August Strindberg Ostern Übertragen von Mathilde Mann Im Insel-Verlag zu Leipzig     Personen Frau Heyst – Elis, ihr Sohn, cand. phil., Lehrer – Eleonora, ihre Tochter – Kristina, Elis' Braut – Benjamin, Gymnasiast – Lindkvist     Ausstattung für alle Aufzüge Den ganzen Vordergrund nimmt eine Glasveranda im Erdgeschoß ein, die als Wohnraum eingerichtet ist. In der Mitte eine große Tür nach dem Vordergarten hinaus, mit Gitter und Pforte nach der Straße. Auf der andern Seite der Straße, die wie das Haus auf einer Anhöhe liegt, sieht man das niedrige Gitter eines Gartens, der nach der Stadt zu abfällt. Den Hintergrund bilden die Baumwipfel dieses Gartens im ersten Frühlingsgrün. Darüber ist ein Kirchturm und ein monumentaler Hausgiebel sichtbar. Die Glasfenster der Veranda, die die ganze Breite der Bühne einnimmt, sind mit Gardinen aus hellgelber, geblümter Kretonne versehen und können vorgeschoben werden. Ein Wandspiegel hängt an einem Fensterpfeiler links von der Tür, unter dem Spiegel ein Kalender. Links von der Tür im Hintergrund ein großer Schreibtisch mit Büchern, Schreibutensilien und Telephon. Rechts im Vordergrund ein Nähtisch mit Lampe. Daneben zwei Lehnstühle. Von der Decke hängt eine Hängelampe herab. Auf der Straße eine Gaslaterne mit Auerbrenner. Links in der Veranda führt eine Tür in die Wohnung, rechts eine Tür nach der Küche. Die Handlung spielt in der Gegenwart. Erster Aufzug Gründonnerstag Die Musik vor diesem Akt: Haydn: Sieben Worte des Erlösers. Introduktion: Maestoso Adagio. Ein Sonnenstrahl fällt von links schräg in den Raum auf einen der Stühle am Nähtisch. Auf dem andern nicht beleuchteten Stuhl sitzt Kristina und zieht Band in ein Paar weiße frischgeplättete Vorhänge. Elis kommt herein in aufgeknöpftem Winterüberzieher, er trägt ein großes Bündel Akten, die er auf den Schreibtisch legt. Dann zieht er den Überzieher aus und hängt ihn links auf. Guten Tag, mein Schatz. Kristina. Guten Tag, Elis! Elis sieht sich um. Die Doppelfenster herausgenommen, der Fußboden gescheuert, reine Gardinen ... ja, es ist wieder Frühling geworden ... Und sie haben die Eisbahn aufgebrochen, und die Palmenweide blüht unten am Fluß ... ja, es ist Frühling ... Und ich will den Winterüberzieher ... weißt du, er ist so schwer – wägt den Rock in der Hand – als ob er alle Mühen des Winters, allen Schweiß der Angst und allen Staub der Schule eingesogen hätte ... Ah! Kristina. Und jetzt hast du Ferien! Elis. Osterferien! Fünf schöne Tage, um zu genießen, zu atmen, zu vergessen. Reicht Kristina die Hand und setzt sich dann in den Lehnstuhl. Nein, sieh, die Sonne ist wiedergekommen ... im November ging sie davon, ich entsinne mich noch des Tages, als sie hinter der Brauerei schräg über der Straße verschwand ... Ach, dieser Winter! Dieser lange Winter! Kristina mit einer Bewegung nach der Küchentür. Still! still! still! Elis. Ich will still sein, und ich will froh sein, daß dies überstanden ist ... Ach, die gute Sonne ... Er reibt die Hände und tut so, als nähme er ein Sturzbad. ... ich will mich in Sonnenschein baden, mich in Licht waschen nach all diesem dunklen Schmutz ... Kristina. Still! still! Elis. Weißt du, ich glaube, daß der Friede wiederkehrt und daß das Unglück müde geworden ist ... Kristina. Warum glaubst du das? Elis. Ja, denn als ich vorhin am Dom vorüberging, kam eine weiße Taube geflogen; sie ließ sich auf dem Bürgersteig nieder und ließ einen Zweig fallen, den sie im Schnabel trug, gerade vor meine Füße. Kristina. Sahest du, was für ein Zweig es war? Elis. Ein Ölzweig konnte es wohl nicht sein, aber ich glaube, es war das Friedenszeichen, und mich überkommt gerade eben eine selige, sonnige Ruhe ... Wo ist Mutter? Kristina mit einer Bewegung nach der Küche. In der Küche. Elis still, schließt die Augen. Ich höre , daß es Frühling ist! Ich höre, daß die Doppelfenster herausgenommen sind. Weißt du, woran ich das höre? – Hauptsächlich an den Radbüchsen der Wagen ... aber was ist das? Der Buchfink schlägt! Und auf der Werft hämmern sie, und es riecht nach Ölfarbe von den Dampfern, nach roter Mennige. Kristina. Kannst du das bis hierher riechen? Elis. Bis hierher? Das ist ja wahr, wir sind hier , aber ich war dort , dort oben im Norden, wo unser Heim liegt ... Wie sind wir nur nach dieser entsetzlichen Stadt gekommen, wo alle Menschen einander hassen und wo man immer einsam bleibt? Ja, das Brot wies uns den Weg ... aber hinter dem Brot lag das Unglück: Vaters strafbare Handlung und Schwesterchens Krankheit –. Sage doch, weißt du, ob Mutter den Vater im Gefängnis besucht hat? Kristina. Ich glaube sogar, daß sie heute dagewesen ist. Elis. Was sagte sie? Kristina. Nichts. Sie sprach von andern Dingen! Elis. Eins ist doch gewonnen: nach dem Urteil kam die Gewißheit und eine eigene Ruhe, seit die Zeitungen mit den Berichten innehielten. Ein Jahr ist vergangen; übers Jahr ist er frei, und dann können wir von neuem anfangen. Kristina. Ich bewundere deine Geduld im Leiden. Elis. Tu das nicht! Bewundere nichts bei mir, denn ich habe nur Fehler! Jetzt weißt du es! Ach, daß du es glauben wolltest! Kristina. Wenn du für eigene Fehler littest; aber du leidest ja für die anderer! Elis. Was nähst du da eigentlich? Kristina. Es sind die Küchenvorhänge, du Lieber! Elis. Es sieht aus wie ein Brautschleier ... Im Herbst, Kristina, wirst du mein Weib, nicht wahr? Kristina. Freilich. Aber laß uns erst an den Sommer denken! Elis. Ja, an den Sommer! Nimmt ein Scheckbuch aus der Tasche. Sieh, das Geld habe ich schon auf der Bank liegen! Und sobald die Schule geschlossen ist, ziehen wir gen Norden, nach unserm Land – an den Mälar. Das Häuschen steht dort bereit, wie es in unserer Kindheit dastand; die Linden stehen noch da, der Nachen liegt unter den Weiden am Ufer ... Ach, wäre es doch erst Sommer, daß ich im See baden könnte! Diese Schande der Familie hat sich mir auf die Seele und den Körper gelegt, so daß ich mich nach einem See sehne, in dem ich mich abwaschen kann. Kristina. Hast du von Schwester Eleonora gehört? Elis. Ja, die Ärmste, sie ist unruhig, und sie schreibt Briefe, die mich zerreißen. Sie will fort und nach Hause, natürlich, aber der Vorsteher der Anstalt wagt nicht, sie herauszulassen, denn sie begeht Handlungen, die ins Gefängnis bringen können. Weißt du, daß ich oft Gewissensbisse habe, die allerschrecklichsten, weil ich für ihre Aufnahme stimmte. Kristina. Aber liebes Herz, du machst dir ja Vorwürfe über alles; in diesem Falle ist es doch nur eine Wohltat, daß sie unter Aufsicht kam, die Unglückliche. Elis. Es ist wahr, was du sagst, und ich finde ja selbst, daß es ruhiger ist, so wie es ist. Ja, sie hat es so gut, wie sie es nur haben kann! Und wenn ich daran denke, wie sie hier umherging und jeden Keim von Freude beschattete, wie ihr Schicksal gleich einem Alpdruck auf uns lastete, uns bis zur Verzweiflung quälte, so bin ich selbstsüchtig genug, eine Erleichterung zu empfinden, die der Freude gleicht. Und das größte Unglück, das ich mir jetzt vorstellen kann, wäre, sie hier zur Tür hereintreten zu sehen. So schlecht bin ich! Kristina. So sehr bist du Mensch! Elis. Und gleichwohl ... leide ich, leide bei dem Gedanken an ihre Qual und an die meines Vaters! Kristina. Einige Menschen scheinen zum Leiden geboren zu sein ... Elis. Du Ärmste, die du in diese Familie hineingerietest, von Anfang an gerichtet ... und verdammt. Kristina. Elis, du weißt ja nicht, ob dies Prüfungen sind oder eine Strafe! Elis. Was es für dich ist, weiß ich nicht, denn wenn jemand ohne Schuld ist, so bist doch du es! Kristina. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Elis, vielleicht kann ich dir hindurchhelfen ... Elis. Glaubst du, daß Mutter eine weiße Halsbinde hat? Kristina unruhig. Willst du fort? Elis. Ich will in Mittagsgesellschaft. Petrus hat gestern seinen Doktor gemacht, wie du weißt, und er gibt heute ein Festmahl. Kristina. Willst du auf die Gesellschaft gehen? Elis. Du meinst, ich sollte fortbleiben, weil er sich mir gegenüber als ein recht undankbarer Schüler erwiesen hat? Kristina. Ich leugne nicht, daß seine Treulosigkeit mich empört hat; während er dir versprochen hatte, deine Abhandlung zu zitieren, plünderte er sie, ohne die Quelle anzugeben. Elis. Ach! das ist etwas so Gewöhnliches, und ich bin froh in dem Bewußtsein: »dieses habe ich gemacht!« Kristina. Hat er dich eingeladen? Elis. Das ist ja wahr, er hat mich gar nicht eingeladen! Das ist wirklich sonderbar, denn seit mehreren Jahren hat er von dieser Mittagsgesellschaft gesprochen, als ob ich selbstverständlich mit dabei sein müsse, und ich habe zu andern davon gesprochen. Werde ich nun nicht eingeladen, so bin ich öffentlich blamiert. Einerlei, es ist nicht das erste Mal; und auch nicht das letzte! Kristina. Benjamin verspätet sich! Glaubst du, daß er das Schriftliche besteht? Elis. Das hoffe ich sicher, im Lateinischen mit Glanz! Kristina. Ein guter Junge, der Benjamin! Elis. Ungewöhnlich gut, aber ein wenig Grübler. Du weißt ja, weswegen er bei uns im Hause ist? Kristina. Ist es, weil ... Elis. Weil ... mein Vater seine Mündelgelder vergeudet hat, wie die so vieler anderer! Siehst du, Kristina, das ist das Schreckliche, daß ich in der Schule diese ausgeplünderten Waisen sehen muß, die nun die Demütigung erleiden müssen, Freiplätze zu haben; und mit welchen Augen sie mich betrachten, kannst du dir wohl denken! Ich muß immer an ihr Elend denken, um ihnen ihren Ingrimm verzeihen zu können. Kristina. Ich glaube, dein Vater ist im Grunde besser dran als du! Elis. Ja, im Grunde! Kristina. Elis, wir wollen an den Sommer denken und nicht an das Vergangene. Elis. Ja, an den Sommer! – Weißt du, über Nacht erwachte ich von Studentengesang; sie sangen: »Ja, ich komme, schick ins Land die frohen Winde, zu den Vöglein schick sie aus, sag, daß ich sie alle liebe, grüß die Birke und die Linde, See und Berge grüß von mir. Sag, ich kehre heim, nach Haus. So wie in der Kindheit Zeiten ...« Steht auf, erregt. Soll ich sie wiedersehn, werde ich diese entsetzliche Stadt verlassen, Ebal, den Berg des Fluches, werd ich Garizim wiedersehn? Kristina. Ja, ja! Du wirst deine Heimat wiedersehn! Elis. Glaubst du aber, daß ich meine Birken, meine Linden wiedersehen werde, so wie ich sie einstmals sah, glaubst du nicht, daß derselbe schwarze Flor über ihnen liegen wird wie über der Natur und dem Leben hier unten, seit dem Tage, als ... Zeigt auf den Lehnstuhl, der jetzt im Schatten liegt. Siehst du, jetzt ist die Sonne wieder fort! Kristina. Sie wird wiederkommen, und dann um länger zu verweilen! Elis. Das ist wahr; die Tage werden länger, und die Schatten werden kürzer. Kristina. Wir gehen dem Licht entgegen, Elis, glaub mir nur! Elis. Zuweilen glaube ich es, und wenn ich an das Vergangene denke und es mit dem Gegenwärtigen vergleiche, so bin ich glücklich. Voriges Jahr saßest du ja nicht dort, denn da warst du von mir gegangen und hattest die Verlobung aufgehoben! Weißt du, das war das Dunkelste von allem. Ich starb buchstäblich, Stück für Stück; aber als du wiederkamst – lebte ich. Entsinnst du dich, weswegen du gingest? Kristina. Nein, dessen entsinne ich mich nicht, und nun ist es mir, als sei kein Grund dazu vorhanden gewesen. Ich fühlte nur eine Mahnung zu gehen, und dann ging ich, wie im Schlaf. Als ich dich wiedersah, erwachte ich und war glücklich! Elis. Und nun gehen wir nie mehr, denn wenn du jetzt gingest, so stürbe ich allen Ernstes! ... Da kommt Mutter! Sage nichts, schone sie in ihrer eingebildeten Welt, wo sie lebt und glaubt, daß Vater ein Märtyrer ist und daß alle seine Opfer Schurken sind. Frau Heyst kommt aus der Küche herein, mit einer Küchenschürze, einen Apfel schälend, spricht freundlich, ein wenig einfältig. Guten Tag, Kinder! Wollt ihr die Apfelsuppe kalt haben oder warm? Elis. Kalt, liebe Mama. Frau Heyst. Das ist recht, mein Junge, du weißt immer, was du willst, und sagst es geradeheraus, aber das kann Kristina nicht. Und das hat Elis von seinem Vater gelernt; der wußte immer, was er wollte und was er tat, und das können die Menschen nicht vertragen, und darum erging es ihm übel. Aber sein Tag wird einstmals kommen, und da bekommt er Recht, und die andern bekommen Unrecht! ... Wartet einmal, was wollte ich doch sagen? Ja. Wißt ihr, daß Lindkvist in die Stadt gezogen ist, er, der größte von allen Schurken! Elis springt erregt auf. Ist er hierher gekommen? Frau Heyst. Ja, er wohnt schräg über die Straße hinüber. Elis. Da soll man ihn jeden Tag vorübergehen sehen? Auch das noch? Frau Heyst. Laßt mich nur ein einziges Mal mit ihm sprechen, dann wird er nie wiederkommen und sich nie wieder blicken lassen, denn ich kenne seine kleinen Eigenheiten! ... Nun, Elis, wie ist es mit Petrus gegangen? Elis. Ja, es ging gut! Frau Heyst. Das will ich glauben! Wann denkst du einmal deinen Doktor zu machen? Elis. Wenn meine Mittel es mir erlauben, Mama! Frau Heyst. Wenn meine Mittel es mir erlauben! Das ist keine rechte Antwort! ... Und Benjamin! hat er das Schriftliche bestanden? Elis. Wir wissen es noch nicht; aber er wird gleich hier sein! Frau Heyst. Ich kann Benjamin eigentlich nicht recht leiden, denn er geht hier umher und gibt sich den Anschein, als wenn er Rechte hätte ... aber das wollen wir ihm schon abgewöhnen! ... Ein braver Junge auf alle Fälle. Ja, und dann ist da ein Paket für dich gekommen, Elis. Geht durch die Küchentür und kommt gleich darauf mit einem Paket zurück. Elis. Wie Mutter alles an der Hand hat und von allem Bescheid weiß; ich glaube manchmal, daß sie gar nicht so einfältig ist, wie sie sich stellt. Frau Heyst. Sieh, hier ist das Paket! Lina hat es angenommen! Elis. Ein Geschenk! Ich ängstige mich vor Geschenken, seit ich einmal eine Kiste mit Pflastersteinen bekam. Legt das Paket auf den Tisch. Frau Heyst. Jetzt gehe ich wieder in die Küche hinaus! – Wird es nicht zu kalt, wenn die Tür offen steht? Elis. Keineswegs, Mama. Frau Heyst. Elis soll seinen Überzieher nicht dort hinhängen, es sieht so unordentlich aus! ... Nun, Kristina, hast du meine Vorhänge bald fertig? Kristina. In ein paar Minuten, Mama! Frau Heyst. Ja, dieser Petrus, der gefällt mir, den mag ich leiden ... willst du nicht zu der Mittagsgesellschaft, Elis? Elis. Freilich will ich dahin. Frau Heyst. Na, warum sagst du denn, daß du die Apfelsuppe kalt haben willst, wenn du fort mußt? Aus dir ist nicht klug zu werden, Elis. Mit Petrus ist das ganz was anderes! ... Schließt auch die Türen, wenn es kalt wird, damit ihr keinen Schnupfen bekommt! Ab nach rechts. Elis. Die gute Alte! ... Und immer Petrus... Ist es ihre Absicht, dich mit Petrus zu ärgern? Kristina. Mich? Elis. Du weißt doch, daß alte Frauen immer so was vorhaben, es ist nur so ein Einfall, eine Redensart! Kristina. Was ist das für ein Geschenk, das du bekommen hast? Elis reißt das Paket auf. Eine Fastnachtsrute! ... Kristina. Von wem? Elis. Anonym! ... Nun, das ist ja etwas Unschuldiges, und ich werde sie in Wasser stellen, dann grünt sie wie Arons Stab! »Birke ... so wie in der Kindheit Zeiten« ... Und Lindkvist ist hierher gekommen. Kristina. Was ist es mit ihm? Elis. Ihm schulden wir die größte Summe. Kristina. Du schuldest ihm doch wohl nichts? Elis. Freilich, wir, einer für alle und alle für einen; der Name der Familie ist entehrt, solange Schulden vorhanden sind. Kristina. Nimm einen andern Namen an! Elis. Kristina. Kristina legt die Arbeit hin, die fertig ist. Hab Dank, Elis! Ich wollte dich nur versuchen! Elis. Aber es gelang dir nicht, mich zu verlocken! ... Lindkvist ist ein armer Mann und hat sein Geld nötig ... Da, wo mein Vater vorübergegangen ist, sieht es aus wie ein Schlachtfeld mit Toten und Verwundeten ... und Mutter glaubt, daß er das Opfer ist! ... Willst du nicht einen Spaziergang mit mir machen? Kristina. Und die Sonne aufsuchen? Gern! Elis. Verstehst du es, daß der Versöhner für unsere Schuld gelitten hat, und daß wir trotzdem noch immer bezahlen müssen? Für mich bezahlt niemand! Kristina. Aber wenn jemand für dich bezahlte, würdest du da verstehen ...? Elis. Ja, da verstünde ich es! ... Still, da kommt Benjamin. Kannst du erkennen, ob er froh aussieht? Kristina sieht durch die Tür im Hintergrund. Er geht so langsam ... Und jetzt bleibt er bei dem Springbrunnen stehen und netzt seine Augen ... Elis. Auch das noch! Kristina. Warte es doch erst ab ... Elis. Tränen, Tränen! Kristina. Geduld! Benjamin tritt ein, freundlich, ehrerbietig, aber traurig; er trägt einige Bücher und eine Mappe. Elis. Nun, ist es dir im Lateinischen gut ergangen? Benjamin. Es ist schlecht gegangen! Elis. Darf ich deine schriftliche Arbeit sehen? Was hast du gemacht? Benjamin. Ich habe ›ut‹ mit dem Indikativ konstruiert, obwohl ich wußte, daß es der Konjunktiv sein muß. Elis. Da bist du verloren! Aber wie konntest du auch nur? Benjamin ergeben. Das kann ich nicht erklären ... ich wußte, wie es heißen muß, wollte das Richtige schreiben und schrieb das Verkehrte! Setzt sich niedergeschlagen an den Eßtisch. Elis sinkt am Schreibtisch nieder und liest in Benjamins Schreibheft. Ja, hier steht der Indikativ! Ach, mein Gott! Kristina mit Anstrengung. Nun, nächstes Mal mehr Glück: das Leben ist lang – so entsetzlich lang! Benjamin. Ja, das ist es. Elis betrübt, aber ohne Bitterkeit. Daß auch alles auf einmal kommen muß! – Und du warst mein bester Schüler, was kann ich da von den andern erwarten! – Mein Ansehen als Lehrer leidet, dann bekomme ich keinen Unterricht mehr, und dann ... stürzt alles zusammen! Zu Benjamin. Nimm es dir nicht so zu Herzen ... es ist nicht deine Schuld! ... Kristina mit äußerster Anstrengung. Elis! Mut, Mut, um Gottes willen! Elis. Woher soll ich den wohl nehmen? Kristina. Von da, woher du ihn früher bekamst! Elis. Es ist jetzt nicht so wie früher! Es scheint, daß ich in Ungnade bin! Kristina. Es ist eine Gnade, unverschuldet zu leiden ... laß dich nicht zur Ungeduld verlocken! ... Bestehe die Prüfung, denn es ist nur eine Prüfung, ich fühle es ... Elis. Kann ein Jahr für Benjamin kürzer werden als 365 Tage? Kristina. Ja, ein fröhlicher Sinn verkürzt die Zeit! Elis lacht. Blase auf die Wunde, dann heilt sie, sagt man zu Kindern! Kristina. So sei denn ein Kind, da will ich so zu dir sagen ... Denk an Mutter ... wie sie alles tragen kann! Elis. Reiche mir deine Hand, ich versinke! Kristina reicht ihm die Hand. Elis. Deine Hand zittert ... Kristina. Nein, ich fühle es nicht ... Elis. Du bist nicht so stark, wie du dich zeigst ... Kristina. Ich spüre keine Schwäche ... Elis. Warum kannst du mir denn keine Kraft geben? Kristina. Ich habe keine übrig! Elis sieht zum Fenster hinaus. Weißt du, wer jetzt kommt? Kristina sieht durch das Fenster, fällt auf die Knie, verzagt. Das ist zuviel! Elis . Unser Gläubiger, der unsere Möbel nehmen kann, wenn es ihm beliebt, dieser Lindkvist, der hierher gezogen ist, um wie die Spinne mitten im Netz zu sitzen und die Fliegen zu bewachen ... Kristina. Fliehe! Elis steht auf. Nein! nicht fliehen! ... Jetzt, wo du schwach wurdest, ward ich stark ... Jetzt kommt er die Straße hinab ... und hat seine bösen Augen schon auf den Raub geworfen ... Kristina. Geh wenigstens hinaus! Elis. Nein, jetzt belustigt er mich ... Es scheint, als hellte sich sein Gesicht auf, als sähe er die Beute in der Falle ... Komm du nur! ... er zählt die Schritte bis zur Pforte und hat an der offnen Tür gesehen, daß wir zu Hause sind ... Aber jetzt begegnet er jemand und bleibt stehen, um zu plaudern ... Er spricht von uns, denn er guckt hierher ... Kristina. Wenn er nur Mutter hier nicht begegnet, so daß sie ihn mit heftigen Worten unversöhnlich macht ... Verhüte das, Elis! Elis. Jetzt fuchtelt er mit dem Stock in die Luft, als wolle er beteuern, daß hier nicht Gnade für Recht ergehen soll! Er knöpft den Überzieher auf, um zu zeigen, daß man ihm die Kleider noch nicht vom Leibe gezogen hat ... Ich sehe es seinem Mund an, was er sagt ... Was soll ich ihm antworten ... »Mein Herr, Sie haben recht! Nehmen Sie alles, es gehört Ihnen!« ... Kristina. So nur sollst du sagen! Elis. Jetzt lacht er! Aber gutmütig, nicht boshaft! Vielleicht ist er gar nicht so boshaft, wenn er auch sein Geld haben will! ... Wenn er doch jetzt kommen und seine interessante Unterhaltung zum Abschluß bringen wollte ... jetzt ist der Stock wieder in Bewegung ... Alle, die Forderungen ausstehen haben, gehen mit einem Stock und mit Gummigaloschen, die »witsch, witsch« sagen, so wie Ruten in der Luft ... Legt Kristinas Hand auf seine Herzseite ... Fühlst du, wie mein Herz schlägt ... ich höre es selbst wie einen Ozeandampfer im rechten Ohr ... Herr Gott, jetzt hat er Abschied genommen! ... und seine Galoschen! »Witsch, witsch«, wie die Fastnachtsrute ... aber er hat Berlocks! Da ist er nicht ganz verarmt! Stets haben diese Leute Berlocks aus Karneol wie altes Fleisch, das sie ihrem Nächsten aus dem Rücken geschnitten haben ... Hör doch die Galoschen ... »Nager, Nager, nag, ärger, ärger, ärgerst, witsch, witsch!« Gib acht! Er sieht mich! Er sieht mich! ... Verbeugt sich nach der Straße hinaus ... Er grüßt zuerst! Er lacht! Er winkt mit der Hand ... und ... Sinkt weinend neben dem Schreibtisch nieder ... Er ist vorübergegangen! Kristina. Gott sei gelobt! Elis. Er ist vorübergegangen! ... Aber er kommt wieder! ... Laß uns in die Sonne hinausgehen ... Kristina. Und die Mittagsgesellschaft bei Petrus? Elis. Da ich nicht eingeladen bin, so verzichte ich! Und übrigens, was hätte ich dort zwischen den Fröhlichen wohl zu tun! Einem treulosen Freund begegnen! Ich würde nur in seiner Seele leiden, so daß ich mich persönlich nicht verletzt fühlen könnte! Kristina. Hab Dank, daß du bei uns bleiben willst! Elis. Das tue ich am liebsten, wie du weißt! ... Wollen wir gehen? Kristina. Ja, hier hinaus! Geht nach links ab. Elis streichelt Benjamins Kopf, indem er an ihm vorübergeht. Mut, Junge! Benjamin birgt das Gesicht in den Händen. Elis nimmt die Rute vom Eßtisch und steckt sie hinter den Spiegel. Es war kein Ölzweig, mit dem die Taube kam – es war Birke! Ab. Eleonora aus dem Hintergrund; ein sechzehnjähriges Mädchen mit einem Zopf, der auf den Rücken herabhängt. Sie trägt eine gelbe Osterblume in einem Topf. Ohne Benjamin zu sehen oder so zu tun, als sähe sie ihn, nimmt sie die Wasserflasche vom Büfett und gibt der Blume Wasser, stellt sie auf den Eßtisch, setzt sich Benjamin gegenüber an den Eßtisch, betrachtet ihn und äfft seine Gebärden nach. Benjamin betrachtet sie verwundert. Eleonora auf die Osterblume zeigend. Weißt du, was das ist? Benjamin kindlich, schlicht. Es ist eine Osterblume, das weiß ich doch! ... Aber wer bist du? Eleonora freundlich, betrübt. Ja, wer bist du? Benjamin wie oben. Ich heiße Benjamin und bin in Pension bei Frau Heyst. Eleonora. Ach so! Ich heiße Eleonora und bin die Tochter des Hauses. Benjamin. Sonderbar, daß man nie von dir gesprochen hat! Eleonora. Von den Toten spricht man nicht! Benjamin. Von den Toten? Eleonora. Ich bin bürgerlich tot, denn ich habe eine sehr schlechte Handlung begangen. Benjamin. Du? Eleonora. Ja, ich habe Mündelgelder veruntreut – und das macht im Grunde nicht so viel, denn unrecht Gut gedeiht nicht – aber daß mein alter Vater die Schuld dafür bekam und ins Gefängnis mußte, siehst du, das kann niemals verziehen werden. Benjamin. Wie eigentümlich und schön du sprichst ... Und nie hab ich daran gedacht, daß mein Erbe auf unrechte Weise erworben sein konnte. Eleonora. Man soll Menschen nicht binden, man soll sie lösen. Benjamin. Ja, du hast mich von dem Gram, betrogen zu sein, erlöst. Eleonora. Du bist also ein Mündel ... Benjamin. Ja, und dem das schwere Los zuteil geworden ist, bei diesen armen Menschen ihre Schuld abzusitzen. Eleonora. Du mußt nicht so harte Worte sagen, denn dann gehe ich; ich bin so weich, daß ich nichts Hartes ertragen kann! Trotzdem ... dies leidest du nun für meine Schuld? Benjamin. Für deines Vaters Schuld. Eleonora. Das ist dasselbe, denn er und ich sind ein und dieselbe Person ... Pause ... Ich bin sehr krank gewesen ... warum bist du so betrübt? Benjamin. Ich habe ein Unglück gehabt! Eleonora. Sollst du deswegen betrübt sein? »Rute und Strafe geben Weisheit, und wer Strafe haßt, soll sterben ...« Was für ein Unglück hast du denn gehabt? Benjamin. Ich bin im Lateinischen, im Schriftlichen durchgefallen – obwohl ich ganz sicher war. Eleonora. So, du warst also ganz sicher, so sicher, daß du darauf wetten konntest, daß du durchkommen würdest? Benjamin. Das habe ich auch getan! Eleonora. Ich konnte mir das denken! Siehst du, es ging so, weil du zu sicher warst. Benjamin. Glaubst du, daß das die Ursache war? Eleonora. Sicher war sie das! Hochmut kommt vor dem Fall! Benjamin. Dann werde ich das nächste Mal daran denken. Eleonora. Das ist recht gedacht; und das Opfer, das Gott gefällt, ist ein betrübtes Herz. Benjamin. Gehörst du zu den Betern? Eleonora. Ja, ich bin Beterin! Benjamin. Ich meine, bist du gläubig? Eleonora. Ja, ich meine dasselbe. Und wenn du schlecht von Gott, meinem Wohltäter, redest, so sitze ich nicht an demselben Tisch mit dir! Benjamin. Wie alt bist du? Eleonora. Für mich gibt es weder Zeit noch Raum; ich bin überall und zu jeder Zeit! Ich bin in meines Vaters Gefängnis und in meines Bruders Schulzimmer, ich bin in der Küche meiner Mutter und in dem Laden meiner Schwester, weit weg in Amerika. Wenn es meiner Schwester gut geht und sie viel verkauft, so fühle ich ihre Freude, und geht es ihr schlecht, so leide ich; am meisten aber leide ich, wenn sie unrecht handelt. Benjamin, du heißt Benjamin, weil du der jüngste von meinen Freunden bist ... ja, alle Menschen sind meine Freunde ... willst du mir erlauben, daß ich dich aufnehme, so werde ich auch für dich leiden. Benjamin. Ich verstehe eigentlich nicht die Worte, die du sagst, aber es scheint mir, als fasse ich den Sinn deiner Gedanken. Und fortan will ich alles, was du willst! Eleonora. Willst du dann damit anfangen, die Menschen nicht mehr zu verurteilen, selbst wenn sie überführte Verbrecher sind? ... Benjamin. Ja, aber ich will einen Grund dafür haben! Ich habe Philosophie studiert, mußt du wissen! Eleonora. Ach, wirklich! Da sollst du mir helfen, dies zu deuten, was ein großer Philosoph gesagt hat. Er sagt nämlich: »Die den Gerechten hassen, die sollen schuldig werden.« Benjamin. Aller Logik nach bedeutet das, daß man dazu verurteilt werden kann, ein Verbrechen zu begehen ... Eleonora. Und daß das Verbrechen selbst eine Strafe ist. Benjamin. Das ist wirklich tief! Man könnte glauben, daß es Kant oder Schopenhauer wäre. Eleonora. Kenne ich nicht! Benjamin. In welcher Schrift hast du das gelesen? Eleonora. In der Heiligen Schrift. Benjamin. Wirklich? Steht das so da? Eleonora. Welch ein unwissendes, verwahrlostes Kind du bist! Wenn ich dich erziehen dürfte! Benjamin. Du Kleine! Eleonora. Aber es ist sicher nichts Böses an dir! Du siehst viel eher gut aus ... Wie heißt dein Lehrer im Lateinischen? Benjamin. Lektor Algren. Eleonora. Das werde ich mir merken! ... Ach, jetzt geht es meinem Vater sehr schlecht! Sie sind häßlich gegen ihn. Steht still, als lausche sie. Hörst du, wie es in den Telephondrähten singt ... das sind die harten Worte, die das weiche schönrote Kupfer nicht vertragen kann ... wenn die Menschen einander im Telephon verleumden, so klagt das Kupfer, und klagt an ... – Hart – und jedes Wort wird in das Buch geschrieben ... und am Ende der Zeit kommt die Rechnung! Benjamin Wie strenge du bist! Eleonora. Nicht ich, nicht ich! Wie dürfte ich wohl wagen, strenge zu sein? Ich, ich? Sie geht an den Ofen und öffnet die Klappe, holt einige zerrissene Fetzen weißen Briefpapiers heraus. Benjamin steht auf und sieht in die Papiere hinein, die Eleonora auf dem Eßtisch ordnet. Eleonora für sich. Daß Menschen so gedankenlos sind und ihre Geheimnisse in Öfen legen ... Wohin ich komme, gehe ich gleich an den Ofen! Aber ich mißbrauche es nie. Das könnte ich gar nicht wagen, denn dann würde mir elend werden! ... Was ist denn dies? Liest. Benjamin. Es ist Lizentiat Petrus, der schreibt und Kristina ein Stelldichein vorschlägt ... Das habe ich schon lange erwartet. Eleonora legt die Hand über die Papiere. Ach, du, was hast du erwartet? Sprich, du schlechter Mensch, der du nur Schlechtes glaubst! Dieser Brief hat sogar Gutes im Gefolge, denn ich kenne Kristina, die meine Schwägerin werden wird. Und dies Stelldichein soll ein Unglück von Bruder Elis abwenden ... Willst du mir versprechen, daß du schweigst, Benjamin? Benjamin. Ich glaube, ich würde es gar nicht wagen, darüber zu reden! Eleonora. Wie unrecht die Menschen handeln, die Geheimnisse haben ... Sie dünken sich Weise, und sie sind Toren! ... Aber was soll ich da machen? Benjamin. Warum bist du neugierig? Eleonora. Siehst du, das ist meine Krankheit, daß ich alles wissen muß, sonst werde ich unruhig ... Benjamin. Du mußt alles wissen? Eleonora. Das ist ein Fehler, den ich nicht überwinden kann. Aber ich weiß sogar, was die Stare sagen. Benjamin. Die können doch nicht sprechen? Eleonora. Hast du niemals Stare gehört, die man sprechen gelehrt hat? Benjamin. Ja, die man es gelehrt hat! Eleonora. Folglich können Stare sprechen lernen! Nun gibt es solche, die es sich selbst lehren oder Autodidakten sind ... sie sitzen da und lauschen, weißt du, ohne daß wir es wissen, und dann sprechen sie es nach. Ich hörte vorhin, als ich kam, zwei im Wallnußbaum, da saßen sie und schwatzten. Benjamin. Wie lustig du bist! Aber was sagten sie denn? Eleonora. Ja! »Petrus!« sagte der eine. – »Judas!« sagte der andre. – »Einerlei!« sagte der erste. – »Pfui, pfui, pfui!« sagte der andre. Aber hast du beachtet, daß die Nachtigallen nur in dem Garten der Taubstummen hier nebenan singen? Benjamin. Ja, das ist eine bekannte Sache. Warum tun sie das? Eleonora. Weil die, die Gehör haben, nicht hören, was die Nachtigallen sagen; aber die Taubstummen hören es! Benjamin. Erzähle mehr Märchen! Eleonora. Ja, wenn du lieb bist! Benjamin. Wie lieb? Eleonora. Ja, du sollst dich bei mir nie an die Worte hängen und niemals sagen: so sagtest du da und da sagtest du so ... Soll ich mehr über Vögel sprechen? Es gibt einen bösen Vogel, der heißt Mäusebussard; wie man an dem Namen hören kann, lebt er von Mäusen. Aber da er ein häßlicher Vogel ist, soll es ihm schwer werden, Mäuse zu fangen. Daher kann er nur ein einziges Wort sagen, und das klingt, als wenn die Katze »Miau« sagt. Wenn nun der Bussard »Miau« sagt, dann verstecken sich die Mäuse schnell ... aber der Bussard versteht nicht, was er selbst sagt – aber ohne Nahrung bleibt er oft, denn er ist garstig! – Willst du noch mehr hören? Oder soll ich von Blumen reden? ... Weißt du, als ich krank war, mußte ich eine Medizin aus Bilsenkraut einnehmen, die die Eigenschaft hat, das Auge zu einem Vergrößerungsglas zu machen ... Belladonna dahingegen bewirkt, daß man alles verkleinert sieht ... Nun ja, ich kann weiter sehen als andre, und ich kann die Sterne am hellen Tage sehen. Benjamin. Aber die Sterne stehen ja nicht am Himmel! Eleonora. Wie drollig du bist! Die Sterne stehen ja immer am Himmel ... und jetzt sitze ich nach Norden und sehe die Cassiopeja, die aussieht wie ein ›W‹ und mitten in der Milchstraße sitzt ... Kannst du die sehen? Benjamin. Nein, das kann ich nicht! Eleonora. Beachte nun, daß der eine Mensch das sehen kann, was der andre nicht sieht ... sei deswegen deiner Augen nicht allzu sicher! ... Jetzt wollen wir von dieser Blume sprechen, die hier auf dem Tisch steht ... Es ist eine Osterblume, die in der Schweiz zu Hause ist ... sie hat einen Kelch, der Sonnenlicht getrunken hat, daher ist er gelb und stillt Schmerzen ... Ich ging vorhin an einem Blumenladen vorüber, sah sie und wollte sie Bruder Elis schenken ... Als ich vom Torweg aus in den Laden hineingehen wollte, fand ich die Tür verschlossen ... es ist nämlich heute Konfirmation ... Da ich die Blume haben mußte, zog ich meine Schlüssel heraus und versuchte ... stell dir vor, daß mein Türschlüssel paßte ... Ich ging hinein ... Ja, verstehst du die stumme Sprache der Blumen? Jeder Duft drückt eine ganze Menge Gedanken aus, und diese Gedanken überfielen mich; und mit meinem vergrößernden Auge sah ich in ihre Werkstätten hinein, die niemand gesehen hat. Und sie sprachen zu mir über ihre Sorgen, die der unverständige Gärtner ihnen bereitet hatte – ich sage nicht der grausame – denn er ist nur gedankenlos! ... Dann legte ich eine Krone und meine Karte auf den Ladentisch – nahm die Blume und ging. Benjamin. Wie gedankenlos! Wenn man nun die Blume vermißt und das Geld nicht findet? Eleonora. Das ist wahr! Du hast recht. Benjamin. Ein Geldstück, kann ja wegkommen, und wenn man nur deine Karte findet, so bist du verloren! Eleonora. Aber niemand kann doch glauben, daß ich etwas habe nehmen wollen? Benjamin sieht sie scharf an. Meinst du? Eleonora sieht ihn an und erhebt sich. Ach, ich weiß, woran du denkst! Wie der Vater, so das Kind! Wie gedankenlos ich gewesen bin! Wie? ... Nun, was geschehen soll, geschieht! Setzt sich . Mag es denn geschehen. Benjamin. Kann man das denn nicht ordnen ... Eleonora. Still! laß uns von etwas anderm sprechen!... Lektor Algren ... Armer Elis! Wir sind alle zu bedauern! Aber es ist Ostern, und wir sollen leiden. Morgen ist ja Konzert? Und sie spielen Haydns Sieben Worte am Kreuz! »Mutter, siehe deinen Sohn!« Sie birgt ihr Gesicht weinend in den Händen. Benjamin. Was für eine Krankheit hast du gehabt? Eleonora. Diese Krankheit führt nicht zum Tode, sie ist zu Gottes Ehre! »Ich erwartete das Gute, und das Böse kam; ich erwartete das Licht, und die Finsternis kam!« ... Wie war deine Kindheit, Benjamin? Benjamin. Ich weiß nicht. Mühselig! Und die deine? Eleonora. Ich habe nie eine Kindheit gehabt. Ich bin alt geboren ... Ich wußte alles, als ich geboren wurde, und wenn ich etwas lernte, war es nur, als erinnere ich mich. Ich kannte die Menschen ... Gedankenlosigkeit und Unverstand, als ich vier Jahre alt war, und deswegen war man häßlich gegen mich! Benjamin. Es ist mir, als hätte auch ich alles, was du da sagst, gedacht! Eleonora. Das hast du sicher getan! ... Warum glaubtest du, daß mein Geldstück im Blumenladen verschwunden sein sollte? Benjamin. Weil das, was verdrießlich ist, immer geschehen wird! Eleonora. Das hast du auch erfahren? ... Still, jetzt kommt jemand! Sieht in den Hintergrund hinaus. Ich höre ... daß es Elis ist! ... Ach, so lieb! ... Mein einziger Freund auf Erden! ... Ihre Miene verfinstert sich. Aber er erwartet mich nicht! Und er wird sich nicht freuen, wenn er mich sieht! Nein, er wird sich nicht freuen! ... Sicher nicht! – Benjamin, Benjamin, zeige ein fröhliches Gesicht und ein ruhiges Gemüt, wenn mein armer Bruder kommt. Ich gehe hier hinein, da kannst du ihn auf mein Herkommen vorbereiten. Aber keine harten Worte, das tut mir so weh, hörst du! Gib mir deine Hand! Benjamin reicht ihr die Hand. Eleonora küßt ihn auf den Kopf. So! Jetzt bist du mein kleiner Bruder! Gott segne und behüte dich! Ab nach links, streichelt im Vorübergehen liebevoll den Ärmel von Elis' Überzieher. Armer Elis! Elis , aus dem, Hintergrund, bekümmert. Frau Heyst kommt aus der Küche herein. Elis. Sieh, da bist du, Mama! Frau Heyst. Warst du es? Mir deuchte, als hörte ich eine fremde Stimme! Elis. Ich habe eine Neuigkeit! Traf den Advokaten auf der Straße! Frau Heyst. Nun? Elis. Die Sache soll jetzt ans Hofgericht gehen ... und um Zeit zu sparen, muß ich alle Gerichtsprotokolle durchlesen. Frau Heyst. Nun, das wirst du bald erledigen! Elis zeigt auf die Akten auf dem Schreibtisch. Ach! ich glaubte, es sei vorbei; und nun muß ich mich durch diese ganze Leidensgeschichte hindurchquälen – durch alle Anklagen, alle Zeugenaussagen, alle Beweise! Noch einmal! Frau Heyst. Ja, aber dann wird er vom Hofgericht freigesprochen. Elis. Nein, Mutter; er hat ja gestanden! Frau Heyst. Ja, aber das kann eine Formel sein; das sagte der Advokat das letzte Mal, als ich bei ihm war. Elis. Das hat er gesagt, um dich zu trösten! Frau Heyst. Willst du nicht fort zu der Mittagsgesellschaft? Elis. Nein! Frau Heyst. Nun hast du deinen Entschluß wieder geändert? Elis. Ja! Frau Heyst. Das ist nicht gut! Elis. Ich weiß es, aber ich werde ja hin und her geschleudert wie ein Spahn zwischen Sturzseen. Frau Heyst. Es war mir ganz bestimmt, als hörte ich eine fremde Stimme, die ich wieder erkannte! – Aber ich habe mich wohl verhört! Zeigt auf den Überzieher. Der Rock soll da nicht hängen, hab ich gesagt! Ab nach rechts. Elis geht nach links hinüber, erblickt die Osterblume auf dem Eßtisch. Zu Benjamin: Woher ist die Blume gekommen? Benjamin. Ein junges Mädchen hat sie gebracht. Elis. Ein junges Mädchen! Was ist denn das? Wer war es? Benjamin. Es war ... Elis. War es ... meine Schwester? Benjamin. Ja! Elis sinkt am Eßtisch nieder. Pause. Elis. Hast du mit ihr gesprochen? Benjamin. Freilich! Elis. Ach Gott, ist es denn noch nicht bald genug! War sie häßlich gegen dich? Benjamin. Häßlich? Nein, sie war lieb, ach, so lieb! Elis. Sonderbar! ... hat sie von mir gesprochen? War sie sehr böse auf mich? Benjamin. Nein! Im Gegenteil! Sie sagte, Sie wären ihr bester, einziger Freund auf Erden ... Elis. Welche sonderbare Veränderung! Benjamin. Und als sie ging, streichelte sie den Arme! des Rockes da ... Elis. Als sie ging? Wohin ging sie? Benjamin zeigt auf die Tür links. Da hinein! Elis. Sie ist also da? Benjamin. Ja. Elis. Du siehst so froh und freundlich aus, Benjamin. Benjamin. Sie sprach so schön zu mir ... Elis. Wovon sprach sie? Benjamin. Sie erzählte Märchen, und dann war da viel über Religion ... Elis erhebt sich. Das dich froh gestimmt hat? Benjamin. Ja! Elis. Arme Eleonora, die selbst so unglücklich ist und andern Freude bereiten kann! Ab nach links, zögernd. Gott helfe mir! Zweiter Aufzug Karfreitag Die Musik vor diesem Akt: Haydn, Sieben Worte, Largo No. I: Pater dimitte illis. Dieselbe Ausstattung, aber die Gardinen vorgezogen und von außen von der Gaslaterne beleuchtet. Die Hängelampe ist angezündet; auf dem Eßtisch steht eine kleine brennende Petroleumlampe. Feuer im Glimmerofen. Am Nähtisch sitzen Elis und Kristina unbeschäftigt. Am Eßtisch sitzen Eleonora und Benjamin einander gegenüber und lesen, die Lampe zwischen sich. Eleonora hat einen Schal um die Schultern. Alle sind schwarzgekleidet; Elis und Benjamin haben weiße Halsbinden. Auf dem Schreibtisch liegen die Gerichtsakten ausgebreitet. Auf dem Nähtisch steht die Osterblume. Auf dem Eßtisch eine alte Standuhr. Von Zeit zu Zeit erscheint auf den Gardinen der Schatten eines auf der Straße Vorübergehenden. Elis halblaut zu Kristina. Ja, Karfreitag! Aber so entsetzlich lang! Und der Schnee hat sich auf die Pflastersteine gelegt wie Stroh vor die Wohnung eines Sterbenden; jeder Laut hat aufgehört – außer den Bässen der Orgel, die ich sogar hier höre ... Kristina. Mama ging wohl in den Abendgottesdienst ... Elis. Ja, weil sie sich nicht in den Hauptgottesdienst wagte ... die Blicke der Menschen verletzen sie ... Kristina. Es ist wunderlich mit diesen Menschen; sie verlangen, daß wir alle uns fernhalten, sie finden das passend ... Elis. Ja, und vielleicht mit Recht ... Kristina. Um eines Einzigen Fehltrittes willen ist die ganze Familie in Bann getan ... Elis. Ja, so ist es! Eleonora schiebt die Lampe zu Benjamin hinüber, damit er besser sehen kann. Elis zeigt auf Eleonora und Benjamin. Sieh die da! Kristina. Ist das nicht schön! ... Und so gut sie miteinander auskommen! Elis. Welch Glück, daß Eleonora so ruhig ist! Ach, möchte das doch vorhalten! Kristina. Warum sollte es das nicht? Elis. Weil ... das Glück nicht von langer Dauer zu sein pflegt! Ich habe heute vor allem Angst. Benjamin schiebt leise die Lampe zu Eleonora hinüber, damit sie besser sehen kann. Kristina. Sieh doch die beiden! Elis. Hast du gemerkt, wie verändert Benjamin ist! Der dumpfe Trotz ist einer stillen Ergebung gewichen ... Kristina. Wie lieblich sie in ihrem ganzen Wesen ist – um nicht das Wort schön zu gebrauchen! Elis. Und sie hat einen Friedensengel mitgebracht, der unsichtbar umhergeht und eine stille Ruhe atmet ... Selbst Mutter zeigte eine Ruhe, als sie sie erblickte, eine Ruhe, auf die ich nicht gefaßt gewesen war! Kristina. Glaubst du, daß sie jetzt geheilt ist? Elis. Ja, wenn nicht diese übertriebene Empfindsamkeit zurückgeblieben wäre. Jetzt sitzt sie da und liest Christi Leidensgeschichte, und von Zeit zu Zeit weint sie. Kristina. Nun, ich entsinne mich, daß wir das in der Schule des Mittwochs während der Fasten auch taten ... Elis. Sprich nicht so laut, sie hört so scharf! Kristina. Jetzt nicht! Sie ist so weit weg! Elis. Hast du bemerkt, daß Benjamin etwas Würdiges, Vornehmes in seinen Zügen bekommen hat? Kristina. Das ist das Leiden; die Freude macht alles banal. Elis. Vielleicht ist es viel mehr ... die Liebe! Glaubst du nicht auch, daß die Kleinen da ... Kristina. Still, still, still ... nicht die Flügel des Schmetterlings berühren! Dann fliegt er davon! Elis. Sie sehen einander gewiß an und tun nur so, als wenn sie läsen, denn sie wenden kein Blatt um, soviel ich hören kann. Kristina. Still! Elis. Sieh, jetzt kann sie sich nicht mehr bezwingen ... Eleonora steht auf, geht auf den Zehen an Benjamin heran und legt ihren Schal um seine Schultern. Benjamin leistet einen sanften Widerstand, gibt aber nach; worauf Eleonora sich wieder setzt und die Lampe nach Benjamin hinüber schiebt. Kristina. Sie weiß nicht, wie gut sie gegen ihn sein soll, die arme Eleonora. Elis erhebt sich. Jetzt kehre ich zu meinen Gerichtsverhandlungen zurück. Kristina. Kannst du einen Zweck in diesem Lesen erblicken? Elis. Nur den einen : Mutter in der Hoffnung zu erhalten! Aber wenn ich auch nur so tue, als wenn ich lese, bleiben dennoch Worte wie ein Dorn auf dem Grunde meines Auges. Die Zeugenangaben, die Zahlen, Vaters Geständnisse ... Und dann hier: »der Angeklagte bekannte unter Tränen« ... So viel Tränen, so viel Tränen. Und diese Papiere ... mit ihren Stempeln, die an falsche Banknoten erinnern oder an ein Gefängnisschloß; und die Schnüre und die roten Siegel ... Jesu fünf Wunden gleichen sie ... und die Sätze, die nie ein Ende nehmen, die ewigen Qualen ... Das ist Karfreitagsarbeit ... gestern schien die Sonne, gestern fuhren wir aufs Land, in Gedanken ... Kristina ... stell dir vor, wenn wir im Sommer hier bleiben müßten! Kristina. Dann würden wir viel Geld sparen, aber traurig wäre es! Elis. Ich würde es nie überleben ... Drei Sommer bin ich hier geblieben ... und es ist wie ein Grab. Mitten am Tage, und man sieht die lange, graue Straße sich dahinschlängeln wie einen Laufgraben ... nicht ein Mensch und nicht ein Pferd, nicht ein Hund ... Aber aus den Kloakenmündungen kommen die Ratten heraus, während die Katzen auf Sommerfreuden aus sind ... Und drinnen hinter den Spionen sitzen einige Daheimgebliebene und spähen aus nach den Kleidern ihres Nächsten ... »Sieh, der da geht in Winterkleidern!« ... und nach ihres Nächsten schiefen Absätzen und ihres Nächsten Fehlern ... Und aus den Stadtvierteln der Armen schleichen Krüppel hervor, die sich bisher verborgen hielten, Menschen ohne Nase und Ohren, boshafte Menschen und Unglückliche ... Und sie sitzen auf der großen Promenade und sonnen sich, ganz als ob sie die Stadt eingenommen hätten ... wo eben noch schöne, wohlgekleidete Kinder unter den aufmunternden Zurufen schöner Mütter spielten, streichen jetzt Scharen Zerlumpter umher, die fluchen und einander quälen ... Ich entsinne mich eines Hochsommertages vor zwei Jahren ... Kristina. Elis, Elis! Schau vorwärts, vorwärts! Elis. Ist es dort lichter? Kristina. Laß uns das glauben! Elis setzt sich an den Schreibtisch. Wenn es nur da draußen aufhören wollte zu schneien! So daß man hinauskommen könnte und wandern! Kristina. Lieber Freund, gestern abend wünschtest du die Dunkelheit zurück, damit wir uns vor den Blicken der Menschen verbergen könnten ... »Die Dunkelheit ist so schön, so wohltuend,« sagtest du; »es ist, als zöge man die Decke über den Kopf!« Elis. Da siehst du, daß das Elend in jedem Fall gleich groß ist ... Liest in den Papieren. Das Schlimmste hier in dem Prozeß sind doch die anmaßenden Fragen nach der Lebensführung meines Vaters ... Da steht, daß wir strahlende Gesellschaften gaben ... Ein Zeuge sagt, er habe getrunken! ... Nein, das ist zu viel! Ich kann nicht mehr! ... Aber ich muß trotzdem ... bis zu Ende! ... Friert dich nicht? Kristina. Nein, aber warm ist es nicht! ... Lina ist nicht zu Hause? Elis. Sie ist zur Beichte, wie du weißt. Kristina. Mama kommt wohl bald nach Hause? Elis. Ich fürchte mich immer, wenn sie von draußen kommt, denn sie hat so viel gehört und so viel gesehen ... und alles ist böse. Kristina. Es herrscht eine ungewöhnliche Schwermut in eurer Familie. Elis. Deswegen haben auch stets nur schwermütige Menschen mit uns verkehren wollen! Die Fröhlichen haben uns gemieden! Kristina. Jetzt kam Mama zur Küchentür herein! Elis. Sei nicht ungeduldig gegen sie, Kristina! Kristina. Ach nein! Sie hat es wohl am schwersten von uns allen! Aber ich verstehe sie nicht! Elis. Sie verbirgt ihre Schande, so gut sie kann, und daher wird sie unverständlich. Arme Mutter! Frau Heyst kommt herein, schwarzgekleidet, Gesangbuch und Taschentuch in der Hand. Guten Abend, Kinder! Alle mit Ausnahme von Benjamin, der stumm grüßt. Guten Abend, liebe Mama! Frau Heyst. Ihr seid alle schwarzgekleidet, als wenn ihr Trauer hättet. – Schweigen. Elis. Schneit es noch? Frau Heyst. Ja, es ist ein Schneetreiben! Es ist kalt hier bei euch! Geht an Eleonora heran und streichelt sie. Nun, mein Hühnchen, du liest und studierst, wie ich sehe! Zu Benjamin . Und du studierst ebenfalls! Eleonora nimmt die Hand der Mutter und führt sie an die Lippen. Frau Heyst unterdrückt ihre Rührung. So, mein Kind, so, so! ... Elis. Du bist im Abendgottesdienst gewesen, Mama? Frau Heyst. Ja, es war der Hilfsprediger, und den mag ich nicht. Elis. Hast du Bekannte getroffen? Frau Heyst setzt sich an den Nähtisch. Es wäre besser gewesen, wenn ich niemand getroffen hätte! Elis. Da weiß ich, wen ... Frau Heyst. Lindkvist! Und er kam zu mir hin ... Elis. Wie grausam, wie grausam! Frau Heyst. Er fragte, wie es mir ginge ... und, stellt euch mein Entsetzen vor, er fragte, ob er heute abend einen Besuch machen dürfte. Elis. Am Festtagabend? Frau Heyst. Ich war sprachlos! Und er faßte mein Schweigen als Zustimmung auf! Pause. Er kann jeden Augenblick hier sein! Elis steht auf. Hier? Jetzt? Frau Heyst. Er sagte, er wollte ein Papier abgeben, das Eile hätte. Elis. Er will die Möbel nehmen. Frau Heyst. Aber er sah so sonderbar aus ... ich verstand ihn nicht! Elis. Dann mag er kommen. Er hat das Recht auf seiner Seite, und wir müssen uns beugen. Wir müssen ihn auf passende Weise empfangen, wenn er kommt. Frau Heyst. Wenn ich ihn nur nicht zu sehen brauche! Elis. Du kannst dich ja drinnen in der Wohnung halten. Frau Heyst. Aber die Möbel darf er nicht nehmen. Worin sollten wir wohl wohnen, wenn er alle Sachen wegnähme. Man kann doch nicht in leeren Zimmern wohnen! Elis. Die Füchse haben ihre Höhlen, und die Vögel haben ihre Nester ... es gibt Obdachlose, die im Walde wohnen. Frau Heyst. Da sollten die Schurken wohnen, nicht aber ehrliche Leute. Elis am Schreibtisch. Jetzt lese ich, Mama! Frau Heyst. Hast du einen Fehler gefunden? Elis. Nein, ich glaube, da sind keine Fehler! Frau Heyst. Aber ich begegnete vorhin dem Stadtnotarius, und er sagte, es müßte ein Formfehler gefunden werden, ein voreingenommener Zeuge, eine unbewiesene Behauptung oder eine Doppelzüngigkeit. Du liest gewiß nicht genau. Elis. Freilich, Mama, aber es ist so qualvoll ... Frau Heyst. Hört einmal, ich begegnete vorhin dem Stadtnotarius – aber das ist ja wahr, das habe ich schon gesagt – und da erzählte er von einem Einbruch, der gestern in der Stadt begangen ist, mitten am hellen Tage. Eleonora und Benjamin horchen auf. Elis. Ein Einbruch? Hier in der Stadt? Wo? Frau Heyst. Es soll in dem Blumengeschäft in der Klosterstraße gewesen sein. Aber das Ganze war höchst sonderbar. Die Sache soll sich folgendermaßen zugetragen haben: der Geschäftsinhaber schloß seinen Laden ab, um in die Kirche zu gehen, in der sein Sohn ... oder war es seine Tochter? ... konfirmiert werden sollte. Als er nun gegen drei Uhr nach Hause kam, es mag auch vier Uhr gewesen sein, aber das tut nichts zur Sache ... ja, da stand die Ladentür offen, es fehlten Blumen, eine ganze Menge, namentlich eine gelbe Tulpe, was er zuerst bemerkte! Elis. Eine Tulpe! Wenn es eine Osterblume gewesen wäre, würde ich mich geängstigt haben. Frau Heyst. Nein, es war eine Tulpe, das ist ganz gewiß. Ja, nun hat sich die Polizei in Bewegung gesetzt. Eleonora hat sich erhoben, als wolle sie reden, Benjamin tritt aber an sie heran und flüstert ihr etwas zu. Frau Heyst. Wenn man denkt, am Grünen Donnerstag, wo die Jugend konfirmiert wird, einen Einbruch zu verüben! ... Alles Schurken, die ganze Stadt! Und dann sperren sie unschuldige Menschen ins Gefängnis! Elis. Hat man denn keinen Verdacht? Frau Heyst. Nein! Aber es war ein sonderbarer Dieb, denn er nahm kein Geld aus der Ladenkasse! ... Kristina. Ach, daß doch dieser Tag erst zu Ende wäre! Frau Heyst. Und wenn nur Lina wieder nach Hause käme! ... Ja, ich hörte von Petrus' Mittagsgesellschaft gestern sprechen! Der Landeshauptmann selbst ist dagewesen. Elis. Das nimmt mich wunder, denn Petrus galt immer als ein Gegner der Landeshauptmannpartei! Frau Heyst. Dann hat er sich jetzt wohl geändert. Elis. Er heißt nicht umsonst Petrus, wie es scheint. Frau Heyst. Was hast du gegen den Landeshauptmann? Elis. Er ist ein Hintertreiber! Er hintertreibt alles; er hat die Volkshochschule hintertrieben, hat die Waffenübungen der Jugend hintertrieben, er wollte die unschuldigen Radfahrer, die prächtigen Ferienkolonien hintertreiben ... und er hat mein Fortkommen hintertrieben! Frau Heyst. Das verstehe ich nicht ... und das ist auch einerlei. Indessen hat der Landeshauptmann eine Rede gehalten ... und Petrus hat gedankt ... Elis. Gerührt, vermute ich, und hat seinen Lehrer verleugnet und gesagt: »Ich kenne den Mann nicht.« Und der Hahn krähte zum zweiten Mal! Hieß nicht der Landeshauptmann Pontius mit dem Beinamen Pilatus? Eleonora macht eine Bewegung, als wolle sie sprechen, beruhigt sich aber wieder. Frau Heyst. Du mußt nicht so bitter sein, Elis. Menschen sind Menschen, und man muß mit ihnen auskommen. Elis. Still! Ich höre Lindkvist kommen! Frau Heyst. Kannst du das bei dem Schnee hören? Elis. Ich höre seinen Stock auf die Steine stoßen, und ich höre seine Ledergamaschen! ... Geh hinaus, Mama! Frau Heyst. Nein, jetzt will ich bleiben, dann werde ich ihm etwas sagen! Elis. Beste Mama, geh! Es wird zu qualvoll! Frau Heyst erhebt sich, erschüttert. Der Tag, an dem ich geboren wurde, soll vergessen sein! Kristina. Nicht fluchen! Frau Heyst mit einem Ausdruck von Seelengröße. »Sollte nicht lieber der Ungerechte dieses Drangsal haben und ein Übeltäter solchen Jammer erleiden?« Eleonora mit einem Angstschrei. Mama! Frau Heyst. Mein Gott, warum hast du mich verlassen! Und meine Kinder! Ab nach links. Elis horcht hinaus. Er ist stehen geblieben! ... Vielleicht findet er, daß es unpassend ist ... oder zu grausam! – Aber das findet er wohl kaum, er, der so entsetzliche Briefe hat schreiben können! Sie waren immer auf blauem Papier, und ich kann seither keinen blauen Brief sehen, ohne zu zittern! Kristina. Was willst du sagen? Was willst du vorschlagen? Elis. Ich weiß es nicht! Ich habe alle Besinnung, alle Überlegung verloren ... Soll ich vor ihm auf die Knie fallen und ihn um Gnade anflehen? ... Hört ihr ihn? Ich höre nur das Blut, das in meinen Ohren saust. Kristina. Nehmen wir das Schlimmste an. Er nimmt alles ... Elis. Dann kommt der Hauswirt und will eine Bürgschaft haben, die ich nicht schaffen kann ... Er will eine Bürgschaft haben, da die Möbel keine Garantie mehr für die Miete bieten! Kristina hat hinter der Gardine auf die Straße hinausgesehen. Er ist nicht mehr da! Er ist gegangen! Elis. Ach! ... Weißt du, daß Mamas gleichgültige Ergebenheit mich mehr quält als ihr Zorn! Kristina. Ihre Ergebenheit ist nur erkünstelt oder eingebildet. Es lag etwas von dem Brüllen der Löwin in ihren letzten Worten ... Sahest du, wie groß sie wurde? Elis. Weißt du, wenn ich jetzt an Lindkvist denke, erscheint er mir wie ein gutmütiger Riese, der nur die Kinder bange machen will. Wie kann ich jetzt nur darauf kommen? Kristina. Die Gedanken kommen und gehen ... Elis. Welch ein Glück, daß ich gestern nicht auf dem Mittagessen gewesen bin ... ich hätte sicher eine Rede gegen den Landeshauptmann gehalten ... und dann hätte ich mir und uns alles verdorben! Das war ein großes Glück. Kristina. Siehst du! Elis. Hab Dank für den guten Rat. Du kanntest deinen Petrus! Kristina. Meinen Petrus? Elis. Ich meinte: meinen! Sieh, jetzt ist er wieder da! Wehe uns! Man sieht auf der Gardine den Schatten eines Mannes, der sich unschlüssig nähert. Der Schatten vergrößert sich allmählich und wird riesengroß. Alle verharren in der höchsten Angst. Elis. Der Riese! Sieh nur, der Riese, der uns verschlingen will! Kristina. Jetzt ist es zum Lachen, wie in den Märchen! Elis. Ich kann nicht mehr lachen! Der Schatten wird kleiner und verschwindet. Kristina. Sieh nur den Stock an, und du mußt lachen! Elis. Er ist gegangen! Ja, jetzt atme ich auf, denn jetzt kommt er vor morgen nicht wieder! Ah! Kristina. Und morgen scheint die Sonne, da ist es Auferstehungsabend, der Schnee ist verschwunden, und die Vögel singen. Elis. Rede weiter! Ich sehe alles, was du sagst. Kristina. Könntest du doch in mein Herz hineinsehen, könntest du doch meine Gedanken sehen, meine guten Absichten, meine innigsten Gebete, Elis, Elis, wenn ich dich jetzt ... unterbricht sich. Elis. Was? Sprich! Kristina. Wenn ich dich jetzt um etwas bitte. Elis. Sprich! Kristina. Es ist eine Probe! Denke daran, daß es eine Probe ist, Elis! Elis. Probe! Prüfung! Nun ja! Kristina. Laß mich ... Nein, ich wage es nicht! Es kann mißlingen! Eleonora lauscht. Elis. Warum quälst du mich? Kristina. Ich werde es bereuen; ich weiß es! ... Mag es geschehen! Elis, laß mich heute abend in das Konzert gehen! Elis. In welches Konzert? Kristina. Haydns Sieben Worte am Kreuz, im Dom! Elis. Mit wem? Kristina. Mit Alice. Elis. Und? Kristina. Petrus! Elis. Mit Petrus? Kristina. Siehst du, jetzt verfinsterst du dich! ... Ich bereue es, aber jetzt ist es zu spät! Elis. Ja, es ist recht spät! Aber so erkläre dich doch! Kristina. Ich habe dich ja darauf vorbereitet, daß ich mich nicht erklären könne, aber deswegen verlangte ich dein grenzenloses Vertrauen! Elis. Geh! Ich verlasse mich auf dich; aber ich leide trotzdem darunter, daß du die Gesellschaft des Verräters suchst. Kristina. Das begreife ich! Aber es ist ja eine Probe! Elis. Die ich nicht zu bestehen vermag! Kristina. Du sollst! Elis. Ich will, aber ich kann nicht! – Du sollst auf alle Fälle gehen! Kristina. Deine Hand! Elis reicht ihr die Hand. Sieh, hier! Das Telephon klingelt. Elis ans Telephon. Hallo! ... Keine Antwort! ... Hallo! ... Es antwortet mit meiner eigenen Stimme! ... Wer da? Wie sonderbar! Ich höre meine eigenen Worte wie ein Echo! Kristina. So etwas kann ja vorkommen! Elis. Hallo! ... Jetzt ist es heimtückisch! Klingelt ab. Geh jetzt, Kristina! Ohne Erklärungen, ohne Umstände. Ich werde die Probe bestehen! Kristina. Tue du das, so ergeht es uns gut! Elis. Ich tue es! ... Kristina wendet sich nach rechts. Elis. Warum gehst du hinaus? Kristina. Ich habe meine Sachen da draußen. Also, auf Wiedersehn! Ab. Elis. Leb wohl, mein Schatz! Pause. Auf ewig! Stürzt nach links hinaus. Eleonora. Gott steh uns bei! Was hab ich nur getan! Die Polizei sucht nach dem Schuldigen, und wenn ich nun entdeckt werde – arme Mama, armer Elis! Benjamin kindlich. Eleonora, du sollst sagen, daß ich es getan habe! Eleonora. Du? Kannst du die Schuld anderer tragen, du Kind? Benjamin. Das ist doch leicht zu tragen, wenn man weiß, daß man unschuldig ist. Eleonora. Man soll nie betrügen! Benjamin. Nun, dann laß mich dem Blumenhändler telephonieren und sagen, wie es sich verhält. Eleonora. Nein, ich habe unrecht gehandelt, und ich soll mit Unruhe gestraft werden. Ich habe durch Einbruch Angst in ihnen erweckt, und ich soll geängstigt werden. Benjamin. Wenn aber die Polizei kommt! ... Eleonora. Freilich ist das schwer ... aber dann soll es so sein! – Ach, daß doch dieser Tag zu Ende wär! Nimmt die Uhr vom Eßtisch und dreht die Zeiger herum. ... Liebe Uhr, geh ein wenig schneller! Tick, tack, ping, ping, ping! Jetzt ist sie acht! Ping, ping, ping ... Jetzt ist sie neun! Zehn, Elf, Zwölf! ... Jetzt ist es Osterabend! Nun geht die Sonne bald auf, und dann schreiben wir auf das Osterei! Ich will also schreiben: »Siehe, der Widersacher hat euer begehrt, daß er euch siebe wie Weizen, ich aber habe für dich gebeten!« ... Benjamin. Warum tust du dir selbst so weh, Eleonora? Eleonora. Ich! Mir weh tun? Benjamin, denke du an alle aufgeblühten Blumen, an die blauen Anemonen, an die Schneeglöckchen, die den ganzen Tag und die ganze Nacht im Schnee haben stehen und draußen im Dunkeln frieren müssen! Denk nur, was die zu leiden haben! Die Nacht ist wohl am schwersten, wenn es dunkel ist, und sie graulich werden und nicht davonlaufen können ... und sie dastehn und darauf warten, daß es Tag werden soll; alles, alles leidet, aber die Blumen am meisten! Und die Zugvögel, die gekommen sind! Wo sollen die über Nacht schlafen? Benjamin kindlich. Die sitzen in hohlen Bäumen, das weißt du doch. Eleonora. Es gibt nicht so viel hohle Bäume, daß sie für alle ausreichen! Ich habe hier in den Parks nur zwei hohle Bäume gesehen, und darin wohnen ja die Eulen, die die kleinen Vögel töten ... Armer Elis, der glaubt, daß Kristina von ihm ging; aber ich weiß, daß sie wiederkommt! Benjamin. Wenn du das weißt, warum sagst du es dann nicht? Eleonora. Weil Elis leiden soll; alle sollen heute am Karfreitag leiden, damit sie an Christus am Kreuz denken. Draußen von der Straße tönt der Klang einer Polizistenpfeife herein. Eleonora fährt in die Höhe. Was war das? Benjamin steht auf. Weißt du das nicht? Eleonora. Nein. Benjamin. Das war die Polizei! Eleonora. Ach! ... Ja, so klang es, als sie kamen, um Vater einzustecken ... und da wurde ich krank! Und nun kommen sie und holen mich! Benjamin stellt sich mit dem Rücken gegen die Hintergrundtür vor Eleonora hin. Nein, sie sollen dich nicht holen! Ich werde dich verteidigen, Eleonora! Eleonora. Das ist lieb von dir, Benjamin, aber das sollst du nicht ... Benjamin sieht durch die Vorhänge hinaus. Es sind zweie! Eleonora will Benjamin wegdrängen, aber er leistet sanften Widerstand. Benjamin. Nicht du, Eleonora, dann – will ich nicht mehr leben! Eleonora. Setz dich da auf den Stuhl, Kind! Geh und setze dich! Benjamin gehorcht widerwillig. Eleonora sieht hinter den Vorhängen hinaus, ohne sich zu verbergen. Es waren nur zwei Jungen! O, wir Kleingläubigen! glaubst du, daß Gott so grausam ist, da ich doch nichts Böses getan, nur gedankenlos gehandelt habe ... Es geschieht mir recht! Warum zweifelte ich! Benjamin. Aber morgen kommt der, der die Möbel holen will. Eleonora. Mag er kommen! Und wir müssen fortgehen; fort von dem allem ... von den alten Möbeln, die Vater für uns gesammelt hatte, und die ich gesehen habe, seit ich ein kleines Kind war! Ja, man soll nichts besitzen, das einen an die Erde bindet. Hinaus auf steinige Wege und mit wunden Füßen wandern, denn der Weg führt himmelan, und darum ist er so mühselig ... Benjamin. Jetzt quälst du dich wieder, Eleonora! Eleonora. Laß mich! ... Aber weißt du, wovon ich mich am schwersten trenne? Von der Uhr da! Die war mit dabei, als ich geboren wurde, und sie hat meine Stunden und Tage ausgemessen ... Sie hebt die Uhr vom Tisch. ... Hörst du, sie tickt wie ein Herz ... ganz wie ein Herz ... und sie blieb in der Stunde stehen, in der Großvater starb, denn schon damals war sie mit dabei! Lebwohl, kleine Uhr, möchtest du bald wieder stillstehen! ... Weißt du, daß sie schneller zu gehen pflegte, wenn wir ein Unglück im Hause hatten, ganz als wenn sie über das Böse hinwegkommen wollte, um unsert willen, verstehst du! Aber wenn lichte Zeiten waren, dann ging sie langsamer, damit wir um so länger genießen sollten. Das war die liebe Uhr! Aber dann hatten wir eine häßliche ... die muß jetzt auch in der Küche hängen! Die konnte keine Musik leiden; sobald Elis Klavier spielte, fing sie an zu schlagen, das merkten wir alle, nicht nur ich; und darum muß sie in der Küche sitzen, weil sie unartig war! Aber Lina mag sie auch nicht, denn sie ist des Nachts nicht still, und dann kann sie keine Eier danach kochen ... denn sie werden immer hart, sagt Lina! Nun lachst du! Benjamin. Ja, was soll ich tun! Eleonora. Du bist ein guter Junge, Benjamin, aber du sollst ernsthaft sein! Denk an die Rute, die da hinter dem Spiegel steckt! Benjamin. Aber du sprichst ja so lustig, daß ich lachen muß ... und warum sollte man auch immer weinen? Eleonora. Wenn man nicht in dem Jammertal weinen soll, wo soll man dann weinen? Benjamin. Hm! Eleonora. Du willst gern den ganzen Tag lachen, aber dafür bist du auch bestraft worden. Ich mag dich nur, wenn du ernsthaft bist. Merk dir das! Benjamin. Glaubst du, daß wir aus diesem allem herauskommen, Eleonora? Eleonora. Ja, das meiste wird sich schon ordnen, wenn nur erst der Karfreitag vorüber ist! Heute die Rute, morgen das Osterei! Heute Schnee, morgen Tauwetter! Heute der Tod, morgen die Auferstehung! Benjamin. Wie weise du bist! Eleonora. Ja, ich fühle schon, daß es sich aufklärt und schönes Wetter wird, daß der Schnee schmilzt ... es riecht hier drinnen schon nach geschmolzenem Schnee ... und morgen brechen die Veilchen an der Südwand auf! Die Wolke hat sich verzogen, das spüre ich beim Atmen ... ach, ich weiß es so gut, wenn es zum Himmel offen ist ... Zieh, bitte, die Gardinen zurück, Benjamin; ich will, daß Gott uns sehen soll! Benjamin erhebt sich und gehorcht; der Mondschein fällt in das Zimmer. Eleonora. Siehst du den Vollmond! Das ist der Ostermond! Und nun weißt du, daß die Sonne noch da ist, wenn auch der Mond den Schein gibt! Dritter Aufzug Osterabend Die Musik zu diesem Aufzug: Haydn: Sieben Worte, Nr. 5. Adagio. Dieselbe Ausstattung, aber die Vorhänge zurückgezogen. Die Landschaft draußen die gleiche, aber in Grauwetterstimmung. Der Ofen brennt. Die Türen im Hintergrund geschlossen. Eleonora sitzt vor dem Ofen und hält einen Strauß blauer Anemonen vor sich hin. Benjamin von rechts herein. Eleonora. Wo bist du so lange gewesen, Benjamin? Benjamin. Es war gar nicht lange! Eleonora. Ich habe mich nach dir gesehnt! Benjamin. Wo bist du denn gewesen, Eleonora? Eleonora. Ich bin auf dem Markt gewesen und habe Anemonen gekauft, und nun will ich sie wärmen, denn sie haben gefroren, die Ärmsten! Benjamin. Wo ist die Sonne? Eleonora. Hinter den Nebeln; da sind keine Wolken heute, es sind nur Seenebel, denn sie riechen salzig ... Benjamin. Sahest du, daß die Vögel da draußen noch leben? Eleonora. Ja, und es fällt keiner zur Erde, ohne Gottes Willen. Aber auf dem Markt waren tote Vögel ... Elis von rechts herein. Ist die Zeitung gekommen? Eleonora. Nein, Elis. Elis geht über die Bühne; als er in der Mitte des Zimmers ist, kommt Kristina von links herein. Kristina ohne Elis zu beachten. Ist die Zeitung schon da? Eleonora. Nein, sie ist noch nicht gekommen! Kristina geht über die Bühne nach rechts, an Elis vorbei, der nach links hinausgeht, ohne daß sie einander ansehen. Eleonora. Huh! wie kalt es wurde! Es ist Haß hier ins Haus gekommen! Solange hier Liebe war, konnte man alles ertragen. Aber jetzt, huh, wie kalt! Benjamin. Warum fragen sie nach der Zeitung? Eleonora. Verstehst du das nicht? Da soll es ja stehen ... Benjamin. Was? Eleonora. Alles zusammen! Der Einbruch, die Polizei und noch mehr ... Frau Heyst von rechts. Ist die Zeitung schon da? Eleonora. Nein, liebe Mama! Frau Heyst geht wieder nach rechts hinaus. Sag es mir zuerst, wenn sie kommt! Eleonora. Die Zeitung, die Zeitung! – – – Ach, wenn doch die Druckerei entzweigegangen wäre, wenn doch der Redakteur krank geworden wäre! ... Nein, so darf man nicht sagen! Weißt du, ich war übernacht bei Vater ... Benjamin. Übernacht? Eleonora. Ja, im Schlaf ... und dann war ich in Amerika bei der Schwester ... sie hatte vorgestern für dreißig Dollars verkauft, und dann hat sie fünf verdient. Benjamin. Ist das viel oder wenig? Eleonora. Das ist ganz viel! Benjamin listig. Hast du Bekannte getroffen, als du auf dem Markt warst? Eleonora. Warum fragst du danach? Du sollst mir gegenüber nicht listig sein, Benjamin, du willst meine Geheimnisse wissen, aber die bekommst du nicht zu wissen. Benjamin. Und du glaubst, daß du meine auf die Art zu wissen bekommst? Eleonora. Hörst du, wie es in den Telephondrähten singt? Also jetzt ist die Zeitung erschienen, und nun telephonieren die Menschen! »Haben Sie gelesen?« »Ja, ich habe gelesen!« »Ist es nicht schrecklich?« Benjamin. Was ist schrecklich? Eleonora. Alles! Das ganze Leben ist schrecklich! Aber wir müssen doch noch zufrieden sein! ... Denke an Elis und Kristina; sie haben sich lieb, und sie hassen einander doch, so daß das Thermometer fällt, wenn sie durch das Zimmer gehen! Sie war gestern im Konzert, und heute sprechen sie nicht zusammen ... warum, warum? Benjamin. Weil dein Bruder eifersüchtig ist! Eleonora. Nenne nicht das Wort! Was weißt du übrigens weiter davon, als daß es eine Krankheit und folglich eine Strafe ist. Man soll nicht an dem Bösen rühren, denn da kommt es über einen! Sieh nur Elis an; hast du nicht bemerkt, wie verändert er ist, seit er angefangen hat, in diesen Papieren zu lesen ... Benjamin. In den Gerichtsverhandlungen? Eleonora. Ja! Ist es nicht, als wenn alle Bosheit da in seine Seele gedrungen wäre und jetzt aus seinem Gesicht und seinen Blicken herausleuchtete? ... Das fühlt Kristina, und damit sein Böses nicht über sie kommt, macht sie sich einen Panzer aus Eis! Ach, diese Papiere! Wenn ich sie verbrennen dürfte! Es strahlt Bosheit und Haß und Rache von ihnen heraus. Darum, mein Kind, sollst du das Böse und das Unreine dir fernhalten, sowohl von deinen Lippen als auch von deinem Herzen! Benjamin. Wie du doch alles beachtest! Eleonora. Weißt du, was mir bevorsteht, falls Elis und die andern erfahren, daß ich die Osterblume auf so ungewöhnliche Weise gekauft habe? Benjamin. Was werden sie dir tun? Eleonora. Ich werde zurückgeschickt ... dahin, woher ich gekommen bin, wo die Sonne nicht scheint, wo die Wände weiß sind und kahl wie in einem Badezimmer, wo man nur Weinen und Klagen hört, wo ich ein Jahr meines Lebens versessen habe! Benjamin. Wo meinst du? Eleonora. Wo man ärger gequält wird als im Gefängnis, wo die Unseligen wohnen, wo die Unruhe zu Hause ist, wo die Verzweiflung Tag und Nacht wacht, und woher niemand zurückkehrt. Benjamin. Ärger als im Gefängnis, wo meinst du? Eleonora. Im Gefängnis ist man verurteilt, da aber ist man verdammt! Im Gefängnis wird man untersucht und gehört, aber dort ist man ungehört! ... Die arme Osterblume, die schuld daran ist; ich wollte so gut und tat so übel! Benjamin. Aber warum gehst du nicht zum Blumenhändler und sagst: »so ist es gewesen«? Du bist ganz wie ein Lamm, das geschlachtet werden soll. Eleonora. Wenn es weiß, daß es geschlachtet werden soll, so klagt es nicht und sucht nicht zu entfliehen. Was kann es auch andres tun? Elis von links herein, einen Brief in der Hand. Ist die Zeitung noch nicht gekommen? Eleonora. Nein, mein Bruder! Elis wendet sich um, spricht nach der Küche hinaus. Lina soll hingehen und eine Zeitung kaufen! ... Frau Heyst von rechts herein. Eleonora und Benjamin erschrecken. Elis zu Eleonora und Benjamin. Geht einen Augenblick hinaus, Kinder, dann seid ihr lieb! Eleonora und Benjamin ab nach links. Frau Heyst. Du hast einen Brief bekommen? Elis. Ja! Frau Heyst. Von der Anstalt? Elis. Ja! Frau Heyst. Was wollen sie? Elis. Sie fordern Eleonora zurück. Frau Heyst. Die bekommen sie nicht! Sie ist mein Kind! Elis. Meine Schwester. Frau Heyst. Wie denkst du denn darüber? Elis. Ich weiß es nicht! Ich kann nicht mehr denken! Frau Heyst. Aber das kann ich! ... Eleonora, das Sorgenkind, ist mit Freude gekommen, jedoch nicht mit der Freude dieser Welt; ihre Unruhe hat sich in Frieden verwandelt, den sie um sich verbreitet! Klug oder nicht! In meinen Augen ist sie weise, denn sie weiß die Lasten des Lebens besser zu tragen als ich, als wir. Übrigens, Elis, bin ich klug, war ich klug, als ich meinen Gatten für unschuldig hielt? Ich wußte ja, daß er durch das Beweismaterial überführt war, durch handgreifliche Beweise, und daß er selbst gestanden hatte! ... Und du, Elis, bist du bei Vernunft, da du nicht siehst, daß Kristina dich liebt? Da du glaubst, daß sie dich haßt? Elis. Das ist eine sonderbare Art zu lieben! Frau Heyst. Nein! Deine Kälte macht sie inwendig gefrieren, und du bist es, der haßt. Aber du hast unrecht, und darum mußt du leiden! Elis. Wie kann ich unrecht haben? Ging sie nicht gestern abend mit meinem treulosen Freund aus! Frau Heyst. Ja, das tat sie, und mit deinem Wissen. Aber warum sie ging? Ja, das solltest du ahnen können! Elis. Nein, das kann ich nicht! Frau Heyst. Wohlan! Dann muß es dir so ergehen, wie es dir geht! Die Küchentür wird geöffnet, eine Hand reicht eine Zeitung herein, die Frau Heyst in Empfang nimmt und an Elis gibt. Elis. Dies war das einzige wirkliche Unglück! Mit ihr konnte ich das andere tragen! Aber jetzt stürzte die letzte Stütze, jetzt falle ich. Frau Heyst. Falle, aber falle richtig, dann kannst du dich später wieder erheben! ... Was steht Neues in der Zeitung? Elis. Ich weiß nicht; ich fürchte mich heute vor der Zeitung! Frau Heyst. Gib sie mir, dann will ich sie lesen! Elis. Nein, warte einen Augenblick! ... Frau Heyst. Was fürchtest du, was ahnt dir? ... Elis. Das Allerschlimmste! Frau Heyst. Das ist schon so viele Male der Fall gewesen. Und du, Kind, wenn du mein Leben kenntest ... wenn du es erlebt hättest, wie ich deinen Vater Schritt für Schritt ins Verderben gehen sah, ohne die vielen warnen zu können, die er ins Unglück stürzte! Als er fiel, fühlte ich mich mitschuldig, denn ich war Mitwisserin des Verbrechens, und wäre der Richter nicht ein verständiger Mann gewesen, der meine schwierige Stellung als Ehefrau begriff, so wäre ich ebenfalls bestraft worden! Elis. Was brachte ihn, unsern Vater, zu Fall? Ich habe es nie verstehen können! Frau Heyst. Der Hochmut, der uns alle zu Fall bringt! Elis. Warum sollen wir Unschuldigen für seinen Fehler leiden? Frau Heyst. Schweig! ... Pause, während der sie die Zeitung nimmt und liest. Elis bleibt anfangs unruhig stehen, gebt dann auf und nieder. Frau Heyst. Was ist denn dies? ... Sagte ich nicht, daß unter anderm eine gelbe Tulpe in dem Blumenladen gestohlen sei? Elis. Ja, dessen entsinne ich mich ganz bestimmt! Frau Heyst. Aber hier steht ... eine Osterblume! Elis erschreckt. Steht das da? Frau Heyst sinkt auf einen Stuhl nieder. Es ist Eleonora! O Gott! mein Gott! Elis. Es war also noch nicht genug! Frau Heyst. Das Gefängnis oder die Anstalt! Elis. Es ist unmöglich, daß sie es getan hat! Unmöglich! Frau Heyst. Und nun soll der Familienname wieder in den Mund der Leute und entehrt werden ... Elis. Hegt man Verdacht gegen sie? Frau Heyst. Da steht, daß der Verdacht in einer bestimmten Richtung geht ... Das sind ganz offenbar wir! Elis. Ich werde mit ihr reden! Frau Heyst erhebt sich. Sprich lieb! Denn ich kann nicht mehr! ... Sie ist verloren ... wiedergefunden und verloren ... Sprich mit ihr! Nach rechts hinaus. Elis. Ach! Geht nach der Tür links. Eleonora, mein Kind! Komm, ich möchte mit dir sprechen. Eleonora herein, mit aufgelöstem Haar. Ich wollte gerade mein Haar aufstecken! Elis. Laß das nur! ... Sage mir, liebe Schwester, woher hast du die Blume da? Eleonora. Ich habe sie genommen ... Elis. Ach Gott! Eleonora gesenkten Hauptes, vernichtet, die Arme über der Brust gekreuzt. Aber ich habe das Geld daneben gelegt! ... Elis. Sie also bezahlt? Eleonora. Ja und nein! Es ist immer so ärgerlich ... aber ich habe nichts Böses getan ... ich wollte nur Gutes... glaubst du mir? Elis. Ich glaube dir, Schwester; aber die Zeitung weiß nicht, daß du ohne Schuld bist! Eleonora. Lieber, dann muß ich auch das leiden ... Sie senkt den Kopf, so daß das Haar vornüber hängt. Was wird man nun mit mir tun? Mag man es tun! Benjamin von links herein, außer sich. Nein, sie dürfen sie nicht anrühren, denn sie hat nichts Böses getan. Ich weiß es, denn ich war es, ich, ich – weint – ich hab es getan! Eleonora. Glaub nicht, was er sagt ... ich hab es getan! Elis. Was soll ich glauben; wem soll ich glauben? Benjamin. Mir! mir! Eleonora. Mir! mir! Benjamin. Lassen Sie mich nach der Polizei gehen ... Elis. Still! Still! Benjamin. Nein, ich will gehen, ich will gehen! Elis. Still, Kinder! Mama kommt! Frau Heyst kommt in heftiger Erregung herein, schließt Eleonora in die Arme und küßt sie. Kind, Kind, mein geliebtes Kind! Du bist bei mir, und du bleibst bei mir. Eleonora. Du küßt mich, Mutter? Das hast du seit vielen Jahren nicht getan. Warum erst jetzt? Frau Heyst. Weil eben jetzt ... weil der Blumenhändler da draußen ist und um Entschuldigung bittet, daß er so viel Ärgernis erregt hat ... das verlorene Geld ist wiedergefunden, und dein Name ... Eleonora wirft sich Elis an die Brust und küßt ihn; dann umarmt sie Benjamin und küßt ihn auf den Kopf. Du gutes Kind, das für mich leiden wollte! Wie konntest du das nur wollen? Benjamin verschämt, kindlich. Weil ich dich so lieb habe, Eleonora! Frau Heyst. Zieht euch jetzt an, Kinder, und geht in den Park hinaus. Es klärt sich auf! Eleonora. Ach, es klärt sich auf! Komm, Benjamin! Nimmt seine Hand; sie gehen Hand in Hand nach links hinaus. Elis. Wollen wir die Rute nicht bald ins Feuer werfen? Frau Heyst. Noch nicht! Da ist noch etwas! Elis. Du meinst Lindkvist? Frau Heyst. Er steht da draußen! Aber er ist höchst sonderbar und unerklärlich weich; nur schade, daß er so viel Worte macht und so viel von sich selbst redet. Elis. Nun, seit ich einen Sonnenstrahl gesehen habe, fürchte ich mich nicht, dem Riesen zu begegnen. Mag er kommen! Frau Heyst. Reize ihn aber nicht ... Die Vorsehung hat unser Geschick in seine Hand gelegt, und die Sanftmütigen ... du weißt ja, wohin der Hochmut führt! Elis. Ich weiß es! ... Hör nur, die Galoschen: Nager, Nager, nag, witsch! Hat er die Absicht, damit herein zu kommen? Warum auch nicht? Es sind seine Teppiche und Möbel ... Frau Heyst. Elis! Denke an uns alle! Ab nach rechts. Elis. Das tue ich, Mutter! Lindkvist kommt von rechts herein. Er ist ein älterer, ernster Mann mit einem düstern Ausdruck. Er hat graues Haar mit Toupet und Husarenschläfen. Große, schwarze, buschige Brauen. Kleinen kurzgeschnittenen schwarzen Schnurrbart. Brille mit schwarzer Hornfassung, zirkelrunde Gläser. Große Karneolberlocke an der Uhrkette, Rohrstock in der Hand. Schwarz gekleidet, mit Pelz; Zylinder in der Hand; Schaftstiefel mit Ledergamaschen, die knarren. Beim Eintreten betrachtet er Elis neugierig und bleibt stehen. Lindkvist ist mein Name! Elis im Verteidigungszustand. Kandidat Heyst der meine! ... Nehmen Sie bitte Platz. Lindkvist setzt sich auf den Stuhl rechts vom Schreibtisch und sieht Elis starr an. Pause. Elis. Womit kann ich dienen? Lindkvist feierlich. Hm! – Ich hatte die Ehre, schon gestern abend meinen beabsichtigten Besuch anzukündigen; aber bei näherer Überlegung fand ich es unpassend, an einem Festtag über Geschäfte zu verhandeln. Elis. Wir sind Ihnen sehr dankbar. Lindkvist scharf. Wir sind nicht dankbar! Ja! Pause. Immerhin; vorgestern machte ich zufällig einen Besuch beim Landeshauptmann. Hält inne und beobachtet, welchen Eindruck das Wort auf Elis macht. ... Kennen Sie den Landeshauptmann? Elis nachlässig. Habe nicht die Ehre! Lindkvist. Da wird Ihnen die Ehre zuteil werden! ... Dort sprachen wir von Ihrem Vater! Elis. Das will ich gern glauben! Lindkvist nimmt ein Papier aus der Tasche und legt es auf den Tisch. Und da bekam ich dies Papier. Elis. Das habe ich lange erwartet! Aber ehe wir weitergehen, möchte ich Sie noch etwas fragen! Lindkvist kurz. Bitte schön! Elis. Warum übergaben Sie dies Papier nicht dem Gerichtsvollzieher, dann wären wir wenigstens dieser qualvollen und langsamen Hinrichtung überhoben? Lindkvist. So, so, junger Mann! Elis. Jung oder nicht, ich begehre keine Gnade, nur Gerechtigkeit! Lindkvist. So! Also keine Gnade, keine Gnade! – Sehen Sie sich dies Papier an, das ich auf die Tischkante gelegt habe, hier! Jetzt stecke ich es wieder ein! ... Also Gerechtigkeit! Nur Gerechtigkeit! Hören Sie einmal, alter Freund: einmal bin ich beraubt worden, auf unangenehme Weise meines Geldes beraubt worden. Als ich damals ganz bescheiden an Sie schrieb und Sie fragte, eines wie langen Aufschubs Sie bedürften, da – antworteten Sie unhöflich! Und behandelten mich, als sei ich ein Wucherer, der Witwen und Waisen ausplündern wollte, obwohl ich der Ausgeplünderte war und Sie der Räuberpartei angehörten. Da ich aber der Verständigere war, begnügte ich mich damit, ihre unhöfliche Beschuldigung mit einer höflichen, aber scharfen zu beantworten! Sie kennen mein blaues Papier, wie? Ich kann Stempel darauf setzen, wenn ich will, aber ich will nicht immer! Sieht sich im Zimmer um. Elis. Bitte schön, die Möbel stehen zu Ihrer Verfügung! Lindkvist. Ich sah mir nicht die Möbel an! Ich sah nach, ob Ihre Mutter hier sei! Sie liebt vermutlich die Gerechtigkeit ebenso sehr wie Sie! Elis. Das hoffe ich! Lindkvist. Gut! ... Wissen Sie, daß wenn man der von Ihnen so hochgeschätzten Gerechtigkeit ihren Gang ließe, so hätte Ihre Mutter, als Mitwisserin der verbrecherischen Handlung, von der menschlichen Gerechtigkeit getroffen werden müssen! Elis. Ach nein! Lindkvist. Freilich, und es ist auch jetzt noch nicht zu spät! Elis erhebt sich. Meine Mutter! Lindkvist holt ein anderes, aber blaues Papier heraus und legt es auf den Tisch. Sehen Sie, jetzt lege ich dieses Papier hier auf die Tischkante, und es ist wirklich blau ... doch noch ohne Stempel. Elis. Herr Gott, meine Mutter! Alles geht um! Lindkvist. Ja, mein junger Liebhaber der Gerechtigkeit, alles geht um! alles! ... So kann es sein! ... Wenn ich mir diese Frage nun selbst stellen sollte: Du, Anders Johan Lindkvist, in Armut geboren und in Entsagungen und Armut erzogen, hast du das Recht, in deinem Alter dich und deine Kinder, beachten Sie: deine Kinder, der Unterstützung zu berauben, die du mit Fleiß, Nachdenken und Entbehrungen, beachten Sie: Entbehrungen, Heller für Heller aufgespart hast? Was mußt du, Anders Johan Lindkvist, tun, wenn du gerecht sein willst? Du hast niemand geplündert, aber wenn du es für übel erachtet, daß du geplündert wurdest, so kannst du nicht mehr in einer Stadt wohnen, denn niemand wird den Unbarmherzigen grüßen, der das Seine zurückverlangte! Sehen Sie wohl, daß es eine Barmherzigkeit gibt, die gegen das Recht geht und über das Recht. Das ist die Gnade! Elis. Sie haben das Recht, nehmen Sie alles! Es gehört Ihnen! Lindkvist. Ich habe das Recht, aber ich wage nicht, es zu gebrauchen! Elis. Ich will an Ihre Kinder denken und nicht klagen! Lindkvist steckt das Papier ein. Gut! Dann stecken wir das blaue Papier wieder ein! ... Jetzt gehen wir einen Schritt weiter! Elis. Verzeihen Sie ... hat man wirklich die Absicht, meine Mutter anzuklagen? Lindkvist. Jetzt gehen wir erst einen Schritt weiter! ... Sie kennen also den Landeshauptmann nicht persönlich? Elis. Nein, ich will ihn auch nicht kennen! Lindkvist zieht das blaue Papier wieder heraus und winkt damit. Sachte, sachte! Der Landeshauptmann, wissen Sie, war ein Jugendfreund Ihres Vaters, und er wünscht Sie kennen zu lernen! Alles geht um, alles! Wollen Sie ihn nicht besuchen? Elis. Nein! Lindkvist. Der Landeshauptmann ... Elis. Wollen wir nicht von etwas anderm reden? Lindkvist. Sie sollen artig gegen mich sein, denn ich bin wehrlos ... sintemal Sie das Urteil der Welt auf Ihrer Seite haben und ich nur die Gerechtigkeit. Was haben Sie gegen den Landeshauptmann? Er ist nicht für Radfahren und Volkshochschulen, das gehört zu seinen kleinen Eigenheiten. Wir brauchen Eigenheiten ja nicht gerade zu respektieren, aber wir gehen an ihnen vorüber, gehen an ihnen vorüber und halten uns an die Hauptsachen, von Mensch zu Mensch! Und in den großen Krisen des Lebens müssen wir einander mit Fehlern und Schwächen hinnehmen, einander mit Haut und Haar überschlucken! ... Gehen Sie zum Landeshauptmann! Elis. Nie! Lindkvist. Sind Sie so einer? Elis bestimmt. Ja, so einer! Lindkvist steht auf und geht im Zimmer auf und nieder mit seinen knarrenden Stiefeln, während er mit dem blauen Papier winkt. Das ist schlimm! Das ist schlimm! Nun, dann will ich an einem andern Ende anfangen! ... Eine rachsüchtige Person hat die Absicht, Ihre Mutter anzuklagen. Das können Sie verhindern! Elis. Wie? Lindkvist. Gehen Sie zum Landeshauptmann. Elis. Nein! Lindkvist geht auf Elis zu und packt ihn bei den Schultern. Dann sind Sie der erbärmlichste Mensch, der mir in meinem Leben vorgekommen ist! ... Und nun gehe ich selbst zu Ihrer Mutter! Elis. Gehen Sie nicht zu ihr! Lindkvist. Wollen Sie dann zum Landeshauptmann gehen? Elis. Ja! Lindkvist. Sagen Sie das noch einmal und lauter! Elis. Ja! Lindkvist. Dann wäre die Sache in Ordnung! Übergibt ihm das blaue Papier. Da ist das Papier! Elis empfängt das Papier, ohne es zu lesen. Lindkvist. Dann kommen wir zu Nummer zwei; eigentlich Nummer eins! ... Wollen wir uns setzen! ... Sie setzen sich wie vorhin. ... Sehen Sie, wenn wir uns nur entgegenkommen könnten, dann wird der Weg um die Hälfte kürzer! ... Nummer zwei! ... Das ist meine Forderung hier auf Ihr Inventar! ... Ja, keine Illusionen, denn den gemeinsamen Besitz meiner Familie kann und will ich nicht verschenken! Ich will meine Forderung bis auf den letzten Heller beglichen haben! Elis. Das verstehe ich! Lindkvist scharf. So, also das verstehen Sie? Elis. Ich wollte nichts Beleidigendes damit sagen ... Lindkvist. Nein, ich begreife es. Hebt die Brille in die Höhe und fixiert Elis. Der Nager! Der arge Nager! Rute, Rute! Und der fleischrote Karneol; der Riese im Skinnarviksberge, der keine kleinen Kinder frißt, sondern sie nur bange macht! Ich will Sie bange machen, so daß Sie den Verstand verlieren, ja. Der Wert jedes Stücks Möbel soll heraus ... ich habe das Verzeichnis hier in der Tasche, und fehlt auch nur ein einziges Stück, so kommen Sie ins Loch, wo weder die Sonne noch die Cassiopeja scheint! Ja, ich kann kleine Kinder und Witwen fressen, wenn man mich reizt. Und die öffentliche Meinung? Auf die pfeif ich ... ich ziehe nur ganz einfach in eine andere Stadt. Elis sprachlos. Lindkvist. Sie hatten einen Freund, der Petrus hieß, Petrus Holuchlad. Er ist Sprachgelehrter und war Schüler der Sprachwissenschaften. Aber Sie wollten ihn zu einer Art von Propheten machen ... Nun ja, er war treulos; zwei Mal krähte der Hahn, nicht wahr? Elis schweigt. Lindkvist. Die menschliche Natur ist unzuverlässig so wie die Dinge und die Gedanken; Petrus war treulos, ich leugne das nicht, und verteidige ihn nicht. In diesem Punkt! Aber das Menschenherz ist bodenlos, und da liegt Gold und Kehricht durcheinander: Petrus war ein treuloser Freund, aber ein Freund trotzdem! Elis. Ein treuloser ... Lindkvist. Ein treuloser, nun ja, aber ein Freund trotzdem. Dieser treulose Freund hat Ihnen ohne Ihr Wissen einen großen Freundschaftsdienst erwiesen. Elis. Auch das noch! Lindkvist rückt näher an Elis heran. Alles geht um, alles! Elis. Alles Böse, ja! Und das Gute wird mit Bösem gelohnt! Lindkvist. Nicht immer; auch das Gute geht um! Glauben Sie mir! Elis. Ich bin wohl dazu gezwungen, sonst quälen Sie mir das Leben aus dem Leibe! Lindkvist. Nicht das Leben, sondern den Hochmut und die Bosheit will ich aus Ihnen herauspressen! Elis. Fahren Sie fort! Lindkvist. Petrus hat Ihnen einen Dienst geleistet, sagte ich! Elis. Ich will keine Dienste von dem Mann annehmen! Lindkvist. Sind wir nun wieder da angelangt? ... Hören Sie jetzt! Durch die Vermittlung Ihres Freundes Petrus ist der Landeshauptmann bewogen worden, für Ihre Mutter einzutreten. Deswegen sollen Sie jetzt einen Brief an Petrus schreiben und ihm danken! Versprechen Sie das! Elis. Nein! Jedem andern Menschen in der Welt, nur ihm nicht! Lindkvist rückt näher. Ich muß Sie wohl wieder pressen, so ... hören Sie jetzt, Sie haben Geld auf der Bank stehen! Elis. Was geht das Sie an? Ich hafte doch nicht für die Schulden meines Vaters. Lindkvist. Sie meinen nicht! Sie meinen nicht! Haben Sie nicht mit gegessen und getrunken, als das Geld meiner Kinder hier im Hause verausgabt wurde? Antworten Sie! Elis. Ich kann es nicht leugnen! Lindkvist. Und da die Möbel nicht zur Tilgung der Schulden ausreichen, so schreiben Sie sofort einen Scheck auf den Rest aus – Sie kennen die Summe. Elis vernichtet. Auch das noch? Lindkvist. Auch das noch! Haben Sie die Güte zu schreiben! Elis steht auf, zieht das Scheckbuch aus der Tasche und schreibt am Schreibtisch. Lindkvist. Stellen Sie ihn auf sich selbst oder Order aus. Elis. Das reicht auch noch nicht! Lindkvist. Da werden Sie hingehen und den Rest leihen müssen. Es soll bis auf den letzten Heller heraus! Elis reicht Lindkvist den Scheck. Sehen Sie hier alles, was ich besitze! Das ist mein Sommer und meine Braut; mehr habe ich nicht zu geben! Lindkvist. Dann müssen Sie hingehen und leihen, wie ich Ihnen sagte! Elis. Das kann ich nicht! Lindkvist. Dann müssen Sie einen Bürgen suchen! Elis. Es gibt niemand, der die Bürgschaft für einen Heyst übernehmen würde! Lindkvist. Ich will Ihnen jetzt als Ultimatum die beiden Alternativen vorlegen: Danken Sie Petrus, oder heraus mit der ganzen Summe! Elis. Ich will nichts mit Petrus zu schaffen haben. Lindkvist. Dann sind Sie der erbärmlichste Mensch, den ich kenne! Sie können durch eine einfache Höflichkeitsbezeugung das Besitztum Ihrer Mutter und die Existenz Ihrer Braut retten, und Sie tun es nicht! Da muß ein Beweggrund sein, mit dem Sie nicht herausrücken wollen! Warum hassen Sie Petrus? Elis. Töten Sie mich, aber foltern Sie mich nicht länger! Lindkvist. Sie sind eifersüchtig auf ihn! Elis zuckt die Achseln. Lindkvist. So verhält es sich! ... Steht auf und geht durch das Zimmer. Pause. Haben Sie die Morgenzeitung gelesen? Elis. Ja, leider! Lindkvist. Das ganze Blatt? Elis. Nein, nicht das ganze. Lindkvist. Nun ja! ... Also da wissen Sie nicht, daß Petrus sich verlobt hat? Elis. Das wußte ich nicht! Lindkvist. Und Sie wissen auch nicht, mit wem? Raten Sie! Elis. Wie ... Lindkvist. Er hat sich mit Fräulein Alice verlobt, und die Sache ist gestern zum Abschluß gekommen, in einem gewissen Konzert, wo Ihre Braut als Vermittlerin mitwirkte. Elis. Warum mußte die Sache so geheim sein? Lindkvist. Haben zwei junge Menschen nicht das Recht, ihre Herzensgeheimnisse vor Ihnen zu haben? Elis. Und um ihres Glückes willen mußte ich diese Qualen erleiden? Lindkvist. Ja! für die, die gelitten haben, um Ihnen Glück zu bereiten! ... Ihre Mutter, Ihr Vater, Ihre Braut, Ihre Schwester ... Setzen Sie sich, dann will ich Ihnen eine Geschichte erzählen, ganz kurz. Elis setzt sich widerwillig. Während des vorigen und des folgenden Auftritts klärt es sich draußen auf. Lindkvist. Es war vor ungefähr vierzig Jahren! Ich kam als Jüngling nach der Hauptstadt, einsam, unbekannt und ohne Bekanntschaften, um eine Stellung zu suchen. Ich besaß nur einen Reichstaler, und es war ein dunkler Abend. Da ich kein billiges Hotel kannte, fragte ich Vorübergehende, aber niemand antwortete mir. Als ich den Gipfelpunkt der Verzweiflung erreicht hatte, kam ein Mann und fragte, warum ich weine! – ich weinte nämlich. Ich klagte ihm meine Not. Da kehrte er auf seinem Wege um, begleitete mich in ein Hotel und tröstete mich mit freundlichen Worten. Als ich durch die Vorhalle ging, wurde die Glastür zu einem Laden aufgeschlagen und traf meinen Ellbogen, so daß die Glasscheibe zerbrach. Der aufgeregte Ladenbesitzer hielt mich an und forderte Bezahlung, sonst würde er die Polizei rufen. Stellen Sie sich meine Verzweiflung vor bei der Aussicht, eine Nacht auf der Straße zubringen zu müssen! – Der wohlwollende Unbekannte, der den Vorfall mit angesehen hatte, macht sich die Mühe, die Polizei zu rufen, und rettet mich! ... Dieser Mann – war Ihr Vater! ... So geht alles um, auch das Gute. Und um Ihres Vaters willen ... habe ich meine Forderung getilgt! Deswegen ... nehmen Sie dies Papier, und behalten Sie diesen Scheck! Steht auf. Da es Ihnen schwer wird zu danken, so gehe ich sofort, namentlich da ich es peinlich finde, Dank anzunehmen! Nähert sich der Tür im Hintergrund. Gehen Sie statt dessen sofort zu Ihrer Mutter und befreien Sie sie von der Unruhe! Macht eine abwehrende Bewegung, als Elis ihm danken will. Gehen Sie! Elis eilt nach rechts hinaus. Die Tür im Hintergrund wird geöffnet. Eleonora und Benjamin kommen herein, ruhig aber ernsthaft; bleiben erschreckt stehen, als sie Lindkvist sehen. Lindkvist. Nun, ihr Kleinen, kommt nur herein und seid nicht bange ... wißt ihr, wer ich bin? Mit verstellter Stimme. Ich bin der Riese aus dem Skinnarviksberge, der die Kinder bange macht! Muh! muh! ... Aber ich bin nicht so schlimm! – Komm her, Eleonora! Nimmt ihren Kopf zwischen seine Hände und sieht ihr in die Augen. Du hast die guten Augen deines Vaters, und er war ein guter Mann – aber schwach! Küßt sie auf die Stirn. Da! Eleonora. Und er spricht gut von Vater! Kann jemand Gutes über ihn denken? Lindkvist. Das kann ich! Frage nur Bruder Elis! Eleonora. Da können Sie uns doch nichts Böses tun? Lindkvist. Nein, mein geliebtes Kind! Eleonora. Aber dann helfen Sie uns doch! Lindkvist. Kind, ich kann deinen Vater nicht von seiner Strafe befreien, Benjamin nicht von dem schriftlichen Latein ... aber das andere ist schon besorgt. Das Leben gibt nicht alles, und es gibt nichts gratis. Deswegen sollst du mir helfen. Willst du das? Eleonora. Was kann ich tun, ich Ärmste? Lindkvist. Was für ein Tag ist es heute? Sieh nach! Eleonora nimmt den Kalender von der Wand. Es ist der Sechzehnte! Lindkvist. Vor dem Zwanzigsten sollst du Bruder Elis veranlassen, einen Besuch beim Landeshauptmann zu machen und einen Brief an Petrus zu schreiben. Eleonora. Nichts weiter? Lindkvist. O, du Kind! Aber wenn er es nicht tut kommt der Riese und sagt Muh! Eleonora. Warum muß der Riese kommen und die Kinder bange machen? Lindkvist. Damit die Kinder artig werden! Eleonora. Das ist wahr! Der Riese hat recht! Küßt Lindkvist auf den Pelzärmel. Hab Dank, du guter Riese! Benjamin. Du mußt Herr Lindkvist sagen, hörst du! Eleonora. Nein, das ist so gewöhnlich – der Name ...! Lindkvist. Lebt wohl, Kinder! Jetzt könnt ihr die Rute ins Feuer werfen! Eleonora. Nein, die soll da sitzen bleiben, denn die Kinder sind so vergeßlich. Lindkvist. Wie gut du die Kinder kennst, du Kleine! Ab. Eleonora. Wir werden aufs Land kommen, Benjamin! in zwei Monaten! Ach, wenn die doch schnell vergehen wollten! Reißt Blätter von dem Kalender und streut sie in den Sonnenstreif, der in das Zimmer fällt. Siehst du, wie die Tage vergehen! April! Mai! Juni! Und die Sonne scheint auf sie alle herab! Sieh nur ...! Jetzt sollst du Gott danken, der uns half, daß wir aufs Land kommen! Benjamin verschämt. Kann ich das nicht leise sagen? Eleonora. Ja, du darfst es leise sagen! Denn nun ist die Wolke weg, und da kann man es da oben hören! Kristina ist von links hereingekommen und stehen geblieben, Elis und Frau Heyst von rechts. Kristina und Elis geben mit freundlichen Mienen aufeinander zu, aber der Vorhang fällt, ehe sie sich erreicht haben.