastels, zu dem sein Arbeiten geworden war, flocht er oft erzählte Geschichten, die er nun auch launig aufzuputzen begann, und begleitete sie mit klanglosem Gelächter. Dann sog er die Lippen in den Mund und starrte regungslos auf seine Hände. Und an all dem Verfall hatte ich vorbeigelebt! Mit leidenschaftlichem Ruck riß ich mich in den Bann des Kummers zurück, dem ich entflohen war. In den Feierstunden stand ich neben dem Vater am Werktisch, schnitt Gurte, Besatzstücke und Strippen, stanzte Knopflöcher und falzte mit dem Bein dürftige Verzierungen ins Leder der Hosenträger. Dann saß ich oft bis über Mitternacht hinaus, vertieft in die Vorbereitungen zur Entlassungsprüfung. Bald erschien mir meine Liebe zu Wally nur noch als eine besonnte, trügerische Wolke, und mich erfaßte oft kalter Jubel, daß ich mich noch rechtzeitig aus dem gleißenden Spiel gerettet hatte. Wohl erschien sie, die ich in meiner Verblendung ungetreu nannte, manchmal zaghaft am Fenster oder lauerte hinter der Haustür, wenn ich über den Ring ging; ich achtete ihrer nicht. Ja, als ich nach Wochen einen Brief von ihr erhielt, las ich nur die ersten leidenschaftlichen Sätze und steckte ihn dann bitter lächelnd ins Feuer des Bombenöfchens. Wie in eine eiserne Schnürbrust gepreßt lebte ich hin, wie in einen Kampf, entschlossen und wohlgerüstet, zog ich ins Examen, und als die Würfel zu meinen Gunsten gefallen waren, schritt ich durch die überschwengliche Freude meiner Kameraden stumpf, blaß und hart davon. Auch das Glück meiner Eltern vermochte nicht, mich zu rühren. So schnell wie möglich warf ich das schwarze Prüfungshabit von mir und stellte mich wieder an den Werktisch meines Vaters. Dieser wehrte sich unter Hinweis auf meine neue Würde gegen meine Hilfe, verlangte, ich solle mich durch einige ausgelassene Tage austoben; schwieg aber endlich mißvergnügt und kopfschüttelnd, als er sah, daß all seine Liebe und seine Erregung an mir wie Wasser an einer Mauer hinabliefen. Meine Mutter irrte blaß durch die Stuben und betrachtete mich oft furchtsam aus einem geborgenen Winkel. Aber keines fragte nach dem Grunde meiner Freudlosigkeit. Es war wieder Frühling, und alle Stunden des Tages, die mir der Dienst um meine Eltern frei ließ, brachte ich im Freien zu. Dort wanderte ich bis ans nächste Dorf heran, warf mich ins junge Gras und verlor mich an den Anblick des Himmels. Dies ruhe- und ziellose Wandern des weißen Gewölks ergriff mich noch allein; dies Kommen und Hinabtauchen des unbegreiflichen, was in jeder Wolke ist, löste die dumpfe, enge Härte in mir zu einem schwindenden Kreisen, daß mir die feste Erde, auf der ich ruhte, vorkam wie ein schwankes Schiff, das mich davontrug. Irgendwohin. Das Ziel war mir gleich. In dem Gefühl, losgelöst und ungeborgen zu sein, beruhte einzig der Friede jener verträumten Stunden. Und einmal, da ich, trunken von endlosen Fernen, mein Gesicht zur Seite neigte, sah ich die Spitze des Heisterberger Ratsturmes wie einen ins Feld gesteckten Stock, der wartete, daß jemand komme und ihn zu rüstiger Reise ergreife. Vielleicht, sann ich, wird alles, was mir in den Mauern meiner Stadt Schweres widerfahren ist, einst eine Stütze auf der Wanderung, die nun beginnt. Als aber auf dem Nachhausewege der Schall meiner erfrischten Schritte von den engen Gassen Heisterbergs wie keifend nachgeäfft wurde, zog meine Seele diese schüchternen Fühlfäden wieder an sich und war, wie vorher, hart, fest, empfindungslos, gleich ausgedörrtem Holz. – – – – – – – Ich hatte die Reife für die letzte Fessel meines Lebens erreicht. Eines Tages trat ich im leichten Abenddunkel aus dem Hause, um in einem Wandel übers Feld mich wieder zu stärken. An der Ecke des Mahnschen Hauses wurde ich von hinten zaghaft am Ärmel gezupft. Als ich mich umdrehte, stand Wally vor mir. Sie zog verwirrt an dem großen Tuch, womit ihr Kopf umhüllt war und sagte, sie müsse mich noch einmal sprechen. Ohne meine Antwort abzuwarten, stieg sie die steinerne Treppe zum Stadtgraben hinunter, schritt über die Brücke der Neiße und schlug den Weg nach dem Florianiberge ein. Sie ging hastig und gebeugt, ohne nach mir zu sehen, und ich folgte ihr in einem Abstand von zwei oder drei Schlitten. Auf der Höhe des Berges, neben dem winzigen Kirchlein, machte sie endlich Halt und sank erschöpft auf die hölzerne Bank. Dort saß sie lange, sah nur in ihren Schoß und atmete abgerissen und schnell. Ich stand in eisigem, feindseligem Schweigen neben ihr und lichtete, um recht entfernt zu sein, meinen Blick über das schwach belichtete Feld gegen das Schneegebirge, das in der Weite wie ein graublauer Schleier hing. »Du gehst in einigen Tagen aus Heisterberg fort?« fragte Wally unvermittelt, ohne den Kopf zu heben, als spreche sie mit sich selber. »Vielleicht, ja«, antwortete ich. »Dann werden wir uns nicht mehr sehen«, sagte sie leiser. »Nein«, erwiderte ich hart. Sie neigte den Kopf noch tiefer, als habe sie einen Schlag erhalten und schwieg lange. Dann richtete sie sich auf, strich das Tuch in den Nacken und sah lange durch das Mondlicht auf etwas ganz Fernes. »Ich weiß alles, was du leidest«, fing sie nach einer Pause mit tiefer, stiller Stimme wieder zu sprechen an. »Ich wußte es schon an dem Tage, an dem ich dich das erstemal sah, auf der Straße aus dem Seminar, als du gingst wie gestoßen. – Und ich wäre gern gewesen wie das Mondlicht dort um den stummen, harten, schwarzen Berg. Aber du hast es mich nicht sein lassen, wie ich auch gebettelt habe darum ... da ist dann alles so gekommen.« – – Sie setzte aus und wartete. Aber ich brachte meine Lippen nicht auseinander. Es war, als presse mir eine Faust den Mund zu. Durch die Bäume kroch das Rauschen der Neiße über das Gras bis zu unsern Füßen. Wally wandte sich um und starrte, den Leib auf steife Arme gestützt, über den Abhang hinunter. »Mein Zweig geht in den Strudel«, sprach sie dann mit stierer Stimme. »Ich weiß, ich weiß. Aber ich muß dennoch ...« »Was mußt du?« fragte ich. Doch sie hörte nicht auf mich, sondern redete abgebrochen, stotternd weiter: »Ich weiß nicht, was das ist ... ein Gutes ... ein Schlechtes ... ach, und wenn es keine Hilfe ist ... Menschen ... Menschen, was dann!? Wenig gerührt, ließ ich sie kämpfen. Da riß sie sich plötzlich aus dem Wirbel los, sprang entschlossen auf, knüpfte sich das Tuch fest und sprach demütig zu mir: »Verzeihe! Was ich von dir zu erbitten habe, ist dies: Gib mir noch einen einzigen Kuß, und wenn es dir möglich ist, lege das letzte Fünkchen Liebe hinein, dessen du für mich noch fähig bist, deinen besten Segen, deinen reinsten Willen. Sorge dich nicht, habe keine Reue. Aber wisse, ich werde es brauchen.« Und sie hielt mir ihr Gesicht hin. Ich sah, daß es totenblaß und eingefallen war, und es begann, heiß und sprengend in meiner Brust zu wogen. Doch ich würgte das Mitleid in mich hinein, weil der Gedanke kam, daß, in vielleicht wenigen Augenblicken schon, Kinzel dies Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen bedecken würde. Daher legte ich kühl und leicht meinen Mund auf ihre kalte Stirn. Wally stieß einen schwachen Schrei aus, als habe sie einen tödlichen Stich erhalten, taumelte zurück und ging stumm über den Berg hinunter. Drei Tage danach waren Kinzel und sie aus Heisterberg spurlos verschwunden. Nach einem Jahre tauchte der Kommis wieder auf. Verlottert und verludert. Das Mädchen blieb verschollen.« – – – – – – – Faber schwieg erschüttert und preßte das Gesicht in seine Hände. Nach einer Weile befreite er seine Augen wieder und blickte verloren zum Fenster hinaus, durch das die Frühe kalt und grau hereinsah. »Siehst du, Kastner,« begann er dann, »das ist das Ende der Kette, die mein Leben erwürgt. Ich habe Wally getötet, wenn sie gestorben ist, und in Schande gestoßen, wenn sie noch lebt. Und darum durfte ich nach dem reinen Herzen, nach Liese Plaschke, meine Hand nicht ausstrecken. Ich durfte nicht und wollte nicht, wollte nur an ihr gut machen, was ich an der andern verbrochen habe. Vielleicht, daß ich dadurch ein zweites Mal schuldig geworden bin, weil ich dies kindhafte Mädchen zu meiner Buße mißbraucht habe. Dann – ja – dann gibt es keine Rettung mehr für mich aus diesem grauen Wirrsal!!« – Faber schrie die letzten Worte fast wie einen Notruf aus. Sie klangen noch in der stillen Stube, da wich, wie von Geisterhänden gelöst, die Tür aus dem Schloß und schwang, langsam knarrend, in den Angeln weit auf, bis sie ans Bett anschlug. Auf der Schwelle kniete Liese, noch in der Stellung einer Lauschenden, die Arme weit ausgebreitet und das Gesicht bestürzt über ihre Bloßstellung. Sie hatte sicher, von Sorge und Neugier getrieben, die ganze Nacht vor der Tür auf dem Flur zugebracht und die Erzählung Fabers mit angehört. Aus seinen letzten verzweifelten Worten mußte sie die Überzeugung gewonnen haben, daß die Macht über das Schicksal meines Freundes in ihren Händen liege. Halbbewußt hatte sie dem Drang, sich zu opfern, nachgegeben und kauerte nun da wie ein Mensch, um den sich Gram und Freude streiten. Ich war von dem Sitz aufgesprungen, und auch Faber hatte sich ein wenig aufgereckt, erstaunt über den Einbruch des Mädchens, das jetzt zu zittern begann, als sie seine verstörten Züge gewahrte. Doch bald wich diese herzliche Angst von ihr. Sie faltete die Hände nach unten und senkte, einen Augenblick sinnend, den Kopf. Als sie ihn hob, war alle Beklemmung von ihr gewichen, strahlte ihr Gesicht im Glanz eines schmerzvollen Glückes, und immer mit den Blicken an meinem Freund hängend, flüsterte sie zu ihm herauf: »Herr, warten Sie bloß eine kleine Weile!« Dann huschte sie die Treppe hinunter und erschien bald darauf mit demselben Bündel, das sie vor acht Tagen in die Birken getragen hatte. Sie legte es vor den Füßen Fabers auf den Boden, kniete daneben und fing an, es eilig aufzubinden und darin herumzusuchen. Ein Paar Schuhe, eine Taille, ein Rock, Strümpfe, ein Tüchelchen und ein Stück vertrockneten Brotes wurden von ihren hastigen Händen über die Diele gestreut. Zu unterst lag ein kleines Päckchen in Papier, vielfältig mit einem roten Wollfaden verschnürt. Das reichte sie Faber herauf und sagte: »Lieber Herr, da nehmen Sie, was ich Ihnen wiedergeben muß. Das andere freilich werden Sie mir lassen müssen; das, was da liegt, und was ich in mir trage von Ihnen. Denn, daß ich anders seh'n und sinnen kann, anders lachen und geh'n, anders sein und Besseres tun kann, das alles, was Sie mir gegeben haben, gelt, mein Herr, das darf ich behalten?!« Sie sprach leise, vielfältig stockend, die Augen verschämt niedergeschlagen. Faber öffnete das Päckchen, und ein dürres Sträußchen Blumen, mit einem Faden Seide umschlungen, eine Schleife und ein trockener Tannenzweig kamen zum Vorschein. »Und was soll das?« fragte er. »Ach, mein Herr, das sein doch die Blumen und die Schleife, die Sie mir am Kommuniontage gegeben haben und das Zweigel aus'm Busche, wissen Sie, wo Sie mir den Packs getragen haben, weil ich nicht mehr fort konnte.« »Warum soll ich das nehmen?« sprach Faber. »Weil Sie mir genug gegeben haben und jetze fortgehen müssen von hier«, antwortete das Mädchen. »Liese, habe ich dir wehgetan?« fragte Faber ergriffen. Sie lenkte ihr Auge auf ihn, und unter glücklichen Tränen antwortete sie: »O ja, Herr, wie die Sonne dem Baume wehtut, wenn sie auf ihn scheint, daß er blühen muß vor lauter Schmerze, also haben Sie mir wehgetan. Aber jetze, jetze is Zeit, daß Sie fortgehn.« Sie schnürte eilig ihr Bündel, erhob sich und trat an Faber heran, dessen Gesicht in heiliger Blässe leuchtete. »Und wirst du nie denken, ich habe dich betrogen, Liese?« fragte er das Mädchen leise. Statt aller Antwort beugte sie sich und küßte seine Hand. Dann war sie verschwunden. Bald hörten wir ihre Schritte durch das Gras rauschen, wie wenn ein Vogel im Laube davonfliegt. – – – – – – – – Faber stand lange wie ein Erlöster und schwieg gleich einem Menschen, der aus bleiernem Schlafe zu lichtem Traume erwacht ist. »So sind Willmanns Worte doch wahr geworden, daß meine Liebe ins Sonnenhafte gedeihen soll«, sagte er dann und schüttelte voll Verwunderung das Haupt. Nach einigem Sinnen setzte er hinzu: »Menschen binden uns, und Menschen lösen uns. Wir werden von einigen gerichtet, von andern erhoben.« Darauf sah er sich mit umfangendem Blick in der Stube um, als nehme er Abschied, langte von der Wand das kleine Bild seiner Mutter, brach es aus dem Rahmen und steckte es zu sich. »Komm, laß uns gehen, Kastner, denn der Morgen ist nahe«, sprach er dann fest und ruhig, ergriff Stock und Mantel und verließ, vor mir herschreitend, das Zimmer. Einige Steinwürfe von der Schule entfernt, dem Birkenwäldchen gegenüber, durch das der Weg über Raspenau in die Welt hinausführte, häufelte sich am Rand des Wecknitzer Kessels ein kleiner Hügel, auf dem ein breitschirmiger, dichter Feldbirnbaum im lichten Weiß seiner brechenden Knospen stand. Dorthin lenkte Faber seine Schritte, und während des Hinganges sprach er: »Menschen binden uns, und Menschen lösen uns, und deren Hände uns aus dem Grabe heraus noch fesseln, denen muß man das Knie auf die kalte Brust setzen und den Griff ihrer Finger aufbrechen. Die Stunde, da ich dies darf, ist heute für mich gekommen, denn nun sind meine Hände ohne Makel. In all den Jahren meiner Buße und des leidvollen Wartens hatte ich nur die Form des Lebens. In Wirklichkeit aber irrte ich als Toter um die Hügel meiner Toten und rang mit ihnen, daß sie mich entließen in meine Sehnsucht, die immer ferner und ferner her lockte. Denn wie der Baum dem Samen, den er entläßt, seine Art aufzwingt, wie die Welle in die andere vergeht, um sich zu wiederholen: so erben auch die Menschenkinder die Fesseln derer, die sie zeugten, und Tausende und Abertausende wachsen und welken nutzlos hin wie das Gras der Gräber.« Unter diesen Worten waren wir an dem Baum des Hügels angekommen. Faber breitete seinen Mantel aus und lud mich ein, neben ihm Platz zu nehmen, indem er sprach: »Hier wollen wir warten, bis die Sonne kommt. Ich bitte dich, Kastner, bleibe diese letzten Stunden noch bei mir.« Links von uns schnitt zwischen Weiden, die silbriggrau wie schwach bewegter Rauch wallten, der Fingergraben durch den engen Kessel und zog weiter hinten eine sanfte Furche zwischen den Feistelbergen ins Land hinaus. In dieser Einsattelung quoll jetzt der erste Schimmer des Tages herauf, ein weißes, machtloses Licht, schon zu stark zum Vergehen und noch zu schwach zum Blühen. Dort hinein sah Faber lange, als warte er, daß etwas daraus herkomme in ihn. Und da er eine Weile vergeblich geharrt hatte, senkte er den Kopf und ward wieder traurig. »Viele Nächte«, sprach er, »habe ich durchwacht, bin in Feldern und Wäldern umhergeirrt und habe mich wohl auch auf den Kirchhof in Raspenau geschlichen, um an den Gräbern zu sitzen. Denn wo immer ein Mensch unter dem Hügel ruht, da liegt unser Vater, unsere Mutter, unsere Schwester, oder unser Bruder. Aber die Erlösung für den Lebendigen steigt ja nicht aus den Gräbern. Trotzdem wartete ich in verblendeter Treue, daß sich mein Morgen aus dem Leibe von Gespenstern gebäre. Die Sonne kam dann wohl; aber es wurde nicht Tag für mich. Denn der Tod meiner Eltern war schwer und trostlos und nahm den Bann nicht von mir, mit dem ihr Leben mich gekettet hatte. Etwa ein Jahr nach meinem Weggange aus Heisterberg fand meine Mutter eines Morgens den Vater tot vor dem Werktisch sitzen, mit dem Oberkörper über seine Arbeit gesunken, den Hammer in der kalten Hand. Obwohl er seit Jahren keine Beziehung mehr zur Kirche hatte, wurde ihm auf das inständige Bitten meiner frommen Mutter das christliche Begräbnis gewährt. Doch es verlief, wie die Totenfeier für einen Ausgestoßenen. Nur wenige folgten der Leiche auf den Kirchhof. Der wahnsinnige Dorn-Schuster, über und über mit Blumen besteckt, ging eifrig gestikulierend und unter fortwährenden Selbstgesprächen in dem kleinen Schwarm. Von ferne schwankte Rinke dem Sarge nach. Er weinte von Zeit zu Zeit laut auf, riß den Hut herunter und schlug an seine Brust. Als das letzte Lied am Grabe gesungen wurde, erschien sein blasses, gramvolles Trinkergesicht über der Mauer, denn er hatte sich nicht auf den Gottesacker getraut. Plötzlich schrie er in höchster Pein mit fast tierischer Stimme: »Ich bin ein Hund! Ich bin ein Hund!« und hörte nicht auf, bis ihn der Polizist abführte. Dorn las alle Blumen von seinen Kleidern, warf sie dem Sarge nach, kniete hin und küßte inbrünstig die Totenbretter. Dann lief er, von großer Angst gepackt, durch die Straßen der Stadt ins Spital zurück. Am tiefsten wurde meine Mutter davon erschüttert. Sie sah in diesem Fluch über das Grab hinaus die Strafe Gottes und hielt sich von da an eigentlich nur noch in der Kirche auf. Sie lag vom Morgen bis zum Abend hinter den Bänken im finstersten Winkel auf den Knien und betete. An einem hellen Sommertage sahen sie Leute ein Fenster unseres Hauses nach dem Stadtgraben zu öffnen und, mit einem langen, weißen Mantel angetan, auf das Fensterbrett treten. Ihr Gesicht war glückvoll, und sie sang ein ganz leises Lied. Ehe noch jemand zu Hilfe kommen konnte, breitete sie die Arme aus und stürzte mit dem jauchzenden Ruf: »Der Himmel!« auf die Straße. – – – – – – – Auf halbem Wege ist mein Vater umgekommen, der ehrwürdige Wahn hat meine Mutter in den Tod verwirrt. Von den Gräbern der Ahnen wehte eine Luft der Angst. Und ich war zehn Jahre ein Mann des halben Weges, litt weiter am alten Wahn und den Fesseln des Gewesenen. Aber in den Söhnen wird ja nicht bloß das Vergangene wiedergeboren, sondern es kommt mit ihnen das Uranfängliche, das das wahre Künftige ist, zur Welt. Ob wir auf seidene Kissen oder auf Stroh in dieses Leben fallen: ein jeder Mensch ist ein neues Gottes-, Welt- und Menschengericht. Ich war das Kind meiner Eltern in Not und Treue; nun bin ich mein eigener Vater geworden, mein Sohn und mein heiliger Geist. Es ist ein neues Sehen in mir, ein neues Wissen und Sehnen. Das will ich den Menschen bringen: Denn die alten Wahrheiten sind schal geworden. Sie gleichen leeren Hülsen und Glocken, die das Geläut verloren haben.« Dieses alles sprach Faber wie einen hohen Gesang in das Morgenlicht hinein, das sich immer heller entzündete. Aus seinem Gesicht war alle Düsterkeit gewichen, und der Klang seiner Stimme quoll über von eherner Sanftmut. Der Wald des Feistelberges trat immer deutlicher aus der Dämmerung heraus und es war, als wandere er aus der Ferne zu uns heran. Von Raspenau tönte wie ein traumhaftes Lied der Stundenschlag der Uhr. Faber achtete auf alles in heiterer Bereitschaft und sprach dann: »In einer Stunde kommt die Sonne. Wir wollen uns derweil hinlegen und schlafen. Dann gehst du in deinen Dienst und ich in meinen.« Er wickelte sich in den Mantel und versank sogleich in tiefen Schlaf. Ich war überwach von den Ereignissen der Nacht, und während ich allem noch einmal nachsann, betrachtete ich voll Staunen das Gesicht meines ruhenden Freundes, der nach den fast übermenschlichen Anstrengungen dalag, stark und schön, wie einer, den Frohsinn ermüdet hat, und ich wurde fast traurig und zaghaft im Betrachten dieses Unzerbrechlichen. Indessen erwachte das Geflöt der Amseln im Walde. Lerchentriller schossen in die Höh' und taumelten wieder schlaftrunken ins Gras. Zuletzt wurde es mir auch grau vor den Augen. Ich lehnte mich gegen den Stamm des Feldbirnbaumes und schlief ein. Ein Gemurmel weckte mich. Als ich die Augen öffnete, schwebte die Sonne wie eine riesige, glühende Hostie über den Feistelbergen, und Faber stand außerhalb des Baumschattens auf dem Hügel, von dem ersten Licht umflossen und redete in das Gestirn hinein. Jetzt, da er sah, daß ich wach sei, trat er an mich heran, streckte mir die Hand entgegen und sagte: »Ich danke dir von Herzen, Kastner! Du hast mir das Beste gegeben, was ein Mensch dem anderen geben kann: Du warst mir ein Licht auf meinem Wege, und deine treue Seele klang mir den Sinn meines Sinnens wider. Lebe dein Wohl! das ist mein Wunsch. Und wenn du mir einen Gefallen erweisen willst, so sieh dann und wann beim alten Plaschke nach, dem ich meine Sachen schenke. Grüße ihn herzlich von mir und gib Liese diese Andenken wieder. Sage ihr dabei: Die Getrennten sind nicht geschieden. Dann hat ihr Leben ein Hoffen.« Ich fragte ihn noch, was ich der Schulbehörde sagen solle und wohin er zu reisen gedenke. Er antwortete: »Sprich: Er hat als ein Tor töricht gehandelt und ist seinen Füßen nachgelaufen.« Damit schritt er den Hügel hinunter und verschwand in dem Gewirr der Obstbäume, zwischen den Hütten, in denen da und dort ein Webstuhl dumpf zu stampfen begann. Der Morgenwind strich durch die Kronen und trieb die Blütenblätter in die Luft, daß sie wie ein weißer Regen von der Erde in den Himmel wirbelten. Der Nadelwald rauschte ehern wie ein ferner Wasserfall; die Birken wiegten sich mit leisem Gesäusel, und ihre jungen Blätter zitterten wie der unruhige Schleier grüner, tanzender Mücken um die weißen Stämme. In Gedanken versunken, stieg ich noch einmal in Fabers Stübchen hinauf, um mir alles fest einzuprägen. Als ich aus dem Fenster in den Wecknitzer Kessel sah, hörte ich, schon tief im Birkenwäldchen, die Stimme meines Freundes jenes Lied seiner Mutter anstimmen, das er gesungen hatte, als ich ihn das erstemal einsam und verdüstert an dem kleinen Wasser traf, den Hut im Nacken, ratlos mit dem Stock in den Wellen rührend. Und ob mein Schiff vor Anker liegt bei ganz konträrem Winde: Ich hab' die Hoffnung immer noch, daß ich den Ausweg finde. Aber nun klang es wie ein Triumphgesang über den Tod, wie ein Auferstehungslied des Lebens.   Druck von A. Seydel \& Cie. Aktiengesellschaft, Berlin SW 61.