Carl Sternheim Bürger Schippel Komödie   Für Albert Bassermann, den genialen Schauspieler     Luchterhand Literaturverlag [1988]     Personen Der Fürst Tilmann Hicketier , ein Goldschmied Jenny Hicketier , seine Frau Thekla Hicketier , seine Schwester Heinrich Krey , fürstlicher Beamter Andreas Wolke , Buchdruckereibesitzer Paul Schippel Ein Arzt Müller und Schultze     Der erste Aufzug Bürgerliches Wohnzimmer bei Hicketier. Erster Auftritt Thekla , (ganz blond, tritt von links ein) Bist du allein, Jenny? Um Mitternacht höre ich vom Zaun her, sehe einen Schatten, eine Mannsgestalt gebückt. Jenny Thekla! Thekla Gebückt eine Ewigkeit lang, die ich hinstarre. Der Kerl hat mich bemerkt, rührt sich nicht. Schließlich, ihm aus seiner Lage zu helfen, trete ich zurück. Fort ist er. Wer war's? Jenny Wer grade für dich schwärmt. Thekla Warum in schwarzer Nacht wie ein Dieb her und weg? Jenny Du hast dich getäuscht. Dir steckt Adolfs Tod noch in den Gliedern. Thekla Sprich von Naumann nicht mehr in solchem Sinn. Er war mein Verlobter, ein schreckliches Wesen. Ich krümmte mich unter seiner Geradheit. Jenny Jetzt ruht er in Frieden. Die Männer werden gleich vom Begräbnis zurück sein. Ob es geklungen hat: »Wie sie so sanft ruhen« – ohne des Begrabenen Tenor? Thekla Dieser Morgen! Da es feststand, er ist Staub. Die Freude darüber besiegte das Grauen vor dem nächtlichen Spuk. Jenny Du dachtest einst besser von Naumann. Thekla Ein Juniabend entschied. Wir beiden allein. Ich angefüllt von Glück, ihm als dem Weltall hingegeben. Das Wort mußte er sprechen, Zeichen geben, ich hätte ihn 8 überschüttet. Blödsinn schwieg er. Seine Augen eines Kalbes auf Stielen. Jenny Kind! Thekla Da war's vorbei. Ich wieder frei. Jenny Verwische Tilmann das Bild des Freundes nicht. Thekla So wenig wie mein eigenes hochheiliges. In meines Bruders Vorstellung bleiben wir das Brautpaar auf ein Postament hochgestellt. Ich spiele für ihn die Untröstliche. Jenny Er braucht aus seiner Natur Symbole. Thekla (hat einen goldenen Kranz vom Kissen unter einem Glassturz hervorgenommen und ihn sich lachend aufs Haupt gesetzt) Hier siehst du die beiden höchsten vereint: seine Schwester und den zweimal ersungenen Kranz. Jenny Der durch Naumanns Tod kurz vor dem Wettgesang auf dem Spiel steht. Thekla In der Hinsicht war sein Abscheiden rücksichtslos. Aber sie haben Aussicht, Schippel zu . . . Jenny Mit ihm gibt's gefährliche Komplikation. Ich kann dir nicht sagen, welche. Thekla Ich weiß sie längst: Er ist unehelich. Jenny Vor Tilmann darfst du das Wort nicht kennen. Thekla Vor ihm bin ich noch nicht bis zum Storch gekommen. Jenny Es ist den Männern ein Greuel. Sie können sich nicht entschließen, ihn aufzufordern. Inzwischen fliegt die Zeit. Der Fürst ist gestern auf dem Schloß schon angekommen. Tilmann beherrscht sich zur Not; aber Wolke und Krey . . . Thekla (lacht) Rasen! Jenny Du spottest. Solche Männer sind dir nicht romantisch genug. Thekla Sind mit Tilmann verglichen Spießbürger. Jenny Weil du dir nicht die Mühe nimmst, ihre Tugenden anzusehen. Thekla Hebe ich zu Krey den Blick, ist er entsetzt. Der Junggeselle hat vor dem ledigen Mädchen Angst. 9 Jenny Wolke möchte dich wohl; hat dich immer gemocht. Thekla Dann tausendmal eher Krey! Ihn könnte man erziehen. (Plötzlich.) Das Gespenst nachts, Umfang, Gestalt hatte Ähnlichkeit mit Wolke. Wär's möglich – Wolke romantisch nachts unterwegs? (Sie lacht stürmisch.) Um so etwas könnte sogar der mir gefallen. Denn nie war meine Erwartung so fieberhaft auf den Helden gestellt. Jenny Mädchen! Thekla (zieht Jennys Hände an ihre Brust:) Hier ist bald Tag- und Nachtgleiche. Sommeranfang.   Zweiter Auftritt Treten auf Hicketier, Krey und Wolke in Gehröcken und Zylinderhüten. Hicketier (auf Thekla zu) Arme geliebte Schwester! Wolke Er ist sozusagen in Schönheit hingegangen, aus seines Lebens Blüte weggerafft. Die Bestattung großartig. Pastos ohne Tenor. Dunkel. Eine ganz eigene Wahrnehmung. Was meinst du, Krey? Krey (leise) Halt's Maul! Wolke (zu Thekla) Wir haben in richtiger Würdigung deiner Empfindungen . . . ja also wie? Hicketier Liebes Kind. Thekla Laßt mich jetzt! (Exit.) Hicketier Dieser Blitz aus heiterem Himmel. Wolke Hat sie in den Wurzeln erschüttert. Unsere Aufgabe muß sein – ja also wie? Er war, nehmt alles nur in allem, ein Mann. Krey Wir wollen uns mit Geschwätz nicht aufhalten. Bring den Brief, Hicketier. Hicketier Ich hole ihn. 10 Jenny Habt ihr an Schippel geschrieben? Hicketier (zu Jenny) Bleib um Thekla. Sie macht trübe Stunden durch. Jenny Und kommt als tüchtiger Mensch schon drüber hin. (Jenny und Hicketier exeunt.) Wolke Der Frauen rätselhafter Leichtsinn. Noch ist der Tote nicht kalt, die Braut kommt drüber hin. Macht vielleicht schon anderen Augen. Krey Endlich dein sündhaftes Maul! Wolke Als wüßte ich nicht Bescheid. Krey Was soll das sein? Wolke Du hast mir also nichts anzuvertrauen? Krey Hüte dich! Wolke Ich denke mein Teil. Hicketier (kommt zurück) Die Schreibmaschine ersparte mir, mich handschriftlich vor dem Hungerleider zu produzieren. Ein Gummistempel setzte zum Schluß meinen Namen hin ohne »ergebenst« oder »achtungsvoll«. Krey Das ist unter Umständen ein Fehler. Lies. Hicketier (liest) Die Herren Hicketier, Krey und Wolke – ich habe die Namen alphabetisch geordnet – wären bei Eignung geneigt, Ihnen den Tenorpart in ihrem Gesangsquartett probeweise anzuvertrauen. Sie werden aufgefordert, sich Montag den dreizehnten – das wäre heute – gegen drei Uhr nachmittags zu dem Unterzeichneten zu verfügen. Hicketier. Wolke Bravo. Bündig. Krey So schnauzt man einen Hund ab. Ton eines behördlichen Mahnzettels. Wolke Ist sozusagen dieser Schippel viel mehr als ein Hund? Krey Hat er nicht Brei in Knochen, steht er Kopf. Hicketier Ich kochte beim Schreiben vor Wut über die Demütigung, mich überhaupt meinerseits zuerst – es war das blutigste Opfer meines Lebens. 11 Krey Man hätte mich zu Rat ziehen müssen. Wozu kenne ich als schreibender Beamter den Briefstil aus dem Tz. Es gibt höfliche Redensarten, auch wenn man vor Wut birst. Auf solchen Wisch springt uns der Mann ab, und wir sitzen im Dreck. Wolke Alsdann hat Hicketier trotzdem seine Schuldigkeit getan. Krey Genügt das? Auf den Erfolg kommt es hier an. Wolke Sollte er schreiben: wir geben uns die Ehre, hochachtungsvoll zu einem Ziehkind? Hicketier Daß er's durch die Stadt brüllt, wie wir Männchen machen? Krey Makulatur. Sagt er ab, können wir nicht singen. Der Kranz ist hin. Wolke Wahrhaftig – ja also wie? Hicketier (sich den Schweiß trocknend) In welch fürchterlicher Situation sind wir eigentlich! Wolke Ich kenne mich nicht mehr aus. Krey Sintemalen es von diesem Burschen nach dem Urteil Berufener feststeht, seine Stimme übertrifft die Naumanns. Mit ihm boten wir den Anstrengungen der Quartette in allen Städten des Fürstentums ein Paroli. Wolke Und du meinst? Krey Ich kann mir nicht denken, ein unabhängiger Mensch kommt so brüsker Aufforderung nach. Wolke O Gott, o Gott, o Gott! Hicketier Ein armseliger Flötenbläser unabhängig? Bei unserem Einfluß in allen maßgebenden Stellen könnte es ihn die Existenz kosten. (Die drei sitzen voneinander entfernt in drei Ecken des Zimmers und schauen sich hilflos an.) Hicketier (kleinlaut) Wolke? Wolke O Gott, o Gott, Krey, was sagst du? Krey Herverfügen! Ha! 12 Hicketier Hätte einer von euch geschrieben. Ein Hicketier aber, die wir Goldschmiede seit dem Dreißigjährigen Krieg im Land sitzen. Wolke Wolkes sind auch nicht die ersten besten. Krey Sollte ich als höherer Beamter mich prostituieren? Wärst du zu mir gekommen; ich verfüge über ein ganzes Arsenal nichtssagender Floskeln. Hicketier Was muß geschehen? Krey Feststeht: wir können auf die Teilnahme am Wettsingen nicht verzichten. Hicketier Als Männer aufgeben, was uns als Knaben bewegte. Wolke Irrsinn! Hicketier Was ich von Vorfahren übernahm. Was heilig zu halten wir dem Verstorbenen in seinen letzten Augenblicken gelobten. Krey Also sind wir, da die Mitglieder eines Quartetts ortsgeboren und ortsansässig sein müssen, kein anderer Tenor zu finden ist, . . . Hicketier Sind wir diesem Schippel auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Wolke Und bei solchem Tatbestand schreibst du den Brief, Hicketier! Ich schwitze Blut und Wasser. Hicketier (verzweifelt) Während in mir Unterstes zu oberst sich kehrte, habe ich meiner Natur das Menschenmögliche abgerungen. Krey Damit war uns nicht hinreichend gedient. Wolke Gott helfe uns aus der Bredouille, Amen. Krey (der zum Fenster hinaussah, plötzlich) Schippel! Hicketier und Wolke gleichzeitig Ha! Hicketier Um drei Uhr bestellt; es ist noch nicht eins. Was sagt ihr? Krey Das kann Übles bedeuten. Wolke Ja also wie? Mir zittern die Knie, Krey, du hast mich völlig verwirrt. 13 Krey Jammerlappen! Stillgestanden! Hicketier Wer spricht? Krey Du bist Hausherr und Aufforderer. Wolke Aber Vorsicht. Nachsicht mit ihm. Krey Bedeutsam, aber unbeugsam. Wolke Nur sacht!   Dritter Auftritt Paul Schippel, mager, Rotkopf, etwa dreißigjährig, tritt auf. Schippel Schippel . . . Paul. Hicketier Schon gut. Schippel Sie sind Hicketier? Hicketier aufbrausend Herr, Herr! muß ich schon bitten. Wolke Pst! Schippel Verzeihung. Wolke Buchdruckereibesitzer und Stadtverordneter Wolke. (Verbeugung.) Krey Krey. Hicketier Sie sind . . . Schippel Blase die Klarinette. Ein schwarzes Querholz mit Nickelklappen, um einen Begriff zu geben. Wolke (macht die Bewegung des Blasens) Weiß schon. Schippel (lacht) Ausgezeichnet nachgeahmt. Arm bin ich, meine Herren. Aus der Hefe des Volks, wie man in Ihren Kreisen sagt. Der Rock, den ich trage, ist meine ganze Garderobe. Die Flöte spiele ich schlecht. Wolke Schlecht und recht. Schippel Sonst säße ich in einem guten Orchester, nicht hier zur Biermusik. Ich blase mehr aus Verzweiflung, eigentlich auf dem letzten Loch. 14 (Er lacht ungestüm.) Hicketier Ich hätte Sie nicht überschätzt. Schippel Jedenfalls als Bläser noch zu hoch geschätzt. Denn hier, meine verehrten Herren, das letzte Wort zur Sache: Ich blase fürchterlich; Mißtöne zum Bier. Wolke (lacht stürmisch) Sehr gut! Schippel Wollen Sie noch wissen, wieviel ich verdiene? Rund zwanzig Mark die Woche. Je zweimal Fleisch, sonst meist Heu, würde man beim Pferd sagen. Wolke Gut! Schippel Schlafe in einer Dachkammer, kämme mich mit ausgezähntem Kamm, meiner Zahnbürste fehlen die Borsten. Da mein ganzes Alibi. Hicketier Ekelhafte Einzelheiten. Ihre Herkunft ist bekannt. Schippel Sie setzen mich in Erstaunen, Herr Hicketier. Hicketier Uneheliches Kind. Schippel (lacht.) Wolke (lacht.) Schippel Wie leichthin Sie das aussprechen. Ich hätte es in dieser Umgebung nicht über die Lippen gebracht. Sie als sicherer Mann brachen das Eis. Also nehme ich auch kein Blatt mehr vor den Mund: meine Herkunft ist nicht bekannt. Krey Ein Malhörchen. Hicketier Lassen wir es ruhen. Wolke Im Dunkel. Schippel Es gehört zur Sache, Verzeihung, meine Herren, soweit meine Wenigkeit dazugehört. Wir wollen es gleich klarmachen: ein Bankert bin ich, meine Herren. Das ist eine Einrichtung, mit der Sie wahrscheinlich das erste Mal zu tun haben. Krey Schließlich eine öffentliche und schon weitverbreitete Institution. Wolke Als Waisenrat kenne ich Sie hinreichend. 15 Schippel Man könnte fast sagen, eine erprobte, insofern . . . Hicketier Ihre Phrasen beiseite, wollen Sie mit uns singen? Schippel Lassen Sie mich gütigst aussprechen. Ich gebe ein für allemal den Inbegriff meiner Wenigkeit. Krey Sein Alibi. Schippel Fiel Ihnen nicht auf, ich trage den Kopf zur Erde gesenkt? Hicketier Soviel Beachtung schenkte ich Ihnen nicht. Schippel Das kommt so: Ich bin unfrei in mir, an und für sich schon. Tritt dieser Räume die Pracht hinzu. Was ich hier vorerst sage, stoße ich halb im Fieber heraus. Bitte also um Verzeihung, werde mich gleich sammeln. Als Kind ging ich zu andern Kindern auf die Straße. Beiläufig selbstverständlich. Man trat mich. Ein Mädchen spuckte mir ins Gesicht. Seitdem hielt ich den Kopf gesenkt, lernte die Erde besser auswendig als den Himmel. Wolke Heutzutag kommt das nicht mehr vor. Die mir anvertrauten Kostkinder genießen alles in allem – ja also wie? Schippel Sehr liebenswürdig. Kurz, ich lag seit ewig in einem Winkel, dahin Sonne nicht scheint. Kommt Ihr Brief. Begreifen Sie meine plötzlich veränderte Lage. Mißachtet, übersehen bis dahin, hungrig und durstig nach allem, was man sieht . . . Hicketier Ist Ihnen dieser Ruf Erlösung aus proletarischer Not. Schippel Sie treffen den Nagel auf den Kopf. Wollen gütigst die Erschütterung verstehen, in der ich mich vor Ihnen befinde. Eine förmliche Umwandlung von Sekunde zu Sekunde, Wiedergeburt gewissermaßen geht vor sich. Hicketier Das ist alles schön, höchstpersönlich . . . Schippel (ist im Zimmer umhergegangen, steht vor einem Bild) Ein himmlisches Bild! Ölmalerei, wie ich unterscheide. 16 Hicketier Sie singen heut noch Probe, und wir beschließen. (Schippel stößt singend ein leuchtendes A heraus, das er lange hält.) Krey Oho! Hicketier Der Ton läßt vermuten. Wolke Bravo! Schippel Jawohl, meine lieben Herren, jawohl, herrlich soll das werden! Eine Mutter hatte ich übrigens, eine kreuzbrave Frau. (Er hält Hicketier beim Rockknopf.) Hicketier Lassen Sie meinen Rock los! Schippel (in Verwirrung) Nichts für ungut. (Hält ihm seine Hand hin. Hicketier übersieht sie.) Schippel Die Hand darauf, die Hand, Herr Hicketier! Hicketier Unsere rein geschäftlichen Abmachungen . . . Schippel Eine Hand, nur die Hand, sage ich. Hicketier Unsere rein geschäftlichen . . . Schippel Warum nicht die Hand? Wolke Hicketier! Schippel Ich fordere doch einfach – was wie? Fordere doch wohl aber natürlich Händedruck, Willkomm jederzeit. Hier, überall Ihren Arm, Ansprache, Äußerung auf der Straße, in Wirtschaften, Wohnstuben. Was? Krey Ihre Aufnahme ins Quartett involviert keine weiteren Beziehungen. Schippel Involviert? Was heißt das? Wenn meine Stimme mit Ihren singt – Handschlag nicht einmal? (Er schüttelt Krey stürmisch beide Hände.) Hicketier Sind Sie rasend, Mann? Wolke O Gott, o Gott! Krey Da hört sich alles auf! Hicketier Schluß, Freundchen. Sie haben eine Rakete im Hirn. Säubern Sie Ihren Denkkasten, und fassen Sie zu allem Anfang die nackte Tatsache: Ein Hungerleider, 17 sehen Sie in uns für das knappe Futter sozusagen Ihre Brotherrn, die wir Macht haben, Ihnen auch das noch zu nehmen. Wollen aber, wenn uns Ihre Stimme paßt, etwas für bessere Menage, einen andern Bratenrock, auch sonst noch einen Knopf ins Portemonnaie tun. Das ist alles, und im übrigen: Hand von der Butten. Krey Basta! Schippel (entsetzt) So? Ach so! (Er schlägt in Erregung die Faust auf den Tisch.) Hicketier und Krey Herr! Wolke : Ja also wie? Schippel (exit) Mahlzeit die Versammlung! Krey (konsterniert) Was war das? Wolke Der Mann will nicht, das Spiel ist aus. Hicketier Wir sind so weit wie vorher. Wolke Zieht die Bilanz: wir sind zu Ende. Er stellte gewissermaßen seine Bedingungen; äußerst vorsichtig, weiblich zart muß ich sagen. Hicketier aber fährt ihm mit einer Rage in die Parade, die den Handel ein für allemal erledigt. Hicketier Dieser Mensch schien entschlossen, eiserne Barrieren einzureißen. Krey Bei dem nötigen Distanzgefühl hätte man gewiß Konzessionen gemacht. Wolke Aber seine Rede blieb eine Häufung von gütigst und erlauben Sie. Hicketier Hindurch klang Forderung nach persönlichem Umgang, plumper Vertraulichkeit. (Außer sich:) Soll mir der Kerl erst vor aller Welt die Schultern klatschen? Hast du kein Schamgefühl? Geben wir diesem Vieh einen Finger, wie Efeu wuchert es an uns hoch. Teufel, der Armeleutegestank! Mach die Fenster auf. Wolke Und das A, mein Lieber? Dämmerte dir bei diesem Ton nicht, die Gesangsangelegenheit war sozusagen erledigt, wir quasi Sieger? 18 Krey Das freilich stand unbedingt fest. Naumann war's nicht annähernd imstande. Hicketier Und ob mein halbes Herz daranhängt – ich brächte es nicht über mich. So wenig wie ich eines Edelmanns Umgang wollte, wie mir dessen Vertraulichkeit unverständlich, Greuel wäre. Meine Gebiete will ich abgezirkt, nach oben und unten. Wir begruben Naumann. Mir ist, es gilt an diesem Tag noch größerem Schmerz ins Auge zu sehen: unseren liebsten, unablässigen Traum zu bestatten. Wolke Gibt es denn keinen Ausweg ohne Schippel? Krey Wir stellten fest: keinen. Zwei Wochen kaum bis zum Fest, und kein Tenor am Ort außer ihm. Hicketier Denn dieser Mensch, uns einmal näher bekannt, hätte die Stirn, auch noch die Frauen freundschaftlich zu grüßen. Wie sollte man dem Mädchen, die pure Existenz eines solchen Zwitters – guter Gott! Thekla plausibel machen? Wolke Und doch bricht's dir das Herz. Hicketier Keine Leichenrede. Zwei an einem Tag sind zuviel. Dann eben Schicksal. Das Leben hat kein Geländer. (Exit.) Wolke Thekla! Da hast du's! Er selbst ließe sich schließlich zum Umgang herbei. Aber Thekla, das schutzlose Mädchen, die sozusagen hochherrschaftliche Hicketier! Krey Was soll das? Wolke Willst du leugnen: der Umstand, daß sie durch Naumanns Tod gegen jenes Individuum nicht mehr gedeckt ist, gab den negativen Ausschlag? Krey Und? Wolke Ich wiederhole, wir sind allein; du darfst dich geben. Krey Fisematenten. Wolke Man muß männliche Scham nicht zum Exzeß verdichten. 19 Krey Allmächtiger! Wolke Du liebst Thekla. Und wüßte Hicketier sie an deiner Seite in Obhut . . . Krey Hier geht ein Verbrechen vor sich. Weil ich an Maulfertigkeit dir nicht gewachsen bin, muß ich diese stinkende Komödie dulden. Du, nicht ich, liebst das Weib. Wolke Es liebt sie – du. Krey Qual ist sie mir, ihr Auftritt jedesmal Ekel. Anblick, Anhauch Widerwillen. Wolke Ich kenne deinen Kern. Krey Gomorra und Sodom! Ich lebe so gemütlich – und du . . . Wolke Liebst sie! Halte an um sie! Der Augenblick ist historisch. Krey Liebst sie! Ich weiß es seit Jahr und Tag. Wolke Liebst sie! Und bliesest du mit himmlischen Posaunen deine Lüge mir zu, ich weiß, du liebst sie, und ich ermahne dich: rette die heikle Situation, indem du dich deiner Glückseligkeit hingibst. Krey (enteilt) Ich hänge mich auf! Wolke (ihm nach) Farusches Temperament, verbohrter Stolz. Aber ich lasse dich nicht. (Man hört draußen verworrenen Lärm. Alsbald öffnet Krey die Tür und tritt mit tiefer Verbeugung in den Eingang.)   Vierter Auftritt Tritt auf der Fürst, zwanzigjährig, in Uniform. Nach ihm kommen Krey und Wolke ins Zimmer. Der Fürst In wessen Haus falle ich? Soweit ich sah . . . Krey (mit erneuter Verbeugung) Hicketiers, Durchlaucht. Der Fürst Schafft einen Streifen Leinwand, eine Schale 20 Wasser. Ins Schloß Nachricht hinaufgeben, der Arzt soll mich erwarten. (Er läßt sich in einen Lehnstuhl nieder, öffnet den zerfetzten Ärmel seines Waffenrocks. Sieht dann plötzlich starr auf Wolke. Krey ist hinausgegangen.) Wolke (scheu gegen die Wand gepreßt mit tiefer Verbeugung:) Wolke. Der Fürst Wieso? – Verdammter Schinder! Auf das Zischen der Maschine pest er los, nicht mehr zu halten, wie Blitz in die Chaussee. Ich steuere ihn hart an die Wand dieses langen Hauses, scheure, bremse gewissermaßen. Greift so ein beherzter Knecht zu. Das Luder steht. Wolke (strahlend) Ausgezeichnet! Der Fürst Aas! Kommt noch fester in die Kandare.   Fünfter Auftritt Hicketier und Krey treten mit Verbeugung auf. Hicketier Welcher Unfall . . . Die Gnade, Durchlaucht. Der Fürst Wasser, Leinwand . . . Ein Weib am besten. Hicketier Meine Frau flog davon. Wolke (mit tiefer Verbeugung) Wolke! Der Fürst Hörte schon. Was hat es für eine Bewandtnis? Nun, Herr Hicketier? Hicketier Zu dienen? Der Fürst Schinder. Blutige Schramme. Der Tag fing übel an. Lief ein altes Weib über den Weg, regnete langsam Tropfen, graue Wolke. (Er lächelt zu Wolke:) Jetzt verstehe ich – Melancholie . . . (Er sinkt hinüber.) Krey (springt zu) Durchlaucht! Eine Ohnmacht. 21 (Hicketier und Wolke rasen ziellos durchs Zimmer, dann gegen die Tür, aus der)   Sechster Auftritt (Jenny und Thekla treten. Jenny trägt eine Schale mit Wasser, Thekla Verbandzeug. Thekla kniet vor dem Fürsten, nimmt dessen herabhängenden Arm, beginnt ihn zu säubern und zu verbinden, während Jenny vorher bemüht war, den Ohnmächtigen zum Bewußtsein zurückzubringen.) Der Fürst Kandare. Was ist? Himmlische Erscheinung? (Thekla vollendet geschickt ihr Werk.) Güte selbst. Schöne Gnade. Ich danke. Charming. (Die Frauen verlassen das Zimmer.) Hicketier Sie hat, Durchlaucht, die Krankenpflege erlernt. Der Fürst Charité, sage ich Ihnen. Nie gesehen. Vokabel bis dato. Ein Meisterstück der Verband. Charming. Es riß an den Nerven. Ein Schinder. (Er erhebt sich, greift zur Mütze.) Pardon, hatte ich nicht eine Peitsche? (Zu Wolke:) Warum sagten Sie Wolke? Krey Sein Name, Durchlaucht. Buchdruckereibesitzer. Der Fürst Ah – unser Wolke! Das blaue Schild am Markt: Drucksachen aller Art schnellstens. Wolke Billigst. Der Fürst Erfreut. Wohin gingen die Damen? Hicketier Meine Frau, meine Schwester Thekla. Der Fürst Thek . . . Mein lieber Herr Hicketier, sind uns ja nicht unbekannt. Früher oft . . . Hicketier Durchlaucht, als Knabe mit dem hochseligen Fürsten . . . 22 Der Fürst Komme wieder. Das also ist Herr Wolke. Keine schlechten Schriften? Nichts Sozialistisches, Anarchisches? Wolke Ausgeschlossen, Durchlaucht. Krey Akzessist Krey. Der Fürst Bravo! Der Bürgerstand, meine Herren, der Beamtenstand – hm. Meine Helferin? Warum nimmt man mir die Möglichkeit zu danken? Hicketier Sofort. (Exit.) Der Fürst (erblickt den Kranz) Goldener Kranz. Etwa? Krey Zweimal von unserm Quartett ersungen. Der Fürst Meines Vaters berühmter Liederkranz. Des Landes Meistersinger sozusagen. Fallen mir meine Sünden ein: in vierzehn Tagen – ich weiß – und das Preislied immer noch nicht bestimmt. (Zu sich:) So amüsante Sachen in nächster Nähe und man wiegt sich in schwarzer Langerweile. (Laut:) Der Männergesang, eine wichtige, dem Volk am Herzen liegende Sache, kann von uns allen nicht scharf genug ins Auge gefaßt, muß dem Ansturm idealloser Zeit kräftig entgegengesetzt werden. Das deutsche Lied, meine Herren! Wir werden diesbetreff außerordentliche Entschließungen treffen, die Wichtigkeit des vor der Tür stehenden Fests durch unser fürstliches Ansehn erhöhen. (Zu sich:) Himmel, was fällt mir bei! (Laut:) Zweimal von Ihnen ersungen. Ich hoffe sehr zuversichtlich, der Kranz entgeht Ihnen wieder nicht; der Sieg muß gerade diesmal Ihnen gehören. (Wolke und Krey verbeugen sich.)   Siebenter Auftritt Hicketier kommt mit Jenny und Thekla. Der Fürst Über das Preislied wissen die Herren meine Meinung, lieber Hicketier. (Verbeugung vor Jenny und Handkuß:) Gnädigste Frau! (Verbeugung vor Thekla:) Charité. Walte ein Himmel über Ihnen! (Ganz leise zu ihr:) Thekla! (Salutierend ab.) (Alle stehen tief verbeugt. Thekla sinkt in den Sessel, in dem der Fürst saß. Da derselbe abgewendet steht, bleibt sie fernerhin den auf der Szene Stehenden unsichtbar.) Wolke Mir krachen die Schenkel. Hicketier Dort stand er. Krey (zu Hicketier) Dein Dach über des Fürsten Haupt. Jenny Hoffentlich heilt die Wunde bald. Krey Und wie schlicht, wie volkstümlich er sich vernehmen ließ. Wolke Wie leutselig: Unser Wolke. Sein Wolke gewissermaßen. Hicketier Aus höherer, anderer Welt. Wolke Sie müssen im Wettgesang siegen, meine Herren. Charming. Hicketier Sagte er? Krey Wollte, befahl er ohne Widerrede. Das Auge durchbohrend. Wolke Durchbohrend leutselig. Das deutsche Lied derAnarchie entgegen. Charming. Niemand außer Ihnen darf den Kranz gewinnen. Jenny (zu Hicketier) Komm nun auch gleich zu Tisch. 24 (Exit.) Krey Was geschieht nach diesem unwiderstehlichen Befehl? Hicketier Es ist an einem von euch. Wolke (zu Hicketier) Ohne Federlesen gestanden: du bist unter uns die Potenz. Nur du findest Mittel und Weg, Schippel aufs neue zu ködern, ohne uns in etwa zu demütigen. Krey Da es, unsern persönlichen Wünschen weit entrückt, vor dem Fürsten jetzt Ehre oder Unehre gilt. Hicketier Aber . . . Wolke Der Fürst! Ach Hicketier, und wäre er nicht hinzugekommen – Auge in Auge mir – du hättest doch nicht geruht, nicht verzichtet, Wunsch und Willen durchzusetzen. Krey Du kannst nicht leben, du zwängest diesen Schippel denn. Wolke Und hast das Lapidare. Hicketier (nach einer Pause) Wohlan denn! Wieder sind die Leidenschaften zu sehr aufgewühlt. Also reiße ich die Angelegenheit von neuem an mich, hinein in Ehre und Gewissen. Wolke (leise zu ihm) Und auch für Thekla weiß ich guten Rat. Hicketier (lacht) Davon ist mein Hirn, Himmel und Erde überangefüllt. Wolke Geben wir uns die Hand. In Anbetracht der Wichtigkeit der Sache: wir schwören. Hicketier , Krey und Wolke (vorn an der Rampe, die Hände ineinandergelegt, gleichzeitig:) Schwören! Krey Das war ein Strauß! Ich bin ordentlich erleichtert. Wolke Ein ereignisvoller Morgen. Doch schmeckt nach Kampf und Not das Mittagsbrot. Massiv ist Hicketier, he? Hicketier Das muß ich gegen ein Scheusal erst beweisen. Und jetzt zu Tisch, Herren. 25 (Exit.) Krey Privatim sprechen wir uns noch. Wolke Ja also wie? Krey Sinnfälscher, Roßtäuscher! Wolke Meine Ware ist propre. (Exeunt.) (Thekla springt vom Stuhl ans Fenster, das sie aufreißt. Sie lehnt hinaus. Plötzlich hebt sie die Hand und winkt mit einem Tuch hinaus.) 26   Der zweite Aufzug Der gleiche Raum. Erster Auftritt Thekla (allein. Es klopft ans Fenster. Sie huscht hin, öffnet halb. Man sieht einen Arm, der einen Brief hereinreicht. Sie nimmt ihn, schließt das Fenster. Sieht in das Schreiben:) Heute abend gegen zehn will er . . . o Gott! Wolke , (der aufgetreten ist im Augenblick, da Thekla den Brief hereinnahm) Ich möchte, ob der Bruder zurück ist, fragen; nicht neugierig sein. Thekla Um jede Geheimnistuerei Ihrerseits abzuschneiden – Hier! (Sie reicht ihm den Brief.) Wolke (nimmt ihn nicht) Aber um Himmels willen, Thekla! Wohlgetan. Alles im Sinn göttlicher Weltordnung. Ein Geburtstagswunsch durchs Fenster geweht, dem ich den meinen anfüge. Zudem war ich ohnehin unterrichtet. Menschenkenntnis hat mir das Geheimnis einige Tage vor seiner Evidenz verraten. Ins Gesicht habe ich dem Verliebten seine Neigung gestanden. Thekla Sie – wem? Wolke Ich merke, was Sie im Ton haben. Gestatten Sie mir denn auch sofort eine freie Erklärung. Sie wissen von Kindheit an, wie Sie auch mir nie gleichgültig waren. Und keine Rede davon, diese herzliche Zuneigung könne sich im diesseitigen Leben je verringern. Aber da merke ich an Krey . . . Thekla Krey? 27 Wolke In Ihrer Anwesenheit die gewisse Apparenz völliger Abwesenheit, das ganz bestimmte Weißnichtwas, ja also wie? Thekla Sie behaupten, Krey – und da – Sie selbst? Wolke Hier setzt Tragik ein. Vor meinem aufrichtigsten Gewissen erkannte ich Krey mir in allen Eigenschaften so unbedingt überlegen, daß ich zurücktrat. Sie möchten nun argwöhnen, ich leiste für Krey bestellte Arbeit; aber so beeide ich, mich treibt mein eigenes Herz, seine vollendete Männlichkeit, Würde, Bedeutung, lautersten Charakter, Treue, Ehrgeiz, seinen eisernen Willen, aber auch wieder edle Zurückhaltung am passenden Ort, Nüchternheit nicht nur in puncto puncti  . . . Thekla Ich fand ihn immer angenehm. Aber sie sagen nüchtern. So ist er phantasielos? Wolke Krey ohne Phantasie? O du guter Gott, was hat dieser Mann für ausschweifende Vorstellungen! Eine stumme Großartigkeit innerer Vorgänge prägt sich doch beständig an ihm aus. Nicht nüchtern, aber schüchtern in solchem Grad, daß ich fürchte, man wird ihn zum Geständnis seiner Leidenschaft beinahe zwingen müssen. Und so möchte auch ich Sie, Thekla bitten . . . Thekla Ihn zu ermutigen? (Für sich:) Könnte mir der Spaß in meinen Dingen dienen? (Laut:) Was Sie von einem Mädchen verlangen . . . Wolke Freundschaft treibt mich. Denn was der Verzicht mich kostet? – ein Satz spricht es wohl aus, dennoch faßt das Herz es schwer. (Er hat ihre Hand ergriffen und küßt sie.) Thekla Ich will mich nach Ihren Aufschlüssen zu halten suchen. (Still für sich lachend, geht sie.) 28 Wolke Das heißt ein Sitzer. Wenn seine närrische Natur die Wahrheit immer emsiger einspinnt, müssen ihm von außen her die Zähne mit Gewalt geöffnet werden.   Zweiter Auftritt Jenny tritt auf. Wolke Er ist von Schippel nicht zurück? Jenny Die Nacht war ein unaufhörliches Ächzen und Stöhnen. Er rang mit dem Gespenst im Traum. Wolke Im Schmerz besser dynamisches Umsichschlagen, als daß man seine Erregung stumm in sich hineinbeißt wie Krey. Jenny Leidet er auch um die Geschichte? Wolke Darum und um ein anderes mehr. Grade flog von ihm ein Brief Thekla durchs Fenster zu. Jenny Heimlicher Briefwechsel. Du bist närrisch! Wolke Du kennst mich, Jenny, als gemäßigte Natur. Ich hielt das Schreiben in Händen: er liebt sie. Jenny Unmöglich. Wolke Schwarz auf weiß. Und zwar in einer Ehrerbietung, Lauterkeit . . . Jenny Tilmann wird nicht erbaut sein. Wie ungern gab er sie Naumann, der ihm innerlich viel näher stand als Krey. Wolke Aber dessen blendende Vorzüge! Die vehemente Kraft seiner Leidenschaft. Ich bitte dich bei unserer Freundschaft . . . Jenny Laß erst die Affäre mit Schippel in Ordnung sein. Und Thekla vor allen Dingen? Wolke Sie gestand nicht gerade, aber ich wäre ein schlechter Menschenkenner, spürte ich nicht, wie in ihrer schönen Hülle der Liebesvogel flügge ist. Jenny Dann freilich verspräche ich jeden Beistand. Von 29 einem Mann nachts am Zaun sprach sie, der zu ihr hinaufsah. Wolke War Krey! Probatum est .   Dritter Auftritt Hicketier (tritt auf) Viktoria! Ich biege in die Windischgasse, steht Schippel vor mir und zieht unbefangen den Hut. Da kann ich mit ein paar Worten den Handel soweit einrenken, daß eine Besprechung folgt. Er kommt. Jenny Gott sei Dank! Hicketier Ich hätte ihn mitgebracht, denn jetzt hat jede Stunde Gewicht. Wolke Heute noch muß er Probe singen. Hicketier Er gibt erst irgendwohin Bescheid, folgt mir gleich. Innerlich aber haben ihn indes unsere Angelegenheiten beschäftigt, den Erlaß des Fürsten im Morgenblatt wegen des Festes wußte er auswendig. (Zu Jenny:) Öffne du ihm; es soll ihn nicht fortwährend jeder hier sehen. (Jenny exit.) Wolke Und was ich Theklas wegen sagte, bleibt bestehen. Hicketier Ich würdige deine Besorgnis und errate, was du vorhast; aber schiebe es auf bis nach Beendigung dieser Kalamität, die uns in Atem hält. Übrigens deutete auch Krey äußerst zart an. Wolke Nicht möglich! Hicketier Also verwirre mich nicht. Ich muß zu handeln, die Welt rund sehen. Wolke Und gibst uns den Effekt der Unterredung mit Schippel gleich zu wissen. Wir brennen. Hicketier Sofort. Sahst du das Geburtstagskind? 30 Wolke In einer Wolke von Schmerz um das Verlorene, schien doch der erste Strahl neuer Hoffnung zu wetterleuchten. Hicketier Wie poetisch. Wolke (gibt ihm die Hand, exit.) Hicketier Er liebt Thekla. (Entnimmt seinem Schreibtisch eine goldene Spange, die er gegen den Kranz vergleichend ans Licht hält.) Dem Modell völlig gleichgeworden. Verlöre ich jetzt den Kranz, ist mir sein Ebenbild bei Thekla ewig unverlierbar. Was sie zu meinem Kunststück sagen wird?   Vierter Auftritt Thekla tritt auf. Hicketier Gerade wollte ich dich rufen. Tritt her. Thekla Was ist das? Hicketier Von meinen Händen gefertigt. Rate, für wen? Thekla Für wen sonst? Ich danke dir. (Sie sitzt auf seinem Schoß.) Hicketier Da, was das Kind Thekla an mich band, vom Gang der Zeit gelockert wird – fühlst du den Sinn des Geschenks? Thekla (ihre Arme um seinen Hals) Ich hänge wie je an dir. Hicketier Und sich geschwisterliche Liebe, die Hicketiersche Seele täglich mehr versteckt, soll der goldene Reif ein Gleichnis sein. Wo du allein bist, erinnert er dich . . . Thekla Das ist traurig und tut nicht not. Auch ohne ihn vergesse ich Herkunft und Kindheit nicht. Hicketier Die Frauen unserer Familie kamen selten auf einen grünen Zweig. Willenskraft der Männer erschien in ihnen als Phantasterei. Je näher du mir stehst, je inniger du auch an der Seite eines Gatten mir verwandt bleibst, um so mehr tust du deiner Natur, deiner Notdurft genug. 31 Thekla Manches in mir bewegt sich nicht fort von dir, so sehr ich auch oft zu anderem hingerissen bin. Hicketier Und du fühlst, es muß bleiben? Thekla Nicht so ernste Worte an meinem Geburtstag. Hicketier Laß mir den Willen. (Er nimmt ihren Arm.) Trag es vor anderen versteckt unter dem Zeug. (Streift ihr das Armband unter den Kleiderärmel.) Dein Elternhaus bleibt deine Zuflucht. Hier geht dein heimlichster Gedanke frei. Das ist mir in die Hand auf ewig versprochen! (Handschlag.) Und nun höre zu, Racker: kaum bist du bräutlich verwitwet, scheint schon ein anderer nach dir begehrlich. Thekla Ich weiß . . . Hicketier Wie du aussiehst, ist's natürlich, daß jeder dich will. Und hängt noch ein alter ehrlicher Name und ein Sack Geld an dem Mädchen. Hat der Verliebte Aussichten? Thekla (in höchster Verwirrung) Ach Gott! (Und entläuft.) Hicketier Schau schau! Lecker das Kind. (Exit nach der anderen Seite.)   Fünfter Auftritt Jenny führt Schippel hinein und geht hinten links ab. Schippel (steht mitten im Zimmer, sieht sich nach allen Seiten um) Ich wittre mich. Wollust, nach der ich dreißig Jahre gehungert. Nicht länger streune ich in Winde, von einem Tag zum andern werde ich ein regelrechter Name, bei dem Leute sich etwas einbilden. Der dicke Hicketier dachte gestern bestimmt beim Einschlafen: könnte ich den Schippel! 32 (Er geht schleichend herum.) Plüschmöbel! Eure Herrschaft rechnet mit mir. Ich darf mich in euch auslümmeln. (Setzt sich breit in einen Fauteuil.) So ein Bilderalbum gemütlich ansehn. (Er beginnt, in einem Photographiealbum zu blättern.) Kommt einer, stehe ich auf, sage ganz pomadig: Mahlzeit; ich bin hier recht, wurde gerufen, beinah mit Gewalt herangeschleppt. Brave Herrschaften zusammen, Verwandtschaft, honorig, würdig. Goldene Broschen und Ketten. Dicke Siegelringe. Guten Tag, Herr, gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen: bin hier Kind im Haus, kann tun und lassen, was ich will. Aber Herr Schippel! Ein kleiner Rülpser, Pastorchen. Nach einem guten Essen bei Freunden erlaubt.   Sechster Auftritt Hicketier (tritt auf) Zur Erklärung meines gestrigen Verhaltens Schippel Bedarf es nicht. Hin ist hin. Heute gilt anderes. Hicketier Um so besser. Unsere Besorgnis, Sie möchten trotz schönen Tonmaterials Ihrer Herkunft wegen die historische Größe des Preisliedes vielleicht nicht fassen... Schippel Bitter für mich, was Sie sagen. Hicketier Ich halte nicht hinter dem Berg. Schippel Nur keine Rücksichten, will man zu wirklicher Verständigung kommen. Aber vielleicht haben wir Glück, und das Lied singt nur so von Wanderlust oder der ganz gemeinen Wald- und Wiesenliebe, zu deren Ausdruck ich infolge meiner wie Sie sagten besonders befähigt bin. Hicketier Wo lernten Sie Atemführung, Phrasierung? Schippel Von meiner Flöte. Wie die Löcher auf- und zuklappen, das macht meine Kehle nach. 33 Hicketier Probierten Sie vorm Spiegel? Schippel Kenne meinen Rachen aus dem Effeff. Der Zapfen funktioniert wie ein Glockenspiel. Hicketier Wir wollen's also versuchen? Schippel Stelle mich völlig in den Dienst der Sache. Hicketier Bravo. Noch ein Wort wegen der Umgangsformen. Schippel Bin schon versiert. Soll bremsen. Immer langsam voran. Hicketier Sie sehen eine gewurzelte Natur in mir. Ich lebe von Erde. Alles muß sich bei mir erst herausbilden. Schippel Verstehe. Nicht wie ich, blitzschnell aus dem Nichts in die Höhe geschossen, auf dünnem Stengel gewissermaßen wackelt der Kopf. Muß mir mein Tempo abgewöhnen. Verstehe. Darf nicht nachgeben, wenn's mir heraufkommt... Hicketier langsam! Schippel Zuzupacken vorwärtsgreifend etwa... (Er streckt die Arme gegen Hicketier.) Hicketier Was ist Ihnen? Schippel (faszinierend) Auf den Bauch zu klopfen, weiche nicht! (Er klopft ihm auf den Bauch.) Morgen; Tag, Hicketier mein Alter. Hicketier (fasziniert) Erlauben Sie was fällt Ihnen... Schippel (sich fassend) Auf keinen Fall so ruppig, verstehe. Immer drei Schritt vom Leib. Hicketier (außer sich) Anstand, Betragen! Oder! Schippel Kurz. Ich singe. Schmetternd wie ein Engel. Bin entschlossen. Uns kann keiner... Wann? Hicketier Heute abend um acht Uhr hier. Schippel Abgemacht. Schluß. Hicketier Und immer unter der Voraussetzung, Sie betragen sich in Zukunft wirklich nach meinen geäußerten 34 Wünschen, löse ich mein gestriges Versprechen, einen Knopf in Ihr Portemonnaie zu tun, ein. Hole zwanzig Mark aus der Ladenkasse. (Exit.) Schippel Atavismus Grauchen. War gestern noch ein Hase, der furchtsam in den Kohl duckte. Ist aber nun so kolossaler Auftrieb lebendig, daß mir Messer an den Zehen, Säbel aus den Zähnen wachsen. Wirst ein wenig wund im Umgang mit mir werden, muß dir deine gepflegte Stube verunreinigen, fürchte ich.   Siebenter Auftritt Thekla kommt von rechts nach links und geht, ohne Schippel, der sich verneigt, zu beachten, in ihr Zimmer hinüber. Schippel (ahmt, denselben Weg nehmend, ihren aufrechten Gang nach und macht dann in der Mitte der Szene halt) Weiße Wäsche weht vorbei. Markiert Abgrund zwischen sich und mir. Wie riechst du, Täubchen? (Er geht schnuppernd Theklas Weg zu Ende.) Frisch!   Achter Auftritt Hicketier (kommt zurück) Wer ging? (Gibt Schippel ein Goldstück.) Schippel (nimmt es lachend) Wenn Sie wüßten... Hicketier War es ? Schippel Ein Bachstelzchen. Hätten mich, einen Augenblick eher zurück, offiziell präsentieren müssen. 35 Hicketier Davon wird nie die Rede sein. Was meine Familie betrifft, lebe ich streng zurückgezogen. Schippel Selbstverständlich. Außer . . . Hicketier Was? Schippel Singen abends acht Uhr hier. Hicketier Außer? Reden Sie. Schippel Lassen Sie mir die Worte im Schnabel. Verrücktes Zeug. Bin in Ihrem Salon immer wie mit Pulver geladen. (Er lacht laut.) Mit Pulver geladen ist gut, was? Aber ich weiß Bescheid; schnell fort, darf erst draußen losknallen. Auf abends. (Exit.) Hicketier (sich schüttelnd) Außer? Wenn Sie wüßten? Was? Thekla ging vorbei mir läuft eine Gänsehaut über den Leib. (Er ruft ins Zimmer hinten links:) Jenny!   Neunter Auftritt Jenny tritt auf. Hicketier Zuviel Mannsleute streichen mir bis zum Singfest durchs Haus. Das Mädchen fährt noch heute nach Naumburg zur Tante. Jenny Krey steckte ihr heute einen Brief durchs Fenster. Hicketier Krey? Mach ihren Koffer zurecht, schnell. Schick sie her. (Jenny exit.) Hicketier Krey auch? Die steifsten Böcke schlagen nach ihr aus. Wolke und Krey? Einen Brief durchs Fenster? Und sie verschwieg's, als wir vorhin uns nah waren? 36   Zehnter Auftritt Thekla aus ihrem Zimmer tritt auf. Hicketier Gib mir Kreys Brief. Thekla (schweigt.) Hicketier Den Brief rück heraus. Thekla Er ist nicht von ihm, Tilmann. Hicketier Also doch von Wolke. Gib ihn. (Vorwurfsvoll:) Warum hinter meinem Rücken? Thekla (schaut ihn ruhig an) Er ist nicht von Wolke. Hicketier Von Wolke Krey nicht großer Gott! (Sinkt in einen Stuhl, springt wieder auf und sagt:) Nein nein nein! Sag nein! Thekla Wozu? Hicketier Mädchen ich bin närrisch. Raus das Wort ich selbst war schuldig. Gab über den Kranz auf dich nicht acht. Von wem? Thekla! (Sie stehen dicht beieinander, sehen sich tief in die Augen.) Hicketier (flüstert) Schippel? Thekla Du bist närrisch! (Und will gehen.) Hicketier (faßt sie, reißt sie zu sich heran und sagt) Wer endlich? Thekla (Stirn bietend) Meine Sache! (Entläuft, die Tür zuschlagend.) Hicketier Wolf in der Hürde! Sie muß fort. Aber wer es auch ist, ich fasse ihn! 37   Der dritte Aufzug Hofgarten vor der Hinterfront des Hicketierschen Hauses, den rechts ein Zaun abschließt. Es ist Abend. Erster Auftritt Thekla lehnt an einem Fenster des oberen Stockwerks. Der Fürst (in schwarzem Mantel erscheint von rechts. Unter ihrem Fenster, dicht an die Mauer des Hauses gepreßt) Thekla! Thekla Er ist's! Der Fürst An Waldrändern im Dunkel entlang, Schritt vor Schritt. Die Ruhe eines Oberhofmeisters steht auf dem Spiel. Das Schlimmste waren fünf, sechs erleuchtete Häuser, an denen ich vorüber mußte. Meine Untertanen schlafen noch nicht. Ich muß ein Gesetz darum erlassen. Thekla Wir haben einen Landtag, hoher Herr. Der Fürst Von Politik wissen junge Mädchen auch? Thekla Sie sind heutzutage umfassend gebildet. Kennen Naturwissenschaft und lesen im Kursbuch. Aber Prinzen, die nachts ans Fenster schleichen, gibt es nur noch im Märchen, ist ihnen gesagt. Der Fürst Jedem, der mich ertappte, bin ich Harun al-Raschid, sich Gewißheit über sein Volk verschaffend. Würde man mir's zutraun? Thekla Die Leute haben melancholischen Begriff von Ihnen, mit dem Nacht und schwarzer Mantel sich vertragen. Der Fürst Glaubt Thekla mir düstere Natur? Thekla Die stört in solcher Annahme das Einglas, das der 38 Fürst auch nachts trägt. Er sähe sonst nicht, antwortet er. Aber der aufrichtig Düstere schaut nur in Abgründe seiner Brust. Der Fürst Es steht mir, sagten Frauen. Thekla Ich kenne Prinzen aus dem Volkslied, das blanke Schwert an der Hüfte. Kommen Sie aber unter das Fenster junger Mädchen, umklammern sie zudem den Dolch. Einen Dolch verlangt jedes Mädchens Hochachtung vor sich selbst. Der Fürst So gleiche ich mehr jenem Eberhard dem Württemberger, der unbewaffnet sein Haupt jedem Untertan in Schoß legen durfte. Ahnt Thekla, was ich glühend wünsche in diesen Augenblicken? Thekla Zu sein Eberhard der Württemberger? Der Fürst Nichts anderes. Thekla Weil Sie, ein halber Knabe noch, zu ernster Pflicht bestimmt wurden, liebt Sie das Volk. Der Fürst Bravo. Bist du Volk, Thekla? Thekla Bin's. Der Fürst Untertanin? Thekla Untertanin. Der Fürst Herunter mit dir! Wie bei Shakespeare trete ich hier auf. Habe eine Neigung auf dich geworfen und donnere dir den Befehl zu. Thekla Ach, Shakespeare ist hin. Wir sind drei Jahrhunderte weiter. Der Fürst Also wie geschieht so etwas bei neueren Dichtern? Thekla Wollen Sie überzeugen, gehört der Landtag dazu, weil der Fürst konstitutionell ist. Der Fürst Ließe ich den Landtag kommen? Thekla Aber die Sozialdemokraten? Der Fürst Ein einziger. Wird niedergestimmt. Alles andere ist mir blind zu Willen. Thekla Nur müßten die vereinigten Gesetzgeber erst den 39 Bruder und seine Kumpane aus dem Haus schaffen, die mir den Weg sperren. Der Fürst Warum sind sie noch auf? Thekla In wichtigster Angelegenheit. Das Quartett konstituiert sich neu. Über vierzehn Tagen steht der Kranz des Fürsten auf dem Spiel. Ein Tenor springt nach des Bisherigen Tod ein. Der Fürst In Sachen des Singens wird es sein, daß ich offizielle Verbindung zu deiner Familie in den nächsten Wochen unterhalten kann. Deinem Bruder gewährte ich für morgen früh Audienz. Still! (Man hat vorher hinter einem breiten, erleuchteten Fenster des Erdgescbosses Schatten sich bewegen sehen. Jetzt erkennt man Schippels Silhouette am Fenster.) (Schippels Stimme singt:) Horch, die Lerche singt im Hain. Lausche, lausche, Liebchen still, Lausche, lausche, Liebchen still. Öffne sacht dein Fensterlein, Höre, höre, was sie will, Höre, höre, was sie will. (Im Zimmer Beifallsklatschen.) Der Fürst Vortrefflich gesungen. Warum gereicht solche Stimme nicht unserem Hoftheater zum Ruhm? Thekla Ein Bastard ist der Sänger. Der Fürst Doch also Shakespeare! Bastarde sind sein Zeichen. Fürsten und Bastarde. Nicht länger darfst du dich sperren, die Situation historisch zu nehmen. Auch mein Einglas ist verschwunden. Thekla Bleiben die Telegraphenstangen dort störend. Der Fürst Aber was vermögen sie gegen einen Bankert, einen Prinzen und erstaune: hier ist auch der Dolch. Zwar nur ein Jagdmesser, aber bei gutem Willen... Thekla Ich habe ihn. 40 Der Fürst Fehlt eine Leiter. Thekla Dort im Schuppen. Halt! Nie traf man Harun al-Raschid kletternd. Der Fürst Es ist eine Variante. Thekla Und die Ehre des Mädchens? Der Fürst Deckt der Mantel des Sultans. Thekla Leiter und Stube es ist nicht romantisch genug. Der Fürst Stube und Leiter so bürgerlich wie ich's gedacht. (Hicketier ist innen ans Fenster getreten, hat den Vorhang auseinandergeschlagen, schaut in die Nacht. Man sieht im Hintergrund des Zimmers Schippel, Krey und Wolke am Klavier.) Thekla Unsinnig. Ich darf's nicht wagen. Mit dem Bruder hatte ich schlimmsten Verdruß. Der Brief ward entdeckt. Schließlich, ihn zu beruhigen, log ich der Schwägerin, es habe der Dank für die gestern dem Fürsten geleistete Hilfe darin gestanden. Trotzdem soll ich morgen in der Frühe fort. Er fürchtet. Der Fürst Wen? Thekla Wen sonst? Der Fürst Littest du? (Hicketier ist vom Fenster verschwunden.) Thekla Ich liebe Tilmann. Sein Kummer ist mir das Härteste. Der Fürst So bin ich ein Eindringling in Frieden und Stille. Verleite Engel zur Lüge. Thekla Sündhaft von mir ist seit gestern jeder Atemzug. Aber ein Prinz! Ein junger melancholischer Held. Zu lange habe ich mit dem Bruder Volkslieder gesungen, in denen er unablässig auftritt, daß ich ihm hingegeben war, bevor er noch wirklich kam. Der Fürst Entspricht er? Thekla Ganz. Der Fürst Das ist ein Geständnis, Thekla. Thekla Soll es sein. Spräche ich sonst nachts vom Fenster herab? 41 Der Fürst Vertrauen? Thekla Unendlich. Der Fürst Hör zu: morgens finde ich dich oben am Rennstieg bei der Jagdhütte. Thekla Ich muß fort. Es ist vergebens. Der Fürst Darfst nicht. Nicht morgen. Nicht ehe du mich wiedersahst. Von sechs bis sieben in der Früh vermißt dich niemand im Haus. Zum Rennstieg reite ich im grünen Rock, im Hut mit grünem Bruch, den Hirschfänger an der Seite ist's romantisch genug? Magst du, heft ich einen Orden an; das goldene Kränzchen, das ich vom Kaiser hab, meinem freundwilligen Vetter und Bruder. Thekla Und wie komme ich? Der Fürst Kattun stell ich mir vor. Putz dich nicht. Komm aus deinem Stand zu mir. Wie du bist, bist du himmlisch vollendet. Thekla (summt) »Ihr Häslein weiß, ihr schwarzes Äuglein klar, Dazu trägt sie ein goldfarbkrauses Haar. Ihr werter Leib ist weißer als kein Hermelein...« Der Fürst Mit dir bin ich diesem Ton wirklich nah, und die Geschichte mit deinem Bruder, dem Singen um den Kranz, bürgerlicher Ehrgeiz, geht mir zu Herzen. In unserem Wald, in den kleinen Städten stecken die Tonelemente solcher Lieder und zwingen uns mit Lebendigkeit. Thekla Sie werden hier mit uns geboren und gehören zeitlebens zu uns. Es ist unsere Gegend, die die schönsten Gesänge erhält. Stehen in des Knaben Wunderhorn. Der Fürst So hat der Fürst des Landes wahrhaftig die Pflicht ihrer Pflege. Thekla Ich will sie dich von Grund auf lehren. Der Fürst Und das herrlichste bestimmen wir morgen zum Wettgesang. (Das Quartett im Zimmer singt. Man sieht Hicketier, mit dem Taktstock dirigierend, inmitten der drei.) 42 »Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen, Wem sprudelt der Becher des Lebens so reich? Beim Klange der Hörner im Grünen zu liegen, Den Hirsch zu verfolgen durch Dickicht und Teich, Ist fürstliche Freude, ist männlich Verlangen, Erstarket die Glieder und würzet das Mahl « (Der Fürst reicht beide Hände nach oben; Thekla gibt die ihren herab.) Der Fürst Du fürstliche Freude! Du männlich Verlangen! Das Quartett »Wenn Wälder und Felder uns hallend umfangen, Tönt freier und freud'ger der volle Pokal.« Thekla Die Leiter, schnell die Leiter her! (Der Fürst trägt die Leiter heran.) Das Quartett »Johohoho, tralalala . . .« Thekla Schau fort! Ich steige hinunter. (Sie tut's eilig. Der Fürst empfängt und umfängt sie.) Das Quartett »Tralala tralala tralalalala« usw. Thekla Die Leiter fort! (Der Fürst trägt sie zur Seite.) Thekla Wohin mit uns? Hinter den Wagen. Kommt jemand, verbirgt er. Der Fürst (umarmt Thekla) Du bist Geliebte, wie es steht. Kleid, Schürze alles gleicht dem Bilde. Thekla Und auch von Wuchs gefällig. Der Fürst Von Aug . . . Thekla Und Haar . . . Der Fürst Und Mund . . . (Er küßt sie.) Erwidere. Thekla Zu vornehm bist du, stolz. Der Fürst Nicht Stolz. (Er macht eine Bewegung, an ihr herabzugleiten.) Thekla (hält ihn) Herablassung . . . (Und beugt sich mit ihm.) 43 Der Fürst O Mädchen . . . Thekla (küßt ihn) Liebster. Der Fürst Ich heiße? Thekla Der vierte Heinrich. Der Fürst Die Zahl laß fort der erste hoff ich. Thekla Der einzige. (Sie standen neben dem Wagen und sind jetzt hinter demselben unter den offenen Schuppen verschwunden.)   Zweiter Auftritt Hicketier, Schippel, Krey und Wolke treten aus der Haustür. Wolke Ohne Umschweif: phänomenal. Krey? was meinst du? Krey Gut. Wolke Kantilene, Timbre Du bist im Innersten erschüttert, Hicketier. Hicketier Ich hatte so viel nicht erwartet. Ein Zweifel über den Ausgang des Wettsingens kann gar nicht mehr aufkommen. Es ist so gut wie gewesen. Wolke Wie die Stimme aber auch zu den unsrigen sich fügt. Nie kam solch Einklang mit Naumann zustande. (Zu Schippel:) Sie können mit der Nachtigall des Kaisers von China sagen: ich habe Tränen in euren Augen gesehn. Schippel Wahrhaftig. Sie hatten eine. (Er hält ihn am Rockknopf.) Wolke Es soll nicht geleugnet werden; das E brachte mich vollends zum Überlaufen. Hicketier Die Männerstimme, in hohen Lagen zumal, ist eins der größten Gotteswunder. Mir greift kaum ein anderes Ding so ans Herz. 44 Wolke Zärtlicher als Mädchenhände. (Zu Krey:) Schäm dich deiner Rührung nicht. Krey Übertrieben. Hicketier Gehen wir noch heiß vom Eindruck schlafen. Gute Nacht. (Er wendet sich gegen das Haus.) Krey Gute Nacht. (Geht mit Wolke gegen den Hofausgang.) Schippel , (der den beiden folgt, wendet sich zu Hicketier) Hallo! Hicketier Bitte? Schippel (zögert) Hm . . . Wolke Was gibt's? Schippel Eigentlich nichts. Wolke Kommen Sie. (Zieht Schippel gegen den Zaun.) Mit solchem Tenor, Krey, müßte es sich verlohnen, deine Komposition einmal zum Vortrag zu bringen. Krey (zu Schippel) Das lügt er in den Hals hinein, ich hätte je eine Note komponiert. Wolke (zu Schippel) Nie will er seine Vorzüge wahr haben. Aber sie kommen auch für Sie schon an den Tag. Was wollten Sie noch von Hicketier? Schippel (mit einem Blick auf diesen) Im Augenblick etwas Besonderes; aber wieder glatt verschwitzt. Haha... (Schippel, Krey, Wolke exeunt.) Hicketier (steht mitten im Hof und schaut zu Theklas Fenster hinauf) Ohne Gutenacht, ohne sich noch einmal sehen zu lassen. Das wird nun Tage und Wochen so gehen. Ich war wegen des Briefs zu heftig, zu schnell. Dank des Fürsten für die gestrige Hilfe. Unsere Lieder hat sie mitangehört; sie muß bewegt, im Fluß sein. In ihrem Köpfchen, in der Brust kämpfen Trotz und Liebe. Kind, Kind, schläfst du schon? 45 Aber blitzschnell war ich maßlos um dich besorgt, stockte mir der Atem. Weiß nicht, was es bedeutet. Dringe ich jetzt in das Chaos ihrer Seele, verderbe ich mir alles. Könnte ich in ihrer Nähe nur hören. (Er summt:) »Hören, hören, was sie will . . .« Wohlklang aus dieser Proletarierbrust! Nicht rissig, unsicher wie der Pöbel singt, sondern der Welt und aller Zusammenhänge bewußt. Alle guten Geister segnen dich! Dein Bruder, noch immer das Herz zerrissen von Bedenken, wollte nur versteh mich doch in deinen Träumen. Gute Nacht. (Er wirft gegen das Fenster eine Kußhand und geht ins Haus.) Der Fürst (wird neben dem Wagen sichtbar) Kein Mensch mehr hier. Wollen gnädige Frau nicht aus dem Dunkel unserer Hütte der schön beleuchteten Gegend Ihre Person wieder schenken? Theklas Stimme s Ich scheue Gegend, Licht und Atmosphäre. Daß diese Nacht nie endete! (Der Fürst verschwindet wieder.)   Dritter Auftritt Schippel (taucht am Zaun auf) Wie sich das Haus breitspurig in die Welt pflanzt! Uns bewuchert man für jeden Fuß Geviert; hier lungert ein leerer Wagen über Quadratmeter. (Mit erhobener Faust:) Ich hasse euch! Wie ihr Süßigkeiten zusammengeballt in eure Därme schlingt, faules Bürgerpack, euch entleert und weiterfreßt, bis mit Säften gefüllt ihr euern Kindern die harte Glätte vererbt, die als Folge gut genährter Nerven die Welt verpestet. Inzwischen müssen wir uns in einem Wurf, 46 oft mit uns selbst erschöpfen. Ein Enkel, der das Andenken ins Blut kriegt, kommt nicht zustande, der euch erschlüge! (Er tritt in den Hof.) Mir schlottern um ausgemergelte Glieder die Fetzen. Dem Bürgermädchen spannte sich der Rock über die Hüfte zum Platzen. (Er kopiert nochmals Theklas Gang. Dann streichelt er die Mauer des Hauses.) Da pfeift kein Wind hinein, an einen halben Meter dick die Mauern. Innen an der Wand bläht sich Porträt von Vater und Großvater. Geboren 1838, tot 86. Ich habe den einen nicht, geschweige den andern... Du entschlüpfest mir vorhin, Alter. Tolle Pläne hätte ich mit dir, wollte va banque machen, juckte mir die Tatze. Juckt mir schon wieder, an dich heranzukommen, unmittelbar, daß dir mein Atem ins Antlitz bliese. Ich verschmachte hier unten nach dir, feister Spießbürger. Stößt aus deinem Wanst einen recht selbstsicheren Baß herauf: bin verliebt in dich, in deine ganze Art und Rasse. Mein Herzchen klopft, die Pulse jagen. So geh ich nicht schlafen. (Erblickt die Leiter.) Leiter! Ich wag's. Hast eine Anziehungskraft, Baron, auf den Enterbten, stärker als ein Weib. (Er legt die Leiter gegen Theklas Fenster, steigt hinauf und sieht hinein.) Ein Hemdchen überm Stuhl. Kemenate! Hier nicht. (Klettert im Nu herab, legt die Leiter von neuem an, steigt hinauf und sieht in ein Fenster.) Er ist's! Rauscht alle Natur! Hängt den Rock über einen Bügel, streicht ihn noch glatt. Freilich Ordnung muß im Weltall sein. Der Hosenträger an sechs festen Knöpfen, merk's Schippel. Und graue Socken mit Strumpfbändern. Hicketier (stößt von innen das Fenster auf) Sind sie wahnsinnig? 47 Schippel Singselig. Glatt aufgewühlt von vorhin. Stellt Euch, Bürger, nicht so erschrocken über das kleinste Quantum Rage. Hicketier Sie machen jeden guten Eindruck zunicht. Gehen Sie heim. Schippel Ein Kauz sind Sie. Verstehen meine Absichten niemals. Ich wollte, hahaha, wollte halt ein wenig zum Bewußtsein des Glücks von eben kommen. Hicketier Eher könnte man meinen, Sie hätten es völlig verloren. Mitten in der Nacht. Nebenan das Fenster meine Schwester schläft hörte sie Marsch! (Wirft das Fenster zu.) Schippel (steigt die Leiter hinab) Kommandoton. Schläft die Schwester (Er steht wieder mitten im Hof.) Die weißgewaschene helle fette. Hund, Schuft! Du willst mich betrügen! (Er stürmt die Leiter hinan und schlägt mit der Faust in Hicketiers Scheiben.) Hochgesprungen! Heraus aus deiner satten Ruh! Das Mädchen nebenan gerade das will ich... (Der Fürst, hinter ihm Thekla sind für die auf der Bühne unsichtbar, zögernd, sich verbergend neben den Wagen getreten.) Hicketier (dessen Gesicht oben kurz hinter den Scheiben sichtbar geworden, erscheint, aus der Haustür stürzend, auf der Szene, springt an den Fuß der Leiter und zischt zu Schippel hinauf) Was sagt der Hallodri? Schippel (auf der Leiter ihm zugewendet) Die Schwester gerade! Oder Ihr zieht mir mit Zangen keinen Ton aus der Kehle! (Hicketier ist zum Wagen gestürzt, reißt die Peitsche vom Kutschbock. Der Fürst und Thekla sind bei Hicketiers Nahen hinter den Wagen zurückgewichen.) 48 Hicketier (erblickt sie, schreit kurz auf) Ah! (Reißt sich zusammen und taumelt gegen Schippel.) Bellt der Köter? Dreckiger Prolet! Schippel (springt von der Leiter, entreißt Hicketier die Peitsche, preßt ihn umklammernd gegen die Mauer und steh Antlitz an Antlitz vor ihm. In höchstem Affekt) Ja Prolet mißduftend. Heiraten die Schwester, das Aas, das stolze Aufrichten meine rote Standarte über euch! Krepiere, Alter, wackele mit dem Kopf. Wir reden darüber! (Er stürzt durch die Zauntür ab. Hicketier steht paralysiert. Der Fürst geleitet Thekla mit fürstlicher Gebärde ins Haus. Bleibt dann vor Hicketier stehen.) Der Fürst Ihre Schwester Thekla jetzt zu bewegt selbstverständlich morgen... (Wendet sich schnell zum Gehen.) 49   Der vierte Aufzug Gleiche Szene. Frühmorgens. Erster Auftritt Hicketier sitzt schlafend in einer Laube. Jenny (erscheint in der Haustür) Ich bringe es nicht übers Herz, ihn zu wecken. (Wolke kommt vom Zaun her.) Jenny (zeigt auf Hicketier) Pst! Wolke Potz! Jenny Da saß er die ganze Nacht. Als ich morgens wach werde, finde ich ihn nicht im Bett. Wolke Sorgen. Schippel! Jenny Macht er auch gute Miene zum bösen Spiel, innerlich duldet er Qualen. Wolke Er soll sich die wenigen Tage bis zum Fest noch zusammennehmen. Wolkes sind auch nicht die ersten besten. Hast du mit ihm über unseren Plan gesprochen? Jenny Welchen? Wolke Krey. Ich möchte, Verlobung und Singfest wird mit einem gefeiert. Jenny Du bist unbedingt auf dem Holzweg. Krey wurde bei einer zarten Anspielung auf ein nächtliches Schleichmanöver so ungeschliffen grob... Wolke Stimmt! Er ist ein Luchs, Fuchs, Kuckuck. Es gibt, meine Gute, Perversionen der Liebe, von denen du nichts ahnst. Wir haben da zum Beispiel den Korybanten, der im Traum die Geliebte in schlimmste Gefahren, widerlichste Schliche verstrickt, sich einbildet, aus denen sein Mut sie errettet. 50 Jenny Gräßlich! (Hicketier macht im Schlaf einen Schnarcher.) Wolke Bravo! Allmählich nun und das ist das Dämonische an der Geschichte entfernt er sich von der harmlosen Wirklichkeit der Angebeteten so bedeutend, daß er sie in ihrer schlichten Gesundheit überhaupt nicht mehr zu schätzen vermag. Wirkung: Katastrophe. Mütter jammern, Väter wimmern unter Trümmern. Ursache: Korybant. Ohne nun behaupten zu wollen, mit Krey wäre es so, hat es mit ihm doch das auf sich, was Natur ein Phänomen nennt, das heißt in folgender Beziehung: seine geistige Überlegenheit Jenny Daß du ihn für so klug hältst! Wolke Ein Universalgenie, Jenny! Sprich über die Juden mit ihm. Ah, ein Köpfchen! Oder nimm die Technik, Physik, Algebra, und halt dabei seinen Augapfel in acht. In der quicken Pupille, wie sie zuckt und schlitzt, liegt der geheimnisvolle Vorgang. Jenny Kurz? Wolke Er hat Thekla in sich zu ausbündiger Vollkommenheit erhoben. Platonische Idee. Nun traut er sich nicht. Jenny Und hat einigermaßen recht. Sie ist eine Hicketier und dazu ein himmlisches Kind. Wolke Eine Leckerei ohnegleichen. Zugegeben. Nun höre meinen Feldzug: ich drang mit Reden in ihn, ließ ein Bild, ihre Schrift bei ihm liegen; füllte seine Sphäre mit ihrem Geist, ihrem Geruch, ich der Ausdruck sei erlaubt verpestete sein Leben mit ihr. Schließlich, da der Koloß in seinen Knien wankt, fuhr es mir heute nacht ihm gegenüber heraus, sie habe in Liebesraserei seine und ihre Initialen verschlungen in die große Ulme dieses Hofes geschnitten. Jenny Wolke! Wolke Es geschah von meinen Händen zwischen fünf und sechs Uhr heute morgen. Sieh her. 51 (Er zeigt ihr die Stelle.) Jenny Aber! Wolke Da sah ich Hicketier schon. Er schnarchte regelmäßig und fest. Ich machte mir gleich meine ernsthaften Bedenken über ihn dort am Tisch. Und was gilt nun die Wette: Krey, ehe er zum Bureau geht, jeden Augenblick jetzt erscheint, sich zu vergewissern. Jenny Da ist er! Wolke (zieht Jenny hinter den Wagen) Zurück!   Zweiter Auftritt Krey (kommt, sieht sich vorsichtig um und springt an die Ulme) Wahrhaftig! (Er lehnt gegen den Stamm und wischt sich den Schweiß von der Stirn, aufstöhnend:) Entsetzlich! Ich scheine verloren. (Exit.) Wolke (tritt mit Jenny hervor) Tränen? Jetzt ist jede Diskussion geschlossen. Ja teurer Freund ich wollte dein Glück. (Ihm in Bewegung nach.) Jenny (tritt in die Laube und setzt sich Hicketier gegenüber) Geliebte Seele. Hicketier (aus dem Schlaf) He? Jenny Es ist acht Uhr vorbei. Hicketier (jäh erwachend) Thekla? Jenny Du schliefst die Nacht hier? Hicketier Schloß kein Auge. Jenny Laß endlich deine Sorge. Habt ihr den Kranz, entledigt ihr euch Schippels. Hicketier Ein übler Traum war das. Sag mir deine heimlichsten Gedanken. Jenny Ich habe keine. Den Kaffee hol ich dir. 52 Hicketier Und Thekla? Jenny Soll heiraten. Hicketier Weiß Gott! Jenny Sie ist im Alter. Nur wird sie mit ihrem Kopf Besonderes wollen. Hicketier Zu niemandem ein Wort, zu ihr selbst nicht: Schippel! Jenny Tilmann! Hicketier Wir hatten die Köpfe im Sand. Inzwischen ist's weit gediehen. Weigerung meinerseits verbürgt eine Katastrophe. Jenny Thekla HicketierSchippel! Mit allen Kräften... Hicketier Nein, ich habe einen Plan: dem Burschen wird ein Stammbaum gezimmert. Jener verabschiedete Offizier, Junggeselle, der an Schippels Leben schuld sein dürfte, soll ihn adoptieren. Der Vermögenslose ist zu bewegen. Leib und Seele setze ich daran. Frage nicht! Du weißt Bescheid. Kein Wort mehr bis zum endgültigen Abschluß. Jenny Ich machte mir Vorwürfe doch war sie unaufrichtig. Hicketier Das war sie. Jenny Vielleicht könnte Schippels wegen der Fürst... Hicketier (springt auf) Keine Krume von den Großen! Kein Gequengel und Gebettel, Almosen und zum Schluß Verlegenheiten. Mit fester Hand alles selbst! Jenny Das walte Gott. (Exit.)   Dritter Auftritt Thekla öffnet im Haus ihren Fensterladen. Noch nicht völlig bekleidet, breitet sie die Arme gegen die strahlende Sonne. Man erblickt am Oberarm den goldenen Reif. Hicketier tritt aus der Laube in die Mitte der Szene ihr stumm gegenüber. Thekla löst das Band vom Arm und wirft es dem Bruder zu. Hicketier (fängt es und wirft es zurück. Eindringlich) Nichts gibt's, das die Gebärde rechtfertigt. Am entscheidenden Ort keine Romantik. Eine Mitteilung, auf die ich Antwort will: deine Hand ist gestern von Herrn Schippel gefordert. (Thekla leiser Aufschrei.) Hicketier Bedenken, von mir erwogen, haben praktischen Einwendungen nicht standhalten können. Thekla entgeistert Bruder . . . Hicketier Alle Aber fallen in die Nacht. Heute, morgen, dein Leben lang. Thekla Mein Schicksal! Hicketier Bürgerin! Thekla Ich oh Herz (Verbirgt ihr Gesicht in den Händen.) Hicketier (abrupt ausbrechend) Traum hin. Ins Licht gesehen. Stolz, Stolz, Hicketier: Auf Mark und Knochen besonnen, ehe du durch Jux und Faxen lächerlich, verspült wirst. Thekla Ich komme! (Sie stürzt vom Fenster, ist gleich darauf auf der Szene und fliegt Hicketier in die Arme.) Was du willst. Aus deiner Seele geschieht mit mir Wahrhaftigkeit, fühle ich. Hicketier In einer Stunde bist du über alle Berge zur Tante, bleibst, bis ich dich in Ehre, Frieden und Gewißheit zurückrufe. Sei ausgiebig in deinem Schmerz, wirf dich ihm grenzenlos hin, zeichne durch seine gründliche Tiefe vor den Nächsten dich aus und ende ihn nicht zu frühzeitig. Doch verbirg ihn. Vom Mitmenschen mag die Welt nichts als seine Tüchtigkeit. 54 (Er macht, indem er den Arm um ihre Schultern legt, einige Schritte mit ihr.) Wenn dir als Gattin, Mutter oder Ahne der heutige Tag vor der Seele lebendig wird, muß eine überlegene Geste, die du gemacht, dir das Herz mit schöner Gewißheit füllen. Trete ich später über deine Schwelle, wird dasselbe Lächeln, das hinter Tränen dir schon um den Mund steht, uns erinnern, wer wir sind, woher wir stammen und was wir über uns vermocht. Segne Gott dich, Kind. (Thekla zeigt in die Ferne, aus der Schippel auftaucht.) Schippel (ruft) Guten Morgen allerseits! Thekla Guten Morgen, Herr Schippel. (Exit.)   Vierter Auftritt Hicketier Sie kommen wie gerufen. Schippel Komme, gerufen von innerer Unruhe. Ab gestern abend hielt ich mich nie weit von Ihrem Haus entfernt. Hicketier Wie ein Habicht um seine Beute kreist. Schippel Auf jenen Hügel bis an den Bach kroch ich und hatte die Lichter dieses Zimmers (Er zeigt auf Theklas Zimmer.) fortwährend im Auge, die nicht erloschen. Mit welchen Gefühlen! Hicketier Welchen? Schippel Sagten Sie es nicht? Hicketier Habicht! Schippel Als Kind ging ich zu anderen Kindern auf die Straße. Ein Mädchen spie mir ins Gesicht: Thekla Hicketier. Hicketier Ah! Schippel Haß, der zwei Jahrzehnte geschwelt, brach in 55 dieser Nacht lichterloh aus in mir, überflammte mich. Als morgens der Bach lauter herabstürzte, überbrüllte ich ihn mit Tönen, die ich nie von mir gehört und die nun bis zum Singfest mein sind, weil einzig sie mir den Besitz dieses Mädchens verbürgen. Den halben Genuß meiner erfüllten Rache nähme ich mir aber, verschwiege ich Ihnen, welche Träume ich geträumt, welche Gebärden ich in der Einbildung mache, wie ich Hand legte an diesen Leib. Hicketier Sie sind ein toller Bräutigam. Denn durch Zustimmung des Mädchens sind Sie's. Schippel Ich hatte Gewißheit, als ich Sie beide eben überraschte. Hicketier Und Ihre immer wieder an den Tag gebrachte Aufrichtigkeit... Schippel In der wir uns treffen. Sie werden sich stets des Umgangs mit mir schämen. Hicketier Gut kapiert. Schippel Ohne Sorge. Mein Weltbild ist einbildungslos, solid. Aber die Gewißheit, ich halte Sie aus Ihrer Eitelkeit um den Kranz tagelang zwischen Händen, knete an Ihnen nach Gefallen Hicketier Spielen so ein bißchen lieber Gott vor sich selbst. Schippel Man hat's endlich nötig. Hicketier Sind gewissermaßen von glücklichen Winden gebläht. Schippel Habe Schwung und Einbildungskraft. Hicketier Die Sie an Thekla legen. Schippel An die Schwester, Schwager. Hicketier Meinen, ich erbebe? Schippel Habe meine Anzeichen dafür. Hicketier Rückst mir wieder nahe. Bauch klopfen. Hahaha. Schippel Seelisch, Freundchen. Hab's anders nicht mehr nötig. Hicketier Strengst deine Warenhausphantasie mit Thekla mächtig an. Weil sie dich bespie... 56 Schippel Und so kommt die Stunde, da wir in meinen vier Wänden uns gegenüberstehn, Gatten Hicketier (mit lautem Lachen) Und? Schippel Ich abrechnend vor ihr aufwachse, balle die Worte im Mund... Hicketier Und? Schippel Beginne . . . Hicketier Stolz in der Brust, einer Hicketier windiger Ehgemahl. Schippel Vor der alles die Worte in Watte packte. Ich, irgendeiner, der aus Zufall wurde, in der Gosse aufwuchs, will jetzt die unbefleckte Bürgerin, will jetzt, packe sie an (Packt Hicketier.) Hicketier Und? Schippel Alter Fugger, kracht dir das Herz? Hicketier (mit dröhnendem Lachen) Es lacht über dich Lumpensammler, der du glaubst, ein Kleinod aufzupicken. Höhere Gesetze ducken dich: Was unsereins dir gewährt, ist höchsten Glanzes verlustig... Schippel (prallt zurück.) Hicketier Verlor, für dich noch tausendmal zu gut, an einen Besseren die Blüte. Schippel Thekla . . . ? Hicketier Ist dir gewährt. (Große Pause, in der Schippel abgewendet steht.) Hicketier (geschäftlich) Ich bin dem neuen Familienmitglied noch Aufklärung schuldig. Auch über die Höhe der Mitgift wollen wir in meinem Büro weitersprechen. (Er macht eine Gebärde gegen das Haus.) Darf ich bitten. Dann habe ich eine Möglichkeit ins Auge gefaßt, wie dem Mißstand Ihrer dunklen Geburt abzuhelfen sei. Es handelt sich um jenen ledigen Offizier, der an dem Unglück schuld war. 57 Schippel (dreht sich ihm zu) Ich nehme Ihre Mitteilung zur Kenntnis. Hicketier Bravo. Schippel Ohne weiteres wissen zu wollen . . . Hicketier Bravo. Schippel Glaube ich nicht, daß der in mir wurzelnde Begriff von Mannesehre mir erlaubt, die Werbung länger aufrecht zu erhalten. Hicketier (konsterniert) Was?! Schippel Glaube nicht. Muß mir Entscheidung vorbehalten. Hicketier (mit ausgestreckten Armen gegen ihn) Fort, fort! Hinaus! Schippel (tritt zurück) Spüre schon, Verwandte können wir nicht sein. (Hicketier dringt auf ihn ein.) Schippel (wehrt mit großartiger Handbewegung ab) Bescheiden in unserer Verlegenheit!   Fünfter Auftritt Krey und Wolke treten auf. Schippel Ich will beim Fest singen wie ein Gott! Wolke Sehe ich Sie ohne Halstuch, ist mir stets um Ihren Kehlkopf angst. Krey Malzbonbons. Schippel Ohne Sorgen, meine Herren, ich kenne meine schwere Verantwortung als Gentleman. (Hicketier ist aufs Haus zugegangen.) Schippel Guten Morgen. (Exit.) Wolke (zu Hicketier) Höre! 58 Hicketier (in der Haustür) Später. (Exit.) Krey (zieht Wolke an die Ulme) Schwöre! Wolke Ich könnte zwei Finger heben, und es wäre vollbracht. Aber erst will ich dir mehr von ihr sagen, was ich beobachtet: du kennst die Kamille, den Rittersporn und Löwenzahn, kurz, es blüht keine Blume, die sie nicht pflückte, zu fragen: er liebt mich nicht liebt mich! Krey Schwöre, sie schnitt die Zeichen ein. Schwöre. (Er packt ihn.) Wolke Du kennst den Majoran. Krey (preßt ihn so stark, daß Wolke sich windet.) Wolke Pechnelke meine ich. Krey Schwöre! (Er tritt ihn, verfolgend, in den Hintern.) Wolke (laufend) Und geht es auf mit: er liebt mich... Krey (hat ihn wieder gepackt und schüttelt ihn, indem er ganz außer sich brüllt) Den Eid! Den Eid! Wolke Was wäre dabei. (Er hebt die Hand zum Schwur.) Ich schwöre! Krey (fällt auf einen Stuhl und verdeckt das Gesicht mit den Händen.) Wolke Närrischer Mensch, gutes in Vorurteile gezwängtes Herz. Schau mich, deinen Wolke schau an, der dich herzlich liebt und keine Stunde länger deine Gewissensqualen mit ansieht. Der aber auch für sein eigenes Dasein fortan Ruh will. Krey, (Mit erhobenen Händen:) Krey, (Auf Knien vor ihm, ganz erschüttert:) hol dir Thekla. Krey (hebt ihn auf und küßt ihn) Ich sehe nicht in Zusammenhänge, weiß nicht warum, da alles bisher so gemütlich war. 59 Doch aus deinem Herzenston hörte ich, es soll so sein. Kein Wort weiter. (Sie schütteln sich die Hände.) Warte hier; als Bräutigam komme ich wieder. (Geht ins Haus.) Wolke Das ist ein Kerl, ein wonniger, gottbegnadeter! Wie komme ich arme Kreatur zu dem ja also wie?! 60   Der fünfte Aufzug Waldlichtung. Anbrechender Tag. Erster Auftritt Der Fürst kommt von rechts. Thekla von links. Beide schnell aufeinander zu, reichen sich die Hände. Der Fürst Daß Sie mir diese letzte Zusammenkunft gewährten, wird mir Ihr Andenken in den Himmel heben. Thekla Ich bin die Braut des fürstlichen Beamten Heinrich Krey. Der Fürst Der Bruder verkündete es gestern in das für ihn siegreich beendete Sängerfest. Mir wurde Thekla durch allerhand Listen und Hinterhältigkeiten verwehrt, was meine Mannesehre anging. An Stelle des erwarteten Widerstands traf ich Lächeln und ewige Bereitwilligkeit, nur Sie selbst, die in der Zwischenzeit verschwunden, fand ich erst als Braut wieder. Wer ist wer wagt es eigentlich? Thekla Kurz, es geschah. Mußte geschehen. Und wäre man auch bald darüber gestorben wir leben beide. Der Fürst (mit Gebärde) Thekla! Thekla Sie wollen, Durchlaucht, mich von neuem nicht verführen. Sie sind der Mann, dem ich wieder gehöre, wollte er. Ohne Sie bin ich immer einfältig, das weiß Gott. Doch herrscht, sind Umstände nicht allzu ungünstig, Zucht in mir. (Der Fürst will seinen Arm um sie legen.) Thekla Sind Umstände nicht ungünstig. Zucht in mir. Der Fürst Geliebte! 61 Thekla (mit letzter Willensanstrengung zornig mit dem Fuß stampfend) Zucht! (Der Fürst tritt zurück. Thekla lächelt sofort.) Thekla In diesen schweren Tagen, in denen ich aus dem Schicksal, das ich von Ihnen erfuhr, über Sie hindachte, bin ich Sie deutlicher inne geworden, als Sie sich selbst wohl erkannt... (Sie wankt. Der Fürst umfaßt und hält sie einen kurzen Augenblick, doch keusch, in Armen.) Thekla Sie sind ein entzückendes, unvergeßliches Glück für Frauen. Schlank, warm und hungrig wie ein Kind, bringen Sie einer jeden die Überzeugung bei, sie sei die erste Frau, die Sie umfängt, und rechtfertigen Hingabe. Besitzen aber die für Sie verschwendete Fülle der Empfindungen noch ohne Bewußtsein mit heldischem Übermut, und erst mit den Jahren wird Ihnen aus häufigen Bekanntschaften die Frau deutlich und vertraut werden. Wollte Gott, mein Bild hätte dann in Ihnen noch so viel Leuchtkraft, daß ich nicht unter den Unedlen stehen muß. (Sie nimmt aus dem Busen den goldenen Reif und gibt ihn dem Fürsten. Mit Tränen in den Augen.) Andenken an Thekla Hicketier! (Der Fürst beugt sich tief auf ihre Hand.) Thekla Wollen Sie Heinrich Kreys Braut zum letztenmal über die Wiesen begleiten? Der Fürst Können Sie ihn . . . ? Thekla Alsbald wohl. Er hat einen edlen Charakter bewiesen. Der Fürst (im Gehen) Versprechen Sie mir, daß es in Ihrer Erinnerung nicht einst auch von mir heißt: er bewies einen edlen Charakter, sondern: er war ein unvergeßliches Glück für Frauen. Thekla Dazu sagt mein Herz ja. (Exeunt.) 62   Zweiter Auftritt Schippel (tritt auf in Frack und Zylinder) Das sind Situationen, die das Elend der Welt deutlicher machen als allerhand Knotenpunkte. Die vergangene Nacht voll irrsinniger Angst, und solche Morgenstunde, die kein Geld, eher kühlen Tod im Mund hat. Zu dem großzügigen Verzicht auf das Mädchen, der mich mein halbes Leben kostete, auf meine heroische Haltung beim Singfest, das durch mich ein Sieg wurde und bei dem ich von diesen Halunken nur ein Nicken erntete, als Gipfel eine Forderung vor die blanke Pistole. Weil ich dem aufgeblasenen Bräutigam andeutete, seine gloriose Braut habe eher getechtelmechtelt. Welcher Hohn, mich in einer Angelegenheit plötzlich mit ihrem Maß zu messen, in der mir jedes andere erträglicher wäre. Gestern Fest, heute Duell. Ich komme aus dem Frack nicht mehr heraus. Aber so listig eure Grube gegraben ist, ich falle nicht hinein. Ich fliehe! Schleunigst über alle Berge von hier. Ihr sollt mir meinen Brustkasten nicht durchlöchern. Ist ja Mord, einem harmlos Lebendigen, der nie eine Waffe hielt, so begegnen zu wollen. Mit dem Schein auf Recht. Was aber, ihr Hunde, blieb mir von meiner ganzen Heldentat, wenn ich nicht jedem erzählen darf: ich pfiff auf Thekla Hicketier He? Du bist hier total zu Ende, Junge. Die Geschichte ist für dich verpfuscht. Eine Hand, einen Fuß hätte ich gegeben, mich auf der Höhe zu halten. Aber ich lasse mir nicht einfach in den Bauch schießen. Denn ich würde fallen, hatte fürchterliche Träume, sah mich mit einem faustgroßen Loch im Unterleib, und die Gedärme schleiften nach. Was ich schon fest in Händen hielt, verloren; nur mein junges Leben gerettet. Ich will wieder flöten und singen gehen, bleibe auf Trinkgelder erpicht, aber abends im Bett kann ich meinen heilen Leib betasten, darf wieder den Schnabel brauchen, muß 63 meinem ganzen Habitus nicht mehr fortwährend Scheuklappen anlegen. Kurzer Glanz, wie ich Hicketier in Händen hielt. Doch zu welchem Ende sollte es führen: einer bengalisch beleuchteten Leiche. Das ist nichts für meiner Mutter Sohn. Heiland! Hat mich blinder Drang an den Platz geführt, der ausersehen war, mich ins Gras beißen zu sehn. Hier hätte Krey mich niedergeknallt. Aber nun mache ich eine überraschend konträre, sagen wir besser, eine tiefinnerlich entsprechende Geste: verdufte in das Nichts, aus dem ich mich aufhob. (Exit.)   Dritter Auftritt Von der anderen Seite treten auf Hicketier, Krey und Wolke, alle im Frack. Wolke In fünf Minuten sieben Uhr. Wir sind die ersten. (Zu Krey:) Wie ist dir? Hicketier Laß deine ewigen Fragen an ihn. Er scheint gefaßt. Wolke Mir aber stehen Haare gesträubt. Hätte ich diesem unseligen Duell nicht doch noch schließlich das Wort geredet, hätten wir Schippel auf diplomatischem Weg zu dem Unseren gemacht, uns seiner ferneren Haltung versichert. Dieser Mensch, davon bin ich nach seinem Auftreten überzeugt, schlägt eine furchtbare Klinge, schmettert Krey glatt eine zwischen die Rippen. Zudem sah ich unsern Freund im Traum ohne Kopf. Hicketier Du hast ihn, scheint's verloren. Wolke Wo bleibt der Arzt? (Zu Krey:) 64 Klopft dein Herz? Was macht der Puls? (Befühlt ihn.) Als du trankst, sah ich, du hast eine belegte Zunge. Was wird das geben! Krey Und war vorher alles so gemütlich. Hicketier Schippel hielt sich, als man die Forderung brachte, einwandfrei. Wolke Ist das ein Wunder? Wahrscheinlich hat er, auf jede blutige Eventualität gefaßt, die Pistole seit Wochen nicht aus der Hand gelegt; Krey aber, dem ich erst den Mechanismus des Drückers erklären mußte, ist vor solchem Schnapphahn geliefert. Hicketier Versau uns durch deine Feigheit nicht das Bild dieses Zusammentreffens. Wolke Ich pfeife auf Äußerlichkeiten, da das Leben dessen auf dem Spiel steht, der mir auf Erden das Liebste bedeutet. Krey (kläglich) Schweig, Wolke. Wolke Ein Bräutigam, ein Liebender und Geliebter, soll er im Frührot des Lebens in einen grausamen Tod! Bereitet sich hier nicht Mord vor, und bist du, Hicketier, an demselben nicht schuldig? Hast du Krey nicht mit solchem Nachdruck auf die verletzte Ehre seiner Braut gewiesen, die er aus eigenem Antrieb an einem tief unter ihm Stehenden nicht durchaus mit der Waffe hätte rächen wollen, nachdem er seine großzügige Gesinnung schon hinreichend bewies, als er über Theklas nicht aufgeklärtes Abenteuer den Schleier der Liebe breitete? Hast du den Besitz von Theklas Hand nicht gradezu von diesem Duell abhängig gemacht, so daß von allen Seiten Außergewöhnliches geschehen mußte, es überhaupt zu ermöglichen? Und warum das alles? (Zu Krey, der zusammengesunken dasteht:) Mut, Krey! Weil im letzten Grund du Achtung vor den Fisematenten 65 dieses Heraufkömmlings hast. Hicketier, ich ahne in deiner Seele schon lange düstere Vorgänge unterbrich mich nicht! Deine vorgegebene Hoheit ist nur noch ein pappenes Schild. Der Himmel hat dich mit Schippel heimgesucht. Hicketier Ein Habenichts, schlug er hunderttausend Mark, die an einem schönen Mädchen hingen, aus, hat, eines kläglichen Lohns hinterher von unserer Seite gewiß, mit unentwegt himmlischer Stimme den Kranz ersungen und stellt sich, ungewohnt solcher Prüfungen, mannhaft vor die Mündung einer Pistole. Krey tut nur das Äußerste, zuckt er solchem Heldenmut gegenüber nicht mit der Wimper. Wolke Unsereins, des natürlichen Vorrangs bewußt, hat nicht den Ehrgeiz, mit Schippel um die Palme zu ringen. Krey Schweig, Wolke! Hicketier Es muß mir gestattet bleiben, die menschliche Qualität meiner näheren Umgebung immer wieder auf die Probe zu stellen. Mach Krey durch dein Gehabe im entscheidenden Moment nicht untüchtig. Wolke Sieben Uhr. Kein Mensch läßt sich sehen. Krey Vielleicht hat er's vergessen. Hicketier Unsinn! (Er geht einige Schritte in den Hintergrund.) Wolke Zwei Minuten nach sieben. Krey Ich lebte so gemütlich. Du siehst, wie weit du's mit mir gebracht. Wolke Wie lange müssen wir eigentlich warten? Krey Mir wird schwach. Hicketier Könnten sie den Platz verfehlt haben? Wolke Krey steht vor einer Nervenkrise. Hicketier (zu Krey) Weise Wolkes Albernheiten doch zurück. Wolke Acht Minuten nach sieben. Sind wir verpflichtet, bis zum Abend hier zu warten? 66 Hicketier Sie haben uns verfehlt; suchen wir sie zu finden, Kommt! (Exit.) Wolke Fiele ein Orkan, Erdbeben ein! Krey Tatsächlich streiken meine Nerven. Und lebte so gemütlich. (Wolke nimmt Krey unter den Arm und schleppt ihn fast davon.)   Vierter Auftritt (Nach einem Augenblick erscheinen von der anderen Seite Müller und Schultze schwarzgekleidet und winken zurück. Der Arzt, Schippel am Arm haltend, kommt mit ihm in den Vordergrund der Szene, wo Schippel, durch einen Busch verborgen, den auf der Bühne Stehenden unsichtbar ist.) Der Arzt Nehmen Sie sich zusammen! Nicht kindisch sein. Schippel (schlotternd im Flüsterton) Lassen Sie mich laufen, Doktor; hätten Sie mich nicht gerade noch erwischt, wäre ich über alle Berge davon. Sie sind ein Freund der Armen, bitte loslassen! Der Arzt Unsinn. Die Konsequenzen. Schippel Ich bin ein armer Kerl ohne Konsequenzen. Der Arzt Seit dem Fest sind Sie in der Bürgerschaft eine angesehene Person. Schippel Ein Prolet, versichere Sie. Vor vierzehn Tagen noch ungekannt in einem Winkel. Ich verschwinde ins Nichts zurück, molestiere keinen. (Müller und Schultze haben den Platz abgeschritten, Pfähle in den Boden gesteckt. Sehen jetzt nach der Uhr.) Der Arzt Ihre Ehre, zum Donnerwetter! Schippel Ach Doktorchen, habe keine. Schwöre Ihnen. Loslassen! 67 Der Arzt Die Gegner werden einen Strom von Lächerlichkeit über Sie gießen. Schippel Sollen sie. Ist ja, was ich will, Doktorchen. Bete drum, himmlisch! Bin ja ein Hund, ein Aas, Elender; sage es selbst. Der Arzt Nur eine Nervenkrise, nichts weiter. Schippel Durchaus nicht. Mir schlottern die Knie. Ausgemergelt. Der Tod, Doktor! Loslassen. Doktor, der Tod!! Ich falle vor Ihnen nieder.   Fünfter Auftritt Hicketier, Krey und Wolke kommen zurück. Hicketier Da sind die Herren. (Allseitige Verbeugung.) Hicketier Die Plätze sind bezeichnet. Bitte jeder an seinen Standort. (Es begibt sich jeder an seinen Platz. Krey und Schippel stehen sich in der Diagonale der Bühne gegenüber, so daß Schippel ganz vorn rechts die Rampe berührt, und Krey die äußerste Spitze des Hintergrunds links besetzt. Neben Schippel rechts der Arzt, links die zwei Herren, bei Krey links Hicketier, rechts Wolke. Müller hat zwei Pistolen aus einem Kasten genommen, lädt sie, zeigt sie Wolke und sagt) Müller Zweimaliger Kugelwechsel, zwei Läufe. Beide geladen. Wolke Komisches Spiel. (Der Arzt hat seinen Instrumentenkasten geöffnet. Krey steht schwankend.) Hicketier (leise zu ihm) Mut! Krey (lallt etwas wie B-lut . . . Schippel (steht schwankend.) Der Arzt (leise zu ihm) Mut! Schippel (lallt etwas wie) T-t-tot. 68 (Schultze hat ein Taschentuch wie eine Fahne gezogen.) Hicketier Beim Zeichen des Tuchs bei drei: Feuer! Schultze zählt Eins zwei drei! (Und schwenkt das Tuch. Krey fällt. Alles läuft zu ihm und zieht ihn ein paar Schritte von der Szene.) Stimme des Arztes Der Arm unbedeutend geschrammt. Stimme Wolkes Gott sei gelobt. (Schippel, der mit ausgestrecktem Arm gleich einer Marmorsäule allein auf der Szene steht, schießt von neuem. Alle außer Hicketier und Wolke stürzen zu ihm.) Der Arzt Sind Sie wahnsinnig? Alles ist vorbei, Herr Krey leicht verwundet. Sie blieben unverletzt. Schippel mechanisch Danke. Der Arzt Wollen Sie zur Versöhnung Ihren Gegner nicht aufsuchen? Schippel (mechanisch) Bitte. (Er läßt sich vom Arzt nach hinten führen.) Wolke (tritt ihm entgegen) Haben Sie Dank, edler, edelmütiger Mann. Nie wird Wolke ihre Großmut vergessen. Hicketier (kommt und sagt zu Müller und Schultze) Ihres Mandanten Haltung war heldenhaft. (Müller und Schultze verbeugen sich.) Hicketier Wie bei dem Singfest voll überlegener Ruhe und Sicherheit. (Müller und Schultze verbeugen sich.) Hicketier Ehre, einem solchen Schützen Sekundantendienste zu tun. (Müller und Schultze verbeugen sich. Exeunt. Schippel kommt zurück. Hicketier tritt ihm gegenüber. Die beiden Männer, allein auf der Szene, schauen sich Augenblicke an: dann sagt) Hicketier Ich habe Ihnen mit gehässiger Voreingenommenheit, bewußter Abneigung Ihrer Herkunft wegen den Eintritt in unsere Gezirke bisher verwehrt. Sie haben mich 69 besiegt. Für meine Pflicht halte ich es, auszusprechen, wie mich hinfort Ihr Umgang ehrt. (Er reicht ihm beide Hände.) Schippel Ich bin sehr glücklich. Hicketier Dieser Tag soll Folgen haben. Das Andenken an das von Ihnen Geleistete darf nicht verloren gehen, und ich setze mich dafür ein, daß Ihnen die höheren Segnungen des Bürgertums voll und ganz zuteil werden. Auf Wiedersehen, lieber Herr Schippel. (Er zieht mit Anstand den Hut vor ihm. Exit.) Schippel (in voller Sonne allein, verbirgt überwältigt sein Gesicht in Händen) Die Segnungen voll und ganz zuviel. (Leise und mit Glückseligkeit:) Du bist Bürger, Paul. (Er macht vor sich selbst eine ausladende Reverenz.)   Finis.