Stendhal Die Äbtissin von Castro I. Die italienischen Briganten des sechzehnten Jahrhunderts hat uns das Melodrama so oft gezeigt, und soviele Leute haben von ihnen gesprochen, ohne sie zu kennen, daß wir uns heute eine ganz falsche Vorstellung von ihnen machen. Man kann im allgemeinen sagen, daß diese Briganten den Widerstand gegen die unmenschlichen Regierungen ausdrückten, welche in Italien auf die Republiken des Mittelalters gefolgt waren. Der neue Tyrann, gewöhnlich schon der reichste Bürger der Republik, bevor er sie stürzte, schmückte, um das Volk zu gewinnen, die Stadt mit prächtigen Kirchen und mit schönen Gemälden. Von solcher Art waren die Polentini von Ravenna, die Manfredi von Faenza, die Riario von Imola, die Visconti von Mailand die Bentivoglio von Bologna und endlich die Medici von Florenz, die am wenigsten kriegerischen und heuchlerischsten von allen. Unter den Historikern dieser kleinen Staaten ist keiner, der es gewagt hätte, von den unzähligen Vergiftungen und Morden zu erzählen, welche von der quälenden Angst dieser kleinen Tyrannen veranlaßt worden sind; jene würdigen Historiker waren in ihrem Sold. Man erwäge, daß jeder dieser Tyrannen jeden dieser Republikaner, von denen er sich persönlich gehaßt wußte, persönlich kannte, – Cosimo, Großherzog von Toskana z.B. kannte Sforza –, und daß mehrere dieser Tyrannen ermordet worden sind: dann wird man den tiefen Haß, das dauernde Mißtrauen verstehen, woraus den Italienern des sechzehnten Jahrhunderts soviel Geist und Mut erwuchs und ihren Künstlern soviel Genie. Man wird sehen, daß diese heftigen Leidenschaften das Entstehen jenes lächerlichen Vorurteils verhinderten, das zur Zeit Madame de Sévignés Ehre genannt wurde und vor allem darin besteht, sein Leben für den Herrn zu opfern, als dessen Untertan man geboren ist, oder um den Damen zu gefallen. Im sechzehnten Jahrhundert konnten sich in Frankreich die Tatkraft eines Mannes und sein wahres Verdienst nur durch Tapferkeit auf dem Schlachtfeld oder im Zweikampf zeigen; aber da auch Frauen die Tapferkeit und vor allem die Tollkühnheit lieben, sind sie darin die höchsten Richter geworden. Von da an entstand der Geist der Galanterie, der die allmähliche Vernichtung aller Leidenschaften, ja selbst der Liebe vorbereitete; zugunsten der Eitelkeit, dieses grausamen Tyrannen, dem wir alle gehorchen. Die Könige förderten die Eitelkeit, und mit Recht: deshalb die Herrschaft der Ordenssterne. In Italien zeichnete sich ein Mann durch alle Arten von Leistung aus, ebenso durch starke Degenstöße, wie durch Entdeckungen aus alten Handschriften: man sehe Petrarca, den Abgott seiner Zeit; und eine Frau des sechzehnten Jahrhunderts vermochte einen Mann, der im Griechischen erfahren war, ebenso und heftiger zu lieben, als einen durch kriegerische Tapferkeit Berühmten. Damals erlebte man die Leidenschaften und nicht Gewohnheit der Galanterie. Das ist der große Unterschied zwischen Italien und Frankreich, und das ist es, weshalb Italien die Raffael, Giorgione, Tizian, Correggio gebar, während Frankreich alle jene tapfren Truppenführer des sechzehnten Jahrhunderts hervorbrachte, die heute so unbekannt sind, obgleich doch jeder von ihnen eine so große Anzahl Feinde getötet hat. Ich bitte für diese groben Wahrheiten um Verzeihung. Wie dem aber auch sei, die grausamen und notwendigen Racheakte der kleinen italienischen Tyrannen des Mittelalters versöhnten das Herz des Volks mit den Briganten. Man haßte die Briganten, wenn sie Pferde, Getreide, Geld, mit einem Wort alles, was ihnen zum Leben notwendig war, stahlen, aber im Grund war das Gefühl des Volks für sie, und die Dorfmädchen zogen allen andren jungen Leuten den vor, der sich einmal in seinem Leben genötigt gesehen hatte: »d'andar alla macchia«, das heißt: in die Wälder zu fliehen und wegen einer zu unvorsichtigen Tat bei den Räubern Zuflucht zu suchen. Noch heute fürchtet man sich sicherlich allgemein, den Briganten zu begegnen, aber wenn sie in Ketten gelegt werden, bedauert sie jedermann. Das kommt daher, daß dieses so bewegliche, spöttische Volk, das über alles lacht, was unter der Zensur seiner Herrn veröffentlicht wird, jene kleine romantischen Geschichten, die mit Wärme das Leben der Briganten schildern, zu seiner ständigen Lektüre gewählt hat. Was es Heroisches in diesen Schilderungen gibt, entzückt den künstlerischen Nerv, der immer in den unteren Klassen lebt, und außerdem ist es so ermüdet von dem offiziellen Lob, das gewissen Leuten gespendet wird, daß alles, was nicht in dieser Art ist, ihm unmittelbar zu Herzen geht. Man muß wissen, daß das niedere Volk in Italien unter gewissen Dingen leidet, die dem Fremden niemals auffallen, wenn er auch zehn Jahre im Lande lebte. Vor fünfzehn Jahren zum Beispiel, bevor noch die Weisheit der Regierungen die Briganten unterdrückt hatte, konnte man nicht selten sehen, wie ihre Heldentaten die Schändlichkeiten der Statthalter in den kleinen Städten bestraften. Diese Statthalter hatten unumschränkte Regierungsgewalt, aber ihr Gehalt überstieg nicht die Summe von zwanzig Talern im Monat, und so waren sie natürlich zu Diensten der angesehensten Familie des Landes, welche durch dieses einfache Mittel ihre Feinde unterdrückte. Wenn es den Briganten auch nicht immer glückte, diese kleinen despotischen Statthalter zu bestrafen, hielten sie sie wenigstens zum Besten und boten ihnen Trotz, was in den Augen dieses spirituellen Volks nicht gering gilt. Ein satyrisches Sonett tröstet es in allen Leiden und niemals vergißt es eine Beleidigung. Dies ist wieder einer der Hauptunterschiede zwischen dem Italiener und dem Franzosen. Hatte im sechzehnten Jahrhundert der Gouverneur eines Orts einen armen Einwohner, der sich den Haß einer einflußreichen Familie zugezogen hatte, zum Tode verurteilt, so geschah es oft, daß Briganten das Gefängnis angriffen, um den Bedrängten zu befreien. Anderseits hatte die mächtige Familie nicht viel Zutrauen zu den acht oder zehn Soldaten der Regierung, die beauftragt waren, das Gefängnis zu bewachen, und sie warb auf eigene Kosten einen Trupp Gelegenheitssoldaten an. Diese Soldaten wurden bravi genannt; sie biwakierten in der Umgebung des Gefängnisses und übernahmen es, den armen Teufel, dessen Tod man erkauft hatte, bis zum Richtplatz zu begleiten. Wenn diese mächtige Familie einen jungen Mann zu den ihren zählte, so stellte er sich an die Spitze dieser militärischen Improvisation. Ich muß zugestehen, daß dieser Zustand durchaus gegen die Moral ist; heute hat man das Duell und die Langeweile, und die Richter verkaufen sich nicht; aber diese Sitten des sechzehnten Jahrhunderts waren höchst geeignet, Männer hervorzubringen, die dieses Namens würdig waren. Viele Geschichtsschreiber, heute noch gedankenlos von der Literatur der Akademien gelobt, hatten versucht, diesen Stand der Dinge, der um 1550 so große Charaktere hervorbrachte, zu verheimlichen. Zu ihrer Zeit wurden ihre vorsichtigen Lügen mit allen den Ehrungen entlohnt, welche die Medici von Florenz, die Este von Ferrara, die Vizekönige von Neapel und andre zu vergeben hatten. Ein armer Historiker, namens Gianone, hat einen Zipfel des Schleiers lüpfen wollen; aber weil er nur einen sehr kleinen Teil der Wahrheit sich zu sagen getraute und noch dazu in zweifelhafter und dunkler Form, ist er sehr langweilig geblieben, was ihn nicht davor bewahrt hat, am 7. März 1758 mit zweiundachtzig Jahren im Gefängnis zu sterben. Wenn man die Geschichte Italiens kennenlernen will, darf man nicht die allgemein beliebten Autoren lesen, denn nirgends war der Preis der Lüge besser bekannt, nirgends wurde sie besser bezahlt. Die ersten Berichte, die man in Italien nach der barbarischen Zeit des neunten Jahrhunderts verfaßt hat, erwähnen schon die Briganten und sprechen von ihnen, als ob sie seit undenklichen Zeiten existiert hätten. Man lese die Sammlung Muratori. Als zum Unglück für das öffentliche Wohl, die Gerechtigkeit und eine gute Verwaltung, aber zum Glück für die Künste die Republiken des Mittelalters unterdrückt wurden, flüchteten die tatkräftigsten Republikaner, die die Freiheit mehr als die Mehrzahl ihrer Mitbürger liebten, in die Wälder. Natürlich begann das Volk, das durch die Baglioni, Malatesta, Bentivoglio, Medici usf. bedrückt wurde, deren Feinde zu lieben und zu ehren. Die Grausamkeiten der kleinen Tyrannen, welche auf die ersten Usurpatoren folgten, z.B. die Grausamkeiten des Cosimo, ersten Großherzogs von Florenz, der sogar die nach Venedig und Paris geflüchteten Republikaner ermorden ließ, vermehrten die Reihen dieser Briganten immer neu. Etwa zur Zeit, als unsre Heldin lebte, also um das Jahr 1550, leiteten Alfonso Piccolomini, Herzog von Monte Mariano, und Marco Sciarra mit Erfolg bewaffnete Banden, welche in der Umgebung von Albano die damals sehr tapfren Soldaten des Papstes hart bedrängten. Die Unternehmungen dieser berühmten Anführer, welche noch heute das Volk bewundert, dehnen sich vom Po und von den Sümpfen bei Ravenna bis zu den Wäldern aus, die damals den Vesuv bedeckten. Der Wald von Faggiola, fünf Meilen von Rom, auf der Straße nach Neapel gelegen, war berühmt als das Hauptquartier des Sciarra, der unter Gregors XIII. Pontifikat oft einige tausend Soldaten beisammen hatte. Die Geschichte dieses berühmten Briganten würde in den Augen der gegenwärtigen Generation unglaubwürdig erscheinen, weil man niemals die Motive seiner Handlungen verstehen würde. Er wurde erst im Jahre 1592 besiegt. Als seine Sache verzweifelt stand, unterhandelte er mit der Republik Venedig und trat mit seinen treuesten oder, wenn man will, schuldigsten Soldaten in ihren Dienst. Auf die Beschwerden Roms hin ließ Venedig, obgleich es einen Vertrag mit Sciarra unterzeichnet hatte, ihn ermorden und schickte seine tapferen Soldaten zur Verteidigung der Insel Kandia gegen die Türken. Denn die venetianische Weisheit wußte sehr wohl, daß eine mörderische Pest in Kandia wütete, und binnen einigen Tagen waren die fünfhundert Soldaten, die Sciarra in den Dienst der Republik gestellt hatte, auf siebenundsechzig Mann zusammengeschmolzen. Dieser Wald von Faggiola, dessen gigantische Bäume einen alten Vulkan bedeckten, war der letzte Schauplatz der Heldentaten Marco Sciarras. Alle Reisenden werden bestätigen, daß dies der herrlichste Ort der wunderbaren römischen Campagna ist, deren düsteres Aussehen wie für eine Tragödie geschaffen scheint. Er krönt mit seinem dunklen Laub die Gipfel des Monte Albano. Einem vulkanischen Ausbruch, Jahrtausende vor der Gründung Roms, verdanken wir dieses prachtvolle Gebirge. Zu einer Zeit, die weit vor jeder Geschichte liegt, erhob es sich aus der weiten Ebene, die ehemals zwischen Apennin und Meer gebreitet war. Der Monte Cave, vom düsteren Laub der Faggiola umkränzt, ist sein höchster Gipfel; man sieht ihn von überall, von Terracina und von Ostia wie von Rom und Tivoli, und es ist dieses Albanergebirge, das jetzt von Palästen übersät den berühmten Horizont Roms gegen Süden abschließt. Auf dem Gipfel des Monte Cave hat ein Kloster der schwarzen Brüder den Tempel des Jupiter Feretrinus ersetzt, zu dem die latinischen Völker kamen, um gemeinsam zu opfern und das Band einer Art religiösen Vertrages fester zu schließen. Unter dem Schutz prächtiger Kastanien gelangt der Wanderer in einigen Stunden zu den ungeheuren Blöcken, welche die Ruinen des Jupitertempels bilden; aber aus diesem tiefen Schatten, der so köstlich in solchem Klima ist, sieht der Reisende selbst heute noch mit Unruhe in das Innere das Waldes; er hat Furcht vor den Briganten. Auf dem Gipfel des Monte Cave angelangt, zündet man in den Ruinen des Tempels Feuer an, um die Speisen zu bereiten. Von diesem Punkt, der die ganze römische Campagna beherrscht, sieht man im Westen das Meer, das nur zwei Schritt weit zu sein scheint, obgleich es drei oder vier Meilen entfernt ist; man unterscheidet die kleinsten Boote, und mit einem ganz schwachen Glas kann man die Menschen zählen, die bei Neapel auf das Dampfschiff steigen. Nach allen Seiten breitet sich der Blick über eine herrliche Ebene aus, die gegen Osten vom Apenin, im Süden von Palestrina und nordwärts von San Pietro und den andren großen Bauwerken Roms begrenzt ist. Da der Monte Cave nicht sehr hoch ist, unterscheidet das Auge die geringsten Kleinigkeiten dieses erhabenen Landes, das keine geschichtliche Verherrlichung brauchte, während dennoch jedes Gehölz, jeder Mauerüberrest, den man in der Ebene oder auf den Abhängen der Berge erblickt, eine jener durch Vaterlandsliebe und Tapferkeit bewundernswerten Schlachten ins Gedächtnis ruft, von denen Titus Livius spricht. Um zu den riesigen Felsblöcken, den Überresten des Jupiter Feretrinus-Tempels zu gelangen, welche die Mauer des Klosters der schwarzen Mönche bilden, kann man noch heute die Via triumphalis verfolgen, auf der einst die ersten Könige Roms eingezogen sind. Sie ist mit ganz regelmäßig behauenen Steinen gepflastert, und man findet mitten im Wald von Faggiola lange Fragmente davon. Am Rande des erloschenen Kraters, der jetzt mit durchsichtig klarem Wasser gefüllt zu dem hübschen, fünf bis sechs Meilen im Umfang zählenden See von Albano geworden ist, lag tief eingebettet in den Lavafels ›Alba, die Mutter Roms‹, schon zur Zeit der ersten Könige von der römischen Politik zerstört. Jedoch seine Ruinen sind noch vorhanden. Einige Jahrhunderte später erhob sich Albano, die heutige Stadt, eine Viertelmeile von Alba am Hang des Berges, der dem Meere zu liegt; aber Albano ist vom See durch eine Felswand geschieden, welche den See der Stadt und die Stadt dem See verbirgt. Von der Ebene aus heben sich ihre weißen Gebäude vom tiefen Grün des Waldes ab, der so berühmt und den Briganten so teuer ist und der von allen Seiten das vulkanische Gebirge umkränzt. Albano, das heute fünftausend bis sechstausend Einwohner zählt, hatte im Jahre 1540 höchstens dreitausend, als zu den ersten Geschlechtern die mächtige Familie Campireali gehörte, deren unglückliches Schicksal wir erzählen werden. Ich berichte diese Geschichte nach zwei umfangreichen Manuskripten, das eine römisch und das andre aus Florenz. Zu meiner großen Gefahr habe ich gewagt, ihren Duktus wiederzugeben, der fast der gleiche ist wie der unsrer alten Legenden. Aber der feine und gemessene Stil der heutigen Zeit würde, wie mir scheint, zu wenig im Einklang mit den Geschehnissen stehen und gar mit den Betrachtungen der Chronisten. Sie schrieben um das Jahr 1598. Ich erbitte die Nachsicht des Lesers für sie wie auch für mich. II. »Nach so vielen tragischen Geschichten«, sagt der Schreiber der florentinischen Handschrift, »werde ich mit der schließen, welche mir am schmerzlichsten zu erzählen ist. Ich werde von Helena von Campireali sprechen, der allzubekannten Äbtissin des Klosters der Heimsuchung in Castro, deren Prozeß und Tod solches Aufsehen in der ersten Gesellschaft Roms, ja ganz Italiens erregt hat. Schon um 1555 beherrschten die Briganten die Umgebung Roms, und die Regierungsbeamten hatten sich den mächtigen Familien verkauft.« Im Jahre 1572, welches das des Prozesses war, bestieg Gregor XIII. Buoncompagni den Stuhl von San Pietro. Dieser heilige Papst vereinte alle apostolischen Tugenden, aber man konnte seiner weltlichen Leitung ein wenig Schwäche vorwerfen: er verstand weder ehrenfeste Richter zu wählen, noch die Briganten zu unterdrücken; er jammerte über die Verbrechen und wußte sie nicht zu bestrafen. Es schien ihm, daß er sich mit einer entsetzlichen Verantwortung beladen würde, wenn er die Todesstrafe verhängte. Die Folge dieser Art, die Dinge zu sehen, war, daß die Straßen, die nach der ewigen Stadt führten, von zahllosen Briganten bevölkert wurden. Um mit einiger Sicherheit zu reisen, mußte man Freund der Räuber sein. Der Wald von Faggiola, zu beiden Seiten der von Neapel über Albano führenden Landstraße, war seit langem das Hauptquartier einer Seiner Heiligkeit feindlichen Räuberschaft, und Rom war öfters gezwungen, wie von Macht zu Macht, mit Marco Sciarra, einem der Könige des Waldes, zu unterhandeln. Die Stärke dieser Briganten lag darin, daß sie von ihren Nachbarn, den Bauern geliebt und geschützt wurden. »In dem hübschen Städtchen Albano, so nahe dem Hauptquartier der Briganten, wurde Helena di Campireali im Jahre 1542 geboren. Ihr Vater galt für den reichsten Patrizier des Landes und in dieser Eigenschaft hatte er Vittoria Carafa geheiratet, welche große Liegenschaften im Königreich Neapel besaß. Ich könnte einige Greise anführen, die noch leben und Vittoria Carafa und ihre Tochter gut gekannt haben. Vittoria war ein Muster von Klugheit und Geist, aber trotz all ihrer Begabung vermochte sie nicht dem Untergang ihrer Familie vorzubeugen. Es ist sonderbar: die entsetzlichen Schicksalsschläge, welche den traurigen Stoff meiner Erzählung bilden, können, wie mir scheint, keiner der handelnden Personen, die ich dem Leser vorstellen werde, im einzelnen zur Last gelegt werden: ich sehe Unglückliche, jedoch kann ich keine Schuldigen finden. Die ungewöhnliche Schönheit und die zärtliche Seele der jungen Helena bildeten eine große Gefahr für sie und eine Entschuldigung für ihren Geliebten Giulio Branciforte; wie ebenso der vollkommene Mangel an Geist des Monsignore Cittadini, Bischof von Castro, ihn bis zu einem gewissen Grad entschuldigen kann. Er verdankte seinen raschen Emporstieg auf der Leiter der geistlichen Ehren sowohl der Rechtlichkeit seiner Führung, wie besonders aber seinem edlen Äußern und einem Antlitz, das so regelmäßig schön war, wie man es selten findet. Ich finde geschrieben, daß man ihn nicht sehen konnte, ohne ihn zu lieben. Da ich niemandem schmeicheln will, werde ich nicht verschweigen, daß ein heiliger Mönch des Klosters Monte Cave, der oft in seiner Zelle, gleich dem heiligen Paulus, einige Fuß über dem Erdboden schwebend überrascht worden ist, ohne daß ihn etwas andres als die göttliche Gnade in dieser ungewöhnlichen Stellung hätte halten können, dem Herrn von Campireali prophezeit hatte, daß seine Familie mit ihm aussterben und er nur zwei Kinder haben würde, denen beiden ein gewaltsamer Tod bevorstand. Auf Grund dieser Weissagung konnte er im Lande selbst keine Frau finden und ging nach Neapel, um sein Heil zu versuchen, wo er das Glück hatte, großen Reichtum und eine Frau zu finden, deren Genie fähig gewesen wäre, seine böse Bestimmung zu ändern, wenn so etwas überhaupt möglich gewesen wäre. Dieser Signor Campireali galt für einen sehr ehrenhaften Mann und war sehr wohltätig, aber er besaß gar keinen Geist; deshalb zog er sich nach und nach ganz aus Rom zurück und brachte schließlich fast das ganze Jahr in seinem Palast in Albano zu. Er widmete sich der Pflege seiner Ländereien, die in der reichen Ebene lagen, welche sich zwischen der Stadt und dem Meer ausbreitet. Durch den Rat seiner Frau bewogen, ließ er seinem Sohn Fabio, einem auf seine Geburt sehr stolzen Jüngling, und seiner Tochter Helena, deren wunderbare Schönheit man noch auf einem Bildnis der Galerie Farnese sehen kann, die vortrefflichste Erziehung geben. Bevor ich begonnen hatte ihre Geschichte zu schreiben, bin ich in den Palazzo Farnese gegangen, um die sterbliche Hülle zu betrachten, die der Himmel dieser Frau verlieh, deren verhängnisvolles Schicksal einst so viel Aufsehen machte und noch heute im Gedächtnis des Volkes fortlebt. Die Form ihres Kopfes ist ein längliches Oval, die Stirne ist sehr hoch, die Haare sind dunkelblond. Der Ausdruck ihres Gesichts ist eher heiter; sie hatte große, sehr ausdrucksvolle Augen, und ihre kastanienfarbenen Augenbrauen bildeten einen vollendet geschwungenen Bogen. Die Lippen sind ganz schmal und es sieht aus, als wären die Konturen ihres Mundes von dem berühmten Correggio gezogen. Inmitten der Bildnisse, die sie in der Galerie Farnese umgeben, sieht sie wie eine Königin aus; es ist selten, daß Majestät mit Heiterkeit vereint ist. Nachdem sie acht volle Jahre im Kloster der Heimsuchung in der Stadt Castro zugebracht hatte, wohin man damals die Töchter der meisten römischen Fürsten schickte, kehrte Helena zu ihren Eltern zurück; aber sie verließ das Kloster nicht, ohne für den Hochaltar der Kirche einen prächtigen Kelch gestiftet zu haben. Kaum war sie nach Albano zurückgekehrt, ließ ihr Vater um erheblichen Gehalt den berühmten, damals schon sehr alten Dichter Cecchino kommen, der Helenas Gedächtnis mit den schönsten Versen des göttlichen Virgil erfüllte und seiner großen Schüler Petrarca, Ariost und Dante.« Hier fühlt sich der Erzähler gezwungen, eine lange Auseinandersetzung über die verschiedenen Ehrenbezeugungen zu übergehen, welche das sechzehnte Jahrhundert diesen großen Dichtern darbrachte. Es scheint, daß Helena Latein verstand. Die Verse, welche man sie lehrte, sprachen von Liebe, und zwar von einer Liebe, welche uns recht lächerlich vorkäme, wenn wir ihr heute begegneten; ich meine die leidenschaftliche Liebe, welche der größten Opfer bedarf, welche nur von Geheimnis umgeben bestehen kann und der stets das schrecklichste Unheil nah ist. Dies war die Liebe, welche Giulio Branciforte der kaum siebzehnjährigen Helena einzuflößen verstand. Er war einer ihrer Nachbarn und sehr arm; er bewohnte ein armseliges kleines Haus am Berg, eine Viertelmeile von der Stadt, inmitten der Ruinen von Alba, am Rande des grünbewachsenen, hundertfünfzig Fuß tiefen Trichters, der den See einschließt. Dieses Haus, welches im tiefen, prachtvollen Schatten des Waldes von Faggiola lag, ist zerstört worden, als man das Kloster von Palazzuola baute. Dieser arme junge Mann hatte nichts für sich als seine lebhaft leichte Art und die wirkliche Unbekümmertheit, mit der er sein trauriges Los trug. Was man noch zu seinen Gunsten sagen konnte, ist, daß sein Gesicht ausdrucksvoll war, ohne schön zu sein. Aber es hieß von ihm, daß er sich unter dem Befehl des Fürsten Colonna und als einer von dessen bravi in zwei oder drei höchst gefährlichen Unternehmen tapfer geschlagen hätte. Trotz seiner Armut und trotzdem ihm die Schönheit fehlte, besaß er doch nicht wenig in den Augen aller jungen Mädchen von Albano: ein tapfres Herz, das zu gewinnen ihrer aller größter Ehrgeiz war. Überall gut aufgenommen, hatte Giulio Branciforte bis zum Augenblick, als Helena aus dem Kloster von Castro zurückkam, nur flüchtige Liebschaften gehabt. Als bald darauf der große Dichter Cecchino aus Rom in den Palazzo Campireali einzog, um dieses junge Mädchen in den schönen Wissenschaften zu unterrichten, richtete Giulio, der ihn kannte, ein Gedicht in lateinischen Versen an ihn, über das Glück, daß er in so ehrwürdigem Alter so schöne Augen an die seinen gefesselt sehen durfte und eine so reine Seele vollkommen glücklich machte, wenn er ihre Gedanken zu billigen geruhte. Die Eifersucht und der Ärger der jungen Mädchen, denen Giulio vor Helenas Rückkehr Aufmerksamkeiten erwiesen hatte, machten bald alle Vorsicht, mit der er seine wachsende Leidenschaft zu verbergen suchte, nutzlos; und ich muß gestehen, daß diese Liebschaft eines jungen Mannes von zweiundzwanzig und eines jungen Mädchens von siebzehn Jahren in einer Weise geführt wurde, welche die Klugheit nicht billigen kann. Bevor noch drei Monate verstrichen waren, bemerkte Herr von Campireali, daß Giulio Branciforte zu oft an den Fenstern seines Schlosses vorbeiging, das man übrigens noch auf halber Höhe der Straße, die gegen den See führt, sehen kann. Die Freimütigkeit und Gradheit, die natürlichen Folgen der Freiheit, wie sie die Republiken gewähren, und die Gewohnheit, ungebunden und leidenschaftlich zu handeln, die einer Zeit entsprach, die noch nicht von den Sitten der Monarchie eingeengt war, zeigten sich unverhohlen im ersten Schritt des Herrn Campireali. Am gleichen Tag, da er sich durch das häufige Erscheinen des jungen Branciforte verletzt fühlte, fuhr er ihn hart mit diesen Worten an: »Wie wagst du es, unaufhörlich an meinem Hause vorbeizugehen und unverschämt nach den Fenstern meiner Tochter hinaufzuschauen, du, der nicht einmal Gewänder hat um sich zu bekleiden? Wenn ich nicht fürchten müßte, daß mein Schritt von den Nachbarn mißdeutet würde, schickte ich dir drei Goldzechinen, damit du dir in Rom einen besseren Mantel kaufen könntest. Wenigstens würden meine und meiner Tochter Augen nicht mehr so oft durch den Anblick deiner Lumpen beleidigt sein.« Ohne Zweifel übertrieb Helenas Vater, denn die Gewänder des jungen Branciforte bestanden nicht aus Lumpen; sie waren nur aus sehr einfachem Stoff; allein, wenn sie auch sehr sauber und gut gebürstet waren, muß man doch gestehen, daß ihr Aussehen auf langen Gebrauch schließen ließ. Giulios Seele wurde durch die Vorwürfe des Herrn von Campireali so tief erschüttert, daß er sich nicht mehr bei Tage vor seinem Hause zeigte. Wie wir schon sagten, waren die beiden Bögen, Überreste eines alten Aquädukts, welche dem vom Vater Brancifortes erbauten und seinem Sohn hinterlassenen Hauses als Hauptmauer dienten, nur fünfhundert oder sechshundert Schritt von Albano entfernt. Um von diesem hohen Punkt nach der neuen Stadt hinabzusteigen, mußte Giulio am Palast der Campireali vorbeigehen. Helena bemerkte bald das Ausbleiben dieses eigentümlichen jungen Mannes, der, wie ihre Freundinnen sagten, jede andre Beziehung aufgegeben hatte, um sich ganz dem Glück ihres Anblicks zu widmen. An einem Sommerabend gegen Mitternacht stand das Fenster Helenas offen; das junge Mädchen genoß die Brise des Meeres, die man auf dem Hügel von Albano gut spüren kann, obwohl diese Stadt durch eine Ebene von drei Meilen Breite vom Meer getrennt ist. Die Nacht war finster und die Stille tief, man hätte ein Blatt fallen hören. Helena lehnte an ihrem Fenster und dachte vielleicht an Giulio, als sie ein Etwas, das dem lautlosen Flügel eines Nachtvogels glich, sanft an ihrem Fenster vorbeistreichen sah. Sie zog sich erschreckt zurück. Der Gedanke, daß dieses Ding ihr von irgendeinem Vorübergehenden dargebracht sein könnte, kam ihr nicht. Das zweite Stockwerk des Palastes, wo sich ihr Zimmer befand, lag mehr als fünfzig Fuß über der Erde. Aber plötzlich glaubte sie in diesem sonderbaren Ding einen Blumenstrauß zu erkennen, der inmitten des tiefen Schweigens vor dem Fenster, an dem sie lehnte, hin und her strich; ihr Herz schlug heftig. Der Strauß schien ihr auf der Spitze von zwei oder drei Rohrstöcken befestigt zu sein, einer Art großer Binsen, die dem Rohr der römischen Campagna sehr ähnlich sind und Stiele von zwanzig bis dreißig Fuß Höhe treiben. Die Schwäche des Rohrs und die ziemlich starke Brise machten es Giulio einigermaßen schwer, seinen Strauß genau vor das Fenster, an dem er Helena vermutete, zu halten. Außerdem war die Nacht so finster, daß man auf solche Höhe von der Straße aus nichts erkennen konnte. Unbeweglich an ihrem Fenster war Helena tief erregt. War es nicht ein Geständnis, den Strauß zu nehmen? Sie hatte übrigens keins von den Gefühlen, die ein Abenteuer dieser Art heute in einem jungen Mädchen der besten Gesellschaft erwecken würde, das durch schöngeistige Erziehung auf das Leben vorbereitet ist. Da ihr Vater und ihr Bruder Fabio zu Hause waren, war ihr erster Gedanke, daß der geringste Lärm einen Büchsenschuß auf Giulio zur Folge haben würde, und die Gefahr, der dieser arme junge Mensch ausgesetzt war, erregte ihr Mitleid. Ihr zweiter Gedanke war, daß er, obgleich sie ihn noch wenig genug kannte, das Wesen sei, das sie dennoch nach ihrer Familie am meisten auf der Welt liebte. Schließlich nahm sie nach einigen Minuten des Zauderns den Strauß, und als sie die Blumen in dem tiefen Dunkel berührte, spürte sie, daß ein Brief am Stengel einer Blume befestigt war; sie lief auf die große Stiege, um diesen Brief beim Licht der Lampe zu lesen, welche vor dem Bild der Madonna brannte. ›Törichte!‹ schalt sie sich nach den ersten Zeilen, die sie vor Glück erröten ließen, ›wenn man mich sieht, bin ich verloren und meine Familie wird ohne Erbarmen diesen armen jungen Menschen verfolgen,‹ Sie kehrte in ihr Zimmer zurück und zündete die Lampe an. Dieser Augenblick war köstlich für Giulio, welcher – beschämt über seinen Schritt, und als wollte er sich selbst in der dunklen Nacht noch verbergen – sich dicht an den ungeheuren Stamm einer jener Eichen gedrängt hatte, die grün und bizarr geformt, noch heute dem Palast Campireali gegenüber stehen. In seinem Brief erzählte Giulio mit vollkommner Einfachheit die beschämende Zurechtweisung, die er von Helenas Vater erhalten hatte. »Ich bin allerdings arm,« fuhr er fort, »und Ihr könnt Euch schwerlich das ganze Ausmaß meiner Armut vorstellen. Ich habe nichts als mein Haus, das Ihr vielleicht unter den Ruinen des Aquädukts von Alba bemerkt haben werdet; rings um das Haus liegt ein Garten, den ich selbst bebaue und dessen Früchte mich ernähren. Ich besitze auch noch einen Weinberg, der um dreißig Scudi im Jahr verpachtet ist. Ich weiß wirklich nicht, warum ich Euch liebe; sicherlich kann ich Euch nicht bitten, mein Elend zu teilen. Und doch hat das Leben, wenn Ihr mich nicht liebt, keinen Wert mehr für mich; es ist überflüssig, zu sagen, daß ich es tausendmal für Euch hingeben würde. Und doch war dieses Leben vor Eurer Rückkehr aus dem Kloster gar nicht unglücklich: im Gegenteil, es war von den glänzendsten Träumen erfüllt. So kann ich sagen, daß der Anblick des Glücks mich unglücklich gemacht hat. Sicher hätte ehemals kein Mensch auf der Welt wagen dürfen, mir solche Worte zu sagen, wie die, mit denen Euer Vater mich entehrte; mein Dolch hätte mir auf der Stelle Genugtuung verschafft. Damals, mit meinem Mut und meinen Waffen, hielt ich mich aller Welt für ebenbürtig, nichts ging mir ab. Jetzt hat sich alles geändert: ich kenne die Furcht. Es ist schon zu viel des Schreibens; vielleicht verachtet Ihr mich. Wenn Ihr dagegen, trotz der armseligen Gewänder, die mich bedecken, etwas Mitleid mit mir fühlt, werdet Ihr bemerken, daß ich jeden Abend, wenn es am Kapuzinerkloster auf dem Gipfel des Hügels Mitternacht läutet, unter der großen Eiche versteckt bin, dem Fenster gegenüber, welches ich unausgesetzt betrachte, weil ich vermute, daß dort Euer Zimmer ist. Wenn Ihr mich nicht so wie Euer Vater verachtet, werft mir eine der Blumen des Straußes herab; aber gebt acht, daß sie nicht auf ein Gesimse oder auf einen Balkon Eures Hauses falle.« Dieser Brief wurde mehrmals gelesen; nach und nach füllten sich Helenas Augen mit Tränen; sie betrachtete gerührt den prächtigen Strauß, dessen Blumen mit einem sehr feinen Seidenfaden gebunden waren. Sie versuchte eine der Blumen abzureißen, aber es gelang ihr nicht; dann ergriff sie Reue. Unter den jungen Mädchen Roms glaubte man, daß durch das Abreißen einer Blume oder durch irgendwelche Verstümmelung eines aus Liebe gegebenen Straußes diese Liebe selbst getötet würde. Sie fürchtete, daß Giulio ungeduldig werden möchte und lief zum Fenster; aber als sie dort war, fiel ihr plötzlich ein, daß sie zu sichtbar sei, da die Lampe das Zimmer mit Licht erfüllte. Helena wußte nicht mehr, welches Zeichen sie sich erlauben sollte; es schien ihr, daß es keins gab, das nicht viel zu viel sagte. Beschämt lief sie wieder in ihr Zimmer zurück. Aber die Zeit verstrich und plötzlich kam ihr ein Gedanke, der sie in unaussprechliche Verwirrung stürzte: Giulio würde glauben, daß sie, wie ihr Vater, seine Armut verachtete! Sie erblickte ein kleines kostbares Marmorstück, das auf ihrem Tisch lag, band es in ihr Taschentuch und warf dies Taschentuch an den Fuß der Eiche hinunter, die gegenüber ihrem Fenster stand. Dann machte sie ihm Zeichen, daß er sich entfernen möge und hörte, daß Giulio gehorchte, denn im Weggehen suchte er nicht mehr den Schall seiner Schritte zu dämpfen. Als er die Höhe des Felsengürtels erreicht hatte, welcher den See von den letzten Häusern von Albano trennt, hörte sie ihn Worte der Liebe singen; sie winkte ihm Abschied, diesmal weniger schüchtern, dann begab sie sich an seinen Brief, um ihn wiederzulesen. Am nächsten Tag und auch an den folgenden, gab es Briefe und ähnliche Zusammenkünfte; aber wie in einem italienischen Dorf alles bemerkt wird, noch dazu Helena weitaus die reichste Partie des Landes war, wurde Herr von Campireali aufmerksam gemacht, daß man jeden Abend nach Mitternacht im Zimmer seiner Tochter Licht sehe, und was noch viel merkwürdiger sei, daß das Fenster offen wäre und Helena dahinter stünde, als kenne sie gar keine Furcht vor den Zanzare, jenen unangenehmen Stechmücken, welche die schönen Abende in der römischen Campagna ganz verderben. Jetzt muß ich wieder um die Nachsicht des Lesers ersuchen. Wenn man Lust hat, die Gebräuche fremder Länder zu kennen, muß man sich auf ganz abgeschmackte, von den unsrigen ganz verschiedene Anschauungen gefaßt machen. Herr von Campireali brachte seine Flinte und die seines Sohnes in Ordnung. Abends, als es 3/4 12 Uhr schlug, verständigte er Fabio, und alle beide schlichen, so leise wie möglich, auf einen großen steinernen Balkon, der sich im ersten Stock des Palastes gerade unter Helenas Fenster befand. Die starken Pfeiler der Steinbalustrade deckten sie bis zum Gürtel gegen Flintenschüsse, die man von außen gegen sie abfeuern könnte. Es schlug Mitternacht; Vater und Sohn hörten unter den Bäumen, die ihrem Palast gegenüber am Rand der Straße standen, ein leichtes Geräusch; aber zu ihrem Erstaunen erschien kein Licht an Helenas Fenster. Dieses Mädchen das bisher so arglos war und in der Lebhaftigkeit seiner Bewegungen ein Kind zu sein schien, hatte einen anderen Charakter bekommen, seit es liebte. Sie wußte, daß die geringste Unvorsichtigkeit das Leben ihres Geliebten gefährdete; wenn ein Herr vom Ansehen ihres Vaters einen so armen Menschen wie Giulio Branciforte tötete, würde er jeder Strafe ledig gehen, so er nur für drei Monate nach Neapel verschwindet. Während dieser Zeit würden seine Freunde in Rom die Angelegenheit ordnen und alles wäre mit der Stiftung einer Silberlampe und einiger hundert Taler für den Altar der Madonna, die gerade in Mode war, erledigt. Morgens beim Frühstück hatte Helena in den Zügen ihres Vaters erkannt, daß er sehr aufgebracht war, und aus der Art, wie er sie ansah, wenn er sich unbemerkt glaubte, schloß sie, daß dieser Zorn zum großen Teil ihr galt. Alsbald machte sie sich daran, ein wenig Staub auf die Schäfte der fünf prächtigen Flinten, die über dem Bett ihres Vaters hingen, zu streuen. Sie bedeckte auch seine Degen und Dolche mit einer leichten Staubschicht. Den ganzen Tag trug sie eine tolle Ausgelassenheit zur Schau: sie durcheilte unaufhörlich das Haus von oben bis unten und alle Augenblicke näherte sie sich den Fenstern, fest entschlossen, Giulio ein abmahnendes Zeichen zu geben, wenn sie das Glück hätte, ihn zu bemerken. Aber der arme Junge war durch den Verweis des reichen Campireali so tief gedemütigt worden, daß er sich niemals bei Tage in Albano zeigte; nur Sonntags führte ihn die Pflicht zur Messe. Helenas Mutter, die sie anbetete und ihr nichts abzuschlagen wußte, ging dreimal an diesem Tage mit ihr fort, aber es war vergeblich; Helena sah nichts von Giulio. Sie war in Verzweiflung. Wie wurde ihr erst, als sie am Abend die Waffen ihres Vaters wieder musterte und sah, daß zwei Flinten geladen und fast alle Dolche und Degen in der Hand erprobt worden waren! Sie wurde von ihrer tödlichen Unruhe nur durch die außerordentliche Anspannung abgelenkt, die sie beobachten mußte, um nicht verdächtig zu erscheinen. Als sie sich um zehn Uhr abends endlich zurückziehen konnte, verschloß sie ihr Zimmer, welches auf das Vorzimmer ihrer Mutter hinausging; dann kauerte sie sich dicht beim Fenster auf den Boden nieder, um nicht von draußen bemerkt zu werden. Man stelle sich die Angst vor, mit welcher sie die Stunden schlagen hörte: es war nicht mehr die Rede von den Vorwürfen, welche sie sich oft machte, sich Giulio zu schnell gegeben zu haben, was sie in Giulios Augen vielleicht weniger liebenswürdig erscheinen lassen könnte. Dieser Tag brachte die Sache des jungen Mannes weiter, als sechs Monate Treue und Beteuerungen. ›Wozu lügen?‹ sagte sich Helena, ›liebe ich ihn nicht mit ganzer Seele?‹ Um halb zwölf Uhr sah sie ganz deutlich ihren Vater und ihren Bruder auf dem großen Steinbalkon unter ihrem Fenster Stellung fassen. Zwei Minuten, nachdem es am Kapuzinerkloster Mitternacht geschlagen hatte, hörte sie gleichfalls sehr gut die Schritte ihres Geliebten, der bei der großen Eiche anhielt; sie bemerkte mit Freude, daß ihr Vater und ihr Bruder nichts gehört zu haben schienen: es erforderte die Angst der Liebe, um ein so leichtes Geräusch zu unterscheiden. ›Jetzt‹, sagte sie sich, ›werden sie mich töten, aber um keinen Preis dürfen sie den Brief von heute Abend bekommen; sie würden diesen armen Giulio auf ewig verfolgen,‹ Sie machte das Zeichen des Kreuzes und indem sie sich mit einer Hand am Eisenbalkon ihres Fensters festhielt, beugte sie sich so weit wie möglich zur Straße hinaus. Nicht eine Viertelminute war verstrichen, als der Strauß, der wie gewöhnlich an dem langen Rohr befestigt war, ihren Arm berührte. Sie ergriff den Strauß, allein als sie ihn schnell von der äußersten Spitze des Rohrs, auf der er befestigt war, abreißen wollte, geschah es, daß dieses Rohr gegen den Steinbalkon anschlug. Im gleichen Augenblick lösten sich zwei Flintenschüsse, auf die völlige Stille folgte. Ihr Bruder Fabio, ungewiß in der Dunkelheit vermutend, es sei, was heftig gegen den Balkon schlug, ein Seil, mit dessen Hilfe Giulio von seiner Schwester herabsteige, hatte gegen ihren Balkon Feuer gegeben; am nächsten Morgen fand sie den Eindruck der Kugel, welche sich auf dem Eisen breitgeschlagen hatte. Herr von Campireali hatte auf die Straße gezielt; gerade unter den Steinbalkon, weil Giulio beim Zurückziehen des Rohrs, das beinahe gefallen wäre, etwas Geräusch gemacht hatte. Als Giulio das Geräusch über seinem Kopfe hörte, erriet er, was folgen würde und hatte sich unter dem Vorsprung des Balkons gedeckt. Fabio lud schnell seine Flinte von neuem und lief, ungeachtet der Vorstellungen seines Vaters, in den Garten des Hauses; öffnete geräuschlos eine kleine Tür, die auf eine Seitenstraße führte, und schlich sich heran, um die Leute, welche unter dem Balkon des Hauses vorbeigingen, ein wenig zu mustern. In diesem Augenblick befand sich Giulio, der an diesem Abend nicht allein war, zwanzig Schritt entfernt an einen Baum gelehnt. Helena, die über ihren Balkon gebeugt um ihren Geliebten zitterte, begann alsbald sehr laut mit ihrem Bruder, den sie auf der Straße hörte, zu sprechen; sie fragte ihn, ob er die Diebe getötet habe. »Glaub nicht, daß ich mich durch deine schändliche List täuschen lasse,« schrie dieser ihr von der Straße aus zu, welche er in allen Richtungen durchmaß, »aber halte deine Tränen bereit, denn ich werde den Unverschämten, töten, der es wagt, sich deinem Fenster zu nähern.« Kaum waren diese Worte gesprochen, als Helena hörte, wie ihre Mutter an die Tür ihres Zimmers klopfte. Helena beeilte sich, ihr zu öffnen, indem sie sagte, daß es ihr unbegreiflich wäre, daß die Türe verschlossen sei. »Keine Komödie, teures Kind,« sagte ihre Mutter, »dein Vater ist wütend und kann dich vielleicht töten: komm zu mir in mein Bett, und wenn du einen Brief hast, gib ihn mir, ich werde ihn verstecken.« Helena sagte ihr: »Hier ist der Strauß, der Brief ist zwischen den Blumen versteckt.« Kaum waren Mutter und Tochter im Bett, als Herr Campireali ins Zimmer seiner Frau eintrat; er kam aus ihrem Betgemach, das er soeben durchgestöbert und wo er alles durcheinandergeworfen hatte. Was Helena auffiel, war, daß ihr Vater, blaß wie ein Gespenst, mit Bedacht zu Wege ging, wie jemand, der seinen Entschluß wohl erwogen hat. ›Ich bin tot!‹ sagte sich Helena. »Wir sind glücklich, Kinder zu haben,« sagte ihr Vater, als er zitternd vor Wut, aber den Schein vollkommener Kaltblütigkeit wahrend, am Bett seiner Frau vorbei in das Zimmer seiner Tochter ging; »wir sind glücklich, Kinder zu haben, statt dessen sollten wir lieber blutige Tränen vergießen, wenn diese Kinder Mädchen sind. Großer Gott! Ist es wohl möglich! Ihre Leichtfertigkeit kann einem Mann, der seit sechzig Jahren nicht den mindesten Vorwurf auf sich geladen hat, die Ehre rauben.« Bei diesen Worten ging er ins Zimmer seiner Tochter. »Ich bin verloren,« sagte Helena zu ihrer Mutter, »die Briefe sind unter dem Sockel des Kruzifixes neben dem Fenster.« Sogleich sprang ihre Mutter aus dem Bett und rannte zu ihrem Manne. Sie begann ihm so schlecht wie nur möglich Vernunft zuzusprechen, um seinen Zorn zum Ausbruch zu bringen, und es gelang ihr vollkommen. Der alte Mann wurde wütend, er zerschlug alles im Zimmer seiner Tochter; aber die Mutter konnte unbemerkt die Briefe an sich nehmen. Eine Stunde später, als Herr Campireali wieder in sein Zimmer zurückgekehrt war, das neben dem seiner Frau lag und im ganzen Haus Ruhe herrschte, sagte die Mutter zu ihrer Tochter: »Hier sind deine Briefe, ich will sie nicht lesen; du siehst, was sie uns beinah gekostet hätten! An deiner Stelle würde ich sie verbrennen. Leb wohl und küsse mich.« Helena ging, aufgelöst in Tränen, in ihr Zimmer zurück. Es schien ihr, daß sie seit den Worten ihrer Mutter Giulio nicht mehr liebte. Dann machte sie sich daran, seine Briefe zu verbrennen; aber sie mußte sie noch einmal lesen, bevor sie sie vernichtete. Sie las sie so oft und so gründlich, daß die Sonne schon hoch am Himmel stand, als sie sich endlich entschloß, den heilsamen Rat zu befolgen. Am nächsten Morgen, der ein Sonntag war, ging Helena mit ihrer Mutter zur Messe; zum Glück folgte ihr Vater ihnen nicht. Der erste Mensch, den sie in der Kirche bemerkte, war Giulio Branciforte. Mit einem Blick überzeugte sie sich, daß er nicht verletzt war. Ihr Glück war am Gipfel. Die Ereignisse der letzten Wochen lagen tausend Meilen zurück. Sie hatte sich fünf oder sechs mit Bleistift beschriebene Billets vorbereitet, aus alten, mit feuchter Erde beschmutzten Papierfetzen, wie man sie auf den Fliesen einer Kirche finden kann; diese Billets enthielten alle die gleiche Warnung: ›Sie hätten alles entdeckt, bis auf seinen Namen. Er möge nicht mehr in der Straße erscheinen; man werde oft hierherkommen.‹ Helena ließ eins dieser Zettelchen fallen: ein Blick belehrte Giulio, der es aufhob und verschwand. Als sie eine Stunde später nach Haus zurückkehrte, fand sie auf der großen Treppe des Palastes einen Papierfetzen, der dadurch ihren Blick auf sich zog, daß er vollkommen denen glich, deren sie sich selbst am Morgen bedient hatte. Sie griff danach, ohne daß selbst ihre Mutter es bemerkte und las: »In drei Tagen wird er von Rom zurückkehren, wohin zu gehen er gezwungen ist. Man wird am hellen Tage singen, an den Markttagen, mitten im Lärm der Bauern.« Diese Abreise nach Rom erschien Helena sonderbar. ›Fürchtet er die Flintenschüsse meines Bruders?‹ sagte sie sich traurig. Die Liebe verzeiht alles, nur nicht die freiwillige Abwesenheit. Dies ist die schlimmste aller Qualen. Anstatt sich süßen Träumen zu ergeben und ganz damit beschäftigt zu sein, alle Gründe zu erwägen, die man hat, um seinen Geliebten zu lieben, ist das Leben von grausamen Zweifeln beunruhigt. ›Aber kann ich denn nach allem, was geschehen ist, glauben, daß er mich nicht mehr liebt?‹ sagte sich Helena während der drei langen Tage, die Brancifortes Abwesenheit dauerte. Plötzlich wich ihr Kummer einer unsinnigen Freude: am dritten Tage sah sie ihn am hellen Mittag auf der Straße vor dem Palast ihres Vaters erscheinen. Er trug neue und fast prächtige Gewänder. Niemals waren die Vornehmheit seiner Haltung und die heitere und mutige Unbekümmertheit seines Antlitzes vorteilhafter hervorgetreten; nie allerdings hatte man auch vor diesem Tage so oft in Albano von der Armut Giulios gesprochen. Es waren die Männer und besonders die jungen Leute, welche dieses grausame Wort wiederholten; die Frauen und vor allem die jungen Mädchen konnten sich in Lobeserhebungen über seine gute Erscheinung nicht genug tun. Giulio verbrachte den ganzen Tag damit, in der Stadt umherzuschlendern; es machte den Eindruck, als ob er sich für die Monate der Haft, zu der ihn seine Armut verdammt hatte, entschädigen wollte. Wie es einem Verliebten zukommt, war Giulio unter seinem neuen Rock gut bewaffnet. Außer seinem Degen und seinem Dolch hatte er sein giacco angelegt, eine Art Weste aus geflochtenem Draht, welche sehr unbequem zu tragen war, jedoch diese italienischen Herzen von einer traurigen Krankheit heilte, deren peinliche Anfälle man in jenem Jahrhundert unaufhörlich erleben konnte; ich spreche von der Furcht, an einer Straßenbiegung durch einen seiner wohlbekannten Feinde getötet zu werden. An diesem Tage hoffte Giulio Helena zu begegnen; übrigens hatte er auch einen gewissen Widerwillen, mit sich allein in seinem einsamen Haus zu sein. Hier der Grund: Ranuccio, ein alter Soldat seines Vaters, der unter diesem schon zehn Feldzüge in den Truppen verschiedener Bandenführer und zuletzt des Marco Sciarra mitgemacht hatte, war seinem Hauptmann gefolgt, als dessen Wunden ihn zwangen, sich zurückzuziehen. Hauptmann Branciforte hatte seine Gründe, nicht in Rom zu leben; er hätte dort die Söhne von Männern treffen können, die er getötet hatte; selbst in Albano sorgte er vor, daß er nicht nur auf die Gnade der regulären Autorität angewiesen sei. Anstatt ein Haus in der Stadt zu kaufen oder zu mieten, zog er es vor, eins zu bauen, das so gelegen war, daß man seine Besucher schon von weitem zu sehen vermochte. Er fand in den Ruinen von Alba einen wundervollen Platz: man konnte von dort, ohne von indiskreten Besuchern bemerkt zu werden, sich in den Wald zurückziehen, wo sein alter Freund und Herr, der Fürst Fabrizio Colonna herrschte. Hauptmann Branciforte kümmerte die Zukunft seines Sohnes wenig. Als er sich, erst fünfzig Jahre alt, aber besät mit Wunden, vom Dienst zurückzog, nahm er an, daß er noch zehn Jahre leben werde, und verbrauchte, nachdem sein Haus gebaut war, jeden Tag den zehnten Teil dessen, was er aus den Plünderungen von Städten und Dörfern zusammengerafft, und denen beizuwohnen er die Ehre gehabt hatte. Er kaufte den Weinberg, der jetzt seinem Sohn dreißig Taler Rente trug, als Antwort auf den schlechten Scherz eines Bürgers von Albano, der ihm eines Tages, da er erregt über die Interessen und die Ehre der Stadt disputierte, zurief, daß es in der Tat einem so reichen Grundbesitzer, wie er einer sei, wohl zustehe, den Eingesessenen Albanos Ratschläge zu erteilen. Der Hauptmann kaufte den Weinberg und kündigte an, daß er noch viele andre kaufen werde; später, als er den Spötter an einem einsamen Ort traf, tötete er ihn mit einem Pistolenschuß. Nach acht Jahren dieser Art des Lebens starb der Hauptmann; sein Adjutant Ranuccio betete Giulio an; trotzdem nahm er, des Nichtstuns müde, wieder Dienst in der Truppe des Fürsten Colonna. Oft besuchte er seinen Sohn Giulio, wie er ihn nannte, und am Vorabend eines gefährlichen Angriffs, den der Fürst in seiner Feste Petrella aushalten mußte, hatte er Giulio mit zum Kampf genommen. Da er ihn sehr tapfer fand, sagte er: »Du mußt wirklich toll und außerdem recht einfältig sein, daß du bei Albano wie der letzte und ärmste seiner Einwohner lebst, während du mit deinem Mut und dem Namen deines Vaters ein glänzender Soldat sein und dein Glück machen könntest.« Giulio wurde durch diese Worte gequält; ein Priester hatte ihn Latein gelehrt; aber da sein Vater über alles, was der Priester sonst noch sagte, nur zu spotten pflegte, hatte er außer dem nicht das geringste gelernt. Dafür hatte sich bei ihm, der wegen seiner Armut verachtet und in seinem einsamen Haus ganz auf sich selbst angewiesen war, ein gesunder Menschenverstand entwickelt, welcher durch seine gewagte Kühnheit selbst Gelehrte in Erstaunen gesetzt hätte. Zum Beispiel schwärmte er, bevor er Helena liebte, ganz ohne zu wissen, warum, für den Krieg; aber er hatte einen Widerwillen gegen das Plündern, das doch in den Augen seines Vaters und Ranuccios der kleinen lustigen Komödie glich, die auf die edle ernste Tragödie folgt. Seit er Helena liebte, ließ ihn dieser gesunde Scharfblick, den er sich durch seine einsamen Überlegungen angeeignet hatte, Qualen erleiden. Diese früher so sorglose Seele wagte niemanden wegen ihrer Zweifel um Rat zu fragen und war von Leidenschaft und Unglück erfüllt. Was würde Herr von Campireali nicht alles sagen, wenn er Brigant würde? Dann erst würde er ihm begründete Vorwürfe machen können. Giulio hatte sich immer den Soldatenberuf als eine Sicherung für die Zeit aufgehoben, wo er den Erlös der goldenen Ketten und andren Kostbarkeiten ausgegeben haben würde, die er in der eisernen Kasse seines Vaters gefunden hatte. Giulio hatte trotz seiner Armut gar keinen Skrupel, die Tochter des reichen Herrn Campireali zu entführen, weil zu jener Zeit die Väter ganz nach ihrem Belieben über ihr Gut verfügten, und sehr leicht war es möglich, daß Herr von Campireali seiner Tochter nur tausend Taler als einziges Erbe hinterließ. Aber ein andres beschäftigte die Einbildungskraft Giulios aufs tiefste: erstens: in welcher Stadt würde er die junge Helena unterbringen, wenn er sie ihrem Vater entführt und geheiratet hatte; zweitens: mit welchem Geld würde er sie leben lassen? Als ihm Herr Campireali den beißenden Tadel versetzte, der ihn so empfindlich traf, war Giulio zwei Tage hindurch die Beute der Wut und des heftigsten Schmerzes: er konnte sich weder entschließen, den alten Mann zu töten, noch ihn leben zu lassen. Er verbrachte ganze Nächte weinend; endlich entschloß er sich, Ranuccio zu befragen, den einzigen Freund, den er auf der Welt hatte; aber würde dieser Freund ihn verstehen? Vergeblich suchte er im ganzen Wald von La Faggiola nach Ranuccio; er mußte auf der Straße von Neapel noch über Velletri hinaus gehen, wo Ranuccio einen im Hinterhalt liegenden Trupp befehligte. Er lauerte dort mit einer zahlreichen Schar auf den spanischen General Ruiz d'Avalis, welcher zu Land nach Rom reiste, ohne daran zu denken, daß er kürzlich vor vielen Leuten mit Verachtung von den Briganten des Colonna gesprochen hatte. Sein Feldprediger erinnerte ihn gerade noch zur rechten Zeit an diese kleine Begebenheit, und Ruiz d'Avalis zog es vor, ein Schiff rüsten zu lassen und übers Meer nach Rom zu reisen. Als der Hauptmann Ranuccio Giulios Erzählung gehört hatte, sagte er ihm: »Beschreibe mir genau diesen Herrn Campireali, damit seine Unklugheit nicht irgend einem guten Bürger Albanos das Leben kostet. Sobald die Sache, die uns hier zurückhält, beendet ist, sei es gut oder schlecht, wirst du dich nach Rom begeben und darauf bedacht sein, dich zu allen Tageszeiten in Gastwirtschaften und an andren öffentlichen Orten zu zeigen, denn man darf nicht, wegen deiner Liebe zur Tochter, gegen dich Verdacht schöpfen können.« Giulio hatte große Mühe, den Zorn des alten Gefährten seines Vaters zu beruhigen. Es blieb ihm nichts übrig, als ärgerlich zu werden: »Glaubst du, daß ich deinen Degen brauche?« sagte er endlich. »Man sollte meinen, daß ich selbst einen besitze! Ich wünsche einen verständigen Rat von dir.« Ranuccio schloß die ganze Auseinandersetzung mit den Worten: »Du bist jung, du hast keine Wunde, die Beleidigung war öffentlich; nun, ein entehrter Mann ist selbst bei den Frauen verachtet.« Giulio sagte ihm, daß er mit sich noch darüber zu Rate gehen wolle, wonach ihn gelegentlich verlange, und trotz des Drängens Ranuccios, der durchaus darauf beharrte, daß er an dem Überfall auf den spanischen General teilnehmen möge – wobei man, wie er sagte, Ehren erlangen könne, ganz abgesehen von den Dublonen – kehrte er allein in sein Haus zurück. Dort hatte er am Abend vor dem Tage, wo Herr von Campireali auf ihn schoß, Ranuccio und seinen Korporal empfangen, die auf dem Rückweg aus der Gegend von Velletri waren. Ranuccio hatte Mühe, die kleine eiserne Truhe zu sehen, wo sein Herr, der Hauptmann Branciforte, ehemals die goldenen Ketten und andre Schmucksachen einschloß, wenn es ihm nicht paßte, gleich nach der Expedition ihren Erlös auszuheben. Ranuccio fand zwei Scudi darin. »Ich rate dir, werde Mönch,« sagte er zu Giulio, »du hast alle Tugenden dazu: die Liebe zur Armut, den Beweis haben wir vor Augen; die Demut: du läßt dich auf offener Straße von einem Geldsack aus Albano beschimpfen. Nun fehlen dir bloß noch die Heuchelei und der Bauch.« Ranuccio legte mit Gewalt fünfzig Dublonen in die eiserne Truhe. »Ich gebe dir mein Wort,« sagte er zu Giulio, »wenn binnen eines Monats dieser Herr Campireali nicht mit allen Ehren, die seiner Vornehmheit und seinem Reichtum gebühren, eingescharrt ist, wird mein Korporal, so wahr er hier steht, mit dreißig Mann deine Hütte zerstören und deine armseligen Möbel verbrennen. Es darf nicht sein, daß der Sohn des Hauptmann Branciforte unter dem Vorwand der Liebe eine schlechte Figur in der Welt macht.« Als Herr von Campireali und sein Sohn die beiden Schüsse abfeuerten, hatten Ranuccio und der Korporal unter dem Steinbalkon Stellung genommen und Giulio hatte die größte Mühe, sie zu verhindern, Fabio zu töten oder mindestens zu entführen, als dieser unvorsichtig aus dem Garten trat, wie wir schon erzählt haben. Die Erwägung, welche Ranuccio beruhigte, war folgende: man soll nicht einen jungen Mann, der noch etwas werden und sich nützlich machen kann, töten, während ein alter Sünder dabei ist, mit mehr Schuld und zu nichts mehr gut als zum Begraben werden. Am Morgen nach diesem Abenteuer schlug sich Ranuccio in die Wälder und Giulio reiste nach Rom. Die Freude darüber, daß er sich mit den von Ranuccio geschenkten Dublonen schöne Gewänder kaufen könnte, war durch einen in seinem Jahrhundert ganz ungewöhnlichen Gedanken grausam getrübt, der die hohe Bestimmung ahnen ließ, zu der er später gelangte. Er sagte sich: ›Helena muß wissen, wer ich bin.‹ Jeder andre junge Mann seines Alters und seiner Zeit hätte nur davon geträumt, sich seiner Liebe zu erfreuen und Helena zu entführen, ohne im geringsten daran zu denken, was in sechs Monaten aus ihr werden würde, und ebensowenig, welche Meinung sie von ihm hegen könnte. Nach Albano zurückgekehrt, erfuhr Giulio durch seinen Freund, den alten Scotti, am gleichen Nachmittag, da er vor aller Augen in seinen schönen, aus Rom mitgebrachten Gewändern glänzte, daß Fabio zu Pferde die Stadt verlassen habe, um nach einem drei Meilen entfernten Gut zu reiten, das sein Vater in der Ebene an der Küste besaß. Später sah er, wie Herr Campireali in Begleitung von zwei Priestern den Weg durch die prächtige grüne Eichenallee einschlug, welche den Rand des Kraters krönt, auf dessen Grund der See von Albano liegt. Zehn Minuten danach drang eine alte Frau dreist in den Palazzo Campireali ein, unter dem Vorwand, schöne Früchte zu verkaufen; die erste Person, die sie traf, war die kleine Kammerzofe Marietta, die intime Vertraute ihrer Herrin Helena. Diese errötete bis ins Weiße der Augen, als sie einen schönen Blumenstrauß empfing. Der in diesem Strauß verborgene Brief war unermeßlich lang: Giulio erzählte alles, was er seit der Nacht der Flintenschüsse erlebt hatte; aber aus einer eigentümlichen Scham heraus wagte er nicht, das, worauf jeder andre junge Mann seiner Zeit stolz gewesen wäre, zu gestehen: daß er der Sohn eines durch seine Abenteuer berühmten Kapitäns war und selbst bereits in mehr als einem Kampf durch seine Tapferkeit erprobt. Er glaubte stets die Betrachtungen zu hören, welche diese Tatsachen dem alten Campireali eingeben würden. Man muß wissen, daß im sechzehnten Jahrhundert die Mädchen – einer gesunden republikanischen Vernunft näher als heute – einen Mann viel mehr seiner Taten wegen schätzten, als wegen der zusammengescharrten Reichtümer oder der berühmten Taten seiner Väter. Aber es waren hauptsächlich die jungen Mädchen aus dem Volk, welche diese Anschauung hatten; die den reichen Klassen oder dem Adel angehörten, hatten Angst vor den Briganten und hielten, wie es sich schließlich versteht, Adel und Reichtum in hoher Achtung. Giulio schloß seinen Brief mit folgenden Worten: »Ich weiß nicht, ob die gefälligen Gewänder, die ich aus Rom gebracht habe, Euch die grausame Beleidigung vergessen ließen, die mir kürzlich jemand wegen meines armseligen Äußern zugefügt hat, den Ihr verehrt; ich hatte die Möglichkeit, mich schützen zu können, ich hätte es tun müssen, meine Ehre verlangte es: ich habe es wegen der Tränen nicht getan, welche meine Rache Augen gekostet hätte, die ich anbete. Dies kann Euch beweisen, wenn Ihr zu meinem Unglück noch daran zweifeln solltet, daß man sehr arm sein und doch edle Gefühle haben kann. Außerdem muß ich Euch ein schreckliches Geheimnis enthüllen; es würde mir sicher nicht schwer werden, es jeder andren Frau zu sagen; aber ich weiß nicht, warum: ich zittre, wenn ich daran denke, es Euch zu bekennen. Es könnte in einem Augenblick die Liebe, die Ihr zu mir fühlt, zerstören; keine Versicherung von Eurer Seite würde mir genügen. Ich will in Euren Augen die Wirkung lesen, welche dieses Geständnis hervorruft. An einem der nächsten Tage werde ich Euch bei Anbruch der Nacht im Garten hinter dem Palast sehen. Am gleichen Tag werden Fabio und Euer Vater abwesend sein: sobald ich mir die Gewißheit verschafft haben werde, daß sie, trotz ihrer Geringschätzung für einen armen schlecht gekleideten jungen Mann, uns nicht dreiviertel Stunden oder eine Stunde des Beisammenseins zu rauben vermögen, wird vor den Fenstern Eures Palastes ein Mann erscheinen, der den Dorfkindern einen zahmen Fuchs vorführen wird. Später, beim Läuten des Ave Maria, werdet Ihr in der Ferne einen Flintenschuß hören; in diesem Augenblick nähert Euch der Mauer Eures Gartens und wenn Ihr nicht allein seid, singt. Herrscht Schweigen, wird Euer Sklave zitternd vor Euren Füßen erscheinen und Euch Dinge erzählen, die Euch vielleicht entsetzen werden. In Erwartung dieses für mich entscheidenden und schrecklichen Tages, werde ich nicht mehr versuchen, Euch um Mitternacht einen Strauß zu überreichen; aber gegen zwei Uhr nachts werde ich singend vorübergehen und vielleicht werdet Ihr vom großen Steinbalkon eine Blume fallen lassen, die von Euch aus Eurem Garten gepflückt wurde. Dies sind vielleicht die letzten Zeichen der Neigung, die Ihr dem unglücklichen Giulio geben werdet.« Drei Tage später waren Helenas Vater und Bruder auf das Gut geritten, das sie am Ufer des Meeres besaßen; sie mußten etwas vor Sonnenuntergang fortreiten, um gegen zwei Uhr nachts wieder zu Hause zu sein. Aber, als sie den Heimritt antreten wollten, waren nicht nur ihre beiden Pferde, sondern alle, die noch in der Farm waren, verschwunden. Sehr erstaunt über diesen kühnen Diebstahl suchten sie nach ihren Pferden, die aber erst am nächsten Tag im Hochwald, der ans Meer grenzt, gefunden wurden. Die beiden Campireali, Vater und Sohn, waren genötigt, in einem von Ochsen gezogenen Landfuhrwerk nach Albano zurückzukehren. Als an diesem Abend Giulio vor Helena kniete, war es beinahe völlig dunkel, und das arme Mädchen war sehr glücklich über diese Finsternis: sie stand zum ersten Male vor dem Mann, den sie zärtlich liebte, der das sehr wohl wußte, aber den sie noch nie gesprochen hatte. Eine Beobachtung, die sie machte, gab ihr ein wenig Mut: Giulio war noch bleicher und zaghafter als sie. Sie sah ihn zu ihren Füßen: »Ich bin wahrhaftig außerstande, zu sprechen«, sagte er ihr. Es folgten einige sehr glückliche Augenblicke; sie sahen sich an, aber konnten kein Wort hervorbringen und waren unbeweglich, wie eine sehr ausdrucksvolle Marmorgruppe. Giulio lag auf den Knien und hielt eine Hand Helenas, sie hatte das Haupt gesenkt und betrachtete ihn mit Aufmerksamkeit. Giulio wußte wohl, daß er irgend etwas hätte versuchen müssen, wenn er den Ratschlägen seiner Freunde, der jungen Lebemänner Roms, hätte folgen wollen; aber dieser Gedanke entsetzte ihn. Er wurde aus diesem Zustand der Verzückung, vielleicht dem höchsten Glück, das die Liebe geben kann, durch das Bewußtsein aufgeschreckt: die Zeit verfliegt schnell, die beiden Campireali nähern sich ihrem Hause. Er begriff, daß er mit seiner gewissenhaften Seele kein dauerndes Glück finden könne, so lange er nicht seiner Geliebten jenes schreckliche Geständnis gemacht habe, das seinen römischen Freunden als große Dummheit erschienen wäre. »Ich habe Euch von einem Geständnis gesprochen, welches ich vielleicht nicht machen sollte«, sagte er endlich zu Helena. Giulio wurde ganz bleich, er sprach mühsam und als ob ihm der Atem fehlte, weiter: »Vielleicht sehe ich jetzt die Gefühle schwinden, deren Hoffnung mein Leben ist. Ihr haltet mich für arm; das ist nicht alles: ich bin Brigant und Sohn eines Briganten.« Bei diesen Worten fühlte Helena, die als Tochter eines reichen Mannes in allen Vorurteilen ihrer Kaste aufgewachsen war, daß ihr übel wurde, sie fürchtete umzusinken; ›welcher Kummer würde dies für den armen Giulio sein!‹ dachte sie, ›er wird sich verachtet glauben,‹ Er lag vor ihr auf den Knien. Um nicht zu fallen, stützte sie sich auf ihn, und fast im gleichen Augenblick sank sie wie bewußtlos in seine Arme. Wie man sieht, liebte man im sechzehnten Jahrhundert Genauigkeit in Liebesdingen. Dies kam daher, daß nicht der Verstand diese Geschehnisse beurteilte, sondern die Einbildungskraft sie fühlte und die Leidenschaft des Lesers sich an der der Helden entzündete. Die beiden Manuskripte, denen wir folgen, und besonders jenes, das einige dem florentinischen Dialekt eigentümliche Wendungen aufweist, beschreiben mit den kleinsten Einzelheiten alle Zusammenkünfte, welche auf diese folgten. Die Gefahr ließ in dem jungen Mädchen keine Gewissenszweifel aufkommen. Oft war die Gefahr außerordentlich, doch dadurch wurden diese beiden Herzen, welche alle Eindrücke, die mit ihrer Liebe zusammenhingen, als Glück empfanden, nur noch mehr entflammt. Öfters waren Fabio und sein Vater nahe daran, sie zu überraschen. Sie waren wütend, weil sie sich gefoppt fühlten. Der öffentliche Klatsch trug ihnen zu, daß Giulio Helenas Liebhaber sei und sie konnten nichts bemerken. Fabio, heftig und ahnenstolz, schlug seinem Vater vor, Giulio töten zu lassen. »So lange er auf der Welt ist,« sagte er, »läuft das Leben meiner Schwester Gefahr. Wer schützt uns davor, daß unsre Ehre uns nicht im ersten Augenblick zwingen wird, unsre Hände in das Blut dieser Eigensinnigen zu tauchen? Sie ist zu solchem Unmaß von Verwegenheit gelangt, daß sie ihre Liebe nicht einmal mehr leugnet; habt Ihr sie auf Eure Vorwürfe anders antworten gehört, als mit einem verbissenen Schweigen? Nun wohl, dieses Schweigen ist das Todesurteil für Giulio Branciforte.« »Denk daran, was sein Vater war«, antwortete Herr von Campireali. »Sicherlich ist es für uns nicht schwer, auf sechs Monate nach Rom zu gehen und während dieser Zeit diesen Branciforte verschwinden zu lassen. Aber wer sagt uns, daß sein Vater, der trotz all seiner Verbrechen tapfer und freigebig war, – freigebig genug, um viele seiner Soldaten reich zu machen, während er selbst arm blieb – wer sagt uns, daß sein Vater nicht noch Freunde besitzt, sei es in der Schar des Herzogs von Monte Mariano, sei es in der Truppe Colonna, welche oft die Wälder von La Faggiola besetzt, die nur eine halbe Meile von uns entfernt sind? In diesem Fall werden wir alle ohne Erbarmen umgebracht, du, ich und vielleicht auch deine unglückliche Mutter.« Diese oft erneuten Unterhaltungen zwischen Vater und Sohn waren der Mutter Helenas, Vittoria Carafa, nur zum Teil verborgen geblieben und brachten sie zur Verzweiflung. Das Ergebnis der Unterhaltungen zwischen Vater und Sohn war, daß es sich nicht mit ihrer Ehre vertrüge, den Klatsch, der in Albano umging, ruhig dauern zu lassen. Da es nicht klug schien, diesen jungen Branciforte verschwinden zu machen, der täglich unverschämter wurde und jetzt sogar in seinen prächtigen Kleidern die Dreistigkeit so weit trieb, an öffentlichen Orten das Wort an Fabio oder dessen Vater zu richten, erübrigte nichts als einen der beiden folgenden Entschlüsse oder vielleicht alle beide ausführen: die ganze Familie mußte nach Rom gehen, Helena aber im Kloster der Heimsuchung in Castro untergebracht und so lange dort belassen werden, bis eine passende Heirat für sie gefunden war. Niemals hatte Helena ihrer Mutter ein Geständnis ihrer Liebe gemacht: Mutter und Tochter liebten sich zärtlich, sie verbrachten ihr Leben gemeinsam, und doch war nie ein einziges Wort über diesen Gegenstand gesprochen worden, der sie beide fast in gleichem Maße beschäftigte. Zum erstenmal verriet sich in Worten, was fast ausschließlich Gegenstand ihrer Gedanken war, als die Mutter ihrer Tochter zu verstehen gab, man wolle nach Rom übersiedeln und vielleicht sogar Helena für einige Jahre in das Kloster von Castro schicken. Diese Unterredung war von Vittoria Carafa unklug und ließ sich nur durch die unsinnige Zärtlichkeit entschuldigen, welche sie für ihre Tochter hegte. Im Übermaß ihrer Liebe wollte Helena ihrem Geliebten beweisen, daß sie sich seiner Armut nicht schämte und daß ihr Vertrauen in seine Ehrenhaftigkeit ohne Grenzen war. »Wer würde es glauben,« ruft der florentinische Chronist aus, »daß trotz so vielen gewagten Zusammenkünften, im Garten und ein- oder zweimal sogar in ihrem eigenen Zimmer, für die sie sich einem schrecklichen Tod aussetzten, Helena unberührt war!« Durch ihre Tugend sicher, schlug sie ihrem Geliebten vor, gegen Mitternacht den Palast durch den Garten zu verlassen, und den Rest der Nacht in seinem kleinen, auf den Ruinen Albas erbauten Haus zu verbringen, das mehr als eine halbe Stunde entfernt lag. Sie verkleideten sich als Franziskanermönche. Helena war hoch gewachsen und glich, so gekleidet, einem jungen Novizen von achtzehn oder zwanzig Jahren. Es ist unbegreiflich und zeigt Gottes Finger, daß Giulio und seine Geliebte, als Mönche verkleidet, auf dem engen, in den Felsen gehauenen Weg, der an der Mauer des Kapuzinerklosters entlang führt, Herr von Campireali und seinem Sohn Fabio begegneten, welche, von vier wohlbewaffneten Dienern gefolgt und einem Pagen mit brennender Fackel voran, aus Castel Gandolfo zurückkehrten, einem unweit am Ufer des Sees gelegenen Ort. Um die Liebenden vorbeizulassen, stellten sich die Campireali und ihre Diener zur Rechten und Linken dieses in den Felsen gehauenen Wegs auf, welcher etwa acht Fuß breit sein mochte. Wieviel besser wäre es für Helena gewesen, wenn man sie in diesem Augenblick erkannt hätte! Sie wäre durch einen Pistolenschuß ihres Vaters oder ihres Bruders getötet worden und ihre Marter hätte nur einen Augenblick gedauert: aber der Himmel hatte es anders beschlossen. Superis aliter visum. Man fügt dieser sonderbaren Begegnung noch einen Umstand hinzu, welchen die Signora Campireali noch oftmals im höchsten Alter erzählt hat, als fast Hundertjährige in Rom, vor Leuten, die selbst sehr alt waren; sie haben es mir wiedererzählt, als meine große Neugierde sie über diesen Gegenstand und über vieles andre ausforschte. Fabio von Campireali, der ein junger auf seinen Mut stolzer Mann und hochfahrend war, rief, als er merkte, daß der ältere Mönch weder seinen Vater noch ihn grüßte, trotzdem er so nah an ihnen vorbeiging: »Das ist ja ein Spitzbube von einem stolzen Mönch! Gott weiß, was er außerhalb des Klosters sucht, er und sein Begleiter, zu so ungehöriger Stunde! Ich weiß nicht, was mich abhält, ihre Kapuzen zu lüften, wir würden sehen, wie sie ausschauen!« Bei diesen Worten faßte Giulio nach seinem Dolch unter der Mönchskutte und stellte sich zwischen Fabio und Helena. In diesem Augenblick war nicht mehr als ein Fuß breit Raum zwischen ihm und Fabio; aber der Himmel befahl es anders und besänftigte durch ein Wunder den Zorn dieser beiden jungen Leute, die sich bald danach in noch anderer Nähe sehen sollten. In dem Prozeß, den man in der Folge Helena von Campireali machte, wollte man diesen nächtlichen Ausflug als einen Beweis ihrer Verderbtheit darstellen; doch es war das Delirium eines jungen Herzens, das in ganz unsinniger Liebe entflammt war, denn dies Herz war rein. III. Die Orsini, die ewigen Nebenbuhler der Colonna und damals in den Dörfern zunächst Rom allmächtig, hatten erst vor kurzem einen reichen Landwirt namens Balthasar Bandini aus La Petrella durch die Gerichte der Regierung zum Tod verurteilen lassen. Es würde zu weit führen, hier die verschiedenen Taten aufzuzählen, welche man dem Bandini zur Last legte: zum größten Teil wären sie heute Verbrechen, aber im Jahre 1559 durften sie nicht in einer so strengen Weise betrachtet werden. Bandini saß in einem den Orsini gehörenden Schloß gefangen, das bei Valmontone im Gebirge lag, sechs Meilen von Albano entfernt. Der Bargello von Rom, von hundertfünfzig seiner Sbirren gefolgt, verbrachte eine Nacht auf der Landstraße; er war gekommen, um Bandini zu holen und ihn nach Rom ins Gefängnis von Tor di Nona zu bringen. Bandini hatte in Rom gegen das Todesurteil Berufung eingelegt. Aber, wie wir schon sagten, war er aus La Petrella gebürtig, einer Feste, die den Colonna gehörte; seine Frau war zu Colonna geeilt, der sich in La Petrella aufhielt, und sagte ihm vor allen Leuten: »Werdet Ihr einen Eurer treuen Diener sterben lassen?« Colonna erwiderte: »Es wäre Gott nicht wohlgefällig, wenn ich die Ehrfurcht verletzte, die ich den Entscheidungen der Gerichte des Papstes, meines Herrn, schulde!« Sofort erhielten seine Soldaten Befehle, und er ließ allen seinen Anhängern Weisung zukommen, sich bereit zu halten. Der Sammelpunkt wurde bei Valmontone bestimmt, einer kleinen, auf dem Gipfel eines niederen Felsens gelegenen Stadt, die aber einen stufenlosen und fast lotrechten Absturz von sechzig bis achtzig Fuß Tiefe zur Schutzwehr hat. In diese kleine, dem Papst gehörende, Stadt war es den Anhängern der Orsini und den Sbirren der Regierung geglückt, Bandini zu schaffen. Unter die eifrigsten Anhänger dieser Partei rechnete man Herrn von Campireali und seinen Sohn Fabio, die übrigens mit den Orsini weitläufig verwandt waren. Seit jeher waren dagegen Giulio Branciforte und sein Vater Anhänger der Colonna. Unter Umständen, wo es den Colonna nicht paßte, öffentlich zu handeln, nahmen sie zu einer einfachen Vorsicht ihre Zuflucht: die meisten der reichen römischen Bauern waren damals wie heute Mitglieder irgendwelcher Büßergemeinschaften. Die Büßer erschienen in der Öffentlichkeit nie anders als den Kopf mit einem Stück Leinwand bedeckt, das ihr Gesicht verhüllte und nur zwei Löcher für die Augen frei ließ. Wenn die Colonna sich zu einer Unternehmung nicht bekennen wollten, luden sie ihre Anhänger ein, sich ihnen im Büßerkleid anzuschließen. Nach langen Vorbereitungen wurde die Überführung Bandinis, welche schon seit vierzehn Tagen das Gespräch der Gegend bildete, auf einen Sonntag festgesetzt. An diesem Tag um zwei Uhr morgens ließ der Bürgermeister von Valmontone in allen Dörfern des Waldes von La Faggiola die Sturmglocken läuten. Man sah aus jedem Ort Bauern in ziemlich großer Anzahl ausrücken. Die Sitten der mittelalterlichen Republiken, als man sich noch schlug, um irgendeine Sache, die man wünschte, zu erlangen, hatten in den Herzen der Landleute sehr viel Tapferkeit erhalten; zu unsrer Zeit würde sich niemand rühren. An diesem Tag konnte man etwas Sonderbares bemerken: So oft ein kleiner Trupp bewaffneter Bauern aus seinem Dorf heraus in den Wald bog, verringerte er sich um die Hälfte; die Anhänger der Colonna schlugen die Richtung nach dem von Fabrizio bezeichneten Treffpunkt ein. Ihre Anführer schienen überzeugt, daß man sich an diesem Tage nicht schlagen würde: sie hatten morgens Befehl erhalten, dieses Gerücht zu verbreiten. Fabrizio durcheilte den Wald mit der Auslese seiner Anhänger, die mit halbwüchsigen jungen Pferden seines Gestüts beritten waren. Er hielt eine Art Heerschau über die verschiedenen Bauerntrupps ab; aber er sprach nichts zu ihnen; weil jedes Wort bloßstellen konnte. Fabrizio war ein großer, magerer Mann von unglaublicher Gewandtheit und Kraft; obwohl er kaum fünfundvierzig Jahre zählte, waren seine Haare und sein Schnurrbart von blendender Weiße, was ihm sehr unangenehm war. Denn an diesem Merkmal konnte man ihn auch an Orten erkennen, wo er lieber unerkannt geblieben wäre. Sobald die Bauern ihn sahen, riefen sie: Evviva Colonna! und zogen ihre Leinenkapuzen über. Der Fürst selbst hatte seine Kapuze auf der Brust hängen, um sie überziehen zu können, sobald sich der Feind zeigte. Dieser ließ nicht auf sich warten. Die Sonne war kaum aufgegangen, als etwa tausend Mann der Orsini-Partei von der Seite von Valmontone her in den Wald eindrangen und in einer Entfernung von etwa dreihundert Schritten an den Anhängern des Colonna vorbeizogen, die sich auf seinen Befehl zur Erde geworfen hatten. Einige Minuten, nachdem die letzten dieser Vorhut der Orsini vorbei waren, setzte der Fürst seine Leute in Bewegung; er hatte beschlossen, das Geleit des Bandini anzugreifen, wenn eine Viertelstunde vorbei sein würde, nachdem es den Wald betreten hatte. An dieser Stelle ist der Wald mit kleinen Felsen von fünfzehn oder zwanzig Fuß Höhe übersät; das sind mehr oder weniger alte Lavaflüsse, auf denen die Kastanien wunderbar wachsen und fast ganz den Tag verhüllen. Weil diese Lavablöcke, die mehr oder weniger von der Zeit angegriffen sind, den Boden sehr uneben machen und um der Landstraße eine Anzahl kleiner unnützer Auf- und Abstiege zu ersparen, hat man den Weg in die Lava eingesenkt, und er liegt jetzt oft drei oder vier Fuß tiefer als der Wald. An der Stelle, wo Fabrizio den Angriff vorgesehen hatte, befand sich eine mit Gras bedeckte Lichtung, die an einem Ende von der Landstraße überquert wurde. Dann trat die Straße wieder in den Wald ein, der an dieser Stelle voll von Brombeerbüschen und zwischen Baumstümpfen wuchernder Stauden ganz undurchdringlich war. Fabrizio hatte hier seine Fußtruppen etwa hundert Schritt tief im Walde und zu beiden Seiten der Straße aufgestellt. Auf ein Zeichen Colonnas setzte jeder der Bauern seine Kapuze auf und nahm mit seiner Büchse hinter einem Kastanienbaum Stellung; die Soldaten des Fürsten stellten sich hinter die Bäume zunächst der Straße. Die Bauern hatten strengen Befehl, erst nach den Soldaten zu schießen und diese durften erst Feuer geben, wenn der Feind auf zwanzig Schritt nahe sein würde. Fabrizio ließ in Eile einige zwanzig Bäume fällen, welche mit ihren Zweigen auf die Straße gestürzt sie vollständig sperrten; die Straße war an dieser Stelle sehr eng und lag um drei Fuß tiefer. Hauptmann Ranuccio mit fünfhundert Mann folgte der Vorhut; er hatte Befehl, erst anzugreifen, wenn er die ersten Flintenschüsse hören würde, die vom Holzverhau abgegeben werden sollten, der die Straße versperrte. Als Fabrizio Colonna seine Soldaten und seine Anhänger jeder hinter seinem Baum wohl aufgestellt und voll Entschlossenheit sah, ritt er im Galopp mit seinen Berittenen weiter, unter denen sich auch Giulio Branciforte befand. Der Fürst schlug einen Pfad zur Rechten der Landstraße ein, welcher zum entgegengesetzten Ende der Lichtung führte. Colonna war kaum einige Minuten davon, als man auf der Straße von Valmontone von weitem eine große Schar Berittener nahen sah; das waren die Sbirren und ihr Bargello, die Bandini geleiteten, und alle Herren, die zu den Orsini hielten. In ihrer Mitte befand sich Balthasar Bandini, von vier rotgekleideten Scharfrichtern umringt; sie hatten Befehl, das Urteil der ersten Instanz zu vollstrecken und Bandini sofort zu töten, wenn die Anhänger der Colonna daran wären, ihn zu befreien. Die Reiter Colonnas waren kaum am andern Ende der Lichtung angelangt, als man die ersten Flintenschüsse aus dem Hinterhalt beim Holzverhau auf der Straße hörte. Sogleich setzte er seine Reiter in Galopp und richtete seinen Angriff auf die vier rotgekleideten, Henker, die Bandini umgaben. Wir werden nicht im genauen Verlauf diesem kleinen Handstreich folgen, der nicht einmal dreiviertel Stunden dauerte; überrascht flohen die Anhänger der Orsini nach allen Richtungen, aber bei der Vorhut wurde der tapfere Hauptmann Ranuccio getötet, und dieses Ereignis hatte einen verhängnisvollen Einfluß auf das Schicksal Brancifortes. Kaum hatte dieser einige Säbelhiebe ausgeteilt, um sich an die rotgekleideten Männer heranzuarbeiten, als er sich Fabio Campireali gegenüber befand. Auf einem schnaubenden Pferd und mit goldenem Kettenhemd bekleidet, schrie Fabio: »Wer sind diese maskierten Schufte? Laßt uns ihre Masken mit einem Säbelhieb zerschneiden! Seht, wie ich das mache!« Fast im gleichen Augenblick erhielt Giulio Branciforte von ihm einen Säbelhieb über die Stirn. Dieser Schlag war mit solcher Geschicklichkeit geführt, daß das Leinen, welches sein Gesicht verhüllte, fiel, als seine Augen durch das Blut geblendet wurden, welches aus dieser übrigens harmlosen Wunde floß. Giulio ritt abseits, um Zeit zum Aufatmen zu gewinnen und sein Gesicht abzuwischen. Er wollte sich um keinen Preis mit Helenas Bruder schlagen, und sein Pferd war schon einige Schritte von Fabio entfernt; da erhielt er einen wütenden Säbelhieb über die Brust, der dank seinem Kettenhemd nicht durchdrang, aber ihm für einen Augenblick den Atem nahm. Fast gleichzeitig hörte er in seine Ohren schreien: »Ti conosco, porco! Kanaille, ich kenne dich! So verdienst du also dein Geld, um deine Lumpen abzulegen?« Giulio, in solcher Weise gereizt, vergaß seinen Vorsatz und stürzte sich wieder auf Fabio: »Ed in mal ponto tu venisti!« rief er aus. Nach einigen heftigen Säbelhieben fiel das Gewand, das ihre Panzerhemden bedeckte, nach allen Seiten. Das Panzerhemd Fabios war vergoldet und prächtig, das Giulios so gewöhnlich wie nur möglich. »In welchem Dreck hast du dein Giacco aufgelesen?« schrie Fabio. Im gleichen Augenblick fand Giulio die Gelegenheit, die er seit einer halben Minute suchte. Das stolze Panzerhemd Fabios deckte den Hals nicht genug, und Giulio führte nach dieser kleinen ungedeckten Stelle des Halses einen Stoß, der saß. Giulios Schwert drang einen halben Fuß weit in die Gurgel Fabios und ließ einen mächtigen Blutstrahl hervorspringen. »Unverschämter«, schrie Giulio dabei und galoppierte auf die Rotgekleideten zu, von denen zwei, hundert Schritte von ihm entfernt, noch zu Pferd waren; als er sich näherte, fiel der dritte Henker, aber im Augenblick, wo Giulio dem vierten schon ganz nahe war, drückte dieser, da er sich von mehr als zehn Reitern umzingelt sah, gegen den unglücklichen Bandini eine Pistole aus nächster Nähe los, so daß er zu Boden fiel. »Meine werten Herrn, wir haben hier nichts mehr zu tun!« rief Branciforte, »machen wir diese Schurken von Sbirren nieder, die nach allen Seiten davonlaufen.« Alles folgte ihm. Als Giulio eine halbe Stunde später in die Nähe Fabrizio Colonnas zurückkehrte, richtete dieser große Herr zum erstenmal das Wort an ihn. Giulio fand ihn trunken vor Zorn, während er geglaubt hatte, ihn vor Freude entzückt zu finden; denn der Sieg war vollständig gewesen und gänzlich seinen guten Anordnungen zu verdanken; denn die Orsini hatten nahezu dreitausend Mann und Fabrizio hatte für diese Sache nicht mehr als fünfzehnhundert aufgeboten. »Wir haben unsern tapfren Freund Ranuccio verloren,« sagte der Fürst zu Giulio, »ich komme eben von seiner Leiche, er ist schon kalt. Und der arme Balthasar Bandini ist tödlich verwundet. Also haben wir im Grunde nicht gesiegt. Doch der Schatten des tapfren Kapitäns Ranuccio wird wohl begleitet vor Pluto erscheinen. Ich habe Befehl gegeben, alle diese gefangenen Schurken an die Bäume zu knüpfen. Versäumt das nicht, meine Herren!« rief er mit erhobener Stimme. Und er ritt im Galopp zu der Stelle, wo der Kampf der Vorhut stattgefunden hatte. Giulio kommandierte als Vertreter Ranuccios dessen Abteilung; er folgte dem Fürsten, welcher bei dem Leichnam dieses tapfren Soldaten, der von mehr als fünfzig gefallenen Feinden umgeben war, zum zweitenmal vom Pferd stieg, um die Hand Ranuccios zu drücken. Giulio tat weinend das gleiche. »Du bist noch sehr jung,« sagte der Fürst zu Giulio, »aber ich sehe dich vom Blut bedeckt und dein Vater war ein tapfrer Mann, der mehr als zwanzig Wunden im Dienst der Colonna erhalten hatte. Übernimm die Führung derer, die von Ranuccios Abteilung übrig sind und geleite seine Leiche in unsre Kirche in La Petrella; vergiß aber nicht, daß du unterwegs angegriffen werden kannst.« Giulio wurde nicht angegriffen, aber er tötete mit einem Degenhieb einen seiner Soldaten, der ihm sagte, daß er zu jung wäre, um zu befehlen. Diese Unklugheit hatte Erfolg, weil Giulio noch von Fabios Blut bedeckt war. Die ganze Straße entlang fand er die Bäume mit Männern beladen, welche man aufgehängt hatte. Dieses gräßliche Schauspiel, verbunden mit Ranuccios und besonders mit Fabios Tod, machten ihn fast wahnsinnig. Seine einzige Hoffnung war, daß man nicht den Namen von Fabios Besieger wußte. Wir übergehen die militärischen Einzelheiten. Drei Tage nach dem Kampf konnte Giulio wieder einige Stunden in Albano verbringen; er erzählte seinen Bekannten, ein heftiges Fieber habe ihn in Rom zurückgehalten und ihn gezwungen, die ganze Woche über das Bett zu hüten. Aber man behandelte ihn überall mit einem sichtlich zur Schau getragenen Respekt; die angesehensten Leute der Stadt grüßten ihn zuerst; einige Unvorsichtige gingen sogar so weit, ihn mit Herr Hauptmann anzureden. Er war mehrmals am Palazzo Campireali vorbeigegangen, hatte ihn aber fest verschlossen gefunden, und da der neue Hauptmann sehr schüchtern war, wenn es galt, sich nach gewissen Personen zu erkundigen, vermochte er erst gegen Mittag über sich zu gewinnen, den alten Scotti, der ihn stets mit Güte behandelt hatte, zu fragen: »Aber wo sind denn die Campireali? Ich sehe ihren Palast geschlossen.« »Mein Freund,« antwortete Scotti mit plötzlicher Traurigkeit, »das ist ein Name, den du niemals aussprechen solltest. Deine Freunde sind wohl davon überzeugt, daß er es war, der herausgefordert hat und sagen es überall; aber schließlich: war er nicht das Haupthindernis deiner Heirat? Und macht sein Tod nicht seine Schwester unermeßlich reich? Und bist es nicht du, den sie liebt? Man kann sogar hinzufügen – und in diesem Fall wird die Unverschämtheit zur Tugend –, daß sie dich genug liebt, um dich nachts in deinem kleinen Haus in Alba zu besuchen. Daher kann man in deinem Interesse sagen, daß Ihr schon vor dem verhängnisvollen Kampf bei Ciampi Mann und Frau wart.« Der Greis unterbrach sich, weil er bemerkte, daß Giulio die Tränen nicht beherrschen konnte. »Gehn wir zum Gasthaus hinauf«, sagte Giulio. Scotti folgte ihm; man gab ihnen ein Zimmer, worin sie sich einschlossen und Giulio bat den Greis, ihm alles, was sich seit acht Tagen ereignet hatte, erzählen zu dürfen. Nach Beendigung dieser langen Erzählung sagte der Alte: »Ich sehe wohl an deinen Tränen, daß nichts, was geschehen ist, in deiner Absicht lag, aber Fabios Tod ist deshalb kein weniger böses Ereignis für dich. Es ist dringend nötig, daß Helena ihrer Mutter erklärt, du seiest schon seit langem ihr Gatte.« Giulio antwortete nicht und der Greis schrieb dies einer lobenswerten Diskretion zu. In schweres Sinnen versunken, fragte sich Giulio, ob Helena, verletzt durch den Tod eines Bruders, seinem Zartgefühl noch gerecht werden würde; jetzt bereute er, was er damals versäumt hatte. Darauf bat er den Alten, ihm alles, was sich am Tage des Kampfes in Albano zugetragen hatte, frei zu erzählen. Fabio war gegen halb sieben Uhr morgens getötet worden, mehr als sechs Meilen von Albano entfernt und – so unglaublich es klingt! – schon um neun Uhr wurde von diesem Tod zu sprechen begonnen. Gegen Mittag hatte man gesehen, wie sich der alte Campireali, tränenüberströmt und auf seine Diener gestützt, in das Kapuzinerkloster begab. Kurz darauf hatten drei dieser ehrwürdigen Väter, auf den besten Rossen der Campireali und von vielen Dienstleuten gefolgt, den Weg nach dem Dorf Ciampi eingeschlagen, in dessen Nähe der Kampf ausgefochten worden war. Der alte Campireali wollte durchaus mit, aber man hatte ihn davon abgebracht, indem man ihm vorstellte, daß Fabrizio Colonna wütend sei (warum, wußte man allerdings nicht recht) und ihm übel mitspielen könnte, wenn er gefangen genommen würde. Nachts gegen die zwölfte Stunde schien der Wald von La Faggiola in Flammen zu stehen: das waren alle Mönche und alle Armen von Albano, die – jeder eine große brennende Wachskerze in der Hand – dem Leichnam des jungen Fabio entgegengingen. »Ich will dir nicht verhehlen,« fügte der Greis hinzu, die Stimme senkend, als fürchte er, gehört zu werden, »daß die Straße, welche nach Valmontone und nach Ciampi führt ...« »Nun was?« sagte Giulio. »Nun wohl, diese Straße führt an deinem Haus vorbei und man sagt, daß das Blut aus der schrecklichen, Halswunde wieder zu fließen begann, als Fabios Leichnam dort vorbeikam.« »Wie entsetzlich!« rief Giulio und erhob sich. »Beruhige dich, mein Freund«, sagte der Greis. »Du siehst wohl ein, wie es nötig ist, daß du alles weißt. Und jetzt muß ich dir sagen, daß deine Anwesenheit hier heute ein wenig verfrüht erscheint. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen wollt, mich um Rat zu fragen, Kapitän, möchte ich hinzufügen, daß es nicht passend ist, daß Ihr Euch früher als nach einem Monat in Albano zeigt. Es ist wohl nicht notwendig, Euch aufmerksam zu machen, daß es unvorsichtig wäre, nach Rom zu gehen. Man weiß noch nicht, wie sich der Heilige Vater zu den Colonna stellen wird, man denkt zwar, daß er der Erklärung Fabrizios Glauben schenken wird, der vorgibt, von dem Kampf bei Ciampi nicht früher als durch das öffentliche Gerede gehört zu haben; aber der Gouverneur von Rom, der ein treuer Orsini ist, wütet und würde entzückt sein, einige der tapfren Soldaten Fabrizios hängen zu lassen, und dieser könnte sich nicht einmal öffentlich beschweren, weil er schwört, beim Kampf nicht dabei gewesen zu sein. Ich werde noch weiter gehen, und, obwohl Ihr mich nicht danach fragt, mir die Freiheit nehmen, Euch einen militärischen Rat zu geben: Ihr seid in Albano beliebt, sonst wäret Ihr hier nicht in Sicherheit. Aber bedenkt, daß Ihr seit mehreren Stunden in der Stadt umhergeht, daß einer der Anhänger der Orsini sich herausgefordert fühlen könnte, oder mindestens an die Leichtigkeit, eine schöne Belohnung zu gewinnen, denken kann. Der alte Campireali hat tausendmal wiederholt, daß er seine schönste Besitzung dem schenkt, der Euch tötet. Ihr hättet einige der Soldaten aus Eurem Haus nach Albano herunternehmen sollen.« »Ich habe nicht einen Soldaten in meinem Haus.« »In diesem Fall seid Ihr ein Narr, Kapitän. Diese Herberge hat einen Garten; wir werden uns durch den Garten machen und über die Weinberge flüchten. Ich werde Euch begleiten; ich bin alt und ohne Waffen; aber wenn wir Übelgesinnten begegnen, werde ich mit Ihnen sprechen; Ihr werdet wenigstens Zeit gewinnen.« Giulios Seele war zerrissen. Sollen wir zu erzählen wagen, wie weit seine Narrheit ging? Sowie er gehört hatte, daß der Palast Campireali geschlossen war und alle seine Bewohner nach Rom abgereist seien, faßte er den Plan, den Garten wiederzusehen, wo er so oft mit Helena zusammengekommen war. Er hoffte sogar, ihr Zimmer wiederzusehen, wo sie ihn empfangen hatte, wenn ihre Mutter abwesend war. Er hatte das Bedürfnis, sich durch den Anblick der Orte, wo sie so zärtlich zu ihm gewesen war, gegen ihren Zorn zu wappnen. Branciforte und der edelmütige Alte hatten keine unangenehme Begegnung, während sie den kleinen Pfaden folgten, die durch die Weinberge zum See ansteigen. Giulio ließ sich von neuem die Einzelheiten des Begräbnisses des jungen Fabio erzählen. Die Leiche dieses tapfren jungen Mannes war von vielen Priestern begleitet nach Rom überführt und in der Familiengruft im Kloster San Onofrio am Gianicolo beigesetzt worden. Man hatte als einen sehr auffallenden Umstand vermerkt, daß Helena am Vorabend der Zeremonie von ihrem Vater nach dem Kloster der Heimsuchung in Castro zurückgebracht worden war; dies hatte das umlaufende Gerücht verstärkt, daß sie heimlich mit dem Wegelagerer vermählt sei, der das Unglück gehabt hätte, ihren Bruder zu töten. Als er bei seinem Haus ankam, fand Giulio den Korporal seiner Kompagnie mit vieren seiner Soldaten; sie sagten ihm, daß ihr früherer Hauptmann nie den Wald verlassen hätte, ohne einige seiner Leute bei sich zu haben. Der Fürst hatte öfters geäußert, daß jeder, bevor er sich aus Unvorsichtigkeit töten lasse, vorher seinen Abschied nehmen möge, damit er die Rache für einen solchen Tod nicht ihm aufbürde. Giulio Branciforte verstand die Berechtigung solcher Gedanken, die ihm bisher völlig fremd gewesen waren. Er hatte, ähnlich, wie es die Naturvölker tun, geglaubt, daß der Krieg in nichts bestünde, als sich tapfer zu schlagen. Er fügte sich auf der Stelle den Wünschen des Fürsten und nahm sich nur noch die Zeit, den weisen Alten zu umarmen, der so edelmütig gewesen war, ihn nach Haus zu begleiten. Aber einige Tage später kehrte Giulio halb verrückt vor Schwermut zurück, um den Palast Campireali wiederzusehen. Mit Einbruch der Nacht kamen er und seine Soldaten, als neapolitanische Kaufleute verkleidet, nach Albano. Er sprach allein bei Scotti vor und hörte, daß Helena noch immer im Kloster von Castro verbannt sei. Ihr Vater, der sie mit dem vermählt glaubte, den er den Mörder seines Sohnes nannte, hatte geschworen, sie nie wiederzusehen. Selbst als er sie ins Kloster brachte, hatte er sie nicht angesehen. Die Zärtlichkeit ihrer Mutter dagegen schien sich zu verdoppeln und oft verließ sie Rom, um einen Tag oder zwei bei ihrer Tochter zu verbringen. IV. ›Wenn ich mich vor Helena nicht rechtfertige‹, sagte sich Giulio, als er nachts den Standort seiner Kompagnie im Walde wiedergewann, ›wird sie mich am Ende für einen Mörder halten. Gott weiß, was man ihr alles über diesen unheilvollen Kampf erzählt hat.‹ Er ging zum Fürsten in das befestigte Schloß La Petrella, um seine Befehle entgegenzunehmen und bat um die Erlaubnis, nach Castro zu gehen. Fabrizio Colonna verzog die Stirn: »Die Angelegenheit des kleinen Gefechts ist bei Seiner Heiligkeit noch nicht erledigt. Ihr müßt wissen, daß ich die Wahrheit erklärt habe; versteht: daß ich ganz unbeteiligt an diesem Zusammenstoß war, von dem ich sogar erst am folgenden Tage hier auf meinem Schloß La Petrella gehört habe. Ich habe allen Grund, anzunehmen, daß Seine Heiligkeit schließlich dieser aufrichtigen Vorstellung Glauben schenken wird. Aber die Orsini sind mächtig und alle Welt sagt, daß Ihr Euch in diesem Scharmützel hervorgetan habt. Die Orsini gehen so weit, zu behaupten, daß zahlreiche Gefangene an den Baumästen aufgehängt worden sind. Ihr wißt, wie falsch diese Darstellung ist; aber man kann Repressalien voraussehen.« Das tiefe Erstaunen, das in den kindlichen Blicken des jungen Hauptmanns glänzte, belustigte den Fürsten; jedoch empfand er, daß es angesichts solcher Unschuld geboten sei, deutlicher zu sprechen. »Ich sehe in Euch«, fuhr er fort, »jene vollendete Tapferkeit, die den Namen Branciforte in ganz Italien bekannt gemacht hat. Ich hoffe, daß Ihr für mein Haus die gleiche Treue haben werdet, die mir Euren Vater so teuer gemacht hat; ich habe sie Euch vergelten wollen. Die Losung meiner Mannschaft ist: Niemals die Wahrheit über irgend etwas zu sagen, das sich auf mich oder meine Soldaten bezieht. Wenn Ihr im Augenblick, wo Ihr zu sprechen genötigt seid, irgendeine Unwahrheit als nützlich erkennt, lügt, wie's der Zufall zusammenfügt und hütet Euch, wie vor einer Todsünde, auch nur im kleinsten die Wahrheit zu sagen. Ihr versteht, daß sie im Verein mit andren Auskünften auf die Spur meiner Pläne bringen könnte. Ich weiß übrigens, daß Ihr eine Liebelei im Kloster von Castro habt. Ihr könnt vierzehn Tage in dem Nest totschlagen, wo es den Orsini weder an Freunden, noch selbst an Agenten fehlt. Geht zu meinem Majordomus, der Euch zweihundert Zechinen geben wird. Die Freundschaft, die ich für Euren Vater hegte,« fügte der Fürst lachend hinzu, »macht mir Lust, Euch Anleitung über die Art zu geben, wie Ihr dieses Kriegs- und Liebesabenteuer zu gutem Ende führt. Ihr und drei Eurer Soldaten werdet Euch als Kaufleute verkleiden. Ihr dürft dabei nicht verfehlen, immer auf einen Eurer Gefährten erzürnt zu sein, dessen Beruf es ist, immer betrunken zu scheinen und sich viele Freunde zu machen, indem er allen Nichtstuern von Castro den Wein zahlt. Übrigens«, fügte der Fürst in verändertem Ton hinzu, »solltet Ihr von den Orsini gefangen und zum Tode verurteilt werden, so gesteht nie Euren wahren Namen ein und noch weniger, daß Ihr zu mir gehört. Ich habe nicht nötig, Euch anzuempfehlen, daß Ihr alle kleinen Städte erst umgeht und stets durch das Tor eintretet, das der Richtung, aus der Ihr kommt, entgegengesetzt liegt.« Giulio war über diese väterlichen Ratschläge gerührt, die von einem sonst so ernsten Mann kamen. Zuerst lächelte der Fürst über die Tränen, die er in den Augen des jungen Mannes erblickte, dann wurde aber auch seine Stimme bewegt. Er zog einen der zahlreichen Ringe ab, die er an den Fingern trug, und Giulio küßte, als er ihn empfing, die durch so edle Taten berühmte Hand. »Niemals hätte mein Vater so vorsorglich mit mir gesprochen«, rief der junge Mann begeistert aus. Am übernächsten Morgen, ein wenig vor Anbruch des Tages, zog er in die Mauern des kleinen Städtchens Castro ein, fünf Soldaten folgten ihm, wie er verkleidet; zwei davon gingen für sich und schienen weder ihn noch die drei andren zu kennen. Noch bevor sie in die Stadt eintraten, hatte Giulio das Kloster der Heimsuchung bemerkt, ein großes, von schwarzen Mauern umgebenes Gebäude, das einer Festung glich. Er lief zur Kirche; sie war prächtig. Die Nonnen, die alle adlig und meist aus reichen Häusern waren, wetteiferten untereinander aus Eitelkeit, um diese Kirche reich zu schmücken, die der einzige Teil des Klosters war, welchen die Blicke der Öffentlichkeit erreichten. Es war Gebrauch geworden, daß jene der Damen, die aus einer vom Kardinal-Protektor des Ordens der Heimsuchung dem Papste vorgelegten Liste von drei Nonnen zur Äbtissin erwählt wurde, eine ansehnliche Gabe darbrachte, die dazu diente, ihren Namen zu verewigen. Diejenige, deren Gabe geringer war als das Geschenk der letzten Äbtissin, verfiel samt ihrer Familie der Verachtung. Giulio trat zitternd in dieses prächtige Gebäude, das von Marmor und Vergoldung strahlte. In Wahrheit dachte er kaum an den Marmor und die Goldverzierungen; es schien ihm, daß er unter Helenas Augen sei. Der Hochaltar hatte, wie man ihm sagte, mehr als achthunderttausend Francs gekostet; aber seine Blicke übersahen die Schätze des Hochaltars und hefteten sich auf ein vergoldetes Gitter, das fast vierzig Fuß hoch und durch zwei Marmorpfeiler in drei Abteilungen geteilt war. Dieses Gitter, dem seine mächtige Größe etwas Schreckliches verlieh, erhob sich hinter dem Hochaltar und trennte den Chor der Nonnen von der allen Gläubigen zugänglichen Kirche. Giulio sagte sich, daß Nonnen und Pensionärinnen sich während des Gottesdienstes hinter diesem goldenen Gitter befanden. In diesen inneren Teil der Kirche konnte sich eine Nonne oder eine Pensionärin zu jeder Tageszeit begeben, wenn sie Bedürfnis hatte, zu beten: Auf diesen aller Welt bekannten Umstand gründeten sich die Hoffnungen des armen Liebhabers. Allerdings deckte ein mächtiger schwarzer Schleier das Gitter auf der Innenseite. ›Aber dieser Schleier‹, überlegte Giulio, ›kann kaum den Blick der Pensionärinnen hindern, wenn sie in die öffentliche Kirche schauen, denn ich – stellte er fest – der ich mich nur auf einige Entfernung nähern kann, bemerke doch durch den Schleier die Fenster, die dem Chor Licht geben, sehr gut; ja, ich kann sogar die geringsten Einzelheiten ihrer Architektur unterscheiden,‹ Jeder Stab dieses prächtig vergoldeten Gitters trug eine scharfe, gegen die sich ihm Nähernden gerichtete Spitze. Giulio wählte einen sehr sichtbaren Platz an der hellsten Stelle, dem linken Teil des Gitters gegenüber. Dort verbrachte er seine Tage damit, die Messen zu hören. Da er sich hier nur von Bauern umgeben sah, konnte er hoffen, selbst durch den schwarzen Schleier hindurch bemerkt zu werden. Zum ersten Mal in seinem Leben trachtete der schlichte junge Mann aufzufallen: sein Auftreten war gesucht; er gab zahlreiche Almosen beim Eintritt und beim Verlassen der Kirche. Seine Leute und er behandelten die kleinen Lieferanten und Arbeiter, die Verbindung mit dem Kloster hatten, mit den größten Aufmerksamkeiten. Doch erst am dritten Tage hatte er endlich Aussicht, einen Brief an Helena gelangen lassen zu können. Auf seinen Befehl folgte man beständig den beiden Laienschwestern, die Vorräte für das Kloster einzukaufen hatten; eine von ihnen hatte Beziehungen zu einem Krämer. Einer der Soldaten Giulios, der Mönch gewesen war, gewann die Freundschaft des Kaufmanns und versprach ihm eine Zechine für jeden Brief, welcher der Pensionärin Helena Campireali zugestellt würde. »Was!« sagte der Kaufmann bei der ersten Andeutung, die man ihm über diese Sache machte, »einen Brief an die Frau des Briganten?« Dieser Name war schon in Castro eingebürgert und doch war Helena erst vor vierzehn Tagen dort angekommen; so schnell läuft alles, was der Einbildungskraft Stoff gibt bei diesem Volk, das leidenschaftlich alle genauen Einzelheiten liebt. Der kleine Kaufmann fügte hinzu: »Diese wenigstens ist verheiratet, aber wie viele unsrer Damen haben solche Entschuldigung nicht und empfangen von draußen ganz andres als Briefe.« In diesem ersten Brief erzählte Giulio mit unzähligen Einzelheiten alles, was an jenem unheilvollen Todestag Fabios vor sich gegangen war. »Hassest Du mich?« fragte er am Ende. Helena antwortete nur eine Zeile, worin sie sagte, daß sie niemanden hasse und den Rest ihres Lebens dazu verwenden wolle, den zu vergessen, der ihren Bruder getötet hatte. Giulio beeilte sich, zu antworten; nach Anklagen gegen das Schicksal, die Platon nachahmten und damals in Mode waren, fuhr er fort: »Du willst also das Wort Gottes, das er in der Heiligen Schrift für uns niedergelegt hat, vergessen? Gott sagt: die Frau soll ihre Familie und ihre Eltern verlassen, um ihrem Gatten zu folgen. Wagst du zu behaupten, daß du nicht meine Frau bist? Erinnere dich an die Nacht von San Pietro. Als die Morgenröte schon hinter dem Monte Cave aufstieg, warfst du dich mir zu Füßen; ich wollte dich schonen; du gehörtest mir, wenn ich es gewollt hätte; du konntest der Liebe, die du damals für mich fühltest, nicht widerstehen. Ich hatte dir schon oft gesagt, daß ich dir mein Leben und alles, was mir auf der Welt teuer ist, darbringe; aber plötzlich schien mir, daß du mir auch antworten könntest – wenn du es selbst niemals tätest – daß alle diese durch keine äußere Tat erhärteten Opfer vielleicht nur Einbildung sind. Ein gegen mich grausamer, aber im Grunde richtiger Gedanke erleuchtete mich. Ich dachte, daß nicht ohne Grund der Zufall mir jetzt die Gelegenheit gebe, in deinem Interesse auf das höchste Glück zu verzichten, das ich mir je hatte träumen lassen. Du warst in meinen Armen und schon ohne Widerstand, erinnere dich, selbst dein Mund wagte nicht zu verweigern. In diesem Augenblick ertönte das morgendliche Ave Maria im Kloster von Monte Cave und durch einen wundersamen Zufall drang dieser Ton bis zu uns. Du riefst mir zu: Bring dieses Opfer der heiligen Madonna, der Mutter aller Reinheit. Ich hatte schon seit einem Augenblick die Idee dieses Opfers, des einzigen, das ich dir je zu bringen Gelegenheit haben würde. Ich fand es unerhört, daß auch dir der gleiche Gedanke gekommen war. Der ferne Klang dieses Ave Maria rührte mich, ich gestehe es; ich erfüllte deine Bitte. Das Opfer war jedoch nicht ganz allein für dich gebracht; ich glaubte, unsre zukünftige Vereinigung unter den Schutz der Mutter Gottes zu stellen. Damals dachte ich nicht daran, daß von dir, Treulose, wohl aber, daß von deiner reichen und vornehmen Familie Hindernisse kommen könnten. Wie hätte dieses Angelus von so weit her, durch den halben Wald über die Gipfel der im Morgenwind bewegten Bäume ohne übernatürliche Einwirkung bis zu uns dringen können? Da fielst du vor mir auf die Knie, erinnerst du dich? Ich stand auf, zog aus meiner Brust das Kreuz, das ich dort trage, und du schwurst auf dieses Kreuz, das hier vor mir liegt, und bei deiner ewigen Verdammnis, wo du je sein würdest und was immer auch geschehen möge, würdest du, sobald ich dir den Befehl zukommen lasse, wieder ganz mein Eigen sein, wie du es in dem Augenblick warst, als das Ave Maria von Monte Cave von so weit her an dein Ohr rührte. Dann sagten wir fromm zwei Ave und zwei Paternoster. Nun wohl, bei der Liebe, die du damals für mich fühltest oder wenn du sie – wie ich fürchte – vergessen hast, bei deiner ewigen Verdammnis befehle ich dir, mich heute Nacht in deinem Zimmer oder im Garten zu empfangen.« Der italienische Autor bringt seltsamerweise noch viele lange Briefe Giulio Brancifortes, welche nach diesem geschrieben sind; aber er gibt nur Auszüge aus den Antworten Helena Campirealis. Jetzt, einige hundert Jahre später, stehen wir den Gefühlen der Liebe und der Religion, welche diese Briefe erfüllen, so fremd gegenüber, daß ich fürchte, sie könnten zu lang sein. Aus diesen Briefen geht hervor, daß Helena endlich dem Befehl gehorchte, der in dem von uns gekürzt wiedergegebenen Schreiben enthalten war. Giulio fand ein Mittel, ins Kloster einzudringen; man vermöchte aus einem Wort anzunehmen, daß er sich als Frau verkleidete. Helena empfing ihn, aber nur hinter dem Gitter eines Erdgeschoßfensters, das auf den Garten ging. Zu seinem unbeschreiblichen Schmerz erkannte Giulio, daß dieses einst so zärtliche und sogar leidenschaftliche Mädchen zu einer Fremden geworden war; sie behandelte ihn fast mit ausgesuchter Höflichkeit. Als sie ihn in den Garten einließ, hatte sie fast ausschließlich der heiligen Pflicht des Eides gehorcht. Die Begegnung war kurz: schon nach einigen Minuten gewann der Stolz Giulios, der vielleicht durch die Ereignisse der letzten vierzehn Tage ein wenig gereizt war, die Oberhand. ›Ich sehe nichts vor mir‹, sagte er zu sich, ›als den Schatten jener Helena, die sich mir in Albano für das ganze Leben hingab,‹ Nun war es die Hauptsache für Giulio, die Tränen zu verbergen, die bei den höflichen Wendungen, mit denen Helena das Wort an ihn richtete, sein Gesicht überströmten. Als sie aufgehört hatte, zu sprechen und die – wie sie sagte – nach dem Tode eines Bruders so natürliche Veränderung zu rechtfertigen, antwortete ihr Giulio, indem er sehr langsam sprach: »Ihr erfüllt nicht Euer Gelöbnis; Ihr empfangt mich nicht im Garten; Ihr liegt nicht vor mir auf den Knien, wie damals, eine halbe Minute, nachdem wir jenes Ave Maria von Monte Cave hörten. Vergeßt Euren Schwur, wenn Ihr könnt, ich vergesse nichts, Gott stehe Euch bei!« Mit diesen Worten verließ er das vergitterte Fenster, an dem er gut noch eine Stunde hätte bleiben können. Wer hätte ihm einige Augenblicke zuvor sagen dürfen, daß er diese so herbeigesehnte Zusammenkunft freiwillig abkürzen werde! Dieses Opfer zerriß seine Seele, aber er glaubte, daß er Helenas Verachtung verdienen würde, wenn er auf ihre Förmlichkeit anders als damit antwortete, daß er sie ihrer Reue überließ. Vor Sonnenaufgang verließ er das Kloster. Er stieg zu Pferde und gab seinen Soldaten Befehl, ihn eine Woche lang in Castro zu erwarten und dann in den Wald zurückzukehren; er war außer sich vor Verzweiflung. Zuerst wandte er sich nach Rom. ›Was?! Ich entferne mich von ihr!‹ sagte er sich bei jedem Schritt. ›Wie! Wir sind einander fremd geworden! O Fabio! Wie bist du gerächt!‹ Der Anblick der Menschen, die er auf der Straße antraf, steigerte noch seinen Zorn; er lenkte sein Pferd quer über die Felder und ritt auf den öden verlassenen Uferstreif zu, der das Meer begleitet. Als er nicht mehr durch die Begegnungen mit diesen ruhigen Bauern gestört wurde, deren Los er beneidete, atmete er auf; der Anblick dieser wilden Gegend war in Einklang mit seiner Verzweiflung und mäßigte seinen Zorn; jetzt konnte er sich der Betrachtung seines traurigen Schicksals hingeben. ›In meinem Alter‹, sagte er sich, ›habe ich eine Hilfe: eine andre Frau zu lieben!‹ Bei diesem traurigen Gedanken fühlte er seine Verzweiflung sich verdoppeln; er sah nur zu gut, daß es für ihn nur eine Frau auf der Welt gab. Er stellte sich die Qual vor, die er leiden würde, wenn er das Wort Liebe vor einer andern als Helena ausspräche. Dieser Gedanke zerriß ihn. Er wurde von einem Anfall bittren Lachens geschüttelt. ›Ich gleiche hier genau diesen Helden Ariosts,‹ dachte er, ›die einsam durch öde Länder ziehen, um zu vergessen, daß sie ihre treulose Geliebte in den Armen eines andren Ritters gefunden haben ... Aber sie ist nicht so schuldig,‹ sagte er sich, indem er nach diesem tollen Lachen wieder in Tränen ausbrach; ›ihre Untreue geht nicht so weit, einen andren zu lieben. Diese bewegsame und reine Seele hat sich durch die schrecklichen Dinge irreleiten lassen, die man ihr von mir erzählt hat; ohne Zweifel hat man es ihr so dargestellt, als hätte ich mich an diesem verhängnisvollen Überfall nur in der geheimen Absicht beteiligt, ihren Bruder zu töten. Man wird noch weiter gegangen sein, man wird mir die schmutzige Berechnung unterschoben haben, daß sie die alleinige Erbin eines ungeheuren Vermögens werde, wenn ihr Bruder tot sei ... Und ich, ich habe die Dummheit begangen, sie ganze vierzehn Tage allein der Überredung meiner Feinde als Beute zu überlassen! Man muß zugeben, daß mir, zu allem meinem Unglück, der Himmel auch noch den Verstand versagt hat, mein Leben zu lenken! Ich bin ein verächtliches, bei Gott ein verächtliches Wesen! Mein Leben war niemand nützlich und mir noch weniger als jedem andren.‹ In diesem Augenblick hatte der junge Branciforte eine für jene Zeit sehr seltsame Eingebung: sein Pferd schritt am äußersten Uferrand und zuweilen benetzten die Wellen seine Hufe; er hatte den Einfall, es ins Meer zu treiben und so das schreckliche Schicksal zu beenden, dessen Beute er war. Was sollte er fernerhin machen, da das einzige Wesen auf der Welt, das ihn jemals die Möglichkeit eines Glücks hatte fühlen lassen, ihn verließ? Dann hielt ihn plötzlich ein andrer Gedanke zurück. ›Was sind die Qualen, die ich erdulde‹, sagte er sich, ›im Vergleich mit jenen, die ich leiden würde, nachdem dieses elende Leben beendet ist? Helena wird sich nicht mehr bloß gleichgültig gegen mich verhalten, wie sie es jetzt tut, sondern ich würde sie in den Armen eines Nebenbuhlers sehen, und dieser Rivale wird ein junger römischer Edelmann sein, reich und angesehen; denn die Dämonen werden, wie es ihre Pflicht ist, die grausamsten Bilder suchen, um meine Seele zu zerreißen. So werde ich selbst im Tode Helena nicht vergessen können; ja, weit mehr: meine Leidenschaft für sie wird sich verdoppeln; denn dies ist der sicherste Weg, welchen die ewigen Mächte gehen können, um mich für meine schreckliche Sünde zu bestrafen.‹ Um die Versuchung gänzlich zu vertreiben, schickte sich Giulio an, das Ave Maria zu beten. Einst, als er das morgendliche Ave Maria gehört hatte, das der Mutter Gottes geweihte Gebet, war jene Versuchung über ihn gekommen, edelmütig zu handeln, die ihm heute als die größte Torheit seines Lebens erschien. Aber aus Ehrfurcht wagte er es nicht, weiterzugehen und den Gedanken ganz auszudrücken, der sich seines Geistes bemächtigt hatte. ›Wenn ich durch Eingebung der Madonna in einen verhängnisvollen Irrtum verfallen bin, muß sie da nicht in ihrer unendlichen Gerechtigkeit irgendeinen Umstand schaffen, der mir das Glück wiedergibt?‹ Dieser Gedanke an die Gerechtigkeit der Madonna verjagte nach und nach seine Verzweiflung. Er hob den Kopf und sah hinter Albano und dem Wald den von düsterem Grün bedeckten Monte Cave vor sich und das heilige Kloster, dessen Morgenläuten ihn zu dem gebracht hatte, was er jetzt eine schändliche Täuschung nannte, die an ihm verübt worden war. Der unerwartete Anblick dieses heiligen Orts tröstete ihn. ›Nein,‹ rief er aus, ›es ist unmöglich, daß die Madonna mich im Stich läßt. Wäre Helena meine Frau gewesen, wie ihre Liebe es zuließ und meine Würde als Mann es forderte, so hätte die Erzählung von ihres Bruders Tod in ihrer Seele die Erinnerung an das Band vorgefunden, das sie mit mir verknüpft. Sie hätte sich gesagt, daß sie mir lange angehörte, bevor der unglückliche Zufall mich auf dem Kampfplatz Fabio gegenüberstellte. Er war zwei Jahre älter als ich, er war erfahrener in den Waffen, in jeder Hinsicht gewandter und stärker. Tausend Gründe wären meiner Frau eingefallen, daß nicht ich diesen Kampf gesucht haben könne. Sie würde sich erinnert haben, daß ich nie den mindesten Haß gegen ihren Bruder gehegt habe, selbst damals nicht, als er mit der Büchse nach uns schoß. Ich erinnere mich an unsre erste Zusammenkunft nach meiner Rückkehr aus Rom; ich sagte ihr: ›Was willst du? die Ehre verlangt es; ich kann einen Bruder nicht tadeln!‹ Durch sein Gebet zur Madonna der Hoffnung wiedergegeben, spornte Giulio sein Pferd an und gelangte in einigen Stunden zum Standquartier seiner Kompagnie. Er fand sie im Begriff abzumarschieren: man wollte auf die von Neapel über Monte Cassino nach Rom führende Straße gelangen. Der junge Hauptmann wechselte das Pferd und ging mit seinen Leuten. An diesem Tag schlug man sich nicht. Giulio fragte nicht, warum man fortmarschiert sei; es lag ihm wenig daran, es zu wissen. Im Augenblick, als er sich an der Spitze seiner Soldaten sah, erschien ihm sein Schicksal in neuem Licht. ›Ich bin ganz einfach ein Tor,‹ sagte er sich, ›ich habe Unrecht getan, Castro zu verlassen; Helena ist wahrscheinlich weniger schuldig, als mein Zorn es mir einbildete. Nein, diese kindlich reine Seele, deren erste Liebesregungen ich entstehen sah, kann nicht aufgehört haben, mir zu gehören! Sie war von Leidenschaft für mich durchdrungen! Hat sie mir nicht mehr als zehnmal angeboten, mit mir, der ich so arm bin, zu fliehen, und uns durch einen Mönch von Monte Cave trauen zu lassen? In Castro hätte ich vor allem eine zweite Zusammenkunft erlangen und ihr Vernunft zusprechen müssen; wahrhaftig, die Leidenschaft macht mich zerfahren wie ein Kind! O Gott, daß ich nicht einen Freund habe, einen Rat zu erflehen! Der gleiche Schritt erscheint mir im Zeitraum von zwei Minuten verwerflich und vortrefflich.‹ Am Abend dieses Tags, als man die Landstraße verließ, um sich wieder in den Wald zu schlagen, näherte sich Giulio dem Fürsten und fragte ihn, ob er noch einige Tage dort, wo er wüßte, bleiben könnte. »Geh zu allen Teufeln!« rief Fabrizio, »glaubst du, daß jetzt der Augenblick sei, mich mit Kindereien zu unterhalten?« Eine Stunde später ritt Giulio wieder nach Castro zurück. Er fand dort seine Leute vor; aber er wußte nicht, wie er Helena schreiben solle, nachdem er sie so hochfahrend verlassen hatte. Sein erster Brief enthielt nichts als die Worte: »Wird man mich in der nächsten Nacht empfangen wollen?« »Man kann kommen«, war auch die ganze Antwort. Nach Giulios Abreise hatte sich Helena für immer verlassen geglaubt. Nun erst hatte sie die ganze Tragweite der Überlegungen des armen unglücklichen jungen Mannes verstanden: sie war seine Frau gewesen, bevor er das Unglück gehabt hatte, ihren Bruder im Kampf zu treffen. Diesmal wurde Giulio nicht mit den höflichen Wendungen empfangen, die ihm bei der ersten Zusammenkunft so grausam erschienen waren. Helena erschien allerdings wieder nur hinter ihrem vergitterten Fenster, aber sie zitterte, und da der Ton Giulios sehr kühl war und seine Redewendungen fast als ob er mit einer Fremden spräche, war es jetzt an Helena, zu fühlen, wie grausam solch förmlicher Ton, nach der früheren süßen Vertrautheit wirkte. Giulio, der fürchtete, daß seine Seele wieder durch ein kaltherziges Wort Helenas zerrissen werden könnte, hatte den Ton eines Advokaten angenommen, um ihr zu beweisen, daß sie lange vor dem verhängnisvollen Kampf von Ciampi seine Frau gewesen sei. Helena ließ ihn reden, weil sie fürchtete, von Tränen überwältigt zu werden, wenn sie ihm anders als mit kurzen Worten antworte. Am Ende, als sie kaum mehr an sich halten konnte, bat sie ihren Freund, am nächsten Tag wiederzukommen. Es war am Vorabend eines hohen Festes, die Morgenandacht wurde sehr früh gesungen und ihre Zusammenkunft konnte leicht entdeckt werden. Giulio, der wie ein Verliebter dachte, verließ den Garten in tiefstem Nachsinnen: er vermochte nicht zu unterscheiden, ob er gut oder schlecht aufgenommen worden sei, und weil durch den Umgang mit seinen Kameraden ihm soldatische Sitten vertraut geworden waren, sagte er sich: »Es wird vielleicht dazu kommen, daß ich Helena entführen muß.« Und er überlegte die verschiedenen Möglichkeiten, mit Gewalt in den Garten einzudringen. Da das Kloster sehr reich und lohnend zu brandschatzen war, hatte es eine große Anzahl Bediensteter in seinem Sold, die ehemals meist Soldaten gewesen waren; man hatte sie in einer Art Kaserne untergebracht, deren vergitterte Fenster auf einen schmalen Durchlaß sahen, der von dem äußeren Tor, das in der Mitte einer schwarzen, mehr als achtzig Fuß hohen Mauer lag, zu dem inneren führte, welches von der Schwester Pförtnerin bewacht wurde. Zur Linken dieses schmalen Gangs erhob sich die Kaserne, zur Rechten die mehr als dreißig Fuß hohe Mauer des Gartens. Die Fassade des Klosters ward von einer dicken, vom Alter geschwärzten Mauer gebildet, die außer dem äußeren Tor und einem einzigen kleinen Fenster, durch das die Soldaten hinaussehen konnten, keine Öffnungen aufwies. Man kann sich den düstern Eindruck dieser hohen schwarzen Mauer vorstellen, die einzig von einer mit breiten Eisenbändern und ungeheuren Nägeln verstärkten Tür und einem kleinen Fenster von vier Fuß Höhe und achtzehn Zoll Breite unterbrochen war. Wir begleiten den Chronisten nicht weiter in der langen Schilderung aller folgenden Zusammenkünfte, die Giulio von Helena gewährt wurden. Der Ton der beiden Liebenden war ganz so vertraut geworden wie damals im Garten zu Albano, nur hatte Helena niemals einwilligen gewollt, in den Garten hinabzusteigen. Eines Nachts fand sie Giulio sehr nachdenklich: ihre Mutter war aus Rom gekommen, um sie zu sehen und wollte einige Tage im Kloster bleiben. Diese Mutter war so zärtlich und hatte stets so zartfühlende Rücksicht auf die Neigung, die sie bei ihrer Tochter vermutete, genommen, daß es dieser schwere Gewissenspein bereitete, sie täuschen zu müssen. Könnte sie es aber wagen, ihr zu gestehen, daß sie den Mann empfing, der sie ihres Sohnes beraubt hatte? Helena bekannte schließlich Giulio offen ein, daß sie nicht die Kraft haben würde, dieser Mutter, die so gut war, mit Lügen zu antworten, wenn sie nach der Wahrheit gefragt würde. Giulio fühlte ganz die Gefahr seiner Lage, sein Schicksal hing vom Zufall ab, welcher der Signora di Campireali nur ein Wort einzugeben brauchte. In der folgenden Nacht sagte er deshalb mit entschlossener Miene: »Morgen werde ich früher kommen, ich werde eine der Stangen dieses Gitters ausbrechen, du wirst in den Garten heraussteigen, und ich führe dich in eine Kirche der Stadt, wo ein mir ergebener Priester uns trauen wird. Noch bevor es Tag ist, bist du wieder im Garten. Wenn du erst meine Frau bist, habe ich keine Furcht mehr und werde allem zustimmen, was deine Mutter als Sühne für das schreckliche Unglück verlangen kann, das wir alle beklagen, – wäre es selbst, einige Monate vergehen zu lassen, ohne dich zu sehen.« Da Helena von diesem Vorschlage bestürzt zu sein schien, fügte Giulio hinzu: »Der Fürst ruft mich zu sich zurück; die Ehre und alle möglichen Gründe verpflichten mich, zu folgen. Mein Vorschlag ist das einzige, was unsre Zukunft sichern kann. Wenn Du mir nicht zustimmst, trennen wir uns für immer, hier, in diesem Augenblick. Ich werde mit Reue wegen meiner Torheit abreisen. Ich habe an Dein Ehrenwort geglaubt, Du bist dem heiligsten Schwur untreu, und ich hoffe, daß die gerechte Verachtung, die mir Deine Leichtfertigkeit einflößen wird, mit der Zeit mich von dieser Liebe heilt, die schon zu lange das Unglück meines Lebens ist.« Helena brach in Tränen aus. »Großer Gott!« rief sie weinend, »wie entsetzlich für meine Mutter!« Schließlich willigte sie in den Vorschlag. »Aber«, fügte sie noch hinzu, »man kann uns beim Fortgehen oder beim Wiederkommen entdecken; bedenkt den Skandal, denkt an die schreckliche Lage, in der sich meine Mutter befinden würde; warten wir ihre Abreise ab, die in einigen Tagen stattfinden wird.« »Es ist Euch gelungen, mich an dem zweifeln zu lassen, was für mich das Höchste und Heiligste war: mein Vertrauen in Euer Wort. Morgen Abend werden wir verheiratet sein, oder wir sehen uns in diesem Augenblick, auf dieser Seite des Grabes zum letztenmal.« Die arme Helena konnte nur mit Tränen antworten, besonders schmerzte sie der grausam entschiedene Ton, den Giulio anschlug. Hatte sie denn wirklich seine Verachtung verdient? Das war also der einst so fügsame und zärtliche Geliebte! Endlich stimmte sie seinen Anordnungen zu. Giulio entfernte sich. Von diesem Augenblick an erwartete Helena die kommende Nacht in allen Zuständen der verzweifeltsten Angst. Wenn sie sich auf ihren Tod hätte vorbereiten müssen, wäre ihr Schmerz weniger qualvoll gewesen, sie hätte Mut in dem Gedanken an die Liebe Giulios und an die zärtliche Neigung ihrer Mutter gefunden. Der Rest der Nacht verging in grausamster Unschlüssigkeit. Es gab Augenblicke, wo sie ihrer Mutter alles gestehen wollte. Am nächsten Morgen war sie derart bleich, als sie vor ihr erschien, daß diese, all ihre weisen Vorsätze vergessend, sich in die Arme ihrer Tochter warf und ausrief: »Was geht vor? Großer Gott! Sage mir, was du getan hast oder auf dem Sprung stehst, zu tun? Wenn du einen Dolch nähmest und mir ins Herz stießest, würdest du mich weniger leiden lassen, als durch das grausame Schweigen, das du gegen mich beobachtest.« Die grenzenlose Zärtlichkeit ihrer Mutter ward Helena so deutlich, sie sah so klar, daß diese den Ausdruck ihrer Gefühle zu dämpfen suchte, statt ihn zu übertreiben, daß endlich die Rührung sie überwältigte; sie fiel ihr zu Füßen. Als ihre Mutter, um das Geheimnis zu ergründen, ausrief, daß Helena ihre Nähe fliehe, antwortete sie: daß sie morgen und alle folgenden Tage ihr Leben bei ihr verbringen würde, aber sie flehentlich bitte, nicht weiter zu fragen. Dieser verräterischen Äußerung folgte bald ein volles Geständnis. Signora von Campireali hatte es mit Abscheu erfüllt, den Mörder ihres Sohnes so nah zu wissen. Aber diesem Schmerz folgte ein Strom reinster und lebhaftester Freude. Wer könnte sich ihr Entzücken vorstellen, als sie erfuhr, daß ihre Tochter sich nie gegen ihre Pflicht vergangen hatte? Sofort änderten sich die Pläne dieser klugen Mutter ganz und gar; es schien ihr erlaubt, gegen einen Menschen, der ihr nichts war, zur List zu greifen. Helenas Herz war von den heftigsten Leidenschaften zerrissen: die Aufrichtigkeit ihrer Geständnisse war vollständig; diese gemarterte Seele hatte das Bedürfnis, sich auszuschütten. Signora Campireali, welche jetzt alles für erlaubt hielt, erfand eine Reihe von Vernunftgründen, die zu weit führen würden, wollten wir sie hier wiedergeben. Sie bewies ihrer unglücklichen Tochter ohne Mühe, daß sie statt einer heimlichen Ehe, die immer ein Makel für eine Frau sei, eine öffentliche Trauung in allen Ehren erlangen könne, wenn sie den Akt des Gehorsams, den sie einem so edelmütigen Geliebten schulde, nur um acht Tage hinausschöbe. Sie, die Signora Campireali, würde nach Rom reisen, sie würde ihrem Mann darlegen, daß Helena lange vor dem verhängnisvollen Gefecht von Ciampi mit Giulio verheiratet gewesen sei. Die Trauung sollte in der gleichen Nacht stattgefunden haben, wo sie, als Mönche verkleidet, ihrem Vater und Bruder am Ufer des Sees, auf dem in den Felsen gehauenen Weg begegnet waren, der längs der Mauer des Kapuzinerklosters führt. Die Mutter hütete sich, ihre Tochter während des Tags allein zu lassen, und schließlich schrieb Helena abends ihrem Geliebten einen kindlichen und wie uns scheint sehr rührenden Brief, in welchem sie ihm die Kämpfe, die ihr Herz zerrissen hatten, schilderte. Zum Schluß bat sie ihn kniefällig um einen Aufschub von acht Tagen: »Indem ich diesen Brief schreibe,« fügte sie hinzu, »auf den ein Bote meiner Mutter wartet, scheint mir, daß ich das größte Unrecht begangen habe, ihr alles zu sagen. Ich glaube, dich erzürnt zu sehen; deine Augen blicken mich mit Haß an; mein Herz ist von den grausamsten Selbstvorwürfen zerrissen. Du wirst sagen, daß ich einen sehr schwachen, sehr verzagten, sehr verächtlichen Charakter habe, ich gebe es zu, mein teurer Engel. Aber stelle dir dies Schauspiel vor: Meine Mutter, in Tränen aufgelöst, lag fast zu meinen Knien. Da war es mir ganz unmöglich, ihr nicht zu gestehen, daß ein bestimmter Grund mir verbiete, ihrer Bitte nachzugeben; und wie ich erst einmal so schwach gewesen war, dieses unvorsichtige Wort auszusprechen, weiß ich nicht, was in mir vorging, aber es ist mir unmöglich vorgekommen, ihr nicht alles zu erzählen, was zwischen uns geschehen ist. Soweit ich mich erinnern kann, scheint mir, daß meine Seele, aller Kraft entblößt, Rat brauchte. Ich hoffte, ihn in den Worten meiner Mutter zu finden ... Ich hatte völlig vergessen, mein Freund, daß das Interesse dieser geliebten Mutter dem deinen entgegengesetzt ist. Ich habe meine oberste Pflicht vergessen, welche ist, dir zu gehorchen; und scheinbar bin ich der wahren Liebe nicht fähig, welche über jede Prüfung erhaben sein soll. Verachte mich, mein Giulio, aber im Namen Gottes, höre nicht auf, mich zu lieben. Entführe mich, wenn du willst, aber billige mir zu, daß die schrecklichsten Gefahren, sogar die Schande, daß nichts auf der Welt mich hätte verhindern können, deinem Befehl zu gehorchen, wenn meine Mutter nicht im Kloster gewesen wäre. Doch diese Mutter ist so gut! Sie hat so viel Überredungsgabe! Sie ist so edelmütig! Erinnere dich, als damals mein Vater das Zimmer durchforschte, rettete sie die Briefe, welche ich niemals hätte verbergen können. Dann, als die Gefahr vorüber war, gab sie mir sie zurück, ohne sie gelesen zu haben und ohne ein Wort des Vorwurfs! Sie ist mein ganzes Leben hindurch so zu mir gewesen, wie sie es in diesem höchsten Augenblick war. Du siehst, wie ich sie lieben müßte. Und doch scheint es mir, während ich dir schreibe (wie furchtbar zu sagen), daß ich sie hasse. Sie hat erklärt, daß sie diese Nacht der Hitze wegen im Garten unter einem Zelt verbringen wolle; ich höre die Hammerschläge, man errichtet jetzt das Zelt; es ist unmöglich, daß wir uns heute Nacht sehen. Ich fürchte sogar, daß der Schlafsaal der Pensionärinnen verschlossen wurde, ebenso die beiden Türen der Wendeltreppe, was sonst nie geschah. Diese Vorsichtsmaßregeln würden es mir unmöglich machen, in den Garten hinunterzugehen, wenn ich selbst einen solchen Schritt nötig fände, um deinen Zorn zu beschwören. Ach, wie ich mich dir jetzt ausliefern würde, wenn sich mir ein Mittel böte! Wie ich zu dieser Kirche eilen würde, wo man uns trauen soll!« Dieser Brief schloß mit zwei Seiten toller Sätze, in welchen ich leidenschaftliche Redewendungen fand, die auf die Ideen Platons zurückzugehen scheinen. Ich habe in dem eben übersetzten Brief mehrere Sätze dieser Art unterdrückt. Giulio Branciforte war sehr erstaunt, als er abends etwa eine Stunde vor dem Ave Maria dieses Schreiben erhielt; er hatte grade die Abmachung mit dem Priester beendet. Er war außer sich vor Zorn. ›Sie hat nicht notwendig, mir zu raten, daß ich sie entführe. Dieses schwache, zaghafte Geschöpf!‹ Und er brach sogleich nach dem Walde von La Faggiola auf. Für Signora Campireali stand die Sache folgendermaßen: Ihr Gatte lag auf dem Sterbebett; die Unmöglichkeit, sich an Branciforte zu rächen, brachte ihn langsam zum Grabe. Vergebens hatte er mehrmals den römischen Bravi beträchtliche Summen anbieten lassen; keiner hatte sich an einem der »Korporale«, wie sie sagten, des Fürsten Colonna vergreifen wollen; sie waren zu gewiß, samt ihren Familien ausgetilgt zu werden. Es war noch kein Jahr her, daß ein ganzes Dorf zur Strafe für den Tod eines Soldaten des Colonna niedergebrannt wurde, und alle Einwohner, Männer und Frauen, welche in die Campagna zu fliehen suchten, wurden an Händen und Füßen gefesselt in die brennenden Häuser geworfen. Signora Campireali besaß große Güter im Königreich Neapel; ihr Gatte hatte ihr aufgetragen, von dort Mörder kommen zu lassen; aber sie hatte nur zum Schein zugestimmt, denn sie glaubte ihre Tochter unlöslich an Giulio Branciforte gebunden. In dieser Voraussetzung meinte sie, daß Giulio einen oder zwei Feldzüge in den spanischen Heeren mitmachen solle, welche damals Krieg gegen die Aufständischen in Flandern führten. Fiele er nicht, so sollte dies ein Zeichen sein, daß Gott eine Heirat nicht mißbillige, die sich nicht vermeiden ließ; in diesem Fall würde sie ihrer Tochter die Güter geben, welche sie im Königreich Neapel besaß, Giulio Branciforte würde den Namen einer dieser Besitzungen annehmen und einige Jahre mit seiner Frau in Spanien verbringen. Nach allen diesen Prüfungen würde sie vielleicht den Mut finden, ihn zu sehen. Doch alles war seit dem Geständnis ihrer Tochter anders geworden; die Heirat war keine Notwendigkeit mehr – weit entfernt davon – und während Helena ihrem Geliebten den Brief schrieb, den wir wiedergegeben haben, schrieb Signora Campireali nach Pescara und nach Chieti und gab ihren Pächtern den Auftrag, ihr sichere Männer nach Castro zu senden, die zu einem Handstreich zu gebrauchen wären. Sie verhehlte ihnen nicht, daß es sich darum handelte, den Tod Fabios, ihres jungen Herrn, zu rächen. Der Kurier machte sich mit diesen Briefen noch vor Ende des Tags auf den Weg. V. Schon am übernächsten Tage war Giulio wieder in Castro, er führte acht seiner Soldaten mit sich, welche ihm freiwillig gefolgt waren, wenn sie sich gleich dem Zorn des Fürsten aussetzten, der einige Male Unternehmungen dieser Art mit dem Tode bestraft hatte. Giulio hatte schon fünf Mann in Castro und acht brachte er hinzu; indessen schienen ihm vierzehn Soldaten, wie tapfer sie auch sein mochten, nicht ausreichend für sein Unternehmen; denn das Kloster glich einer Festung. Es handelte sich darum, durch das erste Tor des Klosters mit Gewalt oder List zu dringen und dann durch einen Gang von mehr als fünfzig Schritten Länge zu kommen. Linker Hand sollten die vergitterten Fenster einer Art Kaserne liegen, wo die Nonnen dreißig bis vierzig Diener, ehemalige Soldaten, untergebracht hatten. Aus diesen vergitterten Fenstern würde, sobald erst das Kloster alarmiert war, ein ausgiebiges Feuer abgegeben werden. Die regierende Äbtissin, eine Frau von starkem Verstande, hatte Angst vor den Unternehmungen der Orsini, Colonna, Marco Sciarra und so vieler andrer, welche die umliegende Gegend beherrschten. Wie war es möglich, achthundert entschlossenen Männern Widerstand zu leisten, wenn sie unversehens eine kleine Stadt wie Castro einnahmen, weil sie das Kloster mit Gold gefüllt glaubten? Gewöhnlich waren im Kloster der Heimsuchung von Castro fünfzehn oder zwanzig Bravi in der Kaserne zur Linken des Ganges, der zur zweiten Klosterpforte führte; zur Rechten dieses Durchlasses lag eine hohe, uneinnehmbare Mauer; an seinem Ende befand sich ein eisernes Tor, das auf eine Säulenhalle führte; nach dieser kam der große Klosterhof, rechts der Garten. Diese eiserne Türe war von der Pförtnerin bewacht. Als Giulio mit seinen acht Mann sich drei Meilen vor Castro befand, machte er in einem abgelegenen Wirtshaus Halt, um die Stunden der großen Hitze verstreichen zu lassen. Dort erst legte er sein Vorhaben dar; dabei zeichnete er den Plan des Klosters, das er angreifen wollte, in den Sand des Hofs. »Um neun Uhr«, sagte er seinen Leuten, »werden wir außerhalb der Stadt zu Abend essen; um Mitternacht werden wir eintreten. Eure fünf Kameraden erwarten uns in der Nähe des Klosters. Einer von ihnen wird zu Pferde sein und die Rolle eines Kuriers spielen, der aus Rom kommt, um Signora von Campireali zu ihrem Gemahl zu rufen, der im Sterben liegt. Wir werden versuchen, geräuschlos durch die erste Türe des Klosters zu kommen,« sagte er, indem er auf den Plan im Sand deutete, »die hier in der Mitte der Kaserne liegt. Wenn wir den Kampf gleich beim ersten Tor beginnen, haben es die Bravi der Nonnen zu leicht, uns Flintenschüsse nachzusenden, während wir auf diesem kleinen Platz da vor dem Kloster sind oder durch den engen Gang zwischen dem ersten und zweiten Tor laufen. Dieses zweite Tor ist von Eisen, aber ich besitze den Schlüssel dazu. Allerdings sind große, mit einem Ende an der Mauer befestigte Eisenbalken oder Sperrstangen da, welche, wenn sie vorgelegt sind, das Öffnen der Torflügel verhindern. Aber da die beiden Eisenstangen zu schwer sind, als daß die Schwester Pförtnerin sie handhaben könnte, habe ich sie nie an ihrem Platz gesehen und bin doch mehr als zehnmal durch das Eisentor gegangen. Ich rechne darauf, auch heute Abend ohne Hindernis hindurchzukommen. Ihr merkt wohl, daß ich Bekanntschaften im Kloster habe. Mein Ziel ist: eine Pensionärin zu entführen, und nicht eine Nonne; wir dürfen erst im äußersten Notfall von den Waffen Gebrauch machen. Wenn wir den Kampf eröffnen, bevor wir an dieser zweiten Tür mit den Eisen angekommen sind, wird die Pförtnerin nicht verfehlen, zwei alte siebzigjährige Gärtner, die im Kloster wohnen, herbeizurufen, und diese Alten würden die Stangen vorlegen. Wenn uns dieser Unglücksfall zustößt, müssen wir erst die Mauer demolieren, um durch die Tür zu kommen, was uns zehn Minuten kosten würde; auf jeden Fall werde ich als erster zur Tür eilen. Einer der Gärtner ist von mir gekauft, aber, wie Ihr Euch denken könnt, habe ich mich gehütet, ihm etwas von meinem Entführungsplan zu erzählen. Wenn man diese zweite Tür hinter sich hat, wendet man sich nach rechts in den Garten, und sind wir erst in diesem Garten, so sprechen die Waffen; man muß alles niedermachen, was sich in den Weg stellt. Ihr werdet natürlicherweise nur Eure Schwerter und Dolche brauchen; ein einziger Flintenschuß würde die ganze Stadt in Aufruhr bringen und man würde uns beim Abzug angreifen. Glaubt nicht, daß ich mich mit dreizehn Mann, wie Ihr seid, nicht stark genug fühle, durch dieses Nest zu kommen: sicher würde niemand wagen, auf die Straße hinabzusteigen; aber mehrere Bürger haben Flinten und sie würden aus den Fenstern schießen. Nebenbei gesagt muß man sich in diesem Fall längs der Häuser halten. Einmal im Garten, sagt Ihr mit leiser Stimme zu jedem, der sich zeigt: Zieh dich zurück! und wenn er nicht augenblicklich gehorcht, tötet Ihr ihn mit dem Dolch. Ich dringe dann mit denen von Euch, die gerade um mich sind, durch die kleine Gartentür ins Kloster ein, und drei Minuten später kehre ich mit einer oder zwei Frauen zurück, die wir auf unsren Armen tragen und nicht selbst gehen lassen werden. Sofort verlassen wir eilig das Kloster und die Stadt. Zwei von Euch werde ich in der Nähe des Tors zurücklassen, sie werden von Minute zu Minute etwa zwanzig Schüsse abgeben, um die Bürger zu schrecken und in Entfernung zu halten.« Giulio wiederholte diese Erklärung zweimal. »Habt Ihr gut verstanden?« sagte er seinen Leuten. »In der Vorhalle wird es dunkel sein; rechts ist der Garten, links der Hof, man darf sich nicht irren.« »Zählt auf uns!« riefen die Soldaten. Dann gingen sie trinken; der Korporal folgte ihnen nicht und bat um die Erlaubnis, mit dem Kapitän sprechen zu dürfen. »Nichts ist einfacher«, sagte er, »als der Plan Eurer Gnaden. Ich bin schon zweimal in meinem Leben in Klöster eingebrochen; dies wäre das dritte; aber wir sind zu wenig. Wenn der Gegner uns nötigt, die Mauer zu zerstören, welche die Angel der zweiten Tür hält, muß man bedenken, daß die Bravi während dieser langen Arbeit nicht müßig bleiben; sie werden Euch sieben oder acht Mann erschießen und dann kann man uns am Rückweg die Frau wieder abnehmen. Das ist uns in einem Kloster in der Nähe Bolognas passiert: uns wurden fünf Mann getötet, wir töteten acht, aber der Hauptmann bekam nicht die Frau. Ich schlage Euer Gnaden zweierlei vor: ich kenne vier Bauern aus der Umgebung dieser Herberge, die Sciarra tapfer gedient haben und sich für eine Zechine die ganze Nacht lang wie Löwen schlagen würden. Vielleicht werden sie etwas Silber aus dem Kloster rauben; das kümmert Euch wenig, denn die Sünde ist ihre Sache und Ihr bezahlt sie, um eine Frau zu holen, das ist alles. Mein zweiter Vorschlag ist folgender: Ugone ist ein gescheiter und sehr geschickter Bursche; er war Arzt, als er seinen Schwager tötete und ging in die Macchia. Ihr könnt ihn eine Stunde vor Sonnenuntergang zum Klostertor schicken, er wird um Dienst bitten und wird es so geschickt einrichten, daß man ihn in die Wache einreiht; dann wird er die Knechte der Nonnen betrunken machen, und er ist sogar fähig, die Lunten ihrer Flinten zu durchnässen.« Zu seinem Unglück nahm Giulio den Vorschlag des Korporals an. Als dieser sich entfernte, fügte er noch hinzu: »Wir wollen ein Kloster angreifen. Das ist excommunicatio major und noch mehr: dieses Kloster steht unmittelbar unter dem Schutz der Madonna ...« »Ich verstehe!« rief Giulio, aufgerüttelt durch dieses Wort. »Bleibt bei mir.« Der Korporal schloß die Tür und kam zurück, um den Rosenkranz mit Giulio zu beten. Diese Andacht dauerte eine volle Stunde. Als es Nacht war, brach man auf. Wie es Mitternacht schlug, kehrte Giulio, der gegen elf Uhr allein nach Castro gegangen war, zurück, um seine Leute zu holen, die außerhalb des Tores gewartet hatten. Er trat mit seinen acht Mann, denen sich drei gut bewaffnete Bauern angeschlossen hatten, in die Stadt ein und vereinigte sich mit den fünf Soldaten, welche er schon in der Stadt hatte; so befand er sich an der Spitze von sechzehn entschlossenen Männern; zwei trugen als Diener verkleidet weite Blusen aus schwarzem Leinen, um ihr giacco zu verdecken und ihre Mützen waren nicht mit Federn geschmückt. Eine halbe Stunde nach Mitternacht kam Giulio, der die Rolle des Kuriers für sich übernommen hatte, im Galopp vor dem Klostertor an; er machte mächtigen Lärm und schrie, daß man unverzüglich einem Kurier öffnen möge, den der Kardinal schicke. Mit Wohlgefallen bemerkte er, daß die Soldaten, die ihm durch das kleine Fenster neben dem Tor antworteten, halb betrunken waren. Der Vorschrift folgend, schrieb er seinen Namen auf ein Stück Papier, ein Soldat überbrachte den Namen der Pförtnerin, die den Schlüssel zur zweiten Tür besaß und die Äbtissin in besondren Fällen zu wecken hatte. Die Antwort ließ endlose dreiviertel Stunden auf sich warten. Während dieser Zeit hatte Giulio viel Mühe, seinen Trupp ruhig zu halten; einige Bürger öffneten schon vorsichtig ihre Fenster; endlich traf eine günstige Antwort von der Äbtissin ein; Giulio wurde, gefolgt von zwei als Diener verkleideten Soldaten, mit Hilfe einer fünf oder sechs Fuß langen Leiter, die man ihm aus dem kleinen Fenster reichte, in die Wachstube eingelassen; die Bravi des Klosters wollten sich nicht die Mühe machen, das große Tor zu öffnen. Als er vom Fenster ins Wachzimmer sprang, begegneten seine Augen dem Blick Ugones; die ganze Wache war, dank seiner Vorsorge, betrunken. Giulio sagte dem Kommandanten, daß drei Diener der Campireali, die er als Soldaten habe ausrüsten lassen, um ihn am Marsch zu schützen, sehr guten Branntwein gekauft hätten und um Einlaß bäten, damit sie sich nicht allein auf dem Platze langweilen müßten. Dem wurde einmütig zugestimmt. Er selbst stieg mit seinen zwei Leuten die Treppe hinunter, welche von der Wachstube in den Gang führte. »Trachte die große Tür zu öffnen«, sagte er zu Ugone. Dann gelangte er unangefochten zur eisernen Tür. Dort fand er die gute Pförtnerin, welche ihm sagte, daß jetzt, da Mitternacht vorbei sei, wenn er ins Kloster eingelassen würde, die Äbtissin dem Bischof darüber Bericht erstatten müßte. Darum lasse sie ihn bitten, seine Nachrichten der jungen Schwester zu übergeben, welche die Äbtissin zu diesem Zweck schicke. Worauf Giulio antwortete, wegen der Bestürzung, welche durch die unerwartete Agonie des Signor von Campireali hervorgerufen worden sei, hätte man ihm nur ein einfaches vom Arzt ausgefertigtes Beglaubigungsschreiben mitgegeben; alle Einzelheiten sollte er mündlich der Frau und Tochter des Kranken berichten, wenn diese Damen noch im Kloster wären und in jedem Fall auch der Frau Äbtissin. Die Pförtnerin ging, diese Botschaft zu überbringen. Niemand blieb an der Tür als die junge Schwester, welche die Äbtissin gesandt hatte. Giulio plauderte und scherzte mit ihr, dabei steckte er die Hände durch die dicken Eisenstangen des Tors und versuchte es, immer noch lachend, zu öffnen. Die Schwester war sehr schüchtern, sie hatte Angst und nahm die Scherze übel auf. Da hatte Giulio, der sah, daß beträchtliche Zeit verstrich, die Unvorsichtigkeit, der Schwester eine Handvoll Zechinen anzubieten, mit der Bitte, ihn einzulassen, da er zu müde sei, zu warten. »Er wußte wohl, daß er eine Dummheit beging,« sagt der Erzähler, »er hätte mit Eisen und nicht mit Gold arbeiten müssen; aber er hatte nicht das Herz dazu; nichts leichter, als sich der Schwester zu bemächtigen, sie war nicht weiter als einen Fuß breit von ihm, auf der andern Seite der Tür. Durch das Angebot der Zechinen wurde das junge Mädchen in Schrecken versetzt. Sie sagte später, daß sie aus der Art wie Giulio zu ihr gesprochen habe, wohl verstanden hätte, daß er kein gewöhnlicher Kurier sei: ›Das ist der Geliebte einer unsrer Nonnen,‹ dachte sie, ›der zu einem Stelldichein kommt‹; und sie war fromm. Von Entsetzen ergriffen, begann sie mit aller Kraft die Schnur einer kleinen Glocke zu ziehen, die im großen Hof hing und alsogleich einen Lärm machte, um Tote zu wecken. »Der Krieg beginnt,« sagte Giulio seinen Leuten, »gebt acht!« Er nahm seinen Schlüssel, und den Arm zwischen den Eisenstäben durchzwängend, öffnete er die Tür zur größten Verzweiflung der jungen Nonne, die sich über den Kirchenfrevel entsetzt schreiend auf die Knie warf und Ave Maria zu beten begann. Noch in diesem Augenblick hätte Giulio das junge Mädchen zum Schweigen bringen müssen, aber er hatte nicht das Herz dazu; einer seiner Leute ergriff sie und schloß ihr den Mund. Im selben Augenblick hörte Giulio im Gang hinter sich einen Flintenschuß. Ugone hatte das große Tor geöffnet, die übrigen Soldaten traten ohne Lärm ein, als einer der weniger betrunkenen Bravi der Wache sich einem der vergitterten Fenster näherte und in seinem Erstaunen so viele Leute im Gang zu sehen ihnen fluchend verbot, weiterzugehen. Man hätte nicht antworten und ruhig weiter gegen die eiserne Tür vorgehen sollen, so machten es auch die ersten, aber der letzte der Reihe, einer der am Nachmittag erst angeworbenen Bauern, feuerte einen Pistolenschuß nach dem Klosterknecht, der durchs Fenster rief, und tötete ihn. Dieser Pistolenschuß mitten in der Nacht und das Schreien der Betrunkenen, als sie ihren Kameraden fallen sahen, weckten jene Soldaten, welche diese Nacht in ihren Betten lagen und nicht von Ugones Wein gekostet hatten. Acht oder zehn Bravi des Klosters sprangen halb nackt in den Gang und griffen die Soldaten Brancifortes heftig an. Wie wir bereits gesagt haben, begann dieser Lärm im Augenblick, als Giulio das eiserne Tor geöffnet hatte. Von seinen zwei Soldaten gefolgt, stürzte er in den Garten und lief zu der kleinen Türe, die zur Treppe der Pensionärinnen führte. Aber er wurde von fünf oder sechs Pistolenschüssen empfangen. Seine beiden Soldaten fielen; er selbst bekam eine Kugel in den rechten Arm. Diese Pistolenschüsse waren von den Leuten der Signora von Campireali abgegeben, welche auf ihren Befehl die Nacht im Garten zubrachten, wozu sie die Erlaubnis beim Bischof erwirkt hatte. Giulio lief allein zu der kleinen, ihm so wohlbekannten Tür, welche vom Garten zur Treppe der Pensionärinnen führte. Er tat, was er nur konnte, um sie aufzusprengen, aber sie war fest verschlossen. Er suchte nach seinen Leuten, doch die achteten nicht darauf, ihm zu antworten, denn sie starben; er stieß in der tiefen Dunkelheit auf drei Dienstleute der Signora von Campireali, deren er sich mit Dolchstichen erwehrte. Er lief in die Vorhalle, gegen die Gittertür, um seine Soldaten zu rufen; er fand diese Türe verschlossen: die beiden schweren Eisenarme waren auf ihrem Platz und mit Schlössern gesichert, welche die alten Gärtner vorgelegt hatten, als sie das Läuten der jungen Schwester weckte. ›Ich bin abgeschnitten‹, sagte sich Giulio. Er rief es seinen Leuten zu; vergeblich versuchte er eins dieser Vorlegschlösser mit seinem Degen zu sprengen; wenn ihm das geglückt wäre, hätte er eine der Eisenstangen entfernen und einen Türflügel öffnen können. Sein Degen zerbrach im Ring des Vorlegschlosses; im gleichen Augenblick wurde er durch einen aus dem Garten herbeigeeilten Diener an der Schulter verwundet; er wandte sich um, und gegen die Eisenpforte gelehnt, sah er sich von mehreren Männern angegriffen. Er verteidigte sich mit seinem Dolch; zum Glück, da es völlig dunkel war, trafen fast alle Degenstöße auf sein Panzerhemd. Er wurde schmerzhaft am Knie verwundet, stürzte sich auf einen der Leute, der sich zu weit vorgewagt hatte, um ihm diesen Degenstich zu versetzen, tötete ihn mit einem Dolchstoß ins Gesicht und hatte das Glück, sich seines Degens zu bemächtigen. Nun glaubte er sich gerettet; er stellte sich zur Linken der Tür, an die Seite der Mauer. Seine Leute waren jetzt herbeigeeilt, sie schossen fünf oder sechs Pistolenschüsse durch das Eisengitter hindurch und trieben die Diener in die Flucht. Man sah hier in der Vorhalle nichts, außer beim Aufleuchten der Pistolenschüsse. »Schießt nicht auf meine Seite«, rief Giulio seinen Leuten zu. »Ihr seid hier wie in einer Mausefalle gefangen«, sagte ihm der Korporal mit großer Kaltblütigkeit durch die Eisenstangen hindurch, »und wir haben drei Tote. Wir werden die Türpfosten auf der Euch entgegengesetzten Seite einreißen. Rührt Euch nicht, denn man wird auf uns schießen; es scheint, daß im Garten Feinde sind.« »Die Schufte von Dienern der Campireali«, sagte Giulio. Er sprach noch mit dem Korporal, als von der Seite des Vestibüls, die in den Garten führte, Pistolenschüsse, auf das Geräusch gezielt, gegen sie abgefeuert wurden. Giulio verbarg sich in der Loge der Schließerin, zur Linken des Eingangs; zu seiner Freude fand er dort ein kaum wahrnehmbares Lämpchen, das vor dem Bildnis der Madonna brannte; er nahm es mit großer Vorsicht, um es nicht auszulöschen; er bemerkte zu seinem Kummer, daß er zitterte. Er betrachtete seine Wunde am Knie, die ihn sehr schmerzte; das Blut floß in Strömen. Umhersehend, erkannte er zu seinem Erstaunen in einer ohnmächtig auf einem Holzstuhl lehnenden Frau die kleine Marietta, die vertraute Kämmerin Helenas; er schüttelte sie lebhaft. »Aber! Signor Giulio,« rief sie weinend, »wollt Ihr Eure Freundin Marietta töten?« »Weit davon entfernt! Sag Helena, daß ich sie um Verzeihung bitte, ihre Ruhe gestört zu haben und daß sie des Ave Maria vom Monte Cave gedenken möge. Hier ist ein Blumenstrauß, den ich in ihrem Garten in Albano gepflückt habe; aber er ist ein wenig mit Blut befleckt; wasche es ab, bevor du ihn ihr gibst.« In diesem Augenblick hörte er eine Flintensalve im Gang; die Bravi der Nonnen griffen seine Leute an. »Sag mir, wo der Schlüssel der kleinen Tür ist?« fragte er Marietta. »Ich sehe ihn nicht, aber hier sind die Schlüssel zu den Vorlegschlössern der Eisenstangen, welche das große Tor sperren. Ihr könnt hinaus.« Giulio nahm die Schlüssel und stürzte aus der Loge. »Laßt die Mauer,« rief er seinen Soldaten zu, »ich habe endlich den Schlüssel des Tores.« Einen Augenblick, während er versuchte, ein Schloß mit einem der kleinen Schlüssel zu öffnen, herrschte völliges Schweigen; er hatte sich im Schlüssel geirrt und nahm den andern; endlich öffnete er das Schloß: aber im Augenblick, wo er die Eisenstange hob, erhielt er aus allernächster Nähe einen Schuß in den rechten Arm. Sogleich spürte er, daß der Arm den Dienst versagte. »Hebt den Eisenriegel«, schrie er seinen Leuten zu. Er hatte nicht erst nötig, es ihnen zu sagen. Im Licht des Pistolenschusses hatten sie bemerkt, daß das äußerste umgebogene Ende der eisernen Stange schon zur Hälfte aus dem am Tor befestigten Ring herausgehoben war. Sofort lüpften drei oder vier kräftige Arme die eiserne Stange; als das äußerste Ende ganz aus dem Ring war, ließ man sie fallen. Nun konnte man einen der Torflügel ein wenig öffnen; der Korporal trat ein und sagte leise zu Giulio: »Es ist nichts mehr zu machen, wir sind nur mehr drei oder vier ohne Wunden, fünf sind tot.« »Ich habe Blut verloren,« entgegnete Giulio, »ich fühle, daß ich ohnmächtig werde; laßt mich fortbringen.« Während Giulio mit dem tapfren Korporal sprach, gaben die Soldaten der Wache noch drei oder vier Flintenschüsse ab und der Korporal fiel tot zu Boden. Zum Glück hatte Ugone den Befehl Giulios gehört; er rief zwei Soldaten herbei, die den Kapitän forttragen sollten. Da er aber nicht ohnmächtig wurde, befahl er, ihn durch den Garten zu der kleinen Tür zu tragen. Dieser Befehl brachte die Soldaten zum Fluchen, aber sie gehorchten. »Hundert Zechinen dem, der diese Tür öffnet«, rief Giulio aus. Aber sie widerstand dem Ansturm dreier wütender Männer. Einer der alten Gärtner schoß unaufhörlich von einem Fenster des zweiten Stockwerks mit der Pistole nach ihnen und beleuchtete so ihre Versuche. Nach den unnützen Anstrengungen, die Tür zu öffnen, wurde Giulio gänzlich bewußtlos; Ugone hieß den Soldaten, den Kapitän eiligst fortzutragen. Er selbst ging in die Loge der Schwester Pförtnerin und warf die kleine Marietta hinaus, indem er ihr mit drohender Stimme befahl, fortzugehen und niemals zu verraten, wer sie wiedererkannt habe. Er zog das Stroh aus dem Bett, zerbrach einige Stühle und steckte das Zimmer in Brand. Als das Feuer gut brannte, lief er so schnell er konnte, mitten durch die Flintenschüsse der Bravi des Klosters davon. Etwa hundertfünfzig Schritt von der Heimsuchung entfernt, fand er den ganz bewußtlosen Kapitän, den man eiligst davontrug. Nach einigen Minuten war man außerhalb der Stadt. Ugone ließ halten: er hatte nur noch vier Soldaten bei sich; er schickte zwei in die Stadt zurück mit dem Befehl, von fünf zu fünf Minuten Flintenschüsse abzufeuern. »Versucht Eure verwundeten Kameraden wiederzufinden,« sagte er ihnen, »verlaßt die Stadt vor Tag, wir folgen dem Fußweg über Croce rossa. Wenn Ihr irgendwo Feuer anlegen könnt, verabsäumt es nicht.« Als Giulio das Bewußtsein wieder erlangte, befand man sich drei Meilen von der Stadt entfernt und die Sonne stand schon hoch am Himmel. Ugone erstattete Bericht. »Euer Trupp besteht nur mehr aus fünf Mann, wovon drei verwundet sind. Den beiden überlebenden Bauern habe ich je zwei Zechinen Entschädigung gegeben und sie sind davongelaufen. Die beiden nicht verwundeten Männer habe ich in den nächsten Marktflecken geschickt, um einen Wundarzt zu holen.« Der Wundarzt, ein zittriger Alter, kam bald auf einem prächtigen Esel angeritten; man hatte ihm drohen müssen, sein Haus in Brand zu stecken, um ihn zum Mitgehen zu bewegen. Es war nötig, ihn erst etwas Branntwein trinken zu lassen, um ihn zu seiner Arbeit instand zu setzen, so groß war seine Furcht. Endlich machte er sich ans Werk; er sagte Giulio, daß seine Wunden ohne Bedeutung seien. »Die am Knie ist nicht gefährlich,« fügte er hinzu, »aber Ihr werdet zeitlebens hinkend bleiben, wenn Ihr Euch nicht zwei bis drei Wochen vollkommen ruhig verhaltet.« Der Wundarzt verband die verletzten Soldaten. Ugone gab Giulio einen Wink mit den Augen, man entlohnte den Wundarzt, der sich vor Dank gar nicht fassen konnte, mit zwei Zechinen; dann gab man ihm unter dem Vorwand der Erkenntlichkeit eine solche Menge Branntwein zu trinken, daß er fest einschlief. Das war es, was man wollte. Man trug ihn ins nächste Feld, man wickelte vier Zechinen in ein Stück Papier, das man ihm in die Tasche steckte. Das war der Preis für seinen Esel, auf welchen man Giulio und einen der am Bein verletzten Soldaten setzte. Man verbrachte die Stunden der größten Hitze in einer antiken Ruine am Ufer eines Weihers; man marschierte die ganze Nacht hindurch und vermied die Dörfer, die auf diesem Weg nicht zahlreich waren; endlich am übernächsten Morgen bei Sonnenaufgang erwachte Giulio, als er tief im Walde von La Faggiola von seinen Leuten in die Köhlerhütte getragen wurde, die sein Hauptquartier war. VI. Am Morgen nach dem Kampf fanden die Nonnen zu ihrem Entsetzen neun Leichen in ihrem Garten und in dem Gang, der vom äußeren Tor zu dem mit den Eisenriegeln führte; acht ihrer Bravi waren verwundet. Niemals hatte es eine solche Angst im Kloster gegeben; man hatte wohl öfters Flintenschüsse vom Platze her gehört, aber nie solche Menge von Schüssen, noch dazu im Garten, inmitten der Gebäude und unter den Fenstern der Nonnen. Das hatte gut anderthalb Stunden gedauert und während dieser Zeit herrschte die allergrößte Kopflosigkeit im Innern des Klosters. Wäre Giulio Branciforte nur ein wenig im Einverständnis mit einer der Nonnen oder der Pensionärinnen gewesen, wäre es ihm geglückt: es hätte genügt, daß man ihm eine der zahlreichen, in den Garten führenden Türen geöffnet hätte; aber ganz außer sich vor Entrüstung und voll Wut über das, was er den Meineid der jungen Helena nannte, wollte er alles durch eigne Kraft erreichen. Es ging gegen seinen Stolz, sein Vorhaben irgend jemandem anzuvertrauen. Indessen hätte ein einziges Wort an die kleine Marietta den Erfolg verbürgt: sie hätte eine der Türen, die zum Garten führten, geöffnet und – unterstützt durch die schreckliche Begleitung der Flintenschüsse von draußen – hätte auch ein einziger Mann der in den Schlafsälen erschien, sich unbedingten Gehorsam verschafft. Vom ersten Schuß an hatte Helena für das Leben ihres Geliebten gezittert und an nichts andres gedacht, als mit ihm zu fliehen. Wie soll man ihre Verzweiflung schildern, als die kleine Marietta ihr die entsetzliche Verwundung beschrieb, die Giulio am Knie erhalten hatte und aus der sie das Blut hatte in Strömen fließen sehen? Helena verabscheute jetzt ihre Feigheit und Zaghaftigkeit: »Ich habe die Schwäche gehabt, meiner Mutter ein Wort zu sagen und Giulios Blut ist geflossen, er konnte bei diesem bewundernswerten Angriff, wo sein Mut vor nichts zurückschreckte, sein Leben lassen.« Die Bravi wurden ins Sprechzimmer zugelassen und berichteten den lüstern zuhörenden Nonnen, daß sie nie in ihrem Leben Zeugen einer Tapferkeit gewesen seien, die sich mit der des jungen, als Kurier verkleideten Mannes, der die Angriffe der Briganten leitete, vergleichen ließe. Wenn diesen Erzählungen schon von allen mit dem größten Interesse zugehört wurde, kann man sich vorstellen, mit welch äußerster Leidenschaft Helena die Bravi nach Einzelheiten über den jungen Anführer der Briganten ausfragte. Nach den ausführlichen Schilderungen, die sie sich von ihnen und von den alten Gärtnern geben ließ, die ganz unparteiische Zeugen waren, schien es ihr, daß sie ihre Mutter nicht im geringsten mehr liebte. Es gab sogar eine erregte Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen, die sich am Vorabend des Kampfes so zärtlich geliebt hatten. Signora Campireali war gereizt durch die Blutflecken auf einem gewissen Blumenstrauß, von dem Helena sich nicht einen Augenblick mehr trennen wollte. »Man soll diese blutbefleckten Blumen fortwerfen.« »Ich war es, die dieses edle Blut vergossen hat und es ist geschehen, weil ich die Schwäche hatte, Euch ein Wort zu sagen.« »Ihr liebt also noch den Mörder Eures Bruders?« »Ich liebe meinen Gatten, der zu meinem ewigen Unheil von meinem Bruder angegriffen worden ist.« Nach dieser Bemerkung wurde während der drei Tage, welche Signora von Campireali noch im Kloster zubrachte, kein einziges Wort mehr zwischen Mutter und Tochter gewechselt. Am Morgen nach ihrer Abreise gelang es Helena, zu entkommen, indem sie die Verwirrung benützte, die an beiden Klostertoren durch die Anwesenheit zahlreicher Maurer herrschte, welche im Garten neue Befestigungen aufführen sollten. Die kleine Marietta und sie hatten sich als Arbeiter verkleidet. Aber die Bürger hielten an den Toren der Stadt strenge Wacht und Helene war in großer Verlegenheit, wie sie durchkommen solle. Endlich war der kleine Krämer, der ihr schon die Briefe Brancifortes übermittelt hatte, einverstanden, sie als seine Tochter auszugeben und bis Albano zu begleiten. Helena fand dort ein Versteck bei ihrer alten Amme, der es ihre Wohltaten ermöglicht hatten, einen kleinen Laden zu halten. Kaum angelangt, schrieb sie an Branciforte, und die Amme fand, nicht ohne Schwierigkeit, einen Mann, der es wagen wollte, in den Wald von La Faggiola einzudringen, ohne das Losungswort der Leute des Colonna zu wissen. Nach drei Tagen kam der von Helena abgesandte Bote ganz verstört zurück; erst war es ihm unmöglich gewesen, Branciforte zu finden und seine unaufhörlichen Fragen nach dem jungen Hauptmann hatten ihn verdächtig gemacht, so daß er schließlich gezwungen war, zu flüchten. ›Man kann nicht zweifeln, der arme Giulio ist tot,‹ sagte sich Helena, ›und ich bin es, die ihn getötet hat! Das mußte die Folge meiner elenden Schwäche und meiner Zaghaftigkeit werden; er hätte eine starke Frau lieben sollen, die Tochter irgendeines Hauptmanns des Fürsten Colonna ...‹ Die Amme glaubte, daß Helena sterben würde. Sie stieg zum Kapuzinerkloster hinauf, das bei dem in die Felsen gehauenen Weg, wo einstens mitten in der Nacht Fabio und sein Vater den beiden Liebenden begegnet waren, lag. Die Amme sprach lange mit ihrem Beichtvater und unter dem Siegel der Beichte gestand sie ihm, daß die junge Helena von Campireali sich mit Giulio Branciforte, ihrem Gatten, vereinen wolle und daß sie geneigt wäre, dem Kloster eine silberne Lampe im Wert von hundert spanischen Piastern zu stiften. »Hundert Piaster!« antwortete der Mönch gereizt. »Und was wird aus unsrem Kloster, wenn wir den Haß des Signor von Campireali auf uns ziehen? Es waren nicht hundert Piaster, sondern wohl tausend, ohne die Wachskerzen zu rechnen, die er uns gegeben hat, um den Leichnam seines Sohnes vom Schlachtfeld von Ciampi zurückzubringen.« Man muß zur Ehre des Klosters berichten, wie zwei betagte Mönche, welche genau über die Lage der jungen Helena unterrichtet waren, nach Albano hinabstiegen, um sie durch Zureden oder mit Gewalt zu veranlassen, in den Palast ihrer Familie zurückzukehren; sie wußten, daß Signor von Campireali sie dafür reich belohnen würde. Ganz Albano war von Gerede über die Flucht Helenas und von der Erzählung der glänzenden Versprechungen erfüllt, die ihre Mutter denen ausgesetzt hatte, die ihr Nachrichten über den Aufenthalt der Tochter geben würden. Aber die beiden Mönche wurden von der Verzweiflung Helenas, die Giulio Branciforte tot glaubte, so gerührt, daß sie, weit davon entfernt, sie zu verraten und ihrer Mutter ihren Zufluchtsort anzuzeigen, sich sogar bereit erklärten, sie bis zur Festung La Petrella zu geleiten. Helena und Marietta begaben sich nachts, wieder als Arbeiter verkleidet, zu Fuß an eine bestimmte Quelle im Wald von La Faggiola, eine Stunde von Albano entfernt. Die Mönche hatten dorthin Maultiere bringen lassen, und als der Tag anbrach, machte man sich auf den Weg. Die Mönche, welche unter dem Schutz des Fürsten standen, wurden von den Soldaten, denen sie im Wald begegneten, mit Respekt gegrüßt, aber nicht so die beiden jungen Bürschchen, welche sie begleiteten: die Soldaten betrachteten sie zuerst mit strengen Blicken und kamen auf sie zu, dann brachen sie in Gelächter aus und machten den Mönchen Komplimente wegen der Reize ihrer Maultiertreiber. »Schweigt, Gottlose! und wißt, daß alles auf Befehl des Fürsten Colonna geschieht«, antworteten die Mönche im Weiterschreiten. Aber die arme Helena hatte Unglück; der Fürst war von La Petrella abwesend, und als er ihr drei Tage später, nach seiner Rückkehr, endlich eine Audienz gewährte, behandelte er sie sehr hart. »Warum kommt Ihr hierher, Fräulein? Was bedeutet dieser unvorsichtige Schritt? Euer Weibergeschwätz hat sieben der tapfersten Männer Italiens ins Verderben gestürzt, und das wird Euch kein verständiger Mensch je vergeben. Auf dieser Welt muß man wollen oder nicht wollen. Ohne Zweifel ist es neuen Klatschereien zu danken, daß Giulio Branciforte der Kirchenschändung angeklagt und verurteilt werden soll, zwei Stunden mit glühenden Zangen gezwickt und dann wie ein Jude verbrannt zu werden, er, einer der besten Christen, die ich kenne! Wie hätte man ohne Euer schändliches Geschwätz diese schreckliche Lüge erfinden können, woher wissen sollen, daß Giulio Branciforte am Tage des Klosterüberfalls in Castro war? Alle meine Leute werden Euch sagen, daß man ihn gerade an diesem Tage hier in La Petrella gesehen hat und daß ich ihn gegen Abend nach Velletri schickte.« »Aber er lebt?« rief die junge Helena zum zehnten Mal, indem sie in Tränen ausbrach. »Für Euch ist er tot,« versetzte der Fürst, »Ihr werdet ihn niemals wiedersehen. Ich rate Euch, in Euer Kloster in Castro zurückzukehren und hütet Euch, von neuem zu schwatzen; binnen einer Stunde werdet Ihr La Petrella verlassen haben. Vor allem erzählt niemandem, daß Ihr mich gesehen habt, oder ich werde Euch zu strafen wissen.« Die arme Helena war tief betrübt über einen solchen Empfang von Seiten jenes berühmten Fürsten Colonna, den Giulio so verehrte und den sie liebte, weil er ihn liebte. Was auch der Fürst Colonna daran auszusetzen fand, war dieser Schritt Helenas doch nicht unklug gewesen. Wäre sie drei Tage früher nach La Petrella gekommen, so hätte sie Giulio Branciforte hier gefunden; die Wunde am Knie setzte ihn außerstand, selbst zu gehen, und der Fürst ließ ihn nach dem großen Marktflecken Avezzano im Königreich Neapel transportieren. Bei der ersten Nachricht des schrecklichen durch Signor von Campireali erkauften Haftbefehls gegen Giulio Branciforte, der ihn als Kirchenschänder und Klosterräuber erklärte, hatte der Fürst eingesehen, daß er auf drei Viertel seiner Leute nicht würde zählen können, wenn es sich darum handeln sollte, Branciforte zu schützen. Das war eine Sünde gegen die Madonna, unter deren besonderem Schutz sich jeder der Briganten fühlte. Wenn einer der barigelli aus Rom kühn genug gewesen wäre, Giulio Branciforte mitten im Walde von La Faggiola zu verhaften, hätte es ihm gelingen können. Bei seiner Ankunft in Avezzano nannte sich Giulio Fontana, und die Leute, die ihn trugen, waren verschwiegen. Nach La Petrella zurückgekehrt, verkündeten sie traurig, daß Giulio auf der Reise gestorben sei, und von diesem Augenblick an wußte jeder der Soldaten des Fürsten, daß ein Dolchstich ins Herz dem sicher sei, der den verhängnisvollen Namen aussprach. Es war also vergeblich, daß Helena, nach Albano zurückgekehrt, Brief über Brief schrieb und, um Branciforte Nachricht zukommen zu lassen, ihre ganzen Zechinen ausgab. Die beiden alten Mönche, die ihre Freunde geworden waren – denn, sagt der florentinische Chronist, die wahre Schönheit ermangelt nicht, selbst auf durch niedrigsten Egoismus und Heuchelei verhärtete Herzen eine gewisse Herrschaft auszuüben –, die beiden Mönche, sagten wir, teilten dem armen jungen Mädchen mit, daß jeder Versuch, Branciforte auch nur ein Wort zukommen zu lassen, vergeblich sei: Colonna hatte erklärt, daß er tot wäre und sicher würde Giulio nicht wieder in dieser Welt erscheinen, ehe der Fürst es wollte. Die Amme Helenas kündigte ihr weinend an, daß ihre Mutter endlich ihren Zufluchtsort entdeckt habe und daß die strengsten Befehle ergangen seien, sie, und sei es mit Gewalt, in den Palast Campireali nach Albano zu bringen. Helena begriff, daß ihre Gefangenschaft, wenn sie einmal in diesem Palast war, grenzenlos streng durchgeführt werden könne und daß man ihr jeden Verkehr mit der Außenwelt untersagen würde; dagegen genoß sie im Kloster von Castro die gleiche Freiheit, Briefe zu empfangen und abzusenden, wie alle Nonnen. Überdies, und das entschied ihr Schwanken, war es der Garten dieses Klosters, wo Giulio sein Blut für sie vergossen hatte; sie konnte den hölzernen Sessel der Pförtnerin wiedersehen, auf den er sich einen Augenblick gesetzt hatte, um die Wunde an seinem Knie zu beschauen, es war dort, wo er Marietta die blutbefleckten Blumen gegeben hatte, die sie nicht mehr verließen. Also kehrte sie traurig in das Kloster von Castro zurück, und man könnte ihre Geschichte hier beenden: es wäre gut für sie und vielleicht auch für den Leser. Denn tatsächlich werden wir dem langsamen Sinken einer edlen und reichen Seele zuschauen. Kluge Maßnahmen und gesellschaftliche Lügen, die sie von nun an rings umgaben, verdrängten die aufrichtigen Regungen lebhafter und natürlicher Leidenschaft. Der römische Chronist schaltet hier eine Betrachtung ein, die voll Naivetät ist: Weil sich eine Frau die Mühe gibt, eine schöne Tochter zur Welt zu bringen, glaubt sie das Talent zu besitzen, ihr Leben zu lenken; und weil sie ihr im Alter von sechs Jahren mit Grund sagte: »Mein Fräulein, richtet Euren Kragen«, glaubt sie, wenn diese Tochter achtzehn und sie fünfzig Jahre alt ist, – und diese Tochter ebensoviel oder mehr Geist besitzt als die Mutter –, hingerissen von der Gewohnheit des Herrschens noch immer das Recht zu haben, ihr Leben zu lenken, sei es auch durch Betrug. Wir werden sehen, daß Vittoria Carafa, die Mutter Helenas durch eine Reihe geschickter und überaus klug kombinierter Mittel den grausamen Tod ihrer so zärtlich geliebten Tochter herbeiführte, nachdem sie durch ihre traurige Herrschsucht zwölf Jahre hindurch ihr Unglück gewesen war. Bevor er starb, hatte Signor von Campireali noch die Freude, in Rom den Richtspruch bekannt geben zu sehen, durch den Branciforte verurteilt ward, zwei Stunden lang an den Kreuzungen der Hauptstraßen Roms mit glühenden Zangen gezwickt und dann an langsamem Feuer verbrannt zu werden; seine Asche sollte man danach in den Tiber werfen. Die Fresken, des Klosters Santa Maria Novella in Florenz zeigen noch heute, wie man diese grausamen Urteile gegen die Kirchenschänder vollstreckte. Gewöhnlich war dabei ein großes Wachaufgebot nötig, um das empörte Volk zurückzuhalten, das sich an Stelle der Henker setzen wollte. Jeder gebärdete sich, als wäre er der vertraute Freund der Madonna. Signor Campireali hatte sich dieses Urteil noch wenige Minuten vor seinem Tode vorlesen lassen und schenkte dem Advokaten, welchem er es verdankte, seinen schönen, zwischen Albano und dem Meer gelegenen Landsitz dafür. Dieser Advokat war nicht ohne Verdienst, denn Branciforte war zu diesem gräßlichen Tod verurteilt worden, obwohl sich kein Zeuge fand, der ihn unter der Verkleidung des jungen, mit soviel Autorität die Bewegungen der Angreifer leitenden Kuriers erkannt haben wollte. Die unerhörte Größe dieser Schenkung brachte alle Intriganten Roms in Aufregung. Damals gab es bei Hof einen bekannten Fratone, einen undurchsichtigen und zu allem fähigen Menschen, – selbst dazu, den Papst zu zwingen, ihm den Hut zu verleihen; er besorgte die geschäftlichen Angelegenheiten des Fürsten Colonna und dieser gefährliche Klient verschaffte ihm großes Ansehen. Als Signora Campireali ihre Tochter nach Castro zurückgekehrt wußte, ließ sie diesen Fratone rufen. »Euer Ehrwürden sollen glänzend belohnt werden, wenn Ihr einer höchst einfachen Sache, die ich Euch erklären werde, zum guten Ausgang verhelfet. In wenigen Tagen wird das Urteil, welches Giulio Branciforte zu einem schrecklichen Tod verdammt, auch im Königreich Neapel bekannt gemacht und vollstreckbar werden. Ich ersuche Euer Ehrwürden, diesen Brief des Vize-Königs zu lesen, der weitläufig mit mir verwandt ist und mir diese Neuigkeit zu melden geruht. In welchem Land kann Branciforte Zuflucht suchen? Ich werde dem Fürsten fünfzigtausend Piaster mit der Bitte übersenden, sie ganz oder zum Teil Giulio Branciforte unter der Bedingung zu geben, daß er beim König von Spanien, meinem Herrn, Dienst gegen die Rebellen von Flandern nimmt. Der Vize-König wird Branciforte ein Hauptmannsdiplom geben, und damit das Urteil wegen Gotteslästerung, welches wohl bald auch in Spanien vollstreckbar sein wird, ihn in seiner Laufbahn nicht hindert, wird er sich Baron Lizzara nennen, nach einem kleinen Gut, das mir in den Abruzzen gehört, dessen Besitz ich ihm durch einen Scheinkauf verschaffen werde. Ich glaube, daß Euer Ehrwürden noch nie eine Mutter so den Mörder ihres Sohns behandeln gesehen haben. Mit fünfhundert Piastern hätten wir uns längst dieses hassenswerten Menschen entledigen können: aber wir wollten uns nicht mit Colonna überwerfen. Habt also die Güte, den Fürsten wissen zu lassen, daß meine Achtung vor seinen Rechten mich sechzig- bis achtzigtausend Piaster kostet. Ich will nie wieder von diesem Branciforte sprechen hören – und vor allem versichert dem Fürsten meine Ehrerbietung.« Der Fratone sagte, daß er in drei Tagen eine Wanderung in die Gegend von Ostia machen werde, und Signora Campireali übergab ihm einen Ring im Wert von tausend Piastern. Einige Tage später erschien der Fratone wieder in Rom und sagte der Signora Campireali, daß er ihren Vorschlag dem Fürsten nicht zur Kenntnis gebracht hätte, aber daß der junge Branciforte sich binnen eines Monats nach Barcelona einschiffen würde, wo sie ihm bei einem der Bankiers dieser Stadt fünfzigtausend Piaster anweisen solle. Giulio bereitete dem Fürsten große Schwierigkeit, denn trotz der Gefahr, die er von nun ab in Italien lief, mochte sich der junge Verliebte nicht entschließen, dieses Land zu verlassen. Vergebens ließ der Fürst durchblicken, daß Signora Campireali sterben könne, vergebens versprach er ihm, daß er in jedem Fall nach drei Jahren sein Vaterland wiedersehen solle; Giulio vergoß Tränen, aber er stimmte nicht zu. Der Fürst war genötigt, diese Abreise als persönlichen Dienst von ihm zu verlangen; Giulio konnte dem Freund seines Vaters nichts abschlagen; aber vor allem wollte er Helenas Wünsche wissen. Der Fürst geruhte, die Übermittlung eines langen Briefes auf sich zu nehmen; ja er erlaubte Giulio, ihm einmal im Monat aus Flandern zu schreiben. Endlich schiffte sich der verzweifelte Liebhaber nach Barcelona ein. Alle seine Briefe wurden vom Fürsten, der nicht wollte, daß Giulio jemals nach Italien zurückkehre, verbrannt. Wir haben vergessen, zu sagen, daß der Fürst, obgleich seinem Wesen nichts ferner lag als eitle Anmaßung, sich doch, um die Geldgeschichte glücklich zu ordnen, zu der Äußerung verpflichtet glaubte, daß er es gewesen sei, der es für angemessen hielt, dem einzigen Sohn eines der treuesten Diener des Hauses Colonna ein kleines Vermögen von fünfzigtausend Piastern zuzuwenden. Die arme Helena wurde im Kloster von Castro als Fürstin behandelt. Der Tod ihres Vaters hatte sie in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens gesetzt und ein unermeßliches Erbteil kam noch hinzu. Als ihr Vater starb, ließ sie jedem Einwohner von Castro und Umgebung, der erklärte, um Herrn von Campireali Trauer tragen zu wollen, fünf Ellen schwarzen Tuchs schenken. Es war noch in den ersten Tagen, als ihr von gänzlich unbekannter Hand ein Brief Giulios zugestellt wurde. Es wäre schwierig, die Entzückungen zu schildern, mit denen dieser Brief geöffnet wurde; und nicht minder die tiefe Traurigkeit, die über sie kam, nachdem sie ihn gelesen hatte. Und doch war es ohne Zweifel die Handschrift Giulios; sie wurde mit der größten Aufmerksamkeit geprüft, der Brief sprach von Liebe; aber welcher Liebe, großer Gott! Und doch hatte ihn Signora Campireali, die so viel Geist besaß, verfaßt. Ihr Plan war: die Korrespondenz mit sieben oder acht Briefen voll leidenschaftlicher Liebe einzuleiten; so wollte sie auf die späteren vorbereiten, in denen diese Liebe nach und nach erlöschen sollte. Wir gehen rasch über zehn Jahre eines unglücklichen Lebens hinweg. Helena glaubte sich völlig vergessen; trotzdem wies sie mit Hochmut die Huldigungen der vornehmsten jungen Edelleute Roms zurück. Indessen, als man ihr von dem jungen Ottavio Colonna sprach, dem ältesten Sohn des berühmten Fabrizio, der sie einstens in La Petrella so schlecht empfangen hatte, war sie einen Augenblick unentschieden. Es erschien ihr, wenn sie nun einmal einen Gatten nehmen mußte, um ihrem Besitz im Kirchenstaat und im Königreich Neapel einen Beschützer zu geben, als Linderung, den Namen eines Mannes zu tragen, den Giulio einstmals geliebt hatte. Hätte sie dieser Heirat zugestimmt, dann hätte Helena sehr bald die Wahrheit über Giulio Branciforte erfahren. Der alte Fürst Fabrizio sprach oft und mit Entzücken von der übermenschlichen Tapferkeit des Obersten Lizzara, welcher sich gleich den Helden des alten Roms schlage, und gleich ihnen sich durch große Taten von der unglücklichen Liebe abzulenken versuchte, die ihn für jedes Vergnügen unempfindlich machte. Giulio glaubte, daß Helena längst verheiratet sei: Signora von Campireali hatte nicht nur ihre Tochter mit Lügen umgeben. Helena hatte sich mit dieser so geschickten Mutter wieder halb versöhnt, deren größter Wunsch war, sie verheiratet zu wissen; die Mutter bat ihren Freund, den alten Kardinal Santi-Quatro, den Protektor der ›Heimsuchung‹, der nach Castro reiste, er möge den ältesten Nonnen des Klosters im Vertrauen erzählen, daß seine Reise durch einen Gnadenakt verzögert worden sei: der gute Papst Gregor XIII. habe aus Mitleid für die Seele eines Briganten, namens Giulio Branciforte, der es einst versuchte, ihr Kloster zu schänden, bei der Nachricht von dessen Tode das Urteil der Gotteslästerung aufheben wollen, überzeugt davon, daß er unter der Last einer solchen Verdammung niemals das Fegefeuer wieder verließe; falls Branciforte, der in Mexiko von den Wilden überrascht und niedergemacht worden sei, überhaupt das Glück gehabt habe, nur ins Fegefeuer zu kommen. Diese Neuigkeit versetzte das ganze Kloster von Castro in Aufregung; sie gelangte auch zu Helena, die sich damals allen Torheiten der Eitelkeit hingab, welche der Besitz eines großen Vermögens in einem aufs tiefste gelangweilten Menschen erwecken kann. Von diesem Augenblick an verließ sie nicht mehr ihr Zimmer. Man muß wissen, daß sie das halbe Kloster hatte umbauen lassen, um das kleine Zimmer der Pförtnerin, wo Giulio in jener Nacht einen Augenblick während des Kampfes ausgeruht hatte, bewohnen zu können. Nach unendlichen Mühen war es ihr geglückt, die drei noch lebenden Bravi zu entdecken, von den fünf aus Giulios Gefolge, die damals dem Gefecht in Castro entronnen waren, und sie hatte sie, trotz des schwer zu besänftigenden Skandals, in ihre Dienste genommen. Unter ihnen befand sich Ugone, jetzt alt und von Wunden bedeckt. Der Anblick dieser drei Männer hatte viel Murren erregt, aber schließlich war die Furcht, welche Helenas hochfahrender Charakter dem ganzen Kloster einflößte, größer, und man sah sie täglich in der Livree des Hauses Campireali Helenas Befehle am äußeren Gitter entgegennehmen, und oft weitläufig auf ihre Fragen antworten, die immer dem gleichen Gegenstand galten. Nach den ersten sechs Monaten der Einschließung in sich selbst und der Abkehr von allen weltlichen Dingen, die der Nachricht von Giulios Tod gefolgt waren, ist das erste Gefühl, welches diese durch einen unheilbaren Schmerz und eine namenlose Langweile bereits gebrochene Seele wieder zum Leben weckte, ein Gefühl der Eitelkeit gewesen. Vor kurzem war die Äbtissin gestorben. Dem Brauch gemäß, hatte der Kardinal Santi-Quatro, der trotz des hohen Alters von zweiundneunzig Jahren noch Protektor des Klosters zur ›Heimsuchung‹ war, die Liste der drei vornehmen Nonnen aufgestellt, aus welchen der Papst die Äbtissin wählen sollte. Es mußten sehr gewichtige Gründe im Spiel sein, wenn Seine Heiligkeit die beiden letzten Namen der Liste überhaupt las; gewöhnlich begnügte er sich damit, einen Strich mit der Feder durch diese Namen zu ziehen, und die Ernennung war geschehen. Eines Tages stand Helena am Fenster des ehemaligen Pförtnergemachs, das jetzt den äußersten Flügel des neuen, auf ihren Befehl hergestellten Anbaus bildete. Dieses Fenster lag höchstens zwei Fuß über dem Gang, der ehemals mit Giulios Blut getränkt war und jetzt einen Teil des Gartens bildete. Helena hatte die Augen sinnend auf den Boden geheftet. Die drei Damen, welche man seit einigen Stunden auf der Liste des Kardinals zur Nachfolge der verstorbenen Äbtissin wußte, kamen am Fenster Helenas vorüber. Sie bemerkte sie nicht und konnte sie daher auch nicht grüßen. Eine der Damen wurde dadurch gereizt und sagte laut genug zu den andren: »Das ist eine nette Art für eine Pensionärin, ihr Zimmer so den Augen aller zur Schau zu stellen.« Durch diese Worte aufgestört, sah Helena auf und begegnete drei boshaften Augenpaaren. ›Nun wohl,‹ sagte sie sich, das Fenster ohne Gruß schließend, ›lange genug bin ich jetzt das Lamm in diesem Kloster gewesen, man muß Wolf sein, wäre es auch nur, um den Neugierigen in der Stadt etwas Abwechslung zu bieten!‹ Eine Stunde später brachte einer ihrer Leute folgenden Kurierbrief ihrer Mutter, welche seit zehn Jahren in Rom lebte und verstanden hatte, sich dort großen Einfluß zu verschaffen. »Hochverehrte Mutter! Jedes Jahr schenkst Du mir an meinem Namenstage dreihunderttausend Francs, und ich verwende dieses Geld, um hier Torheiten zu begehen; ehrenvolle allerdings, aber doch Torheiten. Obwohl du es mir schon seit langem nicht mehr zu verstehen gibst, weiß ich doch, daß zwei Dinge imstande sind, Dir meine Dankbarkeit für all Deine guten Absichten zu beweisen. Verheiraten werde ich mich nicht mehr, aber ich würde mit Vergnügen Äbtissin dieses Klosters; ich bin auf diesen Einfall gekommen, weil die drei Damen, welche unser Kardinal Santi-Quatro auf die Liste gesetzt hat, die er dem Heiligen Vater vorlegt, meine Feindinnen sind; und welche immer gewählt wird, muß ich Ärger aller Art erwarten. Spende meine Festgabe den Personen, die in Betracht kommen; schaffen wir erst eine Verzögerung von sechs Monaten für die Ernennung; das wird die Priorin des Klosters, die meine intime Freundin ist und gegenwärtig die Zügel der Regierung in Händen hat, vor Freude außer sich bringen. Schon dies wird eine Quelle des Glückes für mich sein und es ist so selten, daß ich dies Wort anwenden kann, wenn ich von Deiner Tochter spreche. Ich finde meinen Einfall toll, aber wenn Du irgendeine Möglichkeit des Erfolgs siehst, werde ich binnen drei Tagen den weißen Schleier nehmen; ich habe das Recht auf Erlaß von sechs Monaten, da ich seit acht Jahren ununterbrochen im Kloster wohne. Der Dispens kostet vierzig Taler und wird nicht verweigert. Ich verbleibe respektvoll meine ehrwürdige Mutter usw.« Dieser Brief bereitete Signora von Campireali die größte Freude. Als sie ihn empfing, hatte sie schon lebhaft bereut, ihrer Tochter den Tod Brancifortes angekündigt zu haben; sie wußte nicht, wie diese tiefe Melancholie, die sie befallen hatte, enden würde; sie sah irgendeinen Gewaltstreich voraus; sie ging so weit, zu fürchten, ihre Tochter könnte nach Mexiko gehen, um den Ort zu suchen, wo, wie man behauptet hatte, Branciforte getötet worden war; in diesem Fall war es leicht möglich, daß sie in Madrid den wahren Namen des Oberst Lizzara erfuhr. Andrerseits war das, was ihre Tochter durch den Kurier verlangte, die schwierigste, und man kann wohl sagen, die absurdeste Sache von der Welt. Ein junges Mädchen, das nicht einmal Nonne war, und außerdem bloß durch die tolle Leidenschaft eines Briganten bekannt war, die sie vielleicht erwidert hatte, sollte an die Spitze eines Klosters gesetzt werden, in dem alle römischen Fürsten Verwandte hatten! ›Aber‹, dachte sich Signora von Campireali, ›man sagt, daß jeder Prozeß geführt und deshalb auch gewonnen werden kann.‹ In ihrer Antwort machte Vittoria Carafa ihrer Tochter etwas Hoffnung, die gewöhnlich keine andren als absonderliche Wünsche hatte, zum Ausgleich aber sehr leicht den Geschmack daran verlor. Noch im Lauf des Abends unterrichtete sie sich über alles, was in näherer oder weiterer Beziehung zum Kloster von Castro stehen könnte und erfuhr, daß ihr Freund, der Kardinal Santi-Quatro seit mehreren Monaten sehr schlechter Laune sei; er wollte seine Nichte mit Don Ottavio Colonna, dem ältesten Sohn des Fürsten Fabrizio, von dem in dieser Geschichte so oft die Rede war, vermählen. Der Fürst bot ihm seinen zweiten Sohn Don Lorenzo an, denn um seine Vermögensverhältnisse wieder in Ordnung zu bringen, die durch den Krieg äußerst zerrüttete waren, den der König von Neapel und der Papst – endlich einig – gegen die Briganten von La Faggiola geführt hatten, konnte er nicht davon abstehen, daß die Frau seines ältesten Sohnes eine Mitgift von sechshunderttausend Piastern dem Hause Colonna mitbringen müsse. Aber der Kardinal Santi-Quatro, wenn er selbst alle seine andren Verwandten in der anstößigsten Weise enterbte, vermochte höchstens ein Vermögen von dreihundertachtzigtausend oder vierhunderttausend Talern anzubieten. Vittoria Carafa verbrachte den Abend und einen Teil der Nacht damit, sich diese Tatsachen von allen Freunden des alten Santi-Quatro bestätigen zu lassen. Am nächsten Morgen ließ sie sich schon um sieben Uhr bei dem alten Kardinal melden. »Eminenz,« sagte sie ihm, »wir sind alle beide recht alt, es ist unnötig, daß wir uns zu täuschen trachten, indem wir Dingen, die nicht schön sind, schöne Namen geben; ich werde Euch jetzt eine Tollheit vorschlagen: alles, was ich zu ihren Gunsten sagen kann, ist, daß sie nicht niedrig ist; aber ich muß selbst gestehen, daß ich sie über alle Maßen lächerlich finde. Als man wegen der Heirat meiner Tochter Helena mit Don Ottavio Colonna verhandelte, habe ich Freundschaft für diesen jungen Mann gewonnen und am Tage seiner Hochzeit werde ich Euch zweihunderttausend Piaster in Landbesitz oder in Silber geben, mit der Bitte, es ihm zuzuwenden. Aber damit eine arme Witwe wie ich ein so ungeheures Opfer bringen kann, muß meine Tochter Helena, die jetzt siebenundzwanzig Jahre zählt und seit dem Alter von neunzehn Jahren nicht einmal außerhalb des Klosters geschlafen hat, Äbtissin von Castro werden; man muß zu diesem Zweck die Wahl um sechs Monate verzögern; die Sache entspricht dem geltenden Recht.« »Was sagt Ihr, Signora?« rief der alte Kardinal außer sich, »Seine Heiligkeit selbst vermöchte das nicht, was Ihr von einem alten unvermögenden Greise verlangt.« »Ich habe Eurer Eminenz ja auch gesagt, daß die Sache lächerlich sei: die Toren werden sie toll finden, aber Leute, welche wohl über das unterrichtet sind, was bei Hof vor sich geht, werden denken, daß unser ausgezeichneter Fürst, der gute Papst Gregor XIII. die loyalen und langen Dienste Eurer Eminenz belohnen wollte, indem er eine Ehe erleichtert, von der ganz Rom weiß, daß Eure Eminenz sie wünscht. Im übrigen ist die Sache leicht möglich und entspricht vollkommen dem Recht, ich stehe dafür; meine Tochter wird schon morgen den weißen Schleier nehmen.« »Aber die Simonie, Signora!« rief der alte Mann mit schrecklicher Stimme aus. Signora von Campireali schickte sich an zu gehen. »Was bedeutet das Papier, das Ihr hier laßt?« »Das ist die Liste der Güter, die ich im Werte von zweihunderttausend Piastern anbieten würde, wenn man bares Geld nicht wünscht; der Wechsel des Eigentümers könnte lange Zeit geheimgehalten werden; zum Beispiel: das Haus Colonna würde mir Prozesse machen, die ich verlieren würde ...« »Aber die Simonie, Signora, erschreckliche Simonie!« »Vorerst muß man die Wahl um sechs Monate hinausschieben, ich werde morgen kommen, um die Anordnungen Eurer Eminenz entgegenzunehmen.« Ich glaube, daß es notwendig ist, Lesern, die nördlich der Alpen geboren sind, den fast offiziellen Ton mehrerer Stellen dieser Unterredung zu erklären; ich erinnere daran, daß in streng katholischen Ländern die meisten Unterredungen über heikle Dinge schließlich zum Beichtstuhl gelangen, und dann ist es durchaus nicht gleichgültig, ob man ein respektvolles Wort gebraucht hat oder eine ironische Wendung. Im Laufe des nächsten Tages erfuhr Vittoria Carafa, daß die Wahl, zufolge eines großen, sachlichen Irrtums, der in der Liste der drei zur Äbtissin vorgeschlagenen Damen entdeckt worden war, um sechs Monate verschoben wurde: die an zweiter Stelle der Liste angeführte Dame hatte einen Renegaten in der Familie, einer ihrer Großonkel war in Udine zum Protestantismus übergetreten. Signora von Campireali glaubte einen besonderen Schritt beim Fürsten Fabrizio Colonna unternehmen zu sollen, dessen Hause sie einen so ansehnlichen Vermögenszuwachs angeboten hatte. Nach dreitägigen Anstrengungen gelang es ihr, eine Unterredung in einem Dorf nahe bei Rom zu erreichen; aber sie kehrte ganz erschreckt von dieser Audienz zurück; sie hatte den gewöhnlich so ruhigen Fürsten dermaßen benommen von dem Kriegsruhm des Obersten Lizzara gefunden, daß sie es für ganz zwecklos erachtete, ihn um Stillschweigen über diesen Fall zu ersuchen. Der Oberst war für ihn wie ein Sohn, ja noch mehr: wie ein geliebter Schüler. Der Fürst las gewisse Briefe, die aus Flandern kamen, wieder und immer wieder. Was würde aus dem Lieblingsplan, dem Signora von Campireali seit zehn Jahren schon so viel geopfert hatte, wenn ihre Tochter vom Leben und vom Ruhm des Oberst Lizarra erführe? Ich glaube, daß es besser ist, viele Umstände stillschweigend zu übergehen, welche wohl die Sitten jener Zeit getreu spiegeln, aber trübselig zu erzählen sind. Der Autor des römischen Manuskripts hat sich unendliche Mühe gegeben, um den genauen Sachverhalt dieser Einzelheiten aufzufinden, die ich unterdrücke. Zwei Jahre nach der Zusammenkunft der Signora von Campireali mit dem Fürsten Colonna war Helena Äbtissin von Castro, aber der alte Kardinal von Santi-Quatro war vor Gram über diesen argen Akt von Simonie gestorben. Zu dieser Zeit hatte Castro den schönsten Mann des päpstlichen Hofs zum Bischof, Monsignor Francesco Cittadini, aus Mailändischem Geschlecht. Dieser junge Mann, der durch seinen bescheidenen Anstand und seinen Ton voll Würde auffiel, hatte viele Dinge mit der Äbtissin der ›Heimsuchung‹ zu erledigen, besonders als sie einen neuen Kreuzgang zur Verschönerung des Klosters erbauen ließ. Dieser junge Bischof Cittadini, der damals neunundzwanzig Jahre alt war, verliebte sich grenzenlos in die schöne Äbtissin. In dem Prozeß, der ein Jahr später stattfand, berichteten viele Nonnen, daß der Bischof so oft wie möglich das Kloster aufsuchte und ihrer Äbtissin sagte: »An andren Orten befehle ich und wie ich zu meiner Schande gestehen muß, es bereitet mir ein gewisses Vergnügen. Euch gehorche ich wie ein Sklave, aber mit einem Genuß, der weit größer ist, als wenn ich anderswo befehle. Ich befinde mich unter dem Einfluß eines höheren Wesens; wenn ich es auch versuchen würde, könnte ich doch keinen andren Willen haben als den seinen und würde lieber in alle Ewigkeit der letzte seiner Sklaven sein, als fern von seinen Augen ein König.« Die Zeugen berichten, daß die Äbtissin ihm oft inmitten solcher eleganter Phrasen befahl, zu schweigen und auf harte Weise, in Ausdrücken, die ihre Verachtung zeigten. »Um die Wahrheit zu sagen,« fährt ein andrer Zeuge fort, »ihre Gnaden behandelte ihn oft wie einen Dienstboten; in solchen Fällen schlug der arme Bischof die Augen nieder und begann zu weinen, aber er ging nicht fort. Er fand jeden Tag neue Vorwände, um wieder im Kloster zu erscheinen, was die Beichtväter der Nonnen und die Feinde der Äbtissin sehr entrüstete. Aber die Frau Äbtissin wurde von der Priorin lebhaft verteidigt, ihrer intimen Freundin, welche unter ihrem unmittelbaren Befehl der inneren Leitung vorstand. »Ihr wißt, meine Schwestern,« sagte diese, »daß seit jener vergeblichen Leidenschaft, die unsre Äbtissin in ihrer ersten Jugend für einen Söldner des Glücks gehegt hat, ihr viel bizarre Einfälle zurückgeblieben sind; aber Ihr kennt alle diesen bemerkenswerten Zug ihres Charakters, daß niemals jemand für sie in Betracht kommt, den sie einmal verachtet hat. Nun hat sie vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht so viele beleidigende Worte geäußert, wie in unsrer eigenen Gegenwart zu dem armen Monsignor Cittadini: tagtäglich sehen wir ihn eine Behandlung erdulden, die uns für seine hohe Würde erröten läßt.« »Ja,« antworteten die aufgebrachten Nonnen, »aber er kommt alle Tage wieder, also wird er wohl im Grunde nicht so schlecht behandelt werden, und in jedem Falle schadet auch der Anschein dieses Abenteuers dem Ansehen des Heiligen Ordens der Heimsuchung.« Der strengste Herr richtet an den ungeschicktesten Diener nicht ein Viertel der Beschimpfungen, mit denen die hochmütige Äbtissin den jungen Bischof samt seiner salbungsvollen Art überhäufte; aber er war verliebt und er hatte aus seiner Heimat den unerschütterlichen Grundsatz mitgebracht, daß man sich bei einer Unternehmung dieser Art, – wenn sie einmal begonnen ist –, nur um das Ziel kümmern darf. »Am Schluß des Handels«, sagte der Bischof zu seinem Vertrauten, Cesare del Bene, »trifft die Verachtung den Liebhaber, der sich vom Angriff vorzeitig zurückzog, ohne durch Eingriffe höherer Gewalt dazu gezwungen worden zu sein.« Jetzt muß sich meine traurige Aufgabe darauf beschränken, einen notgedrungen sehr trockenen Auszug des Prozesses zu geben, in dessen Folge Helena den Tod fand. Die Beschreibung dieses Gerichtsverfahrens, die ich in einer Bibliothek gelesen habe, deren Namen ich verschweigen muß, umfaßt nicht weniger als acht Foliobände. Das Verhör und die Beweisfassung sind in lateinischer Sprache gehalten, die Antworten italienisch. Ich lese darin, daß sich im Monat November 1572, gegen elf Uhr abends, der junge Bischof allein zum Tore der Kirche begab, wo während des Tags die Gläubigen Einlaß finden; die Äbtissin selbst öffnete ihm dieses Tor und erlaubte ihm, ihr zu folgen. Sie empfing ihn in einem Zimmer, wo sie sich oft aufhielt, das durch eine geheime Tür mit den Emporen in Verbindung stand, welche das Kirchenschiff beherrschen. Eine Stunde mochte kaum verflossen sein, als der Bischof sehr erstaunt wieder nach Hause geschickt wurde; die Äbtissin selbst begleitete ihn zur Kirchentüre zurück und sagte ihm diese verbürgten Worte: »Kehrt in Euren Palast zurück, verlaßt mich schleunigst. Adieu Monsignore, Ihr erregt mir Abscheu; es ist mir, als hätte ich mich einem Lakaien hingegeben.« Indessen kam drei Monate später der Karneval. Die Bewohner von Castro waren durch die Feste, die sie in dieser Zeit einander gaben, berühmt; die ganze Stadt widerhallte vom Lärm der Maskenscherze. Alles ging an einem kleinen Fenster vorüber, welches einer wohlbekannten Stallung des Klosters einen schwachen Lichtschein gab. Man weiß, daß schon drei Monate vor dem Karneval diese Stallung in einen Salon verwandelt worden war und zur Zeit der Maskeraden niemals leer wurde. Inmitten aller Narrheiten des Volks fuhr der Bischof in seiner Karosse vorüber; die Äbtissin gab ihm ein Zeichen und um ein Uhr der folgenden Nacht verfehlte er nicht, sich an der Kirchentür einzufinden. Er trat ein; aber nach weniger als dreiviertel Stunden wurde er im Zorn fortgeschickt. Seit dem ersten Stelldichein im Monat November kam er so etwa alle acht Tage ins Kloster. Man sah in seinem Gesicht einen leichten Ausdruck von Triumph und Dummheit, der niemandem entging und das Unglück hatte, den stolzen Charakter der jungen Äbtissin außerordentlich zu reizen. Besonders am Ostermontag behandelte sie ihn wie den letzten der Menschen und sagte ihm Worte, die sich der ärmste der Taglöhner des Klosters nicht hätte bieten lassen. Indessen gab sie ihm einige Tage später wieder das Zeichen, dem folgend der schöne Bischof nicht verfehlte, sich um Mitternacht an der Kirchentür einzufinden. Sie hatte ihn kommen lassen, um ihm mitzuteilen, daß sie schwanger sei. Bei dieser Ankündigung, heißt es in den Akten, erbleichte der schöne junge Mann vor Entsetzen und wurde ganz und gar blöde vor Angst. Die Äbtissin hatte Fieber, sie ließ den Arzt rufen und machte ihm gegenüber kein Geheimnis aus ihrem Zustand. Dieser Mann kannte den großmütigen Charakter der Kranken und sicherte ihr zu, ihr aus der Verlegenheit zu helfen. Er begann damit, daß er sie mit einer hübschen jungen Frau aus dem Volk in Verbindung brachte, die nicht den Titel einer Hebamme besaß, aber deren Kunst ausübte. Ihr Mann war Bäcker. Helena war unbefriedigt von der Unterredung mit dieser Frau, die ihr erklärte, daß sie zur Ausführung des Plans, mit dessen Hilfe sie auf Rettung hoffte, zwei Vertraute im Kloster benötige. »Eine Frau euresgleichen, meinethalben; aber eine aus meinem Stande? Nein. Geht mir aus den Augen.« Die Hebamme zog sich zurück. Aber einige Stunden darauf ließ sie Helena, die es nicht klug fand, sich dem Geschwätz dieser Frau auszusetzen, durch den Arzt ins Kloster zurückholen, wo sie freigebig beschenkt wurde. Diese Frau schwur, daß sie niemals, auch wenn sie nicht zurückgerufen worden wäre, das ihr anvertraute Geheimnis verraten hätte, aber sie erklärte nochmals, daß sie sich auf nichts einlassen könne, wenn sie nicht im Kloster zwei dem Interesse der Äbtissin ergebene Mitwisserinnen hätte. Ohne Zweifel fürchtete sie die Anklage wegen Kindesmord. Nachdem sie viel darüber nachgedacht hatte, beschloß die Äbtissin, das schreckliche Geheimnis Schwester Vittoria anzuvertrauen, der Priorin des Klosters, aus der vornehmen Familie der Herzöge von C**, und Schwester Bernarda, der Tochter des Marchese P**. Sie ließ sie auf ihr Brevier schwören, niemals ein Wort von dem, was sie ihnen jetzt anvertrauen würde, verlauten zu lassen, nicht einmal vor dem hochnotpeinlichen Gericht. Diese Damen waren vor Schreck verstört. Sie gestanden später beim Verhör, daß sie sich unter dem Eindruck des hochfahrenden Charakters ihrer Äbtissin auf das Geständnis einer Mordtat gefaßt gemacht hätten. Die Äbtissin sagte ihnen einfach und kalt: »Ich habe mich gegen alle meine Pflichten vergangen, ich bin schwanger.« Schwester Vittoria, die Priorin, war tief bewegt und ganz verwirrt wegen der langjährigen Freundschaft, die sie mit Helena verband, und nicht bloß aus Neugierde rief sie mit Tränen in den Augen aus: »Wer ist der Unvorsichtige, der dieses Verbrechen begangen hat!« »Ich habe es selbst meinem Beichtvater nicht gesagt; urteilt also, ob ich es euch sagen werde.« Diese beiden Damen beratschlagten sogleich über die Maßnahmen, um das verhängnisvolle Geheimnis dem übrigen Kloster zu verbergen. Sie entschieden vor allem, daß das Schlafzimmer der Äbtissin, das ganz im Mittelpunkt des Klosters lag, nach der Apotheke verlegt werden müsse, die man im entlegensten Teil des Klosters, im dritten Stock des großen, durch Helenas Freigebigkeit entstandenen Neubaus eingerichtet hatte. An diesem Ort war es, daß die Äbtissin einem Knaben das Leben schenkte. Seit drei Wochen war die Frau des Bäckers in den Gemächern der Priorin versteckt. Als diese Frau dann mit dem Kind schnell durch das Kloster eilte, begann es zu schreien, und die Frau flüchtete sich in ihrem Entsetzen in den Keller. Eine Stunde später gelang es Schwester Bernarda mit Hilfe des Arztes, eine kleine Gartentür zu öffnen, und die Frau des Bäckers verließ hastig das Kloster und bald darauf die Stadt. In die Campagna gelangt und von panischem Schrecken verfolgt, flüchtete sie sich in eine Grotte, die der Zufall sie in einem der Felsen entdecken ließ. Die Äbtissin schrieb an Cesare del Bene, den Vertrauten und ersten Kammerherrn des Bischofs, der zu der bezeichneten Grotte eilte; er war zu Pferde, er nahm das Kind in seine Arme und ritt im Galopp nach Montefiascone. Das Kind wurde in der Kirche Santa Margherita getauft und empfing den Namen Alessandro. Die Gastwirtin des Orts hatte eine Amme verschafft, der Cesare acht Taler zurückließ; viele Frauen, die sich während der Tauffeierlichkeit um die Kirche angesammelt hatten, hörten nicht auf, Signor Cesare nach dem Vater des Kindes zu fragen. »Das ist ein großer Herr aus Rom«, sagte er ihnen, »der sich erlaubt hat, eine arme Bäuerin wie Ihr zu verführen.« Und er verschwand. VII . Bis dahin ging alles gut, trotz dieses ungeheuren Klosters, das von mehr als dreihundert neugierigen Frauen bewohnt wurde; niemand hatte etwas gesehen, niemand etwas gehört. Aber die Äbtissin hatte dem Arzt einige Hände voll neuer in der Münze Roms geprägter Zechinen übergeben. Der Arzt gab mehrere dieser Goldstücke der Frau des Bäckers. Diese Frau war hübsch und ihr Mann eifersüchtig; er durchstöberte ihren Koffer und fand diese glänzenden Goldstücke darin; und da er sie für den Preis seiner Schande hielt, setzte er seiner Frau ein Messer an die Kehle und zwang sie zu sagen, woher die Goldstücke stammten. Nach einigen Ausflüchten gestand die Frau die Wahrheit und der Friede wurde geschlossen. Die Eheleute begannen nun über die Verwendung einer so großen Summe zu beratschlagen. Die Bäckerin wollte einige Schulden bezahlen; aber der Mann fand es schöner, ein Maultier zu kaufen, was auch geschah. Dieses Maultier erregte Aufsehen in dem Viertel, wo man die Armut des Ehepaars kannte. Alle Weiber der Stadt, Freundinnen und Feindinnen fragten eine nach der andern die Frau des Bäckers, wer der freigebige Liebhaber gewesen sei, der sie in Stand gesetzt habe, ein Maultier zu kaufen. Diese Frau wurde dadurch so gereizt, daß sie einige Male die Wahrheit antwortete. Eines Tages, als Cesare del Bene das Kind besucht hatte und zur Äbtissin zurückkehrte, um Bericht zu erstatten, schleppte sich diese, obgleich sie sehr unpäßlich war, bis zum Gitter und machte ihm wegen der Unzuverläßlichkeit der von ihm verwendeten Mittelspersonen Vorwürfe. Der Bischof seinerseits wurde krank vor Angst; er schrieb seinen Brüdern in Mailand, um ihnen die ungerechte Anklage, deren Ziel er war, zu erzählen; auch forderte er sie auf, ihm zu Hilfe zu kommen. Obwohl er sich schwer leidend fühlte, faßte er den Entschluß, Castro zu verlassen; aber bevor er es tat, schrieb er der Äbtissin: »Ihr wißt bereits, daß alles, was vorgefallen ist, bekannt wurde. Wenn Euch deshalb daran liegt, nicht allein meinen Ruf, sondern vielleicht mein Leben zu retten, und um den Skandal zu verkleinern, könnt Ihr Giovanni Battista Doleri beschuldigen, der vor zwei Tagen gestorben ist. Wenn Ihr auf diese Weise auch nicht Eure Ehre wiederherstellen könnt, so läuft wenigstens die meine keine Gefahr mehr.« Der Bischof ließ Don Luigi, den Beichtvater des Klosters von Castro, rufen: »Gebt dies eigenhändig der Frau Äbtissin«, sagte er zu ihm. Als diese das ehrlose Schreiben gelesen hatte, rief sie laut vor allen, die sich im Zimmer befanden: »So verdienen die törichten Jungfrauen behandelt zu werden, welche die Schönheit des Leibes über die der Seele stellen!« Das Gerücht von allem, was in Castro vor sich ging, kam rasch zu Ohren des schrecklichen Kardinals Farnese. Er hatte sich diese Bezeichnung seit einigen Jahren verdient, weil er hoffte, im nächsten Konklave die Unterstützung der Eiferer zu finden. Sogleich gab er der Obrigkeit von Castro den Auftrag, den Bischof Cittadini zu verhaften. Dessen ganze Dienerschaft ergriff aus Furcht vor der Folter die Flucht. Nur Cesare del Bene blieb seinem Herrn treu und schwur ihm, daß er eher auf der Folter sterben, als etwas gestehen würde, was ihm schaden könnte. Cittadini, der seinen Palast von Wachen umringt sah, schrieb aufs neue seinen Brüdern, die in großer Eile von Mailand ankamen. Sie fanden ihn schon im Gefängnis von Ronciglione eingekerkert. Ich entnehme aus dem ersten Verhör der Äbtissin, daß sie ihre Schuld offen zugestand, aber leugnete, in Beziehung zu dem Hochwürdigsten Bischof gestanden zu haben, ihr Mitschuldiger sei Gian-Battista Doleri, Advokat des Klosters, gewesen. Am 9. September 1573 befahl Gregor XIII., daß der Prozeß in aller Strenge und Eile erledigt werde. Ein Kriminalrichter, ein Fiskal und ein Kommissär begaben sich nach Castro und nach Ronciglione. Cesare del Bene, der erste Kammerherr des Bischofs, gestand, bloß ein Kind zu einer Amme gebracht zu haben. Man verhört ihn in Gegenwart der ehrwürdigen Klosterschwestern Vittoria und Bernarda. Man unterwarf ihn zwei Tage hintereinander der Tortur; er litt gräßlich, aber seinem Wort getreu, gestand er nur das, was zu leugnen unmöglich war, und der Fiskal konnte nicht mehr aus ihm herausbringen. Als die Reihe an die ehrwürdigen Damen Vittoria und Bernarda kam, die Zeugen der Folterung Cesares gewesen waren, gestanden sie alles, was sie getan hatten. Alle Nonnen wurden nach dem Urheber des Verbrechens gefragt, die meisten antworteten, daß es der Hochwürdigste Herr Bischof gewesen sei. Eine der Schließerinnen berichtet die beleidigenden Worte, welche die Äbtissin gebraucht hatte, als sie den Bischof aus der Kirche wies. Sie fügte hinzu: »Wenn man in diesem Ton zueinander spricht, zeigt es an, daß man schon lange ein Liebesverhältnis hat. Der Herr Bischof, der sonst durch übermäßige Selbstgefälligkeit auffiel, hatte ein ganz linkisches Aussehen, als er die Kirche verließ.« Eine Nonne, im Anblick der Folterwerkzeuge verhört, antwortet, daß die Katze Urheber des Verbrechens sein müsse, weil die Äbtissin sie nie aus den Armen läßt und immerzu liebkost. Eine andre Nonne behauptet: der Urheber des Verbrechens müsse der Wind sein, weil die Äbtissin an Tagen, wo der Wind weht, glücklich und guter Laune sei; sie setze sich dem Wind auf einem Belvedere, das sie eigens hatte erbauen lassen, aus, und wenn man an diesem Ort eine Gnade erbitten kam, sei sie niemals verweigert worden. Die Frau des Bäckers, die Amme, die Weiber von Montefiascone bekannten aus Furcht vor den Folterqualen, die sie Cesare hatten erleiden sehen, die Wahrheit. Der junge Bischof war krank oder spielte in Ronciglione den Kranken, was seinen Brüdern Anlaß gab, durch das Ansehen und den Einfluß der Signora von Campireali unterstützt, sich mehrmals dem Papst zu Füßen zu werfen und von ihm zu erbitten, daß das Verfahren aufgeschoben werde, bis der Bischof seine Gesundheit wiedererlangt habe. Auf dies hin vermehrte der schreckliche Kardinal Farnese die Zahl der Soldaten, die ihn in seinem Gefängnis bewachten. Da der Bischof nicht verhört werden konnte, begannen die Kommissäre in jeder ihrer Sitzungen immer wieder, die Äbtissin einem Verhör zu unterziehen. Eines Tages, als ihre Mutter ihr hatte sagen lassen, sie solle guten Mutes bleiben und fortfahren, alles zu leugnen, gestand sie alles. »Warum habt Ihr zuerst Gian-Battista Doleri bezichtigt?« »Aus Mitleid mit der Feigheit des Bischofs, und dann, wenn es ihm gelingt, sein teures Leben zu retten, damit er für meinen Sohn sorgen kann.« Nach diesem Geständnis schloß man die Äbtissin in eine Zelle des Klosters von Castro ein, deren Wände und Deckenwölbung acht Fuß dick waren; die Nonnen sprachen nur mit Schaudern von diesem Verlies, das unter dem Namen Mönchszelle bekannt war. Die Äbtissin wurde hier ständig von drei Frauen überwacht. Als sich die Gesundheit des Bischofs ein wenig gebessert hatte, kamen dreihundert Sbirren oder Soldaten, um ihn aus Ronciglione zu holen, und er wurde in einer Sänfte nach Rom geschafft. Dort brachte man ihn in einem Gefängnis unter, das Corte Savella hieß. Wenige Tage später wurden auch die Nonnen nach Rom eingeliefert; die Äbtissin wurde im Kloster Santa Marta, untergebracht. Vier Nonnen waren beschuldigt: die ehrwürdigen Schwestern Vittoria und Bernarda, die Schwester; welche an jenem Tage die Aufsicht führte, und die Pförtnerin, welche die beleidigenden Worte gehört hatte, die von der Äbtissin an den Bischof gerichtet wurden. Der Bischof wurde vom Auditor der päpstlichen Kammer vernommen, einem der höchsten Vertreter des Richterstandes. Man spannte den armen Cesare del Bene von neuem auf die Folter; doch er gestand nichts, ja er sagte sogar Dinge aus, die dem Staatsanwalt peinlich waren, was ihm eine neue Folterung eintrug. Diese Einleitungsmarter mußten auch die ehrwürdigen Schwestern Vittoria und Bernarda erleiden. Der Bischof leugnete alles in dümmster Weise, aber mit einer gefälligen Hartnäckigkeit; er zählte mit den größten Einzelheiten alles auf, was er an den drei offenkundig bei der Äbtissin verbrachten Abenden vorgenommen haben wollte. Schließlich stellte man die Äbtissin dem Bischof gegenüber, und obgleich sie beständig die Wahrheit gesagt hatte, wurde sie dennoch der Folterung unterworfen. Weil sie auf dem beharrte, was sie auf ihrem ersten Geständnis immer ausgesagt hatte, überhäufte sie der Bischof, seiner Rolle getreu, mit Beleidigungen. Nach mehreren andren, im Grunde vernünftigen Maßnahmen, die aber von jenem Geist der Grausamkeit befleckt sind, der seit der Regierung Karls V. und Philipps II. zu sehr an den Tribunalen Italiens vorwiegt, wurde der Bischof zu lebenslänglicher Gefangenschaft in der Engelsburg verurteilt. Die Äbtissin wurde verurteilt, ihr ganzes Leben im Kloster von Santa Marta, wo sie sich aufhielt, eingekerkert zu werden. Aber schon hatte es Signora von Campireali unternommen, um ihre Tochter zu retten, einen unterirdischen Gang ausheben zu lassen. Dieser Gang begann bei einer der aus der Herrlichkeit des alten Rom zurückgebliebenen Kloaken und sollte bei dem tiefen Kellergewölbe enden, wo man die sterblichen Reste der Nonnen von Santa Marta beisetzte. Dieser Gang von zwei Fuß Breite hatte Bretterwände, um das Erdreich rechts und links zu stützen und als Deckenwölbung gab man ihm, im Maße man vorwärts kam, zwei wie die Schenkel eines großen A gestellte Bretter. Man grub diesen unterirdischen Weg in einer Tiefe von etwa dreißig Fuß. Das schwierigste war, ihn in der rechten Richtung weiterzuführen; jeden Augenblick waren die Arbeiter durch antike Brunnen und Grundmauern gezwungen, eine Wendung zu machen. Eine andre große Schwierigkeit bereitete die weggeräumte Erde, mit der man nichts Rechtes anzufangen wußte; es sah aus, als ob man sie nachts in allen Straßen Roms aussäte. Man wunderte sich über diese Menge Erde, die sozusagen vom Himmel fiel. Wie groß die Summen auch waren, welche Signora von Campireali ausgab, um ihre Tochter zu retten, wäre ihr unterirdischer Gang doch sicher entdeckt worden; aber der Papst Gregor XIII. starb 1585, und die Herrschaft der Unordnung zog mit der Vakanz des Heiligen Stuhls ein. Helena ging es in Santa Marta sehr schlecht; man kann sich denken, wie sehr die einfachen und armen Nonnen wetteiferten, eine so reiche, eines solchen Verbrechens überführte Äbtissin zu quälen. Helena erwartete mit Ungeduld das Ergebnis der von ihrer Mutter unternommenen Arbeit. Aber plötzlich erfuhr ihr Herz seltsame Bewegung. Schon vor sechs Monaten hatte Fabrizio Colonna, der angesichts des schwankenden Gesundheitszustands Gregors XIII. große Pläne für die Zeit des Interregnums faßte, einen seiner Offiziere zu Giulio Branciforte geschickt, der jetzt in der spanischen Armee unter dem Namen Oberst Lizzara sehr bekannt geworden war. Er rief ihn nach Italien zurück. Giulio brannte darauf, seine Heimat wiederzusehen. Er landete unter einem angenommenen Namen in Pescara, einem kleinen Hafen des Adriatischen Meeres, der unterhalb Chieti in den Abruzzen lag, und kam über das Gebirge nach La Petrella. Die Freude des Fürsten setzte alle Welt in Erstaunen. Er teilte Giulio mit, daß er ihn zurückrufen ließ, um ihn zu seinem Nachfolger zu machen und ihm den Befehl über seine Soldaten zu übergeben. Worauf Branciforte antwortete, daß, militärisch gesprochen, das Unternehmen nichts mehr wert sei, was er leicht beweisen könne; wenn jemals Spanien ernstlich wollte, würde es in sechs Monaten mit geringen Auslagen sämtliche Briganten Italiens vernichten. »Aber trotz allem,« fügte der junge Branciforte hinzu, »wenn Ihr es wollt, bin ich bereit zu marschieren, mein Fürst. Ihr werdet stets in mir den Nachfolger des tapferen, bei Ciampi gefallenen Ranuccio finden.« Vor Giulios Ankunft hatte der Fürst befohlen, so wie er zu befehlen verstand, daß sich niemand in Petrella unterfangen solle, von Castro und von dem Prozeß der Äbtissin zu sprechen; Todesstrafe ohne Nachsicht war auf das geringste Geschwätz gesetzt. Mitten in den Freundschaftsergüssen, mit denen er Branciforte empfing, bat er ihn, niemals ohne ihn nach Albano zu gehen, und seine Art, diese Reise zu machen, bestand darin, daß er die Stadt durch tausend seiner Leute besetzen ließ, und eine Vorhut von zwölfhundert Mann auf der Straße nach Rom aufstellte. Man stelle sich vor, was der arme Giulio empfand, als der Fürst den alten Scotti, welcher noch lebte, in das Haus, wo er sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, holen ließ und ihn in das Zimmer rief, wo er sich mit Giulio aufhielt. Als die beiden Freunde einander umarmt hatten, rief er Giulio zu sich: »Jetzt, mein armer Oberst, mußt du dich auf das Schlimmste gefaßt machen.« Darauf blies er das Licht aus und verließ das Zimmer, in dem er die beiden Freunde einschloß. Am nächsten Morgen schickte Giulio, der sein Zimmer nicht verlassen wollte, die Bitte zum Fürsten, nach La Petrella gehen und sich dafür einige Tage beurlauben zu dürfen. Aber man brachte ihm die Meldung, daß der Fürst verschwunden sei samt seinen Truppen. In der Nacht hatte er den Tod Gregors XIII. erfahren; er hatte seinen Freund Giulio vergessen und war über Land. Bei Giulio waren nur etwa dreißig Mann geblieben, die einst zur Kompanie Ranuccios gehörten. Es ist bekannt genug, daß in jenen Zeiten während der Vakanz des Heiligen Stuhls die Gesetze schwiegen; jeder dachte nur daran, seine Leidenschaften zu befriedigen und es galt nur die Kraft; darum hatte, noch vor dem Ende des Tags, Fürst Colonna schon mehr als fünfzig seiner Feinde aufhängen lassen. Giulio aber, obgleich er nicht vierzig Mann bei sich hatte, wagte es, nach Rom zu marschieren. Die ganze Dienerschaft der Äbtissin von Castro war ihr treu geblieben; sie hatten sich in den ärmlichen Häusern um das Kloster Santa Marta herum eingemietet. Der Todeskampf Gregors XIII. hatte länger als eine Woche gedauert; Signora von Campireali erwartete ungeduldig die Tage der Verwirrung, die seinem Tod folgen würden, um die letzten fünfzig Schritt ihres unterirdischen Ganges in Angriff zu nehmen. Da man die Keller von mehreren bewohnten Häusern durchqueren mußte, fürchtete sie sehr, das Ziel ihrer Unternehmung nicht länger verbergen zu können. Schon am übernächsten Tag nach der Ankunft Brancifortes in La Petrella, schienen die drei ehemaligen Bravi Giulios, welche Helena in ihre Dienste genommen hatte, närrisch geworden zu sein. Obgleich jedermann nur zu gut wußte, daß sie in strenger Geheimhaft gehalten und von Nonnen bewacht wurde, die sie haßten, kam doch Ugone, einer der Bravi, zum Klostertor und bat inständigst unter den seltsamsten Vorwänden, daß man ihm erlauben möge, seine Herrin zu sehen, und zwar auf der Stelle. Er wurde abgewiesen und zur Tür hinausgeworfen. In seiner Verzweiflung blieb der Mann aber hier stehn und fing an, jedem der Bediensteten des Hauses, mochte er ein- oder ausgehn, einen Bajocco zu geben, wobei er stets diese gleichen Worte sagte: »Freut Euch mit mir, Signor Giulio Branciforte ist angekommen, er lebt: sagt dies Euren Freunden.« Die beiden Kameraden Ugones verbrachten den Tag damit, ihm Bajocchi zuzutragen, und sie fuhren Tag und Nacht darin fort, sie mit den immer gleichen Worten zu verteilen, bis ihnen nichts mehr blieb. Aber die drei Bravi fuhren, einander ablösend, trotzdem fort, die Wache an der Tür des Klosters Santa Marta zu beziehen und richteten mit tiefen Verbeugungen an alle Aus- und Eintretenden immer die gleichen Worte: »Signor Giulio ist angekommen ...« Der Einfall dieser braven Leute hatte Erfolg: keine sechsunddreißig Stunden nach der Verteilung des ersten Bajocco wußte die arme Helena trotz ihrer Einzelhaft in der Tiefe ihres Kerkers, daß Giulio lebte; dieses Wort versetzte sie in Raserei: »O meine Mutter,« rief sie aus, »habt Ihr mir genug Leid zugefügt?« Einige Stunden später wurde ihr diese erstaunliche Neuigkeit durch die kleine Marietta bestätigt, die all ihren Goldschmuck für die Erlaubnis geopfert hatte, der Schwester Pförtnerin, die der Gefangenen die Mahlzeiten brachte, zu folgen. Helena warf sich in ihre Arme und weinte vor Freude. »Das ist sehr schön,« sagte sie ihr, »aber ich werde kaum mehr bei dir bleiben.« »Gewiß!« sagte Marietta, »ich denke wohl, daß die Zeit des Konklaves nicht verstreichen wird, ohne daß sich Euer Gefängnis in eine einfache Verbannung verwandelt.« »Ach, meine Teure, Giulio wiedersehen! Und ihn wiedersehen, und ich schuldig!« In der Mitte der dritten Nacht, die dieser Unterredung folgte, stürzte ein Teil des Fußbodens der Kirche mit großem Getöse ein; die Nonnen von Santa Marta glaubten, daß das Kloster versinke. Äußerste Verwirrung herrschte, alle Welt glaubte an ein Erdbeben. Ungefähr eine Stunde nach dem Einsturz des Marmorfußbodens der Kirche drang Signora von Campireali, ihr voran die drei Bravi aus Helenas Diensten, durch den unterirdischen Gang in den Kerker. »Sieg, Sieg, Herrin!« riefen die Bravi. Helena befiel Todesangst, sie glaubte, daß Giulio Branciforte mit ihnen käme. Sie beruhigte sich und ihre Züge nahmen den gewohnten strengen Ausdruck an, als sie ihr sagten, daß sie nur Signora von Campireali begleiteten und daß Giulio noch in Albano sei, welches er mit wenigen tausend Mann besetzt hielte. Nach einigen Minuten Wartens erschien Signora von Campireali; sie ging mit großer Mühe und hatte den Arm ihres Haushofmeisters genommen, der in großem Staat war, mit dem Degen an der Seite; aber sein prächtiges Gewand war ganz mit Erde beschmutzt. »O meine teure Helena! Ich komme, um dich zu retten!« rief Signora von Campireali. »Und wer sagt Euch, daß ich gerettet sein will?« Signora von Campireali war verblüfft; sie sah ihre Tochter mit großen Augen an, sie schien sehr aufgeregt. »Nun wohl, meine teure Helena,« sagte sie endlich, »das Schicksal zwingt mich, dir eine Handlung einzugestehen, die nach dem Unglück, das ehemals unsrer Familie zustieß, vielleicht ganz natürlich war, die ich aber bereue und dich zu verzeihen bitte: Giulio Branciforte ... lebt.« »Und weil er lebt, will ich nicht leben!« Signora von Campireali verstand erst gar nicht, was ihre Tochter meinte, dann richtete sie die flehentlichsten, zärtlichsten Bitten an sie; aber sie erhielt keine Antwort: Helena hatte sich zu ihrem Kruzifix gewendet und betete, ohne sie zu hören. Es war vergeblich, daß Signora von Campireali eine Stunde lang die äußersten Anstrengungen machte, um ein Wort oder einen Blick zu erlangen. Endlich sagte ihre Tochter ungeduldig: »Unter dem Marmor dieses Kruzifixes waren seine Briefe in meinem kleinen Zimmer in Albano verborgen; es wäre besser gewesen, mich von meinem Vater töten zu lassen! Geht ... und laßt mir Gold zurück.« Als Signora von Campireali trotz der besorgten Zeichen ihres Haushofmeisters noch länger mit ihrer Tochter reden wollte, wurde Helena ärgerlich: »Laßt mir wenigstens eine Stunde Freiheit. Ihr habt mein Leben vergiftet, wollt Ihr nun auch meinen Tod vergiften?« »Wir werden über den unterirdischen Gang noch zwei oder drei Stunden verfügen können; ich wage zu hoffen, daß du dich noch eines Besseren besinnen wirst,« rief Signora von Campireali, in Tränen ausbrechend. Und sie nahm den Weg unter die Erde zurück. »Ugone, bleibe bei mir«, sagte Helena zu einem ihrer Bravi, »und sei wohl bewaffnet, mein Bursche, denn vielleicht gilt es, mich zu verteidigen. Laß mich deinen Dolch, dein Schwert, dein Messer sehen!« Der alte Soldat zeigte ihr seine beruhigend guten Waffen. »Nun wohl, halte dich dort vor meinem Gefängnis auf, ich werde Giulio einen langen Brief schreiben, den du selbst ihm zustellen wirst; ich will nicht, daß er durch andre Hände als deine geht, da ich nichts habe, um ihn zu schließen. Du kannst alles lesen, was dieser Brief enthält. Nimm das ganze Gold, das meine Mutter hiergelassen hat, in deine Taschen; ich brauche nur noch fünfzig Zechinen für mich, lege sie auf mein Bett.« Nach diesen Worten begann Helena zu schreiben: »Ich zweifle nicht an Dir, mein teurer Giulio; ich gehe von hinnen, weil ich in Deinen Armen vor Schmerz sterben müßte; ich würde sehen, wie groß mein Glück gewesen wäre, wenn ich nicht einen Fehltritt begangen hätte. Glaub nicht, daß ich jemals nach Dir ein andres Wesen auf der Welt geliebt habe; weit entfernt davon, war mein Herz immer von der lebhaftesten Verachtung für den Mann erfüllt, den ich bei mir einließ. Mein Fehltritt geschah einzig aus Langweile und – wenn man will – aus Leichtfertigkeit. Bedenke, daß mein Geist, der durch den vergeblichen Versuch zu La Petrella so geschwächt war, wo der Fürst, den ich verehrte, weil Du ihn liebtest, mich so grausam empfing – bedenke, sage ich, daß mein so geschwächter Geist zwölf Jahre lang von Lügen umlagert war. Alles, was mich umgab, war falsch und verlogen, und ich wußte es. Ich erhielt anfangs etwa dreißig Briefe von Dir, urteile selbst, mit welchem Entzücken ich die ersten öffnete! Aber indem ich sie las, wurde mein Herz zu Eis. Ich prüfte diese Schrift, ich erkannte die Züge Deiner Hand wieder, aber nicht Dein Herz. Glaub mir, daß diese erste Lüge mein innerstes Leben so zerstört hat, daß ich soweit kam, einen Brief mit Deiner Handschrift ohne Freude zu öffnen! Die verabscheuungswürdige Ankündigung Deines Todes vernichtete vollends alles in mir, was noch aus den glücklichen Zeiten unsrer Jugend übriggeblieben war. Meine erste Absicht war, wie Du wohl verstehen wirst, die Küste Mexikos aufzusuchen und die Stelle mit meinen Händen zu berühren, wo die Wilden Dich, wie man mir sagte, getötet hatten. Wenn ich diesen Gedanken ausgeführt hätte ... würden wir jetzt glücklich sein, denn wie groß auch die Zahl und die Geschicklichkeit der von einer wachsamen Hand um mich gesäten Spione gewesen wäre, hätte ich doch in Madrid alle Seelen, in denen noch Mitleid und Güte lebte, mir günstig gestimmt, und wahrscheinlich hätte ich die Wahrheit erfahren; denn schon, mein Giulio, hatten Deine Heldentaten die Aufmerksamkeit der Welt auf Dich gelenkt und vielleicht wußte irgendwer in Madrid, daß Du Branciforte seist. Willst Du, daß ich Dir sage, was unser Glück verhinderte? Zuerst die Erinnerung an den grausamen und kränkenden Empfang, den mir der Fürst in La Petrella bereitet hatte: welche mächtigen Hindernisse gab es von Castro bis Mexiko zu überwinden! Du siehst, meine Seele hatte schon ihre Kraft verloren. Dann kam mir eine Eingebung der Eitelkeit. Ich hatte große Bauten im Kloster durchführen lassen, um die Loge der Pförtnerin, worin Du in der Kampfnacht Zuflucht fandest, als Zimmer zu nehmen. Eines Tages betrachtete ich den Boden, den Du ehemals für mich mit Deinem Blut getränkt hattest; da hörte ich ein verächtliches Wort; ich erhob die Augen und sah gehässige Gesichter; um mich zu rächen, wollte ich Äbtissin werden. Meine Mutter, die sehr wohl wußte, daß Du am Leben warst, leistete das Äußerste, um diese ungeheuerliche Ernennung zu erreichen. Diese Stellung war für mich nur eine Quelle von Langweile; durch sie wurde meine Seele vollends erniedrigt. Ich fand Vergnügen daran, meine Macht oft nur im Unglück der andren zu genießen; ich beging Ungerechtigkeiten. Ich sah mich mit dreißig Jahren in den Augen der Welt tugendhaft, reich, angesehen und trotzdem vollkommen unglücklich. Da zeigte sich dieser arme Mensch, der ja die Güte selbst war, aber die Unbedeutendheit in Person. Seine Unbedeutendheit machte, daß ich seine ersten Anträge ertrug. Meine Seele war so unglücklich durch alles, was mich seit Deiner Abreise umgab, daß sie nicht mehr die Kraft hatte, der kleinsten Versuchung zu widerstehen. Soll ich Dir etwas sehr Indezentes gestehen? Aber einer Toten ist alles erlaubt. Wenn Du diese Zeilen lesen wirst, werden die Würmer diese angeblichen Schönheiten verzehren, die nur Dir gehören durften. Endlich muß ich Dir das sagen, was mir schwer wird; ich sah nicht ein, warum ich nicht, wie alle unsre römischen Damen, die Liebe der Sinne versuchen sollte; ich hatte eine Anwandlung von Leichtfertigkeit; aber ich konnte mich nie jenem Menschen hingeben, ohne ein Gefühl des Abscheus und des Ekels zu empfinden, das jedes Vergnügen zerstörte. Ich sah immer Dich an meiner Seite, in unserm Garten in Albano, als die Madonna Dir den edlen Gedanken eingab, der aber dann durch meine Mutter zum Unglück unsres Lebens geworden ist. Du warst nicht drohend, sondern zärtlich und gut, wie Du immer warst; Du sahst mich an und dann empfand ich Wut gegen diesen andren Mann und ich ging soweit, ihn aus aller Kraft zu schlagen. Das ist die ganze Wahrheit, mein teurer Giulio, ich wollte nicht sterben, ohne sie Dir zu sagen – und ich dachte auch, daß diese Zwiesprache mit Dir vielleicht den Gedanken an den Tod von mir nehmen könnte. Ich ersehe aber nur klarer daraus, wie meine Freude gewesen wäre, wenn ich Deiner wert geblieben wäre. Ich befehle Dir zu leben und die militärische Karriere fortzusetzen, die mir solche Freude bereitet hat, als ich von Deinen Erfolgen hörte. Was wäre gewesen, großer Gott! wenn ich Deine Briefe erhalten hätte, besonders nach der Schlacht von Achenne! Lebe und rufe Dir oft Ranuccio ins Gedächtnis zurück, der bei Ciampi fiel, und Helena, die in Santa Marta starb, weil sie in Deinen Augen keinen Vorwurf lesen wollte.« Nachdem sie den Brief beendet hatte, näherte sich Helena dem alten Soldaten, den sie schlafend fand; sie nahm seinen Dolch, ohne daß er es merkte, dann weckte sie ihn. »Ich bin zu Ende,« sagte sie ihm, »ich fürchte, daß sich unsre Feinde des unterirdischen Zugangs bemächtigen. Nimm schnell meinen Brief, der auf dem Tisch liegt und bring ihn Giulio, du selbst bringst ihn, verstehst du? Und gib ihm noch mein Taschentuch, dieses hier; sag ihm, daß ich ihn auch in diesem Augenblick nicht mehr liebe, als ich ihn immer geliebt habe, immer, hörst du wohl!« Ugone blieb stehen und ging nicht fort. »Geh doch!« »Signora, habt Ihr es wohl überlegt? Signor Giulio liebt Euch so sehr!« »Ich auch, ich liebe ihn, nimm den Brief und übergib ihn selbst.« »Nun wohl, möge Gott Eure Güte segnen!« Ugone ging und kehrte schnell zurück. Er fand Helena tot: sie hatte den Dolch im Herzen.