Carl Sternheim Die Schule von Uznach oder neue Sachlichkeit Ein Lustspiel in vier Aufzügen   Personen Dr. Siebenstern , Leiter der Schule von Uznach Klaus Siebenstern , sein Sohn Heinrich Andresen , Lehrer an der Schule von Uznach Franz von Klett Mary Vigdor , Lehrerin an der Schule von Uznach Thylla Vandenbergh Vane von Peschel Maud Panhorst Sonja Ramm Mathilde Enterlein Schülerinnen von Uznach     Für Gottfried Benn     Erster Aufzug Im Hintergrund Dr. Siebensterns Empirewohnhaus – die Schule von Uznach – mit Böschung nach vorn und Treppe in der Mitte. Hinter dem Haus blauer Horizont des Bodensees Erster Auftritt Vane , Maud , Sonja , Thylla , vier bildschöne Mädchen im Alter von siebzehn bis zwanzig Jahren, sitzen auf der obersten Treppenstufe. Siebenstern auf einem Stuhl zu Füßen der Treppe schräg vor ihnen Siebenstern (nach einer Pause) : Wie geht es dir heute, Thylla? Thylla : Wie immer hier – so lala. Siebenstern : Die Antwort im Sinn unseres Unterrichts, der euch zu exakten Zeitgenossen macht, ist leer, weil sie nichts wesentlich Heutiges hat, doch im Allgemeinen bleibt. Du langweilst mit ihr, nimmst die Lust, sich näher mit dir einzulassen. Dir, Maud? Maud : Mein Wesen ist durch des Bodans peitschende Wellenkraft mächtig angeregt. Dürfte ich, was ich wollte – (sie reckt sich) Siebenstern : Heraus damit! Maud : Würde ich endlich – Siebenstern : Courage! Maud : Sie prügeln, Herr Siebenstern! Siebenstern : Gäbe dir das dein Gleichgewicht wieder? Maud : Ich sagte nicht daß ich meines verlor. Siebenstern : Übergewicht? Maud : Es reicht noch nicht. Gerade platzt mir wieder ein Pneumatik. Siebenstern : Sonja? Sonja : Von Krämpfen im Unterleib durch das ewige kalte Bad und der Frage, ob es heute endlich Bekömmliches zu Tisch gibt, bin ich besessen. Siebenstern : Vane? Vane : Methoden von Uznach, die täglich unpraktischer werden, hängen mir aus dem Hals zum Nabel heraus. Siebenstern : Damit habe ich euer Bild. Doch unterscheidet es sich immer noch nicht von dem der Mitwelt, die auch nur räsoniert, wie zum Speien grauenhaft das Zeitalter ist. Eure Eltern gaben euch her, weil sie nach meinen Prospekten mir zutrauten, ich gebe euch Mut, sogar Übermut zu den heutigen belämmerten Verhältnissen. Vane : Sagen wir ruhig: beschissenen. Maud : Mut hatten wir ohne Sie zuviel. Thylla : Krochen steilste Wände hinauf. Sonja : Sie wissen besser als wir – Siebenstern : Deck deine nackten Schenkel zu, Vane. Es ist auf die Dauer nicht anzusehen. Du sagtest – Sonja? Sonja : Wissen besser als wir, das junge Mädchen sprang nach dem großen Morden, als der männliche Nachwuchs erschlagen, durch ausgestandene Angst oder Folgen geschluckter Giftgase blödsinnig war, so keß in die Lebensschlacht, daß man ein Jahrfünft seine Frechheit, methodischen Sturm auf Basteien, Schützengräben der Familie und ranziger Gesellschaft in Europa bestaunte. Vane : Wo blieb da der Mann? Thylla : Der junge vor allem? Maud : Während mit waidrechter Spürung der alte Fühlung markieren konnte. Sonja : Wir kasteiten Gefühle und Einbildungskraft, weil sie nicht zu Liebesfesten doch Daseinstumulten taugen mußten. Vane : Nach Darwin, Haeckel, Nietzsche und der ganzen geistigen Bescherung. Thylla : Bagage! Maud : Schlossen Rundes, Zartes, Gefälliges unserer Erscheinung aus, als wir in die Welt auf rauhe Vorposten rückten. Thylla : Schnitten, besser gehen und schauen zu können, den Rock, die Haare ab. Eine Armee Penthesileas! Maud : Steckten Fühler, die in Jahrhunderten nach innen verkümmerten, steil in eiskalte Welt. Sonja : Standen ohne Schutz als den unserer nackten Tapferkeit an abfallender Menschenfront. Vane : Stellten fest so weit wir sahen, – – Maud : Aberglauben! Thylla : Schnöden Götzendienst! Sonja : Vermoderte Ideologien! Thylla : Verwahrlosung der Menschenbagage. Vane : Ein krasses Panoptikum! Siebenstern : Sic! Trotz blendendster Siege der Technik, soviel mühsamer Entwicklungsgeschichte? Sonja : Gerade durch sie! Thylla : Nieder der Orang-Utan! Maud : A bas, der dämliche Zwischenkiefer! Vane : Nieder die Technik! Mechanik, Motoren, Antennen! Alle vier : Sie sind in Zukunft verflucht! Siebenstern : Hört, hört! Thylla : Besonders mit des Mädchens Jungfernschaft war seit Aeonen der faulste Zauber getrieben. Maud : Unproduktiver Maskenball getanzt. Sonja : Man hatte der Armen die Chloroformhaube ihrer geschlechtlichen Hörigkeit über das Gretchenzöpfchen gestülpt; die Elite der Völker, sogenannte Klassiker, ängstigte sie mit gedichtetem Spuk. »Dies irae, dies illa, solvet saeclum in favilla!« Vane : Immer wieder kam man mit dem Helden, der, hatte er in der Weltgeschichte nichts Besseres zu tun, das Dornröschen mit launigem Feuerwerk zu seinem Vergnügen wachkitzelte. Thylla (steht auf) : Es ist in alten Mären – Wunders vil gesait – Von Helden lobebären – – man kennt sie jetzt die Helden in Anführungsstrichen! Bruch! Maud (steht auf, singt) : Könnt ich's denn – wüßt ich's noch – –! Sonja (steht auf, singt) : Hoihoitohohoh! Thylla (steht auf) : Das war ein Irrenhaus! Sonja : In knapp fünf Jahren zertrümmerten wir Bastillen des Mannesübermuts, stürmten Gaurisankare europäischen Schutts in Brüche. Alle vier : Das taten wir Mädchen von heute! Hallo! Hallo! Jawohl! Setzen sich mit Ruck. Drei große rhythmische Atemzüge Pause Siebenstern : Gut im Takt mit meinen Vokabeln gebrüllt, Verehrte. Radikal ausgeschnauft. Soweit bin ich zufrieden. – Seid aber nun ein wenig abgekämpft? Kippt das gerüttelte Bewußtsein? Nicht das von euch vieren allein, doch eurer Mitschwestern in Europa und Amerika? Braucht ihr den ersten großen Atemzug der Erholung? He? Thylla : Sind geschickter und entschlossener als je zu unseren Notwendigkeiten. Siebenstern : Entschlossener, verborgene Hilfskräfte mobil zu machen, eure Methoden zuzuspitzen. Vane : Sie sind den männlichen längst ebenbürtig. Maud : Überlegen. Siebenstern : Und? Thylla : Wie? Sonja : Quoi encore, Monsieur le professeur? Siebenstern : Wißt ihr nicht weiter? Antwort! Schweigen Siebenstern : Hier also erhellt immer noch elterliche Überlegenheit. Man kennt eure Ziele im Vaterhaus, ist baß entsetzt. Doch statt euch wie einst korrigierenden Prügeln auszuliefern, bringt man euch zu mir, von dem feststeht, er führt euch bestimmt nicht auf bürgerliche Schleichwege zurück, doch an den Rand heutiger Tatsachen und Erkenntnisse. Vane : Famos! Maud : Ein Schmollis den enthemmten Eltern! Siebenstern : Kostet den Eindruck. – Das ist gänzlich neuer Akt. Laßt der sooft Geschmähten Bild euch einen langen Augenblick freundlich imponieren. Schweigen Thylla : So was machen Sie blendend! Sonja : Das war menschlich erstklassig! Hoch Siebenstern! Maud {wirft eine Kußhand in die Luft) : Ich liebe im Grund meinen vermotteten alten Herrn. Eine süße Puppe das bemooste Haupt! Vane (wirft Kußhand) : Meine Mutter in ihrem tollen Barock ist eine Nummer für sich. Thylla : Schmachvoll benahm ich mich gegen meinen bescheiden doch sauber gebildeten Erzeuger. Bereue! Eheu! Siebenstern : Schickt ihnen statt ewig einzulösender Pfandscheine, die langweilig werden, einen zutraulichen Brief. Alle \> (erheben sich) : Das tun wir heute noch. Setzen sich Siebenstern : Die werden staunen. Kinderliebe! Vergessene Vokabel. Pause Siebenstern : Ferner: Ihr bekommt Zuwachs. Sonja : Was? Drei : Wen? Siebenstern : In einer halben Stunde kommt mit dem Dampfer Mathilde aus Deutschland. Andresen holt sie ab. Thylla (lachend) : Mathilde – aus Deutschland! Vane : Ich hasse die Boches! Siebenstern : Ihr sprecht ihre Weltsprache. Maud : Weil wir mit ihr einst bessere Geschäfte als mit unseren Dialekten machen wollen. Sonst wollen wir keinen Verkehr mit ihnen. Thylla : Mathilde! Warum nicht Thusnelda, Brünhilde? Sonja : Das ist Teutoburger Wald. Blonde Primitivität. Maud (singt) : Rotraud, süß Rotraud! Vane : Fast Walhall! Maud : Triste Fassade. Thylla : Damit löschen Sie den Eindruck von eben wieder aus. Siebenstern : Mathilde Enterlein ist uznachreif. Einziges Kind reicher Eltern, wird sie für arbeitende Massen triftige Entschlüsse fassen müssen; ringt wie ihr nach persönlicher radikaler Deutlichkeit. Wie ihr Maud letzthin herzlich empfingt, begegnet ihr nicht mit Vorurteilen. Sonja : Wer in neue Situation befangen eintritt, bringt sich um ihren besten Reiz. Maud : Wir wollen sie nüchtern und gründlich prüfen. Vane : Mit Ihren Methoden soll sie von uns belichtet sein. Thylla : Wenn nötig, reißen wir Vorhänge vor neuen Schauplätzen auf. Siebenstern : Soweit ich sehe, bleibt auch für sie wenig zu entschleiern. Sie war ihrerseits nicht untätig. Sonja : Aber wir wiederholen keine ollen Kamellen ihretwegen mit Ihnen. Vane : Im Gegenteil: jetzt endlich letzten Schwung in die Sache! Thylla : Müssen zum Winter in die Welt zurück. Theoretisch wurden wir sauber, praktisch blieben Sie uns die neuen Sehenswürdigkeiten schuldig. Siebenstern : Nicht unbescheiden über Uznachs Programm hinaus! Es gab euch Start in anderes Sein. Brachte das neue Rhodus fertig. Springen in ihm müßt ihr selbst! Mit solchen Beinen wird es nicht schwer sein. Vane, deck endlich die Schenkel zu! Ich schließe die Stunde. Gymnastik fällt in Anbetracht der Neuen aus. Fräulein Vigdor ist benachrichtigt. Alle sind aufgestanden Maud : Sie sind nicht aufrichtig, Meister. Verheimlichen, die erste Bombenrolle der neuen Zeitrevue zum Auftritt fertig, prangt in der vordersten Kulisse. Vane : Ihr Sohn Klaus kommt heute auch! Siebenstern : Das geht zuerst den Vater an. Maud : Uns alle packt der junge Mann mehr als die nebbich Enterlein. Siebenstern : Das ist am anderen Geschlecht die erste ernste Anteilnahme, die ich bei euch merke. Sonst drücktet ihr unwiderruflich kühlen Abscheu aus. Thylla : Was Sie bis jetzt an Männlichkeit in Uznach zeigten, konnte unseren begründeten degout nicht erschüttern. Andresen etwa? Aller Gelächter Vane : Dem von Ihnen tausendmal hymnisch angezogenen Knaben geht füglich Nimbus, duftender Geruch voraus. Sonja : Dinge, die Sie aus seinen Briefen lasen, lassen männliche Art in uns bisher unbekannter Dichte ahnen. Siebenstern : So bin ich gespannt, welche Formen ihr mit dem jungen Mann zur Geltung in europäische Mode bringt. Thylla : Sie werden sehenswert sein. Siebenstern : Wohin wollt ihr? Maud : Uns fürs große Ereignis gebührend putzen natürlich. Maud , Vane , Thylla oben exeunt Siebenstern : Auf Wiedersehen! Sonja (kommt herab) : Dem Ankömmling gegenüber behalte auch ich mir freieste Hand und Handlung vor. Du schwärmtest so von ihm, daß mit aller Einbildung auch meine ihm verhaftet ist. Siebenstern (ihr Auge in Auge) : Schwärmte von mir nicht weniger stark. Sonja : Und ich gab Beweise, daß ich Begeisterung für dich teilte. Siebenstern : Feilschtest keine Sekunde, entzückt nahm ich die überstürzte Herrlichkeit. Deine, Sonja. Hoffen wir, ich dauere neben dem Jungen ein Weilchen – sonst – – Sonja : Sonst? Siebenstern : Liebe ich ihn so äffisch, daß ich auf viel für ihn verzichten kann. Sonja : Liebst du mich noch? Siebenstern : Das müssen wieder geänderte Umstände zeigen. Sonja : So frech die Antwort ist, so wahrhaftig. Siebenstern : Kluge Schülerin – du wirst das Leben reiten! Putzt du dich nicht? Sonja : Vorbereitung belastet – lehrst du doch. Siebenstern : Das begriffen die anderen nicht. Mit Putz und Puder scheinen sie noch immer von gestern. Sonja : Außer in Reden und ihrer erledigten Jungfernschaft steht in nichts fest, ob sie sich wirklich von ihren Großmüttern unterscheiden. Siebenstern : Du? Sonja : Mit der Weiblichkeit bleibt's trotz hehrer Dränge in uns soso. Jedenfalls ist ein Kuß zwischen Geschlechtern in diesem Augenblick wieder himmlisch akut (küßt ihn) Siebenstern : Doch wollt ihr aus so nacktem Ungestüm hinaus? Sonja : Müssen's – in peinlich geiziger Zeit Luxus gilt nicht mehr. Ökonomie! Schnell exit nach, oben Siebenstern : Wie einfach war das für mich mit dreißig Jahren. Jeder Tag fegte Horizonte klar. Wie bewölkt ist dem Vierzigjährigen das Plausible, wie völlig rätselhaft das Leben wieder, das man schon geraten hatte!   Zweiter Auftritt Von links ein schriller Ruf Klaus : Hallo! Siebenstern : Da ist er! Klaus (tritt schnell auf) : Vater! Mit dem Dampfer um. die Wette den See herum. Zehn Minuten eher mit dem Motorrad hier. Siebenstern : Junge! (Umarmung) Laß dich besehen. Wie schaust du aus? Phantastisch! Klaus : Unter spanischem Himmel von fünfzig Graden zum Neger geschwärzt. Muskeln, den Erdball zusammenzudrücken, (umarmt ihn stürmisch) Siebenstern : Luft, Klaus! Ich bin nicht der Erdball! Klaus : In nördlichen Zonen seid ihr vereist. Die ewige Lampe ist in euch erloschen! Du mußt mit mir nach Spaniens Süden, Afrika, tief in die Wüsten, wo Menschenblut in Sonne gar- und überkocht. Mich wirst du nicht wiederkennen. Rhythmus, bezaubernder Marsch fuhr mir in die Glieder. Meine Sehnsucht, dem Motor voran, donnerte dir entgegen; Begeisterung für die Stunde küßte den kühlen Bodensee in Flammen, (schüttelt ihm stürmisch die Hände) Siebenstern : Au! Laß die Hände los! Klaus : Ich beherrsche mich. Da unten solltest du mich schwärmen, mit der Glut der andern, erhitzter Kreatur um die Wette brennen sehen. Da stehe ich keine Minute still, nachts rattern meine Motore in die Mondbläue, lassen sich von so hellen Sternen, wie ihr Grönländer sie nicht sähet, zu großen Überlegungen leuchten. Vater, was wurdet ihr für Menschen! Schon auf der Fahrt schien es nordwärts nicht nur klimatisch, aus mich stechenden Blicken kälter. Aber ich lasse mir Schwung und Brennkraft nicht nehmen; du mußte den ganzen Drang ertragen. Siebenstern : Meine Gesellschaft soll mir helfen. Auf ein Dutzend Menschen kannst du dein Pulver verschießen. Klaus : Als Heiland finde ich dich unter Aposteln wieder. Siebenstern : Die Schule von Uznach blieb der letzte Ausweg, da unser Vaterland mich Dichter nicht wollte, uns durchzubringen, Junge. Fünf Mädel zahlen für den Anfang unser Leben. Klaus : Nette? Siebenstern : Schönheiten, Charaktere, Paradigmata! Klaus (schriller kurzer Pfeiflaut) Siebenstern : Doch grundsätzlich anderer Rasse als du scheinst. Wundern würde ich mich, fänden sie überhaupt Anschluß an dich. Klaus : Feuer will ich unter ihre Dochte zünden. Siebenstern : Unter alle auf einmal? Klaus : Trotz unseres Temperamentsunterschiedes habe ich als dein Sohn auf niemand Absichten. Bin nur durch alle Phänomene aufgeregt. Siebenstern : Du hast meine Bereitschaft, Mutters Tempo dazu. Klaus : Und vor allen Dingen blendenden Respekt! Wer deine Erziehung hatte, steht gepackter als der Esel vor der Schöpfung. Siebenstern : Für die Worte, die kein anderer sagte, danke ich. Klaus : Laß mich die Liebeserklärung ausreden. Kein Mann in England, Frankreich, Spanien verdunkelte deine Rechtschaffenheit. Mit keinem war ich in so ausgesprochenen Situationen. Du mußt mit in den Süden, Vater; dein Innerstes, was der Menschheit noch von dir gehört ausbrennen. Du bist fähig, ein Anreger zu sein. Siebenstern : In der Schule von Uznach! Klaus : Zu eng, klimatisch falsch im Korridor der Zivilisation gelegen. Die versteinerten Zeitgenossen in neuen Fluß zu bringen, müssen höchste Temperaturen helfen. Mit Worten sind die Fossile ans Mimikry, Anpassung an alles Infame und Unpersönliche nicht zu erlösen. Wie willst du den durch technischen Blödsinn Berauschten Impulse höherer Selbständigkeit wiedergeben? Laß die zu Beton Verkalkten; sieh mindestens selbst den gefühlsmäßigen Überfluß, originalen Rhythmus in Zonen, von deren ohne Kohle und öl polternder Überproduktion du dir nichts einbildest. Siebenstern : Die Menschen hier sind vielfach von mir enthemmt. Klaus : Doch wird ihre neue Freiheit andere Befangenheit, stärkerer Machtwille auf neue Umstände, neue Menschen, sei es mit Giftgasen, sein. Und würfest du sie in den Urzustand zurück, nie ändern sie die innere Marschrichtung zur Gewalt, zum Größenwahn. Siebenstern : Wie dich die Reise wirklich reifte! Mit dreihundert Franken monatlich schießt noch solcher Kerl ins Kraut? Klaus : Und spart vom väterlichen Wechsel das Motorrad dazu. Siebenstern (sieht ihn an) : Ein schöner Bursche bist du geworden. Klaus (lacht) : Das sagt allenthalben Weiblichkeit auch. Siebenstern : Hast du Distanz zu ihr? Klaus : Dem Typ von heute gegenüber ist, Enthaltsamkeit zu üben, nicht schwer. Siebenstern : Das junge Mädchen ist am schnell eroberten Platz im Leben überanstrengt, mürb, geschlechtlich abgekämpft. Klaus : Fast ein Jahrzehnt nach dem Krieg durfte der Jüngling über dem Mädchen vergessen, in seinen Gefühlsgründen sich zu sich selbst erholen. Siebenstern : Tat er's? War die Pause schöpferisch? Klaus : Prüfe mich auf meine Frische! Das Mädchen aus seiner schäbigen Mitgenommenheit und Abgegriffenheit verdient großes Mitleid. Siebenstern (lacht) : Mitleid? Da werden unsere Hausgenossinnen Augen machen. Klaus : Im rechten Augenblick wird der erfrischte Mann zu allem anderen mit ihnen wieder bereit sein. Siebenstern : Wir armen Alten. Mit unserem verhedderten Kauderwelsch können wir in einer fehlenden Welt der Erwachsenen so klar das Neue nicht sagen. Klaus : Niemand bringt wie du Wahrheit an den Tag.   Dritter Auftritt Thylla tritt auf der Hausterrasse auf Siebenstern : Sie treten, daß jede zu ganzer Geltung kommt, wie Mannequins einzeln auf. Thylla Vandenbergh aus Utrecht Arzneimittelfabriken. Mehr sage ich nicht. Thylla : Beim ersten Anblick eines hübschen Mädels interessiert Klaus dessen Nationalität und alter Herr nicht. Sicher hat er inzwischen andere Entdeckungen an mir gemacht. Klaus : Für die Sie durch prachtvollen Zufall der Sonne oben durchleuchtet stehen. Thylla : Mit Absicht in einer Pose, Klaus, die Sie bezaubern soll. Kommt herab Gegrüßt Gestirn am jungen Männerhimmel! Sieht ihn an Sie entsprechen vollkommen, und wissen, daß Ihr Vater Sie abgöttisch liebt vor Sehnsucht nach Ihnen starb. Klaus : Ich hoffe es, Thylla. Er schüttelt ihr, die sich unter seinem Griff krümmt, die Hand Vane (tritt oben auf) : Vane von Peschel. Tochter eines berühmten russischen Feldmarschalls aus Operetten des Japanischen und Russisch-Deutschen Krieges, der trotz aller Revolutionen und Sowjets steinreich in Baden-Baden lebt. Etsch! Kommt herab Klaus : Ich bin nicht neidisch. Gönne dem alten Haudegen und Ihnen Glück, alles Kostbare des Lebens, Vane. Schüttelt ihr die Hände Vane (schreit auf) : Um Gottes willen! Klaus (lacht, läßt ihre Hände los) : Verzeihen Sie! Vane : Greifen Sie immer so zu? Klaus (immer lachend) : Wo es geboten ist. Thylla : Scharmant! Maud tritt oben auf Siebenstern : Und da – Uznachs Gipfel und Gral: Maud Panhorst, Erbin riesiger Stahlwerke in Amerika. Siebzigtausend Arbeiter usw. Maud : Unsinn! (kommt herab) Hier, Maud – blühreife Polle, sonst nichts. Tag! Hoffentlich haben auch Sie auf Reisen Hermann, den albernen Cherusker, Karl den Dicken, Großen, Kühnen, Kahlen, und welchen Ramsch des Kulturguts Sie sonst noch lernten, verschwitzt. Vane : Verpflichtenden Zement. Thylla : Toute la camelotte européenne. Siebenstern : Und wo bleibt Sonja? Sonja (steckt oben das Bein zur Haustür hinaus und winkt mit ihm) : Von mir kurzen Gruß. Ich will Sie in diesem Augenblick nicht kennen, Klaus. Pikante Weiblichkeit umsteht Sie reichlich, und gleich kommt noch eine dazu. Ich spare mich für später auf. (wirft die Tür zu) Vane : Das gilt nicht! Maud : Der Trick ist zu raffiniert! Klaus : Wer fehlt hier noch? Siebenstern : Muß auch jeden Augenblick da sein. Maud , Thylla , Vane (schließen einen Reigen um Klaus, singen und tanzen zu der Mozartschen Melodie) : Liebe Schwestern zur Freude geboren Retten wir uns in Isolation, in Isolation, in Isolation, Waren einst an den Mann wir verloren, Sind wir jetzt nur die eigne Person, nur pure Person, nur unsere pure Person. Tralala, Tralala, Tralalalalalalalala. Allgemeines Gelächter Siebenstern (singt hinein) : Da ist sie ja schon!   Vierter Auftritt Mathilde Enterlein , der Andresen die Handtasche trägt, tritt von links auf Mathilde (überrascht) : Oh! Siebenstern : Seien Sie herzlich in Uznach willkommen, Mathilde! Die Drei Mädchen schließen einen Reigen um Mathilde , tanzen und knicksen stürmisch Maud (nach der Melodie: »Ça ça geschmauset«) : Ich heiße Maud. Vane (ebenso) : Vane bin ich. Thylla : Thylla mein Name. Alle Drei : Post multa saecula saeculum novum! Mathilde mit kleinem Schrei ohnmächtig Siebenstern : Zu wüst auf sie euer Eindruck, (er nimmt sie mit Andresens Hilfe unter den Arm, führt sie die Stufen hinauf) Mathilde (oben ermachend) : Verzeihung! Bitte? (sieht sich um und zurück) Siebenstern : Das ist mein Sohn Klaus! Mathilde , Siebenstern , Andresen verschwinden oben durch die Haustür Maud (hinaufsteigend) : Glänzend der Auftritt! Thylla (hinaufsteigend) : Trotz der Beine, vorsintflutlicher Frisur! Mathilde! Maud (hinaufsteigend, Kommando oben) : Aufgepaßt, Schwestern! Machen hinter sich die Tür zu Klaus (nach Pause mit schrillem, großem Pfiff) : Donner und Doria! Vorhang   Zweiter Aufzug Links Bodenseeufer, hinten links ein Badeschuppen, offen nach vorn, mit Bank, rechts vorn ein Baum, links vorn ein Liegestuhl Erster Auftritt Thylla , Maud , Vane in der Hütte beim Auskleiden zum Bad. Auf der Bank unter dem Baum Mathilde Maud : Mathilde markiert Traum. Markiert ihn gut. Thylla : Nein – die ist wirklich in innere Panoramen entrückt. Vane : Stilleben eines Präraffaeliten. Beine nach Muster Rosetti von sich gestreckt. Thylla : Busen, Hüften aber prall, Louis XV. Makartbukett. Und die Achselhaare nicht rasiert. Maud : Irgendwie hat sie haushohe Hemmung. Vane : Errötet wie eine Rose, überrascht man sie. Maud : Poetisch ist sie, zärtlich nicht. Vane : Probiertest du's? Ich passe auf! Maud : Keine Eifersucht. Thylla : Benehmt euch, Mädel! Standesbewußtsein! Pause Maud : Statt des Briefes schickte ich dem Alten ein Geburtstagsgedicht. Thylla (nimmt ihr das Papier fort, liest) : Zeig! »Wenn gute Menschen heute dich bedenken. Dir reiche Gaben ihrer Liebe schenken, So wisse, daß auch ich von dir entzückt bin. Und ob ich dir auch meilenweit entrückt bin, Ist doch die Post bereit an mich zu senden, Was alles deine Liebe mir will spenden.« Glaubst du, er reagiert auf so groben Anhieb? Maud : Prompt. Das schreibe ich ihm jedes Jahr erfolgreich zum Geburtstag. Vane : Ich bat meine Mutter um seidene Strümpfe, ein Hautanakorsett und Khasana.   Zweiter Auftritt Sonja (tritt auf und zu Mathilde hinter die Bank) : Guten Morgen, Mathilde. Des gestrigen ersten Tages Ergebnis und Eindruck? Mathilde : Uznach ist beispiellos! Fasse ich es noch lange nicht, weiß ich, mein Alltag ist gründlich vorbei. Sonja : War es dein oder deiner Eltern Wunsch, herzukommen? Mathilde : Zwang, Gründe meines Abstands zu aller bisherigen Umgebung einzusehen. Nichts wüßte ich so gerne, wie, wer ich wirklich bin, und kann es nur hier erfahren. Sonja : Der Wunsch beheimatet dich hier. Zu den Mädchen in der Hütte Mathilde ist beglaubigt: will sich in uns erkennen. Die drei , jetzt im Badekostüm, umringen Mathilde . Sonja geht in die Hütte, sich auszukleiden Thylla : Dann mußt du beichten! Maud : Wie fing es an? Wie kamst du hinter den Riesenschwindel? Vane : Wer entpuppte dich? Sonja : Wie alt warst du? Vane : Hattest du vorher – nachher die stärkste Hemmung? Maud : Hast du dir's anders vorgestellt? Sie setzen sich dicht neben sie Sonja : Bliebst du überlegen? Kam Katzenjammer? Thylla : Wurde es Glück, Zusammenbruch? Sag uns Bescheid. Hier hält keine vor keiner zurück. Vane : Wahrheit ist Parole! Gemogelt wird nicht mehr! Maud : Wir sind uns bis in Geheimnisse verpflichtet Mathilde : Ich habe keins. Nur Sehnsucht, mir euren Selbstmut anzueignen. Sonja (kommt im Badeanzug zurück) : Uznach befreit dich doppelt. Begriffe bildet der Meister; Fräulein Vigdor walzt dich gymnastisch, bis du die Sechsteiligkeit des Bewußtseinsakkordes begriffen, aus. Ursachen, Folgen deiner geistigen Haltung, naiven Spielastik werden dir klar, dein Ich in sieben wahrnehmbare Ichteile gespalten. Voraussetzung für den Erfolg, du bist in kein Vorurteil in dir verhängt. Mathilde : Das heißt, ich habe eigene Meinung! Vane : Vorlieben soviel du willst. Nur keine kleinste fixe Idee! Maud (von hier an mit entsprechenden Gesten) : Schlägt man in mir eine Taste an, müssen all deine Töne bereitwillig mitschwingen. Thylla : Stets mußt du für die höchste Daseinsform, die Ballung bereit sein. Statt Einzel tönen wirst du Ballungsakkorde im All begreifen. Sonja : Die Tanzkraft der Welt, alles Lebendigen tänzerische Verwandtschaft wird dir die Vigdor nach Laban aus logischen Zusammenhängen ebenbürtig beweisen. Vane : Dein geistiges Turnen plus tänzerischer Raumgymnastik bedeuten Überwinden der Trägheit in dir. Maud : Geometrische und kristallographische Raumlehre wirst du tanzend begreifen. Thylla : Der Mensch ist Körpergeistseele! Sonja : Spannungsverhältnis! Vane : Die Lehre von den Ionen und Elektronen hat auch in der Tanzwissenschaft die Teilung der Erscheinungen in feste, flüssige und gasförmige Stoffe umgestoßen. Thylla : Dein Skelett ist des großen Reigens Grundspannung in dir. Maud : Gewebe und Knorpel bilden Übergänge. Sonja : Und ist es dein Wesenssinn, Sympathie zu beherbergen, bekommst du durch den Trieb der Selbsterhaltung einen deutlichen Gegenpol, den wir das Aufleuchten des Liebeshasses nennen. Mathilde : Liebeshaß? Vane : Hast du keinen Instinkt für ihn? Thylla : Darin liegt deines Wesens Akkordisches, daß du aus der Fülle deiner Spannungsmöglichkeiten die Zusammenschwünge des gleichzeitigen Liebes- und Haßempfindens herausreißest, als gesetzgebenden Grundraumrhythmus bewahrst. Sonja (turnt) : Im aufrechten Stand, die Schulterblätter geschlossen, Brust zu freier Atmung gewölbt, die Schambeinfuge tiefgestellt, entwickelt sich das Bewußtsein einheitlicher Kraft im Körper. Maud (turnt) : Erscheinungen der Welt sind dem Tänzer Ballungen der Gebärdenkraft. Vane (turnt) : Steht der Mensch auf zwei Beinen, spreizt sie weit, ist die Beweglichkeit grotesker, als wenn seine Gestalt auf kleinster Basis ruht. Thylla (turnt) : Durch ein freischwingendes Bein ist der Gebärdenkraft Spielraum gegeben. Sonja (turnt) : Der Fuß ruht auf dem Köpfchen des Mittelfußknochens, Zehen und des Fersenbeins. Sie stützen, steht der Tänzer auf Fußspitzen, den Körper. Maud (turnt) : Gierige Lust ist gekrümmt. Vane (turnt) : Freie Heiterkeit gehoben. Thylla : Starke Gemütserregung reißt eine ganze Seite des Körpers vor oder zurück. Mathilde ist aufgestanden, unter sie getreten und macht vorsichtig die vorgemachten Übungen nach   Dritter Auftritt Klaus ist im Badeanzug auf- und hinter einen deckenden Busch getreten Vane (macht vor) : Das Heben der Arme fördert die Bewegung der Brustkorbknochen. Maud (macht vor) : Arme und Beine hängen an einem Knochenring, die Beine am starren Beckengürtel. Das Pendeln des freischwebenden Beins kann mit geringer Muskelkraft ausgeführt werden. Sonja (macht vor) : Wie die Armbewegung auf die Atmung, hat die Beinbewegung auf die in der Leibeshöhle untergebrachten Organe Einfluß. Die Drehung der Hüfte ergibt 72 Grad. Sonja (macht vor) : Bewegungen der Schenkel bringen vitale Bewegungen des Leibhöhleninhalts mit sich. Merkst du kristallinische Spannung? Mathilde (turnend) : Mir ist's im Bauch sehr angenehm. Vane (klatscht Beifall) : Sie hat großen Akkord des Ausdrucksgeschehens! Thylla (turnt gesteigert) : Das Wesentliche der Atmung ist, daß Bauch- und Rippenmuskeln die vollgepumpte Lunge zusammenpressen, wobei die durch Stoffwechsel zersetzten Teile der Luft durch Mund und Nase ausgeblasen werden. Alle vier haben mächtig eingeatmet und rhythmisch ausgestoßen Vane : Dabei ist wichtig, daß die Pause zwischen Ausatmung und neuer Einatmung dehnbar ist. Denn die Pause ist für den neuen Atem schöpferisch. Maud : Bizarrerien des logischen Realismus, überbetonten Ausdrucks sind Sentimentalitäten. Können nicht zu vollem Schauen und Sagen führen. Sonja : Nie zu der neuen Sachlichkeit! Thylla : Erst mit Tanzerkenntnis geschwängert, wird Mathilde Uznach, die Welt und sich genießen; zur Ruhelage ihres Selbst hinabsteigen können. Sie haben einen Reigen geschlungen, in dem sie mit ruckhaft noch heftigerer Glieder- und Atemtechnik, die dynamischen Eindruck macht, singen: Es ist ein Reihen geschlungen Ein Reihen auf dem grünen Plan, Und ist ein Lied gesungen, Das hebt mit Sehnen an. Mit Sehnen also süße, Daß Weinen sich mit Lachen paart. Hebt, hebt im Tanz die Füße auf lenzeliche Art. Sie erblicken Klaus , stoßen einen großen Schrei aus Klaus (tritt hervor) : Bremsen Sie Ihre bezaubernden Schwünge nicht! Dulden Sie mein andächtiges Zusehen aus diesem Stuhl; fahren Sie in himmlischen Aufgeregtheiten fort, daß ich Sie kennenlerne. Es ist prachtvoll! Er hat sich in den Liegestuhl gesetzt Sonja (turnt im Reigen um Klaus. Zu Mathilde, doch nun mit innerer Beziehung zu dem jungen Mann) : Zwischen Brust und Beckenring spannt sich die geschmeidige Gürtelmuskulatur, die Organe der Samen- und Fruchtbereitung umschließt. Thylla (ebenso) : Im Skelett kommt in des weiblichen Beckens größerer Pracht die geschlechtliche Verschiedenheit zum Ausdruck. Vane (ebenso, aber hitziger, die anderen zu übertrumpfen) : Doch gibt es männliche Becken, die breiter als weibliche sind. Klaus : Hört, hört! Maud (turnt) : Des Leibes Eurhythmik tanzt das träumende Fleisch wach! (zu Mathilde, die die ganze Zeit unbewegt stand) Warum machst du plötzlich nicht mehr mit? (zu Klaus) Haben Sie unsere volle Schau? Klaus : Ich sehe Sie mit der Kraft des aufsteigenden Tagesbeginns fabelhaft über sich selbst geschleudert. Thylla : Nur Mathilde sperrt sich. Maud : Warum bist du nicht im Badedreß? Vane (zu Klaus) : Sie ist noch untänzerisch verknöchert. Sonja : Der Tanzschmelztiegel wird ihre weibliche Symbolik aufschmelzen. Sie wird nicht übel sein, (zu Mathilde) Schnell, Umzug! Mathilde : Ich mag nicht! Maud (zieht sie an der linken Hand) : Die Vigdor! Thylla (zieht sie an der rechten Hand) : Vorwärts! Mathilde : Nicht jetzt! Klaus : Man sollte, daß ich nach soviel Dynamik das Bild eurer plastischen Ruhe hätte, Pause machen. Sonja : Wir müssen noch ins Wasser! In fünfzehn Minuten ist Abfütterung. Thylla : Dann los! Hallo! Nimmt Vane bei den Händen und stürmt mit ihr fort Sonja (faßt Klaus) : Machen wir mit, Klaus! Beide stürmen zum Wasser   Vierter Auftritt Mathilde fällt in die Bank Maud : Das letzte galt dem Mann: nur noch Katarakte weiblicher Gebärdenkraft. Aber dich fing das Plasma nicht mit; du bist versteint. Mathilde : Ich kämpfe verzweifelt gegen meine steinerne Kühle. Denn eure Hitze muß das richtige sein. Maud : Hier wird dein Tänzergewissen geweckt. Du aus der Wüste des Zwecklebens in die Tiefenschicht deines Wesenkerns geführt, (faßt ihre Hand) Noch bist du verkrampft, der schlaffe Muskel schafft keinen Kraftakkord; du quillst und schwingst nicht; hast zu nötigen Entblößungen keinen Mut, staust elektrisch chemischen Strom in dir. Mathilde : Muß man immer, nicht nur, wenn es zwingend ist, fließen? Maud : Unsere Sinne sollen fremder Reibungs- und Verbrennungswärme stets zugänglich sein. Wir müssen uns offenhalten, der anderen Wünsche atmen, uns selbst bei jedem Atemzug bis in die letzte Nerve hebeln. Du aber fliehst vor fremden Mitten. Mathilde : Überanstrengt ihr euch nicht? Ihr schwitzt so. Maud : Verströmen Kraft, gießen mystische Spannungen in die Maschine gewordene Welt. Du gehst und stehst sittige Schablone; wir glauben, du tust sie leider auch. Das Geradeaus deiner Wuchsrichtung fehlt. (macht vor) Nicht als atme Freiheit, Berechnung in dir, gehst du im Raum, schwingst falsch durch deinen eigenen Körpertag; wir tanzen in jedem Schritt phantastisches Eigenbild. Sag was schöner ist? Mathilde : Soll man sich vierundzwanzig Stunden täglich ballen, aus jeder Mücke einen Elefanten tanzen? Maud : Sogar das Nichts soll man beleben. Veranlasser, selten veranlaßt sein. Mathilde : Ich muß mich, das zu können, erst vergewaltigen. Maud : Besser das junge Mädchen vergewaltigt, als es wird weiter genotzüchtigt. Mathilde : Wie lange brauchtest du, es zu lernen? Maud : Wesentliches brachte ich mir früh bei. Mathilde : Warst nie in Gefahr? Maud : In bürgerlicher stets, nie in wirklicher. Pause Mathilde : Du bist fest entschlossen. Ich habe dich auch am liebsten. Hilf mir! Maud : Du tust mir leid, doch fürchte ich fast – Mathilde : Was fürchtest du? Maud : Du stehst mir nicht nah genug, die Wahrheit, Mathilde, zu sagen. Mathilde : Welche, Maud? Maud (dringend und leise) : Du verstandest! Du bist mit achtzehn Jahren nicht etwa noch –? Mathilde (begreift, fällt ihr mit einem Schrei um den Hals) : Doch, doch – ich bin's! Große Pause Maud : Das freilich ist stark – ist freilich peinlich! (streicht ihr übers Haar) Ist's möglich, Kleines? Mathilde : Es ist nicht meine Schuld allein. Maud : Wie konnte das bei so viel heutiger Gelegenheit geschehen? Mathilde : Wir sind aus Lüneburg! Maud : Allmächtiger! Mathilde : Du stellst mich nicht bloß! Vor Dr. Siebenstern nicht! Ihn schätze ich hoch, und dann wäre alles vorbei. Maud : Ja, der verlöre den Mut und andere auch. Und nannte dich gehemmtes Baby uznachreif! Ja, warst du nie Wandervogel, in keiner freien Schulgemeinde? Mathilde (belämmert) : Zu Haus! Maud : In Lüneburg! Mathilde : Und dann in Angermünde. Pause Maud : Natürlich ist, dir in solchen Umständen nahezutreten, für jeden, außer Andresen, der Rokoko liebt, schwer. Mathilde (ängstlich) : Noch weiß es niemand! Maud (sehr ernst) : Und darf kein Mensch ahnen! Du wärst unmöglich! Man wäre restlos geniert. Spiele, behaupte, solange es nicht anders ist, auf Tod und Teufel das Gegenteil. Mathilde : Ich habe dich enttäuscht, seh dir's an. Maud : Verblüfft bin ich. Auf alles war ich gefaßt, nicht auf das in 1926! Mathilde : Hindere mich nicht, wie ihr zu werden! Maud : Ich bin ein Grab. Und du bist allerliebst. An deinem schmucken Aussehen hat es nicht gelegen. An Lüneburg! Es wird schon werden. Exeunt   Fünfter Auftritt Siebenstern , Andresen treten auf Siebenstern : Ihr Gesamteindruck? Andresen : Fräulein Enterleins? Siebenstern : Klaus vor allem? Andresen : Er scheint nicht aus der Zeitlöhne daß ich behaupte, sein Jahrhundert sei gewesen. Siebenstern : Unmodern? Andresen : Ist Uznach modern, ist er das Gegenteil. Zu Fräulein Enterlein wird er halten, die auch überall andershin als zu uns gehört. Siebenstern : Ich kenne Sie nicht mehr. Der sonst Zurückhaltende gibt sich durch vorschnelles Urteil Blößen. Andresen : Weil der Eindruck groß ist! Die beiden Kinder wirken aus anderen Anlässen zu anderem Zweck als alles, was ich trotz Uznachs sah. Verführen mich ernüchterten Schulmeister zu der Hoffnung, es sei doch wieder Sommernachtstraum, Zauberflöte, eine Geschichte von Jean Paul mit ihnen möglich. Fräulein Vigdor ist der gleichen Meinung. Siebenstern : Sie träumen. Mathilde gab mir Anlaß genug, zu wissen, sie ist smarte Amazone, die unsere Penthesileen knock out schlägt; Klaus Granate, die zeitgemäß krepieren will. Andresen : Ich höre andante sostenuto, Symphonie mit dem Paukenschlag aus beiden. Siebenstern : Und ich glaube ein anderes Wunder: Der Weiberfeind fand in der Ankömmlingin seine Meisterin. Andresen : Nie käme meine mäßige Männlichkeit neben Klaus zur Geltung. Siebenstern : Hätten Sie mit Mathilde recht, müßte sie morgen zu den Eltern zurück. Uzuach ist keines Dilettanten Laune. Backfische sind hier fehl am Ort Wir machen Geschichte, erzählen uns keine, Gott sei Dank. Andresen : Und stimmt es mit Klaus? Siebenstern : Indiskutabel! Der ist meine Steigerung, mein Meisterwerk! Andresen : Nicht ohne daß er als mein Schüler von meiner Vorliebe für Romantik profitiert hätte. Siebenstern : Ausgeruht ist er dem Spuk entwachsen. (schroff) Sie finde ich nicht mehr auf Uznachs Höhe. Sollten Sie von hiesigen Richtlinien, die Jugend in den Rhythmus kulturtragender Wesenheiten einzugliedern, neuerdings abweichen, bitte ich um schleunigen schriftlichen Bericht! Schnell links exit Klaus (im Bademantel tritt auf) : Hallo, Alter! Aber wie siehst du aus, welcher Zusammenbruch mit dir in diesem himmlischen Zirkus? Andresen : Du bist entzückt von ihm? Klaus : Hin! Andresen : Von Mathilde besonders? Klaus : Ich finde die Mädels eins wie das andere prachtvoll! Das sind nicht mystische Bräute, doch auch kein männlicher Gebrauchsgegenstand mehr; zu eigenem Trubel Entschlossene, die nicht hinter dem Berg halten, Reize nackt zum Angriff auf uns zu brauchen. Andresen : Merktest du den? Klaus : Und wie! Im Wasser waren sie in Front geschlossen, strotzend vor Eigenmut. Das war gelebtes Uznach, meines Vaters gewonnene Schlacht! (er bläst Signal) Hätte der Krieg nur die Nummer, das neue Mädchen, hervorgebracht, viel ist von seinem Grauen ausgelöscht. Andresen : Wie stets ist deine erste Begeisterung falsch. Erst wenn sie dich, da ihnen das Risiko der Niederlage fehlt, noch strotzender, weiblich, tätlich angegriffen haben, wollen wir dein geprüftes Urteil hören; sehen, welche dann den Apfel bekommen wird. Klaus : Der liegt nicht bei mir. Sie sämtlich werden mich mit Früchten bombardieren. Nicht drei – fünf wundervolle Göttinnen! Andresen : Und wird in süßeren Umständen der neue Paris seinem Namensvetter aus dem Altertum an Vorbildlichkeit nicht nachstehen? Klaus (indem er dem sich krümmenden Andresen stürmisch die Hände schüttelt) : Ihn weitaus rühmlich übertreffen – das walte Gott! Vorhang   Dritter Aufzug Klaus Wohnzimmer, im Hintergrund breite offene Balkontür, spät abends Erster Auftritt Andresen : Scheinst du mit deinem Vater noch übereinzustimmen, ist es mein Vergnügen, im Nachhören eurer Gespräche euch auf Widerspruch, der unbedingt bald zum Zusammenstoß führt, zu ertappen. Klaus : In einer oder anderen Kleinigkeit. Seine Lehre, naturhaftes Erziehungsprinzip, ist zukunftbildend. Er sprengte die Eisdecke der Mechanisierung bis zu der Entdeckung, daß alles Geistige ewig jung ist und bleibt. Andresen : Trotzdem habe ich, seitdem ich dich und dein Leben wiedersah, die Überzeugung, er macht nur bestes Theater, in dem, weil seine Absicht Schicksal und Tragik ausschließt, alles klappt. Du wirst es bald an den Schülerinnen merken. Uznach bahnt Weg; doch je älter ich werde, um so lieber klettere ich wieder Wände hoch. Klaus : Der Zugang zum Wunder ist hier allerdings bequem. Andresen : Ein Königreich für klotzigen Widerstand heißt für den, der Hindernisse braucht, der Schlachtruf. Alles wurde so verflucht plausibel, daß ich, eine harte Nuß zu knacken, schmachte. Klaus : Hast du bei den Mädchen angebissen? Andresen : Die mißbrauchten sich trotz ihres Alarms so oft mechanisch, daß sie in erhabenster Lebenslage zielstrebig bleiben, statt durch Erschütterung ihren Genuß eigentümlich zu machen; wonach ich ziele. Klaus : Du hast platonische, nicht praktische Kenntnis von dem, was du benörgelst. Wurdest Pessimist in Uznach. Hebe dich weg, Versucher! Nach rauhem Tagwerk tauche ich in Gründe meiner Privatsehnsüchte, fromme Klausur, für die ich – abends zehn Uhr fünfzehn – allein zu bleiben wünsche. Andresen : Auch du wirst der Bezieherei erliegen! Klaus : Das warten wir ab. Andresen : Wo solche Schleusen auf sind, mitgerissen werden. Ich fürchte für dich! Klaus : Mut, Alter! Nie werde ich mir aus der Natur einen bloßen Gebrauchsgegenstand machen. Andresen : Du wirst Räusche, einen Kater haben. Klaus : Und für neues Wunder geräumig bleiben. Andresen : Denn darauf kommt's an! Klaus : Nur darauf! Verlaß dich drauf. Andresen : Dein Blick ist gut, und so verschwinde ich hoffend. Klaus : Laß nach Warnung und guten Ratschlägen auch auf deiner Bühne endlich das Besondere auftreten. Hohe Zeit! Sonst bleibst du Komparse. Andresen : Macht nichts. Fällt nicht auf. Heutzutage wird so wenig Originelles mehr gelebt und verfaßt. Klaus : Doch sein eigenes Stück macht man zum Schluß sich selbst. Andresen : Ich brauchte einen energischen Regisseur. Exit   Zweiter Auftritt Klaus schließt die Vorhänge, setzt den Teekessel in summenden Brand, wirft Holzscheite ins aufflammende Kaminfeuer, zieht einen türkischen Schlafrock an, den Fez auf; setzt das Grammophon in Gang, das »Celesta Aida«, von Caruso gesungen, tönt. Steckt eine Nargilehpfeife an, streckt sich auf den breiten Diwan, pafft mächtig, daß Rauchschwaden im Zimmer schweben, und summt die Melodie mit. Dann nimmt er die »Misérables« von Victor Hugo vom Tisch und liest den Titel: »Les Misérables. Mit sechzehn Jahren wurde Marius in der Oper das Glück, von zwei reifen Schönen, der Camargo und der Sallé, aufs Korn genommen zu werden. Doch er, aus zwei Feuern, zog sich heldisch auf die innere Schau der fünfzehnjährigen Tänzerin zurück, die noch menschlich ursprünglich, Nahenry genannt, war, die er in Longchamps gesehen hatte.« (träumt) Longchamps – silberner Frühling – Birkenlaub – Nahenry! Er küßt ihr Taschentuch – legt es sich tagsüber aufs Herz, (er tut es) Nachts einzuschlafen, auf die Lippen, ihren Hauch zu trinken, von ihr zu träumen. Pause Und wieder in Longchamps, als sie vor ihm herging, riß ihr ein Windstoß den Rock übers Knie bis zum Strumpfband hoch. Ein Bein himmlischen Formats erschien – Marius wurde ohnmächtig! (er läßt das Buch fallen) Ich küsse deinen Rocksaum, Kleine – leise – (dann pafft er mächtige Wolken) Thylla Vandenbergh aus Utrecht, kraß nackt mit Kugelbrust, sonnendurchströmt, Maud überblühte Polle, Sonja ausdrucksgeschüttelt, wozu braucht ihr den klotzigen Impetus? Genügte es nicht, Wind höbe euch den Rock? Wozu die formidable Müllerei, ewiges seelisches Erbeben und Erbrechen? Völker gibt es, die liegen im Sand und pfeifen auf Bambusrohr. Pfeifen jahrtausendelang, völkerweise auf was? Auf das Rezept, Bescheid zu wissen; bei allem albernen Blödsinn dabei zu sein. Ich fühle, Historisches bricht in mir an – (er summt) Ich gäb was drum, wenn ich nur wüßt, Wer heut mein Traum gewesen ist –   Dritter Auftritt Thylla und Sonja schauen durch den Vorhang der Balkontür Klaus (erblickt sie) : Folgt ganz richtig: Zweiten Akt, erster Auftritt Stichwort: Bitte, meine Damen! Er ist aufgesprungen und läßt sie eintreten Sonja : Warum, mein Herr, verschwinden Sie abends so pointiert früh von der nach Aufschluß über Sie lechzenden Bildfläche? Thylla : Ist das im Sinn des Stücks, das wir miteinander spielen sollen? Klaus : Und fände Sie der Hausherr zu nachtschlafender Zeit hier – was dünkt Sie? Thylla : Er begriffe den Drang gereifter Frauenherzen, sich über den mit Schwung hergeschneiten Springinsfeld zu unterrichten. Sonja : Zudem schläft er abends ab neun Uhr wie ein Toter. Klaus (lädt zum Sitzen ein) : Würde auch das Bedürfnis junger Mädchen, dem Mann auf die Bude zu rücken, als eminent zeitgemäß verhimmeln. Sonja : Weil er unsere rasende Neugier begriffe. Thylla : Uns unserer tristen Langeweile wegen bedauerte. Klaus : Langeweile bei alledem? Sonja : Glauben Sie, Herr, alle Zeitalter vor uns waren so exekrabel monoton? Klaus : Das junge Mädchen lange nicht so präkox. Darf ich nach dem Verbleib Ihrer drei Zeitgenossinnen fragen? Thylla : Maud und Vane genügen sich bis in die Nacht. Klaus : Mathilde? Sonja : Stammt, wie wir leider hörten, aus Lüneburg. Klaus : Süß! Als Sie eintraten, war ich, ein Stück zu träumen, im Begriff; kannte aber den Schauplatz der Handlung, auf den viel ankommt, nicht. Jetzt weiß ich ihn! Darf ich Schnaps, Zigaretten anbieten? Thylla : Manhattan Cocktail, wenn es möglich ist – Klaus (mixt) : Gewiß. Das Schauspiel der Zeit gedeiht nicht mehr in London, New York, Berlin, weil dort die Leute in Arbeitshatz chloroformiert vermickert sind. Bahnbrechende Akte, die Schlager der Epoche passieren in Lüneburg! Sonja : Uznach! Klaus : Da wimmelt es auch schon von Fahrplänen, Tarifen, neuen Pünktlich- und Verbindlichkeiten. 10 Uhr 50 nachts Abfahrt stracks in Männerland! Thylla : Unser Akt ist spontan, Herr! Sonja : Es gehört verdammt Privatcourage dazu, sans gêne hier einfach anzuschwirren. Thylla : Abgesehen davon, daß man sich auf diesen zugigen Balkonen sogar in Sommernächten erkältet Klaus : Dann sind Sie schlecht berichtet. Meine Freunde riegeln schon in Provinzstädten solcher weiblicher Spontaneitäten wegen nachts ihre Türen ab. Sonja : Sie haben es, sich zu mokieren, leicht; Ewigkeiten stiegt ihr mit tückischeren Absichten, als wir sie haben, in unsere Kammern. Klaus (trinkt ihnen zu) : Prost! Wir machten das taktvoll hochherrschaftlich. Ohne Mond war überhaupt keine Rede davon. Dunkle Nächte wie diese kamen nicht in Betracht; Leiter, Strick, Pistole waren unsere mindesten Embleme; dazu setzte Natur eine Aeolsharfe, Nachtigallen ein Orchester in Gang. Vergleichen Sie Julien Sorels epochalen Einstieg in »Le Rouge et le Noir« in Mathilde de la Moles Fenster, seinen picassoblauen Klassenrausch mit dieser – verzeihen Sie – finster bürgerlichen Angelegenheit Thylla : Sie sind arrogant junger Mann. Wollen Sie, machen Sie wie Goethe mehr Licht! Klaus (nach einer Pause) : Kennen Sie Lamiel? Sonja : Wer ist das? Klaus : Vor hundert Jahren, 1826, in Frankreich bei dem Dichter Stendhal ein Bürgermädchen. Thylla : Prost! Sie stülpen ihre Gläser und qualmen Klaus : Das nicht an Uznach gerochen hatte. Wahrscheinlich hohes Korsett, flanellene Unterröcke trug, bei frommen Eltern, Lehrersleuten, dann im Salon der Herzogin von Miossens devot erzogen wurde. Sie langweilt sich in des Zeitalters kalter Pracht, das man die Restauration nannte, war damals schon mindestens so neugierig wie Sie. Was tut sie eines Abends, als ihr der Epoche Monotonie wieder zum Hals heraushing? Stellt im Dorfwald abends einen strammen Knecht, befriedigt für fünf Franken ihre Neugier, was die Liebe angeht. Thylla : Hei! Sonja : 1826! Klaus : Sic! Thylla : (klatscht in die Hände) : Fünf Franken! Fabelhaft! Klaus : Keß, was? Lamiel liebt aus purer Neugier noch Herzöge, Grafen, Barone, vergafft sich endlich in einen Schwerverbrecher, mit dem sie falschmünzt, im Umkreis mordet, um als ihres Lebens Apotheose aus bloßer Langeweile den Pariser Justizpalast in Brand zu stecken. Das ist über ihre blonden Schüchternheiten fort schon neue Sachlichkeit, mit der Sie sich hundert Jahre zu spät brüsten. Sonja : Wir haben die größere theoretische Gier. Wollen die geistigen Methoden wissen, aus denen Sie hier hochdramatisch auftrumpfen. Thylla : Vor Flirt und Liebe endlich Tricks geistigen Umgangs kennen. Sonja : Sie, Lieber, so schlicht es der Herr der Schöpfung mit uns tat, besitzen. Thylla : Sie gefallen uns! Sonja : Und wir sagen das, wie es Ihnen immer erlaubt war, schlank. Thylla (faßt ihn ans Kinn) : Hübsch bist du, Junge! Sonja : Wir sind's nicht minder. Leugnest du's? Thylla : Was tust du – küsse ich dich jetzt? (tut es) Sonja : Wir sind auch nicht eifersüchtig, Kleiner. Wissen, das Außerordentliche kann bei seiner heutigen Seltenheit nicht Privateigentum bleiben. Schmiegt sich in seinen anderen Arm und küßt ihn. Beide umfangen ihn Klaus : Meine Damen! Sonja : Du scheinst deinem Glück nicht gewachsen, Bengel, schäm dich! Wir wollen unbedingt dein reisiges Heldentum, erstklassige Geste von dir. Thylla : Zerstör deinen Ruf nicht, der bei Kennerinnen auf dem Spiel steht! Ich dachte, du greifst zu, wo es geboten ist? Klaus (schüttelt sie ab) : Aber das geht nicht so! Ist gegen die Technik des Dramas! Sonja : Was soll das? Klaus : Ist kein Aufbau, die kleinste Steigerung nicht; nicht Schuld und Sühne, kein Moment der letzten Spannung. Die Sache geht zu glatt, der Hauptspaß fehlt. Thylla (sich an ihn drückend) : Unsere Fühler sollen fremder Reibungswärme zugängig sein. Sonja (sich an ihn drückend) : Immer tiefer müssen wir in den anderen hinein begreifen. Thylla (noch näher) : Vom Nächsten stets wärmere Grade schlürfen. Sonja : Eurhythmisch zusammenwuchten und wirken. Thylla : Sei nicht so dämlich! Sonja : So primitiv! Thylla : Nur Durcheinanderdurchdringung ballt Kultur. Sonja : Dein Körpersinn scheint verkümmert. Thylla : Fühlst du unserer berauschten Leiber Bombenakkorde nicht? Sonja : Deine Zivilisation versaut unsere Plastik. Thylla (faßt ihn an der Hand) : Tanz doch, Kind, tanze! Sonja : Begreif das Fest! Pack an! Thylla : Wo Mitlust schwingt, schwinden Bedenken. Sonja (frohlockt) : Schon wird er schmecktastbar! Thylla : Bewußtwollbar! Beide : Wir haben ihn gleich, wir haben ihn endlich! Sind tanzend und balgend mit Klaus auf den Diwan gefallen Klaus (mit Stentorstimme) : Himmelkreuzdonnerwetter, nein! An solcher Weltenwende muß doch der andere mitwirkend dabei sein! Aufgerichtet und seiner und ihrer Herr. Wir stecken noch tief in der Peripetie der Handlung. Die Schlußszene wird noch lange nicht, sicher nicht so gespielt! Meine Damen – es ist spät geworden! Er drängt sie zur Balkontür Thylla und Sonja (messen ihn mit verächtlichen Blicken, die er lächelnd aufnimmt, indem er sich verneigt. Die beiden zischen ihn an) : P! Schnell exeunt Klaus (mit wuchtiger Geste schüttelt die Situation ab) : Brrr!   Vierter Auftritt Mathilde (erscheint im dunklen Mantel auf mondbeschienenem Balkon) : Ich hörte Ihren Schrei im Nebenzimmer. Was geschah um Gottes willen? Klaus : Dramatischer Höhepunkt der Epoche! Überfall durch Ihresgleichen, dem ich als Mann gewachsen war. Mathilde : Verzeihen Sie – Klaus : Bleiben Sie! Ich bin im Schwung und stoße Ihnen noch mit eins Bescheid, (zieht sie ins Zimmer) Diese Sommernacht wird wirklich historisch; was in ihr vorgeht, gehört zur Menschheitsgeschichte, verstanden? (er schleudert sie in einen Stuhl) Mag denn des Mädchens Gelüst, das Leben zu fressen, berechtigt sein – ja, ja, es ist! In euren Manieren, dem plumpen Auftritt, mit dem Mangel an Nuance wirkt ihr grauenhaft; fähig, das von uns erträglich gestaltete Bild des Weibes zur Fratze, vor der wir uns verhüllen, zu entstellen. Wir, eure Partner im ernsten Spiel, müssen euch jetzt vor schlimmster Entgleisung, Verschleuderung des Gutes, warnen, das nur aus dem Bewußtsein seiner symbolischen Unersetzlichkeit geschenkt, euch unserem verantwortenden Bewußtsein, unserer Sorge fürs ganze Leben empfiehlt (erregt) Wie kämet ihr uns sonst vor? (schreit) Wie kommt ihr euch eigentlich vor? Mathilde : Aber! Klaus : Ruhe! Solcher Engel von Angesicht, solche Augenfreude, himmlisches Sternbild! Wissen Sie, daß Sie zu Hölderlins Mädchen hätten Modell stehen können –? Mathilde : Aber –! Klaus (lauter) : Still! Daß der Mann Schurke sein kann, ist für das repräsentative Frauenzimmer kein Grund, ihn nachzuahmen. Der Mann, Fräulein, hat auf anderen Gebieten hehre Eigenschaften genug bewiesen, vor denen ich in Ewigkeit den Hut ziehe. Was vermochte Sie um Gottes willen, sich so zu verramschen, jedem Kommis ohne Wahl und Bedenken um den ungewaschenen Hals zu fallen, vor dem sich Lamiel bekreuzte? (immer hitziger) Was glauben Sie, fängt das Durchschnittsmännchen überhaupt mit Ihrer Augen Glanz, Haaren, Pracht solchen Halses, solcher Glieder an? (brüllt) Was Sie glauben? Schämen Sie sich!! Mathilde bricht in leises Schluchzen aus Klaus : Wissen Sie, daß ich das Bedürfnis, Novalis himmlische Verse an Sie zu richten, hätte? Und Sie machen so was? Verlottern klassisch von Stufe zu Stufe? Wollen Sie die männliche Seele, die auf Erden nur noch über des Mädchens makellose Reinheit zu jauchzen hat, tödlich verletzen; ihr das lotende Senkblei zerbrechen? Mathilde : Hören Sie auf! Klaus : Ihr Einwand, in Lüneburg war kein einziger anständiger Kerl, der Sie auf Ihre höhere Standpunkte wies, verschmähe ich. Wozu zum Donnerwetter hatten Sie Instinkte, die, sich für das Unbedingte aufzusparen, hätten raten müssen? Mathilde (außer sich) : Ich ertrage es nicht! Klaus : Aber die zeitgenössische Angst, zu spät zu kommen, von wissenden Geschlechtsschwestern nicht ernst genommen zu werden, trieb Sie immer tiefer in den mechanischen Fleischtaumel so weit, daß den keuschen Mann, der immer noch lebt, Ekel über Sie würgt. Mathilde (springt auf) : Nichts auf der Welt gibt Ihnen das Recht, so mit mir zu sprechen! Klaus : Ich bin nicht prüde, rücke als Dr. Siebensterns Sohn weit mit ins Getümmel – aber irgendwo muß die endliche Grenze sein! Mathilde (schluchzt fassungslos) Klaus (leise) : Denken Sie doch – wenn man bedenkt –! (flüstert) Stellen Sie sich vor, Mathilde; jetzt, da Sie durch mich Einsicht in das, was Sie Grauenhaftes taten, bekamen, träte der Mann auf, für den, was Sie schnöde verspielten, den von der Schöpfung vorgesehenen purpurnen Hochsinn gehabt hätte! Mathilde (schluchzt) : Huhuhuhu! Klaus (beugt sich zu ihr) : Träte auf, sagte hingerissen mit der Macht seines gläubigen Herzens: »Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel Seit dir mir wie ein Traum verweht, Und ein unnennbar süßer Himmel Mir ewig im Gemüte steht.« Was könnten Sie, ohne die Augen niederzuschlagen, antworten? Was noch? Mathilde (schlägt die tränenden Blicke zu ihm auf) : Ich müßte die Augen – nicht niederschlagen. Klaus : Was – sagen – Sie? Mathilde (schlicht mit großem Frohlocken) : Ich muß doch die Augen nicht niederschlagen. Klaus : Mathilde! Allmächtiger! Mathilde hat sich erhoben, tritt zum Balkon zurück, wohin er, magisch gezogen, auf Fußspitzen folgt Mathilde : Das Weib ist noch immer nicht Regeldetri! (leise, hat von außen die Tür in der Hand) Gute Nacht – Klaus! Schließt die Tür von außen Klaus (leise) : Weltgeschichte! Vorhang   Vierter Aufzug Bibliothek m Uznach; festlicher symmetrischer Raum in Weiß und Blau. Zwei Glaslüster über dem Mitteltisch. Schränke, Sessel weißlackiertes Holz, tiefblau bezogen. Treppen links und rechts zur Galerie mit großer Doppelmitteltür oben. Durchgehende Bücherschränke oben und unten an den Hinterwänden. Strahlender Frühlingsmittag Erster Auftritt Andresen , Mary Vigdor stehen sich rechts und links an den Tischecken gegenüber Andresen : Was meinst du endlich zu dem Ungeheuren, das uns passierte. Vigdor : Was alle Welt fühlt, worüber sie erschüttert selig sprachlos ist. Du auch? Andresen : Vom ersten Tag an. Stündlich überschwemmt mich aus den beiden reicheres Glück. Vigdor : Nie geahnte Süßigkeit schmeichelt meinem Wesen. Welt ist durch Klaus und Mathilde nur noch Gesang und Musik, aus Busen nie gefühlte Harmonie geworden. Andresen : Sprichst du so, ist es nicht geschwärmt, Mary; nur in so unbändigen Silben läßt es sich überhaupt sagen. Im ersten Augenblick kam mir von ihnen die fröhliche Botschaft. Vigdor : Im Grund mochte ich dich stets auf ähnliche Weise gern. Andresen : Auf andere verschmähtest du mich jahrelang schnöde. Nahm ich sehr oft gegen dich den begeistertsten Anlauf, tanztest du schnippisch aus meiner Reichweite. Vigdor : Dachte, in Uznach müßte es so sein. Vor lauter äußerem Schmiß verkümmerte die innere Bewegung. Andresen : Vor mechanischem Lärm hörte man seinen Herzschlag nicht mehr. Vigdor : Der unseres hohen Paares klopft Tag und Nacht gewaltig durchs Haus. Andresen : Wie er sie demütig heldisch ansieht! Vigdor : Sie in sich hinein keusch von ihm fortblickt! Andresen : Er an sich hält, jeden Nerv vor ihr zusammenreißt! Will man für beide den noblen Ausdruck, heißt er: In Erz geschient. Vigdor : Das Gegenteil dessen, was wir seit zwei Jahren anstrebten. Andresen : Welch bessere Überzeugung hat des Jungen eherne Ruhe, als was der Alte mit viel schönen Reden preist. Vigdor : Wieviel mächtiger wirkt ihre Verhaltenheit als das üppige Gemüller der Gänse! Andresen : Das du ihnen mit Hingabe beibrachtest. Vigdor : Du theoretisch unterstrichest. Andresen : Tausend Vergleiche fallen mir aus diesen Büchern mit unseren Helden ein. Ein Reigen historischer Paare tanzt mit ihnen lebendig im Gleichschritt. Vigdor : Keines reicht entfernt an unseres heran, das unvergleichlich aus unserer Zeit ist. Andresen : Aus einer, die kommt. Vigdor : Mit ihnen da ist. Andresen : Vor acht Tagen sprachst du feurig das Gegenteil. Wußtest auch nichts von dem, was plötzlich in dir mich zärtlich betreffen soll. Vigdor : War vor lauter Ballistik verknöchert. Stürme der Natürlichkeit hatten nicht lange genug durchs Haus gefegt. Sie sind sich am Tisch näher getreten Andresen : Machst du nicht wieder nur neues Mimikry? Vigdor : Du Dummchen, albernes! Andresen : Ich sehe dich immer noch, kristallographische Raumlehre, Sechsteiligkeit des Bewußtseinsakkordes begreifend. Spannungsverhältnis, Körpergeistseele immer noch. Vigdor : Glaub, was du willst. Doch hänge ich nicht mehr von deiner Reibungswärme männlicher Symbolik etcetera pp. ab. Stehe, dich liebend, dir kraß privat gegenüber. Andresen : Eurhythmik? Überbetonter Ausdruck? Aufleuchten des Liebeshasses wohl gar? Vigdor : Ein Schuß warmer Mütterlichkeit. Basta! Andresen : Allmächtiger! Vigdor : Noch verdiene ich nichts, als daß ich dir komisch scheine. Andresen : Das ist zuviel gesagt. Vigdor : Mir selbst bin ich's nicht mehr; seit kurzem, was dich betrifft, mir plausibel. Andresen : In deiner bisherigen Stellung aber warst du's? Vigdor : Wie die ganze Welt verdreht. Andresen : Das Wort paßt. Vigdor : Heute möchte ich dir viel versäumtes Liebes tun. (tritt ihm nah) Du bist so ungepflegt, Heini; hast Mitesser, wäschst dich wenig. Nie sitzt dein Schlips, die Brillengläser sind schmutzig, (nimmt ihm die Brille ab und putzt sie) Täglich möchte ich dich von Kopf zu Füßen putzen. Kein Mensch hat sich im Grund bis jetzt um dich gekümmert. Andresen : Vom Säuglingsalter ab war ich allein. Eine kahle, kalte, unkomfortable Sache mein Leben. Vigdor : Darum forderst du jeden Augenblick mehr meine ganze Zärtlichkeit heraus. Andresen : Die könnte ich brauchen! Vigdor : Und da wir voraussichtlich keine Kinder haben werden – Andresen : Wer sagt das? Vigdor (Hand auf sein Haupt) : Süßer Tollkopf! Da wir kaum Kinder haben werden, bin ich sicher, du allein verträgst meine unverbrauchte grenzenlose Hingabe. Andresen : Grenzenlos? Vigdor : Erschrick nicht! Die des gereiften geprüften Weibes natürlich. Piano è sano. Küßt ihn auf die Stirn Andresen : Du verwirrst mich, klirrst förmlich vor wirklichem Sein, packst mich zuinnerst. Vigdor : Packe dich wörtlich und wirklich, (greift ihn bei beiden Schultern) Warum sollten wir weniger gern als die berühmten Figuren in diesen Büchern unser endliches Schicksal antreten? Durch die vorbildliche Gemeinschaft, die in diesem Haus jetzt klassisches Beispiel ist, haben wir riesige Pflichten. Von ihrem starken Jubel mitbeschwingt, erfülle ich sie leicht und angemessen, (küßt ihn mitten auf den Mund) Andresen : Das geht wunderbar einfach durch und durch. Und ist so natürlich! Sie verharren, lange im Kuß   Zweiter Auftritt Siebenstern (tritt von rechts ein) : Verzeihung, ich will nicht stören. Andresen : Ihnen, Herr Doktor, teile ich die Verlobung mit Mary Vigdor als erstem mit. Siebenstern : Bin buchstäblich starr. Vigdor : Einem Seelenkenner wie Ihnen müssen unsere so gearteten aparten Beziehungen seit langem geschwant haben. Siebenstern : In der Tat dachte ich oft; doch Andresens bockbeinige Sprödigkeit ... Vigdor : Da siehst du es! Wir bestehen endlich, jungem lebendigem Vorbild verhaftet, auf unserer nackten Primitivität. Kommen, hoffe ich, in Zukunft zufrieden selbständig ohne Uznach aus. Heinrich, du übernimmst es, formell geziemend Herrn Dr. Siebenstern unseren gemeinsamen baldigen Fortgang anzukündigen, (mit Reverenz) Herr Direktor – bis zu Tisch. Links exit   Dritter Auftritt Siebenstern : Bleibe starr! Andresen : Nicht so sehr, fühlen Sie mit, was sichtlich das ganze Haus seit Frühlingsanfang in Flammen setzt. Aller Dinge plötzlich erwachte Seele liebkost Sie nicht weniger ursprünglich als die ganz außer sich geratenen Hausinsassen. Sie haben wie wir den gleichen heißen Glanz im Auge, hören nicht weniger gerührt den Volljubel, der aus zwei hochgestimmten Herzen begeisternd mitreißt. Siebenstern : Was ist das für ein Dialekt bei Ihnen? Andresen : Der den heutigen Umständen angemessene. Den Sie bald mit uns sprechen werden. Pause Siebenstern : Das also ist, nach so viel Ansätzen, stürmischen Versuchen, dem männlichsten Elan, das Ende unserer Prinzipien in Uznach? Andresen : Können Sie sich ein himmlischeres Finale, riesigere Fuge, Herr Direktor, einbilden? Ist es nicht der glorreichste Tusch, den zum erstenmal die ganze Schöpfung mitbläst? Siebenstern : Haben wir ihn mit herbeigeführt? Andresen : Durch unsere Exzesse der Affektation erzwangen wir den großen Gegenstoß empörter Natur. Siebenstern : Das könnte wahr – ein wundervoller Trost sein. Andresen : Dixi! Sie reichen, sich die Hände   Vierter Auftritt Sonja (tritt von links auf) : Störe ich? Andresen : Ich – will nicht stören. Verbeugung; links exit Sonja : Vor fünf Minuten verlobte sich Thylla mit ihrem gestern in einem Kataklysma hertelegrafierten Vetter Franz von Klett. Siebenstern : Andresen heiratet stante pede die füllige Erfinderin des Tänzergewissens, reife Hüterin der kulturtragenden Wesenheiten. Sonja (strahlend) : Neue Sachlichkeit allenthalben! Siebenstern : Die auch mich bezwingt. Sonja : Und mich erst! Unerhört wie es in diesem Haus keine Wände, Vorwände für nichts mehr gibt, überall die Phänomene sich entblößten, Gefühle so hoch im Zenit stehen, daß man prachtvoll nie gewußte Selbstverständlichkeit übt. Du warst es, der sie auf Umwegen in uns mit dem sicheren Blick für das stolze Ende frei machte, und darum glüht mit mir für dich ein ganzes Haus in stürmischer Dankbarkeit Siebenstern : Was geschah, hat nichts mit mir und meinen Methoden zu tun. Sonja : Alles! Du gabst uns Start in neues Sein, brachtest das neue Rhodus fertig. Durch Disziplin, Weghören vom Gewöhnlichen machtest du uns für des Zeitalters leiseste Regung erst empfindlich. Glaubst du, Europas Durchschnitt ist für das Ding, das sich hier ereignet reif? Abseits von ihm schufst du die besondere Atmosphäre, den gedüngten Boden, auf dem die Saat sproß, und war im einzelnen alles falsch, traten wir auf dein Kommando aus Reihen der Vielzuvielen zu eigener Lebensführung an, die jetzt ihre erste epochemachende Leistung zeigt. Siebenstern : Deine Liebe will mir Genugtuung geben, die ich nicht verdiene. Sonja : Ich spreche, wie mir der Mund aus den Ereignissen gewachsen ist. Siebenstern : Und erwartest, ich schließe unseren Bund fester? Sonja : Es ist das wenigste, was du im Anschluß an soviel Endgültigkeit, die hier auftrumpft, tun kannst. Warum wollten wir weiter im Geheimen handeln, wo Posaunen zur Wahrhaftigkeit rufen? Siebenstern : Welch neuer hellerer Klang auch aus dir! Sonja (an seiner Brust) : Und welcher Kontrapunkt aus deiner Resonanz (sie umarmen sich lange, treten ans Fenster) Du siehst, das Paar Maud und Vane ist hier sogar noch nicht zur neuen Tagesordnung angetreten. Siebenstern : Das Zeitalter bricht auch in uns gerade erst an. Das neue Venerabile will noch Distanz um sich, braucht noch viel Zeremoniell und Vorbereitung. Sonja : Du sagst es! Das erste kurze Gongzeichen zum Essen ertönt Siebenstern (singend »Figaro«) : Frau Gräfin darf ich bitten ... Sonja (ebenso) : Herr Graf, ich muß doch bitten ... Sie treten Hand in Hand vor der Treppe links an Siebenstern : Und bei Tisch mache ich das vielfach selige Schicksal bekannt. Sonja : Warte, bis die Wesentlichen das Zeichen zur rechten Zeit geben. Auch in uns allen besinnt sich das Letzte noch. Langsam! Sostenuto! Siebenstern : Die neue Sachlichkeit will gelernt sein. Sonja (ihm groß in die Augen) : So soll es sein! Siebenstern reicht ihr großartig den Arm, sie schreiten die Treppe links hinauf. Als sie auf halbem Weg sind, treten Maud und Vane von rechts auf. steigen Hand in Hand die rechte Treppe hinauf. Als beide Paare oben sind, kommen links Andresen und Vigdor . Thylla und Franz von rechts, beide Paare küssen sich saftig am Fuß der Treppe, steigen Hand in Hand links und rechts die Treppen hoch. Oben verharren alle Paare gespannt   Fünfter Auftritt Mathilde rechts, Klaus links treten gleichzeitig auf. stehen einander in ihren Türen gegenüber, gehen getragen gegeneinander, sich zu begrüßen, auf die Mitte zu. Oben verbirgt sich alles hinter den Portieren. Als die beiden unten die fremde Anwesenheit spüren, treten sie, bevor sie sich erreicht haben, auf Zehen rückwärts in ihre Türen zurück. Dort stehen sie, legen beide gleichzeitig heroisch den gestreckten Zeigefinger im Sinn des Freskos Fra Angelicos auf den Mund. Verschwinden durch ihre Türen. Oben schlüpft alles ins Speisezimmer. Gleich darauf klingt aus dessen geöffneter Tür das auf dem Klavier gespielte Menuett von Boccherini. Mathilde Tür öffnet sich ruckweis wie die von Klaus wieder. Beide grüßen sich sehr zeremoniell zu den Tönen des Menuetts noch in der Tür und steigen in großer Haitang, steif der eine die Treppe links, der andere die Treppe rechts hinauf, während der Vorhang schnell fällt Vorhang