Hermann Stehr Die Krähen/Gudnatz * Seinem lieben Arthur Fundner zum fünfundzwanzigsten Freundschaftsjahr * Die Krähen Du, Manja, komm mal her,« sagte Professor Weitfeld zu seiner Frau, die vom Balkon aus erregt mit einer Dame sprach und ihn deswegen nicht hören konnte. Aber auch wenn sie ganz still dort gestanden hätte, wäre es ihr unmöglich gewesen, die mit Anstrengung gedämpfte Stimme ihres Mannes über das große Studierzimmer hin zu verstehen. Deswegen ging die Unterhaltung der beiden Frauen lebhaft weiter. »Ja, denken Sie nur, Frau Professor,« hörte er die starke, nicht unangenehme Kommandostimme der auf dem Wege Stehenden laut heraufschallen, »denken Sie bloß das Glück, innerhalb von drei Tagen dreißig Kilometer vorwärts und das in einer Breite von 150 Kilometer, einhundertfünfzig Kilometer.« »Ein hundert ...,« wiederholte seine Frau bewundernd. »Ja, einhundertfünfzig – macht fünfzehnhundert Quadratkilometer Geländegewinn, siebzigtausend Gefangene, Soissons gewonnen, die Vesle überschritten, die Ardre, der Damenweg im Fluge unser, gefüllte Munitionslager, Wagenparks, Flugzeugplätze. Ist nicht zu sagen, nicht zu fassen! Na und nicht zum wenigstens die geradezu ungeheuerlichen Proviantstapel. Berge von Konserven, Mehl, sogar Schokolade. Wie wär's Frau Professor, mit einer Kiste Schokolade?« »Ach, ich bitte, verschonen Sie mich, Frau Forstmeister. Ich habe sonst einen schlechten Tag.« »Glaube ich. Ich auch. Heißt, hätte ich auch. Wenn mein Fritz nicht mit in dem Schlamassel wäre. Denken Sie!« »Also, Ihr Junge ist mit dabei! Wissen Sie das genau?« »Natürlich! Er steht ja doch in der Kronprinzenarmee.« Der Professor, der, am andern Fenster stehend, der Unterhaltung zugehört hatte, wandte sich mit verfinstertem Gesicht ab und schaute wieder durch die Baumkronen hinaus aufs Land. Das Gespräch hinter ihm ging leidenschaftlich weiter. Endlich hielt er es nicht mehr länger aus und rief laut und ungeduldig: »Manja, bitte, komm mal her.« Darauf hörte er seine Frau sagen: »Verzeihen Sie, Frau Forstmeister! Mein Mann ruft aus dem anderen Zimmer. Also ich komme bestimmt heute nachmittag hinüber zu Ihnen.« »Aber Wort halten. Verstanden, Verehrte! Grüßen Sie Ihren Herrn Gemahl und sagen Sie ihm, daß mein Mann sicher ist, in acht Wochen mindestens ist alles aus.« »Gott ja, wenn's wahr wäre!« »Ja, nicht wahr! Diese ewige Blutarbeit! Nein, man hält es kaum mehr aus! Also auf Wiedersehen heute nachmittag!« »Auf Wiedersehen!« Die Balkontür knackte zu und seine Frau kam zu ihm herüber, legte die Hand auf seine Achsel und begann leidenschaftlich von dem »glänzenden, beispiellosen Erfolge der Kronprinzenoffensive« zu reden. Sie schwelgte in Friedens- und Zukunftshoffnungen und redete immer überstürzter von dem Ruhm und Glanz Deutschlands nach dem Kriege, seinem Weltaufstieg, seiner Macht und daß es eine königliche Freude sei, ein Deutscher zu sein. Weitfeld hatte regungslos zugehört und auch jetzt, da seine Frau mit einem bitteren Zittern in der Stimme ans Ende gekommen war, rührte er sich nicht und antwortete nicht mit einem Laut, sondern fuhr nur fort, durch die Kronen der Bäume hinaus aufs Feld zu sehen, hinter dem die schön bewegte, hohe Wogenwand des Riesengebirges blau vorüberzog. »Na, was meinst du denn eigentlich, Mann?« sprach sie verärgert. »Du bist wie ein Brunnen mit Drehvorrichtung. Ohne Mühe kriegt man nichts herauf.« »Sieh mal da hinüber,« sagte er leise. »Wo denn? – In den Linden?« »Nein, weiter im Felde draußen, hinter dem Streifen Getreide.« »Dort? die Wiese?« »Nein, noch etwas weiter hinter dem Acker. Ich meine den kleinen Buckel, mit dem das Feld in den Himmel steht.« »Na ja, schön. Dort sind drei Düngerhäufchen und auf dem mittelsten sitzt eine Krähe.« »Eben die meine ich,« sagte Weitfeld mit einem leise ironischen Lächeln. »Siehst du, sie wendet bedächtig und weise den Kopf bald rechts bald links und rafft immer wieder an ihren Flügeln. Die heiße Luft flittert um sie und macht ihr Bild ungewiß und bebend, wie eine Einbildung. Siehst du's?« »Wie sollte ich nicht? Aber das ist doch eigentlich nicht sehr seltsam, wenn du ... aber, bitte, laß mich doch schon ausreden! Nein! Das ist gar nicht seltsam. Ganz und gar nicht.« Das Gesicht der Frau wurde von der Röte des Unwillens überflackert und sie lehnte sich gegen die Wand der Fensternische. Weitfeld betrachtete mit großen, ruhigen Augen diesen Versuch der Auflehnung, ließ eine mißbilligende Pause eintreten und sagte dann mit überlegener Liebenswürdigkeit: »Ich bitte, Manja, deine Ungeduld heute noch etwas mehr als sonst zu zügeln. Es handelt sich wirklich um eine wichtige Klarstellung in einer wichtigen Sache – auch für uns beide. Wollen wir da nicht ruhig und gründlich verfahren? Du kannst ja dann immer noch anbringen, was du gegen mich zu sagen hast.« »Wenn du es erlaubst. Nicht wahr? Haha! – Na, aber gut. – Was wolltest du sagen?« »Liebe! Ich bitte dich. Auf einer glühenden Platte wächst lein Samenkorn, sagt der Araber, und mit einem bitterlich erregten Herzen kann man nicht denken. Willst du mich nicht mit gelassener Aufgeschlossenheit anhören?« »Ach, sieh doch, nun fliegt die Krähe fort, und die drei Düngerhäufchen sind allein übriggeblieben. Ich denke, da hat die ganze Sache auch keinen Sinn mehr. – Wenn du nicht heut die große Auseinandersetzung herbeiführen willst, von der du seit langem sprichst.« Der Professor ließ die rechte Hand langsam vom Fensterrahmen herniedergleiten, nahm die Hände auf dem Rücken zusammen und schritt gedankenvoll die Stube hin. »Wie die Krähe, ganz wie die Krähe,« murmelte er leise. »Was sagst du?« fragte sie hinter seinem Rücken drein. Der Professor machte in der Mitte der Stube halt und zu ihr zurückkehrend sagte er ruhig: »Ich meinte die Krähe. Siehst du, Manja, als ich sie vorhin entdeckte, vorhin sah, hatte ich die Empfindung, das Tier sitze schon seit Ewigkeit auf dem Düngerhaufchen und drehe langsam und weise den Kopf hin und her und mir war es, ich stehe seit Ewigkeit und sehe dem Tier zu. Ich hatte das Bewußtsein von Zelt und Raum verloren und erschrak vor der kleinlichen Geste des Menschenlebens – auch dem hinter mir.« Die letzten Worte, durch eine Pause getrennt, sprach Weitfeld mit schwerem Ton. »So. Damit meinst du das Gespräch zwischen der Frau Forstmeister und mir?« fragte die Frau betroffen. »Ja,« lautete Weitfelds entschiedene Antwort. »Aber wir sprachen vom Kriege.« »Ja, ja. Ich weiß. Eben deswegen.« »Nein, das kann nicht sein! Mann, so höre doch schon! Es sterben Millionen und Millionen werden zu Krüppeln. Und du sagst, das sei nicht mehr, als ob eine Krähe den Kopf hin- und herwende. Mensch!« Frau Weitfeld sprang auf ihren Mann zu, packte ihn mit beiden Händen und schüttelte ihn. Ihr voller Busen wogte und ihre Stimme zitterte. »Das ist ja Wahnsinn! Das ist ja Wahnsinn!«, wiederholte sie, bis ihr Tränen in die Augen traten. Dann ließ sie ihn los, setzte sich auf einen Stuhl ans Fenster und weinte lautlos in ihre Hände. Professor Weitfeld war blaß geworden. Aber er nahm nur die Hände auf dem Rücken wieder zusammen, tat keinen Schritt auf seine Frau zu, sondern sah nur lange mit zusammengezogenen Brauen das leise Rücken ihrer Schultern an. Dann sagte er leise: »Jawohl, du hast recht. Es ist Wahnsinn, nämlich hinter diesem Kriege einen Sinn zu suchen.« Dann wartete er auf Antwort. Aber seine Frau löste die Hände nicht vom Gesicht. Deswegen schritt der Professor leise an seinen Schreibtisch, setzte sich in seinen Stuhl, stützte die Arme auf dessen Lehne und sah sinnend vor sich hin in die Stube, in der es so still geworden war, daß man die Fliegen mit leisem Picken an die Fensterscheiben stoßen hörte. »Welchen Sinn hat es, daß Rußland entstanden ist und welchen, daß es nun zerfällt? Weißt du es? Weiß es in Wahrheit ein Mensch, ein einziger auf der Welt? Ich weiß es nicht.« Weitfeld sprach, als sei er allein und rede mit sich. »Tausende und Abertausende Freiheitsbegeisterte sind dort in den Höllen Sibiriens verschmachtet und am Galgen erwürgt worden und nun wüten die, die unter der Zarenknechtung gelitten haben, mit denselben Mitteln, ganz denselben, die sie ehemals zur Empörung getrieben haben, gegen ihre Mitmenschen. Hat das etwa einen Sinn?« Seine Frau riß das Gesicht aus den Händen und sagte feindselig: »Was gehen mich die Russen an?« »Hm. – Ja. –« erwiderte nach einigem Sinnen der Professor. »Hast recht. Aber, wenn wir Deutschen den Russen gegenüber menschliche Erwägungen als nicht für angebracht erachten, wie wollen wir uns denn entrüsten, daß Franzosen, Engländer und Amerikaner uns nicht mehr unter die Menschen rechnen?« Die blonde Frau am Fenster wußte darauf nichts zu erwidern, stützte die Hände an steifen Armen auf die Knie und sah finster vor sich hin mit ihrem blassen, erschütterten Gesicht, auf dessen Wangen noch Tränen standen. »Wir haben diesen Krieg nicht gewollt, nicht angefangen,« sagte sie nach einer Weile dumpf. »Ach Weib, lassen wir doch dies Reden aus Zeitungen. Christus ist an dem Christentum, wie es heute ist, nicht schuld und dennoch schreibt es sich von ihm her. Warum bricht eine Quelle von einer bestimmten Stelle aus der Erde? Wie entsteht ein Gewitter? Wie wächst ein Blatt? Wir erfinden die Gründe nachträglich dazu. Stimmen tut's nie. Und wie es mit den Dingen der Natur steht, so verhält es sich mit den Dingen der Menschen. Und welches war der Sinn des Ptolemäischen Reiches? Warum entstand und verging der Staat Montezumas? Weshalb blühte Peru? Alle diese großen Geschehnisse sind heute nicht so wichtig als das Picken der Sommerfliegen an die Fenster dieser stillen Stube. Liebes Weib, und übermorgen in hunderttausend Jahren wird dieser Krieg, in dem wir leben, auch so gewesen sein und müßige Menschen werden von dem Sinn, dem mutmaßlichen Sinn dieser Katastrophe fabeln, ohne an ein Ende zu kommen, so wie wir uns vergeblich darum bemühen.« »Und was willst du damit sagen?« fragte die Frau. »Du wirst es gleich hören. Wenn hunderttausend Menschen ›Ah‹ schreien, bleibt es doch ›Ah‹. Hat ein einzelner diesen Laut ausgestoßen, so ist er dadurch nicht verwandelt worden. Wir aber glauben, wenn hunderttausend ›Ah‹ schreien, wird jeder einzelne verwandelt. Und wenn ein Mensch den andern mordet, nennen wir das ein Verbrechen. Der Mord von Millionen aber soll eine Tat sein, über die ich mich freuen soll. Davon erwartest du in Zukunft Glanz und Größe. Meine liebe Manja, ist solches Denken nicht Wahnsinn und ist es das Denken , muß es da nicht auch das Handeln sein?« Die Frau hatte sich geräuschlos erhoben, mit der Rechten krampfhaft die Stuhllehne umklammert und sah ihren Mann mit dem Ausdruck des Entsetzens an. Der Professor schaute mit schmerzvollem Gesicht lange zu ihr herauf und bewegte dann, als nicke er sich traumhaft zu, den ausgebügelten zerbohrten Kopf mit einem gütlich-bitterlichen Lächeln um die Lippen. »Siehst du, Liebe, – und ich? Ich springe nun nicht auf dich zu, wie du es vorhin getan hast, rüttle dich an der Schulter und schreie: ›Ist das nicht Wahnsinn?‹ – Aber ich bitte, setze dich, ich will dir sagen, warum ich durch den Anblick der Krähe auf all das gekommen bin, was ich jetzt zu dir gesprochen habe. Als ich nämlich den grauschwarzen Vogel, in dem flimmernden Licht draußen im Felde sitzen sah, kam mir ein Erlebnis in den Sinn, das ich auf meiner letzten Sinai-Reise gehabt habe. Wir kamen aus dem Wadi Feiran und bogen ins Wadi Mokatteb ein. Das Tal der Schriften. Je weiter wir in diese flache, sandige Mulde eindrangen, desto mehr häuften sich die Inschriften auf den Steinen der Hänge, die sich nie zu größerer Höhe aufschwangen. Zum großen Teil sahen wir nabbathäische Schriftzüge, dazwischen waren auch bildliche Darstellungen primitivster Art, wie sie Kinder oder ganz rohe Völkerschaften herzustellen pflegen. Aber die trockene Luft hatte alles in dem weichen Stein wunderbar erhalten, obwohl mehr als zweitausend Jahre seit ihrer Entstehung vergangen waren. Das Wadi hinreitend, machte mich mein alter Abu ben Mahmud auf frische Spuren im Sande aufmerksam. Ich stieg neugierig ab und untersuchte die Abdrücke europäischer Fußbekleidung. Dann sagte ich mir, daß es doch ganz gleichgültig sei, wer vor kurzem neben seinem Kamele hier hingegangen sei, richtete mich auf und ließ meinen Blick betrachtend an den mit Inschriften übersäten Wänden entlang gleiten bis dort hinaus, wo das Wadi von einer Bodenwelle verengt und fast versperrt war. Wie ich so von der flimmernden Glut über dem Gestein mein Auge langsam in das makellose Blau des unendlichen, tiefen Himmels hebe, steht, wie aus der Erde gewachsen, ein reitender Beduin auf dem Rücken des Hügels. Sein grauweißes Pferd bläst den Atem durch die Nüstern und hebt das Bein, um es niederzustoßen. Der Reiter hat sich lugend vorgebeugt. Sein Kopf mit einem weißen Tuch umwunden, seine lange Flinte quer vor sich liegend, so sieht er uns eine Weile an. Und wie ich ihn so gegen den Himmel stehen sah in seiner wilden Kühnheit und stahlharten Entschlossenheit, durchzuckte mich der Gedanke, das sei ein Krieger jenes längst vergangenen Königreiches, aus dessen Zeit die Schriftzüge an den Steinen zurückgeblieben waren. Die Luft schien von dem schwachen Lärm ferner kriegerischer Waffen zu zittern Die eingegrabenen Zeichen auf den Steinen sahen auf einmal seltsam frisch aus, als seien sie vor Tagen, nicht vor Jahrtausenden eingegraben worden, und ich hätte mich nicht gewundert, wenn der Reiter herangesprengt wäre und auf einen Stein deutend, zu nur gesagt hätte: Siehst du den Mann mit dem Rüssel hier auf dem Throne sitzen? Niemand anders als der verfluchte Rebell ist es gewesen, dessen Schwert dieses Bild in den Stein ritzte, um unsern erhabenen Herrn und seine Krieger zu verhöhnen. Noch ist das Wadi erfüllt von dem Pesthauche seiner Horde, die hindurchzog. Mein Tier selbst ekelt es in der Luft, die diese Verworfenen verdorben haben, denn es bläst den Atem wie Gift von sich, das es eingesogen hat und schüttelt sich, daß es mich beinahe vom Rücken wirft. Aber wartet nur, ihr Ausgestoßenen, ehe die Nacht dreimal diese Wüste gekühlt hat, liegen eure Köpfe stumm umher wie die Steine dieses Wadi hier. Ich war noch von dieser phantastischen Einbildung umfangen, als der Mann, den ich so als Krieger geträumt hatte, mit seinem Pferde schon neben mir und dem alten Mahmud stand. Es war ein Mann von dem Stamm der Djebeliye und auf der Jagd nach einem Panther, der die nicht zu ferne Oase seit Tagen beunruhigte. Bald kam er mit Mahmud in ein Gespräch und versprach, uns eine Ziege zur Abendmahlzeit in seinem Dorfe verkaufen zu wollen, das wir noch vor der Nacht zu erreichen gedachten. Siehst du, Manja, so sind alle Zeiten wie ein Hauch vor dem Ewigen in uns, vor der Seele. Und wir sollten so töricht sein, den Hauch zu übertreiben, der eben jetzt an uns hinstreicht, wenn auch mit dem Donner aus tausend eisernen Rohren?« Die Frau saß mit im Schoß gefalteten Händen und sinnend gesenktem Kopf da. Sie atmete schwer, sprach aber kein Wort, erhob sich geräuschlos nach einer Weile und trat einige Schritte auf ihn zu, als wollte sie ihrem Mann eine ruhige, gesammelte Antwort geben. Plötzlich riß sie die Hände empor, preßte sie gegen die Schläfe und schrie verzweifelt und gequält: »Niemals! Nein! Nein! Nicht, nicht!« So stürzte sie aus der Tür, lief wie gehetzt den Flur hin und stürmte die Stiege hinauf. Weitfeld sah ihr mit allen Zeichen der Enttäuschung nach, erhob sich dann langsam, schloß die Tür, riegelte sie noch von innen ab und begann in der Stube auf- und niederzuwandeln. 2 Anfangs war sein Gang unruhig, sein Schritt ungleich. Er fuhr sich oft mit der Linken an seinen leicht ergrauten, ehemals blonden Spitzbart und zog ihn bis zu dem letzten Härchen durch die bebenden Finger seiner schmalen, durchsichtigen Hand. Allgemach wurde sein Schritt lang und leise und sein schlanker Körper beugte sich jedesmal ein wenig, wenn der Fuß den Boden verließ. Nachdem er so wohl eine Stunde in seinem Zimmer hin- und hergeschritten war, blieb er so langsam stehen, wie eine Uhr, die ausgelaufen ist. Die Schwünge des Perpendikels werden kleiner, müder und endlich haucht die Unruhe das letzte kaum vernehmliche Knacken aus. Weitfeld bedeckte seine hohe zergrübelte Stirn mit der Hand, wie um sie durch einen kühlen Umschlag zu beruhigen und schloß dabei die Äugen, als gelte es, das Minieren eines geheimen Schmerzes zu stillen und murmelte nach langem Besinnen: »Es gilt, sich loszuringen von der Vergewaltigung durch das Äußere. Denn das Problem des Lebens dreht sich darum, die Tätigkeit immer tiefer in uns selbst zu verlegen. Das ist der einzige Weg zur Freiheit, die einzige Möglichkeit, daß diese ewige Grundforderung des Menschen endlich zur Tatsache wird.« Dann ließ er die Hand sinken und sah in einer Art verblüfften Staunens ins Wesenlose, wobei er den Mund wie zum Pfeifen spitzte und so große, starre Augen machte, daß seine Brauen fast in die Hälfte der Stirn hinaufgeschoben wurden. »Ja a a a,« sagte er, den angehaltenen Atem auslassend, »einer auf dieser verwirrten Erde muß doch damit den Anfang machen. Und warum in aller Welt soll ich nicht derjenige sein?« Darauf sah er an den Wänden seines Zimmers entlang, die bis nahe an die Decke mit Bücherregalen vollgestellt waren. bekam davon ein spöttisches Lächeln in seine Züge, ging langsam hin und zog vor die bunten goldbedruckten Bände die graugrünen Vorhänge. Die Messingringe glitten schwirrend über die Eisenstäbe und er wiederholte sich fortwährend leise die Mahnung: »Aber um Gottes willen, nicht wieder denken. – Nicht – wie – der den – ken.« So ging er murmelnd von einem Regal zum andern. Zuletzt zog er auch noch die leichten Vorhänge an der Balkontür und allen Fenstern zusammensetzte sich in dem gelbgrünen Dämmern an den Schreibtisch und vertiefte sich in den Anblick eines Blattes, auf das er einen Kreis gezeichnet hatte, an dessen innere Peripherie ein Fünfeck und darin wieder ein Dreieck gelegt war. Die erste Figur war mit blauer Farbe, die zweite mit brauner, das Dreieck mit grüner Farbe ausgetuscht. Es war die Art, wie er sich seit Monaten auf die Neumelodie, auf die menschlichen Universalkräfte stimmte. Er saß in seinen Stuhl zurückgelehnt, die Unterarme mit flach ausgestreckten Händen auf den Oberschenkeln liegend. So sah er unverwandt mit versinkendem Gesicht auf die Zeichnung. Von Zeit zu Zeit schloß er lange die Augen, um die Vorstellung der Figuren »bis zur vollkommenen Präponderanz in die Tiefe einzusaugen.« Nach etwa einer Stunde hörte er vorsichtig an die Tür klopfen, und das Dienstmädchen rief, als er geantwortet und dann das Klopfen wiederholt hatte: »Herr Professor, die gnädige Frau lassen sagen, es ist angerichtet.« Weitfeld rührte sich nicht. Eine Weile darauf trippelten Kinderschritte über die hölzerne Stiege, kamen auf den Zehen an die Tür, hielten auf der Schwelle an und nach einem Atmen durchs Schlüsselloch und unterdrücktem Kichern, klopfte es wieder zaghaft und eine Knabenstimme sagte furchtsam: »Vater, die Suppe wird kalt.« Weitfeld zog die Brauen unwillig zusammen, erhob sich und sagte: »Mädi und Bubi!« »Ja,« gab es von draußen doppelstimmigen Bescheid. »Sagt der Mutter, ich meditiere und will nicht gestört sein, bis ich mich selbst melde. Hast du's verstanden, Jörg?« »Ja, Vater.« »Bis ich mich selbst melde und vergeßt mir nach dem Essen nicht die Befestigung.« »Nein, Vater.« »Gut. Also auf Wiedersehen.« Die Kinder wirbelten befreit den Flur hin über die Stiege hinauf und er hörte bald im Eßzimmer über sich die Stühle rücken. Er aber ging, streckte sich auf dem Liegesofa aus und schloß die Augen. Ein traumleises Sausen war in seinem Kopfe, so wie er es während seiner Orientreisen in den Tropen oft erlebt hatte, wenn er schlaflos zur Nacht in der Wüste den seinen Sand gegen die Wände seines Zeltes treiben hörte. Nach langem wurden die Stühle über ihm wieder gerückt. Dann war es still und Weitfeld wußte, daß seine Kinder nun die von ihm gedichtete Befestigung sprachen, die er ihnen mit viel Mühe beigebracht hatte. Und als sitze er bei ihnen und müsse ihnen über die schwierigen Stellen hinweghelfen, sprach er halblaut und mit pedantisch genauer Akzentuierung die Worte seiner Verse, über sich ins grüne Dunkel: »Durch die Speise neu entzündet, führt es uns zu neuer Wandlung. Weiter werde stets gerundet unser Leben durch die Handlung. Das Geschaffne sei geschaffen abermals in unserm Geiste, bis das tätige Erraffen mündet in das Allerfreiste. Niemals darf in eignen Grenzen fangen sich des Menschen Streben, denn zu immer höh'rem Glänzen drängt es rastlos unser Leben. Schwinge also neuentzündet immer weiter mich, Genoßnes, bis das Dasein leicht sich bindet frei in heut noch Unerschloßnes.« Droben ging es dann hin und wieder, bald mit schweren Schritten, daß die Deckenlampe leicht klirrte, wohl die Dienstmädchen; bald mit leichtem Hüpfen, vermutlich die Kinder. Er lauschte den Schritten und sann dabei dem Inhalt der Verse nach. Als es ganz still geworden war, richtete er sich halb auf und sagte fast laut wie ein strenges Gebot die letzten beiden Zeilen in die Totenstille seiner Stube: »Bis das Dasein leicht sich bindet frei in heut noch Unerschloßnes,« sann lange gegen die Diele, nickte sich ernst entschlossen zu, legte sich wiederum und war nach einigen Augenblicken eingeschlafen. 3 Als Weitfeld erwachte, merkte er an dem angeröteten Licht, das durch das duftige Grün der Vorhänge fiel, daß es schon gegen den Abend hin gehe. Er setzte sich auf und als erhebe er sich vom Nachtschlaf und bedürfe, um in den Tag hineinzufinden, des Wissens um die Träume, die ihn durch den Schlaf geführt hatten, wandte er sich mit seinem Denken zurück. Aber er sah nichts als den Zwiespalt mit seiner Frau, überlegte sich ihr Betragen und seine Worte und merkte, daß die Argumente, die er vorgebracht hatte, in Rücksicht auf seine große, neugewonnene Überzeugung recht dürftig und etwas wirr ausgefallen waren und daß, gemessen an der Höhe seiner Idee, seine neue Lebensführung auf Außenstehende vielleicht komisch wirken konnte, ja, wer weiß, sogar mußte. Allein es konnte doch nicht anders sein. Der Boden, auf dem er sich bewegte, war neu, deshalb war es nicht verwunderlich, daß er sich, vor sich selber sogar, vorerst etwas seltsam gebürdete. Denn um eine neue Menschenzeit heraufzuführen, war es ja wirklich nicht unbedingt notwendig und angemessen, das Mittagessen zu übergehen und dann den ganzen Nachmittag zu verschlafen. Die Exaltation seiner Frau, besonders ihr Schreien und Davonlaufen, das Gelächter seiner Kinder hinter der Tür, alles war ganz natürlich. Er erhob sich lächelnd und sagte sich, daß das Problem der vollkommenen Angemessenheit oder besser Kongruenz zwischen der inneren Welt und der äußeren Lebensführung für einen Menschen nie zu erreichen sei. Aus dieser Inkongruenz stammt überhaupt alle Denkbarkeit, alle Sichtbarkeit, alle Wahrnehmbarkeit, und das bildet den Grund für die Tatsache, daß jeder, auch noch so ehrwürdige Mensch, bei genauem Zusehen eine komische Figur sei. Lachend dehnte er die Arme über sich und sagte laut: »Aber deswegen ziehen wir die Hand nicht vom Pfluge zurück!« Dann öffnete er die Vorhänge an allen Fenstern, auch an der Balkontür, daß das volle Licht der geneigten Sonne ins Zimmer strömte, horchte ins stille Haus hinaus und trat dann an den Schreibtisch, um sich noch einen Augenblick in das Orientierungsblatt, die Zeichnung der drei geometrischen Figuren, zu vertiefen. Befriedigt legte er sie weg. O nein, der Erfolg war unleugbar. Seit Wochen hatte er sich wieder in die Hand bekommen und war nicht mehr der Tummelplatz ewiger Unruhe, des Schreckens, grausigen Schmerzes und einer lastenden Sorge. Er war einfach aus dem blutigen Kreis herausgetreten. So muß es sein, murmelte er, schloß den Schub des Schreibtisches und verließ das Haus an der hinteren Seite. Beim Niederschreiten von den wenigen Stufen, die in den Garten führten, umnebelte ihn wohl ein leichter Schwindelanfall. Ein floriges Schwimmen zog über sein Hirn und die über den schmalen Kiesweg geneigten Büsche verloren ihre deutlichen Umrisse und sahen wie eine grüne Wasserwoge aus, die lautlos auf den gelben Sand niederfloß. Der Professor legte seine kühle Hand auf die Stirn, faßte den Weg mit festen Schritten an und trat, schon wieder ganz frei und sicher, durch das kleine Pförtchen auf den Dorfweg, der am Ufer des Zackens entlang lief. Er hatte die Empfindung, seine Frau sehe ihm von dem Fenster ihres Zimmers nach. Aber er drehte sich nicht um, sondern erinnerte sich, daß Manja ja heute Nachmittag zu Besuch bei der Forstmeisterin sei. Also hatte ihn dies rätselhafte Gefühl des Betastetwerdens auf seinem Rücken wohl getäuscht, und es war nur »ein dislozierter, vagierender Gedanke der Unruhe, der sich dort in der Täuschung eines sinnlichen Reizes manifestierte.« Mit einem merkwürdig von innen spürenden Blick, halb schon zum Weiterschreiten gewendet, betrachtete er das rote, hohe Ziegeldach der Forstmeisterei, das sich neben seiner Villa zwischen den weitästigen Kronen alter Laubbäume sehen ließ und blitzartig grell stand die Erinnerung an einen Vorgang vor seinem Geiste, der ein halbes Jahr zurücklag. Es war ein harter Vormittag gewesen mit unbarmherzig klarer, winterlicher Frostsonne. Bäume und Sträucher ein einziges weißes Wogen. Die Schritte der Fußgänger knirschten, unter den Kufen der Schlitten drang ein hohes Wimmern hervor und zog verhauchend hinter den Gefährten her. Am Fenster seines wohldurchwärmten Schlafzimmers stehend, hatte er in diesen neu beschneiten, bitterkalten Dezembertag hinausgesehen und nach einer Weile den alten Käse, den Allerweltsbastler von Johnsbach, bemerkt, der in den Häusern der Begüterten und bei den sommerlichen Erholungsgästen des Ortes das Amt eines Dienstmannes versah. Mit einem kleinen Schlitten, den er behutsam hinter sich herzog, wand er sich aus der hinteren Tür des forstmeisterlichen Gartens auf den Weg, schloß das Pförtchen, daß die Haspe laut klirrte, trat an das Schlittlein und betastete umständlich die Stricke, mit denen eine breite, flache Holzkiste darauf festgebunden war. Dann trottete er mit seinem rührigen Zuckeltrab den Zackenweg weiter wasserab, warf, bei Weitfelds Gartentürchen angekommen, einen Blick auf des Professors Haus, als habe er ein Anliegen, hielt sich aber kaum einen verlangsamten Schritt auf und ging dann geschäftig fürbaß. Durch irgendeine rätselhafte Wendung seines Innern war damals dem Professor dieses Betragen des Alten seltsam vorgekommen und wie auf der Lauer liegend, hatte er nun erst recht Posto gefaßt, um zu beobachten, was weiter geschehen werde. Nach Verlauf von kaum zehn Minuten war seine Frau in leidenschaftlicher Aufgeregtheit aus demselben hinteren Gartenpförtchen der forstmeisterlichen Besitzung getreten, durch die eben der alte Dienstmann Käse davongegangen war, hatte den Zackenweg hinuntergesehen, als luge sie dem hurtigen Greislein nach und dann, in ein übermütig wirbelndes Rennen verfallend, war sie förmlich durch den Garten in ihr Haus zurück geflogen, als sei sie ein toller Backfisch und nicht die seit zehn Jahren verheiratete Frau des Universitätsprofessors Josef Weitfeld. Auf der Stelle des weißbeschneiten Zackenweges aber, wo Käse gestutzt und an der seine Frau einen Augenblick hinter dem davongefahrenen Manne dreingeschaut hatte, dem Pförtchen gerade gegenüber, ließ sich eine kleine Weile darnach mit klammem, mißmutigem Flug eine Krähe nieder, blies ihre Federn zu einer grauschwarzen Kugel auf und äugte mit schiefem Kopfe bald auf die eine, bald auf die andere Seite nach Nahrung aus. Die Erinnerung an diesen Vorfall bemächtigte sich des Professors blitzartig aus dem Hinterhalt und war mit einer so drohenden Wichtigkeit geladen, daß er kopfschüttelnd weiterging und sich vergeblich fragte, was das für einen Sinn habe. Alls er an der ersten Brücke über den Zacken angelangt war, blieb er grübelnd stehen und die Vermutung fiel ihn an, daß dieser Vorgang möglicherweise der rätselhafte Grund sei, weswegen ihm heute vormittag bei dem Gespräche zwischen seiner Frau und der Forstmeisterin die Krähe auf dem Düngerhaufen weit draußen im Felde so merkwürdig erschienen sei. »Das können wir ja gleich sehen, was dahinter steckt,« sagte er zu sich und warf einen Blick über die Brücke, auf der, vom andern Ufer her, eben ein etwa zehnjähriges Mädchen auftauchte und auf ihn zukam. Das Kind, wohl aus einem ärmlichen Hause stammend, hing schlank und welk wie ein lebendiges Leichlein in dem geflickten kurzen Röckchen und als sie bei ihm stand und seine Frage gehört hatte, ob nicht hier herum der alte Käse wohne, gab sie ihm mit einer so leisen, fröstelnden Stimme den gewünschten Bescheid, indem sie mit der ausgestreckten Hand über den Fluß in das Gewirr von kleinen Häusern wies, daß der Professor sein Herz in einer bitteren Klemme fühlte, weil er merkte, wie dies unschuldige Kind von den Folgen des Krieges ausgemergelt war. Deswegen setzte sich der überwüchsige, lange Körper Weitfelds nicht, wie es sonst seine Gewohnheit war, mit einem zerstreuten Nicken des Kopfes, ohne Dank und Gruß in der angegebenen Richtung in Bewegung, sondern er zog den ausgestreckten Arm des Kindes herab, drückte ihm zwei Zehnpfenniger in die Hand und sagte mit ausdrucksvoller Stimme dabei die ersten beiden Verszeilen seiner Befestigung: »Durch die Speise neu entzündet führt es uns zu neuer Wandlung,« nickte ihr noch einmal bedeutsam zu und schritt dann über die Brücke, ohne sich um die Verblüffung des Mädchens zu kümmern, das bald dem hageren, langen Manne mit dem leicht tauchenden Oberkörper nachsehend, bald die beiden schwärzlichen Geldstücke betrachtend, eine leichte Lustigkeit ins Gesicht kriegte und dann lachend und singend den Weg am Flüßlein hinuntersprang. Weitfeld ging das Gewirr der Hühnersteige zwischen den kleinen Häusern in umfriedeten Gärten hin, wich aus, wo es gar nichts auszuweichen gab, sah sich aufmerksam um, wo nichts Merkwürdiges zu sehen war, lächelte fremde Gesichter gewinnend an, maß gleichgültige Menschen mit drohenden Augen und hatte immerfort die Empfindung wieder näher an seinem wunden Herzen, daß er die Hand aus einem zermalmenden Getriebe ziehen müsse, das um ihn raste und mit tausend eisernen Zahnrädern nach ihm schnappte. Endlich stand er vor dem Häuschen Käses, das wie eine große Schildkröte, breit und grau im Grün kauerte, wie die anderen Anwesen auch, mit altersschwachen Schindeln gedeckt, und nur einer Reihe Fenstern, kaum linderhoch über der Erde. Als er über das kleine Vorplätzchen schritt, das nicht größer war als eine ausgebreitete Reisedecke, dachte er: Wenn ich aber nicht will, bleibe ich heil trotz allem Unheil. Mit diesem Huschen im Kopf trat er schon in die einzige große Stube des Hauses, die, sehr geräumig, sehr niedrig und peinlichst sauber, ganz im grünen Dämmern der umbuschten Fenster lag. Der alte Käse, wohl eben von einem Gange zurückgekehrt, saß an dem weißgescheuerten riesigen Tisch, strich sich mit der einen Hand den Schweiß von der Stirn, mit der andern langte er in die Hosentasche nach seinem Geldbeutel, um seinen Tageserlös zu überzählen. Die grüne Tellermütze mit dem messingenen Dienstschild hatte er auf dem Tischblatt hingeschoben. Als der eintretende Professor in der Tür erschien, die aufstand, zog er die Hand, die nach dem Beutel fahren wollte, zurück, langte nach der Mütze, seiner Amtstracht, rückte an seinem schon recht eingehutzelten Körper, als wolle er sich erheben, und noch ehe Weitfeld gegrüßt hatte, sagte er mit einem dienstwilligen Lächeln: »Scheen gun Amd auch und was wär gefällig, mein Herr, wenn ich fragen dürfte?« Aber nun erkannte er den Eintretenden erst und fügte schnell hinzu: »Ach, Sie seins, Herr Professor?« »Ja,« antwortete Weitfeld, »ganz recht. Ich bin's,« und trat an den Tisch, den kleinen Käse achtsam beäugend, der wie ein graues Menschenhäufchen auf seinem Stuhle hockte. »Sie sind der Dienstmann Käse, nicht wahr? Ja. Ich seh's. Ganz recht. Wenn ich nun zu Ihnen komme, so ist es eigentlich nicht notwendig, daß ich zu Ihnen komme, weil es in einem Gedicht treffend heißt: ›Niemals darf in eignen Grenzen fangen sich des Menschen Streben.‹ Allein Sie haben vorigen Winter vor Weihnachten für meine Frau ein Paket nach Berlin auf die Post gebracht. Von Forstmeisters aus. Nicht wahr?« Der alte Dienstmann war verblüfft. »Hmm. Wie meinen Sie? Ganz recht. Ein Paket. Nee, nee. Das stimmt. Vor Weihnachten. Nu freilich. Gell ja, Mutter, vor Weihnachten war's, wo ich das Bild ... Das is meine Frau.« Frau Käse, auch klein, greisig, aber noch rundlich und rührig, war während des Gestammels ihres Mannes in der Stubentür erschienen und trat nun neben den Professor an den Tisch. Es begann sogleich zwischen dem alten Ehepaar ein langer Austausch von unwichtigen Nebensächlichkeiten, nur aus dem Grunde, weil beide befürchteten, die ganze Angelegenheit berge in irgendeiner Falte eine Gefahr oder wenigstens einen Nachteil für sie. Weitfeld hörte eine Weile schweigend zu. Dann griff er in die Tasche, legte einen Fünfziger auf den Tisch und sagte bestimmt: »Schon gut. Ich danke. Meine Frau hatte dazumal kein Kleingeld. Es waren noch fünfzig Pfennig Rest geblieben. Hier sind sie.« Beim Anblick des Geldes ging ein Erhellen über das Gesicht des alten Dienstmanns. »Nee nee, wenns aso is, da, of deutsch gesagt, Herr Professor, da stimmt alles. Freilich, freilich.« Mit diesen Worten nahm er das Geld geruhig unter seine Hand. Weitfeld schloß die Augen und kehrte sein plötzlich blaßgewordenes, leidendes Gesicht gegen die Decke. Dann murmelte er: »Die Krähe.« »Was sagten Sie?« fragte Frau Käse, die erstaunt sein seltsames Betragen betrachtete. Aber Weitfeld hatte sich schon wieder in der Hand. »Die Sache stimmt also,« sagte er gramvoll. »Sie haben die fünfzig Pfennige für das Bild bekommen. Guten Abend.« Er machte kehrt, bückte seinen langen Körper unter der niedrigen Tür und verschwand mit seinem tauchenden Gange im Gebüsch der Hühnersteige nach der Zackenbrücke zu. Der alte Käse hatte sich erhoben und sah dem Davongehenden vom Fenster aus nach. »Studiert is nich gut und überstudiert schon gar nich,« sagte er und kraute sich dabei am Hinterkopf. »Das is ein Pferd mit fünf Beinen, Mutter, der Professor aus Berlin,« setzte er, sich umdrehend, seine Bedenklichkeit fort. »Was geht denn das dich an, he?« fragte seine Ehehälfte abweisend. »Nee, nee, Mutter, ich zerbrech' mir auch den Kopp nich. Aber, verstehst du, bei mir stimmte es doch mit der Frau auf den Pfennig und nu kommt der Herr, legt mir 'nen Fünfziger her und macht sich wieder naus und zu alledem verführt er Reden und macht Augen, als wenn er reen een Rauchfang im Leibe hatte.« »Ach Käse, das geht dich doch gar nichts an,« erwiderte die Frau. »Es is Krieg. Es geht draußen drüber und drunter, in jedem Dorfe und in jedem Koppe. Du bist Dienstmann und wenn dir jemand mehr gibt, da nimmst du's und hältst's Maul.« »Nu nee. Freilich nich. Werd ich nich. Ha! Was der Professor und seine Frau mit'nander haben, geht mich nichts an. Nee, nee. Da hast du recht, Mutter. Freilich nich.« Immer so mehr in sich hineingrummelnd, als zu seiner Frau sprechend, die auch schon gar nicht mehr nach ihm hinhörte, hatte sich der Alte über die Stube getrödelt. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um und sagte: »Nee, nee, Mutter. Wenn der Putz von der Kirche fällt, so geht das den Glöckner nichts an. Weeß ich alleene.« Auflachend trat er aus dem Hause, lehnte sich über den Zaun und schaute nach dem Professor aus, den er eben über die Zackenbrücke gehen sah, den Kopf so geneigt, als sei die niedrige Balkendecke noch immer über ihm. 4 Der Abend war indessen weiter vorgerückt. Das Riesengebirge, dieser wohlklingende, hohe, schöngeschwungene Zug von Bergen, lag in windstillem Lichte, das voll einer milden Verhülltheit und zugleich einer kränklichen Grelle war, einer Grelle, die man wie das sich nahende Fieber einer offenen Wunde nicht mit den Augen wahrnahm, sondern mit dem inneren Schauen empfand. Da und dort über den klaren Himmel verstreut standen opaleszierende Rundwolken in vollkommener Regungslosigkeit von schwachem Erröten überhaucht wie aufgeschreckte ratlose Gesichter, aus bösem Traum emporgefahren. Das Gebirge aber wechselte wie aus innerem Antriebe seine Farben, bald rauchgrau überhaucht, bald tiefblau versunken, bald von stumpfem Rot überlaufen, so daß es seine Festigkeit verlor, zu verschwinden, aufzutauchen und dann wieder unaufhaltsam fortzuströmen schien. Weitfeld blieb auf seinem Wege einigemal stehen, wandte sich um und versank in die Empfindung dieser lautlosen Weltallsunrast der Höhe, schüttelte den Kopf und ging dann, wieder im Bohren sich nur vor die Füße sehend, weiter. »Seltsam,« murmelte er, »höchst seltsam.« Und dann sann er eine Strophe aus einer Befestigung: Das Geschaffne sei geschaffen abermals in unserm Geiste. Damit trat er in einer Bewegung, die ebenso rastlos und gespenstisch wie die am Himmel in seiner Tiefe vor sich ging, von der Mitte des Weges an den Zacken, bog sich über das Geländer und starrte mit den zerflossenen Augen eines innerlich Aufgelösten auf das Wasser, das in leisen Wellen glänzend vorbeizog. Ein feldgrauer Soldat, dessen eines Bein verkürzt und dessen andres steif war, schleppte sich an zwei Stöcken mühselig vorbei. Weil er den vornehmen Herrn so angestrengt auf das Wasser hinunterschauen sah, humpelte er auch heran, um herauszukriegen, was es denn Merkwürdiges da gebe. Als er eine Weile hinuntergeschaut hatte, bekam er solche Stiche in sein zweimal zerschossenes Bein, daß er leicht aufstöhnte. Da fuhr Weitfeld herum, sah sein schmerzverzogenes Antlitz und erbleichte, faßte sich aber und fragte gütig und sanft: »Sagen Sie mal, hören Sie auch das eigentümliche, dumpfe Rumpeln von Wellen? Es muß da unterirdisch sich ein Wasser in den Zacken ergießen. Denn solche Ströme unter der Oberfläche gibt es, die zudem oft stärker sind als die oberen, in die sie münden, die unsere Mühlen treiben und so und allen Krimskrams.« Die letzten Worte hatte er schon wieder ganz für sich, ganz im Dunkel seiner inneren Aufgestörtheit gesprochen. Der Soldat musterte ihn mit einem kritischen Blick, ruckte die Achseln, spuckte ins Wasser und sagte gleichgültig: »Ach nu.« Weitfeld stierte gespannt auf die Wellen, fuhr nach einer ganzen Weile herum und fragte: »Wie? – Und zu sehen ist doch nichts, rein nichts. Wenn man auch noch so genau aufpaßt. Kein Mensch bemerkt doch eigentlich etwas Verdächtiges. Seltsam, höchst seltsam, seltsam.« Ohne auf den Soldaten weiter zu achten, ging er, den Kopf gesenkt, auf- und abtauchend weiter. »He, Kamrad, he!« rief ihm der Feldgraue jetzt nach. Der Professor blieb stehen und schaute vollkommen abwesenden Gesichts zurück. »Gelt, Sie sind verschüttet gewesen?« fragte der Soldat und bemühte sich, eilig heranzuhumpeln. Weitfeld, der vor Selbstbesessenheit die Worte des Feldgrauen nicht verstand, schüttelte den Kopf, winkte mit der Hand ab und ging, sofort wieder seinen Schluchten verfallend, weiter. »Manja, meine Frau ... es hat mich offenbar alles nichts genutzt ... ja ... meine Frau ... haha... ich weiß es ... natürlich ... so und auch nicht ...« murmelte er lautlos vor sich hin. Da trat er in eine kurze Straße, die sanft bergan stieg. Nach wenigen Minuten stand er vor der Villa des pensionierten Konsuls Griepenstein. Als er in den kleinen Garten trat, sah er den sechsundsiebzigjährigen Greis in weit zurückliegender Haltung auf einem Stuhl sitzen und voll seliger Verlorenheit in die Krone des Ahornbaumes hinaufstarren, auf deren oberster Spitze eine Schwarzamsel in das Glühen des roten Abends flötete. Sein Gesicht war von einem kurz gehaltenen, völlig weißen Bart eingerahmt und trug weit vorgeschrittene Merkmale seniler Kindhaftigkeit. Mit der Spitze des rechten Fußes gab er den Takt zum Vogelliede und mit den Fingern beider Hände trommelte er auf dem Eisenblechblatt des Gartentischchens, das vor ihm stand, einen Militärmarsch. Weitfeld war vorsichtig durch das Türchen eingetreten, warf einen Blick auf den entrückten Greis, der gerade hellauf lachte und lief dann mit den Augen überall umher. Als er die Tochter Griepensteins nicht gewahrte, wollte er sich schon wieder zurückziehen. Aber beim Umstellen seiner Füße knirschte der Sand. Da fuhr der Konsul auf, sah den etwas verdutzten Professor und kam ihm mit ausgebreiteten Armen stürmisch entgegen. »Ach. Hoho, welche Überraschung? Gehorsamster, allergehorsamster Diener, lieber, lieber Herr Professor!« sprudelte er überstürzt. »Scharmant, scharmant! Hören Sie doch bloß die lieben Vögelchen. Die wissen's. Die haben's gespürt. Gott, ich sitze schon eine halbe Stunde, lasse den Himmel über mir musizieren und denke an mein liebes Vaterland. Im roten Abendgold ... im roten Abendgold ... im roten ... ja ...« Weitfeld kam so zu keinem Laut, wurde von dem lebhaften Greis an das Tischchen geführt und auf einen Stuhl gedrückt. Das war nun anders, wie er es erwartet hatte. Der Greis achtete nicht im mindesten auf den Zustand des Professors, sondern begann sofort eine endlose, äußerst erregte Auseinandersetzung mit sich selbst über die Nöte und das Glück Deutschlands, besonders das gegenwärtige Glück und die Attacke in die Sonne, die hoffentlich alle halben und ganzen Waschlappen auf immer abtut, »evident mitten entzweireißt, auf Nimmerwiederzusammenflicken.« Dann machte sich der alte Soldat ingrimmig über den Fürsten Lichnowsky her, der gerade mit der Veröffentlichung über seine Londoner Gesandtentätigkeit den Mittelmächten so arge Verlegenheit bereitet hatte, nannte ihn einen diplomatischen Säugling, sprang von dem Grafen Beer mitten in die Strategie Clausewitzens, Moltkes und Schlieffens und plätscherte hier eine Weile zwischen veralteten Zitaten und Lehren umher. Zwischendurch unterbrach er sich immer, berührte Weitfelds Arm, lächelte ihn von untenher mit spitzbübischer Kindlichkeit an und fragte: »Nicht? Hab' ich nicht recht? Oder sind Sie anderer Meinung, sagen Sie es ruhig. Wer so alt wie ich geworden ist, der kann so leicht nicht umgeblasen werden, hahaha! Nein. Also, wie ich eben sagte ...« und dann ging es in der alten Art wieder weiter. Der Professor saß ganz still, sah durch das Geblätter der Bäume den Himmel sich immer tiefer entzünden, fühlte sich bald wie schlafend und dachte: wenn doch bloß diese Malva käme, damit es sich entscheidet – der vermaledeite Griepenstein, der Idiot, ist die reine Salzsäure. »Hab' ich nicht recht, Herr Professor?« fragte der Konsul eben wieder. »Ja,« antwortete zur Verblüffung des Greises Weitfeld endlich, sah ihn gütig an und dachte, jetzt hab' ich's satt. Laut setzte er fort: »Vollkommen Ihrer Meinung, Herr Konsul. Es ist, wie Sie soeben richtig bewiesen haben, durchaus dasselbe, wenn ein Wahnsinniger schlägt, als wenn er von einem andern Wahnsinnigen geschlagen wird.« »Erlauben Sie gütigst, Verehrter. Sie müssen sich verhört haben. Ich sprach eben von den Vorteilen der verkehrten Front,« warf Griepenstein ein. »Eben deswegen. Und ich wandte nur das Faktum der Verkehrtheit auf ein anderes Gebiet an.« Dem Konsul stand der Mund auf und ratlos lächelnd sagte er: »Ach so. Hmhm. Bitte sagen Sie es noch mal, Verehrter.« Weitfeld aber saß schon wieder still mit unbeweglich gramvollem Gesicht, so, als hätte er sich noch nicht an Griepensteins eigner Unterhaltung beteiligt. Nach einigen Augenblicken jedoch fühlte er, daß der Greis zu ihm gesprochen habe und sagte: »Recht gern, Herr Konsul. Sie wissen doch auch von dem perpetuierlichen Phänomen der seltsamen Bewußtseinsakustik gegen alle Laute des Schicksals. Trotzdem es allen denkenden Menschen bekannt ist, daß alle geistige Apperzeption nur ein Perfektum, nie, niemals ein Präsens ist, so überrascht es den Menschen doch immer aufs neue, und zwar nicht immer angenehm, das Schicksal erst wahrzunehmen, wenn es schon geschehen ist. Und wenn wir uns zur Wehr setzen, mein verehrter Krieger, so bekämpfen wir nicht ein gegenwärtiges Übel, sondern nur die Folgen eines schon vergangenen.« Der Professor war, wahrend er dies sprach, aufgestanden, denn er hörte Schritte im Garten herkommen. »Ja, ja. So ist die Sache, lieber Herr Konsul,« sagte er leise und klopfte ihn lachend auf die Schulter. Griepenstein blieb zusammengekauert und fragte stotternd: »Da meinen Sie, wir wüßten nicht, worum wir kämpfen. Oder wie? Ich versteh Sie nicht.« In diesem Augenblick trat Fräulein Griepenstein aus dem Gebüsch. Weitfeld überhörte des Konsuls Bedenklichkeiten. »Ah, da ist ja Fräulein Malva!« rief er aus. »Guten Tag, Fräulein Griepenstein. Sie sehen ja ganz glühend aus. Sie kommen gewiß vom Malen. Ich kenne das von Manja. Ihr Gesicht ist dann auch immer, als sähe sie ins Abendrot,« und er ging ihr rasch entgegen. »Guten Abend, Herr Professor,« sagte das alte Mädchen etwas schleppend. »Sehr angenehm, daß Sie uns mal besuchen. Ja. Malt Ihre Manja auch wieder mehr?« In diesem Augenblick fuhr der alte Konsul, der bisher grübelnd dagesessen hatte, mit großer Entrüstung auf, zog seine Tochter zur Seite und flüsterte ihr ins Ohr: »Du, der Professor ist übergeschnappt.« Dann kehrte er sich zu Weitfeld, machte lächelnd einen tiefen Diener, winkte devot mit der Hand und sagte äußerst liebenswürdig: »Ergebenster Diener, verehrter Herr Professor!« Darauf verschwand er im Gebüsch, von wo bald darauf sein lautes Gelächter erscholl. »Ja, mein Vater ist heute geradezu ausgelassen wegen der beispiellos großartigen Westoffensive,« sagte Malva Griepenstein, ihm nachsehend. »Er ist ordentlich jung geworden.« »Da haben Sie recht, Fräulein, richtig jugendlich.« »Nicht? Und dann ist er immer dankbar, wenn er sich zu jemand aussprechen kann. Denn ist er lange allein, spürt man's, daß ihm Egons Tod doch noch recht zu schaffen macht.« Die Malerin lenkte, während sie in ihrer mehligen Art so sprach, ihre langsamen Schritte gegen den Gartenausgang, weil sie der Meinung war, Weitfeld wollte wieder nach Hause. Der Professor folgte ihr, immer einen halben Schritt zurückbleibend, sah mit blassem Gesicht zu Boden und stach bei jedem der Schritte genau um die Sohle seines Stiefels mit dem Stock einige Löcher in den Sand. »Wo ist Ihr Bruder gefallen?« fragte er halblaut, ohne den Kopf zu erheben. »Bei Baranowitschi als Batteriechef,« antwortete die Malerin. »Ja. Eine glänzende Zukunft ... und nun? Wenn es nur Mutter nicht so geworfen hätte, möchte es noch hingehen.« Sie standen vor dem Ausgangspförtchen. Der Professor hob jetzt sein Gesicht und fixierte Malva Griepenstein so scharf, daß sie, nach ihrer Gewohnheit, den großen immer speichelnden Mund schloß und mit ihren etwas geröteten wimperlosen Äugen neckisch blinzelte. »Was wollten Sie sagen, Herr Professor?« fragte sie süß, weil er noch immer in ihr Gesicht starrte. »Ich bin nämlich deswegen nicht hierhergekommen,« sagte Weitfeld endlich leise und erblaßte unter schwachem Zucken seines Gesichts noch mehr. »Nicht? Ich dachte, Ihnen wäre vor patriotischer Freude auch das Haus zu eng geworden, und Sie hätten mit dem Freunde Ihres Vaters ...« Weitfeld unterbrach sie fast rauh. »Nein,« sagte er, »ich bin wegen Ihnen gekommen und nun Sie da sind, werfen Sie mich auf diese geräuschlose Art sofort wieder auf die Straße,« und lachte. »Ach nein, Sie scherzen, Verehrter,« erwiderte das alte Fräulein errötend, »und dabei sagen Sie die Bosheit noch mit so todernstem Gesicht. Also bitte, sagen Sie mir ...« Während Malva das etwas überstürzt sprach, schloß sie das Pförtchen und ging schnell in den Garten zurück. Weitfeld folgte ihr. »Ganz und gar keine Malicen, liebes Fräulein«, sagte er hinter ihr her.»Nein, wenn die Berliner Ihre Bilder bewundern, so ist es doch keine Bosheit, wenn ich als Johnsbacher sie auch mal sehen will.« Jetzt blühte Malva auf. Ihre schlaffe Art verschwand. Sie ging elastisch dem Hausaufgang zu: »Ach, ich wußte gar nicht, wie reizend Sie sein können, und da sagt Manja immer, Sie scherten sich gar nicht um ihre Malerei. Sie gestatten, daß ich Ihnen vorangehe. Wir müssen schnell machen. Es ist gerade gutes Licht. Bitte, hier, Herr Weitfeld!« Eifrig ging Malva voraus. Die letzten Worte sprach sie etwas gedämpft und schlüpfte dann auf den Zehen in ihr großes Malzimmer, eilte dort geräuschlos zur Tür ins nächste Zimmer und schloß sie vorsichtig. »So,« sagte sie dann aufatmend, »Mutter sitzt nebenan im Lehnstuhl und gegen Abend schläft sie immer eine Stunde.« Weitfeld legte Hut und Stock auf den Tisch und nahm auf einem Stuhl unter verstehendem Nicken Platz, während Malva Griepenstein die Staffelei mit dem großen Bilde aus der Abendglut rückte. Es war eine Parklandschaft bei Mondenlicht, im Hintergrund mit den schattenhaften Massen eines Schlosses, aus dessen Fenstern Klümpchen roten Lichtes stachen, im Ganzen ein aufdringlicher, fetter Schinken. »Offen gestanden, Manja schätzt Sie ja sehr, Fräulein Malva, wie Sie selbst wissen,« sagte Weitfeld, und trat bald näher zu dem Bilde, bald fixierte er es, scheinbar scharf, aus der Ferne. Dabei sprach er gedämpft, gemessen und verbindlich. »Ja, wirklich famos, die verschwimmenden Baumkronen, die der Wind peitscht. Ja, was ich sagen wollte, Manja schätzt Sie doch sehr. Allein sie meint, wenn Sie ihre breite Malweise zugunsten eines präziseren, zusammengefaßteren Striches aufgeben würden, so würden sich Ihre Erfolge noch steigern.« Er nahm den Kneifer ab und sah scharf zu ihr hinüber. Was er erwartet hatte, trat ein. Sie erbleichte und brach leise in höhnisches Lachen aus. Denn seit sie Erfolge hatte, war die sonst so gleichmütige, fast indolente alte Jungfrau äußerst verletzlich geworden. Sie hielt ihre Bilder für Kunstwerke und behauptete, nur an erste Kenner zu verkaufen, obwohl durch Vermittlung betriebsamer Menschen, die neuen Reichen der Hauptstadt, die Kriegsgewinnler, allein ihre Abnehmerwaren. Über Ausstellungen rümpfte sie die Nase und fuhr fort, pompöse, bunte, romanhafte Landschaften zu malen. »Ja, Manja, Ihre liebe Frau. Hahaha!« lachte sie beißend. »Da soll sie nur ihre Bilder mal vor richtige Kenner bringen und sie wird sehen, wer recht hat.« »Eben deswegen, liebes Fräulein, bin ich hergekommen, um mir aus eigener Anschauung ein Urteil zu bilden. Ich finde Ihren Strich frisch, fast von furioser Leidenschaftlichkeit. So, daß man meint, ein anderes Wesen habe dieses Bild gemalt, nicht Sie, diese liebe, sanfte Malva.« »Nicht? Und wie gefällt Ihnen das geisternde Mondlicht?« fragte sie geschmeichelt. »Sehr gut und wie reich nuanciert! Nein. Da hat Manja unrecht. Aber sie ist nicht zu bekehren von ihrer Art. Außerdem gibt sie ihre Bilder immer nur an Freunde, die ihr dann aus Artigkeit und Höflichkeit auch nur schaden.« Fräulein Griepenstein sah den Professor überrascht in das zerbohrte Gesicht, dessen Ausdruck immer leidender wurde. »Ich meine es wirklich so, wie ich es sage,« sprach er ihr ungläubiges Stutzen beantwortend. Dann nahm er wieder am Tische Platz und fuhr fort: »Sie müssen wissen, daß ich für ernstes, organisches Arbeiten bin, wenn Manja die Malerei nun schon als Hauptaufgabe ihres Lebens betrachtet.« Malva lachte boshaft. »Darf ich Ihnen offen meine Meinung sagen?« fragte sie dann und setzte sich ganz nahe zu ihm. »Ich bitte sogar darum,« antwortete der Professor, spürte, daß ihm der Schweiß auf die Stirn trat, und fuhr sich leicht mit dem Taschentuch übers Gesicht. »Sie haben vollkommen recht,« sagte Malva und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Dieser Anhang von Bekannten und Freunden mit ihrem Halleluja bei allem, was von Manja kommt, schadet ihr geradezu. Vor allem dieser Assessor Körten. Der Mann überschlug sich ja geradezu, als ich ihm zu Ostern auf dem Görlitzer Bahnhof das kleine Bild Manjas gab. Richtig wie unsinnig vor Glück war er. Ohne es nur gesehen zu haben, nannte er Manja und Liebermann und Klinger und Thoma und wer weiß wen, in einem Atem.« Während Malva das in großer Erregung redete, sah sie den Professor automatenhaft lächeln, trotz dieser Heiterkeit aber sein Gesicht immer gramvoller werden. Dann erhob er sich geräuschlos und steif. Fräulein Griepenstein sah, daß er in der Stube hingehen wollte, aber plötzlich wie gelähmt war. Dazu lachte er in einer solchen Lustigkeit auf, daß sich Malva an den Verdacht ihres Vaters erinnerte, der den Professor übergeschnappt gefunden hatte, und rief: »Gott, was ist Ihnen denn? Sie taumeln ja, Herr Professor!« In Angst steigerte sich ihre Stimme fast zum Schrei. Weitfeld streckte den Arm aus und tat ein paar taumelnde Schritte nach dem Ofen hin, fortwährend tapfer lachend. Aus dem Nebenzimmer erklangen kurze Schluchzlaute, wie das hohle Jappen eines abgetriebenen Jagdhundes: »hu – hu – hu – hu – hu.« »Was ist denn das?« fragte Weitfeld, der den Ofen erreicht hatte und sich daran lehnte. »Ach wissen Sie, das ist ja eben das Furchtbare. Sie ist gelähmt und seit Egons Tod nicht mehr bei Besinnung. Sobald sie erwacht, weint sie so machtlos und abgerissen Tag und Nacht um Egon. Aber was war Ihnen denn auf einmal?« »Es ist weiter nichts,« antwortete er erheiternd. »Ich vertrage die Kriegskost nicht und werde eben manchmal hungermatt. Aber nun ist schon alles wieder gut. Schade, daß wir in unserer Unterhaltung so gestört worden sind. Nein, ich gebe ihnen vollkommen recht in Ihrer Ansicht über meine Frau. Ich danke ihnen und werde auf Manja zu wirken suchen.« Während er sprach, jappte die arme Irre im Nebenzimmer fortwährend eintönig-schluchzend: »Hu – hu – hu – hu –« Der Professor nahm in sorgfältiger Achtsamkeit Stock und Hut an sich, horchte auf das Weinen der Greisin und ging mit gramvoller Mutlosigkeit auf dem Gesicht davon. 5 Auf dem Nachhausewege geriet der Professor in Gedanken auf die Felder nach Wernersdorf zu, flüchtete vor einem Trupp Kriegsblinder, die, von einer Schwester geleitet, ein Schullied singend, gegen den Heimsdorfer Bahnhof zu gingen, und kam, bis zur Erschöpfung abgetrieben, spät in der Nacht in seinem Hause an. Alles schlief schon. Ohne Licht anzuzünden, tappte er die Treppe zum oberen Stockwerk empor, suchte im Speisezimmer nach Eßbarem und verschlang gierig alles, was man ihm auf dem Tisch zurechtgestellt hatte. Alles das tat er in völliger Dunkelheit, weil er fürchtete, in der Helle den Sturm seiner leidenschaftlichen Gedanken und sich und seinen Zustand grell zu erkennen, was er vermeiden mußte, weil es seinem neugefundenen Lebensprinzip widersprach, sich von der Relativität scharfer, rein intellektueller Erkenntnisse leiten zu lassen. Er wollte alles von seiner letzten, göttlichen Instanz, von seiner Seele her, entscheiden lassen, nicht in Willkür handeln, sondern nur auf den unbeeinflußten Anstoß seines Schicksals hin wirken. Als er durch den Flur zu seinem Schlafzimmer ging, das neben seinem Arbeitszimmer lag, empfand er seinen Körper als eine dämmrige Lichtgarbe in der Finsternis und schloß aus diesem unbegreiflichen Phänomen, daß er mit dieser neuen, ihm selbst rätselhaften Wehrhaftigkeit auf dem rechten Wege sei. Während des Auskleidens überlegte er, daß die Verwirrung der meisten Menschen in ihrem Dasein an der Irritabilität durch sie selbst liege, daß zwar keiner auf Erden über seinen eigenen Schatten springen könne, die meisten aber darüber stolpern und zu Falle kommen. Der Schatten unseres Wesens aber sind unsere Gedanken über uns selbst. Ihnen ausweichen heißt, der Lebenszerstörung aus dem Wege gehen und jenseits aller Kurzschlüsse der Kausalität zur Einheit zu gelangen. Mit dieser neuen »Befestigung« stieg er, ins Bett, zog die Decke über sich und versank, ehe er sich zweimal gedreht hatte, in einen merkwürdigen Traum, der die ganze Nacht dauerte. Zuletzt erwachte er mit einem Schrei. Es war schon spät am Morgen. Die Sonne erfüllte sein ganzes Zimmer, und seine Kleider lagen so über die Diele zerstreut, als habe er sich gestern abend im Umhergehen ausgezogen und wo er stand, jedes einzelne Kleidungsstück achtlos zu Boden fallen lassen. »Hab' ich geträumt?« fragte sich der Professor und übersah, ungläubig den Kopf schüttelnd, den Unrat der Kleider, der sich über den Fußboden ausbreitete. » ... vielleicht schon ehe ich ins Bett stieg, während ich noch um den Tisch ging,« setzte er den Zweifel fort. Nein, das konnte nicht sein, denn er erinnerte sich noch scharf der neuen Befestigung seiner neuen Lebensansicht. Oder wenn das nicht der Fall war, so lagen tatsächlich seine Kleider wie immer wohlgeordnet auf dem Stuhl am Fußende des Bettes und das, was er da auf der Diele sah, war nur eine Einbildung. Er griff auf den Stuhl und fand, daß er leer sei. »Ja, mein Gott!« sagte er erregt und wollte aus dem Bett steigen, um sich zu überzeugen, ob das auch wirklich Kleider seien, was dort auf dem Fußboden lag. Aber merkwürdig. Er vermochte Arm und Bein nicht zu bewegen. Es war, als seien sie ihm weggehackt oder weggefahren worden. »Hab' ich das geträumt?« fragte er, an seiner Wahrnehmung wieder zweifelnd. Aber mit eins stand der ganze Traum bis in alle Einzelheiten grell vor seinen Augen, tauchte auf und war in der nächsten Sekunde wieder verschwunden. Die Folge dieses Vorganges bestand darin, daß er nun wirklich wie verstümmelt im Bett lag; starr und erschüttert. »Nein,« sagte er leise, »das war kein Traum, das war natürlich eine Wahrheit, die so verborgen ist, daß sie sich nicht anders als in rätselhaften Schlafbildern meinem Geiste zeigen konnte. – Und zeigte sich etwas, so muß während des Schlafes ein anderes in mir gesehen haben. Und ist sehen nicht waches Leben? Gut. So bedeutet also Schlaf nur eine andere Art wach sein und leben.« Und als er mit seinem erdfernen Bohren bis hierher gelangt war, fühlte er sich innerlich wieder in zwei Welten zerfallen wie im letzten Teil seines Traumes, an dem er ins Wachsein seines äußeren Blickes aufgeschreckt war. Und die Kleider auf der Diele erschienen ihm als ein unsinniger Rückstand seines Wesens, in den zurückzukriechen er sich nicht getraute. Er wickelte die Schlafdecke eng um sich, legte sich auf den Rücken und sah mit großen, verlorenen Augen lange zur Decke. »Hm,« murmelte er nach langer Weile. » Toxicatmicus . Na ja. Vielleicht. Toxicocolica . – Ist schon möglich, Toxicolog . Das wird's sein. Ja, ja.« Und er zog die rechte Hand unter der Decke vor und besah sie lange, wie das Glied eines ihm fremden Menschen, hinter dessen verborgenes Daseinsgeheimnis er gekommen war. »Aber, warum ist es gerade mir beschert, hinter das Gift des Lebens zu kommen?« fuhr er nun, aber nur in Gedanken fort und steckte die Hand wieder unter die Decke. In der Stube über sich hörte er seinen Buben und sein Mädchen eilfertig laufen, ungeduldig nach irgend etwas schreien, und hinter ihnen drein kamen lange mühselige Schritte, und eine tiefe, altersbrüchige Stimme redete beruhigend und ermahnend zugleich. Dann wirbelten die Kinder polternd die Treppe herab, riefen im Laufen: »Auf Wiedersehen, Therese!« und schlugen dann die Tür zu, daß das Haus zitterte. Draußen brachen sie in Gelächter aus, das sich wie ein neckischer Zwiegesang anhörte und dann, immer schwächer werdend, in der Ferne verschwand. »Auf jeden Fall,« damit setzte Weitfeld seine unterbrochenen Gedanken fort, »Gift ist da. Entweder in meinen Augen, in meinen Gedanken oder in dem Leben Manjas.« Davon wurde er so still, als sei er vor Entsetzen gestorben. Nicht mit einer Fiber wagte er sich zu rühren. Nach vielleicht einer Stunde, während welcher er fortwährend in diese verworrene Dunkelheit gestarrt hatte, riß er sich auf, schleuderte die Decke von sich und schrie, was sein Hals hielt: »Und ich soll in diese Narrenlumpen da kriechen, als ob nichts geschehen sei und wie ein Clown darin umherhüpfen? Ich, der Professor Weitfeld? – Das geschieht nicht! Bei meiner ewigen Seligkeit nicht!« Mit einem gellenden Hohngelächter sank er wieder um, zog die Decke über sich und lag, gespannt ins Haus lauschend, wieder totenstill wie vorher. Im oberen Stockwerk wurde eine Tür aufgerissen. Die Stimme der Frau Weitfeld rief überstürzt und ängstlich ein paar mal nach der alten Therese, ohne Antwort zu erhalten. Dann kam die Professorin fliegend die Treppe herabgelaufen, riß die Tür zu Weitfelds Schlafzimmer auf und rief: »Um Gottes willen, was ...« mußte wohl die Unordnung in der Stube erblickt haben, brach den Ausruf ab, drückte sich hinaus, wartete einen Augenblick auf der Schwelle und kam dann zögernd wieder herein. »Ja, sag' mal, ich hab' mich doch nicht getäuscht. Das war doch deine Stimme! Und hier, die Kleider? Was ist dir denn geschehen. Schnurr?« sagte sie mit einer leisen Überwindung in der Stimme, an der geschlossenen Tür stehen bleibend, deren Drücker sie in den Händen behielt. Weitfeld saß jetzt aufrecht im Bett, ließ die nackten, sehr mageren, sehr behaarten Beine heraushängen und sah aufmerksam an ihnen hinab, ohne zu antworten. »Ich bin einer Idiosynkrasie unterlegen,« sagte er endlich mit seiner alten Sanftmut. »Verzeihe, daß ich dich erschreckt habe.« Dann hob er den Kopf und sah nach ihr hin. »Du bist schon wieder im Malkittel,« sagte er darauf mit einer kaum merklichen Trauer. »Hmm. Hm. Ja, was man liebt, dem kann man nur durch Fleiß gerecht werden.« Darnach senkte er seinen Blick wieder auf die nackten Beine und wartete auf eine Entgegnung Manjas. Aber Frau Weitfeld war zu verblüfft, nach dem wilden Geschrei einen vollkommen ruhigen Menschen inmitten der Auflösung seiner über alles geliebten Ordnung in einer Art reden zu hören, als sitze er nicht im Hemd auf dem Bett, sondern tadellos angezogen am Tisch und gebe sich dem gesammelten Bestreben nach einer bedeutsamen Konversation hin. Deswegen schwieg sie ratlos, ließ die Hand vom Drücker sinken und trat einen fast unhörbaren Schritt tiefer in das Zimmer. Weitfeld saß immer noch gebeugt auf dem Bettrand, hielt aber nun die Augen geschlossen und wartete auf eine Entgegnung seiner Frau. Als Manja mit keinem Laut sich um die Weiterführung seiner Absicht bemühte, öffnete er die Lider einen Spalt, tat einen halben, verstohlenen Blick nach ihr hin und deutete ihren lautlosen Schritt in die Stube als Geneigtheit, das Gespräch weiter fortzuführen. Deswegen strich er mit beiden Händen an den blondbehaarten Unterschenkeln seiner Beine hinab und sagte: »Da das Gift, das Sokrates getrunken hatte, zu wirken anfing, begannen seine Beine zu erkalten. Er aber ermahnte seine Freunde, für ihn dem Gott einen Hahn zu opfern.« Er sprach ganz ruhig, mehr zu sich und lächelte, dabei gedankenvoll mit dem Kopfe nickend. Dann sah er seine Frau groß an. Sie war blaß geworden und starrte entsetzt auf ihn. Doch nur einen Augenblick dauerte ihre Schrecklähmung. Dann stürzte sie auf ihren Mann zu, rüttelte ihn an den Schultern und schrie in höchster Furcht: »Mann, um Gottes willen, was ist dir denn? Was hat's? Was soll das bedeuten?« Weitfeld sah sie, immer lächelnd, ruhig an und sprach: »Rege dich nicht auf, Manja. Geh und schließ die Türen. Wir müssen miteinander reden. Das, was wir gestern begonnen haben, ist fortzusetzen. Beruhige dich. Ich bin nicht Sokrates und ich habe nicht Schierling getrunken. Denn sonst hätte ich nicht vorhin geschrien.« Als Manja keine Anstalten traf, seiner Aufforderung nachzukommen, sondern ihn nur furchtsam, fast in einer Art Grauen, betrachtete, erhob sich der Professor, ging mit langen ruhigen Schritten an ihr vorbei, schloß die Türen, zog die Schlüssel ab, legte sie auf seinen Nachttisch und kehrte dann an seinen alten Platz auf dem Bettrand zurück. »Du kannst jeden Augenblick die Schlüssel nehmen, aufschließen und davongehen. Ich habe es nur getan, damit wir vor Störungen sicher sind. Denn du kennst die Art der alten Therese, unangemeldet in jedes Zimmer zu treten.– – Ich bitte, Manja, setz dich dort auf den Stuhl. Sei unbesorgt. Ich habe kein Gift genommen, das heißt realiter nicht und bin vollkommen meiner Sinne mächtig,« sagte er in seiner gewohnten langsamen Güte. Und da Manja noch immer unschlüssig stand, wiederholte er etwas dringender: »Ja, bitte, Manja.« Bei diesen fast kategorisch gesprochenen Worten vollführte Weitfeld mit den nackten Füßen eine Gebärde, wodurch er sonst mit seinen Händen einem bedeutsamen Wunsch Nachdruck verlieh. Er kehrte die Fußsohlen gegeneinander und paßte die gespreizten Zehen genau aneinander. Und machte jene Gebärde an dem großen Gelehrten einen lustigen Eindruck, so wirkte sie, nun von den Füßen nachgeahmt, mehr als komisch. Weitfeld, auf dem Bettrand sitzend, sah nicht anders wie ein bejahrter Affe aus, der in der Einöde seines Käfigs an einem eingebildeten Baumstamm den Gestus des Kletterns übt. Kaum hatte seine Frau das wahrgenommen, als sie, plötzlich aller Beklemmung über das unbegreifliche Gebaren ihres Mannes ledig, in das übermütigste Gelächter ausbrach und rief: »Das ist ja reinweg zum Piepen, Schnurr.« Weitfeld hob sein gramvolles Gesicht und fing mit melancholischem Erstaunen, vorwurfsvoll und gedehnt: »So, Manja, meinst du?« »Natürlich,« antwortete sie, entledigte sich ihres Malkittels, warf ihn im großen Bogen zu Weitfelds Kleidern auf die Diele und schloß: »Gewiß, wenn du die Unterredung so willst, zieh ich meine Sachen auch aus und wir machen Adam und Eva.« Damit trat sie ans Fenster, öffnete einen Flügel und ordnete sich ihre Frisur, um ihre Erregung zu meistern. Dem Professor fuhr als Entgegnung die Frage durch den Kopf: »Vor dem Sündenfall natürlich?« Aber er unterdrückte die Bosheit, stemmte die eingeknickte Rechte auf den Oberschenkel und wiederholte die alte Aufforderung: »Ich bitte, Manja, nimm Platz.« Trotz des nachsichtigen Lächelns trug das Gesicht des Professors den Zug verzweifelten Grames wieder tiefer, und Manja war es abermals etwas unheimlich. So zog sie sich einen Stuhl ans Fenster und mit höhnischer Feierlichkeit darauf Platz nehmend, sagte sie spöttisch: »Gott, ich sitze ja schon. Ist's so recht, Herr Professor?« Aber Weitfeld achtete schon nicht mehr auf seine Frau, faltete die Hände, legte sie auseinander, zog an den Fingern und hielt in angestrengtem Überlegen, auf welchem Wege er seiner Frau das beibringen solle, was zu sagen sei, den Kopf tief geneigt, daß seine Frau, trotz der Unsicherheit ihres Gemüts unwillig herausplatzend, rief: »Das ist ja geradezu zum Blödsinn kriegen. Ich versteh alles nicht, warum du brüllst, die Kleider in der Stube umherstreust und halbnackt auf dem Bettrand wie ein Fakir sitzt. Das ist ja richtig zum Wiehern. –Du. – Weitfeld!! – Um Gottes willen, warum hast du denn gestern abend Hut, Stock und Überzieher auf die Schwelle zum Speisezimmer gelegt?« Weitfeld unterbrach das Überlegen und fragte in ruhigem, fast sachlichem Erstaunen: »Ja, hab' ich das?« »Nicht bloß das. Stiefel und Strümpfe lagen auch auf der Treppe und zwar wie! So als seien sie dir im wilden Preschen von den Füßen gefallen, auf den untersten Stufen ein Stiefel, ein paar Stufen weiter ein Strumpf und so auf dem zweiten Podest ...« Weitfeld ließ sie nicht ausreden und sagte mit gramgefurchtem Gesicht und hohler Stimme: »Jaja, Manja, ich glaub's. Alles glaub' ich. Es ist auch gar nicht anders denkbar.« »Aber Mann! Ich wenigstens begreif das nicht!« Frau Weitfeld lehnte sich auf dem Stuhle zurück und bedeckte sich bei diesem schmerzvollen Ausruf die Augen mit der Hand. »Nein, das kannst du nicht. Deswegen habe ich dich auch zu mir gebeten. Das hängt – ich meine alles, was du geschildert hast – das hängt sicher mit dem Traum zusammen, in dem ich diese ganze Nacht gelegen habe. Ich will mich bemühen, ihn dir zu erzählen. Habe, bitte, Nachsicht mit mir. Also, ich will sehen, ob ich ihn wieder zusammenbringen kann. Ich befand mich in einem unabsehbar langen Eisenbahnzuge, der durch die mondhelle Nacht fuhr. Bei vollem Bewußtsein hockte ich zusammengeringelt, steif, durchfröstelt, in dumpfer Beklemmung, aber zugleich tief schlafend, in einem Abteil dritter Klasse. Um mich herum lagen viele andere Männer in derselben schwermütigen Daseinslethargie des Schlafes; aber sie waren nicht zu erkennen. Ich saß in meinem eigenen Schlaf wie in einem Glashaus, bemerkte alles an mir, in mir und in meiner Umgebung, war aber vollkommen gebunden.« »Merkwürdig,« sagte Frau Weitfeld. »Ja, es wird noch merkwürdiger,« stimmte der Professor mit einem Kopfnicken zu. »Dann und wann hörte ich einen der vielen Mitreisenden aus seinem Traum heraus stöhnen, einen andern inbrünstig rufen. Diesen unverständlich lallen, jenen lachen und dann einen gequält aufschreien. Dabei stampften die Räder in immergleichem Takt. Aus der Art der Geräusche konnte ich mir ein ungefähres Bild von der Beschaffenheit der Landschaft machen, durch die wir fuhren. Jetzt verlor sich das Brausen des Zuges leise in den Wetten einer großen Ebene, nun lärmte es tosend von Steinwänden zurück, nun verdunkelten es nahe Wälder zu einem gleichförmigen Gesang von Urweltsbässen, etwa wie wir es einst in der Alpensymphonie von Richard Strauß gehört haben. Weißt du, Manja, an jenem Abend in der Philharmonie?« »Ich erinnere mich. Aber wie war's weiter.« »Nein, ich meine jene Aufführung, wegen der ich damals mit Assessor Körten ...« »Haha, jaja. Ich weiß schon. Also. Es war wie ein gleichförmiger Gesang von Urweltsbässen. Ungeheuer interessant.« »Nein, verstehe wohl, Manja. Ich denke an die Aufführung, die Nickisch dirigierte und von der dieser Assessor...« »Aber natürlich. Ich weiß ja schon. Also, bitte, weiter. Wie von Urweltsbässen. Leiser, monotoner Gesang. Aus vollbelaubten, riesigen Kronen. Ich versteh.« Weitfeld saß gereckt da und sah auf seine Hände, die blaß auf den Oberschenkeln lagen, ausgestreckt, welk und zergrübelt. Sein Erzählen stockte und er rührte sich nicht. Als er dann mit einem Ruck den Kopf hob und Manja mit scharfem Blick fixierte, war die Farbe ihres Gesichtes um einen Ton blasser geworden und die Lider ihrer Augen hatten sich gesenkt, daß die blauen Sterne von den langen, weißblonden Wimpern verdeckt wurden. »Siehst du, Manja, so war's,« sagte er leise, mit gequälter Befriedigung in der Stimme. »Aber ich fahre in meiner Erzählung fort. Und dann klirrte die Fahrt auf eisernen Brücken schrill auf, knallte manchmal wie ein Kanonenschuß und ging dann wieder in ewig leeres Werkelgeräusch über. Wie das ja im Leben auch geschieht. Denn Träume spiegeln unser Dasein. Und mein Traum liegt wohl auch im Schatten meines Lebens. – Ich fuhr und fuhr und hatte die Empfindung, das daure schon Wochen, Monate und Jahre. Der Zug war endlos. Ein ganzes Volk lag schlafend in ihm verladen und wurde ins Ungewisse gefahren. In eine andere Welt. Über die Grenzen des Daseins hinaus.« Er unterbrach sich. Denn seine Frau saß, mit einer Falte in der Stirn, geneigten Hauptes und sah auf ihre verschränkten Hände, offenbar mit ihren Gedanken wo anders. »Manja,« sagte Weitfeld. »Ich erzähle meinen Traum.« »Ja, ja. Ich höre zu. Sprich nur weiter,« antwortete sie mit leisem Aufschrecken, hob den Kopf und sah ihn mit spöttischem Lächeln an. »Weißt du,« sprach Weitfeld weiter, »und wie ich so die ganze Fahrt erlebte, wach und schlafend zugleich, auf der harten Bank zusammengeringelt, fröstelnd, erkannte ich blitzartig, daß ich und wir alle in dem Zuge ins Chaos gefahren wurden. Und meine Beklemmung wuchs ins Unerträgliche. Endlich hielt ich es nicht mehr aus, sprang auf und bahnte mir einen Weg zum Fenster, über Rücken und Beine Schlafender und die Köpfe und Achseln Zusammengekrümmter schreitend. Dies mein Abschütteln der Lethargie, mein Auffahren aus einer alles verschlingenden Dumpfheit hatte sich wie ein Lauffeuer der Seele aller Insassen des endlosen Zuges bemächtigt. Soweit ich hören konnte, entstand in allen Wagen ein Getöse erwachender Menschen. Jeder wollte zuerst am Fenster sein. In stummem, verbissenem Drängen knäulte sich alles zusammen. Da – unvermutet brach in meinem Wagen ein erzenes Rasseln los, und nicht bloß die Fenster, nach denen sich alles hinschob, gingen herunter, sondern die ganze Wagenwand klappte mit einem so plötzlichem Ruck nach außen auf, daß die nach ihr drängenden Männer sich nicht mehr halten konnten, sondern langsam hinausfielen. Durch irgendein unseliges Gesetz des unseligen Zuges, dem durch nichts zu entrinnen war, gerieten die Abgestürzten unter die Räder, die sich mit fast perverser Wollust in die Menschenkörper einwühlten, da ein Bein, einen Arm, einen Kopf abtrennten, Leiber aufrissen, Körper mitten durchschnitten, kurz alle Art nur erdenklicher Verstümmelungen an den Menschen vornahmen. Indessen war auch die gegenüberliegende Wagenwand aufgeklappt, und während sich das Abteil in dieser gräßlichen Weise auf der einen Seite leerte, stiegen auf der anderen Seite im vollen Fahren immer neue Reisende ein, die Augen geschlossen, das Gesicht blaß und still, hypnotisierte oder kataleptische Männer gingen unaufhaltsamen, ergebenen Schrittes an mir vorüber und fielen wie die anderen unter die gefräßigen Räder. Wie in unserm Abteil, so geschah es in allen Kabinen des unendlich langen Zuges, und der Bahndamm, das Land neben ihm war besät mit blutenden, in Schmerzen zuckenden, todgeweihten Männern. Nein, die ganze Erde. Denn in allen Richtungen der Weite hörte man das Schnaufen und Stampfen fahrender Züge. Ich hatte mich bisher unter Aufbietung aller Kräfte an einem vorspringenden Balken halten können. Endlich, von Grausen über so viel Furchtbarkeit überwältigt, wurde auch ich schwach. Doch ich hätte mich immerhin noch eine Weile halten können. Aber einen der von der anderen Seite eingestiegenen Männer, einen gemästeten, blonden, unangenehm aussehenden Kerl, verließ auf dem Wege zu seinem sicheren Unglück die Schlafsucht. Er riß seine Augen auf und mich erblicken, einen wilden Schrei des Hasses ausstoßen und sich auf mich werfen war eins. Von dem Prall verlor ich den Halt und in Wut verknäult, denn ich wehrte mich verzweifelt, fielen wir hinaus und kamen wie die andern alle auch unter die Räder.« Der Professor hatte leiser und leiser gesprochen. Jetzt machte er, von der Erinnerung an die Situation seines Traumes überwältigt, eine Pause. Und seine Frau sagte, stier auf die Diele vor sich hinsehend: »Gräßlich ... pfui ... so was zu träumen!« Als sie aber den Kopf hob und nach ihrem Manne hinschaute, ging ihr Schauer in Schreck über. Denn Weitfeld saß nicht mehr. Er stand, am ganzen Leibe wie vor Frost zitternd und sah sie mit grauweißem Gesicht und starren, jedoch flackernden Augen unverwandt und bohrend an. Dabei wiederholte er fast tonlos ihre Worte: »Gräßlich – nicht wahr, Manja! Pfui, so was zu träumen! Aber so was leben ... wie nennt sich wohl das? – He, Manja?« Er machte den Eindruck eines Menschen, bei dem der Wahnsinn ausgebrochen ist und senkte, nachdem er die Frage beendet, ganz in der Art Irrer, die einen Anfall überstanden haben, den Kopf und schaute leer und schlaff auf seine nackten Füße. Frau Weitfeld erhob sich unhörbar und streckte die Hand nach den Schlüsseln auf dem Nachttischchen aus, um mit einem Sprung an ihm vorbei sich aus dem Zimmer zu retten. Weitfeld hob das Auge und sagte kalt: »Laß die Schlüssel liegen. – Ich rate es dir. – Wir sind noch nicht fertig.« Und als sie noch immer stand, fügte er ebenso hinzu: »Setz dich und höre weiter.« Dann, ohne sich um die Ausführung seines Befehles zu kümmern, sank er zum Sitz auf sein Bett nieder und begann sich wieder seine Unterschenkel zu reiben. Dabei sagte er unter höhnischem Auflachen: »Der Traum ist nämlich noch nicht zu Ende. Mußt du wissen ... hahahaha ...« Dann, innehaltend, redete er gebückt und überstürzt aus eingeengter Brust mit halber Stimme, so, als sei er ganz allein im Zimmer: »Durch Summierung der sichtbaren Verwicklungen ist immerhin eine geistig überschaubare, genaue Differenzierung der Vorgänge zwecks Einsicht in die lebendigen Tatsachenverhältnisse möglich. Da sich aber die intellektuelle Synthesis nie mit der Synthesis des Lebens deckt, bleibt letzte Klarzeit ein schmerzvolles Spiel bloßer Annäherungen.« Dann sprang er auf, rang die Hände und rief schmerzvoll bittend: »Manja! ... Manja! ... Manja!! ...« Frau Weitfeld brach in schluchzendes Weinen aus und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Der Professor sah ihre vollen, schönen Schultern beben und zwischen ihren Fingern quoll das goldgelbe Gelock der etwas in Unordnung geratenen Haare. Auf den Zehen trat er zu ihr, zog mit schonender Gewalt ihre Hände vom Gesichte und sagte, sie in den seinen haltend: »Ja, lieber Mensch, es geht um Tod und Leben mit uns.« Und da sie nicht antwortete, sondern mit gesenktem Gesicht lautlos fortweinte, ließ er langsam ihre Hände wieder seinem Griff entgleiten und fuhr, den Inhalt der Erschütterung und seinen Traum weiterführend, ruhig zu sprechen fort: »Weißt du, ich fiel vom Wagen und mir wurden von den Rädern Arm und Bein und Kopf abgefahren. So daß nur der Rumpf übrigblieb. Aber ich konnte doch nicht sterben, genau so nicht wie die andern Menschen, die gleich mir von den Rädern zermalmt worden waren. Der Zug fuhr weiter und ließ uns Verstümmelte liegen. Wir aber, als alles still war im Lande, erhoben uns und wie wir, eine endlose Kette Zerfetzter, dagelegen hatten, so begannen wir, eine endlose, schauerliche Prozession, durchs Land zu pilgern, dabei, je weiter wir vorrückten, bemächtigte sich unserer eine große Inbrunst, und ehe noch einer wußte, was dies Gefühl in ihm zu bedeuten habe, sangen alle begeistert: ›Deutschland, Deutschland über alles.‹ Ich, der am Ende des blutigen Zuges mich auf geheimnisvolle Weise, ohne Arme und Beine, fortbewegte, sang am lautesten von allen, trotzdem ich doch keinen Kopf hatte. Aber aus meinen blutleeren Adern, aus meinem wunden Herzen, meinen Gedärmen brauste und sang es. Jede zuckende Fiber meines entstellten Rumpfes hatte eine schrille aber hymnische Stimme. Noch jetzt im Wachen ist es mir, als fühlte ich in meinem Leibe den rhythmischen Nachhall jenes Traumliedes zittern. Es war das Furchtbarste, was ich je gehört habe, und als ich mich umdrehe, bemerke ich, daß ich doch nicht der letzte des Zuges bin. Denn hinter mir kam der blonde, gemästete Kerl, der mich aus dem Wagen gestoßen, mit mir unter die Räder gefallen und doch vollkommen heil geblieben war. Das Maul aufgerissen, daß der impertinente, aufgewichste Schnurrbart zitterte, sang er, wie wir Krüppel alle: ›Deutschland, Deutschland über alles.‹ Er sang es bacchantisch, mit tanzendem Gange, und die Frau, die, inbrünstig von ihm umschlungen, an seiner Seite ging, jubelte ebenso und jedesmal, wenn die Blicke der beiden auf mich armseligen Rumpf fielen, der nur mit seinen blutleeren Adern und seinem halbtoten, ausgepumpten Herzen singen konnte, brachen sie in schallendes Gelächter aus. Hahahaha! – Hahahaha ... haha ... und wie ich genauer hinsah, wer die Frau sei, die an der Seite Körtens – ja denke, der Kerl war niemand als der Assessor Körten ... an der Seite Körtens geht, armverschlungen, eins miteinander, vollkommen eins, wer diese Frau sei – – – erkannte ich dich ... – Manja! und erwachte vor Schrecken.« Der Professor hatte leiser und immer leiser gesprochen und war von der Eindringlichkeit seiner Erzählung mit dem Oberkörper seiner Frau entgegengeschoben worden und nun, da er am Ende, wie nach einem langen Lauf bergan, schweratmend schwieg und vorgereckten Halses, mit blassem, zusammengezogenem Gesicht und weit geöffneten Bohraugen, wie mit allen Fibern seines Wesens auf sie eindrang, sah er wie ein aus tiefem Schlafe Aufgeschreckter aus, der in finsterer Nacht bis ins Herz getroffen, etwas Furchtbarem sich gegenübersieht, das er nicht erkennt. In der Stube war es drückend still wie nach einem Knall. Frau Manja hatte mit dem leisen Schluchzen aufgehört und stierte, auch vorgebogenen Leibes, mit weiten Augen unverwandt auf einen Fleck der Diele. Dann nickte sie lautlos diesem Geheimnisvollen zu, worauf sie geschaut hatte, erhob sich unnatürlich leise und trat mit zugefallenen Augen ans Fenster. Sie stürzt sich hinaus, fuhr es Weitfeld, der lauernd alles beobachtet hatte, durch den Kopf und als sie eben wie mit abgeschlagenem Arme nach dem Fenstergriff langte, sprang der Professor hinter sie, drückte ihr den Arm nieder und sagte mit gütigem Vorwurf leise: »Manja! Nicht doch!« Sie bebte am ganzen Leibe wie im Frost. Aber jetzt, da er sie berührte, löste sich der Fieberbann ihrer Seele. Mit einem Schrei umschlang sie den Nacken des Professors und brach dann in fesselloses Schluchzen aus. »Josef ... Weitfeld ... Mann, Mann ... mein Gott... ach Gott. Weitfeld ... mein guter, lieber Mann ... das hab' ich ja gar nicht geahnt, daß du so leidest... daß du mich so liebst, so nach mir verlangst ... Aber mein Gott, wie sollt' ich auch? – Das konnte ich doch nicht wissen ... wenn du ... ich bitte dich um alles in der Welt, glaub mir das eine ... jetzt, jetzt, in diesem Augenblick weiß ich, daß mein Tiefstes nicht eine Sekunde dir untreu geworden ist ... nie, nie ... du goldener, bester, geliebter Schnurr ... willst du es glauben? ...« So stotterte sie zusammenhanglos zwischen den Stößen des Weinens, bald in Verzweiflung, bald im Jubeln, fiel ihrem Mann um den Hals, ließ ihn los, ging mit ausgebreiteten Armen ein Stück in das Zimmer, setzte sich, sprang auf, kurz, überließ sich dem Gefühlswirbel einer Erlösten, die nach langer Dunkelhaft fessellos ins Licht schwärmt und eher die Farbe der Verrückung und krankhaften Überschwangs an sich trägt als den Schimmer glückhafter Verklärung. Weitfeld hatte sein Weib beim ersten Losbruch sorgsam umfangen und sich bemüht, sie vom Fenster weg nach dem Stuhl hin zu führen. Als aber das beglückte Weib wie ein Frühlingssturm über ihn geriet, ihn mit Küssen fast erstickte, fahren ließ, durch die Stube fegte und wieder an seinen Hals stürzte, erkannte er, für ihr Leben sei nichts zu fürchten, gab seine Bemühungen um sie auf und begann, seine Kleider zusammenzusuchen und sich anzuziehen. Er tat dies Geschäft gründlich, mit zusammengezogener, bitterer Aufmerksamkeit und hörte indes auf das Schwärmen, die Selbstanklagen, den Jubel und die Trauer Manjas, von der sie durch das Zimmer getrieben, hin und wieder auf den Stuhl gedrückt und dann wieder an seine Brust geführt wurde. Alles, was sich seit Jahren geheim in ihrem Herzen angehäuft hatte, wurde von der Überflutung befreit und stürzte schäumend und ungeordnet, gleich Stauwassern aus ihr: »Siehst du, ich sage dir, wenn du nicht den Rappel gekriegt hättest, stante pede aus Berlin zu gehen, deine Professur, deine Laufbahn, deinen Ruhm, dein ganzes Leben im Stich zu lassen...« Weitfeld, der eben seine Weste vom Boden aufzuheben im Begriff war, warf sie unwillig wieder auf die Diele und murmelte unwillig: »Ach was Gelehrtenlaufbahn und Ruhm. Einfach lächerlich ...« »Na aber, Schnurr ... Es ist ja wunderbar, daß dir alles vor der einen Tatsache der gekränkten Liebe belanglos vorkommt ... wunderbar, ich bin glücklich ... Josef, Josef, Gott, mein Seppi ...« Manja glühte, umschlang den Mann wieder mit ihren Armen, schmiegte sich wie eine saugende, lodernde Flamme in ihn, daß in dem langen, mageren, zergrübelten Mann das Feuerpulsen endlich auch erwachte. Er biß wohl in Gegenwehr die Zähne aufeinander; aber das Weib spürte, wie sie von seinen Armen immer brünstiger und immer tragender umfangen wurde, und süchtig lispelte sie: »... du Seppi... mein einzig geliebter Mann ... glaube mir, nicht das mindeste ist zwischen mir und dem Körten vorgekommen ... Seppi ... Seppi ..., weißt du, weil du dich doch gar nicht um mich gekümmert hast, hab' ich ihm die Bilder geschickt, wir haben Briefe gewechselt und alles offen mit Vermittlung der Griepenstein, alles dick aufgetragen, um dich zu reizen, zu verwunden, zu stacheln. Aber du schläfst ruhig drüben, ich hüben, läßt deinen Ruhm vermodern, meditierst, machst Schimmelhokuspokus, bist wie ein hölzerner Götze ... ich war verzweifelt, Seppi ... ich wußte nicht ... Gott, Gott sei Dank, Schnurr ... Seppi, nimm mich! –« Auf dem Wege zum Bett, sagte die Frau all das furios, wie unter einem heißen Gebläse, ihrer selbst nicht mehr mächtig nach der jahrelangen Entbehrung jeder Zärtlichkeit. Des Professors Atem ging stoßweise und er mußte schon gewaltsame Schlingbewegungen machen. » ... Sei nur still, Manja ... beruhige dich ...« flüsterte er mit der borkigen Stimme von Männern, die im Begriff stehen, vom Feuer des Geschlechts versengt zu werden. Das Farbenspiel begann auch schon vor seinen Augen, die zum Schlaf der Ekstase sich schlössen. Lichträder tanzten, rote Pfeile züngelten durch Schwarz. Allein plötzlich stürzte er mit dem Flugzeug seiner Erotik aus der lodernden Luft, denn im Schwarm der Farbenjagd stand plötzlich sein Kreis mit dem eingezeichneten Fünf- und Dreieck in den Weltallsgrundfarben grün, blau und braun vor ihm. Er stand wie angenagelt in seinem Innersten und etwas, noch bitterer, wie Verachtung ging von ihm aus. Da löste sich sein Griff von seinem heiß hinschmelzenden Weibe und mit übermenschlicher Anstrengung reckte er sich blaß vor der aufgeschreckten Frau auf, die ihn verstört ansah und schüttelte den Kopf. Nach Fassung ringend, leise und demütig verschämt sagte er: »Nein, Manja, verzeih, das wollt' ich wahrhaftig nicht sagen. Darum handelt es sich nicht bei mir. Nein. Wirklich. Verzeih'. Bitte, gib mir die Hand.« Damit führte er die aus allen Himmeln Gestürzte auf ihren Stuhl. Dann trat er einige Schritts von ihr weg, wandte sich von ihr ab, senkte den Kopf, bedeckte seine Augen mit den Händen und verharrte eine lange Weile so, ohne sich zu rühren, in Versunkenheit und Schweigen. Als er sich endlich umwandte, saß seine Frau halb abgekehrt auf dem Stuhl und hatte den Kopf in die auf der Lehne gestützten Arme vergraben. Weitfeld glaubte, die höhere Schwungernüchterung, von der er erfaßt und widerstandslos ins Meditieren gezwungen worden war, habe sich telepathisch auf Manja übertragen und mit glückhafter, fast furchtsamer Schonung, sagte er: »Manja – du ... ach so, du bist noch im Versinken. Verzeih!« Und eilig und völlig geräuschlos vollendete er seine Toilette. Doch seine Frau verharrte regungslos in der abgewandten Vergrabenheit. Da strich er sich grübelnd ein paarmal mit zwei Fingern den Nasenrücken, hielt überlegend inne, warf einen langen, großäugigen, hypnotischen Blick auf sie, und als das nicht half, sie zu erwecken, fuhr er einigemal mit den Händen, vom Kopf angefangen, ihre Gestalt in der Luft nach. Manja aber lag in der Nacht der bitteren, weiblichen Scham, in einer fressenden Lähmung, betäubt, und das Blut tobte durch ihre Schläfe. Auf den Strümpfen näherte sich nun der Professor unentschlossen und unhörbar einige Schritte, hielt aber dann inne und begann leise zu sprechen, leise und schonend wie man zu Erwachenden zu sprechen pflegt: »Siehst du, Manja, nun sind die Tore auch für dich aufgegangen, durch die es mich vor Jahren geführt hat. Es war schwer. Aber es ist gelungen. Gottlob. Bleib ruhig liegen. Ich kenne das. Alle tiefe Erkenntnis beginnt mit tiefer Betäubung. Laß mich dem Aufblühen deiner Seele helfen. Aber zwinge dich nicht, zu hören. Sobald es dich indigniert, darfst du mir nur ein stummes Zeichen geben und ich schweige und ziehe mich zurück.« Er wartete und betrachtete aufmerksam die Schultern und den Kopf seiner Frau, ob sich eine abwehrende Bewegung in ihnen rege. Manja lag regungslos über die Stuhllehne gebeugt. Weitfeld setzte sich darum lautlos auf einen Stuhl etwas von ihr entfernt, betrachtete sie noch ein wenig auf das genaueste und nickte dann befriedigt. »Ja, bleib so,« sagte er, »es ist immerhin eine entsprechende, produktive Haltung. Die Präponderanz des geistigen, des Gehörsinnes, wird dir dadurch erleichtert. Der Augenkreis verschwindet in der Horizontrosigkeit seelischer Apperzeption. Beziehungsweise ... aber das ist hier Nebensache. Also, um zunächst ein Mißverständnis wegzuräumen, muß gesagt werden, daß die Verstrickungen einer Meinung zu lösen sind, denen du tiefer verfallen scheinst, als ich selbst darunter diese Nacht im Traum und den gestrigen Nachmittag gelitten habe. Ich meine das Wahnfaktum meiner Eifersucht auf diesen Assessor Körten, dem du sein Andringen an dein Wesen durch eine Bereitwilligkeit erleichtert hast, welche von deiner Seite nur in der Rücksicht ihrer Reizwirkung auf mich gespielt worden ist. Habe ich dich so recht verstanden?« Der Professor sah einen Ruck durch den Körper seiner Frau gehen, so als wolle sie sich zu leidenschaftlicher Erwiderung erheben. Doch es blieb bei dem kurzen Aufbäumen. Im nächsten Augenblick lag sie noch regungsloser, mehr wie eine welke, ausgerissene Staude, und er sah nicht einmal mehr den Atem in ihrem Rücken beben. Weitfeld faßte diese Gebärde seiner verzweifelten Frau als Bejahung seiner Frage auf und fuhr darum fort: »Gut. So liegt also die Sache. Nun gerät man aber immer in nicht lösbare Verwickelungen, wenn man eine Frage nach den rein subjektiven Bedingungen zu beantworten versucht. Denn das Individuum ist ebensosehr die Anarchie wie die Mechanik. Und wenn wir auf die Menschheit im ganzen sehen, so bemerken wir, daß die Verhältnisse auf Erden wohl stets die gleichen bleiben, wenn die Modalität ihrer Formen auch unendlich ist. Die Art der Wesen verändert sich innerhalb der Epochen nicht. Die Gattungseigenschaften sind stabil. Sie kommen mit dem Wesen zur Welt, die darauf gar nicht stolz sein dürfen, denn das ist nicht ihr subjektives Eigentum. Ich weiß, daß ich damit in schroffem Gegensatz zur Evolutionslehre stehe. Aber das ficht mich nicht an. Ich habe sie durchschaut, als das ins Kosmische, Grandiose betriebene menschliche Utilitaritätsprinzip, das wir gewaltsam ins Weltall projizieren. Trotz all dieser Redereien bleibt die Krähe eben die Krähe, wendet heut wie vor Jahrhunderttausenden den Kopf rechts und links, ruckt die Flügel, äugt schief, bald in den Himmel, bald auf das Düngerhäufchen, auf dem wir beide sie gestern beobachtet haben. Es wäre Torheit, darum zu hadern. Und auch die Menschen leben und sterben meistens in dem Käfig der Stände und Geschlechter, in die sie geboren werden. Die Lebendigen ziehen immer die abgelegten Kleider der Leichen an, und der Schneider Harun al Raschids und der Kaiser Wilhelms des Zweiten sind ein- und dieselbe Figur. Aber, meine liebe Manja, diese Mechanik, die durch die Jahrtausende als eine öde, gerade, graue Flucht geht, sie begreift auch ebenso in sich das Verhältnis der Geschlechter zueinander, also das Verhältnis zwischen Mann und Weib. Gemeinhin bezeichnet man diese Seite der kosmischen Mechanik, der die gemeinen Menschen unterliegen, als göttlich. Doch alles Physische ist nur Emanation des Geistigen und Ausdruck seines inneren Formzustandes. Dieser kann wiederum nicht von sich her, sondern nur von der höheren Instanz, der Seele, geschätzt oder geweitet werden. Damit sind wir in dem Reich der göttlichen Anarchie, in dem Gebiet des zweckfreien Wissens, jenseits aller irdischen Individualschranken. Wer in diese Weite eingegangen ist, befindet sich jenseits des mechanischen Zwanges aller Modalitäten, also auch der Modalität des Geschlechts und wird ihr nur ein Recht auf sich als einer geistigen Entsprechung einräumen, die wohl eine Form, doch nie das Ziel an sich ist.« Weitfeld war unversehens in die heißen, unterirdischen Wogen untergetaucht, von denen sein Leben seit Jahren getragen wurde. Es hatte ihn von seinem Stuhl getrieben und, bald vor sich hin zu Boden starrend, bald seine Augen ins Grenzenlose hinaushebend, ging er mit seinem langen, tauchenden Schritt erregt auf engem Räume in der Stube auf und nieder. Er war so mit seinen Ideen beschäftigt, daß er aufgehört hatte, den Eindruck seiner Worte auf Manja zu beobachten. Jetzt, von seinem leidenschaftlichen Hingang zurückkehrend, sah er sie nicht mehr in der Haltung tiefer Versunkenheit halbgewendet auf ihren Armen über die Stuhllehne liegen, sondern er fand sie in leidenschaftlicher Erregtheit, nein, in einer Art verbissener Starre, fast auf dem Rande des Stuhles aufrecht sitzen, die Füße wie zum Sprung fertig zurechtgerückt, die Hände so wild im Schoß gefaltet, als sei sie eine aus größter Höhe Fallende, die sich verzweifelt an einem Seil hält, und ebenso wild entschlossen war auch der Ausdruck ihres verfärbten, eingefallenen Gesichtes. Weitfeld erblickte in dieser Haltung den Ausdruck ihrer Ergriffenheit über seine Aufschlüsse. Er hatte das oft bei seinen hingebendsten Zuhörern im Auditorium erlebt und es Erkenntnisbestürzung getauft. Wenn seinem Geist die Erschütterung des andern bis zu diesem Grade gelungen war, bedurfte es nur noch geringer Mühe, den Sieg einer neuen These vollkommen zu erreichen. Er blieb also stehen, sah beglückt auf seine erschütterte Frau, hob triumphierend die Hand und rief: »Ja ja, liebe Manja, so und nicht anders steht es vor den Augen des hohen Unbeirrten: Man muß sich für zu gut halten, daß der gemeine Geschlechtstrieb die paar uralten, brutalen Akkorde aus unserm Dasein herausschlägt.« Auf diesen Ausbruch hin löste Manja die Verschlingung ihrer Hände, umfaßte wie in einer unnatürlich qualvollen Schmerzempfindung ihre Knie, hob das Gesicht und sah ihn vollkommen verstört an. Dann bewegte sie das Haupt verneinend und hauchte ein paarmal: »Nein ... nein ...« »Ja, Manja,« rief Weitfeld beteuernd, »ja, sage ich dir. Wenn du willst, fühl! Überzeuge dich meinetwegen manuell. Auch der letzte Hauch ist aus meinem Sexus geschwunden.« Mit einem Wehlaut ließ die Frau langsam den Oberkörper niedersinken und barg ihr Gesicht in ihren Händen. »Furchtbar ... furchtbar ...« murmelte sie dabei und schauerte zusammen. »O nein, nicht furchtbar, nicht furchtbar,« rief der Professor förmlich ekstatisch, »herrlich, liebe Manja, herrlich, sage ich dir. Über allen stehen wir dadurch. Nun wirklich zwei, die den Ehrennamen homo sapiens in der Tat verdienen. Ich, sofern ich Mann bin, bin dir, insofern du Weib bist, von nun an nichts mehr schuldig und umgekehrt. Mit dieser niederen, tierhaften Instanz sind wir endgültig fertig. Damit haben wir von nun an nichts mehr zu schaffen. Wir sind göttlich. Denn an die Seele und Gott reicht auch nicht ein Schimmer des Sexualnexus.« Nach diesem erneuten Ausbruch hob Manja langsam und starr ihren Oberkörper. Ihr Gesicht war fremd und ruhig. Sie sah ihren Mann nicht an, sondern hielt den Blick an ihm vorbei, unverrückt auf die Ecke des Zimmers gerichtet. »Und deine Gänge gestern nachmittag zu dem Dienstmann Käse und zu Malva Griepenstein?« fragte sie hart. »Geb ich zu, eine letzte atavistische Anwandlung.« »Und diese wilde Nacht mit dem wilden Traum und dein Schreien diesen Morgen?« fuhr sie unbeirrt weiter fort. »Ja, was willst du denn damit? Über dieses Faktum sind wir doch längst hinaus, Manja! – In Goethes zweiter Schweizerreise kommt eine Darlegung von der Art vor, wie Maultiere schroffe Abhänge nehmen. Sie laufen schnell vor, dann bleiben sie plötzlich und zwar oft an den gefährlichsten Stellen ...« Manja krümmte ihre Lippen in einem spöttischen Lächeln und unterbrach ihn: »Schon gut. Und so bist du also auch aus Berlin neunzehnhundertfünfzehn nicht wegen mir fortgegangen. Das heißt nicht aus Eifersucht gegen Körten?« »Nein, haha, weiß Gott, im letzten Grunde nicht wegen diesem oberflächlichen Doktor Nichts. Haha! Nein, ich hatte das Leben unter meiner Kollegenschaft, unter diesen Krämern der sogenannten Wissenschaft, satt.« »Das sind jetzt drei Jahre her?« fragte sie immer härter und tonloser weiter. »Ja, ganz recht, drei Jahre. Stimmt.« antwortete Weitfeld unsicher werdend. »Manja, ich bitte dich ...« Aber sie ließ ihn nicht vollenden. »Zehn Jahre dauert unsere Ehe,« fuhr sie mit einem Frösteln in der Stimme fort, setzte wie verschmachtet einen Augenblick aus und vollendete dann gepeinigt: »Und drei Jahre getrennt. Drei ganze – volle – lange Jahre.« Dabei erhob sie sich von dem Sitz, ohne ihre Augen von der Ecke des Zimmers abzukehren. »Und das soll so weiter dauern Jahr um Jahr. Jahr um Jahr. Bis in den Tod.« »Aber liebe Manja, so hör' doch schon,« rief Weitfeld dringend und doch auch von einer Furcht angerührt. »Nicht grau, nicht leer, nicht ereignislos. Nein, im Gegenteil. Siehst du es denn nicht ein? Die Gemeinschaft der Leiber ist nun überwunden. Die höchste, göttliche Form der Ehe beginnt nun. Nunmehr gilt es, auf der Basis der individuellen Vertiefung, unter Ausmerzung des zerebralen Micels aus dem Mutterboden der spirituellen Energie durch Differenzierung und Potenzierung unserer Persönlichkeit eine höhere, geistige Einheit zu erringen.« Da verließ die tapfere, liebe Frau die Kraft. Sie begann zu taumeln, griff nach der Lehne und sank an dem Stuhl in die Knie, das Gesicht wieder in den Händen vergrabend. Weitfeld verstand sie in seiner fanatischen Verblendung noch immer nicht. »Jawohl, liebste Frau,« rief er schwärmerisch, »recht hast du. Zum Taumeln, zum Knien ist es. O, und unsere Kinder erst! Manja, was uns Ende und Höhe ist, das soll ihnen Tal sein. Sie sollen in ihren Höhen Gewandungen tragen, liebe, liebste Menschenfrau, von denen du und ich noch gar nichts ahnen. Dann wird kein Menschenhaß mehr sein auf Erden, kein Krieg, kein Fluch der Völkerfeindschaft ...« Manja hatte zu schluchzen begonnen. Trotz ihrer Gegenwehr steigerte es sich. Mit den Händen, die zu Fäusten geballt waren, preßte sie das Taschentuch gegen den Mund. Aber das Weinen steigerte sich zum Krampf. Ihr Körper wurde von Stößen verzweifelten Schluchzens geschüttelt und schreiend stotterte sie: »Aber ... Mann ... Ma ... a ...nn ...so höre doch schon ...« »Immer weine du, Liebste. Aus unserm Schmerz, aus unserm Ringen wird die neue Welt geboren,« rief er in wilder Verzückung. Dann trat er zu ihr, beugte sich und fragte: »Was hat es? Was sagst du? Ich versteh dich ja nicht.« Da wurde die Frau mit einemmal totenstill. Die Welt war ein gläserner Sarg und man hörte wieder nichts als die Sommerfliegen ratlos an die Scheiben picken. In diese Totenstille sprach die Frau, das Gesicht fest auf das Rohr des Stuhlsitzes gepreßt, leise und mit Schauern: »Ich war schon einmal bei Körten und habe mich an ihn verloren. Mann! – Mann!!« Weitfeld zog die Hand zurück, die er begütigend auf ihre Schulter gelegt hatte, trat einen Schritt von ihr weg und schaute einen Augenblick betroffen auf seine hohle Hand. Nur einen Augenblick dauerte dies Stutzen. Dann flog die alte Berauschtheit über ihn. Stürmisch trat er auf sie zu, faßte sie unter den Achseln, und im Bemühen, sie emporzurichten, redete er bestürzt auf sie ein: »Aber laß doch das. Das gehört ja dem alten, abgelebten Leben an. Darüber gräm dich nicht. Das ist abgetan. Jetzt stürzt der Strom der Seele ...« Aber mit einem Aufschrei des Entsetzens riß sich die Frau von ihm los, versetzte ihm mit der Faust einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte und schleuderte ihm den Ausruf ins Gesicht: »Pfui! Pfui!!« Dann raffte sie jäh den Schlüssel vom Nachttischchen, stürmte durch die Tür und schlug sie hinter sich zu. 6 Trinker geraten bei übermäßigem Alkoholgenuß durch den Rausch in den zweiten Zustand der Nüchternheit, in eine grelle, fast hektische Überklarheit des Denkens, in einen Zustand, in dem von den Bewegungen ihrer Überlegung der letzte Schatten des Mitleids und der Parteinahme auch gegen sie selbst verschwindet. So etwa erging es dem Professor Weitfeld in den ersten Augenblicken, als ihn seine Frau verlassen hatte und er sich, von dem Gipfel seiner höchsten Begeisterung gestürzt, allein im Zimmer sah. Das ganze Haus war von dem Knall, mit dem Manja die Tür hinter sich zugeworfen hatte, wie von einem Schuß mitten ins Herz getroffen, plötzlich getötet worden, und er stand in dem atemlosen Schweigen einer Totenkammer, ohne zu begreifen, wie alles das gekommen und vorübergegangen war. Er hörte ihre Schritte die Treppe hinauffliegen, droben auf dem Flur stolpern, sich aufraffen, weiterhuschen und hinter einem abermaligen Türenknall, wie mit einer Explosion verschwinden. Darauf betastete er mit der Hand die Mitte seiner Brust, wo ihn der Stoß seiner Frau getroffen hatte, nickte sich schwer und wie in einem Wissen zu und trug dann den Stuhl, an dem Manja weinend gekniet hatte, in die dunkelste Ecke der Stube. Das Taschentuch, das sie im Krampf des verzweifelten Schluchzens zerrissen auf den Boden hatte fallen lassen, rührte er nicht an. »Mag es als corpus delicti liegenbleiben. Denn wenn ich sie morgen auf ihre Exaltation aufmerksam mache, wird sie es wieder nicht Wort haben wollen. Und alles war wieder nichts, als ›seniler Einsamkeitskram von mir‹, so sprach er leise vor sich hin, als er von dem Winkel seiner Stube in deren Mitte zurückkehrte und lächelte höhnisch, blassen Gesichtes und unendlich bitter. So übersah er sein großes Zimmer in einer Art hilfloser Überheblichkeit, als stehe er in einer Wüste mit unendlichem, verdämmerndem Horizont an allen Seiten. Und bei all dieser bitteren, höhnischen, überheblichen Ruhe lag ihm ein wilder, furchtbarer, nein, ein bestialischer Schrei im Halse, gegen dessen Ausbruch er mit Anstrengung kämpfte, weil er sicher fühlte, daß er sich dann zunächst mit den Fäusten und Füßen auf die geschlossene Tür stürzen, sie einschlagen müsse und dann gezwungen sei, wie ein Wahnsinniger im Hause zu toben, auf die Straße zu laufen, das ganze Dorf in Aufruhr zu versetzen, »die ganze verfluchte, besudelte Welt geiler Menschenhunde zu vernichten – zu vernichten – vernichten ...« Ohne es zu wissen, waren seine Gedanken zu lauten Worten geworden, deren Nachhall er jetzt, jäh aufschreckend, nicht anders als falle er eine Strecke durch die Luft, in der Stube nachklingen hörte, und sich selbst fand er wie im Kochen atmend, mit geballten Händen auf die Tür starren. Er schüttelte mit mißbilligendem Lächeln den Kopf über seine »innere Fessellosigkeit« und fuhr sich mit der Rechten von der Stirn her über das Gesicht, um die Verzerrung eines bösen Krampfes wegzuwischen. »Es ist ja lächerlich,« sagte er dabei in plötzlich ausbrechender Lustigkeit, »totaler Unsinn, mich so aufzuregen.« Aber da gewahrte er den Malkittel seiner Frau auf der Diele und mit eins brach die Wildheit wieder los: »Dieser verfluchte, verfluchte Malkittel liegt auch noch da und sie weiß es doch, daß mich die Unordnung rasend machen kann.« Weitfeld stürzte sich auf das Kleidungsstück, hob es auf, warf es gegen die Diele, daß die Knöpfe klirrten, stieß es mit den Füßen vor sich hin und schrie fortwährend: »So eine Schweinerei! So eine verfluchte Schweinerei dulde, dulde ... dulde ich ... un .. ter... kei.. nen ... Umstän .. den ...« Über das ganze Zimmer schubste er mit den Füßen den Malkittel Manjas, bis er ihn unter sein Bett geschleudert hatte. Er taumelte vor Zorn, daß er sich mit der Hand auf das Nachttischchen stützen mußte. Dann streckte er seine Hand aus, betrachtete lange aufmerksam ihre innere Fläche und murmelte, sich mit aller Macht zu seiner alten Sanftmut zwingend, leise, fast weinerlich gütig: »Das ... das geht doch nicht ... Weitfeld ... nein ... nein ...« Er mußte aber den unbestimmten Gedanken der Beruhigung, zu dem er herfinden wollte, unterbrechen, denn er hörte draußen auf dem Flur vorsichtige Männerschritte sich seiner Tür nähern, sah an sich hinunter, merkte, er sei noch in Strümpfen und horchte mit einer kleinen Beklemmung, ob es an die Tür klopfe. Dann wollte er auf den Zehen in sein Studierzimmer gehen und lautlos die Tür hinter sich zuziehen. Aber das Klopfen unterblieb. Nachdem er noch einen Augenblick gewartet und die Überzeugung gewonnen hatte, daß niemand draußen stehe, holte er sich seine Schuhe von der Schwelle herein, setzte sich auf den Stuhl am Bett, auf dem seine Kleider zu liegen pflegten und begann, sie sich gebückt anzuziehen, eine unpraktische Gewohnheit, die er aus seiner Knabenzeit behalten hatte. Das heißt, er stellte seine Schuhe nicht auf den Stuhl, sie zuzuschnüren, sondern besorgte auf viel mühseligere Weise das Geschäft, indem er, bis zum Boden gebeugt, eilig die Senkel durch die Ösen schlang, nachdem er die Schuhe an die Füße gezogen hatte. Als er die Arbeit am rechten Fuß zu Ende gebracht hatte, mußte er sich aus der gebückten Haltung aufrichten, denn er bekam einen Schwindelanfall. Ja, schon als er mit gerecktem Oberkörper und geschlossenen Augen eine Weile gesessen hatte, schwankte und huschte das ganze Zimmer noch immer um ihn. »Das ist die ungewöhnliche Aufregung,« dachte der Professor, »der ganze Knäuel unaustragbarer Halbwahrheiten, in die ich nur geraten bin, weil ich mich wieder in diesen Relativitätsschwindel des Denkens eingelassen habe.« Damit öffnete er abermals die Augen, um zu erkunden, ob sich die Kongestion verzogen habe. Ja, das stimmte nun alles wieder. Das Muster der Tapete stand sicher auf dem graublauen Grunde. Keines der dunklen Pünktchen rührte sich mehr. Die Portiere vor der Tür in sein Studierzimmer hing wieder regungslos. Daneben, auf der Radierung von Aust, »Die Landecker Bielebrücke,« sah er scharf den heiligen Nepomuk auf der Mauereinfriedigung des Brückenweges thronen. Aber als er so untersuchend mit den Blicken immer weiter nach links rückte und an die dunkle Ecke gekommen war, in die er vorhin den Stuhl Manjas gestellt hatte, mußte er wegsehen und wieder die Augen schließen. Da saß ja ein Feldgrauer im Mantel auf dem Stuhl, die Beine auseinandergeworfen, mit herausfordernd gerecktem Oberkörper und die eingeknickte Rechte aufs Knie gestemmt. »Eine Selbstsuggestion,« dachte Weitfeld und verharrte mit geschlossenen Augen eine Weile. »Öffnen Sie die Augen, Herr Professor,« redete ihn eine Stimme an, deren höflicher Ton höhnisch-verächtlich klang. Weitfeld zuckte jetzt erschreckt zusammen, erinnerte sich aber, gelesen zu haben, daß bei Wachsuggestionen auch Gehörstäuschungen vorkommen können, nahm die rechte Hand über die Augen, lehnte sich im Stuhle zurück und beschloß, in Ruhe den Anfall vorübergehen zu lassen. Aber da begann die Stimme wieder zu sprechen: »Herr Professor, Sie haben vorhin Ihre verehrte Frau, die es am längsten gewesen ist, auf die niedrigste, gemeinste Weise behandelt. Dazu besaßen Sie den traurigen Mut. Ja. Aber jetzt, da ich gekommen bin, um dafür Genugtuung von Ihnen zu fordern, bedecken Sie feig Ihre Augen und tun, als sei ich nur eine Erscheinung.« Es war unverkennbar das überheblich schnurrende Organ des Assessors Körten, das er da hörte. »Da hol doch alles der Teufel,« fuhr es wütend in Weitfeld in die Höh', so als sei die Stimme und das Bild nicht das Gespenst seines überreizten Wesens, sondern wirklich der verhaßte Liebhaber seiner Frau, der auf unbegreifliche Weise, da er sich die Schuhe von der Schwelle hereingelangt hatte, hinter ihm ins Zimmer geschlüpft war. Der Professor spreizte ein wenig die Finger der Hand, mit der er seine Augen bedeckt hatte und lugte durch die Spalten, um zu sehen, ob die Gestalt noch immer auf dem Stuhle vorhanden sei. Der Assessor saß in der gleichen Haltung, noch eher herausfordernder wie vorher, dort. »Es ist ja purer Blödsinn am helllichten Tage,« murmelte Weitfeld. »Ich habe schlecht geschlafen, dazu die aufregende Unterhaltung mit Manja und der leere Magen. Das ist alles.« Damit erhob er sich, kehrte dem gefährlichen Winkel den Rücken, setzte den linken Fuß auf den Stuhl und begann, den anderen Schuh zuzuschnüren. Kaum hatte er damit begonnen, so fing der Assessor hinter ihm an, wieder auf ihn einzureden, aber nun mit so verletzendem Hohn, daß es Weitfeld schon nach den ersten Worten vor Zorn den Atem versetzte. »Haha! Lächerlich! Sie wenden sich ab. So machen Sie, Herr, lieber innerlich kehrt. Lassen Sie diesen Schwindel der Internationalität, diesen Hokuspokus mit der Überpersönlichkeit des Menschen. Ziehen Sie richtige deutsche Stiebeln an die Füße und marschieren Sie los. So machen Sie sich selber und die ganze Nation lächerlich. Was ist denn das für ein Saft für Säuglinge, den Sie da in dem Johnsbach zusammengebraut haben? Zum Speien! – Und wegen dieses Lutschers gaben Sie Ihre Professur auf. Sie, die Hoffnung und der Stolz der deutschen Philologie, Sie, der Autor des epochalen, dreibändigen Werkes ›Das Tal der Sprachen‹.« »Donner und Doria!« schrie Weitfeld in höchster Aufregung, schnellte in die Höh', packte den Stuhl mit beiden Händen an der Lehne und hieb ihn auf den Fußboden, daß es dröhnte. Dann schritt er langen Ganges auf die Tür seines Studierzimmers zu, ohne einen Blick nach dem Stuhl zu werfen, aber immerhin so wuchtig und verachtungsvoll, daß es nicht ohne Eindruck bleiben konnte, wenn ja das schlechterdings Unfaßbare dennoch Tatsache war, daß dieser Körten sich hinterrücks hereingeschlichen hatte und dort saß. Der Professor riß die Portiere auseinander und verschwand in seinem Studierzimmer. »So ein Unsinn! So eine Verrücktheit,« murmelte er fliegend, fast atemlos. »Und das muß mir passieren? Mir! In diesen Exkrementen muß ich wühlen! Ich?« Er begann sofort mit fiebernder Eile um den Schreibtisch zu traben. »Weiß ich, daß alles aus ist. Soll sie auch haben. Mit Haut und Haaren soll er sie haben ... mit Haut und Haaren. – Gott sei Dank, daß es so gekommen ist. Jawohl. Ich Hab' einen Engel gehabt, sozusagen. Von gestern morgen ab. Von der Krähe ab. Gesegneter Vogel. Wahrhaftig! – Welche tiefe Symbolik, auf einem Düngerhäufchen saß sie. – Ja, wirklich prophetisch. – Moder ist nun alles, auf das ich gebaut habe. – ... Moder ... Unrat ...« Er setzte sich auf den Schreibtischstuhl und fuhr fort, nur die zwei letzten Worte zu sprechen. Die Ellenbogen auf die Armlehnen gestützt, den Kopf zur Erde gekehrt, prägte er sich den Zusammenbruch seiner Existenz ein, indem er immer langsamer und leiser nur die zwei Worte sprach. Ohne daß er wußte, was mit ihm geschah, liefen ihm die Tranen über die Wangen. Dann versank er in stummes Brüten. 7 Das Starren mündete fast reißend, wie fallendes Wasser in einen Teich stürzt, in Schlaf. Auf den untergelegten Armen ruhend, den Mund wie in erstorbenem Schrei weit offen, die Hände vom Geifer der Müdigkeit übernäßt, so schlief er. Das Mittagsgeläut weckte ihn nicht; das tobende Nachhausekommen seiner Kinder rührte nicht an ihn. Das Dienstmädchen klopfte. Erst kam der kleine Georg, pickte zaghaft und immer stärker an die Tür und rief sein: »Papa, essen kommen! Mama läßt sich entschuldigen. Sie hat Migräne, Papa!« Dann, als er keine Antwort bekam und sein Schwesterchen herzugeeilt war, wagten die Kinder sogar, die Tür einen Spalt zu öffnen und ihr Gesetzlein furchtsam hereinzuflüstern. Als sie den Vater regungslos über den Tisch geworfen, wie tot schlafen sahen, rannten sie in wahnsinnigem Schreck zur alten Therese und meldeten, daß der Vater unten sitze und gestorben sei, denn er atme nicht wie ein Mensch, sondern bloß noch wie eine Maschine. Therese, das alte, liebe Hausmöbel, trocknete sich die Hände an der Schürze, spedierte sie tapfer lächelnd ins Eßzimmer vor ihren Teller und stieg dann unter Kopfschütteln und bitterem Lächeln in das untere Stockwerk. Ihr vorsichtiges Klopfen, behutsames Eintreten, alles half nichts. Der Professor lag wie mit abgeschlagenem Kopfe auf seinen Armen, der Mund stand wie im Schrei offen, der Geifer lief ihm von den Lippen und als die Alte endlich wagte, ihm lind die Hand auf die Schultern zu legen und zu flüstern: »Kommen Se och, Herr Professor. Oder legen Se sich wingste eis Bette,« erbleichte das Gesicht des Schlafenden noch mehr, verzerrte sich in verzweifeltem Gram, und ein leises Stöhnen, aber aus den letzten Tiefen der Brust, rang sich mit unverständlichen Worten vom Munde. Da merkte Therese wohl, daß hier ein Schicksal zurechtgerückt werde. Sie zog sich aufs tiefste bekümmert, behutsam zurück und schloß geräuschlos die Tür. Weitfeld schlief weiter. Stunden um Stunden. Gegen vier Uhr nachmittags wurde sein Atem leichter. Der Ausdruck verzweifelten Grames verschwand von seinem Gesicht. Der Mund schloß sich. Endlich richtete er sich auf, erblickte den Geifer auf seinen Händen, wischte ihn mit dem Taschentuch ab, sah sich in seinem Zimmer, wie in einem fremden Räume um, schüttelte den Kopf, legte sinnend die Fingerspitzen seiner beiden Hände aneinander und erhob sich dann mit einem zähen, wie schlaftrunkenen Ruck, trat in sein Schlafzimmer und sah nach dem Stuhl in der dunklen Ecke, wo der Assessor Körten vorhin gesessen hatte. Er war leer. Schweigend schloß Weitfeld die Tür und trat zurück in sein Zimmer. Ganz hoch im Unendlichen über sich hörte er etwas wie das schwache Brausen von Flügeln, die sich vorüberrissen, endlose Schwärme von Vögeln. »Die Krähen. Immer die Krähen,« murmelte er leidvoll verwundert. Dann setzte er sich an den Schreibtisch, nahm ein dickes, abgegriffenes Buch, das in rohes Leinen gebunden und oben und unten mit eben solchen Bändchen zugeknöpft war, entfaltete es und begann nach kurzem Überlegen folgendes einzutragen: »Wir alle, die grau wurden im Grübeln, wissen endlich um die Relativität der letzten, logisch klar zu fassenden Gründe und können und dürfen es gleichwohl nicht lassen, uns von der Kausalität im Kreise treiben zu lassen. Denn solange Menschen leben, deren Herz nicht wie eine Kümmeldolde des Feldes von jedem Winde geplündert, sondern wie eine kostbare Glocke an verschwiegenem Ort nur von geläuterter Hand – von unserer, unserer reinsten Hand – zum Klingen gebracht werden kann, solange solch karge und reiche, solch sieghaft-zerstörte, zerstörende Menschen unter der Sonne leben, werden sie immer wie Sankt Augustinus am Ufer des Meeres gehen und mit Hartnäckigkeit versuchen, den Ozean des weltgeheimnisvollen Glückes mit der kleinen engen Hand ihrer Tage für diese Erde zu bewältigen.« Dann strich er das letzte Wort aus und schrieb dafür das Wort »retten,« war auch damit nicht zufrieden, legte die Feder hin und murmelte dabei: »Nein, so geht's nicht!« und stützte einen Augenblick den Kopf in beide Hände. Nach einigem Sinnen langte er abermals zur Feder, riß einen leidenschaftlichen Strich unter das eben Geschriebene und begann das Folgende in sein Tagebuch einzutragen: »Alle Menschen haben wohl eine Ahnung, daß sie mit den andern auf eine tiefere, seelische Art als die von Handel und Geschäft, von Notdurft und Nutzen verbunden sind, geben es aber nur für den engen Kreis ihrer nahen Freunde und bei jenen Menschen zu, an die sie sich durch eine tiefe Leidenschaft der Liebe oder des Hasses gekettet fühlen. Auf welchen Kräften ihrer tiefsten Natur diese Allverbundenheit der Seelen beruht, das Eingehen auf diese Erkenntnis lehnen fast alle aus der sehr richtigen Empfindung ab, daß ihnen dann die Wahllosigkeit und Ungebundenheit des gewohnten Lebenswandels unmöglich gemacht würde. Und so begnügen sie sich damit, über wundersame Berückungen der Sinne, kuriose Träume und seltsame Anwandlungen des Gemütes angenehm oder schreckhaft zu erstaunen oder als gebildete Menschen sich eben mit Hamlet zu beruhigen. Aber auch tiefere, schwerere Naturen bemerken auf dieser Seite des Lebens nur selten die tausendfältigen Formen menschlicher Existenz, die so nach allen Richtungen geknüpft sind, daß sie auch dem großen, gelassenen Geiste das Gefühl der Unendlichkeit der irdischen Lebensgestalt beibringen.« Weitfeld hatte immer langsamer und unwirscher geschrieben. Nun legte er die Feder weg und murmelte gelangweilt: »Ach, wozu denn das jetzt noch?« Dann schob er das Buch über den Tisch, legte sich auf die Arme und war nach einigen Sekunden wieder von dem totenähnlichen Schlaf befallen. Gegen Abend erwachte er mit einem Auffahren wie stürmisch emporgerüttelt. Der Himmel war schwach gerötet, wie ein Auge, das zu lange ins grelle Licht gestarrt hatte. Weitfeld sprang vom Stuhl, trat ans Fenster, warf einen jähen Blick hinaus, kehrte an den Tisch zurück, überlas das Geschriebene, lachte höhnisch, riß die Blätter aus dem Buch und stopfte sie sich mit den Worten in die Seitentasche: »Blech! Quatsch! Das ist vorbei. Ja, ja, mein Körten , nun marschieren wir.« Darauf ging er ein paarmal durchs Zimmer. Das unentschiedene Tauchen war aus seinem Schritt vollkommen geschwunden. Er ging mit reißendem Federn und sein Gesicht hatte den Ausdruck, der fanatischen Asketen eigen ist. Mit einem Ruck unterbrach er plötzlich das Jagen vor der Tür zu seinem Schlafzimmer. »Schluß! Schluß!« rief er mit böser Entschiedenheit. Dann nahm er aus dem Schreibtisch sämtliches Geld, steckte es zu sich und ging mit langen Schritten eilend ins Schlafzimmer, aus dem er nach kurzer Zeit in Wadenstrümpfen, im Sportanzug, den vollgepackten Rucksack über die Schultern heraustrat. Auf dem oberen Flur traf er Therese, die gerade aus der Küche kam. »Wo ist die gnädige Frau?« fragte er ruhig. »Im Zimmer eingeschlossen,« antwortete sie zaghaft und erschreckt, wegen seines blassen Gesichts und seiner starren und doch flammenden Augen. »Gut,« sagte er. »Geh ins Eßzimmer. Ich hab' mit dir etwas zu reden. Die Kinder sollen auch dort sein. Aber sofort.« Dann blieb er stehen und zeichnete mit dem Stock irgend etwas auf den Fußboden. Therese rief die Kinder aus ihrem Zimmer und ging mit ihnen bestürzt ins Speisezimmer. Als der Flur ruhig war, holte Weitfeld tief Atem, trat an die Tür zum Zimmer seiner Frau, klopfte stark und als drinnen gerufen wurde: »Wer ist da?« sagte er mit bebender Stimme: »Manja, mach' auf.« »Nein, niemals,« rief seine Frau jach, aber mit verquollener unförmlicher Stimme, »niemals! Du bist nicht mehr mein Mann. Du bist nur ein Zuhälter des Geistes, ein ... ein ...« Das andere ging in wehem Weinen unter, alles andere, das wie eine einzige lange Beschimpfung klang. Weitfeld biß sich auf die Lippen und sah zu Boden. Als es drinnen still geworden war, schaute er den Flur hin, neigte den Kopf nahe an die Tür und sagte: »Nun. Ich wollte dir auch nur melden, daß du für immer frei bist. Leb so wohl du kannst. Da du nicht mit mir gehst, muß ich ohne dich gehen. Leb wohl, Manja!« Dann wartete er noch einen Augenblick. Es blieb still im Zimmer und Weitfeld schritt langsam hinüber ins Speisezimmer. Dort saßen die beiden Kinder furchtsam auf Stühlen und sahen ratlos und verscheucht auf ihren Vater, der nach dem Eintritt auf der Schwelle stehenblieb und sie lange mit seinen Augen umfing. Die Kinder senkten vor seinem Blick die Köpfe. Als Weitfeld das bemerkte, nickte er in bitterem Sinnen und strich sich langsam mit der Hand über die Stirn. »Ja,« sagte er dann wie aus langem, schwerem Traum erwachend. »Wißt ihr, Jörg und Sissi. Ich muß ins Gebirge. Ich bin überarbeitet und muß allein sein. Folgt der Mama recht gut und seid immer lieb. Vergeßt mich auch nicht ganz. Lebt wohl – einstweilen. Ich muß sehen, daß ich fortkomme. Ehe die Nacht einbricht, muß ich oben sein. Lebt wohl, lebt wohl, Kinder.« Damit umarmte er sie, als wolle er sie zerbrechen und küßte sie inbrünstig, die wie erstarrt alles mit sich geschehen ließen. Als er von ihnen wegtrat, legten sie die Arme auf den Tisch und begannen leise zu weinen. Weitfeld winkte Therese mit den Augen und sie folgte ihm auf den Flur. Dort stand er und sah der Alten eine Weile überlegend, prüfend, vielleicht mit einem letzten Schwanken seines Entschlusses ins Gesicht. »Weißt du, Therese,« sagte er dann leise und langsam, lachte aber plötzlich grell auf. »Ach, was! Leb wohl und damit gut,« rief er übermütig, drückte ihr die Hand und sprang förmlich die Treppe hinunter, eilte durch den Garten und war bald verschwunden. Als Therese aus ihrer Betäubung erwachte und wußte, was vorgegangen war, lief sie wohl die Treppe hinab, ihm nach und schrie förmlich: »Herr Professor! – Herr Professor!« Aber der Garten war leer. Das Pförtchen stand auf und nichts, als nur die Spuren seiner Füße im Sande, war von ihm zu sehen. 8 Als der Professor schnellen Schrittes sich dem Rande des Dorfes genähert und nach Überschreitung der Chaussee das geneigte Wiesengelände betreten hatte, das sich schnell gegen die Vorberge hob, war es gerade jene höchste Zeit der abendlichen Schönheit, in der manchmal das gesamte Land zu Füßen des Riesengebirges nur noch von dessen Schimmer durchleuchtet, von dessen Verklärung wie unwirklich gemacht wird. Wie eine magische, überirdische Exaltation glühte es grell und glasig hinter einem rötlichen Duft, der gleichwohl nicht wie der Reflex der schon hinter dem Hochstein sinkenden Sonne, sondern wie der Atem des Bergzuges selbst wirkte, der einmal in seiner selbständigen Schönheit sich zeigte, während er sonst immer von der Gnade des Tagesgestirnes lebte. Weitfeld blieb, als dieser Zauber der Höhe eintrat, auf dem schmalen Steige, den er unter die Füße genommen hatte, wie auf einen Anruf aus den Lüften stehen, stürzte sich mit inbrünstigem Schauen in diese tausendfarbige Phantasmagorie über sich, schwang mit einer fast jubelnden Wildheit seinen Stock über dem Kopfe und rief wie erlöst ganz laut: »Jawohl! Jawohl! Nun drauf und dran.« Ein paar Holzfäller, die mit Knüppeln auf den Achseln einen benachbarten Steig aus dem Walde niederstiegen, sahen nach ihm hin, tauschten ein paar spöttische Bemerkungen und trennten sich dann, jeder einem anderen Holzhüttchen zustrebend, die unter einigen Obstbäumen versteckt lagen. Weitfeld achtete nicht auf sie, sondern setzte mit langen, gierigen Schritten seine Flucht fort. Er war bald in dem Walde über der Mathildenhöh verschwunden und trat kaum nach dreiviertel Stunden auf die kleine wiesige Hochfläche, in die, nach dem Hochgebirge zu, das Dörfchen Wiesenfeld sich verliert. Ohne Rast überschritt er schon im Dämmern und dem blassen Geistern des aufgehenden Vollmondes den kleinen, waldumfriedeten Plan, betrat den Leiterweg und stürmte dann unaufhaltsam dem Kamme in der Gegend der großen Schneegruben zu. Damit erlosch eigentlich die Spur, ich meine die sichere Spur dieses bedeutenden Gelehrten im Riesengebirge für lange Zeit. Mit seinem Eintritt in den Hochwald an diesem Abende verschwand er aber nicht von der Erde. Doch ist es nicht zu entwirren, durch wieviel innere und äußere Wandlungen, Dunkelheiten und Verzerrungen er bedrückt, verfinstert und entstellt wurde, bis zu dem Zeitpunkte, an dem er in der grellen Glut wilder, fesselloser Ereignisse öffentlich auftauchte und für Wochen die Aufmerksamkeit ganz Deutschlands auf sich zog. Aber es ist sicher nicht wahr und auf das Konto aller üblen, leidenschaftlichgehässigen Enthüllungen und böswilligen Aufschlüsse über das Wesen und die Lebensgewohnheiten Weitfelds zu setzen, womit die aller Mittel entblößte und verlassene Frau des Professors gleichsam überall zu Markte ging; es ist nicht wahr, daß er, kaum aus dem Hause getreten, sich unter einen Schwarm Arbeiter gemischt habe, die aus der nahen Papierfabrik kamen, um durch aufreizende Reden ihren ohnedies vorhandenen politischen Radikalismus noch zu erhitzen, ja sie geraden Weges zum tätigen Widerstände gegen die endlose Fortsetzung des sinnlosen Blutvergießens aufzustacheln. Die Arbeiterschaft dieses voll- und industriereichen Bergdorfes stand immer im Rufe verwegener Widersetzlichkeit. Tatsache ist es, daß in der Nacht dieses Tages, an dem die Flucht des Professors Weitfeld aus seinem Hause und seinem bisherigen Leben stattfand, es war ein Sonnabend gegen Ende des Monats August 1918, in der Nähe des Gasthauses »Zum blauen Helm« ein wildes Johlen, Schreien und Pfeifen entstand. Unter den Rufen: »Schlagt sie tot, die Kriegsgewinnler und Menschenschinder,« ergoß sich ein Haufen meist junger Arbeitsburschen in die Gassen vor die Häuser der Vornehmen und Reichen, überall heulten die Trupps dieselbe Parole: »Nieder mit dem Krieg!« und begannen dann Fenster und Türen mit Steinen zu bombardieren. Der herbeigeeilte Gensdarm wurde verprügelt, man zerbrach ihm das Seitengewehr, entriß ihm den Revolver, ehe er schießen konnte, knallte johlend die Waffe leer, warf sie in den Zacken und spedierte unter Gelächter den armen Sicherheitsmann über die hohe Ufermauer und gerade an einer tiefen Stelle nach, daß er pudelnaß wieder heraushumpelte. Aber mit dem plumpsenden Aufschlagen seines Körpers auf den Wasserspiegel, schnitt Geschrei und Aufruhr jäh ab und die Unruhstifter waren in der finstern Mitternacht wie vom Erdboden verschwunden. Der gestäupte Gensdarm behauptete nun, die Anführer der Tumultanten seien zwei Soldaten des Grenzschutzes gewesen, Landstürmer bayrischer Nationalität, die wirklich an diesem Tage nicht in ihr Quartier zurückkehrten, sondern spurlos verschwanden. Es waren dieselben Soldaten, die am selben Tage nach der Ablösung von ihrem Postengange auf dem Kamm etwas nach zehn Uhr nachts mit Geschrei und Kolbenstößen an die Tür in dem Gasthaus »Zur großen Linde« in Wiesenfeld Einlaß gefordert hatten. Der Besitzer des Anwesens war seit zwei Jahren in Rußland gefallen und der einzige Sohn stand vor Verdun in der kronprinzlichen Armee. So führte die Witwe mit ihrer einzigen Tochter und einer Magd allein die Wirtschaft. Als sie das Andringen der Männer hörten, das mehr einem Überfall von Räubern glich, kamen die drei fraulichen Wesen überein, noch einigen Widerstand zu leisten, zu versuchen, die Erregten in Güte zum Weitergehen zu bewegen und vor allem auszukundschaften, wer sie seien und was sie wollten. Das pfiffige Dienstmädchen übernahm die Verhandlung mit den Männern und hatte es schon bald heraus, daß es die beiden biederen Bayern seien, die immer über den anderen Tag, bald auf dem Wege nach dem Kamm, bald auf der Rückkehr vom Dienst auf dem Gebirge auf ein Weilchen in die Linde einkehrten und ob ihrer raunzigen Gutmütigkeit und der ehrlichen Wut über das »sakrische verfluchte Saubier« allen ein spaßiges Vergnügen bereiteten. Kaum, daß die Dienstmagd erfahren, wer die beiden Räuber seien, als sie lachend ihnen die Tür öffnete, weil sie sicher war, die Erregten schon bald wieder in ihr altes knurriges Schmunzeln zu scherzen. Allein sie täuschte sich. Die Soldaten benahmen sich nicht etwa wie Trunkene, nein, eher wie Übergeschnappte, aufs höchste gereizte Irrsinnige und begannen sofort ein drohendes Kauderwelsch »von der Herrschaft des Menschen,« »dem Unsinn aller Gewalt und aller Könige,« »dem Fluch des Krieges« und noch vielem anderen, hieben mit den Seitengewehren auf den Tisch und verlangten sofort Wein und Essen, soviel im Hause sei, widrigenfalls sie »dös ganze Gerümpel« kurz und klein schlagen würden und wer Miene zum Widerstand mache, den schössen sie bei Gott sofort über den Haufen. Dabei fuchtelten sie bald mit den Faschinmessern, bald hantierten sie an den Flinten herum. Das Dienstmädchen mußte bald einsehen, daß mit ihrer Schlauheit nichts auszurichten sei und schleppte in der Angst alles herbei, was die Wütenden forderten. Aus der dunklen Ecke neben der Tür achtete sie indes auf ihr erregtes Gespräch, in dem immer und immer »die Korallensteine,« eine Felsgruppe auf dem halben Wege nach dem Kamm und ein langer, »geduldeter« Herr eine Rolle spielten. Es sei alle. Das Volk müsse das Heft in die Hand nehmen. Nicht eher, bis alles von der alten Ordnung zerschlagen sei, könne an das neue Reich der neuen Menschen gedacht werden, solche und ähnliche Reden führten die beiden, lachten zwischenhinein aus vollem Halse, tranken einander, sich gegenseitig anfeuernd, zu und stapften, ohne sich um das Madchen und die Bezahlung zu kümmern, mit der Beteurung davon, schon heute mit dem Umschmeißen des ganzen Krempels zu beginnen. Unter der Tür kehrte sich einer um und schärfte dem Mädchen noch ein, niemand etwas von dem zu verraten, was hier geschehen sei, sonst kämen sie wieder und machten »die ganze Bagasche einen Kopf kürzer.« Im Garten schlugen sie ihre Gewehre an einem Baum kurz und klein und rannten dann den Berg hinab nach Johnsbach zu, daß die Steine des Weges ihren Schritten nachrollten. Um die Mitte derselben Nacht brach der Tumult in Johnsbach aus und als der Amtsvorsteher dieses Ortes Kenntnis von dem Vorgänge in dem »Gasthaus zur Linde« erhalten hatte, bildete sich bei ihm die Überzeugung, ein fremder Agitator unterwühle die Gesinnung der Grenzsoldaten und gleich darauf stieg der dringende Verdacht auf, dieser Unruhstifter sei niemand als der Professor Weitfeld, der seit langem sich so seltsam betragen, dem Konsul Griepenstein und anderen Personen gegenüber verfängliche und direkt umstürzlerische Ansichten geäußert und seine Frau verlassen habe. Durch ihre freiwilligen Aussagen über seine Ideen, die allem Hohn sprachen, was nicht nur den Deutschen, sondern jedem Menschen als heilig galt, wurde es vollends zur Gewißheit, daß es niemand als Weitfeld gewesen sei, der in der Nacht an den Korallensteinen die Grenzsoldaten zum öffentlichen Aufruhr und zur Fahnenflucht beredet habe. Um das bis in die Tiefe mürbe Volk nicht noch mehr zu erschrecken und dem geheimen Loderri in so mancher Brust nicht zum Ausbruch zu verhelfen, vertuschte der Amtsvorsteher möglichst den nächtlichen Radau und stellte ihn als die kindische Lärmsucht knabenhafter Rüpel hin. Im stillen betrieb er das Vigilieren nach dem entwichenen Professor und veranlaßte den Kommandeur des Grenzschutzes zu einer verstärkten Streife nach dem mutmaßlichen Übeltäter den ganzen Kamm hin, von Schmiedeberg angefangen bis zur Senke hinter dem Reifträger. Aber man wurde seiner nicht habhaft, obwohl es sicher ist, daß sich Weitfeld noch in den folgenden Tagen auf dem Gebirge aufgehalten hat. Denn der Wirt der Schneegrubenbaude hörte am Tage nach dem Johnsbacher Rummel gegen Morgen, aber noch in der Finsternis, stolpernde Schritte um das Gebäude, wie den Gang eines Übermüdeten, und war schon daran, aufzustehen, um den Verlaufenen hereinzuholen. Bald darauf fing es an zu reden, wie es ihm war, bald eine hohe, bald eine tiefe Männerstimme, bald näher, bald ferner, und dann löschte der stärker einsetzende Wind das Stimmengemurmel ganz aus. Deshalb glaubte er, es handle sich um einen Trupp Schmuggler von Böhmen her, die fast jede Nacht auf Schleichwegen hier vorüberkamen und, einmal über die Grenze, zu kurzem Verschnaufen ihre hochgeladenen Hucken absetzten. So schlief er wieder beruhigt ein, wenn es auch nicht zum vollständigen, tiefen Traumversinken kam, sondern nur gleichsam ein Schlafschwirren war, das ihm das Hirn benebelte und allerhand halbe Bilder an ihm vorüberriß. Im ersten Morgendämmern erwachte er wieder. Und als er den Kopf hob, empfand er es wie den Nachhall schwachen Klopfens in seinem Ohr. Er stieg aus dem Bett, zog sich die Hosen an, ging ans Fenster, um einen Blick nach dem Wetter zu tun und sah einen grämlichen Morgen frostige Nebelfetzen vorüberblasen. Deswegen warf er noch eine Jacke um und stieg dann, etwas unwirsch und schlafbenommen, vorsichtig über die Treppe hinunter. Richtig, als er die Tür öffnete, wäre er fast auf eine Menschenhand getreten. Denn über die drei Stufen war ein Mann heraufgeworfen in der Haltung eines zu Tode Erschöpften, den seine Kräfte verlassen hatten, wohl als er mit letzter Anstrengung am Zugang zur Baude angekommen war und gerade die Hand nach dem Türgriff ausstrecken wollte. Er trug einen graugrünen Sportanzug, sein Kopf, von dem der kleine Filzhut abgeglitten war, ruhte auf dem vollgepackten Rucksack, und der Wettermantel war oberflächlich über den Körper gezogen worden. An den langen, weißen Händen und dem mageren, scharfgemeißelten Kopf, dem Schuhwerk und dem herabgefallenen Hornklemmer, der auf der taunassen Steinschwelle neben der dünnen etwas geknickten Nase lag, erkannte der Wirt, daß es sich um einen Mann der besseren Stände, vielleicht um einen Gelehrten, handelte. »Heda!« rief er nun gedämpft, beugte sich und rüttelte den Fremden sanft an der Achsel. Der rührte sich nicht. Deswegen sagte der Wirt sein »Heda!« noch lauter, noch näher an den Ohren, rüttelte noch kräftiger an ihm und schrie fast: »Wo wollen Sie denn hin? Sie können doch nicht hier in der Kälte liegenbleiben. Was is Ihnen denn, heda! Da hören Sie doch. Sie! Sie sind ja auf der Schneegrubenbaude!« Da stieß der Mann ein langes, schmerzvolles Ächzen aus, richtete langsam seinen Oberkörper auf, schauerte zusammen, starrte abgewandten Gesichtes lange in den Nebel, der aus den Gruben brodelte und oben von dem Winde auseinandergerissen wurde, und kehrte dem Wirt dann ein so gramverwüstetes Gesicht zu, mit so in die Höhlen gestoßenen Augen, daß er nicht wie ein Schlaftrunkener, sondern eher wie ein Irrsinniger aussah. Und was er sagte, deutete der Wirt auch auf Verstandesverrückung. Denn nachdem der Fremde den Gutmütigen eine Weile dringend, als müsse er sich mit den Blicken durch eine Dunstschicht arbeiten, angesehen hatte, brach er in ein höhnisches, grelles Lachen aus. »Schämen Sie sich, Sie,« sprach er darauf mit zusammengezogenen Brauen, »schämen Sie sich, daß Sie ein Mensch sind! Da stehen Sie hier dick und feist und schlafen in warmen Betten und drunten in aller Welt sterben die Menschen in Blut. Rasen wie Bestien. Betrügen einander, machen die Städte zu Kehrichthaufen. Warum packen Sie nicht soviel Felsenstücke, wie Sie erraffen können und wälzen sie hinunter, werfen alles in Trümmer. Denn diese Welt muß untergehen. Diese Ordnung stammt aus der Hölle. Haben Sie den Mut zum letzten in Ihrer Brust, zur Anarchie des Himmels, den Sie in sich tragen ...?« Der Fremde sprach mehr in Konvulsionen, mit heiserer, ausgeschriener Stimme. Langsam trat der Wirt von dem Unheimlichen weg ins Haus zurück und eilte die Treppe hinauf, um mit Hilfe seines Sohnes sich des offenbar Irren zu bemächtigen, damit er nicht etwa in feinem Wahn in den Grubenabgrund gerate. Was er laufen konnte, sprang er über die zwei Treppen unters Dach, rüttelte den Burschen und schrie: »Auf Gustav! raus und zieh dich schnell an. Drunten vor der Tür liegt ein Wahnsinniger.« Aber es war ein schweres Stück Arbeit, den Schlafenden wach zu kriegen. Und als die beiden endlich herunterkamen, waren die Stufen leer und trotz langen Suchens und Rufens fand man keine Spur des seltsamen, unheimlichen Fremden. Da glaubten sie, er habe sich in die Schneegruben gestürzt. Doch als in der vollkommenen Helle alles abgesucht wurde, entdeckte man auch hier nichts. Der Wirt wurde von dem am andern Tage heraufgeeilten Kommandeur des Grenzschutzes vernommen, die Wachsamkeit der verstärkten Truppe erhöhte sich und nach einigen Tagen sahen zwei Soldaten, die auf dem Plan vor der Spindlerbaude standen, einen langen, hageren Mann durch die Latschen an der großen Sturmhaube ziellos hin- und hergehen. Sie riefen ihm zu, stehenzubleiben und einer riß sogar das Gewehr schußfertig an die Backe. Kaum aber, daß den Mann der Laut des Rufes getroffen hatte, duckte er sich und lief in langen Sätzen kreuz und quer durch das Knieholz, aber immer in der Richtung nach der österreichischen Grenze. Die Soldaten rannten ihm zwar unter Aufbietung aller ihrer Kräfte nach, den Berg hinauf. Als sie aber an die Stelle kamen, wo er sich unter den Latschen noch eben bewegt hatte, war rundum nichts zu sehen und zu hören. Nur ein Steinschmätzer stieg nicht weit davon mit seinem kurzen schrillen Triller in das urweltliche Kammschweigen hinauf und im Weißwassergrunde siedete es traumhaft aus dem Tannendunkeln wie leises Wellengeriesel. Zuletzt, eine Woche später, will ihn eine Touristin gesehen haben, deren Beobachtungen sich allerdings nur im Rahmen des Bildes bewegen konnten, das sich die Leute im Laufe der Tage von dem »wilden Professor« geschaffen hatten. Sie kam im Abenddämmern aus dem Tale der Mummel von Harrachsdorf her an der Wossekerbaude vorüber und schritt tapfer zu, um noch vor dem Einfinstern in der alten Schlesischen Baude zu sein. Als sie die Kammhöhe erreicht hatte, tat sie noch einen Blick nach dem Krkonosch zurück, der im Dunst des Abends wie ein riesenhaftes wiederkäuendes Tier auf einer rauchenden Wiese lag. Während sie so die Gegend übersah, aus der sie gekommen war, begann in der Richtung auf die sanfte Einsattelung nach dem Reifträger hin, eine Männerstimme »Deutschland, Deutschland über alles« zu singen. Der Gesang klang wie schneidender Spott, brach schon nach den beiden ersten Verszeilen ab und ging in ein grelles Hohngelächter über. Als sie den Kammweg hinschaute, gewahrte sie einen hohen schlanken Mann, der zwischen rüstigem Ausschreiten alle Augenblicke stehenblieb und die Knieholzstauden mit wütenden Stockschlägen bearbeitete, als wären es seine Feinde. So mit Singen, gellem Lachen, Anhalten und Kämpfen trieb er es eine ganze Weile, bis er Hut, Stock und Rucksack von sich warf und erschöpft in die Latschen sank. Die Frau wurde von Grauen und Mitleid ergriffen, und als gar aus der Gegend, wo er sich niedergelassen hatte, ein paarmal lautes Schluchzen und Aufstöhnen erklang, würgte es die Horchende in der Kehle und voll Furcht und Angst rannte sie ins Tal hinunter. Das war das letztemal, daß der Professor Weitfeld auf dem Gebirge gesehen worden ist. Dann verschwand er aus jener Gegend und aus Schlesien. Nach dem revolutionären Novemberzusammenbruch Deutschlands in demselben Jahre tauchte er in Berlin als Führer jenes linken Flügels der unabhängigen Sozialdemokratie auf, die im Fortschreiten der nationalen Auflösung zu Kommunisten wurden. Es ist noch im Gedächtnis aller, die jene Ereignisse mit Aufmerksamkeit verfolgt haben, welche verderbliche Rolle er als Führer in den Berliner Kämpfen um den Schlesischen Bahnhof, in den Monaten der Blüte des Braunschweiger Kommunismus und während der blutigen Rätediktatur in München gespielt hat. Sein fanatischer Idealismus war so rein und so verbrecherisch wie der Eisners und Landauers. Er fand auch ein ähnliches Ende wie diese Männer. Bei dem Kampfe der roten Armee gegen die in München eingedrungenen Truppen der Reichswehr, die Weiße Garde, focht er an der Spitze der Kommunisten, die sich verzweifelt am Sendlinger Tor gegen die Übermacht wehrten. Dort hat er auch durch eine Kugel den Tod gefunden und ist in einem Massengrab verscharrt worden. Gudnatz Erster Teil. Daß auch in der Welt der Schieber die moralischen Götter noch manchmal regieren, ja sogar der hohe Himmlische mit schimmerndem Hauch über einen solch unedlen Menschen Gewalt gewinnt, selbst wider den Willen des also Betroffenen, das hätte die ganze Welt in den Tagen des ausgehenden Leidensjahres 1919 zum Trost kennenlernen können, wenn der, dem ein solches Schicksal bereitet wurde, ein anderer als Anton Gudnatz gewesen wäre. Der hatte in – ich will es unbestimmt lassen – in einem Ort Schlesiens mitten im Kriege, nachdem er vor Warschau ziemlich krumm geschossen worden war, so ein kleines Handelchen angefangen, das mit Zwinkern eingeleitet, mit Schmieren betrieben wird, durch Bestechen nicht stirbt, das Unverschämtheit und Betrug segnet, ja, das selbst den Diebstahl duldet. Mit zwanzig Pfund Weizenmehl im Rucksack und einem Huhn im Schnupftuch fing das Geschäftlein an und mit Doppelgespannen durch die Nächte, gekauften Beamten, erlösten Exzellenzen segelte es in die Höhe und als es recht florierte, verschwanden auf seinen Wink ganze Wagen aus den Güterzügen, als seien es Schraubenmuttern und alle obrigkeitlichen Personen des Ortes und der weiten Umgebung segneten im geheimen die Umsicht Anton Gudnatzens, weil er sie am Leben erhielt, wenn sich dieser selbst und seine Abnehmer auch nicht um die tausend Kinder der Ärmsten kümmerten, die am Hunger dahinsiechten und die unzähligen Männer und Weiber nicht sahen, die es nicht über sich brachten, den Bissen, den sie brauchten, anderen Bedürftigen vom Munde wegzustehlen. Vor dem Kriege betrieb Gudnatz einen Grünkram, der während seiner üppigsten Zeit in einem Spreukorb Platz gehabt hätte und dessen Leben, wenn's hoch herging, mit einem Taler erhalten wurde, so daß sich jemand lieber prügeln ließ, als dem Gudnatz und seiner Frau fünfzig Pfennige zu borgen. Und nun besaß er ein Haus in Sch., hatte seinem Sohne im L.er Kreise eine Wirtschaft gekauft, und wenn er die Guthaben in den verschiedenen Sparkassen und seinen baren Besitz zusammenzählte, so machte das gut eine Viertelmillion aus. Zu zählen, zu überschlagen, was mit dem Gelde geschehen solle, Pläne in alle Wolken hinaufzubauen und dann, wenn er von all dem Spielen müde war, im Dunkeln zu liegen und über sich dem Tanz von bunten, goldenen und silbernen Kugeln zuzusehen, darin bestand das eigentliche Glück Anton Gudnatzens, wenn man die heimliche Flasche Kognak nicht rechnet, die nie leer wurde und die Zigarre, die nie erlöschen durfte. Denn Gudnatz unterschied sich darin von den anderen Schiebern: Er protzte nur in sich hinein und fuhr in seiner kammerartigen Hinterhausstube zwischen dem Gerümpel aus seiner Armenzeit mit zwei Hengsten und einem Kutscher auf dem Bocke. In der letzten Zeit, als das Reichsnotopfer immer näher rückte, als er die Einlagen von den Sparkassen abgehoben hatte, als sein Schatz in Strümpfen, im Bettstroh, in alten Stiefeln immer mehr anschwoll, betrieb er dies Spiel mit bunten, phantastischen Einbildungen leidenschaftlicher, länger in die Nacht hinein, mit reichlicherer Unterstützung der Flasche als sonst und zwischen dem herrischen »Hott« und »Hüh,« das er seinen Traumhengsten und dem »Esel«, das er seinem Luftkutscher zuschrie, hörte sein Weib ihn manches Böse grummeln, das allemal mit »verfluchter Schweinerei« begann und mit einem gehörigen Fladen Speichel endete, den er neben sich hinspedierte, daß es nur so klatschte. Und einmal, als er so lag, müde und überreizt von dem Luftkutschieren, aufgeregt über die Schamlosigkeit und Undankbarkeit des Staates, der nur allein durch ihn und seinesgleichen noch notdürftig bestand, ein wenig benommen von dem geistigen Zuguß aus der Flasche, als er so lag, ganz im Finstern und auf das Schlagen der Uhr des benachbarten Kirchturmes horchte und eben in Gedanken »zehn, eilf« gesagt und dabei gedacht hatte, was er nun anfangen sollte, wenn man ihm seinen sauer und mühsam verdienten Gewinn wegnähme, kam eine solche Aufregung über den Anton Gudnatz, daß er sich aufsetzen mußte. Seine Frau schlief und es hörte sich an, als ob sie in einem fort geruhig die Suppe bliese, so, daß er sie schon ärgerlich wecken wollte. Doch gerade als er den Atem zu dem Ruf in der Lunge zusammengerissen hatte, ging drunten die Haustür und vorsichtig kamen Schritte die Stiege herauf, hielten auf dem zweiten Flur und fingen dann an, die Treppe zu seiner Stube heraufzusteigen. Gudnatz ließ den Atem fahren und überlegte, wenn es die Polizei wäre, die ihn verhaften wollte, so bliebe ihm nichts übrig, als den Mann zur Seite zu schlagen und dann, »haste nicht, kannste nicht,« über die Treppe hinunter, zum Hause hinaus zu laufen. Also wand er sich leise aus dem Bett, denn er schlief seit Wochen angekleidet wie im Schützengraben, sein Vermögen in allen Taschen und griff im Finstern zwischen Säcken voll Reis und Kaffee nach einem Prügel oder einem Eisen. Aber wie er so klopfenden Herzens und mit geworfener Hand leidenschaftlich bald da und dorthin langte, indes sein Ohr auf der Lauer lag, erschrak er auf eine ihm unbegreifliche Weise noch tiefer als vorher, da er sicher war, die Polizei schleiche die Treppe herauf, um ihn auf Nummer Sicher abzuführen, denn die Schritte, mit denen es die Stiege emporkam, wurden immer peinvoller, immer undeutlicher, und es klang am Ende ganz so, als habe den Menschen, der sich da draußen mühte, die Kraft verlassen, daß er auf allen Vieren die Treppe heraufkrieche, und ein Wimmern und Schluchzen war zu vernehmen, wie es nur ein Kind ausstößt, das in Todesangst ist. »Herr Gudnatz! Lieber, guter Herr Gudnatz!« hörte er es leise rufen, aussetzen und dann unter Uchzen und Wimmern wieder beginnen und weiterkriechen. Nun war es oben und Gudnatz hörte deutlich, wie es sich erschöpft an seine Tür lehnte. Nach einer Weile, als es sich erholt hatte, sagte es mit erbarmungswürdig dünner Stimme zum Schlüsselloch herein: »Ich bitte, geben Sie uns etwas Brot oder Mehl oder was Sie haben. Wir wissen uns vor Hunger keinen Rat. Mutter liegt krank im Bett und mein kleiner Bruder schreit nach Essen und wenn ich nach Hause komme und nichts mitbringe, muß er sterben. – Lieber, guter Herr Gudnatz.« Da fing es in der Brust des Mannes an wie mit Fäusten zu stoßen, und seine Hände suchten nicht mehr nach einem Prügel. »Wer bist du denn?« fragte er leise und mit einem Gemüt, das wie ein barmherziger Taumel über ihm lag. Mit Schluchzen und Wimmern antwortete es, daß nichts zu verstehen war. Und da dem Gudnatz bei dem Greifen ein Papiersäcklein unter die Finger geraten war, begann er es mit Reis bis oben hin zu füllen, knipste das Licht an und öffnete die Tür. Die Helle geisterte auf den Flur hinaus. Aber niemand stand da. Der Treppenschacht gähnte aus dem finster« Hause herauf, und nichts rührte sich in der Totenstille. Da trat Gudnatz bis ins Herz betroffen in seine Stube zurück, stellte das Säcklein Reis neben die Ballen auf die Diele, drehte das Licht aus und kroch vorsichtig ins Bett zurück. Aber kaum hatte er sein Ohr in die Kissen gedrückt, so hörte sein Weib mit dem Suppeblasen auf, fuhr in die Höh und fragte mit unwirscher Stimme, was in aller Welt er denn in einem fort herumzutrappen habe und weswegen er immerwährend das Licht auf- und abzwicke. Genau so fragte sie, als habe sie durch den Schlaf hindurch, wie durch einen Scheinschleier, alles belauert, was ihm eben widerfahren war. Gudnatz wußte nicht, was seinem Weibe von dem zu sagen war, das er selbst nicht begriff, begann alsofort ein grobes Schnarchen und wälzte sich stöhnend im Bett hin und her, als liege er in schwerem Traume und war nicht davon abzubringen, ob seine Ehehälfte auch noch manches redete, bis sie endlich umsank und nach einigen Augenblicken wieder behaglich an ihrem Schlummergericht zu blasen begann. Für Gudnatz wäre es nun ein leichtes gewesen, nach diesem geheimnisvollen Anruf auf den richtigen Weg zu finden. Aber die Männer, die bei Gorlice und Tannenberg in die Mord- und Donnerschule gegangen sind, denen sitzt eher der Affe des Aberglaubens auf der Achsel, als daß ihnen im tiefen Herzen das Türlein des rechten Glaubens aufgegangen ist. Das heißt, je nachdem sie sind. Gudnatz aber war von dem eisernen Besen inwendig so kahl und leergekehrt worden, daß er gar nicht auf den Gedanken kam, in einem Kämmerlein seiner Brust könnten die Engel einen Schimmertanz angefangen haben, von dem seine alten Sünderohren auf der Erde den geheimnisvollen Vorgang mit dem armen Kinde bemerkt hatten. Nachdem er das Begegnis in dem Nebel von allerhand Vermutungen hin- und hergewälzt hatte, beruhigte er sich bei einer Überzeugung, die darauf hinauslief, der heilige Geist, der Schiebern bei ihren gefährlichen Geschäften hilft, habe ihn gewarnt, und es sei nichts als ein Anzeichen von daher, daß eine große Gefahr auf ihn losmarschiere. Da er nun soweit damit gekommen war, griff er unters Bett, tat aus der Flasche einen kräftigen Schluck und schlief dann mit der lächelnden Sicherheit ein, daß die Hand noch erst geboren werden müsse, die ihm den Hut vom Kopf schlagen könne, daß Hören und Sehen mit vor die Füße fliege. Am anderen Morgen lag der Vorgang der vorigen Nacht nicht anders in ihm wie eine Hexengeschichte aus seiner längst vergessenen Kindheit, und er verbarg das Säcklein mit dem Reis in dem dunkelsten Winkel seiner Stube. Seiner Frau, die beim Erwachen ihr Aufschrecken während der Nacht sogleich im Kopfe und auf der Zunge hatte, erzählte er irgend etwas von der Vorsicht, die jetzt für jeden ehrlichen Menschen die Hauptsache sei. Denn seit dem Gendarm keine Helmspitze mehr aus dem Kopfe wachse, halte sich jeder Lümmel für einen Angestellten des Staates und stecke seine Nase in Dinge, die ihn nichts angingen. Und so sei es wohl möglich, daß er, durch irgend etwas beunruhigt, aufgestanden wäre und Licht gemacht hatte. Was es ihm aber vorgegaukelt, das wisse er nicht mehr genau. Darauf pfiff er davon und trällerte sich über die Treppe hinunter. Eben gingen die Kinder zur Schule, als er auf den kleinen Platz des Ortes einbog und im Gehen überlegte, wenn das Rind und das Schwein, das für ihn unterwegs war, glücklich in seine Hand gelange, so wären dreitausend Mark wieder sicher in seinem Sack. Er war ganz in sich versunken und da er aus dem noch ungewissen Licht dieser Hoffnung wieder bei sich war, sah er ein kleines dürftiges Mädchen auf sich zukommen, das so welk und blaß war, als sei es ohne Abendessen in die Nacht und ohne Frühstück in den Tag gegangen und als schleiche es ohne Freude seit Jahren durch sein junges Leben. Nein, es ging nicht, wie es Kindesart ist, daß jeder Schritt mehr einem Flügelschlagen gleicht, sondern wirklich wie ein Maschinlein, das im Stehenbleiben ist, bewegte es gleichgültig die dünnen Beinchen. Die wächsernbleichen durchsichtigen Zeigefingerchen umeinander drehend, mit gepreßten dünnen Lippen und gesenkten Lidern diesem Spiel zuschauend, so kam es weltverloren auf Gudnatz zu, daß es eher einem wandernden Leichlein, denn einem lebendigen Menschenkind glich. Das war der zweite Stoß, den es Anton Gudnatz versetzte, so heftig, daß er nicht bloß die verzweifelte Stimme des Kindes von gestern nacht, sein Schluchzen und Treppenschleichen wieder erlebte, als käme alles von dem bleichen Mädchen da vor ihm, sondern die Furcht vor einem nahenden Unheil befiel ihn gleich einem inneren Schauer noch stärker als gestern nacht. Am liebsten wäre Gudnatz umgekehrt, um diesem »Anzeichen« nicht noch mehr Fug auf sich einzuräumen. Wegen der Leute konnte er es aber nicht tun. So ging er wenigstens mitten auf die Straße, daß er die Kleider des Unglückskindes nicht berühre. Einige Schritte weiterhin drückte er sich freilich Courage in den Rücken, fing wieder an abwechselnd zu pfeifen und zu trällern, spuckte die halbe Zigarre aus, zündete sich eine neue an und brachte es auch wirklich fertig, daß er nach kurzer Zeit wieder mit all seinen Gedanken in seinem Geschäft werkte. Trotz alledem! In der vorigen Nacht hatte es ihm die Pferde aus dem Wagen gespannt und statt der beiden Traumhengste, die auf »Hott« und »Hüh« spielend über jede Gefahr hinweggekommen waren, spürte er bald zwei hartmäulige Mähren vor seinem Geschäftsgefährt, die keinem anderen Drang folgten, als bald in dem einen, bald im anderen Graben abzuladen. Das sollte er denn auch sogleich erfahren. Der Bauer, zu dem er unterwegs war, den Handel um zehn Sack Weizen abzuschließen, tat wie ein eingetrockneter Brunnenstock, weil er das Getreide indessen an einen andern Schieber um einen beträchtlich höhern Preis losgeschlagen hatte. Und da Gudnatz über diese Untreue in die Wolle geriet, ließ ihn der Bauer mit verstellten Worten an der Wahrheit schmecken, daß das Wort Gauner auch im republikanischen Deutschland mit »G« geschrieben würde und wer mit Schelmen tanze, es sich gefallen lassen müsse, wenn der Staatsanwalt das Tanzgeld einkassiere. Ihm seien dreckige Hosen lieber als dreckiges Geld. Bei wem aber beides beieinanderhocke, die sehe er je eher je lieber vor als in dem Hofe. Damit stand der Fläz von dem Tische auf, machte Augen wie Pflugräder und ging in einer Art der Tür zu, daß Gudnatz seine Hand schon um Rockkragen spürte. Vor dem Tor aber ermannte sich Gudnatz und fragte, ob es wahr sei, daß in dem Bauernhimmel jeder Hund selig gesprochen werde. »Ja ja,« war des andern Antwort, »solange die Schieber in der Sch ... e Halleluja singen, kann's wohl sein.« Dazu lachte er breit heraus und ließ ihn stehen. Nun, wenn man auch nicht mit seinen Beinen in Gudnatz' dreckige Hosen hineingeboren ist, so wird man es doch verstehen, daß der Mann nach diesem Abschied des Bauern die Gasse hinuntersah, als sei sie ein Feuerloch. Denn jeder Mensch hat seine Ehre, wenn sie hinter manchem auch nur herläuft, wie ein herrenloser, stinkender Pintscher. Gudnatz also stand und überlegte, daß dieses Pack von Bauern es wahrhaftig nicht wert sei, sich so zu plagen. Denn sie allein würden bei dem Handel speckfett, während die armen Schieber immer wie im Trommelfeuer von Granatloch zu Granatloch springen müßten. Damit setzte er sich in Bewegung und nahm sich vor, da sein Geschäft doch nicht so mir nichts dir nichts an den Nagel zu hängen sei, den nächsten Bauern, der ihm unter die Finger gerate, ein Gericht zu kochen, daß ihm und seiner Familie die Augen wochenlang nicht trocken werden sollten. Dieser gute Vorsatz richtete das niedergedrückte Gemüt Gudnatzens auf, und an der nächsten Straßenecke machte er schon wieder Augen, als sei er von Gott eingesetzt, die ganze Welt auszuverkaufen. Deswegen achtete er auch kaum eines Burschen, der die Mütze in der Hand, in atemlosen Schritten den Weg herauf kam, und, seiner ansichtig werdend, mit beiden Armen zu winken begann. Er trug Langschäfter und sah einem Knecht ähnlich. Gudnatz schwenkte mit einem halben Blick nach ihm um die Ecke und ging fürbaß. Auch als er seinen Namen hinter sich rufen hörte, drehte er sich nicht um, weil er noch zu giftbitter war, schon wieder einen Handel mit so einem vermaledeiten Bauern zu beginnen. »Herr Gudnatz!« keuchte es hinter ihm drein, »Herr Gudnatz!« »Presch' dir die Lunge aus,« dachte der Schieber höhnisch und machte seine Schritte eher noch eine handbreit länger. Endlich kam ihm doch die Stimme bekannt vor und wie er sich herumdreht, steht der Kutscher schweißgebadet vor ihm, dem er die Heranschaffung des Rindes und des Schweines übergeben hatte, von denen ihm heute morgen ein solch fröhliches Gewinnlicht aufgegangen war, und machte ein Gesicht, als habe er stundenlang unter Toten gelegen, richtig zum Erbarmen. Aber was ihm widerfahren war, das brachte er in der Aufregung nicht zusammen. Um den Leuten, die auf- und zugingen, nicht den Lästerstecken in die Hand zu geben, stellte sich Gudnatz, als kenne er den Menschen nicht, ging eine Weile neben seinem Gestotter her und bog bei dem nächsten Rain ins Feld hinaus. Wie sie so, der Schieber voraus, der Knecht immer drei Schritte hinter ihm, zwei, drei Ackerbreiten, an Rüben, Hafer und Gerste vorbei, über ein Hübelchen hinaus, hinter einige Felsbrocken gekommen waren, daß sie von dem Dorfe her nicht mehr gesehen werden konnten, blieb Gudnatz mit einem Ruck stehen, schob die Mütze über den Kopf und fragte protzig: »Na, also, was gibts?« Aber da das Knechtlein den dreckigen reichen Schieber so donnerdick auf sich losfahren sah, verfing sich seine Zunge an den Zähnen wie an ebensoviel Häkchen und seine Worte schoben, Hase und Hund, als sei Treibjagd in seinem Munde, durcheinander, daß dem Gudnatz, der sowieso noch nicht abgekocht hatte, die Geduld riß. »Quatsch' dich nachher aus!« schrie er. »jetzt sag' mal, Esel, ob sie dich gekappt haben oder nicht.« Denn er merkte wohl, daß mit der Schieberfuhre des Knechtes nicht alles wie das Amen in der Kirche gegangen war. Der Bursche aber, der das Unglück, das ihm widerfahren war, dem Schieber gern Brocken um Brocken von hinten in die Rocktasche geschoben hätte, stotterte noch etwas von Tiefhartmannsdorf und Spiller, von Chausseebäumen und Pechfinsternis, wurde vor Verlegenheit und Angst immer wütender und schrie endlich, eher noch lauter als Gudnatz vorher: »Jawohl, kaputt! Alles zum Teufel, alles hat der Hund von Gendarm geschnappt. Rind und Schwein, die fünf Ballen Mehl, den ganzen Wagen. Geschossen haben die Kerle auch noch, der Gendarm und die anderen ...« »So so,« sagte Gudnatz tonlos, setzte sich auf einen Stein, knipste die Asche von der Zigarre, sah eine Weile ins Gras und fragte dann mühsam: »Und Du?« »Ich?« »Ja.« »Ich. Haha?« »Ja Du.« »Na, da hört doch alles auf! Ich? Denken Sie, ich werd' mich umknallen lassen oder einsperren? Nee, da bin ich nicht dumm genug. Den Schwung hätten Sie sehn sollen, sag' ich Ihn! Schwupp aus der Kelle in einem Satz über den Graben und dann langschoß mitten durchs hohe Korn. Eenmal, zweemal knallts noch hinter mir her. Dann war's stille. Jawoll.« »Und die Pferde?« »Ja die Pferde? Die haben die Kerle ebens auch.« Gudnatz war aufgestanden, räusperte sich und rückte die Mütze in die Stirn. Das »Anzeichen« heute nacht stimmte also. Mechanisch langte er in die Brusttasche nach den Banknoten. Zog aber die Hand zurück und spie verächtlich neben sich hin. »Sage mal, Mensch, Kerl, Schubiak elender, Drosel, verfluchter ...« er konnte nicht weitersprechen, spuckte wieder aus, rieb sich die Hände und schüttelte fassungslos mit dem Kopf. – »Himmelhund!« vollendete er nach einigem Sinnen aus tiefster Brust. »Und das Wagenschild? Ist natürlich auch dran geblieben, nich?« fragte er spöttisch und mit Überwindung weiter. Der Knecht senkte verdutzt die Augen, drehte die Mütze in den Händen und wischte den Schweiß heraus. »Ach was geht mich die ganze Schweinerei an, die Sie und Wille da treiben. Nee, da geh ich doch lieber ... lieber und fahre Jauche. Nee, nee«, sagte er ohne Aufsehen, immer in die Mütze hinein. »Das nich, Herr Gudnatz, das nich. Das Schild ist zu Hause geblieben. Wissen tut niemand was, wo ich hergekommen bin, auch nich. Nee. Aber Wilke läßt Ihn' sagen, die Pferde kosten zehntausend Mark und wenn er das Geld nich bis morgen abend hat, geht er und zeigt die ganze Geschichte an. Nu wissen Sie's.« Damit hatte er seinen Mut wieder, warf sich die Mütze über die Ohren und ging in langen Schritten davon. Gudnatz blieb stehen wie mitten in einer Ohrfeigenschule und das Feld tanzte um ihn. »Das hat man davon, wenn man den Leuten hilft, daß sie nicht verhungern,« murmelte er, sog an seiner Zigarre, sah, daß sie ausgegangen sei, und warf sie weg. »Aber Anton Gudnatz ist kein Guter, und noch lange kein Natz.« Darauf ging er in einem großen Bogen durch die Felder, als komme er aus Martinsbach, in sein Haus zurück. Fröhlich, wie er am Morgen ausgegangen war, pfeifend und zwischenein trällernd, als habe er in jedem Mundwinkel ein Grammophon, stieg er die Treppe zu seiner Stube empor. Seine Frau spürte nicht das mindeste von dem, was ihm widerfahren war. »Na, Anton, alles gedeichselt?« fragte sie, mitten in der babylonischen Verwirrung des Zimmers stehend, das Schlaf-, Wohnzimmer, Küche, Verkaufsraum und Warenremise war, trocknete sich die Hände an ihre beschmutzte Schürze und steckte dann deren Zipfel hinter den Taillenbund. »Alles gedeichselt,« antwortete Gudnatz neben sie hintretend und sah sich in dem Zimmer um, indem er seine Mütze tändelnd an den Oberschenkel schlug. »Und wie, Selma! – gekappt und geschnappt. Alles. Haha.« Damit setzte er sich auf einen Stuhl und warf die Mütze auf den Tisch. »Ein Durchzieher, sag' ich dir.« »Mit dem Weizen?« »Jaaa, mit dem Weizen auch. Alles überhaupt gekappt und geschnappt, haha!« Und dabei gingen seine Augen immer in der Stube umher, wieselnd und stöbernd. Endlich merkte seine Frau doch etwas und fragte, eine Hand energisch über ihre vollen Hüften stemmend: »Na, paßt dir etwan wieder was nich?« »Ist der Reis schon weg?« »Freilich, alles, wie du siehst.« »Doch sieben Mark das Pfund.« »Nu, doch nicht etwan anders?« »Hmhm. Und der Kaffee?« »Ach nu. Zweiundzwanzig wollen eben die wenigsten geben.« »Ja, da werden sie halt in vierzehn Tagen wieder dreißig geben müssen.« Gudnatz gab sich den Anschein, dieses geschäftliche Gespräch mit der alten Hingabe zu führen, setzte aber währenddessen unauffällig das Gilieren mit den Augen fort, ohne den Gegenstand zu entdecken, um den es ihm zu tun war. Darum erhob er sich faul, schob die Arme hinter den Kopf und gähnte laut. Und nachdem er sich so aus der Schlinge des Mißtrauens seiner Frau gezogen hatte, fragte er beiläufig: »Hast du etwan den Beutel Reis auch verkauft, der hinter den Ballen stand?« »Nee, ich kann doch den Mäusereis nicht verkaufen.« »Mäusereis is gut, Selma, wahrhaftig! Ja – Nee und was haste denn gemacht damit?« »Was werd ich denn gemacht haben? Weggeschenkt Hab ich 'n.« »So?« fragte Gudnatz und machte große Augen. »An wen denn?« »Das is doch ganz egal. Wenn ich 'n wegschenk', schenk ich 'n weg und wenn's Mäusereis is, is Mäusereis. Denkst du etwan, man darf kee Herze mehr haben, wenn's einem besser wie früher geht? Das kleine Mädel von der Paulitschken, du kennst's ja, mit den großen braunen Augen. Die hatte es doch mit der Lunge im Frühjahr.« »Drehte sie denn die Finger umeinander?« fragte Gudnatz leise und, hätte seine Frau gut gehört, fast furchtsam. So aber glaubte sie, ihr Mann, der sich wieder gesetzt hatte, verspotte sie nur. Darum brach sie los: »Finger drehn? Was? Ich glaube bei dir drehts. Aber nich in den Fingern, sondern im Koppe.« Gudnatz gab keine Antwort, zog die Mütze über den Tisch heran und erhob sich, bei ernstem Gesicht, einen Fleck an der gegenüberliegenden Wand starr ansehend. »Hm,« sagte er nach einigem Sinnen. »Ja, ja. Ich weiß schon. Ich kenne sie, das Mädel. Gelt, sie konnte kaum über die Stiege rauf. Als wenn sie auf allen Vieren käm, war's. Jaja. Und gewimmert und geschluchzt hat sie.« Er nickte gedankenvoll, mit verfinsterter Stirne, befühlte alle seine Taschen in Hose und Rock und vollendete dann dumpf: »Ich weiß, aber ob es das Mädel der Paulitschken is. Das is eine andere Frage.« Ohne auf seine Frau zu achten, verließ er das Zimmer und ging unbeirrt die Treppe hinunter, obwohl ihm seine Ehehälfte nachrief, daß das Essen jeden Augenblick auf dem Tische stehen werde. Er verließ in der fatalistischen Sicherheit das Haus, das Mädchen der Paulitschken, dem der Reis geschenkt worden war, sei nur eine Täuschung seiner Frau. In Wahrheit habe niemand andres den Reis empfangen, als jenes rätselhafte Spukkind, das ihn die vorige Nacht aus dem Bett getrieben hatte. Und weil es keinen Weg gab, diese geheimnisvolle Verflechtung zu lösen, deswegen war er wehrlos in sie verstrickt, so wehrlos, daß er auf dem Wege in die Wohnung der Arbeiterwitwe Paulitschke in der Mühlgasse mit ironischem Lächeln plötzlich halt machte, sich über das Geländer der kleinen Brücke lehnte und nach langem Starren aufs Wasser herunterspuckte. Denn wenn das Mädchen der armen Frau auch wirklich den Reis empfangen hatte, geholt war er doch nur von jenem Wesen, das ihm um Mitternacht erschienen war. Über so was können nur Leute lachen, die den Krieg nicht mitgemacht haben. Haha! Das war doch genau dasselbe, was ihm vor Olita passiert war, wo ihn ein Kamerad im Schützengraben von seinem Platz zu sich gerufen hatte, um ihm das Bild seines ältesten Jungen zu zeigen. Kaum war er von der Stelle weggekrochen, als eine Granate dort einschlug und alles zu Brei hieb. »Es« hatte sich eben des Kameraden bedient, ihn zu retten, genau so, wie »es« jetzt durch das Mädchen der Paulitschken sein Ziel der Warnung vor Unheil verfolgte. Auch in dem Schulmädchen auf der Straße hatte »es« gesteckt. Mit jenen lässig-krampfhaften Schritten wie kugelgehärtete Soldaten zum Sturm übers Feld dem Feinde entgegengehen, sobald sie aus dem Graben gesprungen sind, bewegte sich Gudnatz über die Holzbrücke des kleinen Flusses, an einer Konditorei linker Hand, einem schmucken Schulhaus rechter Hand vorbei, das Gesicht zusammengerissen, aus Beklemmung von Zeit zu Zeit durch die verstopfte Nase schniebend, ganz so, als zwitschere es ihm von Flintenkugeln um den Kopf, meckere mit Schrapnells in der Luft, brumme, heule und berste auf der ganzen Erde. Auf etwas, das noch nicht zu sehen war, haftete er seine ganze Aufmerksamkeit mit der Entschlossenheit, sich auf keinen Fall unterkriegen zu lassen. So geheizt von einer verborgenen Glut und gelähmt von ungefährer Furcht, ging er über den unbenutzten kleinen Friedhof, der, nur noch als Schaustück der Todeseitelkeit gehegt, um die evangelische Kirche lag und schaute so gleichgültig über die gepflegten Hügel und Grabsteine, wie es nur ein Mann kann, dem durch Kriegsübung Sterben als ein gewöhnliches Geschäft und der Tod im sicheren Bett als ein behaglicher Vorgang erscheint und konnte es doch nicht verhindern, daß seine ein wenig einwärts gekehrten Füße noch etwas latschender als sonst weiter kamen, sein krumm geschossener Oberleib noch mehr nach der Seite hing und sein mühseliges Gesicht von dumpfem Kummer noch ausdrucksloser gemacht wurde. Und als er bei dem Hotel, das an den Friedhof grenzte, am Ausgange des Totengartens, angekommen war und mit dem nächsten Schritt auf die Straße unter die Menschen treten sollte, fiel ihn eine unerklärliche, aber nicht zu bezwingende Zaghaftigkeit an, daß er sich gegen die Ecke der Mauer lehnte und, wie pensioniert vom Leben, auf das kleine Gewimmel schaute, das da vor ihm hin- und herschob. Und während er genau alles beobachtete, wie die Passanten vom Bürgersteig in die Mitte des Straßendammes schritten, einander auswichen, sich grüßten, Pakete trugen, den Hut nach hinten schoben, Mütter Kinder leiteten, wie die Fuhrleute die Pferde antrieben, wurde Gudnatz so verlegen, ja beschämt, so lebensunsicher, daß er in einer förmlichen Angst fortwährend Flüche murmelte, aber so wie Fromme in der Seelennot ihre Heiligen anrufen. »Verflucht! – Verflucht! – o verflucht ...«. So kaute es Gudnatz zwischen den Zähnen und kratzte mit dem Nagel des Zeigefingers währenddessen eine tiefe Rinne in den Bewurf der Mauer, an der er lehnte. Das dauerte an die fünf Minuten, eine lange Zeit für einen, der inwendig mit kurzen, jagenden Schritten läuft. Dann kamen zwei alte Männer von den entgegengesetzten Seiten der Straße, einer von der Kirche, einer von der Post her aufeinander zu. Der von oben Herschreitende mit einem weißen Kuchenbart auf dem Rock, einer breiten Tolstoinase und zwei langgekauten gelben Zähnen im Oberkiefer seines großlippigen, offenen Mundes. Der von unten Kommende mit einem kurzen und einem langen Bein, eilfertig zuckelnd, das glattrasierte Gesicht ein einziges mißtrauisches Zwinkern. Gerade vor dem Schieber stießen sie fast aufeinander, lachten in einem kurzen Stößlein, unmotiviert, wie ausgeleierte Greise es öfter tun, einander an und saßen im Handumdrehen nach dem gewöhnlichen Wortschnuppern in einem Gespräch fest, das von den teuern Mohrrüben des einen, dem sündhaften Tabakpreis des andern begann und dann eine Weile zornig an allen »niederträchtigen Verhältnissen dieser Sauzeit« hin- und herschnob. Gudnatz, der drei Armlängen entfernt an seiner Hotelecke lehnte, achtete nicht sonderlich auf die beiden, verlegte nur sein Gefluch aus dem Munde in sich hinein und kratzte mit dem Zeigefinger in seiner Rinne weiter. Denn das Geschimpf solcher »alten Säcke« kannte er zur Genüge, und es rührte ihn auch nicht sonderlich, obwohl die Klagen der Greise nichts als eine einzige Beschimpfung seines Gewerbes waren. Bis sich ihr Gespräch in Betrachtungen verlor, was geschehen wäre, wenn die Deutschen gesiegt hätten. Der Kurzbeinige klemmte auch da manches »wenn« und »aber« hinein, zwinkerte mißtrauisch und stach mäkelnd mit der Spitze seines Stockes zwischen die Steine. Der andere aber pfiff in asthmatischer Begeisterung zwischen seinen beiden blonden Zahnen die höchsten Lobeserhebungen der Zustände nach einem deutschen Sieg. »Ich kann Ihnen sagen,« sprach er, sich immer wieder von dem versetzten Atem erholend, »es mußte gehen. Mußte, sag' ich. Sag' ich nicht. Behaupt' ich. Behaupt' ich nicht. Beweis' ich. Jawohl. Nehmen wir nur die Schlesier, speziell die Oberschlesier, die man zu Unrecht Polaken nennt. Preußen sind's. Preußen wie aus dem Ei gepellt. Ja. Wenn alles gerissen ist. Die haben's geschafft. Und wissen Sie wie? Die Besinnung haben sie einfach verloren. So wie es der geborene Held tun muß, wenn's letzte Wasser tropft. ›Pieronna‹, kann ich Ihnen sagen. Wenn das losging, dann schlotterte jeder französische Hosenknopf. Und aus war's. Fort liefen die Schufte.« Der Mann sprach immer mehr in dem harten Akzent, der den Oberschlesiern eigen ist. Gudnatz begriff nicht, inwiefern ihm das wie eine Erleuchtung kam, nein, wieso er geradezu erschüttert wurde. Noch ehe sich der Ausgepumpte zu neuem Losbruch erholen konnte, trat Gudnatz auf ihn zu, nahm die Mütze ab und frug: » Co povidal pane? « Der Große strich sich den Bart, sah an dem krummen Schieber in gereizter Belustigung hinab und rief unter breitem Herauslachen: »Sie sind wohl meschugge, Mann?« Gudnatz entschuldigte sich und ging wie nach einer Ohrfeige davon, überschritt den Straßendamm, hörte die Greise hinter sich herlachen, begann wieder stoßgebetartig vor sich hin zu fluchen und drückte sich zwischen den Häusern aufs Feld hinaus. Einmal während seiner Kriegszeit in Rußland war Gudnatz in einer dunstverhangenen Sternennacht mit mehreren Kameraden in einem gebrechlichen Boot über ein großes Wasser gefahren, er wußte nicht mehr zu sagen, war es ein Fluß oder ein See gewesen. Doch das Wanken und Schaukeln bis in die Gedärme, bis ins Hirn, bis in die Fingerspitzen hinein, vergaß er nicht mehr und erinnerte sich noch manchmal, daß er hatte beide Hände zu Fäusten ballen müssen, um einen Halt in sich zu haben. Und merkwürdig. Kaum, daß er vor den Ort getreten war und seine Augen über die tellerflache Ebene gehen ließ, aus der das Gebirge wie in einem jähen Sprung sich in die Höhe schleuderte, überkam ihn das Schaukeln und Wanken, das ihn in jener Dunstnacht auf dem See gepackt hatte, wieder so heftig, als sei die ganze feste Erde, auf der er stand, nur ein schwankes, tanzendes Brett, von dem er jeden Augenblick ins Bodenlose geschleudert werden konnte. Wohl kämpfte er einen Augenblick gegen diesen Anfall, ballte die Hände wie damals und fluchte ein paarmal inbrünstig und kräftig. Aber es hörte nicht auf. Deswegen machte er schnell kehrt und schlüpfte die schmalen Gäßchen zwischen den Häusern auf demselben Wege in den Ort zurück, den er bei seinem Ausgange vorhin benutzt hatte. Als er auf die belebte Hauptstraße trat, sah er die beiden greisen Männer noch immer vor der Hotelecke stehen und eifrig plaudern. Vielmehr der Große, mit dem weißen Kuchenbart, fegte über den Kopf des Kleinen leidenschaftlich in der Luft und vermochte doch nicht, das mißtrauische Zwinkern und Mäkeln von seinem Gesicht zu vertreiben. Da fiel es Gudnatz ein, daß er vergessen hatte, den beiden eine Erklärung abzugeben, warum er sie vorhin tschechisch gefragt habe. Eilfertig setzte er sich auf die beiden zu in Bewegung, um das Versäumte nachzuholen. Aber als er in der Mitte der Straße angekommen war, wandten beide, wie auf einen Stoß hin, das Gesicht nach ihm, gaben sich schnell die Hand zum Abschied und gingen fluchtartig nach entgegengesetzten Richtungen, starr vor sich in die Luft sehend, auseinander. Gudnatz steuerte gleichwohl unbeirrt auf die Stelle zu, auf der sie gestanden hatten, und als er dort angekommen war, sah er enttäuscht und ratlos zu Boden. »Ich bin doch aus Tscherbeney bei Kudowa. Meine Mutter war eine Böhmin und stammte aus Nachod und als mein Vater gestorben war, zog sie mit mir tiefer ins Böhmische hinein nach Auercin zu ihren Verwandten. Aber ich hielt es unter den Böhmaken nicht aus und lief nach einem Jahre wieder zu dem Bruder meines Vaters nach Tscherbeney ins Deutsche zurück.« Er sprach alles, was er zu den beiden Männern hatte sagen wollen. Anklagend, bitter murmelte er sich das vor die Füße, und ihm war zumute wie einem, der, von seiner Kindheit an, um Deutschland gelitten hatte und zum Lohne dafür nun verfolgt, nein gehetzt wurde und zuletzt noch um sein unter tausend Gefahren zusammengerafftes Vermögen gebracht werden sollte. Vielleicht hätte er noch länger gestanden und in sich hineingebohrt. Aber er erhielt unversehens einen derben Schlag auf die Schulter und eine ungefüge Männerstimme rief lachend: »Na, altes Ranft! Steine gehen nicht zu schieben!« Beim Aufschrecken sah er in das herumgewandte, rote Gesicht des Arbeiters Mautschke aus der Maschinenfabrik, eines Bekannten von früher her, der im ununterbrochenen Weitergange ihm lustig zunickte, eine bezeichnende Handbewegung des Schiebens machte und auf sein verdutztes Gesicht hin noch schrie: »Schiebe ruhig weiter, bis der Mastbaum bricht.« Dann klapperte er mit langen Schritten davon, ohne sich noch einmal umzuwenden. Nur seine Schultern ruckten noch einige Mal, als lache er in sich hinein. »Esel«, sagte Gudnatz verächtlich und setzte sich nun wieder in Bewegung. Aber er war doch durch diesen Vorgang aus dem inneren Einnebeln soweit herausgerissen, daß ihm die Augen für seine Lage wieder etwas freier geworden waren. Mit einem Griff in seine Taschen versicherte er sich der Gewißheit, noch im Besitze seines Vermögens zu sein, steckte sich eine neue Zigarre an und beschloß, vor der Hand so zu handeln, als ginge ihn die ganze Geschichte gar nichts an. Und obwohl er spürte, daß ihm dieser Vorsatz nicht sozusagen ruhig von der Leber floß, ließ er sich nicht stören, ging den Weg über den Friedhof, an der Konditorei und Schule zurück, überschritt die Brücke, stockte zwar ein wenig in der Mühlgasse vor dem Hause, in dem die Paulitschken wohnte, drückte sich aber gewaltsam weiter und fand, als er auf der anderen Seite aus dem Orte herausgekommen war und den Bahnhof hinter der geknickten Allee liegen sah, daß es höchste Zeit sei, sich nach dem Waggon Fett und Fleisch zu erkundigen, der, seit acht Tagen überfällig, von Dresden her für seine und eines Breslauer Schieberkollegen Rechnung unterwegs war. Es ging schon auf die siebente Abendstunde los. Das Licht nahm die glasige Erschöpftheit des sinkenden Tages an. Der Bahnhof lag still, wie ausgeraubt, da. Hier und dort war eine Scheibe zerschlagen, wie von heimlichen Einbrüchen. Die gelben Fahrpläne hingen halb heruntergefetzt an den Wänden, überall lag Staub und Schmutz, und beim Durchschreiten des Flures fiel sein Blick wieder auf die mit blauer Kreide in großen Kinderbuchstaben an die Wand geschriebenen Worte: Hoch die Republik! Hoch Ebert und Scheidemann! Auf dem verödeten Perron kam ein Eisenbahnarbeiter in faulem Hintrödeln das kleine Holztreppchen aus dem Güterschuppen herab, die Hände in den Hosentaschen, eine kurze Pfeife lässig im rechten Mundwinkel hängend. Das ganze Personal der kleinen Station stand unter Gudnatzens Schmiere. Als der Mensch des Schiebers ansichtig wurde, erhellte sich etwas sein mißmutiges Gesicht. »Na, 'n Tag, Herr Gudnatz!« sagte er an ihn herantretend. »Sie gehn spazieren und wir müssen noch schuften. Eine vermaledeite Schweinerei: Halb sieben und noch kein Feierabend! Aber nächstens schmeißen wir den Krempel hin.« »Na, na! 's wird ja wieder kleckern!« antwortete mit aufmunterndem Zwinkern Gudnatz und reichte ihm eine Zigarre. »Wo ist er denn?« Damit meinte der Schieber den Vorsteher. »Drinne wird er sein,« murmelte der Arbeiter wieder in seine bittere Trägheit verfallend und ging schnaufend weiter, nachdem er durch eine gleichgültige Kopfbewegung nach der Tür zu dem Stationsbureau gewiesen hatte. Gudnatz mußte, um in das Zimmer des Vorstehers zu gelangen, einen Vorraum durchschreiten, in dem neben der Fahrkartenausgabe die Güterabfertigung und die Ablage des Handgepäcks untergebracht war. Die längliche Stube war verödet, die beiden Schreibpulte sahen aus, als seien sie seit langem unbenutzt. Irgendwo trappte jemand mit schweren, schlaftrunkenen Schritten zwecklos und faul umher. Der Schieber zog aus einer dicken Banknotentasche einen Fünfzig- und nach kurzem Überlegen noch einen Hundertmarkschein, steckte jeden gesondert in eine andere Tasche und klopfte dann an die Tür des Vorstehers. Als er eintrat, saß der ihm bekannte Mann über einen Bogen gebeugt, eifrig schreibend vor seinem Tisch, die Stirne in Falten und bewegte lautlos die Lippen. Noch eine lange Weile fuhr er in seiner Arbeit fort, ohne sich um den Eingetretenen zu kümmern. Gudnatz erkannte, wo das hinauswollte und steckte seine Hand griffbereit in die Tasche, in der er den Hundertmarkschein untergebracht hatte. Endlich legte der Beamte unwirsch die Feder weg, hob seinen kleinen eckigen Kopf mit dem verdrossen-melancholischen Gesicht, blickte den Schieber durchdringend an und sich den ergrauten Spitzbart zupfend, sagte er: »Sie kommen wieder wegen Ihrem Dresdener Wagen, he? Ja, das ist eine miserable Geschichte, wissen Sie. Nehmen Sie Platz.« »Nun ja,« antwortete Gudnatz höflich, »einmal, denk' ich, muß er doch kommen.« Der Beamte lachte höhnisch heraus. »Nun ja, sagen Sie und, denk' ich!« Dann sprang er vom Stuhle auf und griff erregt in seinem Schreibgerät umher. »Das lungert ja alles bloß so von Dieben und Räubern und Gesindel. Richtig Gesindel! Da sagen Sie, denk' ich, mein lieber Gudnatz.« »Eigentlich, Herr Vorsteher, komme ich nicht deswegen. Denn vor der Hand brauch ich ja den Wagen noch nicht so notwendig. Aber wie mir eingefallen ist, sind wir mit unserer vorigen Abrechnung noch nicht ganz im Reinen. Ich bin Ihnen noch hundert Mark schuldig. Da hart' ich keine Ruhe. Hier sind sie.« Gudnatz schob den Schein auf den Tisch und der Beamte kehrte sich zum Fenster und sah auf den Platz vor dem Bahnhof. Als er sich wieder herumwandte, begann er die in Unordnung geratenen Papiere auf dem Tisch zusammenzulegen und spedierte dabei den Geldschein unauffällig unter einen Bogen. Darauf setzte er sich wieder auf seinen Stuhl und rieb sich aufgeräumt die Knie. »Wissen Sie schon, Gudnatz, daß ich vorige Nacht bestohlen worden bin?« fragte er. »Nein.« »Ja ja. Bestohlen, beraubt eigentlich. Hinter dem Güterschuppen hab' ich doch meinen Stall. Zwei Ziegen, drei Kaninchen, vier Hühner. Die Tür mit Eisen beschlagen, zwei Vorhängeschlösser davor. Alles was in dieser Zeit eben notwendig ist. Und da, denk' ich doch, kann man ruhig schlafen. Ja, hast du die Meese! Heute morgen, als ich hinkomme, ist alles leer. Alles, sag' ich. Auch kein Haar und keine Feder mehr da. Ziegen, Karnickel, Hühner, alles weg! Das ist ja ein Leben wie unter Zuchthäuslern!« Damit sprang er wieder auf und begann in dem kleinen Räume, vor dem Schreibtisch und hinter Gudnatzens Stuhl, erregt und unter Verwünschungen hin- und herzulaufen, die auf das Bedauern Gudnatzens hin sich nicht mäßigten, sondern immer aufs neue losbrachen. Endlich fühlte der Schieber den Sinn dieser Erregung des Beamten, langte in die andere Tasche und sagte scherzhaft: »Na wissen Sie, Herr Vorsteher, legen Sie das Pflaster da auf die Wunde.« Damit drückte er ihm den Fünfzigmarkschein in die Hand. »Ach nu, freilich. Ja. Haha. Weg ist weg.« Verlegen lachend kehrte er an seinen Platz zurück. Vor dem Hinsetzen fuhr er aber wieder auf, lief an die Tür und sah in den Vorraum. Er war noch leer. Befriedigt kehrte er zurück und unter Zwinkern begann er mit halbem Ton weiterzusprechen. »Als was ist der Wagen denn deklariert?« fragte er. »Fettes Eisen,« antwortete Gudnatz in dem Rotwelsch, das sich zwischen Schiebern und Eisenbahnbeamten herausgebildet hatte. »Bloß fettes Eisen?« »Nu und das übrige Flora.« Das bedeutete Fleisch. »Flora? Au, der Teufel! Das wird ja stinkig, wenn's nicht schnell geht.« »Na eben, Herr Vorsteher. Das ist ja eben die Schwerenot! Sechzigtausend, ach was sag ich, achtzigtausend Mark die ganze Geschichte. Sie sagten doch gestern, es sei in G. angekommen. Sie hätten den Beamten angerufen. Na und ich hab' ihm daraufhin doch sofort tausend Blättchen gesandt.« »Tausend?« fragte erstaunt der Beamte. »Ja. Kriegen Sie natürlich auch, wenn der Wagen erst da ist,« beruhigte ihn Gudnatz. Darauf saß der Vorsteher lange in tiefen Gedanken, finster vor sich hinsehend. »Na, werd' ich Ihn was sagen, Gudnatz. Wir sind alte Freunde Im Vertrauen, verstehn Sie. Ja und eigentlich bloß meine Meinung. Hier hat Möller, Ihr Konkurrent in G., die Hand im Spiele.« »Na, hören Sie,« fuhr der Schieber erregt auf. »Ich habe dem Kerl von G. doch schon die tausend Blättchen in den Rachen geworfen.« »Was denn, lieber Herr? Dann hat ihm Möller eben dreitausend gegeben und der Wagen ist verschwunden. Da ist dann nichts zu machen.« Gudnatz saß eine Weile still, wie vernichtet. »Halten Sie das für möglich?« fragte er mit Anstrengung dumpf. »Nicht bloß für möglich. Nein, es ist sicher so,« antwortete der Beamte und Gudnatz glaubte sogar etwas wie spöttischen Hohn in seiner Stimme zu vernehmen, erhob sich ruhig und ging stumm hinaus. Unter der Tür ruckte es ihn. Er wandte sich um, nickte dem Beamten zum Abschiede freundlich zu und sah ihn dann lange von oben bis unten an, so musternd, so durchdringend, daß der Vorsteher endlich lachend rief: »Na, was hat's denn noch.« Gudnatz schüttelte den Kopf. »Nein, das geht doch nicht,« murmelte er. »Was geht nicht?« fragte der Beamte betroffen. Aber da kehrte der Schieber schon schnell zurück, trat zu dem Mann und begann eilfertig, mit der rechten Hand über die Achseln und die Brust seiner Montur zu bürsten^ indem er sagte: »Nehmen Sie mir's nicht übel. Aber so können Sie doch nicht unter die Leute gehen.« »Warum denn nicht? Sie sind komisch. Was hat's denn?« »Na sehn Sie nicht? Sie sind ja über und über voll Schweinerei.« Und ehe sich der Beamte von dem unvermuteten Schlag gefaßt hatte – war Gudnatz mit ein paar springenden Schritten schon wieder jenseits der Schwelle. Er hörte gerade noch den Anfang amtlicher Empörung: »Nu, Sie dreckiges, unverschämtes Aas, Sie ...« Dann schlug der Schieber die Tür zu und verließ fluchtartig den Bahnhof. Als er die Allee erreicht hatte, mäßigte er wohl seinen Gang. Doch lief er noch immer mit Schritten, die er sich förmlich aus dem Leibe riß, lachte bald befriedigt in kurzen Stößen, bald spürte er es wie einen würgenden Griff an der Gurgel, daß er laut zu schreien versucht war und trieb sich dann, um nicht in ein Toben der Wut verfallen zu müssen, noch heftiger in fast fressende Schritte hinein. Das Einnebeln von vorhin war wieder über ihn gekommen, doch nun als ein heißes brodelndes Kochen. Der Abend stand schon wie ein dichter, grauer Rauch um alles. Gudnatz achtete nicht, wohin er ging. Er hörte nur immerfort die Worte des asthmatischen Greises über die Polen vor seinen Ohren: »Sie haben's geschafft. Und wissen Sie wie? Sie haben die Besinnung verloren,« und sog aus ihnen auf unerklärliche Weise etwas wie Sicherheit und Befriedigung. Endlich ließ seine Erregung etwas nach. Er nahm die Mütze ab, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und sah sich um, wo er hingeraten sei. Rechts und links wogten mächtige Baumkronen wie zwei schnurgerade Reihen von Fesselballons in dem fledermausgrauen Dunkel über ihm und weißgekalkte Steine kauerten zwischen den Stämmen. Er erkannte, daß er auf der pfeilschußgeraden Chaussee hinlaufe, die vom Bahnhof aus nach Reißendorf führte. Mit schwerfällig ermüdeten Schritten ging er auf einen der Steine zu, um sich dort niederzusetzen und alles zu überlegen, was zu tun sei. Aber da er sich einem dieser Steine näherte, kam der ihm plötzlich wie ein Kind vor, das sich im Hemdchen aus dem Hause geflüchtet hatte und hier, vor Hunger und Erschöpfung zusammengekauert, im Dunkel unter den Bäumen schlafe. Deswegen brachte er es nicht über sich, auf einem Stein Platz zu nehmen, sondern lehnte sich an einen Baumstamm. Wohl lächelte er in einer Art von gramvoller Verwunderung, daß er so einem dummen Gedanken in sich Raum gebe, brachte es aber doch nicht fertig, dagegen zu handeln, blieb also an dem Baume lehnen und wurde schon bald so vollkommen in den Strudel der widersprechendsten Überlegungen und leidenschaftlichsten Empfindungen gerissen, daß sein Sinnen ihm keine Beruhigung, sondern nur immer stärker die Überlegung brachte, er kämpfe als ein Ertrinkender mit Aufbietung seiner letzten Kräfte um sein Leben und erreiche doch nichts anderes, als sich von Zeit zu Zeit an die Oberflache zu schlagen und gellend zu schreien. Trotzdem brach Gudnatz in diesem Trubel nicht zusammen, sondern rettete sich am Ende soweit aufs Trockene, daß er einsah, es sei noch nicht alles verspielt und verloren. Freilich der Waggon Fett und Fleisch war in den Wicken, entweder daß ein feindlicher Schieber durch höhere Bestechungssummen die Beamten auf seine Seite gebracht hatte, oder daß diese selbst den Wagen geräumt und die Ware verhökert hatten. Wahrscheinlicher war nach der Haltung des Vorstehers das letztere und Gudnatz freute sich, diesem uniformierten Gauner den eigenen Gestank so dicht unter die Nase gehalten zu haben. Natürlich war sein Bahngeschäft damit für immer unten durch. Denn die Luderglocke, die er heute abend auf dem Bahnhofe geläutet hatte, klang innerhalb acht Tagen in den Ohren aller geschmierten Eisenbahner der ganzen Provinz. Auch wenn er sein Geschäft an einen anderen Ort verlegte, half es ihm nichts. Außerdem, sollte er denn sein Leben lang gleichsam mit tollen Hunden Skat spielen oder nach Kuchen immer in der Jauche fischen? Wenn er ehrlich sein wollte, so galt er den meisten Menschen doch bloß als eine unentbehrliche Art von Dieb, Räuber und Betrüger und wurde auch von denen, die einen Nutzen von ihm hatten, wie dieser Hund von Vorsteher, unter das Gesindel und die Zuchthäusler gerechnet. Wozu? Wozu das alles? Einmal mußte ein Ende gemacht werden. Er war für immer aus der Armut heraus und jetzt, gleich, von heut abend ab schloß er den Handel, zog in sein bequemes Haus nach Sch. und drehte die Daumen behaglich umeinander, bis an sein seliges Ende, mochte die ganze Welt die Narrenpolka weiter tanzen. Er mischte sich von heut an nicht mehr unter sie. So! – Basta! – Anton Gudnatz hatte sein Leben zugeschnitten. Fix und fertig, daran war auch nicht mehr im Traume zu tippen. Der Schieber stieß sich mit beiden Händen, die er hinter seinem Rücken gefallet hatte, vom Stamm aus der lehnend zusammengesunkenen Haltung auf und begann in einer Art aufgeräumter Eilfertigkeit die schnurgerade Reißendorfer Chaussee zurückzuwandern, und wenn ihn einer seiner Bekannten oder Neider beobachtet hätte, wie er, leise auf beiden Mundwinkeln abwechselnd trällernd und pfeifend, im latschigen Spiel seiner langen Entenfüße durch das tiefe Dunkel dem Orte zuschlenderte, er wäre sicher auf die Vermutung verfallen, der schiefe Mann kehre von einem besonders gewinnbringenden, Geschäfte zurück. In Wahrheit aber betrieb Anton Gudnatz, wahrend er sich mit fröhlichster Musik vorwärts brachte, eine Subtraktion, die ihm sonst in seiner gewohnten Gemütsverfassung das Wasser nicht bloß in die Augen, sondern unter die Fingernägel getrieben hätte. Er zog einfach die vierzigtausend Mark, um die er durch den verschobenen Waggon fettes Eisen und Flora ärmer geworden war, von seinem Vermögen ab und strich, da eben die Tonne für immer umgekippt wurde, die zehntausend Mark für das Wilkesche Gespann mit ins Kehricht. Es war in einem Aufwaschen. »Hast du, da kannst du und hast du nich, da kannst du nich,« sagte Gudnatz in ausgelassener Galgenvogelstimmung, als er mit dröhnendem Poltern über die Holzbrücke in den Ort einzog, und begann mit halbem Ton rechts den Dessauer Marsch zu pfeifen und auf dem linken Mundwinkel die kleine Trommel zu schlagen. Er kam in sein gewohntes Musikwerken, da die Glocke auf dem Kirchturme eben die volle Stunde zu verkünden anfing. Sie rührte sich mit einem Klang, wie ihn Gudnatz in seinem Leben noch nicht gehört hatte. In der klaren nächtlich hohen Luft zerflossen die Töne gleich einer himmlischen Musik, so als spielten Engel auf silbernen Steinenflöten die Begleitung zu des Schiebers Dessauer Marsch mit linkem Trommelschnurren. Es schlug neun und da nun der Turm schwieg, fiel auch dem krummen Gudnatz seine Musik wie von selbst aus den Mundwinkeln, und er stand neben der Kirche und horchte mit angespanntem Atem dem Verhauchen des Stundenschlages zu. Dabei wurde ihm so leicht im Geblüt, als fasse ihn was geisterhaft unter den Achseln und führe mit ihm durch die Luft, dem hohen Gebirge entgegen, dessen machtvoll verklärtes Warten er auf unbeschreibliche Weise in der Ferne vernahm. Das Schluchzen und Wimmern des Kindes war erloschen, das ihn vorige Nacht aus dem Bette getrieben und seitdem eigentlich noch nicht ganz in ihm verstummt war, nirgends ein Unmündiges, das verzweifelt die Finger umeinander drehte, rundum keins, das vor lauter Hunger in der Nacht schlief, kalt, weiß und still wie ein Stein. Aus alledem entnahm Gudnatz die Überzeugung, daß er auf dem rechten Wege sei und daß vielleicht auch der wohl mit ihm zufrieden sein könnte, der die Millionen Steine wie eine Handvoll goldener und silberner Murmeln in die blaue Luft geworfen habe, Gott selber, wenn es eben so etwas in der Welt gab, was ja immerhin noch möglich war. Und verhielte sich das alles so, dann tat er am besten, gleich im Zuge zu bleiben, den hellen Wind auszunützen, der für ihn über die Erde strich und bei dem Sakramenter von Wilke die zehntausend Mark für das Gespann abzuladen, um sich für immer von aller halben und ganzen Spitzbüberei loszukaufen und den Halunkendienst endgültig aufzukündigen. Des Teufels Fiedelstrich verdüstert im Nu das Herz des Menschen, aber auch der göttliche Harfenton huscht nur als kurzes Hauchlein durch unsere Brust, und selbst bei dem hartgesottenen Gudnatz dauerte es nicht länger, als wenn einer den Arm beugt, da war er eins mit dem guten Entschluß, schlug sich beteuernd auf die banknotengepolsterte Brust und nahm sogleich den Weg zu seinem Schieberfuhrmann unter die platten Füße. Die Häuser standen wie in einer ausgeplünderten Ortschaft, als seien sie menschenleer, im Dunkel und sahen mit erloschenen Fensteraugen auf die ausgestorbene Straße, die zwecklos an ihnen vorüberlief. Nur da und dort gloste ein Lichtschein heimlich wie aus einer Diebslaterne und einige Mal huschten, geräuschlos und eilig gleich Schatten, Menschen an Gudnatz vorüber. Da klangen seine Schritte hohl, als ginge er über eine riesige Tonne. Er war schon auf der Sandbrücke. Drei Häuser weiter bog der Weg rechts ab zu der Wilkeschen Wirtschaft, die etwas draußen im Felde lag. Indem er in der Finsternis der überhängenden Obstbäume auf der Zufuhr etwas langsamer vorwärts kam, überlegte er noch schnell, daß er dem Kujon von Fuhrmann das eine oder andere Tausend abzukneifen versuchen müsse und beileibe nichts von seinem Entschluß riechen lassen dürfe, aus dem Geschäft Hals über Kopf herauszuspringen, weil ihm dann Wilke den Bohrer neuer Forderungen rücksichtslos bis ins Gekröse trieb. »Ich werd' ihm schon die Flötentöne beibringen,« sann Gudnatz. Denn was ein richtiger Schieber ist, der hat immer noch irgendwo in einer Tasche ein heimliches Teufelchen und wenn er auch geradenwegs auf die Seligkeit losmarschiert. In diesem Augenblick stieß er an einen Menschen, der lautlos mitten auf dem Wege gestanden haben mußte. »Na, wer ist denn da?« fragte Gudnatz aus seinen Gedanken auffahrend. Aber nichts war zu sehen. Wie ein Schatten war er verschwunden. Nach der Berührung zu urteilen, mußte es ein Weib gewesen sein. Weiterhin hörte er es vorsichtig durch das Gezweig streichen und wenn er sich nicht täuschte, klang es zwischen den katzenleisen Bewegungen wie unterdrücktes Schluchzen. Gudnatz stieß ein verächtliches Lachen durch die Nase, da er der Meinung war, es handele sich um eine »Kälberliebe« der Dienstboten, griff sich weiter an die Tür, klinkte und fand sie verschlossen. Nun, überlegte er, schlich wer um das Höflein, so mußte irgendwo auch noch Licht im Hause sein. Also tappte sich der Schieber, der in solch nächtlichen Geschäften Übung besaß, durch den Garten und sah auch richtig, als er um die Mauerecke gekommen war, einen Plan Licht im finstern Grase liegen. Vorsichtig zog Gudnatz seine Schritte durch das weiche Grün. Aber kaum, daß er einen Blick durch das unverhangene Fenster in die Stube geworfen hatte, sprang ihm der Schrecken wie ein Hund gegen die Brust, und er duckte sich, jäh auf den Kopf gehauen, ins Finstere hinunter. Da saß ja der Gendarm am Tische, den blitzenden Helm neben sich, ein Notizbuch vor sich!! Wille mit verbissenem, grimmigen Gesicht ihm gegenübersitzend und der Knecht, einen Schritt weiterhin stehend, kalkweiß und jammervoll. »Der Teufel,« fuhr es Gudnatz durch den Kopf, »sie haben uns!« Und mit eins sauste gedankenschnell dem Schieber sein langes Sündenregister durch den Kopf; sein ganzes sauer erworbenes Vermögen zerstob wie Staub in der Luft; er saß hinterm Gitter des Gefängnisses und trat nach zwei, drei Jahren lumpenarm wieder auf die Straße. Sein Atem kochte wie Siedeluft in seiner zusammengedrückten Brust. Aha, deswegen hatte er was schluchzen hören vorhin, von niemand anders als von Wilkes Frau, die von der Angst aus dem Hause getrieben worden war. Auch dem Schieber stand der Schweiß auf der Stirn. Aber vielleicht lief es doch nicht so schlimm ab. Wilke war schon durch breitere Pfützen gekommen und ehe er sich einquetschen ließ, winkte er eben mit einem braunen Lappen oder zweien. Dann beruhigten sich alle Haare unter dem Helme. Fadenleise zog sich Gudnatz wieder auseinander, um dem Fuhrmann einen Wink zu geben, auf keinen Fall mit dem Gelde zu geizen. Doch da nun der Schieber stand und vom Rande des Lichtkegels wieder einen Blick in die Stube werfen konnte, sah er, wie der Gendarm, es war der Oberwachtmeister, nach einem abwehrend-spöttischen Grinsen gegen Wille hin, die Schließeisen aus der Tasche zog, um sie dem Knecht anzulegen, der, vollkommen zusammengeklappt, ergeben die Hände hinstreckte. Da war es mit der Widerstandskraft Gudnatzens vorbei. Wie man einen Stein durchs Geäst schleudert, daß alles knackt, klatscht und bricht, so flog der Schieber den Garten hin, riß sich um die Ecke des Hauses und sprang geduckt den kurzen Wirtschaftsweg hinunter, auf die Straße zu. Eben als er die ersten Schritte auf dem festen Pflaster getan hatte und nun erst recht alles zusammenriß, um wie ein wahnsinniger Hase fortzukommen, hörte er die Wilkesche Haustür knarrend gehen. Am ganzen Leibe bebend, mit wankenden Knien blieb er wie blöde einen Augenblick stehen und eigentlich ohne recht zu wissen warum, sprang er geräuschlos über die Straße und warf sich dort platt in den Graben. Kaum aber lag er stockstill und unterdrückte mit aller Macht das Pfeifen seines Atems, so ärgerte er sich schon über seine Dummheit. Sein Herz ging wie eine Pauke, daß er es vor seinen Ohren durch die Nacht dröhnen hörte. Und das hier dem Wilkeschen Zufahrtsweg gerade gegenüber, kaum zehn Schritte entfernt, daß der Wachtmeister beim Betreten der Straße unter allen Umständen auf ihn aufmerksam werden mußte, wenn er nicht eben Ohren aus Pappendeckel hatte! Hart an den Boden gedrückt, mit allen Vieren wie eine Eidechse, begann er von der gefährlichen Stelle weg, vorwärts zu kriechen. Das alte Laub raschelte leise, zwei Steine knirschten aufeinander. Er fluchte in Gedanken. Da wurden Schritte auf dem Wilkeschen Wege laut. In diesem Moment wußte Gudnatz, warum er sich in den Graben geworfen hatte. Wenn der Wachtmeister mit dem geschlossenen Knecht den Ort hinaufging, dann war es klar, daß ihn Wille verraten hatte und der Landjäger sich auf den Weg machte, um auch ihn an die Lumpenkoppel zu nehmen. Dann galt es, sobald die beiden um die Straßenbiegung verschwunden waren, aufzuspringen und sich nach der entgegengesetzten Seite, nach der Stadt hin, in Sicherheit zu bringen. Er hatte ja an hundert Orten in der Stadt und in jedem Dorfe willige Verbindungen. Das alles überlegte Gudnatz, während er totenstill lag, das Gesicht mit aller Gewalt auf den Boden gedrückt, um das Geräusch seines Atems zu dämpfen. Jetzt klapperten die Schritte der beiden, des Gendarmen und seines Häftlings, auf der harten Straße, und Gudnatz rauchte einen Augenblick feuerheiß aus allen Poren seines Leibes, daß sich alles um ihn drehte. Als er wieder zu sich kam, hörte er die beiden Männer schon ganz fern gehen, konnte jedoch vor Aufregung fürs erste nicht entscheiden, welche Richtung sie genommen hatten. Alle Vorsicht außer acht lassend, sprang er deshalb auf und lief mitten auf die Straße. Da sah er die beiden nach der Stadt zu abschwenken. Für heute nacht wenigstens war er also vielleicht gerettet. Denn vor dem Ortsgendarm hatte er keine Furcht, weil der von oben bis unten drei- und viermal gesalbt und geschmiert war, daß er mehr Angst vor ihm, dem Schieber, haben mußte, als er vor dem Beamten. Trotz alledem blieben Gudnatz nur noch wenige Stunden übrig, dann mußte die Flucht fortgesetzt werden, wollte er sich nicht wehrlos den Sack über den Kopf ziehen lassen. Unter allen Umständen mußte er noch einmal in seine Wohnung zurückkehren, um seine Frau von der Gefahr zu unterrichten und sie zu instruieren, welche Aussagen sie der Behörde gegenüber zu machen habe. Sicher war der Ort voll von seiner Geschichte. Vielleicht hatte es schon den ganzen Tag hinter ihm hergebrannt und das Betragen des Bauern am Morgen, der spöttische Zuruf des Fabrikarbeiters auf der Straße und die höhnische Frechheit des Bahnhofvorstehers erschienen Gudnatz nun in einem neuen Lichte. Daß man ihn nicht mitten aus dem Verkehr heraus am Kragen genommen und in den Schatten transportiert hatte, war ein wahres Wunder. Um nicht gesehen zu werden, lief er geduckt und leise nicht die Hauptstraße entlang, sondern auf zehn Winkelgassen durch den Ort, sich jedesmal wie ein Pfahl in eine Ecke drückend, wenn irgendwo Menschenschritte in der stillen Nacht aufklangen. Endlich, nach kaum viertelstündlichem Dauerlauf bog er auf den engen Federmarkt ein, der im Schutze der katholischen Kirche lag und nicht viel größer als ein Hof war. Dort lag das Haus, in dem er wohnte. Ehe er wagte, das Plätzlein zu überschreiten, stand er in der Finsternis des engen Gäßchens still und vigilierte mit den Augen den ganzen Federmarkt ab, um sich zu vergewissern, ob das Haus bewacht werde. Nichts Verdächtiges zu sehen. Kein Laut rührte sich. Sein Haus lag finster, in den Fenstern seiner Wohnung kein Licht. Also schlief sein Weib schon. Behutsam schlüpfte er über das Plätzchen, drückte geräuschlos die Türklinke, fand mit einem inneren Jubelgefühl das Haus noch unverschlossen und schlich leise die zwei Treppen empor. Jedesmal, wenn das Holz der Stiege knackte oder ein Traillenstab des Geländers schwach schnurrte, erhielt er einen eiskalten Stoß durch seinen Körper und stand einen Augenblick wurzelstill. Dann begann er wieder sich weiter zu winden. Bei jedem der lautlosen Schritte, mit denen er höher kam, sann er mit verzweifelter, fast irrer Inbrunst fortwährend nur den einen Ausruf: »Nur nicht wieder arm werden! Nur kein Bettler mehr! Gudnatz, rette dein Geld!« Jetzt schlug ihm die muffige Luft seines Flures ins Gesicht. Er streckte die Arme aus und tastete sich an der Wand hin. Da hatte er die Klinke seiner Tür in den Händen. Die Tür war verschlossen. Vorsichtig drückte er. Nichts rührte sich. Leise, den Mund hart auf den Spalt gedrückt, rief er den Namen seiner Frau. Niemand antwortete. Vielleicht war schon die Wohnung in seiner Abwesenheit polizeilich versiegelt und seine Frau abgeführt worden. Er riß ein Streichholz an und leuchtete die Tür ab. Sie war unversehrt. Mit einemmal sah er alles ein: Seine Frau, ein tätiger Mensch wie kein zweiter auf der Welt, deren Ausatmen Arbeit und deren Einatmen Raffen war, mit keiner faulen Ader am ganzen Leibe, schluckte manchmal, und zwar oft aus den geringfügigsten Anlässen, unversehens einen vergifteten Quengelstecken in sich hinein und ritt dann tagelang mit ihm auf dem widerborstigsten Bock, warf alles um sich, schnauzte, wenn sie nur angerührt wurde, lief zu den unmöglichsten Leuten, um über ihr Elend klagen zu können und kam Tag und Nacht nicht nach Hause, bis sich alles in ihr wieder zurechtgerast hatte. Und Gudnatz erinnerte sich, daß sie heute morgen schon ins Schroten gekommen, zu Mittag bei der Unterredung über den Reis ins Lodern geraten war, und durch sein Fortgehen vor dem Essen und Nichtwiederkommen wahrscheinlich es vollends mit der Wildheit gekriegt hatte. Was war da zu machen? Vielleicht, wenn sie diese ganze Nacht ausblieb, sah er sie nie mehr in seinem Leben. Denn was ihm nun alles aufhocken konnte, das wußte kein Mensch. Da war reinweg nichts unmöglich, selbst das Schlimmste nicht; weil er entschlossen war, sein Geld zu verteidigen und müßte er einen Totschlag riskieren. Mit einer bitter-dumpfen Trauer, nein, einer richtigen Abgeschlagenheit langte er den Schlüssel aus dem Hosensack und öffnete vollkommen geräuschlos. Aber kaum, daß er eingetreten war und das Gefühl des Raumes im Dunkel auf ihn eindrang, überfiel den krustenharten Mann eine solch schmerzlich verzweifelte Seligkeit, daß er, mochte kommen was wollte, einen Augenblick das Licht aufdrehen mußte. Eine Sehnsucht nach dem Anblick seiner Stube drängte ihn dazu, gleich der Gier des Burschen nach dem Gesicht der Geliebten. Und als er nun die babylonische Verwirrung des Raumes mit seinen Blicken umfing, tanzte alles wie ein verklärtes, buntes Paradies um ihn. Es erschütterte ihn dermaßen, daß er versucht war, wie ein gepeinigtes Tier aufzuschreien. Um diesen Ausbruch zu verhindern, schnappte er schnell das Licht aus, stürzte sich vornüber in sein Bett, raffte mit beiden Händen die Kissen unter sein Gesicht und wurde von einem richtigen Krampf geschüttelt. Ohne zu wissen, was er tat, stotterte er das wildeste Zeug in die Betten: »Sie nehmen uns alles ... Selma, warum reit' dich gerade heut der Teufel ... unser Geld ... alles weg ... aus dem Rinnstein sollen wir wieder essen und ... aus der Traufe trinken ... Selma, du Vieh ... verfluchter Wilke ... Bahnhofsaas ...« Endlich hatte sich sein Toben ausgewildert. Er lag still, sah stier in ein Gebrodel roter und finsterer Wolken tief unter sich, hing murmelnd im Raumlosen und sann, was nun werden, wohin er fliehen solle, um sein Geld und sich in Sicherheit zu bringen. Allein er fühlte sich nur wie auf einem Flugzeug durchs Bodenlose sausen und fand keinen Ausweg. Endlich löschte er vor Betäubung und Schwindel aus. Eine halbe Stunde lag er, ohne sich zu rühren, in tiefem Schlafe. Da schlug es vom Turme der katholischen Kirche die elfte Stunde, genau die elfte Stunde, wie gestern Nacht. Die Töne drangen wie geisterhafte Schläglein gegen die Scheiben der Fenster, die davon ganz leise erzitterten. Anton Gudnatz fuhr aus dem Schlafe wie geweckt auf, richtete sich zur Höhe und begann mit vollkommen verwandelter Stimme, mit wahrhaft der Stimme eines zwölfjährigen Knaben, monoton singend, in tschechischer Sprache folgende Geschichte vor sich hin in die Nacht zu sagen, ohne aber vollkommen zu erwachen: Liška, vidĕla kachna, na ribnice a mluvila kni: Kacičko, proč placeš tak daleko od brĕhu? nevidim te dobře; chei se te nĕco ptáti, pojd sem bliže! Kachna lisce odvĕtila: O, pani lisko, vy jste sama chytrá dosti a umite si poradit; vy jste opatrna, ma rada jest chatrna. – Proc zŭstala kachna pri te nahodĕ daleka na vodĕ Das heißt auf deutsch etwa: Ein Fuchs traf eine Ente auf dem Teich. Entchen, warum schwimmst du so weit vom Ufer weg? Es tut dir nicht gut. Komm zu mir herüber. Die Ente sagte: Du bist ein schlimmer Gesell. Die Mutter warnte mich vor dir. Der Fuchs war ärgerlich und sagte: Ich dachte, die Enten seien dümmer. Und während Anton Gudnatz das mit einer klagend-schwebenden knabenjungen Stimme sprach, war er nicht der ergrauende, krummgeschossene Schieber, und saß nicht auf dem Bettrande in dem finsteren Hinterhauszimmer, sondern er lag als Zwölfjähriger mit seiner tschechischen Grammatik hinter dem kleinen Häuslein in Auercin im Grase, eine weiße Wildnis blühender Pflaumenbäume im strahlenden Frühlingslichte über sich und traumfern durch die weißen Blütenwolken blaute unendlich tief der Himmel Böhmens. Und da er fertig war und verloren mit der Hand durch das weiche Gras fuhr, hörte er seine Mutter aus dem Hause rufen: Antoně, kde pak seš? Pojd sem Da schrak er zusammen, erwachte vollkommen und sah sich verwundernd, aber mit einem erlösten Lächeln in der Finsternis um. Der schwache Nachklang der Glockenschläge bebte noch um ihn, und Gudnatz war es, als schwinge der Ton der Stimme seiner Mutter geisterhaft im Raum, die eben durch den halluzinatorischen Traum so lebensdeutlich nach ihm gerufen hatte. » Pojd sem « komm! klang es dringend. Und statt der Finsternis seiner verzweifelten Gegenwart sah er auf einmal nur den besonnten Frühlingsgarten seiner böhmischen Monate in dem Dorfe Auercin und das ganze fruchtbarfriedliche Hügelland dahinter als lockende Zuflucht vor sich, ein geborgenes Paradies, das nur darnach verlangte, ihn seinen Verfolgern für immer zu entziehen. Alle Unsicherheit war vollkommen aus ihm gefegt. Er sprang von seinem Bettrand auf. Denn er wußte jetzt, was zu tun sei und war verwundert, daß er nicht gleich heute nachmittag die Deutung des seltsamen Einfalls gefunden hatte, die beiden Greise auf der Hauptstraße tschechisch, in einer Sprache anzureden, die mehr als dreißig Jahre fast vollkommen vergessen in ihm geruht hatte. War das nicht die Sprache seiner Mutter, die ihn geboren hatte? Das Land des Vaters, für das er jahrelang gekämpft hatte und zum Krüppel geworden war, das ihn immer wie Spülwasser durch allen Schlamm der Armut und der Not geschwemmt hatte und nun gierig nach dem sauer verdienten Wohlstand seines nahen Alters griff, dies zerstörte Land, in dem jeder Bruder ein Feind und jeder Mensch ein Raubtier geworden war, stieß ihn aus, trieb ihn von sich. Gut! So wollte er in das Land seiner Mutter zurückkehren. Sind nicht überall Menschen? Und weshalb, in aller Welt, mußten die Tschechen schlechter sein als die Deutschen? O, nein, er hatte auf seinen Kriegszügen zu viele Völker kennengelernt, um noch den Kinderglauben in sich aufrecht erhalten zu können, daß ein Mensch nur deswegen schon niedrig stehe, weil er anders sei. Diese Gedanken, ohne sein Zutun in ihm geklärt und gesammelt, überwältigten Anton Gudnatz im Nu, daß er, jeder Bedenklichkeit überhoben, sogleich die umsichtigste Vorbereitung seiner sofortigen Flucht begann. Er vertauschte seinen Arbeitsanzug mit einem besseren, packte seine Banknoten aus allen Taschen und Verstecken in ein Hemd, daß es wie ein Wäschebündel aussah, steckte das in einen geräumigen Rucksack, fügte noch einige Würste, ein Brot, eine Flasche Kognak hinzu und schnürte und schnallte dann alles zusammen. Mehr wollte er nicht mitnehmen. Denn für Geld findet man überall alles, was man braucht. Dann setzte er sich an den Tisch und schrieb mit Bleistift auf einen Papierfetzen, was er seiner Frau zu sagen hatte: »Ich reise nach Jauer und komme erst in Tagen zurück. Du weißt von nichts etwas. Was Du brauchst, findest Du im Buch. Das mußt Du wegräumen, weil unser Geschäft niemand was angeht. Hab' keine Angst. Du bekommst bald Nachricht. Auf Wiedersehn. Anton Gudnatz.« Er rechnete damit, daß seine Frau, wie es ihre Gewohnheit nach überstandenem Rappel war, vor Anbruch des Tages in die Wohnung zurückkehre. Deswegen ließ er den Zettel mitten auf dem Tische liegen. Dann steckte er ein Päckchen mit fünftausend Mark in das schmierige Geschäftsbuch und klemmte es wieder an den gewohnten Ort, in einen tiefen, geräumigen Krauttopf im unteren Fach des Küchenschrankes. Etwas nach ein Uhr verließ er geräuschlos, wie er gekommen war, das Haus, einen festen Stock in der Hand, den Rucksack über den Achseln, nicht anders aussehend wie ein Arbeitsmann, der sich vor Tag nach der entfernten Arbeitsstelle auf den Weg macht oder wie ein Wanderer, der das Heraufkommen des Morgens in Gottes freier Natur erleben will. Seine Absicht war, sich nach Böhmen über sein Heimatsdorf Tscherbeney in der Grafschaft Glatz einzuschmuggeln, weil dort schon in Nachod, der ersten kleinen Stadt der Tschechei, seine Bekanntschaft in den Orten begann. Durch seine Verbindungen zu den Beamten des Landratsamtes des Kreises, in dem er durch fünfzehn Jahre gewohnt hatte, war er im Besitz eines ordnungsmäßigen Passes für die Tschechei, da er als Schieber für die Kreisgenossenschaft im Schmuggel manches besorgte und manches vertrieben hatte. Aber nur in der Not, erst wenn er »drüben« war, durfte er von diesem amtlichen Ausweis Gebrauch machen und hatte ihn deshalb im Schaft eines Stiefels verborgen. Sobald er die Grenze hinter sich hatte, wollte er als Anton Gudnatz von der Erde verschwinden und als Sohn seiner Mutter, als Drbochlav aus Auercin, Bezirk Reichenau, weiterleben. Dies alles zurechtrückend und klärend, näherte er sich auf Wiesenwegen Martinsbach, durchschritt das Dorf in der Nacht, wanderte in stetem Wechsel durch Waldstreifen, Buschwerk und Feld, benützte nur ausnahmsweise außerhalb der Ortschaften die Chaussee und stand nach drei Stunden im ersten Morgengrauen mitten im Walde des Käferberges, einer der vielen Kuppen, die in durcheinanderlaufenden Zügen sich weit ab von dem hohen Gebirge regellos, wie ausgelassen durch das Land tummeln. Von hier waren noch drei Stunden Weges nach der Station Branitz, wo er den von der Kreisstadt um sieben Uhr abgehenden Zug zu besteigen gedachte. So hoffte er der Spürnase des Oberwachtmeisters zu entgehen, der immerhin möglicherweise den abgehenden Zug beobachten ließ, und vermied auch das Zusammentreffen mit manchen unerwünschten Bekannten. Gefährlich war die Fahrt ja immerhin. Er mußte Augen und Ohren und nicht zum wenigsten die Zunge höllisch zusammenhalten, um sich durchzubringen. Aber sein Einzug übers Gebirge wäre noch um vieles bedenklicher gewesen, weil schon eine Stunde hinter der Grenze für ihn jede Bekanntschaft mit der Gegend und den Bewohnern aufhörte. Zudem hatte ihn seine verstorbene Mutter ja nur von seiner Heimat aus gerufen und in seinem abergläubischen Gemüt versprach sich Gudnatz mit traumhaft undeutlichem Ahnen die kräftigste Förderung seiner Flucht, wenn er, gleichsam in die Fußstapfen der Seligen tretend, genau den Weg innehielt, auf dem sie nach dem Tode seines Vaters mit ihm nach Böhmen zurückgewandert war. Um halb acht bestieg er in Branitz den Zug, der ihn über Dittersbach und Glatz weiterführte. Alles ging ohne Störung. Er kam glücklich in ein Abteil vierter Klasse, in dem ihn niemand kannte, machte sich dünn und geräuschlos in eine Ecke und nickte dort ein wenig ein. Zweiter Teil I Eine und die andere Station kam und viele der unbekannten Genossen seiner Reise, meist Arbeiter, stiegen aus, der eine zu einem Bau, der zur Anlage einer Telegraphenleitung, jener in eine Maschinenfabrik. Es wurde so geräumig im Wagen, daß Gudnatz an seinem Platz in dem sicheren Eck ohne Drängen und Mühen das letzte Endchen der Holzbank erwischte und so vom Stehen ins Sitzen kam, nach der immerwährenden Jagd durch den vorigen Tag und die verrückte Nacht eine solch glückhafte Erleichterung, daß er, die Beine vor sich hindehnend, das krumme Obergestell geraderückend, mit einem solch lauten Stöhnen des Wohlbehagens sich zurücklehnte, daß alle, die im Wagen waren, in ein lautes Gelächter ausbrachen, die einen über ein solches Fuder von Faulheit, die anderen über diesen Riesenkübel verächtlichen Grolles, denn das lag beides in dem Gähnen Anton Gudnatzens. Und ein dickes Weib, gegen dessen sehr umfängliche Hinterpartie erschon seit einer halben Stunde gedrückt worden war, drehte sich nach ihm um und frug in einer Art, als sei sie die Sprecherin aller Mitreisenden: »Na, Ihn geht's wohl auch schlecht?« Aber Gudnatz hob den Kopf mit dem weit in die Stirn gerückten Mützenschild nicht, sondern antwortete in einer Art launiger Verdrossenheit: »Schlecht nicht, aber dreckig.« »Na ja, schon gut, kennen wir, schlecht und dreckig wie uns allen,« vollendete die Dicke höhnisch. »Wie kann's auch anders sein? Der eine sitzt auf einer Lumpenfuhre, der andere auf dem Mistwagen. So kutschen wir durchs Leben ei dem neuen Deutschland. Hinten is vorne und oben is unten.« Die Reisenden lachten wieder, doch nun nur in einem kurzen Aufstoßen, weil alle zwischen dem dicken Weibe und Gudnatz eines jener fröhlich-derben Zwiegespräche erwarteten, durch die die Gaste der vierten Klasse sich auf ihren Fahrten zu vergnügen pflegen. Aber der Schieber gedachte des Entschlusses, mit seiner Zunge behutsam umzugehen, ließ den Kopf noch tiefer auf die Brust sinken und schwieg. Immerhin, um die Leute nicht unbillig auf sich aufmerksam zu machen, spielte er nicht allzusehr den Verbitterten und Lebensgekränkten, sondern bloß den vor Müdigkeit abgestumpften, schloß die Augen, ließ wie im beginnenden Schlaf die Lippen übereinanderrutschen und blinzelte manchmal mit den Augen auf. Man vergaß ihn ganz und überließ sich einem Gespräch, das mehr ein Hin- und Wiederfliegen von Zurufen war, wodurch nach verschiedenen Gegenden auseinander wandernde die Verbindung noch eine Weile aufrechterhalten, bis sie vielleicht auf Nimmerwiedersehen getrennt werden. Gudnatz verfolgte dieses Spiel wie mit Bällen, als ein gleichsam über einen abseitigen Zaun Gelehnter. Und merkwürdig. Das erstemal hörte er nicht mit dem schnappenden Ohr des Geschäftsgierigen, nicht mit dem inneren Zunderblick des unersättlichen Profithamsters, sondern mehr mit geruhigem, fast wohldenkendem Herzen zu in dem Bedürfnis, aus seiner räuberischen Absonderung herauszutreten und sich unauffällig unter die übrigen zu mischen, wenn auch jetzt noch als Zuhörer. Und so empfand er die vielen Klagen der Reisenden nicht mehr bloß als Schand- und Stichelrede auf sich und sein böses Gewerbe. Es giftete und säuerte nicht jeden Augenblick in seinen Zähnen, sondern er konnte nicht umhin, dieser und jener Bitterkeit über eine gar zu große Lebenshärte im stillen zuzunicken. Das Gefühl seiner Gehetztheit schwand. Er öffnete den Rucksack, riß sich ein tüchtiges Stück Brot mit dem Messer von dem Laib, biß herzhaft in seine Wurst und goß, so oft es sich tun ließ, einen gehörigen Schluck Kognak nach. Und als er so alles noch sicherer in sich geordnet und gestillt hatte, bemächtigte sich seiner eine gehobene Zuversicht, daß alles nach Wunsch und Willen gehen werde, und noch in dieser Nacht werde er sich jenseits der Grenze geborgen haben. Da hielt der Zug in Dittersbach. Hier mußte er auf eine andere Linie, auf die Grafschafter Gebirgsbahn, umsteigen. Nicht wie sonst auf seinen Geschäftsreisen fuhr er wie ein Stößer aus dem Wagen und knuffte und bohrte sich rücksichtslos durch den geballten Schwärm der Fahrgäste, sondern er ließ sich heute geduldig durch die Tür drücken und war gar einem alten kümmerlichen Weiblein behilflich, die mit einem großen Pack Kartoffeln in Gefahr geriet, über die Wagenstufen auf den Perron zu stürzen. Er fing die Taumelnde auf, hob ihr den Pack auf den Rücken und stützte dann mit einer Hand die Last, um es der Armen so zu erleichtern. So wurde er den Bahndamm hingewälzt und auf der Stiege zur Unterführung eingekeilt, daß er kaum den Finger rühren konnte. Aber er ließ die Hand nicht von dem Sack der Frau, der immer schwerer in seinem Griff lastete, daß er die andere Hand zu Hilfe nehmen mußte. Er fühlte, wie die Frau am Hinsinken vor Schwäche war. Aber er fluchte nicht über die anderen, stieß nicht mit dem Ellenbogen, trat nicht mit den Füßen nach allen Seiten wie sonst, sondern er war nur in Sorge um diesen kümmerlichen, erschöpften Menschen da vor ihm, diese Frau mit dem welken Gesicht, die er nicht kannte. Und auf dem Grunde der Unterführung angekommen, nahm er ihr den Sack ganz von den Schultern, belud sich damit und trug ihn über die Stiege hinauf nach dem Ausgang zu. Ihm war, als habe er mit der Last eine Erleichterung empfangen; er ging mit spielendem Schritt; ihm war froh zum laut Auflachen. Als das greifende Weiblein, das kaum hatte Schritt halten können, ihm danken wollte, wehrte er ab und flüchtete vor Verschämtheit zu seinem Zuge zurück, der auf der anderen Seite stand. In einem Wagen angekommen, der halb leer war, vermochte er noch immer nicht die Erschütterung zu bemeistern, die ihn überfallen hatte. Er begriff sie nicht und wehrte sich doch instinktiv gegen sie, wie gegen eine Gefahr, die ihm und seinem Gelde drohte. Er setzte sich auf die Bank, stierte auf einen Fleck des Bodens, sprang auf und lief so gut es ging, hin und her, fing an auf beiden Mundwinkeln zu pfeifen und zu trommeln. Es nutzte nichts, die Erschütterung wuchs. Er trat ans Fenster, beugte sich etwas weit hinaus, atmete fliegend wie in der Kindheit vor dem Weinen und sagte bei geschlossenen Augen fortwährend in einer Art glückhafter Verzweiflung: »Nein ... nein, so was! ... Gudnatz! – Anton Gudnatz, du, so was ... nein! nein! ...« Jemand hinter ihm fragte: »Was ist Ihn' denn?« Da lachte er laut hinaus, stieß den Wagen mit dem Knie auf, sprang auf den Perron hart an einem Schaffner hinunter, der stand und den Zug hinauf- und hinabspähte, achtete auf dessen Geschimpf nicht, sondern lief schief und entenfüßig, daß ihm der Eisenbahner lachend nachrief: »Holla, Gustav, verwechsel die Beene nich,« den Bahnsteig hin bis vor die Lokomotive. Dort stand er still, ohne sich zu rühren, und sah vor sich hin in die leere Luft. Als er beim Zurückkehren wieder an dem. Schaffner vorüberkam, spürte er, daß er etwas sagen müsse, um sich nicht zu verraten, stippte ihn also an den Ärmel und sagte mit einer Handbewegung nach der Stelle, wo er eben gestanden hatte: »Schöne Berge da, wirklich schöne Berge, ja! Aber ein wing zu grade nuf. Da kost's Puste, liebe Guste, haha! Aber ich denke, ich blei' unten un' mach mich nei'.« Dann nickte er schäkernd, packte den Griff und hob sich in den Wagen. »Ja, ja drinne is besser wie draußen,« sagte der Schaffner und half an dem Hinteren Teil Gudnatzens ein wenig bei dieser Expedition. Dabei rief er mit einem Zwinkern gegen die Fahrgäste, die aus dem offenen Fenster diesem launigen Vorfall zusahen: »Ein bisset Schieben hilft immer.« Aber Gudnatz achtete nicht auf das Gelächter, das daraufhin ausbrach, sondern hatte sich gesetzt und öffnete und schloß die Hände, denn er fühlte in ihnen noch deutlich das grobe Gespinst des Sackes abgedrückt, den er der alten Frau getragen hatte. Dann besah er sich die Hände hinten und vorn, ob nicht noch andere Spuren von dem Erlebnis zurückgeblieben seien, und entdeckte endlich an der Wurzel des Daumenballens seiner rechten Hand einen kleinen Schmutzfleck. Und während er vorsichtig wie kostend und schmeckend mit dem Zeigefinger der Linken darüberfuhr, überlegte er, daß er eigentlich hätte ganz gut der schwachen Frau den schweren Huckepack noch ein Stück weitertragen können, denn Zeit wäre gewesen. Durchs Gebäude mußte er mit ihr gehen, nein, noch weiter, über den Platz, die fallende Chaussee hinab, in den Ort, zwischen den Häusern von Dittersbach weiter ... weiter ... Anton Gudnatz sann nicht mehr, er sah alles mit weitgeöffneten Augen, die er starr vor sich auf die Diele gerichtet hatte: Den Sack auf dem Rücken, neben ihm die alte Frau, die immer wieder mit einem Kinderstrahlen in dem faltigen Gesicht zu ihm aufblickte, so ging er, ging und ging und ging. Die Bäume verschwanden um sie, die Häuser, alles, zuletzt noch gar der Weg, auf dem sie gingen und wie in einem leibhaftigen Traume war nichts als weißes, wunschloses Licht um ihn und die alte Frau. Und wieder war das große Glück in ihm, aber nicht wie vorhin, als es ihn zum Nagen hinausgetrieben hatte, sondern als ein vollkommen bewußtloses Untertauchen in einer vollkommenen Harmonie. Gudnatz saß wie entgeistet und nahm nichts von dem wahr, was um ihn vorging. Der Zug stand noch immer. Der Wagen füllte sich mehr und mehr. Die Tür ging in einem fort auf und zu. Da, auf einmal hörte, wie abgeschnitten, das halblaute Gespräch der Leute auf und eine bänglich, feindselige Stille setzte ein. Gudnatz sah auf und erblickte einen Gendarm, der mit leisem Fragen und Nicken von Person zu Person trat. Er trug schon die graugrüne Montur der Republik mit dem hellgrünen Kragen. »Haben Sie was im Rucksacke?« flüsterte die neben ihm sitzende Frau, schob schnell und geräuschlos einen Korb mit den Füßen unter den Sitz, lüftete sich, zog ihren Rock als Vorhang weit auseinander und nahm wieder Platz. Gudnatz antwortete nicht. Mit verlorenem Horchen saß er da und starrte in unverrückbarer Gebanntheit auf den graugrünen Rücken des Beamten, der, jetzt dicht vor ihm stehend, einen Mann veranlaßte, seinen Pack zur Durchsuchung zu öffnen. »Wenn ich Ihn' sage, 's sind Äppel, da ist's doch genug,« protestierte der Betroffene mit vor Erregung bebender Stimme. »Öffnen,« sagte der Gendarm sanft, aber unverweigerlich. Der andere fügte sich unter einer Flut zorniger Ergießungen über die Gemeinheit und Härte gegen Arme wegen ein paar Pfund Mehl und die Gleichgültigkeit gegen große Schieber und erklärte mit lauter Stimme, dieser Saustall von Staat sei nicht anders zu reinigen, als daß man alles kurz und klein schlage und die aufhänge, die an so was schuld seien. »Ja, wenn ich een koschern Bauch hätte und Isaak hieße!« rief er zuletzt mit Hohnlachen. Der Beamte verzog sein Gesicht in freundlicher Duldung, griff durch die Äpfel auf den Boden des Packs, hielt dem Erregten ein Säcklein Mehl, das möglicherweise gegen zwanzig Pfund schwer war, vor das erbleichte Gesicht und fragte gütig: »Nicht wahr, das sind bloß fünf Pfund?« »Na, mehr doch nich!« stotterte der Betroffene glückhaft erleichtert. »Danke,« beschied ihn der Landjäger ruhig und drehte sich zu Anton Gudnatz um, aus dessen bartlosem Gesicht noch immer jeder Zug von Geriebenheit, jedes verschlagene Lauern, jede Habsucht und Hinterlist geschwunden war und der aussah wie ein dümmlicher Pflüger. So blickte Gudnatz dem Gendarmen einen Augenblick ins Gesicht, dann erbleichte er und zerrte plötzlich entschlossen an dem Rucksack, ihn von den Achseln zu bekommen. »Was haben Sie drin?« fragte der Beamte. »Brot und Wurst und Schnaps und ...« stotterte Gudnatz und erbleichte immer mehr. »Na, da lassen Sie's, da zeigen Sie mir den Reiseausweis,« entschied der Gendarm. Aber aus der tödlichen Entschlossenheit Gudnatzens wurde etwas wie eine irre Verzerrung. Er atmete schluckend und fliegend und riß mit Gewalt an den Tragriemen. »Nein, Sie sollen's sehen, ich werd's Ihn' geben, es ist besser!« schrie er gequält, seine Lippen zitterten und seine Hände bebten. Alles drängte sich herzu. »Was hat's denn?« »Das ist der von vorhin!« »Wer?« »Nun, er lachte doch wie tolle und verrückt.« »Hast's nicht gehört?« So schwirrte es durcheinander. In diesem Augenblick riß der Schaffner die Tür auf und rief herein: »Es geht gleich los, Herr Gendarm!« »Jaja! Bloß noch einen Momang,« antwortete der Beamte. Dann kehrte er sich wieder zu Gudnatz, der noch immer verstört an den Schnallen seines Rucksackes zerrte und dabei dumpf murmelte: »Alles, jawohl, alles, weg, weg.« »Das ist ja zum Verrücktwerden,« schrie jetzt der Gendarm in höchstem Unwillen. »Herrgott noch mal, so versteh« Sie doch! Lassen Sie den Rucksack und zeigen Sie mir den Reiseausweis!« Dadurch wurde Gudnatz von dem Ausweg zurückgerissen, nach dem es ihn wie mit Peitschen trieb. Er kam zu sich und erkannte die Gefahr, in der er schwebte. Sofort war er wieder Herr seiner ganzen Verschlagenheit, hielt die Blödheit mit Gewalt in seinem Gesicht fest, lächelte wie einer, den der Stockschnupfen verdummt hat, begann mit tattrigverlegenem »Jaja. Schon gut. Gleich, Herr Meester,« in seinen Taschen herumzufingern und brachte endlich den gefälschten Inländerausweis zum Vorschein, den er sich für seine Schieberreisen hatte anfertigen lassen und der, mit seiner gestempelten Photographie versehen, auf den Namen des Handelsmannes Karl Glumm aus Thomasdorf, Kreis Grottkau, lautete. Der Zug pfiff. Der Gendarm verglich schnell das Bild Glumms mit dem Gesicht Gudnatzens und sah, daß es stimmte. Er nickte und warf schnell den Schein in des Schiebers Hand zurück. Dann sprang er aus dem anrückenden Wagen. Die Leute, die sich neugierig um den Vorgang geballt hatten, zerstreuten sich nun wieder ungefähr an die Plätze, die sie vorher eingenommen hatten. Sie waren im Grunde enttäuscht über den alltäglichen Ausgang des Zusammenstoßes zwischen dem Gendarmen und Gudnatz, den niemand kannte, der für alle nur ein krummer halbverrückter Mann war. Dieses geheime Mißvergnügen verleitete die meisten, sich über die anmaßlichen Befehlsmanieren des Sicherheitsbeamten und seine Schnauzerei einem gutmütig-beschränkten Menschen gegenüber zu entrüsten und einem Knirps von Mann lächelnd zuzustimmen, der, einen Krämerpack auf dem Rücken, eine Elle unter den Arm geklemmt, mit ausgekrähter, schriller Stimme, indes er von dem Zuge immerfort hin- und hergeworfen wurde, in wilden Ausdrücken alle aufforderte, mit der Polizei überhaupt aufzuräumen, weil doch jeder nun Gott sei Dank allein wisse, was er zu tun und zu lassen habe. »Wir sind doch keene Hunde nich,« schrie er, »und wenn und es muß partuh ›Kusch‹ gesagt werden, da wollen wir 's jetze a mal sagen, aber aus 'm ff. Denn wozu sein wir denn um Himmelswilln, sein wir denn eene Republik!« Darauf brach der ganze Wagen in fröhliches Gelächter aus. Anton Gudnatz, den alles dies doch am meisten anging, achtete auf nichts, sondern saß mit zu Boden gekehrtem Gesicht da und litt noch immer unter dem eisigen Brausen, das ihn befallen hatte, als er von dem Landjäger nach dem Reiseausweis angebrüllt, aus einem glückseligen Taumel aufgewacht war, der ihn doch sicher um sein Geld und ins Gefängnis gebracht hätte. Trotzdem der Gefahr entronnen, war es ihm unmöglich, sich zu freuen. Mühsam rang er gegen eine unbegreifliche, reuevolle Trauer. Um diesem inneren Kampf zu entrinnen, hob er endlich den Kopf und sah zum Fenster hinaus. Aber die grellbeleuchtete Sommerlandschaft rückte wie eine Fratzenjagd vorüber. Er hielt es nicht aus, wendete den Blick weg und sah sich mit ratlosem Lächeln die Leute an. Dann fiel die Finsternis des langen Dittersbacher Tunnels über alles und sein merkwürdiger Schreck begann sich zu lösen. »Gott sei Dank!« fuhr es ihm durch den Kopf und ganz erschöpft lehnte er sich zurück. Der Zug stampfte und raffelte dumpf durch die Wölbung des Tunnels. Sein Brummen, Knallen und Klirren klang Gudnatz wie Musik. Wenn es nur überhaupt nicht mehr aufhörte, wenn es zu machen wäre, daß die Finsternis andauerte, bis er glücklich die Grenze überschritten hätte! Und während er diesem törichten Wunsch einen Augenblick inbrünstig nachhing, fühlte er wieder seine Wange lind gestreichelt und gedankenfern, aber deutlich sprach seine Mutter: »Antoně, kde pak, ses? Pojd sem!« Und wie, warum, Gudnatz wußte es nicht, aus der Tiefe seines Wesens, die in glückvoll bewußtlosem Taumel geblüht hatte, von dort her, wo er einen Augenblick die Köstlichkeit vollkommener Harmonie genossen hatte, aus der Mitte seines Wesens, brach plötzlich ein solch jäher Zorn, daß er mit dem linken Ellenbogen brutal nach der Gestalt seiner Einbildung stieß, als sei es nicht eine Person aus der Luft seiner inneren Zustände, sondern ein Mensch aus Fleisch und Bein, der ihn zu etwas Schädlichem überreden wollte. Der zornige Stoß traf die Frau, die ihm gegen den Gendarmen hatte beistehen helfen, so heftig, daß sie sich nur mit genauer Not vor dem Zubodenfallen bewahren konnte. Empört schrie sie Gudnatz an: »Na, was hab' ich Ihn' denn getan? Wenn Sie ein Affe sein und der Gendarm brüllt Sie an, da kann ich doch nischt dafür! – Von der Bänke hätte mich das Unflat beinahe gestoßen.« Und als in den nächsten Augenblicken der Zug aus dem Tunnel herausfuhr und der Wagen hell wurde, sah die Frau den krummen Mann, gegen den sie sich eben so entrüstet hatte, nicht mehr neben sich sitzen, sondern mit bleichem verstörtem Gesicht vor sich stehen und auf den Platz starren, auf dem er gesessen hatte, nicht anders, wie jene merkwürdige Art von Irren, die von Zeit zu Zeit in zwei Personen gespalten werden. Nach den vorherigen Vorgängen und seinem jetzigen Betragen hielten ihn alle für verrückt, schwiegen achtungsvoll und ergriffen still, und da im nächsten Moment der Zug anhielt und Gudnatz nach hinten gerissen wurde, fing ihn ein Mann liebreich in den Armen auf und half ihm unter gütigem Spaßen wieder auf seinen Platz. In Gudnatz' Brust arbeitete aufgelöstes Atmen und ihm war wieder weich zum Weinen. Aber er bezwang sich, schaute eine Weile zu Boden und entschuldigte sich dann bei der Frau mit der Lüge, daß er infolge seiner schweren Kriegsverwundung an einem »Gliederschmeißen« leide, über das er keine »Gewalt« habe. Und wahrend er diese Unwahrheit mit unsicherer, schußriger Stimme sagte, machte er wirklich den Eindruck eines ratlosen, verschüchterten Kindes, daß die Frau ihm ergriffen zuhörte, endlich begütigend die Hand auf die seine legte und tröstend zu ihm sagte: »Nehmen Sie's bloß nicht übel, das vorhin, das Geblöke von mir. Aber ich konnte es doch nich wissen. Nich? Ach und mir sein eben alle Menschen.« Gudnatz zog die Rechte unter der Hand der Frau erregt weg, begann kummervoll seine Hände durchzugreifen und murmelte: »Wenn der Gendarm nicht auf einmal zu schreien angefangen Hütte, ich glaube, ich war mit der Hand in den Stiefelschaft gekommen.« Die Frau, die nicht verstand, was Gudnatz murmelte, glaubte, er werde noch immer vom Kriegswahnsinn regiert, rückte erst ein wenig ab, erhob sich dann, ging weg und lehnte sich weit entfernt neben einem Fenster gegen die Wand. Auch viele andere Mitreisende traten von Gudnatz einen Schritt zurück, daß sich um ihn eine Art Vorhof bildete. Nur einige starke, beherzte Männer blieben in seiner Nähe stehen. Gudnatz aber saß mit gerecktem Kopf und zusammengezogener Stirne da, als höre er gespannt auf unverständliche Worte, die jemand aus sehr großer Entfernung zu ihm sprach. Dabei griff er immerfort erregt seine Hände durch.   2 Gudnatz befand sich in einer ihm ganz ungewohnten Gewissensnot, aus der er keinen Ausweg wußte. »Ich kann doch nich alles hergeben, was ich im Rucksack habe, nich wahr? Da müßte ich doch Tinte gesoffen haben. Was?« So fuhr er endlich aus seinem unterirdischem Kummer auf und frug die Männer, die um ihn standen und ihn unausgefetzt forschend beobachteten. »Nu nee!« antwortete endlich einer unsicher lachend. »Freilich nich. Da wärn Sie ein Esel.« »Das mein' ich ebens auch. Nee, nee! Deswegen, weeß Gott, deswegen mach ich doch die Reise nich.« Es waren drei Männer, die er so anredete, in der Mitte ein blonder hochgewachsener, hünenhafter Mann in mittleren Jahren, langsam, zäh in seinen Bewegungen, mit großen prüfenden Augen, rechts und links von ihm kleine, dunkeläugige Menschen mit wie zusammengerammten Leibern. »Gelt, Sie sein ein Zimmermann?« fragte Gudnatz den mittleren, um ihre Aufmerksamkeit von sich abzulenken, und als der Angeredete statt der Antwort nur den Kopf zur Seite warf und vieldeutig lächelte, nahm das der Flüchtling als Bestätigung auf und fuhr fort: »Ja, ja, das hab' ich auf den ersten Blick gesehen, und Sie beiden,« damit wandte er sich an die anderen, »Sie sind Bergleute, was?« Die beiden wechselten einen lustigen Blick und brachen schließlich in ein lautes Gelächter aus. In diesem Augenblick hielt der Zug, und alle drei drängten nach dem Ausgange. Gudnatz war es, daß es am besten sei, hier auch auszusteigen. Er erhob sich und strebte den Dreien nach. Aber da wurde ihm die Tür vor der Nase zugeworfen, und einer der beiden kleinen Dunkeln rief höhnisch durchs offene Fenster herauf: »Nee, nee, bleiben Sie drinne und sehn Sie zu, daß Sie nich umfallen.« »Was sagen Sie?« schrie Gudnatz plötzlich wütend. »Mumpitz!« brüllten beide und verschwanden mit gröhlendem Gelächter in der Unterführung. Der ganze Wagen wieherte vor Glück, und Gudnatz wagte nicht, an seinen Platz zurückzukehren. Blassen Gesichtes lehnte er sich weit hinaus und schaute ins Unbestimmte. Da war wieder die Feindseligkeit der Menschen, die ihn von der Gemeinschaft mit sich ausschlössen, als spürten sie das Verbrecherische seines Geschäfts und des Reichtums, den er bei sich trug, instinktiv. Warum war er mit der alten Frau in Dittersbach nicht davongegangen, immer tiefer in das Schimmern hinein, das in ihm aufgeblüht war. Warum nicht? Warum nicht? Seiner selbst nicht mächtig, überließ er sich diesem inbrünstigem Vorwurf, wahrend er ins Unbestimmte starrte. Da ruckte der Zug wieder an, und Gudnatz fühlte sich davongetragen. Er empfand das schmerzhaft, als werde er dadurch seiner einzigen Rettung entrissen. Und während er stand und darüber grübelte, was zu tun sei, diesem Verlieren zu entgehen, kam ihm der Gedanke, wenn er der Frau, die er vorhin im Tunnel gestoßen hatte, ein Geschenk gebe, dann sei alles gut, die Frau zürne nicht mehr, die anderen Leute sähen ihn nicht mehr mit Verachtung an, und auf irgendeine Weise komme wieder etwas von dem Licht in ihm auf, das ihn so beseligt hatte. Er zog seine Banknotentasche und entnahm ihr ohne zu wägen einen Schein. Dann tat er entschieden die paar Schritte zu seinen Platz neben die Frau, die sich auch wieder gesetzt hatte, beugte sich so weit vor, daß die übrigen Reisenden nicht sehen konnten, was er in der Hand hielt, und sagte mit vor Erregung bebender Stimme: »Da, Mutterle, nehmen Sie. Ich hab' Ihn' vorhin gestoßen. Aber wissen Sie, ich wollt's nich.« Betroffen blickte die Frau in sein aufgelöstes Gesicht mit den brennenden Augen. »Kein Wort,« stotterte er bittend und halblaut, »nehmen Sie's. Ich will nichts von Ihn'! Nehmen Sie's, Sie tun mir einen Gefallen.« Aber da erkannte die Frau, daß es ein Fünfzigmarkschein sei, den ihr Gudnatz anbot, und sträubte sich energisch: »Was denn? Das sind ja fünfzig Mark! Nee, was denken Sie denn? Nicht! Ich wüßte nich wofür ...« Das Verfinstern eines Tunnels fiel über den Handel der beiden. »Halten Sie's Maul. Es ist schön, sag ich, mehr nicht und damit gut,« stieß Gudnatz hervor, drückte ihr den Schein in die widerwillige Hand, erhob sich fluchtartig, trat ans Fenster und beugte sich wieder hinaus. Es war der kurze Tunnel hinter dem Bad Charlottenbrunn, wo sich dies ereignete. Bald prallte das Licht wieder in den Wagen, und Gudnatz mußte sich mit beiden Händen festhalten. Denn es wogte in ihm, daß er Mühe hatte, aufrecht zu stehen. Hinter ihm sprachen die Leute laut durcheinander, und er hörte die Stimme der Frau scharf und erregt, als verteidige sie sich gegen Vorwürfe. »Ich kann doch nichts dafür.« »Ach was, wenn er's nich hätt, gab er's nicht.« »Fünfzig Mark? Zeigen Sie mal! Wahrhaftig!« »Er ist...« So schwirrte das Gespräch durcheinander. Dann ertönte vereinzelt vorsichtiges Gelächter. Gudnatz wieder war zum Weinen elend zumute. Er biß die Zähne aufeinander, packte den Rahmen des heruntergerissenen Fensters, als gelte es, ihn in den Fingern zu zermalmen, und schloß die Augen. So verharrte er lange und wehrte sich gegen aufsteigende Selbstvorwürfe, indem er fortwährend gedankenleise sagte: »Ich muß. Ich muß. Ich muß ...« Dann ging er abgeschlagen auf seinen Platz, klemmte die geschlossenen Hände zwischen die Knie und sah geneigten Hauptes zu Boden, in dumpfer ratloser Scham, wie ein ausgescholtener Knabe. Er fühlte die Augen der Leute wie ein Brennen auf sich gerichtet. Alle ihre Blicke, die ihn forschend betrachteten, gruben sich in ihn ein, um herauszubekommen, warum er hier sitze, mit der Bahn fahre wie jeder andere anständige Mensch und doch in dieser schweren Zeit den unbegreiflichen Blödsinn begehe, sich von einer dummen Ungeschicklichkeit mit fünfzig Mark loszukaufen. Wenn man im Kriege einen Schaden davongetragen hat, so ist das doch schon Entschuldigung für allerhand Torheit genug. Um seines Elends halber noch Geld zu geben, ist Verrücktheit, wenn da nicht noch etwas anderes, Schlimmeres dahintersteckt. Anton Gudnatz konnte nicht verhindern, daß diese Gedanken, die von den andern auf ihn eindrangen, sich unmerklich in seine eigenen verwandelten. Die Not seines immer stärker erwachenden Gewissens wurde so groß, daß er sich nicht mehr seines Kognaks und seiner Zigarren erinnerte, mit denen er sonst leicht über jede Schwierigkeit hinweggekommen war. Er starrte mit zusammengerissenen Brauen zu Boden, stieß fortwährend mit der Spitze des Stockes in einen Dielenritz, murmelte machtlos ohne Aufhören: »Ich muß. Es nutzt alles nichts, ich muß« und wurde doch nicht in die Freude gehoben, die er von dem Geschenk erwartet hatte. Endlich stieg der Zustand zu solcher Unerträglichkeit, daß er merkte, wenn das sich nicht gleich ändere, sei er gezwungen, aufzuspringen und allen Leuten zu sagen, daß er kein schlechter Mensch sei, daß er ein ganzes, langes Leben gehungert, gearbeitet, nein, sich geplagt habe, und wenn er nun seine Ersparnisse vor Menschen in Sicherheit bringe, die ihn um alles berauben und als Krüppel und alten Kerl wieder in die Gasse hinabstoßen wollten, so sei dies doch keine Schlechtigkeit. Und ehe er sich's versah, überfiel ihn ein solcher Zorn, daß er wirklich aufsprang, mit dem Stock auf die Bank hieb und gequält schrie: »Verflucht, ich bin kein Lump! Nein und dreimal nein! Bei Tarnopol haben sie mir das Bein zweimal zerschossen und bei Warschau sind mir zwei Rippen aus dem Leibe gerissen worden!« Er hatte ein qualverzerrtes Gesicht. Und als er sich umdrehte, beteuernd die Hand hob, in der er den Stock wie eine Stichwaffe hielt und mit drohender, schmerzdumpfer Stimme weiter sprach: »Ja, ja. Ihr Leute, ich weiß es besser wie ihr!« da wichen alle in die Ecken vor ihm zurück, bis auf einen Mann, der lächelnd und furchtlos auf ihn zutrat, und indem er ihm den Arm mit dem Stock herunterdrückte, sprach er ruhig und beiläufig: »Schon gut, Kamerad. Laß das sein. Ich bin auch vier Jahre Russe gewesen. Nee, nee! Nimm's nicht schlimm. Es kommt eben manchmal über einen. Ich weiß auch. Setz dich und denk nicht mehr dran!« Bis in die Zähne blaß, tief atmend wie nach einem unvermuteten Sturz und keines Wortes mächtig, ließ er sich auf seinen Sitz drücken. Alle betrachteten den krummen Mann nun wieder erschüttert und furchtsam. Die Frau neben ihm aber zog den Fünfzigmarkschein aus dem Unterrock und redete auf ihn ein, das Geld zurückzunehmen. Gudnatz fuhr auf und schob mit höhnischem Lachen ihre Hand weg. Dann verfiel er wieder in das Hinstarren. Als der Zug vor Neurode mit Gepolter über die hohe Eisenbahnbrücke lief, hob er den Kopf und tat einen langen, verlorenen Blick auf die besonnte Landschaft hinaus, die in sanften Hügeln und ruhigen, schwer gehobenen Waldbergen vorüberzog. Da vertiefte sich sein abgehetztes Gesicht zu einem glückvoll freudigem Lächeln. Und er frug mit aufgelöster Stimme vor sich hin, alle Menschen und eigentlich auch niemand, als sein Herz: »Ist das die Grafschaft?« Dann senkte er wieder den Kopf und vollendete glückselig wie im Traume: »Ja, ja, das ist meine Grafschaft.« Als der Zug in Neurode hielt, verließ er still, ohne nach jemand zu sehen, den Wagen, löste sich eine Zuschlagskarte und suchte sich ein Abteil dritter Klasse.   3 Gudnatz hatte am Schalter erfahren, daß der Zug zehn Minuten Aufenthalt habe, und als er durch die Tür auf den Perron zurückkehrte, bemerkte er die schwarze Holztafel, auf der die Verspätungen der Züge verzeichnet werden. Mit geruhigem Schritt näherte er sich der Tafel und las, daß der Zug, auf dem er fuhr, zehn Minuten unterwegs versäumt habe. Dann also mußte die Abfahrt jeden Augenblick erfolgen. Aber anstatt nun, wie die übrigen Reisenden, eilig nach einem Abteil zu suchen, ging er gleichgültig den Perron gegen das Ende des Zuges hin, mehr, um aus dem dämmerigem Licht der Halle herauszukommen, als bemüht, irgendwo Unterkunft zu finden. Seine alten Reisegenossen lehnten aus den Fenstern und sahen gespannt seinem Trödeln zu, das sie sich offenbar nicht erklären konnten und als eine Art stillen Wahns betrachteten. »Was suchen Sie denn? Sie! He! Der Zug wird gleich abgehen,« rief ihm die Frau zu, der er die fünfzig Mark geschenkt hatte. Gudnatz achtete gar nicht auf den Ruf, sondern ging mit seinem unentschiedenen, latschigen Schritt immer weiter den Zug zurück. Die Lokomotive ächzte wie ein überanstrengtes Tier. Der Zug wollte kein Ende nehmen. Da hörte die Rampe auf, und Gudnatz stand außerhalb der verschmutzten gläsernen Bedachung im hellen Licht. Mit einem befreiten Blick sah er beim Umwenden die Stadt, die mit ihren Häusern und den beiden Kirchen einen langen Abhang hinunter in ein Tälchen stieg, und jenseits hob sich das Land in sanft wogenden Hügeln empor, die verklärt und in wohligen Bewegungen hinflossen. Hinter ihnen stieg der Himmel in einer solch stillen und zugleich geheimnisvoll verzückten Klarheit aus unausdenkbaren Tiefen und Weiten in seine eigene Unendlichkeit der Höhe, daß den aus den Verirrungen und Knebelungen seines Lebens schon so weit hinausgeführten Gudnatz die Empfindung der Kindheit leidenschaftlich überkam, wenn er diese Höhenrücken überstiege, sei alles gut, sei alles erreicht, was er suchte. Und wie er so abgewendet stand und in eine unbegreifliche Sehnsucht seiner selbst versank, klang die andere Stimme aus seiner Tiefe herauf wieder stärker, die in ihm befreit worden war, seitdem er die Stimme seiner Mutter von sich abgewehrt und dabei die fremde Frau beinahe von der Bank gestoßen hatte. Ihr Laut stieg vernehmlicher in ihm auf, aber was sie sagte und von ihm wollte, war mit dem Verstehen nicht zu begreifen. Es war dasselbe, was die Höhen hinter der Stadt mit ihren ruhigen, verklärten Bewegungen in den Himmel schrieben, und es war auch zugleich das paradiesische Licht, das hinter ihnen heraufstieg und auch zutiefst aber unerreichbar in ihm lag. »Mein Gott,« fuhr es Gudnatz durch den Kopf, »ich brauchte ja gar nicht weiter mitzufahren. Ich könnte ja gleich da geradeswegs durch Neurode durch, über die Hügel gehen, über Ottendorf ins Braunsche. Da war alles gemacht und eher fertig wie so in der Bahn.« Und da er so, in sekundenschnellem Hauch der Phantasie bewegt, die umwallte Ebene des deutschböhmischen Braunauer Ländchens vor sich sah, mit der stillen Klosterstadt in seiner Mitte, dem sägenscharfen Zug des Falkengebirges als seiner westlichen steilen Waldwand, erblickte er sich als kleinen Jungen neben seinem Vater in der Sommerhitze auf staubiger Straße einen stundenlangen Bergabhang hinunterwandeln. Sein Vater war ganz lang und mager gewesen, mit gleichmüßig ausholenden Schritten dahingegangen, und je tiefer sie die vielgewundene Chaussee ins Tal geführt hatte, desto glückhafter war des Vaters Gesicht geworden, desto fliegender sein Gang, so daß des kleinen Gudnatz kurze Beine nicht mehr mitgekonnt hatten und er es dem Vater sagen mußte, daß er nicht mehr Schritt zu halten imstande sei. Da hatte sein Vater fast jubelnd ausgerufen: »Lauf, Junge, lauf, wir kommen jetzt aus dem böhmischen Winkel richtig in die Grafschaft. Da bist du und ich zu Hause.« Und während diese Erinnerung wie ein Traumhuschen und doch bis in alle Einzelheiten greifbar an seinem inneren Gesicht vorüberflog, hörte er die machtlos hohe Stimme seines Vaters deutlich aufklingen, und wie in der Kindheit stand er wieder zwischen diesem und seiner Mutter, seinen zwei liebsten Menschen, die sich niemals gezankt und auch nie ganz verstanden hatten. Seine Kindheit, solange der Vater gelebt hatte, war wie em grubentiefes Tal gewesen, in dem sich der Wind zweier auseinanderlaufender Gebirge feindlich getroffen und in unhörbaren Wirbeln bekämpft hatte. Dieses Bild fiel so schnell über Gudnatz her, wie die Erinnerung an die einzige Fußreise mit seinem Vater ihn heimgesucht hatte. Er drehte sich um, sah an dem langen Zug mit ernsten Augen hinunter und überlegte, wenn sein Vater in Dittersbach bei ihm gewesen wäre, dann hätte er ihm sicher geraten, das ganze verfluchte, ungerechte Geld dem Gendarmen zu geben, die Flucht einzustellen und hier in dem Lande zu bleiben, wohin er gehörte. Was ging ihn die ganze Böhmakei an? Mit finstern Augen musterte er den Bahnsteig, auf dem nur noch einzelne Leute standen und zu Köpfen hinaufsahen, die aus den Wagenfenstern guckten. Da trat der Beamte mit der knallroten Mütze eilig aus der Tür des Bahnhofsgebäudes, schrie: »Zurücktreten!« und hob die weiße grüngeränderte Scheibe als Zeichen zur Abfahrt. In diesem Augenblick zerriß die Bedenklichkeit in Gudnatz wieder, die Liebe zu seinem Besitz stürzte sich als loderheiße Angst auf ihn, daß er auf den Eingang zu dem nächsten Abteil zulief, das brusthohe Trittbrett packte und während der Zug in den Verkuppelungen schon knirschte, sich mit verzweifelter Anstrengung hochzog und nach einigem Drücken und Reißen an der Tür glücklich in das Abteil gelangte. Der Zug war schon im Fahren, als er die Tür hinter sich zuschlug, und er hörte den Beamten noch eine Weile schreiend in das Brausen der Räder schimpfen. Dann setzte das taktmäßige Knacken und Rollen der gesicherten Fahrt ein. Gudnatz wischte mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und lachte schadenfroh und betreten in kurzen Stößen vor sich hin, während er die Füße der ihm gegenübersitzenden Reisenden betrachtete: zwei Paar Männerstiefeln und links ein Paar Frauenschuhe, unter einem schwarzen Rock hervorstehend. Dann stand er auf und setzte sich. Aus Bedrücktheit wagte er erst nicht aufzublicken, sondern ordnete sein Jackett, zupfte an den Hosen, zerrte an den Tragriemen des Rucksackes und blies dann und wann den Atem wie spielend von sich, alles um einen reisegeübten Mann vorzutäuschen, den solch halsbrecherische Kunststückchen eigentlich nicht sehr erregen. »Das konnte aber schlimm ablaufen, lieber Mann,« sagte mit leisem Vorwurf eine gütige Stimme zu ihm. Gudnatz fuhr in die Höh und sah gerade vor sich einen blonden, bartlosen Mann in langem schwarzen Rock mit dem Rundlingen der katholischen Geistlichen, neben ihm einen gutgekleideten Gutsbesitzer mit fast ergrautem, kurzem Vollbart und in der anderen Ecke eine hochbejahrte Greisin in der Mode einer längstversunkenen Zeit, wahrscheinlich die Mutter des Gutsbesitzers. Offenbar war es der Geistliche, der ihn angeredet hatte, denn er nickte dem aufblickenden Gudnatz ins Gesicht und sagte dabei zur Bekräftigung seines gütigen Vorwurfs: »Ja, ja. Glauben Sie mir nur.« Das ruhige Auge des Priesters steigerte Gudnatzens Betretenheit, und unter einem lustigen Lachsprudel, der doch im Unterton wund und beklommen klang, antwortete er stolpernd und überstürzt: »Glaub' ich schon. Ja, ja. Aber wissen Sie, da gibt's nich lange Zeit zu überlegen. Ganz und gar nicht. Nee, nee. Ob man mit will oder nich mit will. Das is ganz egal. Auf eemal schnurrt's im Zuge, der Mann schlenkert die Scheibe überm Kopf, es pfeift. Da kommt man nich zurechte mit sich. Da kommt man nich zurecht. Hat keene Zeit. Muß fort. Muß fort. Da hilft nichts.« Ohne es zu wissen, glitt er in die unterirdischen Wasser seiner himmlischen Auflösung zurück und sprach die letzten Worte schon wieder mit gesenktem Kopfe vor seine Füße hin. Als es ihm möglich geworden war zu schweigen, spürte er, wie sich die drei Reisenden verständigend anblickten. Davon lief es Gudnatz kalt über den Rücken, und er dachte: Um Gottes willen, was wird bloß werden! Warum bin ich hierher gekommen? Warum? Und es wurde wie ein Strömen in ihm, das nach allen Seiten auseinanderbraust und wie ein Sturm, der durch ein Haus ohne Fenster und Türen fahrt, daß der, der darin ist, nicht weiß, sitzt er unter einem Dach oder im Felde draußen. Sein Weib, sein Sohn, sein Haus in Sch. und selbst noch sein Reichtum, um den er doch alles dieses litt, alles war vergessen, wie ein abgebranntes Streichholz in seiner Hosentasche. Er wußte selbst auf einmal nicht, daß er vor den Häschern auf der Flucht nach Böhmen sei, und fühlte sein Leben wie ein Ameisenhaufchen, das von dem Fuß eines großen Wanderers zertreten ist. Das Rollen des Zuges aber hörte sich an, als sei es das Geräusch eines fremden, unbekannten Wagens, der hinter fernen Hügeln dahinging. Dies Verjagtsein aus sich nach allen Seiten hin ertrug Gudnatz nicht lange, raffte sich mit aller Kraft auf und begann, um in das Leben zurückzufinden, auf das Gespräch seiner Mitreisenden zu achten, das durch sein Hereinstolpern unterbrochen, bald wieder begonnen hatte. »Ich bin anderer Meinung,« sagte gerade der Gutsbesitzer mit dem kurzen, grauen Vollbart. »Vor der Hand und wohl noch eine lange Weile, lasse man alle weiter abliegenden Gedanken sein. Die laufen uns nicht fort. Jetzt heißt es, nur eins zu erkennen und darnach zu handeln: Eine hungernde Kuh gibt keine Milch und zieht nicht, sondern kann nichts tun als brüllen.« »Nein, Herr Pfarrer, da geb ich meinem Sohne recht,« sagte die Greisin unendlich sanft. »Ja, freilich. Gewiß, verehrte Frau ...« nahm jetzt der Geistliche in einer Art das Wort, als wolle er es sobald nicht wieder hergeben. Aber der Gutsbesitzer ließ ihn nicht dazu kommen. Er unterbrach ihn: »Verzeihen Sie, Hochwürden. Ich bin noch nicht fertig. Na, also, ich will nur sagen, daß man vor der Hand das Dreschen mit der Luftmaschine sein lassen soll. Alle Systeme laufen doch am Ende auf Redensarten hinaus in unserer Zeit, in der niemand warten kann. Ganz die Zwangswirtschaft aufzuheben, geht ja vorläufig nicht. Aber mit den kleinen Schikanen sollte man aufhören. Haben Sie nicht gesehen? Auf fast jeden Bahnhof steht ein Gendarm oder ein Polizist oder ein Lebensmittelkontrolleur in Zivil und nimmt den armen Leuten das Säckel Mehl, die paar Kartoffeln ab, die sie doch nu partuh brauchen, wollen sie mit ihren Kindern nicht verhungern. Wir haben eine spottschlechte Frühkartoffelernte. Laßt doch die armen Leute für sich sorgen! So kriegen sie wieder Zutrauen zu sich und dem Staate. Und beides muß neu werden, sag' ich Ihnen, beides, der Bürger und der Staat.« Der Gutsbesitzer stellte die Beine weit auseinander, räusperte sich und schlug sich leise mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. Der Geistliche antwortete nicht sogleich, saß da, sah vor sich in die Luft, und man spürte das heimliche Lächeln seiner Überlegenheit, das er überwand. Dann schüttelte er mit dem Kopfe. »Herr Amtsrat, Sie sprechen schon wieder von Bürger und Staat. Aber noch niemand ist es gelungen, genau zu definieren, was ein Bürger und was ein Staat sei. Niemand,« sagte er ruhig und sah den Gutsbesitzer groß an. »Gott ja, freilich. Was ist das: Ein Rind, ein Hund, ein Vogel? Oder Wasser und Luft? Freilich weiß das niemand. Haha,« entgegnete der Oberamtmann und lachte höhnisch auf. »Sehn Sie! Wir als Menschen wissen das alles nicht. Aber als Christen wissen wir es. Wir lesen in der Heiligen Schrift, daß unsere Begierden Fesseln sind, die uns selbst und andere binden. Erst wenn wir den Vogel aus dem Käfig lassen, wissen wir, wie unfrei uns der Vogel gemacht hat. Also hilft es weder Begierden einzukerkern, noch sie freizulassen. Keine zu haben, d. h. keine bösen, das alleine hilft. Sie alle versuchen, irgend etwas zu reformieren, was außerhalb ihrer ist. Aber die eignen Begierden sind es, die reformiert werden müssen, sonst nichts, sonst nichts.« Gudnatz saß, den Ellenbogen auf die Knie gestützt, mit zu Boden gekehltem Gesicht da und fraß förmlich das Gespräch mit hungrigem Ohr in sich hinein. Der Priester schwieg. Niemand entgegnete etwas darauf. Nur die Räder des fahrenden Zuges hämmerten in die Stille. Gudnatz fühlte es schmerzhaft gegen seine Brust schlagen. Er richtete sich auf und sah den Geistlichen mit blassem, zuckendem Gesicht an. »Nehmen Sie's nicht übel,« sagte er dann mit unruhigem Atem, »Begierden sagen Sie. Gut. Ich versteh. Richtig. Zum Beispiel: Ich hab eine Flasche Kognak im Rucksack, Wurst und Brot. Soll ich das nu nehmen, das Fenster aufmachen und 'nausschmeißen? Was?« Die drei Reisenden sahen einander verständigend an und lachten. Gudnatz' Gesicht wurde noch blasser, noch verzweifelter. Aber der Geistliche hatte sich schon gefaßt und sagte mit nachsichtiger Güte: »Mein lieber Mann, das ist so eine Sache ...« »Gar nicht, mein lieber Mann,« unterbrach ihn Gudnatz bitter und mit zuckenden Lippen, »lieber Mann, haha! Wer ist denn ein lieber Mann? Kee Mensch, Sie nicht, der Herr nicht und ich schon lange nicht. Nee, nee! Bloß die alte liebe Mutter da. Die ja. Das andere ist alles nischt. Aber man muß doch mit was anfangen. Das nennen Sie reformieren. Versteh ich alles. Da muß man anfangen, dahier!« Bei diesen Worten führte Gudnatz einen Faustschlag gegen seine eigene Brust. »Da! Da! sonst nichts. Sonst nichts. Ganz wie Sie sagen.« Dann stemmte er wieder die Ellenbogen auf die Knie, senkte den Kopf zur Erde und murmelte in sich hinein: »Und ich mach's. Ich mach's. Ich mach's.« Die Greisin blickte erschüttert erst ihren Sohn und dann den Geistlichen an und schüttelte bekümmert den Kopf. Niemand wußte, sei der seltsame Mann betrunken oder wahnsinnig. »Kommt nicht jetzt Mittelsteine?« fragte die alte Dame so leise wie in einem Krankenzimmer. Der blonde Pfarrer nickte stumm und fuhr fort, den zusammengekrümmten Gudnatz durchdringend zu betrachten. Der Schieber richtete sich unter diesem Blick mit einem stöhnenden Atemzuge auf, drückte seine Schultern gerade und sagte entschuldigend zu allen: »Nehmen Sie mir's nicht übel. Ich bin ein Kriegsverletzter. Bei Tarnopol haben sie mir das rechte Bein da zweimal zerschossen und vor Warschau hat mir's die Seite aufgerissen. Zwei Rippen sind heidi! Da kommt's halt manchmal über einen. Aber haben Sie keene Angst nich. Ich bin kee schlechter Mensch, nein und noch eemal nein!« Die Räder knirschten. Der Zug fuhr langsamer und langsamer und endlich stand er. Die Drei sahen Gudnatz mit großen Augen und ernstem Gesicht an. »Ja, ja. Der Krieg. Der verwünschte Krieg,« sagte die Greisin endlich in barmherziger Bitterkeit. »Ja, der Krieg,« wiederholte Gudnatz, erhob sich, ließ das Fenster herunter und beugte sich hinaus. Aber ehe er draußen etwas ins Auge fassen konnte, fiel ihm ein, daß die alte Frau und er nicht das Richtige gesagt hatten, deshalb drehte er sich um und sprach laut in das Gespräch der Drei, das schon wieder begonnen hatte: »Nein, der Krieg nicht. Gar nicht. Die Menschen!« Dann, ohne sich um den Eindruck seiner Worte zu kümmern, lehnte er sich wieder weit zum Fenster hinaus und sah den Zug entlang, der leicht gekrümmt vor der Station stand, so daß er die ersten Wagen, sogar die Lokomotive sehen konnte, wie sie den Dampf aus dem Ventil des Schieberkastens in grauen, schießenden Wolken über die Fliesen des überdachten Bahnsteigs jagte. Mit dem Schornstein rasselte sie abgehetzt und asthmatisch manchmal einen dicken Ballen gelben Rauches in die Luft, als erbreche sich das eiserne Untier vor Übermüdung und jedesmal fuhr dabei ein Klirren durch den ganzen Zug, wie das Beben eherner Muskeln. »Na, da bleib bloß schon stehen!« murmelte Gudnatz unwillig und bemühte sich, mit den Augen den Knäuel der Reisenden zu entwirren, der sich vor dem Zuge durch Zu- und Abströmen fortwährend ballte und löste. Der nahe Wallfahrtsort Albendorf und die Eulengebirgsbahn, die hier vorüberführte, erzeugten auf dieser Station immer einen sehr lebhaften Verkehr. Und weil es sich meistens um nicht sehr bahnkundige Reisende handelte, ging das nie ohne erhebliches Getöse ab. Die Beamten brüllten dirigierend, Kinder schrien nach den Eltern, Mütter gellten ihren Anhang zusammen, kleine Leiterwagen wurden aus dem Zuge gehoben und ratterten über die Steinplatten, Kisten, Körbe und Säcke wurden hin- und hergeschleppt. »Das ist ja ein Leben wie in Berlin, dahier. Ja, ja, die Grafschafter sein helle!« sagte Gudnatz bewundernd für sich hin, und sein Heimatstolz löste etwas die Finsternis und Lebensbitterkeit, die ihn erfüllte. Aber da trat, wohl von dem Kleinbahnhof herüberkommend, ein Gendarm durch die Tür auf den Perron, ein breitschulteriger, großer Mann mit gestutztem, graumeliertem Vollbart, in straffer militärischer Haltung. Das dicke Notizbuch halb unter die Montur auf der Brust geschoben, einen Arm in die Hüfte gestemmt, das linke Bein vorgestellt, so faßte er neben der Tür Posto und musterte scharf die Reisenden. »Da ist schon wieder so ein Luder!« Gudnatz rief es empört in den Wagen zurück, dem Oberamtmann zu, der sich vorhin über die Belästigung der armen Leute aufgehalten hatte. Der alte Herr hob auf den Zuruf kaum den Kopf und lächelte gleichgültig und ablehnend. »Ein Gendarm ist wieder da. Kommen Sie her und sehn Sie! Dort steht er an der Tür und lauert,« sagte Gudnatz erklärend und aufreizend. Aber der Oberamtmann winkte mit der Hand ab und antwortete mit einer gewissen Überwindung: »Schon gut. Lassen Sie's sein.« Dann fuhr er im Gespräch mit dem Pfarrer fort. Gudnatz erblaßte, von der Geringschätzung des alten Herrn zurückgestoßen, und starrte ihn eine Weile unter Zwinkern und Lippenzucken an, denn er begann zu schwanken, ob er mit einer Grobheit auftrumpfe oder in Rücksicht auf seine Sicherheit sich nicht lieber auch hinsetzte wie die Drei da, die der Not der Leute mit schönen klugen Worten unter die Arme griffen, im übrigen aber bequem und gemächlich an allem vorüberfuhren. Uno schon neigte er sich auf ihre Seite, drehte sich nach dem Wageninneren zu und streckte den linken Arm nach der Bank aus, um gemächlich niederzukommen: da gellte von dem Perron her eine Frauenstimme so durchdringend auf, daß die drei Reisenden im Gespräch stockten und Gudnatz ohne Besinnen mit dem Kopf wieder zum Fenster hinausfuhr. An der Bahnhofstür stand eine arme, abgemagerte Frau, offenbar aus dem Arbeiterstande, neben einem halbgefüllten Sack, der über die Schwelle lag und redete schrill auf den Gendarmen ein, der, bald auf den Sack, bald gleichmütig geradeaussehend, da und dort irgendein Wort in den leidenschaftlichen Erguß des armen Weibes rumpelte, mit dem Kopf schüttelte und endlich den Arm zornig zur Seite schleuderte, so, als schneide er die Sache energisch mitten durch. »Aber meine Kinder hungern. Wir brauchen die Kartoffeln. Ich kann sie nicht dalassen. Ich brauch sie. Um Gottes wille, lassen Sie mir sie. Sie könn' mich ja anzeigen. Ich bin die Weisern aus Birgwitz.« Nach diesem Schnellfeuer von verzweifelten Ausrufen riß die Frau den Sack an sich, stieß nach dem Gendarm, der sie daran hindern wollte und brachte es mit übermenschlicher Kraftanstrengung fertig, die Last bis nahe an den Zug heranzuzerren. Die Fenster aller Wagen waren voll von Menschen. Viele schrien dem Gendarm Verwünschungen zu, wodurch er sich genötigt sah, noch hartnackiger auf der Erfüllung der ihm übertragenen Pflicht zu bestehen. Es entstand ein unbeschreiblicher Lärm. »Sie zweifarbiger Hammel!« schrie es aus einem Wagen. Da brach eine wilde Wut aus dem Beamten, er stieß die Frau brutal von dem Sack weg, daß sie taumelte, und brüllte wie ein Stier: »Die Kartoffeln bleiben hier und damit basta!« Die ganze Halle dröhnte von seiner mächtigen Stimme. Sofort trat eine lautlose Stille ein. Niemand aus dem langen Zuge wagte mehr einen Einspruch. Die Frau stand auf dem Fleck, wohin sie der Gendarm gestoßen hatte. Sie stand zusammengesunken, mit stier vorgerecktem Kopf da, starrte teilnahmslos zu Boden und raffte mit beiden Händen an ihrem Rock. Gudnatz sah jetzt den Zugabfertigungsbeamten mit der roten Mütze an sie Herangehen, sich zu ihr niederneigen und sie wohl zum Einsteigen auffordern. Die Frau rührte sich nicht, blickte zu Boden und raffte weiter an ihrem Rock und fing an, sich gegen den Anfang des Zuges hin zu bewegen. Da trat der Beamte zurück und hob die Scheibe, das Zeichen zur Abfahrt gebend. Gudnatz schlug das Herz. Seine Finger waren kalt. »Was wird bloß werden?« sann er in atemversetzender Aufregung. Nun holte die Lokomotive mit dem ersten tiefen Dampfstoß zum Fahren aus. Ihre riesigen Schwungräder kamen ins Drehen. Die Kuppelungen strammten sich knirschend. Gudnatz starrte wie gebannt nur auf die arme Frau, die abgewandten Gesichts und eiligen Schrittes nach der Güterabfertigung zu ging und schon ein Stück vor der Lokomotive war, die nun ins Rollen kam. Da, plötzlich machte sie eine blitzartig schnelle Wendung, stieß einen markdurchdringenden Schrei aus und warf sich mit emporgeschleuderten Armen vor die Lokomotive. Gudnatz sah ihre Kleider durch die Speichen des Rades wirbeln. Die Pfeife schrillte. Die Bremsen setzten ein. Aber der Zug war nicht mehr zu halten. »Halten! Halten! Sie überfahren ja die Frau! Ich bin Gudnatz! Ich bin Gudnatz!« Gudnatz schrie wie in Todesangst, rüttelte am Fenster, an der Tür. Nichts gab nach. Der Zug fuhr weiter. Der Pfarrer packte den wie besessenen, totenblassen, an allen Gliedern schlotternden Mann, drückte ihn mit sanfter Gewalt auf den Sitz und sprach beruhigend auf ihn ein, obwohl ihm selbst die Hände und Augen bebten und die Lippen vor Grauen zitterten. Die Greisin hatte das Gesicht in die Hände vergraben und weinte. Der Oberamtmann sah finster vor sich hin und murmelte: »Eine verfluchte Zeit.« Sonst war es schreckensstumm in diesem Abteil, im angrenzenden, im ganzen Wagen. Der Zug klirrte wie ein ehernes Totengerippe, wie eine eiserne Henkermaschine, niemand wagte herauszusehen. Endlich hielt der Zug stöhnend. Türen krachten überall auf. Es knallte bis weit hinaus, als würden in der ganzen Welt die Häuser aufgerissen. Man hörte die Menschen über die Trittbretter klappern. Die Stimmen schwirrten gepeitscht durcheinander. Auch der Pfarrer und der Oberamtmann beugten sich zum Wagen hinaus. »Ist sie tot?« fragte der Oberamtmann auf gut Glück in den Schwärm und erhielt leine Antwort. »Sie sind alle wie wirr!« sagte er deshalb leise zu dem Geistlichen, der zustimmend nickte und dann erwiderte: »Ja, es ist aber auch entsetzlich. Nun der Krieg vorüber ist, zerfleischen wir uns selbst. Ich werde aussteigen. Vielleicht kann ich der Armen noch beistehen. Erlauben Sie.« »Nein, ich rate Ihnen, nein,« sagte der Landwirt und hielt ihn sanft am Arm zurück. »Heut kann man dem Volk nicht mehr trauen. Das Gift wirbelt in den ruhigsten Köpfen und für Ihre Liebe können Sie gut und gerne eine Tracht Prügel auf den Rücken kriegen. Bleiben Sie!« und sich unterbrechend, wandte er sich an einen gutgekleideten dicken Mann mit blondem Vollbart, der in sein Abteil zurückkehrend, finsteren Gesichts, mit empörtem langen Ausschreiten eben vorüberging. »Gestatten Sie, mein Herr, lebt sie noch?« »Ach, nischt. Wie denn? Keine Spur! Mittendurchgewürgt. Da der Kopf und da die Beine. Einfach scheußlich. Und das nennt sich die neue Ordnung. Ekelhaft!« Der Mann spie die Worte vor Verachtung förmlich von sich, lüftete dann den Hut und ging weiter. Die Aufregung verlief sich allmählich. Die Türen klappten wieder. Die beiden Männer zogen sich auch schweigend auf ihre Plätze zurück. Der Oberamtmann legte der alten Dame, die noch immer, die Hände vor dem Gesicht, lautlos vor sich hinweinend, in ihrer Ecke saß, liebevoll den Arm um den Nacken. »Nicht mehr weinen, Mutter, fass dich. Wir müssen durchhalten,« sagte er leise. »Ja, ja,« erwiderte sie erschöpft, »schon, schon, Edmund. Aber denke dir bloß, man sitzt im Wagen und die Räder gehen über einen Menschen! Denk doch, zerschneiden ihn. Zerreißen ihn. Was muß ich denn so alt werden?! Man kann ja vor Angst nicht mehr aus dem Hause!« Da nahm sich auch der Pfarrer der erschütterten Greisin an. »Liebe, gnädige Frau Meißner,« begann er mit eindringlicher Güte, »man muß ...« Aber da stieß Gudnatz, den man ganz vergessen hatte, ein solches Stöhnen aus, als sei er ein bis zu Tode verwundetes Tier. Dem Geistlichen blieb bei diesem Laut das Wort im Munde stecken, und alle drei wandten ihre Micke auf den krummen Mann, der aufgestanden war und eingefallen, aber starren, brennenden Auges an seinem Anzug herumriß, als ob er sich entkleiden wolle. Dabei stotterte er unverständlich durcheinander. »Was ist Ihnen denn, lieber Mann?« fragte der Geistliche. »'Raus ... 'raus ... weg ... weg ... alles ...« stammelte Gudnatz. »Was denn?« fragte der Pfarrer. »Alles schmeiß ich 'raus, alles! Ich mag's nicht mehr. Nein, ich bin ein guter Mensch, verstehn Sie mich. Aber jetze bin ich ein Hund, das seh ich ein. Das seh ich ein.« »Ach, wenn Sie Ihre Wurst und Ihr Brot zum Fenster hinauswerfen, was hat denn das für einen Sinn. Da kommt irgendein Lump, nimmt's, frißt's und lacht sich einen Ast,« sagte der Oberamtmann. »Nehmen Sie doch Vernunft an und setzen Sie sich. Wir können doch alle nicht dafür.« Gudnatz tauchte einen Augenblick aus der leidenschaftlichen Verzweiflung auf, schwieg und sah nach Verständnis ringend, mit offenem Mund, als sei er ein Tauber, betroffen auf den Oberamtmann. Er war im Begriff, nicht bloß die Wurst, das Brot, den Kognak von sich zu werfen, sondern sein Geld wie eine verfluchte Last abzuschütteln, die überall Tod und Verderben gebracht hatte und noch brachte. Und nun kamen die Leute und hinderten ihn daran. »Recht haben Sie ... ja ... recht ... recht ...« sagte er nach einigem Nachdenken, abgeschlagen und tonlos, setzte sich wieder und schaute eine Weile überlegend vor sich nieder. Darauf hob er den Kopf, faßte den Oberamtmann scharf ins Auge und sagte: »Sie sind der Herr Oberamtmann Methner, wie ich hör. Aber das wissen Sie nicht genau.« »Wie denn? Ob ich der Oberamtmann Methner bin, meinen Sie?« »Nu freilich. Ebens, ebens.« Methner lachte laut heraus: »Ach Gott, das ist ja, haha, zum Krebse niesen.« Aber Gudnatz blieb todesernst: »Lachen Sie immer, vermeinswegen. Ich weeß mehr. Mit den Menschen ist das jetzte anders. Das weiß ich besser. Kinder gehn in der Nacht über die Treppen und weinen und es sind gar keene Kinder. Weiber sitzen neben einem, die reden wie die leibhaftige Mutter und sind's nicht. Da liegt's, da! Es greift nach uns allen. Aber woher ist die Hand, die da greift? Ich bin Gudnatz und Glumm, ich war Soldat, ich war vor Ossewitz, Pyrzemisl und vor Warschau, bin ein Grafschafter und ein Böhme. Alles. Und alles ist eigentlich nicht wahr.« Dann versank er wieder in Schweigen. Die Ellenbogen auf die Kniee gestützt, den Kopf herunterhängend, saß er gelöst da und wurde von dem fahrenden Zuge hin- und hergeschüttelt wie ein Schlafender. Die drei betrachteten ihn mitleidig, und die alte Dame, die von dem Leiden dieses offenbar durch den Krieg geistig gestörten Menschen ihrer Angst ledig geworden war, sah den Pfarrer an, berührte mit der Hand ihre Stirn und bewegte barmherzig den Kopf. Ihrem Sohne aber sagte sie leise ins Ohr: »Gott sei Dank, er ist eingeschlafen.« Doch der Schieber schlief nicht. Sein Kampf ging innerlich weiter. Er wehrte sich mit aller Gewalt gegen die Macht, die in ihm aufgestanden war. Aber es nutzte ihn nichts. Wie die aufgehaltenen Wasser den Damm eines Stauweihers durchbrechen und verheerend sich in ein mühsam behütetes Tal wälzen, so schwoll der Daseinsschmerz Gudnatzens, der nun sein eigentliches Leben geworden war, und riß alle Dämme der hinterlistigen Klugheit und Selbstsucht nieder, durch die er seinen zusammengeraubten Besitz bisher bewahrt hatte. Nur noch eine kleine Weile saß er, hin- und herbaumelnd wie ein Schlafender, und würgte seine Auflösung mühsam in den Schlund zurück. Da hielt der Zug. Irgendwo klappte eine und die andere Tür. Die Schaffner liefen über den knirschenden Sand und riefen: »Birgwitz, Birgwitz,« den Namen des Ortes, aus dem die in Mittelsteine überfahrene Frau herstammte. Gudnatz schnellte auf das Wort hin aus seiner zusammengekauerten Haltung empor und horchte starren Auges, atemlos auf den Namen, der draußen vor dem Zuge auf- und ablief. »Birgwitz. War die Frau nich aus Birgwitz? Was?« fragte er tonlos und bestürzt und sah den Pfarrer, den Oberamtmann, die Greisin, einen nach den andern durchdringend an. Niemand antwortete etwas. »Sie sagte doch, ich bin die Weisern aus Birgwitz,« setzte er vorwurfsvoll hinzu, doch die drei verharrten in Schweigen. »Ich hab's gehört. Da müssen Sie's doch auch gehört haben,« sprach er, weiterbohrend. Seine Stimme klang jetzt trocken und sein Gesicht hatte den Ausdruck böser Qual. Aber niemand antwortete. Da brach es in Gudnatz los. »Das Blut tropft von den Rädern,« sagte er schmerzvoll. »Die Kinder der Weisern warten, ob ihre Mutter kommt. Die, ha, die liegt zerrissen in Mittelsteine! Sie und Sie und Sie rühren sich nich, sitzen da und sehn geradeaus. Ich auch, natürlich, ich auch. Und da sagen Sie,« damit wandte er sich an den Oberamtmann, »niemand kann dafür. Ha! Alle können dafür, alle, werd ich Ihn' sagen. Ich mit meinem verfluchten, verfluchten, verfluchten Gelde, Sie, weil Sie Kartoffeln haben und Getreide und Vieh und geben's nicht her und Sie, Herr Pfarrer, Sie, weil Sie nicht unter die Leute gehn, das Kreuz in der Hand und predigen vom Himmel und von Gott. Nicht in der Kirche, auf der Gasse. Hätten das die Pfarrer alle gemacht, wie der Krieg losging, da hatt's keen' Krieg nich gegeben, sag ich Ihn'. Und wenn deswegen die Geistlichen auf der ganzen Welt wär'n totgeschlagen worden? Auch gut. Desto besser. Da hätte Gott uns helfen müssen. Jawoll. Blut muß sein, entweder fürs Gute oder fürs Böse. Das hilft alleene. Ietzte aber sterben wir alle um das Verfluchte!« Zerstört schwieg er, ausgepumpt, mit bebenden Lippen. Die drei glaubten, in Gudnatz sei der Wahnsinn ausgebrochen und keiner wagte ein Wort der Beruhigung, um ihn nicht noch mehr zu reizen. Der Oberamtmann blickte auf den Griff der Notleine an der Decke. Der Pfarrer aber schüttelte den Kopf und sagte halblaut: »Wir sind ja bald in Glatz.« »Was sagen Sie?« fragte Gudnatz aus seinem Hinstieren auffahrend, »Gudnatz? Jawoll, ich heiße Gudnatz. Alle mögen's wissen. Ich mach' ein Ende, verstehn Sie. Jawoll, ich halt das nich mehr aus. Wir fahren über Leichen und ich Hab sie unter den Zug gejagt. Verstehn Sie?« Er stand auf, griff mit zitternden Händen im leeren Gepäcknetz umher, als suche er nach seinen Sachen, legte den Stock auf den Sitz, nahm ihn wieder auf, lief von Fenster zu Fenster, stand plötzlich vor der Greisin still, verneigte sich so tief vor ihr, daß er beinahe mit der Stirn ihre auf dem Schoß gefalteten Hände berührte und murmelte ehrfürchtig: »Sie sind eine Mutter. Sie sind eine Mutter. Geben Sie mir Ihre Hand.« Erschüttert ließ ihm die Greisin ihre kalte Hand, die er darauf wie ein Amulett an seine Stirn führte. »Jetzt hat meine Mutter keine Gewalt mehr über mich,« lispelte er dabei wie betend. Da hielt der Zug in Glatz. Gudnatz riß ungestüm die Tür auf und stürmte ohne Gruß hinaus. Die zurückbleibenden Reisenden blickten einander wie betäubt an und konnten sich nicht rühren. Endlich sagte der Pfarrer: »An die Fahrt werd ich denken und wenn ich hundert Jahre alt werde. Das war ein Wahnsinniger, Herr Oberamtmann. Merkten Sie nicht? Sogar das Gefühl seiner Identität war in ihm zerstört. Und solche Menschen laufen frei umher?« »Nein, schlimmer! Und solche Menschen regieren uns, sagen Sie nur,« erwiderte der Oberamtmann höhnisch herauslachend. »Aber wenn's Dir nur nicht geschadet hat, Mutting,« damit wandte er sich an die alte Dame, die, mit überströmten Augen starr vor sich hinsehend, die Hand noch immer so auf ihrem Schoße liegen hatte, wie sie aus der Hand Gudnatzens gesunken war, und auch jetzt noch nach den Worten ihres Sohnes vermochte sie sich nicht zu rühren, bis dieser in Besorgnis ihre Achsel sanft rüttelte und ermunternd sagte: »Mutting, allons, wir sind in Glatz! Er ist ja fort.« Da sprang die Greisin leidenschaftlich auf, umfaßte ihren Sohn und brach aufschluchzend in die Worte aus: »Edmund, Gott, war das ein guter, unglücklicher Mann!« Damit barg sie einen Augenblick erschüttert das Gesicht an seiner Brust. Dann begannen sie ihre Sachen zusammenzusuchen und stiegen aus.   4 Es gibt Blitze, die aus der Erde auffahren und sich in den Himmel hinaufschleudern, Stürme, die, von Schluchten ausgebrütet, in die Höhe stoßen. Von einer solchen Gewalt war das Wesen Anton Gudnatzens seit zwei Tagen gepackt worden, und alle Kraft, die er aufbrachte, sich ihr entgegenzustemmen oder zu entziehen, vermehrte nur den unwiderstehlichen Zwang, sein Dasein aus dem gewohnten Boden zu reißen. Denn unsere Geisteskräfte und die Schicksalsgewalten decken sich nicht. Wir singen Töne, die das Fatum zur Melodie ordnet. Die Gedanken der Wachenden sind wie die Traume der Schläfer. Der sehende Willen hat so wenig Macht über den Gedanken, wie der schlafende über die Träume. In allen entscheidenden Zeiten steigen diese wie jene aus Tiefen, die wohl von unserem Leben herrühren, aber unserer Willkür nicht erreichbar sind. Während Gudnatz nach dem Verlassen des Wagens sich eilig und rücksichtslos durch den Strom der ausgestiegenen Reisenden drückte, murmelte er in einem fort: »Ich mach's. Ich mach's« und hatte dabei die Empfindung, die Erde schwanke und woge unter seinen Füßen. Aber wie das beschaffen war, was er tun wollte, wußte er nicht. Er arbeitete sich energisch mit Ellenbogen und Achseln in der Menge weiter, ging durch das Bahnhofsgebäude, gelangte von dem Perron der Gebirgsbahn auf jenen der Breslau-Mittelwalder Bahn, schaute einen Augenblick prüfend die blanken Gleise auf und nieder und erkannte, daß er hier nichts zu suchen habe. Im Begriff, sich wieder dem Durchgang des Stationsgebäudes zuzuwenden, sah er einen lungernden Eisenbahner daherkommen, der zur Maskierung seiner Faulenzerei eine Hacke in der Hand trug, und ohne es eigentlich zu wollen, frug ihn Gudnatz nach dem Abgang des Zuges nach Kudowa-Sackisch. Doch er kam mit der Frage nicht ganz zu Ende. Mitten im Satz packte ihn die Erinnerung an das eben überstandene Unglück so stark, daß er die überfahrene Frau zerfetzt und blutend zwischen den Schienen liegen sah, und er verstummte. Der Eisenbahner zog in lächelndem Spott ein schiefes Maul und fragte nun seinerseits, was er denn von dem Zuge Kudowa-Sackisch wissen wolle. »Nein, nichts. Ich mag nich. Lassen Sie mich mit Ihrer Bahn zufrieden,« antwortete Gudnatz bleich und stotternd, lüftete wie vor großer Hitze den Hut und wandte sich schnell gegen den Durchgang hin, so, als habe er schon zu lange gezögert. Aber nach kaum drei Schritten ruckte es ihn doch zu dem Eisenbahner zurück, der sich wieder in langsamem Trödeln in Bewegung zu setzen begonnen hatte. »He!« sagte er laut, »Sie! Hm, ja, was ich noch fragen wollte: Wie heißt denn der Landrat von Glatz? Wissen Sie das?« »Der Landrat?« »Nu ja. Eben hier der Glatzer Landrat.« »Ja, wissen Sie, der Landrat! Nee, der wohnt nich in Kudowa. Der wohnt dahier. Da gehn Sie die Frankensteiner Straße, über den Ring, dann –« »Nein! Ich meine, wie er heißt. Mit Namen, verstehn Sie mich.« »Ach so. Nu, das konnten Sie gleich sagen, da brauchten Sie doch nicht erst von Kudowa anzufangen. Steinmann heißt er, glaub' ich. Von Steinmann. Aber das »von« gilt ja jetzte nischt mehr.« »Steinmann? Wie?« »Jawoll, Steinmann, und wohnt hinter der Post.« Gudnatz sah daraufhin mit gefurchter Stirn scharf überlegend zu Boden. Dann schüttelte er in leidenschaftlicher Ablehnung den Kopf: » Stein – mann ... Stein – mann ... unmöglich...« murmelte er dabei. »Nu, was ich Ihn' sage. Wenns Ihn' nich paßt,« erwiderte der Eisenbahner gereizt. »Paßt mir auch nicht,« sagte Gudnatz nach einer Pause langsam und dumpf. »Das ist nichts. Das geht nicht.« Dann stand der Schieber unschlüssig, blaß, verloren und stach mit dem Stock in den Ritzen des Pflasters umher. Der Eisenbahner sah dem schiefen Mann mit dem schmerzvollen Gesicht eine Weile zu und sagte dann verärgert: »Ihn' paßt woll überhaupt nischt. Die Bahn nich und der Landrat nich! Was kommen Sie denn da erst daher? Da fahrn Sie doch lieber mit der Hand über den A.... Das is billiger und dauert nich so lange.« Vor sich hinschimpfend, unter rohem Lachen latschte der Mann mit seiner Hacke davon, ohne sich um Gudnatz weiter zu kümmern. Als er am Ende des Perrons angekommen war, drehte er sich doch um und sah den wunderlichen Mann schief und mühselig durch das Gebäude abgehen, über den Schieber war unvermutet eine unendliche Mutlosigkeit gekommen, eine solche Schwere in den Gliedern, daß er im Kampf gegen diese Ermattung nur langsam vorwärts kam. An der Sperre gab er seine beiden Fahrkarten ab, stumpf, gleichgültig, ohne nach dem Knipser zu blicken. Der nahm sie in Empfang, musterte sie genau und wollte sie Gudnatz zurückreichen. Aber der Schieber bewegte sich schon auf den Ausgang nach der Stadt zu. »Sie, hören Sie,« schrie der Beamte hinter ihm her, »Das ist ja Kudowa. Die brauchen Sie ja noch!« Aber der Mann mit der eingesunkenen rechten Körperseite und dem müden, entenfüßigen Gange sah nicht einmal zurück, schüttelte stumm mit dem Kopfe und taumelte zur Tür hinaus. Nach ein paar Schritten auf dem kleinen Platz hob er den Kopf aus dem Vorsichhinbohren und sah einen gelbeichenen Jagdwagen mit zwei Braunen nicht weit von sich stehen, in den eben jene drei Reisenden einstiegen, mit denen er von Neurode aus in der dritten Klasse gefahren war, der Oberamtmann, seine Mutter und der blonde Pfarrer. Sie waren so mit sich und ihrem Gepäck beschäftigt, daß sie Gudnatz nicht gewahrten. Gleichwohl hielt dieser im Gange inne, senkte den Kopf und schloß die Augen. Auf diese Weise stand er so lange unbeweglich, bis der Kutscher schnalzte, die Räder im Sande knirschten und mit federndem Hufschlag davonflogen. Da öffnete er die Augen und atmete erleichtert. Endlich, endlich war er allein. Niemand redete mehr in ihn hinein, niemand brauchte er mehr zu fragen. Er konnte ganz so handeln, wie er wollte. Aber er trug seinen Willen doch so in sich, wie jemand eine Münze in der geschlossenen Hand trägt, deren Prägung er nur durch das Gefühl kennt. Immerhin, weil er ja seit zwei Tagen durch die Gewalt von unausweichlichen Fügungen geleitet worden war, schritt er rüstig aus, der Stadt zu, die, von dem Festungsberg zum größten Teil verdeckt, nur mit einem Kirchturm und einigen Häuserzeilen am Neißefluß zu sehen war. Mit jedem Schritt weiter vorwärts auf der Straße tauchte ein neues Dach der Stadt aus der Versenkung, näherte sich Gudnatz mehr einer Entschließung, die im Augenblick ihres Auftauchens aus seinem Innern schon von ihm zurückgewiesen worden war, ohne daß er sich ihr zu entziehen vermochte. »Aber ich will doch nicht zum Landrat,« dachte Gudnatz, »das ist ja Unsinn!« In diesem Widerstreit brachte er den besandeten Platz hinter sich und betrat das Katzenkopfpflaster. Und obwohl er doch noch eine Viertelstunde bis zu den eisten Häusern der Stadt hatte, kaum, daß er einige Schritte auf dem holprigen Straßenbelag vorwärtsgekommen war, fühlte er sich trotz der Gegenwehr in der Gewalt des Vorsatzes, zum Landrat zu gehen, um dort seinen ungerechten Reichtum los zu werden. »Wie denn?« zankte er im Weitergehen mit sich, »wie denn, Gudnatz, hingehen? Gelt, die Türe aufreißen, den Rucksack ausschütten und schreien: ›Da habt ihr das verfluchte Geld, das die Kinder ausgesogen hat und die Mutter unter die Räder der Eisenbahn treibt‹. Ja, ja, Gudnatz, mach's, damit dann so ein elender Schreiber hinterm Pult vorspringt und alles in seiner Tasche verschwinden läßt! Hahahaha!« Gudnatz war, ohne es zu wissen, aus dem Denken ins Reden und aus dem Reden ins Schreien gekommen, fühlte sich immer abgeschlagener werden, stürmte aber trotzdem unter Aufbietung aller Kraft vorwärts, daß er manchmal wie trunken taumelte, riß die Mütze vom Kopf und schrie: »Immer los! Mach's! mach's! Hahaha!« Dabei liefen ihm die Tränen über das abgehärmte, übernächtigte Gesicht. Endlich konnte er nicht weiter und mußte sich an einen der halbwüchsigen Baume lehnen, die die rechte Seite der Straße gegen die Neiße schützen. Durch einen kleinen Abhang geschieden, zog der Fluß ganz nahe, lautlos und still glänzend, vorbei. Gudnatz fühlte kaum den Stamm des Baumes an seinem Rücken, so schloß er sofort die Augen und wartete, bis das Brausen vor seinen Ohren verschwunden war und der Tumult seines Innern sich beruhigt hatte. Nun ging sein Atem wieder regelmäßiger. Er rückte die Mütze auf dem Kopfe etwas hintenüber und wischte sich den Schweiß und die Tranen mit der bloßen Hand aus dem Gesicht. »Das geht doch ... doch ... doch nicht!« murmelte er dabei, mehr erschreckt als entrüstet, mehr unterwürfig bittend, als sei er nicht der von Schlachten und allerhand Schande gehärtete Mann, sondern ein kindhafter Knabe, der etwa seinen gütigen Vater von einer Forderung abbringen will, deren Gerechtigkeit er zwar anerkennt, die er aber aus Schwäche und Ohnmacht nicht zu erfüllen vermag. »Ich kann und kann es doch nicht,« murmelte er immer wieder und hatte auf einmal bei geschlossenen Augen die Empfindung, aus dem Leben, das mit klappernden Schritten, dem Stampfen von Pferdehufen und Knirschen der Rüder auf der Straße vor ihm vorüberzog, trete ein stiller, sehr langer, magerer Mann und komme langsam auf ihn zu. Drei Schritte vor ihm hielt er an und musterte Gudnatz mit ruhigen Blicken. Und der Schieber empfand, wenn er die Augen öffne, so wisse er, wer da vor ihm stehe und ihn betrachte. Aber aus Furcht brachte er es nicht fertig, sondern murmelte nur immer zu: »Ich kann und kann es nicht.« Der Geheimnisvolle schüttelte nur dazu den Kopf. »Nimm mir's nicht übel,« Gudnatz redete ihn jetzt direkt an. Da brach der Mann sein Schweigen und begann mit einer Stimme zu sprechen, die Gudnatz aus seinem eigenen Leibe an sein Ohr schlagen hörte, so wie die Verstorbenen zu uns zu reden pflegen. »Du wirst es doch machen müssen, Anton,« sagte er geisterhaft, »denn es nutzt dich nichts. Wenn du auch nach Böhmen hinübergehst, so wird die Behörde das Geld, das du deiner Frau zurückgelassen hast, dein Haus in Schl.... und die Wirtschaft deines Sohnes Karl im L.... er Kreise beschlagnahmen, um sich für den Betrug und Raub schadlos zu halten, den du an der Gesamtheit begangen hast. Denn du hast die Armen bestohlen, nicht die Reichen, du hast den Kindern das letzte Hemd und das letzte Bett geraubt ...« »Ich bitte dich, sei still, Vater,« bat Gudnatz und sein Inneres krümmte sich vor Grauen. »Ich kann es nicht mehr ertragen. Ich bin wie zerschunden, seit ich das Weib unter den Rädern gesehen habe. Aber ich kann doch nicht, denn dann liegen wir alle, ich, mein Weib und mein Sohn auf der Landstraße.« »Nun, wenn du das nicht tust,« entgegnete sein Vater nach einigem Zögern, »so wirst du eben die Qual zeitlebens tragen müssen, die dich jetzt wund macht.« »Mit den Jahren werde ich alles vergessen. Ich werde den Armen helfen. Denn ich bin reich ... ich ...« Aber sein Vater ließ ihn nicht ausreden. Er lachte auf seine Weise, daß Gudnatz erschüttert schweigen mußte. »Vergessen, sagst du, Anton?« fragte er dann. Gudnatz wagte nicht ja zu sagen. »Vergessen? Nie! Bei Lebenden und Toten gibt es kein Vergessen.« Dann wartete er. Aber Gudnatz brachte kein Wort und keinen Gedanken mehr zuwege, sondern senkte nur den Kopf und schwieg. »Anton,« fuhr das Wesen dringender fort, »öffne deine Augen! Dann wirst du erkennen, wie dein Vergessen beschaffen sein wird.« Gudnatz wartete noch eine Weile, ehe er dem Befehle nachkam. Denn das sah er ein, war er jetzt dieser Stimme gehorsam, dann glaubte er auch an die Tatsachlichkeit der Erscheinung und mußte sich nachher der Entscheidung fügen, die er erblicken würde, mochte er wollen oder nicht. Also hielt er die Augen weiter geschlossen und wartete, daß sich der Spuk in dem Lärm der Straße verliere. Doch es nutzte nichts, denn: »Mach' deine Augen auf, Anton,« mahnte die Stimme seines Vaters noch einmal, aber schon leiser, undeutlicher, wie die eines Fortgewanderten, »das ganze Leben kannst du doch nicht in gewollter Blindheit zubringen. Ich habe mein Vaterland geliebt bis zum Tode und du bist mein Sohn. So sei nicht feig, Anton, sieh auf und handle danach.« Die rätselhafte Stimme wurde leiser und war zuletzt nur noch mit den Gedanken zu verstehen. Gudnatzens Herz pochte; er war wie betäubt, der Boden schwankte wieder unter ihm, und der Baum schien unter der Last seines Körpers nach hinten zu sinken, so daß er in Gefahr geriet, auf den Rücken zu fallen. »Es hat mich«, sann er angstvoll, raffte sich mit aller Kraft zusammen, trat von dem Baum weg und öffnete die Augen. Was er erblickte, war grauenvoll. Er sah die Frau vor sich in der Luft hängen, die sich in Mittelsteine vor den Zug geworfen hatte. Er sah sie zum Greifen deutlich; mit aufgerissenem Leibe, abgequetschten Beinen und weggeschleudertem Kopf, und die blau überlaufenen Lider in dem kalkigen Gesicht klappten mechanisch auf und zu, als schreie sie noch nach dem Tode mit ihren jappenden Blicken um Hilfe. »Nein, ich werd' nicht nach Böhmen fahren, mein Vater,« stammelte Gudnatz mit bebendem Munde und senkte sein Haupt, um dem furchtbaren Bilde auszuweichen. Aber als er den Kopf wieder hob, schwankte es über den Dachein des Krankenstiftes Scheibe, das hinter dem Bahnhof liegt. Wohin er auch seine Blicke wenden mochte, es war da, lag auf den Wiesen, hinter Bäumen, über dem Walde der Berge, zwischen Häusern. Überall hörte er Bahnen durch das Glatzer Land brausen, deren Räder knirschend über menschliche Gliedmaßen gingen. Erschüttert, fahl im Gesicht, wie ein Verurteilter, setzte sich Gudnatz in Gang und stolperte der Stadt zu. Nein, mochten er und die Seinen immerhin wieder auf die Landstraße, sogar auf den Kehrichthaufen, oder in die Gosse geworfen werden: Es mußte sein. Er durfte den Besitz nicht behalten, den er den andern vom Munde abgestohlen hatte, den hundert, den tausend Unschuldigen, Wehrlosen, Bedürftigen, Armen, Kranken, Greisen und Kindern. Ganz Deutschland war wie wahnsinnig vor Entbehrung und Not. Die Leute erschlugen sich wie die Banditen. Nein, er durfte den gestohlenen Reichtum nicht behalten. Alles mußte er zurückgeben, alles! Je fester sich diese Gedanken in Gudnatz durchsetzten, desto elender wurde ihm zumute. Denn er liebte doch noch immer sein Geld und hatte Angst vor der Armut. Oft stolperte er bald über seinen Stock, bald über die eigenen Füße, die Kinnladen zitterten ihm und Tränen rannen ihm über seine Wangen. Aber immer wieder ermannte er sich, biß die Zähne fest aufeinander und griff mit seinen Füßen tapfer aus. So kam er über die Neißebrücke und ging über eine ansteigende Straße mit der langen Flucht der Kasernen aus des alten Friedlich Zeit rechts und einem abfallenden, gartenähnlichen Wiesenstück links, weiter der Stadt zu, in der sich, wie er fühlte, sein Schicksal entscheiden mußte. Der Weg, auf dem er ging, schiebt sich wie eine enge Torfahrt zwischen den Kasernen hindurch. So gelangte er auf die Frankensteiner Straße, eine düsterliche, leicht geschwungene, lange Häuser flucht, die nach der einen Seite an der Franziskanerkirche endet, auf der anderen Seite in den Ring mündet. Felsensteil steigt der Festungsberg aus den engen Höfen ihrer rechten Häuserzeile auf und drückt fortwährend sein Lasten und seinen Schatten über das Leben der Straße. Gudnatz war es so beklommen ums Herz, als gehe er nicht frei in einer offenen Stadt, sondern habe den langen, düstern Gang zu seinem Gefängnisse betreten. Und als er gar in dem großen Schaufenster eines Bäckerladens sein Bild sah, mit den furchtsamen, halberloschenen, übertränten Augen, den eingefallenen, fahlen Wangen, dem vorgeneigten Kopf und der eingesunkenen Haltung des ganzen Leibes, erschrak er so über sich, daß er glaubte, er überstehe das nicht und wenn er nicht schnell ein Ende mit seinem Diebs- und Raubgut mache, ereile ihn der Tod, bevor er alles geordnet habe und er müsse hinter dem Grabe die lange Ewigkeit hindurch diese Seelenqualen weiter leiden, die ihn jetzt trieben und folterten. Deswegen begann der arme Mann zu laufen, verfing sich aber nach wenigen Schritten in seinem Stock und schlug mit einem lauten Schrei auf die Fliesen des Bürgersteiges, weil er in seiner Angst glaubte, der Tod habe ihn im Genick erwischt und es sei alles vorbei. Passanten eilten herzu und halfen dem Gestürzten auf, und ein stubenblasses blondes Madchen, allem Anschein nach eine Näherin, trug ihm den weithingeschleuderten Stock herbei, legte ihn in seine Hand zurück und frug ihn mit einer gütigen Stimme, ob er sich wehgetan habe und ob sie ihn führen solle. Gudnatz war aber so verstört von seinem Todesschreck, daß er zu danken vergaß, nur stotternd nach der Wohnung des Landrats frug und nach dem Bescheid mit einem kurzen Nicken und unter Gemurmel eilig weiterging. Viele der Vorübergehenden blieben stehen und schauten unter mißbilligendem Kopfschütteln dem Manne nach, der schwankend und taumelnd, gleich einem alten Säufer, verschwand. An der Einmündung der Schwedeldorfer Straße in den Ring angekommen, dort, wo ein kleines Gäßchen kopfüber wie in ein tiefes Loch stürzt, begann auf allen Türmen das Mittagsgeläut. Das löste den Krampf seines Innern so jäh, daß er seine Beine schwach werden fühlte, und hatte er sich nicht schnell an die steinerne Einfassung des breiten Fahrtores eines Hauses gelehnt, so wäre er sicher ein zweites Mal hingeschlagen. So faßte er krampfhaft mit der Linken die steinerne Kante, hielt sich in dem Wogen der Straße aufrecht und überwand den Taumel der Schwäche, der sein Bewußtsein umnebelte. Indessen ging das Geläut auf allen Türmen der Stadt weiter. Kleine Glöckchen pinkten einen schnellen Wirbel, als klingelten hungrige, ungeduldige Kinder mit dem Löffel gegen den Tassenrand, mittlere sangen stark und gemessen, als rufe die sonore Stimme eines Meisters alle Arbeitsgesellen des Stadtwesens zu Tisch, und die schwere, langsame Glocke des Domes wachte auch aus ihrer ewigen Versonnenheit in den Lüften auf und redete tief und brummend über alle Dächer, daß es dem armen Schieber, der mit seinen letzten schwersten Zweifeln an dem Fahrtor rang, war, als donnere sie fortwährend: Du mußt! Du mußt! Du mußt! Das drang dem Anton Gudnatz bis in die tiefste Seele und löste dort die letzten verhärteten Klammern. Und als dann Glocke um Glocke schwieg, wie erschöpft von dem tönenden Sturmlauf, summte nur noch der tiefe, wohllautende Nachhall der Domglocke geisterhaft durch die Straße. Gudnatz raffte sich auf und folgte dem Laut wie einem unsichtbaren Führer, ohne darauf zu achten, um die nächste Ecke in ein kurzes, menschenleeres Gäßchen, an dessen Ende er vor dem altersgrauen Dome auf einen engen Platz kam, der eigentlich nur als schmaler Gang um die ehrwürdige, schöne Barockkirche lief. Alte, verhutzelte Häuschen standen auf der einen Seite eng aneinandergepreßt um das Heiligtum im Schatten einiger Baume in verschollener Schweigsamkeit, rührten sich kaum mit einer Tür oder einem Fenster und hatten scheinbar keinen anderen Zweck, als den greisen Dom vor dem lauten Leben der Stadt zu schützen und die gesegnete Stille um ihn her zu hüten. Gudnatz sah sich verwundert um und nickte zufrieden. Denn das war ja wirklich ein Ort, an dem er vor seinem letzten, schweren Gange sich niedersetzen und ungestört ein wenig ausruhen konnte. Er näherte sich der eingefriedeten Erhöhung, auf der die Kirche stand, um sich auf ihr niederzulassen. Im Begriff Platz zu nehmen, warf er aufs neue einen Blick an den Häusern hin. Da stand vor einem der kleinen Häuser eine alte Frau mit einem blumigen Tuch um den Kopf, die Unterarme in die blaugedruckte Küchenschürze gewickelt, als friere sie und sah seinem Beginnen aus tiefliegenden, dunklen Augen in einer Art verwunderten. finsteren Vorwurfs zu. Das ist ja meine Mutter! fuhr es Gudnatz durch das überreizte Hirn und sich zusammenreißend, ging er flüchtend um die Kirche herum und trat von hinten in sie ein. Ebenso eilig, fast wie gejagt, schritt er durch eine kleine Vorhalle und nahm an Eindrücken nichts in sich auf als, mit einem halben, fast furchtsamen Vorüberschauen, den Anblick halbverdunkelter Bilder und da er die Schwelle der Kirche betrat, wußte er schon nicht mehr genau, ob es nicht doch altersgraue Wächter gewesen seien, die regungslos, wie an die Wand genagelt, und vorwurfsvoll auf ihn geschaut hatten. Er überwand eine schwache Versuchung zur Flucht, drückte die schwere Tür mühsam auf und trat in das Innere der Kirche, das ihm so dunkel, fast finster vorkam, daß er schon nach zwei Schritten stehenbleiben mußte, um nicht anzustoßen. Denn durch sein Hirn, in seinem ganzen Leibe schwang ein pfeilschnelles, geisterhaftes Kreisen, daß er wußte, es mußte ihn für immer zu Boden reißen, wenn er unvermutet an einen Gegenstand prallte. In dieser merkwürdigen Beklemmung tastete er sich behutsam weiter und suchte nach einem Platz, der ihn nicht nur vor der Welt, sondern auch vor sich selbst verbarg. Mit jedem zaghaft fühlenden Schritt vorwärts spürte er es immer bestimmter, daß er am Ende seiner Flucht sei. Noch gelang es ihm, mit Anstrengung den einen bleischweren Fuß zu bewegen. Dann ging es nicht mehr weiter. Er mußte stehenbleiben und wagte, nun den Blick zu erheben, der bohrend in die Finsternis zu seinen Füßen gerichtet gewesen war. Da sah er weit vor sich den Altar gleich einem Rauch aus goldenen Wolken ins Ungewisse steigen. Die leeren Kirchenstühle standen im Dämmer. Darüber zitterten breite, bunte Achtfacher aus den farbigen Fenstern. In halber Höhe an den Pfeilern des Mittelschiffes schwebten rechts und links Märtyrer, die die Embleme ihrer Todesqualen triumphierend in den Händen hielten, der eine Säge, der Pfeile, der andere eine Keule und jener ein schiefes Kreuz. Und aus dem hohen Rundbogenfenster der großen Altarnische brannte das dreiseitige Auge Gottes ein blutig rotes, unbarmherziges Funkeln in die lautlose Stille des heiligen Friedens. Er hielt diesen bösen, mitleidslosen Blick der Ewigkeit nicht aus, weil er fühlte, wie das geisterhafte Kreisen seines Innern unter dem Andringen dieser unerbittlichen Sehkraft aus ihm heraustrat und sich unmerklich der ganzen Kirche mitteilte, daß alles langsam um ihn sich zu drehen begann. »Warum helft ihr mir nicht? Warum helft ihr mir nicht?« keuchte Gudnatz in der Angst vor der nahen Auflösung. Und da er mit seinen Augen, nach Rettung suchend, umhersprang, gewahrte er im Mittelschiff an der Seite des breiten Ganges die Statue des erzbischöflichen Stifters der Kirche, des seligen Arnestus von Pardubitz. In vollem Ornat, die hohe Bischofsmütze auf dem Haupt, kniete er betend dort, das Gesicht dem Altar zugewandt. Noch verhielt sich der Heilige still, von dem Kreisen unberührt, in dem alles immer schneller wogte. Und in der glückhaften Empfindung darüber erinnerte sich Gudnatz mit der grellen Kraft letzter Bewußtheit an die Erzählung seines Vaters, daß Arnestus am Ende seines Lebens aus Böhmen zu den Deutschen geflüchtet sei, um hier zu sterben. »Ich will ja auch nicht ins Böhmische ... ich will ja ... ich bin ... mein liebes Deutschland!...« stotterte Gudnatz schon wankend, von einem schwarzen Loch angesogen, das sich unter ihm auftat. Aber mit der letzten heroischen Anstrengung gelang es dem armen Manne, die Kopfrundung eines Gestühls zu erwischen. Mit ausgehender Gewalt zog er sich auf eine Bank. Der Stock fiel polternd zu Boden. Der Schieber rutschte in sich zusammen und verlor, die Arme aufs Betpult gebreitet, den Kopf wie in ein Kissen hineingebettet, das Bewußtsein unter einem lauten Brausen, das ihn gleich Staub ins Endlose blies. Den Sack mit seinem Reichtum auf dem Rücken hatte er ganz vergessen. Er schlief mit langen, unhörbaren Atemzügen, als ginge es geradeswegs in den Tod hinein. Sein Mund öffnete sich schon bald schlaff und ausdruckslos und sein Gesicht verfiel wie in beginnender Agonie. Drittel Teil Stundenlang trieb Anton Gudnatz auf dem abgrundtiefen Strome, den die Menschen am Ende ihres Lebens Tod und während des Daseins auf der Erde Schlaf nennen. Er hat keinen Anfang und kein Ende, und wohin seine Wogen reisen, wissen wir auch nicht. Die unbegreiflichen Wunder einer jenseitigen Welt spiegeln sich in seinen Fluten, und Wahrheiten raunen um sein Gestade, die wir nicht mitnehmen können, wenn wir in ein neues Leben oder einen neuen Tag auf die Erde wiederkehren. Niemand auch hat noch den Engel gesehen, der den Menschen in den Schattenstrom des Todes, noch den, der ihn in die Ewigkeitsdämmerung des Schlafes führt. Aber immer ist es eine himmlische Gewalt, der wir gehorchen müssen. Ob unser Leben oder unser Tag will, wir folgen ihm, wenn er winkt. Und je nachdem unser Wesen und unsere Taten beschaffen sind, sinken wir in den Tod und in den Schlaf: Die Guten lächelnd wie in ein Meer von Glanz, die Hartfäustigen und Steinherzigen widerstrebend, mit tiefem Grauen und schwerer Angst. Anton Gudnatz hatte es nach der Pein und Folter von Tag und Nacht mit einem Schlag in die unterirdischen Wasser gestürzt, und da er nun ihren Fluten übergeben war, nahm der hohe Himmlische das Floß seines Schicksals ganz in seine Gewalt und führte es weit weg von den verfluchten Gestaden seines bisherigen Lebens. Als auch kein Hauch mehr von dort zu spüren war, nichts mehr von seinem Teufelsglanz, kein Laut seiner Hexenlieder, wogte ihn das Fluten nach Stunden wieder ans Ufer des Erwachens, und Anton Gudnatz träumte, er kehre als Knabe aus dem böhmischen Dorfe Zdiarek in seinen Heimatsort Tscherbeney zurück. Die Sonne stand wie ein lachendes Gesicht über den Felderwellen und dem Wiesenweg, der spielend und friedsam über die Grenze führte. Die hohe grünästige Espe rechts, die verwitterte Erle links des kleinen Grabens, der Deutschland von Böhmen schied, rauschten bei seinem Nahen glückhaft mit ihren Kronen, und drüben auf den lichtweißen Höhen der Nachoder Berge spielten die Häuser des Dorfes Baby wie bunte Käfer durch das traumferne, besonnte Grün. Der kurze dicke Turm seiner ungefügen Heimatskirche, mehr ein riesiger Bombenofen, denn ein seliger Himmelsweiser, winkte schon seit langem zu ihm her und trat, wie er langsam schlendernd Welle um Welle überwand, immer deutlicher über den Häusern hervor, und nun er aus der letzten Bodeneinmuldung auf der letzten Erhöhung angekommen war, erblickte er deutlich im dichten Obstbaumschatten auch sein väterliches Häuslein, das aus seiner kurzen Esse einen quirligen Faden Rauch hoch in die Luft hinaufschmauchte und mit seinen beiden Giebelfenstern wie mit zwei hellen Augen zu ihm herflinkerte. Kaum aber, daß ein, zwei Schimmellichter aus den kleinen Fenstern ihn getroffen hatten, stürzte sich eine solche Springflut von Sehnsucht nach seinem Vater über ihn, daß ihn die übermenschliche Spannung dieses Gefühls auseinandertrieb, dergestalt, daß er nach der Sprengung seines Wesens als Mensch nicht mehr vorhanden, wohl aber, und zwar als Doppelperson, sich an zwei getrennten Orten deutlich erlebte. Die eine saß unter der kleinen Porzellanuhr vor dem Webstuhl zu Hause in der großen Stube, war Anton Gudnatz und zugleich auf eine zwar geheimnisvolle, nichtsdestoweniger höchst natürliche Weise sein Vater. Die erhob sich nun, um ans Fenster zu treten und nach seinem Jungen, dem Anton auszuschauen, der von Zdiarek her jeden Augenblick eintreten mußte. Aber da er mit der Hand nach der Stirne greifen wollte, um die heraufgeschobene Brille vor die Augen zu ziehen, mußte er mit dem Arme hoch und immer höher langen, über das Dach hinaus, sogar über den Baum daneben und noch viel, viel weiter hinauf. Aber das Gesicht rückte immer mehr in den Himmel hinein, daß es nicht zu erreichen war, und den Träumer fiel eine unbezwingliche Angst an, was werden solle, wenn er als Anton aus Zdiarek in die Stube trete und er als Vater habe kein Gesicht auf der Erde. Da knarrte schon die Haustür und kleine Schritte von bloßen Füßen, wie das Hauchen schnellen Atems, waren zu hören. »Wenn ich dastehe und habe keinen Kopf,« schoß es dem Träumer durch die Seele, »so läuft er nach Böhmen zurück und kommt nie mehr wieder.« Und wie er das eben gedacht hatte, ging wirklich die Stubentür auf und eine kleine Kinderhand erschien an deren Rand. Vor unausstehlicher Angst erwachte der Schläfer in der Kirche und erblickte durch das Dunkel hindurch drüben an der Wand wirklich eine hohe Tür, die von einer kleinen Hand halb offen gehalten wurde, genau wie im Traume. Aber, um Gottes willen, dachte Anton Gudnatz, wo bin ich denn? Das ist doch keine Stube, das ist ja eine Kirche? Weiter kam er nicht. Denn die Tür ging weiter auf und am liebsten hätte Gudnatz die Augen geschlossen, weil er fürchtete, sich nun selbst als Knabe eintreten zu sehen. Und im halben, taumelnden Traumgrauen klappte er wirklich einen Moment die Augen zu. Als er sie wieder öffnete, war er ganz wach geworden, wußte, wo er war, sah ein etwa neunjähriges Mädchen vollends in die Kirche treten und zögernd die Hand von der Tür lösen, die knarrend zurückfiel und nach einigem Schwanken lautlos still war, wie das ganze hohe Kircheninnere, in dem das geneigte Licht des Nachmittags stand. Gudnatz verfolgte alles mit atemloser Aufmerksamkeit, denn er fühlte, dies sei der Ausgang, den ihm Gott geschickt hatte. Das Mädchen hatte ein ausgewaschenes Kattunkleidchen an, das ihr nur wenig über die Knie der braunen, mageren Beine reichte. Die halbwollene Jacke, ehemals schwarz und rot gestreift, wie das Kleid abgetragen und zu klein, ließ unter einem lehmigfuchsigen Farbenton wenig von dem ursprünglichen Muster wahrnehmen und zugleich die äußerste Armut des Kindes erkennen, das auf eckigen, hageren Schultern einen merkwürdig ausdrucksvollen, aber im Verhältnis zu dem zarten Körper viel zu großen Kopf trug. Ihr rotes Kopftuch war ihr, wohl vom schnellen Lauf, in den Nacken gefallen. Die braunen Haare hingen nicht kindlich in Zöpfen auf den Rücken, sondern waren ihr fraulich ernst aus der Stirne gestrichen und hinten in eine Acht geschlungen. Und jetzt, da sie das Erschrecken überwunden hatte, und mit großen dunklen Augen alle Räume der Kirche abzusuchen begann, wendete sie auch ihr bekümmertes, frühaltes Gesicht dem Dunkel zu, in dem Anton Gudnatz saß und kaum zu atmen wagte, weil das Kind zu lebendig in seinem Traum verflochten war, so blutwarm, daß es eher aus seinem inneren Leben, denn von draußen her vor ihn in die Kirche getreten war. Ist das vielleicht gar das Kind, das vorgestern nacht über die Stiege herauf an meine Tür geschlichen ist, dachte Gudnatz leidenschaftlich und er wartete gespannt darauf, daß sie aufs neue nach dem Orte sehe, wo er saß. Und wirklich warf sie bald den Kopf wieder nach ihm hin, aber nur auf einen Augenblick, daß er flüchtig ihre breite Stirn, die platte, kurze Nase und einen Mund wahrnehmen konnte, dessen Lippen in höchster Entschlossenheit fest aufeinandergepreßt waren. Das Kind machte den Eindruck eines stadtfremden, verlaufenen Wesens, das nach seiner Begleitung sucht. Einen Moment schien es, als wolle es sich wieder der Tür zuwenden und lautlos, wie es gekommen war, davonschlüpfen. Aber da verwandelte sich plötzlich das böse Funkeln des göttlichen Auges im hohen Fenster der Altarnische in einen goldigen, gütigen Schimmer, der die ganze wolkenstille Kirche geheimnisvoll erfüllte. Das schwang nicht nur den Mann in eine zauberhafte Verklärung, sondern löste auch das Zögern des fremden Mädchens an der Tür, daß sie erst langsam, dann immer schneller und gefaßter den Mittelgang hin nach dem Hauptaltar zu ging. Zuletzt flog sie förmlich zwischen den Bankreihen hin und stürzte vor den Stufen zum Heiligtum in ekstatisch ausbrechender Andacht auf die Knie. Mit einem Male hatte sie alle Scheu und Angst verlassen und mit einer Inbrunst, die sogar etwas von Vergewaltigung an sich hatte, warf sie sich mit verschlungenen Händen über die Steinstufen hinauf und begann keuchend und röchelnd zu beten. Sie rang förmlich zu Gott, und als ihr gepeinigtes Herz so eine Weile beschwörend gekämpft hatte, löste sich das Delirium ihrer Not. In seliger Bewußtlosigkeit, die Gewährung ihrer erstürmten Bitte glückhaft vorgenießend, richtete sich das Kind jetzt auf, breitete in einer unendlich rührenden und zugleich ergreifenden Gebärde die Arme aus und rief, sicher ohne zu wissen, daß es laut geschah, mit traumseliger, verzückter Stimme: »Du! Ja, bitte, schick' ihn uns wieder, lieber, lieber Herrgott. Du weißt's ja, er muß jetzt kommen, denn sonst stirbt die kranke Mutter ... ach lieber Gott... uns hungert so oft und wir haben fast gar nichts anzuziehen.« Erschöpft sank sie darauf wieder nach vorn und blieb, nach neuen Kräften ringend, mit steifen Armen auf den zweiten Stufen gestützt, noch eine Weile unbewegt in knieender Haltung. Dann erhob sie sich, wandte noch einmal den Kopf und überflog mit ihren Augen die ganze Kirche, zog schnell aus der Tasche ihres Kleidchens einen Zettel und stieg auf den Zehen zum Altartisch empor. Dort schob sie das Papier unter das Linnen am Tabernakel, drückte einen beschwörenden Kuß auf die Stelle, wo sie das Brieflein an den Ewigen hingelegt hatte und lief dann scheu und furchtsam, wie nach einem Raub über die Stufen herab und zur Tür hinaus. So reißend schnell geschah ihre Flucht, daß Gudnatz, hingenommen von der Schönheit dieses einzigen Erlebnisses, nichts als das schwache Geräusch ihres Kleidchens und das auch nur so hörte, als rühre es von dem Gefieder eines davonfliegenden Vogels. Sowie aber die Tür knarrend hinter ihr zufiel, kam er zu sich, raffte Mütze und Stock vom Boden und lief ihr nach. »Das ist sie. Jetzt ist alles gut,« murmelte er und war schon draußen auf dem engen Kirchplatz. Ihr rotes Kopftuch funkte eben um die Ecke des kurzen Gäßchens, durch das er selbst hergeführt worden war. Auf leichten Füßen, als habe er sein ganzes Leben nur diesem Ereignis entgegengeruht, folgte er dem roten Fähnlein, das in das leichte Gewühl der Schwedeldorfer Straße einbog und dann in der Grünen Straße so schnell davonflatterte, daß es dem lieben, krummen Gudnatz beim besten Willen doch den Atem zu versetzen begann. Aber er ließ nicht nach und holperte aus Leibeskräften hinter ihr drein, an der Post vorbei, wo die Uhr eben die fünfte Stunde zeigte, immer weiter gerade aus, bis er in der Gegend, wo die Häuser immer mehr einschrumpfen, wirklich mit seinem Atem am Ende war« »Mädel,« rief er die fallende, stille Gasse hinunter, »heda, du! Mädel, da wart' doch schon.« Das Kind drehte sich wirklich um, sah ihn mit dem Stock winken, stutzte aber und fing dann wieder an davonzulaufen, und das eher schneller als vorher. Ersah ihr rotes Tüchlein noch einmal aufleuchten und dann im Grün niedrigen Gesträuchs zwischen zwei kleinen Wirtschaften verschwinden. Denn so weit, bis an das dörflich geartete Ende der Stadt, hatte ihn diese letzte Jagd nach seiner Erlösung schon gefühlt. Trotzdem trieb sich Gudnatz nicht in neues Hetzen hinein, sondern, stark ausgreifend und zuversichtlich, ging er der Stelle zu, wo das Mädchen verschwunden war. Mochte sie in eines der kleinen Häuser gegangen, mochte sie ins Feld abgebogen sein, das er hinter den Kronen der Obstbäume in einer gemächlichen Welle ansteigen sah, auf keinen Fall, das fühlte er sicher, konnte ihm das Kind entwischen, das auf so wunderbare Weise in sein Leben getreten war. So oder so war seine letzte Reinigung und der Anfang eines neuen Daseins mit ihrem Geschick verflochten. Als er an dem Gesträuch angekommen war, das sie scheinbar verschluckt hatte, sah er einen tief eingefahrenen Wirtschaftsweg zwischen hohen Rändern ins Feld hinausklimmen. Ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen, nahm er ihn unter die Füße und war nach kurzer Zeit auf der sanften Höhe angelangt, von wo aus er den freien Ausblick in eine der stillbewegten, stundenweiten Ebenen hatte, wie sie dem breiten Talkessel der Grafschaft Glatz eigen sind. Linker Hand tummelte sich, nicht allzuweit von ihm, ein regelloser, vielzerstreuter Haufen magerer Fichten um einige tiefe Sandlöcher; geradeaus in der Ferne lagerte eine Reihe großer Gehöfte massig im Wogen der halbgeschoßten Ahrenfelder. Eine Chaussee schnitt noch weiter draußen gerade durch sie hin auf die Stadt zu und rundum, überall den Horizont abschließend, pilgerten Waldgebirge in geruhigen, großen Wogen der gütigen Sonne des späten Nachmittags entgegen. Manchmal knarrte schwach ein Wagen auf der fernen Chaussee vorüber, da und dort richtete sich ein arbeitender Bauer aus dem Grün der Felder auf, rückte an der Mütze und bückte sich wieder emsig zu Boden. Lerchen schössen singend in die Höh, und der versonnene heiter-tiefe Himmel hörte ihren Liedern mit regungslosen weißen Wolken zu, die davon immer verklärter wurden. Gudnatz war träumend durch das Tor seiner Kindheitsseele in seine Heimat zurückgekehrt, nun umfing er sie mit den aufgeschlossenen Sinnen – und fühlte sich in einem solchen Glück, als ginge er nicht auf der Erde, sondern schritte geradezu über blühende Abgründe durch die Lust in die strahlende Sonne hinein, die hoch vor ihm stand. Und als er endlich von diesem Jubel seines Wesens die Augen wieder dem Wege zuwandte, um des Kindes habhaft zu werden, sah er an einer scharfen Biegung des zerfahrenen Feldstrüßleins durch die Halmenwand eines Roggenfeldes das rote Tuch leuchten, und da er in Beglückung schnell die paar Schritte um die leise wogende Uhrenmauer getan hatte, saß die Gesuchte ruhig auf dem niedrigen Wegrand im kurzen Grase vor ihm, die Hände auf den Schoß gefaltet, so als ob sie ihn längst erwarte. Sie hatte tiefe große Augenhöhlen mit sanften braunen Augen und einen großen, geraden Mund, um den ein stilles, zäh-verwundertes Lächeln spielte. Alles, was Menschen an vorbereitenden Worten sonst zu sagen für nötig finden, wenn sie, vom Schicksal geführt, sich das erstemal gegenüberstehen, fiel zwischen den beiden weg. Dem Gudnatz war das Mädchen durch die Erscheinung des Kindes in der Nacht, den Traum in der Kirche und den langen Weg seiner vielfältigen Folterung so vertraut, als habe er einzig, um dieses Madchens halber, das still lächelnd vor ihm saß und verwundert zu ihm aufschaute, alle Pein der Tage und Nächte erlitten. Und nachdem er sie lange stumm betrachtet und ein paarmal gehustet hatte, weil er nicht wußte, wie das herausgelassen werden sollte, was als ein seliges Brennen in seiner Brust umging, nickte er ermunternd und fragte: »Gelt, Mädel, du bist aus dem Dorfs dort, das man mit den Bäumen und dem Turme aus dem Grünen gucken sieht?« Ja.« »Hm, hm. Deine Mutter ist krank, gelt?« »Ja.« »Wie lange denn schon?« »Ach, die hat's über der Brust. Schon drei Wochen. Sie kann nich mehr zu Hofe gehn und mein Bruder kriegt doch bloß fünfundzwanzig Mark auf die Woche.« »Wie lange ist denn dein Vater fort?« »Schon fünf Jahr.« »Wo is er denn?« Das Mädchen senkte den Kopf und griff erregt und krampfhaft mit den Händen ineinander. »Die Mutter sagt, in Rußland,« antwortete sie endlich zaghaft mit Tranen in der Stimme, »mein Bruder meint in Sibirien und die Leute sagen, er ist ganz tot.« »Wenn hat er denn das letztemal geschrieben?« »Geschrieben? – Ja, die Mutter sagt im November neunzehnhundertvierzehn. Einer sagt, die Kanonen haben ihn zerrissen und in der Zeitung hat's gestanden, er ist vermißt. Und wie sie alle wiedergekommen sein und unser Vater nicht, da sagte die Mutter, sie könnte nimmer gehn, sagt sie.« Anton Gudnatz setzte sich, streifte den Rucksack von den Schultern und legte ihn zwischen sich und das Mädchen, das verstummt war und betroffen und verlegen auf seine Hände sah. »Red' du ruhig, liebes Mädel,« sagte Gudnatz. »Sieh ich hab' in der Kirche gesessen und gesehn, wie du dem lieben Herrgott hast einen Brief auf den Altar gelegt. Ich bin auch in Rußland gewesen und bin ...« »Habt Ihr meinen Vater gesehn?« unterbrach ihn das Mädchen jäh. »Gesehn? Ach, vielleicht ja. Weißt du, liebes Mädel ...« Aber wieder ließ ihn das Kind nicht ausreden, weil es, wohl das erstemal von seiner Scheu befreit, den Mut hatte, aus der heimlichsten Seele zu sprechen. »Nein, nein. Ihr müßt ihn gesehn haben. Ich weiß, mein Vater lebt noch. Wie könnt ich ihn denn sonst immerfort im Traume sehn? Und auch sonst, wenn ich geh und die Augen zumach', ist er da. Vor mir oder neben mir.« »Wie ich?« »Na, ja, wie Ihr, Das weiß der Herrgott in unser Kirche auch nich. Sonst hätt' er längst geholfen und den Vater nach Hause gelassen.« Und nun goß der Strom ihres Kummers unaufhaltsam alles aus, was seit Wochen sich in ihr und mit der Mutter zugetragen hatte, alle Not und Armut der kleinen Familie. Nach ihren Worten zu urteilen, litt die Mutter wie eine Frau, die sich in Sehnsucht nach ihrem Manne still und wortlos verzehrt, das letzte verschleißt, das Hemd sich vom Leibe stehlen fühlte, die Kleider in Lumpen zerfallen, das karge Wohlergehen vermodern sah und nicht mehr hoffte, nicht mehr glaubte, nicht mehr arbeitete, kaum mehr sprach, sondern nur im Bett lag, über sich auf die Decke blickte und sich sehnte und sehnte. Der Bruder aber war wie ein treues Tier, hatte scheinbar weder Gedanken noch Gefühl, sondern arbeitete von früh bis abends, daß er oft kaum die Treppe heraufkonnte vor Abgeschlagenheit. Aber alles nutzte nichts, die Schulden wuchsen, die Not stieg und der Vater, der allein helfen konnte, kam und kam nicht. In dieser Finsternis war das Mädchen, die einzige Seele, die ruhelos an dem Glauben und Vertrauen wie an einem überirdischen Schimmer hing, der sie zu immer neuen Wagnissen trieb. »Wißt Ihr,« fuhr sie in Überstürztheit und abgehetzt fort, »und vorgestern Nacht, da war ich im Traume in einem fremden Hause, das in einer Stadt ist, die ich noch nie gesehn habe. Ich war einen ganzen Tag gelaufen und kam so müde an dem Hause an, in dem mein Vater wohnte, daß ich auf allen Vieren die Treppe hinaufkriechen mußte ...« »Wieviel Treppen waren es denn? Drei etwa?« fragte Gudnatz erschüttert. »Drei? Ich weiß nicht. Es kann sein. Und wie ich oben an Vaters Tür war, war sie verschlossen, und er machte nicht auf und ich hab' zum Schlüsselloch hinein gebeten. Aber wie ich gesprochen hab', fing eine tiefe Kirchenglocke zu läuten an, daß ich mein Reden nicht mehr hörte. Da bin ich aufgewacht. Aber es war nicht unsere Glocke, die gesummt hat und ich kriegte es nicht heraus, welchem Herrgott die Glocke gehört, die mir helfen wird.« Anton Gudnatz sah sich in der Finsternis seiner heimatlichen Stube liegen und hörte deutlich die machtlose Stimme des Traumkindes durch die Tür klingen. Geradeso wie dieses Mädchen hatte es gesprochen. Vielleicht war sie es gar gewesen. Aber wie war es möglich, daß sie aus der Grafschaft bis zu ihm ans schleiche Gebirge kam? Und wie wußte sie von ihm und er von ihr? Wie in einem leibhaftigen Spuk saß er und hing mit allen Sinnen an den Lippen des ekstatisch sprechenden Kindes, das plötzlich schwieg, blaß wurde und krampfhaft den großen Mund aufeinanderpreßte. »Sprich. Sprich weiter, Nabel. Du!« drängte Gudnatz, um dem Gespinst seiner hintersüchtigen Ahnung noch mehr auf die Spur zu kommen. Aber ihre Augen in den großen Höhlen verloren plötzlich allen Glanz, ihr Leib fing zu beben an und unter machtlosem Weinen sagte sie hauchend: »Mich hungert. Ihr, Ihr ... mich hungert so sehr. Ich bin ohne Essen in die Schule gegangen ... und auf dem Heimwege ... da ... da ... hör ich die Glocken lauten ... in Glatz ... die große Domglocke ... das ist ja die Glocke aus meinem Traum, denk ich ... und da hab ich den Brief in der Kammer geschrieben ... und bin fortgelaufen ... ach mich hungert ... ich kann nicht mehr ... lieber Herrgott ... Ihr ... habt ... Ihr nicht ... was zu essen ...« Sie sank um und lag still im Gras, als lösche sie wirklich aus. Das zerriß Anton Gudnatzens abergläubische Wolkenfahrerei vollends, und im Nu hatte er die Vorräte seines Rucksacks ausgepackt, und nachdem er dem Mädchen einen Schluck Kognak eingeflößt hatte, nötigte er ihr auf, so viel sie essen konnte, bis sie bald wieder ganz beisammen war. Und als sie aufrecht saß und befriedigt die Krumen von ihrer Schürze gestrichen hatte, unterdrückte Gudnatz alles, was noch geheim in ihm minierte, ob sie Paulitschke hieße oder ob ihre Mutter eine geborene Paulitschke sei und noch vieles andere. Das Mädchen war ihm sozusagen aus dem Himmel geschickt. So sollte alles auch dort aufgehoben bleiben. Mochte sie heißen, wie sie wollte. Es war eine von den Tausenden, die er heimlich bestohlen hatte. Und da sie nun stand und sich zum Fortgehen anschickte, leerte er alle Eßvorräte seines Rucksackes in ihre Schürze und hieß sie vorsichtig gehen, damit sie die Flasche nicht zerbreche. Denn das sei besonders für die Mutter. Das Mädchen hielt die Zipfel der prall gefüllten Schürze krampfhaft gegen den Magen gepreßt und sah Gudnatz mit glückseliger, fast fassungsloser Verwunderung an. Der aber bückte sich nach kurzem überlegen aufs neue zu seinem Rucksack nieder, aber so, daß das Mädchen nicht sehen konnte, was er krame und nahm aus seinem Banknotenbündel eine ganze Handvoll Hundertmarkscheine, dreißig, vierzig, vielleicht noch mehr, er zahlte sie nicht, schlug sie in Papier und gebot dem Mädchen dann den Hals zurückzubiegen und in den Himmel zu sehen, bis er auf drei gezahlt habe. »Eins ... zwei ... drei« sprach er und stotterte vor Glück. Da war das Päcklein unter dem Leibchen des Mädchens verschwunden. Und als das Kind ihm danken wollte, gab er ihr einen leichten Klaps auf die Hand und hieß sie, lieber das festzuhalten, was er ihr unters Kleid gesteckt habe, als solchen Krimskrams zu machen und ja nicht nachzusehen, bis sie zu Hause bei ihrer Mutter sei. »Sag' ihr, der Herrgott zu Glatz läßt sie grüßen und der Mann, der sein Vaterland wiedergefunden hat,« sprach er noch, »und nun geh langsam und fall mir nicht, sonst geht die Flasche entzwei.« Doch das Mädchen stand wie angewachsen, ward rot und weiß, und die Augen liefen ihr über. Denn sie wollte danken, hatte aber keine Hand frei und wußte nicht, wie es zu machen sei. Und nachdem sie noch ein Weilchen so hilflos an dem Danksturm ihres überströmenden Herzens gelitten hatte, ging sie selig schluchzend davon. Gudnatz sah ihr rotes Tüchlein weiter und weiter ins Grüne fortrücken und je mehr es sich von ihm entfernte und je eigener er sehen mußte, um es zu bemerken, desto mehr floß das Rot von dem Pünktlein über die Felder, immer weiter über das ganze Land, und als er seine Augen zum Himmel erhob, brannte die Abendglut wie ein loderndes Feuer über den ruhigen Waldbergen, als juble der ganze Himmel über seine Tat. Dann wandte sich der beglückte Mann und kehrte in die Stadt zurück.   Einige Tage nach dieser Seligkeitsfahrt Anton Gudnatzens auf den Glatzer Feldern erhielten der Glatzer Landrat und der des Kreises, in dem Gudnatz an zwanzig Jahre gewohnt hatte, »von einem ungenannten Schieber« je 120 000 Mark zur Speisung und Bekleidung armer Kinder zugesandt. Von Anton Gudnatz hörte die Welt seitdem nichts mehr. Er ist in die unabsehbare Schar der Namenlosen untergetaucht, die weder toben noch klagen, sondern ruhig und mit ehrlichen Händen arbeiten, weil sie wissen, daß so Deutschland weder im Himmel noch auf Erden verloren sein kann.