Hermann Stehr Nathanael Maechler Roman * Einmalige Ausgabe Deutsche Hausbücherei / Hamburg Band 8 der 20. Jahresreihe Dieses Buch erscheint hiermit in Einmaliger Ausgabe für die Deutsche Hausbücherei, Hamburg 36, Schließfach 233 und wird nur an Mitglieder innerhalb einer Jahresreihe abgegeben. Einzeln ist es nur beim Paul List Verlag in Leipzig zu haben. Alle Rechte, besonders das des Nachdrucks, der Verfilmung, der Übersetzung und Rundfunkverbreitung sind im Besitz des Verfassers und des Paul List Verlages. Der Einbandentwurf stammt von Hans Pape. Der Druck und das Einbinden erfolgten in der Hanseatischen Verlagsanstalt A.-G., Hamburg 36 und Wandsbek. * Copyright 1929 by Paul List Verlag, Leipzig. Printed in Germany Erster Teil 1 Am 16. Mai 1852 befand sich der Gerbergesell Nathanael Maechler in ruhiger Wanderung auf der Chaussee, die von Hohenelbe tiefer und tiefer in das Riesengebirge hineinführt. Für einen oberflächlichen Beobachter machte er den Eindruck eines Mannes, der, weit herumgekommen, sich nicht mehr an jede kleine Überraschung verliert, sondern in sich versunken, wie einer geheimen Musik lauschend, dahinging. Nur von Zeit zu Zeit riß es ihm förmlich den Kopf herauf, fast wie in einer Schleuderbewegung. Und jedesmal, ehe dies krampfhafte Heraufzucken des Kopfes ihn packte, geriet sein langausgreifender Gang in Unordnung. Die wandergewohnten Schritte verfielen in eine hastige, so merkwürdig es klingen mag, wirbelnde Unruhe, die den jungen Burschen immer etwas aus der Bahn brachte, bald nach der Mitte, bald gegen einen der Ränder der Straße hin, bis er sich aus dieser vorüberhuschenden Taumelei ärgerlich zusammenraffte und geruhig die Waldberge betrachtete, die rechts und links immer näher an den Weg herantraten, den er verfolgte und je weiter er kam, immer höher wurden, so daß er sicher war, noch weit vor dem Abend in Spindelmühl im eigentlichen Herzen dieses Gebirges anzukommen. Als er die grauen Baudenhäuser von Pommerndorf auf der besonnten, großen Wiesenmatte über sich liegen sah, fiel ihm plötzlich ein, daß er heut morgen vor seinem Wanderaufbruch auf dem Markt von Hohenelbe nach dem Denkmal des Grafen von Sporck gefragt hatte, der, wie er sich aus den Erzählungen seiner frühen Kindheit erinnerte, in der Gebärde eines großen Zornes dargestellt war, die gefaustete Rechte drohend wider die gegenüberliegende Kirche erhoben. Niemand von den Leuten, die er fragte, wußten etwas von dem Standbilde. Merkwürdig, daß Maechler im Anblick der besonnten Baudenhäuser von Pommerndorf dieses von dem Standbild sinnen mußte, das gar nicht mehr vorhanden war, und noch merkwürdiger war es, was Maechler Ungereimtes an diese Erinnerung anschloß. Er sann nämlich, daß die Menschen dort oben in den Pommerndorfer Baudenhäusern vielleicht auch, genau wie seine Vorfahren, auf der Flucht vor Bedrückung tiefer in das Gebirge gewandert seien, aber dann, von Mühsal und Müdigkeit überwältigt, hier haltgemacht, sich Hütten gebaut und langsam die Süchte ihrer Seele vergessen hätten. Vielleicht ist es so, sagte er vor sich hin und war schon im Begriff, im Graben des Brandlerbaches in die geringe Höhe hinaufzusteigen, um dort womöglich noch einen leisen, verwehten Klang der Erinnerung aus fremdem Munde zu erfahren, die sein ganzes Innere beherrschte und immer wie ein Glanz, ein hoher Schimmer in ihm blühte. Er sprang über den Graben und begann in dem kurzen Grase an dem Bache hinaufzuwandern. Als er aber auf dem schmalen Steige bis an den Wald herangedrungen war, sah er plötzlich vor sich die gleichgültigen, verwunderten Gesichter, die ihn in Leitomischl und dann in Tschermna angestarrt hatten, als er vorsichtig das Gespräch auf die böhmischen Brüder gebracht hatte, die 1735 nach dem Ketzerprozeß gegen den Grafen von Sporck über das Riesengebirge in die Lausitz ausgewandert waren. Niemand wußte mehr etwas von ihnen als nur das eine, daß es eben verzwickte Sonderlinge gewesen seien mit Zwieselköpfen, und man wunderte sich, wieso ein wandernder Handwerksbursch auf solche alfanzerische Dinge verfallen könne, die Gott sei Dank, für immer ausgestorben seien. Wie es ihm dort ergangen war, dasselbe und noch Schlimmeres würde er vielleicht dort oben in dem Nest erfahren, das sich kümmerlich inmitten der großen Wälder am Leben erhielt. Maechler nahm sein Felleisen auf die andere Achsel, rückte den darüberliegenden Kotzenmantel zurecht und kehrte in Gedanken versunken auf die Chaussee zurück. So kam er an Hackelsberg vorüber in einem Zustande, der dem Wachtraume nicht unähnlich war. Denn von den beiden Kräften, die ihn abwechselnd beherrschten, ein achtsames, ein kritisches In-die-Welt-sehen und ein lauschendes In-sich-versinken, hatte das inbrünstige Vertauchen in sein Inneres jetzt ganz von ihm Besitz ergriffen, das er von seinen Vorfahren her, den böhmischen Büdern, als eine geheime Leidenschaft in den Grundwassern seines Wesens wirken fühlte. Von Zeit zu Zeit freilich brach diese ererbte Tiefenkraft gleich einem Schrei oder Stoß aus ihm hervor, wie das letztemal in der stürmischen Herbstnacht zu Bamberg, daß er Hals über Kopf seine gute Stelle aufgeben und als nahezu Achtundzwanzigjähriger sich auf diese Wanderung begeben mußte, auf der er weder Arbeit noch Glück, sondern eigentlich nur den rechten Weg in der Welt des Lebens suchte. Nun ja, von seinen Vorfahren trug er nur den altbiblischen Namen Nathanael an sich. Ihre Glaubensinbrunst hatte er nie besessen und doch spürte er sich im Blute mit ihnen auf geheimnisvolle Weise noch verbunden, mit diesen begeisterten, geraden Männern, die um ihres Glaubens willen Haus, Hof und Heimat verlassen hatten und als Führer, nur das Leuchten ihres Innern, mit Weib und Kind durch das unwegsame, schluchtenreiche Gebirge gewandert waren, um jenseits in einem unbekannten Lande dem Frieden, der hohen Andacht ihrer Seele und dem stillen und ernsten Rechttun eines tätigen Lebens zu dienen. Die wußten, was sie sollten und wollten. »Droben Gnade, drunten Recht«, murmelte Maechler vor sich hin. Aber das ist es ja, sann er weiter, kommt die Gnade durch das Recht oder schafft das Recht die Gnade? Mit diesen Gedanken stand er wieder an dem Scheidewege, da war er wieder mitten in der Unruhe seiner Welt und auch mitten in den wilden Wirbeln seiner Zeit, denen er zu entrinnen gehofft hatte, wenn er als später Nachfahre denselben Weg ginge, den sie einst in größter Not und Daseinsmühe gepilgert waren. So schritt er fürbaß, des Schreitens nicht achtend, und bestand in einer traumhaften Hartnäckigkeit darauf, aus dem Grunde seines Wesens jenen Geist seiner Vorfahren sich heraufzuholen, der diese Männer so klar erfüllt und so zwingend deutlich geführt hatte. Aber wie in den vielen Tagen vorher, führte es auch heut zu nichts anderem, als daß die Bemühungen des Willens, alles achtsame In-sich-hineinspähen sich auflöste in den leeren Takt seiner Füße, in den Rhythmus des Ganges, der bald auch, wie die Schläge eines geheimnisvollen Metronoms durch ihn hinging. Eine Weile wogte er, man kann nicht anders sagen, so dahin wie auf stoßenden Flügeln getragen, bis seine Schritte von einer Melodie begleitet wurden, die er weder singen noch sagen konnte. Sie klang aus dem Herzen seiner eigenen Vergangenheit, aber es war auch das Brausen eines menschenvollen Platzes darin. Und plötzlich aus der Vision eines Traumes heraus, sprach Maechler zum Takt seiner Schritte vor sich hin: »Herbei, herbei, ihr Völker all, Um euer Schlachtpanier! Die Freiheit ist jetzt Feldmarschall, Und vorwärts heißen wir.« Da knallte es in seine Worte, so scharf, so nahe, daß der Gerbergesell erschreckt auffuhr, und er sah sich so dicht vor einem Ochsengespann mitten auf der Straße, daß der nächste Schritt ihm die Deichsel vor die Brust gerannt hätte. Mit einem jähen Hechtsatze sprang er zur Seite. »Hoho, du blinder Hesse!« brüllte der braunbärtige Bauer von seinem Breitwagen und fuhr unter dröhnendem Lachen vorüber. Maechler sah ihm leer nach und ging dann kopfschüttelnd seines Weges weiter. Allein es nutzte ihn nichts, der Mannheimer Taumel des Frühlings vor vier Jahren wirbelte, zum Greifen nahe, um ihn und ehe er sich's versah, ging es schon wieder schwingend durch ihn: »Laß das Herz doch wieder schlagen In der Brust der kalten Welt.« Er blieb betroffen stehen, sah sich um, ob irgend jemand in der Nähe das gehört haben könnte, was vielleicht doch laut aus ihm gefahren war. Rechts und links von der Straße jäh aufsteigende Waldwände und sogar vor ihm die Welt grün zugemauert von einem steilen Berg. Das Abwasser aber versuchte in ungeschwächter, jahrhundertealter Hartnäckigkeit, von seinem Tallauf abgezwängt, sich mitten durch die Berge zu bohren, strudelte ohnmächtig gegen die Wand, kreiste und schäumte und trieb dann seine Wellen in anderer Richtung weiter, eilig und glänzend, nicht, als ob es eben bezwungen worden, nein, als ob seine Niederlage ein Sieg sei. Maechler setzte sich auf einen Straßenstein, schob seinen Wanderranzen auf dem Rücken bequemer, hielt seinen Stecken gemächlich zwischen den gespreizten Beinen und sah gedankenvoll in das Flüßlein hinunter, das ihm so, ohne es zu wollen und zu wissen, den Lauf der Welt und sein eigenes Gehabe erzählte. Na ja, war das in dem hexentollen achtundvierziger Frühjahr in Mannheim nicht genau so gewesen? Das ganze Deutschland in einer Klemme zusammengepreßt wie hier, so sagten doch damals alle Leute. Die Fürsten peinigten und piesackten das Volk, dem sie kein anderes Recht ließen, als Steuern zu zahlen und keine andere Stimme, als zu seufzen und im geheimen zu klagen. Ganz Deutschland war ein Zuchthaus, kein Staat, und es sollte anders, es sollte ein Paradies werden, in dem die Wahrheit frei und die Freiheit wahr war. Und Baden raffte sich zuerst auf, um den Stoß zu führen, den Todesstoß gegen die Brust der Tyrannei. In allen Schenken brodelte es. Niemand achtete seines Gewerbes. Zu allen Tageszeiten marschierten auf den Straßen die Kompagnien der Bürgerwehr. Ansammlungen auf allen Plätzen, und wenn Hecker an der Spitze der Volkswehr auf seinem Schimmel vorüberzog, das Schwert an der Seite, den Federhut aus der Stirn gerückt, dann war ganz Mannheim ein einziger Jubel, als sei er des Volkes Heiland und Erlöser. – Freilich, wenn er in jenem feuermulmigen achtundvierziger Frühjahr von dem Zucken seiner verrückten Junggesellenfüße nicht immer weiter in das verbockte Süddeutschland getragen worden wäre, mitten in das tolle Mannheim hinein, nein, noch dazu in die vermaledeite Prungergasse mit ihrem Durchschlupf auf den Kapuzinerplatz: Ja freilich, so brauchte er jetzt nicht hier mitten im Gebirge auf einem Chausseestein zu sitzen und die Nase, wie ein verlaufener Hund, nach Witterung in die Luft zu halten, um dem richtigen Weg durch die Welt zu einem haltbaren Glück auf die Spur zu kommen. Aber, was hilft das nun, wo es ihn doch zwischen die Berge gerammt hat? Gar nichts! Und wenn er sich nachträglich selber ohrfeigen wollte, daß die Backen spiegelten, zu ändern ist an der Wirbelmühle doch nichts, in der es ihn damals gedreht hatte. Ihn und ganz Deutschland, das vielleicht auch wie er jetzt verdutzt mitten auf dem Wege sitzt und nicht ein noch aus weiß, weil mit dem altgewohnten Hott und Hü von oben eben nicht mehr von der Stelle zu kommen ist. Der andere Meister dort oben gerbt uns eben, die einen in der Weißgar-, die andern in der Lohtonne. Da ist nichts zu machen! Und umgedreht hat es auch ihn, den Nathanael Maechler, wahrhaftig, daß nur die Haare so geflogen sind. Allein alle Menschen kommen halt als Haut auf die Welt und müssen zu Leder gegerbt werden. Und wenn er sich hätte davor bewahren wollen, so durfte er damals beileibe nicht in die Prungergasse zu dem Meister Wiegand auf die Arbeitssuche gehen, sondern mußte, wie die andern Handwerksburschen, so gründlich in der Herberge randalieren, daß er schon andern Tags polizeilich abgeschoben wurde. Nein, nein, es war notwendig. Der Meister Wiegand mit dem ewigen Schleimhusten und der leisen Stimme eines Sakristans, hatte gewiß seine eigenen Augen, gesehen hat jemand anders mit ihnen, wenigstens was damals ihn anlangte, ihn, den Maechler, der, gut drei Handbreit größer, gut ausgestopft und zäh, wirklich mehr aussah wie ein blonder Draufgänger als ein sanfter Fellschaber. Genug, seine Papiere stimmten, seine Zeugnisse waren gut, und die Hauptsache, er stammte aus einer alten Gerberfamilie und war in der Lausitz im Osten von Deutschland geboren, das eigentlich schon mitten in Russisch-Polen liegt, wo man heimlich noch Tran trinkt und Fliegenpilze ißt ... Das alles flog nur so durch ihn hin. Denn die Erinnerung, dieser Wachtraum des Lebens, wenn er auf jungem Blut durch den Menschen hinfährt, bläst er mit heißem Atem in die Vergangenheit, daß nicht der Schattenflug einer Staubwolke auf uns zuweht, nein, da schiebt sich prall und knallig wirkliches Leben durch wirkliche Häuser, und was längst vorüber ist, steht zum Greifen deutlich vor uns. Maechler, den sein Schicksal gegen eine entscheidende Wand trieb, wußte bei Gott nicht, daß er in der Elbklemme auf einem Chausseestein neben dem Wasser sitze, sondern stand in der Mannheimer Prungergasse neben der Wohnstubentür dem Meister Wiegand gegenüber, der in seinen Papieren gründlich Umschau hielt. Dann hob er seine wasserblauen Augen, musterte ihn scharf, und als er umständlich seinen Schleim zurechtgehustet hatte, stellte er ihn als Geselle mit der Bedingung ein, sich von dem politischen Treiben der Arbeiter fernzuhalten. Dies sagte er mit einer hohen, frommen Stimme, als bete er den Absatz einer Litanei. Darauf verschwand seine Gestalt wie ein Rauch. Nur seine Stiefel blieben vor dem Maechler auf der Hohenelber Chaussee so tatsächlich, greifbar stehen, daß der Gerbergesell verwundert aufschaute, wie das möglich sei. Aber da war seine Erinnerung auch weggeblasen. Er saß auf dem Chausseestein in der Talenge, und ein fremder Mann stand vor ihm auf dem Wege und nickte ihm freundlich und ein wenig bekümmert zu. Ob er schwach geworden sei, fragte er den Maechler. Das nicht, antwortete der und musterte den Fremden erstaunt, der, gut weit über vierzig, wettergebräunt, mit etwas Weiß in dem Blond des Haares und des Bartes, leicht gebückt, doch fest vor ihm stand, wie es die Art der Gebirgler ist, die von Kindheit an schwer steigen und arbeiten müssen. Dabei hatte er Augen, die gleichsam über den Blick hinaus ins unbestimmte Weite sahen. Als Maechler dies festgestellt hatte, erhob er sich, vertrat sich ein wenig die Beine und stieß einen behaglichen Brummellaut aus, obwohl ihm gar nicht behaglich war. Der Fremde aber wich nicht von der Stelle, sondern folgte jeder Bewegung des Gerbergesellen, als sei das das Seltenste und Niegesehenste auf Erden. Wo er herkomme? fragte er dann sanft und bekümmert wie vorher, und als Maechler sich mit einem scharfen »Wie?« herumwandte und spöttisch an ihm heruntersah, nickte der Gebirgler nur zufrieden, als sei das die erhoffte Antwort und fragte dann noch, wo er denn hinwolle. »Herrgott noch mal, mein lieber Nachbar«, sagte jetzt Maechler, der glaubte, es mit einem Dummerjahn zu tun zu haben, »wissen Sie, ich komme aus der Welt und will durch das Gebirge in eine andere Welt. Verstehn Sie! In Mannheim wollte ich mit einem Haufen anderer Männer die alte versaute Erde in die Luft sprengen, um Platz für eine vernünftige neue zu kriegen. Ist Ihnen das genug? Aber damit Sie alles wissen: Eigentlich hatten wir vor, dem Herrgott das Fell zu gerben. Der aber ist eher aufgestanden als wir, schon vor Anfang der Welt und hat uns wie Fliegen auseinandergeblasen.« »Ich verstehe schon«, sagte der Fremde, »und nun sind sie hinter euch her.« »Niemand ist hinter mir her, wie ich selber«, antwortete Maechler, »allein – lassen wir das. Da geht's nach Spindelmühl, nicht wahr? Adje!« Damit schritt er energisch an ihm vorüber. Der andere aber meinte gleichmütig, daß er denselben Weg habe und hielt sich, wie ein alter Wanderkamerad, an seiner Seite. Und kaum, daß sie an dem vierten Chausseebaum vorüber waren, fing der aufgedrungene Begleiter wieder zu reden an, sanft und bedrückt, ja stockend, wie einer, den großer Kummer plagt. Er heiße Großmann und wohne droben am Bärengrund, hinter Spindelmühl die breite Straße weiter, an der Mädelstegbaude vorbei, rechts hinauf den schmalen Weg, an der Eichlerbaude vorbei und auch noch hinter der Bärengrundbaude. Droben unterm Mädelkamm, in der untersten Bradlerbaude, da hause er. Maechler hörte kaum mehr auf das eintönige Reden Großmanns, sondern spann leidenschaftlich an seinem Mannheimer Erlebnis weiter, exerzierte in der vierten Kompagnie des Sensenkorps unter Hauptmann Grabert und war gerade bei der tumultuösen Parade auf dem Kapuzinerplatz, da sich das Arbeiterkorps unter Leitung Sigels gegen die Regierung aufgelehnt hatte, das Auflösungsdekret zerrissen worden war und Hauptmann Grabert, auf die Schultern gehoben, begeistert das »Gebet« Herweghs in die stille Abendluft über die Hunderte von entblößten Häuptern hinschmetterte, jenes Gedicht, dessen Verse, hinterrücks wie ein Brandwurf, dem Maechler vor kaum einer Stunde die Erinnerung zu lodernden Flammen angezündet hatte. »Laßt das Herz doch wieder schlagen in der Brust der kalten Welt«, murmelte Maechler wieder die Worte, die er so sehr liebte, wie ein Stoßgebet vor sich hin, achtete seines zugelaufenen Weggenossen gar nicht, sondern lief erregt wie zum Sturmangriff die Straßen hin. Plötzlich fühlte er sich am Arm zurückgerissen. Und als er ernüchtert sich umwandte, erstaunte, erschrak er fast vor seinem Begleiter. Kalkweißen, eingefallenen Gesichtes starrte Großmann ihn aus weiten, unbeweglich-lautlosen Augen an. Er bebte am ganzen Körper, und seine Hand, die Maechlers Arm krampfhaft umspannt hielt, zitterte wie geworfen. Dem Gerbergesellen wurde es fast unheimlich vor diesem Manne, der, eben noch rüstig, wenn auch merkwürdig, zwanzig Jahre älter erschien oder von einem Todesanfall überrascht worden oder unversehens übergeschnappt war. »Na, mein lieber Mann, was ist Ihnen denn auf einmal?« fragte Maechler. Großmann lächelte glücklich aber in Gegenwehr gegen ein Weinen, das sein Gesicht auseinanderzog, antwortete jedoch mit keinem Laut, sondern drehte Maechler unentrinnbaren Griffs zur Seite, daß der nun wirklich glaubte, es mit einem Wahnsinnigen zu tun zu haben. »Nein, nein, wieder nicht ... wieder ... nicht ...« stotterte der Gebirgler endlich tonlos und sank abgetrieben in sich zusammen. Die Hand löste den Griff um Maechlers Arm und fiel hoffnungslos herab. Den Kopf schüttelnd, sah er hilfesuchend umher und schleppte sich dann zu einem Stein, auf dem er sich aufseufzend niederließ. Und während das geschah, redete er immerfort gramvoll in sich hinein: »... und dabei war mir's doch in dieser Nacht sicher, daß ich ihn heut treffen würde, wenn ich nach Hohenelbe hinunterginge.« Maechler war zu ihm getreten und sah betroffen auf den Zusammengekauerten nieder. Der Arme schwieg jetzt, atmete schwer und stocherte überlegend mit der Spitze seines Stockes im Wege. Unvermutet riß er den Kopf herauf und musterte mit zusammengekniffenen Brauen wieder das Gesicht Maechlers. Aber jetzt war ein Flackern in den Augen, ein fast fanatisches Bohren. Während er ihn so ansah, flüsterte er kaum hörbar: »... ja aber alles stimmt doch, bis auf die Nase, die war doch gebogen und die ist eingesunken.« Dann faßte er die Krücke mit beiden Händen, stieß den Stock entschlossen auf den Weg und fragte mit harter, lauter Stimme: »Heißen Sie also nicht Franz?« »Nein«, antwortete Maechler sanft, um ihn nicht zu reizen. »Und Großmann auch nicht?« »Nein.« »Kommen Sie aus Wien?« »Nein, aus Bamberg.« »Ich denk' aus Mannheim. Das stimmt also schon nicht. Nein, nein. Sie kommen doch aus Wien. Machen Sie mir nichts weiß. Sie waren ein Revoluzer, wie mein Franz. Um Gottes willen, mir soll jemand mit dem Pürdel das Maul einschlagen, ehe ich ein Wort spreche und Sie verrate. Aber sagen Sie mir, haben sie meinen Franz im Herbst achtundvierzig wirklich erschossen? Oder steckt er im Kerker, oder lauft er in der Welt herum wie Sie?« Maechler erkannte, in welcher Gefahr er schwebte, wenn dieser Mann in gramvoller Verzweiflung nach Spindelmühl rannte und in der Aufregung allen Leuten von seiner Begegnung mit ihm erzählte. Dann war die Polizei hinter ihm her, und eh' er über die Grenze war, hatten sie ihn gefaßt. Und wenn man ihm auch nichts anhaben konnte, da seine Papiere in Ordnung waren, vor Haft und wochenlangen Plackereien war er nicht sicher. Dies im Augenblick überlegend, neigte er sich zu dem Armen, der ihn immer noch gespannt ansah, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte leise: »Vor allem, mein Lieber, sprechen Sie leiser. Sie wissen, die Bäume haben Ohren, und in Österreich fischt man noch immer mit eisernen Netzen. So kriegen Sie Ihren Sohn nicht wieder, mich aber bringen Sie ins Unglück. Und das eine will ich Ihnen noch sagen, nicht allen, die mit Sturm gelaufen sind, ist es um den Kopf gegangen. Und wenn Ihr Franz vier Jahr' nicht nach Haus gekommen ist, so trifft er vielleicht im fünften, sechsten ein, oder Sie bekommen einen schönen Tages einen Brief von ihm aus Amerika. Des Herrgotts Mühlen mahlen anders wie die der Menschen. Und nun trösten Sie sich. Ich muß weiter.« Großmann hatte ihm die Worte wie eine Offenbarung von den Lippen abgelesen. Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Nun umklammerte er die dargereichte Rechte mit beiden Händen inbrünstig, dankte ihm erschöpft und wollte durchaus mit ihm. Er könne sich droben bei ihm ausruhen und dann sehen, wohin er sich wende. Maechler aber drückte ihn mit sanfter Gewalt auf den Stein, riß sich los, eilte fliegenden Schrittes auf der Straße weiter und sprang nach einer kurzen Strecke über den Graben, dem Walde entgegen. Ehe er in den Bäumen verschwand, hörte er Großmann rufen, er gehe falsch und hinter Spindelmühl müsse er sich rechts hinaufhalten. Da komme er in die Bradlerbauden am Bärengrund. Maechler winkte zurück und stieg dann auf einem schmalen Wurzelpfad fast laufend in den Wald hinauf. Je mehr er eilte, desto mehr mußte er sich beeilen, um so schnell wie möglich eine große Entfernung zwischen sich und dem Mann auf der Straße Zu bringen, dessen Wesen von der wilden Zeit und dem Schmerz über den Verlust des Sohnes etwas verrückt worden war. Immer fühlte er den lodernden, bohrenden Blick dieser fanatischen Hussitenaugen. Ja, einige Male glaubte er, diesen verzehrend leidenschaftlichen Blick von seinem eigenen Innern auf sich gerichtet zu sehen, daß er wie gejagt sprang. Endlich war er oben auf einer weiten, wiesigen Blöße, auf der eine Anzahl kleiner und größerer Holzhäuser zerstreut lagen und sah einen gemächlichen Waldweg, auf- und abwogend, ungefähr in der Richtung der Chaussee hinziehen. Ehe er diesen Weg betrat, ließ er sich, zu verschnaufen, auf einem Baumstumpf nieder, trocknete sich den Schweiß von der Stirn und betrachtete das Gebirge, den Ziegenrücken, der scharf und jäh von dem Kamm hersägte, die dicht bewaldete Mädellehne, die dunkel herunterzog, den Anfang des schroffen Elbgehänges, das, droben noch schneegefleckt, allmählich in den vereisten langen Buckel des Krokonosch überging. Eine wilde Geschichte, sann Maechler mit einem langen zusammenfassenden Blick auf das grandiose Panorama und war mit diesem Ausdruck schon wieder mitten in seinem Leben. Freilich hatte der Großmann Hussitenaugen genau wie er, inwendig, zutiefst, von seinen seit Jahrhunderten versunkenen Urahnen her, die einst mit Sensen und Totenorgeln sich verwüstend über die Welt hergemacht hatten, um auf den Trümmern des Erden- und Menschenunrats das Gottesparadies zu errichten. Bis zur Erschöpfung hatten sie gewüstet, so lange, bis sie von der andern Seite, mit Kartaunen überschüttet, niedergeworfen, zermalmt und gerädert in die Erleuchtung eingegangen waren, daß man mit Hellebarden nicht die Sterne vom Himmel holen konnte, und daß der Friede auf Erden nur aus dem tätigen Frieden und der Frömmigkeit des eigenen Herzens über die Erde komme. Da waren dann seine näheren Väter, um nicht Gewalt mit Gewalt zu bezahlen, vor ihren Bedrängern über dies Gebirge entwichen, vielleicht auf dem Wege da drüben, um hinter der Riesenmauer der Berge in Ruhe ihrer Seele durch ein rechtschaffenes Leben zu dienen. Wozu heiße ich Maechler? fragte er sich erregt. Doch nur deswegen, um das zu machen, wirklich auch zu machen, was jene erkannt haben und mich nicht mehr von diesem verscharrten Hussitengeist aus der Bahn weisen zu lassen. Entschlossen sprang er auf und schritt durch das kurze Gras hinüber auf den Weg in der Richtung gegen Spindelmühl weiter. Der Tag neigte sich schon zur Rüste, noch nicht mit dem blauen Dunst des Abends, sondern erst mit einem sonnigen Rauchen, einer verklärten, heiteren Melancholie, wie sie Frühlingstage beim ersten Ahnen ihres Hingangs überfällt. Alle Berge waren blaue Wunder, der Schnee des Krokonosch glänzte, die Wälder begannen leise zu rauschen, Amseln flöteten aus den Baumdunkelheiten, Goldammern schluchzten im durchsichtigen Grün der Sträucher und tausend Wässerchen und Rinnsale klinkerten und quirlten durchs Grün der geneigten Wiese. Durch, durch, hinüber! Aus diesem geduckten, schlaffen Österreich hinaus! Nach Preußen hinüber, wo das Leben heller und herber bläst. So jubelte und stürmte es in Nathanael Maechler. Nur noch in den Pfarrhof zu Spindelmühl wollte er gehen, um sich das Haus anzusehen, in dem sein Urahn jahrelang als Knabe zugebracht hatte. Denn in jener Auswanderung der böhmischen Brüder zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts waren die Flüchtlinge mitten im Gebirge von einem Haufen fanatischer Spindelmühler Katholiken unter Anführung des damaligen Pfarrers überfallen worden. Nicht, daß man die Fortziehenden hätte zurückbringen wollen, nein, der zelotische Priester hatte in der Eile eine Rotte zusammengebracht, um die Pest der Ketzer noch schneller mit Knütteln und Prügeln aus dem Lande zu treiben, und sich so seinen Gotteslohn zu verdienen. In dem Getümmel war der alte Maechler und seine Frau erschlagen worden. Ihr siebenjähriges Sohnchen hatte sich aus Schmerz und Grauen in den Wald geflüchtet, wo ihn nach Tagen, verschmachtet, fast am Sterben, Holzfäller fanden und dem Pfarrer zu Spindelmühl ablieferten. Der, in seinem Fanatismus abgekühlt, ja erschüttert, hielt den blonden, verschüchterten Knaben bei sich, war sorgsam und gütig wie ein Vater, führte ihn zum katholischen Glauben zurück und hatte vor, weil er gesammelten und aufgeweckten Geistes war, ihn zum Priester zu erziehen. Aber als Vierzehnjähriger, die Nacht vor seiner Übersiedelung ins Gymnasium zu Hohenelbe, entwich er heimlich durch die Wälder zu den Verwandten seiner Eltern hinüber in die Lausitz und kam nach drei Tagen in Gerlachsheim an, wo Vater und Mutter begraben lagen, deren Leichen von den böhmischen Brüdern mitgenommen worden waren. Seit dieser Zeit waren die Maechler katholisch. Denn der aus der priesterlichen Umgarnung Entflohene, Jacobus mit Namen, fügte sich wohl ganz in die Lebensart der Verwandten und Genossen, ergriff auch, ohne je einen bedauernden oder überheblichen Blick zum priesterlichen Amt zurückzuwerfen, das Handwerk seiner Väter, verharrte jedoch in dem aufgedrungenen Bekenntnis, als fürchte er, mit der Trennung von ihm die geheimnisvolle Kostbarkeit des Märtyrertodes seiner Eltern zu versehren. Oder vielleicht wollte er auch, in seinem Innern leidend, sich das Leben mit Willen erschweren, um dadurch den Eltern nachzufolgen und in der Bitterkeit des Daseins ihnen immer nahe zu sein. Ja, ja, so konnte es sein; vielleicht war es auch noch anders. Jedenfalls, das eine war unleugbar sicher: Von der Vergewaltigung seines Urgroßvaters durch den fanatischen Priester von Spindelmühl rührte diese bis auf den Grund gehende Zerrissenheit seines Wesens, die ihn bald in die abseitigste Stille andächtig auf die Knie zwang, bald im Sturm unter aufgeregte Menschen jagte, bald alles demütig vom Himmel erwartete, bald mit geballter Faust fordernd selbst an die Brust Gottes trommelte. Das Irrtreiben seines Lebens, das Chaos halber Gedanken, dem er entrinnen wollte, wälzte sich wie ein Brand auf ihn und da Maechler, an den Talbauden angekommen, Spindelmühl im ersten Abendrot unter sich liegen sah, packte ihn unversehens ein Zorn, wie die Trunkenheit einer Krankheit. Eben begann auch die hohe Stimme eines kleinen Glöckchens in die verklärte Abendluft zu singen. Anstatt von diesem leisen Klang des Friedens ins Sanfte geleitet zu werden, wirkte der Laut jenseitiger Ruhe auf Maechler anstachelnd, wie ein hämisches Gift. »Immer bimmelt, bimmelt«, schrie er, hinter die Häuser gewandert, laut vor sich hin, »wir kennen euch schon, ihr Hunde Gottes! Wer sich eurem Bellen nicht fügt, den zerfleischt ihr.« Noch anderes redete er kochend in sich hinein, und lachte auch dann und wann laut und höhnisch auf, während er den Abhang hinuntereilte, nicht wie ein Wanderer, sondern wie ein Amokläufer. Vor den ersten Häusern begegnete ihm ein kleines Mädchen, das vor seiner Wildheit erschreckt an den Straßenrand auswich. »Wo ist der Pfarrhof?« brüllte Maechler sie an. Das Kind schrie entsetzt auf und lief davon. Männer riefen mißbilligend hinter dem Rasenden her. Maechler horte auf nichts, sondern stürmte weiter, kreuz und quer, von nichts erfüllt als von dem sinnlosen Ausruf: »Ich muß ihn sehn!« Die Häuser rechts und links tauchten undeutlich und zerflossen auf, wie in kochender Luft, die Menschen huschten vorüber wie graue Wische. Er fragte niemand mehr, sondern sah wild und stier geradeaus. In seinem Tiefsten aber war es unheimlich still, so still, daß es kaum zum Aushalten war. Dort lauschte er auf die Stimme seiner erschlagenen Ureltern, die ja doch das Haus kennen mußten, in dem einst ihr Mörder gewohnt hatte und der Glaubensräuber ihres unmündigen Söhnchens. Da, jetzt klang aus seiner inneren Lautlosigkeit eine leise, mehr jenseitige Stimme auf, ohnmächtig hoch wie der Ruf eines jungen, angstvollen Vogels. Sofort machte Maechler halt. Er stand vor einem größeren Hause. Nicht weit ragte die Kirche auf. Da also hatte der Mörder seiner Ureltern gewohnt. Es durchrieselte ihn kalt. Einen Augenblick war er wie gelähmt. Dann stieg er behutsam die drei Stufen empor, klinkte an der Tür, die verschlossen war und klopfte vorsichtig an. Nichts rührte sich und Maechler drehte sich nach den Menschen um, die ihm seines merkwürdigen Gebarens halber gefolgt waren, Mädchen, Knaben, Weiber und einige Männer. »Ich hab' gewußt, daß man mich nicht einläßt«, sagt er zu der Gruppe mit einer hohlen, tiefen Stimme und nickte ihnen gramvoll zu. »Zu wem wollen Sie denn?« fragte ein vorwitziger Junge. »Zu dem, der da drinnen wohnt, zum Pfarrer,« antwortete Maechler abgeschlagen, im Anfall eines neuen Fieberschauers und sah ratlos auf das kleine Menschenhäuflein nieder, das nun in helles Gelächter ausbrach und durcheinander rief, das sei ja gar nicht des Pfarrers Haus. Maechler griff sich an den fieberheißen Kopf, schaute aufmerksam und lange seine Hand an und sagte dann mit leiser, fröstelnder Stimme: »Ich weiß schon, daß ihr's auch nicht wahrhaben wollt, denn ihr habt ja mitgeholfen, meine Ureltern totzuschlagen, dort droben im Walde.« Dann spie er gegen die Tür und kam langsam die Stufen herunter. Die Menschen wichen dem Unheimlichen aus, der leise vor sich hinredend und lachend, langen, stillen Schrittes durch sie hinging, eine Weile abgeschlagen sich an die Wand eines Hauses lehnte und dann, ohne aufzusehen, wie im Traum den Ort in der Richtung der Mädelstegbaude verließ. Er war so wohl eine halbe Stunde in einer Betäubung gegangen, die auf ihm lastete und doch auch auf rätselhafte Weise ihn trug. Immerfort, während er mit langen, zusammengenommenen Schritten vorwärts strebte, stand er vor einer geschlossenen Tür, an die er anklopfen mußte. Um ja den Augenblick nicht zu verpassen, wenn sich etwas hinter der Tür rührte, nahm er seinen Stock in die linke Hand und hielt die Rechte mit dem geknickten Zeigefinger vor sich hin. Indes die Tür wuchs und wuchs, daß sie bald die ganze Welt vor ihm versperrte und dazu entstand in ihm wieder die unerträglich lautlose Stille, so peinigend, so würgend, daß er endlich, um nicht zu sterben, laut aufbrüllte, so laut, daß er taumelig wurde und einen Baum umfassen mußte, damit er nicht umfalle. Zugleich wurde sein ganzer Körper von einer solchen Eiseskälte durchrüttelt, daß die Zähne aufeinanderschlugen. Als der Anfall vorüber war, wußte er, daß er krank sei, wahrscheinlich schon gestern und den ganzen heutigen Tag. Die weltenweite Tür vor ihm war verschwunden und er sah sich neugierig um, wo er sei. Rechts und links abendblauer Wald, der auf steilen Berghängen hoch hinaufstieg, sinkendes Dunkel, in das das Licht des frühen Mondes schimmerte, der aber noch nicht zu sehen war. Rechts drüben rauschte laut ein Fluß, Maechler erinnerte sich dunkel, an einem grauen Hause vorübergewandert zu sein. Als er sich aber anstrengte, herauszubekommen, ob es rechts oder links gestanden hätte, verwirrte sich wieder alles in ihm. Um Gottes Willen, nur nicht hier in Österreich krank werden! Nein, koste es, was es wolle, noch diese Nacht mußte er über das Gebirge hinüber nach Preußen. Dort würde alles wieder gut und richtig in seinem Leben, dort war er gerettet. Er stieß sich von dem Baume ab, an dem er lehnte und begann in einer Gangart auszuschreiten, die mit jeder Minute schneller wurde und bald fast in Laufen ausartete. Während er so hinlief, begann in Erinnerungsfetzen alles vor ihm aufzuhüpfen und zu verschwinden, was ihm heut geschehen war und was er gesonnen hatte. Ein lautloser, bunter Lärm fieberheißer Bilder tanzte um ihn, aus dem auf einmal zum Greifen scharf der Gebirgler Großmann mit seinem verzweifelt blassen Gesicht vor ihm stand und deutlich sagte: »Sie müssen rechts hinaufgehen.« Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, sprang Maechler über die Straße und drang in den Wald ein. Die Zweige peitschten ihm schmerzend ins Gesicht. Er fühlte keinen Weg unter den Füßen. Es ging steil bergan. Aber der Kranke ließ nicht nach. Steine mußten überklettert, Felsen umgangen werden. Er stürzte in Löcher, kroch auf Händen und Füßen durchs Dickicht. Je schwerer es wurde, desto glücklicher war Maechler, denn nun mußte er bald drüben in Preußen sein. Gottlob, nun hatte er die Höhe erreicht. Der volle Mond war über die Wipfel gestiegen und leuchtete bleich über eine Blöße, die sich über den Berg hinaufzog und sich nach oben noch etwas verbreiterte. Nach einigen Schritten fühlte Maechler einen Weg unter sich, der aber nach links abzubiegen schien. Zudem, als der Kranke sich mißtrauisch umsah, war es ihm, als blinke in der Ferne das rötliche Fünkchen eines Lichtes auf. Auf dem Kamm gibt es doch keine Häuser, fuhr es ihm durch den Kopf. Also, er war zu weit nach links gekommen und der Weg, auf dem er stand, führte ihn sicher noch mehr in die Irre. Die Beine zitterten ihm schon. Aber er biß mit verzweifelter Entschlossenheit die Zähne aufeinander, überschritt den Weg und drang wieder nach rechts oben in den Wald. Nach kurzer Zeit senkte sich das Terrain steiler und immer steiler, daß er sich nicht mehr zu halten vermochte. Taumelnd von Baum zu Baum fallend, trieb es ihn tiefer und tiefer hinunter, bis es ihm gelang, am Rand eines kleinen Baches festen Fuß zu fassen. Dort setzte er sich auf einen Stein und fühlte an sich herum, ob ihm auch nichts von seinen Habseligkeiten abhanden gekommen war. Der Ranzen über seiner Achsel, der Kotzenmantel war noch da. Den Stock hielt er in der Hand. Befriedigt atmete er tief auf. Doch als er nur auf ein Handwenden die Augen schloß, versetzte ihm der Schlaf einen heißen Schlag durch den Kopf, daß es ihn taumelnd in ein Loch zu stoßen begann. Da riß sich Maechler mit übermenschlicher Anstrengung auf und er fing wieder an, den Bach hin bergan zu steigen. Mit letzten Kräften arbeitete er. Nach seinem Dafürhalten verging Stunde um Stunde. Endlich konnte er nicht mehr weiter, taumelte noch ein paarmal von Baum zu Baum und sank dann kraftlos in die Knie. Das ist der Schluß, sann Maechler merkwürdig kühl und sachlich, fühlte mit den Händen den moosigen Grund ab, bis er eine trockene Stelle fand, kroch hin, hüllte sich in seinen dicken Mantel ein, schob den Ranzen unter den Kopf und wartete aufmerksam auf das, was sich nun mit ihm ereignen werde. Wenn er den Kopf etwas nach rechts drehte, konnte er zwischen den Stämmen in den Himmel schauen. Der war tiefblau und unendlich hoch, von einem Frieden, wie er ihn nur in der Kindheit gesehen hatte. Die Sterne flimmerten tröstlich still und nun rückte auch der volle Mond in sein Blickfeld. Es war wie zu Hause in der Mutter Stube, ganz warm, ganz heimlich und sicher. Der Wind ging draußen, undeutlich brausend. Und nun hörte er die Mutter an sein Bett treten. Sie war in der Dunkelheit nur wie ein Schatten zu sehen, neigte sich über ihn und sagte liebreich: »Nun, Nattele, wollen wir beten, ehe du einschläfst: »Laß mich, wenn ich hier geschlafen Wieder gehen meine Straßen. Schicke mir durch meinen Fleiß, Was bei Dir steht hoch im Preis. Guten Willens eine Tracht Lad mir auf in dieser Nacht. Stets mein Herr und stets dein Knecht, Droben Gnade, drunten Recht.« Das sagte Nathanael Maechler mit traummüder Zunge und hoher Stimme seiner Mutter nach, die sich als Schatten über ihn neigte und am Ende einen eigentümlich kühlen Kuß auf seine Stirn hauchte. Dann wurde sie mit einem hellen Pfeiflaut in die Höhe gerissen, von wo sie ihm noch einige Male rief. »Nun ja, sie ist ja tot«, murmelte Maechler und verlor die Besinnung. 2 Großmann war kurz vor dem Abend in sein Baudenhaus zurückgekehrt, das nur eine halbe Stunde unterhalb des Mädelkamms, der sanften, langen Einsattelung zwischen der großen Sturmhaube und den Mädelsteinen, so nahe an dem steilen Abfall nach Bärengrund lag, daß man von den Fenstern des wettergrauen Holzhauses, über die Wipfel der schon spärlichen, schneegedrückten Fichten schauen konnte, die den Lauf des kleinen unruhigen Baches begleiteten. Er führt noch das Schmelzwasser der alten Schneewächten aus den Mulden der Mädelwiesen zu Tal und polterte laut aus dem Grunde herauf. Großmann stand an dem geöffneten Fenster, hielt das Fensterkreuz mit der linken Hand krampfhaft umspannt, als müsse er sich in einem fahrenden Wagen aufrechterhalten, horchte auf das dumpfe Lärmen des Bärengrundwassers drunten und beugte sich von Zeit zu Zeit weit hinaus, um den Grund hinunterzuspähen, der schon in den Schatten der beginnenden Nacht verschwamm. Es war nichts zu sehen und zu hören. Er ließ enttäuscht die Hand vom Fensterkreuz fallen, schüttelte tiefaufatmend den Kopf und griff entschlossen nach den beiden Flügeln. Ehe er aber das Fenster schloß, beugte er sich noch einmal weit hinaus und schrie so verzweifelt in die Nacht hinaus, daß seine Stimme überschnappte. »Franz! ... Franz! ... Franz!!! ...« rief er aus Leibeskräften wie um Hilfe in die Finsternis und wartete angehaltenen Atems auf einen Widerlaut von draußen. Es blieb still und nur der Vogelstein wurde von dem Licht des Mondes bleich überschimmert. Großmann wirbelte das Fenster zu und setzte sich abgeschlagen auf das Ende der Tischbank. »Was soll ich denn hier, wenn er nicht kommt?« murmelte er dumpf und griff mit den Händen ineinander, daß die Finger knackten. Auf dem Tisch hinter ihm stand ein kleines Lämpchen, dessen rötlicher Lichtkreis kaum bis an die niedrige Balkendecke reichte. Die gegenüberliegende Tür der großen Stube war kaum zu erkennen, so daß sich Großmann wieder wie eingemauert vorkam. – Wirklich eingeschlossen, so, daß er im Dunkel gefangen saß, auch wenn er hinauslief und im Gebirge herumkletterte. Nicht zu zerbrechen waren diese Wände, gegen die sein Leben ohnmächtig ankämpfte. Ja, ja, anfänglich waren das nur Schatten gewesen, würgende Befürchtungen, die ihn angefallen, aber wieder verlassen hatten. Allein nachdem die Sorge um den verschollenen Sohn seine Frau in einer Nacht umgebracht hatte, war er ringsum eingemauert worden. Richtig wie in einer Höhle lebte er seitdem, immer nach dem Spalt spähend, der von irgendwoher das Licht einer Hoffnung einließ, deren Ungewißheit ihn besonders quälte. Und wenn diese Hoffnung, seinen einzigen Sohn wieder zu bekommen, ein Unsinn war, so hatte auch der Gram keinen Sinn, der ihn ritt, keinen anderen Sinn als den, gleich seinem Weib unter die Erde zu kriechen, um nichts mehr zu sehen und zu hören. Nein, nein, das stimmte nicht, deswegen konnte er nicht auf die Erde gekommen sein. Deswegen bestimmt nicht! Denn wenn es so enden sollte, wozu hatte es ihn heute nachmittag beim Heraufsteigen bei den Eichlerbauden wie eine grelle Erleuchtung überfallen, daß der Handwerksbursche, den er bei der Elbklemme auf der Hohenelber Straße getroffen hatte, doch sein Sohn Franz gewesen sei, trotzdem seine Nase anders geformt war und er allerhand durcheinander geredet hatte, was nicht stimmte. Das war doch immer ein Heimlicher gewesen, der wie hinter fernen Hügeln gelebt hatte, genau so nicht ganz zu fassen wie sein Weib. Und hatte der Handwerksbursche nicht vor dem Weggehen gesagt, daß er wiederkommen würde und wenn's aus Amerika wäre?! Draußen wurde die Haustür aufgestoßen. Großmann sprang aus seinem Sinnen erwartungsvoll auf und tat einen Schritt auf die Stubentür zu, weil er meinte, daß es bald anklopfen würde. Es blieb still. Nach einer Weile hörte er nur seine Tochter mit harten, langen Schritten den engen Vorraum herkommen und die Tür laut zuschlagen. Jetzt war sie auf dem Rückwege wieder an der Stubentür. Großmann setzte sich schnell wieder und rief laut: » Paula! « Sie trat schroff ein und blieb unter der offenen Tür stehen. Großmann senkte den Kopf, als er ihre knochige, derbe Gestalt und die stechenden Augen unter der schmalen Stirn gesehen hatte. »Na?« fragte sie mit hoher unwirscher Stimme. Großmann hielt den Kopf zur Erde gekehrt und sagte dumpf: »Die Haustür ist gegangen.« »Nu freilich, weil sie der Wind aufgestoßen hat«, antwortete sie kurz. »Der Wind, bloß der Wind?« fragte Großmann zaghaft. »Wer denn sonst, he?« fragte sie ironisch wieder. Großmann antwortete nichts, sondern versank wieder in Brüten. Als er hörte, wie sie sich wendete, um hinaus zu gehen, rief er wieder ihren Namen, erhob sich, tat einen Schritt auf sie zu, breitete die Arme aus, sah nach allen Seiten und sagte mit bebender, geheimnisvoller Stimme: »Paß gut auf, Paula, heute geht er ums Haus, heute kommt er gewiß. Ich bin ihm auf der Hohenelber Straße begegnet.« Das Mädchen entgegnete nichts, zog sich furchtsam vor ihrem Vater zurück und schloß leise die Tür. Als Großmann sich allein sah, ging er an den Tisch, blies das Lämpchen aus, trat in die Mitte der Stube und blieb dort regungslos stehen, um etwas von dem zu erhaschen, was leidenschaftlich in ihm arbeitete. Und weil er in der Finsternis noch die bleichen Vierecke der vom steigenden Mond schwach erhellten Fenster sah, schloß er sogar die Augen. Kaum war das geschehen, so vernahm er aus dem Raumlosen einen schwachen Schmerzenslaut. Sogleich raffte er die Mütze von der Bank und lief durch die Stube aus dem Hause. Daß er beim Zuschlagen der Haustür die Mütze aus der Hand fallen ließ, spürte Großmann nicht. Mit springenden Schritten rannte er ums Haus und stürzte sich ohne Besinnen den steilen Abhang hinunter, daß die Steine klirrten. Als er drunten am Bärenwasser angekommen war, fiel zu seinem Verwundern alle Erregung und Angst von ihm ab. Gesammelt, Schritt vor Schritt, ging er am Wasser hin zu Tal, bog die Fichten zur Seite, lugte unter ihre Schirme, sprang den Bach hinüber und herüber, wartete, wenn eine Wolke alles verdunkelte und spürte im schwachen Licht dann weiter. Endlich kam er an den Ort, wo Nathanael Maechler hingesunken war. Er lag, den Kopf auf dem Ranzen, den Mantel bis ans Kinn heraufgezogen, lang und regungslos wie ein Toter. Die Augen geschlossen. Der Mund halb offen. Die Hände welk. Das Gesicht kühl. Großmann kniete neben ihn und tastete scheu an ihm herum. So, nun hatte er seinen Sohn wieder. Ein gramvolles Glück kam über den jahrelang Gepeinigten, daß er seine Hände zurückzog, weil er ihn nicht mehr zu berühren wagte. Die Tränen liefen ihm still übers Gesicht, indes er so lange regungslos neben dem Hingestreckten kauerte. Plötzlich überfiel es ihn, er dürfe nicht dulden, daß sein Sohn tot sei. Er packte, rüttelte ihn, strich ihm übers Gesicht, rief ihm seinen Namen ins Ohr, küßte ihn und hob seinen Oberkörper auf. Maechler gab keinen Laut von sich und fiel immer wieder wie ein Lebloser auf die Erde zurück. Großmann sah endlich ein, daß er allein nicht imstande sei, etwas auszurichten. Er legte den Verschobenen gerade, deckte sorgsam den Mantel wieder über ihn und lief in sein Haus hinauf. Nicht ohne Widerstreben vermochte der bis ins letzte Haar erschütterte Mann seine Tochter von der Wirklichkeit des Fundes drunten am Bärenwasser zu überzeugen. Paula vollendete die Stallarbeit achtsam und umsichtig, indes der Vater immer dringender, immer leidenschaftlicher hinter ihr her redete, denn sie war zu oft umsonst auf die Wahnpläne Großmanns eingegangen, viele Male mit ihm nach Hohenelbe gepilgert, ganze Nächte spähend wach geblieben, war diesem und jenem Fremden nachgeschlichen, hatte hundertmal den letzten Brief des Wiener Meerschaumpfeifenschneiders und Bernsteindrechslers Kotzar lesen müssen, der das Verschwinden ihres Bruders in dem blutigen Volkstumult gemeldet hatte. In den Jahren dieser steten Aufregung war sie nicht nur von der Verrücktheit ihres Vaters, sondern auch davon überzeugt worden, daß sie ihm eigentlich nichts bedeutete, während er mit immer fieberhafterem Herzen dem Schatten des Verschwundenen nachspürte und in jedem Frühjahr sich wochenlang richtig fast wie ein Irrer gebärdete. Nein, einmal mußte sie fest bleiben gegen diesen Unsinn. Sie stand verstockt im Gange und nestelte an dem Band, mit dem sie sich die Röcke heraufgeschürzt hatte, als Großmann, einen Bund Stricke über die Achsel, in der einen Hand die Laterne, in der andern ein Beil, die Stiege herabkam und so entschlossen und so drohend auf sie zutrat, daß sie eine Gewalttat des Verzweifelten fürchten mußte, wenn sie noch länger an seinen überstürzten Worten vorbeihörte. Mit einem Ruck zerriß sie das Band und sagte: »Gut. Es ist wieder ein Unsinn. Aber ich will mitgehen. Allein merk dir's, es ist das letztenmal.« Sie schlug ein Tuch um den Kopf, zog sich eine Jacke an und folgte ihrem Vater, der mit der Laterne vorausging. Hinter dem Hause zog er ein Brett von dem Stoß, wand die Stricke darum, faßte das vordere Ende und hieß sie das hintere ergreifen. So stiegen die beiden den steilen Abhang hinunter. Als sie bei Nathanael Maechler ankamen, der wohl im einsetzenden Fieber den Mantel halb und halb von sich gestreift hatte, ließ das Mädchen das Brett fallen und packte mit dem Ausruf: »Vater!« vor Schreck den Arm Großmanns. Der aber umschlang vor überströmender Erschütterung seine Tochter und stammelte mit stockender Stimme: »Ja, ja, nun siehst du's, daß ich kein Verrückter bin. Aber nun komm, daß wir ihn 'nauf ins warme Bett bringen.« Sie hoben Maechler auf das Brett, banden ihn mit den Stricken fest und trugen den noch immer Bewußtlosen unter großer Anstrengung den Berg hinauf. Es konnte nicht vermieden werden, daß beim Überwinden felsiger, besonders steiler Stellen Großmann, der vorn am Kopfende trug, der Strick etwas in der Hand rutschte oder Paula, die am hinteren Ende des Brettes ging, auf einem rollenden Stein ausglitt und so der Kranke manche Erschütterung erlitt, die ihm erst leise, kaum vernehmbare Laute entpreßte. Dann aber, je weiter sie kamen, brach Maechler bei jedem, auch dem schwächsten Stoß, in lautes Stöhnen aus. Als sie ihn durch die Stubentür trugen, wand er sich fiebernd schon in den Stricken, und Worte kamen brodelnd und heiß von seinen Lippen, die nicht zu verstehen waren. Indes Großmann ihn von dem Brett losband, richtete Paula das einzige Bett der Stube her, in dem sonst ihr Vater schlief. Bald lag Maechler entkleidet unter der Decke, eine kalte Kompresse um den Kopf gewunden, und sah mit unnatürlich großen, forschenden Augen über sich ins Leere. Seine Kleider lagen auf der Bank. Der Ranzen und sein Stecken hingen im Rechen neben der Tür. Großmann und seine Tochter standen vor dem Bett und betrachteten aufmerksam den Kranken, der sich nun in der Starre fieberischer Entrücktheit nicht rührte. Keines wagte das andere anzusehen, Paula, um den Vater nicht zu enttäuschen, Großmann, um der Tochter nicht recht zu geben in dem Zweifel, den er wieder in sich aufsteigen fühlte. Er schüttelte nur bekümmert den Kopf und legte vorsichtig den Finger auf die eingesattelte Nase Maechlers. »Man hat ihm die Nase eingeschlagen«, sagte er dumpf und wartete auf eine Entgegnung der Tochter. Die aber rührte sich nicht, sondern fuhr nur fort, den Kranken brennenden Auges zu betrachten. Als aber Maechler mit einem tiefen Stöhnen sich aus der Starre löste, die beiden furchtsam anstierte und dann gegen etwas zu kämpfen begann, indem er keuchend immerfort rief: »Auf, auf! Ich muß ihn sehen!«, umschlang ihn Paula, bemühte sich, seinen Oberkörper aufzurichten und stammelte dabei immerfort leise bittend: »Nicht doch, nicht doch!«, bis sich Maechler beruhigt hatte und wieder wie vorher still lag, mit wartenden, angelweiten Augen über sich schauend. »Er hat's!« sagte Großmann erschüttert. »Gott sei Dank, daß er nicht mehr drunten im Grunde liegt.« »Und wenn es auch mein Sohn nicht wäre«, setzte er nach einer Pause fast unhörbar hinzu. Dann aber reckte er sich auf und sagte zu seiner Tochter, die wieder regungslos und hingenommen auf den im Bett Liegenden starrte: »Du, Paula, geh jetzt schlafen. Es ist schon über Mitternacht. Ich will wachen, und wenn es notwendig ist, rufe ich dich.« Mit einigem Widerstreben führte er sie hinaus und schloß die Tür. Als Paula draußen im Gange war, sank sie erschöpft gegen die Wand, griff wortlos mit den Händen daran herum und stieg, an einem Schluchzen würgend, die Stiege hinauf, in ihre Schlafkammer. Der Föhn tobte draußen, daß die ganze Welt brauste. 3 Dieser selbe Sturm, der in Paula das erstemal die dumpfe Einsamkeit eines Herzens zerriß, das sich noch nicht kennengelernt hatte, steigerte das Fieber Maechlers, daß es den Anschein hatte, sein Leben müsse noch diese Nacht enden. Fortwährend hörte das Mädchen sein Stöhnen und irre Reden durch die Decke. Dann und wann polterte es, wie von dem Ringen zweier Menschen. Darauf trat Stille ein und die dunkle Stimme ihres Vaters klang in dem Ton einer Güte herauf, die sie seit Jahren an ihm nicht mehr wahrgenommen hatte, monoton, geduldig, ja inbrünstig, so, als bete er. Das trieb sie aus dem Bett, warf sie auf den Boden und drückte ihr das Ohr fest an die Diele, weil sie glaubte, der Unglückliche ringe mit dem Tode und ihr Vater spreche die Sterbegebete. Allein die Worte waren nicht zu verstehen, sie wurden leiser und leiser und verliefen sich in einer Stille, die noch beklemmender war als der Schrecken, der das Mädchen bei den Fieberausbrüchen des Fremden angefallen hatte. Zitternd vor Kälte und einem Beben ihres Herzens, wie sie es noch nie empfunden hatte, tastete sie sich auf das Lager zurück, zog die Decke über ihren Kopf und stammelte immerfort: »Um Gott des Vaters und des Sohnes«, lautlos, ohne zu wissen, was sie sprach, in einem Bangen, als handle es sich um ihr eigenes Leben, bis sie endlich einschlief. Anderen Tages war an dem Betragen des Mädchens nicht das geringste von der schmerzlich-gütigen Aufgelöstheit des vorigen Abends und der Herzensangst um das Leben des Fremden zu merken, die sie zu Boden geworfen und dann in ein zitterndes Gebet getrieben hatte. Sie bewegte sich scheinbar wie an allen Tagen in einer Art drohender Stummheit umher und verbiß sich noch leidenschaftlicher in ihr Wirtschaftswirken, so, als sei sie mit ihrem Vater allein im Hause, und fragte mit keinem Wort nach dem Ergehen dessen, den sie aus dem Bärengrund hatte herauftragen helfen. Dabei versäumte sie nichts im Dienst um den Kranken, den Großmann für seinen Sohn Franz gehalten hatte. Gleich nach dem Aufstehen, beim ersten Schein des beginnenden Tages, trat sie in die Wohnstube und fand ihren Vater neben dem Bett des Unglücklichen auf einem Stuhl schlafend, zusammengerutscht, blaß, wie ein Gefolterter. Ohne ein Wort zu sprechen, hob sie ihn, unter die Achsel greifend, auf die Füße, gängelte ihn durch den kleinen Flur die Stiege hinauf und legte ihn dort auf das Bett der anderen, der ihren benachbarten Kammer. Zu allen Ansätzen des übermüdeten, abgetriebenen Mannes, von dem zu sprechen, was sich zwischen ihm und dem Kranken diese Nacht ereignet hatte, schüttelte sie nur den Kopf, als wisse sie alles oder als interessiere sie nichts, daß Großmann im Taumel der Schlaftrunkenheit immer nach einigen Worten der Erzählung abbrach. Als er aber mit Hilfe Paulas sich der Stiefel entledigt hatte und angekleidet unter der Decke lag, riß er die zufallenden Augen weit auf und schrie schmerzvoll: »Paula, es ist nicht Franz.« Das Mädchen schloß ihm hastig mit der Hand den Mund und bedeutete ihm, still zu sein. Denn niemand dürfe von der Anwesenheit des Fremden in ihrem Hause wissen, weil ihm sonst allerlei Plackereien von den Grenzjägern drohten. Das alles sagte sie hart, fast lieblos, Großmann schloß die Augen, nickte stumm und schlief sofort ein. Paula aber mußte im Hinabsteigen sich auf eine Stufe der Stiege setzen, hüllte auf einen Augenblick den Kopf in ihre Schürze und stieß ein tiefes, fast tierisch-schmerzliches Stöhnen aus. Dann aber biß sie die Zähne zusammen, packte mit beiden Händen ihre Knie, als wolle sie sich das Fleisch herunterreißen, schnellte sich auf und stieg finster zusammengezogenen Gesichts hinunter zu dem Kranken, zog die Vorhänge an den Fenstern noch fester zusammen, rückte leise den Stuhl vor dem Bett zurecht und bohrte unausgesetzt ihre Augen auf den Kranken, leidenschaftlich und fessellos, als stürze sie sich kopfüber in einen Abgrund. Maechler lag kalkbleich, regungslos, fast ohne Atem, halbgeöffneten Auges, mehr ein Toter als ein Lebender, in den Kissen. Unter den bohrenden Blicken des Mädchens zerriß auf einen Augenblick seine Starre. Er holte tief Atem, ein Beben lief durch ihn hin, und hauchend sprach er nur das eine Wort »Mutter«. Dann war er wieder still wie ein Toter. Dem Mädchen zog es die Hand nach seiner Stirn. Aber sie riß sich zusammen, floh lautlos aus der Stube, trat vor die Haustür und versank flammenden Auges in das frühlingsbesonnte Waldwogen der Berge und Schluchten unter ihr. Dabei ging ihr Atem leidenschaftlich, inbrünstig, zum Brustzerspringen. Endlich packte sie eine hölzerne Kanne, die auf einem Bänkchen neben der Tür lag, und schleuderte sie so heftig zu Boden, daß die Dauben auseinandersprangen. Dann ging sie glänzenden Gesichts, befreit, an ihre Arbeit. Den Kranken folterte indes das Nervenfieber weiter und trieb ihn immerfort spukhaft durch die Wirrnisse, Gefahren und Nöte, mit denen sein Leben lange in dem Feuerkessel der Revolution um Gott, Freiheit und Menschenwürde gerungen hatte. Scheinbar gleichgültig ging Paula unter den Augen des Vaters an diesem Kampfe seines kranken Wahnes vorüber. Großmann aber riß sich immer wieder aus dem kurzen Schlaf der Übermüdung und saß tags und nachts an dem Lager Maechlers, weil er sich nicht von der Hoffnung ganz trennen wollte und konnte, dieser landfahrende Flüchtling, den er auf so wunderbare Weise ins Haus gerettet hatte, sei doch sein Sohn Franz. Denn wir wissen ja, wenn eine inbrünstige Hoffnung auch in dem unruhigen Geiste zu erblassen beginnt, im Herzen lebt sie auf unbegreifliche, nicht zu verstehende Art weiter. So lauschte er aufmerksam auf alle wirren Fieberreden des Kranken, um ja kein Wort zu verlieren, durch das der leidende Flüchtling sich als der Mensch enthüllte, den er die ganzen Jahre ersehnt hatte. Allein niemals sprach er von Wien, nie von dem Riesengebirge, nie berührte er einen Ort, eine Begebenheit, die in die Jugend seines Sohnes eingebettet lagen. Bald lief er in Mannheim am Ufer des Rheines hin und schoß als Kanonier nach Ludwigshafen, bis es brannte, bald war er auf dem Bahnhof, wo man ihn gefangennehmen wollte, fluchte und wetterte gegen die hundsmiserablen Dragoner und schrie endlich keuchend: »...schnell, aber schnell rein!« und brach darauf in gellendes Gelächter aus. Nach solch wilden Erschütterungen lag er still, sah mit weiten, übergedanklichen, abwesenden Augen über sich und sagte eine zusammenhanglose Reihe von Namen mit einer ergreifend stillen Stimme, daß Großmann sich nahe über seinen Mund beugen mußte, um zu verstehn, was Maechler sprach, denn es klang so, als spräche ein erschütterter Frommer seine Sterbegebete. Auch sein Gesicht hatte schon den Ausdruck jenseitiger Feierlichkeit. Aber was er mühsam, wie mit dem letzten Atem, in großen Abständen redete, waren nicht Worte der Andacht, nein, abgetrieben flüsterte er Namen, aus denen Großmann nichts zu machen wußte: »Waghäusel... Käfertal... Corvin... Neckargemünd... Struve... Heidelberg... Bretten... Sigel...« Und als er damit fertig war, verzog sich sein Gesicht in qualvoller Enttäuschung. Mühsam hob er die Hand ein wenig und winkte verzweifelt lächelnd ab. Doch ehe er wieder in vollkommene Starre verfiel, schrie er überlaut: »Was ist? was ist?! – Ach so – ja, lieber Mann, Sie haben ganz recht. Es ist gut, ich danke Ihnen, Sie können gehen. – Und das mir? – mir? – mir? –« – Die letzten Worte wurden fast lautlos gesprochen. Dann röchelte es leise in seiner Brust, so wie starke Männer zu weinen beginnen. Aber Maechler weinte nicht, sondern lag bald wieder still wie ein Toter. Auf diese Weise verbrannte die Vergangenheit des Gerbers, und wie die Glut schwächer und schwächer wurde, verlor sich nach und nach das Beängstigende seiner leiblichen Krankheit. Nach vierzehn Tagen hörten die wilden Ausbrüche ganz auf, und Maechler lag erschöpft und wohlig in den Kissen, wie ein Bergsteiger nach einer gefährlichen Tour in tiefem, traumlosen Schlaf sich von tödlicher Überanstrengung erholt. So vollkommen war die Erschöpfung, so schwach der Feuerfunke, der von dem fieberflammenden Rasen zutiefst in ihm zurückgeblieben war, daß all seine Sinne noch lange verschlossen, ja wie verfallen blieben. Er hörte kein Wort, empfand keine Berührung, verlangte nach nichts, öffnete nicht einmal die Augen und schluckte nur mechanisch hie und da einen Löffel voll Wasser oder Milch, der ihm in den willigen Mund eingeführt wurde. Er sah auch aus wie ein Büßer am Ende seiner Peinigungen: das eingefallene, elfenbeinfarbene Gesicht verklärt, der schmale Mund rein, wie im Wohllaut ruhend, die Augen in Frieden versunken und durch innere Schau geschlossen, die Stirn hell und klar von geheimnisvoller Sicherheit. So überwältigend war dieses Duldergesicht, daß Paula, wenn sie es hinter dem Rücken ihres Vaters eine Weile betrachtet hatte, fluchtartig das Zimmer verließ, weil sie sich sonst laut aufschreiend über den Unbeweglichen hätte stürzen müssen, der in einem rätselhaften Dasein ruhte, das über Tod und Leben hinausgetragen zu sein schien. Großmann verließ eines Morgens den Platz an dem Krankenbette und schlich sich heimlich aus dem Hause. Auf einem Umwege durch den Wald des Vogelsteines suchte er den Ort auf, wo er den zusammengebrochenen Flüchtling gefunden hatte. Dort verharrte er den ganzen Tag in Gedanken, die er nicht vollkommen begriff. Aber am Ende war er beruhigt und den Finsternissen entronnen, die ihn jahrelang in sich und auf der Welt ruhelos umhergetrieben hatten. Gegen Abend betrat er das Haus und rief Paula. »Wir wollen den Menschen«, sagte er ruhig, »hinauf in die andere Kammer betten. Denn die Krankheit ist wohl vorbei und droben hat er mehr Ruhe. Ich muß auch wieder in den Wald und kann mich nicht mehr so um ihn kümmern. Was dann werden soll, das wird sich ja zeigen.« Vorsichtig trugen die beiden Maechler in die stubenartige Kammer, die neben der Paulas lag. So war das Mädchen nachts bei der Hand, wenn Maechler eine Hilfe benötigte. Aber lange noch war er wie eine Pflanze, die wohl Regen und Sonnenschein braucht, Pflege und Güte, die Bedürfnisse jedoch nicht äußern kann. Wohin Paula seine Hand legte, wenn sie ihm am Morgen den Trank eingeflößt hatte, dort fand sie sie noch, stieg sie auf Augenblicke nach Stunden zu ihm hinauf. Doch sein Atem ging ruhig und tief, sein Herz bewegte sich leise aber sicher. Er schwand also nicht unmerklich in den Tod, sondern wurde langsam zurück ins Leben geschoben. In einer Nacht tauchte er einige Atemzüge lang ins Bewußtsein und fühlte sich mit zwei Körpern im Bett liegen, erschrak, zwei Leiber zu haben, wagte nicht, seinen anderen Körper anzufühlen, der an ihn gepreßt war und mit ihm verwachsen zu sein schien. Ein Duft wie von Thymian ging von diesem anderen Ich aus, und Maechler öffnete die Augen, um sich von diesem Alptraum zu erlösen. Doch es war finster um ihn, und als er die Hand nach dem anderen Wesen ausstrecken wollte, das er selbst und rätselhafterweise doch ein fremdes war, versank er wieder in Bewußtlosigkeit. Nacht um Nacht ereignete sich diese unerklärliche Heimsuchung, über die nachzudenken seine Kraft nicht hinreichte. Sein ganzes Bett duftete nach Thymian. Eines Morgens erwachte er aus dem Schlafe und zum klaren Bewußtsein. Er sah sich in einem kleinen, hölzernen Zimmer, und ein Mädchen mit schwarzen, flammenden Augen stand an seinem Bett, hielt ihm eine Tasse Milch hin und sagte mit harter Stimme: »Gott sei Dank, endlich! Nun aber zugelangt.« Dabei lächelte sie über ihr ganzes knochiges Gesicht, unbeholfen und unschön. Maechler schloß die Augen und drehte sich auf die Bretterwand zu, denn er meinte, bei offenen Augen zu träumen. Als er aber mit seinen Fingern über die Bretter gefahren war und wirklich Holz gefühlt hatte, erkannte er, in klarer Bewußtheit zu sein, kehrte sich wieder zu Paula und fragte: »Ja, sagen Sie, was ist denn das! Wo bin ich denn?« Da stürzten dem Mädchen die Tränen aus den Augen. Sie begann am ganzen Leibe zu beben, so, daß sie die Tasse auf den Stuhl stellen mußte. Dann stand sie atemlos und verschlang ihn mit den Augen. Es trieb sie, ihn zu umarmen, sich in ihn zu wühlen. Aber die Kühle und Erschrockenheit in den Augen Maechlers riß sie aus dem Sturm ihres unberührten Blutes, daß sie mit einem Ruck ihres gewalttätigen Willens sich in die Hand bekam. Immer noch mit ihrem verschlagenen Atem ringend, erzählte sie nun stockend und ungelenk, wie ihr Vater jahrelang nach dem in der Wiener Revolution verschollenen Bruder gesucht, Maechler auf der Hohenelber Straße getroffen und für seinen Franz gehalten habe; wie durch ein Wunder beide ihn im Bärengrunde gefunden und vor dem sichern Tode herauf ins Haus gerettet hätten. Als sie ans Ende gekommen war, machte sie eine kleine Pause. Dann wurde sie von innen her wieder überwältigt und sagte: »Und nun sind Sie da, und wir sind glücklich, daß wir Sie haben. Gelt, ja?« Doch diese liebreichen Worte sprach sie hart, kalt, fast feindselig. In ihr tobte so ein Taumel, daß sie am liebsten den Mann da vor sich erwürgt hätte, denn nun sah die Kühle in seinen so klaren aber so erschöpften Augen gar wie Entsetzen aus. Um nicht von diesem Drang übermannt zu werden, lief sie aus der Kammer und sprang die Treppe hinunter. Dort stand sie lange in dem halbdunkeln Flur und starrte finster zu Boden. Dann kehrte sie sich leidenschaftlich um, hämmerte mit geballter Faust auf die Treppenstufen und schwor sich dabei mit leiser Stimme: »Und doch! – Und doch!« Maechler aber, ins sichere Bewußtsein erwacht, wurde von der Brunstwolke Paulas nicht weiter beunruhigt, denn er war ein zu männlicher Mann, der wohl von dem andern Geschlecht zeitweise stark bewegt, jedoch nie unterjocht wurde. Als das Mädchen aus seiner Kammer geflüchtet war, roch er in der ganzen Stube den Duft des Thymian, der ihn bisher rätselhaft nur aus dem Bett beunruhigt hatte. Nun wußte er auch das Geheimnis seines zweiten Körpers. Er lächelte eine Weile schalkhaft darüber, strich sich aber bald diese Lustigkeit mit der Hand aus dem Gesicht und versuchte, sein Leben zu überdenken und ins klare zu stellen. Aus Schwäche geriet er bald ins Traumhafte, verwischt Ahnungsvolle; und ob er ermüdet dabei einschlief und beim Erwachen sich wieder darüber hermachte, in die Zusammenhänge aller Ereignisse einzudringen, er kam nicht weiter als zu der Erinnerung über ein sonnendurchglühtes, vulkanisch wogendes Feld gelaufen, durch einen Abgrund gestürzt, aber nicht unten, sondern rätselhafter Weise oben angelangt zu sein, so, als habe es ihn in die Höhe gerissen. Wenn er aber darauf bestand, in die Finsternis einzudringen, durch die er gesaust war, sah er immer nur in die schwarzen, flammenden Augen des unschönen Mädchens, das ihm nach dem Auftauchen aus der Bewußtlosigkeit die Tasse Milch gereicht hatte. Dann fielen ihm aus einer inneren Abgewandtheit abermals die Augen zu, und er stellte sich schlafend, als nach langer Zeit Paula wieder in die Stube trat, ihn zum Essen aufforderte, ja sogar an der Schulter rüttelte. Benommen lag er da und duldete alle Bemühungen ihrer robusten Liebenswürdigkeit, ohne die Augen zu öffnen, bis sie enttäuscht abließ und mit den zu sich selber gesprochenen Worten »Nun ja, ich stell das Essen auf den Stuhl. Wenn er erwacht, wird er's wohl finden« die Kammer verließ. Gegen den Abend erschien Großmann, aus dem Walde vom Holzschlag zurückgekehrt, an seinem Bett, begrüßte ihn in seiner gütigen Kargheit und betrachtete dann lange sein Gesicht, wohl um sich endlich zu vergewissern, ob dieser Mann da vor ihm im Bett sein Sohn Franz oder ein Fremder sei. Als er mit seiner Prüfung fertig war, schüttelte er mit einem schweren Atemzuge den Kopf, erhob sich jäh von dem Stuhle und ging ein paarmal mit langen Schritten den engen Raum hin und her. Dann ließ er sich wieder auf den Stuhl nieder und sagte: »Nun jaja, es ist nicht anders. Also Maechler heißen Sie?« Der Gerbergeselle nickte bestätigend, ohne ein Wort zu sagen, und lag auch still und lautlos, während Großmann von seinem jahrelangen schmerzvollen Warten auf seinen Sohn sprach, umständlich die Begegnung mit Maechler auf der Spindelmühler Straße und die Rettung des scheinbar Todgeweihten aus dem Bärengrunde erzählte und am Schluß vieles von dem berichtete, was Maechler in seinem Fiebertoben geredet und getan hatte, und daß Großmann oft wie mit einem Feinde habe ringen müssen, richtig, als ginge es um die letzte Wurst, wie er sich ausdrückte, vor allem auch, um ihn daran zu hindern, aus der Stube, aus dem Haus hinauszulaufen, um nach Preußen hinüberzukommen. Während der Erzählung Großmanns war Paula leise eingetreten, hatte sich hinter den Vater gestellt, bekräftigte seine Erzählung da und dort mit einem stummen Neigen des Kopfes und verwandte keinen Blick von Maechler, der horchend mit weitgeöffneten Augen bald Großmann ansah, bald wieder sinnend sich ins weite verlor und so, still und wortlos, alle Fragen überging, die Großmann an ihn über seine Familie und Herkunft richtete. Er faltete stumm seine Hände und blickte sie nachdenklich lange an. Dann sagte er mit der machtlosen klaren Stimme der Genesenden, indem er seine großen blauen Augen auf Großmann richtete: »Hm, hm. Ihr habt mich vom Tode errettet, und ich danke euch von Herzen. Ich hoffe, daß ich das kann.« Dann mußte er erschöpft innehalten. Er schloß die Augen wieder und Paula sah, wie eine Träne unter den Lidern auf seine gelbe, eingefallene Wange trat. Das ergriff sie so, daß sie aus der Kammer huschte und draußen einen Balken dergestalt umklammerte, als wolle sie ihn zerdrücken. Kaum daß die Tür hinter dem Mädchen ins Schloß geschnappt hatte, erhob Maechler wieder seine Augen und sah, lange nach dem rechten Wort suchend, auf den Gebirgler, der bedrückt und fassungslos auf seinem Stuhl saß. »Herr Großmann«, sagte der Kranke endlich leise, »wenn ein Rad sich dreht, so glauben die Menschen, es wird etwas, was noch nie dagewesen ist. Aber das Rad dreht sich nur, weil es in seiner Art ist. Auch das ganz, ganz große Rad macht es so.« Dabei hob Maechler seinen rechten Arm etwas in die Höhe und wollte wohl damit auf den Himmel zeigen. Dann sank er in die Kissen zurück. Seine Augen fielen ihm zu und im nächsten Moment schlief er schon. Diese Worte, die Maechler an das Ende der Unterredung gefügt hatte, erschienen dem einfachen Manne der Bradlerbauden nur aus der Verwirrung der Krankheit zu stammen, die noch immer, wenn auch ganz schwach, in ihm regierte, so unbegreiflich, so versprengt waren sie. Nachdem Großmann noch eine Weile in der Hoffnung auf dem Stuhle gesessen hatte, der Kranke werde bald erwachen und gekräftigt an die Erklärung seiner geheimnisvollen Worte herangehen, erhob er sich und verließ auf den Zehen die Kammer, denn Maechler war in so tiefen Schlaf entrückt, daß es eine Versündigung bedeutet hätte, ihn darin zu stören. Außerdem tröstete sich Großmann beim behutsamen Hinabgehen über die steile Stiege, daß sich ja noch vielerlei Anlässe bieten würden, den Fremden über den Sinn seiner rätselhaften Worte zu befragen, wenn er erst wieder sicher und gesund auf den Beinen stände. Darüber aber war er jetzt schon klar, daß Maechler nicht zu den vertrottelten Landfahrern und Diebesvögeln gehörte, die von Zeit zu Zeit in den Wäldern und Bauden des Riesengebirges vor der Polizei Schutz suchten. In einer ihm selbst unbegreiflichen Befreitheit durchschritt er den Flur und tat sich vor dem Hause mit allen Sinnen in der Welt um, als sei es wohl möglich, daß von irgendwoher, durch die Luft, wieder eine Radwer voll Glück unter sein Dach gefahren werde. Das ganze Gebirge, wohin er auch seinen Blick wenden mochte, lag in der letzten Klarheit des Abends, alle Züge, Rücken und Kuppeln in jungem Grün, so frisch, so lebendig, als ständen sie nicht seit Ewigkeit auf demselben Fleck, sondern seien bereit, unaufhaltsam und mächtig unter dem Himmel dahinzufahren, irgendwohin. Der Krokonosch drüben hob seinen langen Buckel, drauf und dran, seine riesige Last höher zu stemmen und fortzurücken, der Ziegenrücken schnellte sich keck von der anderen Seite durch glasklare Luft, als habe er es satt, seit Jahrhunderten vor dem Spindelmühler Kessel jäh zu erschrecken, sondern sei entschlossen, jetzt, gleich den Sprung über die Tiefe zu wagen, mochte es dem alten, dösigen Krokonosch behagen oder nicht. Die Sturmhaube pfiff leise mit einer himmlischen Sirene. Aus dem Elbgrund orgelte es geheimnisvoll, im Bärengrund pinkte leise und verschwebend das Wasser hinunter, und die wenigen kleinen Wölkchen, die bisher still und verklärt am blauen Himmel gestanden hatten, erröteten über diese allgemeine glückliche Unruhe auf der Erde und zogen weiter. Großmann, in den das alles wie eine Offenbarung eindrang, die nicht zu fassen und auszudrücken ist, wandte sich endlich zurück und auf einmal war jedes Erschrecken über die Verschollenheit seines Sohnes verschwunden, und der verwunderte Glaube näherte sich ihm, die Fügung habe diesen Fremden als Ersatz des Entschwundenen ins Haus gesandt. Erstaunt, betroffen, aber auch auf rätselhafte Weise erlöst, trat er ins Haus. 4 Nach weiteren vier Wochen stand Maechler schon auf ziemlich sicheren Beinen, die ihn da und dorthin in die nächste Umgebung der Baude trugen und sah mit Augen in die Welt, aus denen alle Unruhe und jedes Flackern geschwunden war. Wenn Großmann aber erwartet hatte, daß mit dem Gast nun leicht jene Dinge besprochen werden könnten, von denen seine rätselhaften Worte mit dem Rade herrührten, so sah er sich in seiner Hoffnung enttäuscht. Die Welt der Vergangenheit schien in Maechler durch die langen Fieberfeuer vollkommen verbrannt zu sein, und wenn Großmann am Abend mit ihm auf der Bank vor dem Hause oder in der Stube hinter dem Tisch saß und mit unauffälligen Worten auf die Wirbel zusteuerte, durch die der Gerber lange Jahre getrieben worden war, so bewegte wohl Maechler gedankenvoll-zustimmend den Kopf, rührte aber nie mit einem Wort an jene Zelt, sondern verfiel mit seinen Augen in ein schweigendes Fernhinschauen, das er dann tiefaufatmend abschüttelte und bald so, bald anders, in vieldeutiger Weise beendete, indem er den Gebirgler auf die Achsel klopfte und sagte: »Ja, ja, Großmann, das Leben tanzt und die meisten Menschen tanzen und wissen nicht, wohin sie kommen.« Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen, und fragte Großmann, wie er es nun mit dem Tanzen halten wolle, so erhob sich Maechler, dehnte seinen Körper aus der Versessenheit, ging ein paar überlegende Schritte hin und her und sagte dann zu Boden blickend, mehr zu sich als zu dem aufmerksam horchenden Frager: »Wir werden ja sehen! Beim Tanzen dreht man sich im Kreise, wer weiter will, muß Fuß vor Fuß setzen. Das Rad des Wagens, an den man gespannt ist, dreht sich dann von selber. Ist's nicht so, mein lieber Großmann?« Nichts mehr vom Kampf mit Gott, nichts mehr von Schwärmerei nach Menschheitsfreiheit, von begeistertem Umsturz im Namen der Menschenwürde blühte aus ihm. In die Achseln gereckt stand der ehemalige Flüchtling vor dem Gebirgler und schaute entschlossen und sicher auf ihn nieder, der betroffen und verwundert sein: »Ja, ja, nein, nein« sagte, weil sich der Sinn der Maechlerschen Worte seinem denkungeübten Kopf nicht aufschließen wollte. Nur das Vertrauen in die Zuverlässigkeit dieses Mannes verstärkte sich mehr und mehr durch solche Gespräche, daß er den Fremden nach wenigen Wochen immer mehr als alten Hausgenossen empfand, und als Maechler bald darauf begann, sich im Hause nützlich zu machen und auf dem Felde wacker zugriff, mit dem Rechen die Wiesen fegte, Abzugsgräben reinigte und den Dünger aus dem Stall auf den Haufen karrte, wurde es Großmann richtig warm ums Herz. In einer Nacht, da er schlaflos in seinem Bett lag und verwundert die Reihe der letzten Ereignisse sinnend entlang lief, trat auf einmal aus der heimlichen Tür seines Innern der Gedanke auf den hellen Plan seines Bewußtseins, warum in aller Welt der Fremde nicht als Tochtermann für immer in der Baude bleiben könne. Mit einer Art verwunderter Überraschung betrachtete er diese mögliche Tatsache, auf die er, ohne sie zu wollen, dadurch hingearbeitet hatte, daß er seinen beiden Nachbarn in der oberen und unteren Bradlerbaude den Fremden als einen entfernten verwandten aus der Braunauer Gegend angegeben hatte, der auf dem Wege zu ihm im Walde vom Fieber überfallen worden war, das ihn volle vierzehn Tage gepeinigt hatte. Kein Mensch konnte dabei etwas finden, wenn sich ein Verwandter in einen Liebhaber seiner Tochter verwandelte. Freilich, freilich, diese ganze Geschichte, sann Großmann weiter, muß eben von den beiden gemacht werden, die über ihm auf dem Boden schliefen. Die müsse halt nun sehen, wie sie zusammenkommen. Von mir, überlegte der schlaflose Gebirgler weiter, kann da nichts geschehen. Aber kaum daß er mit seinem Sinnieren in diese Sache so weit Hineingeraten war, schien es ihm, als würde über ihm auf dem Boden eine Tür leise bewegt. Und unmittelbar darnach hörte er ein schwaches Stöhnen. Doch das klang nicht wie das Stöhnen eines Glücklichen, es war eher ein Laut, wie ihn der Fremde immer am Ende der Fieberfolterungen ausgestoßen hatte. Sollte sich der kaum Gekräftigte durch sein Zugreifen bei den Hausarbeiten einen Rückfall in die Krankheit zugezogen haben? Großmann lauschte angestrengt über sich. Es rührte sich nichts mehr. Aber merkwürdig, das beunruhigte ihn noch mehr. Er zündete das Licht an und stieg, nur die Hosen schnell übergezogen, lautlos die Bodentreppe hinauf. Beide Türen waren geschlossen. Aus der Kammer des Fremden tönten lange, liefe Atemzüge. Hinter der Tür zu der Kammer seiner Tochter kauerte eine wilde, zornige, geladene Stille. Und als Großmann geräuschlos geöffnet hatte und zehenleise an das Bett Paulas herangekommen war, fand er seine Tochter starr und unbewegt daliegend, das Gesicht blaß, die schwarzen Augen starr und weit auf die Decke gerichtet. Auf seinen leisen Anruf rührte sie sich nicht, sondern schloß nur die eine Hand, die am langausgestreckten Arm auf der gewürfelten Decke ruhte, zur Faust. Und da er sich zu ihr niederbeugte und flüsternd fragte, ob der Gast etwa wieder einen Fieberanfall gehabt habe, spritzten ihr förmlich die Tränen aus den dunkel-bewegungslosen Augen. Sie schüttelte zornig den Kopf. Es ging wie ein Ruck wütender Empörung durch ihren Körper. Dann hauchte sie heiß vor sich hin: »Laß mich bloß mit dem fremden Kerl zufrieden!«, wandte ihr Gesicht von ihrem Vater ab, der Wand zu und schwieg. Großmann kannte diese Härte Paulas von Kindheit an. Ihre Entschlüsse waren immer, als ob sie Eisentüren zumache. Deswegen bemühte er sich nicht weiter, sondern stieg lautlos und bekümmert hinunter ins Bett. Als er am anderen Morgen beim ersten Tagesscheine aufstand, um sich zu seinem Gang in den Holzschlag zu rüsten, hörte er Maechler in der Bodenkammer über sich geschäftig hin- und wiedertreten, und da er sich kaum in der enge Küche zum Frühstück an den Tisch gesetzt hatte, trat sein Gast auch herein, begrüßte ihn scheinbar aufgeräumten und heiteren Gesichtes und eröffnete dem verwundert Aufschauenden den Entschluß, ihn in den Wald zu begleiten, nicht als Luftgänger, nein, wenn es sich irgend tun ließe, als richtiger Arbeiter. Großmann erhob wohl diese und jene Einwendungen, wegen der Schwere der Arbeit, der vorherigen Anmeldung beim gräflichen Forstamt und anderes mehr, vermochte aber Maechler in seiner Absicht nicht wankend zu machen. Lachend, ja übermütig zerstreute er alle Bedenken und ließ sich von seinem Entschluß auch nicht durch Paula abbringen, die während des Widerstreits der beiden Männer abseits, verstockt aus und ein ging und hin und wieder bei den beteuernden Worten Maechlers verächtlich und spöttisch durch die Nase lachte. So ging das Gespräch plänkelnd eine Weile ab und zu, bis aus dem Gesicht Maechlers plötzlich jede Lustigkeit verschwand und er ernst erklärte, auf der Stelle, ohne das Frühstück zu vollenden, über den Kamm nach Preußen davon zu gehen, wenn man ihm nicht erlaube, auf diese Weise seinen Dank für die empfangenen Guttaten abzustatten. Er habe nichts als die Kraft seiner Hände, und die seien Gott sei Dank schon wieder so weit, daß er es mit Bell und Säge, und wenn es sein müßte, mit noch anderen aufnehmen könne: »Das haben Sie, Paula, in den Tagen doch erfahren!« Mit diesen Worten wandte er sich an das Mädchen, die plötzlich von ihrem unruhigen Umherstreifen abgelassen hatte und neben ihn getreten war. Dort verharrte sie einen Augenblick in Schweigen, kerzengerade aufgerichtet, die Hände über die Hüften gestemmt. Dann setzte sie sich langsam auf den Stuhl und musterte ihn mit einem so entschlossenen, verfinsterten Gesicht, daß der gute Großmann einen ihrer verheerenden Wutausbrüche fürchtete. Aber es kam anders. Mit unnatürlich leiser, wie traumwandlerischer, Stimme sagte das Mädchen zu Maechler: »Ich bin nicht ›Sie‹ und auch nicht ›Fräulein‹, nicht einmal Großmann, sondern Paula. So.– Und nun mach ich ihm die Schnitten zurecht, Vater, und er geht mit dir in den Wald.« Der Gerbergeselle war von den verzehrenden Flammen ihrer Augen, in die er wider Willen hineingerissen worden war, wie betäubt, bemühte sich zu lächeln und wandte sich in seiner Verlegenheit zu Großmann mit den Worten: »Da, Großmann, siehst du, Paula hat recht.« Das Mädchen erwiderte keinen Laut, strich sich mit beiden Händen die Haare zurück, erhob sich und ging, ohne die beiden zu beachten, an die Besorgung ihrer Tageszehrung. Schnell machten sich die Männer auf den schmalen Steig, der, an der oberen Bradlerbaude vorbei, im Bogen die letzte, schwache Ausmuldung des Bärengrundes überwindet und langsam bis zur halben Höhe des Vogelsteines ansteigt. Es war gerade kein grämlicher, aber ein grieslicher Morgen. Großmann ging voran, Maechler folgte in einer Entfernung, die sich mit jedem Schritte vergrößerte, weil er immer wieder stehenblieb und den Weg, der bisher fast ganz baumlos war, zurückspähte. Denn nach dem Verlassen der Großmannbaude hatte er bei einem halben Umwenden das Gesicht Paulas gesehen, das, an das Fenster der Küche gepreßt, blaß und gespannt, aus ihren schwarzen Augen ihm nachsah. Er brachte das Gesicht nicht aus seinen Gedanken. »Tolle Augen«, fuhr es ihm immer wieder durch den Kopf. Dann drehte es ihn jedesmal um, und er schaute in einer Art Beklommenheit zurück, weil er glaubte, das Mädchen folge ihnen. Auf diese Weise war er von Großmann außer Rufweite geraten. Ja, er wußte gar nicht mehr, weshalb er hier oben durch die Bergeswiesen, an Felsen, Latschenplänen und verkrüppelten Wetterfichten vorbei hingehe. Das übersichtslose, wirre, verdämmerte Chaos, zu dem die Zeit seiner rebellischen Jahre durch sein wochenlanges Fieber verwüstet worden war, umgab ihn wie ein Wirbeltanz ferner, undeutlicher Schatten, und wenn er sich bemühte, aus dieser Hexenfahrt abgerissener Erinnerungsfetzen ein Bild klar herauszugreifen, so verwandelte es sich immer in das Küchenfenster der Bradlerbaude, aus dem das blasse, leidenschaftliche Gesicht Paulas mit schwarzen Augen ihn ansah. »Tolle Augen«, murmelte Maechler wieder und wandte sich um. Da hörte er plötzlich einen gedankenleisen Ruf. Er tauchte aus dem inneren Trubel, sah sich verwundert und aufmerksam um und erblickte endlich Großmann auf einem steil abschießenden Nebensteige unter sich vor dem Walde stehen, wie er heftig gestikulierend ihn zu sich herunterwinkte. Und ebenso in das leidenschaftliche Gesicht und in die brennenden Augen Paulas, wie in dies unsinnige Drehen seiner Rebellenwirbel sprechend, sagte er ablehnend vor sich hin: »Fällt mir gar nicht ein! Ich mag nicht der Platzhalter eines Toten sein.« Danach ging er zögernd einige Schritte auf Großmann zu, besann sich dann aber, stieg an einer freien Stelle auf einen Stein, schwenkte winkend die Mütze und schrie aus Leibeskräften: »Komm rauf, Großmann!« Als er nach einigen Bemühungen wahrnahm, daß der Gebirgler ihn verstanden habe und heraufzusteigen begann, sagte er, lachend vom Stein herunterspringend: »Nein, nein. Diese Paula und der ganze Rebellenrummel ist ein und dasselbe.« Dann setzte er sich auf einen Stein und schippte mit der Stockspitze auf dem Wege hin und her. Als er Großmann herankommen hörte, erhob er sich und, seine eben gewonnene Überzeugung bekräftigend, legte er beteuernd die Hand auf die Achsel des Verblüfften und sagte, den Kopf schüttelnd: »Es geht nicht, Großmann.« »Na ja, das freut mich, daß du das einsiehst, mein Lieber«, erwiderte der gutmütig und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. »Wenn du eben durchaus mit in den Wald gehen willst, ist's ja gut. Einmal mußt du schon anfangen, freilich, freilich. Aber jetzt bist du eben noch nicht ganz beieinander.« Maechler musterte ihn scharf, lächelte in sich hinein und erwiderte: »Schön, so meinst du!« Dann aber drehte er sich herum, daß das großartige Wogen der dunklen Wälder auf den zahllosen Bergen, Kuppen und Zügen vor ihnen lag. Sie drangen, immer niedriger werdend, in die Weite und verloren sich dort in einer Nebelwand, die sich langsam, aber unaufhaltsam heranschob. Sicher lag eine heimliche Grämlichkeit und Verdrossenheit über allem. Aber Maechler, ganz im Banne des in ihm eben aufgesprungenen Entschlusses, streckte den Arm aus und rief: »Na, sieh dir das an, Großmann! Keine halbe Stunde und der Regen ist da. Habt Ihr auf der böhmischen Seite oft solches Sauwetter, was?« Großmann verstand ihn nicht, wohin Maechler hinaus wollte, und antwortete ausweichend: »Nu ja, wohl, wohl. Ach nu, nee. Wie man's nimmt.« Allein in Maechler sprang das Lebenskochen auf, das ihn in die Rebellion und aus Bamberg auf diese Weltklärungsfahrt getrieben hatte, und so fuhr ihm die Erwiderung wie ein Zünden aus dem Munde: »Gar nicht, wie man's nimmt! wir müssen's nehmen, Großmann«, und in Gedanken setzte er hinzu: »Mag mich die Rebellerei getrieben haben. Die Paula, gibt's Gott, fängt mich nicht.« Großmann plierte lächelnd den Erregten ein Weilchen an, fuhr sich mit dem Daumen und dem Zeigefinger überlegend an den Mundwinkel und sagte dann: »Ja, mein lieber, mit Hacke und Schaufel kann man eben gegen Gewitter nichts ausrichten.« Maechler ließ sich von der Aufsässigkeit gegen das Schicksal nicht abbringen, das er auf sich zukommen suhlte, und erwiderte: »Natürlich kann ich mit Hacke und Schaufel Gewitter und Wolken nicht vom Himmel herunterholen. Natürlich nicht. Aber darauf kommt's an, daß die Menschen Hacke und Schaufel in der Hand und im Kopf haben, damit uns das da droben nichts anhaben kann. Die Zeit ist vorbei, Großmann, daß man den Himmel einreißen und anders machen will, haha.« Damit drehte er sich ab und sah ingrimmig über das Waldgewoge der Berge, Kuppen und Züge, in die der Nebel sich immer tiefer einfraß. Dann kehrte er sich wieder zu Großmann und fragte ärgerlich: »Na, und wie ist's auf der anderen Seite, he?« »Auf welcher?« fragte Großmann wieder. »Nun, auf der preußischen, meine ich. Aber dem Kamm drüben, Vetter und Leben«, erklärte Maechler wie verbissen. »Das geht mich nichts an«, antwortete Großmann enttäuscht, weil er zu begreifen begann, worauf Maechler hinaus wollte, »da mag ich gar nicht 'nuntersehen, und wenn ich je einmal muß und kann's nicht andern, dann spuck ich aus, weil das ein Land der Diebe und Räuber ist. Jawohl, nichts wie fleißige, aber erpichte Halunken.« »Nanu«, warf Maechler höhnisch ein. Aber Großmann ließ sich nicht beirren, er war im Zuge des ererbten Grolls und hoffte, auch Maechler die Gelüste nach drüben zu versalzen. »Nicht einen Funken ist's anders, wie ich gesagt habe«, fuhr er erregt fort. »Haben die verfluchten Preußen nicht dazumal unserer Maria Theresia, dem armen, guten Weibe, das Schlesien vom Leibe gerissen, möcht man sprechen, gestohlen, nein, geraubt?! Und wie der Tännling so der Same. Das ist heute noch dasselbe. Keiner von uns hält's da drüben aus. Eh sie Atem holen, rasen sie und stochern sich mit dem Säbel die Zähne. Mich bringen keine zehn Pferde da 'nüber.« Maechler brach in ein tolles Gelächter aus und schlug sich immer wieder auf den Schenkel. Als er aber aufsah, stand Großmann blaß und erschöpft da und blickte den Gerber furchtsam, ja bekümmert mit Augen an, die fortwährend zwinkerten; denn er hatte begriffen, daß Maechler fort wolle. »Nimm mir's nicht übel«, sagte er dann sanft und legte die Hand auf seinen Arm. »Weißt du, Maechler, nichts für ungut. Du mußt denken, ich bin ein Vater.« Da wurde Maechler im Umwenden ernst. »Freilich, freilich hast du recht, und ich versteh dich auch«, sprach er leise und stach sinnend mit dem Stock zwischen die Steine. Dann aber richtete er sich, eine Last abwerfend, auf, sah sich um und sagte entschlossen: »Du bist ein Vater, und ich bin ein Kerl, der so lange in der Welt umhergelaufen ist, daß er noch nicht hinter den Ofen kriechen kann. Nein«, und nun lächelte er übermütig, »so scheußlich wird das Preußen nicht sein, daß man doch nicht hinuntersehen darf. Außerdem, mein Lieber, ist es ja meine eigentliche Heimat. Denn wie du aus meinen Papieren gesehen hast, bin ich aus Gerlachsheim bei Lauban. Also mit meiner Waldarbeit wird es heute bestimmt nichts. Hier hast du mein Beil. Am Abend bin ich bei guter Zeit wieder in deinem Hause. Dann reden wir weiter.« Damit reichte er ihm das Beil, drückte ihm kräftig die Hand und ging ein Stück auf dem Wege zurück, dann aber bog er ab und stieg geradeaus gegen den Kamm hin. Großmann sah ihm nach und rief: »Links halten!« Maechler drehte sich um, winkte und stieg weiter. 5 Als Großmann nicht lange vor dem abendlichen Eindunkeln von seinem Arbeitsplätze zurückkehrte und auf der Stelle des Wegleins angekommen war, wo sich am Morgen Maechler so jäh von ihm getrennt hatte und mit langen leidenschaftlichen Schritten durch die Mädelwiesen zum Kamme hinaufgestiegen war, blieb er einen Augenblick stehen und bemühte sich, hinter den Sinn dessen zu kommen, was der fremde Gast gesprochen hatte. Aber es gelang ihm jetzt so wenig wie den ganzen Tag über, da er bei Beilhieb und Sägenschwung sich zwischen den merkwürdigen Worten Maechlers umhergetrieben hatte und am Ende zu der Überzeugung gekommen war, es sei mit diesem fremden Freunde und ihm eben dasselbe, wie es sich zwischen den Menschen der ganzen Welt verhalte: sie hackten eben jeder an einem anderen Stamm. Großmann war versucht, sich auf denselben Stein zu setzen, auf den sich heute morgen Maechler niedergelassen hatte, um in Ruhe das Bild zu Ende zu denken. Aber er schob diesen schwachen Drang von sich und setzte seinen Heimweg fort. Droben aus den Mädelwiesen stiegen ein paar Nebelgarben und zogen geisterhaft über das junge Grün. In langsamen Schritten sah ihnen Großmann zu und dachte daran, daß Maechler versprochen hatte, am Abend wieder zu Haus zu sein. Vielleicht war er schon längst drunten und, wer weiß, hatte es sich zwischen ihm und Paula indessen zurechtgerückt. Maechler war zwar nicht mehr der Allerjüngste, aber wenn zwei allein im Hause sind, so kommen sie leichter zusammen. Er bemerkte, daß es aus der Esse seines Bäudleins schon rauchte, und beschleunigte seine Schritte in der Hoffnung, Maechler drunten hinter dem Tisch sitzend zu treffen, während Paula geschäftig hin und her wirtschaftete. Allein als er leise in das Haus trat, überfiel ihn die atemlose Stille, die seit dem verschwinden seines Sohnes und dem Tode seiner Frau darin aufgekommen war. Nur aus der Küche schwirrte und polterte es unwirsch und leidenschaftlich, so daß sich Großmann am liebsten wieder zum Hause hinausgestohlen hätte, weil er besorgte, Paula konnte ihn dafür verantwortlich machen, daß er ohne Maechler Zurückkehre. Allein er war vom Leben müde getrieben, hängte vorsichtig Stricke und Sägen an den Hausrechen, lehnte die beiden Beile unten an die Wand, drückte sich geräuschlos in die große Stube und setzte sich hinter den Tisch. Ihm war es verwunderlich, wie ruhig er alles hinnahm, seit er Maechler in sein Haus geschafft hatte, so als habe er durch die Pflege des Todkranken seinen verschwundenen Sohn ins Leben begraben. Die Stube dunkelte tiefer und tiefer ein. Großmann sah es unbekümmert und staunte darüber, wohin die Angst gekommen sei, die ihn sonst seit Jahren überfallen hatte, wenn sein Haus in Schatten und Finsternis gesunken war. Eine Hoffnung hatte sich bei ihm eingefunden, die er nicht verstand, eine Sicherheit, für die er keinen Grund wußte, denn auch das preßte ihm nicht mehr die Brust wie heut morgen, wenn Maechler nun überhaupt nicht mehr zurückkäme und also wie ein Wind gewesen wäre, der eine Weile durch sein Haus geweht hatte. Doch da erschrak Großmann geradezu vor sich. War er in den besten Jahren schon so weit, daß ihn nichts mehr erregte? Nein, das konnte nicht sein! Mit einem tiefen Atemzuge und zusammengerissener Stirn erhob er sich, um an das Fenster zu treten. Da wurde die Tür aufgestoßen und seine Tochter stand vor ihm. »Na, allein?« fragte sie höhnisch, nach einem Umschauen in der ganzen Stube. Wie ein böser Steinwurf traf ihn die Frage, so, daß er erst einen Blick durchs Fenster tun mußte. Dann kehrte er zu ihr zurück und antwortete gelassen: »Ja, allein, Paula. Aber ich bin nicht schuld.« Dann erzählte er ruhig von dem, was sich am Morgen Zwischen ihm und Maechler ereignet hatte. »Also das Wetter hat ihn auf den Kamm getrieben, meinst du?« fragte sie hart. »Nun, ja. Wohl, wohl«, antwortete er behutsam. »Vielleicht war es das Wetter, wer kann's wissen? Aber, Paula, das sag' ich dir, wenn du nicht so unwirsch mit ihm umgehen würdest, könnt's nicht schaden.« »Ich? Ich unwirsch?« fragte das Mädchen bestürzt tonlos, dann sah sie lange vor sich nieder, stumm, verschlossen, ohne zu atmen. Endlich riß sie sich in die Höhe und stieß wie kochend die Worte heraus: »Was soll ich denn noch tun! Ich unwirsch? Du weißt gar nichts.« Zornig und zugleich an den Tränen würgend, sprach sie, lachte schrill auf und war fort, wie aus der Stube gestoßen. Nicht lange danach rief sie ihren Vater in die Küche, wo das Abendbrot schon für ihn bereitstand, Schalkartoffeln, Weichkäse, Brot und ein Krug Milch. Mit zusammengezogenem Gesicht, bebenden Händen, unruhig entgleisten Augen saß sie dabei, ohne einen Bissen zu genießen, ohne ein Wort zu sprechen, wenn sich ihr Mund auch dann und wann aus der verkrampften Geschlossenheit öffnete, aber nicht um zu reden, sondern wie besessen Träumende stumm zu schreien. Jeder Laut, der von draußen hereindrang, riß ihr horchend den Kopf in die Höh. Sie sprang auf, lief in den Stall, verließ das Haus, kehrte jedoch bald zurück und setzte sich wieder in der gespannten, verzweifelten Leidenschaftlichkeit ihrem Vater gegenüber. Unvermutet, nachdem sie eine Weile auf ihre gefalteten Hände gestarrt hatte, sagte sie leise, nein, kindhaft süß vor sich hin: »Der Mond wird bald aufgehen«, und als Großmann, über diese weiche Stimme fast erschrocken, sie ansah, merkte er, daß ihre Augen voll Tränen standen. Sowie das Mädchen aber den Blick des Vaters auf sich ruhen fühlte, sprang sie mit einer Verwünschung Maechlers vom Stuhl auf und lief hinaus. Schmunzelnd rückte Großmann an dem Kruge, nickte lächelnd ein paarmal mit dem Kopfe und murmelte vergnügt: »Da ist's ja gut.« Aber er konnte sich nicht weiter in diesen Gedanken verlieren, denn auf dem Wege drüben, der vom Kamm nach Spindelmühl führte, waren lange, eilige Schritte zu hören. Paula huschte herein und sagte atemlos: »Er kommt«, schüttete schnell neue Kartoffeln in die Schüssel, legte Messer, Teller und ein anderes Töpfchen zurecht und eilte wieder hinaus. Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, so trat Maechler herein. Alle bittere Jäheit von heut morgen war von ihm abgefallen. Er begrüßte heiter den Gebirgler, und während er sich hungrig über das einfache Mahl hermachte, erzählte er von den Streifereien über den Kamm, mit denen er den Tag zugebracht hatte, und wie er zuletzt, schon im tiefen Abend, sich an der Sturmhaube hatte verleiten lassen, von dem Wege abzugehen, um geradezu durch Latschen und Felsen schneller hier zu sein. Aber das wäre ihm beinahe schlecht bekommen und nur einem Zufall sei es zu danken, daß er sich zurückgefunden habe. »Wahrhaftig«, erzählte er, »wie ich so klettere und plumpse und plumpse und klettere und schon daran denke, wenn es eben nichts hilft, so rette ich mich ins hohe Holz, krieche unter eine Schirmfichte und warte den Morgen ab, da klingt der Ruf einer weiblichen Stimme, sicher nicht nach mir, freilich. Aber es rief eben, noch einmal und noch einmal, wo Stimmen klingen, müssen auch Menschen sein, denke ich, und wo Menschen sind, müssen auch Häuser nicht weit sein. Also drehe ich und halte auf diese Gegend Zu, aus der die Stimme geklungen hatte, und kaum nach einer Viertelstunde trappeln meine Füße auf einem richtigen Wege.« »Ich habe dich nicht gerufen, Maechler«, sagte leise, aber bestimmt Paula, die unbemerkt in die Küche gekommen war und im Dunkel neben dem Fenster ruhte. Maechler drehte sich erstaunt um und lachte lustig auf: »Ach, du bist ja auch da, Paula! Nein, nein, das glaub' ich, daß du es nicht warst. die Stimme klang anders, ganz, ganz anders.« »So, meinst du?« entgegnete das Mädchen beklommen und enttäuscht fragend, trat zögernd an den Tisch, legte sanft ihre Hand auf seinen Arm und sagte so leise und weich: »Da wird es eben jemand gewesen sein, den du noch nicht kennst«, daß Maechler den Kopf verwundert hob, weil der Laut von Paulas Stimme wirklich dem Klang jenes Rufes ähnlich war, der ihn auf den rechten Weg geführt hatte. Aber ehe er zu einem Worte kommen konnte, war Paula schon von seiner Seite verschwunden und zur Tür hinausgeschlüpft. Maechler sah der Davongegangenen verblüfft nach. Aber je länger er auf die Tür starrte, hinter der Paula verschwunden war, desto ernster wurde sein Gesicht. Zuletzt trug es den Ausdruck schmerzlicher Düsterkeit. Dann verfiel er in Sinnen, sah nach einer Weile den betroffenen Großmann an, als kämpfe er mit sich um eine wichtige Erklärung, stand aber langsam auf, durchmaß einige Male den Raum und sagte dann vor Großmann stehenbleibend: »Weißt du, es ist draußen so schon, daß ich eigentlich versucht bin, mich die ganze Nacht im Mondenschein herumzutreiben.« Großmann dachte bei sich, was soll das nun wieder sein? und sah ihn groß an. »Nein, nein, ich mach's nicht«, erwiderte er auf das wortlose verwundern, »Hab' keine Angst, ich kriech ins Bett, hahaha! Und morgen früh weckt mich, wenn ich's verschlafen sollte. Denn ich muß doch eben versuchen, ob ich mit dem Beil ebensogut wie mit dem Scheermesser umzugehen weiß. Also, gute Nacht, Großmann.« Damit trennten sich die beiden, und Maechler stieg langsam die steile Bodentreppe hinauf. Er war mit der Örtlichkeit noch nicht ganz vertraut und mußte sich mit den Händen weiter tasten. Dabei stieß er, ohne es zu wollen, auf dem Boden angekommen, an die Tür zu Paulas Kammer. Sofort klang drinnen ein sanftes, bereites »Ja«. Maechler ging bei dem Klang dieser Stimme ein heißer Stoß durch die Brust. Ja, natürlich, niemand wie Paula hatte ihn diesen Abend gerufen. Auf den Zehen, lautlos kam er in seine Kammer. Dort machte er kein Licht, sondern blieb im Finstern eine Weile stehen. Draußen war der Nachtwind aufgewacht und fing an, mit den Fensterladen zu klappern und an den Türen zu rütteln, und wenn die Windstöße aussetzten, erklang das tiefe, leise Brausen unendlicher Wälder als Echo aus der Tiefe herauf. Das hörte sich ähnlich wie die Nachklänge der Kanonenschläge über den Rhein an, als er unter dem Kommando von Corvins geholfen hatte, Ludwigshafen zu beschießen. Dazwischen aber geisterte in Maechler immer wieder der Laut der Stimme auf, deren Ruf ihn heut aus Felsen und Latschen auf den rechten Weg geführt hatte, und wie es zuging, verstand Maechler nicht: das erstemal spann diese Stimme sein Herz heiß ein. Er sah nicht mehr dies holzharte Mädchen mit den gestanzten Augen, dem unschönen Gesicht und den unliebenswürdigen, aufreizenden Worten vor sich, die er schon einmal aus der Kammer gewiesen hatte, als sie in der Nacht unter einem nichtigen Vorwande zu ihm gekommen war, sondern er roch Thymian um sich und fühlte etwas wie Bewegungen eines weichen Körpers neben sich, während er im Finstern stand und auf die Laute des Windes draußen zu lauschen glaubte. »Natele, Natele«, sagte er plötzlich mahnend zu sich, wie seine Mutter ihm als Kind immer warnend zugerufen hatte, wenn er im Zuge war, sich in ein gefährliches Unternehmen zu stürzen. »Natele, Natele«, wiederholte er lächelnd, langte den Stuhl her und begann, sich die Schuhe von den Füßen zu lösen. Und während er so sich beugte, sah er das Bild der schlesischen Landschaft vor sich, das er Großmann bei der Erzählung von seinen Streifereien auf dem Kamm verschwiegen hatte, um ihn nicht in den alten dummen Groll über diese Siedlung der »Halunken, Diebe und Räuber« zu führen. So wie er jetzt über seinem Schuh kauerte, hatte er an einer einsamen Stelle des Schneegrubenrandes gesessen, unter sich das besonnte Land mit heiteren Dörfern und Städten, inmitten wohlgebauter Felder, ein unendlich buntes Tuch, das der Herrgott aus dem nimmermüden Fleiß der Menschen gewoben hatte und nun in Freude unter seiner Sonne bis in verdämmernde Fernen hinaus schwenkte. Das war es, wonach er verlangte, gesammeltes, rüstiges Schaffen, selber die Seligkeit bereiten, nach der es einen verlangt im Dienst an sich selber und seinen Mitmenschen. So war er eigentlich durch schwere, aber wunderbare Fügung doch auf dem rechten Weg zu dem Ziel seiner Vorfahren gekommen, die vor mehr als hundert Jahren auf der Flucht vor dumpfen Bedrückungen in diesem Lande eine zweite, bessere Heimat gefunden und an dem Segen rüstig mitgearbeitet hatten, den er unter sich ausgebreitet gesehen hatte. Vergeblich hatte er Lauban und Gerlachsheim, wo er unter der Obhut seiner Mutter aufgewachsen war, gesucht. Das lag wohl weitab im Sonnendunste, wie die Erinnerung an seine Kinderzeit in ihm traumverwunschen lebte. Aller Lärm, alles wilde und, wie er deutlich fühlte, törichte Tosen seiner Rebellenjahre war versunken, und als er im Weiterwandern immer wieder das Blitzen und Locken der vielen Teiche hart am Fuße des Gebirges gesehen hatte, war es bei ihm Zu festem Entschlüsse gekommen, dorthin Zuerst seine Wanderung Zu lenken, sobald er sich hier freigemacht hätte. In diesen Bildern und Gedanken war Maechler befangen, während er sich langsam entkleidete, und als er schon im Bett lag, stand diese Schau noch lange über ihm, wie eine glückvolle Verheißung seiner Zukunft. Indessen war der Wind draußen zum Sturm angewachsen. Fern donnerten die Wälder, die Baude ächzte in allen Fugen, und die nahen Gipfel schrillten mit hohen, gellen Pfiffen in das unheimliche Nachtkonzert. Maechler wickelte sich fest in sein Bett und sann. Nur noch vierzehn Tage hier oben, dann in meine schöne Heimat hinunter! Dieses Wort, das er wie einen Zauber in sich fühlte, klang trotz des Tobens der Elemente in glückhaften, leisen Klängen um ihn, und während er in den Schlaf hinüberträumte, glaubte er wieder dieselbe sanfte, beklommene Stimme nach sich rufen zu hören, die ihm am Abend aus der Irre den rechten Weg gezeigt hatte. Mit einem verwunderten Lächeln schlief er ein. Da, wie lange er geschlafen hatte, wußte er nicht, fühlte er sich an der Schulter gerüttelt, und als er auffuhr, sah er Paula im Hemd vor seinem Bett stehen und hörte sie leise und schluchzend auf sich einreden. Er war so schlafbefangen, daß er anfangs nichts verstand als die eine, immer wiederkehrende Bitte: »Maechler, geh nicht fort! Du darfst nicht fortgehen!« Es nutzte nichts, daß er nach vollem Erwachen das Mädchen an das Versprechen, noch hierzubleiben, erinnerte, das er ihrem Vater noch am Abend gegeben hatte. Sie glaubte ihm nicht, streichelte mit bebenden Händen sein Gesicht und beschwor ihn, sie nicht zu verlassen. Denn von ihrem Körper habe er sein Leben. Während er, zu Tode erschöpft, wie ein welkes Blatt gewesen sei, habe sie sich zu ihm gelegt, um ihm von sich Wärme und Kraft zu geben. »Du darfst nicht fortgehen, Maechler! Etwas von mir ist in dir. Das wird dich zerreißen, wenn du nicht dableibst«, sagte sie, und er spürte, wie die alte, unbezähmbare Wildheit mehr und mehr über das Mädchen kam, als werde sie von dem Sturm gepackt, der draußen in unverminderter Heftigkeit tobte, daß die Baude zitterte. Als sie sich durch kein Zureden besänftigen ließ, sprang Maechler aus dem Bett, um sie in ihre Kammer zu führen. Kaum daß er sie angefaßt hatte, umklammerte sie ihn mit der ganzen Kraft ihres gestählten, nun in allen Fibern bebenden Leibes, wie eine Mänade, über die der Dämon des Rausches gekommen ist. Sie ächzte, stöhnte und schrie, daß ihr alles gleich sei. Maechler rang mit der Aufbietung seiner ganzen Kraft mit ihr. Der Sturm heulte und schlug wie mit Stangen auf das Dach. Es plärrte und donnerte draußen, und endlich brach auch in Maechler die Raserei des Mannes aus, und die beiden schmolzen in Gluten zusammen, die, kaum gelöscht, sie immer wieder in neues Entflammen rissen, bis Maechler den Lärm des Sturmes nur noch wie ein undeutliches fernes, leises Lallen hörte. Als er aus dem erschöpften Schlafe erwachte, lag er allein in dem zerwühlten Bette. Der Sturm hatte auch draußen ausgetobt. Es war tropfenstill. Das Haus lag atemlos, wie erschlagen. Nichts rührte sich. Durchs Fenster schielte das erste Morgenlicht. Maechler stieg lautlos aus dem Bett, zog sich eilig an, untersuchte, ob in seinem Felleisen noch alles vorhanden sei, machte sich reisefertig und entwich ungehört aus dem Hause. Laufend sprang er durch die Mädelwiesen hinauf und wagte sich erst auf dem Kamme umzudrehen. Niemand zu sehen. Niemand zu hören. Er atmete erleichtert auf und stürmte dann weiter an den Mannsteinen vorbei. 6 Nachdem Maechler so noch eine Weile in flüchtendem Schritt und dann langsamer und langsamer auf dem in jener Zeit noch sehr urzuständlichen, kaum den Namen Weg verdienenden Gebirgssteig ein gut Stück vorwärtsgekommen war, hatte sich hier oben der Morgen voll entfaltet. Die Sonne stand am Himmel, und da der Wanderer sie beglückt wie seine Retterin betrachtete, schien das große, überwältigende Kreisen noch nicht ganz aus ihr geschwunden zu sein, mit dem sie sich aus den Wolkenschluchten des Firmamentes über die Erde heraufgearbeitet hatte. Das große Tagesgestirn war von dem vehementen Schleuderwurf noch nicht ganz zu der majestätischen Ruhe gekommen, mit der sie immer ihre Bahn durch den Himmel wandelt. Und da Maechler dieses leise Kreisen des strahlenden Balles wahrzunehmen glaubte, hatte er die Empfindung, daß auch die Erde, auf der er stand, unter ihm spürbar schwanke wie ein riesiges Schiff auf der Fahrt über den Ozean. Geblendet kehrte er den Blick in die Tiefe. Wirklich, wie ein Meer wogte der Morgennebel über dem Lande drunten, daß nichts wahrzunehmen war als das unruhige Durcheinanderbranden der Wolkenwellen, die im Licht da und dort aufblitzten. Etwas wie eine schwache Trunkenheit bemächtigte sich des Mannes, die ebenso von den Überreizungen der wilden Nacht wie von dem Anblick dieses erhabenen Naturschauspiels herrührte. Leicht fing ihn auch zu frösteln an. Er zog seinen dicken Kotzenmantel über, nahm das Felleisen bei dem Tragriemen in die Linke und stieg vorsichtig und langsam den beschwerlichen Pfad weiter. Aber schon nach wenigen Schritten kam ein dumpfer Traumzustand, ja geradezu eine Schlafbefangenheit über ihn. Stolpernd verließ er den Steig und suchte sich auf der preußischen Seite in den Latschen eine geschützte, bequeme Stelle, wo er sich, das Felleisen unter dem Kopfe, hinlegte und bald in tiefen Schlaf verfiel. Es mochten so etwa zwei Stunden vergangen sein, da knallte irgendwo ein Schuß auf, und das Echo rollte dumpf von Wand zu Wand. Maechlers Kopf fuhr bei geschlossenen Augen in die Höh. Er lauschte im Halbschlaf, bis der Widerhall in der Luft erloschen war, fiel dann wieder zurück und murmelte in seinem unsagbaren Traum untertauchend: »Gott sei Dank, nun ist die Tür zugeschlagen.« Es war ein unsagbarer Traum, der in seiner Phantastik nur für seinen schlafentrückten Geist überschaubar war und nach dem gepreßten Ausruf zu urteilen wieder durch die von Fieberflammen zerfetzten und halbvernichteten Erinnerungsbilder seiner Rebellenjahre jagte. Sein wacher Geist hatte doch die Wirbel überwunden, in die er von dem Zeitgeist gerissen worden war. Der klare Weg in ein neues Dasein durch ein tätiges Leben hatte gestern im Anschaun des wohlgebauten schlesischen Landes zwingend und glückhaft vor ihm gelegen. Und nun war er abermals durch die tolle, gewalttätige Brunst des mänadischen Gebirgsmädchens wohl nicht wieder in die schwärmerische Hitze des zu allem entschlossenen Kampfes für Freiheit, aber doch in das Rasen der Leidenschaft gerissen worden. Der Traumgeist aber, dessen Augen ja tiefer und geheimnisspürender sehen als der Blick des wachen Bewußtseins, vermischte wohl nun den wilden Geschlechtskampf mit dem Ringen seiner politischen Aufsässigkeit. Aufs neue brachen die Flammen über sein Leben herein, und Maechler wälzte sich im Traum wieder durch die Nöte, die ihm sein Dasein so lange zerrissen hatten. Als er im halben Vormittag erwachte, waren alle Hexenbilder, die unter der Decke des Schlafes ihn gefoltert hatten, so erloschen, daß er sich an nichts mehr erinnern konnte. Ja, sogar die Höllenbrunst, in der er mit Paula gekocht hatte, gehörte jener Gaukelmühle an, durch die ihn der Traum gedreht hatte. Gleichwohl lag eine Befangenheit, ja, Niedergeschlagenheit über ihm, als sei er aufs neue und tiefer schuldig geworden. Die Nebeldecke über der schlesischen Ebene war von der Sonne aufgesogen worden. Das Land lag in lachender, glückhaft lockender Buntheit unter ihm und schaute mit den vielen Teichen am Fuß des Gebirges wie mit tiefen Himmelsaugen zu ihm herauf. Aber in einer Art innerer Erloschenheit wurde er von nichts berührt, sah und bemerkte nichts, lebte und mußte, noch empfand er etwas, so als habe ihn dieser Traum aus der Welt geschoben. Immerfort geisterte mechanisch nur der Ausruf durch sein Hirn: Die Tür ist doch zugeschlagen. Maechler stand auf, entledigte sich des Mantels, legte den Tragriemen des Felleisens über die Achsel, ergriff den Stock und begann, wach und doch schlafwandelnd, durch das Granitgeröll wieder hinaufzusteigen und den Weg zurückzuwandern, den er gekommen war, an dem Mannstein vorüber, der wie die Ruine einer alten Burg aussieht, über die große Sturmhaube und das hohe Rad. Er sah rechts und links und nahm nichts wahr, ja wurde nicht einmal berührt, als er auf dem Sattel, der Sturmhaube und hohes Rad verbindet, an der Einmündung des Weges von den Bradlerbauden vorüberkam. In einem Zwang, dem er sich willenlos fügte, ging er mühelos, fast getragen weiter, spürte nicht, daß sein Atem keuchend wurde, daß Schweiß über sein Gesicht rann, und ruhte nicht, bis er an den Schneegruben angekommen war. Dort ließ er sich, ohne zu wissen warum, in einem entgeisteten Gefühl, am Ziel zu sein, hart am Rande des schroffen Abgrundes nieder, trocknete sich mit dem Taschentuch das schweißüberströmte Gesicht und murmelte das letztemal in einem seelentiefen Aufatmen: »Gott sei Dank, die Tür ist zugeschlagen.« Dann verlor er sich in halluzinatorisches, versunkenes Anschauen des Abgrundes. And während er sich diesem Hingenommensein überließ, ereignete sich etwas Geheimnisvolles mit ihm. Er spürte auf einmal wieder den heißen Leib der Paula an seinem Körper, so brünstig, so umklammernd wie in der vorigen Nacht. Sie saugte sich tiefer und tiefer in ihn hinein, daß ihm der Atem stockte und das Herz in beklommener Angst förmlich stotterte. Aber es ließ nicht nach. Dieses fremde, höllenwilde Leben fraß sich mitleidslos tiefer und tiefer, daß er mit den Händen rechts und links in das Geröll fassen mußte, um nicht unter der rätselhaften Wucht, die ihn überwältigte, zu vergehen. Da, in der höchsten Not, begann er vorwärts zu rutschen, um sich in den Abgrund fallen zu lassen, und fühlte zugleich, wie sich das fremde Wesen aus seinem Innern löste. Ein Schatten mit den albhaften Umrissen eines Menschen, der ihm irgendwie ähnlich war, fuhr aus ihm heraus, schwebte einen Augenblick über dem grausigen Abgrunde und stürzte dann in die Tiefe, von der ein seelenleiser Schrei zu ihm herausdrang, der ihn doch bis ins Mark so erschütterte, daß es ihm in Grauen dunkel vor den Augen wurde. Als Maechler wieder zu sich kam, fand er sich ganz nahe über dem Abgrunde, die Hände verzweifelt ins Geröll gegraben, erschreckt schob er sich zurück und sprang dann auf. Er wußte nicht, was sich eben mit ihm Geheimnisvolles ereignet hatte und sah sich forschend um. Die grauen Steine kochten in der Sonne, die gerade über ihm stand. Der Himmel flimmerte und zitterte blau. Die Ebene drunten lag friedselig im Glück ihrer bunten Felder, blaugrüner Waldstreifen und Hügelschnüre, die geruhig und schön in die Dunstschleier der Ferne sich verloren. Diese kurze Umschau vertrieb in Maechler die letzte Berückung des Schicksalsschattens, die durch ihn hingehuscht war, so vollkommen, daß eine frohe, fast unbändige Befreitheit in ihm aufsprang, als sei jetzt wirklich und endgültig die Tür hinter seiner Lebensverwirrung zugeschlagen worden. Fliegenden Schrittes eilte er zum zweitenmal den Weg hin, den er am Morgen als beladener Flüchtling gegangen war, trennte unterwegs die drei Taler, seinen eisernen Bestand, aus dem Zipfel seiner Jacke, stärkte sich in der Peterbaude mit einem einfachen Essen und trank zur Feier der Erlösung sogar ein halbes Fläschchen österreichischen Weines dazu. Am Ende ließ er sich noch einige Brotschnitten und als Zubiß ein paar der kleinen Käschen zur Wegzehrung reichen, wußte er doch nicht, wie weit ihn heut noch seine Beine tragen und welche Meriten seinen launischen Magen plagen würden. Überdies ein Mahl in der Tasche macht den Wanderer wendiger und unabhängiger. Mit einem frischen Gruß, den er sich selbst wie ein Kommando zum Abschied zurief, schritt er durch die große Stube unter der niedrigen Balkendecke mit langen, ungeduldigen Schritten, daß das Mädchen in der Theke, die ihn bedient hatte, ein wohlgefälliges, etwas verwundertes Lachen nicht nur nicht unterdrückte, sondern breit herausgehen ließ, so daß sich Maechler, schon am Ausgang angekommen und die Hand zum Türgriff erhoben, betroffen nach ihr umsah. »Na also, gute Reise«, rief ihm das Mädchen herzlich zu, der das Stutzen in seinem Gesicht nicht entgangen war. »Schön, schön. Danke auch«, erwiderte Maechler und langte halb umgewendet weiter nach der Türklinke, fand sie aber nicht, und da er sich verwundert dem Ausgang zukehrte, sah er die Tür weit geöffnet und jener, der sie zwischen dem kurzen Grußwechsel zwischen ihm und dem Schankmädchen geräuschlos aufgezogen hatte, stand demütig an die Mauer gedrückt da und starrte ihn mit weiten, schwarzen Augen in einer Art erschrockener unsicherer Ehrfurcht an. Es war kein Mann, eher ein Männchen, ein zierlicher Knabenjüngling mit einem gefurchten alten Gesicht, das gramvoll und ekstatisch zugleich war, wie ein Landfahrer in zusammengebettelte Sachen gekleidet, an denen überall Grashalme, Nadeln und die grauen Fäden und Knötchen der Waldspinnen hingen. Der seltsame Mensch wirkte komisch und ergreifend, und als er die Verblüffung in Maechlers Gesicht bemerkte, verneigte er sich in einer Art unterwürfiger Andacht, daß man nur das Fuder krauser, dunkler Haare seines unbedeckten Kopfes sah, und sagte mit wohllautend hoher, feierlich psalmodierender Stimme: »Nein, bitte, nach Ihnen, hoher Herr.« In dieser Stellung verharrte er regungslos, bis Maechler, dem das dachen in der Kehle steckenblieb, an ihm vorüber war. Als er sich nach einigen Schritten im dunklen Vorflur umdrehte, schlüpfte der unheimliche Kleine geräuschlos in die Stube, und das Mädchen rief fröhlich: »Mein Gott, Ignaz, seid Ihr auch wieder einmal da.« Schnell, fast fluchtartig sprang Maechler aus der Baude in den Sonnenschein des geräumigen Wiesenplanes hinaus, auf dem das große, graue Holzhaus stand, und vermochte seine Eile nicht zu zügeln, bis er tief in den Wald eingedrungen war. Zweiter Teil 7 Nathanael mäßigte indes bald seine Gangart und strebte langsamen, gemächlichen Schrittes durch den Hochwald hinunter, der Ebene zu, die ihn mit den glitzernden Spiegeln ihrer vielen Teiche so bis ins Herz hinein gelockt hatte, als er gestern und heut morgen vom Kamm aus in den Anblick des weiten, bunten schlesischen Landes träumend versunken war. Dort, das hatte er in sich gespürt, mußte und würde sein Leben irgendwo dauernd Wurzel schlagen. Während er so durch das Dunkel des hochstämmigen Waldes ging, hörte er fortwährend das leise Brausen des Rotwassers in dem tiefen Grunde tönen, und dann und wann, von einem schrägen Sonnenstrich getroffen, blitzte der weiße Sturzschaum der Wellen zu ihm hinauf. Der Tausendlaut der Wasser klang wie ein tröstlicher Zuspruch, und das Heraufblitzen der Wellen empfand er gar einmal wie das Winken einer weißen Hand aus der Ferne. Denn die Menschen jener Zeit waren eine Mischung aus Tatkraft und romantischer Träumerei, so, wie es wohl das Wesen der Deutschen aller Zeit ist, aber diese beiden Grundkräfte wogten in der Generation um achtundvierzig, zur Siedehitze angefacht, feurig durcheinander, so zwar, daß sie sich gegenseitig steigerten und zugleich verwirrten. Die Tatkraft wurde von dem hohen Flug der Träume zu den kühnsten Wagnissen getrieben und verlor sich, geblendet von den bunten Bildern weiter Menschenferne, in phantastischen Chimären, und die Träume stießen sich wund und wurden lahm an den harten Wänden starrer Tatsachen. Als Nathanael Maechler, von dem Wege geführt, immer weiter aus dem Bannkreis des Wildwassers geriet, wurde dies Durcheinanderwogen seines Innern immer geruhiger, und da er dann nach kaum einstündiger Wanderung aus dem Hochwald ins Freie trat und das Land deutlich in der schon geneigten klaren Sonne unter sich liegen sah, fühlte er sich sicher vor der Unruhe und den Schatten, die ihn wochenlang getrieben hatten. Auf bergigen Hügeln, die vielfältig und schön zu Tal wogten, lag weit zerstreut der Brän um ihn, der aus sauberen kleinen Wirtschaften bestand, jede inmitten ihrer engen Feldfluren liegend, so daß sich die Anwesen nirgends zu einer Gasse zusammenschlossen. Die Ordnung ging an jedem schmalen Rain entlang, der Fleiß blühte aus der Wohlbestelltheit all der kleinen Feldfluren, ein schönes Lebensbehagen strömte noch aus der Sauberkeit der kleinsten Hütte, Und drunten das Land, das ihm vom Kamm wie eine einzige Ebene, nur durch einen Wald begrenzt, erschienen war, offenbarte sich nun in der Nähe als eine große, geräumige Talmulde, in der, nur in Turmrufferne, sich Dörfer angesiedelt hatten, jedes von Bäumen beschattet, mit grauen und roten Dächern ins Grüne gekuschelt, so eigenartig und anders ein jedes und doch so von der Kraft einheitlichen Werkwillens verbunden, daß Maechler nach der jahrelangen Wolkenfahrerei, ergriffen und beglückt, die vielen Enttäuschungen seiner Träume und Sehnsüchte, ja sogar seinen Zusammenbruch auf dem Gebirge in unbegreifliche Finsternisse nicht mehr als aussichtsloses Irregehen, sondern als den kürzesten Weg Zu einem Ziel erkannte, das sich hinter dem Wirbelspuk all seiner abenteuerlichen Empörungen verborgen hatte. Nathanael Maechler war so in den Anblick des Landes versunken, daß er nicht das Knacken und Rascheln der Zweige des Unterholzes hinter sich hörte und nicht wahrnahm, daß dasselbe närrische Männchen auf ihn zukam, das er droben in der Peterbaude getroffen hatte. Mit langen, ehrfürchtigen Schritten schlich er sich an den Versunkenen heran. Als sich Maechler umsah, verbeugte er sich wieder wie droben auf dem Kamm mit andächtiger Ehrfurcht und psalmodierte: »Ich grüße dich zum zweiten Male an diesem denkwürdigen Tage, hoher Herr, ich, dein Diener Ignaz Wildner! Siehe, die ganze Welt liegt vor deinem Angesicht ausgebreitet, und das Volk der Erde wartet sehnsüchtig auf deine Ankunft, daß du es erlösest von allen Übeln, die aus seinem Innern steigen und ihm an allen Straßen auflauern. Dort, Schwarzbach harret deiner im Kummer seiner schwarzen Seele, Grandorf drunten im Gram seiner Liebesgier und dort Wilkau, mit dem stolzen Schloß des Grafen Schilling, der eigentlich Silberling heißen müßte, weil ihm wie Judas die Silberlinge der Erdenhoheit mehr gelten als sein ewiger Herr. Wende dich zur Seite und lasse deine Augen auf jenem Berge ruhen, wo als stolze Ruine der Agster aus dem Walde ragt, die stolze Burg der stolzen Schillinge. Öffne deinen Mund, hoher Herr, und verwandle mit einem Stoß deines allmächtigen Atems die Bosheitsburgen der Menschen und alle Zwinghäuser der Bedrückung in Ruinen.« Diese lange Rede sprach der kleine Verrückte in einem einzigen begeisterten Schwung. Dann verstummte er und blickte, ohne ein Glied zu bewegen, auf seine zerrissenen Stiefel. Weder mit einer Silbe noch mit einer Gebärde beantwortete er Maechlers Fragen nach seiner Herkunft, seinem Wanderziel und seiner Absicht. Offenbar gehörte er zu jener Art Irrer, die in die ganze Welt die Zwangsgestalt ihrer Verrückung hineinsehen und kein anderes Menschenwort mehr hören, als das ihres eigenen Wahnes. Deswegen gingen alle Fragen Maechlers spurlos an ihm vorüber. Er nahm mit einem dankbaren Neigen seines ausdrucksvollen Kopfes die Kupfermünze in Empfang, die ihm der Gerber reichte, verneigte sich ehrfurchtsvoll mit den feierlichen Worten: »Segen der Spur deiner Füße! Verzeih, daß ich dich verlasse. Ich will in einer dieser Hütten, die ich liebe von Anbeginn, die Milch der frommen Denkungsart trinken«, verließ ihn und ging quer durch eine Wiese, dann auf einem Rain weiter, ohne sich je einmal umzusehen, versunken und verloren in seinem Wahn. Maechler schaute ihm sinnend nach, bis die kleine, zerlumpte Gestalt in einer Hügelfalte verschwunden war. Dann stieg er, in tiefe Gedanken versunken, weiter hinab, der Ebene entgegen. Und weil er ein ungewöhnlicher Mensch war, jedenfalls eine Mischung aus Philistertum und weiter schwärmender Welt- und Lebensgespanntheit, geriet er wider Willen aus dem Sinnieren über das Begebnis mit diesem Irrgänger des Daseins in jenes allgemeine Wogen seines Innern, in eine Art von Denken, das ungelehrten Menschen eigen ist, das wohl von der Wahrnehmung zur Vorstellung fortschreitet, aber selten aus dem Bann solcher Denkbilder in die dünne Luft scharfer, reingeistiger Prägungen gelangt. Ihr Hinabdringen in die geheimnisvollen Zusammenhänge des Lebens ist sicher so tief wie das tiefer Denker, und wenn diese anschauliche Innenbewegtheit Maechlers auf dem Wege zur Ebene in die Sphäre reiner Geistigkeit gesetzt wird, so überlegte der Gerber das folgende: Im allgemeinen suchen die Menschen nicht, um zu finden, sondern um zu suchen. Das Ungenügen ist stärker als die Kraft des Festhaltens, und wer erst einmal dieses prickelnde Gift der Friedlosigkeit tief gekostet hat, dessen Herz geht nie mehr wie eine Uhr in sicherem Gehäuse, sondern drängt gleich einem gefangenen Vogel immer gegen die Stäbe seines Käfigs. All seine Ruhe stammt von der Unruhe, die es zwar besiegen, aber nie überwinden kann. Das ist nicht nur eine Auszeichnung geistiger Menschen und bevorrechtigter Stände, sondern das erfüllt und bewegt alle, auch diesen Irren. Das treibt das Leben rastlos in immer neuen Formwandel, daß es von der Erreichung keines Zieles gebunden, von keiner Erfüllung gesättigt und durch keine Enttäuschung ganz entmutigt werden kann. Aber Nathanael Maechler glaubte sich, wenn auch nicht am Ziel seines Lebens, so doch am Ziel des rechten Weges, den er so inbrünstig gesucht hatte. Als er nach kaum dreiviertelstündiger Wanderung eine Weile Zwischen den vielen Grandorfer Teichen umhergegangen war, ließ er sich an einem dieser stillen Wasserspiegel nieder, an deren Rändern da und dort ein Strauchhaufen und hin und wieder ein Baum stand, und deren Zweige eben der erste Abendwind so leise zu streichen begann, daß das blanke Wasser auch nicht durch den kleinsten Schauer versehrt wurde und ungetrübt das Gebirge mit seinem Himmel von der Tiefe her widerspiegelte, aber so verklärt und entrückt, als sei das nicht der Widerschein einer nahen Wirklichkeit, sondern eine rätselhafte geheimnisvolle Einbildung, ein Traum seiner eigenen Tiefe. Maechler breitete den Kotzenmantel auf dem durchsauerten Rasen aus und machte sich behaglich über den Genuß der kleinen Wegzehrung her, die er sich aus der Peterbaude mitgenommen hatte. Weit ab von ihm, am gegenüberliegenden Rande des Teiches, schwammen zwei Wasserhühner, tauchten von Zeit zu Zeit in der Flut geräuschlos unter und zogen dann wieder wie zwecklos auf dem glatten Spiegel hin, daß kaum eine dünne Spur in die blanke Wasserfläche geschnitten wurde. Maechler schaute ihnen lange in einer Ergriffenheit zu, die er nicht verstand. Endlich machte er sich aus der Versunkenheit mit tiefem Aufatmen los. »Die wissen von den Staaten nichts und nichts von der Kirche und auch von Gott nichts, und die ganze Welt ist für sie in Ordnung, weil sie als Wasserhühner in Ordnung sind. Merkwürdig, Nathanael Maechler«, sagte der Gerber laut zu sich, »wär's nicht Zeit, daß du nun auch zu wasserhühneln anfingst und nebenher die andern Leute ebenfalls dahin brächtest?« Er strich sich die Brotkrumen von den Beinkleidern, schnallte das Felleisen zu und erhob sich, um aufzubrechen. Das Klappern eines leeren Bretterwagens rasselte in der Abendstille vorüber. Also mußte nicht weit entfernt die Straße nach Wilkau führen, wo er, wenn es paßte, übernachten wollte. Ehe er aber über einen schmalen Bohlensteg das löcherige Landsträßchen erreichen konnte, kam ihm noch einmal der kleine Verrückte, wenn auch von ferne, ins Gehege, dem er heut schon zweimal ins Garn gelaufen war. Denn er hörte plötzlich hinter sich in dem glasigen Abenddunkel ein hohes Stöhnen aufklingen, das ihn nötigte, stille zu stehen. Nicht weit von ihm bemerkte er auf einem der Teichränder Ignaz Wildner, wie er, die ausgebreiteten Arme gegen den Himmel gestreckt, diesen inbrünstigen Ruf verzweifelter Menschennot ausstieß. Dann verstummte er jäh, kauerte sich zu Boden und verharrte so lautlos eine ganze Weile, daß Maechler schon glaubte, der Irre bereite sich in dem Grase sein Nachtlager. Aber unvermutet sah er ihn wieder aufspringen, die ausgebreiteten Arme in die Höhe werfen, und hörte abermals das beschwörende Stöhnen die Abendstille durchschneiden. Vielleicht war das das Abendgebet des Irren. Mit einem langen Schritt riß sich Maechler in den Gang und strebte Wilkau zu, dessen zierlicher Kropfturm schwarz und scharf über die Baummassen des kleinen Wäldchens in den dumpfblauen Abendhimmel stach. »Warum sind die Menschen weniger in Ordnung wie die Wasserhühner?« fragte sich in immer neuen Denkbildern beim rüstigen Weiterschreiten der Gerber. Jedenfalls, das war sicher, wenn er hier in Preußen von seiner badischen Rebellerei sprach oder gar von seiner Liebesschlacht mit der tollen Paula, dann steckte man ihn mir nichts dir nichts hinter die schwedischen Gardinen oder hielt ihn wenigstens für einen zigeunerischen Landfahrer. Da klapperten schon seine Stiefel auf dem Katzenkopfpflaster von Wilkau, und rechts und links blinzelte das Licht aus den Fenstern der Häuser, die in schummerigem Verfinstern lagen. Also stumm und in Ordnung sein wie ein Wasserhuhn, sann Nathanael Maechler noch einmal, und auf einer gut gegerbten Haut durchs Leben fahren. Diesen Vorsatz prägte er sich ein, indem er tiefer in das kleine Städtchen hineinschritt. Und da er von seinen jahrelangen Wanderfahrten die Art dieser winzigen Stadtgewese kannte, daß sie sich vor dem vollkommenen abendlichen Veröden einem kleinen Aufruhr gesteigerter Lebenslust überlassen, achtete er nur mit einer spöttischen Neugier auf die wenigen Fußgänger, die eilig durch das Dunkel an ihm vorübergetrieben wurden. Da und dort klang ein hastiges Mädchenlachen auf. Man rief sich erregt zu, daß nicht mehr viel Zeit sei. Hin und wieder wurde eine Haustür ungeduldig aufgerissen und hinter einem herausbringenden Menschen laut zugeschlagen. Einmal geriet er gar in etwas wie ein kleines Gedränge. Da merkte er, daß das Städtchen nicht bloß in dem gewohnten abendlichen Lebensanfall kochte, sondern wirklich einen großen Tag habe. So ließ er sich lächelnd von der Unruhe die dunkle Gasse, die er betreten hatte, hintreiben und gelangte nach Überwindung einiger unwahrscheinlich enger, vollkommen finsterer Winkelschlünde wohl auf die Hauptstraße von Wilkau, auf der sich ein großer Teil der Bewohnerschaft angesammelt hatte. Aus den Gassen, die in diese wichtigste Verkehrsader des Städtchens mündeten, eilten immer neue Zuläufer, so daß die Menge fortwährend noch anwuchs. Er wurde von dem Gedränge weitergeschoben, bis er wie die anderen eingekeilt nicht mehr bewegt werden konnte. Er überragte die Menge gut um Kopfeslänge und hatte nun Muße, sich umzusehen. Die Straße war platzartig erweitert und die Seite, nach der die Leute mit unausgesetzter Spannung hinsahen, wurde von der Front eines schönen Zweistöckigen Barockschlosses eingenommen. In der Mitte des Baues reichten vier Bogenfenster bis nahe unter das Dach. Sie waren hell erleuchtet. Gedämpfte Musik erklang. Hin und wieder sah man hinter den Gardinen den Schatten von Gestalten vorübergleiten. Das große Tor war weit geöffnet. Lakaien in hellblauer Livree mit roten Aufschlägen und silbernen Knöpfen und Tressen eilten gravitätisch hin und her. Das Volk stand und bestaunte diese Pracht in fast andächtiger Ergriffenheit. Man wagte nur gedämpft, ja flüsternd, sich auf diese und jene Bedeutsamkeit aufmerksam zu machen. Daraus entnahm Maechler, daß in dem Schlosse die Taufe des zweiten Grafensohnes festlich gefeiert werde. Alle Gesichter strahlten förmlich in hingebender Loyalität. Jeder erzählte jedem, was jeder schon wußte, von den zwanzig Kutschen, in denen die Taufgesellschaft in die Kirche gefahren sei, von der Mildtätigkeit des Grafen, der dreißig Arme zu Mittag gespeist und hundert Schulkindern neue Schuhe geschenkt hatte. Grafen aus aller Welt, ja sogar zwei Fürsten seien zu dem Fest angekommen. Maechlers geschärftem Ohr klangen viele dieser Lobhudeleien und Ergebenheitsbeteuerungen nicht ganz echt, und er glaubte in diesem und jenem Gesicht einen bitteren Zug wahrzunehmen. Besonders der feiste Mann, der neben ihm stand, gegen dessen erheblichen Bauch Maechlers Ellbogen immer wieder gedrückt wurde, so daß der Gemästete aus einem mißvergnügten Murmeln gar nicht herauskam und immerfort zornig an seinem verschobenen Hut rückte, schien von geheimer Aufsässigkeit geradezu geladen zu sein. Um ihn zu prüfen, fragte der Gerber nach dem Namen des Grafen, dem dieses Schloß gehöre. Da riß der Dicke den Kopf zu ihm herauf, maß ihn mit geradezu fassungsloser Empörung und antwortete dann mit höhnischem Lachen so laut, daß sich alle nach den beiden umdrehten: »Da seh mir einer den sauberen Musjöh an! Steht in Wilkau vor dem Schlosse des Grafen Schilling, unseres gnädigen Herrn, und fragt, wie er heißt. Sehn Sie sich vor, junger Mann. Ja, ja. Wir Wilkauer spaßen nicht.« Maechler beruhigte den Aufgeregten mit der gelassenen Erklärung, daß er eben zugereist und ohne sein Zutun in diese Versammlung geraten sei. Der Empörte senkte verstockt den Kopf und achtete auf die beherrschten Worte des Gerbers gar nicht. Aber als Nathanael geendet hatte, wurde von einer Hand lobend sein Bein getätschelt. Jedoch der Dicke stand regungslos da und starrte wie vorher verdrossen vor sich hin. »Wollten Sie noch etwas von mir?« fragte ihn Maechler leise, weil er annahm, die geheime Besänftigung stamme von ihm. »lassen Sie mich jetzt in Ruhe«, schrie der Gefragte grob, daß die Köpfe der Umstehenden wieder herumflogen. Maechler lächelte und blickte unbewegt in die Gesichter, die sich betroffen nach ihm gewendet hatten. In allen war nichts als Neugier zu lesen. In allen, bis auf ein einziges. Es war, so viel konnte er in dem ungewissen Schein, der von den hellerleuchteten Bogenfenstern ausging, wahrnehmen, dem Gesicht eines kränklichen, abgehärmten Büßers ähnlich, von einem kurzgehaltenen, fast weißen Vollbart umrahmt, mit einer weit vorgebauten Stirn und dem halboffenen, dünnlippigen Mund Kurzatmiger. Das Merkwürdigste an diesem Duldergesicht aber waren die großen Augen, die mit einer milden Leidenschaft im Blick, gleichsam auflauernd, auf ihn eindrangen. So blieb das Gesicht dieses hohen, knochigen, doch schon verfallenen Mannes ihm noch zugewendet, als die andern sich schon wieder den Vorgängen in dem Schloß zugekehrt hatten, bis es den Bemühungen eines blonden Mädchens an seiner Seite gelang, ihn zu beruhigen und gleich danach sanft aus dem Gedränge fortzuleiten. Obwohl man aus dem lebhafteren Treiben hinter der Gardine eines der hellerleuchteten Fenster auf die Vorbereitung einer Überraschung durch den Grafen schließen konnte, die Menge deswegen in ein fast vollkommenes Verstummen verfiel und Maechler über das mißfällige Schnauben und ärgerliche Treten und Murmeln des fetten Mannes als Ausdruck seiner Ergebenheit belustigt wurde, begann er doch schonend und möglichst unauffällig, sich aus dem Gedränge zu winden, und atmete erleichtert auf, als er allein an einer Straßenecke stand und hinter dem hohen Dache des Schlosses den roten Lichtbrodem des aufgehenden Mondes in den Himmel steigen sah. Die Straßen waren totenstill, und die Häuserzeilen ruhten verwunschen und zufrieden im Finstern, während über ihre Firste der Schimmer des Mondes traumhaft zu geistern begann und unausgesetzt ganz hoch ein leises Flügeln wie der Vorüberzug großer unsichtbarer Vogelschwärme wehte. Vor und hinter ihm, scheinbar überall, tönte der leise Wellengang verschlafener Gewässer. Das war wohl kein Ort für ihn. Er kam sich wie aus einem hohen Gestänge abgestürzt vor und fand sich an einer Stelle der Erde, wo die Menschen geruhig vermoderten, mochten sie Feste feiern oder schlafen. Drüben auf dem Bürgersteig ging ein Paar dahin. Das weibliche Wesen in einem Sommerkleid. Der Mann in einem dunklen Anzug, daß man ihn kaum sah. Der weibliche Schritt war schwebend, fast unhörbar, der Gang des Mannes mühsam, nein, widerwillig. »Komm nur, komm! laß gut sein«, hörte Maechler die wohllautende Stimme behutsam und dringend reden. »Ja, ja, hast recht«, hörte Maechler die Antwort des Mannes und vernahm, wie sein Schritt fester und länger wurde, ja, auf einmal so ungestüm, daß das Mädchen, es konnte nur ein Mädchen sein, vergnügt auflachte, nicht hell und keck, sondern merkwürdig verschmitzt, kindlich und doch rätselhaft, und da auf dem nahen Schloßplatz eben ein lautes Schreien und Hochrufen losbrach, begann Maechler den beiden zu folgen, in denen er den Mann, der ihn beim Wortwechsel mit dem Fetten so leidenschaftlich lange angestarrt hatte, und das blonde Mädchen, deren Bemühen es gelungen war, ihn aus dem Gedränge zu führen, erkannte. Nach zehn, zwölf Häuserreihen, vor einer Brücke, sah er die beiden links um die Ecke in ein Sträßlein biegen, das nach dem kleinen Fluß frei war. An der anderen Seite standen durchweg nur einstöckige Häuser hinter schmalen Gartenstreifen. In einem dieser Anwesen verschwanden die beiden. Das Gartentürchen schwirrte zu. Dann war es wieder nachtstill. Nur das Flüßlein gesprächelte ruhig zwischen den Steinen mit seinen Wellen und gluckste dann und wann in den Mauerwacken der Ufer schläfrig auf. Maechler trat auf die Brücke und sah ein Weilchen auf das Wasser hinunter, das im Mondlichte da und dort aufzuschimmern begann, von einer Hintersinnigkeit benommen, die ihn bewegte und die er doch nicht überschaute, fing er an, durch das Städtchen zu streifen. Ohne Ziel und nur mit der Absicht, irgendwo ein geeignetes Gasthaus zur Unterkunft zu finden, geriet er in ein Gewusel von Gassen, die, kaum begonnen, in immer neue Winkelzüglein sich verwirrten, bis drei, vier solcher winziger Versuche, erschöpft aufatmend, in ein Plätzchen mündeten, das oft nicht größer war, einen breitschattigen Baum zu beherbergen, einem Kreuz oder einer Mariensäule Raum zu gewähren. Da gab es enge Fluchtsteige zwischen den Gärten, die entweder gar keinen Ausgang hatten oder unvermutet vor ein großes langes Haus führten, das sich bemühte, fast ein Schloß darzustellen. Einmal geriet er durch einen Torwinkel in einen baumumstandenen Lauschwinkel, der wie der Vorhof eines Klosters wirkte, und als er einen anderen Ausweg suchte, stand er unversehens auf einem alten Kirchhof mit gemeißelten Grabsteinen in der Mauer. Er klinkte an der Tür der Kirche in einer Versuchung, sich eine Weile drinnen in eine Bank zu setzen, fand die Tür verschlossen und drückte sich eilig durch ein Pförtchen wieder auf die Straße, weil er Schritte nahen hörte. Er verwunderte sich über die vielen Brücken und Laufsteige, die er auf seinem nächtlichen Irrgange passierte, aber ebensosehr darüber, wie oft er sich unvermittelt auf freiem Felde befand, und gab es endlich auf, zu einer deutlichen Vorstellung von der Anlage des Städtchens zu kommen, denn dem Betreten des Schloßplatzes war er in einer Abneigung ausgewichen, die er nicht verstand. »Was weiß ich«, sann er, spöttisch in sich hineinlächelnd, »ich bin eben in Preußen, wonach ich mich so gesehnt habe.« Damit machte er mit seinem trödelnden Umherstreifen ein Ende. Entschlossen ging er eine Straße jenseits des Flüßchens hinunter und steuerte auf eine Laterne zu, die an einem langen Arme ihr Lichtschleierchen in dem Dunkel wiegte. Es war der Gasthof »Zum grünen Baum«, ein einfaches Einkehrhaus ländlichen Zuschnittes, das er bald darauf betrat und von dem Wirt, der allein hinter einem Tische vor dem einzigen Licht saß, mit höflicher Verlegenheit gemustert wurde, als er die Frage an ihn gerichtet hatte, ob er eine Schlafkammer für diese Nacht bekommen könnte. Seine Papiere wurden eingesehen; der Wirt fragte nach seinem Woher und Wohin, die herbeigerufene Wirtin, eine heitere, umfängliche Frau, beäugte ihn eingehend und lustig, indes sie eilig ihr Mundwerk laufen ließ, und als Maechler lachend beteuerte, er käme allein, ganz ohne heimliche Gäste, war seine Einquartierung unter allgemeinem Gelächter vollzogen. Er nahm an dem Tische des Wirtes Platz, und während er einen einfachen Imbiß verzehrte und dazu ein Glas dünnen Bieres trank, tröpfelte zwischen beiden ein karges Gespräch hin und wider, denn Nathanael vermochte eine enge Beklommenheit nicht ganz zu überwinden, in die ihn das Streifen durch das Winkelgewirr des Städtchens versetzt hatte, und der Wirt, ein magerer, hinterhältiger Mann, wußte aus dem späten Gast nichts Rechtes zu machen, der wie ein Handwerksbursch aussah und wie ein verkappter Herr wirkte. Doch erfuhr Maechler so viel von dem absichtlich Zugeknöpften, daß Wilkau kein Städtchen, sondern ein Zwitterwesen zwischen Dorf und Stadt, das weder leben noch sterben könne, überdies noch ein Bad sei, allein das nicht anders, als ein Kathner sich auch Bauer nennen könne. Alles liege danieder, Handel, Wandel und Gewerbe, und seit dem »Rummel«, so nannte der Wirt die Revolution, das ganze Preußen krank sei, kämen nur noch Halbtote hierher baden, an denen doch niemand etwas verdienen könne. Und weil Maechler den Mann in der Aufgeregtheit nicht noch unterstützte, sondern zustimmend, aber gleichmütig nickte, sprang der Wirt plötzlich reißend auf und lief leidenschaftlich in der Stube hin und her. Maechler trank sein Bier aus und bezahlte nicht nur das Genossene, sondern im voraus noch das Nachtquartier, und begütigte den bitterlichen Mann mit dem Hinweis, daß gegenwärtig in der ganzen Welt nicht auf Himmelsgeigen gespielt werde. Damit bewegte er sich mit seinen zusammengerafften Sachen nach der Tür hin. Nun ja, ja, sagte der Wirt, böse auflachend, niemand habe es so gut wie ein reisender Handwerksbursch. Wenn's ihm nicht gefalle, wandere er weiter. Wer aber ein Kaluppe, damit meinte er sein Haus, auf dem Halse habe, der müsse die eigenen Finger zwischen die Zähne nehmen, wenn er Fleisch schmecken wolle. Jawohl, so sei es! Mit einem neuen ärgerlichen Lachstoß vor sich hin, aber nun über seinen eigenen Witz, verschwand der Mann in der Küche und erschien bald wieder mit einem brennenden Unschlittlichte, mit dem er Maechler zwei Treppen hinauf in seine Kammer leuchtete. Während sie die steilen Holzstiegen emporkletterten, spottete der Gallige über den Grafenfimmel der Wilkauer und machte sich lustig über die vielen Männer in Weiberröcken. Aber, Gott sei Dank, gebe es noch eine andere Sorte, die aber freilich jetzt mit den Schafen bäh schreien müsse. Und wenn es heute Nacht etwa ein bißchen laut zugehen sollte, so müsse er eben die Decke über die Ohren ziehen. Die letzten Worte, die, wie alles andere von ihm, leise gesprochen wurden, redete er schon in der Kammer, übergab dem Gerber mit der Mahnung zur Vorsicht das Licht und verschwand mit kurzem Gruß. Maechler untersuchte das Bett und fand es sauber und gut. Bald lag er in die Decke eingewickelt im Finstern und ließ den ganzen Tag an sich vorübergleiten, der eigentlich wie ein Spuk wirkte. Wo war eigentlich das Glück, das er von Preußen erwartet hatte? Jedenfalls in Wilkau würde er nicht baden. Damit drehte er sich lächelnd zum Schlaf auf die Seite. Bald fing es wieder an, hoch über ihm zu flügeln, und leichtes Wellengesause war rund um ihn in allen Weiten. Er selbst aber tappte in einem Häusergewirr und fand keinen Ausweg. Ein bösartiges Weib, das niemand anderes als Paula war, schleppte fortwährend Ballen Finsternis herbei, um ihn vollends einzumauern, trotzdem eine hohe Stimme unausgesetzt psalmodierte: »Das ganze Land wartet auf dich«, und aus ganz weiter Ferne ein schönes Mädchenlachen tönte, aber so hauchleise, daß es nicht mit den Ohren, sondern mit seinen Brustwarzen zu hören war. Da fuhr es ihn schon mitten im Traum davon. 8 Mitten in der Nacht brach wohl der Lärm los, von dem der Wirt gesprochen hatte. Es polterte wie von umhergeworfenen Möbelstücken, dann und wann krachten die Türen. Stimmen schrien durcheinander, bald hatte eine meckernde den Vorrang, bald eine grobe, befehlende, die sich hin und wieder zu brutalen, kurzen Kommandos steigerte, und jedesmal, wenn sie sich in eine solche widerstandslose Wildheit aufgeschwungen hatte, trat eine Stille ein, in der wie aus einer halb zugeschaufelten Grube etwas wie ein langer Zeremoniengesang in der Kirche ertönte, von einer hohen, bebenden Stimme getragen, die manchmal sich schluchzend überschlug und nach anfeuerndem Gepolter verschiedener Rufe sich wieder zu getragener, ergriffener Begeisterung steigerte, bis sie in einem ekstatischen Schrei erlosch, dem dann ein wahres Beifallsgebrüll folgte. Maechler hörte das alles und war doch so in seinem nicht abreißenden Traum gefangen, daß diese Vorgänge ihn nie ganz aus der schweren Schlafberückung zu reißen imstande waren, sondern alles wie in seinem Traum geschah, der sich immerfort wandelte und doch nie anders wurde. Die grobe Stimme donnerte aus den Häusern, an denen er rastlos vorübergehen mußte, es meckerte aus den Winkeln, in die er sich endlos verwirrte, das Türkrachen wurde zu den Finsterballen, mit denen ihn Paula Großmann immerfort einmauerte, und das hohe Singsagen stammte von der Stimme des kleinen Verrückten, die er von der Peterbaude, von Brän und den Grandorfer Teichen her kannte. Immer halb erwachend, wollte er sich erheben, und versank doch immer in das endlose Traumwandern, bis doch der Lärm einmal so stark wurde, daß die Schatten- und Gespenstermauern zusammenfielen und er ins vollkommene Wachsein auftauchte. Drunten wurde die Tür aufgerissen. In einem Stoßen und Taumeln kämpften trunkene Rufe durcheinander, so, als schlügen Männer aufeinander ein. Ein unförmiger Baß, in dem Maechler die Stimme des Groblings auf dem Schloßplatze erkannte, brüllte wie ein aufs höchste gereizter Stier: »Laßt mich, ich zerquetsche den jämmerlichen Hund!« Ein kindhaft hoher Verzweiflungsschrei, mehr ein schrillendes Quieken, folgte. Dann flog die Haustür auf, und etwas wie ein Ballen wurde auf die Straße geworfen. Darauf trat Stille ein. Maechler öffnete das Fenster und schaute auf die finstere Straße hinunter. Erst konnte er nichts erkennen, dann, als sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er, wie sich ein Mann aus dem Staube erhob, taumelte, einen und den anderen kleinen, furchtsamen Schritt auf die Tür zu tat, aus der er eben geworfen worden war, dann aber die Arme erhob und leise segnend die Worte sprach: »Auch dir, reicher Schlosser, der doch im Herzen ein Grab hat, voller Totengebein und voller Unrat, auch dir, dicker, gemästeter Neefe, verzeihe ich im Namen Gottes, der den Morgen der Welt einmal heraufführen wird, wenn die Zeit erfüllt ist.« Leise weiterpsalmodierend, dann und wann aufschluchzend, ging Ignaz Wildner die Straße davon auf das Feld zu und war bald in der Finsternis untergetaucht. Am Morgen, später als Maechler es sich vorgenommen hatte, erwachte er und sprang mit dem Vorsatz aus dem Bette, sich sofort weiter auf die Wanderung zu machen, nicht nur, weil seine Barschaft fast aufgezehrt war, sondern auch, weil aus seinem Traumtreiben, wohl von den Finsterballen her, durch die ihn fortwährend Paula Großmann drohend eingemauert hatte, ein Gefühl in seinem Gemüte zurückgeblieben war, daß ihn hier in Wilkau eine unübersteigbare dunkle Wand bedrohe. Und als er gar durch das kleine Fenster seiner engen Schlafkammer über niedrigere Schindelfirste hinweg den wogenden Kamm des Riesengebirges in dem Schwarzblau nahender Wetterunheimlichkeit eine Weile betrachtet hatte, stand sein Entschluß fest, ohne Umschweife Wilkau den Rücken zu kehren. So packte er seine Sachen zusammen, ließ sie dann aber doch in einer unbegreiflichen Anwandlung auf dem Schemel neben seinem Bett liegen, ergriff den Stock und stieg die steilen Holztreppen hinunter in das Gastzimmer, das zu seinem nicht geringen Verwundern keine Spur des nächtlichen Tobens mehr trug. Der Fußboden war sauber gefegt, Tische und Stühle standen in gesitteten Reihen, die Gläser blinkten geordnet aus dem Schrank, die Fenster waren geöffnet, und in der Luft spürte man fast nichts mehr von der rauchigen Muffsäuerlichkeit, die ländlichen Wirtsstuben anhaftet. Das Zimmer war leer. Nur aus der Küche hörte er das heitere Gespräch zwischen dem Wirt und der Wirtin, das bald von dem tiefen Gelächter des Mannes, bald von dem luftigen Lachkollern des Weibes unterbrochen wurde. Maechler konnte nichts verstehen und legte endlich unter lautem Aushusten seinen Eichenheister eben nicht sanft auf einen Holzstuhl. Darauf erschien sofort der Wirt in der Stube und begrüßte ihn mit einer übermütigen Verschmitztheit im Gesicht, die wenig mehr von der gewohnten grämlichen Verstecktheit übrig ließ. Dann leistete er Maechler bei dem einfachen Frühstück Gesellschaft und war nach der fröhlich-spöttischen Erkundigung über Maechlers Nachtruhe bald mitten in der Erzählung der nächtlichen Vorgänge, von denen er aber mit kaum verhehltem Prahlen sprach, als handele es sich nicht um eine wilde Ausschreitung, sondern um ein übermütiges Festlein. Maechler öffnete nicht ein Fältchen seines Innern und seiner Vergangenheit. Er brauchte nur da und dort mit verständnisvollem Gelächter oder einem erstaunten Ausruf ein klein wenig nachzuhelfen, wenn der Erzähler an dieser oder jener gar zu bedenklichen Stelle ins Stocken geriet. Gestern, das war der Inhalt der Erzählung des Wirtes, hatte sich der Schlossermeister Neefe, einer der reichsten Männer des Ortes, zum Besuch angesagt, um, wie er sich ausgedrückt hatte, auf seine Weise die gräfliche Taufe zu begehen. Und wenn Neefe etwas feiere, dann stieben die Funken wie in seinem Handwerk. Feuer und Fröhlichkeit seien bei einem gesunden Mann eben immer beisammen, und daß der Schlosser Neefe, sein langjähriger Gast, wohl manchmal in allen Nähten das Platzen kriege, aber doch ein durchaus wohlgefügter Mann sei, dafür könne er, Kammel, der Wirt vom Grünen Baum, seine Hand unbedenklich ins kochende Wasser stecken. Ja, freilich, die zwei »G« könne er ja nicht loskriegen, grade und grob sei er schon. Aber eben deswegen hätten die heimlichen Dungmäuler und verborgenen Giftspritzer unrecht, ihn als Urheber der Explosion hinten am Grafenschloß im achtundvierziger Frühjahr zu bezeichnen. Ob das aber der Gerber Wennrich auf der Feldgasse gewesen sei, der deswegen vierzehn Tage im Rehberger Kreisgefängnis in Untersuchung gesessen habe, das wolle er nun keineswegs behaupten. Hier verlor sich Kammel in Weitschweifigkeiten und Beteuerungen seiner eigenen Redlichkeit, daß Maechler ihn geradezu auf den Weg zurückbringen mußte, indem er sagte: »Ja, das werde sicher so sein.« Also Neefe sei gestern abend auch auf dem Schloßplatz gewesen, um von außen etwas von dem Taufgepränge des Grafen Schilling mit abzubekommen. Kammel nickte sich nach dieser Bemerkung mit listiger Heiterkeit als einem geübten Pfiffikus zu, der den geheimsten Wurm herauszuziehen imstande sei, und sagte es Maechler auf den Kopf zu, daß er in dem Gedränge neben Neefe gestanden habe und etwas von seiner ungeschminkten Geradheit zu kosten bekommen habe, und da Maechler es lachend zugab, eilte Kammel schnell und zusammengefaßter in der Erzählung weiter. Der Graf sei ans Fenster getreten und habe an die versammelten Wilkauer eine liebreiche Ansprache des innigen Dankes gehalten. Kaum aber sei er hinter der geschlossenen Gardine verschwunden gewesen, als der kleine, verrückte Ignaz auf den Zweigen eines Baumes, den er katzenhaft schnell erkletterte, seine bekannte Predigt von dem nahen Menschheitssonntag gehalten habe, die aber diesmal mit einer an Beschimpfung grenzenden Verunglimpfung des Grafen endete, den er nicht Schilling, sondern Silberling geheißen und mit Judas verglichen habe. Hier ließ Kammel in seiner Erzählung abermals eine Pause eintreten, weil er offenbar wider Willen in ernste Besinnlichkeit gerissen wurde. Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und pfiff leise durch die Zähne, wie ein einfacher Mensch sich benimmt, wenn er vor undurchdringliche Lebensgeheimnisse gerät. Maechler störte ihn mit der Frage: »Was ist nun mit dem verrückten Ignaz eigentlich los?« aus dieser Verfangenheit. Der Wirt riß sich auf und sagte: »Wissen Sie, eben kommt mir das in die Quere! Der Ignaz, er heißt eigentlich Wildner, ist offenbar guter Leute Sohn. Wo er zu Hause ist, weiß niemand sicher. Die Leute sagen, er habe auf Geistlich studiert und sei kurz vor der Priesterweihe gewesen. Da kam das tolle Frühjahr und riß ihn aus dem heiligen Hause. Unvermutet, wie durch die Luft gefahren, erschien er in der Grafschaft Glatz, zog in dem Neurodener Bergwerksbezirk umher und wiegelte die Dörfer auf, bis es in Hausdorf losging. Ja, und sie haben toll gewirtschaftet, wie man hört. Wildner immer unter ihnen, nein, geradezu vorneweg. Als das Hexenkochen vorüber war und jeder sein Mauseloch zum Verkriechen suchte, erwischten ihn die Gendarmen und schlugen ihn, bis er halbtot liegenblieb. Man mußte den Zerbeulten statt ins Gefängnis ins Krankenhaus stecken, und als er wieder zusammengepflastert war, zeigte sich, daß sein verstand vollkommen zerschlagen war, und man ließ ihn als einen ungefährlichen Trottel laufen, weil er von seinem früheren Leben nichts mehr wußte. Nun irrt er im Lande herum, redet jeden Mann, dem er begegnet, als hohen Herrn an und erscheint jedes Jahr im Sommer hier in der Gegend. Da steigt er aufs Gebirge, um Gott näher zu sein, verbringt eine und die andere Nacht in den Latschen auf dem Kamm, betet und beschwört Gott, endlich die Welt von aller Ungerechtigkeit zu erlösen. Sehen Sie, dieses kleine, verwirrte Männchen wetterte also gestern abend aus dem Baume gegen den Grafen, den er geradezu einen Fürsten der gleißenden Finsternis nannte, bis voreilige, liebedienerische Hitzköpfe sich daran machten, ihn aus dem Baum zu holen und gehörig zu stäupen. Die meisten aber lachten über sein Wahngequassel, und Neefe, mein Freund, nahm sich des Armen an auf eine Weise, daß Wildner, aufgefordert oder nicht, dem davongehenden Schlosser wie ein dankbares Hündchen hierher in den Grünen Baum folgte. Dort hinten hat er lange am Tisch gesessen, ohne ein Wort zu sprechen, wie abwesend, fast ohne Atem. Wissen Sie, mit unheimlich großen Augen, die er nicht einmal rührte, sah er fortwährend auf den Schlosser, der hier an dem Tisch im Kreis seiner Freunde saß und sich's wohl sein ließ. Und wie es zu gehen pflegt, als Neefe sich den Kopf heiß geleckt hatte, fing er an, einen um den anderen in der Runde zu hänseln, sogar den Gemeindevorsteher, weil er sich im Schloß am Jägertisch hatte bewirten lassen. Der aber, wie es seine Gewohnheit ist, ließ ruhig dämmernd und lächelnd alles an sich vorübergehen, bis er dem Schlosser ein Wort versetzte, das ihn ins tiefste Gekröse getroffen haben muß. Ich war gerade draußen und hab's nicht gehört. Als ich aber hereinkam, schrien alle durcheinander, mit Ausnahme des Gemeindevorstehers, der still seinen Hut vom Rechen langte und unversehens verschwand. Jetzt aber ging es erst recht los. Dem Schlosser steckte die Bemerkung des Gemeindevorstehers, ich glaube, er hat von dem Schuß hinterm Schloß gesprochen, wie ein vergifteter Spahn im Halse, der heraus mußte, koste es, was es wolle. Der verrückte Wildner wurde aus dem Dunkel an den Tisch geholt und so lange bearbeitet, daß er endlich, der nur Milch und Wasser zu trinken pflegt, einen Schnaps um den anderen hinuntergoß. Plötzlich kam es über den Kleinen. Er sprang in die Mitte der Stube und begann seine Menschheitspredigt. Die Arme in die Luft gebreitet, redete er, bis er vor Schluchzen nicht mehr konnte. Aber der Schlosser war aus dem Häuschen, und wenn sich Ignaz kaum erholt hatte, wurde er von neuem angestachelt. Neefe ließ Wein kommen, und Wildner geriet in eine wahre Rednerwut. Alles bog sich vor Lachen. Der Verrückte wurde aber von einer Art Verzweiflung gepackt, kniete nieder und küßte inbrünstig die Diele. Dann erhob er sich und ging, steif wie eine Fahnenstange, auf den Schlosser zu, machte vor ihm halt, maß ihn lange mit seinen weiten, unheimlichen Augen, daß keiner vor Betroffenheit ein Wort zu sprechen wagte, und redete darauf halberloschen und todestraurig vom Fluch, der auf den Menschen laste. Unvermutet überschüttete er den Schlosser mit Beschimpfungen, die nicht enden wollten, nannte ihn Beutelschneider, Ehrabschinder, Wucherer, ein übertünchtes Grab, einen heimlichen Wolf, und hieb ihm zuletzt, in fassungsloses Weinen ausbrechend, die Faust vor die Stirn. Was dann kam, ist kaum zu beschreiben, so schnell ging alles. Neefe brüllte wie ein Stier. Der Kleine quiekte. Die Stubentür flog auf, die Haustür, und ehe man recht atmen konnte, lag Wildner auf der Straße.« Kammel war mit seiner Erzählung am Ende. Sein anfängliches Prahlen hatte sich ganz verloren. Aber er raffte sich von seiner Betretenheit schnell auf, fuhr mit der Hand über den Tisch, als wische er Belangloses fort, und sagte lachend »Ja, Geschäft ist Geschäft! Was will man da machen? Man muß die Feste feiern, wie sie kommen. Die Zeiten sind schlecht, und wegen eines Verrückten geht der Wind.« Maechler war bleich geworden, erhob sich und sah erst zu Boden. Dann richtete er sich unter einem tiefen, abschüttelnden Atemzuge auf und bewegte bitter lächelnd Den Kopf: »Ja, die Welt... und die Menschen! Sie sind noch lange keine Wasserhühner«, sagte er dabei, ließ sich dann die Papiere geben und versprach, in einigen Stunden seine Sachen zu holen. Mit kaum hörbarem Gruß ging er an dem Wirt vorüber, der ihm fassungslos nachschaute, und schloß leise die Tür hinter sich. 9 Der Freiheitssturm, der ganz Deutschland und Österreich, von Frankreich her entzündet, so erschüttert hatte, als sei er wirklich der Anbruch eines Menschheitsfrühlings, war kläglich zusammengebrochen. Man hatte sich für die europäische Freiheit begeistert und war, ungeregelt, nur vom schwärmerischen Tumult des Innern getrieben, über die Staatsgewalt hergefallen, in der man sich befand, und hatte sich angeschickt, sie zu zerschlagen, nicht, weil man Verwaltung und Verfassung genau kannte, die an Stelle der in Trümmer gegangenen Ordnung zu setzen war, sondern nur berauscht von den utopischen Feuergedanken eines allgemeinen Weltumsturzes. So sicher es ist, daß alle Revolutionen mit der Explosion dieser Flatterminen beginnen, so unabwendbar die Staaten und, nach dem Zusammenschluß aller Volker zu einem einzigen Ganzen, die Menschheit sich immer wieder anschicken wird, die selbstgeschmiedeten Ketten der Ordnung zu zerreißen, so geheimnisvoll ist doch die Ursache, aus der diese ewige Erdenunruhe stammt. Es ist das Menschenwesen, das, bei aller irdischen Gebundenheit und Bestimmtheit, getragen wird von kosmischer Unendlichkeit. Es läutet die ruhelose Glocke des Menschenherzens, es entwertet die tiefsten Einsichten des Verstandes endlich zu wertlosen Hieroglyphen und Wortfetischen, es fühlt sich in den erleuchtetsten Systemen der Weltanschauung zuletzt wie in einem engen Gefängnis. Und obwohl im Frankfurter Parlament die tiefsten, zukunftsreichsten Gedanken Ausdruck fanden, ging die tatsächliche Entwicklung an der Glut der besten deutschen Geister wie an dem Phantasiespiel verstiegener Doktrinäre vorüber. Denn wie im Intuitionsrausch das Genie nur wenige Augenblicke sein erhabenes Wesen in die unendliche Weite seligen Allseins und Allwissens zu heben vermag, um es dann trauriger als vorher in den engen Pferch seines bewußten Geistes und die unwürdige Winkelstadt seiner irdischen Tage fallen zu lassen: so vermögen auch Völker nur eine kurze Zeit in der unwirklichen Traumwelt zu leben, die aus der Tiefe ihres Wesens als der Anspruch eines göttlichen Rechtes aufsteigt. Bald lag die gleichmachende Heckenschere aus Frankfurt zerbrochen am Boden, und die Flügel der Reaktion waren nicht schwächer geworden, nachdem man sie gestutzt hatte, sondern sie schatteten mächtiger wie vorher von der Memel bis zum Donnersberge. Die Barrikaden in Berlin hatten nichts genutzt. Wie zwecklos war die Spukreihe der Ministerien Hansemann, Auerswald, von Pfuel, Brandenburg und von Radowitz vorübergegangen. Umsonst hatte es in kurzem Aufstoß in den kleinsten Städten dumpf gezittert. Vergeblich waren Landräte vertrieben, Bürgermeister geprügelt und Polizisten ins Wasser gestoßen worden. Unter Manteuffel war die Kammer zu einer lächerlichen Farce und die zugestandene Verfassung in den geschickten Händen der Konservativen zum brauchbaren gesetzlichen Mittel geworden, das Freiheitsfieber überall auszurotten. Nach der Niederwerfung des Aufstandes fischte jedes kleine Fürstchen sein Hermelinjäcklein wieder aus der Lache, zu der der brausende Strom des Umsturzes geworden war. Ja, jedes Gräflein, wie der Graf Schilling zu Wilkau, gebärdete sich wieder als von Gott gesetzter Souverän, vor dem das enttäuschte und geängstigte Volk sich bedingungslos beugte. Die heiligen Rechte, für die es sich erhoben hatte, schienen vergessen. Statt ihrer schnappte man würdelos nach den kümmerlichen Brocken willkürlicher Huld wie nach himmlischen Geschenken einer unverdienten Gnade. Mit dem politischen Eifer war auch der wahrhaft patriotische Eifer verschwunden, dessen schönste und wahrhafte Auswirkung die Menschenwürde ist. An ihre Stelle war der Schorf der Loyalität getreten, eine Knechtsseligkeit, eine Art Geisteskrankheit der Kleinen und Kleinsten, die man als Schutzmittel gegen Schikanen und Verfolgung überall zur Schau stellte. Als die Revolution vorüber war, blieb eine Jugend zurück, die alt und kalt lebte, und ein Alter, das sich hitzig aufs Geldverdienen stürzte. Diese Gedanken und Überlegungen, die in Maechlers Geist allerdings nur mit den Bildern der Erfahrungen des eigenen Lebens vorüberzogen, beschäftigten, ja, bestürmten den Gerber, während er nach dem Verlassen des Gasthauses zum Grünen Baum durch Wilkau ging, um sich den Ort bei Tage anzusehen. Und obwohl nun das Leben in gemächlicher Geschäftigkeit durch die Gäßchen, Steige und Straßen rieselte, daß das Gewirr der vielen Winkelzüge den Zauber weltferner Verwunschenheit erhielt, so konnte doch Maechler wegen des bitterlichen Tumults in seinem Innern nicht zu einem reinen Genuß dieser seligen Lebenströdelei kommen, vor allem auch deswegen, weil sie ihm nur als trügerischer Schimmer erschien, unter dem die bösen, verwilderten Grundkräfte ihr Wesen trieben, deren brutale Auswirkung er in der Tobsuchtsszene des Grünen Baumes erlebt hatte. Vergebens stand er auf dem Schloßplatze vor dem herrlichen Barockhaus des Grafen, umsonst suchte er den Kirchhof auf und betrachtete die bildgeschmückten Grabsteine der verstorbenen Angehörigen des Grafen Schilling. Das lange Haus, die Badehäuser, der kleine Park, die wenigen gutgekleideten Badegäste, nichts war imstande, den stiermäßigen Wutschrei des Schlossers Neefe und das schmerzlich-schluchzende Singreden des irren Ignaz Wildner zu verscheuchen, das sich durch die nachtfinstere Gasse ins Feld verloren hatte, und wenn er zu dem Gebirge aufschaute, das immer noch dunkel und wetterunheimlich sich hoch in einem angegrauten und doch grell drohenden Himmel fortschwang, so konnte er nicht verhindern, daß ihn auch noch die Erinnerung an den finsteren Liebeskampf mit der dämonischen Paula in der Bradlerbaude wieder überfiel. Wie im Traum heut Nacht war es ihm, daß dieses hölzerne, mänadische Wesen mit den gestanzten Augen sein Leben mit Schatten ummauerte. Wie es geschah, wußte er nicht. Er fand sich nach einiger Zeit wieder am Ufer eines der Grandorfer Teiche sitzen und über den regungslosen Spiegel des Wassers blicken. Unvermutet brach die Sonne durch den grauen Wetterdunst, und auf Augenblicke leuchtete der Teich in einem strahlenden Blau, als sei er ein weites Tor, durch das der Himmel sich segnend in das Innere der Erde stürzte. Maechler sprang auf, schüttelte die Verfinsterungen ab und ging erleichtert nach Wilkau zurück, um sein Reiseränzlein aus dem Gasthaus zu holen und dann unverzüglich in der Richtung nach Lauban weiterzuwandern, in dessen Nähe Gerlachsheim, sein Heimatsdorf, lag. Denn dieser Himmelseinbruch auf die Erde, den er eben in dem blauen Aufleuchten des Teiches erlebt hatte, wirkte sich in dem unruhigen, veränderlichen Gemüte Maechlers als immer klarere Überzeugung aus, nur auf dem Boden seiner engeren Heimat werde ihm ein fruchtbares Leben gelingen. Er wollte nur noch bei dem einzigen Gerber, den es in Wilkau gab, aufs Geschenk gehen, weil er den kleinen Zehrpfennig bei seiner geringen Barschaft wohl gebrauchen konnte. Maechler geriet auf seinem Rückweg in ein Steiggewirr, das ihn am Heidewasser hin auf einem kleinen Umweg durch eine Gasse Scherichsdorfs führte, mit der dieser Nachbarort Wilkaus fast in das kleine Wuselstädtchen hineingriff und da und dort sich so mit ihm verfilzte, daß die beiden Gemeindewesen kaum voneinander zu scheiden waren. Bald stand er auf der Sandbrücke, durch die Scherichsdorf und Wilkau verbunden waren und erkannte in ihr den Bohlenübergang wieder. an dessen Geländer er gestern Nacht gelehnt hatte, nachdem er zwecklos dem Manne und dem Mädchen ein Stückchen in müßiger Neugier gefolgt war. Ja, wirklich, und da strich ja die Zeile der einstöckigen Häuser mit den schmalen Vorgartenstreifen hin, worin die beiden verschwunden waren. Es mußte das dritte oder vierte sein, dessen Zauntürchen hinter ihnen klirrend in die Haspe geschnappt war. Im Einbiegen in die einzeilige Gasse las er an dem Eckhäuschen, einer kleinen Schenke auf einem fast erloschenen Schildchen »Feldgasse«, den Namen dieses kurzen Gassenstrichs, und erinnerte sich aus der Erzählung des Wirtes zum Grünen Baum, daß hier der einzige Gerber Wilkaus wohne. Zugleich aber hörte er in sich das kindhafte und zugleich rätselhafte Lachen des Mädchens klingen, das der Grund gewesen war, ein paar Häuserbreiten hinter ihm herzugehen. Belustigt über diese Fügung trödelte Maechler das Gäßlein hin, und es dauerte auch nicht lange, so hatte er den Lohgeruch in der Nase, und noch ein paar Schritte weiter stand er auch schon in der Nähe eines Hauses, das weitläufiger und geräumiger als die anderen, an der Wand eines etwas vorgebauten Frontspießes ein Schild mit der Aufschrift: Paul Wennrich, Gerberei und Lederausschnitt, trug. Aber von Handwerksbetrieb war diesem fast übertrieben sauberen Hause mit Geranien und Fuchsien vor allen Fenstern nicht das geringste anzumerken. In der friedlichen Lautlosigkeit glich es eher der Wohnung eines kleinen Rentners. Maechler wollte eben über die Gasse gehen, um sich zu überzeugen, ob dort der Werkplatz angelegt sei, als er von dem Anruf einer männlichen Stimme getroffen wurde, die nach den ersten Worten schon in einem alten Husten unterging. So trat er vollends an das Zaunpförtchen heran und sah unter dem vorgebauten Frontspieß, der auf zwei Holzsäulen ruhte, den Mann sitzen, der ihn gestern bei dem kurzen Streit mit dem Schlosser Neefe auf dem Schloßplatz so verzehrend leidenschaftlich angestarrt hatte. Ja, es war dasselbe halbverfallene Gesicht mit der hohen, kastenartigen Stirn und dem fast ergrauten, kurzen Vollbart. Nur die Augen, die ihn gestern groß und flackernd angestarrt hatten, blickten jetzt müde, in einer Art mißvergnügter Güte, als seien sie durch eine gramvolle Nacht in beginnendes Erloschen getaucht worden. Der Gruß Maechlers wurde von dem Manne gütigleidend erwidert, mehr durch ein Kopfnicken als durch Worte und einen kleinen Versuch, sich von der Bank zu erheben, den er indes bald aufgab. Allein es war wohl zu bemerken, daß er mit Wohlgefallen die freie, feste Art betrachtete, in der Maechler durch das Vorgärtchen und die beiden Stufen sich zu ihm bewegte. Und nun stand er vor Wennrich, sagte die alte Begrüßung, die mit dem Segensspruch des Handwerks beginnt, und daran schloß sich die Bitte um ein Geschenk. Dann reichte er ihm seine Papiere. Wennrich nahm sie mit unsicherer Hand entgegen und prüfte sie eingehend. Nachdem er, ohne aufzusehen oder ein Wort zu sprechen, mit der Durchsicht zu Ende gekommen war, hielt er sie eine Weile in der herabgesunkenen Hand auf den Knien. »Hm, hm, weit herumgekommen«, sagte er dann sinnend zu sich und lächelte dabei, wie es Maechler schien, ein wenig abschätzig. Der aber betrachtete von oben her das schüttere, fast gebleichte Haar seines Kopfes, die beiden Muskelstränge des langen, mageren Halses, die ausgezehrten Arbeitshände und dachte im Anblick dieser Verfallszeichen, ob das wohl der Mann sei, von dem der Wirt des Grünen Baumes erzählt hatte, daß er vierzehn Tage wegen der Explosion hinterm Schloß im Gefängnis gehalten worden war, die heute noch viele dem Schlosser Neefe zuschrieben. Als sei Wennrich von diesem Gedanken getroffen worden, richtete er sich auf und in seinen Augen glomm ein dunkler Glanz. So betrachtete er Maechler aufmerksam und wartete offenbar auf eine Antwort. Als diese ausblieb, sagte er, wieder in seine gütige Müdigkeit verfallend: »Ja, ja. Solange man wandert, geht die Hoffnung vor einem her und das Schlimme bleibt hinten und wird endlich vergessen. Wenn man sitzen muß, kommt es über uns. Was ist da zu machen?« Dann griff er in die Tasche, zog aber die Hand zurück, rückte auf der Bank hin und lud Maechler zum Sitzen ein. »Auch in Würzburg waren Sie? Eine schöne Stadt. Ich habe da ein Jahr in der Gerberei Mindner gearbeitet«, sagte er dann wieder mit dem zerdrückten lächeln, das während der Unterhaltung, die nun begann, ihn immer überfiel und merkwürdigerweise gerade an Stellen, die Heiteres oder Erfreuliches streiften. Es ergab sich, daß es ihn ebenfalls durch Mittel- und einen Teil Süddeutschlands geführt hatte. Maechler verschwieg seine Teilnahme an der Revolution, und auch Wennrich berührte mit keinem Wort die Unruhen, von denen Deutschland jahrelang bis zu den Grundfesten erschüttert worden war. Die beiden reisten plaudernd in der Welt umher, und Maechler spürte wohl, wie er von dem kränklichen Meister klug und vorsichtig über Charakter und handwerkliche Tüchtigkeit ausgeholt wurde. Drinnen im Hause wurde dann und wann die eine oder andere Tür leise geöffnet und geschlossen. Schwebende, ruhige Schritte gingen auf und zu und wenn sie sich der geschlossenen Haustür näherten, hob Wennrich den Kopf und unterbrach die Unterhaltung. Nachdem das einige Male sich ereignet hatte und doch nicht geschah, worauf Wennrich offenbar wartete, daß nämlich die Person in dem Hause zu ihm heraustrete, beendete der Meister die Unterhaltung und fragte Maechler geradezu nach den näheren Umständen seiner Herkunft, seinem Wanderziel und seinen Absichten. Maechler brachte es nicht über sich, seiner Abneigung gegen Wilkau Ausdruck zu geben, und sprach von dem Vorsatz, sein Heimatsdorf aufzusuchen, wie von einem spielerischen Einfall. Allein bei einigen Wendungen, die ihm trotz des besten Willens zur Mäßigung entfuhren, wurde Wennrich in einem Maße aufmerksam, was Maechler fast bestürzte, denn kaum hatte er davon gesprochen, im Grünen Baum über Nacht geblieben zu sein, legte er die Papiere, die während der ganzen Unterhaltung spielend von der einen in die andere Hand geglitten waren, mit einem Stoß neben sich, und seine Augen flackerten so starr auf wie gestern abend. Maechler erschrak über die Erbitterung, die den Mann plötzlich packte. Sein Gesicht bekam einen gelblichen Ton. Der Mund sog die Lippen ein, und der Atem ging in kleinen asthmatischen Stößen. »So, im Grünen Baum haben Sie übernachtet?« fragte er, nachdem er sich mühsam, wie von einem unvermuteten Schlage erholt hatte. Es sollte beiläufig klingen und war doch fast ein Aufschrei der Verachtung. Ehe Maechler zu einer Erklärung kommen konnte, wurde die Haustür geöffnet, und ein blondes, hochwüchsiges Mädchen stand auf der Schwelle. Ihr Busen wogte noch von der Eile, mit der sie herangesprungen war. Sie selbst aber stand gefaßt und schaute fragend und ruhig aus großen, graugrünen Augen von einem auf den anderen. »Gott sei Dank, daß du kommst, Lotte«, sagte Wennrich mit abgeschlagener Stimme. Das Mädchen trat herzu und legte begütigend die Hand auf die Schulter ihres Vaters, beugte sich ein wenig zu ihm und fragte begütigend: »Was gibt es denn nun wieder?« Anstatt zu antworten nahm Wennrich ihre Hand unwirsch von seiner Achsel und fragte nach Maechler deutend: »Ist das nicht derselbe Mann, der gestern abend dem, dem, dem...« Vor offenbarem Ekel mußte er eine Pause machen... »nein, dem lieben Neefe die Wahrheit gesagt hat?« Lotte musterte Maechler, der aufgestanden war, mit stillem, verschleiertem Blick, wandte sich dann lachend an den Alten und sagte fröhlich: »Ja, ich glaub schon. Aber da ist doch weiter nichts dabei. Das heißt«, damit sah sie Maechler fragend an, »wenn der Herr nickt anderer Meinung ist.« Ehe Maechler etwas erwidern konnte, brach es aus Wennrich schon wieder bitter hervor: »Da liegt eben der Hund. Er ist – Gott, wir sind alle Menschen – er ist bei dem sauberen Kammel über Nacht gewesen und ist doch ein honetter, braver Mann, Papiere über alles gut, aus einer uralten Gerberfamilie, kommt aufs Geschenk und nun, da ich ihn einstellen will, ist er unter dem Dach eines Judas gewesen.« Das sagte der Gerbermeister immer leiser und leiser, immer verlorener in sich hinein, wie Verlaufene vor dem Einschlafen von der Unabwendbarkeit ihres Schicksals sprechen, und Lotte winkte Maechler, der sprechen wollte, bittend mit den Augen, den Gramvollen zu schonen. Er nickte verstehend, langte sich lautlos den Stock von der Bank, streckte dem vor sich hinschauenden Wennrich die Hand zum Abschied hin mit den ergriffenen Worten: »Nun, nichts für ungut, Herr Meister, Sie können mir glauben, daß ich Ihnen nicht wehtun wollte. Ich kann wirklich nicht dafür. Leben Sie wohl.« Aber Wennrich sah erst fassungslos auf die dargebotene Rechte, ohne sie zu ergreifen, und dann maß er ratlos und traurig den vor ihm Stehenden. »Das ist eine Welt!« sagte er darauf zu seiner Tochter aufblickend. »Verstehst du das, Lotte? Ich nicht. Herrgott noch mal, Maechler, Sie gefallen mir. Ich Hab Ihnen das doch deutlich genug gesagt, und wenn es Ihnen paßt, sollen Sie bei mir bleiben und in dem Krempel kutschieren, der ein wenig drunter und drüber geraten ist. Meine Wut gegen den Schlosser und den Gastwirt, die mir Gott verzeihen möge, galt nicht Ihnen, meiner Seele, nein, hier haben Sie meine Hand drauf.« Er riß die Rechte Maechlers mit beiden Händen an sich und schüttelte sie ergriffen. »Soll ich, Lotte?« fragte er im Schwunge der Erschütterung seine Tochter. Das Mädchen bewegte ernst und verneinend den Kopf und fuhr beruhigend über sein Haar. »Na, dann später«, sagte Wennrich, »aber so viel sollen Sie, Maechler, wissen, daß mir die beiden – Herren – nein, Hunde nicht – daß mir die beiden, pfui, einen Handel aufgeladen haben, eine Schweinerei, die mir fast den ganzen Nerben meines Lebensleders gekostet hat. Aber ich komme schon wieder herauf. Nein, nein, laßt gut sein. Und nun werden Sie mit uns zu Mittag essen. Da können wir in Ruhe das andere bereden.« Auf diese Wendung nicht gefaßt, griff Maechler fester um die Krücke des Stockes und sah fragend zu Lotte hinüber, die erblaßt war und mit den Tränen kämpfte. Auf seinen Blick schloß sie nur die Augen, und ein spärlicher Tropfen rann über ihre Wangen. Da flog ein leiser Nebel um Maechler. »Gut, ich danke Ihnen, Meister, es soll so sein«, sagte er entschlossen, und die drei gingen dann ins Haus. 10 Auf diese ungewöhnliche Art vollzog sich die Einstellung Maechlers als Gesell bei dem Gerber, denn während des einfachen Mittagsmahles in der großen niedrigen, etwas schummerigen Stube, die zugleich Küche war, wurden alle Bedingungen besprochen, unter denen Maechler seine neue Stelle übernahm. Er erhielt einen Taler zehn Silbergroschen Wochenlohn und als Schlafraum eine Giebelkammer, die mit ihren Wänden aus gespundeten Brettern wie eine Bodenstube wirkte, deren Behagen noch durch eine Kommode, einen kleinen primitiven Tisch und einen Holzschemel betont wurde und Maechler eine Unterkunft bot, wie er sie noch an keiner Arbeitsstelle gefunden hatte. Während des Essens saß der Meister noch lange wie in einer Wolke von Bekümmernis und Sorge, gegen die er sich durch gütige Worte und ein liebevolles Auftauchen seines Gemütes vergeblich wehrte, so daß Maechler mit Erzählungen aus der vielfältigen Geschichte seiner Familie über die taube Stille hinweghelfen mußte, die an dem Hause, trotz der behaglichen, wohlgeordneten Bürgerlichkeit, wie eine geheime, schleichende Krankheit zehrte. Als er an den Bericht über den Grünen Baum geriet, zuckte es wieder in dem Gesicht Wennrichs auf, und ein mahnender Blick aus den Augen der ihm gegenübersitzenden Lotte bestimmte ihn, von dem wilden Geschehen aus dem Gasthaus als einer albernen, verrückten Sauferei zu sprechen, von der er in seiner Kammer nicht viel gespürt habe, bis auf den Singsang, mit dem ein Hinausgeworfener sich auf der Gasse verloren habe. Dann wurde er auf den Werkplatz am Zacken geführt, dessen kümmerliche Verwahrlosung ihn erschreckte, und zuletzt zeigte man ihm noch den ziemlich geräumigen Garten hinter dem Hause, der mit einigen wohlgepflegten Blumenbeeten begann, aber hinter einer verwichtelten Strauchwelle in einem Durcheinander von Obstbäumen endete, um die sich offenbar seit Jahren niemand gekümmert hatte. Gegen Abend verließ Maechler das Haus, um seine Sachen aus dem Gasthaus zu holen, wo er sich verabschiedete, ohne von seiner Einstellung in Wilkau zu sprechen. Das Felleisen mit dem Kotzenmantel über der Achsel, den Eichenheister in der Hand, trödelte er gaßauf und -ab durch Wilkau, aber jetzt mit dem Behagen eines Landfahrers, auf den ein sicheres Dach wartet. Der Himmel war wohl noch wetterverhangen, aber das Drohen, das nicht zur Entladung gekommen war, lag nun in erschöpften, unentschiedenen Wolken in der Höhe, und das Gebirge wurde von einem silberweißen Schleier vollkommen verhüllt. In diesem milchigen Dunkel wachte das Abendgeläut der beiden Kirchen auf und klang wie der Zwiegesang zweier Menschen, die mit zusammengebissenen Zähnen aufeinander einsummen. Da bog Maechler an der Sandbrücke von der Rehberger Straße in die Feldgasse ein und ging auf sein neues Heim zu, das er wider Willen gefunden hatte und dem er in einer Benommenheit sich verpflichtet hatte, die ihn noch jetzt wie der silberweiße Schleier erfüllte, hinter dem verborgen ein unsichtbares Gebirge wogte. Er lächelte unmerklich in sich hinein, während er durch das schmale Vorgärtlein schritt und über die drei Stufen das Plätzchen unter dem Vorbau betrat, weil das kunterbunte Leben ihn auf unbegreifliche Weise in dieses verwunschene Haus undurchsichtiger, verhängnisvoller Schatten geführt hatte, indes doch sein ernster Sinn auf die Errichtung eines klaren, übersichtlichen Daseins stand. Aber, wer weiß, wozu es gut ist, und für lange blieb er wohl nicht. Mit diesem Gedanken klinkte er die Haustür auf und stand bald darauf mit dem lachenden Ausruf in der großen Wohnküche: »So, da bin ich! Guten Abend!« Der Tisch war schon gedeckt. Wennrich bastelte an der Öllampe herum, sie zu entzünden, Lotte ging in der Vorbereitung der Mahlzeit geschäftig auf und zu. Beide erwiderten seinen Gruß leise, ohne sich in ihren Hantierungen stören zu lassen, als sei er ein alter Bekannter. Er legte sein Felleisen neben den Uhrkasten an der Tür und stellte den Stock dazu. Sobald sie aber in dem stumpfrötlichen Lichtkreise der Öllampe saßen, wurde Maechler von dem Meister mit herzlichem Handschlag willkommen geheißen und gebeten, sich an seinem Gehabe nicht zu stoßen, denn er spüre, daß das dunkle Schattenreiten ihn am längsten gequält habe. Irgendwie sei mit Maechlers Eintritt von draußen, aus der Welt, eine Tür aufgestoßen worden, und der frische Wind, der nun hereindringe, werde wohl das Finstere aus allen Winkeln treiben. Was an ihm liege, solle getreulich geschehen, daß er sich nicht als Fremder, sondern, wenn Gott wolle, als Sohn fühle. »Denn, wissen Sie, Maechler, ich habe einen Sohn gehabt und eine Frau und alles war Sonne und Wohlbehagen hier in diesem verdunkelten Hause, in dem nun Lotte das einzige Licht ist. Also nochmal gut Glück, guten Willen und Segen zum Anfang.« Er langte noch einmal herzlich nach Maechlers Hand, und auch Lotte war im Begriff, ihm die Rechte entgegenzustrecken, kam damit aber nicht weiter als bis in die Mitte des Tisches, errötete, rückte an dem Salznäpfchen und sagte einige befangene Worte. Darauf betete man nach katholischer Art und glitt in ein Gespräch über den handwerklichen Betrieb, aus dem Maechler erkannte, wie weit Wennrich von dem Unglück, das ihn getroffen hatte, beiseite geschoben worden war, und daß nicht er, sondern Lotte die Seele auch des kümmerlichen Betriebes bildete, das noch aus- und einsickerte. Er verwunderte sich über ihre klare und kluge Einsicht, der sie ohne Eitelkeit und Prahlerei Ausdruck gab, und fand ihre Zustimmung in der Überzeugung, daß unbedingt der Werkplatz von dem Ufer des Heidewassers wegverlegt werden müsse, daß auch an die Errichtung eines Trockenschuppens für Häute und Felle ehestens herangegangen werden müsse. Unaufdringlich wußte das Mädchen die Unterhaltung zu leiten und zu verhindern, daß ihr Vater sich an sein unterirdisches Minieren verlor, und Maechler unterstützte sie taktvoll und klug in diesem Bestreben. Als gegen das Ende hin der Disput sich an der Frage ein wenig erhitzte, wohin denn dann Werkplatz und Schuppen placiert werden müßten, geriet der Meister in einen immer heftigeren Unwillen über die Revolution, »diesen Unfug der dummen und prahlerischen Schreihälse und gottvergessenen Halunken«, die das ganze Leben unterwühlt hätten und auch schuld an dem Niedergang seines Betriebes wären, der vordem zu den besten und ertragreichsten des ganzen Kreises Rehberg gehört hätte. Noch ein Schritt und er stürzte kopfüber in die alte Fallgrube des erbittertsten Grames. Da aber griff Maechler energisch ein und schob den entgleisenden Wagen des Gesprächs dadurch auf einen höheren, abseitigen Weg, daß er den Anklagen Wennrichs zwar vollkommen recht gab, den erloschenen Aufruhr aber doch nicht ganz verurteilte, sondern ihn aus dem ewig berechtigten Zorn der Menschen herleite, sich gegen Willkür, Plackerei und Unterdrückung zu wehren. »Freiheit«, rief er, zuletzt selbst in Erregung geraten, aus, »Freiheit, jawohl; aber zuerst im Menschen selber. Recht, jawohl, aber zuerst recht tun gegen uns und andere. Bessere Zeiten, jawohl, aber nicht anders als durch Tüchtigkeit und Redlichkeit. So soll es sein, Meister, und so will ich sein für Sie und für mich. Denn das wissen wir beide, wenn eine schlechte Haut besser werden soll, so zerschneidet man sie nicht, sondern macht behutsam das Aas heraus. Die Revolutionsesel aber haben die Haut kreuz und quer durchschnitten und sich um das Aas nicht gekümmert. Das wird in Wilkau so gewesen sein, wie es überall war. Kopf hoch, Meister, wir machen es anders, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht gelingen sollte. Und nun: Gute Nacht!« Er sprang auf, daß der Stuhl von seinen gestrafften Beinen polternd zurückgeschoben wurde. Lotte sah verwundert auf ihn, der so überraschend aus Wortkargheit und umsichtiger Zurückhaltung in solches Stürmen gerissen war. Ihre grau-grünen Augen, auf deren Grunde ein unaussprechlicher Schleier flimmerte, betrachteten ihn in einer Art furchtsamen Staunens. »Sie haben recht, Maechler, ganz recht«, sagte sie in ergriffener Versunkenheit, nahm den Rock behutsam zusammen, indem sie sich vorsichtig erhob, und es schien, daß sie auf ihn zukommen wollte. Doch tat sie nur ein paar aufgelöste Schritte. Dann trat sie an die Uhr und zog sie auf. Wennrich achtete auf das rätselhafte Spiel zwischen den beiden nicht, sondern saß mit eingezogenem Kopf an seinem Platz und starrte weiten Auges vor sich hin. Beim Schnarren der Gewichtsketten fuhr er auf und sagte zu Maechler mit rauher Stimme, wie sie Abgetriebenen eigen ist: »Das ist klar, jawohl – jawohl.« Dann erhob er sich von seinem Stuhl und ging, immer wieder mit dem Kopfe nickend, in der Stube entschlossen hin. Maechler stand betreten über die unbegreifliche Wirkung seiner kleinen Rede und wußte nicht, wie er aus dieser beladenen Wendung heraussteuern sollte. Auch Lotte bewegte sich nicht. Sie war an den Ofen getreten und sah aus dem Dunkel zu ihm hin. Da faßte er sich endlich, schob den Stuhl unter den Tisch und sagte: »Na ja, es ist Zeit, schlafen zu gehen.« Anstatt ihm beizustimmen, gab Wennrich seinen zwecklosen Stubenwandel auf, langte sich seine Mütze von der Kommode und rief in bitterer Heiterkeit: »Bei mir noch nicht, und Lotte hat auch Ihnen noch einiges zu sagen, was sie besser kann als ich. Ich geh' eine Weile auf die Bank hinaus und laß mir Ihre Worte durch den Kopf laufen. Also gute Nacht, wenn wir uns nicht mehr sehen sollten. Lotte zeigt Ihnen alles.« Damit war er draußen. Man hörte ihn vorsichtig durch den Flur tappen. Dann ging die Haustür und schnappte ein. Kaum war dies geschehen, so kam Lotte, nun wieder mit ihren ruhigen, langschwebenden Schritten, an den Tisch und räumte das Geschirr ab, ohne zu sprechen oder ihn anzusehen. Dann ließ sie sich auf ihren Stuhl nieder und lud Maechler ein, ihr gegenüber Platz zu nehmen. Sie war gefaßt, kühl und fern. Ohne an das eben Geschehene anzuknüpfen, sprach sie sachlich über die Ordnung und Gepflogenheit des Hauses, über die Arbeit der nächsten Tage, erkundigte sich, wie er es mit der Wäsche halten wolle und ob er noch mehr Sachen habe als die in seinem Felleisen. Es war eine so vollkommene Veränderung mit dem Mädchen vorgegangen, daß jenes Wesen, dessen aufreizendes Lachen in der Nacht ihn angezogen hatte und jenes, das vor ein paar Minuten, von leichtem Taumel erfaßt, einige Schritte auf ihn zugegangen war, nicht derselbe Mensch zu sein schien, der vor ihm saß, ein wenig herrisch in die Schulter gereckt und ruhig auf ihre Hände sprach, die, bequem gefaltet, auf dem Tische lagen. Nur wenn sie von Zeit zu Zeit ihn voll ansah, flimmerte ein rätselhafter Schleier über die tiefen Augen, der ihren Blick gütig und grausam, furchtsam und verlockend zugleich machte. Maechler wurde immer unsicherer, gab karge Antworten und fühlte sich an die Wand der Bedienten gedrückt. Wozu dieses Weiberspiel? sann er, während er kurz dies und das bemerkte und sogar einige Male an die Tischkante griff, als wolle er sich erheben. Als Lotte das bemerkte, flog ein Lächeln über ihr Gesicht, das wie ein Schatten aussah. »Gewiß, Maechler«, sagte sie nach einem Stocken, »ich gebe Ihnen gleich das Licht; ich weiß auch oder kann mir vielmehr denken, daß Ihnen das Leben in unserem Hause nicht lange gefallen wird.« Maechler unterbrach sie, deren Stimme einen bittenden Klang angenommen hatte, mit dem Ausruf: »Aber Fräulein Lotte! Hätt' ich dann so sprechen können, wie ich es vorhin getan habe?« »Ach Gott, ja«, erwiderte sie und strich sich bei geschlossenen Augen die welligen Blondhaare hinter die Ohren. So verharrte sie zögernd eine Weile und schüttelte jäh diesen neuen Überfall der Auflösung ab. »Nun gut, freilich. Ich will Ihnen glauben. Schön. Aber eben deswegen«, mit diesen hervorgestoßenen Worten rang sie um völlige Gefaßtheit und fuhr dann, wieder auf ihre gefalteten Hände blickend, fort: »Sie haben heut von Vater verschiedenes gehört und eher ja, wie nein, ist Ihnen im Grünen Baum dies und jenes ins Ohr geblasen worden, was meinen Vater betrifft.« Maechler blickte erstaunt auf. »Ja, ja«, sagte sie lächelnd, »ich weiß, daß es nicht nur eine verrückte Sauferei gewesen ist, wie Sie es, Gott sei Dank, dem Vater hingestellt haben. Seit heute morgen läuft es durch Wilkau, daß dieser entsetzliche Schlosser Neefe wieder eines seiner wilden Stücke gespielt hat. Der Gemeindevorsteher Schlicker war da, der verrückte Ignaz, aus Schweidnitz einer und der brave Kammel natürlich auch. Aber ich will nicht, daß Sie aus dem Gerede der Leute von dem Geschick erfahren, das meinen armen Vater fast zerstört hat. Ich habe alles miterlebt. Sie sind in unserem Hause und sollen von mir hören, wie es sich ereignet hat. Sie können mir glauben oder nicht. Das steht bei Ihnen, und wenn es notwendig ist, müssen Sie morgen früh eben wieder davongehen.« Jedoch unvermutet riß sie ihre Worte wieder abermals ab, stemmte sich mit steifen Armen vom Tisch, daß ihr Stuhl nur auf den hinteren Beinen stand und sah unverwandt vor sich hin, finster, erbittert, mit dunkeln Augen und zusammengepreßtem Munde, offenbar, weil sie von der Scham wieder stärker gepackt wurde, vor einem Fremden Heimlichstes ihrer Familie preiszugeben. Aber, wie von einer Faust in den Rücken gestoßen, gab sie den Kampf auf, ließ sich mit einem Ruck an den Tisch gleiten und begann die Erzählung. Ihr Vater war vor dreißig Jahren als Handwerksbursch nach Wilkau gekommen und hatte hier in dem Hause des Großvaters Arbeit genommen. Wegen seiner thüringischen Heiterkeit wurde er bald ein beliebter Genosse der gleichaltrigen Männer des Ortes; und seine fröhliche, nie ermüdende Tüchtigkeit machte ihn nicht nur dem Meister, sondern dem ganzen Hause unentbehrlich. Das Geschäft des etwas schwer und lässig gewordenen Großvaters geriet in Schwung, und zwischen dem heiteren Gesellen und der einzigen Tochter wurde der Weg, auf dem die Herzen wandeln, kürzer und kürzer, so daß es den beiden und der Jugend von Wilkau nicht verborgen bleiben konnte, daß die Heiratsglocken zwar noch leise, ferne und undeutlich, aber doch vernehmbar über dem Hause auf der Feldgasse zu summen begonnen hatten. Manch einer der jungen Burschen, der vergeblich mit verliebten Augenrädern um das schöne, vermögliche Mädchen gestrichen war, kaute nun an verbitterten Worten gegen den Begünstigten und schob ihm, wo es sich immer tun ließ, einen Kloben vor die Füße. Nur einer, der Sohn des Schlossers Neefe, machte eine Ausnahme. Hatte er sich vorher von ihrem Vater, scheeläugig, ja direkt feindselig ferngehalten, so flog er ihm nun förmlich in die Arme. Ja, je inniger das Verhältnis der beiden Liebesleute wurde, desto brüderlicher hing sich der bisherige Hämling von Schlosser an ihren Vater, schmuggelte sich in das Gerberhaus, saß fast jeden Abend hier herum und troff von Liebenswürdigkeit und Hingabe, als werde er von der seligen Verwandlung der beiden immer weiter und tiefer selbst in eine Verklärung seines Wesens gehoben. Ihr Vater wandelte in der Sonne und merkte nicht, daß das treuherzige Mitglück des neugewonnenen Freundes nur die Maske eines heimlichen zu allem entschlossenen Rivalen sei, ja, er verwunderte sich über die zunehmende Kühle seiner Braut gegen den liebedienerischen Schlosser. Eines Abends fiel das Lügengebäude des Schleichers zusammen. Das schöne, stolze Mädchen war mit dem Schlosser zu den Blumenbeeten hinter dem Hause gegangen, weil ihr Vater noch eine Schreibarbeit zu beenden hatte. Großvater und Großmutter saßen mit am Tisch. Plötzlich stürzte das Mädchen bleich und zitternd ins Zimmer und warf voller Empörung die Tür hinter sich zu. Der Schlosser war in der heimlichen Stille des dunkeln Gartens von seiner unterdrückten Liebesraserei gepackt worden, daß er sich zuletzt zu tätlichen Vertraulichkeiten hatte hinreißen lassen. Mit einem Schlag ins Gesicht hatte das Mädchen sich des eklen Brünstlings erwehrt und lag nun, mit großen, entsetzten Augen über sich starrend, auf dem Sofa, wohin sie die Großmutter geleitet hatte. Ihr Vater sprang auf, durchsuchte den Garten, lief die Feldgasse hin, rannte in halb Wilkau herum und kehrte endlich abgetrieben heim, ohne eine Spur des schurkischen Freundes gefunden zu haben. Er blieb auch lange Monate, über ein Jahr, verschwunden. Wie seine Eltern verbreiteten, war er von dem unvermuteten Tode seiner Tante nach Oberschlesien genötigt worden, wo er dann in einer dortigen Grubenschlosserei eine gut bezahlte Stelle erhalten hatte. Um das Mädchen nicht dem Anwurf böswilliger Lästermäuler auszusetzen, drang aus dem Gerberhause nicht eine Silbe über diese treulose Niedertracht in die Öffentlichkeit. Aber dieser Faustschlag ins Gesicht des Erbärmlichen war die Ursache der nie aussetzenden Ränke, mit denen Neefe dem Gerber aus dem Hinterhalt beschwerlich fiel. Diese verborgene Züchtigung hat den Schlosser letzten Endes auch zu der Schurkerei getrieben, die das Glück des Wennrichschen Hauses bis in die Grundfesten erschütterte. – Nicht lange nach dem Verschwinden Neefes heirateten ihre Eltern. Ein Jahr später erschien Neefe mit einem merkwürdigen Weibswesen am Arm, die er sich von dort unten aus dem Kreise Pleß als Frau mitgebracht hatte. Von Anfang an verbarg er sie richtig vor den Leuten, denn sie sollte unförmlich, schiefhüftig und von einer Menschenscheu behaftet sein, die fast an Blödheit grenzt, sagte man. Aber mit dem Reichtum, den sie ihm mitgebracht hatte, hielt er nicht hinter dem Berge. Nicht, daß er sonderlich damit geprahlt hätte. Denn dazumal war er ein zäher, verschlossener Mann. Allein seine Sparsamkeit, die ihm von seinem armen Vater her im Blut steckte, artete bald in Geldgier und Geiz aus. Er begnügte sich nicht damit, sein Haus zu erweitern und sein Geschäft zu vergrößern, sondern begann bald, Geld auf Zinsen auszuleihen, die nahezu an Wucher grenzten. In dem Maße, wie die Zahl derer wuchs, deren Existenz von ihm abhing, nicht nur hier, sondern in der ganzen Umgebung, fing er an, sich in alles hineinzumischen und an allem herumzumäkeln, nicht offen, sondern, seinem Wesen entsprechend, böse und verschlagen, mit der Miene des Biedermannes und dem Herzen eines durchtriebenen Schurken. So zermürbte er seine ganze Umgebung und schuf sich ein Ansehen in Wilkau, über dessen Wert er sich vielleicht allein täuschte. Denn die Liebedienerei der Armen hielt er wohl für Verehrung, die Zurückhaltung der Besonnenen für Hochachtung, die Gegnerschaft der Rechtlichen für Neid und die Furcht der Schwachen für stille Anerkennung. Es konnte nicht fehlen, daß er zum Kirchenältesten der evangelischen Gemeinde und zum Schöffen der Ortsverwaltung berufen wurde. Nur den Grafen Schilling vermochte er nicht zu gewinnen. Sein Schloß blieb ihm verrammelt. Durch keine List und unterwürfige Schleicherei vermochte er sich einen Arbeitsauftrag der großen Verwaltung zu ergattern, nicht weil der Graf katholisch ist, sondern weil ihm der Charakter dieses heuchlerischen, gierigen Menschen verhaßt war. Wennrich kümmerte sich um dies versteckte, rastlose Treiben seiner Bosheit gar nicht. Er lebte in unbestechlicher Rechtlichkeit seinem Handwerk, in Liebe und Eintracht seiner Familie und widmete sich in reinem Ernst dem Dienst mancher Ehrenämter, die man ihm aufgedrungen hatte. Mochte es durch die Klatschgassen laufen, daß seine schöne Frau mit Kokettieren die Kunden ins Haus lockte, der Gerber wußte, aus welchem Stinkmaul dieses Gerücht stammte, und lächelte es überlegen zu Tode. In den Schöffensitzungen behandelte er den Schlosser vorsichtig wie faules Wasser und begegnete den vielen giftigen Pfeilen, die er aus dem Hinterhalt gegen ihn abschoß, und den Schädigungen, die sein Haß geschickt anzettelte, in heiterer, gesunder Geradheit, daß auch seine bezahlten Mitläufer anfingen, sich von ihm abzuwenden. Da ging der verblendete Ränkeschmied zu offener Feindseligkeit über und beantragte in einer Gemeindesitzung wegen gesundheitlicher Schädigung die Verlegung des väterlichen Arbeitsplatzes vom Heidewasser. Es entstand ein aufregender Streit. Ein Teil der Wilkauer war dafür, ein Teil dagegen. Kommissionen erschienen und nahmen den Arbeitsplatz in Augenschein und untersuchten das Wasser. Eine Zeitlang schwebte Wennrich in Sorge und Kummer, bis das energische Eingreifen des Grafen Schilling diesem widerlichen Treiben ein Ende machte. Es war im Herbst des Jahres 1847. Der Schlosser schäumte in Wut, und da bald danach in Preußen die Unruhen begannen, versteckte er seinen Haß gegen den Grafen, der an seiner Niederlage schuld war, unter der emsigen Werbearbeit für die Rechte des Volkes gegen Bedrücker und Tyrannen. Heimlich kroch er in die Hütten der Armen, lief von Dorf zu Dorf und hetzte mit verstellter Menschenfreundlichkeit, während er öffentlich den Grafen als milden, gerechten, nur von Schmarotzern manchmal irregeleiteten Herrn pries. Herzugelaufene und landfremde Zundmäuler bliesen an dem heimlichen Schwelen der Unzufriedenheit und Aufsässigkeit, bis es in dem ganzen Rehberger Kreise wie in einem Hexenkessel dumpf zu brodeln begann. Der Graf erhielt Drohbriefe, Pasquille klebten an Bäumen und Häusern, und es kam zu kleinen Aufläufen und drohenden Ansammlungen auch in Wilkau, daß Graf Schilling sich genötigt sah, sein Schloß von Jägern heimlich bewachen zu lassen. Trotzdem explodierte an einem sonntäglichen Maiabend an der Hinterseite des Schlosses eine Bombe. Ihr Vater befand sich mit seiner Frau auf einem Spaziergange durch den Badepark und sah von der kleinen Brücke über den Wassergraben, der den Privatpark des Grafen von dem Badepark trennt, einen Mann mit einem Kästchen unterm Arm durchs Gebüsch schleichen und dann mit ein paar langen Sätzen bis an die Mauer des Schlosses heranspringen. Es war schon tiefe Dunkelheit, und die Jäger saßen im Dienstzimmer des Schlosses beim Abendbrot. Wennrich hieß seine Frau auf dem Brücklein warten und schlich, weil er nichts Gutes ahnte, durchs Gebüsch auch an das Schloß heran, um zu sehen, was der fremde Mann, der so vorsichtig herangepürscht war, mit dem Kästchen am Schloß vorhabe. Aber alles lag still und ruhig im Dunkel, kein Mann und kein Kästchen zu sehen. Ihr Vater ging, nach allen Seiten spähend, über den Rasenplatz auf das Gebüsch zu, aus dem der Verdächtige aufgetaucht war. Ehe er es indes erreichen konnte, ging am Schloß die Explosion mit ungeheurem Krachen los. Mauerstücke flogen und Glasstücke klirrten. Wennrich stand vor Schreck wie angewurzelt und sah einen Mann durchs Gebüsch kriechen und über den Zaun klettern, in dem er niemand anders als den Schlosser Neefe erkannte. Das lähmte ihn vollends vor Grauen und Entsetzen. Seine Frau schrie, lief auf den Regungslosen zu und rüttelte an ihm, indem sie fassungslos und bis in die Seele bestürzt, auf ihn mit Ausrufen höchsten Entsetzens eindrang, die von den auch herbeigeeilten Jägern nicht anders als Beweis seiner Täterschaft gedeutet werden konnten. »Warum hast du das getan? Was bist du nicht bei mir geblieben? Bist du denn ganz von Sinnen gewesen?« so redete die Bestürzte ganz verwirrt auf ihn ein. Es war vergeblich. Der Gerber erhielt sich, kalkbleich und zusammengebrochen, ganz einem ertappten Verbrecher ähnlich, kaum auf den Beinen und sah mit trauervollen, entgeisterten Augen seine Frau und der Reihe nach die Männer an, die um ihn standen. Man merkte, daß er reden wollte. Es glückte ihm aber nicht. Er bewegte verneinend den Kopf. Ein paar lautlose Tränen rannen ihm über die Wangen. Endlich riß er sich mit übermenschlicher Anstrengung auf, streckte den Jägern seine Hände hin und sagte: »Führen Sie mich ab. Das übrige wird sich finden.« Da setzte die Erzählung Lotte Wennrichs aus. Sie hatte die letzten Sätze mit Überwindung so leise gesprochen, daß sie kaum zu verstehen waren, und saß nun unnatürlich aufgereckt, die steifen Arme an den Tisch gestemmt, dem erschütterten Maechler gegenüber. Mit weiten Augen des Grauens sah sie an ihm vorüber ins Leere. Die Wanduhr rückte aus und schlug die zwölfte Stunde. Lotte fuhr zusammen und erhob sich. »Ach Gott«, sagte sie, »ich habe den Vater vergessen. Der sitzt ja noch draußen auf der Bank.« Sie eilte hinaus und erschien bald darauf wieder in der Stube. »Ich bitte, helfen Sie mir«, sprach sie gezwungen lächelnd. »Er ist eingeschlafen und nicht wach zu kriegen.« Maechler trat zu dem Alten, der, halb umgesunken, in tiefem Schlafe lag. Nach vielen Bemühungen war er emporgerichtet, und die beiden gängelten ihn durch die Wohnstube an die Tür des Schlafzimmers. Dort entließ Lotte mit einem Nicken den Gesellen und sagte: »Ich bring' ihn schon allein ins Bett, danke, warten Sie noch einen Augenblick.« Dann verschwand sie mit ihrem Vater, der jetzt halb wach geworden war und wie träumend vor sich hinsprach: »Gut, gut, du hast ihm alles erzählt, Lotte. Gut, gut.« Die Tür hatte sich geschlossen. Maechler war in die Mitte des Zimmers zurückgetreten und hörte die beiden leise miteinander reden. Er ging auf den Zehen zum Uhrkasten und hob sein Felleisen und seinen Stock auf, um sich allein in seine Kammer zu tasten. Als er im Begriff war, die Türklinke niederzudrücken, trat Lotte wieder geräuschlos ein und ging vor ihm her über den Flur, die Treppe hinauf. Droben stellte sie den Leuchter in eine Nische. »Es hat Vater nichts geschadet. Er schläft schon wieder und ein großer Frieden ist in seinem Gesicht, vielleicht wird noch alles gut«, sagte sie wieder gefaßt und mit dem Unterton der Fremdheit. »Ich muß noch zu Ende erzählen. Vater wurde zwar an diesem Sonntagabend nicht verhaftet, aber einige Tage später von den Gendarmen nach Rehberg in das Untersuchungsgefängnis abgeführt. Keine Macht der Erde konnte ihn dazu bringen, den Schlosser Neefe als Täter zu nennen, und als auf rätselhafte Weise seine Beschuldigung unter dem Volke aufkam und durch anonyme Anzeige das Kreisgericht in Kenntnis gesetzt wurde, meldete sich der Gastwirt Kammel freiwillig und sagte unter Eid aus, daß Neefe zur Zeit der Explosion im Hinterzimmer bei ihm gesessen habe. Es waren furchtbare Tage. Aber die Kette des Schrecklichen setzte noch Glied um Glied an. Meine Mutter hatte dieser unvermutete Überfall eines gemeinen Schicksals aus dem Hinterhalt aus allen Lebenslagen gehoben. Sie ging wie irr umher und stürzte eines Tages mit einem vollen Korb Wäsche über die steile Treppe auf den Flur so unglücklich, daß sie einige Stunden darauf starb. Mein Bruder stand bei meinem Vater in der Lehre und liebte Mutter auf eine fast abgöttische Weise. Als sie die Augen geschlossen hatte, war er plötzlich verschwunden. Wie er ging und stand, ohne Mütze, in Hemdsärmeln, die braune Schürze vorgebunden, rannte er nach Rehberg hinein, um den Vater zu Hilfe zu rufen. Im richtigen Rausch der Verzweiflung legte er den Weg nach Rehberg, zu dem man gut dreiviertel Stunden braucht, in einer Viertelstunde zurück, brach auf dem Markt in Rehberg zusammen, wurde bewußtlos ins Spital gebracht und erlag dort in zwei Tagen einem mörderischen Fieber. Mein Vater wurde wegen Mangels an Beweisen entlassen und kehrte, bis ins Mark erschüttert, in das fast ausgeräumte Haus zurück. In seiner tiefen Gläubigkeit bemüht er sich, alles als Heimsuchung Gottes hinzunehmen, unterliegt aber immer wieder einem solch wilden Haß gegen den Schlosser, daß er an diesem unterirdischen Feuer fast vergeht, während der Schlosser nach dem gelungenen Schurkenstreich gegen meinen Vater, aus der versteckten Hinterhältigkeit gelockt, sich überall großmäulig breit machte und in ein Schlemmen geriet, daß in kurzer Zeit aus dem dürren, hohläugigen Hämling dieser aufgeschwemmte, widerbellige Dickwanst geworden ist, den Sie auf dem Schloßplatz kennengelernt haben. Mir kommt er immer wie ein höllisch aufgeblasener Bovist vor. So, nun wissen Sie alles, Maechler. Ich habe der Wahrheit nach erzählt. Beschlafen Sie sich's. Dann werden Sie wissen, ob Sie wieder gehen müssen oder bleiben wollen. Gute Nacht!« Ohne Maechler die Hand zu reichen, stieg sie die Treppe hinunter und sah nicht einmal nach ihm zurück, der hinter ihr herleuchtete, bis sie den Flur erreicht hatte. Maechler verfiel nach dem Entkleiden sofort in tiefen, traumlosen Schlaf. Nur einige Male fuhr er auf und horchte. Es war ihm gewesen, als ob jemand in bloßen Füßen draußen um seine Tür schleiche, sich aber nicht hereintraue. Er stieg jedesmal auf und leuchtete den Flur ab, fand aber nie etwas. Dann störte ihn nichts mehr und er schlief fest in den Morgen hinein. 11 Es gibt Nächte, in denen wir mit den geschlossenen Augen eines traumlosen Schlafes über Abgründe unseres Lebens und Verwicklungen unseres Innern wie kühne Springer setzen und beim Erwachen, ohne zu wissen, wie es zugeht, den fremdesten Verhältnissen mit einer solchen Geschlossenheit unseres Wesens, mit dem Gefühl einer solchen Erfülltheit gegenüberstehen, als wären die Ereignisse des ganzen früheren Daseins die sinnvolle Vorbereitung auf dieses Unerwartete gewesen, von dem gestern unser Bewußtsein noch nichts geahnt hat. So erging es Maechler, als er in seiner Kammer auf der Feldgasse erwachte. Ihm war, als sei er am Ziel seiner Wanderschaft angekommen, und zwar in einem Ort, von dem ihn in der Frühe des vorigen Tages alles fortgetrieben hatte. Er stand auf und trat, noch im Hemd, an das kleine Fenster, von dem aus er durch die Baumkronen das niedrige Schindeldach des Nachbarhauses sehen konnte, aus dem eine kurze, klobige Esse ragte und in den klaren Morgen gemächlich dicke Rauchschwaden qualmte. Diese drangen schwarz aus den Luken der gedeckten Esse und strebten in die Höh, als hätten sie vor, den blauen Himmel unter ihrem mißfarbigen Dunst zu begraben. Aber kaum eine Manneslänge von ihrem Ursprungsort wurden sie von der kühlen Luft und dem Licht ins Nichts verflüchtigt. Alles blieb klar, und Maechler trat lächelnd von dem Fensterlein zurück. So, ins Nichts verschwunden erschienen ihm alle Schatten und Verfinsterungen des Lebens. Heiter packte er sein Felleisen aus, hing seinen Wanderanzug an den Rechen und schlüpfte schnell in seine Arbeitskluft. Nun galt es, in das richtige Leben hineinzuspringen, denn diesem grundgütigen Meister Wennrich, dem aus dem Hinterhalt das ganze Leben fast zerschlagen worden war, wollte, nein mußte er auf die Beine helfen. Dann würde dieses merkwürdige stolze und ferne Mädchen auch durch ein lichteres Leben aus dem Dunkel wieder herausfinden, in das sie das Schicksal ihres Hauses schuldlos getrieben hatte. Das überdenkend, verließ Maechler seine Kammer und schritt der Treppe zu, hinabzusteigen. Aber schon nach den ersten paar Stufen machte er halt und kehrte eilig in seine Kammer zurück. In einer geheimen Tasche steckte der alte, abgegriffene Zettel, auf den ihm seine Mutter als himmlischen Reisepaß für die Wanderung das Abendgebet geschrieben hatte, von dem die Sage ging, daß es einst vor mehr als zwei Jahrhunderten der zu den böhmischen Brüdern übergelaufene Mönch Weiß aus Neiße einem seiner Urahnen gedichtet hatte. Diese schlichten Verse waren seither von der Familie Maechler als ein himmlisches Vermächtnis betrachtet und in den vielen Peinigungen und Nöten der Verfolgung als ein richtiges Seelenlabsal erprobt worden. Wie oft hatte Maechler diesen Zettel auf den abenteuerlichen Kreuz- und Querzügen seiner badischen Rebellenfahrt heimlich gelesen, um so der wirren Widersetzlichkeit gleichsam ein himmlisches Recht zu geben, bis nach dem kläglichen Zusammenbruch des herrlichen deutschen Freiheitsschwärmens die innigen Worte der Gottverbundenheit immer mehr zu undeutlichen Klängen aus dem Raumlosen geworden waren, die ihn mehr beunruhigt als beseligt hatten. Nur einmal noch, als er in der fieberigen Todesnot im Bärengrund zusammengebrochen war, hatte er sie mit trockenen Lippen über sich in die Nacht gesprochen. Aber von dieser Inbrunst seines Todeswahnes wußte er nichts mehr, da er den Zettel nun in der Hand hielt und überlas. »Gott kümmert sich um uns nicht«, murmelte er bitter, als er mit der Lesung ans Ende gekommen war, »und wenn wir immer in die Höhe über der Erde schauen, fahren wir allemal durch Wolken. Das Recht müssen wir Menschen, wir allein schaffen. Dann wird Gnade auf Erden sein.« Schon war er im Begriff, das Papierlein zu zerreißen, ließ aber doch in dunkler, ferner Ehrfurcht gegen seine Vorfahren davon ab, faltete es wieder zusammen, schob es in den hintersten Winkel des oberen Kommodenschubes, verschloß ihn und warf in weitem Bogen den Schlüssel aus dem Fenster in die Baumkronen des Nachbargartens. Dieser Vorgang, der für Maechler und sein Geschlecht so bedeutsam werden sollte, dauerte kaum zwei Minuten. Nun erst glaubte er, die Tür zur Vergangenheit seiner letzten Jahre endgültig geschlossen zu haben, so, daß alle diese Begebenheiten, die von seiner Krankheit wie Gerumpel durcheinandergeworfen morden waren, vor der Zeit in die Nacht des Vergessens zurückweichen mußten, immer ferner, undeutlicher würden und endlich ganz erloschen, wie die Bilder seiner frühesten Kindheit. Maechler reckte sich auf, sprang in ein paar Sätzen die Treppe hinunter und betrat strahlenden Gesichts die Stube, wo er Wennrich schon am gedeckten Frühstückstisch fand, während Lotte abseits am Herde hantierte. »Guten Morgen, Meister, guten Morgen, Fräulein Lotte«, begrüßte er die beiden in der Fröhlichkeit seines befreiten Wesens. Wennrich ergriff erhellten Gesichts die dargebotene Rechte und rückte ihm einen Stuhl zum Niedersitzen zurecht. »So ist ja alles gut«, sagte er, befriedigt Maechlers Arbeitsanzug musternd, »siehst du, Lotte, hab' ich's nicht gesagt?« Damit wandte er sich an seine Tochter, die mit einem Nicken den Gruß des Gesellen erwidert hatte. »Siehst du, ich hab's gewußt. Nun räum's weg. Nein, laß es stehen. Die guten Wünsche auf die Wanderschaft werden ihm auch bei uns nützen.« Er meinte die Schnitten Brot, die ihm Lotte in der Annahme seines Fortganges in Papier gewickelt hatte und neben seinen Morgensuppenteller gelegt hatte. Maechler schaute verwundert auf das Mädchen, die seinen Blick furchtlos erwiderte und bestätigend den Kopf neigte. »Ja, ja, so ist's«, sagte sie tapfer und konnte doch nicht verhindern, daß sich ihr Gesicht leicht überrötete. Energisch wandte sie sich ab, als sie ihre Befangenheit spürte, und rückte zwecklos und, wie Maechler bemerkte, mit unsicherer Hand an den Töpfen. Davon überfiel Maechler wieder das ferne, unbeschreiblich selige Nebeln, wie es über ihn gekommen war, als er vorgestern in der nächtlichen Straße das erstemal ihr Lachen gehört hatte. Einen Augenblick war die Welt, wie sie noch nie gewesen war. In seiner Verwirrtheit wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß er übermütig herauslachte, sich auf die Knie schlug und zu Wennrich gewendet sagte: »Nein, nein, Meister, ich bleibe da. Das Brot soll mir nicht zum Wandern, aber hier helfen. Wir zwei wollen schon die versaute Haut schaben, bis wir über den Berg hinaus sind.« »Gut, gut, Maechler, ich vertraue Ihnen«, erwiderte der Meister und drückte die Hand des Gesellen in einer Herzlichkeit, als sei er nicht ein Fremder, eben ins Haus gewanderter, sondern sein Sohn, und das merkwürdige Nebeln, das Maechler eben von Lotte her überfallen hatte, verwandelte sich in ein fernes Glänzen. In dieses unbekannte Licht, das in ihm aufgegangen war, mußte sein Leben hineingesteuert werden. Das Frühstück verlief in ziemlicher Schweigsamkeit, und das wenige, was gesprochen wurde, drehte sich um das Handwerk. Lotte, die Maechler wieder gegenübersaß, vermied, den Gesellen anzusehen, und wenn es sich doch nicht vermeiden ließ, schaute sie ihn mit ihren rätselhaft graugrünen Augen so an, als sei er nicht der, vor dem sie in der Nacht alle Schleier von dem Schicksal ihres Hauses und auch wohl manche von ihrem eigenen weggezogen hatte. Wie einen Gegenstand blickte sie ihn an, eine Uhr, einen Schrank, einen Ofen. Nur auf dem Grunde der großen ruhigen Augensterne schimmerte ein heimliches Feuer. Als Maechler hinter dem Meister zur Besichtigung des Betriebes die Stube verließ, schlüpfte das Mädchen unauffällig nahe an ihm vorbei und flüsterte ihm zu: »Aber seien Sie vorsichtig.« Was schon Maechler auf dem flüchtigen Gange aufgefallen war, das drängte sich ihm heut in allen Einzelheiten auf. Das Werklein Wennrichs mochte einst gut versehen gewesen sein; heut befand es sich in völligem Verfall, und was von der früheren Ordnung noch erhalten war, gehörte einem Verfahren an, das die Entwicklung des Handwerks schon als veraltet verlassen hatte. Nicht nur war alles nach der von den Urvätern geübten Methode der Vorsatzgerberei angelegt, die Wennrich einst von seinem Schwiegervater übernommen hatte. Die ganze Anlage war unzweckmäßig, unübersichtlich und unvollkommen. Seit er durch die Quertreibereien des Schlossers den Schuppen eingebüßt hatte, der auf gemietetem Terrain am Rande von Wilkau stand, mußten die Häute auf dem Boden des eigenen Hauses nach der Konservierung durch Karbolsäure und Salz zum Trocknen aufgehängt werden. Hier war außerdem noch die primitive Handwalke aufgestellt, so daß mehr als zehn bis zwölf Häute nicht Platz hatten. Die Werkstatt selbst, die auf der rechten Seite des Flures lag, war von Wennrich durch einen Ausbau vergrößert worden und befand sich noch in ansehnlichem Zustande, machte aber mehr den Eindruck eines kleinen Museums. In reichhaltiger Auswahl hingen sauber geputzt Schabmesser und Firmeisen an den Wänden. Schabblöcke lehnten weiß gescheuert in den Ecken. Seit langem waren hier nicht mehr Arme mit aufgekrempeltem Hemde tätig gewesen. Es roch viel mehr nach einer guten Stube, als nach einer Gerberwerkstatt. Die Loh- und Vorsatzgruben in dem Hofwinkel rechts von der Werkstatt waren leer und trocken, und auf die schmalen Räume zwischen den zugedeckten Löchern hatte Lotte winzige Blumenbeete gesetzt, wie um den verfall unter bunten Kränzen zu verbergen. Von den vier großen Tonnen auf dem Werkplatz über der Feldgasse am Heidewasser waren nur zwei mit Häuten halb gefüllt, die einen im zweiten, die andern im dritten Satz. Maechler griff hinein und untersuchte die Beschaffenheit beider. Sie waren überfällig und mußten sofort herausgenommen und der letzten Bearbeitung auf dem Schabbaum unterworfen werden. Als Maechler sich am Nachmittage über die Arbeit hermachte, merkte er, daß bei fast allen Fellen des Meisters Firmeisen nicht genau und achtsam genug verfahren war. An einigen waren noch Fleischteile hängen geblieben. Da und dort hatte das scharfe Eisen Löcher geschnitten. Maechler arbeitete bis in den späten Abend, ohne doch die entstandenen Schäden ganz entfernen zu können. Als er nach mehrmaligem Rufen Lottes zum Abendbrot erschien, traf er den Meister in mutloser Versunkenheit am Tisch. Ihm war durch die Augen Maechlers die ganze Vernachlässigung seines Betriebes das erstemal voll zum Bewußtsein gekommen, so daß er wie ein ertappter Schuldiger kaum von seinem Teller aufzublicken wagte und, wenn er redete, es furchtsam, fast demütig, tat. Maechler hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berge, wenn er die Vorschläge zur Umstellung und späteren Erweiterung des Betriebs auch schonend und mit humorigen Wendungen verziert vorbrachte, die sich Wennrich ein wenig aus schiefen Augen zweifelnd, aber doch bedachtsam anhörte. Lotte folgte, ohne sich an dem Disput zu beteiligen, mit großen Augen, ruhigem Gesicht und einem Mund der Unterhaltung der beiden, dessen Lippen sich immer fester, strenger, ja, wie es Maechler erschien, abweisender schlossen. Diese Gebärde, die ihm wie eine stumme Überheblichkeit vorkam, ätzte Maechler so ins Gemüt, daß seine Darlegungen schärfer und zupackender wurden. Aber damit vertrieb er nicht, sondern vertiefte er die skeptischen Schatten ihres ganzen Gehabens. Und als der erregte Gesell unter Berufung auf seine vielfältige Erfahrung auf der langen Wanderschaft geradezu den Übergang von der zeit- und geldraubenden fauligen Gärung zur Schnellgerberei und, wenn es sein müßte, mit Knoppern oder Valonia, statt mit Lohe, sprach, die Errichtung eines Trockenschuppens in dem verwilderten Obstgarten als eine nicht zu umgehende Forderung aufstellte, die Oberlederfabrikation vor der Sohlenlederherstellung als rentabler pries und die Aufnahme der Alaungerberei für Pelzfelle als für die Wilkauer Waldgegend notwendig und gewinnbringend anregte, hielt sich Wennrich die Ohren zu und sah Maechler bestürzt ins Gesicht, genau wie ein Verschütteter zwinkernd und entsetzt aus einer halb zugeworfenen Grube aufschaut, so, daß der Gesell stutzte, vor allem auch, weil er Lotte jetzt blaß und mit herabhängenden Armen auf dem Stuhl sah. Eine betretene Stille herrschte in der Stube, und Maechler biß sich auf die Lippen. Der alte Meister faßte sich zuerst, ließ die Hände von den Ohren sinken, legte seine Rechte liebreich und beteuernd auf Maechlers Arm und sagte, langsam die Worte suchend: »Sie haben recht. Die Fabrik marschiert auf uns zu, und wir müssen uns zur Wehr setzen. Gut. Ich seh's ein. Der Krempel muß aufgefrischt und reingemacht werden. So weit wird auch mein zurückgelegtes Geld noch reichen. Hoffentlich. Mein Lieber, aber der Wille Gottes ist entscheidend. Der hat mir's genommen. Der wird mir's wiedergeben.« Lottes Augen wurden von diesen Worten durch heldenhaft bekämpfte Tränen verdunkelt. Maechler aber gedachte der tausend Sackgassen und Irrwege, in die er von solcher entnervenden Wolkenfahrerei geraten war. Nicht umsonst hatte er den Schlüssel zu dem Gebet seiner Familie heut morgen von sich fortgeschleudert. Darum richtete er sich entschlossen auf und erwiderte ruhig: »Ihre Worte in Ehren, Meister. Ich bin auch Katholik. Allein hier sind die Hände und Arme Gottes«, damit erhob er seine Arme. »Und hier im Kopfe ist Gottes Verstand. Will's der Mensch besser haben, so muß er es selbst machen. Wenn wir dem Recht den weg bauen, dann, aber nur dann kann die Gnade zu uns fahren.« Das hatte Maechler entschieden und ergriffen gesprochen. Als er Zu Lotte hinüberschaute, sah er sie noch blasser und mit zugefallenen Augen aufrecht sitzen und sich dann lautlos erheben und still aus der Stube in den Hausflur schweben. Wennrich blickte seiner Tochter sinnend nach und nickte zustimmend mit dem Kopfe. Dann sprachen die Männer noch lange eingehend über alle zu treffenden Maßnahmen, und Maechler wußte dem Alten Mut zu den vorgeschlagenen Neuerungen zu machen, indem er betonte, daß nichts überstürzt und unüberlegt betrieben werden solle, vor allem auch, um nicht in unnötiger Weise in Wilkau in die Lästermäuler zu geraten. Im Einvernehmen schieden sie voneinander. Der Meister verschwand in der Schlafstube. Maechler betrat den finsteren Flur, um sich in seine Kammer zu begeben. Als er ein paar tastende Schritte in der völligen Dunkelheit nach der Treppe zu getan hatte, drang die Empfindung, jemand stehe mit dem Gesicht gegen die Wand in einem Winkel, so zwingend auf ihn ein, daß er im Schreiten innehielt und leise fragte: »Fräulein Lotte?« Keine Antwort erfolgte. Aber leise wehend, so, wie ein Vogel abstreicht, huschte es an ihm vorbei. Verwundert stieg Maechler die Treppe hinauf. Als er oben angekommen war, fiel drunten leise eine Tür ins Schloß. Maechler lag lange wach, und während er den ganzen Tag an sich vorüberziehen ließ, horchte er unausgesetzt hinaus, ob sich das streichende Gehen um seine Tür wiederholen würde, das ihn gestern nacht mehrere Male aus dem Bett getrieben hatte. Aber alles blieb still. Nur ein traumleises Flügeln in der Luft war durch das offene Fenster zu hören. Das kam von hoch und weit her. Vielleicht, dachte Maechler, schon schlafbefangen und auseinandergetragen, kommt das vom Gebirge her, das schwarz und fern, fern in der Nacht stand. Und da er das traumverwirrt sann, neigte es sich dunkel über ihn, daß er in die Welt des Schlafes gedrückt wurde. 12 Als Maechler am anderen Morgen in seine Kleider stieg, kam ihm vom vorigen Tage das eine sinnlich lebhaft zum Bewußtsein, daß er gestern abend im Dunkel unter sich eine Tür ins Schloß hatte fallen hören. Sicher war das Lotte gewesen, nachdem sie lange von dem Schicksal ihres Hauses in irgendeinem Winkel gegen die Wand gedrückt gestanden hatte. Daß er selber und seine scharf zupackende materialistische Art das empfindsame stolze Mädchen in den Flur getrieben haben könne, diese Erwägung rührte den doch sonst so intelligenten Menschen nicht an. Er war zu lange durch den Kampf mit den Widrigkeiten, ja Todesgefahren des Lebens gegangen, als daß er den weichen, blumenhaften Kräften, die etwa von einem jungfräulichen Mädchen ausgehen, eine sonderliche Gewalt über sich eingeräumt hätte. Er war ein zu männlicher Mann, für den weibliche Wesen Menschen aus einer anderen Welt bedeuten, die, wohl rätselhaft, aber doch nicht ganz für voll genommen werden dürfen, will man nicht sich und ihnen schaden. Genug, Lotte hatte gestern die Tür drunten leise zugemacht, so, wie durch die wilde Paula Großmann die Tür nach der Tollnacht zugeschlagen worden war. Das bedeutete für Maechler, daß ihm durch Lotte bestätigt wurde, was von Paula bis in die letzte Bewegung getrieben worden war: die vollkommene Trennung von seiner Vergangenheit, von der Welt der Rebellerei. Der Unterschied bestand nur darin, daß Paula jenseits der Tür lebte, den zertriebenen wirren Jahren, als ihr letzter höllischer Feuerstoß angehörte, während dieses geheimnisvolle, schöne Mädchen diesseits der Tür in der neuen Welt eines tätigen Lebensaufbaues stand. Diese Erwägung huschte traumhaft schnell durch Maechler hin. Nicht anders war es, als streiche ihm jemand geisterhaft leise über die Stirn und wische den letzten Schatten fort. Als er drunten in die Stube trat, traf er Lotte allein, die geschäftig hin und her ging, den Tisch zu decken. »Guten Morgen, Fräulein Lotte«, grüßte er sie fröhlich. Das Mädchen nickte ihm zu und sah ihn verwundert an. »Jawohl«, sagte er lachend, »die Tür ist zu, richtig zugemacht, müssen Sie wissen, und nun geht's los.« »Ich weiß nicht, was Sie meinen, Maechler«, erwiderte sie gezwungen lächelnd, maß ihn beiläufig aus halben Augen und trat von ihm weg. »Glaub ich schon, Fräulein Lotte! Aber Sie sollen es erfahren, daß der Wagen vorwärts geschoben wird«, rief er in unbeirrbarer Heiterkeit. In diesem Augenblick trat der alte Wennrich ein und sah fragend von einem zum anderen. »Ja, Meister, ich habe Fräulein Lotte eben gesagt, daß wir alles schon in einen neuen Schick bringen werden. Sie sind klug, und mich juckt es in allen Gliedern«, sprach er hellen Gesichts zu dem Alten, der wohl kümmerlich, aber bereitwillig erwiderte: »Ich hoffe es, Maechler. Es muß, muß, muß ja auch sein.« »Nein, nein! Da ist nichts zu besorgen, und was an mir liegt, soll geschehen«, rief er zuversichtlich und nahm dann mit den beiden am Tisch Platz. So sprang Maechler in sein neues Leben. An Stelle der alten Vorsatzgruben wurden große Lohtonnen angeschafft. Der Böttcher zu Schwarzbach, bei dem sie in Bestellung gegeben wurden, war der Schwager jenes Wilkauer Besitzers am Ende der Vogelsdorfer Straße, in dessen Garten der Wennrichsche Trockenschuppen lag. Dieser war von dem Gerber erbaut, der noch heute das vollkommene Eigentumsrecht darauf besaß. Nur war es zur Zelt der offenen Todfeindschaft zwischen dem Schlosser Neefe und Wennrich zu einer Meinungsverschiedenheit wegen des Bodenpachtzinses gekommen. Das kleine Bäuerlein, ein sonst gutmütiger, aber kurzhalsiger Mann, hatte von dem wucherlichen Schlosser ein Notdarlehn auf Schuldschein erhalten. Um den ungeduldigen Gläubiger zur Verlängerung der Zahlungsfrist geneigt zu machen, hatte sich der gedankenlose Bauer von dem Schlosser in eine bitterliche Hitze gegen den Gerber hetzen lassen, daß er von Wennrich eine ungebührliche Erhöhung der Bodenmiete forderte, und als diese nicht bewilligt wurde, den Abbruch des Trockenschuppens und Versetzung des Grundes in seinen früheren Zustand verlangte. Wennrich, der durch Zwischenträger erfahren hatte, von wem diese geradezu giftige Feindseligkeit des so gutmütigen, lederweichen Mannes rührte, war in jener Zeit des Unglücks und der Empörung über die Gemeinheiten seines früheren Freundes schon so im Glauben an die Menschheit erschüttert worden, daß er aus Lebensekel es ablehnte, sich mit dem Bauern in Auseinandersetzungen und Streit einzulassen. Eines Tages ließ er kurzerhand alle Häute aus dem Trockenschuppen räumen und beantwortete von nun an alle Bemühungen des Bauern, zu einem Ausgleich zu kommen, mit undurchdringlichem Schweigen. Nicht lange darnach aber war in dem geldgierigen Schlosser seine scheinbare Sorge um das Wohl des Bauern so verraucht, daß er mit aller Rücksichtslosigkeit und Härte die längst fällige Forderung gerichtlich eintrieb. Nun neigte sich das dumpfe, gutmütige Herz des enttäuschten Bäuerleins wieder auf die Seite des Gerbers. Aber aus Scham und in der Hilflosigkeit seines armen Geistes fand er keinen Weg zu Wennrich, der alle Verbindungen zu der Welt abgeschnitten hatte und selbstgefangen in seinem Hause saß mit einem friedehungrigen Gemüt, das immer wieder von den Wunden seines unversöhnlichen Innern zu einer Rachsucht vergiftet wurde, vor der er erschrak und die er bekämpfte. Maechler überschaute bald die unglückliche Verknäulung. Mit Hilfe des wohldenkenden Böttchers aus Schwarzbach kam er bald mit dem Bauern in Verbindung, in dem er nicht, wie Wennrich es hingestellt hatte, den plumpen, blindwütigen Bullen, sondern einen einfältigen, von Grund aus rechtlichen Mann fand, der nur von der Hinterhältigkeit des Schlossers in diese böse Verwicklung geschoben worden war, die er, alles in allem, bedauerte und zur äußeren Markierung seines Rechtes bloß die Zahlung der aufgelaufenen, um ein geringes erhöhten Bodenmiete und eines kaum nennenswerten Schadenersatzes verlangte. Er war von der umsichtigen, unbeschwerten Weltläufigkeit Maechlers geradezu beglückt, sackte schmunzelnd den Betrag ein und trug von dem Hoftor aus dem Davongehenden mit dröhnendem Baß, der die ganze Straße erfüllte, seinem alten Freunde Wennrich die besten Grüße auf. Wohl nahm der Meister Maechlers Bericht über die Neusicherung des Trockenschuppens zweifelnd geneigten Kopfes und mit schiefen Augen auf und räumte bei der Erzählung der herzlichen Freundschaftsgeneigtheit des Bauern schon höhnisch den Speichel in seinem Munde zusammen, aber das Ausspucken unterließ er doch, als der Gesell eindringlich und greifbar die Sinnesveränderung des Bauern darstellte und dessen Zorn über den Schlosser ausmalte, weil er von ihm eigensüchtig in die Feindschaft zu Wennrich gehetzt und dann zum Lohne für seine gutmütige Dummheit mit dem härtesten Undank, ja ärgerlichsten Gerichtsplackereien gestraft worden war. Aber als Wennrich daraufhin seinen Ekel herunterschluckte, von Maechler jedoch den offenen, rücksichtslosen Krieg gegen den Allerweltsschurken Neefe verlangte, schüttelte der überlegene Gesell den Kopf. »Wer haut, kann nicht bauen, lieber Meister«, sagte er lächelnd, »Und wir wollen doch aufbauen. Nein, nein, vorderhand überlassen wir den Fuchs seinem eigenen Gestank. Daran wird er zugrundegehen. Nicht heut und nicht morgen; aber wenn sein Maß voll ist, gewiß. Indes kann ruhig zugegossen werden, daß es schneller geht.« Diese Worte brachten über Wennrichs Gesicht ein dämonisches Glänzen. Er riß sich vom Stuhle auf und begann leidenschaftlich durch die Stube zu laufen, indes immer langsamer und gemäßigter. Am Ende aber trat er zu Maechler, legte ihm sanft die Hand auf die Achsel, und als der so Berührte den Kopf hob, sah er schon wieder die alte, trauervolle Güte in dem Gesicht des Meisters, der erschüttert und leise sagte: »Maechler, Sie haben recht. Immer vergeß ich die Heilandsworte: Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr. Es gibt noch einen Himmel über uns.« In dem Gesellen stieg die Erwiderung auf, daß der Himmel wohl über uns steht, wir aber damit nicht unsere Häuser bauen können. Aus Schonung unterdrückte er jedoch die Worte und begab sich an die Arbeit. Allein solcherlei Hemmungen, die bald aus einer Art religiöser Verdumpfung, bald aus einer Verbitterung der ganzen Welt gegenüber, bald aus Schmerz über den Verlust von Frau und Sohn entsprangen, mußten von Maechler noch oft überwunden werden. So wollte er von den Verhandlungen mit dem Lohmüller in Trennsdorf unterm Ägster nichts wissen, weil er auch »diesen kugelrunden Wicht« unter der weitverzweigten Schar seiner Widersacher sah. Der Gesell beschwichtigte ihn, und als er mit dem Müller die Lohlieferung für das nächste Frühjahr unter den günstigsten Bedingungen abgeschlossen hatte und Wennrich berichtete, daß dieser etwas wirbelige, tätige Mann auch nicht von einem Hauch des Mißtrauens gegen ihn getroffen worden sei, nahm das der Meister schon mit erstaunter, aber ehrlicher Verwunderung auf, ohne daran mehr als mit einem Kopfschütteln zu mäkeln. Und um sein erstes freudiges Aufatmen zu verbergen, erzählte er die Sage von jenem unseligen Grafensohn, an die damals noch das ganze Volk glaubte. Im sechzehnten Jahrhundert wohnten die Grafen Schilling in der jetzt verfallenen Burg auf dem Ägster, dem Berg, an dessen Fuß das Dorf Trennsdorf liegt, und wohl in Saus und Braus, wie es Sitte bei dem Adel jener Zeit war. Am schlimmsten trieb es der zweite Sohn des damaligen regierenden Grafen, dem kein Humpen zu groß und kein Mädchenschleier zu zart war. Auf einem großen Fest verfiel der jähe Jüngling in eine so ungestüme Liebesbrunst zu der Tochter des Grafen von Schweinichen, die mit ihrem Vater anwesend war, daß er, vom Weine erhitzt, ihren Bräutigam, einen Ritter von Pannwitz, hinter die Burg an die Mauer lockte und nach kurzem Streit erstach. Er warf den Leichnam über die Mauer in den Höllengrund und floh, von der grausigen Tat plötzlich ernüchtert, noch in derselben Nacht. In dem wilden Getümmel jener Zelt blieb er verschwunden und soll im Türkenkriege umgekommen sein. Aber seitdem sah ihn der Wächter in manchen Nächten mit einem Dolch in der Brust unter Stöhnen und Wimmern ratlos an der Mauer hin- und herirren und dann mit einem lauten Schrei in den Höllengrund springen. Noch heute, nachdem die Burg längst in Trümmer gegangen ist, hören die Trennsdorfer manchmal sein Stöhnen, sein wimmerndes Klagen und dann den schrillen Schrei. Maechler sah den Alten lächelnd an, der nach Beendigung seiner Erzählung fast glückvoll vor sich hinschaute. »Mein Lieber«, sagte er, wieder zu Worten kommend, »gewiß, es mag Sage sein. Wahr aber bleibt in Ewigkeit, daß die Gerechtigkeit Gottes auf Erden nicht aufhört. Und auch ich fange an, wieder daran zu glauben. Und Sie, Maechler, sollten nicht darüber lächeln, denn Sie sind ein Werkzeug in seiner Hand.« Ehe Maechler sich zum Widerspruch aufraffen konnte, war Wennrich aufgesprungen und lief fluchtartig gegen die Schlafzimmertür. Dort drehte er sich noch einmal um und sagte unsicher zu dem verdutzten Gesellen: »Merken Sie sich's! Jawohl! Ich glaube an Sie.« Dann war er in dem Gemach verschwunden. Maechler ging langsam, kopfschüttelnd und erschüttert aus der Stube. Auf dem Flure wäre er fast mit Lotte zusammengestoßen, die eilig aus der gegenüberliegenden Lederschnittstube kam. »Na, was suchen Sie?« fragte sie beiseitetretend, und sah ihn mit hochmütigen Augen an. Ohne eine Antwort abzuwarten, huschte sie mit spöttischem Auflachen in die Stube. Es blieb Maechler nichts übrig, als dem unbegreiflichen Mädchen in bitterlicher Verwunderung nachzuschauen und dann sich im Weitergehen wieder einmal in die Dunkelheiten der Frage führen zu lassen, was er um Gottes willen an sich habe, daß Lotte ihm gegenüber in eine solche nie ruhende Widerspelligkeit verfallen war, nachdem sie ihn doch anfangs als Mithelfer im Kampf gegen das Schicksal ihres Hauses behandelt hatte. Aber da boten sich so viel Ahnungstreppen, eine solche Menge, schon nach den ersten paar Schritten in undurchdringliches Dunkel mündende, Überlegungsgäßchen an, daß Maechler auch heut bald wieder davon ablassen mußte, zur Klarheit über den Grund der Abneigung Lottes zu gelangen. Vielleicht war seinem Wesen von der tollen Brunstnacht in der Bradlerbaude etwas eingeprägt worden, was die Seele dieses unberührten Mädchens witterte, so also, daß der höllenheiße Schatten der Paula Großmann zwischen Lotte und ihm stand und wirklich die Worte dieser Gebirgsteufelin sich zu erfüllen schienen, die sie ihm, durch alle Glieder kochend, damals zugeschworen hatte, etwas von ihr sei in sein Wesen eingedrungen, woran er zugrundegehen werde, wenn er nicht bei ihr bleibe. Ja, dieser widersinnige, albische Gedanke überfiel Maechler plötzlich mit solch betäubend sinnlicher Grelle, daß er einen Augenblick wirklich in ein knabenhaft törichtes Grausen gekippt worden wäre, wenn er sich nicht mit lautem Gelächter von solch läppischem Schatten zu klarer Besinnung gerissen hätte. Kaum waren die ersten Laute seines Lachens aufgeklungen, denn Maechler stand noch immer grübelnd im Flur, nicht weit von der Stelle, wo er mit Lotte fast zusammengestoßen wäre, als die Stubentür aufflog und das Mädchen erstaunt herausschaute. »Nein, nein, ich meine nicht Sie«, sagte Maechler, sich auslachend, und stieg die Treppe in seine Kammer hinauf. Von diesem Vorgang an gab sich Maechler erst recht mit aller Anspannung seiner Kraft der Arbeit für die Wiederaufrichtung der Wennrichschen Geschäfts- und Lebensehre hin und ging jeder inneren und äußeren Reibung mit Lotte aus dem Wege, obwohl er von der geheimen Lieblichkeit dieses Mädchens, die wie ein selig-sonniger Abgrund um sie stand, immer und immer wieder berührt und traumhaft gefangengenommen wurde. Es machte sich von selbst, daß er im Walde bei der Besichtigung der von dem Trennsdorfer Lohmüller gekauften Rindenstapel mit dem gräflichen Wildmeister zusammenkam und von ihm erfuhr, wie sehr man im Schloß Wennrichs Zusammenbruch bedauere. Aber seitdem der Meister vor fünf Jahren die Abholung der Wilddecken recht unfreundlich abgelehnt hatte, sei natürlich die Verbindung mit einem auswärtigen Fellhändler gesucht und gefunden worden. Es bedürfe freilich nur eines guten Wortes, um dem Meister wieder die Lieferung zuzuwenden. Denn niemand bedaure das unverdiente Unglück des guten, ehrenhaften Mannes mehr als der Graf, nicht zum wenigsten auch deswegen, weil nach seinem Rücktritt von allen Ämtlein die Verhältnisse in der Gemeinde durch den Schlosser immer verfahrener und unterwühlter würden. Wennrich mußte freilich einer tagelangen Bearbeitung unterworfen werden, an der sich auch Lotte, freilich nicht in Maechlers Gegenwart, beteiligte, bis man dem lieben Mann den Festtagsrock zu dem Gange ins Schloß angeschwätzt hatte, und auch dann noch ging er zitternd, mit niedergeschlagenen Augen, mehr wie ein Verurteilter, der um Gnade fleht, durch die paar Straßen aufs Schloß. Denn es war das erstemal seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis, daß er sich bei Tage in Milkau sehen ließ. Aber wie kehrte er zurück? Fast wie im Triumph. Von der dem Gerber ganz unvermutet höchsten Liebenswürdigkeit des Grafen und der Gräfin war der wie aus der Nacht unversehens ans Licht geschleuderte Mann dermaßen ergriffen worden, daß er vor Schwäche in seinem Stuhl zusammengesunken war. Nach dem Wiedererwachen hatte man ihn in den gräflichen Wagen geführt, in dem er langsam, einen Strauß Blumen von der Gräfin auf den Knien, durch die zusammengelaufenen Wilkauer vor sein Haus in der Feldgasse gefahren wurde. Von Glück betäubt ging der liebe Mann tagelang wie entgleist umher und vermied es sichtlich, mit Maechler allein zu sein. Aber wenn er sich unbeobachtet glaubte, ruhten seine Augen groß und verwundert auf dem Gesellen, durch den er und sein Geschäft so umsichtig und sicher ans Licht geführt worden war. Nur einmal übermannte ihn die glückhafte Erschütterung, die er vor Maechler zu verbergen suchte. Eines Abends waren die beiden hinter dem Hause mit der Aufschichtung der Häute in den neuen Lohtonnen beschäftigt, und Maechler wußte es klug einzurichten, dem wohl schon etwas erstarkten, doch noch immer unmächtigen Manne, die entscheidenden Griffe in die Hand zu spielen, die schwere Arbeit aber auf sich zu nehmen, so, daß zwischen dem Meister, der die hinterlistige Güte des andern bald merkte, und dem Gesellen ein stummer Rangstreit entstand, bei dem Wennrich doch immer den kürzeren zog. Denn, mochte er noch so verbissen mit seinem Haken den schwersten Teil der Haut anpacken, mit einigen, wie ungeschickt aussehenden Wendungen drehte Maechler die größte Last der glitschigen Haut auf seinen Haken, daß dem Meister nur die leichte Bauchseite, oft nur die Beine zu überwältigen übrigblieben. Und doch, als die Tonnen geleert waren und große Häutehaufen daneben lagen, rann der Schweiß übers Gesicht des Meisters, und die Hakenstange, die er ausruhend auf den Boden gestemmt hatte, bebte in seiner ausgezehrten Hand. »Sie sind ein Teufelskerl, Maechler«, sagte er schweratmend. »Was hat's denn, Meister?« fragte der Gesell in gutgespielter Unwissenheit lachend. »Na, was es hat? Tun Sie doch nicht so! Ich fische, und Sie ziehen raus. Jetzt sind es Häute, dann ist es der Lohmüller, dann der Böttcher, und am Ende der Graf Schilling. Mensch ...!!« Das letzte Wort war ein Ausbruch. Die Kinnladen Wennrichs bebten vor nicht zu bezähmender Erschütterung. Er warf den Haken weg, und mit überströmten Augen kam er auf Maechler zu, als wollte er ihn in die Arme schließen. Aber im letzten Augenblick faßte er sich doch mit zusammengebissenen Zähnen, ergriff die Hände des Gesellen, drückte sie, als wolle er sie zerquetschen, stotterte: »Gott« und »danke« durcheinander und ging dann schnell und ein wenig taumelnd, als habe er schweren Schnaps getrunken, ins Haus. Unmittelbar darnach schloß Maechler mit einer großen Häutefirma in Breslau einen Vertrag ab, durch den er die jährliche Lieferung von hundert Häuten übernahm, und sicherte sich die Abnahme der fertigen Ware durch einen bedeutenden Lederhändler in Rehberg, um sich der Abhängigkeit von den Riemern, Sattlern und Schustern, die immer mäkelten und schlecht bezahlten, zu entziehen. Aber wie er an den Lohtonnen dem Meister die Leitung überlassen hatte, so bemühte er sich, alle anderen Unternehmungen als Ausfluß der Entscheidung Wennrichs zu behandeln, und genoß die Genugtuung, den vielenttäuschten Mann in einem immer zunehmenden Selbstvertrauen richtig aufblühen zu sehen. Er besuchte wieder regelmäßig die Kirche, die er nach dem Unglück in der Furcht und Scheu eines Geächteten gemieden hatte, fing an, sich unter die Leute zu mischen, machte sonntägliche Spaziergänge und nahm sogar an diesem und jenem Vergnügen teil. Aber diese Welt der Friedsamkeit, des Vertrauens und ehrlicher Hochschätzung, die dem Meister bei den ersten Ausflügen aus der selbstgewählten Gefangenschaft entgegenkam, war ebenso wie das Aufblühen des Geschäftes Maechlers Werk. Nicht bloß das Interesse an seinem Handwerk befeuerte seine vielfältige rastlose Tätigkeit. Denn, wenn er auch die Tür zu der Weltschwärmerei seiner Rebellenzeit vollkommen zugeschlagen hatte und sicher war, daß nie mehr ein Funkenstoß ihn von daher erreichen könne, so hielt er doch an dem Glauben fest, daß alle Menschen in der Tiefe gut seien. Man müsse den Irregeleiteten nur schonend den rechten Weg weisen und den Schwachen helfen, so würde die Welt eher und wundenloser besser werden, als durch überhastete und schnelle Gewalttat. Seinen offenen Augen entging nicht die Gärung und verborgene Unzufriedenheit der Menschen jener Zeit nach dem Erlöschen der glänzenden Chimäre, die die einen in maßlose Erwartungen, die anderen in übertriebene Furcht und Erbitterung getrieben hatte, so daß die ersten nun von heimlichem Groll verzehrt wurden, die zweiten in aufgeblähter Überheblichkeit nicht nur die alte wacklig gewordene Ordnung wiederherstellen, sondern sie auch sogar zurückschrauben wollten. Maechler, der die Phraseologie der ungegorenen Freiheitssucht beherrschte, verstand es, wo immer er auch auf seinen vielen Geschäftsgängen hinkam, die Bitterkeit der Zurückgedrängten zu dämpfen. Den anderen, die sich triumphierend in die rückläufige Zeitwelle warfen, gab er klug zu schmecken, daß man Schatten weder essen, noch sich in sie kleiden, noch aus ihnen neue Häuser bauen könne. Die tüchtige Zeit und der neue Staat falle nicht vom Himmel, sondern rühre vom guten und tüchtigen Menschen her. Dabei verfiel er nie in leidenschaftliche Schwätzerei. Ruhig und besonnen sagte er sein Ja und Nein, aber so, daß er es niemand aufdrängte. Wenn er die, mit denen er gesprochen, verlassen hatte, so kam es ihnen wie ein eigen gefundenes Wort von selbst auf die Lippen. Der katholische Pfarrer schrieb seinem Einfluß die Rückkehr Wennrichs zur Kirche zu. Dem evangelischen Pastor fiel er bald erfreulich auf, weil er, obwohl anderen Glaubens, überall überlegt die Partei des schwachen, trägen Gemeindevorstehers Schlicker ergriff, wenn dieser auf dem rechten Wege war und ihn im stillen beriet, wenn er in der Widerwehr von seinen Gegnern einer falschen Richtung zugetrieben wurde. Denn wie es in jener Zeit lag, begann der Kampf der beiden Konfessionen wieder schlimme vergiftete Formen anzunehmen, und die beiden Geistlichen von Wilkau erhitzten sich in immer ärgerer Weise, der evangelische vom Staate protegiert, der katholische im Schatten des Grafen Schilling. Maechler neigte dem einen Teil zu, ließ dem anderen Teile volle Gerechtigkeit widerfahren und trug so manches zur Beruhigung der Gemüter bei. Alle wunderten sich darüber, wie es zugehe, daß dieser landfremde Gerbergesell überall einen solchen Einfluß ausübe. Aber der große, ruhige Mann durfte sich nur zeigen, so verstummten seine Widersacher, denn sein Verstand war klar, aber nicht verletzend, sein Wort einfach, aber treffend, seine Güte fest, sein Weg unbeirrbar und sein Charakter makellos. Was er angriff, gelang, was er wollte, das kam ihm entgegen, und es gab kaum einen, der nicht in ihm den Schwiegersohn des alten Wennrich sah. Fragte ihn aber der und jener, wann denn die Hochzeit mit Lotte sein werde, so sah er ihn erst verwundert an und antwortete dann lächelnd, daß er die Sprache, die zu so etwas notwendig sei, wohl nicht verstehe, oder speiste die müßige Neugier mit einem anderen launigen Spaß ab, daß kein Frager klüger davonging, als er zu Maechler getreten war. Denn zwischen ihm und Lotte stand noch dieselbe Luft, die sich aus unbegreiflichen Ursachen von dem schrankenlosen Bekenntnis des Mädchens beim Antritt seiner Stelle erzeugt hatte. Ja, in dem Maße, wie sich die glückhaften Unternehmungen Maechlers häuften, wurde Lotte noch kühler, ferner, abseitiger, oft geradezu schroff. Sie mochte wohl von dem Bangen befallen worden sein, Maechler könnte ihre bedenkenlose Offenheit in der Darstellung des Schicksals und der Not ihres Vaters als Anpreisung ihrer Person aufgefaßt haben. Deswegen begegnete sie ihm in der Folge sehr zurückhaltend, und da er offenbar gleichgültig an dieser Verdunkelung ihres Betragens vorüberging, ließ sie ihn sogar oft als Meistertochter sein Gesellentum schmecken, und weil auch damit aus dem klugen und überlegenen Mann nicht mehr als ein langer, erstaunter Blick zu holen war, verbiß sich ihr verletzter Stolz noch mehr, noch bitterer. Nach und nach erschienen ihr Maechlers glückliche Unternehmungen als das Bestreben, umsichtig alles an sich zu bringen und damit von selbst auch sie in Besitz zu bringen, wie etwa eine Katze beim Hauskauf nicht besonders erwähnt wird. Deswegen wurde ihr sein unausgesetztes Pläneschmieden widerlich, und sobald die beiden Männer die Beratung einer neuen Unternehmung begannen, ging sie gleichgültig und abgeschmackten Gesichts davon. Was war dieser Maechler auch für ein Mensch, um den die Abenteuer einer jahrelangen Wanderschaft gewitterten, obwohl er nie davon sprach, und der offenbar dabei alles Gemüt, jede Frömmigkeit und allen Glauben verloren hatte, daß er alles nur mit dem Verstande angreift und mit den robusten Händen vollendet. Aber merkwürdig, die Verunglimpfungen, die sie so unersättlich sammelte, vermochten nicht in die Tiefe ihres Herzens zu dringen, in dem mit Eintritt Maechlers ein Gefühl erwacht war, das sie nicht verstand und nicht beherrschte. O nein, das war nicht Liebe, was sich da immer stürmischer sammelte! Das glaubte sie zu wissen, wenn sie ihre Schulkameradinnen beobachtete, die den Erwählten gefunden hatten und nun in Weichheit sich verloren, in fesselloses Schwärmen, in Brutwärme und im Schwelgen kleiner Hoffnungen, in dieses fade, lächerliche Getue, dieses Gehimmel und törichte, eitle Wortgeplätscher. Auf keinen Fall war das Liebe! Wenn sie Maechlers Schritt schwer und sicher über die Stiegen gehen hörte, so sprang ein Zorn in ihr auf, daß sie die Hand auf ihr empörtes Herz legen mußte, und wenn sie ihn gereizt oder verletzt hatte, verfiel sie in Finsternis, und ihre Augen, die noch in Triumph und Rachsucht funkelten, füllten sich, ohne daß sie es wollte und hindern konnte, mit Tränen. Immer wurde sie in Stolz getrieben, an dem sie litt, in Kälte, gegen die sich eine Süße empörte, die wie ein hungriges Feuer in ihr tobte. Einige Male versuchte Maechler, sie zu einem Spaziergange über das Feld einzuladen. Sie ließ ihn ruhig ausreden, genoß seine Ungeschicktheit und Verlegenheit, sah ihn dann groß und herrisch an, daß er die Augen senkte, und lehnte dann mit höhnischem Kräuseln ihres schönen vollen Mundes ab. Ja, eines Tages drang der Vater in sie, sich doch nicht so in das Haus zu vergraben. Das brachte ihr Blut so in Wallung, daß sie richtig aufschrie: »Das verstehst du nicht, alter Mann!« Dann floh sie aus der Stube, lief über die Treppe hinauf und schloß sich in die Giebelstube ein. Durch kein Zureden und keine Güte war sie zu bewegen, herauszukommen. Als die beiden sich aus dem Hause entfernt hatten, kam sie hervor und ging mit einer solchen Schwermut durch alle Räume, als sei sie eine Betrogene und Verlassene. Dann setzte sie sich auf die Bank unter dem Giebelvorbau. Die Luft stand unbeweglich im Licht. Die Blüten auf den Beeten des Vorgärtchens sahen unwirklich aus, als gehörten sie einer anderen verklärten, verwunschenen Welt an. Das leise Rauschen des Heidewassers über der Feldgasse hinter der Ufermauer klang, als gehe es fern und hoch hinter dem Blau des Himmels vorüber, und Lotte geriet in einen Zustand der Verströmtheit, in ein traumartiges Verlorensein. In dieser unbeschreiblichen, seligen Bewußtlosigkeit erhob sie sich und suchte unter den Geranien an dem Fenster den schönsten Strauß aus, trug ihn in Maechlers Kammer hinauf und stellte ihn auf das Brett des kleinen Fensters. Als sie sich zurückbog, sah sie in dem winzigen Spiegel an der wand ihr Gesicht, das lieblichweich wie das eines Kindes war, mit geröteten Wangen und verzauberten Augen. Da packte das Mädchen ein solches Erschrecken, daß sie den Geranienstrauß vom Fenster stieß. Als sie den dumpfen Laut hörte, mit dem der Topf drunten im Hof in Scherben ging, atmete sie befreit auf und verließ hochaufgerichtet die Kammer, deren Tür sie hinter sich zuwarf, ohne sich umzudrehen. Den Strauß stopfte sie in den Müllkasten und säuberte den Hof, daß nichts mehr, kein Krümchen Erde, kein Topfsplitter zurückblieb. Nach diesem Ausbruch überfiel sie aber ein noch grenzenloseres Einsamkeitsgefühl. Hatte sie vorher die Empfindung gehabt, im Vaterhause eine Entrechtete und Betrogene zu sein, so kam sie sich nun, nach diesem Vergehen an der unterdrückten Sehnsucht ihrer Süße, von der ganzen Welt ausgeschlossen vor. Um wieder in das Leben zurückzufinden, ging sie in das Nachbarhaus, wo die Jugendfreundinnen ihrer verstorbenen Mutter, die Schwestern Niedenführ, zwei alte Jungfrauen, wohnten, die sich durch Handarbeiten und vom Vermieten einiger Zimmer an bescheidene Badegäste ernährten. Immer, wenn Lotte durch solche Strudel des Innern in eine unbekannte Welt ihres Wesens gerissen wurde, suchte sie Zuflucht in der lautlosen Stube dieser alten Frauen, deren graues Haar schon stark ins Weiße zu spielen begann, wie ihre einsamen Seelen sich nur noch im Lichte der Vergangenheit sonnen konnten. Die Stricknadeln der einen pinkten, der Faden der anderen fuhr leise durch die in den Stickrahmen gespannte Gitterleinwand, und die längst versunkenen Tage ihrer Kindheit und Mädchenzeit wachten in Geschichten auf, die Lotte schon hundertmal gehört hatte. Heute aber sog sie den verblaßten, entrückten Schimmer der Erinnerung dieser alten Weiblein mit der Gier und dem Heißhunger einer fast Verzweifelten ein, weil durch jene verschollene Welt auch ihre Mutter gegangen war, jung wie sie und in einer Art, die ihrem Wesen in vielem glich. Denn auch sie war lebendig und fröhlich, aber still, in herber Scheu durchs Leben gegangen. Mitten im spielenden Plätschern am Heidewasser hatte sie schon als Kind ein Staunen erfaßt, daß sie mit großen, verwunderten Augen dem Glitzerspiel der Wellen zugeschaut und dann, auf einem Stein sitzend, verloren dem Rauschen des Wassers gelauscht hatte, als die anderen längst davongegangen waren. Sie war auf der Kummerharte heimlich von ihren beeren- und pilzsuchenden Freundinnen gegangen, um weitab, einsam nur für das Echo zu singen und hatte einst einen läppischen, zudringlichen Jungen mit Steinwürfen über den Berg hinabgetrieben. Denn bei aller Verschlossenheit wurde sie von Zeit zu Zeit von einer Leidenschaftlichkeit gepackt, die dann auch ihren so behüteten Mund in ein fesselloses Strömen und eine Beredsamkeit brachte, daß sich alle verwunderten, die sie hörten. Lotte lauschte den Geschichten der beiden Alten, bis das Abendrot in den Kronen der Bäume schon zu versiegen begann. Dann ging sie heim mit der wiederaufgefrischten Sicherheit, daß ihr Wesen von dem Geist der Mutter gelenkt, nicht von diesem Maechler verwirrt sei. Nicht für ihn, sondern für die Mutter hatte sie in traumhafter Ergriffenheit den Geranienstock auf das Fenster gestellt, warum sie ihn aber dann heruntergestoßen hatte, an dieser Bedenklichkeit schlüpfte sie abgewandten Herzens vorbei. Zu Hause traf sie den Vater und Maechler schon am Tische sitzend. Wennrich empfing sie als Ausreißerin mit liebenswürdigen Vorwürfen, Maechler nickte nur zustimmend mit dem Kopf und krümelte ein erzwungenes Lächeln um den Mund zusammen. Dabei blieb sein Gesicht ernst und seine Augen maßen sie so bekümmert, daß sie sich mit einem Ruck abwenden mußte, um die Röte zu verbergen, die ihr ins Gesicht schoß. Trotz dieses Kampfes mit der Leidenschaftlichkeit ihres verkehrten Herzens blühte Lotte geradezu auf: Ihr reiches Blondhaar wurde noch glänzender, ihre Augen strahlender, das Feuer auf dem Grunde der graugrünen Sterne berückender, ihr schwebender Gang sieghafter, und wenn sie lachte, oft ohne Grund, für sich allein, so packte das Maechler so schmerzend in der Brust, daß er die Augen schließen mußte. 13 Das Wennrichsche Haus auf der Feldgasse trug mit seinem gepflegten Blumenvorgärtlein, seinen klaren Fenstern, seinen sauberen gesandeten Gängen zwischen den Beeten noch immer den Stempel friedvoller, behüteter Beschaulichkeit. Aber wenn vorher hinter seinen weißen Wänden das Leben gegen Verfall und Verzweiflung gerungen hatte, so füllten sich nun, da aus dem Niedergang ein Aufschwung, aus müder Hoffnungslosigkeit rühriger, rüstiger Lebensglaube geworden war, alle Räume mit der Spannung zwischen Lotte und Maechler, die, ohne es selbst Zu wissen oder zu glauben, mit verdeckten Karten um einen Einsatz spielten, gegen den sich das Mädchen wie besessen wehrte und auf den der Mann kaum zu hoffen wagte. Indessen ging das Leben weiter und führte die Entscheidungen auf Wegen herbei, die niemand übersehen konnte. In jener Zeit entbrannte nicht nur in Wilkau, sondern in weiteren Umkreisen der Streit um eine Straße, durch den eine unglaubliche Erhitzung der Gemüter erzeugt wurde. Der alte Handelsweg, der an einem niedrigen Ausläufer des Isergebirges abseits gegen die Landesgrenze hinführte, war schadhaft geworden und sollte durch eine neue Kunststraße ersetzt werden. Man wollte sie von Rehberg durch volkreichere und zukunftsichere Orte bauen, unter denen Wilkau obenan stand. Wie es nicht anders sein konnte, platzten die aus den verrotteten Sturmjahren herrührenden Gegensätze hart aufeinander. Die einen prophezeiten Wilkau ein schnelles ungemeines Aufblühn, wenn es durch die neue Straße näher an Rehberg und die zu erwartende Gebirgsbahn gerückt würde, die anderen wehrten sich dagegen, den kleinen Badeort durch den erhöhten Lärm des Verkehrs aus seiner Stille und der für das Wohl der Kranken so notwendigen Beschaulichkeit zu reißen. Auf der Seite der Anhänger der alten Straße stand der Graf Schilling und der katholische Teil der Bevölkerung. Die Partei der Neuerer rekrutierte sich vornehmlich aus dem Kreise der Evangelischen, die eine Stütze in dem Pastor und einen geheimen Förderer in dem vorsichtigen, ein wenig hindämmernden Gemeindevorsteher Schlicker fand, der niemand wehe tun wollte und es so mehr und mehr mit allen verdarb. Die Hetzereien Zwischen Katholiken und Evangelischen, von den beiden Geistlichen immer mehr angefacht, zerrütteten die kaum erreichte Beruhigung. Die Gemeinde knurrte gegen den standesherrlichen Grafen. Die Geschäftsleute kämpften gegen die Fremdenheimbesitzer. Die Armen beschwerten sich und die Besitzenden waren besorgt. Am leidenschaftlichsten gebärdete sich der Schlosser Neefe, der die Umstände benutzte, sein gesunkenes Ansehen wieder auf die alte Höhe zu bringen. Dieser geschwollene Trommelbauch tobte durch die Gassen, lärmte zum Maulreißen jedes Haus voll, stänkerte sich durch die Stuben, brüllte in Gaststätten und in jedem Marktwinkel. Immer zudringlicher und unverschämter stellte er sich als Helfer des gnädigen Herrn Grafen und zuletzt als dessen geschätzten Freund und beauftragten Bundesgenossen vor, obwohl es ihm nie gelang, im Schlosse empfangen zu werden. Oft ging er hinein, versteckte sich eine Zeit in einem Winkel des geräumigen Flures und trat dann breitbeinig und triumphierenden Gesichts auf den Schloßplatz heraus, als habe er eben wieder von dem Grafen eine schmeichelhafte Anerkennung seines Kampfes für das wahre Wohl Wilkaus geerntet. Maechler sah in dem lächerlichen wirren Wirbel, der alles in Wilkau durch- und gegeneinander drehte, die ruhige, tätige Besonnenheit, für die er in den zwei Jahren seines Aufenthaltes überall gewirkt hatte, vollkommen in Frage gestellt. Sein Glaube an den guten Wesensgrund aller Menschen fing an zu wanken, und weil er nach so vielen fruchtlosen Versuchen auch sonst an der Hoffnung zu Zweifeln begann, seine Tätigkeit im Wennrichschen Hause zu einem erfolgreichen Ende zu führen, bemächtigte sich seiner eine Müdigkeit, gegen die er nicht einmal ernstlich ankämpfte. Wohl trat er dem Schlosser auf offener Straße einmal so unerschrocken entgegen, daß er mit dem Erfolg wohl hätte zufrieden sein können, schmälerte aber damit sein sowieso geringes Glücksgut noch mehr. Dieser Aufwiegler und Unruhestifter Neefe fiel nämlich, wo es immer war, mit aufreizenden, beleidigenden Worten alle an, die auf der Seite der Verfechter der Straßenneuerung standen, und betrachtete sie als persönliche Feinde. Maechler, als umsichtiger Förderer des Wennrichschen Aufstiegs und mutiger Schildhalter von dessen Ehre, war ihm besonders verhaßt. Ihn machte er mit Recht verantwortlich für das Sinken seines Ansehens, das er nun durch rücksichtsloses Toben wieder auf die alte Höhe zu treiben versuchte, und war auch über ihn aufgebracht, daß er den, wie er sich ausdrückte, »rammdösigen« Gemeindevorsteher unterstützte und beriet. Darum arbeitete er auf eine Gelegenheit hin, ihn öffentlich herabzusetzen und lächerlich zu machen. Eines Tages stand er mit einem Haufen seiner Anhänger auf dem Schloßplatz und setzte mit lauter Stimme seine Ansichten über die beste Weise, für das allgemeine Wohl zu sorgen, auseinander. Müßige Neugierige, Geschäftsinhaber, die untätig an ihrer Ladentür lehnten, Weiber und Kinder traten herzu. Es bildete sich ein kleiner Auflauf. Denn man erwartete sich einen jener unterhaltsamen Skandale, in deren Anzettelung Neefe eine gefürchtete Meisterschaft besaß. Selbst der Graf Schilling trat hin und wieder an das geöffnete Fenster. Da kam Maechler mit einem bis über die Leitern mit nassen Häuten geladenen Handwagen, der von zwei Arbeitern in den Schuppen auf der Vogelsdorfer Straße zum Trocknen gezogen wurde, von der Feldgasse her die Rehberger Straße herauf. Kaum hatte der Schlosser den Gerber gesehen, der, eine Hand an dem Leiterbäumlein, aufrecht und ruhig einherging, so fing er unvermittelt über hergelaufene Straßentraber zu schimpfen an, die von irgendwem abstammten und mit dem Unrat, den sie in aller Welt gesammelt hätten, heimlich in dem guten Wilkau hausieren gingen, auf Erbschleicherei aus seien und die einfachen, arglosen Gemüter mit Redensarten um Freiheit und Selbständigkeit brächten. Alle sahen sich nach Maechler um, auf den die Worte gemünzt waren, und auch der Graf lehnte sich einen Augenblick aus dem Fenster. Der Gerber reckte sich noch mehr in seine breiten Schultern und ging, wenn auch einen Ton blasser, doch lächelnd seines Weges. Aber eben, als er dem Haufen gegenüber war, schrie der Schlosser mit erhöhter Stimme: »Jawohl, meine lieben Wilkauer, da auf dem Wagen liegen die Felle, die schon vielen über die Ohren gezogen worden sind.« Alles lachte. Maechler faßte die Leiter des Wagens fester und riß das Gefährtlein zurück, daß die Arbeiter still standen. Dann ging er mit so langen Schritten und einem so drohenden Ernst im Gesicht hinüber, daß der Haufen erschreckt zur Seite wich und ihm den Weg zu dem Schlosser frei machte, der jäh verstummt war und erschrocken zurückwich, verächtlich maß ihn Maechler einen Augenblick. Dann hob er seine riesigen braunen Hände dem Ängstlichen bis unters Gesicht und machte sie greifend auf und zu. Dabei sagte er mit leiser, wegwerfender Stimme: »Das sind Hände, die Felle zu gerben und Aas herunterzuschneiden verstehen. Das Ohrfeigen überlasse ich den Weibern im Garten hinterm Haufe, und das Hopsen über den Zaun mit dem Kästchen unterm Arm ist Sache der Lumpen. Und nun, Herr Neefe, ist es höchste Zeit, sich zu verkrümeln. Ihre Frau hat schon nach Ihnen gerufen.« Und da der Schlosser sich jetzt in die Brust zu werfen anfing und zitternd nach Atem zur Widerrede riß, schrie Maechler plötzlich so laut, daß es über den ganzen Schloßplatz dröhnte: »Sofort gehen Sie weg!« Da trottete der Gezüchtigte, fahl bis in die Haarwurzeln, davon. Ehe er in eine Nebengasse einbog, drohte er mit der Faust und rief etwas von »Gericht« zu Maechler zurück, der die Umstehenden um Verzeihung bat und dann ruhig hinter dem Wagen, der sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, weiterging. Der Graf erwiderte mit einer beglückwünschenden Handbewegung seinen Gruß, und mancher Beifallsruf klang ihm nach; aber nichts von Triumph kam in seinem Gesicht auf, das eher einen leidenden Zug trug. Es erheiterte ihn auch nicht, als er erfuhr, daß der Schlosser seitdem stumpf wie ein Raubtier mit eingeschlagenem Kreuz zu Hause saß und der ganze Ort aufatmete. Ja, er konnte sogar ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken, da ihn der alte Wennrich auf die Kunde von der Züchtigung des Schlossers dankbarer Rührung voll in die Arme schloß. In sich gekehrt arbeitete er, lautlos saß er umher, grübelnd lag er des Nachts im Bett und horchte hinaus, ob sich nicht wieder die schleichenden Schritte um seine Kammertür hören ließen, die seine erste Nacht im Wennrichschen Hause beunruhigt hatten. Denn er betrachtete dieses gewalttätige Losfahren gegen den Schlosser als einen Rückfall in seine alte Rebellenwildheit, und je länger er diesem Schattenwühlen nachhing, desto näher kam er wieder der albischen Dunkelheit des Gedankens, das wilde Wesen der Paula Großmann, das ihn vor zwei Jahren in sich gerissen hatte, ziehe noch immer seine Kreise um ihn. Denn die Menschen jener Zeit nach den verunglückten achtundvierziger Unruhen litten tiefer an der Zwiespältigkeit, die in der Natur des Menschenwesens überhaupt liegt. Ernüchtert rissen sie sich in einen Kampf um ein greifbares Glück auf der Erde. Sie begannen die göttliche Führung des Schicksals zu leugnen. Der Sozialismus rührte sich, religiöse Bindungen fingen an, Fragen der Wirtschaft und Wissenschaft zu werden, und zugleich wurde dieses Geschlecht, das mit freier, ja oft frecher Stirn der Alleinherrschaft des Verstandes in der Welt der Menschen leidenschaftlich zustrebte, von den Gemüts- und Glaubenskräften ihrer Vorfahren beunruhigt, die bei den einen in dumpfen Aberglauben, bei den anderen in sentimentale Schwärmerei entarteten. Vergeblich nannte Maechler seine Spintisierereien Unsinn, umsonst versuchte er das Gelächter wieder aufzubringen, mit dem er vor langen Monaten den ersten Anfall dieser schicksalhaften Ahnung abgeschüttelt hatte. Es schien sich wirklich der uralte Glauben an die Wirkung des bösen Blickes an ihm zu bestätigen, wenn er in der Nacht lag und über sich schaute, war es ihm oft, als bemerke er in der Finsternis zwei schwarze Augen, die unausgesetzt sich auf ihn einbohrten. So sog wahrhaftig dieses Wesen noch immer an seinem Leben. Ja, sogar über Lotte schien seine Verdunkelung mehr und mehr Macht zu gewinnen. Ihre Überheblichkeit sprühte nur noch selten auf. Nie lachte sie über seine Einsilbigkeit. Nie mehr fuhr ihn ihr Blick verwirrend an, wenn er notgedrungen das Wort an sie richten mußte. Ihr Stolz verlor die Schärfe. Aber auch das Schwebende ihres Ganges war nicht mehr so leicht, das Schillern ihres Auges verwandelte sich oft in Überwölkung. Mit einem Wort, es lag ein geheimer Kummer über ihr, den sie wohl vor Maechler bezwang, aber doch nicht ganz unterdrücken konnte. Und doch hatte diese unleugbare Veränderung im Wesen und Verhalten Lottes dieses Mal noch einen Grund, der sich nicht mit den Befürchtungen Maechlers ganz deckte. Während eines Besuches bei den Schwestern Niedenführ war am Ende durch Lottes Drängen das Gespräch wieder auf ihre Mutter geführt worden und eine der alten Jungfern erinnerte sich, daß irgendwo noch ein Zettel sein müsse, auf den Lottes Mutter mit ungelenker Kinderhand einen Spielvers geschrieben hatte. Man kramte in Schüben und Schränken, wühlte Kasten und Truhen durch und fand nichts. Zuletzt, von dem hartnäckigen Eifer des Mädchens belustigt und zugleich etwas unwirsch gemacht, griff die eine der weißgrauen Jungfrauen in ein Körbchen und hielt Lotte einen Schlüssel vors Gesicht. Da der Zettel offenbar verwunschen und entrückt sei, könne vielleicht dieser fremde Schlüssel, der einst vom Himmel in ihren Garten gefallen war, das Zauberschloß lösen, das den Zettel gefangen hatte. Lotte erkannte in dem alten, angerosteten Ding sofort den Schlüssel für die Kommode der Maechlerschen Kammer, ließ sich aber nichts anmerken, sondern stimmte herzlich in das Gelächter der beiden ein, nahm den Schlüssel an sich und meinte launig, man könnte ja immerhin den Zauber versuchen. Nachdem sie einen und den anderen Tag den Schlüssel unversucht in der Tasche umhergetragen hatte, ohne jemand ein Wort davon zu verraten, siegte doch die weibliche Neugier. Sie überwand endlich die Scheu, in die Geheimnisse Maechlers einzudringen und öffnete den verschlossenen oberen Schub der Kommode. Zu ihrer Enttäuschung war er leer. Nach manchem vergeblichen Umhergreifen geriet ihr, in eine hintere Ecke geschoben, das zusammengefaltete Papier unter die vor Aufregung zitternden Hände, auf dem das Abendgebet der Maechler stand. Sie hatte Mühe, die halb erloschenen, veralteten Schriftzüge zu entziffern. Als es ihr gelungen war, las sie immer und immer wieder diese schmucklosen Verse tiefer, inniger Gläubigkeit und war ergriffen, daß ihr das Herz klopfte. Bebend legte sie das zusammengefaltete, zerlesene Papier an den alten Ort zurück, verschloß den Schub wieder und war einen Augenblick im Zweifel, ob sie den Schlüssel stecken lasse. Aber nein, Maechler durfte nicht wissen, daß sie hinter das Geheimnis seines Wesens gekommen sei. Mit eins erschien er ihr in einem Lichte, das sie nicht für möglich gehalten hatte. Es war also nicht der verstandeskalte, robuste Mensch, sondern hatte nur auf eine Zeit seine tiefe Gläubigkeit von sich geschoben, um von Herzensweichheit nicht im Kampf für das Wohl ihres Hauses behindert zu werden, der nur mit kalter Klugheit und gelegentlicher Härte geführt werden konnte. Nur so war es möglich gewesen, ihren Vater aus dem religiösen Kleinmut und dem verzagten Menschenhaß herauszuleiten und das Gedeihen ihres Hauses wieder zu beflügeln. Welches geheime Märtyrertum hatte er um ihres Wohles halber auf sich genommen! Ihr Herz krampfte sich zusammen vor Scham, wie sie diesen seltenen, großen und guten Mann behandelt hatte. Aber in ihrem Stolz fand sie keinen Ausweg, das Unrecht wieder gutzumachen. Sich vor ihm zu demütigen oder in Weichheit zu zerschmelzen, erschien ihr so, als solle sie sich nackt vor ihm zeigen. Ihr Herz, das darnach schrie, empörte sich zugleich dagegen. So verfiel sie immer tiefer in den Kummer und einer Verfinsterung, in der Maechler die böse Fernwirkung der Paula Großmann erblickte, der er einmal wider Willen so höllisch verfallen war. Während er in seiner Kammer die Nächte zergrübelte, wie diesem Unsegen zu entrinnen sei, wälzte sich drunten Lotte ruhelos auf ihrem Lager und stöhnte oft laut auf. Da Maechler wohl ein tief gebundener und bewegter, aber zugleich tätig getriebener Mensch war, ertrug er diese Last nicht länger, die sich aus undurchdringlichen Dämmerbezirken des Daseins auf ihn gewälzt hatte. Geht mir dieser Schatten und offenbare Unsegen nicht aus dem Wege, sann er, so muß ich ihm eben ausweichen, und er faßte den Entschluß, seinen Eichenheister wieder hinter dem Schrank hervorzuholen, Wilkau den Rücken zu kehren und anderswo das Heil seines Lebens zu versuchen. Allein, still wie ein lahmgewürgter Hund wollte er aus diesem Ort nicht gehen, an dem er so viel an Tat und gutem Willen aufgebracht hatte. Durch die Kreisverwaltung war endlich die Entscheidung in der Straßenführung gefallen und dem Gemeindevorsteher Schlicker in einem Schreiben mitgeteilt worden: Die neue Kunststraße solle über Scherichsdorf und Wilkau an die Landesgrenze gebaut werden, und Schlicker gedachte, eine allgemeine Versammlung der Gemeindemitglieder einzuberufen. Dort wollte er im Anschluß an die amtliche Verfügung vor allem noch einmal die Gründe und Vorteile der neuen Straßenführung durch den Kreisbaumeister vorlegen lassen, um sich so von dem Verdacht seiner Gegner öffentlich zu reinigen, daß er im geheimen besonders für das manchen so verhaßte Projekt gewirkt habe. Auch einen Vertreter des Grafen, der indessen seinen Widerstand aufgegeben hatte, wollte man für die Teilnahme an der Versammlung gewinnen. Maechler sollte aus der Mitte der Teilnehmer auf Zuruf zur vollkommenen Beruhigung in Vertretung seines Meisters einige kluge, abgewogene Worte sprechen und dem Vertrauen des Volkes in die Maßnahmen der Behörde Ausdruck verleihen. Es kostete den Gemeindevorsteher nicht allzuviel Mühe, Maechler zu dieser für einen Gesellen immerhin etwas gewagten Mission zu bewegen. Nach einigem Zögern sagte er zu, weil er bei dieser Gelegenheit noch einmal vor allem von dem Sinn des wahren Bürgers, dem Wohl des Menschen und der Bedeutung der richtig verstandenen Freiheit das sprechen wollte, was er vielen einzelnen in Unterhaltungen nahezubringen versucht hatte. In einer verzeihlichen Überheblichkeit sollte diese Rede des Antritts zugleich die seines Abschieds von Wilkau sein. * Der Tag der Versammlung, der 12. August, rückte heran. Maechler hatte Wennrichs Einwilligung unter der Bedingung erhalten, mit dem Schlosser, wenn er etwa auch erscheinen und in die Verhandlung eingreifen sollte, endgültig abzurechnen. Der alte Mann wurde von unbezwinglicher Aufregung durch das Haus, in das Hintergärtlein, auf den Boden getrieben und stand oft versunken auf dem Werkplatz über der Straße an der Ufermauer des Heidewassers und schaute lange auf die kleinen Wellen des Flüßleins, die, von langer Dürre abgezehrt, mühsam zwischen den Steinen hinschlüpften. Bald war er in der Erinnerung an die vielen Schicksalsschläge seines Daseins verdüstert, bald glühte er in der Aussicht auf Erfüllung seiner Rachsucht am Schlosser, bald riegelte er sich in die Schlafkammer ein und rang im Gebet zu Gott um Befreiung von dieser Bosheit seines Herzens, bald war sein Gesicht glückhaft übersonnt in der Erwartung der vollkommenen Wiederherstellung seiner Ehre. Die Unruhe des umgetriebenen Mannes nahm zu, wie die Hitze in der Natur zur Unerträglichkeit stieg. Die Bäume standen erschöpft, ihr Laub hing ausgesogen und fahlgrün. Das Gras raschelte dürr unter den Füßen wie Heu. Das Blau des Himmels war grau gekocht. Maechler ging ruhig umher und lächelte nur nickend zu den vielen Ausbrüchen Wennrichs über dies unerträgliche Wetter. »Lassen Sie's gut sein, Meister«, sagte er, »wenn erst der Sturm im Braunen Hirschen vorbei ist (im Saal dieses Gasthauses sollte die Versammlung sein), dann ändert sich auch das Wetter. Verlassen Sie sich auf mich. Ich, als alter Wanderbursch habe eine Nase dafür. Und was an mir liegt, soll geschehen.« Unauffällig regelte er alles Schwebende im Geschäft und ordnete seine Sachen, denn er hatte vor, unmittelbar nach der Versammlung, vielleicht noch in derselben Nacht, ohne Abschied davonzugehen, wie er es in der Bradlerbaude getan hatte und wie es die Art seines gesammelten Wesens war, aus dem das entscheidende Handeln unwiderstehlich wie ein Feuer hervorbrach. Lotte beobachtete mit Beklemmung seine geladene Ruhe und zuckte oft innerlich zusammen, wenn sie von seinem spürenden Blick getroffen wurde. Was soll bloß werden? fragte sie sich oft im stillen und bebte vor dem, was bevorstand, in einer Furcht, die sie nicht abzuschütteln vermochte, weil dieses Zittern, das nun und nun ihren Körper wie ein heimlicher, kalter Fieberschauer überfiel, aus der süßesten Sucht des Weibes nach völliger Hingabe stammte. Bis zu dieser unerträglichen Spannung hatte sich das Leben in dem Wennrichschen Hause auf der Feldgasse an dem Tage der Versammlung verknäult. Die drei Personen standen von dem Abendbrot auf, das gedrückt, fast wortlos, verlaufen war, in einer fahrigen Stille, die nur manchmal von einem herausfordernd übermutigen Ausruf Maechlers unterbrochen wurde, den der alte Gerber mit einem frommen Spruch bekräftigte. Lotte und ihr Vater traten mit dem Davongehenden in den Flur. Dort richtete sich Maechler auf und sagte nach einem schneidenden Auflachen: »So, nun sind wir soweit! Leben Sie wohl! Das ist das letzte, was noch zu tun ist. Dann ist hoffentlich Schluß. Jawohl, Meister, Schluß mit allem. Und vielleicht, Fräulein Lotte, geht es Ihnen dann auch besser.« »Gott mit Ihnen, lieber Maechler«, rief der erschütterte Meister, der den Sinn der Worte des Entschlossenen nicht verstand, und preßte kräftig seine Hand. Lotte lächelte gezwungen und sah ihn, mechanisch mit dem Kopfe nickend, ratlos an. Wennrich eilte in die Schlafstube und riegelte sich zum Gebet ein. Als der Gesell noch einmal zurückkehrte, um etwas Vergessenes aus seiner Kammer zu holen, sah er Lotte noch an derselben Stelle stehen und versunken auf den Boden starren, wo sie etwas, was nicht zu sehen war, immerfort mit dem Fuß zur Seite schob. Bei seinem unvermuteten Wiedereintritt fuhr sie erschrocken auf, floh in die Lederausschnittstube, deren Tür sie hinter sich halb offen ließ und stöhnte laut auf. Maechler sprang sofort von den ersten Stufen der Treppe zurück und trat mit der erschrockenen Frage auf die Schwelle: »Was ist Ihnen denn, Fräulein Lotte?« »Maechler!« schrie das Mädchen gequält auf, wurde kalkweiß, schloß die Augen und mußte sich krampfhaft am Tisch festhalten, um nicht wankend gegen Maechler hin zu Boden zu fallen. Jetzt war der Augenblick gekommen, da er das stolze überwundene Mädchen sich hätte an die Brust reißen können. Aber er sah nicht das aufgeangelte Tor der Liebe, sondern war von der nahen Ohnmacht des schönen Mädchens so erschüttert, daß er, in Bereitschaft, die Sinkende aufzufangen, stotternd und in großer Angst nur wieder fragte: »Gott, Fräulein Lotte, was hat's denn?« Aber da hatte sich das Mädchen schon wieder gefaßt, lachte gell auf und führte bei geschlossenen Augen einen Fauststoß gegen Maechler hin in die Luft. Dann sagte sie schneidend, mit Verachtung: »Nein! Sie haben recht. Gehen Sie fort von hier. Machen Sie Schluß.« Maechler hörte aus ihrer Stimme nicht den Schrei gekränkter Inbrunst, sondern nur den wilden Zorn ihrer Demütigung. »Ja, ja. Ich weiß das schon lange«, sagte er dumpf. Dann ging er aus dem Hause, denn es war die höchste Zeit. 14 Die Hitze, die seit zwei Wochen das Rehberger Tal ausgedörrt hatte, war zu einer unerträglichen, drohenden Schwüle angewachsen. Die Gassen Wilkaus wurden von ihr mit einer Glut angefüllt, die in dem dumpfen Licht der dunstig untergehenden Sonne flimmerte und kaum zu atmen war. Auf den Dächern lag sie wie eine Last. Das Riesengebirge stand fast schwarz und reckte seine Gipfel wie in verbissener Wucht in die regungslose Luft. Die Schneekoppe schien in ihr zu zittern und hinter dem Kamm schob sich eine mächtige Wand, die schwefelgelb kochte, in den schiefergrauen Himmel, der sich vor Erschöpfung kaum mehr in der Höhe erhalten konnte. Leute standen in unruhigen Gruppen vor den Häusern und sprachen lebhaft und sorgenvoll gestikulierend aufeinander ein. Da und dort rief man Maechler zu, lieber wieder nach Hause zu gehen, denn heute gebe es ein ordentliches Wetter. Aber die Stimmen, die ihn trafen, waren gespenstisch klanglos, wie ausgesogen, so daß er kaum verstand, was ihm zugerufen wurde. Mit erzwungenem Lächeln winkte er ab, achtete kaum auf etwas anderes und eilte weiter, immerfort klangen die zornbebenden Worte Lottes in ihm: Machen Sie Schluß! Das wollte er schon machen. Allein, aus sich selber sollte das kommen, jetzt, gleich; aber ordentlich, daß es die Wilkauer nicht vergessen würden. Als er über den Schloßplatz ging, schlug es von den beiden Kirchtürmen die achte Stunde. Die Töne klangen undeutlich, als würden sie mit Klöpfeln von Watte aus den Glocken gehämmert. Dieser Klang der Türme, der auch von weitem her, gleichsam aus einer außerweltlichen Gespensterstube zu kommen schien, machte Maechler unsicher, daß er nicht sofort in den Saal hinaufging, sondern nicht weit von dem Eingang zum Braunen Hirschen stehenblieb, weil es ihm plötzlich zwingend war, daß er jemand erwarten müsse, wen, wußte er nicht. Da fiel ihm ein. Als er vorhin am Hotel Preußische Krone vorüberging, war es ihm doch gewesen, als klopfe jemand an die Scheiben, und als er hinübersah, erschien ein großes, blauangelaufenes Männergesicht und nickte ihm zu. Das war doch das Gesicht des Kreisbaumeisters Mulvert gewesen, mit dem er einst bei dem Gemeindevorsteher Schlicker in der Straßenbauangelegenheit zusammengetroffen war. Allein, da er jetzt, unruhig auf- und abgehend, sich das Gesicht vorstellte, das hinter der Fensterscheibe des Hotels nach ihm hingesehen hatte, glaubte er sich zu erinnern, daß dies gar nicht Mulvert gewesen sein konnte, obwohl bekannt war, daß der Kreisbaumeister alle seine auswärtigen Geschäfte mit einer ordentlichen Ladung Rotwein einzuleiten pflegte. Nein, dieses blauüberlaufene Gesicht hatte die Züge Wennrichs getragen, und ehe es sich wieder vom Fenster in die Stube zurückgezogen hatte, war es totenähnlich erstarrt. Gerade, als in Maechler die Erwägung aufstieg, der Sicherheit halber schnell noch einmal auf die Feldgasse zu laufen und nach dem Rechten zu sehen, wurde über ihm im Braunen Hirschen ein Fenster geöffnet, und Schlickers verquollene Stimme rief dringend seinen Namen. Zögernd stieg Maechler die alte, gewundene Holztreppe hinauf. In dem schon ziemlich abgedunkelten Saale saßen höchstens dreißig bis vierzig Männer mit gesenkten Köpfen ganz still und hörten auf den Gemeindevorsteher Schlicker, der den Fenstern gegenüber an der Hinterwand saß und beim Licht von zwei Kerzen mit seiner fetten, undeutlichen Stimme die Verfügung der Kreisverwaltung vorlas. Maechler war leise eingetreten. Trotzdem unterbrach sich Schlicker und winkte den Gerber energisch in seine Nähe. Beim Hinzutreten sah Maechler auf einem der letzten Stühle, nahe an der Tür, abgesondert von allen, den Schlosser Neefe sitzen. Also doch, fuhr es Maechler durch den Kopf, aber ohne jeden Groll. Beim vorübergehen hob Neefe, der wie ein umgefallenes Fuder auf dem Stuhl saß, den Kopf zu ihm empor, daß sein Gesicht deutlich Zu sehen war, das in den vier Wochen eine erschrecklich« Wandlung durchgemacht hatte. Nichts mehr von der alten triumphierenden, strotzenden Brutalität war in ihm vorhanden. Die Backen hingen in gelben schwammigen Säcken, die sonst so eiligen schwarzen Marderaugen schauten müde und furchtsam zu ihm auf, und nur um den Mund lagen noch die Züge des alten Hämlings, als er die kippen zu einem lautlosen, freundlichen Gruß auseinanderzog. Dann saß Maechler in der ersten Reihe, nicht weit von dem Tisch Schlickers, der mit der Verlesung des amtlichen Schriftstückes ans Ende gekommen war, unentschlossen am Tintenfaß und Federhalter rückte, ein paarmal sehnsüchtig in den Saal schaute und dann fragend in Maechlers Gesicht blickte. Dieser nickte unauffällig, aber energisch mit dem Kopfe. Da erhob sich der feiste, träge Mann schwerfällig und begann: »Liebe Mitbürger von Wilkau! Sie haben den Wortlaut der Verfügung der hochwohllöblichen Kreisverwaltung, die ich eben vorzulesen, hm, hm ... na, es war eben, hm, hm, für mich eine Ehre. Damit ist der erste Punkt der Tagesordnung sozusagen, hm, hm, fertig oder erledigt, wie man zu sprechen pflegt. Wir kommen zum zweiten Punkt. Herr Kreisbaumeister Mulvert wollte den Standpunkt, den Korpus, sozusagen, die Gründe der hochwohllöblichen Behörde richtigstellen, das heißt, hm, hm, nun Sie verstehen ja, was ich meine. Leider ist er nicht erschienen. Das Wetter hat ihn wohl abgehalten. Denn, wer weiß es? Die Hitze verheißt nichts Gutes.« Hier unterbrach sich der Redner und lüftete seinen Kragen am schwitzenden Halse. »Ich glaube, wir öffnen ein Fenster da hinten«, rief er prustend, und als das unter Zustimmung aller geschehen war, begann er in einem stolpernden Durcheinander an Stelle Mulverts von allen Gründen zu sprechen, die ihm einst durch den Kreisbaumeister für die neue Straßenführung dargelegt worden waren. Es war ein einschläferndes und auch aufreizendes Gebrummel, aus dem mit erhobener Stimme immer wieder »die hochwohllöbliche Kreisverwaltung« und einige Male »der gnädige Herr Graf« auftauchte. »Richtig« ertönte es aus der Versammlung, da und dort lachte es auf. Aber nie war die Stimme Neefes darunter. Offenbar achtete keiner auf das, was sich Schlicker abquälte. Alle wehrten sich nur gegen die Schwüle, die durch die Fenster hereindrang. In der Ferne ertönte ein dumpfes Rollen. Es begann in den Baumkronen des gegenüberliegenden Badeparkes schneidend zu pfeifen. Der Gemeindevorsteher beendete schnell seine Wortwurstelei, ermahnte die Versammlung zur Ruhe und erteilte dem Vertreter des Grafen Schilling das Wort. Neben Maechler sprang ein jugendlicher, sehniger Mann auf und begann mit lauter, herausfordernder Stimme loszuschnarren, von gewichtigen, schwerwiegenden Bedenken, ruhig-sachlichen Erwägungen und schloß mit der Lobeshymne auf die Einsicht und wahrhaft väterliche Fürsorge des Grafen, der zwar unter Widerstreben, aber ohne Bitterkeit mit dem Bau der neuen Straße einverstanden sei. Während er sprach, wuchs das unheimliche Rollen draußen an. Es sauste wie von tausend geschwungenen Sensen in der Luft, so daß der Redner seine Stimme oft schneidend erhöhen mußte, um sich verständlich zu machen. Als er geendet hatte, war der sich heranwälzende Wetterlärm plötzlich wie abgeschnitten, und eine merkwürdige Stille trat ein. Nicht die drohende, atembeklemmende Ruhe wälzte sich auf alle, die dem Losbruch immer vorauszugehen pflegt, nein, ein sanftes friedevolles Entschlummertsein der ganzen Welt schnitt mit eins das Brausen ab, als habe ein unheimlicher, lautloser Riesenhieb die Wetterbestie vor dem Aufsprung niedergestreckt. Alles atmete befreit auf. In dieser Stille erhob sich Maechler, aus dem auch alle Unruhe geschwunden war, alle geheime, bittere Spannung des Herzens, aller Widerwille, alles zornige Aufbäumen. Mit einfachen Worten stellte er sich als Vertreter seines Meisters vor und bat um gütige Nachsicht. Er sprach von dem Nutzen des Kampfes, der, mit Wohldenken und ohne Arglist geführt, notwendig sei zum Gedeihen jeder Gemeinschaft. Das Beil brauche man zum Holzspalten, aber nicht zum Schädeleinschlagen; die Füße zum Gehen, nicht zum Stoßen und Treten des anderen. Viel Schreien sei nicht viel Recht haben, und die bloß immer sich selbst und den eigenen Vorteil meinten, sollten bedenken, daß sie den närrischen Menschen glichen, die in laufende Schränke hineinarbeiten. Sie müßten höllisch aufpassen und könntens doch nicht verhindern, daß ihre Schränke eines Nachts sich mit allen ergatterten Kleidern in des anderen Haus davonstehlen. Und während so einer am anderen Morgen im Hemd oder gar nackt vor der Tür säße und verzweifelt nach dem Besitz ausschaue, gehe der Nachbar in dem Sonntagsstaat vorüber, der gestern noch sein war, grüßt nicht einmal und verschwindet stolz und gebläht. Geld sei nicht Geltung, Schreien kein Ruhm und Verleumdung keine Ehre. »Mein verehrter Meister hat sich den Frieden errungen und wünscht allen Wilkauern Frieden, und ich, sein Gesell, tu von ganzem Herzen das Gleiche.« So endete Maechler, hoch und ruhig im tiefen Dunkel stehend, die Worte, die wider Willen zu einem ergreifenden Ausbruch seines erkämpften Lebensglaubens geworden waren, daß nach dem Verklingen seiner Stimme ein lautloses Schweigen in dem verfinsterten Saale herrschte. In dieser Stille schrie plötzlich der Schlosser Neefe schmerzlichgemartert auf, nicht wie ein Mensch, eher wie ein Tier, das den Todesstoß erhalten hat, sprang vom Stuhl in die Höh, stürzte aus dem Saal und lief polternd die Treppe hinunter. Und als seien die beruhigten Furien der Natur draußen von den jäh erwachten Furien der Reue dieses verwilderten Männerherzens aufs neue aufgepeitscht worden, brach jetzt das Wetter mit einem Blitz, der den Saal in grelle Lohe tauchte, und einem Donnerkrachen los, als reiße die ganze Welt auseinander. Der Sturm drückte die Fenster der anderen wand ein. Die Lichter löschten aus. Es jagte, plärrte und pfiff durch das Brausen der Wassermassen, die vom Himmel stürzten, als solle die Erde ersäuft werden. Im Nu war der Saal geleert. Die Männer stoben durch die Finsternis in allen Richtungen auseinander. Maechler sprang mit den letzten auf die Straße. Im Schein der Blitze, die schnell wie die Schwerthiebe wahnsinnig gewordener Fechter die Nacht durchschnitten, sah er, daß das Wasser schon knöcheltief übers Pflaster lief, vom Gebirge her rollten die Donner wie eine dauernde, nie absetzende Kanonade. Er rannte in langen Sätzen den Schloßplatz hinunter, daß das Wasser um ihn aufspritzte. Als er in die Nähe des Hotels »Preußische Krone« gekommen war, wurde die Tür aufgerissen, und der Kreisbaumeister Mulvert sprang als Anführer einiger Männer torkelnd auf die Straße. Beim Anblick Maechlers, den er natürlich nicht erkennen konnte, weil er wie ein Schattenwisch vorüberjagte, schrie er wie ein Berserker: »Sie, heda, zu den Brücken!« »Nein, ich muß auf die Feldgasse!« rief Maechler durch das Toben zurück und verschwand zischend und klatschend in der Rehberger Straße. Als er in die Feldgasse einbog, fackelte ein besonders greller Blitz auf. In seinem Schein sah er am anderen Ende der Gasse einen unförmlichen Mann, den Kopf in die Schultern gezogen, ruhig und versunken wie ein grübelnder, schweigender Mönch, daherkommen. Das war niemand anders als der Schlosser Neefe. Warum schlich er in diesem Teufelswetter hier herum? Maechler sprang, daß das Wasser um ihn sauste, und erreichte vor ihm den Eingang zu dem Wennrichschen Hause. Er schlug das Gartenpförtchen hinter sich zu und wartete unter dem Giebelvorbau, langsam, als trüge er eine Riesenlast, kam der Schlosser heran, blieb vor dem Pförtchen ratlos stehen, schaute die Giebelwand hinauf und begann dann mit der Faust seine Brust zu bearbeiten. Dabei sprach er stöhnend wie ein Stoßgebet immerzu: »Wennrich, verzeih mir, verzeih mir alles.« Dann ermannte er sich und ging weiter. Maechler trat mit dem Vorsatz ins Haus, dem Meister von dem eben Vorgefallenen nichts zu sagen, weil das Wasser nur so von ihm lief, blieb er auf der Schwelle der Wohnküche stehen und rief lachend: »Guten Abend! Was? Eine schöne Bescherung.« Wennrich saß am Tisch und las aus einem Gebetbuch. Bei Maechlers Erscheinen fuhr er auf und kam mit dem erleichterten Ausruf: »Gott sei Dank, Maechler, daß Sie da sind«, auf ihn zu. Er hatte die bis über die Knie reichenden Gerberstiefeln an. Eine dicke Mütze und eine alte Flauschjacke lagen neben einer brennenden Laterne auf einem anderen Stuhle. Der Gesell sah den Meister zum Kampf gegen das Wetter gerüstet und sagte: »Wie ich sehe, trauen Sie der Geschichte nicht.« »Trauen, mein Lieber! Haha, da kennen Sie das kleine Heidewasser schlecht! Vor zehn Jahren hat es mir die Ufermauer eingerissen, und da war das Unwetter halb so schlimm wie heute. Es kann sein, daß wir uns um die Tonnen drüben, auf dem Werkplatz, kümmern müssen. Das beste...« Da krachte ein neuer, ohrenbetäubender Donner, daß das ganze Haus klirrte, und riß Wennrich das Wort vom Munde. Er bekreuzigte sich und murmelte: »Gott sei uns gnädig.« Dann wandte er sich eilig um, und indem er nach Jacke und Mütze griff, rief er Maechler zu, auch schnell die Stiefel anzuziehen, sich wenigstens mit einer anderen Jacke zu bekleiden und die beiden Haken bereitzustellen. Seine Worte wurden im Sprechen immer überstürzter. Er fand vor Aufregung nicht in die Ärmel, und Lotte, die bisher zusammengesunken, schweigend auf der Herdbank gesessen hatte, sprang herzu. Ihr Gesicht war bleich und todernst. »Nein, du gehst nicht hinaus, Vater«, sagte sie drohend, und strengte sich an, ihm die Jacke mit Gewalt zu entwinden. Maechler unterstützte Lotte in ihrer Befürchtung, das Wetter könne Wennrich übel mitspielen. Aber da wurde der Alte geradezu wütend. »Bin ich denn krank oder ein Narr?« rief er. »Laßt mich! Weg Lotte! Schnell Maechler! Hört Ihr nicht? Das Hochwasser kommt. Schnell! Es reißt mir die Häute weg.« Es war nicht gegen ihn aufzukommen. Maechler sprang davon, um sich fertigzumachen. Als er in wenigen Augenblicken in Langschäftern und einer alten Jacke mit den beiden Haken in der Hand wieder erschien, stand Wennrich fix und fertig in höchster Ungeduld auf dem Flur. »Los!« kommandierte er. »Wir reißen die Häute auf die Straße herüber an den Zaun. Bis dahin kommt das Wasser sicher nicht.« Lotte stand regungslos, starr, aufrecht, wie eine Steinfigur auf der Schwelle der offenen Stubentür. Auch ihr Gesicht schien wie versteinert in regungsloser Melancholie, und ihre Arme hingen wie leblos. Maechler stahl sich mit einem erschrockenen Blick zu der Regungslosen hinüber. Nur dies letzte Mal will ich euch noch helfen, dann geh ich davon, daß du von mir erlöst bist, sann er und trat hinter dem Alten ins Wetter hinaus. »Vater, komm zurück!« hörte er Lotte in den hereinschlagenden Lärm ein letztes Mal rufen. Dann riß Maechler gegen den andringenden Sturm und peitschenden Regen die Tür gewaltsam hinter sich zu. Unter dem Giebelvorsprung hielt Wennrich einen Augenblick an und sah sich prüfend um. Der Donner hatte aufgehört. Mit eins war auch der Sturm wie abgeschnitten aus der Luft gefallen. Nur der Regen raste wie das Schwirren eherner Tropfen in dämonischer Ruhe weiter, und von fern wälzte sich ein knirschendes Rollen heran, als habe sich der Donner der Luft an der Erde festgekrallt und fresse sich unaufhaltsam weiter. »Das Gepolter der Wassersteine! Hören Sie's, Maechler? Das Hochwasser bricht aus dem Gebirge. In einer Viertelstunde ist's da. Schnell hinüber«, rief Wennrich und sprang über die Stufen hinunter durch das Vorgärtchen davon. Maechler, mit den Haken in der Hand, folgte ihm im Schein der Laterne auf dem Fuße, verfing sich aber mit den Stangen in den Staketen des Pförtchens. Als er sich zurückdrehte, um sie loszureißen, sah er nicht weit eine Gestalt regungslos wie eine Bildsäule am Zaun lehnen. Es war der Schlosser Neefe. »Donnerwetter, was soll das sein?« schrie Maechler unwillig, brach die Stange aus der Verklemmung und sprang Wennrich nach, der die Laterne an eine Trockenstange gehängt hatte und schon ächzend an dem verquollenen Deckel einer Tonne arbeitete. Der Werkplatz war schon wadentief mit Wasser gefüllt. Das Heidewasser brauste, zu einem rasenden Flußtier angeschwollen, vorbei und knallte bald mit Felsbrocken, bald mit Baumstämmen gegen die Ufermauer, daß die Erde bebte. Droben auf der Sandbrücke rannten Männer, Säcke über den Kopf gezogen, im Schein von Fackeln, schwer arbeitend nach dem Kommando Mulverts auf und zu, dessen Stimme, nun nüchtern geworden, manchmal das Toben überschrie. Die mitgeführten Holzstämme hatten sich dort verkeilt, und die Brücke begann schon zu knirschen und zu wippen. Wennrich und Maechler hatten den Deckel der einen Tonne aufgebrochen und zogen mit den Haken unter Aufbietung aller Kräfte die halbgaren Häute heraus, die Maechler laufend über die Straße an den Zaun trug, Wennrich arbeitete, daß sein Atem pfiff und keuchte. Er taumelte schon manchmal und angelte mit dem Haken unsicher herum. Maechler gewahrte das und verlangte, er solle ins Haus gehen und ihm die Arbeit allein überlassen, stieß aber auf den hartnäckigsten Widerstand. Als er wieder daran war, mit einer Häutelast davonzugehen, gab er ihm auf, während seiner Abwesenheit nicht weiterzuarbeiten. Schwerbeladen schritt er durchs Wasser über die Straße. Als er an den Zaun kam, sah er, daß Neefe nicht mehr dort lehnte. Nichts Gutes ahnend, warf er die Felle hin und eilte zurück. Da traf er Wennrich, der entkräftet zusammengebrochen war, und der Schlosser bemühte sich, ihn unter lauten Beteuerungen, Bitten und Verwünschungen aufzureißen, daß es Maechler eher schien, der Wahnsinnige wolle sich an seinem alten Todfeind vergreifen. »Gehen Sie weg! Was wollen Sie?« schrie Maechler empört, packte und riß den schweren Mann herauf. Da brach droben die Sandbrücke zusammen, und die Flut wälzte die ungeheure Last der Balken, Stämme und Steine heran. Maechler gab Neefe, der sich nun mit einem Fluch auf ihn stürzen wollte, einen Stoß vor die Brust, daß er gegen die Ufermauer taumelte, raffte seinen Meister vom Boden auf rettete ihn vor der nahenden Vernichtung. Als er sich am Gartenpförtchen umdrehte, hatte der Trümmerberg, der alles krachend niederbrach, was sich ihm in den Weg stellte, den Wennrichschen Werkplatz erreicht. Die Ufermauer stürzte unter seinem Anprall zusammen und riß Neefe mit hinunter in die Flut, die ihn malmend verschlang. Maechler ging, von dem Gericht bis in die letzte Fiber erschüttert, weiter. Als er mit Wennrich, der regungslos in seinen Armen lag, vorsichtig den Flur betrat – er hatte sich mit einem Finger die Haustür aufgeklinkt –, stand Lotte noch starr, aufrecht, blaß, ein Steinbild, auf der Schwelle der offenen Stubentür, als habe sie sich die ganze Zelt über nicht gerührt. Beim Anblick ihres verunglückten Vaters sagte sie dumpf: »Ich hab's geahnt« und wurde von einem Taumel gepackt, daß sie sich an den Türpfosten lehnen mußte, um nicht niederzusinken. Doch sie riß sich zusammen, schloß schnell die Haustür und half Wennrich in das Schlafzimmer tragen. »Ist er tot?« fragte sie unterwegs. »O nein, er hat ja die Augen offen«, antwortete Maechler, »aber der Schlosser Neefe ist im Heidewasser umgekommen.« »Was nutzt das«, sagte sie bitter. Bald lag Wennrich entkleidet im Bett, wohl starr wie ein Toter, aber doch schlug sein Herz, das Gesicht blau überlaufen, wie es Maechler hinter dem Hotelfenster erschienen war, die Augen weit geöffnet, in fieberischem Glanz auf etwas gerichtet, das außerhalb der Welt lag, entsetzt und verwundert; der Mund in Gram und Grauen fest geschlossen. Maechler rieb den nassen, kalten Leib ab. Lotte machte Wärmflaschen zurecht und legte sie um den Kranken, den alles das dieser starren, grauenvollen Entrücktheit nicht entreißen konnte. Sie rief seinen Namen, streichelte sein Gesicht, rüttelte an ihm. Er sah, hörte und fühlte nichts, trotzdem er atmete und lebte. Da deckte Lotte ein zweites Bett auf ihn, rückte sich einen Stuhl an sein Lager und sagte: »Nun, Herr Maechler, gehen Sie hinauf. Sie sind naß. Ich wache hier, und wenn es notwendig ist, werde ich rufen. Haben Sie vielen Dank.« »Herr Maechler?« fragte der Gesell erstaunt. »Ja«, antwortete Lotte einfach, »und nun gehen Sie hinauf, bitte.« Nicht einmal der nahe Tod vermochte den Stolz dieses unheimlichen Mädchens zu überwinden. Maechler drückte sich leise zur Tür hinaus und leuchtete droben jeden Winkel seines Schlafraumes ab, als wimmle sie von Spuk wie das ganze Haus. Er öffnete den Schrank, sah unters Bett, griff in sein Felleisen, zog jeden Schub aus der Kommode und fand in Bestätigung seiner Beklemmung im Schloß des oberen Schubes den Schlüssel stecken, den er doch vor zwei Jahren zum Fenster hinausgeworfen hatte. Seine Nerven bebten vor Überreizung, so daß er den Schub nicht herausziehen mochte, um sich nicht vollkommen dieser Hexenweise auszuliefern. Er zog sich eilig um und setzte sich wartend aufs Bett. Im nächsten Moment stieß ihn der Schlaf um und löschte ihn aus. Als er erwachte, plierte das erste Morgengrauen durch das kleine Fenster. Lotte stand mit einem Licht vor seinem Bett und sagte: »Verzeihen Sie! Der Vater verlangt nach Ihnen. Es geht mit ihm zu Ende.« Aufrecht ging sie vor Maechler her, der sofort überwach war. Auf dem Flur begegneten sie einem jungen Kaplan und dem Küster, die eben im Begriff waren, das Haus zu verlassen. Der Geistliche sprach Lotte mit herzlicher Güte noch einmal Trost zu und verabschiedete sich von Maechler mit einem Neigen des Hauptes. In der Wohnküche saßen leise schluchzend die beiden Schwestern Niedenführ. Wennrich lehnte in vielen Kissen halbaufrecht im Bett. Als Maechler und Lotte eintraten, öffneten sich die Augen seines fahlen, todverfallenen Gesichtes, über das ein glückhaftes, friedevolles Glänzen ging. Das Folgende sprach er leise, wohl mit großer Anstrengung und oft unterbrochen, aber klar. »Lieber Maechler, komm her. Ich kann nicht mehr Sie sagen. Ich habe dir viel zu danken. Gott wird dir alles lohnen. Meine Ehre war ausgebrannter Zunder ... mein Geschäft ein Moderhaufen ... trotz meiner lieben, lieben Lotte ... ach, was hast du gelitten ... ach – ach – aber Gott hat mich gesegnet – dich hat er mir geschickt ... dich, Maechler ... und den Neefe hat er umgewandelt ... den Neefe ... Gott, verzeih mir allen Zorn ... alle Rachsucht ... Ich muß fort ... ich spür's ... Lieber Maechler, verlaß mein Geschäft nicht ... das bitte ich dich inständig ...« Da gingen dem Sterbenden die Sinne aus. Aber durch sein Gesicht arbeitete ein verzweifeltes Ringen, und er griff ängstlich in die Kissen, als suche er einen Halt, sich noch einmal aufzurichten. Lotte sank vor dem Bett in die Knie, und auch Maechler zwang es zu Boden. Da schlug Wennrich noch einmal die Augen auf, die sich schon zu umschleiern begannen. Er sah die beiden Knienden und wurde überirdisch selig ... »Gott, warum quält ihr euch ... gebt euch die Hände... liebt euch ... Kinder ... Lotte ... du ...« Da rasselte der Tod in Wennrichs Kehle. Das Mädchen schrie auf und sank, gegen Maechler hinfallend, in Ohnmacht. Der Gesell hob Lotte auf und legte sie den herbeigeeilten Schwestern Niedenführ in die Arme. Dann bekreuzte er den Gestorbenen und drückte ihm die Augen zu. Dritter Teil 15 Der wilde Wettereinbruch, der über den Rehberger Kessel niedergegangen war, hatte das Land schwerer, verderblicher getroffen als alle früheren Verwüstungen, die seit unvordenklichen Zeiten, wie eine feststehende Schicksalsentladung, ungefähr jedes Jahrzehnt, diese Gegend heimsuchten. Das war kein Ungewitter, das war ein höllisches Rasen gewesen. Alle Teufel der Luft schienen sich verbündet zu haben, dem südlichen Teile des Kreises den Untergang zu bereiten. Durch den Sturm war der Hochwald zwischen der Tumpsa-Hütte und der Bösen Pfütze hoch im Gebirge richtig umgerodet worden, und nach diesem Toben hatten sich die Wettermassen, als stürze ein großer See aus dem Himmel, auf die Erde ergossen, daß jedes Tropfenfädlein zu einer Springflut, jeder Bach zum donnernden Fluß, und das Heidewasser, in dem sich all diese Flutenwildnis gesammelt hatte, zu einem verheerenden Wogenuntier geworden war. Am schlimmsten hatte das Wetter in Grandorf gehaust. Ganze Gehöfte waren verschwunden, Häuser mitten durchgerissen, die Felder weithin verschlammt, die Gärten in Steinhalden verwandelt. Ja, von dem Vernichtungstumult angefeuert, waren hundertzentnerschwere Felsblöcke, aus ihrer weltalten Lethargie aufgerüttelt, in ein bacchantisches Sintfluttanzen gekommen und hatten sich beim Dranggesang der Flut hüpfend zu Tal gewälzt. Wilkau war wohl auch arg mitgenommen worden, da und dort ein Haus eingestürzt, Ufer unterwaschen und fortgespült, Gärten in der Flut verschwunden, Brücken und Stege davongetragen; aber weil der Zacken, der breitere Fluß, mit seinem Zulaufgeflecht nicht im Gebiet des Wolkenbruches gelegen hatte, war der größte Teil dieser dörflichen Stadt von der Katastrophe verschont geblieben. In Grandorf lagen acht Leichen in der Kirche, die blau angelaufenen Gesichter mit branntweingetränkten Leinentüchern bedeckt. In Wilkau hatte das Wasser, außer dem Schlosser Neefe, kein Menschenopfer gefordert. Aber seine Leiche war nicht aufzufinden. In Unterscherichsdorf fischte man nach Tagen einen abgerissenen Männerarm aus einer Uferhöhle und scharrte ihn in den dortigen Friedhof ein. Die Witwe des Umgekommenen saß wie entgeistert in ihrer Küche, noch mehr zusammengeschrumpft, noch schiefer, noch weltverscheuchter. Als man ihr die Nachricht von dem aufgefundenen Männerarm überbrachte und in sie drang, sich durch Augenschein zu überzeugen, ob es nicht doch das Glied ihres Mannes sei, schüttelte sie erst stumm den Kopf und sah die Sprecher lange aus großen tränenlosen Augen an, deren Verzweiflung auch etwas wie kalter Triumph enthielt. Dann, nach einer unheimlichen Versunkenheit schüttelte sie den Kopf und antwortete gegen die Diele hin: »Nein, nein! Was soll ich mich einmischen? Gott hat ihn genommen. Da wird es wohl recht sein.« Die Leute waren erschüttert von der Härte ihres Herzens, erinnerten sich aber der lebenslangen Demütigung und Unterjochung, die sie von ihrem Manne erduldet hatte, und als sie erfuhren, daß der Schlosser sich noch an dem todgeweihten Wennrich vergriffen hatte, erblickten die meisten in dem grauenvollen Ende Neefes die gerechte Richterhand Gottes, der seinen Körper in der donnernden Steinhöhle der Unwetterflut so zerrieben hatte, wie von ihm selbst bei Lebzeiten unendlich viel Verwüstung in die Welt getragen worden war. Und weil ein großes allgemeines Ungemach den Scheelsuchtspanzer um die Menschenherzen aufreißt, wurde ganz Wilkau von dem schmerzlich-schönen Ende des Gerbers Wennrich ergriffen, der unschuldig den Fluch seines Todfeindes gebüßt hatte, ohne je die Hand zur Wiedervergeltung zu erheben, trotzdem sein Herz so unbändig immer nach Rache verlangt hatte. Ja, gerade diese Empörung seines Innern, gegen die er nie zu ringen aufgehört hatte, hob das Bild des so lange vereinsamten Mannes fast in die Höhe eines Märtyrers christlicher Liebe, und die schrankenlose Rechtfertigung, nach der der Schrei seines Herzens jahrelang verlangt hatte, wurde ihm nach dem Tode wohl zu spät, aber desto reicher zuteil, daß sein Begräbnis fast einem Triumphzuge glich. Ganz Wilkau war auf den Beinen. Die Hacken und Schaufeln bei den Aufräumungsarbeiten ruhten, die Stuben der Handwerker leerten sich für ein paar Stunden, in den Geschäften war es eine Zeitlang still, die vielen Ackerbürger zogen ihr Vieh nicht aus dem Stall, und selbst aus den umliegenden Dörfern eilten viele herbei, um dem so lange verkannten, ehrverschütteten Meister das letzte Geleit zu geben. Aller Streit und Aufruhr schien verschwunden, denn das Ahnen vereinigte und erfaßte alle, daß in der Teilnahme an dem Ende dieses unscheinbaren, stets lauteren Mannes Zeugnis abgelegt werde für den Glauben an den hohen Wert eines reinen Herzens, eines untadeligen Wesens und schuldlosen Dulders. Kaum einer von den Hunderten, die drei Tage nach dem Ableben Wennrichs die neue Feldgasse zum Erdrücken füllten, war ganz frei von dem Giftlein, einem hämischen Gedanken oder einem verdächtigenden Zunderwort gegen den Entseelten, und fühlte sich gedrängt, sein heimliches oder offenes Anrecht wieder gutzumachen. Die Höhe schimmerte, von keinem Wölkchen versehrt, wie blaue Seide. Die reine Luft bebte in leisem Wind, die Bäume bewegten wie glückvoll ihre Kronen, das Heidewasser trudelte wieder versonnenen Lautes seine geruhigen Wellen in dem zerwühlten Bett: Als habe sich auch Himmel und Erde vereinigt, den letzten Gang des so lange schwer und dunkel Umdrängten mit Licht und Schönheit zu segnen. Maechler hatte ein einfaches Begräbnis bestellt und erschrak ebenso wie Lotte, als er den katholischen Pfarrer Kelvel im großen Ornat zwischen den beiden Kaplänen ins Haus treten sah, denn er wußte nicht, daß Graf Schilling diese Feier auf seine Kosten verlangt hatte. Die Singschule und der ganze Kirchenchor waren erschienen, und durch das stille Haus auf der Feldgasse brauste der volle, ehrwürdige Trauerpomp, als handele es sich um die Ehrung eines großen Herrn, nicht um den Tod eines kleinen Gerbers. Lotte, die keine Verwandten hatte, ging zwischen den beiden Schwestern Niedenführ hinter dem Sarge, blaß, gebeugt, aber nicht gebrochen, noch im Schmerz anmutig, noch in der Trauer aufrecht. Allgemein hatte man erwartet, daß Maechler das erstemal an ihrer Seite erscheinen werde, weil er von dem Sterbenden als Schwiegersohn bezeichnet worden war. Aber der Gesell wie Lotte hatten, ohne sich erst mit den Augen zu fragen, diesem Drängen kein Gehör geliehen. Und so schritt Maechler, wenn auch in der ersten Reihe, unter den Männern hoch und ernst hinter der Leiche, an seiner rechten Seite der dämmerig-feiste Gemeindevorsteher Schlicker, an seiner linken der erste Schöffe. Als der Trauerzug in den Schloßplatz einbog, fiel in das volle Geläut der katholischen Glocken das Gedröhn vom Turme der evangelischen Kirche, und aus dem Tor des Schlosses fuhr der Wagen des Grafen, der mit seiner Gemahlin sich dem Trauerzug anschloß. Auf dem Kirchhof hub dann der Pfarrer Kelvel zu einer gewaltigen Rede an. Er war ein Eiferer und großer Dröhner, und die unerhörte Anmaßung entzündete das Feuer seiner Rechtgläubigkeit zu Flammen, daß die Ketzerglocken der evangelischen Kirche es gewagt hatten, sich mit dem Trauergeläut des alleinseligmachenden Glaubens zu vermischen. Aber zwischen den Gräbern sah er so viele Angehörige der lutherischen Aberchristen stehen, daß er nur in der Einleitung einige Redewendungen von dem einzig wahren Weg des Menschen durch das »Sündengetümmel dieser Erde zu der dreimal seligenden Pforte des ewigen Jerusalem« riskierte. Diese stichelnden, minierenden Worte sprach er mit abgeschlagener Stimme, in abgezwungener Sanftmut und Güte. Dann wandte er sich der Schilderung des Lebensganges des Entschlafenen, erst der »minniglich gesegneten Liebe zu«, die mit magisch-heiliger Gewalt ihn aus dem fernen Thüringen in dieses Tal gezogen, zu dem wahren himmlischen Dienst am Leben in einer vorbildlich christ-katholischen Ehe, an der nur Böswilligkeit einen Makel habe finden können. »Aber, wen Gott lieb hat, den züchtigt er«, mit diesen, wie aus den Schauern inbrünstigen Glaubens herausgedonnerten Worten sprang der Redner in die Ausmalung der Finsternisse, mit denen die Vorsehung nach dem unerforschlichen Ratschluß Gottes das Leben des Gerbers bedrängte bis zu seinem Tode. Er nannte ihn einen zweiten Hiob und zeigte in allen Phasen die Ähnlichkeit seines Lebens mit dem Schicksale des alttestamentlichen Dulders. Er verglich ihn mit Stephanus und machte aus ihm einen Blutzeugen christlicher Liebe. Seine Halsadern schwollen an, seine Augen sprühten, sein Gesicht wurde blaß und geriet in Zuckungen. Der Fanatismus packte ihn, an dem er immer wie an einer heiligen Krankheit litt. Er blieb aber beherrscht und kraftvoll in der Bildhaftigkeit seiner Ausdrucksweise. So wurde der Kampf des Gerbers gegen sein Schicksal in seinem Munde wirklich zum Ringen des Menschen mit der Bosheit der Welt dermaßen ergreifend, ja erschütternd, daß die Hunderte, von der Gewalt dieses stürmenden Geistes erfaßt, wie gebannt waren. Lotte, die ihm gegenüberstand, hielt sich wie mit immer angehaltenem Atem aufrecht, fast gereckt. Ihr Gesicht war sehr blaß und trug für genaue Beobachter eine Falte des Unwillens über der Stirn, während die meisten Frauen und Mädchen sich der Wohltat ungehemmten Weinens überließen, flossen nur stumme Tränen über ihre Wangen, und die Schultern zuckten nur unmerklich von verhaltenem Schluchzen. Vielleicht war der Pfarrer Kelvel ergriffen von dem Kampf des Mädchens gegen ihren Schmerz und wollte auch ihr zur Erlösung in dem allgemeinen Trauermarsch verhelfen, oder er empfand Lottes Beherrschung als nicht ganz christlichen Menschenstolz. Er ließ ein Weilchen seine grauen durchdringenden Augen auf ihrer hochgewachsenen Gestalt ruhen, die in einer rätselhaften Einsamkeit an dem offenen Grabe stand und begann dann von den Helfern zu sprechen, die dem geduldigen Lebensringer von Gott zum Beistand gesandt worden seien, von Lotte, dieser starken, klugen, guten und sehr guten Tochter, die bereiten, liebenden Herzens alle Nöte des Verkannten mit auf sich genommen und überwunden habe und von dem Manne, der wie ein Sohn für seinen Vater mit all seinen Kräften eingetreten sei zum Segen des Hauses und zum Besten von ganz Wilkau. Diese Worte rüttelten wohl stärker an Lotte, überwanden sie aber nicht, sondern gruben die Falte über ihrer Nasenwurzel noch ein wenig tiefer. Maechler senkte den Kopf und verdeckte mit seiner großen Hand das etwas erschrockene Gesicht. Als Lotte das kleine Holzschäuflein aus der Hand des Pfarrers nahm, um die geweihte Erde auf den Sarg ihres Vaters zu werfen, ruckte es Maechler, einen halben unauffälligen Schritt neben sie zu treten, aber sein sichernder Blick fing einen Ausdruck ihres Auges auf, in dem Hingabe und Abweisung so verwirrend gemischt waren, daß er seine Absicht aufgab. ‹leer/› In der Nacht, die diesem Tage folgte, lag er in seiner Kammer und übersann alles, was wie ein undurchdringlicher Wirbel über ihn hergefallen war. Durch das Unwetter, das die ganze Umgebung umrodet hatte, waren auch für ihn alle Straßen verrammelt worden, die ihn vor Tagen noch aus Wilkau gelockt hatten. An Fortgehen war nun nicht mehr zu denken. Die leise, sterbensmatte Stimme des lieben Meisters verpflichtete ihn, an der Stelle zu bleiben, wohin ein unbegreifliches Geschick ihn gestellt hatte. Nein, nicht um Lottes willen wollte er ausharren. Die Mahnung des Verscheidenden an die beiden, sich zu lieben, durfte ihm nicht das Recht auf sie geben. Das lag allein bei ihrem Herzen, das sich allein nach seiner Willkür entscheiden solle. Und wenn ihr undurchsichtiges, geheimnisvolles Wesen auf einen Weg gelockt würde, der ihn nötigte, davonzugehen, so nahm er neben dem Geschmack eines wundersamen Glaubens, den ihm ihre Art geschenkt hatte, die Sicherheit mit, auch in Wilkau nicht umsonst gelebt und gewirkt zu haben. Und als Maechler in seinem Sinnen bis hierher gekommen war, hörte er ganz deutlich die Stimme Kelvels die Worte sprechen, die ihn auf dem Kirchhofe genötigt hatten, sein Gesicht mit der Hand zu bedecken: »Hier, verehrte Leidtragende, offenbart sich das rechte Christen- und Menschentum, das Beste seines Wesens und Lebens im Dienst für das Beste des anderen zu suchen.« Diesen Ausruf des Pfarrers, der niemand als ihm gegolten hatte, brachte er nicht aus den Ohren. Es erregte ihn so, daß er aus dem Bett springen und in der Kammer hin und her gehen mußte. Als alles wieder still um den merkwürdigen Gerbergesellen und nichts zu hören und zu sehen war, als das Brausen der Baumkronen in dem Gärtlein der Schwestern Niedenführ und das stille Licht aus den beiden Fenstern ihres kleinen Hauses, blieb eine stille Sicherheit, aber auch ein nicht ganz genügsamer Friede in dem Manne zurück, daß er das Fenster öffnete, um durch die Nachtluft vollkommen aus der Berückung, die er an sich kannte, in das besonnene Leben zurückgeführt zu werden. Aber die Bäume brausten eben nur schwach in dem leisen Nachtwind, und das rötliche Licht stand noch immer still und gewöhnlich hinter den Fenstern des Hauses der alten Jungfrauen. Dort saßen die beiden guten eisgrauen Wesen und beruhigten Lotte, die zu ihnen geeilt war, mit der Güte und Kraft ihrer greisen, immer aufgeschlossenen Herzen. Maechler beugte sich weit hinaus, als könne es seiner Überhörigkeit gelingen, einen Ton, vielleicht gar einen Klang der Stimme Lottes zu erlauschen, und wie er so angestrengten Ohres in die Nacht hinausspähte, fing er wirklich Laute auf, die aber nicht wie aus einem Gespräch, sondern wie leises, fernes Singreden klangen, das bald stärker einsetzte, bald vollkommen verhauchte, daß nichts als das leise Traumbrausen der Bäume und das erschöpfte Wellenspiel des Heidewassers zu vernehmen war. Vielleicht, sann Maechler, stehen die beiden Niedenführ mit Lotte noch einen Augenblick vor der Tür ihres Hauses und reden dem trauernden Mädchen vor ihrer Rückkehr in das einsame Haus Mut zu. Nein, was er da hörte, dieses leise Auf- und Abschwellen einer monotonen Singstimme rührte nicht von einem Gespräch her. Maechler schloß das Fensterchen, zog sich schnell einige Sachen über und stieg bloßfüßig in den Flur herunter. Die Haustür war unverschlossen und der Schlüssel steckte innen. Er drückte die Tür auf und ging durch das Vorgärtchen, immer in die Nacht horchend, bis an das Pförtchen. Die Sterne in der Höhe blitzten und flimmerten, wie grell gefeilt von erdfernem Sturm, indes der leise Wind der Erde sanft in den Bäumen wühlte, daß es war, als rühre sich ein Schlafender in seinem Bett, und das Heidewasser murmelte fast unhörbar zwischen den Steinen. Nach langem Spähen und Lauschen glaubte Maechler auf dem Werkplatz, an dem Rande des Unwettereinbruchs, einen kleinen Schatten wahrzunehmen. Er war niedriger wie ein winziger Strauch, obwohl Maechler wußte, daß dort, wo die Mauer eingerissen worden war, nichts stehen konnte. Im Begriff, das Pförtchen aufzuklinken, sah er, wie der kleine Schatten jetzt hin und her pendelte, und nach einigem Auf- und Abschwanken hub dieses Singreden wieder an, erst leise, daß nichts zu verstehen war. Als es aber dann stärker und stärker anschwoll, war für Maechler kein Zweifel mehr möglich, daß die Stimme des wahnsinnigen Ignaz Wildner von da drüben klang, der sich seit der Züchtigung durch den Schlosser Neefe vor zwei Jahren nicht mehr hatte in Wilkau sehen lassen. Nun aber, von dem Tode seines Feindes angelockt, stand er im Finstern da drüben an der Stelle, wo der Unhold das Ende gefunden hatte, und sang ihm eine grauenvolle Totenmesse: »Verfluchter, Verfluchter, dreimal Verfluchter, hundertmal Verfluchter! Der sandige Schoß der Erde hat dich einstmals ins Leben gespien«, psalmodierte er lauter und lauter, »und, angeschwollen von Gemeinheit und Missetat, bist du von den Fluten Gottes hinabgerissen worden in die Hölle, Verfluchter, dreimal verfluchter!« Maechler packte ein Grauen bei dem Haßgesang des Verrückten. Er schrie ein empörtes »Hallo!« und riß das Pförtlein auf, um sich hinüberzustürzen. Aber da warf Wildner die Arme in die Höhe und huschte wie ein Schattenwisch am Heidewasser gegen die Rehberger Straße zu hinauf, wo er verschwand. Im Nebenhaus ging die Tür, und er hörte die Stimmen der Schwestern erregt und ängstlich durcheinandersprechen, die Lotte von der Rückkehr in ihr Haus abhalten wollten. Da eilte Maechler durch die lautlos bewegte Haustür in sein Bett zurück. Nach einer Weile hörte er drunten das große Schloß einschnappen. Lottes schwebende Schritte gingen über den Flur. Die Wohnstubentür wurde bewegt und dann die Schlafstubentür. Jetzt legt sie sich nieder bei dem Schatten des Toten, sann Maechler, und eine mitleidsvolle Trauer überfiel ihn. So lag er lange in einer Wolke der Schwermut und wehrte sich gegen den Schlaf, damit Lotte nicht schutzlos sei. Aber obwohl er sich aufsetzte, um wach zu bleiben, die leere Lautlosigkeit, die dem Schlaf vorauszugehen pflegt, breitete sich mehr und mehr in ihm aus. In dieser weltweiten Stille hörte er federleichte Schritte die Stiege heraufkommen und den kleinen Flur herschleichen, deutlich und doch traumhaft. Dann wurde die Tür zu dem Giebelstübchen neben seiner Kammer vorsichtig geöffnet und geschlossen. Lotte hatte sich in dem Fremdenstübchen schlafen gelegt, sie war in seinen Schutz geflüchtet. In Maechlers Brust begann bei diesem Gedanken eine solch heiße, glückhafte Gewalt zu arbeiten, daß er, um nicht aufschreien zu müssen, das Bettkissen sich so fest um den Kopf wickelte, als wolle er ersticken. 16 Dieses beredtsam verborgene, einsam-eindringliche Hinaufgehobensein der vom Schicksal füreinander bestimmten Herzen erblaßte nicht mehr lähmend nach dieser Nacht des schweigenden Füreinanderseins, und wenn auch die Trauerdunkelheit in dem Hause auf der Feldgasse noch lange, lange umging und über Lotte herfiel, daß sie für Maechler wieder und wieder in die alte rätselhafte, verhüllte Ferne gerückt wurde, ganz erlosch der Schimmer nicht mehr, der sich unsichtbar zwischen den beiden hin und her wob. Wie in der ersten Nacht stahl sich Lotte jedesmal spät und lautlos in das Giebelstübchen neben der Kammer Maechlers und huschte vor Tag hinunter zu ihrem Hausgewese. Der Gesell rührte mit keinem Schmunzeln, mit keinem Augenlicht, noch viel weniger mit einem Wort an ihr geheimes Vertrauen, sondern ging fleißig wirkend als von dem Toten berufener Pfleger und Verwalter aus und ein und saß über Rechnungen gebeugt am Tisch, um die Angelegenheiten des Gewerkes und Geschäftes gründlich mit Lotte zu beraten. Bei diesen vielfältigen Besprechungen nützte Maechler seine Überlegenheit nie aus, sondern trat immer hinter seinen Gründen zurück, daß Lotte zwar keine andere als die von ihm erstrebte Entschließung übrigblieb, aber die letzte Entscheidung doch von ihrem Ermessen getroffen schien. Die eingestürzte Ufermauer am Heidewasser wurde ausgebessert und erhöht. Man beriet den Abbruch des Trockenschuppens an der Vogelsdorfer Straße und seine Neuaufrichtung in dem verwilderten Obstgarten hinter dem Hause. Der Lederausschnitt wurde ganz aufgegeben und die Stube zu einem gemächlichen Zimmer hergerichtet, in das man das Bett des gestorbenen Meisters schaffte. Umsichtig und schonend verwandelte Maechler den Zuschnitt des Hauses, so daß der Verlust des Meisters wohl noch fühlbar blieb, aber der Schmerz nicht mehr so eindringlich auf Lotte lastete. So spielte sich das Leben der beiden immer mehr aufeinander ein, und in keinem konnte ein Bedenken aufkommen, daß das Licht, das in ihnen wirkte, der Trauer um den Toten irgendeinen Abbruch tue, denn die beiden traten aus ihrem alten Wesen scheinbar mit keinem Schrittchen heraus, Maechler nicht aus seiner Geschäftsbesessenheit und seiner Richtung auf die Umwelt, Lotte nicht aus ihrer rätselhaften Wesensferne und stolzen Herzenskühle. Trotzdem kam es oft vor, daß bei ihren Beratungen jedes zu gleicher Zeit nach einem Schriftstück griff und die Hände sich berührten. Jedes fuhr dann zurück, als habe es heißes Eisen angefaßt, und ließ das Papier wie eine geladene Gefahr liegen, indes ihre Augen gleichgültig sich irgendwohin verloren und belanglose Worte aus der ersehnten Nähe ins Lebensgewöhnliche führten. Aus der Liebesfeindseligkeit war Liebesheimlichkeit geworden. Aber je mehr eines vor dem anderen sich verbarg, desto mehr verriet es sich. Alles, was Maechler vorschlug, wurde gemacht, nicht so, daß Lotte die Dinge schweigend hinnahm: Aber ihre Entgegnungen waren Abschweifungen und ihr Widerstand war Verwirrung, bis sie endlich nach langem Luftlauf schnell, wortlos das gewährte, was sie eigentlich gar nicht bekämpft hatte und das, je öfter sich dieses Spiel wiederholte, mit einem immer deutlicheren Aufzucken jenes geheimnisvollen Flimmerns ihrer großen, grau grünen Augen, das Maechler wehrlos machte und in ihm der Verdacht aufstieg, das Mädchen belustige sich nur über ihn. Dann, um ihr zu beweisen, wie bedeutsam und folgenschwer die Entscheidung sei, holte Maechler erst recht mit Gründen und tüchtigen Beweisen aus, ohne jedoch mehr zu erreichen, als daß Lottes Augen unter dem krampfhaften Ernst ihrer Stirn noch mehr flimmerten, denn er wußte nichts von der Sehnsucht des Weibes, deren Herz aufgeblüht ist und von ihrer Natur getrieben wird, den Mann von der Welt zu lösen und an sich zu binden. Lottes Wesen schwang um Maechler in den immer engeren Kreisen eines Vogels, ehe er sich auf dem Baume seiner Wahl niederläßt. Ein Abend im tiefen Herbste brachte endlich diesem langen Liebesspiel vorläufig ein glückhaftes Ende. Die beiden hatten beschlossen, den Werkplatz über der Straße am Heidewasser hinter das Haus zu verlegen. Die Einwilligung zu dieser Änderung war Lotte nicht leicht geworden. Sie erinnerte sich wohl ihres Einverständnisses mit dem Plan, den Maechler am zweiten Tage nach seinem Eintritt in das Haus als eine unbedingte Notwendigkeit ihrem Vater gegenüber ausgesprochen und verfochten hatte. Da aber nun seine Ausführung ernstlich in Angriff genommen werden sollte, scheute sie in ihrem Herzen lange davor zurück. Denn dieser Platz war doppelt geheiligt, einmal durch den schweren Kampf, den ihr Vater um seine Behauptung gegen seinen Todfeind Neefe und zeitweilig sogar gegen den größten Teil der Gemeinde hatte führen müssen, und dann durch seinen Tod, der dort in der Wetternacht eigentlich seinen Anfang genommen hatte. Diesen Fleck seiner alten Bestimmung zu entreißen, das empfand Lotte schmerzlich als ein Vergehen gegen ihren Vater. Außerdem kämpfte sie um die Blumenbeete hinter dem Hause, zwischen denen sie so oft in den schweren Jahren der Gemüts- und Lebensverdunkelung ihres Vaters grübelnd hin und her gegangen war, wie aus den Sorgen und Kümmernissen ein Ausweg ins Licht gefunden werden könne. So vieles hatte im Hause sein Gesicht verwandelt, nun sollte auch dieser abgeschiedene Platz zu innerer Einkehr verschwinden und dem unaufhaltsam wachsenden Geschäftsbetriebe geopfert werden. Da die weiblichen Wesen aus ihrem Herzen leben, daß der tiefste und letzte Sinn ihres Geistes aus diesem ewigen Feuerquell des Daseins steigt und wieder in ihn zurückmündet, sind sie auf eine geheimnisvoll tiefere Weise mit dem Leben verbunden, werden wohl von seinem Wandelfluß getragen und stehen doch gewissermaßen in der Raum- und Zeitlosigkeit viel unbedingter als der Mann, der zeitig von seinem Werk und Zweckwillen in das Getriebe der Umwelt geschmiedet wird. Aber während er unbeirrten Auges die nächsten Verkettungen überschaut, werden der Frau von ihren vielverbundenen Ahnungen durch ein rätselhaftes Gesicht die Schatten der letzten Folgen zugetragen. Aus einem solchen Grunde wehrte sich Lotte gegen die Verlegung des Werkplatzes von dem Heidewasser hinter das Haus nicht aus Gegnerschaft gegen den lebendigeren, reicheren Fluß des Betriebes, sondern aus der instinktiven Furcht heraus, daß Maechler von der Vielgeschäftigkeit in tausend Unternehmungen abgetrieben werde, wo das Glück innigen Zusammenlebens nicht gedeihen konnte. Aber von diesen Befürchtungen kam nie ein Wort über ihre Lippen. Sie schwieg, weil sie die geheime Liebessicherheit ihres Herzens nicht verraten durfte, und sprach nur von den gefühlsmäßigen widerständen ihres Gemütes, die von Maechler zwar nicht als belanglose Schatten niedergetreten, aber doch mit immer entschiedenerer Hand beiseite geschoben wurden. Der erste Schritt der Wiederaufrichtung des Betriebes erfordere notwendig den zweiten und dritten, wolle man nicht wieder in die alte Verödung der Existenz zurückfallen. Leidenschaftlich malte er ihr die Zukunftsmöglichkeiten der immer weiteren Ausbreitung des Betriebes aus und verstieg sich sogar zu Andeutungen über die Verwandlung des kleinen Handgewerkes in eine Fabrik. Indes er so kämpfte, kamen sich ihre Herzen immer näher. Dasjenige, dem Lotte mit ihren Lippen widersprach, fühlte er in ihrem Innern widerklingen, nicht so ganz als Annahme seiner Gründe, sondern als immer reineren Wohllaut des ihm zugewandten Wesens. Während dieses heimlichen Ringens schwand der Sommer, und es ging in einen Herbst hinein, der das Laub der Bäume zu einem wahren Feuerbrand entzündete. Der Himmel lag tagaus, tagein in wolkenloser Verklärung über den Bergen, die nicht anders wie dunkle Wunder in der Höhe hinwogten. Der Oktober schien ein anderer Mai Zu sein, und der November sah aus, als sei er nicht der Beginn des Winters, sondern der Anfang des Frühlings. Diese glückhafte, ungewöhnliche Verschiebung der Natur rettete Wilkau und die Umgegend aus den Schrecken des Unwettergrauens, sie verwirrte auch Lotte aus den Schatten ihrer Befürchtungen in bunte, oft ungeduldige Erwartungen, daß sie, wenn auch nicht zustimmend, aber lächelnd alle Arbeiten geschehen ließ, die mit der Umwandlung des Werkplatzes verbunden waren. Maechler aber schaffte in einer wahren Raserei, um vor Eintritt des Winters noch alles zu vollenden. An einem Abend, als er mühselig die letzte und größte Lohtonne auf Rollen über die Feldgasse bugsiert hatte, stand er, hoch aufatmend und den Schweiß aus der Stirn streichend, und überlegte, wo er das hölzerne Ungetüm am zweckmäßigsten unterbringe. Lotte war leisen Schrittes aus der Hintertür getreten und stand, ohne daß es der Grübelnde gewahrte, schon ein Weilchen hinter ihm. Als er ihre Nähe gewahr wurde, drehte er sich wie ertappt um und sah sie überrasche an, die erst eine kurze, aber tiefe Weile mit sprechenden Blicken in seine Augen sank und dann entschlossen und energisch über ihre Stirn fuhr, als wischte sie da endgültig etwas weg. »Ist's gut so, Fräulein Lotte?« fragte sie Maechler, der das wohl beobachtet hatte und wie eine letzte, sanfte Mißbilligung deutete. »Warum soll es das nicht sein?« fragte sie wieder und bekam bei einem kleinen Auflachen ein aufreizendes Schmollen um den schönen vollen Mund. »Es geschieht eben, was sich nicht ändern läßt. Man verfrachtet mich eben mir nichts, dir nichts vom Heidewasser hinters Haus.« »Sie?« fragte Maechler ratlos. »Ja, ja, ja. Mich und niemand anders«, antwortete das Mädchen mit einem überfluteten Gesicht, dessen Röte bis unter die Nackenhaare ging, und aus ihren Augen brach ein Feuer, das den armen Gesellen in sich hineinriß. Der aber deutete sich die Erregung Lottes auf die bittere Seite eines gut weiblich geschmierten Vorwurfes und packte, ohne ein Wort zu erwidern, um seine Verlegenheit nicht merken zu lassen, die Tonne wieder an, aber nun grimmig wie seinen Feind. Allein noch ehe er sich auf das hölzerne Ungetüm stürzen konnte, war auch Lotte herzugesprungen und hatte zugegriffen. Ja, da der Gesell seine Finger fest an den Rand der Tonne krallte, packte er die Hand Lottes und rückte er weg, erwischte er sie wieder. Indes rumpelte die Tonne über das Gärtlein, und da Maechler denkt: »Zum Schinder, was soll das sein?« und sieht der Jungfer forschend ins Gesicht, lacht sie ihn aus, und während ihre Brust vor Anstrengung arbeitet, daß das Mieder knackt, sagt sie in kuriosem Übermut: »Ja, ja, ich bin bei allem dabei, und wenn's in die Sträucher geht!« Da merkte Maechler, woher der Wind bei Lotte wirklich pfiff, schrie ein rasend, beglücktes »Hoho«, gab dem Faß mit dem Fuß einen Riesenstoß, daß es polternd samt der Jungfer Lotte, die nicht schnell genug loslassen konnte, in die Sträucher rumpelte, und erhaschte sich die Geliebte, ehe sie zu Falle kam, dann riß er sie sich an den Mund herauf und trank und trank sie mit seinen Lippen, wie ein zum Umsinken Verdursteter. Lotte aber schmiegte und saugte sich so in den Mann hinein, daß er in dem abendroten Himmel tausend Feuerräder kreisen sah, und mit dem Mädchen nicht auf der Erde unter den Sträuchern stand, sondern durch die hohe Luft zu fliegen meinte. Und wie es nicht anders sein konnte, schloß sich an diese abendrote Verlobung ein kleines Schmäuslein der beiden verstohlen Glücklichen in der altväterlichen Stube auf der Feldgasse. Das Licht war über ihnen und in ihnen. Es glänzte aus dem verzauberten Maechler und strahlte aus den großen, unergründlichen Augen Lottes mit einem Fragen und ferner Unruhe, daß der Gesell endlich in sie drang, ihm doch das zu sagen, was sie noch auf dem Herzen habe. »Gut, es soll so sein«, antwortete das Mädchen, räumte den Tisch ab, ergriff mit der einen Hand das Licht, mit der anderen die Rechte des Mannes und führte ihn hinauf in die Kammer Maechlers. Dort stellte Lotte das Licht auf die Kommode, öffnete deren oberen Schub, langte den abgegriffenen Zettel mit dem Gebet des Maechler hervor und bat Nathanael, ihr die Verse laut vorzulesen. Der Gesell, verwundert und bestürzt, sperrte sich ein wenig, traf aber in die immer tiefer ausleuchtenden Augen des Mädchens und in ein Gesicht, dessen Züge mehr und mehr aus dem seligsten Liebesschwung in schmerzlich bange Entschlossenheit glitten, so daß Maechler endlich merkte, daß das liebe, unbegreifliche Wesen nicht von bunter Laune, sondern von der unabänderlichen Macht eines festen Entschlusses zu diesem Verlangen getrieben werde. Sicher, das sah er ein, da war kein Ausweichen möglich, und so las Maechler die ehrwürdigen Verse, mit denen er so oft in seinen wilden Rebellenjahren nach dem Himmel gegriffen hatte, und die das letztemal aus der Todesnot im Bärengrunde von seinen fiebertrockenen Lippen geglitten waren: »Laß mich, wenn ich hier geschlafen, Wieder wandern meine Straßen. Schicke mir durch meinen Fleiß, Was bei dir steht hoch im Preis. Guten Willens eine Tracht Lad mir auf in dieser Nacht. Stets mein Herr und stets dein Knecht, Droben Gnade, drunten Recht.« In Maechler wachte alle alte, in die Höhe stürmende Sehnsucht, alles Seelendrängen aus dem Blute seiner Vorfahren wieder auf, während er befangen und von dem Mädchen berückt die bekannten Worte unsicher, stockend, aber so ergreifend sprach, daß Lotte das Überglänzen ihrer Augen aus bezwungenen Tränen nicht verhindern konnte. Als er zu Ende gekommen war und schwieg, fragte ihn Lotte mit einer dunkel gewordenen Stimme: »Glaubst du das, Maechler? Wahrhaftig aus tiefster Seele?« »Ja, gewiß, liebe Lotte«, antwortete Maechler und langte nach ihr, sie an sich zu ziehen, »weißt du aber ...« Allein das Mädchen wich ihm aus. »Kein Aber und kein Wenn«, sagte sie lächelnd und mit einem tiefen Aufatmen. »Es ist der einzige Weg, auf dem wir beide zufrieden und glücklich gehen können.« Dann gestand sie ihm alles, wie sie, von seiner harten, rücksichtslosen Weitläufigkeit zurückgestoßen, ihn förmlich gehaßt habe, wie sie von diesem Widerwillen aber in ihrem verfallenen Herzen gepeinigt worden sei und endlich auf dem Wege wunderlicher Zufälle in den Besitz des Schlüssels gekommen sei, der ihr das Geheimnis dieser verschlossenen Schublade und damit den Einblick in sein tiefstes Wesen geöffnet habe. So, auf diese Weise sei sie ganz sein, weil sie glaube, daß sie ihm dergestalt auch alles sei. Denn anders und mit wenigerem könne sie sich, und sollte es ihr Leben kosten, nie und nimmer zufrieden geben. Dies alles wurde nun nicht wie ein flammender Monolog von der in die Höhe gerissenen Lotte auf Maechler abgeschossen, sondern war das Ergebnis eines leidenschaftlich verliebten Gesprächs zwischen den beiden, das mit dem Ergebnis schloß, daß Nathanael ihr nicht nur das Vermächtnis seiner Vorfahren, sondern auch die Sorge um die Aufrechterhaltung des Geistes in Verwahrung gab, der sie in dieser Stunde erst wahrhaft vereinigt hatte. Bei allem Ernst dieser beiden sonderbar schweren Menschen jubelte ihr Herz immer stürmischer und sang das Blut immer lautere und heißere Lieder, daß sie sich, wie von dem Traum entführt, aus der Bodenkammer in Lottes Zimmer Zu einer hochzeitlichen Nacht zusammenfanden, in der sich alle Liebessterne entzündeten, die der Herrgott für zwei aus der Ewigkeit Zusammengefundene bereithält. Und in dem Augenblicke, als die zwei, von dem Glutherzen des Weltalls aufgelöst, ineinanderschmolzen, sah Lotte den Himmel um sich, über, unter sich angefüllt mit lauter dickbauchigen, glänzenden Gerbertonnen, und auf jeder saß ein klein-winziger Engel, mit Blondhaaren wie ihr Nathanael, der das hölzerne Untier voll himmlischen Ernstes einem Feuer zukutschierte, in das Lotte erst mit seligem Lachen, dann in vollkommenem Erlöschen durch die Liebesverzückung versank. 17 Höher als in dieser Nacht stiegen Maechler und Lotte nie mehr, das ganze Leben nicht. Die Heirat der beiden ein Jahr später, nicht weit von dem Todestage des alten Wennrich, ging einfach und schmucklos vorüber, wie die beglückte Nachfeier eines vergangenen Festes. Das stete Licht über den zwei Menschen nahm auch nicht zu, sondern erfüllte sich nur mit einem neuen, unbekannten Schimmer, als das eintrat, was Lotte in ihrer ersten Liebesverzückung gesehen hatte, als wirklich einer jener kleinen, winzigen, blondhaarigen Engel aus dem glänzenden Himmel durch ihren Schoß in ihre Lebensstube sprang. Allein, als er diese rätselhafte Fahrt aus dem ewig Unbekannten hinter sich hatte, lag er als ein fester, strunkiger Kerl in einer dumpfen, geschlossenen Ruhe in seinem Bettchen, daß man wohl merken konnte, er trage des Vaters vielfältigen Geist, aber in einer engen Tonne, die, wohl gut gedübelt, aus eigenem Holz wie das Wesen seiner Mutter, doch nur einen Ton gab, wenn fest daran gepocht wurde. Still und pflichtgetreu, ohne Schreien und Unruhe hauste er in seinem Bettchen und kehrte sich lange nicht daran, wenn man ihn bei seinem Namen »Jochen« rief, war zu keinen Listen und Spielereien aufgelegt, sondern verharrte meistens dämmernd in einer Art schrulliger Verdrossenheit, die sehr komisch wirkte. Nur wenn er ganz allein, vollkommen unbeobachtet lag, öffnete er seine großen Augen, die er von der Mutter geerbt hatte, allerdings ohne den flimmernden Glanz und das Spiel des grünlichen Feuers. Mit stillem, etwas enttäuschtem Staunen maß er die unbegreifliche, seltsame Umgebung, wie einer, der weit gewandert, sich an einem Ort findet, den er eigentlich nicht begehrt hat. Dann kam es oft vor, daß Lotte unter seinen geschlossenen Augen ein kleines Tränenbächlein fand, das er lautlos nach einer solch geheimen Rundfahrt mit den Blicken geweint hatte. Es war ein winziger Philosoph ohne Gedanken, trug Dunkelheiten ohne Schmerzen und eine Melancholie, bei der ihm durchaus wohl war. Durch keine Liebkosungen und Spielereien vermochte man dem komischen Ernst seines Gesichtes ein Lächeln abzugewinnen, ob sich Lotte und Maechler noch so sehr bemühten; höchstens kam der Ausdruck einer Art von verwunderter Ironie in seinen Zügen auf, wenn sie ihm zu eindringlich das laute, helle Kinderlachen abnötigen wollten, nach dem sie sich so sehnten. Dieses merkwürdige Wesen ihres kleinen Jochen nahm die beiden ganz gefangen, und es hatte den Anschein, als sei Maechler durch das Glück der Liebe ganz von seinen alten innersten Süchten abgedrängt worden, die sein Leben so lange und unter so schweren Erfahrungen in den Dienst und die Sorge für die anderen Menschen gedrängt hatten, daß er an seinem eigenen Wohl nicht besser als durch die Beförderung des Wohlergehens eines weiten Kreises zu arbeiten fähig war. Doch an dem Stunden- und Tageszeiger seines Daseins rückte nicht bloß die kleine Hand seines Jochen, nicht bloß das mütterlich erfüllte Herz seiner Lotte, er mußte es gelten lassen, daß nach und nach wieder von draußen her in das Gangwerk seines Lebens gegriffen wurde. Wegen des Neubaues der Sandbrücke kam es zwischen Wilkau und dem benachbarten Scherichsdorf zu einem erbitterten Streit, der die Errichtung dieses unumgänglich notwendigen Überganges des Heidewassers bei der Hartnäckigkeit der gegensätzlichen Parteien ganz verhindert hätte, wäre nicht der Gemeindevorsteher Schlicker auf den Gedanken verfallen, den Gerbermeister Maechler um Rat anzugehen, wie am besten aus diesem vergifteten Wirrwarr ein Ausweg gefunden werden könne. Notgedrungen mußte sich der so Angegangene mit der Sache befassen und brachte es nach einigen Besprechungen dahin, daß die streitigen Parteien den einstweiligen Bau der Brücke durch die Kreisverwaltung mit der Maßgabe erreichten, daß durch die Behörde dann die Verteilung der Kosten erfolgen solle. Die Scherichsdorfer beruhigten sich gerne bei diesem Vermittlungsvorschlage, weil ihnen durch den umsichtig und weltgewandten Gerber in Aussicht gestellt worden war, daß er es auf seine Kappe nehmen wolle, die Verhandlungen bei beiden Gemeinden gegen die Behörde zu führen und die Baukosten vollkommen auf die Provinz abzuwälzen. Dies war die eine Verlockung, der Maechler erlag, sich in das Getriebe der öffentlichen Angelegenheiten wieder verwickeln zu lassen. Die Unstimmigkeiten zwischen Wilkau und dem Grafen, die eine Zeit geruht hatten, nun jedoch durch den neuernannten Generaldirektor abermals energisch aufgegriffen wurden, war der andere Anlaß, warum der Gerber aus der Hut seines häuslich engen Behagens trat. Graf Schilling nahm, gestützt auf eine alte Urkunde, durch seinen höchsten Beamten das Recht für sich in Anspruch, nach eigenem Gutdünken alle Verbesserungen seines Bades, auch solche, die in das Wohl und Wehe der Gemeinde eingriffen, auszuführen und dem Ort einfach den von ihm festzusetzenden Teil der Aufwendungen aufzuerlegen. Maechler, wieder von Schlicker zu Hilfe gerufen, stöberte einen verschollenen Vertrag zwischen dem gräflichen Geschlecht der Schillinge und der Gemeinde »Willikaw« aus dem Jahre 1532 auf, nach dem die Gesundquellen zwar dem Grafen für alle Zeit überlassen wurden, aber den »preßthaften« Bewohnern vollkommen freie Benützung der Badegelegenheit und dem Ort ein Teil der Nutznießung und des Erlöses aus dem Bädlein zugestanden war. Mit einemmal rückte Maechler von dem doch etwas bemäkelten Lebenszustand eines landfremden Mannes zum beliebten Helden von Wilkau empor, und weil zu der Zeit gerade der erste Schöffe der Gemeinde mit Tode abging, wurde Maechler an seine Stelle gesetzt. Nun trieb es ihn wieder wie in den heißesten Kampfzeiten um die Wiederaufrichtung des Wennrichschen Geschäftes von Verhandlung zu Verhandlung bald nach Trennsdorf unterm Ägster, bald nach Rehberg, und sogar einige Male nach Breslau, und überall gelang es seinem klaren, unaufdringlichen Verstande und einem unbeirrbaren Gerechtigkeitssinn, der mit wahrer Liebe gepaart war, ebenso die Überheblichkeiten behördlicher Unfehlbarkeitssucht, wie die selbstsüchtige Anmaßung der Untergebenen in das Maß erträglicher Forderungen abzubiegen. Dabei tummelte er sich noch immer wacker in seinem Geschäft und Handwerk, sah den beiden eingestellten Gesellen scharf auf die Finger und stand rührig selbst am Schabbaum, an der neuen Walkmaschine, vergrößerte den Werkraum durch einen Anbau, der bis an das Grundstück der Jungfern Niedenführ reichte, kurz, war ein Mann, der hundert Räder in Gang setzte, doch nie, von Geschäftstaumel erfaßt, um seinen ruhigen Atem kam. Immer noch behielt er genügend Zeit, seine Hand in dem seidenweichen Blondhaar Jochens und sein Gemüt in der kindlichen Verwunschenheit des Kleinen ruhen zu lassen und mit Lotte die vielfältigen Tatfahrten seines Lebens zu besprechen, trotzdem er mehr und mehr fühlte, wie unähnlich und unzugänglich ihm das Wesen des Söhnchens war und wie Lotte an seinen vielfältigen Erfolgen nicht mit der herzlichen Freude teilnahm, die sie ihm im geheimen doch bereiteten, ja, daß sie manchmal gar mit leerem Gesicht und gleichgültigen Augen an seinen Erzählungen und Darlegungen seiner Pläne vorüberhörte, wenn er sie dann fragte, was sie bewege oder bedrücke, so tauchte wohl ein Abglanz des alten Schimmers in ihren beredten Augen auf, und er fühlte ihr Wesen wie einen lieblichen, verlockend heißen Abgrund sich erschließen, daß ihn der selige Taumel des Verlangens erfaßte. Aber dann entfloh sie ihm entweder mit dem neckisch aufreizenden Lachen, das ihn schon vollkommen betört hatte, als er ihr das erstemal in der nächtlichen Straße Wilkaus nachgeschlichen war; oder sie war gegen seine Liebkosungen so spröde, daß er sich ihre Gunst förmlich erkämpfen mußte. Freilich, wenn sie dann Maechler mit fast unerschöpflicher Kraft überschüttet hatte, lag sie mit weit offenen, aus der Welt gedrehten Augen, deren Sterne so erweitert waren wie bei Katzen im Dunkeln, und das Feuer, das sonst nur als Flimmern, ein Schimmer auf ihrem Grunde, ein verlockendes Spiel trieb, lohte und flackerte nun gleich einer unersättlichen Flamme aus ihnen. Lange strahlte Lotte nach solchem Siegen eine Wärme und Fülle aus, die Maechler so beseligten, daß er mit noch rüstigerer, weil entlasteter Kraft sich in die Vielfältigkeit seiner tausend Verpflichtungen stürzte, vollkommen von ihnen in Anspruch genommen wurde und wochenlang an Frau und Kind vorüberlebte. Dieses Ringen zwischen der männlichen Ungenügsamkeit des Lebens und der Ungenügsamkeit des liebehungrigen weiblichen Herzens warf Maechler und Lotte ständig auf und ab, trieb den Mann immer tiefer in die Welt hinein und verdoppelte die Inbrunst des Weibes nach schrankenloser Vereinigung, damit die Furcht vor einer Dämonie, aus der sie sich nicht anders retten konnte, als hinter die Schutzwand der Scheu. Aber aus diesem Versteck, das mit den Jahren immer tiefer, immer auffindbarer wurde, sehnte sie sich doch nach Überfällen, nach Leidenschaft und Liebesausbrüchen, vor denen sie sich in Stolz und weiblicher Scham so in acht nahm. Vergeblich suchte Lotte dieser Not zu entrinnen, indem sie öfters und öfters in die Kirche flüchtete, nicht in die Menschenfülle und das Musikbrausen des großen Gottesdienstes, sondern in das milde Säuseln früher Messen und die umdunkelte Stille abendlicher Andachten. Aus dieser Unräumlichkeit und unirdischen Gemütshingabe, in die sie dadurch gehoben wurde, stürzte sie immer wieder in das nie ruhende Liebesbegehren ihres Herzens nach Zärtlichkeit, nach sinnlicher Wärme, nach einem stillen Glück im Winkel, und empfand Maechlers Hingabe an die weiten Kreise gemeinnützigen Lebens als eine Treulosigkeit gegen sie selbst. Wie ihr Ziel in allem nur Nathanael war, sollte all sein Trachten zuletzt nur in sie münden. Wohl empörte sich Lotte gegen diese Wirbel, die von woandersher als aus ihrem Wesen immer wieder über sie herfielen, drängte mit der Aufwendung all ihrer ehrlichen Kraft gegen diese heißen Schatten und flüchtete sich in die mütterliche Liebe zu ihrem kleinen Jochen, der nun schon zu einem richtigen handfesten Hosenmatz geworden war und überall unauffällig und stetig mit seinem merkwürdig abseitigen Wachsein auf Entdeckungen ausging, deren Erwartungen und Erfüllungen er aber ganz für sich behielt. So lag er stundenlang auf der Steifmauer des früheren Werkplatzes und wurde nicht müde, die Wellen des Heidewassers zu betrachten, versank in das Anschauen von Blumen, grub neben dem Trockenhause in dem früheren verwilderten Obstgarten Grube um Grube in die Erde und saß dann verwundert und überrascht vor seinem Werk mit einem Gesicht tiefen, schrullenhaften Ernstes, trat zu plaudernden Menschen auf der Gasse, sah neugierig an ihnen hinauf und lauschte aufmerksam auf ihre Gespräche, als könne er aus ihnen etwas von dem Rätsel und verborgenen Sinn der geheimnisvollen Welt erfahren, in die er geraten war, oder er sang nach einer unbekannten, nie endenden monotonen Melodie Worte vor sich hin, die für alle, die es hörten, ohne Sinn, für ihn selbst aber wohl von einer seligen Bedeutung waren, so sehr bezauberten und entrückten sie ihn. Wenn Lotte den Kleinen aus diesem Engelsspiel oder der Verwunschenheit anderer unbegreiflicher Unternehmungen mit der Frage herausriß, was das sei, was er da mache, dann schrak er aus seinem Traume auf, sah sie ratlos, ja ein wenig erschreckt an, flüchtete sich zwischen ihre Knie und vergrub erschüttert und leidenschaftlich seinen Kopf in ihren Schoß. Aber nie vermochte er ein Wort zu sagen über das ferne, ungewöhnliche Unfaßbare, das ihn bewegte und bedrängte, das aber oft so stark wurde, daß er mitten im Spiel alles aus den Händen fallen ließ und in schmerzvolles Weinen ausbrach, das nicht enden wollte. Wo es immer war, kam diese jähe Verdunkelung von Zeit zu Zeit über das Kind. Sogar wenn die kleine Familie behaglich am Tisch saß, fiel der Knabe plötzlich auf seine Arme und begann sein fesselloses Weinen. Ja, manchmal mitten in der Nacht wurde Jochen in diese Verwirrung seines Wesens gerissen, kroch unters Bett und schluchzte leise in sich hinein, um Vater und Mutter nicht zu stören. Mit Hingabe und Liebe bemühte sich Lotte um ihren einzigen Knaben und rettete sich so aus ihren eigenen geheimen Bedrängnissen und Schatten, indem sie gegen die unbegreiflichen Erschütterungen seines Wesens ankämpfte, bis es ihr in einer Nacht gelang, den Schleier von der Angst wegzuziehen, die sich immer wieder verderblich auf das gute Herz ihres Kindes wälzte. Die beiden lagen allein in dem Schlafzimmer; denn Maechler war für zwei Tage verreist. Die Nacht stand windstill draußen, und durch das halb geöffnete Fenster klang das sommerlich leise Wellengesprudel des Heidewassers herein. Jochen drehte sich in seinem Bettchen unruhig von der einen auf die andere Seite, lag dann lange still, mummelte singend dem Laut des Wassers ein paar Töne nach und fragte dann, als Lotte glaubte, er sei schon längst eingeschlafen, woher das Heidewasser eigentlich komme. Da erzählte Lotte eine selbst erfundene Geschichte von Rübezahl, der oben auf dem Riesengebirge hause und über hundert und mehr kleine winzige Zwerge gebiete, die allerhand Arbeiten zu verrichten hätten. Die einen müßten die Felsen untermauern, daß sie nicht herunterfielen, die anderen die Anemonen und das Habmichlieb bewachen und die Leute irreführen, die sie unsinnig abreißen. Manche müßten die Nester der Steinschmätzer betreuen, und wieder andere, die Wasserzwerge, hätten die Aufgabe, auf die Quellen aufzupassen, daß es ihnen nicht zu schwer werde, aus dem Gestein zu finden. Wenn das ihnen mit Spitzhaue und Schaufel gelungen sei und zarte Wässerchen wieder munter über den Berg herunterrieselten, dann säßen die Zwerge dabei und sängen den Wasserfäden ihre schönsten Lieder, Lieder, so unglaublich zauberhaft, wie sie noch nie ein Mensch gehört habe, daß die Wellen diese Laute nie vergessen können und sie immerfort singen müßten, so lange sie laufen. »Und sie laufen Tag und Nacht ohne Aufhören, wie das Heidewasser draußen, und singen dabei die Zwergenlieder, die sie gelernt haben, immerzu, immerzu, immerzu ...« Lotte sagte das Wort, mit dem sie die Geschichte endete, leiser und leiser, in stets längeren Abständen, bis Jochen auf langen, festen Atemzügen sicher in Schlaf fuhr. Auch die Mutter wurde von dem Märchenglanz ihrer Geschichte gnädig in die selige Wunschlosigkeit der eigenen Kindheit zurückgetragen, bis jenes friedevolle Erlöschen aller Lebensunruhe begann, das zu den lautlos sich öffnenden Toren des Schlafes hinführt. Ihre Augen hatten sich geschlossen, ihre Glieder waren gelöst, und nur das Gehör lag als letzter Lebenswächter noch auf seinem Lauscherposten im Ohr. Dadurch wurde sie plötzlich aus ihrem Traumschlummer ins Wache gerissen. Denn vom Bett Jochens kamen wieder die leisen, verhaltenen Schluchzlaute herüber, die sie zu genau kannte. Ein Griff hinüber überzeugte sie davon, daß der Knabe, unters Bett verkrochen, wieder im Kampf gegen den Überfall einer namenlosen Traurigkeit lag. Lottes herzlich liebevolle Fragen, ihr doch um Himmels willen zu sagen, ob und wo er Schmerzen habe, hatten keinen anderen Erfolg, als daß sich der Arme fessellos seiner Erschütterung überließ und so laut zu weinen begann, daß es ihn in der Brust stieß. Da nahm ihn Lotte zu sich ins Bett, kuschelte ihn innig an ihre Brust und setzte ihm mit Liebkosungen, Schmeicheleien und herzlichem Eindrängen so lange zu, bis die Wand seines Geheimnisses weggeschmolzen war. Er zog seine Knie an den Leib, krümmte sich zusammen und vergrub den Kopf zwischen ihre Brüste, als wollte er in ihren Leib zurückkriechen, aus dem er gekommen war. Sein Weinen setzte aus, und einen Augenblick war es atemstill, daß Lotte nichts wahrnahm als das Pochen ihres bangen Herzens. Endlich hörte sie des Kindes stockende Worte: »Ich fürchte mich so vor dem Leben und in der Welt.« So, als klängen sie aus ihrem eigenen Leibe an ihr Ohr. Bis in die letzte Fiber erschüttert von dem Bekenntnis ihres Kindes, das von der Angst bedrückt wurde, die auf der ganzen Menschheit lastet, riß sie den Knaben empor, überschüttete ihn mit Küssen, pries die Schönheit der Welt, den blauen Himmel, die tausend Blumen, die Vögel, die so schön singen, den Vater, der ihn so liebe, versicherte ihn unter stetem Kosen ihrer eigenen unendlichen Liebe und versprach ihm tausendundein herrliche Dinge, die sie ihm kaufen wolle, sobald es wieder Tag geworden sei, daß der Knabe auf das Schwärmen ihrer bunten Verheißungen aus den rätselhaften Umklammerungen der Daseinsfurcht ganz herausgelockt und fest eingeschlafen war. Sie trug ihn vorsichtig in sein Bett und deckte ihn sorgsam Zu. Aber als sie wieder allein lag, rannen ihr die lautlosen Tränen des Erbarmens und Schreckens über die furchtbaren unerklärlichen Heimsuchungen ihres lieben, schuldlosen Knaben unaufhaltsam aus den Augen, die weit und groß in die Nacht starrten. Von woher kam diese Welt- und Lebensverfinsterung immer wieder über ihr Kind? Von seinem Großvater, der so lange unter Menschenhaß gelitten? Von seiner Großmutter, die durch Gram und Grauen zerbrochen war? Aus den Wänden des Hauses, das keine Stube, keinen Winkel enthielt, wo nicht Schmerz, Kummer und aussichtslose Bitterkeit gehockt hatten? So lag und bohrte Lotte und grub lange die Zeit um nach der unseligen Quelle, aus der die Finsterwasser ihren Jochen stets aufs neue überfluteten. Lotte sann eindringlich und leidenschaftlich Stunde um Stunde und fühlte doch, daß ihr machtloses Suchen nichts als die Flucht vor einem wissen war, das in ihr selber lag. Endlich gab sie dieses Kulissenschieben auf. Aus ihrem Herzen, aus ihrem Blut hatte sich das Kind das Grauen getrunken, in dem es immer wieder zittern mußte. Die ganze Rat- und Hilflosigkeit ihres Lebens wälzte sich mit solch niederdrückender Gewalt auf das arme Weib, daß sie es liegend nicht mehr aushielt. Sie richtete sich auf und vergrub, vorn übersinkend, ihr Gesicht in das Deckbett. So kauerte Lotte im Brausen ihres Blutes, in einer Art Lähmung, bis sie ganz ohne Macht des Widerstandes und des Ertragens in die Bewußtlosigkeit hinüberzuschwinden begann, und eine dünne, übersichtig klare Luft, wie in einer außerirdischen Jenseitigkeit ihres Innern aufkam, in dem all ihre Pein, Ungenügsamkeit ihres Herzens nicht mehr war, nichts von Dämonie und Dunkelheit. Sie liebte ihren Maechler wahrhaft und hatte ihr Kind, den Jochen, in der höchsten Glückseligkeit empfangen, die es auf Erden geben kann. wie also konnte sie schuldig sein an den Nöten ihres Jungen? Sie? Aber wenn nicht sie, wer dann? Lotte machte verzweifelte Anstrengungen, sich wehrhaft aufzurichten und brachte es doch nicht weiter, als den Kopf zwei, drei Handbreiten zu heben und einen Blick nach der Seite in die Stube zu werfen. Da sah sie einen Schatten nicht weit von ihr vorübergleiten, der noch schwärzer als die Nacht war. Dann verlor sie das Bewußtsein. 18 Einen Tag später, als er vorausgesagt, traf Maechler in seinem Hause ein und fand Lotte bekümmerter und wortkarger wieder, als er sie verlassen hatte, weil sie das schmerzliche Erlebnis mit ihrem Jochen nicht übers Herz bringen konnte. Ihre Stirn erheiterte sich auch nicht sonderlich, da Nathanael von dem glücklichen Ausfall seiner Reise genauen und lebendigen Bericht erstattete, daß er den Vertrag mit der großen Breslauer Häutehandlung nicht nur erweitert, sondern zu viel günstigeren Lieferungsbedingungen neu abgeschlossen habe, die ihm einen so hohen Gewinn abwerfen müßten, daß am Ende, wenn es sie und ihn gelüstete, die ganze Gerberei so nebenher betrieben werden könne, weil der Handel mit Häuten, richtig aufgezogen, ein reichlicheres, bequemeres Auskommen ermögliche, ja ihnen die Zeit zu dieser und jener Ausspannung und Luftfahrt übrig lasse. Maechler trug in der Ausmalung einer günstigen Zukunft mit Aussicht etwas stärker auf, nicht im eigenen Drang großspuriger Projektmacherei, sondern im Bestreben, seinem lieben Weibe durch bunte Lebenshoffnungen über die Beladenheit des Gemütes hinwegzuhelfen, unter der sie offenbar schwerer als je zuvor litt. Sie nickte wohl hie und da bei seinem Bericht, machte diesen und jenen klugen Einwurf zum Beweis, daß sie feinen Darlegungen ernst folge, ja wurde sogar von seiner Sorge um ihr Wohl freudig überglänzt. Aber am Ende saß sie still und sah lange sinnend vor sich nieder. Dann hob sie ihr Gesicht voll, bleich, in ernster Entschlossenheit zu ihm auf, legte eine Hand auf die seine und sagte: »Schön, mein lieber Maechler, alles schön. Aber es wird nichts nützen, fürchte ich.« Und nun erzählte sie ihm das Erlebnis mit Jochen in der ersten Nacht während seiner Abwesenheit in allen Einzelheiten Wort für Wort, mit einer Leidenschaft und Ergriffenheit, als könne sie durch die Wiederbelebung jedes Hauchs und jeder Gebärde jenes erschütternden Vorganges vor ihrem Mann die Last ihres Herzens loswerden. Das Vorübergleiten des unheimlichen Schattens, dessen Anblick sie fast aus den Angeln des Lebens gehoben hatte, konnte sie nicht erzählen, weil dieses über alle Worte hinausgehende Grauen sie schon in der halben Bewußtlosigkeit gepackt und dann in die ganze Ohnmacht gestürzt hatte. Als Lotte mit ihrer Erzählung zu Ende gekommen war, saß Maechler eine weile mit so finsterem Gesicht, mit so starren, unheimlich spürenden Augen, ohne ein Wort zu sprechen, da, wie sie ihn noch nicht gesehen hatte. Aus diesem Stutzen gegen das Tiefste hin riß er den Kopf gewalttätig empor, blinzte einen Augenblick irgendwohin, sprang dann mit einem herausfordernden Pfiff vom Stuhle auf und trat ans Fenster, wo er lange abgewandt in den Hof hinausschaute. Denn in ihm war der Verdacht wieder aufgetaucht, die merkwürdige Veränderung im Wesen Lottes und die unbegreiflichen Verfinsterungen, die von Zeit zu Zelt seinen Jungen heimsuchten, seien doch auf den Einfluß jenes wilden Wesens zurückzuführen, das er schon zu Anfang seines Liebeswerbens um Lotte zu spüren vermeint hatte. Entweder war das ein Wahn, der von der abergläubischen Wundersucht seiner Ahnen noch dumpf in ihm dünstete oder es gab eben die hexenhafte Drudenwirkung eines haßbesessenen bösen Menschen aus der Ferne, und die Paula Großmann, das dämonisch wilde Wesen in der Bradlerbaude, deren gieriger Raserei er in einer Nacht erlegen war, verfolgte ihn in der Wut der verlassenen noch heut mit der Inbrunst teuflischer Rachsucht. In jedem Fall war er entschlossen, sich dagegen zur Wehr zu setzen, sowohl gegen den Gemütsplunder des Aberglaubens, als auch, wenn es so etwas wirklich geben sollte, gegen die albischen Kräfte solcher Fernwirkung. Gut, mochte die Drude immerhin ihre Wut gegen ihn aussenden! Er war auch einer und wollte dieses hexenhafte Andringen schon erdrosseln. Langsamen, ruhigen Schrittes kehrte Maechler von dem Fenster zu der vollkommen zusammengesunkenen Lotte zurück und legte seine Hand auf ihre niedergebeugte Schulter. Sie richtete sich auf und sah ihn mit einem so gespannten Ausdruck ihres leidenden Gesichtes an, als hänge von ihm die Entscheidung über Leben und Tod ab. Er beugte sich nieder, nahm herzlich ihren Kopf in seine riesigen Hände, hob sie zu sich herauf und sagte in lächelnder Überlegenheit: »Ach nein, liebste Lotte, du bist doch sonst so tapfer, wie kannst du dich vor Schatten fürchten? Jochen hat diese gelegentlichen Angstzustände weder von seinen Großeltern noch von mir oder dir. Er ist doch ein kräftiger, gesunder Junge. Das sind nur Auswüchse seiner etwas hintergründigen kindlichen Phantasie. Und vielleicht ist deine Erzählung von dem Rübezahl und den tausend Zwergen der Grund gewesen, daß ihn die Gespensterfurcht überfallen hat, die alle Kinder so lieben, und du liebe, gute, seine Seele bist selbst davon angesteckt worden.« Während er die letzten Worte sprach, wurde die Haustür aufgestoßen und man hörte den fröhlichen Lärm Jochens, der mit hott! und hü! irgendetwas gegen die Wohnstube zu dirigierte, in der die beiden standen. Maechler sprang hinzu und öffnete dem kleinen Tober die Tür, über deren Schwelle er bald mit dem Pferd und Leiterwagen hereinzog, die ihm der Vater von der Reise mitgebracht hatte. Er trabte glücklich an den beiden vorbei und begann, den Tisch zu umkreisen. »Da hast du den Angsthasen und Vererbungskrüppel«, rief Maechler fröhlich lachend seinem Weibe zu, die betroffen und glückhaft erstaunt die Antwort hinnahm, die das Leben ihrem Kummer gab und damit den Trost ihres Mannes bekräftigte. * Freilich zeigte es sich, daß in Lotte die Unruhe noch immer fortwirkte. Denn sie weigerte sich, in dem Zimmer zu schlafen, in dem sie den erschütternden Zusammenbruch Jochens erlebt hatte, und räumte noch am selben Tage die Ehebetten in das kleine Giebelstübchen, während sie Jochen in die nebenanliegende Stubenkammer quartierte, wo Maechler früher als Gesell gehaust hatte. Maechler begriff nicht, welche Umwölkung nach der Erhellung durch seinen Zuspruch und die fröhliche Spielfahrt des Knaben noch in seinem Weibe nistete, setzte sich gegen die Umschichtung ein wenig zur Wehr, ließ aber Lotte dann mit einem Lächeln gewähren, weil er von seinem Handwerk her wußte, daß eben an der besten Haut Wülste vorhanden sind, gegen die man nicht mit dem voreiligen Schermesser losziehen darf, weil es dann statt des Knorpels leicht ein Loch geben kann. Da wird das Stück einige Zeit länger in der Tonne gelassen, bis die Haut so gar geworden ist, daß sich die Wulst leicht und spielend ablosen läßt; und weil Lotte erklärte, in dem alten Schlafzimmer würde sie fort und fort die ängstliche Stimme ihres Jochen hören, die sie in der vorletzten Nacht bis zur Bewußtlosigkeit erschreckt habe, so glaubte Maechler wirklich, es handele sich bei Lotte nur um eine Überempfindlichkeit des mütterlichen Herzens, die nach kurzer Zeit wieder verschwinden würde. Allein so einfach lagen die Dinge doch nicht. In Lotte war von dem Vorübergang des Schattens während der Übersichtigkeit ihrer halben Ohnmacht ein unvorstellbares Grauen zurückgeblieben, das in den rätselhaften Schichten des Unterbewußtseins kauerte und sie auch wie ein Drohen bedrängte. Deswegen, als das bisherige Schlafzimmer ausgeräumt war, sprengte sie überall Weihwasser und vergaß auch nicht, das Giebelstübchen und die Ruhekammer Jochens mit dem heiligen Naß zu segnen, um sich gegen den Einbruch neuer Berückungen zu schützen. Ja, als nach diesem umstürzlerischen Tanze die beiden endlich in den Betten lagen, sprach Lotte nach langem Schwelgen in die Nacht mit ergriffener, fast beschwörender Stimme das alte Abendgebet der Maechler: »Laß mich, wenn ich hier geschlafen ...« bis zu Ende. Nathanael folgte in Gedanken jedem Wort und schlief spät mit Bekümmernis ein, weil er merkte, daß die Erschütterung seines lieben Weibes doch tiefer saß, als er angenommen hatte. Deshalb auch beruhigte er sich nicht in der Folge mit untätigem Zuwarten und gelassener Hoffnung auf die Wehrhaftigkeit von Lottes Wesen und konnte es auch nicht, weil er immer wieder beobachtete, daß sie von inneren Fesseln beengt und von Störungen aus dem täglichen Gleichmaß geworfen wurde. Er ließ darum den alten Werkplatz über der Straße in ein liebliches Gärtchen verwandeln und längs des Weges halbhohe, sehr dicht gestellte Fichten pflanzen, um den Streifen gegen die neugierigen Blicke der Passanten zu schützen, damit Lotte in den Stunden dunkler Bedrängtheit sich dorthin zurückziehen könne. Ja, nachdem die alten Jungfern Niedenführ schnell hintereinander gestorben waren, erwarb er ihr Besitztum, riß den Zaun nieder und vereinigte die beiden Grundstücke zu einem, mit der weit ausgreifenden Idee, das alte Wennrichsche Haus, wenn das Wachstum seines Betriebes sich weiterhin so günstig entwickelte, ganz als Werkgebäude einzurichten und das Häuslein der alten Jungfern als behagliches Wohnhaus auszubauen, um nicht unter dem Trubel des geräuschvollen Gewerbes zu leiden. Aber Lotte, die mit froher Dankbarkeit den umgewandelten Werkplatz als Ersatz des verlorenen Hintergärtleins angenommen hatte und manche Stunde dort in der Wartung ihrer geliebten Blumen verbrachte, wehrte sich leidenschaftlich gegen den beabsichtigten Umzug in das neuerworbene Niedenführsche Haus, weil sie dadurch nicht bloß von dem Boden ihrer geheiligten Familienverbindung vertrieben wurde, sondern auch der zarten Seelenverwobenheit mit dem verklärten Geiste der lieben, alten Schwestern verlustig ging, deren Klang von der längst gestorbenen Mutter her nur ein schwebendes Gemüts- und Herzensspielen ertrug, das durch diesen gewalttätigen Einbruch der ganzen Familie mit Sack und Pack vollkommen zerstört werden mußte. Maechler drängte trotzdem stärker und stärker, aus geschäftlichen Rücksichten und Betriebskosten, auf den Umzug hin. Doch Lotte gab nicht nach, versteifte sich hartnäckig, ja sogar bitterlich in ihren Widerstand und ging zuletzt mit verengten, dunkel gestanzten Augen, zusammengeschraubtem Mund und bösartig gewulsteter Stirn zu offener Auflehnung über. »Vermaledeit«, schrie sie in höchstem Zorn mit einer harten, vollkommen fremden Stimme, »ich bin doch auch ein Mensch, nicht bloß ein Kasten, eine Fußbank oder so etwas! Wirble meinetwegen die ganze Welt durcheinander. Hier in diesem Hause habe ich auch ein Recht und lasse mich daraus nicht vertreiben, mag es gehen, wohin es will.« So unterblieb der Umzug. Aufs tiefste erschrocken und etwas an Lotte irr geworden, unterließ Maechler von nun an jeden Versuch, sie seiner Absicht geneigt zu machen. Lange mußte er mit Aufmerksamkeit, Liebenswürdigkeit und Zärtlichkeit wie ein Liebhaber um sie dienen, ehe die feindselige Kälte ganz aus ihr geschwunden schien. Die letzte Gunst mußte er ihr richtig abkämpfen. Aber die Seligkeit des vereinten, glücklichen Hinströmens blieb auch da aus. In fessellosem, mänadischem Sturm fraß sie sich in seinen Leib und lag dann nicht in lieblicher, friedvoll gelöster Erschöpftheit, sondern in einer unheimlichen Starre, totenstill, mit maskenhaft starrem Gesicht und unbeweglich großen Augen, in denen nichts spielte und flimmerte, sondern nur schreckhaftes, fast entseeltes Erstaunen war. Indes Maechler so in seinem Hause einen Kampf zu bestehen hatte, in dem er nie Sieger und nie auch ganz Unterlegener war, fügte sich auf seinem Wege in der öffentlichen Geltung Stufe an Stufe. In der Konfliktszeit der sechziger Jahre wußte er, der eine untrügliche Witterung für die unabwendbare Notwendigkeit besaß, seinen weitreichenden Einfluß für den Ausbau der preußischen Wehrmacht einzusetzen, daß er sogar in Gefahr geriet, von dem politischen Wirbel erfaßt zu werden. Aber nie unterlag er den Verlockungen zu einer uferlosen Demagogie, der sich sogar Staatsmänner von Rang zur Durchsetzung ihrer Idee bei der Masse oft bedienen müssen und nicht davor zurückschrecken dürfen, durch die Schein- und Trugmünzen der Phrasen das allgemeine Interesse für sich zu gewinnen. Von seinem festen Prinzip, daß der Staat nur der Diener, nicht der unumschränkte Herr des Bürgers sei, brachte ihn nichts ab, und so kämpfte er nur in Rücksicht auf das Allgemeine für die Bewilligung der Heeresforderungen, nicht der Sklave einer rüstungshungrigen Partei, die sich für die Roonschen Forderungen nur einsetzte, um Schritt für Schritt die Macht zur Erreichung ihrer Sonderinteressen in die Hand zu bekommen und langsam das letzte Fünklein auszutreten, das von dem achtundvierziger Feuerstoß übriggeblieben war. Er setzte sich im Gegensatz zu der liberalen Partei energisch für die dreijährige Dienstzeit des Militärs ein, nahm aber doch 1857 an dem Begräbnis Robert Schlehans in Breslau teil, der von 1850 an sieben Jahre auf der Festung Silberberg für seine Teilnahme an der Revolution mißhandelt worden war. Mit Absicht wohnte Maechler, schon dann als ein weithin bemerkter Mann, der Trauerkundgebung für diesen unerschrockenen Kämpfer durch die mit Menschenmassen dicht besetzten Straßen Breslaus bei, um gegen die ungezügelte Bojarenwirtschaft unter dem Schirm konstitutioneller Formen zu demonstrieren. Er verwickelte sich damit in einige Plackereien mit den reaktionären, behördlichen Heißspornen und sah sich vor die Frage gestellt, dem nützlichen Wirken in seiner nächsten Umgebung zu entsagen und in den Reihen der in der 1863 neugewählten Kammer übermächtigen Opposition mit Haut und Haaren unterzugehen. In seinen häuslichen Verhältnissen lag wohl der Drang, sich den Wolken und Bedrängnissen durch eine weiter gespannte Tätigkeit auf dem politischen Kampffeld zu entziehen, weil in jener Zeit die dunkle Wesensänderung Lottes, seines Weibes, drohendere Formen annahm. Aber Maechler riß sich doch in seine engen, heimatlichen Kreise zurück und beharrte vor dem dänischen, wie vor dem sechsundsechziger Kriege fest und bestimmt, gleichsam als Ausklang seiner politischen Tätigkeit, in dem Kampf gegen die Budgetverweigerer. Nicht, wie seine Gegner verbreiteten, in streberischer Absicht oder in närrisch-blinder Feindseligkeit gegen alles Österreichische, auch nicht aus knechtischer Beglückung über alle Maßnahmen Bismarcks verharrte er tapfer in der Verteidigung der Politik dieses damals so viel verlästerten Mannes, weil seine schmerzvollen Revolutionerfahrungen ihm die Gewißheit eingehämmert hatten, daß nur durch ein kraftvolles Preußen Deutschland aus unwürdigen und jämmerlichen Nöten jeder Art gerettet werden könne. Vor dem sicher heraufziehenden Kriegsgewitter lief durch das besonders bedrohte Schlesien ein Bangen und Zagen, das in den Grenzorten ebenso lächerliche, wie bedrohliche Angstzustände auslöste. Auch in Wilkau und dem ganzen Rehberger Kessel trommelten genug Angsthasen, die schon im Mai ihre Kostbarkeiten mehr ins Innere des Landes retteten, in die Erde gruben, in die Wände mauerten und heimlich sich zur Flucht vor den Österreichern vorbereiteten. Zu denen, die den Kopf verloren, den sie nie besessen hatten, gehörte auch der Wilkauer Gemeindevorsteher, der sich eine Woche ins Bett legte und dann wegen Krankheit sein Amt sofort und gründlich niederlegte. Sein Nachfolger konnte niemand anders als Maechler sein, der nun umsichtig und rastlos und mit durchdringenderem Erfolg als vorher gegen alle unwürdige Angst und übertriebene Furcht zu Felde zog. Die Rede des Abgeordneten Ziegler in Breslau und die Adresse der Bürgerschaft dieser Stadt an den König von Preußen, die dem Monarchen die treuliche Bereitschaft aussprach, zur Macht und Ehre Preußens alle Nöte und Gefahren wie 1813 auf sich zu nehmen, wurde von Maechler verbreitet und in Versammlungen mit kraftvollen, treffenden Worten kommentiert, daß die Spötter behaupteten, Maechler bemühe sich deswegen so leidenschaftlich für den Krieg zwischen Österreich und Preußen, weil er hoffe, daß dabei das Riesengebirge vollkommen kaputtgeschossen werde. Denn so lange Maechler in Wilkau lebte, war er noch nie auf dem Gebirge gewesen und hatte bisher alle Versuche zur Teilnahme an einer Wanderung dorthin mit der Begründung abgelehnt, daß er das Gebirge einmal in seinem Leben kennengelernt habe und seitdem sich nicht mehr nach einem zweiten Male sehne. Das sagte Maechler lachend und launig allen Hänslern, und keiner von denen, die ihn wegen dieser närrischen Schrulle aufzogen, sah den Ernst auf dem Grunde seiner Augen bei der heiteren Abfertigung solch spaßiger Spötter. Keinem gelang auch nur ein halber Blick in das Innere Maechlers, wo die Erinnerung an sein Erlebnis auf dem Gebirge als ein Schatten hauste, von dem er geglaubt hatte, daß er sich mit der Zeit verlieren würde, bis die Veränderungen im Wesen seines Weibes ihn eines anderen belehrten. Seitdem, bei aller Nüchternheit und überlegenen Kühle des Geistes, wurden seine Gedanken wieder und wieder in diese Gegend seiner Vergangenheit gezogen. Er wehrte sich dagegen, stieß sie mit seinem mächtigen Willen von sich, erniedrigte sie als Bodenrest abergläubischer Verwirrung seiner Ahnen zum Spuk, der mit der Hand von der Tafel wacher Bewußtheit gewischt werden könne, und mußte ihr klareres Auftauchen gerade in der Zeit erleben, die wegen der Unruhe der sich überstürzenden Ereignisse doch am wenigsten geeignet war für den Hereinschwund von Fratzen aus einer aberwitzigen Flatterwelt. Es waren die letzten Wochen vor dem Ausbruch des Krieges, daß in dem Zustand Lottes eine weitere Verschlimmerung eintrat, die eher noch geheimnisvoller, unerklärlicher war als die Veränderungen, die ihr Wesen bisher heimgesucht hatten. Sie lag Nächte lang vollkommen bewegungslos mit offenen Augen wach, hörte auf keinen Zuruf, rührte nicht einmal den Blick, wenn Maechler liebevoll auf sie einredete, und schien empfindungslos und geistig aus sich entrückt zu sein wie eine Besprochene oder, wie wir heute sagen würden, Hypnotisierte. Nathanael mochte hinübergreifen so oft er wollte, sie umfassen, sie streicheln, keine Fiber bewegte sich an ihr. Dabei war ihr Atem ruhig, ihr Herzschlag regelmäßig, wenn auch kaum fühlbar. So lag Lotte stumm und beunruhigte ihn mit nichts als mit dieser unheimlichen Totenstille, in der sie verharrte. Am anderen Tage ging sie, als sei nichts vorgefallen, ihrer gewohnten Arbeit nach, nur etwas benommen, etwas dumpf, und als Maechler sie fragte, was ihr denn Schweres diese Nacht geträumt habe, sah sie ihn verständnislos an, wieso man eine solch müßige, unnütze Frage tun könne. Sie habe eben geschlafen wie alle Nächte, gut und traumlos. Aber vielleicht liege das an der Unruhe, die wegen des nahen Krieges alles erfüllte, sie, die dreißigjährige Frau, werde vor dem Einschlafen von närrischen Fratzen gepeinigt, als sei sie noch ein Kind. Damals sei sie fast alle Abende vor dem Einschlafen von einem zwergenhaft, kaum handlangen, grauen Männchen bedrängt worden, das auf Rädern aus der grauen Unendlichkeit in rasender Schnelligkeit auf sie zugeschnurrt sei. Jetzt beuge sich aus derselben unendlichen Grauschicht mit unbeweglich finsteren Augen, fest geschlossenem, strengen Mund und drohendem Ausdruck ein Gesicht immer näher auf sie nieder, ein Gesicht, von dem sich nicht entscheiden ließe, ob es weiblich oder männlich sei, aber jedenfalls ein Gesicht, das sie in ihrem Leben noch niemals gesehen habe. Das sauge an ihr wie das graue Männchen ihrer Kindheit, bis sie in Angst einschlafe. Eines Morgens, als gerade das allererste Licht das Fenster ihres kleinen Schlafstübchens wie ein graues Tuch aus der Finsternis hob, hielt es Maechler nicht mehr aus, der die ganze Nacht wieder von der unheimlichen Totenstille Lottes gepeinigt worden war. Er überzeugte sich, daß ihr vor Erschöpfung doch die Augen zugefallen seien und sie mit kräftigen Atemzügen schlief, stand lautlos auf, schlich sich aus dem Hause und ging unter dem Zwange eines dumpfen, traumhaften Entschlusses, daß es auf jeden Fall anders werden müsse, ohne auf- und umzublicken, durch Gassen des schlafenden Wilkau hinaus aufs Feld. An einem der vielen Grandorfer Teiche machte es mit ihm halt. Er sah sich in der ihm bekannten und vertrauten Gegend um, die doch vollkommen fremd, noch nie gesehen, ja geradezu unirdisch, wie eine Einbildung wirkte, und als er verwundert in der grauroten Farbe der ersten Frühe seine Augen auf das Riesengebirge heftete, fiel ihm eine einzig dunkle Wolke auf, die regungslos, wie fest genietet, an dem haarscharf abgezeichneten Kamme klebte. Und da er erstaunt denkt, jetzt und jetzt muß sie sich doch bewegen, sieht er, daß es gar keine Wolke, sondern eine Frau ist, die dort kniet und in beschwörendem Drohen die Arme mit heraufgewendeten Handflächen herüberstreckt. »So, so, bist du es wirklich?« entfuhr es ihm grimmigerschrocken, ohne daß er wußte, was er sprach, und einen Augenblick lang, indes er stockenden Herzens das Gesicht zu Boden senkte, sah er sein Weib Lotte von der Gewalt dieses spukhaften Wesens blaß, totenhaft ausgestreckt vor sich, wie sie mit schreckhaft weiten Augen gebannt einen Fluch in sich aufnahm, gegen den sie vollkommen wehrlos war. Einen Augenblick lang nur tauchte er sehenden Blickes in die Welt des Schicksals hinter den irdischen Dingen, dann raffte er sich männlich aus dieser Traumbetäubung auf und richtete seinen Blick wehrhaft gegen den Luftalb auf dem Kamm des Gebirges. Aber da war nichts mehr zu sehen. Die blaue, riesenhafte Wand wuchs verklärt vor ihm auf und schwang sich in schönen Linien durch den morgenklaren Himmel. Ein kleines Wölkchen, schmal, gewunden wie ein spielend hingeworfenes Band, bebte glänzend über die Stelle, wo das drudische Schattenbild gekauert hatte, rückte immer höher in den blassen Frühlingshimmel hinauf, wurde immer durchsichtiger und war bald vollkommen verschwunden. Da brach Maechler in höhnisches Gelächter aus und versetzte sich mit der flachen Hand einen klatschenden Schlag auf den Schenkel, um sich aus diesem verwichtelten Hexenanwurf zu reißen. Dann sprang er auf und ging mit langen, fressenden Schritten um den Teich herum nach Wilkau zurück. »Barer, verfluchter Unsinn«, murmelte er immer wieder im Schreiten empört vor sich hin. »Das wäre ja noch schöner, wenn solches Hexentrudeln wahr sein könnte!« Er erregte sich so, daß ihm das Blut im Schädel donnerte. In dieser Verfassung konnte er unmöglich nach Hause gehen und seinem Weibe gegenübertreten, die sowieso nach jeder dieser totenstillen Nächte, die sie zu erleiden hatte, ihn zweifelnden und spürenden Blickes maß, wenn sie sich nicht beobachtet glaubte. Also bog er vor Wilkau auf einem Feldweg, dann auf Rainen nach Süden zu ab und betrat hinter dem Ort die Straße nach Trennsdorf unterm Ägster. Sowie er den festen, breiten Weg unter den Füßen hatte, wurde das laute, leidenschaftliche Toben in ihm ruhiger, und die Welt stand wieder sicher um ihn. Wilkau lag noch schlafend hinter ihm. Nur da und dort sah er einen einzelnen Mann auf dem Felde, der mähend in der wiese weiterrückte. Der Ägster stieg morgendunkel in die klare Luft; Wildenten quarrten von den Teichen her, und um die verfallene Burg schwirrte ein Schwärm Dohlen. Jetzt auch begann das Glöckchen der Wilkauer Kirche den Frühsegen zu singen, und bald danach erhob der Trennsdorfer Turm sein blechern klirrendes Morgengeläut, das als ein hauchschwaches Sirren aus den vielen Waldschluchten widerklang. »Na also, da ist ja alles in Ordnung«, sagte Maechler lächelnd zu sich und horchte, stehenbleibend, ein Weilchen in das friedliche Getön. Dann wendete er seine Füße und begann, gemächlich auf dem Wege nach Wilkau zurückzuwandern in einer sich immer mehr erheiternden Verwunderung über die Tatsache, daß er, ein wohlgegorener Mann, von der allgemeinen Kriegsbeklemmung so überrumpelt werden konnte. Denn diese Wolkenfratze vorhin auf dem Kamm rührte doch nur von seiner Einbildung her und war nichts als die Folge des tausendfachen Gemummels von Angst und Lebensfurcht, das geheim durch das ganze Volk lief. So setzte er gedankenvoll Fuß vor Fuß und kam, an Baum und Stein vorbei, weiter nach Wilkau hin. Von seiner Aufregung war nichts als das leise Schwirren des Trennsdorfer Morgenglöckchens in seinem Ohr zurückgeblieben. Das klang manchmal stärker auf, brach ab und setzte dann wieder ein. Manchmal klang es auch wie Poltern, aber dann nicht in, sondern hinter ihm. Er sah schon die ersten Dächer Wilkaus aus den Baumkronen auftauchen. Da mußte er stehenbleiben. Denn das leise Schwirren, das er für den traumhaften Nachklang des Trennsdorfer Frühglöckchens gehalten hatte, hörte sich nun wie Radplärren und Wagengerassel an. Menschengeschrei war auch darunter, und nun unterschied er gar das Geklapper jagender Pferdehufe, das auf ihn zupreschte, und wie er sich mit dem ironischen Gedanken umdrehte, ob denn heute alles in der Welt aus den Fugen geraten sei, sah er aus der Trennsdorfer Häuserzeile einen mit Gerümpel hochgeladenen Leiterwagen in rasendem Tempo hervorbrechen. Die Mähnen der springenden Gäule wehten, und der Kutscher schrie und peitschte wie besessen auf sie ein. Hinter ihm erschien ein zweiter und dritter Wagen in derselben wahnsinnigen Eile. Aus den Häusern sah Maechler Menschen auf die Straße stürzen, die Hände in die Höhe werfen, einen Augenblick erstarrt stehenbleiben und dann wie geworfen in den Türen verschwinden. Wie vielmal hatte Maechler auf seinen Revolutionszügen den überstürzten Auszug von angstvollen Bauern aus Dörfern erlebt, gegen die ein feindlicher Heereshaufen heranzog. Das, was sich da schreiend und wild im Staub der Straße heranwälzte, war Flucht. Wie ein Zündfeuer des Schreckens rasselte es heran, und wenn ihm nicht Einhalt geboten wurde, flammte die sinnlose Angst durch alle Ortschaften an der Grenze, und die unheilvollen Folgen waren unübersehbar. Maechler, dies denkend, war mit eins aus seinen eigenen Lebensnöten gerissen, sprang mit ein paar Sätzen dem ersten Fuhrwerk entgegen und stellte sich breitbeinig, die Arme zur Seite geworfen, mitten auf die Straße. Dazu brüllte er, was die Lunge halten wollte, sein: »Halt! Halt!!« Der Bauer riß vor dieser waghalsigen Entschlossenheit wohl mit voller Gewalt die Pferde zurück, konnte die aufgeregten Tiere aber nicht auf dem Fleck zum Stehen bringen und sah mit Schrecken, daß die Gäule im Begriff waren, den Mann zu überrennen. Maechler aber wich nicht aus, sondern sprang den Pferden in die Zäume, wurde von ihnen wohl in die Höhe gerissen, brachte sie aber nach einem Aufbäumen zum stehen. Dann beruhigte er die zitternden Tiere, die in Schweiß gebadet waren, und trat darauf, weiß im Gesicht, schweratmend, aber ruhig mit der Frage zu dem Bauern, was es gebe. Er fragte kalt und mit einem spöttischen Lächeln den Bauern, der aus den Wirbeln seiner Aufregung gerissen, blöde auf einer Lade saß und ihn sprachlos anstarrte. Er sei der Gemeindevorsteher und Polizeiverwalter von Wilkau und dulde solch wahnsinniges Fahren nicht, redete er auf den abgeschlagenen Mann ein, der den Rock aufknöpfte und in der Seitentasche wühlte, ohne ein Wort hervorzubringen. Endlich hatte er sich gefaßt. »Gehn Sie weg, Herr Vorsteher«, sagte er mit dumpfer Stimme, »setzen Sie sich mit auf den Wagen. Wir müssen sehen, daß wir fortkommen. Das ist meine Frau mit den Kindern. Die Betten und das Gerümpel, mehr haben wir nicht retten können. Sie kommen, sage ich Ihnen. Sie kommen!!« Wieder in Angst verfallend, brüllte er die letzten Worte, griff nach den Zügeln und hob die Peitsche. Da packte ihn der riesige Maechler an der Brust und hob ihn kurzerhand von seinem Sitz. Als der Bauer neben ihm auf der Straße stand, fuhr er ein paarmal in Verlegenheit mit den flachen Händen säubernd über seine Hosenbeine und hustete dazu mit ein paar unentschlossenen Plauzern. Sowie er aber, hochgekommen, durch einige verstohlene Blicke sich von dem sicheren Frieden des Tales rundum überzeugt hatte, lüftete er seine Mütze und strich sich die verklebten Haare aus der Stirn. »Man sollt's nich glauben!« sagte er kopfschüttelnd und richtete dann seine Augen fragend auf Maechler, der ihm geruhig Zelt gelassen hatte, vollkommen zu sich zu kommen. Nun aber verlangte er von ihm eine Erklärung der Ursache der überstürzten Flucht. Ja, das könne er gut und gerne machen, sagte der Mann. Er sei Laubner aus dem Weißbachtal in Schreiberhau, Christoph Laubner. Sein Nachbar und noch einige andere Männer seien Holzfäller in dem Schlag am Kobelwasserzwiesel. Und wie sie heut vor Tag auf der alten Zollstraße nach ihrer Arbeitsstelle gewandert seien, dünkte es sie schon hinterm Branntweinsteinweg nicht ganz geheuer. Aber als beherzte Männer hatten sie sich von dem Knacken, Knallen und Rumpeln in der Ferne nicht bange machen lassen. Allein unterm Goldgrubenhübel, als sie gerade linker Hand auf ihren Arbeitsplatz haben abbiegen wollen, sei im Lämmergrund drunten ein Brausen und Getöse losgegangen, daß die Männer nicht mehr im Zweifel sein konnten, was die Glocke geschlagen habe. Hott und hü, Kommando, Gewehrknallen, Trompeten, Pferdegewieher, alles durcheinander habe sich heraufgewälzt. Hundert und aber Hunderte hätten sich durch den Wald gearbeitet. Da seien dann die Männer beim Blitzen der ersten Gewehrläufe in der Überzeugung, daß sie mit ihren Beilen gegen so viele nichts ausrichten konnten, umgekehrt und davongerannt. Die Österreicher hätten wohl hinter ihnen hergeschossen, aber zum Glück niemand getroffen. Eine Stunde später seien sie mit dem Ruf »Rette sich, wer kann, die Österreicher kommen!« ins Dorf zurückgestürzt. Ob das alles sei, fragte Maechler lächelnd den Mann, der über den vollkommenen Mißerfolg seiner Schilderung erst verdutzt war, sich aber gleich darauf in Grobheit rettete, indem er höhnisch fragte, ob denn nun hätte gewartet werden sollen, bis sie von den Österreichern krumm und lahm geschlagen worden wären, daß keiner in einen Sarg gepaßt hätte. Maechler ließ ihn heiteren Gesichts seine Hitze ausschütten und fragte, ob es richtig geknallt hätte. Und das ordentlich, war die Antwort. »Ja, schön, alles gut«, lautete Maechlers Bescheid. »Ich aber sage Euch, daß es nirgends als in den Köpfen der Männer geknallt hat. Das will ich Euch selber zeigen.« Von den nahen Häusern Wilkaus her hatte sich ein kleiner Zulauf gebildet, Maechler winkte einen ihm bekannten Burschen heran, warf einige Worte auf das herausgerissene Blatt seines Notizbuches und schickte das mit schönen Grüßen an seine Frau. Dann kommandierte er in einer Art, die keinen Widerspruch zuließ, daß die Gefährte der Flüchtlinge gewendet werden sollten, griff lachend selber zu, stopfte dann den Bauern auf seine Lade, schwang sich zu ihm, ergriff die Zügel und kutschierte zurück. Das alte Rebellenfeuer loderte in ihm auf, von dem er geglaubt hatte, daß es in dem Fieber zu Asche geworden sei. Die Mütze in den Nacken geschoben, trieb er die Wagen vor sich her und drohte, jeden sofort einzusperren, der sich ihm widersetze. Das Häuflein Wilkauer sah mit unverhohlenem Stolz dem Davonfahrenden nach. Sie schüttelten verwundert ihre Kopfe über den Mann, der als Muster gemessener, umsichtiger Güte bekannt war und nun wie ein Brand losloderte. 19 Maechler führte die vier Flüchtlingswagen auf einem anderen Wege nach Schreiberhau zurück, einmal aus Schonung der Scham dieser armen Angstüberrumpelten, zum andern, die Bewohner von Keterstein, das die Furchtsamen der ganzen Länge nach durchrast hatten, nicht wieder aufs neue zu erregen. Deswegen bog er in Trennsdorf links ab und erreichte nach einer Stunde über ein kleines Gebirgsdorf den großen Wald. Das Laubner-Bäuerlein neben ihm auf der Lade hatte niedergeschlagenen Kopfes in grämlicher Bitterkeit gesessen wie ein Verhafteter und hatte nur dann und wann gewagt, verächtlich neben sich auf den Weg zu spucken. Als sie aber auf dem Leiterweg immer tiefer in den Wald eindrangen und immer näher an Schreiberhau herankamen, ohne etwas von Kriegsgetümmel und Weltverwirrung zu gewahren, atmete er immer mehr auf, und die letzten Schatten der Besorgnis fielen von ihm ab. An den drei Urlen ließ Maechler halten. Den Pferden wurde das schnell mitgeraffte Futter vorgeworfen, und die ganze Gesellschaft setzte sich an den Straßenrand, um sich von der überstandenen Angst etwas zu erholen, die man mehr und mehr als eine unbegreifliche Verrücktheit ansah. Und da die Flüchtlinge übereinkamen, daß eigentlich an der Verwirrung nicht sie schuld seien, sondern der großmäulige Wendel Donth von den Holzschlägern, der sich rein wie ein Rasender gebärdet hatte, kam von den Weibern her sogar das erste Gelächter auf, und Maechler hatte leichtes Spiel, sie vollkommen zu beruhigen. Nicht wie furchtsame Flüchtlinge fuhren sie nach einer guten Raststunde weiter, sondern wie Sieger, die von einer glücklich überstandenen Gefahr zurückkehrten. Und hatte Maechler anfangs seine ganze Überlegenheit gegen ihre dumpfe Widerwilligkeit aufwenden müssen, so behandelte man ihn nun fast wie einen Retter. Freilich, als man mit den überfächten Gäulen langsam durch Schreiberhau ins Weißbachtal hinauftrottete, hatten die Selbstverzagten manchen Spott zu schlucken, und das meistens von jenen, die auf diese Art die Furcht loswurden, die im geheimen ihnen selbst schon die Füße zur Flucht gerückt hatte. Aber den verstreuten Höflein und Häusern des Weißbachtales kochte noch immer leiser Schauer und kaum verhehlte Sorge, so daß Maechler, von Behausung zu Behausung gehend, Mühe genug hatte, alle Zweifel zu entkräften und alle Bedenklichkeiten in Sicherheit zu wiegen. Wendel Donth, der Haupträdelsführer der Kopflosen, der Trompeter dieses Angstwahnsinns, war nirgend zu finden. Als er die vier Wagen in die Flucht getrieben hatte, war er laufend in dem Wald des Hochsteins verschwunden, und sein Weib saß zwischen Ballen und Säcken in der verschlossenen Stube und betete, lautlos weinend, den Rosenkranz. Bei einsinkender Nacht machte sich Maechler auf den Heimweg. Die ersten Lichter pinkten schon aus den Häusern, als er Schreiberhau verließ und von der gewohnten breiten Straße über Keterstein, in einen Waldweg einbiegend, rüstig in das schweigende Dunkel schritt. Er brauchte die Stille, die um ihn bis in ungemessene Höhe wachsende Dunkelheit, das geheimnisvolle Knacken, Knistern und Rascheln, mit dem weite Wälder in der Nacht leben. Er brauchte Wildnis, Unsicherheit, Fessellosigkeit. Die aufregenden Ereignisse des Tages flogen durch ihn hin, als er die Kochel überschritt und über den Buchenhübel stieg. Aber all die Auflösung, gegen die er gerungen, die Verwirrtheit, der er sich entgegengeworfen, der verwegen heiße Impuls, dem er sich überlassen hatte, bedrückte ihn nicht. Nein, er schmeckte es wie eine Kostbarkeit, sich aus der Sicherheit herausgerissen zu fühlen, und das alte Lebensungenügen erwachte in ihm. Ehe er sich's versah, glitt er aus dem Nacherleben der heutigen Ereignisse in die Vergangenheit zurück. Geräuschlos flog die Tür in ihm auf, die er vor den Brandjahren seiner wilden Revolutionszeit sorgfältig auch vor sich selber geschlossen gehalten hatte. Mit eins ging er nicht durch den nächtlichen Wald nach Wilkau, sondern war auf dem Wege von Mannheim nach der Mühlau. Er marschierte in dem Bataillon, das der Oberst von Corvin mitten in der Nacht dorthin abgesandt hatte, weil dort der Zugang zur Stadt geschützt werden sollte. Denn Kleingewehrfeuer war unvermutet von irgendwoher, wahrscheinlich von den Preußen, losgebrochen und hatte eine Bestürzung hervorgerufen, die von einem Boten bis vor das Bett des schlafenden Obersten im Gasthaus Rheinfelden getragen worden war. »Die Preußen kommen!« hatte der Nachrichtenläufer in das dunkle Zimmer geschrien und war, über die Treppe polternd und immerfort das gleiche brüllend, in der Nacht verschwunden, und nun befand sich das Bataillon auf dem nächtlichen Marsch nach der Mühlau. Um Maechler war das Geklapper der taktmäßigen Schritte, das Knacken und Klirren der Gewehre, das erregte Atmen und das Gemummel unterdrückter Unterhaltung. Alles drang auf Maechler aus dem Walde ein, während er hinter dem Fleischerweg erneut über die Lehne des Breiten Berges durch den Hochwald hinaufstieg. Die Erschöpfung und fast wollüstige Überreizung eines langen, aufreibenden Kampftages arbeiteten in ihm, und jetzt marschierte er schon durch die hohe Allee. Das Brausen der mächtigen Kronen war über ihm und begleitete ihn, bis er in Kiesewald aus dem Walde heraustrat und die Lichter des großen Dorfes Keterstein und des weiten Kessels unter sich sah. Aber die Berückung des von der Vergangenheit abgetriebenen Blickes verließ ihn auch da noch nicht. Denn das, was da unten vor ihm lag, war das Gartenhaus der Mühlau, und das leise, dumpfe, geheimnisvoll drohende Brausen waren die Laute des Rheines, mit denen der große Strom durch die Nacht wanderte. Maechler aber schritt nun vorsichtig im Weitergehen als Patrouille am Rhein aufwärts, um zu erspähen, ob nicht von drüben, von Ludwigshafen her, Ruderschläge das Herannahen feindlich bemannter Boote anzeigten. So, herzklopfend und aufs gespannteste innerlich zusammengerissen, verfolgte er spürend den Weg nach Wilkau und schlich sich hellhörig am Rhein hin. Jedes Geräusch, das um ihn aufklang, deutete er als Laut aus jener Nacht, jeder Schatten schreckte ihn gefahrdrohend, und nach Stunden stand er an dem kleinen Quirlfluß so benommen von seinem Gesicht, das ihn aus der weit zurückliegenden Zeit vergewaltigt hatte, daß er das schwache Glänzen des schmalen Wässerchens für die Fluten des Rheines hielt und in der Berückung seines Wesens sich das ereignete, was damals geschehen war. Die Fluten teilten sich, und zu Tode erschöpft zog sich ein vollkommen nackter Mann ans Land, sah ihn entsetzt an und sagte mit erschöpfter Stimme: »Nix deitsch, ich Ungar.« Da zerriß der Erinnerungsspuk vor Maechlers Augen. Er blickte aufatmend und verwirrt um sich, wo er sei. Es war ihm unmöglich, sich zurechtzufinden. Deshalb überließ er seine Führung dem Instinkt und ging durch das taufeuchte Gras dem Lauf des Wässerchens nach. Indessen spielte er die damaligen Ereignisse, die ihn sinnlich so vollkommen überrumpelt und umgetrieben hatten, ruhig und beherrscht zu Ende. Damals, als Patrouillengänger am Rhein, war wirklich ein nackter Ungar nicht weit von ihm aus dem Fluß aufgetaucht. In der Annahme, es sei ein preußischer Spion, hatte er dem vollkommen Erschöpften wohl ans Land geholfen, ihm aber dann auf das härteste zugesetzt. Nichts als die Beteuerung: »Nix deitsch, ich Ungar«, war aus dem zitternden, verschmachteten Mann herauszubringen, der mit nichts als mit einer Mütze bekleidet gewesen war, die er immer sorgsam und fest auf dem Kopf zurechtstülpte. Dem Oberst von Corvin und seinem ungarisch sprechenden Begleiter war es dann gelungen, die rätselhafte Angelegenheit zu enthüllen. Aus einem Zettel, den der Mann hinter dem Schweißleder der Mütze hervorzog, und seiner Erzählung war hervorgegangen, daß er der Besatzung eines Schiffes angehörte – das von der in Brand geschossenen Schiffsbrücke übriggeblieben, im Rhein verankert lag, tagelang von der Volkswehr und den Preußen bedroht ohne Nahrung und dem Verhungern nahe war. Der brave Mann hatte zu ihrer Rettung sein Leben gewagt und wurde nun bekleidet und aufs reichlichste bewirtet. Dieses Ereignis spann Maechler in besonnener Erinnerung zu Ende, indes er, am Quirlfluß hingehend, endlich auf die Straße nach Trennsdorf unterm Ägster kam. Aber wie er so eine Weile auf dem sicheren Wege hingegangen war, merkte er an der flutenden, heißen Unruhe, die seinen Körper durchwogte, daß die Aufregung dieses albischen Erinnerungserlebnisses noch nicht vollkommen aus ihm geschwunden war. Denn, wenn er die Hände schloß, fühlte er den nackten Körper des Mannes in seinem Griff, und nachdem er mit den Fingern das kühle, muskulöse Fleisch gekostet hatte, wurde es wärmer und wärmer und fühlte sich weich und verlockend an, daß er die Hände öffnete und in der kühlen Luft schüttelte, um diese letzte Berückung von sich zu schleudern. Aber die schwarzen Augen des Ungarn, die saugend auf ihn gerichtet waren, sah er vor sich in der Nacht, wohin er auch blicken mochte. Weit nach Mitternacht langte er in seinem Haus auf der Feldgasse an. Sein Weib lag wieder mit großen Augen in ihrer entrückten Totenstille im Bett, und er konnte sie lange nicht diesem geheimnisvollen Bann entreißenden, der sie gefangen hielt. So kleidete er sich aus. Aber vor dem Lichtauslöschen, schon im Hemd, beugte er sich noch einmal über sie und rief liebkosend und dringend ihren Namen: »Lotte, du, liebste Lotte!« Da auf einmal kehrte Leben in ihre entrückten Augen, glühendes, dunkles, wildes Leben. Mit einem glückhaften Schrei riß sie sich aus der unheimlichen Starre, schnellte wie ein Fisch auf und riß ihn mit inbrünstiger Umarmung zu sich ins Bett. Als dann das Licht gelöscht war, lag Maechler noch lange wach und wälzte sich in seinem Bett. Ein Geruch von Thymian erfüllte das kleine Zimmer, der auch nicht wich, als er das Fenster einen Spalt öffnete. Aber der Ausbruch des Krieges zwischen Preußen und Österreich, der von beiden Seiten die Heermassen gegen die schlesische Südwestgrenze heranwälzte, verhinderte Maechler, dem unheimlichen Geflecht nachzuspüren, mit dem das Schicksal ihn aus dem Undurchdringlichen umgarnte. Als die Würfel der Kriegserklärung gefallen waren, verwandelte sich die Furcht und Beklemmung der Bevölkerung in begeisterte Hingabe und Aufopferung. Bis ins einfältigste Herz und dumpfste Hirn schien ein Strahl des grellen Lichtes gefallen zu sein, daß dieses Ringen zwischen den beiden Reichen, wenigstens was Preußen anlangte, ein Existenzkampf war. Man fühlte, es ging um Schlesien. Österreich wollte diese Provinz, die es vor hundert Jahren an Friedrich den Großen verloren hatte, wieder an sich reißen und den verhaßten, viel gedemütigten nördlichen Bruderstaat für immer in die Vasallenstellung zurückdrängen, aus der er sich zäh und zielbewußt unter Bismarcks Führung herausarbeitete. Die Heeressäulen der kronprinzlichen Armee rückten in Gewaltmärschen durch die Grafschaft Glatz und gegen den Landeshuter Paß, und wenn auch der Rehberger Kessel und Wilkau nicht im Anmarschgebiet lagen, so wurden sie doch von einigen durchziehenden Kolonnen, die zur Sicherung der Grenze sich auf dem Kamm des Gebirges verbreiteten, in lebhafteste Unruhe und Spannung versetzt. Wie ein Sommergewitter, jäh, heiß, atembeklemmend, in mörderischer Ungeduld raste der Krieg auf. Der alte Kämpferinstinkt, der ihn wagehalsig gegen die flüchtenden Bauern auf der Trennsdorfer Straße geworfen hatte, wachte in Maechler immer unwiderstehlicher auf. Denn nicht nur für Preußen, auf das er seit langem all seine Hoffnungen gesetzt hatte, war er begeistert, dunkel wogte in ihm der Vernichtungswille gegen die albische Gewalt, die von dem Gebirge her ihn und die Seinigen bedrängte aus einem Dunkel, von dem er schweigen mußte, auf eine Weise, die ebenso unbegreiflich wie beklemmend war. Wenn die losgebrochene Lawine preußischer Kampfkraft sich siegreich-zermalmend über die Grenze wälzte, so vernichtete das ungeheure Geschehen auch den unsinnigen Wahn des Verderbens, der hin und wieder in ihm aufstand. Nie aber duldete der besonnene, willensstarke Mann, daß diese Unruhe und Beklemmung in den Grundwassern seines Lebens als Gischt der Verwirrung Gewalt über ihn bekam. Die sich überstürzenden Ereignisse ließen ihm auch keine Zeit zu solch heimlichem Verkehr mit den Schatten seiner Unterwelt, denn kaum daß das Schwirren der ersten Flintenkugeln hellhörige Fürchtler erschreckt hatte, trommelten leise und traumhaft die Kanonen der Schlacht von Trautenau über den Landshuter Kamm herüber, so leise, daß den Bangen noch unheimlicher wurde, weil die erhitzte Phantasie fessellos mit dem Schrecklichen zu spielen das Recht hatte. Verborgen ging ein Ruck zur Flucht durch Wilkau, weil sich am Abend das Gerücht durch die Häuser stahl, die Preußen seien geschlagen worden und befänden sich auf dem Rückzug, von dem nachdringenden Feinde ruhelos verfolgt. Es kostete Maechler alle Mühe, die Wankenden zur Ruhe, die Kopflosen zur Besinnung zu bringen. Seit er die Ausreißer vom Weißbachtal aufgefangen hatte, war er nämlich von dem Landrat wegen seiner umsichtigen Tatkraft hochlich belobt und mit außerordentlichen Befugnissen ausgestattet worden, daß er fast wie ein Ortskommandant in Wilkau herrschte, weil man den Grafen Schilling einer heimlichen Hinneigung zu Österreich verdächtigte. So hatte Maechler die Gewalt, die Wirbel anspringender Angst zu unterdrücken, wenn er auch nicht verhindern konnte, daß da und dort in den Häusern heimlich zur Flucht gerüstet wurde. Aber schon am anderen Tage verbreitete sich die Nachricht von dem Siege der Preußen nicht nur bei Trautenau, sondern auch bei Nachod. Da ließ er von beiden Türmen die Glocken läuten und hielt auf dem Schloßplatz eine kräftig packende Ansprache. Alle, auch die Hasengemüter, kamen sich nun wie Helden vor, man sang tapfer »Heil dir im Siegerkranz« und dankte Gott in den Kirchen für den Segen, den er den preußischen Waffen verliehen hatte. In diese Beglückung, die den dumpfen Druck von vielen zaghaften, unsicheren Seelen nahm, fuhren wie ein giftiges Gebläse Gerüchte von Untaten, deren sich die erbitterte Bevölkerung Böhmens gegen die durchziehenden preußischen Soldaten schuldig gemacht hatte. Man habe Brunnen vergiftet und den von den Gewaltmärschen ermatteten Kriegern Speisen gereicht, deren Genuß schwere Krankheit hervorgerufen hätte. In dem Städtchen Tinist liege ein halber Zug preußischer Infanterie an Cholera im Lazarett, weil die Soldaten sich an der Graupenwurst mit Meerrettichtunke gütlich getan hätten, ein Gericht, das unweigerlich diese Todeskrankheit im Gefolge habe. Solche und ähnliche irrsinnige Hiobsposten schwirrten durch die Luft, und als die Nachricht von der wilden Bosheit des Bürgermeisters von Gaabel sich überall verbreitete und geglaubt wurde, wirkte sie wie ein Aufruf zur Rache. Dieser verblendete Unmensch sollte den Befehl gegeben haben, auf die durchmarschierenden Soldaten aus den Fenstern siedendes Öl und kochendes Wasser zu gießen, nicht nur den Befehl, sondern er hatte darauf gedrungen, daß er auch buchstäblich ausgeführt wurde. Besonders megärische Weiber stellten sich an die geöffneten Fenster, winkten in verstellter Freundlichkeit den vorüberziehenden Preußen und schütteten unversehens den brodelnden Inhalt aus den Töpfen und Krügen in die heraufgewandten Gesichter. Jede Stunde jagte ein neues Gerücht, das die anderen an Wildheit übertraf, durch die aufs höchste empörte Bevölkerung. Aber während die meisten sich über diese Abscheulichkeiten nur entsetzten, reifte über Nacht in einigen verbohrten, haßwilligen Männern der Plan, auf eigene Faust für diese Verbrechen Rache zu nehmen. Denn von einem hoch im Gebirge wohnenden Förster hatte man erfahren, daß dieser wilde Haß unter den Bewohnern der böhmischen Seite des Riesengebirges, also in nächster Nähe, auch um sich greife. Da sei ein Baudenweib, noch in den besten Jahren, das wüte auf eine besonders infernalische, fast unbeschreibliche Weise, daß man es vor reinen Ohren und unbeschädigten Gemütern gar nicht aussprechen könne. Sie sei in früher Jugend von einem durchreisenden Handwerksburschen zur Mutter gemacht worden, und seitdem regiere sie ein geradezu tiermäßiger Haß gegen alles, was preußisch sei. An dieser Wildheit habe ihr Vater den Verstand verloren, sei eines Tages von den Wirbeln der Verrückung in die Wälder getrieben worden und seitdem verschollen. Die Tochter aber habe sich von diesem grausen Schatten nicht aus ihrem geradezu satanischen Taumel in ein geruhiges Leben zurückschrecken lassen und treibe es seitdem eher noch schlimmer als vorher. Verbittert, wortkarg, fast stumm gehe sie der Bestellung ihrer kleinen Baudenwirtschaft nach. Sobald sie aber eines preußischen Mannes ansichtig werde, erwache ein solch wildes Geschlechtsrasen in ihr, daß keiner, der in ihre Nähe komme, dieser Glut widerstehen könne. Nicht eher ruhe sie, als bis er ausgesogen und entwürdigt, wie eine leere Schale von ihr abfalle. Bei Ausbruch des Krieges aber habe sie ihren gefräßigen Schoß in den Dienst des Vaterlandes gestellt, streife an der Grenze umher und locke mit schamlosen Künsten die Wachtsoldaten zu sich herüber, von denen dieser und jener aus purer Lust an Abenteuern und wohl auch aus Brunst ihr ins Garn geraten und seitdem verschwunden sei. Bei diesem unglaublichen Geschäft helfe, von ihr abgerichtet, der Sohn, ein Knabe von zwölf, dreizehn Jahren, das Kind jener Vermischung mit dem Handwerksburschen, dessen Namen noch niemand erfahren habe, entweder weil sie ihn selbst nicht wisse oder nicht nennen wolle. Das Gerücht, das von jedem verständigen Menschen für die Ausgeburt erregter, verschrobener Einbildung gehalten wurde, tuschelte sich doch allenthalben umher. Man hielt es nicht nur für möglich, sondern für wahr, und jener kleine Kreis von Männern, die entschlossen waren, für die Untaten und Verbrechen an den preußischen Soldaten auf eigene Faust Vergeltung zu üben und Rache zu nehmen, es waren nicht die besten, sondern irgendwie brüchige oder von unsauberen Schwaden umnebelte Menschen; versammelte sich heimlich in dem Gasthaus zum Grünen Baum, dessen Wirt jener Kammel war, bei dem Maechler die erste Nacht in Wilkau zugebracht hatte. Als der Gerber von dem Plan dieser abschüssigen, fast unsinnigen Männer hörte, ging er, ohne erst lange zu erwägen, geradenwegs in den Grünen Baum, um Kammel wegen der heimlichen Treibereien zur Rede zu stellen, die, wenn auch nicht durch ihn hervorgerufen, aber doch von ihm geduldet würden. Es war am frühen Morgen, als Maechler in die Gaststube eintrat, in der sich seit den zehn Jahren nicht das geringste geändert hatte, seit er das erstemal an dem Abend seines Eintreffens in Wilkau hier geweilt hatte, und wie dazumal saß Kammel allein an dem Tisch neben dem Schenkhause und starrte vor sich hin. So, als habe er die ganzen zehn Jahre sich mit nichts als mit seiner Ratlosigkeit beschäftigt. Aber kaum daß Maechler nach einem geruhigen Gruß bis in die Mitte der Stube getreten war, sprang Kammel mit der mechanischen Gelenkigkeit seines Gewerbes auf und erkundigte sich, womit er dem »Herrn Vorsteher« dienen könne, und sprach, ehe er Maechler zu Wort kommen ließ, eine kleine Suade von der Veränderlichkeit der Zeiten, daß aus dem damaligen Handwerksburschen das Gemeindeoberhaupt von Wilkau geworden sei. Das redete er mit einem süßlichen, aber schiefen Lächeln und konnte nicht verhindern, daß ein hämischer Blitz über sein mageres, zergrübeltes Gesicht ging. Mit breitem Lachen schnitt Maechler den Redefluß Kammels ab, nicht nur, weil ihn der versteckte Hohn der Worte wurmte, sondern weil ihm der Mann zuwider war, der alle bösen und vergifteten Schliche des Schlossers Neefe einst heimlich unterstützt hatte und sogar noch heut, nachdem der in Verblendung erwürgte Mann längst grablos verschwunden war, ihm die dunkle Treue hielt. Ja, diese Hörigkeit ging so weit, daß er das Gerücht aufgebracht hatte, der arme Schlosser sei nicht aus Versehen in das rasende Heidewasser gestürzt, sondern von seinem erbittertsten Feinde absichtlich hineingestoßen worden. Diese Gedanken schossen Maechler durch den Kopf, während er breit und in gutmütiger Ironie lachte. Dann aber legte er dem kleinen, mageren Mann die Hand auf die Schulter, rüttelte ihn lustig ein wenig und sagte fast übermütig, mit dem merkwürdigen Wandel der Zeit habe Kammel nicht so ganz recht, denn letzten Endes bleibe jeder, was er sei. Denn wenn jemand als Schubiak auf die Welt komme, so werde wohl kaum ein Engel aus ihm. Da helfe kein Regenschirm dagegen. Damit müsse man sich schon abfinden. Aber deswegen sei er auch nicht hergekommen, sondern er wolle wissen, was gestern abend hier im »Grünen Baum« gebraut worden sei. Wie ihm zu Ohren gekommen sei, hätten Männer, deren Namen ihm nicht unbekannt geblieben seien, an dem Plan geheckt, als Freibeuter über die Grenze zu gehen und damit Verwickelungen herbeizuführen, für die nicht nur er als Gemeindevorsteher, sondern auch Kammel verantwortlich gemacht werden würde, weil das in seinem Hause geschehen sei. Kammel wollte von nichts wissen, begann, wie es seine Art war, in der Stube umherzulaufen, wand sich durch allerhand Ausreden, die immer durchsichtiger wurden, rief nach seiner Frau, damit sie bezeuge, daß er die Wahrheit spreche, und erzählte dann die Geschichte von dem wilden Weibe an der Grenze, das in ihrer tollen Brunst schon so manchen braven Soldaten der Grenzwache hinübergelockt und in Gefangenschaft und vielleicht in den Tod gebracht habe, daß man schon verstehen könne, wenn unerschrockene Männer entschlossen seien, diesem verfluchten Wüten ein Ende zu machen. Kammel schüttete alle Einzelheiten des unglaublichen Gerüchtes aus, von dem preußischen Handwerksburschen, der sie in ihrer Jugend überfallen und zur Mutter gemacht, von ihrem Vater, der sich wegen ihrer Schande im Walde erhängt, von dem armen Jungen, den sie zum Helfer bei ihrem zuchtlosen Geschäft abgerichtet habe. Und als er Maechler vor Grauen die Augen schließen und erbleichen sah, verließ ihn jede Beherrschung, und er bekannte sich frei zu der Unterstützung jener beherzten Männer, die dieser himmelschreienden Gemeinheit ein Ende machen wollten. »Ja, ja, Herr Gemeindevorsteher«, rief er zum Schluß und ließ seinem Groll gegen Maechler die Zügel schießen, »so ist es und nicht anders. Mit Ihrem Gerede von Ruhe und Besonnenheit kommen wir nicht weiter. Hier muß zugegriffen werden, aber nicht zu knapp, sonst rasen eines schönen Tages die Böhmaken über den Kamm und machen uns den Garaus.« Maechler richtete sich, tief Atem holend, daß sich seine Brust zum Zerspringen hob, zu seiner ganzen riesigen Größe auf und maß den kleinen Mann mit großen, verwundert entgleisten Augen eine Weile. Dann aber brach er in dröhnendes Gelächter aus, das die ganze Stube füllte, so lachte er, daß er sich verschluckte und setzen mußte. Sein Körper wurde von einem Krampf durchgeschüttelt, und immer von neuem dröhnte das Lachen aus ihm. Plötzlich aber riß er es mit einem Ruck in sich hinein, schaute den erschrockenen Wirt verächtlich an und fragte erschöpft und tonlos: »Und diesen Blödsinn glaubt Ihr?« – »Diesen ausgemachten Blödsinn?« wiederholte er nach einer Pause und setzte den Finger gegen seine Stirn, war aber nicht imstande, das Zittern der Hand zu unterdrücken. Als Kammel aber nicht antwortete, sondern ratlos auf Maechler starrte, fragte dieser in einer Gleichgültigkeit, die beiläufig und belanglos klingen sollte und doch noch immer erschöpft und tonlos war, ob »diese verrückten Kerle« schon fort seien. »Ja, ich glaube, diese Nacht sind sie hinaufgegangen«, antwortete Kammel furchtsam, weil er das abgründige Drohen in Maechlers Stimme hörte. Da erhob sich Maechler, griff nach seiner Mütze, murmelte »Narretei, dumme Narretei« vor sich hin und ging trockenen Grußes zur Tür hinaus, die er fast verfehlt hätte. 20 Aber die Tage jener kurzen, rasend bewegten Sommerzeit waren mit großen Ereignissen so zum Überlaufen angefüllt, daß Maechler den Schlag nicht voll ermaß, unter den ihn das Schicksal immer fester, immer unentrinnbarer festnietete. Wohl trieb es ihn nach dem Verlassen des Kammelschen Gasthauses ein Stück die Vogelsdorfer Straße hinauf bis an die ersten Häuser von Trennsdorf, schwenkte ihn dann von der Straße herunter ins Feld hinein, führte ihn zwischen den Teichen hin und her, als sei er nicht von ratlosem Unruhirren gepackt, sondern lüfte sich auf einem abgestohlenen Luftgänglein etwas die fast unerträglich gewordene Last tausendfacher Verantwortung, wohl saß er endlich an einem Teichrande in einer Erschöpfung nieder, die der tapfere Mann wohliges Verschnaufen nannte, und schob mit gutgespielter Gleichmütigkeit diese wilde, höllischbrennende Geschichte von dem satanisch besessenen Weibe, die aus der Erzählung des Gastwirts das Herz seines Lebens bedroht hatte, unter die unzähligen anderen grotesken Lappalien, mit denen die müßige Menge sich die geheime Furcht bunt und erträglich machte. Ja, es gelang ihm sogar, lustig aufzulachen, als er sich den kleinen Kammel vorstellte, wie ihn das Grauen manchmal geduckt und sein Gesicht verzerrt hatte. »So ein Hanswurst«, rief Maechler verächtlich aus und erhob sich unter einem neuen Lachstoß. Dann ging er mit weitausgreifenden Schritten nach Wilkau zurück, als gelte es, widerliches, dummes Geschmeiß auf dem Wege zu zertreten. »Was denn? So ein Unsinn«, fragte er plötzlich stehenbleibend, »zum Teufel nochmal, ich hab sie doch nicht vergewaltigt!« Er fragte es so laut, daß er, durch den Klang seiner Stimme aus den unterirdischen Kreisen gerissen, erschrocken zu sich kam und furchtsam um sich schaute, ob jemand in der Nähe sei, der es gehört haben könne. Aber das Feld war weit und breit menschenleer. Das Getreide wogte seine jungen Ähren in einem heißen, leisen Wind, und der Spiegel der Teiche glitzerte wie eine silberne Haut. Die Dächer Wilkaus tauchten rot und grau aus den Baumkronen, die beiden Kirchtürme stießen ihre durchbrochenen Kropfenden wie immer in den Himmel. »Unsinn«, murmelte Maechler vor sich hin und blies höhnisch ein halbes Lachen durch die Nase. Dieser kleine Schubiak von Kammel hatte sich nur wichtig machen wollen, um ihm als verbohrter Nachläufer des Schlossers beschwerlich zu fallen. Aus diesem Grunde auch waren die Männer von ihm zu dem unsinnigen Freibeutergange auf das Gebirge beredet worden. Als er den Schloßplatz betrat, sah er den kleinen Drogen- und Farbenhändler Lemke mit dem blassen Kriechergesicht und dem spärlichen Kalmückenbärtchen unter der Ladentür stehen. Weil das Männchen irgendwie dem Gastwirt Kammel ähnlich war, wurde Maechler von einem Widerwillen erfaßt. Und als der Kleine bei seinem Herankommen schon von weitem ein paarmal devot zusammenklappte, juckte es den Gerber, auf ihn zuzugehen, ihn mit einem Griff vom Boden zu heben und zu fragen: »So, und Sie Jammerlappen glauben also auch an diese Gebirgsweibergeschichte?« Aber bei dem Gruße Lemkes: »Guten Morgen, Herr Gemeindevorsteher. Was machen die Österreicher?« verflog der bittere Nebel um Maechler, er versetzte im verlangsamten Weiterschreiten dem Magerling ein freundliches Schläglein auf die Schulter und antwortete, lustig auflachend: »Was werden sie machen? Keile kriegen sie.« Dann reckte er sich auf und nahm den weitausgreifenden sieghaften Schritt an, den die Wilkauer an ihm liebten. Lemke trat auf die Mitte des Bürgersteigs und sah dem Davongehenden bewundernd nach. »Ja, das ist ein Mann, wie wir ihn brauchen«, sagte er zu sich und kehrte schmunzelnd in den Laden zurück. Als Maechler von der Rehberger Straße in die Feldgasse einbog, begann auf den beiden Türmen das Mittagsgeläut. Friedevoll und sicher schwang sich der Zwiegesang der Glocken hoch über der Mittagsschwüle über den Dächern durch die Luft wie ein entrückter ferner Segen, der beladene Herzen ihrem verschwiegenen Kummer entrückt. Der Gerber betrat den kleinen Ziergarten, zu dem er für sein Weib den alten Werkplatz verwandelt hatte, schritt die paar Gänge zwischen den Blumenbeeten hin und wider, und setzte sich auf die Bank, um das unruhige, dunkle Wogen in sich ganz loszuwerden. Aber immerfort sog das Düstere, Drohende an ihm, das durch die Erzählung Kammels über ihn gekommen war und das er doch abwehrte, in den hellen Kreis seines Denkens zu treten. Allein es flatterte schattenhaft in seiner Tiefe und eine unheimliche Hand streckte sich von hinten aus dem Unnennbaren nach ihm aus. Da verstummte das Geläut. Maechler sprang von der Bank auf und ging in sein Haus hinüber, Es war schon zum Mittagessen gedeckt. Jochen saß am Tisch und pinkte mit dem Löffel an seinem Teller. Als Maechler groß, breit und mit einer Art gewaltsamer Entschlossenheit in der Tür erschien, senkte der Junge nach einem Blick in sein ernstes Gesicht den Kopf, hörte sofort mit dem Geklapper auf und sah betreten vor sich hin. Maechler fuhr ihm zur Begrüßung über den Scheitel und sagte: »Na, Jochen«, trat zu seiner Frau, die, am Herd stehend, die Suppe in die Schüssel füllte, begrüßte auch sie mit gewalttätiger Leichtigkeit und fragte, was es Neues gebe. Lotte lachte ironisch auf und antwortete: »Neues? Das Neue, das du von draußen bringst, Maechler.« Der aber überhörte ihre gespitzten Worte, schritt unruhig in der Stube auf und ab, trat von Fenster zu Fenster und schlang das Essen hastig und achtlos hinunter. Dabei redete er ingrimmig und in allgemeinen Ausdrücken von dem »Unsinn und Gequatsch« der Leute, das er sich zum Übelwerden anhören müsse, und wenn nicht mit dem Kriege was Entscheidendes passiere, so würden die Menschen tatsächlich noch verrückt. Während Maechler das belanglos und doch erhitzt herausstrudelte, vernichtend an seinem Essen schlang, vermied er es, Lotte voll anzusehen, stahl sich aber immer mit einem gierigen Blick in ihr Gesicht, wenn sie den Kopf seitlich wandte, um zu erkunden, ob und welche Veränderung mit ihr vorgegangen sei. Auf Jochen achtete er gar nicht. Nach diesem gejagten Essen schob er den Teller von sich, erhob sich mit jähem Ruck vom Stuhl und trat so leidenschaftlich auf Lotte zu, die auch aufgestanden war, daß sie betroffen einen Schritt zurückwich. Aber er ließ sie nicht entrinnen und faßte ihre beiden Hände so fest, als wolle er sie zu Mus zerdrücken. Sein Gesicht wurde blaß und zuckend. Seine Augen flackerten groß und erschreckt und bohrten sich so in sie ein, als gälte es, die letzten, heimlichsten Schleier vor ihrem Wissen zu zerreißen. »Du, liebste Lotte! Ja?« stotterte er dabei hauchend. Aber die Frau, die nicht wissen konnte, daß ein Schuldbeladener besorgt auf sie zugetrieben werde, sondern glaubte, irgendwelche Verwicklungen von draußen aus der Welt seien über ihm, bog sich zurück und fragte kühl: »Ja, was ist dir denn, Maechler?« Da ließ der Mann ihre Hände fahren und antwortete in einer Beglückung, die sie sich nicht erklären konnte: »O gar, gar nichts« und lief zur Tür hinaus. Lotte sah ihm enttäuscht nach. »Aha, wieder ... und ich?« sprach sie bitter vor sich hin und trat langsam an den Tisch, um abzuräumen. Jochen hatte den Vorgang zwischen Vater und Mutter vom Fenster her beobachtet, wohin er bei dem unvermuteten Aufspringen Maechlers geflüchtet war und wußte nicht, um was es sich handelte. Als er seine Mutter blaß und mit einer tiefen Furche in die Stirn hinauf an den Tisch treten sah, kam er auf sie zu und fragte schüchtern, ob sie auch auf ihn böse sei wie Vater vorhin. Da nahm Lotte seinen Blondkopf herzlich zwischen ihre Hände und sagte liebreich: »Wo denkst du denn hin, lieber Junge. Vater ist nicht böse auf dich. Der dumme Krieg jagt ihn nur auf allen Gassen umher. Ach und ich bin schon lange nicht böse auf dich. Du dummer Jochen, du bist doch das einzige, was ich auf dieser Welt habe.« Sie küßte ihn wieder und wieder leidenschaftlich, bis ihr die Augen feucht wurden. Als sie das spürte, riß sie sich hastig auf, gab ihm einen kleinen Schub und sagte: »Und nun troll dich.« Maechler lief indessen durch das ganze Haus, als müsse er sich überzeugen, daß alles noch an seinem alten Flecke stehe. Dann stürzte er sich wie ein Berserker in die Arbeit. Seine beiden Gesellen waren zu den Soldaten eingezogen worden. So mußte mit einem alten, klapprigen Gehilfen, den er auf gut Glück von der Landstraße aufgelesen hatte, der Betrieb notdürftig aufrechterhalten werden. Bald war er auf dem Boden und zählte die gewalkten Leder durch, bald schichtete er die Häute in den Tonnen um, bald untersuchte er die im Trockenschuppen aufgehängten Häute und sah nach, ob die Spreithölzer noch überall festsaßen. Er lief, als habe er vier Beine und arbeitete wie mit sechs Händen, und der grauköpfige, gerberische Sonnenbruder wurde in einen Fleiß getrieben, daß er Gott und die ganze Welt verwünschte und sich schwor, auf Nimmerwiedersehen auszurücken, sobald es irgend möglich sei. Denn wenn dieser Meister, in den offenbar der Teufel gefahren war, noch zwei Tage so unmenschlich fortrase, dann tat man besser, in den Krieg zu gehen und sich totschießen zu lassen. Maechler aber gönnte sich kaum einen Augenblick Ruhe. Diese Schatten, die in ihm umgingen und an die er sich mit seinem Denken nicht heranwagte, so undurchdringlich und unheimlich sie waren, glaubte er totlaufen und mit seinen Händen erwürgen zu können. Immer wieder trat er auf ein kurzes Zeitstrichlein vor das Haus oder auf die Feldgasse und horchte in die Höhe, weil er sehnsüchtig war nach einem Klang entrückten Friedens, wie er im Geläut der Glocken am Mittag über ihn hingefahren war. Aber, obwohl er den von der ungestümen Arbeit hochgehenden Atem gewaltsam zurückhielt, in der stillen, stehenden Julihitze war nichts von dem seligen Tönen zu vernehmen, das er in einer Art jenseitiger Inbrunst ersehnte. Statt dessen vernahm er ein traumleises Donnern, das so schwach war, daß er glaubte, das Rollen seines eigenen Blutes zu hören. Diesen hauchschwachen Laut, der nichts war, als der Nachhall des Geschützkampfes der Königgrätzer Schlacht, die an jenem Nachmittage ihre ehernen Würfel zu Ende spielen ließ, hielt Maechler für das Brausen seines Blutes und die dunkle, seelenferne Unruhe seines Gewissens, und kopfschüttelnd und noch mehr belastet von dieser geheimnisvollen Berückung stürzte er sich wieder in seine mörderische Arbeit. Am Abend lag er vollkommen ausgepumpt und erschöpft in einer Übermüdung im Bett, die seine innere Reizbarkeit nicht geschwächt, sondern noch gesteigert hatte. Mit großen, trockenen Augen sah er unverwandt zur Decke des kleinen Schlafzimmers und kam zu der Überzeugung, seinem Weibe alles rückhaltlos sagen zu müssen, was sich einst vor langen Jahren zwischen ihm und der Paula Großmann abgespielt habe, um endlich die Pein loszuwerden, die ihn im tiefsten immer beunruhigt hatte und nun zu dieser unerträglichen Last geworden war. Endlich hörte er Lotte drunten die Haustür schließen. Sie kam leise die Treppe herauf, ging noch einmal in Jochens Kammer und betrat vorsichtig die Schlafstube, die indessen ganz finster geworden war. Maechlers Pulse begannen zu fliegen. Er sah sich vor einem Abgrund stehen, im Begriff, sein reich gediehenes Leben und das Dasein seines Weibes und Jungen in diesen verjährten, nun weit aufgerissenen Schlund zu stürzen. Aber es mußte sein! »Droben Gnade, drunten Recht«, flog es ihm durch den Kopf. Lotte hatte sich entkleidet und mit einem leisen Gute-Nacht-Wunsch zu Bett gelegt, den Maechler nicht zu erwidern wagte. In einem letzten Ringen mit seiner Furcht lauschte er begierig auf die Atemzüge seines Weibes, die bald lang und tief einsetzten. Unter Überwindung eines Schwächeanfalls, der ihn wie ein Schwindel drehte, fragte er mit ausgehendem Atem: »Lotte, schläfst du schon?« »Nein. Warum fragst du? Ich glaubte, du schläfst schon.« »Ach, ich liege und kann keine Ruhe finden.« »Was treibt dich denn wieder von draußen her?« »Nun, weißt du, da hat mir heut morgen der kleine, eklige Kammel eine Sache erzählt, die mich den ganzen Tag verfolgt. Du hast's wohl zu Mittag gemerkt, daß ich ganz verstört war. Aber ich wollte dich damit verschonen und glaubte, es mit Arbeit unter mich zu kriegen. Allein, es hat mich nichts genutzt, und nun liege ich, und es geht wie ein Mühlrad in mir um. Da soll da drüben auf der böhmischen Seite des Kammes ein Weib rein wie eine Besessene hausen. Wen sie an Männern erwischt, den packt sie und rast ihn fast zu Tode, und jetzt im Kriege hat sie es besonders auf die Soldaten der Grenzwache abgesehen, lockt sie schamlos hinüber, tut sich in unersättlicher Brunst an ihnen gütlich und liefert sie dann den Feinden aus. Denn sie hat eine Wut, einen Haß auf alles, was preußisch ist, die sich keiner erklären kann ... und es geht die Sage... man spricht ... es ist rätselhaft ... allein, was passiert nicht mit den Menschen ...« Da verließ den Bekenner der Mut. Es wurde schwarz in ihm. Er stotterte noch einige unverständliche Worte, die wie Schreie eines Ertrinkenden klangen, und verfiel dann in einen totenähnlichen Schlaf. Lotte sprang erschreckt aus dem Bett, rief ihn an, rüttelte an ihm, machte Licht, streichelte seine Wangen, die blaß waren, küßte ihn auf die Stirn, die voll Schweiß stand. Es nutzte sie nichts. Er kam nicht zu sich. Sie bemühte sich, ihn aufzurichten. Endlich schlug er die Augen auf, sah erschreckt um sich, murmelte: »... ganz fern klingt ein Donner ...«, drehte sich auf die Seite und versank mit tiefem Ausschnaufen wieder in den totenähnlichen Schlaf, in dem er alles sich von dem Gewissen raste, was er Lotte wach bekennen wollte: seine Schuld, seine Not, seine Vaterschaft an dem Sohne dieses wilden Weibes. Lotte sah, wie sich seine Lippen fortwährend bewegten, wie er einmal an den Händen hob, als wolle er damit sein Gesicht bedecken. Enttäuscht und bitter sah sie noch eine Weile diesem Schlafkampf ihres Mannes zu, aus dem sie die Bestätigung dessen aufs neue las, was seit langem ihr Herz bedrückte, daß sie Liebe gegeben hatte für etwas, was sie für Liebe gehalten hatte, und das es vielleicht auch gewesen war von seiten ihres Mannes, dessen Herz im tiefsten nicht eigentlich zu ihr, sondern in die Sorge für die Menschen getrieben wurde. Sie löschte das Licht aus und kroch vorsichtig und umständlich-achtsam auf ihr Lager. Regungslos schaute sie lange mit großen Augen in die Nacht, um vollkommen über sich klar zu werden. O, nein, da war nichts in ihrem Leben und in ihr, dessen sie sich geschämt hätte und das sie innerlich doch nicht ganz verwinden konnte, trotzdem sie äußerlich stolz daran vorüberging. Durch nichts war dieser in tausend Gegenden des Gebens bewegte Mann vollkommen an sie zu fesseln. Selbst die rasende Leidenschaft, mit der sie ihn in dieser blinden Eifersucht auf die Welt oft an sich riß, vermochte ihn nicht dauernd an sie zu binden. Und das schlimme war, daß Maechler selbst, wie sie eben erfahren hatte, in seiner Hingabe an die Welt auf schwankem, unterhöhltem Boden stand. Bei Gott, sie konnte nichts dafür. Was sie quälte, war das beleidigte Unschuldsgefühl derer, die durch keine Lüge befleckt sind. Das und ähnliches sann das bedrängte Weib, bis sie spürte, wie das unheimliche Wesen mit den starren, schwarzen Augen aus der Luft wieder auf sie zukam. Sie fühlte noch, wie Maechlers heiße, bebende Hand einmal zart über ihr Gesicht strich, dann verfiel sie wieder in diese unnatürliche Schlafstarrheit bei offenen Augen. * Der andere Tag, der dieser schweren Nacht in dem Gerberhaus auf der Feldgasse folgte, war anfangs nicht dazu angetan, die dunklen, schicksalhaften Töne drohender und tiefer in das Leben der beiden Ehegatten zu führen. Im Laufe des Vormittags verbreitete sich die Kunde von einer großen Entscheidungsschlacht, die gestern in Böhmen geschlagen worden sei. Die Häuser leerten sich. Die Männer ließen ihre Arbeit im Stich. Die Frauen liefen von ihren Kochtöpfen weg. Auf allen Gassen und Plätzen sammelten sich Gruppen, die das folgenschwere Ereignis besprachen. Die einen behaupteten, die österreichischen Kanoniere hätten die Preußen in Grund und Boden geschossen. König Wilhelm und Moltke seien gefangengenommen worden, und nur Bismarck habe sich retten können. Andere wollten wissen, daß die Österreicher vollkommen geschlagen seien. Zehntausend, zwanzigtausend habe man gefangengenommen, unübersehbares Heeresgut sei erbeutet worden. Benedek mit seinem ganzen Heere befinde sich auf der Flucht, die Preußen hinter ihm her. Franz Josef, der Kaiser, habe abgedankt. Verzagtheit und Glück wogten durcheinander. Niemand wußte, woher die Nachricht gekommen war. Jeder glaubte, was seinem Wesen entsprach, bis gegen Mittag die Extrablätter des »Boten aus dem Riesengebirge« an allen Ecken klebten, die den vollkommenen Sieg der Preußen bei Königgrätz und den fluchtartigen Rückzug des österreichischen Heeres meldeten. Von den beiden Kirchtürmen donnerte das Geläut aller Glocken. Vom Dach des Schlosses wehten drei große schwarz-weiße Fahnen. Kaum ein Haus war ohne Flaggenschmuck. Gegen Abend sammelten sich Hunderte auf dem Schloßplatz. Maechler, der den ganzen Tag umhergewirbelt worden war, betrat von dem Langen Hause her, einem großen Barockbau, den des Grafen Schillings Vater für die kurgebrauchende hohe Geistlichkeit hatte erbauen lassen, den Schloßplatz, von dem lauten Durcheinanderwogen der Menschen angelockt, die in der Begeisterung zusammengelaufen waren, die jeden trug und die keiner ganz beherrschte. Man rief zu den Fenstern des Schlosses hinauf; aber der Graf erschien nicht, weil er, durch den Verdacht der Behörde verletzt, die Teilnahme an einer öffentlichen Kundgebung mit seiner Würde nicht vereinigen konnte. Als man die hohe Gestalt des Gerbers auftauchen sah, wie er mit seinen langen, entschiedenen Schritten herannahte, wandte sich aller Aufmerksamkeit ihm zu. »Der Vorsteher kommt, dort, Herr Maechler kommt.« »Bravo!« schrie es durcheinander. Der letzte schräge Abendsonnenstrahl ruhte über den Menschen. Er leuchtete dem Meister, der alle überragte, ins Gesicht, daß es aussah, als glänze es in Freude. Aber es war zergrübelt, wie übernächtigt, voll von einer kaum verborgenen Schwermut, die ergreifend wirkte. Man streckte ihm die Hände entgegen und schüttelte sie herzlich. Er konnte sich kaum der beglückten Aufregung und freudigen Achtung seiner Mitbürger erwehren. Betroffen und ein wenig schüchtern sah er von einem zum andern, schüttelte ratlos den Kopf und schrie endlich: »Kinder, seid bloß ruhig!« »Nein, Maechler soll reden«, krähte von irgendwoher die Stimme des kleinen Drogenhändlers Lemke, und im Nu war es die brausende Forderung der ganzen zusammengelaufenen Versammlung, der nicht zu widerstehen war. In der Nähe stand der Brettwagen eines Bauern, der in der Menschenmenge nicht weiterkonnte. Der Besitzer des Gefährts war abgestiegen und hielt die alten frommen Tiere am Zaume, die mit großen verwunderten Augen umhersahen, unwillig schnoben und dann und wann mißbilligend die Ohren bewegten. Als Maechler einsah, daß an ein Entrinnen nicht zu denken sei, sprang er auf den Breitwagen und rief mit seiner tiefen, weittragenden Stimme: »Wikauer! Meine lieben Mitbürger!« Sofort trat lautlose Stille ein. Erst sprach Maechler von der glorreichen Waffentat der Preußen, die zwar schwer errungen, aber hoffentlich endgültig sei, nannte ihren beispiellos schnellen Vormarsch einen Blitzzug und schilderte an der Hand der inzwischen eingelaufenen Nachrichten den Verlauf der Koniggrätzer Schlacht. Dann ließ er eine kleine Pause eintreten und sah einen Augenblick sinnend vor sich hin. Als er wieder zu sprechen begann, hatte seine Stimme einen anderen, tiefinneren Klang. »Wir Wilkauer und alle Bewohner dieses Kessels wissen es«, fuhr er fort, »das Wasser reißt Wälle, Dämme und Ufer ein. Aber die Hindernisse, die dem Fortschritt und der Höherentwicklung der Völker und Staaten entgegenstehen, sie können nur, Gott sei's geklagt, mit Menschenblut niedergebrochen werden. Wir danken von ganzem Herzen den Helden von Nachod, Trautenau, Skalitz, Schweinschädel und Königgrätz, den lebendigen und toten. In Zukunft wird Preußens Wille nicht mehr Österreichs Gnade sein. Daß aber die Früchte dieser Siege uns in Zukunft gedeihen, das, meine lieben Wilkauer, hängt nicht mehr von der Arbeit des Schwertes ab. Das muß in jedem einzelnen Bürger errungen werden. Ich wiederhole hier in diesem hohen, ereignisreichen Augenblick, was ihr alle tausendmal von mir gehört habt: Das Volk ist der Staat. Wie ihr seid, so wird der Staat sein in Gutem und im Bösen. Seid treu in der Pflicht eurer Tage, so schafft ihr dem Vaterlande gute Jahre. Soll es licht in der Zeit sein, so muß es erst licht in unserem Innern sein, licht von der Wahrhaftigkeit, gegenseitiger Duldung und Wertschätzung her, licht von der Hilfe für den schwachen Nebenmenschen her, aber auch und vor allem licht von dem ernsten Willen zur Reinheit in uns selber. Denn wer mit Schatten haust, dem wäre es besser, er läge unter den Toten von Königgrätz. Wisset, ein Held sein zum Tode ist schwer und herrlich. Schwerer und herrlicher ist ein Held sein im Leben.« Während Maechler die letzten Sätze laut und hinreißend, wie ein Bekenntnis seines eigenen Willens, von dessen tieferer Bedeutung niemand etwas ahnte, über den Platz rief, näherte sich ein singendes Gröhlen betrunkener Männer, so, daß Maechler schnell die siegreichen Krieger, den König und das Vaterland hochleben ließ und die Nationalhymne »Heil dir im Siegerkranz« anstimmte, die alle begeistert mitsangen. Auch die Gröhler wurden mit fortgerissen. Es waren die drei Männer, die von dem Gastwirt Kammel angestiftet, als Freibeuter auf das Gebirge gegangen waren, um für die Ruchlosigkeiten des wilden böhmischen Weibes Rache zu nehmen. Allein ihr Heldengang hatte ein klägliches Ende genommen. Sie waren nach Überwindung von vielen Gasthäusern, und zwar erst gegen Abend in der Peterbaude angekommen. Dort hatten sie die angefangene Berauschung bis zur völligen Trunkenheit fortgesetzt und waren nun, immer noch nicht nüchtern, in Wilkau wieder eingerückt, als Männer, die das Bewußtsein erfüllte, die Schlacht von Königgrätz mitgewonnen zu haben. Von dem wilden Weibe sprachen sie so, als sei sie von ihnen für immer unschädlich gemacht worden. Als das Lied verklungen war und die Menge sich nach allen Richtungen zerstreute, hörte man die Stimmen der trunkenen Helden das Gespräch der Heimkehrenden übertönen. »Jawohl, Großmann heißt das Luder«, schrie immer wieder die blecherne Stimme des Barbiers Raschke, und die beiden andern bestätigten laut die Behauptung ihres Genossen. Dann blieben sie stehen und sangen nach der Melodie der Nationalhymne: »Heil dir im Großmannkranz« mißtönend und gröhlend über den Platz. Maechler stand im Gespräch mit einigen Bekannten. Das Geplärr traf wie ein eisiger Schlag sein Herz. Sofort brach er die Unterhaltung ab. »Das ist ja eine Verhöhnung. Den Rüpeln muß das Handwerk gelegt werden!« rief er entrüstet und begann, sich durch die Menge zu arbeiten. Ehe er aber in die Nähe der Sänger kommen konnte, hatten sie ihr Lied geendet, brachen in lautes Gelächter aus und trennten sich nach drei verschiedenen Richtungen. In der Ferne stimmte jeder den schönen Vers wieder für sich an, daß es Maechler vorkam, als werde seine verjährte Schande durch ganz Wilkau getragen. Ratlos und abgeschlagen ließ er sich von der Menge weiterschieben. Dann kehrte er, dumpf in sich hineinbohrend, auf den Schloßplatz zurück, der wieder öde und menschenleer dalag. Langsam, zögernd schritt er der Rehberger Straße zu und rang mit einem Taumel, der ihn immer stärker überfiel. Auf der Sandbrücke, die er absichtslos betreten hatte, lehnte er sich über das Geländer und starrte auf das Heidewasser hinunter, das leise plaudernd in der Finsternis dahinzog. Es war gut, daß er die Rüpel nicht gestellt hatte, denn dann wäre die Aufmerksamkeit aller erst recht erregt worden. Morgen, wenn die drei erwachten, war mit dem Rausch auch das meiste in ihnen verraucht. Außerdem nahm er sich vor, mit den beiden Geistlichen die Abhaltung eines Dankgottesdienstes zu besprechen, mit klingendem Aufzug des Militärvereins und einer Ansprache seines Vorsitzenden. Außerdem würden die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz diese Geschichte bald vollkommen begraben, die für die anderen doch nur den Wert eines abenteuerlichen Gerüchtes hatte, wenn er sich nicht selbst verriet. Diese Überlegungen brachten Maechler wieder zu ruhigerer Besinnung. Trotzdem hatte er fortwährend die Empfindung, es stehe jemand hinter ihm und sehe ihn höhnisch an. Aber wenn er sich umdrehte, war die Nacht leer. Endlich stieß er sich gewaltsam vom Geländer ab, kehrte über die Brücke zurück und bog in die Feldgasse ein. Als er das Gartenpförtchen zu öffnen im Begriff stand, kam Lotte die Stufen vom Vorplätzchen herunter, um, was sie schon einigemal getan hatte, nach ihm Ausschau zu halten. Als er ihre Hand in der seinen fühlte und ihre ruhige, klare Stimme hörte, war es ihm plötzlich sicher, er habe ihr vorige Nacht alles gestanden. Er umarmte sie in glückhaftem Frohgefühl und sagte ergriffen: »Nicht wahr, liebste Lotte, du bist nicht böse auf mich! Nein, es ist alles gut!« Sie war beglückt über seine Zärtlichkeit, und armverschlungen gingen die beiden ins Haus. Als Lotte vor dem Zubettgehen ihn schmeichelnd umfing, entzog er sich ihrem Liebesverlangen mit einem Kuß, denn es war ihm unmöglich, heut in ihren Armen zu ruhen. 21 Was Maechler erwartet hatte, geschah. Die Ereignisse der Zeit verschütteten vollkommen das Andenken an alle gruseligen, abenteuerlichen Geschichten, die in der Siedehitze von Kriegsfurcht und Kriegsbegeisterung wuchernd aus der erregten Phantasie des Volkes hervorgebrochen waren. Die Friedensfeiern rauschten über das Land, und auch in Wilkau sang und tanzte man nach der schweren Beklemmung in ein neues, hoffnungsfreudiges Leben. Maechler wurde zum besoldeten Gemeinde- und Amtsvorsteher ernannt und in den Kreistag berufen. Sein grades und unerschrockenes Wesen, seine strenge Redlichkeit und vielgewandte Klugheit öffneten seinem gemeinnützigen Wirken immer weitere Kreise. In Wilkau selbst verstummte fast jeder Widerspruch, und als auf sein Betreiben dem Gastwirt Kammel, seinem hartnäckigsten Lästerer, ein Ämtchen in der Gemeindeverwaltung übertragen wurde, regte sich zwar bei manchen der Unwille, alle aber bewunderten seine große Güte und Menschenklugheit, diesem geheimen Schleicher und intriganten Widerling durch ein Ehrenpflästerchen das giftige Mundwerk zu versiegeln. Keiner aber ahnte den wahren Beweggrund, aus dem Maechler den unangenehmen Hämling so auszeichnete, und die Antworten, die er dem und jenem besorgten Neugierigen unter seinen Vertrauten gab, führten weit von der geheimen Veranlassung ab, weswegen er dem Gastwirt zu diesem kleinen Würdeschein verholfen hatte. Er redete vom Flügelstutzen einer diebischen Dohle, von einem Streifen Kuchen, der, klatschsüchtigen Weibern in den Mund gestopft, ihr Schwätzen beende, und stimmte heiter in das Gelächter ein, das er mit solch spaßhaften Vergleichen seiner Handlungsweise erregte. In Wahrheit hegte er die dunkle Hoffnung, sich Kammel so zu verpflichten, daß er nie wieder die Geschichte von dem brünstigen Weibe auf dem Gebirge aufrühre und vielleicht gar von dem Erschrecken erzähle, das er als einziger Mensch an ihm damals in der Gaststube des »Grünen Baumes« erlebt hatte. Diese törichte und zugleich beklemmende Erwartung nötigte ihn, den unverträglichen Mann gütig zu behandeln, seine ewigen Verletzlichkeiten gelassen auszugleichen und oft sogar ihm gegenüber zuvorkommend zu sein. Denn das Bewußtsein der ungesühnten Schuldverfallenheit an Paula Großmann seit der abgerungenen wilden Nacht in der Bradlerbaude verließ ihn nie, minierte weiter, ja stieg höher und höher, breitete sich wie eine geheime, schleichende Krankheit aus, die durch alles Stillschweigen verstärkt wurde, durch alle Unterdrückung an Spannkraft zunahm. Es nutzte Maechler nichts, daß sein äußeres Leben von Erfolg zu Erfolg schritt, daß es ihm gelang, die leidenschaftliche Feindseligkeit zwischen dem katholischen und evangelischen Geistlichen des Ortes auszugleichen, zum Obermeister der Gerberinnung erwählt und als Sprecher einer Handwerkerdeputation zum Minister des Innern nach Berlin gesandt zu werden. Dieser klare, verstandesscharfe, überlegene Mann war hilflos gegen die andere Seite unseres Daseins, welche nicht der Intelligenz, sondern dem Glauben, nicht der Klarheit der äußeren Sinne, sondern dem unklaren Gefühl der Sympathie und Antipathie, nicht der Entscheidung des Verstandes, sondern dem unbewußten Treiben des Instinktes, nicht dem Leben des sonnenhellen Tages, sondern dem vieldeutigen Schattenwogen der Nacht entspricht. Wieviel Siege darüber er sich in seinem kämpfereichen Leben auch ertrotzt und abgerungen hatte, in diesem Falle versagte seine angespannte Wachsamkeit, sein immer angestachelter Wille zur Überwindung albischer Dunkelheiten vollkommen. Die jahrhundertealten Gemütsgründe, die er mit dem Blute seiner Ahnen, der böhmischen Brüder, geerbt und gegen die er sein ganzes bewußtes Leben lang angekämpft hatte, brachen als seelenleiser Wirbel in ihm auf, daß er zeitweise dem Dämonenglauben verfiel und an die verderbliche Macht jener Gebirgsdrude über ihn und die Seinigen glaubte, der er einst in der abgerungenen Wildheit einer rasenden Liebesnacht zum Opfer gefallen war. Dann klang das Echo ihres Namens, den die drei trunkenen Freibeuter nach der abendlichen Siegesfeier ausgerufen hatten, leise in den nächtlichen Gassen Wilkaus auf, und er fürchtete das Wiedererscheinen der Wolkenfratze auf dem Kamm, die er einst im ersten Morgenlicht gesehen, wie sie in unheimlichem Beschwören ihre ausgebreiteten Schattenarme herübergestreckt hatte. Immer entraffte er sich diesen rätselhaften Überflutungen und schalt sich einen kindhaften Narren, denn wenn eine solche Fernwirkung überhaupt möglich war, so begann ihr Einfluß offenbar nachzulassen. Jedenfalls an seinem Jochen hatte sich die verderbliche Macht schon erschöpft, so daß er fast nie mehr unter der Berückung seelischer Verdunkelungen litt. Er ging der Vollendung des vierzehnten Jahres entgegen und war ein wohlgeordneter, umsichtiger, wenn auch nicht von sonderlichem Geiste beflügelter Junge geworden, dem überall, wo man ihn an einen Scheideweg praktischer Tätigkeit stellte, der unfehlbar sichere Griff in der Hand lag. Und seine liebe Lotte wurde nie mehr von der rätselhaften nächtlichen Schlafstarre bei offenen Augen heimgesucht, weil das unheimliche Wesen seine Besuche aus dem Unraum eingestellt hatte. Sie war wie verwandelt. Aus ihrer Kühle wurde eine ferne Lieblichkeit des Herzens. Das gefährliche Glimmen auf dem Grunde ihrer graugrünen Augen verlor sich und machte einem stillen Schimmer Platz, der wie mütterliche Güte bezaubernd und manchmal wie überlichtete Resignation ergreifend wirkte. Von den jähen Überfällen der Leidenschafts- und Liebesausbrüche, unter denen sie so oft gelitten hatte, war sie erlöst. Aber damit war ihr auch das berückende Schweben des Schrittes, das wogende Spiel ihres Ganges abhanden gekommen. Sicher, ja schon etwas matronenhaft bewegte sie sich in dem Hause umher, in einem aufopferungsvollen Fleiß, der sie schon manchmal ermüdete, daß sie auf den Treppen stehenbleiben und nach Atem ringen mußte. An einem Tage, kurz nach der Entlassung Kochens aus der Schule, im Frühjahr 1868, rief sie ihren Sohn und ging, einen Arm auf seine Schulter gelegt, in den kleinen Lustgarten, zu dem Maechler den früheren Werkplatz umgewandelt hatte, und sprach, die wenigen Gänge hin und her wandelnd, so recht mütterlich von der entscheidenden Wendung, die nach dem verlassen der Schule in seinem Leben eingetreten sei, von der behüteten Traumzeit, die hinter ihm, und dem ernsten Tummeln und Schaffen, das vor ihm liege. »Du warst ein guter Junge und hast uns nie Schmerzen und Enttäuschungen bereitet«, sagte sie zum Schluß, »jetzt aber betrittst du den Weg, auf dem du ein guter Mann werden sollst, tapfer, treu und gewissenhaft, und niemals werde du dem Glauben abtrünnig, in dem du erzogen worden bist.« Dann griff sie in das Mieder und übergab ihm als Vermächtnis und zu steter Mahnung den abgegriffenen uralten Zettel, auf dem das Gebet der Maechler geschrieben war. »Solange du diese Worte in Ehren hältst, wirst du auch dein Leben in Ehren halten«, sprach sie. »verwahre ihn gut, und nun komm, ich habe dir noch etwas zu sagen.« »Aber, Mutter, was ist denn das ... warum sprichst du so«, stotterte der Junge erschüttert und mit überströmten Augen. »Weil es Frühling ist und heute so schöne Sonne«, sagte sie heiter und strich ihm zärtlich über den blonden Scheitel. Dann faßte sie seine Hand, überschritt die Feldgasse, ging durchs Haus und machte an den Tonnen halt. Dort nahm sie Jochen das feierliche Versprechen ab, nie anders als auf einer solchen Tonne durch die Welt zu kutschieren, so – aber das sagte sie nur zu sich – wie sie ihn einst als kleines engelhaftes Wesen im Augenblick der feuerroten Liebesempfängnis gesehen hatte. Mit einer schnellen, leidenschaftlichen Umarmung trennte sie sich von Jochen, der lange dastand und mit dem benommenen Tiefsinn umhersah, der ihm noch immer eigen war. * Nachdem so Mutter und Kind noch einmal von dem Engel tief zusammengeführt worden waren, vor dessen schlaflos-himmlischen Augen die verborgensten Wege der Menschenschicksale offen wie am hellen Tage daliegen, brach das Unheil, von dem kein Mensch etwas ahnte, auf das Gerberhaus in der Feldgasse zu Wilkau nieder. An diesem Tage hatte Maechler den gesamten Gemeindevorstand zu einer Abendsitzung in dem Gemeindehaus zusammengerufen. Es sollte, wenn irgend möglich, nach den vielfältigsten Vorberatungen die Beschlußfassung über eine neue Wasserversorgung Wilkaus herbeigeführt werden. Bisher war das Grundwasser durch ein Pumpwerk in einen Turm gehoben und durch hölzerne Röhren in große Steinbütten geleitet worden, die an drei Stellen des Ortes errichtet waren. Aus dem fließenden Wasser dieser primitiven Brunnen deckten die Häuser ihren Bedarf. Die am Jenken liegenden Gebäude schöpften aus dem Fluß ihr Koch- und Trinkwasser. Mit dieser urväterlichen Einrichtung sollte gebrochen werden. Graf Schilling hatte sich bereit erklärt, ein Drittel der Aufwendungen für eine neue, den gesundheitlichen Anforderungen entsprechende Wasserversorgung Wilkaus zu übernehmen. Außerdem war von ihm die Anregung ausgegangen, die Anlage einer Hochquellwasserleitung ins Auge zu fassen, wodurch alle Schäden mit einem Schlage beseitigt würden. Ein Sturm des Unwillens und dann der Entrüstung hatten daraufhin die Wilkauer gepackt, und man kämpfte gegen diese Neuerung mit den abgegriffenen Gründen, daß eine Anlage, die so lange bestehe und sich doch bewährt habe, nicht so mir nichts dir nichts auf einen Wink abgebrochen werden dürfe, als ständen die Tausendtalersäcke in Wilkau auf der Straße offen herum. Außerdem führte man ins Feld, wie viel der Ort mit dem Verschwinden der Rohrbütten an lauschiger, biedermeierlicher Schönheit verlieren würde. Mit zäher Ruhe und gelassener Hartnäckigkeit hatte Maechler auf einen Umschwung der Stimmung hingearbeitet und so langsam die Verständigen mit der unumgänglichen Notwendigkeit einer Änderung anzufreunden gewußt, indem er auch rechnerisch nachwies, daß nach einer langfristigen Anleihe bei der Provinz die Kosten in zwanzig Jahren, kaum merklich, von den Bürgern gedeckt werden konnten. Dem Widerwillen gegen eine Hochquellwasserleitung begegnete er mit dem Hinweis, daß sie erheblich billiger sein werde als jede andere Art der Wasserversorgung, weil dann alle Hebe- und Druckwerk- und Filteranlagen von selbst in Wegfall kämen. Die überzeugende Darlegung des sicher zu erwartenden Aufschwunges des Bades, an dessen Gedeihen der ganze Ort interessiert sei, tat das übrige, den wankenden Kleinmut zu beseitigen und die Scheu zu entkräften. Nur einige wenige nörgelten unbeirrt weiter und erhitzten sich im Gefühl der Nutzlosigkeit ihres Widerstandes nur immer giftiger und bösartiger. Unter ihnen war zum Leidwesen Maechlers der Gastwirt Kammel der rührigste und wenn auch nicht gefährlichste, so doch unbequemste Gegner. Als darum heut bei Beginn der Beratung der Platz Kammels unbesetzt blieb und bald darauf die Nachricht von ihm einlief, daß er geschäftlich verhindert sei, aber wenn irgend möglich noch erscheinen werde, atmeten Maechler und mit ihm die meisten Gemeinderatsmitglieder erleichtert auf, denn nun war die Aussicht auf ungestörte und sachliche Verhandlung frei, und bei gutem Willen konnte die Entscheidung vor dem Eintreffen des spitzfindigen Querläufers gefallen sein. Nach der Eröffnung der Sitzung stellte Maechler den Wasserbaudirektor Milch aus Waldenburg vor, der gern dem Ruf gefolgt sei, die ganze Summe der Fragen fachmännisch und auf Grund langjähriger Erfahrung und wissenschaftlicher Einsicht erschöpfend zu beantworten. Der Herr, ein Mann unter Mittelgröße, mit einem blassen, fetten Gesicht, in dem zwei kleine Augen starr, unbeweglich und schwarz wie Nagelknöpfe standen, erhob sich, machte in etwas linkischer Bedeutsamkeit eine Verbeugung, sprach einiges von Dank und bereitwilliger Freude und setzte sich wieder. Während der nun folgenden Rede Maechlers über die Ursache, die Entwicklung und vielen Schwierigkeiten der ganzen Angelegenheit machte sich der fremde Wasserbaumeister eifrig Notizen. Als der Gerber geendet hatte und fragte, ob jemand noch irgendwas zur Ergänzung oder Berichtigung seiner Darlegungen hinzuzufügen habe, schwiegen alle, weil sie diese Rede Maechlers schon oft gehört und an seinen Gründen genugsam ihren Scharfsinn umsonst erprobt hatten. Sie stimmten seinen Ausführungen zu und gaben damit dem fremden Direktor die Bahn zu einer Rede frei, von der alle überrascht waren. Denn dieser subaltern und hölzern aussehende Mann besaß die so seltene Gabe des frischen, ungezwungenen, aber treffenden Wortes. Leicht und gefällig, oft sogar witzig, floß seine Rede dahin, nie seicht und phrasenhaft, sondern immer kernig und sachlich, und als er auf die Scheu der meisten Menschen jener Zeit vor Hochquellwasserleitungen zu sprechen kam, ließ er seinem Humor die Zügel schießen, der merkwürdigerweise in einem so fetten Kopf und hinter diesen starren Knopfaugen wohnte, wo doch sonst gewöhnliche Langweiligkeit und gereizte Säuerlichkeit hausen. Seine Rede unterrichtete gründlich und war zugleich spannend wie eine amüsante Erzählung. So sprach er eine Stunde, und als er endete, brach ein Beifall los, der bei diesen kleinbürgerlich verknorrten Männern ungewöhnlich und in diesem kahlen Amtsstall unerhört war. Herr Milch dankte kurz, und kaum hatte er sich gesetzt, so war er wieder der eingekapselte bürokratische Mann wie vorher. Nach einigen Fragen aus der Versammlung, die der Wasserbaudirektor sitzend, also ausführlich, amtlich und stilecht beantwortete, schritt man zur Abstimmung. »Einstimmig wurde dem Antrag des Herrn Vorstehers Maechler stattgegeben, den Bau einer Hochquellwasserleitung für Wilkau bald in Angriff zu nehmen.« Das Protokoll wurde verlesen, genehmigt und zur Unterschrift herumgereicht. Es ging fröhlich zu und man legte der Befriedigung keine Zügel an, ohne Kammel ausgekommen zu sein. Der Bogen war bei dem Maurermeister Wohlseck angelangt, als eilige und etwas polternde Schritte die Treppe heraufkamen. Der Maurermeister unterschrieb schnell und schob das Schriftstück dem Nächsten mit den Worten zu: »Der Laps in der Fabel. Aber nu fix.« Da ging auch schon die Tür auf und der kleine Mann stürmte ein wenig diagonal herein. Er war ziemlich angetrunken und wurde mit allgemeinem Gelächter empfangen, raffte sich aber zusammen und nahm gewichtig seinen Platz ein, den ihm Maechler sich gegenüber angewiesen hatte, um den Unruhigen mehr in der Hand zu haben. Während er sich nochmals entschuldigte, durch das Geschäft so lange abgehalten worden zu sein, ging das Unterschreiben weiter, und plötzlich sah er, immer noch sprudelnd, das Protokoll vor sich liegen. Da verstummte er und sah verblüfft rundum in die Gesichter, die kaum das Lachen verbeißen konnten. »Was soll das?« fragte er leise und mit drohendem Erstaunen. »Nun, Sie sollen unterschreiben«, antwortete Wohlseck munter. »Das heißt, wenn Sie wollen.« »Wie denn? Ich verstehe nicht«, fragte er abermals und schnappte ein paarmal mit Daumen und Zeigefinger von der Nase, eine Gebärde, die alle an ihm vor dem Ausbruch der Erregung kannten. Maechler sah ihn groß und gelassen an. Dann sagte er gütig: »Lieber Herr Kammel, wir haben auf Sie schmerzlich gewartet und mußten dann doch in Rücksicht auf den verehrten Herrn Direktor Milch, dessen Zeit kostbar ist, mit der Beratung der heutigen Tagesordnung über die Anlage der Hochwasserleitung beginnen. Der Herr Direktor hat durch seine, ich muß sagen, hervorragenden Darlegungen alle Bedenken so gründlich zerstreut, daß der Gemeinderat einstimmig die Ausführung des Projekts beschlossen hat. Ich meine nun, es würde uns allen eine Freude bereiten, wenn auch Sie mit Ihrer Unterschrift den Beschluß nachträglich gutheißen, trotzdem die heutige Sitzung schon aufgehoben ist.« Während Maechler sprach, hatte er fortwährend gütig und dringend den Gastwirt im Auge behalten. Aber es nutzte nichts. »Ich denke gar nicht dran«, brauste er los. »Ich beantrage, nein, ich verlange, den Beschluß aufzuheben und eine neue Sitzung anzuberaumen. Das wäre noch schöner, über einen Geschäftsmann hinwegzugehen, der sich redlich um sein Durchkommen müht! Ich protestiere gegen diesen wahnsinnigen Bau, der Wilkau an den Bettelstab bringen muß.« Von allen Seiten drang man auf den Gastwirt ein, doch Vernunft anzunehmen. Er war im Schäumen und rief: »Ich habe Vernunft, und gerade deswegen widerspreche ich. Ich bin übertölpelt, ich bin beiseite geschoben, hinters Licht geführt worden. Alles ist abgekartetes Spiel.« Maechler verlor die Ruhe nicht, und wenn der Tumult, der entstanden war, sich ein wenig legte, redete er weiter gelassen und beherrscht auf den Erbosten ein, freilich mit dem Erfolg, daß sich Kammels Zorn zuletzt ausschließlich gegen ihn, als den Drahtzieher des Komplotts, wendete. »Mit Ihrer Ruhe, Herr Vorsteher, geht's nicht, es muß durchgegriffen werden«, schrie er. Die Anwesenden erhoben sich, denn sie sahen, daß der Gastwirt in einem Zustand angekommen war, der jede Verständigung unmöglich machte. »Bleiben Sie sitzen, meine Herren«, sprach er gemäßigter. »Die Sitzung ist geschlossen, gut! Das andere wird sich finden. Vorbei, einverstanden! Einen Augenblick Gehör. Ich will Ihnen etwas erzählen, was heute auf dem Gebirge passiert ist und das Sie, Herr Maechler, nach der Unterredung bei mir vor Zwei Jahren, Sie werden sich erinnern, besonders interessieren dürfte.« Der Gerber erbleichte leicht und fuhr sich über die Haare. Man nahm wieder halbwegs auf den aus der Ordnung geratenen Stühlen Platz, weil jeder der Meinung war, daß Kammel sich auf diese Weise aus der Verwicklung ziehen wollte, in die er durch seine blinde Wut geraten war. Allein dem Gastwirt war nichts von Geducktheit anzumerken. Mit verkniffenen Lippen und bohrenden Augen starrte er bösartig-lauernd auf den ihm gegenübersitzenden Maechler und verharrte in diesem drohenden Schweigen auch noch, nachdem sich alle niedergelassen hatten. Endlich riß dem rundlichen Wohlseck die Geduld. Er wischte sich den überhangenden Schnurrbart vom Munde und rief: »Also losgeschossen, Kammel. wir können doch nicht hier auf den Stühlen über Nacht bleiben.« »Nein, nein, Gott bewahre«, sagte Kammel ironisch, aus seiner Zornbenebelung erwachend. »Aber es wird Ihnen anders werden, wenn Sie die Geschichte gehört haben. Jawohl, anders, vor allem Ihnen, Herr Vorsteher, verstehen Sie mich. Na, aber gut. vielleicht kennen einige den alten Lauschner von drüben aus den Leierbauden. Er sitzt noch bei mir im ›Grünen Baum‹, jawohl. Ich hab' mir die Geschichte nicht aus den Fingern gesogen. Lauschner ist sozusagen Augenzeuge gewesen. Geht da heute vormittag das achtjährige Mädchen des Holzschlägers Mader aus dem Brän in den Wald hinauf, um Beeren zu sammeln. Auf einer Blöße kommt plötzlich aus dem Walde ein junger Bursche auf sie zu, fragt, was sie da mache, und sieht es doch, das Aas, bittet sie um ein paar Beeren, fängt an schön zu tun. Nun, wie es solche Hunde eben machen, und wie das Kind Angst kriegt und davonlaufen will, packt sie der Kerl, hält ihr den Mund zu, schleppt sie in den Wald, fällt über sie her, mißbraucht sie auf viehische Weise und ist gerade darüber her gewesen, ihr vollends den Garaus zu machen. Waldarbeiter hören ihr leises Stöhnen, laufen darauf zu und sehen den Unhold noch wie der Satan bergauf rasen und verschwinden, wie von der Erde verschluckt, ratzekahl weg, keine Spur. Aber soviel haben sie doch gesehen, daß es ein Kerl von drüben war, die kennt man doch auf hundert Meter, die Schlurkse! Wie sie dann zurückkommen, finden sie das arme Mädchen schrecklich zugerichtet, nicht zu sagen. Es schlägt noch einmal die Augen auf, verliert das Bewußtsein und ist dann schon auf dem Transport in das Haus ihrer Eltern gestorben. Was sagen Sie zu einer solchen Scheußlichkeit? Aber den Kerl hat man schon, allerdings nicht lebendig. Am Nachmittag, so zwischen vier und fünfe, kommt ein junger Mensch vom Hohen Rade heruntergeprescht, daß die Steine fliegen, mit glasigen Augen und verzerrtem Gesicht, schießt auf die Gruben zu und stürzt sich hinunter, ehe es die Leute verhindern konnten. Als man den Zerschmetterten mühsam heraufzieht, der alte Lauschner hat mitgeholfen, erkennt man in ihm den ungefähr sechzehnjährigen Sohn der ledigen Großmann, die einsam und wild in der kleinen Bradlerbaude am Bärengrunde haust. Und das ist wahr, wie Amen in der Kirche. Kein Wort hab' ich dazugemacht.« Die Männer waren erschüttert und brachten vor Ergriffenheit erst kein Wort hervor. Dann aber ging es durcheinander mit Fragen, Mutmaßungen und Zweifeln, da es doch nicht bewiesen sei, daß der Sittlichkeitsverbrecher im Iraner Walde und der Selbstmörder der Schneegrube ein und dieselbe Person sei. Kammel verteidigte leidenschaftlich, fast triumphierend, seine Erzählung. Maechler saß schweigend, die Hände vor sein gelähmtes Gesicht geschlagen, da und sagte lautlos in sich hinein: »Atem Sohn ... ein Verbrecher ... ein Selbstmörder ... mein Sohn.« Der Gastwirt beobachtete mit Genugtuung den niederschmetternden Eindruck seiner Erzählung auf Maechler, während er eifrig mit den andern um seine Meinung kämpfte. Sein Gesicht glänzte förmlich auf. Unversehens brach er den Streit mit den andern ab und wandte sich an Maechler. »Nun, wer hatte recht damals vor zwei Jahren, Herr Vorsteher?« fragte er lieblos, giftig. »Hätten Sie eher zu mir gefunden, so konnte dem verfluchten Weibe das Handwerk gelegt werden. Ich habe Ihnen damals gesagt, fest zugreifen. Aber Sie wollten ja nicht. Jetzt ist das Unglück da, an dem Sie, machen Sie was Sie wollen, mitschuldig sind.« Ein Schrei der Entrüstung ging durch die Versammlung. Maechler fühlte seine Beine stumpf werden. Aber er ließ die Hände sinken, erhob sich kerzengerade und sagte mit einem Lächeln in dem entgeisteten Gesicht: »Lieber Kammel, Sie wissen nicht, was Sie sprechen, weil Sie nicht in Ordnung sind. Ich bitte, meine Herren, führen Sie den Mann hinaus. Gute Nacht. Ich kann leider nicht mitgehen, da ich noch zu tun habe.« Dann wandte er sich an den Direktor Milch: »Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Mühe, und seien Sie nicht zu ungehalten über diese Störung.« Der verdadderte Wasserbaumeister gab ihm die Hand und wurde von Maechler bis zur Tür geleitet, durch die man den schimpfenden Gastwirt gestopft hatte. Maechler blieb, als er allein war, an der Tür stehen, bis die Schritte der Davongehenden verhallt waren. Dann ging er zum Ofen und sah lange eindringlich, angestrengt in den Winkel, als ob er von dorther eine Rettung erwarte. Darauf trat er an den Tisch, löschte die Lampen aus, setzte sich, legte die Arme über die Platte und vergrub sein Gesicht darein. Während er so lag, dachte und grübelte er nicht. Denn das Tiefste in uns erdenken wir nicht. Es ringt sich durch die tausend Schichten der Erlebnisse, die in ruhigen Zeiten undurchdringliche Wände, unübersteigliche Wälle sind und nun zu transparenten Schleiern werden, in den entscheidenden Stunden des Schicksals unwidersprechbar zu uns herauf, daß wir keine andere Wahl haben, an diesem hellen Licht zu verzweifeln, oder demütig ihm uns zu neigen. Wohl hatte Maechler Grauen und Schauer zu überwinden, aber Hadern war in diesem starken Mann nicht einen Augenblick. Als es von dem nahen Turme zwölf schlug, erhob er sich. »Ich habe ein Grab der Unehre zu überschreiten, an dem ich schuld bin«, sagte er entschlossen, »und ich will es tun.« Dann suchte er, ohne Licht zu machen, seine Sachen zusammen. Während des Hin- und Hergreifens murmelte er fortwährend: »und will es tun, nein, muß es tun, mag kommen, was wolle, will es tun.« Als er alles zusammengesucht hatte, verließ er das Gemeindehaus mit dem Vorsatze, nunmehr reinen Tisch in sich zu machen und seinem Weibe alles zu sagen, zwar jetzt nicht, da sie anfällig war; aber dann alles bis ins letzte, von seiner Rebellenzeit angefangen. Dies überlegend ging er auf dem schmalen Steg am Zacken in sein Haus. Beim Aufglucken einer Welle fuhr er zusammen, und da er auf den Spiegel des Wassers sah, geschah an ihm dasselbe, was sich ereignet hatte, als er vor siebzehn Jahren, nach der wilden Liebesnacht mit Paula Großmann, am Rande der Schneegrube erlebt hatte. Wie damals fühlte er ein Wesen aus sich herausstürzen, das ihm glich und das er doch nicht war, und mit einem Schrei in der Tiefe verschwinden. »Schon gut, heute sehe ich's ein«, sagte er erschüttert, »aber wie sollte ich es damals wissen?« Dann setzte er seinen Weg fort. Allein die Gerechtigkeit, die in der ganzen Welt herrscht, hatte dem tapferen Mann noch Schwereres auferlegt. Als Maechler, zu Hause angekommen, auf den Zehen die Treppe zu dem gemeinsamen Schlafzimmer hinaufsteigen wollte, lehnte im Finstern an dem Geländer eine noch dunklere Gestalt. Es war ein schwarzer Schatten, der, ohne sich zu rühren, eine feindselig-fordernde Macht auf ihn eindringen ließ, so, als wolle es ihn mit aller Gewalt nötigen, nicht nur die angefangene Treppe wieder hinunterzugehen, sondern aus seinem Hause hinaus, in alle Welt zu entweichen. Doch Nathanael Maechler griff nach einem Stutzen mit bösem Lächeln aus dem Hosensack seine Schwefelhölzer und strich eines auf der Holzstufe an, um den Dunkelwisch zu beleuchten, der noch immer über das Treppengeländer lehnte, »Was kann mir denn noch geschehen?« sann er, während seine Hand die Phosphorkuppe über das Stufenbrett riß und dann im ersten blauen Lichtrauch hob, um sich zu überzeugen, ob da vor ihm eine wesenlose Einbildung seines überreizten Hirnes, also ein Nichts oder irgendwer lehnte. Aber kaum hatte sein Auge einen huschend-scharfen Blick durch den blakenden Lichtrauch getan, entfiel der entsetzten Hand das Hölzchen. Maechler mußte dag Treppengeländer fassen, um einen Halt in dem Wirbel zu finden beim Anblick dessen, was er da in der finsteren Nacht vor sich sah. Das beinblasse Gesicht der Paula aus der Bradlerbaude starrte aus verzehrend schwarzen Augen, wild zusammengeschraubten Mundes und einer Entschlossenheit zu tödlichem Haß auf ihn. Nathanael schüttelte es vor Grauen, und in einem Schwanken der Furcht trat er das glimmende Holz aus. Dann aber packte ihn der Mut der Verzweiflung. »Verfluchtes Tier«, zischte er und griff mit beiden Händen in die Gegend der Nacht, wo das Gesicht aufgetaucht war, um es zu zerdrücken. Aber die Nägel der Finger gruben sich nur in die eigenen Handteller, und von dem Schmerz zerriß der Taumel, der ihn gedreht hatte. Mit zwei Sätzen war er auf dem oberen engen Flur. Am ganzen Körper bebend, mit kaltem Schweiß auf der Stirn, fing er sich von dem Sprunge auf und brach in ein Gelächter aus, das schrill wie das eines Irrsinnigen klang. Aus dem Schlafzimmer tönte darauf die helle Stimme Lottes, die fragte, was es gebe, ein wenig schalkhaft und spöttisch, so, als glaubte sie, sein Haarbeutel sei nicht ganz in Ordnung. Maechler konnte nicht antworten. Er reckte sich tief atmend auf, und sagte dumpf: »So, nun muß es geschehen! Keine Gnade mehr, nur Recht.« Dann schritt er entschlossen ins Zimmer, drückte die Tür hinter sich zu und blieb stehen, ohne sich zu rühren. »Was hat's denn mit dir, Maechler?« rief Lotte lachend, nachdem sie einen Augenblick gewartet hatte. Nathanael rang mit sich, vermochte aber nicht zu reden. »Aber so sprich doch, was gibt's denn? Mach' doch wenigstens Licht«, sagte sie, nun schon ängstlich, und er hörte, wie sie nach den Streichhölzern griff. »Um Gottes willen, mach' kein Licht«, bat er jetzt mit furchtbarer Stimme, und nach einer Welle setzte er hinzu: »Dann vielleicht, nachher, wenn's vorbei ist.« »Komm doch her. Ich versteh dich nicht!« rief sie jetzt, wirklich erschreckt, sprang auf und wollte ihn zu sich ins Bett ziehen. Aber er widerstand, drückte sie aufs Lager, setzte sich auf den Bettrand und fragte nach einigem Stocken: »Lotte, ich bitte dich um alles in der Welt, sag' mir, ob du mich wahrhaftig liebst. Ob du mir verzeihen könntest, was immer auch ...« Er konnte nicht weitersprechen. Lotte hatte sich mit einem Ruck erhoben, umarmte und küßte ihn, daß er verstummen mußte. »Ich danke dir, liebstes Weib. Ich danke dir von Herzen«, sagte er dann in schmerzlicher Beglückung, »Und nun leg' dich wieder, gib mir deine Hand und hör' zu. Es ist viel, was ich dir zu sagen habe.« Darauf breitete er sein ganzes Leben vor ihr aus, seine Teilnahme an der Revolution, seine ruhelose Umhergetriebenheit im Kampf um das wahre Glück der Menschen, sein Ringen um den Glauben, seine Wanderung von Bamberg und seine Erkrankung in der Bradlerbaude. »Gott, was ist denn da weiter, du armer Mann«, rief sie aus, als er verlegen eine Pause machte, »was glaubst du denn? Das Hab' ich schon lange, von Anfang an eigentlich gewußt, daß es dich anders getrieben hat wie die Wilkauer Schlafmützen. Ha, und wenn du noch Schlimmeres getan hättest.« »Eben, eben«, fuhr er fort, »das kommt jetzt«, und dann erzählte er ihr von seinem Leben in der Baude, von Paula Großmann und der rasenden, abgerungenen Vermischung mit ihr in der letzten Nacht, seiner Flucht, dem rätselhaften Erlebnis an dem Rand der Schneegrube, dem Verbrechen und schrecklichen Tode des Menschen, der sicher sein Sohn sei. Lotte hatte ihre Hand aus der seinen gezogen und lag nun ohne Atem da. Er fühlte das Zittern ihres Leibes. »Furchtbar. Schrecklich ... schrecklich ... «, sagte sie tonlos vor sich hin. »Was mußt du gelitten haben, armer Mann.« Dabei streichelte sie seine kalte Hand immer wieder aufs zärtlichste. »Nun aber geh und schlaf. Ich bitte dich. Ich bin dir gut. Ich liebe dich.« Sie umarmte, küßte ihn und drängte ihn dann vom Bett. Er fühlte, wie ihr ganzer Körper flog, und brachte es deswegen nicht über sich, noch von dem Kampf mit der Erscheinung auf der Treppe zu sprechen. Leise zog er sich aus, horchte auf die Atemzüge Lottes, und als er sie vernahm, überließ er sich seiner Erschöpfung, die aus Gram, Erleichterung und schmerzlichem Glück bestand. Ketten waren von ihm gefallen, Nächte ausgelöscht. O Gott, wenn es nur Lotte überwände!! Ehe er sich's versah, hauchte er das Gebet der Maechler über sich in die Nacht, in die schon das erste Morgenlicht tauchte. Und der Schlaf begann wie ein lindes, dünnes Schleierwehen über sein Bewußtsein zu rinnen. Plötzlich gab es einen Ruck in Lottes Bett und ein Schrei klang auf, schrill, hoch, voll einer verzweifelt inbrünstigen Sehnsucht. Maechler hörte wohl diesen Laut höchster Menschennot; aber der Schlaf sog so stark an ihm, daß es eine Zeit brauchte, bis er sich dem Traumtaumel entrissen hatte und wußte, wo er war. Mit einem Satz des Schreckens sprang er an das Bett Lottes. Aber die lag schon friedlich, gesammelt, abgeklärt, tot. Er drückte ihr die Augen zu und küßte sie ehrfurchtsvoll wie eine Heilige auf die Stirn. »Gestorben ... gestorben ... liebste Lotte ... gestorben an mir«, murmelte er dumpf. Als er sich aber aufrichten wollte, brach er bewußtlos zusammen. 22 Nathanael Maechler lebte nach dem Tode seiner Frau, dessen wahre Ursache niemand in Wilkau erfuhr und die auch dem einzigen Sohn immer verborgen blieb, noch zwanzig Jahre. In einer Grambetäubung, die wie ein rätselhaftes Irresein ihn gefangenhielt, ging die Beerdigung Lottes an ihm vorüber. Er stand am Grabe, mehr einer leblosen Steinfigur als einem lebendigen Menschen ähnlich. So verstört war er, daß es den Anschein hatte, er begreife von allem nichts. Als ihm der alte Pfarrer Kelvel das Holzschaufelchen reichte, damit er die drei Krumen Erde zur ewigen Ruhe auf den Sarg seines Weibes schütte, erhob er verneinend die Hand, sah ratlos die Grabbegleitung an, die fast den ganzen Kirchhof füllte, und ging dann durch die Menschen, die ihm erschrocken auswichen, weil sie glaubten, er habe vor Schmerz den Verstand verloren. Er ging leicht taumelnd dahin und schob ohne ein Wort alle zur Seite, die liebenswürdig auf ihn eindrangen. Eine entfernte Verwandte seiner Frau, die aus Hohenfriedeberg herbeigeeilt war, wo sie verwitwet lebte, ahnte den Zustand des aus allen Angeln gehobenen Mannes, folgte ihm stillschweigend, und als Maechler nach dem Verlassen des Kirchhofes einen Weg ins Feld hinaus einschlagen wollte, schob sie schonend ihren Arm unter den seinen. »Nein, nein, Herr Maechler«, sagte sie einfach, »dahinaus geht's nicht. Kommen Sie nur. Ich weiß besser.« Der Gerber lächelte leer und ließ sich gehorsam wie ein Kind in sein Haus auf der Feldgasse führen. Dort saß er versunken auf der Bank und mühte sich, die Fingerspitzen seiner Hände genau aufeinander zu passen, und da sie immer wieder abglitten, legte er die weit auseinandergebreiteten Finger der Hände auf die beiden Oberschenkel und musterte sie mit einer Aufmerksamkeit, die sich durch nichts stören ließ. Da sah die liebe, einfache Ferntante aus Hohenfriedeberg ein, daß sie den Mann, der entweder für eine Zeit oder für immer ein Verschollener seines zusammengestürzten Inneren sei, nicht verlassen dürfe und nahm entschlossen die Leitung des Haushaltes in die Hand. Maechler kümmerte sich um nichts, saß herum, legte sich, wo man ihn hinbettete, und war auch, wenn er nicht das kindhafte Händespiel betrieb, von dem unbegreiflichen angestrengtesten Lauschen in sich hinein gebunden. Dieser Zustand dauerte vierzehn Tage. Da verließ er an einem Vormittag das erstemal das Haus, ging über die Feldgasse in das schmale Ziergärtlein, das er für Lotte an Stelle des alten Werkplatzes errichtet hatte, trug die Bank an den Ufersturz des Heidewassers und versank nach dem Niedersitzen in den Anblick der unter ihm vorüberspielenden Wellen. Nachdem er wohl eine Stunde und länger das endlose Vorbeiwandern des Wassers betrachtet hatte, begann er, Blätter und Zweiglein von den Sträuchern zu zupfen, die er in den kleinen Fluß warf und beobachtete, wie sie von den Wellen auf Nimmerwiedersehen fortgeführt wurden. Dann trug er die Bank an ihre alte Stelle unter den Fichten, brach von den kleinen Blumenbeeten einen Strauß der schönsten Blüten, kehrte in sein Haus zurück und traf die gute Frau im Flur, die mit einem Topf in die Wohnküche wollte und vor seiner aufrechten Haltung und dem entschlossenen, fast drohenden Ausdruck des Gesichtes erschrak. »Nein, nein, fürchten Sie sich nicht«, sagte er ruhig, »ich habe nur eine Frage an Sie zu richten, wegen der ich um Verzeihung bitten muß. Denken Sie, liebe Tante, ich weiß nicht einmal Ihren Namen.« »Nu, Herr Maechler...« »Nein, nicht Herr, um Gottes willen nicht! Wer unter allen Menschen ist Herr?« unterbrach er sie. »Nu, ich bin halt die Kusine der verstorbenen Frau Wennrich und heiße Hollmann.« »Ja, Frau Hollmann, wenn es sich irgend machen läßt, so bitte ich Sie, für immer bei mir zu bleiben. Das Schlimme ist, denke ich, nun bei mir vorüber. Haben Sie also weder Sorge noch Furcht. Ich habe nun noch notwendig in unserem Niedenführhause zu tun. Vielleicht nimmt mich das lange in Anspruch. Rufen Sie mich aber nicht. Wenn ich fertig bin, komme ich von selbst.« Dann ließ er sich eine Vase mit Wasser geben, steckte die Blumen hinein und entfernte sich in das Haus der verstorbenen Jungfrauen, wo Lotte so oft den Glanz ihrer Kindheit genossen hatte. Als Maechler am anderen Morgen wieder im Hause erschien, war sein Gesicht von der langen Schmerzkasteiung wohl noch bleich und gefurcht, aber gesammelt und entspannt. Er nahm ruhig mit Frau Hollmann und Jochen das Frühstück ein und erkundigte sich bei dem Jungen, der ängstlich und bekümmert war, liebreich nach dem Stand der Arbeit in der Gerberei, brachte es aber nicht fertig, ihm ins Gesicht zu sehen. Nachdem er mit dem alten Gesellen, aus dem das Schicksal des Hauses die sonnenbrüderliche Trottelei über Nacht vertrieben hatte, den ganzen Betrieb durchgegangen, begab er sich in das Gemeindehaus und übernahm von seinem Vertreter, dem Maurermeister Wohlseck, wieder die Verwaltung. Einige Tage später reiste er nach Görlitz zu einem ihm befreundeten Gerbermeister, auch einem Nachkommen der vertriebenen böhmischen Brüder, und brachte Jochen dort als Lehrling unter, denn der Anblick seines Jungen riß ihn immer wieder in die Finsternisse des Schicksals, von dem er heimgesucht worden war. Vor seiner Übersiedlung nahm er seinen Sohn beiseite und sagte zu ihm: »Siehst du, lieber Jochen, unser Betrieb ist in Unordnung geraten und stark zurückgegangen, und ich weiß nicht, ob er so bald wieder in die Höhe gebracht werden kann. Deswegen mußt du in das große, blühende Geschäft meines Freundes, um nicht Zeit zu verlieren. Außerdem, mein lieber Junge, der Tod, der Tod ist noch zu dunkel über mir, und ich wäre für dein zartes Gemüt nicht der rechte Vater und Meister.« Da überwältigte es den starken Mann. Er riß den Jungen an sich und umarmte ihn so leidenschaftlich, daß dem armen Jochen fast die Sinne vergingen. Plötzlich ließ er ihn fallen und ging flüchtend aus der Stube, in der dieser erschütternde Abschied vor sich ging, denn Maechler fühlte, wie sein Gesicht von Tränen überströmt wurde. Nach dem Fortgang Jochens ließ er die Kammer, die er zu Anfang als eingewanderter Gesell bewohnt hatte, zu einer Stube ausbauen und richtete sich dort nach der Art eines Junggesellen ein. Dann drängte er sich immer stärker und ausschließlicher aus der Enge des mehr und mehr versickernden Handwerksbetriebes in die gemeinnützige Wirksamkeit für den Ort. Der Bau der neuen Wasserleitung wurde von ihm mit aller umsichtigen Energie betrieben, aus der aber nun jede Härte, jede Leidenschaft geschwunden war. Seine Kraft war Güte und seine Güte gelassener Ernst. Obwohl sich der Anlage manche unvorhergesehene Schwierigkelten entgegenstellten, die ihre Vollendung verzögerten, ging der Bau ohne Reibung weiter, seit der Gastwirt Kammel freiwillig aus dem Gemeinderat ausgeschieden war und sein giftiges Mundwerk nur noch im eigenen Hause in der Gesellschaft ihm ergebener Tischdrücker gehen ließ. Kurz nach Beendigung der neuen Wasserversorgung brach in jener Gegend eine Typhusepidemie aus, die in den am Zacken gelegenen Ortschaften, besonders in Trennsdorf unterm Ägster und in Scherichsdorf, viele Opfer forderte, Wilkau blieb fast ganz verschont. Nur Kammel und seine Frau erlagen der Krankheit. Denn der Gastwirt hatte den Anschluß seines Hauses an die Leitung verweigert und in verblendeter Gegnerschaft das Verbot Maechlers lachend in den Wind geschlagen, das verseuchte Wasser des Zacken zu Trink- und Kochzwecken zu verwenden. »Ich werd's den Gemeinde-Eseln beweisen, daß das Wasser, das Gott laufen läßt, so gut wie jenes ist, das man verrückterweise in Rohre einsperrt«, prahlte er im Kreise seiner Kumpane. »Verseucht, sagt der hergelaufene Gerber. Sein Schädel ist verseucht, sonst nichts.« Danach verfuhr der von Feindseligkeit Umnebelte auch und schöpfte nach wie vor großsprecherisch und spottend das Wasser des Zackens, bis ihn und seine Frau die Krankheit anfiel, niederwarf und in kaum einer Woche auslöschte. Maechler war unter der geringen Grabbegleitung, die bei der Beerdigung seines unversöhnlichen Feindes hinter dem Sarg herschritt. Nachdem die Schollen in die Grube gefallen waren, kehrte der Gerber nicht in sein Haus zurück, sondern ging hinaus auf das Feld, wandelte lange zwischen den Teichen umher und betrachtete das Riesengebirge, das ihn nicht mehr bedrohte und erschreckte wie früher, da die Dunkelheiten seines Lebens noch ungesühnt auf ihm gelastet hatten. Nun war es ihm ein tiefsinniger, ergreifender Wegweiser aus seiner immer noch verborgen umwölkten Einsamkeit in eine Höhe über aller Welt geworden, und er rang und sehnte sich danach, daß jenes Lichtreich, jenseits aller Berge und Nöte der Erde, das er einst durch den Glauben seiner Kindheit besessen hatte, wieder in ihn einkehre. Wohl erhoben und gestärkt, aber noch nicht befreit, kehrte er wie immer in stiller Versunkenheit in sein Haus auf der Feldgasse zurück. Als die Epidemie ganz erloschen war, beging man die verschobene Einweihung des neuen Wasserwerkes auf das feierlichste durch einen Dankgottesdienst in beiden Kirchen und einen festlichen Umzug. Maechler sprach wenige, einfache Worte des Dankes an alle, die an der Vollendung des Werkes treu mitgeholfen hatten, das zum Segen de« Ortes und dem Gedeihen seiner Bewohner nach mancherlei Mühen glücklich vollendet sei. Er trat vollkommen zurück und wehrte mit wehem Lächeln die einmütigen Lobeserhebungen ab, die man auf ihn, als den eigentlichen Schöpfer des Baues, häufte. Und als am Ende der Feier der Maurermeister Wohlseck ihm die Urkunde überreichte, durch die die Gemeinde ihm und seinen Nachkommen zu immerwährendem Nießbrauch ein Gartengrundstück mit dem Blick auf das Gebirge schenkte, traten dem erblaßten Maechler die Tränen in die Augen, und er konnte vor Ergriffenheit nur einige Worte des Dankes stammeln, freilich überzeugte er sich nach einiger Zeit, daß die guten Leute in der Aufregung vergessen hatten, die Bodenparzelle im Grundbuch als Gemeindeeigentum löschen und auf ihn übertragen zu lassen. Er tat aber keinen Schritt, diese Unterlassung zu beheben, um dem Verdacht der Habsucht zu entgehen, und weil er in jener Zeit schon in die lächelnde Gleichgültigkeit irdischen Dingen gegenüber einmündete. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870 und 71 brauste als ein fernes Gewitter an ihm vorüber, das ihn wohl bewegte, aber nicht mehr in neue Hoffnungen hinaufriß. Er hatte mit seiner leidenschaftlichen Hingabe an den Glauben der Höherzüchtung des Menschenwesens durch günstige Umgestaltung der Daseinsbedingungen zu oft in seinem Leben Schiffbruch nicht nur an anderen, sondern sogar an sich gelitten, daß er die Freude und Begeisterung des Volkes über den herrlichen Waffensieg und die machtvolle Einigung Deutschlands wohl nicht ablehnte, aber auch nicht mehr von ihr fortgerissen wurde. In seiner Rede bei der Siegesfeier warnte er sogar vor einem Überschwang der Hoffnungen und vor übertriebenen Erwartungen. Dieser Sieg, sagte er, sei nur zu einem Teil die Erfüllung eines jahrhundertealten Traumes der Deutschen. Im tiefsten sei er die eindringliche Mahnung an jeden einzelnen, in sich selbst einig, rein und stark zu werden nach den Forderungen des göttlichen Urgrundes unserer Natur, weil sonst die Macht des geeinten Reiches einem Haus gleiche, das auf fließendem Wasser oder mahlendem Sand stehe. Die Wilkauer hatten zu oft Maechlers Appell an die Selbstverantwortung der Persönlichkeit vernommen und wurden davon nicht mehr sonderlich berührt, da sie diese immer wiederholte Mahnung für eine fixe Idee des früh alternden Mannes hielten. Aber sie überhörten die tiefe Wandlung der Überzeugung, die nach seinen Worten in ihm vorgegangen war. Früher hatte er vom Wohlsinn und der unbedingten Redlichkeit des Bürgers als der Grundlage für sein und des Staates Glück gesprochen. Nun war ihm durch die Schicksale seines Lebens die Einsicht aufgedrängt worden, daß alles äußere Glück Wind und Gefahr sei, wenn es nicht aus der Verbundenheit mit dem unaussprechbar göttlichen Sinn seines tiefsten Inneren steige und in ihn zurückmünde. Nach dem lahmen Beifall, den seine Rede bei der Siegesfeier gefunden hatte, verließ er leise lächelnd den Festtrubel, begab sich auf das ihm geschenkte Grundstück, das er »Berggarten« getauft hatte, und ließ sich, auf einem verborgenen Bänklein sitzend, von dem himmelssüchtigen Gebirge weiter einem außerweltlichen Reich entgegenführen, das aus seiner Seele in sein Leben drängte. So pilgerte er in stillen Stunden jahrelang der Gnade entgegen und erlahmte dabei nicht in der Sorge für das Wohl des Ortes, ein untadeliger Mann, der in allem dem rechten Recht zustrebte, mußte es aber trotzdem erdulden, daß die Schatten seiner dunklen, schicksalschweren Vergangenheit in ihm nicht zur Ruhe kamen und sein Gemüt immer wieder verdüsterten. Sein Geschäft verfiel mehr und mehr und endlich stand es ganz still, da der weißhaarige Gesell eines Tages ohne Abschied verschwand, weil ihn die Sucht nach der Landstraße und dem freien, unbehüteten Schweifen unwiderstehlich gepackt hatte. Maechler lächelte wohl auch hier, aber schmerzlich und trauervoll. Der Herr haut weiter, sann er, und der alte Wennrich regt sich rächend wider mich aus dem Grabe, weil seine Tochter an mir gestorben ist, und die Finsternis wird noch mein Haus und mich fressen, wenn es mir nicht gelingt, sie aus mir herauszuschaffen. Denn einen neuen Gesellen einzustellen hatte auch keinen Zweck, weil es ja nichts mehr zu tun gab. So blieb für ihn nur der innere Weg zur Rettung aus dieser geheimen Pein übrig, gegen die er vergeblich ankämpfte, weil jedes neue Mittel gegen die Schatten sie wieder in neuer Gestalt vor ihm aufleben ließ. Jeder Hieb rief sie; jedes Ringen mit diesen Lemuren verstrickte den völlig ratlos gewordenen Maechler nur tiefer mit ihnen. Nach einem letzten Kampf im »Berggarten«, der vom Morgen bis an den Abend dauerte und mit völliger Ohnmacht endete, ging er doch den Weg, den sein Mannesstolz bisher zurückgewiesen hatte. Im Schutze der Dunkelheit trat er in das Zimmer des Pfarrers Kelvel, der an seinem Schreibtisch saß und im Schein der Lampe eifrig arbeitete. Beim Erscheinen Maechlers drehte sich der inzwischen zum Greise gewordene Geistliche um und schob die Brille in die Stirn hinauf, um besser sehen zu können. Denn der Besucher war nach dem leisen Gruß im Dunkel an der Tür stehengeblieben. »Bitte, treten Sie näher«, sagte Kelvel gütig dringend, wartete aber die Ausführung seiner Aufforderung nicht ab, sondern ergriff die Lampe und ging mit ihr nach dem Tisch in der Mitte der Stube. Da erkannte er den Eingetretenen. »Ah, Herr Maechler, das ist mir ja eine besondere Freude, Sie einmal bei mir zu sehen«, rief er glückhaft aufgeräumt, zog einen Stuhl unter dem Tisch vor und lud ihn zum Sitzen ein. Maechler nahm unentschlossen und zögernd Platz. »Also, was bringen Sie, Herr Gemeindevorsteher, oder womit kann ich Ihnen dienen«, sagte er nach schneller Prüfung des vergrübelten, schwermütigen Maechlergesichtes etwas betroffen. Aber der Besucher antwortete auch jetzt nicht gleich, sondern saß mit zugefallenen Augen eine Weile da. Dann reckte er sich auf, sah den Pfarrer gerade und entschlossen an und fragte: »Ich bringe etwas und will mir etwas von Ihnen holen, Hochwürden, aber nicht als Gemeindevorsteher und nicht als Mann, nein, nichts von alledem, sondern als Katholik.« Über das Gesicht des Pfarrers, den die Jahre aus der starren Unduldsamkeit und der konfessionellen Stößerei herausgeführt hatten, ging ein Glänzen. »So, so«, sagte er liebreich, »nun, was ist es denn.« »Kann ich beichten?« fragte Maechler ohne Umschweife. »Jetzt?« »Gleich.« »Haben Sie das Gewissen erforscht?« »Jahrzehntelang.« Kelvel saß einen Augenblick sinnend. Dann erhob er sich rasch und sagte: »Gut. Verzeihen Sie, ich bin gleich wieder da.« Damit verließ er das Zimmer. Als er bald darauf im Chorhemd und der übergelegten Stola wieder erschien, riegelte er die Tür ab, um vor Störungen sicher zu sein, und Maechler, der sich mehr als dreißig Jahre von allen Gnadenmitteln ferngehalten hatte, riß alle Furchen seines Lebens auf, von dem Tage an, da es ihn in die tollen Wirbel der Revolution gerissen hatte, bis zu der Nacht, da Lotte von den Finsternissen aus der Welt geschlagen worden war. Nichts verhehlte und beschönigte er, keine Falte seines durchgewühlten Innern ließ er in Verborgenheit. Und als er zwei Stunden später nach empfangener Absolution in einem Zustand seliger Erschöpfung sich erhob, begleitete ihn der Pfarrer wie ein beglückter Vater bis an die Treppe. Am andern Morgen empfing Maechler in bei Frühmesse die Kommunion. Seit dieser Zeit hatten die Schatten seiner schweren Vergangenheit keinen Fug mehr über ihn. Sie waren wie von einer außerweltlichen Sonne aufgesogen. Ja, er konnte sogar seinen Sohn Jochen wiedersehen, ohne von Selbstvorwürfen und Gram bedrängt zu werden. Der kam nun öfter zu seinem Vater von Görlitz herunter, wo er noch in derselben Gerberei, jetzt als Leiter des ganzen Betriebes, arbeitete. Obwohl er im Laufe der Jahre sah, wie sein Vater immer mehr und mehr zerfiel, zögerte er doch noch, nach Hause zu kommen, weil er seiner Geliebten, der Tochter eines reichen Sattlers und Riemers, noch nicht ganz sicher zu sein glaubte. Eines Tages fand er den alten Vater bei seinem Eintritt am Tisch fitzen. Statt, wie es seine Art war, ihm entgegenzugehen, verharrte er, erschüttert lächelnd, auf seinem Platz, und als ihn Jochen bekümmert fragte, was ihm sei, antwortete er, daß er gestern sein Amt niedergelegt habe, da er fühle, er sei den Anforderungen nicht mehr gewachsen. Da sah Jochen, daß seinem Säumen ein Ende gemacht werden müsse und drang in sein Mädchen, nun mit ihrem Versprechen Ernst zu machen. Noch im Sommer desselben Jahres führte er sie in das Gerberhaus auf der Feldgasse. Nathanael Maechler lebte als Ausgedinger in dem Hause, in dem jetzt der andere Geist seines nun werktüchtigen Sohnes herrschte, betreut von der Schwiegertochter, einer kernigen, festen, immer heiteren Frau, zu der der Alte oft zu einem besinnlichen Plausch aus seinem Dachstübchen herunterkam. Wie bei allen Greisen, sank auch in dem früh gealterten Maechler alle vergangene Wirklichkeit mehr und mehr in Traumfernen hinaus, und es gab sogar Stunden, in denen ihm sein ganzes Leben wie ein Irregehen erschien. Dann saß er länger als sonst auf dem Bänklein, das er sich eigenhändig in dem kleinen Hinterhöfchen neben ein winziges Blumenbeet gebaut hatte, oder strich, vor sich hinmummelnd, um die Lohtonnen, bis es ihm gelang, den Schattenhauch zu überwinden. Dann blühte das abendrote Glück in seinem Herzen auf, da er Lotte mit den flimmernd großen Augen unter dem Strauch das erstemal an sich gerissen hatte. Oder er ging, wenn das Lebenszwittern, wie er es nannte, über ihn kam, in den »Berggarten« und erheiterte und erhob seinen Geist durch den Anblick des nun entsühnten Riesengebirges und die Schau über den Spiegel der himmelssüchtigen Teiche zu der alten, weitgeschwungenen Altersgüte. Eines Tages blieb er länger als sonst draußen. Das Mittagessen war längst überfällig, und die junge Frau hatte schon einigemal die Feldgasse hinauf Ausschau nach ihm gehalten, aber immer vergebens. Als sie schon beunruhigt mit Jochen in der Stube beriet, was zu machen sei, hörten sie jemand das Vorgartenpförtchen aufklinken und eilig zuschlagen und meinten, es sei Maechler, der so ungewohnt zurückkehre. Aber da stürzte ein fremdes, greisenhaft-zusammengeschrumpftes Männchen in die Stube, weißköpfig und abgemagert, ließ die Tür, durch die er gestürmt war, angelweit offenstehen, sah sich mit entgleisten Augen ratlos in der Stube um und schrie dann mit ausgemergelter Stimme keuchend: »Wo ist der Herr? Ich sah einen großen Vogel in der Luft sterben und doch weiterschweben, ein Licht erlöschen und weiterschimmern. Wo ist der Herr?« Nachdem er diese Worte in Absätzen hervorgestoßen hatte, sah er sich wieder ratlos in der Stube um und begann dann schluchzend zu weinen. Die beiden sahen, daß sie es mit einem Irren zu tun hatten, kannten aber Ignaz Wildner, der es war, nicht, weil er sich jahrzehntelang von Wilkau ferngehalten hatte. Die Frau schob ihm einen Stuhl hin, weil er vor Müdigkeit taumelte, und bot ihm dann einen Teller Essen an. Er achtete ihrer nicht, schluchzte weiter und ging dann ohne Gruß fort. Man sah ihn auf der Sandbrücke stehenbleiben. Nachdem er lange in Sinnen versunken über das Geländer gelehnt hatte, spuckte er ins Wasser und verlor sich dünn in den Häusern von Scherichsdorf. Jochen Maechler eilte, von dem Vorfall in ahnungsvolle Angst getrieben, wie er ging und stand, fliegenden Schrittes in den »Berggarten« hinaus, kam aber schon zu spät. Sein Vater kniete zusammengerutscht vor der Bank, das Gesicht in die gefalteten Hände gedrückt. Der Tod hatte ihn beim Gebet überrascht. Hermann Stehr Mühselig, belastet von schwersten Erfahrungen und tiefer Not, ist der Weg des Schlesiers Hermann Stehr zur Dichtung. Als er am 16. Februar 1864 in Habelschwerdt geboren wurde, ist ihm nicht an der Wiege gesungen worden, daß er einst in dem großen Ringen um die Segnung des schöpferischen deutschen Geistes alle Not des Gebens überwinden und einen der ersten Namen des schöpferischen Deutschlands sich erwerben würde. Nach karger Jugend wurde er Lehrer, »eigentlich aus einem jugendlichen Mißverständnis«, und schon am Beginn seiner Berufstätigkeit steht der Konflikt mit der eng kirchlichen Gesinnung seiner vorgesetzten Behörde. In der abgelegensten Gemeinde Schlesiens, in Pohldorf (Kreis Habelschwerdt), setzt ein furchtbarer Kampf gegen äußeres und inneres Mißgeschick ein. Ein kümmerliches Gehalt, die Engstirnigkeit von Kollegen und Vorgesetzten, Krankheit von Frau und Kindern, auch der Tod, der in die wachsende Familie tritt, lassen ihn immer bitterer gegen Menschen und Umwelt werden, aber Befreiung schenkt ihm schließlich immer wieder die Welt jenseits seines äußeren Daseins, und immer stärker drängt der Dichter in ihm zum Ausbruch. Heimlich entstehen Gedichte und die ersten Erzählungen. 1896, mit 32 Jahren endlich, wird ihm die erste Erfüllung: ein Verlag erwirbt mit den schmeichelhaftesten Worten zwei Erzählungen. Seitdem wandte sich Stehrs Bahn immer mehr zur Dichtung. Sie führte ihn zu seiner Lebensfreundschaft mit Gerhart Hauptmann, sie ließ ihn in viel ausgeprägterem Maße als diesen zu einem seinem schlesischen Stamm und seinem deutschen Volkstum innig verhafteten Dichter werden, dessen Werke wir heute zu den stärksten und bleibendsten unserer Zeit zählen. Neben Dramen und kürzeren Erzählungen entstanden die Romane: »Leonore GriebeI« (1900), »Der begrabene Gott« (1905), »Drei Nächte« (1909), »Der Heiligenhof« (1918), »Peter Brindeisener« (1924), »Nathanael Maechler« (1929), »Die Nachkommen« (1933). Heute lebt Stehr im »Faberhaus« in Oberschreiberhau ganz seinem Schaffen, das ihm hohe Ehrungen des deutschen Volkes brachte.