Carl Sternheim Der Nebbich Ein Lustspiel   Personen Rita Marchetti , Kammersängerin Fritz Tritz , Commis voyageur Meyer Marlowski von Schmettow Dr. Zinn Graf Pfeil Luise Krüger Der Minister Der Gesandte Modes Rommel Der Wirt Gegenwart     Dieses drollige Spiel ist Mops gewidmet     Erster Aufzug Triste Gegend Erster Auftritt Tritz, Meyer und Marlowski, hemdärmelig mit Botanisierbüchse und Strohhüten, treten die Straße von links herauf Marlowski : Hat man einen Liter Buttersäure verdampft, fühlt der Leib sich frischgeboren. Meyer : Darum eine Brise Pilsener ins leere Geschirr. Tritz, was sagst du? Tritz : Prost! Wenn's so weit ist. Marlowski : Zwar sind wir am Ufer der Elbe und nicht am Rhein. Nichtsdestotrotz (hebt die Rechte zum Dirigieren) : Zwei, drei! »Nur am Rhein, da will ich leben ...« Meyer und Tritz haben miteingesetzt »Nur am Rhein geboren sein ...« und singen zu Ende Meyer : Tritz, dein Laden nicht einmal auf! Tritz : Nicht mein, Fräulein Krügers Laden. Meyer : Sagen wir deines Fräulein Krügers Laden. Marlowski (die Treppe zur Terrasse hinaufsteigend) : Nicht wieder Frauenzimmer am hellichten Vormittag. Meyer : Das Weib ist Lebens Glanz und Trumpf! Marlowski (am Tisch rechts von der Treppe) : Hier platzen wir! Wir sind die ersten. Es ist früh am Sonntagmorgen. Er hat bei der Kellnerin, die gekommen ist, bestellt Meyer (singt) : Des Sonntags in der Morgenstund ... Marlowski (setzt sich) : Halt die Flabbe! Meyer (auch) : Ernst in der Runde! Unser Ausflug ist keine Schäkerei. Doch pures Volkssymbol. Tritz der Volksparteiler, (er zeigt) Meyer, Mehrheitssozialist, und der blutrünstige Bolschewik Marlowski haben einen Spazierklub, in dem sonntags die gemeinsame Neigung zur Natur und zum Pilsener politische Gegensätze auswischt. Marlowski : Halt die Flabbe! Laß uns den ersten goldenen Schoppen mit Andacht kosten! Er trinkt vom gebrachten Bier. Auch Meyer Tritz : Prost! Meyer : Tritz ist Säule, in diesem bis in die Knochen verkrachten Europa einfach Pol! Fieberhaft war ich gespannt, ob er das eben versprochene Prost auch brächte. Er ist zuverlässig. Bringt's. Tritz : Warum auch nicht? Meyer : Stütze seiner Partei. Die Demokratie, meine Herren, ist heut im Staat, was einst die Konservativen waren. Tritz, was Heydebrand von der Lasa: treu und unerschütterlich. Marlowski : Halt die Flabbe! Meyer : Tritz ist Phänomen für mich. (zu Marlowski) Laß mir meine Leidenschaft! Du hast die Luxemburg, Tritz die Krüger und ich Fritz Tritz. Ich lebte still und harmlos, da tritt Tritz in mein Leben und regelt es mit einem Schlag. Tritz : Langweilig, Meyer! Meyer : Fieberhaft wichtig. Bis dahin war ich ein verrücktes Huhn – keine Tarantel wie Marlowski. Marlowski : Mensch! Meyer : Schwankte blind. Machte mir kein Bild vom Weltall, Politik und Sexus inklusive. Tritz hat mich gefestigt, gradezu in Beton gerammt. Ohne daß ich im einzelnen wüßte, wie oder wo – kümmere ich mich einfach nicht mehr. Bin eine Pause tat- und atemlos. Marlowski : Die Flabbe! Meter : Tritz ist Begriff der Zeit. Wir halten im fünften Jahr der Republik, der Revolution, meine Herren, die anfangs, das gebt ihr zu, mit Liebknecht und Eisner munter genug ging. Tritz hat das Chaos gebremst, das Ganze triftig zum Stillstand gerichtet. Revolution aus! Marlowski : Du schneidest dich mächtig, Bourgeois. Meyer : Aus die Kiste – trotz dir Kapede! Marlowski : Wart ab! Fünf Jahre, 1789 bis 94 hat's in Frankreich gedauert. Meyer : Und dann war Schluß. Napoleon kam für die Reaktion, wie Noske bei uns. Hoch die beiden großen N's! Marlowski (empört) : Mensch! Meyer : Tritz hat das vorausgeahnt; war von Anfang an pomadig. Prost Tritz, süßer Liebling! Marlowski (außer sich) : Wär' nicht Sonntag und das Pilsener frisch – Meyer : Eben. Gäb's keine Feiertage und wundervolle Biere in Deutschland – dann! Marlowski : Kaffer! Meyer : Achtung! Die Krüger öffnet. Tritz (seufzt) : Immer noch nicht. Meyer (nach einem Augenblick) : Wärst du bei Tietz nicht tüchtiger Rayonchef – Commis voyageur, Tritz, was hättest du werden wollen? Tritz : Warum? Meyer : Das wüßte ich brennend gern. Marlowski : Das wäre wirklich interessant. Tritz : Kennt ihr Garmisch? Marlowski : Garmisch-Partenkirchen? Meyer : In Bayern? Holdrioh! (er juchzt) Tritz : Oberbayern. Postbeamter möchte ich in Garmisch-Partenkirchen sein! Meyer : Was? Marlowski : Warum? Tritz : Für mein Leben gern. Meyer : Hört, hört! Tritz : Auf einem Drehschemel hinterm Gitter. Gegen der Menge Zudringlichkeit verwahrt, von Welt strikt abgeschlossen. Das drängt sich vorm Schalter wie Ameisen, ich aber sacht – Marlowski : Sacht! Tritz : Sacht und gemächlich bremse die allgemeine Hast. Meyer (zu Marlowski) : Hörst du! Tritz : Rechne eine Reihe Postanweisungen zusammen. Taub für menschlichen Tumult, schmecke ich Zahlen und kaue sie; draußen aber überschlägt sich der Herzschlag von Dutzenden, die aus irgendeiner Einbildung eilig sind. Wie kalter Wasserstrahl klatsche ich in fieberhafte Assimilation. Behaupte mich mittels Drahtgitter als mächtige Einheit. Marlowski : Verkehrshindernis! Meyer : Das ist eine Nummer! Tritz : Statt Verkehr pflege Einkehr. Meyer : Merk's, Marlowski: Jeder Banause dächte bei Einkehr nur an dieses Wirtshauses Schild. Tritz, daß Einkehr Rückzug auf sich selbst bedeutet. Marlowski : Ich aber sage, hält er mit so was nicht die Flabbe, trete ich stante pede aus unserer Dreiheit aus. Meyer : Ich vergöttere Tritz! Mit solchem Kerl als Kern ist Deutschland nicht zu schmeißen. Marlowski : Mit solchem Gelichter an bevorzugtem Platz wäre Deutschland hin. Gott sei Dank verschleißt er seine Zeit tüchtig bei Tietz. Tritz : Keine Aufregung meinetwegen! Ich bedeutete nichts. Gar nichts. Marlowski : Richtig! Meyer : Mir bist du Stern und Leuchte, Fritz! Tritz hat sich erhoben Jetzt aber! Er geht zum Laden hinüber, an dem Luise die Jalousien hochgezogen hat   Zweiter Auftritt Andere Gäste sind gekommen und haben teils auf der Terrasse Platz genommen, teils sind sie ins Haus eingetreten Tritz (zu Luise) : Guten Morgen, Fräulein Krüger! Luise : Guten Tag, Herr Tritz! Tritz : Heut gibt's Sonne und Geschäft, ich wette. Luise : Das reißt uns nicht heraus. Mutter ist auf dem Sprung, den Laden zu verkaufen. Tritz : Und was mit Ihnen? Luise : In Stellung, Herr Tritz. Wie früher Kammerjungfer oder so etwas. Tritz : Hoffentlich wird's anders. Was kosten die Nelken? Luise : Vier Mark das Stück. Tritz : Darf ich sie sehn? Luise : Bitte. Geht in den Laden voran. Tritz folgt Marlowski : Poussierstengel! Meyer : Da gibt's Ernstes. Marlowski : Tritz und Heirat? Meyer : Er wird die Kleine wie Efeu ziehen, der an seiner Gradheit hochrankt. Wird sie vom Altar zum Katafalk schleifen und Beamte zu Söhnen haben, die das Mark des Staates sein und gegen euch einen markigen Damm bilden werden. Mit seiner Frau wird er das bürgerliche Amen hinter die Revolution murmeln. Marlowski : Stille Wasser sind tief. Meyer : Tritz ist tief in sich. Trübt sonst kein Wässerchen. Marlowski : Mir scheint er eine Rakete, die auf ihr Streichholz hofft. Meyer : Ein Veilchen, das im Verborgenen blüht. Marlowski : Für mich stinkt er betäubend nach Moschus. Tritz (mit Blumen) und Luise treten aus dem Laden Luise : Gern, gegen sechs Uhr, ist das Geschäft vorbei. Und Mutter muß mitgehn dürfen. Sie kommt nie aus dem Haus heraus. Tritz : Natürlich. Auf sechs Uhr abends also! Wiedersehen! (verabschiedet sich und kommt auf die Terrasse zurück) Marlowski : Für wen das Gemüse? Tritz : Uns dreien ins Knopfloch. Marlowski : Mir wenigstens die roten. Man hört vielfaches Hupen eines Autos, dann mächtigen Knall Marlowski : Da erschoß sich einer! Meyer : Immer farusch! Ein Autoreifen platzte. In dieser Welt keine Überraschung mehr. Marlowski : Du wirst noch staunen! Schlappschwanz! Es wird tagen!   Dritter Auftritt Auftreten Rita Marchetti , Graf Pfeil , von Schmettow und Dr. Zinn , sämtlich in Autodreß Rita : Prügeln sollte man das Schwein von Chauffeur! Ein Huhn zu schonen, bremst er brüsk, setzt mein kostbares Leben aufs Spiel und läßt den Reifen platzen, (zu Pfeil) Sie sollten besseres Personal haben, Graf Pfeil, fordern Sie Freunde, deren Leben bedeutet, in Ihren Wagen auf. Pfeil : Untröstlich, Gnädigste, vollkommen verzweifelt! Rita : Was hilft das? Was nun? Sollen wir eine Stunde in dieser Wüste liegen, und ich versäume meine ausverkaufte Vorstellung? Es ist zum Verrücktwerden! Zahlen Sie mir die eingebüßte Gage, dem Publikum sein Geld zurück? Warum stehen Sie hier? Laufen Sie wenigstens, daß der Kerl fertig wird! Los! Pfeil : Ich fliege! Schmettow : Dafür heißt er Pfeil! Meyer : Das ist eine! Rita (zu Zinn) : Sie, Doktor, sehen so blöd und ergriffen drein, daß man vor Jammer sterben möchte. Warum wurden Sie nicht Mechaniker statt Melancholiker? Dann hätten Sie in der Welt jetzt einmal zu was getaugt. Marlowski : Ein Besen! Meyer : Donnerwetter! Rita (zu Schmettow) : Sie haben für nichts als Ihre Bridges gezittert, Schmettow, die gebügelte Falte möchte beim Unfall leiden. Schmettow : Für Ihr Leben, gnädigste Freundin, für sonst nichts. Alles andere ist zu ersetzen. Rita (wütend) : Schweinerei! Was stehn wir hier? Gehen wir einen Augenblick in diese Scheune hinauf! (zeigt auf die Terrasse) Der Tag fing gut an! Sie steigt, von Zinn und Schmettow gefolgt, die Stufen hinan. Da sie Tritz erblickt, stutzt sie wie vor einer Erscheinung Marlowski : Donnerwetter! Rita (am Tisch beim Eingang der Terrasse links) : Bleiben wir hier! Nicht übel die Aussicht! Mit Blick auf Tritz , der das Haupt senkt Schmettow : Kiefernwaldung mit Rundhorizont. Sehr kleidsam. Rita : Hübsch! Schmettow : Praller expressionistischer Durchblick auf Sandboden und Kartoffelacker. Rita (mit Blick auf Tritz) : Sehr hübsch sogar! Meyer tuschelt zu Marlowski Zinn : Der Elbstrom in der Tiefe. Schmettow : Mischung Sächsische Schweiz und Lüneburger Heide. Rita : Jedenfalls besonders. Meyer (zu Tritz) : Fritz, merkst du nichts? Marlowski : Donnerwetter, die geht ran! Der Wirt ist aufgetreten und zugleich kommt Pfeil in Hast zurück Pfeil : In einer Sekunde fertig. Aufbruch, Gnädigste! Wirt : Befehlen? Rita : Und Sie glauben, nachdem man vor Schreck halbtot gelandet ist, geht man ohne Erfrischung fort? Pfeil : Aber es ist neun Uhr dreißig. Noch zweihundertfünfzig Kilometer. Schmettow : Neun Uhr fünfundzwanzig. Rita : Dann wird Ihr Chauffeur schneidiger einiges Getier wirklich erlegen, oder Publikum und der Direktor müssen warten. Wozu hat man seinen Ruf? Pfeil : Aber! Rita : Basta! Sie sehen, ich finde es hier angenehm, (zum Wirt) Was trinken die Herren dort? Wirt : Pilsner Urquell, gnädige Frau, frisch angesteckt. Rita : Uns allen auch! Meyer : Aha! Marlowski : Merkst immer noch nichts? Pfeil : Aber – Rita : Hören Sie mit Ihrer jüdischen Hast auf, Graf! Sie sehen, ich verschnaufe. Zinn : Er kennt das Maß von Rücksicht immer noch nicht, das man der Dame schuldet. Schmettow : Ahnungsloser Säugling! Rita : Laufen Sie zum Chauffeur, er soll warten! Fix! Pfeil : Aber – Rita : (unwiderstehlich) : Los, Pfeil! Schmettow : Los, los! Pfeil exit Rita : Stets ist das Unvorhergesehene das wirklich Lohnende. Marlowski : Ich bin baff! Schmettow : Ich finde: Bohème zweiter Akt, Anfang à peu près. Rita : Sie sind wie stets der erste im Bild, Schmettow. Zinn : Ich habe seit langem begriffen. Meyer : Wir auch. Rita (scharf) : Was? Zinn : Daß man hier reizend sitzt. Rita (mit Blicken auf Tritz) : Aber sehr. Ich bin glatt in die Gegend verliebt. Schmettow : Und die Umgegend! Rita : Daß es so etwas gibt! Schmettow : Das gibt's! Bestimmt. Man muß es nur sehen. Meyer (zu Tritz) : Du wirst was erleben! Rita (zu Zinn) : Leben, Doktor, heißt doch, für Überraschung bereit sein, keine Systeme haben wie Sie. Schmettow : Man muß aber System in die Überraschung bringen. Da liegt's. Rita : Das will ich gerade! Der Wirt hat Bier gebracht Schmettow : Es lebe die pralle Sensation! (hebt das Glas) Rita (ebenso) : Sie lebe! Und nun, meine Herren, einen Augenblick noch. (sie erhebt sich) Pfeil (kommt atemlos) : Der Chauffeur wartet, sieht die Zylinder nach. Rita : Aber nein, ich bin bereit. Wir müssen fort! Was würde Berlin denken? Wollen Sie mir vielleicht die Gage ersetzen? Des Publikums schlechte Laune bessern? Schmettow : Aber höchste Zeit! Neun Uhr fünfundvierzig! Rita (zu Pfeil) : Was stehen Sie noch? Laufen Sie doch! Los! Pfeil schnell exit Marlowski : Hat man so etwas erlebt? Rita (mit den Worten) : Ich komme! (geht ins Haus ab) Schmettow und Zinn sind die Treppe hinuntergegangen und warten in der Mitte der Bühne. Schmettow macht, gegen die Terrasse und die drei oben Sitzenden gewandt, mit dem Kodak eine Momentaufnahme Schmettow : Schauplatz der Handlung festgehalten. Meyer : Ich wittere Enormes. Schmettow : Ein Götterweib! Zinn : Überwältigend, doch auf die Dauer ermüdend. Schmettow : Mich nicht. Zum Dank werde ich ihr das Rezept einer Reispunschtorte geben – einer Reispunschtorte. Hände von weg, Zinn! Zinn : Sie wissen, als moderner Jude denke ich streng katholisch, esse aber koscher. (zeigt in Luises Laden) Auch ein hübsches Mädchen da! Schmettow (sieht) : Kühle Blonde. Nicht mein Genre. Ich brauche hingegen semitischen Impetus. Zinn : Immerhin. Marlowski : Die Augen der Person! Meyer : Scheinwerfer! Der Busen mit Respekt zu sagen: Wagalaweia. Marlowski : Feudales Aas! (zu Tritz) Glückskerl! Meyer : Das Ding ist nicht zu Ende. Marlowski : Wird im Gegenteil gefingert, da kannst du Gift drauf nehmen. Und ein Duft von ihr! (er fächelt sich Luft zu) Satanisch! Meyer : Himmlisch! Rita (erscheint) : Bereit? Pfeil (kommt atemlos) : Pronto! Rita (zum Wirt) : Reizend bei Ihnen. Komme wieder! (sie steht an der Treppe dicht bei Tritz) Wundervoll! Springt die Treppe hinunter und läuft lachend mit den Herren ab   Vierter Auftritt Meyer (zu Tritz) : Und du strahlst nicht, Bengel? Marlowski : Ölgötze! Tritz : Pst! Fräulein Krüger steht da! Meyer (da man hupen hört) : Mensch, wer ist Müller, Schulze und Krüger nach solchem Sirenensang? Was will banaler Alltag, da hier ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht steigt? Was Veilchen, Nelke vor solchem Duft? (er fächelt ihn her) Marlowski : Satanisch! Meyer : Himmlisch! Tritz : Pst, Fräulein Krüger! Meyer : Die Krüger flagge halbmast! Du bist ihr entrückt. Tritz : Ich weiß nicht, warum –? Marlowski : Warte ab, Kleingläubiger! Wirt (gibt Tritz einen Brief) : Das ließ die Dame für Sie zurück. Meyer : Mensch! Marlowski : Götterkind! Tritz : Pst, die Krüger! Marlowski : Ist futsch. Flink – zögere nicht! Lies! Tritz (zu Meyer) : Setz dich vor mich hin! Deck mich ein bißchen! Meyer : Ich breite mich schützend vor dir aus. (öffnet seine Rockschöße) Marlowski : Lies! Tritz öffnet den Brief Marlowski : Na! Meyer : Nun –? Tritz : Mir flimmert's – Meyer (nimmt den Brief) : Allmächtiger! Marlowski (nimmt den Brief) : Herrgottsaxen! Meyer (nimmt den Brief) : Marchetti! Marlowski (nimmt den Brief) : Rita! Valuta! Was sagst du? Meyer (nimmt den Brief) : Kammersängerin! Marlowski (nimmt den Brief) : Ritterin des Wasaordens. Wasa! Meyer : Vasantasena! Marlowski (liest) : Dienstag! Schon Dienstag nachmittag bei ihr! Meyer (nimmt den Brief) : Vier Uhr, Lorettostraße 8, parterre! (hält Tritz den Brief vors Gesicht) Tritz : Wahrhaftig, parterre! (er seufzt) Meyer : Und das mit Seufzer? Kammersängerin! Marlowski : Rita – Loretto? Meyer : Brüll doch vor Wonne! Marlowski : Leuchte wie Sonne! Rita! Meyer : Marchetti! Marlowski : Italien! Evviva! (er singt) O Napoli – o Roma – Meyer (fällt ein) : Venetia! Hihipodroma! Fällt ihm mit Marlowski um den Hals Vorhang   Fünfter Auftritt Üppiger Salon bei Rita Marchetti Tritz liegt im Cutaway nach der Mode auf dem Kanapee. Rita in elegantem Kleid auf ihn gebeugt Rita : Einmal nur laß dir sagen, wie ich dich liebe, Liebling! Ich bin kein Neuling, in Leidenschaften keine Novize mehr. Das verhehlte ich nie. Das Außerordentliche habe ich genossen; ein richtiger wilder schwarzer Prinz von Timbuktu war mir zu eigen, Abgründe und Höhen der Liebe habe ich ausgemessen, Kreolen, Kanadier und Gelbe gekannt – vor dir versagt mein Maß. Du bist unergründlich. Tritz (der sich hochzurichten versucht) Aber – Rita : Selbst im Schlaf erschütternd. Ich weiß, du willst es nicht wahrhaben. Dann aber frage ich dich, was war es, das mich an jenem Sonntagmorgen in dieser unwahrscheinlichen Landschaft von bedeutenden Männern fort wie eine Leibeigene zu dir hinnagelte? Du sahst es selbst und wirst nicht leugnen, Fatum war es und Kataklysma. Tritz : Laune. Rita : Die drei Monate dauert und wie eine Lawine schwillt? Tritz (will sich hochrichten) : Aber – Rita : Kenntest du meine Vergangenheit, du wüßtest, auch der berauschendste Mann in glänzendster Kulisse besaß mich nicht länger als ein paarmal vierundzwanzig Stunden. Der Schwarze hielt mit vierzehn Tagen den Rekord. Mangeuse d'homme nannte man mich, Männerverschlingerin! Je mehr ich aber an dir koste, um so besser, süßer schmeckst du mir, (bedeckt ihn mit wilden Küssen) Süßester! Tritz (will sich erheben) : Aber – Rita : Ich dampfe, rauche bei dir mit der ganzen Haut, bin aus allen Nerven gesprengt. Hast du denn selbst geahnt, was alles sich in dir birgt? Ich spreche nicht von deiner physisch stürmischen Gewalt, obgleich sie wie ein Geiser sprudelt. Doch schon das Geistige nach kurzer Zeit – Tritz : Aber – Rita : Du gibst zu, als ich dich nahm, warst du wie der durchschnittliche Spießer blöd. Und blöder fast. Es brauchte Augen, dich zu durchschauen. Doch welche Masse Licht dir in diesen Wochen zufuhr, welche Fülle aus dir blühte, Sinn für Sublimstes und welche Fähigkeit für die Nuance. Tritz (der sich aufrichten will) : Aber – Rita : Ich begreife, daß du bescheiden bist. Es steht dir und gibt Cachet. Jetzt aber handelt es sich darum, du bleibst nicht nur im tête-à-tête, der du bist doch zeigst der Welt du bist mir in jeder Weise überlegen, ihr himmelweit! Tritz : Aber – Rita : Erinnere dich der ersten Tage! Da war ich ein über das andere Mal baff. Nicht nur machten dich ein halbes Dutzend Kunstgeschichtsstunden fähig, mit Schmettow, der wie kein zweiter in ihr beschlagen ist, glänzend zu streiten – Tritz : Ich widerlegte nur, was er behauptete, weil das kompletter Unsinn war. Rita : Sinn für Qualität eben! Die Tatze! Weiter: Du gibst zu, Literatur, die höhere, war dir ein Buch mit sieben Siegeln. Was aber wähltest du aus dem Haufen, zu dessen Studium ich dich zwang, als deine Lieblinge: Tagore und das Nibelungenlied! Tritz : Nun und? Rita : Klasse ist das! Gipfelinstinkt und Instinktgipfel! Ich möchte den anderen sehen, der ohne jahrzehntelange geistige Übung sich so prachtvoll entschieden hätte. Was ist Genie? Zielsicherheit – und du hast sie blendend bewiesen, (sie erhebt sich) Sieh, Liebster, ich wittere wie ein Tier. Bist du da, ist Atmosphäre mit Überraschungsmöglichkeiten geballt. Temperaturen in mir und außer mir erhöhen sich siedend und ohne daß ich singe, klingt die Luft! Tritz : Prosaischer sagte Meyer Ähnliches. Rita : Nie hätte dich trotzdem ein Mann überzeugt. Ich, Fritz, das gibst du zu, bin ein Instrument mit zarten Saiten und klinge unter dir wie unter einem Meister nur. Tritz (die Arme um ihren Hals) : Bin ganz gerührt – Rita : Wundervoll – wie du zu sein. Herrlicher, mit berauschten Sinnen solche Kapazität in sich aufnehmen zu können. Denn dazu braucht's menschlichen Fassungsraums. Und weil du dem bis jetzt nicht begegnetest, blieb mir die ganze keusche Fülle deiner Kräfte. Tritz : Meyer vielleicht – auf seine Weise, meine ich ... Rita : Zu beschränkt für vieles. Par exemple: Aus deinem Blick heut abend aus der Loge auf die Szenen dieses hilflosen Schauspiels erkannte nur ich, was du hinzudichtetest, solche Armseligkeiten abzurunden. (mit Ausdruck) Ich liebe dich darum! (küßt ihn) Grenzenlos, du Füllhorn Gottes! Tritz : Ich bin glücklich und will mich bemühen, dich nicht zu enttäuschen. (küßt sie) Rita : Du mich, da du erst am Anfang von Entwicklungen stehst! Denn unterscheidest du Klinger von Böcklin und Haupt- von Sudermann, gibt es Raffinierteres, das dir nicht fremd bleiben wird, und von Stunde zu Stunde werde ich bei dir vor größeren Offenbarungen staunen. Ich vielmehr muß zusehen, nicht weit hinter dir zurückzubleiben. Tritz : Aber – Rita : Ich möchte dir sagen – komm, leg dich erst wieder hin – Tritz : Aber – Rita : Es spricht sich so besser – Tritz legt sich wieder aufs Kanapee. Rita setzt sich zu ihm Des Menschen Wesentliches ist sein Politisches. Wie in der Welt nicht, was oberflächlich geschieht, doch ein Geheimnisvolles, das man nur spüren kann, Richtung gibt. Du bist für mich der Zeit verkörpert Politisches, ihre Seele mit einem Wort. Brauchst keine knallenden Beweise von dir zu geben; dein bloßes Dasein beruhigt mich über die Welt. Tritz : So etwa sagt es Meyer auch. Rita : Ich will vergleichen. Auch an Goethe schätze ich nicht sein Werk in erster Linie. Doch seine Luft, die die dichteste der Epoche und eine Menschheitskokarde war. Tritz : Du glaubst, ich bin eine Art Vertreter? Rita : Repräsentant geradezu! Mag dir im einzelnen der eine oder andere natürlich überlegen sein, als Ganzes bist du vollkommenster Ausdruck des heutigen Deutschen. Tritz : Das wäre wirklich Qualität. Rita : Und welche! Die ganz große Marke! Glaub mir! Tritz : Donnerwetter! Rita : Nicht wahr? Tritz (sich aufrichtend) : Jetzt muß ich hoch! Eine Art hast du, einen aufzurichten – (steht auf) Man spürt förmlich Bizeps. (er ballt den rechten Arm) Rita (fühlt) : Prachtvoll! Tritz (ballt den Schenkel) : Und hier! Rita (fühlt) : Entzückend! Tritz (drückt seine gespreizten Hände in ihre und zwingt sie halb in die Knie) : Und so! Rita : Ganz fabelhaft! Kolossal! Küßchen! (sie küßt ihn) Ich übertreibe nicht. Sturm, Antrieb kam durch dich ins Sein. Ich singe nicht nur besser denn je – Tritz : Unbeschreiblich, Rita – Butterfly! Mimi! Rita : Ich halte dich rundheraus mit mir zu allem fähig. Tritz : Wie du es sagst – meine ich selbst – Rita : Sieh dir die Männer um uns doch an! So einen Wissenschaftler, Künstler, Politiker. Was sind sie als ein Praliné, das man lutscht und fort ist es! Du aber bist ein Kiesel, den man nicht fortbeißt. Tritz : Ich merke selbst, ich bin nicht umzubringen. Rita : Und daß ich ehrgeizig mit dir bin, wer will es mir verargen? Machst du Ernst, kannst du bei meinen Beziehungen zu allen führenden Persönlichkeiten – Tritz : Na? Rita : In kurzem zum Beispiel – Abgeordneter sein. Tritz : Aber, Rita! Rita : Minister – irgend was an einer Spitze. Warum nicht? Was gehört dazu, das du nicht hättest? Tritz : Aber – Rita : Haltung, Kralle, Persönlichkeit. Tritz : Aber – Rita : Large Beziehungsmöglichkeiten vor allem. Du bist Demokrat. Tritz : Inwiefern eigentlich, Rita? Rita : Weil du kein Kommunist und Konservativer bist. Tritz : Freilich. Ich müßte nur genauer wissen – Rita : Was man weiß, ist erledigt, interessiert nicht mehr, und man bringt ihm keine Leidenschaft entgegen. Du reiztest mich durch deine immer neue Fremdheit so unglaublich. Tritz : Schon wahr. Und ein halb Dutzend einschlägige Broschüren gelesen – Rita : Demokrat bist du, nicht weil du weißt, was es bedeutet, sondern weil du als mittlerer Ausdruck der Zeit nichts anderes sein kannst. Tritz : Das stimmt. Rita : Und ist das Echte! Hast du an den Ministern, die ich dir zeigte, Besonderes bemerkt, das nicht der erste beste im Handumdrehn haben könnte? Tritz : Was der Wirtschaftsminister über Wareneinkauf sagte, war hanebüchen. Das weiß ich von Tietz her besser. Rita : Also, Fritz – ich starte dich! Tritz : Willst du wirklich? Rita : Sofort! Tritz : Ich habe Mut. Rita : Und hast die Kraft! Tritz : Will, was du willst – über alles Maß und in die Sterne! Rita : Du bist der Held! Küßchen! (sie küßt ihn) Tritz (in Bewegung) : Herrgott noch einmal! Rita (ihn begeistert anstarrend) : Wie du hochgehst – strahlst! Ich wußte es! Tritz (die Arme breitend) : Ich will – werde! Und wie! Rita : Die Urwelle Gewalt! Tritz (reckt sich) : Brenne! Geh aufs Ganze! Rita (außer sich) : Unwiderstehlich! Tritz (die Faust gewaltig reckend) : Verfluchtes Donnerwetter, los! Rita, mit Aufschrei auf ihn, wirft ihn aufs Kanapee   Zweiter Aufzug Der gleiche Raum, hell und festlich erleuchtet Erster Auftritt Tritz (im Frack) : Ich bat Sie, Doktor, ein paar Minuten vor der Zeit, Sie während Madames Anzug noch zu konsultieren. Zinn (mit Hut und Mantel) : Ich eilte – als langjähriger Leibarzt unserer gefeierten Freundin – Tritz : Darum! Zinn : Wo fehlt's? Tritz : Es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich einen Arzt frage. Sie müssen es mir zugute halten, drücke ich mich nicht gleich prompt genug aus. Zinn : Besonderes Organ? Magen, Lunge, Nerven? Tritz : Das Ganze. Zinn : Deutliche Schmerzen? Tritz : Ein belämmerter Zustand. Zinn : Erregung – ein Plus über das Normale? Tritz : Schlappheit im Gegenteil. Zinn : Keine Hysterie? Tritz : Apathie sozusagen. Zinn : Reagieren überstark auf Geräusche, Gerüche? Tritz : Ich muß mich anstrengen, sie noch zu hören. Zinn : Appetit? Tritz : Schwach. Zinn : Stuhl? Tritz : Faul. Die ganze Maschine schlapp. Zinn : In Anbetracht meiner Stellung im Haus will ich noch über meine Verschwiegenheit als Arzt diskret sein. Ihnen über Ihr Befinden die gewünschte Auskunft zu geben, muß ich aber fragen: Wie hielten Sie's im früheren Leben in puncto Weiber? Tritz : Mäßig – auf mittlerer Linie. Zinn : Und ich darf mit aller Zurückhaltung fragen: Traten Änderungen in dieser Hinsicht ein? Tritz : Vielleicht – ein wenig. Zinn : Das genügt. Darf ich Ihre Pupille sehen? Er tut's Zinn : Aha! Stecken Sie die Zunge bis zur Wurzel heraus und bewegen Sie sie von links nach rechts! Tritz tut es Zinn : Aha! Tritz : Doktor, die vielen Ahas! Zinn : Bitte noch Augen schließen, Fußspitzen auseinander! Und sich nun auf Fußspitzen heben! Tritz tut es Zinn : Langsam. Noch einmal! Tritz tut es, wobei er merklich schwankt Zinn : Aha! Tritz (ängstlich) : Doktor! Zinn : Im ganzen kein Grund zur Sorge. Jedenfalls sehr frühes Anfangsstadium. Ich rate, Sie stoppen in jeder Beziehung ein wenig. Tritz : Stoppen? Zinn : Fraglos strengen die vielen neuen Ansprüche Sie an. Kein Wunder, wir alle staunen, wie Sie in kürzester Frist einen Phönix aus sich gemacht haben. Unvermeidlich, der Organismus wehrt sich gegen fortwährende Gipfelleistungen. Tritz : Aha! Stoppen? Zinn : Sonst nichts. Aquam mentem servare in rebus arduis, wie Horaz sagt. Aufpassen, daß im Schützengraben das Pulver trocken bleibt. Sie sind schon von Natur der Stärkste nicht. Tritz : Ich weiß Bescheid. Danke. Stoppen! Zinn : Und ich darf bis zum Beginn unseres Abends noch einen anderen Kranken schnell besuchen. Bis gleich. Tritz : Bis gleich! Zinn exit Tritz (nimmt einen Taschenspiegel heraus und sieht sich in den Rachen) : Aha! (stellt sich vor den hohen Wandspiegel, steckt die Zunge weit heraus) Aha! Schon faul.   Zweiter Auftritt Rita (tritt auf in prachtvollem Abendkleid, echauffiert) : Knall und Fall hab ich die Jungfer hinausgeworfen! Sie ist fort. Nie tat die verrückte Ziege, was man wollte, und stibitzte. Kümmere dich um eine andere! Tritz : Ich weiß vielleicht eine – wenn sie frei ist. Rita : Vergiß nicht! Tritz : Sicher. Aber unvergleichlich siehst du wieder aus! Küßchen! (er küßt sie) Rita : Das ist heut nicht wichtig. Ob ich meine Arie besser oder weniger gut zum besten gebe – doch daß du öffentlich bestehst. Ich bin überzeugt. Oder bist du nervös? Tritz : Keine Spur. Treffsicher. Rita : Sieh mich an! Glänzend der Frack – Krawatte all right – süß wie stets. Küßchen! (sie küßt ihn) Es kommt der Zeitungsgewaltige, der Filmnabob und der persische Gesandte. Du mußt auf alle drei gleich stark wirken, dann können wir hinterher immer noch wählen, was uns, was dir am besten paßt: Chefredakteur, Filmdirektor oder Generalkonsul. Wofür bist du? Tritz : Generalkonsul war mir das liebste. Rita : Bist du mit Persien im Bild? Tritz (wie eine Walze) : 1 654 000 Quadratkilometer groß. Grenzt an Türkei, Russisch-Asien, Beludschistan, Afghanistan. Hochplateau, neun Millionen Bewohner, darunter Tadschik, Parsen, Luren und Kurden. Religion Islam. Wert der Einfuhr hundertsiebenundzwanzig Millionen, Ausfuhr zweiundsiebzig Millionen Franken. Schah aus dem Stamm der Kadschma. Charakter der Perser Lügenhaftigkeit Rita : Das brauchst du nicht zu betonen. Montesquieu? Tritz (schnurrt) Lettres persanes. Aber nun Hauptsache: Petroleumvorkommen Anglo-Persian-Oil-Company. Siebenhunderttausend Tonnen sind jährlich zu erreichen. Der Süden freilich an England verloren, der Norden aber durch Rußland – noch zu erreichen. Was sagst du? Rita : Glänzend! Du wirst dem Gesandten überlegen sein. Was nun den Journalismus betrifft – Tritz : Ich habe mir alles genau gemerkt. Kein Wort vor allem, auf das man mich festlegen könnte! Rita : Kein Protzenrum einer Gesinnung, keine Spur Charakter zeigen! Tritz : Jamais! Rita : Bei nichts, was du sagst, auch im täglichen Umgang nicht. Ich wies dich auf die fabelhafte Neigung unserer Muttersprache, in keinem Wort sein Spezielles, das, was ein Ding deutlich und ein für allemal ausdrückt sondern das Allgemeine, das es mit vielem teilt zu betonen, wodurch bei uns seit Jahrhunderten glücklich vermieden ist daß irgendwas im Wort wirklich verständlich und aufgeklärt wird. Was, wie wir bei anderen Völkern sehen, langweilig und stets dasselbe ist. Tritz (schnurrt wie eine Walze) : So wie ein Kind alle Männer »Onkel« nennt, der tötenden Gewißheit über den einzelnen auszuweichen. Rita : Von einem, den du für gefährlich hältst, sagst du »Kommunist!« Nicht als ob er das wirklich sein müßte, sondern es soll ihn nur aus seiner präzisen Besonderheit in allgemein Unbeliebtes hinabstoßen. Tritz : Wie ich's in meinem ersten Aufsatz für das Neue Wiener Journal schon gemacht habe, in dem ich Anatole France, Shaw und Sternheim glatt als Bolschewiken annagelte. Rita : Denen hast du es glänzend gegeben. Küßchen! (sie küßt ihn) Und was weißt du vom Film? Tritz : Da hapert's. Rita : Nutz die zehn Minuten, die bleiben. Auf meinem Nachttisch liegt das ganze Material. Diener tritt mit Telegramm auf Tablett auf und exit Rita (öffnet) : Mein Engagement in Amerika für vierzig Abende perfekt! Tritz : Was bringt das? Rita : Achtzigtausend Dollar. Uns rund fünfzig Millionen Mark. Tritz : Fast was ein erstklassiger Boxer hat. Rita : Ich boxe uns zwei durch die ganze Welt! Tritz : Ich habe dich herzlich lieb dafür. Rita : Doch bist du allemal mein Auftrieb dazu. Tritz : Du sagst es. Rita (tupft ihm auf Stirn und Brust) : Da – da liegt mein immer reicherer Anstoß, mein Quellchen. Tritz exit mit Kußhand Rita (mit Pathos) : Ich werde närrisch an dieser Liebe! Du lieber Gort, was so ein Mann Nicht alles, alles wirken kann! Beschämt nur steh ich vor ihm da – Sie verharrt träumend   Dritter Auftritt Schmettow (tritt im Frack mit Blumen für Rita auf) : Wie stets der erste! Befinden? Blendend natürlich, wie immer in letzter Zeit. Rita (reicht ihm beide Hände) : Wirklich! Schmettow : So reines Glück stand nie in Ihrem Blick. Rita : Wahrhaftig! Schmettow : Sie sind bewegt? Rita : Wirklich und wahrhaftig! Schmettow : Und ich bin nicht neidisch auf ihn. Im Gegenteil, ich liebe ihn mit und sage entzückt: So was gibt's, das kommt vor! Rita : Selten. Noch nie bei mir. Schmettow : Man sagt dem besten Freund nicht, was es ist? Rita : Warum nicht? Schmettow : Kann des Mannes Tugenden nicht geradezu nennen? Rita : Doch. Was ihr alle nicht habt: Pure, klotzige Männlichkeit eben. Schmettow : Ach! Rita : Nicht nur, was Sie darunter begreifen. Doch geistige Feudalität! Schmettow : Ach! Rita : Eine letzte sublime Nuance, die bis ins Herz geschmeckt sein will. Es gibt Menschen, die deutsche Parfüms ertragen. Schmettow (zieht sein Taschentuch) : Bitte: Ich immer und trotzdem noch Houbigeant! Rita : Das seine berauscht bis in letzte Nerve. Ich will Sie nicht kränken. Sie sind der einzige, der schon an jenem unsterblichen Morgen im ländlichen Paradies an den Ufern der Elbe meinen coup de foudre begriff. Sie wissen, ich schätze Sie darum als Kenner von allerhand. Sie sind der, mit dem ich von Zeit zu Zeit über ihn zu sprechen wage. Schmettow (küßt ihr die Hand) : Dank. Rita (leise) : Aber glauben Sie, daß ich mich oft vor so viel Vollkommenheit in ihm, auch leiblicher, fürchte? Schmettow : Ah! Rita (erregt) Sie ahnen ja nicht! Schmettow : Ah! Rita : Feuer und Schwert! – Ich will nicht schwärmen, mais c'est plus fort que moi. Schmettow : Er muß wirklich eine Nummer sein. Rita (lehnt mit schwärmendem Blick ihr Haupt an Schmettows Schulter) : Ach, Schmettow – ich bin schwach von ihm – Schmettow (streicht ihr das Haar) : Reizende Freundin! Rita : Dieser Mann ist Künstler, Wirtschaftler und Politiker zugleich, und klänge es nicht grotesk, sagte ich, er hat sogar des geborenen Feldherrn Instinkte. Er kennt sich in der Malerei aller Jahrhunderte wie in der Relativitätstheorie und Persiens intimen Verhältnissen aus. Er ist aber auch der geborene Publizist, der über das Allgemeine hinaus in allen Dingen krüde das Wesentliche packt. Schmettow : Vor allem ist er, das beweisen Sie, der Liebhaber par excellence. Und das ist nach meiner Erfahrung die rarste Qualität auf Erden. Heut besonders. Rita : Auch das! Ich bin Ihnen dankbar. Sie sind so zartfühlend – dürfen mich küssen. Schmettow (tut's) : Ich danke Ihnen, unvergleichliche Freundin. Rita (neuer Ton) : Und nun – doch das – geschworen! bleibt ganz unter uns. Schmettow (hebt die Hand) : Geschworen! Was? Rita : Ich wage nicht. Schmettow : Nächst Tritz steht Ihnen kein Mensch so nah wie ich! Sprechen Sie! Rita : Ich schäme mich. Schmettow : Was – auf der Höhe Ihrer Triumphe dürften Sie nicht wagen – zu sagen, zu tun? Rita : Ahnen Sie nicht? Schmettow : Nicht ganz. Rita : Ich will – möchte – Schmettow : Was? Rita (verzückt) : Ihn heiraten! Doch trau mich nicht, es ihm zu sagen. Schmettow : Was?! Rita : Darf ich ihn denn ganz für mich in Anspruch nehmen? Schmettow : Aber – Rita : Wie eine Diebin an irdischer Ökonomie käme ich mir vor, wollte ich solches Ensemble für mich allein. Schmettow : Und wäre Tritz ein Gott – was auf der Welt ist für Sie gut genug? Rita : Und ob ich dauernd seinem täglichen Aufschwung folgen könnte, ihn nicht endlich in letzten Resultaten mit meiner irdischen Schwere hemmen müßte? Schmettow : Sie lieben wirklich, denn Sie fühlen Verantwortung. Rita : Oh – ob ich liebe! Schmettow : Ich will mich noch mehr mit ihm beschäftigen. Auf Ihr heutiges Vertrauen hin ihn gründlich prüfen und ermächtigen Sie mich – Rita : Sondieren? Doch zart, er ist so überempfindlich. Schmettow : Ihm ganz von weitem das Paradies zeigen und sehen, wie er entspricht. Rita : Oh, Hermann, täten Sie das –? Aber zart – Schmettow : Ich tu's. Noch heut. Denn Ihr Glück ist mir das Köstlichste auf Erden, Rita!   Vierter Auftritt Tritz tritt auf Rita : Du siehst blaß, Lieber – ein Pyramidon noch? Tritz : Ich fühl' mich im Gegenteil herkulisch. Guten Abend, Schmettow. Ich habe indessen gemüllert. Rita (entnimmt ihrem Strauß eine Blume) : Die rote Rose noch ins Knopfloch und zur steten Mahnung an mich unter Fremden das Tuch mit meinem Duft in deine Tasche, Morny Triomphe! (hält es ihm unter die Nase) Der dich umschwebt. Tritz : Formidabel! Betäubend! Schmettow : Blendend sieht unser Freund, wie geschwellt aus. Man hört im Hintergrund Bewegung Rita : Welt kommt. Ich muß nach vorn! Sie geht nach hinten, indem sie Kußhände zurückwirft. Schmettow folgt ihr einige Schritte, welche Zeit Tritz benutzt, schnell den Taschenspiegel zu ziehen, sich in den Rachen zu schauen und zu seufzen   Fünfter Auftritt Schmettow (kommt zurück) : Sie Glücklicher, von aller Welt Beneideter! Tritz : Je nun – Ja, ja. Haha! (er lacht nervös) Schmettow : Ich benutze den Augenblick, Sie meines höchsten Respekts zu versichern, weil Sie die Frau, die über alle seit Jahren ich zu verehren Grund habe, ganz und über Erwarten befriedigen. Tritz : Keine Ursache. Schmettow : Das weiß ich besser, der selbst versuchte, sie für sich zu gewinnen. Da Sie mich leicht überflügelten, bedeutet mein Kompliment für Sie auch ein Vertrauensvotum für mich, das Sie mir nicht verbieten dürfen. Tritz : Weit entfernt. Ich schätze Sie außerordentlich, Herr von Schmettow. Schmettow : Rita Marchetti nicht oberflächlich, doch tief zu beeinflussen, ist für so hohe Tugenden Beweis, daß keiner der näheren Freunde sich der Überzeugung verschließt, in Ihnen, wenngleich nicht schnell für alle Welt sichtbar, ist des Männlichen höchste Potenz in jeder Hinsicht verkörpert Tritz : Solche Worte schmeicheln aus Männermund. Schmettow : Sie sind reichlich verdient. Man kommt – ich hätte gern noch freundschaftlicher, intimer gesprochen. Tritz : Später vielleicht. Schmettow : Bestimmt.   Sechster Auftritt Es treten auf Rita , der persische Gesandte , der Kultusminister Dr. Balling , Zeitungsbesitzer Modes , Rommel und Dr. Zinn in full dress Minister : Ich sage, unserer gefeierten Wirtin Salon ist im Tohuwabohu der Streiks, Sabotage, flauer Börsen und fallender Devise Oase. Nicht nur Musik, die wir genießen werden, doch jeder Laut, Licht, Luft ist hier wohltuend und ohne Dissonanz, (zum Gesandten) Was meinen Exzellenz? Gesandter : Parfaitement. Surtout Madame, unsere Primadonna, sehr, sehr wohltuend, (küßt ihr die Hand) Modes : Die Gnädigste strahlt, wie ich sie nie gesehn. Schmettow : Und hat plausibelsten Grund dazu. Rita : Ja, meine Herren. In den heutigen, grauen Nachmittag, an dem ich über das Problem dachte, ob es mir erlaubt sei, bei unseres Vaterlands allgemeinem Elend für ein paar Abende Gesang von Amerikanern achtzigtausend Dollars anzunehmen, brachte Herr Tritz mir prompt die strahlende Erleuchtung. Tritz (als ob er Eingelerntes aufsagt) : In einem demokratischen Land behaupte ich, in dem das individuelle dem sozialen Bewußtsein die Waage halten soll, ist es ein Grund zu persönlichem und völkischem Stolz, irgendeine Besonderheit von Fremden so hochgeschätzt zu sehn. Minister : Blendend! Ach, meine Freunde, Sie ahnen nicht wie schwer es ist, in solchen Epochen der unterschiedslosen Massenanbetung von oben her nur ein wenig Kultur, selbst die von einem Goethe garantierte zu erhalten, die doch nichts als Kult der Individualität ist. Modes : Die im Feuilleton unserer großen Tageszeitungen aber mit Hingabe von großen Geistern gepflegt wird. Minister : Durchaus. Rommel : Und im Film. Wir haben keine andere Tendenz, als neben den zeitgenössischen auch den historischen »Helden« ethisch tendiert dem Durchschnitt als Muster immer wieder vorzuhalten. Schmettow : Ein wenig zu strikt nach dem Klischee vielleicht, das ein Demokrat unter Heldentum versteht. Zinn : In der Tat. Tritz (wie eingelernt) : Mit Recht darf der Demokrat das Rezept seiner Heldenverehrung für vorbildlich halten, weil er auf mittlerer Linie das möglichst viele Verehrungswürdige zusammenballt, die breiteste Basis bietet, auf der noch unendlich viel als gut, schön und vernünftig gelten darf, das auf schrofferer, feudaler oder sozialistischer Voraussetzung schon unmöglich wäre. Minister : Wiederum blendend! Und da es für jede Regierung auf nichts so sehr ankommt, als möglichst vielen Untertanen den Weg zum Heldentum frei zu halten – (zu Tritz, dem er beide Hände schüttelt) : Sehr, sehr staatsmännisch, verehrter Herr. Sehr, in der Tat! Tritz : Schmeichelhaft, Exzellenz. Gesandter : (Tritz beide Hände schüttelnd) : Ravissant! Un comble! Ein Gipfel der Weisheit! Tritz : Danke, Exzellenz. Rommel : Ganz unser Ziel im Film und ausgezeichnet. Später mehr. (schüttelt Tritz beide Hände) Tritz : Hocherfreut mein Herr. Modes : Darüber bekomm ich fürs Sonntagsblatt ein Aufsätzchen von Ihnen. Tritz : Bestimmt. Modes (leise) : Und Ernsteres zwischen uns nachher. Ich habe Vorhand auf Sie! Schmettow (drückt ihm die Hand) : Bravo! Nachher! Wie verabredet. Zinn : Ein solcher Mann hat wirklich keine Zeit, schwach oder müde zu sein. Tritz : Nein, nein. Rita (mit strahlendem Blick und Händedruck leise zu Tritz) : Mein Stolzer! Mein Sieger! Und jetzt, meine Herren, wenn ich bitten darf – Terpsichore! Alles klatscht beifallgebend in die Hände, und man zieht sich in den hinteren Saal ans Klavier zurück, so daß Tritz und der Gesandte im Hintergrund der Szene zurückbleiben. Tritz hat den Augenblick, da alles im Hinausgehen begriffen ist, benutzt, seine Zunge nach links und rechts schmeißend, einen Blick in den großen Spiegel zu werfen Tritz (seufzt, trocknet sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn) : Schon faul!   Siebenter Auftritt Gesandter : Monsieur en effet scheinen große Kenner von neue deutsche mentalité. Tritz : Sozusagen, Exzellenz. Gesandter : Madame, notre chère amie mir Ihre déclination sagte, de vouloir être vielleicht unser consul général de la Perse in diese Stadt? Est-ce que c'est comme ça? Tritz (schnarrt) : Persien 1 634 000 Quadratkilometer groß. Grenzt an Türkei, Russisch-Asien, Beludschistan und Afghanistan. Hochplateau. Gesandter : Magnifique! Aber hören Sie! Man hört Rita eine Mozartarie singen Gesandter : Ah! Wagnèr! Göttlich! Tritz : Mozart, Exzellenz! Gesandter : Aussi très bien. Ganz gut. Tritz (gedämpft zur Musik) : Neun Millionen Einwohner, Tadschik, Parsen, Luren, Kurden. Religion: Islam. Wert der Einfuhr 127 Millionen, der Ausfuhr 72 Millionen Franken. Schah aus dem Stamm der Kadschma. Gesandter (ebenso) : Woher Sie das wissen! Erstaunlich! Tritz (schnurrt) : Charakter der Perser: Lügenhaftigkeit. Gesandter (kichert) : Parbleu! C'est épatant! (er stößt ihn an) Farceur! Tritz (schnarrt noch leiser und eindringlicher) : Petroleumvorkommen! Anglo-Persian-Oil-Company. 700 000 Tonnen sind jährlich zu erreichen. England, Rußland – Gesandter (ängstlich) : Mais, mon Dien, mon cher, taisez-vous! (ganz leise zischend) Wenn jemand das hörte! Das sein diplomatische Geheimnisse. Ich werden sehr befürworten Ihre démarche bei meine Gouvernement. Mais Sie dürfen nie merken lassen, daß Sie haben so große Kenntnis von Persien. Oder man wird haben Angst vor Sie in Teheran. Moi par exemple, ich haben gemacht toute mon éducation à Paris, haben nie gesehen mein Vaterland. Kenne nichts, je ne souffle rien de la Perse, und darum bin ich sickere Person, persona gratissima bei meine Souverän. Wolle Sie haben cette place, müssen Sie als persische consul général kennen Deutschland à fond, auch andere Länder, mais nichts wissen von Persien. Comprenez-vous? Nichts! Tritz : Ich begreife. Gesandter : Pour satisfaire unsere große Freundin, je suis tout à fait à votre disposition. Werde machen das à la perfection. ça y est! A tantôt; Herr Generalkonsul. Er geht. Rita hat die Arie beendet. Man hört Beifallklatschen, Bis-, Dakapo-Rufe. Tritz sieht in seinem Handspiegel sich in den Rachen and lacht nervös Modes (tritt auf) : Phänomenal, wie Sie das Wesen der Demokratie da eben fixierten! Doch ist zwischen Konversation und Niederschrift eine Distanz. Beherrschen Sie die Feder bündig wie die Zunge? Tritz : Ich weise Sie auf die fabelhafte Neigung unserer Muttersprache, in keinem Wort ein Spezielles – Modes : Wem sagen Sie das? Rita singt ein Schubertsches Lied Tritz (gedämpft fortfahrend) : Das, was ein Ding deutlich und ein für allemal ausdrückt, sondern das Allgemeine, das es mit vielen teilt, zu betonen, wodurch seit Jahrhunderten glücklich vermieden ist, daß im Wort etwas wirklich verständlich und aufgeklärt wird. Modes : Ich bin baff! Durch Sie erst sehe ich blitzschnell in das Wesen unserer Allmacht der Presse. Sie haben mich überzeugt! Hier der Entwurf für Ihren Posten. Sie geben mir in achtundvierzig Stunden Bescheid. Abgemacht, Herr Chefredakteur? Tritz : Abgemacht, (steckt das Schriftstück ein) Modes exit. Tritz macht einige gymnastische Bewegungen, holt tief Atem, stummes Spiel Rommel (tritt auf) : Sie sind der Mann, Herr Tritz, der an der Spitze unseres Unternehmens fehlt. Die geistige Kapazität, die Schlagkraft, die das Wesentliche der Epoche zusammenreißt, das Nützliche, Gewinnbringende mit starker Faust festhält, Gefährliches früh genug brandmarkt. Tritz : Nicht nur der Zeitgenosse, auch der historische Held, der dem demokratischen Prinzip entgegen ist, wird im Film als Kommunist gegeißelt. Wie ich es in meinem jüngsten Aufsatz für das Neue Wiener Journal gemacht habe, in dem ich Anatole France, Shaw und Sternheim glatt als Bolschewiken annagelte. Rommel : Diesen Bestien haben Sie es gegeben! Kurz: hier der Entwurf für ihren Posten bei uns. Sie geben mir in vierundzwanzig Stunden Bescheid! Abgemacht, Herr Generaldirektor? Tritz : Abgemacht. (steckt das Papier ein) Man hört neues Beifallklatschen nach Ritas abermals beendetem Gesang   Achter Auftritt Schmettow (tritt auf) : Schnell ein Wort. So hat sie nie gesungen! Dieser Sang war seelische Offenbarung! Und darum hören Sie Glückseliger den Grund – Tritz : Warten Sie einen Augenblick – mir ist ... Schmettow : Sie müssen es hören! Tritz : Nichts mehr – ich habe. Es war schon zuviel! Schmettow : Ein Wort – ein einziges gewaltiges nur – Tritz (stark) : Zuviel, zuviel! Er hält sich die Ohren zu. Alles kommt in diesem Augenblick nach vorn Modes : Ich behaupte, das ist heute der herrlichste Sopran der Welt! Rommel : Zu billig haben Sie mit Amerika abgeschlossen! Viel zu billig! Zinn : Göttliche, göttliche Diva! Modes : Schade, daß keine Pferde da sind, sie auszuspannen. Evviva! Schmettow (hat inzwischen Tritz, der ihm entwischt ist, gepackt und ihm das Wort) : Heiraten! (das man hört, zugeflüstert) Tritz , der frei im Mittelpunkt der Szene steht, während außer Schmettow sich alles links an der Rampe händeschüttelnd um Rita drängt, stößt einen spitzen, kleinen Schrei aus und segelt ohnmächtig nach vorn platt zu Boden Rita (mit großem Aufschrei auf ihn zu und über ihn) : Allmächtiger! Fritz! Süßer! Pussi! Süßling! Küßchen.. Alles verharrt um Zinn , der gleichfalls über Tritz ist. Diagnose zu hören. Moment atemloser Spannung Zinn : So gut wie nichts! (zu Rita) Eine Ohnmacht. Folge zu tiefer Bewegung über Ihr Lied – göttliche Diva! Alle hauchen ein Ach der frohen Erleichterung Vorhang   Dritter Aufzug Dachstube bei Marlowski Erster Auftritt Marlowski (zu Luise) : Gurkenmilch, soviel ich weiß – dann schwinden die Sommersprossen. Luise : Ich lege keinen Wert darauf, mag niemand mehr gefallen. Marlowski : Das kommt wieder! Wie kann man einem Kerl wie Tritz nachtrauern! Ein Abtrünniger, Renegat! Luise : Er hatte etwas unbeschreiblich Mildes. Marlowski : Für Weiber, scheint's. Wir Männer sahen tiefer. Ich habe dem Jungen nie getraut. Schöner werden Sie jedenfalls nicht mit dieser ewigen Melancholie und blauen Ringen um die Augen. Und passiert Ihrer Alten was, können Sie doch nicht bis an Ihr Lebensende ledig bleiben. Luise : Nach Tritz kann mir keiner mehr gefallen. Das gibt's nicht. Marlowski : Verrückte Weiber! Luise : Gurkenmilch? Marlowski : Kommen Sie in einer Stunde wieder, dann war ein Doktor bei mir, den ich fragen will. Jedenfalls müssen die Sommersprossen weg. Und dann machen Sie sich Ihren Scheitel wieder in die Mitte. Mit den Ponys sehen Sie noch dümmer aus, als Sie wirklich sind. Luise : Warum sind Sie immer so grob zu mir? Marlowski : Weil ich Sie für ein anständiges Mädchen halte und Sie vor bürgerlichen Metaphern bewahren will. Nun wissen Sie wieder nicht, was Metaphern sind? Luise : Nein. Marlowski : Metapher ist, wenn Sie sich unter Tritz eine große Nummer womöglich mit griechischem Namen aus der Heldensage oder Literatur vorstellen. Adonis, Clavigo oder so. Während er nur ein kleiner Schieber ist. Verlassen Sie sich drauf! Luise : Der Kern in ihm ist gut. Marlowski : Dann soll er ihn mal vor uns ausspucken. Luise : Hoffnung ist keinem verwehrt. Marlowski : Von mir aus! Aber machen Sie sich Ihren Scheitel wieder! Und den Anzug nicht mehr so schlampig! Luise : Und Gurkenmilch? Marlowski : Kommen Sie wieder. Luise : In einer Stunde! Exit   Zweiter Auftritt Marlowski : Triste Nummer! Eigentlich doch die geborene Frau für Tritz, der ihr menschlich wie ein Ei dem anderen gleicht. Deutscher Durchschnitt beide, ei weih! (er nimmt ein Brot, eine Flasche Bier und eine große Zwiebel aus dem Schrank und setzt sich an den Tisch) Während immer noch der Bürger Zeit hat, auf mannigfache Art und in jeder Preislage zu lieben, sich um Körperpflege, Gurkenmilch und seine Melancholien zu kümmern, denkt bei trockenem Brot und einer Zwiebel der Revolutionär neuen Weltzielen nach. Es klopft Marlowski : Nanu! (steht auf und öffnet)   Dritter Auftritt Marlowski : Wer? Tritz Stimme : Ich! Marlowski : Wer ist ich in solcher Kluft? Tritz in Cutaway, Zylinder, gelben Handschuhen, Gamaschen und Stock mit goldenem Knopf Tritz : Ich, Fritz Tritz! Marlowski : Mensch – ich halte die Luft an! Tritz (befangen) : Grüß Gott, Marlowski. Marlowski : Tritz – wahrhaftig Tritz, unser Ausreißer! (hat ihn bei der Hand genommen, um die eigene Achse gedreht und von allen Seiten besehen) Mensch, wie siehst du aus! Tritz : Ach –! Marlowski : Was willst du Kapitalist bei mir? Tritz : Laß mich einen Augenblick verschnaufen! Die vier Treppen! (stößt große Seufzer aus) Marlowski : Das sind die hochherrschaftlichen Beine nicht mehr gewohnt. Haha! Tritz : Ach, Marlowski – Marlowski : Ich bin noch immer platt! Aber rund heraus – was suchst du in meiner schäbigen Dachkammer? Meyer etwa? Tritz : Laß mich mit dem Speichellecker zufrieden! Der äußere Grund, Vorwand ist gewissermaßen – ich brauche der Krüger Adresse. Marlowski : War eben hier, kommt wieder. Tritz : Eine Stelle für sie. Marlowski : Wie anhänglich – rücksichtsvoll! Und der wirkliche Anlaß? Tritz : Ach, Marlowski – Marlowski : Du zitterst an allen Gliedern, Mensch! Tritz hat die Zunge herausgesteckt und wirft sie von links nach rechts Marlowski : Um Gottes willen! Tritz hat sich auf die Zehen gehoben, die Arme nach vorn gerichtet und sieht Marlowski mit erbarmungswürdigen Augen an Marlowski : Meschugge? Tritz (schüttelt den Kopf) : Schwach, krank – aus! Sieh meine Pupillen! (pflanzt sich vor ihn) Marlowski : Ich sehe nichts. Tritz : Der Anfang vom Ende. Marlowski : Nach deiner Kledage geht es dir gut. Tritz : Zu gut – viel zu gut, o Gott! Marlowski : Aber – Tritz : Das ist es eben! Marlowski : Rita – Valuta? Tritz (schreit auf und steckt sich Finger in die Ohren) : Hör auf! Davon will ich jetzt nichts – Marlowski : Ah so! Tritz : Hier hören und reden! Schweig! Marlowski : Aha! Tritz : Ich bin krank, Max. Schwer. Sei zart, ein bißchen nett zu mir! Marlowski : So? Tritz : Sprich von dir! Wie du lebst, was du ißt, denkst. Tu, als sei ich nicht vorhanden! Marlowski : Gern. Tritz (plötzlich) : Aber, Max – was ist denn das für – Geruch? (er schnuppert) Das ist doch – Gott Strammbach für ein himmlischer Duft? (er folgt der Nase) Hier – da! (er sieht und riecht die Zwiebel, mit Aufschrei auf sie) Das ist ja eine Zwiebel! Gott helf mir, leibhaftige Zwiebel!! (hat sie ergriffen) Marlowski : Natürlich. Tritz (außer sich) : Eine richtige – ja – vollduftende – Herrgott, ich heule vor Erschütterung wie lange nicht! – Zwiebel! (er beißt mit vollem Mund hinein und frißt sie vollständig auf) Das schmeckt – freilich – anders – als Forelle und selle de chevreuil – riecht anders – urduftet – als verfluchte Morny triomphe – ist Jugend – Vaterhaus – kerndeutsches Manna! Marlowski : Dir piept's wohl? Tritz : Und wenn schon – was wäre dabei? Da das notorisch eine Zwiebel und das – (er setzt die Flasche an den Mund) Pulle Bier ist! (trinkt) und – (er hat sich in den Stuhl vor dem Tisch geworfen, sich breit darin ausgestreckt und riecht an beiden Händen) Ah, ah – ah! Marlowski : Mensch, ich begreife nicht – Tritz : Brauchst nicht! Hast du Schnaps? Noch eine Zwiebel, Schnittlauch, Rettich? Was macht der Kommunismus? Wie lebt man dabei? Berlitzschule? Habt ihr zu fressen? Geht ihr sonntags auf den Schwof? Was machen die Nutten und Gelbsterne? Haben sie immer noch so große Füße, die reinen Appelkähne und Glubschaugen und Ponys? Marlowski : Mensch – Tritz (wie ein Wasserfall) : Wird überall noch so viel geklaut? Das war bei Tietz meine Sache, die Kleptomanen fassen. Streikt ihr feste? Was kostet es jetzt auf der Elektrischen, was ein Rollmops im Franziskaner? Wettest du am Toto, spielst du Börse? Was kostet das Viertel Blutwurst, was ein Apfelkuchen? Du, Max – haben die Mädel immer noch so verschwitzte Blusen, in denen die Brüstchen wippen, und riechen ihre Haare noch nach Werkstatt? Ah, da möcht ich einen vollen Zug hineintun in so eine radikale Arbeiterangelegenheit! Was macht der Gerichtsvollzieher und was dein Hauswirt? Wo holst du deine Milch, und wer putzt deine Stube? Marlowski : Laß doch mal Luft – Luft! Tritz (weiter so) : «Wovon lebst du vom Zwanzigsten bis Monatsende? Wie heißen deine Flammen? Anna, Frieda oder Luise natürlich! Hast du Sorgen? Mensch, sei froh! Was ist der Mensch ohne Sorgen? Nimm feste Vorschuß, schikanier deine Vorgesetzten bis aufs Blut, lies das Feuilleton vom Lokalanzeiger, Familiennachrichten auf dem Lokus und du lachst dich tot! Marlowski : Hältst du jetzt nicht die Flabbe, schlag ich sie dir zu, Karnickel! Tritz : Himmlisch! Sag Mistvieh zu mir! Marlowski : Das bist du! Ein beschissener Hund! Tritz : Prachtvoll! Marlowski : Wollte dir schon lange in die Flabbe stoßen: kleine mickrige Bestie, Miesnick, Dreckspatz, Lucki, Rotznase, Zuhälter du! Tritz (stöhnt vor Lust) : Das ist das Wahre – Große! Marlowski (sich erhitzend) : Konjunkturonkel, Journaille – (ringt nach letzterem Ausdruck) Tritz (zieht in Erwartung letzter Wollust ein pfeifendes Ah! ein) Marlowski (stark) : Demokrat du! (steht dicht vor ihm mit geschlossenen Fäusten) Tritz (außer sich) : Schlag mich in die Fresse! Marlowski : Tritz, du bist wirklich verrückt! Tritz : Hast du Ahnung! Mir ist im Gegenteil, ich werde langsam wieder normal. Wie willst du aus deinen vier Wänden heraus einen Mann von Welt wie mich beurteilen? Weißt du, was eines Menschen Seinsweise, was Logik und Psychologie ist? Unterscheidest du Synthese und Hypothese, Expressionismus, Kubismus, kennst du Cimabue, Veronese und van Gogh à fond, Disraeli und Spencer und Huysmans und Shaw? Was weißt du von der Persian-Oil-Company, Trottel und der Royal Dutch Shell? Du, der ein Leben in Plüschstil, durch Zwiebel und Odol gelenkt, führt, was schiert dich Chippendale und Queen Anne? Warst du Generalkonsul eines exotischen Kaiserreichs, Chefredakteur oder Filmdirektor und alles auf einmal zusammen? Ein Zyklop lebst du robust und rustikal mit kaum einem halben Dutzend Begriffen und einem Urteil höchstens: Schlagt die Ausbeuter tot! Und willst über mich eine Lippe riskieren, der ich ein Opfer der Zivilisation bin! Marlowski : Mir scheinst du plem plem. Tritz (lacht schneidend auf) : Plem, plem! Käme ich damit los, wollte ich von Glück sagen. Was machte das aus – ein bißchen plem, plem heutzutag! (düster) Doch bei mir, Marlowski, geht's um die Wurst – um Tod und Leben! (kläglich) Rette mich! Marlowski : Mindestens müßte ich doch wissen, was wirklich los ist. Tritz (verzweifelt) : Was los ist? Ich rede seit einer halben Stunde davon. Marlowski : Ein Chaos – Durcheinander. Ich aber brauche den Mittelpunkt. Tritz : Der Mittelpunkt – und was für einer! – ist natürlich das Weib! Du kennst sie ja: Valuta, wie du sagtest, mit strotzenden Eutern – eine himmlische Person! Ausbund aller weiblichen Schönheiten. Marlowski, nur mit diesen ewig überlaufenden Brunnenfiguren zu vergleichen, die die öffentlichen Parks schmücken. Marlowski : Doch Bestie als Charakter? Tritz : Im Gegenteil: ein Süßling, eine Taube! Scharmant, hingegeben und verführerisch. Fraulich, mütterlich und bräutlich, was du willst. Riecht und schmeckt himmlisch, ist geistreich, Güte selbst, reich und singt wie ein Seraph! Marlowski : Hat eine ansteckende Krankheit, häßliches Gebrechen? Tritz : Jetzt bist du wohl – (zeigt zur Stirn) toll? Marlowski (wütend) : Aber etwas muß ihr doch fehlen! Tritz : Rein gar nichts. Sie ist kompletter Gipfel, Chimborasso. Das ist es ja gerade. Mir aber – verstehst du – ihr gegenüber, sieh mich doch endlich einmal an – meine Pupillen – mein Rachen – sieh doch – (er hebt sich auf Fußspitzen) wie ich schwanke und schwindle! Marlowski : Aha! Tritz : Na endlich! Marlowski (sieht ihn prüfend an) : Du siehst bei Gott ramponiert aus. (zieht ihn zum Fenster) Tritz (kläglich) : Nicht wahr? Marlowski : Bei Licht der reine Greis. Tritz (weinerlich) : Mit einunddreißig! Marlowski : Herrgott nochmal! Stirn eingefallen, Augen in Höhlen. Der reine Zitteraal! Tritz (ebenso) : Da siehst du's! Ja, wär' ich Louis XV., Casanova, Blaubart! Ich bin ja selbst verzweifelt, müßt ich sie lassen! Marlowski : Da ist keine Wahl: Sein oder Nichtsein, Tritz! Tritz (schreit auf) : O Gott! Marlowski : Fraglos! Tritz : Wär's nur sie selbst, vielleicht ertrüg ich's aus reiner Begeisterung am Schönen noch ein Weilchen. (mit Ausdruck) Denn sie ist ja so schön! Aber es ist kein Witz, dazu noch Chefredakteur, Filmdirektor und Generalkonsul oder mindestens eins von dreien sein zu müssen. Ferner soll ich von früh bis spät mit tausend Nuancen und Finessen parat sein, muß Visionen und Urteile haben! Marlowski : Und Ferien vielleicht? Tritz : Ich brauchte ein Jahrzehnt, der alte zu sein. Marlowski : Da hilft nur Brutalität und gleich. Tritz : Du bist nicht im Bild. Sie will mich heiraten. Marlowski : Wenn aber die Hochzeit gleichzeitig Leichenfeier ist? Tritz : – Und das Schlimmste von allem! Marlowski : Noch Schlimmeres? Tritz : Fatum, das mich erledigt, strikt in den eigenen Tod zwingt! (außer sich) Rette mich, Marlowski! (hängt sich an ihn) Rette mich! Marlowski (dringend) : Was noch? Tritz (leise mit Geste) : Sie meint, schw ... zu sein. Marlowski : Allmächtiger! Von dir? Tritz : Von wem sonst, Herr? Und wäre es – du begreifst – ist kein Entrinnen mehr. Heut liebt sie mich nur maßlos – wäre sie Mutter von mir – nicht auszudenken! Marlowski (kratzt sich am Kopf) : Das ist ein krasser Fall. Tritz : Roheit von meiner Seite verbürgt Katastrophe, gegen die der Ausbruch des Stromboli eine Kinderrakete ist. Marlowski : Wagst du keinen Versuch? Tritz : Wäre es – niemals! Wäre es nicht – vielleicht. Doch nicht allein; und da dachte ich: Sie braucht eine Jungfer: Luise Krüger! Ich einen Freund – dich, Marlowski, der mich bei mir, bei ihr besucht, zu meiner Verfügung ist. Auf euch gestützt, euch zwei in meiner Nähe wissend, könnte ich mit allen Vorsichtsmaßregeln und peu à peu vielleicht – Marlowski : Die Krüger – von mir aus. Ich nie in die Höhle des politischen Todfeinds! Tritz (rührend) : Politik beiseite! Aus Mitmenschlichkeit! Sieh mich doch an! Marlowski : Der reine Zitteraal! Tritz : Weiß ich euch zu meiner Hilfe nah – der richtige Augenblick – warum nicht? Marlowski : Denn es muß sein. Ein Lebegreis. Leichenfäule. Pfui Teufel! Tritz : Und sie – so rein und schön und hold! Marlowski : Ehrlich: In ein paarmal vierundzwanzig Stunden kann es mit dir zu Ende sein. Tritz (Aufschrei) Marlowski (gibt ihm die Hand) : Darum – es sei! Trotzdem zu deiner Verfügung.   Vierter Auftritt Es klopft Marlowski : Da ist Luise. Tritz : Luise! Marlowski (öffnet) : Erschrecken Sie nicht, einen alten Freund zu finden. Luise : Herr Tritz! Marlowski : Der leider nicht wohl, sogar auf dem Hund ist. Luise : Krank, Herr Tritz? (reicht ihm die Hand) Das macht mich traurig. Tritz : Leider. Doch geht's hoffentlich schnell vorbei! Marlowski : Und hat ihn nicht gehindert, Ihrer zu denken und sich um eine gute Stellung für Sie umzusehen. Tritz : Sie stellen sich am besten gleich morgen vormittag von elf bis zwölf Lorettostraße 8 bei der Dame vor. (er hat ihr lange ins Auge geschaut) Wie reizend Sie geworden sind! Diese entzückenden Sommersprossen übers ganze Gesicht und sogar bis in den Nacken hinab! Luise : Sie machen sich über mich lustig. Marlowski : Bei Gott nicht. Das ist jetzt Herrn Tritz besonderer Geschmack. Tritz : Die scharmanten Ponys. Und wie Ihre ungepflegten Haare duften! Man riecht bis hierher, Sie arbeiten in einer Konservenfabrik. Luise : Aushilfsweise. Unsereins hat nicht die Mittel, sich alle Tage die Haare waschen zu lassen. Tritz : Ich finde es prachtvoll, stärkend und erfrischend. (er fächelt sich den Duft zu) Ozon! Luise : Wirklich! Tritz : Zum erstenmal strömt wieder Erdgeruch in meine verwelkten Aufnehmer. Das sind nicht die Haare allein, das kommt überall her von Ihnen, (er schnuppert) Ich habe – stehe, Luise – Marlowski sagt Ihnen Näheres – vor meines Lebens bündigsten Auseinandersetzungen, und dieser ist der Moment, der erste, ich schwör's, da Hoffnung kommt, nicht alles ist für mich verloren. Noch nicht! Doch darum reißt's mich fort, gleich zur Entscheidung, meinen Drang aus Ihnen nicht erkalten zu lassen. Haben Sie, geben Sie, ein Taschentuch, Handschuhe, das mir in Stürmen Ihre Existenz verbürgt, (entreißt ihr die Handschuhe) Verzeihen Sie. Marlowski weiß alles, (er beugt sich auf ihr Haar) Der Duft – Konserven – wundervoll! Lebt wohl. Ich bin bereit. Habe Kraft und Schwung jetzt. Zur Tür Marlowski : Eine Zwiebel noch? Tritz : Und beide morgen elf Uhr früh bei mir. Schnell exit Luise : Wo läuft er hin? Marlowski : Zu seiner Circe. Luise : Was ist das? Marlowski : Männerfresserin. Luise (mit Schrei) : Mein Gott! Vorhang   Fünfter Auftritt Ritas Boudoir, Klavier Zinn : Noch einmal sage ich mit voller Bestimmtheit: Nein! Alle Zeichen kommender Mutterschaft, die Sie bestimmt gespürt zu haben meinen, waren nervöse Einbildung. Ausgeschlossen – mit einem Wort. Rita sinkt in einen Stuhl und bedeckt das Gesicht mit der Hand Zinn : Sie fühlen, wie tief ich bedaure, eine Hoffnung, deren Fehlschlagen Ihnen nahegeht, zerstören zu müssen. Rita (nach einer Pause) : Nur frage ich, wodurch ich das negative Ergebnis verschuldete. Ich war vor dem Kommenden so andächtig. Zinn : Darf ich, verehrte Freundin, ein freies Wort sagen? Waren Sie doch auch aufrichtig, als Sie verrieten, Vergangenheit bewies, daß Sie an sich der Mutterfreude nicht unbedingt entbehren müssen, wenn auch das Mal, da sie in Frage stand, das Kind nicht lebendig zur Welt kam. Ich glaube, nichts ist von Ihnen versäumt, und daß Ihre Hingabe fruchtbar gewesen wäre, hätte nicht – darf ich's sagen? Rita : Sprechen Sie! Zinn : Das andere Teil versagt. Rita : Wie kommen Sie darauf? Zinn : Nur Besorgnis schlimmer Folgen für Ihr erschüttertes Gemüt vermag mich, aus der Schule zu plaudern. Auf seine Bitte habe ich den in Frage Stehenden vor ein paar Tagen untersucht und festgestellt, er kann im Augenblick schwer selbst existieren, geschweige, daß ihm vergönnt sei, neuer Kreatur zum Leben zu helfen. Rita : Ist das wahr? Zinn : Wie das andere. Augenblickliche Zerrüttung eines an sich schwachen Leibs. Rita : Warum haben Sie mir das nicht gesagt? Zinn : Nur Ihre heutige Erschütterung und Angst, weiteres Nichtwissen könnte Ihre Gesundheit gefährden, zwang mich zu sprechen. Rita (mit Seufzer) : Als hätte ich's geahnt! Zinn : Wie? Rita : Gestern abend kommt er nach Haus. In Fiebern des Hoffens und Zweifelns über das, was in mir noch nicht wie jetzt entschieden stand, habe ich plötzlich die erste unwiderstehliche Abneigung gegen ihn. All meine Pulse klopfen, da ich ihn vor der Tür weiß und doch nicht ahne, wie ich ihm entfliehen kann. Da – wie ein Wunder kommt mir der eigentümlichste Umstand zu Hilfe: Seit Kindheit ist meine stärkste Idiosynkrasie eine krasse Angst, Entsetzen geradezu vor dem Geruch von Lauchgewächsen. Zinn : Zwiebelarten? Rita : Alles, wovor ich innerlich schaudere, scheint plötzlich nach Lauch zu riechen – daher mein starker Parfümgebrauch. Und nun denken Sie, als er eintritt, ich gebe zu, es war glatt krankhafte Vorstellung – plötzlich – er selbst – das Zimmer, aller Umkreis riecht penetrant nach Zwiebel! Zinn : Zwiebelkomplex! Rita : Eher wäre ich gestorben, als ihm nahgekommen! So glückt mir, an meine Tür zu gelangen und sie von innen vor ihm zu verriegeln. Zinn : Seit Jahren bewundere ich nichts wie die über alles Logische zielenden weiblichen Instinkte. Fraglos hatte Ihr Kern schon gegen ihn entschieden, als das ärztliche Urteil noch nicht feststand. Rita : Er ist – ein Schwächling? Zinn : Physisch unbedingt. Kein Thorax, typischer Muskelschwund. In jeder Beziehung riet ich zu seiner Selbsterhaltung strengste Diät. Rita : So daß hinsichtlich – Zinn : Der Zukunft noch weniger Hoffnung ist. Rita (wieder mit Hand vorm Gesicht) : Furchtbar für den Ärmsten! Und war so ein unvergleichlicher Aufschwung – es kurz zu sagen – königlicher Elan in ihm. Zinn : Uns Ärzten ist solch steiles Aufflammen kurz vor dem Erlöschen bekannt. Bei Tuberkulösen, doch auch in zahllosen anderen Fällen. Rita : Ich aber will ihn pflegen! Mein künftiges Leben soll einzig seiner Pflege geweiht sein, dem Guten, Armen! Ich danke Ihnen, (sie erhebt sich) Zinn (auch) : Sie haben an eine ganze Menschheit so unentrinnbare Pflichten, daß ich hoffe, sie kommt einem einzelnen gegenüber in Zukunft nicht zu kurz. Rita : Sein Wohl steht mir in erster Linie über allem! Gibt Zinn die Hand zum Abschied, die er küßt. und bringt ihn bis zur Tür. Da sie sie öffnet, tritt Schmettow auf   Sechster Auftritt Schmettow : Darf man schon? Begrüßung zwischen ihm und Zinn , der hinausgeht. Er selbst tritt mit Rita ins Zimmer zurück Heut aber muß ich als Ihr bester Kenner finden: Sie beunruhigen mich! Ich sehe Sie ein wenig außer sich. Rita (zum Klavier gehend und sich dort setzend) : Die Rolle die ich studiere, packt mich maßlos: Die Marschallin im Rosenkavalier. Schmettow : Ich liebe dies bezaubernde Opus zweier Zeitgenossen. Rita : Dieses weiblichen Hans Sachsens Schicksal berührt mich beispiellos. Dem Publikum den übermenschlichen Verzicht auf den Geliebten glaubhaft zu machen, müßte aus ihrem eigenen Leben die Darstellerin reif sein. Schmettow : Vielleicht tröstet sich die Marschallin auch damit, daß allzuviel an ihrem kleinen Strizzi nicht verlorenging. Rita : Ausdrücklich bringt sie ein gewolltes und gekanntes Opfer, wenn sie singt: (sie singt und spielt) »Hab mir gelobt, ihn liebzuhaben in der richtigen Weis', Daß ich selbst seine Liebe zu einer andern noch liebhabe.« Schmettow : Auch wenn Sie sich hoffentlich nie zu solcher Schwäche verführen lassen werden, habe ich Gewißheit, Sie treffen es im Kern. Rita : An Oktavian ist kein Makel. Wie die silberne Rose ist er blendend, (sie spielt das Rosenkavalier-Motiv) Schmettow : Tränen? Was ist Ihnen wirklich, teure Freundin? Rita (halb zu sich) : Von der Marschallin in mein eigenes Leben zurückschauend und vielleicht auch einmal gezwungen, auf den Geliebten zu verzichten, wäre es kein jüngeres, schöneres Weib, doch Umstände seiner Natur, die uns trennten. Schmettow : Melancholie. Warum? Rita : Wissen Sie nicht? Er ist – Schmettow : Krank? Rita : Seiner selbst aus Schwäche nicht mächtig. Und jetzt werden Sie sagen: Ich ahnte es. Schmettow : Nichts derartiges werde ich sagen. Rita : Weil Sie klüger und ritterlicher als die anderen sind. Doch wie es auch ist, ich kämpfe um ihn, und anders als bei der Marschallin wird über Vernunft hinaus ihn und mich ein Wunder für immer vereinen. Schmettow : Alles erwarte ich und bleibe bis zum Schluß nur Zuschauer und, wollen Sie, Helfer in der Geschichte mit Tritz. Rita : Sie wollten das Bild bringen, das Sie am ersten Tag am Ort selbst von ihm und seinen Freunden aufnahmen. Schmettow (entnimmt seiner Brieftasche ein Bild) : Ich ließ es vergrößern. (gibt es ihr) Rita : Welcher soll es sein? Schmettow : Der Kleine links im Strohhut mit Botanisierbüchse. Rita : Nein! Nicht der! Schmettow : Doch der! Rita : Das war Tritz? Das? Der stumpfsinnige Prototyp des Spießbürgers? Schmettow, Sie sind heimtückischer als alle anderen: Das Bild ist eine Fälschung! Das ist unmöglich! Schmettow : Ich begreife Sie nicht. Alle Welt fand es treffend ähnlich. Rita : Aber das ist ja – der typische Nebbich! (bricht in nervöses Gelächter aus) Schmettow : So müßten Sie stolz sein, was anderes Sie aus ihm gemacht haben – Rita : An der Nummer vermöchte Gott selbst nichts zu ändern! Schmettow : Sehen Sie doch hin – versetzen Sie sich in die Situation zurück, Sie werden ihn ganz erkennen – Rita : Sie haben die Platte gefälscht stark retouchiert! (wirft das Bild fort) Schmettow : Ich schwöre: Nein! Das ist die ganze Natur. Rita (nimmt das Bild zurück) : Das Tritz –? Dieser – (plötzlich) Aber das ist ja wieder – der Ruch – von Lauch! Ah! Sie fällt ohnmächtig in den Stuhl. Schmettow bemüht sich mit einem Rafraichisseur, sie zum Bewußtsein zu bringen   Siebenter Auftritt In diesem Augenblick tritt Tritz im Kostüm des ersten Aufzugs, ohne Botanisierbüchse, auf und macht Schmettow Zeichen, sich zu entfernen. Schmettow, auf Zehenspitzen hinausgehend, zeigt ihm durch Gesten Ritas Zustand an. Tritz nähert sich ihr, nimmt den Rafraichisseur und bläst sie heftig an, dazu, über sie gebeugt, flötend, Rita, wach auf, ich bin's ja, Tritz, wach auf! Pussi, Mussi, Ritalein! Rita (kommt zu sich. Da sie Tritz erkennt, stößt sie einen Schrei aus) : Allmächtiger! (von neuem ohnmächtig) Tritz : Aber, Pussi! (wieder bläst er mit dem Rafraichisseur) Hör, begreif doch! Komm zu dir, Pussi! Rita (kommt zu sich, blickt ihn starr an und ruft schrill) : Zurück! Wie riechst du wieder! Tritz : Ich rieche? Rita : Komm mir nicht zu nah! Tritz : Im Gegenteil, will dir doch sagen – Rita : Zurück! Tritz : Aber – Rita : Was ist das? Wie hast du dich verwandelt! Tritz : Gar nicht. Rita : Das ist ja schlimmer als das Bild! Tritz : Ich komme nur – Rita : War ich wahnsinnig? Tritz : Bewußtlos – Rita : Das ist das Wort! (bricht wieder in das nervöse Lachen aus) Tritz : Du bist so echauffiert. Rita : Kühl bis ans Herz hinan. Leichenkühle. Tritz : Auch das noch! Ich wollte dir sagen – meine Natur – Rita (schrill) : Seine Natur! Tritz : Ja. Ist vielleicht nicht so mächtig und katarakthaft, wie du gedacht hast. Rita (sieht ihn an) : Das braucht keinen Beweis. Versteht sich, sieht man ihn, von selbst. Tritz (unter ihrem Blick geniert) : Je nun – Rita (mißt ihn unter dem Lorgnon) : Toll! Tritz : Immerhin – ich wollte nur Wahrheit – Rita : Die zu wissen, braucht's keinen Arzt. Tritz (froh) : Nicht wahr? Rita : Ein Blick genügt! Tritz (froh) : Gelt Rita? – Rita : Nebbich! Tritz (strahlend) : Das ist's! Und du gibst zu, ich habe nie das Gegenteil behauptet. Rita (schmerzlich) : Das ist wahr. Tritz : Du warst's, die mich von Anfang an vergrößerte. Rita : Anders als Schmettow auf seinem Bild (sie reicht es Tritz) Tritz : Fabelhaft ähnlich! Tritz, wie er leibt und lebt! Rita : Dann muß es wahr sein. Tritz : Ich habe stets dein Lob gebremst. Rita : Und wußtest warum. Tritz : Bei Gott, das hab ich gewußt! Rita (jetzt netter) : Hast sehr gelitten? Tritz : Manchmal, (zeigt auf Rücken und Stirn) Da und dort besonders. Rita : Armer! War es Qual? Tritz : Doch tausendmal aufgehoben durch deine wunderbare Süße! Rita : Ist das wahr? Tritz : Oh, hätt ich andere Sinne für solche Schätze – bis ans Lebensende hätte ich – Rita : Wirklich? Tritz : Ich war nie ein Lügner. Rita : Das warst du nicht. Tritz : Konnte dich nie überschätzen, du aber mich. Jetzt aber hast du selbst gesagt, was ich wirklich bin: Ein – Rita (hält ihm den Mund zu) : Ein lieber Kerl! Tritz : Ist das nun wahr? Rita : Das ist wahr. So menschlich und gut, daß ich von dir aus meine neue Rolle besser als selbst von dem dir sehr überlegenen Hermann von Schmettow aus begreife, und daß ich dich nicht nur beruhigten Herzens ziehen lasse, doch dir alles Gute für dein ferneres Leben von Herzen wünsche, lieber Fritz. Tritz : Rita! Rita! Er bedeckt ihre Hände mit Küssen. Rita ist in den Stuhl vor dem Klavier gesunken und sagt und spielt Rita : Und nun hör zu und nimm dir, was ich singe, auf deinen hoffentlich glückseligen Weg mit: »Nicht quälen will ich dich, mein Schatz. Ich sag, was wahr ist, sag's zu mir so gut wie zu dir. Leicht will ich's machen dir und mir, Mit leichtem Herzen und leichten Händen, Halten und nehmen, halten und lassen. Die nicht so sind, die straft das Leben, und Gott erbarmt sich ihrer nicht!« Vorhang