Johanna Spyri Kornelli wird erzogen Eine Geschichte für Kinder und solche, die Kinder lieb haben Am rauschenden Illerbach Die jungen Buchen grünten wieder am rauschenden Illerbach. Ein sausender Südwind schüttelte die leichten Wipfel hin und her und ließ das helle Grün einmal im Sonnenschein flimmern, dann schnell wieder von dunkeln Schatten überflogen werden; denn der mächtige Wind trieb alle Augenblicke die großen ziehenden Wolken über die Sonne hin. Durch das Wäldchen jagte, einmal vom Winde getrieben, einmal dem Wind entgegen, ein kleines Mädchen mit hochroten Wangen und fliegenden Haaren, die Augen voll Feuer und Lebenslust. Der runde Hut, der auf den Kopf gehörte, hing am Arme des Kindes und wurde in dem jähen Lauf so heftig auf- und niedergeschwungen, daß er jeden Augenblick von den Bändern reißen und ins Weite fliegen konnte. Jetzt sauste der Wind etwas ferner, unter den Bäumen wurde es stiller. Die Kleine stellte ihr Jagen ein und fing an zu singen: »Schnee auf der Wiese Und Schnee auf der Diel, Schnee oben und Schnee unten. Nun wird's mir zuviel. Hoiheia, juheia. Nun wird's mir zuviel. Oh, Sonne am Himmel, Oh, Kuckuck im Wald, Am Bach ihr Ranunkeln, Oh, kommt und kommt bald! Hoiheia, juheia, Oh, kommt und kommt bald! Singt der Fink seine Lieder, Schwirrt die Schwalbe ums Dach, Schwirr ich mit und singe wieder. Freu mich hunderttausendfach. Hoiheia, juheia, Freu mich hunderttausendfach.« Das Kind sang mit so kräftiger Stimme, daß es weithin durch den Wald schallte und alle Vögel in Aufregung brachte, so daß einer den andern überschmetterte. Das Kind lachte laut auf und sang noch einmal so kräftig: »Hoiheia, juheia. Oh, kommt und kommt bald!« und wetteifernd schallte es von allen Zweigen in allen Tönen wieder. Am Saume des Waldes stand die alte Buche mit dem hohen, festen Stamme, in deren weitem Schatten das Kind schon oft nach dem heißen Jagen Kühlung gesucht hatte. Nun war es bei dem Baum angelangt. Eine Weile schaute es zu den hin- und herwogenden Ästen auf. Dort, wo der Wind wieder freieren Raum hatte, blies er mit Macht daher, und sein Schütteln und Tosen oben im Wipfel mußte dem Kinde besonderen Antrieb zu Kraftäußerungen geben. Plötzlich stürzte es dem entgegenwehenden Winde zu und kämpfte und stemmte sich und rannte gegen die Gewalt an. Dann machte es plötzlich kehrt; vom Winde gejagt, stürzte es den steilen Wiesenrain hinunter, dem Wege zu, der ins schmale Tal hineinführte. Nicht eher stellte das Kind sein Rennen ein, bis es, dem rauschenden Talwasser zueilend, bei einem kleinen hölzernen Hause angelangt war, das vom grünen Abhang auf das Wasser hinunterblickte. Ein schmales Treppchen führte von außen zur Eingangstür hinauf. Die offene Galerie vor der Tür trug ein breites Gesimse, auf dem die prächtigsten Nelkenstöcke standen und weithin dufteten. Hier mußte das kleine wilde Mädchen wohl bekannt sein. In drei höhen Sprüngen, je zwei Stufen mit einem Satz überspringend, war es oben angelangt. »Marthe! Marthe!« rief es durch die offenstehende Tür ins Haus hinein, »komm doch heraus! Hast du's schon gemerkt, wie lustig der Wind heut ist?« Ein altes Frauchen mit grauen Haaren und einem fest anschließenden Häubchen darauf kam heraus. Sie war mit der äußersten Einfachheit, aber so ordentlich und reinlich angezogen, daß man hätte denken können, sie sitze den ganzen Tag im Sessel, um den saubern Anzug nicht zu verderben, wenn ihre zerarbeiteten Hände nicht eine andere Geschichte erzählt hätten. »Oh, du solltest nur wissen, wie schön der Wind oben im Wald und auf dem Hügel bläst, Marthe!« rief das Kind der Heraustretenden entgegen, »er stürmt einem so furchtbar entgegen, daß man mit allen Kräften kämpfen muß, wenn man nicht auffliegen will wie die Vögel, und nachher den ganzen Berg hinabgeblasen wird, daß man gar nicht weiß wie und fast nicht mehr auf den Boden kommt. Du solltest es nur erfahren, wie lustig es draußen zugeht.« »Das will ich doch lieber nicht erfahren«, sagte Marthe, die Hand des Kindes zum Willkomm schüttelnd; »ich meine, auch du bist in dem Wind ein klein wenig aus der Ordnung gekommen, Kornelli. Komm, wir machen's wieder zurecht.« Die dichten schwarzen Haare waren völlig durcheinander geweht; was links von dem Scheitel gewachsen war, lag nach rechts, und von rechts war alles nach links geworfen. Die Schürze hing nicht mehr vorn, sondern an der Seite nieder; am Röckchen war die Schnur losgerissen und schleppte einige kleine Dornzweige und Waldblätter nach, die sich damit verwoben hatten. Marthe hatte erst die Haare auseinandergeordnet, dann die Schürze zurechtgezogen; dann hatte sie Nadel und Faden hervorgeholt und flickte nun die zerrissene Schnur am Kleide fest. »Hör auf, Marthe, hör auf!« schrie Kornelli mit einemmal laut auf und riß das Röckchen an sich. »Du hast ja einen ganz zerstochenen Finger; er ist nur noch halb vor lauter Nadelstichen; jetzt kann ich es gut sehen.« »Das macht gar nichts, gib nur dein Röckchen her«, entgegnete Marthe, ihre Arbeit fortsetzend. »Meine Finger habe ich auch gar nicht an solchem Zeug wie dein Röcklein zerstochen. Siehst du, das kommt von der Arbeit an den groben Hemden her, die ich für die Bauern und für die Arbeiter im Eisenwerk mache. Da muß ich ganz anders darauf losstechen. Dabei stech ich mir dann manchmal Stücklein vom Finger weg.« »Das brauchst du nicht zu tun, Marthe; sie sollen nur ihre Hemden selber machen und ihre eigenen Finger zerstechen«, sagte Kornelli entrüstet. »Nein, nein, Kornelli«, wehrte die Alte, »siehst du, ich bin froh und dankbar, daß ich die Arbeit bekommen habe und so mein tägliches Brot ohne Sorgen gewinnen kann. Ich habe nur zu danken für das viele Gute, das der liebe Gott mir schenkt, und vor allem dafür, daß ich noch immer arbeiten kann und meine Kräfte habe.« Kornelli sah sich forschend in dem sehr bescheiden eingerichteten, aber in großer Sauberkeit gehaltenen Stübchen um. »Er hat dir eigentlich nicht soviel geschenkt; es ist nur so gut aufgeräumt, und das machst du selbst«, bemerkte das Kind. »Dafür habe ich ja auch dem lieben Gott zu danken, daß ich das so tun kann«, entgegnete Marthe; »siehst du, Kornelli, wenn mir nun der liebe Gott nicht die Gesundheit schenkte, daß ich noch so tun kann, wie ich will, wer würde mir das so machen, wie ich es gern habe? Und was ist doch das für ein großes Geschenk, daß ich alle Morgen hier an die schöne Sonne heraustreten, meine Nelken hinausbringen und meinem Gott fröhlich danken kann, daß ich wieder einen schönen Tag vor mir habe, an dem ich mich freuen darf. Oh, wieviele arme Leute gibt es, die müssen wieder zu Leiden und Tränen erwachen, die müssen die Tage auf ihrem Schmerzenslager zubringen und haben noch Sorgen und Kummer dazu. Siehst du es ein, Kornelli, wieviel ich dem lieben Gott zu danken habe, und wie ich froh sein kann, daß ich mir meine Finger zerstechen darf und nicht aufhören muß? So, nun bist du wieder, wie es sein muß. Ich glaube, es schellt drüben Feierabend für die Arbeiter, das wird wohl die Zeit zum Abendessen für den Herrn sein, du mußt wohl schnell hinüberrennen.« Marthe wußte wohl, warum sie ihre kleine Freundin auf den Heimweg aufmerksam machte; nur zu oft war die Zeit schon vergessen worden, und der Vater hatte nach ihr ausschicken müssen. Jetzt rannte Kornelli die kleine Halde hinunter am rauschenden Wasser hin, bis zu den großen Gebäuden, in denen den ganzen Tag ein Prasseln von Feuer und Pochen und Hämmern zu hören war, das nur etwa von dem laut rauschenden Illerbach übertönt wurde. Das waren die Werkstätten der großen Eisengießerei, die rings im Lande wohlbekannt war; denn die meisten der Umwohnenden fanden da ihre Arbeit. Kornelli guckte nach den großen Türen; sie waren schon geschlossen. Nun flog sie in hohen Sätzen vorüber, dem einzelnstehenden Hause zu, das, etwas erhöht über dem Wasser, von drei Seiten von blumenreichen Gärten umgeben stand. Es war das Wohnhaus des Eisenwerkbesitzers. Kornelli stürzte über den freien Platz hin, der nach der Vorderseite des Hauses lag, warf den Hut in eine Ecke und trat ins Wohnzimmer ein. Da saß der Papa am Tisch, eine große Zeitung vor sich haltend; er schaute nicht auf. Kornelli aß schnell ihre Suppe, die sie im Teller vorfand, und da der Vater sich hinter seiner Zeitung nicht rührte, bediente sie sich mit allem weiteren, das auf dem Tische stand. Jetzt schaute der Vater auf. Kornelli knabberte an einem Apfel herum. »Aha, du hast mich überholt, so weit bin ich noch nicht«, sagte er; »du mußt aber nicht zu spät zu Tische kommen; das ist nicht in der Ordnung, wenn du auch nachher früher zu Ende kommst als ich. Nun, wenn du doch fertig bist, trag diesen Brief zur Post hinaus; es steht etwas darin, das dich angeht, du kannst dich freuen. Am Abend sag ich dir's, nun muß ich gleich fort.« Kornelli ergriff den Brief, den der Vater ihr hinhielt, raffte die Stücke ihres Apfels auf dem Teller zusammen und lief hinaus. Nun ging es in Sprüngen der tosenden Iller entlang bis dahin, wo der schmale Talweg in die breite Landstraße einmündete. Hier stand das stattliche Wirtshaus, das zugleich Posthaus war. Unter der offenen Türe stand die behäbige Frau Wirtin und lächelte dem Kinde freundlich entgegen. »Wie weit? Wie weit? So im Sturmschritt?« fragte sie. »Nur bis zu Euch«, antwortete Kornelli, ein wenig außer Atem; »ich muß einen Brief einlegen.« »So, so, gib nur her, den wollen wir schon besorgen«, sagte die Frau, des Kindes Hand festhaltend, die es ihr zum Gruß entgegengestreckt hatte. »Dir ist lange wohl, Kornelli, gelt? Du weißt nichts von Kummer.« Das Kind schüttelte den Kopf. »Ja, ich glaub's, warum solltest du auch? Es wird einem schon ganz wohl, wenn man deine lustigen Augen sieht. Komm öfter zu mir; es macht mir Freude, ein fröhliches Kind, wie du eins bist, zu sehen.« Kornelli sagte, sie wolle gern wiederkommen, und es war ihr Ernst; denn die Frau sprach immer so freundlich zu ihr. Nun verabschiedete sie sich, und wie sie wieder in hohen Sprüngen davonrannte, schaute ihr die Frau Wirtin befriedigt nach und sagte halblaut: »Recht so, nur immer fröhlich. Besseres gibt's nicht.« Der Inhalt des Briefes, den Kornelli eben abgegeben und den die Wirtin nun zur Weiterbeförderung bereitmachte, lautete also: »Illerbach, den 28. April ... Liebe Base! Meine Reise nach Wien, die ich um ein Jahr lang hinausgeschoben habe, muß in nächster Zeit ausgeführt werden. Ich stelle nun die Bitte an Dich, Du möchtest hierher kommen und den Sommer da zubringen, um meinem Hause vorzustehen. Auf Deinen erzieherischen Einfluß auf das Kind lege ich natürlich den größten Wert, das arme Ding ist ja bis jetzt ohne alle wirkliche Erziehung aufgewachsen. Jungfer Mine, meine Wirtschafterin, tat ja ihr Bestes, und die brave Esther, die Küchenregentin, half mit, soviel sie konnte. Das Beste für das Gedeihen des Kindes hat wohl die alte Marthe, die Pflegerin meiner seligen Frau, getan; aber wirkliche Erziehung kann ich es nicht nennen. Mich selbst habe ich freilich dabei zuerst anzuklagen. Ich verstehe mich nicht auf Erziehung kleiner Mädchen. Dazu nehmen meine Geschäfte mich auch so sehr in Anspruch, daß ich das Kind kaum sehe. Ich kenne kein größeres Unglück für ein Kind, als den Verlust seiner Mutter und einer Mutter, wie meine Kornelia war; und mit drei Jahren schon mußte das arme Kind sie verlieren! Nimm Dir eine gute Freundin mit, damit Du nicht zu sehr unter der Einsamkeit leidest, und erfreue bald mit Deiner Ankunft Deinen Vetter Friedrich Hellmut.« Als an demselben Abend Direktor Hellmut mit seiner Tochter Kornelli wieder zu Tische saß, teilte er ihr mit, er dürfe hoffen, seine Base, Fräulein Kitti Dorner, werde nach Illerbach kommen und dableiben, bis er seine Reise nach Wien beendigt habe; Kornelli könne sich recht auf diese Aussicht freuen. Nach einigen Tagen kam die Antwort der Base, sie lautete also: »B ..., den 4. Mai .... Lieber Vetter! Um Dir eine Gefälligkeit zu erweisen, will ich mich so einrichten, daß ich den Sommer in Deinem Hause zubringen kann. Meine Freundin, Fräulein Grideelen, wird mit mir kommen. Ganz allein in Deinem Hause zu verweilen, wäre mir etwas zu eintönig, wie Du selbst fühlst. Über die Erziehung Deines Kindes brauchst Du Dir wirklich noch keine schweren Gedanken zu machen; da ist noch keine Zeit verloren. Man muß nicht meinen, daß die kleinen Wesen gleich die besten Kräfte zu ihrer Pflege brauchen, das ist erst notwendig, wenn man sie geistig beeinflussen kann. So kleine Geschöpfe vegetieren ja nur, und sie zu nähren und zu unterhalten, dazu ist Deine Jungfer Mine ganz die rechte Person. Auch Esther, die zuverlässig ist, hat ja mitgeholfen, das Kind zu besorgen, so wie es nötig ist. Später ist es dann etwas anderes mit der Erziehung. Jetzt mag die Zeit gekommen sein, wo das Kind wirklich eines rechten erzieherischen Einflusses bedarf. In der letzten Woche dieses Monats werden wir anlangen; vorher könnte ich nicht gut weggehen hier. Mit besten Grüßen Deine Base Kitti Dorner.« »Die Base kommt, nun freu dich, Kornelli«, sagte der Vater, nachdem er am Abendtisch den Brief gelesen hatte, »und noch eine andere Dame kommt mit; nun wird ein ganz neues erfreuliches Leben für dich angehen.« Kornelli, die bis jetzt von dieser Verwandten ihres Vaters nichts gewußt, empfand keine besondere Freude bei dieser Nachricht. Sie wußte nicht, worin das Erfreuliche des Besuches bestehen solle. Sie sah darin nur eine Veränderung im Haus, die sie nicht herbeiwünschte. Ihr war es am liebsten, wenn alles so blieb, wie es war; etwas anderes begehrte sie nicht. Das Kind sah seinen Vater fast nur bei den Mahlzeiten; die übrige Zeit brachte er drüben in den Geschäftsräumen und in den ausgedehnten Werkstätten zu. Das war aber für Kornelli kein Grund, sich einsam oder verlassen zu fühlen. Sie hatte immer soviel vor, daß sie keinen Augenblick hatte, den sie nicht anzuwenden wußte. Im Gegenteil war ihr die freie Zeit zwischen den Schulstunden immer zu kurz, und die Abende hatten für Kornelli gerade die Hälfte zu wenig Stunden für alle Streifzüge, die dann noch unternommen werden sollten. Der Vater hatte das Zimmer verlassen, und Kornelli war hinter ihm her auf den Weg hinausgerannt, um noch einmal auszuziehen, was gewöhnlich geschah, sobald der Vater das Haus verlassen hatte. Eben kam die rüstige Esther vom Garten her mit dem großen Gemüsekorb am Arm; sie hatte vorsichtig für den folgenden Tag gesorgt. »Geh nicht mehr hinaus, Kornelli, es kann ein Gewitter kommen, es ist ganz grau überm Berg.« »Oh, ich muß noch zur Marthe, ich muß ihr heut noch etwas sagen«, entgegnete Kornelli rasch; »es wird wohl nicht so bald kommen.« »Ach was, noch lange nicht!« rief Jungfer Mine, die vom offenstehenden Zimmer aus die Warnung gehört hatte und nun heraustrat. »Geh du nur, Kornelli, noch gar Gewitter! Tu kommst noch ganz gut zur Marthe hinauf, lauf du nur zu.« Das Kind schoß davon. Esther zuckte die Achseln und ging schweigend an der Jungfer Mine vorüber. So ging es immer und in allen Fällen, wenn Kornelli etwas im Sinn hatte. Meinte Jungfrau Mine, es sei nicht tunlich, so kam sicher Esther herbei und sagte, nichts Leichteres gäbe es, als das auszuführen; und fand sie, daß Kornelli etwas unterlassen sollte, so half Jungfer Mine gleich dazu, daß es ausgeführt werden könne. Das kam daher, daß jede der beiden Kornelli die liebere sein und des Kindes Gunst für sich haben wollte. Kornelli kam am kleinen Haus der Marthe das Treppchen hinauf und ins Stübchen hineingestürzt: »Denk, Marthe, es kommen zwei ganz neue Personen in unser Haus, zwei Frauen; aus der Stadt kommen sie, und der Papa sagt, ich solle mich nur sehr freuen; aber ich freue mich gar kein bißchen, ich kenne sie nicht. Würdest du dich freuen, Marthe, wenn so zwei neue Leute bei dir ankämen?« Kornelli mußte tief aufatmen, so schnell hatte sie gesprochen, nachdem der rasche Lauf ihr schon den Atem genommen. »Setz dich ein wenig zu mir nieder, Kornelli«, sagte ruhig die Alte; »du mußt erst zu Atem kommen. Es kommt ja gewiß jemand, der deinem Papa lieb ist, daß er sagt, du könntest dich freuen, und dann wirst du's schon tun, wenn du sie kennst.« »Ja, vielleicht; aber was willst du schreiben, Marthe? Ich habe dich noch nie schreiben gesehen«, sagte jetzt lebhaft das Kind, dessen Gedanken plötzlich eine andere Wendung genommen hatten. »Ja, es wird mir auch schwer genug«, entgegnete Marthe, »das könntest du viel besser, als ich es kann; es ist so lange her, seit ich so etwas schrieb.« »So gib nur, Marthe, ich will dir's schon schreiben, sag nur, was«, und Kornelli ergriff bereitwillig die Feder und tauchte sie bis auf den Grund des kleinen Tintenfasses ein. »Ich will dir's erzählen, und dann schreibst du's, wie du meinst; du machst es gewiß besser als ich«, sagte Marthe erleichtert; denn sie hatte schon seit einiger Zeit mit der Feder in der Hand vor dem Papier gesessen und hatte den Anfang nicht finden können. »Siehst du, Kornelli, es ist mir so gut gegangen mit der Arbeit in der letzten Zeit, daß ich etwas tun konnte, was ich schon lange im Sinn gehabt hatte; ich habe ein Bett kaufen können. Einen Tisch und zwei Sessel und einen alten Schrank hatte ich schon, und nun habe ich das alles in meinem Stübchen droben schön aufgestellt; du mußt es dann noch beschauen. Jetzt könnte ich für den Sommer jemanden zu mir nehmen. Weißt du, aus der Stadt kommen etwa kränkliche Frauen oder zarte Kinder aufs Land, und ich könnte gut für sie sorgen. Ich bin ja immer daheim und könnte doch daneben arbeiten. Das wollte ich nun alles ins Blatt setzen; aber ich bringe es nicht heraus, wie man anfangen sollte.« »Das will ich schon deutlich schreiben, daß gleich auf der Stelle jemand kommen kann«, sagte Kornelli eifrig; »aber zuerst wollen wir noch das Stübchen ansehen; ich bin sehr begierig, wie es aussieht.« Marthe war gleich bereit; sie ging voran die schmale Treppe hinauf und öffnete das kleine Zimmer. »Oh, wie nett! Oh, wie nett!« rief Kornelli aus und lief voller Bewunderung von einer Ecke in die andere. Marthe hatte wirklich ihr Stübchen so zierlich ausgerüstet, daß man seine Freude daran haben mußte. Aus einem dünnen weißen Stoff mit blauen Blümchen drin hatte sie Vorhänge genäht und die zwei kleinen Fenster damit umrahmt, was ganz schmuck aussah. Eine alte Holzkiste hatte sie umgestülpt und sie mit demselben geblümten Stoff umkleidet; die stand nun als zierlicher Waschtisch in der Ecke. Die zwei uralten Sessel trugen auch den hellen Blümchenüberzug, und das Bett in der Ecke bot denselben fröhlichen Anblick dar; es war mit demselben Blümchenstoff bedeckt. »Oh, hier ist es so schön«, rief Kornelli ein Mal über das andere aus; »wie hast du das so machen können, Marthe, hattest du auf einmal so furchtbar viel Geld?« »O nein, o nein, nicht soviel, aber gerade genug für mein Bett und ein Stückchen Zeug; das bekam ich noch so billig, weil es der Rest vom Stück war. Aber gelt, es sieht nicht so übel aus? Glaubst du, daß jemand darin wohnen möchte?« Marthe schaute fragend und prüfend noch einmal auf jeden einzelnen Gegenstand, den sie so sorgfältig, jeden nach seinem Bedürfnis, überarbeitet hatte. »Ja, freilich, ganz sicher, glaub's nur, Marthe«, versicherte Kornelli, »ich käme gleich und schrecklich gern, wenn ich nicht schon hier wohnte. Jetzt will ich gleich schreiben; ich weiß ganz gut, was.« Nun rannte Kornelli das Treppchen hinunter, tauchte aufs neue die Feder ein und begann mit großem Eifer die Anzeige aufzusetzen. »Vergiß nicht zu sagen, daß es auf dem Lande ist und wie es heißt bei uns, daß sie mich auch finden«, erinnerte vorsichtig die Marthe, der es vorkam, es müßte eine gar schwierige Sache für Kornelli sein, so alles in die Anzeige zu bringen. »Richtig, das muß ich noch sagen«, bemerkte Kornelli und schrieb den Schluß. »So, nun will ich dir's vorlesen, Marthe; dann kannst du sehen, daß ich alles gesagt habe.« Das Kind las: »Wenn jemand ein nettes Zimmer haben will, so kann er eins haben bei der Marthe Wolff. Für kränkliche Frauen und zarte Kinder will sie schon sorgen, daß sie es gut haben. Es ist sehr schön aufgeräumt und hat schöne neue weiß und blaue Überzüge an allem. Es ist auf dem Lande, in Illerbach, am Illerbach, wo die großen Eisenwerkstätten sind, nicht weit davon.« Marthe war ganz zufrieden. »Du hast alles so deutlich gesagt; das kann man gut verstehen«, meinte sie. »Ich hätte es nicht so sagen dürfen; es klingt fast wie gerühmt. Wenn ich jetzt nur noch wüßte, wohin ich das Papier schicken muß; ich weiß nicht so recht, was ich als Anschrift setzen soll.« »Ich weiß ganz gut, was man machen muß«, sagte Kornelli beruhigend, »ich trage dir schnell das Blatt ins Posthaus. Wenn ich Briefe dorthin trage, so kommen manchmal Leute und sagen zum Wirt: ›Das muß ins Blatt‹. Dann nimmt er's ab und sagt: ›Ich will's besorgen‹. So will ich es nun auch machen; gib mir nur das Blatt, Marthe.« Diese hatte noch einmal durchgelesen, was da stand; es kam ihr so merkwürdig vor, daß ihr Name in der Zeitung stehen sollte; aber es war ja notwendig so. »Nein, nein, du gutes Kind«, sagte sie abwehrend, »du hast nun genug für mich getan; du hast mir so gut geholfen; ich will nicht, daß du noch für mich dort hinausläufst. Aber dein Rat ist gut; ich will das Blatt gleich selbst hinbringen.« »O ja, komm mit«, sagte Kornelli erfreut; denn zu ihren besonderen Freuden gehörte es, einen Spaziergang mit der alten Marthe zu machen, die überall etwas Besonderes sah und Kornelli darauf aufmerksam machte, und immer gleich etwas davon zu erzählen wußte. Überall traf sie auch auf Stellen, wo ihr eine Erinnerung an Kornellis Mutter entgegentrat, die sie dem Kinde gleich mit Rührung schilderte. Nur von ihr hörte Kornelli von ihrer Mutter sprechen. Der Vater erzählte nie von ihr, und wenn sie zu Esther, die von Anfang an im Dienste des Hauses gestanden hatte, von der Mutter sprechen wollte, sagte diese gleich: »Schweig, schweig, das macht einen nur traurig; so etwas muß man nicht aufrütteln.« »So willst du doch mitkommen?« sagte Marthe erfreut; denn auch ihr war ja nichts so lieb, als mit ihrer kleinen fröhlichen Gefährtin einen Gang zu machen. Kornelli hing sich an ihren Arm; so wanderten sie in den Abend hinaus. Die Gewitterwolken hatten sich verzogen; gegen Sonnenuntergang glühte der Himmel wie feuriges Gold. »Glaubst du, meine Mutter sehe es drinnen auch so schön, wie wir draußen, Marthe?« fragte das Kind, auf den leuchtenden Himmel hinweisend. »Ja, ja, Kornelli«, entgegnete sie eifrig, »denk einmal, wenn der liebe Gott seine Wohnung von außen so schön leuchten läßt, wie wird es erst drinnen sein, wo alle Seligen sind und sich freuen!« »Warum freuen sie sich so?« wollte Kornelli wissen. »Oh, weil sie nun von allem Leid und allem Schmerz erlöst sind«, sagte Marthe, »darüber können sie sich wohl freuen, und auch weil sie nun erkennen, daß alles Leid und aller Schmerz, der ihre Lieben trifft, die noch hier unten sind, ihnen nur dazu dienen, daß sie den anrufen, der sie allein in den Himmel einführen kann.« »Hat ihn meine Mutter auch angerufen?« fragte Kornelli wieder. »Ja, ja, Kornelli, da kannst du sicher sein«, bezeugte Marthe, »deine Mutter war eine so gute, fromme Frau, daß nur jeder darum beten sollte, dahin zu kommen, wo sie ist.« Jetzt waren die beiden am Posthaus angekommen, und nachdem sie ihren Auftrag dem Wirt und Posthalter abgegeben, wanderten sie schnell den freundlichen Talweg zwischen den grünenden Wiesen zurück; denn die Dämmerung war hereingebrochen, und lange schon war die Feierabendglocke auf dem Turm verklungen. Im obersten Stock Die enge Stadtgasse hinauf, deren Häuser so hoch waren, daß an von unten her die obersten Fenster kaum sehen konnte, weil man so nahe an den Häusern stand, wanderte, auf den dicken Stock mit goldenem Knopf sich stützend, am hellen Maimorgen ein gewichtiger Herr. Er mußte von Zeit zu Zeit stillstehen und Atem schöpfen; die Gasse stieg steil hinan. Dann las er von neuem die Hausnummern, soweit er sie erkennen konnte, und sagte wiederholt: »Immer noch nicht.« Dann stieg er weiter hinan. Endlich hatte er seine Nummer erreicht. Die Haustür stand offen; sechs Klingelzüge waren am Pfosten daneben angebracht. Der Herr las die Namen, die darauf standen, immer wieder den Kopf darüber schüttelnd, daß er nicht auf den gesuchten traf. »Ah, endlich, zu alleroberst«, sagte er jetzt mit einem Seufzer und trat in das Haus ein. Nun ging das Steigen erst recht an. Erst waren die Treppen, wenn auch hoch, doch hell und hatten ordentliche Stufen; dann wurden sie dunkler und schmaler, und zuletzt ging es auf abgelaufenen, ungleichen Stufen ganz steil einer engen Tür zu, vor der kein anderer Raum zum Stehen blieb, als die letzte schmale Treppenstufe. »Ist das ein Käfig!« sagte schwer atmend der Emporklimmende, indem er sich an der hölzernen Rampe festhielt; denn auf den dünnen, krachenden Stufen war das Auftreten recht unsicher. Er zog an dem einfachen Klingelschnürchen. Die Tür ging auf. Eine schwarz gekleidete Frau stand vor ihm. »Oh, Herr Erziehungsrat, Sie sind es«, sagte sie überrascht. »Es tut mir leid, daß Sie die mühsamen Treppen hinaufsteigen mußten«, fügte sie hinzu, als sie bemerkte, wie der wohlbeleibte Herr sich das Gesicht nach der großen Anstrengung trocknen mußte. »Ich wäre gern zu Ihnen gekommen, wenn Sie mich benachrichtigt hätten, daß Sie mich zu sprechen wünschen.« Die Frau hatte unterdessen ein Zimmer aufgemacht und den Herrn gebeten, einzutreten und sich zu setzen. »Ihr Beistand muß Sie doch einmal aufsuchen«, entgegnete der Herr, der jetzt auf dem alten Sofa Platz genommen hatte und sich mit beiden Händen auf den dicken Stockknopf stützte; »das muß ich Ihnen gleich sagen, Frau Pfarrer, daß Sie meinen Rat nicht befolgten, auf dem Lande eine kleine Wohnung zu nehmen, wo Sie doch schon waren, sondern es vorzogen, hierher in die Stadt zu ziehen, wo Sie natürlich eine solche Mansardenwohnung nehmen mußten: das finde ich nicht praktisch und auch nicht einmal wünschenswert. Sie haben hier doch nicht die leiseste Bequemlichkeit. Für Sie selbst und für Ihre Kinder wäre die Landluft unbedingt besser gewesen.« »An Bequemlichkeiten für mich hatte ich nicht zu denken, als ich meinen Mann verlor und unsere Pfarrwohnung verlassen mußte, Herr Erziehungsrat«, entgegnete die Frau mit einem matten Lächeln. »Gewiß wäre die Landluft für alle meine Kinder besser gewesen; aber der sie am meisten nötig hat, mein älterer Junge, mußte um der Schule willen nach der Stadt, und ihn von mir weggeben, so zart wie er ist, das hätte ich nicht tun können, auch -« »Es gibt Kostfamilien in der Stadt, wo solche Knaben auch gut besorgt werden«, unterbrach der Herr hier berichtigend; »aber welche Gründe denn noch weiter?« »Meine Mädchen sind beide auch so weit, etwas zu lernen, das sie verwerten können, Herr Erziehungsrat«, fuhr die Frau fort; »daß dies notwendig ist, wissen Sie ja wohl; daß aber auf dem Lande die Gelegenheit zu weiterer Ausbildung für die Mädchen schwer zu finden ist, das ist Ihnen auch bekannt. Mit meinen Kindern in die Stadt zu ziehen war daher nicht ein unpassender Wunsch, noch eine unpraktische Unternehmung von mir, wie ich annehmen darf. Ich bin Ihnen aber recht dankbar, daß Sie mir Gelegenheit geben. Ihnen meine Gründe auseinanderzusetzen, warum ich Ihren Rat nicht befolgen konnte.« »Was sollen die Töchter lernen?« fragte der Herr ein wenig kurz. »Nika, die Ältere, malt recht ordentlich«, entgegnete die Frau, »Agnes hat eine entschiedene Begabung für Musik. So hatte ich gedacht, da beide Mädchen recht eifrig in ihren Studien sind, sie würden später unterrichten können, was sich beide ernstlich vornehmen.« »Brotlose Künste, nach endlosen Jahren von Unterrichtnehmen«, sagte der Herr Beistand. »Sehr viel praktischer erscheint mir, die Schwestern widmen sich beide der Damenschneiderei; so kommen sie schnell zu einem Ziel, eröffnen ein Geschäft, arbeiten sich gegenseitig in die Hände und machen treffliche Geschäfte, die der Mutter und dem Bruder das Leben erleichtern. Der letztere wird ohnehin lang genug zu keiner Selbständigkeit kommen, wenn er durchaus studieren soll, wie Sie meinen.« Die Frau Pfarrer schaute mit traurigen Blicken vor sich hin; sie sagte kein Wort mehr. »Sie verstehen mich doch, Frau Pfarrer, ich rede durchaus nur zu Ihrem und Ihrer Kinder Wohle«, nahm der Herr Beistand das Gespräch wieder auf; »es tut mir auch leid, daß ich Ihre Mädchen nicht getroffen habe. Ich bin überzeugt, sie hätten mir bald mit Freuden zugestimmt, wenn ich ihnen meine Gründe dargelegt hätte. Heutzutage verstehen die jungen Leute, was es heißt, ihren Weg bald und vorteilhaft zu machen, glauben Sie mir das!« »Vielleicht sind meine Kinder durch den Einfluß ihrer Eltern in diesem Verständnis noch etwas zurückgeblieben und hängen noch an Dingen, die Sie als brotlose Künste ansehen müssen«, sagte mit Seufzen die Frau; »ich werde aber nach Ihrem Wunsche meinen Kindern Ihre Ansichten mitteilen und in Ihrem Sinne zu sprechen suchen, soweit es mir möglich ist.« »Wie alt ist Ihre Älteste? Die müßte wohl schon vernünftige Begründungen verstehen können«, meinte der Herr. »Nika steht in ihrem vierzehnten Jahre, so daß, wie Sie sich denken können, ihr Unterricht in vielen Dingen noch mangelhaft ist«, entgegnete die Frau, »Dino ist zwölf, Agnes elf Jahre alt; diese hat vor allem noch ihre gesetzliche Schulzeit durchzumachen.« »Noch junges Volk«, sagte kopfschüttelnd der Herr Beistand. »Das eine ist gewiß: je länger noch die Erziehung, desto nötiger die kürzesten Wege zum Ziel, Frau Pfarrer. Ich komme mehr und mehr zur Überzeugung, daß mein Vorschlag der richtige ist und daß Sie Ihre Töchterchen entschieden einer geschickten Damenschneiderin übergeben sollten, dann hat Ihre Übersiedelung nach der Stadt auch einen wirklichen Wert.« In seinem Eifer, die schweigende Zuhörerin zu überzeugen, hatte der Herr Beistand nicht bemerkt, daß ein kleiner Junge eingetreten war, sich erst hinter der Mutter versteckt und dann auf ihren Wink sich von der Seite her dem Herrn genähert hatte. Erst jetzt wurde dieser den Eingetretenen dadurch gewahr, daß eine kleine Faust sich gewaltsam in seine geschlossene Rechte eindrängte. »Nehmen Sie's nicht übel, der Kleine stellt sich etwas aufdringlich zu seinem Gruße an«, entschuldigte die Mutter. »Ah, wahrhaftig, da ist noch einer, der Kleinste, ich wußte es ja«, sagte etwas bestürzt der sorgliche Berater. »Wie heißt du denn, mein Junge?« »Mux«, war die Antwort. Fragend schaute der Herr die Mutter an. »Es ist ein Name, den die Geschwister ihm gegeben und der sich nun so unversehens eingebürgert hat«, entgegnete sie. »Mein Jüngster heißt Markus; er hat soeben sein fünftes Jahr zurückgelegt.« »Gut, gut, und was hast du denn im Sinne zu werden, mein Freund Mux?« fragte der Herr Erziehungsrat. »Ein Reitergeneral«, antwortete unverzüglich der Kleine. Der Herr stand auf. »Frau Pfarrer, es scheint mir, Ihre Kinder wollen alle etwas hoch hinaus«, sagte er nachdrücklich. »Ich kann nur wünschen, daß sie einsehen lernen, daß auf dieser Welt nicht jeder tun kann, was ihm am besten gefällt.« Dem guten Wunsche stimmte die Mutter bei. »Aber das muß ich Ihnen doch noch sagen«, fügte sie hinzu, »daß der Ausspruch des Kleinen nur daher kommt, daß in seinem Bilderbuch der General zu Pferde seine Aufmerksamkeit besonders erregt hat, was vorübergehen wird wie andere Kindereindrücke.« »Ermahnung zu richtiger und erfolgreicher Arbeit kommt nie zu früh und kommt nie zu oft, das lassen Sie nicht außer acht, Frau Pfarrer«, schloß der Herr Berater, indem er sich empfahl und nun sorgfältig die steile Treppe hinunter stieg. Eben kam von unten herauf ein Mädchen so rasch heran, als wollte es die Stufen hinauffliegen. Da der Herr allen Raum auf der Treppe ausfüllte, die leere Stelle ausgenommen, die sich unter dem ausgestreckten Arm befand, der die Lehne festhielt, wollte das behende Mädchen schnell darunter durchschlüpfen. »Halt, halt! Solltest du nicht der Frau Pfarrer Halm gehören?« fragte der Herr, seinen Arm als Schranke tiefer haltend. »Ja, der gehöre ich«, war die schnelle Antwort, indem das Persönchen sich noch tiefer bückte, um durchzukommen. »Halt eine Minute still, wenn es dir möglich ist«, sagte der Herr jetzt gebietend. »Ich bin der Erziehungsrat Schaller, der Berater deiner Mutter, das wirst du wissen. Ich habe ihr soeben einen guten Rat für euch erteilt, verstehst du, zu eurem Besten. Du wirst deine Mutter darin bestärken; du siehst nicht einfältig aus und kannst begreifen, was für euch alle gut sein wird. Bist du die ältere?« »Nein, die jüngere«, kam rasch heraus. »Desto besser, so wird die ältere noch vernünftiger sein, und ihr werdet beide zum Wohl der ganzen Familie beitragen und meinen Rat gern befolgen wollen.« Damit gab der Herr dem Kinde die Hand und ging weiter. Agnes schoß den Rest der Treppe hinan und stürzte in den schmalen Korridor hinein. Der Bruder Mux stand erwartungsvoll unter der offenen Zimmertüre, wie er zur Zeit, da die Geschwister heimkehrten, zu tun pflegte; denn er liebte die Abwechslung, die dem stillen Morgen folgte. »Es ist ein dicker Herr dagewesen, und dann hat die Mutter nachher gesagt: ›Ach Gott!‹ Und du darfst nicht mehr Klavier spielen«, berichtete er. Agnes stürzte ins Zimmer hinein, dann wieder heraus. »Wo ist die Mutter? – Mutter! Mutter!« schrie sie, eine Tür um die andere aufreißend. »Hier, Agnes, nur nicht so im Sturm«, tönte es aus der Küche herüber. Agnes lief hin. »Mutter, was sagt denn Mux? Ist es wahr? Ich weiß, daß der Herr Schaller da war und daß er sagen kann, was wir tun müssen. Was hat er gesagt? Ist es wahr, was der Mux berichtet? Dann will ich lieber gar nichts mehr tun und nicht mehr essen und nicht mehr schlafen und gar nichts mehr, dann ist alles aus.« Agnes stand vor Aufregung mit purpurroten Wangen unter der Küchentüre, ihre Augen sprühten Blitze. »Nein, Kind, so mußt du nicht reden und dich nicht so schrecklich aufregen«, mahnte ruhig die Mutter. »Jetzt ist keine Zeit, über eine Frage zu sprechen, die alle Ruhe erfordert. Heute abend wollen wir alles besprechen. Du weißt wohl, Agnes, daß ich in deinem Wünschen und Streben ganz mit dir fühle, daß es meine Sache ist, wie die deine. Laß uns erst zusammen warten, bis wir eine ruhige Stunde haben, und dann zusammen alles besprechen.« Die Worte beruhigten das Kind. So war es ja, sie wußte es; die Mutter erlebte mit ihrem ganzen Herzen alles mit; sie hatte dasselbe lebhafte Verlangen, daß nun in der Stadt der so lange gehegte Wunsch von Agnes nach musikalischer Ausbildung erfüllt werden sollte. Es war ja die Sache der Mutter, wie die ihrige. Auf die Hilfe der Mutter konnte sie also sicher rechnen. Sie ging rasch an ihre Arbeit in der Küche; da hatte sie wie ihre Schwester Hand anzulegen, wenn nicht die Mutter die Arbeit tun sollte; denn als Bedienung war nur ein ganz junges Mädchen im Haus, das neben den nötigen Gängen nur gerade die geringste Arbeit fertig brachte. Mux hatte sich wieder auf seinen Posten zurückbegeben; denn daß seine Worte einen solchen Eindruck auf Agnes gemacht und solche Aufregung hervorgerufen hatten, war ihm sehr unterhaltend vorgekommen; er wollte gleich noch einmal die Wirkung erzielen. Jetzt hörte er jemand die Treppe heraufkommen; es war Nika. »Es ist ein dicker Herr dagewesen, und dann, als er fort war, hat die Mutter gesagt: ›Ach Gott!‹, und du darfst keine Bäume und keine Blumen mehr malen«, berichtete er von oben herunter. Aber Nika hatte den Herrn Erziehungsrat nicht angetroffen, so hatten die Worte keinen Sinn für sie. Sie ging ganz unberührt und schweigend an dem Bruder vorbei und trat ins Zimmer ein. Mux war sehr enttäuscht. Jetzt hörte er den Bruder heraufrennen. Etwas von seiner Enttäuschung mußte er auf den abladen. »Nein, wir haben heute nicht, was du meinst«, rief er dem Kommenden entgegen. »Was soll ich denn meinen, du Gedankenrater?« rief der hinauf. »Ja, wenn du meinst, wir haben grüne Erbsen zu Mittag, dann kommst du allemal so schnell herauf, weil du nicht warten kannst und sie furchtbar gern ißt«, behauptete Mux; »aber wir haben keine, wir haben Kohl, jetzt hast du's!« »So, so komm herein, wir wollen sehen, wer darüber ärgere Gesichter schneidet, du oder ich.« Damit ergriff der oben angelangte Dino den Kleinen bei der Hand und machte einen großen Sprung mit ihm in die Stube hinein. Bald nachher saß die Familie zusammen am Mittagstisch in der kleinen Stube. Es war heute nicht wie gewöhnlich, daß jedes der Kinder seine Erlebnisse zuerst erzählen wollte und die Mutter nicht wußte, wie sie alle Mitteilungen auf einmal bewältigen sollte. Es war still und schwül wir vor einem Gewitter; auf allen Gesichtern lagerten schwere Wolken, nur auf einem nicht. Agnes hatte ihrer Schwester eben noch eine Mitteilung gemacht, die dieser die drohenden Worte des Kleinen deutlich machten. Sie saß brütend da, schaute auf ihren Teller und schwelte und schluckte, obschon sie keinen Bissen zum Munde führte, als habe sie von innen genug hinunterzubringen. Agnes zog ihre Brauen zusammen, daß die ganze Stirn nur noch wie eine Runzel aussah. Die Mutter mußte es nach allen Seiten hin mit schweren Gedanken zu tun haben, das konnte man ihren bekümmerten Blicken entnehmen. Sogar der sonst so gesprächige Mux nagte seufzend an seinem Kohl herum. Nur Dino schaute mit seinem fröhlichen Lächeln von einem zum andern, mit erwartungsvollen Blicken; sein Mittagsmahl schien ihn nicht sehr in Anspruch zu nehmen. »Ich erwarte ein Gewitter«, sagte er nun, da die Stille andauerte. »Nika wird die Blitze loslassen, die ihr unter den Wimpern zucken, und Agnes wird nicht zögern, die Donnerschläge folgen zu lassen. Dann wird gleich der Regen niederstürzen; denn der Mux kann seinen Tränenerguß über den Unglückskohl kaum noch zurückhalten.« »Ja, ja, du hast noch viel weniger Kohl gegessen als ich«, sagte Mux in kläglichem Ton. »Siehst du, Muxchen, das tu ich aus lauter Bescheidenheit, damit niemand zu kurz kommt«, erläuterte der Bruder. »Ja, Dino, wenn ich Zeit hätte, wollte ich dir schon antworten auf das Donnern und auf den Kohl«, brach jetzt Agnes los; »aber um ein Uhr hab ich Musikstunde, und dann habe ich sonst noch genug zu schlucken zum Kohl.« »Mir wäre es lieber, Dino, wenn deine Bescheidenheit sich auf andere Gebiete erstreckte«, sagte mit einem etwas traurigen Lächeln die Mutter. »Du ißt ja heute wieder gar nicht, und in der Nacht habe ich dich soviel husten gehört. Von allem, das mich ängstigt, ist mir dein Zustand noch das Quälendste. Hast du auch in der Schule so gehustet?« »Ja, gewiß, Mutter; aber da ist doch nichts Quälendes dabei«, entgegnete Dino heiter; »das geht schon vorüber. Der Herr Professor sagte zwar heute, ich hätte besser getan, weiter auf den milchreichen Auen meines Heimatdorfes zu weiden als die Staubwinkel der Stadt aufzusuchen; aber ich erwiderte: ›Das Latein entspringt nicht aus milchreichen Auen, Herr Professor‹.« »Ich hoffe, das hast du nicht erwidert«, sagte erschrocken die Mutter. »O doch, aber nur in Gedanken; du mußt nicht schon wieder sorgen«, beruhigte Dino. »Der Herr Professor hat ja schon recht«, sagte seufzend die Mutter; »es ist mir auch ein Gedanke gekommen, den wir heute abend besprechen wollen. Auch mit euch, Nika und Agnes, will ich dann in Ruhe die Vorschläge unseres Beraters überlegen. Tut mir nur das eine zuliebe, nicht von vornherein so schrecklich unglücklich auszusehen; es ist ja doch noch nicht alles verloren.« »Es wird ja wohl so kommen«, sagte Nika und verließ das Zimmer. »Ja, und noch viel ärger«, setzte Agnes hinzu, rückte im Sturm ihren Sessel an seinen Ort, stieß ihre Musikhefte in die Mappe und rannte davon. »Was ist noch ärger, als alles verloren?« rief ihr Dino fragend nach. »Ich weiß schon was«, sagte Mux kundig, während Agnes dem Frager nur einen Blick zurückwarf, der deutlich sagte: Wenn ich Zeit hätte, blieb ich dir keine Antwort schuldig. »Was denn, du weiser Mann?« fragte Dino. »Wenn sie gar nichts als nur immer Kohl essen müßte«, antwortete Mux so überzeugt, daß man merken konnte, er hatte seine Ansicht aus eigener Erfahrung geschöpft. Sorgenvoll strich die Mutter jetzt über das reiche Haar ihres Dino, der sich auch zum Fortgehen erhoben hatte: »Nicht wahr, mein Junge, du hütest dich vor allzu raschem Laufen«, bat sie, »du wirst sonst zu heiß, und nachher sitzest du im kühlen Schulzimmer. Sieh, ich kann dich nie mehr ohne Angst fortgehen sehen.« »Aber Mutterchen, so krank bin ich ja gar nicht«, sagte Dino, seine Mutter zärtlich umfassend; »weißt du, wenn einer auch einmal hustet, so hört er allemal wieder auf. So mache ich es gerade auch; sei du nur fröhlich, dann ist alles in Ordnung. Nun muß ich aber rennen!« rief er aus. »Nur nicht so schrecklich eilen, Dino, du hast noch genug Zeit, denk daran!« rief ihm die Mutter nach; dann trat sie schnell ans offene Fenster und schaute die Straße hinab, solange sie noch etwas von dem laufenden Jungen sehen konnte. Dino war ihr Sorgenkind. Er selbst war immer fröhlich und wohlgemut und stets bemüht, alle andern fröhlich zu stimmen, vor allen seine Mutter. Aber täglich sah der Junge ein wenig zarter aus und zeigte etwas weniger Eßlust, was dem wachsamen Mutterauge nicht entging. Daß von allem Schweren, was sie zu tragen hatte, diese Wahrnehmung das Schwerste für sie war, konnte man dem schmerzlichen Ausdruck ihres Gesichtes entnehmen, mit dem sie nun das Fenster schloß und sich zu ihrer Näharbeit hinsetzte. Mux hatte schon dreimal dieselbe Frage an die Mutter getan und war nicht gehört worden. Nun erhob er seine Stimme mit Macht und fragte zum viertenmal: »Mama, warum muß man essen, was die Kühe bekommen?« »Was meinst du, Mux«, fragte sie dagegen, »was willst du sagen?« »Ich habe es ganz gut gesehen im Bilderbuch, daß es die gleichen Blätter sind wie in der Küche«, war seine nicht besonders klare Erläuterung. Die Mutter verstand ihn aber doch gleich, indem sie sich erinnerte, wie genau er die grünen Blätter betrachtet hatte, die das Mädchen heute früh in die Küche gebracht. Zugleich trat ihr ein Bild aus dem beliebten Bilderbuch vor Augen, wo der glänzend braunen Kuh die prächtigen grünen Blätter vom Stallknecht vorgesetzt werden. »Bist du denn immer noch bei deinem Kohl, Mux, und immer noch mit Unwillen? Das ist gar nicht recht«, sagte die Mutter. »Siehst du, es gibt arme Kinder, die müssen hungern; das tut sehr weh, und du bekommst gutes Brot zu deinem schön gekochten Gemüse.« »So wollen wir ihnen alles schicken, was wir noch von dem Kohl essen müßten«, schlug Mux schnell vor. »Komm, nimm die Stickarbeit her, die ich dir angefangen habe, wir wollen um die Wette arbeiten, so kommst du einmal von deinem Kohl ab; komm, setz dich hierher, zu mir.« Die Mutter rückte das Stühlchen näher zu sich, gab dem Kleinen die Arbeit in die beweglichen Finger, und nun ging das Wettrennen der Stiche los. Mux vergaß im großen Eifer, die Mutter zu überholen, endlich, was sein Gemüt so beschwert hatte, daß er fast nicht darüber wegkommen konnte. Der spätere Abend war gekommen, da alle Schularbeiten beendigt waren, die Mutter ihren großen Flickkorb beiseite zu stellen und den leichten Strickstrumpf zur Hand zu nehmen pflegte, der keinen ihrer Gedanken in Anspruch nahm. Das war die Stunde, da die Kinder sich alle um sie drängten und ihr jedes sein besonderes Anliegen vorzubringen gewohnt war. Für den kleinen Mux war es der schwerste Augenblick des Tages; denn regelmäßig, bevor die Mutter sich zum eingehenden Gespräch mit den drei Älteren festsetzte, ergriff sie die Hand des Jüngsten, um ihn erst zu Bett zu bringen. Das führte jeden Abend denselben Kampf mit demselben Ausgang herbei; denn der schlaue Mux gedachte durch hartnäckigen Widerstand die Regel umzustürzen; die Mutter aber wußte, daß das Gelingen seines Planes gar keine Freude, sondern nur jämmerliches Gähnen und Zufallen der Augen zur Folge haben würde. Heute mußte die Mutter es besonders eilig haben; denn bevor nur der Kleine zum Kampf bereit war, befand er sich schon an seinem Lager und gleich darauf für die Nacht gerüstet. Einmal in seinem Bett angelangt, war Mux immer mit seinem Geschick ausgesöhnt; denn dann kam der Augenblick, da die Mutter sich noch einmal ruhig zu ihm hinsetzte, damit er gleich den andern ihr noch alles mitteilen konnte, was ihm auf dem Herzen lag. Hatte er aber sein Nachtgebet gesprochen, dann war das Ende aller Unterhaltung unumstößlich gekommen. Das wußte Mux sehr genau und suchte darum täglich diesen Schlußpunkt mit allen Mitteln so weit als möglich hinauszuschieben. »Mama«, sprach Mux jetzt nach Besteigung seines Bettes in nachdenklicher Weise, »wenn man allenthalben, wo der Kohl wächst, lauter Kirschen pflanzen würde, dann könnten alle Menschen Kirschen essen, während sie sonst Kohl essen müssen.« »Nun wollen wir gleich abschließen, mein kleiner Mux«, sagte die Mutter zu seiner Überraschung; denn er hatte ein eingehendes Gespräch einzuleiten gedacht. »Siehst du, heute kannst du nicht über deinen Kohl wegkommen; den mußt du erst verschlafen; gesprochen hast du nun genug darüber.« Mux erkannte, daß für heute nichts mehr zu machen sei. Sobald er sein Nachtgebet vollendet und der Mutter einen Kuß gegeben hatte, legte er sich aufs Ohr und schlief schon, als die Mutter die Tür hinter sich schloß. Agnes hatte eben ihre letzte Schularbeit beendet und warf ihre Hefte und Bücher in die Schublade, immer eines heftiger hineinschleudernd als das vorhergehende; sie mußte von einer starken inneren Bewegung getrieben sein. Sowie sie die Mutter ins Zimmer eintreten sah, brach sie los: »Nein, Mutter, wenn ich nicht singen und das Klavierspiel nicht recht erlernen darf, so will ich lieber gar nichts lernen, gar nichts mehr. Dann will ich gleich Stubenmagd werden; das kann ich ganz gut, und wenn ich genug Geld verdient habe, dann will ich eine Harfe kaufen, und dann will ich vor die Häuser gehen und will singen; dann kann ich auch leben. Eine Schneiderin braucht niemand zu werden; man kann einen Unterrock tragen und eine Jacke dazu; die kann man weben; etwas anderes braucht kein Mensch. Alle anderen Kinder haben es besser als wir, Mama, alle dürfen lernen, was sie wollen, und wir gar nichts«; und jetzt kam ein Tränenstrom und erstickte alle Worte, die noch kommen wollten. Nika hatte während der stürmischen Rede der Schwester ihren Kopf immer tiefer auf die Zeichnung niedergebeugt, an der sie, ohne aufzuschauen, fort und fort gearbeitet hatte; jetzt tropfte es auch aus ihren Augen. Sie schob ihr Papier weg und hielt sich ihr Tuch vor das Gesicht. »Ach, Kinder, seid nur nicht gleich so ganz verzagt«, sagte die Mutter mit sorgenvollem Blick auf die beiden Weinenden. »Ihr wißt es ja, daß euer Leid mein Leid ist, und daß ich alles tue und noch tun will, daß ihr lernen könnt, was ihr so sehnlich wünscht. Es wäre ja auch meine größte Freude, eure Anlagen so ausbilden zu können, daß ihr ganz der Musik und der Malerei leben könntet. Wenn es aber nicht sein kann, Kinder, dann müssen wir den Glauben festhalten, daß es nicht zu eurem Besten wäre, daß der liebe Gott einen andern Weg kennt, der für euch besser sein muß. Laßt uns nur das Vertrauen nicht verlieren und an dem Trost festhalten, daß ein Vater im Himmel uns alle mit Liebe führt. Er wird uns ja auch nicht vergessen; vergessen nur auch wir nicht, daß er weiter sieht als wir und weiß, warum er uns so führt und nicht anders, auch dann, wenn wir es im Augenblicke nicht verstehen können. Einmal verstehen wir es doch, daß auch das Schwere uns nur auferlegt ward zum Segen für uns selbst.« »Nun wollen wir wieder fröhlich sein und ein Lied anstimmen«, fiel Dino ein, der gern fröhlich war und am liebsten alles um sich her fröhlich sehen mochte. »Wir wollen gleich einmal singen: ›Und stürmt der Winter noch so sehr. Es muß doch Frühling werden. Und wenn die Agnes gern aufbegehrt, So sei ihr dieser Trost gewährt.‹« »Ja, ja, Tino, du hast gut lachen«, fuhr Agnes auf; »wenn du Schneider werden müßtest, du würdest aus einem andern Ton pfeifen. Du kannst alles lernen und alles studieren, wenn du nur willst.« »Nein, alles studieren will ich nun wirklich nicht, lieber nur eines«, berichtigte Dino. »Aber weißt du was, Agnes, dein Singen ist viel schöner als dein Schelten, stimm gleich einmal an. Gefällt dir mein Lied nicht, so schlag ein anderes vor.« »Singen wollen wir dann zum Schluß miteinander, Kinder«, sagte die Mutter, »jetzt habe ich noch etwas mit dir zu besprechen, Dino. Dein Husten und dein Aussehen machen mir Sorge, und ich habe mich schon seit einiger Zeit umgesehen, wo ich dich hinbringen könnte, daß du einige Wochen lang dich in der Landluft stärken könntest. Es sind ja wohl solche Orte genug; aber ich muß ein einfaches Haus finden, und doch will ich dich nur in ein Haus bringen, wo jemand Sorge für dich trägt. Nun habe ich heute im Blatt eine Anzeige gefunden; das könnte vielleicht etwas sein, wie ich es suche. Sieh hier, Dino, lies die Anzeige selbst.« Dino nahm das Blatt und las. Dann lachte er laut auf. »Ja, ja, Mutter, da muß ich hin«, sagte er, immer noch einmal sich vor Lachen schüttelnd, »zu der Marthe am Illerbach; da ist's gewiß gemütlich bei der Marthe Wolff, wo's so schön aufgeräumt ist und so saubere Überzüge herrschen.« Nun wollten die Schwestern auch wissen, wie die Anzeige laute, die Dino so zum Lachen brachte. Er las ihnen das Gesuch der Marthe Wolff in Illerbach vor, und alle fanden, bei dieser Marthe müßte es ein ganz gemütliches Wohnen sein. Die Mutter entschloß sich, gleich an die Frau zu schreiben und dann sobald als möglich ihren Dino dahin zu bringen. »Kinder, nun singen wir noch ein Lied zum Tagesschluß«, sagte sie dann, sich an das alte Klavier setzend; denn sie begleitete immer die Choräle, die jeden Abend von den Kindern gesungen wurden. »Das sollt ihr mir heute singen, Kinder«, sagte sie jetzt, ihr Buch aufschlagend und das Lied anstimmend. Die Kinder erhoben alle drei ihre guten Stimmen und sangen: »Klag deine Not Dem lieben Gott, Wenn alle dich verlassen, Und keiner hört, Was dich verzehrt, Und deinen Schmerz kann fassen. Eh' du's gesagt, Eh' du's geklagt, Hat er es schon erfahren, Mehr als die Hut Der Mutter tut, Will er sein Kind bewahren.« Neue Erscheinungen in Illerbach Im Hause des Direktors in Illerbach war große Aufregung. Der Tag war gekommen, da die beiden Damen aus der Stadt zu längerem Aufenthalt in Illerbach erwartet wurden. Der Herr hatte angeordnet, daß für die Ankunft seiner beiden Gäste, die er auf den Mittag erwartete, alles hübsch bereit sein und ein festliches Mahl hergerichtet werden sollte. Er war in der besten Stimmung; denn schon seit einigen Tagen hatte er der Ankunft seiner Base sehnlich entgegengesehen. Er sollte durchaus seine Reise antreten, und doch fand er es nicht angemessen, das Haus zu verlassen, bevor er seine Gäste noch empfangen und nach dem ausgesprochenen Wunsch der Base ihr selbst das Haus übergeben hatte. Den Tag nach ihrer Ankunft wollte sie ihn dann gern zur Reise freigeben; diese war denn auch auf den folgenden Tag festgesetzt. Kornelli empfand die Vorbereitungen in einer Weise, die ihr die Ankunft der Gäste nicht sehr wünschbar erscheinen ließ. Wenn sonst Besuch für den Tag zu erwarten war, so hatte sie immer die erfreulichsten Aussichten vor sich. Erst lief sie nach der Küche; dort wurde geknetet und gebacken, und kaum war sie auf der Schwelle erschienen, so rief Esther schon: »Komm, versuch's, was ist besser? Sie werden wohl beide nicht so übel sein.« Ein kleiner goldgelber Apfelkuchen und ein rötliches rundes Pflaumentörtchen lagen schon auf dem Tellerchen für sie bereit; denn ihr Besuch war erwartet. Wirklich konnte Kornelli jedesmal bezeugen, die Apfelkuchen seien vorzüglich geraten und die Pflaumentörtchen noch viel besser. Darauf ging sie nach der Vorratskammer hinüber. Hier stand die Jungfer Mine und rüstete den Nachtisch auf die Kristalltellerchen. Dann fielen von den blauen getrockneten Malagatrauben immer einzelne Beeren neben den Teller und von den hochaufgeschichteten Schalenmandeln rollten immer wieder einige herunter, und die einen wie die andern verschwanden schnell in Kornellis Taschen. Einen solchen kleinen Vorrat mit fortzutragen und im geeigneten Augenblick herauszuholen, war für Kornelli immer eine sehr angenehme Aussicht. Jungfer Mine ließ auch ganz absichtlich Mandeln und Beeren in reichem Maße von den Tellern gleiten; sie wollte nicht weniger gern aufgesucht werden, als Esther, und sie wußte wohl, warum Kornelli so gern nach der Küche lief. Heute schoß Esther mit Schüsseln und Pfannen in ihrer Küche herum, daß alles klapperte. »Fort! Fort! Heut ist's nichts!« rief sie Kornelli zu, die eben eintrat, um nachzusehen, was etwa gebacken werde. »Die Damen aus der Stadt müssen nicht meinen, daß sie unsereinem etwa zeigen müssen, wie man ein gutes Mittagessen kocht; das sollen sie schon erfahren. Mach Platz, Kornelli, mach Platz; hier muß ich das Gemüse anrichten.« Kornelli rannte nach der Vorratskammer hinüber. Jungfer Mine errichtete eben einen kunstvollen Aufbau von Brezeln und Mandelringen. »Stürz nur nicht so herein, sonst fällt ja alles zusammen!« rief sie dem Kinde entgegen. »Komm nicht so nah an den Tisch heran; sieh, dort ist schon ein Teller aufgestellt. Es darf nichts daran fehlen; ich will nicht, daß die Damen sagen, man sähe wohl, daß keine Frau im Hause sei, hier könne man nicht einmal einen Tisch richten.« »Wenn es heute so schäbig in diesem Hause zugeht, so will ich nichts davon«, sagte Kornelli, machte kehrt und schritt mit Entrüstung der Tür zu. Eben wurde draußen das Herannahen eines Wagens hörbar. Kornelli schritt über den freien Platz vor dem Hause bis an den Weg hin und schaute hinaus. Richtig, da kam der erwartete Wagen angefahren; zwei Damen saßen darin. Das Kind rannte zurück. »Mathis, Mathis!« rief sie nach dem Gebäude hinüber, das in kleiner Entfernung vom Hause hinter den Bäumen lag. Dort war die Scheune und die großen Stallungen. »Kommt herüber, der Wagen ist gleich da!« Mathis, der die Pferde besorgte und den jungen Knecht Hans und alle Arbeiten in Stall und Garten zu beaufsichtigen hatte, war Kornellis besonderer Freund, den sie schon zu aller Zeit gekannt hatte; denn er war im Hause gewesen lange bevor sie kam; er hatte schon im Dienste ihres Großvaters gestanden. Mathis kam unter die Stalltüre, er winkte geheimnisvoll: »Komm hierher, Kornelli, komm schnell, recht schnell; wir kommen doch noch zum Wagen.« Kornelli rannte hinüber. In der Ecke des Stalles, schön auf Heu gebettet, lag ein kleines schneeweißes Zicklein, wie das niedlichste Spielzeug anzusehen; aber es war wirklich lebendig. »Oh! Woher hast du's, Mathis? Ob, wie niedlich es ist! Das weiße Pelzchen ist ganz wie von Seide! Kann es schon allein gehen? Kann es aufstehen, wenn es will? Oh, sieh, wie freundlich es sein Köpfchen an mich legt!« »Komm nun, komm, der Wagen fährt vor, du kannst es ja alle Tage besuchen«, mahnte Mathis. »Komm schnell! Es ist erst heut auf die Welt gekommen, denk!« Es war wirklich so; der Wagen war in den Hof eingefahren. Mathis war pünktlich zur Stelle, als die Pferde anhielten. Der Direktor war in derselben Minute auf dem Hof erschienen. Er verlor keine Zeit; aber Unhöflichkeit war auch nicht seine Sache. So hatte er eine Wache aufgestellt, die mußte ihn in dem Augenblick rufen, da der Wagen sich dem Hause näherte. Der Direktor hob seine Base aus dem Wagen und begrüßte sie herzlich. Dann half er Fräulein Grideelen hinuntersteigen und sprach ihr seinen warmen Dank aus, daß sie so freundlich sein wolle, seiner Base in die Einsamkeit zu folgen. Für ihn sei es eine wahre Wohltat; denn seine opferwillige Base zu lange allein zu lassen, hätte ihn beunruhigen müssen, und doch könnten ihn dringende Geschäfte länger von Hause fernhalten, als er voraussehe. »Wo hast du deine Tochter, Friedrich?« fragte die Base jetzt. Der Direktor schaute sich um. »Ich sah sie eben irgendwo da herum; wo bist du denn, Kornelli?« rief er gegen das Haus hin. »Da bin ich«, ertönte es aus seiner nächsten Nähe. Kornelli hatte sich hinter dem Vater aufgestellt, um ungesehen von da aus die Angekommenen betrachten zu können. »Komm doch hervor und begrüße deine Base [R1] und Fräulein Grideelen«, befahl der Vater. Kornelli reichte ihre Hand erst der Verwandten, dann dem andern Fräulein. »Guten Tag«, sagte sie beide Male. »Mich kannst du Base nennen; diese Dame heißt Fräulein Grideelen«, sagte die Base, erwartend, daß das Kind den Gruß gleich noch einmal mit der richtigen Anrede wiederholen werde. Es sagte nichts mehr. Der Direktor hatte sich nach dem Wagen umgewandt; er gab dem Mathis Anordnungen für die Pferde. Man trat nun ins Haus ein, und bald darauf saß die Gesellschaft an dem reichbeladenen Mittagstisch, und Jungfer Mine erntete allerlei Lobsprüche über die wohldurchdachte Tafelordnung. Am Nachmittag führte der Direktor die Damen in seinem Gut herum; die Base wünschte so recht alles kennen zu lernen, was sie nun zu überwachen hatte. [F1] Die Verwandtschaftsbezeichnung wird vom Vater auf die Tochter übertragen. »Welcher Obstreichtum!« rief Fräulein Grideelen einmal ums andere aus, »welche Fülle von Kirschbäumen! Und diese ungeheuren Apfelbäume! Und jene Reihen von Birnbäumen! Wirklich, Herr Direktor, Sie müssen im Herbst ganze Kammern mit Früchten füllen können! Wo Sie nur Platz für alle haben?« »Ja, das weiß ich selbst nicht, das besorgen die Leute; ich habe keine Zeit.« »Es ist wirklich schade, Friedrich, daß du nicht ein halbes Dutzend Kinder hast; die würden dir schon die Sache besorgen helfen«, fiel die Base ein. »Wo ist übrigens das eine, das du hast, schon wieder hingekommen? Es scheint nicht sehr gesellschaftlich zu sein.« »Wo Kornelli ist, weiß ich nicht«, sagte der Direktor; »um diese Zeit bin ich gewöhnlich bei meiner Arbeit drüben. Jungfer Mine muß wissen, was das Kind tun soll; vielleicht ist sein Lehrer da. Gesellschaftlich konnte das Kind nicht werden, da es immer allein war. Ich bin ja gerade um seinetwillen so glücklich und den Damen so dankbar, daß sie gekommen sind; so ist das Kind doch endlich in einer Umgebung, wie ich sie längst für Kornelli gewünscht hätte. Was konnte ich machen? Zweimal hatte ich Erzieherinnen ins Haus genommen, um dem Kinde den geeigneten Umgang und Unterricht zukommen zu lassen. Die erste ist mir fortgelaufen, weil sie es in dem einsamen Hause nicht aushalten konnte, und die zweite wollte alles aus dem Hause forthaben, was vor ihr dagewesen war. Esther sollte Platz machen, Mathis sollte fort, und wie ich keine Miene machte, die beiden zu entlassen, stellte sie mich vor die Wahl, entweder sie oder die alten Hausratten, jemand müsse aus dem Hause. Ich sagte: ›Lieber Sie; denn wenn die beiden fort wären, so wäre ich die älteste der Hausratten, dann käme es wohl an mich, Platz zu machen.‹ Dann reiste sie ab. Nun hatte ich zu dieser Art von Hausgenossen keinen Mut mehr, obschon die Zeit da ist, da es wohl für Kornelli nötiger als je wäre, eine Frau von Bildung und guter Erziehung um sich zu haben. Du weißt dann vielleicht einen guten Rat, Base, wenn du das Kind erst recht kennen gelernt hast.« »Ich möchte wissen, wem dein Kind gleichsieht«, sagte Fräulein Dorner; »es hat keinen Zug von dir und keinen von deiner seligen Frau.« »Findest du das?« fragte der Direktor schnell, »findest du das wirklich? Mir braucht das Kind nicht zu gleichen; aber ich hatte immer gehofft, es habe einen Zug von der Mutter, der dann später immer mehr hervortreten und mir ihr Bild vor die Augen bringen würde? Findest du nicht, das Kind habe die Augen der Kornelia? Und ihre schönen braunen Haare könnten vielleicht doch später des Kindes Kopf zieren; sie sind so dicht und haben die Farbe von Kornelias Haaren.« Der Direktor schaute seine Base fast bittend an; es mußte ihm viel daran liegen, daß sie dieselbe Anschauung ausspreche. Sie zuckte die Achseln: »Zur Zeit kann ich in der kleinen, struppigen Wilden gar keine Ähnlichkeit entdecken mit der hübschen, immer in Ordnung und fleckenloser Sauberkeit glänzenden Kornelia mit den freudestrahlenden Augen, die unter den braunen Haarwellen einen so freundlich anlachten. Ich muß dir offen sagen, Friedrich, sehr einnehmend tritt dein Kind nicht auf. Es sieht aus wie ein böses wildes Kätzchen, das einen Buckel macht und die Haare sträubt, als wollte es einem ins Gesicht springen.« »Nein, nein, das tut es nun doch nicht«, sagte der Direktor, »das Kind ist nicht bösartig; ich glaube es wenigstens nicht. Aber du hast ja wohl recht«, fuhr er seufzend fort, »es sieht seiner Mutter nicht ähnlich; vielleicht ist die Erziehung, das heißt die Nichterziehung auch viel schuld daran. Ich bin dir ja, wie auch Fräulein Grideelen darum so dankbar, daß die Damen gekommen sind und zunächst dableiben wollen. Gewiß wird unter Ihrem Einfluß und Ihrer Aufsicht das Kind sich ganz ändern und viel gewinnen; ich glaube nicht, daß es unbildsam ist. Mit wie leichtem Herzen kann ich nun reisen, da ich Kind und Haus und Dienerschaft und alles in deine Hände geben kann, Base! Du glaubst nicht, wie verzweifelt meine Lage oft ist, wenn ich durchaus reisen sollte und unmöglich weg kann, weil ich keinen Menschen habe, dem ich alles überlassen kann, der nicht nur den guten Willen, wie die Dienstboten, sondern auch die Einsicht und vor allem die Autorität hat, das Haus zu regieren, wie es sein muß. Ich kann dir nicht genug danken, daß du mir die Reise leicht machst.« Als die Gesellschaft von ihrem Gang zurückgekehrt war, trennte man sich. Die Damen gingen, sich in ihren Zimmern einzurichten, der Direktor hatte noch vollauf zu tun, um für seine Reise fertig zu werden. Zum Abendtisch wollte man sich wieder zusammenfinden. So geschah es. Die Damen hatten sich gesetzt; der Direktor erschien pünktlich zur Zeit; das Essen wurde aufgetragen. »Wo ist denn deine Tochter?« fragte Fräulein Dorner, »kommt sie nicht zum Essen?« »Doch, doch, wissen Sie, wo sie ist, Jungfer Mine?« fragte der Vater seinerseits. Eben ging die Tür auf, und Kornelli kam mit glühenden Wangen hereingelaufen. Sie setzte sich schnell an ihren Platz. »Bist du durch eine Hecke gekrochen?« fragte die Base. »Nein, ich war im Hühnerstall«, antwortete Kornelli. »Ja, das reicht auch hin, um nachher so auszusehen, wie du jetzt aussiehst. Geh lieber erst nach deinem Zimmer und laß dir von Jungfer Mine die Haare zurechtmachen und Seife geben, wofür sie nötig ist.« Kornelli schaute nach dem Vater; das war eine Neuerung, die er wohl erst bestätigen mußte. »Schnell, schnell, Kornelli, was besinnst du dich«, sagte er mahnend. »Du hast der Base aufs Wort zu folgen; sie steht da ganz an meinem Platz. Das werden ja alle Hausbewohner verstehen«, fügte er mit einem Blick auf Jungfer Mine bei. Diese wollte Kornelli schnell folgen; aber das Kind rief zurück: »Ich kann es selbst«, und lief hinaus. Als sie zurückkam, sahen Gesicht und Hände sehr sauber gewaschen aus; die Haare aber waren so eigentümlich durcheinander gekämmt, daß man nicht wußte, was auf die eine oder die andere Seite, was nach vorn oder nach hinten gehörte. Die Base lachte. »Dein Kopf sieht aus, wie ein verwehtes Heufeld«, sagte sie. »Jungfer Mine muß dir morgen das Haar richtig scheiteln.« Kornelli zog ihre Stirn zusammen, daß die Augen sich ganz nahe kamen; sie schaute nicht mehr von ihrem Teller auf. Am andern Tag in der Frühe reiste der Direktor ab. Das Dorf Illerbach, wo Kirche und Schule standen, war zu weit von der Eisengießerei entfernt, als daß Kornelli täglich dorthin zur Schule hätte wandern können; auch hielt der Direktor es für besser, sie daheim unterrichten zu lassen. So hatte er einen Lehrer angestellt, der je am Morgen herkam, um Kornelli in allen nötigen Fächern zu unterrichten; am Nachmittag war sie frei. Die Aufgaben, die für den folgenden Tag gemacht werden mußten, nahmen wenig Zeit weg. So hatte Kornelli bis dahin ein sehr freies Leben geführt und zu ihren täglichen Besuchen bei der alten Freundin Marthe und zu ihren eingehenden Gesprächen mit ihr auch immer soviel Zeit gehabt, als diese nur erforderten. Auch für lange Streifzüge durch den Buchenwald und den ganzen Berg entlang war Zeit genug da; Kornelli hatte sie nicht zu sparen. Zu lange wurde sie aber dem Kinde nie; denn da waren soviele tausend schöne Dinge in Feld und Wald aufzusuchen, daß es niemals damit fertig wurde, wenn nur immer die Sonne scheinen wollte. Wollte sie nicht, und war durch den Regen oder Schnee kein Umherstreifen möglich, dann war das gemütliche Stübchen der Marthe jederzeit ein herrlicher Aufenthalt, und ihre Gespräche und Erzählungen waren für Kornelli eine unversiegliche Quelle des Genusses und der Kurzweil. Eben hatte der Lehrer das Haus verlassen. Die heutige Abreise des Vaters hatte soviel Stoff zu Sätzen gegeben, die Kornelli in der Unterrichtsstunde der deutschen Sprache zu liefern hatte, und alle Antworten kamen heute so fix auf alle Fragen, daß der Lehrer mit dem Schlag der Uhr die Stunden für beendigt erklärte und Kornelli noch einen besonderen Lobspruch für die guten Leistungen des heutigen Tages erteilte. Dann verabschiedete er sich, und Kornelli schlug kräftig in seine dargebotene Hand; denn ihr Lehrer und sie waren die besten Freunde. Immer verliefen diese Unterrichtsstunden zur größten Zufriedenheit beider Teile; der Lehrer kannte seine Schülerin so gut. War sie einmal recht frisch und lebendig, dann arbeitete er mit ihr tüchtig darauf los und brachte in kurzer Zeit soviel zustande, daß die Stunden den dreifachen Gewinn des Erwarteten hervorgebracht hatten. Dann entließ er seine Schülerin Punkt mit dem Schlag; seine Freude an der Sache mußte auch die ihrige bleiben; ein Gefühl des Ermüdens sollte sie nicht verderben. War aber Kornelli zerstreut und unlustig zur Arbeit, so ging der Lehrer ganz langsam und so bedächtig mit ihr voran, als wäre sie ein wenig schwachsinnig, und diese schleppende Tätigkeit wurde dann vom Lehrer ausdauernd fortgesetzt, bis der Zeiger der Uhr eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, ja drei Viertelstunden zuviel aufwies. Da war ja nicht einmal mehr eine gute Viertelstunde mehr übrig, um noch vor dem Mittagessen nach dem Garten, nach dem Stall, nach dem Hühnerhof hin zu rennen, was Kornelli doch vorgehabt hatte. Endlich mußte der Lehrer freilich aufbrechen, und beim Abschied sagte er dann mit der größten Freundlichkeit: »Ich mußte heute so lange bleiben, weil wir nicht die Hälfte von dem fertig brachten, was wir hätten fertig bringen können; du warst ein wenig langsam im Erfassen heut, Kornelli. Morgen wird es schon besser gehen; sonst kann der Unterricht auch noch länger dauern.« Am nächsten Tage ging es sicher ganz anders; denn etwas so furchtbar Langweiliges noch einmal durchzumachen und noch länger, das hatte Kornelli nicht im Sinn. Es währte denn auch immer eine gute Zeit lang, bis wieder ein Tag der großen Zerstreuung kam. Heute hatte Kornelli einen besonderen Beweggrund, recht tüchtig und rasch zu arbeiten, um zur Zeit frei zu werden. Sie hatte ja das Zicklein noch nicht sehen können seit gestern. Jetzt stürzte sie nach dem Stall hinüber; sie hatte eine ganze Stunde bis zur Zeit des Mittagessens, das um ein Uhr stattfand. Mathis hatte das heranrennende Kind schon erblickt. »Komm, komm, Kornelli, eben hüpft es heraus«, rief er ihr entgegen. Kornelli stürzte heran und in den Stall hinein. Richtig, da hüpfte das schneeweiße Zicklein so lustig zu seiner Mutter hin und wieder auf sein Heu zurück und war so zierlich in seinen Sprüngen, daß Kornelli in lebhaftes Entzücken geriet. »Du niedliches Tierlein du«, rief sie, sein schneeweißes Fell streichelnd; »nun hol ich dir ein rotes Halsband, und dann will ich dich spazieren führen.« Dann lief sie ins Haus zurück, kramte in ihren Sachen herum und kehrte mit einem hochroten Band zurück. Das wurde nun um den Hals des Zickleins gebunden, und etwas Hübscheres hatte Kornelli noch nie gesehen, als das feine Tierchen in seinem schneeweißen Röcklein mit der purpurroten Schleife um den Hals, wie es nun seine leichten Sprünge fortsetzte und dann auf einmal sich in sein Heu duckte und mit ganz zufriedenen Blicken Kornelli anguckte. »Kann man es herausnehmen, Mathis, kann man mit ihm spazieren gehen? Kann man es an einen kleinen Wagen spannen und ausfahren?« fragte Kornelli, schon so viele Pläne ausspinnend, daß immer einer den anderen überholen wollte. »Warten, warten, erst wachsen lassen, das ist die Hauptsache«, sagte Mathis bedächtig. »Siehst du, jetzt ist das Tierlein noch wie ein kleines Kind, das eben das Gehen erlernt hat; das muß noch bei der Mutter bleiben und kann nur kleine Sprünge um sie herum machen. Wenn es größer ist, kommt das Spazieren, und wenn es stark und kräftig geworden ist, dann spannen wir's an, und dann fährst du aus, zwei Zügel in der einen Hand und eine große Rute in der andern.« Kornelli jauchzte auf und streichelte das Zicklein mit erneuter Zärtlichkeit, im Vorgefühl der herrlichen Fahrten, die sie zusammen ausführen würden, wenn die Zeit da war. »Hast du die Glocke in der Gießerei gehört? Es wird Zeit zum Mittagessen sein. Du wirst ein wenig aufpassen müssen, nun fremde Herrschaften da sind«, sagte der alte Mathis vorsichtig; »du kannst ja am Nachmittag wieder herüberkommen.« Kornelli hatte vor lauter Freude an ihrem schmucken Zicklein nichts gehört; sie ging aber nun gleich; sie hatte selbst das Gefühl, nun müsse sie zur Zeit zu Tische erscheinen; denn die Damen vertieften sich in keine Zeitungen, wie der Papa, das hatte Kornelli schon bemerkt. Sie lief dem Hause zu. Beim Brunnen im Hof fiel ihr ein, daß sie noch die Hände waschen müsse. Sie hielt alle beide unter die Röhre und rieb sie kräftig. Auch das Gesicht wurde gleich noch ein wenig eingetaucht und gerieben. Da war nun kein Tuch zum Abtrocknen vorhanden, als das Taschentuch; das war ein wenig klein. »Mach, mach, komm herein, die Damen sitzen schon bei Tische«, ertönte die mahnende Stimme der Esther vom Küchenfenster her. Kornelli lief hinein. Wirklich saßen die Damen schon am Tisch; der gefüllte Suppenteller erwartete Kornelli an ihrem Platz. »Du sollst zur Zeit zu Tische kommen; du kannst die laute Glocke drüben wohl hören«, sagte die Base. »Aber wie siehst du denn aus? Halbnasse Arme, völlig nasse Schürze, nasse Füße – bist du im Wasser gewesen? Was hast du nur gemacht?« »Ich habe die Hände unter der Brunnenröhre gewaschen, und da hat es gespritzt«, sagte Kornelli. »Sehr begreiflich«, bemerkte Fräulein Dorner; »aber es gibt ja auch Einrichtungen im Zimmer, die Hände zu waschen; dann bespritzt man sich nicht damit. Geh, zieh dir eine andere Schürze an; zu Tisch sollst du ordentlich erscheinen.« Kornelli ging. »Es ist doch etwas Gutes an dem Kinde, daß es folgen kann«, sagte Fräulein Grideelen; »es kommt immer ganz frisch gewaschen zu Tische, seit du ihm den Befehl erteilt hast.« »Das ist richtig«, entgegnete Fräulein Dorner; »aber es hat unglaubliche Gewohnheiten und Manieren. Wie soll man die ausrotten und das Kind zur Ordnung bringen? Sie müssen wirklich des Morgens etwas mithelfen und vor allem die Haare des Kindes glatt kämmen und scheiteln, wie ich gestern, Jungfer Mine.« »Das habe ich wirklich getan, Fräulein, und tue es jeden Morgen«, entgegnete diese etwas verletzt; »aber die Haare sind zu struppig, um sie zu flechten; Kornelli braucht nur einen Sprung zu tun, so ist wieder alles auf dem Kopf durcheinander, und sie tut alle Augenblicke einen.« Kornelli war wiedergekommen; sie brachte endlich ihre Suppe zu Ende. Ihr Platz war neben der Base; Fräulein Grideelen saß ihr gegenüber. »Was klebt dir denn hier am Kleid?« fragte die Base, mit einiger Scheu den Saum des Röckchens betrachtend, an dem entschieden etwas hängen geblieben war. »Kann das Heu oder Stroh sein? Sauber sieht es nicht aus. Du wirst doch nicht etwa aus dem Stall kommen?« »Doch, freilich«, gab Kornelli zurück. »Wie greulich! Wahrhaftig, ich rieche es. Das geht denn doch zu weit!« rief die Base aus. »Das würde dir dein Papa gewiß nicht erlauben, wenn er es wüßte.« »Doch, freilich; er geht auch selbst«, erwiderte Kornelli. »Antworte nicht ungehörig. Mit dem Papa ist es etwas ganz anderes«, bedeutete die Base. »Aber eines will ich dir sagen; daran sollst du denken: Wenn es dir denn erlaubt ist, in den Stall zu gehen, und du daran einen Genuß findest, so tue es; aber kommst du nachher zu Tisch, so gehst du erst in dein Zimmer, wäschst dich gründlich und ziehst ein anderes Kleid an. Das vergißt du nicht, verstehst du?« »Ja«, erwiderte Kornelli. »Es ist sonderbar, was die Kinder auf dem Lande für Vergnügungen haben«, meinte Fräulein Grideelen. »Hast du keine Bücher, Kornelli, liest du denn nicht viel lieber, als daß du so herumschweifst, sogar nach dem Stall?« »Nein, das tue ich nicht lieber. Bücher habe ich schon«, antwortete das Kind. »Was wirst du denn nun nach Tische tun? Da hast du ja keinen Unterricht mehr«, fragte die Base. »Dann geh ich zur Marthe«, war die Antwort. »Wer ist die Marthe?« wollte die Base wissen. »Eine Frau«, sagte Kornelli. »Das kann ich mir denken«, bemerkte Fräulein Dorner. »Aber was für eine Frau?« »Eine gute«, antwortete Kornelli schnell. »Ist das eine Antwort!« Die Base wandte sich an Jungfer Mine: »Was ist mit der Frau? Kann man das Kind zu ihr gehen lassen? Ist sie bekannt im Hause?« »Ja, das ist sie schon lange; sie kam schon hier ins Haus, bevor ich da war«, berichtete Mine. »Sie hat die selige Frau hier gepflegt in ihrer letzten Krankheit. Es ist eine brave Frau, und sie sieht immer sauber und ordentlich aus; der Herr mag sie gern.« »So, nun weiß man doch, woran man ist; du mußt wirklich antworten lernen, Kornelli«, sagte die Base. »Du bist wie ein wilder Hase, alles tust du in Sprüngen. Du kannst also zu der Frau gehen; aber vorerst setzt du dich hin und machst deine Aufgaben für den Lehrer; du wirst wohl solche für morgen haben.« Kornelli bejahte dies. Sobald die Damen das Zimmer verlassen hatten, um sich für die wärmsten Stunden in ihre Schlafstuben zurückzuziehen, setzte Kornelli sich an ihr Tischchen in die Ecke und schrieb schnell eine Seite voll. Dann wurde das Buch ergriffen und schnell gelesen, noch einmal und noch einmal, nun wußte sie's auswendig. Jetzt wurden die Bücher in den Schrank geworfen, Kornelli stürzte fort. »Ja, ja, Marthe, du solltest nur wissen, wie es bei uns ist, seit der Papa fort ist«, rief Kornelli schon auf dem Treppchen der alten Freundin zu, »ich wollte nur, der Papa wäre schon wieder da und alles wie vorher!« »Was ist's, Kornelli, was macht dich so unwirsch? Komm, komm, setz dich ein wenig zu mir und erzähl mir's«, sagte Marthe freundlich und stellte einen Stuhl zu dem ihrigen an den Tisch hin, auf dem ihre Flickstücke lagen; ganz säuberlich geordnet lagen sie, jedes nach seiner Beschaffenheit, wie sie zusammengehörten. »Ja, du kannst nicht begreifen, wie es ist, Marthe«, fuhr Kornelli in ungedämpfter Aufregung fort; »bei dir ist es immer gleich, und kein Mensch kommt und befiehlt, daß alles anders sein muß. Jetzt soll man nicht mehr hereinkommen, ohne sich gewaschen zu haben, und nie aus dem Stall kommen, ohne nachher einen andern Rock anzuziehen, und nicht die Hände am Brunnen waschen, weil es spritzt, und oh, und so viel Neues muß sein und alles anders als vorher.« »Ja, siehst du, Kornelli, das ist nun nichts Schlimmes, daß nicht mehr alles so sein soll, wie vorher«, sagte Marthe bedächtig. »Ich denke, die Dame, die mit dir verwandt ist, wird es nun so mit dir haben wollen, wie es gewiß auch deine Mutter mit dir gemacht hätte, wenn sie dageblieben wäre, und das ist nur etwas Gutes für dich. Siehst du, Jungfer Mine und Esther meinen es sehr gut mit dir; aber deine Verwandte weiß doch viel besser, was sein muß, daß du so wirst, wie es deine selige Mutter mit dir im Sinn hatte. Denk, wie wird sich dein Vater freuen, wenn du ihr dann ähnlich wirst und er immer an sie erinnert wird, wenn er dich sieht! Du weißt es ja, welche Freude das für ihn sein wird!« Kornelli wußte wirklich, daß ihr Vater sich darüber freuen würde; er hatte schon manche Bemerkung darüber gemacht, die sie wohl verstand. Noch ganz kürzlich hatte er ja gesagt, die Base finde, sein Kind habe keine Ähnlichkeit mit der Mutter, und Kornelli hatte den traurigen Ausdruck in des Vaters Augen, als er das sagte, wohl bemerkt. Kornelli schüttelte den Kopf: »Das kann ich doch nie werden«, warf sie hin, »und du hast selbst gesagt, daß die Mutter war, wie sonst kein Mensch. Das hast du gesagt, Marthe, dann kann man doch nie so werden.« »Ja, ja, das habe ich wohl gesagt«, bestätigte die Alte; »aber, siehst du, Kornelli, ich will dir etwas erklären: Wenn du auch nie genau werden kannst, wie deine Mutter war, so könntest du doch am allerehesten ihr ähnlich werden, viel eher, als sonst irgend jemand; denn du bist ihr Kind, und ein Kind hat immer etwas von der Mutter. Du kannst auch manchmal einen gerade so anblicken, wie sie tat, mit denselben braunen Augen; aber nicht, wenn du die Stirn so zusammenziehst, wie heute. Du mußt nur recht aufmerken, wie die zwei Damen alles tun und wie sie reden und wie sie sich in allem benehmen. Sie sind von derselben Art und demselben Stand wie deine Mutter, darum freut es mich so sehr, weil du ihnen nun ihr Wesen ablauschen und es annehmen kannst, daß du deiner Mutter auch im Tun und Wesen ähnlich werden kannst.« »Ja, ich will ja wohl tun, was du meinst«, versetzte Kornelli willig; »aber eine so furchtbare Freude habe ich doch nicht, daß sie da sind und alles anders sein muß. Oh, nun fällt mir noch etwas Neues ein; ich muß auf der Stelle fort. Denk nur, Marthe, sonst ging ich doch immer um diese Zeit und holte mir Äpfel und Kirschen und was es gab und lief im Garten herum, sie zu essen; da schmeckten sie am besten. Aber nun muß man immer Punkt fünf Uhr wieder an dem Tisch sitzen und muß ganz heißen Kaffee und Milch trinken; denn Fräulein Dorner hat gesagt, auf dem Lande seien die Nachmittage unerträglich lang, man müsse eine Unterbrechung machen, weil das Nachtessen dann erst um acht Uhr kommt. Wenn ich nur an meinen Nachmittag ansetzen könnte, was an dem ihrigen zu lang ist. Ich kann immer lange nicht alles fertig bringen, was ich im Sinn hatte. Leb wohl, Marthe!« Jetzt rannte Kornelli davon. Es kommt, was keiner gewollt hatte Die bewährte Esther stand im Gemüsegarten und pflückte die reichlichen Büscheln niederhängenden grünen Erbsen, die in den warmen Tagen dieses sonnigen Junimonats schnell gereift waren. »Komm herunter, Kornelli«, rief sie nach dem Garten hinauf, »komm sieh, wieviele Erbsen es gibt. Warum schleichst du denn herum und kommst nicht gelaufen wie sonst?« »Ich darf ja nicht mehr wie sonst«, entgegnete Kornelli herankommend. »Jetzt fängt die Mine auch noch an und sagt, ich dürfe keinen Sprung mehr tun, sonst kämen meine Haare durcheinander. Ich wollte nur, ich hätte kein einziges Haar mehr auf dem Kopf, so dürfte ich doch noch laufen und springen.« »Nein, nein, da sähest du ganz wunderbar aus, stell dir's einmal vor. Aber du brauchst wegen so etwas nicht traurig zu werden«, tröstete die Esther. »Spring du nur weiter, das Haar wird wohl wieder in Ordnung kommen. Warum kommst du auch nicht mehr in die Küche zu versuchen, ob alles gut wird?« »Ich darf nicht, Fräulein Dorner hat's verboten; sie sagt, es sei eine schlechte Manier«, berichtete Kornelli. »So, so, man kann auch Schlechteres tun; aber folgen mußt du nun schon; folgen muß man«, bekräftigte die Esther. »Gehst du auch nicht mehr zur Jungfer Mine, wenn sie den Nachtisch bereitet?« Kornelli schüttelte den Kopf. Jungfer Mine hatte sehr schnell begriffen, daß eine neue Ordnung im Hause in Kraft getreten war, und hatte sich gleich danach gerichtet. Wo sie dachte, die Damen seien mit einer alten Gewohnheit im Haus nicht einverstanden, da ließ sie eine solche auch schnell fallen, und Kornelli verstand auch gleich ihre ablehnende Haltung in solchen Fällen. »Es ist mir ganz gleich, wenn ich nicht mehr in die Vorratskammer gehen soll, ganz gleich«, sagte jetzt Kornelli unvermutet. »Mine kann auch alles selber essen, was herunterrollt; es ist mir ganz gleich, ich will gar nichts; wenn ich nur in den Stall zu dem jungen Geißlein kann, das ist das netteste Tierchen auf der ganzen Welt. Hast du es gesehen, Esther?« »Ja gewiß, warum nicht«, gab diese zurück. »Der Mathis hat mich eigens in den Stall hinausgeholt, sobald es da war. Das wirst du wohl ansehen können, wenn's im eigenen Stall steht. Da geh du nur hin, soviel du willst, das kann dir kein Mensch verwehren.« »Mein Lehrer kommt«, rief Kornelli aus, »nun muß ich gehen.« »Ja, und sei du nur fröhlich, siehst du, es gibt noch erfreuliche Dinge. Heute mach ich Erdbeerschnitten, da sollst du einmal sehen, wie die schmecken!« Esther schnalzte ein wenig mit der Zunge, um den lockenden Geschmack ihrer Werke anzudeuten. »Es ist mir alles gleich, auch wenn du Brennesselschnitten backen willst; am liebsten wollte ich gar nicht an den Tisch kommen und nichts mehr haben als Beeren und Kuhmilch im Garten und im Stall.« Mit diesen Worten rannte Kornelli dem Hause zu; daß sie zahm tun sollte, hatte sie eben wieder vergessen. Die beiden Damen saßen auf der Gartenbank in der Jasminlaube, während Kornelli oben im Wohnzimmer ihren Unterricht erhielt. »Es wäre schön hier und mein Vetter hätte ein recht erfreuliches Leben, wenn nur das Kind ein wenig anders wäre«, sagte Fräulein Dorner; »findest du nicht, Betty, daß es innerlich und äußerlich etwas völlig Ungehobeltes hat?« »Ja, vielleicht fehlt ihm doch so die erste gute Erziehung«, meinte Fräulein Grideelen, »oder die Mutter hatte vielleicht etwas von der Art des Kindes an sich.« »Keinen Zug. Etwas Verschiedeneres als diese Mutter und ihr Kind kannst du dir gar nicht denken!« rief die Freundin Kitti aus. »Kornelia war die Liebenswürdigkeit selbst. Immer fröhlich, immer mit ihren lachenden braunen Augen jedem entgegenkommend und jeden mit Zuvorkommenheit begrüßend. Ich möchte meinem Vetter so gerne gönnen, das Kind hätte nur die leiseste Ähnlichkeit mit seiner Mutter; er hatte sie so lieb, und er selbst ist so nett und gut und wirklich ein vortrefflicher Mann.« »Es ist so seltsam, wie ganz verschieden Kinder von ihren Eltern sein können«, sagte Fräulein Grideelen mit Bedauern; »aber etwas müßte doch an diesem Kinde durch die Erziehung noch ausgerichtet werden können. Da kann noch manches herausgebildet werden, das sich jetzt noch nicht recht zeigt. Man müßte um seines Vaters willen sich schon die Mühe dazu geben.« »Das will ich ja und tue es auch, wie du siehst, Betty; aber bis jetzt sehe ich wenig guten Erfolg«, erwiderte Fräulein Dorner. »Ich hoffe nur, der Tag kommt noch, da ich dem Vater eine erfreuliche Nachricht über seine Tochter geben kann, nicht solche, wie ich jetzt zu schreiben habe.« Es war heute ein besonders heißer Tag. Die Damen zogen sich nach Tisch gleich auf ihre Zimmer zurück. Kornelli machte, wie sie nun immer tat, gleich sowie sie vom Tisch aufgestanden war, gehorsam ihre Aufgaben; dann verschwand sie. Noch am späten Abend, als die Damen sich zum Nachtessen zu Tisch setzten, war es so warm, daß Jungfer Mine den Befehl erhielt, die Fenster alle aufzumachen. Jetzt trat Kornelli ein. »Um aller Barmherzigkeit willen, was fällt dir denn ein!« rief die Base dem Kinde entgegen. »Wir vergehen vor Hitze, und du ziehst ein Kleid mit Pelzüberzug an, in dem du mitten im Winter ohne Mantel eine Schlittenfahrt machen könntest! Wer in aller Welt bringt dich dazu, so unsinniges Zeug zu machen?« Wirklich kam Kornelli in einem sonderbaren Aufzug herein. Ihr Röcklein war von so pelzig dickem Stoff, daß man sehen konnte, es war für die herbste Winterzeit berechnet und dazu für jemand, der ungern noch allerlei darüber anzog. Dabei hatte das Kind völlig glühende Wangen, und ganze Bächlein Schweiß rieselten ihm vor unerträglicher Hitze über das Gesicht. »Ich habe keinen anderen Rock mehr«, sagte es etwas störrisch. »Verstehst du davon etwas?« fragte die Base, ihre Freundin anblickend. »Ich glaube wirklich, es ist das fünfte Kleid, in dem ich das Kind heute sehe«, entgegnete diese. »Am frühen Morgen sah ich Kornelli in einem dunkeln Kleidchen im Hof umherrennen. Zum Morgenkaffee kam sie im hellen Röckchen. Am Mittagstisch hatte sie ein rotes Kleid, und zum Nachmittagskaffee war sie, wie ich glaube, in Blau. Diese Bekleidung wäre denn die fünfte heut. Schon zu Mittag mußte ich mich über den häufigen Wechsel des Anzugs verwundern.« »Ich muß ja allemal einen anderen Rock anziehen, wenn ich im Stall war«, sagte Kornelli noch ein wenig störrischer als vorher. »Wer wird denn auch solches Zeug machen!« rief die Base aus. »Ich kann es gut begreifen, daß dir selbst aller Spaß dabei vergeht; du machst ein erschreckliches Gesicht. Du mußt ja auch fast verschmachten. Nimm nur schnell dein Abendbrot ein, dann kannst du nach deinem Zimmer gehen und dich umziehen; du wirst ja ein Morgenröckchen haben. Nun sollen diese Stallbesuche aber entschieden aufhören; du siehst selbst, welche Unannehmlichkeit sie nach sich ziehen. Wenn du doch das Gesicht nicht so zusammenziehen wolltest; du siehst geradezu aus, als wollten dir zwei Hörnchen aus der Stirn herauswachsen, auf jeder Seite eins. Es gibt ja doch noch viele Vergnügungen und bessere als das Stalleben. Kannst du sticken?« »Nein«, antwortete Kornelli kurz. »Ja, das sollten Mädchen in deinem Alter wohl können«, sagte die Base; »aber dich nun so von Anfang an zu lehren, schon wie man die Nadel zur Hand nehmen muß, dazu sind wir denn doch nicht hierhergekommen, nicht wahr, Betty?« »Es ist ja nicht notwendig, daß Kornelli gerade jetzt sticken soll«, entgegnete die Freundin; »da sind ja so hübsche Bücher, die das Kind lesen kann; wir haben ja eine Menge gesehen, die es uns selbst gezeigt hat. Du liest doch wohl lieber eine schöne Erzählung, als daß du nach dem Stalle läufst, nicht wahr?« »Nein, das tu ich nicht«, gab Kornelli unfreundlich zurück. »Man muß diese Aussprüche nicht so beachten«, sagte Fräulein Dorner; »wenn Kornelli sich langweilt, wird sie wohl ihre Bücher zur Hand nehmen. Sie, Jungfer Mine, müssen eigentlich achtgeben auf Kornelli, damit solcher Unfug nicht wieder vorkommt, daß sie fünf Kleider an demselben Tag anzieht.« Als das Nachtessen beendigt war, stieg Kornelli nach ihrem Zimmer hinauf. Jungfer Mine folgte ihr. »Du brauchst auch nicht so dummes Zeug zu machen«, sagte diese verweisend, sobald die beiden auf der Treppe waren, wo ihre Worte nicht mehr gehört werden konnten; »man hat ja jetzt sonst genug zu tun. Es fehlte mir gerade noch, daß ich den ganzen Tag achtgeben müßte, ob du wieder ein anderes Kleid anziehst, bis du sie alle durchhast.« »Ich bin nicht schuld«, entgegnete Kornelli in rauhem Ton; »sie haben es ja befohlen.« »Sie werden es nicht immer riechen, wenn du im Stall gewesen bist«, zankte Jungfer Mine fort. »Doch, eben riechen tun sie's«, warf Kornelli zurück, »und wenn sie es nicht riechen würden, so müßte ich es doch tun; sie haben es befohlen für jedesmal, wenn ich im Stall gewesen bin.« »Jetzt ist aber befohlen, daß du nicht mehr in den Stall gehst, so wird das Rockwechseln wohl aufhören«, brummte Jungfer Mine, indem sie dem Kinde das dicke Winterkleid auszog. »Das kann man nun noch ausputzen; du gibst mehr zu tun als sechs, die recht erzogen sind.« Jungfer Mine hatte noch nie so unfreundlich zu Kornelli gesprochen. Bis jetzt hatte sie alles getan, um sich die Gunst des Kindes zu bewahren; nun schien ihr wenig daran gelegen zu sein. Kornelli blickte sie erstaunt an; aber noch etwas schaute aus ihren Augen, das auch nie herausgeschaut hatte. Mine mußte es verstanden haben. »Ich habe dir ja nichts getan«, sagte sie schnell; »was ich sage, ist die Wahrheit.« Damit verließ sie das Zimmer. »Wenn denn alle so mit mir sein wollen, so will ich es auch!« rief Kornelli mit zornigen Blicken aus. Plötzlich ergriff sie das dicke Röckchen, das sie eben abgelegt hatte, und warf es zum Fenster hinaus. Nach einiger Zeit erschien Jungfer Mine wieder im Zimmer; sie brachte das Kleid zurück. Kornelli saß im Unterröckchen auf dem Fenstersims und schaute grimmig in den Hof hinunter. »Mach, daß dich der Wind auch noch hinunterbläst wie den Rock«, sagte Jungfer Mine in wenig freundlichem Ton. »Das ist mir gleich«, entgegnete Kornelli trotzig, »und den Rock hat er auch nicht weggeblasen, den habe ich mit Fleiß hinuntergeworfen.« »So, so machst du's? Ein andermal holst du ihn selber wieder, das versprech ich dir«, sagte Jungfer Mine und lief erzürnt davon. Am anderen Morgen kam Kornelli nach den Unterrichtsstunden mit fröhlichem Geplauder an der Hand ihres Lehrers über den Hof gegangen. Sie hatte die Kümmernisse des vorhergehenden Tages während der Lehrstunden ein wenig vergessen. Herr Mälinger war ja so freundlich gewesen wie immer; der hatte sich nicht verändert. »Hast du noch ein Röslein für mich?« fragte er freundlich, als sie an den vollen Rosenbäumen vorbeikamen. Kornelli rannte von einem Bäumchen zum andern, bis sie ein schönes Sträußchen beisammen hatte, dunkle und helle, rote und weiße Rosen. Die übergab sie dem Lehrer, sorgsam warnend, daß er sich nicht steche; dann nahmen die beiden herzlichen Abschied voneinander. Kornelli rannte zurück und in hohen Sprüngen dem Stalle zu. Plötzlich stand sie still; es kam ihr wieder in den Sinn, sie dürfe ja nicht mehr hinein. Nun konnte sie das junge Geißlein gar nicht mehr sehen und sein Wachstum nicht überwachen. Dann wußte sie auch nicht, wenn der Augenblick gekommen war, da sie es einspannen und ausfahren konnte. Vielleicht durfte sie das auch nicht; aber bis dahin kam vielleicht der Papa wieder heim, dann kam alles wieder anders. Kornelli hüpfte auf; die alte Fröhlichkeit wollte wieder aufkommen. Sie wollte zu Esther hinein und ein wenig mit ihr beraten und hören, wie sie über die ganze Sache denke. Als Kornelli in das Haus trat, kam ihr eben die Base entgegen, aus dem Wohnzimmer herkommend. »Du kommst gerade recht«, sagte sie, »ich habe dir etwas zu zeigen. Wohin wolltest du eben jetzt?« »In die Küche«, antwortete Kornelli. »In der Küche hast du gar nichts zu tun; da gehst du nicht hin. Ich glaubte, du hättest nun begriffen, daß du vor Tisch hinaufgehen und deine Haare in Ordnung bringen mußt. Das kannst du demnächst tun, doch komm zuerst herein, daß ich dir sage, was du wissen mußt.« Kornelli folgte der Base ins Zimmer hinein. Fräulein Grideelen stand am Fenster; sie hatte wohl die Rückkehr der Freundin abgewartet. Die Base führte Kornelli zum Sofa hin und deutete darauf. »Du wirst wissen, wer das getan hat«, sagte sie, »sag es nur gleich heraus, das sieht dir ähnlich.« Auf dem dunkeln Plüschüberzug waren deutlich Spuren von staubigen Schuhsohlen zu erkennen. Der Fuß war nirgends deutlich in seiner ganzen Form zu sehen; aber daß jemand da drüber gewandert war, darüber blieb kein Zweifel. »Das hab ich nicht getan«, sagte Kornelli mit blitzenden Augen. »Wer im ganzen Haus könnte so etwas außer dir getan haben? Das mußt du dir selbst sagen, Kornelli! Wer es getan hat, das ist außer Frage«, sagte die Base. »Es wird einer deiner Scherze sein wie der, die Kleider zum Fenster hinauszuwerfen; davon habe ich auch gehört. Ich wollte dir nur das eine sagen: das ist das letztemal, daß du, ein Mädchen von zehn Jahren, solche schlechte Manieren an den Tag legst. Solange ich da bin, geschieht dies nicht mehr. Deinem guten und feinfühlenden Vater könntest du so etwas auch ersparen.« »Ich habe das nicht getan, nein, das habe ich nicht getan, nein, nein!« schrie Kornelli auf. »Aber Kornelli, so besinne dich doch; du wirst ja ganz rot, siehst du, dein Gewissen verrät dich«, fiel Fräulein Grideelen hier ein. »Es wäre ja viel besser, du würdest demütig sagen: ›Ich habe es getan; aber es ist mir leid, ich will es nie mehr tun‹« »Nein, ich habe es nicht getan, nein, nein!« schrie Kornelli noch lauter, und ihre Wangen wurden noch glühender vor Zorn und Aufregung. »Mach keinen solchen Lärm«, befahl die Base; »man könnte ja meinen, es geschehe hier ein Unglück. Es ist ja nicht der Mühe wert, soviele Worte zu verlieren. Du hättest deine Sache nicht durch Leugnen verschlimmern sollen, dann wäre alles längst abgetan. Du hast eine große Unart verübt, die tust du nicht wieder; jetzt weißt du's.« »Nein, ich habe sie nicht verübt, nein, nein, und ich will nicht ja sagen, wenn es nicht wahr ist!« rief Kornelli fast außer sich aus. »Nun geh auf dein Zimmer, Kornelli«, sagte die Base, »und glätte deine Stirn, bevor du zu Tisch kommst. Deine Hörnchen treten bei deinem Gehaben völlig heraus. Du kannst selbst sehen, wie abstoßend du aussiehst, stell dich nur vor den Spiegel. Wenn du meinst, es gäbe einen einzigen Menschen auf der Welt, dem du noch gefallen und angenehm sein könntest mit deinen Hörnern auf der Stirn, so täuschest du dich. Geh nur jetzt und komm mit einem anderen Gesicht wieder.« Kornelli ging. In ihrem Zimmer angekommen, griff Kornelli mit beiden Händen nach ihrer Stirn. Wahrhaftig, auf jeder Seite der Stirn war ein hervorstehender Punkt zu greifen, ein fester Vorsprung. Sollten wirklich Hörner daraus hervorwachsen? Kornelli hatte plötzlich einen furchtbaren Schrecken vor diesem Gedanken. Nun konnten auch alle Menschen sie sehen, da sie doch schon so deutlich zu greifen waren. Kornelli war in einer ungeheuren Aufregung. Schrecken, Schmerz, Zorn, Empörung brannten in ihrem Herzen und loderten immer höher auf. Sie hielt es nicht mehr aus; sie lief hinaus, weg, zur alten Marthe hinauf. »Nein, ich habe es nicht getan, Marthe, das habe ich nie getan«, schrie sie, in die kleine Stube hereinstürzend, »und wenn ich doch sage nein, nein, so müssen sie es glauben, daß ich es nicht getan habe. Nein, ich habe es nicht getan, nie, nie, sie sollen es nur wissen; ich habe nichts geleugnet, nein, das habe ich nie getan; aber sie wollen es nicht glauben, wenn ich schon hundertmal nein sage, und -« »Halt ein wenig ein, Kornelli«, sagte die alte Marthe freundlich, »siehst du, du kommst ganz außer Atem. Komm, setz dich hier auf dein Stühlchen und erzähl mir ganz ruhig, was dich so aufgebracht hat; du weißt ja wohl, daß ich deinen Worten glaube. Ich kenne dich ja von klein auf und weiß, daß du mir alles sagst, wie es ist.« Ganz ruhig konnte Kornelli freilich nicht erzählen; aber es beruhigte sie doch ein wenig, daß sie es heraussagen konnte, was geschehen war, und dabei wußte, ihr werde alles geglaubt. Sie erzählte nun von der Anklage, die gegen sie erhoben worden war, und wie man ihr trotz aller Versicherungen nicht glauben wollte und nun für immer und ewig glaube und behaupte, sie habe es getan und dann abgeleugnet. Bei diesem Gedanken wurde Kornelli aufs neue purpurrot vor Aufregung und wollte gleich noch einmal losbrechen. Aber Marthe legte sachte wehrend ihre Hand auf des Kindes Schulter. »Nein, nein, Kornelli, sei du nur zufrieden«, sagte sie beschwichtigend; »siehst du, du hast den Gewinn davon, daß es so ist und nicht anders. Nun bist du ungerecht angeklagt und kannst es nicht beweisen; aber der liebe Gott weiß, wie es ist; er hat alles gehört, und nun kannst du ganz ruhig und fröhlich sein und kannst mit einem leichten Gewissen zum Himmel aufschauen und denken: der liebe Gott weiß es; ich muß mich nicht fürchten und brauche nicht traurig zu sein. Das wäre nun ganz anders, wenn du das Böse getan und abgeleugnet hättest; da müßtest du immer in Angst sein und denken: jetzt kommt's an den Tag; und wenn du zum Himmel aufblicken wolltest, würde es dir angst und bange; denn du wüßtest, dort ist einer, der weiß, was ich getan habe, vor dem kann ich's nicht verbergen. Und immer und ewig bleibt eine unrichtige Anklage nicht auf uns sitzen. Wenn es noch so lange währt, zuletzt kommt's doch noch an den Tag, und jedenfalls in der Ewigkeit hast du nicht mehr daran zu tragen, wenn doch der liebe Gott jetzt schon weiß, wie es ist.« Kornelli war wirklich ruhig geworden durch diese Erinnerung, daß doch einer sei, der wußte, wie alles war. So konnte sie doch alle Augenblicke, wenn ihr das Leid wieder aufstieg, sagen: »Du weißt es, lieber Gott, du hast alles gesehen und gehört.« »Wenn er es ihnen nur auch sagen würde! Das könnte der liebe Gott ja wohl tun, dann wüßten sie es gleich«, meinte Kornelli nun doch noch. »Ja, so geht's nicht zu, daß wir noch besser wissen könnten, was gut wäre, als der liebe Gott es weiß«, sagte Marthe, ganz ernsthaft den Kopf schüttelnd. »Siehst du, wenn wir so regieren könnten, so käme immer alles verkehrt. Wir sehen ja nicht über eine Stunde hinaus und wissen keinen Augenblick, was gut für uns wäre; denn im nächsten kommt etwas, das wir nicht kannten. Dann möchten wir um jeden Preis zurücknehmen, was wir gestern noch mit aller Macht erzwungen hatten, und könnten es nicht mehr, und hätten uns selbst elend gemacht und täten es immer wieder. Wenn aber der liebe Gott etwas zuläßt, das wir nicht verstehen, so können wir fest glauben, daraus wird etwas Gutes für uns hervorgehen. Wir müssen nur warten, und wenn es uns schwer drücken will, uns immer zum Troste sagen: Der liebe Gott weiß schon, wozu es gut ist. Aber wir vergessen die Zeit, Kornelli; ich glaube, du mußt eilen, daß du zu Tische kommst, es ist schon fast zu spät.« Kornellis erst so finsteres Gesicht hatte sich unter den besänftigenden Worten der Marthe wieder ganz aufgehellt; jetzt ging plötzlich ein tiefer Schatten darüber. »Wenn ich nur nie mehr heimgehen müßte, Marthe, nie mehr, und nie mehr an dem Tisch sitzen müßte. Mir wäre es gleich, wenn ich schon verhungern müßte, wenn ich nur bei dir bleiben könnte und nie mehr dorthin zurück müßte.« Kornelli schaute gegen ihr Vaterhaus hin und zog die Stirn zusammen, als sehe sie etwas Erschreckliches. »Ein so schönes, liebes Vaterhaus so anschmollen; was denkst du, Kornelli, was denkst du; das ist nicht recht«, sagte Marthe freundlich mahnend. »Denk, wieviele Kinder haben gar kein Vaterhaus. Wie würden sie dem lieben Gott für eine Heimat danken, wie du sie hast. Geh du nur, Kornelli, und freue dich, daß dir's der liebe Gott so gut gegeben hat, und laß die Gedanken ganz fahren, die dich so vergrämen! Komm dann bald wieder, dann freuen wir uns zusammen; es gibt immer etwas Erfreuliches.« Kornelli ging. Wirklich war ihr, solange sie bei der Marthe war und ihre Worte hörte, selbst vorgekommen, es sei kein Grund da, sich zu grämen; aber sobald sie in den Garten eintrat und die Fenster der Stube vor sich sah, wo sie jetzt schon zu Tische sitzen mußten, stieg ihr alles wieder auf, was ihr das Herz beschwert hatte. Es war ja doch so; die Marthe wußte es nur nicht recht; sie konnte nie mehr fröhlich werden, sagte sich Kornelli. Sie konnte nicht hineingehen, essen konnte sie ja doch nicht. Es kam ihr vor, als könnte sie gar nichts mehr schlucken, als säßen ihr große Steine im Hals, die sie nicht hinunterbrächte. Wenn sie nur daran sterben würde! Das wäre das beste, dachte Kornelli, dann wäre alles fertig. Sie setzte sich auf den Rasen hinter den dichten Johannisbeersträuchern, wo man sie vom Hause her nicht bemerken konnte. Unterdessen hatte Jungfer Mine schon die süße Speise abgetragen und stellte nun die Früchte auf den Tisch. »Es scheint, Kornelli macht sich nichts daraus, eine volle Stunde zu spät zu Tisch zu kommen«, sagte Fräulein Dorner; »man stellt nichts warm für sie; sie soll Zeit und Ordnung kennen lernen, wenn ihr das noch fremd ist.« Mine ging hinaus, um sich nun auch zu Tisch zu setzen. Esther hatte schon alles aufgestellt; die süße Speise schloß sie eben in den Schrank ein. »Die bekommt das Kind, wenn es heimkommt«, sagte sie, sich nun auch an den Tisch setzend; »es wird wohl sonst noch allerhand zu schlucken bekommen, das keinen besonders süßen Geschmack hat.« »Warum kann es auch nicht zur Zeit kommen?« bemerkte Jungfer Mine ärgerlich, »und die ganze süße Speise kann es nicht aufessen, da können wir recht gut unseren Teil davon nehmen; es bleibt ihm dann noch mehr als gesund ist.« »Ich gebe sie nicht heraus«, sagte Esther, ihre Arme fest auf den Tisch stützend, zum Zeichen, daß sie da festsitze und da sitzen bleibe. »Das Kind muß wohl etwas haben, das ihm herunterschlucken hilft, was vielleicht im Hals stecken bleiben könnte«, fuhr sie fort, »es hat jetzt mehr zu schlucken, als sonst sein Leben lang. Was war denn heut morgen wieder krumm, daß ein solcher Lärm in der Stube losging?« »Das war nun nicht der Mühe wert, es ist wahr«, entgegnete Jungfer Mine; »es waren ein paar leichte Staubspuren auf dem Sofa zu sehen; da haben die Damen gedacht, Kornelli habe darauf gestanden. Das wollte nun das Kind nicht zugeben, und die Damen versteiften sich auf die Anklage, bis das Kind wie unsinnig lärmte. Es war doch alles gar nicht der Beachtung wert.« »Ich meine fast, Jungfer Mine, Sie hätten eine Aufklärung geben können, woher die Tritte kamen«, sagte Esther mit schlauem Lächeln. »Wenn man die Stockuhr aufziehen muß, die über dem Sofa hängt, so geht's schneller, einen Sprung auf das Sofa zu tun, als das schwere Möbel wegzurücken, und wenn man schon in der Frühe die Stiefelchen eingeschnürt hat«, – der Blick von Esther traf gerade auf die Schnürstiefelchen, die Jungfer Mine unter dem Tisch schön ausstreckte -, »so kann man diese nicht gleich abstreifen. Nicht wahr, Jungfer Mine?« »Nun ja, was war denn daran Besonderes?« entgegnete diese schnippisch. »Einen Sprung auf das Sofa wird dieses nicht gleich verderben, und zu putzen habe ich es selbst.« »Ich meine nur, man könnte dann auch ein Wort sagen, bevor die Herrinnen dem Kind im Hals erstickt haben, daß es sie belogen hat, und das Kind vor Zorn über die Ungerechtigkeit zu lärmen anfängt, daß man es durchs ganze Haus hört und es einem durch Mark und Bein geht.« »Ah bah, so arg war's nicht«, warf die Jungfer Mine hin; »das Kind hat auch schon lange die ganze Sache vergessen. So machen's die Kinder, einen Heidenlärm anschlagen und zur Tür hinaus und vergessen; deswegen braucht man sich keine Gedanken zu machen.« »Früher war's anders«, sagte Esther lächelnd, »da konnte Jungfer Mine dem Kinde nicht genug Freundlichkeit bezeigen. Nun wird die Freundlichkeit anderweitig angewandt, nicht mehr für die vom Haus.« »Die vom Haus«, wiederholte Mine spöttisch; »es wird nicht mehr lange währen, so wird die Esther ein anderes Lied singen, wenn in ihrer Küche die Hausfrau befiehlt, die heute nicht vom Hause sein soll.« Esther ließ ihren Löffel fallen. »Potztausend noch einmal, was Sie da sagen!« rief sie. »Wer hätte an so etwas gedacht! Welche gilt denn? Die Verwandte oder die andere?« »Ja, so genau kann ich das nicht sagen«, erwiderte Mine, »der Herr Direktor wird wohl nicht darüber mit mir gesprochen haben; aber man müßte doch auf den Kopf gefallen sein, wenn man nicht merkte, was vor sich geht und warum die Damen kommen mußten; man will doch auch wissen, was man übernimmt. Daß gleich zwei kamen, ist doch der sicherste Beweis; das ist ja nur, daß man es nicht merkt.« »Der Tausend«, wiederholte die überraschte Esther, »ist das eine Entdeckung. Es gilt die Verwandte, Sie können sicher sein; sie regiert ja jetzt schon das ganze Haus. Aber das sage ich zum voraus, Jungfer Mine, aus dem Ton, aus dem ich seit zwölf Jahren in diesem Haus gepfiffen habe, pfeif ich weiter, da kann nun hier ans Ruder kommen, wer will. Das können Sie glauben.« »Esther, wir wollen's dann sehen«, sagte Jungfer Mine überlegen, indem sie aufstand, um nachzusehen, ob die Damen noch etwas bedürften. Kornelli erwachte aus tiefem Schlafe; sie wußte erst gar nicht, wo sie war. Sie lag auf dem Rasen hinter den Johannisbeersträuchern. Jetzt erinnerte sie sich: da hatte sie sich hingelegt, als sie am Mittag von der Marthe kam; dann war sie matt und schläfrig geworden. Sie mußte hingefallen und eingeschlafen sein. Jetzt war es Abend; denn kein Sonnenschein lag mehr auf dem Garten, und doch war der Himmel hell; es fing schon ein wenig zu dämmern an. In Kornelli stieg ein Verlangen auf, wie sie es nie gekannt hatte; sie meinte, es müßte herrlich sein, alles anzubeißen, was um sie war, Busch und Strauch, Blatt und Blume, vor allem die noch ganz unreifen Pflaumen am Baume über ihr. Wenn sie doch ein Stück Brot hätte! Kornelli sprang auf und dem Hause zu. »Flink, Kornelli, flink!« rief ihr Esther aus dem offenen Küchenfenster zu; »gerade jetzt sitzen sie zu Tisch; du kommst im rechten Augenblick.« Kornelli rannte nach ihrem Zimmer, riß ein dickes Tuch aus ihren Sachen hervor und wickelte es fest um den Kopf; dann lief sie nach dem Eßzimmer und setzte sich flugs an ihren Platz. »So, bist du wieder da?« sagte die Base, die sich eben zum Essen hingesetzt hatte. »Ein anständiges Mädchen sagt wenigstens guten Abend, wenn es nach langer Abwesenheit ins Zimmer tritt.« »Guten Abend!« sagte Kornelli und aß mit ungewöhnlicher Hast ihre Suppe auf. »Woher kommst du nach all der Zeit?« fragte die Base. »Aus dem Garten«, war die Antwort. »Das kann wohl sein; aber wo warst du vorher?« wollte die Base weiter wissen. »Bei der Marthe«, antwortete Kornelli. »Wenn du doch lerntest, ein wenig freundlicher zu antworten«, bemerkte die Base, »es wäre dein eigener Vorteil; du hast sonst nichts besonders Einnehmendes; dadurch würdest du doch etwas gewinnender werden. Du solltest dir wirklich Mühe geben, das zu werden. Wenn du nun wieder diese Frau besuchen willst und im Sinne hast, bei ihr zu bleiben, so hast du vorher um Erlaubnis zu fragen; so bleibst du nicht mehr fort. Weiter will ich heute nichts sagen, obschon dein Ausbleiben rechten Tadel verdient. Aber du siehst ja erbarmungswürdig aus; hast du Zahnweh?« »Nein«, stieß Kornelli kurz hervor. »Hast du Kopfweh?« »Nein.« »Was hast du denn?« »Nichts.« »Kornelli, solche Maskeraden machst du nicht wieder, wenn dir nichts fehlt«, sagte die Base verweisend. »Wer wird denn ein Tuch rings um den Kopf winden, um auszusehen wie eine verhudelte Zigeunerin? So komm mir nicht wieder zu Tische! Hast du je so etwas gesehen, Betty, kannst du das von einem vernünftigen Kinde verstehen?« Die Freundin schüttelte den Kopf. »Vielleicht tut es Kornelli aus Langeweile; sie will sich ja nicht mit etwas Richtigem beschäftigen.« Als am andern Morgen Kornelli zum Kaffee kam, war kein Tuch mehr um ihren Kopf, aber sie war doch seltsam anzusehen. »Du siehst vollkommen aus wie eine Neuseeländerin«, sagte die Base; »meinst du vielleicht, du verschönerst deinen Anblick durch solche Strähne im Gesicht?« »Nein«, sagte Kornelli grimmig. »Ich auch nicht«, sagte die Base. »Aber mit dir wird man gar nicht fertig. Was wirst du nun wieder über deine Stirn herunterdrücken, wenn man dir die Haare wegstreicht?« »Meine Pelzkappe!« antwortete Kornelli der Wahrheit gemäß. »Ein solcher Eigensinn!« rief die Base aus; »sie ist imstande und drückt sich bei fünfundzwanzig Grad Reaumur eine Pelzkappe auf den Kopf und bis zur Nase in die Stirn hinein, wenn sie's im Kopf hat. Ein solches Kind habe ich noch nie gesehen! Ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll.« Wirklich sah Kornelli aus, als hätte sie nie gesehen, wie junge Europäerinnen gekämmt werden. Von der Mitte des Kopfes her hatte sie ihr dichtes braunes Haar nach vorn in die Stirn hinein und weit darüber hinuntergezogen; bis in die Augen hinein hingen noch die dicken ungleich langen Strähnen über die Stirn. Dazu hingen sie nicht einmal lose umher; sie waren im Gegenteil alle auf die Haut völlig festgeklebt. Die Absicht dabei war sichtlich die, daß sie durchaus nicht bewegt und aus der Stirn geweht werden sollten. »Du siehst abscheulich aus, Kornelli; kein Mensch wird dich mehr ansehen mögen, wenn du so auftrittst; vielleicht bringt dich diese Erfahrung dazu, deinen Eigensinn zu brechen, sonst ist nichts mit dir zu machen.« Mit diesen Worten hatte sich die Base erhoben und verließ das Zimmer; Fräulein Grideelen folgte ihr. Am Abend dieses Tages ging ein Brief an den Herrn Direktor ab, dessen Inhalt also lautete: »Illerbach, 20. Juni .... Lieber Vetter! In Deinem Geschäft geht alles ausgezeichnet; Du hast einen vortrefflichen Vertreter. Auch in Haus und Garten und in Deinen Stallungen herrscht die beste Ordnung, wie ich teils selbst sehe, teils durch diejenigen der Dienstboten, die ich als durchaus zuverlässig kenne, beurteilen lassen kann. Du hast einen prächtigen Sitz, an Früchten und Blumen und schönen Gemüsen so reich, wie ich mir's nie gedacht hätte, wenn ich vor Jahren mit meiner Freundin Kornelia etwa in dem Gut umherwanderte. Nun komme ich zur Hauptnachricht, die leider nicht so erfreulich lautet. Woher Dein Kind seine Natur hat, begreife ich nicht; da ist kein Zug, weder von Deinem offenen, frischen Wesen, noch von der immer fröhlichen, schmiegsamen, alle Menschen einnehmenden Art Deiner Kornelia. Das Kind hat ein finsteres, unfreundliches Wesen, eine abstoßende Rauheit der Sitten und dazu einen so unerhörten Eigensinn, daß mit Worten durchaus nichts mit ihr auszurichten ist. Züchtigungen und Strafen aber überlasse ich Dir. Was zu tun ist mit Beispiel und mahnenden Worten, werde ich nicht unterlassen, solange ich hier bin, wie auch meine Freundin mir hilfreich zur Seite steht; aber große Hoffnungen kann ich nicht in Dir erwecken, daß das Kind Dir zur Freude werde. Eine so eigensinnige Natur wird mit jedem Jahr widerspenstiger werden. Möge das Gelingen Deiner Unternehmungen Dir die Befriedigung geben, die Dir Dein häusliches Leben nicht bietet und die Du wirklich verdienst. Deine ergebene Base Kitti Dorner.« Eine Ankunft in Illerbach Der alte Mathis ordnete die Kieswege im Garten, als Kornelli aus dem Hause trat und langsam daherkam. Sie hatte ein Buch in der Hand, setzte sich auf die Bank unter dem Haselnußbaum, legte das Buch auf ihren Schoß und sah zu, wie Mathis die Wege säuberte. Dieser schaute auf: »Komm mit mir, Kornelli, wir gehen hinüber; du bist lange nicht im Stalle gewesen, du solltest sehen, wie das Geißlein wächst!« Kornelli schüttelte den Kopf und gab keine Antwort. Mathis schaute noch ein paarmal nach dem Kinde hinüber; er sagte nichts mehr. Jetzt kam Esther mit einem großen Korb daher; sie ging dem Gemüsegarten zu. »Du mußt ein besonders schönes Buch haben«, rief sie dem Kinde zu, »sonst säßest du nicht so still, das kenn ich.« Kornelli schüttelte den Kopf. »Nicht?« lachte Esther; »so komm mit mir, ich zeige dir, wieviele Mirabellen es dies Jahr gibt; der ganze Baum ist voll; sie werden schon gelb.« »Es ist mir gleich«, sagte Kornelli. »Aber nicht doch! Gleich! So schöne Mirabellen!« rief Esther aus. »Und die saftigen Magdalenenbirnen fangen auch an zu reifen. Willst du nicht kommen und sehen, wie weit sie sind?« »Nein«, rief Kornelli abweisend zurück. Esther ging ihres Weges. Kurze Zeit nachher kam Mathis in ihre Nähe. »Was hat das Kind, Esther«, fragte er, »es ist ganz verändert. Wer unser einstiges, immer freundliches Kornelli gekannt hat, der kennt es nicht mehr. Warum hat es auch das Haar so ins Gesicht hängen? Man kann das Kind weder von außen noch von innen mehr erkennen.« »Das sag ich genau so«, entgegnete Esther; »man weiß gar nicht, woran man ist. Man sieht das Kind kaum mehr, und trifft man es noch irgendwo, so sagt es kein Wort. Singen und lachen, wie in früherer Zeit, hört man es gar nicht mehr, und ein Gesicht macht es fort und fort, daß es einem ganz weh tut. Wie wohl war's doch vorher dem Kind. Aber sie sagen, es brauche Erziehung, und es kann ja sein; aber seit es die Erziehung hat, ist es so verändert und nicht zum Guten. Vielleicht kommt's später wieder besser, wenn die Erziehung fertig ist.« »Die Mutter fehlt ihm«, sagte Mathis. »Das ist nichts, wenn so ein Kleines ohne die Mutter aufwachsen muß; sie fehlt ihm ja auf jedem Schritt. Wie sicher ist eines, wenn es mit allem zur Mutter kann, was es freut und was ihm leid tut.« »Man würde meinen, Ihr lauft heut noch zur Mutter, wenn Euch einer etwas tut, Mathis«, sagte Esther ein wenig spöttelnd. »Das tät ich gern genug«, versicherte Mathis; »ich weiß, was ich an meiner Mutter gehabt habe, und jedes Kind dauert mich, das keine hat, und hätte es daneben noch soviel Gutes. Man kann's an unseres Herrn Kind ja sehen, was ihm alles Gute hilft, nun ihm die Mutter fehlt.« Mathis ging weg; aber er schaute noch einmal mitleidig nach der Bank hin. Kornelli saß noch unbeweglich da, das Buch lag auf dem Boden. Jetzt trat Herr Mälinger in den Garten. Er kam auf das Haus zu; Kornelli ging ihm entgegen. »Ich konnte heute nicht um neun Uhr kommen«, sagte er; »aber eine Stunde ist besser als keine, darum komme ich nun noch um elf Uhr. Ich hoffe, du hast deine zwei Morgenstunden recht angenehm und nützlich zugebracht.« »Nein, das habe ich nicht getan«, sagte Kornelli trocken. »Du hast doch ein schönes Buch in der Hand, das wird doch sicher etwas Schönes enthalten. Wovon handelt es?« »Ich weiß nicht«, entgegnete Kornelli. »Komm, wir wollen zu unserer Arbeit; es scheint mir nicht, daß dein Buch einen besonders tiefgehenden Eindruck auf dich gemacht habe; hoffen wir auf eine lebendigere Wirkung unserer Unterrichtsstunde.« Der Lehrer trat mit seiner Schülerin ins Haus ein. »Es will mir scheinen, Kornelli«, sagte er, als sie sich an ihre Plätze gesetzt hatten, »dein Haar hänge dir ein wenig unbequem ins Gesicht hinein; könnte man da nicht eine Änderung treffen?« »Nein, das kann man nicht, gar nicht und nie mehr«, sagte Kornelli leidenschaftlich und drückte mit beiden Händen ihre Haare an die Stirn fest. »So, so, das ist ja eigentlich nicht meine Sache«, sagte der Lehrer beschwichtigend; »es scheint mir nur eine etwas entstellende Haartracht zu sein; auch meinte ich, es könnte dir ohne dieses trauerweidenartige Gehänge wohler sein.« Kornelli hielt noch immer beide Hände auf die Stirn gepreßt, als könnte der Lehrer versuchen wollen, ihr mit Gewalt das Haar zu ordnen. Er ging aber nun ganz friedlich zu seinem Unterricht über. Als sich nach Tische die Damen entfernten, sagte die Base: »Nun wird nicht gleich wieder fortgerannt, Kornelli; du mußt nun wirklich ein ordentliches Leben beginnen! Bist du nachher mit den Aufgaben zu Ende, so liesest du ein nettes Buch; du hast deren viele. Zu Streifereien und Besuchen hast du noch Zeit genug nach dem Abendkaffee.« Die Aufgaben waren, wie immer, schnell fertig. Dann setzte sich Kornelli mit ihrem Buche auf die Bank im Garten hin, und ganz so wie am Morgen, legte sie es einmal auf den Schoß und einmal fiel es zur Erde, und Kornelli guckte derweilen nach den Bäumen und auf den Boden. Es war aber nicht, als sähe sie wirklich etwas vor sich. Zur Kaffeezeit stellte sich Kornelli pünktlich am Tische ein, schluckte schnell hinunter, was ihr eingeschenkt wurde, als wäre es Arzenei, die nun einmal geschluckt werden müßte. Dann saß sie mit zusammengezogenen Brauen unbeweglich da; denn sie mußte am Tisch bleiben, bis die Damen aufstanden; diese gute Sitte hatte die Base ihr beigebracht. »Mach nur nicht immer solche Hörner, man kann sie ja sogar durch deine Vorhänge sehen, so arg ziehst du deine Stirn zusammen«, sagte Fräulein Dorner. »Es währt nicht mehr lange, so kannst du ja gehen.« Jetzt erhoben sich die Damen, um nach dem Garten hinauszugehen. Kornelli schlich hintendrein, bog unversehens um die Hausecke und ging quer über die Wiese dem Wege zu. »Hier unter dem Haselnußbaum zu sitzen und ein schönes Buch zu lesen, ist wirklich ein Vergnügen, das nicht alle Kinder haben«, sagte die Base, sich auf die Bank setzend; »du hättest schon dafür allein Grund, ein frohes Gesicht zu machen und zu danken, anstatt beständig die Stirn zu runzeln und zu schmollen, Kornelli – ja, wo ist sie denn schon wieder hingekommen?« unterbrach sich das Fräulein, um sich schauend. »Sie ist gleich beim Heraustreten verschwunden«, erwiderte die Freundin; »Kornelli ist wirklich ein seltsames Kind, kein freundliches Wort, kein Zeichen kindlicher Anhänglichkeit gibt sie von sich. Sobald sie kann, läuft sie weg; ein solches Kind ist mir noch nie vorgekommen.« »Mir ist es nur um ihren Vater leid, der so gern eine gemütliche Häuslichkeit hätte«, fuhr Fräulein Dorner fort; »eine solche wird ihm ja nie erblühen an der Seite der einzigen Tochter, die entschieden mit jedem Tag störrischer und unliebenswürdiger wird; das empfinden die sämtlichen Hausbewohner, wie mir Mine sagt. Wie wird es in zwei, drei Jahren hier aussehen und hier zu leben sein? Der arme Vetter mit seinem schönen Gut! Was hat er davon?« »In zwei Jahren kann sich manches ereignen, Kitti, das man nicht vorausgesehen hat, und das ein ganzes Haus verändert«, entgegnete die Freundin. »Hoffen wir, daß diese Wahrheit sich an deinem Vetter zu seinem Besten bewähren möge.« Bei Kornelli ging es nicht mehr in Sprüngen. Sie schlich dem Rande des Weges nach und schaute vor sich in den Boden hinein, ohne ein einziges Mal aufzublicken, wenn schon alle Vöglein über ihr lustig in den Bäumen pfiffen und rechts und links die Wiesen voll roter Margeriten und blauer Vergißmeinnicht standen, denen sonst Kornelli vor allen anderen Blumen nachlief. Marthe sah das Kind so herankommen. Sie kam mit bekümmertem Gesicht heraus. »Was ist's denn, Kornelli«, fragte sie teilnehmend, »kannst du noch nicht wieder fröhlich sein?« »Nein, das kann ich nie mehr«, antwortete Kornelli, in Marthes Stube tretend und sich auf das Stühlchen setzend, das diese für sie zurechtgestellt hatte. Kornelli warf ihre Worte nicht mehr rasch und zornig heraus, wie sie es vorher getan. Mit einem tiefen Seufzer sagte sie jetzt: »Oh, wenn ich nur nie lesen gelernt hätte!« »Was, was, Kornelli, was hast du dir da ausgedacht!« rief Marthe aus; »das ist nun sicher etwas Verkehrtes. Du müßtest nur einmal erfahren, wie es ist, wenn man etwas durchaus lesen soll und kann es nicht herausbringen, und man fängt immer wieder an und kommt nicht ins klare. Gerade heute ist es mir so gegangen, du mußt mir noch helfen, daß ich's verstehen kann. Wie manchmal muß ich denken, wenn ich doch so flink lesen und schreiben könnte wie unser Kornelli. Es ist ein rechtes Glück, ohne Hindernis schreiben und lesen zu können; das weiß der wohl, der's nicht kann. Und dann hast du gewiß schöne Bücher; dein Vater schenkt sie dir ja doch meistens.« »Ja, sie sind schön, aber langweilig, du kannst es glauben, Marthe«, versicherte Kornelli, »da sind lauter Geschichten, nein, so Beschreibungen von berühmten Männern und Entdeckungen, und der Papa hat gesagt, er habe die Bücher sehr gern gelesen, wie er jung war; aber er war vielleicht anders als ich. Nun soll ich nicht mehr umherrennen und nicht mehr in den Stall gehen und nicht mehr zum Wald hinauflaufen, wenn ich will; immer soll ich nur hier sitzen und ein Buch lesen. Oh, wenn nur kein Mensch ein Buch geschrieben hätte, so müßte es keiner lesen.« »Ja, siehst du, Kornelli, das wäre vielleicht doch nicht allen Menschen recht«, meinte die Marthe; »aber jetzt hilfst du mir wohl meinen Brief lesen, den ich heute bekommen habe, da siehst du dann, welch ein Vorteil es ist, wenn man gut lesen kann. Ich muß dich ja zu Hilfe rufen, damit ich nur recht verstehe, was man von mir will.« Kornelli nahm bereitwillig den dargebotenen Brief in die Hand, um der Marthe beizustehen. »Wer hat ihn denn geschrieben?« wollte das Kind wissen. »Das ist es ja gerade, was ich nicht lesen kann«, entgegnete die Alte; »nur daß er aus der Stadt kommt, das habe ich gesehen; aber wer mir aus der Stadt schreiben könnte, das kann ich nicht erraten.« Kornelli begann den Brief vorzulesen. Es war eine Anfrage, ob das angebotene Zimmer noch nicht besetzt sei, und ob Frau Marthe einen Jungen von zwölf Jahren für einige Wochen aufnehmen wollte. Er bedürfe keiner besonderen Pflege, indem er nicht krank, nur nicht recht kräftig sei. Gute Luft und frische Milch täglich wäre das Hauptsächlichste, was für ihn gewünscht werde. Wenn keine Absage käme, so würde der Junge Mitte Juli erscheinen. »Rika Halm, Pfarrerswitwe« war die Unterschrift. »Siehst du, das läuft wie von selbst!« sagte Marthe bewundernd, als Kornelli fertig gelesen hatte. »Nie hätte ich es so herausgebracht. Denk, daß mir eine Frau Pfarrer ihren Sohn bringen will, darauf kann ich stolz sein. Ich will ihn auch gewiß recht pflegen und für ihn sorgen. Ich muß Mathis fragen, ob er mir Milch von der Kuh weggeben kann, am Morgen und am Abend. Jetzt ist es nur einzig schade, daß es kein Mädchen ist, da hättest du eine Spielgefährtin. Aber ihr werdet euch auch schon zusammen verkurzweilen; du freust dich doch nun auch ein wenig, daß er kommt?« »Nein, kein bißchen«, erwiderte Kornelli kurz, »ich weiß schon, daß er nichts mit mir zu tun haben will, und ich weiß auch warum. Es ist mir ganz gleich, ob es ein Bub ist oder ein Mädchen; ich will auch nichts von ihm.« »Du warst sonst nicht so, Kornelli, du warst freundlich und lustig mit jedermann, was ist nur über dich gekommen?« fragte Marthe ein wenig bekümmert. »Du siehst auch nicht mehr mit so hellen Augen umher. Ich meine, das Haar kommt dir ein wenig zu tief herunter; wenn ich dir's so ein bißchen zurechtstreichen würde?« Marthe holte einen Kamm und wollte Hand anlegen. »Nein, laß es bleiben, Marthe, das muß so sein«, wehrte Kornelli, »und so muß es immer, mein Leben lang bleiben.« »Das glaub ich doch nicht; es ist ja schade, daß es so sein soll. Dein Gesicht ist ja halb verdeckt, und man kennt dich kaum«, sagte Marthe bedauerlich; »was sagen denn die Damen dazu?« »Fräulein Dorner ist bös mit mir und sagt, ich sei das allereigensinnigste Geschöpf auf der ganzen Welt, und kein Mensch könne mich mehr zurechtbringen«, berichtete Kornelli der Wahrheit gemäß, »und kein Kind auf der Welt sähe so häßlich aus wie ich, und nie werde ein Mensch mich gern haben, und ich weiß wohl, daß es so ist«, fügte Kornelli hinzu, »ich wollte auch lieber, es käme niemand zu dir, so könnte ich doch immer zu dir kommen und mit dir allein sein.« »Aber ich meine, Kornelli, wenn du tun würdest, was die Damen von dir wollen, so tätest du doch das Rechte«, meinte Marthe, »und dann hätten sie dich wohl gern und alle andern Menschen gewiß auch.« »Nein, nein, du weißt nicht, wie es ist, Marthe«, sagte Kornelli ängstlich; »ich will schon in allem andern tun, was sie mir befehlen; aber das Haar kann ich nicht mehr wegstreichen, sonst ist es noch viel ärger, alle Menschen sehen es.« Marthe schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was du meinst; aber komm du doch zu mir, Kornelli, wie du immer kamst. Wer auch bei mir sei, du bist mir doch immer am liebsten, und wenn du nicht mehr kämest, so würde es mir so weh tun, daß ich lieber keinen Menschen in mein Zimmer aufnehmen würde, wenn ich schon eine große Freude hätte, den Pfarrerssohn bei mir zu haben.« »Ja, dann will ich wiederkommen, Marthe«, versprach Kornelli; »wir können ja auch allein miteinander in der Küche bleiben; ich will nur mit dir allein sein. Am Montag komm ich nicht, dann kommen sie an, aber am Dienstag komm ich, und dann kommst du in die Küche hinaus, Marthe.« Diese versprach zu kommen, und Kornelli ging ihren Weg zurück, wie sie gekommen war. Nicht ein einziges Mal rannte sie den blauen Vergißmeinnicht oder den andern Blumen nach, die drüben in der Wiese leuchteten. Als der Montag gekommen war, war sie doch ein wenig neugierig, ob nun ein Reisewagen anfahren würde, in dem ein stolzes Stadtherrchen sitze und eine Dame mit einem hohen Federhut, die verächtlich auf sie herunterschauen würde. Kornelli stellte sich am Gartenzaun auf; von da konnte sie bequem den Weg übersehen. Es kam kein Wagen, weder am Morgen, noch am Nachmittag, da sie noch länger Zeit zum Aufpassen hatte. Das war Kornelli gerade recht: es war also niemand gekommen. Sobald am folgenden Tag die Zeit kam, da ihr das Fortgehen erlaubt war, wanderte sie dem Häuschen der Marthe zu. »Es ist doch gut, daß sie nicht gekommen sind, so kann ich wieder allein bei dir sein und muß doch nicht in die Küche -« Kornelli hatte im Eintreten so gesprochen; jetzt stockte sie plötzlich. Drinnen am Tisch saß ein fremder Junge; eben räumte die Marthe das Abendessen weg. Nun war er doch gekommen und hatte dazu noch gehört, wie froh sie gewesen wäre, wenn er sich nicht eingefunden hätte. Der Junge lachte auf, Kornelli wollte sich schnell zurückziehen. »Nein, nein, komm du nur ganz herein, wir wollen Bekanntschaft machen«, rief er ihr zu, »Frau Marthe hat mir schon von dir erzählt. Komm nur einmal herein«, fuhr er fort, als Kornelli mit ihrem Eintreten zögerte; »wenn du lieber mit ihr allein sein willst, kann ich auf mein Zimmer gehen.« Das war doch nett, daß er ihr Platz machen wollte und nicht bös über ihre Worte war. Sie trat ein. Marthe begrüßte sie mit der gewohnten Herzlichkeit; sie hatte schon ihr Stühlchen bereitgestellt. »Ich habe dich erwartet, Kornelli«, sagte sie; »komm, setz dich ein wenig zu unserem Gast, er heißt Dino Halm; wie du heißt weiß er schon. Ihr werdet euch gewiß gut miteinander unterhalten; ich gehe derweilen nur schnell hinauf. Wenn etwas nötig ist, findest du mich wohl droben im Stübchen, Kornelli.« Die Marthe hatte sich ausgedacht, die neue Bekanntschaft würde am besten vor sich gehen, wenn sie die beiden allein ließe. Noch dazu konnte sie die Zeit gut brauchen, um schnell die Sachen des Neuangekommenen auszupacken und schön in seinen Schrank und seine Schubladen zu ordnen, daß er sich recht daheimfühlen könne in seinem sauber geordneten Stübchen. »Warum hast du gemeint, wir seien nicht gekommen?« fragte Dino, als Marthe das Zimmer verlassen hatte und Kornelli nun stumm vor ihm saß. »Weil ich den Wagen nicht gesehen hatte«, antwortete sie. »Den Wagen? Ja, das glaube ich wohl«, sagte Dino. »Mehr als eine Stunde, eigentlich fast zwei Stunden lang mußten wir von der Eisenbahn bis hierher zu Fuß gehen. Setzst du dich nur so in einen Wagen, wenn du zur Eisenbahn willst?« »Ja, das tue ich, mit dem Papa fahr ich hin«, antwortete Kornelli. »Wo kommen denn die Pferde immer gleich her?« wollte Dino wissen. »Aus dem Stall«, war die Antwort. »Habt ihr denn einen eigenen Stall und zwei eigene Pferde darin, nur um auszufahren?« fragte Dino mit Erstaunen weiter. »Ja, das sind die zwei braunen, und die sechs andern muß man haben, um das Eisen fortzuschaffen, weißt du, dort von der Gießerei.« »Potztausend! Acht Pferde habt ihr!« rief Dino aus. »Du hast es gut, dich nur so mit dem Papa hineinzusetzen und fortfahren zu können!« »Kannst du das nicht?« fragte nun Kornelli. »Nein, gewiß nicht, in meinem Leben nie«, antwortete Dino überzeugt. »Einmal habe ich keinen Papa mehr, dann haben wir keinen Stall und Pferde noch viel weniger; du hast's wohl gut! Gibt's noch etwas anderes im Stall?« »Ja, noch viel. Sechs Kühe und eine große graue Stallkatze«, berichtete Kornelli, »und eine alte Geiß und ein junges schneeweißes Geißlein; dem habe ich ein rotes Band umgebunden, und von den Kühen mußt du Milch trinken.« »Oh, das will ich sehr gern!« rief Dino aus. »Darf ich dann in den Stall gehen und die Pferde da sehen?« »Ja, das kannst du wohl; Mathis zeigt sie dir gern, und die Marthe läßt dich schon gehen. Wenn ich nur mit dir könnte!« Kornelli mußte tief aufseufzen. »Das wirst du doch wohl können, wenn der Stall euch gehört, da wird dich niemand hindern können«, sagte Dino überzeugt, »und weißt du, was wir machen könnten? Wir wollen das junge Geißlein an einen kleinen Wagen spannen, das sieht so nett aus. Dich kann es dann ziehen, und ich bin der Kutscher. Ich habe einmal auf unserer Promenade ein solches Wägelchen gesehen.« Kornelli hatte ja auch schon diesen Gedanken gehabt; aber sie durfte nicht mehr nach dem Stall gehen, und jetzt fiel ihr erst recht ein, daß sie nicht mehr fortrennen durfte wie früher, und daß sie ja gar nicht mehr lustig sein konnte; denn nun trat ihr auch der Hauptgrund vor die Augen, warum alles aus war und sie nie mehr fröhlich sein konnte wie vorher. Sie antwortete nicht mehr. Nur einen tiefen Seufzer stieß sie aus, noch tiefer als der erste war. »Warum seufzest du denn, wie wenn du einen Berg zu tragen hättest und könntest fast nicht mehr vorwärtskommen?« fragte Dino. »Das kann ich nicht sagen, keinem Menschen; du könntest es auch nicht, wenn du's so hättest, wie ich«, antwortete Kornelli. »Freilich könnt ich; es gibt gar nichts auf der Welt, das ich nicht sagen könnte«, behauptete Dino. »Wenn man etwas sonst keinem Menschen sagen könnte, so kann man's der Mutter sagen, dann kommt alles wieder in Ordnung. So geh doch und sag es ihr, dann wird dir gleich leicht, und alles ist wieder gut.« »Ja, jetzt kann ich auch zu dir sagen, und noch viel eher, als du zu mir: du hast es wohl gut«, sagte Kornelli erregt. »Ich kann ja gar nicht zu der Mutter gehen, ich habe gar keine Mutter. Jetzt siehst du, wie gut ich es habe; du wolltest nicht mit mir tauschen, oder wolltest du?« Dino sah ganz erschrocken aus. »Das habe ich ja gar nicht gewußt, daß du keine Mutter hast«, sagte er voller Mitleid; denn er sah gleich seine Mutter vor sich, wie sie so liebevoll ihn anblickte und ihm das Herz leicht machte, wenn irgend etwas darin drückte. Das mußte Kornelli ganz entbehren. Der Stall und die Pferde und der große Garten mit den vielen Früchten, von dem ihm schon Marthe erzählt hatte, erschienen ihm in einem anderen Lichte als vorher. »Nein, ich würde nicht mit dir tauschen«, sagte er entschieden. Aber jetzt war in Dino eine große Teilnahme für das Kind aufgestiegen, das keine Mutter hatte; er mußte es ein wenig beschützen. Nun konnte er auch begreifen, warum Kornelli so seltsam aussah, was ihm gleich bei ihrem Eintritt aufgefallen war. Da war eben keine Mutter da, die alles ordnete, wie es sein mußte. »Weißt du, Kornelli«, fing er wieder an, »wir wollen nun ein wenig Freundschaft machen. Nun will ich dir aber vor allem raten, daß du dein Haar aus der Stirn streichst; man sieht ja deine Augen nicht einmal recht. Das macht niemand so. Womit hast du's nur so festgeklebt, daß es über die ganze Stirn festhält und nicht auffliegt, so lang wie es ist?« »Mit Gummi«, antwortete Kornelli. »Scheußlich, komm, ich schneide dir alles weg, was da klebt, dann hast du deine Stirn und die Augen frei; du kannst ja kaum sehen.« Dino hatte schon die Schere ergriffen, die bei Marthes Flickstücken lag; aber Kornelli wehrte ihn mit beiden Händen ab und schrie laut auf: »Laß es sein! Es muß so bleiben! Tu die Schere weg!« »Ich will dir ja nichts zuleide tun, schrei nur nicht so«, sagte Dino ruhig, indem er die Schere wieder hinlegte, »ich wollte dir im Gegenteil etwas Gutes tun. Siehst du, wenn meine Schwestern Rika und Agnes dich sähen, würden sie lachen; es würde ihnen gar nicht gefallen, wie du die Strähnen festklebst.« »Ich weiß wohl, sie brauchen mich auch gar nicht zu sehen«, sagte Kornelli mit rauher Stimme. »Niemand braucht mich zu sehen, ich weiß schon, daß kein Mensch mich gern hat; es ist mir gleich.« Plötzlich lief Kornelli davon. Dino schaute in der größten Überraschung nach der Tür, hinter der das Kind soeben ohne alle Vorbereitung und ohne Lebewohl verschwunden war. Als Marthe wieder in das Stübchen eintrat und verwundert auf Kornellis verlassenes Stühlchen blickte, sagte Dino: »Das ist aber ein merkwürdiges Kind; ich dachte nicht, daß es so unfreundlich sein könnte.« Nun erzählte er, wie sie sich unterhalten hatten, und wie dann Kornelli plötzlich ohne Abschied zur Tür hinausgelaufen sei; er hätte ihr doch nichts Böses tun wollen. Marthe schüttelte den Kopf. »So war Kornelli früher nicht«, sagte sie; »mich bekümmert das Kind, es ist so verändert. Du mußt nicht denken, daß es ein merkwürdiges Kind ist, oder eins, das so jeden Augenblick bös wird und fortläuft; es ist nicht so, das ist etwas ganz Neues bei ihm. Ach, wenn ich doch mein Kornelli wieder lachen und singen hörte, wie es sonst getan hat! Ich dachte, so mit einem guten Kameraden zusammen, wie du ihm sein würdest, komme ihm die alte Fröhlichkeit wieder zurück. Aber es kann ja auch wohl noch kommen; heut war ja der erste Tag eurer Bekanntschaft.« »Kornelli kommt gewiß nicht mehr zu mir«, sagte Dino ein wenig verblüfft; »sie ist vor Zorn oder Ärger fortgelaufen.« Wenn auch Kornelli ausgerufen hatte: »Es ist mir gleich!« so stimmte das doch nicht ganz. Zu Hause angekommen, schlich sie gleich nach ihrem Zimmer, setzte sich auf einen Schemel und den Kopf in beide Hände gelegt, fing sie recht bitterlich an zu weinen. Freundschaft Kornelli war schon eine ganze Reihe von Tagen nicht mehr bei Marthe erschienen. Diese hatte einen großen Kummer darüber aus mehreren Gründen, die sie in gleicher Weise beunruhigten. Einmal hatte sie das Kind ja so lieb wie ein eigenes und konnte die gewohnten täglichen Besuche fast nicht entbehren. Dann wußte sie, bei Kornelli mußte etwas gar nicht in Ordnung sein, daß sie nicht mehr erschien; denn von klein auf hatte sie ja fast keinen Tag vorübergehen lassen, ohne daß sie gelaufen kam und ihrer alten Marthe alles erzählte, was da begegnet war und begegnen sollte. Zum dritten tat es Marthe leid um ihren Gast, daß Kornelli so lange ausblieb. Sie hatte Dino schon soviel von dem Kinde erzählt, wie lustig und kurzweilig es sei und wie Dino an ihm eine tägliche Spielgefährtin finden würde, und nun war es damit gar nichts; Kornelli kam nicht wieder. Dino hatte unterdessen gute Freundschaft mit der alten Marthe geschlossen, die gar nicht wußte, was sie alles tun sollte, um es ihrem so freundlichen und höflichen Hausbewohner so recht behaglich bei ihr zu machen. Wenn er seinen täglichen Spaziergang gemacht und seine festgesetzten Schulaufgaben, die er sehr gewissenhaft vornahm, beendet hatte, setzte sich Dino immer gern zur Marthe hin, um sie allerlei erzählen zu hören; denn das tat sie in einer Weise, die Dino sehr wohl gefiel. Meistens erzählte sie dann vom Herrn Direktor und von seiner Frau, die Marthe schon als kleines Kind gekannt hatte, und immer kam sie bald auf Kornelli zu sprechen; von dieser wußte sie am allermeisten zu erzählen. Ein so fröhliches, lustiges, kurzweiliges Kind hatte sie nie gekannt, bezeugte Marthe jedesmal wieder, trotzdem Dino immer wieder sagte, das könne er nicht begreifen; und wenn Marthe gar behauptete, Kornelli sei so anmutig, wie sie noch kaum ein Kind gesehen habe, dann mußte Dino jedesmal lachen. »Gerade wie eine kleine Eule sieht sie aus«, sagte er dann wieder; »die Augen sieht man gar nicht. Ich wollte aber doch, sie käme einmal wieder«, setzte er dann hinzu; denn er hätte Kornelli gern einmal so recht lustig und kurzweilig gesehen, wie Marthe sie immer geschildert hatte. An demselben Abend, als Dino sich in sein Zimmerchen zurückgezogen hatte, band sich die alte Marthe schnell eine bessere Schürze vor, nahm das große Halstuch aus dem Schrank, legte es um die Schultern und trat leise aus dem Häuschen. So ging sie dem Hause des Direktors zu. Dort schaute sie zum Küchenfenster auf; da war noch ein helles Licht zu sehen, wie auch in dem Zimmer auf den Garten hinaus. Marthe trat in die Küche ein. Esther und Jungfer Mine saßen drin bei einem reichlichen Abendessen. Die letztere stand eben auf und folgte dem Ruf der Glocke, die vom Speisezimmer aus erklungen war. Esther bot der alten Bekannten gleich den eben leergewordenen Platz an. »Seht Euch, Marthe, Ihr werdet das Ausruhen wohl verdient haben heut wie ich auch«, sagte sie, indem sie drei Schüsseln und eine Flasche in Bewegung setzte und der Angekommenen entgegenhob. »Nehmt, nehmt. Es ist noch soviel übrig; ich bin froh, wenn's weg ist, so habe ich frischen Tisch für morgen.« »Ich danke vielmals, Esther, ich habe schon zu Nacht gegessen«, entgegnete Marthe; »es ist ja recht freundlich von Euch, daß Ihr mich mithalten lassen wollt, aber ich danke.« »Was, ich danke, nichts da, ich danke! Was ich gekocht habe, kann jeder essen, und wär's der Kaiser von Rußland, und der seid Ihr denn doch noch nicht«, ereiferte sich die Esther, indem sie einen Teller mit einem schönen Stück Braten, mit Makkaroni und gekochten Pflaumen belud. »Da, Marthe, macht keine Umstände, das eßt Ihr, und das Glas Wein trinkt Ihr dazu. Man kann auch zweimal zu Nacht essen; ich wüßte gar nicht, warum nicht, wenn's gut ist.« Marthe wollte die schönen Gaben der Esther nicht verschmähen; sie begann dankend ihr zweites Nachtessen, das viel reichlicher als das erste war. »Was hat's gegeben, Marthe, daß Ihr so spät noch hierher kommt?« fragte Esther jetzt, ein wenig neugierig, was der Besuch zu so ungewohnter Zeit zu bedeuten haben konnte. »Ich hätte Euch gern etwas gefragt, Esther, und dachte, so am Abend störe ich Euch am wenigsten in den Geschäften«, antwortete Marthe. »Kornelli ist diese ganze Woche nie zu mir gekommen, und sonst kommt ja das Kind täglich. Ich dachte, vielleicht haben es die Damen nicht gern, daß es zu einer so geringen alten Frau geht, und ich könnte das ja wohl begreifen; glaubt Ihr, daß es so ist?« »Nein, das glaube ich nun gar nicht«, erwiderte Esther, »sie wissen von der Mine, daß der Herr Euch wohl mag; aber Ihr könnt Euch nicht denken, wie sich das Kind in allem seinem Tun verändert hat; man kennt es gar nicht mehr. Wer kam früher jeden Morgen drei, und viermal in die Küche gelaufen? Wer sang und hüpfte im Garten herum wie ein Vogel, am Morgen und am Abend und zu jeder Tageszeit? Wer pickte die schönen Beeren alle und die gelben Pfläumchen und die saftigen, dunkelroten sauren Kirschen dort von dem jungen Bäumchen weg, daß es eine Freude war zuzusehen? Alles Kornelli. Und jetzt? Nichts mehr von allem. Die Beeren sind schon lang eingetrocknet und verfault, und so ist es den schönen sauren Kirschen ergangen. Die goldenen Mirabellen, solche Prachtspfläumchen, liegen zu Dutzenden unter dem Baum; denn das ist alles für Kinder; natürlich, die Damen wollen nichts von solchem Zeug, und kochen kann man es auch nicht. So fällt's und liegt's, und Kornelli geht an allem vorbei und hebt den Kopf nicht auf.« Marthe war viel zu bescheiden zu sagen, wie gern sie ihrem jungen Hausbewohner ein Körbchen voll der schönen Pfläumchen hinabbringen würde; sie hatte ja gar keine Früchte für ihn, wie müßten solche ihm gut schmecken! Aber er war ja nun bei ihr; sie würde für sich reden, das konnte sie nicht tun. »Ja, Esther«, sagte sie dann, »ich habe es wohl bemerkt, daß Kornelli so verändert ist. Es kommt, will's Gott, wieder besser. Das Kind muß sich eben in ein neues Leben hineingewöhnen; aber es tut ihm ja so gut, daß jemand da ist, der so seine Erziehung leitet, wie sie doch für so ein Kind sein muß.« Esther zuckte bedeutungsvoll die Achseln; sie sagte nichts. »Ist das Kind wohl noch im Zimmer drinnen, oder schon hinaus, Esther, wißt Ihr's nicht? Ich hätte ihm so gern gesagt, es soll doch einmal wieder zu mir kommen, weil Ihr doch sagt, die Damen hätten nichts dagegen.« Esther brauchte nicht zu antworten. In dem Augenblick kam Kornelli durch den Gang herangeschlichen. Als sie Marthe erblickte, die aus der Tür trat, ging ein Freudenschein über ihr Gesicht; sie kam schnell heran, die Alte zu grüßen. »Ich kam, um zu sehen, ob du vielleicht krank seiest, oder ob dir sonst etwas im Wege liege, daß du gar nicht mehr zu mir kommst«, sagte Marthe, immer noch in herzlicher Weise Kornellis Hand festhaltend. »Die Zeit ist mir so lang geworden, seit du bei mir warst.« »Mir auch«, sagte Kornelli mit rauher Stimme. »So komm doch nur bald wieder, morgen und alle Tage, wie du's früher tatest«, bat Marthe. »Nein, ich komme nicht«, gab Kornelli zurück. »Warum denn nicht, Kornelli?« fragte Marthe ängstlich. »Weil der Bub da ist. Ich kann ihn nicht leiden, und er kann mich auch nicht leiden«, behauptete Kornelli. Über diesen Irrtum mußte die Marthe sich sehr ereifern. Sie berichtete, wie im Gegenteil Dino jeden Tag nach Kornelli gefragt habe und so froh wäre, wenn sie wieder kommen würde. Er hätte ja sonst gar keinen Spielgenossen, und so allein zu bleiben den ganzen Tag, sei doch auch langweilig für ihn. Daß Kornelli ihn nicht leiden könne, daran sei er gewiß nicht schuld. Er habe nichts gegen sie, sonst würde er nicht so sehr wünschen, daß sie wiederkomme. »Und sag mir doch nur, Kornelli«, schloß Marthe, »warum kannst du den artigen Dino nicht leiden?« »Ich will morgen wieder zu dir kommen«, war Kornellis Antwort. Sie genügte der Marthe. Sehr erfreut verabschiedete sich diese nun, nahm aber dem Kinde noch einmal das Versprechen ab, daß es morgen kommen wolle, um ein wenig bei der alten Freundin und bei ihrem neuen Hausgenossen zu bleiben. Kornelli traf am anderen Tag richtig zur gewohnten Zeit gegen Abend bei Marthe ein. Sie stand bei ihren Nelkenstöcken auf der kleinen Galerie und erwartete den Besuch; denn sie hatte ihn schon herankommen sehen. »Dino freut sich, daß du kommst, Kornelli«, sagte Marthe, dem Kinde ihre Hand entgegenstreckend, »er ist eben vom Milchtrinken heimgekommen; sieh, da kommt er schon.« Dino hatte gehört, daß die Erwartete angekommen war. Er hatte die Tür geöffnet und trat nun heraus. »Warum bist du so lange nicht wiedergekommen?« sagte er, Kornelli die Hand reichend; »ich habe dich jeden Abend erwartet.« Kornelli antwortete nicht. Sie traten miteinander in die Stube ein und setzten sich wie am ersten Tag ihres Zusammenseins an den Tisch hin. Marthe ging hinaus. Sie wußte wohl, daß die Kinder sich am besten wieder zusammenfinden würden, wenn sie allein waren, und sie wünschte, daß diese beiden recht gute Freunde würden. »Dein weißes Zicklein wird nun jeden Tag netter«, sagte Dino. »Es trägt immer noch das rote Band und macht so lustige Sprünge, du solltest es nur einmal wiedersehen.« »Es ist mir gleich, ob ich es wiedersehe oder nicht, es ist mir alles ganz gleich«, warf Kornelli unfreundlich hin. »Nein, das ist nicht wahr«, sagte Dino ganz freundlich lachend, »wenn man so sagt wie du und in einem solchen Ton, dann ist es einem erst recht nicht gleich um eine Sache; man ist nur erbittert, weil man nicht dazu kommen kann. Das weiß ich ganz gut; ich mache es auch so.« Kornelli war so erstaunt über Dinos Kenntnis der Lage, daß sie ihn schweigend anstarrte. »Ja, ich weiß ganz gut, wie es ist«, wiederholte er; »aber du hast ja gar keine Ursache, dich zu erbittern; du hast ja das schönste Leben, das man nur haben kann. Alle Morgen und alle Abend denke ich so, wenn ich zur Milch in den Stall gehe und drüben im Garten die prachtvollen Früchte sehe, einen Baum ganz voll goldener Pflaumen und alle die Beeren an den Sträuchern, und dann im Stall die zwei schönen Pferde, die von den anderen abgesondert stehen, und Mathis erzählte mir, dein Vater fahre alle Wochen mit dir aus, und du könntest alles haben im Garten und überall herum, weil du das einzige Kind im Hause bist.« »Ja, wenn nur zwölf oder zwanzig Kinder im Hause wären, dann wäre es schon anders«, brach Kornelli leidenschaftlich los; »aber so bin ich ja ganz allein und kann niemand ein Wort sagen, und wenn man so ist, daß alle Menschen einen hassen und verachten, und wenn kein Mensch auf der Welt einem helfen kann und es dann immer ärger wird – du weißt ja gar nicht, wie es ist; am liebsten wollte ich gleich sterben -«, hier brach Kornelli plötzlich in Weinen aus. Sie legte den Kopf auf den Tisch und schluchzte. Dino sah ganz erschrocken aus; er hatte Kornelli nicht traurig machen wollen. Er verstand auch gar nicht, was sie von Hassen und Verachten sagte; aber daß sie keine Mutter hatte, fiel ihm wieder ein. Das war etwas so Trauriges, daß er Kornellis Tränen begriff. Es war ja wohl zum Weinen, viel eher, als daß sie das einzige Kind war. Der Gedanke stimmte ihn auch so teilnehmend für das weinende Kind, daß er in ganz weichem Tone sagte: »Komm, Kornelli; es ist ja furchtbar traurig, daß du keine Mutter hast; aber du mußt doch nicht denken, daß du so allein bist, daß kein Mensch dir helfen will. Siehst du, ich will nun dein Freund sein und will dir helfen; aber du mußt mir auch recht sagen, was dich so schmerzt. Ich weiß es ja nicht und ich verstehe nicht, was du gesagt hast; du mußt es mir recht deutlich erklären.« »Das kann ich nicht, keinem Menschen«, schluchzte Kornelli auf. »Doch, doch, das kannst du; komm nur und weine nicht mehr und sag mir alles, dann kann ich dir schon helfen, ich finde gewiß einen Weg. Komm, sag mir's.« Dino nahm Kornelli bei der Hand und zog ihr diese leise von den Augen. »Nein, nein, ich kann nicht«, sagte sie angstvoll. »Doch, du kannst; komm, zuerst wollen wir das Haar wegstreichen; es klebt ja wieder ganz an der Stirn und auf den Augen; du kannst ja so nicht sehen.« Dino strich das tief hereinhängende klebende Haar so weit beiseite, wie er konnte. »Jetzt siehst du's, jetzt wirst du schon sehen, wie es ist, und einen schönen Lärm machen«, rief Kornelli wie verzweifelt aus. »Ich sehe gar nichts, als daß du so tausendmal besser aussiehst, als mit diesen dicken, herunterhängenden Fransen im Gesicht«, sagte Dino. »Nein, laß sie sein, ich weiß ja wohl, wie es ist«, schrie Kornelli, indem sie versuchte, die Haare zurückzuziehen; »du willst es nur nicht sagen, weil du mein Freund sein willst; aber ich weiß es ja doch, und alle Menschen sehen es und hassen mich.« »Darum weinst du?« sagte Dino sehr erstaunt. »Ich weiß aber gar nicht, was du meinst. Du bildest dir gewiß etwas ein, das kein Mensch sieht; man macht es manchmal so.« »Nein, das tue ich nicht, und es gibt wohl Menschen, die es sehen; ich weiß es ganz gut. Du mußt nicht glauben, daß ich etwas erfinde; dann würde ich nicht eine solche Angst haben, daß ich manchmal lang, lang nicht einschlafen kann und immer denken muß: nun kommt es ärger und ärger, und zuletzt kann man es nicht mehr zudecken, und dann ist kein Mensch mehr, der mich nicht haßt, wenn er mich ansieht, und du auch nicht, ich weiß es ganz gut.« »Jetzt will ich dir gleich schwören, daß ich dich nicht hassen will, was auch zum Vorschein kommt!« rief Dino in hellem Eifer aus. »Sag mir nur endlich, was du meinst. Tu's doch, ich kann dir vielleicht helfen oder einen guten Rat geben; sag mir's nur, du weißt jetzt, daß ich dein Freund bleiben will, es mag zum Vorschein kommen, was nur will.« Kornelli zögerte noch. »Aber später, wenn es dann noch ganz anders ist, willst du dann noch mein Freund sein, wenn sonst gar kein Mensch mein Freund sein will?« fragte sie eindringlich. »Ja, das verspreche ich dir in die Hand hinein!« sagte Dino, und seinen Worten folgte sogleich ein fester Handschlag. »So, nun siehst du, daß es gilt; denn das kann nie zurückgenommen werden, was man so in die Hand versprochen hat. Jetzt bist du ganz sicher; ich bleibe dein Freund für immer.« Über Kornellis Gesicht flog ein Freudenstrahl; nun hatte sie einen Freund für alle Zeit, was auch kommen sollte, das war sichtlich ein großer Trost für sie. »So will ich dir sagen, was es ist; aber du mußt mir versprechen, daß du es keinem Menschen auf der ganzen Welt sagen willst, niemals, solang du lebst.« Dino versprach abermals in die Hand hinein. »Siehst du, hier«, sagte jetzt Kornelli ein wenig zaghaft, ihre Strähnen aus dem Gesicht streichend, »hier auf beiden Seiten der Stirn habe ich große Buckel, und die wachsen immer, und jedesmal, wenn ich ein böses Gesicht mache und die Stirn zusammenziehe, wachsen sie noch viel mehr als sonst. Aber ich muß fast immer ein böses Gesicht machen; denn jetzt kann ich gar nicht mehr fröhlich sein und kann nie, nie mehr lachen. Und so wachsen die Buckel alle Tage höher, und zuletzt werden sie so wie Körner, und alle Menschen haben einen Abscheu vor mir, weil es sonst niemand so hat. Und ich kann nichts machen, als sie nur verbergen; aber zuletzt kommen sie dann so heraus, daß ich sie nicht mehr mit dem Haar decken kann. Dann sehen sie alle Menschen und hassen mich, und alle Kinder werfen mir gewiß Steine nach. Oh!« Kornelli legte den Kopf wieder auf ihre Anne und stöhnte in ihrem großen Leid. Ganz erstaunt hatte Dino zugehört; so etwas hatte er noch nie vernommen. »Aber Kornelli«, sagte er, »warum ziehst du denn auch die Stirn zusammen, wenn die Buckel doch dann immer größer werden? Es wäre ja viel besser, du würdest an lauter lustige Sachen denken und lachen und ein fröhliches Gesicht machen, dann würden sie vielleicht ganz vergehen.« »Ich kann nicht! Ich kann ja nicht mehr«, jammerte Kornelli. »Ich weiß wohl, daß ich ein böses Gesicht mache und so häßlich bin, daß man mich nicht ansehen mag. Eben darum muß ich noch viel mehr das Gesicht zusammenziehen, wenn man auf mich sieht, weil ich weiß, nun denkt man gleich, daß ich scheußlich bin. Und fröhlich sein und lachen kann ich nie mehr, weil ich immer denken muß, nun kommt das Schrecklichste auf meinen Kopf; immer ärger, und ich kann nichts machen, gar nichts! Du weißt nicht, wie das ist, und solang ich lebe, muß ich so sein und allen Menschen zuwider. Du könntest auch nicht mehr lachen, wenn du so wärest, das weiß ich.« »Siehst du, du müßtest nur an etwas ganz anderes denken; dann würdest du diese ganze Sache vergessen, und es käme dir nachher nicht mehr so vor wie jetzt. Du denkst ja immerfort dasselbe, da glaubst du natürlich immer stärker daran. Laß nur alles fahren, dann kommt's sicher wieder besser«, sagte Dino, der nicht so recht wußte, was an der Sache war. »Komm, ich erzähle dir gleich eine Geschichte, das bringt dich auf ganz andere Gedanken: Es war einmal eine alte Kupferpfanne – siehst du, jetzt hast du schon gelacht!« »Ja, das wird auch eine schöne Geschichte sein, von einer alten Kupferpfanne!« rief Kornelli aus. »Doch, freilich, es ist eine schöne Geschichte«, versicherte Dino, »hör nur weiter: Sie hatte einen Stiefbruder, der war ein Waschkessel – jetzt hast du schon wieder gelacht, siehst du! So ist's recht. – Da gingen sie miteinander nach Paris; da war eben eine Revolution.« »Was ist eine Revolution?« fragte Kornelli gespannt. »Siehst du, wie die Geschichte dich packt«, sagte Dino erfreut. »Du hast auch schon fast gar keine Runzeln mehr auf der Stirn, weil du so gut aufpaßt; Hab ich's nicht gut erraten, was du tun mußt? Nun will ich fortfahren: Eine Revolution ist, wenn keiner mehr an dem Platz bleiben will, wo er hingehört, und alles aus dem Leim geht.« »Ja, aus dem Leim!« fiel Kornelli ungläubig ein. »Leim braucht man ja, um an den Stühlen die Beine wieder festzumachen, wenn sie wackeln.« »Geradeso«, stimmte Dino bei, »siehst du, wenn alle Gesetze und alle Ordnungen so zu wackeln anfangen wie die Stühle, denen der Leim abfällt, und dann alles auseinanderkracht und übereinanderfällt, dann ist alles aus dem Leim gegangen, verstehst du?« »Ja, wie ging's denn weiter?« wollte Kornelli wissen. »Das gefiel den beiden Reisenden wohl«, fuhr Dino fort; »denn sie hatten viel unzufriedene Gedanken in ihrem Innern. Die Kupferpfanne hatte schon lange gedacht, sie wollte auch lieber etwas anderes sein und nicht immer fettes Zeug kochen und Ruß untenher tragen; sie könnte wohl etwas Besseres sein. Der Waschkessel hatte ähnliche Gedanken. Er dachte, er könnte so gut ein schöner Teekessel sein wie jeder andere, und dabei auf einem Herrentisch und nicht in einer Waschküche stehen. Da gingen beide in die Revolution und machten mit. Da kamen sie zu großem Ansehen und hielten viele öffentliche Reden; denn sie konnten sehr gut sprechen; der Waschkessel hatte es von den Wäscherinnen gelernt, und die Kupferpfanne von der Köchin. Da wurden sie gefragt, welche Stellung sie einnehmen wollten. Da wollte die Kupferpfanne ein Eisschrank werden, der glitzerte von außen von dem schönen Holz und von innen von dem prächtigen Eis. Und der Waschkessel begehrte ein Teekessel zu sein und auf einen Herrentisch zu kommen. Da wurden sie beide, was sie wünschten. Aber die Kupferpfanne war an das behagliche Feuer gewöhnt und fing an, als nun das erstarrende Eis sie ringsum ausfüllte, so entsetzlich zu frieren und zu schlottern, daß sie fortwährend zähneklappernd umherspähte, ob kein Feuerchen zu erblicken sei. Aber man brachte nie ein Spänchen in ihre Nähe, und dazu erlitt sie einen unerträglichen Hunger; denn sie hatte andere Nahrung zu sich genommen, als stets die fettesten Bissen in ihr geschmort hatten. Nun konnte sie Eisklümpchen schlucken, wenn sie wollte, weiter nichts. Daß alles an ihr glänzte, konnte sie nicht mehr freuen, da sie immer nur denken mußte: Erfrieren und Verhungern ist schrecklich. Unterdessen stand der Teekessel auf einem schön gedeckten Herrentisch. Viele junge, sehr geschmückte Damen und Herren saßen um den Tisch und aßen aus lauter feinen Schalen und Tellern mit goldenem Rand. Das schmeichelte dem Teekessel, und er sagte bei sich: ›Jetzt kann ich es mit allen aufnehmen‹. Da sagte eine der Damen:›Ich rieche Harzseife; ich glaube, es kommt vom Teekessel her, was soll das heißen?‹ Da lachte ihr Nachbar und sagte:›Ich habe schon lange so etwas gemerkt; ich will nicht hoffen, daß der schon zum Strümpfewaschen gedient hat.‹ Da schauten sie alle nach dem Teekessel und rochen hin und rümpften verächtlich die Nase. Da verlor der Teekessel seine Sicherheit; denn er wußte wohl, wieviel hundert Paar Strümpfe in ihm ausgekocht worden waren; aber er hatte keine Ahnung davon gehabt, daß ihm der Harzseifengeruch noch in der neuen Gestalt anhaften könnte. Es wurde ihm ganz eng und schwül in der Gesellschaft, und er dachte nur noch daran, wie er wohl entrinnen und wieder dahin zurückkommen könnte, wo ihm wohl gewesen war, und wo ihn alle in Ehren gehalten hatten; denn er war ein sehr tüchtiger Waschkessel gewesen. Da war die Revolution auf einmal zu Ende. Da sagte die Frau vom Hause, wo der Eisschrank stand: ›Nein, diesen ekligen Eisschrank, den sie mir in der Revolution gegen meinen guten alten Schrank aufgedrungen haben, will ich nicht mehr; alles Eis, das daraus kommt, schmeckt nach Zwiebelsuppe. Solche Suppe nämlich hatte die Kupferpfanne immer besonders schmackhaft geliefert. Lulu, werf Er ihn zum alten Eisen.‹ Da packten Lulu, der Bediente, und Lala, die Dienstmagd, den Eisschrank von beiden Seiten an, und mit einem furchtbaren Wurf schmissen sie ihn auf den Haufen von altem Eisen, Knochen und Kehricht nieder, der im Hinterhof lag, und so gewaltsam war der Wurf, daß alles am Eisschrank krachte. Als nun die ehemalige Kupferpfanne fühlte, daß ihr alle Glieder auseinandergingen und alles ein schlimmes Ende nehmen mußte, rief sie stöhnend: ›Oh, wäre ich nie in die Revolution gegangen! Wäre ich doch daheim über meinem gemütlichen Kohlenfeuer! Oh, wäre ich nie‹, – da war sie gänzlich verkracht. An demselben Tage sagte die junge Dame, auf deren Tisch der Teekessel stand:›Nun hab ich genug von diesem Harzseifensieder; ich will einen geborenen Teekessel haben und nicht einen nachgemachten; fort mit dem!‹ Da erfaßte der Diener den Teekessel und schmetterte ihn auf den Haufen Abgang im Hinterhof nieder. Das war gerade derselbe Hinterhof, auf den die Stiefschwester geworfen worden war, und der Stiefbruder zerbrach sich und ihr im Falle die letzten Knochen. Da schrie er vor Schmerzen auf: ›Oh, wär ich nie in die Revolution gegangen! Oh, wär ich wieder daheim in meinem friedlich dampfenden Waschhaus!‹ Da wurde er noch völlig zusammengequetscht von den alten Revolutionsflinten, die von oben herunter geworfen wurden. – Nun ist die Geschichte aus.« »Ja, sie hatten recht, wären sie doch nicht in die Revolution gegangen«, sagte Kornelli teilnehmend. »Ja, und ich habe auch recht«, rief Dino siegesstolz aus; »siehst du, Kornelli, wie das geholfen hat, daß du nicht mehr an deine merkwürdige Beulengeschichte denken konntest. Du hast keine einzige Runzel mehr auf der Stirn, und deine Haare hast du alle weggestrichen; du bist wie ein ganz anderes Kind; man kennt dich gar nicht mehr.« Wirklich hatte Kornelli im Eifer des Zuhörens und um kein Wort der Geschichte zu verlieren, alle ihre hereinhängenden Strähnen zur Seite gestrichen; denn diese genierten sie sehr in den Augen, und weil sie nun gar nicht daran dachte, warum sie so herunterhängen mußten, hatte Kornelli mit raschem Griff alles aus der Stirn gewischt, und ihr ganzes Gesicht war hell geworden bei der spannenden Erzählung. »Komm, sieh selbst, wie du aussiehst«, forderte Dino sie auf, indem er den kleinen Spiegel von der Wand nahm und ihn Kornelli vorhielt. »Nein, ich will nicht sehen, wie es aussieht!« schrie sie auf, und augenblicklich hatte sie alle Haare wieder tief im Gesicht, bis in die Augen hinein, und die Stirn in viele Runzeln zusammengezogen. »Tu nur nicht gleich so«, sagte Dino, den Spiegel wieder aufhängend, »ich bin nur froh, daß ich jetzt ein Mittel kenne, wie ich dir helfen kann. Das will ich nun auch anwenden, du mußt nur jeden Tag kommen. Versprich mir's, dann wirst du sehen, wie du alles vergessen wirst, was dich so ängstlich machte, und zuletzt denkst du gar nicht mehr daran und wirst wieder ganz lustig.« Kornelli schüttelte den Kopf. »Nein, das glaub ich nicht«, sagte sie; »du kannst ja nicht machen, daß es nicht immer ärger kommt«, sagte sie, ein wenig mehr Haare ins Gesicht ziehend. Sie schlug Dino aber doch zum Versprechen in seine Hand ein. Es hatte ihr selbst so gut gefallen, bei Dino zu sein, daß sie sehr froh war, wiederkommen zu dürfen. Täglich wanderte Kornelli nun wieder nach dem Häuschen der Marthe hinüber, und diese weinte vor Freude, wenn sie einmal wieder nach so langer Zeit Kornellis frohes Lachen aus dem Stübchen ertönen hörte; denn sie hatte einen großen Kummer im Herzen darüber, daß das früher so fröhliche Kind so ganz verändert war. Sie ließ am liebsten die Kinder allein miteinander; denn dann unterhielten sie sich fortwährend mit der größten Lebhaftigkeit. Dann ertönte von Zeit zu Zeit immer wieder ein herzerfreuendes Gelächter, und Marthe dachte, das sollte durch nichts gestört und unterbrochen werden. Sie hatte wohl bemerkt, wie es mit Kornelli war. Da konnte sie einer neuen Geschichte von Dino mit einem Feuereifer zuhören, als ob sie vorweg alles selbst erlebte; und in dem brennenden Eifer wurde alles Haar zurückgeworfen, die Augen fingen an zu funkeln wie vorzeiten, und ein hellachendes Gesicht schaute zu dem Erzähler auf; alles andere war vergessen. Erinnerte aber irgend etwas Kornelli an ihr eigenes Leben und Wesen, so war plötzlich aller Sonnenschein aus dem Gesicht verschwunden, die Stirn in Runzeln gezogen, und die schauerlichen Strähnen hingen wieder tief in die Augen. So suchte Marthe die Kinder so ungestört als möglich bei ihren Unterhaltungen zu lassen. Sie erhoffte soviel für Kornelli von diesem täglichen Zusammensein mit dem frohen Kameraden, auf dessen sonniger Stirn nie eine Falte zu sehen war und der so schnell die Schatten auf Kornellis Gesicht verscheuchen konnte. Sobald aber Kornelli das Häuschen verlassen hatte und ihrem Garten zuwanderte, kam alles in den alten Zustand, und Marthe, die dem Kinde jedesmal sorglich nachschaute, konnte gut sehen, wie die schrecklichen Haarsträhnen schon wieder das liebe Kindergesicht entstellten. Dann seufzte sie tief auf und sagte bei sich: Es ist wie eine Krankheit; wer doch da helfen könnte! Oh, wenn unsere selige Frau das sehen müßte, ihr einziges, liebes Kind so entstellt! Kornelli war erstaunt, daß es schon wieder Sonnabendabend war; die zwei letzten Wochen waren so schnell vergangen. Sie lief durch den Garten, unter dem Pflaumenbaum lagen die letzten prächtig ausgereiften dunkelgoldenen Mirabellen. Kornelli hob sie auf; sie waren so schön anzusehen; aber dies Jahr hatte sie keine Freude daran haben können. Sie nahm die Früchte mit und legte sie, bei Marthe angekommen, auf den Tisch. »Oh, wie schöne, goldgelbe Pfläumchen, die schmecken gewiß wie lauter Honig!« rief Dino aus, »sie sind von dem Baum in euerm Garten. Wenn die Sonne am Morgen daraufschien, glitzerte es an allen Zweigen rotgolden, wie an einem Weihnachtsbaum.« »Ja, sie sind von dem Baum, willst du sie essen?« fragte Kornelli. »Ja, gern, aber du mußt mithalten«, sagte Dino. »Nein, ich will nicht«, gab Kornelli zurück. »Versuch, ob sie gut sind. Wenn du sie nicht magst, so kannst du sie nur liegen lassen; die Vögel können sie haben.« »Oh, da gibt es ja gar nichts, das so süß und kräftig zugleich schmeckte, wie diese Goldpfläumchen!« rief Dino aus, indem er eine nach der andern von den sonnedurchkochten Pflaumen behaglich verspeiste. »Wie schade, daß ich nicht gewußt habe, wie gern du sie magst; du hättest mir es aber auch sagen können«, meinte Kornelli. »Jetzt sind ja gar keine mehr auf dem Baum; das sind die letzten, die im Gras lagen. Aber weißt du, jetzt kommen die Rosenbirnen; die sind noch besser, von denen will ich dir alle Tage bringen.« »Ja, das wäre recht nett, so ein Birnengelage täglich mit dir abzuhalten«, sagte Dino, die letzte rötliche Pflaume erst noch bewundernd, bevor sie vertilgt werden sollte; »aber du hast gut sagen, Kornelli; du bleibst unter dem schönen Birnbaum, und ich habe abzufahren, um täglich wieder hinter den Schulhausmauern zu kauern und zu bedauern.« »Du gehst doch nicht fort«, sagte Kornelli erschrocken. Es war ihr gar nicht eingefallen, daß dieses Zusammenleben ein Ende haben könnte. »Ja doch, ich muß, sonst bliebe ich noch lang hier bei der guten Frau Marthe. Die ist so gut, wie gar keine, außer meiner Mutter, eine Sorgfalt hat sie für mich, als wär ich ein Seidenwurm.« »Ja, dann ist alles aus, wenn du gehst«, sagte Kornelli in einem Ton, als wäre Dino ihr Feind, dem sie die bitterste Kränkung vorzuwerfen hätte, und ihre Augen funkelten unter den schwarzen Haarsträhnen wie glühende Kohlen hervor. Jetzt wandte sie sich ab, ganz so, als wollte sie sagen: »Dann will ich auch von allem gar nichts mehr wissen.« Aber Dino verstand den Sinn dieses Zornausbruchs. »Nein, Kornelli, dreh du dich nur wieder um«, sagte er beschwichtigend; »gerade das Gegenteil von dem, was du sagst, kommt jetzt. Nun ist nicht alles aus, sondern es hat angefangen. Heute habe ich mit der Frau Marthe ausgemacht, daß ich übers Jahr im Sommer wiederkomme, und dann jedes Jahr immerzu, bis wir ganz alt sind und schon weiße Haare haben, du und ich.« Aber Kornelli sah nur vor sich, was eben jetzt sein mußte; sie konnte sich nicht so schnell umstellen. »Ja, bis übers Jahr ist's so furchtbar lang, daß du bis dahin hundertmal alles vergißt«, stieß sie heraus, als läge sie im heftigsten Streit mit ihrem Genossen. »Nein, das tue ich nicht«, sagte Dino ruhig, »nicht ein einziges Mal, geschweige denn hundert; ich will dir's schon beweisen, Kornelli. Nun wollen wir noch recht lustig zusammen sein und uns freuen, daß ich noch vier Tage dableibe und daß ich nachher immer wiederkomme, und unterdessen wird dann auch das Geißlein groß, dann fahren wir zusammen aus; ich bin der Kutscher, und du bist die Dame im Wagen, das wird prachtvoll!« Aber Kornelli kam zu keinem rechten Lustigsein mehr. Sie sah immer den Augenblick vor sich, da Dino Abschied nehmen und dann alles aus sein würde. Der Augenblick kam auch schnell genug heran, und als der Abschied im Häuschen der Marthe, wohin Kornelli am frühen Morgen gekommen, vorüber war und Dino davonfuhr, da legte Kornelli ihren Kopf auf den Tisch in ihre Arme gedrückt und weinte zum Erbarmen, und die betrübte Marthe saß neben ihr und weinte leise mit. Am Abend desselben Tages, als das Nachtessen zu Ende war und Kornelli aufstand, um das Zimmer zu verlassen, sagte die Base: »Du hast heute kein einziges Wort gesprochen; es wird ärger mit dir, nicht besser; soll dein Vater, wenn er heimkehrt, dich schlimmer finden, als er dich verlassen hat?« »Gute Nacht«, sagte Kornelli in unfreundlichem Ton und verließ das Zimmer ohne aufzuschauen. »Es ist rein nichts mit ihr zu machen, du siehst es selbst, Betty, wenn du auch lange geglaubt hast, nach und nach würden wir doch eine Änderung zum Guten erreichen«, sagte Fräulein Dorner, als Kornelli die Tür geschlossen hatte. »Haben wir mit allem Wohlmeinen irgend etwas erreicht, das den Vater freuen könnte, wenn er wieder mit diesem Kinde leben soll? Anstatt sein einsames Leben zu erheitern, wird es ein steter Ärger und Anstoß für ihn sein. Schon dieser Anblick! Hast du je solchen Eigensinn gesehen, wie das Kind in dieser Richtung an den Tag legt?« »Nein, wirklich nie«, entgegnete die Freundin; »es ist geradezu, als ob alle Worte die entgegengesetzte Wirkung bei dem Kinde gehabt hätten; die Entstellung des Kopfes wurde mit jedem Male ärger, je deutlicher man ihm machte, wie schrecklich es aussehe. Ich möchte wissen, wie dieser Eigensinn gebrochen werden könnte, ob mit ungeheurer Strenge oder damit, daß man Kornelli mit anderen Kindern zusammenbringt, die sie durch Auslachen kurieren würden.« »Ich tue nichts und sage nichts mehr, es hilft ja doch nichts«, schloß Fräulein Dorner. »Mein Vetter soll selbst entscheiden, was mit dem Kinde getan werden soll. Aber eins weiß ich sicher, was man auch tut: dieses Kind wird seinem Vater niemals zur Freude werden.« Neues Leid Alle Obstbäume im Garten des Direktors hingen voll lachender Früchte. Der Herbst war gekommen. Hochrote Äpfel und goldene Butterbirnen schimmerten zwischen all den grünen Zweigen, und honigsüße, dunkelblaue Zwetschgen fielen da und dort von den beladenen Bäumen nieder. Wer am Garten vorüberkam, mußte stillstehen und bewundernd den Reichtum betrachten, und mehr als einer hatte die größte Lust, über die Hecke zu springen, um eine der goldenen Birnen zu erhaschen. Kornelli saß auf ihrer Bank unter dem Haselnußbaume und starrte vor sich hin. Eben kam Mathis vom Stalle hergegangen; er hatte den guten Rock angezogen; da mußte etwas Besonderes vor sich gehen. »Willst du mit, Kornelli?« fragte er, an die Bank herantretend, wo sie saß. »Ich spanne gleich ein; der Papa kommt um elf Uhr an. Ich fahre zum See hinunter, ihn abzuholen. Komm, die Braunen werden gut traben, die haben lang genug ausgeruht. Komm mit, das wird lustig.« Kornelli schüttelte den Kopf. »Nicht?« sagte Mathis enttäuscht, »nun hätte ich doch gewettet, das wäre eine Freude für dich, so in den Morgen hinauszutraben mit den lustigen Pferden und den Papa heimzuholen. Soll ich dir dort die Birnen herunterholen? Auch nicht?« Jetzt schüttelte auch Mathis den Kopf und ging weiter. »Wenn doch unser Herr ein halbes Dutzend Buben hätte und noch gerade soviele Mädel, wie wär's dann schön auf unserem Gut! Dann hingen nicht solche Prachtsbirnen traurig und verlassen an den Bäumen«, murmelte er im Fortgehen, »und keine Freude haben am Ausfahren mit zwei solchen Pferden!« Kornelli war aufgestanden; sie hatte Herrn Mälinger eintreten sehen. Die Zeit der Unterrichtsstunden war da. Der Lehrer saß jetzt meistens kopfschüttelnd neben seiner Schülerin; er hatte seine ganze Langmut nötig, um die völlige Gleichgültigkeit derselben gegen alles, was sie erlernen sollte, zu ertragen. Auch heute war es nicht anders, und als die zwei Stunden zu Ende waren und soeben der Wagen am Hause vorfuhr, der den Vater heimbrachte, da mußte Herr Mälinger sich sehr wundern, als seine Schülerin nicht in Freude aufsprang und davonrannte, sondern scheu durch das Fenster blickte und sich nicht regte. »Du darfst gehen, Kornelli, es ist der Papa; der Unterricht ist zu Ende.« Der Lehrer ging. Kornelli hörte, wie der Vater hereinkam und von den Damen mit lauten Freudenrufen begrüßt wurde. Jetzt zerdrückte sie eine Träne, die ihr aufgestiegen war, dann ging sie zum Zimmer hinüber, wo der Vater eingetreten war. »Grüß Gott, mein Kind! Kommst du endlich?« rief der Vater ihr fröhlich entgegen; »aber wie siehst du aus, Kornelli?« fuhr er mit veränderter Stimme fort, »was ist das?« Kornelli hatte ihm stumm die Hand gegeben; sie schaute dazu scheu auf die Seite. »Was ist denn mit dir? Wie siehst du nur aus? Dich kennt man ja gar nicht mehr! Streich dir dies Zigeunerhaar aus der Stirn. Warum siehst du mich denn nicht fröhlich an? Was schaust du weg? Nun freue ich mich monatelang auf meine Heimkehr, auf meine Tochter, die während meiner Abwesenheit viel gewonnen hat, wie ich denke, und wie finde ich dich, Kornelli?« Der Vater schaute in Schmerz und Ärger auf das abgewandte Kind. Es sprach kein Wort; auf dem halb in Haarsträhnen versteckten Gesicht lag es wie graue Wolken, die in einen bösen Regen auszubrechen drohten. »Wir wollen nachher über alles sprechen, Friedrich, jetzt laß uns den ersten Augenblick deiner Heimkehr freudig feiern, den sollst du genießen und ihn dir nicht durch allerlei traurige Gedanken trüben lassen«, sagte die Base, den Vetter zum Tisch hinführend, der festlich geschmückt und mit allen guten Dingen besetzt war, die Esther als des Herrn Lieblingsgerichte kannte. Aber die Gedanken des Heimgekehrten waren so sehr getrübt, daß die festliche Tafel sie nicht erhellen konnte. Kaum berührte der Direktor die schönen Gerichte, die ihm geboten wurden. Immer und immer wieder schaute er auf sein Kind, das mit gesenktem Kopf stumm vor ihm saß und nur dann und wann einen scheuen Blick auf ihn warf. Das Essen verlief in wenig festlicher Weise. Man konnte wohl bemerken, wie der Direktor sich zu den wenigen Worten zwang, die er sprach, wie seine Gedanken ihn in Anspruch nahmen und von welch wenig erfreulicher Art sie sein mußten. Sobald es anging, stand er vom Tisch auf und lief weg. Die Base schaute ihm nach. »Er geht zu den Werkstätten hinüber«, sagte sie zu der Freundin, die allein mit ihr geblieben war; Kornelli hatte gleich nach dem Vater das Zimmer verlassen; »es hat ihn mehr mitgenommen, als ich dachte; er muß seiner Aufregung ein wenig Luft machen, die Arbeiter drüben werden ihn etwas von seinem Eindrucke befreien, da wird er viel Neues und hoffentlich Erfreuliches hören, von viel Arbeit und guten Geschäften. Es ist auch hart für ihn, seine ganze rastlose Tätigkeit für ein solches Kind fortzusetzen. Aber es ist nun einmal so, er muß sich hineinfinden.« Nach einiger Zeit kam der Direktor zurück; er sah nicht aus, als wäre er drüben sehr erfreut und beruhigt worden. Die Damen hatten sich wieder hingesetzt, um ihn zum Kaffee zu empfangen. »Sie haben mir manches verdorben drüben«, sagte der Direktor, sich zu den Damen setzend; »aber das alles kann ich verschmerzen, mögen auch einige und ziemliche Verluste die Folge davon sein. Eins kann ich aber nicht verschmerzen, nicht ertragen, mein Kind so wiederzusehen. Es bietet ja einen abschreckenden Anblick dar und ist wie stumpfsinnig geworden. Über meine Heimkehr zeigte es nicht die leiseste Freude, hat noch kein Wort gesprochen, seit ich da bin, hat mich noch nicht ein einzigesmal angeblickt, sitzt die ganze Zeit da, als empfinde es sein Dasein als ein wahres Unglück – es ist nicht auszuhalten, was ist nur mit dem Kinde vorgegangen?« Der Direktor war aufgesprungen; er lief in Aufregung durch das Zimmer. »Mit dem Kinde ist gar nichts vorgegangen, wir wenigstens wissen von nichts, nicht wahr, Betty?« sagte die Base. »Wir haben beide gesucht, vor allem in deinem Interesse, aber auch, weil wir es nötig für das Kind fanden, ihm Sitte und Anstand beizubringen, was ihm in hohem Maße mangelte. Aber ich muß es dir aussprechen, Friedrich, so leid es mir tut, dein Kind ist so schrecklich eigensinnig angelegt, daß dagegen rein gar nichts zu machen ist. Je mehr wir dagegen ankämpften und das Kind auf den rechten Weg bringen wollten, desto schlimmer wurde alles, desto deutlicher beharrte es auf seinem Eigenwillen. Was haben wir nur gegen diese Entstellung mit seinen Haaren im Gesicht gesprochen und befohlen! Alles umsonst; im Gegenteil, je mehr wir sagten, desto tiefer riß Kornelli die Haare in ihr Gesicht hinein. Da gab ich's auf; denn ich sah, da kann ja nur Züchtigung helfen, und die wollte ich dir überlassen; dazu war ich nicht in dein Haus gekommen. Ob überhaupt Züchtigung bei solchem Eigensinn hilft oder nur noch mehr verstockt, wage ich nicht einmal zu entscheiden. Ich habe überhaupt in meinem Leben noch nie ein so verstocktes Kind gesehen. Wer dir dieses Kind zurechtbringen könnte, den wollte ich bewundern.« Der Direktor war mit immer unruhigeren Schritten im Zimmer auf- und niedergegangen; jetzt stand er mitten darin still. »Aber um des Himmels willen, ein Kind von zehn Jahren wird doch noch zurechtzubringen sein!« rief er aus. »Gibt es denn kein Mittel mehr, ein so junges Geschöpf zu erziehen, als Züchtigung? Das ist ein abscheulicher Gedanke, davon will ich lieber nichts wissen. Weißt du denn keinen Rat? Was soll mit dem Kinde geschehen? Die Damen müssen doch wissen, wie man ein Mädchen aufziehen soll. Etwas muß geschehen und zwar sofort. Ich bin schuld an der Vernachlässigung des Kindes, ich habe es zu lange in den unrechten Händen gelassen. Was würde mir meine Kornelia sagen, wenn sie ihr Kind sehen könnte!« Der Direktor warf sich auf seinen Stuhl nieder und legte die Hand vor sein Gesicht. »Beruhige dich, Friedrich, du hast da keine Schuld, Naturanlagen sind nun einmal Naturanlagen«, sagte beschwichtigend die Base. »Aber wir haben einen Gedanken gehabt, meine Freundin und ich, da wäre vielleicht noch ein Mittel, dem Kinde beizukommen: Wenn du es in ein Institut nach der Stadt schicktest, in ein Haus, wo eine große Anzahl Kinder und junger Mädchen beisammen ist. Kinder erziehen sich oft untereinander, indem sie sich aneinander reiben, sich gegenseitig ihre Unarten vorhalten und einander auslachen.« »Meinst du, das könnte für Kornelli gut sein?« fragte der Vater zweifelnd. »Das Kind ist nicht an solches Auslachen und solche Reibereien gewöhnt.« »Am so mehr würden sie ihm Eindruck machen, das ist klar«, erwiderte die Base. »Glaub mir, es ist das einzige Mittel, wenn noch etwas helfen kann, des Kindes Eigensinn zu brechen. Es bringt dir kein Mensch das Kind mehr zurecht, wenn es nicht noch in solcher Schule mürbe gemacht werden kann; das kannst du mir glauben, Friedrich.« »Es ist noch zu jung«, sagte der Vater mitleidig, »soll es schon in die Fremde, aus dem Vaterhaus weg? Aber du kannst ja recht haben, hier kann es nicht besser werden mit dem Kinde, nur schlimmer, so wird es sein müssen. Weißt du mir einen Rat, wohin das Kind soll? Kennst du ein Institut, das du empfehlen kannst?« Die Base kannte ein solches, wie sie sagte, und wollte auch, um dem Vetter die Sache zu erleichtern, gleich Schritte für ihn tun, sobald sie wieder zu Hause wäre. Umsonst hoffte Fräulein Dorner, die Stimmung ihres Vetters würde sich in kurzer Zeit ändern, und er würde wieder der alte, fröhliche Gesellschafter sein. Er gab sich zwar alle Mühe, ein unterhaltender Wirt für seine Gäste zu sein, wenn sich die Gesellschaft zu Tische zusammenfand; aber immer wieder fielen seine Augen auf das Kind, das lautlos an seinem Platze saß und nicht aufschaute. Dann ging ein tiefer Schatten über sein Gesicht, und man konnte bemerken, daß er Mühe hatte, wieder am Gespräch teilzunehmen. Jetzt hatte die Base genug von der unerfreulichen Haltung ihres Vetters. Sie wollte das Letzte versuchen, ihn ein wenig aufzurütteln und zum Bewußtsein zu bringen. »Es ist, als seiest du in einem Grade in Anspruch genommen, Friedrich, daß du deine Liebenswürdigkeit als Hauswirt fast ein wenig vergißt«, sagte sie am dritten Tage nach seiner Rückkehr. »Wir gedenken nach der Stadt zurückzukehren; vielleicht bist du damit einverstanden.« »Ich begreife vollkommen euren Entschluß«, entgegnete der Direktor entgegenkommend. »Du hast recht; ich bin der unliebenswürdigste Wirt, der gefunden werden kann; aber du mußt auch begreifen, daß diese Wendung mit meinem Kinde mir alle Freude genommen hat und ich nur dem einen Gedanken nachgehen kann, wie da geholfen werden könnte. Ich hoffe, die Damen besuchen mein Haus zu einer anderen, fröhlicheren Zeit wieder. Du hast nur zu befehlen, auf wann du den Wagen wünschest.« Die Base hatte diese Antwort nicht erwartet. »Du gehst wirklich zu weit, Friedrich«, sagte sie ärgerlich; »wie kann ein Mann so alles beiseite setzen und sein ganzes Denken um eines solchen Kindes willen umwerfen lassen!« »Du vergißt nur, daß es mein Kind ist und das Kind meiner Kornelia«, erwiderte der Direktor; »wir wollen nicht mehr darüber sprechen, wir würden uns doch nicht verstehen. Ich bin dir auch für deinen guten Willen zuviel Dank schuldig, um dir zum Schluß noch Ärger zu bereiten.« Zwei Tage darauf stand der Wagen vor der Tür. Die Damen bestiegen ihn. Auch Jungfer Mine stieg mit ein. Sie hatte sich bei den beiden Damen so beliebt zu machen gewußt, daß diese auf Mines Wunsch sie mit nach der Stadt nehmen wollten; denn sie wollte in die Stadt kommen und nicht mehr auf dem Lande leben. Die eine oder die andere der Damen würde sie dann als Kammerjungfer anstellen, welche von beiden es sein sollte, war noch zu bestimmen. Esther war sehr entrüstet darüber, daß Mine so ohne Grund ein gutes Haus verlassen konnte, wie das ihrige war; denn da sie seit der Gründung des Haushalts darin gewaltet hatte, war die Ehre des Hauses die ihrige. Sie stand wie geladen hinter ihrem Herrn, als dieser die Hand zum letzten Abschied in den Wagen streckte. Jungfer Mine schaute nach der anderen Seite, wo Kornelli stand: »Gibst du einem nicht einmal zum Abschied die Hand?« Das ist recht unfreundlich von dir, wie du überhaupt bist«, sagte sie halblaut zu dem Kinde. Jetzt schoß Esther los: »Jungfer Mine«, rief sie so laut als möglich, »seien Sie denn auch so freundlich und erzählen Sie den Damen auf der Reise, wer auf dem Sofa gestanden und die staubigen Tritte dort hinterlassen hat! Sie waren nicht von Kinderschuhen!« Mine wurde purpurrot; Fräulein Dorner sah ihr erstaunt in das glühende Gesicht; sie erwartete wohl eine triftige Antwort; es kam keine. »Vorwärts, Mathis«, befahl Fräulein Dorner etwas erregt; sie wünschte keine Erläuterung der Sache mehr. Der Direktor war weggegangen. Jetzt erfaßte das Kind die breite Hand Esthers und drückte sie mit seinen beiden Händen, und zum erstenmal nach langer Zeit ging ein Freudenschimmer über sein Gesicht. »Oh, ich bin so froh, daß du das gesagt hast, ich bin so froh, du kannst gar nicht denken, wie froh ich bin«, sagte es ganz eifrig, »hättest du das nicht gesagt, so würden sie immerfort, das ganze Leben lang glauben und behaupten, ich hätte es getan und dann hätte ich es abgeleugnet. Aber wie weiß Mine, wer es getan hat?« »Sie weiß es gut, weil sie es selbst getan hat«, erwiderte Esther. »Ob, oh, hat sie es selbst getan?« rief Kornelli aus. »Dann ist es gut, daß sie fort ist, wir wollen lieber allein sein, nur du und ich, Esther, nicht?« »Das wollen wir«, sagte diese befriedigt, »sag du es selbst dem Herrn Papa, und sag ihm, daß ich doppelte Arbeit nicht scheue, aber Katzenart verabscheue ich.« Kornelli hatte noch gar nicht mit dem Vater gesprochen, seit er zurück war. Sie hatte Scheu vor ihm; sie wußte, ihr Anblick mißfiel ihm; aber sie konnte nichts machen, es mußte so sein; denn wenn er entdeckte, was unter den Haaren war, so würde er noch viel mehr Abscheu vor ihr haben. Sie wollte ihm nun doch den Auftrag Esthers ausrichten und ging seiner Stube zu, langsam und zaghaft, nicht wie früher, wenn sie etwas zu sagen hatte und hinstürzte. »Oh, so würde es nie mehr sein«, dachte sie, und der Gedanke drückte so schwer auf ihr Herz, daß sie einen Augenblick stillstehen mußte. Eben machte der Vater die Tür auf, vor der sie stand. »Da bist du ja schon, Kornelli«, sagte er erfreut, »wolltest du mir einen kleinen Besuch machen? Wir haben uns ja auch noch gar nicht recht gesehen. Komm zu mir herein, ich wollte dich eben holen, ich habe mit dir zu sprechen.« Kornelli trat ein; sie sprach kein Wort, schaute auch nicht zum Vater auf. »Komm, Kornelli«, sagte er, indem er das Kind durch das Zimmer führte und neben sich hinsetzte, »ich habe dir etwas mitzuteilen, das dich erfreuen soll. Du hast dich, während ich fort war, so verändert und so gar nicht zu deinem Vorteil, daß nun etwas für deine Erziehung getan werden muß; es ist die höchste Zeit. Ich werde dich in ein Institut nach der Stadt bringen, da wirst du mit vielen anderen Kindern und jungen Mädchen beisammen sein und viel von ihnen lernen und dich mit ihnen befreunden. Dann wirst du innerlich und äußerlich eine andere werden und deinem Vater zur Freude heimkehren. Jetzt kann ich mich deiner nicht freuen, ich weiß nicht, was mit dir ist; aber es kann ja besser werden, du mußt eben erzogen sein. Nächste Woche reisen wir.« Kornelli war schneeweiß geworden vor Schrecken. Erst gab sie keinen Laut von sich, plötzlich brach sie in gewaltsames Weinen aus. »Oh, Papa«, schluchzte sie, »laß mich doch daheim; ich will gewiß recht tun. Oh, schick mich nicht in die Stadt zu den vielen Kindern, oh, ich kann nicht, ich kann nicht! Oh, Papa, schick mich nur nicht fort!« Der Direktor konnte keine Tränen sehen; das Flehen des Kindes konnte er nun gar nicht hören. »Es muß ja sein, für sie selbst, für ihr Bestes«, sagte er, sich selbst hart zu machen; aber den Jammer konnte er nicht anhören; er lief fort. Als nach mehreren Stunden die Zeit zum Abendessen gekommen war, trat der Direktor, von den Fabrikgebäuden herkommend, wieder in sein Haus ein. Esther kam ihm entgegen: »Bin ich froh, daß Sie kommen, Herr Direktor«, sagte sie aufgeregt, »da wollte ich das Kind herunterholen, damit es mir die Pflaumentörtchen versuche, die mag sie doch am meisten; aber es schrie nur: »Laß mich hier! Laß mich hier!« Ach, Herr Direktor, wenn uns das Kind krank würde und stürbe!« »Ach was, Esther, Kinder sterben nicht am Eigensinn.« Der Direktor wollte recht rauh sprechen; aber es gelang ihm nicht ganz. Er lief die Treppe hinauf nach Kornellis Zimmer. Das Kind lag vor seinem Bett auf den Knien und hatte den Kopf in die Kissen gedrückt; es weinte herzbrechend. »Oh, hol mich nicht fort; Papa, hol mich nicht fort!« schrie es dem Vater entgegen. Er sah, wie Kornelli vor Angst und Aufregung am ganzen Körper zitterte. »Das kann ich nicht mit ansehen«, sagte der Direktor, ergriff seinen Hut wieder und lief aus dem Hause. Frau Marthe saß in ihrem friedlichen Stübchen an ihrem Flickkorb und sann eben darüber nach, wie es wohl mit Kornelli kommen werde, nun das Kind wieder allein mit dem Vater war, ob wohl die alten Tage wieder zurückkehren würden, oder ob über Kornellis Erziehung wieder etwas Neues beschlossen sei. Da wurde die Tür rasch aufgemacht, der Herr Direktor trat bei ihr ein. »Ich weiß mir nicht mehr zu helfen, Marthe«, sagte er in aufgeregtem Ton. »Sie müssen mir beistehen. Sie haben meine Frau gekannt und kennen das Kind und haben es lieb, und es hängt an Ihnen. Sagen Sie mir, was ist mit dem Kinde? Seit wann ist dieser furchtbare Eigensinn da? Oder war das Kind von jeher so und ist nur immer verstockter geworden? Haben Sie bemerkt, wie schrecklich Eigensinn und Verstocktheit in ihm Überhand genommen haben während meiner Abwesenheit?« »Mit Kornelli ist es nicht so schlimm, Herr Direktor, nein, nein, Kornelli ist kein bösartiges Kind, sicher nicht. Aber will der Herr Direktor nicht auch Platz nehmen?« unterbrach sich Marthe, dem hin- und herlaufenden Herrn bald dahin, bald dorthin einen Stuhl setzend, damit er sich niederlassen möge. Aber er winkte ab; er hatte nicht Ruhe genug, sich zu setzen. »Es war auch gar zu schroff und schnell, Herr Direktor, daß mit dem Kinde alles anders werden sollte«, fuhr Marthe fort, »ein älteres Kind hätte ein wenig kopfscheu werden können, und Kornelli ist noch so jung. Alles auf einmal und ganz plötzlich ist zuviel für ein junges Pflänzlein; es muß alles seine Zeit haben, und je besserer Art ein Pflänzlein ist, desto sorgsamere Pflege hat es nötig.« »Sie werden mir doch nicht andeuten wollen, daß es die höchste Zeit war, daß endlich die Erziehung dieses Kindes in gute Hände kam«, sagte der Direktor, mitten in der Stube stillstehend, »ich mußte es als einen Segen erachten, daß das Kind endlich mit Frauen von Bildung und guter Sitte in Berührung kam, die ihm in aller Weise beibringen und in ihm wecken konnten, was schön und edel und gut ist, was meine Kornelia vor allem in ihrem Kinde geweckt hätte, was sie ja alles selbst in so hervorragender Weise war. Das Kind hat keinen Zug von ihr, auch äußerlich nicht; da ist alles verloren, was früher noch an sie erinnerte.« »Herr Direktor, wenn ich noch etwas sagen darf, so will ich nur das noch sagen«, entgegnete Marthe in ihrer ruhigen Weise. »Ich habe immer gesehen, daß ein wenig Liebe mehr Gutes wirkt als noch soviel gute Vorschriften, und daß ein junges Kind von lieblosen Worten erschreckt werden kann. Viele Erwachsene wissen das nicht und begreifen dann das scheue Wesen nicht, das die Folge davon sein kann. Kornelli hat die Augen ihrer Mutter nicht verloren, wenn man auch nichts mehr davon sehen kann unter dem verdeckenden Haar im Gesicht.« »Das ist's ja eben, Marthe, diese Entstellung, dieser Eigensinn, der daran festhält, diese scheue, freudlose Art, dieses ganz veränderte, verkehrte Wesen des Kindes ist es ja, was mich quält, peinigt, mir alle Freude, allen Mut, alle Hoffnung auf die Zukunft lähmt, mir das Leben völlig vergällt.« Der Direktor sprach immer aufgeregter. »Da will ich nun Hilfe schaffen, die einzige, die ich weiß; ich will das Kind forttun in ein Institut, es zu andern Kindern bringen, und nun gebärdet es sich wie eine Verzweifelte. Ich kann es nicht mit ansehen, mir ist, meine Kornelia könnte im Himmel keine Ruhe haben, wenn sie ihr Kind so weinen und flehen hört.« »Herr Direktor, wenn Sie das Kind noch eine kleine Zeit daheim behalten würden, daß es so recht zur Ruhe kommen könnte«, schlug Marthe in bescheidener Weise vor. »Es war in der letzten Zeit soviel Neues, das Kornelli durchzumachen hatte, da wäre es vielleicht gut, wenn das Kind ein wenig in der Stille bleiben könnte, und unterdessen könnten Sie ihm so nach und nach das Institut vielleicht besser vertraut machen, daß es keine Angst mehr davor hätte. Ich würde, gern ein wenig mithelfen und auch viel Gutes von einem solchen Hause sagen, wo ja viel nette Kinder zusammenkommen.« »Das ist ein guter Gedanke, Marthe«, sagte der Direktor ein wenig beruhigt. »Sie helfen mir und tun das Ihre, dem Kinde die Sache lieb und wünschenswert zu machen. Sie sind meine einzige Hilfe, Marthe, denken Sie daran.« Der Direktor entfernte sich. »Ach Gott, der gute Herr Direktor!« sagte Marthe, ihm nachschauend. »Was hat er für eine Hilfe an einer alten, einfältigen Marthe! Aber was ich tun kann, das will ich so gern tun.« Der Direktor ging gleich nach dem Zimmer seines Kindes. Es kniete noch in derselben Stellung an seinem Bett und schluchzte. »Steh auf, Kornelli, und hör auf zu weinen«, sagte er, »ich meine es gut mit dir; aber du hast es nicht begriffen. Du bleibst zunächst daheim, vielleicht kommt es dir später anders vor. Du gehst morgen zu Marthe und hörst recht auf ihre Worte, das ist deine beste Freundin.« Ein tröstlicheres Wort konnte Kornelli nicht gesagt werden. Wie tönte das so hoffnungerweckend in ihre Ohren nach all den Schreckensworten von Fortgehen. Kornelli erhob sich sogleich. »Soll ich jetzt noch zu Marthe gehen?« fragte sie verlangend. »Ja, geh nur«, antwortete der Vater, »aber du hast ja wohl noch nichts gegessen.« »Das tut nichts«, sagte Kornelli und war schon die Treppe hinabgelaufen. Endlich rannte Kornelli einmal wieder. Da lief sie schon das Treppchen hinauf und war in Marthes Stube. »Ich muß fort, Marthe, jetzt noch nicht gleich; aber ich muß doch fort, der Papa sagt es!« rief das Kind schon im Eintreten, »kannst du mir nicht helfen, daß ich nicht fort muß? Der Papa hat gesagt, ich soll zu dir gehen, vielleicht weil ich immerfort geweint habe, damit ich aufhöre; aber ich kann nur aufhören, wenn du mir hilfst, daß ich nicht fort muß. Ich will nicht zu den vielen fremden Kindern, ich kann nicht, ich kann es gewiß nicht aushalten. Oh, wie schrecklich! Hilf mir doch, Marthe!« Die Angst in Kornellis Ton und der Anblick des ganz verweinten Gesichtes gingen Marthe sehr zu Herzen. »Komm, Kornelli, setz dich auf dein Schemelchen, so wie in der alten Zeit«, sagte sie beruhigend, »dann erzähl ich dir etwas, das kann dich trösten und dir helfen, wie es mir in bösen Tagen und immer noch geholfen und mich getröstet hat. Siehst du, Kornelli, ich habe auch einmal durch eine große Trübsal gehen müssen, gewiß so groß, wie die deinige heute ist; denn ich sollte dem lieben Gott ein Kind zurückgeben. Da schrie ich wie du und noch viel lauter: ›Nein, ich kann nicht! Ich kann nicht!‹ Und je mehr ich widerstrebte, desto schrecklicher wurde mir zumute, daß ich dachte, ich müßte verzweifeln. Da schrie ich in meinem Herzen: ›Kann mir denn niemand helfen?‹ Da wußte ich auf einmal, wer helfen konnte. Und ich kniete nieder und rief und flehte zu Gott: ›Oh, hilf mir doch! Hilf du mir, der allein helfen kann!‹« »Wenn ich nun gleich so bete, muß ich dann nicht fort, Marthe, hilft mir der liebe Gott dann gleich?« fragte Kornelli gespannt. »Ja, er hilft dir ganz gewiß«, versicherte Marthe, »aber so, wie er weiß, daß es gut ist. Siehst du, Kornelli, wenn es nun einmal für dich gut ist, daß du fortkommst, und du bittest deinen Vater im Himmel recht herzlich, daß er dir beistehe, so hilft er dir so, daß dir dein Leben in der Fremde gar nicht so schwer wird, wie du fürchtest, und daß du die Zuversicht ins Herz bekommst. Was dich auch bedrückt, du kannst für alles seine Hilfe anrufen; er hilft dir immer, so wie es dir am besten ist und zu deinem Wohle dient.« »Hast du das Kind hergeben müssen?« wollte Kornelli noch wissen. »Ja, der liebe Gott hat es zu sich genommen«, antwortete Marthe. »Ist es dir doch wieder wohl geworden, Marthe?« »Ja, ja. Der Schmerz war groß; aber ich dachte nur noch an mein Kind und wie wohl es ihm war, und wußte, wie vielen Leiden es entronnen war. Der liebe Gott hat mir die Zuversicht ins Herz gegeben, daß er es wohl mit uns meinte. Da konnte mir doch wieder wohl werden.« »Ich will nun heimgehen«, sagte Kornelli, plötzlich aufstehend; es war, als ob sie etwas fortdränge. »Ja, so geh du nun; willst du auch noch daran denken, was ich dir erzählt habe?« fragte Marthe, das Kind hinausbegleitend. »Ja, ich will«, sagte Kornelli. Diesmal rannte sie heim, es mußte ein besonderer Gedanke sie so zur Eile antreiben. So ernsthaft und herzlich hatte Kornelli noch nie gebetet, wie sie es heute an ihrem Bette kniend tat. Sie übergab ihrem Vater im Himmel all ihr Leid und bat ihn, ihr doch beizustehen und zu machen, daß es ihr doch einmal wieder wohl werden könne. Eine Mutter Morgen, wenn der Direktor sich zu seinem Kaffee hinsetzte, fand er neben seiner Tasse alle Briefe und Zeitungen liegen, die mit der Morgenpost angekommen waren. »Ei der Tausend!« rief er am Morgen aus, der dem bewegten Tag folgte, »was hast denn du für Bekannte in der Stadt, Kornelli? Hier ist ein Brief für dich.« Kornelli schaute von ihrer Tasse auf und blickte ungläubig nach dem Brief. »Es ist wirklich so: Fräulein Kornelli Hellmut in Illerbach, Eisengießerei«, las der Vater. »Da nimm ihn.« Kornelli öffnete mit Spannung den Brief und las: »Liebe Kornelli! Denk doch, ich bin krank geworden und muß im Bett liegen. Der Arzt hat mir sogar das Lesen verboten; schreiben soll ich eigentlich nicht; aber das gibt ja nur einen kurzen Brief. Es ist mir schrecklich langweilig; denn die Schwestern sind den ganzen Tag in der Schule. Mama hat immer soviel zu tun und Mux ist noch ein schrecklich unbrauchbarer kleiner Kerl. Könntest Du mich nicht einmal besuchen? Es würde mich ungeheuer freuen; Du würdest mir soviel von dem lieben Illerbach erzählen können, von der guten Frau Marthe, die mir fast so lieb ist wie eine Großmutter, und von Deinem Geißlein und von Mathis und von den schönen Pferden, und überhaupt von allem und Dir selbst. Es war immer so kurzweilig mit Dir, daß ich Deinen Besuch ungeheuer gern hätte. Komm doch, bitte, und recht bald! Dein treuer Freund Dino.« »Nun«, sagte der Vater, als Kornelli den Brief wieder zusammenfaltete, »darf man auch lesen, was da geschrieben steht?« Kornelli übergab ihren Brief. »Was ist denn das für ein Freund, der dich so sehr herbeiwünscht?« fragte der Vater überrascht. »Du wirst aber wohl gleich ein wenig zu heulen beginnen, daß du nach der Stadt kommen sollst.« »Nein, ich will schon gern zu ihm gehen, Papa«, sagte Kornelli; »es ist der Dino, der bei Marthe war.« Der Vater legte vor Verwunderung den Löffel aus der Hand und betrachtete seine Tochter mit Erstaunen. »Wie kommst du mir denn vor, Kornelli«, sagte er endlich. »Du willst in einer ganz fremden Familie, von der du doch keinen Menschen kennst als diesen Jungen, einen Besuch machen, und hast keine Scheu und kein Bedenken, in deinem Zustand da zu erscheinen?« »Der Dino kennt mich schon, und er weiß wohl, daß ich nur zu ihm komme, und er richtet es schon so ein, daß ich dann seine Mama und seine Schwestern nicht sehen muß; er weiß schon alles ganz gut«, war Kornellis Erläuterung. »Das ist nichts für dich«, sagte der Vater kurz, packte gleich darauf seine Zeitungen zusammen und ging fort. Bald nachher trat er bei Marthe ein. »Ich komme schon wieder, Marthe, was sagen Sie dazu?« rief er der Erstaunten entgegen. »Da ist ein Brief und eine Aufforderung zum Besuch an Kornelli gekommen von einem Jungen, der bei Ihnen war; was ist's mit dem? Wer sind seine Eltern?« Diese Frage erschloß bei Marthe einen Quell, der völlig überströmte. Nie hatte sie einen Jungen gekannt, der so höflich und freundlich gegen die geringsten Leute war wie dieser Dino, der so fein erzogen, so gut unterrichtet war und doch so einfach und so kindlich anhänglich an eine alte, geringe Marthe sein konnte! Nie hatte sie Briefe gelesen, wie die Briefe der Mutter an diesen Sohn, so schön und liebevoll und erhebend; immer hatte er ihr diese vorgelesen, und jedesmal hatte sie vor Rührung weinen müssen. Nie hatte sie so schön gearbeitetes Zeug gesehen, wie der Junge hatte, und das war die Arbeit der eigenen Schwestern. »Marthe«, unterbrach sie endlich der Direktor, »nach Ihren Berichten zu schließen, müßte es für meine Tochter ein Glück sein, wenn sie auch nur einen Tag in dieser Familie zubringen könnte.« »Wenn der Herr Direktor sie hinbringen wollte, eine Freude würde ich haben – ach, ach, ich weiß keine größere.« Die Marthe mußte sich vor Erregung die Augen wischen. »Die sollen Sie haben, Marthe, morgen gehen wir; am Abend schon sollen Sie Bericht haben, wie alles abgelaufen ist.« Damit ergriff der Direktor ihre Hand, schüttelte sie und ging. »Mach alles bereit, Kornelli, morgen geht's nach der Stadt«, rief er seiner Tochter zu, die noch sinnend auf ihrer Gartenbank saß; »Esther soll dich zur Zeit wecken, früh um sechs Uhr.« »Wird pünktlich geschehen, Herr Direktor«, ertönte die Stimme von Esther aus irgendeiner Fensteröffnung heraus. Esther war eine gute Hauswacht; irgendwie hörte sie alles, was im Hause und in der nächsten Umgebung vorging. In der Frühe des anderen Morgens trabten die glänzenden Braunen das Tal hinaus. Sie hatten vier Stunden so fortzutraben; aber das war wie eine besondere Freude für sie; je länger sie dahinliefen, je mutwilliger wurden sie; Mathis hatte nur immer dem Galopp zu wehren. Kornelli saß nachdenklich in ihrer Ecke; sie sann sich aus, wie sie bei der Ankunft der Magd sagen wollte, sie wolle nur den Dino besuchen und gleich in sein Zimmer geführt sein; wie sie dann dem Dino verbieten wollte, seine Mutter oder seine Schwestern zu rufen; denn sie wollte nur ihn allein sehen. Dem Dino würde sie einen langen Besuch machen und dann wieder ganz leise fortgehen, ohne daß es jemand merkte. Was sie alles dem Dino zu sagen hatte, mußte sie auch noch überdenken. Vor allem mußte er wissen, daß es heraus war, wer auf dem Sofa gestanden hatte; denn jenen tiefen Groll und Kummer, den sie so lang mit herumgetragen, hatte sie ihm auch mitgeteilt. So langte man in der Stadt an, viel schneller, als Kornelli sich's gedacht hatte. Schon hielt der Wagen vor dem Gasthof an, wo der Vater abzusteigen pflegte. Kornelli sprang herunter. »Soll ich in vier Stunden wiederkommen, Papa?« fragte sie; »den Weg finde ich schon, Dino hat ihn mir beschrieben.« Sie wollte schnell gehen. »Halt, halt! So geht's nicht, ich komme mit«, sagte der Vater. Das war nun nicht so, wie Kornelli es sich ausgedacht hatte; aber daran war nichts zu ändern. Dino hatte seine Anschrift im Briefe genau angegeben, und der Direktor wußte gut Bescheid in der Stadt. So ging die Wanderung rasch vor sich, von Gasse zu Gasse bis in das enge Gäßchen hinein, wo das bezeichnete Haus stand. Vier hohe Treppen waren erstiegen. Der Direktor stand an dem schmalen, steilen Treppchen, an dessen Ende die Tür noch die Hälfte der letzten Stufe einnahm. »Wenn die Bewohner hier ihrer Wohnung entsprechen, so werden wir nicht lange oben verweilen«, sagte er, mißtrauisch nach dem unbequemen Eingang aufblickend. »Der Dino entspricht nicht«, sagte Kornelli schnell; denn obgleich sie nicht recht verstand, was der Papa meinte, so fühlte sie seine Worte doch als einen Angriff auf ihren Freund. »Klettere da hinauf, Kornelli, und zieh die Schnur an, die dort hängt«, gebot der Vater, »ist erst die Tür offen, so werde ich auch Platz zum Auftreten finden.« Kornelli gehorchte. Ein schlankes Mädchen, ziemlich größer als Kornelli, öffnete die Tür und schaute mit einem Paar dunkler, ernsthafter Augen verwundert auf die Ankommenden. Kornelli fuhr zurück. »Na, was sich da zeigt, ist nicht so schrecklich«, sagte der Direktor vortretend. »Grüß dich Gott, mein Kind. Ist deine Mutter da, kann ich einen Augenblick mit ihr sprechen?« Es war Rika, die geöffnet hatte und nun mit großer Höflichkeit den Herrn nach der Stube führte, wohin sie die Mutter, die bei dem kranken Bruder sei, gleich holen wollte, wie sie berichtete. Der Direktor ließ sich auf ihre höfliche Aufforderung hin auf den Lehnstuhl nieder und schaute sich verwundert in dem kleinen, aber äußerst geordneten, mit allerlei hübschen Malereien geschmückten Zimmer um. Als Rika der Tür zuging, sagte Kornelli halblaut zu ihr: »Ich möchte den Dino besuchen.« »Komm, ich zeig dir den Weg«, ertönte eine kleine Stimme hinter der Tür hervor, wohin Max sich schnell versteckt und mit neugierigen Augen auf die Eintretenden gespäht hatte. Er war hervorgekommen und hatte Kornellis Hand erfaßt; jetzt zog er sie mit sich fort. Die Mutter hatte die fremde Stimme gehört und trat eben aus dem Nebenzimmer in die Stube ein. »Diese entspricht auch nicht; um mit Kornelli zu sprechen«, sagte der Direktor lächelnd bei sich. Er erhob sich und stellte sich vor. »Der Aufforderung Ihres Sohnes folgend, habe ich meine Tochter hergebracht, Frau Pfarrer«, sagte er; »wenn es Ihnen so recht ist, so bleibt sie einige Stunden bei dem kranken Freunde; dann kehrt sie zu mir nach dem Gasthof zurück.« »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Freundlichkeit«, erwiderte die Frau; »mein kranker Dino hat sich sehr auf den Besuch gefreut. Kornelli ist uns allen durch ihn schon wohlbekannt und lieb. Sie hat meinem Jungen so viel Freundlichkeit erzeigt und ihn so trefflich unterhalten, wie er so allein in Illerbach war, daß sie ihn und mich zu herzlichem Dank verpflichtet hat. Dürfte ich nicht darum bitten, daß Kornelli ein paar Tage, wenigstens diesen ganzen Tag bei uns bleibt?« »Sie sind gar zu freundlich, Frau Pfarrer«, entgegnete der Direktor, etwas erstaunt darüber, daß das scheue, unfreundliche Kind dem Jungen soviel Freundlichkeit und Unterhaltung gewährt haben sollte. »Das sind Höflichkeiten«, sagte er bei sich, – »das geht aber nicht«, fuhr er laut fort, »das Kind würde nicht bleiben; es ist sehr scheu und hat allerlei Sonderbarkeiten, wie Sie gleich an seinem Äußeren bemerkt haben müssen; Ihre Tochter sieht anders aus.« »Gewiß möchte ich Kornelli nicht gegen ihren Wunsch hier behalten; aber darf ich auf des Vaters Erlaubnis hoffen, wenn des Kindes Wunsch mit dem unsern übereinstimmen sollte?« Die Frau Pfarrer hatte eine Art, fragend zu bitten, daß der Direktor noch ganz andere Wünsche gewährt hätte als diesen, der ihm selbst lieb genug war. »Gewiß, Frau Pfarrer, unbedingt und mit eigener großer Freude«, versicherte er, »was könnte mir lieber sein für mein Kind, als eine Umgebung wie die Ihrige und die Ihrer Tochter. Ich bin aber überzeugt davon, Kornelli wird mit mir heimkehren wollen. Nehmen Sie aber meinen warmen Dank für Ihre Freundlichkeit; auch nur ein Tag in Ihrem Hause verlebt, wird dem Kinde gut tun.« Der Direktor empfahl sich und ging. Unter der Haustür kam ein Schulmädchen mit Büchertasche und der ganzen Schulausrüstung so gegen ihn gestürzt, daß ein Zusammenprall stattfinden mußte. Der Direktor öffnete seine Arme, Agnes flog hinein; so ging es noch am gelindesten ab. Agnes kam immer im Sturz daher; sie konnte nicht anders. Nun schlug der Direktor ein herzliches Lachen auf; Agnes mußte mitlachen. »Du gehörst wohl auch der Frau Pfarrer?« sagte er, mit Wohlgefallen in das frische Gesicht mit den offenen, lebhaften Augen blickend. Wie saß auch alles schmuck und nett an dem Kinde! »Ja gewiß«, war die rasche Antwort; dann rannte Agnes weiter. »Die glückliche Mutter! Welch glückliche Frau!« sagte der Direktor bei sich, »Und mein Kind neben solchen! Ja, mein Kind und das Kind einer solchen Mutter!« Der Direktor lief immer schneller, als wollte er allem entgehen, das quälend auf ihm lag. Dino, der seiner Mutter alles erzählte, was er erlebte, hatte ihr seinen Aufenthalt in Illerbach und seinen Verkehr mit Kornelli eingehend geschildert. Auch von Kornellis sonderbarem Kummer hatte er der Mutter erzählt; aber sie hatte fest versprechen müssen, dieses Geheimnis ganz für sich zu behalten. Daß es die Mutter nun kannte, kam Dino nicht als ein Anrecht vor, sie wußte ja alles, was er wußte. Nachdem dann die Einladung zum Besuch an Kornelli ergangen war, hatte die Mutter den Kindern ernstlich anbefohlen, wenn das Kind kommen sollte, keine Bemerkungen über seine Haare zu machen, die es vielleicht in etwas seltsamer Weise trug, sie sollten auch keine Verwunderung darüber zeigen, sich gar nicht darum kümmern; so wollte es die Mutter haben. Dem kleinen Mux war es sehr erwünscht, eine neue Gefährtin zu haben. Er betrachtete Kornelli als alte Bekannte; Dino hatte ja soviel von ihr gesprochen. Er führte sie nun zuerst nach der Küche. »Da ist doch gewiß Dino nicht mit seinem Bett«, sagte Kornelli verwundert. »Nein, das ist die Küche, da stehen keine Betten«, berichtigte Mux; »aber ich will dir zuerst zeigen, warum Agnes heut eine ganze Stunde lang geweint hat, oder vielleicht zwei.« Damit führte der Mux seine neue Gefährtin zu einem großen Haufen Apfelschalen hin, die im Abfallkübel lagen. »Jetzt siehst du, wie dumm die Agnes ist, wenn es nachher Apfelbrot daraus gibt, vorher so zu weinen.« »Warum hat sie denn so geweint?« fragte Kornelli teilnehmend; sie wußte so gut, wie einem zumute ist, wenn man weinen muß. »Das weiß man nicht«, erklärte Mux. »Warum muß denn nicht die Magd die Äpfel schälen?« fragte Kornelli wieder. »Es gibt keine Magd, nur die vernagelte Trine«, berichtete Mux. »Wer ist die vernagelte Trine?« wollte dann Kornelli wissen. »Die muß helfen; sie ist klein und dick«, beschrieb Mux. »Die Mama muß ihr zeigen, wie man kocht, und sie muß holen, was man haben muß, und bringt immer das Verkehrte. Dann sagt Dino: ›Das ist eine vernagelte Trine, man muß sie fortschicken‹ Dann sagt die Mama:›Trine muß doch auch leben.‹ Dann schickt man sie wieder nicht fort.« Kornelli empfand eine tiefe Teilnahme für Agnes. Die hatte gewiß auch einen geheimen Kummer wie sie selbst; vor Agnes würde sie sich nicht fürchten müssen wie vor der stolzen Schwester, die sie empfangen hatte. »Gelt, Mux, deine andere Schwester weint gewiß nie? Fürchtest du dich nicht vor ihr?« fragte Kornelli. »Nein, kein bißchen, gar kein einziges bißchen«, versicherte Mux. »Aber sie macht immer ein Gesicht, wie wenn sie gleich weinen wollte, und tausend tausendmal fängt sie an zu weinen, wenn kein Mensch weiß warum, und ich auch nicht; sie sagt es nicht.« Augenblicklich verwandelte sich Kornellis Scheu vor Rika in großes Mitleid. Vielleicht hatte sie noch den allergrößten Kummer, daß sie so weinen mußte und nicht sagen konnte warum. »Jetzt wollen wir zu Dino gehen«, sagte sie, der Tür zueilend, die ihr der Kleine gezeigt hatte. »Wart nur, zuerst will ich dir noch das große Bilderbuch zeigen, das gefällt dir schrecklich gut«, versicherte Mux. »Und es ist auch etwas darin, das dir gleichsieht, eine Eule; sie hat Fetzen über die Augen wie du. Aber du mußt davon nicht sprechen, Mama hat es verboten.« »Nein, ich will das Buch nicht sehen, komm nun einmal zu Dino«, drängte Kornelli. »Aber später mußt du es sehen«, behauptete Mux, »da sind viele schöne Sachen drin; du wirst schon sehen, du willst das Buch immer wieder haben.« Mux zog nun Kornelli aus der Küche weg und machte nicht weit davon eine Tür auf. »Kommst du endlich, Kornelli?« rief ihr Dino entgegen, der drinnen in seinem Bett saß und ganz fröhlich seiner Freundin entgegenschaute. Kornelli empfand eine große Freude, Dino wiederzusehen, mit dem sie die einzigen frohen Stunden zugebracht, die sie den ganzen Sommer durch erlebt hatte. Sie setzte sich schnell an sein Bett und begann ihm von allem zu erzählen, was seit seiner Abreise in Illerbach sich ereignet hatte, und Dino hatte soviel« Fragen zu tun und Kornelli zu beantworten, daß die Zeit dahinging, sie merkten gar nicht wie. Mux war verschwunden; er konnte die neue Freundin nicht mehr für sich in Anspruch nehmen, so zog er vor auszukundschaften, was wohl für den Besuch auf den Tisch komme. Jetzt trat die Mutter in Dinos Zimmer. »Mein liebes Kind«, sagte sie, Kornelli bei der Hand nehmend, »noch habe ich dich gar nicht recht gesehen; aber ich dachte, ihr bleibt erst gern ein wenig ungestört beisammen, du und Dino, und sprecht von euern Erlebnissen und euern Freunden in Illerbach. Dino hat sich ja so sehr auf deinen Besuch gefreut. Nun komm mit mir zu unserm Mittagstisch. Dann soll Dino erst ein wenig schlafen, und nachher wünscht er dich wohl wieder an sein Bett.« Das war für Kornelli ein schwerer Augenblick. Sie hatte gehofft, den ganzen Tag mit Dino allein zubringen zu können, niemand würde sich weiter um sie bekümmern. Nun sollte sie mit der Mutter und beiden Schwestern Dinos zu Tisch sitzen. Mux war noch ihr Trost; der war so zutraulich. Aber sie hatte so empfindlich gefühlt, wie anders als die Kinder hier und wie schrecklich sie aussähe, als sie vor der schmucken Rika stand, und wenn diese auch keinen Abscheu gezeigt hatte, sie mußte doch einen solchen im stillen haben. Mux hatte es ja auch gesehen und gleich deutlich gesagt, wie sie aussah. Und nun kam noch Agnes dazu. Daß diese auch einen Kummer hatte und die stolz aussehende Rika ja auch, das fühlte Kornelli doch so wie eine Verwandtschaft zwischen ihnen. Es gab ihr einen leisen Mut, der Mutter zu folgen, die wartend schon an der Tür stand. Agnes stand erwartungsvoll mitten in der Stube, als Kornelli eintrat. Sie kam dem Gaste entgegen und schüttelte ihm die Hand. »Es ist gut, daß du gekommen bist, Kornelli«, sagte sie lebhaft; »Dino hat schon längst davon gesprochen, und wir wollen dich auch gern kennen lernen.« »Ich will neben dir sitzen«, sagte Mux und schleppte seinen Stuhl an Kornellis Seite hin. »Bleib du nur, das ist mein Platz«, bedeutete ihm Agnes nicht unverständlich, indem sie den Stuhl samt dem Mux kräftig zurückschob. Die Mutter war in die Küche hinausgegangen, so konnte Mux nicht bei ihr Hilfe suchen; das erhöhte seinen Zorn. »Ja, ja, du willst nur immer über alle Meister sein«, rief er grimmig aus, »und du hast auch einmal einen gerädert.« Die Mutter trat eben ein. »Mama, Mux spricht so gräßliches Zeug«, rief ihr Agnes entgegen, »soll er nicht ins Bett?« Mux nahm eben einen gewaltigen Anlauf, um diesen Strafantrag zu beantworten; aber die Mutter schnitt das Weitere ab. »Nein, nein, heut ist Kornelli zum erstenmal bei uns, das ist ein Festtag«, sagte sie mit großer Freundlichkeit; »da soll Mux nicht ins Bett geschickt werden; aber er wird gleich ganz friedlich auf seinem Sessel sitzen und uns das Tischgebet sprechen, dann ist alles gut.« Wirklich wurde Mux von den besänftigenden Worten und dem guten Geruch der Suppe, der ihm eben in die Nase stieg, so friedlich gestimmt, daß er in ganz angemessener Weise sein Tischgebet sprechen konnte. Daß er durchaus hatte erzwingen wollen, neben Kornelli zu sitzen, hatte diese so gefreut und gerührt, daß sie jetzt nur darauf sann, was sie dem kleinen Mux auch zuliebe tun konnte. Sobald das Essen zu Ende war, hatten Rika und Agnes gleich nach ihrer Schule zu eilen; die Mutter hatte nach der Arbeit der Trine zu sehen, wie sie sagte, und Mux sollte Kornelli einen Augenblick zu unterhalten suchen. Das war dem Mux gerade recht. »Jetzt will ich dir's zeigen, daß Agnes einen gerädert hat«, sagte er triumphierend. »Nein, das glaube ich nicht, Mux; warum hätte der auch still gehalten?« sagte Kornelli. »Das kannst du dann alles lesen; es steht daneben, da, jetzt siehst du's.« Mux drückte sein großes Bilderbuch auf Kornellis Schoß und wies auf das prächtige gemalte Bild hin, das er aufgeschlagen hatte. »Lies, was da steht«, wies er Kornelli an, »Dino hat es einmal laut gelesen, dann habe ich es gewußt.« Kornelli las laut: »Agnes läßt Rudolf von Warth auf das Rad binden.« »Jetzt siehst du's«, sagte Mux befriedigt. Kornelli wußte nicht recht, was das Bild bedeuten sollte; sie fing die erklärende Geschichte an zu lesen. Immer eifriger las sie weiter und weiter; das war alles so lebendig geschildert; sie verschlang eine Seite nach der andern. »Nun weißt du's«, sagte Mux ein wenig ungeduldig; »sieh jetzt den Geißenwagen an.« »Oh, ich möchte noch fertig lesen, es ist so traurig; aber ich will noch alles wissen, wie es dann kam.« Mux hatte schon umgeschlagen; der Geißenwagen war zu sehen. »Aber Mux«, fuhr Kornelli mit Eifer fort, »es ist ja eine ganz andere Agnes, eine Königin; du mußt doch nie mehr glauben, daß eure Agnes so etwas Schreckliches getan hat.« »So, sieh jetzt den Geißenwagen an«, forderte Mux, ein wenig enttäuscht. »Warum weint das Kind dort am Wege so? Sieh, wie es die Hände in die Augen drückt!. Oh, es tut ihm so weh! Weißt du warum?« Mux schüttelte den Kopf. »Dann muß ich es schnell lesen«, sagte Kornelli, begann und vertiefte sich so in die Erzählung, daß sie gar nicht bemerkte, wie Mux sie zupfte und drängte und dann am Buch rüttelte, damit sie zu lesen aufhöre. Jetzt trat die Mutter wieder ein. »Dino hat seine Ruhezeit ein wenig abgekürzt«, sagte sie; »er verlangt sehr nach dir, Kornelli; willst du kommen?« Augenblicklich schlug Kornelli das Buch zu; sie wollte ja so gern mit Dino zusammensein; aber sie sah doch mit Bedauern auf die Erzählung zurück; sie hätte so gern gewußt, wie es weiter ging. »So gefällt dir das Buch? Es war auch die Freude aller meiner Kinder, vom ältesten bis zum jüngsten«, sagte die Mutter, der Kornellis Blick auf das Buch zurück nicht entgangen war. »Du kannst es wohl nachher noch ansehen; da bleibt noch viel Zeit.« Aber mit Dino hatte Kornelli soviel zu verhandeln, daß die Zeit um und alles zu Ende war, ehe sie sich's versah. Mux kam gelaufen mit der Botschaft, Kornelli soll zum Abendessen herüberkommen, man müßte so früh essen heute, weil sie nachher abreisen müsse. »Oh, wie schade!« sagte Kornelli aufspringend; denn sie wußte, daß der Vater nicht gern wartete. »Hol die Mutter herüber, Mux«, sagte Dino. Der Kleine lief. »Wolltest du nicht bei uns bleiben, Kornelli, wenigstens ein paar Tage? Es wäre doch so nett. Wolltest du nicht? Nicht wahr, du willst?« fragte Dino drängend. Kornelli war es ganz seltsam zumute. Sie traute sich gar nicht ja zu sagen. Es war ihr ganz unbegreiflich, daß alle Menschen in diesem Hause so freundlich zu ihr waren und daß man sie gern dabehalten würde. Das würde vielleicht nicht so bleiben, wenn sie dabliebe und man sie dann recht kennen würde. Die Mutter kam schnell mit Mux herein, der schon verkündet hatte, Kornelli bleibe da, Dino lasse sie nicht abreisen; denn er hatte die Worte Dinos noch erlauscht. »So bleibst du bei uns, Kornelli, ihr seid schon einig geworden, wie ich höre«, sagte die Mutter voller Freude. »Ich wollte es dir noch vorschlagen; nun Dino schon alles mit dir ausgemacht hat, freue ich mich darüber; denn dein Vater hat die Erlaubnis zu deinem Bleiben schon gegeben, ich habe ihm nur schnell ein Wort zu schreiben. Nun könnt ihr noch ruhig beisammen bleiben, das Abendessen hat keine Eile.« Die Mutter ging, ihr Wort an den Direktor zu schreiben; nachher lief die kleine dicke Trine damit dem Gasthof zu. Kornelli hatte sich mit einem wundersamen Gefühl, halb von Wohlsein, halb von Angst, wieder zu Dino hingesetzt. Er bemerkte die schwankende Stimmung sofort. »Du bleibst doch gern bei uns?« sagte er. »Du solltest nur wissen, wie froh ich darüber bin. Nun kommst du immer zu mir, wenn sie alle zu tun haben.« »Ja, gewiß, Dino, bei dir bleib ich so gerne«, versicherte Kornelli, »und auch bei Mux, und die Mutter ist auch so gut zu mir; ich fürchte mich nur vor deinen Schwestern; sie sind ja ganz anders als ich. Und jetzt muß ich auch noch denken, wie schrecklich es der vernagelten Trine ist, wenn sie alles verkehrt macht und doch nicht anders kann, und dann wird sie so verachtet, und sie kann doch nicht anders; ich weiß wohl, wie es ist, wenn man vernagelt ist.« Dino mußte ein wenig lachen. »Wie kommt dir denn auf einmal die Trine in den Sinn?« fragte er. »Sei du nur unbekümmert um die; Mama ist ja so gut zu ihr. Sei nun wieder lustig, Kornelli, und denk dir nicht solche Sachen aus über die vernagelte Trine.« Kornelli sagte nichts mehr; aber daß sie sich immer noch etwas ausdachte, konnte Dino wohl merken. Nach einiger Zeit hatte die Mutter anzuzeigen, daß für Dino nun die Zeit zur Ruhe gekommen sei; er habe ja die erfreuende Aussicht, seine Freundin morgen wiederzusehen. Als Kornelli mit der Mutter in die Stube trat, wo die Schwestern an ihren Schularbeiten saßen und Mux, über sein Bilderbuch gebeugt, neue Ideen ausbrütete, kam eben die erst halb erwachsene Trine hinterher mit einem Korb am Arm. Am Sessel der Rika vorbeigehend, hakte sich ihr Korb an; sie zog so kräftig daran, daß der Stuhl einen starken Ruck auf die Seite bekam und Rika mit herumdrehte. »Du wirst immer viereckiger, Trine«, sagte Rika unwillig. Kornelli wurde ganz rot; es war ihr gerade, als gelte das auch für sie; sie war gewiß in Rikas Augen auch ebenso viereckig wie diese Trine. Diese brachte keine Entschuldigung vor, sie machte nachher noch ein wenig ungeschicktere Bewegungen als vorher. Das verstand Kornelli ganz gut; so machte sie es auch; sie wußte es. »Nun setzen wir uns zu Tisch«, sagte die Mutter, »und wenn nachher die Kinder ihre Arbeiten beendet haben, so singen wir noch zusammen. Du singst doch auch, Kornelli?« »Ich kann gewiß die Lieder nicht, so kann ich auch nicht mitsingen«, antwortete sie scheu. Als das Nachtessen beendet war, stürzte Mux nach seinem Buch und damit zu Kornelli. Er wollte gleich und mit neuem Anlauf seine Unterhaltung mit ihr fortsetzen; aber die Mutter hatte es anders im Sinn. »Nun gibst du das Buch an Kornelli ab, für dich ist die Zeit zum Rückzug da«, sagte sie, »morgen machst du wieder mit.« Mux ging mit Widerstreben. »Aber geh nicht fort, bis ich wiederkomme«, schärfte er Kornelli noch ein, da die Mutter ihn nun fest fortführte. Es war Kornelli ganz unheimlich, als der zutrauliche Mux verschwunden war; nun war sie zum erstenmal allein mit den zwei Schwestern. Was würde nun geschehen? Es geschah aber gar nichts. Die beiden waren so in ihre Arbeiten vertieft, daß keine von ihnen auch nur den Kopf aufhob. Kornelli nahm ihr Buch vor, da waren ja die schönen Geschichten darin. Sie hatte ja auch schon eine zu lesen angefangen, von dieser mußte sie das Ende wissen. Sie begann zu lesen und las weiter und weiter; da kam immer wieder ein anderes Bild und eine neue, wunderbar schöne Geschichte dazu. Plötzlich ertönte laute Musik ganz nah an ihren Ohren. Kornelli fuhr auf. Vor ihr am Klavier saß Agnes und spielte. Kornelli konnte nicht mehr lesen. Eine schöne Weise nach der andern spielte Agnes herunter, so rasch und so leicht, als ob es sie gar keine Mühe kostete, und sie war nur wenig mehr als ein Jahr älter als Kornelli, das wußte diese von Dino. Voll großer Bewunderung saß Kornelli da und lauschte regungslos den wundervollen Melodien, die eine nach der andern über die Saiten rauschten. Die Mutter, die noch ihren Abendbesuch bei Dino gemacht und eine Weile mit ihm zu sprechen gehabt hatte, kehrte endlich in die Stube zurück. »Mama«, rief ihr Agnes lebhaft entgegen, »aus Freude, daß ich mit meinem großen Aufsatz zu Ende bin, spiele ich alle fröhlichen Stücke, die ich kenne.« »Da hast du recht; wie ist's mit deiner Malerei, Rika?« fragte die Mutter. Rika erwiderte klagend, sie hätte wohl gehofft, fertig zu werden; aber die Tage seien immer zu kurz, und bei Licht könnte sie ja nichts machen. Die Mutter sollte nur sehen, wie wenig ihrer Arbeit noch fehle. »Nur eine Stunde länger noch das Tageslicht«, seufzte sie, »und alles wäre fertig.« Rika stellte unter die brennende Lampe ein großes Bild, das den schönen farbigen Bildern ähnlich war, die ringsum das Zimmer schmückten. Aber ein so farbenprächtiges Bild hatte Kornelli noch gar nicht gesehen. Dunkelrote funkelnde Rosen hingen über ein altes Gemäuer nieder. Der dichte Efeu schlang seine glänzend grünen Ranken zwischendurch bis hoch hinauf. Ein alter Eichbaum streckte dichte buschige Äste über die verfallenen Mauern, und unten floß friedlich ein klarer Bach vom alten Gestein der Wiese zu, wo leuchtende blaue und rote Blumen standen und ihn wie in Freude begrüßten. Kornelli starrte auf das wundervolle Bild. Solche gemalte Blumen und Bäume hatte sie noch nie gesehen, und der schimmernde Bach! Man hörte ihn fast weithin durch die Wiese rauschen; es war alles wie lebendig. Und das hatte Rika gemacht! Es war Kornelli, als liege zwischen ihr und den zwei Schwestern, die vor ihr standen, eine große, große Kluft, die sie trennte für immer und immer. Drüben standen die zwei, wie zwei große, herrliche Wesen voller Schönheit und Gaben, und da stand sie, eine viereckige, vernagelte Trine, die nie ein Mensch lieb haben konnte. Die Mutter ermunterte Rika, morgen nur frisch ihre Arbeit wieder zur Hand zu nehmen, sie hatte selbst ihre große Freude daran. Dann setzte sie sich zum Klavier, das Abendlied sollte gesungen werden. Kornelli blieb stumm, wie auch die Frau Pfarrer sie zum Mitsingen ermunterte. Sie hätte wohl auch mittun können; denn das alte Abendlied hatte die Marthe sie schon frühe gelehrt, sie hatten es oft zusammen gesungen. Aber Kornellis Eindrücke schnürten sie so zusammen, daß sie keinen Ton hervorgebracht hätte. Als das Lied zu Ende war, fuhr Agnes auf, als wäre sie gestochen worden. »Nein, Mama«, rief sie aus, »das ist gar nichts; wenn du heiser bist und Dino im Bett liegt, so ist unser Gesang scheußlich. Rika piepst nur so wie ein Hühnchen, das man in den Hals gestochen hat.« »Dann muß man eben zu singen aufhören«, sagte Rika, ein wenig vornehm die Achseln zuckend. »Nein, in einer Haushaltung muß gesungen werden, sonst hat sie keinen Wert mehr«, erklärte Agnes; »daß aber auch gerade so etwas Schönes so selten vorkommt!« Die Mutter nahm jetzt Kornelli freundlich bei der Hand. »Du bist müde, liebes Kind, ich kann es sehen«, sagte sie. »Ich führe dich nun in ein ganz kleines Schlafstübchen; ich habe kein größeres. Die Tür hier geht ins Schlafzimmer von Rika und Agnes«, fuhr sie fort, als sie nun mit Kornelli in dem kleinen Raum stand; »du kannst sie aufmachen, wenn du willst, dann seid ihr alle drei wie in einem Zimmer.« Dann nahm sie herzlich Abschied für den Tag und wünschte, Kornelli möchte zum erstenmal unter ihrem Dach recht wohl schlafen. Rika und Agnes sagten kurz: »Gute Nacht«; dann war Kornelli allein in ihrem Stübchen. Sie hatte keine Lust, die Tür aufzumachen; ihre Scheu vor den Schwestern war noch viel größer geworden, als sie bei der Ankunft gewesen war. Wie schrecklich hoch standen auch die beiden über ihr! Kornelli hatte gar keinen Schlaf; sie mußte soviel ausdenken, was ihr heute vor Augen gekommen war. Was hatte Agnes gemeint, was das Schönste auf der Welt sei? Vielleicht singen, aber das war doch lange nicht das Schönste. Das Allerschönste war doch ein solches Gemälde, wie Rika sie machen konnte, solche Rosen und Bäume und die Wiese mit dem klaren Wasser. Jetzt schlossen sich Kornellis Augen; sie sah immer noch die Rosen vor sich, und dann schaute sie voller Verehrung zu Rika auf, die neben ihr stand und aussah wie eine Königin, so groß und schön, und Kornelli dachte: »Wenn sie nur ein einziges freundliches Wort zu mir sagen wollte!« Da kehrte sich Rika zu ihr um und sagte: »Du bist ein viereckiges und vernageltes Kornelli.« Das sah und hörte Kornelli aber alles nur im Traum. Drüben sagte Agnes zu ihrer Schwester: »Wenn doch Kornelli etwas sagen wollte! Man weiß ja gar nicht, was in ihr ist! Wie konnte nur Dino sie so kurzweilig finden und solche Freundschaft mit ihr schließen! Sie sitzt ja nur da und spricht kein Wort.« »Das ist noch das wenigste«, entgegnete Rika; »aber daß sie durchaus aussehen will wie eine wilde Insulanerin, ist scheußlich. Ich begreife gar nicht, daß ihr unsere Mama nicht auf der Stelle alle Strähnen aus dem Gesicht gestrichen hat.« Eine große Veränderung Mux hatte am andern Morgen kaum seine Augen geöffnet, als er begehrte, sofort mit seinem Buch zu Kornelli zu gehen; so war es gestern abend ausgemacht worden. Aber erst mußte er die gewöhnlichen Morgenschicksale über sich ergehen lassen, bevor er seinen Zweck erreichte. Jetzt lief er, glatt gekämmt und rot gewaschen wie ein frischer Apfel, in die Stube herein. Richtig, da saß Kornelli schon still in einer Ecke und lauschte gespannt den Musikübungen von Agnes zu. Er stürzte auf Kornelli los; das Buch lag schon in ihren Händen. »So, jetzt wollen wir den ganzen Tag lang lesen und dann erzählen«, rief er erfreut; »die andern müssen gleich in die Schule.« Erst kam aber noch das Frühstück; das hatte Mux zum erstenmal vergessen. Dann zogen die Mädchen aus; aber nun klopfte Dino und begehrte, daß Kornelli zu ihm komme. Mux erhob ein großes Geschrei und stellte es nicht eher ein, bis Kornelli versprochen hatte, sobald Dino heute schlafen müßte, würde sie sich mit Mux eine ganze Zeit lang abgeben. Er murrte fort, als Kornelli das Zimmer verließ, und sie war immer aufs neue verwundert, daß jemand sie so gern haben konnte; es tat ihr so wohl, wie nichts anderes. Drüben fragte Dino, ob Kornelli ihm nicht auch etwas vorlesen wollte, da sie doch so gern dem Mux aus seinem Bilderbuch vorlas. »Hast du denn auch so kurzweilige Geschichten?« fragte Kornelli zögernd, indem ihr die Erinnerung an ihre schönen Bücher aufstieg, in denen ihr vieles so unverständlich war, daß sie lieber alle liegen ließ. »Ja, das mein ich, du sollst einmal sehen«, sagte Dino. »Nimm dort das Buch herunter, auf dem steht: ›Von lustigen Reisen.‹ Da sind auch Bilder drin, nur nicht so große wie im andern, und farbig sind sie auch nicht, aber so komisch, daß man immerfort lachen muß.« Kornelli holte das Buch herunter, und wirklich, bald nachher erscholl einmal ums andere ihr Lachen so hell ins Zimmer hinüber, daß die Mutter drüben vergnügt lächelte und bei sich sagte: »Nein, nein, da ist noch nicht alles verloren.« So ging die Woche dahin. Kornelli verbrachte ihre Zeit fast nur mit Vorlesen, einmal bei Dino, und dann wieder bei Mux. Dabei wurde sie selbst immer eifriger in ihrer Tätigkeit, und wollte Mux einmal, nun sollte Soldaten gespielt werden, so sagte Kornelli: »Das kannst du gut allein tun, laß mich nur lesen, dann erzähl ich dir's nachher.« Bald hatte sie das ganze dicke Buch durchgelesen. Den Mädchen war Kornelli nicht nähergekommen, Nika hatte noch kaum mit ihr gesprochen. Am Sonnabendmorgen trat die Mutter bei Dino ein, eben als Kornelli eine so köstliche Geschichte fertiggelesen hatte, daß alle beide in der Erinnerung noch hell auflachten. »Wie ist es nun, Kinder?« sagte sie. »Auf morgen erwartet Kornellis Vater Bericht, ob er kommen und sie heimholen, oder ob er sie uns noch für eine Woche lassen soll. Kornelli soll selbst entscheiden; wir wünschen ja alle, sie noch bei uns zu behalten.« »Geh nicht! Geh nicht! Sag, er soll nicht kommen, noch lang nicht!« drängte Mux, der hinter der Mutter hereingeschlüpft war und nun Kornelli so festhielt, als ob auf der andern Seite der Papa sie schon fortziehen wollte. »Nein, nein, Kornelli, jetzt gehst du noch nicht fort«, fiel Dino ein, »morgen darf ich ja zum erstenmal aufstehen, da mußt du doch dabei sein und sehen, ob ich auch noch gehen kann. Und nachher bleibst du noch da, bis ich wieder zur Schule gehe, nicht, Kornelli? Du willst doch nicht fort?« »Ihr müßt Kornelli nicht so drängen«, sagte die Mutter, »vielleicht würde sie gern heimgehen, und euer Drängen hemmt sie, es zu sagen.« Aber das Drängen der beiden war für Kornelli eine solche Freude, daß sie gar nicht zweifelte, was sie tun wollte. »Ich will sehr gern noch dableiben«, sagte sie. »Oh, wie recht!« rief Dino aus. »Und bitte auch gleich noch um vierzehn Tage, Mama, oder um drei Wochen, es ist so gemütlich, Kornelli dazuhaben.« »Ich bitte den Herrn Papa, uns sein Töchterchen noch länger zu lassen«, sagte die Mutter, »die Zeit darf ich nicht so bestimmen, das wird der Vater tun.« »Ja, ›länger‹ ist gerade recht, da kann man dann immer noch ein wenig weiter bitten und sagen, wir hätten das unter ›länger‹ verstanden«, meinte Dino. Als heute Dinos Ruhestunde kam und Kornelli mit Mux zusammensaß, waren alle beide so fröhlich über das neu beschlossene Zusammenbleiben, daß Mux das Klavier aufmachte und Kornelli aufforderte zu spielen, damit sie ein Lied zusammen singen könnten. Spielen konnte sie nun gar nicht; aber ein Lied wollte sie mit ihm singen, sagte Kornelli, er sollte nur eines vorschlagen. Mux wußte keines. »Sing du eins, dann kann ich es vielleicht«, schlug er vor. Kornelli war ganz in der Stimmung, einmal wieder zu singen. Sie begann, und mit ihrer hellen, vollen Stimme sang sie Mux, der voller Verwunderung lauschte, ihr Lied vor: Schnee auf der Wiese Und Schnee auf der Diel, Schnee oben und Schnee unten, Nun wird's mir zuviel. Hoiheia, juchheia, Nun wird's mir zuviel. Oh, Sonne am Himmel, Oh, Kuckuck im Wald, Am Bach ihr Ranunkeln, Oh, kommt und kommt bald! Hoiheia, juchheia. Oh, kommt und kommt bald! Singt der Fink seine Lieder, Schwirrt die Schwalbe ums Dach, Schwirr ich mit und singe wieder, Freu mich hunderttausendfach. Hoiheia, juchheia, Freu mich hunderttausendfach.« Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, Agnes stürzte herein. »Warum sagst du denn nichts?« schrie sie schon auf der Schwelle. »Nein, so etwas! Warum hast du denn nie ein Wort gesagt?« »Was hätte ich denn sagen müssen?« fragte Kornelli erschrocken. »Du mußt gar nicht erschrecken«, beruhigte Mux, »ich helfe dir schon, wenn sie dir etwas tun will.« »Sei nicht so übernatürlich dumm, Mux«, warf ihm die Schwester zu und wollte ins Nebenzimmer hineinrennen; die Mutter stand auf der Schwelle. »Hast du's gehört, Mutter? Komm doch heraus, und laß Kornelli das Lied noch einmal singen!« »Wohl habe ich es mit Freude und Verwunderung gehört«, sagte die Mutter, zu Kornelli herantretend. »Du hast eine Stimme, liebes Kind, die wir gerne wieder hören möchten. Du hast wohl schon oft gesungen?« »O ja«, sagte Kornelli, »die Marthe hat mich viele Lieder gelehrt, aber -« »Was ›aber‹?« fiel Agnes ein, »nun weiß ich, was du für eine Stimme hast. Jetzt muß ich gleich noch zur Musikstunde; aber heut abend mußt du mit mir singen, und tüchtig; da gilt kein ›Aber‹ mehr.« Agnes stürzte wieder fort. »Nicht wahr, Kornelli, heute abend singst du nun mit uns?« sagte die Mutter freundlich. »Nun wissen wir ja gut, wie es klingt; warum solltest du noch ein ›Aber‹ haben?« »Wenn ich mich fürchte, kann ich nicht recht singen, es klingt dann gewiß gar nicht gut«, erwiderte Kornelli. »Aber warum solltest du dich denn nur fürchten?« fragte die Mutter. »Du kennst uns doch nun alle ganz gut.« »Weil ich nicht bin wie Agnes und Nika und nichts so tun kann wie sie und auch nicht so aussehe«, sagte Kornelli, indem sie in ihrer alten Weise die Stirn zusammenzog, daß man es durch die dichten Haarsträhne, die sie bedeckten, sehen konnte. Die Mutter sagte nichts mehr; sie ging hinaus. »Bleib du nur immer bei mir, dann mußt du dich gar nie fürchten«, sagte Mux beschützend. »Ich fürchte mich vor gar nichts auf der ganzen Welt – nur im Dunkeln«, setzte er gleich hinzu, als er Kornellis Augen unter den Strähnen hervor forschend auf sich gerichtet sah; er fühlte sich durchschaut. »Nein, auch dann nicht mehr, wenn du dann immer bei mir bleibst«, schloß er gleich darauf zuversichtlich. Früher als je hatte Agnes heute ihre Schularbeiten beendet. Sie stürzte zum Klavier: »Komm her, Kornelli!« rief sie dieser zu. »Mux soll sich selber unterhalten, nun wird gesungen.« Kornelli kam. »Nun sing ich die erste Strophe dieses Liedes vor, nachher singst du mit.« Agnes begann: »Der Mond ist aufgegangen.« »Oh, das Lied kenn ich schon lange, soll ich gleich die zweite Stimme singen?« fragte Kornelli. »Was? Du singst zweite Stimme? Kannst du das wirklich? Das wäre ja über alle Begriffe herrlich! Sing einmal drauf los!« sagte Agnes ganz erregt. Die beiden sangen allein; denn noch hatte Nika ihre Aufgaben nicht vollendet, auch für die Mutter war die Zeit zum Abendgesang noch nicht da. Agnes wollte nur erst einmal ihre Versuche mit der neuen Stimme machen. Nika saß ganz vertieft in ihre Arbeit; die Mutter kam nur ab und zu ins Zimmer. Agnes sang selbst mit, so hatte Kornelli nicht das Gefühl, daß jemand zuhöre, und sang nun hell und frei heraus mit der ganzen, vollen Stimme. Agnes wurde immer eifriger; es tönte, als sänge ein ganzer Chor da drinnen. Die Mutter blieb im Zimmer stehen, Nika schaute erstaunt von ihrer Arbeit auf und lauschte. Als das Lied zu Ende war, mußte Agnes vor Freude in die Hände klatschen. »Du hast eine Stimme wie eine Glocke, Kornelli!« rief sie aus. »Oh, wenn ich eine solche Stimme hätte! Oh, was wollte ich alles singen! Kannst du noch viele Lieder? Nun sag einmal alles heraus!« Kornelli blätterte in dem Notenbuch. Von den alten Liedern, die da standen, kannte sie noch manches; die hatte sie alle mit der Marthe gesungen. Agnes frohlockte: »Nun wird unser Abendgesang viel schöner sein; nun kommt alles anders, ganz anders!« rief sie aus und stürzte nach ihrem Schrank; denn schon war ihr ein neuer Gedanke gekommen. Sie holte andere Musik herbei; es waren ihre zweistimmigen Lieder, die sie nur in der Musikstunde, aber nie zu Hause singen konnte; Nika machte nicht mit. »Komm, Kornelli, versuch einmal, mir nachzusingen, was du nachher allein singen mußt; ich singe dann meine eigene Stimme. Sieh, da sind die Noten, hier kannst du deine Stimme verfolgen«, belehrte Agnes und begann zu singen. Kornelli kannte wenig von den Noten; Herr Mälinger hatte zwar mit ihr auch diesen Zweig des Wissens gestreift. Aber sie hatte ein feines Ohr und konnte Melodien augenblicklich nachsingen. Mit dem leichtesten Stücke wurde begonnen; die Töne erfaßte Kornelli sogleich, sie merkte auch alsbald, wo sie einzusetzen und wo zu pausieren hatte. Ein zweites Stück konnte noch vorgenommen werden, noch ein drittes. Man fing von vorn wieder an, alle drei konnten nun wirklich gesungen werden. »Noch einmal! Noch einmal!« drängte Agnes immer wieder, es ging jedesmal noch ein wenig besser, zuletzt ging es vortrefflich. Agnes sprang vor Freude vom Stuhl auf: »Du bist ein ganz herrliches Kornelli«, rief sie aus, »wer hätte das gedacht! Geh nur noch nicht heim! Bleib doch noch bei uns, nun singen wir jeden Tag! Hast du es gehört, Mama?« Die Mutter bejahte es und sagte, sie hätte mit Dino sich an dem Gesang erfreut; er hatte verlangt, daß seine Tür offen bleibe; denn er hatte den Gesang gehört. »Weißt du was, Kornelli, morgen früh studieren wir schnell ein Festduett miteinander ein, um Dino damit zu begrüßen, wenn er zum erstenmal wieder ins Zimmer kommt.« Kornelli war ganz einverstanden. Die Mutter mahnte nun, daß, wie immer am Schluß des Tages, das Abendlied gesungen werde. Sie hatte um der Gesangübungen willen diesen Schluß schon sehr weit über die gewohnte Zeit hinausgeschoben. Agnes behauptete, den heutigen Tag könnte man nicht mit einem sanften Abendlied beendigen, man müßte ein lautes Lob- und Danklied singen, und stimmte gleich ihren Lobgesang an, in den auch die anderen mit Freuden einstimmten. Kornelli war über die unerwartete Freude und große Freundlichkeit von Agnes so erfreut und verwundert, daß sie in ihrem Stübchen noch lange auf dem Bett sitzen und nachsinnen mußte, warum sie doch nie recht froh sein konnte, obschon doch nun fast alle im Hause sie so liebevoll behandelten. Aber sie wußte es bald wieder. Die Angst war ja immer da, daß sie aussähe wie sonst niemand, und daß es noch immer ärger werden würde, bis sie es nicht mehr verbergen könnte; dann würden sie doch alle denken wie Mux, wenn sie es auch nicht sagen würden. Am andern Morgen, als Kornelli eben aufgestanden war, trat die Mutter in ihr Stübchen. »Kornelli«, sagte sie, das Kind bei der Hand nehmend, »du machst uns allen soviele Freude, du hast meinem kranken Dino manche frohe Stunde gemacht und den kleinen, unruhigen Mux so gut unterhalten, daß er fast nicht mehr ohne dich sein kann. Ich möchte dir auch einmal etwas Gutes tun; ich möchte dich heute ganz festlich machen und was dich entstellt, für immer fortbannen.« Schon hatte die Mutter begonnen, des Kindes Haar zu ordnen. »O nein, nein, nur das nicht!« schrie es auf. »Dann ist alles aus. Ich muß heim, ich will heim! Sie lachen mich alle aus und können mich nicht mehr leiden. Oh, Sie wissen nicht, wie es ist.« »Ich weiß alles, liebes Kind«, sagte ruhig die Mutter. »Dino hat mir alles erzählt. Du weißt doch, daß ich dich lieb habe, Kornelli, nicht wahr? Du weißt, daß ich dir nichts zufügen würde, das dir weh- und nicht wohltun könnte. Du bist in einem Irrtum, von dem ich dich heilen möchte.« »Nein, nein, es ist kein Irrtum, gewiß nicht«, rief Kornelli angstvoll, »die Base hat es gesagt und Fräulein Grideelen auch; sie haben es gesehen, ich weiß es. Oh, streichen Sie nur die Haare nicht weg!« »Kornelli«, fuhr die Mutter ruhig fort, »die Damen haben dir gesagt, sie sähen Hörnchen auf deiner Stirne, und die würden immer größer, wenn du in so finsterer Weise deine Stirn zusammenziehst. Das ist deine Angst, daß es so sei und nun immer ärger werde. Das hast du in einer Weise verstanden, wie sie es nicht meinten. Sie wollten dir sagen, wenn du so deine Stirn runzelst, so siehst du aus, als hättest du Hörnchen. Sie wollten dich dadurch abzuhalten, so zu tun. Sie meinten es gut mit dir; du hast es nicht recht verstanden. Aber mich verstehst du nun und weißt, daß ich es nur gut mit dir meine. Laß mich nun gern machen, was dir wohltun wird. Du hast doch Vertrauen zu mir? Würde ich etwas tun, was dich in den Augen der Menschen abschreckend erscheinen ließe? Das kannst du nicht glauben, liebes Kind!« Kornelli stöhnte nur noch leise. Mit gewandter Hand hatte unterdessen die Mutter weitergearbeitet, das dichte Haar war nun schön gescheitelt. Zu beiden Seiten der sauberen weißen Straße in der Mitte lagen die Wellen des braunen Haares und umrahmten die schneeweiße Stirn, die kein Sonnenstrahl den ganzen Sommer durch getroffen hatte, so dicht war sie bedeckt gewesen. Zwei dicke braune Flechten, die eben fertig geflochten waren, wand die Mutter um den Kopf herum; sie machten eine ganze Krone aus. Lächelnd schaute jetzt die Mutter in Kornellis Gesicht. Die veränderte Erscheinung erfreute ihr Herz. »Komm nun mit mir hinüber; wir wollen sehen, ob die Kinder die Veränderung bemerken«, sagte sie und nahm Kornelli an der Hand, um sie hinüberzuführen. Kornelli war froh, mit der Mutter ins Zimmer zu treten; allein hätte sie es kaum gewagt. Auch so noch schaute sie scheu zu Boden, als die Tür aufging. Mux hatte schon auf seine Freundin gewartet; er lief ihr entgegen. »Was hast du gemacht, Kornelli?« sagte er plötzlich verwundert; »du bist ganz sauber und schön um die Stirn und hast glänzende Augen wie ein Kanarienvogel, und du siehst nicht mehr der Eule gleich.« »Nein, aber Kornelli, du bist ja ganz verwandelt«, rief nun Agnes aus, »laß mich sehen! Mach ein wenig Platz, Mux! Nein, dich kennt man gar nicht mehr! Es ist ein wahres Glück, daß du das getan hast; jetzt ist es eine rechte Freude, dich anzusehen.« »Die Mutter hat es getan«, sagte Kornelli, wie verwirrt über diese Freudenbezeigungen. Auch Nika hatte ihre Augen auf Kornelli gerichtet. »Du bist ein ganz anderes Kind als vorher«, sagte sie; »wie hast du nur so werden können?« Es war ein so einnehmender Ton, mit dem diese Worte gesprochen wurden, daß Kornelli mehr und mehr ein tief wohltuendes Gefühl durchdrang, das sie aber immer wieder mit Scheu zurückdrängte. Es konnte ja fast nicht möglich sein, konnte sie denn wirklich mit einemmal von ihrer schrecklichen Angst für immer befreit sein? Nun drängte Agnes, Kornelli sollte mit ihr zu der Gesangsübung kommen, damit dem aufstehenden Dino ein festlicher Empfang bereitet werden könnte. Kornelli war ganz einverstanden, und die Übungen begannen und setzten sich fort und fort; denn Agnes konnte nicht satt werden, mit der neu entdeckten Stimme alle möglichen zweistimmigen Gesänge durchzunehmen, die sie bisher aus Mangel an einer zweiten Stimme niemals hatte ausführen können. Erst zum Mittagessen erschien Dino, noch blaß, aber sehr lebendig. »Hurra, Kornelli«, rief er aus, nachdem er ins Wohnzimmer eingetreten war, »nun siehst du wieder aus wie in Illerbach, wenn du vergaßest, daß du die Vorhänge über deine Stirn ziehen mußtest, und noch viel besser! Wie siehst du gut aus. Kornelli! Noch einmal Hurra und Freude ohnegleichen.« Aber was jetzt kam, hatte Dino nicht erwartet: plötzlich ertönte der Festgesang, und so voll und rein klang Kornellis Stimme heraus, daß Dino nur immer wieder Nika anstieß und leise sagtet »Hörst du's jetzt? Siehst du's jetzt? Merkst du's bald?« Man konnte wohl bemerken, die beiden waren bis jetzt nicht derselben Meinung über Kornelli gewesen. Es war ein rechter Festtag heute. In Kornellis Herzen begann das Gefühl von wonnigem Wohlsein alle anderen Empfindungen zu verdrängen. Ihre natürliche Heiterkeit brach, wie von Banden befreit, hervor und regte alle anderen zu solcher Heiterkeit und solchem Festjubel an, daß die Mutter selbst mit einstimmen und nur immer wieder mit Staunen und Freude auf ihre Mädchen schauen mußte, die sonst so wenig ungetrübte Freude zeigten, und auf ihren Dino, der mit seinem glückstrahlenden Ausdruck so frisch und wohl aussah. Aber heimlich mußte sie auch wieder seufzen und sich fragen: »Wie lange wird diese Freude bei uns anhalten? Vor uns liegen ja doch für uns alle schwere Zeiten.« »Habe ich nun recht gehabt?« mußte Dino noch seinen Schwestern zurufen, als man sich zum Schlafengehen trennte und Kornelli schon verschwunden war. Wie manchesmal hatte die eine oder die andere seit Kornellis Ankunft heimlich zu ihm gesagt: »Was du an deiner Freundin so anziehend und so kurzweilig findest, begreifen wir nicht.« Kornelli stand wie im Traum, als sie nun allein war. Was war nur mit ihr vorgegangen? War es wirklich wahr, daß der große Kummer, der so lange sie gedrückt und ihr alle Freude genommen hatte, auf einmal ganz verschwunden war und für immer. Aber die Mutter hatte ihr ja fest gesagt, es sei alles ein Irrtum gewesen, und die Kinder hatten alle bewiesen, daß es so sei. So war sie wieder wie vorher und konnte wieder fröhlich sein ohne Angst im Hintergrund. Kornelli war so voller Freude und Dank. »Oh, wie hat der liebe Gott alles so gut für mich gemacht!« sagte sie in ihrem Herzen und erinnerte sich daran, wie angstvoll sie gebetet hatte, er solle doch verhüten, daß sie nach der Stadt müsse, und nun hatte er sie wohl nach der Stadt gehen lassen, aber so anders, als sie gefürchtet hatte. Gerade durch das Fortgehen war ihr der große Kummer weggenommen worden. Ja, die Marthe hatte wohl recht gehabt; Kornelli wollte es nicht mehr vergessen; sie wollte nie mehr etwas erzwingen wollen, nur bitten, der liebe Gott solle doch alles gut machen nach seinem Willen. Jetzt hatte sie ihm so herzlich und innig zu danken, daß sie erst ganz spät sich zum Schlaf niederlegen konnte, und dann erst noch lange wach blieb; aber es war nur aus übergroßer Freude. »Heute habe ich dir etwas Besonderes mitzuteilen, Kornelli«, sagte die Mutter, als die Familie am andern Tag nach dem Abendessen friedlich beisammen saß. »Du weißt, ich habe deinem Vater geschrieben, wir bitten alle darum, daß er dich noch einige Zeit bei uns lasse. Er hat mir geantwortet, ihm wäre es am liebsten, wenn sein Töchterchen gleich ein ganzes Jahr lang bei uns bliebe und allen Unterricht mitnähme, den ich meinen Töchtern erteilen lasse. Du solltest aber die Freiheit haben, Kornelli, deinem Vater selbst zu schreiben, wie dich dieser Vorschlag berühre.« »Du bleibst doch bei uns, Kornelli, gelt, du bleibst bei uns?« rief Dino gleich aus; »du bleibst da bis zum Sommer, dann geh ich mit dir heim nach Illerbach. Ich komme dann ja doch wieder zu der guten Frau Marthe; das ist schon bestimmt.« »Und ich auch«, sagte Mux entschlossen, »und weißt du, Kornelli«, flüsterte er ihr dann ins Ohr, »ich bleibe dann immer bei dir in deinem Haus, und Dino kann dann ganz allein zu der alten Marthe gehen.« Agnes war entzückt über diese Aussicht. »Oh, wie herrlich! Wie herrlich!« rief sie einmal ums andere aus. »Nun nehmen wir Singstunden zusammen und lernen vorweg die gleichen Gesänge und singen alles zusammen wieder daheim. Oh, das ist ganz unsäglich erfreulich!« Sogar Nika sagte zustimmend: »Du wirst doch deinem Vater schreiben, du wollest bei uns bleiben, Kornelli, wir fangen eigentlich doch erst jetzt an, dich kennenzulernen.« Kornellis Augen erglänzten in immer größerer Freude. Alle wollten sie gern behalten, alle! Und noch ein Gedanke war in ihr aufgestiegen: wenn der Vater sie ein Jahr lang dalassen wollte, dann war es wohl die Institutszeit, die er für sie im Sinn hatte. Oh, wie war das so anders, als was sie sich gedacht und so gefürchtet hatte! »Oh, ich will ja so gern dableiben, so gern!« sagte sie plötzlich in warmer Erregung. »Darf ich gleich an Papa schreiben?« Das war der Mutter gerade recht. Sie setzte sich neben Kornelli hin; auch sie wollte an den Vater schreiben, die Briefe sollten zusammen abgehen. Als der Direktor in Illerbach zwei Tage nachher bei seinem Morgenkaffee saß, öffnete er vor allen anderen Sendungen, die dalagen, den dicken Brief, der aus der Stadt kam. Es waren deren zwei in der Umhüllung. Mit Verwunderung las er den einen wie den anderen. Die Frau Pfarrer schrieb, alle Glieder ihrer Familie hätten mit Jubel seinen Vorschlag für Kornellis längeren Aufenthalt in ihrem Hause aufgenommen; denn sie alle hätten Kornelli recht von Herzen liebgewonnen. Die liebe neue Hausgenossin hätte eine recht wehtuende Lücke in ihrer Familie zurückgelassen. Kornellis Brief lautete: »Lieber Papa! Ich will so gern hier bleiben; die Mutter und alle Kinder sind mir so lieb, wie ich gar nicht sagen kann. Ich möchte auch gern viel, viel lernen; Nika und Agnes wissen soviel und sind so geschickt; ich wollte so gern auch alles lernen, was sie können. Wenn Du mir das erlaubst, bin ich ganz ungeheuer froh! Grüße mir vielmals die Marthe und Esther und Mathis. \<letter\> Dein Kornelli.« Der Direktor schüttelte den Kopf, als er die Briefe durchgelesen hatte. »Wenn das nur mit rechten Dingen zugeht!« sagte er bei sich. »Kaum ein paar Wochen, seit sie mir gesagt haben, daß dieses Kind nicht zurechtgebracht werden könne, seit ich das störrische, unbegreiflich verkehrte Wesen des Kindes ja selbst gesehen habe. Und nun! Freilich, man darf ja wohl nicht so buchstäblich nehmen, was vielleicht in einem Augenblick der Erregung geschrieben worden ist.« Aber der Direktor war doch sehr froh über die Nachrichten. Seine größte Sorge war ihm ja zunächst abgenommen. Jemand wollte sich seines Kindes annehmen, und es war eine Frau, die ihm samt ihren Kindern den günstigsten Eindruck gemacht hatte. Wie lange es mit dem störrischen Kinde bei ihr gehen würde, wollte er eben abwarten. Die Mutter hatte für Kornelli bald alles vorbereitet, so daß sie nun einen richtig geordneten Schulunterricht beginnen konnte. Agnes trieb mit Feuereifer, daß auch sogleich Musikstunden genommen würden; das war doch die Hauptsache, meinte sie. Kornelli wünschte es auch selbst; am liebsten wollte sie gleich alles lernen, was Nika und Agnes erlernten, und mit voller Lust und ganz frischen Kräften stürzte sie sich auf jedes Gebiet, das vor ihr aufgetan wurde. Dino war nun wieder genesen; auch für ihn hatte der Schulbesuch wieder begonnen. So zog jeden Morgen das Trüppchen der vier Kinder im lebhaften Gespräch die Straße hinunter, den verschiedenen Schulen zu. Trafen sie im Heimweg wieder zusammen, so war die Unterhaltung noch viel lebendiger; denn dann hatte man sich gegenseitig die mannigfaltigen eben erlebten Schulereignisse mitzuteilen. Darin war dann Kornelli immer allen voran; sie konnte alles so komisch schildern und den andern vor die Augen führen, daß meist alle vier in hellem Gelächter die Treppen heraufkamen. So war für alle der jetzige Zustand der Dinge ein ganz erfreulicher, nur für Mux nicht; seine Freundin Kornelli war ihm ja ganz entzogen. In seinem großen Zorn rief er den vier lachenden Schulgenossen zu, die eben hintereinander das Treppchen heraufkamen: »Alle Schulen würde ich verbrennen, wenn ich sie nur hätte.« »Nur nicht gleich alle Lehrer mit, Mux«, sagte Dino, »sonst hätte man von dir noch ganz anderes zu berichten, als du von Agnes erzählst.« Die Tür zwischen Kornellis Stübchen und dem Schlafgemach der Schwestern war geöffnet worden und stand nun immer offen; alle drei hatten es so gewünscht. Da war ja kein Abend mehr, an dem man sich nicht soviele Dinge mitzuteilen hatte, daß der letzte Augenblick noch dazu benutzt werden mußte. Für Nika und alles, was sie tat, hatte Kornelli nur Bewunderung. Daß eine solche Nika, an der alles schön war und die alles machen konnte, was schön war, einen Kummer haben sollte, hatte Kornelli nie begriffen, aber immer wieder daran denken müssen; denn oft sah Nika so aus, daß man es sehen konnte, sie mußte heimlich an einem Kummer leiden. Agnes mußte den ihren auch noch mit herumtragen; denn manchmal, mitten im vergnügtesten Lachen, konnte sie plötzlich abbrechen und sagen: »Ja, du kannst wohl lustig sein, Kornelli, du hast es gut, aber wir, ja wir!« Dann zog Agnes ihre Stirn auch so in Runzeln, daß Kornelli denken mußte, ihr Kummer tue recht weh. Sie hätte ihr so gern geholfen; aber sie fragte nie danach, was ihr wehe tue. Kornelli wußte ja wohl, wie froh sie selbst gewesen war, wenn kein Mensch danach gefragt hatte, was ihr fehle. Heute kam Agnes aus der Musikstunde heimgerannt, rot und aufgeregt wie noch nie. »Mama«, rief sie schon unter der Tür, »der Lehrer hat uns die Stücke ausgeteilt, die wir in der Prüfung zu spielen haben. Meines ist das schwerste von allen, und zu mir hat er gesagt, wie er mir's übergab: ›Aus dir mach ich noch was Rechtes.‹« Jetzt ergriff Agnes ihre Hefte, warf sie von sich, als wären es ihre ärgsten Feinde, und lief weg. Kornelli lief ihr voller Teilnahme nach. Agnes stürzte nach ihrem Zimmer, warf sich auf einen Sessel und schluchzte laut. Mit dem herzlichsten Mitleiden faßte Kornelli sie um den Hals: »Oh, ich weiß wohl, wie es ist, Agnes, wenn man so weinen muß«, sagte sie; »aber warum mußt du jetzt so weinen? Dein Lehrer hat dich ja gerade so gelobt!« Jetzt brach Agnes los: »Ja, was nützt mir das? Und was nützt es mir, wenn ich noch so gut spiele und noch so gern üben wollte Tag und Nacht! Das nützt alles nichts. Noch ein Jahr dürfen wir fortfahren, Nika und ich, dann ist alles aus. Sie darf nicht mehr malen, und ich nicht mehr Musikstunden nehmen. Wir müssen Schneiderinnen werden, und ich darf nicht einmal mehr die höheren Klassen an der Schule durchmachen, dazu ist dann keine Zeit mehr. Tausendmal lieber will ich durch die Welt ziehen und für etwas Geld ein Lied vor den Häusern singen – ja, das will ich!« »Kann denn die Mutter nichts machen, daß ihr das nicht müßt?« fragte Kornelli, der die Hilfe der Mutter gegen ihren großen Kummer noch so gut in der Erinnerung war. »Nein, das kann sie nicht, es tut ihr selbst leid genug. Da ist gar kein Mensch, der uns helfen kann, wenn der Vormund es will«, rief Agnes aus, »und er sagt, es gehe nicht anders.« Diese Erklärung drückte Kornelli sehr danieder. So war denn gar nichts zu machen. Nun begriff sie, daß Nika oft so traurige Augen hatte. Das war nun wirklich ein großer Kummer; er ging auch Kornelli tief zu Herzen. Wenn Agnes einen ihrer Verzweiflungsanfälle gehabt hatte, kam sie einige Tage lang nicht mehr zurecht. Dann sagte auch Nika kein Wort mehr, und die Mutter schaute immer wieder still und betrübt auf ihre Kinder. Dino wurde dann auch schweigsam; er wußte wohl, was die Mutter und die Schwestern quälte. Er hätte auch so gern den Schwestern geholfen; aber er wußte keinen Weg. Dann konnte Kornelli gar nicht mehr lachen und lustig erzählen; sie wußte wohl, wie es tut, einen Kummer mit herumzutragen. Neues Leben in Illerbach Der Winter war gekommen. Die Tage waren für alle Bewohner der Mansardenwohnung mit geregelter Arbeit so besetzt, daß jeden Abend, wenn die Feierzeit kam, allgemeiner Jammer erscholl, daß der Tag schon wieder um war und nicht noch viele Stunden hatte. Vor allem war es Agnes, die aussah, als wollte sie vergehen vor Entrüstung, wenn immer wieder alles abgebrochen und zu Bette gegangen werden sollte. »Mit Schlafen verliert man die halbe Zeit seines Lebens«, rief sie öfters empört aus, »wenn du uns noch erlauben wolltest, die Nächte durch zu singen, Mama, wir wären nachher am Tag nur um so frischer bei der anderen Arbeit; denn so könnten wir doch einmal nach Herzenslust beim Singen bleiben und müßten nicht immer, wenn wir im besten Zug sind, alles abbrechen.« Aber die Mutter war nicht der Ansicht; die Nächte mußten immer wieder zum Schlafen verwendet werden. Kornellis Gesang war auch für Agnes ein immer neues Entzücken. Mühelos und leicht wie ein Vogel sang Kornelli alles, was sie auch nur einmal hörte und mit einer Stimme, so klangvoll und klar, daß jeder sich daran freuen mußte. In der ganzen Schule war keine zweite Stimme zu finden wie die ihre, so voll und so sicher zugleich. So sagte der Lehrer selbst, und beim allgemeinen Gesangunterricht wollte er Kornelli gleich vor sich an der ersten Stelle haben, ihre Stimme war die sicherste Leiterin des Chores. Mitten im Winter schrieb der Direktor an die Frau Pfarrer: Da er sein Kind nun so gut untergebracht wisse, habe er beschlossen, jetzt gleich eine Reise zu unternehmen, die ihn längere Zeit im Auslande festhalten werde. Seine letzte Reise hätte er abkürzen müssen, um nicht gar zu lange die gütigen Stellvertreterinnen an sein Haus zu binden. Dem plötzlichen Entschluß sei es zuzuschreiben, daß er sein Vorhaben, einmal nach der Stadt zu fahren und ihr Haus aufzusuchen, nicht ausführen könne. »So schnell ist es noch niemals Frühling geworden, wie nach diesem Winter«, dachte Kornelli, als eines Tages ein lauer Wind durch die Straßen blies und der schmelzende Schnee von allen Dächern tropfte. Sie kam allein aus der Schule; heute hatte sie früher frei als die anderen. Von einem sonnigen Dach herunter pfiff ein Vöglein wie jauchzend zu dem blauen Himmel hinauf. Kornelli stand still und lauschte. Ein Sonnenstrahl fiel in die Gasse hinein, leise tropfte der aufgelöste Schnee; das Vöglein pfiff fort und fort, so lieblich, so bekannt. Vor Kornellis Augen standen die jungen Buchen droben im Wald mit dem ersten Grün bedeckt, unter der Hecke kamen die Veilchen hervor, die ersten Veilchen, im Garten am Haus glitzerten die gelben Krokusblümchen und roten Primeln, und so pfiffen die Vögel ringsum von allen Bäumen – daheim war's so schön! Oh, das alles wieder zu sehen, wieder zu hören, wieder heimzukommen, wie müßte es doch schön sein! Kornelli lief die Straße entlang und alle Treppen hinauf, um so schnell als möglich zu ihrem Tintenfaß zu gelangen. Da setzte sie sich hin und schrieb: »Lieber Papa! Daheim ist es gewiß jetzt so schön, wie sonst nirgends. Darf ich nicht bald heimkommen? Jetzt sind gewiß die Veilchen da, und im Wald ist alles grün, und dann kommen alle kleinen Blumen im Garten, und dann die Rosen und die Beeren und in den Wiesen die Vergißmeinnicht. Oh, es ist nirgends so schön, wie es daheim ist! Ich möchte auch alles so gern der Mutter und Nika und Agnes zeigen, und dem Mux das Geißlein. Dino kennt schon den Garten und die Wiesen; er möchte auch so gern wieder nach Illerbach kommen. Oh, wenn ich nur bald wieder alles sehen könnte! Viele hundert Grüße von Deiner Tochter Kornelli.« Erst nach drei Wochen kam eine Antwort vom Vater. Er schrieb, seine Reise hätte sich viel weiter ausgedehnt, als ursprünglich in seiner Absicht gelegen hätte. Daß seiner Tochter plötzlich ins Bewußtsein getreten sei, daß sie eine schöne Heimat habe, freue ihn sehr; aber daß sie nun sofort aus der Schule laufe, dafür sei er nicht. Bis zu den Sommerferien solle sie noch in der Stadt bleiben, bis dahin werde auch er fortbleiben müssen. Dann sollte sie die Familie, in der es ihr so gut gehe, Mutter und Kinder, für die Ferienzeit einladen; da sei Platz genug für alle im Hause, und er, wie auch Kornelli, seien der Frau Pfarrer großen Dank schuldig. Erst war Kornelli ein wenig enttäuscht, daß es noch so lange währen sollte, bis sie den Garten und die Wiesen und den Buchenwald wiedersehen konnte; denn ihr Verlangen danach war immer größer geworden. Aber die Aussicht, alle mit zu haben, die ganze Familie, auch Dino und auch die Mutter, erfreute sie so sehr, daß die Enttäuschung darüber verschwand. Noch viel größer aber war dann ihre Freude, als sie am Mittagstisch die Einladung ihres Vaters vorbrachte und nun von allen Seiten ein großer Jubel losbrach. Die Mädchen hatten nichts anderes vorausgesehen, als daß sie, wie jeden vergangenen, so auch diesen Sommer, ohne besondere Ferien in ihrer heißen Dachwohnung zubringen würden. Und nun die Aussicht auf ein wochenlanges Herumstreifen in dem herrlichen Illerbach, von dem Dino nicht genug hatte erzählen können. Und dazu sollten sie in Kornellis Haus und Garten wohnen, die nach Dinos Schilderung das Schönste von allem waren. Agnes schrie laut auf vor Freude, Nikas Gesicht leuchtete wie lauter Sonnenschein. Die Mutter war ganz bewegt vor Dank und Wonne. Wie oft schon hatte sie sich heimlich gesorgt, ob sie es wohl dazu bringen werde, ihren Dino zu einer rechten Erholung nach Illerbach zu senden, oder ob sie ihm die Zeit so kurz zumessen müsse, daß ihr wenig Hoffnung auf eine rechte Kräftigung blieb. Und nun hatte der liebe Gott ihr plötzlich nicht nur alle Sorge darüber weggenommen, sondern sie noch in solchen überreichen Segen verwandelt. Dino lächelte in tiefsinnigstem Vergnügen und sagte immer wieder: »Ihr solltet nur wissen, wie schön alles ist. Dieser Garten! Diese Bäume, diese Ställe, diese Pferde! Oh, dieses ganze Illerbach!« Mux aber schrie immer lauter: »Nimm mich auch mit. Kornelli, nimm mich auch mit!« Denn er konnte nicht begreifen, daß es wirklich so sein werde, daß er auch mitkomme. Noch waren viele Tage, ja noch manche Woche zu durchleben, bevor die schöne Zeit kommen würde; aber in der herrlichen Aussicht, die allen vor Augen stand, mußte es nicht schwer sein, noch durchzumachen, was eben durchzumachen war. Kornelli ging es anders. Ihr Verlangen nach der Heimat wurde mit jedem Tage stärker und heftiger, und wenn sie irgendwo ein grünes Plätzchen oder einen Baum erblickte, da standen der Garten der Heimat, die Wiesen, die Blumen am Illerbach so lebendig vor ihr, daß der Wunsch, das alles wiederzusehen, wieder heimzukommen, ein ganzes Weh in ihr wurde. Zuletzt war ihr so, als würde der Tag, da sie die Heimat wiedersehen würde, nie kommen, nie. Aber er kam doch. Wenn auch vor Freude keiner recht daran glauben konnte, er war wirklich da. Der große Koffer wurde auf einem Karren fortgebracht; hinterher wanderte die ganze Familie der Eisenbahn zu. Zuhinterst folgte Trine mit ganz erstaunten Augen; denn daß auch sie eine Reise aufs Land machen dürfe, konnte sie noch nicht begreifen, obschon sie nun auf dem Wege war. Kornelli hatte am gestrigen Tag noch so dringend für sie gebeten, daß die Frau Pfarrer nicht mehr widerstehen konnte. Kornelli sollte dann beim Vater selbst den unerwarteten Gast verantworten. Mux war so aufgeregt, daß er beständig dem einen oder dem andern vor die Füße lief und ihn am Gehen hinderte. »Du unvernünftiger Mux«, rief Dino aus, »wenn du nicht aus dem Wege gehst, kommen wir natürlich zu spät auf die Eisenbahn, und die Reise ist aus.« Diese Aussicht brachte Mux ganz außer Fassung. Er stürzte davon wie unsinnig, und Dino konnte nun auch laufen, um ihn einzufangen; denn Mux wußte ja weder Steg noch Weg; er lief nur zu, um nicht zu spät zu kommen. Endlich war man doch glücklich an die Haltestelle gekommen, der Zug wurde bestiegen, und nun ging's ins Land hinaus. Die Sonne strahlte über alle Felder und alle Wege; es war keine Wolke am Himmel. Kornelli saß am offenen Fenster und schaute gespannt hinaus. Zwei Stunden und noch eine kleine Zeit waren schnell vorübergegangen; hier mußte ausgestiegen werden. »Dort kommt er! Dort kommt er!« schrie Kornelli und stürzte der Straße zu, die ins Tal hineinführte. Eben hielt Mathis seine lustig dahertrabenden Braunen an. Kornelli stand schon vor ihnen. »Grüß Gott, Mathis, ich komme wieder heim, ist alles noch wie früher daheim?« rief Kornelli dem heruntersteigenden Kutscher zu. »Willkommen, Kornelli, willkommen daheim«, sagte er freudestrahlend; denn das Kind seines Herrn war sein ganzer Stolz. »Aber wie ist Kornelli gewachsen! Hm, hm, wie hat sich Kornelli verändert!« Er schüttelte ihre Hand noch einmal in seiner Freude, dann ging er, den Wagen aufzumachen. Die Familie war nun auch herangekommen. »Oh, da ist noch ein Bekannter, da ist ja der junge Herr von vor dem Jahr«, sagte Mathis wieder; denn Dino war zu ihm herangetreten, um ihm die Hand zu schütteln; »aber der junge Herr sah besser aus bei uns, ja, das ist wirklich wahr, viel besser.« »Das glaub ich wohl, Mathis, wenn ich jeden Morgen so gute Milch aus dem Stall bekam und sie draußen in der schönen, frischen Morgenluft trinken konnte«, sagte Dino, »in der Stadt war's anders.« Die Mutter war nun eingestiegen, die Mädchen folgten. Mux stand unbeweglich vor den zwei glänzenden Braunen und starrte sie an. Er war nicht von dem Anblick wegzubringen. »Wir nehmen sie mit«, verhieß Mathis, dem die unverhohlene Bewunderung des Kleinen gut gefiel. »Da kannst du sie jeden Tag betrachten und darauf zum Brunnen reiten.« Das half. Nun waren alle im Wagen, Trine kam zu Mathis auf den Bock, und nun ging's sausend ins Hochtal hinein. »Mutter, Mutter, sieh die roten Margeritenblumen«, schrie Kornelli auf, »sieh die goldenen Bachranunkeln! Oh, alle die blauen Vergißmeinnicht!« Kornelli war aufgesprungen, sie konnte nicht mehr stillsitzen; sie mußte vorwärts, rückwärts, nach allen Seiten schauen. So voller Blumen von allen Farben waren die Wiesen noch nie gewesen. Alle Augenblicke schrie Kornelli wieder auf vor Entzücken. Jetzt fuhr der Wagen in den Hof hinein. Kornelli sprang zuerst hinunter. »Esther, Esther, grüß dich Gott!« schrie sie der alten Bekannten zu, die in würdevoller Ruhe und in einer tadellos weißen Schürze herankam, um die Gäste zu empfangen. »Jetzt bin ich wieder daheim. Ist alles noch, wie es immer war? Ist der Garten noch ganz so wie früher? Und die Marthe und ihr Häuschen?« »Ja, ja, Kornelli, und grüß dich Gott!« erwiderte Esther, Kornelli betrachtend. »Aber du hast dich verändert, der Tausend, bist du verändert! Du bist nicht mehr wie vorher.« Kornelli war schon ins Haus gelaufen, nach der Wohnstube, zu ihrem Schrank. Es war alles so geblieben, wie es gewesen war. Kornelli stürzte wieder hinaus, der Mutter entgegen, um sie hereinzuführen. Des Kindes Gesicht strahlte vor Freude. Drüben in seiner Arbeitsstube stand der Vater in seine Schreibereien vertieft; eben hörte er den Wagen heranrollen. Er fuhr auf: »Da sind sie ja schon«, sagte er bei sich, warf schnell den Arbeitsrock über den Sessel und zog den guten an. Dann trat er aus der Gießerei und ging über den Hof. »Ach Gott«, seufzte er auf; denn noch stand ihm in frischer Erinnerung, welchen Eindruck sein Kind auf ihn gemacht, als er vor dem Jahr von seiner Reise zurückgekehrt war und Kornelli nun vor ihm stand, scheu abgewandt, seinem Blick ausweichend und anzusehen wie ein noch nie gekämmtes Insulanerkind. »Was wird jetzt mit dem Kinde sein?« Er trat ins Wohnzimmer ein. Kornelli schaute ihm eben entgegen. Der Direktor stutzte, er stand unbeweglich da, als könnte er nicht fassen, was er mit Augen vor sich sah. Kornelli stürzte nun auf ihn zu. »Oh, Papa! Papa! Es ist so schön daheim! Es ist alles noch, wie es war. Oh, ich bin so froh, wieder daheim zu sein!« Der Vater wollte sein Kind umarmen; aber er hielt es noch einmal von sich, er mußte es noch einmal anblicken. Er hatte Tränen in den Augen. »Kornelli, mein Kind, du schaust mich an wie deine Mutter. Wie bist du deiner Mutter so ähnlich geworden!« sagte er, in der größten Bewegung, das Kind in seine Arme schließend. »Wie ist es möglich! Wie hast du dich verändert! Wie bist du so geworden?« »Die Mutter weiß es, Papa, die Mutter hat mir geholfen«, sagte Kornelli, mit leuchtenden Augen die Mutter herbeiholend, die mit ihren Kindern zurückgetreten war. Der Direktor ging auf sie zu. »Seien Sie herzlich willkommen in meinem Hause, Frau Pfarrer, und Ihre Kinder mit Ihnen«, sagte er, in der herzlichsten Weise eines nach dem andern begrüßend. Dann, sein Kind wieder bei der Hand nehmend, fuhr er in bewegtem Tone fort: »Und was haben Sie mir hier zurückgebracht! Was haben Sie mit meinem Kinde gemacht? Wie war es möglich? Ist dies dasselbe Kind, das ich Ihnen zuführte?« Er mußte wieder und wieder Kornelli anschauen; sah sie wirklich so aus, war es keine vorübergehende Erscheinung? Keine Einbildung? War dies sein Kind? Der Vater hielt die Hand des Kindes fest und schaute ihm immer wieder in die glänzenden Augen; es war, als könne er's nicht glauben. Die sorgliche Esther brachte nun allerlei Geschirr herein; der Tisch sollte gerüstet werden. Unter der Tür teilte sie ihrem Herrn mit, die Zimmer der Gäste seien alle in Ordnung; die Damen würden sich wohl gern noch zurückziehen. Die Mutter nahm für sich und ihre Töchter den Vorschlag gern an; aber Kornelli sagte: »Gelt, Papa, ich darf schnell zu Marthe hinüberrennen, ich bin bald wieder da?« Der Vater nickte bejahend. Dino erbat sich auch die Erlaubnis; er konnte nicht zurückbleiben, wenn es zu der guten Marthe ging. Die Kinder wollten den Weg hinausrennen; aber Kornelli kam nicht vom Fleck. Die Wiesen waren ja ganz besät mit all den Blumen, die sie so lange nicht gesehen hatte. Sie mußte hier die roten Margeriten, dort die gelben Bachranunkeln holen, die blauen Vergißmeinnicht konnte sie erst recht nicht stehen lassen. Aber Dino mahnte, doch zu kommen; sie mußten ja bald wieder heim, und die Blumen würden doch morgen noch da sein. Marthe hatte schon vernommen, daß heute Kornelli erwartet wurde und mit wem sie kommen sollte. Lange schon hatte sie nach dem Hof und Garten hinübergespäht, ob sie nicht ein Stückchen von Kornelli entdecken könne, oder vielleicht etwas von Dino. Nun kamen beide miteinander ihr Treppchen heraufgerannt. Marthe lief hinaus. Das war Dino, ja, so wie sie ihn ja wohl kannte. Aber Kornelli – Marthe schaute auf das Kind und drückte ihm die Hände und wollte etwas sagen; aber die hellen Tränen liefen über ihre Wangen; sie konnte nichts sagen. »Oh, Marthe, ich habe mich so gefreut heimzukommen und bin dann auf der Stelle zu dir gelaufen!« rief jetzt Kornelli. »Freust du dich denn nicht mit mir? Oh, ich bin so froh, so froh!« »Ich auch, oh, ich auch«, versicherte Marthe; »es ist ja nur die Freude über dich und die Erinnerung. Oh, wie siehst du doch deiner seligen Mutter gleich, und wie anders siehst du doch aus, als da du gingst, Kornelli! Dir hat der liebe Gott dein Stadtleben so gesegnet, daß es mir ist wie ein Wunder; wie habe ich auch gebetet dafür!« Nun mußte sie auch noch einmal Dino die Hand schütteln und noch einmal; aber in die große Freude, ihn wiederzusehen, mischte sich eine Betrübnis. »So schmal und bleich, Dino, warum denn bloß?« fragte sie besorgt. »Vor einem Jahr waren die Wangen voller.« »Eben darum komm ich wieder nach Illerbach«, erwiderte Dino fröhlich, »und nun müssen Sie sich auch mit uns freuen, Frau Marthe; wir sind so unbändig froh, wieder da zu sein, Kornelli und ich. Oh, da ist es noch ganz so schön wie vor dem Jahr, und zu Ihnen kommen wir alle Tage; da bin ich ja ganz daheim.« Marthe konnte vor Rührung nichts mehr sagen. Da stand Kornelli vor ihr, so frisch und froh wie nur je; alles unbegreiflich Traurige und alle Entstellung an dem Kinde waren verschwunden und ein Ausdruck in die fröhlichen Augen gekommen, der das Herz der Alten im tiefsten bewegte. So hatte die junge Mutter sie angeblickt. Und da stand Dino mit der alten Anhänglichkeit und sprach so freundliche Worte zu ihr; sie konnte sich vor Glück gar nicht fassen. »Nun müssen wir gehen, Marthe«, sagte Kornelli; »aber du weißt schon, wie es immer war; ich kam ja alle Tage zu dir gelaufen, so soll's wieder sein.« »Und ich mit! Und ich mit!« rief Dino, und wie sie nun dahinrannten zusammen, schaute Marthe, auf ihrem Treppchen stehend, die Augen voller Freudentränen, ihnen nach, solange sie noch etwas von ihnen sehen konnte. Mit gefalteten Händen schaute sie noch hin, auch als sie schon verschwunden waren. »Oh, du lieber Gott«, sagte sie leise, »mein Herz ist übervoll von Dank. Du hast es alles gesegnet, was hart für das Kind war, es ist alles zum Guten geworden.« Als die Kinder ins Haus traten, sagte Kornelli: »Geh nur hinein, Dino; ich komme gleich nach.« Dann schwenkte sie ab und trat in die Küche ein. »Hab ich doch gedacht, daß unser Kornelli noch den Weg zur Küche finden wird«, sagte Esther befriedigt. »Komm, laß dich einmal recht ansehen, Kornelli.« Esther stellte sich breit vor das Kind hin. »Du bist aber ordentlich gewachsen in dem Jahr, und so geordnet und schön gekämmt siehst du jetzt aus. Ja, ja, unser Kornelli darf man schon anschauen.« Kornelli wurde ein wenig rot. Sie dachte daran, wie sie ausgesehen hatte, als sie fortging; sie wußte nun wohl, wie alles gewesen war, und wie sie sich gegen allerlei gute Meinung der anderen gesperrt hatte. »Esther, ich muß dir etwas sagen. Wo ist die Trine, die mitgekommen ist?« fragte jetzt Kornelli. »Ich habe ihr gesagt, sie soll hinters Haus gehen und den Gemüsegarten ein wenig betrachten«, sagte Esther; »sie stand mir in der Küche überall im Weg, sie sieht nicht gerade flink aus.« »Nein, das tut sie nun schon nicht. Siehst du, Esther, wegen der Trine wollte ich dir gerade etwas sagen: gelt, du willst schon gut mit ihr sein?« sagte Kornelli ganz bittend. »Siehst du, die Trine ist viereckig und vernagelt, aber sie kann nichts machen, daß sie anders wird. Du weißt vielleicht nicht, wie es ist; aber ich weiß es ganz gut. Und wenn du recht gut zu ihr bist, so tut es ihr dann weniger weh, daß sie so sein muß. Gelt, du willst es mir schon zu Gefallen tun?« Esther schaute ganz erstaunt auf das Kind, das nun der Stube zurannte. »Wie nur unserem jungen Kinde solche Gedanken kommen!« mußte Esther bei sich sagen. »Man könnte meinen, unser Kornelli hätte selber ganz unten durch müssen und wäre nicht die Direktorstochter, die haben kann, was sie will.« Noch lange mußte Esther von Zeit zu Zeit den Kopf schütteln; aber sie wollte Kornelli beweisen, daß sie die einzige Tochter vom Hause sei, die zu befehlen habe; denn sie war stolz auf Kornellis Stellung; sie wollte zeigen, wie sie die Wünsche ihrer jungen Herrin zu erfüllen wußte. Nach der ersten fröhlichen Mahlzeit rannten die Kinder, wie ihnen erlaubt worden war, nach dem Garten hinaus. Sie wußten, was da alles zu sehen war. Wie begeistert hatte Dino bei seiner Heimkehr den Garten mit den Blumen aller Farben, mit den Spalieren voll roter Pfirsiche geschildert! Die fruchtbeladenen Birn- und Apfelbäume, die großen Ställe drüben mit den glänzenden Kühen, den stolzen, prächtigen Pferden; nun sollten sie alles selbst sehen. Mit dem gleichen Verlangen stürzten sie alle fünf davon. Der Direktor saß noch bei seinem Kaffee, und die Frau Pfarrer leistete ihm gern Gesellschaft. »Nun, Herr Direktor«, sagte sie, als die Tür sich hinter den Kindern geschlossen hatte, »lassen Sie mich endlich aus tiefstem Herzen meinen Dank aussprechen für Ihre große Freundlichkeit.« »Was? Wie? Sie wollen mir danken, Frau Pfarrer?« unterbrach sie der Direktor. »Sie mir? Nun lassen Sie mich sprechen! Wie kann ich je den Dank abtragen, den ich Ihnen schulde! Was haben Sie aus meinem Kinde gemacht! Wie haben Sie dieses störrische, eigensinnige Kind so zurechtgebracht, so verwandelt, so entwickelt! Wie sieht mein Kind aus! Ich muß es immer wieder ansehen, ob es wirklich sein kann. Wie war es möglich? Und wie soll ich Ihnen danken? Wie könnte ich Ihnen je vergelten, was Sie an Mühe, Sorge, Geduld – ach, ich weiß ja nicht, was Sie alles an mein Kind gewandt haben, daß Sie es so mir wiedergeben können!« »Nein, Herr Direktor, so steht die Sache wirklich nicht«, sagte die Frau Pfarrer, »Kornelli hat mich weder Mühe, noch schwere Sorge, noch Geduld gekostet. Wenn ich den guten Kern ihres Wesens herausholen und durch Liebe zu seiner erfreulichen Entfaltung etwas beitragen konnte, so ist es alles, was ich getan habe. Schwer hat mir Kornelli meine Aufgabe keinen Augenblick gemacht. Wir alle haben das Kind so lieb gewonnen, daß wir mit Schmerzen daran denken, die Zeit könnte nahe sein, da es unser Haus wieder verlassen müßte. Welche schöne Zeit Kornelli besonders meinem Dino während seiner Krankheit, und meinem freundschaftbedürftigen Kleinen fortwährend durch ihre unveränderliche Heiterkeit und Freundlichkeit bereitet hat, das will ich dem lieben Kinde nie vergessen. Ja, Herr Direktor, Sie haben ein liebes Kind.« Der Direktor war aufgesprungen vor Erregung. Er lief hin und her im Zimmer. Es war eine andere Erregung als diejenige, die ihn vor dem Jahr so in der Stube auf und nieder getrieben hatte. »Sie wissen nicht, was Sie mir sagen, Frau Pfarrer«, sagte er jetzt, vor ihr stillstehend, »Sie wissen nicht, von welcher Qual Sie mich befreien! Wie habe ich gelitten unter dem inneren Vorwurf, ich hätte das Kind meiner Kornelia vernachlässigt, bis alles zu spät, bis das Kind völlig verdreht und verstockt war für immer, und nun kommen Sie und bringen mir das Kind so wieder, daß ich die Mutter in seinen Augen, in seinem Ausdruck, in seiner ganzen Erscheinung erkenne, und Sie sagen mir, unveränderliche Heiterkeit und Freundlichkeit sei sein Wesen; das ist ja meine Kornelia ganz und gar, ganz so, wie sie war.« »Noch eins möchte ich berichtigen, Herr Direktor«, wandte die Frau Pfarrer ein. »Ich bin zwar überzeugt, daß es gar nicht gleichgültig ist, unter welchen Einflüssen ein Kind schon in den ersten Jahren steht; auch glaube ich, Kornelli hätte der liebevoll leitenden Hand der Mutter wohl bedurft. Dennoch muß ich sagen, Ihre Kornelli war durchaus kein vernachlässigtes Kind, als sie zu mir kam, und aus allem, was ich von ihr selbst und was ich von Dino weiß, der ja bei der guten Frau Marthe wohnte, muß ich glauben, daß diese Frau Ihrem Kinde das Beste gegeben hat, was wir den Kindern an innerer Erziehung geben können. Frau Marthe halte ich recht hoch, sie ist eine wahre Kinderbeschützerin.« »So sagte auch meine Kornelia, darum hatte ich Vertrauen in sie. Aber dann kam die Zeit, da ich denken mußte, es sei alles gefehlt. So habe ich doch zu wenig geschätzt, was sie dem Kinde war. Sie erinnern mich an meine Schuld.« Ein so lauter Jubel erscholl jetzt vom Garten herauf, daß die beiden ans offene Fenster traten. Von unten herauf schrie Mux wie unsinnig: »Mama! Mama! Schau! Ein lebendiger Geißenbub und eine lebendige Geiß! Komm herunter, Mama, und sieh!« Wirklich, auf dem hohen Sitz eines schönen Korbwagens saß Mux, zwei Zügel in der einen, eine große Peitsche in der anderen Hand. Eine schlanke junge Geiß zog den Wagen. Agnes und Kornelli liefen als Beschützerinnen neben dem Wagen her, Dino hielt die Geiß leicht am Zügel fest, damit sie nicht ausreiße. Alle jubelten und jauchzten über die herrliche Fahrt. Hinten beim Gebüsch stand Mathis und überwachte diesen ersten Versuch, ob etwa seine Hilfe noch nötig sein könnte. Er hatte den Wagen für Kornelli hergerichtet und sehr schön aufgerüstet. Die Geiß hatte er schon mehrmals eingespannt, damit sie sich unter Kornellis Leitung ordentlich benehme. Als nun Mathis sein Fuhrwerk den Kindern vorgeführt hatte, da hatte Kornelli gleich gefunden, da gehöre Mux hinauf. Dann werde ganz lebendig das Bild erstehen, das den Mux in seinem Buche am meisten entzückte. Mux schrie vor Wonne wie außer sich auf seinem Wagen der Mutter zu; sie mußte wirklich die Herrlichkeit in der Nähe sehen; sie kam heraus. Auch der Direktor verließ das Haus; er ging einer anderen Seite zu. Bald nachher stieg er das Treppchen zu der kleinen Galerie hinauf, wo die Marthe auf ihrem Flickstühlchen saß. »Herr Direktor«, rief sie überrascht und machte die Tür zur Stube auf; denn draußen war nicht Platz genug für beide. Er trat ein. »Marthe, ich habe Ihr Geschäft verdorben, das fordert Entschädigung«, sagte er im völligen Geschäftston zu Marthes größtem Erstaunen, »ich habe Ihnen Ihren Pensionär abspenstig gemacht und für alle Zeit. Nun habe ich soeben dem Bauer drüben Ihr Häuschen abgekauft mit dem kleinen Stück Land hier davor; da werden Sie etwas mehr Platz für Ihre Nelken haben. Wirtschaften Sie gut, und aus dem Zins machen Sie sich jährlich ein paar gute Tage. Ist's Ihnen so recht?« »Herr Direktor, mein Häuschen frei, und einen Garten dazu! Oh, Herr Direktor!« Aber er ließ sie nicht weiter kommen; er schüttelte ihr herzlich die Hand und lief fort. Die großen dunkelroten Himbeeren glühten noch aus den grünen Blättern hervor, und schon fielen von den reichlich behangenen Zweigen goldgelbe Mirabellen auf den grünen Rasen. Mux schwamm vom Morgen bis zum Abend ununterbrochen in Glück. Jeden Morgen in der ersten Frühe, bevor er die Augen recht offen hatte, schrie er die Mutter aus dem Schlaf auf mit seinem Alarmruf: »Mutter, sind wir auch noch da? Sind wir noch nicht fort?« Dann begannen die Stunden des Tages, eine schöner als die andere; Mux wußte nicht, welches die schönste war. Die Mutter hatte wirklich eine eigene Stallbekleidung für ihn verfertigen müssen; denn Mux ging nicht nur ab und zu in den Stall, er brachte den ganzen Tag in der Scheune, auf dem Heuboden, bei den Pferden, bei der Geiß und beim Melken der Kühe zu. Mathis war sein bester Freund geworden, der denn auch immerfort etwas Erfreuliches für den Mux erdachte; denn er hatte ein großes Wohlgefallen an dem eifrigen Mux mit seinen landwirtschaftlichen Neigungen. Hatte Mathis eine notwendige Arbeit vor, bei der er seinen kleinen Schützling nicht brauchen konnte, dann hatte er schon immer Ersatz für ihn gefunden: »Geh dort an die Himbeerhecke unterdessen«, sagte er dann meist; »aber nicht hier oben, dort, weit unten sind die schönsten, die allergrößten Beeren, die noch so recht von der Sonne ausgekocht sind. Und nachher geh unter den Mirabellenbaum und warte auf mich.« Pünktlich gehorchte dann Mux, und von den roten Himbeeren, die er gehörig gelichtet hatte, wanderte Mux unter den Mirabellenbaum und setzte sich beschaulich auf den Rasen hin, bis Mathis erschien. Dieser schüttelte alsobald den Baum so mächtig, daß eine Flut von goldenen Pfläumchen über Mux hinrollte und er nur so aus der Fülle schöpfen konnte. Wenn Mathis einmal nicht zu finden war und Dino und Kornelli ihre eigenen Angelegenheiten verfolgten, so daß von ihrem Beistand nichts zu erwarten war, dann wußte Mux noch eine Freundin, von der er allezeit eine liebevolle Aufnahme erfuhr. Mux wanderte dann zu Esther nach dem Gemüsegarten. Hier erwarteten ihn neue Unterhaltung und erfreuliche Dinge. Daß hier die grünen Erbsenschoten, die zu Hause nur an großen Festtagen auf den Tisch kamen, in solchen Massen von den Stauden niederhingen, war ihm wie ein Wunder. Er konnte ganz ängstlich werden beim Zuschauen, wie Esther einen ganzen Korb voll abpflückte. Wenn er dann aber warnen wollte: »Nimm nicht alle auf einmal, sonst haben wir nachher keine mehr«, dann lachte sie nur und sagte: »Sie wachsen immer wieder; über acht Tage sind noch viel mehr da.« Schaute Mux die ungeheuren Kohlköpfe, die daneben standen, etwas von der Seite an, dann sagte Esther: »Vor denen mußt du dich nicht fürchten, Muxchen; müssen die auf den Tisch, so koch ich so gut, daß die andern alle davon haben wollen, und du kriegst nur lauter gelb gebratene Kartöffelchen auf den Teller, die kommen immer dazu.« Vom Gemüsegarten begleitete Mux Esther nach der Küche, wo er wieder zu vielen nützlichen Kenntnissen gelangte. Kein Pastetchen kam auf den Tisch, von dem er nicht sagen konnte, wie es zubereitet war und genau wußte, wie es schmecken würde. Mux verlebte goldene Tage. Nicht weniger golden waren sie für die anderen Geschwister. Dino und Kornelli hatten ein großes Werk unternommen; sie legten den Garten der Marthe nach eigenem Plan an und hatten nun soviel zu erfinden und auszuführen, daß die beiden niemals zu finden waren, wie sehr auch Agnes immer wieder mit Dino um die Freundschaft von Kornelli kämpfte. Dino blieb immer wieder Sieger, und Kornelli rannte mit ihm davon. Dino war ihr erster Freund gewesen und hatte die Freundschaft so fest gehalten; sie blieb ihm dafür unverbrüchlich treu. Agnes fand auch bald wieder Trost darin, daß sie zu jeder Stunde und solange sie wollte gänzlich ungestört an dem schönen Klavier sitzen und spielen durfte, und zum Singen mit Kornelli, wie sie es wünschte, kam sie doch jedenfalls immer am Abend. Dann setzte sich der Herr Direktor in den Lehnstuhl, und nun mußte gesungen werden, ein Lied nach dem anderen. Er konnte nie genug bekommen und sagte von Zeit zu Zeit mit strahlenden Augen zur Frau Pfarrer: »Das Kind hat seiner Mutter Stimme; nur noch voller und dazu weicher war die Stimme der Mutter.« Dann glänzte auch das Gesicht der Frau Pfarrer vor Freude, und sie sagte immer wieder: »Nur ein klein wenig Geduld, Herr Direktor; Sie werden Kornellis Stimme noch einmal hören, daß Ihnen nichts mehr zu wünschen übrig bleibt. Ihr Lehrer hat keinen höheren Wunsch, als diese Stimme ausbilden zu können.« Dann nickte der Vater wieder und legte sich mit einem glückseligen Lächeln in seinen Stuhl zurück. Nika war wie verwandelt. Kein Schatten verdunkelte mehr ihr Gesicht; in fortwährendem stillem Glück wanderte sie mit ihrem Malkasten von einer schönen Stelle im Garten zur anderen, bald zum Buchenwald hinauf, bald wieder nach der Anhöhe, wo die Eiche stand mit der Bank darunter, auf der sie sich niederlassen und Haus und Garten und weit hinaus das grünende Tal überschauen konnte. Da konnte Nika überall ganze Stunden lang an ihrer beglückenden Arbeit sitzen und träumen und wieder schaffen; kein Mensch störte sie, durch keine unerwünschten Geschäfte wurde sie unterbrochen. In unaussprechlichem Glücke schaute die Mutter auf den frisch aufblühenden Dino, auf die freudeleuchtenden Gesichter ihrer Mädchen; aber plötzlich stiegen dann wieder in ihr die Gedanken auf: wie anders würde es mit allen wieder kommen, wenn nun diese Tage des Glückes zu Ende sein und das Leben in den engen Schranken mit den drohenden Schatten der kommenden Jahre wieder aufgenommen werden mußte. Die Ferienzeit ging ihrem Ende entgegen; aber noch hatte niemand recht Zeit daran zu denken; denn ein großes Fest sollte noch vorher gefeiert werden. Der Geburtstag des Direktors nahte, und die Mutter hatte angeordnet, daß jedes der Kinder in irgendeiner Weise das Fest verherrlichen sollte; in welcher Weise sie es tun wollten, blieb ihnen überlassen. Den kleinen Mux allein ließ die Mutter einen schönen Glückwunsch einstudieren, den sie verfaßt hatte. Es brauchte aber viel Zeit und Mühe, bis der Spruch in dem kleinen Kopf sitzen blieb; denn dieser war immer so voller Gedanken an Scheune und Stall, an Küche und Geißenkutsche und Pflaumen und Käfer und Ameisen, daß etwas anderes fast nicht haften wollte. Nika brauchte keinen Rat; sie hatte längst beschlossen, was sie tun wollte, und war immer spurlos verschwunden, sobald das Ende einer Mahlzeit das Verschwinden erlaubte. Agnes und Kornelli verriegelten die Tür des Klavierzimmers und ließen geheimnisvolle Gesänge daraus erschallen. Nur Dino stand unentschlossen vor der Aufgabe und sagte von Zeit zu Zeit, wenn die Festvorbereitenden mit ihren Arbeiten beschäftigt waren und er allein bei der Mutter und bei Mux geblieben war: »Was könnte ich nur tun, Mutter?« »Zeichne ihm seine schöne Geiß«, riet Mux jetzt, als die Frage wieder kam. Er wußte, wie schön der Dino allerlei Tiere zeichnen konnte, und etwas Schöneres als die junge Geiß gab es für ihn nicht. »Oh, du tierkundiger Geißen-Mux!« rief Dino aus; aber trotz der Ablehnung des Geißenbildes hatte er von Mux eine Idee erhalten: »Ich zeichne die beiden Braunen«, rief er plötzlich erfreut aus, »den einen im Schritt, und den andern im Trab; Mathis muß mir sie vorführen.« Dino lief erfreut hinaus und der Scheune zu. Manchen Tag hatte er nun mit Mathis geheimnisvolle Zusammenkünfte. Der Geburtstag war da. Als der Direktor zum Frühstück in die Stube trat, ertönte im Nebenzimmer ein so schöner Gesang, daß er eintreten mußte: Agnes und Kornelli sangen ihr Festlied für ihn, und so schön und ergreifend war heute ihr Gesang, daß der Direktor nicht sprechen konnte. Er klopfte nur den beiden Kindern mit väterlicher Zärtlichkeit auf die Schultern, dann ging er ins andere Zimmer zurück. Hier kam ihm Mux entgegen und sprach seinen Spruch untadelhaft und richtig mit lauter Stimme heraus. Vom Tische her lachten ihm zwei Bilder entgegen. Das waren seine Braunen; er erkannte sie augenblicklich. Eine gute Weile konnte er die Blätter nicht aus der Hand legen, so groß war seine Freude daran. Aber er hatte noch etwas erblickt. Mitten auf dem Tisch, so groß, daß es sorgsam gestützt werden mußte, stand in frischen, völlig naturtreuen Farben sein Haus vor ihm, der baumreiche Garten, die Wiese weiterhin mit dem Blick ins Tal hinaus, bis zu den fernen blauen Bergen. Der Direktor stand ganz stumm davor: das war der Blick, den er von Kind auf geliebt hatte wie keinen zweiten. »Kornelli, komm her«, rief jetzt der Vater, »sieh das Bild an. Hast du nicht eine schöne Heimat? Liebst du deine Heimat nicht so, wie dein Vater?« »O ja, ich liebe sie, Papa, so sehr«, sagte Kornelli, »und jeden Tag muß ich es denken. Ich habe nie gewußt, wie schön es daheim ist. Jetzt weiß ich es, seit ich wieder in der Heimat bin. Oh, wie schön steht sie da auf dem Bild!« »Ach, Kornelli, wenn du nur diese schöne Heimat gar nicht hättest!« rief Agnes, die hinter ihr stand, leidenschaftlich aus. »Agnes«, sagte die Mutter erschrocken, »was soll das unpassende Wort bedeuten?« Der Direktor schaute erstaunt auf die erregte Agnes, die wütende Blicke auf das Bild warf. »So habt ihr euch einmal recht stramm gezankt, daß du wünschest, Kornelli möchte keine so schöne Heimat haben«, sagte er mit heimlichem Lächeln. Agnes wurde purpurrot. »O nein, so meine ich es nicht, Herr Direktor«, sagte sie, »gewiß nicht. Ich habe mich auch noch nie mit Kornelli gezankt, nur mit dem Dino, weil er Kornelli immer für sich haben will. Aber wenn nun Kornelli diese schöne Heimat nicht hätte, wenn sie es hätte wie ich, daß sie auf einmal alle Musikstunden aufgeben und einen Beruf ergreifen müßte, dann könnten wir zusammen etwas Schönes unternehmen, weil sie eine so herrliche Stimme hat. Wir könnten dann zusammen eine Harfe mieten und könnten in fremde Städte reisen und vor den Häusern singen, und später könnten wir auch Konzerte geben und eine Singschule errichten; aber so allein kann ich ja nichts machen, gar nichts.« Die Mutter überlief es heiß und kalt vor Schrecken bei diesem Ausbruch, den kein Blick noch Wink von ihr fernzuhalten vermochte. Noch funkelten die Augen von Agnes wie feurige Kohlen vor leidenschaftlicher Erregung. »Ich bin für die Singschule«, sagte der Direktor jetzt ganz ernsthaft, »vor allem aber dafür, daß man sich nun zum Frühstück niedersetze. Ich hoffe, für die Jugend ist die übliche Schokolade da, das ist ein guter alter Brauch bei Geburtstagen, der nicht vernachlässigt werden soll. – Also eine Singschule wird gegründet«, fuhr er fort, als nun alle festsaßen und der Mux in feierlicher Stimmung die dreierlei Kuchen betrachtete, die die drei ungeheuren Schokoladekannen umkränzten. »Die wandernden Harfinistinnen sind ein wenig zu poetisch für meinen Geschmack, dagegen die Singschule, die gefällt mir; aber ich will auch etwas haben davon, auf meinem Gebiet soll sie errichtet werden. Da sind eine Menge Arbeiter drüben in der Gießerei, die haben Kinder, kleine und noch kleinere, und die Mütter haben genug zu tun mit den Allerkleinsten und dem Haushalt. Agnes und Kornelli gründen eine Singschule in Illerbach, da kommen alle Kinder hinein, deren Mütter keine Zeit zum Singen haben. Den Kindern wird je bei der Ankunft eine Schüssel mit Milch und Brocken verabreicht, um die Stimmen klangvoller zu machen. Da hätten wir denn die Singschule. Den Lehrerinnen werde ich zwischendurch den nötigen Unterricht erteilen lassen, damit sie mir nicht aus der Übung kommen. Für die Nika habe ich auch einen Beruf bereit; sie soll mein Haus von oben bis unten mit Malereien füllen, und damit sie immer neue Ideen findet, schicke ich sie noch eine gute Zeit lang zu ihrem Professor in die Lehre. Dino soll mir helfen, meine Braunen in Bewegung zu erhalten. Er muß nun zu reiten beginnen und recht tüchtige Übungen machen, so wird es ihm und den Braunen wohltun. Den Mux kann ich außerordentlich gut brauchen; der wird mein Gutsverwalter. Der gute Anfang, den er in den Kenntnissen der Landwirtschaft bei Mathis und Esther gemacht hat, wird noch fortgesetzt, solange der Boden grünt und die Bäume Früchte tragen, und die Mutter bleibt zum Schutze aller bei uns. Nun, findet der Antrag Gefallen? Wollen wir's so halten?« Eine lautlose Stille war eingetreten. Die Kinder konnten nicht fassen, daß es wirklich so sein könnte, wie sie die Worte verstanden. Die Mutter war von solcher Bewegung ergriffen, daß sie kein Wort hervorbringen, auch die Tränen nicht zurückhalten konnte, die nun ihren Augen entfielen. Konnte es denn möglich sein, konnten ihre schweren Sorgen, ihr großer Kummer ihr so plötzlich abgenommen sein, durfte sie das glauben? Jetzt sagte Mux mit lauter Stimme: »Ja, wir wollen!« Denn es war ihm klar geworden, daß die Fortsetzung des guten Anfangs bedeute, er solle weiter bei Mathis und Ester tun, was er bis jetzt getan hatte. Der Direktor lachte laut auf. »Die Hauptstimme ist für mich! Frau Pfarrer, lassen Sie uns teilen; aber ich will den besseren Teil, das sage ich Ihnen gleich: im Winter haben Sie die Kinder und regieren, wie Sie wollen, mit allem, was gelernt werden soll; im Sommer habe ich sie bei mir und genieße die Ergebnisse aller Studien und dazu den Vorteil, daß die Mutter mein Haus in Ordnung hält. Ist's recht so, oder kommt zuviel auf meinen Teil?« Jetzt hatte die Mutter sich gefaßt. »Oh, Herr Direktor, wie kann ich Ihnen danken?« sagte sie, ihm die Hand reichend, die noch vor Bewegung zitterte. »Ich weiß nicht, wie ich aussprechen könnte, was in meinem Herzen ist, wie ich Ihnen danken soll für solche unfaßliche Güte. Sie können ja nicht wissen, was Ihre Großmut für uns alle ist.« Aber nun hatten auch die Kinder begriffen, daß das ganze unfaßbare Glück wahr sein sollte. Nika lief mit strahlenden Augen auf den Direktor zu und erfaßte seine Hand; auch sie konnte keine Worte für ihren Dank finden. Agnes war ihr nachgestürzt, Dino war ihr zuvorgekommen; der Direktor wußte nicht, wie er die Hände alle zusammenfassen sollte. Mux, der keinen Zugang zu seinem Wohltäter mehr offen fand, kletterte von hinten auf seinen Stuhl, umfaßte mit beiden Armen seinen Hals und schrie ihm viele tausend Danksagungen aus der nächsten Nähe in die Ohren hinein. Der Dankesjubel wurde immer lauter.. »Kornelli«, sagte der Vater jetzt, »bring du deinen Dank deiner Pflegemutter dort; sie hat den ganzen lauten Dank verdient; sie hat die Freude in unser Haus gebracht.« Das tat Kornelli recht von ganzem Herzen. Sie wußte am besten, was sie der Mutter zu danken hatte. Dann plötzlich, wie von demselben Gedanken erfaßt, stürzten Dino und Kornelli davon; sie konnten nicht länger warten, der Marthe die große Nachricht zu bringen; da war ja niemand auf der ganzen Welt, der die ungeheure Freude noch so mit ihnen teilen konnte, wie Marthe es tun würde. Mit welch überströmender Freude nahm auch ihre alte Freundin die Nachricht auf. Unter den reichlich fließenden Tränen mußte sie nur immer wieder sagen: »Oh, Kornelli, hat es der liebe Gott nicht so gut gemacht, wie wir es nicht zu erbeten gewußt hätten? Wir wollen ihm immerdar alles übergeben, alles ganz und gar in seine Hand legen. Das wollen wir tun, Kornelli, unser ganzes Leben lang, nicht?« Kornelli nickte ganz verständnisvoll; sie hatte gar nicht vergessen, wie sie bei Marthe gejammert und zu wem diese sie hingewiesen hatte, Hilfe zu suchen; wenn diese auch anders komme, als sie erwarte, so komme sie doch. Und wieviel herrlicher, als Kornelli je gedacht, war sie nun gekommen! Ein Jubel, wie ihn Agnes noch einmal und erst recht aufschlug, als sie am Abend mit Nika in ihrem Zimmer stand und Kornelli aus der offenen Tür des ihren eintrat, um den gewöhnlichen Abendbesuch zu machen, war in dem Hause noch nie erklungen: »Kein Kümmern und heimliche Schreckbilder mehr!« rief sie, im Zimmer auf und niederhüpfend und tanzend, wie ein der Haft entronnener Vogel. »Weitersingen und musizieren, immer weiter und weiter! Jeden Sommer mit dir hier daheim sein, Kornelli! Wir sind die glücklichsten Menschen auf der ganzen Welt, und das hast du herbeigeführt, Kornelli, du unvergleichliches Kornelli!« Jetzt packte Agnes die Freundin und tanzte in solchen Freudensprüngen mit ihr im Zimmer herum, daß Nika daran erinnern mußte, der Herr Direktor könnte auch seine Einladung zum bleibenden Aufenthalt bereuen, wenn er mit einem solchen Spektakel beginne. Aber auch sie sah aus, als würde sie nicht ungern mithüpfen vor Freude. »Es ist wahr, Kornelli«, sagte sie, »der Tag, an dem du in unser Haus kamst, war ein solcher Segenstag, wie kein anderer im ganzen Jahr. Wir wollen ihn alle Jahre als das größte Fest des Hauses feiern.« Nika war schon seit lange so freundlich und herzlich zu Kornelli gewesen, daß diese ganz glücklich darüber war; aber daß sie einmal so sprechen würde, das hatte Kornelli sich nicht denken können. Als die Nachricht von dem bleibenden Zusammenhang der Familien und dem jährlichen Wiederkehren der Städter auch in die Küche drang, da sagte Esther: »Recht so; gefällt mir besser, als wenn wieder andere Leute kommen müßten. Besser so für mich und Kornelli und das ganze Haus!« »Oh, wenn ich doch ein andermal wieder mitkommen dürfte!« sagte Trine, die jetzt ein immer lachendes Gesicht zeigte. »Oh, wie ist es einem so wohl hier!« »Das ist es auch«, bestätigte Esther, »und ich wüßte auch nicht, warum nicht. Du brauchst dich nicht zu sorgen, Trine; wenn Kornelli und ich eines in unseren Schutz nehmen, so wüßte ich nicht, warum es nicht wiederkäme!« »Frau Pfarrer, wenn wir dies Jahr den Landaufenthalt der Kinder bis zum Spätherbst ausdehnen würden«, sagte der Direktor, der jeden Tag weniger gern daran dachte, seine Familie wieder fortziehen zu lassen, und für so lange. »Dino, für den ja der Unterricht am wichtigsten ist, kann am wenigsten schon jetzt wieder nach der Stadt. Der hat durchaus nötig, einmal gründlich erfrischt und gestärkt zu werden. Im Notfall haben wir immer unseren guten Herrn Mälinger; sollte irgendein Lernbedürfnis sich zeigen, so wird er geholt.« Die Mutter war ganz derselben Ansicht und unsäglich dankbar, daß der Herr Direktor diese Kräftigung für den Jungen möglich machte. »Dann ist noch ein Grund, der Ihr längeres Bleiben nötig macht«, fuhr der Direktor fort. »Ich wünsche, Sie und die Kinder im Winter dann und wann zu besuchen; da wäre mir dann die öftere Besteigung Ihrer turmartigen Wohnung etwas beschwerlich. Ich habe deshalb eine bequemere Wohnung für den Spätherbst gemietet und hoffe, Sie sind darüber nicht unzufrieden mit mir. Da dann vielerlei Geschäfte auf Sie warten, so ist vorher eine rechte Kräftigung auch für Sie ganz notwendig.« »Ich kann nur noch danken, nur immer danken«, sagte die Frau Pfarrer, als eben die Kinder alle herbeigerannt kamen und ihr Freudensturm alle weiteren Worte verschlang. Kornelli hatte die Absicht ihres Vaters verraten, daß sie alle bis zum Winter in Illerbach bleiben sollten. Als alle Bäume voll reifer Früchte standen und an dem einen Dino, an dem anderen Kornelli schüttelte, unter jedem aber immer wieder eines der Kinder zum Vorschein kam, das in einen Apfel oder eine Birne biß, da schaute Mathis vom Scheunentor herüber und rieb sich vergnügt die Hände. »Jetzt geht's anders zu als im letzten Jahr«, sagte er lächelnd; »da ist kein verfaultes Pfläumchen, kein verlassenes Birnchen im ganzen Garten zu finden.« Jeden Abend, wenn die letzten Lieder aus den Fenstern des Direktorhauses erschallten, waren es Lob- und Danklieder, die wie lautes Jauchzen zum Himmel aufstiegen. Mehr als einmal, wenn der Direktor seinem Töchterchen den Nachtkuß gab, sagte er lächelnd: »Nicht wahr, Kornelli, mit uns hat der liebe Gott es gut gemeint, daß es unserer alten Marthe einfallen mußte, einen so einladenden Zeitungsartikel zu schreiben.«