König Robert         »Götter sind mit uns im Bunde, Sieglos weicht die Übermacht. Fragt nicht mehr nach meiner Wunde, Denkt der Glorie dieser Schlacht! Sei mir Helm und Schild beronnen Mit dem eignen Herzensblut, Ist die Freiheit doch gewonnen, England, dir das höchste Gut.« Spricht's und setzt mit kühnem Wagen Den zerstreuten Scharen nach, Bis der letzte Feind erschlagen Und getilgt verjährte Schmach. Da von seinem Roß, dem guten, Sinkt er kraftlos in den Staub: Dem der Däne muß verbluten, Wird nun selbst des Todes Raub. Seine Mannen stehen alle, Trauernd stehn sie um ihn her: In der königlichen Halle Bleibt kein Auge tränenleer. Starr, gleich einem Marmorbilde, Ohne Regung, ohne Laut Bei dem Kranken kniet Svanhilde , Erst seit Monden ihm getraut. Zu dem Arzt, der ihn verbunden, Hebt er ruhig an und spricht: »Sind sie tödlich, meine Wunden? Hehle mir die Wahrheit nicht. Sterb' ich, an Walhallas Pforte Harret mein der Helden Kreis.« Und der Arzt mit ernstem Worte Schüttelt Locken silberweiß. »Helden soll man Wahrheit sagen: Furchtlos schauen sie den Tod, Denn er ist von schönern Tagen Ein willkommnes Morgenrot. Herr, begib dich dieses Lebens, Denn vergiftet war der Pfeil: Alle Hoffnung ist vergebens; Nur ein Opfer bringt dir Heil. Dich erlöst, wer deiner Wunde Gift entsaugt und in sich zieht; Doch er wisse, daß zur Stunde Er dein Los sich selbst beschied. Viele seh' ich, die ihr Leben Oft im Kampf für dich gewagt: Nimm, was sie dir willig geben Eh' die Morgenröte tagt.« Rings verstummt die Rittergilde, Keinen Laut vernimmt das Ohr, Und die sinnende Svanhilde Fährt aus tiefem Traum empor. Spricht der König: »Gönnt mir Frieden Bis zum ersten Tagesschein: Mir ward dieser Tod beschieden, Gerne duld' ich ihn allein.« Sie gehorchen ohne Säumen: Öde steht Palast und Saal Und in wonnevollen Träumen Denkt der König nicht der Qual: Schifft noch oft auf goldnen Kielen, Trinkt noch manchen Becher leer, Und in späten Tagen spielen Kind und Enkel um ihn her. So umwehn ihn Traumgebilde; Horch, da schreitet durch die Nacht Vor des Gatten Bett Svanhilde, Leise, daß er nicht erwacht. Blicket aufwärts zu den Sternen, Senkt sich nieder auf ein Knie: Hingewandt zu Himmelsfernen Zu den Göttern flehet sie: »Die ihr thront in goldnen Hallen Selig morgen so wie heut, Laßt das Opfer euch gefallen, Das die Gattin willig beut. Ach, sie müßte doch verderben, Die der Tod so schwer beraubt: Gönnet ihr für ihn zu sterben Und verschont sein teures Haupt.« Gnädig schaun die Götter nieder, Wie sie leis den Purpur hebt, Mit dem weißen Arm die Glieder Des Geliebten sanft umwebt, Sehnlich drückt die heiße Lippe Auf die Wunde seiner Brust Und, als ob sie Honig nippe, Saugt das Gift mit Himmelslust. Innig hält sie ihn umschlungen, Herzt und küßt ihn liebewarm Und von Jugendkraft durchdrungen Wacht er auf in ihrem Arm. Findet sich an ihrem Herzen, Schließt sie fester an den Mund: Fern entweichen alle Schmerzen In erneutem Liebesbund. Doch schon blickt der goldne Morgen In das bräutliche Gemach, Und das wilde Heer der Sorgen Küssen seine Strahlen wach. Schmerzlich fühlt der Lustberauschte, Daß sie, ach, in seinem Schoß Kurze Wonnestunden tauschte Für das bittre Todeslos. Denn geheilt ist seine Wunde, Dankend blickt Svanhild empor, Und zur anbefohlnen Stunde Kehrt der treuen Mannen Chor. Freude füllt die weiten Hallen – Mühsam wehrt er ihrer Lust: Ach, der Jubel muß verhallen Um der Königin Verlust. Doch umsonst erharrt er lange Das unselige Geschick Denn nur höher glüht die Wange, Heller strahlt der Fürstin Blick. Volle Lust ist erst beschieden, Als auch froh der Abend naht: Ja, es lohnen schon hienieden Götter jede gute Tat. König Robert, hocherfreuet, Faßt des Glückes Fülle kaum, Hold und holder nur erneuet Sich der wonnigliche Traum: Schifft noch oft auf goldnen Kielen, Trinkt noch manchen Becher leer, Und in späten Tagen spielen Kind und Enkel um ihn her.