Adolf Stoltze Weltstadtbilder Novelle Kapitel 1. Worin dem Leser auseinandergesetzt wird, daß die Kunst nicht unbedingt zu den Höhen des Lebens führt und daß es Frauen gibt, die größere Lasten als Männer tragen können. Ostern! Ein tiefblauer Himmel wölbte sich über die menschenleeren Straßen der Reichshauptstadt. Die Glocken riefen zum Nachmittagsgottesdienste, aber nur wenige suchten den Weg zur Kirche. Alle strömten hinaus ins Freie, hinaus nach den Havelseen, dem Grunewald und der Oberspree, oder sonstwohin, wo sie sich an den linden Frühlingslüften ergötzen konnten. An dem offenen Fenster seines bescheidenen Stübchens gelehnt, stand Erwin Holmer und sah, an seinem Federhalter kauend, nach dem asphaltierten Hof hinunter, der von einem Gewirr alter Hinterhäuser umschlossen war. Sonst herrschte dort reges Leben; fröhliche Kinderscharen tummelten sich und wimmernde Töne eines verstimmten Leierkastens erfüllten die Luft. Heute aber lagerte Sabbatstille über dem weiten Raum, und selbst die kümmerliche Linde, in der Mitte des Hofes, schien in Schlummer versunken, denn kein Lüftchen bewegte ihre dürren Äste. Gelangweilt ließ Holmer seine Blicke auf die Fenster seines nahen Gegenübers schweifen, aber auch hinter denselben regte sich nichts. Die Mädchen, welche dort an Werktagen in freier Assoziation ihr kärgliches Brot verdienten, waren ausgeflogen. Ein praktischer Sinn hatte diese, mit einander befreundeten Arbeitsbienen, vor Monden zu gemeinsamer Tätigkeit zusammengeführt, und die Armut war der Kitt, der sie weiter verband. Keine von ihnen war in der Lage gewesen, sich die für ihren Beruf unentbehrliche Nähmaschine anzuschaffen, und so waren sie auf den Gedanken gekommen, ein Zimmer mit dem nötigen Requisit zu ermieten und nach dem Prinzip der Arbeitsteilung ihre Tätigkeit darin zu entfalten. Fräulein Emilie, gewissermaßen die Präsidentin der kleinen Republik, war die Seele des Unternehmens; ihr anvertraute die Konfektionsfabrik die zugeschnittenen Stoffe und verrechnete mit ihr den Stücklohn. Was verdient wurde, teilten die fünf Mädchen getreulich unter sich, und so gering auch die Summe war, die jeder zufiel, so reichte sie doch aus, sich halbwegs satt zu essen, einen kleinen Beitrag zu den elterlichen Haushaltungskosten zu leisten, oder eine Schlafstelle sein eigen zu nennen. Wohlgemut verrichteten sie ihre Arbeit, und wenn der Feierabend kam, eilten sie trotz Ermüdung und Abspannung lachend die Treppen hinunter, jede ihrem Verhältnis oder guten Freunde entgegen. Nur Fräulein Emilie war noch von einem Anhängsel frei, aber weniger aus Prüderie oder Schüchternheit, als weil sie wählerischer wie ihre Kolleginnen war und eine unklare Schwärmerei für Künstler und Schriftsteller, wie man sie sonst nur bei der sogenannten höheren Tochter findet, im Herzen trug. Von jeher hatte sie das Ungewöhnliche angezogen. Als Kind waren es Akrobaten und Kunstreiter, die durch schillernden Flitter ihre Begeisterung wachriefen, später wandte sie ihr Interesse Kadetten mit Unteroffiziersborten und Gymnasiasten mit bunten Mützen zu; und jetzt, wo sie Romane, Theaterstücke und Gedichte mit Heißhunger verschlang, standen langbelockte Maler, mit großen Hüten und schäbigen Samtjacken, glattrasierte Schauspieler mit Gipsverbandkrägen und hohlwangige Poeten, mit schiefgetretenen Absätzen in ihrer Gunst. Nur ein Wunsch beseelte sie: Berühmt zu sein oder wenigstens im Kreise berühmter Leute verkehren zu können. Als Holmer sein Zimmer bezog, wandte sie mehr und mehr ihre Aufmerksamkeit dem neuen möblierten Herrn zu, dem sie von ihrem Fenster direkt in die Stube sehen konnte. Saß er doch den größten Teil des Tages an seinem Schreibtische, wo er bald emsig mit der Feder arbeitete oder las, bald blauen Ringelwölkchen nachschaute, die er aus dem Rauch einer Cigarette mit Geschicklichkeit zu formieren verstand. »Möchte nur mal wissen, was der für'n Beruf hat,« äußerte wiederholt Emilie ihren Freundinnen gegenüber; aber aller Scharfsinn der fünf Damen reichte nicht aus, diese vielerörterte Frage zu lösen. Endlich, an einem sonnigen Märztage, als sie bei weit geöffneten Fenstern emsig schneiderten, tat sich das gegenüberliegende Fenster auf, und der rätselhafte junge Mann erschien an der Brüstung, um einige Augenblicke frische Luft zu schöpfen. Emilie legte das Bügeleisen, mit dem sie die Nähte einer Bluse glättete, eiligst bei Seite, schaute wie unabsichtlich nach dem Hof hinunter, wobei sie Holmer mit einem freundlichen Blicke streifte, und sagte dann, sich direkt an ihren Nachbar wendend: »Schöner Tag, heute!« »Wundervoll!« gab dieser reserviert zurück. »Wär noch schöner, wenn man nich von früh bis spät schuften müßte!« Holmer betrachtete sein gesprächiges Visavis etwas aufmerksamer und fand, daß es gar nicht übel war. Aus einem bleichen Gesichte strahlten ein Paar schwärmerische Augen, und üppiges dunkeles Haar umringelte einen gefällig geformten Kopf. »Ja, ja,« erwiderte er etwas freundlicher, »im Tiergarten mag's schon behaglicher sein als in der Bude.« »Na, Sie können sich doch enn paar Augenblicker frei machen von die Schreiberei,« meinte Emilie. »Das werde ich auch, aber was ich heute versäume, muß ich morgen nachholen.« »Da buckeln Se sich ooch im Akkord ab?« »Im Akkord –« erwiderte lachend Holmer, dem die Frage höchlich amüsierte. »Ja, gewiß, im Akkord bei mir.« »Verstehe ich nich! Für was glauben Sie wohl, daß wir Sie ne janze Weile jehalten haben?« »Keine Ahnung.« »Forn Schulmeester, der keene Schüler hat,« antwortete Emilie und sah dabei verstohlen ihren Nachbar forschend an. »Fehlgeschossen, Fräulein.« »Oder for'n Privatsekretär.« »Ebensowenig.« »Ooch nich – ja – –« »Interessiert Sie das so sehr?« »Das nich, – aber wenn man eenen so ville Tinte verspritzen sieht, möchte man ooch jerne wissen, wofor er das tut.« »Ihre Wißbegierde ist entschuldigt, Fräulein. Na, also, ich schreibe einen Roman.« »Einen! –« »Roman.« »Der in der Zeitung jedruckt wird?« »Hoffentlich in vielen Zeitungen.« »In vielen –!« »Oder im Buchhandel erscheint, je nachdem.« Emilie starrte verwundert ihren Nachbar an, dann wandte sie sich plötzlich um und zischelte ihren Freundinnen halblaut zu. »Kinder, habt ihr Worte! der Möblierte is Schriftsteller.« Auf diese Lösung des Rätsels nicht gefaßt, schnellten sämtliche Mädchen in die Höhe und betrachteten mit neugierigen Blicken Holmer, aber fast ebenso schnell wandten sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Arbeit zu, als sie fanden, daß sich der junge Mann äußerlich in nichts von anderen jungen Männern unterschied. Gerne hätte Emilie das Gespräch mit Holmer fortgesetzt, wenn sich dieser nicht vom Fenster entfernt, seinen Hut ergriffen und mit einem kurzen Kopfnicken sein Zimmer verlassen hätte. Die nächste Zeit brachte trübes, naßkaltes Wetter und gestattete nicht, die Fenster offen zu halten. Emilie empfand unter der Ungunst der Witterung doppeltes Unbehagen; beseelte sie doch nur der eine Gedanke, die angeknüpften Beziehungen zu ihrem Nachbar weiterzuspinnen, um einen tieferen Einblick in seine Verhältnisse und Tätigkeit zu gewinnen. Diese Sehnsucht entsprang aber nicht dem Gefühle der knospenden Zuneigung, wie ihre Freundinnen glaubten und sie deshalb neckten, sondern dem Bestreben in Kreisen, die außerhalb ihrer Umgangssphäre lagen, zu verkehren. Durch eine Nachfrage bei dem Briefträger hatte sie Holmers Namen erfahren und die Gewißheit erlangt, daß er Romane schrieb. Sie setzte nun alles daran, ihm auf der Straße zu begegnen, aber Wochen vergingen bis es ihr endlich gelang, durch einen glücklichen Zufall ihr Ziel zu erreichen. Holmer hatte, wenige Tage vor Ostern, um die Abendstunde sein Haus verlassen, als sie die Straße heraufkam, um das ihrige aufzusuchen. Angenehm überrascht rief sie ihm einen »Juten Abend« entgegen und setzte hinzu: »Na, wohin so eilig, Herr Nachbar?« »Nach Charlottenburg,« entgegnete dieser, blieb stehen und sah sie nicht ohne Interesse an. »Da war ich lange nich draußen; komme überhaupts aus Berlin fast nich mehr raus.« »Sonntags doch?« »Ooch dann nich, da hab ich for mir und die Wirtschaft zu tun. Uff enn ersten Osterfeiertag spann ich mir mal aus und besuche meine Schwester in Spandau.« »Da wünsche ich Ihnen gutes Wetter und viel Vergnügen.« »Danke! Mit dem Vergnügen wird's rar sinn,« meinte Emilie und setzte wie unabsichtlich hinzu: »Abends sieben Uhr zehn Minuten bin ich wieder zurück im Lehrter Bahnhof«. »So zeitig?« »Jawoll, will noch 'ne Freundin in der Invalidenstraße aufsuchen, – wenn nischt zwischen kommt, natürlich.« Da diese aufmunternde Andeutung keinen wahrnehmbaren Eindruck auf ihren Nachbar zu machen schien, reichte sie ihm etwas kühl die Hand, wünschte vergnügte Feiertage und verschwand unter ihrer Haustüre. Holmer dachte über diese Begegnung nicht weiter nach, denn tausend Pläne und Entwürfe beschäftigten sein Gehirn. Er war aus seiner süddeutschen Vaterstadt nach Berlin gekommen, um als Schriftsteller Eindrücke zu gewinnen und zu verwerten, auch hoffte er von hier aus, für seine Arbeiten am schnellsten Verbreitung und Anerkennung zu finden. Mit Eifer und Ernst verfolgte er dieses Ziel und so hatte er auch heute, am ersten Osterfeiertage, bis in die Nachmittagsstunden hinein an seinem Schreibtische gesessen und gearbeitet. Jetzt wo seine Blicke über den stillen Hof schweiften und an den geschlossenen Nachbarfenstern verweilten, erinnerte er sich plötzlich wieder der verheißungsvollen Worte Emiliens; und da er sich einsam im Getümmel der Weltstadt fühlte, wo er außer ein paar Landsleuten und Kollegen, kaum jemand kannte. überlegte er, ob er nicht um die Abendstunde nach dem Lehrter Bahnhof gehen sollte. Weshalb nicht? frug er sich selbst. Verfehle ich sie, hat's nichts zu sagen; bummele heute doch ziellos durch die Straßen. Nachdem er hierüber mit sich im reinen war, zündete er eine Cigarette an, schob einen Sessel ans Fenster, ließ sich darauf nieder und betrachtete von hier aus in behaglicher Ruhe seine Stube, wobei er liebliche Rauchwölkchen vor sich herblies. Es war das typische Berliner Heim für möblierte Herren, das er bewohnte. Zwei verschlossene und teilweise mit Mobiliar verstellte Türen führten nach vermietbaren Zimmern, während eine dritte Türe die Verbindung mit dem langen, schmalen Korridor vermittelte. In der hinteren Ecke, gegenüber dem Fenster, befand sich der übliche rostlose Porzellanofen und unweit davon der Waschtisch mit Spiegel und das Bett mit geblümtem Vorhang, sowie ein Nachttisch, auf dem ein vernickelter Leuchter stand. Ein rotes Plüschsopha, ein ovaler Tisch, zwei Sessel und drei Stühle, eine Kleiderspinde und ein altmodischer Zylinderschreibtisch ergänzten die Einrichtung. Den Boden bedeckte ein Teppich, dessen Grundfarben sich nicht mehr feststellen ließen, und an der Decke hing eine dreiarmige Gaskrone, deren abgebrochene Verzierungen durch geschickt angebrachte Papierblumen verdeckt waren. Oeldruckbilder und Lithographien in gebleichten Goldrahmen, schmückten die Wände; und Nippes und Gipsfiguren, unter denen Amoretten mit geschundenen Nasen und Glücksschweinchen mit abgebrochenen Schwänzen vorherrschten, die Möbel. Das eine Zimmer nebenan, von der Wirtin der Salon genannt, weil seine Fenster an der Straßenseite lagen, und weil außer der üblichen Einrichtung noch ein Blumentisch und ein Pianino darin Aufstellung gefunden hatte, wurde von zwei jungen Kaufleuten bewohnt, welche allabendlich nach Comptoirschluß ihren musikalischen Gefühlen mit viel Pedal und noch mehr Fehlgriffen Luft machten. Es tauchte in der Hauptstadt kein Gassenhauer auf, den sie nicht sofort ihrem Repertoir einverleibten und unzähligemal ihren Besuchen, die nicht immer aus Herren bestanden, zum besten gaben. Das andere Zimmer, das seither ein Missionär innehatte, war leer, sollte aber gleich nach den Feiertagen von einer auswärtigen Schauspielerfamilie bezogen werden. Holmer hatte sich noch nicht lange der beschaulichen Ruhe hingegeben, als im Salon leise die Saiten des Pianinos erklangen. Erstaunt horchte er auf, da er wußte, daß seine Nachbaren verreist waren und kein Geräusch verriet, daß sich im Nebenzimmer Personen befanden. Die Töne schwollen an, eine sichere Hand glitt über die Tasten und deutlicher und klarer entwickelte sich eine seelenvolle Harmonie. Das Instrument, das sonst unter den Stümperhänden seiner abendlichen Quälgeister quietschte und hölzern stöhnte, schien ein anderes geworden zu sein, denn bald mächtig, in rauschender Fülle, bald in schmelzenden Akkorden erklangen seine Saiten. »Beethoven! wahrhaftig Beethoven!« rief überrascht Holmer und schlich nach dem Flur, um besser lauschen zu können. Die Türe zum Salon war nur angelehnt, und so überschaute er mit einem Blick den ganzen Raum. »Meine Wirtin!« entfuhr es unwillkürlich halblaut seinen Lippen, und wie gebannt blieb er stehen und sah nach der kleinen schmächtigen Frau mit weißem Haar und eingesunkenen Wangen, die in ihr Spiel vertieft seine Anwesenheit nicht bemerkte. Unhörbar, wie er gekommen, wollte er sich eben wieder entfernen, als ihr Blick beim Umwenden der Noten zufällig in den Spiegel fiel und sie ihn erkannte. Verlegen erhob sie sich und fragte, ob er etwas wünsche. »Nichts, als daß Sie weiter spielen,« erklärte mit einem verbindlichen Lächeln Holmer. »Musik ist meine Welt, und ich war wirklich neugierig, den Meister zu sehen, der ihr so trefflich dient.« Die alte Frau tat, als hätte sie nichts gehört, und lud ihn freundlich ein näher zu treten. »Ich glaubte,« nahm sie, nachdem sich ihr Zimmerherr gesetzt hatte, das Wort, »auch Sie wären heute, bei dem herrlichen Wetter, über Berg und Tal, und ich wäre allein zu Hause.« »Nein, ich habe gearbeitet, die ungewohnte Stille kam mir dabei sehr zu statten.« »Und da habe ich Sie mit meinem Geklimper gestört.« »Im Gegenteil, Sie haben mir eine große Freude bereitet – ich mache Ihnen mein Kompliment.« »Tun Sie das nicht. Mit sechzig Jahren und der vielen Handarbeit werden die Finger steif – es tut mir sehr leid, Sie aus Ihrer Ruhe aufgescheucht zu haben.« »Ich versichere Sie nochmals, Frau Lampart, daß mir Ihr Spiel ein Genuß war. Beethoven – den hatte ich am wenigsten hier vermutet. Ich wußte nicht, daß Sie musikalisch sind.« »Sagen Sie lieber, waren. Die Zeiten sind längst vorüber – leider, leider – wo ich mit Begeisterung mich in die Meisterwerke der Tonkunst versenken konnte.« Da sie diese Worte mit tiefer innerer Erregung sprach, fand es Holmer für gut, der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben und erkundigte sich nach dem Befinden ihres Mannes. »Der ist heute außer dem Hause beschäftigt,« antwortete sie ausweichend. »Merkwürdig, ich habe Ihren Gemal, seitdem ich bei Ihnen wohne, noch nicht einmal zu Gesicht bekommen.« »Dafür werden Sie ihn oft genug gehört haben – wenn er Krach macht.« »Auch das nicht.« »Möglich, daß der Lärm nicht zu Ihnen dringt, weil ich die Türe sperre – aber andere hören's – andere, die höhnisch grinsen, wenn er mir seine Grobheiten ins Gesicht schleudert!« stieß leidenschaftlich die alte Frau hervor und setzte dann im verzweiflungsvollen Tone hinzu: »Es ist nicht meine Art, mich über mein Schicksal zu beklagen, aber wenn es mit Keulen auf uns einschlägt, dann macht sich die gequälte Seele Luft und schreit ihr Leid in alle Welt hinaus!« Holmer wollte aufstehen und sein Bedauern aussprechen, daß er, ohne es zu ahnen, ein Thema berührt habe, das ihr schmerzlich sei, sie aber drückte ihn auf den Stuhl nieder und bat ihn dazubleiben. »Es ist mir Bedürfnis mich auszusprechen,« stöhnte sie, während dicke Tränen ihr über die abgehärmten Wangen rollten, »ich habe ja niemand, der Anteil an mir nimmt – kein Kind und keine Verwandten!« Nach diesem Ausbruch ihrer Empfindungen sprach sie gelassener und fuhr fort: »Es ward mir wahrhaftig nicht an der Wiege gesungen, welche Kränkungen ich im Leben erdulden müßte. Mein Vater war ein geachteter Kaufmann, kein reicher Herr, aber doch ein Mann, dessen Einkommen hinreichte, seinen fünf Kindern eine gute Erziehung zu geben. Meine Brüder studierten; ich, die jüngste von drei Mädchen besuchte das Konservatorium. Unter den Lehrern dieser Anstalt befand sich ein vielversprechendes musikalisches Genie, ein junger hübscher Mann, der nicht nur ein trefflicher Violinvirtuose, sondern auch ein ausgezeichneter Flötist war. Wir Mädchen schwärmten natürlich alle für ihn und drängten uns heran, ihn bei seinen Vorträgen auf dem Klavier begleiten zu dürfen. Seine Wahl fiel auf mich und, was daraus entstand können Sie sich denken. Mein Vater hätte lieber gesehen, wenn ich einen Kaufmann geheiratet, gab aber doch seine Einwilligung, und so wurden wir getraut. Im sechsten Jahre unserer Ehe gab mein Mann seine Stellung als Lehrer am Konservatorium auf, um sich ganz dem Virtuosentum widmen zu können. Eine lange Reihe von Jahren machten wir nun Kunstreisen und besuchten fast alle bedeutende Städte Europas, nur von Zeit zu Zeit nach meiner Vaterstadt zurückkehrend, um von dort aus weitere Engagements abzuschließen. Das Nomadenleben, das wir führten, brachte uns mit Leuten aller Art zusammen, deren Einfluß auf meinen Mann, der ein flottes Leben liebte und guten Weinen gerne zusprach, nicht immer der beste war. Oft trank er halbe Nächte hindurch und fühlte sich am nächsten Morgen darauf so matt und abgespannt, daß er nicht im stande war, die unerläßlichen Uebungen für sein nächstes Konzert vorzunehmen. Meine Bitten und Vorwürfe verfehlten völlig ihr Ziel und erbitterten ihn nur gegen mich, eine Kluft erzeugend, die sich nicht mehr überbrücken ließ. Was nicht ausbleiben konnte, geschah. Bei einem Konzert in einer kleinen Residenzstadt verließ ihn mitten im Vortrag eines schwierigen Violinstückes, das er auswendig spielte, sein Gedächtnis, und er blieb stecken. Das Konzert mußte abgebrochen werden, und die Zeitungen machten ihre Glossen darüber. Ueber ein Jahr verweilte mein Mann in einem Sanatorium zur Wiederherstellung seiner Gesundheit und als er dasselbe verließ, mußte er auf sein Virtuosentum verzichten. Unsere Ersparnisse waren fast aufgezehrt, als er endlich in einem großen Theaterorchester Anstellung als erster Geiger fand. Noch einmal schien sich das Leben freundlich für mich gestalten zu wollen, umsomehr als ich durch Erteilung von Klavierunterricht wesentlich zur Aufbesserung unserer pekuniären Verhältnisse beitragen konnte. Da starb meine Mutter und zwei Jahre später mein Vater, dem unmittelbar darauf meine beiden Brüder folgten. Diese jähen Schicksalsschläge erschütterten meine Gesundheit so, daß ich von weiterem Stundengeben absehen mußte. Während meiner Krankheit verlor mein Mann wieder jeden sittlichen Halt und verkehrte mehr im Wirtshause als in seinem Heim. Sein Kapellmeister verwarnte ihn mehrmals wenn er betrunken zur Probe kam, und als dies sogar bei einer Vorstellung der Fall war, bekam er seine Entlassung. Wir wandten uns nach Berlin, wo wir noch zuerst einen Wirkungskreis zu finden hofften. Es gelang meinem Manne auch bei verschiedenen Theater- und Konzertunternehmungen anzulanden, aber nirgendswo tat es lange gut; sein Hang zum Trinken und seine verminderte Leistungsfähigkeit brachten ihn immer und immer wieder um Stellung und Brot. Ich machte verzweiflungsvolle Anstrengungen, durch Musikunterricht uns wenigstens einigermaßen über Wasser zu halten, aber niemand wollte in Berlin N. mehr als fünfzig Pfennig für die Stunde einer unbekannten Lehrerin geben, und dabei mußte ich noch die Miete für ein Klavier bezahlen. Längst hatten wir alle Wertgegenstände die wir besaßen, bis auf eine Busennadel, welche der alte Kaiser nach einer Soiree meinem Manne verehrte, und die er heute noch trägt. veräußert und gingen nun mit Riesenschritten der völligen Verarmung entgegen. Da, in unserer höchsten Not, wandte ich mich an meine einzige noch lebende Schwester in England und bat sie um ein Darlehen von einigen hundert Mark, um mit dem Gelde in besserer Lage eine Wohnung zu ermieten und durch Aufnahme von Pensionären eine Existenz zu gründen. Sie lieh mir das Geld, aber sie lieh es in so kränkender Form und unter soviel unverdienten Vorwürfen, daß ich gerne darauf verzichtet hätte, wenn mir noch ein anderer Ausweg geblieben wäre. Hinter dem Rücken meines Mannes, der mir längst keine Stütze mehr war, führte ich mein Vorhaben aus und bin nunmehr wenigstens vor Mangel und Not geschützt, muß aber dafür von meinen möblierten Herren gar manches mit in Kauf nehmen, was mich mit Entrüstung erfüllt, wozu ich aber schweigen muß, wenn ich meine Mieter nicht verlieren will. Mein Mann kümmert sich wenig um meine Sorgen, was er verdient, verbraucht er für sich, und wenn er ohne Engagement ist, muß ich mit Argusaugen darüber wachen, daß er nichts heimlich ins Leihhaus trägt. Alles das habe ich schweigend erduldet und würde es so weiter erdulden, wenn er mich mein Joch in Frieden tragen ließ; aber wenn er, wie in letzter Zeit, angetrunken nach Hause kommt, mich verspottet, verhöhnt und vor Fremden beleidigt und beschimpft, dann weiß ich nicht, wohin mich noch die Verzweiflung treibt.« Frau Lampart hatte sich bei den letzten Worten wie drohend erhoben, sank aber gleich darauf wieder erschöpft auf ihren Stuhl zurück und heftete die müden Augen auf den Boden, als wenn sie sich dort Rat und Hilfe holen wollte. Holmer suchte sie zu trösten und meinte, daß es ihr vielleicht doch noch gelingen würde, ihren Gatten auf andere Wege zu bringen. »Diese Hoffnung habe ich längst aufgegeben – was mich aufrecht erhält, ist die Arbeit, bei der ich mich vergessen kann und die Musik, zu der ich mich flüchte, wenn ich mich allein weiß.« »Gegenwärtig ist Ihr Mann aber in Engagement?« forschte Holmer. »Ich weiß es nicht, glaub's auch nicht, obgleich er schon um sieben Uhr heute früh das Haus verließ – angeblich um bei einer Festfahrt nach dem Müggelsee zu musizieren – vor zwei Uhr nachts wird er nicht wiederkommen.« Ein fortgesetztes Geklingel an der Vorplatztüre machte der Unterhaltung ein jähes Ende. Frau Lampart erhob sich, um nachzusehen, wer so beharrlich Einlaß begehrte, und auch Holmer trat auf den Flur hinaus. »Wie lange soll ich wohl warten, bis es dir beliebt aufzumachen?« schnauzte ein hagerer Mann, mit einem erdfahlen Gesicht und angegrautem Bart- und Kopfhaar die erschrockene Frau an, als sie die Türe öffnete, und schob sich dann schwankenden Schrittes, einen abgeschabten Violinkasten unterm Arm, in den Korridor. »Du schon, Wilhelm!« rief Frau Lampart, und ein Frösteln durchrieselte ihren Körper. »Du wolltest doch nach dem Müggelsee.« »Wollt ich! aber die Lumpen sind ohne mich von der Innnowitzer Brücke abgefahren – Bande!« »Und da hast du zehn Stunden gebraucht wieder nach Hause zu kommen?« »Ausgerechnet!« platzte er heraus und sah sie höhnisch an. »Kümmert's dich was, oder einen deiner Zimmerfaxen – Pardon, Zimmerherren?« verbesserte er sich mit einem blöden Lächeln, als er Holmer bemerkte, der noch im Flur stand. »Ist der Herr wohl, der Geschichten schreibt?« Seine Frau gab keine Antwort, sondern betrachtete ihn mit dem Ausdruck der Verachtung, wie er, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, vergebliche Versuche machte, sich ein würdevolles Ansehen zu geben. »Wo hast du denn deine Kaisernadel gelassen?« fuhr sie plötzlich erregt auf. »Aufgehoben.« »Verloren oder versetzt?« »Aufgehoben,« wiederholte er mit einer blödsinnigen Grimasse, »besser als bei dir, viel sicherer als bei deinen Möblierten.« »Versetzt und vertrunken, das letzte aus einer ehrenvollen Vergangenheit!« schrie in verzweiflungsvollen Tönen die alte Frau, und heiße Tränen benetzten ihre Wangen. »So feierst du Ostern, o pfui, pfui!« Als Antwort auf diese Vorwürfe griff ihr Gatte in die innere Tasche seines Rockes, zog eine Flöte hervor, setzte sie an die Lippen und blies in verschiedenen Variationen, mit kurzem stoßweisen Atem, die Melodie: Du bist verrückt mein Kind, du mußt nach Berlin. Mühsam richtete er sich dabei in die Höhe und marschierte mit schwankenden Paradeschritten an seiner Frau vorbei auf die Küchentüre zu, die er mit dem Fuße aufstieß, dann in die Küche trat und dort sein Konzert fortsetzte. Außer sich vor Scham und Zorn wollte sie ihm folgen, im Augenblicke aber, als sie hastig die Türe öffnete und hierdurch den dahinter postierten Musikanten anstieß, entfiel diesem die Flöte, und in dem Bestreben sie aufzuheben stürzte er die Länge nach zu Boden, wo er unbeweglich liegen blieb. Holmer, der, gegen seinen Willen, Zeuge der peinlichen Szene gewesen, wollte versuchen den Trunkenbold wieder aufzurichten, Frau Lampart aber hielt ihn davon ab, indem sie sagte: »Lassen Sie ihn nur liegen, da hat er schon oft gelegen und seinen Rausch ausgeschlafen.« Unmittelbar daraus verkündigte ein kräftiges Schnarchen, wie sehr Frau Lampart mit den Gewohnheiten ihres Gatten vertraut war. Kapitel 2. Handelt von Emilie und anderen Leuten, auch solchen, die in der Wahl ihrer Eltern vorsichtig waren. Die Sonne war hinter Moabit verschwunden, und den Westhimmel säumten lichte Rosawölkchen, die sich in den dunkeln Wassern des Humboldthafens spiegelten. Straßen und Plätze, die tagsüber menschenleer gewesen, belebten sich mit heimkehrenden Touristen und Spaziergängern. Hie und da tauchte ein Trupp staubbedeckter Radfahrer auf, die Lenkstangen ihrer Maschinen mit Kirschblüten, die sie in Werder erhandelt hatten, reich geschmückt. Trambahnwagen und Omnibusse füllten sich, und aus den Restaurants erscholl lautes Stimmengewirr. Alles strebte den heimischen Penaten oder einer Bierquelle zu, um sich von den Strapazen des Vergnügens zu erholen oder für den zweiten Feiertag neue Unternehmungen zu beraten. Holmer hatte sein Heim verlassen und war auf Umwegen durch eine Anzahl Straßen geschlendert und schließlich in die Invalidenstraße eingebogen, um von dort aus, längs dem Hafen, den Lehrter Bahnhof zu erreichen. Es lag ihm wenig daran Emilie zu begegnen, und dennoch verdroß ihn der Gedanke, sie verfehlen zu können. Er hatte das Bedürfnis mit jemand zu plaudern, wer es und über was es auch sei, denn er fühlte sich einsam in der großen Stadt, zumal an Sonntagen, wo seine wenigen Bekannten das gewohnte Stammlokal nicht aufsuchten. Emilie hatte, das gestand er sich selber zu, eine eigene Art ungenierter Offenheit, die ihm ebenso gefiel wie ihre dunkeln Augen, die eine unbekannte Welt zu suchen schienen – aber – konnte diese Begegnung von dem jungen Mädchen nicht als eine Annäherung betrachtet werden, die Hoffnungen in ihrer Seele erweckten, die er nicht beabsichtigte? Andere junge Männer machen sich sonst weniger Gedanken über solche Fragen, aber Holmer war bemüht alles ferne zu halten, was ihn zerstreute oder von seinen ehrgeizigen Zielen abbringen konnte. Von solchen widerstreitenden Empfindungen erfüllt, betrat er den Platz vor dem Bahnhofe und überflog mit suchendem Auge die Menge, die eben mit dem Hamburger Zuge angekommen war. Es war jedoch völlig unmöglich, in dem sich hin- und herschiebenden Gewühl die Gesuchte herauszufinden und zu fixieren, und als sich die Reihen lichteten, wandte er enttäuscht dem Bahnhofe den Rücken, um auf demselben Wege, den er gekommen, wieder zurückzugehen. An der Alsenbrücke blieb er eine Weile stehen und sah, über die Brüstung gebeugt, gelangweilt zu den Schiffen hinunter, deren Bewohner auf Deck saßen und mit gleichgültigen Blicken die Passanten musterten. Plötzlich berührte eine weiche Hand seine Schulter, und eine bekannte Stimme sagte: »Suchen woll die Schifferin, die kleene?« Holmer schaute angenehm überrascht empor und in das erhitzte Gesicht Emiliens, das die Freude über diese Begegnung nur schwach verbarg. »Nein, ich suche sie nicht mehr,« antwortete er galant, »habe sie ja eben gefunden.« Emilie ward noch röter und rief: »Nee, so'n Zufall!« »Sie wollten doch in der Invalidenstraße eine Freundin besuchen, und das ist der Weg dorthin.« »Allerdings, aber – da sind Se uff jut Glück –?« »Ihnen entgegengegangen? Nach einer Richtung muß man seine Schritte lenken, Fräulein Emilie.« Ein triumphierendes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie mit einem koketten Augenzwinkern antwortete: »Nu weeß ich wenigstens, daß man bei Ihnen seine Zunge hüten muß.« »Im Gegenteil, geben Sie mir nur oft solche Winke.« »Winke – na sowas! Ich habe doch bloß jesagt, daß ich meine Schwester in Spandau unsicher machen würde – und Sie haben nich mal Notiz davon jenommen.« »Es scheint doch.« »Das wollen Se mir bloß einbilden. Ich sehe meine Schwester höchstens mal die Feiertage, sonst 's janze Jahr nich. Die hat ihre Not mehr wie unsereener.« »Ist sie nicht gesund?« »Na ob – 'ne janze Schachtel Rangen hat se – bei dem Jehalt von so'n Unterbeamten.« »Wenn sie nur zufrieden ist.« »Sind Sie mir stille mit die Zufriedenheit. Die Dummen sind zufrieden, die nich merken, was se alles entbehren. Nee, ehe ich mir so verheirate, bleibe ich lieber ledig, alleene hungert's sich schöner.« Sie waren langsam bis zur Mitte der Brücke gegangen und hatten sich über den Quersteg nach der Alsenstraße gewandt, ohne ein bestimmtes Ziel für ihre Wanderung ins Auge zu fassen. »Meine Schwester,« fuhr Emilie fort, »hat's jroße Los nich jezogen. Enn Witwer mit 'nem Jungen und der Mutter der ersten Frau – na, und jedes Jahr enn Kleenes – ich danke! Die Schwiejermutter von meinem Schwager müßten Se kennen, die kommandiert's Janze, und keen's darf uffmucksen – zu tolle! Nu, freilich spendiert se ooch ihre Pension, von 'nem ollen Herrn, wo se früher mal jedient hat, der Wirtschaft – aber anjenehm for meine Schwester is es doch nich.« »Das will ich Ihnen gerne glauben,« stimmte Holmer zu und verfolgte mit Interesse ihr Geplauder. »Wie ich heute Morjen unanjemeldet nach Spandau komme,« nahm Emilie wieder das Wort, »is die janze Familie schon mobil. »Kinder, was jeht vor?« frage ich. »Wir jehn uff den Bock und dann nach Pichelswerder,« sagt die Schwiejermutter, »wenn du dabei sein willst, bist du injeladen.« »Und die Kinder?« erkundige ich mir. Ich habe nämlich jroßen Respekt vor kleene Kinder.« »Nur der Alteste jeht mit, die andern bleiben bei Frau Müllern, die mit uff demselben Flur wohnt – bis um sechse sind wir wieder zurück.« Also jut, ich mit ins Amüsement. Schwiejermutter berappt alles alleene, weil se heute Jeburtstag feiert, sonst is se höllisch jeizig. Der Morjen is herrlich, keen Wölkchen am Himmel. Uff dem Spandauer Bock wird jefrühstückt. Was nich uffjezehrt wird, wickelt Schwiejermutter ins Morjenblatt und steckt's, wie das ihre Jewohnheit is, in Rejenschirm, ohne den se nie ausjeht. Dann machen wir noch enn paar Statiöner; Schwiejermutter winkt zwar rejelmäßig ab, aber mein Schwager schickt seinen kleenen Stiefsohn ins Treffen, und dem kann Jroßmama nischt abschlagen. Nur zweemal hat se enn harten Deez und ruft: »Nee, nich forn Juliusturm jeh ich mit rinn! ne Bierreise steht nich ins Programm;« dann zieht se's Portemonnaie aus der Tasche, nimmt enn paar Märker raus, knüpft den Jips ins Taschentuch, schiebt's in Parapluie und sagt: »Dat is jespart, morjen is ooch noch Feiertag!« Der Schirm wird, je weiter wir jehn, immer wohlhabender, und wie wir endlich an die Havel kommen, hat er 'nen Umfang wie enn halbjefüllter Luftballon, und die Schnur, mit der er zujebunden is, reißt alle Oojenblicke entzwee. Mein Schwager, der bei der Marine jedient hat, is for ne Kahnfahrt, also jondeln wir uff Pichelswerder zu. Uff der Mitte vom Fluß will Schwiejermutter mit mir Platz wechseln, weil ihr die Sonne ins Jesicht scheint. Sie erhebt sich, und da der Kahn schwankt, balanciert se mit dem Rejenschirm in der Luft rum. Platsch! platzt die Schnur, und der janze Krempel rin in die Soose. Nur enn Rippenspeer bleibt an Schwiejersmutter Hut hängen, und 'ne Butterstolle fällt mit die jeschmierte Seite meinem Schwager zwischen Weste und Schmisett – sonst alles rinn in die Havel. Schwiejermutter is verschmettert, sinkt uff die Bank und quietscht: »Willem! Um Jotteswillen, Willem, fisch det Taschentuch raus, es sind vier Märker drinn!« Mein Schwager Willem langt ooch mit dem Ruder darnach, aber wie er's berührt, sinkt's unter uff Nimmerwiedersehn.« Holmer amüsierte sich köstlich über die Erzählung seiner Begleiterin und die lebhafte Art ihres Vortrages und erkundigte sich, ob das kleine Malheur der Stimmung keinen Abtrag getan. »Mit dem Pläsiervergnüjen war's alle,« erwiderte Emilie. »Schwiejermutter jreinte um den versunkenen Jibs, war uffjebracht, weil wir's Lachen nich verbeißen konnten und schwor, so 'ner undankbaren Bande keenen Jroschen mehr zu spendieren. Uff Pichelswerder aßen wir Mittagbrot, und ich war froh, wie wir wieder nach Spandau fuhren, wo ich mir schleunigst dünne machte.« Es war allmählich dunkel geworden und ringsum flammten die Straßenlaternen auf. Emilie hatte sich so in die Schilderung ihrer Erlebnisse vertieft, daß sie jetzt überrascht stehen blieb, sich verwundert umsah und rief: »Nu, hört sich allens uff! wie sind wir dann in die Siejesallee jekommen? ich wollte doch umjekehrt in die Invalidenstraße.« »Ich dachte, Sie hätten das Projekt aufgegeben,« entschuldigte sich Holmer und sah ihr forschend ins Gesicht. »Druff erpicht bin ich nich – aber ich habe jar nich bemerkt, daß wir vom rechten Weje abjekommen.« »Ich denke, wir gehen so weiter.« »Ja, jradaus, nich durch die schummerijen Anlagen.« »Nach der Leipziger Straße.« »Wo Se mir hinbringen, is gleich – ich finde mir überall mit der Elektrischen zurecht. Ja, ich wollte nach der Invalidenstraße zu 'ner Schulfreundin, die ladet mir immer inn, aber ich komme nich dazu, se mal uffzesuchen.« »Daß ich Sie heute davon abgehalten, werden Sie mir also schwer anrechnen, Fräulein Emilie.« »Warum? Vielleicht unterhalte ich mir so besser. Meine Freundin Therese hat enn plemperiges Liebes-Verhältnis mit 'nem abjedankten Leutnant, da weeß man doch nie nich, ob man rechte kommt.« »Plemperig!– er erhält sie wohl?« wagte Holmer zu fragen. »I wo! Er zahlt die Miete und ißt dafür bei ihr Abendbrot.« »Das nenne ich praktisch.« »Sie is Malerin.« »Künstlerin?« »Bewahre, Übermalerin.« »Sie übermalt Photographien?« »Ne, Lebkuchenherzen, ohne Vorlage.« »Lebkuchenherzen, die werden doch mittelst Farbendruck hergestellt.« »Nich alle, was ins Innere von Rußland kommt, muß mit der Hand jemalen sein, sonsten kooft's der russische Bauernbursche nich seiner Liebsten.« »Woher wissen Sie denn das?« »Von Theresen, die malt schonst seit Jahren for so'n Exportjeschäft und schreibt ooch die russischen Verse druff – aber nich in der Fabrik, dafor is se zu jroßspurig, sondern uff ihrer Bude.« Sie waren in die Bellevuestraße eingebogen und näherten sich dem Potsdamer Tor. Als sie es erreichten, fragte Holmer seine Begleiterin, ob er sie in ein Restaurant einladen dürfe. Emilie lehnte erst bescheiden ab, als er aber seine Einladung dringender wiederholte, meinte sie: »Hier is et zu teuer, weiter oben, in der Leipzigerstraße, is ooch jut.« »Machen Sie sich über die Kosten keine Sorgen,« scherzte Holmer, »Sie werden so knappgehalten, daß mich die Zeche nicht umbringt.« Emilie rückte den Hut zurecht, knöpfte das Jaquet halb auf, nestelte an der Bluse herum und wars dabei verstohlene Blicke in die großen Spiegelscheiben des Restaurants, die ihr Bild in einer Weise zeigten, daß sie, zufrieden damit, still lächelnd vor sich hinsah. Es war ein geräumiges, elegantes Lokal, das sie betraten. Mehrere Säle schlossen sich aneinander und täuschten durch ihre mächtigen Spiegel weite Perspektiven vor. Hunderte von Glühlichtern verbreiteten eine angenehme milde Helle. Düfte, pikant gewürzter Speisen, durchfluteten die Luft. Kellner, in langen weißen Schürzen, eilten geschäftig hin und her, die zahlreichen Gäste zu bedienen, und fortgesetzt drehte der uniformierte Pikkolo den Glastriller an der Türe, durch den unausgesetzt Besucher herein- und hinausströmten. Emilie hatte ein derartiges Restaurant noch nie betreten und folgte Holmer, den sie gebeten vorzugehen, auf seiner Suche nach einem freien Tische, wie ein ängstliches Kind seiner Bonne. Erst als sie zwei leere Stühle gefunden und sich niedergelassen hatten, wich die Befangenheit von ihr, und sie sah sich um und flüsterte: »Ist das noblig hier! Verkehren Sie oft sowo?« »Hier war ich noch nicht, aber auch sonst besuche ich nur bessere bürgerliche Wirtschaften – schon der Gesellschaft wegen.« »Da müssen Sie aber eklig reich sin.« »Nicht einmal – ich besitze ein kleines Vermögen und das Fehlende verdiene ich mir mit der Feder.« Der Kellner trat heran und legte die Abendspeisekarte vor. Holmer bat Emilie zu wählen. Sie lehnte verlegen ab und überflog erst, auf wiederholtes Drängen, mit flüchtigen Blicken die Preisangaben, um sich schließlich für Schweizerkäse zu entscheiden. »Sollen Sie bekommen, wenn wir gespeist haben. Ich sehe schon ich muß bestellen.« Und er tat es. Die Speisen, Fisch und Braten, wurden gebracht, und als die Mahlzeit beendet war, und ein frischer Krug Exportbier vor Emilie stand, löste sich allmählich ihre Zunge, und sie plauderte wieder mit der ihr eigenen Ungezwungenheit. »Das hatte ich mir nicht träumen lassen,« fing sie an, »als ich Sie zum ersten Male am Fenster jeseh'n, daß ich mit Sie jemals zum Bier jehn würde. Damals schrieben Se 'nen Roman – is er schon jedruckt?« »So rasch, liebes Fräulein, geht das nicht – er liegt dem Verleger vor.« »Da kann man ihn nich mal lesen?« »Vorerst nicht.« »Sie haben doch 'ne Abschrift?« »Das ursprüngliche Manuskript, darin würden Sie sich aber nie zurechtfinden.« »Ich habe es mir immer für köstlich vorjestellt, dabei zu sein, wenn so'n Werk entsteht. Haben Se das alles ooch erlebt, was Se schreiben?« »Das weniger, aber das Leben gab die Anregung dazu.« Emilie schwieg und schien über das Gehörte nachzudenken. Nach einer Weile sagte sie: »Dichten Se schon lange?« Holmer trank ihr zu und antwortete, belustigt über ihre naiven Fragen: »Genau weiß ich es nicht, aber es sind mindestens zehn Jahre, daß ich mit einem Liebeslied das Geschäft eröffnete.« »Da hatten Se damals schon 'ne Flamme?« »Ist das nötig, um Liebeslieder zu schreiben? Was man nicht hat, stellt man sich vor.« Emilie sah ihn mißtrauisch an, erhob schelmisch drohend den Finger und sagte: »Herr Holmer, ich gloobe beinahe, Sie sind ooch so eener!« Dann rückte sie ihren Stuhl etwas näher und fragte. »Wie sind Se eijentlich dazu jekommen, jrade Schriftsteller zu werden? Das is doch keen eijentliches Jeschäft nich, und ich stelle mir's höllisch schwer vor.« »Meine Freunde entdeckten, daß ich Talent habe, noch bevor ich selbst eine Ahnung davon hatte. Und das kam so: Bei einem Abschiedskommers richtete ich einige Reimereien an die Abiturienten, welche die Universität bezogen, und sofort wurde ich zum Koronadichter promoviert. Das war recht nett, solange es im engeren Kreise blieb, als es aber in meiner Vaterstadt ruchbar wurde, daß ich Verse schmiedete, war's mit meiner Ruhe vorbei. Der Sonntagsreiterverein und die Vaterländische Skatgesellschaft, der Heringsesserbund und die Strohwitwervereinigung, der Internationale Rauchklub und die Ziegenmilchtrinkergemeinde, und noch viele andere wichtige Verbindungen beehrten mich mit ihren poetischen Aufträgen. Wenn neun Militäranwärter zusammenkamen, um ein Fäßchen Bier auszutrinken, mußte ich einen Prolog dazu schreiben; wenn der Verein der Eissportler sein Sommerfest feierte, mußte ich einen Prolog dazu schreiben, und wenn die Gesellschaft der Insektenfreunde Fahnenweihe hielt, mußte ich wieder einen Prolog dazu schreiben. Es war einfach zum Verrücktwerden! Ohne einen Prolog bei aller und jeder Gelegenheit schien die gesamte deutsche Vereinsmeierei Bankrott zu machen.« »Das is hier jenau so! 'Ne Tante von mir hat kürzlich im Witwenverein »Heißes Blut« ooch eenen runterjeleiert.« »In Berlin lasse ich mir die Sache noch gefallen, da besteigen die Versebedürftigen entweder den Pegasus selbst, oder wenden sich an eine Gelegenheitspoeterei mit beschränkter Haftpflicht, die alles, was auf ihrem Gebiete verlangt wird, zum Zeilenpreise liefert; aber in den Provinzialstädten, wo diese segensreichen Institute fehlen, werden befähigte Schriftsteller förmlich dazu gepreßt, ihr Talent privaten Vergnügungen zur Verfügung zu stellen.« »Hier bei uns,« meinte Emilie, »muß aber ooch die Jelejenheitsdichterei 'nen joldnen Bodens haben, denn janz in meiner Nähe wohnt eener, der hat drei Jesellen druff sitzen.« »Es gibt überhaupt wunderbare Existenzen hier,« bemerkte Holmer und nahm mit freundlichem Prosit einen kräftigen Schluck aus seinem Bierkrug. »Von Zeit zu Zeit besuche ich eine Lesehalle in der Nähe des Spittelmarkts. Man zahlt zehn Pfennige Entree und findet dortselbst Tausende von Zeitungen. Die Räume bestehen aus einer Flucht niedriger Zimmer, in deren Mitte längliche Tische für die Leser aufgestellt sind. Längs den Wänden hängen die Journale, oder sind in dort aufgestellte Regale untergebracht. Man bedient sich selbst und bringt auch die Zeitungen wieder zur Stelle zurück, von wo man sie genommen. Schon öfters, und auch vorgestern wieder, war mir ein älterer, hagerer Herr, mit vorstehenden Backenknochen und grau meliertem, schlecht gepflegten Bart aufgefallen, der mir gegenüber saß. Er hatte eine große Anzahl Tagesblätter vor sich aufgestapelt, die er mit nervöser Hast überflog. Kaum war er mit einem Stoß zu Ende schleppte er einen anderen herbei, und seine fieberhafte Tätigkeit begann aufs neue. Hie und da machte er sich stenographische Notizen oder schob die Brille auf die Stirne und schielte mit scheelsüchtigen Blicken nach dem nächsten Zimmer, wo unter zahlreichen Lesern, ein junger Mann saß, der gleichfalls mit äußerster Flüchtigkeit Zeitungen durchforschte. Ein Stellesuchender konnte mein Gegenüber nicht sein, denn er sah sich die Annoncen nicht an und las auch keine Fachblätter; seine Aufmerksamkeit galt einzig und allein dem Feuilleton, dem Lokalen und den Gerichtsverhandlungen. Als der Alte bemerkte, daß ich ihn über meine Zeitung hinweg spähend beobachtete, wurde er noch nervöser, und als sich unsere Blicke zufällig begegneten, warf er plötzlich den Kopf in die Höhe, stierte mich mißtrauisch an und flüsterte heiser über den Tisch herüber: »Mein Herr, was fixieren Sie mich?« Etwas verlegen, weil ich mich bei meinen Beobachtungen überrascht sah, antwortete ich höflich ausweichend: »Sie irren, nicht Ihnen, sondern dem ganzen Interieur hier gilt meine Aufmerksamkeit.« »Das hat der da unten auch gesagt,« brummte verbissen der Alte und deutete mit einer flüchtigen Handbewegung nach dem jungen Manne im anderen Zimmer, »und jetzt sucht er mich aus dem Sattel zu werfen – mich einen Familienvater, der Schurke!« »Ich bedauere, Sie nicht verstanden zu haben,« versetzte ich. »Merkwürdig!« höhnte mein Visavis. »Sie sind doch, wie ich vermute, auch einer von der Feder, Zeitungskorrespondent oder dergleichen.« »Allerdings bin ich Schriftsteller, aber ich schreibe nur ausnahmsweise etwas für die Presse.« Mit diesen Worten schob ich ihm meine Karte zu. Nachdem er sie gelesen, hellten sich seine Züge merklich auf, und, wie von einer Sorge befreit, sagte er zu mir: »Pardon, man kann sich täuschen! Aber wenn man einmal einen glücklichen Gedanken hatte, den ein anderer aufschnappte und ausbeutete, dann wird man eben mißtrauisch gegen seine Herren Kollegen.« Ohne eine Antwort auf die dunklen Anspielungen des mürrischen Graukopfes zu geben, wollte ich in der Lektüre meines Journals fortfahren, als sich derselbe erhob, um den Tisch ging und sich neben mir niederließ. »Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig,« flüsterte er, »und Sie sollen sie haben: Wie Ihnen bekannt, ist das Brot eines Reporters, und ich bin Reporter, nicht gerade mit Honig bestrichen; man muß immer auf neue Tricks sinnen, um mit seinen Notizen ungekürzt ins Lokale zu kommen. Nun hatte ich den Einfall, in Provinzialblättern, die den Redaktionen nicht zu Gesicht kommen, nach den Schicksalen der im In- und Ausland lebenden Berliner zu forschen und dann mein gesichtetes Material den Zeitungen zur Verfügung zu stellen. Wurde einem Berliner irgendwo eine Auszeichnung zu teil, oder einer zu längerer Gefängnisstrafe verurteilt, machte einer eine Erfindung oder ging einer in Aufsehen erregender Weise mit eines anderen Frau durch; bekam einer einen Orden oder eine Tracht Prügel, ganz einerlei, er kam in meine Korrespondenz: »der Berliner im Ausland«, und ich verdiente ein hübsches Stück Geld dabei.« »Das ist aber eine Tätigkeit,« warf ich ein, »die noch vor der Tretmühle oder dem Roßgang kommt.« »Da haben Sie freilich recht,« stimmte mir der Reporter bei. »Wenn man täglich seine zwei- bis dreihundert Zeitungen durchstöbert hat, ist's alle mit dem selbständigen Denken. Aber es war lohnend, solange einer allein die Kuh gemolken; war solange lohnend, bis der Halunke dort mir ins Garn ging. Hier, wo ich eben sitze, saß er noch vor einem Jahr und trug mir seine Mitarbeit an, und ich war töricht genug, darauf einzugehen und die Schlange an meinem Busen zu nähren. Als er mir meine Vorteile abgesehen, kündigte er seine Tätigkeit und ward mein Konkurrent. Was konnte ich dagegen tun? Nichts!« »Sie hätten sich vielleicht mit ihm verständigen können,« meinte ich. »War auch meine Absicht,« erwiderte der Alte, »aber er setzte sich aufs hohe Roß, wollte dem »Berliner im Ausland« einen literarischen Anstrich geben und feuilletonistisch ausbeuten, und das paßte mir nicht. Es war auch gar nicht seine Absicht, er wollte mir die Sache nur verekeln. Ich ging sogar soweit, daß ich ihm die Hand meiner Tochter in Aussicht stellte, und ich darf wohl sagen, meine Tochter ist ein hübsches, kluges Mädchen und tüchtige Stenographin, aber er schlug sie aus – natürlich – der Schurke war verheiratet und hatte in Breslau Frau und Schwiegermutter sitzen. Nun werden Sie begreifen, weshalb ich gegen Kollegen mißtrauisch bin.« Als Holmer mit der Leidensgeschichte des betrogenen Reporters zu Ende war, meinte Emilie, daß es bald Zeit zum Aufbruch sei: »Meine Freundin Lotte, mit der ich dasselbe Zimmer bewohne, wird Oojen machen, wenn ich so späte zu Hause komme.« »Trifft sie denn immer vor Torschluß ein?« fragte Holmer. »I wo! Die tuschelt noch auf der Straße mit ihrem Lulatsch, wenn ich schonst lange im Bette lieje – aber von mir is se das nich jewohnt.« Holmer beglich seine Zeche und verließ mit seiner Begleiterin das Restaurant. Als sie ins Freie traten, bemerkten sie erst, daß das Wetter völlig umgeschlagen war. Ein rauher Wind blies aus Nordost über die Leipzigerstraße, und von dem grauschwarzen Himmel grieselte ein kalter Regen. Der Asphalt des Fahrdammes glänzte im Schein der Bogenlampen wie ein schmutziger Spiegel, in dem sich schläfrige Droschkenpferde mit gesenkten Köpfen betrachteten. Nachdem Emilie ihre Röcke mit Hilfe eines Halters, hochgeschürzt und ihren Entoutcas schützend über den neuen Hut, dessen Schonung ihr besonders am Herzen lag, ausgespannt hatte, bot ihr Holmer den Arm, den sie mit flüchtigem Erröten gerne annahm. »So'n Wetter, nach dem herrlichen Tag!« murrte sie. »Es is man jut, daß ich am Dönhoffplatze Fahrjelejenheit nach der Frankfurter Straße habe.« »Ich werde Sie begleiten,« bemerkte galant Holmer und preßte ihren Arm zärtlich an sich. »Nee, das kann ich Ihnen nich anmuten.« »Warum nicht? Ich genieße Ihre liebe Gesellschaft desto länger.« »Is ooch was!« erwiderte sie leichthin und sah verstohlen nach ihrem Begleiter. »Wenn es nur nich so kühle wäre.« »Sie frieren?« »Manchmal so'n Schauer, ich hätte mir wärmer kleiden sollen.« »Wir nehmen hier in der Nähe einen Grog, der wird Ihnen gut tun.« »I wo, da wird es ja noch später.« »Das ist weiter kein Unglück, Ihre Linie verkehrt bis ein Uhr nachts.« Emilie widersprach nicht und folgte willig ihrem Begleiter, der sie in ein elegantes Café führte, welches sich in der ersten Etage eines monumentalen Hauses befand. Die Räume waren mit fürstlicher Pracht ausgestattet, und die Gesellschaft, welche darin verkehrte, schien von den Kämpfen ums tägliche Brot keine Ahnung zu haben. Alte, jugendlich zurechtgestutzte Gecken mit gefärbten Haaren und bis in das Genick gescheitelten Puppenköpfen, rekelten auf eleganten Divans und bemonokelten die anwesenden Damen, die zum Teil, wie gezähmte Lindwürmer, Tabaksqualm aus Mund und Nasenlöchern bliesen. Jugendliche Greise mit abgelebten Zügen und blöden Augen regalierten einige Lebefrauen mit französischem Sekt, den diese wie Wasser tranken oder verschütteten. Die übrige Gesellschaft setzte sich aus Fremden und aus Emporkömmlingen, welche durch den Besuch teuerer Lokalitäten beweisen wollen, daß sie der feinen Welt angehören, zusammen. Holmer nahm mit Emilie in der Nähe eines Tisches Platz, an dem zwei Herren mit aufgezwirbeltem Schnurrbart und zwei dekolletierte Damen saßen, die sich bald flüsternd, bald in auffallend lauter Weise unterhielten. Es schienen vorwiegend sehr eindeutige Witze zu sein, an denen sie sich erbauten, denn wenn auch die beiden Schönen nicht erröteten, gaben sie doch durch die Art ihres Lachens deutlich zu erkennen, daß es sich um gesalzene Pikanterieen handelte. Mitten in diese gemütliche Unterhaltung warf plötzlich das jüngere Fräulein, eine Blondine mit schwarzen, stechenden Augen, halblaut die Frage hinein: »Herr Zipatsch, sind Sie noch nicht vorgeladen?« Emilie, welche mit Wohlbehagen an ihrem Grog sog, warf Holmer einen bedeutsamen Blick zu und lauschte aufmerksam der Worte, die am benachbarten Tische sielen. »Mich geht die ganze Geschichte nichts an,« erklärte gedämpft der mit Zipatsch angeredete Herr und drehte verdrossen seinen roten Schnurrbart zu nadelspitzen Fühlhörnern. »Das hat Henry auch gesagt, aber ich fürchtete, Sie würden als Auskunftsperson vernommen.« »Vor allem, Elsa, muß ich dich bitten, mich aus dem Spiele zu lassen!« wandte sich der andere Herr fast barsch an die Blondine. »Ich habe nur ganz beiläufig erwähnt, daß meinem Freund Zipatsch in der Eremitage eine unliebsame Geschichte passiert ist, bei der sich seine Begleiterin sehr korrekt benommen hat.« »Natürlich, die Zernitzky benimmt sich immer korrekt,« höhnte Elsa. »Man spricht von verheirateten Frauen nicht mit ihrem Familiennamen,« hofmeisterte sie abermals Henry. »Danke für Knigge!« gab gereizt die Blondine zurück und warf ihre brennende Cigarette ärgerlich auf den Boden, daß die Funken sprühten. »Tust, als wenn die Sache in unserer Gesellschaft ein Geheimnis wäre – lächerlich!« »Na, na, na!« beschwichtigte Zipatsch. »Das ganze Vorkommnis ist kaum der Rede wert. Ich lernte den Doktor von Reibenstein im Klub kennen, wer ihn dort eingeführt, wußte ich nicht. Beim Spiel erleichterte er mich mal um ein paar braune Lappen. Leutnant Bellmann mußte gründlicher dran glauben; natürlich, seine Schwester ließ sich den Hof von dem Herrn Doktor machen. Er gab sich eben als patenter Kerl, so echt wie unsereiner. Freitag trafen wir uns in der Eremitage. Leutnant Bellmann, in Zivil natürlich, mit seiner neuen Flamme vom Apollotheater; von Reibenstein, und ich als letzter mit Frau – na, ihr wißt ja wer – die ich zufällig auf dem Schillerplatz getroffen.« »Bitte, Zipatsch, keine Entschuldigung!« rief mit spöttischem Lachen die zweite Dame, eine reife Schönheit mit kühn geformten Augenbrauen und sinnlich aufgeworfenen Lippen. »Ich bin nicht eifersüchtig – ihr Mann ist ja dein Freund.« »Unsinn, Freund!« gab Zipatsch verächtlich zurück, »ich habe ihm mal ein paar hundert Mark geliehen – das ist die ganze Freundschaft. Na also, wir sitzen noch keine zehn Minuten, tritt ein Herr auf uns zu und flüstert dem Doktor von Reibenstein etwas ins Ohr. Der verfärbt sich, läßt die Arme sinken und stottert einige unverständliche Sätze. Noch bevor wir ahnen konnten, was vorging, erscheint ein zweiter Herr auf der Bildfläche, stülpt dem völlig Geknickten den Hut auf den Kopf und läßt dabei in seiner Tasche ein unheimliches Klirren vernehmen. Durch dieses Geräusch schien der Doktor aus seiner Erstarrung zu erwachen, denn er erhob sich und folgte schwankenden Schrittes den beiden Unbekannten, von denen der eine seinen Überrock über den Arm geworfen hatte.« »Angenehme Situation für Kavaliere!« bemerkte die Blonde und ließ sich ihr Glas aufs neue mit Sekt füllen. »Verflucht angenehm! Die Sache spielte sich glücklicherweise so rasch ab, daß keiner der Gäste merkte, was vorging. Wir hatten uns von unserem Staunen noch nicht erholt, als sich abermals ein Fremder unserem Tische näherte und sich höflichst erkundigte, ob der Herr, der eben das Lokal verlassen, uns bekannt sei? Meine Begleiterin, welche die Lage gleich übersah, schnitt uns die Antwort ab, indem sie kurz und bündig erklärte: »Nein, zum ersten Mal gesehen!« Sie konnte das mit gutem Gewissen behaupten, denn bei ihr war es der Fall. Der Detektiv, es war natürlich einer, verbeugte sich und ging. Wir verließen gleichfalls das Restaurant und zwar in so rosiger Stimmung, daß wir sogar auf das geplante Souper bei Dressel verzichteten. Leutnant Bellmann war derart erregt, daß er am nächsten Morgen keinen Dienst tun konnte, dafür aber durch seinen Onkel, der Justizrat ist, nach dem Gegenstand unseres Verdrusses recherchieren ließ. Resultat: Doktor von Reibenstein, alias Christoph Müller, erst Hausknecht, dann Kellner, jetzt von fünf Staatsanwälten gesuchter Hochstapler – sieben Jahre Zuchthaus hinter sich. Danke! so ein Lump!« »Nun wird er sich mit euch herauszureden suchen,« meinte die Blondine. »Unsinn! wird sich hüten seine Opfer zu nennen – ist schon von Hamburg reklamiert. Jetzt ärgern mich nur noch die zweitausend Märker, die er mir abgeknöpft.« »Geschah dir recht!« zischelte schadenfroh die reifere Schöne. »Wärst du beim Spiel knauseriger und bei mir freigebiger, wäre uns beiden geholfen. Wie oft glaubst du wohl, Elsa,« wandte sie sich an ihre Freundin, »daß ich ihn um ein Boudoir im Jugendstil gebeten? Hundertmal, und immer vergeblich.« »Dasselbe in grün, bei Henry!« rief gedämpft die Blondine. »Beständig die Hände auf den Taschen – und so etwas nennt sich Lebemann. Da ist von Wintershalter anders, hat Helene gestern einen neuen Landauer spendiert.« »Warum nicht!« lachte Henry und warf einen Blick in seinen Taschenspiegel, um sich zu überzeugen, daß sich kein Härchen in seinen Scheitel gedrängt. »Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Von Wintershalter heiratet nächste Woche, da muß er sich den Rückzug sichern.« »Rückzug ist gut!« bemerkte Zipatsch. »Wenn ich das Wort »Rückzug« höre, fällt mir 'ne Geschichte ein – großartig, klassisch, kann sie kaum zum besten geben.« Da er sie aber doch zum besten gab, rückte die Gesellschaft dichter zusammen und lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit der im Flüsterton vorgetragenen Erzählung. Sie mußte sehr pikant gewesen sein, denn am Schlusse brachen alle in ein schallendes Gelächter aus, und die Blondine hob ihr Glas und sagte anerkennend: »Zipatsch, Sie sind doch ein pyramidales Schwein!« »Pst!« mahnte Henry, »nicht so laut, die andern brauchen's nicht zu wissen.« Emilie hatte ihren Grog ausgetrunken und erkundigte sich bei Holmer nach der Zeit, aber auch die animierte Gesellschaft in ihrer Nähe traf Anstalten zum Aufbruch. Zipatsch verlangte vom Zahlkellner die Nota; sie betrug für fünf Flaschen Sekt und einigen Speisen einhundertzehn Mark, die er beglich und noch ein ansehnliches Trinkgeld hinzufügte. Dann verließen sie in gehobener Stimmung den Saal, begleitet von den Bücklingen der Kellner und dem süßesten Lächeln der Büffetieren. Holmer und Emilie folgten, ohne sich der Mühe unterziehen zu müssen, für die Artigkeit des Personals extra zu danken. Am Ende der Marmortreppe, über die der Weg nach der Straße führte, stand ein armes vergrämtes Mütterchen und bot den späten Gästen Zündhölzchen zum Kauf an. Der gutmütige Groom, der dort die Türe öffnete und schloß, hatte der alten siechen Frau gestattet, sich hinter dem Glasverschlag aufzustellen, wo sie Schutz gegen den kalten Regen fand. Als sich die beiden Kavaliere mit ihren Damen der Alten näherten, streckte diese die knöcherne Hand mit der bescheidenen Ware aus und sagte im flehenden Tone: »Wachshölzchen, bitte Wachshölzchen! nur zehn Pfennig.« »Verfluchte Bettelei!« fuhr Zipatsch auf und wandte sich dann ärgerlich an den erschrockenen Groom: »Nicht nur daß man von dem Gesindel auf der Straße attackiert wird, auch hier noch! Das alte Mensch soll arbeiten.« Nach diesem Gefühlsausbruch verließ die Gesellschaft in rosigster Laune das Haus, bestieg ihr knurrendes Automobil, und gab dem Chauffeur die Weisung, sie nach einer anderen Stätte ersprießlicher Tätigkeit zu befördern. Der Groom hatte die alte Frau bereits hinausgewiesen, als Holmer und Emilie ihrer ansichtig wurden. Emilie steckte ihr im Vorbeigehen heimlich ein Nickelstück zu, hing sich an den Arm ihres Begleiters und drängte zur Eile. Es war der letzte Wagen der elektrischen Trambahn auf dieser Strecke, welcher sie nach der Frankfurterstraße brachte. Als sie ihn verließen, sagte Emilie: »Wir sind am Ziel, dort im dritten Hause wohne ich, im zweiten Hofe rechts. Nu müssen Se die janze Strecke bis zum Alexanderplatz alleene fahren – ich weeß wirklich nich, wie ich Ihnen danken soll für alles, was Se mir jeboten.« Holmer lächelte und versicherte, daß er ihr Schuldner sei, da ihm dieser Abend stets eine angenehme Erinnerung bleiben werde. Dann aber fragte er sie plötzlich: »Und was gibt es morgen, Fräulein Emilie?« Obgleich sie diese Frage erwartet hatte, durchschauerte sie doch ein beseligendes Gefühl, und sie antwortete mit vibrierender Stimme: »Sagen Se nich mehr, Fräulein Emilie – Emilie tut's ooch. Morjen – morjen muß ich Theresen in der Invalidenstraße besuchen, sonst wird se eklich falsch zu mir – und dann – dann –« »Sind Sie bei mir.« »Nee!« rief sie fast erschrocken. »Nee, uff Ihre Bude, das tu ich nich!« »Sollen Sie auch nicht. Wenn es Ihnen recht ist, treffen wir uns um fünf auf dem Alexanderplatz an der Berolina.« Emilie plänkelte mit Einwendungen und meinte, es ginge doch nicht an, daß sie seine Nobligkeit so ausnütze, und er dürfe sich ihretwegen keine weiteren Opfer auferlegen; als aber Holmer ihre Bedenken beschwichtigte und erklärte, keine kostspieligen Vergnügungen aufsuchen zu wollen, versprach sie pünktlich zur Stelle zu sein. So waren sie flüsternd bis an das Haus, in dem sie wohnte, gekommen. Holmer hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und als sie jetzt in den Schatten einer Litfaßsäule traten, preßte er ihre bebende Gestalt innig an sich. Er fühlte an seiner Brust ihren Busen sich heben und senken, und das wallende Blut der Tugend verlangte seine Rechte. Mit der freien Hand hob er ihr Kinn empor, und seine Lippen senkten sich in sinnlicher Glut auf die ihrigen. »Gute Nacht! gute Nacht, bis morgen!« hauchte er mit heißem Atem ihr ins Gesicht. »Gute Nacht!« zitterte ihre Stimme und sie suchte sich freizumachen; als er sie aber fragend ansah, schlang sie die Arme leidenschaftlich um seinen Nacken und drückte einen langen Kuß auf seinen Mund. »Gute Nacht!« Dann riß sie sich los, eilte auf ihre Haustüre zu, die sie hastig aufschloß, und indem sie dahinter verschwand noch einmal mit gedämpfter Stimme zurückrief: »Gute Nacht!« Holmer hörte den Riegel knarrend ins Schloß fallen und stand allein in der menschenleeren Straße. Kapitel 3. Aus dem hervorgeht, daß dichtende Kritiker keine markante Handschrift schreiben sollten und ein nächtliches Abenteuer erzählt wird, wie es jeden Tag vorkommt. In einem bürgerlichen Restaurant von Berlin S.W. saß einsam an einem länglichen Tische ein rüstiger Alter von stattlichem Wuchs, frischer Gesichtsfarbe und energischen, kraftvollen Zügen, und ließ sich sein Bayerisch wohlschmecken. Die übrigen kleinen, runden Tische des Lokales waren mit Männern, Frauen und Kindern besetzt, die trotz des kalten, regnerischen Wetters am zweiten Osterfeiertage nicht zu Hause bleiben wollten. Der Alte hatte die Zeitung die er gelesen, bei Seite gelegt und sah bald nach der runden Wanduhr über dem Büfett, bald nach den beiden Türen, durch die die Gäste ein- und ausgingen. Von Zeit zu Zeit strich er wohlgefällig seinen weißen Bart, oder hielt sein Bier gegen das Licht, um sich von dessen Klarheit zu überzeugen; aber immer wieder schweifte sein Blick nach den Türen und der Wanduhr. Als sein Seidel leer war, bestellte er ein frisches und fragte den Kellner, der es brachte, ob von den Stammgästen noch keiner dagewesen wäre. »Nein, Herr Doktor,« antwortete dieser, »an Feiertagen lassen sich die Herren nur selten bei uns sehen.« »Mein Kollege Schirocky, versprach mir zu kommen.« »War vor einer Stunde hier, mußte aber hinüber, auf die Redaktion, der eingelaufenen Depeschen wegen. Morgen Abend ist die Gesellschaft wieder komplett.« »Bis auf einen!« lachte der Doktor. »Der wird um Urlaub bitten müssen.« »Sie verreisen?« »Ja, nach Plötzensee auf sechs Wochen.« »Schon wieder?« »Schon wieder. Das kommt vom Schwarzsehen, mein Herr Ober. Wenn wir Publizisten mal alle ein Examen im Rosigsehen bestanden haben, passiert das nicht mehr. Bitte, geben Sie mir den Simplicissimus.« Der Kellner brachte das gewünschte Blatt, und der Doktor verschanzte sich dahinter. Während er las, erschien Holmer unter der Türe, und sein suchender Blick überflog den weiten Raum. Der junge Mann sah müde und abgespannt aus; er hatte, nachdem er Emilie verlassen, eine unbehagliche Nacht verbracht, Schlaf gesucht, aber nicht gefunden. Die verworrensten Gedanken hatten sein Gehirn beschwert. Bald hatte er die Annäherung an das Mädchen bereut, bald sich überglücklich gefühlt, daß er es gefunden. Er hatte in wachen Träumen zwischen heißer Sehnsucht und kühler Zurückhaltung, zwischen sinnlicher Glut und bedächtiger Erwägung vergeblich nach einem Entschluß gekämpft, ob er die Beziehungen fortsetzen oder aufgeben sollte. Oft war es ihm gewesen, als vernehme er die warnende Stimme seiner Mutter und dazwischen, wie fernes Glockengeläute, das herzige, neckische Lachen seiner einstigen Tanzstundenliebe. Sein ganzes Leben war vor seiner Seele vorbeigezogen. Die vier Semester, die er auf der Universität verbracht, der Tod seines Vaters, der sein Studium unterbrochen, die Militärzeit, die lange Krankheit, die ihn nach ihr befallen, und seine Hoffnungen und Enttäuschungen, die sein Ringen um Anerkennung seiner Leistungen begleitet hatten. Aber schließlich flossen alle Bilder seiner erregten Phantasie wieder in dem Emiliens zusammen. Lange schon war der graue Tag im Osten aufgegangen, und noch immer hatte der Schlaf sein Lager geflohen, als seine Wirtin erschienen war und ihm einen Rohrpostbrief übergeben hatte. Er war von Emilie gewesen und hatte eine Absage für heute enthalten. Sie hatte sich gestern erkältet und mußte das Bett hüten, hoffte aber morgen wieder mobil zu sein. Mißmutig hatte er sich um die Mittagsstunde angekleidet und das Haus verlassen. Es war ein langweiliger Nachmittag, den er versucht hatte durch ziellose Bummelei totzuschlagen. Endlich war es Abend geworden, und nun durfte er wenigstens hoffen, in dem Restaurant, das er ab und zu besuchte, einige Bekannte zu treffen. Seine Züge erheiterten sich daher, als er im Tabaksnebel den Doktor bemerkte, und rasch trat er auf ihn zu und bot ihm die Hand: »Guten Abend, Doktor, ganz allein?« »Schirocky war da, ist aber wieder weggegangen.« »Und die junge Dame hat sich vor dem Wetter gefürchtet?« »Sie meinen meine Nichte? Die ist in der Oper und kommt nach der Vorstellung her.« Nachdem sich Holmer neben dem Doktor niedergelassen, fuhr dieser fort: »Sie wird die sechs Wochen, die ich in Plötzensee zubringe, zu einem Besuche in der Heimat benützen. Es ist mir auch lieber so, als daß ich das Mädchen allein zu Hause lasse.« »Sie führt Ihnen die Wirtschaft?« »Seit sechs Jahren. Sie war noch keine sechzehn alt, da starb ihre Mutter, ich war Witwer, hatte eine größere Wohnung, was konnte ich da besseres tun als die Waise zu mir nehmen? Erst war der Verkehr zwischen uns kühl, aber mit der Zeit wurde er wärmer; erst war ich ihr nur der Onkel, jetzt bin ich ihr der liebe Freund. Sie glauben nicht, wie das Mädel an mir hängt, schon zweimal hätte sie sich gut verheiraten können und jedesmal hatte sie es mir zuliebe ausgeschlagen.« »Einmal wird sie doch daran denken.« »Gewiß, wenn ich meine sechs Wochen abgedient habe, werde ich ihr einen dahingehenden Vorschlag machen.« »Sie selbst?« »Wundern Sie sich darüber, weil ich sechzig Jahre alt bin? Meine Nichte nimmt keinen Anstoß daran; die goldene Hochzeit werden wir freilich nicht miteinander feiern, aber ich fühle mich noch so rüstig, daß ich die silberne nicht für unmöglich halte.« Holmer konnte sich über den Optimismus des alten Herrn eines Lächelns nicht erwehren und wagte die Bemerkung: »Und Sie sind sicher, daß Ihre Werbung Erfolg hat?« »Daran ist nicht zu zweifeln; ich habe zwar mit ihr noch nie über dieses Thema gesprochen, bin aber meiner Sache sicher. Beobachten Sie nur, mit welchem Eifer sie auf meine Behaglichkeit bedacht ist; sie duldet nicht einmal, daß ich mir eine Zigarre anzünde, ohne daß sie das Feuer reicht. Vor zwei Jahren war sie in Breslau bei einer Freundin zu Besuch und lernte dort einen jungen lebenslustigen Glasfabrikanten aus Böhmen kennen, der für sie schwärmte und ihr schließlich einen Heiratsantrag machte. Sie fragte bei mir an, wie ich darüber dächte, und ich antwortete ihr, daß in solchen Dingen schwer zu raten sei, sie möge ihr Herz entscheiden lassen. Drei Tage später traf sie in Berlin ein und versicherte mich, daß sie sich bei mir am behaglichsten fühle.« Der Doktor nahm einen kräftigen Schluck, strich sich wohlgefällig den langen Bart und fuhr nach einer Pause fort: »Ich habe meine Absichten bis jetzt niemand merken lassen und möchte Sie deshalb bitten, die Herren und Damen unseres Stammtisches während meiner Abwesenheit langsam darauf vorzubereiten. Die Verwunderung wird dann nicht halb so groß sein, wenn ich sie mit einer Verlobungsanzeige überrasche, und hundert peinliche Bemerkungen werden meiner Nichte erspart bleiben.« Holmer versprach bei nächster Gelegenheit seinen Wunsch zu erfüllen, und der Doktor schien durch diese Zusage erleichtert. »Sind die Herrschaften orientiert,« meinte er, »wird der Gesprächsstoff über diese Sensation bald erschöpft sein, und niemand wird sich mehr an unserer Altersdifferenz stören.« »Im Grunde genommen kann das auch dritte wenig kümmern.« »Gewiß, aber jeder, der sich zu einem Ehebunde entschließt, muß die Erwählte Spießruten vor dem Urteil seiner Bekannten laufen lassen. Nur Geduld, verehrter Freund, das werden Sie schon noch erfahren, auch unter sogenannten normalen Verhältnissen.« »Ich denke nicht daran, mich zu verheiraten.« »Das ist für einen jungen Schriftsteller das beste. Bevor er sich nicht für seine Arbeiten einen größeren Interessentenkreis errungen, bedarf er der persönlichen Freiheit mehr als jeder andere. Läßt sich doch von seinem Werdegang in der Regel sagen: »In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling; »Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis, und ist zufrieden, wenn er seinen Idealen ein Begräbnis erster Klasse geben und im Tempel der Presse die Weihe als Journalist empfangen kann. Besuchen Sie alle größeren Redaktionen und Sie werden überall mindestens einen finden, der als Dichter begann und als Zeitungsschreiber endete und sich wohl dabei fühlt.« »Sie malen grau in grau,« meinte Holmer. »Ich male nach den Erfahrungen, die ich gemacht. Kennen Sie die Vertragsbedingungen des Verlegers, wenn Sie mit einem ersten Band Gedichte vor die Öffentlichkeit treten wollen?« »Leider! Für die erste Auflage kein Honorar, aber die Verpflichtung, hundert Exemplare der eigenen Werke gegen Kasse zu beziehen. Dem Dramatiker wird es allerdings leichter gemacht.« »Glauben Sie das nicht. Es erscheinen jedes Jahr einige Tausend Bühnenwerke im Druck, und noch keine hundert davon werden aufgeführt.« »Aber die zur Darstellung gelangen, werden wenigstens besprochen.« »Was ist damit erreicht? Schließlich behält das entscheidende Wort doch das Publikum. Und dann die Kritik? Hut ab vor Leuten, die durch Charakter, Unabhängigkeit, Bildung und Erfahrung zum Richteramt in literarischen Dingen berufen sind, aber das ist leider die Minderheit; gar vielen ist die Kritik nur Mittel, sich auf Unkosten des zu besprechenden Autors, selbst in Szene zu setzen, während andere wieder die Sache rein handwerksmäßig betreiben und mit Schlagwörtern, als da sind: Hintertreppenwitz, innere Unmöglichkeit, äußerer Erfolg \&c. fleißig um sich werfen; diese Herren finden nur das literarisch, was ihrem Geschmack zusagt, vorwiegend nach Paprika duftet, unanständige Dinge, Charakterabnormitäten und die Schattenseiten der Gesellschaft behandelt. Die gefährlichsten Rezensenten aber sind die verkannten Dramatiker, die in ihrem Schreibtische unaufgeführte Stücke verwahren; denn sie glauben ihr Mißgeschick an den Werken ihrer glücklicheren Kollegen rächen zu müssen.« »Lieber Doktor, Sie sind verbissen. Auf Ihr Wohl!« »Prosit! Das war ich einmal, kurze Zeit, vor fünfunddreißig Jahren – jetzt lache ich über die Geschichte.« »Sie haben also auch für die Bühne geschrieben?« »Erst für und dann über sie, bevor ich mich der Politik zuwandte – allerdings nur einmal für sie.« »Und waren mit dem Erfolg zufrieden?« »Ich schon, aber andere nicht. Wenn Sie's hören wollen, kann ich's zum besten geben. Sie lernen mich dann auch von meiner boshaften Seite kennen.« Holmer versicherte sein lebhaftes Interesse und rückte seinen Stuhl dem Alten näher, der bedächtig eine Zigarre seinem Etui entnahm, sie anzündete, ihren Duft einsog und zu erzählen begann. »Ich hatte meinen Doktor gemacht und mußte nun dran denken, mich ohne fremde Hilfe durch's Leben zu schlagen. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen bot sich mir eine Lehrerstelle im Hause eines reichen Emporkömmlings. Zwei herzlich dumme Jungen, welche zum Abiturium gedrillt werden sollten, waren meine Schüler. Da sie auch Ballspiel, Tanzen und Reiten studierten und außerdem meinem Nachhilfeunterricht aus dem Wege gingen, wo es sich ermöglichen ließ, hatte ich viel freie Zeit, die ich zur Abfassung eines modernen Schauspiels benützte. Ich war mit meiner Arbeit zufrieden, welcher Dichter wäre das auch nicht? Und als ich das Manuskript meinen Freunden bei einem Glase Punsch vorlas, versicherten sie mich übereinstimmend, daß die neuere Literatur nichts Besseres aufzuweisen hätte. Ich machte mich also dahinter, mein Opus säuberlich abzuschreiben und es, da wir in einer kleinen Residenz lebten, beim Hoftheater einzureichen. Die Entscheidung ließ lange auf sich warten, und als sie endlich kam, war sie ablehnend. Die Arbeit sei ja recht talentvoll, schrieb man mir, aber für ein Hoftheater schon der Tendenz wegen nicht geeignet. Kurz entschlossen sandte ich das Stück nun an die Bühne meiner Vaterstadt, dessen Leiter mir als ein liberaler und ziemlich vorurteilsfreier Herr bekannt war. Wieder vergingen Monate der Erwartung, endlich kam die Erlösung, mein Schauspiel war für die nächste Saison zur Aufführung angenommen. Ich mußte also noch ein ganzes Jahr warten, bis ich den Gestalten meiner Phantasie auf der Bühne begegnen konnte. Es war nach meinem Empfinden das längste Jahr, das ich erlebt, ich zählte die Tage bis zur Premiere und strich im Kalender jeden Morgen einen ab. Als ich nichts mehr abzustreichen hatte, reiste ich nach meiner Vaterstadt, die ich seit sechs Jahren nicht gesehen hatte, um der Generalprobe und am nächsten Tage der Aufführung beiwohnen zu können. Dort angekommen, stellte ich mich sofort dem Direktor vor, der mir riet, verschiedenen Herren von der Presse meine Aufwartung zu machen. »Namentlich die Bürgerzeitung,« meinte er, »kann Ihrem Stücke nützlich, aber auch höchst gefährlich sein; ihr Feuilletonredakteur, Emil Strenzer, der die Theaterkritik besorgt, hat selbst zwei Einakter geschrieben, die von mir mehrmals gegeben wurden und in der Bürgerzeitung glänzende Besprechung fanden. Er ist ein strenger Richter und sein Urteil von höchstem Einfluß. Es soll mich freuen, wenn Sie mir morgen auf der Generalprobe sagen können, wie er Ihren Besuch aufgenommen.« Ich benützte also den Nachmittag, verschiedene Redaktionen aufzusuchen und fand im allgemeinen eine recht freundliche Aufnahme. Mein letzter Besuch galt dem gefürchteten Herrn Emil Strenzer. Er empfing mich mit der Versicherung, daß er mit Arbeit überhäuft sei, hörte mich aber trotzdem an. Ich sprach ihm von der Tendenz meines Stückes, die ihm zu gefallen schien, obgleich er dabei mehr und mehr die Stirne runzelte. Schließlich meinte er, es wäre nicht klug von mir gewesen, das Schauspiel zuerst in meiner Vaterstadt aufführen zu lassen; das sei immer ein Appell an den Lokalpatriotismus und ein Plädieren für mildernde Umstände – übrigens werde er tun, was in seinen Kräften stehe. Ich wußte damals natürlich nicht, daß ihm eine Komödie, die ein ähnliches Thema behandelte, von mehreren Theatern zurückgesandt worden war. Am nächsten Morgen fand ich mich zeitig auf der Bühne ein; sie war noch völlig menschenleer, und nur ein paar Lampen brannten an den Soffitten. Der Vorhang war hochgezogen, und der schwarze Zuschauerraum gähnte mich wie der Rachen eines Ungeheuers an, der bereit ist, alles zu verschlingen. Ich tastete mich zwischen den Kulissen zurecht und stieß im Halbdunkel wider eine junge Dame, welche auf dem Wildschwein, das gestern im Freischütz mitgewirkt, Platz genommen hatte und ihr Frühstück verzehrte. »Pardon!« »Tut nix!« antwortete sie. »Bin halt a zu früh auf die Prob kommen.« »Um zehn Uhr.« »Ist aber erst um halb elf.« »So, erst um halb elf?« »Draußen steht's anschrieben – so a Schlamperei! Wann's sich setzen wollen, auf der Sau is noch Platz g'nug.« Ich folgte der freundlichen Einladung und ließ mich neben der jungen Künstlerin nieder, die sofort den Faden der Unterhaltung wieder aufnahm und mich fragte, ob ich zu den neuen Kräften des Chors gehöre? Da mir mein Inkognito Spaß machte, antwortete ich: »Ja, vorübergehend.« »Vorübergehend? Mei, 's wird immer schöner herinnen, bald wern's d' Leut auf Tagelohn engagiern. Habens heut a was in dem Schmarrn z'tun?« »Schmarrn!« So despektierlich hatte noch niemand von meinem Schauspiel gesprochen, und ich mußte mich zusammennehmen, nicht aus meiner Rolle zu fallen. »Ja,« sagte ich, »am Schluß – wann's ans Herausrufen geht.« »Glauben's, daß es dazu kommt? I nit! das Stück steht auf schwache Füaß.« »So?« »Schad um d' Zeit, die's kost hat, 's einzustudiern.« »Hm! haben Sie keine Rolle darin?« »Freili, sonst war i nit hier; 's Stubenmadel im ersten Akt, an viertel Bogen. Da quält man sich, und nachher is es a paarmal. Unser Direktor nimmt halt alles aa.« »Kennen Sie denn auch die anderen Akte?« »I kenn meine Roll, dös is grad g'nug.« Ich hätte die interessante Unterhaltung gerne noch eine Weile fortgesetzt, da sich aber jetzt die Bühne mit den Darstellern belebte, und die Lampen am Proszenium angezündet wurden, erhob ich mich, um den Direktor zu begrüßen, der gleichfalls eingetreten war. »Ah, Herr Doktor, das ist schön, daß Sie so zeitig gekommen,« rief er mir freundlich entgegen. »Erlauben Sie, daß ich Sie den Herrschaften vorstelle.« Nachdem diese Förmlichkeit vorüber war, fragte er mich, ob ich der Probe auf der Bühne oder im Zuschauerraum beizuwohnen wünschte. »Im Parkett werden Sie mehr ein Gesamtbild erhalten als hier oben; auch die Arrangements, namentlich bei den Aktschlüssen ruhiger übersehen können – doch wie Sie wollen. Bitte, lassen Sie mich nur überall Ihre Ansicht wissen, heute können wir noch ändern.« Ich entschloß mich für den Zuschauerraum und wurde nach dem völlig dunkelen Parkett geführt und allein gelassen. Kaum aber hatte ich mich gesetzt, als die wohlbekannte Stimme des Stubenmadels aus dem ersten Akt mir in's Ohr flüsterte: »Herr Doktor, san's nöt bös, daß i vorhin so dumm plauscht hab, i möcht mir selber a Watschen geben, wann i dran denk.« »Machen Sie sich keine Gedanken darüber,« tröstete ich sie. »Wo sind Sie denn eigentlich?« »In der nächsten Reihe hinter Ihnen; i bin Ihnen nachschlichen. Sehn's, wann unser Direktor erfährt, was i g'sagt hab, nacher gibt's an Verdruß – mit aner vom Chor wird nit viel Umständ g'macht, die is glei draußen.« »Ich verspreche Ihnen, nicht davon zu reden. Sind Sie nun zufrieden?« »Dös glaub i – san Sie a guter Mann!« lispelte sie und drückte einen leisen Kuß auf meine Wange. Ich wandte mich um, die kleine Kokette festzuhalten, sie aber war schon verschwunden, und ich hörte nur noch das verhallende Knistern ihrer Tritte. Die Probe begann und nahm einen Verlauf wie die meisten Generalproben; es klappte vieles nicht, mußte wiederholt werden, und ein Gesamteindruck war nicht zu gewinnen. Meine Siegeszuversicht schmolz während der Probe wie der Schnee an einem warmen Märztage, und als ich am Abend das Theater betrat, kam ich mir wie ein Angeklagter vor, der auf den Wahrspruch der Geschworenen wartet. Doch es ging alles besser, als ich vermutet hatte; das Publikum applaudierte vom zweiten Akte ab und rief mich nach dem dritten und vierten. Es war kein frenetischer Beifall, aber ich konnte zufrieden sein. Nach der Vorstellung suchte ich den Direktor auf und fragte ihn, ob er glaube, daß das Stück seinen Weg machen werde. »Das kommt auf die Kritik in der Presse an,« antwortete er mir. »War der Redakteur der Bürgerzeitung im Theater?« »Er nicht, aber seine Frau; sie kam während des zweiten Aktes.« »Rezensiert sie auch?« Der Direktor zuckte mit der Achsel. »Auf alle Fälle erstattet sie ihrem Gemahl Bericht.« Die ersten Zeitungen, die mir zu Gesicht kamen, konstatierten den Erfolg und beurteilten nicht unfreundlich mein Erstlingswerk. Endlich erhielt ich auch die Bürgerzeitung und überflog ihre Spalten mit begreiflicher Neugierde. Die Besprechung meines Stückes war Emil Strenzer gezeichnet und begann mit einer Abhandlung über die Aufgaben und Aussichten der modernen Bühne; dann ging sie auf meine Arbeit über, wobei der Verfasser gleich zu Anfang bedauerte, an einem solchen Machwerk seine kostbare Zeit verschwenden zu müssen. Was hätte, ging es dann weiter, ein berufener Dramatiker aus diesem Sujet machen können, und was ist daraus geworden? Ein dramatisches Unding, ein künstlerisches Defizit, eine Stümperarbeit sondergleichen. Diesem Schauspiel fehlt alles: die Exposition, die Charakterzeichnung, die Entwicklung der Handlung. Warum lernen solche Autoren kein ehrliches Handwerk und zwingen objektive Kritiker im Interesse der Kunst harte, aber gerechte Urteile abgeben zu müssen? Dann wurde mir der Vorwurf gemacht, daß ich vermutlich nicht auf ganz einwandfreie Weise zu diesem Stoff gekommen sei, den ein anerkannter, hervorragender Bühnendichter, damit meinte er natürlich sich, vor einiger Zeit zu einem äußerst wirksamen Drama verarbeitet habe. Zum Schlusse aber erklärte er, daß es Pflicht der anständigen Kritik sei, der Protektions- und Reklamewirtschaft des deutschen Theaters ein Ende zu machen, damit das Publikum wieder wahre Kunst von falscher unterscheiden lerne. Nach einer solchen Beurteilung durch das einflußreichste Organ der Stadt war mein Stück natürlich gerichtet. abgeschlachtet, tot. Selbst der Direktor, der gestern noch so hoffnungsfreudig liebenswürdig war, erkannte dies und ordnete das Begräbnis nach der zweiten Aufführung an. Ich schäumte, kochte vor Wut und glaube, wenn mir nach den ersten Tagen der Herr Kritikus begegnet wäre, ich ihn auf der Straße geohrfeigt hätte. Allmählich aber legte sich die Aufregung, und mein ganzes Sinnen und Trachten richtete sich auf eine literarische Rache, über deren Ausführung ich mir zwar selbst nicht recht klar werden konnte, da ich keinen Einfluß auf die Presse und kein Geld für die Druckkosten eines Pamphlets hatte. Doch jetzt kam mir unerwartet der Zufall zu Hilfe. Eines Abends begegnete mir ein junger Mann, der mir von meiner Kindheit her bekannt war. Wir begrüßten einander, und sein zweites Wort war: »Lieber Doktor, Sie müssen dem Strenzer aber gehörig auf die Füße getreten haben, daß er so mit Ihrem Stücke umging.« »Sie irren, Herr Weibel,« antwortete ich, »ich habe diesen Menschen ein einziges Mal im Leben gesehen.« »Dann verstehe ich nicht, wie er so schreiben konnte.« »Kennen Sie ihn?« »Natürlich, ich bin doch Setzer bei der Bürgerzeitung, habe auch die Kritik über Sie gesetzt.« »Scheint mir ein sonderbarer Herr zu sein.« »Ein arroganter Kerl, schreibt eine Pfote, als wenn die Hühner übers Papier gelaufen wären, und schimpft wie ein Rohrspatz, wenn der Setzer aus seinen Hieroglyphen nicht herauskommt.« »Er hat doch auch schon für's Theater geschrieben?« »Ja, zwei Einakter, und verhimmelt hat er sie, daß es nicht mehr schön war.« »Wer?« »Er, wer sonst?« Ich sah den Setzer erstaunt an, er aber neigte sich zu mir und flüsterte: »Er schreibt doch die Kritiken über seine Stücke selber und macht irgend ein Zeichen darunter.« »Ja, woher wissen Sie das?« »Ich kenne seine Handschrift genau, auch wenn er sie zu verstellen sucht – bitte aber um Gotteswillen, nichts davon verlauten zu lassen!« Nachdem ich mich ehrenwörtlich zum Schweigen verpflichtet hatte, wurde er noch gesprächiger und sagte: »Ja, er schreibt sie selbst und verreist, damit kein Verdacht aufkommt, am Tage zuvor, wo sie erscheint. Sie beginnt in der Regel mit den Worten: »Unser geehrter Kollege, oder geschätzter Mitarbeiter, oder beliebter Feuilletonredakteur, der sich gestern Abend, sofort nach der Premiere auf eine Erholungsreise begab, hat mit seinem neuesten Opus die zeitgenössische dramatische Literatur wiederum um eine Perle bereichert, und dann geht die Lobhudelei in allen Tonarten los. Zum Schlusse aber unterzeichnet sich der famose Kritiker mit einem X oder Z.« »Irren Sie sich auch nicht mit der Handschrift?« »Das ist völlig ausgeschlossen. Nächste Woche kommt sein dritter Einakter heraus, und Sie werden sehen, daß Strenzer sofort nach der Vorstellung abdampft; er hat als vorsichtiger Mann heute schon angedeutet, daß er verreisen müsse.« Jetzt blitzte mir ein teuflischer Gedanke durch den Kopf, und ich frug den Gespielen meiner Kindheit, ob ich ihn zu einer Flasche Wein einladen dürfe. »Warum nicht, wenn sie gut ist? Wir Bleischlucker sind alle durstige Seelen.« Wir suchten eine abgelegene Weinkneipe auf, und ich bestellte eine Flasche Deidesheimer. Bei der zweiten Flasche fragte ich ihn, ob er sich in der Druckerei der Bürgerzeitung wohl fühle. »Früher ja, jetzt nicht mehr,« gab er zurück. »Unser alter Faktor ist tot, und der an seine Stelle trat, ist ein Menschenschinder – die längste Zeit war ich dorten.« »Es liegt Ihnen also nicht viel an dieser Stelle?« »Ich danke Gott, wenn ich draußen bin.« »Sagen Sie mal, lieber Weibel, zeichnet ihr Emil Spenzer alle seine Rezensionen mit seinem Namen?« »Alle, mit Ausnahme solcher, die er selber über seine Sachen schreibt.« »Hm! Wäre es nicht möglich, wenn er wieder einmal so in Selbstberäucherung macht, seinen Autornamen unter den Artikel, zu plazieren?« Der Setzer sah mich erst mit offenem Munde an, dann schlug er sich auf die Kniee und lachte laut hinaus: »Donnerwetter! das wäre was.« »Ist es möglich?« »Warum nicht, wenn ich die letzte Korrektur mache – aber –« »Natürlich nur, wenn er seine Kritik selbst verfaßt hat.« »Versteh, verstehe! aber – – Ich muß mich sicherstellen, sonst leugnet er, und ich sitze in der Patsche.« »Können Sie das Manuskript nicht zurückbehalten?« »Das geht nicht – aber einen Streifen davon kann ich abreißen – das genügt.« »Und das wollten Sie Ihrem Jugendfreunde zuliebe tun?« Weibel besann sich einen Augenblick, leerte sein Glas und sagte: »Ein Lump, der nicht zu seinen Freunden hält. Er hat mich einmal geschuriegelt, weil ich vergaß seinen Namen unter einen Artikel zu setzen, diesmal soll's nicht vergessen werden.« Ich wollte, von seiner Freundschaft gerührt, ihm die Hand schütteln, er aber wehrte mit den Worten ab: »Unsinn! Ich habe ja den größten Vorteil davon – ich brauche nicht zu kündigen.« »Esperance«, dramatische Studie von Emil Strenzer, ging acht Tage später wirklich in Szene und fand eine ziemlich kühle Aufnahme beim Publikum, aber eine desto wärmere Besprechung in der Bürgerzeitung. Ein Kollege des Verfassers schrieb dort die Kritik und feierte den in der Ferne weilenden Dichter in überschwenglichster Weise. Der Schluß dieser Dithyrambe aber lautete: Jahre werden vergangen sein, und Literaturforscher werden die Schätze unserer Zeit sichten und neben den besten Namen auch den Emil Strenzers nennen. Emil Strenzer. Weibel, die treue Seele, hatte Wort gehalten und nach der letzten Korrektur die Unterschrift eingeschoben, was niemand auffiel. Das Blatt war schon einige Stunden verteilt, als erst die Veränderung bemerkt wurde und die gesamte Redaktion in höchste Aufregung versetzte. Man forschte nach dem Manuskript, fand aber nur zwei Drittel davon; man stellte Weibel zur Rede, der aber gelassen erklärte, der Herr Doktor habe gewünscht, daß unter allen seinen Arbeiten auch sein Name gesetzt werde, er habe also nur ein Versehen gutgemacht. Nicht nur die Konkurrenzblätter am Platze, auch die auswärtigen Zeitungen machten sich über den Kritiker der Bürgerzeitung lustig. Esperance und ihr Dichter waren der Lächerlichkeit verfallen. Strenzer telegraphierte an sein Blatt, daß ein Mißverständnis vorliege, und er die Sache aufklären werde; aber noch bevor dies geschehen konnte, verließen die Ratten das sinkende Schiff, und eine auswärtige Zeitung veröffentlichte, mit höhnischen Glossen versehen, einen Brief Strenzers an ihren Theaterreferenten, worin er bat, beifolgende Besprechung seines Stückes zu veröffentlichen und sich zu Gegendiensten bereit erklärte. Die Blamage war vollständig, und es blieb dem geschäftskundigen Herrn nichts anderes übrig. als aus der Redaktion der Bürgerzeitung auszuscheiden und für immer auf ein Richteramt zu verzichten.« Der Alte hielt einen Augenblick in seiner Erzählung inne, schöpfte tief Atem, wobei ein sarkastisches Schmunzeln seine Lippen umspielte und erklärte dann mit einem Anflug von Galgenhumor: »Aber auch die deutsche Bühne hatte einen großen Verlust zu verzeichnen, denn weder mein Gegner noch ich bereicherten sie jemals wieder um ein Stück!« Holmer, der mit gespannter Aufmerksamkeit gelauscht hatte, erhob jetzt sein Glas und stieß mit dem Doktor an: »Sie sind ja ein ganz gefährlicher Mensch!« rief er lachend. »So erklärlich mir aber auch Ihre Rache erscheint, so unverständlich ist es mir, daß Sie die Flinte ins Korn warfen und einer Tätigkeit entsagten, die im Grunde genommen doch vielversprechend für Sie begonnen hatte.« »Mir war das Theater gründlich verleidet, und dann, von idealen Bestrebungen allein raucht der Schornstein nicht. Ich mußte leben, hatte meine Lehrerstelle aufgegeben und war froh, als ich bei einer Zeitschrift Unterkunft fand. Nun schrieb ich eine Zeitlang, o Ironie des Schicksals! wie so mancher schiffbrüchige Bühnendichter selber Rezensionen. Ich kann mir aber das Zeugnis ausstellen, daß wenn ich auch nicht ohne Fehl gewesen, ich doch niemals ein blutiger Schächter war. Ganz allmählich rückte ich dem Journalismus näher und geriet dabei mehr und mehr ins Parteigetriebe. Meine radikalen Ansichten zwangen mich bei einem mehr links stehenden Blatte Stellung zu suchen, und als ich sie gefunden, an die Begründung eines eigenen Hausstandes zu denken.« »Und wieviel Jahre hatten Sie gebraucht, dieses Ziel zu erreichen?« frug Holmer. »Ein volles Dutzend, verehrter Freund. Meine Braut mußte sich mit Geduld wappnen. Und wer meinen Sie, wer meine Braut gewesen ist?« »Sie richten eine Frage an mich, die ich Ihnen nicht beantworten kann – woher sollte ich das wissen?« »Es war die kleine Choristin, die ich im Dunkel der Bühne kennen gelernt.« »Die Ihnen so offenherzig ihre Meinung gesagt?« »Dieselbe. Ich hatte Geschmack an ihrer Naivität gefunden, und bändelte mit ihr an wie häufig junge Männer mit Mädchen in bescheidener Lebensstellung anbändeln. Achtzehn Jahre lebten wir in glücklicher Ehe zusammen.« Der Doktor war nachdenklich geworden und sah sinnend unter sich, aber nur einen Augenblick stand er unter dem Banne der Erinnerung, denn als er sein Auge erhob, entfuhr es freudig seinen Lippen: »Ah! da kommt ja meine Nichte,« und indem er sich zu Holmer beugte, flüsterte er diesem ins Ohr: »Wie sie, in Art und Erscheinung, müssen Sie sich meine Frau, als sie noch beim Theater war, vorstellen – man könnte an Seelenwanderung glauben.« Die Nichte, eine schlanke Brünette, mit unruhigen dunklen Augen und leicht aufgeworfenen Lippen, hatte sich rasch ihrem Onkel genähert und begrüßte nun mit fröhlichem Lachen die beiden Herren: »Guten Abend, Herr Holmer, guten Abend, Onkelchen! Es ist unheimlich spät geworden, aber die Oper dauerte bis nach elf, und dann waren alle Trambahnen überfüllt. Ich bin nur froh, Onkelchen, daß du so angenehme Gesellschaft gefunden hast.« Bevor ihr jemand behülflich sein konnte, hatte sie ihren Mantel abgelegt und Platz genommen. »Bitte, Kellner, die Speisekarte! Ich habe einen Hunger, Onkelchen, als wenn ich acht Tage gefastet hätte.« »Warum hast du nichts im Theater genossen?« fragte sie der Doktor. »Weil ich mir den Appetit mit den Schleckereien nicht verderben wollte.« Der Kellner brachte die Karte, und das Fräulein bestellte. »Aber bitte, rasch, wenn Sie mich noch lebend antreffen wollen! Weißt du auch, Onkelchen, weshalb ich so dränge?« »Weil du hungrig bist.« »Das schon, aber auch weil wir zeitig nach Hause müssen. Ich muß noch zwei Koffer packen!« »Diese Nacht?« »Wann sonst? Morgen habe ich in der Wirtschaft zu tun, und um zwei Uhr dampfst du nach Plötzensee und ich nach Görlitz ab.« »Wir können im Restaurant speisen.« »Nein, nein! Deine Henkersmahlzeit soll Hausmannskost sein – ich habe schon meine Vorkehrungen hierzu getroffen. Sie glauben gar nicht,« wandte sie sich an Holmer, »was ich mir für Sorgen um Onkelchen mache – sechs Wochen hinter schwedischen Gardinen und dazu das Gefängnismenü, es ist zu schrecklich! Bis er wieder die goldene Freiheit genießt, sind die Maiglöckchen verblüht. Haben Sie auch schon einmal gesessen?« »Leider,« erwiderte lachend Holmer, »hatte ich noch nicht die Ehre.« »Wenn Sie Sehnsucht darnach haben, werden Sie nur Verantwortlicher. Onkelchen hat mir feierlich versprechen müssen, nicht mehr die Zeitung zu zeichnen. Es ist doch zu dumm, für die Unvorsichtigkeiten anderer eingelocht zu werden.« »Du nimmst die Sache viel zu tragisch, Cornelia,« erwiderte der Doktor und warf Holmer einen triumphierenden Blick zu. »Diese sechs Wochen werden ohne Schaden für mich vorübergehen.« »Hören Sie den Egoisten, er spricht nur von sich! Daß ich während dieser Zeit wie eine büßende Nonne bei einer halbtauben Tante schmachte, darüber fällt ihm gar nichts ein. Na, warte nur.« Der Kellner brachte die bestellten Speisen, und Cornelia griff wacker zu, wobei sie besonders schmackhafte Bissen dem Doktor zum Kosten anbot. Während sie aß, verglich Holmer sie im Stillen mit Emilie. Wie grundverschieden waren doch diese beiden Mädchen, obgleich sie in vielen Dingen eine gewisse Ähnlichkeit zu haben schienen. Cornelia, die üppigere, mit den frischen runden Wangen und den unruhig flackernden Blicken, bewegte sich mit der souveränen Sicherheit der Weltstadtdame. Ihre Haltung und ihr Auftreten zeugten von dem Bestreben, sich in möglichst unabhängiger Stellung zu zeigen, ein Bemühen, das wunderlich von der unterwürfigen Art, mit der sie mit dem Doktor verkehrte, abstach. Wie ganz anders Emilie. Ein ernster, fast melancholischer Zug, der um ihren feingeschnittenen Mund lagerte, ließ sie auf den ersten Blick älter erscheinen als sie war, ohne daß ihr dies zum Nachteil gereicht hätte. Ein stolzes Selbstbewußtsein war ihr fremd, und die Unbefangenheit, mit der sie sich gab, war lediglich ein Produkt ihrer Naivität. Auf dem Meere des Lebens, sagte sich Holmer, wird Cornelia nach den fernen Inseln des Glückes spähen, aber immer den sicheren Hafen im Auge behalten, während Emilie unbekümmert um die Richtung in das Ungewisse hinaussteuert und zufrieden ist, wenn ein Sonnenstrahl ihre Segel verklärt. Cornelia hatte ihre Mahlzeit beendet und wandte sich mit der Frage an Holmer, ob er ungehalten sei, wenn sie sich jetzt entfernten. »Wie könnte ich das? Wenn Sie heute noch packen und dann ein wenig ruhen wollen, ist es höchste Zeit zum Aufbruch,« »Sie bleiben aber noch hier?« »Nein, ich gehe gleichfalls. Ich hatte eine schlechte Nacht und möchte mein Bett zeitig aufsuchen.« »Zeitig!« lachte Cornelia, »es ist zwölf Uhr vorüber.« Da die junge Dame voranging, benutzte der Doktor die Gelegenheit, seinem Begleiter zuzuflüstern: »Nun, was sagen Sie zu meiner Nichte, geht sie nicht völlig in der Fürsorge für mich auf? Wer das beobachtet hat, wird meinen Entschluß sie zu heiraten auch begreifen.« Unter gleichgültigen Gesprächen erreichte die kleine Gesellschaft die Haltestelle der Trambahn, wo sich Holmer aufs herzlichste von dem Doktor und seiner Nichte. welche einen Wagen nach Schöneberg bestiegen, verabschiedete und dann seinen Weg zu Fuß fortsetzte. Das Wetter hatte sich aufgehellt, und ein leichter Frost hatte die Pfützen in den asphaltierten Fahrdämmen und das Wasser in den Rinnsteinen mit einer dünnen Schichte Eis, die knisternd unter den Tritten der Passanten zusammenbrach, überzogen. Holmer ging ziemlich rasch und hatte nach kurzer Zeit den Lustgarten erreicht, von wo er sich der Kaiser Wilhelmstraße zuwandte. Das nächtliche Treiben war mehr und mehr verstummt. und jetzt schritt er durch die Straßen des schlafenden Berlin, die nicht lebhafter als die Straßen einer mittleren Provinzialstadt waren. Eben wollte er in eine Seitenstraße einbiegen, als er hinter sich eilige Schritte vernahm und als er sich umwandte, einen hageren Herrn in grauem Mantel erblickte, der ihm zu folgen schien. »Mein Herr!« rief ihm der Hagere zu, als er ihn erreicht hatte. »Nehmen Sie das mit und lesen Sie es,« und dabei hielt er ihm ein bedrucktes Blatt Papier entgegen. »Ich danke Ihnen,« erwiderte Holmer mit einer abweisenden Bewegung, da er äußerst skeptisch solchen nächtlichen Annäherungen gegenüberstand, und ging weiter. »Dann gestatten Sie mir wenigstens, daß ich Sie begleiten darf.« »Ich danke auch für Ihre Begleitung.« »Weisen Sie sie nicht so kurzer Hand zurück, mein Herr, Sie ahnen nicht, in welcher Gefahr Sie schweben.« Holmer blieb betroffen stehen, faßte seinen Stock fester an und rief dem Zudringlichen drohend zu: »Machen Sie, daß Sie weiter kommen, oder Sie sollen mich von einer unangenehmen Seite kennen lernen!« »Mein lieber Herr – –« »Zum Teufel sollen Sie gehen!« »O, o! Sie verkennen mich, ich bin kein Räuber, ich – –« »Was Sie sind, ist mir gleichgültig, wenn Sie mir aber zu nahe kommen, schlage ich Ihnen den Schädel ein.« Der Hagere wich erschrocken zurück, und Holmer setzte seinen Weg durch die menschenleere Straße fort. So oft er sich aber umwandte, machte er die unangenehme Wahrnehmung, daß ihm der unheimliche Geselle in einiger Entfernung folgte. An einer Straßenkreuzung standen zwei Schutzleute, welche sich bei ihren nächtlichen Patrouillengängen getroffen hatten und wechselten einige Worte miteinander. Holmer blieb in ihrer Nähe stehen, um zu sehen, ob der Hagere seinen Weg ändern würde. Zu seiner Verwunderung aber trat dieser auf die Schutzleute zu und sagte so laut zu dem einen, daß es Holmer hören mußte: »Herr Lehmann, Sie kennen mich, bitte, sagen Sie dem Herrn dort, daß ich kein Strolch bin.« Der Schutzmann lachte laut auf und rief: »Sie Männecken, dem brauchen Se nich aus dem Weje zu jehn, der is Nachtarbeiter bei die innere Mission – sonst enn janz patenter Kerl.« Holmer rief, von dieser Auskunft lebhaft überrascht, ein »Danke schön!« zurück und wandte sich zum Gehen. Er war aber noch keine drei Schritte weit gekommen, als der Hagere abermals an seiner Seite erschien und mit sanfter, fast bittender Stimme sagte: »Der Gerechte nimmt sein Kreuz auf sich und duldet Spott und Schmach um Christo willen. Ich hatte mich Ihnen genähert, weil mir Ihr Seelenheil am Herzen lag.« »Um diese Stunde aber belästigt man niemand.« »Reden Sie nicht von Belästigung, lieber Herr. Unsere Mission ist ein gottgefälliges Werk, auf dem der Segen des Höchsten ruht. Wie manches verirrte Schäflein habe ich wieder der gläubigen Herde zugeführt, und Sie wissen sicher, daß über einem bekehrten Sünder mehr Freude im Himmelreich herrscht als über zehn Gerechte. Sehen Sie, ich suche die Höhlen des Lasters auf und stelle mich wie ein flammender Cherub vor ihre Pforten und reiche jedem, der sie überschreiten will, das Manna des Lebens,« und dabei übergab er Holmer einen bedruckten Zettel, den dieser gleichgültig in die Tasche schob. »Mich haben Sie aber doch nicht vor der Pforte des Lasters getroffen.« »Gewiß nicht, lieber Herr, aber bedenken Sie, Berlin ist eine Weltstadt, und ihre Straßen sind die Vorhöfe der Sünde.« »Zugegeben, dem wäre so, warum suchen Sie aber gerade diesen stillen Stadtteil auf, anstatt in der Leipziger- und Friedrichstraße Ihre Tätigkeit zu entfalten?« »Wir suchen zu retten wo zu retten ist. Dort in den Straßen wo der Satan noch nach Mitternacht Heerschau über die Verruchten hält, müßten wir Stimmen wie tönendes Erz, wie die Posaunen von Jericho haben, um von den Gottlosen gehört zu werden. Hier ist es anders, hier verschlingt das Getöse des Menschenstroms nicht die Worte des Mahners, hier können wir uns dem Sünder nähern, Buße predigen und ihm das Manna des Lebens reichen.« »Versprechen Sie sich denn wirklich von Ihren Traktätchen Erfolg?« »Der eine verachtet es, der andere betrachtet es, der dritte nimmt es mit in sein Kämmerlein, der vierte liest es, und der fünfte bekehrt sich.« Er wollte noch weiter in dieser salbungsvollen Weise fortfahren, als er mit dem Fuße so heftig wider einen Gegenstand stieß, daß er zu Boden gestürzt wäre, wenn ihn Holmer nicht aufgefangen hätten. Es war das ausgestreckt Bein eines alten Hausierers, der mit dem Rücken an ein Haus gelehnt, auf den Fliesen des Bürgersteigs lag, über das er gestrauchelt war. »Holla!« rief er erschrocken und suchte das Gleichgewicht zu gewinnen, »Könnt Ihr Euren Rausch nicht wo anders ausschlafen als auf der Straße? Die Trunkenbolde wird Gott richten, und die Völler so da Ärgernis erregen, werden in Schanden enden.« »Mir scheint,« bemerkte Holmer, »daß dieser Mann nicht berauscht, sondern krank ist. Sehen Sie nur das eingefallene Gesicht und die abgezehrten Hände. Heda Alter!« und indem er den wie leblos Daliegenden rüttelte, versuchte er ihn aufzurichten. »Auf, auf! Ihr erfriert ja auf den kalten Steinen.« »Er ist betrunken,« wiederholte der Hagere »und wird Ihre Kleider beschmutzen. Damit er aber zur Erkenntnis kommt, wenn diese Heimsuchung vorübergegangen, will ich ihm das Traktätchen Nummer siebzehn mit auf den Weg geben; ist er noch nicht völlig in des Bösen Gewalt, wird das seine Seele retten.« Dabei beugte er sich über den alten Mann, schob ein kleines Heftchen in dessen schmierige Rocktasche und wollte sich entfernen. »Sie werden doch nicht gehen wollen, bevor wir wissen, was aus dem Kranken wird!« »Was soll ich hier? Wer sich die Suppe eingebrockt, mag sie auch ausessen. Die Schutzleute, welche die Runde haben, werden schon für eine Unterkunft sorgen. Der Herr ist barmherzig, in seiner großen Güte wird er sich auch dieses Sünders annehmen.« »Gehen Sie zum Teufel und seiner Großmutter mit Ihrem theoretischen Christentum!« rief erbost Holmer dem Hageren nach, der auf der anderen Seite der Straße die Briefkasten mit seinen frommen Schriften versah und dabei langsam weiterging. Unterdessen waren mehrere Passanten stehen geblieben und betrachteten mit gleichgültigen Blicken den Bewußtlosen, ohne sich darauf zu besinnen, was in solchem Falle zu tun sei. Erst als Holmer sich nach der nächsten Sanitätswache erkundigte, erbot sich ein behäbiger Herr, sie herbeizurufen, da er nebenan wohne. Es war nicht gerade das einwandfreiste Publikum, das hier einen Halbkreis bildete. Späte Passanten, Bummler, Dirnen und Pennbrüder banden wie eingewurzelt, um das Eintreffen des Rettungswagens abzuwarten, und als Holmer einem jungen Burschen eine Mark gab und ihn bat, aus einem benachbarten Wirtschaftskeller ein Glas heißen Wein zu holen, konnte er die höhnische Bemerkung hören: »Paßt mal uff, wie der sich mit dem Märker dünne macht – ne, so'n Potsdamer!« Der Bursche war jedoch ehrlicher, als ein Teil der Umstehenden angenommen hatte, er brachte den Wein, dessen Genuß dem Alten sichtbar gut tat. Nachdem man ihm ein halbes Glas davon eingeflößt hatte, schlug er die Augen auf und versuchte zu sprechen, brachte aber nur die Worte Hunger, Frau und Ansichtskarten hervor. Der Wagen der Sanitätswache erschien, und einige Minuten später befand sich der Halberstarrte auf dem Weg nach der Rettungsstation. Die Neugierigen zerstreuten sich nach allen Richtungen, und auch Holmer, der sich in der naßkalten Luft sehr unbehaglich fühlte, suchte sein Heim zu erreichen. Dicht auf seinen Fersen folgte ein Trupp zweideutiger Gesellen, die sich laut über den alten Hausierer unterhielten und durch Anspielungen aller Art Holmers Aufmerksamkeit auf sich zu lenken suchten. »Willem,« sagte ein kleiner, verwachsener Kerl, dessen rote Nase mit der dunkelen Glut seiner glimmenden Zigarre erfolgreich konkurrierte, zu einem langen Einbeinigen, der eine Spieldose unterm Arme trug. »Willem, wenn du eenen hinter die Binde jießen willst un hast det nötije Kleenjeld nich, leje dir nur bei zwee Jrad unterm Reaumich uff enn Rinnstään un lasse dir steif frieren – wann dann keener mit 'ner Pulle Wein jesprungen kommt, soll mir enn Affe rasieren.« »Bei mir nich,« antwortete der Stelzfuß. »Wenn Se mir seh'n, heeßt's, der kann jar nich janz erfrieren, der hat ja enn helzern Been – laßt enn liejen. Daß se mir, ollen Krüppel, bei Metz for det eenige Deutschland, meen anjewachsenes Been ausjerissen haben, is enn Schnuppe. For unsereens jibts keenen Wein, nich mal Kümmel, oder 'ne Weiße.« »So is et,« erklärte ein dritter. »Ick bin enn ehrlicher Mann, dat weeß die janze Hasenheide, habe sieben Kinderken, 'ne kranke Frau un 'ne lahme Mutter, aber daß mal eener jekommen wäre un jesacht hätte, da hast du ooch 'nen Jroschen – det jibt's nich.« »Wenn du dir nich von 'nem Auto überfahren läßt,« nahm der verwachsene Kerl wieder das Wort, »oder vom Rathausturm runterstürzt, jibt dir keener nischt, det is ne alte Kiste. Paßt mal uff, wie er mir abfahren läßt, wenn ick ihm meine bedrängte Lage vorstelle.« Nach diesen Worten suchte er sich Holmer zu nähern, dieser aber hatte sein Heim erreicht, schloß die Haustüre auf und verschwand dahinter, ohne daß der Zudringliche seine Bitten vorbringen konnte. »Nee, so'n Pechvogel!« lachte schadenfroh der Einbeinige; »da hast du's jute Herz von die Berliner– wer Jibs will, wird ausjeschumpfen, oder der Riejel fällt ins Schloß.« Kapitel 4. Beweist, daß Liebe und Kneipe auch ihre Schattenseiten haben, und daß auf dem Wege zum Ruhme viele Dornen wachsen. Emilie hatte sich von ihrer Erkältung wieder vollständig erholt und Holmer abends, nach Beendigung ihrer Tätigkeit, flüchtig gesprochen. Sie hätte diese Begegnung gerne länger ausgedehnt, fürchtete aber die Stichelreden ihrer Freundinnen, welche sie mit Argusaugen beobachteten. Schon unmittelbar nach Ostern, als sie zum erstenmale wieder in der gemeinsamen Arbeitsstube erschienen war und mehrfach verstohlen nach dem Fenster Holmers gelugt hatte, bestürmten sie ihre Kolleginnen mit der Frage, ob sie mit dem interessanten Nachbar angebändelt habe. Da sie nur ausweichende Antworten gab, suchten die Mädchen durch Kreuz- und Querfragen ihre Neugierde zu befriedigen. Namentlich Lotte, mit der Emilie die Schlafstelle teilte, machte fortgesetzt Versuche ihre Freundin zum Geständnis zu bringen, denn sie sagte sich, wenn Emilie ein ebenso aussichtloses Verhältnis wie ich unterhält, kann sie mir keine Vorwürfe mehr über mein spätes Nachhausekommen machen. »Ich verstehe dir nich!« rief sie. »Du bist doch keene Nonne, daß dir jemand wejen en bisken Verhältnis an die Wimpern klimpern kann.« »Das weeß ich schon alleene,« antwortete ärgerlich Emilie. »Kümmert euch um eure Poussaden und laßt mir unjeschoren!« »Merkt ihr wat?« höhnte Auguste, die an der Nähmaschine steppte. »Stille Wasser jründen tief.« »Hat se denn nich recht?« warf Marie, die Knopflochmacherin ein. »Was leicht in die Brüche jeht, hängt man nich an die jroße Glocke. Der Deibel trau so'n Schriftjießer.« »Schriftjießer? Keene Spur – Schriftsetzer,« verbesserte spöttisch eine andere. »Schriftsteller, mußt du sagen,« erklärte Lotte. »So 'ne Art von Schillern, der uff'en Gendarmenmarkt ausjehauen is und Jedichte macht. Bis eene so'n Lulaatsch kriegt, det kommt rar vor.« Emilie biß sich auf die Lippen, schwieg aber. »Is doch jar nich bei, wenn er ihr jefällt,« nahm Auguste wieder das Wort. »Ick habe ja ooch mein Verhältnis, freilich nich mit 'nem Schiller, sondern mit eenem von der Hochbahn.« »Wenn nischt los wäre, hätte se bei die Witterung uff enn Werktag ihre jute Fahne nich an. Dicke tun und sich rausstaffieren, is sonst ihre Sache nich,« erläuterte Marie und stieß dabei verstohlen die Stepperin an, worauf diese prompt hinzusetzte: »Umsonst kiekt man ooch nich alle Oojenblicke eenem n'über in die Bude.« »Laß doch!« tönte aus der Ecke die Stimme des Mädchens, das Röcke garnierte. »Laß doch, wenn's ihr mollig tut!« Alle lachten, worauf Lotte sagte: »Emilie, ärjere dir nich! Wenn dir die Sehnsucht treibt, man immer rinn ins Vergnüjen.« Da ein abermaliges Gelächter dieser Anzapfung folgte, fuhr Emilie, die sich bis dahin den Anschein völliger Gleichgültigkeit gegeben hatte, plötzlich auf und rief drohend: »Dumme Pute! wenn das Jeschwätz nich bald enn Ende nimmt, kann eene mal 'ne Knallschote spüren, daß ihr der Deez wackelt.« Diese entschiedene Erklärung hatte die gute Wirkung, daß sie von ihren Kolleginnen wenigstens eine Zeitlang in Frieden gelassen wurde. Ebenso unbehaglich wie Emilie in ihrer Nähstube, fühlte sich in den letzten Tagen Holmer in seinem Heim. Der Nachbarraum, dessen Fenster gleichfalls nach dem Hofe gelegen waren, und deren undicht schließende Türe sich direkt neben seinem Schreibtische befand, diente seit kurzem einer Schauspielerfamilie, welche aus Mann, Frau und Kind bestand, als Wohnstätte. Kein Wort konnte dort gesprochen werden, ohne daß es Holmer hörte, und so sehr er sich auch dagegen sträubte, Kenntnis von fremden Angelegenheiten nehmen zu müssen, blieb ihm doch keine andere Wahl, wenn er nicht sein Zimmer verlassen wollte. Schon am Einzugstage der Familie war er Zeuge einer Unterredung, die nicht für fremde Ohren bestimmt war. Die Vermieterin, Frau Lampart, hatte die übliche Vorauszahlung der Miete gefordert und war von der Gattin des Schauspielers auf die Ankunft ihres Mannes vertröstet worden. »Mein Mann,« hatte die junge Frau versichert, »ist auf einer Vorstadtbühne engagiert und eben auf dem Weg zu seinem Direktor, um Vorschuß zu fordern, sobald er zurückkommt, erhalten Sie Ihr Geld.« Als aber der Mime nach einigen Stunden, ohne den erhofften Vorschuß eingetroffen war, hatte die Wirtin auf die sofortige Räumung des Zimmers gedrängt und sich erst beruhigt, als das Künstlerpaar seine Eheringe, in Ermanglung anderer Versatzobjekte, zur Sicherstellung der Miete ausgehändigt hatte. Seitdem war eine Woche verflossen. Holmer war seinen Nachbaren mehrfach auf dem Flur begegnet, ohne jedoch, außer dem üblichen Gruße, ein Wort mit ihnen zu wechseln. Der Bühnenkünstler, ein schlanker, etwas engbrüstiger Herr, mit glattrasiertem Kinn und dunkelblondem krausen Kopfhaar, trug ein äußerst scheues Wesen zur Schau und machte schon durch die Hast, mit der er kam und ging, jede Annäherung unmöglich. Fast noch ängstlicher in ihrem Tun war seine Frau, der man an den Furchen, die ihre blendend weiße Haut durchzogen, ansah, wie schwer Sorgen und Kummer auf ihr lasteten. Nur das goldlockige Kind, ein Mädchen von sechs Jahren, das mit seinen lebhaften braunen Augen wie ein eben erwachtes Dornröschen verwundert in die Welt schaute, entzog sich nicht des Umgangs mit den Zimmernachbaren, sondern stahl sich wie ein Sonnenscheinchen in alle Räume und in alle Herzen. Es hatte auch sofort Freundschaft mit Holmer geschlossen, als dieser ihm die Wange gestreichelt und es gefragt hatte, wie es hieß. »Mignon Ludowsky,« hatte die Kleine geantwortet und dabei artig geknixt. »Mignon! Sapperlot! ist das ein poetischer Name.« »So heißt auch Mamas Lieblingsoper.« »Ah deshalb! Du kommst wohl bald in die Schule?« »Ich weiß es nicht. Lesen kann ich schon und im Theater habe ich auch schon mitgespielt, einmal in Aschenbrödel und einmal den Walter im Tell.« »Da werde ich dich also noch bewundern können.« »Nein, Mama will es nicht haben; ich soll erst zur Bühne gehen, wenn ich groß bin und Talent dazu habe.« Täglich fand sich nunmehr, unter irgend einem Vorwand, die kleine Plaudertasche bei Holmer ein und unterhielt sich in ihrer kindlichen Art oft stundenlang. »Mama hat wieder geweint, weil Papas Direktor schlechte Geschäfte macht,« hatte sie erzählt und dann teilnehmend gefragt: »Macht ihr Direktor auch schlechte Geschäfte?« »Ich habe keinen Direktor, Mignon,« erklärte ihr Holmer. »Ja – wer bezahlt denn Ihre Gage?« »Ich bekomme keine Gage.« »Keine – der Kaufmann an der Ecke borgt aber nicht.« »So! – Siehst du, ich schreibe und wenn ich einen Bogen vollgeschrieben habe, dann bringe ich ihn zum Verleger, und da gibt er mir Geld dafür.« »Das muß ich Mama sagen. O, die schreibt so deutlich und macht gar keine Kleckse – sie hat auch schon Rollen geschriebene »Wirklich?« »Ja, und ein Bittgesuch an den Herrn Intendanten vom Königlichen Theater, das war so schön, daß Papa sagte, das könne ihr niemand in Berlin nachmachen.« »Darfst du das alles erzählen?« »Mama hat es nicht verboten. Haben Sie schon einmal mit Mama gesprochen?« »Nein, ich hatte noch keine Gelegenheit dazu, sie hat es immer sehr eilig.« »Mama ist Sängerin und war auch beim Theater.« »Jetzt nicht mehr?« »Schon lange nicht mehr, wie ich auf die Welt kam, hat sie die Stimme verloren.« »Das ist traurig.« »Ja, sehr traurig, Mama weint oft darüber.« »Da hast du sie nie singen gehört?« »Doch, einmal – auf der Hochzeit.« »Du warst auch schon auf einer Hochzeit?« »Die ganze Nacht, wie Papa Mama geheiratet hat.« »Dessen kannst du dich doch nicht erinnern.« »Freilich, da war ich ja schon vier Jahre alt.« Holmer konnte ein Lächeln über diese naive Offenheit nicht unterdrücken, versuchte aber dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, indem er die artige Schwätzerin fragte, ob sie in Berlin schon eine Freundin gefunden habe. »Nein, ich darf nicht auf die Straße, und Verwandte habe ich auch keine hier – aber in Riga habe ich einen Großpapa und eine Stiefgroßmama, die lassen aber gar nichts von sich hören und antworten auch nicht, wenn ihnen Mama schreibt. Waren Sie schon einmal in Riga?« »Noch nie, mein Kind.« »Ich auch nicht. Mama wäre gerne dort, aber Großpapa will nicht, daß sie kommt, weil sie zum Theater gegangen ist. Großpapa ist gar nicht lieb, wir fürchten uns alle vor ihm. – Darf ich die Bilder in dieser Zeitung betrachten?« »Gewiß, mein Kind, wenn es dir Vergnügen macht.« Während die Kleine ihre Aufmerksamkeit den Illustrationen zuwandte, war die Türe im Nebenzimmer aufgegangen, und gleich darauf hörte man Ludowsky im erregten Tone zu seiner Frau sagen: »Marie, Marie, was soll das werden! Gestern Abend sind, wie mir der Kassierer sagte, an der Theaterkasse vierzehn Mark und sechzig Pfennig eingegangen. Daß bei solchen Geschäften der Direktor die Tournee nicht fortsetzen kann, ist klar. Wer weiß, ob wir nicht nach Empfang unserer Gage die Bündel schnüren müssen.« »Das wäre fürchterlich!« stöhnte seine Frau. »Und wohin? Die Saison neigt sich zu Ende, und kein Sommerengagement in Aussicht.« »Warst du bei dem Agenten Fischer gewesen?« »Gestern und heute. Er machte mir wenig Hoffnung, wenigstens für Berlin. Alles drängt hierher, meinte er, und dabei sei das Angebot zehnmal größer als die Nachfrage. Du weißt ja, Marie, was nützen die besten Kritiken, wenn der Rock schäbig ist.« Seine Frau antwortete nur mit einem tiefen Seufzer. »Seither konnte ich mir noch ein paar Pfennige von besser gestellten Kollegen zusammenpumpen, aber bei den unsicheren Engagementverhältnissen hält natürlich jeder die Hand auf die Tasche.« »Und morgen ist Mignons Geburtstag.« »Wahrhaftig, wenn das Kind nicht wäre, ich wüßte einen Ausweg – in die Spree münden so viele Kanäle.« »Um Gotteswillen, Emil, hänge solchen Gedanken nicht nach – es werden auch wieder bessere Zeiten kommen!« rief die Frau, aber der Ton ihrer Stimme strafte ihre Hoffnung Lügen. »Der Anfang dazu ist schon da,« gab er bitter zurück, »ich habe achtzig Pfennig in der Tasche – damit müssen wir bis übermorgen auskommen.« Tiefe Stille folgte diesen Worten. Mignon hatte das Blatt bei Seite gelegt und sich an Holmer, der nachsann, wie seinen bedrängten Nachbaren zu helfen sei, mit der Frage gewandt, ob er auch so schöne Bilder malen könne, wie in der Zeitung stünden. »Nein, dazu fehlt mir die Geschicklichkeit.« »Das glaube ich nicht – ich kann ja schon Männer malen, wenn ich nur immer einen Bleistift und Papier hätte.« »Beides mußt du dir morgen zum Geburtstage wünschen.« »Morgen gibt es noch nichts, erst übermorgen, wenn Papa Gage bekommt. Da kocht Mama Schokolade, von der ich Ihnen auch ein Täßchen herüberbringe.« »Ich danke dir, Herzchen, ich trinke keine Schokolade,« antwortete freundlich Holmer und öffnete verstohlen sein Portemonnaie. »Hast du schon eine Sparbüchse?« »Freilich, Mama hat aber alles herausgeschüttelt – all die schönen neuen Pfennige.« »Desto besser, dann ist auch Platz drinnen – da! tue das hinein.« »Das ist ja ein Zehnmarkstück!« rief das Kind freudig überrascht. »Ja, dein Geburtstagsgeschenk, verliere es nicht.« »Mein Geburtstag ist erst morgen, da darf ich es doch heute nicht nehmen.« »Behalte es nur und gib es deiner Mama zum Aufheben.« Mignon sah zweifelnd zu Holmer empor; als dieser ihr aber freundlich zunickte, machte sie einen Knix und sagte strahlend vor Freude: »Danke, danke! nun kann Mama schon morgen Schokolade kochen.« Darauf lief sie eilig nach ihrer Stube hinüber und zeigte jubelnd ihren Eltern das blanke Goldstück. »Unmöglich!« rief Frau Ludowsky, »der Herr hat sich geirrt.« »Nein, Mama,« erklärte Mignon mit Entschiedenheit, »der Herr hat sich nicht geirrt!« »Einen solchen Betrag schenkt man keinem fremden Kinde,« meinte ihr Vater. »So gut wir es gebrauchen könnten, mußt du es doch wieder hinübertragen.« »Aber, Papa, ich habe ja gesagt, daß es zehn Mark sind, und Herr Holmer hat gesagt, daß er mir sie zum Geburtstag schenke.« »Marie, gehe mit dem Kinde hinüber und erkundige dich – es wäre ja des Glückes zu viel.« Als Holmer dies hörte, griff er eilig nach seinem Hute und wollte eben seinen Überzieher anziehen, als ein leises Pochen an seiner Türe ihn von der Zwecklosigkeit seiner Flucht überzeugte, und auf sein »Herein!« Frau Ludowsky und ihr Töchterchen eintraten. »Verzeihen Sie,« sagte die Frau des Schauspielers, »wenn ich störe, aber Mignon brachte eben dieses Goldstück und erklärte, Sie hätten es ihr geschenkt; das ist doch sicherlich ein Irrtum.« »Keineswegs,« erwiderte Holmer und errötete dabei wie ein junges Mädchen. »Durch Zufall hatte ich erfahren, daß meine kleine Freundin morgen sechs Jahre alt wird, und da wollte ich ihr eine Freude machen, die sie redlich verdient hat.« »Hörst du, Mama, ich darf es behalten!« triumphierte Mignon und stürmte zur Türe hinaus, um ihrem Vater zu erzählen, daß sie im Rechte sei. Frau Ludowsky, welche dicht an Holmers Schreibtisch getreten war, sah einen Augenblick wie traumverloren vor sich hin; als sie aber im Nebenzimmer die Stimme ihrer Tochter vernahm und deutlich jedes Wort verstand, was dieselbe sprach, überflog Rührung und Beschämung ihre bleichen Züge, und ihre Augen waren nahe daran feucht zu werden. »Jetzt verstehe ich alles,« sagte sie leise mit bebender Stimme, »wir haben Sie unbewußt zum Zeugen unserer Not gemacht. O, wie danke ich Ihnen für Ihre zarte Güte, die uns wenigstens eine momentane Sorge von der Seele genommen hat!« Holmer wollte antworten, war aber so verlegen, als er sich bei seinen Absichten ertappt sah, daß er nur die Worte hervorbrachte: »Sie irren, ganz gewiß, Sie irren, es galt dem Kinde. Bitte, bitte.« Frau Ludowsky aber fuhr fort: »Ich versichere Sie, mein Mann, der nur mir zuliebe zum Theater gegangen ist, gibt sich redlich Mühe, ein dauerndes Engagement zu finden, leider bis jetzt immer vergeblich. Wie gerne würde er einen anderen Beruf wählen, aber der einzige, der ihn durch seine angesehene Stellung als Pastor dazu verhelfen könnte, mein Vater, hat mich verstoßen, weil ich, bei der Unmöglichkeit mich mit meiner Stiefmutter zu verständigen, eine Künstlerlaufbahn eingeschlagen hatte; eine Laufbahn, die mir keine Lorbeeren, aber viele Dornen brachte.« Sie atmete tief auf und wäre sicher in ihren Bekenntnissen fortgefahren, wenn nicht plötzlich die Fenster der gegenüberliegenden Nähstube aufgerissen worden wären, und sämtliche dort befindliche Mädchen unter lebhaften Gestikulationen und großer Erregung nach der Küche der Frau Lampart, die gleichfalls nach dem Hofe zu lag, geschaut hätten. Als Holmer sehen wollte, was los sei, mußte er eilig den Kopf zurückziehen, wollte er nicht von einem Kochtopf getroffen sein, der dicht an seinem Fenster vorbeiflog und klirrend im Hofe zerschellte. Unmittelbar darauf zertrümmerte ein zweites Wurfgeschoß aus dem Küchenarsenal eine Scheibe in der Nähstube und zwang die kreischenden Mädchen, sich in den Hintergrund ihres Zimmers zurückzuziehen. Noch bevor Holmer sich diese eigentümliche Szene erklären konnte, wurde seine Türe heftig aufgestoßen und seine Wirtin, Frau Lampart, stürmte mit dem Ausdruck des Entsetzens in sein Zimmer. »Um Gotteswillen, retten Sie mich! mein Mann will mich ermorden,« schrie sie in höchster Verzweiflung. »Herr Holmer, retten Sie mich!« »Was ist denn geschehen?« fragte dieser, und stellte den Fuß so wider die Türe, daß sie von außen nicht geöffnet werden konnte. »Er hat den Verstand verloren! er ist tobsüchtig!« schluchzte die geängstigte Frau. »Ich hatte ihm den Pfandschein der Kaisernadel heimlich weggenommen und sie ausgelöst, vorhin suchte er nun den Schein, um ihn zu verkaufen, und als er ihn nicht fand, geriet er so in Wut, daß ihm der Schaum vor den Mund trat, und er mich erstechen wollte. Ich flüchtete aus der Küche und schloß ihn ein, und jetzt tobt er und schreit: »Ich müsse sterben, ich hätte ihn angezeigt, daß er die Nadel gestohlen und daß er deshalb hingerichtet werden sollte. Lauter tolles, verwirrtes Zeug! O mein Gott, mein Gott! was soll ich anfangen?« »Vor allen Dingen ruhiger sein und die Sanitätswache verständigen.« »Ist schon von der Familie unter uns geschehen, aber bis sie kommt, kann er die Türe eingetreten und mich ermordet haben!« Ein wildes Geschrei der Schneiderinnen veranlaßte Holmer, an das Fenster zu eilen und hinauszusehen. Lampart, der mit zerfetzten Kleidern rittlings auf der Fensterbrüstung saß, machte verzweiflungsvolle Versuche auf das äußere Gesims zu klettern, von wo er unfehlbar in die Tiefe stürzen mußte. Durch die gellenden Zurufe der Mädchen stutzig gemacht, gab er sein Vorhaben jedoch wieder auf und begnügte sich, beide Beine zum Fenster hinauszuhängen und drohende Verwünschungen auszustoßen. Es war die höchste Zeit, ihn aus dieser gefahrvollen Lage zu befreien. Während Holmer noch unschlüssig dastand und nachsann, was zu tun sei, öffnete sich heftig die Türe, und sein Zimmernachbar, der Schauspieler Ludowsky, erschien auf der Schwelle und rief: »Bitte, mein Herr, helfen Sie mir den Unglücklichen retten, ehe es zu spät ist. Wir müssen ihn auf den Flur locken, und sobald er die Küche verläßt, das große nasse Leintuch, das ich hier habe, überwerfen und auf diese Weise bewältigen.« »Er wird sich nicht locken lassen,« meinte Holmer. »Wenn er die Stimme seiner Frau hört, gewiß,« entgegnete der Schauspieler. »Ermorden wird er mich!« jammerte die alte Dame. »Er soll Sie gar nicht sehen, nur hören. Folgt er Ihrem Ruf, eilen Sie mit meiner Frau auf unsere Stube und riegeln sich ein. Es ist nicht die geringste Gefahr für Sie dabei.« Durch diese Zusicherung etwas beruhigt, folgte Frau Lampart dem Schauspieler nach dem Korridor, wo dieser nähere Weisungen gab. Dann stellte er und Holmer sich rechts und links der Küchentüre auf und hielten das nasse, halb ausgebreitete Leintuch so hoch, als sie es vermochten, empor. Hierauf schloß die zitternde Frau die Türe geräuschlos auf und rief durch die Spalte in die Küche: »Wilhelm, Wilhelm! der Schein hat sich gefunden.« Der Verrückte wandte den Kopf etwas nach rückwärts, fletschte die Zähne und horchte auf. Als aber Frau Lampert, bevor sie sich nach Ludowskys Zimmer flüchtete, ihm nochmals lauter zurief: »Wilhelm, der Schein hat sich gefunden!« zog er plötzlich die Beine zurück, kollerte auf den Boden, sprang wieder in die Höhe, ergriff ein Messer und brüllte: »Aas, verdammtes! Du hast mich dem Henker überliefert, du mußt sterben.« Wie eine gereizte Bestie, das Messer hochschwingend, stürzte er auf die Türe zu, riß sie auf und wollte in wahnsinniger Wut nach dem Flur stürmen, als das nasse Leintuch über ihn fiel. Heulend und um sich schlagend, versuchte er, die kalte Umhüllung abzustreifen, verstrickte sich aber nur desto mehr in sie, so daß es seinen Angreifern gelang, ihn zu Boden zu werfen und wehrlos zu machen. Gleich darauf erschien die Sanitätswache und Schutzmannschaft, und einige Minuten später befand sich der Rasende auf dem Wege nach der Charité. Obgleich der ganze Vorfall, von dem Ausbruch des Deliriums bis zum Fortschaffen des Kranken, noch keine fünfzehn Minuten gedauert hatte, fühlten sich doch die Zeugen desselben völlig erschöpft. Frau Lampart hatte sich, krampfhaft schluchzend, nach dem Salon zurückgezogen und die Türe hinter sich abgeschlossen, während Frau Ludowsky, noch selbst vor Aufregung zitternd, sich bemühte, ihr geängstigtes Kind zu beruhigen, was um so notwendiger war, als die Kleine weinend nach ihrem Vater verlangte, der aber zur Vorstellung nach dem Theater mußte. Holmer sah sich außer stande, eine Zeile zu schreiben, so sehr hatte die widerliche Szene seine Gemütsstimmung verschlechtert. Mit großen Schritten durchmaß er sein Zimmer, und die Ueberzeugung, daß er sich in der Wahl seines Heims vergriffen, kam bei ihm mehr und mehr zum Durchbruch. Er hatte, mit den Berliner Wohnungsverhältnissen nicht vertraut, diese Stube vor etlichen Wochen ermietet. Damals durchflutete Sonnenschein den Raum, und da es draußen bitter kalt war, herrschte tiefe Stille in dem weiten Hof. Er glaubte deshalb, eine ruhige Arbeitsstätte im Herzen der gewaltigen Stadt gefunden zu haben. Bald aber nahm er wahr, wie sehr er sich getäuscht hatte. Das allabendliche Konzert im Salon nebenan zwang ihn häufig, vorzeitig sein Tagewerk zu beenden; auch die Arbeitsstube ihm gegenüber, deren Fenster voraussichtlich während des Sommers offenstanden, und die Kinderscharen, die bei gutem Wetter im Hofe lärmten, machten sein Heim für einen Schriftsteller nicht gerade begehrenswert. Dazu war noch die lebhafte Nachbarschaft neben seinem Zimmer gekommen und der nervenerschütternde Auftritt vorhin; lauter Dinge, die seinen Entschluß befestigten, das Quartier zu räumen. Er überlegte nur noch, ob er schon jetzt, wo sich seine Wirtin in einer so kritischen Lage befand, oder erst später, wenn sich ihre Verhältnisse geklärt, kündigen sollte. Da es allmählich dämmerig geworden, hüllte er sich in seinen Ueberzieher, ergriff seinen Hut und suchte die Straßenkreuzung auf, wo er in der Regel Emilie begegnete. Er hatte nicht nötig lange zu warten, denn das Mädchen bog alsbald um die Ecke und bot ihm freundlich die Hand. »Juten Abend, Herr Holmer, es ist mir sehr anjenehm, daß Sie schon da sind.« »Sie haben wohl große Eile?« »Das nich – für Sie jewiß nich – aber wenn ich hier rumstehe und die Meechens aus unserer Bude sehen mir, is der Spektakel morjen wieder da.« »Stört Sie das?« »Nee, aber anjenehm is es nich. Ich will wenigstens meine Mahlzeit im Jeschäft mit Jemütsruhe verzehren und nich bei jeden Bissen uffjezogen sin,« erwiderte Emilie und legte ihren linken Arm in den rechten Holmers. »Sie jlooben nich, wie unjemütlich es eben bei uns is – sie mokieren sich über allens, was ich tue.« »Lassen Sie sie schwatzen, wenn sie müde sind, hören sie von selber auf.« »Tu ich, aber wenn mal später die Fenster den janzen Tag uff sind, haben Se ooch das Pläsiervergnüjen, un die Horchlappen können Se sich nich zukleistern.« Holmer mußte laut auflachen über die drastische Art, in der Emilie, sobald sie in Extase geriet, sich auszudrücken pflegte; zumal sie sich sonst redliche Mühe gab, alle Eigenarten ihrer Mundart zu unterdrücken. »Machen Sie sich über die Zukunft keine Sorgen, bis dahin wohne ich nicht mehr dort,« sagte er dann. Höchlich erschrocken zog das Mädchen ihren Arm zurück und rief: »Was! Sie wollen fort von Berlin?« »Nein, nur meine Wohnung will ich wechseln,« tröstete sie Holmer und setzte, indem er ihre Hand zärtlich streichelte, innig hinzu: »Berlin ist mir in den letzten Tagen erst eigentlich lieb geworden, aber ich muß in ruhigerer Lage wohnen, wo ich mich mehr in meine Entwürfe vertiefen kann.« »Wer weeß, wann ich Sie da mal zu sehen krieje.« »So oft Sie es wünschen, bei den Verkehrsmitteln hier gibt es keine Entfernung. Auch haben Sie dann nicht mehr die Hänseleien Ihrer Freundinnen zu fürchten.« »Hm!« meinte sie nach einer Pause. »Im Jrunde jenommen haben Se woll recht – aber es war so mollig, Sie in der Nähe zu wissen.« Holmer fühlte sich durch die Billigung seiner Absichten erleichtert, und als er Emilie in der Nähe ihrer Wohnung verließ, um sich nach Hause zu begeben, waren die unbehaglichen Eindrücke des Tages völlig aus seiner Seele entschwunden. Am nächsten Morgen suchte Frau Lampert die Irrenanstalt in Dalldorf auf, wohin man ihren Mann vom Krankenhause gebracht hatte, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen. Die Auskunft, die ihr dort wurde, war wenig tröstlich. Man erklärte ihr, daß es sich bei ihrem Gatten um delirium tremens handele und außerdem Anzeichen einer weit fortgeschrittenen Lungenkrankheit vorhanden seien. Ihn zu sehen, wurde ihr nicht gestattet, da Geisteskranke nach ihrer Einlieferung erst durch völlige Abgeschlossenheit von der Außenwelt beruhigt werden müßten. Der Auskunft erteilende Arzt hatte noch hinzugefügt, daß der Seelenzustand eines solchen Patienten einem Glase schmutzigen Wassers vergleichbar sei, welches sich erst klären müsse, bevor sich die Ursache der Trübung genau feststellen lasse. Mit diesem Bescheide war Frau Lampert, äußerst niedergeschlagen, nach Hause gekommen und hatte Holmer aufgesucht, um ihm das Resultat ihres Besuches mitzuteilen. »Ich bin auf das Schlimmste gefaßt,« schloß sie ihren Bericht. »Sollte er sich wirklich wieder erholen, so fürchte ich, daß es trotzdem der Anfang vom Ende ist.« Holmer wollte sie mit dem Hinweis auf ihm bekannte Heilungen trösten, sie aber schüttelte mit dem Kopfe und meinte: »Eine Umkehr zu einer geordneten Lebensweise ist bei meinem Manne ausgeschlossen. Mein Trost ist, daß ich mich entschieden gegen mein Schicksal gewehrt und mich rechtzeitig auf eigene Füße gestellt habe – nur Arbeit wird mich mein Los vergessen lassen.« Daß die alte Frau von dieser Erkenntnis durchdrungen war, bewies sofort ihre fast fieberhafte Tätigkeit im Hauswesen. Sie lüftete die Zimmer, klopfte die Betten aus, scheuerte den Boden und schien keinen Augenblick rasten zu wollen. Holmer, der von seinem Verleger gedrängt wurde, noch einen Artikel zu einer Novellenserie beizusteuern, empfand diese Unruhe im Hause mit großem Unbehagen. Um möglichst ungestört arbeiten zu können, hatte er seine kleine Freundin Mignon bei ihrem frühen Morgenbesuche veranlaßt, ihre Mutter zu bitten, mit ihr nach dem Lustgarten zu gehen, wo eine Truppenschau stattfand. Obgleich nun in dem Nachbarzimmer tiefe Stille herrschte, mußte er doch alle Augenblicke die Feder bei Seite legen, weil jetzt der Lärm aus dem Korridor ihm immer und immer wieder den Gedankenfaden zerriß, Endlich um die Mittagsstunde schien der Rumor zu verstummen, und Holmer beschloß deshalb, seine Mahlzeit nicht wie gewöhnlich um ein Uhr im Restaurant einzunehmen, sondern auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, um sein Opus beenden zu können. Die Arbeit ging ihm auch flott von der Hand, doch hatte er noch keine zwanzig Zeilen auf das Papier gebracht, als sein Nachbar nebenan, der Schauspieler, das Zimmer betrat und dröhnenden Schrittes darin auf- und abging. Holmer wollte sich eben erheben und den Unruhigen über die Abwesenheit seiner Familie aufklären, als er Frau Ludowsky und Mignon eintreten und das Kind freudig rufen hörte: »Papa, wir haben den Kaiser gesehen! wenn Herr Holmer aus dem Restaurant zurückkommt, muß ich es ihm auch erzählen.« Der Schauspieler schien nicht darauf zu antworten, denn seine Frau bemerkte gekränkt: »Hast du kein freundliches Wort für das Kind?« Jetzt blieb er stehen und rief in einem Tone, der wie ein unterdrücktes Schluchzen klang: »Was helfen ihm freundliche Worte, wenn es Brot verlangt, kann ich keines schaffen! Wir sind am Ende, Marie, das Theater ist gesperrt, der Direktor flüchtig.« »Und die Gage morgen?« »Es gibt keine Gage.« »Aber die Miete und das Leben!« jammerte die Frau. »Ich sage dir ja, wir sind am Ende! Als ich das Furchtbare erfuhr, rannte ich in meiner Verzweiflung zuerst zu dem Agenten Fischer – er hat jetzt ein Engagement für mich an einem großen Stadttheater in Süddeutschland.« »Gott sei Dank!« »Ja, Gott sei Dank! für kleine Rollen und Chorverpflichtung.« »Greife zu, Moritz, was es auch ist – ich kann ja gleichfalls mitverdienen.« »Chorverpflichtung,« fuhr Ludowsky bitter fort, »das bedeutet für einen Schauspieler, der Rollen gespielt hat, eine Verzichtleistung auf bessere Tage. Trotzdem hätte ich in den saueren Apfel gebissen – aber das Schicksal äfft mich nur – übermorgen müßte ich dort zum Probesingen eintreffen.« »Nun?« »Wie soll ich hinkommen ohne einen Pfennig Reisegeld? Vorschuß vor Antritt des Engagements gibt es nicht, und dann, wovon lebt ihr, bis ich von meiner Gage etwas schicken kann.« Eine lange Pause folgte diesen Worten, endlich sagte Frau Ludowsky: »Nirgends fühlt sich der Mensch an einem fremden Orte verlassener als in dem Getümmel einer großen Stadt, das empfinde ich jetzt doppelt, wo sich mein Gehirn Hülfe suchend abquält. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit nur noch eines Amtsbruders meines Vaters, der nach Berlin als Seelsorger berufen wurde; ob er aber noch lebt und hier lebt, das weiß ich ebensowenig, als ob er uns helfen kann und will.« Wie ein Ertrinkender, der sich an einen Strohhalm klammert, erfaßte ihr Mann die entfernte Möglichkeit einer Rettung und rief: »Dann ist noch nicht alles verloren! Die Adresse sollst du gleich erfahren, nenne mir nur den Namen.« Frau Ludowsky tat, wie ihr geheißen, worauf ihr Mann forteilte und schon nach wenigen Minuten mit der freudigen Nachricht zurückkam, daß er die Wohnung des Pastors im Adreßbuche gefunden habe. »Gut,« sagte mit bebender Stimme die gebeugte Frau, »so will ich diesen sauren Gang auch noch tun. Ohne Vorwürfe und Ermahnungen wird mich der fromme Herr nicht anhören, und wer weiß, ob meine Demütigung einen Zweck hat.« Frau Ludowsky ging, und ihr Mann und das Kind begleiteten sie. Holmer war nun ungestört, aber die Freudigkeit, mit der er vorhin gearbeitet hatte, war geschwunden. Das widrige Schicksal seiner Nachbaren ging ihm zu Herzen, besonders des Kindes wegen, aber er wußte nicht, wie er hier helfen sollte, ohne weit über seine Mittel gehen zu müssen. Mißmutig legte er die Feder bei Seite und suchte sein Restaurant auf, aber auch nach beendeter Mahlzeit fühlte er sich nicht zu neuer Tätigkeit aufgelegt und beschloß deshalb, einen kleinen Ausflug nach den Havelseen zu machen. Erst in später Abendstunde kehrte er von dort zurück und suchte, da er sich ermüdet fühlte, zeitig seine Lagerstätte auf, wo ihn bald ein traumloser Schlaf umfing. Gegen Morgen weckte ihn ein Geräusch in dem Zimmer des Schauspielers, er hörte ein leises Flüstern, ohne die Worte verstehen zu können; dann war's ihm, als wenn die Türe geöffnet würde und sich Schritte über den Korridor bewegten. Bald darauf verfiel er wieder in tiefen Schlaf, und als er erwachte, schien die Sonne in sein Zimmer, und ein Blick auf die Uhr überzeugte ihn, daß es höchste Zeit zum Aufstehen war. Rasch erhob er sich, kleidete sich an und rief nach seinem Frühstück, das ihm seine Wirtin sofort brachte. »Sie sind fort,« sagte nach dem üblichen Morgengruße Frau Lampert und warf einen Blick auf die Türe neben dem Schreibtische. »Ich weiß nicht, von wem Sie sprechen.« »Nun, von ihren Nachbaren, der Schauspielerfamilie. Mein Gott, ist das auch eine Ehe!« »Sie sind fort – abgereist?« frug überrascht Holmer und setzte seine Tasse, aus der er eben trinken wollte, wieder nieder. »Ja, abgereist; das Geld, das ihnen ein Pfarrer geborgt hatte, reichte gerade für die Fahrt. Mit meiner Miete muß ich nun warten, bis sie ihre Trauringe auslösen, aber ich konnte nicht hart sein, nachdem sie mir bei der Erkrankung meines Mannes hülfreich beigesprungen waren.« »Hoffentlich geht es ihnen an ihrem neuen Wohnsitze besser als hier.« »Das ist auch mein Wunsch. Ihr Lamento gestern Abend rührte mich. Die Kleine wollte partout nicht zu Bette gehen, ohne Ihnen Lebewohl gesagt zu haben. Um sechs Uhr heute früh sind sie abgereist.« »Arme Leute!« »Jeder hat seinen Bündel Sorgen durchs Leben zu tragen. Jetzt steht mir die Stube wieder leer – wer weiß auf wie lange? Ja, wenn ich zwei nebeneinanderliegende Zimmer hätte, könnte ich sie gut vermieten.« »Auf sofort?« »In zehn Tagen, Es sind zwei Damen vom Zirkus, die früher schon einmal bei mir gewohnt haben.« »Nun,« meinte Holmer, dem die Gelegenheit zu einer Kündigung günstig erschien, »wenn es solange Zeit hat, kann ich Ihnen vielleicht behülflich sein.« »Sie werden mich doch nicht verlassen wollen? Sie sind mir ja mein angenehmster Möblierter.« »Sehr schmeichelhaft für mich, aber welche Garantieen haben Sie, daß ich nicht morgen oder übermorgen mein Domizil ändern muß? Die Damen wohnen sicherlich während der ganzen Dauer ihres Engagements bei Ihnen und werden gewiß auch weit höhere Preise als ich bezahlen.« »Das schon, aber das Opfer, welches Sie mir bringen wollen, kann ich kaum annehmen,« bemerkte Frau Lampert, ließ aber doch durch die zögernde Art,. mit der sie es sagte, die Vermutung zu, daß ihr der Vorschlag nicht unangenehm war. »Ich darf bei der hohen Wohnungsmiete kein Zimmer leerstehen lassen, das ist richtig; daß aber gerade Sie mich verlassen wollen, schmerzt mich doch.« Es war Holmer ein leichtes, mit wenigen Worten Frau Lampert umzustimmen und ihre dankbare Anerkennung für seine Liebenswürdigkeit, wie sie seine Kündigung nannte, abzuwehren. Beim Verlassen des Zimmers blieb sie noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen und sagte: »Eines, Herr Holmer, müssen Sie mir versprechen, daß Sie Ihre alte Wirtin nicht vergessen und sie ab und zu besuchen.« »Daran soll es nicht fehlen!« rief er ihr nach, »wir scheiden ja in Frieden und Freundschaft und haben uns gegenseitig nichts vorzuwerfen.« Als Holmer allein war, zündete er sich eine Cigarette an, summte ein Liedchen vor sich hin und beugte sich dann, wie von einer drückenden Sorge befreit, frohgemut über seine Arbeit, die ihm heute wie eine Erholung vorkam. Schon nach wenigen Stunden hatte er sie beendet, und als er sein Manuskript nochmals flüchtig durchlas, umspielte ein zufriedenes Lächeln seine Lippen. Kapitel 5. Schildert das Vergnügen, das ein Mensch hat, bevor er weiß, wo er sein müdes Haupt niederlegen darf. Langsam und bedächtig schlürfte Fräulein Martha Henschel, eine große hagere Dame, mit gewelltem, in der Mitte gescheitelten Haaren, ihren Morgenkaffee in dem freundlichen Zimmer eines Mietshauses in der Lindenstraße und bemühte sich dabei, ihre neunjährige flachsblonde Nichte in die Geheimnisse der französischen Sprache einzuweihen. Fräulein Henschel war Gouvernante in einer wohlhabenden Familie in München gewesen, mußte aber diese Stellung aufgeben, weil ihre Pfleglinge nunmehr ein Lausanner Pensionat besuchen sollten. Nach mehrjähriger Abwesenheit war sie wieder nach Berlin zurückgekehrt und hatte sich auf unbestimmte Zeit bei ihrem Schwager einlogiert, um dort die Erlangung einer ihr zusagenden Stelle abzuwarten. Die familiären Verhältnisse im Hause ihres Schwagers sagten ihr jedoch so wenig zu, daß sie schon nach einigen Tagen erklärte, das ihr zugewiesene Zimmer jederzeit räumen zu wollen, wenn ein anderer Mieter darauf reflektiere. Die Haushälterin, eine dralle Person mit lüsternen Blicken, hatte darauf sofort den üblichen Vermietungszettel vor die Haustüre gehängt. »Nun, Minna,« sagte Fräulein Henschel zu ihrer mißmutig dreinschauenden Nichte, »wollen wir nochmals das Gelernte repetieren.« »Laß mir doch erst meinen Kaffee trinken,« gab der Flachskopf weinerlich zurück, »du hast deinen ja ooch jetrunken.« »Du sitzt aber nun bereits seit einer Stunde davor.« »Ja, weil du mir so frühe jeweckt hast.« »Sieben Uhr ist nicht frühe, wer länger schläft ist ein Langschläfer.« »Ich habe aber erst um neune Schule.« »Eben deshalb nehmen wir das Französische nochmals vor. Also, Lektion sieben.« »Erst muß ick meine Stulle inwickeln, sonst jibts Fettflecke, ick krieje Keile, und du bist schuld dran,« erklärte die Range, rümpfte ihr Stumpfnäschen und wickelte dann mit größter Umständlichkeit ihr Frühstück in ein Zeitungsblatt. Fräulein Henschel sah ihr gelassen zu, als sie aber damit zu Ende war, sagte sie drohend: »Nun wird's bald, oder soll ich? –« »Nu ja doch!« rief gähnend Minna, ergriff das Buch und las: » Dieu a fait le monde. « »Das heißt?« »Gott hat gemacht.« »Gut, weiter.« » Le monde – den Mond.« »Nein,« verbesserte ihre Tante, »die Welt«. »Den Mond hat er ooch jemacht,« gab die Kleine mit dem Ausdruck der Ueberzeugung zurück. »Da steht monde , und das e wird nich ausjesprochen.« »Der Mond heißt lune – Gott hat gemacht die Welt.« »Is mir Schnuppe! Unser Fräulein hat jesagt den Mond hat er ooch jemacht, und du warst nich dabei.« Die Tante wollte die Hand zur wohlverdienten Züchtigung erheben, besann sich aber und fuhr in ihrer Belehrung weiter fort: »Schweig! Le monde heißt die Welt; le grand monde, die große Welt; le petit monde, die kleine Welt; le monde entier die ganze Welt; demi monde, halbe Welt.« »Du weeßt jar nischt!« unterbrach sie patzig triumphierend ihre Schülerin. » Demi monde heeßt wat janz anderes.« »Wer hat dir das gesagt?« »Det weeß man so schon von alleene.« »So! – weiter! On a vu « – – »Ich mag nich mehr.« »Du mußt!« »Bei dir noch lange nich!« »Auf der Stelle!« »Nu erst recht nich!« Fräulein Henschel zog ihre widerspenstige Nichte näher und gab ihr einen leichten Klapps auf die Wange, worauf sich das Mädchen losriß, heulend nach der Türe rannte und schrie: »Juste, Juste! Tante hat mir 'ne Backpfeife jejeben.« Gleich darauf erschien die Haushälterin auf der Türschwelle und fragte, was los sei. »Sie hat mir verhauen, weil ick jesagt habe, der liebe Jott hat den Mond jemacht!« brüllte die Range und verbarg ihr Gesicht in die Schürze ihrer Beschützerin. »Wer denn anders – Sie doch nich!« knirschte die Stütze des Haushalts und setzte schmeichelnd hinzu: »Det arme Wurm! Komm, ich jebe dir enn Schokoladeplätzken.« »Sie geben Minna nichts; ich habe sie gestraft, weil sie ihr Französisch nicht lernt, das sie heute in der Schule kennen muß.« »Französisch! ick kann ooch keen Französisch und lebe doch. Wenn se man jut Deutsch kann; 'nen Franzosen heiratet se doch mal nich. Nich wahr, Mauseschwänzeken?« »Nee, nur eenen von der Jarde,« gab die Kleine, die sich jetzt sicher fühlte, zurück. »Na also!« Fräulein Henschel, durch diese Bemerkung noch mehr gereizt, erwiderte in verweisendem Tone: »Schämen Sie sich, meine Nichte so zu verderben!« Wie von einer Natter gestochen, schnellte durch diesen Vorwurf getroffen die Haushälterin in die Höhe, stellte sich herausfordernd vor ihre Gegnerin und schrie im höchsten Diskant, wobei ihr die haßerfüllten Augen fast aus den Höhlen quollen: »Was tu ick! ick verderbe det Kind? Ick, die ick mir seiner anjenommen habe vor drei Jahren, wie Ihre Frau Schwester mit dem Möblierten ausjerückt is – ick verderbe es!« »Ich bitte, dieses Thema nicht im Beisein des Kindes zu berühren.« »O jeh! die weeß mehr als Se glooben. Die weeß, warum det Bild von Müllers Frau nich mehr an der Wand hängt – der machen Se keenen blauen Dunst vor.« Minna, welche diesen Lobspruch zu würdigen wußte, bemerkte mit Stolz: »Nee, du nich, Tante!« »Die weeß janz jenau, wat se von ihrer Mutter zu halten hat.« »Weeß ich ooch – jar nischt.« – »Haben Sie nu jehört? Kinder und Narren reden die Wahrheit. Sie möchten mir jerne los sin, weil Ihr Schwajer enn Ooge uff mir hat? Oder wollen Se Ihre Schwester wieder rinschmuggeln? Warum sind Se dann überhaupts zu uns jekommen, wo Se doch keener jerufen hat?« »Darüber habe ich Ihnen keine Auskunft zu geben, damit Sie es aber trotzdem wissen, will ich Ihnen sagen, daß ich es für meine Pflicht hielt, nach meiner verlassenen Nichte zu sehen. Wie nötig das war, davon haben Sie mich überzeugt. Ich werde meinem Schwager die Augen öffnen – verlassen Sie sich darauf.« »Sie Ihrem Schwajer! der weeß, wat er an mir hat – der weeß aber ooch, wat er an Ihrer Frau Schwester jehabt hat! 'Ne nette Planze, die ihren Ollen sitzen läßt und mit dem Zimmerherrn nach Amerika auskneift. – Fui Deibel!« »Gehen Sie an Ihre Arbeit, wenn mein Schwager aus der Fabrik kommt, will er frühstücken.« »Herrjott, wat Se uff emal besorgt sind! Seit ick die Wirtschaft führe, hat's noch immer wat zum prepeln jejeben, ob das bei Ihrer Frau Schwester ooch so jewesen is, steht nich im Protoknoll.« »Ich verbiete Ihnen ein für allemal in diesem Tone mit mir zu reden.« »Ick Ihnen ooch!« rief die Haushälterin und setzte höhnisch hinzu: »Sie jeben sich 'ne Kraft und 'ne Forsche seit die paar Tage, wo Se hier sind, als wenn Se den Kreuzberg nach dem Tierjarten versetzen könnten. Aber man sachte, Fräulein Henschel, mir kriejen Se nich unter – mir nich – ick sitz feste hier. Wenn Se nur ooch so sitzen würden. So, und jetzt muß Minna in die Schule, und wenn Sie eener fragt, for wat der Disput jewesen war, sagen Se ihm jefälligst, daß ick die Wurst nich anjeschnitten habe. Morjen!« Nach dieser Erklärung faßte sie Minna bei der Hand, machte einen spöttischen Knix und verließ mit dem Kinde das Zimmer. Vor innerer Erregung keines Wortes mächtig und mit den Zähnen knirschend, sah ihr Fräulein Henschel nach, dann durchmaß sie mit großen Schritten die Stube, bei sich erwägend, ob sie das Haus sofort verlassen, oder, wie schon mehrfach, es nochmals versuchen sollte, ihren Schwager von dem verderblichen Einfluß dieses Weibes zu überzeugen. Ihr Schwager, der Werkführer der großen, im Hofe befindlichen Fabrik war, hatte sich niemals um sein Hauswesen gekümmert; er gab den größten Teil seines Lohnes an seine Haushälterin ab und überließ es ihrem Ermessen, damit nach Gutdünken zu schalten. Ebensowenig bereitete ihm die Erziehung seiner Tochter Sorgen; er war zufrieden, wenn sie reinlich gekleidet zur Schule ging und nicht über Hunger klagte. Die Magd, die er nach dem Zusammenbruch seiner Häuslichkeit angenommen hatte, wußte den willensschwachen Mann bald derart zu umstricken, daß er sich in fast allen Dingen ihrem Willen fügte und ihr die Rechte einer legitimen Frau einräumte. Trotz dieses guten Einvernehmens hegten beide gegeneinander tiefes Mißtrauen, das sich am deutlichsten bei der beabsichtigten Vermietung des Zimmers zeigte, wo er, durch Erfahrung gewitzigt, mit keinem Herrn, und sie, um ihre Stellung nicht zu gefährden, mit keiner Dame abschließen wollte. Noch war sich Fräulein Henschel nicht über das, was sie tun sollte klar, als die Türe geöffnet wurde, und die Haushälterin auf der Schwelle erschien. »Fräulein«, sagte sie mit einem Tone. der ihre Schadenfreude nur schlecht verbarg, »der Herr hier möchte jerne det Zimmer ansehen. Da Sie doch ziehen wollen, wird Ihnen det woll nich unanjenehm sin.« »Keineswegs«, gab Fräulein Henschel, die jetzt plötzlich zu einem Entschluß gekommen war, zurück, »ich reise sowieso in den nächsten Tagen ab. Bitte, mein Herr, treten Sie nur ein.« Holmer, der seit gestern auf der Wohnungssuche war, folgte der freundlichen Einladung und besah sich den Raum. Lage und Einrichtung schienen seinen Beifall zu finden, denn er erkundigte sich, ob noch mehr Zimmerherren auf dem Flur wohnten. »Nee, wir vermieten nich aus Jewerbe, nur so nebenbei,« erklärte die Haushälterin. »Ich reflektiere nämlich,« bemerkte Holmer, »auf ein möglichst ruhiges Zimmer«. »Det haben Se hier, denn wenn det Fräulein weg is, wüßte ich nich, wer Jeräusch machen sollte. Der Herr is den janzen Tag in der Fabrik, det Kind in der Schule, und ick in der Wirtschaft.« »Und was kostet es?« »Vierzig Märker den Monat – aber ick kann nich alleene vermieten, wenn Se eenen Oojenblick verziehen wollen, rufe ich Müllern, der is hinten in die Fabrik.« Nach diesen Worten band sie ihre Schürze ab und entfernte sich eiligst. Schon nach wenigen Augenblicken kehrte sie mit ihrem Dienstherrn zurück. Herr Müller, ein graubärtiger Fünfziger, auf dessen gedrungenem Körper ein kugelförmiger Kopf mit nichtssagendem Gesichte saß, machte einige plumpe Kratzfüße und betrachtete dann mit mißtrauischen Blicken den Zimmersuchenden. Endlich bewegte er die wulstigen Lippen und sagte: »Wissen Se, die Stube is unjemein jünstig jelegen, direktemang nach Süden, is immer mollich warm, wissen Se; teuer is se ooch nich, wissen Se – nur eenen Fehler hat se, wissen Se«. »Eenen Fehler!« rief überrascht die Haushälterin, »davon weeß ich aber nischt«. »Wissen Se,« fuhr der Werkführer mit einem verschmitzten Grinsen fort, »et is doch so. Sie is nämlich noch jar nich frei, wissen Se.« »Aber sie wird es,« versicherte die Stütze des Haushalts. »Ihre Schwäjerin hat erst eben wieder erklärt, daß se zieht.« »Det jeht man allens nich so schnelle, wissen Se; det dauert immer noch enn Weilecken, wissen Se.« »Spätestens übermorgen,« bemerkte Fräulein Henschel. »Ich nehme die mir offerierte Stelle nach Hamburg an.« »Heute können Se also nich zuziehen, wissen Se.« »Ist auch meine Absicht nicht,« entgegnete Holmer, »ich kann noch acht Tage damit warten.« Herr Müller saß mit seinen Hoffnungen auf dem Trockenen. »Hm!« machte er und wandte sich mit einem blöden Gesichtsausdruck an seine Haushälterin: »Juste, wat hälst du davon?« »Ick meene,« antwortete diese, »daß es keenen Sinn nich hat, die Stube leerstehen zu lassen.« »Det schon – am Preis wird aber nischt abjehandelt.« »Versteht er sich mit oder ohne Kaffee?« fragte Holmer und sah sich nochmals in der Räumlichkeit um. »Immer ohne. Bei die jetzigen Lebensmittelpreise, wissen Se, kann man det Frühstück nich unter zehn Mark liefern, wissen Se.« »Und wie hoch berechnen Sie die Heizung?« »Det wollen Se ooch wissen?« »Na, natürlich,« warf die Haushälterin, die sich mehr und mehr für den neuen Möblierten erwärmte, ein, »der Herr muß sich doch klar sin, wat er zu berappen hat.« »Det kommt janz druff an, wie injeheizt wird, wissen Se.« »Ich liebe ein warmes Zimmer, denn ich bin den ganzen Tag zu Hause.« »Den janzen Tag!« rief fast freudig der Werkführer, der hoffte, daß an dieser Erklärung die Vermietung scheiterte. Ganz gegen seine Erwartung antwortete aber die Haushälterin: »Det stört mir nich.« »Dir nich, aber mir. Ich bin nich for's Intime.« »For's Intime bin ick ooch nich!« fuhr die Wirtschafterin auf und wurde kirschrot im Gesicht; »aber eener, der solide is, is mir anjenehmer wie enn Bummelfritze.« »Zwee Hähne in eenen Korb taugt nischt. Ick mag keenen, der mir den janzen Tag in die Wirtschaft kiekt.« »Aber eene, nich wahr?« bemerkte giftig, jeden Respekt bei Seite setzend, die Stütze des Haushalts. »Eene is dir immer recht, det jloobe ick!« Holmer hatte seinen Hut aufgesetzt, blieb aber stehen, weil ihm das Redeturnier, dessen Motive er durchschaute, höchlich ergötzte. Lachend sagte er dann: »Bitte, ereifern Sie sich nicht meinetwegen, es liegt nicht in meiner Absicht, Ihnen lästig zu fallen.« »Mir fällt keener lästig, wissen Se,« wandte sich der Werkführer, froh, seinen Worten eine andere Richtung geben zu können, wieder an den jungen Mann. »Wenn mir eener lästig fällt, fliegt er raus, wissen Se. Hier schrägavis, wissen Se, is 'ne janze Schachtel voll Zimmern, wissen Se – jondeln Se mal dahin, die sind vielleicht froh, wenn Se eenen in der Bude haben, der nich raus jeht – ick nich, wissen Se.« Holmer konnte es sich nicht versagen, die Redeweise des höflichen Vermieters zu parodieren und erwiderte: »Wissen Sie, was Sie mir sagen, wissen Sie, das läßt sich alles viel höflicher sagen, wissen Sie. Ueberhaupt, wissen Sie, wenn Sie kein Zimmer vermieten wollen, wissen Sie, dann hängen Sie auch keinen Zettel heraus, wissen Sie.« Ueberrascht sah der Werkführer den kühnen Sprecher an, dann aber fuhr er auf und schrie: »Wat wollen Se ejentlich mit Ihrem, wissen Se? Det importiert mir doch nich; det is Kaff, wissen Se! Enn vernünftiger Mensch sagt nich alle Oojenblicke, wissen Se; det tut enn Quatschkopp, wissen Se! Enn Mensch, der keene Bildung nich hat, wissen Se. So, nu wissen Se, wat ich von Ihrem, wissen Se, halte.« Holmer antwortete nicht, sondern verließ in heiterster Stimmung die gastliche Schwelle. Auf der Straße angekommen, betrachtete er sich nochmals die Fassade des Hauses und bemerkte zu seiner Freude in der zweiten Etage den höflichen Zimmervermieter, der ihm mit grimmigen Blicken nachschaute und dann das Fenster klirrend zuschlug. Mit einem Lächeln auf den Lippen ging der junge Mann langsam die Lindenstraße hinunter und wollte eben in die Kommandantenstraße einbiegen, als Fräulein Emilie aus einem Laden kommend ihm den Weg vertrat. »Nu frag' ich eenen!« rief sie strahlend vor Freude und blieb stehen. »Was führt Sie dann hierher?« »Ich bin auf der Jagd nach einem Zimmer. Seit gestern durchquere ich Berlin.« »Ooch das dunkle?« fragte sie schelmisch. »Vielleicht später – vorerst muß ich wissen, wo ich nächste Woche mein Haupt niederlegen darf.« »So jeht's, wenn man seine Freunde treulos verläßt. Haben Se noch nischt in Aussicht?« »Nein, ich bin zu wählerisch, und die Wirte sind es auch,« antwortete Holmer und erzählte ihr sein jüngstes Erlebnis, was sie sehr zu belustigen schien, denn sie kam nicht aus dem Lachen heraus. »Ich habe mir vorgenommen,« fuhr er darauf fort, »solange zu suchen, bis ich eine Stube gefunden habe, die allen meinen Ansprüchen genügt. So verdrießlich auch an und für sich eine solche Tätigkeit ist, gibt sie mir doch Gelegenheit, Leute und Verhältnisse kennen zu lernen, mit denen ich wohl nie in Berührung gekommen wäre.« »Also betreiben Se das Zimmersuchen jewissermaßen als Studienreise?« »Das hängt von den Bildern ab, die ich zu Gesicht bekomme,« antwortete Holmer und bat Emilie, ihren Weg fortzusetzen. »Wohin geht die Reise?« »Jetzt nach der Weidendammer Brücke und dann ins Jeschäft. Ich war in der Fabrik jewesen, for die wir arbeiten, und muß nu noch 'ne Bestellung ausrichten. Daß ich mal um die Zeit wie heute die Bude verlasse, das kommt man rar vor. Wenn Se mir begleiten wollen, werde ich mich dajejen nich sträuben – am Schiffbauer Damm is ooch nich eklich wohnen, da finden Se vielleicht, was Se suchen.« »Gut, probiere ich einmal dort mein Glück, mir ist egal in welchem Stadtteil sich mein künftiges Heim befindet.« Nachdem sie den Dönhofplatz überschritten hatten und durch die Leipzigerstraße auf die stillere Seite der Friedrichstraße gelangt waren, nahm Emilie das Wort und sagte: »Ist es nich merkwürdig. Herr Holmer, daß die Meechens im Jeschäft nu ooch schonst wissen, daß Sie ziehen.« »Sie werden es durch einen Zufall erfahren haben.« »Nee, das haben se ausspioniert – die spionieren alles aus. Sie wohnen noch keene acht Tage anderswo, wissen se's ooch.« »Mag sein, trotzdem werden Sie Ruhe vor ihren Spöttereien haben, wenn sie mich nicht mehr täglich sehen.« »Erst recht nich. Die könnens nu mal nich verwinden, daß eene was für sich behält – alles muß an die jroße Glocke. Ich habe doch jar nischt zu verheimlichen, aber das hilft mir nischt – nee, mich nischt – nee, mir nischt; sie lejen mein Schweijen for Hochmut aus und machen ihre Jlossen, wenn ich Sie mal zufällig bejegne. Früher war's anders bei uns, da habe ich mir – nee, mich uff's Jeschäft jefreut, jetzt ist mir's enn Greuel, wenn ich hin muß. – Haben Se mal jehört, wie es dem Manne Ihrer Wirtin jeht?« »Nicht gut, wie mir Frau Lampart sagte. Er ist wohl ruhiger geworden, aber sein Lungenleiden läßt das Schlimmste befürchten.« »Das ist traurig – freilich uff eene Art muß man abschrammen; der eene so, der andere so. – Die Schauspielerfamilie, von der Se mir erzählt haben, hat woll noch nich jeschrieben?« »Doch – eine Postkarte, heute früh. Sie befindet sich wohl. Der Mann hat Probe gesungen und ist nun fest für den Chor verpflichtet, und seine Frau hofft, bei derselben Bühne als Souffleuse engagiert zu werden. Es ist mir wahrhaft leicht ums Herz, seitdem ich weiß, daß sie endlich ein Plätzchen gefunden haben, wo sie rasten können.« Unter ähnlichen Gesprächen hatten sie die Weidendammer Brücke erreicht. »Darf ich aus Sie warten?« fragte Holmer, als seine Begleiterin erklärte, am Ziel zu sein. »Bitte, nich, sonst verspäte ich mich noch mehr. Jehn Se man janz jemütlich weiter uff die Zimmerjagd, ich fahre mit der Stadtbahn nach dem Jeschäft.« Sie reichte ihm die Hand, die er herzlich drückte, und verabschiedete sich mit den Worten: »Also morjen Abend, wie jewöhnlich!« Holmer sah ihr nach, bis sie in dem Torweg eines großen Hauses verschwunden war, und lenkte dann seine Schritte nach dem Schiffbauerdamm. Vor einem alten aber stattlichen Hause blieb er stehen und besah sich die ausgehängten Zettel: »Zimmer mit Alkoven, Aussicht nach der Spree. Dritter Stock, rechts,« las er und stieg kurz entschlossen die drei Treppen empor. Aus einem kleinen Messingschild stand: Anna Ferber. Hier klingelte er. Sofort öffnete sich das Guckloch in der Korridortüre, und eine heisere Frauenstimme fragte: »Sie wünschen?« »Ich möchte mir gerne das Zimmer ansehen, das hier zu vermieten ist.« »Bitte, einen Augenblick.« Gleich darauf wurde die Sicherheitskette ausgehängt, der Schlüssel knarrte im Schloß, die Türe ging auf, und Holmer sah sich einer Dame gegenüber, die sich vergeblich bemühte, in die erweiterten Knopflöcher ihrer Taille die baumelnden Knöpfe festzuzwängen, ein Bemühen, das sie ununterbrochen wiederholte. Die Dame war nicht mehr jung, aber sie hätte bei der Schlankheit ihres Körpers dafür gelten können, wenn sie ihr rotblondes Haar nicht gescheitelt und, mit Hilfe von Pomade, fest auf die Haut gestrichen getragen hätte. »Sie wünschen das Zimmer zu sehen? Bitte, treten Sie näher.« Mit diesen Worten öffnete sie die Türe eines geräumigen Gemachs und bat Holmer durch eine Bewegung mit der Hand einzutreten. Es war ein freundlicher, in der üblichen Weise möblierter Raum mit zwei Fenstern, an denen einige verkümmerte Pflanzen standen. Im Hintergrunde befand sich der, durch einen grünen Vorhang verhüllte, fensterlose Alkoven, der als einzige Möbel das Bett und einen Nachttisch enthielt. »Das ist das Zimmer,« sagte sie. »Die Aussicht ist wundervoll, kein direktes Visavis. Unten die staubfreie Spree, oben der tiefblaue Himmel, man glaubt gar nicht, daß man in Berlin ist. Einige Schritte und Sie sind im Bahnhof Friedrichstraße, im Herzen des Verkehrs; und wenn Sie sich in der Nähe amüsieren wollen, haben Sie den Wintergarten, die Komische Oper, das Neue und das Lessingtheater fast vor der Türe.« »Die Aussicht ist hübsch,« gab Holmer zu. »Für mich handelt es sich aber hauptsächlich darum, daß die Lage nicht zu geräuschvoll ist.« »Sie wohnen hier wie auf dem Lande, so ruhig. Es ziehen ja nur Schiffe vorüber, und die paar Wagen, die über die Straße rollen, hört man in der dritten Etage nicht. Das ist der Vorzug der oberen Stockwerke, daß das Nervensystem nicht unter dem Lärm der Großstadt leidet. Ich bin nicht nervös, aber ich verstehe mich auf Nerven, denn ich war früher beim roten Kreuz und später freie Krankenschwester.« »Krankenschwester?« »Fünfzehn Jahre lang – ich bin nämlich sehr jung dazu gekommen,« fuhr die gesprächige Dame fort. »Meine Studien habe ich in meiner Vaterstadt Dresden gemacht. Als freie Schwester übernahm ich schließlich die Pflege eines Herrn Hunold, der an Arterienverkalkung litt und etwas gelähmt war. Er war Berliner, und so kam ich hierher. Sechs Jahre stand ich seinem Hauswesen vor, und als er starb, fiel mir diese Einrichtung und ein kleines Kapital als Erbschaft zu. Da blieb ich dann hier und behielt auch die Wohnung, weil sie so gemütlich ist. Das Zimmer gefällt Ihnen doch?« »Das kommt auf den Preis an.« »Vierzig Mark hat der frühere Mieter gezahlt. Wenn Sie ein Anhänger des Naturheilverfahrens sind, können Sie hier Sonnenbäder nehmen, denn niemand kann Ihnen in die Stube sehen.« »Haben Sie noch mehr Zimmer vermietet?« »Noch eines, an zwei Pianistinnen.« »Um Gotteswillen! Pianistinnen?« »Ja, Pianistinnen außer dem Hause, hier haben sie kein Klavier. Sie spielen in einer Musikalienhandlung den Kunden vor; gehen morgens schon vor acht Uhr fort und kommen abends erst nach zehne zurück.« »Da ist die Wohnung also absolut ruhig?« »Nur ruhig! Wenn Sie die Fenster schließen, hören Sie ein Mäuschen über den Boden huschen – das heißt, jetzt sind keine Mäuse mehr da, aber als ich hierherzog, wimmelte es davon.« »Eine solche Belästigung würde mich veranlassen sofort auszuziehen.« »Da haben Sie recht – ich wäre auch nicht geblieben, wenn ich sie nicht hätte ausrotten können. Es sind auch keine Schaben mehr vorhanden, wissen Sie, die gelben Käfer, die so gerne in die Suppe fallen. Die habe ich gründlich mit Zucker und Borax vertrieben und dann mit Insektenpulver nachgestäubt. Reinlichkeit war von jeher meine schwache Seite, hier gibt es das alles nicht, was man sonst in älteren Häusern findet . . .« »Das setze ich als selbstverständlich voraus,« erklärte Holmer und überschaute nochmals die Einrichtung. »Der Raum ist recht wohnlich – wie hoch sagten Sie, daß der Preis sei?« »Fünfundvierzig Mark mit Alkoven.« »Gesund scheint es auch hier oben zu sein.« »Das will ich meinen! Jeden Sonnabend wird bei mir die ganze Wohnung desinfiziert. Vor einem halben Jahre ist mir ein Zimmerherr gestorben, so etwas kommt ja schließlich überall einmal vor; sofort habe ich Fußböden, Türen und Wände, vierzehn Tage lang, täglich mit Karbol abwaschen lassen; meiner alten Scheuerfrau war das zu viel, sie kündigte mir. Habe ich Ihnen das Bett schon gezeigt?« »Noch nicht.« »Das müssen Sie in Augenschein nehmen!« rief die Dame mit dem Ausdruck des Stolzes und zog den Vorhang am Alkoven zurück. »So ein gediegenes Bett finden Sie in ganz Berlin nicht wieder, es stammt noch von der Gewerbeausstellung und ist, irre ich nicht, ein Innungsmeisterstück. Als geprüfte Krankenpflegerin verstehe ich mich auf Betten. Da sind keine gerissenen Hühnerfedern, sondern echte Eiderdaunen in den Kissen. Wenn Sie in diesem Bette liegen, wollen Sie überhaupt nicht mehr aufstehen – noch alle meine Zimmerherren haben verschlafen.« »Das ist aber schlimm!« »Wenn es verlangt wird, wecke ich. Es ist doch auch für einen alleinstehenden Herrn ein tröstlicher Gedanke, wenn er weiß, daß er bei einer Erkrankung nicht auf das Hospital angewiesen ist, sondern bei sich zu Hause sachgemäße Pflege finden kann. Ich kenne ja Ihren Beruf nicht, aber ich glaube, daß das Zimmer Ihren Wünschen entspricht.« »Zum Teil, gewiß.« »Nun also, wenn Sie die Annehmlichkeiten, die Sie hier haben, alle in Erwägung ziehen, finden Sie den Preis von fünfzig Mark für Zimmer und Alkoven sicherlich äußerst billig.« »Sie sagten vorhin fünfundvierzig Mark.« »Nicht möglich! Da müßte ich mich versprochen, oder Sie sich verhört haben. Bedenken Sie nur die Aussicht und das Bett.« »Bevor ich über den Preis mit Ihnen verhandle, muß ich bemerken, daß ich während des ganzen Tages zu Hause bin.« »Das ist mir sehr angenehm, denn bei dem vielen Gesindel, das sich in der Stadt herumtreibt, ist ein Mann immer ein angenehmes Ding in der Wohnung.« »Und dann muß ich in meinem Zimmer völlig ungestört sein.« »Ich wüßte nicht, wer Sie beunruhigen sollte – wenn Sie es wünschen, stelle ich Ihnen den Kaffee vor die Türe.« »Gut,« erklärte Holmer, »die Bedingungen sind mir soweit recht, bis auf den Preis, den Sie um mindestens fünf Mark herabsetzen müssen. Sie sagten doch selbst, der frühere Mieter habe sogar nur vierzig Mark gezahlt.« »Der frühere allerdings; aber nicht der letzte, der überhaupt das Zimmer nur acht Tage im Besitz hatte. Der frühere war der vorletzte; als er auszog, mußte ich alles neu herrichten lassen, denn der Eigentümer des Hauses läßt für seine Kosten noch keinen Nagel einschlagen. Von der hellen Tapete im Alkoven kostet allein das Stück vierzig Pfennige.« »Trotzdem ist es dort dunkel.« »Das kommt von dem grünen Vorhang.« »Sie gestatten doch, daß ich mir die Schlafstelle nochmals ansehe?« »Natürlich,« antwortete die Vermieterin, machte aber doch ein verdutztes Gesicht, als Holmer seine Wachshölzchen aus der Tasche zog, eines anzündete und in den Alkoven leuchtete. »Wenn Sie gerne im Hellen schlafen, brauchen Sie nur von der Wand abzurücken – das Bett ist breit genug, da können drei nebeneinander liegen.« »Das schon,« meinte Holmer und besichtigte eine Stelle der hinteren Wand mit größter Aufmerksamkeit. »Die roten Flecken auf der hellen Tapete gefallen mir nicht.« »Die rühren wahrscheinlich vom Kleister her.« »Oder von –!« »Wo denken Sie hin!« »Unzweifelhaft rühren sie davon her – Pfui!« »Und wenn auch – die tuen Ihnen nichts mehr.« »Ich danke!« rief Holmer und ergriff seinen Hut. »Wenn ich nur daran denke, juckt's mich.« »Das verstehe ich nicht, sie sind doch alle tot! Ich lasse einen Streifen Tapete über die beschmutzte Stelle kleben.« »Meinetwegen zehn – adieu!« »So hören Sie doch! Sie sollen das Zimmer mit Alkoven für vierzig Mark – –« Holmer vernahm das verlockende Angebot nicht mehr, er hatte das Wanzenheim eilig verlassen und war wie ein Verfolgter die Treppen hinuntergesprungen. Auf der Straße angekommen, blieb er stehen, holte tief Atem und überlegte einen Augenblick, ob er heute die Zimmersuche fortsetzen oder auf morgen verschieben solle. Er wählte das Letztere und suchte seine Wohnung auf. Kaum hatte er seine Stube betreten, als sich Frau Lampert bei ihm einfand. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet, sonst aber war sie gefaßt. »Mein armer Mann hat ausgelitten,« sagte sie mit sanfter Stimme. »Heute um die Mittagsstunde wurde er erlöst.« Holmer wollte ihr seine Teilnahme ausdrücken, sie aber unterbrach ihn und bemerkte: »Das schmerzlichste für mich ist nicht sein Tod, sondern daß eine so hoffnungsvoll begonnene Laufbahn so trostlos enden mußte. Jeder Groll ist zwar aus meiner Seele gewichen, ich vergegenwärtige mir nur noch die lieben Erinnerungen, aber ich muß mir trotzdem sagen, es war ein verfehltes Leben, und was schlimmer ist, ein durch eigene Schuld verfehltes Leben.« »Denken Sie nicht mehr darüber nach, liebe Frau Lampert; an dem Geschehenen läßt sich nun einmal nichts ändern.« »Das weiß ich wohl, aber können Sie in solchen Stunden den Gedanken Halt gebieten? Sie kommen immer und immer wieder.« Und als wollte sie sich gewaltsam von diesem Banne befreien, erkundigte sie sich nach einer Pause, ob ihr Mieter schon ein neues Quartier gefunden habe. »Noch nicht, aber ich denke morgen, wo ich mein Glück einmal in Berlin W. versuchen will.« »Sie haben ja noch sechs Tage Zeit, und wenn es sein muß, stelle ich Ihnen darüber hinaus meine Stube zur Verfügung und wohne solange in der Küche. Es wird mir sehr einsam vorkommen, wenn Sie mich verlassen haben, denn ich verkehre, außer mit Ihnen, mit keinem meiner Mitbewohner.« Nach dieser wehmütigen Bemerkung reichte sie dem jungen Manne die Hand und entfernte sich, um Vorbereitungen für die Beerdigung zu treffen. Holmer erledigte noch einige Briefe, überflog die Abendzeitungen und suchte dann sein Stammlokal auf, das er seit längerer Zeit nicht mehr besucht hatte. Seine Mitteilung, daß sich der Doktor, nach überstandener Haft, mit seiner Nichte verloben wollte, erregte bei der Tischgesellschaft allgemeine Sensation und bildete bis spät in die Nacht hinein fast das alleinige Gesprächsthema. Als Holmer am nächsten Nachmittag seine Wohnung verließ, um auf die Zimmersuche zu gehen, schien eine frühlingswarme Sonne vom wolkenlosen Himmel auf die feuchte Erde herab. Der Frost, welcher den milden Tagen vor Ostern gefolgt war und Blüten und junges Grün geknickt hatte, war allmählich einer steigenden Temperatur gewichen, und schon wagten sich wieder neue Knospenspitzen ans Licht, und hie und da schwirrte ein frühreifer Käser oder Schmetterling durch die Luft. Holmer hatte den Königsplatz und die Siegesallee überschritten und schon mehrere Straßen des eleganten Tiergartenviertels durchquert, als sein Blick auf ein Haus fiel, dessen einfache Fassade den Schluß auf einen erschwingbaren Preis für ein Junggesellenheim zuließ. »Zimmer mit Kabinett, zweite Etage«, stand auf einem Zettel, der neben der verschlossenen Haustüre hing. Holmer drückte auf die elektrische Klingel, und gleich darauf öffnete sich die Pforte, durch die er in ein kleines pompejanisch ausgemaltes Vestibül trat, auf dessen rechter Seite sich die Loge des Hausmeisters befand. Ohne sich um den würdigen Wächter des Hauses, der an seinem kleinen Fenster saß und sein Nebengewerbe als Flickschneider betrieb, zu kümmern, stieg er über die mit Läufern belegte Treppen zu den oberen Stockwerken empor. »Heda!« rief ihm der Hausmeister, der sein Fensterchen geöffnet hatte, ärgerlich über die Nichtbeachtung seiner Person, nach. »Heda, det is die Herrschaftstreppe! Lieferanten jehn man über die Looftreppe.« Erweiterte aber, als er keine Antwort bekam, seine Belehrung noch durch den Nachsatz: »Ooch Weinreisende jehn hingen ruff!« Holmer hatte inzwischen das zweite Stockwerk erreicht und an einem Glasverschlag, an dem auf einem Porzellanschild »Rat Zernitzky« zu lesen war, geklingelt. Das Wörtchen Rat stimmte ihn nachdenklich. Was mochte das für ein Rat sein, der Zimmer vermietete? War es ein Wirklicher Rat, Oekonomie- oder Waisenrat, Berg- oder Kommissionsrat, ein Stadtrat, Hof- oder Kanzleirat? Hundert Spielarten deutscher Räte blitzten ihm durchs Gehirn, bis endlich die Türe geöffnet wurde und ein schläfriger junger Bursche mit unglaublich dummem Gesichtsausdruck die auswendig gelernte Frage hersagte: »Wen darf ich anmelden?« »Ich möchte mir das Zimmer, das zu vermieten ist, ansehen,« antwortete Holmer und trat in den Vorplatz der Wohnung. »Das Zimmer,« wiederholte mit einem verschmitzten Lächeln der Bursche, den man in eine viel zu weite, schäbige Livree mit blanken Knöpfen, die mit einer Grafenkrone verziert waren, gesteckt hatte. »Bitte, hier,« darauf führte er Holmer nach einem Salon, dessen Türe er beim Verlassen geräuschlos hinter sich schloß. Es war ein eleganter, im Jugendstil ausgeschmückter Raum. Rechts und links geöffnete Flügeltüren, welche jedoch keinen Einblick in die dahinterliegenden Gemächer gestatteten, weil die Portieren dicht zugezogen waren. Den Boden bedeckte ein weicher Teppich, der jeden Schritt dämpfte. Die Wände waren mit besseren Kopien moderner Meister, unter denen Stucks Sünde einen bevorzugten Platz einnahm, geschmückt. Holmer war an das Fenster getreten und sah hinab nach der stillen, vornehmen Straße. »An Bescheidenheit stirbst du mal nicht, Erna!« hörte er eine gedämpfte Männerstimme im Boudoir nebenan sagen. »Wenn man Zipatsch heißt, sind fünfhundert Kronen kein Opfer,« antwortete eine Frau. »Aber fünftausend Mark sind es.« »Halb so viel, als du auf einmal beim Jeu verloren, du weißt, daß ich es haben muß, wenn mir die Einrichtung nicht gepfändet werden soll.« »Das hättest du früher überlegen müssen.« »Freilich – und hätte überlegen müssen, daß ich meinen Ruf dir zu Liebe, wie schon so oft geschehen, nicht aufs Spiel setzen sollte.« »Vergiß nicht, daß ich es war, der verflossenes Jahr deinem Manne beisprang, als er dumme Streiche gemacht hatte und seinen Abschied nehmen mußte. Nun soll ich schon wieder bluten, weil du nicht haushalten kannst.« »Nur diesmal noch.« »Wer's glaubt – das sagst du seit Jahren.« »Pst! – die Dienerschaft hat Ohren.« Ein erregtes Flüstern folgte dieser Mahnung. Plötzlich aber wurde die Männerstimme wieder lauter und sagte: »Keine Vorwürfe, Erna! Unser Klub mußte von hier fort, er hätte euch und ihr ihn kompromittiert. Wo so hoch gespielt wird, muß man sicherer sein.« »Nun kann ich einen Chambregarnisten aufnehmen – daß du gar nicht eifersüchtig bist!« »Weil ich von deiner Treue überzeugt bin.« »Wärst du es nicht.« Abermals ging die Unterhaltung in Flüsterton über, um gleich darauf wieder deutlicher zu werden. »Nein, nein!« rief halblaut die Frau, »in dieser Gesellschaft kannst du nicht verlangen, daß ich verkehre.« »Na, dann soupieren wir im Monopol – allein.« »Heute unmöglich.« »Weshalb?« »Weil mein Mann mit dem Abendzug von Stettin kommt.« »Das ist doch kein Grund.« »Es fällt auf, wenn ich nicht zu Hause bin.« »Da mach ihm ein Wippkens vor.« »Ich kann mich auf deine Hilfe verlassen?« »Darüber reden wir heute Abend.« »Rudolf, wenn mein Mann ahnte – –« »Bah! würde er meine Darlehen doch nicht zurückerstatten.« Das Gespräch verlor sich jetzt wieder in unverständliches Gemurmel. Holmer stand auf heißen Kohlen, er hatte seine Anwesenheit schon mehrfach durch Räuspern anzudeuten versucht, jetzt hüstelte er ziemlich laut. Die Portiere des Nebenzimmers öffnete sich, und eine hohe Frauengestalt, deren Wangen unter einer Puderschicht erglühten, erschien auf der Schwelle. »Mein Herr!« sagte sie, unangenehm überrascht, »ich hatte keine Ahnung, daß jemand im Salon ist.« »Ihr Diener bat mich hier einzutreten,« erklärte Holmer mit einer leichten Verbeugung. »Mein Diener. – Bitte, einen Augenblick.« Sie öffnete die Türe nach dem Flur und rief hinaus: »Jean, warum haben Sie den Herrn nicht gemeldet?« »Gnädige Frau hatten befohlen, nicht gestört zu werden,« antwortete grinsend der Bursche. »Sie sind ein Esel!« zankte höchst ungnädig die Gnädige und schlug die Türe zu. »Ich komme wegen des Zimmers.« »Und mußten lange warten?« Holmer war galant genug zu versichern, daß er eben erst eingetreten sei. Die Dame atmete erleichtert auf. »Sie sind wohl Mitglied des Reichstags?« »Vorerst noch nicht, gnädige Frau.« »Ich weiß selbst nicht, wie ich zu dieser merkwürdigen Vermutung komme, aber als ich Sie sah, glaubte ich, einen Politiker oder jungen Diplomaten vor mir zu haben.« »Sehr schmeichelhaft, aber nicht zutreffend.« »Mein Irrtum ist verzeihlich, wenn Sie bedenken, daß in unserer Straße fast ausschließlich distinguierte Herren wohnen, von denen mindestens jeder Reserveoffizier ist.« »Ist diese Würde unerläßlich, um hier ein Zimmer zu ermieten?« fragte Holmer, während ein sarkastisches Lächeln seine Lippen umspielte. »Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch, ich will damit nur sagen, daß wir Rücksicht auf die gesellschaftliche Stellung unserer Mieter nehmen müssen.« »Nun, ich bin Schriftsteller.« »So – Schriftsteller! – Das Zimmer mit Kabinett kostet hundertfünfzig Mark pro Monat, fünfzehn Mark Frühstück, fünfzehn Mark Heizung, fünfzehn Mark Beleuchtung und fünfzehn Mark Bedienung.« »Also netto zweihundertzehn Mark?« »Pro Monat. Finden Sie den Preis zu hoch?« »Im Gegenteil – ich habe noch nie so billig gewohnt.« Frau Rat Zernitzky biß sich auf die Lippen, gab sich aber den Anschein, als hätte Sie den Sinn der Antwort nicht begriffen. »Darf man fragen, wo Sie zur Zeit Ihr Domizil haben?« »Gewiß,« erwiderte Holmer, verletzt durch die Geringschätzung, mit der er sich behandelt fühlte. »Im Monopol.« Die Gnädige hatte verstanden, aber bevor sie antworten konnte, erschien Zipatsch unter der Portiere, drehte zwischen den Fingern die gewichsten Spitzen seines aufgezwirbelten roten Schnurrbarts und sagte: »Pardon! Frau Rat, wenn Sie erlauben, möchte ich mich bald verabschieden.« »Bitte, lassen Sie sich durch mich nicht stören,« erklärte Holmer, »ich kann nochmals vorüberkommen.« »Wie Ihnen beliebt – wenn Sie sich für das Zimmer interessieren, soll es Ihnen der Diener zeigen.« »Danke, ein andermal, wenn gnädige Frau mehr Zeit haben. Habe die Ehre!« – Holmer hatte das elegante Haus verlassen und mit Eifer seine Zimmersuche fortgesetzt, deren Resultat ihn jedoch überzeugte, daß in diesem Viertel die geforderten Mietpreise über seine Mittel gingen. Kurz entschlossen wandte er sich deshalb nordwärts, durchschritt die Breite des Tiergartens und versuchte in der Nähe des Helgoländer Ufers aufs neue sein Glück. Gleich das erste Haus, das er betrat, hatte etwas Anheimelndes für ihn. Peinliche Reinlichkeit, größte Stille, Sonnenschein schon im Treppenhause. Wohlgemut kletterte er zur dritten Etage empor. Eine behäbige, geschmackvoll gekleidete junge Frau mit einem Vollmondgesichtchen und tiefe Grübchen in Wangen und Kinn öffnete auf sein Klingelzeichen und führte ihn, nachdem er ihr den Zweck seines Besuches mitgeteilt hatte, nach einem freundlichen Zimmer. »Das ist es,« sagte sie, »zwei Fenster nach Süden und Separatausgang.« »Und der Preis?« fragte Holmer. »Darüber reden wir später, sehen Sie es sich nur erst genau an. Sie sind kein Berliner?« »Nein.« »Ich auch nicht, ich bin Rheinländerin.« »Ah! da sind wir ja beinahe Landsleute.« »Das freut mich. Ich hatte sofort an dem Klang Ihrer Sprache erkannt, daß auch Ihre Wiege nicht fern von den Ufern des Rheines gestanden. Schon der Gedanke, daß ich einen Landsmann vor mir habe, ruft hundert liebe Erinnerungen an die Heimat in mir wach.« »Sie sind noch nicht lange in Berlin?« »Zwei Jahre. Mein Mann wurde hierher versetzt, starb aber schon einige Monate nach unserer Uebersiedelung.« »Das ist traurig.« »Allerdings, namentlich wenn man so ganz allein steht wie ich. Nun, wie gefällt Ihnen das Zimmer?« »Bis jetzt recht gut.« »Und sicherlich später noch besser. Bitte, sehen Sie sich auch mein Logis an, und wenn Ihnen meine Akkuratesse zusagt, dann bedenken Sie, daß ich das Hauswesen allein besorge und nur für die grobe Arbeit eine Scheuerfrau halte. Das ist der Salon und hier das Wohnzimmer, da sitze ich den ganzen Tag und unterhalte mich mit meinem Kanarienvogel.« »Die große Photographie da ist wohl Ihr Herr Papa?« fragte Holmer und deutete auf ein Brustbild, das einen Fünfziger mit graumeliertem Bart, großer Glatze und ungewöhnlich hohem Stehkragen darstellte. »Nein, das ist mein Mann – er war zwanzig Jahre älter als ich. Es ist die letzte Aufnahme, da war er schon nicht mehr rüstig. Seit seinem Tode fühle ich mich doch recht einsam in der großen Stadt.« »Das wird bei Ihrer Jugend ja voraussichtlich nicht immer so bleiben.« »Immer! Wenn ich mich wieder verheiraten wollte, müßte ich auf meine Witwenpension verzichten und nach testamentarischen Bestimmungen das Vermögen meines Mannes an dessen Geschwister herausgeben. Da ziehe ich es doch vor, das zu behalten, was ich besitze – die Ehe ist sehr oft ein zweifelhaftes Geschäft. Wollen Sie sich nicht das Zimmer nochmals ansehen?« »Nicht nötig, aber der Preis würde mich interessieren.« »Nun, wie hoch glauben Sie?« »Das ist eine heikle Frage.« »Ich will gleich bemerken, daß ich das Zimmer nur an jemand abgebe, der mir gefällt, und daß sich darnach der Preis richtet.« »Also muß ich wieder fragen, gefalle ich Ihnen?« »Ich hoffe, wenn wir uns näher kennen lernen.« »Das kann aber doch erst nach der Ermietung geschehen.« »Weshalb? Wir können uns auch schon vorher über manches aussprechen. Sie sind mir sympathisch, weil Sie ein Landsmann von mir sind und auf mich einen günstigen Eindruck machen. Was ich suche, das ist ein Mieter, der mir meine Einsamkeit erträglicher macht, jemand, mit dem ich ab und zu auch ein paar Worte plaudern kann. Sie werden denken, ist das eine emanzipierte Witwe, aber warum soll ich mit meinem Verlangen hinter den Bergen halten? Ich mag keinen Griesgram um mich haben.« Holmer sah die junge Frau, die aus ihrem Herzen keine Löwengrube machte, lächelnd an und sagte: »Im Grunde genommen haben Sie recht, ob ich aber Ihren Erwartungen entspreche, ist eine andere Sache.« »Deshalb reden wir ja darüber. Ich muß nicht vermieten und tue es auch des Gewinnes wegen nicht, ich will nur nicht vertrauern in diesen vier Wänden. Ich habe ein Recht auf Freude und will es geltend machen, solange ich jung bin.« »Kommt Ihnen Ihr Vorhaben nicht gefährlich vor?« »Nicht gefährlicher als wenn ich als alleinstehende Frau ohne solche Voraussetzungen an einen Herrn vermiete. Ich muß meine Würde zu wahren wissen, das ist es, worauf es ankommt.« Holmer mußte dieser Ansicht zustimmen und hätte vielleicht das verlockende Anerbieten in Betracht gezogen, wenn die Beziehungen zu Emilie nicht gewesen wären. »Ich bin,« nahm die lebenslustige Witwe nach einer kleinen Pause wieder das Wort, »zwei lange Jahre in Sack und Asche gegangen, nun aber will ich wieder unter Fröhlichen fröhlich sein. Ich will wieder singen, wenn ich jemand um mich habe, der mich begleitet. Sie spielen doch Klavier?« »Ein wenig.« »Das genügt. Finden Sie es nicht auch gemütlicher, gemeinsam den Tee zu schlürfen und etwas zu knuspern, oder eine festliche Veranstaltung aufzusuchen, selbstredend jeder Teil für seine eigene Rechnung, als allein im Roßgang des Lebens wandeln?« »Was aber wird die Welt dazu sagen?« »Die Welt! was kümmert mich die Welt. Legen Sie Wert auf ihr Urteil? Ich nicht. Ich bin unabhängig und hoffe, daß Sie es gleichfalls sind – ist das nicht der Fall, ändert das natürlich die Sache. Doch, Sie wissen noch immer nicht, was das Zimmer kostet. Dreißig Mark, finden Sie diesen Preis zu hoch?« »Zu hoch nicht, aber ich muß noch überlegen, ob – – –« Die junge Frau ließ ihn nicht zu Ende reden, sondern lachte hell auf und rief: »Aber und überlegen! Sie mieten das Zimmer nicht, das weiß ich nun. Ich hätte aber auch gar nicht so rasch zugeschlagen, als Sie vielleicht nach meinen Worten annahmen. Mindestens hätte ich Erkundigungen über Sie eingezogen, wie ich das bei Ihren Vorgängern gleichfalls getan und deshalb noch keinen Mieter nach meinem Geschmack gefunden habe.« »Dann wäre ich wohl auch abgeblitzt?« »Schon möglich, vielleicht auch nicht. Ueberlegen Sie sich die Sache in Ruhe – bis morgen will ich Ihnen das Zimmer frei halten.« Als Holmer wieder auf der Straße war, dachte er mißmutig darüber nach, wie schwer es sei, ein gemütliches Heim zu finden, und ob es nicht klüger wäre, eine Pension aufzusuchen, statt seine Zeit mit fruchtlosen Bemühungen zu vergeuden. Trotzdem wollte er es nochmals wagen, und so sah ihn der nächste Morgen wieder auf der Suche. Straße auf, Straße ab, Treppen auf, Treppen ab, ging es stundenlang. Je mehr er Räume ansah, desto wählerischer wurde er, aber auch die Vermieter stellten zum Teil unerfüllbare Bedingungen, oder ihre Wohnungen boten Annehmlichkeiten, auf die er verzichten mußte. Der eine Wirt wollte tagsüber das Zimmer selber benützen, der andere forderte unsinnig hohe Preise, der nächste hatte eine ganze Herde »Möblierter«, und der folgende eine Musikschule in der Wohnung. Einer erkundigte sich nach seinem Religionsbekenntnis und erklärte, nur einen Mieter aufzunehmen, der Sonntags die Kirche besuche; ein anderer hatte drei Töchter und ließ durchblicken, daß bei ihm ein Zimmerherr Gelegenheit habe, eine tüchtige Ehefrau heimzuführen, und ein dritter erkundigte sich angelegentlich, als er hörte, daß der Suchende Schriftsteller sei, ob er auch nicht sozialdemokratischen Tendenzen huldige, da er als Fahnenträger in einem Kriegerverein unmöglich mit einem Umsturzmann unter einem Dache wohnen könne. Endlich krönte Erfolg seine Beharrlichkeit, denn er entdeckte in der Nähe des Halleschen Tores ein Zimmer, das im großen und ganzen seinen Wünschen entsprach. Es befand sich in der dritten Etage eines ruhigen Hauses, das schräg einer Kirche gegenüber, an einem großen, mit Schmuckanlagen versehenen Platze lag. Von den nach Westen gelegenen Fenstern schweifte der Blick über die auf der anderen Straßenseite befindlichen Häuser hinweg, nach einer Anzahl alter Friedhöfe, deren hochragende Baumkronen die Nähe eines Waldes vortäuschten und der Aussicht einen anmutigen Abschluß verliehen. Das Zimmer, das früher geschäftlichen Zwecken diente, war in der üblichen Weise möbliert und hatte nur einen, durch Doppeltüren verschließbaren Ausgang, welcher direkt nach der Treppe führte. Die Wirtin, eine Altberlinerin, wohnte eine Etage höher und kam mit ihrem Zimmerherrn nur gelegentlich der Mietzahlung in Berührung, da Bedienung und Reinigung durch eine, im Hinterhause wohnende, Scheuerfrau besorgt wurde. Holmer verständigte sich rasch über den Preis und die sonstigen Bedingungen und bezog bereits nach drei Tagen sein neues Quartier, in dem er sich bald heimisch fühlte und sich ungestört seinen Arbeiten hingeben konnte. Kapitel 6. Beschäftigt sich mit den großen Sorgen kleiner Leute, geknickten Johannistrieben und Dingen, die man nicht vorher verraten soll. »Habt ihr Worte, Kinder!« rief Lotte, als sie am Mittwoch Morgen vor Pfingsten als letzte in der Nähstube erschienen war, ihren Hut an den Nagel gehängt und ihr Haar glattgestrichen hatte. »Nu is ooch 'ne Fromme bei uns in der Bude.« »'Ne Fromme!« hallte es erstaunt von allen Seiten. »Nich möglich.« »Wenn ich euch sage. Sie jeht Werktags in die Kirche, ooch wenn's nicht rejnet un se enn Rejenschirm bei sich hat.« »Unsinn!« erklärte Auguste und brachte das schnurrende Rad ihrer Maschine zum Stillstand. »Unsinn, wieso?« »Weil se zu sowas keene Zeit nich hat.« »Ueber den Kasus knusus kommt se rüber.« »Det verstehe ick nich.« »Sie jeht man nach dem Jeschäfte in die Erbauungsstunde – das heeßt, wenn se alle is, und stellt sich vor's Portal.« »Ach so – als Alleenestehende, die uff eenen wartet.« Alle lachten. »Kirchenkonzert is ooch mal in der Woche,« fuhr Lotte fort und lenkte dabei, durch eine Kopfbewegung, die Aufmerksamkeit auf Emilie, welche eifrig schneiderte und sich den Anschein gab, als ob sie die Anspielungen nichts angingen. »Und die Musike kostet nischt.« »Wo's wat jratis jibt, jeht se sicher hin – det kann aber ooch wejen ihrer harmonischen Jefühle sin,« erklärte Marie und sah von ihren Knopflöchern auf. »Jewiß! wejen was sonst? Doch nich, weil ihr Verhältnis, das se nich hat, in der Nähe wohnt.« Abermals belohnte allgemeines Gelächter diese kleine Bosheit. »Wohnt er denn so dichte?« fragte Auguste. »Bei die Kirche? Noch keene zehn Schritte davon.« »Wo die det allens man her weeß!« rief verwundert die Knopflochmacherin. »Von sich janz alleene, die hat schnelle Beene,« reimte Auguste. »Nee, so affig is se nich, daß se ihr nachlooft!« verwahrte sich Lotte gegen den Verdacht der Spionage und wandte sich zu ihrer Rechtfertigung direkt an Emilie mit der Frage: »War ich je hinter dir her?« »Da habe ich keene Oogen druff – is mir ooch schließlicherweise janz schnuppe,« erwiderte diese in wegwerfendem Tone. »Herrjeh, tu man bloß nich so!« »Ich tu, wie mir's jefällt – verstehst du mir – mich; und lasse mir von dir und euch keene Vorschriften machen.« »Machen dir ooch keene, brauchst aber nich so heimlich zu sin.« »Das is meine Sache.« »Ooch jut – wir wollen uns bei dir nich anmugeln.« »Wäre ooch verjebliche Mühe. Wenn das Verhohnpiepeln nich bald enn Ende hat, könnt ihr mal morjens uff mir warten.« Eben wollte Lotte auf diese Drohung antworten, als es kräftig wider die Türe pochte und gleich darauf Fräulein Sterzel pustend ins Zimmer trat. Fräulein Sterzel, eine untersetzte, robuste Person mit energischen, fast harten Gesichtszügen, war seit kurzem im Geschäft, für das die Mädchen arbeiteten, als Directrice für das Auswärtige tätig. Sie hatte die Lieferungen der Heimarbeiterinnen zu kontrollieren und war wegen der Strenge, mit der sie selbst kleine Fehler rügte, allgemein gefürchtet. Mit einem kurzen Kopfnicken begrüßte sie die sich jetzt plötzlich schweigend über ihre Arbeit beugenden Schneiderinnen und schritt direkt auf Emilie zu, die sie mit schnarrender Stimme anfuhr: »Ich bin nur gekommen, Fräulein Emilie, Ihnen zu sagen, daß ich mit Ihren Leistungen sehr unzufrieden bin. Wir zahlten seither dreißig Mark für das Dutzend Kostüme und durften hoffen, bei diesem Preise, vorzüglich bedient zu werden – aber gerade das Gegenteil ist der Fall.« »Sie haben sich doch noch nie nich beklagt.« »Weil ich auf Ihre Gewissenhaftigkeit vertraute und erst nachsah, als Klagen kamen. Das ist nun aber vorbei, ich werde Ihnen ganz gehörig auf die Finger gucken, verlassen Sie sich darauf; und kommen abermals Beschwerden vor, sind Sie und Ihre Genossinnen die längste Zeit für Kohlmann \& Sohn tätig gewesen – merken Sie sich das.« »Ich weeß wirklich nich, Fräulein Sterzel,« stotterte Emilie, welche bis über die Stirne hinaus rot geworden war, »woruff Sie zielen. Wir haben nich besser un nich schlechter jearbeitet wie die janze Zeit über.« »So – na, dann haben Sie eben immer schlecht gearbeitet.« »Wenn wirklich mal was so sein sollte, wie es nich sein sollte, so läßt sich das ja wieder jut machen, bitte machen Sie mir man darauf aufmerksam.« »Dazu habe ich keine Zeit, ich muß mich auf Sie verlassen können. Wir haben keine Reparaturwerkstätte im Hause, bei uns muß alles tadellos sein.« »Was war denn nich in Ordnung?« »Alles! Soll ich vielleicht noch Buch darüber führen? Die Konkurrenz liefert besser und billiger, wir müssen also auf der Hut sein und können künftig höchstens siebenundzwanzig Mark für das Dutzend Kostüme bewilligen, vorausgesetzt, daß die Arbeit besser ausfällt als seither.« »Nee, liebes Fräulein, das jeht nich; wir verdienen ja sowieso nischt!« »Wir auch nicht. Kohlmann \& Sohn halten das Geschäft überhaupt nur noch wegen ihrer Arbeiterinnen, sonst hätten sie es schon längst aufgegeben. Die jungen Mädchen mögen sich etwas einschränken, wir müssen es auch. Freilich, wenn jede jeden Sonntag mit ihrem Verhältnis Ausflüge machen will, kostet das Geld – dafür kann die Firma nicht aufkommen.« »Aber siebenundzwanzig Mark, bedenken Se man Fräulein Sterzel, ob eene for so'n Lohn uff Kostüme nähen kann.« »Wenn Sie es nicht können, gibt es andere, die es fertig bringen. Ueberlegen Sie sich die Sache bis morgen, wo Sie abliefern – Morjen!« Nachdem sie diese kategorische Erklärung abgegeben hatte, verließ sie hochgehobenen Hauptes das Zimmer, es den Insassen überlassend, die Türe hinter ihr zu schließen. Einen Augenblick herrschte tiefe Stille in der Arbeitsstube, dann aber, als sich die Mädchen unbelauscht glaubten, machten sie ihrem gepreßten Herzen Luft, wobei sie in nicht gerade schmeichelhafter Weise der Firma Kohlmann \& Sohn im allgemeinen und des Fräulein Sterzel im besonderen gedachten. Allmählich aber legte sich dieser Sturm im Wasserglase, und die Mädchen, ihre soziale Abhängigkeit überdenkend, berieten, ob sie nicht durch vermehrte Arbeitszeit den drohenden Verlust wieder ausgleichen könnten. Das Resultat dieser Beratung war der Beschluß, morgens eine halbe Stunde früher zu beginnen und den Erfolg dieser Maßregel abzuwarten. »Es is man jut,« meinte Marie, »daß ich mir nich mehr lange so abmarachen muß.« »Du willst woll det jroße Los jewinnen?« lachte Lotte. »Det weniger, aber heiraten will ich.« »Wir ooch!« schrieen die Mädchen durcheinander. »Ich habe man bloß »Ja« zu sagen, dann is die Jeschichte fertig.« »Mit deinem Verhältnis?« fragt spöttisch Auguste. »Der verdient ja for sich alleene nich jenug.« »Nee, nich mit meinem Verhältnis, aber mit dem Optikieker Welker, wenn ihr ihn kennt, der bei uns im Hofe wohnt und jetzt von seiner Ollen jeschieden is – der verdient enn Heidenjeld.« »Hat der nich ooch Familie?« »Zwee Rangen von sechs und sieben Jahren. Etwas Unanjenehmes muß man sich jefallen lassen, wenn man sich anjenehm versorjen will. Er hat mir schon zweemal 'nen Heiratsantrag jemacht.« »Davon hast du uns bis heute keen Wort nich jesagt.« »Weil ich noch nich einig mit mir war.« »Und nu bist du's?« »Seit jestern, wo ich mir die Karten lejen ließ.« »Bei der Ollen am Mühlendamm, wo wir mal waren?« »Nee, die is nischt – bei der in der Kochstraße.« »Wohnt da ooch eene?« »Wo wohnt in Berlin keene Wahrsagerin? Die in der Kochstraße hat wirklich wat los.« »Blamiere dir nich!« rief Lotte dazwischen. »Was die kann, kann Lehmanns Kutscher ooch.« »Det verstehste nich! Bei ihr is noch allens injetroffen,« versicherte Marie. »Sie hat mir jesagt, daß mein Verhältnis keen Verhältnis for mir is, daß ich 'ne jute Partie machen kann, wenn ich mir spute, und daß ich noch mal eklig reich werde.« »Und det gloobst du?« »Warum nich? Es is ja nich unanjenehm.« »Da tust du ooch darnach?« »Soll ich nich? Mein Hujo is keen Unmensch, wenn er sieht, daß ich mir verbessern kann – so feste hackt er nich an mir.« Die Angelegenheit Mariens lieferte den Mädchen einen Gesprächsstoff, der sobald nicht zu erschöpfen war. Alle Möglichkeiten, die eine Verlobung fördern oder hindern konnten, wurden eifrig durchgesprochen, und die Aussichten auf eine glückliche Ehe eingehend erwogen. Aber auch die Frage. ob die ausscheidende Arbeitskraft durch eine neue ergänzt, oder ob eine andere Verteilung der Leistungen eingeführt werden sollte, wurde nach allen Seiten hin erörtert. Emilie beteiligte sich nur wenig an den Gesprächen, sie war zufrieden, daß eine andere die Kosten der Unterhaltung bestritt, und als die Feierabendstunde schlug, verließ sie wieder, wie in früheren Tagen, ohne Verbitterung die Stätte ihrer Tätigkeit. In der Regel kam ihr Holmer bei verabredeten Zusammenkünften auf halber Strecke entgegen, und nur wenn er sie verfehlte oder verhindert war, rechtzeitig abzukommen, fanden sie sich in den Anlagen vor seinem Hause oder unter dem Portal der dort befindlichen Kirche. Auch heute mußte sie dieses Ziel aufsuchen, und als sie es erreicht hatte, ließ sie sich ermüdet auf eine Bank nieder. Sehnsüchtig schweiften von hier ihre Blicke durch die Zweige der im frischen Grün prangenden Bäume, nach den von der Abendsonne in Feuergold getauchten Fenstern ihres Freundes. Die Beziehungen der beiden jungen Leute hatten sich noch nicht geklärt. Ihr Verkehr miteinander war bei aller Herzlichkeit nicht frei von einer gewissen Zurückhaltung; ja, es schien sogar, als wenn sie es ängstlich vermieden, sich bei ihren Neigungen ertappen zu lassen, die jeder Teil wie ein süßes Geheimnis für sich zu bewahren bemüht war. Die Sonne verglühte in den Fenstern, und die Schatten wurden länger und länger, aber noch immer kam der Ersehnte nicht. Emilie hatte sich erhoben und überlegte, ob sie die Strecke, die sie gekommen, nochmals zurückgehen sollte. Schon wandte sie sich zum Gehen, als in der Ferne die schlanke Gestalt Holmers auftauchte und sich ihr mit raschen Schritten näherte. »Pardon, Emilie, daß ich Sie warten ließ!« rief er ihr, als er sie erreicht hatte, entgegen. »Ich vermochte aber mit dem besten Willen nicht früher zu kommen.« »Machen Se sich keene Sorjen darüber,« erwiderte sie mit freundlichem Lächeln und legte ihren Arm in den seinigen. »Der Abend is so schön, und die Kinderkens spielten so herzig um mir – nee, um mich rum, daß mir die Zeit nich lange jeworden is.« »Was halten Sie davon, wenn wir hier in der Nähe ein Glas Bier trinken würden?« »Die Idee is nich schlecht, und zu Schultheis am Kreuzberje nich weit.« »Ich würde ein ruhigeres Etablissement vorziehen.« »Mir janz eingal, wo Sie mir hinführen.« »Ich denke dort an der Ecke in die Gartenwirtschaft. – Verzeihen Sie mir, wenn ich etwas wortkarg bin, ich bin heute sehr verstimmt.« Emilie sah betroffen zu ihm empor und bemerkte jetzt erst, daß er ungewöhnlich blaß und ernst aussah. »Es fehlt Ihnen doch nischt?« fragte sie besorgt. »Eigentlich nicht. Kommen Sie, wir kehren da ein.« Sie gingen durch den mit Landschaften bemalten Torweg und gelangten in einen mittelgroßen Hof, der mit seinen Tannenbäumchen in Kübeln und Epheuspalieren in Kasten einen Garten vortäuschen sollte. Es waren nur wenige Gäste anwesend, welche der Wirt bei seinem Rundgang mit einem »Juten Abend, die Herrn!« freundlichst begrüßte. Auch zu Holmer und Emilie trat er und entschuldigte sich nach der üblichen Anrede, daß er die Saison so spät hier eröffnet habe. »Ick hätte den Jarten schon früher rausjestellt,« versicherte er, »wenn ick der Witterung jetraut hätte – aber et war nischt. Wenn man die Katzen nich wären, hing ick hier noch enn paar Lerchen und Finken uff, um die richtije Sommerstimmung rauszukriejen, da's aber nich jeht, muß ick mir mit 'nen Jramophon behelfen.« Nach dieser tröstlichen Versicherung begab er sich einen Tisch weiter, um sich in ähnlicher Weise seinen Gästen angenehm zu machen. Emilie hatte die ganze Zeit über vergeblich versucht, sich die Ursache der Verstimmung ihres Freundes, die sie beunruhigte, zu erklären, und es drängte sich deshalb, als sie Holmer mit einem Lächeln ansah, unwillkürlich die schüchterne Frage auf ihre Lippen, ob es ein Geheimnis sei, was ihn bedrücke? »Das weniger – Sie werden es heute Abend oder morgen in den Zeitungen lesen.« »Na, dann dürfen Sie es mir ooch sagen.« »Wenn Sie darauf bestehen – gut. Sie erinnern sich vielleicht noch, daß ich Ihnen von einem Herrn aus meiner Stammkneipe erzählte, welcher wegen Preßvergehen sechs Wochen Plötzensee abzusitzen hatte.« »Jewiß! Doktor Pinnow, nich wahr?« »Ganz recht – Vorgestern war die Strafe verbüßt. Nun lesen Sie diesen Brief, der mir heute Morgen durch die Rohrpost zuging.« Holmer griff in die Tasche, zog ein Schreiben hervor und übergab es Emilie. Diese las: »Mein lieber, junger Freund! Es hatte in meiner Absicht gelegen, in Gesellschaft guter Freunde die Wiedererlangung meiner Freiheit festlich zu begehen. Ich habe dieses Vorhaben aufgegeben, freiwillig – unfreiwillig. Wer mich näher kennt, weiß, daß mir Enttäuschungen niemals die Daseinsfreude verkümmern konnten – und doch – – eine alte Geschichte – und wem sie just passieret – – Sie werden vielleicht über mich lachen – warum auch nicht? Fühle ich doch selbst, daß es ein unbilliges Verlangen ist, mit sechzig Jahren mehr als Erinnerungen vom Leben zu fordern und sich einzubilden, daß Herbst und Frühling ein leidliches Gespann abgeben könnten. Ich habe mich aber so sehr in meine egoistischen Gedanken hineingelebt, daß es mir unmöglich ist, mich von ihnen zu trennen, und so sehen Sie mich am Ende. Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist der Vorhang über die Komödie meines Lebens gefallen, und die Unterhaltungsrezensenten der Gesellschaft sind schon daran, sie auszuschlachten; doch wie ihr Urteil auch ausfallen mag, ich bin in der Lage es zu ignorieren. Daß Ihre Mühe, unsere Freunde über meine Pläne aufzuklären, zwecklos geworden ist, ändert nichts an dem Dank, den ich Ihnen dafür schulde – und schuldig bleiben muß. Bewahren Sie mir ein freundliches Gedenken und bitten Sie meine Freunde, ein Gleiches zu tun. Und nun mein lieber, guter Holmer, leben Sie wohl, möge Sie ein heller Stern geleiten! – Pinnow.« »Das lautet ja beinahe – –« sagte Emilie, als sie geendet, »wie wenn? Nee, das verstehe ich nich.« »Sie werden es, wenn Sie auch dieses Papier lesen.« Er reichte ihr ein Zirkular, aus dem in zierlicher lithographischer Schrift die Worte standen: »Hugo Keller. Cornelia Walter. Vermählte.« Darunter war mit einem Tintenstift geschrieben: »Lieber Onkel, verzeihe mir, daß ich dich nicht früher von meiner Absicht unterrichtete, aber mir fehlte der Mut dazu. Wenn du die leidige Zeitungsschreiberei mal aufgibst, ziehst du zu uns nach Böhmen auf die Glasfabrik meines Mannes. Dort gibt es kein Plötzensee! Tausend Grüße und Küsse! Deine ewig dankbare Nichte Co– –« Die Unterschrift war nicht zu lesen, sie sah aus, als wenn ein Wassertropfen darauf gefallen wäre. »Und weiter?« »Weiter – Ich fuhr so rasch als möglich nach Schöneberg und suchte seine Wohnung auf – sie war verschlossen. Ich verständigte die Polizei, und als die Türe durch den Schlosser geöffnet war, trafen wir den Doktor auf dem Sofa liegend – er hatte sich eine Kugel in den Kopf gejagt.« »Um Gotteswillen!« Auf seinem Schreibtisch fanden wir eine Lebensversicherungspolize über zehntausend Mark zu Gunsten seiner Nichte, sie war bereits vor zwei Jahren ausgestellt.« »Nu kriegt die ooch noch Jeld zu?« »Das weiß ich nicht, da hier Selbstmord vorliegt.« »Sie hat den Mann doch in den Tod jetrieben.« »Das dürfen Sie nicht sagen, Emilie, der Doktor hätte sich früher äußern müssen.« »Die wußte janz jenau, woran sie war. Jedes Mädchen weeß sofort, ob se eener jerne sieht oder nich.« »Darauf kommt es hier nicht an, er mußte sich vorweg vergewissern, ob seine Neigung erwidert wird.« »Hätte se keenen Zweifel über ihre Jesinnung uffkommen lassen, wäre er das bald jewahr jeworden. Nee, nee! da lasse ich mir nich irre machen – schön war das nich von ihr.« »Gut, bleiben Sie bei Ihrer Meinung. Sonnabend bei dem Begräbnis wird man sich noch einmal mit diesem Fall beschäftigen, und eine Woche später denkt schon kein Mensch mehr daran.« »Haben Sie mit Ihren Freunden darüber gesprochen?« »Nur mit Schiroky, den ich in der Redaktion aufsuchte.« »Da müssen wir zeitig aufbrechen – Sie werden doch jewiß in Ihrem Stammlokal erwartet.« »Das schon – aber bis dahin können wir noch ein Weilchen miteinander plaudern. Ihre Nähe tut mir wohl, doppelt wohl heute.« »Na, Sonntag sind wir ja den janzen Tag beisammen, wenn wir nach Potsdam dampfen – oder haben Se was anderes vor?« »Nur wenn das Wetter uns einen Strich durch die Rechnung macht.« Früher als sonst trennten sich die jungen Leute. Emilie suchte ihre Wohnstätte auf, Holmer seine Bekannten, bei denen das tragische Schicksal des Doktors allgemeine Sensation erregte und die widersprechendste Beurteilung fand. – Ein wolkenschwerer Himmel schaute am nächsten Sonntag auf die sich nach dem Potsdamer Bahnhofe drängenden Passanten, die, ausgerüstet mit Regenschirmen, entschlossen waren, der Wetterprognose Trutz zu bieten und sich ihren Pfingstausflug nicht verkümmern zu lassen. Unter diesen Mutigen befand sich auch Holmer und Emilie. Sie hatten diese Partie schon vor längerer Zeit vereinbart, und Emilie hatte Nächte hindurch an der Herrichtung ihrer Kleider gearbeitet. »Nun, wollen wir es wagen?« fragte Holmer, bevor er die Fahrscheine löste. »Das muß ich Ihnen überlassen.« »Ich meine wegen Ihrer Garderobe, Sie sehen heute allerliebst aus.« »Nehmen Se man daruff keene Rücksicht, was ramponiert wird, richte ich schon wieder.« Als sie in Potsdam eintrafen, fiel ein feiner, warmer Regen, der Stadt und Umgebung in einen dichten Nebelschleier hüllte und sie zwang in einem Restaurant Zuflucht zu suchen, wo sie im Kreise zahlreicher Schicksalsgenossen ihren Verdruß mit Bier hinunterspülen konnten. Endlich, unmittelbar nach dem Mittagessen, hellte sich der Himmel auf, und als sie ins Freie traten, teilte sich völlig der Wolkenflor, und ein warmer Sonnenschein überflutete die glitzernde Landschaft. Sie lenkten ihre Schritte zunächst nach Sanssouci und betraten durch das grüne Gittertor den Park. Die große Fontäne sprühte wuchtig ihre Wasser in allen Regenbogenfarben turmhoch empor, und in das melodische Plätschern der fallenden Tropfen mischten sich die Lieder der gefiederten Sänger, die ringsum von den Zweigen der Sträucher und Bäume erklangen. Holmer erwies sich als sachverständiger Führer. Er erklärte seiner Begleiterin alle plastischen und baulichen Kunstwerke und nannte ihr die Meister, die sie geschaffen. Er sprach ihr von Friedrich dem Zweiten, von Voltaire, von Knobelsdorff, dem Erbauer des Schlosses und anderen, und fand in Emilie eine aufhorchende Schülerin, die mit steigender Bewunderung zu ihrem Freunde emporsah. Wie ganz anders erschien ihr jetzt diese historische Stätte, die sie früher einmal in Gesellschaft ihrer Schwester und ihres Schwagers besucht hatte; damals ging sie verständnislos an den stolzen Bauwerken und zahlreichen Statuen vorüber, nur die bekannte Erzählung von der Windmühle war ihr geläufig; und heute, welche neue Welt, welche große Welt zeigte sich ihren erstaunten Blicken, sie konnte es nicht fassen, daß Holmer in allen diesen Dingen Bescheid wußte. »Leider,« erklärte dieser, »ist unsere Zeit so kurz bemessen, daß wir an allem Schönen und Bedeutenden nur flüchtig vorüberschweifen können, wenn wir noch die Landschaft genießen und eine kleine Dampferfahrt unternehmen wollen. Ich denke, wir gehen alsbald nach der Holzmarktstraße und lassen uns mit der Fähre nach Babelsberg übersetzen.« Emilie war mit allem einverstanden, und als sie durch die Hofgärtnerei hinaus zu den schattigen Anlagen des Babelsberger Parkes schritten, auf den Flatowturm zu, von dem ihr Holmer erzählte, daß er bis auf die sagenhafte Wetterfahne eine getreue Nachbildung des Eschenheimerturmes zu Frankfurt am Main sei, da schwelgte sie förmlich im Naturgenuß, und ihr Entzücken löste sich im Liede, das sie mit kleiner, aber angenehmer Stimme sang: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt; Dem will er seine Wunder weisen In Berg und Tal und Strom und Feld.« Sie bestiegen den Turm und genossen von der Zinne desselben die Aussicht auf die wundervolle Landschaft. Zu ihren Füßen die breite Havel, die sie mit ihren Krümmungen, Buchten und Seen bis in die Ferne verfolgen konnten. Wie ein silbernes Band umschlossen ihre Wasser das im goldenen Sonnenschein prangende Potsdam mit seinen hochragenden Schlössern und duftigen Gärten. Holmer hatte seinen Arm um Emiliens Taille gelegt und flüsterte ihr zärtliche Worte zu, die sie mit glücklichem Lächeln vernahm. Erst die Ankunft neuer Turmbesucher weckte beide aus ihren süßen Träumen und verscheuchte sie von dem herrlichen Punkt. Langsam stiegen sie hinab und wanderten durch die Anlagen an der Gerichtslaube und dem malerischen Schlosse vorüber, hinunter nach der Haltestelle des Dampfbootes; das sie über den Griebnitzsee nach Neu-Babelsberg führen sollte, von wo sie die Rückfahrt nach Berlin antreten wollten. Als sie das Schiff erreichten, ging der Tag zur Rüste, und die lichten Wölkchen am tiefblauen Abendhimmel, die sich in den dunkeln Wassern spiegelten, säumten sich mit goldenen Rändern. Nur einige Passagiere beteiligten sich an der Fahrt und nahmen auf dem Hinterdecke Platz, während Holmer und Emilie das Vorderteil aufsuchten. »Sehen Sie, wie der Hecht jagt?« fragte sie Holmer, als sich das Schiff in Bewegung gesetzt hatte, und deutete auf silberweiße Zickzacklinien, die ab und zu, bald aus der Mitte, bald an den Ufern des Sees blitzartig auftauchten und ebenso schnell wieder verschwanden. »Ich sehe keenen Hecht!« »Gewiß nicht, aber betrachten Sie nur die Silberstreifen genauer, und Sie werden finden, daß es Fische sind, die über das Wasser emporschnellen, um sich vor dem heranschießenden Räuber zu retten. Alle Augenblicke ändert er die Richtung, um seine Beute sicherer zu erhaschen. Sehen Sie dort, jetzt jagt er ganz in unserer Nähe; er ist so kühn, daß ihn selbst das Dampfboot nicht schreckt.« »Wahrhaftig! die armen Fische.« »Es geht ihnen wie den Menschen, auch sie müssen auf ihrer Hut sein.« Während die waldreichen Ufer des See's tiefer und tiefer in Dämmerung versanken, färbten sich die Fluten, im Widerschein der Abendröte, mit funkelnder Purpurglut, als wenn geheimnisvolle Feuer in ihrem Grunde lohten. Der Anblick war überwältigend schön, und Emilie, bewegt von dem Bilde, ergriff die Hand ihres Freundes und drückte sie sanft in stummer Dankbarkeit. »Wie enn Märchen,« sagte sie darauf, »wenn ich mir die Elfen dort im Walde und die Nixen hier uff dem See zudenke. Haben Se ooch schon Märchen jedichtet?« »Schon manches.« »Davon weeß ich jar nischt. Wie hat dann Ihr letztes jeheeßen?« »Das Märchen vom Glück.« »Vom Glück« – wiederholte sie sinnend. »Das is sicher nich lange.« »Warum? Es gibt auch ein Glück das Dauer hat.« Sie schüttelte ungläubig, fast traurig den Kopf. Holmer neigte sich dicht zu ihr, und als seine Wange die ihrige berührte, hauchte er mit heißem Atem ihr ins Ohr. »Hast du mich nicht lieb, Emilie?« Ein Wonneschauer durchrieselte ihren Körper, sie hätte aufjauchzen mögen im Ueberschwange ihrer Empfindungen, aber sie beherrschte sich und sagte innig, mit bebender Stimme: »Das fragst du mich, Robert?« Aneinandergelehnt, Hand in Hand, schauten sie beide schweigend, jedes in seine eigenen, glückseligen Gedanken versunken, hinab auf die sich kräuselnden Wellen, in die der Tag schnell und schneller verblich. »Und ich darf dein Märchen hören, ehe es enn anderer jelesen hat?« fragte nach einer Weile Emilie. »Es ist ja dein Märchen, meine Liebe.« »Und wann darf ich es hören?« »Morgen.« »Und wo?« »Bei mir – morgen Abend, wann du willst – oder scheust du dich zu kommen?« »Nee, wo du bist, fürchte ich mir nich.« Und indem sie ihm einen glühenden Kuß verstohlen auf die Wange drückte, flüsterte sie: »Ich komme, ich komme!« Kapitel 7. Teilt mit, was weiter geschah und wie man mitunter Schätze findet, wo sie nicht vermutet werden. Das Laub färbte sich gelb, und welke Blätter wirbelten über die heißen Asphaltstraßen Berlins, als wenn sie das nahe Ende des Sommers verkünden wollten. Die Hauptstadtflüchtlinge waren aus ihren Sommerfrischen zum größten Teile zurückgekehrt, und im Zoologischen Garten saßen in langen Reihen die Damen und renommierten mit Hochlandstouren, die sie gemacht, und den Eideshelfern, den Bergstöcken, die sie daheim im Schirmständer stehen hatten. Die Theater öffneten wieder ihre Pforten, und die Konzertreferenten ließen ihre Stiefel neu besohlen und rieben sich die Waden mit Franzbranntwein ein, um die Strapazen der kommenden Saison leichter bewältigen zu können. Während der verflossenen Monate hatte sich manches in dem kleinen Wirkungskreise Emiliens geändert. Maria, die Knopflochmacherin, war in den heiligen Stand der Ehe getreten und hatte den »Optikieker« geheiratet. Fast alle Freundinnen von ihr waren auf der Hochzeit erschienen, auf der es hoch hergegangen, und außer Exportbier, auch echter Rüdesheimer, die Flasche für eine Mark zwanzig Pfennige, wie der erneuerte Ehemann versichert hatte, in Strömen geflossen war. Zur Unterhaltung der Gäste hatte man ein Gramophon aufgestellt, aus dem erste Opernkräfte »Winterstürme wichen dem Wonnemond«, das dumme Reiterlied aus der lustigen Witwe und andere Gesangsnummern geschmettert hatten. Auch für Tanzmusik war gesorgt gewesen, denn ein Drehorgelspieler hatte im Hofe die neuesten Walzer zu Gehör gebracht und unzählige Male wiederholt. Mit einem Worte, es war eine richtige Hochzeitsfeier gewesen, die nur dadurch eine kleine Störung erlitten hatte, daß sich der achtjährige Junge des Wiedervermählten schon vor Mitternacht betrunken hatte, die Treppe hinuntergefallen und von seiner neuen Mama verbunden worden war; und daß sich dessen siebenjährige Schwester das harmlose Vergnügen gemacht hatte, ab und zu den im Hof verkehrenden Personen die Bierreste auf die Köpfe zu schütten, was ihren Papa veranlaßte, ihr eine so weitschallende Züchtigung auf die entblößten Sitzteile zu verabfolgen, daß die Gralssage, mit der sich das Gramophon gerade beschäftigte, vollständig verloren ging und erst, nachdem sich die Range beruhigt hatte, wiederholt werden konnte. Emilie war die einzige aus der Nähstube, die unter nichtigem Vorwand der Festlichkeit ferne geblieben war, obgleich sie den größten Betrag zur Anschaffung eines Geschenkes beigesteuert hatte. Die Gründe, welche sie hierzu veranlaßten, waren weniger in der Verbitterung ihren Kolleginnen gegenüber zu suchen, als in dem bangen Gefühl, das sie bei dem Gedanken beschlich, daß das, was sie schauernd als ihr Geheimnis bewahrte, in absehbarer Zeit offenbar werden mußte. Ihr ganzes Wesen hatte sich in den letzten Monaten geändert; es war ernster und frauenhafter geworden, und eine hochgradige Nervosität machte sich bei all ihren Handlungen bemerkbar. Mehr denn je vermied sie es, von Holmer zu sprechen, und mußte es trotzdem sein, so flackerten in unheimlicher Glut ihre Augen, und sie antwortete so gereizt, daß es ihre Mitarbeiterinnen für besser fanden, dieses Thema fallen zu lassen, sich aber desto eifriger in ihrer Abwesenheit damit beschäftigten. Von Lotte hatte sie sich getrennt, weil sie sich beobachtet glaubte, und ein bescheidenes Stübchen in der Nähe von ihres Freundes Wohnung bezogen, wo sich niemand um ihr Kommen und Gehen kümmerte. Täglich, wenn sie von der Arbeit kam, suchte sie nun den jungen Mann auf und fand Trost und Lebensfreudigkeit in seiner Nähe. Sie besorgte seine kleinen Einkäufe, unterhielt seine Wäsche und war glücklich, wenn er ihr mit einem freundlichen Lächeln dafür dankte. Da er keinen Dialekt sprach, gab sie sich redlich Mühe, den ihrigen abzulegen, und ließ den Spott ihrer Freundinnen über ihr Bestreben geduldig über sich ergehen. Ihr Ehrgeiz war nicht, die Frau ihres Geliebten zu werden, so hoch wagte sie überhaupt ihre Hoffnungen nicht zu steigern, obgleich nur diese Lösung ihr die innere Ruhe wiedergeben konnte, sie war vielmehr schon zufrieden, wenn die Beziehungen, wie sie bestanden, keine Trübung erfuhren. Holmer litt schwer unter diesen Verhältnissen, er konnte sich nicht freisprechen von Schuld und wußte nicht wie er aus diesem Dilemma herauskommen sollte. An die Begründung eines eigenen Hausstandes konnte er nicht denken, dazu waren, trotz einiger Erfolge auf literarischem Gebiete, seine Einnahmen noch zu gering, auch war er zu viel Egoist, um sein Schicksal an jemand zu ketten, in dessen Lebensstellung er ein Hindernis für seine ehrgeizigen Pläne fürchtete, und lossagen von seiner Geliebten konnte und wollte er sich nicht, da ihn nicht nur die Pflicht, sondern auch die Neigung band. Emilie hatte, in demselben Maße wie sie sich von ihren Arbeitskolleginnen entfernte, sich ihren früheren Freundinnen, die sie eine zeitlang vernachlässigt hatte, wieder genähert und namentlich bei Therese ein herzliches Entgegenkommen gefunden. Sie sah das Verhältnis dieses Mädchens zu einem abgedankten Offizier jetzt mit ganz anderen Augen als früher an; ja sie fand sogar, daß es eine gewisse Ähnlichkeit mit dem ihrigen habe.. Wenn es irgend anging, suchte sie sie auf, und hatte es durch ihre Bitten fertig gebracht, daß sie Holmer, wenn auch mit innerem Widerstreben, dort abholte. Auch heute, an einem Sonntag, hatte er sein Wort gegeben, sie bei Therese in der Invalidenstraße zu treffen, zuvor aber wollte er noch einen Auftrag in der Rochstraße erledigen. Schon befand er sich auf dem Belle-Allianzplatze, als ihm einfiel, daß er sich nicht über die Lage der aufzusuchenden Straße unterrichtet hatte, er wandte sich deshalb an einen Passanten und erkundigte sich darnach: »Bitte, können Sie mir vielleicht sagen, wo ich nach der Rochstraße komme?« »Tja, warum nich?« sagte derselbe und zog höflich seinen Hut. »Ich bin Sie nämlich schon seit sieben Jahre in Berlin, da weeß man Bescheid – in eenem Exportgeschäfte in der Ritterstraße, eene Weltfirma sage ich Sie.« »Das freut mich.« »Wahrhaftig; mich ooch. Nu sähen Se, das hinter Sie is der Belle-Allianzplatz, von der großen Schlacht bei Waterloo her, wo der Napoleon seine Keile gekriegt hat.« »Ich weiß, ich weiß!« »Nu äben. Wenn ich Sie nun raten soll, dann gehen Se umgekehrt die Friedrichstraße lang, bis an die Linden.« »Ich finde schon.« »Ach tja! Da wo die Linden sind, da sind die Linden, und da wänden Se sich links; in der Bromenade da steht enn Schutzmann zu Fuß, der hat Sie enn Straßenverzeichnis in der Tasche, und wenn Se den fragen, muß er Sie sagen, wo die Rochstraße is. Das steht in seiner Instruktion – tjawohl, ich bin sieben Jahre in Berlin, da weeß man Bescheid.« »Sie selbst wissen aber nicht, wo die Straße ist?« »Nee, mein kutestes Herrchen; dazu is nu Berlin zu groß.« Holmer wollte nach dieser Auskunft weiter gehen, als ihm ein Herr, der das Gespräch mit angehört hatte, zurief: »Wenn Se so 'ne Nebenstraße suchen, dürfen Se man bloß eenen fragen, der mit Spreewasser jedooft is, die sind freilich rar jeworden. Kommen Se man mit.« Holmer folgte der freundlichen Einladung bis zur Leipzigerstraße, wo ihm der gefällige Herr den Trambahnwagen bezeichnete, den er benützen müsse, um zu seinem Ziele zu kommen. Als er dasselbe erreicht hatte, entledigte er sich schnell seiner Aufgabe und bummelte dann gemächlich nach der Invalidenstraße, um die Wohnung Theresens aufzusuchen. Er betrat das ihm wohlbekannte, im Hofe befindliche Haus, stieg zwei Treppen empor und klingelte an einer Türe. Neben der Türe befand sich ein kleines Messingschildchen: Therese Waldau, Malerin; darüber eine mit Reißnägel befestigte Visitenkarte, auf der zu lesen war: Kurt Langenfeld, Leutnant a. D. Der Leutnant öffnete. Es war ein großer, hagerer Mann mit ansehnlicher Glatze, die ein Kranz kurzgeschnittener Haare umrahmte. Eine lange, leicht angerötete Nase thronte über einem aufgezwirbelten graublonden Schnurrbart, dessen Spitzen bis über die Augen emporstanden. Er trug eine weiße Hausjacke und hielt die Mundspitze einer langen Tabakspfeife, mit schwarzweißroten Quasten zwischen den Zähnen. Als er Holmer erblickte, streckte er diesem die Hand entgegen und rief: »Servus! Bitte, hier herein, Fräulein Emilie wartet schon lange auf Sie.« Er öffnete die Türe zu einem mittelgroßen Zimmer. Die Einrichtung dieses Wohnraums offenbarte sich als eine Zusammenstellung der verschiedensten Geschmäcker. Da fand sich, neben billigem, gewöhnlichem Hausrat, ein altmodischer, ungewöhnlich großer Flügel in Mahagoniholz, ein Bett mit vergoldeter, eiserner Bettstelle, ein achteckiger Nußbaumtisch, ein mit verschossener grüner Seide bezogenes Sofa, und Stühle mit Holzsitzen und Rohrgeflechten. Dicht am Fenster hatte ein länglicher, ordinärer tannener Tisch Aufstellung gefunden, auf dessen Platte Schablonen, Schreibvorlagen in russischen Buchstaben, Farbennäpfe, Pinsel und angefangene Handmalereien: flammende Herzen, in deren Mitte sich küssende Pärchen oder schnäbelnde Täubchen befanden, in Unordnung umherlagen. Therese und Emilie gingen dem Ankömmling entgegen und begrüßten ihn aufs herzlichste. »'s is jut, daß Se endlich da sind!« rief Therese, eine schlanke Blondine, mit lebhaften blaugrauen Seelenspiegeln und welken Zügen. »Die Pfirsichbowle kann's jar nich abwarten, bis se alle is.« »Eine Pfirsichbowle!« »Is ooch wat. Na freilich, rar jenug kommt se bei uns vor; aber heute hat Leitnant seine jute Jacke an und den nötjen Jibs drinn. Ja kieken Se man, Herr Holmer – wir haben jestern jeerbt.« »Sapperlot! Das soll unter Umständen sehr angenehm sein.« »Ooch ohne Umstände – namentlich, wenn man den Testator jar nich jenauer jekannt hat.« »Und die Summe recht bedeutend ist.« »Man nimmt, wat man kriegt; is zufrieden und wünscht sich mehr. Neunundvierzig Märker, sechzig Fennige. Na, Leitnant wird die Jeschichte erzählen – zu kullig!« Holmer warf Emilie einen Blick zu und sagte dann: »Bitte, Fräulein Therese, auf ein andermal, ich bin nur gekommen, Emilie abzuholen, um mit ihr nach den Zelten zu gehen.« »Ne, det wohnt nich! wer hier is, bleibt hier. Hier is ooch jemütlich – oder nich Emilie?« »Ich bin jerne hier, aber wenn Robert jehn will – –« »Sagste, nee! Wir jehören zwar nich zur Haute wolaute, aber verhungert is bei uns noch keen Jast, wir haben noch immer enn paar Happen in der Küche.« In diesem Augenblick trat der Leutnant ein, in jeder Hand eine Schüssel, auf denen Schinken und Wurst, Backwerk und Obst zierlich geordnet lagen. »Wenn ich bitten darf,« sagte er, nachdem er seinen Vorrat abgestellt und auf dem runden Tische Bowle, Gläser und Teller geordnet hatte. »Nicht ganz so wie im Kasino, aber trotzdem jenießbar. Vorwärts, zur Attacke!« Die kleine Gesellschaft nahm Platz; und Therese füllte die Gläser. »Denk mal Leitnant, Herr Holmer wollte sich dinne machen.« »Achtungverletzung vor versammelter Mannschaft – drei Tag dunkel.« »Na, er is zu Kreuz jekrochen un bleibt – nu kannste loslejen.« »Da muß ich weit zurückgreifen, wenn ich verstanden sein will.« »Jreif du zaruck, wir jreifen zu – Prost!« Alle stießen mit den Gläsern an. Dann wurden Zigarren herumgereicht, und nachdem Holmer und Therese sich eine angebrannt, zündete der Leutnant seine lange Pfeife an, nahm noch einen kräftigen Schluck und begann: »Die Jeschichte klingt etwas unwahrscheinlich, aber aufjeschnitten ist sie trotzdem nicht.« »Det will viel heeßen bei 'nem Leitnant.« »Entweder erzählst du oder ich.« »Ollet Brummeisen!« »Na also; Dekoration: Hausflur.« »Wenn du soweit zurückjehn willst,« unterbrach ihn abermals Therese, »fängste besser mit dem Paradiese an.« Der Leutnant warf ihr einen verweisenden Blick zu. »Schnauze!« »Hab ich.« »Leider! Also, in Zivil komm ich die Straße lang – Jewitter – rejnet Strippen. Windsbraut, schon mehr Schwiejermutter, reißt meinen Schirm rum – muß in Hausflur flüchten.« »Und trifft mir da.« »Naß wie'n Schwamm. Sehe mir Schicksalsjefährtin an – nicht übel.« »Reizend hast du jesagt.« »Äh – versprochen! Wende mich an sie: Haben wohl noch weit zu Hause, mein Fräulein?« »Bis Rixdorf.« »Würde Sie ferne unter meinen Schirm nehmen, wenn der Rejen nachläßt, muß aber umjekehrte Richtung nach der Kaserne.« »War jelogen.« »Auf Ehre nicht.« »Na, da hören Se ja, dat et jelogen war.« »Da sie unverschämt verschämt tut, betrachte ich mir die nette Kröte jenauer und denke bei mir: Ein Rejenschirm kostet nicht mehr wie ne Flasche Sekt, also riskier's. Mein Fräulein, bitte nehmen Sie meinen Schirm, sage ich, ich rufe mir ne' Droschke, wenn eine vorbeifährt – ich habe nämlich verteufelt Eile. Sie sieht mich groß an.« – »Weil ick dir für'n Potsdamer hielt.« »Endlich sagte sie: Det kann ich nich annehmen. – Warum nicht? Sie bringen ihn mir morjen wieder, zwischen vier und fünfe bin ich rejelmäßig zu Hause. Ich jebe ihr meine Karte, sie liest sie und lächelt. Zwei Minuter später sitze ich in 'ner Droschke, und sie jondelt unter meinem Schirm.« »Schlauberjer! Andern tags denke ick natirch. Ehrlich währt am längsten, un jehe, enn unschuldig Schäfken, in die Falle der Ehrlichkeit. Da sitze ick nu noch drinn.« Der Leutnant ergriff lachend sein Glas, stieß auf das Wohl des unschuldigen Schäfkens an und fuhr dann fort: »Meine Stellung beim Rejiment war damals schon unanjenehm prekär. Zuschuß von zu Hause reichte nicht, und als nun jar Vater sein Vermöjen an der Börse verlor, war der Kladderadatsch da. Wechselstürme knickten des Leutnants Mai.« »Nu hatten wir die Parade! Ick hatte mir uff's Militärische injerichtet, und er kommt im Jehrock.« »Um diese Zeit verfiel sie auch noch auf die Marotte, Musik treiben zu wollen.« »Du?« fragte erstaunt Emilie. »Is da wat bei? Wenn ick den janzen Tag Herzen jemalen habe, und abends kommt mir der Leitnant mit seinem Schwulibus, da sehnt man sich nach enn bisken Pläsiervergnüjen. Na, und da habe ich mir 'ne Drahtkomode jewünscht, man Draht alleene hätte ick doch nie jekriegt.« »Und wenn sie sich was in den Kopf jesetzt hat, läßt sie nicht locker – damals nicht und heute nicht,« erklärte der Leutnant und erzählte weiter: »Paar Tage später komme ich mit ihr an 'ner Auktion vorüber, wo so'n Art vorsintflutlicher Flüjel versteigert wird. Ich denke, von ihr jedrängt, du bietest so niedrig, daß ein anderer mit glücklich wird. Vierzig Mark! – Vierzig Mark zum ersten, zum zweiten, zum dritten Male! Ich war der Lackierte. Nun jalt es das Unjetüm, das Sie hier in seinem natürlichen Umfange sehen, in ihr kleines Zimmer hineinzuschaffen, es jelang, nachdem sie alle Möbel, bis auf das Bett, vor die Türe jestellt hatte. – Ihre Bejeisterung für die Musik kannte nun keine Jrenzen. Jeden Abend wurde das Instrument auf die erschreckte Menschheit losjelassen; rejelmäßig aber Sonntags mit »Du, du liegst mir im Herzen«, von morjens sieben bis abends zehn. Jräßlich! Die Wirkung blieb natürlich nicht aus, der Wirt kündigte und sagte: Liebes Fräulein, ick muß Ihnen uffrichtig sagen, daß mir da doch der Flüjel der Jans lieber is, wie die Jans am Flüjel.« »Oller Kalauer!« rief ärgerlich Therese. »Wenn dir sonst nischt einfällt, mache die Bude zu.« »Bitte, nicht unterbrechen. Nun begann die Zimmersuche; ich, der jetreue Eckart immer mit. Endlich fand sich etwas draußen im Osten, wo die Sonne uffjeht, und sich die Füchse jute Nacht sagen.« Wieder fiel ihm Therese ins Wort und sagte: »Wie wir dort mit dem jeflüjelten Klimperkasten anjewalzt kommen, stellt sich raus, daß er nich die Treppe ruffjeht, obgleich er jetragen wird. Nu war juter Rat 'nen Taler wert! Ick kurz entschlossen, bejebe mir ins Vorderhaus zum Hauswirt und stelle ihm die Sache vor. Enn neues Treppenhaus wollte er mir allerdings nich bauen lassen, da er aber keen Unmensch war, schlug er mir vor, die Klavizimbel neben 'nen Stall, den enn armer Droschkenkutscher zweter Jüte innehatte, in die Jeschirrkammer unterzubringen. Wir nahmen nu der Tonmaschine die Beene weg, schlossen die Klavitur ab, machten die Haken am Deckel zu und legten enn Strick rum, damit er keenem uff den Demel falle, und stellten se dann uffrecht an die Wand der kleenen Remise, die der Droschkenkutscher abschloß. – Nu greift aber zu Kinderken, sonst wird der Käse kalt und die Bowle warm.« Nachdem alle dieser freundlichen Aufforderung nachgekommen waren, nahm der Leutnant wieder das Thema auf und sagte: »Therese fühlte sich auch ohne Musik in dem neuen Quartiere wohl und hatte sich schnell an die entlejene Jejend jewöhnt. Eines abends, sie wohnte schon mehrere Monate dort, verließ ich sie etwas später als jewöhnlich und mußte im Hofe an dem Droschkenkutscher vorbei, der jerade sein müdes Roß ausspannen wollte. Der Mann bemerkte mich nicht, so sehr war er in eine Ansprache vertieft, die er an seinen vierbeinigen Schicksalsgefährten hielt. »Oller Fritze,« sagte er, und seine Stimme klang wie leidmütige Entsagung. »nu is wieder mal enn Tag rum, aber vorwärts sind wir zwee beede nich jekommen. Du bist ebend enn oller Pechhengst, un ick bin enn oller Pechhengst; du mußt schuften, bis dir det bisken Aten ausjeht, und ick muß schuften, bis mir die Puste ausjeht. Nun frag ick dir, wat tun wir beede uff der Welt?« Da das Pferd die Antwort auf diese Frage schuldig blieb, schien sein Herr anzunehmen, daß es ganz seiner Meinung sei, denn er griff in die Tasche seines Rockes, holte einige Stückchen Zucker hervor und reichte sie demselben. »Da, Fritze, det hat mir 'ne Köchin for dir jeschenkt. Fresse et heute, sonst holt et morjen der Jerichtsverzieher, der holt ja schließlicherweise doch allens, wat er bei uns kriejen kann. Treibt er's mal zu dolle, drücke ick mir in't bessere Jenseits – mitnehmen kann ick dir dann freilich nich, Petrus läßt dir nich rin. Ooch keen Unglück! Denn wenn's mal bei uns soweit is, verscharren se mir unter de Erde und dir stellen se uff's Büffet vom Restaurant, det is immer noch pompieker for dir wie for mir.« Der alte Kutscher hatte die Stränge gelöst und führte das abgemagerte Pferd, zärtlich liebkosend und streichelnd, nach seinem Stalle. »Solange se die Hand nich nach dir ausstrecken, jeht's noch; tun se's aber mal, na, dann is alle. Komm Fritze, Heu tuts ooch, wenn man keenen Haber hat, und Ruhe is ooch enn Stück Nahrung.« »Ich bin sonst kein weicher Mensch,« fuhr der Leutnant fort, »und doch schnitten mir die Worte in die Seele, ich konnte sie sobald nicht vergessen. Am nächsten Tage war ich jeschäftlich verhindert, Therese zu besuchen, und als ich am folgenden zu ihr kam, fand ich sie furchtbar aufgeregt Der Droschkenkutscher, der über ihr seine Schlafstätte hatte, hatte sich während der Nacht aufjehängt, nachdem am Tage zuvor der Jerichtsvollzieher Pferd und Droschke jepfändet und wegjeführt hatte.« »Kinder, et war schrecklich!« unterbrach Therese den Erzähler und ein Schauer durchrieselte ihren Körper. »Noch am Abend zuvor sagte der olle Mann unter Tränen zu seiner Wirtin: Nu haben se mir allens jenommen, nu habe ick keene Seele mehr uff der Welt, die mir versteht, keenen Verwandten und ooch keen Ferd mehr. – Am nächsten Morjen höre ick Lärm in der oberen Etaje. Mir ahnt nischt Jutes! Ick raus aus dem Bette, rinn in die Pariser un ruff. Herrjott, der Anblick! Nee, nee, ick darf nich dran denken, sonst is et alle mit die Jemütlichkeit!« »Drum falle mir nicht ins Wort!« rief ihr der Leutnant zu. »Also Schwamm drüber. Der Droschkenkutscher wurde begraben und der Hausherr vermietete den Stall, den der Verstorbene inne jehabt hatte, nicht weiter, sondern benützte ihn zur Aufbewahrung von altem Hausjeräte, ebenso die Jeschirrkammer, und so konnte unser Flüjel auch dann noch unjestört an der alten Stelle bleiben, als Therese nach anderthalb Jahren nach die Invalidenstraße zog. In dem neuen Logis hatte sie jedoch noch keine sechs Monate jewohnt, als ihr Wirt, ein Postbeamter, nach der Provinz versetzt wurde, sie also abermals sich ein anderes Quartier hätte suchen müssen. Um dieser Unruhe ein Ende zu machen, übernahmen wir, nach Wegzug des Beamten, dessen Wohnung, reservierten uns zwei Zimmer und vermieteten zwei. Ich kaufte in Auktionen, je nach meinen augenblicklichen Mitteln, die bei einem Versicherungsagenten immer schwankend sind, an Möbel zusammen, was ich auftreiben konnte, und heute sind wir recht zufrieden mit dieser Lösung der Wohnungsfrage. Da wir nun Raum jenug hatten, befiel Therese wieder eine Art musikalischer Klauenseuche, bei der ihre Finger fortwährend Klimperbewejungen machten, was blieb da anderes übrig, als den Flüjel hertransportieren und hier aufstellen zu lassen? Vor vierzehn Tagen hielt er, schwarz wie ein in Spinnwebkostüm jehüllter Kameruner, unter jroßen Schwierigkeiten seinen Einzug. Nachdem wir ihm die Füße wieder anjeschraubt und ihn aufjerichtet hatten, wurden die Stricke, die ihn umschlangen, jelöst; worauf wir 'ne jründliche Reinijung mit Wasser und Seife vornahmen, der eine Abreibung mit Petroleum folgte. Als er wieder appetitlich aussah, schloß ihn Therese vorsichtig auf, wischte den Staub fort und fuhr mit dem Nagel des Daumens über die Tasten.« Da der Leutnant eine Pause machte und sich nach seinem Tabaksbeutel umsah, rief Therese: »Bis die Piepe jestopft, erzähle ick, sonst jeht die Sache nich vom Flecke! Na also, ick mit dem Najel über die Klavitur weg – ritsch, ratsch! Keenen Ton, man blos enn Jequietsch wie 'ne Kinderwindmühle mit Hammerwerk. Leitnant! ruf ick janz perklex, der Flüjel is vertauscht, det is enn Holz- und Strohkomode, aber keen Klapperkasten. – I wo, sagt er, da liegt wat uff die Saiten. – Kaff! sage ick, wat soll da druffliejen. – Vielleicht 'ne tote Ratze, meint er. – Da kiek rinn! rufe ick und stelle mir an die Türe. Et dauert 'ne janze Weile, bis er den Deckel hochkriegt, dann aber macht er enn Jesichte, als wann ihm eener heimlich die Nase aus der Visage jestohlen hätte. Therese, det mußt de sehn! ruft er, sonst jloobst det nich. – Ick ran. Nu schlag aber Jott 'n Deibel tot! Kinderkens wat denkt ihr? Liegt da uff die Saiten enn Ferdejeschirr mit allem wat dazujehört, so jut wie neu, wie eben jekooft.« »Das klingt allerdings seltsam,« meinte Holmer und Emilie stimmte ihm bei. »Un is doch so! Erst kieken wir uns enn paarmal jeistreich an, dann sagt Leitnant, der enn ängstliches Jemiete hat: Wer weeß, wie det da rinjekommen is, jehe lieberst mal uff die Pollezei un zeij et an. Ick also hin zum Komzarius: Wat denken Se, Herr Komzarius, wat ick in meiner Drahtkomode jefunden habe? – Na? fragt der janz erstaunt und betrachtet mir scharf von unten bis oben. – Enn Ferdejeschirr und allens, wat dazu jehört. – In Ihrer verschließbaren Wohnung? – Jawoll, aus der ick kaum rauskomme. – Jute Frau, sagt der Demlack druff, jehen Se man janz zufrieden zu Hause, et darf Ihnen keener wat tun. Weil der jegloobt hat, ick hätte Raupen im Kopp, jeht Leitnant ooch hin und erzählt die Jeschichte jenauer. Nu sagt der Komzarius: Als jestohlen is keen Ferdejeschirr vorjemerkt, meldet sich keener, der's verloren hat, fällt et Ihnen zu. Wie wir nu det Lederzeug aus dem Kasten rausnehmen, finde ick uff eemal, um enn Ziejel jewickelt un mit 'ner Strippe festjebunden, 'ne quittierte Rechnung uff den Namen von dem Droschkenkutscher, der sich vor zwee Jahre uffjehangen. Nu war det Rätsel jelöst. Der olle Mann hatte et vor dem Executer, der ihm alles jepfändet, in unserer Drahtkomode versteckt – for sein Ferd hatte er keenen so sicheren Ort, sonst lebte er heute noch. Wir fragten nu uff dem Jerichte an, wie wir uns bei die Sache zu verhalten hätten, druff wurde uns jesagt: Die Akten wären jeschlossen und würden wejen die Kleinigkeit nich wieder uffjemacht. Erben wären keene vorhanden. – Jetzt wußten wir, wat wir zu tun hatten, wir verkooften den janzen Krempel, un det is det Jeheimnis der Pfirsichbowle.« Der Leutnant hatte seine Pfeife gestopft und angezündet, er erhob sich jetzt, füllte sämtliche Gläser und rief: »Schiller sagt mal: Auch die Toten sollen leben! stoßen wir an auf das Jedächtnis unseres Wohltäters, wenn es auch nur ein Droschkenkutscher war.« Die Gläser klangen aneinander, dann folgte einen Augenblick tiefe Stille. Kapitel 8. Spricht von sauren Wochen, denen die frohen Feste fehlen, und daß auch dem süßesten Kelch der Liebe mitunter die bittere Hefe nicht erspart bleibt, sowie von anderen Dingen. Hatte auch Marie keine hervorragende Stellung in der Nähstube eingenommen, so hinterließ ihr Ausscheiden dort doch eine Lücke, die von allen schmerzlich empfunden wurde. Die Versuche, einen Ersatz für sie zu finden, scheiterten an der langen Arbeitszeit, welche die Mädchen eingeführt hatten, um bei den gedrückten Löhnen ihr seitheriges Einkommen zu sichern, und weil sich nur wenige Nähterinnen meldeten, die genügende Fertigkeit in der Herstellung von Knopflöchern besaßen. Die Kleidermacherinnen mußten sich deshalb in diese ihnen ungewohnte Beschäftigung teilen, was ihren Lohn abermals schmälerte und häufig zu Zerwürfnissen unter einander führte. Die anstrengende Arbeit, die seither von ihnen nur als ein notwendiges Uebel empfunden wurde, erschien ihnen jetzt als drückende Last; kein frohes Lied verkürzte mehr die Zeit, und selbst die Erzählungen der kleinen Ereignisse, an denen sie außerhalb der Nähstube beteiligt waren, fanden bei der rastlos hastenden Tätigkeit kaum mehr Beachtung. Nur selten berührten noch die Mädchen in ihren flüchtigen Gesprächen die Beziehungen Emiliens zu Holmer, und wenn es geschah, klang aus leiser Schadenfreude doch auch ein Ton warmen Mitgefühls; dabei vermieden sie es ängstlich, sie durch Stichelreden zu verletzen und ihre Reizbarkeit zu steigern. Diese zarten Rücksichten fanden ihren Grund in dem Gesundheitszustande Emiliens, der infolge der bangen Sorgen, mit der sie der Zukunft entgegensah, häufigen Schwankungen unterworfen war. Schon mehrfach hatten Ohnmachtsanfälle stundenlange ihre Tätigkeit unterbrochen, und heftige Gemütsbewegungen, über die sie sich keine Rechenschaft geben konnte, sie apathisch gegen alle Vorgänge in ihrem Wirkungskreise gemacht. So war der Sommer und der Herbst verstrichen, und schon gab der Winter seine Visitenkarte ab. Rauhe Stürme brausten über die Dächer und raubten der kümmerlichen Linde im Hofe die letzten welken Blätter. Die Mädchen waren, wie gewöhnlich an Montagen, einige Minuten später an ihrer Arbeitsstätte erschienen und suchten nun, durch erhöhten Fleiß, das Versäumte wieder einzubringen. Nur Lotte fehlte noch. Als sie endlich kam, wurde sie allseits mit tadelnden Fragen wegen ihres Ausbleibens empfangen. »Nu is jenug!« rief sie ärgerlich. »Macht euch keene Sorjen, wenn ich was versäumt habe, hole ich's ooch wieder inn. Jestern hatte mein Verhältnis die Spendierhosen an, da sind wir mal enn bisken nich zu knapp jebummelt.« »Det sieht man dir an, ooch ohne daß du's sagst,« bemerkte höhnisch Auguste. »Wenn dir man bloß meine Visage nich wehe tut, Juste, is schon jut. Wer weeß wann's wieder mal vorkommt? Wenn ich nach Amerika jehe, sobald nich.« »Nach Amerika?« »Nu ja doch, meine Schwester will mir rüber haben – schickt se den nötigen Puttputt, tue ich ihr den Jefallen, warum ooch nich?« »Hat se'n dann so dicke?« »Die? die sitzt im Jibs drinn, wie die Made im Speck – ihr Mann is Schlächter, der weeß wofor er schuftet.« »Und dein Verhältnis?« »Kommt nach.« »Ja, Kuchen! Aus den Oogen aus dem Sinn. Uebern jroßen Teich fährt sich's nich wie mit der Untergrund.« »Wenn er hier bleibt, kannst du dir'n ja angeln?« »Danke for Obst – bin versehen.« »Soviel steht fest,« ließ sich jetzt das Mädchen, das Röcke garnierte, vernehmen, »wenn Lotte nach Amerika dampft, drücke ich mir ooch. Zu dritt in der Bude is keen Plan nich, da verdient keene mehr wat, da jeht man jescheiter uff Röcke nähen ins Jeschäft.« Emilie hatte sich noch nicht an der Unterhaltung beteiligt, bei dieser Erklärung aber, welche eine abermalige Schwächung ihres Unternehmens in Aussicht stellte, stieg ihr das Blut in die bleichen Wangen, und sie sagte nicht ohne Bitterkeit: »Man immer zu! Wenn keene mehr kommt, sparen wir das Jas, die Briketts und die Miete – überhaupt, ohne daß eene der andern in die Hand arbeetet, hat die janze Jeschichte keenen Zusammenhang mehr, da is besser, wir trennen uns lieber heute als morjen.« »So eilt det nich!« besänftigte Auguste, »aber det mußt du selber zujeben, seitdem uns die Fabrikfritzen die paar Fennije, die wir früher verdienten, abknappsten, is et alle mit der Jemütlichkeit hier.« »Jeschieht euch recht!« rief die Rockgarniererin. »Warum orjanisiert ihr euch nich? Ueberall jehn die Löhne in die Höhe, bloß bei uns jehn se runter. Nur arbeeten un nich essen, det is schon lange nich mehr nach meinem Jeschmack. Wenn wir orjanisiert sin, sin wir 'ne Macht, und wenn wir's nich sin, sin wir enn Waschlappen, so is et!« »Nu wird's jut, nu kommt se politsch!« höhnte Auguste. »Recht hat se aber doch, wenn se's ooch bloß wo uffjefangen hat.« Einige Augenblicke wogte der Redestrom hin und her, bald aber nahm die Arbeit wieder alle so in Anspruch, daß keine mehr aufsah oder ein Wort sprach. Es war einen Monat später, als Holmer am geschlossenen Fenster seines Zimmers stand und den wirbelnden Schneeflocken zusah, die um Stadt und Land eine dichte, weiße Hülle woben. Ernste Gedanken durchkreuzten sein Gehirn. Er war mit sich selbst und seinen verhältnismäßig geringen, literarischen Erfolgen unzufrieden. Nicht, daß er sich für ein verkanntes Genie gehalten hätte, er wußte genau die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit und fühlte nur zu gut, daß ihm zum Adler die Schwingen fehlten; aber er sah auch Tauben, die sich mit schwachen Fittichen zu beträchtlicher Höhe erhoben, wenigstens in der öffentlichen Meinung, und es verletzte seinen Ehrgeiz, daß er hier zurückbleiben mußte. Wohl fand er in dem bewegten Treiben der Weltstadt, in ihren schroffen, gesellschaftlichen Gegensätzen und den mannigfachen künstlerischen und industriellen Unternehmungen reichliche Anregungen zu schriftstellerischem Schaffen, aber so befruchtend diese auch auf seine dichterische Phantasie wirkten, so wenig konnten sie im Getriebe der Stadt und der beständigen Unruhe, in der er sich befand, zur Reife gelangen. Dabei bedrängte ihn die Sorge um Emilie mit jedem Tage mehr und trieb sich wie ein Keil zwischen seine Gedanken. Seit zwei Tage hatte er seine Freundin nicht gesehen, und obgleich sie ihr Fernbleiben entschuldigt hatte, verdroß ihn doch ihre Abwesenheit. Er glaubte, sie auf der Straße erspähen zu müssen und erschrak heftig, als sie an seiner Türe pochte. »Herein!« Sie trat ein. Ihr Mantel glitzerte vom feuchten Schnee, und ihr dunkeles Haar schien gepudert. Holmer ging ihr entgegen, küßte sie auf den Mund, und sagte, indem er ihr beim Ausziehen des Mantels behilflich war. »Endlich! ich hatte dich früher erwartet.« »Hast du mich wirklich vermißt?« fragte sie lächelnd und breitete das abgelegte Kleidungsstück zum Trocknen über eine Stuhllehne, während er die Petroleumlampe anzündete. »Sollte ich nicht?« »Das schon, Robert, aber ich sagte dir doch, daß wir jestern ziehen mußten. Zwee Jahre hatten wir in der Nähstube jehaust – nu is alle! Was uns jehörte, enn paar Büjeleisen, 'ne Büste, enn Spiejel und sonstije Kleenigkeiten, den janzen Krempel verkooften wir der Putzmamsell in der Belletaje for sechs Märker, die for'n Vesperbrot bei Kempinski druffjingen. Es war ja das letztemal, daß wir, bis uff Lotte, die ihre Sachen packte, beisammen waren. Lotte trafen wir erst abends uff der Lehrter Eisenbahn; der Abschied dort is uns alle schwer jeworden – ooch mir, obgleich ich keene dicke Freundschaft mehr mit ihr hatte. Nu schwimmt se schon uff Amerika zu.« »Und ihr Geliebter?« »Is mit ihr jefahren bis Hamburg. Daß der später mal zu ihr rüber kommt, glaubt se woll selbst nich – ich ooch nich; der hat schon uff der Eisenbahn, wenn Lotte nich hinsah, die Meechens fixiert. Es war ziemlich späte, als wir zu Hause gingen, da konnte ich nich mehr zu dir ruffkommen.« »Und heute?« »Habe ich mir nach Arbeet umjesehen.« »Den ganzen Tag?« »Den janzen Tag. Was sollte ich anders tun? ich muß doch.« »Und der Erfolg?« »Noch nischt – soll überall in'n paar Monaten wieder nachfragen.« »Das scheint auch mir das Klügste.« »So – und die Miete, und das Leben, daran denkst du woll nich?« »Bin ich dafür nicht da?« »Du!« rief sie und sah ihn erstaunt an. »Natürlich ich. Wenn du dich wieder kräftig fühlst, und alles vorüber ist, magst du meinethalben ins Geschäft gehen, bis dahin aber ist es meine Pflicht, dich nicht im Stiche zu lassen. Du solltest überhaupt besser leben, dir mehr Ruhe gönnen.« »Sagt meine Schwester ooch – die hat jut reden – wovon?« »Laß das doch meine Sorge sein.« »Deine? Nee, Robert, ich weeß, daß du mir lieb hast und drum sollst du mir nich so einschätzen, das kränkt mich.« Es klang etwas wie Angst und Trotz aus diesen Worten, die Holmer aufschauen machten. Leise trat er auf sie zu und sagte, indem er ihr die Wange streichelte: »Sei kein Kind, Emilie, ich tue nur meine Schuldigkeit, wenn ich für deinen Unterhalt aufkomme.« »Du sollst es aber nich, ich will es nich!« »Laß uns doch vernünftig mit einander reden. Mir tut das kleine Opfer nicht wehe und gibt mir das befriedigende Gefühl, dir nützlich sein zu dürfen – ich kann es entbehren.« »Und ich kann arbeeten!« gab sie trotzig zurück. »Wann aber die Zeit kommt, wo du es nicht mehr kannst?« »Dann jehe ich zu meiner Schwester nach Spandau.« »Hast du schon mit ihr gesprochen?« »Ja – das is abjemacht.« »Deine Schwester hat aber doch selbst ihre Not, wie du mir erzählt hast; du kannst nicht verlangen, daß sie dich kostenlos aufnimmt.« Emilie gab keine Antwort, sie saß unbeweglich auf der Kante des Sofas und heftete ihre Blicke auf den Boden, dabei verriet aber ein krampfhaftes Zucken ihres Körpers die tiefe innerliche Erregung, die sie nicht verbergen konnte. »Ich wollte schon früher mit dir über dieses Thema reden,« nahm nach einer Weile Holmer wieder das Wort, »aber es lag noch keine zwingende Notwendigkeit dazu vor. Jetzt aber, wo du ohne Beschäftigung bist, müssen wir uns aussprechen. Hier hast du vorerst fünfzig Mark, wenn sie alle sind . . .« Er konnte den Satz nicht zu Ende sprechen, denn sie war aufgesprungen und sah ihm mit tränenfeuchten Blicken starr ins Gesicht. »Jeld!« rief sie schmerzlich. »Jeld willst du mir jeben, Robert?« »Ja, was soll ich sonst tun?« »Nischt! jar nischt! den Glauben an mir sollst du mir lassen. Warum willst du, daß ich mir verachten soll?« »Wer will das? Ich doch gewiß nicht. Ich liebe dich weil ich dich achte und will nur, daß du mich nicht hinderst, meine Pflicht zu erfüllen. Komm, sei nicht eigensinnig und nimm es, auf vierzehn Tage reicht's schon, dann sehen wir weiter zu.« Er wollte sich mit dem Geld ihr nähern, sie aber wich scheu zurück. »Zwinge mir's nich uff, Robert, ich bitte dich! Ich habe keenen schlechten Streich jemacht, nur 'nen dummen – ich habe dir zu lieb jehabt, nur zu lieb, und jetzt willst du mir dafür abfinden. Nee, tu's nich! tu's nich!« »Pfui, Emilie! wie kannst du so niedrig von mir denken.« »Ich denke nich jering von dir, im Jegenteil, denn ich weeß, daß du ohne Falsch bist. Ich will bloß mein Schicksal alleene tragen, nich abhängig werden und nich ausjehalten sin.« »Das sollst du auch nicht. Werde ruhiger und du wirst ganz anders über mein Anerbieten denken.« »Du magst es ja jut mit mir meinen, daran zweifle ich nich; aber das Jefühl kann ich nich los werden, daß unsere Beziehungen andere sind, wenn ich Jeld von dir annehme, ich komme mir dann vor, als wann ich mir verkooft hätte. Tausend andere in meiner Lage nehmens und denken nischt dabei, aber ich bin nun mal nich so veranlagt. Immer war mir in deiner Nähe wohl, jetzt is mir uff emal, als wenn sich 'ne Kluft zwischen uns uffjetan hätte.« »Aber Kind!« rief Holmer, betroffen von der Leidenschaft, mit der sie sprach, »wohin führen deine überreizten Nerven die Gedanken.« »Bis hierher war ich zufrieden, fand mich in das Unabänderliche und hoffte uff enn jutes Ende. Nu hältst du mir meine Ohnmacht vor und begreifst nich, wie mich das niederdrückt.« »Einmal müssen wir doch von deiner Zukunft sprechen.« »Mag sein, aber nu is alle mit meiner Ruhe, nu fühle ich mir so unglücklich, so unglücklich!« Sie bedeckte ihr todbleiches Gesicht mit den Händen und schluchzte leise vor sich hin. Holmer stand ratlos vor ihr, er hatte sie noch nie so erregt gesehen, und ihre Tränen weckten sein innigstes Mitgefühl, obgleich die Weigerung, seine Hilfe anzunehmen, ihn verletzte und verdroß. Er konnte sich nicht darüber klar werden, ob ihre Handlungsweise einem stolzen Selbstachtungsgefühl oder einer krankhaften Empfindlichkeit entsprang, und überlegte einen Augenblick, ob er ihre Gemütsaufwallung nicht durch ein Eheversprechen beschwichtigen solle, kam aber ebenso rasch zu der Erkenntnis, daß er noch gar nicht daran denken könne, eine bindende Erklärung abzugeben. Er beschwichtigte deshalb sein Gewissen mit dem Gedanken, daß diese Liebelei ziellos begonnen, keinem Teile Verpflichtungen auferlege, und daß es Emilie selbst ängstlich vermieden habe, jemals die Frage einer ehelichen Vereinigung zu berühren. Unruhig durchmaß er mit großen Schritten, die Hände auf den Rücken gelegt, mehrmals das Zimmer, unschlüssig, was er tun sollte. Endlich blieb er vor dem noch immer weinenden Mädchen stehen und sagte: »Wann ist deine Miete fällig?« Keine Antwort. »Ich frage dich, Emilie, wann deine Miete fällig ist?« wiederholte er gereizt und versuchte seiner Stimme einen rauhen Klang zu geben. »Nächste Woche,« antwortete sie und schauerte zusammen. »Hast du das Geld dazu?« »Einen Teil.« »Und wo soll der Rest herkommen?« Sie schwieg. »Also wozu die Komödie? Ich werde diese Angelegenheit mit deiner Wirtin direkt ordnen.« »Du!« rief sie und richtete sich empor. »Wenn du mir so bloßstellst, werde ich nie mehr meine Bude betreten.« »Dann nimm es direkt von mir.« Sie gab keine Antwort, sondern zog fröstelnd ihren Mantel an. »Ist dir kalt?« »Nee, ich will jeh'n.« »Eben schon?« »Ja, ich bin müde – sterbensmüde.« »Gut, ich werde dich begleiten.« »Nich, wenn du sonst was vorhast.« Er warf seinen Havelock über die Schultern und setzte seinen Hut auf; dann trat er dicht an sie heran, ergriff ihre Hände und preßte sie in seiner Rechten zusammen, während er mit der linken Hand ihr drei Goldstücke in die äußere Manteltasche schob. »Das nimmst du,« redete er energisch auf sie ein, »wenn du nicht willst, daß ich über deinen Kopf hinweg zu deinen Gunsten darüber verfüge. So, und nun wollen wir wieder gute Freunde sein – gib mir einen Kuß.« Sie war bei seinen Worten zusammengefahren, der drohende befehlende Ton, mit dem er zu ihr gesprochen, schüchterte sie so ein, daß sie keine Bemerkung wagte und wie festgebannt, mit gesenkten Blicken, vor ihm stehen blieb. »Nun?« fragte nach einer Pause Holmer, da sie keine Miene machte, seinem Wunsche nachzukommen, und faßte sie dabei am Kinn und hob ihr den Kopf hoch. »Nun, hast du mich nicht verstanden?« Wie ein gehorsames Kind beugte sie sich vor und küßte mechanisch die dargebotene Wange. Sie fühlte, wie unter dem Bann, unter dem sie stand, ihr stolzes Selbstvertrauen zerrann und sie ein Gefühl der Abhängigkeit und Demut beschlich, dessen sie nicht Herr werden konnte. Nachdem Holmer die Lampe gelöscht und das Zimmer abgeschlossen hatte, verließen beide schweigend das Haus, jedes mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Auch auf der Straße wurde kein Wort gewechselt, und als sie, stampfend durch den tiefen Schnee, ihr Ziel erreichten, bot Emilie mit einem frostigen »Gute Nacht«, Holmer die Hand und stieg keuchend die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. »Du kommst doch morgen zu mir?« rief er ihr nach. »Um welche Stunde?« gab sie zurück. »Wenn es dir paßt, aber zeitig.« »Ich komme.« Er hörte ihre Schritte verhallen und war froh, daß er sie zu Hause wußte. Ihr verändertes Benehmen, und daß sie mit keinem Worte für seine Gabe dankte, fiel ihm nicht weiter auf, da er es ihren überreizten Nerven und ihrer Ermüdung zuschrieb. Zufrieden mit der Art, mit der er seine Verpflichtungen erfüllt zu haben glaubte, eilte er nach seinem Stammlokal, in dem er seit den letzten Wochen ein oft gesehener Gast war. Die Unterhaltung war im besten Gange, als er eintrat. Schiroky hatte aus seinen Berufserlebnissen einige Episoden zum besten gegeben, welche die Zuhörer in die fröhlichste Stimmung versetzten. »Sie kommen gerade recht!« rief ihm der blonde Bildhauer, der sich dem Journalistenhäuflein angeschlossen hatte, entgegen. »Hier können Sie Stoff zu Humoresken sammeln, der Doktor ist im besten Zuge.« Die Gesellschaft rückte dichter zusammen, ein Stuhl wurde eingeschoben und Holmer nahm neben Schiroky Platz, der ihm zum Willkomm herzlich die Hand schüttelte und erläuternd bemerkte: »Ich habe eben von den Leuten gesprochen, die sich mit den Erzeugnissen ihrer Muse an die Feuilletonsredakteure herandrängen, und was für wunderliche Käuze mitunter darunter sind. Sie umfassen alle Klassen der Bevölkerung, aber das größere Kontingent stellen die höheren Töchter, sobald sie die Selekta hinter sich haben, oder in späteren Jahren unglücklich liebten; dann die Primaner und schließlich die pensionierten Beamten. Die höhere Tochter naht sich vorwiegend lyrisch, der Primaner dramatisch und die Beamten episch, natürlich gibt es auch Ausnahmen. Alle verlangen entweder den Abdruck oder die Besprechung ihrer Manuskripte in einer der nächsten Nummern; setzen entweder das Honorar für ihre Beiträge selbst fest, oder erklären überhaupt nicht für schnöden Mammon zu dichten, sondern nur aus idealen Gründen. Manche Manuskripte sind kalligraphische Kunstwerke, die Mehrzahl aber schaut aus, als wenn in Tinte gefallene Mücken über das Papier gelaufen wären. Kein Redakteur einer größeren Zeitung ist im stande, das freundlichst zur Verfügung gestellte Material eingehend zu prüfen, und so geht der größte Teil desselben, mit einem gedruckten Ablehnungsschreiben, dankend an den Absender zurück. Sind die Zurückgewiesenen beharrliche Leute, finden sie bald einen Ausweg, dem geplagten Redakteur aufs neue ihren literarischen Dolch auf die Brust zu setzen. Ich kannte einen Herrn hier, der bei seinen Bekannten als eine Leuchte des Humors galt. Seines Zeichens Weinreisender, benützte er seine freie Zeit dazu, alte und neue Witze, die er irgendwo gelesen oder gehört hat, in eine hinkende Reimform zu bringen und sie dann unter eigener Etikette in die Welt zu setzen. Den Erfolg, den er dadurch in den Vereinen und am Biertisch erzielte, verstärkte seine Eitelkeit bis zum Größenwahn und veranlaßte ihn, ein Bändchen »Humoristische Originaldichtungen« drucken zu lassen und mich zu ersuchen, Proben daraus in unserem Blatte aufzunehmen. Da ich jedoch nicht einen einzigen eigenen Gedanken des Verfassers in seinen »Originaldichtungen« entdecken konnte, sandte ich das Werkchen mit einigen höflichen Begleitworten wieder zurück. Wenige Tage später lag es abermals auf meinem Schreibtische, diesmal aber nicht in der Redaktion, sondern in meiner Privatwohnung. In einem beigeschlossenen Briefe sprach der Dichter zunächst seine Verwunderung aus, daß ich seine Humoresken unserem Leserkreis vorenthalten habe, und knüpfte die ganz entschiedene Forderung daran, das Versäumte schleunigst nachzuholen. Ich habe, schrieb er, das Pennal besucht, zwei Semester Jus gehört und bin dann erst, auf Andrängen meines Vaters, zur Kaufmannschaft übergegangen. Ich bin kein professioneller Spaßmacher, sondern ein Amateurhumorist, der in der Dichtkunst nicht die tüchtige Kuh, sondern die hohe, himmlische Göttin sieht. Schließlich erklärte er, daß er sich sehr freue, meine persönliche Bekanntschaft zu machen, um seine wirksamsten Sachen mir selbst vorzulesen und daß er zu diesem Zwecke mich morgen zwischen zwei und drei, also der Zeit meiner Mittagsruhe, in meiner Wohnung aufsuchen werde. Da mir eine innere Stimme sagte, daß ich den Herrn Amateurhumoristen nur los werden könne, wenn ich ihn empfing, fügte ich mich in mein Schicksal. Zur vorgeschlagenen Zeit erschien er pünktlich und erklärte sich sofort bereit, mich mit Perlen seiner Dichtungen vertraut zu machen. »Nicht nötig,« erwiderte ich ihm, »ich habe mir Ihr Werk gründlich angesehen.« »Das allein tut's nicht,« meinte er, »bei dem Humor ist der Vortrag die Hauptsache.« »Wenn Sie das glauben, hätte eigentlich das Gramophon Ihre Dichtungen verbreiten müssen – ich habe am Buche schon genug.« »So? Hm, ja! Sie fanden doch sicherlich auch, daß die Pointen meiner Humoresken lauter Schlager sind?« »Gewiß, ich bestätige gerne, daß Sie in der Wahl Ihrer Adoptivkinder sehr vorsichtig waren,« gab ich dem anmaßenden, zudringlichen Bengel zurück. »Schaffen Sie nun auch mal was Neues, aus eigenem.« Er gab sich den Anschein, als hätte er mich nicht verstanden und bemerkte überlegen: »Neues! Ihr Herren von der Presse habt gut reden; Verse wollen gemacht sein, sagt Bodenstedt, trotzdem werden Sie wieder bald von mir hören, denn ich arbeite immer drauf los.« »Das dachte ich auch, als ich Ihr Bändchen las.« »Die Verse fließen mir nur so, ich brauche nie einen Reim zu suchen.« »Deshalb sollten Sie sich auf eigene Füße stellen.« »Darauf stehe ich, oder glauben Sie, ich hätte Helfershelfer bei meinen Poesien?« »Ich werde mich hüten, jemand zu nahe zu treten.« »Nun also, weshalb nehmen Sie nichts von mir auf?« »Weil ich für Deckblattgedichte nichts übrig habe.« »Deckblattgedichte?« fragte er etwas unsicher. »Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen.« »Ich meine solche, die lediglich Einwickelpapier für fremde Gedanken sind.« »Und hierzu zählen Sie meine Werke?« »Sagen Sie lieber Ihre Verse!« platzte ich heraus. »Ihr Buch wimmelt ja von fremden alten Witzen.« »Soll ich vielleicht Ihnen zuliebe neue machen?« rief er ergrimmt und erhob sich. Auf diese Frage war ich nicht gefaßt und tief beschämt stotterte ich: »Um Gotteswillen, nein! Dichten Sie ruhig weiter, als Originalamateurhumorist.« »Das werde ich auch,« erklärte er stolz, und verließ mich, nachdem er mir einen verächtlichen Blick zugeworfen hatte.« »Na, schön war es gerade nicht von Ihnen, lieber Doktor,« meinte lachend Holmer, »den Lorbeerkranz des Bruders in Apoll so schmählich zu zerzausen.« »Im Gegenteil, man kann nicht genug Steine auf den gläsernen Himmel der Eitelkeit werfen,« erklärte Schiroky. »Weit sympathischer, wie jene geschwollenen schöngeistige Dilettanten, sind mir die Leute, die aus materiellen Gründen den Schriftstellern ins Handwerk pfuschen, sie sind wenigstens nicht dünkelhaft und verraten in ihren Anschauungen häufig eine Naivität, die uns heiter stimmt. So besucht mich seit Jahren ein älterer, wohlbeleibter, pensionierter Steuersekretär, um mir seine Manuskripte vorzulegen und mich um Rat zu fragen, wie er sie verwerten könne. Er versichert mich jedesmal treuherzig dabei, daß ich der Einzige sei, von dem er überzeugt wäre, daß ich mir seine Ideen nicht zu eigen machte. Das erste Mal brachte er mir einen Roman, der die Geschichte einer Pfändung behandelte, die schließlich ihre Lösung dadurch fand, daß der Exekutor mit der Tochter der auszupfändenden Witwe in den Tod ging. Das Thema war unglaublich naiv behandelt, die Sprache reiner Amtsstil. Ich sagte dem Manne, daß es ihm schwer fallen dürfte, für seine Erzählung eine Zeitung zu finden. »Wenn Sie das glauben,« antwortete er mir, »schreibe ich eine andere Geschichte, ich habe ja die Zeit dazu.« Schon nach einem halben Jahre brachte er mir eine neue umfangreiche Arbeit, die womöglich noch unklarer als die erste war. Da ich ihm aber nicht wieder alle Hoffnung rauben wollte, riet ich ihm, seinen Roman von einem als wagemutig bekannten Verleger nachprüfen zu lassen. Er tat es, und der Erfolg war natürlich negativ. So schrieb er beharrlich jahrelang, ohne jemals etwas aus seiner Feder im Druck erscheinen zu sehen. Vor einigen Wochen nun kam er mit zufriedenem Schmunzeln zu mir und sagte: »Herr Redakteur, ich habe die Romanschreiberei endgültig aufgegeben.« »Da gratuliere ich Ihnen von ganzem Herzen,« erwiderte ich. »Ja, es ist zu mühsam, und das Angebot zu groß, man bringt nichts unter.« »Freuen Sie sich, daß Sie zu dieser Erkenntnis gekommen sind.« »Von jetzt ab arbeite ich nur noch für die Bühne.« »Halten Sie das für leichter?« »Nein, aber für lohnender.« Nach diesem Bekenntnis wickelte er zwei dicke Schreibhefte aus einem blauen Umschlag und breitete sie vor mir aus. »Das eine hier ist eine Operette, es fehlt nur noch die Musik dazu; der Mann, der das besorgt, wird sich hoffentlich finden lassen. Es wird heutzutage ja so viel blödsinniges Zeug komponiert, daß es mir auch nicht fehlen dürfte.« »Und das andere?« »Das andere ist ein modernes Stück und heißt: »Der vergessene Regenschirm«, Sensationsschauspiel in vier Begebenheiten.« Kopfschüttelnd warf ich einen Blick in die beiden Bücher und fand, daß ihr Verfasser keine blasse Ahnung von einer Theaterdichtung hatte. Lediglich aus Mitleid mit dem Schreibseligen, der seine Zeit so zwecklos vergeudete, sagte ich dann: »An Ihrer Stelle würde ich auch keine Stücke schreiben.« »Glauben Sie nicht, daß sie aufgeführt werden?« »Vorerst sicher nicht.« »Nun dann später, auf einen Hieb fällt kein Baum.« »Ja,« fragte ich, durch seine Beharrlichkeit stutzig gemacht, »müssen Sie denn unter allen Umständen dichten?« »Müssen!« gab er mir verwundert zur Antwort, »müssen muß ich nicht – ich habe ja meine Pension. Aber ich frage Sie, Herr Redakteur, soll der Lehar von der »Lustigen Witwe«, der Sudermann, Blumenthal, Hauptmann und wie sie alle heißen, die Tantiemen allein einstecken?« »Allerdings, von diesem Standpunkt aus – –« »Geben Sie mir recht,« unterbrach er mich und wickelte seine Werke wieder ein. »Wenn Sie es erlauben, werde ich Ihnen ganz demnächst zwei neue Stücke vorlegen.« Unter vielen Bücklingen verschwand er; aber glauben Sie mir, wie er tauchen jährlich tausend neue auf, die nichts anderes wie der pekuniäre Gewinn, den einige Glückliche einheimsen, veranlaßt, den Pegasus zu besteigen.« Schiroky hatte seine Ausführungen beendet und die Unterhaltung wandte sich wieder allgemeinen Dingen zu, wobei die Zeit rasch verflog. Als sich Holmer auf dem Heimwege befand, schlug die Uhr bereits die zweite Morgenstunde; dafür war aber auch aller Verdruß, den ihm der Auftritt mit Emilie verursacht hatte, aus seiner Seele gewichen. Kapitel 9. Bringt eine entscheidende Wendung im Leben alter Bekannten, und überläßt es dem Leser, sich seine Glossen dazu zu machen. Emilie war seit acht Tagen bei ihrer Schwester in Spandau, und es war vor ihrer Abreise, auf ihre Bitte hin, vereinbart worden, daß ihr Freund nicht nach dorten komme. Sie hatte versprochen, täglich zu schreiben, seit den letzten zwei Tagen aber nichts von sich hören lassen, was Holmer in eine begreifliche Unruhe versetzte. Um den Post- oder Telegraphenboten nicht zu verfehlen, blieb er den ganzen Tag, bis auf die kurze Zeit, wo er im benachbarten Restaurant sein Mittag- oder Abendessen einnahm, zu Hause; war aber nicht im stande, seine Gedanken auf eine Arbeit zu konzentrieren. Jedes Geräusch vor seiner Türe schreckte ihn von seinem Schreibtisch auf, und jede neue Enttäuschung erhöhte seine Sorgen und seinen Mißmut. Erst gegen Abend erschien der Briefträger und händigte ihm zwei Schreiben ein, von denen er das eine hastig erbrach. Es war von Emilie. Ein schwerer Ohnmachtsanfall, der ihre Kräfte bis aufs äußerste erschöpfte, hatte sie verhindert, ihrem Versprechen nachzukommen; sie bat deshalb um Entschuldigung und versicherte, daß sie sich wieder völlig wohl fühle und keine Schwäche mehr empfinde. Der zweite Brief war von seiner Tante, welche mitteilte, daß seine Mutter bedenklich an Influenza erkrankt sei und große Sehnsucht nach ihrem Sohne habe. »Mache dir aber keine Sorgen, wenn du nicht abkommen kannst,« hieß es am Schlusse, »wie uns der Arzt versichert, ist sie in einigen Wochen wieder vollständig hergestellt; es ist auch nur meine unmaßgebliche Meinung, daß dein Kommen die beste Arznei für sie sei.« Beide Nachrichten trafen Holmer aufs schmerzlichste und erfüllten seine Seele mit Kummer und bangen Befürchtungen. Rasch traf er seine Vorkehrungen zum Besuche der Mutter, obgleich ihn der Gedanke, sich gerade jetzt von der Geliebten so weit zu entfernen, wie ein stiller Vorwurf bedrückte. Mit einigen flüchtigen Zeilen verständigte er Emilie über die Ursache seiner plötzlichen Abreise und forderte sie auf, ihm täglich, unter der Deckadresse eines Jugendfreundes, nach seiner Vaterstadt zu schreiben, Nachdem er noch verschiedene Anordnungen für die Zeit seiner Abwesenheit getroffen, fuhr er nach dem Bahnhofe, um mit dem nächsten Schnellzug der Heimat entgegenzueilen. Es war bereits Mittag, als er, nach neunstündiger Fahrt, das Elternhaus betrat, wo ihn mit glückstrahlenden Blicken die kranke Mutter empfing. Seit einem Jahre hatte sie den Sohn nicht gesehen, und sein Erscheinen wirkte auf sie wie ein erster milder Sonnenstrahl auf die in Wintersbanden schlummernde Natur. Die Krankheit hatte ihren Höhepunkt bereits überschritten, und schon am vierten Tage nach seiner Ankunft durfte die Patientin auf einige Stunden das Bett verlassen. Holmer war fast beständig in ihrer Nähe, und entfernte er sich auf Augenblicke, geschah es nur, um Emiliens Briefe in Empfang zu nehmen. Als er eben, wie täglich, der Genesenden eine kleine Erzählung aus seiner Feder vorlas, erschien das Dienstmädchen unter der Türe und meldete, daß ihn draußen ein Herr dringend zu sprechen wünsche. Er erhob sich und verließ in sichtbarer Befangenheit das Zimmer. Es war sein Jugendfreund, der ihn am Aufgang zur Treppe erwartete und hastig eine Depesche übergab. Holmer erbrach sie mit bebenden Händen und las: Ein Junge – tot – Emilie wohl. Verlegen steckte er das Papier in die Tasche und murmelte wie geistesabwesend vor sich hin: »Tot – Emilie wohl!« Sein Freund, der die Lage überschaute, drückte ihm stumm die Hand und entfernte sich eilig. Wie angewurzelt blieb Holmer noch eine Weile auf demselben Flecke stehen, zog die zerknitterte Depesche wiederholt hervor und las sie nochmals und abermals. Unruhe und Reue, Besorgnis und Scham beherrschten seine Gedanken, er fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen und konnte zu keinem Entschluß kommen, was er tun sollte. Nach Spandau fahren, Emilie aufsuchen, das hatte keinen Sinn mehr und wäre gegen die Verabredung gewesen, auch würde eine fluchtartige Abreise, seiner Mutter, die noch so sehr der Schonung bedurfte, gefährlich werden können; und hierbleiben, und weitere Nachrichten abwarten, schien ihm lieblos und bei seinem Gemütszustand unerträglich. Mechanisch stieg er die Treppe hinauf; er wollte sich von der alten Frau auf einige Stunden beurlauben, um auf einsamen Wegen Beruhigung und Sammlung zu suchen. Mit forschenden Blicken betrachtete ihn die Mutter und fragte besorgt, als er ihr seine Absicht mitteilte: »Fehlt dir etwas, Robert?« »Keineswegs,« gab er zurück und sah dabei verlegen durch das Fenster nach der Straße. »Dann hat dir wohl der Besuch unangenehme Mitteilungen gemacht.« »Auch das nicht, Mutter.« »Etwas ist vorgefallen, dein bleiches Gesicht verrät es – hast du so wenig Vertrauen zu mir?« »Aber ich bitte dich, was soll denn vorgefallen sein? Hugo war da und lud mich zu einem Spaziergange ein – das ist alles.« »Alles – und das sagst du deiner Mutter, Robert? Ich will mich zufrieden geben, aber es schmerzt mich, daß du mir etwas verbirgst – oder sollte gar eine Frau – – Na, das Alter hast du ja dazu.« Holmer fühlte die Glut, die sein Gesicht rötete und bis zur Stirne emporstieg, er wandte sich rasch ab und sagte, indem er seinen Überrock anzog, mit einer Stimme, die unbefangen klingen sollte: »Du machst dir wirklich unbegründete Sorgen.« »Desto besser,« erklärte sie und fuhr fort: »Ich hätte wahrhaftig nichts dagegen, wenn du mir eine gute Schwiegertochter ins Haus brächtest; ein unbescholtenes Mädchen, von dem ich überzeugt wäre, daß es dich um deiner selbst willen liebte.« »Ich denke vorerst nicht ans Heiraten.« »Das solltest du aber. Wenn wir gemeinschaftlich Haushalt führten, könntest du recht gut herumkommen, auch wenn dein Einkommen nicht bedeutend wäre. Freilich sagt man, die Herren hätten das Heiraten in Berlin nicht nötig, von dir aber weiß ich, daß du ein Mann von Grundsätzen bist.« Holmer gab keine Antwort, sondern ergriff seinen Hut und verließ mit der Versicherung baldiger Rückkehr das Zimmer. Erst in der kalten Winterluft atmete er wieder freier; die Worte, die er daheim vernommen, waren wie glühende Kohlen auf sein Haupt gefallen. Gestern konnte er noch in Erwägung ziehen, ob er sich seiner Mutter, wenn sie völlig genesen, entdecken solle, heute war das ausgeschlossen. Planlos wanderte er eine Zeitlang durch die stillen, verschneiten Straßen der Vorstadt, dann suchte er die Wohnung seines Freundes auf, wo er einen langen Brief an Emilie schrieb. Er bat sie dringend darin, ihn nicht in Ungewißheit über ihr Befinden zu lassen, und ihm mitzuteilen, ob er etwas für sie tun könne. Als er nach mehrstündiger Abwesenheit wieder nach Hause kam, war seine Mutter bereits zu Bette gegangen, und so konnte er sich, nach einer kurzen Begrüßung, ungestört seinen Betrachtungen hingeben. Sie waren tiefernster Natur und beschäftigten sich mit der Zukunft Emiliens, die sicherzustellen er als seine Pflicht ansah, aber wie er sein Gehirn auch abmarterte, er fand keinen Ausweg aus dieser Klemme. Die nächsten drei Tage vergingen, ohne daß eine Nachricht aus Spandau eintraf, was seine Stimmung noch mehr verdüsterte und ihn einsilbig und verdrießlich machte, auch fühlte er sich von seiner Mutter beobachtet, obgleich diese keinen Versuch machte, in seine Geheimnisse einzudringen. Endlich am vierten Tage suchte ihn sein Freund auf und brachte die ersehnte Botschaft. Es waren nur wenige Zeilen, von Emilie selbst geschrieben. Sie erklärte, sich zwar schwach, aber trotzdem wohl zu fühlen, lehnte dankend jede weitere Hilfe als entbehrlich ab und versprach, Ende nächster Woche ausführlicher zu berichten. Verdroß Holmer auch der trockene, fast geschäftsmäßige Stil dieses Briefes und die lange Frist, bis er wieder Nachricht erhalten sollte, so beruhigte ihn doch der Gedanke, daß Emiliens Zustand zu Besorgnissen keinen Anlaß gab. So vergingen weitere neun Tage, in deren Verlauf die Genesung seiner Mutter so bedeutende Fortschritte machte, daß er an seine Rückkehr nach Berlin denken konnte. Er verzögerte seine Abreise nur noch bis zum Eintreffen des Briefes aus Spandau, der ihm pünktlich, wie in Aussicht gestellt, zuging. Er trug den Poststempel Berlin und lautete: »Lieber, guter Robert! Wenn diese Zeilen in deinen Besitz gelangen, bin ich nicht mehr bei meiner Schwester, die mir eine treue Pflegerin gewesen war. Ich gehe einen Tag früher, als in meiner Absicht lag, von Spandau fort, weil mir die Stichelreden der Schwiegermutter nicht passen, und ich gerade jetzt bei einer Schneiderin Stellung und Unterkunft finden kann. Heute Abend fahre ich nach Berlin, um dort, unter gänzlich veränderten Verhältnissen ein neues Leben zu beginnen. Lieber Robert, ich habe lange mit mir gerungen, bis ich mich zu dem Entschluß durchkämpfte, mit allem, was mich in der Vergangenheit glücklich machte, zu brechen. In schlaflosen Nächten habe ich mich, während der traurigen Zeit, wo ich ferne von dir war, gefragt und immer wieder gefragt, was ich dir im Leben sein könnte, und ob ich nicht ein Hindernis für deine Zukunft sei; und da ist mir klar geworden, daß ich ein Verhältnis nicht fortbestehen lassen darf, das dir über kurz oder lang zur drückenden Last werden muß, und mir den letzten Rest meiner Unabhängigkeit raubt. Zu schwach, dir etwas zu versagen, fliehe ich lieber die Gefahr, die uns beiden droht, und sollte ich noch so schwer darunter leiden müssen. Du warst mir viel, du warst mir alles! Tausend herzinnigen Dank für das, was du an mir getan, für deine Liebe und Nachsicht! Trennen sich von nun ab auch unsere Wege, so trage mir doch keinen Groll nach, wenn ich dich je gekränkt habe und verachte mich nicht, wenn du dich einstens einer Frau näherst, die deiner würdiger ist als ich. Vergiß mich, und wenn du es nicht kannst, so behalte nur das Gute von mir im Gedächtnis. Und nun lebe wohl, mein lieber, lieber Robert! Dein Bild wird in mir fortleben wie die Erinnerung an das Märchen vom Glück. Emilie .« Holmer griff sich nach der Stirne, als wollte er krampfhaft seine Gedanken zusammenhalten. Er konnte das Schreiben nicht fassen, nicht begreifen. Mit bebenden Lippen und zitternden Händen las er es nochmals; Wort für Wort leise vor sich hinsprechend, als wenn er seinen Augen allein nicht mehr traute. Was konnte sie veranlassen, gerade jetzt, wo er sie noch so sehr auf seinen Beistand angewiesen glaubte, zu brechen? Hatte er seine Pflicht ihr gegenüber versäumt, sie gekränkt, verletzt? Er war sich keiner Schuld bewußt. Und doch, wenn er nachdachte, hatte sie nicht recht, eine Liebelei zu lösen, der kein Ziel winkte? Er fühlte, wie eine Träne sich ihm ins Auge stahl, wie sein Herz hörbar schlug, und suchte seinen Schmerz niederzukämpfen, indem er seine verletzte Eitelkeit heraufbeschwor. Wenn sie ihm wenigstens Gelegenheit gegeben hätte, sich mit ihr auszusprechen, aber so – wie man eine Wohnung kündigt – Nein, nein, das hatte keine Art, so entläßt man einen Dienstboten, aber nicht einen Menschen, der unserem Herzen am nächsten stand! Es mußte zur Aussprache kommen, das stand bei ihm fest. Aus ihrem Munde wollte er nochmals die Gründe ihrer Gesinnungsänderung hören, und wenn sie in seiner Gegenwart noch auf eine Trennung bestände, dann wollte er sich gerne bescheiden. Mit hochgerötetem Gesicht eilte er nach dem Telegraphenamt und gab eine Depesche mit bezahlter Rückantwort an Emilie auf, worin er sie bat, ihm ihren neuen Aufenthaltsort mitzuteilen; aber statt der ersehnten Antwort lief nach kurzer Zeit die Nachricht ein, daß Adressatin, ohne Angabe ihres künftigen Wohnsitzes, Spandau verlassen habe. Dieser erste Mißerfolg entmutigte jedoch Holmer keineswegs, befestigte vielmehr seinen Entschluß, unentwegt sein Ziel zu verfolgen. Ohne Zögern verabschiedete er sich von seiner Mutter und veranlaßte sie, ihre Absicht, ihn nach dem Bahnhof zu begleiten, aufzugeben. Er betrieb seine Abreise mit solcher Hast, daß er keine Zeit fand, seinem Freunde persönlich Lebewohl zu sagen, sondern hierzu sich der Postkarte bediente. Die Fahrt nach Berlin dünkte ihm eine Ewigkeit, aber als er endlich im Anhalter Bahnhof den Zug verließ und sich gleich darauf im lärmenden Getriebe der gewaltigen Stadt befand, fiel es ihm erst ein, daß er sich noch gar nicht klar darüber war, was er zunächst beginnen sollte. In seiner Wohnung angelangt, fand er zahlreiche Briefe vor, jedoch keinen, wie er gehofft, von Emilie. Zeitig am nächsten Morgen begann er seine Ermittlungen. Er wandte sich zunächst an das Meldeamt, und als ihm der Bescheid wurde, daß die Gesuchte nicht gemeldet sei, auch an die Polizeibehörde der großen Vororte, mußte sich aber, nach dreitägigem Bemühen, sagen, daß auf dem eingeschlagenen Wege nichts zu erreichen sei. Er entschloß sich nunmehr, so peinlich es ihm war, persönlich bei ihrer Schwester Erkundigungen einzuziehen, allerdings nicht unter Nennung seines Namens, den er um so leichter verschweigen konnte, als Emilie keine Photographie von ihm besaß; sondern indem er sich als Vertreter einer Damenkleiderfabrik vorstellte, welche Personal zu engagieren wünsche. Zur Ausführung dieses, etwas romantischen Planes, fuhr er nachmittags nach Spandau und fand ohne Schwierigkeit die gesuchte Wohnung. Auf sein Klingeln öffnete eine ältere, hagere Frau, mit einem kleinen Kinde auf dem Arme, die Türe und fragte mürrisch nach seinem Begehr. »Wohnt hier vielleicht Fräulein Emilie Tränkler?« erkundigte sich, mit scheuer Verlegenheit, Holmer. Die Alte betrachtete ihn forschend von oben bis unten, strich sich die grauen Haare aus dem Gesicht und sagte dann mit einer schnarrenden, unangenehmen Stimme: »Wollen Se nich lieber enn Oogenblick rinnkommen? For det arme Wurm taugt die kalte Luft nischt.« Dabei öffnete sie eine Türe, die zu einem ärmlichen, aber reinlichen Zimmer führte. Holmer trat etwas befangen ein und wiederholte seine Frage. »Nee, wohnen tut se nich mehr,« antwortete die Frau, »aber se hat hier jewohnt, ne janze Weile lang.« »Dann können Sie mir vielleicht ihre jetzige Adresse angeben?« »Ooch nich. Kann sin, daß se se ihrer Schwester jesagt hat, mir nich. For mir war se verschlossen wie der Juliusturm, denn se konnte allens, bloß keenen juten Rat vertragen. Sie sind woll ihr Verhältnis?« Diese unerwartete Frage brachte den jungen Mann fast aus dem Gleichgewicht und stockend antwortete er: »Das weniger – ich kam – ich –« »Nu ja! Ziehen Se sich die Jacke nich an, wenn se Ihnen nich paßt – dachte man bloß.« »Ich erkundige mich nur im Auftrage meines Prinzipals, bei dem sie sich seinerzeit in Berlin als Schneiderin empfohlen hatte.« »Wat, Sie kommen nach Spandau rüber, um eene uff Kostüme zu suchen – det kommt rar vor! Wo is denn Ihr Jeschäft, wenn man fragen darf?« »Ganz in der Nähe der Reichsbank.« »An der Ecke, nichwahr?« »Dicht dabei.« »Jott soll mir 'nen Taler schenken! Det is ja da, wo ick mir die Bluse hier jekooft habe, mit der ick so rinjefallen bin. Mit die Firma können Se keenen Staat nich machen.« »Sie waren also unzufrieden?« »Wütend war ick! So 'ne Beschummelei! Wat glooben Se woll, wieviel ick for die ausjefallene Idee berappen mußte?« »Das kann ich unmöglich wissen.« »Da fühlen Se mal, det soll Wolle sin, die reene Baumwolle is et – und det Taljenklot; nach zwee Tage war's durch. Sie müssen doch wissen, wat die wert is.« »Nun – fünfunddreißig Mark.« »Die Bluse! Sind woll nich bei Jroschens? Fünf Märker hat se jekostet und war zur Hälfte zu teuer.« »Ich bin mehr im Kontor als im Laden beschäftigt.« »Scheint so, denn in der Konfessionsbranche sind Se nich uffjewachsen, dadruff fällt keener bei Ihnen rinn.« »Sie kennen also nicht die nähere Adresse von Fräulein Emilie?« »Nee, is ooch nich nötig, wenn Se bloß enn Meechen for's Jeschäft suchen. Ne Nichte von mir is ooch nich ohne in der Schneiderei; die macht mir eben 'ne Jacke, so wat patentes haben Se in Ihrem janzen Jeschäft nich; die kann for Miele inspringen.« Ohne eine Antwort abzuwarten machte die listige Alte nach dieser Empfehlung die Türe auf und rief: »Juste! Juste, komm mal rüber!« Die Gerufene, die im gegenüberliegenden Zimmer arbeitete, erschien sofort auf der Schwelle, über und über mit bunten Garnfäden bedeckt und den flachen Busen mit zahlreichen Stecknadeln versehen. Es war eine mittelgroße, schmächtige Person, welche von ihrer Jugend sich nichts als ein artiges Knixen bewahrt hatte, von dem sie auch jetzt Gebrauch machte. »Der Herr will dir engagieren,« sagte die Tante. »Mir, der Herr?« »Nu, ja doch! er kommt extra von Berlin.« »Erlauben Sie,« warf Holmer ein, »ich habe nur den Auftrag Fräulein Emilie –« »Det is janz ejal, Miele oder Juste, uff Kostümenähen sind sie beede perfekt.« Eben wollte der junge Mann weitere Einwände machen, als sich die Türe öffnete und eine jüngere Frau, der zwei kleine Kinder und ein größerer Junge folgten, eintrat. Der große Junge bemerkte kaum das schmächtige Fräulein, als er sich in dessen Nähe schlich, plötzlich einen verborgen gehaltenen Schneeballen aus seiner Jacke hervorzog und mit solcher Wucht nach dem Haupte der Ahnungslosen schleuderte, daß deren kunstvoll aufgebaute hohe Frisur zusammenbrach, wobei zwei mächtige Kammwollrollen zur Erde fielen. »Jroßmutter, Jroßmutter!« schrie der Bengel, als er den angerichteten Schaden sah, und brachte seine Person hinter dem Rücken der alten Frau in Sicherheit. »Ick habe Tante Juste nich ballern wollen, janz gewiß nich! Der Schnee war man so eklich kalt, daß ick ihn nich mehr halten konnte; det kannst de glooben, so is et!« »Sei man stille, Willem! Tante is nich so, die versteht 'nen Feez und zudem hat ja det Schneevergnüjen bald enn Ende«, beschwichtigte ihn die Großmutter und wandte sich dann, indem sie auf die jüngere Frau deutete, an Holmer. »Det is ihre Schwester, die Frau von meinem Schwiejersohn; vielleicht kann se Ihnen sagen, wo Miele wohnt. – Der Herr kommt nämlich von Berlin, is aber nich ihr Verhältnis – sie soll in det Jeschäft intreten, weeßt de, wo ick mit der Bluse so rinjefallen bin.« »Det wird sich nich jut machen«, meinte Emiliens Schwester und betrachtete mit lebhaftem Interesse den jungen Mann. »Miele is schon in Stellung.« »Das stört nicht, sagen Sie mir nur wo?« »Wenn ick det wüßte! Sie hat jestern von Berlin jeschrieben, daß se bei 'ner kleenen Schneiderin wohne und arbeete, aber 'ne Adresse hat se nich anjegeben. Det macht se immer so, sie hat schon enn janzes Jahr nischt von sich hören lassen, uff eemal is se wieder uffjetaucht. Ihr Verhältnis weeß ooch nich, wo se is, det hat sojar 'ne Depesche jeschickt, die nich bestellt werden konnte.« »Weil se nu nich uffzefinden is, habe ick Juste for die Stelle vorjeschlagen, die hat Mumm dafor, und verstehen tut se ooch wat«, bemerkte die Alte und bemühte sich, dem ärgerlich dreinschauenden Fräulein bei dem Wiederaufbau ihrer Frisur behilflich zu sein. »Ich werde Ihre Offerte meiner Firma unterbreiten, und sie wird Ihnen darüber schreiben«, erklärte nicht ohne Verlegenheit Holmer und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. »Wie is dann der werte Name Ihrer Firma?« »Kohn.« »Nee, Kohn nich.« »Und Kompagnie.« »Ooch nich. Kohn heeßen die Schuhfritzen, schree über.« »Und das Haus das ich vertrete.« »Da is et doch nich, wo ick die Bluse jekooft habe.« »Vermutlich.« »Janz jewiß nich. Wat haben Se dann for 'ne Hausnummer?« »Siebzehn, Jägerstraße.« »Jägerstraße – nee, da war's nich. Wenn ick dir raten soll, Juste, stellst du dir dort selber vor.« »Es dürfte vielleicht klüger sein, die Aufforderung hierzu abzuwarten.« »Wer weeß, wie lange det dauert. Is die neue Jacke for mir fertig, jehe ick mit ihr hin, da seh'n Se ooch, wat se kann.« Holmer atmete erleichtert auf, als er die Straße wieder betrat. Er fühlte, daß er kein Talent zum Detektiv besaß, und schämte sich fast der Rolle, die er gespielt hatte. Mit sich selbst, und noch mehr mit der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen unzufrieden, suchte er seine Wohnung auf, hoffend, bei emsiger Arbeit die Widerwärtigkeiten des Tages zu überwinden. Aber so sehr er sich auch bestrebte, den Gedanken eine seinen Absichten entsprechende Richtung zu geben, stets schweiften sie wieder anderen Dingen und schließlich Emilie zu. So vergingen die Stunden mit fruchtloser Tätigkeit, und als er sich spät abends zur Ruhe begab, mußte er sich sagen, daß er einen Tag seines Lebens vergeudet habe. In ähnlicher Weise verfloß eine ganze Woche, dann wurde er allmählich ruhiger und suchte wieder regelmäßig seine Stammkneipe auf, wo er Anregung und Zerstreuung fand, die neue Schaffensfreude in ihm weckte. Brachte der nahende Lenz einen sonnigen Tag, eilte er ins Freie, um sich im Tiergarten zu ergehen, oder die Vororte in Gesundheitsmärschen zu durchqueren. Bei solchem Anlaß führte ihn sein Weg, an einem klaren Apriltag, über die Invalidenstraße, die er seit Monaten nicht betreten hatte. Vor dem Hause, in dem Therese wohnte, blieb er unwillkürlich stehen. War es nicht merkwürdig, daß er nie daran gedacht hatte, sich hier, wo er es ohne Scheu tun konnte, nach Emilie zu erkundigen? Er machte sich einen Augenblick über seine Kurzsichtigkeit Vorwürfe und überlegte, ob er das Versäumte nachholen, oder die Wunde weiter heilen und vernarben lassen sollte. Nach kurzem Besinnen kam er zu dem Entschluß, noch einen Versuch wagen zu wollen. Mit raschen Schritten suchte er den Hof auf und stieg die zwei Treppen nach Theresens Wohnung empor. Er mußte mehrmals klingeln, weil ein Walzer, aus einem verstimmten Klavier holprig vorgetragen, das Zeichen übertönte. Endlich ging die Musik zu Ende, und Therese öffnete die Türe und begrüßte mit freudigem Erstaunen den seltenen Gast. »Is't de Menschenmöglichkeit, Herr Holmer! Die Ehre hätte ick mir heute nich träumen lassen, nee, weeß Jott nich! Is man bloß jammerschade, daß Leitnant nich zu Hause is; hätte der sich jefreut. Leitnant hat nämlich 'ne feste Stelle, det wissen Se noch jar nich; bei 'ner Lebensbank. Ick male ooch nich mehr, ick habe jenug jemalen, ick bilde mir jetzt for Musike aus, det is lohnender. Bitte, kommen Se rin.« Holmer folgte der Einladung und sagte, als er das Zimmer betrat: »Da mich mein Weg durch Ihre Straße führte, wollte ich nicht an Ihrem Hause vorübergehen, ohne Ihnen guten Tag zu wünschen und mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen.« »Det hätte schon früher jeschehen sollen – jawoll! Nu aber müssen Se, zur Strafe der Unterlassung, 'ne Tasse Tee mit mir trinken.« »Ich danke wirklich, ich komme eben aus dem Kaffeehaus.« »Machen Se sich man keen Fleck! An 'ner Tasse Tee, nach 'ner Tasse Kaffee is noch keener jestorben, und wat zum knuspern, is immer da.« Mit diesen Worten zündete sie die Spiritusflamme unter der Teekanne an und setzte sich Holmer gegenüber an den Tisch. »Sie waren verrissen?« »Ja, vor einigen Wochen bei meiner Mutter.« »Is se nu wieder janz mobil?« »Gott sei Dank!« »Von Emilie haben Se noch nischt jehört?« »Sie wissen also?« »Na ob, sie war, seit se von Spandau weg is, schon zweemal bei mir.« »Und hat sich ausgesprochen?« »Mit Treenen, jawoll. Ick verstehe nich, tat ick ihr ausenanderpolken, wie man weenen kann, wenn man absichtlich sich wat injebrockt hat. Wenn mir mein Verhältnis nich schnuppe is, jebe ick et ooch nich uff; tue ick et aber doch, dann muß et mir ooch schnuppe sind.« »Haben Sie nicht gefragt, wieso sie überhaupt auf den Einfall kam?« »Jewiß! Se wollte Sie nich unjlücklich machen, hat se jemeent. Ick bin ihr aber ins Wort jefallen und habe jesagt: Weeßt de dann, ob er dir heiratet? Wenn er nu unjlücklich jemacht will sind, jeht det dir wat an?« »Nun und?« »Nu hat se mir klar machen wollen, det et so besser wäre. Uff die Dauer paßten se doch nich zusammen, Sie stünden zu hoch über ihr. Bist woll anjebufft, det is doch keen Fehler nich! habe ick ihr uffjeklärt. Enn Mann steht nie zu hoch for 'ne Frau, umjekehrt kann det der Fall sind. Meenste, wenn mein Leitnant Jeneral jeworden wäre, ick hätte deshalb mit ihm jebrochen? Nee, so duzelig bin ick nu doch nich!« »Glauben Sie, daß Emilie noch heute so denkt wie damals?« »Warum nich? Die hat jar 'nen harten Demel und is höllisch übelnehmsch. Sie hat ooch schauderös viel durchjemacht in Spandau, bei die olle Lärmstange von Schwiejermutter. Sowat rujeniert det beste Jemüt – na, und enn jebranntes Kind scheut der Feuer. – Sehen Se, det Wasser kocht schon, nu können wir jleich Tee trinken.« Während sie das Getränk bereitete und einen Teller mit Cakes auf den Tisch stellte, sah Holmer sinnend vor sich hin und sagte erst, als sie die würzige Flüssigkeit in seine Tasse goß: »Ich spiele in dieser Sache eine wenig beneidenswerte Rolle – Liebhaber a. D. – aber trotzdem sie mir den Stuhl so unerwartet vor die Türe gesetzt hat, hege ich doch keinen Groll gegen sie.« »Da haben Se ooch keenen Jrund zu«, erklärte Therese, »der Entschluß, sich von Ihnen zu trennen, is ihr nich leicht jeworden, det habe ick aus jedem Wort jehört, det se darüber jesprochen hat.« »Mein Wunsch ist heute noch, ihr auf irgend eine Art nützlich zu sein.« »Ick weeß nich, ob Se wat damit erreichen.« »Ist auch meine Absicht nicht – sie sollte sich nur gründlich erholen können.« »Det tut se. Wie se mir voricht Woche besucht hat, war se schonst wieder uff'n Damm und schien sich in allens rinjefunden zu haben. Et fehlt ihr ja ooch nischt; se wohnt bei 'ner verheirateten Schulfreundin, der se schneidern hilft, und wo se, wie se sagt, jehalten wird wie det Kind vom Hause.« »Hier in Berlin?« »Det is 'ne Jewissensfrage – det heeßt: Nichts Jewisses weeß man nich. Se is mit dem Namen ihrer Freundin und Wohnung so verschwiejen, als wenn bei ihr zu Hause falsches Jeld gemacht würde.« »Das verstehe ich nicht.« »Leitnant ooch nicht, höherer Mumpitz is et, sagt er. Ick jloobe, se tut det man bloß wejen Sie.« »Das dürfte überflüssig sein«, erklärte Holmer, durch diese Möglichkeit offenbar verletzt, und erhob sich. »Es ist wahr, ich hätte mich gerne mit ihr über mancherlei ausgesprochen, aber seitdem ich annehmen muß, daß ihr das peinlich ist, verzichte ich natürlich darauf. Um eines aber, Fräulein Therese, möchte ich Sie bitten –« »Schießen Se man los.« »Daß Sie mir über Emilie Nachricht zukommen lassen, sobald deren Verhältnisse eine Aenderung erfahren. Sind auch die Beziehungen zu ihr gelöst, so nehme ich trotzdem regen Anteil an ihrer Zukunft.« »Wenn Se sonst nischt wollen, kann Ihnen jeholfen werden. Sie wohnen noch, wo Se jewohnt haben?« »Gewiß, Sie kennen ja meine Adresse. Im übrigen bitte, Emilie gegenüber, um Diskretion.« »Natürlich! Wat wir jesprochen haben, bleibt in der Familie. Verweilen Se doch noch en bisken, Leitnant muß alle Oogenblicke kommen.« Trotz dieser freundlichen Aufforderung verabschiedete sich Holmer unter dem Vorwand, in Moabit noch einen Besuch abstatten zu wollen, und entfernte sich mit der Zusage, gelegentlich wieder vorzusprechen. Nachsinnend kehrte er nur langsam und auf Umwegen nach seiner Wohnung zurück. Es war ihm während dieser Wanderung vollständig klar geworden, daß er sich künftig einzig und allein auf sich selbst besinnen und von weiteren Versuchen, eine Unterredung mit Emilie zu erlangen, absehen müsse. Schon in den nächsten Tagen wandte er sich wieder mit der ganzen Energie seines Geistes langgeplanten neuen Arbeiten zu und hatte nach deren Vollendung die Genugtuung, daß sie in weit höherem Maße als seither Anerkennung und Verbreitung fanden. Auch der Umstand, daß er sich mehr und mehr einzelnen Gliedern seiner abendlichen Stammtischrunde näherte, förderte sein Emporkommen. Namentlich war es Schiroky, mit dem er sich in letzter Zeit inniger angefreundet hatte, der vermöge seiner vielfachen Beziehungen zur Presse den Holmerschen Dichtungen Aufnahme und Besprechung in den angesehensten Zeitungen verschaffte. So war Frühling und Sommer vergangen, und schon streute der Herbst welke Blätter über das Land, als Schiroky, der sich einer Augenoperation unterziehen mußte, im Einvernehmen mit dem Verlag seiner Zeitung, Holmer den Vorschlag machte, vertretungsweise, bis zu seiner Genesung, die Redaktion des Feuilletons zu übernehmen. Obgleich innerlich widerstrebend kam der junge Schriftsteller diesem Anerbieten dennoch nach und fand zu seiner eigenen Ueberraschung, nachdem er die ersten Schwierigkeiten in dem ungewohnten Wirkungskreise überwunden hatte, sogar Gefallen an seiner neuen Tätigkeit, welche ihm genügend Zeit zu eigenem Schaffen ließ. Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis Schiroky wieder in der Lage war, seinen alten Posten einzunehmen. Holmer arbeitete zur Uebergabe der Geschäfte noch einige Tage an seiner Seite, und bei dieser Gelegenheit fragte ihn Schirocky, ob er nicht gewillt sei, nachdem er sich als Redakteur bewährt habe, eine feste Stelle als solcher anzunehmen. »Es ist immer ein sicheres Stück Brot, lieber Holmer, selbst wenn man nicht darauf angewiesen ist,« sagte er, »und nichts hindert Sie dabei, Ihre hochfliegenden Pläne weiter zu verfolgen. Gerade im Augenblicke könnte ich Ihnen zur Erlangung einer höchst ehrenvollen Stellung bei einem großen süddeutschen Blatte, in der Nähe Ihrer Vaterstadt, behilflich sein.« Holmer erbat sich Bedenkzeit, während der er das Für und Wider reiflich erwog und schließlich in der Erinnerung an seine Mutter zu dem Entschlusse kam, der Offerte näherzutreten. Schon nach kurzen Verhandlungen kam ein Vertrag zu stande, demzufolge er bereits am ersten Juni die Stelle eines Redakteurs beim Feuilleton zu übernehmen hatte. Die wenigen Wochen, die ihn noch von diesem Termine trennten, schwanden im Fluge dahin, und als der letzte Sonntag des Mai über Berlin in wunderbarer Pracht emporstieg, rüstete er sich zur Abreise. Er wählte den Abendzug zur Fahrt, weil er hierdurch Zeit gewann, noch einige versäumte Abschiedsbesuche nachzuholen. Da er sich dabei einer Automobildroschke bediente, hatte er bereits um zwei Uhr alles erledigt und suchte nun, gemächlich durch die Straßen schlendernd, ein erstbestes Restaurant auf, das er bald fand, um dort sein Mittagsmahl einzunehmen. Von dem Tische, an dem er sich niedergelassen hatte, fiel sein Blick, sobald er von seinem Teller aufsah, durch die weit geöffneten Fenster über einen freien Platz nach dem Portal einer gotischen Kirche. Eben öffnete sich von innen die Türe des Gotteshauses, und ein dickbäuchiger Küster, ein Samtkäppchen auf dem ergrauten Scheitel und eine rotangehauchte Habichtsnase im gelben Gesichte, trat auf die Straße und sah sich nach allen Seiten um. Er hatte nicht nötig, lange zu lauern, denn bald strömten zahlreiche Mütter, mit Täuflingen auf den Armen, begleitet von ihren Ehemännern und den Paten oder Patinnen herbei, um sich nach der Kirche zu begeben. Alle, die zu Fuße kamen, ließ der Mann im Samtkäppchen ungehindert und unbeachtet passieren, sobald aber eine Droschke vorfuhr, regte sich sein gefälliges Gemüt und mit freundlichem Kopfnicken öffnete er den Wagenschlag und geleitete den jungen Weltbürger bis zu dem Orte, wo seine Aufnahme in dem Bunde der Nächstenliebe erfolgte. Nachdem die Taufakte vorüber waren, nahmen die Trauungen ihren Anfang. Jetzt verwandelte sich das Bild. Mitglieder von Gesangvereinen versammelten sich auf dem freien Platze. Brautleute und Trauzeugen betraten die Kirche, Freunde und Bekannte erwarteten Neuvermählte am Portal; und Neugierige, die sich am Anblick einer Braut erfreuen, oder schlechte Witze über das junge Paar reißen wollten, drängten sich herbei und versperrten den Weg. Der Mann mit dem Samtkäppchen bemühte sich eifrig, die Passage frei zu halten, vergaß aber dabei nicht, alle Augenblicke in die Ferne nach näherrollenden Karossen, mit vergoldeten Adlern auf den Laternen, auszuschauen. War er so glücklich, ein solches Gefährt zu erblicken, stürzte er schnaufend nach der Kirchentüre, zerrte aus einem Winkel einen Ballen Läufer hervor, rollte ihn bis zum Rande des Bürgersteiges auf und erwartete dann, in dienstfertiger Haltung, das Vorfahren der Hochzeitskutsche. Kaum war das Brautpaar ausgestiegen und im Halbdunkel der Kirche verschwunden, brachte er den schmalen Teppich eilig wieder an die alte Stelle zurück, auf daß Paare, die mit Hilfe von Taxametern oder gar per Pedes in den heiligen Stand der Ehe traten, vom Hochmutsteufel besessen, nicht über das blumige Gewebe schritten. Der Traubetrieb war heute ein besonders reger, mehr als zwei Dutzend Heiratslustiger nahmen in der kurzen Zeit von kaum anderthalb Stunden den priesterlichen Segen für ihre Ehe in Anspruch. Der Läufer rollte deshalb alle Augenblicke hin und her und vermittelte allen denen, die in der Wahl der Mitgift vorsichtig waren, den Weg nach und von dem Altar. Holmer sah dem lebhaften Treiben mit Gleichgültigkeit zu und schlürfte dabei behaglich seinen Kaffee nach dem Mahle. Er hatte sich eine Zigarre angesteckt und blies den Rauch in Ringelform dem Fenster zu. Jetzt richtete er sich empor, griff nach seinem Zwicker und schaute mit erhöhter Aufmerksamkeit nach der Straße. War das nicht Leutnant Langenfeld und Therese? Wahrhaftig! Er trug eine Rose im Knopfloch, und sie einen Maiblumenstrauß im Gürtel. Seit einem Jahre hatte er die beiden nicht gesehen und schon wollte er die Gelegenheit ergreifen, auch ihnen ein herzliches Lebewohl zu sagen, als sein Auge eine andere Gruppe fesselte. Es war eine junge Frau in Begleitung eines älteren Mannes, um den ein Junge und ein Mädchen tollten und wider die Leute rannten. Holmer besann sich, er hatte die Frau schon irgendwo gesehen – endlich fiel ihm ein, daß es eine der Schneiderinnen war, die im Nachbarhause seiner früheren Wohnung gearbeitet hatten. Mit diesem Erkennen bestürmte sein Gehirn eine Fülle von Erinnerungen, aber er fand keine Zeit, ihnen nachzuhängen, denn eine hagere alte Frau, den geschlossenen Regenschirm in der knöchernen Rechten, nahm plötzlich sein ganzes Interesse in Anspruch. Sie drängte sich durch die Reihen der Umstehenden und pflanzte sich breit vor der Kirchentüre auf, wo sie einem Postunterbeamten in schäbiger Galauniform und dessen Frau, die einen großen, ungezogenen Rangen nachzerrte, mit grimmiger Gebärde zuwinkte, sich zu beeilen und neben ihr aufzustellen. Abermals waren Neuvermählte über den streng behüteten Teppich nach ihrem Wagen geschritten, und der Küster bemühte sich bereits, denselben wieder zusammenzurollen, als eine Droschke vorfuhr, der ein gesetzter, kräftiger Mann im Hochzeitsstaate entstieg und einer Braut, im schwarzen Kleide mit langem weißen Schleier und Blumen im Haar, die Hand bot, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Holmer hatte sich erregt von seinem Sitze erhoben und starrte mit pochendem Herzen hinüber. Noch konnte er ihr Gesicht nicht sehen, doch jetzt, als sie den Arm ihres Bräutigams nahm und dabei eine Wendung mit dem Kopfe machte, erkannte er sie und bebte zusammen – Emilie! – – – – – – Kaum war das Brautpaar in der Kirche verschwunden, verließ er, von den widerstreitendsten Gefühlen verwirrt, das Restaurant und durchmaß planlos die durch das herrliche Wetter verwaisten Straßen, den Zufall verwünschend, der ihm am letzten Tage seines Aufenthalts in der Weltstadt noch eine Wunde geschlagen. Als er an die Janowitzer Brücke kam, tönte Musik und Gesang von den Dampfern zu ihm empor und erfüllte seine Seele mit unsagbarem Weh. Er zählte die Minuten bis zu seiner Abreise, und als er seine Wohnung zum letzten Male betrat, um die während des vormittags eingegangenen Briefschaften in Empfang zu nehmen und die Schlüssel an seine Wirtin abzuliefern, kam ihm der sonst so traute Raum frostig und unbehaglich vor und er war froh, daß er ihn verlassen konnte. Erst als er sich allein in einem Abteil seines Zuges befand und aus der weiten Halle des Anhalter Bahnhofes hinausfuhr, fühlte er sich leichter, holte die Postsachen, die er unbesehen in die Tasche geschoben hatte, hervor und besah sie näher. Es waren Zeitungen und Abschiedskarten, auch ein Brief war darunter, den er erbrach und las: »Geehrter Herr Holmer! Sie werden sich wohl kaum noch unserer erinnern, solange ist es her, daß Sie, trotz Ihrer Zusage, nicht mehr bei uns waren. Da ich Ihnen aber bei Ihrem letzten Besuche versprochen hatte, Sie über die Schicksale Ihrer einstigen Liebe zu unterrichten, so teile Ihnen mit, daß sich Emilie vor sechs Wochen mit dem Bruder ihrer Freundin, bei der sie wohnt, verlobt hat und bereits morgen getraut wird. Ihr Bräutigam ist ein einfacher und, wie es heißt, sehr fleißiger Mann, der in Rixdorf eine kleine Schlosserei betreibt. Ein langes Verhältnis hat nicht bestanden, es ist eine sogenannte Vernunftsheirat. Leutnant meinte, ich sollte Ihnen nichts davon schreiben, ich aber sagte ihm, daß meine Nachricht Ihnen nur angenehm sein könnte, da Sie nun wüßten, daß Sie aller Verbindlichkeiten ledig wären. Habe ich recht? Hoffentlich beehren Sie uns mal wieder mit Ihrem Besuche, Sie brauchen nicht zu fürchten, mit Emilie zusammenzutreffen, denn sie hat selbst erklärt, sich künftighin rar halten zu müssen. Mit herzlichen Grüßen von Leutnant und mir, verbleibe Ihre ergebene Therese Waldau.« Als Holmer zu Ende gelesen, zerknitterte er unabsichtlich mit zuckenden Fingern den Brief und sah dabei sinnend, durch das offene Fenster hinaus, in die milde Maiennacht, wo die fliehenden Lichter gespenstig vorbeihuschten und fern und ferner in der Dunkelheit erloschen. Dann zerriß er das Schreiben in kleine, kleine Stückchen und gab sie dem Winde preis, der sie im tollen Wirbel zurückzuführen schien, von wannen sie gekommen, mit sich nehmend alle Erinnerungen an eine glückliche Jugendtorheit. Als der letzte Fetzen seinen Blicken entschwunden, lehnte er sich in das Polster zurück, und ein sanfter Schlummer umfing seine müden Sinne; er träumte von seiner Vaterstadt, von seinem alten Mütterlein, das seiner mit Sehnsucht harrte, und ein glückliches Lächeln umspielte seine Lippen.