Ludwig Thoma Die Lokalbahn Komödie in drei Akten Personen: Friedrich Rehbein rechtskundiger Bürgermeister von Dornstein Anna Rehbein seine Frau Susanna beider Tochter Karl Rehbein Major a. D., Bruder des Bürgermeisters Frieda Pilgermaier Schwester der Bürgermeisterin Dr. Adolf Beringer Amtsrichter, Bräutigam der Susanna Rehbein Josef Schweigel Brauereibesitzer Franz Stelzer Kaufmann Anton Hartl appr. Bader Mathias Kiermayer Schreinermeister Xaver Gruber Schlossermeister Peter Heitzinger Redakteur des Dornsteiner Wochenblattes Alois Gschwendtner Buchbindermeister Jakob Lindlacher Drechslermeister Marie Dienstmädchen bei Rehbein Bürger von Dornstein, Frauen, Kinder, Musikanten Zeit: Gegenwart. Ort: Dornstein, eine deutsche Kleinstadt 1. Akt 2. Akt 3. Akt Erster Akt Gartenzimmer der Wohnung des Bürgermeisters Rehbein. Nach rückwärts durch die Fenster und die offene Tür Blick in den sommerlichen Garten. Heißer Sommernachmittag. Erste Szene Frau Bürgermeister, ihre Tochter Susanna, Major Rebbein sitzen beim Kaffee. Major über seine Zeitung wegblickend. Der Fritz muß nun bald kommen? Frau Bürgermeister Wenn er am Vormittag fertig wurde. Seufzt. Ach ja! Major Hm! Liest wieder die Zeitung und raucht an der Pfeife. Frau Bürgermeister Ach Gott, ja! Suschen, gib mir den Honig. Suschen reicht ihr die Schale; die Bürgermeisterin streicht Honig auf die Brötchen und seufzt wieder. Wenn er nur schon wieder glücklich zu Hause wäre! Major über die Zeitung weg. Was soll ihm denn passieren? Gestern abend ist er in die Stadt, und heute kommt er wieder. Frau Bürgermeister Er hat eine Unterredung mit dem Minister. Major Das ist nicht immer angenehm, aber lebensgefährlich ist es nicht. Frau Bürgermeister Mit dir kann man über so was nicht reden. Zu Suschen. Gib mir nochmal den Honig! Suschen reicht ihr die Schale. Was tut Papa beim Minister? Frau Bürgermeister Du weißt doch, wegen der Bahn. Suschen Immer die Bahn! Frau Bürgermeister Man hört nichts anderes mehr seit einem Jahr. Die Bahn und die Bahn. Suschen Mein Adolf sagt auch, es sei gräßlich. Major brummig. So? Suschen Und er sagt, er wäre mit dem Streit gleich fertig, wenn er zu entscheiden hätte. Major Sagt das der Adolf? Suschen Ja, und er hat auch ganz recht. Major Na, überall sind der Herr Amtsrichter nicht maßgebend. Frau Bürgermeister Mir wäre alles recht, wenn Fritz sich nicht so weit einlassen würde. Major Das muß er wohl oder übel. Frau Bürgermeister Er hat die ganze Arbeit und dazu die Aufregung. Major Was ist denn dabei, wenn er dem Minister Vorstellungen macht? Frau Bürgermeister Wenn er ruhig wäre! Aber, er war so wütend. Major lacht. Der Fritz? Frau Bürgermeister Ja. Hättest du ihn nur gehört! In der Nacht hat er mit sich selber geredet, und beim Abschied sagte er, daß er einmal gründlich von der Leber weg reden wolle. Major Die Fahrt in die Residenz dauert vier Stunden. Da vergeht ihm der Zorn, wie ich ihn kenne. Frau Bürgermeister Du beurteilst ihn ganz falsch. Er kann schrecklich aufbrausen. Major Wenn er's nur tät'! Frau Bürgermeister Ja freilich! Major Das hätte sich schon vor einem Jahr gehört. Frau Bürgermeister Ich habe die größte Angst, daß er sich hinreißen läßt. Suschen Adolf sagt oft, Papa sei viel zu frei in seinen Äußerungen. Major Ja, wenn man eben so korrekt ist wie dein Amtsrichter. Suschen Du bist immer gegen ihn, Onkel – und... Von links tritt Dr. Beringer ein; blond, trägt Brille. Typus eines jungen Pedanten, Suschen springt ihm entgegen. Zweite Szene Frau Bürgermeister. Suschen. Major. Dr. Beringer. Suschen Servus, Schatz! Beringer Aber Suschen! Guten Tag. Immer so burschikos! Major hinter seiner Zeitung. Gewöhn dir's ab, Susanna Rehbein! Beringer Guten Tag, Herr Major. Major Guten Tag. Frau Bürgermeister Du trinkst mit uns Kaffee, Adolf? Beringer Ich sollte eigentlich ins Bureau. Suschen Nein. Du mußt bleiben. Beringer Also auf eine Tasse. Er setzt sich, Suschen stellt ihm eine Tasse hin und nimmt aus der Dose einige Stücke Zucker. Suschen Wieviel Zucker heute? Drei? Beringer Du weißt, ich nehme mir selbst. Nimmt sich aus der Zuckerdose etwas umständlich drei Stücke, Suschen legt die ihrigen auf den Tisch und schenkt ihm den Kaffee ein. Beringer Papa ist noch nicht zurück? Frau Bürgermeister Nein; der Omnibus muß Verspätung haben. Beringer An der Post habe ich ein paar Leute gesehen. Die erwarteten ihn scheinbar; das ist ja eine fürchterliche Wichtigkeit. Frau Bürgermeister Gerade haben wir davon gesprochen. Suschen Wer war an der Post? Beringer Herr Stelzer und noch ein paar. Der Herr Schweigel natürlich. Suschen Hast du mit ihnen geredet? Beringer Nein. Ich bin froh, wenn ich nichts höre. Die Leute tun ja so, als ob die ganze Welt von ihrer Bahn abhinge. Major Es ist doch klar, daß sie sich darum kümmern. Beringer Gewiß. Aber das Ministerium hat definitiv entschieden, und da hilft alles Reden nichts mehr. Major Man kratzt sich, wo's einen juckt. Beringer . Die Bahn ist ja genehmigt. Major Aber wie! Der Bahnhof kommt eine Viertelstunde vor die Stadt hinaus. Beringer Bis jetzt hat man zur nächsten Station drei Stunden mit dem Omnibus fahren müssen. Major Das ist doch kein Grund, daß man die Bahn unpraktisch anlegt, wenn man sie schon einmal baut. Frau Bürgermeister Ich habe gemeint, die ewige Streiterei nimmt ein Ende; warum ist jetzt auf einmal wieder der Spektakel? Major Weil vorgestern ein Schreiben herauskam. Bis dahin hat man noch eine schwache Hoffnung gehabt. Beringer Das Ministerium hat die Hetzerei satt bekommen und erklärt: »Entweder – oder.« Major Sehr einfach. Entweder – oder. Beringer Ja. Entweder kommt die Bahn dorthin, wo die Regierung sie haben will – oder sie kommt überhaupt nicht. Frau Bürgermeister Mein Mann hat so eine Andeutung gemacht, aber er hat mir nichts Näheres gesagt. Major Er ist ja deswegen in die Stadt, damit er den Minister noch umstimmt. Das wird was helfen! Wenn die Herren überhaupt sehen wollten, wäre es nicht zu dem Projekt gekommen. Beringer Herr Major, ich habe als Jurist vielleicht so viel Verstand wie ein Normalbürger von Dornstein. Aber ich maße mir nicht an, in technischen Fragen mitzureden. Für mich ist maßgebend die Behörde; sie wird ihre Gründe haben. Major Freilich hat sie Gründe. Aber keine sachlichen. Beringer Ich muß wirklich bitten. Major Bitten S' nicht lang und schauen Sie einmal her! Er stellt den Brotkorb vor sich hin. Das ist Dornstein? Verstanden? Frau Bürgermeister Geht das schon wieder an? Major Jetzt misch dich einen Augenblick nicht drein. Suschen Ist das auch eine Unterhaltung? Major Stillgestanden! Schauen Sie einmal her, Herr Amtsrichter! Ich habe ja nicht so viel Verstand wie ein Jurist, aber das kann ich Ihnen noch zeigen. Nimmt wieder den Brotkorb. Also, das ist Dornstein. Nicht wahr? Beringer gelangweilt. Nun ja. Major Da rechts liegt Pertenstein. Legt eine Semmel hin. Von daher soll die Bahn gehen. Also, meint man, geht sie auf dem schnurgeraden Wege hierher südlich. Der Boden ist eben und fest. Noch dazu käme der Bahnhof hart an die Stadt. Alle Gründe sind dafür. Aber nein, nichts da! Die Bahn muß da heroben deutet um die Stadt herum, durch nasses Terrain, schneidet den Garten vorn Bierbrauer Schweigel mitten durch, und der Bahnhof liegt weitmächtig draußen. Sehen Sie da sachliche Gründe? Beringer nervös. Ich bin eben nicht Techniker. Ich sehe sie nicht, aber sie sind jedenfalls vorhanden. Major sieht ihn einen Augenblick an. Ja so. Da hätte ich mir die Arbeit sparen können. Tun wir den Bahnhof wieder weg! Schiebt den Brotkorb zurück. Frau Bürgermeister Das ist auch das Gescheiteste. Ihr werdet ja doch nicht einig. Major Allerdings. Beringer Ich finde es – abgesehen von allem anderen so zwecklos, an einer beschlossenen Sache rütteln zu wollen. Major Auch dann, wenn man das Unrecht sieht? Beringer Was, Unrecht! Major Warum soll man Verstecken spielen? Jedermann weiß, daß der Baron Reisach für seine Ziegelei den Umweg durchgesetzt hat. Beringer Er ist einmal der größte Industrielle im Bezirk. Major Dann soll er sich selber ein Gleis bauen. Beringer Ich begreife nicht, warum Sie sich darüber aufregen. Es muß Ihnen doch peinlich sein, wenn die Leute fortwährend über die Autorität losziehen. Major Das ist mir ganz wurst. Ich begreife vielmehr nicht, wie einem bloß das gelten kann, was mit dem Amtssiegel petschiert ist. Beringer Ich bin Beamter. Major Wie ich jung war, hat man die Menschheit nicht in Beamte und sonstige Zweifüßler eingeteilt. Frau Bürgermeister jetzt hört aber auf! Suschen Du bist recht garstig, Onkel! Beringer Ich halte es für meine Pflicht, keine Kritik auszuüben. Major Wenn man sieht, daß ein Unsinn gemacht wird, sagt man es frisch weg. Beringer erregt. Sie wollen doch nicht sagen, daß eine Behörde in ihrem Wirkungskreis einen Unsinn begeht? Major Warum denn nicht? Halten Sie die Leute für unfehlbar? Beringer In gewisser Beziehung – ja! Major schlägt zornig auf den Tisch. Drei Teufel übereinander! Da hört sich doch Verschiedenes auf. Frau Bürgermeister Aber Schwager! Major Das ist der richtige Hochmut! Deswegen werden heutzutag so viele Dummheiten gemacht. Beringer ist aufgestanden, knöpft den Rock zu, nimmt den Hut und verbeugt sich sehr gemessen. Beringer Ich habe die Ehre. Suschen steht ebenfalls auf. Bleib, Adolf! Der Onkel meint es nicht so. Beringer geht nach links. Ich muß dir offen gestehen, daß mir derartige Szenen unangenehm sind. Meine Stellung erlaubt mir nicht, alles anzuhören. Suschen schiebt ihren Arm unter den seinen; sie gehen zusammen links ab. Man hört Beringer noch unter der Türe sagen: Als Beamter habe ich gewisse Rücksichten zu üben... Dritte Szene Frau Bürgermeister. Der Major. Frau Bürgermeister Müßt ihr denn immer streiten? Jedesmal fängst du an. Major Da gehört eine Schafsgeduld dazu, wenn man so was hört. Frau Bürgermeister Du bist schon zornig, wenn Adolf nur den Mund aufmacht. Major Ich kann es nicht leiden, wenn einer sich stellt, als wenn er einen Ladstecken verschluckt hätte. Frau Bürgermeister Mit dem Streiten wird auch nichts besser. Major Es wird einem gleich viel wohler, wenn man seine Meinung heruntersagt. Frau Bürgermeister lebhaft. Der Fritz! Da kommt der Fritz! Durch die Gartentür treten ein Bürgermeister Rehbein, Bierbrauer Schweigel und Kaufmann Stelzer. Rehbein gutmütig, etwas altväterisch, in den fünfziger Jahren, Schweigel gesunder Bierbrauertypus, Stelzer mit kleinstädtischer Sorgfalt gekleidet, höflicher Kaufmann mit gewählter Redeweise. Schweigel trägt diensteifrig den altmodischen Reisesack des Bürgermeisters. Vierte Szene Frau Bürgermeister. Major. Bürgermeister. Schweigel. Stelzer. Frau Bürgermeister freudig. Grüß Gott, Fritz! Bürgermeister sie auf beide Wangen küssend. Grüß Gott, Mama! Da wären wir ja wieder daheim. So, Karl! Schüttelt dem Major die Hand. Das hätten wir überstanden. Wo ist denn Suschen? Frau Bürgermeister Mit Adolf. Er ist gerade fort. Bürgermeister So, mit Adolf? Du, Mama, die Herren waren so liebenswürdig und haben mich an der Post abgeholt. Frau Bürgermeister Das ist nett von Ihnen. Stelzer Bitte sehr, Frau Bürgermeister. Nicht mehr wie billig. Als Vorstand des Gemeindekollegiums war es sozusagen meine Schuldigkeit. In dieser Beziehung. Schweigel Und mir hätten aa glei' wissen mögen, wia's ganga hat. Aba der Herr Bürgermoasta hat no koa Zeit g'habt zum Verzählen vor lauter Freud, daß er wieda dahoam is. Bürgermeister Die Herren müssen zum Kaffee bleiben. Frau Bürgermeister Freilich! Geht zur Türe links und ruft: Marie, noch zwei Tassen! Zu Stelzer und Schweigel. Sie schenken uns doch die Ehre? Stelzer Bitte sehr, Frau Bürgermeister, die Ehre ist unsererseits. Wenn Sie erlauben, sind wir so frei. Alle setzen sich. Bürgermeister Das ist ja behaglich nach dem Trubel in der Stadt. Schweigel I bin aa jed'smal froh, wenn i wieda dahoam bi'. Stelzer Unser Dornstein vereinigt sozusagen die Vorzüge des Stadt- und Landlebens! Man genießt die Ruhe und ist doch in den nötigen Lebensbedürfnissen nicht zu sehr beschränkt. Frau Bürgermeister Aber erzähl doch, Fritz! Wie hat es gegangen? Schweigel Hamm S' an Minister troffen? Zu Marie, die den Kaffee gebracht hat und einschenkt. A bissel mehr Milli, bitt schön. Major Schieß mal los! Bürgermeister Es war ein heißer Tag, meine Herren. Ein sehr heißer Tag. Schweigel Und wer gibt nach? Mir oder de ganz andern? Bürgermeister Leider, meine Herren, zu meinem Bedauern, zuckt die Achseln ich konnte nichts mehr ändern. Schweigel heftig. I hab's ja glei g'sagt. Da hat's koana glaab'n wollen. Auf Stelzer deutend. Da sitzt aa so oana, der allaweil predigt hat: nur Ruhe – nur Ruhe! Jetzt hamm s' an Dreck. Entschuldigen schon, Frau Bürgermoasta. Stelzer Wir, im Gemeindekollegium, glaubten, daß ein maßvolles Verhalten am besten sein würde. Schweigel Nix is – Hätt'n ma nur 's Maul besser aufg'rissen. Major Also glattweg abgelehnt, Fritz? Bürgermeister Der Minister bleibt bei dem Entweder – Oder. Schweigel Und lacht uns brav aus. Bürgermeister Das nicht. Im Gegenteil. Es sind scharfe Worte gefallen. Schweigel Hoffentli, aha – – Stelzer Lassen wir doch unsern Herrn Bürgermeister erzählen. Frau Bürgermeister So fang doch einmal an, Fritz! Bürgermeister Gleich. Also ich fahre gestern früh in die Stadt. Sie können sich denken, in einiger Aufregung. Stelzer Das läßt sich begreifen. Bürgermeister Ich komme an und werde gleich vorgelassen. Wie ich eintrete, sagte der Minister: ›Ah, da ist ja mein lieber Bürgermeister von Dornstein!‹ Schweigel nachäffend. ›Mein lieber!‹ Da bals d' net gehst. Bürgermeister Ich sage: Exzellenz, ich komme heute in dringender Sache. ›Weiß schon‹, sagte er, ›Sie wollen mich in der bewußten Angelegenheit sprechen.‹ Schweigel ›Bewußt!‹ Dös is freili bewußt. Bürgermeister Dann sagte er: ›Ich habe den guten Dornsteinern das Ultimatum stellen müssen. Die Sache geht sonst nicht vorwärts. Hoffentlich hat man sich jetzt eines Besseren besonnen.‹ Schweigel in den Tisch schlagend, daß die Tassen klirren. Hast scho amal so was g'hört? Stelzer Die kommerziellen Interessen unserer Stadt sollten doch besser gewürdigt werden. Schweigel ungestüm. Hamm Sie Eahna des g'fallen lassen? Frau Bürgermeister Was hast du gesagt, Fritz? Bürgermeister Mir ist das Blut siedheiß in den Kopf gestiegen. Ich denke mir, da hört sich doch die Gemütlichkeit auf. Major Ja, und? Bürgermeister Und... und ich trete einen Schritt zurück, und dann habe ich losgelegt. Aber gründlich! Exzellenz, sage ich, wo ist hier das Bessere? Warum, sagte ich, müssen wir uns eines Bessern besinnen? ›Weil ich sonst nicht in der Lage bin, das Projekt zu befürworten‹, sagte er. Major War's dann fertig? Bürgermeister Nein, dann ging es erst recht an. Ich dachte mir, jetzt ist schon alles gleich. Schweigel brüllt. Bravo! Bürgermeister Das ist ein Zwang, sagte ich, ein unerhörter Zwang. Das lassen wir uns nicht bieten! Und dann redete ich mich in den Zorn hinein. Ich weiß auch nicht mehr jedes Wort, aber es war scharf. Schweigel Hamm S' aufdraht? Bürgermeister Ich sparte nichts, was gesagt werden mußte. Frau Bürgermeister ängstlich. Aber Fritz! Bürgermeister Mama, es mußte sein. Schweigel Der werd g'schaugt hamm! Bürgermeister Er war sichtlich betroffen, als ich ging. Das hatte er sich wohl nicht erwartet. Frau Bürgermeister Wenn er dir nur nichts nachtragt Schweigel Ah was! Da san mir Dornstoana scho da! Dös vergessen mir Eahna net, Herr Bürgermoasta, daß S' so aufdraht hamm. Dös is ja großartig! Da! Geb'n S' ma Eahna Hand! Schüttelt dem Bürgermeister kräftig die Hand. Stelzer Mir auch, wenn Sie erlauben, Herr Bürgermeister. Als Vorstand des Kollegiums, und in dieser Beziehung. Bürgermeister Ich danke Ihnen, meine Herren. Sie sind zu freundlich. Ich habe nur meine Pflicht getan. Major Du bist ja ein Hauptkerl, Fritz! Fünfte Szene Suschen rasch von links. Die Vorigen. Alle sind aufgestanden. Suschen Papa! Papa! Bürgermeister küßt sie. Grüß' dich Gott, Suschen. So, mein Kind. Wo hast du Adolf gelassen? Suschen Er muß arbeiten und kommt später. Bürgermeister Schön. Da wollen wir einen vergnügten Abend verleben. Wendet sich wieder zu Schweigel und Stelzer. Wie gesagt, meine Herren, nur meine Pflicht. Schweigel Na, na, Herr Bürgermoasta! Dös war schon mehr. Und wenn's aa nix g'holfen hat, dös vergessen mir Eahna net. Stelzer Wir können mit Stolz darauf zurückblicken. Der Bürgermeister geht mit Schweigel und Stelzer etwas nach rückwärts gegen die Gartentüre zu. Er unterhält sich lebhaft mit ihnen, und man sieht immer wieder, daß Schweigel dem Bürgermeister kräftig die Hand schüttelt. Die Frau Bürgermeister, der Major, Suschen kommen mehr nach vorne. Suschen Mama, was wollen die Herren? Frau Bürgermeister Ach Kind, dein Papa! Suschen ängstlich. Was ist denn? Frau Bürgermeister Er hat wirklich einen schrecklichen Auftritt gehabt. Suschen Beim Minister? Major Ja, furchtbar! Suschen blickt bestürzt auf die Mutter. Aus dem Hintergrund hört man Schweigel sehr laut sagen: Ein Manneswort! Ein deutsches Manneswort! Suschen Wenn ihm nur nichts geschieht, Mama! Frau Bürgermeister Hoffen wir das Beste. Sei nicht zu ängstlich, Suschen! Wir dürfen den Kopf nicht verlieren. Komm, hilf mir abdecken! Sie gehen zum Tische und räumen geräuschvoll das Kaffeegeschirr ab. Frau Bürgermeister Das wird noch alles recht werden. Er ist ja sonst gut angeschrieben. Suschen Glaubst du wirklich? Frau Bürgermeister Gewiß. Und laß auch nur den Adolf nichts merken! Da kommen noch ein paar Herren! Rasch, Suschen! Frau Bürgermeister und Suschen mit dem Kaffeegeschirr links ab. Der Major folgt ihnen. Vom Garten herein treten Redakteur Heitzinger, Schlosser Gruber und Schreiner Kiermayer. Sechste Szene Der Bürgermeister. Schweigel. Stelzer. Heitzinger. Gruber. Kiermayer. Der Major. Heitzinger Guten Tag zu wünschen, Herr Bürgermeister! Kiermayer Grüaß Gott beinand! Bürgermeister Grüß Gott, meine Herren! Heitzinger Wir haben vernommen, daß der Herr Bürgermeister zurück sind, und bei der Aufregung in der Stadt möchten wir um Bescheid bitten. Kiermayer Ma möcht sozusag'n sei G'wißheit hamm! Net wahr? Bürgermeister Leider, meine Herren, leider ist meine Nachricht keine günstige. Schweigel Nix is, Kiermayer! Abg'fahren san ma. Kiermayer Also is so weit, daß mir zuaschaug'n müassen, wia die städtischen Interessen hintangesetzt wern. Gruber Und die Dornsteiner G'schäftswelt. Heitzinger Das ist die Behandlung des Mittelstandes. Bürgermeister Ja, es ist eine böse Sache, meine Herren. Gruber San de Ziagelstoa vom Herrn Baron mehra wert als wia de ganz Stadt? Kiermayer Gibt's da gar koane Mittel und Weg mehr? Heitzinger Sollte die Presse nichts vermögen, Herr Bürgermeister? Bürgermeister Das ist alles umsonst. Schweigel Mir müassen no recht brav sein, sonst kriag'n ma überhaupts gar koa Bahn. Gruber laut. Oho! Kiermayer Dös woll'n ma sehg'n. Schweigel Da brauchst net warten; dös is uns schnurg'rad g'sagt wor'n. Geln S', Herr Bürgermoasta? Bürgermeister Allerdings. Kiermayer Jetzt muaß i scho dumm frag'n: San denn mir gar nix? Mir san do gewissermaßen Bürger und zahlen, wia ma so zu sagen pflegt, unsere Steuern und Abgaben. Schweigel Und net z'weni! Kiermayer Und net z'weni, ganz richtig! Is denn da gar koa Mensch net vorhanden, der wo si rührt und sagt amal alles, was wahr is? Und schon glei a so, daß ma's überall vasteht! Herrschaftseiten überanand! Jetzt wurd i scho glei zorni aa! Heitzinger Ich werde einen fulminanten Artikel schreiben. Schweigel Ah was! Mit dein Artikel, da kost dahoam bleiben! Kiermayer Dös hätt si mündli g'hört, und auf der Stell! Schweigel Is scho g'schehg'n! Da brauchst di net kümmern. Kiermayer Wos? Vo wem? Schweigel Unsa Herr Bürgermoasta! Ha ha! Freunderl, der hat's eahm g'sagt! Kiermayer Is wahr. Schweigel No, mei Liaba! Der hat si hi'g'stellt für uns! Der hat uns vertreten! Bürgermeister Sie dürfen überzeugt sein, daß nichts versäumt wurde. Kiermayer lärmend. Respekt, sag i, Respekt! Schweigel De Herren wissen jetzt, wo der Bartel an Most holt. Und daß mir aa no wer san! Kiermayer Entschuldigen S', Herr Bürgermoasta, dös hab i ja net wissen könna! Gruber Hat nacha des Reden was g'holfen? Bürgermeister Sie wissen, meine Herren, wenn sich die Regierung einmal ihre Meinung gebildet hat! Stelzer Leider! Leider! Bürgermeister Wir dürfen uns keinen Hoffnungen hingeben. Gruber Dös valernt ma scho heutzutage Heitzinger Bei der Untergrabung des Mittelstandes! Kiermayer Aha wart's nur, Manndeln, wenn die Wahlen kemma! Da zoag'n ma's eahna, bei die Wahlen! Bürgermeister Wie gesagt, wenn es Ihnen eine Beruhigung ist, die wahre Meinung der hiesigen Bürgerschaft kennt das Ministerium jetzt. Stelzer Und in dieser Beziehung schulden wir Ihnen den größten Dank. Kiermayer und Gruber unisono. Des tean mir aber aa! Schweigel Gott sei Dank, daß 's no Leut gibt, de 's Herz auf'n recht'n Fleck hamm! Gruber Und a Schneid! Kiermayer Mir lassen aa net aus. Und bal die Regierung, i sag net mehra; Sie vastengan mi scho, Herr Bürgermoasta! Bal die Regierung! Heitzinger Herr Bürgermeister, darf ich Sie um den genauen Wortlaut der Unterredung bitten? Bürgermeister Wozu? Heitzinger Ich muß einen Leitartikel bringen. Einen gepfefferten. Bürgermeister Das ist nicht notwendig, Herr Heitzinger. Wirklich nicht. Er geht mit Heitzinger nach rückwärts. Heitzinger Sie verkennen die Bedeutung der Presse, Herr Bürgermeister. Bürgermeister Durchaus nicht, aber ich bin kein Freund von den Geschichten. Sie entfernen sich gegen die Gartentüre zu. Heitzinger spricht lebhaft auf den Bürgermeister ein. Schweigel Der Heitzinger is eine Wanzen. Kiermayer Du, was hat denn der Bürgermoasta g'sagt? Schweigel Ah, Freunderl, der hat's eahna g'muckt! Gruber Geh! Schweigel Mir lassen uns nix g'fallen, hat er g'sagt, mir Dornstoana, von koan Minister. Mir wollen unser Recht, geht's, wia's mog, sagt er. Kiermayer Ah Herrschaft! Schweigel Ja, und koan Zwang leiden mir durchaus gar net. Mir san freie Bürger, hat er g'sagt. Kiermayer sich auf die Schenkel patschend. Freie Bürger! Schweigel Und der muaß erscht no auf d' Welt kemma, der uns schikanieren derf, hat er g'sagt. Kiermayer und Gruber reiben sich vor Vergnügen die Hände. Haha! Herrschaftseiten! Haha! Schweigel Und so is weiterganga, in dera Tonart. I sag enk, des muaß an ganzen Auflauf geben hamm. Stelzer Es war eine mutvolle Tat. Kiermayer brüllt. Respekt, sag i nomal! So is recht! Stelzer Die Stadt sollte eigentlich ihrem Dankgefühl Ausdruck verleihen. Schweigel Scho deswegen, daß de drobern sehg'n, daß mir zum Bürgermoasta halten. Kiermayer Und daß sie si grean und blau ärgern. Gruber De müassen z'springa vor lauter Gift. Kiermayer Mir müassen was arranschieren. Schweigel Dös verlangt der Anstand; er hat si aa für uns ei'g'legt. Stelzer Wenn mir die Herren erlauben, werde ich die Sache gleich in die Hand nehmen. Schweigel Dös tuast. Kiermayer Da müassen mir uns aha tummeln! Zum Bürgermeister, der mit Heitzinger wieder nach vorne kommt. I geh jetzt; es is nimmer z' fruah. Gruber I geh mit. Pfüat Gott, Herr Bürgermoasta! Stelzer Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen. Heitzinger Ich muß auch noch in meine Offizin. Bürgermeister Dann adieu, meine Herren! und nicht wahr, Herr Heitzinger, der Artikel unterbleibt bis auf weiteres? Kiermayer Was ist, Schweigel? Kimmst net mit? Schweigel Na, i bleib no a bissel, wenn's der Herr Bürgermoasta erlaubt. Bürgermeister Ist mir ein Vergnügen, Herr Schweigel. Schweigel Nacha pfüat enk, und, Stelzer, gel du b'sorgst alles! Stelzer Auf der Stelle. Kiermayer, Stelzer, Gruber, Heitzinger geben zur Gartentüre hinaus. Kiermayer bleibt unter der Türe plötzlich stehen, kehrt um, geht gravitätisch auf den Bürgermeister zu und gibt ihm die Hand. Kiermayer Herr Bürgermoasta, ich hab koa Rednergab, aba Sie verstengan mi schon. I sag net mehra, wie dös: bal die Regierung! Bürgermeister Besten Dank, Herr Kiermayer. Ich weiß ja. Kiermayer Bal die Regierung! Geht langsam ab. Siebente Szene Der Bürgermeister. Schweigel. Der Bürgermeister steckt die Hände in die Hosentaschen und geht auf und ab. Schweigel setzt sich im Laufe des Gespräches auf den rechts vorne stehenden Rohrsessel. Es tritt allmählich Dämmerung ein. Schweigel I mag net hoam geh'. Die Fragerei is mir so z'wider. Sie wissen ja, wie die Frauen san. Bürgermeister Bleiben Sie hier! Wir trinken ein Glas Bier zusammen, wenn es Ihnen recht ist. Schweigel Warum nit? Der Bürgermeister klingelt. Wissen S', Herr Bürgermoasta, i ko's meiner Alten aa net verdenken. Jetzt hamm ma den Garten Gott woaß wie lang, mir hamm selber so a bissel mit g'arbet, hamm unser Freud dro g'habt – und jetzt müassen wir zuaschaug'n, daß'n de Eisenbahn in der Mitt ausanandaschneid't. Bürgermeister Ja, ja! Seufzt. Und was haben wir für Hoffnungen auf diese Bahn gesetzt! Das Dienstmädchen tritt von links ein. Bürgermeister Marie, holen Sie zwei Glas Bier! Marie Ja, gnä Herr! Ab. Schweigel I saget no nix, wenn ma sehet, daß die Abtretung notwendig is zu'n allgemeinen Besten. Aber wenn ma woaß, daß die ganze Stadt no dazu an Schaden davo hat, und daß's grad zum Trotz g'schieht – da vageht oam da Glauben. Bürgermeister Ja, wirklich. Schweigel Es is scho merkwürdig, heutzutage Bürgermeister Sie können sich denken, wie mir dabei zumut ist. Kleine Pause. Marie kommt von links mit Bier. Sie stellt die zwei Gläser auf den Gartentisch rechts. Schweigel No, stoßen ma'r amal o! 's Wohlsei, Herr Bürgermoasta! Bürgermeister Prosit, Herr Schweigel, prosit! Sie stoßen an und trinken. Schweigel Warum 's grad mit uns a so umgengan? Bürgermeister Das haben wir nicht verdient. Schweigel I geh am Sonntag in mei Kirchen, i wähl anständig, i bi Veteran und Feuerwehrhauptmo, i bi überhaupt, wia ma sagt, a loyaler Bürger. Bürgermeister Das muß jeder zugeben. Schweigel Scheint aber net, oder vielleicht gilt dös nix mehr heutzutage Bürgermeister Das wäre schlimm für den Staat, Herr Schweigel. Schweigel Allerdings. Also Prost, Herr Bürgermoasta! Bürgermeister Prosit! Stoßen an und trinken. Schweigel Guate Bürger braucht der Staat. Ja! Und bal oana so viel Steuern zahl als wia'r i, nacha nimmt ma'r eahm sein Garten. Bürgermeister Nimmt ihm den Garten. Der Major tritt von links ein. Achte Szene Die Vorigen. Major. Schweigel Dös is net klug und weise, dös is net diplomatisch. Auf de Weis ziagt ma Sozialdemokraten her. Bürgermeister Hoffentlich nicht! Hoffentlich nicht! Schweigel Was denn? De, wo nix hamm, san's a so scho; jetzt brauchan bloß no de Sozialdemokraten wer'n, de wo was hamm; nacha werd's bald gar sei. Hab i recht, Herr Major? Major Vollständig. Sie wollen also jetzt zur äußersten Linken übertreten, Herr Schweigel? Schweigel No, ma hat ja no sei Religion im Leib! Aba ma soll oan aa net zu stark reizen. Bürgermeister Es wird eben darauf gesündigt, daß der kernige Bürgerstand sich nicht vom rechten Weg abbringen läßt. Major Der kernige Bürgerstand ist bloß selber schuld, wenn man ihm auf die Zehen tritt. Bürgermeister Erlaub du mir! Major Jawohl. Jeder Stand wird so behandelt, wie er sich's gefallen läßt. Bürgermeister Wir lassen uns nichts gefallen, wir schweigen nur manchmal der staatlichen Ordnung zulieb. Major Und aus sonstigen Gründen. Bürgermeister Wir wollen nicht mit der Regierung auf dem Kriegsfuß leben. Major Ist ja nicht notwendig, aber die Bürger sollen sich wenigstens Respekt verschaffen. Bürgermeister Den Respekt verweigert man uns nicht. Schweigel Da taten mir aa no a Wörtl mit reden. Major Ich kann nicht finden, daß der Bürgerstand mit besonderer Hochachtung behandelt wird. Bürgermeister Die Eisenbahnen sind nun einmal staatlich, und... Major Es handelt sich nicht bloß um eure Bahn, und nicht bloß um euch Dornsteiner. Die Nichtachtung sieht man überall und bei jeder Gelegenheit. Schweigel Dös waar g'spaßi! Major Man sieht auch recht gut, wo es bei den Bürgern fehlt. Bürgermeister Wo fehlt es? Major An der richtigen Festigkeit. Schweigel Entschuldigen S', Herr Major, wenn i da aa'r a bissel mitred. Aba i moan, Sie gengan da entschieden zu weit. Major Nein, nein, Herr Schweigel. Schweigel Wo steht denn dös, daß mir koa Festigkeit net hamm? Da müaßten mir aa was wissen. Während der Szene ist es Nacht geworden. Schöne Mondnacht. Major Das zeigt sich überall. Bürgermeister Zum Beispiel? Major Ihr nehmt tausend Rücksichten, auch da, wo ihr gar nichts davon habt. Ihr schimpft über Vorurteile und beugt euch davor. Ihr macht Opposition und schmeißt wieder um. Schweigel Ah! Ah! Sie san guat! Major Man nimmt euch nicht ernst. Das müßt ihr doch selber sehen. Bürgermeister Du übertreibst aber wirklich, Karl. Schweigel Wia Sie so reden könna, Herr Major, wo Eahna Bruder ein solches Beispiel geben hat! Major Ja so! Schweigel I glaab, daß dös a Festigkeit is, wenn ma si traut und an Minister a so z'sammpackt. Neunte Szene Die Frau Bürgermeister von links mit einer Gartenlampe. Die Vorigen. Frau Bürgermeister Die Herren sitzen ja im Dunkeln. Schweigel I hab gar net g'merkt, daß's scho so spat is. Dös kummt vom Politisier'n. Frau Bürgermeister Sie bleiben noch ein bißchen? Schweigel Na, na! I muaß jetzt hoam. Mei Alte woaß gar net, wo i bi. Frau Bürgermeister Wir schicken unser Mädchen hinunter. Ein Glas Bier müssen Sie noch trinken. Schweigel No, vo mir aus. Aba wenn i nachgib, sagt der Herr Major wieder, daß mir Bürger koa Festigkeit hamm. Major An der Festigkeit habe ich nie gezweifelt. Zehnte Szene Beringer und Suschen von links. Die Vorigen. Bürgermeister Grüß Gott, Adolf! Ich hab' dich noch gar nicht gesehen. Beringer Grüß Gott! Nun, wie ist es gegangen? Bürgermeister Ich habe nichts ausgerichtet. Beringer Das war vorauszusehen. Bürgermeister Reden wir nicht mehr davon. Wir wollen heute recht vergnügt sein. Das Dienstmädchen bringt Bier und stellt es auf den Tisch links. Bürgermeister So. Platz nehmen. Alle setzen sich. Beringer War der Minister gut gelaunt? Bürgermeister verlegen. O ja! Gott! Schweigel Am Anfang vielleicht scho! Beringer Wieso, am Anfang? Schweigel lacht. Der Bürgermeister schneuzt sich verlegen. Bürgermeister Er war wie immer. Du weißt ja. Aber lassen wir das gut sein. Prosit! Gegenseitiges Zutrinken. Schweigel Herr Bürgermoasta, Sie san a Volksheld! Beringer Lauter Anspielungen. Warum erzählst du nichts? Bürgermeister Es ist nichts zu erzählen, Adolf. Ich habe meine Pflicht getan, weiter nichts. Schweigel Sie san zu bescheiden, Herr Bürgermoasta! Bürgermeister Absolut nicht. Suschen, willst du nicht Klavier spielen? Suschen Gerne. Was willst du hören? Bürgermeister Irgendwas. Das ist mir gleich. Schweigel Nur nix klassisch'. Dös is so fad! Suschen Ich hole was Lustiges, Herr Schweigel. Ab nach links. Schweigel I muaß sag'n, Frau Bürgermoasta, Eahne Fräul'n Tochta g'fallt mir allaweil besser. So was Liabs! Frau Bürgermeister Sie macht uns viel Freude. Bürgermeister Jawohl. Schweigel Und jetzt kriagt s' bald an braven Mo. Eahna Wohl, Herr Amtsrichter! Beringer steif. Sehr angenehm. Frau Bürgermeister Wie geht es Ihrer Tochter im jungen Ehestand, Herr Schweigel? Schweigel I dank der Nachfrag. Guat! No, schlecht kann's ihr aa net geh. Frau Bürgermeister Ihr Schwiegersohn hat ein großes Anwesen? Schweigel Ja. Und sie hat ja aa was Schön's mitkriagt. De Leuteln tean sie ganz leicht. Frau Bürgermeister Ihre Frau sagte mir neulich, es sei schon was Kleines auf dem Wege? Schweigel Freili! Jetzt wer'n ma bald Großvata. No, bei Eahna schlagt's aa no ei, Herr Bürgermoasta. Bürgermeister Stoßen wir darauf an! Alle stoßen an. Beringer zurückhaltend. Suschen von links mit Notenblättern unter dem Arme. Schweigel Haha! Fräul'n Suschen, wenn S' wisseten, auf was mir jetzt trunken hamm! Suschen Darf man das nicht hören? Bürgermeister Das muß dir Adolf erzählen. Schweigel Recht hoamli. Lachen. Man hört in der Ferne Musik einen Marsch spielen. Major zu Schweigel. Prost! Schweigel Prost, Herr Major! I woaß net, i bin heut so lusti, trotz mei'n Garten. I glaab, dös kummt daher, weil i mi heut so über'n Herrn Bürgermoasta g'freut hab'. Beringer Eine solche Geheimniskrämerei! Was ist denn passiert? Schweigel Dös will i Eahna scho sag'n, Herr Amtsrichter. Sehg'n S', Sie san was, Sie san a Beamter. Aba Sie derfen stolz sei, daß Sie an solchen Schwiegervater kriag'n. Die Musik intoniert bedeutend näher wieder einen Marsch. Major Was ist das für eine Musik? Frau Bürgermeister Ich habe schon vorhin was gehört. Das Zimmermädchen stürzt atemlos durch die Gartentüre herein. Marie Herr Bürgermeister! Herr Bürgermeister! Die Liedertafel kommt! Bürgermeister Wo? Zu wem? Marie Zu uns. Sie wollen ein Ständchen bringen. Suschen Dem Papa? Frau Bürgermeister Fritz! Bürgermeister Nur geschwind meinen Gehrock! Marie! Suschen und Marie eilig nach links ab. Gleich darauf kommen sie wieder mit dem Gehrock herein. Die Musik ist nun im Garten angelangt. Brausender Marsch. Lampionträger marschieren auf und bilden einen Kreis um die Liedertafelsänger. Währenddessen ist die Unterhaltung im Verandazimmer weitergegangen. Beringer Ich begreife das alles nicht. Schweigel Sehg'n S', Herr Amtsrichter. So ehrt die Stadt Eahnan Schwiegervater! Bürgermeister Schnell! Schnell! Meinen Rock! Suschen und Marie helfen ihm hinein. Frau Bürgermeister Ach Gott, Fritz? Wenn ich mich nur recht freuen könnte! Gruppe im Zimmer. Die Frau Bürgermeister lehnt sich an ihren Mann. Suschen legt die Hand auf die Schulter ihres Verlobten. Alle stehen. Die Musik schweigt plötzlich, und ein Quartett singt die erste Strophe des Liedes: Wer hat dich, du schöner Wald, Aufgebaut so hoch da droben? Nach Beendigung der Strophe tritt Stelzer unter die Gartentüre und spricht halb gegen die Zuschauer, halb gegen den Garten zugewendet. Stelzer Unser mutiger Vorkämpfer, der allverehrte Herr Bürgermeister soll leben hoch! Hoch! Hoch! Die Leute im Garten stimmen brausend in den Hochruf ein. Die Musik spielt einen Tusch. Kiermayer, Stelzer, Heitzinger betreten das Zimmer. Der Bürgermeister geht auf sie zu. Bürgermeister Aber, meine Herren! Diese Ehre! Schüttelt jedem die Hand, dann tritt er unter die Gartentüre und spricht halb zu den Zuschauern gewendet. Bürgermeister Mitbürger! Dornsteiner! Sie haben mir eine Ehrung bereitet, die mich auf das tiefste ergreift. Ich spreche Ihnen meinen Dank aus. Meinen innigsten Dank. Ich kann nicht mehr sagen, als daß ich allezeit für mein liebes Dornstein meine schwachen Kräfte einsetzen will, jetzt und allezeit. In guten und bösen Tagen. Mit Gut und Blut! Und in diesem Sinne stimmen Sie mit mir ein: unser Dornstein, hoch! Hoch! Hoch! Die Leute im Garten sowie Kiermayer, Heitzinger, Schweigel, Stelzer rufen mit. Die Musik spielt wieder einen Tusch. Die Liedertafel intoniert sofort den Sängerspruch: Schneidige Wehr, Blanke Ehr, Lied zum Geleit, Gib Gott allezeit! Während des Singens fällt der Vorhang. Zweiter Akt Erste Szene Gartenzimmer wie im ersten Akte. Schöner Sommermorgen. Der Bürgermeister sitzt links vorne auf dem Stuhle, eine Barbierserviette um den Hals, das Gesicht eingeseift. Neben ihm steht der Bader Hartl, welcher das Rasiermesser schärft. Rechts sitzt die Bürgermeisterin in einem Rohrsessel und strickt. Hartl das Messer streichend. Ein sehr schöner Tag heute. Bürgermeister durch die Seife etwas am Sprechen gehindert. Tja. Hartl rasiert. Das Wetter hält. Wir haben Ostwind. Bürgermeister näselnd. Das Barometer steht gut. Hartl Und wie haben Herr Bürgermeister geruht heute nacht? Bürgermeister Gut. Ganz gut. Hartl Solche Aufregungen verursachen gewöhnlich Schlaflosigkeit. Bürgermeister Ich bin etwas spät eingeschlafen. Hartl Das ist begreiflich nach dieser eklatanten Ehrung. Ist mit der einen Gesichtshälfte fertig, streicht wieder das Messer. Hartl Dornstein hat sich förmlich selbst überboten. Rasiert. Bürgermeister näselnd. Tja. Hartl Die Beleuchtung war großartig. Und der Gesang. Sehr gelungen. Bürgermeister mit etwas freierer Stimme. Es war eine große Aufmerksamkeit. Hartl Verdientermaßen, Herr Bürgermeister. Frau Bürgermeister Was sagt man denn so in der Stadt? Hartl immer rasierend. Die Leute? Es herrscht eine gehobene Stimmung. Kleine Pause. Hartl fortfahrend. Natürlich gibt es ja auch mißgünstige Menschen. Frau Bürgermeister Sie haben etwas gehört? Hartl zögernd. Hm – ja. Wenn man ein offenes Geschäft hat. Frau Bürgermeister Wen meinen Sie? Bürgermeister Sie wissen, daß es unter uns bleibt. Hartl Den Schneider Wilberger. Bürgermeister Ach der! Den kennt man schon. Hartl Er hat sozusagen demonstriert. Bürgermeister So? Hartl Er hat nicht mitgesungen bei dem Ständchen. Bürgermeister Dann ist er halt weggeblieben. Hartl ist mit dem Rasieren fertig und schüttet Wasser in seine Baderschüssel. Hartl Der ganze Vorstand hat ihm zugeredet. Aber es war nichts zu machen, weil Herr Bürgermeister schon zwei Jahre keinen Anzug mehr bei ihm bestellt haben. Bürgermeister Aha! Hartl das Gesicht des Bürgermeisters abwaschend. Er hat gesagt: Braucht der Bürgermeister meinen Anzug nicht, nachher braucht er meine Stimme auch nicht. Frau Bürgermeister Es zwingt ihn ja niemand. Hartl Man muß die Leute gehen lassen. Trocknet den Bürgermeister ab. Fortfahrend. Vielleicht hat er sich im Pfarrhof einschmeicheln wollen. Bürgermeister War es dem Hochwürdigen nicht recht? Hartl packt während des Folgenden langsam seine Gerätschaften ein. Hartl Die Huldigung soll etwas verschnupft haben. Aber natürlich, ich bin nicht so eingeweiht. Bürgermeister aufstehend. Der Pfarrer ärgert sich, weil er nicht derjenige war. Frau Bürgermeister Das kann man auch nicht behaupten. Hartl Der Herr Pfarrer war schon in aller Früh unterwegs. Und dann hat mir der Mesner solche Anspielungen gemacht. Frau Bürgermeister Auf das Ständchen? Hartl Tja. Er hat sich nicht so frei ausgesprochen, aber... Bürgermeister Von mir aus kann der Pfarrer sagen, was er will. Man kennt die Gründe. Hartl Es gibt immer eine gewisse Opposition. Und der Neid. Ja, ich wünsche guten Morgen, Herr Bürgermeister. Recht guten Morgen, Frau Bürgermeister! Frau Bürgermeister Guten Morgen! Bürgermeister Adieu, Hartl. Und morgen um acht Uhr. Hartl Gewiß, jawohl. Ab durch die Gartentür. Zweite Szene Bürgermeister. Seine Frau. Frau Bürgermeister Du solltest nicht so reden über den Herrn Pfarrer, wenn der Hartl dabei ist. Bürgermeister Ach was! Frau Bürgermeister Der geht schnurstracks hin und erzählt es wieder. Bürgermeister Das soll er tun; meinetwegen. Frau Bürgermeister Du glaubst nie, wie die Leute sind; er kann dir sehr schaden. Bürgermeister Sei doch nicht gar so ängstlich. Man meint schon, ich wäre von jedem abhängig. Frau Bürgermeister seufzt. Bürgermeister stellt sich unter die Gartentür, blickt hinaus, die Hände auf dem Rücken. Er brummt vor sich hin. Wer hat dich, du schöner Wald – Tra... la... la! – Du schöner Wald! Frau Bürgermeister Du, Fritz! Bürgermeister sich umwendend. Ja? Frau Bürgermeister Ist es wahr, daß du Abgeordneter werden willst? Bürgermeister Wer hat jetzt das wieder gesagt? Frau Bürgermeister Die Frieda war vorhin da. Bürgermeister So? Na freilich! Die muß es wissen! Was hat sie denn da gesucht? Frau Bürgermeister Sie hat dir gratulieren wollen. Bürgermeister Und dich ausfratscheln. Er summt wieder. Aufgebaut so hoch da droben? Schön war's doch. Der ganze Garten war voll Leuten. Frau Bürgermeister Ich wollte, es wär' nicht gewesen! Bürgermeister jetzt sei so gut und verdirb mir die Freude. Kleine Pause. Frau Bürgermeister Du hast dich doch sonst nicht in die Politik eingemischt! Fang nicht auf deine alten Tage noch damit an! Bürgermeister Papperlapapp! Fällt mir ja nicht ein! Unter der Gartentür erscheint Suschen mit einem Strauß frischer Rosen in der Hand. Dritte Szene Die Vorigen. Suschen. Bürgermeister Na, Suschen, ist Adolf nicht vorbeigekommen? Suschen Nein. Bürgermeister Das seh' ich. Sonst wären die Rosen fort. Suschen Ich habe eine Viertelstunde am Zaun gewartet. Frau Bürgermeister Er hat jetzt viel Arbeit. Bürgermeister Weil der Oberamtsrichter in Urlaub ist. Suschen Das hat er mir gestern gesagt. Frau Bürgermeister Vielleicht kommt er auch noch. Suschen Jetzt nicht mehr. Es ist schon neun Uhr vorbei. Frau Bürgermeister So spät? Da muß ich aber das Fleisch zusetzen. Suschen Bleib nur, Mama. Ich gehe in die Küche. Frau Bürgermeister Dann gib acht, daß Marie die Bohnen gut schneidet. Bürgermeister indem er Suschen auf die Wange tätschelt. Und versalz' uns die Suppe nicht gar zu stark, gelt? Suschen Nur ein bißchen. Geht langsam nach links ab und nimmt die Rosen mit, welche sie vorher auf den Tisch gelegt hatte. Sie bleibt plötzlich stehen und wendet sich um. Glaubt ihr, daß Adolf böse ist! Frau Bürgermeister Geh, was denkst du? Bürgermeister Habt ihr euch denn gezankt? Suschen Nein. Er war nur so sonderbar, gestern abend. Bürgermeister Das meinst du bloß. Suschen Ich weiß nicht; er hat fast nichts gesprochen und hat mir kaum gute Nacht gewunschen. Frau Bürgermeister Die Männer sind launisch; daran gewöhnt man sich. Suschen munter. Vielleicht hat er wieder einen Fall studiert; da hört und sieht er nicht. Ab. Vierte Szene Der Bürgermeister. Frau Bürgermeister. Frau Bürgermeister Ich bin selber unruhig, daß Adolf wegbleibt. Ich möchte es Suschen bloß nicht merken lassen. Bürgermeister Herrjeh! Seid ihr Frauenzimmer immer voller Angst. Frau Bürgermeister Weil er gerade heute nicht kommt. Sonst dächte ich nichts dabei. Bürgermeister Heute ist ein Tag, wie jeder andere. Frau Bürgermeister Du weißt, was gestern war. Bürgermeister Kommst du schon wieder mit der Geschichte? Ist denn das so was Gräßliches, wenn mir die Liedertafel ein Ständchen bringt? Frau Bürgermeister Aber der Anlaß! Bürgermeister etwas unruhig. Der Anlaß! Mit deinem Anlaß! Hast du ein einziges unrechtes Wort gehört, gestern? Frau Bürgermeister Nein. Bürgermeister Was willst du denn? Es war eine kleine Festlichkeit; ganz harmlos. Frau Bürgermeister Man hat dich gefeiert, weil du so schroff aufgetreten bist. Bürgermeister Nanu! Und wenn? Wer kümmert sich darum? Wer soll sich um die Dornsteiner Liedertafel kümmern? Das sag mir einmal! Frau Bürgermeister Auf jeden Fall kommt es in die Zeitungen. Bürgermeister etwas unruhiger. Ah! Was denkst du denn? Übermorgen spricht kein Mensch mehr davon. Frau Bürgermeister Das glaubst du selber nicht. Heute abend weiß es der Minister schon. So gewiß wie etwas. Bürgermeister lacht gezwungen. Von wem? Von wem soll der Minister das wissen? Frau Bürgermeister Da finden sich genug gute Freunde. Bürgermeister Ei du lieber Gott! Ist das eine Ängstlichkeit! Da hätte ich schon lieber auf die Ovation verzichtet. Frau Bürgermeister Ich auch. Bürgermeister Die Freude daran hast du mir gründlich verdorben. Frau Bürgermeister im Abgehen nach links. Ich rede dir nichts ein, Fritz. Aber das mit der Politik sollst du bleiben lassen. Ab. Der Bürgermeister räuspert sich und sieht einige Zeit gedankenvoll vor sich hin. Er nimmt eine Zeitung zur Hand, legt sie gleich wieder weg und seufzt. Fünfte Szene Dr. Beringer. Der Bürgermeister. Amtsrichter Beringer tritt durch die Gartentür ein. Der Bürgermeister kehrt ihm den Rücken zu. Beringer gemessen. Guten Morgen! Bürgermeister sich rasch umwendend, freudig. Ach, da bist du ja! Na also! Das war eine Aufregung den ganzen Morgen, weil du nicht da warst! Beringer steif. Hast du einen Augenblick Zeit für mich? Bürgermeister So eine Frage. Aber warte, ich will erst in der Küche Lärm schlagen. Will nach links ab. Beringer hält ihn zurück. Ich möchte mit dir allein reden. Bürgermeister sieht ihn etwas verblüfft an. Auch recht. Gemütlich. Aber weißt du, Suschen muß ich doch holen. Sie hat dich schon am Gartenzaun erwartet. Will wieder ab. Beringer Nein; bitte, bleib! Bürgermeister Wie du willst. Aber setz dich doch, und gib mal den Hut her! Beringer setzt sich, behält aber den Hut in der Hand. Ich danke. Bürgermeister jovial. Junge, wenn dich vielleicht was drückt, du weißt... Beringer brüsk. Sag' mir offen, was war das gestern mit der Ovation? Bürgermeister unbehaglich. Die Ovation? Gestern? Beringer Ja. Bürgermeister Was damit war? Gott! Beringer Du bist gestern immer meinen Fragen ausgewichen? Bürgermeister Ich? Beringer Ja. Ich wollte wissen, wie die Audienz ausfiel. Aber... Zuckt die Achseln. Bürgermeister Ich habe wirklich keinen Grund, dir etwas zu verschweigen. Beringer Warum hast du mir dann nichts erzählt? Bürgermeister Weil... weil es wirklich nicht der Mühe wert war. Beringer So? Es genügte aber doch, um dir eine Ovation zu bereiten? Bürgermeister mit erkünstelter Lustigkeit. Ha! Ha! Diese Juristen! Das klingt ja wie eine Untersuchung! Beringer Mir ist die Sache absolut nicht spaßhaft. Bürgermeister patscht Beringer jovial auf das Knie. Lieber Junge, sage mir: was willst du eigentlich wissen? Beringer gereizt. Laß mich das nicht immer wiederholen, bitte! Ich will wissen, welche Tatsache dieses sonderbare Ständchen veranlaßte? Bürgermeister verlegen. Du lieber Gott! Die Bürgerschaft findet eben, daß ich in der leidigen Bahngeschichte ihre Interessen gewahrt habe. Beringer Du bist aber abgewiesen worden? Bürgermeister Allerdings, ich... Beringer Also! Für einen Mißerfolg wird man doch nicht gefeiert! Was ist denn das für eine Logik! Bürgermeister Die Leute wollten mir halt zeigen, daß sie mir keine Schuld beimessen. Beringer Das drückt man gewöhnlich anders aus. Bürgermeister immer unruhiger, wischt sich die Stirne. Es kam mir selbst durchaus unerwartet. Ich war gerade so überrascht wie du. Beringer Was sollten dann die landläufigen Phrasen bedeuten? Von Mut und Vorkämpfer? Bürgermeister Das sind so Sprüche, wie man sie eben macht! Übrigens war es gewiß gut gemeint. Ja... du, jetzt muß ich aber wirklich Suschen holen, sonst... Will links ab. Beringer hält ihn wieder am Arm zurück. Du weichst mir also konstant aus? Bürgermeister Wie kommst du nur auf die Idee? Zwischen uns zwei gibt es doch keine Geheimnisse! Beringer steht auf. Ich kann dir nur sagen, diesen Mangel an Vertrauen finde ich sonderbar, sehr sonderbar. Bürgermeister schiebt seinen Arm unter den des Amtsrichters und geht mit ihm etwas nach vorne. In vertraulichem Ton. Komm her, Adolf, und laß mich einmal reden! Nicht wahr? Beringer Ich habe dich ja darum ersucht. Bürgermeister Eben. Siehst du, du bist jetzt Amtsrichter... Beringer klopft ungeduldig mit dem Fuße auf den Boden. Bürgermeister fortfahrend. Und du wirst später einmal Vorstand von einem Gericht. Nicht wahr? Beringer Was soll das? Bürgermeister Siehst du, wenn du Vorstand bist, dann macht man dich für alles verantwortlich. Einfach für alles. Wenn ein Schreiber was Dummes macht, fragt man nicht den Schreiber, warum er was Dummes macht, sondern man fragt dich, warum du einen Schreiber hast, der was Dummes macht. Verstehst du mich? Beringer Nein. Absolut nicht. Bürgermeister Aber es ist doch so einfach! Ich bin auch Vorstand und muß für alles herhalten, ob ich etwas dafür kann oder nicht. Beringer Bist du jetzt fertig? Bürgermeister fährt sich mit dem Taschentuch über die Stirne. Gott sei Dank, ja. Nur das will ich noch sagen, Adolf, wenn du einmal älter bist, wirst du sehen, daß die Verantwortlichkeit nichts Leichtes ist. Und jetzt haben wir uns hoffentlich verstanden? Nicht wahr? Beringer setzt seinen Hut auf. Vollkommen... Ich verstehe, daß du mir keine Aufklärung geben willst, und... Bürgermeister Aber... Beringer Und daß ich sie von anderer Seite erhalten muß. Rasch ab durch die Gartentüre. Bürgermeister ihm nacheilend. Du! hör doch! Junge. Sechste Szene Frau Bürgermeister rasch von links. Der Bürgermeister. Frau Bürgermeister War nicht Adolf da? Bürgermeister Sgedrückt . Gerade ist er fort. Frau Bürgermeister Und war nicht bei Suschen? Fritz! Bürgermeister Was? Frau Bürgermeister Ihr habt euch gestritten? Wegen gestern? Bürgermeister Gestritten nicht; er hat nur gefragt... Frau Bürgermeister fängt zu weinen an. Ich hab' es ja gewußt! Bürgermeister fährt sich erregt durch die Haare. Nein, so was! Mama, geh! Legt ihr die Hand auf die Schulter. Von links tritt Frieda Pilgermaier auf. Altmodische Kleidung. Hut mit auffallendem Blumenarrangement. Sie trägt einen kleinen Marktkorb. Lebhafte Gesten. Schreiende Stimme. Siebente Szene Frieda Pilgermaier. Der Bürgermeister. Die Frau Bürgermeister. Frieda Da komm i ja grad recht zum Gratulier'n. Frau Bürgermeister wendet sich schnell ab und trocknet ihre Tränen. Bürgermeister mürrisch. Guten Tag! Frieda Ich war schon amal da, heunt. In aller Früh. Bürgermeister Was willst du denn? Frieda Gratulier'n halt! Zu der Ehrung. Das is ja großartig g'wesen. Bürgermeister Mhm. Ja. Frau Bürgermeister Wir danken dir schön, Frieda. Frieda Das versteht si do von selber, daß die Familie an so was teilnimmt. No, ihr seid's ja auch recht vergnügt, wie ich seh. Bürgermeister Es geht. Frieda Es laßt sich denken. Wenn ma scho bei Lebzeiten an Fackelzug kriegt! Das passiert ja die wenigsten als a toter! Frau Bürgermeister Warst du da? Frieda . Freili! Mit mein Mann. Hinter'm Garten sin' mir g'standen. Frau Bürgermeister Warum bist du nicht zu uns herein? Frieda Mei Mann hat g'meint, mir passen net in die vornehme G'sellschaft. Und nacha weiß ma ja net, ob ma net stört. Bürgermeister Immer die Redensarten. Frau Bürgermeister Du kommst doch sonst auch? Frieda Das scho, aba mei Mann is halt so. Er sagt, die klein Verwandten sieht ma net gern. De kann ma höchstens brauchen, daß s' ei'm mit da Leich geh'n. Frau Bürgermeister Geh, hör auf! Frieda A bissel was is schon dran. Übrigens habt's ihr's scho g'hört vom Schneider Wilberger? Bürgermeister Ja. Da bist du leider zu spät gekommen. Frieda Und auch vom Hochwürden an Herrn Pfarrer? Bürgermeister Auch schon. Du hast Pech heute. Frieda Der muaß si g'äußert hamm. Jessas, Mariand Josef! Frau Bürgermeister Mach es nur nicht so arg! Frieda So? ja, wenn d'as du besser weißt! Frau Bürgermeister Wir haben nicht die Beziehungen. Frieda I weiß halt, was mir d' Köchin erzählt hat. Und des g'langt überall hin! Frau Bürgermeister Dann sag es halt! Bürgermeister Willst du die Geschichte vielleicht ratenweise absetzen? Damit der Genuß länger dauert? Frieda I hab euch bloß schonen wollen. Aber wenn's ihr wollt's! Also d' Köchin hat erzählt, so zorni hat si an Herrn Pfarrer überhaupts noch nie g'sehn, und schreiend die ganze Ovation ist ein ewiger Schandfleck, hat er g'sagt, für die Stadt! Bürgermeister zornig. Wenn nur er keiner ist! Frau Bürgermeister Pst! Frieda Es ist überhaupts eine Auflehnung gegen den Staat und genau so schlecht wie jede anderne Revolution. Bürgermeister laut. Was? Frieda Ja, und die Dornsteiner, hat er g'sagt, entwickeln sich allaweil schöner unter ihrem lieben Bürgermeister, jetzt werden s' gar noch Sozialdemokraten! Bürgermeister erregter. Eine solche Unverschämtheit! Frieda Die nächste Predigt, hat er g'sagt, geht über die Pflichten gegen die gottgesetzte Obrigkeit. Da will er, hat er g'sagt, den Dornsteinern ein Licht aufzünden. Und an Herrn Bürgermeister auch! Bürgermeister zornig auf und ab gehend. Ich will ihm was predigen! Ich will ihm was geben! Seine Frau geht neben ihm her. Frau Bürgermeister Mach es nicht noch ärger! Es ist schlimm genug. Bürgermeister Das lasse ich mir nicht gefallen! Frieda Und das vom Schlosser Gruber wißt's vielleicht auch noch net. Bürgermeister bleibt stehen. Was ist mit dem Gruber? Frieda Der hat auch net mittan, weil er die Arbeiten fürs Rentamt hat und mit der Regierung gut steh' muß. Bürgermeister Unsinn! Frieda Ja, Unsinn! Der Pedell von der Realschul soll bereits entlassen wor'n sei, weil er mitg'sungen hat. Bürgermeister Wer bringt denn die Dummheiten alle auf? Frau Bürgermeister Wenn die eigenen Verwandten solche Geschichten herumtragen! Frieda Tut's nur net so beleidigt! I erzähl' ja bloß, was i hör'. Bürgermeister Und hilfst noch brav mit! Frau Bürgermeister Es ist genug, wenn die fremden Leute jede Kleinigkeit aufbauschen. Frieda No, weißt, Anna, gar so a Kleinigkeit is das net, wenn der Minister gleich krank werd vor lauter Aufregung und sein Abschied nehmen muß. Bürgermeister Wer ist krank geworden? Frieda Der Minister. Der Bürgermeister lacht gezwungen. Ja, das is schon wahr! Da brauchst net lachen! Bürgermeister wütend. Herrgott! Seid ihr alle miteinander verrückt? Frieda Da müßt i scho bitten. Und überhaupts... Der Major tritt rasch von links ein; er hält eine Zeitung in die Höhe. Achte Szene Die Vorigen. Der Major. Major ruft. Das Neueste! Das Neueste! Bürgermeister Steht was im Wochenblatt? Major Und wie! Bürgermeister nervös. Gib her! Major Nur Zeit lassen! Das muß ich vorlesen. Da schau her! Fett gedruckt: ›Ein deutscher Mann!‹ Das bist du! Bürgermeister Der Kerl hat mir versprochen, daß er nichts schreibt. Major Sei nicht undankbar! Er streicht dich fein heraus. Also paß auf. Liest vor. ›Seit Brutus, jenem bekannten Tyrannenhasser des weströmischen Reiches ist vielleicht niemand mehr mit so viel Recht gefeiert worden, wie gestern unser allverehrter Bürgermeister.‹ Frau Bürgermeister Man kommt nicht aus der Unruhe. Major fährt fort. ›Galt es doch, ihm den Dank abzustatten für seinen echten Mannesmut, welchen man heute so selten antrifft. Galt es doch ihn zu ehren, weil er den hochmütigen Stolz des Ministers mit donnernden Worten beugte...‹ Bürgermeister So ein Esel! So ein hirnverbrannter Esel! Major fortfahrend. ›und die zarten Ohren dieses Herrn rücksichtslos beleidigte.‹ Frau Bürgermeister Um Gottes willen! Frieda zur Bürgermeisterin. Du hast as ja net glauben wollen! Bürgermeister zum Major. Gib mir den Wisch her! Major Gleich. Aber da am Schluß kommt noch ein Satz. Liest. ›Welche Gefühle mögen den Minister beseelt haben, als Friedrich Rehbein vor ihm stand und ihn erbarmungslos vernichtete?‹ Mit erhobener Stimme. ›Wahrlich, wir möchten nicht mit dieser Exzellenz tauschen!‹ Bürgermeister wütend. Das ist zu viel! Das ist zu viel! Frau Bürgermeister Jetzt versteh ich alles. Bürgermeister Wie habe ich diesen Menschen gebeten, daß er nichts schreibt! Frau Bürgermeister Hättest du ihm nichts gesagt! Bürgermeister Wer denkt an so was? Aber die Zeitung darf nicht herauskommen! Major Die ist schon heraus. Bürgermeister Ich gehe in die Druckerei. Major Nur kalt! Was willst du denn dort? Bürgermeister Es muß was geschehen. Ich verklage den Kerl. Major Dich hat er doch nicht beleidigt! Bürgermeister Der Mensch ruiniert mich ja! Er macht mich unmöglich! Major Oho! Nur nicht gar so aufgeregt! Frieda Für euern Amtsrichter muß das aber peinlich sein! Frau Bürgermeister sehr aufgeregt. Wenn ich nur wüßte... Fritz!... Geh doch schnell! Frieda Mei Mann hat gleich g'sagt, der Amtsrichter wird schau'n, no dazu mit sein Beamtengiggel! Bürgermeister grob. Dein Mann soll sich um seine Sachen kümmern! Frieda So? Is das vielleicht der Dank, wenn ma Mitleid hat? Bürgermeister Ich pfeif' auf dein Mitleid. Frau Bürgermeister zieht Frieda beschwichtigend fort. Zu Frieda. Komm mit in die Küche. Und du Fritz, eil dich! Gelt? Bürgermeister Gleich! Gleich! Wo ist denn mein Hut? Marie! Frau Bürgermeister Ich schick' sie schnell. Frieda Reden werd ma na wohl no derfen, wenn's die hohen Verwandten erlauben. Frau Bürgermeister und Frieda links ab. Neunte Szene Der Bürgermeister. Der Major. Bürgermeister Du mußt mich begleiten, Karl. Major Schön. Aber ich seh wirklich nicht ein, was du bezwecken willst. Bürgermeister Ich weiß selber nicht. Aber es muß was geschehen. Den Versuch muß ich machen. Marie von links mit Hut und Stock. Bürgermeister Schnell, Marie! So! Setzt den Hut auf, nimmt den Stock. Marie ab. Bürgermeister Also, Karl; gehen wir! Er geht mit dem Major zur Gartentüre. Unter derselben erscheint Amtsrichter Beringer. Zehnte Szene Der Bürgermeister. Der Major. Beringer. Bürgermeister Du, Adolf? Beringer Ich möchte dich allein sprechen. Major sehr formell. Ich will nicht stören. Lüftet leicht den Hut und geht an Beringer vorbei in den Garten. Elfte Szene Der Bürgermeister. Beringer. Beringer zieht das Dornsteiner Wochenblatt aus der Tasche. Beringer Ich bin jetzt über die gestrige Ovation aufgeklärt. Bürgermeister Der Artikel? Gerade will ich in die Redaktion. Beringer klopft mit dem Handrücken auf die Zeitung. Ist das alles pure Erfindung? Bürgermeister Nein, das heißt... Beringer Der Artikelschreiber weiß jedenfalls, warum er vor deinem Hause gesungen hat. Bürgermeister Das ist doch alles bodenlos dumm und übertrieben! Beringer Die Ausschmückung, gewiß. Aber der Kern der Sache bleibt der nämliche. Bürgermeister Ich versichere dir, daß Heitzinger mir versprochen hat, nichts zu schreiben. Beringer Das ist doch der deutliche Beweis, daß du etwas zu verheimlichen hattest. Bürgermeister Nein. Paß mal auf. Beringer Bitte, wenn du mich hören willst. Ich werde sehr kurz sein. Du weißt, daß ich jeden Tag die Beförderung erwarte? Der Bürgermeister nickt zustimmend. Und daß ich begründete Aussicht habe, als Staatsanwalt in das Justizministerium zu kommen? Bürgermeister Gewiß weiß ich das. Beringer Ich habe nie Protektion gehabt; mir ist es nicht leicht gemacht worden. Von Anfang an nicht. Bürgermeister Du hast dir's sauer verdient. Beringer Ich habe darum gearbeitet. Viele Jahre, und jetzt stünde ich vor dem Ziel. Endlich! Bürgermeister jetzt hast du's auch in der Tasche. Beringer heftig. Nein, es ist alles in Frage gestellt. Im letzten Moment. Bürgermeister Wieso denn, Adolf? Beringer Es wird bestimmt nichts draus. Es ist so viel wie sicher, wenn... wenn... Bürgermeister Aber... Beringer Du weißt recht gut, daß man alles mögliche in Betracht zieht. Daß wir auch nicht so ohne weiteres heiraten können. Man informiert sich ja sehr genau. Bürgermeister Ja... was?... Was?... Beringer Ich verscherze alles. Mit einem Schlage. Und ich kann das nicht. So leid es mir tut, ich kann nicht. Ich darf mich nicht kompromittieren. Bürgermeister sehr bestürzt. Was willst du damit sagen? Beringer Daß ich von der Verlobung zurücktreten muß; so schmerzlich mir das ist! Der Bürgermeister sieht Beringer kurze Zeit schweigend an; dann geht er rasch auf ihn los und ergreift seine rechte Hand. Bürgermeister Junge! Das war nicht dein Ernst. Beringer Es liegt mir sehr ferne, jetzt zu scherzen. Bürgermeister Du willst doch nicht wirklich...? Beringer Ich muß. Wendet sich zum Gehen. Bürgermeister Aber das ist ja alles Unsinn! Du! Hör doch! Junge! Das ist ja Unsinn! Beringer Mache es mir nicht noch schwerer. Ich kann nicht anders. Er geht zur Gartentüre. Von links stürzt Suschen herein und umarmt ihn stürmisch. Zwölfte Szene Der Bürgermeister. Beringer. Suschen. Suschen ich hab' doch deine Stimme gehört. Du! Gelt, du bist nicht böse? Beringer macht sich sanft, aber bestimmt aus der Umarmung frei. Beringer Suschen... ich... ich... Papa wird dir alles sagen. Geht bis zur Gartentüre. Suschen bestürzt. Adolf! Beringer wendet sich auf den Schrei um. Ich darf nicht. Dreizehnte Szene Der Bürgermeister. Suschen. Suschen geht auf ihren Vater zu, der bestürzt in der Mitte des Zimmers steht. Papa, will mich Adolf nicht mehr? Bürgermeister stockend. Es... es sieht so aus, Suschen. Suschen legt heftig weinend den Kopf an seine Brust, schluchzend. Aber – warum – denn? Bürgermeister Ich glaube beinahe, ich... ich habe dich durch meine Dummheit unglücklich gemacht, Suschen. Suschen heftiger schluchzend. Nein – – du nicht – – du guter Papa! Er hat mich wohl nie wirklich lieb gehabt. Bürgermeister streichelt ihr den Kopf. Nicht weinen, Kindchen! Nicht so weinen! Vierzehnte Szene Von links Frau Bürgermeister, Frieda, der Major. Die Vorigen. Frieda laut. Gel, ich hab's g'sagt! Da habt's as jetzt! Frau Bürgermeister sehr bestürzt zu ihrem Mann. Was ist mit Suschen? Suschen Es ist alles aus, Mama. Frau Bürgermeister ebenfalls weinend. Aber – Kind! Frieda Wer hat jetzt recht g'habt? Major zu Frieda. Das ist die Hauptsache, daß Sie recht haben. Frau Bürgermeister Aber was war denn, Fritz? Bürgermeister Er sagte, daß ich ihn kompromittiere. Frau Bürgermeister Schau nach, Suschen! Geschwind! Vielleicht wartet er draußen. Suschen Nein, Mama. Ich habe recht gut gemerkt, daß es vorbei ist. Frau Bürgermeister fühlt Suschen an die Stirne. Was hast du für einen heißen Kopf! Suschen Laß mich. Rasch nach links ab. Frau Bürgermeister Das ist ja ein Unglück. Frieda Und die Schand. Bürgermeister Ich kann es noch nicht glauben. Mir ist so, als wenn es nicht wahr sein kann. Frieda Ja, der Beamtengiggel! Frau Bürgermeister Vielleicht hat er nur so im Zorn geredet. Er ist kein böser Mensch. Bürgermeister Er war nicht zornig, Mama. Ganz ruhig und überlegt. Frau Bürgermeister wieder in Weinen ausbrechend. Das arme, arme Ding! Muß so gestraft werden! Major Geh, Schwägerin! Nimm's nicht so schwer. Es hätte was Schlimmeres passieren können. Frieda Da sieht ma wieder an Junggesellen. Ahmt den Major nach. ›Es hätte was Schlimmeres passieren können.‹ Als wenn's noch was Ärgeres geben könnt'. Major O ja, verehrte Frau Pilgermaier! Frieda Weil des kei Schand net is, wenn ma scho den größten Staat g'macht hat mit'n Herrn Schwiegersohn, und auf oamal is nix mehr! Frau Bürgermeister Ich darf nicht daran denken. Schluchzt. Vorgestern habe ich noch mit Suschen beim Kaufmann Kissenüberzüge angesehen. Bürgermeister Es muß noch recht werden. Major Und die Kissen kaufen wir schon noch für einen andern Mann. Frieda Weil ma so schnell wieder ein' find't. Major zu Frieda. Sie haben wirklich was Trostreiches an sich. Frieda Is ja wahr! I kann mi ärgern, wenn ma so daher red't. Bürgermeister Ich mache mir solche Vorwürfe, Mama! Frau Bürgermeister Ich habe schon eine Ahnung gehabt, wie du fortgefahren bist. Bürgermeister Und wegen nichts! Rein wegen nichts! Frieda I geh jetzt. Soll i mi net z'erst nach'm Suschen umschau'n? Frau Bürgermeister Nein. Frieda Ich hätt s' vielleicht trösten können, daß s' doch net gar so fassungslos is. Frau Bürgermeister Laß sie jetzt allein. Frieda Wie d' meinst. Also adieu! Und nehmt's as halt als eine Fügung Gottes! Links ab; unter der Türe dreht sie sich nochmals um. I schick euch später mein Mann her. Nein, das wird eine Schwätzerei geben in dem Dornstein! Ab. Major Das glaube ich auch. Frau Bürgermeister Ich will zum Suschen hinauf. Bürgermeister Ja. Rede ihr zu! Frau Bürgermeister langsam nach links ab; sie trocknet sich mit dem Taschentuche die Augen. Fünfzehnte Szene Der Bürgermeister. Der Major. Der Bürgermeister sieht seiner Frau nach und seufzt tief auf. Bürgermeister Gestern so vergnügt, und heute! Das Unglück kommt über Nacht. Major Jetzt, weißt, wenn deine Frau jammert, sage ich nichts. Aber dir steht das schlecht an. Bürgermeister Mich trifft es vielleicht noch härter. Major Sei froh, daß der Kerl weg ist. Bürgermeister Was? Major Na, vielleicht nicht? Bürgermeister Droben weint sich das Mädel die Augen rot, und ich soll froh sein! Major Suschen nimmt es nicht leicht. Das ist ganz in der Ordnung. Aber du sollst weiter sehen! Bürgermeister Gerade, weil ich weiter sehe. Weil ich an die Zukunft denke. Major Ist es nicht besser, daß ihr ihn jetzt kennen gelernt habt? Vor der Hochzeit? Hinterher wär's zu spät gewesen. Bürgermeister Da hätte er wenigstens nicht mehr zurücktreten können. Major Das wäre aber ein Glück gewesen! Bürgermeister Du weißt nicht alles, Karl, sonst würdest du anders reden. Major Ich weiß, daß er ein kalter Tropf ist. Das langt. Bürgermeister Er hat ja nicht schön gehandelt, aber... Major Ach was, schön gehandelt! Das sind Sprüche. Er hat sich so benommen, wie's in seinem Charakter liegt. Kein Mensch kann aus seiner Haut hinaus. Bürgermeister Suschen hat ihn gerne. Major Was versteht so ein Mädel? Sie wären doch nie glücklich geworden! Bürgermeister Das kann man nicht sagen. Major Wie hat er sich denn gestellt, als Bräutigam? Der lederne, langweilige Kerl! Bürgermeister Das ist kein Beweis, daß er nicht ein guter Mann geworden wär. Major Den Beweis hast du jetzt. Wenn du noch einen gebraucht hast. Bürgermeister Und es ist doch ein Unglück. Ich mache mir die schwersten Vorwürfe. Major Das ist eben keine Vernunft. Bürgermeister Wenn du alles so wüßtest wie ich. Major Ach was! Bürgermeister Nein, Karl! Schau, wenn es was Ernstliches gegeben hätte, das wäre ja auch traurig, aber... es wäre einmal nicht zu ändern. Aber so! Es ist zum Haar ausraufen! Major Der Grund ist doch wirklich Nebensache. Bürgermeister Wenn aber gar keiner da ist! Major Dann siehst du erst recht, daß ihr ihm nichts wert seid. Bürgermeister Du kannst mich nicht verstehen. Komm, setz dich einmal her. Die beiden setzen sich rechts einander gegenüber. Bürgermeister Karl, die heftige Szene mit dem Minister weißt du – an der Szene ist kein wahres Wort. Major etwas erstaunt. Kein wahres Wort? Bürgermeister Nein. Nicht die Spur davon. Die ganze Audienz hat zwei Minuten gedauert. Ich habe nicht mehr gesagt, als Grüß Gott und Adieu. Major Na, hör mal! Daß du übertrieben hast, dachte ich mir. Aber daß du die ganze Geschichte aus der Luft greifst, lacht das hätte ich dir eigentlich nicht zugetraut. Bürgermeister Ich wollte es auch nicht. Major Wer hat dich denn gezwungen? Bürgermeister Wie es halt geht. Ich war ja tatsächlich wütend auf den Minister. Major Mhm. Bürgermeister Und... während der Fahrt in die Residenz habe ich mir ausgemalt, was ich ihm sagen werde. Major In der Eisenbahn? Bürgermeister In der Eisenbahn, ja. Und im Vorzimmer. Im Vorzimmer auch noch. Und dann – – siehst du, Karl, ich kann furchtbar grob sein, rück-sichts-los, wenn jemand gegen mich grob ist. Aber wenn jemand höflich ist, da... da bring ich's eben nicht fertig. Major Und der Minister war höflich? Bürgermeister Und wie! Er gab mir gleich die Hand. ›Mein lieber Bürgermeister, es tut mir ja unendlich leid, aber es geht unmöglich anders.‹ Was hätte ich da sagen sollen? Wie hätte ich da brutal sein können? Major Man hat dir Honig ums Maul geschmiert. Kenn' ich. Bürgermeister Ich habe überhaupt nichts gesprochen; ich wurde hinauskomplimentiert. Wie ich dann wieder in der Eisenbahn saß, habe ich mir vorgestellt, was ich eigentlich hätte sagen sollen. Major Warum hast du dann hier geflunkert? Bürgermeister Du lieber Gott! Wie ich ankomme, steht schon der Schweigel da und der Stelzer. Brennend vor lauter Neugier. Aus jedem Haus schauen die Leute und grüßen. Daheim seid ihr und fragt mich aus. Überall ist die größte Erwartung. Da konnte ich doch nicht sagen, daß gar nichts gewesen ist. Major Was willst du jetzt tun? Bürgermeister Wenn ich das wüßte! Ich kann doch nicht erklären, daß ich gelogen habe! Major Das würde sich nicht gut ausnehmen. Bürgermeister Noch dazu, wo die Ovation war! Major Jetzt mußt du schon dabei bleiben. Bürgermeister Nicht bloß wegen mir. Ich kann doch die Bürgerschaft nicht bloßstellen. Major Es wäre eine verdammte Blamage. Bürgermeister Nein, es geht nicht. Es wäre undankbar, wo die Leute alle zu mir gestanden sind. Major Dann bleib jetzt wenigstens fest. Bürgermeister Ich muß. Und weißt du, Karl, es tröstet mich auch etwas, daß die Bürgerschaft wie ein Mann zu mir hielt. Schweigel tritt rasch durch die Gartentüre ein. Er ist sehr erhitzt und wischt sich den Schweiß von der Stirne. Sechzehnte Szene Die Vorigen. Schweigel. Der Bürgermeister und der Major sind aufgesprungen. Schweigel Saxen! Saxen! Herrschaftssaxen! Major Was ist denn los? Schweigel Ah was! Beim Stelzer drunten steht das ganze Gemeindekollegium beinander und steckt d'Köpf z'samm. Bürgermeister Warum? Schweigel Ja, wissen S', Herr Bürgermoasta, die Leut hamm Angst, ob Sie's Maul net do a bissel gar z'weit aufgerissen hamm! Vorhang Dritter Akt Gartenzimmer wie in den zwei vorhergehenden Akten. Erste Szene Der Bürgermeister. Frau Bürgermeister. Der Major. Sie sitzen beim Kaffee. Der Major liest in der Zeitung. Der Bürgermeister hat sich auf seinem Sessel zurückgelehnt und ist in sehr gedrückter Stimmung. Frau Bürgermeister zum Bürgermeister. So trink doch deinen Kaffee. Bürgermeister Ich mag keinen. Frau Bürgermeister Du mußt etwas zu dir nehmen. Bürgermeister Nein, danke. Wirklich nicht. Frau Bürgermeister seufzt. Kleine Pause. Von links tritt Marie ein mit dem Brotkörbchen. Bürgermeister Wo ist denn Suschen? Frau Bürgermeister Wahrscheinlich oben. Zu Marie. Haben Sie ihr nicht zum Kaffee gerufen? Marie Ich habe geklopft. Aber Fräulein Suschen sagte, sie hätte Kopfweh. Der Bürgermeister seufzt. Marie Ich glaube, Fräulein Suschen hat geweint, wie ich an der Tür war. Kleine Pause. Frau Bürgermeister Hat sie gar nicht aufgemacht? Marie Nein. Frau Bürgermeister seufzt. Frau Bürgermeister Da, Marie, bringen Sie ihr schwarzen Kaffee, und – warten Sie – ein bißchen Honig, und eine Semmel. So! Und sagen Sie ihr, ich komme dann gleich hinauf. Marie Ja, gnä' Frau. Nimmt von der Frau Bürgermeister das Tablett mit Kaffee usw., links ab. Frau Bürgermeister Das Kind wird uns noch krank. Bürgermeister seufzt wieder. Frau Bürgermeister Und wer ist schuld? Bürgermeister Willst du mich auch quälen? Frau Bürgermeister Es ist doch wahr. Bürgermeister Freilich ist es wahr. Steht hastig auf und geht auf und ab. Alle hacken auf mich los. Mach es nur wie die anderen! Du hast ganz recht. Frau Bürgermeister Du hast dir alles selbst getan. Bürgermeister Dreiundzwanzig Jahre sind wir verheiratet, und nie hat es einen Streit gegeben. Major der bisher hinter seiner Zeitung geraucht hat. Ja, Ja! Politik verdirbt den Charakter. Bürgermeister bleibt stehen. Du hast leicht spotten. Wärst du an meiner Stelle, dann verging dir der Spaß. Er setzt sich nieder. Was über mich alles gekommen ist. An einem Tag! Frau Bürgermeister Jetzt trink einmal deinen Kaffee, Fritz! Bürgermeister Mir schmeckt nichts. Steht auf und geht nach links ab. Zweite Szene Frau Bürgermeister. Der Major. Die Frau Bürgermeister setzt ihre Tasse zum Trinken an, stellt sie aber heftig nieder und schiebt sie mit energischer Bewegung in den Tisch hinein. Frau Bürgermeister Da! Das soll jetzt so weiter gehen! Und ich muß zuschauen. Fällt mir gar nicht ein! Ich weiß, was ich tue. Sie räumt das Geschirr zusammen, wobei sie Tassen und Teller heftig auf das Servierbrett stellt, mit den Löffeln klirrt usw. Der Major liest anscheinend eifrig in der Zeitung. Frau Bürgermeister Ja, die Männer! Das kann nicht nachgeben. Nur recht starrköpfig, daß um Gottes willen keine Perle aus der Krone fällt! Sie wirft die Zuckerzange sehr heftig in die Blechdose und klappt diese laut zu. Frau Bürgermeister Nur recht rücksichtslos! Was liegt denn auch an der Familie. Zum Major. Du hörst mich wohl gar nicht? Major über seine Zeitung weg. Doch, doch. Du bist wirklich sehr vernehmlich. Frau Bürgermeister Aber es ist dir nicht der Mühe wert, was zu sagen? Major Wozu? Du unterhältst dich ja ganz famos mit dem Kaffeegeschirr. Frau Bürgermeister Und du machst dich über alles lustig. Das ist deine Kunst. Major Sag mal, Schwägerin, soll ich jetzt die Vorwürfe kriegen, vor denen Fritz ausgerissen ist? Frau Bürgermeister Die gehen schon dich selber an. Major Das ist sehr aufmerksam von dir, aber was habe ich eigentlich mit der ganzen Geschichte zu tun? Frau Bürgermeister Natürlich nichts. Nicht das mindeste! – Wer ist denn schuld, wie du? Major Ich? Frau Bürgermeister Ja, du! Major legt die Zeitung weg. Na, Gott sei Dank, daß ihr das herausgeknobelt habt! Frau Bürgermeister Fritz hat bloß wegen dir so gelogen. Major. Hat er dir gebeichtet? Frau Bürgermeister Er hat mir alles gesagt. Major Und da habt ihr euch geeinigt, daß ich der Sündenbock bin? Frau Bürgermeister Er traute sich nicht die Wahrheit zu sagen, weil er Angst hatte vor deinen Witzen. Major Das ist eine Auslegung! Frau Bürgermeister Er tut jetzt auch nicht, was er selber möchte. Aus lauter Respekt vor dir. Major Jetzt, da schau her! Frau Bürgermeister Jawohl. Er wäre gleich zu Adolf hin und hätte sich ausgesprochen mit ihm. Aber wenn ich ihm zurede, heißt es: ›Es geht nicht! Ich kann nicht. Karl heißt mich den größten Waschlappen, wenn ich es tue!‹ Major Wär's vielleicht schön, wenn er ihm nachläuft? Er steht auf; beide gehen nach vorn. Frau Bürgermeister Nachlaufen! Wie sich das großartig anhört! Das wäre schon was! Major Jedenfalls eine Blamage. Frau Bürgermeister Und wenn! Für sein Kind kann man sich auch einmal blamieren. Major Wenn es noch was hätte davon! Frau Bürgermeister Ach so! Du hast ja Fritz förmlich dazu gratuliert, daß Suschen sitzenbleibt. Major Dazu nicht. Aber, daß ihr den Herrn losgeworden seid. Frau Bürgermeister Weißt du, da muß ich schon sagen wie meine Schwester: so ungeschickt kann bloß ein Junggesell daher reden. Was wißt ihr von den Sorgen, die man mit Kindern hat. Major Du hast wohl die Sorge, daß Suschen glücklich wird? Frau Bürgermeister Eben deshalb. Major Ist denn Heiraten wirklich alles, Schwägerin? Frau Bürgermeister resolut. Ja. Oder wenigstens die Hauptsache. Wenn ein Mädel nur eine richtige Versorgung hat. Alles andere kommt von selber. Major. Oder auch nicht. Frau Bürgermeister Das Glück hat niemand in der Hand. Wenn man seinem Kind nur die Möglichkeit dazu verschafft. Major Und das war hier der Fall, meinst du? Frau Bürgermeister Ganz gewiß. Der Major zuckt mit den Achseln. Frau Bürgermeister Was soll man denn verlangen? Er ist gesund, brav, hat eine sichere Stellung. Kann man sich eine bessere Partie denken? Lauter Prinzen gibt's halt nicht. Major Und von der Neigung sagst du nichts? Sonst habt ihr sie immer im Mund. Frau Bürgermeister Sie hat ihn gern. Und wie gern. Geh nur hinauf und schau, wie das arme Ding sich abgrämt! Major Und er? Frau Bürgermeister Er hat sie auch gut leiden können. Die heftige Zuneigung braucht es nicht. Major So? Frau Bürgermeister Nein. Das sagt jede vernünftige Frau. Die große Leidenschaft taugt gar nichts. Die hat keinen Bestand. Major Die kleine scheint auch nicht herzuhalten. Frau Bürgermeister Sie hält schon, wenn man erst verheiratet ist und sein anständiges Auskommen hat. Major Ich wünsche deinem Suschen etwas Besseres als so einen Frosch. Frau Bürgermeister Du warst immer gegen ihn. Major Und hab' ich nicht recht gehabt? Beim ersten Schuß läßt er das Mädel im Stich. Frau Bürgermeister Das wäre nie so weit gekommen, wenn Fritz nicht so bockbeinig gewesen wäre. Und heute ließe sich noch mit Adolf reden. Major Du nimmst ihm das gar nicht übel? Frau Bürgermeister Er ist am wenigsten schuld. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte er nie daran gedacht, wegzugehen. Major Aber, weil er Angst kriegte... Frau Bürgermeister Er ist ein Mensch, der was auf sich hält und der vorwärts kommen will. Major Und dem alles andere wurscht ist. Frau Bürgermeister Gerade, weil er so vorsichtig ist, wird eine Frau bei ihm ihre sichere Existenz haben. Major Übertriebene Ansprüche an den Charakter stellst du wirklich nicht. Frau Bürgermeister Charakter! Er hat Charakter genug. Major Ah? Frau Bürgermeister Wer sich eine solche Stellung erringt, muß schon Charakter haben. Major Warum streiten wir eigentlich, Schwägerin? Du hast ja deinen Entschluß schon gefaßt. Frau Bürgermeister Das habe ich auch. Major Du wirst dem Herrn Amtsrichter sagen, daß er seiner Karriere nicht schadet, wenn er wiederkommt. Frau Bürgermeister Er soll wenigstens wissen, woran er ist. Wenn er trotzdem wegbleibt, in Gottes Namen! Aber die Dummheit verschweigen, das tue ich nicht. Major Er wird euch verzeihen. Suschen ist ja ein hübsches Mädel, kriegt auch was mit, und bis er wieder eine findet, das kostet ihm Zeit und Mühe. Frau Bürgermeister Es kann ja sein, daß ich mir was vergebe. Die Leute würden es vielleicht schöner finden, wenn wir jetzt recht großartig beleidigt wären. Ich verliere aber gerne meinen Stolz, wenn nur das Kind glücklich wird. Major hält ihr die Hand hin, jovial. Geh her! Du bist eine brave Haut. Frau Bürgermeister schlägt ein. Lach nur über mich! Major Das tu' ich nicht. Ich habe gestern und heute viele Redensarten gehört; vielleicht selber ein paar gemacht. Am Ende ist das natürlicher, was du sagst. Auch wenn du nicht recht hast. Frau Bürgermeister Du mußt mir etwas versprechen, Karl. Major Und was? Frau Bürgermeister Daß du Fritz nicht in seinem Hochmut bestärkst, wenn Adolf wirklich zurückkommt. Major lacht. Das werde ich bleiben lassen. Der tut doch, was er will. Frau Bürgermeister Nein, du! Wirklich! du hast einen solchen Einfluß auf ihn. Und es ist dir doch nicht gleich, wenn wir in dem Kummer weiter leben? Major Das kann mir schon nicht gleich sein. Ich habe den Schaden daran. Das ist ja scheußlich, wie ihr jetzt herumsitzt. Frau Bürgermeister Also versprich mir das! Major Gut! Ich werde Fritz nicht in seinem Hochmut bestärken. Frau Bürgermeister Ich dank' dir; auch für Suschen. Marie kommt von links. Frau Bürgermeister Marie, räumen Sie ab, und wenn mein Mann fragt, sagen Sie ihm, daß ich fort bin und bald wieder komme. Marie Ja, gnä' Frau. Die Bürgermeisterin droht im Abgehen dem Major noch mit dem Zeigefinger; dann links ab. Dritte Szene Der Major. Marie. Major sucht in seinen Rocktaschen. Marie, haben Sie meinen Tabakbeutel nicht gesehen? Marie Da liegt er ja. Auf dem Tisch. Major Ah, richtig. Der Major geht zum Tische und nimmt von Marie den Tabakbeutel in Empfang. Er stopft nachdenklich die Pfeife, wobei er mehrmals laut räuspert. Major brummend. Mich soll der Teufel in der Luft beuteln, wenn ich nochmal meine Nase hineinstecke. Geht langsam nach links ab. Vierte Szene Zuerst Marie allein, welche den Tisch abräumt. Dann treten durch die Gartentür Stelzer, Gruber, Kiermayer, Gschwendtner und Lindlacher ein. Alle tragen Gehröcke und altmodische Zylinder, die sie erst beim Eintreten des Bürgermeisters abnehmen. Stelzer Ist Herr Bürgermeister zu Hause? Marie Ja. Soll ich ihn holen? Stelzer Wenn Sie so gut sein wollen und sagen, daß wir da sind. Marie Gleich. Ab nach links mit dem Kaffeegeschirr. Kiermayer Du muaßt's Wort führ'n, Stelzer. Als Vorstand vom Kollegium. Stelzer In dieser Beziehung kann ich nicht umhin, wenn es mir auch unangenehm ist. Gruber Mir hamm uns do nix z'fürchten. Kiermayer Z'fürchten net; aba schö is aa net. Heut so, morgen a so. Gruber Ja no! – Gschwendtner Wenn's amal das Interesse der Stadt erfordert! Stelzer Wir konnten gestern die Sachlage nicht so beurteilen. Gruber Und mir hamm eahm net o'g'schafft, daß er 's Maul soweit aufreißt. Kiermayer Aha g'freut hat's uns. Lindlacher Dös hamm mir net so überlegt. Stelzer Wir können mit der Regierung nicht im Zwiespalt leben. Gruber Was hamm mir denn von dera Streiterei? Wir möchten unser Ruah! Lindlacher und Gschwendtner laut unisono. Wir möchten unser Ruah! Stelzer Wenn wir uns gegen die Behörden nicht mäßigen, is das ganze Bahnprojekt gefährdet. Kiermayer Des ist ja richtig; des gib i zua. Gruber Und koa Lateinschul krieg'n mir aa net. Seit zehn Jahr mach ma'r oa Eingab nach der andern, und jetzt waar alles umasunst. Stelzer Wir dürfen unter keinen Umständen die Gunst der Regierung verscherzen. Gruber Wenn ma was krieg'n will, muaß ma sie aa was g'fallen lassen. Des is an alte G'schicht. Kiermayer I bin ja selber net regierungsfeindli. Gruber No also! Lindlacher Im G'schäft hat ma'r an Verlust, und dahoam d' Vorwürf. Gschwendtner Und wie waar's denn bei mir? Net? I bi Buachbinder und kriag vom Amtsg'richt d' Hypothekenbüacher zum Ei'binden. Auf oamal stand i do als a Revolutionär. De lasseten halt ihre Bücher ganz oafach bei an andern ei'binden. Und i hätt' an Dreck. Lindlacher So geht's an jeden. Stelzer Wir können die staatlichen Lieferungen nicht entbehren. Kiermayer Des is mir alles recht, aba was soll denn jetzt da Bürgermoasta toa? Stelzer Auf irgendeine Weise muß die Sache ins Geleise gebracht werden. Kiermayer Wia denn? Gruber Des is sei Sach. Dafür is er Bürgermoasta. Lindlacher grob. Und werd zahlt von uns. Gschwendtner Hat er den Karr'n einig'schoben, kann er'n wieda rausziagn aa. Kiermayer Aber a Blamaschi is scho, a Blamaschi. Lindlacher Auf dös bissel geht's net z'samm. Gruber Dös hätt' er si z'erscht überlegen müassen. Was braucht er denn gar so aufz'drah'n? A Minister is do aa'r a Mensch! Stelzer Alles mit Maß und Ziel! Gschwendtner und Lindlacher laut unisono. Mir möcht'n unser Ruah! – Kiermayer Pst! Da kimmt er! Fünfte Szene Der Bürgermeister von links. Die Vorigen. Bürgermeister Guten Tag, meine Herren! Stelzer Recht guten Tag! Die Anderen S'Good, Herr Bürgermoasta – Bürgermeister Ich muß Ihnen nochmals meinen Dank aussprechen für gestern. Verlegenes Schweigen. Stelzer hustet. Kiermayer schneuzt sich sehr laut. Lindlacher gedehnt. Ja – ja! Gschwendtner Jaa! Stelzer Bitte sehr. Keine Ursache, Herr Bürgermeister. Bürgermeister Es wird mir unvergeßlich bleiben. Lindlacher grob herausplatzend. Uns aa! Verlegene Pause. Gschwendtner So geht's oft – Kiermayer Jaa! Gruber zu Stelzer. No, red halt amal! Stelzer . Gewiß. Herr Bürgermeister, wir kommen eigentlich in einer bestimmten Angelegenheit. Bürgermeister verbindlich. Bitte, Herr Stelzer. Stelzer etwas stockend. Herr Bürgermeister waren – äh so liebenswürdig, im Ministerium zu... zu opponieren. Wir haben unserer Freud' Ausdruck gegeben, in dieser Beziehung. Bürgermeister In erhebender Weise, Herr Stelzer. Stelzer Jawohl, ja. Aber in den besseren Bürgerkreisen macht sich eine gewisse Strömung bemerkbar. Die Sorge um die Familie und das Geschäft übt einen starken Einfluß aus. Lindlacher Und das Interesse der Stadt. Stelzer Ganz richtig. Auch das allgemeine Wohl. In dieser Beziehung fürchtet man, daß wir überhaupt keine Bahn erhalten. Gschwendtner Und koa Lateinschul. Stelzer Und daß auch die Errichtung der Lateinschule unterbleibt. Bürgermeister Aber warum denn, meine Herren? Gruber grob. Da möcht i no lang fragen! Stelzer Es ist bloß eine Stimme in den besseren Kreisen. Bürgermeister Sagen Sie mir nur einen vernünftigen Grund! Gruber aufgeregt. Jessas! Jessas! Lindlacher heftig. Zwanzig für oan! Gschwendtner Da braucht ma do koa Brillen, daß man dös siecht Bürgermeister Meine Herren, dieser Ton!... Stelzer unterbricht ihn. Verzeihung, Herr Bürgermeister! Herr Gruber! Meine Herren! Wir können doch mit Ruhe reden! Erlauben Sie, Herr Bürgermeister, wir sind hier sozusagen als Vertreter der öffentlichen Meinung. Wegen der Sorge um die Bahn. Lindlacher und Gschwendtner unisono. Und d'Lateinschul! Stelzer Es herrscht die Ansicht, daß Herr Bürgermeister die Opposition auf die Spitze getrieben haben. In dieser Beziehung. Bürgermeister Ich habe doch bloß Ihre Meinung vertreten! Stelzer Ja, aber die Wahl der Worte, Herr Bürgermeister! Gruber grob. Net gar a so aufdrah'n hätten S' sollen! Stelzer Pst! Herr Gruber! Ich meine die Art und Weise, wie Herr Bürgermeister mit dem Minister umgegangen sind. Bürgermeister Sie befinden sich da in einem Irrtum, meine Herren! Lindlacher Na! Na! Gschwendtner Da gibt's koan Irrtum! Bürgermeister Die Sache ist aufgebauscht worden. Ich versichere Sie. Durch den dummen Artikel im Wochenblatt. Kiermayer Herr Bürgermoasta, a bisserl is Eahna da Gaul durchganga; a bisserl! Gruber Ja, a bisserl! Dös war scho viel! Bürgermeister zornig. Sie trauen mir doch nicht zu, daß ich mich wie ein Flegel benehme? Gruber Gar so übrig's fei müassen S' net g'wesen sei! Lindlacher Für was hätten denn mir nacha an Ovation bracht? Gschwendtner grob. Mir san do net lauter Hanswurschten! Stelzer flehend. Ruhe, meine Herren! Ruhe! Wir sagen ja bloß, Herr Bürgermeister. Sie haben sich etwas hinreißen lassen durch Ihren edlen Eifer. Bürgermeister So glauben Sie mir doch, meine Herren! Sie sind falsch berichtet! Gruber wütend. Herrschaft! Jetzt kunnt i scho glei grob wer'n. Stelzer zu Gruber. Lassen Sie mich reden! Zum Bürgermeister. Herr Bürgermeister, wir haben doch nur das Wohl der Stadt im Auge. Wir machen Ihnen keine Vorwürfe; wir wollen uns nur beraten wegen dieser mißlichen Lage... Bürgermeister Wie Sie immer von einer mißlichen Lage reden können. Stelzer Oder sagen wir Dilemma. Es ist doch ein gewisses Dilemma vorhanden. Herr Bürgermeister waren in einer durchaus edlen Erregung, aber wir sind halt auch Untertanen. Kiermayer Dös können S' doch net leugna, Herr Bürgermoasta! Gschwendtner Geben S' as halt zua! Bürgermeister Ich will Ihnen was sagen, meine Herren! Das Wohl unserer Stadt liegt mir auch am Herzen. Stelzer Das wissen wir, Herr Bürgermeister. In dieser Beziehung. Bürgermeister Ich habe mir die Sache überlegt. Schon bevor Sie gekommen sind, weil ich über Ihre Sorgen schon etwas unterrichtet war. Stelzer Herr Bürgermeister... Bürgermeister fortfahrend. Sehr würdevoll. Und ich habe sofort meinen Entschluß gefaßt. Vollständig frei, denn ich lasse mich durchaus nicht nötigen. Stelzer Das möchten wir nie, aber... Bürgermeister unterbricht. Ich werde den Minister fragen, ob ich sein Empfinden auch nur im geringsten verletzt habe. Und sollte dies der Fall sein, kurze Pause dann werde ich mich entschuldigen. Gschwendtner Ja, wirkli? Kiermayer freudig. I sag's ja! Bürgermeister Ich reise bereits morgen in die Residenz. Gschwendtner und Lindlacher Ah! Ah! Kiermayer Unsa Bürgermoasta! Stelzer Herr Bürgermeister, erlauben Sie mir, diese Handlungsweise, sie ist eine edle! Lindlacher , Gschwendtner , Kiermayer unisono. Dös is s' aber aa! Bürgermeister Ich betone ausdrücklich, daß ich damit durchaus nicht zugebe, was in dem taktlosen Artikel gestanden hat. Aber – unserer Stadt zuliebe zögere ich keinen Augenblick. Ich möchte nicht, daß auch nur die leiseste Verstimmung bei der Regierung herrscht. Gschwendtner Ja! ja! Kiermayer I sag ja bloß. Stelzer Herr Bürgermeister, Sie haben sich selbst bezwungen, sozusagen. Das ist der schönste Sieg. Alle drängen sich freudig erregt um den Bürgermeister, rufen bravo, schütteln ihm die Hand. Kiermayer Das war ein Manneswort! Lindlacher Respekt, sag' i! Gschwendtner Hut ab! vor einem solchen Mann! Gruber Nix für unguat. Stelzer Und unsern Dank! Unsern heißen Dank! Bürgermeister Bitte, meine Herren! Ich bedaure nur, daß Sie mir nicht gleich ihr Vertrauen schenkten. Kiermayer Der Gruber halt! Gruber I war net alloa! Stelzer Keinen Zwist, meine Herren! Wir haben nie das Vertrauen verloren, Herr Bürgermeister. Lindlacher Ma red't ja bloß! Stelzer Es war nur die Sorge um das Gemeinwohl! Gschwendtner Ganz richtig! Stelzer Wir wissen alle, was wir an Herrn Bürgermeister haben. Und wir werden das auch zeigen. Lindlacher Jawohl! Sechste Szene Unter der Gartentüre erscheint Heitzinger in Eile Heitzinger Endlich finde ich die Herren. Ich suche seit einer Stunde herum. Was sagen Sie zu meinem Artikel? Wie steht jetzt die Angelegenheit? Beim Eintreten Heitzingers sind alle etwas beiseite getreten, so daß sich der Bürgermeister und Heitzinger gegenüber stehen. Bürgermeister Das will ich Ihnen schon sagen. Die Angelegenheit steht schlecht für Sie. Heitzinger verblüfft. Wie? Was? Für mich? Bürgermeister Sie sind schuld an der ganzen Geschichte! Sie sind schuld, wenn die Gesinnung dieser Stadt auch nur einen Augenblick angezweifelt werden konnte. Sie ganz allein. Heitzinger Diesen Vorwurf habe ich nicht verdient. Bürgermeister Jawohl haben Sie ihn verdient. Durch Ihren taktlosen Artikel! Heitzinger Ich weiß nicht, wie ich mir vorkomme. Gschwendtner Geh! G'stell di net a so! Lindlacher Die ganze Bürgerschaft hetzat er auf anander. Was glauben denn Sie eigentli? Gschwendtner Hast denn du koan Respekt vor der Obrigkeit? Gruber Wia er d' Regierung anpacken möcht! Da hört sie do alles auf. Lindlacher An Minister möcht er beleidigen! Kiermayer Mit sein' Schmierblattl! Heitzinger Das verbitte ich mir! Ich verbitte mir solche unparlamentarischen Ausdrücke! Ich habe bloß meine Pflicht getan. Bürgermeister Das haben Sie nicht. Heitzinger Herr Bürgermeister, ich habe doch bloß geschrieben, was Sie erzählt haben. Bürgermeister Was? Heitzinger Ja. Nach Ihrer glücklichen Rückkehr. Bürgermeister geht langsam auf Heitzinger zu, tritt dicht an ihn heran und blickt ihn durchbohrend an. Mensch! Habe ich Ihnen etwas erzählt von Brutus? He? Heitzinger Nein – – – Gschwendtner Des muaß scho der Richtige g'wen sei! Bürgermeister Und vom weströmischen Reich? He? Heitzinger Erlauben Sie – – – Bürgermeister Und von Tyrannen? Und von vernichten? He? Heitzinger Das ist ja bloß der Stil, Herr Bürgermeister! Das ist ja bloß der Stil. Das muß so sein. Gruber A Schmarr'n is! Gschwendtner Und a rechte Unverschämtheit. Alle schreien auf Heitzinger ein. Bürgermeister Sie haben sich alles aus den Fingern gesogen. Heitzinger Ich habe der Sache natürlich eine schöne Wendung gegeben. Damit es einen Schwung hat. Aber ich wollte damit nur Herrn Bürgermeister unterstützen. Bürgermeister So? Heitzinger In Ihrem Kampf gegen den Minister. Bürgermeister groß. Herr Heitzinger, diese Kämpfe pflege ich allein auszutragen. Kiermayer Da brauch'n ma Eahna net dazua. Heitzinger Aber die Presse – – – Bürgermeister wie oben. Was ich und der Minister einander zu sagen haben, das ist nicht für die Presse. Lindlacher Wia könna denn Sie überhaupts mitreden? Sie san ja gar net von hier. Gruber Sie Zuag'roaster! Bürgermeister Ich kann Ihnen nur sagen, Heitzinger, Sie haben es beinahe fertiggebracht, daß der Frieden unserer Stadt gestört wurde. Stelzer Wenn das überhaupt möglich wäre! Bürgermeister Wenn das überhaupt möglich wäre. Ja! Er zieht das Wochenblatt aus der Tasche und klopft darauf. Es weht ein böser Geist aus diesen Zeilen, Heitzinger! Heitzinger resolut. Wissen Sie was, Herr Bürgermeister, wenn der Artikel verfänglich ist – – dann dementiere ich ihn ganz einfach. Gschwendtner Dös werd dei Glück sei! Bürgermeister Wie soll das gehen? Heitzinger Ich schreibe einfach, daß ich mich geirrt habe. Kiermayer Oder daß d' b'suffa g'wen bist. Bürgermeister Schreiben Sie nur, daß Sie sich geirrt haben. Denn glauben Sie mir, Sie haben sich auch geirrt. Stelzer Aber meine Herren, wir müssen jetzt gehen. Also adieu, Herr Bürgermeister. Gschwendtner Und nomal vielen Dank. Kiermayer und Lindlacher Im Namen der Stadt. Sie schütteln ihm wieder die Hand. Stelzer Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen. Bürgermeister Adieu, Herr Stelzer! Lindlacher , Gschwendtner , Gruber , Kiermayer Pfüat Good! Bürgermeister Adieu, meine Herren! Und Sie, Herr Heitzinger, halten Sie diesmal Ihr Versprechen; Sie haben viel gutzumachen. Alle gehen ab durch die Gartentüre und reden eifrig in Heitzinger hinein, der heftig gestikuliert. – Kiermayer kehrt unter der Türe um und geht auf den Bürgermeister zu. Kiermayer Herr Bürgermoasta! I bi koa Redner. Aha Sie verstengan mi do! I sag bloß dös. Bal die Regierung jetzt no was will – nacha san mir scho do! Schüttelt ihm die Hand. Bürgermeister Jawohl, Herr Kiermayer. Kiermayer Mir zwoa verstengan anand. Kiermayer ab. Nach Abtreten Kiermayers stellt sich der Bürgermeister an das rechte Fenster und blickt mit dem Rücken gegen das Publikum gewendet in den Garten hinaus. Pause. Der Major kommt von links. Siebente Szene Der Major. Der Bürgermeister. Major Was war denn das für eine lebhafte Unterhaltung? Bürgermeister Das Gemeindekollegium war da. Major Aha! Bürgermeister Sie haben mich gebeten, daß ich den Minister beschwichtigen soll. Major Und du? Bürgermeister Ich? Legt die Hände auf den Rücken und geht auf und ab. Ich habe eingewilligt. Was soll ich machen? Major Natürlich! Bürgermeister Weißt du, Karl, eine Lehre habe ich mir gezogen heute. Ich bin jetzt gewitzigt. Ich hole nicht noch einmal die Kastanien aus dem Feuer. Major Da hast du recht. Bürgermeister Diese Helden! Und dafür opfere ich das Glück meiner Familie! Frau Bürgermeister von links in großer Eile. Achte Szene Die Vorigen. Frau Bürgermeister. Frau Bürgermeister Fritz! Fritz! Er kommt. Bürgermeister Was? Wer? Frau Bürgermeister Adolf. Ich war bei ihm. Ich habe ihm alles erzählt. Der Major geht nach links ab. Bürgermeister aufgeregt. So red doch! Was ist denn? Frau Bürgermeister Ich bin so gelaufen. Es kann noch alles gut werden. Er weiß, daß gar nichts vorgefallen ist. Bürgermeister ja, aber... Frau Bürgermeister Denk an unser Suschen. Sie war unglücklich genug wegen deiner Halsstarrigkeit. Bürgermeister Ich will ja gern. Ich will ja von Herzen gern, wenn... Frau Bürgermeister streichelt ihm die Wange. Sei wieder der Alte! Schau! So wie früher. Da kommt er schon! Beringer erscheint langsam und gemessen unter der Gartentüre. Neunte Szene Die Vorigen. Beringer. Bürgermeister auf ihn zueilend. Adolf! Beringer Mama hat mir gesagt... Bürgermeister Herrgott, weil du nur kommst! Weil du nur wieder da bist! Junge! Beringer Ja, ich weiß noch nicht, ob... Bürgermeister Aber ich weiß. Das Ganze war ja ein Unsinn! Frau Bürgermeister welche sich mit dem Taschentuche die Tränen trocknet, zu Adolf. Die Hauptsache ist, daß du unser Suschen noch immer lieb hast. Beringer Gewiß habe ich Suschen gerne, aber du weißt ja, was ich gesagt habe, Mama. Frau Bürgermeister zu ihrem Manne. Er war so gut zu mir, und er ist gleich mitgekommen. Beringer Ja, aber ihr begreift doch, ich muß doch gewisse Sicherheiten haben. Frau Bürgermeister So red doch. Fritz! Bürgermeister zu Adolf. Natürlich! Da hast du recht! Du mußt Sicherheiten haben. Schüttelt ihm die Hand. Alter Junge! Beringer Mama sagt mir, du hättest keinerlei Kontroversen mit Exzellenz gehabt? Bürgermeister I wo werd ich! Beringer Es hat keine Szene gegeben? Bürgermeister Keine Spur! Wie du nur einen Moment so was glauben konntest! Frau Bürgermeister Das war schon deine Schuld, Fritz. Bürgermeister Aber natürlich war es meine Schuld. Beringer Ich begreife faktisch nicht, wie man mit so etwas renommieren kann! Das ist doch kein Verdienst! Bürgermeister Im Gegenteil! Da hast du recht. Frau Bürgermeister Er hat ja sonst nie etwas von der Politik wissen wollen, Adolf. Bürgermeister Und du weißt doch, daß ich die besten Beziehungen zum Ministerium habe. Beringer Das liegt vor dieser Geschichte. Bürgermeister Das waren bloß ein paar Redensarten, im Privatkreis. Frau Bürgermeister Es war gewiß nicht bös gemeint. Bürgermeister Und eigentlich habe ich der Regierung damit einen Dienst geleistet. Beringer gedehnt. So? Frau Bürgermeister ängstlich. Fritz! Bürgermeister Nein, wirklich! Du mußt doch zugeben, Adolf, daß in der Stadt eine starke Erregung herrschte. Beringer Ach was! Bürgermeister begütigend. Natürlich nichts Gefährliches. Aber immerhin eine Erbitterung. Da war es doch meine Aufgabe, den Leuten darüber wegzuhelfen. Das tat ich, indem ich sagte, daß ich ihre Interessen kräftig vertrat. Wenn wir nicht durchdrangen, ging es eben nicht anders. Der Notwendigkeit muß man sich beugen. Beringer So hast du aber nicht gesprochen. Frau Bürgermeister Nein, Fritz! Bürgermeister Ich hätte deutlicher sein sollen. Das war mein Fehler. Aber am Ende kann ich nichts dafür, wenn einige Schreier die Sache aufbauschen! Beringer Das ist alles recht schön. Aber die Ovation ist nun einmal Tatsache. Bürgermeister Ich werde morgen dem Minister versichern, daß sie durchaus loyal gemeint war. Beringer Du fährst zum Minister? Bürgermeister Gewiß. Vorhin habe ich es der Bürgerschaft versprochen. Frau Bürgermeister Die Bürger waren bei dir? Bürgermeister Ja, und haben mich gebeten, dem Minister ihre Ergebenheit zu versichern. Damit ist doch die Sache bestens erledigt. Beringer Aber womit kannst du deinen Besuch motivieren: Du mußt doch einen Grund haben? Bürgermeister Den habe ich auch. Ich werde mich feierlich gegen den Artikel im Wochenblatt verwahren. Ich werde erklären, daß wir nicht das Mindeste damit zu tun haben. Beringer Der Minister wird glauben, daß dich dein schlechtes Gewissen hintreibt. Bürgermeister eifrig. Wieso denn? Er muß es doch selbstverständlich finden, daß wir gegen diese Taktlosigkeit Stellung nehmen. Beringer Hm! Bürgermeister Außerdem weiß der Minister doch selbst am besten, daß ich ihm keine Grobheiten gemacht habe. Beringer Das ist allerdings richtig. Bürgermeister Und er sieht ja, wieviel mir an seinem Wohlwollen liegt! Frau Bürgermeister Es wird noch alles gut werden. Beringer zögernd. Vielleicht. Jedenfalls kann die Audienz günstig wirken. Bürgermeister Aber natürlich! Wird sie auch! Verlaß dich ganz auf mich! Er schiebt seinen Arm unter den Beringers. Und jetzt komm zu unserm Suschen! Er zieht Beringer lebhaft gegen die linke Türe. Die Bürgermeisterin folgt und trocknet wieder ihre Augen. Vor der Türe bleibt Beringer stehen. Beringer Gut! Ich komme mit. Aber wie gesagt, unter dem Vorbehalt, daß ich etwa... Bürgermeister burschikos. Papperlapapp! Da fehlt nichts mehr! Verlaß dich nur ganz auf mich! Er zieht Beringer mit. Alle drei ab. Man hört zuerst den Bürgermeister, dann seine Frau lebhaft rufen: Suschen! Suschen! Zehnte Szene Die Szene ist kurze Zeit leer. Dann treten der Major und Bierbrauer Schweigel durch die Gartentüre ein. Schweigel sichtlich in Verlegenheit. Während der Szene tritt allmählich Dämmerung ein. Schweigel nimmt seinen Hut ab und kraut sich hinter dem Ohre. Teufi! Teufi! Major Ja, ja. Schweigel Dablecken S' mi nur recht! Major Ich sag' doch nichts. Schweigel Aber hoamli lacha, gel? Reden S' halt amal! Was sagen denn Sie dazua? Major Das nämliche wie gestern. Schweigel Da hamm Sie unsern Charakter anzweifelt. Net wahr? Major Wollen Sie heut wieder über die Festigkeit streiten? Schweigel Warum denn net? Major Schön. Da fangen wir gleich beim Gemeindekollegium an. Schweigel rasch. Na! Liaba net! Major Jetzt frag' ich einmal. Was sagen denn Sie dazu, Herr Schweigel? Kleine Pause. Schweigel kratzt sich wieder hinter dem Ohre. Dann resolut. Schweigel I will Eahna was sag'n, Herr Major. Sie hamm jetzt das Heft in der Hand. Scheinbar. Aha Sie schaug'n die G'schicht do net ganz richtig o. Major So? Schweigel Ja. Wissen S', es gibt da aa verschiedene Ansichten. Major Das stimmt. Schweigel Oaner hat de, und der ander hat an andere. Major Und manche haben zwei und wechseln ab damit. Schweigel I hör Eahna scho geh. Aba wissen S' die Halsstarrigkeit is aa'r a Fehler. Major An dem leiden die Dornsteiner nicht. Schweigel Ja no! Der G'scheiter gibt nach. Major lacht herzlich. Sie sind ein braver Staatsbürger. Schweigel Sie lachen, Herr Major, aber sehg'n S', i behaupt, daß für uns Bürger de Politik überhaupts net paßt. Major Nicht? Schweigel Na – de Politik is was für de Leut', de Zeit dazua hamm und de koana Rücksichten net z' nehma braucha. Major Ja, wenn die Rücksichten nicht wären! Schweigel Des is ja! Sehg'n S', mir hamm z'letzt soviel Schneid wia'r a jeder. Aba – mir halten uns z'ruck. Major Aha! Schweigel Mir müassen scho! Ob ma mög'n oder net. Mir hamm a G'schäft und hamm a Familie. Major Kommen Sie auch mit dem? Schweigel Herr Major, allen Respekt vor dem Mannesmut, aba das allererste is, daß 's Haus in Ordnung is. Und des geht mit der Politik net z'samm. Major Das sehe ich gar nicht ein. Schweigel Des is ganz klar. Net wahr, wenn oaner Politik macht, steht er allaweil zu oaner Partei. Und des is nix für an Geschäftsmann. Der muaß mit alle Leut guat steh'. Es ist dunkel geworden. Marie kommt mit einer Gartenlampe. Die Bühne ist nur mäßig erhellt. Marie ab. Major Ihr dürft also bloß im Wirtshaus politisieren? Schweigel Des is des G'scheitest. Was schaugt denn raus dabei, wenn ma selber mittuat? Mir sehg'n recht guat, daß im Staat vieles zum verbessern waar – aber mir Dornstoana alloa reißen des aa nimmer raus. Major Besonders nicht, wenn ihr gleich umfallt. Schweigel Umfallen! G'setzten Falles, mir waaren umg'fallen. Major Blimel! Blamel! Ihr habt nach allen Regeln der Kunst umgeschmissen. Schweigel Also g'setzten Falles, mir san umgefallen, was is denn nacha? Major Oh, gar nichts. Schweigel Sie müassen mi recht vasteh'. I sag' selber, daß de Standhaftigkeit was Schön's is. Moralisch bin i eigentli ganz mit Eahna ei'vastanden, aber der ander Standpunkt hat aa sei Berechtigung. Major Welcher? Der unmoralische? Schweigel Jetzt möchten S' mi wieder dablecken! Na, sehg'n S', Herr Major, ma fragt si doch, will ma den Streit weiter führ'n oder will ma sei Ruah hamm. D' Regierung is oamal z' stark, und da gang der Verdruß nimmer aus. Also sagt ma si: »Leb'n ma'r in Frieden!« Während der letzten Sätze ist von beiden unbemerkt der Bürgermeister links eingetreten. Elfte Szene Die Vorigen. Der Bürgermeister. Bürgermeister laut und freudig. Bravo! Ja, wir leben im Frieden! Schweigel Ah, da Herr Bürgermoasta... Bürgermeister Das war mir aus der Seele gesprochen. Major Ist die Versöhnung allgemein? Bürgermeister Gott sei Lob und Dank! Ja! Schweigel in der ganzen Stadt is oa Begeisterung. Dös hamm S' scho fei geben, Herr Bürgermoasta! Major In der Familie ist alles wieder in Ordnung? Bürgermeister schüttelt ihm die Hand. Ja, Karl. Major Dann wäre ich also der einzige, der unrecht hat. Bürgermeister Du hast es gewiß gut gemeint. Major Na, das ist wenigstens etwas. Schweigel Da Herr Major is halt an alter Soldat und möcht allaweil an kloan Kriag. Bürgermeister sich die Hände reibend. Ach, Leute! Ich bin so froh! Sie haben jedenfalls gehört, Herr Schweigel, es war eine Verstimmung da. Schweigel Mit'n Herrn Amtsrichter? Ja, i hab was läuten hören. Bürgermeister heiter. Das ist alles in Ordnung! Gottlob! Von links kommt Beringer, Arm in Arm mit Suschen. Hinter ihnen die Bürgermeisterin. Zwölfte Szene Der Bürgermeister. Der Major. Schweigel. Frau Bürgermeister. Beringer. Suschen. Schweigel sehr laut. So is recht! Waar ja net übi, wenn sie des schönste Brautpaar z'kriag'n tat! Bürgermeister zu Beringer . Herr Schweigel hörte davon. Schweigel Und i hab koan schlechten Verdruß g'habt! Liaba weret ma da scho a ganze Sud Bier sauer, als so was! Herrschaftsseiten! Suschen Sie sind so gut zu mir, Herr Schweigel. Schweigel mit lärmender Lustigkeit. Da hamm S' recht! I gab Eahna glei a Busserl, wenn da Herr Amtsrichter net dabei war! Wendet sich zur Bürgermeisterin und reicht ihr die Hand. Gelten S', Frau Mama? Suschen zu Beringer. Heute bleibst du recht lange! Beringer Eigentlich... aber wenn du willst. Suschen küßt ihn. Du lieber Schatz! Frau Bürgermeister gerührt. Unsere Kinder! Fritz! Schweigel lärmend zum Major. Ha? Sag'n S' amal selber, is des net gescheiter als wia d' Politik? Frau Bürgermeister Aber jetzt setzen wir uns! Bürgermeister Heute soll es einmal gemütlich werden. Suschen Herr Schweigel bleibt auch da? Gelt? Schweigel Freili, Sie liabs Hascherl! Man hört entfernt Musik. Frau Bürgermeister Also Platz nehmen! Karl, du mußt neben mich... Schweigel Wenn i no dro denkt hätt', nacha hätt' i a Banzel Bier auf g'legt. Alle gehen zu Tisch. Schweigel, der Major, Frau Bürgermeister, der Bürgermeister setzen sich. Suschen und Beringer wollen Platz nehmen. In diesem Augenblick intoniert die Musik ganz nahe einen Marsch. Alle horchen. Der Bürgermeister und seine Frau springen auf. Bürgermeister Was ist das? Marie stürzt herein und ruft. D' Liedertafel kommt! Frau Bürgermeister bestürzt. Um Gottes willen! Bürgermeister Es wird doch nicht wieder!... Schweigel Na! Na! Hamm S' nur koa Angst! Desmal is a Friedensfeier! Dröhnender Marsch. Die Musik, die Liedertafel, Lampionträger und viel Volk sind im Garten angelangt. Einen Moment Stille. Dann singt ein Quartett die erste Strophe von »Still ruht der See«. Nach Beendigung der Strophe tritt Stelzer unter die Türe und spricht gegen den Zuschauerraum gewendet. Stelzer Zum zweiten Male kommen wir mit Dank erfüllt an diese Schwelle. Unser Herr Bürgermeister, der dem Wohle der Stadt alles opfert, und der sich selber bezwungen hat, er lebe hoch! Hoch! Hoch! Die Leute im Garten stimmen brausend in das Hoch ein. Einen Augenblick Schweigen. Dann tritt der Bürgermeister vor und spricht. Bürgermeister Mitbürger! Diese Ehrung überrascht mich noch mehr wie die erste. Ich weiß aber, daß Sie damit nur Ihre gute Gesinnung zeigen wollen. Wir Dornsteiner sind und bleiben treue Untertanen. Jetzt und immerdar. In diesem Sinne rufe ich: Die loyale Stadt Dornstein soll leben Hoch! Hoch! Hoch! Stürmische Hochs und Bravos. Die Liedertafel fällt gleichzeitig mit dem Sängerspruche ein. Schneidige Wehr, Blanke Ehr, Lied zum Geleit, Gib Gott allezeit! Während des Singens fällt der Vorhang.