Leonore Griebel Roman von Hermann Stehr   Berlin S. Fischer, Verlag. 1900     Dem Dichter Gerhart Hauptmann in tiefer Verehrung zugeeignet     Doch uns ist gegeben, Auf keiner Stätte zu ruhn, Es schwinden, es fallen Die leidenden Menschen Blindlings von einer Stunde zur andern, Wie Wasser von Klippe Zu Klippe geworfen, Jahrlang ins Ungewisse hinab. Hölderlin: Hyperions Schicksalslied I. Es gibt starke Geschlechter, deren Leben in gleicher Gestalt durch Jahrhunderte schreitet. Die Grundsätze der Vorväter verpflichten und zwingen wortlos, wie die blinden Gesetze des Stoffes das Wohl des Leibes bauen. Aus einer solchen Familie stammte der Tuchmacher Joseph Griebel aus Altenrode. Das große Haus auf der Walkergasse, welches er bewohnte, war seit Menschengedenken so. Durch das zweiflügelige Hausthor gingen immer dieselben Menschen aus und ein. Behäbige Männer, mit eigentümlich kurzen, dicken Beinen, langsam und gravitätisch –, und ihre großen Hände fuhren von Zeit zu Zeit liebkosend über die feisten Wangen. Dazu blickten die blauen Augen milde und lieb. Die Mütter und Töchter waren groß und breithüftig, recht zur Rührigkeit geschaffen, mit derben, graden Gesichtern, über die sich mit der Zeit ein strenger Zug legte. Das aber war absonderlich. Das Haus lebte die Geschichte des Geschlechtes mit. Nicht so, daß es restlos in ihr aufging, nein, in geheimnisvollen Linien senkte es den Zwang seines fertigen Wesens in die bildsame Seele der Menschen, die dauernd in den Bannkreis seiner Fundamente kamen. Mit Lachen füllte allemal, wenn ein Alter hinausgefahren war auf den Totenacker, das junge Weib seine weiten, hohen Räume. Sie schmückte die hohen Fenster mit weißen Vorhängen und zwang den steifen, kalten Mauern mit ihrer Lebensfreude einen heiteren Ton ab: Dann gingen die großen Thüren leise und schwingend. Die Hausthore sprangen auf und die Sonne vertrieb mit leichtem, sonnigem Atem den kalten Dunst, der sonst im Hausflur lag. Wie dann selbst die Stufen der Stiege neckisch quietschten, wenn flinke Kinderfüßchen über sie hineilten, und die Traillen des gebräunten Geländers schnurrten vergnügt dazu. Selbst der alte Löwenkopf am Ende der Stiege, der sonst so grimmig mit weitem Rachen auf die Straße schrie in stummer Wut, blinzelte verschmitzt mit den stieren Augen, in deren Winkeln die Kruste seines hohen Alters lag. Ja, der alte Bau wurde sogar geschwätzig. Er verlockte die Kinder in das Dämmern seiner verwinkelten Bodenkammern. Diese waren mit vielen verstaubten Laden und Kasten angefüllt, in denen verblichene Gewänder lagen: Spitzenhauben mit blumigen Bändern und mattem Goldgewebe, Schnebbentaillen, Radröcke, lange, blaue, ernste Tuchröcke mit ehrwürdigen, breiten Kragen. Dann erzählte er den Kindern verklungene Geschichten, süße, verschnörkelte Märchen. Er holte mit seiner breiten Feueresse ächzend Atem, um dann wieder mit der summenden, heißen Stille weiterzumummeln. Die Kleinen aber saßen vor den bunten Sachen und lauschten mit leuchtenden Augen. Das alte Leben tanzte mit wehenden Röcken und fliegenden Bändern auf hohen Hackenschuhen über die Dielen der Dachkammern. Es schritt in Kniehosen einher und das spanische Rohr klopfte bedächtig auf. Nur wenn es auf einen Ast traf, klang es schrill und der ganze Spuk verschwand plötzlich. Drunten in den Stuben, die nun auch nicht mehr so kühl und düster waren, schritt das junge Weib leichten Ganges umher, und der junge Meister lächelte ein stilles, zufriedenes Lächeln. Die Sonne hatte ihre helle Freude über das steinalte, große Haus und malte ihre gleißenden Ringe mit glückzitterndem Goldfinger auf das trübe Grau seiner hohen Jahre, daß es davon in verhaltener Wonne bebte, und die Bäume des weitläufigen Gartens an der Hinterwand ermunterte sie aus ernster Versunkenheit. Der alte Birnbaum, unter dem die Laube stand, lachte noch einmal mit seinem kümmerlichen Gezweig und schmückte sich mit einem dürftigen Sträußchen weißer Blüten. Die jungen Bäumchen aber wiegten sich im Tanz eines leichten Windes und warfen mit vollen Händen den Übermut ihrer rotblühenden Jugend in das stilllauschendeGras. Die Leute von Altenrode schüttelten die Köpfe, denn sie konnten die Wandlung nicht begreifen, die mit dem alten Haus in der Walkergasse vor sich gegangen war. Allein niemand, selbst die Bewohner eingeschlossen, wußte, daß es seine Rückfälle in den angeborenen, steifen lastenden Ernst hatte. Ganz war es ihn nie los geworden, selbst mit dem süßesten Lächeln des jüngsten Kindes nicht. Denn in der verborgensten Tiefe seines Innern lag er ungeschwächt, in seinen Kellern. Wohl hauste er dort von den schweren Steinen ihrer Rundungen gefangen. Aber plötzlich, am lachendsten Tage oft, wenn der Absatz eines schreitenden Fußes zu hart auf die Quadern des Flures stampfte, fuhr er auf und polterte dumpf über die Stiege hinauf in alle Räume. Dann erwachte ein geheimes Murren in so manchem Winkel, wo es verborgen geruht hatte und dehnte sich in leisezähen Lauten. Und wenn dann das Lämpchen der Kinderstube, dieses wachsame Mutterauge, erlosch, weil es von keiner Wiege mehr den Schreck abzuwehren hatte, gewann des Hauses düstere Seele immer mehr die alte Herrschaft sich zurück. Es trotzte mit eintönigen, harten Umrissen in alle Nächte hinein wie ehedem immer, und selbst der milde Mond vermochte nicht von seiner grauen Stirn die Miene stolzer Herbheit zu wischen. Und alle schweren, rauhen Gedanken erwachten in seinen Räumen. Mit dem großen, tiefen Schatten seiner hohen, kalten Gemächer beugte es sich über das Lager der Schlafenden und flüsterte ihnen finstere Träume in die Seele. Die Erwachsenen rührten sich nur seufzend davon in ihren Betten; die Kinder fuhren erschreckt auf und starrten furchtsam in die Nacht. Aber sie hörten nichts als den Schlag der einsamen Uhr auf dem Gange draußen huschend hinklingend und schliefen aus Angst wieder ein. Am Morgen waren alle bedrückt und sagten, daß sie eine schlechte Nacht gehabt hätten, weil sie nicht wußten daß das Haus begann, seine Macht über ihre bildsame Seele auszuüben. Auch am Tage überfiel das Haus nun öfter der alte, stille Ernst. Das war in den Stunden, in denen die Kinder in der Schule saßen. Dann duldete es keinen lauten Ruf. Den tiefen Ton der Mannesstimme ertrug es noch eher; dann kam nur ein dumpfer Verweis aus seinen hohen Hallen. Aber bei dem Ruf eines Weibes heulte es gequält auf, daß es allen durch Mark und Bein ging, die es hörten. Darum gewöhnte man sich einen leisen, gleitenden Gang an, sprach flüsternd, oft nur durch Handbewegungen oder die Mienen des Auges. Wohl scheuchten die heimkehrenden Kinder es aus seiner einsamen Kühle auf, daß es ihren jungen Stimmen antwortete mit heiteren, seelenvollen Lauten. Aber diese frohen Stunden wurden immer seltener. Die Seelen der Erwachsenen sind dem Fertigen näher, als die der Kinder. Sie unterwarfen sich auch zuerst dem stummen Zwange des ernsten Hauses. So verstummten die Lieder des Weibes nach und nach. Die Blumenhüte und bunten Kleider, der leichte Putz der Jugend, wanderte in die bestaubten Kisten der Bodenkammern und ward gemach verklungene Geschichte, süßes, verschnörkeltes Märchen. Nun lachte das Weib nur, indem es stumm und freundlich die Oberlippe hochzog. In seinem Herzen sprangen keine Fluten mehr auf; fest, sicher und gerade glitt das Fühlen aus und ein, daß auf dem Gesicht ein ernster, derber Zug sich dauernd eingrub. Den Mann änderte es weniger; er ging nur noch etwas gravitätischer, trug den Stock noch würdevoller, sprach noch gewichtiger als in den Tagen seiner freieren Jugend. Alle lachenden Geister verließen nach und nach das Haus. Zuletzt herrschte in allen Seelen und Räumen derbe Nüchternheit, ernste Pflichttreue, strenge Nützlichkeit und harter Biedersinn, der unverfälschte Geist jenes längstvergessenen Ahnherrn, der des Hauses Erbauer gewesen. Die weißen Vorhänge verschwanden von den Fenstern, die mit dem schwarzen Glase nun wieder gleichgültig ins Weite sahen. Die Stuben wurden schmucklos und düster. Die Stiege lag schweigsam da. Der Löwenkopf an deren Ende verlor jeden gutmütigen Ausdruck. Nur selten öffneten sich die Flügel des Hausthores. In dem unteren Flur lag wieder die alte, feuchte Dumpfheit. Selbstbewußt, in protzigem Stolz ragte das große Haus über die winzigen Häuslein zur Rechten und Linken. Und während diese aus engen Feueressen mühsam die dünnen Rauchfahnen bliesen, schmauchte ihr großer Nachbar in mächtigen Wolken. Die Atemstöße seines Zuges fuhren schwer durch seine massige Esse. Indessen sann das Haus nach, was es den kommenden Geschlechtern mit den Reliquien seiner Dachkammern erzählen würde. *  *  * Durch den alten Konstantin Griebel war die Tradition seines Hauses gestört worden. Er hatte sich erst mit achtzig Jahren zum Tode bequemt, und das war auch nicht in der hergebrachten Weise vor sich gegangen. Anstatt still mit einem verklärten Gesichte segnend auszulöschen, war eine wilde Unruhe über ihn gekommen, als er den Tod an die Thür seines Krankenzimmers klopfen hörte. Es hatte ihm die Augen aus dem Kopf getrieben; sein mageres Gesicht war in Schreck noch mehr eingefallen. Wie kämpfend war es aufgesprungen und hatte mit seinen abgezehrten Armen leidenschaftlich in die Luft geschlagen, als gälte es, jemand zu vertreiben. Während ihn Joseph in die Kissen niedergedrückt hatte, waren von den Lippen des Alten angstvolle Röcheltöne geklungen und unter wiederstreitenden Zuckungen war er endlich gestorben, als habe ihn der Tod von dem unvollendeten Mahle des Lebens hinweggerissen. Erschüttert stand der Sohn am Bette und vergaß, dem Toten die Augen zuzudrücken, die stier, wie im gebrochenen Schrei eines Vorwurfes auf ihn blickten. Dann aber strich er behutsam die Lider über die leeren, angstvollen Augen und ging zitternd hinaus. »Er wollt mir wås [å = a mit einer leichten Verdunkelung durch o] sän«, sann er. »Åber wås wårsch? Klang's nicht wie hei ..., wie: Suhn ... du ... åch ...? Wås hots, dåß er mich ei der Angst ånsåh met sen'n tuta Auja?« Und er brachte es nicht vor seinen Ohren weg, das qualvolle Lallen des Sterbenden, und sah fortwährend den Schreck der gebrochenen Augen. Auch als der Tote von seinen Innungsgenossen hinausgetragen worden war; als jeder Geruch der Beerdigung in der weiten Stille des großen Hauses untergegangen war, änderte es sich nicht. Of huschte neben ihm ein Schatten an der Wand entlang, wenn er durch den dämmrigen Flur schritt; oder er fuhr abends, vor dem Einschlafen zusammen; denn er erwachte irgendwo im Hause ein rasselndes Geräusch, ganz leise, als ob es schon lange seinem tauben Ohr gerufen habe und nun in zuckender Enttäuschung stoßweise verhauchte, da er seine Aufmerksamkeit darauf richtete. Schon ergriff ihn öfter eine Furcht, wenn er, aus der Werkstätte zurückkehrend, die draußen vor der Stadt lag, sein Haus erblickte. Einmal aber ereignete sich etwas ganz absonderliches. Er schritt, über seine Arbeit nachsinnend, die blaue Schürze umgebunden, die Treppe hinab und fühlte plötzlich den blinden Drang in sich, aufzusehen. Aber, was war denn das im Hausflur?! – – Das konnte doch von den beiden runden Fenstern im Hausthore nicht sein: zwei müde Augen lagen auf den ausgetretenen Flurquadern. Über ihrem halberloschenen Blau zitterte ein stumpfglasiger Schimmer, glitzernde Ringe stiegen aus ihrer Tiefe und verliefen leise an der Oberfläche wie zögernde Thränen. Daß kaum seine Bluse knisterte, drehte sich der Tuchmacher um, winkte die fast taube Wirtschafterin aus der Küche und wies ihr die Erscheinung mit bebendem Arm. Aber diese begriff nicht, schüttelte den Kopf und wischte sich dabei mit zwei Fingern ihre magere Nase. »Dat!« hauchte er. »Wås?« schrie sie endlich aus Leibeskräften nach Art der Tauben. Von dem groben Laut aber begann das erlöschende Blau leise fortzugleiten, und als er noch einmal dringender darauf hinwies: »Dat!« waren es schon wieder die zwei Lichtflecken geworden, die immer in dem feuchten Hausflur lagen. »Dås?« schrie sie, »dås sein de zwee ronda Fensterfleckla. Weiter nischt. – Und Sie, Herr Joseph, Sie warn åm besta thun, Sie heiråta.« Damit wandte sein sich um und indem sie langsam hinaufschlürfte, lachte sie dünn und schüttelte wackelnd mir dem Kopf. Es aber schritt dem Ausgange zu und wich dabei den Flecken sorgsam aus. Aber es war trotzdem vorhin ein müdes, weinendes Auge gewesen, jeder der beiden Flecken. »Fensterfleckla,« redete er in sich hinein, »heiråta ..., haha! ... und wenn de Weiber Pulverholz warn, wessa see nischt andersch. – – Ich? – nu ja, ja, amal schon; – åber warum a so bale? Bin ich achtunddreißig gewor'n, kån ich auch neununddreißig war'n. – – Åber 's is egal, wås is nich richtig, seit dr Våter tut is.« Und er widersetzte sich der Forderung, die die Tradition seines Geschlechtes verlangte, deren Unabweislichkeit er nur die Bequemlichkeit seines zunehmenden Alters entgegenstellte, so lange es ging. Auch sein Vater hatte vielleicht dasselbe von ihm gewollt unter den Qualen seiner letzten unruhigen Tage. Zuletzt kam auch der alten Wirtschafterin derselbe Gedanke. Unverzüglich nahm sie den Zauderer deswegen ins Gebet: »A sel'ga Herrn Våter hab ich noch gekannt, wie er ein junger Femfbiehmer wår, of deitsch gesät. Un wie der ale Herr, Joseph hieß er wie Sie, Ihr Grußvåter, ich weß noch åls wenns heite wär, un wie er un er låg auf m Sterbebette, s wår verz' Taje vir Ållerheilijen – acht Taje drnåch brannte der Ruffert-Gerber åb – wie's mit'm Odm immer genauer wur, då kåm dr selje Herr Våter mit seim Schåtze, wås drnoch Ihre Mutter worn is, zu n'm åns Bette. Då hätten Se sehn sollen, wie er glecklich fläschelte! Er reckte de hand zum Betteraus, åls wenn er sagte: Jetz sterb ich gerne, Kinder! fläschelte noch a mol un starbe. – Warum kunnde dr selje Herr Våter nich sterba? – Weil er Sie nich versorgt wußte. Un ein Mån ohne Weib – då steckt immer wås Bieses dahinder; da trau ich nie.« »Nu ich kån mirsch woll denka – hm – haha! Lachte Joseph malitiös. »Åch nu – ich håb halt ken'n gekriejt, – Nee, ohne zu spaßa: Dås Haus ohne Wieb is zum sterba. – Ån mich håts jå ken'n Fug. Mir is Bichla vertreijt. Åber sehn Sie sich vor – Herr!« – So sagte sie ihm, was ihre einsame Seele lange gesonnen hatte. In der That schien es, als ob das alte Haus seine tiefe Einsamkeit wieder einmal satt habe und darnach verlange, daß ein Menschenfrühling durch seine Gemächer hinhüpfe auf kleinen Kinderfüßchen; so wehe Stimmen wurden laut, so redete es brummend mit seinen hohen Thüren, so schreckte es mit seinen langen, unerträglichen Schatten, so rief es sehnsüchtig mit der Totenstille seiner großen, kalten Stuben. Endlich mundete dem Tuchmacher seine Verlassenheit selbst nicht mehr. Die Sehnsucht nach seiner Jugend erwachte in ihm. In diesem Verlangen heiratete er. Die alte Wirtschafterin, die so tapfer dafür gestritten hatte, erlebte es nicht mehr. Kurz vor der Hochzeit starb sie. II. Sein junges Weib hieß mit ihrem Mädchennamen Leonore Marsel. Ihr längst verstorbener Vater war der letzte Sprosse eines seit Geschlechtern verarmten freiherrlichen Hauses gewesen, Karl August Theodor von Marsal, seines Zeichens Bäcker. Er hatte in einem der kleinen Häuser auf der Walkergasse geräuschlos seine Semmeln und sein Brot verkauft; mit einem scheuen, betretenen Gesicht. Eine Reihe seiner Vorväter war durch den Glanz der großen Vergangenheit wild und toll geworden. Allmählich hatten die engen Räume der Armut den Trägern des großen Namens die stolzen Flügel gebrochen; und die Sehnsucht lag in ihnen wie ein unabwendbarer Kummer, eine zwecklose, stets neugeborene Qual. Sie verkümmerten nach und nach an den kleinen Fenstern und dem dürftigen Hausgerät. Das kärgliche Essen sog ihnen die Kraft aus, und die Gesundheit und Fülle ihrer Leiber schrumpfte zusammen unter dem unbarmherzigen Drucke schlichter Gewänder. Der Wohlklang ihrer kraftvollen Glieder artete zu krankhafter Zierlichkeit aus. Der lange, freie Gang verengte sich zum Trippeln, und das schwingende Spiel der feinen Hände verdarb zur prahlerischen Grimmasse. – Mit den Wunden ihrer Seele zeugten sie die Kinder und das Gift ihrer Einbildung reichten sie ihnen als die Milch der ersten Märchen. Das geheimste, tiefste Leben ihres Herzens ward ein ohnmächtig verzitternder, dünner Ton. Nur an dem schönen Haar ging der Verfall des Geschlechtes spurlos vorüber. Ja, je trostloser seine Trümmer wurden, um so reicher floß die Fülle seines goldgleißenden Glanzes. Und auch die großen, leise singenden Augen schmückte der verheimlichte Wahn, an dem sie langsam hinsiechten, immer glänzender. In dem letzten des verwucherten Stammes, dem Bäcker Karl August Theodor, waren die Wunden blutleer geworden; die Einbildung ein trocknes, würgendes Fieber. Dies reichte gerade noch aus für die Seele eines zarten Mädchens, dessen Leben wie das Verlöschen einer Flamme einsetzte. Schon auf dem Todbette liegend empfing der Vater die Nachricht von der Geburt einer Tochter. Ein Schreck machte ihn noch blasser. Dann winkte er die Hebamme mit einer matten Handbewegung näher zu sich: »Leonore Marie von Marsal«, hauchten seine Lippen und ein kraftloses Lächeln krümmte seinen Mund. Das Weib aber ging wieder zu dem Kinde. Dieses that den ersten, dünnen Schrei. Davon starb der Kranke. Niemand bemerkte es. Denn er schlich sich mit dem Zittern eines abgefallenen, dürren Blattes aus der Welt, das unter dem ersten, armen Morgenstrahle erbebt, weil der Reif einer langen Nacht sich von ihm zu lösen beginnt. *  *  * Mit dem Mitleid kleiner Seelen, das so demütigt, ermöglichten die Bewohner der Walkergasse es der jungen Witwe, das Geschäft ihres Mannes mit Hilfe eines älteren Gesellen fortzuführen. Noch ganz im Glanze einer peinlichen Liebe war August Theodor von seinem Weibe gegangen. Nicht einmal den ersten, kraftlosen Mutterstolz hatte er aus ihren Augen trinken dürfen. So wuchsen die Schauer ihres einzigen Glückes aus dem Grabe ihres Mannes. In der Blüte ihres Hoffens geknickt, um die Erfüllung ihrer Sehnsucht durch das Schicksal betrogen, immer mit den verborgenen Waffen der Muttersorge um das Leben ihres Kindes kämpfend, ward sie ein Glied des unglücklichen Geschlechtes, das in ihrem Manne unter leisen Zuckungen sich unter die Erde geflüchtet hatte. Er war ihr in jener Zeit der Ehe gestorben, wo der Verstand noch ohnmächtig gegen die Bilder ist, die das junge Blut in das bunte Herz schreibt. So nahmen seine Gestalt und die Geschichte seiner Familie übertriebene Dimensionen und Farben an. Die stückweisen Erzählungen aus den Truhen seiner Erinnerung klangen in ihr wieder wie rätselhaft große Töne, die ein Luftzug aus gnädigleiser Ferne trägt. Die häßlichen Geräusche des Trümmerfalles blieben ihr verborgen. Wie sieches Morgenrot über einem kümmernden Blümchen, wachte ihre Seele über Leonore, ihrem einzigen Kinde. Nur an Sonntagen, wenn das Feiertagslicht in müßiger Schöne vor dem stilleren, kleinen Bäckerladen spielte, spann sie Glanfäden in die traumsüchtige Seele des kleinen Mädchens. In der Woche, wenn der Fleiß auf klappernden Holzschuhen durch die engen Räume eilte, prägte sich das Kind dann die gehörten Geschichten in tausend verschwiegenen Spielen ein. – Leonore war zu gebrechlich zart, an der gesunden Kost der derben Spiele gleichaltriger Nachbarkinder teilzunehmen. Der Instinkt ihrer Schwäche hielt sie auch davon zurück. Die Mutter mußte den Hunger ihrer Erkenntnis nur immer mit den zeitfernen, großen Geschichten füttern, die, vielfältig persönlich verändert, sie von den Erzählungen ihres Mannes behalten hatte. So ging Leonoren das engzellige Leben früher Kindheit verloren, die Gesundheit unmittelbarer Wallungen, die Frische selbstthätigen Erlebens. Ihr Inneres wurden maßlose, verdämmernde Räume, rätselhafte Schwingungen, geheimnisvolle, unirdische Töne und Farben, ein Vorrat unendlich duftiger Schemen, an den sich nichts anschließen, der nichts klarthätiges gebären konnte. Mit einer unverdienten Last, wie wir alle, kam sie zur Welt; mit einer Verscheuchtheit trat sie ins Leben; ihre Klarheit begann mit einer Friedlosigkeit. Still dasitzen, mit den langen, schmalen Fingern im Schooß spielen, indessen ihre Augen in Fernen schauten, die hinter allen Gegenständen lagen, das behagte ihr. Als die Mutter merkte, was ihre Liebe angerichtet hatte, war es zur Besserung schon zu spät. Ihr Wesen, das eine Kristallisation von Splittern darstellte, war schon in den Grundlinien der Regellosigkeit erstarrt. Mit Gewalt wurde das Mädchen nun zu allen häuslichen Verrichtungen angehalten. Sie fügte sich auch den Geboten der Mutter, fegte, wusch, stand hinter dem Ladentisch, half beim Backen; aber sie that es mit dem leidenden, geheimen Widerstreben kraftloser Naturen. Dieses emsige Leben, mit seinen lauten, rücksichtslosen Geboten; unruhigen, wimmelnden Wünschen; brennenden Fragen; heftigen Entscheidungen ertrug sie wie ein lästiges Klappern. Und je weiter es durch Übung in ihr vordrang und sich mit Härte festsetzte, um so inbrünstiger war das Zurückschnellen in das bunte, weiche, unräumliche Rätsel ihrer innersten Seele. Wie in langen Glockentönen hätte sie reden mögen; es war ein weitergreifendes Ausspannen in ihr, wie wehender Wind, gleitende Wellen. Wenn ein geheimnisvolles Brausen in den Höhen wach wurde, das die Wolken geräuschlos faltete wie große, steife Gewänder und den Bäumen ein würdig-leises Neigen abnötigte, fühlte sie sich wohl und heimisch. Und aus all der Hilflosigkeit ihrer blinden Sehnsucht wuchs ein traumweinender Wunsch nach Macht. Der Spott hatte ihr den Stolz an dem adligen Namen zur Freude der Mutter bald geraubt. Die Märchen ihrer Jugend verschwanden unter dem Geräusch mühsamer, oft kümmerlicher Jahre. Nie kam es ihr später in den Sinn, etwas anderes sein zu wollen, als die Tochter der Marsel-Bäckerin. Aber mit geheimem Weinen, mit Beklemmung und dem beengenden Gefühl der Fremdheit und Verlassenheit ertrug sie den Zwiespalt ihrer Natur. So disharmonisch war auch ihr Leib; zart. Aber es war nicht die abgerundete Zierlichkeit eines Vogels. Denn sobald sie ging, breitete das Spiel ihrer langen Arme eine steife Würde über die spitze Beweglichkeit ihrer Glieder, die an das Komische streifte.Ein herber Zauber lag auf ihrem Körper, dem alle weibliche Fülle fehlte. Ihr reiches Haar hatte die Farbe der müden Novembersonne. Eines ihrer weichblauen, singenden Augen lag halbverdeckt von einem kraftlosen Lide und stand oft starr, indeß das andere sich still bewegte, als klinge durch seine Regungen ein geheimnisvolles Lied herauf aus den maßlosen, verdämmernden Räumen ihrer Seele. III. Joseph Griebel war ohne jede Ferne. Sein genügsames Hoffen hatte stets fertige Verhältnisse vorgefunden. Noch nie in seinem Leben war er zu tiefen, fiebernden Atemzügen gekommen. Er hatte seine Jahre genossen wie ein immer gleichmäßig gebackenes Brot. Die Gesetze seiner Väter waren die Gesetze seines Willens. Er unterschied sich von ihnen wie ein jüngerer von einem älteren Balken. Behauen, zugerichtet, ausgetrocknet, haltbar, mit allen hergebrachten Kanten und Schnörkeln versehen, nur von hellerer, empfindsamerer Farbe, lag er an seinem Platze. Der Tod seines Vaters hatte ihn dahingetragen mit hastigem, stürzendem Griff und ein paar erschütternden Schlägen seines Hammers. Da war ein Stöhnen und Knirschen durch das feste Gefüge seines Wesens gegangen, und von den Hammerschlägen des Todes war ein langer, tiefer Ton in dem Holze seiner Seele erwacht. Durch alle Zellen seiner Vergangenheit pflanzte er sich fort und als er bis an den dünnen Markfaden seiner Jugend gelangt war, mit einem immer leiseren, aber innigeren Vibrieren, ward ein letztes Hauchen von Sehnsucht daraus. Der dünne Faden lebendigen Markes begann noch einmal mitzuschwingen mit dem wärmeren Pulsen schon müder Säfte. Leise Bilder glommen durch einen weißen, zarten Schleier zu ihm her mit verblaßten, reinen Farben. Eine Flut leichter Töne lag in dem Duft, der von ihnen ausging. Da sein Wesen noch von keinem Fehltritt mißtrauisch, von keiner Enttäuschung zweifelnd, von keiner seelischen Verwicklung verknorrt worden war, erhob er sich in seiner plumpstrotzenden Gesundheit und überließ sich rückhaltlos dem weichen, schönen Taumel. Unter dem Einfluß dieses letzten, frühlingswarmen Sonnenblickes nahm der würdige, fertige Balken noch einmal die Formen eines Menschen an. Sein ganzes biedere, nützliche, nüchterne Leben kam ihm wie eine große, leblose Lücke vor. Nur das Zarte, Fremde, Leise hatte Gewicht für ihn. So mußte er Leonore finden. Wie eine Frühlingsblume, die ein gnädiger November der kraftlosen Erde abgeschmeichelt hat, fand er sie. Und er trug sie sich mit bebender Hand heim in die große, leblose Lücke seines Lebens. Das ernste Haus auf der Walkergasse nahm sie auf mit dem frohesten Dröhnen seiner vielkammerigen, weiten Brust. IV. Das Leben traf Leonore immer ganz ratlos. Sie schlug wohl mit den Flügeln ihres Wollens; aber das Schicksal kam dann und führte sie ganz wo anders hin, wie einen Vogel, den ein Wetter verschlägt. Dann pochte ihr das Herz in angstvoller Neugier, während sie den Wind des Geschickes in den Segeln ihres Wesens fühlte. »Heiråta, Mutter?« frug sie und schüttelte langsam den Kopf, denn sie begriff nichts. Ein milder Abend lag in dem Bäckerladen, und die gelben Regale, die bis an die Decke reichten, glommen stumpf durch das lichte Dunkeln. Die Mutter saß hinter dem Ladentisch. Das Mädchen lehnte mit aufgestützten Armen darauf. »Heiråta ...« wiederholte sie ganz zaghaft. »Nu ja, du bist doch zwanzich.« »Åber warum?« Damit stand sie auf und ging durch den schmalen Raum von der Thür bis zu den Mehlballen an der gegenüberliegenden Wand, ein paar mal. Die Mutter aber lachte überlegen und schwieg eine Weile. »Bist du ihm nie gutt?« frug sie dann. Leonore stand still und sah sinnend zu Boden. »Gutt? ... gutt? ...« und langsam zog sie ihre mageren Schultern in die Höhe: »Ja!« zweifelnd, unwissend. Das Abendläuten wachte sanft auf mit dem hohen Singen der kleinen Glocke und dehnte sich dann zu langsamen, feierlichen Atemzügen mit dem vollen Brausen schwerer Glocken. Beide horchten auf mit gefalteten Händen. Endlich verschwand das Geläut mit einem schwachen Zittern in der Luft. »Ich dächt', der Mensch mißt auch Glocka hå'n ein sich,« begann Leonore wieder. »Wozu dn dås?« »Åch, ich weeß eigentlich sälber nie warum; åber 's is mr halt aso ... nischt thutt leita ein mr ... un warum gråde mich?«« »Dås is halt aso eim Leben. – Håt dei Våter nie mich auch geheirat't?« »Ja, du und dr Våter!« »Nu, wie is dr denn Mädl?« »Wenn denn?« »Wenn er kommt.« »Da kommt er eben.« »Und wenn er geht?« »Auch aso.« »Nischt weiter? – Nischt? – Auch nischt vo Freede, dåß er gieht?« »Warum sellde ich mich denn freen? – ... nä ... nischt ... es mag tomm sein: åber deswejen sagte ich eben vrhin, eim Menscha kennde 's doch auch Glocka hå'n«?« »Nach, komm, Mädl; ich dächt, es thutt schon leita ein dir un ...« Die Ladenklingel rührte sich. Ein Käufer trat ein, und die Mutter mußte abbrechen. Leonore ging durch die andere Thür hinaus. *  *  * Aber die Mutter irrte sich doch. Es waren in dem Mädchen eben wieder einmal jene rätselhaften Schwingungen wach geworden, die aus einer inneren Ferne herbeiwandelten und das Verlangen nach Düften mitbrachten, auf welche ein robustes Leben verzichten muß. Aber alles das hatte nichts zu thun mit dem Verhältnis zu Griebel, ja nicht einmal mit ihrem Leben. Sie entstanden aus dem Wiederschein ihr selbst verborgener Ideenverbindungen und gingen dann störend durch ihr sichtbares Dasein, welches sie marionettenhaft lebte, ohne jeden Unterton. Wenn sie sich erhoben, dann schrumpfte ihr alles zusammen, was sie kannte und durchgemacht hatte. Und eine Enge, ein Unfrieden erfüllten sie. Es kam ihr vor, als hänge sie in der Luft. Wie auf weichendem Grunde ging sie, verscheucht, zaghaft, ohne Zweck. In solchen Stimmungen pflegte sie in die Kirche zu gehen. Das heilte sie wieder zur Ruhe. Die hohen, dämmernden Bogen; das bunte, ungestört-feierliche Licht; dieser ganze unirdische, fremde Duft, der aus allem floß; diese Maßlosigkeit, nach der alles ausgriff: gab ihr den Glauben an sich zurück, das Gefühl einer großen Macht. Dann that ihr das Leben nicht mehr weh. Denn ihr Inneres hatte äußeren Halt gewonnen. Nicht durch eine klare Formulierung ihres katholischen Bekenntnisses, sondern dadurch, daß ein breiter, schweigender Strom aus einer inneren Unräumlichkeit ungehemmt in eine äußere sich ergoß. Zwischen diesen beiden verschimmernden Weiten ging sie mit ängstlicher Neugier und Scheu den unbegreiflichen Pfad ihres Lebens. An seinen Seiten standen wie Häuser: Stände, Tugenden, Laster, Lebensalter, Träume, Hoffen, Liebe, Ehre, Lehren. Die Menschen gingen ein und aus in diesen Häusern, redeten eine Sprache, deren tiefsten Sinn sie nicht verstand; lachten und ärgerten sich, waren glücklich und verkümmerten. Sie kannte nichts genau, als nur die Mutterliebe. Dann stieg ein lauter Ton von fester Erde aus ihr und flutete in sie zurück. Das war die einzige Herrschaft in ihr, obwohl auch sie nur einen kleinen Teil ihres unentdeckten Wesens umfaßte. Aber diesem Gebot neigten sich auch alle verhüllt wirkenden Mächte ihrer Seele. Und da die Mutter es wollte, ließ Leonore sich von Joseph Griebels bebender Hand in das Haus der Ehe tragen. Ein Zittern schüttelte während dessen ihren Leib und ihr Herz. Davon wuchs das Beben der Männerhand. Da spürte Leonore, daß ihr eine Macht über den Mann innewohne. Sie genoß diese vorübergleitende Empfindung wie eine unerklärliche Wollust. V. Das große Haus hatte am Hochzeitstage gejauchzt mit den Geigen der Musikanten, mit dem hüpfenden Lachen der jungen Mädchen, mit den tiefen, breiten Lauten aus froher Männerbrust. Dann war in tiefer Nacht, ohne erkennbaren Grund, eine unfreundliche Müdigkeit über das Gebäude gekommen. Die nüchternen Gäste fühlten sie, erhoben sich eilig von ihren Plätzen und wünschten dem Brautpaare eine gute Nacht, wobei die Männer laut lachten und von den Weibern deshalb auf den Rücken geschlagen wurden. Die jungen Mädchen aber stahlen sich mit roten Wangen hinweg. Um zwei Uhr schwankten die letzten Trunkenen, der Sicherheit halber zu einem großen Trupp verknotet, aus dem Hausthor auf die Straße und begannen sofort zu singen: »Morgenrot, Morgenrot, Leuchtest mir zum frühen Tod.« Das Haus ächzte eine Weile mit den verrosteten Angeln seiner Thore ärgerlich dazu, dann sank es im Morgengrauen lauschend über das junge Paar. *  *  * Die Marsel-Bäckerin hatte ihrer Tochter durchaus eine Aussteuer geben wollen. Aber auf Griebels Bitten war es dann unterblieben. »Ich håb vor ålls vul. Wo sellde ich 's 'n hinstella? Iberål hot's multum viel genung. Hiel drsch. Wås amål ibrich bleit, is uns doch nie verlorn.« So hatte Leonore nichts, was ihr die Eingewöhnung leicht machte. Kein leises Lied tönte durch bekannte Geräte aus ihrer Vergangenheit herüber und verband so ihr neues mit dem alten Leben. Als habe sie eine Kluft übersprungen, kam sie sich vor. Ganz zaghaft und unsicher war sie in der Fülle und Wohlhabenheit, deren Herrin sie nun sein sollte. – Dazu hatte sie ihr früheres Leben nie mit dem Ernst und der Aufmerksamkeit gelebt, die von innen kommen. Alle Jahre ihrer Bewußtheit waren gleichsam nur mit Gesten angefüllt. Keine Verpflichtung für die Zukunft lag in ihnen, als nur der Zwang der Gravitation äußerer Bewegungen. Und diese hatten in ihrem kleinen, engen Mutterhause den Schein einer gewissen Innerlichkeit angenommen. Nun aber war es, als gehe ihrer Gelenkigkeit der Atem aus. Ganz ratlos saß sie da. Es war den dritten Morgen beim Frühkaffee. Ihr Mann frug sie: »Nu, Lorla, best 'n gestern drieba gewast ei a Stuba?« »Nein.« »I – – ja nun – – warum dn nie, he?« »Ich mag nich, ich ... e ... getrau mich nich. Es is als ob ich mich fürchte.« »Warum sprichst 'n ›fürchte‹? Warum denn nie ferchte? – Du best doch nie ei dr Kerche un ach nie ei dr Schule.« »Dås is auch drvo ... ... Du warscht lacha ... hörst du? ... lacha ... hier ... spürst du nich, das geht nich. – Das is alles zu groß, zu scheen, zu, zu, ... ich kann drsch nich sän. – Siehste Joseph, hier kännte ich beten überall; in der Stube und in der da drinne.« Der Kaffeelöffel, den sie in der Hand hielt, zitterte, so erregt war sie durch die Worte, welche aus ihrer Furcht und Ratlosigkeit heraufklangen. Sie sah eine Weile unbeweglich vor sich hin und als sie dann ihr Gesicht erhob, blieb das rechte Auge starr in fremder Richtung stehen, von dem kraftlosen Lide nur halb geschlossen. »Da wärsch jå grade, åls wenns wåhr wär, dåß ei unsm Hause umgieht.« »Umgieht ... umgeht! ach nu, das nich! aber durch den langen, finstern, hohchen Flur ...« unwillkürlich dehnte sie jedes Wort wie feierlich singend. »Ach wås, Gemare!« »Gemare?« »Nu, Lorla.« »Sprich nie Lorla.« »Is nie hibsch?« »Lore is auch nich hibsch; åber Lorla? nein! Geh amal und sags zur Thire naus, im Flur ahinder; da wirscht 's spieren. – Als wenn eens mit Holzlatschen klufft ... ja, wahrhaftig klufft, a so is.« »Ach, Lore oder Lorla, doas is doch egal.« »Aber, wenn ich dich bitt!?« »Nu, Jesses och a, meinswejen; då komm. Mir sein fertich met 'm Friesticke. Då wer ich amål iberål hin met dr giehn, ehb ich ei de Werkstelle muß.« Einige Schritte ging sie auf dem Flur vor ihm her mit ihrem zuckenden Trippeln und der zierlichen Beweglichkeit ihres schmalen Leibes. Plötzlich wandte sie, stehenbleibend, sich um. »Nein geh du zuerscht, Joseph.« »'s is breet genung, mir kenna auch neber nander giehn.« »Nein, geh zum voraus.« Und nun stand sie hinter seinem breiten Rücken, der sich nun mit der gleichmäßigen Gravität der kurzen, dicken Beine, in rundem, ruhigen Wiegen vor ihr hinschob. Sein breiter Schatten strich fest und sicher neben ihm an der hohen Wand hin. Dann stieg er ruckend, wie eine gewichtige Last, vor ihr die Treppe hinauf. Es war ihr eigentümlich. Sie sah nur immer auf den großen herrischen Schatten ihres Mannes und dann auf den dünnen, zitternd-hinhuschenden Strich, den ihr Leib warf. Es kam ihr unbegreiflich vor, wie jemand in diesem großen, ernsten, geheimnisvollen Hause sich so sicher und selbstverständlich bewegen könne. Aber sie sagte nichts, weil sie fürchtete, ihr Mann werde sie auslachen oder ungehalten sein. So blieb die geheime Verwunderung zeugend in ihr. Dann gingen sie von Stube zu Stube. Es waren vier, je zwei durch eine breite Thür verbunden, deren weißer Anstrich schon den gelblichen, anheimelnden Ton des Alters besaß. Alle Räume waren mit Möbeln angefüllt: große, protzige, breite Schränke aus Mahagoni; niedrige lange Sofas, mit braunem Leder überzogen; steiflehnige Polsterbänke mit blumigem, verblichenem Überzug; hohe und würdige Spiegel; lange Tafeln; runde und eckige Tische und Tischchen; Betten, deren Federfülle bis an die halbe Wand reichte. Überall standen alte Krüge, Vasen und Gläser. Alles war mehr aufgestapelt als geordnet, wie im Speicher eines Einrichtungsgeschäfts. Deswegen machte der Reichtum einen stumpfschweren Eindruck. Die leere Freude am Besitz hatte alles aufgehäuft. Leonore wand sich scheu an all diesen Sachen vorüber und wenn ihr Mann mit einem Blick, der zur Bewundrung aufforderte, stehen blieb, so fühlte sie zaghaft mit den Fingern auf das Gerät und flüsterte: »Ach!« – »Nein aber!« – »Nein, nein!« Die letzte Stube war verschlossen. Als Joseph sie öffnete, drang ein muffiger Dunst, eine schwere Stickluft daraus hervor. Beide blieben auf der Schwelle stehen, der Tuchmacher mit einer komischen Ehrfurcht auf seinem feisten Gesicht. »Nu?« frug er nach einem langen Stillschweigen in gekränktem Tone. »Was is n das!« begann Leonore gehorsam, ein wenig verwirrt über diesen Vorwurf. »Dås stammt vo meinem Urururgrußvater aus 'm sechzehnten Jahrhundert. Der håt dås Haus gebaut. Er wår Ratsherr un a so går Borjemeester vo Altenrode.« Leonore betrachtete nun alles genauer. Es waren abgegriffene, alte Stücke, von Würmern arg mitgenommen, der Überzug auf Sofa und Stühlen blaß und äußerst zerschlissen. »Vo dat aus gehärt dås Haus zo unser Familje.« »Eim sechzehnten Jahrhundert,« redete Leonore mit einem eigentümlichen Tiefton und schüttelte voll Verwunderung den blonden Kopf. Sie hatte nur halb auf die Worte ihres Mannes gehört. Der Laut ihrer Stimme klang aus der Ferne ihres Inneren, von einer heimlich-sympathischen Macht hervorgebracht. Und je länger sie auf die alte Einrichtung hinsah, um so mehr ward ihr alles zu einer märchenhaften Geschichte, die sie einmal gewußt in früher Kindheit und lange vergessen hatte, lange ... lange ... »... lange«, murmelten ihre Lippen halblaut. Der Mann dachte, es sei eine Antwort auf seine Worte, sagte ein gewichtiges »Jaja!« schloß die Thür wieder zu und geleitete sie hinaus auf den Flur. »Då driba,« wies er quer über den Flur auf eine Reihe von Thüren, »is de Wolle, de Farbe, de Zuthåt un de fertige Wåre – komm!« »Nein zeig mr das ein andermal!« sagte sie gereizt. Sie waren den Flur hingeschritten und an der Bodenstiege angekommen, die in ihn mündete. Ein dämmeriger Schatten floß herunter. Als Joseph sie hinaufführen wollte, wehrte sie ängstlich: »Nein, Joseph, nein!« »Na, komm auch schonn, kindsche Liese. Dås frißt dich nie uf. Ich bin jo derbeine.« »Nein, heite nie, ein andermal.« »Nu, do sieh 'ch åch wingste amål nuf.« Und sie that einen scheuen Blick in den halbdunklen Raum. »Då håt' ei Kista und Kåsta noch viel ales Gelumpe,« sagte er geschmeichelt und wandte sich zum Abstieg. *  *  * Aber dieser Rundgang nützte sie doch auch nichts. Sie kam nicht zur Herrschaft über ihre neue Lage. Noch immer ängstigte sie die Höhe und der Reichtum der Räume; die geraden, breiten Fluchten, die jeden spielenden Verkehr zurückwiesen; das kollernde, lange Echo, das jeder laute Schall wachrief und das dann beunruhigend bis in die fernste Zeit ihres Innern zurücklief, sich aber nie friedlich verlor, sondern die Aufgeregtheit bis in die Weiten ihrer raumlosen Seele trug. Und ihre Unruhe wuchs. Ihr Trippeln ward noch kürzer, ihre Stimme in der Tiefe ihres Klanges wie eingezwängt. »Wås sol ich doch macha, Mutter!« frug sie bekümmert in der kleinen, niedrigen Stube, wo sie den Mut zum unverfälschten Dialekt wiederfand. »Ålls is a so fremde, un gruß un weit. s liegt mr wie Blei ei a Bän'n. Åm liebsta mecht ich mich hinsetza un senna, a so recht eis Bloë nei.« »Ich weß schon wie de bst, 'Mädl. Gell ock, de Hände of de Scherze un trama, wie de's åls Kend gemacht håst. –Dat werds eim Leben nie besser. A so wås zwiogt ma åm Besta mit'm Besm, mit'm Håder, ei dr Kechascherze un de Röcke rufgeschwänzt. – Un ds wil ich dr noch sagen: Verdirb der deinen Mån nich. Auf Händen mußt du den tragn wejen dem Glecke, dåß er dich armes Ding genumma håt.« Nun erfüllte Leonore das Haus mit ihrem lauten Fleiße und brachte durch ihre eiligen Bewegungen Leben in die stillen, ernsten Räume. Sie durchmaß sie mit ihrer äußeren Kraft und drang mutig in die geheimsten Winkel. So ward ihr alles nach und nach bekannt. Allein, wenn sie dann still saß nach der Arbeit, so hatte sie doch die Empfindung, als sei sie nur fluchtartig durch alles hingeeilt und eine wollüstige Furcht überkam sie, daß sie seiner hemmenden Gewalt entgangen sei. Diesem regungslosen, fremden Bann entronnen, trank sie in tiefen Zügen die Wunder ihrer Persönlichkeit. Als ob, von lästigem Zwange befreit, etwas unwiderstehlich und doch mit zitternder Scheu aus ihr herauswachsen wolle, ganz, ganz hoch und breit in wunderbaren Farben, mit wallenden, schönen Tönen. Dann heftete sie wohl gespannt den Blick auf die Thür, die bald aufgehen und das Überraschende hereinlassen müsse. In einem solchen Moment fiel ihr plötzlich ein Kinderliedchen ein, das sie als ganz kleines Mädchen gelernt hatte. Sie sang es mit ihrer dünnen, weichen Vogelstimme, anfangs noch schüchtern, dann immer tiefer und voller, recht aus innerster Seele heraus, zuletzt ganz lang hinvibrierend. Solange der Ton wiederzitterte in der stehenden Luft um sie, war ihr heimlich. Allein jener blinde, große Drang, der sie wie innerlich auseinanderspannte, kam doch wieder. Eine tiefe, geheimnisvolle Pein erfüllte sie, gegen die sie sich nur wehren konnte mit dem fiebernden Regen ihrer Glieder, als mache sie dadurch die fühlende Wand, gegen die es von innen drängend anwuchs, stumpf, empfindungslos. Ihr Mann aber sah in ihrem Ringen nichts als die häusliche Tüchtigkeit. Sein Schritt wurde noch behaglicher und länger; er trug sein großes Haupt noch stolzer und saß noch breiter in sicherer Herrschaft. In ihrer Ratlosigkeit drängte sich Leonore dicht an ihn, in den ruhigen Schatten seines breiten Wesens. Die gleichmäßigen Wellen seiner Seele fluteten herrschend in sie. Ihr bebender Leib empfing demütig seine erste Frucht. VI. Wie das Linnen, in dem sie lag, weiß und welk, immer im schwachen Zittern ihres letzten Hauches lag dann Leonore. Sie verlangte gar nicht, das Kind zu sehen. Und als man ihr nach Tagen den großen, starken Jungen brachte, schaute sie mit großen, verwunderten Augen auf ihn und nickte stumm: »August war'n man heeßa lå'n«, sagte der glückliche Vater. »Wås er für Hände håt! Un wenn er erscht s Patschel ballt! Wie ein Holzhacker packt er zu.« »Weg, thut ihn weg! – Ich kann's nie hören! 's zerreißt mich!« rief Leonore und hielt sich die Ohren mit dem Deckbett zu. Kopfschüttelnd trug die Amme das Kind weg. Griebel aber fuhr ihr über die Stirn: »Jå, jå, schlåf, Lorlå, schlåf. Du wirscht schon wieder zu Kräfta komma.« So lag sie wochenlang in der verhängten Stube. Sie sah mit großen Augen zur Decke und spielte mit ihren schmalen Fingern auf dem Bett. Oft ganz schnell und zitternd. Manchmal, indem ihr Zeigefinger wie nachdenklich, langsam mit dem Nagel über das Gewebe hinfuhr. Das brachte einen feinen, wispernd-singenden Ton hervor. Sie horchte nach den Schritten, der auf dem Flur sich bewegen den Personen und freute sich, sie so zu erkennen. Das träge Ticken der Uhr im hohen Flur, das bei der oft vollständigen Stille des Hauses mit seinen artikulierten Tönen, wie mit geformten Lippen, leise aus allen Ecken widersprach, wiegte sie ein in die Sicherheit um sie wirkender, ruheloser Kräfte. Diese bemühten sich, schlüpften aus einem weit zurückliegenden Anstoß bis nahe an sie heran; wirkten dann achtlos ein Spiel über sie, das scheinbar taub und doch voller Beziehungen zu ihr war. Da schloß sie die Augen und lag lange wie schlafend. Aber die schnellen Atemzüge und das eilige Minenspiel ließen erkennen, daß sie innerlich beschäftigt sei. Griebel beobachtete sie oft in solchen Momenten. Wenn ihm ihr bewegungsloses Ruhen zu lange dauerte, dann hustete er laut oder begann mit starken Schritten durchs Zimmer zu schreiten. Dann öffnete sie, wie erwachend, die Augen und sah fremd im Zimmer umher. »Wo wårscht'n jetze wieder?« frug er einst. Da schüttelte sie mit lächelndem Staunen den Kopf und schob den weißen Arm unter denselben. »Aah!« sagte sie leise und dehnte sich ... »eine blaue, große Wand – ach! – von einem Berge zum anderen, nein, weiter, viel weiter, hing iber mir. – – Und wie ich da aufsah, siehste, da rihrt se sich, als wenn ein Wind dahinter wär. Und dann, ganz langsam kommt se runter. Es is schon mehr als wenn's Fliegel wär'n und ich denk, wenn de Fliejel schon a so schön sein, wie muß erscht der Engel sein, dem se gehören, und ich will sehn, ich martr mich, aber ...« »Ach nee, sehn, du håst jå de Auja feste zu, wie wollste då wås sehn?« »Nu grade! Zu so was braucht ma doch die Augen nich.« »Nach, wie wårsch 'n weiter?« »Weiter ging's nie. Da haste gehust't und weg warsch.« – – – »Setz dich amål eim Bette uf.« Sie that es. »Nu, warum denn?« frug sie und sah an ihren entblößten Armen nieder. »s sein doch jetzt schon vier Wocha, dåß du eim Bette liegst.« »Vier Wochen ...« sagte sie verwundert. »Wird dir'n dås Liega nich selber zuwieder?« Als Antwort sah sie ihn nur groß an. Nach einer sinnenden Weile sprach sie mit verschleierter Stimme: »Ach nein. – Es is so ganz andersch jetze. – So ruh'ch in mir, so weit. Manchmal helle, manchmal so dämmrig. Und schönes, was ich aber doch nie ganz seh und hör, passiert da. – – – Das allerkomischste is aber, daß ich's gar nicht glaub, daß das Gustlein von mir is. Das is alles so weit fort. Wie in einem andern Leben ...« »Åber, denk doch ... »Nein, hör doch auf mich. Ich muß dirsch sagen ... in einem andern Leben ... ja, ja ... als wenn das, was war, all's, all's! gar nie hätt' sein brauchen ...« »Ich etwan – he! – ich etwan auch nich?« Sie holte nur tief Atem und sah auf ihre Finger, deren Spiel schon wieder begonnen hatte. »Du!! – Ich etwan auch nich?« »Aber Joseph!« entgegnete sie mit trauriger Stimme, »bis 'och nich gleich böse. Sieh 'ch och, ich kann doch nie dafür. Und wer leidet mehr drunder?« »Ich gleebs ja, Lorla. Dås weeß ich ja ... nu då flenn doch nich. Ich meente halt bloß. Wenn ich ei der Werkstelle draußa bin, da gieht ålls drieber un drunder. – Dr Ferscht vo Marokko bin ich doch auch nich. Ma muß doch ofs Verdin'n rechnen. s sol doch ohnder wås dazu komma wie weg. ! – – Ich dacht halt, wenn du aufstehndst un sähst blos zum rechta ...« »Du läßt mich ja nich ausreden. – – Ach ja! – – Das is auch ofte andersch. – – Wenn ihr draußen geht, so schnell un fleißich, oder wenn ich hör Fässer aus 'm Keller nehmen und's pumpert, da bin ich schon zehn mal aufgestanden und hab angefangen, mei Bette zu machen, weil ich sehn wollte, obs geht, hab a Stuhl weggetragen, dås und je's gemacht. Aber s geht halt gar nich. Nich etwa, daß ichs Bette nich erheb oder den Stuhl, nein. – Aber sieh'ch, wenn du was machst, da sprichst du erscht in dir: wart, das wird aber jetze gehn! Da packst du an von inwendig raus, als wenn du dich in dich nei stemmst. Da gehts, und du freust dich darnach. – – – Is nich a so? –« »Nu ... hm, hm! ... ich weeß nie ... åch, nu wås! ... s kån immer a su sein, ich håb noch nich nåchgedåcht.« »Un das fehlt mir ebenst. Der Arm is doch kee Mensch unds Bein auch nich.« »Dås mag ålls sein. Ich verstieh dås nich. Åber ich meen halt, wenn du aufstindst und thäst probieren obs ging, dås Zumrechtasahn. – Verleicht wirds andersch, wenn du erscht aus 'm Bette raus bist. Versuchs blos! Giehts noch nich, nu då mußt de halt wieder neikriecha.« *  *  * Am anderen Morgen stand sie wirklich auf und zog sich die Kleider an, die sie aus ihrem kleinen Hause mitgebracht hatte. »Da wird's aber flink gehn wie zu Hause, als wenn die Mutter dahinterstünde«, sagte sie dabei für sich hin. Alles um sie forderte ihre Thätigkeit heraus. Und sie griff es an, wie einen lästigen Mahner und räumte es fort. Aber in ihrem Arbeiten lag kein Plan. Sie staubte die Möbel ab, kehrte darauf die Stube und mußte dann noch einmal alles vom Staube reinigen. In voller Thätigkeit stehend, bemerkte sie, daß die Fensterscheiben blind seien. Sie rief nach Wasser und Putzlappen. Ohne die Ausführung des Befehles aber abzuwarten, lief sie in die Küche und begann mit den Vorbereitungen zum Mittagessen. »Mein Gott«, unterbrach sie sich, »da steht und liejt noch alles drieben in der Stube. Geh und trag Wasser in de Pfanne, Mädel, ich muß doch erscht drieben Ordnung machen,« stürmte hinüber und begann aufs neue auszufegen. Ein fremder Zwang, der Wille ihres Mannes, wirkte in ihr und löste regellos die gewohnten Handgriffe aus, wie das Getriebe einer Maschinerie. Ein wirres Fieber war ihr Fleiß. Alle Verrichtungen drängten sich ihr auf einen Punkt zusammen. Kein Zielen war ihr Wille, eine Beängstigung, die sie trieb, daß sie mit zitternden Händen schaffte, mit bebenden Knien, keuchender Brust und glühenden Schläfen lief. So war wirklich ihre Fähigkeit zur Thätigkeit mit der Geburt des Kindes erloschen; die Spannung eines Lebens gewichen, das die Energie der Mutter ihr angewöhnt hatte. Mitten aus dem zwecklosen Wirbel ihres Schaffens sank sie erschöpft auf einen Stuhl und sah dumpf vor sich nieder, um sich schrill aufzureißen: »Alles liegt und steht noch da und ich setz' mich hierher!« Sie sprang auf und sank wieder zurück. »Ich kann aber nich! – Ich kann nich! – Es geht nich !! – Mein Gott, was soll denn wer'n?!« Darauf brach sie in verzweifeltes Weinen aus. Wie einen beengenden Gürtel fühlte sie das Leben, in das sie sich auf das Gebot ihres Mannes begeben hatte. Es ist eintönig in seiner Vielgestaltigkeit und doch verworren und hart. Die weite Weichheit ihrer Seele zuckt wie im Krampf unter diesem unbarmherzigen Druck. Sie weiß, daß die Erfüllung ihrer Arbeiten ihre Pflicht ist, und vermag doch ihr Wesen in dieses Gebot nicht hineinzuzwingen. Mit Schrecken fühlt sie es zwischen den Fingern ihres Willens fortgleiten und hat zugleich das Gefühl wachsender Befreiung dabei: denn das, was in unräumliche Fernen schwimmt, ist sie selbst, ist das, woraus ihr wahres Leben sich Kraft trinkt. Die Beängstigung aber, die dem Fortebbenden nachruft mit zuckenden, schluchzenden Lauten des Weinens, weilt dort bei dem Leben der Menschen, das ihr stets so unbegreiflich vorgekommen ist. Sie empfindet mit schlaffer Freude, wie ihr strömender Schmerz die Kraft dieser Beängstigung bricht, daß das Gebot aus immer weiterer Entfernung, immer leiser nach ihr verlangt. Wie abschüttelnde, heraufarbeitende, tiefe Atemzüge genießt sie nun das befreiende Weinen. Endlich verschwinden die letzten Schatten der Gegenwart hinter dem Horizont ihrer Seele. Hinter einem weichen Schleier schimmere eine glänzende, stille Welt herauf, von schönen Ebenen, leisen Städten, sanften wunschlosen Menschen und einem Himmel, der mit seinen wandelnden Farben wunderbare Weisen singt. So zaubert das feinste Gefüge ihres Organismus im zeugenden Spiel von Berührung und Flucht das Abbild der streitenden, brutalen Welt, das ihr kraftloser Leib so siech in sich aufgenommen hat, noch von keinem starken Instinkt entzweit und verfeindet, noch von keinem Affekt zu einer heißen Forderung getrieben. In wachem Traumschlaf genießt sie die müden, sanften Wunder ererbter Schwachheit. Die Ellenbogen auf die Knie gestützt, die Hände andächtig gefaltet, sitzt sie regungslos da, mitten in der Stube. Der Besen liegt neben ihr. Mit weiten, schimmernden Augen starrt sie auf den Boden. Dann hört sie die langen, festen Schritte ihres Mannes die Stiege heraufkommen, im weiten, hallenden Flur immer stärker werden, die gegenüberliegende Thür aufgehen. »Wo is'n die Frau?« fragt ihr Mann hinein. »Ja ich weeß nie.« Es ist des Dienstmädchens Stimme. »Is se offe?« »O ja.« »Und's Essen? s is doch gleich zwölfe.« »Wie sollte ichn fertig wer'n, wenn mir ålles alleene bleibt?« Leonore möchte aufstehen; aber alles ist ihr doch so gleichgültig, so unnötig. Sie vermag sich nicht loszureißen von dem Zwang, der sie beherrscht. Schon tritt ihr Mann herein, ärgerlich hustend, und seine großen Arbeitsschuhe treten noch härter auf. Er bleibt an der Thür stehen, dann schließt er sie langsam überlegend. Aber Leonore kann sich noch nicht erheben. Nun ist es ein Gemisch von Scham und Trotz, das sie regungslos auf ihrem Platze erhält. »Nu, wie is! – Gibts heute kee Mittagassa, he?« platzt er rauh heraus, da sein Weib sich nicht rührt. Erschrocken fährt sie nun empor. – Kein Gruß und so hart? – Und mit ihren noch traumleuchtenden Augen, in denen es bange zu zittern beginnt, sieht sie ihn stumm an. »Wås siehst'n mich ån? – Wenn du krank bist, le' dich ins Bette. Wenn du offe bist, mach. Es vo beeda. Ich muß assa, wenn ich arbta wil.« Mit bebender Hand streicht sich Leonore die schönen, weichen Haare aus der Stirn. »Aber Joseph –« »Ach wås, ich ...« »Du! ... Du – ...« Das erstemal sagt sie das Wort wie einen Vorwurf, dann in Trauer, von Weinen halb erstickt. »Was, du willst mir doch nie etwan drohn?« »Ach Gott, nein, nein! – Ich will nichts, gar nichts, gar, gar nichts mehr.« Von Weinen geschüttelt, läuft sie hinaus. Nach kurzem Sinnen eilt er ihr nach und ruft gedämpft den Flur hin: »Lorla, här amål! – Ich håb dr wås mitgebracht, wås scheenes!« Aber sie verschwindet eilig auf der Treppe zum oberen Stockwerk. Im Begriff, ihr nachzueilen, bleibt er plötzlich stehen und schüttelt den Kopf: »Nein, Griebel, dås måchst du doch nich!« Dann kehrte er zögernd in die Stube zurück. Aber es läßt ihm keine Ruhe. Nach einigen Rundgängen lehnt er sich ans Fenster, tritt aber bald hastig zurück und beginnt, wieder in der Stube auf und ab zu schreiten. »Hmhm – hmhm – ach wås – ja, ich muß doch assa! – – – nuch! – – ich wår doch nich extra böse! – vr wås is man ein Mån! – – – åber sie is eben doch noch krank, då ... ... Warum leeft sie naus?! Die hätt' sich gewiß gefreut! –« Er zieht ein rotes Schächtelchen heraus und sieht hinein. Endlich überwindet er sich ganz: »Åh, sehn mr, wo sie is. Ich wer mirsch dådermit noch nich verderba, wenn ich auch amål nachgebe.« Dann steigt er in den oberen Stock. Die Thür zur alten Stube ist von innen verriegelt. »Lorla, dummes Weib, mach uf!« Es giebt keine Antwort. »Du, ich hab dr wås mitgebråcht, wås scheenes – – a Rengla.« Die Thür blieb verschlossen. »Ich bin wieder gut, ganz, ganz gut.« Kein Laut. Eine Weile überlegt er noch. Dann geht er wieder hinunter. »Ja, då muß sie halt ausbusta, hmhm! – Åber ich hätt's nich gedacht von'r – Un jetz schon, un jetz schon-« – – – – Als er draußen rüttelte und ein barmherziges Beben seine fette Stimme seelenvoll tief machte, riß Leonore ihr Gesicht aus den Händen. Die Thür wankt! Auf den Zehen eilt sie hin und stemmt sich gegen sie: – »Nein ... nein ... oh ... nein, nie! ...« stöhnen ihre Gedanken, und als ganz ferner Ton schimmert der Wunsch durch ihre Erregung, daß die rüttelnde Kraft sich steigern möge zur Riesengewalt, die in wahnsinnig fiebernder Inbrunst die Thür mit der Füllung eindrückt, die Wand einhaut, alles, alles niedertritt – alles – um jubelnd zu ihr zu gelangen, die bebend an der Thür lehnt und mit kalten Fingern das Schloß umklammert. Der Instinkt des Weibes ist in ihr erwacht, und sie lechzt nach einer unterjochenden Kraft, die auf unbegreifliche Weise ihre Erfüllung und Ergänzung ausmachen mußte. Aber er geht ... langsam ... ohne Fluch ... ohne Stampfen, ohne alles, was ihr ein Hoffen ermöglicht. Er geht mit den gewohnten, gleichmäßigen Lauten der Ruhe ... Himmel! ... nein! ... er lacht gar??! ... Blind, ohne Bild, ohne Gedanke, stößt es in ihr auf und betäubt sie. Jeder Ausruf stirbt in ihr, und sie versinkt in das in seiner Dumpfheit so starke Schmerzgefühl des Weibes, das seine erste Enttäuschung erlebt. *  *  * VII. Aber sie ist kein robustes Weib, eine zarte Frühlingsblume, die ein gnädiger November der kraftlosen Erde abschmeichelte ... Sie kann sich zu keiner Wildheit aufringen im kecken Aufspringen eines entschiedenen Affektes. Die Splitter ihrer empörten Seele klingen noch zu keinem klaren, fordernden Ton zusammen. Es braust um sie, in ihr mit den schrillen Geräuschen eines verstimmten Instrumentes: Das Schlottern schlaffer, nie berührter Saiten schlürft taumelnd in das singende Vibrieren überfeinerter Stimmungen. Diese ganze, stille Welt der schönen Ebenen, leisen Städte, wunschlosen Menschen mit einem Himmel, der mit seinen wandelnden Farben wunderbare Weisen singt, ist unter der plumpen Hand ihres Mannes zerrissen, entweiht auseinandergestoben. Sie hat die Empfindung, aus allem hinausgeworfen zu sein, vertrieben ...: »...wie ein Pusch ohne Ende ... wie ein Meer ... ein Meer, ... aach! – ... Du? ... Du? – – – wenn ich ... ! – was denn? – – – haha! – in aller Welt frag ich, was denn? – Gott im gebenedeiten Himmel, was – denn?« – Es wirft sie weiter in pfadlose brodelnde Weiten aus dumpfen, quälenden Engen. Dazwischen saugt das Bewußtsein einer schönen Stille an ihr mit dem Stottern eines verlorenen Glückes. Lange dauert dieses irre Leiden, lange. – Dann bemächtigt sich ihrer eine innere Stumpfheit, während die äußeren Sinne in einen Zustand mimosenhafter Reizbarkeit geraten. Im unteren Stockwerk schreiten die Menschen auf und nieder. Thüren gehen. Man schließt sie knallend; dann prellt ein Zucken durch das weite Haus. Man schlägt sie wuchtig zu; dann erschrickt die große Ruhe mit einem kollernden Stöhnen, um mit zähem Brummen ärgerlich einzuschlafen, wenn eines der großen Hausthore schwingend hin- und wiedergeht in verrosteten Angeln. Darauf ist es ganz, ganz lautlos, und Leonore fühlt die Stille um sich niederfließen mit einem seltsam feinen Rieseln. Nur die Uhr wacht außer ihr. Und das Rinnen der tauben Zeit setzt ihr Werk in Bewegung, daß die Pendelschläge nicht rasten können mit dem eintönigen Zählen. Alles das wird sie gewahr, als wenn zufällige Berührungen den Saum ihres Kleides träfen. Das Licht kommt schon schräg durch die beiden Fenster der alten Stube. In dem Tanz der Lichtstäubchen pulst nicht das steigende Quirlen morgendlicher Frische. Das müd-bebende Kreisen sich beruhigenden Wassers dreht in dem immer satteren Bronceton des nahenden Abends. Die langen Fäden des zerschlissenen, großblumigen Sofabezuges scheinen sich in dem Abendlichte lautlos durcheinander zu winden wie träge Würmer. In den Staubhäufchen auf den wurmstichigen Möbeln beginnt es auch prickelnd lebendig zu werden. Der Abendschatten gleitet von der Decke immer weiter nieder an der gegenüberliegenden Wand. Langsam kriecht das kraftlose, blödere Leuchten an der Diele hin, auf das eine Fenster zu und gleitet an einem Tischchen in die Höh. Man sieht nur die zwei vorderen Beine, das andere Paar verbirgt der Schatten. Die vorderen Beine zittern. Es ist, als fürchte sich der Tisch vor der Nacht, die an ihm emporkriecht, und er bemühte sich in Angst, die Beine heraufzuziehen und in Sicherheit zu bringen. Aber es gelingt ihm nicht, und er schneidet mit seiner verschnörkelten Platte eine Grimasse des Schreckens. – Zugleich wird ein feiner, klagender Ton laut, ein leise, leises Wimmern, wie ganz kleine Kinder zu weinen beginnen. – Leonore klopft das Herz. Sie sieht starr auf den Tisch. Dann schließt sie voll Grauen die Augen. Aber das Weinen wird stärker, setzt aus und beginnt immer wieder nach kleinen Pausen mit schrillen Schreien. Dann wird ein Schall laut wie vom harten Umfallen eines Körpers. »Jetz is der Tisch vor Angst umgestürzt«, fährt es ihr durch die Seele. Nach einer Weile öffnet sie zaghaft die Augen. Es ist schon ganz dunkel. Der Tisch steht regungslos wie immer an seinem Flecke und man merkt es seiner stumpfsinnigen Gegenständlichkeit nicht an, daß eben ein zitterndes Leben in ihm gewohnt hat. Erleichtert atmet Leonore auf. Aber da! – – – Das weint ja noch, heiser zum Erbarmen und weit, weit, wie aus einer anderen Gasse. Eine Weile lauscht sie noch. »Das is woll gar Gustla?« und darauf: »Wie weit das is, a so weit daß es kaum zu mir kommen kann.« – – »Und ich bin doch seine Mutter!« Wahrhaftig und sie kann sie nicht fassen, diese unmöglich erscheinende Wirklichkeit. Es fehlt etwas zwischen ihr und dem Kinde. Ein Raum steht zwischen beiden, durch den kein Gefühl hindurch gelangen kann, eine tote Schicht. »Das macht das Leben, das mit dem Kinde vergangen is, das Leben, wo ich noch arbeiten konnte.« Nun war das Weinen heiser, ganz schwach. Sie erhob sich: »Das nutzt aber doch alls nischt, seine Mutter bin ich halt doch,« und verließ das Zimmer. Während sie immer schneller hinunterging, kam ihr ein Bild: Sie saß als ganz kleines Mädchen allein vor dem Hause und spielte. Plötzlich ward ihr angst und sie fing an bitterlich zu weinen. Wie da ihre Mutter herbeigesprungen kam, sie aufhob und herzte und küßte in unendlicher Liebe. Und sie ging gemessen dahin, während ihr Kind erbärmlich schrie. Was für eine Mutter war sie? Die Erkenntnis ihres Unrechtes überfiel sie mit würgender Hitze. Sie begann fliehend zu laufen, hastig stieß sie die Thür zur Kinderstube auf. »Therese!« Niemand war in dem dunklen Zimmer, in dem das Kind noch immer kraftlos schrie. Mit hastigem Griff riß es Leonore im Steckbett aus der Wiege und schaukelte es auf dem Arme: »Schlaf, Gustla, schlaf, schlaf, sss, sss, sss ...« Und während ihr Thränen über die Wangen liefen, bedeckte sie sein ruckendes Gesichtchen mit zitternden, eiligen Küssen. Ach, aber ihre Lippen küßten nur, ihre verlangende Seele berührte nicht das junge, süße Leben. Deswegen ward ihr Weinen zum Schluchzen. »Schlaf! Allerliebstes Gustla, allerliebstes ...« Nun schrie sie die Wörter der Liebe aus ihrer starren Angst verlangend hinaus. Fiebernd begann sie zu laufen. Aber der Bann ihrer kalten Ohnmacht wich nicht. Erschöpft sank sie auf einen Stuhl, an den sie in der Finsternis gestoßen hatte. Die Arme zitterten ihr. Stumme Thränen liefen über ihr Gesicht, und immerfort bewegte sie eilig aber lautlos die Lippen: »Mein Kind – mein Kind – mein Kind ...« in bebender Ratlosigkeit und Trauer. Endlich stürzte die Amme mit polterndem Schritt herein: »Nä, wer is'n då schnell Kindermädla? Ach je'es! Sie seins Frau? den Aujenblick bin ich in a Keller nach Melch gerannt. s håt nie aso lange gedauert bis man of dreißig zehlt. – Na, do gebn Se auch den Kalle wieder her. – I du heilje Mutter Anna! Frau, Se sehn jå aus wie der leibhåftge Tod?!« »Ach Gott ... ach Gott ... gar nichts mehr, gar, rein gar nichts ... nichts! – ... mehr!« murmelte sie tonlos und rannte zur Thür hinaus. VIII. Nun lag Leonore wieder tagelang im Bett. Sie fühlte sich auch körperlich wie zerschraubt. Zuerst lastete eine undurchdringliche Dumpfheit auf ihr. Mit Ausnahme der Mahlzeiten, die sie hastig und gierig zu sich nahm, lag sie mit geschlossenen Augen da. Man ließ deswegen die Vorhänge nieder. Da verlangte sie ängstlich nach Licht. Der Arzt befühlte ihren Puls und übte die ganze Skala von Betasten, Klopfen und gewöhnlichen Fragen durch, stellte sich dann, die Hände auf dem Rücken verschlungen, einen Schritt vor ihrem Bett in betrachtender Pose breitbeinig auf, ruckte nach einer Weile einmal mit. den Achseln und stieß dabei einen wegwerfenden Laut durch seine ehrbar große Nase. Dann schnurrte er eintönig: »Na, da bleiben Sie noch ein paar Tage hibsch eim Bette stecken, essen tüchtig und stehn dann so pee a pee auf. – 's is weiter nichts. – Guten Morgen, Frau Griebel!« Er reichte ihr mit seinem derben Lächeln die Hand und schritt hurtig durch die Thür, die Joseph Griebel ihm geöffnet hatte. »Wer'n Se denn nischt verschreiben, a Pülverle, Pillen, Einreibung åber wås?« frug er, als sie auf dem Flur draußen einige Schritte nebeneinander hingegangen waren. »Ach was, Griebel, verschreiben, hehehe! –Quarkspitzen und verschreiben! – Da, wenn Sie durchaus Geld los wer'n wollen, gebn Se mir zehn Mark, das hilft auch aso viel.« »Jessas, machen Se mir Angst! aso weit is?« »Ja, ja, soweit is ebens ... Sie ... hehehe! ... ich hätte bald was gesagt ... Ihre Frau hat ebens Nerven, sonst weiter nischt. – Was will ma' da machen? Das muß sich von selber wieder einrenken.« Dann reichte er dem Tuchmacher die Hand, nickte nur zum Abschiede und ging mit seinen gewohnten, flüchtigen Schritten. Mit einem eckigen Ruck unterbrach er, an der Treppe angekommen, seine Eile und kehrte zu Griebel zurück: »Was ich bald vergessen hätte,« begann er gedämpft, als er nun wieder ganz nahe vor dem Tuchmacher stand, »s ganze, was Sie machen kennden, schonen Se Ihre Frau fir längere Zeit.« Dann verließ er ihn wieder, ohne auf Antwort zu warten. Griebel blieb lange auf dem dämmrigen Flur stehen, ohne sich zu rühren und starrte mit großen ausdruckslosen Augen hinter dem Doktor her. »... nu, ha! Das versteht sich vo' selber, das braucht er nicht erscht zu sagn. – Ja! – – Nerven! – Nerven! – – Das gefällt mr går nich,« und er schüttelte in Kummer mißbilligend den Kopf. Ja, wann es Rückenleiden, Kopfrose, Gicht oder sonst was gewesen wäre, auch Infaulenza, »wenns går eben nich anders geht,« eine bekannte Krankheit, bei der man weiß, woran man ist, aber Nerven, an die sich selbst so ein kluger Doktor nicht heranmacht! – Da war auch ein Staatsanwalt mitten in der Sitzung aufgesprungen und hatte sich mir nichts, dir nichts zum Fenster hinausgestürzt, ein Mann in den besten Jahren – hmhm! – auch wegen Nerven, hatte es in der Zeitung gestanden – – – – Ganz behutsam schlich er in das Krankenzimmer zurück und setzte sich an ihr Bett. »Nu hä, Lorla, wie is dir denn?« frug er mit zaghafter Stimme, nachdem er angestrengt nachgedacht hatte. Aber die Kranke lag mit geschlossenen Augen da und rührte sich nicht. »Steckt dirs 'n eim Rücken? – oder liegt dirs 'n of dr Brust? – Zeig a mål, håst'n heeße Hände?« – Und er langte sich vorsichtig eine der weißen Hände her, die schlaff auf dem Deckbett lagen. Wie er sie so weich eine Weile hielt, spürte er ein leises Zittern in derselben. Das wurde stärker und machte das Fleisch der Hand welk und kalt. Behutsam legte er dieselbe wieder zurück und ließ nun den Atem, den es ihm verhalten hatte, ruckend gehen. Er fühlte eine eigene Betretenheit sich seiner bemächtigen, und es drängte ihn, etwas zu sprechen. Er mußte es thun, auf jeden Fall. – Richtig! – Da lag das rote Schächtelchen noch, das er ihr gleich am Morgen nach dem verwünschten Tage gegeben hatte. »Hast dr'n dås Rengla ågesehn? – Gefällt dir's nich? – 's is doch scheen ... 's kost acht Thåler ... Sieh 'ch wenn de nie nuf liefst ... ach wås ... ich ... nach då! ... Lorla!« und er hielt ihr die geöffnete Schachtel hin. Leonore schlug die Augen auf und sah den roten Stein an. Dann stieß sie ein kurzes, seltsam hartes Lachen aus. Sonst nichts. »Aber Lorla, bist'n noch biese? – Siehst de, das macht dich ebens krank. – Ma' muß då an wås andersch denken.« Während er so redete strich er weich und kosend über ihre Stirn. Unter diesen leise gleitenden Berührungen seiner Hand ward ihr Gesicht rot bis in die Haare hinauf, und ihr Atem ging immer kürzer und heißer. Plötzlich riß sie mit hartem Ruck seine kosende Hand weg. »Böse? – Nein – was du dir einbildst? – Ich bin gar nich böse.« Dabei zuckte sie ihre Augen in glänzender Schärfe und schneidend auf ihn. Ganz ratlos gemacht ging Griebel hinaus. Als er fort war, wich die lastende Dumpfheit auf einige Augenblicke von ihr. Ihr war häßlich zumute. Sie fühlte unter Lechzen eine Sättigung, einen Drang zum Kampf, so daß sie in ihrem Bett auf die Knie sprang, die Arme steif aufstützte und mit blitzenden Augen dem Schall seiner fortwandelnden Schritte nachlauschte. Aber allmählich versank dieser fiebernde Zusammenschluß ihrer Persönlichkeit wieder in dem Chaos ihres Innern. *  *  * Durch uns alle geht ein Bruch von Anbeginn. In Unruhe ringen wir um den klaren Besitz der Welt, die uns erfüllt. In Leonore aber war ein Fieber ausgebrochen, ein Krampf. Das müde, süße, sanfttönende Paradies ihrer Seele, jene Welt, die teils aus dem Reflex vergessener Kindermärchen, teils aus den siechen Bildern bestand, die sie von dem Leben in sich aufgenommen hatte, war wie verschwunden. Sie fühlte in sich noch den Punkt des Heiligtums; aber es öffnete sich nichts mehr zu endlosen Weiten in ihr, in der tiefsten Stille nicht, ja selbst im Wanken vor dem Schlafe nicht mehr. Und doch hatte sie das sichere Gefühl seines Besitzes. Aber es stand ein Schatten vor dem Eingang zu ihm. Dieser Schatten löste sich in jenen Momenten des fiebernd-hinschwingenden Zusammenschlusses ihrer Person in ein Kraftgefühl auf, das sie noch nie in ihrem Leben gefühlt hatte. Es vollzog sich in ihr eine Neubildung; sie wurde Weib. Als ein Kind, mit schlafenden Instinkten, hatte sie geboren. Unter den Schmerzen der Schwangerschaft war sie gereift. Die gutplumpe Rauheit ihres Mannes hatte sie in dem Zustande höchster Traumverzückung getroffen und sie weniger verwundert, als die Geburt der Natur ihres Geschlechts überstürzt gefördert. Nun bildete sich in ihrem Leibe ein neuer Leib stetig zielender Stimmungen, gleicher Forderungen, fester Gesetze. Alles dieses war so ausschließlich der Ausfluß eines organischen Prozesses, daß ihr Bewußtein umsonst damit rang. Sie litt anfangs darunter wie unter einer unangenehmen Veränderung der Temperatur. IX 1 Jetzt begannen in ihr die Glocken zu läuten, wonach sie sich gesehnt hatte. Aber sie hörte es nicht, denn der Mensch umfaßt nur das klar und innig, was er nicht besitzt. *  *  * Sie war schon längst nicht mehr leidend. Aber wenn du lange im Bett liegst, so ist es, als löse sich dein geheimstes Leben langsam von der Welt um dich los und fließe in dich hinein, einsam und verwaist, wie in müder Resignation. Und die Gegenstände um dich leben weiter, und jeder hinschwingende Tag gibt ihnen einen neuen Zug der Fremdheit. Endlich weißt du gar nicht mehr, wo sie stehen mit ihrem Sein. Dieses ist der Augenblick, in welchem du die Qual der Unverständlichkeit deines eigenen Lebens drückender empfindest als sonst. So war es Leonore; eine zähe, schwache Benommenheit ihres Denkvermögens lähmte sie, als wirke ein langer, verschwundener Traum wirr in ihr Wachen hinein. Schwankende Gestaltenreihen dehnten sich in sie fort bis in ihre tiefste Vergangenheit, so daß sie nicht wußte, was Wirklichkeit und Spuck sei. Sie begriff nicht, warum sie geheiratet habe, wie sie Mutter geworden sei. Ein unbegreiflicher Strudel hatte sie durch das Haus getrieben und endlich in das Bett geworfen. – Darum wich sie nicht von ihrem Lager, in dem zwecklosen Glauben, sie werde schon alles erfahren, irgend woher. Die kindliche Mitteilsamkeit hatte sie ganz eingebüßt. Sie war von einem überlegenen Mißtrauen erfüllt. Auch ihre Mutter erfuhr nichts von ihrem Zustande. Wenn die Alte nach Schluß des Geschäftes herüberkam und, neben ihr sitzend, plauderte, lag Leonore still da und horchte ihr scheinbar zu. Aber sie sah doch nur auf das unentwirrbare Rätsel ihres Lebens, das durch die Nähe dieses liebsten Menschen Farben annahm, in denen eine geheimnisvolle Verständnismöglichkeit lag. Dazu klang über ihre versunkene Seele der liebe Tonfall der herben, mütterlichen Stimme und vermehrte so die Täuschung einer klaren Übersicht. Nachdem sie einmal so, auf der rechten Seite liegend, lange ihrer Erzählung eifrig zugehört zu haben schien, frug sie mit heißem Stoße: »Wie håst'n du a Våter kennen gelernt?« »Näha, wie kemmst'n etze auf dås?« »Je nu ...« Sie errötete und kehrte sich schnell gegen die Wand. Die Mutter schwieg beunruhigt eine Weile. Dann aber frug sie mit erkünstelter Sorglosigkeit: »Hä, Joseph is doch gut zu dir?« »Ja Griebel?« »Nä, Joseph, ma sprecht doch Joseph. Griebel is doch zu fremde.« »Nu – – – ach meintswegen.« * In Ausdauer wartete sie auf die Klärung ihres inneren Zustandes. Oft betete sie auch; aber sie kam dadurch nicht mehr in wunschlose, hohe Weiten. Wie sie sich auch zur Aufmerksamkeit mühte, nach einigen Minuten war das Gebet ein leeres Hinsinnen geworden, das sofort jäh und heiß abbrach, wenn sie den Schritt ihres Mannes auf dem Flur hörte. Dann deckte sie sich bis an den Hals zu und verharrte so mit angehaltenem Atem. Eine seltsame Unruhe erfüllte sie, und alles andere war wie ausgelöscht. Und wenn er dann zu ihr kam, mit seinem schlaffen, langen Schritt, sich bequem auf den Stuhl am Bette niederließ und mit dem unvermeidlichen: »Na, Lorla, wie stehts?« zu reden begann, erlag sie einer blinden Enttäuschung. Sie lachte dann hart mitten in seine Worte oder drehte sich in leidenschaftlicher Eile gegen die Wand und schwieg. Und darauf jedesmal dieses ewige: »Ha, Lorla, bist'n noch biese?« Wie sie das haßte! Aber wenn ihre Härte ihn traurig gemacht hatte, that es ihr leid darum, und sie wurde gesprächig, um oft plötzlich wieder in ein lustiges Lachen auszubrechen, das gar nicht enden wollte. »Haha! Joseph, haha, so was!« Sie kämpfte gegen ihr Lachen, und es peitschte sie dazu, und immer schlug dann ihre Lustigkeit um, ward scharf, beißend, voll Hohn, bis ihr die Thränen in die Augen traten. Mit schütterndem Schluchzen warf sie sich endlich aufs Gesicht und griff mit ihren Händen tief in die Kissen. »Jessas Maria, Lorla, wås håts n?« Er glaubte, sie werde ersticken und wollte sie aufreißen. Mit wildem Griff stieß sie seine Hände von ihrem Leibe. »Rühr mich nich an, weg!« Dann ging er in tiefem Kummer hinaus und blieb lange horchend an der Thür stehen, um bei der Hand zu sein, wenn ein Fenster klirrte, denn er konnte den Staatsanwalt nicht aus den Gedanken bringen. Aber es blieb immer still. Leonore kniete wieder im Bett wie immer, die Arme steif aufgestützt. Ihr Auge blitzte und ihr Atem ging heiß und scharf. Es war eine zehrende Wollust in ihr, unter der sie litt. Gar zu gern hätte sie mit ihrem Manne gerungen. Aber er ging wieder fort mit seinen langen, leisen Schritten. »Hm! – hm!!« Ihr Kopf sank auf die Brust und lange sah sie mit starrem Auge vor sich hin. Sie bohrte ihr ganzes Wesen in diesen Blick, der sie nach und nach trunken machte, dumpf, schwer. Dann bettete sie sich wieder hin und lag still unter der undurchdringlichen Last ihres Lebens. 2 Von Ungeduld gepeinigt sprang sie endlich vom Lager, im Morgengrauen und mitten im Tasten nach Gewißheit. »Es muß ein Ende gemacht wer'n.« Womit, das wußte sie nicht, und was werden sollte, war ihr ebenso unklar. Sie gehorchte der Entschiedenheit eines Affektes, und das umspannte sie. Als ihre Füße den Boden berührten, war sie sicher. Sie fühlte sofort ein springendes Bedürfnis, zu gehen und that in Neugier ein paar entschiedene Schritte. Nichts behinderte sie dabei. Das Hemd streifte nur schwebend die Haut ihrer Beine, leise, wie ein feines, neckisches Kitzeln und sie machte darum noch ein paar Schritte. Dabei kam ihr ein unbezwingliches Gefühl überlegener Freiheit, eine Lust, die sie verführte, lange, weiche Bewegungen auszuführen, als ob jemand in der Nähe sei, der, verborgen, sie belausche. Sie bog sich auf die linke Seite; dann schnellte sie ihren Leib in entgegengesetzter Richtung empor, hob sich auf die Zehen, rundete beide Arme über ihrem Haupte, ließ den Oberkörper in Rucken vorgleiten, schüttelte, wie von der Hast eines Griffes erschreckt, in harter Ablehnung die Woge ihres blonden Haares, wich mit abwehrend vorgestreckten Armen zurück und stand, einem Weichenden enttäuscht nachstarrend, eine Weile so – gestrafft, mit stockenden Pulsen und aussetzendem Herzschlag. – Dann, mit prickelnd feinen Zuckungen einsetzend, begann vor dem unsichtbaren Zuschauer das Spiel von neuem. Es war ein schreitender Tanz, ein stummer Lockruf und wie das Blut schneller, heißer durch ihren Leib rann, ward die Vorstellung eines Belauschenden zwingender, schloß sich der Kontakt zwischen ihr und dem geheimnisvollen Wesen unmittelbarer. Das erhitzte sie noch mehr, und schon begann sie leise zu summen und setzte während des Ankleidens den Verkehr mit dem Unbekannten fort. Durch einen Zwischenzustand hindurch sah sie ihn. Er stand weit, dort, wo in uns die Möglichkeit der Dimension beginnt. Seine Gestalt wuchs aus den einfachsten Regungen der Räumlichkeit, aus Linien, die in allem wiederkehren, so einfach, daß sie ihn überall sah, daß er aus allem blickte. Im Flug, auf den Wellen ihrer leichten Bewegungen, glitt sie vor ihm hin. Durch die Dämmerung war sie ihm näher, die Undeutlichkeit machte ihn körperlicher. In der zunehmenden Helle zog er sich, immer schemenhafter, zurück. Nur hin und wieder glomm sein Bild auf, zuletzt mit dem zuckend verebbenden Spiel einfacher Linien. Ein weicher, schöner Schimmer an den Grenzen ihrer Seele starrte dem Hinschwindenden bange nach. Dann versank auch dieses, wie das tote Licht, das in durchsichtigen, trockenen Halmen wohnt. Ihr war dabei, als ob sie abblühe, einsinke, erkalte. Die Bewegungen ihres Werbens wurden müder, nüchterner, schwerer. Nun flog der erste scharfe Strahl über den Dachfirst des gegenüberliegenden Hauses in die Stube. Erschreckt fuhr sie empor und stampfte ärgerlich mit dem Fuße auf: »Jesses, so eine Albernheit! Gut, daß's niemand gesehen hat.« Ein brummender Laut des Behagens erscholl von dem Bette ihres Mannes her und unterbrach ihren Selbstvorwurf, daß sie betroffen herumfuhr. Aber Griebel wälzte seinen fetten Leib nur auf die andere Seite. Dann begann er wieder seine belegten, gleichmäßigen Atemzüge. Die ausströmende Luft blähte jedesmal seine Lippen ein wenig, daß die geraden Haare des harten Schnurrbartes sich bürstenartig aufrichteten. Wie sie auf ihn hinsah, stieg ein scharfer Ärger in ihr auf, etwas wie Mißachtung. Und als Gegensatz woben die Maße ihrer feinsten Fähigkeiten ein Antlitz mit anderen Zügen um sein Gesicht, in schemenhafter Weite und nur erreichbar den Augen ihrer verborgensten Süchte. Aber die verhauchenden Linien seiner Umrisse wurden schärfer und das Bild, das noch eben fließend über dem Haupte Griebels geschwebt hatte, sank über dasselbe hin und ward körperlich: ein bleiches Antlitz mit einem feinen, schmalen Munde. Eine klingende Herbheit lag über ihm, die durch die hohe, weiße Stirn eine stille Weihe erhielt. Über den großen, tiefliegenden Augenäpfeln ruhten weiße Lider mit tausenden tiefblauer Äderchen. Ein ruheloses Prickeln und Zittern lief über ihre feine Haut, daß die langen schwarzen Wimpern fortwährend leise bebten. Plötzlich gähnte der Tuchmacher laut wie ein Posaunenstoß und hieb im Schlaf mit der flachen rechten Hand auf die Decke. Leonore schrak auf, daß es ihr kalt über den Rücken lief. Das fremde Bild war fort, und Griebels plumpes, gutes Gesicht mit den feisten, langen Bakken, den versteckten Augen und dem öligen Teint lag regelmäßig prustend in den zerwühlten Kissen. »Da liegt er, hm, er!! ... und schläft, haha!« Mit einem Ruck riß sie sich los und glitt, herrisch aufgerichtet, eine bittere Kühle empfindend, an ihm vorüber zur Thür hinaus. Allmählich kam der Schwung des Werbetanzes wieder über sie und brachte ihr die tiefinnerliche Sättigung eines Gebetes. Stark gemacht ging sie einher, wie nach einer rätselhaften Rechtsprechung ihres Daseins. *  *  * 3 In der Küche dehnt sich die Magd, halbangezogen, herum. Als Leonore rasch hereintritt, fährt sie auf und starrt eine Weile verwundert nach ihr hin. Dann verfällt sie gleichgiltig in ihren alten Trödel. »Wann denkst de denn, daß mr frihsticken, was?« fragt Leonore gereizt. »Sie?« »Warum ich?« »Nu ... åch Maria, haha!« Und sie dreht sich höhnisch lachend gegen die Wand. »Ich verbitte mir das, verstehst de, Anna! – Und nu de Hände gerihrt und a wing dalli. Der Herr wird gleich aufstehn.« Sie verließ die Küche und sah, ob ihr Mann schon auf sei. Er stand am Waschtisch und wandte seinen großen Kopf mit den verwirrten Haaren herum. Als die Thür aufging, hörte er auf zu sprudeln. »Na, auch aus den Federn, Langschläfer?« Damit verschwand sie wieder. »Lorla! – Du, Lorla! – Of een'n Schlag ...« Er lief zur Thür und rief ihren Namen noch einmal den Flur hin; umsonst. »Was is nu dås wieder?« und er hörte im Abtrocknen seines Gesichtes auf. »Då kriecht se raus, ei dr Nacht noch, wirtschaft't im Hause rum, gieht wie ein Gevattala –de Thirn wummsa blos aso – un gestern da schrier se noch wie ma sie ågrif – hmhm! –« Nachdenklich schüttelte er mit dem Kopfe und schlug das feuchte Handtuch einmal über die Lehne eines Stuhles. »– – ob dås auch de Nerven sein – denn då scheint mirs wahrhaftig; ma weeß nich, ob ees gesund åber krank is – – na, s werd sich jå zeiga – ich hå s jå zum aushala –« »Früh–stük–ken!« singt ihre Stimme von draußen herein. »Nun da, da habn mirse schon wieder!« Flink ist er fertig. Vor dem Hinausgehen bleibt er nach seiner Gewohnheit an der Thür noch einmal stehen, tritt einige Mal eilig mit den Stiefeln und schiebt sich dabei die Hosen mit den Händen noch mehr hinunter. Dann richtet er sich langsam, mit ersichtlicher Anstrengung auf: » Haach – Nu da, da!« Als er in das Wohnzimmer tritt, findet er den Tisch schon gedeckt. Alles ist sauber und blank. Eine still-lachende Behaglichkeit schimmert über allem. Seine Frau steht neben dem gedeckten Tisch und schiebt eben mit der Linken den Kinderwagen leise hin, während sie mit der Rechten das Messer neben einer Tasse zurechtlegt. »Ach, scheen gudn Morjen!« Leonore nickt nur, und in ihr Gesicht steigt eine leise Röte. Den Kuß hat sich Joseph schon lange abgewöhnt. »Dås Gelutsche påßt sich fr tomma Jonga.« Aber seltsam, sein Weib verlangt heute danach. Und wie sie beiseite tritt, damit er nach dem schlafenden Jungen sehen kann, muß sie daran denken, daß man zu Hause sich morgens immer mit einem Kusse begrüßt habe, »und das war bloß ihre Mutter«. Als er sich wieder aufrichtet, sieht sie ihn darum unwillkürlich fragend an. Er versteht sie aber nicht und beginnt mit gutem Lächeln: »Na, Lorla ...« »... wie geht drsch n? – haha!« vollendet sie deswegen höhnisch. »Nu, ha ...« »... bis och niet biese!« ebenso. Verdutzt sieht er sie an. »Die is noch krank,« denkt er und begiebt sich an seinen Platz. Sie setzt sich ihm gegenüber, reicht ihm Zucker, Milch und Semmel und spricht dabei: »Sieh'ch, ich kann dich schon ganz gut auswendig.« Dabei lacht sie klingend, wobei ihre feinen Nasenwände zittern. »Håst'n noch a bessla viel Hitze,« frägt er nach einer Pause mit unterdrückter Besorgtheit. »Ach, nimm dr Semmel und stopp dr den Mund,« erwidert sie lachend. Diese ihm unerklärliche Lustigkeit macht ihn immer bekümmerter. Plötzlich hielt er im Essen inne: »Nu, du wårscht åber doch krank?« »Da soll man nich krank wer'n.« »Wie meenst'n dås?« »Ein aler Bär bist de!!« »Haha!« Eine tolle Heiterkeit kam über ihn und er trommelte mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf den Tisch. – »Haha ... då ... då – ... sä ... mr ... blos ... haha ... warum denn ...« vor Lachen sprach er ruckweise, brach aber jäh ab, als er auf Leonore sah. Sie saß starr aufrecht, bleich, und die Züge ihres feinen Gesichtes waren schneidend scharf. Er fürchtete sich plötzlich, gelacht zu haben, raffte sich aber doch auf und that schüchtern noch einmal die Frage: »Warum denn a Bär, hä?« »Weil du – hm – weil du in alles, aber auch in alles aso – so – so neipatscht.« Und als sie das in steigender Erregung hinausgeschleudert hatte, verhielt es ihr den Atem. Ein Ducken kam über sie, eine Furcht vor einem jähen Sprung. Und in dieser Furcht empfand Leonore eine merkwürdige strotzende Kraftfülle. Aber es geschah nichts. Griebel saß eine Weile betreten da. Dann lenkte er ein: »Nu bis och nie biese, Lorla!« Sie empfing einen entehrenden Rutenstreich und beklommen und schwer ging ihr Atem. Still wurde das Frühstück vollendet. Währenddessen erlag Leonore wieder ihrer Weichheit, und als Griebel Miene machte aufzustehen, eilte sie hin und griff nach seinem Überzieher. Indem sie das Kleidungsstück .von dem Ständer nahm, trat ihr Mann ganz nahe an sie heran: »Sieh'ch ich wußt's, Lorla, du bist doch gut.« Sein warmer Atem streifte ihre Wange. Plötzlich hatte sie das körperliche Gefühl, er greife ihr unter die Arme, leicht neckend und doch mit Fingern, deren Zittern ein heißes Prickeln über ihre Haut rinnen ließ. Mit einem Schrei drehte sie sich um: »Aber Joseph, was machst du denn!?« »Nu gar, reen gar nischt. Du siehst's jå, ich stieh blos då. Warum schreiste denn?« Wahrhaftig, er stand da und kraute mit den Fingern der rechten Hand gemütlich seine feisten, langen Backen. »Nu ja. Da stehste da, wie ein Teemannla! – Da, nimm!« erwiderte sie voll Verachtung, warf den Überzieher in seine Arme und ging erregt hinaus. »Wußt ichs doch, dåß dås bloß Krankheet is,« sann Griebel hinter ihr her, beteuerte es sich außerdem mit einem Kopfnicken, sah noch einmal nach dem Knaben und verließ das Zimmer ... »...åber ees wundert mich: daß se nie schlecht aussieht, wenn's auch noch aso sehr mit'r wirtschaft't. Nee, s Gegenteel, se sieht gut aus, mecht ma sprecha – unberufa.« Er war vor die Hausthür getreten, hatte die rechte Hand über die Augen gelegt und sah zum Himmel empor. Dann ging er eigentümlich schnell in die Mitte der Gasse, warf einen forschenden Blick auf die Fenster seines Wohnzimmers und schritt beruhigt seines Weges. Unterwegs kehrte er in dem Laden seiner Schwiegermutter ein: »Guda Morgen, Mutter!« »Scheen guda Morgen, lieber Herr Schwiegersohn! – Na, was macht de Lordl?« »Deswegen komm ich eben her,« und er erzählte alles. »De Krankheet håt sich jetze bei n'r gedreht. Jetze hat sie de heeßa Nerven. Dås låß ich mir nie nahma. Wenn de zum Beispiel zu n'r sprechst: Lorla, dås is eene Semmel, då werd se steif, macht ronde, grußa Aja, wart' 'n Weile un schreit drnoch: då mecht ma krank wer'n. Sieh'ch dir se ån, wie se aussieht. Gieh och månchmål een Schlag nieber. Ma weeß doch nie. Vorgesehn is immer besser wie nåchgedåcht.« *  *  * 4 In den schönsten Frühlingstagen verwandelt sich die lachende Klarheit des jungen Lichtes ohne erkennbare Veranlassung plötzlich in das unreine Quirlen eines schimmernden Luftstaubes. Dann erblickt man die ganze Welt wie durch angelaufene Fensterscheiben: Alles sieht weicher, müder aus, eine ganz leise Regung der Trauer liegt auf allem, und die Stimmen des süßen Raumes tönen verhüllt, aus Fernen, zaghafter, so wie das Schluchzen der Menschenrede einsetzt, mit einer leidenschaftlich heißen Schwäche. Gerade dieser Veränderung erlag auch Leonore, die in der Schlafstube sich auf einen Stuhl niedergelassen hatte. All ihre Sicherheit war zitternd, alle Helle unbestimmt, die Klarheit des Tages ihrer Pflichten gesetzlos geworden. Wie in Wolken eingehüllt saß sie. Der lange, gemessene Schritt ihres Mannes ärgerte sie nicht; er klang in ihrem Ohr noch, als er schon außer Hörweite war und verlor sich dann in dem Summen ihres Selbstempfindens wie ein verhauchendes Klingen. – So saß sie, die Hände im Schoß, und die Finger spielten eilig umeinander. Von Zeit zu Zeit nickte sie langsam, als wisse sie nun alles, und dabei wurden ihre Augen groß: »Ja, ja ... das Leben, das Leben ... ich weeß nie ... ja, ja! ...« Die eintretende Amme störte sie. »Wo is'n Gustla,« frug sie in ihrer abgehetzten Manier. »Ich wer bei 'm bleiben. – Geh du in die Küche und hilf dr Anna.« Und als die Amme kaum hinausgequirlt war, polterte das Dienstmädchen mit der Frage herein: »Soll ich 'n s ganze Rindfleesch druffsetza?« »Nein, die Hälfte. Hack's bei der großen Knoche weg. Das andre leg ein zum Sauerbraten.« Dann war sie wieder allein. Draußen fegte der Wind durch die Gassen, der unbändige Wind des Herbstes. Er riß den Leuten die Rede von den Lippen und lief lachend damit fort. Die Wimmerlaute lastgepeinigter Räder versetzten ihn in höchstes Entzücken, daß er sich hinter Häuserkanten tanzend drehte und ihnen nachäffte. Er warf mit Blättern und Sand um sich und schrie ungeschlachte Laute in offene Hausthore. Das große Griebelsche Haus brummte in seinen Lärm und man wußte nicht, ob aus Ärger oder vor Behagen. »Das geht ja tolle um,« dachte Leonore und erhob sich, um nach dem Knaben zu sehen. Der aber schlief fest, die kleinen Fäustchen gegen die roten Wangen gedrückt. Bei dem Anblick empfand sie eine Freude, als lege ein weicher Schleier sich wohlthuend über ihren ganzen Leib. Sie rückte einen Stuhl zum Wagen und langte sich ihr Strickzeug herbei ... Schlingen auf Schlingen hüpften von der glänzenden Nadel – traumhafte Kreislein, die sich lautlos zu einer unendlichen Kette in ihr spannen: ... es ist ein schöner Hügel in einer gesegneten Weite. Die Wünsche blühen wie stille Blumen. Die Blätter der Bäume regen sich sacht. Das goldene Licht tropft von ihnen und sanfte Bäche trinken es mit glänzenden Augen. Einmal hörtest du ein Lied hinter dem Hügel. Das ist lange her. Nach Jahren kommst du wieder und sitzest und lauschest. Alles ist wie immer. Nur das Lied fehlt. Aber du bist nicht traurig; denn es hat doch einmal dir geklungen dort hinten und hängt noch immer stumm, mit seiner unnennbar süßen Geberde in der Luft um dich – über den stillen Blüten – den sachten Bäumen – den glänzenden Augen der sanften Bäche – – – traumhafte Kreislein, die sich zu einer unendlichen Kette in ihr spannen: – – – und der Knabe schlief tief. *  *  * Dann kam die Mutter. Ihre Augen hatten den großen, starren Blick der Sorge. Leonore erhob sich, ging ihr einen Schritt entgegen, küßte sie still auf die Stirn und lachte froh, so: besorge dich nicht. Dann fiel sie ihr in mädchenhafter Anmut nochmals um den Hals. Diese Umarmung dauerte lange, und ihr stummes Umfangen hatte das Wesen der Offenbarung eines tiefen Geheimnisses. Plötzlich kam jache Glut über sie, und von ihren Lippen stürzten sich fiebernde Küsse. Dazwischen hauchte die Scham ihres Bekenntnisses: »Mutter! – Mutter! – Liebe, allerliebste Mutter!« Als sie sich endlich von ihrem Halse losrang, standen ihre glänzenden Augen voll Thränen. »Nä ha, Lordl!« konnte die Alte endlich hervorbringen. »Ach Lordl! – Lordl! – Siehst de; aber der spricht halt immer Lor–la!« »Das is doch egal.« »Nein, wenn's egal wär, da, da ... wärsch eben egal, da ...« »Na ja, solche Tommheit! – Aso is! – Was håst de nu heite wieder mit 'm gemacht!?« »Was denn?« »Nu hä, verstell dich nie erscht. Er hat ... er is doch ...« »Er? – er!! – Natürlich. ›Er‹ lauft zur Schwiegermutter wie ein Junge: de hå'n mrsch Pfadla weggenumma!« »Nu här åber uf! Wås wellst de denn? – Sol a etwa nie zur Mutter giehn, sol a etwa zu fremda Leita?« »Ach!« »Ja, dås is keene Årt nie. Du warscht arm wie a leeres Kuchabrat un er hått'ålls.« »Aber wenn ich dir sage, er hat mich geärgert.« »Wie denn? – Na, wie denn, hä? – Ja, da weeßt de kee Stäubla! Der? dich ärgern? – Du mein! Kee Wåsser kånn der nich betrüba!« »Här auf Mutter! 's is zum Verricktwer'n. Das verstehste nich, merk dirs, das versteh ich blos, ich ganz alleene, denn ich bin sei Weib.« Bei den letzten Worten richtete sie sich auf und eine tiefe Röte stieg ihr ins Gesicht. Die Mutter dachte an die »heißen Nerven« und lenkte ein. Bald glitt das Gespräch in jenem seichten, sanften Fahrwasser dahin, von dem es getragen wird, wenn Frauen über alles reden. Darüber erwachte Gustav. Sogleich riß ihn die Mutter aus dem Wagen und wiegte ihn in stürmischer Freude in den Armen: »Das Tind wird Hungerle haben! – Was für ein Duschele es ufsperrt – ha! – ausdeschlaft? – – – Wie ein Terke ... wie ein Terke ... mir ... mir ... wart, wart Dustele ... mir wer'n den Kerl amål aufpacken, daß er sich ausstrabeln kån.« »Aber nich ganz auspacken, Mutter, er kennde sich erkälten.« »Ach 's is jå wårm hier ... a muß doch a wing sich ausziehn! – Sieh'ch amål, wie a sich streckt, was fir a langer Kalle dås is!« »Jesses, aber Mutter, was denkt 'r denn?« Leonore ward glührot und deckte eine Windel auf seinen entblößten Unterleib. »Åber Mädl, du bist doch seine Mutter!« »Nein, das geht nich, Mutter, nein!« »Nu mein Gott 'och a, du bist doch jetze verheirat't.« Und sie zog mit Gewalt die Unterlage wieder fort. Da verließ Leonore flüchtend die Stube. Die Mutter stand vor einem Rätsel. Ihr Gesicht war tief bekümmert. Langsam, wie eine mühselige, schwere Arbeit, verrichtete sie das Einbetten des Kindes. »Dås weeß dr Himmel, wås met dem Mädel håt. As, aso ... nä ... aso was! ... Dås weist nie gut. Ich möchts åber um ålls eo der Welt wessa, vo' wem die a Kop håt! ... Mei Mån? ... nä! ... oder ich? Du mein och a! ...« Sie redete noch immer vor sich hin, als Leonore mit der Amme wieder hereintrat. Stumm legte die alte Marseln dieser den Knaben in die Arme, und als sie ihrer Tochter die Hand zum Abschied reichte, gab sie ihr ein Zeichen, mit auf den Flur zu kommen. Als sie draußen standen, ergriff die Alte hastig die Hände des jungen Weibes und indem sie tief in ihr Gesicht schaute, sagte sie in gedämpfter Härte: »Du, Lordl, bet', bet'! – Das is a biese Fleckla, å dem de stiehst. Bet', daß du's iberkemmst.« »Mag sein, ich kann nie, Mutter, dås nie; iberhaupt wenn jemand derbei is,« antwortete sie entschieden. Bekümmert ging die Alte. Trotzdem war Leonore in kurzer Zeit wieder in der ruhigen, verhaltenen Stimmung, in den weichen Armen eines verborgenen Liedes. 5 Ein weiches, mehr angedeutetes Lächeln verschwand lange nicht von ihrem Gesicht. Sie lachte es auch mit jeder Bewegung ihres Leibes. In spielender Biegsamkeit, schwebend, nicht mehr in jäher Aufgeregtheit, zuckend ging und arbeitete sie. Sie gewöhnte sich eine eigene Art an, die Haare an den Schläfen zurückzustreichen. Dann hielt sie langsam, wie auf die leise Sicherheit eines bedeutsam-inneren Anstoßes hin, inne, bog wie trinkend das Haupt zurück, und während sie die entgegengesetzte Hand in weitem Bogen an ihrer Stirn vorüberführte, um danach wühlend durch die goldenen Locken über ihren dünnen Ohren zu fahren, schloß sie die Augen, und ihr Gesicht nahm einen seligen Ausdruck an. Das stärkte und erheiterte sie, gleich einem tiefen Stoßgebet. Die Unterordnung der Dienstboten unter den klaren Willen Leonores hatte sich unterdeß auch vollzogen, und so atmete die Zeit regelmäßige, scheinbar sanfte Tage durch das große Griebelsche Haus. Die Hände auf dem Rücken, die Lippen und das Haupt vom Sinnen eines behorchten Gesanges gefangen, schritt Leonore oft lange im Flur des zweiten Stockwerkes hin und her. Es that ihr wohl, wenn die rollenden Falten ihres Kleides die Luft um sie aufregten, daß sie streichelnd an den Wänden hinglitt. Denn dann hatte sie die stolze Empfindung einer geheimnisvollen Stärke, einer Wirksamkeit jenseits körperlicher Grenzen. Je tiefer ihr aufgeregtes Schreiten sie in diese Empfindung hineinführte, desto lebhafter entstand ein Gewirr tiefster Töne, brennendster Farben, grellster Gedankenstücke, jähester Stimmungen in ihr, die sich in blinder Inbrunst ruhelos durcheinanderschlangen. Alles Stärkste, Hingebende, Heilige und Reine lag darin und rann durch die Luft, die ihr Kleid um sie aufwühlte, zwecklos aus ihr hinaus, ohne wiederzukehren. Und in dieser Lücke ihres Daseins, durch das sich alles verlor, wohnte dann das Saugen eines Verlangens, das so qualvoll war, weil noch keine Richtung es abgeschwächt hatte. So kam sie zu der Überzeugung, daß sie doch ganz hilflos und umsonst lebe. In heißem Pochen gab ihr Herz diesem Gedanken recht, daß sie im Schrecken stillstand und mit fragendem Blick den Flur hinsah. Die weite, kahle Stille erbarmte sich ihrer nicht, sondern bestätigte mit herzloser Ruhe diese Befürchtung. Beizende Thränen erfüllten endlich Leonores Blick, die so tief erschüttert war, als hätte jemand mit tausend guten Gründen die Unnötigkeit ihres Lebens bewiesen. »Ach du mein eenziger Gott, wo sol ich denn hin! – Ich kann doch nischt derfier! – Warum geht mir's so?« Dann eilte sie in den großen Garten und wandelte unter den stillen Bäumen hin und her, durch deren herbstlichtere Kronen der kühl-blaue Himmel den Drang ihrer fernsten Seele beruhigte. Bei dieser Gelegenheit kam Griebel auch manchmal in den Garten. Während sie unter den Bäumen wandelte, kroch er umher, trug dürre Ästchen zusammen, schnitt da und dort ein Wasserreis ab, band ein gelockertes Bäumchen fester, um sich dann ganz unvermittelt an sein Weib zu wenden: »Lorla! ha, gelt, scheen Wetter, wås? – Nu, ja, ja, mr hå'ns auch schon andersch gehåt. 's is ebenste: bal'e so, bal'e so, nach, met em Worte: Herbst. Dås heest eben, månchmål bloßig.« So oder ähnlich redete er, ohne innere Teilnahme. Zu Anfang seiner Worte richtete er sich wohl wie zu etwas Bedeutsamen auf. Die letzten Worte aber streute er, teils gemummelt, teils unnötig schreiend, schon wieder so nebenher zwischen sein Gebastel und Umherstöbern. Leonore ließ ihn lächelnd gewähren. – Als er einmal neben sie trat und, gleichen Schritt haltend mit ihr umherwandeln wollte, gab sie sich anfangs den Anschein, als sehe sie es nicht. Dann aber wandte sie sich, stehen bleibend, zu ihm und maß ihn verwundert: »Ist dås dein Ernst?« »Ja – du lieber Gott, Ernst? – Wie dn? – Ernst, nee, zu mei'm Spaße mehr.« »Du willst sprechen zur Freude. Macht dr so was wirklich Freude, Joseph?« Eine frohe Überraschung machte Leonore herzlich. »Ach, nu freilich, een-, zweemål um a Gårta rum hal' ich's aus, drnach is de Freede aus. Denn sieh'ch ein Mån, mach kee biese Gesichte –dås is wås andersch, wie Wenterloda und scheen glåtter Kåmmgarn, es is...« Ärgerlich unterbrach Leonore seine langstielige Beweisführung. »Ach nu, laß, Jesses Maria, laß doch, wenn dir's keine Freude macht! Wer zwingt dich denn? – Ich nehm dirsch nicht ibel. Vor mir geh und mach du weiter eim Garten rum.« Der Doktor hatte ihm neulich den Rat erteilt, ihr allen Willen zu lassen, daß sie in der begonnenen Beruhigung ihrer Nerven erstarke. Daran dachte er und begann sogleich gehorsam seine alte Beschäftigung wieder, da seine Unterhaltung nicht ihren Beifall gefunden hatte. Leonore schien wirklich durch den Stumpfsinn ihres Mannes kaum berührt. Sie schritt am anderen Ende des Gartens, schwebend, wie hingezogen von dem durchsichtigen Licht, das sie umspielte und sie trank die schöne Stille der fruchtbunten, herbstlichen Weiten hastiger, denn das Betragen ihres Mannes hatte das saugende Verlangen stärker gemacht, das in der Lücke ihres Daseins wohnte. *  *  * Auf einem Spaziergange mit ihrem Manne wurde dieses saugende Verlangen ein Bild ihrer heimlichsten Seele. Es war an einem jener wunderbaren Spätherbsttage, die uns alle Wunder der Nähe enthüllen in schimmernder, plastischer Deutlichkeit. Sie schritten auf einem wenig benutzten Feldwege hin, der langsam auf den langen Rücken eines Hügels, der Scheide zweier Thäler, klomm. Es waren tiefgeschnittene Bergthäler, und in jedem lag ein betriebsames Dorf. Beide verloren sich gegen das fernere Hochgebirge durch Windungen im Walde. Dort guckten dann Fabrikschlote heraus und das langsame Dröhnen des Eisenhammers quoll träge durch die Gassen des Dorfes. Es klang, als erzähle ein müder Riese eine lange Geschichte, jede Silbe seiner eintönigen Wörter mit immer gleicher, rauher Wucht hervorstoßend. Die Pausen, in denen das Pfauchen ausströmenden Dampfes wie schwerer Atem hörbar wurde, füllte das eintönige Leben des Dorfes mit leiserem Geschwätz. Der Tuchmacher und sein Weib schritten ins Feld hinein, indem sie gemächlich den steigenden Windungen des einsamen Weges folgten. Das Getön zu ihren Füßen wurde immer schwächer. Nun klang es nur wie ein leises Brausen, das in regelmäßigen Stößen mit den undeutlichen Schlägen des ferneren Pochwerkes einsetzte. Die stille Feierlichkeit des Herbstlichtes wiegte sich auf den weichen Flügeln eines sanften Windes zu jenen langen, scharfen Tönen, wie sie eben nur der Wind des Oktobers singen kann mit leise eingekniffenen, sinnenden Lippen. Die Sturzäcker umspielte die Glorie künftiger Fruchtbarkeit. Vogelschwärme warfen sich in schnellenden Linien von Busch zu Busch, wie unruhige, wirre Pläne des Himmels. Lerchen liefen eilig in den Furchen, hielten dann hinter Ackerklumpen und stammelten einige zaghafte Triller mit jähem, schluchzendem Abbruch. Am hohen Himmel aber wandelten in stummer Majestät Wolkengebirge über den blauen Abgrund, von einer verborgenen, unerreichbaren Gewalt hingetrieben – ein stummes, riesenhaftes Durcheinanderwogen – ein Kampf, dessen Gewaltsamkeit aussah wie ein Schattenspiel. Denn noch war der Sturm jenes Ringens fern, so weit, daß keiner seiner Laute auf die Erde gelangen konnte. Diese lag in dem unberührten Traume eines Tages, dessen allgegenwärtiges Licht mit seinem tiefsten, bebenden Leben nach dem großen Hintergrunde, jenem weltabgelegenen Wetter griff. Über Leonore kam eine steigende Hast. Sie eilte auf die Höhe des Rückens. Und als sie dort stand, trank sie mit weiten Augen die stumme Wolkenschlacht des Himmels. Davon bemächtigte sich ihrer die Empfindung eines Rausches, dem sie dadurch entrinnen zu können glaubte, daß sie die Hand über die Augen legte. Als sie so dastand, in die selbstgeschaffene Nacht in sich hineinlugend, wachte in ihr eine grundentstiegene Unsicherheit auf. Das immer enger kreisende Wogen ihrer Leidenschaft stieß, angeregt von dem eben Gesehenen, ein eigenes Bild in ihr Bewußtsein. Unterdeß war ihr Mann nachgekommen. »Was hältst du denn die Augen zu?« »... uh – ganz weit ... weit ... daß ei'm schwindelt ... verlorn und vergessen, als wenn man nischt wär ... ; aber es bliht grin auf un blau, man härts singen ... Dunner! wie Puschbeeme! ... Ma' mächt sich freun und fürcht' sich. – Heiliger Himmel, nu is als wenn was glänzniges käm un holt mich, und trägt mich un schwingt mich, weit über alle Berge ...« Leise, verzückt, mit einem leidenschaftlichen Fluten in der Stimme, sprach sie. »Verknucht! Jetze nimm de Hände weg und låß dås Gepaper! Wenn jemand kemmt, missa se ja denka Du best nie ganz gescheide« unterbrach Griebel sie zornig. Leonore öffnete die Augen und lachte glücklich: »Da bin ich wieder bei dir, du, lieber, haha! lieber Månn. – Ach, wår dås åber weit! – Mach du mal die Augen zu, na!« Griebel kniff die Augen ein, daß sie aussahen wie umwulstete Spalte. Und um der Sicherheit des Verschlusses willen, zog er seine korpulente Nase an den Strängen feister Falten in die Höhe. So verharrte er eine Weile und wartete auf eine Erscheinung. »Na, was siehste denn?« frug Leonore ungeduldig. »Nischt!« prustete er lachend und rieb sich die geöffneten Augen. »Kendscherei, tomme!« 6 So kam Leonore abermals in einen Traumzustand. Von der dauernden Mystik, welche ihre Seele früher erfüllt hatte, unterschied er sich durch das blutvollere Spiel einer Episode. Er blühte bis in das Geräusch des Tages hinein. Mitten im Schaffen erlag sie ihm, einer weichen, lösenden Mattigkeit. Dann fühlte sie sich aufblühen, als dehnten sich vertrocknete Gänge in ihr durch eine losbrechende Flut der Befruchtung. Und sie gab sich diesen Momenten vorwurfslos hin. Mit keinem Aufreißen des Willens zur Pflicht, wie früher, rüttelte sie an den versunkenen Thoren ihres Bewußtseins. So verschwand die uranfängliche Spaltung ihres Wesens. Ihr Tag wandelte in ihrem Traum, und der Puls ihrer Seele schlug in allen Handgriffen. Dann saß sie, scheinbar wie immer, die feinen Finger in unruhigem Spiel bewegend. Aber ihre weichblauen Augen standen nicht verloren in einem weißen, scharfen Gesicht, sondern ihre Blicke glommen, und die Brust ging stürmischer, ein sieghafter Zug lag auf ihrem blühenden Antlitz. Denn ihre Gestalt rundete sich mehr und mehr. Die keimende Woge eines jungen Busens blühte in volleren Wallungen. Das Weiß ihrer Nägel wich einem immer satteren Rot, und das müde Blond ihres reichen Haares war goldiger. Auch das wesenlose Lied ihrer Seele schien verstummt. Die krankhafte Starrheit war von dem rechten Auge gewichen. Lag sein Lid auch noch in alter Kraftlosigkeit über ihm hin, so wandelte es darunter doch ohne Hemmung wie der Stern des anderen. Eine unnennbare süße, heiße Fülle empfand sie auch oft, wenn sie den Knaben küßte. Jäh aufkochende Glut riß sie dann aus dem Tritt ihrer gewohnten Arbeit. Sie warf weg, was sie in der Hand hielt, eilte fliegend zu dem Kinde und nahm es jubelnd aus der Wiege. »Frau, Sie missa Gustlan nie immer aus'm Schlofe reißa. Oan wenn ach, dat åber hiebsch staate: psch, psch Gustla! – Asu, dåß a recht langsam ufwacht. A kån jå amål vr Erschrecknis de Krämpfe krieja,« verwies es ihr die Amme. Das war das Wuchten heißer Stöße, wie wenn ein Sturm einsetzt. Dann lag die alte Fremdheit, die tote Schicht wieder Tage lang zwischen ihr und dem Knaben. Umsonst langte er von dem Arm der Amme mit lallenden Lauten nach ihr. Sie ging achtlos vorüber, kaum daß sie ihm ein zerstreutes, leeres Lächeln zuwarf und sein Weinen rührte nicht an ihr Gemüt. Auch mitten im Taumel ihrer Glut erlag sie dieser eisigen Ausschaltung. Die Bewegungen des Knaben, die eben noch von einem Schimmer umgeben waren, wurden ihr zuwieder; der Duft süßer Kindheit verschwand, und sie roch die süßsaure Dumpfheit, die um kleine eben liegt. Die selige Musik der Kinderstimme, die nur das Herz hört, war wie versunken, und sie vernahm unausstehlich schneidende Laute. Dann warf sie den Knaben hin und eilte hinaus, um stundenlang in einer Starre dazusitzen, die am Ende in eine gespannte Stumpfheit überging. Sie vermied jede Gesellschaft und ging verstört umher, bis endlich ein sanftes Weinen sie von den Klammern dieses seelischen Krampfes erlöste. In ruhigen Minuten klarer Bewußtheit machte sie den festen Vorsatz, diesen heißen Überfällen ihrer »Laune« durch stetige Sanftmut entgegenzuwirken. Aber was galten die Fälle, in denen dieser Selbstzwang ihr gelang, gegen jene häufigen Ausbrüche, die sie nötigten, ihr Kind in peinvoller Bedrängnis von sich zu stoßen! »Warum schmeißt du nu Gustlan wieder hin wie ee'n Wechselbålg?« verwies es ihr die Mutter, die Joseph auf »die neue Krankheit« Leonores aufmerksam gemacht hatte, und die gekommen war, ihr wieder »a Kop zurechtezusetza«. Leonore hatte sich an das Fenster geflüchtet und starrte blicklos hinaus. Sie beantwortete die Frage ihrer Mutter nicht, denn die Erschöpfung der Ernüchterung machte sie wie regungslos. Aber die Mutter ruhte nicht, mit Fragen an der Thür dieses rätselhaften Zustandes zu rühren. Lange war es umsonst. Endlich drehte sich Leonore um und sah sie tief an, mit bitterem Blick. Dann klemmte sie die Hände zwischen die Knie und bewegte ihren Oberkörper pendelnd hin und her. »Hm, hm,« setzte zitternd ihre Stimme ein, »wås sol ich erscht reden? s is eben wieder wås, wås ihr nie verstieht.« »Liebes Lordl, sieh'ch ich bin deine Mutter un es thut mr leed, wenn du dei Kend aso behandelst. Ich kann mersch denka, es thut dr wieh eim Herze, selber, denn wås fr eene Mutter ... flenn nie, Lordl, ... sä' mrsch lieber, verleicht kån ich dr helfen.« Leonore schüttelte traurig das Haupt. Nach einer wägend hinschauenden Weile erzählte sie es doch mit jenem verhauchenden Tonfall, wie man ein traurig-unverständliches Märchen sagt: »... es håt um dås Kind wås, dås is scheener wie Blumen, wie's Licht, wie dr Vogel singt ... irgend wås. Dås kemmt und geht oder versinkt eis Kind und blüht wieder raus ... kein Hauch ... nein ein zweetes ... Jesses, wie sol ich blos sä'n ... wenns Nacht is – – ja, sieh'ch, jetze hab ichs – wenns Nacht is und der Mond scheint. Du gehst ... am Mühlgraben hin und siehst iber die Wiese. 's Gras is schwarz wie ein Teich, und s Wasser thut wie ein Mensch, der stirbt. Då gehst de schneller und siehst dich um. Oh, dort drieben, mitten auf dr Wiese, steht plotze ein Engel im weißen Kleede und winkt dr mit seinen Armen und seine glänznichen Fliegel wehn. Du kannst dr nich helfen, gehst nieber drauf zu, die Herze hopst fr Freede und kannsts gar nich drwarten. Aber wie de näher kemmst verschwimmt das Scheene immer mehr. Nu bist de endlich da und streckst die Hand aus ... da greifst de in ein' Dörnerstrauch, dei Hand blut't – es raschelt um dich, und alles is häßlich und leer, daß dr angst und bange wird. – Sieh'ch aso geht mersch met Gustlan. Und wenn dås Scheene wie Mondschein wegfliegt von 'm, då is statt ei'm Engel a Strauch ...« Ihre Erzählung verlor sich ruckend in eine aufgeregte Versonnenheit. Sie erhob sich und sah vor sich nieder. Dann strich sie sich mit der rechten Hand die Haare an der linken Schläfe zurück. Mit geschlossenen Augen stand sie zurückgebogen da. Plötzlich hielt sie im Schreck mit einer jähen Erkenntnis im Kosen ihres Leibes inne. »... ja wahrhaftig ... als wenn ich mei Kind gar nich gerne hätt, nich kißte, rausnehm, hielt' ... das andre, wås um ihn is ... das andre ... verleicht ... aber sä mr blos einer, wo kommt das andre her?« Schlaff ließ sie den Arm sinken und starrte seiner fallenden Linie nach. »Sahst de mein' Arm sinken?« sprach sie nach Augenblicken und schaute mit großen Augen auf ihre Mutter. »Ach, nu freilich. – Då is doch auch weiter nischt drbei.« »Nich? – Gell ock nein! ma wird noch rein verwirrt, und da war mirsch, wie ich meinen Arm sah'ch niederfallen, als sellde das de Antwort sein of meine Frage.« – – 7 Das Menschenleben hat Tage wie die Zeit, außerhalb der es wächst, ein Weltwunder. Auch die Tage des Menschenlebens steigen aus Nächten über die visionäre Brücke der Dämmerung. In jenen Frühstunden der Seele, da sie mit den Ahnungen ihres Schicksals spielt wie die Erde mit steigendem Höhenrauch oder niedergehendem Gewölk, lugen die tiefsten Lieder der Ewigkeit durch den Spalt der Sinne aus dem Unendlichen herein – – – Das Morgengrauen ... In jener Frühe, die Leonore aus der Ungeduld des Wartens von ihrem Lager trieb, waren die Gesetze, die das Weib ewig regieren, in ihr Fleisch geworden. Vor dem unsichtbaren Erfüller ihrer Sehnsucht hatte sie werbend getanzt. Die weichen Linien ihrer Bewegungen, das ganze süßverschwiegene Konzert ihrer Leiblichkeit hatte sie in den Vorhof der Liebe eingeführt. Und dann sang ihr Traum in verzückten Wallungen diese selbe Musik mit weichen Geisterlippen in das Geräusch ihres Tages und ihrer bebend-fragenden Sehnsucht, in der sie zitternd blühte, ein Wunder in einem Wunder. *  *  * Immer mehr schloß sich ihr Zustand zur Forderung zusammen in jener inbrünstigen Regellosigkeit, die schwachen Naturen eigen ist. Bewußt zog ihre unbefriedigte Seele den Inhalt ihrer ganzen Vergangenheit auf einen Stoß. Leise, übersichtslos, in langsamer Unerbittlichkeit erblindeten alle Augen ihrer namenlosen Hoffnungen. Nur ein Auge blieb offen. Seine Sehkraft erschöpfte sie ganz, daß außer ihr nichts mehr lebte. Der helle Schellenton eines vorübergleitenden Schlittens löste in ihr den Hunger nach einem jähen Rausch los, den sie vorgenoß, als wenn eine rasende Bogenlinie durch sie hinfahre, deren Bewegung über ihren Leib und ihre Gedanken einen heißen Taumel brachte. Dann begann sie flutende, nie gehörte Melodien meistens auf »la« zu singen. In herzpochendem Jubel sang sie, mit ausgebreiteten Armen, in wogendem Schritt auf- und abwandelnd. Es war, als werfe sie durch dieses sonderbare Lied Anker aus. Aus diesen Unendlichkeitsflügen stürzte sie jäh, wie mit gebrochener Schwinge, in das Klappern des Alltags. Und wenn sie, nach Verstehen ringend, in den bekannten Räumen umherschaute, schossen eigentümliche Thränen in ihr Auge, solche, die wie kochendes Gift ihre Lider ätzend angriffen und brennend die Wangen hinabliefen. »Wås flerrst'n, Lorla?« frug dann wohl Griebel. »Hm!« und sie sah ihn schneidend an, »hm und das fragst du noch, du ? – Ach, du mein lieber Gott.« Und sie warf sich neben den Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, in die Knie und schlug ihre gefalteten Hände wie betäubt auf den Sitz. Denn die schöne Kraft ihres Leibes war noch voller geworden. Die Wogen ihres Blutes gingen höher. Sie säten keine verträumten Farben und Bilder mehr in die Fruchtfurchen ihrer inneren Welt; sie rissen Schreie heraus, glühten Aufsturz, verwundeten das geheime Instrument ihres Innern, daß seine Saiten in ein regelloses Vibrieren gerieten. Ihr schien dann alles verloren und sie kauerte in der Dumpfheit eines Stoßes da. Wie auf einen Punkt zusammengeschrumpft kam sie sich vor. Eine Macht, über die sie keine Gewalt hatte, warf sie aus qualvollen Jubeln in stumpfe Ängste. Ihrer Leidenschaft fehlte die Kraft der Zerstreuung, der gesunde Rückhalt eines gewöhnlichen Lebens, in dem die Seele ausruhen kann, wie der meermüde Sturmvogel auf der Sandbank. Sie war wie nackt; nichts folgte ihr in die Glut. Immer weiter ward sie von allem und allen um sie abgeführt. Vor den gütigen, derben Worten der Mutter, deren Liebe nur den Schlag in ihre Wunden kannte, floh sie. Allein immer kehrten doch ihre Augen von jenen rätselhaften Gestaden ihrer innersten Seele zurück; immer fand sie sich wieder auf dem Wege von der Küche zur Wohnstube, auf dem Boden, in dem alten Zimmer und nie doch traf sie ihre Heimat in ihrem Heim. Und nie erstarrte sie in der Glut oder dem Taumel der Dumpfheit. Zum Wahnsinn war sie nicht stark und nicht schwach genug. 8 So fuhr sie allmählich in eine immer mehr zunehmende Enge. Sie saß oft in einem rein körperlichen Wogen da, ganz hingerissen und erschöpft von diesem wollüstigen Zustande. Auch im Gehen überfiel sie das. Wenn sie dann die Straßen hinschritt, bekamen die grauen, langweiligen Häuserfronten einen schönen Glanz. Ihre Scheiben schillerten. Wie tanzend schritten die Leute ein und aus. Und sie horchte gespannt auf alle Worte, die sie redeten, denn alle Menschen trugen den Zug der Güte und Freundlichkeit. Ein Dienstmädchen, mit einem roten, lachenden Gesicht, wie sie, einen Korb am Arm tragend, hüpfte über die Straße und summte ein Lied zwischen den Zähnen. Leonore empfand zu dem fremden Mädchen eine so heftige Zuneigung, daß sie, ihre Schritte beschleunigend, ihr zurief. Das Mädchen blieb stehen, nickte freundlich und frug: »Na, gudn Morjn, Frau Griebel?!« »Ach Sie sind's, de Pauline von Heinzeln?« »Jå, jå, kenn' Sie mich au?« »Ach nu freilich, ich bin Ihn' zu gut.« Das Mädchen errötete und verstummte. Dann sagte sie sehr befangen: »Jetz muß ich aber machen, daß ich fortkomme, sonst schempft meine Frau. Adje, Frau Griebel.« »Adje, Pauline, aber singen Se weiter, singen Se!« rief Leonore hinter ihr her und schaute ihr voll Glücksgefühl nach, durch dessen Licht, wie verwehende Nebelfäden, Wehmut zog. Nee so ein junges, lustiges Mädl, ach je nee, nee, das is wohl was scheenes, dachte sie bei sich. Ein anderes Mal kam sie vom Ringe und schritt die breite Kirchstraße herunter. Ein beißender Nordwind stürzte sich in die Straßen. Darum hielt sie sich auf dem linken Bürgersteig. Als sie beim Böttcher Meergans angekommen war, wo die schmale, dunkle Wassergasse einmündete, lenkte sie ihre Blicke dahin. Die Gasse sah eben wie ein dämmriger Schlund aus, weil der Wind, in dessen Richtung sie gekrümmt lag, mit unruhigen, stoßend einsetzenden Wirbeln den Schnee darin zu Wolken zerblies. Ein eisiger Staub drang ihr in die Augen, daß sie sie schließen mußte. Als sie nach Momenten die Lider wieder heben konnte, weil der Windstoß vorüber war, sah sie ein liebliches Bild. Ein etwa fünfjähriger Knabe, in allerhand Tücher eingepackt, daß er wie ein Bündel aussah, führte ein kleineres Mädchen an der Hand. Er trug irgend etwas in ein rotes Taschentuch eingeknüpft und sah besorgt auf seine Gefährtin, die er hin- und herleitete, damit ihre Füßchen nicht in zu tiefen Schnee treten sollten. Sobald ein neuer Windstoß mit hohem Heulton aus den Dachrinnen sich anmeldete, legte das Knäblein sein Pack auf die Erde und umschlang das kleine Mädchen mit beiden Armen, um sie vor dem Umfallen zu schützen. Das war ein Jubel für die beiden. Sie schrien ein glückliches Lachen in den Lärm, und wenn die Gefahr vorüber war, fielen sie sich um den Hals und küßten sich lange. Leonore schlug das Herz vor freudiger Überraschung, daß sie sich nicht bewegen konnte. Der Böttcher trat aus dem Hause. »Gu'n Morj'n, Frau Griebeel! Gelt die sein reen wie a påår Liebesleite. Dar Kleene macht's rechich schinner. wie månchmål a Ales. s is Gåssmånn Schneidersch Junge und Schmieds Lenla.« Die Angeredte lächelte zerstreut und ging dann mit behutsamen Schritten davon. Sie hielt sich dicht an den Häusern und ihre Rechte griff haltend nach den Mauern, denn sie war taumlig und murmelte fortwährend verzückt vor sich hin: »Sie küssen sich ... wie sie sich küssen ... sie küssen sich gar zu scheen ... gar zu scheen küssen se sich ...« Dann las sie alle Firmenschilder. Sie schienen einen wundervollen Sinn zu haben. »Johann Laufer, Seiler. Karl Nieder, Gutes Sauerkraut, Landbrot, Vollheringe«, und sie glaubte diese alltäglichen Worte nicht und konnte doch auch das Frohe und Große nicht herausfinden, das hinter all diesem leuchtete. In der Nähe der Straßenecken hatte sie die Empfindung, daß jemand von der anderen Seite kommen, sie umarmen und das Liebste nennen werde, was auf Erden sei. Darum verlangsamte sie ihre Schritte, um nicht mit ihm zusammenzustoßen. Aber die meisten Leute gingen gleichgültig vorüber. Manche grüßten wohl freundlich und Bekannte drückten ihr herzlich die Hand. Aber das war doch alles nicht das Schöne und Beglückende, das hinter der Ecke auf sie gewartet hatte. So erblindeten nach und nach alle Augen in Leonore; nur eines blieb offen. An einem Nachmittage gegen vier Uhr riß sie die Küchenthür auf, lief bis in die Mitte des Raumes und sah forschend umher. Ihre Augen waren von heißer Erwartung weit geöffnet, und die Wangen glühten. »Wås sucha S' 'n?« frug Anna, die eben Geschirr in den Schrank stellte und sah ihre Herrin über die Achsel an. »Nu, ich hab's doch genau gehört.« »Wås denn?« »Er muß hier reingegangen sein.« »Ach de Uhre is ganga, sonst nischte.« »Ich hab's gehört. Es machte 's Tor auf, kam iber die Treppe rauf, hielt oben ein wing, als obs iberlegte, und dann kams mit langen leichten Schritten ...« »Nu, – langen, leichten – säta Se nie a so, langen leich ... haha! – De Anna is vrhin barfissig im Flure afier ganga.« »Nein, s war ein Mann!« »Na Frau, etz sein Se åber bale stelle. Nu verstieh ich Se. Ein Mann?! – Ich hå keen'n Schatz nie. Oan wenn ich een'n hätt, dåweßt ichs doch, dåß sichs nie scheckt, wenn er åm Taje zum mr kemmt. – Oder wessa Sie 's etwan besser, dås ich een'n Schåtz hå?« »Aber, Anna, so was. Wer wird denn von einem Schatz sprechen, so was? Schäm dich!« Und während Leonore diese Worte stotternd sprach, war es ihr, als müsse sie umfallen, so brauste ihr Blut. Sie konnte vor Scham Anna nicht ansehen und floh aus der Küche. »Wer soll sich schama?« schrie dadurch ermutigt, die streitsüchtige Magd, »ich etwan? Hähähä, ich hå keen'n Mån nie gehärt, ich nie ...« »Gieh åch,« setzte Anna fort, als sich hinter ihrer Herrin die Thür geschlossen hatte und überließ sich ganz ihrer Wut. D, s wår de hechste Zeit, ich hätt dr sonst Beene gemacht ...« Plötzlich brach sie ab und ließ die rechte Faust sinken, die sie gegen die geschlossene Thür geschüttelt hatte. Dann starrte sie vor sich hin mit einem Gesichtsausdruck, der aus Schreck sich langsam zum Hohne verwandelte. »Ha, dås?« murmelte sie dabei. »Ach nu, warum kennde dås nie sein! Er is a aller plumpscher Drehdichlangsam und sie is flink un just wie a Gevatterla. Då is doch ålls meglich – – nu, uffpåssa wer ich.« Sie hörte die gegenüberliegende Wohnstubenthür gehen und begab sich schleunigst wieder an den Schrank, weil sie vermutete, Leonore würde kommen, um sie wegen der letzten, vielsagenden Worte zur Rede zu stellen. Allein die Thür schloß sich bald wieder, und alles blieb still. Leonore hatte sich aus der Küche geflüchtet und war in das Wohnzimmer gestürzt, mit dem Gesicht gegen den Sofasitz. Ihr Leib blähte sich unter wuchtendem Atem auf und fiel ein. Er füllte und leerte sich bebend wie ein vielgegliederter, willenloser Schlauch, durch den das Stoßen eines wilden Gebläses ging. Und aus ihren geschlossenen Augen fühlte sie Ströme von Feuer gehen, daß die Augäpfel wie glühende Kohlen brannten. Dabei murmelte sie in heißer Verwirrung: »Wer kann sagen, ich hab einen Schatz – ich? – ich hab einen Schatz – einen Schatz? – Schatz? – Schatz?« Der zurückströmende Atem schlug sengend in ihr Gesicht. Es war, als wohne ein süßer Duft darin, und sie murmelte das wunderbare Wort weiter, immer leiser, süßer, inniger und trank den Duft, mit dem es ihren Atem füllte. Ihr zitternder Busen trank ihn, ihre lechzende Seele, ihr ganzer fiebernd-blühender Leib. Endlich erhob sie sich und sank in Aufgelöstheit auf einen Stuhl. Mit geschlossenen Augen, das Haupt nach hinten hängend, saß sie, und ihre bebende Rechte strich mit leisen Fingern die Stirn nach der linken Schläfe hin. Ihre Seele war wie ein sommerliches Feld, über dessen lodernder Blütenpracht das Licht einer senkrechten Sonne in flimmernder Glut brennt, bis hinaus an den verschwindenden Horizont. Ihr Blick wurde von innen her versengt, und als sie die Augen öffnete, sah sie alle Gegenstände durch einen grauen Schleier hindurch, mit fließenden Umrissen, hin und her schwebend, von blassem Schimmer umgeben. Plötzlich kam es wie die Wollust der Empfängnis über sie: Bewegungen aus ihr und um sie flossen zusammen; ein Leib löste sich von ihrem Leib; ihr Gesicht ward Antlitz vor ihr; ein Strahl wandelte aus ihrem Auge und ward sich fremd und ein Wesen entstand. Noch sah sie es nicht, fühlte aber seinen guten, umfangenden Blick auf sich gerichtet. Dort von der Ecke neben dem Schrank her. Mit ihrem Leibe ihn trinkend, saß sie und wagte nicht aufzuschauen in demütigem Glück. Ein weiches Gleiten ließ sie endlich den Kopf wenden. Doch sie konnte nichts deutlich unterscheiden. Nur wenn das pochend arbeitende Herz einen neuen Blutstrom ausstieß, glommen die Umrisse eines männlichen Wesens schärfer auf aus dem dämmrigen Winkel neben dem Kleiderschrank, wo der Kleiderständer sich befand, an dem ein Herrenüberzieher und darüber ein Hut hingen. Auch tiefe Atemzüge hoben auf Momente seinen Leib aus dem Nichts. Als sie sich aber zu einem durchdringenden Blick aufraffte, um sich Gewißheit zu verschaffen, fühlte sie es in ihrem Innern wie den jähen Zusammenbruch einer schönen Welt. Das blühende Großfeld ihrer Seele verschwindet hinter der engen Schranke ihres Bewußtseins und die Gegenstände ihrer Umgebung welken zu den gewöhnlichen Umrissen ein. »Nu Schatz, wo bist du denn?« frug Leonore mit bitterem Spott und konnte es doch nicht hindern, daß die Wehmut der Leere in den Worten wohnte. Sie erhob sich und schritt, um sich zu sammeln, durchs Zimmer. Jedes Gerät, an dem sie vorüberkam, berührte sie mit der Hand. Dabei sagte sie tonlos: »Da ein Stuhl – der Tisch – der Nähtisch – der Wäscheschrank – noch ein Stuhl – – – immer so, dasselbe heite ... morgen ... in einem Monat ... ibers Jahr – bis ich sterbe –« Plötzlich brach sie am Tisch, auf den sie sich bei den letzten Worten gestützt hatte, zusammen, warf die handverschlungenen Arme steif darüber hin und ließ ihr Haupt unter die Platte sinken. So verharrte sie wie leblos. Der leere Winterabend ließ seinen Nebelschutt immer dichter an den Fenstern niederrieseln. Als sie den Schritt ihres Mannes hörte, sprang sie erschrocken auf. »Wås muß er denken, dåß ich noch kein Licht hå?« fuhr es ihr durch den Kopf mit der Schärfe eines unruhigen Gewissens. Und während sie in der finsteren Stube immer ängstlicher nach Streichhölzern suchte, hörte sie ihren Mann die Küchenthür öffnen und hineinfragen: »De Frau nie då?« »O ja«, antwortete Anna. »Nu, s'is jå fenster ei dr Wohnstube!?« »Ne, de is doch nie fortgeganga. Vrhin amål, 's wår Nåchmettig, kam se ei de Kiche und fragte nach em Månne.« Leonore wurde starr vor Schreck, als sie diese Worte des Dienstmädchens hörte. Sie mußte sich an das Fensterbrett anhalten. Dabei griff sie die Streichholzschachtel. Im Nu war Licht. Da trat auch ihr Mann schon ein. »Gu'n Amd!« grüßte er verstimmt und hing seinen Hut an den Ständer. »Na, wo host'n a Mån?« »Ich? Was een'n Mån?« »Nu, de Anna säte doch, du hättst een'n Mån gesucht?« »Die Anna, die ! will die etwa noch Unfriede ins Haus bringen? Is noch nie genung, dåß se grob is wie Schrotmehl! die muß nu aus dem Hause. Soll ich etwa folgen, bin ich Herrin oder Dienstmädel?« »Etze fang du mir noch å und mach mr a Kop vul. Iberal Ärger, ei der Werkstelle un derheeme!« »Kånn ich drfier, wenn du aso anfängst und schimpfst, eh du ›Gu'n Amd‹ gesagt hast?« »Jesses Lorla, is' dås eene Trosel wert oder a Salende? Ma kå doch een'n Spaß macha!« Er griff neckend nach ihr; aber sie wich aus und verließ gekränkt die Stube. Als dann Anna das Abendbrot aufgetragen hatte und das Zimmer verlassen wollte, begann Leonore wieder hartnäckig: »Bleib mal da, Anna! – Nu sags vorm Herrn hab ich ee'n Mann gesucht?« »Een Månn? – Sie freta doch, ob er ei dr Kiche is?« »Nach wem hätt' ich denn gefragt, wenn dås wahr is?« »Maria rein och a! Dås weeß ich nie, wan Sie sucha. Dås missa Sie åm besta wessa. Ich hå keen'n Schåtz,« erwiederte das Mädchen grob und verließ das Zimmer. Leonore riß die Hand vors Gesicht, um die Schamröte vor ihrem Manne zu verbergen und brach in Thränen aus. »Då håsts,« rief sie schluchzend, »se weeß nischt und sprecht ein Mann, sogar ein Schatz. Hå ich dich a mal belogen, hä?« »Nu, Lorla, du weßt doch, dåß se sich nie halfa kån. Se meents doch nie aso. Bis och ruh'ch! Låß dås Flerrn sein un sag mrsch lieber.« Durch gütiges Zureden besänftigte er sie endlich, daß sie ihm den Sachverhalt erzählte. Von dem Zustande ihres Innersten erfuhr er nichts, denn dieser war Leonore selbst ein Geheimnis. Als sie geendet hatte, schüttelte er seinen Kopf und sprach dabei mit plumpüberlegenem Lächeln: »Jesses nee, ma verhört sich halt månchmål. Då braucht doch nie a solches Lutterment gemacht wer'n. Meglich wårsch jå, dåß a Mån dågewåst wår. Denn der Reisende aus Frankfurt, dar mich met dam Indigo neigelegt håt, wollte jå komma. – – Åber etze, Schwåmm drieber, well mr sahn, wås dar grobe Teixel, de Anna, viergerecht håt.« Dann machte er es sich mit umständlicher Behaglichkeit am Tische bequem. Während er bedachtsam und eifrig zulangte, saß Leonore einsam da und rührte kaum etwas an. Plötzlich legte sie heftig Messer und Gabel hin und sagte ein abschüttelndes »Nein!« »Na?« frug Griebel, ohne aufzusehen. »Kenntst du mich haun, recht aus Wut?« Griebel ließ die Hand sinken, mit welcher er eben ein Stück Wurst zum Munde führen wollte, und blickte sein Weib erstaunt an. »Die håt heite wieder ihren schlechten Tag,« dachte er. Dann antwortete er: »Lorla, kendsche Lise, a so a Fråge!« »Nein, du sollst sagen: ja oder nein.« »Nu, wenn das wessa wellst: nee.« »Ich hå mersch wohl gedacht. – Da iß och weiter!« Sie sagte das mit einem geringschätzigen, bitteren Lächeln und zerrieb dabei ein Stück Brot zu Krümchen. Dann sah sie nach dem Fenster hin, hinter dem die Wand der schwarzen Nacht stand, lange und mit leidenschaftlichen Augen that sie das. Griebel »hamsterte« und plauderte dabei alles durcheinander. Leonore litt an der großen Lücke ihres Lebens. Ihre Seele lag an fernen Gestaden und rang und schrie und betete und verzweifelte. Davon wurde die Farbe ihres Gesichtes immer blasser, die Haltung ihres Leibes immer starrer. Die »Ja« und »Nein«, die sie an oft unpassenden Stellen in das Gerede ihres Mannes streute, trugen die Farbe ihres Innersten: sie klangen zagend, fordernd, zitternd, peinvoll auch wie das Flüstern einer Verlorenen. Griebel wurde es immer unbehaglicher dabei. Er erzählte mit stets längeren Unterbrechungen und schwieg endlich betroffen. Da war es totenstill. Und die Seelen der beiden Menschen litten in stummem Schauer untereinander. Leonore kam zuerst in ihr Leben zurück, und noch unter dem Bann ihres Schicksals stehend, sagte sie tonlos und eisig-ernst: »Du sitzst weit von mir – weit!« Griebel erschrak vor den nachdenklichen Augen seines Weibes, und indem er an einem Fleck seiner Weste herumkratzte, sagte er unsicher: »Jå, jå, 's is månchmål komsch, wås uns de Aja viermacha. Ich kennde auch Steckla drvone erzehla – – åber loon mr dås; ich bin heite mide.« Dann erhoben sich beide und trafen Vorkehrungen zum Schlafengehen. Leonore unterbrach sich dabei und frug zaghaft: »Kommt der Reisende auch ans Meer?« »Dar aus Frankfort?« lautete Griebels gelangweilte Gegenfrage. Dabei kraute er sich den Kopf. »Nich der alleene; iberhaupt.« »Ach nu freilich, 's håt 'r woll, die då hinkomma.« »Das is tief – und – weit ...« »Jå, Lorla, nischt wie Himmel und Wåsser. De Schiffe komma und fåhrn fort und niemand weeß månchmål, ob ma de Leite wiedersieht, die droffe sein.« Darauf blies er die Lampe aus und sie begaben sich auf ihr Lager. Eine Zeitlang horchte Griebel besorgt auf den Atem seines Weibes, der kurz und schwer ging. »Wenn se och gut schlofa kennde, då wär ålls wieder gut manne« sann er. Plötzlich überfiel ihn die qualvolle Gewißheit, seine Frau kniee im Bette und ringe verzweifelt die Hände über ihrem Haupte. Er dämpfte seine Stimme und frug anscheinend gleichgiltig: »Liegst'n, Lorla?« Doch die Antwort blieb aus. Deswegen rief er stärker: »Lorla!« »Ja«, antwortete sie schwimmend-weich. »Was machst 'n?« »Ich dåcht ans Meer. Mancher mag gerne fort fahrn, weil ihn niemand hält. Wie er aber draußen is und blos sein' Herrgott und's Wasser rundum hat, da kommts doch ibern, daß sich niemand kimmert um ihn. Ein eenziges gudes Herze hätt' ihn gehalten. Nu aber fährt er naus, ins Ungewisse unds graut 'm dervier, in seiner Seele.« Griebel vermochte nicht zu antworten. Die große, leere Stille, die sie den ganzen Abend getrennt hatte, wurde stärker zwischen ihnen. Dahinein floß das eintönige Geräusch des schlafenden Hauses; es klang wie leise Wellengänge eines fernen Wassers. X. Lange lag über Leonore eine stille Ruhe, wie die Resignation des Wissenden, der sich bescheiden gelernt hat. Doch es war nur ihre Erschlaffung, die so aussah. Bald begann wieder ihr Pilgern nach dem innersten Glück. Und Griebel mußte wieder wachen, auf der Hut sein, sie begütigen, einlenken, alles thun, um nicht die »Schande« auf sich zu wälzen, daß seine Frau übergeschnappt sei. Diese vollständige Entäußerung seiner Überzeugung ward ihm schon oft sehr schwer. Manchmal quoll eine nicht zu bezwingende Erregung in ihm auf, eine Wut. Dann tobte er förmlich über Verdruß im Geschäft, Überbürdung der Arbeit und Ärger mit den Leuten. Denn er ahnte nicht, daß diese Zornmütigkeit nichts war als der Schmerz seines Innern, das um den Frieden schrie, den er seinen Vater in diesen Lebensjahren hatte genießen sehen. Eine gegenstandslose Spannung zwischen den Ehegatten nahm an Schärfe täglich zu und in Griebels Stirn grub sich eine senkrechte, mürrische Falte immer tiefer. Die beiden Menschen rangen miteinander wie zwei Kranke in irrer, beißender Bitterkeit; wie zwei vom Wege verschlagene redeten sie dazwischen in Güte und kummervollem Mitleid zu einander. Aber alles förderte sie nur unaufhaltsam auf dem Wege ihres unerbittlichen Schicksals. Am Tage nach Aschermittwoch, der auf den 16. Februar fiel, kam Griebel ärgerlicher als sonst nach Hause, warf seinen Hut auf die Kommode und begann sofort zu fluchen und erregt in der Stube auf- und abzuschreiten, Anna, die ihm in den Weg kam, drohte er, »bale of de Gåsse zu schmeißen, dåß kracht«. Er reckte sich auf, rüttelte mit energischem Schlenkern seiner kurzen Beine die Hosen tiefer, spuckte aus, blieb stehen, schüttelte mit einer furchtbaren Gebärde die Faust in die Höhe und begann wieder in der Stube umherzulaufen, versetzte fortwährend die Stühle und stieß sie dann fluchend aus dem Wege. »Eine scheene Ordnung!« schrie er kochend dazu. »Na nu?« frug die eintretende Leonore und blieb unter der geöffneten Thür stehen. »Mach de Thire zu!« knurrte Griebel dumpf, und als dies geschehen war, trat er hart an sie heran und schrie: »Oan du, – – kimmer dich um Hihnermilch! – verstanden ... wenn de mich auch noch ärgern wellst,« fügte er ruhiger hinzu und begann seine wilde Wanderung an hin- und hergestoßenen Stühlen vorüber von neuem. Mit einem Gefühl peinlicher Kälte beobachtete Leonore lange den unwürdigen Ausbruch seiner Erregung. Dann frug sie langsam, hart und gezwungen: »Da sag mir doch wenigstens, was hat?!« Griebel setzte seinen polternden Rundgang fort, als habe er die Worte seines Weibes nicht gehört, um sie zu einer nochmaligen, dringenderen Frage zu nötigen. Als aber diese nicht erfolgte, blieb er stehen, maß sie mit einem erstaunten Blick und begann dann mit gewaltsamer Sammlung wirr zu erzählen. Dabei lief er wieder auf und zu. Sein Weib hatte Mühe zu verstehen, um was es sich handelte: Ein Ballen Lodenstoff war aus Versehen zu kurz geschoren worden, so daß das grobe Gewebe durchschlug. »Alle Knochen brech ich dem langlodigen Affenpinscher, so wahr ich Griebel heiß!« schloß er seine Erzählung. Er rüttelte beide Fäuste nach unten, sein Gesicht war weiß, und die Lippen bebten. »Erreg dich doch nicht so, dich kann ja der Schlag treffen!« ermahnte Leonore, nun schon in wärmerem Mitgefühl. »Ja – verknucht! – erreg dich – Himmelschock ... hast recht Lordl, der Kerl is nich wert. Ich wer ganz trangil morgen hingehn, mach de Thire uf, tret ei de Werkstelle, ruf mrs und sags'm dem ... dem ... hm! – dem – nä! – dem Rindsviehche hier, wenn er da wär, die Ohrn dreh' ich'm aus'm Leibe!« »Aber Joseph, is'n der Kerle wert, daß de dich krank machst?« »Krank hin, krank her! – Ich bin ein Mann und laß mr nich of dr Nase rumspielen, vo keenem nich, merk drsch. Verstanden?« Und er pflanzte sich drohend vor ihr auf. Nachdem er sie eine Weile vernichtend angesehen hatte, begann er von neuem: »Punktum! Zum Teifel jag ich den Knelle-Lumps. Auf dr Gasse kann er meinswegen verfaulen! Ich werds 'm beweisen, dåß a de Leffel ufzusperrn håt, wenn ich was befehl.« Leonore konnte sich nicht helfen, daß sie ein unangenehmes Gefühl hatte, als sie ihren Mann in diesem narrenhaften Zorne umhertraben sah, sie war wie beleidigt durch ihn und blickte unverwandt und düster auf ihn hin. »Na ja!« rief er und drehte sich plötzlich unwirsch zu ihr, daß sie zusammenschrak. »Was siehst de mich 'n gruß an? Uffressen wer ich a nie, nä, nääää !« lachte er lang aus, denn seine Wut war plötzlich in Lustigkeit umgeschlagen. Da klopfte es an die Thür. »Kloppt's nie å?« frug er eilig und gedämpft. »Ich glaube ja«, antwortete Leonore niedergedrückt, brachte schnell die Stühle in Ordnung, ergriff eine Handarbeit und ließ sich vor dem Nähtisch am Fenster nieder. Es klopfte wieder. »Nu, herein immerzu!« rief der Tuchmacher und räusperte sich. »Guten Tag, Herr Griebel! – Sie kennen mich doch: Frank, von der Firma Meyer und Sissel, Frankfurt an der Oder.« »Frankfort? Aus Frankfort?« nahm Griebel das Wort auf und verfiel in seine alte Wut, »scheen, aber ich wer' mich hitten und wer' sagen Bande. Ha, då bescheißen Sie mich mit dem Indigo!« »Aber, gestatten Sie ...« »Gar nicht gestatten! Wås is dås, gestatten? Ich bin der Tuchmacher Griebel, bei mir heeßts nich gestatten. Da heeßt's ganz eefach derlauben. Verstanden? Oan ich derlaube Ihn' nich, mich zweemål zu bescheißen!« Dabei begann er wieder zwischen den Stühlen umherzutoben. »Aber Joseph!« Leonore warf ihm einen zurechtweisenden Blick zu und erhob sich. Ihr Gesicht war vor Scham blaß. »Bitte, setzen Sie sich!« sprach sie zu dem Fremdling. »Nehmen Sie's nicht übel, mein Mann hat Verdruß gehabt.« Mit einer leichten Handbewegung lud sie den Verdutzten zum Sitzen ein. Dieser verbeugte sich dankbar: »Ich habe wohl die Ehre, Frau Griebel gegenüberzustehen? – Willy Frank, ein alter Geschäftsfreund Ihres Herrn Gemahls.« Sein geschmeidiger, schlanker Leib beschrieb die vollendete Linie einer weltmännischen Verbeugung. Dies brachte ihm das Gefühl der Sicherheit wieder und mit gewinnendem Lächeln legte er den Musterkoffer auf den Tisch, knöpfte den Überzieher auf und machte es sich, schnurrbarthätschelnd, auf einem Stuhl bequem. Griebel ging indessen, verlegen sich räuspernd, zwischen seinen Stühlen auf und ab, als bemühe er sich, das Aufstoßen seines Zornes niederzukämpfen. Der Reisende empfand den Friedensdrang der entstandenen Pause und, halb zum Tuchmacher, halb zu seiner Frau gewandt, begann er in leichtem, sicherem Ton: »Ach, ich weiß ja, gnädge Frau, Ihr Herr Gemahl meint's nicht so. Da kenn ich'n schon zu lange. Der kann ganz einfach ohne mich nich sein.« »Oach Sie! – då schlegts fufzehn! – Nee åber, 's is doch reen, als wenn unser eener a Äffe wär un verstände går nischt.« »Aber lieber Joseph!« »Aber nu, da sagen Sie doch lieber, was haben Sie denn für Schaden gehabt mit dem Indigo.« »Schaden! – Sie denken wohl, ich will wås verdien' an Ihn. Dås brauch ich nich.« »Gott, aber Mann, du hörst doch, der Herr will sich mit dir verständigen.« »Ich danke, gnädge Frau! – Natürlich will ich das, Herr Meister! Aber lassen wir das Geschäft einstweilen ganz. Kommen Se und erzählen Se sich den Ärger von der Leber runter. Dann findet sich alles.« Er schob ihm einen Stuhl hin, und Griebel setzte sich augenblicklich, weil es ihm offenbar lieb war, dieser peinlichen Szene ein Ende zu machen. Denn er hatte bemerkt, wie die Augen seiner Frau einigemal glühend von ihm zu dem Besucher gewandert waren und fürchtete einen »Ausbruch der Nerven«. »Wahrhaftig, was der Ärger thun kann!« nahm Frank das Gespräch wieder auf, seiner Stimme den Klang herzlicher Teilnahme gebend. »Sie sehn doch sonst frisch und jung aus wie ein Zwanziger.« »Na, na!« schob Griebel in schwacher Abwehr geschmeichelt ein. »Nicht, gnädige Frau?« Leonore lachte nur fein, ohne aufzusehen. »Auf Ehre!« rief Frank sehr stark, dies als Bejahung hinnehmend. »Wie ein Zwanziger! Und nu trat ich rein und erschreck. Zwanzig Jahr sahn Se älter aus, geradezu blödsinnig alt. Hörn Se, sehn Se sich übrigens vor, daß Se nich mal der Schlag trifft.« »Sie haben recht!« antwortet Griebel nach einer Weile gedrückt und unsicher. »Åber wås will ma denn machen? Då werd' ichs Ihn' erzählen. Dernåch kenn Se sehn, obs nich reen zum Benzinsaufen is, wie der Tuchmacher gerne sprecht.« Und Griebel erzählte in seiner weitschweifigen Art den Fall, flocht die Lebensgeschichte des »Tuchscheer' Knelle« ein, gab eine ausführliche Beschreibung seiner Werkstatt, kam auf seine Stadtverordnetenwahl zu sprechen, kurz, vergaloppierte sich. Dabei hatte er fortwährend das Gefühl, der Reisende mache sich über ihn lustig. Im Bestreben, sich Achtung zu erzwingen, ward seine Erzählung immer verworrener, seine Gesten wilder und leidenschaftlicher. Aber Frank trug das Gesicht eines andächtigen Zuhörers, ohne verhindern zu können, daß ein Lächeln an seinen Mundwinkeln leise, mokante Linien zog. Im Übrigen eiferte er ihn durch Zwischenrufe an: »Doller Kerl das!« – »Einfach lausig!« – »Ich bewundere Ihre Langmut!« Leonore ward es immer peinlicher. Sie winkte ihrem Manne verstohlen, abzubrechen. Es nutzte nichts; er erzählte ohne Unterlaß, der Zuhörer kam unwillkürlich in eine immer heiterere Stimmung. War das ein Mann! Wie er leise seine geschmeidigen Glieder streckte, zierlich die langen, schmalen Füße übereinanderschlug; wie seine weiße, feine Hand mit den langen Nägeln die Cigarre zum Munde führte; wie seine scharfen, schwarzen Augen den Rauchwölkchen nachsahen; diese steile, weiße Stirn, in die eine schwarze Locke hing! Dadurch erhielt das Gesicht, über welchem eine klingende Herbheit lag, eine stille Weihe. Einen ganz eigenen Reiz bot es ihr, wenn er, wie im ersten Lauschen, die feingeäderten Lider über die großen, tiefliegenden Augen sinken ließ. Dann lief ein ruheloses Prickeln über die feine Haut der Lider, daß die langen, schwarzen Wimpern fortwährend leise davon bebten. Und dieses wohlklingende Organ, ein Tenor, hinter dem die Stille mit einem wollüstigen Rieseln sich schloß ... im Fluge sah, hörte, fühlte sie alles. »Nicht wahr, gnädige Frau?« wandte sich Frank plötzlich an sie, um ihre Beteiligung am Gespräch herbeizuführen. Leise fuhr sie auf, senkte den Blick aber sofort wieder und saß bebend da. »Ja – ja – ge–wiß«, sagte sie endlich und schlug dann ihr verträumtes Augenpaar glühend zu ihm auf. »Ich habe Sie in Ihrer Arbeit gestört. Bitte, verzeihn Sie mir deshalb.« »O durchaus nicht!« erwiderte sie unter stürmischem Atemwogen. Endlich fand sie den Mut zu ihrer blind ausbrechenden Leidenschaft. »Ich habe Sie einst irgendwo gesehen, lange. Sie sind mir so bekannt wie ein Bruder, der so sein müßte, wenn ich einen hätte.« »Sehr schmeichelhaft, sehr schmeichelhaft!« redete Frank, durch diesen unerwarteten Ausbruch aus seiner Routine gebracht. »Nu, da kånn ma amål sehn Hä, dåß se mir meine Frau nie etwan åbspenstig machen!« rief Griebel, gezwungen lachend, und zog den Reisenden heftig am Ärmel herum. Dieser hatte sich schnell gefaßt und nahm das abgebrochene Gespräch wieder auf: »Also total verdorben, Herr Griebel, was, war's nich so?« »Ganz un går,« erwiderte dieser aufatmend. Leonore aber sah unverwandt auf die Männer mit regungslosen, glänzenden Augen. Plötzlich begann sie willenlos zu reden, leise, tastend, betäubt: »Nicht wahr, in der ganzen Welt reisen Sie umher?« »Was meinen Sie gnädige Frau?« fuhr der Reisende erregt herum. »Auch ans tiefe, weite Meer?« fuhr sie fort, als habe sie seine Worte nicht gehört im Glück einer heißen Fülle und richtete einen großen, tiefen, leuchtenden Blick auf sein feines Gesicht. »'s kommt ibersche!« fuhr es Griebel durch den Kopf, »etzt schnell!« »Meine Frau, Herr Frank, ha! Härn Se of mich! meine Frau verintressiert sich nemlich riesig sehr firsch Reisen, missen Se wissen. Vor allem firs Meer. – A ander mal missen Se 'r ålls derzehlen. Etz muß ich sahn, dåß ich ei de Werkstelle komm.« Mit diesen lärmenden Worten trat der erschrockene Tuchmacher den höchst bedenklichen Augenblick nieder und gab dann in rauher Hast seine Aufträge. »Jetz muß ich fort, sonst rickt mir der Knelle aus, ohne dåß a sei Fett besahn håt!« Damit stand er auf und der Reisende erhob sich gleichfalls sichtlich verlegen, indem er sinnend nach seinen Sachen griff. Als er sah, daß Griebel in höchster Ungeduld auf sein Fortgehen wartete, wandte er sich in seiner schneidigsten Pose an Leonore: »Ich empfehle mich Ihnen, schöne Frau. Ich kann Ihnen sagen, von heute ab glaube ich an Wunder. Ich sah Sie einmal vor zwei Jahren flüchtig, als Sie noch unverheiratet waren. Bei meiner Ehre, ich habe Sie nicht wiedererkannt. Sie haben sich kolossal zu Ihrem Vorteil verändert.« Seine Augen brannten sich auf ihr glühendes Gesicht. »Gestatten Sie, daß ich Ihnen meine Hand reiche. Das nächste Mal erzähle ich Ihnen mit Ihrer Erlaubnis von meinen Reisen. – Sie haben ein Juwel, Herr Griebel!« rief er, immer die Hand Leonores in der seinen haltend, dem Tuchmacher zu, der, völlig fassungslos; in den Kleidern am Ständer herumwühlte. »Schockschwerebrett!« knurrte er als Antwort, und da er endlich seinen Hut gefunden hatte, kommandierte er: »Nu åber naus!« und trabte der Thür zu. Mit heißem Zögern ließ Frank die willenlose Hand Leonores fahren und folgte, unter tiefen Verbeugungen gegen die zurückbleibende Frau, dem Davoneilenden. XI. Zwischen den Molekülen der Luft schwebt ein geheimer Stoff; der empfängt die starken Wellen der Menschenseelen und pflanzt sie fort. Mit keinem Sinne ist er wahrzunehmen. Doch liegen in uns wohl verkümmerte andere Sinne. Mit diesen fühlen wir den erregten Seelenatem unserer Nächsten. In leisen Wellen fließt er über uns. Dann wissen wir etwas, dessen Verständnis uns entgeht. Als Griebel aus der Werkstatt nach Hause zurückkehrte, war es schon dunkel, die Straßen der Stadt lebendiger. Denn ehe die Nacht kommt, werden die Menschen unruhig, weil ein Teil ihres Lebens so leise stirbt, wie die Schatten des Abends zunehmen. Um die ganz verhaltene Furcht zu betäuben, treten die Leute lauter auf, sprechen stärker und bewegen die Arme eiliger. Griebel wußte nicht, warum er so laufe. Als ihm der Atem ausging, blieb er stehen, schüttelte den Kopf und schritt dann langsam weiter. An dem Thore seines Hauses stutzte er, aus einem gedanklichen Hinschlummern aufgerissen, zog hastig die Hand von dem Thürdrücker zurück und horchte gespannt in den Hausflur. Der brummte sein altes verschwommenes Murren. Manchmal hüpfte ein scharfes Knixen dazwischen. Dann zuckte es in Griebel. »Tommheit! ...« raffte er sich endlich unwillig auf und trat entschlossen ins Haus. Es war finster; in dem oberen Flur brannte das gewohnte Licht nicht. Ein Gefühl, als zögen sich die Wände zurück, wenn er nach ihnen tastete, wurde immer stärker. Darum hielt er sich nach dem Geländer hin, um an der Leitstange Halt zu finden. Aber obwohl er im Emporsteigen jeden Schritt etwas mehr nach rechts machte, kam er doch an kein Geländer. Die Stufen schienen kein Ende zu nehmen. Ihre Höhe und Entfernung voneinander verringerte sich auch, so daß er erst ins Leere trat, um nach einer Weile stampfend Grund zu finden. Nun ging es gar bergab – – und immer noch kein Geländer ... »Himmelschockschwerebrett, Licht!« schrie er endlich in Wut. Fern von ihm flog eine Thür auf, ein Licht riß sein flackerndes Auge in die Höhe und schloß es gleich vor Schreck. »Jesses, wer ... ?« gellte eine weibliche Stimme und brach jäh ab. Er stand doch mitten auf der Stiege und ... neben ihm aus einem unendlichen Gange war ein Schein aufgehüpft ... neben ihm ... aus der Mauer? ... er hörte seine eignen Atemzüge. – – Unsicher that er noch einen langen, tastenden Schritt und – – stieß an eine kalte Wand. Er rührte sich nicht; ein heißes Prickeln, als fliege glühender Sand in sein Gesicht ... »de Schätz-Hanne, de Haushexe!« ... schlotterte es durch sein Hirn, obwohl er mutig die Zähne zusammenbiß. »Verflucht! Verflucht! Verflucht! Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen!« wehrte er den Spuk ab. Die ganze Wucht des fiebernden Atems trieb er in diesen Ruf und es klang doch tonlos ... so war die Beschwörung unwirksam. Das Sandwerfen wurde stärker. Plötzlich flammte eine rote Lohe um ihn. Eine eisige Besinnung kommt in seine Seele ... »was ward etz komma?« – Das Geleucht schlich von links heran, aber er wagte nicht, sich umzudrehen »... jetze hält's!« »... jetze dreht mrsch s Genicke rem!« ... in kühler Gefaßtheit. Da reißt ihn der Schrei einer weiblichen Stimme aus den Klammern der Todesangst. ›,Herr du meines! Nä ha! Do stiehn Se oan reda gegen de Wand!« Das Dienstmädchen war es, das Licht in der zitternden Hand. Und er stand am entgegengesetzten Ende des Flures in einer Ecke. »Du dås sågste keinem Mensche, dåß ...« fuhr Griebel augenblicklich herum. »Herr wie Sie schwetza! Ja'ch dås weeß doch ein jedes, dåß emgeht ei oansem Hause.« »Wenn ich dr åber sage, es gieht nich um?!« »Nu do giehts halt nich um, hähä!« lachte Anna brutal. »Grobes Geschmäße!« Und Griebel trat, aufatmend, in die Wohnstube – – – – Die Lampe stand mit zurückgeschraubter Flamme hart an der Tischkante, nach dem Sofa zu. Eine regungslose, warme Dumpfheit schlug ihm entgegen, als er in den lichtmüden Raum trat. Leonore saß noch auf dem Platze am Fenster, die Hände, mit den Flächen aneinandergelegt, im Schoß, das Haupt wie suchend vorgebeugt. Sie schien sich die fünf Stunden seit seinem Weggange nicht bewegt zu haben und rührte sich auch nicht bei seinem Eintritt. »Gu'n Abend!« sagte er, »Du!« forderte er lauter auf und setzte gleich behutsam für sich hinzu: »die hört nischt!« »... o je, viel – viel ...« Atemschwer, aus einem schnellen Strome sprach sie, in zerstreutem Auftauchen. »Dås is åber finster!« knurrte er und schraubte die Lampe höher. »... nein, lichte ... lichte! ... lichte!! ...« In steigender Verzückung redete sie es gegen den Boden hin und hob dann langsam, als weiche sie liebem Drucke, das Haupt – – und – – fuhr zusammen. »Ja, bist du schon da, lieber Joseph! Nu, gu'n Abend! Mach d'rs bequem, ich bring gleich Abendessen.« Leicht sprang sie dann auf. Wie um den Bann einer Trunkenheit gewaltsam von sich abzuschütteln, schritt sie erregt einigemal am Tisch vorüber. Griebel empfand ihre fahrig hingeworfenen Aufmerksamkeiten wie das Geschwätz kühler Tropfen. Nach den unliebsamen Vorgängen des Tages befand er sich in einem reizbaren Zustande. Dieser wich auf einen Augenblick, als er sich in das schmackhafte Abendbrot vertiefte, das Leonore einladend auf das blühend weiße Tischtuch gestellt hatte. Sie aß nicht mit und erklärte mit der Verwunderung des Glückes in ihrer Stimme: »Ach Gott, wie sollt ich essen? – ich? – ich?« Immer wieder strich sie kosend die schimmernden Falten des Tischtuches nieder, rückte mit nippenden Fingern an den Gefäßen, griff nach Griebels Gestalt mit einem heiß vorbeitastenden Blick und versank dann durch ein sich immer verengenderes Wiegen in den Hüften, das wie das Jauchzen ihres Leibes aussah, in ein Hinträumen mit aufgelöst vorgebeugtem Oberkörper. Dann fuhr sie auf: »Können nich Blumen auf'm Tisch stehn? – Rosen – Nelken – vielleicht Veilchen – schöne, lauter schöne – Blumen – Blumen!« – »Ja, Plåmpe, Blumen, eim Wenter, un zu wås denn?« antwortete Griebel plump auf die leisen Worte, die Leonore für sich hingesungen hatte. Dann schob er den Teller von sich, und während er mit Behagen das Aufstoßen der genossenen Speise seinen schwammigen Leib schütteln ließ, sagte er ruckend, von vielen Schnalzlauten unterbrochen: »Ha, dås håt gut geschmeckt. – Nu kennde ichs ufnehmen, åber anders. – 's wår doch ... ... ich kånn nie gescheide wer'n. – Du!!« »Ja!« schrack Leonore empor, einen unbeweglichen Glanz in ihren großen, weichblauen Augen. »... Du ... du ...« wiederholte sie mit verhauchender Zärtlichkeit. »Wo siehst du denn hin?« »Nu ja, eben ... das is ja eben ...« Plötzlich sah sie ihn scharf an, brennend. Dann streckte sie zögernd ihren Arm aus und mit zaghaftem Finger tastete sie an Griebels Stirn, als streiche sie etwas fort. »Wås is 'n! Bin ich etwa beschissen? 's kånn ålls meglich sein.« Er trat an den Spiegel und betrachtete sein Gesicht. »Da is doch ålls reen!« sagte er verwundert. »Dir machts wohl wås firr?« Er wandte sich um und fixierte sie scharf. Sie saß mit gesenktem Kopfe da und ihr Busen erzitterte in ängstlichem Wogen. Mit einer mißbilligenden Miene trat er einen Schritt zurück und begann dann zwischen der Kommode und der Schlafzimmerthür auf dem Läufer hin- und herzuwandeln. Er überlegte offenbar, ob Leonore die Erzählung des Spukes ertragen würde. Um es herauszubekommen, trat er sich einigemal die Hosen nieder und schnappte mit den fetten Fingern seiner Rechten, die auf dem Rücken lag. Die regungslose, dumpfe Wärme des hohen Raumes lastete auf ihm, daß er zu keinem Entschluß gelangen konnte. Scheu, schüchtern hörte man die große Uhr auf dem Flur ticken. Ein hochsingendes Zittern folgte jedem Schlag und » nss « ein feiner, langhinsinnender Ton fuhr dann durch das ganze Haus. »'s is doch nich richtig in unserm Hause«, begann er zögernd und sah im Hinwandeln verstohlen über die Achseln auf Leonore. In schweigender Zustimmung bewegte diese das gesenkte Haupt hin und her. »Då gieh ich iber de Stiege«, begann er endlich entschlossen zu erzählen, »iber de Stiege«, wiederholte er in einem letzten Zweifel, als sein Weib betroffen die Augen auf ihn richtete, »nein, eigentlich schon an der Thüre. Ich weeß jetzt noch nie, warum ich stehn bleiben mußte, ich mußt ...« »Wann war denn das?« unterbrach Leonore ihn hastig. »Nu, wie ich kåm.« »Da stimmts nich, da war er schon da,« sprach sie enttäuscht und lehnte sich auf den Stuhl zurück. »Er? – – – nein. Da här 'och erst. – Ich horch ein wenig å der Thüre. Dornåch, Tommheit, denk ich, klink auf und geh nei. 's Thor fliegt zu, daß der Flur blökt. Då hal' ich ein wenig å. 's wurd åber weiter nischt. Un ich fang å' iber de Stiege nufzugehn, immer hibsch åm Geländer. 's Licht brannte nich auf'm Flure, un ich denke, aso kannst de nich stirzen. – 's wår doch aso – – – freilich! – Wie ich mich –m Geländer 'naufgreife, fengt de Wand a und weicht zuricke ... wås schraubst'n 's Licht runter?« »'s hört sich besser zu.« Das sagt sie in ungeduldiger Hast, und ihr Blick haftet saugend an seinen Lippen. »... fengt de Wand an und weicht«, drängt sie ihn weiter, da er innehält. Bestürzt nimmt Griebel ihre Erregung wahr, und weil er glaubt, durch plötzliches Abbrechen das Unheil noch ärger zu machen, fährt er unsicher fort: »Singt eigentlich nich, es is blos, als wenn die Wand ...« Nun springt Leonore mit den Zeichen glühenden Einverständnisses auf, und dem Tuchmacher ist es, als ob eine heiß eindringende Woge die schüchternen Worte in seinen Mund zurückzwänge. Überwältigt bricht er ab. Die Hände verschlungen, hingebend den Kopf geneigt, steht das Weib da. Aber kein Menschenlaut rührt sich. Das Ticken mahnt schüchtern, der lange feine Ton setzt verschmachtend ein, wie das Echo eines verklungenen Liedes in immer schwächeren Wellen stirbt. Dann hebt sie fruchtschwer das Haupt. Ihre Hand kost das Haar ihrer entgegengesetzten Schläfe. Aufgereckt, mit zurückgebogenem Kopfe, verharrt sie eine Weile. Mit dem verschmachtenden Singen des feinen Tones setzt sie dann fort: »... ein Wind in mir stand auf und nahm alle Wände mit, an den' meine Seele krank war, alle Schatten, an den' sie benahe gestorben is ... wie das auf einmal bliehte und klang ... das Licht ging wie weiße Jungfern zwischen den Bäumen auf und ab; die streichelten es mit ihren Blättern ... darnach aber kams ... der Wald rückte zusammen, die Erde zog sich nauf und wurde er . Bloß das Licht blieb um ihn ... so wie er dagesessen hat heute vor dir, neben mir, mit der schwarzen Locke auf der ...« Plötzlich brach ihre flutende Rede ab. Sie sah starr auf die Wand. Dann hob sie weisend ihre Hände und flüsterte mit erschauernder Wollust: »Da kommt er wieder ... da – da – ah! – Ja! – wart nur! ... komm! – – – du ... auch! Da geh nur, ich komme ja ... !« Die Arme umfangend ausgebreitet, mit hinsinkenden Schritten, die Lippen stumm bewegend, das Gesicht verklärt, verschwindet sie im Schlafzimmer. Mit zitternder Hand riegelte Griebel die Thür hinter ihr zu, dann verschließt er auch die Thür nach dem Flur. Nun steht er wieder horchend im Wohnzimmer. Da rührt sichs drinnen. – – »Sie stürzt sich durchs Fenster!« In leisester Hast öffnet er die Thür wieder. Leonore steht regungslos vor ihrem Bette. »Das wär doch noch's letzte ... ach nee! ... Griebel, Griebel; ma soll nich Böses denken.« Nun, redet sie nicht wieder? – Ja! – Ein heimlich zärtliches Flüstern. Plötzlich öffnet sich eine Kluft in ihm. Daraus dringt die schwelende Lohe einer furchtbaren Ahnung auf ihn ein. Nach der Geburt, als sie im Bette lag, hatte sie da nicht etwas geredet, wie, als hätte er gar nicht zu sein brauchen ... und ihr unbegreifliches Betragen der letzten Monate wäre alles blos ... und jetzt! – jetzt! ... in wirren Fetzen, gewiß und folternd, kochte es auf ihn ein. Um sich zu entgehen, zwingt er seine ganze Gewalt auf das Gehör. Und wie er steht und lauscht, tröstet er sich schon wieder: »'s wer'n blos die Nerven gewesen sein. Die mögens eben aso machen. Mein Gott, ein so eingezogenes Mädel, wie die war ...« Aber schrill brach er ab; denn jetzt begann sie laut zu reden. Erst verstand er nichts, stammelnde Laute – – doch jetzt! – – :»... Ah–ch! – – Lieber ... Lieber ...! du auch? ... siehste! ... vielleicht schon als kleines Mädl ... weiß ich, wie lange, da warst de schon mein ...« Nun galt es nichts mehr zu wähnen! Er stürzte auf sie zu und packte ihren Arm: »Här uf!« brüllte er, »här uf!« Leonore fuhr zusammen und sah ihn angstvoll an. »Mit wem redst de? – Gestehs! gestehs! – –Etwa mit dem Frank Kerle?« fuhr er nach einem schneidenden Stutzen fort. »Soll ich nich?« verwundert, schwer, frug es sein Weib. »Aso wås!« raste er nun ohne Halt. »Sol ich nie? – Ja, dås willst de nich wissen? Das ist Ehebruuch! – – Menscher machen dås; aber mei Weib nich!« In seiner maßlosen Wut merkte er nicht, wie Leonore unter seinem Griff schlotterte. »Ehebruuch, verstehst de? – ei mei'm Hause nich!« schrie er wieder auf. »Brech ich die Ehe!« frug Leonore endlich mit eisiger Stimme durch bebende Zähne hin und schob seine Hand von ihrem Arme. »Ja, schon solche Gedanken sein Ehebruch, Todsinde.« »Ja a – – bei deiner Seele, is das wahr? –Wahrhaftig?« Ihr Gesicht war eingefallen. In keuscher Angst frug sie ihren Mann mit zitternder Lippe. »Ehebruch,« wiederholte der Tuchmacher dumpf. »Aso schön un soll biese sein ...« sann sie und schüttelte den Kopf. Nach langer, banger Pause hob sie frei ihr Auge, das sich mit Thränen füllte: »Aber, verlaß dich auf dein Weib – – geh ruh'g schlafen, geh!« Erschüttert ergriff er ihre dargebotene Rechte. Sie sank auf den Stuhl und verfiel in ein starres Hinstieren. Griebel begann ratlos umherzutrödeln, bestürzt, in Kummer, voll Reue und Scham. Vergeblich redete er sich ein, recht gehandelt zu haben. Um diesem folternden Zustande zu entgehen, löschte er das Licht aus und legte sich ins Bett. Sein Weib aber rührte sich nicht. Er horchte lange gespannt auf jeden ihrer Atemzüge. Nach Stunden erhob sie sich ... »nein, nich! – aber schwer wird mirs werden!« hörte er sie zu sich sagen. Dann vernahm er, wie sie sich auskleidete. XII. In dieser Nacht schlief Griebel wie auf der Schwelle einer offenen Hausthür, von halbem Wachsein und werdendem Traum gleich beunruhigt. Oft schrak er jäh aus kurzem Schlafe, da ein Geräusch so fein und peinigend aufklang, daß er vor Angst die Augen öffnete. Aber dann hörte er nur die ruhigen Atemzüge des großen, schlafenden Hauses um sich, die draußen auf der Gasse gedehnt verwehten. Am Ende lag er mit großen, trockenen Augen da, bis er zwei graue Flecken in der Nacht gewahrte, von denen er nicht wußte, ob er sie träume oder sehe. Um sich zu beruhigen, beschloß er, sie für Fenster zu halten. Allein sie verwandelten sich in die geöffneten Blütenkelche von Herbstzeitlosen. Nachdem sie eine Weile still geblüht hatten, begannen ihre schwarzen Stengel sich schaukelnd zu bewegen. Um nicht aus der Blume geschleudert zu werden, in welcher er saß, kroch er als große, grüne Heuschrecke am Stengel hinunter. Er hatte sich mit Absicht in dieses Insekt verwandelt, weil er mit den scharfen Klauen seiner Füße besseren Halt auf der zarten Glätte dieser Pflanze fand. Auch behagte es ihm, ein schmerzliches Beben in ihr hervorzubringen, weil jeder seiner Tritte eine Verwundung war. Als er aber am Rande der scharfen Blätter angekommen war, ärgerte er sich doch über seine nackten, keuligen Schenkel. Dazu lachten ihn die Blumen höhnisch aus. Es klang ganz deutlich, so, daß er, aufwachend, nach dem Echo in der stillen Stube lauschte. Allein es war nichts. Dann fühlte er, wie jemand ihn behorchte. Die großen gierigen Augen des Unbequemen sogen an seinem Hirn. Alles, was in ihm aufstand, wurde davon, wie von einem Winde, hinweggeweht. Das zuletzt Hinaustanzende war ein Kirchturm, welchem ein Jagdhund heulend nachlief. Er wimmerte wie ein Mensch. Gepeinigt fuhr Griebel in die Höhe. Da erstarb der Laut mit einem Geräusch in der Ecke. – »Lorla, bist du's?« frug er, schwieg aber gleich, denn seine Stimme kam ihm fremd vor, wie das Geräusch, das die Knöchel plumper Hände aus einem hölzernen Schaff trommeln. Endlich war die furchtbare Nacht vorbei und das Grau der keimenden Frühe besänftigte ihn. Aber kaum hatte sich sein Bewußtsein in dieser Ruhe niedergelassen, als das Spiel von neuem begann. Die Schleier der Dämmerung verwandelten sich in eine tanzende Windsbraut, die aus dem losen Schnee, über den sie wogend hinzog, mit unsichtbaren Armen weiße, wehende Gewänder raffte. Der Tuchmacher wußte ganz genau, daß das Geräusch dabei nicht von dem Winde, sondern von Betten herrühre, die jemand zagend zerwühlte. Aber in einem Zustande, der ebenso dumpfe Neugier als Erschöpfung war, blieb er ganz still und ließ die Windsbraut immerfort an sich vorübertanzen. Jetzt klang es auch gar nicht mehr wie Windesstimme. Von schweren Atemzügen der Not verschluckte Worte redete sie, kniete dann an seinem Bett nieder und versank in ein peinvolles Schweigen. Ihr blondes Haar lag auf zwei bloßen, süßen Armen, die von dem Echo des Tanzes noch zuckten; auch das Haupt erbebte darunter. Und ein schimmerndes Zittern glitt deshalb durch das lange, goldige Haar, über das weiße Kleid hin und rettete sich auf dem Beben seiner leisen Falten ins Unendliche. Nun hob sie das Haupt, daß man ihr Gesicht sehen konnte: Ihre großen, erfrorenen Augen standen voll Thränen, die von Zeit zu Zeit hörbar auf sein Deckbett fielen ... »Jesus Maria! war das nicht sein Weib?« ... Allein jetzt stand sie auf, ganz, ganz leise, wie es nur Windsbräute können, und reckte sich, reckte sich bis in den Himmel, ihn immer unverwandt und tief ansehend mit ihren erfrorenen Blauaugen. Dann streckte sie die Hände aus und fuhr streichelnd über sein Haar, daß ihm vor Grauen die Sinne vergingen ... »der Himmel is mit dir und mit mir – mit mir – ach! mit mir – – mit ...« während sie das mit ihren tiefsten Wehen sprach, ward sie von immer schnelleren Tanzkreisen gepackt und verschwand mit einem lauten Krach. Davon erwachte Griebel thatsächlich und richtete sich im Bette auf. War das ein Traum gewesen oder hatte Leonore vor seinem Bette gestanden? Ja, aufgestanden war sie schon. Da rief sie ja eben das Dienstmädchen: »Anna! – aufstehn!« – So konnte sie es doch gewesen sein; aber wozu war es nötig, daß sie über ihm betete, als ob auf beiden ein großes Unglück liege?! – Plötzlich fiel ihm das gestrige Ereignis ein. Es kam ihm wie ein wilder Traum vor. Aber es half doch nichts; er hatte sie wirklich am Arme gepackt und in höchster Wut gerüttelt, weil sie von diesem Reisenden in solch verdächtiger Weise gefaselt hatte. Vielleicht war es vertrackt dumm von ihm gewesen und doch gab er sich recht, aber immer so, als wenn thatsächliche Beziehungen seines Weibes zu diesem Menschen beständen, wofür er nicht den geringsten Anhalt hatte. Auf jeden Fall mußte er sehen, wie seine Frau die ganze Angelegenheit auffaßte. Schleunig verließ er das Bett und kleidete sich an. In der Küche erfuhr er, sie sei eben in die Frühmesse gegangen und werde etwas spät zurückkehren. Er solle nur ruhig allein frühstücken. *  *  * Es gelang ihm nicht, mit Leonore zu einer Aussprache zu gelangen. Wohl hörte er sie flüchtend gehen und in der Kinderstube leise ihre Anordnungen geben. Er lauerte ihr auf hinter den Ecken der Gänge, im Hausflur. Allein das Gelingen des besten Planes wurde durch einen unerwarteten Zwischenfall oder durch Leonores Vorsicht vereitelt, die es einzurichten wußte, jederzeit eine dritte Person zwischen ihren Mann und sich zu schieben. Ihr Nachtlager suchte sie erst nach seinem Einschlafen auf und entfernte sich vor seinem Erwachen oder blieb nächtelang beim Knaben, wenn er einmal zaghaft den Versuch gemacht hatte, über die Sache mit ihr zu verhandeln. Dann war ihre Hast um ein weniges eiliger und zitternd; ihr Wort unsicherer; ihr Blick scheuer. Doch alles lag in den Banden eines allezeit süßen Lächelns, eines Lächelns, das manchmal erschütternd schluchzte, weil man die Anstrengung empfand, die seine lichtwechselnden Linienwellen spannte und nachließ. War das alles zusammengenommen die Bestätigung ihres Schuldbewußtseins oder unversöhnlicher Feindseligkeit? Mit Mühe nur erhielt sich Griebel in dem Fieber wiederstreitender Stimmungen die Maske seiner würdig-plumpen Gutmütigkeit. Er ging umher wie mit einem heißen Bissen im Halse, der ihn unendlich quälte und den er doch nicht ausspeien durfte. Das erste mal in seinem Leben drückte ihn eine Last, die den ererbten Handgriffen seiner Grundsätze nicht wich. Vor der Thatsache eines Treubruches schlossen Eitelkeit, Furcht, Scham und die Angst vor Kummer und Sorge ihm die Augen. Und er verneinte sie mit den lauten und wohlfeilen Gründen seines Bewußtseins; konnte es aber nicht hindern, daß seine Seele in atemschwerer Unruhe verstohlen um einen Abgrund schlich, aus dem der fiebernde Dunst blinder Befürchtungen stieg, den sie gierig sog. Jeder Tag vermehrte das Gewicht seines Geheimnisses. Ein leerer Bewegungsdrang, der wie Arbeitseifer aussah, trieb ihn von Halbheiten zu Halbheiten, hetzte die Würde seiner kurzgeschenkelten Schritte zu fahrigen Hacktritten, nahm dem Magen seine Verdauungsfreude und prickelte in dem schlafferen Fett seiner langen Backen mit einem unerträglichen Zucken. Endlich war er zermürbt, auf dem Standpunkte, jedes Unrecht als begangen einzugestehen und zu bereuen. In dieser Stimmung mußte ihn noch die alte Marseln fragen: »Ma sieht ja de Lordl går nie?« »Nu ja – ich a – åch ja – die – ich weeß nich, se kennt sich vr Arbeit nie meh.« »Wie kemmt'n dås? – Un ålle Tage geht se in de Frühmesse, se fliegt blos aso verbei.« »Ja, ja!« – Sein Fall quälte ihn zum Brennen; er mußte, um sich zu erleichtern, wenigstens etwas andeuten. So fuhr er nach einer Pause trüben Hinsehens auf: »Sieh'ch mich å!« Dabei zog er den unteren Rand der Weste von seinem abgefallenen Bauche. »Aso hå ich abgenommen! Ma werd ein Band, andersch nicht!« In tiefster Seelennot zitterten seine Lippen. »Jesses!« schrie die Alte, packte ihn am Arm und versuchte, ihn in den Laden zu ziehen. Aber Griebel sah plötzlich den begangenen Fehler ein: »Ach, ängst' dich nie! 's is ålls in Ordnung. Åber sieh'ch, die viele, viele Arb't und gut is mir schon lange nie. Mach dr aber deswegen keen'n Kummer, 's is a verdorbner Magen, a wing erkält't, n kleene Gauze, sonst nischt. – Adje, ich muß in de Werkstelle.« Schroff brach er ab, reichte ihr die Hand und verschwand eilig hinter der nächsten Ecke. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Jetzt war auch die Mutter mißtrauisch gemacht und verfolgte Leonore. Sie warf ihr den Haken des Zurufs auf der Straße nach und erschien alle Stunden unter einem nichtigen Vorwande, nach ihr zu fragen. Die kleine Ladenklingel pinkte sie wohl schnell wieder zum Thore hinaus; aber Ausflüchte gedeihen schlecht in einer gepeinigten Seele und ein zitterndes Herz findet nur kurze Zeit den Mut, das Mitleid abzuweisen. In allen Seelennöten hatte Leonore auf dem Gedanken an ihre Mutter ausgeruht. »... ich werde mich an ihre Brust werfen, werd ihr alles sagen, und sie wird mich trösten ...« So hatte die Gepeinigte in den Momenten heißester Bedrängnis gesonnen. Nun erkannte sie aus der Muttersorge, daß ihre Gewißheit nur der Wunsch ihrer ratlosen Not gewesen sei. Mein Gott, alles löst sich in Schatten auf. Der Beichtvater hatte ihr den Fluch über ihre Liebe zu Frank geboten. Und sie schwor ihn tausendmal betend in die Zuckungen ihres Herzens; aber das Gift aller Verwünschungen, die sie sich mühsam abrang, ätzte das Bild des Schwarzlockigen doch nur leuchtender. Allein in Treue kämpfte sie bis zur Ohnmacht. Mit wankenden Schritten, den Schimmer der Askese in den überwachten Augen, schlich sich Leonore dann an die Wiege ihres Knaben und brach davor in die Knie. Im Taumel einer dumpfen Verzweiflung wand sie die Hände über dem schlafenden Kinde und stotterte sinnlos: »Nie, mein liebes Gustel, nie! Nein, das macht deine Mutter nie! Wäre er blos nicht gekommen, er – der, ach Gott, wenn ich bloß fluchen könnte, er!« Und auf den Wolken ihrer Qual schwimmt sein Bild in sie, und all ihre Sinne ranken sich mit der Inbrunst des Durstes daran. Mit fliegenden Pulsen, glühenden Wangen erhebt sie sich. Sie rafft alle Macht ihrer zuckenden Seele zusammen und schleudert wüste Verwünschungen nach ihm ... aber ihr Fluch wird Stammeln der Sehnsucht; dem trotzigen Tritt erlahmt das Knie und das stumme Gebet ihrer erdwärts gerungenen Hände schwingt sich zum Jubel umfangend-hinlangender Arme auf. Ihr Entsagen gebärt ihre verbotene Liebe und ihr Fluch macht den Willen zur Treue ohnmächtig. »Herr Gott, Frau, warum wimmern Se nu schon vierzehn Tage, wenn Se alleene sein?« frug die Amme. »Kopfschmerzen, Kathrine, nichts wie Kopfschmerzen.« »Ja, wie kriegt ma' Kopfschmerz? Sie verkälten sich nie, sie kenna sich ... wie is 'n mit 'm Magen?« »Ach nein ..., aber man weiß ja gar manchmal nich, ob's iberhaupt Kopfschmerz is. Es kann ja auch ganz von was anderm kommen.« »Nee, Frau, von a Been' in a Kop – vom Unterleibe – vom Herze – – je nu, vom Herze –ich dächte, dås wär meglich.« Leonore lachte fein, wie eine zum Reißen gespannte Saite wimmert, wenn ein plumper Finger sie anschlägt, und darauf ergriff sie unauffällig die Flucht. – Ach, und mit den heimlichsten Augenblicken säugte sie im Spiel der Phantasie einen Plan, den sie einst in den Krümmungen ihrer Pein unterjochend erfaßte mit dem reinen, starken Atem der Erlösung ... ... ... ... ... ... ... die Überwachtheit der ersten Morgenstunde hatte sie nach durchlauerten, durchwanderten Nächten wieder auf ihr Lager geführt. Die ganze Süßigkeit ihrer verbotenen Sehnsucht ein lastender Druck an den Schläfen. – Der Nachtwind torkelte durch die Gassen, ein heimatloser Strolch, der trunken, mit immer offenem Munde die dumpfe Empfindung seines Elends in vergriffenen Tönen hingellt, verstört lullt. Dann donnert er an die Thüren und begehrt Einlaß mit wirbelnden Fäusten. Und immer beginnt er doch seinen ruhelosen Rundgang wieder mit dem hilflosen Wimmern zwischen frostzusammengeschlagenen Zähnen hindurch. Das Griebelsche Haus droht ihm umsonst mit der kalten Wucht seiner Blitzstangen; vergeblich scheucht das Schwirren seiner Schutzbleche. Immer wieder stößt der Herdlose gegen die großen Thore, daß ihre runden Fensteraugen im Schein des müden Spätmondes grimmgrün schillern. Die alte Zeit kann gar nicht schlafen und schlürft in den kurzen Augenblicken der Stille ihre schleppenden Schritte über den lautlosen Flur. Dann fühlt sich Leonore beklemmt, und ihr Atem kommt zäh, wie unter einem lastenden Stein hervor. Sie hat schon mehreremal mit dem Ablegen der Kleider begonnen, aber wieder erschrocken aufgehört, wenn draußen die alte Uhr mit heiserer Stimme allein zählte. Und wie sie endlich doch über dem Auskleiden ist, kommt ihr plötzlich der Gedanke, daß es ganz widersinnig sei, das zu thun. Mit einem schwachen Lächeln streift sie die Sonderbarkeit dieses Gedankens ab und windet sich unters Deckbett. Stumpf wartet sie auf den Schlaf. Unterdes hat der verscheuchte Vorwurf sein wahres Gesicht angenommen und kehrt wieder in sie zurück. Nun erkennt sie ihn. »Wahrhaftig, ich wär' so schlafen gegangen.« Fadenleise ist sie auch schon aus dem Bett, über die Decken hin mit tastendem Arm, draußen im Wohnzimmer auf dem Stuhl am Fenster. Wie vor drei Wochen sieht ihr weites Auge nach dem Tisch ihr gegenüber, der mit leisesten Umrissen aus der Nacht schielt. Aber was hundertmal gelang, versagt heute. Sie sieht ihn nicht mehr, wie er dasitzt und mit seiner weißen, schmalen Hand die dunkle Locke aus seiner schönen, steilen Stirn streicht. Unter den Stößen des Nachtsturmes verfliegt sein Bild, das eben keimend mit unsicheren Linien aus dem Dunkel steigen wollte. Darauf hört sie den langen Laut des Weltallfahrers wieder fortwandern in den Gassen, die sein tiefes Stöhnen mit den schweren Kinnladen steinerner Häuserreihen zur Unendlichkeit zermalmen. »Fortwandern ... fort!!« – Auch sie? Ein freudiger Schreck, wie das Glück eines erlösenden Blitzes aus lastender Wolke fällt. – »Fort ... fort! ... fort!!« – Der Sturm lockt mit den lauten Wundern seiner Freiheit, und die Enge um sie dringt auf sie ein mit dem Mummeln dumpfer, träger Wärme, den fetten Schnarchlauten ihres Mannes, der Kahlheit reizloser Räume, der ganzen öden Nützlichkeit ihres Daseins, dieser Ehe ohne Duft, diesem faulen Reichtum, diesen augenlosen, sonnenarmen Tagen ... »fort« ... sie schlüpft in die Kleider, geht und packt sich ein Bündel notwendiger Sachen ein, küßt die Wand nach der Kinderstube zu, in welcher die Amme summsend die Wiege schwingen läßt und eilt der Treppe zu. Sie rückt aber ihren gleitenden Körper von der zweiten Stufe zurück und sucht das Schlafzimmer auf. – Nein, von ihrem Mann muß sie Abschied nehmen. Wer weiß, er liebt sie doch; nur hat er keine Fähigkeit zur Äußerung seiner Liebe. Er liegt auf der linken Seite, das Gesicht gegen die Stube. Sein blonder Schnurrbart sträubt sich unter raschelnd ausgehenden Atemzügen, und sein rechter Arm ruht auf dem Deckbett. »Geb dir der Himmel Vergessen! – Gott segne dich!« sinnt sie mit suchenden Augen; dabei fährt sie ganz leise über sein Haar. Davon ächzt Griebel lange und schwer, seine traumlahme Lippe murmelt Unverständliches, und dann beginnt das öde Lied seines Schlafes wieder. Bebend entweicht Leonore durch die leise murrende Thür, faßt draußen das Bündel fester, kneift die Lippen ein und nimmt beherzt ihre Flucht wieder auf. Arm ist sie eingezogen, arm will sie gehen. Nur ihr Leben rettet sie, ihre Ehre, seine Ehre, den guten Namen ihrer Mutter. Eben beginnt sie an dem eingerosteten Schlüssel zu drehen. Es ist gerade still, und das schrille Knirschen, mit welchem der Bart sich im Schlosse dreht, lärmt die Treppe hinauf. Darum wagt sie nicht, weiter zu gehen und wartet einen neuen Windstoß ab; dann schließt sie vollends auf. Als sie aber eben auf die Straße schlüpfen will, erschallen von deren entgegengesetztem Ende schwere Schritte. Zwei Gestalten – tiefe, verquollene Männerstimmen – in gedämpftem Frage- und Antwortspiel. Sie kommen näher. Das eine ist der Nachtwächter, der andere fremd. Durch einen kleinen Spalt der Thür lugt sie hinaus. Es ist gerade ruhig. »... ach wås!« »Jå, jå, – eim Gråben. Zum Erbarmen, von weitem hörte ma's schon.« »Ach nee!« »Wås ich sag! – Då håt's nischt zu ›ach nee!‹ Wenn ich sprech zum Erbarmen, is gut.« »Nu un wie wår's 'n weiter?« »Also ... horch 'och! Mir sein doch v'r Tuchgriebels Hause?« »Freilich sein m'r dås.« »Horch, wie jetze sein Kind flerrt, hoch, wieh, als wenn 'm de Mutter stürbe in dem selbjen Augenblicke ...« »Du, håste sie amol jetze gesehn?« »Nee! Hör 'och, ich muß dirsch doch voll'ds erzählen. Dås Kind eim Gråben war vo' 'em Mensche ...« Das Gespräch wurde unverständlich ... Leonore bog sich hart und langsam auf die Straße und sah den fortstolpernden Männern starr nach. Ihre Erlösung ein Verbrechen – – – Behutsam und sicher schließt sie die Hausthür von innen wieder zu. Mit gehorsam-demütigem Haupt, die Arme schlaff, stumpfen Schrittes, schleppt sie sich in ihre Zelle zurück, entfaltet ihr Bündel und hängt die Kleider an ihren Ort. Eine kalte Betäubung, eine unerklärlich bittere Ohnmacht schüttelt sie wie ein Fieberfrost. Sie kann sich im Bett nicht erwärmen. Dumpfe Verzweiflung liegt auf ihr, und sie sinnt blöde vor sich hin wie ein Gefangener, der nach einem mißlungenen Fluchtversuch wieder das Stroh seines Elends unter sich rascheln hört. *  *  * So zurückgeworfen durch eine Macht, welche aus ihr und doch nicht sie war, kam das peinigende Gefühl vollständiger Bodenlosigkeit immer dringender über Leonore und drängte sie wieder mehr nach der Mutter, nach ihrer Familie hin. Aber es war doch auch nur ein Zug schwacher Bewußtheit, der sich ihrer bemächtigte, wie eine aufdringliche Dissonanz die ganze Fülle eines jubelnden Orchesters durchschneidet. Ach, was wußte sie überhaupt noch? Ihren Willen hetzte sie ab nach Affekten, welche bald aus diesem, bald aus jenem Winkel angelernter Moral aufstanden. Nach solchen welken Tagen warf sie sich wie erschöpft und hilfesuchend immer wieder der großen Leidenschaft in die Arme, die ihre Tiefen durchbrauste in wandelloser Kraft. Und – ihr Mann schlich feig und faul um ihren Kampf. Ein liebes, heitervergebendes Wort hätte sie stärken und zurückführen können. So dachte sie wenigstens. Oder, wenn er sich nur zu einem rücksichtslosen Hieb aufgerafft hätte! Nichts als dieses behutsame Schleichen, dieses insektenstumme Haften an ihrem Schatten. Alles in ihr war revoltiert; aber alles verließ sie. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – »Ach Mutter!« Mit diesem Ausruf, den sie leise redete, weil ihr Herz so schrie, warf sie sich der Mutter in die Arme. Unbewußt war sie aus dem Hause ihres Mannes gegangen und umfaßte nun den welken Leib ihrer Mutter mit krankhaft hartem Umspannen. – Der erzitterte davon. Als Leonore das spürte, riß sie ihr hinströmendes Unglück in die wunde Brust zurück, schob den Leib dieses verehrungswürdigsten Menschen, soweit es ihre Arme gestatteten, von sich und sah ihr ins Auge, ganz tief. »Ich bin sehr, sehr glücklich, Mutter!« »Deswegen kemmst de nich meh riber zu mir? – Is auch wåhr?« »Mutter – ach, ich – bin – glücklich – glücklich – Jesus Maria!« Sie ward starr, und ihre Stimme schlug schrill über. Nach einem toten Augenblick wandte sie sich ab und ließ die Erschütterte allein. In der alten Stube aber schritt sie dann stundenlang auf und nieder. »Was hab ich gemacht! – Was hab ich gemacht!« Und rang die Hände. XIII. Griebel wohnte thatenlos, ungestört in der Sicherheit seines Vorsatzes, bei gelegener Zeit mit Leonore »abzurechnen«. Die ganze Angelegenheit begann für ihn im Sande zu verlaufen. Was sollte er auch »unnötig darin rühren«, da nichts auf einen Skandal hinwies. Er war schon einigemal mit seinem Weibe bei Tisch allein gewesen. Sie sah bleich aus, aber nicht müde. Nein, es war eine Schärfe in ihrem ganzen Wesen. Und wenn er aus dem lauen Kreisen der stockenden Unterhaltung das persönliche Gebiet betreten wollte, mußte er doch immer verstummen. Ihre ungewöhnlich glänzenden Augen, deren Blau viel tiefer geworden zu sein schien, hinderten ihn daran. Dann zog er den Zeigefinger zurück, der tastend um den Rand des Tellers gefahren war: »Lassen wirsch noch ein wenig.« Aber immer, wenn ihr ängstlich flammender Blick seinen trägen Mut so entkräftet hatte, mündete seine Gemächlichkeit in Betretenheit. Er sah, wie sie darnach erschlaffte, als habe eine letzte, schwache Hoffnung sie betrogen. Sie saß da und starrte auf ihren Schoß, riß sich gewaltsam auf und sah irgendwo hin. Und mitten in ihrer Fassungslosigkeit stieß sie Worte hervor, wie: »Nimm dir noch ein paar Beere!« Erstickt begann der Ausruf und endete mit einem gepeinigten Lachen, daß den dicken Mann eine unbezwingliche Furcht vor seinem Weibe packte, die darauf jäh aufsprang und ins Schlafzimmer stürzte. *  *  * An einem Abend kehrte Griebel später als sonst aus der Werkstatt zurück. Der erschlaffte Tag lag in breiten, zerfließenden Schatten neben den ruhigeren Häusern und begann einzuschlafen. Windloser Schnee fiel dicht durch frostdumpfes Tiefdämmern. Der wichtigthuerische Verkehr der Kleinstadt nahm eine Nüance lauter Fröhlichkeit an. Man streckte die Hand aus und ließ den beißenden Schnee auf der warmen Haut zerlaufen. Denn es ist doch ganz hübsch, wenn es im März noch einmal so still schneit. Nur wer gegen den Himmel sah, machte ein mißvergnügtes Gesicht. »Wås meenst de, Meester Griebel, dås wird ein bieses Wetterle,« redete ein bekannter Schmied den würdig-langsam schreitenden Tuchmacher an, nachdem die beiden Männer sich die Hand geschüttelt hatten. »Jå, eemål muß doch der Wenter aufhärn ...« »Freilich, freilich; åber wenns blos nie zu schlemm wirde.« »Na, de Welt drehts ebens nich um: a paar Schindeln, a wacklich Haus. Wås lieg då drån, wenns blos Frihjåhr wird.« »Ja, wenns wird ...« »Ach nu, wenns wird, wie de redst, Schmied, wo hätts a Jåhr ohne Frühjåhr.« »Ja, eim Kalender stehts immer, åber, åber ... wie wårsch im Jåhre 63?« Und der Schmied begann im Hinwandeln die Geschichte eines Jahres ohne Frühling zu erzählen: »Ålle Knospen wurden braun. De Blätter, wenn se eemål haußen sein, kenn' se nemme zurecke, wurden schwarz. De Vegel fielen aus der Luft. 's Getreide bliebe taub. Acht Sack voll håtte mein Vater gesät, un viere drusch mr aus. Då kånnste amål nehmen. Wir wohnten dazumål ei Scharfeneck.« Sie waren in die Nähe des Griebelschen Hauses gekommen. Der Tuchmacher sah seine Schwiegermutter davor mit allen Zeichen ängstlicher Ungeduld auf- und abgehen. »Ja, ja – 's kånn schon a so kommen,« erwiderte Griebel zerstreut. »Nach, du gehst ja da rum. Gude Nacht!« Und er steuerte unauffällig auf die alte Marseln zu. Als sie ihn erkannt hatte, trat sie eilig durch das offene Thor in das Hausinnere. Der Tuchmacher folgte ihr ebenso stumm mit jenem Zucken in der Magengegend, das ihn immer in kritischen Momenten befiel und von ihm mit Herzklopfen bezeichnet wurde. Er schloß das Thor und stand nach einem Schritt ins Dunkel still. »Nu?« frug er rauh nach der Gegend hin, aus welcher unterdrückte Angstlaute ertönten. »Wås håts 'n, Mutter?« wiederholte er auf schwindendem Atem nach einer zögernden Pause, da er keine Antwort erhielt. »Heilje, gebenedeite Mutter! – åch Gott nee! nimm mrsch nie ibel! Ich kånn nich derfir – ich nich; ich hå ålls gethån, Joseph –« Und während die Verzweifelte das hauchend stotterte, suchte ihre Hand nach der seinen. Nun umklammerte ihre zitternde, kalte Rechte seine schlaff herabhängende Hand. Das Leben ihrer Seelen umschlang sich. »Wo is'n 'nausgespronga?« frug Griebel tonlos. »Ach Jesus nee ...« Und als ob seine Frage bejaht worden wäre, setzte er ebenso leise in blinder Verlorenheit fort: »Is'n ganz tut?« Unter der Last eines Verhängnisses, an dessen Erfüllung er mit dem störrischen Aberglauben beschränkter Naturen festgehalten hatte, frug er dies. Das einfache, furchtbare »Ja« aber stellte sich nicht ein. Vielmehr rang sich lispelnd die Wahrheit von den Lippen der gepeinigten Mutter los: »Ich trug gråde 's Brut ei a Låda, der Geselle håtte sich schlåfen gelegt, um a zwee rum wårsch, du wårscht kaum eene hålbe Stunde ei dr Gåsse hin, då stirzt de Anna ei a Låda: ›Marsel-Mutter, åber schnell, 's påssiert wås met dr Frau.‹ Mir fällts Brot aus der Hand. Ehb ich frågen kånn, is 's Mädel schon wieder draußen. Wie ich hier reingekommen bin, weeß ich nich mehr. Un då stehn de beeden Mädel of m Flur beim Seegerkasten und winden de Hände. ›Zu wås braucht se åber Geld, wenn se sich wås åthun will?‹ frägt de Amme mich. ›Ich hå' 'r 20 Mark borgen missen.‹ Ich denk, dås Mensch will aus 'm Unglick blos noch wås rausschlagen un geh ån de Thüre un horch. Zuerst wårs stille wie a tutes Blått. Wie ich gekloppt und geruft hå, nåch eener Weile, fengt se å un begehts, åls wenn se gleich sterben wollde. Ich båt, ich drohte, ich flerrte, wås macht eene Mutter nich aus Angst um ihr Kind! Åber wie ich hör, dåß se Gustlan mit drinne håt, wer' ich wie irre, ich zwäng de Finger ei den Thürritz, dåß se blutten, ich stoß, ich kratz mit a Nägeln åm Holz runder, ich ...« Da packt sie Griebel am Arm: »Mei Jengla auch noch?« Sie verstummte vor der Qual dieses Ausrufes. Auf der Straße läuft lachend ein Trupp Kinder vorüber. Plötzlich fängt eine junge Stimme an zu schrein. »Heb auf, Bertha!« kommandiert unwillig ein älterer Knabe. Darauf hörte man wieder nur die verschwommenen Laute des kleinstädtischen Verkehrs. »... mei ållerliebstes Jengla!« Mit der Innbrunst seiner Vaterliebe stärkt Griebel die Besinnung seines betäubten Mutes. Dann: »Komm!« faßt er die Alte und zieht sie gegen die Treppe hin. Auf dem ersten Absatz macht sie sich hastig los und bleibt stehen im ungewissen Licht des kleinen Flurlämpchens, dessen Schein kümmerlich in der Nacht zerrinnt. »Ha, Joseph, warum is dås ålles aso 'komma?« »Warum – ja, warum ... warum ...« Er schüttelte sein Haupt gegen die Erde hin: »Das kann ich selber nich sagen.« Die Marseln frug nicht weiter, und sie betraten den Flur. Griebel machte harte Schritte, wie jemand in der Not ein entschiedenes Geräusch hervorbringt, um bei klarer Besinnung zu bleiben. »Geh zu den Mädel ei de Küche, dåß nich ålls glei' ei der Stadt rumprescht, wås ei unsem Hause vorgeht. – Ich wer' versuchen, verleicht läßt se mich rein,« flüsterte er, und, sich innerlich aneifernd, setzte er leise hinzu: »Es muß ein Ende hå'n.« Die Alte drückte ihm stumm die Hand und verschwand in der Küche. Er stand einen Augenblick an der Thür zum Wohnzimmer still; unschlüssig hustete er einige Mal. Endlich ward er stark, rückte sich die Hosen auf die Stiefeln, trat ein paar mal energisch auf und beugte sich dann zur Thürklinke ... »Lor – hachm ... Lordl! ... du! ...« ganz milde, daß ihn der zurückgehaltene Atem gegen die Kehle preßte. Er richtete sich auf und ließ ihn vorsichtig naus. Da war es ihm, als rühre sich was drinnen. Sie lebt noch! – In froher Hast klopft er mit dem gekrümmten Zeigefinger und ruft so laut, als es seine Vorsicht zuläßt: »Nu, mach och uf!« Ein zögerndes Stöhnen antwortet drinnen. »Mach uf, was müssen de Mädl denken!« In der Küche hörte er jemand, laut sprechend, gegen die Thür kommen. »... ja, wenn auch; åber Sie hätten se sehen sollen, wie wilde ...« Es war Annas schreiend harte Stimme. Jeden Augenblick konnte die Neugier eines der Mädchen, trotz der Wachsamkeit der Mutter, heraustreiben, und dann fand man ihn wie einen »Schubiak« vor der Thür stehen. »Donner ..., verf ..., Himmelschock ..., Lorla! Ich renn die Thüre nei, wenn de nie glei' ufmachst!« keuchte er erregt in den Ritz der Thür und preßte sich gegen sie, daß die Füllung knisterte, an welcher seine Achsel drückte, denn der nämliche Schritt wie vorhin näherte sich der Küchenthür. Sonst wars ganz still. Nur wie leise siedendes Rauschen ging es durch die Bodenkammer. Dann verstummte auch das. Endlich kam ein schleppender Schritt von innen gegen die Thür des Wohnzimmers und hielt vor derselben an. Die Uhr holte zum Schlage aus. »Wenn die Uhr schlägt, besinnt se sich und macht nich auf,« zwingend erfaßte ihn dieser absonderliche Gedanke, daß er lautlos hinzusprang und den Perpendikel aufhielt. Dann langte er nach dem kleinen Flurlämpchen auf dem Brodschrank. Jetzt war der Riegel leise zurückgefahren. »Ob Gustla noch labt« mit klopfendem Herzen, langsam, daß das offene Flämmchen im Zuge nicht umkomme, trat er ein und schloß sofort die Thür hinter sich wieder. Er stieß schon bei den ersten Schritten mit dem Knie an einen Stuhl, so daß das Lämpchen ins Schwanken kam und zu erlöschen drohte. »Ma' wird sich noch a Hals brechen,« sagte er hastig, weil er nichts anderes zu reden wußte. »Wo bist'n hä, ma' kånn jå nie amål Gudn Abnd sågn!« Er that noch einen Schritt vorwärts und stieß wieder gegen einen Stuhl, den er nur dadurch vor dem Umfallen rettete, daß er dessen sich neigende Lehne schnell ergriff. Noch immer sah er sein Weib nicht. Die schwehlende Flamme des Lämpchens, das er emporhielt, nahe an die rechte Seite seines Gesichts, blendete seine suchenden Augen, die über einen blöden Lichtkreis hinaus nichts zu unterscheiden vermochten. Darum stellte er es vorsichtig auf den Tisch. Nun beruhigte sich das Flämmchen und sein rötlicher Flor floß bis an die Wände des Zimmers. Jetzt unterschied er alles genau. Alles war im Kampfe verwühlt. Die Stühle standen umher, als seien sie in Verzweiflung mit ihren steifen Beinen unbeholfen durcheinander gelaufen. Die Decke des Tisches hing schief, daß ein Zipfel die Diele berührte. Silbermünzen lagen über die Platten hingestreut. Einige waren zur Erde gefallen, als seien sie in Ekel hingeworfen. Am anderen Ende des Tisches stand das kleine Etui, und der Ring mit dem rotlächelnden Steine lag daneben. Kleidungsstücke hingen über alle Stuhllehnen, vom An- und Aushängen zerwunden. Die Sofadecke in einen wirren Ballen zerknüllt, die Gardinen von krampfenden Fingern zumteil von den Stangen gezerrt. Leonore lehnte starr an der Wand neben dem Schrank. Als habe sie gewußt, daß Griebel, da er alles überflogen hatte, fragend seinen Blick auf sie lenken würde, fing sie diesen mit regungslosem, weitem Auge auf. Ein unsäglich schmerzliches Lächeln erfüllte dabei ihr Gesicht. »Jesus Maria, Lorla!« Plötzlich löste sich der Krampf, der sie an die Wand gelehnt hatte. Eine Schlaffheit verwandelte den stierherben Ausdruck ihres Gesichtes, und Griebel sah, wie sie in sich zusammensank. Mühsam rang sie in die Höh, aber kein Halt mehr. Schnell schob er ihr einen Stuhl hin, und sie fiel darauf, müde und schwer. Ihr Haupt neigte sich vornüber und stützte die blassen Hände auf die zitternden Kniee. Eine Weile stand er stumm neben ihr. »Wo håst'n Gustlan?« fragte er dann unnatürlich dumpf. Erst nickte sie starr gegen den Boden hin, und als sie ihr Gesicht zu ihm emporhob, trug es den starren Zug von vorhin. »Ich dacht mir's wohl.« Leise, aber mit bebender Bitterkeit. »Geh, Vater – mh! – geh, er liegt in meinem Bette!« Als sie ihn dann in überquellendem Glück den Knaben immer von neuem küssen sah, schlichen die letzten Thränen, die ihr noch geblieben waren, in die bleichen Falten des unsäglich schmerzlichen Lächelns langsam, siedend nieder. »Lorla! – Lorla!« rief Griebel mit zuckender Kehle und zeigte ihr wiegend das Kind, als müsse er sie auf einen unvermuteten Fund aufmerksam machen, von dessen Kostbarkeit sie keine Ahnung habe. »Ich muß den Jungen der Mutter zeigen!« und er strebte an ihr vorüber, der Thür zu. »W o willst du hin?« Kerzengerade, entschlossen, drohend vertrat sie ihm den Weg. »Der Mutter? Meiner Mutter?« frug sie noch einmal und sah ihn hart an. »Nu, warum denn nich?« »Is an mir nich genug, sol die noch ...?« Dann verfiel sie in Sinnen. »Gut«, fuhr sie entschlossen auf, »geh und sag meiner Mutter, de Lordl läßt sie noch einmal schön grüßen.« Damit trat sie zur Seite und begann entschlossen, sich anzukleiden. Indessen ging die Küchenthür, und man hörte die Stimme der alten Marseln. Leonore zuckte zusammen, riß das halb angezogene Jakett wieder herunter und räumte jagend alles in die Schlafstube. Griebel begriff. »Jå, jå, die Mutter darf nischt wissen,« sagte er und half ihr das Zimmer ordnen. Als die Marseln darauf vorsichtig eintrat, war nur wenig von dem vorherigen Zustande zu merken. Nur der Ring lag noch auf dem Tische, und einige Silbermünzen waren auf dem Fußboden vergessen worden. Griebel schob im Heraustreten aus dem Schlafzimmer mit der Rechten die Portière auf die Seite und sah, wie Leonore, eben mit dem Anleuchten der Tischlampe fertig, sich herzlich an die Mutter wandte. »Es ist scheen, Mutter, daß de doch noch kommst. Gun Abnd!« Und sie küßte sie mit einer Leidenschaft auf die Stirn, die so heiß aussah, weil ihre Bewegungen nichts von der Härte verloren hatten und sich mühsam aus einem steinernen Zwange losrangen. »Komm, setz dich!« fuhr sie ungewöhnlich laut fort und nötigte die Mutter auf einen Stuhl, während sie selbst an der anderen Seite des Tisches Platz nahm. Im Niedersetzen schob sie die Lampe von sich weg, so daß das Gesicht der beiden Frauen in dem leichten Schatten des rosa Lampenschirmes war. Darnach begann sie zu sprechen. »Ja, es war ein fürchterlicher – fürchterlicher –ach – Koppschmerz. – Ich – e – hab dich wohl gehört kloppen, dich und de Mädel. – Aber – e – ach Gott, was weeß man? ... richtig! – Geflennt habt ihr auch, als ob ich schon tot wär – tot ... tot! – Sieh'ch! ... warum? ... es is jetze noch nich vorbei ... es macht einen rein irre. – – – Warum hab ich bloß das Geld von der Amme geborgt? – Zwanzig Mark ... als wenn ich hätt' gewollt verreisen ... gelt ja, Joseph! – Balde hätt' ich meinem lieben Herrn Gemahl ... Gemahl!! – nich aufgemacht. De Kleider lagen noch alle iber die Stühle ... Da liegt noch Geld ...« Das sagte sie zuckend; es sollte unschuldig tändelnd klingen. Sie blickte auf ihre Finger und knackte mit den Nägeln. Von Zeit zu Zeit, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, stahl sich ihr Auge zehrend zu ihrer Mutter hin. Davon ward ihre Rede immer vibrierender. Eine Pause folgte, während welcher Griebel und die Marseln besorgte Blickte wechselten, Leonore aber auf ihre Hände sah, deren Zeigefinger sie mit den Spitzen starr gegen einander preßte. Wie unter einem Stich riß sie den Kopf herauf: »Mei liebes Mütterla!« und sann traurig dem Ton ihrer Stimme nach, der bittend und weich klang. »Nich, so hab ich als Kind gesagt – – ja! als – Kind ... als Kind, gelt da wars auch anders.« »O ja,« setzte die Marseln endlich ein, »andersch, besser, besser, ja m ... m ...« aber sie brach ab, weil sie nicht wußte, wie es anzufangen sei. Nach einem kurzen Besinnen schüttelte sie die schlaue Leisetreterei ab und ging in ihrer alten Derbheit gerade aufs Ziel los. »Hä, wås sol dås sein, wås missen denn de Leite denken? Bist de dei'm Månne nie gut?« So brach ihre Sorge steinhart hervor. Dabei sah sie streitbar auf Leonore. »Gut?« frug diese, sprang auf und fiel dem nichts-ahnenden Gatten um den Hals und küßte ihn stürmisch. Sie preßte ihren Leib im Fieber an den seinen und stammelte sinnlose Laute. »Mutter se beißt mich! – Lorla, 's thut jå wieh!« schrie Griebel um Hilfe. »Aber Mädl!« Die Marseln faßte sie hart an der Achsel und riß sie auf. »Wahrhaftig meiner Seele, ma sieht Zähne åm Backe. Då und då«, – und sie befühlte das Gesicht des Schwiegersohnes, der still dasaß und resigniert zu ihr aufsah, als wollte er sagen: na sieh'ch, a so macht se's immer. Über Leonore aber war nach diesem krankhaften Zärtlichkeitsausbruch der alte Schrecken schwerer gekommen, und sie stand teilnahmslos daneben, die Hände krampfend gefaltet, als halte sie sich an sich selber, den Blick zu Boden gerichtet. »Na, kann das jemand, der keene Liebe eim Herze hat?« Das sprach sie tonlos und sah starr von einem zum andern. Darauf setzte sie sich fallend: »Mütterla ...« wieder so weich; zitternd, wie ein Kind in Gespensterfurcht nach Hilfe ruft. Allein die Mutter mißverstand sie. »Ich gleeb's ja, Lordl; aber nich zu heeß, nich zu kalt, hibsch verständig. – Sieh'ch, du best ja 'etze schon eis dritte Jåhr verheiråt't. Best de auch gesond?« »Gesund? – Ja–a; welcher Mensch kann sagen, ich bin gesund.« Der Knabe im Schlafzimmer war erwacht und schrie. Auf diesen Laut fuhr Leonore zusammen. Dann sah sie gespannt auf ihren Mann. Der sprang, zugleich mit der Alten, eilig auf, und ihre Rufe erschollen gleichzeitig: »Jesses, Gustla!« »Nu ja, mei Jengla!« »Ach Gott!« niemand sah, wie Leonore in bitterer Enttäuschung ihre verschlungenen Hände gegen den Busen preßte. Dann stand sie zäh auf und that ein paar schleppende Schritte nach dem Schlafzimmer hin, aus welchem die Mutter, mit dem Knaben auf dem Arme, und dahinter der glückstrahlende Tuchmacher kamen. – Nun mußte der kleine Kerl alle Kunststücke machen, die die Amme ihn gelernt hatte: die Mucken zeigen, wo das Herzl sei, der Himmelpapa, welche Größe er habe ... Griebel und die Mutter waren ganz ausgelassen, lachten überlaut, klatschten in die Hände und der Dicke hüpfte sogar einmal ungeschickt in die Höh, um Gustav zum Lachen zu bringen. Aber alles war die überlaute, stechende Lustigkeit des geheimen Kummers. Leonore verfolgte die Vorgänge mit einem gezwungenen Lächeln. Mehrere Male riß sie den Knaben ihrem Manne hastig aus den Armen und reichte ihn der Marseln. »Du bist wohl eifersichtig«, frug Griebel endlich spaßhaft. »Esel!!« Wie ein Fluch stürzte das über Leonores Lippen. »Aber Lordl, håt dich deine Mutter so was gelernt?« »Ach du, warum red't er so tumm!« Endlich ertrug sie die Liebkosungen, welche ihr Kind erfuhr, nicht mehr. Schrill rief sie nach der Amme und erklärte, als deren verdutztes Gesicht in der geöffneten Thür erschien, der Knabe müsse jetzt sein Essen haben; er sei es so gewohnt. Sie, seine Mutter, müsse das wissen. Dann könne man mit ihm ja machen, was man wolle. Und als dann die drei, noch ebenso betreten wie zu Anfang, wieder ruhig am Tisch saßen, begann Leonore von neuem, als sie sah, wie ihr Mann sich zum Reden anschickte. Er wollte offenbar etwas Heiteres erzählen, denn er raffte seine vollen Lippen froh-schlürfend zusammen. Da fiel ihm Leonore hastig ins Wort. »Wie war die Geschichte von dem Ritter, Mutter, die du mir erzählt hast, wie ich noch ein Kind war?« »Welche denn?« frug die Alte unsicher. »Nu hör 'och! War's nich aso: Ein Ritter hatte ein Weib und ein Kind. Er hatte beide gerne und war arm. Es is lange her, und er diente dem Kaiser mit Leib und Seele. Da wurde ein großer Krieg und der Kaiser sagte zum Ritter: ›Komm und hilf mir. Du hast Weib und Kind und wenn du zu mir kommst und mitziehst in den Krieg, dann kannst du umkommen und Weib und Kind gehen zu grunde. Aber, willst du dennoch mit mir ziehn?‹ Da kniete der Ritter nieder, küßte dem Kaiser die Hand und sagte bloß: ›Mein Kaiser!‹ Darnach stand er auf, ließ Haus, Hof, Weib und Kind und zog mit in den Krieg.« Sie hatte zaghaft erzählt, mit ausgehender Stimme, wie ein wahrhafter Mensch lügt. Darauf sah sie gespannt ihre Mutter an. Diese dachte eine Weile nach. »Ich besinne mich nie,« erwiderte sie dann ablenkend. »Nu, denk doch nach!« drängte Leonore heftig. »Warum denn, wås liegt dir heite å' dr Geschichte?« »Jå, dås is doch egal wie dås wår,« bestätigte Griebel. »Aber, mach mir doch die Freude, Mutter. Ich will bloß mal sehen, ob ich mir die Sache behalten habe!« »Ach, låß,« wehrte die Mutter, denn sie witterte irgend eine unangenehme Folge. Leonore bestand immer leidenschaftlicher auf ihre Bitte und endlich traten ihr die Thränen in die Augen. »Na wart amål, wenn dir aso viel drå liegt ... richtig! – ja, ja, jetze hå ichs!« »Siehst de Mutter!« rief das arme Weib überglücklich. »Na hör amal Joseph, da wirst dus sehn!« »Jå, bis zur Hälfte wårs wie dus erzählt håst. Aber dann is andersch.« Darauf gab sich die Alte eine feierliche Haltung und mit singender Geschraubtheit erzählte sie das Folgende: – »Da kam der große, reiche Kaiser zu dem armen Ritter und sagte: ›Die Rosse meiner Feinde trinken aus den Flüssen deines Vaterlandes, meines Reiches. Steh' auf und geh fort von dem Hause deines Vaters und von deinem Weibe, die du so liebest. Opfre dich und dein zweijährig Söhnlein für die heilige Sache deines Kaisers.‹ ›Und warum noch meinen Sohn?‹ frug erstaunt der Ritter. ›Weil ich dich schätze wie meine Rüstung, will ich dich wegen deiner kühnen Frage nicht verstoßen von mir. Eine weise Frau traf mich einst im Walde, wo ich mich bei der Jagd verirrt hatte und wies mich auf den rechten Weg. Als sie erfuhr, wer ich sei, sah sie in meine Hand und sagte: Grimme Tage werden einst in deinem Herzen mit dem blutigen Gebiß des Krieges fressen. Die Kraft deines Heeres wird dann nicht ausreichen über deinen Feind. Dann begehre den saugenden Knaben eines Ritters, dessen Seele dir ergeben ist, wie der Atem des Frühlings deinem Munde. Töte sein Kind und lasse alle Ritter ihre Schwerter in sein unschuldig Blut tauchen. So wird ein heißer Hunger über ihre Waffen kommen, daß sie die Feinde mähen, wie unter der Sense des Bauern das zitternde Gras fällt. Weil du mir theurer bist als alle anderen, begehre ich dein kleines Söhnlein. Es ist die Sache des Himmels. Wenn du einwilligst, so bist du der erste nach mir in meinem Reiche.‹ Da sagte der Ritter, indem er auf sein Weib sah, die schmerzgeschüttelt ...« Die Erzählung wurde unterbrochen. »Marsel Mutter, Sie selle bale hem komma! 's is Zeit zum Einteegen leßt der Werkfihrer sän.« rief die polternde Stimme Annas zur Thür herein. »Jesses jå, då vermährt ma' sich richtig, 's is schon achte, in der neunten Stunde. Gude Nacht! Bleibt hibsch friedlich beisammen, un du, Lordl, wer' nich mehr krank.« Sie küßte ihre Tochter auf die Stirn und drohte ihr ernst mit dem Finger. Regungslos, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, saß diese da. Die Liebkosungen ihrer Mutter riefen nur ein zerstreutes Lächeln auf ihrem Gesicht wach und sie achtete nicht darauf, daß ihr Mann die Scheidende bis auf den Flur begleitete, wo sie miteinander tuschelten ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... Plötzlich sprang sie auf und riß nach Luft, indem sie den Arm in die Höh warf ... Der Schritt ihres Mannes, der immer lauter im Flur hörbar wurde, drückte sie wieder auf den Stuhl, und ein Widerwille verzerrte ihr Gesicht, wie er Ausgehungerte vor der Mahlzeit befällt. Mit glanzlosem Gesicht sehen sie hin: es ist ja schon zu spät ... oh, wäre alles Augenblicke früher gekommen, da ihr Hunger noch die Kraft des Verlangens hatte; aber jetzt! – Ihr Mann trat ein, eine Flasche Wein im Arm, zwei Gläser in der Hand, ein vorkostendes Schmunzeln die ganze Gestalt. »Håst du nich Hunger, Lorla?« Ohne ihn anzusehen, schüttelte sie schwer mit dem Haupte. »Ich auch nich. – Komm, heute wer'n mr eene Dickwampige leer machen. – Is nich wie ein Festtag?« Sie verharrte in stummer Abgeschiedenheit. Er schenkte ein, und die Duftperlen des Weines ließen sich singend in den Gläsern nieder. »Prost!« Griebel stößt gegen das Glas, das er seiner Frau hingestellt hat. »Trink! – Horch, wie's klingt, helle, wie wenn eens lacht.« Es mußte zur Versöhnung kommen; das stand bei ihm fest. »Reen'n Tisch mach ich voll'ds alleene,« hatte er auf dem Flur nicht ohne einen Anflug von Prahlerei gesprochen. »Nu, 's is kee Gift!« nahm er darum wieder das Wort. »Sieh'ch mich. Auf ee'n Zug. – Wupp, weg wårsch! – Verleicht stöß'st du mit 'm zweeten ån. – Prost, Lorla! Sei kee Frosch! Wein erfreut des Menschen Herz. Is nich aso? –« Abermals leerte er hastig sein Glas und schenkte sich wieder ein. Denn nun sollte es »vom Flecke gehn«. »Is nich aso?« wiederholte er, nach einem Anknüpfungspunkte suchend. Er fand nichts und polterte blind drauf los: »Jesses nee, ich bin ein ...? – Wås is denn då? Braucht de Welt zu wissen, wås mr hå'n? – Bin ich nich ein guder Kerl, hä? Herr Gott, doch a! Is ein Wort ein Ballen Tuch? – Ich nehm å: ich bring eim Rathause wås zur Språche. Es påßt mr wås nich – ich beschwer mich – ich bin Stadtverordneter – ich kånns – ich hengs å de große Glocke ... Gut! – Es sei de Wåsserleitung, aber's Trottear auf der kleen' Ringseite, de Pflåsterung, irgend wås ... gut! – ich hå mein guden Grund un såg ålles håårkleen, zum Greifen genau såg ich ålles. – Nach, gehts durch, gut; gehts nich durch ... ›wurmt een‹ wohl, freilich. – aber mir deswegen ei den Keller betten? Nä! – Is nich ålls aso auf der Welt, wås de de Menschen wollen?« Mit großer Entschiedenheit und Ueberzeugungskraft redete er das, in Absätzen, die sich wichtig aus langen Pausen arbeiteten. Aber auf Leonore machte das alles nicht den geringsten Eindruck. Sie hatte den Kopf auf die linke Hand gestützt und starrte zur Decke empor. Griebel schenkte sich zum drittenmal ein und trank aus. »Wås håts dort droben, Lorla? Ach, ein Spinnwebennest! – Ihr Weiber hå't doch bloß auf 'm Putzen und Schaben de Gedanken åll sei Leb's Tage.« Er mußte sie zum Reden bringen. Das übrige würde sich schon finden. Er würde dann mit seinem »hellen Koppe« schon alles bearbeiten, daß eine Lust sein sollte. »Hmmm!« Endlich stieß Leonore einen erwägenden Laut aus. Dann wandte sie sich ganz mit steifem Oberkörper leise zu ihm: »Willst du die Geschichte nicht weiter hören, die die Mutter erzählt hat?« »Natürlich die Geschichte, freilich. Sieh'ch, dås meen ich ja ebenste!« Diese Worte brachten ein schneidendes, selbstquälerisches Lächeln auf ihr Gesicht. Resigniert kehrte sie sich ab, indem sie antwortete: »... Du? ... du! ...« Aber sie redete das nicht in inbrünstigem Drohen wie früher. Welk, kalt, als stoße sie Erztropfen aus, die, nun Asche, einst glühend ihre Zunge versengten. Nach langem Schauen ins Wesenlose setzte es doch gegen ihren Willen ein, wie man fröstelnd den Traum seines verlorenen Lebens erzählen mag – – – – – »... der Ritter trank sein Weib mit den Augen... Dann kniete er vor dem Kaiser nieder: ›Nimm mein Schwert, meine Ehre – deine Gunst – mein Söhnlein, alles, – alles!! – nur ... laß mir ... mein ... Weib –‹« Ein langer, geheimnisvoller Laut, als stöhne ihre Seele ohne Inanspruchnahme leiblicher Organe, schloß sich an diese Worte. Jetzt war der Moment der Entscheidung da, nach dem sie mit der zitternden Wirrheit ihrer friedlosen Ehe gerungen hatte. Halb im Sturz, halb im Aufsprung hing sie an der Kante des Stuhles. Griebel dachte, die Geschichte sei noch lange nicht aus und wartete bequem auf den Schluß. Da er ausblieb, wollte er zur Befestigung des erreichten Vorteiles selbst eine Geschichte erzählen: »Hör 'och: Mei' Våter ging amål ...« »Jetze is alle! Jetzt muß ich fort ... verleicht ... zu ihm ... wer weiß ... jetz muß ich ... jetz ... jetz ...« Ein tödlicher Streich hatte ihr die Besinnung geraubt. Entsetzt war sie emporgeschnellt. Nun, irr umhergreifend, raste sie durch die Stube. Griebel begriff nicht, wie sie zu der »Tommheit« komme: »Låß doch dås Gegrassel, setz dich her, ich drzehl dr.« Auf diese Worte kam eine Starrheit über sie. An der Portière zur Schlafstubenthür drehte sie sich um und sah Griebel mit wundem Staunen von der Seite an. – Der saß in Verlegenheit da, brodelte in verhaltenem Atem seine guten Lehren und nippte am Weine. – Nach kurzem Kampf mit sich näherte sich Leonore langsam dem Tisch. Als sie nun so schwer erschien, fuhr Griebel zurück vor ihrem leichenblassen Gesichte mit den großen, verzweifelten Augen. »Griebel, Joseph, ich geh, denn ich sterbe sonst«, sagte sie erschöpft. In seiner Ratlosigkeit klammerte er sich ausschließlich an ihre Worte, wie, um sich taub zu machen gegen allerhand Befürchtungen, die ihn belästigten gleich einem Mückenschwarm. »Du sterben; aso gesund un stark.« »Eben deswegen. Gesunde sterben; Kranke machen bloß die Augen zu.« »Ich geh!« versicherte sie nach einer Weile, eine zitternde Erregung zur Ruhe bringend, da Griebel schweigend dasaß. »Und 's Kind, Gustla?« erholte er sich. »Is nich meine.« »Wems wärsch denn då?« »Deine, bloß deine, ganz alleene.« Ein Lächeln, an dem sie sich wollüstig selbst vergiftete, goß sie mit kalter Lippe leise in ihr Herz. »Wahrhaftig meiner armen Seele!« inbrünstig setzte sie ihre Rechte ans Herz. »Denn du bist mir nich gut. Ich hab dich nie, nie gehabt, nie! Deswegen ... und deswegen bin ich wirklich ein Mensch, weil ich Gustels Mutter bin ... eine Hure ... deswegen kann ich auch gehn. Denn von einem Mensche is nichts schlecht.« »Ich bin dir nich gut, Lorla, ich nie?« Hastig streckte er seine fleischige Hand aus und sein gutes Gesicht zitterte in Schrecken. »Warum, oder wodurch willst du das beweisen?« »Bist du nich mei' Weib? – Für dich arb't ich. Håst de amål gehungert, nie ålls gehå't, wås de willst: Kleeder –, multum viel genung; Stuben, hoch un voll Sache; a Haus wie ne Kirche? Na? – Extr ich? – päck ich? – sauf ich? – bin ich sonst ein Lumps?« Jeden dieser Ausrufe verschluckte er wie einen stärkenden Bissen. Dann sprang er auf, leerte hastig das Glas, stieß es hart nieder und sah sie nun überlegen an. »... alls wahr. Eher zu sehr, zu sehr ...« Nach diesen Worten sah Leonore starr auf den Tisch. Ihre Besinnung begann sich schon wieder in eine schmerzwogende Ohnmacht zu verlieren, sie begann umzusinken. »Nein!« Mit hartem Selbsthohn peitschte sie sich auf. »Was steh ich denn da? Jetze hab ichs ja!« Wieder brach sie starr ab in einer glühend begonnenen Gebärde der Flucht: »Meine Mutter!! – Aber was nutzt's? – ich sterb' eben, und wem helf ich damit? Mir nich, dir nich, niemanden! – Un warsch da notwendig, daß ich aso unglücklich war, in der Angst, in Freede, in Glück, in ... Jesus Maria, verzeih mr meine Sünde!« All das Furchtbare, was in einsamer Folter sie zur Verzweiflung gebracht, stürzte sich auf einmal über sie. Mit wankenden Knien ging sie auf den Punkt ihrer Rettung los, mit loderndem Atem, wirrem Herzschlag und zerrissenen Gedanken. »Entzwei! – Weg! – Hier der Trauring ... die Jacke is auch von dir ... der Rock auch ... die Taille und alles ... alles ... alles ... hier, Joseph Griebel, nimm, ich kann, ich bin ...« Schauernd entkleidete sie sich aller Sachen, die von ihm gekauft waren. Mit ihren Kleidern legte sie allen süßen Wahn ab, allen Glauben an die Gebote der Menschen. Die zitternden Wogen ihres feinen Busens quollen durch den Spalt des Hemdes, wie schimmernde Wellen beben, die das erste kalte Licht eines neuen Tages trifft. »Nun liegt deine Liebe da auf'm Tische – ein armseliges Bündel ... Bloß das is meine.« Sie löste ihr reiches Haar, daß es über ihre Schultern niederglitt wie goldenes Sonnenlicht. Mit weichen Fingern koste sie es. Aber nun wußte sie nicht mehr, was sie wollte; mit einem verlorenen Lächeln stand sie da. Griebels Bestürzung über diese erschütternde Wendung mündete in heißes Mitleid, als er dieses zarte, schöne Wesen unter ihrem Elend beben sah. Der Wein auch erweiterte die Pupille seiner Empfindung. Ein jäh auflodernder, toller Strom riß ihn hin. Er umfing sie mit starkem, entschiedenem Griff; – ihren halb entblößten Leib mit Küssen bedeckend, stammelte er mit den ungefügen Lippen der Lust: »Lordl, liebes, allerliebstes Lordl! – Sei nich dumm, ich bin dir gut, wie ich dir gut bin! – Bleib bei mir!« Im Hingleiten in eine andere Welt riß er sie sich noch einmal zurück. Wohl rang sie wild gegen ihn, schon im Banne einer neuen Sittlichkeit stehend; aber rücksichtslos schlang er ihre Arme mit mächtigem Umfangen an ihren Leib. So, das krankhaft Schweifende zurückgeworfen in ihr hungernd Herz, ward ein loderndes Feuer darin entzündet. Die Unbändigkeit seiner Leidenschaft gab ihr den opfernden Strahl des Erliegens. Gemach wurde ihre Härte Kosen, ihre Lästerung leiser Jubel: »Mein Liebster!« In weicher Sorgfalt bettete er sie auf sein Lager ... – – – – – – – – – Das stumme Verlangen ihrer vollen Reife wurde erfüllt, der Unfrieden ihrer geistigen Sehnsucht tauchte unter in dem zeugenden Gleichtakt des Blutes. – Denn alle Geistigkeit des Weibes ist leiblich, und ihr Körper ist die restlose Fülle ihrer Seele ... das Prickeln ihres erregten Mutes mündete als kindliche Süße in ihrem Bewußtsein. Lange lagen sie dann in regungsloser Umarmung unter der sicheren Gewalt eines wegziehenden Sturmes. Sie tranken lange Küsse, weich und behutsam, als pflückten sie kostbare Blumen von schwankenden Stengeln. Mit weiten, glänzenden Augen genoß Leonore jenen verhüllten Bilderrausch, den solch leisere Glückswellen spielend mit sich bringen. Die Tischlampe brannte noch im Wohnzimmer nebenan. Die rote Portiere hemmte den Eintritt des Lichtes soweit, daß nur ein feines Gewebe erschlaffter Strahlenfäden kraftlos in dem Dunkel der Schlafstube hing. Nur ein spitz verlaufender Lichtstreifen zog sich schräg an der Wand über den Kopfenden ihrer Betten hin, die rechts neben der Thür standen. Im Vergleich zu der weich verschwindenden Dämmerung des übrigen Raumes war dies klare Licht unbarmherzig, kalt. Leonore konnte es nicht ohne Unbehagen betrachten. Sie hatte es schon einigemal versucht, sich aber immer wieder hastig umgedreht, und leidenschaftlich gefragt: »Ganz, ganz?« »Jå, ganz«, hatte Griebel geduldig geantwortet, bis seine Stimme eine Nüance der Ungeduld annahm. Allein sie gab sich nicht zufrieden; denn wenn sie, halb zurückgewandt, das schimmernde Spiel der harten Lichtwellen wieder wahrnahm, fühlte sie sich genötigt, die Bestätigung der Liebe aufs neue von ihrem Manne zu verlangen, als glimme ein Zweifel von dort herüber. »Aber jetze seh ich grade drauf«, sagte sie entschieden und wandte sich dem Lichtstreifen zu. »Auf wås 'n?« frug Griebel nach einer Weile zerstreut. »Nu, aufs Licht. – Das ist eigentlich komsch, wenn man sich's überlegt,« begann sie nach einer Weile verträumt. »Wås 'n?« »Das Licht da.« »Ach! – de Lampe brennt ebenste noch auf 'm Tische. Då kemmt halt der Schein zwischen 'm Vorhang ei de Stube rei. Dås is doch nie komsch!« »... o ja –« mit halb geschlossenen Augen lag sie da, und leise zuckte es in ihren Gliedern, wie bei Kindern, die auf ein Märchen hören ... »wahrhaftig, als wenn das da draußen ein anderes Reich wäre und hier auch ... Da hat mir de Mutter eine Geschichte von der Nixe erzählt – – die beißende, harte Sonne des Tages – wo die Augen uns wehe thun, die Zunge dürr wird vor Durst, wo die Menschen müde und alt werden im Staube, wo es entweder kalt is zum Erfrieren oder heiß zum Umkommen ... Da faßte den Jüngling ein Schmerz, als ob seine Seele heimgewollt hätte. Und er ging an das stille Wasser in das grüne Dunkel. Die weißen Seerosen schwammen stumm auf dem Teiche, ihre glänzenden Blätter lagen unhörbar schlafend um sie herum. In der Luft über ihnen hing ein regungsloser Zauber. Der Jüngling sah lange darauf mit seinen lichtmüden Augen, und sein Herz schloß den Zauber auf, da es rein war. Die Seerosen wurden zu süßen, weißen, lächelnden Gesichtern, die Blätter wuchsen zu grünen Gewändern und die blaßrötlichen Stiele hoben sich als schlanke Glieder aus dem weichen, stillen Wasser. Der Zauber ward lebendig in den Lüften und ein singender Wind zog geheimnisvolle Kreise über die glatte Fläche auf der die Wasserjungfrauen tanzten, daß ihre goldgrünen Haare wehten. Dazu sangen sie: Die Lüfte lispeln mit leisem Mund, Da steigen wir aus dem tiefen Grund. Wir tragen den Glanz von Karfunkelstein, Schlingen wir singend den Ringelreihn. Uns machte das Licht noch den Leib nicht matt, Das Haar nicht spröde, die Seele satt; Uns hüpft im Herzen stets aus und ein Rotglühendes Blut wie Karfunkelgestein. Die Wasser sind blau, die Treue ist groß: O komm, staubkranker Sonnengenoß; Wir tragen dich sanft und sicher hinein Ins Nixenschloss aus Karfunkelgestein. Da sollst du sein unser Buhle süß Unter warmem Wasser im Paradies, Wo kein Schatten wächst im roten Schein, Nicht Erdenzeit und nicht Erdenpein. Und der Jüngling sank aus dem Lichte unter das Wasser ... schläfst de denn schon, Joseph?« »Nä –« »Gelt ja, ich bin recht dumm. Aber das Geschichtl fiel mr grade ein. Na, un warum könnte es nie sein? Siehste, ich bin die Nixe un du der Jüngling. Der Lichtstreifen da an der Diele hin über die Wand is de Brücke auf de Erde nauf ...« Damit sprang sie flink aus dem Bett, lief in das Wohnzimmer und löschte die Lampe aus. Dann kniete sie neben ihn: »Jetze kannst du nich mehr fort von mir, denn de Brücke is eingestürzt. Jetze bist du immer meine. Schlaf, schlaf, du bist müde vom Lichte. Ich deck' dich mit meinen Haaren zu.« Weich ließ sie die Flut ihres reichen Haares über seinen Leib sinken, beugte sich nieder und küßte sein Gesicht mit zierlichem Munde. »Ach – thu deine Haare weg! Das kitzelt ja wie tausend Flöhe.« »Ja, ja. Hast recht, ich laß dich nich schlafen. Sei 'och gut, 's war ja bloß Spaß. Ich bin noch 's reine Kind, gelt ja. – Gude Nacht! – Lieber, du! – Küss' mich! –sehr, sehr!« »Ver ... jetze låß mich. 's muß doch ålls seine Årt hå'n, auch's Verricktgethue.« – – – – »Du! – Bist du mir wirklich gut?« »Ach nu freilich. Jetze låß åber amål dås Fragen sein!«.« Gehorsam legte sie sich. Aber ihre Unruhe trieb sie aufs neue zu ihrem Manne hin: »Nimm mich um den Hals!« Als Antwort rückte Griebel hastig, ohne ein Wort, – aus ihren verlangenden Armen gegen die Wand hin und bettete sich umständlich mit wohlig schnurrenden Lauten zur Ruh wie ein plumpes Tier. Ein scharfer beizender Geruch ging dabei von seinem Leibe aus. Das alles drang auf Leonore ein wie ein Schnitt, daß eine unsägliche Mattigkeit über sie kam. Dabei hatte sie die Gewißheit, schreien zu müssen, wenn sie sich rühre. Ganz, ganz regungslos lag sie. Ihr Atem ging schnell und heiß. Dieser furchtsame Laut, mit dem er kam, peinigte sie. Einigemal schlang sie ihn wohl hinunter; aber inbrünstig, mit zitternder Brust rang sie dann wieder nach ihm. Wirbel und Angst kamen über sie; ihr Herz pochte; erschreckt sprang sie auf die Knie. Nun schien sie dem Bann dieses Gedankens entwichen zu sein. Mutvoll schüttelte sie das Haupt und sah nach dem Manne hin, der neben ihr lag. Sie wußte, daß sie ihn nicht sehen konnte; sie wollte nur schärfer hören. »Nein, er kann mich nicht betrügen, nein –nein ...« Das sagte sie fröstelnd, wie einer in eisiger Nacht ein dünnes Gewand um seine Schultern hüllt und, schauernd bis ins Mark, sich belügt: »Nein, es ist nicht kalt.« Die fetten Schnarchlaute Griebels setzten ein, ein Zeichen, daß er fest eingeschlafen sei. Sie mußte sich sein großes, glänzendes Gesicht vorstellen, wie die Lippen des halboffenen Mundes schleppend eingesogen und sprudelnd ausgestoßen wurden, wobei der blonde Schnurrbart sich jedesmal bürstenartig aufrichtete. »Er schläft wie nach einer Arbeit.« In Schrecken überfiel sie dieser Gedanke. Wo ist die Süßigkeit hin, sein Kosen, seine weiche Liebe. Das Haus redete verwundete, lange Töne. Schroff brachen sie manchmal ab, und dann zuckten ihre Gedanken aus einem Wiegen, das über sie gekommen war, verstört auf. »Der Wind wird kommen ...« stotterte sie in sich hinein und horchte in Selbstflucht um sich. Dann war es ganz still, und sie besänftigte ihren lauten Atem, indem sie sich die Faust gegen ihr Herz drückte, daß sie zur Hälfte sich in den Busen grub. Denn das Wogen dieser Luft in ihrer zitternden Brust drückte sie nieder wie eine rücksichtslose Bestätigung ihrer Hilfsbedürftigkeit, als schwanke sie ächzend wie ein entwurzeltes Bäumchen. Da glitt ein verschwebendes Streichen durch den finstern Raum, als rühre der Flügel einer schlaftrunkenen Fliege an einen Gegenstand; vielleicht waren es die Schneeflocken, die an den Scheiben niedersanken. »Eine geheimnisvolle Nacht, diese Nacht.« Sie sagte »diese Nacht«, um es sich zu beweisen, wie wichtig es sei, auf alles zu lauschen. In Wirklichkeit floh sie nur vor der Gewißheit, die sich qualvoll in ihr bildete. Der Nachtwächter pfiff die zehnte Stunde. Die Töne reihten sich erschlafft in Zwischenräumen aneinander. Darauf hörte man taktmäßig fortwandernde Schritte. ›Wie eine große Uhr klingen die gleichen Tritte.‹ Mit der gleichen flüchtenden Aufmerksamkeit sann sie das. Plötzlich fiel es ihr auf, daß man die Pendelschläge der Uhr im Flur nicht höre. – Nein ... Mutter hatte oft erzählt, vor dem Tode ihres Vaters sei die Wanduhr stehen geblieben. Wahrhaftig, die Uhr draußen ging nicht mehr. Was für ein Unglück bedeutete das? Der Dunst des Weines, der ihr in demselben Augenblick auffiel, nahm ihr jeden Zweifel. »Es war nur der Rausch, und alles ist nicht wahr ...« Er hatte sie betrogen, und wie hatte sie sich ihm hingegeben! Nun lag er da und morgen würde er sie verlachen und ihre heiligste Verzweiflung zerrann wieder im Rinnstein des Alltags wie so vieles andere. In sinnloser Bestürzung fiel sie über ihn und rüttelte seine Schultern. »Joseph! – Joseph!« So konnte sie nicht leben. – »Joseph!« »Was håt's 'n?« Schwerfällig hob er sich halb in die Höhe und gähnte lang. »Geh und wasch dir die Augen mit kaltem Wasser!« Das stieß sie in höchster Erregung hervor. Der Ausdruck ihrer Stimme war so erschütternd, daß der Tuchmacher wirklich vollständig wach wurde und besorgt frug: »Ha, liebes Lorla, ha, wås is dr denn eigentlich? Håste schlecht getraumt?« Zitternd griff sie nach seinen Händen; ließ sie aber fahren und schmiegte sich an seine Brust. »Nimm mich in deine Arme, fest – fester! – Küss' mich!« Unter seinen Liebkosungen ward ihr Atem gleichmäßiger, ihr Herz ruhiger. Sie schloß die Augen und gab sich abgehetzt einer süßen, weichen Geborgenheit hin. Griebel aber schläferte schon wieder. Da sich Leonore nicht rührte, ließ er behutsam seinen Arm sinken, um ihren regungslosen Leib, den er schon im Bann des Schlafes glaubte, leise hinzubetten. Da fuhr sie schneidend auf und frug in heißer Hast: »Du, lügst du auch? – Hast du mich schon belogen in deinem Leben?« ›Wås dås nu wieder soll‹, dachte Griebel und sagte laut: »Nein! – Håt åber dås nie bis morgen Zeit?« »Du, auf dein Gewissen frag ich dich!« »Nein«, wiederholte er, unsicher werdend, wegen des Ernstes, der aus dem Ton ihrer Stimme klang. »Willst d mir jetzt de Wahrheit sagen? – Aus dein'm Herze, rein und gar?« »Jå, då mach 'och!« »Bist de mir gut?« »Jå.« »Ganz?« »Jå.« »Heilig wie der Mondschein is?« »Jå.« »Wie silbernes, süßes, reines Wasser?« »Jå.« »Wie Glocken klingen ... wie die blaue Himmelwelt über den Bergen ... wie tiefes Rot in den Abendwolken ... Jahre ... eine Ewigkeit? ...« Sie hatte auf Antworten nicht mehr gehört. Die Glut ihrer Lebenssehnsucht, die Inbrunst ihrer Lebensliebe umfaßte sie, breitete eine Verzückung über ihre Seele. Ihre Worte, die, wie Verse eines Liedes, visionär von ihren Lippen flossen, weit ausklingend wie wehendes Geläut, brachten einen unendlich tiefen Rausch der Gewißheit über sie. In regungsloser Wonne hörte sie dann dem Verklingen ihrer Stimme nach und merkte nicht, daß Griebel sich schon wieder gelegt hatte. Der verhielt den Atem, dachte belustigt: ›Nach, ich will bloß sehn; wie lange sie noch papert!‹ und blieb still, während Leonore immer noch wie versteinert neben ihm kniete. – Endlich konnte er den Atem nicht mehr halten und mit krachendem Gelächter ließ er ihn aus: »Haha! – Schockschwerebrett! – Wie ein Sengmädl, lang und huch – huuuch !« äffte er ihr nach, »hehehe!« Leer, plump lachte er sie aus. – – – Ein feiner, unendlich weher Ton ward klagend laut und verlor sich ersterbend – – – als reiße eine goldene Saite entzwei, und starre Luft trank ihren Tod. Zugleich fühlte er den Unterschenkel Leonores, der an seiner Brust lag, immer stärker zittern. Es wurde ein Schlottern. Erschreckt langte er hinauf. Sein Weib war zusammengebrochen und hatte ihren Kopf in das Kissen gewühlt. Sie murmelte irgend etwas und griff wie eine Versinkende immer von neuem in Zuckungen in die Betten. ›Ich hå doch bloß een' Spaß gemacht,‹ dachte Griebel und fühlte dumpf eine große Schuld. Darum wagte er nicht zu sprechen. Jetzt richtete sich Leonore auf, und er fühlte ihre Hand schwer auf seine Brust fallen. Sie war zur Faust geballt, kalt und hart wie ein Stein. Ganz fein zuckte es in ihr. Lange lag sie starr. Dann begann sie mehr und mehr zu drücken. Als darauf ihr Gelenk überknackte, ließ eine Weile der Druck nach. Plötzlich setzte sich die andere Hand daneben, auch zur Faust geballt, kalt und hart wie Stein. Nun trieben sich die Fäuste in das Fett seiner Brust, als seien ihre Knöchel schonungslose Zähne. Schon fühlte Griebel einen brennenden Schmerz auf der Stelle. Eine blinde Furcht gebot ihm, sich nicht zu rühren, um ihren Zorn nicht zu reizen. Endlich hielt er es nicht mehr aus. Leise begann er unter dem Druck der starren Fäuste fortzugleiten. Sobald aber die erste Bewegung in seinen Leib kam, brach ihre Wut los. Sie stürzte sich auf ihn, würgte ihn, schlug sein Gesicht mit Fäusten und riß ihn an den Haaren. Dabei schrie sie unförmlich: »Hund! ... Hund!! – ha! ... reiß mir den Leib. auf! – du mußt, du mußt! Ich hab meine Schande geschluckt – – du hast mich zum zweiten Male zum Mensche gemacht!« Aus dem Röcheln unheilbarer Wunden stiegen diese Schreie. Noch wehrte sich Griebel nur schwach, obwohl er es schon heiß über sein Gesicht laufen fühlte, denn er meinte, daß er das verdient habe. Plötzlich überfiel Leonore die Angst des zu Tode getroffenen Wildes, sie fühlte sich rettungslos verloren. Knirschend stürzte sie sich wieder auf ihn und grub ihre Finger klammernd um seine Kehle: »So stirb du auch!« Griebel war am Ersticken. Das letzte buntfarbige Rad vor seinen Augen tanzte in Nacht, und Musik hob in seinen Ohren an. Die Wollust des Todes bildete sich in seinem Unterleibe ... Da schleuderte er sie mit einem furchtbaren Stoße von sich, daß sie aus dem Bette flog und dumpf aufschlug. Polternd fiel ein Stuhl um. Dann trat Grabesstille ein. Die Schatten der Nacht rührten sich nicht. Nach einer Weile knackte die Thür des Wohnzimmers. Ein vorsichtiges Schlürfen glitt im Flur hin. XIV. Nun waren die Glocken verklungen, für immer. Ein zitternder Ton wohnte am andern Morgen im ganzen Hause. Leonore schaffte seit den frühen Morgenstunden emsig in der Küche. Sie war krankhaft hungrig nach Arbeit. Besonders geräuschvolle Thätigkeiten, das Anlegen der Kohle, das plärrende Aufwaschen des Geschirrs, das Knirschen der sich drehenden Kaffeemühle, thaten ihr wohl. Alle Gegenstände ergriff sie hastig und schüttelte sie wie werfend aus der Hand. Plötzlich, mitten in der Küche stehend, fuhr sie zusammen: »Seid amål stelle, ihr Mädla! – nä, horcht 'och!« »Je'es, wie reda S'n?« »Wie dn?« »Nu, wie mir ...« »Ach, Anna, dås is ålls, alles eegal. – Åber härt ihrsch nie? – Dr Wend!« »Ach nu, 's wird ebenste Frihjåhr, Frau; das is Frihjåhrswind; hör'n Se nie, wie a huch gieht?« erklärte die Amme sehr überlegen. Erschrocken sah Leonore auf sie, senkte aber sofort verwirrt den Blick, schüttelte verneinend den Kopf, murmelte etwas und verließ schnell die Küche. Auf den Zehen schlich sie nach der Kinderstube und lehnte ihr Ohr an die Wand nach dem Schlafzimmer zu. Sie hörte nur sehr undeutlich den Schritt ihres Mannes. Zusammengekauert verharrte sie lange. Die unbequeme Stellung verursachte ihr im Rücken und in den Beinen Schmerzen, die sich fortwährend steigerten. Aber sie stand nicht auf. Wenn ihr das Rückgrat bräche, daß sie qualvoll stürbe ... Glücklich lächelte sie darüber und krümmte sich noch mehr zusammen, so wie ein Bündel verbrauchter Kleider am Boden liegt. Allein sie mußte sich wieder erheben. Langsam, niedergeschlagen ging sie nach der Küche zurück, an der Uhr vorüber, die noch nicht wieder in Gang gesetzt war. Leonore erschrak, als sie bemerkte, daß die Zeiger 15 Minuten nach sieben wiesen. Aber sie leugnete vor sich, zu wissen, warum sie sich entsetze. Vorsichtig, daß niemand es höre, zog sie die Uhr auf und stellte sie. Als der Perpendikel wieder sein ewig gleiches Ticken in gemächlichem Schwunge herausstieß, traten ihr die Thränen in die Augen und gebeugt schlich sie davon. In der Küche kam eine leere Aufmerksamkeit über sie. Mit unwissenden Augen sah sie auf alles in der Runde, riß Anna das Taburett mit dem Geschirr für das Frühstück aus den Händen und trug es mit stoßend-steifen Schritten nach dem Wohnzimmer. Das Mädchen öffnete ihr die Thür. Leonore sah erst in den offenen Raum, in dem ein furchtsames Frühlicht wohnte und aus dem der Weindunst ihr entgegenschlug. Es war ihr, als müsse sie alles hinwerfen und fortlaufen. Ein tauber Zwang aber schob sie mit plumper Hand hinein. Griebel, der halb angekleidet vor dem Spiegel stand und seinen Hals betrachtete, drehte sich hastig um und eilte mit starken Schritten in das Schlafzimmer. Leonores furchtsam zitterndem Blick waren die blutigen Male und Streifen am Halse und die vielfarbigen Beulenflecken seines Gesichtes nicht entgangen. Ihr wurde schwarz vor den Augen, und sie bebte am ganzen Leibe. Dann kam eine blöde, starre Ruhe über sie. Steif am Tische stehend, ihre Lippen zusammengekniffen, mit übergroßen Augen stand sie lange und unbeweglich und betrachtete mit tierisch-blöder Aufmerksamkeit das vor ihr stehende Geschirr, die bauchige Weinflasche, den Ring mit dem roten Stein. »Etze muß ich wieder gehn«, kam es kraftlos über sie. Die Arme fielen ihr schlaff am Leibe nieder. Mit müden Schritten ging sie hinaus. Eine welke, trostlose Wehmut lag den ganzen Tag auf ihr. An Handgriffen kam sie manchmal zu einem dumpfen Selbstgefühl, das sie nicht schmerzte. Dann saß sie regungslos, und ihre Augen waren wie gebrochen. *  *  * Am andern Tage, vor dem Feste Mariä Verkündigung, das auf einen Sonnabend fiel, ging sie zur Beichte. Sie that es mit der sie nie verlassenden Betäubtheit, in der sich eine Angst rührte, wie ein einziges morsches Blatt in toter, ungeheurer Öde sich surrend auf- und niederwendet. Sie suchte sich den Beichtstuhl aus, der tief in der dunkelsten Ecke unter dem Chore stand und fiel vor dem Gitter auf die Knie. Die weiße Hand des Geistlichen schlug das Kreuz; dann neigte er sein Ohr nieder. Zitternde Erregung kam über Leonore, die ihr bleiches Gesicht fest an die Gitterstäbe preßte und dachte: ›Wenn ich jetzt sterben könnte.‹ Dieser Gedanke gab ihr die anfängliche Leere und Starrheit wieder, daß sie alles vergaß und nur kurze, keuchende Atemzüge ausstieß. Der Geistliche beugte sich endlich nieder und sah ihr ins Gesicht. Zwei hilflose stiere Augen, von denen eins seelenlos nach der Seite stand, erschütterten ihn. »Gehn Sie nach Hause, Sie sind krank«, flüsterte er. »Nicht lossprechen? nicht?« stotterte sie in höchster Todesangst. »So beichten Sie!« »... ich ... hab, hab ... meinen Mann erwürgen wollen ... aber meine Seele war eine einzige Wunde ... Herr Pater, haben Sie Gnade ... meine arme Seele ...« murmelte sie wirr mit geschlossenen Zähnen. Der Geistliche sah ihre Verzweiflung, beugte sich nieder und entließ sie mit einem gütigen Zeichen, denn er kannte sie seit lange. Dann wankte die Arme hinaus. *  *  * Ohne Unterlaß kamen qualvolle, schwere Beängstigungen in sie herüber von farblosen, kalten Trümmern ihrer rettungslos verlorenen Seele, die, ehedem eine märchenhaft unräumliche Welt, ein furchtbarer Orkan in eine trostlose Wüste verwandelt hatte. Wie ein dürrer, körnerloser Halm wankte davon ihr Bewußtsein und rettete sich in den toten Rhythmus harter Werkeltage. Aber in ihrer öden Tiefe kauerten unvertreibbar ein ruheloses Zittern, eine augenlose Angst, die sie bei klarem, lautem Sprechen noch schlimmer bedrängten. Darum verstummte sie mehr und mehr, bis sie nur noch redete mit schwachen, bangen Bewegungen des Kopfes, müden Mienen, mit dem schlaffen Spiel ihrer überlangen Arme. *  *  * Zuletzt fand auch Leonore einen Ort, wo sie von ihrem Elend ausruhen konnte. Mitten in der Trunkenheit der Handgriffe stand eine öde Grenzenlosigkeit in ihr auf und wogende Sucht packte sie, ein Wandertrieb, daß ihre Pulse begehrlich hämmerten. Wenn sie versuchte, diesem blinden Überfall standzuhalten, versagte ihr der Atem, verwirrte peinigende Unruhe das unbeseelte Gleichmaß ihrer Thätigkeit. Sie entglitt sich und wenn ihre Hände sich griffen, war es ihr, als berühre sie einen fremden Leib. Darum ließ sie alles liegen und begann eine wirre, zwecklose Wanderung durch das weite Haus. Die vielfältigen Verhältnisse, Reflexe, Stimmungen und Töne, durch welche sie hineilte, brachten die Täuschung einer seelischen Auseinandersetzung in ihr hervor, zu welcher sie nicht die Macht des Mutes und der Kraft hatte. Am Ende ruhte dann der Komplex des Hauses in ihr, wie eine eigenpersönliche Welt. Im Bann fester Pole wandelte der Schlag ihres Herzens. Die von der Zerstörung ihres Innern aus sich vertrieben, wanderte in blinden Zuckungen aus und fand mit den kümmerlichen Resten ihrer verwüsteten Welt eine Seelenheimat im seelenlosen Hause. Es nahm sie in seine weiten, steinernen Arme und wiegte sie in geheimnisvollen Frieden. Einst, in den Tagen des Aufgangs ihrer qualvollen Sonne, hatte es das Spiel eines jungen Herzens mit seinem würdigen, mürrischen Grau abgewiesen, wie eines Greises eisstarre Braue das Spiel der Kinder verscheucht. Nun lockte es das Weib zu sich mit leisen, schonenden Lauten, daß es still wurde bei ihm und einen traumlosen Schlummer lernte nach dem Schiffbruch ihres Lebens. Das Haus wurde ihr Leib, und wenn sie aus seiner Hülle sich entfernte, empfand sie die Qualen eines Kranken, der die Binde von seinen unheilbaren Wunden reißt. Gehetzt eilte sie durch die Gassen. Jeder neugierige Blick war ihr ein unbarmherziger Stich, jedes Lachen ätzendes Gift, jeder Gruß eine Beschuldigung, jede Unterhaltung Folter zu einem Geständnis. Wenn sie, aufatmend, wieder ins Haus trat, schlürfte sie mit den müden, saugenden Schritten des Gefühls einer friedevollen Selbstbedeutung in sich. Ihr streichendes Gewand löste dann flüsterndes Wehen um sich aus, als wandle unsichtbar ein guter, mächtiger Freund neben ihr hin und säusle beruhigendes Raunen in ihr Herz. Indessen brechen sich die streitenden Laute der friedlosen Welt draußen an seinem kühlen Stein und erreichen ihr gleichgiltiges Ohr als das Lallen tiefster Unwissenheit. Aber das Haus wird auch ihre Seele. Alles, was in ihr ewig versunken ist, weil aus ihrer Seele, dieser Kristallisation von Splittern, das Blut jeder schimmernden Kraft von unheilbaren Wunden klaffend hinausgeschleudert wurde, alles Immerverlorene quillt aus dem Hause in sie. Es ist hoch, starr und kalt wie ihr Inneres. Viele weite, unwohnliche, verlassene Räume sind in ihr, vollbepackt wie die Stuben des Hauses mit nun nutzlosem Gerät, und der Moderduft einer verlorenen Zeit lagert um alles. Formlose Schatten wandeln durch sie; eisige Beängstigung kriecht an der Kahlheit hoher Wände empor und fällt knisternd zu Boden. Einst ist irgend etwas in ihnen vorgegangen, Heiteres, in suchender Sehnsucht, klopfenden Herzens, verzückte Träume, fessellos Wildes; wer weiß es heute noch? Als Staub liegt nun all jenes Leben auf den vermorschenden Zeugen dieser zertrümmerten Zeit. Niemand rührt ihn, aus Scheu vor den Geistern der Vergangenheit, auf, aus einer Scheu, welche vielleicht die letzte zu Tode getroffene Sehnsucht ist. So ruht Leonore in der Sattheit dieser großen Ruhe. Ihr ist, als wandle Fernes, Niegesehenes noch einmal in ihr, wenn lange, unbestimmte Laute über die breiten Stiegen wehen. Der Donner, den aufspringender Sturm aus den dicken Mauern schlägt, ergreift sie wie ein erschütterndes Ereignis. Der tanzende Sonnenstaub der Bodenkammern ist ihr Traum; in den Kisten und Kasten wohnt die Geschichte ihrer Jugend. Mit dem krachenden Stoß der Thorflügel schrickt sie auf und verfällt in das gleichmäßige Geräusch tiefeinsamen Seins, das eintönig mummelnd alle Winkel des Hauses füllt und durch alle Ritzen und Spalten ein- und ausgleitet. Nur der Löwenkopf am Ende der Stiege schreit mit weitem Rachen in stummer, verzerrter Wut, obwohl die Kruste des hohen Alters in den Winkeln seiner stieren Augen hockt, wie in ihren öden Tiefen das ruhelose Zittern und die augenlose Angst kauern und sie nie verlassen. Dieses verborgene Leben pulste in ihr; aber niemand konnte es verstehen. Es sog sie aus. Ihre Fülle verfiel; die Wogen des feinen Busens vertrockneten; die Haut des mageren Gesichtes ward papierweiß; ihr Haar bekam eine spröde, graublonde Farbe; der leise Gang ihrer weichblauen Augen war längst verstummt. Mitten auf den Wellen lachendster Menschenzeit welk und morsch, war es, als sei sie ohne Jugend auf die Welt gekommen. *  *  * Längst lebte sie mit ihrem Manne wieder das alltägliche Leben. Nachdem sie scheu einander ausgewichen waren, »hatte es sich von selbst gemacht«. Sie wußten nicht, »wie sie wieder zusammengekommen waren«. Aber sie redeten miteinander über eine Strecke hinweg, die keines überschritt. Sie verkehrten miteinander wie Freunde, die ein gemeinsam begangenes Verbrechen vor sich verheimlichen. *  *  * Zuzeiten hatte Leonore Rückfälle. Als sie einst, einen Topf voll Kartoffeln in der Hand, aus dem Keller heraufkam, war von irgend jemand das Thor geöffnet und nicht wieder geschlossen worden. Goldenes Sonnenlicht strömte jubelnd herein und tauchte sie in schimmerndes Glück. Da ließ Leonore bestürzt den Topf fallen und indem ihr Herz schmerzend zu schlagen begann, als wolle es sich von einer Kette losreißen, floh sie in das Dämmern des Flures. Eine Woche lang war sie sehr unruhig und verfiel oft ohne Grund in ein krampfhaftes Schluchzen. *  *  * Tönte Vogelgesang aus dem Garten in die Küche, erbleichte sie und schloß eilig das Fenster. *  *  * Nach einem Mittagessen saßen sie still und kauten gemächlich die letzten Bissen, als Griebel in eine Erzählung aus ihrer Vergangenheit stolperte. Er sah vor sich nieder, während er sprach. Ein tiefes Stöhnen schreckte ihn aus seiner lässigen Mitteilsamkeit. Sein Weib saß da, als atme sie lähmendes Gift: steif und ihre Augen starrten regungslos in die Luft, als sähen sie Gespenster. Sofort brach er stotternd ab. Lange saßen sie einander gegenüber und klammerten sich mit stummen Blicken aneinander. So sehen sich Kinder an, wenn in furchtbarer Mitternacht ein ängstliches Geräusch sie zum Bewußtsein bringt. Ihre Haut häufelt sich im Frost der Furcht, und ein eisiger Hauch weht in ihre tiefste Seele. Wenn das Entsetzen sie ermüdet hat, fallen sie vorsichtig um und verkriechen sich in den Schutz des Schlafes. Leonore und Griebel schlichen nach einer Weile von einander fort und verbargen sich in der Ruhe ihres leeren Alltags. *  *  * In einer Vollmondnacht fuhr Leonore aus beginnendem Schlafe auf und rüttelte leidenschaftlich ihren schlürfend-schnarchenden Mann zur Besinnung. »Wenn' s'och a Jingla wär',« sagte sie nach einer Pause im unverfälschten Dialekt ihres Mutterhauses.. »Nu een Jonga hå'n mr jå. Etze macht' ich mr aus eem Mädla aach nischt,« erwiderte Griebel, dessen Ausdrucksweise sich einst im Dienst um seine Frau der Sprache ihrer Blütezeit genähert hatte, nun aber, da alles vorüber war, die alter Gewohnheit wandelte. »Åch, du heilger Himmel, sä dås nie. Du versindigst dich å' mir. Ich bete schon Tag un Nacht drem.« Ihre Stimme erstarb. Dann hörte man lange nur die kummerschweren Atemzüge der beiden. »Der muß Geistlich wer'n,« begann endlich Leonore noch furchtsamer. »I, då muß er een'n kluja Kop hå'n. Wer åber weeß dås?« »Er muß! – er muß!« stieß es das Weib in höchster Bedrängnis heraus. »Nu, er muß, wie tomm dås is!« »Er muß,« wiederholte sie in irrer Dumpfheit. »Denn wås gelt unse Gebete nåch dem? – Åber, wenn a reenes Kend um uns Gott bitt', das kånn uns verleicht noch derliesa uns zwee arma, arma Menscha.« – – – *  *  * Kraftlose Bäume werfen die Früchte vorzeitig ab. Die Geburt des Kindes trat einen Monat zu früh ein. Aber das erste Mal hatte das Schicksal Leonores verschwiegenes Schluchzen erhört: es war wieder ein Knabe, der die Namen Josephus Arnestus erhielt und trotz voreiliger Ankunft kräftig und gesund war, da er alle brachliegende Kraft des mütterlichen Leibes aufgesogen hatte. Wie eine leere Schale blieb dieser zurück. Nach langen Monaten war Leonore so weit gekräftigt, daß man sie auf einen Wagen verpacken und einem benachbarten kleinen Badeorte zuführen konnte, dessen Quellen bei »Frauenleiden Wunder wirkten«. Griebel, der sie die Treppe hinunterführte, spürte Leonores Widerstand nicht. Er fühlte nur ihre Hand zittern und sah einzelne Thränen langsam aus ihren fast erloschenen Augen sickern. Als man dem Badeorte schon ganz nahe war und den roten Turm seiner neuerbauten, Kirche über die Baumwipfel hinweg sehen konnte, wies Griebel mit ausgestrecktem Arme nach jener Richtung hin und sagte: »Siehst de, dat is schon Cudowa!« Leonore reckte ihren abgemagerten, kleinen Kopf auf dem dünnen Halse wie im Schreck jäh auf. Dann fiel sie hoffnungslos zurück. Während sie von den Stößen des Wagens hin- und hergerückt wurde, murmelten ihre Lippen immerfort dasselbe, erlöschend und stumpf: »Dat – starb – ich – ge–weiß – ...« »Nee, dat wirscht de gesund, Lorla; denn fr wås sein denn sonste de Bäder?« antwortete Griebel, der sie endlich verstanden hatte. Leonore schüttelte mit der letzten Kraft ihrer Abwehr den Kopf und verfiel dann in eine traumähnliche Ohnmacht. So trug man sie in ihr stilles Zimmer, dessen Fenster nach dem einsamsten Teile des kleinen Parkes zu lagen. – Gehorsam, wie ein artiges Kind, mit dem ewig gleichen, welken, schluchzenden Lächeln in dem blauweißen Gesicht, erfüllte sie alle Anordnungen des besorgten Arztes, der über die Zähigkeit ihres ausgesogenen Leibes staunte. Nur eins begriff er nicht. Wenn er warm und glücklich ihr einen baldigen Spaziergang verhieß, dann ward sie bekümmert und sah ihn, durch Thränen um Schonung flehend, an. Einst war sie besonders kräftig, da sagte sie: »Ich wer' dås nich aushala, nee, ich weeß gewiß, dås hal' ich nich aus, Herr Dokter.« »Ach nein, liebe Frau Griebel, die Sonne wirkt Wunder, und die Menschen, die Sie sehn, zerstreuen Sie auch. So was kräftigt.« »Nein, nein! Eben de Sonne un de Leute ... eben dås ... eben dås ... dås is ... ja eben ...« Ihre Worte verirrten sich in eine Starrheit, wie sie über Sachen liegt, über Stühlen, Wegesteinen, unbewohnten Häusern. Der Doktor redete noch dringender auf sie ein, um sie zu überzeugen. Aber sie schien nichts mehr zu verstehen. Unbeweglich sah sie vor sich nieder. *  *  * In einer milden, stillen Morgenfrühe führte sie die Wärterin in den Park. Die Kapelle spielte eben den Anfang des zweiten Stückes, als sie die breite Allee betraten, die an einem kleinen Teiche endete, der, ins junge Licht feine Nebel träumend, in der grünverdämmernden Weite aufschimmerte. Zaghaft, mit zu Boden geschlagenen Augen schlich Leonore dahin. Ihre Atemzüge waren tief und unregelmäßig. Immer schwerer lastete ihr Arm auf dem der Wärterin und sie stolperte oft über ihre eigenen Füße. Etwa hundert Schritt vor ihnen wandelte ein junges Ehepaar. Die Frau in dem hellen Kleide und der roten Seidenblouse eng an ihren Mann geschmiegt, und ihr Köpfchen wiegte sich im Takte der Musik. Die Wärterin, plump wie eine Futterrübe, machte sie auf die beiden aufmerksam: »Sahn Se, die hå'ns freilich besser.« Erschöpft hielt Leonore an und sah empor. »Dorte, die meen ich,« wiederholte die Wärterin. In dem Augenblicke schwenkte das Paar herum, und die junge Frau flog mit glücklichem Lachen in die geöffneten Arme des Mannes, der sie unter einem langen Kuß an sich preßte. Mit einem markerschütternden Schrei brach Leonore zusammen. – – Sofort entstand der übliche Skandal. Aus allen Ecken eilten Neugierige herbei und umstanden die Unglückliche, die wie leblos am Boden lag. Jeder half mit lauten Ratschlägen, keiner faßte zu; die Damen wimmerten und klagten. – Die plumpe Futterrübe riß an Leonore herum und ächzte weinerlich immerfort: »Ja, allene ertrag' ich se doch nie. – Gnädjer Herr, wellden Se nie a so gut sein. – Sehn Se 'och, gnädge Frau, de sterbt åb. – Ja, ich kån nie derfier, ich ertrag se doch nie alleene.« Endlich erschien ein Dienstmann mit einem Rollstuhl. Die Kranke wurde hineingelehnt und in ihre Wohnung gefahren. In erregtem Geschwätz zerstreute sich das Publikum und schimpfte über den unverantwortlichen Leichtsinn des Arztes, »diese totkranke Person« herausgelassen zu haben. Leonore wurde am anderen Tage rücksichtslos nach Hause befördert, damit sie nicht im Bade sterbe. Aber die tiefen Laute des ernsten Hauses auf der Walkergasse, die kahlen, hohen Räume, die schweren Schatten wirkten Wunder. Sie wurde noch einmal so kräftig, daß sie in einem Lehnstuhl aufrecht sitzen und an einem Stock sich langsam bewegen konnte. Die meiste Zeit jedoch saß sie im Lehnstuhl, ließ die Kugeln des Rosenkranzes durch ihre vertrockneten Hände gleiten und bewegte unaufhörlich die dünnen, fahlen Lippen. Sie betete für ihre Sünden. Gegen niemand redete sie mehr ein Wort. Beim Eintritt ihres Mannes regte sie sich nicht. Nur das Geplauder ihrer alten Mutter brachte manchmal ein Leuchten in ihre eingesunkenen Augen, das aussah wie das Glimmen der zerbrochenen Fensterscheiben eines verfallenen Hauses, auf die müder Mondschein fällt. – Nach langen, langen Jahren, in einer Herbstnacht, erlosch sie stumm und einsam neben ihrem schlafenden Manne.