Ludwig Thoma Der Jagerloisl Eine Tegernseer Geschichte »Was gibt's, Loisl?« »Im Zwerglgraben treibt a mordalischer Bock; koan bessern hamm S' no net g'schossen, Herr Baron. Es is der vom Buacher Schlag, den ma vorigs Jahr amal g'sehg'n hamm, wissen Sie's nimmer?« »Kann mich schon erinnern; ein guter Bock.« »Guat... A mordalischer Sechser. Den schiaßen S' heut auf'n Abend ganz g'wiß. Er ko net aus. Der Bock treibt erscht seit gestern. Wenn ma um halbi fünfi furt gengan, san ma um sechsi am Platz.« Herr von Fries, ein etwas beleibter, gutmütig aussehender Vierziger, klopfte die Asche von der Zigarette und sah fast verlegen auf den Jäger. »Heute? Heut kann ich nicht, Loisl.« »Aba...« »Ausgeschlossen. Ich habe dringende Briefe zu schreiben. Morgen... Das heißt, übermorgen können wir's probieren.« »Jessas – Jessas!« Der hochgewachsene Bursche verzog mißmutig sein Gesicht. »Es geht wieder akrat a so...« sagte er. »Wie akrat?« »Wia 's letzte Jahr. Da hamm si da Herr Baron aa koa Zeit net gnumma und hamm g'wart' und g'wart', und z'letzt san ma Schneider wor'n.« »Ja no... wenn es nicht geht. Also übermorgen.« »Aba g'wiß!« »Ganz bestimmt.« »Na schaug i no mal in Zwergelgraben ummi. Werd wohl da Bock aushalt'n, und übermorg'n um vieri Namittag kimm i her.« »Schön, und schau nur nicht so verzweifelt drein! Ich gehet doch selber viel lieber ins Revier, als daß ich mich da abplag mit der Briefschreiberei, mit der faden.« »Na gilt's auf übermorg'n. Pfüa Good!« Loisl steckte den Kopf zwischen die Schultern, als beugte ihn der Gram über die Saumseligkeit seines Herrn nieder, und schritt zögernd aus dem Zimmer. Fries sah ihm nach. »Ein Prachtkerl. So was von Knochen! Und Augen wie ein Habicht... wie er mich durchdringend angeschaut hat! Als hätte er gemerkt...« Das Tischtelephon läutete. »Halloh! Hier... Ah Mucki! Gut Morgen! Gut geschlafen?... Von mir? Geträumt? So... so... Du, beinah hätte mich der Loisl fortgeschleppt auf die Jagd... Gräßlich? Na, so schlimm ist es ja nicht... Ich hab mich schon losgeschwindelt... Ja... ja... Nachmittag? Natürlich! Nach Kreuth... schön. Ich hol dich mit Wagen ab... Du, sag mal...«   Loisl Heiß brummte etwas vor sich hin, als er aus der Villa Bergfried herauskam. Er hatte Gewehr, Bergstock und Rucksack auf eine Bank davor gelegt; ein rotgelber Schweißhund saß als Wächter daneben. Loisl streichelte ihm freundlich den Kopf und ging heimzu auf einem Wiesenwege hinterm Dorfe. Es paßte ihm nicht, wenn er von den Leuten gesehen wurde. Ein Jäger solle umsichtig bleiben, sagte der alte Rauchenberger. Von zwei, die einem begegnen, sei einer ein Lump und der andere sein Helfer. Vor Tag ins Revier, bei der Nacht heim oder in die Hütte, so wär's recht. Aber er war voll Eifer und Freude heimgelaufen, um seinen Jagdherrn auf den Bock zu führen. Es war ein Kreuz mit dem! Allemal hatte er eine Ausrede, wenn er auf den Berg mitgehen sollte. Immer hieß es: heute geht's nicht, heute ist's unmöglich. Und von Rechts wegen hatte er von der lieben Welt nichts zu tun. »Herein, Hirschmann! Geh z'ruck, sag' i.« Der Schweißhund war voraus gelaufen und schnupperte einen Bullterrier an, der ihn mit vorquellenden Augen anglotzte. »Laß dös Verreckerl steh!« Hinter dem Zaune stand ein dicker, kahlköpfiger Herr, der sich ein Monokel einklemmte und dem Jäger nachschaute. »Donnerwetter!« sagte er ungeniert laut. »Das ist mal ein strammer Bengel! Nelly, schade, daß du den Kerl nich gesehen hast...« wandte er sich an seine Gattin, die auf einem Gartenstuhle lag und las. Frau Kommerzienrätin Fehse sah gelangweilt auf. »Was hätte ich sehen sollen?« »Den Jäger, der eben vorbeiging. Ich sage dir, Schultern und Kopfhaltung wie der Dingsda in Rom... na! Die Namen merke ich mir ja doch nich... aber so was von Kraft und Derbheit, und dabei so was Nobles... wo die Kerle das herhaben?« »Ich glaube, du siehst wieder mal, was du sehen willst.« »Ich sehe ganz nüchtern, aber ich freue mich über die Leute hier. Die haben das, was uns fehlt, – Rasse.« «Uns?« »Uns Stadtmenschen... natürlich masculini generis. Uns Berlinern.« »Na, hör mal, von den Vorzügen der Münchner habe ich wirklich nichts bemerken können.« »Also Stadtmenschen überhaupt.« »Das ist hier so deine Stimmung; wird auch wieder vorübergehen.« »Geht nich vorüber, weil es absolut begründet ist. Natürlich sieht man bei uns elegante Bengels, will ich nich bestreiten. Aber das hier ist etwas ganz anderes; es ist unbewußt, ist einfach da, ist angeboren. So selbstverständliche Kraft und in der Derbheit doch die Grazie. Erinnere dich an den Tanz neulich in Kreuth.« Ein fröhliches Lachen unterbrach ihn. Fehse wandte sich um und sah sein Töchterchen Henny in der Ortstracht vor sich stehen. Das hübsche Mädel sah in dem Kostüm, das ihre schlanke, kräftige Figur zur Geltung brachte, verführerisch aus. Zu ihrem kecken Gesichte, dem lebhafte Augen und etwas aufgeworfene Lippen einen besonderen Reiz verliehen, paßte der grüne Hut. In dem prall anliegenden Jäckchen mit den kurzen Ärmeln sah sie voller aus, stämmiger. »Nanu!« rief der Papa bewundernd.«'n richtiggehendes Bauernmädel!« »Da siehst du's«, sagte seine Frau. »Wenn dir ein hiesiges Mädchen begegnen würde und nur entfernt so frisch und hübsch aussähe, ich möchte mal deinen Vortrag über die Vorzüge der Gebirgsrasse hören. Woran liegt's? Am Kostüm und an der Stimmung. Du bist hier so'n bißchen im Holdrio-juhu... wie auf dem Alpenvereinsball.«   Das Anwesen, auf dem Loisls Mutter hauste, lag außerhalb des Dorfes an einer Berglehne. Einen Büchsenschuß davon entfernt wohnte der pensionierte Jagdgehilfe Sylvester Rauchenberger, der den Siebziger schon hinter sich hatte. Er saß vor seinem aus Holzbalken gefügten Hause, das nur zwei Fenster und die Haustüre in der Front hatte. Die Altane, die sich um den obern Stock zog, konnte ein Mann von mittlerem Wuchse mit der Hand erreichen; sie war braun gebrannt von der Sonne, und Blumenkästen standen darauf, aus denen Nelken und Geranien herunterhingen. Eine anheimelnde Ruhe war um das Häuschen; es schien behaglich zu rasten, wie der Alte, der seine Pfeife rauchte und den blauen Kringeln nachsah. Loisl trat an den Gartenzaun. »Grüaß di Good, Festl! Derf i a weng in Hoamgart kemma?« »Geh no eina und hock di zuawa! Kimmst vom Berg owa?« »Ja. I bin beim Baron ent'n g'wen. Wia geht's oiwei?« »Wie's oan halt geht. D'Aug'n lassen aus, d'Füaß lassen aus.« »Aba 's Ausschaug'n is frisch.« »Sagt ma, und da Loder taugt do nimma viel. Was mach'n d' Rehböck? Treiben s' guat?« »Felt si nix. Heut han i an ganz an deiflischen Bock im Zwergelgrab'n g'sehg'n.« »Da san de guat'n dahoam.« »Den hättst sehg'n soll'n; dicke Stanga, perlt bis aufi, stark, und zwoa zwerchte Händ über d' Luser.« »Oho!« »Nix g'log'n. I bin auf achtz'g Schritt dabei g'wen. Mi hat's ja glei g'rissen, wia'r i dös Gwichtl g'sehg'n hab.« »Den werst d'scho kriag'n.« »Ja, – kriag'n! Mei Baron geht ja wieda net außi. Heut net, morg'n net. Wer woaß, wann?« »Hat a koa Freud mit da Jagd?« »Net recht. Was muaß i bitt'n, bis er amal mitgeht, und bal er draußd is, verpatzt er des mehra.« Festl lachte lautlos vor sich hin und strich sich mit der Pfeifenspitze über den weißen Schnurrbart. »Ja... ja, de Gawalier'! Da derlebst no allerhand, bis d' älter werst. Da hab i amal« – Festl stopfte sich eine neue Pfeife und zündete sie gemächlich an – »da hab i amal in der Hirschbrunft an Münchner Herrn g'führt... waar sunst koa unrechter Mo g'wen. No, mir san beizeit'n von dahoam weg, lang vor Tagwer'n gegen 's Waxelmoos. Er hat scho a weng g'mamst, daß er mitt'n bei da Nacht furt hat müass'n, aber i hab's eahm ausdeutscht, daß mir ganz fruah am Platz sei müaßt'n und wart'n. Wia ma drob'n war'n, is no dunkel g'wen und a weng frisch. A Käuzl hat g'schriean, dös hat eahm net paßt, und na hamm ma a paar junge Hirschl g'hört, de hamm mit anand tandelt. Dös Kleppern von de G'weih hat ma deutli g'hört. Scheinbar hat er si g'forcht'n und rutscht näher zu mir her. ›Was habts denn ihr für Viecher da herob'n?‹ fragt er. ›Hirsch‹, sag i, ›de scherz'n a weng. San S' no staad, wenn's hell werd, kimmt scho da besser.‹ Er brummelt no a bissel und wickelt si in sein Wedamantel ei. Auf oamal schallt zwoa Schritt hinter uns a Reh. Bäh... bäh! Es is ganz zuawa kemma und hat uns jetzt erst in Wind kriagt. ›Ja, was is denn das?‹ schreit mei Gawalier. ›Was habts denn ihr für Viecher da herob'n? Da mag ich nimmer bleib'n. Gehen wir nunter, ich fahr in d' Stadt nei, ins Oktoberfest.‹ ›Da hamm S' recht‹, sag i, ›am Oktoberfest is lusti.‹ Und z'sammpackt hamm ma und san hoam.« Festl lachte in der Erinnerung an seinen Jagdkavalier. »›Was habts denn ihr für Viecher da herob'n?‹ schreit er. ›Ich fahr ins Oktoberfest.‹ Ja... ja... i hab ziemli oa kenna g'lernt, hamm si Jaga g'hoaß'n und san koa g'wen.« »I ko den mein' aa net lob'n«, sagte Loisl. »Woaß da Deifi, an was der oiwei denkt, wenn er hinter mir drei'tappt. Siecht nix, hört nix, spannt nix. Amal, im Rießergrab'n is g'wen, steht a Hirsch da, auf koane hundert Schritt. ›Ssst!‹... mach i... ›da drent‹, sag i, ›sehg'n S'n denn net?‹ ›Wo?‹ plärrt er ganz laut und wischt si mit an weiß'n Sacktüachl an Kopf ab. Dös laßt si denk'n, wia der Hirsch z'sammpackt hat.« »Müaß'n halt viel schwitzen«, sagte Festl lachend. »De Herrn ess'n guat. Und heut geht er net außi? I moan oiwei, der treibt selm a weng. Gestern is er vorbeikemma; hat a sauberne G'sellin bei eahm g'habt.« »Dös werd scho de vom Theata g'wen sei; de war aa auf da Hütt'n drob'n mit eahm. Wia ma no zweg'n an Weibsbild d'Jagd versamma mag?« »Sag dös net, Loisl! Dös ko sogar unseroan passier'n.« »Mir net.« Festl schaute den stattlichen Burschen lächelnd an. »No ja«, sagte er, »du werst net lang betteln braucha bei de Weibaleut, und mit dem versammt ma oft de längst' Zeit. Aba nur nix bered'n! Mi hat amal auf da Kothalm a Sennerin um mein best'n Hirsch bracht.« »Dös hätt i net glaabt vo dir.« »Jetza passieret's mir aa nimma, aba selbigsmal bin i jünga g'wen und hab etla Falzplätz ei'ghalt'n, und dös selbige Weibsbild hätt ma guat paßt. Leider, sie hat si ei'g'spreizt, da hat's red'n braucht und oft zuakehr'n und schö toa, und derweil hat mir a Lump mein Hirsch'n g'stohl'n. Ja, d'Weiberleut hamm an Deifi; de kinnan viel ausricht'n, mei liaba Mensch!« »Bloß nix g'scheidt's.« »Net viel. Aba jetza geh i eini, de Alt hat mir an Schmarrn g'macht.« »Na pfüad di Good, Festl!« »Pfüad di und Weidmanns Heil auf den Bock!« »Weidmanns Dank!« Die Familie Fehse saß in einem Wirtsgarten, von dem aus man einen schönen Blick über den See und die Berge hatte. Henny stand auf und ging zum Ufer hinunter, wo sie Bekannte traf. Eine zahlreiche, bunte Gesellschaft bummelte hier auf und ab, stand in Gruppen beisammen, schwätzte, lachte, machte Bemerkungen über bekannte Persönlichkeiten oder auffallende Erscheinungen. An diesen fehlte es nicht. Damen jeden Alters zeigten sich in Dirndlgewändern, manche in echten, die meisten in Kostümen, die aus Maskenverleihanstalten entnommen schienen. Börsianer stolzierten in kurzen Lederhosen herum; daß sie es nicht zu arg mit dem Bergkraxeln vorhatten, zeigten ihre Bäuche und die dünnsohligen Schuhe. Herr Fehse sah seine Tochter bei einer stattlichen Dame stehen; ein wohlgenährter, junger Herr gesellte sich zu ihnen. Er trug auch eine gemslederne Hose, und seine Knie quollen rund und rosig über grasgrünen Wadenstrümpfen hervor. »Wer ist der Fatzke?« fragte Herr Fehse. »Aber ich bitte dich...« »Sieh dir doch den Salontiroler an! Wenn der nich Karikatur ist...« »Es ist der junge Stresow.« »Stresow und Lademann, Spreewerke?« »Ja. Die Dame ist die Geheimrätin Calmon, verwandt mit ihm, ich glaube, seine Tante. Nu sehen sie zu uns herauf.« Frau Fehse verbeugte sich lächelnd, als die Geheimrätin grüßend den Schirm schwenkte. Gleich darauf kam Henny mit Herrn Stresow in den Wirtsgarten. Der gewandte junge Herr stellte sich vor und bat die Herrschaften, sich einem Ausfluge zum Bauern in der Au anzuschließen. »Meine Tante würde sich sehr freuen.« »Gerne«, sagte Frau Fehse. »Wie weit is es?« fragte ihr Mann. »Ne leichte Stunde, aber schattiger Spazierweg am Bache, oben famoser Aufenthalt, und der Heimweg ganz herrlich über Bergwiesen.« Papa sagte zu, da sich seine Tochter für den Plan begeistert einsetzte. »Bankier Redantz mit Frau wird mitkommen. Vielleicht kennen Sie die Herrschaften?« »Redantz in der Behrenstraße?« »Ja.« »Kenn ich. Na, hier trifft man ja das halbe Berlin.« »Sie sind Münchner geworden?« »Seit letzten Oktober, ja.« »Leider«, sagte Mama Fehse. »Sie sind nicht zufrieden mit dem Tausch?« »Ich gewiß nicht. Mein Mann hat sich etwas ganz anderes versprochen.« »Nu soll ich wieder das Karnickel sein.« »Du hast uns doch so viel erzählt von der Gemütlichkeit.« »Wir haben Papa noch einen Winter Gnadenfrist gegeben«, fiel Henny lachend ein. »Wird es wieder so gräßlich langweilig, dann...« »Ich muß sagen, für langweilig habe ich München nicht gehalten«, erwiderte Stresow. »Huh!... Vielleicht nicht für Herren am Stammtische, aber für uns...« Mama Fehse zog die Achseln hoch. »Gesellschaft fast gar nicht, und wenn, dann ganz anders, als wir es gewohnt sind. Ich glaube, eine echte Münchnerin empfindet ihre Anwesenheit selbst als störend für die Herren, die sich ohne Damen besser unterhalten.« »So schlimm is es ja nich«, sagte Herr Fehse, »aber schön is anders.« »Daß du das endlich zugibst...« »Endlich! Da haben wir wieder mal ein Beispiel echt weiblicher Ungerechtigkeit und Inkonsequenz... Jawohl, Inkonsequenz. Ich mußte es zuerst büßen, daß sich eine mir sehr nahestehende Dame alles mögliche versprach von der künstlerischen Geselligkeit, dem heiteren Leben, der Ungezwungenheit et cetera. Natürlich war es nicht so, wie man sich's ausgemalt hatte. Und wer is der Schuldige? Ich...« »Wir wollen das Thema nicht weiter ausspinnen«, sagte Frau Fehse. »Es hat uns diesen Winter lebhaft genug beschäftigt. Sie kennen Tegernsee schon lange, Herr Stresow?« »Erst seit vorigem Sommer, aber meine Tante Calmon ist hier eingebürgert. Wie gefällt es Ihnen, gnädige Frau?« »Gut. Wir wohnen allerdings etwas abseits auf dem anderen Ufer...« »Man muß sich hier zusammenschließen, Partien machen. Vielleicht sagt Ihnen heute der Anfang zu...« »Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar...« »Wenn Sie mir gestatten ich bin allerdings nur mehr kurze Zeit hier.« »Schon wieder fort?« »Ich muß beim Regiment einrücken, zur Herbstübung.« »Sagen Sie mal, Herr Stresow, der Bankier Redantz, hat der nich erst vor kurzem geheiratet?« fragte Papa Fehse. »Eine Dame vom mecklenburgischen Adel?« »Das ist sein Bruder.« »Richtig ja... Der die Kabelwerke hat«   Loisl saß unter einer Fichte, wo er gute Deckung und freien Überblick über etliche Schläge und Waldwiesen hatte. Vom Wege, der zum Bauern in der Au führte, tönte Geschrei und Juchzen zu ihm herauf. Er sah helle Kleider, bunte Sonnenschirme. »Plärrete Luada!« brummte er vor sich hin. »Staad geh' kunnten de Leut net.« Plötzlich gab es ihm einen Riß; drüben am Waldrand war ein roter Fleck aufgetaucht und wieder verschwunden. Er zog schnell sein Perspektiv aus dem Futteral, stellte es ein und wartete. Da kam es wieder rot unter den Boschen, und dann ins Freie heraus. »Deifi! Is scho... Herrgott, bis da umma blitzt dös Gwichtl... er is scho, der guate Bock. Wia leicht kunnt man sie zuawi pürsch'n! Waar dös net was anders, als wia dahoam hocka und poussier'n? Jetzt wirft er auf: aha, de Goas...« Loisl steckte ärgerlich das Perspektiv zusammen und sah mit freiem Auge, wie der Bock hinter der Gais herjagte, bergauf, bergab, hinter den Bäumen verschwand und wieder herauskam. »Da is er. Aber ob si mei Baron net wieder anderst b'sinnt...« Er stand auf und pürschte von dem Platze weg, langsam aufwärts. Er war noch nicht weit gekommen, als der Hund die Leine straff anzog. »Was hast denn, Lalli?« Loisl blieb vorsichtig stehen und horchte nach dem Dickicht hinüber, das durch ein trockenes Bachbett von ihm getrennt war. Es war wie leises Fiepen gewesen... da! noch mal und lauter. Gleich darauf brach ein Schmalreh in voller Flucht aus dem Dickicht heraus, die Rinne hinauf, daß die Steine zappelten. Ein starker Bock hintendrein, brunftend mit keuchenden Lauten. »Jetza!« sagte Loisl, und ein frohes Lachen ging über sein gebräuntes Gesicht. »Der waar glei no der besser... 's Gwichtl is vielleicht net ganz so hoch, aber no stärker und ganz dunkel... Herrgottsakra! Kannt dös a Freud sei... den schiaß'n und nacha den andern o'pürschen. Aber na... bei de Weibsbilda muaß er hocka... Brav! Hirschmanndl, brav!« Der Hund zitterte vor Aufregung, blieb aber unbeweglich stehen. Loisl wartete. Als sich nichts mehr hören ließ, ging er vorsichtig zurück und kam auf den Weg hinunter, der zum Bauern in der Au führte. »Was tua'r i jetzt? I muaß's an Baron z'wissen macha, daß erma morg'n net wieder umsteht... Hoam geh? Na... i schreib eahm an Zettl, den muaß ma da Hansgirgl abi trag'n. So mach i's. Kaff ma'r ins a Maß Bier, schadt aa net, und na schreib i eahm...« Er schritt besser aus und war bald beim Bauern in der Au. Im Garten saßen Sommergäste, viele Damen darunter. Alle wandten sich nach dem reckenhaften Burschen um, der es nicht zu beachten schien und doch beachtete. Seine Haltung straffte sich, und in seinem Gange lag noch mehr geschmeidige Kraft. »Nelly, das ist er!« sagte Herr Fehse laut. »Wer?« »Der Jäger, der mir gestern auffiel. Ein Prachtskerl...« Frau Fehse musterte ihn durchs Lorgnon. »Ein strammer Bauernbursche«, sagte sie nicht ohne Anerkennung. »'n bißchen mehr sogar. Noble Rasse...« »Was heißt nobel?« »Herr Stresow, Ihr unparteiisches Urteil.« Der junge Herr sah dem Jäger gleichgültig nach. »Nich übel. Man sieht hier überhaupt ab und zu gute Figuren. Macht auch die Tracht.« Er trug sie selbst, und da er ein Bein übers andere gelegt hatte, quetschte sich das Fleisch in die Breite. »Der würde im Frack erst recht Aufsehen erregen«, opponierte Fehse. »Weiß ich nicht«, erwiderte Stresow höflich, aber mit betontem Zweifel. »In der Uniform, das ist wenigstens meine Erfahrung, sehen die Kerls alle plump aus.« Henny schwieg. Junge Damen können sich nicht sachverständig zeigen, aber junge Damen haben flinke Augen, und Henny hatte bemerkt, daß der bildschöne Bursche sie mit einem bewundernden Blick gestreift hatte. Und sie hatte ihn erwidert, deutlich, mit einem fröhlichen Aufleuchten. Loisl ging ins Haus; an der Türe wandte er sich um, und ihre Blicke kreuzten sich wieder. Da wurde ihm eigen zumut. Schon oft hätte ihn ein Stadtkind lustig und keck angesehen, aber die da kam ihm anders vor. Viel hübscher, viel... ja, was denn gleich? Jedenfalls dachte er darüber nach, und das hatte er sonst nie getan. Er stand in der Küche vor der Hauserin und wußte beinahe nicht mehr, warum er gekommen war. »Loisl, was geit's?« fragte die behäbige Frau. »Ah so... ja... kunnt ma net da Hansgirgl a Botschaft an mein Baron abi bringa? I muaß auf d'Hütt'n und sollt eahm aba was z'wissen macha.« – »Warum net? Da Bua hat leicht Zeit.« »Da Baron werd eahm scho a Trinkgeld geb'n.« »Braucht's net; der lafft leicht abi und versammt nix. Hast d' ebbas Schriftlichs?« »I schreib's glei, wann'st mir a Babier gibst und a Dint'n.« Die Hauserin kramte in einem Kasten herum und fand bloß einen Briefbogen, der mit schnäbelnden Tauben und Blumen verziert war. »Er is no von da Leni«, sagte sie. »De sell hat oiwei was zu'n schreib'n g'habt. Tuat's der?« »Leicht. I dank dir schö.« Loisl setzte sich an den Tisch und schrieb langsam und mit Bedacht. »Werther Herr Barahn! Heite in Namittag habe in einer Reißen vorn Zwergelgraben noch einen andernen Bock gesehen und ist selbiger gleich noch der besserne, wie der anderne vom Zwergelgraben, wo aber auch noch da ist und fleißig trieben hat. Und kennte der Herr Barahn die zwei Böcke leicht schießen. Bitte daher instendig, das Sie ja gewiß kohmen. Ich warte um drei Uhr beim Moarstadei, wo Herr Barahn schon wissen. Mit heflichster Bitte nochmals Loisl Heiß. Bald Herr Barahn bis um vieri nicht da sind, weis ich, das Sie nicht komen und wäre aber sehr draurig darieber. Wann Sie dem Bothen etwas geben möchten. Er ist ekstra deßweng hinunter.« Loisl steckte den Brief in ein kleines Kuvert, das etliche Fettflecken hatte, und gab ihn dem Hansgirgl, einem vierzehnjährigen Buben, dessen sommersprossiges Gesicht durchtriebene Schlauheit verriet. »Da... schaugst d', daß d' an Herrn selber triffst, und gibst eahm dös Briafel. Sag no, es hätt pressiert, und es waar dringend. Er gibt dir scho a Trinkgeld.« Hansgirgl schlug von der Küche weg einen guten Trab an und verfiel erst, als er außer Sicht war, in ein gemächliches Schlendern. »Trinkst a Maß, Loisl?« fragte die Hauserin. »Kannt net schad'n.« »Bleibst d' bei mir herin?« »Na, i bin liaba draußd; heut is mir z'hoaß in da Kuchl...« Er ging hinaus und setzte sich an einen Tisch vor die Küche. Man übersah von da aus den Garten und konnte auch die Familie Fehse im Auge behalten. Aber so hin und her mit Blicken ging es nicht; das hübsche Mädel redete mit ihrem Tischnachbar und sah nicht herüber. Loisl ärgerte sich, daß er so vor allen Leuten da saß, und trank seinen Krug ziemlich rasch aus. Als er aufstand und sich auf den Weg machte, traf ihn doch noch ein ausgiebiger Blick, an den er lange denken mußte. Und wie er am Abend vor der Jagdhütte saß und sah, wie die Dämmerung vom See herauf über die Berge bis zur letzten verglühenden Spitze kletterte, fielen ihm wieder die fröhlichen Mädchenaugen ein. Die Weiberleut können viel ausrichten, hatte der alte Festl gesagt. Herr von Fries ließ sich durch Loisls Brief erweichen und nahm sich vor, den armen Kerl nicht vergeblich warten zu lassen. Allerdings mußte er noch Muckis Einwilligung erhalten. Da sie ihren Besuch auf vormittag angesagt hatte, konnte er sie ja mündlich umstimmen und ihr begreiflich machen, daß er auf die Jagd gehen müsse, daß er nicht immer absagen könne. Eigentlich komisch, daß man sich ein Vergnügen als Pflicht gefallen ließ. Er liebte diese anstrengenden Reviergänge nicht, und er unterzog sich ihnen bloß, weil es ihm ein gewisses Ansehen gab, oder weil er sich nun einmal darauf eingelassen hatte, die Jagd zu pachten. Dabei hatte er aber stets das Gefühl, unter einem Zwange zu handeln. Warum lief er sich müde, übernachtete in schlechten Betten, stand vor Tag auf? Sicherlich hätte er das alles bleiben lassen, wenn nicht der Loisl gewesen wäre. Der junge Kerl war von ihm abhängig und war sein Angestellter, aber er setzte seinen stärkeren Willen durch und zog ihn, den Herrn von Fries, mit. Er mußte sich Seitenstechen herlaufen, in verrußten Hütten übernachten, oft in Nässe und Kälte aushalten. Warum eigentlich? Weil er sich scheute, die Wahrheit zu sagen, daß er viel lieber in seinem komfortablen Hause bleiben wolle. Schon oft hatte er sich darüber Vorwürfe gemacht, wenn er schwitzend hinter seinem Jäger herlief und manchmal war er zornig über sich selber und über Loisl geworden, und war sich als willenloses Opfer vorgekommen. Er konnte sich darüber ertappen, daß er erlöst aufatmete, wenn ihm ein aufsteigendes Gewitter eine gute Ausrede vor dem Jäger bot. Und alles das hieß man dann Vergnügen. Herr von Fries sog den Rauch seiner Zigarette ein und stieß ihn durch die Nasenlöcher aus, indes er sich diesen tiefen Gedanken hingab. Trotzdem wollte er, nein, mußte er Loisl wieder einmal nachgeben, denn der Brief hatte etwas so Eindringliches. Er wäre viel lieber in angenehmer Gesellschaft spazieren gefahren, als bei der Hitze herumgeklettert. Eine helle Stimme vor dem Gartentore. »Schnucki!« »Mucki! Du da?« Sie war es. Fräulein Mia Albo, ehdem Poldi Weiß genannt als Tochter eines k. k. Finanzwachrespizienten in Salzburg, nunmehr Star an einem Münchner Theater. Aber sie kam nicht allein. Ein Herr mit aufleuchtenden, bedeutend blickenden Augen, mit glattrasiertem Gesichte, mit zurückgeworfenem Haupte war bei ihr. Schauspieler und Regisseur Morton, ehedem – ja wie hatte er ehedem geheißen? Er hatte irgendeinen Namen geführt, den ein boshafter Feldwebel und Steuerbeamter seinem galizischen Großvater aufgehängt hatte, und der Geheimnis bleiben mußte. Fräulein Mia hüpfte wie ein Kind, das Reifen springt, auf Fries los. Sie fiel stets ins kindlich Naive, wenn sie ein schlechtes Gewissen hatte, aber der gutmütige Fries merkte es nicht. Das Kindliche entzückte ihn. »Schnucki-Bucki!« »Na, du Wildfang?« »Hier stell ich dir meinen bitterbösen Regisseur vor... Herr Morton.« Der Schauspieler lächelte herablassend. So als wollte er sagen: »Ja, ich bin es. Nun haben Sie den berühmten Gegenstand Ihrer Bewunderung vor sich...« Er kam dem ehrerbietigen Baron entgegen und gab sich menschlich jovial. »Aber Sie wohnen hier ganz reizend. Dieser Goarten, diese Fontäne, diese Blumenbeete, dieses Haus, ein Schlupfwinkel des Glickes, ein Idille...« Er schüttelte ihm aufmunternd die Hand. »Denk dir nur, Schnucki«, erzählte Mia, »wie ich heute frühstücke und ein bißchen an dich denke, läutet es. Wer kommt? Mein gestrenger Regisseur. Ich erschreck förmlich. Was ist los? Hat es im Theater was gegeben?« »Bin ich denn ein solcher Wauwau?« »Aber ja! Wann man an gar nichts denkt, bloß im Genusse der Natur schwelgt, und dann stehen Sie, wie eine Mahnung, plötzlich vor mir...« »Das ist schmerzlich, so als Tyrann zu erscheinen. Ich wollte auch einmal die freie Luft der Berge atmen...« Nun kam Herr von Fries zum Worte. Er lud seine Gäste ein, Platz zu nehmen, doch Morton bat, vorher telefonieren zu dürfen. Fries wollte ihn führen. »Nein, bidde, keine Störung! Das Mädchen wird mir zeigen... bidde, zu bleiben...« »Schnucki«, sagte Mia, als sie mit dem Freunde allein war, »Schmucki, es ist schauderhaft! Dieser gräßliche Mensch verdirbt uns ein paar Tage.« »Wenn er nicht länger bleibt... das ist nicht so schlimm.« »Wie gleichgültig du bist! Zwei reizende Tage mit dir allein, ist das nichts? Aber weißt du was, ich versetz' ihn einfach...« »Fahren wir weg!« »Himmlisch!« Mia jauchzte auf, doch gleich versank sie wieder in ernste Stimmung. »Er wird mir dann allerdings die Rhodope nehmen, weißt du, im Gyges...« »Mach dir keine Unannehmlichkeiten, Mucki. Die paar Tage sind bald vorbei...« Mia seufzte. »So gefreut habe ich mich, mit dir allein zu sein, und da kommt der gräßliche Mensch daher! Mir is er zuwider, ich kann dir gar nicht sagen, wie...« Er tätschelte ihre Wange. »Armes Hascherl...« »Mir is es auch wegen dir. Ich weiß, du hast die Art Leute nicht gern...« »Ich will dir was sagen, Mucki, es trifft sich zufällig ganz gut. Ich muß wohl oder übel einmal auf die Jagd.« »Dann strengst du dich wieder so an...« »Ich kann's dem Loisl nicht abschlagen...« »Ich werd ihm sagen, er soll ja auf dich acht geben...« »So schlimm wird's nicht. Ich gehe heut nachmittag mit ihm...« »Aber abends bist du zurück?« »Wahrscheinlich...« »Nein... sicher! Bitte, bitte! Sonst darfst du nicht weg.« »Schön... Ich komm bestimmt heim...« »Dann fahre ich Nachmittag mit dem gräßlichen Menschen nach Kaltenbrunn...« Der gräßliche Mensch kam eben eilig aus dem Hause. »Ich war in Ihrem Studio, Herr Baron. Ein Kleinod! Ich bewundere Ihren Geschmack. Alles ist hier entziggend... dieser Goarten, diese Fontäne, diese himmlische Ruhe!« Fries machte im Laufe des Gespräches den Vorschlag, nach Tegernsee überzusetzen, im Hotelgarten zu essen und... »Und dann«, fiel Mia ein, »muß mein armer Schnucki auf die Jagd gehen. Aber nicht wahr, du wirst dich nicht echauffieren?« »Ich werde mich meiner Familie zu erhalten suchen.« Ein frischer Wind kräuselte kleine Wellen auf, als sie über den See fuhren. Alle Bergwiesen leuchteten im hellen Grün; manchmal zogen Wolkenschatten darüber weg. »Es ist zauberhaft. Es ist... es ist über alle Beschreibung härrlich!« schluchzte Morton. »Hier versteht man den Segen, den die reine Natua auf ein menschliches Gemieth ausiebt...« Er riß seine Augen überweit auf, um all die Schönheit zu trinken. »Sie sind ein beneidenswerter Sterblicher«, wandte er sich an Fries. »In einem solchen Paradiese leben zu dierfen. Mit Engeln...«, setzte er schelmisch lächelnd hinzu. Man aß im Hotelgarten. Nach dem Kaffee wollte sich Fries verabschieden. »Ich begleite dich«, sagte Mia. »Herr Morton bleibt hier und inspiziert die Damenwelt. Ich hole Sie dann zum Motor ab.« Sie ging mit Fries zum See hinunter. »Warum fahren wir jetzt nicht zusammen zu dir hinüber? In Ruhe und Schönheit?« Sie seufzte. Er dachte an Hitze und Klettern und seufzte auch. Ja, warum machte man sich selber Ungelegenheiten? Am Ufer nahmen sie herzlichen Abschied voneinander. Mia stand lange auf dem Landungsstege und winkte mit dem Taschentuche. »Adiö! Adiö! Heute abend!« Sie ging wieder zurück zu Morton, der sie lächelnd empfing. »Hast du deine Wurzen glücklich an'bracht?« fragte er. Beim Moarstadel wartete Loisl schon über eine halbe Stunde. Der Stadel lag abseits, durch einen Waldstreifen vom Wege getrennt, auf einer leicht ansteigenden Wiese; die Sonne brannte auf das frisch gemähte Heu herunter, das kräftig roch; Bienen und Fliegen summten, und Loisl wurde beinah so schläfrig wie sein Hirschmann, der neben ihm lag und zuweilen unwillig nach einer störenden Fliege schnappte. Nun nahten sich Stimmen. Loisl bog sich vor und sah um die Ecke des Stadels herum. »Da schau her!« brummte er.«'s Pointner Nannei und... der Bazi, der Kreillinger...« Aus dem Walde traten ein Bauernmädel und ein Bursche auf die Wiese heraus und kamen näher. Das Mädel hatte ein gewöhnliches Gesicht; eine auffallend niedere Stirne gab ihm ein dummes Aussehen; der Bursche war klein und untersetzt; seine Miene hatte etwas Freches und Lauerndes. Die Haare waren in der Mitte gescheitelt und vorne zu Simpelfransen geschnitten. Er sah aus wie ein Volkssänger aus einer Münchner Vorstadt; die Lederhose war mit grünen Arabesken überladen, an der Uhrkette schepperte ein Charivari von Klauen, Zähnen, Münzen; im Ausschnitte der Weste zeigte sich ein gestickter Hosenträger, der in der Mitte das Bild des Königs Ludwig trug. »I hab aba koa Zeit...«, sagte das Mädel. »Du werst scho Zeit hamm...« Da schlug Hirschmann an, und die Pointner Nannei stieß einen leichten Schrei aus. »Jessas – der Jaga!« Loisl war vorgetreten. »Grüaß di Good!« sagte Nannei mit einem verlegenen Lächeln. »Bist du da herob'n? I muaß nachschaug'n z'weng an Heu, ob no Platz is für's Groamet...« »Is scho Platz, wann du 's Heu a weng z'sammdruckst.« »Ah du!« Sie lachte dumm. »Du hast mi fei schö daschreckt.« »Weg'n mir brauchst d' net daschrecka.« »Dös tean ma scho net«, sagte der Bursche feindselig. Loisl schaute ihn verächtlich an, ohne ihm zu antworten. »Muaßt du da herob'n de Böck hüat'n?« fragte der andere und verzog den Mund zu einem höhnischen Lachen. »Zu was hast denn du a Büchs? Zu'n Bockhüat'n brauchet'st du ehnder a Goaßel.« »Di treibet i leicht mit an Steckerl hoam«, antwortete Loisl. »Du mi? Dös müaßt ma erst sehg'n...« »I hab di scho davo laff'n sehg'n.« »Allemal geht's net a so.« Loisl lehnte sich auf seinen Bergstock und lachte. »Bist d' so stark wor'n beim Wollzupfa?« fragte er. »Herrgottsackerament, derfst ma du dös fürhalt'n?« »I frag di net, ob i derf.« Nannei mischte sich ein. »Geh, teat's do net a so schiach! I geh jetzt wieda.« Sie wandte sich um und zog ihren Begleiter an der Joppe fort. »Geh weida! Mach do koane G'schicht'n!« Der Bursche sah den Jäger drohend an. »Auf 's Wiederschaug'n!« rief er. »Hoffatli bald!« »Werd da früah gnua sei.« »Wia's d' moanst! I bin alle Tag zum o'treffa. Und glei aa, wenn'st d' gar so viel Schneid hast!« Loisl machte einen Schritt vorwärts. Aber Nannei zurrte den Kreillinger weg. »Hör do auf! Geh ma do weida!...« Sie kamen an den Wald. Da pfiff Loisl. »Nannei! 's Heu hast d' gar net z'sammdruckt.« »Ah du!« Sie wandte sich nicht um, aber der Kreillinger schrie zurück: »Greana Hund! Mit dir wachs' i z'samm.« Dann verschwanden sie hinter den Bäumen. Loisl schaute auf die Uhr. »Dreiviertel auf vieri. Kimmt da Baron halt wieda net...« Er tat seinem Herrn unrecht. Der stieg gerade den Weg herauf, sehr echauffiert, Joppe und Weste offen, den Hut in der Hand. Er blieb stehen und trocknete sich mit dem Taschentuche das Gesicht ab. Die Pointner Nannei kam mit ihrem Burschen vorbei, und der musterte den schwitzenden Herrn mit einem frechen Lachen. Fries sah ihm ärgerlich und erstaunt nach; dann ging er weiter, und die eiserne Spitze seines Bergstockes klapperte auf den Steinen. Daran erkannte ihn Loisl, vor er ihn sah, und er kam ihm entgegen. »Aaah!« schnaufte Fries. »Eine Hitze hat's aber heut!« »Weil S' no kemma san, Herr Baron... jetzt tean ma ganz langsam und gemüatli; mir könna uns Zeit lass'n.« Loisl ging voran und blieb immer wieder stehen, damit sich sein Herr verschnaufen konnte. »Da is mir gerade ein Bursch begegnet mit seinem Mädel, ein unangenehmer, frecher Kerl.« »Der werd wohl frech sei!« »Hast du ihn auch g'sehen?« »Ja. Mir hamm a weng g'wartelt mit anand...« »Kennst du ihn?« »Und er mi. Mir mög'n anand net.« »Das versteh' ich. Mir war der Kerl sofort unsympathisch. Ist er von hier?« »Seine Leut hamm a kloans Anwesen bei Wiessee drent, aba bis er's kriagt, hat er's lang verlumpt. Er is erst von Laufen außa kemma.« »Im Gefängnis war er? So... so...« »In der Glashütt'n hamm s'n dawischt, jetzt werd's bald a Jahr sei...« »Beim Wildern?« »Ja... Er hat's frech gnua trieb'n...« »Bei uns auch?« »Warum net, wenn's leicht gang. Aber i glaub, er hat amal a Malör g'habt. Vor zwoa Jahr in da Gamsbrunft is mir oaner unterkemma, der hätt an Kreillinger schier gar gleich g'sehg'n in da Figur. 's G'sicht hat er g'schwärzt g'habt. I hab mi net lang erkundigt und hab eahm a Handvoll Schröt auf d' Haxen aufi g'schossen. G'hört hab i weiter nix, aber so a sechs Woch'n an acht is da Kreillinger verschwunden g'wen. Seine Leut hamm g'sagt, er hätt a Bluatvergiftung; daß er si an Nagel in Fuaß einitret'n hätt, hamm s' g'sagt. I woaß aa net, is 's wahr oder net, aber wia'r wieder g'sund war, hat er mi grimmi o'g'schaugt. De Bluatvergiftung hat si eahm auf 's Gmüat g'schlag'n.« »Eigentlich sonderbar, diese Leidenschaft«, sagte Fries. »Daß einer wegen der Jagd sein Leben riskiert...« »Z'weg'n der Leidenschaft is net. Aber a Geld braucht ma, und stehl'n is lustiger wia arbet'n. I woaß g'wiß, der Bazi, der nixnutzete, legt Schlinga...« »Das ist allerdings das Gemeinste...« »Und sunst is aa nix, als wia'r a Lumperei. Wenn so a Kerl de Goas wegschiaßt von de Kitz...« »Ja... ja«, sagte Fries ziemlich gleichgültig. »So romantisch ist es nicht, wie man es oft liest.« »Dös is überhaupts a großer Fehler, daß ma so a Heldenstückl draus macht. Derfen S' as g'wiß glaab'n, Herr Baron, dös bringt de Leut dazua, daß sie si no was ei'bild'n drauf. Aba jetzt müass' ma staad sei. Mir san nimma gar so weit weg. Beim Hallberger Mösl probier'n ma's mit'n Blatt'n.« Sie gingen auf einem schattenlosen Steig aufwärts, und die Sonne brannte heiß herunter. In immer kürzeren Abständen blieb Fries stehen, um Atem zu schöpfen und sich den Schweiß abzutrocknen. »Haben wir es bald?« »Ssst... staader!« Sie kamen auf einen Höhenrücken, über den ein kühlender Luftzug strich. Loisl blieb stehen und prüfte den Wind. »Werd scho g'recht...« Sie schritten im Walde eben fort, bis sie an das ausgetrocknete Bachbett kamen. Der Jäger blieb stehen, schnitt etliche Fichtenzweige ab und richtete einen Sitz her. Er winkte Fries mit den Augen, der sich's gleich bequem machte, sich wieder und wieder das Gesicht abwischte, seinen Zwicker abnahm, eine Brille aufsetzte und mit der Zeit und endlich fertig war. »Jetzt rasten S' no a bissel, es pressiert nix... da drunt, sehg'n S', is a Dicket neben dem Mösl, schaugen S' aber aa rechts ummi, wenn eppa da Bock durchs Hochholz aufa schliafet.« Fries nickte. »Schon gut...« Er legte seinen Büchszwilling übers Knie und zog den Hahn des Kugellaufes über. Loisl beugte sich zu ihm und flüsterte: »Tean S' d' Schrot aa übaziahg'n!« Sein Herr nickte und spannte den zweiten Hahn. Nun holte der Jäger ein Papier aus der Brusttasche und nahm daraus etliche Buchenblätter, die er sich hergerichtet hatte. Er setzte eines an die Lippen und fiepte. Fries sah aufmerksam abwärts, wo sich ein Dickicht bis zu einer kleinen, von Gesträuch umgrenzten Wiese vorschob. Es rührte sich nichts. Loisl fiepte wieder, machte das Geschrei. Nichts. Die Spannung ließ bei Herrn von Fries nach. Seine Gedanken wanderten ab nach einer hübschen Vorstellung im Theater, nach einem gemütlichen Souper, nach Mucki. An Mucki blieben sie eigentlich gar nicht lange hängen. Immer wieder machte Loisl das Geschrei, aber es rührte sich nichts. An Mucki blieben die Gedanken des Jagdherrn verwunderlich kurz hängen. Sie huschten ab zu einer eleganten, jungen Frau, die er eine Woche vorher in einer Bar kennen gelernt hatte. Ungemein elegant und rassig. Sie lebte in Scheidung; ihr Mann hatte eine Fabrik in Köln. Sie war Elsässerin, hatte was Französisches, etwas ausgesprochen Französisches in ihrem Wesen, in der ganzen Art, sich zu... Herr von Fries verspürte einen unsanften Stoß in den Rippen. Er fuhr auf. Loisl zeigte ihm ein verzerrtes Gesicht; seine Augen zeigten drohend, aufgeregt, dringend nach rechts. Da stand im Hochholz, kaum sechzig Schritte entfernt ein Reh. Der Bock, der Prügelbock mit einem wuchtigen, dunklen Gewichtl zwischen den Lusern. Fries schaute hin, der Bock schaute her; seine Lichter waren starr auf die verdächtige Erscheinung gerichtet. »Bäh... bäh... bääh!« Er schallte und sprang weg. Fries fuhr mit der Büchse auf. Wumm – bumm! Die zwei Schüsse krachten, und das Echo rollte das Tal entlang. Aus dem Hochwald kam die Antwort: Bäh – bäh – bääh! Immer noch einmal und immer weiter weg. »Jessas – Jessas! Ja, hamm S' denn den Bock net g'sehg'n?« »Ich hab doch das Dickicht beobachtet!« »Rechts hätten S' schaug'n soll'n... i hab do g'sagt... rechts... so a Trumm Bock! Jessas – Jessas – Jessas!« »Sei nur nicht so aufgeregt! Ich glaub, ich hab ihn.« »Was hamm S'?« »Getroffen hab ich ihn. Ich bin sehr gut abgekommen.« »Ah!« »Ich hab auch gesehen, daß er zusammengezuckt ist...« »Ah!« »Ganz deutlich...« »Ah! Nix hamm ma. An Dreck hamm ma.« Loisls Gesicht war von Schmerz und Kummer entstellt. Der gutmütige Herr von Fries versuchte ihm Hoffnung einzuflößen. »Wirklich, ich bin gut abgekommen.« »Ah was! Dreißig Meta hinterm Bock hamm S' in d' Bamm eini g'schossen.« »Aber Loisl...« »Oder drei Meta. G'feit is er amal. Hamm S'n denn net schall'n hör'n? Jessas – Jessas! So a Fetzenbock!« »Jetzt gehen wir einmal auf den Anschuß hinüber.« »Ja... Anschuß! Hamm S'n denn net schall'n hör'n?« »Vielleicht gerade...« »A Bock, der troffen is, schallt net. Und wia'r a übern Berg aufi groast is! Dem feit koa Haar... Aba no, wenn S' moana, schaug'n ma ummi.« Sie gingen zu der Stelle, wo der Bock gestanden hatte. »Da!« sagte Loisl und zeigte auf einen Fichtenboschen, von dem Splitter und Fetzen wegstanden. »Da hamm ma den ersten Treffa mit die Schröt. D' Kugel werd am Hirschberg ani prellt sei.« Fries wurde ärgerlich. »Also schön! Dann haben wir ihn halt nicht, Das ist auch kein Unglück.« Loisl sagte nichts und stieg aufwärts; Fries hintendrein, gereizt, verdrießlich. Eine Weile gingen sie so, dann blieb der Baron stehen und zog seine Zigarrentasche aus der Joppe. »Loisl!« »Ja?« »Bleib einmal stehen und steck dir eine an! So, und jetzt schließen wir wieder Frieden. Der Ärger hat keinen Wert.« »Aba so a Bock!« »Den kriegen wir ein anderes mal.« »Wenn da Herr Baron fleißiger gehat, na glaab i selm, daß ma scho nomal zum Schuß kamet'n.« »Ich versprach dir, auf den gehen wir. Ich bin jetzt heiß auf den Kerl.« Loisl rauchte die vortreffliche Zigarre und versuchte, zu lächeln. Es ging noch nicht recht, aber der Anfang war gemacht. »Was tun wir jetzt?« »In Zwergelgrab'n geh ma ummi. Der Bock hat den Schuß net g'hört.« »Schön... Wenn ich nur Zeit habe zum Zielen. Diesmal war's zu schnell.« »Schaug'n muaß ma halt bei'n Blatt'n, schaug'n.« »Ich hab zu viel geschaut, zu angestrengt. Immer auf das Dickicht hinunter. Ich traute mich nicht zu rühren...« »Woll'n ma's hoffen, Herr Baron, daß 's ins besser g'rat.« Sie kamen nach einer halben Stunde an den Graben und fanden in guter Deckung einen Platz, von dem aus das ganze Terrain zu übersehen war. Auf der andern Seite war ein langes Dickicht, in dem nahe aneinander mehrere mit Farrenkraut bewachsene Blößen waren. Fries hatte sich eben niedergesetzt, als Loisl ihn langsam, aber sehr fühlbar an der Joppe zog; dabei wies er mit den Augen nach links hinüber. Ein roter Fleck im Buschwerk. Fries beugte sich zurück und pisperte: »Ich hab noch nicht geladen.« Da hob Loisl seine Augen in Grimm und Schmerz zum Himmel und verdrehte sie so, daß man das Weiße sah. Beinahe weinend flüsterte er zurück: »Laden S' halt! Aber staad!« Es gelang. Der rote Fleck war wieder verschwunden. Fries gab seinen Feldstecher dem Jäger hinüber, der ihn einstellte. Nun zeigte sich wieder was Rotes. Loisl schüttelte langsam den Kopf. »A Goas«, flüsterte er. Das Reh kam mehr ins Freie heraus und äste. Da tauchte am Rand des Buschwerkes ein zweites auf. »Er is scho. Nur staad! Zeit lass'n, bis er broat steht! Sehg'n S'n guat?« Fries nickte bejahend. Er lag im Anschlag und zielte. Der Bock wandte sich, warf auf und äste wieder. Angstvoll starrte Loisl hinüber. Der Schuß krachte. Der Bock machte einen Satz und flüchtete hinter der Gais ins Dickicht. Fries schaute ihm betroffen nach, aber Loisls Gesicht verzog sich zu einem freundlichen Lachen. »Den hat's...« »Glaubst du?« »Er hat a guats Zeich'n geb'n.« Nun kam gleich Vertrauen über den Schützen. »Ich bin prachtvoll abgekommen... mitten auf dem Blatt... sollen wir...?« »Na... Jetzt raach'n mir z'erscht a Pfeif. Dem lass' ma Zeit...« Loisl riß den Feldstecher an die Augen. Oben flüchtete ein Reh aus dem Dickicht ins Hochholz. Es war die Gais. Da lachte er nochmal und nickte zufrieden. »Feit si nix. Da Bock liegt, sunst waar a nachi.« Fries machte etliche Male den Vorschlag, hinüber zu gehen; der Bock sei sicherlich verendet, aber der Jäger blieb fest. Endlich stand er auf, und sie stiegen über den Graben zum Anschuß hin. Auf den Farrenkräutern fanden sie bald Schweißtropfen. Hirschmann zog ungestüm an der Leine. »Hö... hö! Laß da Zeit! Bleiben S' da, Herr Baron, i geh mit'n Hund nachi.« Er schloff ins Dickicht, und nicht lange darauf tönte sein heller Juhschrei heraus, und dann kam er und zog den Bock am Gewichtl hinter sich her. »Weidmanns Heil! Koan bessern hamm S' no net 'gschossen.« »Weidmanns Dank!« Fries freute sich nun doch über das schöne Gewichtl und gab Loisl, der ihm den Bruch überreichte, ein Goldstück. »Dös brauchet's aba net, Herr Baron.« »Nimm's nur. Als Pflaster auf deinen Ärger vorhin...« »Weil's halt oamal z'schö g'wesen waar, wann mir jetzt den andern aa no hätt'n.« »Dann hätt ich vielleicht den nicht geschossen...« Loisl brach den Bock auf, verpackte ihn im Rucksack, und Fries bewunderte ihn heimlich, wie er die schwere Last beinahe mühelos trug. Auf dem Heimwege war er sehr aufgeräumt und gesprächig und erzählte seinem Jäger allerlei von seiner Treffsicherheit, die er bei großen Jagden im Flachland bewiesen hatte. Sie kamen vor Dämmerung ins Dorf, und Loisl hatte diesmal nichts dagegen, daß er von den Leuten gesehen wurde. Fehses hatten nachmittags Gäste gehabt, Frau Geheimrätin Calmon, Herrn Stresow, Bankier Redantz und seine Frau und einen alten Freund der Familie, Justizrat Friedmann aus Köln. Man blieb nach dem Kaffee im Garten sitzen, da die Gäste erst mit dem letzten Motorboote nach Tegernsee übersetzen wollten. Stresow saß abseits bei Henny, die in einer Hängematte lag, und übte sich im Flirten. Er schien darin einige Gewandtheit zu haben, denn häufig tönte fröhliches Lachen zu der übrigen Gesellschaft herüber, die unter breitästigen Linden saß, und Frau Calmon schickte wohlwollende Blicke zu den jungen Leuten hin, wobei sie sagte: »Man unterhält sich ja vortrefflich...« »Sagen Sie mal«, wandte sich Redantz an Fehse... »wohnt nicht hier in der Nähe ein Baron Fries?« »Kenn ich nich...« »Doch, Heinrich, das ist der Herr, dem die hübsche Villa gehört.« »So? Was ist mit dem? Sind Sie bekannt mit ihm?« »Nee«, antwortete Redantz. »Er fiel mir nur auf, gestern in Tegernsee. Das heißt, nicht er, sondern die Dame, die bei ihm war. Theater, – was?« »Ich bin nich im Bilde...« »Mia Albo aus München«, berichtete Justizrat Friedmann. »Müßten Sie eigentlich kennen, Fehse.« »Albo?« antwortete Frau Fehse. »Natürlich, die sahen wir doch im Traumulus. Erinnerst du dich nicht, Heinrich?« »Ach, die mit dem bewegten Leben? Die auf der Polizei vernommen wird? Machte sie übrigens famos. So, die is hier? Muß ich mir mal auf ihre Rolle hin ansehen. Die Echtheit war Natur.« »Sie hat so was«, pflichtete Redantz bei. »In dem Milieu fiel es natürlich besonders auf.« »Na, so ungewöhnlich ist die Erscheinung nicht«, sagte Friedmann. »Nach keiner Richtung hin. Das Mimenreich ist hier sehr zahlreich vertreten. Das bayrische Ischl...« »Hoffentlich entwickelt sich hier nicht der richtige Betrieb«, erwiderte Fehse. »Wär eigentlich schade.« »Dem kann man ja aus dem Wege gehen.« »Ich meine, wegen der Bevölkerung. Die verliert doch das Unberührte...« »Das sie jetzt hat, glauben Sie?« fragte Redantz. »Ich weiß nich, ich bin mißtrauisch.« »Wie alle Berliner.« »Rechnen Sie sich nicht mehr dazu?« »Also wie wir Berliner. Wir haben uns das ein bißchen sehr angewöhnt.« »Was ich immer sage«, rief Friedmann. »Ihr seid eine zufällig zusammengewürfelte Gesellschaft, traut euch nicht, beriecht euch...« »Daß wir nicht, wie ihr Kleinstädter, einer den andern kennen...« »Falsch, lieber Redantz! Sie können meinetwegen Köln für 'ne Kleinstadt nehmen, aber im ganzen falsch! Darum handelt's sich nich. In Wien zum Beispiel haben wir das Zusammengewohnte, Zusammengewachsene, mit der bestimmten Tradition.« »Nu schon wieder Tradition...« »Jawoll ja«, unterbrach ihn Fehse. »Davon kommt es, von dem Mangel an Tradition. Aber nich bloß davon. Es liegt schon so in unserer Natur, das Skeptische. Wir lassen Eigenart nich gelten, glauben nicht daran, nehmen sie für Absicht, für 'n Trick, oder das abschließende Urteil ist: der Mensch is nich normal...« »Normal sein ist alles...« zitierte Friedmann. »Wenn wir skeptisch sind«, unterbrach ihn Redantz, »so sind wir's ganz gewiß am meisten gegen uns selbst. Was uns fehlt, ist die Zufriedenheit mit uns selbst...« »Ganz natürlich!« »Wieso natürlich, bester Justizrat? Bei den andern is auch nicht alles Gold. Aber jeder Münchner spricht von seiner Gemütlichkeit, jeder Wiener von seiner alten Kultur, jeder Hamburger von seiner guten Küche, bloß wir werfen uns immer Mängel vor...« »Diesmal waren Sie skeptisch gegen diese bescheidenen Dorfbewohner.« »Ich sage nur, was so mein Eindruck ist. Die Leute haben so 'n Unterton, als wollten sie das unterstreichen: ›Du, ich bin fein ungemoan treuherzi...‹« Herr Redantz ahmte den komischen Dialekt nach. »Ich will Ihnen was sagen«, entgegnete Friedmann. »Sie sind durchs Bauerntheater beeinflußt.« »Wieso bin ich beeinflußt?« »Die Stimmung klingt nach. Ich weiß das von mir selbst. Wenn man so 'n verlogenes Zeug sieht, und es gerade von solchen Leuten dargestellt sieht, die dabei so reden und sich so bewegen, wie eben die Leute hier auch, dann bleibt das Mißfallen an einem hängen. Man hört zu leicht 'n falschen Ton heraus, den man noch im Ohr hat.« »Möglich, aber vielleicht werden umgekehrt die Leute durch das Theater beeinflußt. Sie sehen sich so gespielt und spielen es nach. Es ist doch auffallend, daß die Leute hier herum alle so 'n bißchen Talent zum Schauspielern haben, und daß sie sich mit einer merkwürdigen Fixigkeit in den falschen Ton finden...« Herr Fehse zog an seiner Zigarre. »Zunächst haben sie mal Talent«, sagte er. »Das sagen sie ja selbst, und das ist 'n Vorwurf, den sich die Leute gefallen lassen können. Wahrscheinlich finden sie sich eben in den Ton, den das Stück hat. Auch in den schlichten, und in den vielleicht noch besser. Wenn sie verlogenes Zeug reden müssen, na ja...« »Aber die Anpassungsfähigkeit ist mal da, und der Brustton, und der macht mich mißtrauisch...« »Eines müssen Sie gelten lassen. Das ist das Aussehen von den Kerls.« »Mein Mann sieht in jedem Bauernburschen einen Adonis...« sagte Frau Fehse. »Seh ich eben nich... Adonis is gar nicht mein Fall. Ist mir viel zu geschleckt. Was mir an den Kerls gefällt, ist gerade die derbe Kraft, die sich mit einer eigenartigen Grazie verbindet...« »Grazie?« »Doch!« sagte die Geheimrätin Calmon. »Das ist nicht zu viel gesagt, Herr Redantz, und wenn Sie sich davon überzeugen wollen, kommen Sie Sonntag mit zum Enterrottacher Fest.« »Ich bin ein bißchen gegen das Juhu...« »Nein! Nein! Kommen Sie nur, es wird Sie nicht reuen. Ich war noch jedes Jahr dort und freue mich immer wieder.« »Ausgemacht!« rief Fehse. »Wir werden alle hinkommen, und Herr Redantz soll uns das erstemal in seinem Leben rechtgeben...« »Schön. Jedenfalls ist es ein Ausflug in angenehmster Gesellschaft...« »Darf ich die Herrschaften zum Aufbruch mahnen? Es ist höchste Zeit zum Motor.« Stresow war herangetreten, und es war ein schönes Zeichen militärischer Zucht, daß er beim Flirt pflichtbewußter geblieben war als die älteren Herren bei ihren Streitfragen. Fehses begleiteten die Gäste ein Stück Weg. »Da! Nu geben Sie mal acht!« Fehse stieß Redantz an. Fries und Loisl mit dem Rehbock im Rucksack kamen ihnen entgegen. Loisl trat auf die Seite und blieb stehen, um die Gesellschaft vorüber zu lassen. »Ein Reh!« rief Henny. »Wie hübsch!« »Ein kapitaler Sechser«, sagte Stresow. »Allerdings, in Schlesien habe ich...« »Darf man sehen?« Henny lächelte süß, als sie es fragte. »Warum net?« Loisl stand mit abgezogenem Hute vor ihr, und sie streichelte den Rehgrind, der aus dem Rucksacke hing. Durch den Äser waren ein paar kleine Fichtenzweige gesteckt. »Hat er das eben noch gefressen?« fragte Redantz. Stresow belehrte ihn, daß es Weidmannsbrauch sei, den Bock so zu schmücken. »Selbst geschossen?« fragte Fehse. »Na. Da Herr Baron...« Der freundliche Kommerzienrat wollte Loisl ein Geldstück in die Hand drücken. »Na... Dank schö...« »Nehmen Sie nur!« »I dank schö. I nimm's net.« »Aber ne Zigarre? Was?« »Dös ehnder.« Loisl nahm aus dem vorgehaltenen Etui eine Zigarre. »I sag gelts Gott...« »Sie sind von hier?« »Ja.« »Wahrscheinlich alte Jägerrasse? War Ihr Vater auch dabei?« »Na. Der hat a kloans Sachl g'habt.« »Sachl?« »A kloans Anwesen... am Berg vorn...« »Wir müssen eilen«, mahnte Stresow, und die Gesellschaft trennte sich von Loisl, der seinem Herrn nachging. Unter den fremden Leuten hatte er sich nicht getraut, das hübsche Mädel richtig anzuschauen. Aber ihr Lächeln hatte er nicht übersehen. In Enterrottach war fröhliches Leben. Von weitem hörte man die hellen Klänge einer Trompete, die sich verloren, um gleich darauf wieder jubelnd in die Höhe zu klettern. Kam man näher, so mischte sich das tiefe Brummen der Baßgeige darein, und dann übertönte ein wütendes Stampfen die Musik. Von der Brücke aus bot sich ein Bild bewegten Treibens. Über dicht gedrängten Menschenhaufen wehten Adlerflaume auf den Hüten der Mädel; die weißen Hemdärmel der Burschen leuchteten heraus, und das lachte und lärmte durcheinander und drängte sich zu den Tanzbühnen, die im Freien aufgeschlagen waren. Zwischen ihnen schoben sich die zahlreichen Sommergäste durch. Alle Plätze im Wirtsgarten waren besetzt; der Schlegel donnerte auf den Zapfen im Bierfaß, Kellnerinnen liefen durch die Reihen und konnten kaum auf alle Rufe hören, immer wieder kamen Leute, suchten nach Plätzen und schleppten Stühle herbei. Ein Wagen nach dem andern fuhr vor, Herrschaftsequipagen, Lohnfuhrwerke; elegante Damen stiegen ab und mischten sich fröhlich ins Gewühl, dicke Herren, die im Geschäftsleben etwas bedeuteten, gingen in Joppen und Lederhosen herum, Scharen von Burschen und Mädeln radelten über die Brücke heran und liefen zur Tanzbühne, kaum daß sie abgestiegen waren. »Is das nich echt?« fragte Herr Fehse. »Sehen Sie mal die zwei Burschen dort; was das für baumstarke Kerls sind!« »Es gibt so ne und so ne...« antwortete Redantz und wies auf einen kleinen, unangenehm aussehenden Burschen hin. Er hatte den Hut ins Genick geschoben und in die Stirne hinein Simpelfransen gestrichen. Es war der Kreillinger Hans. Er merkte, daß ihn die beiden Herren betrachteten, und redete sie an. »Zahlt's a Maß, ös Stadtfrack!« »Was sagt er?« »Bier möchte er haben. Nee, Verehrtester, Ihnen nich...« »Habt's koa Geld? Na' leich i enk oans!« Da sich Fehse unwillig abwandte, ging er lachend weg. »Wir wollen dorthin sehen«, schlug Frau Geheimrat Calmon vor und deutete mit dem Sonnenschirm nach der nächsten Tanzbühne. Eine Schar trat gerade an; jeder Bursche führte sein Mädel an der Hand. »Sehen Sie die zweite, da vorne! Ist sie nicht reizend? Und der Bursche, jetzt dort, der eben an der Ecke ist...« Die Paare tanzten einen langsamen Landler, und wie die Klarinette gellend einfiel, ließen die Burschen ihre Tänzerinnen los und stampften im Takte auf die Bretter. Dann plattelten sie, patschten sich auf Schenkel und Knie, schmissen die Haxen in die Höhe, und jeder zeigte seine Gelenkigkeit. »Famos!« rief Fehse. »Der große Bengel dort macht's am besten. Donnerwetter ja!... Nu mal los!...« Kaum war der Tanz beendet, begann gleich wieder ein neuer. »Was die Kerls für Lungen haben!« »Sie müssen auch die Mädchen beobachten«, belehrte ihn Frau Calmon, die eine langjährige Erfahrung voraus hatte. »Wie sich jede zierlich dreht und den Burschen zu fliehen scheint. Das ist der Sinn des Tanzes, dieses Liebeswerben des Burschen, der immer stürmischer wird, und das schamhafte Widerstreben des Mädchens.« Der Kreillinger Hans schlug gerade mit dem Fuße seiner Tänzerin die Röcke in die Höhe. Man sah ein paar sehr tüchtige Waden und rote Strumpfbänder. »Zum Schlusse... sehen Sie... kommt dann die Erhörung, die Vereinigung«, erklärte Frau Calmon. Sie bemerkte etwas indigniert, daß Fehse ihr nicht aufmerksam zuhörte. Die Musik verstummte. »Dort steht ja Ihr Jäger von neulich«, sagte Redantz und wies auf Loisl, der nur etliche Schritte entfernt war. »Richtig ja... Ich werde ihn mal ansprechen.« Loisl hatte seine Bekannten schon längst gesehen, und es war kein Zufall, daß er so nahe bei ihnen stand. Henny wandte sich nach ihm um und lächelte; sie kam mit ihrem Papa auf ihn zu. »Tanzen Sie nich?« fragte Fehse. »Sie verstehen sich doch sicher gut darauf.« »Wenn 's Fräulein erlaubt...« Henny lachte. »Ich hab das noch nie...« »Dös geht von selm. Sie brauchen Eahna bloß a bissel drah'n.« »Nu mal los!« drängte der Papa, da eben die Trompete ein Zeichen gab. Alle sahen dem Paare nach. Frau Calmon führte ihr Lorgnon ans Auge, Frau Redantz klatschte Beifall, und Mama Fehse lächelte vergnügt. »Wenn i Eahna los lass'«, erklärte Loisl, »nacha machen Sie's, wia de andern; tanzen S' grad a bissel rum, bis i wieda kimm...« »Ich werde mich sicher blamieren.« »Dös sell glaab i net.« Er lachte und hielt ihre Hand fest in der seinigen. Es war ihr ein sonderbares, aber gar nicht unangenehmes Gefühl, ihre zarten Finger so derb umspannt zu fühlen. Und als nun der Landler anfing, wunderte sie sich, wie leicht und eigentlich elegant er sich mit ihr drehte. Sie errötete vor Vergnügen. Und dann plattelte Loisl, immer noch um eins schneidiger wie die andern, schnackelte, pfiff, schlug die Haxen nach hinten aus und sprang in die Höhe, daß Papa Fehse in Beifallsstürme ausbrach. »Ich wußte es ja! Sagt ich es nich? Das is'n Kerl! Hurrjeh, wie er die Beine schmeißt! Das is 'n Staat!« Als der Tanz aus war, wollte Henny gehen. »Setz ma no oan drauf!« bat Loisl, und sie war gleich dazu bereit. Frau Fehse, neben der Stresow stand, hob ihren Sonnenschirm in die Höhe, um Schluß zu signalisieren. Aber da quiekte schon die Klarinette und brummte der Baß, und das Paar drehte sich mit den andern im Kreise herum. Das nächste Mal bat Loisl nicht mehr um Fortsetzung, sondern führte Henny zu ihren Leuten zurück. Sie wurde mit Beifall empfangen. Frau Calmon versicherte ihr, sie wären das schönste Paar gewesen, und Frau Redantz sagte, sie hätte nie so was Echtes gesehen. Fehse hielt Loisl fest. »Sagen Sie mal, das muß doch kolossal anstrengend sein! Tut denn das nich weh? Sie schlagen sich ja mit einer Vehemenz auf die Beine, daß es nur so knallt!« »Wenn ma's g'wohnt is, g'spürt ma's net. De erst Zeit brennen oan d'Händ...« »Die Hände brennen? Donnerwetter ja, das will ich wohl glauben.« »Jetzt schmeckt aber a Moßl?« fragte Redantz, der den Dialekt nicht lassen konnte. »Vo dem bissel tanzen kriagt ma koan Durscht.« »Ah, da kommt der Justizrat! Schade, daß Sie das versäumt haben; Henny hat eben mit unserm Freunde hier getanzt... geschuhplättelt... un so was Echtes! Das hätten Sie sehen müssen!« »Läßt sich das nicht wiederholen?« »Wollen mal sehen... vielleicht später. Rauchen wir eine?« wandte er sich an Loisl, der sich bescheiden dankend eine Zigarre nahm. »Also auf Wiedersehen!« Der Jäger grüßte höflich und ging in den Wirtsgarten. Bei einem der ersten Tische wurde er angerufen. »No net gar a so stolz!« Er wandte sich um und grüßte das Mädel, eine Bauerntochter von Reitrain. »Ah... grüaß di Gott, Sephi! Bist d'aa herin?« »I scho. Was is denn? Tanz'st du heut grad mit die Herrischen? Oda san ma dir aa no guat gnua?« »Geh zua, was redst denn? I bin ja grad kemma.« »Hab di scho tanz'n sehg'n. Du, i kimm fei auf die Kothalm.« »Wia dös? Was tuast denn du drob'n?« »'s Miadei is krank wor'n, jetzt muaß i aufi. Kehrst d' bald amal zua?« »Wann i auf'n Weg bi, warum net?« »Koan Umweg is dir net wert?« »I hab weng Zeit.« »O Jessas! Bei dir müassat ma gar no bitt schö sag'n...« »Helfat aa net allemal.« »Na laß halt bleib'n! Du bild'st da scho a bissel gar viel ei...« Sephi wandte sich schmollend ab. Da schrie eine rohe Stimme vom Tischende herüber: »Dem greana Hund muaßt guate Brocka geb'n, na lafft er dir scho zua...« Es war der Kreillinger. Ein paar Burschen, die bei ihm saßen, lachten höhnisch, aber da hatte Loisl den frechen Kerl schon am Halsbund gefaßt, riß ihn aus der Bank heraus und warf ihn gegen das Tischeck. Die Burschen sprangen auf und schrieen wütend durcheinander. »Schlagt's 'n nieder, den Hergottsackerament!« »No zua!« rief Loisl. Von allen Tischen liefen Leute heran; schnell bildete sich ein Kreis um die Streitenden. Loisl stand ruhig, die andern schrieen auf ihn ein. Ein behäbiger Mann, den die blau und weiße Schleife an der Achsel als Festordner bezeichnet, drängte sich durch die Leute. »Was gibt's denn da? Bei uns werd net grafft.« Er kannte den Jäger. »Heiß, was is denn mit Ihnen?« »Der Kerl da hoaßt mi an greana Hund.« »O'packt hat da Jaga«, schrie einer von den Burschen. »Der hat o'gfangt.« »Is net wahr. Der ander hat'n g'schimpft«, sagte ein älterer Mann. »Also, i bitt mir a Ruah aus...« entschied der Festordner. »Heiß, san S' g'scheidt und lassen S' de G'schicht geh', und ös da, gel, wann's ös an Krach macha wollt's, lass'n mir enk außi toa.« »Hamm mir was to? Der hat an Hans'n o'packt. Hat der 's Recht?« »No staad sei! I kenn an Kreillinger scho länger. Mir lass'n de Gäst net schimpfen, und an Spektakl leid'n mir net.« Loisl ging mit dem Manne weg, und die Zuschauer verliefen sich. Fries, der mit Mucki und Morton an einem Tische saß, eilte auf seinen Jäger zu. »Was hat's denn gegeben?« »Nix b'sonders, is scho wieder vorbei. Der Bazi, den S' neuli g'sehg'n hamm, hat mi g'schimpft, und i hab'n a weng g'faßt.« »So ein Frechje!« »Ja, das is kein guter«, sagte der Festordner, ein Rottacher Bürger. »An Ihrer Stell, Heiß, tät ich mich mit dem Kerl net abgeb'n. Dem trau ich alles zu.« »Der kannt lang wart'n, bis i mi abgab damit, aber vor de Leut an grean Hund hoaß'n lassen, dös sell gibt's na do net.« »Verklagen Sie den Kerl!« »Na, Herr Baron. Auf's G'richt laffen, dös mag i net. Heut hat er seine Schmiergel, und vielleicht hab i drauß'd im Revier amal die Ehr unter vier Aug'n. Na zoag i eahm, wia'r a greana Hund beißt.« »Aber heut nimmer, bei uns da!« sagte der Bürger. »Na... na!« »Kommen Sie an unsern Tisch!« »Herr Baron, entschuldigen S', Sie wern ma's net übel nehma, aber i gang jetzt liaba.« Loisl war zorniger, als er zeigte. Was mochten die Herrschaften, die vorhin so freundlich gewesen waren, von ihm denken? Und das Fräulein? »Warum wollen Sie gehen? Sie waren in Ihrem Recht?« sagte Fries. »Scho, aber i kenn's, i derleid heut nix mehr, und de Burschen san wepsig. Kannt mi oana dumm o'schaug'n, und na gang's dahi...« »Wie Sie meinen. Ich will Sie nicht aufhalten.« Loisl ging aus dem Garten und stellte sich vor die Tanzbühne, als wollte er zuschauen; dabei sah er sich unauffällig nach den Herrschaften um. Er konnte sie nirgends entdecken. Endlich sah er sie von weitem auf der Valepper Straße herankommen; sie hatten offenbar einen kleinen Spaziergang gemacht und von dem Vorfalle nichts bemerkt. Da war es ihm leichter zumut, und er ging unauffällig weg. Fries war zu seiner Gesellschaft zurückgekehrt. »Was hast du, Schnucki? Du bist so aufgeregt.« »Nicht im mindesten. Wieso?« »Ich seh's dir doch an...« Mia war zärtlich besorgt. Aber es waren in den letzten Tagen ein paar Fäden zerrissen, oder die Sinne des gutmütigen Fries waren schärfer geworden. Er hörte deutlich den falschen Ton heraus. Eine Falte zeigte sich zwischen seinen Augenbrauen. »Schade, daß es nicht zu einer solennen Keilerei gekommen ist«, sagte Morton. »Zu einem bayrischen Volksfeste gehört das als notwendiges Appendix.« Er erhielt keine Antwort. »Hoffentlich is doch nix vorgekommen, was Sie persönlich gekränkt hat?" fügte er hinzu. »Nicht fragen!« mahnte Mia. »Wenn er verstimmt ist, reizt ihn alles. Man muß ihn allmählich zur Ruhe kommen lassen...« Sie sprach vor Dritten oft so von ihm. Wie von einem Bubi, oder von einem Hunderl, das sie dressierte. Früher hatte er das überhört, jetzt ging es ihm durch und durch. Kam es daher, daß Mucki dem gräßlichen Menschen mit so viel Selbstverleugnung ihre Zeit opferte? Nicht bloß daher. Loisl war heim geradelt und wollte noch einen Gang ins Revier machen; als er beim Rauchenberger vorbeikam, sah er den Alten vor seinem Hause sitzen und kehrte bei ihm ein. Er erzählte ihm sein Erlebnis mit dem Kreillinger Hans. »I kenn de Rass' guat«, sagte Festl. »Der Vater waar so unrecht net g'wen, aber de Alt! Neun Teufi hat dös Luada im Leib. No, ma woaß ja, wo 's her is. Ihre Leut war'n de Grandlumpen da herin, hamm all's verspielt, all's verlumpt, und der Kreillinger g'rat' eahna nach, was ma so hört. Auf den derfst Obacht geb'n...« »I scheuch'n net.« »Hab aa koan g'schiecha, aba schlau muaß ma sei; über'n Weg pass'n muaß ma solchane. Es is leicht was übersehg'n. Nix g'ring nehma, bal ma'r amal an Feind hat!« »Dös waar aa no a Feind!« »Vo hint kann oan a jeda o. Da Stärkst' und da Wildest' is lang net so g'fahrli wia so a Kalta, so oana, der koa G'wiss'n hat. Und de Rass', lass' dir sag'n, de hat koans.« »Du red'st di ja ganz in Zorn eini.« »Ah na... Der schlaft oan ei, bal ma so alt is, aber ei'g'fall'n is ma, daß heut schier a b'sunderner Jahrtag waar. Gestern vor zwanz'g Jahr, da hätt'n i und mei Alte beinah a g'spaßige Himmifahrt g'macht. Weil i z'weni aufpaßt hab oder soll si sag'n, weil i do no z'weni vastand'n hab von da Schlechtigkeit.« »War's mit an Lumpen?« Festl lachte vor sich hin. »Lump is z'weni g'sagt... No, i verzähl da's, wenn'st d' derweil hast...« »Gnua. I z'reiß heut nix mehr.« »Wart a weng, da kent i mir z'erscht d' Pfeif o.« Es dauerte eine Weile, dann konnte Festl erzählen. »I hab oan g'habt, da herin, von dem hab i's g'wißt, daß er der Schlechtest is und a eiskalta Tropf. I hab sei Fährt'n kennt wia de von mein best'n Hirsch, und wo i s' g'spürt hab, da hab i Obacht geb'n. Bin viel g'laffen, bin viel g'schloffen, hab oft paßt und lang paßt, und is ma'r aa etla mal g'rat'n, daß i'n dawischt hab. Leider, daß i nia g'schossen hab, jed'smal o'zoagt, und dös war dumm. Beim dritten Mal hat da Hundling a Jahr kriagt, is wieda raus kemma und hat im Wirtshaus de größten Sprüch aba g'haut. Daß er mi durchi tuat ohne Gnad und Barmherzigkeit. Is ma natürli wieder hinterbracht wor'n, und mei Alte hat in der größten Angst g'lebt. Ich hab s' tröst und hab s' ausg'lacht. De sell'n Hund, de bell'n, beißen net, hab i g'sagt, aba wann i aufrichti sei will, hab dem Kerl selm all's zuatraut. I hab meiner Lebtag mit etla Lumpen z'toa g'habt, aber dös war a b'sunderner. A G'schaug hat er g'habt, falsch... und ja... wia'r a Raubfisch, kalt... No, daß i weida verzähl, amal kimm i ziemli fruah hoam... es is net lang vor da Hirschbrunft g'wen... mir is a bissel surrmi g'wen, so damisch, da Kopf hat ma weh to, leg i mi also bald ins Bett, de Alt aa. I hab aba net schlafa kinna, so a Gliedaschwer'n hab i g'habt, und da sinnier i a so in da Dunkelheit. Auf oamal is mir g'wen, als hätt i was g'hört auf'n Kiesweg im Garten drauß'd. I denk ma no: steh auf und schaug! Aba na! Weil i so müad war, bleib i halt do lieg'n. Jetzt schebbert's Fensta und fallt was eina am Bod'n, als hätt oana an Stoa eina g'schmissen. Himmisackera! I raus aus n' Bett, mei Büchs aba g'rissen vom Nagel, 's Fensta auf und horch. G'sehg'n hab i nix, weil's stockfinsta war, aba es is mir g'wesen, als wann am Zaun eppas waar... i schiaß aufs Gradwohl hi... hör nix mehr. Mei Alte wacht auf und schreit: Um Gott's willen... was is? Nix, sag i... und zünd 's Liacht o... Liegt a Dynamitpatron mitten im Zimma. D'Zündschnur war abg'rissen, de hat si in der z'brochana Fenstascheib'n g'fangt und ei'zwickt... und dös war unser Rettung. Sunst waar nix mehr da g'wen, vom Häusl net und von ins zwoa net...« »Hat ma'n dawischt?« fragte Loisl aufgeregt. Festl rauchte und schwieg eine Zeitlang. »Na«, sagte der dann. »I hab wohl etla Tritt im Gart'n g'spürt, da Schuß is net weit weg davo in d' Latt'n eini... aba der Kerl is strumpfsöcklat g'wen, Schuach hat er koa o'g'habt. I hab den Tritt scho kennt und hab für mi scho g'wißt, wer alloa zu dem feigen Mord paßt hat. Aber no, der Oberamtsrichter hat aa g'sagt, es langt net amal zur Anklag. Hat's aa nimma braucht. Drei Woch'n danach war der Hund, der eiskalte, aus da Gegend verschwund'n. Und woaßt, wer dös g'wesen is? Da Bruada vom Kreillinger seiner Muatta. Da Sagschneider Korb'l...« »Der? Vo dem hoaßt's do, er waar daschossen wor'n?« »So? Hoaßt's dös? Wern's d' Leut scho wissen. I woaß nix. Aba so a bissel a G'wißheit hab i, so a innerliche, daß der Mordbrenner koa Dynamitpatron mehr in a Fensta nei g'schmissen hat...« In den Augen des Alten blitzte es auf, als er das sagte. »So, dös hab i dir verzähl'n woll'n, damit daß di in acht nimmst. Der Kreillinger hat's in der Rass'. So was laßt net aus. Aba no was möcht i dir sag'n, derfst ma's net übl nehma, du bist bei mir in d' Lehr ganga, und desweg'n red i mit dir. A Jaga sollt nia unter Tags im Wirtshaus sei, und am Sonntag scho gar net.« Loisl wurde verlegen. »I waar wohl net eini auf Enterrottach, aba da Baron...« »Der versteht's z'weng, aba du verstehst mi. Net sehg'n lass'n, nacha ko ma oan net abpass'n. I hab Jaga kennt, de san ins Revier ganga wie d' Maurer zu der Arwat. Punktum so viel außi... Punktum so viel hoam. Mit solchane tuat si a Lump leicht, da braucht a ja bloß auf d' Uhr schaug'n.« »Mi hat's a so g'reut, daß i eini bin auf Enterrottach...« »G'hörst aa net hi so wo. Bleib im Revier, hock di auf an Platz, wo's d' weit umanand siechst und selm vasteckt bist, laß di koa Zeit net reu'n und bleib hocka! Ma siecht allerhand, und i hab scho mehra wia'r van abg'lurt. Wo i a Haus g'wißt hab, dös net sauber war, hab i's stundenlang mit'n Spektivi beobacht, hab oft was g'spannt, hab oft was entdeckt. Derselbige Korbi zum Beischpiel, der is nach dera Dynamitg'schicht nimma vom Haus voni ganga, daß i'n net g'sehg'n hätt...« »Und nacha is er dir do verschwunden?« lachte Loisl. »Nacha is er mir do vaschwund'n. Mir und de andern Leut. Woaß neamd, wo der brave Mensch blieben is.« Und Festls Augen blitzten wieder auf. »Ja... jetzt wer' i geh...« »Na pfüad di Good... und nix für unguat, weil i dös g'sagt hab!« »G'wiß net, Festl, i woaß, wia's g'moant is... und gel, net daß d' glaabst, i waar z'weng da Gaudi eini... i hab halt müass'n... leida... da Baron...« »Dem muaßt da's ausdeutschen, daß er di nimma in 's Wirtshaus b'stellt.« »I laß mi nimma drauf ei, und jetzt pfüad di!« »Weidmanns Heil! Und d'Aug'n aufmacha!« Loisl hatte kein gutes Gewissen, als er draußen auf einem Stock saß und vor sich hin sinnierte. Der Alte hatte recht. Am Sonntag zur Tanzmusik laufen, Händel kriegen... Es hatte ihm auch nicht recht gepaßt. Das heißt... gar so zuwider war's doch nicht gewesen.   »Mir paßt die Einladung nicht«, sagte Frau Fehse zu ihrem Manne. »Was ist das nu wieder? Paßt nicht?« »Weil ich absolut nicht einsehe, warum ich mich hier über Dinge wegsetzen soll, die ich nie geduldet habe...« »Du hast mal wieder die strengen Grundsätze...« »Ich habe sie nicht ›wieder‹, sondern...« »Immer. Weiß schon. Sag mal Nelly, wie ist das nu? Habt ihr wirklich die höhere Moral, oder...?« »Ach bitte, keine Witze!« »Nee, gar nich. Ich denke sehr ernsthaft darüber nach. Warum siehst du das Unschickliche, wo ich es noch lange nich sehe? Was soll es uns verschlagen, wenn wir bei diesem Herrn Fries einer Dame vom Theater begegnen? Vorausgesetzt, daß sie wirklich da ist?« »Natürlich ist sie da. Und du weißt recht gut, daß es sich nicht um Antipathie gegen das Theater handelt...« »Sondern et cetera. Ich finde aber, dieses et cetera ist ausschließlich Sache des Gastgebers. Der muß am Ende wissen, wen er uns präsentieren darf.« »Er weiß es offenbar nicht; er behandelt diese Dinge nach Junggesellenmanier. Ich habe als Dame und als Mutter Rücksichten zu nehmen...« »Glaubst du, daß Henny an ihrer Seele Schaden leidet, wenn...« »In dem Ton mag ich nicht darüber sprechen. Ich weiß auch, daß Henny klug genug ist, über gewisse Peinlichkeiten wegzusehen...« »Ich traue ihr sogar zu, daß sie diese Peinlichkeiten neugierig beobachtet.« »Sie soll damit nicht in Berührung kommen; du kannst das leichter nehmen, aber ich denke anders.« »Und warum anders? Ich mache mir über diese Strenge zuweilen ketzerische Gedanken.« »Schlimm genug.« »Bloß am höheren Moralstandpunkte kann's nicht liegen. Ich sah dich schon sehr herzlich mit Damen aus der Gesellschaft verkehren, die... naja...« »Dann war es eben nicht offenkundig, und solange es das nicht war, hatte ich mich nicht darum zu kümmern.« »Eben. Da haben wir's ja. Also die Sache an sich is es nich, sondern das Offenkundigwerden, das Malör...« »Kurz und gut, du hättest mir das ersparen können.« »Erlaub mal, warum hat uns Friedmann mit dem Herrn bekannt gemacht? Weil dein Protegee Stresow happig darauf war. Vermutlich hoffte er auf eine Jagdeinladung. Übrigens, ich lege keinen Wert darauf, und wenn du nicht hin willst, sage ich ab.« »Das geht nicht mehr.« »Dann finde dich mit Fassung drein und salviere dein Gewissen, indem du einfach annimmst, daß wir bei Fries niemand treffen...« Man traf aber jemand. Außer Stresow, Redantz mit Frau und Friedmann auch einen bedeutend dareinschauenden Bühnenhelden, der sich Morton nannte, und eine pikante Dame, die sehr auffällig die Honneurs machte. »Sie wohnen sehr hübsch«, sagte Fehse zu Fries. »Haben Sie selbst gebaut?« »Ja, vor drei Jahren.« »Ganz reizend. Ländlich und doch mit allem Komfort...« »Man muß das haben, wenn man länger hier lebt. Der Baron...« es klang so, als sagte Mia »mein Mann«... »der Baron bleibt auch im Herbst zur Hirschbrunft...« »Was ist das eigentlich?« fragte Frau Redantz, die im leichten Dirndlkostüm von der Hitze zu leiden hatte und sich häufig mit Puderpapier die Nase abwischte. »Hirschbrunft... ich habe das nu schon ein paarmal gehört...« Fries und Stresow lachten; Mia stimmte in die Heiterkeit ein. »Die Paarungszeit«, erklärte Fries. »Eine Art Flitterwochen, und sehr lebhafte!« rief Mia. »Sie sollten das hören, wie die Hirsche brüllen!« »Brüllen?« »Ganz furchtbar. Mir ist es auf der Hütte jedesmal ängstlich gewesen; diese geheimnisvollen, wilden Töne aus dem Walde...« »Warum machen die Hirschen das eigentlich?« fragte Morton. »Weil eben Flitterwochen sind...« »Ah so... gewissermaßen aus ihrem Glücksgefühl heraus. Eine Ekstase sozusagen... ich finde es wunderbar, daß so ein Tier keine Hemmungen kennt, sondern ganz einfach seine Liebessehnsucht in die Wölt hinausschreit. Unsereinem würde man das allerdings kaum gestatten...« Morton wollte seinen Witz belachen, wurde aber davon abgehalten, da sich Frau Redantz an ihn wandte. »Waren Sie nich im Deutschen Theater?« »Aber ja... unter Brahm gedient. Man sagt das mit dem Stolze eines alten Soldaten...« »Sie haben in Rosmersholm den Mortensgaard...« »Gewiß, und Hjalmar und Krogstad in Nora. Ich habe in mancher Schlacht mitgeschlagen für des Nordlands Geisteskönig.« Morton sagte es reckenhaft. »Es war eine große Zeit«, himmelte Frau Redantz. »Es war die ganz große, mit den sieghaften Namen. Ich habe doch manches erlebt, Enttäuschungen, Freuden, Begeisterungen, aber ich muß sagen: das alles verblaßt, wann ich an jene Tage zurückdenke, an jene schmetternden Fanfaren, mit denen wir eingestürmt sind in die Breschen der veralteten Kunst und die Fahne einer neuen aufpflanzten...« »Haben Sie gute Hirsche im Revier?« wandte sich Stresow an Fries, und ein Lächeln der Frau Fehse belohnte ihn für dieses Attentat gegen die Vorherrschaft des Theaters. »Es tut sich. Voriges Jahr hab ich einen kapitalen Zwölfer geschossen. Wenn Sie das Geweih sehen wollen...« »Interessiert mich immer. Ich habe vor zwei Jahren im Mecklenburgischen...« »Ich war dabei, wie er ihn schoß«, rief Mia. »Es war zu traurig, wie dieses herrliche Geschöpf dalag. Ich sehe noch immer seine Augen. Es lag ein Vorwurf darin, eine Frage. Warum – –?« »Ich könnte das nicht übers Herz bringen«, sagte Morton. »Die Vorstellung, den Tod in diesen Frieden der Natur zu tragen... nein! Ich glaube, man muß dazu die ganz besondere Jagdleidenschaft...« »Und es war so etwas Hoheitsvolles um das Geschöpf. Auch im Tode noch, so etwas Majestätisches...« Das Theater riß wieder die Alleinherrschaft an sich. Aber da ereignete sich etwas Aufregendes. Der Hansgirgl vom Bauern in der Au lief in den Garten herein und schrie von weitem: »Da Loisl is g'schossen...« Alle fuhren erschrocken auf. Fries fragte mit heiserer Stimme: »Erschossen?« »Na... net daschossen... leb'n tuat a scho no... aba...« Hansgirgl berichtete keuchend und in schreiendem Tone. »D' Mahm hat mi owag'schickt, und ös sollt's an Dokta hol'n lassen. Da Loisl is am Luchseck g'schoss'n wor'n, und ös sollt's glei an Dokta telefaniern...« »Liegt er oben bei euch?« »Na, lieg'n tuat a net. Bei'n Herd hibei hockt a, und d'Mahm hat g'sagt, daß da Dokta da is, bal er hoamkimmt...« »Ja, kann er denn herunter gehen?" »D' Mahm hat g'sagt, ös sollt's telefonieren, daß da Dokta zu eahm kimmt, bal er dahoam is...« »Also kann er noch gehen?« »I glaab scho. Am Kopf hat a an Stroafschuß. Mit'n Sacktüachi hat er'n ei'bund'n, und's Sacktüachi is ganz voll Blüat g'wen, und d' Mahm hat g'sagt, ös sollt's glei telefonieren...« »Es scheint nicht so weit zu fehlen! Da hast du was für deinen Gang... Entschuldigen die Herrschaften, ich will rasch den Arzt anrufen...« »Laß mich telefonieren, Adolf! Du regst dich zu sehr auf...« flehte Mia, die in diesem furchtbaren Augenblicke alle ängstlichen Rücksichten beiseite setzte. Fries runzelte die Stirne; nur einen Augenblick, aber er runzelte sie. »Ach was... aufregen! Ich werde den Arzt ersuchen, daß er herüberkommt.« Er ging rasch ins Haus. Die Gesellschaft drängte sich um den erhitzten Buben. »Sag mal, wann ist denn das passiert?« fragte Fehse. »Wird er mit dem Leben davonkommen?« »Hat man den Ärmsten im Walde gefunden?« »War's 'n Wilderer?« Die Damen, Redantz, Stresow, alle fragten durcheinander. Hansgirgl sah sie ratlos an; dann bellte er wieder: »I bi daußd g'wen beim Groamet, und auf oamal hat ma d' Mahm gschriean, und na bin i eina in d' Kuchei, und da is da Loisl beim Herd hibei g'hockt, und da Kopf is eahm ei'bund'n g'wen, und 's Sacktüachi is volla Blüat g'wen, und d' Mahm hat g'sagt, i soll laffa, was i ko, und na bin i owa...« »Ich verstehe kein Wort«, sagte Redantz. »Für mich ist das chinesisch.« »Offenbar is es nich so schlimm. Ich schicke heute noch hinüber oder sehe selbst nach. Es handelt sich um den netten Burschen, der neulich mit Henny tanzte«, erklärte Fehse. »Gott, der Ärmste! Nun muß ihm das passieren.« Stresow tröstete Henny. »Der Junge sagte was von Streifschuß. Das is weiter nicht gefährlich...« »Nein! Daß der gemütliche Nachmittag so gestört werden muß! Immer diese gräßlichen Jagdgeschichten! Ich bin außer mir. Und ich weiß doch, wie so was den Baron mitnimmt... Wollen die Herrschaften nicht wieder Platz nehmen?« »Danke... ich bin dafür, daß wir uns verabschieden. Herr von Fries hat zu tun...« Frau Fehse sagte es sehr bestimmt, die Gesellschaft brach auf und verabschiedete sich mit einigen Worten des Bedauerns von dem Hausherrn, der eben zurückkam. Als sich die Gäste mit Ausnahme Mortons entfernt hatten, brach bei Mia ein tiefes Mitleid durch. »Schnucki! Du Armer! Nimm dir's nicht so zu Herzen! Nimm's nicht so schwer!« »Ich glaube ja gar nicht, daß es schlimm ist.« »Aber du bist furchtbar verstimmt. Ich seh's doch. Denk nicht gleich an das Ärgste!« »Vorläufig denke ich gar nichts, sondern warte ab.« »Was hast du denn? Du bist so gereizt, schon seit ein paar Tagen...« »Es dierfte sich vermutlich um ein Drama in den Bergen handeln...«, lenkte Morton ab. Loisl hatte Glück gehabt. Der Schuß hatte ihn an der rechten Stirnseite gestreift, ohne den Knochen zu verletzen. Er saß daheim auf der Ofenbank und versuchte seine Mutter, eine kleine hagere Frau, zu beschwichtigen. »Jetzt hast as«, rief sie, »von deina Jagerei! Mir is 's gar nia recht g'wen. Was brauchst du Jaga wer'n? Hätt'st d' ma dahoam g'holfa, na hätt i weniger Arbet und Vadruß, und du hocket'st net da mit'n ei'bundna Kopf.« »Is anderne aa scho was passiert, und hamm si d' Leut scho auf da ebna Straß'n d' Hax'n brocha.« »Ja, sagt ma. Dös san so Ausreden...« »Vielleicht net? Und was is scho mit'n Fuhrwerk passiert? Schaug an Koch Anderl o. Is er net a Krüppi wor'n und is g'rad auf Gmund außi g'fahr'n.« »Dös is eppas Seltsam's und is halt an Unglück, aba dös woaß ma, wia's mit die Jaga geht. Ös habt's amal d' Feindschaft mit de Burschen, und na rumpelt's z'samm, und na geht Feuer auf, und bal dir nix g'schiecht, na g'schiecht dem andern was, und na is 's Malör da, und ma kimmt nimma aus der Angst. Bal ma'r a Anwes'n hat, is ma ausg'liefert...« »Geh, Muatta, mach's net irger, wia 's is.« »Irger, sagst d'? Is vielleicht dir net arg gnua ganga? Um wia viel hat's denn g'feit, na waarst d' nimma hoam kemma?« »I bin aba da und bei'n Leb'n, und an andersmal gib i bessa Obacht.« »Da werst du Obacht geb'n, wann oana hinterm Baam füra schiaßt! Und i hab amal koa ruhige Stund nimma, wann du bei da Jagerei bleibst. I sag g'rad, wia schön kunnt'n mir's hamm, wann mir a Roß ei'stellet'n, und du tatst fuhrwerka...« »Höllsakra!« rief jemand von der Türe her. »Muaß i do nachschaug'n, ob's d' no lebst. D' Leut hamm di scho sterb'n lassen.« »Grüaß di Good, Festl!« Der Alte gab ihm die Hand. »Gar so weit felt's net, dös siech i...« »Weit gnua«, zankte die Mutter. »Um an Finga broat feit's, na waar er derschossen...« »Is er aba net. Schaug, Heißin, da waar de Mei' scho lang Wittiberin, wann's net um den Finga broat fehlat.« »Ah... du! Du kimmst ma g'rad recht. Du hast mir den Buab'n verleit' zu da Jagerei. Hast'n scho als a kloana mitzog'n...« »Und er macht mir koa Schand«, lachte Festl. »Aber dei G'sangl kenn i guat, Heißin; dös hab i an öften hör'n müass'n von meiner Alt'n. Is aa net zum wundern. Ös Weibaleut hockt's dahoam mit'n Kumma, und der sammelt si o und muaß außa. Jetzt sollt'st aber froh sei, daß 's guat nausganga ist.« »Und wia geht's an andersmal aussi?« »No bessa.« Loisl lachte. »Dös hab i der Muatta aa g'sagt, aba sie moant, sie muaß mi von der Jagerei wegbringa.« »Dös sell war nix.« Festl setzte sich auf die Ofenbank. »Dös waar verkehrt. I sag net, daß 's Jager sei für an jeden dös schönste is, und i hab mir scho oft denkt, ob i mir auf an anderne Weis' d' Suppen net besser aufg'schmalzen hätt. De paar Markeln am ersten hamm mi öfta auf sellane Gedanken bracht. Aber g'reut hat's mi do nia, daß i oana wor'n bi. Hat mi net reu'n kinna, denn d' Jagerei is in oan drin. Du bringst as koan eini, der wo 's net hat, und bringst as net außa, bal oan de G'schicht im Bluat liegt. Es derf di net vadriaß'n, Heißin. Es is g'scheiter a so, als wia Bauer sei und hoamli außi geh'. Es kimmt nia was G'scheidts raus dabei. Und da Loisl hat's amal ei'wendi drinna.« »Is scho recht. Du woaßt olwei was, und is koan anderner net schuld als wia du.« »Glaab dös net! I hätt'n wohl net dazua bracht, wann er's net in eahm drin g'habt hätt. Daß d' jetzt daschrocka bist, wia'r a so hoamkemma is, dös is amal klar, aba du muaßt net denk'n, es is all's aus...« »Amal kimmt er halt nimma hoam.« »I bin Ausgang April dreiasiewaz'g Jahr alt wor'n.« »Na hast d' halt mehra Glück als wia Verstand g'habt.« »Na, Heißin. Glück han i wohl a diam g'habt, aba da Verstand hat ma no öfter helfen müass'n. Dös hoaßt, da Jagaverstand, koa Professa bin i net g'wen.« »Mit dir werd ma net firti«, brummte die Alte und ging aus der Stube. Festl schwieg. Als aus der Küche ein ziemlich heftiges Klappern von Geschirr vernehmbar wurde, fragte er ruhig: »Hat's bei dir aa g'schnallt?« »Na. I bin an Augenblick ganz damisch g'wen; es hat mi glei draht...« »Glaab's wohl, daß dir der Kopf bremselt hat. Hast was g'sehg'n von dem freundlinga Herrn?« »G'sehg'n? Na, aba i woaß g'wiß, es is koan anderner net g'wes'n wia der Bazi.« Festl nickte, und Loisl erzählte. »Wahr is. Z'weng Obacht geben hab i. Danach is ma wohl ei'g'fallen, was du scho öfter g'sagt hast. Ma soll nix g'ring nehma und allawell staad toa. Aba no, i hab's dösmal übersehg'n. Wia'r i auf 's Luchseck aufi bi, siech i über a Wies'n a Stuck flüchtig umma springa. Es is mir aufg'fall'n und wieda net. Freili bin i langsam aufi pürscht, aba am Schlag drob'n muaß mi da Deifi verführ'n, und i geh aus da Deckung außa. G'rad a weng, g'rad an Augenblick. Hat's scho g'schnallt aa, und mir reißt's an Huat weg und draht mi. Na war i wohl glei g'faßt, laß mi fall'n und bleib lieg'n und schaug. G'hört hab i nix, weil's mir in die Ohren g'saust hat, und 's Bluat is ma owa g'laffen...« Festl schwieg und rauchte. Dann fragte er: »Wia lang moant denn da Dokta, daß d'z'toa hast mit dera G'schicht?« »Ah wa... an etla Tag.« »Laß di net sehg'n, und wenn g'rad wer kam, mach 's irger, wia 's is. Und i wers aa unter d' Leut bringa, daß du a drei, a vier Wocha lieg'n muaßt.« Loisl lachte. »Gehst du bei de Leut umanand?« »I net, mir glaabet'n s' nix. Aber i sag's meiner Alt'n, daß du schlecht beinand bist. Da kimmt de G'schicht scho rum. Es kannt sei, vastehst d', daß si oana drauf verlassat...« »Es werd scho in dena paar Tag gnua passier'n.« »Na, Loisl. In de nächsten Tag halt si der Betreffende staad. Er woaß ja net, ob net a bissel o Verdacht vorhanden is, ob net a Schandarm nachfragt, und da bleibt er dahoam, daß er recht unschuldi ausschaugt...« »Da magst d' scho recht hamm.« »Es is an alte Erfahrung. I hab amal oan kennt, an Holzknecht, an recht an versuffana Kerl, an Blaumacher. In da Hirschbrunft, i hab an Gawalier g'führt, kimm i ganz zuafälli auf an Lumpen, der mi aba z'fruah g'spannt hat und ausg'rissen is. An falschen Bart hat er g'habt, g'schwärzt is er aa g'wen, kennt hab i gar nix, aba aufg'fall'n is ma was. Der sell Blasi, der Holzknecht, is am Tag drauf, an a'n Montag in aller Fruah, glei vor de andern bei der Arwat g'wen. Jetzt hab i mi auskennt; den hat dös schlechte G'wissen fleißi g'macht. So... so... Manndei, hab i mir denkt, warst as du? No, i hab'n nacha scho außakitzelt, den Lalli, den dappigen. An Vorarbeita hab i verzählt, daß i auf München eini roas' zum Schiaß'n, daß mi der Gawalier ei'g'laden hat. Er werd's seine Holzer glei verzählt hamm, und zwoa Tag drauf hab i'n g'habt, an Herrn Blasi. So kimmt da Mensch mit'n Bravsei auf... »Herrgott, wann's nur mir aa g'lingat!« »Heb di staad und laß di net sehg'n! Wer woaß, ob's net schneller geht, als ma moant. Und jetza verzähl i meiner Alt'n a richtige Leidensg'schicht. Daß mi fei dei Muatta net aufbringt!« »Na... na! De macht's a so irger, wia's is, und i jammer ihr scho a weng was für.« »Nacha pfüad di!«   Liebe Jula! Du kannst meine Schreibfaulheit nur deshalb so unbegreiflich finden, weil Du nicht weißt, was dazugehört, hier in unserm niedlichen Bauernhäuschen einen Brief zu schreiben. Es gibt nur ein Tintenfaß, das natürlich Mama belegt hat. Erhalte ich es auf kurze Zeit, dann beginnt die Jagd nach Briefpapier, und dann fehlen Löschblatt, Kuvert, Briefmarke. Es gehört viel Energie dazu, das alles zusammenzuholen, und sitze ich endlich an meinem Tische, so macht mich das Wackeln nervös. Wie es uns hier gefällt? Mir sehr gut; Mama hat ihre Sonderstellung, wie du weißt. Anfangs wollt ich fast verzagen... Stelle Dir vor. Andauernd Regen, Aufenthalt in einer niedern Bauernstube, stundenlange Ausführungen Papas, der die Manie hat, begeistern zu wollen, wenn es ihm selbst recht mies ist. Und die Klagen Mamas über die unbegreifliche Torheit, hieher zu gehen, statt an die See! Das Wetter besserte sich, unsere Laune auch. Es ist wirklich hübsch hier, ländlich, frisch – ich hätte mit Papa beinahe gesagt »unberührt«, wenn nicht vor einer halben Stunde Bankier Redantz aus Berlin mit Frau zu Besuch dagewesen wäre. Sie geht hier, wie sehr viele ihresgleichen, im Dirndelkostüm. Gegen das Kostüm ist nichts zu sagen, wenn es ächt ist; kleidsam, sehr bequem. Aber die hundert Kilo Redantz in einem Phantasiekostüm – nee, danke! Wir schwelgen hier überhaupt etwas sehr in Berlinerei. Eine Frau Geheimrat Calmon, – Deine Mama wird sie kennen. Ihr Neffe, ein Herr Stresow, ganz Reserveleutnant. Ein Justizrat Friedmann aus Köln. Das ist unsere Gesellschaft. Für mich? Eigentlich nischt, denn Stresow, der den Liebenswürdigen ein bißchen offiziell und selbstverständlich spielte, mußte einrücken. Und doch, Ju – Jula, es gibt so was wie Flirt. Stelle Dir einen Bauernburschen vor, sehr groß, so wie Fritze Growald, elegante Figur – bitte nicht zu lächeln! –, nämlich elegant ins Derbe übersetzt, was sich sehr gut macht, bildhübsch – aber nicht, was wir auf dem Tennisplatz so heißen. Etwas Kühnes, sehr Männliches, ein Gesicht, zu dem wirklich einmal ein Vollbart paßt. Ich glaube, er ist in mich verliebt. Er zeigt es auf eine scheue, zurückhaltende Art, die einen neugierig macht. Er ist Jäger, wurde von einem Wilderer verwundet, – Du siehst, es ist alles romantisch genug. Papa, der ihn schon vorher protegierte, wollte das Jagdabenteuer von dem Helden selbst erzählen hören. Er wollte das, wie er sagte, mal ganz ächt aus erster Hand haben. Er bat den Jäger zu einem Glas Bier, und nun stell Dir die Abendunterhaltung vor – Mama, Papa, ich, der Jäger – er hat den gräßlichen Namen Alois –! – Loisl sagt man hier, und das geht noch eher. Aber Du kannst Dir das nicht vorstellen. Wir haben alle den gewissen Hochmut der »geistig höher Stehenden«, und selbst wenn uns Selbstüberhebung fehlt, glauben wir, daß diese Leute anders veranlagt und etliche Stufen unter uns sind. Auch im Begönnern liegt der Hochmut, und der Irrtum. O ja, ein recht großer Irrtum. Ich will nicht pietätlos sein, aber ich kann es doch nicht anders sagen: im Gespräche zwischen Papa und Loisl war das Feingefühl nicht auf unserer Seite. Ich bin überzeugt, daß Papa eine haarsträubende Unkenntnis an den Tag legte; kein Berliner Sportsmann wäre so taktvoll darüber weggegangen wie dieser Bauernbursche. Kaum, daß er ein leichtes Lächeln zeigte, und wenn er korrigierte, lag nie was Überhebliches darin. Sag nicht, er war so, weil ich daneben saß! So was ist angeboren, man kann es nicht lernen. Der gute Loisl, der unser geläufigstes Berliner Wort »Kultur« vermutlich nicht kennt, hat mehr davon als viele Herren aus unsern Kreisen. Ich habe gut achtgegeben. Auch wie er aß und trank, wie er annahm und ablehnte, war ganz anders, als man sich's vorstellt. »Man« – ich früher, Du noch jetzt. Wir glauben immer an die Welt, die zwischen uns und solchen Leuten liegt, und wenn ich an Redantz denke, dann gibt es auch den großen Unterschied, aber die Kultur – da hast Du das Wort – ist bei Loisl. Als er gegangen war, sagte Papa, es sei merkwürdig, wieviel Anstand in so einem Menschen stecke. Wenn ich bedenke, daß wir ihn wie was Exotisches in einer Menagerie begafft hatten, könnte ich es merkwürdig finden, wie wenig Anstand in uns steckt. Am Ende, wie hatte sich Papa sein Benehmen vorgestellt? Daß er sich betragen würde, wie Waßmann als Rüpel? Mach keine erstaunten Augen! Ich fand es nett, wie er rot wurde, als er mir zum Abschied die Hand reichte. Soll ich etwas so Natürliches mit Wenn und Aber verunzieren und Betrachtungen anstellen, wie es wäre, wenn er aus einem andern Milieu stammte, unsern Kreisen angehörte usw.? Dann wäre er eben nicht so, und alles andere wäre nicht so hübsch gewesen. Aber nun ist es Zeit, daß ich damit aufhöre. Dieser lange Brief muß mich für die lange Pause absolvieren. Laß was hören von Dir! Sind Menhards in Binz? Und Growalds und Rilkes? Nach dem unvermeidlichen Doktor Szmula frage ich nicht erst. Papa würde reimen.- Wo die Jula, – da der Szmula. Gibt es Tennisturniere? Darin seid Ihr uns über; wir haben nur das reifere Berlin. Skatspielende Kommerzienräte in Lederhosen mit nackten Knien. Und ihre Gattinnen in Dirndelkostümen. Aber nun Schluß! Viele Grüße an Deine Mama, an Mister Fred, an alle Bekannten, die nach mir fragen, und Dir innige Küsse. Deine Henny. Herrn Fehses Wißbegierde war kaum zu stillen. Dieser junge Mensch, der einer andern Welt, Klasse und Rasse angehörte, war ja eine wahre Fundgrube! Man begegnete da den seltsamsten Erscheinungen. In vielen Dingen gab es eine merkwürdige Ähnlichkeit mit der höheren Berliner Gattung, fast eine Gleichheit der Gefühle, Ansichten, Empfindungen, in sehr vielen gab es wieder merkwürdige Unterschiede. Herr Fehse stieß auf unverkümmerte Natürlichkeit, auf Naivität, auf alles mögliche, ja auf so vieles, daß er anfangs mißtrauisch war, bis er sich davon überzeugte, daß ihm der junge Mann nichts vorspielte. Dann aber gab er sich rückhaltlos seinem Wissenstriebe hin, richtete ungezählte Fragen an Loisl, und je mehr Seltsames und Komisches er aus ihm herausholte, desto eifriger war er bemüht, der Sache auf den Grund zu gehen. Aber das Sonderbarste war, mit welcher Geduld sich Loisl beschnüffeln ließ. »Gehst d' heut scho wieda zu da Gneidlin ummi?« fragte ihn seine Mutter, als er seine gute Joppe anzog. »G'rad a wengl; allaweil dahoam hocka is net lusti.« »Daß du's auf oamal mit die Summafrischla so hast? Früher hast s' nia mög'n.« »Was hab i?« »Weil's d'allaweil ummi laffst; kannt'st d' ja aa zum Festl übri schaug'n.« »Da sehg'n mi d'Leut geh'.« »Was de Gneidlin woaß, kimmt aa'r umanand.« Loisl wußte keine Ausrede mehr und holte seinen Hut vom Nagel herunter. »D' Gneidlin hat ma vazählt, daß ihre Summafrischla gar a so umtean mit dir. De Jung' hockt allaweil hiebei, hat s' g'sagt, und es kam ihr bald a so für, sagt s', als wann dir de Junge g'fallat.« »Geh zua! Den alten Weibatratsch!« »Und de Jung', hat s' g'sagt, lafft über d' Stiag'n owa, als wann's brennat, sagt s', wenn du kimmst, hat s' g'sagt.« »Laß 's guat sei, Muatta, dös san ja Dummheit'n.« »Und an Sessel, sagt s', schiabt de Jung' allaweil neben deina hi, und g'rad lus'n tuat s', wann du redst, hat s' g'sagt.« »Ah wa... Daß i halt dem Herrn an Auskunft gib, wann er mi was fragt. Weil er so freundli is.« »Eahm?« »Ja, – eahm. Und jetzt guat Nacht, geh no ins Bett, i bleib net lang aus.« Loisl schlich auf einem Wiesenwege zum Gneidlanwesen. Er hatte das Gefühl, daß er sich versteckt halten müsse, einmal wegen des Rates, den ihm der Festl gegeben hatte, und dann überhaupt. Warum ging er hin? Hatte das einen Zweck? Er wußte, daß es keinen hatte, aber da wäre für Herrn Fehse gleich wieder eine Ähnlichkeit zwischen niederer und höherer Gattung festzustellen gewesen: daß es einen jungen Kerl treibt, Sinnloses zu tun. Loisl kam nicht unbemerkt ins Haus. Die Gneidlin hatte Besuch gehabt von der Leitnerin, und an der Gartentüre traf diese mit dem Jäger zusammen. »Guat'n Abend! Bist du um an Weg, und d' Leut hamm g'sagt...?« Sie schaute Loisl, der einen Gruß vor sich hin gebrummt hatte, kopfschüttelnd nach und kehrte wieder um. Sie mußte die Gneidlin fragen und ging in die Küche. »Da is g'rad da Jagerloisl zu enk eina?« »Der kimmt oft gnua«, antwortete die Gneidlin. »Hab i dir dös net vazählt?« »Na, du hast ma nix g'sagt. Aba wia is denn dös? D' Rauchenbergerin hat mir erscht gestern vazählt, daß da Loisl auf Minka einikimmt, daß er opariert wer'n muaß.« »Ja freili! Der is scho den zwoat'n Tag herent g'wen bei inserne Summafrischla.« »Jetza so was! Und i hab no dös größte Dabarmniß g'habt und hab's da Pletschacherin vazählt, daß 's mit'n Loisl Matthäi am letzt'n is. Derweil siech i'n lebfrisch beim Gart'n eina roas'n, und du sagst aa, es felt eahm nix.« »Der is g'sünda wia'r i, und g'rad kreuznotwendi hat er's mit insern Stadtfräulein.« »Ah geh! Was d' ma jetzt du sagst! Is dös de lang g'stackelte? Mit da Brüll'n?« »Na! Du moanst ja de sell, wo beim Gerold loschiert. De inser is jung und sauber.« »Sauber, sagst d'?« »Und a geldige. Die oanzi Tochta, und de Leut hamm a Haus z' Berlin drob'n, und z' Minka drin hamm s' aa oans.« »Ja, was sagst d'ma net da? Und da Loisl hat's mit ihr?« »Dös sell woaß i net. So g'schwind werd 's net geh. Aba daß sie's guat ko mit eahm, dös hab i g'sehg'n.« »Guat ko, sagst d'?« »Dumm waar a net, mei Liabi.« »Aba selle Leut, dös is do koa Z'sammpass'n.« »Woaßt d'scho, wann si a sellane was ei'bild't...« »Jetza da schau her! Und i hab no dös größte Dabarmniß g'habt und sag no zu da Pletschacherin, Pletschacherin, hab i g'sagt, was werd ge de Heißin macha, bal ihr da Loisl z'Minka drin stirbt, hab i g'sagt, und dös alte Leut, sag i, hat aba scho gar koa Glück net auf dera Welt. Is ihra Mo so fruah wegg'stor'm, hab i g'sagt, und jetza, sag i, muaß sie ihran Buab'n aa no valiern... Dawei...!«   »Das hört sich ja an wie Vendetta«, sagte Fehse und streifte die Asche von der Zigarre ab. »Also wenn so 'n Kerl auf 'n Jäger geschossen hat, dann is es gewissermaßen Ehrenpflicht, ihm wieder eins aufzubrennen?« »Wann si's leicht macht...« »Wenn sü's leicht mocht«, ahmte Fehse nach. »Das ist großartig. Hörst du, Nelly? Wenn sich's leicht macht, sagt er. Und denn schießen Sie einfach? Aber da kann er auch tot sein?« »Kimmt aa vor.« »Kimmt, – wie? Ach so, kommt vor. Na, – und die Polizei?« »De braucht's net z'wissen.« »Natürlich, hoch oben in der Einsamkeit. Aber so sang- und klanglos kann doch auch hierzulande 'n Mensch nich verschwinden. Man wird doch suchen?« »Is net leicht suach'n, wenn er guat verramt is...« »Der Kerl liegt in 'ner Felsschlucht, was?« »Da find'n an d'Aasrab'n. Ei'graben...« »Hörst du, Nelly? Ich glaube, in der Wirklichkeit spielen sich Dinge ab, die noch romantischer sind, als was man so liest.« »Ich finde es bloß entsetzlich«, sagte Frau Fehse. »Das ist ja wie bei den Wilden.« »Es is Urzustand. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Entsetzlich kann ich das nicht heißen, und ich muß sagen, mir gefällt so 'n Leben, in dem der Schutzmann so gar keine Rolle spielt.« »Ich möchte dich sehen...« »Mich! Wer spricht von mir? Ich klettere natürlich nicht als Schmuggler oder Wilderer in den Felsen herum. Dazu bin ich zu lange auf 'm Kurfürstendamm herumspaziert. Aber das hier ist eben ne andere Sorte Menschen. Das hat andere Nerven.« »Und ich finde es falsch, so was zu bewundern«, sagte Frau Fehse. »Zuletzt ist es nur Mangel an geordneten Zuständen.« »Es is Natur.« »Nee, dafür danke ich. Ich lebe mal lieber unter Europäern.« Henny lachte herzhaft. »Was machst du aus dem armen Loisl? Und er hat doch sicher niemand erschossen. Oder?« Loisl schüttelte lächelnd den Kopf. »Aber er spricht seelenruhig von der Möglichkeit.« »Wenn Papa immer frägt und immer bis aufs äußerste geht.« »Weil es interessant ist, Kinder! Gebt doch zu, das is mal was anders.« »Aber Hypothese...« »Na hör mal! Da sitzt unser Freund Loisl vor uns, mit 'n Verband an der Stirne, und darunter is ne Schußwunde. Gerade noch dem Tode entronnen. Wo ist da die Hypothese? Ich denke, das ist grimmige Wirklichkeit, und, wie ich sage, es ist Kampf, es ist Gesetzlosigkeit, aber darum eben Natur.« »Aber wie du's ausspinnst, Papa...« »Ich will die Motive wissen, die Empfindungen kennenlernen. Das ist doch der Witz von der Sache! Ich und du und Mama und unsere Bekannten, wir würden nur das Schreckliche darin sehen, wenn es uns passierte. Der erste Gedanke wäre Anzeige und Staatsanwalt, und wir würden sagen: Gott sei Dank, daß es nich schlimmer ausgefallen ist! Aber der Mann denkt anders. Der brennt förmlich darauf, den Kerl persönlich vorzukriegen. Is es nich so?« Loisl lächelte. »Na also!« sagte Papa Fehse. »Was Redantz empfindet, wenn ihm vielleicht mal in der Friedrichstraße der Hut eingetrieben wird, das weiß ich, und das interessiert mich nicht. Aber das hier, so was Echtes und Starkes und zugleich Fremdes, das will ich kennenlernen.« »Und ich glaube«, opponierte seine Frau, »daß gewisse Empfindungen überall gleich sind, wenn die Leute auch stärkere Nerven haben als wir. Ihre Mutter – sie wandte sich an Loisl – war sicher sehr bestürzt über Ihren Unfall, und ich bin überzeugt, sie wird Todesängste ausstehen, wenn Sie wieder auf die Jagd gehen.« »A weng an Jammer hat s' scho g'habt.« »Siehst du, Heinrich?« »'n wenig«, sagte er, »'n wenig is nich viel. Und nu stell dir mal Frau Calmon vor oder eine von deinen Berliner Freundinnen! Weinkrämpfe, Migräne, Unglück... Sagen Sie mal, Loisl, so ungefähr, was sagte Ihre Mutter, als Sie heimkamen mit dem Dings da um den Kopf?« »Ja mei, g'masselt hat s' scho...« »Gmosselt...?« »G'schimpft, daß i Jager wor'n bin.« »Aber geweint hat se nich?« »Na, dös net...« »Also, Nelly, siehste? Es gibt eben doch diese Unterschiede. Auch die weibliche Psyche is hier anders konstruiert. Und was sagte denn Ihr Schatz?« »Er wird rot!« rief Henny. »Du bringst ihn aber auch zu sehr in Verlegenheit, Papa!« »I wo, Verlegenheit! Uns können Sie das doch ruhig sagen...« Loisl lächelte gutmütig. »I hab koan Schatz.« »So 'n strammer Bursche, wie Sie! Hören Sie mal, das glaube ich Ihnen nicht.« »Wirkli net.« »Na...« »Heinrich, nu frag aber wirklich nich so eindringlich! Man könnte meinen...« »Wenn ich denke, was es hier für hübsche Mädels gibt...« »Vielleicht kommt das nur dir so vor, und vielleicht verlieren sie bei näherer Bekanntschaft. Jedenfalls kann es dich doch nicht so interessieren.« »Ich werde Sie darüber noch mal fragen, Loisl, wenn wir unter uns sind. Ich glaube, Sie genieren sich bloß vor den Damen. Was?« »Ich finde, es wird kühl«, sagte die Mama und stand auf. Der Bergwind hatte stärker eingesetzt, und die Lichter flackerten in den Glaskugeln. Loisl nahm Abschied, und Henny, die die wundervolle Nacht noch genießen wollte, begleitete ihn bis ans Gartentor. Als er ihr schüchtern die Hand reichte, sagte sie lachend: »Mir müssen Sie noch mal die Wahrheit sagen.« »D' Wahrheit?« »Wie Ihr Schatz heißt...« »Aber wenn i koan hab!« »Glaub ich nicht...« »Wann i's amal sag, und i möcht aa koan...« »Oh!« »G'wiß is 's wahr...« »Wenn ich ein Mädel von hier wäre, das wollten wir mal sehen!« »Ja... wenn...« Sie lachte lustig und drehte sich rasch um. »Gute Nacht, Loisl!« rief sie zurück. Er stand am Zaun. »Gut Nacht!« sagte er leise. Und dann ging er langsam heim.   »Verreist?« Fräulein Albo sah die Wirtschafterin des Herrn von Fries verständnislos an. »Er ist vielleicht nach Tegernsee hinüber?« »Nein... der Herr Baron sind auf längere Zeit verreist«, wiederholte die unausstehliche Person, und es schien fast, als ob ein boshaftes Lächeln um ihre Mundwinkel spielte. »Ich glaub, er hat dem Gärtner einen Brief fürs gnä Fräulein geben... Josef!« »Was is?« »Hast du net an Brief vom gnä Herrn?« »Jessas ja!« rief der Gärtner, stellte die Gießkanne nieder und kam ohne große Eile heran. »Da Herr Baron hat mir an Briaf geb'n; i waar nach Feierabend auf Tegernsee ummi...« »Wo haben Sie den Brief?« Mucki war ungeduldig. Der Gärtner nahm seine Joppe, die am Zaune hing, holte ein dickes Notizbuch hervor und endlich auch den etwas zerknitterten Brief an Ihre Hochwohlgeboren Fräulein Albo. Sie riß den Brief auf und wandte sich beim Lesen von der Wirtschafterin ab, die ihre lauernden Blicke auf sie gerichtet hatte. Aber beim Theater lernt man Selbstbeherrschung. Mucki sagte mit gleichgültiger Miene zu ihrem Begleiter Morton: »Der Baron will, daß ich ihn morgen mittag in der Odeon-Bar treffe. Aber bei dem schönen Wetter in die Stadt?« »Unmöglich! Ein zu hartes Verlangen!« »Ich werde auch nicht fahren...« Mucki gab dem Gärtner ein Trinkgeld, nickte der Wirtschafterin herablassend zu und ging hoheitsvoll ab. Morton brannte vor Neugierde. »Wieso is der Trottel abgereist?« »Sprich nicht, so lang uns die Person nachschaut!« Als sie außer Sichtweite waren, gab sie ihm den Brief. »Da, – lies!« »Liebe Mia! Ich ziehe es vor, abzureisen, da mich dringende Geschäfte abrufen, und da mir aufrichtig gestanden verschiedenes nicht mehr zusagt. Du wirst mich kaum vermissen, da Du ja in Gesellschaft bist. Freundliche Grüße v. F.« »Das sieht einem definitiven Abschied sehr ähnlich«, sagte Morton. »Von der Sprache eines Verliebten ist nichts zu bemerken...« »Du kannst noch darüber spotten!« »Ich konstatiere bloß die Tatsache. Deine Gesöllschaft, das dierfte vermutlich meine Wenigkeit sein...« »Ja, du bist schuld...« »Schuld!... Das ist wieder echt weiblich...« »Ich hab dir immer gesagt, mach es nicht so auffällig!« »Und ich hab dir geschrieben, es ist Blödsinn, wann ich hieher komme. Aber du hast darauf bestanden und hast mich beruhigt. Du hast ihn als kompletten Trottel geschildert. Also wer ist schuld?« »Man kann sich auch anständig benehmen.- »Das werde ich von dir kaum lernen müssen; das verbitte ich mir.« »Verbitte es dir! Erst kompromittierst du mich, dann bist du noch ordinär.« »Ich finde deine Vorwürfe dumm... Natürlich, jetzt kommen die Tränen!« Mucki klappte den Sonnenschirm zusammen und lief weg; Morton hintendrein. Ein paar Sommergäste, die ihnen begegneten, sahen ihnen verwundert nach. »Du willst wohl, daß sich ganz Tegernsee über uns mokiert?« fragte er, als er sie einholte. »Das ist mir egal...« »Du kannst dich ja gleich als verlass'ne Ariadne präsentieren...« »Ich pfeif darauf...« »Gut. Ich werde einfach abreisen.« Die beiden stritten sich noch eine Weile, und da Muckis Tränen immer reichlicher flossen, führte Morton sie zu einer Bank, wo sie sich allmählich beruhigte. »Es handelt sich ja bloß um eine eifersüchtige Verstimmung«, beschwichtigte er. »Und wann er schon eifersüchtig is, so hast du ja den Beweis, daß er verliebt is. Ich wette mit dir, in drei Tagen hast du den reumütigsten Brief in Händen.« Sie schüttelte den Kopf. »Aber ja, Mucki! Verlaß dich drauf! Deroartige Naturen haben das an sich, daß sie schmollen und desto abhängiger werden.« Sie blieb dabei, den Kopf zu schütteln. »Ich hab doch den Mann genau beobachtet, Mucki. Ich schwöre dir, er is ein Trottel. Der reißt sich nicht los.« »Losreißen nicht, aber heimlich weglaufen, das liegt ihm.« »Um zurückzukehren.« »Nein; er ist hinterhältig, aber nicht hitzig. Er hat das sicher schon lang im Sinn gehabt; ich hab das so aus seinen versteckten Worten gemerkt. Er hat sich ja nie offen ausgesprochen. Nie! Anspielungen machen und sich sofort zurückziehen, wenn man ihn zur Rede stellte. Das machte er.« »Eigentlich ein gemeiner Charakter!« »Gestern war er übertrieben liebenswürdig. Im Hotel, beim Abendessen. Es fiel mir auf, wie er von der Partie nach Innsbruck redete, die er mit uns machen wollte. Wie er das ausmalte! Ich dachte mir noch: Was hat er denn?« »Und zu mir sagte er: Herr Morton, ich verspreche Ihnen herrliche Überraschungen. Ah soo! Das woar ja eine versteckte Perfidie! Ein solcher Intrigant!« »Du siehst doch, wie er das vorbereitet hat. Es ist nicht das erstemal...« »Wieso?« »Er is auch damals geflohen, wie er das Verhältnis mit der Baronin aufgab. Es ist das bequemste. Zu einer offenen Aussprache fehlt ihm der Mut.« Morton und Mia wurden sich darüber einig, daß noch nie ein argloses Weib das Opfer eines so gemeinen Menschen geworden, daß noch nie ein zärtliches Vertrauen so niedrig mißbraucht worden sei. Ihre edlen Auffassungen von Ehre und Pflicht flossen harmonisch ineinander, und sie kehrten als vornehm denkende Opfer eines vollendeten Betrügers zum Landungsstege zurück. Henny wollte eine Kahnfahrt bei Mondschein machen; Mama lehnte für sich ab, weil sie die Nachtluft scheute, und Papa war zu bequem; er fand es hübscher, bei einem Glase Bier vor dem Hause zu sitzen. »Dann fahre ich allein...« »Nein; ich will hier nicht in Unruhe sein«, widersprach die Mama. »Loisl soll rudern, dann brauchst du keine Angst zu haben.« »Ich weiß doch nicht, ob sich das schickt?« »Nanu! Was soll dabei sein?« fragte Papa Fehse. »Er ist mal 'n junger Mann...« »Das sind Leute, die rudern, sehr häufig. Oder denkst du...?« »Ich denke, man tut, was sich schickt, und gibt keinen Anlaß zu Klatschereien.« »Die Welt, die klatscht, ist nicht hier, und wenn sie hier wäre, möchte ich wissen, was sie dahinter finden könnte.« »Mama, du kannst einem wirklich jede Freude verderben«, schmollte Henny; »ich lasse mich doch lieber von Loisl rudern als von dem alten Kaspar, der seinen gräßlichen Tabak raucht und mich nicht versteht, wenn ich ihm sage, wo ich hinfahren will.« »Der Ansicht bin ich auch.« »Schön. Wenn ihr alles besser versteht...« Mama Fehse gab ihren Widerstand mit einem unwilligen Achselzucken auf und vertiefte sich wieder in ihren Detektivroman.   Eine stille, klare Nacht. Der Mond schob sich langsam über die Bodenschneid herauf, sein Licht floß über die Schroffen und Wälder ins Tal herunter und erfüllte es mit sanfter Helligkeit. Ein glitzernder Streifen legte sich über den See und wurde breiter und breiter. Loisl tauchte die Ruder leise ins Wasser, und Henny zog ihr Tuch fester um die Schultern, als der Bergwind kam. »Jetzt müssen Sie mir von Ihrem Schatz erzählen...« Loisl schwieg. »Ist sie hübsch? Eine Sennerin, wie man's im Bauerntheater sieht, die jodelt, wenn Sie kommen?« »Da kann i nix verzähl'n, weil i koan Schatz net hab.« »Seien Sie doch nicht so furchtbar diskret! Papa sagt, jeder Bursche hat einen.« »Auf'm Theata scho. Da g'hört's wahrscheinli dazua.« »In der Wirklichkeit doch auch.« »Kunnt's net sag'n; mi hat mei ledig's Leb'n g'freut.« »Das glaub ich nicht...« »I hätt scho koa Zeit...« »Oh!« »Sunntag und Werktag am Berg droben...« »Aber da sind doch die Sennerinnen?« Loisl lachte. »Selt'n amal; auf de meist'n Alma san Stotzen, Mannsbilder, de de Arwat versehg'n. Und wenn wo a'n Almerin is, de schaugt net so aus, wia si's de Herrschaft'n denk'n.« »Ich habe schon sehr hübsche Mädchen gesehen...« »Herunt'n vielleicht, aber dös helft mir nix, wenn i drob'n bi...« »Wie treuherzig Sie das sagen, aber es stimmt nicht.« »I woaß net, warum S' mir nix glauben. Es tat si do net passen für mi, daß i so umanander laffet wia de Burschen im Dorf. De hamm leicht Zeit, wenn s' d' Heugabel weglegen...« »Sie wollen es einfach nicht sagen...« »Woll'n... no ja... woll'n...« »Wenn Sie einen Schatz hätten, würden Sie es eingestehen? Ehrlich?« »N... vielleicht aa net.« »Aber warum? Weil ich eine Dame bin?« Loisl zögerte. »Desweg'n aa...« »Auch? Und außerdem?« »Weil Sie's san...« »Weil ich es bin? Das versteh ich nicht.« Aber sie verstand es gut, und der lustige Blick, den sie auf Loisl richtete, zeigte es deutlich. Sie fuhren am Ufer entlang. »Musik?« fragte Henny. »Beim Koanzen Hans werd da Seppl spiel'n.« Sie horchten auf die feinen Klänge einer Zither, die wieder vom Plätschern der Wellen übertönt wurden. »Können Sie jodeln?« »A weng scho, wenn's g'rad amal is, zwoastimmig.« »Bitte...« »Es werd net recht geh', alloa und ohne Begleitung...« Es ging aber sehr gut; wundervoll, wie Henny sagte, die immer noch mal um Wiederholung bat. Auch am Ufer klatschten Leute Beifall. »Nun haben Sie mir auch einmal eine Bitte erfüllt...« »Gern. A jede...« »Na... zum Beispiel erzählen?« »Weil i nix zum verzähl'n hab.« »Und wenn Sie was hätten, würden Sie's auch nicht tun. Das haben Sie selbst gesagt...« »Ja... halt... weil... no ja... weil...« »Wie heißt man das, wenn hier Burschen am Fenster stehen...?« »Zum Kammafensta geh'... fensterln...« »Waren Sie nie? Doch das müssen Sie mir sagen...« Loisl lachte. »Dös kann i net laugna.« »Also haben Sie einen Schatz...« »G'wiß net...« »Oder gehabt?« »Zum Fensterln... no ja... dös muaß net glei so ernst sei...« »Loisl! Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht!« »So is net g'moant... aba... i sag g'rad, daß ma net glei...« »Es wird immer schlimmer...« »Und nacha is dös scho woaß Good wia lang her...« sagte er resolut. »So alt?« »Net alt, aba es hat si halt nimma geb'n, und überhaupts hätt i koa Zeit net g'habt... und...« Er stockte. »Und?« »Jetza denkat i scho gar nimma dro...« »Warum?« »A so halt.« »Das müssen Sie mir sagen, sonst werd' ich böse.« »Es laßt si net sag'n...« »Weil ich es bin?« »Ja.« Sie lehnte sich zurück und warf ihm wieder einen lachenden Blick zu, bei dem es ihm heiß wurde. »Wissen Sie, wo ich Sie das erstemal gesehen habe?« »Beim Bauern in da Au...« »Sie machten ein bärbeißiges Gesicht, als wenn es Ihnen nicht recht gewesen wäre, daß Fremde oben waren.« »I?« »Doch! Herr Stresow sagte, Jäger seien immer auf dem Kriegsfuß mit Sommergästen, weil sie das Wild verscheuchen.« »War dös der Herr, der neben Ihnen g'sessen is?« »Neben mir... das weiß ich nicht mehr.« »A bissel a dicker,..« »Haben Sie sich das gemerkt?« »Ja... Is dös...?« »Was?« »I hab ma denkt, ob dös am End Eahna Bräutigam is.« Henny lachte lustig. »Ich hab keinen Bräutigam.« »Dös kimmt mir g'spaßig vor...« »Wieso?« »Ja no... a Fräulein, wie Sie...« »Es hat sich nicht gegeben, wie Sie sagen.« »I glaab's net.« »Retourkutsche! Das gilt nicht.« Henny rief es sehr fröhlich. »Weil er selbigs Mal aa dabei war, wia'r i den Bock hoam trag'n hab.« »Darauf haben Sie acht gegeben? Oder sagen Sie das nur so?« »I hab'n halt g'sehg'n, und da is mir der Gedank'n kumma.« »Damals schon?« »Ja.« »Da haben Sie ganz falsch gesehen...« »No... na is 's halt an anderner...« Er sagte das mehr vor sich hin; Henny fand es zu nett, und ganz plötzlich kam ihr ein Einfall, dem sie sofort nachgab. »Loisl, ich will wissen, wie das ist, das Fensterln...« »Ja, mei...« »Nein, horchen Sie nur, Sie müssen mir das zeigen und müssen kommen...« »Zu Eahna?« »Ja, und müssen ganz so reden, als wenn ich ein Bauernmädchen wäre...« »Aber...« »Nicht so schwerfällig! Wenn ich einen Scherz machen will, sollen Sie nicht immer mit aber kommen...« Wenn Henny die dunkle Röte gesehen hätte, die sein Gesicht überzog, hätte sie vielleicht eingesehen, daß ihr Einfall nicht ganz so harmlos war. Aber sie sprach munter darauf los. »Man liest immer davon und hört davon, und wenn ich doch schon in der Gegend bin, will ich es ganz echt kennen lernen. Denken Sie einfach, ich wäre ein Bauernmädel, und sprechen Sie mit mir genauso...« Nun mußte er lachen. »Da werd net gar soviel g'redt...« »Sondern?« »Daß ma halt's Deandl beim Kopf nimmt und abbusselt...« »Das natürlich nicht, Loisl!« »Na is 's scho nimma echt...« »Es wird auch hier Deandel geben, die es nicht so stürmisch haben wollen.« »Net leicht.« »Dann bin ich eine Ausnahme. Außerdem sind Eisenstangen am Fenster.« »Da schiabt ma'r an Kopf durchi.« »Nein – nein! Aber sehen Sie, jetzt sind Sie schon viel kecker, weil nur davon die Rede ist. So wie jetzt müssen Sie mit mir sprechen.« »Aber... wenn's die Gneidlin spannt?« »Spannt?« »Wenn s'was merkt?« »Das darf sie eben nicht. Heimlichkeit gehört doch dazu, denke ich.« »Alte Weiba schlaf'n wia de Katzen.« »Aha! Nun kommt Ihre Erfahrung, die Sie immer leugnen wollen. Aber, wenn sie es hört, sage ich eben Papa, wie die Sache war. Daß ich das kennen lernen wollte. Er wird die Frau dann schon aufklären... Wann werden Sie kommen?« Wieder wurde er rot bis unter die Haarwurzeln. »Jetzt waar's z' hell«, sagte er. »A Woch'n müaßt i allaweil wart'n weg'n an Mond.« Henny klatschte in die Hände. »Wie das klingt! Auf den Mond acht geben... ganz räubermäßig. Ich glaube, es wird echt...« Auf dem Heimwege mußte Loisl noch einmal fest versprechen, zu kommen. Man wollte den Abend bestimmen, und dann mußte er beschreiben, wie er bei der Gneidlin eine Leiter nehmen und auf die Altane steigen und ans Fenster klopfen werde. »Und dann ganz so reden, wie man eben hier bei so was spricht, Loisl!« Ob Henny wußte, wie es dem armen Kerl heiß und kalt wurde? Aber natürlich wußte sie es, das war ja gerade das Reizende daran. Loisl war auf dem Berg und schaute ein Kar ab. Ein Rudel Gemsen äste darin. Er zählte, zehn, zwölf, fünfzehn Gams; einen Büchsenschuß davon entfernt stand noch eines unter der Wand; wahrscheinlich ein Bock, und der Figur nach kein schlechter; die Krucken konnte er nicht sehen, da sie ihm Latschenzweige verdeckten; endlich trat der Bock vor, und Loisl nickte zufrieden. »Der werd recht in der Brunft; aber was mir da Baron wieder für an Patzer außa schickt? Er selm geht do net da rauf, glei gar, wenn's an Schnee hat.« Er rutschte vorsichtig zurück, setzte sich auf seinen Wettermantel und ließ sich von der Morgensonne wärmen. Tief unter ihm lag der See; das drübere Ufer war im Schatten, herüben aber blinkten die Häuser freundlich und hell herauf. Er suchte eines und fand es bald. »Werd' wohl no schlafen und vielleicht allerhand trama. Von mir aber g'wiß net. Herrschaft, Madel, du kunnt'st oan warm macha!« Er schob den Hut von der kaum vernarbten Wunde zurück und atmete tief auf. »Fensterln? G'spaß halber wie in der Kumedi. Und reden mit ihr wia mit an Bauernmadel... Was denn? Tua net lang um und mach d' Tür auf, oder i schliaf beim Fensta eini? Und betteln, daß sie an Riegel z'ruckschiabt? Nein... nein! Das natürlich nicht! Was nacha?« Draußen stehen und etwas Auswendiggelerntes hersagen und doch verraten, daß das Herz mitrede. So wär's ein rechter Spaß. Tandeln damit und ihn auslachen, weil er zu nah ans Licht hingekommen war... Warum war er's? Daß kein Ernst dabeisein konnte, wußte er. Warum gab er sich zu einem Unsinn her? Aber wie lustig sie lachen konnte und wie frei sie redete! Ganz anders wie die Mädeln da herum. Die stellten sich geschämig dumm, und jede sagte das nämliche. »Geh zua... du bist aber oana! Du bist fei koa guater...« und so dummes Zeug übereinander. Das heißt, jetzt kam es ihm dumm vor... Am Fenster stehen bei ihr, und war's bloß zum Spaß, war schöner wie anderswo der Ernst. »Und is do a Dummheit!« Er stand auf und rieb sich an der Wunde, die ihn juckte. »Deifels... deifel! I moan allaweil, i derf net no näher zuawi kemma zu dem brennat'n Liacht...« Er ging weiter, stieg durch ein Latschenfeld und kam auf den Weg, der von der Hirschtalalm heraufführte. Allerhand Gedanken gingen ihm durch den Kopf, und alle richteten sich auf seine Erlebnisse mit dem feinen Mädel. Aber was hatte er eigentlich erlebt? Er hielt sich ihre Worte vor, die er im Gedächtnisse hatte. Sie waren neckisch, freundlich, aber unbefangen und sicher. Wie sie ihn im Kahn ausgefragt hatte! Neugierig nach Weiberart, aber doch eigentlich nur wie ein Kamerad. Und ihr Vorschlag? Sie mußte den Abstand für sehr groß halten, sonst hätte sie das nicht als harmlosen Scherz betrachtet. Gefährlich war es bloß für ihn. War es nicht gescheiter, wenn er auch an den Abstand dachte? Herrgott ja, was gescheiter war, wußte er freilich, aber eine Heimlichkeit haben mit ihr, das müßte schon wunderlieb sein, und überall hatte der Verstand nicht recht. Er horchte. Von unten herauf klang eine frische Mädelstimme; die sang und jodelte, setzte aus und fing wieder an. Jetzt kam sie näher, und er verstand die Worte. »Wann'st willst a Gamsei schiaß'n, Muaßt dir aufi trau'n, Muaßt di fest anhalt'n, Derfst net awi schau'n. Wann der Stutzen knallt Und das Gamsei fallt, Da gibt's an Widerhall Durch Berg und Tal... Holiä, holiä huli, holio di hia ho...« Loisl summte mit in der zweiten Stimme, und ein freundliches Lachen flog über sein Gesicht. Das paßte gut her da auf den Berg, ein altes Jägerlied und ein Jodler drauf, der hinunter klang ins Tal, wo die Faulen noch schliefen und sich im Bett herumdrehten. Er lehnte sich auf den Bergstock und wartete. »Was eppa dös für oane is? I woaß koane da umanand, de so sauber singa ko.« Das Mädel mußte schon ganz nahe sein und gleich ums Eck kommen. »Aft san d' Jaga kemma, Hamm mir's Haus durchg'schaut Auf'n Dachbod'n drob'n Und ins Sauerkraut, Awa in's Essigfassl Hamm s' net eini g'schaut, Da war mei Stutzen drin Und no a Haut...« »Höhö! Du bist mir de recht! Dir wer i amal dei Essigfassl a weng g'nauer o'schaug'n...« Ein hochgewachsenes Mädel stand überrascht, aber nicht erschrocken vor Loisl. Ihr lachendes Gesicht war vom Bergsteigen gerötet, zeigte aber mit seiner braunen Farbe, daß ihm Sonne und Wind vertraut waren. Das helle, lichtblonde Haar war in starke Zöpfe geflochten, die sich wie ein Kranz um den Kopf legten. Den Hut trug das Mädel in der einen Hand; in der anderen hatte sie etliche Blumen. »So... so... du hast as mit die Lumpen? Jetzt wer i di arretier'n...« »Dös gang leichter, gel, als wia'r an Wildschützen fanga?« »Weg'n an leicht geh is mir gar net, aba so was Saubers nimmt ma liaba mit.« »Du brauchst ja grad nehma, und mir muaß 's recht sei...« »Beim Arretier'n is amal net anderst.« »Bist du gar a so streng, und gibt's bei dir koa Gnad net?« »Kimmt drauf o; was tuast denn zu da Buaß?« »A paar Vaterunser beten für an dalket'n Jaga...« »De g'hör'n insern Herrgott; was kriag na i?« »Di müaßt ma'r am End' gar um Verzeihung bitt'n?« »Glangt net.« »Und alls weg'n dem G'sangl? Da bin i froh, daß mir koan anders ei'g'fallen is...« »Woaßt d' no mehra solchane?« »Über d' Jaga grad gnua.« »Saggera, du muaßt uns scho gar net mög'n.« »I kenn di und de andern net; aber jetzt laß mi weiter geh...« »Na, Madel, dein Nama muaßt d' mir scho sag'n.« »Mög'st mi aufschreib'n?« »G'schrieben werd nix; i ko mir's leicht mirka.« Sie sah den strammen Burschen lachend an und er schien ihr zu gefallen. »Wia hoaßt d' nacha?« »Theresia Mayr, g'strenger Herr Jaga.« »Resei... Hört si guat o... und woher?« »Jessas na! A Schandarm is scho gar nix gegen deiner. Vo Lenggrias, wann'st as scho wissen muaßt.« »Is a g'fährlicher Platz; de hamm's mit'n Gradschaug'n, d' Lenggriaser.« »Scheuchst da's?« »Scheuch'n g'wiß net, aber mögen aa net.« »Auweh, da hab' i koa Glück.« »Vielleicht mach i mit dir an Ausnahm.« »Waar mir scho wirkli recht, wann'st du de Gnad hättst.« »Du hast as beinah gwunna bei mir.« »Beinah? Bitt di gar schö, laß's ganz wer'n. Aba jetzt han i koa Zeit mehr. Bfüad di Good!« »Bfüad di Good, Resei! Sing uns net gar a so aus!« »I lern vielleicht a paar Lobg'sangl auf d' Jaga...« Sie wandte sich zum Gehen, blieb aber wieder stehen und fragte: »Wia hoaßt na' du?« »Loisl.« »Bist vo Tegernsee?« »Von A'winkel.« Sie stutzte etwas. »Bist du am End' gar der Heiß?« »Von Anfang o; na bin is aa'r am End'. Was woaßt denn du von mir?« »Net viel, grad daß mir verwandt san.« »Kreuzsakra! A Basei und so a saubers, und net kenna! Jetza muaßt mir scho mehra sag'n.« »Is glei g'sagt. D' Urtlmüllerin is a meinigs Basei. Von dera muaßt do was wissen?« »Freili; sie is ja a Stiafschwesta zu meiner Muatta.« »Und mei Vata, der Grabner, war a Schwager dazua.« »Is a weng weitschichtig, de Verwandtschaft, aber wunderliab. Wachst so was her, und ma derfragt gar nix!« »I hab von dir allerhand g'hört; erst neuling.« »Ja so, de sell G'schicht.« »Daß s' di aufi g'schossen hamm. 's Basei hat's aus der Zeitung außa g'lesen und hat des größt Mitleid g'habt.« »Du net?« »A wengei; soviel halt trifft auf an weitschichtigen Vetta.« »I sag' dir vergelts Gott für dös Bissel; wann's wieder amal is, laßt d'as mehra sei.« »Waar ja net aus! A selle Dummheit werd' do scho nimmer passier'n?« »Lag dir was dro?« »Is dös net schiach, daß 's so was überhaupt gibt? Da muaß oan do a jeder derbarma.« »Um an jeden brauchst di net kümmern, grad um mi.« »Z'weg'n da Verwandtschaft?« »Und da Bekanntschaft; de müaß'n mir aber no a weng g'nauer machen. Wo gehst denn hi?« »Auf d'Rauchalm.« »Bist du den ganzen Summa herob'n?« »Na... na... I muß grad inserner Dirn aushelfa; dera is a Bluat ei'g'schossen.« »De hat amal recht g'habt.« »Ja freili.« »Sisnt waar'n mir zwoa vielleicht alt und graab worn und hätt'n nix g'wißt von anand.« »Na waar's aa r'a so...« »Woaß i net... aba wann's dir recht is, geh i mit dir ummi.« »Hast du soviel Zeit?« »Heut nimm i mir s', aber recht muaß dir sei.« Es war ihr schon recht, und nun gingen die beiden plaudernd und lachend der Rauchalm zu; wer dem Paar begegnet wäre, hätte seine Freude daran haben müssen. Loisl war übermütig und gesprächig, er fühlte sich wie von einem Drucke befreit, und die schlagfertigen, neckenden Antworten des Mädels reizten ihn nach der Kopfhängerei der letzten Tage erst recht zu lustigen Reden. Die Dirn in der Rauchalm, ein altes Leut, ächzte zuerst verdrießlich über ihren Zustand und das lange Ausbleiben der Hilfe, aber Resei gab ihr kaum an und griff überall flink zu, mit einer Gewandtheit, die Loisl bewunderte. Er saß in der rauchgeschwärzten Hütte am Tische und löffelte behaglich einen Weidling Milch aus, den ihm das Basel hingestellt hatte. Und da er sah, daß er im Weg umging, nahm er Abschied und fragte, ob er am Abend noch einmal zukehren dürfte. »Zuakehr'n scho, aber dableib'n net. Mir hamm koan Platz, und es passet si net...« »Ums Dableib'n hab i net o'g'halten.« »Nacha is dir a Frag derspart; d'Mannsbilder san oft a weng ei'bilderisch.« »Dösmal san's d' Weiberleut g'wen; i bleib liaba auf meiner Hütt'n.« »Da bist du an ausnahmsbraver Jager.« »Und du a wunderseltne Almerin; di müassen aber scho viel g'fragt hamm, weil du mit da Antwort so g'schwind bei da Hand bist.« »Grad soviel, wia abblitzt san.« »Hast d' mi dazua zählt, na hast um oan z'viel g'rech'nt.« »I hab di scho wieder abzog'n; aber jetzt geh zua! I hab net soviel Zeit wia r'a Mannsbild.« »Bfüad di Good, und ziahg deine Krall'n ei, wann i wieder kimm; i tat di gern amal schnurr'n hör'n.« Er ging lachend fort, blieb nach einer Weile stehen und juchzte zur Hütte hinunter. Aber da schau her! Das fleißige Resei, das so gar keine Zeit hatte, stand noch unter der Türe und antwortete mit einem langgezogenen Juhschrei. Sie hatte ihm nachgeschaut und die Arbeit darüber vergessen. Es ging sich leicht bergauf mit einem fröhlichen Sinn, und bald hatte er die Hütte aus den Augen verloren und war allein in der Stille, die ihn umfing. O du kleinwinzige Welt! Wie sie unten lag, als hätte sie unser Herrgott aus der Spielschachtel zusammengestellt, Häuser und Hütten, die sich um eine Kirche mit spitzigem Turme drängten, Bäume in langen Reihen als Wiesenhage, die das Land in lange und breite Vierecke teilten, Flußläufe wie aus Silberpapier geschnitten, die sich alle hinzogen zu dem tiefblauen See. So frei war es heroben, so weit weg von den Kümmernissen der Menschen, die sich unten herumtrieben und viel zu klein waren, als daß man sie hätte sehen können. Einen Augenblick lang fiel ihm ein, was ihm etliche Stunden vorher soviel Nachdenken gemacht hatte. Wie weit war es auf einmal weg, als wär's vor langer Zeit gewesen! Was war geschehen? Nichts. Und doch hatte sich alles geändert; es war ihm zumut, als wäre er erst jetzt wieder richtig daheim und wäre eine Zeitlang fort gewesen. Die paar frohen Stunden mit dem Mädel hatten ihm gezeigt, wie lustig sein junges Leben war, viel zu schön, als daß man sich dummen Wünschen und einer falschen Trübsal hingeben durfte. Er dachte nicht darüber nach, er war ohne Besinnen und Grübeln aufs Rechte gekommen; ein junger Stamm ist biegsam und schnellt zurück, wenn er wieder frei wird. Ein wohlbekanntes Pfeifen erinnerte ihn daran, daß man im Revier nicht in Gedanken verloren herumtappen dürfe. Steine zappelten, und als er sich rasch nach der Richtung umwandte, sah er einen Gamsbock in der Wand rückwärts flüchten. »Höi... höi... Manndei, laß dir Zeit! A'schaug'n werd ma di do no derfen.« Der Bock stand auf dem Kamm und schaute neugierig zurück; er hob sich frei gegen den Himmel ab, und Loisl hatte ihn rasch im Perspektiv. »Sechsjahrig und am Buckel schwarz; der kannt an guat'n Bart kriag'n...« Er legte den Bergstock wie ein Gewehr an und zielte hinüber. »Bumm!« sagte er. »G'hörast scho mei, wenn's Kathrein waar. Ja... pfeif no!« Nun schloff er durch die Latschen, untersuchte die Salzlecken und stieg ab ins Hochholz, überall Fährten prüfend, ganz bei der Sache und voll Freude daran. Als es Abend wurde, pürschte er langsam zurück. Dunkle Schatten legten sich über die Almwiesen und hüllten tausendfaches Leben in Schlaf; wo noch die letzten Sonnenstrahlen hohe Baumgipfel in Licht tauchten, zwitscherten etliche Singvögel. Bald verstummten auch sie. Da und dort trat Wild aus, sicherte und begann zu äsen. Überm Kamm tönte das Geläute von Kuhglocken herauf; das Vieh war ausgetrieben und weidete ruhig, da es nicht mehr von den Fliegen geplagt wurde. Loisl ging der Hütte zu. Ein Licht grüßte ihn wie freundliche Einladung. War 's Herdfeuer, und wartete Resei auf ihn? Ein altes Almerlied fiel ihm ein, und er summte die Strophen für sich hin. ›Mir sitzen ins hi vor die Tür, Schau, wia schön grasen de Küah! Die Senndrin, de sitzt si neben mein, Was kann denn noch fröhlicher sein? Und sie singt mar a Liadl voll Freud, Daß 's an Hall übers G'wänd außi keit, Wo der Guguck schö schreit. ‹ ›Jetzt geh ma ge eini ins Bett, Ganz freundli hat d' Sennerin g'redt...‹ »Ja... oder was! Gar so freundli hat s' net g'redt, wia s' bloß g'moant hat, i kunnt was moana. Passet si net... A Schneid hat dös Madel, und an Ernst beim G'spaß...« ›Auf da Alm is ganz andest, mei Bua, Kannst d' Hosen aufhänga mit Ruah...‹ »I moan allaweil, de wer i ang'halten müassen... hö!...« Eine Kuh rumpelte erschrocken von ihm weg und galoppierte mit scheppernder Glocke auf die Hütte zu. Und dann stand er auch schon vor der Türe und klopfte an. »Bist as du?« »Ja... mach no auf, Resei!« Sie öffnete und grüßte ihn freundlich, sagte aber: »'s is eigentli koa Zeit mehr.« »Ja mei, i muaß draußd bleib'n, solang Schußliacht is.« »Mir is weg'n der Wab'n, daß mir de koa G'red hermacht.« »Waar ja net aus, bal der nächste Verwandte nimmer zuawi geh derfat.« Sie lachte. »Is s'scho soviel näher wor'n in oan Tag? Aber du werst Hunger hamm.« »Jetzt hast amal was G'scheits g'sagt, Deanei.« »Na' koch i dir an Schmarr'n.« »Ganz richtig, schenier di no grad net!« Sie rührte flink Mehl und Wasser an, warf einen Brocken Schmalz in eine Pfanne und stellte sie ans Feuer, in das sie dürres Holz legte. Er setzte sich neben sie auf den Herd und sah ihr zu. »›Und schlagt mir sechs Oar in a Schmalz...‹« rezitierte er. »Da werst di brenna; mit die Oar is nix.« »Braucht's net, aber vielleicht kennst du dös Liadl?« »I kenn's scho...« »Na woaßt aa, wia's weitergeht? ›Daß i stark wer zum Falz...‹« »Du redtst di 'a ganz leicht.« »I net, aber 's Liadl.« Sie schaute ihn an. Aus seinem gebräunten Gesicht blickten ihr gutmütige, lustige Augen entgegen, ein Lachen saß ihm in den Mundwinkeln; er konnte einem Mädel schon sehr gefallen. Sie stocherte eifriger in der Pfanne herum und wurde rot; aber vielleicht war's nur der Widerschein vom Feuer. »So... jetza«, sagte sie und stellte die Pfanne auf den Tisch, nachdem sie ein Holzbrett untergelegt hatte. »Laß dir's schmecken.« Er folgte ihr gerne und löffelte den Schmarren ohne Hast, aber mit gründlicher Sorgfalt heraus. »Verzähl mir a weng was, Resei.« »I woaß net gar a so viel...« »Von deine Leut, daß i d' Verwandtschaft a bissel kenn.« »Ja mei, mir san grad unserner drei; d' Muatta, mei Bruada und i. Da Vater is scho lang g'storb'n.« »Und jetzt hat d' Muatta 's Anwesen?« »Bis da Sepp heiret. Er möcht scho lang, aber d' Muatta übergibt net gern. Is ja aa letz, a fremd's Weibets regiern sehg'n...« »Des sell braucht freili beißen; wia groß is enker Sach?« »An achtz'g Tagwerk, ziemli a Holz dabei. Küah fuattern mir zwanzgi.« »Höllsaggera! Da san mir Fretter dagegen mit inserne vier Stuck.« »Bloß du und dei Muatta?« »Ja...« »Na is leicht groß gnua. Hilfst d' mit bei der Arwat?« »A weng; recht viel Zeit hab' i net.« »De tat i mir halt nehma; dei Muatta muaß do aa scho bei die Jahr sei, und so a Trumm Mannsbild wia du...« »I hab' halt mein Jagddeanst...« »Ah, dös hoaßt do nix neb'n der richtigen Arwat.« »Jetz is recht. Is d' Jagerei nix richtigs?« »De is zum Vagnüag'n da...« »Für mein Herrn vielleicht, aba net für mi...« »Was brauchst du an Herrn, und kunntst dei eigner sei?« »Jetzt siech i guat, du hast as a weng gegen d' Jaga; is mir scho heut in da Fruah sö fürkemma. Aber G'spaß beiseit', glaabst du vielleicht, i geh' grad so spazier'n mit 'n Schiaßprügel?« »Is 's recht viel anderst?« »Aba scho ganz anderst. Dös derfst mir glaab'n, i plag mi scho bessa wia'r a Bauernsohn oder a Knecht. Der Schnapper da mit der Heuarwat, der geht bloß a so drein bei mir, und bal s' vorbei is, was tean denn de andern? Tabak rach'n und d'Ohrwaschel rühr'n, daß s' eahna net ei'schlafen. Oder is dös was, dös bissel Dungert fahr'n und im Winter d' Holzarwat? Geh', hör mir auf! I bin 's ganze Jahr draußd bei an jed'n Weda und steh' jed'n Tag vor der Sunn auf. De Bauern achezen scho, wann s' im Summa vierzehn Tag hinteranand schö is, und bet'n um an Reg'n, daß s' in Gotts Nam' wieder amal ausschlaf'n kinna. I hab' koa Dahoambleib'n beim Regen. Und bis i oamal in a Wirtshaus kimm, san de andern dreiß'gmal drin g'wen. Des moants allaweils, dös is so a Sunntagsgaudi und braucht nix, als wia r' an Schneidhacken am Hut hamm und a Bix am Buckel. Mei Liabi, d' Jagerei braucht an Fleiß und an Verstand und an richtigen Menschen, auf den a Verlaß is. Mir schaugt mei Jagdherr net nach, ob ich mei Sach richtig mach, mir muaß dös mei G'wissen o'schaffen...« Sie sah lächelnd, wie er in Eifer kam, und hörte ihm gerne zu. »Jetz iß no wieder!« sagte sie, »sinscht werd dir da Schmarr'n kalt.« »Is ja wahr; ma kennt's, daß du von Lenggrias bist, wo s' d' Jaga net mögen.« »I hab' no koan kenna g'lernt. Aba de Bauern, de bei ins viel außi gengan, hört ma net gar so loben.« »Is aa nix; dahoam versamen s' d' Arwat, und draußen san s' für nix.« »Jetzt sagst as selm.« »Ja, Madel, dös is was anders; i red von der richtigen Jagerei, net von Umanandschiaß'n und Schind'n und Umbringa, was Haar und Federn hat.« »Aba wenn's d' dei Sach dahoam hast... Waar's net do schöner?« »Da hätt' mir d'Arwat nia g'langt. Was waar's nacha g'wen? Umanandflankeln?« »Auf de Weis' bist du z'letzt gar zweg'n da Plag Jaga wor'n?« »G'schiecha hab' i s' net, und dazua ganga bin i, weil i aufg'wachsen bin dabei.« »Aft muaß i gar no mei Meinung umändern?« »Werd Zeit sei, daß d' amal lernst, was d' Jagerei is...« »Is recht. Aber heunt nimma; heunt geh'n i ins Bett... und du muaßt di jetzt auf'n Weg macha.« »Muaß i?« »I moan do scho.« »I legat mi aufs Heu...« »Na... na... mei Liaba! Fang mit dem net o!« »Bal 's aber so weit is auf mei Hütt'n...« »Is de schönste Nacht.« »Geh', Resei! Muaß i no a Stund weit laffa?« »Hast du mir net verzählt, wia gern du di plagst?« »Bei'n Tag...« »Laß guat sei... dös is umasunst.« Sie sagte es so ernst, daß er sein Bitten aufgab und nach Büchse und Rucksack langte. »Vielleicht bin i recht dumm«, sagte er. »Bist no nia g'scheiter g'wen.« »Guat, i geh. Aber oan G'fallen verlang i...« »Bal 's sei ko...« »Leicht. Hock di mit mir a weng vor d' Hütt'n außi...« »Aber schau, d' Wab'n...« »Hast d' selm g'sagt, daß 's so schö is...« »A Viertelstund, aber net länger.« Sie saßen nebeneinander auf der Bank, und unwillkürlich fanden sich ihre Hände, als sie in die Nacht hinaushorchten. »Wia waar's denn, Resei, wann mir oans singet'n mitanand?« »Wenn uns de Alt hört...« »Na' wacht s' schö auf...« »No ja... nacha... bring i de Zither außa.« Sie holte sie, und er spielte. »Steig i auf die hohe Alm, wo's viele Gamsein geit, Da han i mit mein Stutzen a saggerische Schneid, Ja, auf da hohen Alm, Wohl auf da höchsten Schneid, Bei meina Sennderin Han i mei Freid.« »Siehgst as, Resei, dös muaß wahr sei, daß ma bei der Sennerin bleiben derf. In an jeden G'sangl geht's auf dös naus.« »Bleib no; Sennderin is d' Wab'n...« Sie lachten, und dann sang sie ein paar Lieder, die er nicht kannte, aber beim Jodler tat er mit, immer lauter und schneidiger. »Jetzt is Schluß«, sagte Resei; »der Hoamgart hat si lang gnua außizog'n...« »Oans no! Kennst dös: Über de Alma?« »Ja, dös kenn i, fang no o!« Er setzte kräftig ein: »Über de Alma, über de Alma... Wann'st vorbei gehst, nacha schreist ma, Und wann du glaub'n tuast, daß i schlaf, Na wirfst a Stoandl aufi auf mei Dach. Und 's Dirndl hat g'schlafen, Hat dös Stoandl überhört, Und wia sie munter is wor'n, Da hat sie bitterli g'röhrt. Es hat scho oans g'schlag'n, es hat scho zwoa g'schlag'n, Es schlagt scho drei und vieri, Sollt i hoamgeh, sollt i ädableib'n? Pfüat di Good, mei Liabi!« »Jetz geh aba!« »I geh scho, und kemma tua'r i aa wieda.« »Kimm no, mi g'freut's...« »G'freut's di aufrichti, Resei?« Er hatte sie an beiden Händen gefaßt und schaute ihr in die Augen; in denen las er eine Erlaubnis; er nahm sie herzhaft beim Kopf und busselte sie ab. »Du!« »No a paar!« »Aber jetzt guat Nacht...« »Hab i koan Nama?« »Loisl!« »Du liabs Madel, pfüad di Good... 's letzte zum Abschied. Sie sträubte sich nicht. Als er ging, war ihm so lustig zumut, als könnte er fliegen; er pfiff und sang vor sich hin und reckte die Arme auseinander in Freude und Kraftgefühl. Nach einer Weile blieb er stehen und schaute zurück. In der Hütte war noch ein Licht, jetzt erlosch es. Guat Nacht, Resei! Der Mond stand hoch über den Bergen. »Ja, du g'schwollkopfeter Kerl, du liaber, was sagst d' jetzt da?« Hatte er nicht auf ihn heruntergesehen vor etlichen Tagen, selbigesmal auf dem See? Ein paar Worte von damals fielen ihm ein. Daß er keinen Schatz habe und auch keinen möchte von da herum. O du Schafhammel! Und der dicke, gelbkopfete Kürbis da droben hatte es mit angehört. Aber jetzt? »Hast ma wieda zuag'schaugt und dein G'spaß g'habt, du Spitzbua, du alter!«     »Lustig is schon,     Voraus in Summa,     Meine lustigste Zeit     Geht in Alma uma. Der oa links und der ander rechts, Der oa fragt s', und der ander möcht s', Der oa schickt ihr an Gruaß, Der ander hat s' scho beim Fuaß...     Hujuhu hui! Juhu!« Ja, Loisl, jung sein ist was Schönes und was G'spaßiges auch. Frau Geheimrat Calmon war zu Fehses herübergefahren und hatte nur die Mama angetroffen; Herr Fehse war mit Henny nach Kaltenbrunn ausgeflogen; seine Frau hatte es wegen Migräne abgelehnt, die Partie mitzumachen. Aber so war es der Geheimrätin gerade recht; sie hätte es nicht besser treffen können, denn es gab etwas zu besprechen, was sich am besten unter Damen abmachen ließ. Vorerst nur eine Idee, ein Wunsch, den die Tante des Herrn Stresow hegte. Henny hatte dem jungen Manne gefallen, die Partie war gut, recht gut sogar; es handelte sich also nur darum, ob man sich auf der anderen Seite über die Vorteile der Verbindung klar war. Ein paar Andeutungen genügten, um Frau Fehse über den eigentlichen Zweck des Besuches aufzuklären, und sie griff das diskret vorgebrachte Anerbieten mit Begeisterung auf. Stresow \& Lademann! Ein Bedenken wäre lächerlich, ja frivol gewesen. Die Spreewerke standen in hohem Ansehen, die Familie nicht minder. Crême de la Crême hatte neulich Redantz von ihr gesagt; sie stand in naher Verbindung mit ersten Familien Berlins, auch mit einigen Größen im Rheinland. Und der junge Stresow war korrekteste Norm in seinen Ansichten und Manieren. Frau Fehse strömte von Herzlichkeit über, als sie ein wünschenswertes Glück in solche Nähe gerückt sah; sie gab der hochverehrten Geheimrätin zu verstehen, daß sie im Bilde sei, und auch, daß die Wünsche der klugen, erfahrenen Dame mit den ihrigen übereinstimmten. So konnte Frau Calmon sehr bald ihr Geheimnis entschleiern und offen reden. »Wir verstehen uns«, sagte sie; »vorausgesetzt also, daß Ihr Töchterchen...« »Henny ist Gott sei Dank wohlerzogen und...« »Man kann nie wissen; im übrigen handelt es sich ja vorerst nur um eine Idee von mir. Wenn sie Ihren Beifall hat und wenn Ihr Mann...« Frau Fehse zog unwillkürlich die Achseln hoch, wie in feindseliger Abwehr einer lächerlichen Möglichkeit. »Wenn Ihr Mann glaubt, daß sich diese Idee verfolgen ließe...« »Glaubt! Er würde zu diesem Glauben rasch und gründlich bekehrt werden!« »Dann käme es vor allem darauf an, daß die jungen Leute sich wiedersehen würden. Mein Neffe hat leider einen kleinen Unfall erlitten...« »Ach! Doch hoffentlich...« »Nein, es ist nicht schlimm; er war eben den ersten Tag beim Regiment, da stürzte er mit dem Pferde. Seine Mama hat mich beruhigt, er hat nur ein paar Quetschungen erlitten.« »Der Ärmste!« »Er hat die Übung abbrechen müssen und wird nach Baden-Baden kommen.« »Gott, das träfe sich gut! Meine Schwägerin ist dort und dringt darauf, daß wir sie besuchen...« »Sie sagten mir das neulich, und ich dachte auch daran; vielleicht reisen Sie hin...« »Nein, wirklich! Das trifft sich großartig.« »Ich will etwa in zehn Tagen nach Baden-Baden; wenn Sie auch dort wären...« Frau Fehse war sogleich entschlossen und damit von Kostümsorgen bedrängt. War sie genügend versehen, oder sollte sie in München das Fehlende ergänzen? Oder in Baden-Baden? Sie faßte sich aber wieder und wandte sich der Geheimrätin mit erhöhter Liebenswürdigkeit zu. Die Damen trennten sich im besten Einvernehmen und wollten zuletzt die Reise gemeinsam machen. So stand Papa Fehse vor einem fait accompli, als er ahnungslos zurückkehrte. Er wurde in seiner Schilderung der Reize von Kaltenbrunn jäh unterbrochen, um die Nachricht entgegenzunehmen, daß er sich aus der gepriesenen Ruhe und Behaglichkeit in das rauschende Leben eines Kurortes zu stürzen habe. »Na hör mal...« »Wie du überhaupt nur einen Moment überlegen kannst...« »Kann ich immer und halte mich sogar für verpflichtet, es zu tun. Immer kaltes Blut, Nelly!« »Es handelt sich um Hennys Lebensglück.« »Wollen mal sehen; vorläufig handelt es sich jedenfalls nur um 'nen Einfall von der alten Schachtel.« »Heinrich!« »Is es anders?« »Wie du so was sagen kannst! Frau Geheimrat Calmon hat Gefallen an Henny gefunden und gibt sich die Mühe...« »Na, so groß is die Mühe nicht, und außerdem ist das ja eine Lieblingsbeschäftigung älterer Damen...« »Ich konnte mir denken, daß ich bei dir nur höhnischen Widerspruch finde.« »Wart's mal ab! Ich lasse mit mir reden, aber ein Unangenehmes hat diese Reise.« »Wieso?« »Es riecht wie Nachlaufen.« »Nicht im mindesten. Wir besuchen Kitty; zufällig ist Herr Stresow als Rekonvaleszent dort...« »Und zufällig weiß er ganz genau, daß seine Tante das arrangiert hat...« »Tut man das nicht immer in solchen Fällen?« »Weeß ich nich. Und der zweite Punkt meiner väterlichen Bedenken ist, daß mir der junge Mann nich so kolossal imponiert hat.« »Natürlich nicht! Dazu hat er viel zu gute Manieren...« »Danke!...« »Aber wenn du glaubst, daß ich Hennys Glück verscherzen lasse mit derartigen lächerlichen Ansichten, so irrst du dich; ich weiß, was ich als Mutter zu tun habe, und ich...« »Na... na... na... nur keine Aufregung! Wir wollen mal die Hauptperson hören... Henny!... Henny!« »Papa?« »Komm mal runter, aber dalli!« Henny kam in die Stube; sie sah, daß Mama ziemlich aufgeregt war, und ihre Neugierde regte sich. »Was ist los?« »Wir hatten eben hochwichtigen Familienrat und...« »Herr Stresow interessiert sich für dich...« fiel Frau Fehse ein. »Keine Ausschmückungen, Nelly! Also Frau Calmon war hier und ließ durchblicken...« »Bitte, sie hat klipp und klar gesagt...« »Schön! Also Frau Calmon hat klipp und klar gesagt, daß vielleicht 'ne Möglichkeit besteht, daß du vielleicht ihrem Reserveonkel gefallen kannst...« »Nun rede aber ich! Henny! Die Frau Geheimrat ist eigens herübergekommen, um – natürlich nich plump, sondern diskret – anzufragen, was du und was wir darüber denken, wenn Stresow sich für dich interessierte...« »Gott, ich finde ihn nicht unsympathisch...« »Du weißt doch, daß er eine glänzende Partie ist?... Bitte, Heinrich, unterbrich mich nicht – – Du bist dir doch darüber klar, daß du nach jeder Richtung hin...« »Respektive, du kannst dir darüber nicht sofort klar sein, sondern du willst vermutlich erst mal darüber nachdenken...« »Was gibt es da lange nachzudenken? Frau Calmon will doch nicht, daß wir uns sofort erklären; wir sollen mit dir nach Baden-Baden...« »Bald?« fragte Henny. »Je eher, desto besser...« »Oh, fein! Da kommen wir ja noch zu den Rennen, und ich las zufällig gestern, daß das große Tennisturnier in der ersten Septemberwoche ist...« »Die Gründe sind schlagend«, sagte Herr Fehse. »Du findest ihn nicht unsympathisch, es sind Rennen, es gibt 'n Tennisturnier und so nebenbei vielleicht 'ne Verlobung...« »Ich freue mich eben...« »Auf was? Auf das Ballschmeißen oder auf den nicht unsympathischen Jüngling oder auf die Rennen oder...?« »Nu quäl aber Henny nicht! Sie ist klug genug, um...« »... den Ernst des Lebens sofort richtig zu erfassen...« »Ach, Papa, nich so tragisch! Ich bin ja noch nicht verlobt, und was soll ich denn dagegen haben, Herrn Stresow wiederzusehen?« »Oder ist dir der Gedanke so unerträglich, daß Henny über die Werbung eines hoch angesehenen, glänzend situierten, tadellosen Mannes ernstlich nachdenkt?« »Ich verstand Tennisturnier...« »Daß ich mich auf Baden-Baden freue, ist doch klar!« »Man muß ja nicht immer unter Bauern leben und kann auch Vergnügen an Eleganz haben.« »Geht auf mich...« »Henny hat eben meinen Geschmack...« »Und die Tiefe der Empfindung. O Weiber!« »Vielleicht wirst du in Gegenwart deiner Tochter nicht in diesem Tone reden?« »Gar nischt rede ich. Als Mann habe ich natürlich die ganze Angelegenheit viel oberflächlicher aufgefaßt wie ihr. Vor euren zarteren Gefühlen und eurer Innerlichkeit muß ich kapitulieren.« »Du bist also einverstanden, daß wir...?« »Ich sehe bloß ein, daß mir die Opposition nichts hilft...« »Papachen! Liebes, gutes Papachen! Wir fahren also wirklich?« »Komm, Henny. Wir haben noch sehr viel wegen der Toilette zu besprechen.« »Ja, und nimm auf alle Fälle dein Racket mit zur Verlobung!« sagte Papa Fehse.   Nach heißen Tagen war ein heftiges Gewitter niedergegangen, und nun hingen Wolkenfetzen an den Bergen, Nebel stiegen aus allen Tälern auf und schoben sich zusammen. Es gab Regen. Herr Fehse war allein; seine Damen waren nach München gefahren, um nur das Notwendigste an Toilette zu beschaffen. Er langweilte sich, und da der dritte Mann, den Redantz zum Skat bestellt hatte, durch irgend etwas verhindert war, fuhr er nicht nach Tegernsee hinüber, sondern hockte mißmutig in seiner Stube. Von den Dachrinnen plätscherte es eintönig herunter, und zuweilen fuhr ein Windstoß in die Bäume vor dem Hause. Dann schauerten sie zusammen und schüttelten das Wasser von ihren Blättern ab. Eine trübselige Stimmung. Was ließ sich anfangen? Herr Fehse beschloß, einen Rundgang durchs Dorf zu machen und sich mal ein bißchen mit den Leuten zu unterhalten. Zunächst wollte er sehen, was eigentlich mit dem jungen Menschen, mit dem Jäger, los war, der sich eine ganze Woche nicht mehr hatte blicken lassen. Er ging zur Heißin in die Küche. Die Alte empfing ihn mit freundlicher Ehrerbietung. »'n Tag! Ihr Sohn zu Hause?« »Da Loisl? Na, der is auf der Hütt'n drob'n, scho seit a sechs Tag.« »Er ist sehr eifrig... was?« »Gar z' fleißig is er. I sag oft, derrenn di no net ganz! De andern lassen si wohl Zeit, aber du moanst scho, sag i, du muaßt dir d' Haxen weglaffa. Aba da gibt's gar nix bei eahm...« »Das ist doch sehr anerkennenswert!« »Sagen Sie's aa, gel? Ja, er is scho a ganz a richtiger Mensch, grad brav. I hab nia koan Vadruß mit eahm g'habt. Wia oft de junga Leut san, a weng ausg'lassen. Dös hat's bei eahm gar it geb'n.« »Da haben Sie Ihre Freude an ihm, was?« »Scho wirkli a Freud und koan Vadruß gar it, aber gengan S' do eina in d' Stub'n! In da Kuchl is Eahna do z'schiach...« »Nee, liebe Frau...« »Es is ja net amal aufg'rammt. Genga S' a wengl eina, i schinier mi ganz.« »Na... also...« Herr Fehse ließ sich in die Stube führen. »'n bißchen nieder.« »Ja, geln S'? Is halt an alts G'lump...« Er sah prüfend herum. An den Wänden hingen etliche Ölfarbendrucke; der heilige Joseph mit einer Lilie in der Hand, das Herz Jesu mit der Dornenkrone. Daneben ein Schlachtenbild; die tapfern Bayern im Kampfe mit den Turkos. Neben dem Ofen hingen Hirschgeweihe, etliche Gamskrucken und Rehgewichtl. Ein paar Bretter, die an die Wand gelehnt waren, erregten Fehses Aufmerksamkeit. »Zu was gehören die?« »Da spannt er im Winter seine Fuchsbalg auf. I schimpf oft, weil s' a so an G'stank eina mach'n, aber es is sinscht koa Platz net vorhanden, wo s' trucka wern...« »So... so. Er is 'n tüchtiger Jäger.« »I wollt, er waar koana.« »Sagen Sie das nich! Is doch was Schönes, so 'n Leben auf den Bergen.« »I kunnt's net lob'n; er hat Plag grad gnua, und wia oft kimmt er hoam, soachnaß und ausg'froren! I sag's oft. Kannt'st as du net viel schöner hamm, sag i, dahoam ums Haus umanand? Und er hätt no dazua an recht'n G'schick zu der Arwat und kennt si guat aus mit 'n Viech. Glei besser wia de mehrern Bauern.« »Das is eben die Leidenschaft, liebe Frau...« »Ja, leider Gott's...« »Sind Sie schon lange Witwe?« »Han?« »Ob Ihr Mann schon lange tot ist?« »Da Hansgirgl? An elft'n Jahr is scho; den Hirgscht wern's elf Jahr. Hätt's eahm koa Mensch net denkt bei so an fest'n Loder. Grad broat und g'stand'n is er g'wen, aber auf oamal is eahm 's Bluat abg'stand'n und hat net lang dauert, a so a Woch'n an achti, na is dahi ganga. I woaß no wia heut, wia'r a hoam kemma is vom Holz draußd. Muatta, sagt er, mit mir is nix mehr, hat er g'sagt, i kenn's guat. An sellan Wehdam hat er ei'wendi g'habt, und er is 'n aa nimma müassi wor'n...« Fehse verstand kaum ein Wort, und er interessierte sich auch nicht weiter für die Schicksale des alten Hansgirgl. »Sagen Sie mal...« Er wußte eigentlich nicht, was er fragen wollte. »Tja... ja... sagen Sie mal, wann kommt Ihr Sohn heim?« »Woaß wohl net, aber heut oder morg'n muaß er do kemma bei dem Weda. I glaab a so, daß 's am Berg ommat schneibt. Sollt i eahm was ausricht'n?« »Er soll wieder vorsprechen, wenn er da ist... Ich habe mir aus München Rauchtabak schicken lassen, sagen Sie ihm...« »I wer's eahm sag'n; aber derf i Eahna net an Kaffee siad'n?« »Nee, danke; ich muß wieder weg...« »Aber a Schnapsel...?« »Wirklich nich; adjö, gute Frau!« »Bfüa Good nacha... a Glasei Schnaps hätten S' do...« Herr Fehse war schon zur Türe hinaus. Er hatte mancherlei von dem alten Jäger Rauchenberger gehört und hoffte, in ihm ein interessantes Original zu finden. Er traf Festl nicht allein; ein Nachbar saß bei ihm in der gut durchwärmten Stube; im Herdofen knisterte Feuer. Die beiden rauchten österreichischen Tabak, den Blauberger, der von Tirol über den Blauberg herüber geschmuggelt wurde und der einen beizenden Geruch hatte. Fehse hustete, nachdem er eingetreten war, und erblickte durch den Nebel ein paar Gestalten, die auf dem Kanapee saßen. »Habe ich den Vorzug, Herrn Rauchenberger...?« »Ja... was is?« Festl stand auf und sah zu, wie der Herr sein Monokel einklemmte. »Ich wollte mich mal nach Ihnen umsehen; ich hörte viel von Ihnen erzählen...« »Hoffentli nix schlechts. Nehmen S' a weng Platz! Sie loschiern bei da Gneidlin... net wahr?« »Ganz richtig. Ich bin 'n Freund von Ihrem Zögling...« »Zögling... ah so...« Festl schmunzelte. »Vom Loisl? I hab so was g'hört, daß er oft bei Eahna drent is. Hamm S'n heut scho g'sehg'n?« »Nee, die ganze Woche nich. Er jagt im Gebirge.« »Jagt im Gebirg? So?« Es saß wieder ein Lachen in den hellen Augen des Alten. »Es muß Sie doch schmerzen, daß Sie selbst nicht mehr hinaufgehen können?« »Es hat all's sei Zeit. Mei Gicht schmerzt mi scho bessa... Aber Sie stengan no allaweil... da waar a Sessel.« Fehse setzte sich und rückte den Stuhl vom Kanapee zurück. Der andere Kerl saß unbeweglich in der Ecke und rauchte wie ein Schlot. »Erzählen Sie mal ne hübsche Jagdgeschichte!« »Ja mei...« »Sie müssen doch viel erlebt haben?« »Allerhand, aber's Gedächtnis laßt aus, wenn ma alt werd.« »Na zum Beispiel so'n Renkontre mit Wilderern. Sie haben wahrscheinlich mehr wie einen erschossen?« »Derschossen? I? Ja, was glaaben S' denn?« »Als alter Jäger...« »D' Leut derschiass'n! Wer werd denn so was toa!« »Das is doch hierzulande gebräuchlich. Nich? Vielleicht hatten Sie bloß keine Gelegenheit?« »Hab i aa net g'habt. An oanzigs mal hab i oan von da Weit'n g'sehg'n, der a so ausg'schaugt hat, als kunnt's a Wilderer sei. Da hab i mi schleunig druckt.« »Sie haben...?« »Druckt hab i mi, ganga bin i. Dena Leut is net z'trau'n; da san oft ganz verwegne Burschen dabei. I hab's wenigstens a so g'lesen in da Zeitung.« Fehse sah den alten Kerl mißtrauisch an, aber der verzog keine Miene und begegnete dem durchbohrenden Blicke mit nicht zu verkennender, aufrichtiger Ehrlichkeit. »Sonderbar, daß gerade Sie in Ihrer langen Tätigkeit nichts erlebt haben...« »Es hamm de andern aa net gar soviel derlebt. In dera Sach werd viel g'log'n...« »Aber hören Sie mal, ich bin erst'n paar Wochen hier und habe selbst schon den Fall mitgemacht. Neulich, mit dem Loisl.« »San Sie dabei g'wes'n?« »Nee, aber...« Fehse schaute dem Alten wieder in die Augen. Diesmal drückte Festl das linke zu; im rechten saß ein schlauer Zweifel. Sollte? Aber das war doch nicht denkbar! »Er hatte doch die Schußwunde an der Stirne!« rief er unwillig. »... Ja... ja... bluat' hat er.« »Sie glauben...?« »Nix glaab i. 's Glaab'n hab i mir überhaupts abg'wöhnt.« »Hören Sie, nu interessiert mich die Sache aber doch sehr! Ich meine, zur Beurteilung des ganzen Charakters...« »I hab nix g'sagt.« »Sie haben nichts gesagt, Verehrtester, aber offenbar glauben Sie nicht an die Schußwunde...« »Weil i überhaupts nix glaab.« »Das is 'n Standpunkt. Aber im speziellen Fall haben Sie irgendwelche Gründe zu Ihrem Zweifel. Das lasse ich mir nicht nehmen.« »I bin net dabeig'wen und woaß gar nix.« »Es is doch nicht anzunehmen, daß der junge Mensch einen Roman erfunden hat! Übrigens, da fällt mir ein, damals lief doch der Bengel von dem Bauern in der Au herunter und schrie, daß der Loisl angeschossen wurde.« »Ja... ja... ko scho sei, daß er g'schrie'an hat.« »Der muß es doch gewußt haben!« »Is der dabei g'wesen?« »Nu, wissen Sie mit Ihrem ewigen nicht dabei gewesen! Dann kann man überhaupt nur mehr das glauben, was man mit eigenen Augen sieht.« »Is aa g'scheiter; is weitaus dös g'scheitest.« »Der Mann kommt herunter mit der Binde um die Stirne, mit Spuren von Blut... sagen Sie mir einen vernünftigen Grund: Warum soll er Märchen erzählen?« »No mei, es passiert allerhand, was ma net gern weitersagt. Es san scho Leut auf an Stoa g'fallen, wenn s' net ganz nüachtern waren...« »Hören Sie, da kann ich nich mehr mit. Und dabei glaubt Loisl, daß Sie sein bester Freund sind!« »Bin i aa.« »Ich merke nischt davon. Sie stempeln ihn förmlich...« »Na... na! I hab nix g'sagt. Fallt mir ja gar net ei, daß i an Loisl was Schlechts nachred. Er is a kreuzbraver Mensch, durchaus brav.« »Bloß glauben Sie ihm nichts...« »Eahna net und koan andern aa net.« »Sie scheinen an Ihren Grundsätzen festzuhalten... na ja...« »An alter Mensch hat allerhand derlebt und is oamal z'viel ang'logen worn. Dös mit die Wildschützen, schaugen S', dös kann i scho lang. Dös san so Spaßetteln; de wern de Leut aufbunden, damit daß s' a Freud hamm auf'm Land und daß s' Büacha schreib'n kinnan...« Fehse fand den Alten weder sympathisch noch intelligent; der beizende Rauch kam ihm unerträglich vor, das ganze Milieu unangenehm. Der andere Kerl machte den Mund nicht auf und rauchte immerzu. Nee – danke! Er stand hastig auf und ging nach kurzem Gruße hinaus. Jetzt öffnete der Pletschacher doch seinen Mund und fragte: »Was hast 'n gegen den?« »Nix, warum?« »Weil's d' 'n gar a so dalog'n hast?« Festl schmunzelte, und dann brachen die zwei Alten in ein schallendes Gelächter aus. Herr Fehse ging heim. Es war ihm sehr unbehaglich zumute. »Was war das nu? Bloß 'n dummes Geschwätz von dem offenbar ziemlich verblödeten Kerl oder doch Mumpitz von diesem treuherzigen Loisl?« Auf alle Fälle, sein Enthusiasmus hatte einen Knacks weg. Der Alte wußte was Näheres und wollte bloß nicht herausrücken damit. Na, vielleicht fand sich noch eine Gelegenheit, dem braven Loisl zu zeigen, daß man einen gewitzten Berliner nicht so ganz blau anlaufen lassen konnte.   Loisl war auf dem Heimweg; auf den Bergen hatte es geschneit, und Resei hatte den Tag vorher von der Rauchalm Abschied genommen. Sie waren darüber einig geworden, daß er sie in Lenggries besuchen sollte, um die Mutter kennenzulernen. »So schnell werd's net geh mit'n Heirat'n«, hatte sie gesagt. »Dahoam brauchen s'mi no, aber dageg'n hamm werd d' Muatta nix, dös glaub i g'wiß, und über a Zeit muaß sie ja do übergeb'n. A weng muaßt halt wart'n...« »Auf di wart i gern, Resei; i hab dös Beste vor meiner.« »Glaabst d' jetzt...« »Glaab i allaweil, und dei Muatta soll sehg'n, daß i a richtiger Mensch bin.« »Ganz der richtig?« »Dös muaßt ihr du ausdeutschen.« »Ja, Loisl... und über dös soll ma koan G'spaß net macha. I hab's Vertrauen zu dir.« »All's werd recht, wann's so is, du liabs Madel, und in a Wochen a drei kimm i nüber zu dir. Herrgott, gibt dös a Freud!« »Für mi aa, Loisl.« Sie gingen voneinander, blieben stehen und kehrten wieder um, weil sie noch einmal Abschied nehmen wollten. »Und jetzt muaß 's halt do sei. Bfüad di Good, du liaba Mensch!« »Bfüad di Good, Resei!« Den ganzen Weg begleitete ihn ihr letzter Gruß; er hatte den Klang ihrer Stimme in den Ohren, sah ihre Augen freundlich aufleuchten und erwiderte ihre guten Worte. Er wollte nicht geraden Weges heim gehen, sondern da und dort nachschauen, überquerte das Tal und ging auf der andern Seite wieder aufwärts. Er bemerkte auf einem Steige viele Fußspuren, derbe Tritte von Holzknechten, die in der Nähe arbeiteten; eine Fährte fiel ihm auf, die sich deutlich von den andern unterschied. Ein spitz zulaufender Schuh, nicht lang und ziemlich schmal. Links wie rechts fehlten Nägel; es sah sich wie Zahnlücken an. Die Spur war sicher von keinem Holzknechte, sonst wäre sie ihm schon früher aufgefallen. Er trat in die Fährte und schritt sie ab; der Mensch mußte kurze Beine und einen trippelnden Gang haben und war gewiß ein schlampiger Kerl, der nicht auf seine Schuhe achtete. Die Lücken der Nägel waren an Sohlen und Absätzen. Mit einem Male setzte die Spur aus und Loisl gab nach einiger Zeit das Suchen auf; er ging vom Steig ab über eine Waldwiese und kam in einen Streifen Hochholz, hinter dem sich ein großes Dickicht aufwärts zog. Es gab ihm einen Ruck. Da war ja wieder die Spur, deutlich und unverkennbar; der spitzige Schuh, die fehlenden Nägel. Sie führte ein Stück aufwärts, machte einen Bogen nach abwärts und ging geradeaus dem Dickicht zu. Kreuzteufel! Da war ein Rehwechsel. Loisl schloff hinein und wurde patschnaß; von den zurückschlagenden Zweigen troff ihm das Wasser in den Kragen. Und da war schon eine Schlinge aus Messingdraht. Er zog sie zu und kroch weiter. Am Ende des Wechsels, wo das Dickicht an Hochholz stieß, fand er eine zweite Schlinge; wieder zog er sie zu und musterte mit scharfen Blicken den Ausgang. Ein grimmiges Lächeln. Schlauberger! Ein unscheinbarer, dürrer Zweig war in halber Mannshöhe quer über den Wechsel gelegt; wer hinein- oder heraustrat, mußte ihn abstreifen, und dann wußte der Kerl, daß die Luft nicht sauber war. »Du stimmst mi net, Hundling!« brummte Loisl vor sich hin und kroch zurück; am Eingange des Wechsels lag ein dürrer Zweig, den er vorher abgestreift hatte; er legte ihn querüber und ging auf den Steig, wo er die Fährte zurückverfolgte. Sie führte gegen den Bach hinunter zu einer Hütte, deren vorspringendes Dach gegen Regen Schutz gewährte; von da ab war sie noch eine kurze Strecke kenntlich, dann hörte sie auf. Loisl suchte eifrig, aber links und rechts war Grasboden, und es ließ sich nichts mehr finden. Er ging zur Hütte zurück und prüfte die Fährte noch einmal; wahrscheinlich hatte sich der Kerl beim heftigsten Regen untergestellt; neben der Spur zeigten sich die Abdrücke eines nackten Fußes, der Größe nach von einem halbwüchsigen Buben oder von einem Frauenzimmer. Unwillkürlich dachte Loisl an Hansgirgl, der immer barfuß herumlief; es war bloß ein Einfall, aber er kam nicht davon los. Eine Frage war's immerhin wert, und er konnte sie ja unverfänglich stellen. So ging er zum Bauern in der Au und traf in der Küche die Wirtschafterin. »Jessas, da Loisl!« rief sie. »Ja mei Mensch, wia geht's denn dir?« »Geht scho wieder, und guat aa no.« »Gott sei Lob und Dank! Na, wia'r i selbigsmal daschrocka bin, wia du daherkemma bist, 's ganze G'sicht voller Bluat. Und so blaß! Wia leicht hätt's dös größte Unglück geb'n kinna! Na, so was! Und jetzt ko'st scho wieda geh?« »Geh und steh' und essen aa, wann'st mir a paar Nudeln gibst.« »Nix liaba, wia dös; ja, weil i dir no groad oa geb'n ko!« Sie legte eilfertig ein paar heiße Kücheln, die sie aus dem zischenden Schmalz zog, auf einen Teller und stellte ihn vor Loisl hin, der sich an den Herd gesetzt hatte. »O mei Mensch, Jetzt sag mir no grad, was hat denn d' Muatta g'sagt?« »G'jammert hat s'...« »Dös laßt si denk'n; du liabi Zeit, mit enk Jaga is a Kreuz; is ma koa Stund net sicher, daß s' enk net daherbringan...« »Dösmal bin i no selber ganga.« »Wia weit hat's denn g'felt?« »Um an Finga broat is so guat daneb'n wia'r um a Haus, sagt da Festl.« »Ja, dersell! Was hab i mi um den scho kümmert, frühers Zeiten! Aber woaßt, was mir fürkimmt? Du schaugst glei frischer drein wia davor, und so lustige Aug'n hast, als wann di dei jungs Leb'n glei no besser g'freuet...« »G'freut mi aa, Nannei. Es is mir no nia so schö vorkemma wia jetzt.« »Weil'st d'as schier gar lassen hättst müass'n.« »Freili. Von dem kimmt's.« »I sag ja, wia lebfrisch du bist! Und jetzt g'spürst gar nix mehr?« »Jo. Hunger nach deine Küachl, wann'st d' mir no a paar vergunnst.« »So viel daß d' magst...« Sie legte ihm gleich wieder etliche auf den Teller. »Daß i net vergiß«, sagte Loisl. »An Hansgirgl bin i a paar Maß schuldi, weil er selbigsmal für mi ins Dorf abi g'loffen is.« »Waar ja net aus! Für dös braucht der Bua nix.« »I hab's eahm versprocha. Is er net dahoam?« »Jo... im Goasstall werd er sei. Hansgirgl!... Da geh eina!« Der Bub kam und lachte übers ganze Gesicht, als er den Jäger sah. »Grüaß di Good, Loisl!« »Grüaß di Good aa! I muaß dir no was geb'n, weil du den Gang für mi g'macht hast.« »Da bin i fei anderst abi g'roast.« »Hat mir's d' Muatta scho g'sagt; säh... da kaffst dir a paar Maß.« »Na... na! Dös Geld hebst auf«, mahnte die Hauserin. »Du muaßt spar'n. Hast a so koa richtigs Paar Söckl nimma für'n Winta.« »I heb's scho auf«, sagte Hansgirgl grinsend und schob das Geldstück in die Hosentasche. »Bist du am Bach drunt'n g'wen bei dem Holzschupfa?« fragte Loisl. »Jo, gestern in aller Fruah, weil da Goasbock abi is.« »Ahan... da Goasbock. I hab dei Spur kennt. Bist d' unterg'standen, gel?« »Jo, weil 's a so g'schütt hat. Da Kreillinger Hans is aa hibei g'hockt.« Loisl zeigte keine Überraschung; kein Zucken in seinem Gesicht verriet die Freude, die er über die Entdeckung hatte. Gleichgültig fragte er: »So? Da Kreillinger? Was hat denn der da drunt z'toa?« Er wandte sich an die Hauserin. »Is da Kreillinger neuerszeit bei de Holzknecht?« »I glaab net; gar so gern arbet der net. Auf den, moan i allaweil, derfst a weng Obacht geb'n.« »Is mir no nix aufg'fall'n; glaab's aa net.« »Von dir hat er g'red't«, sagte Hansgirgl. »Was nacha?« »Wia's dir geht und ob du scho wieda bei ins herob'n warst, hat er g'fragt.« »Dank der Nachfrag, sagst d'eahm, bal'st'n wieder siehgst. Es geht mir ganz guat, sagst eahm, und er braucht koan Kummer net hamm. Aber jetzt mach i mi auf'n Weg. Vergelt's Gott für de Küachl, Nannei. Guat san s' g'wen, bloß a weng kloa.« »Magst no oa mitnehma? Geh, Hansgirgl, gib a Papier her!« Sie wickelte etliche ein und steckte sie dem Jäger in den Rucksack. »Und an schön Gruaß an d' Muatta. Sag ihr, i hab fleißi bet' für di.« »I wer's ausricht'n, Nannei, und paß auf, bet amal etla Vaterunser, daß i mit dem Bazi z'sammkimm, der mi aufi g'schossen hat.« »Na... na! Um dös bet i amal g'wiß net. Da gang wieder Schnellfeuer auf. Mit enk Mannsbilder is ja soviel a Kreuz.« »Nacha muaß 's ohne Bet'n geh'... also bfüad di Good.« »Kehr fei bal wieda zua!« Loisl blieb im Holz unter einem Baume stehen. »Hab i di, du Hundsknochen, du miserabliger! Is mir do glei g'wen, wia'r i de Spur g'sehg'n hab, als waar s' von an ganz an g'lumpeten Kerl... Aba jetza staad toa... unter Tags kimmt er net, weil er gestern in da Fruah drob'n war. Is, wias mag, heut namittag bin i beizeit'n drob'n, und weg geh i nimma, bis i di hab... und kriag i di, Bürschei, na zahl i di aus...« »Gehst du net ummi zu dera Herrschaft?« fragte die Heißin. »Solltst di do sehg'n lassen dabei. Gestern is der Herr dag'wesen und hat eigens g'sagt, du solltst'n b'suacha, und seine Weiberleut han i heut vormittag g'sehg'n...« »Heut geht's net, Muatta«, erwiderte Loisl. »I muaß am Berg.« »Bist d' ja erst hoam kemma; was muaßt d' denn glei wieder aufi? Gar so gnädi werd's na do net sei?« »I hab an guat'n Hirsch g'spürt, den muaß i ausmacha.« »Da Baron is ja gar net da...« »Der werd scho wiederkemma.« »Aber ummi schaug'n muaßt dennascht; soviel Zeit hast leicht.« »Na; de kunnt'n mi aufhalt'n, und mir pressiert's.« »Jetzt muaß i dir scho sag'n, mit dir kennt ma si gar it aus. Z'erscht bist selm allbot ummi g'rennt und hast allaweil an Ausred g'habt, und jetza gang's dir auf de Viertelstund z'samm. Hast di z'kriagt damit?« »Mit wem?« »Werst as scho wissen...« »Nix woaß i.« »Mit dem Fräulein halt.« »Geh, Muatta, was red'st denn allaweil de alt'n Weiber eahna dumm's Zeug nach? So a Stadtfräulein werd si wahrscheinli mit mir z'kriag'n!« »Wischi – waschi, mei Liaba! I hab aa meine Aug'n, und i hab scho g'sehg'n, wia di de G'schicht umanander trieb'n hat.« »Vielleicht is dös von dem Schuß kemma, daß i a weng hirndappet war.« »Und sie nacha? Von was is denn sie dappet wor'n?« Loisl lachte. »Du werst viel wiss'n von dem Fräulein ihran Zuastand!« »Hat ma's Gneidlin scho g'sagt. Ganz bocknarrisch is sie g'wen, und is vielleicht net wahr, daß sie Schifferl g'fahr'n is mit dir?« »Herrschaftsakra, ös bringt's oan schö ins G'red. Muaßt du mit dera Ratschen an Dischkurs hamm?« »Von dera derfragt ma do was; du sagst mir wohl nix.« »Weil nix zum Sag'n is.« »Und z'weng was is nacha der Herr zu ins her kemma und hat si unser Sach o'g'schaugt? I hob freili net dergleichen to, aber kennt hab i's guat, daß er grad deratwegen dag'wen is. Und die Gneidlin sagt aa, bald da Loisl an Verstand hat, na laßt er dös Madel nimmer aus, und Heißin, hat s' g'sagt, du derfst as g'wiß glaab'n, de Leut hamm narrisch viel Geld...« »Geh, dös is do lauter Schmarr'n...« »Dös is amal wahr, und dir kann's gar nit fehl'n... sagt d' Gneidlin, denn de Jung hat dös erst und dös letzt Wort, sagt sie, und de Alt'n müass'n tanzen, hat s' g'sagt, wia de Jung pfeift.« »Und mir pfeift sie aa was.« »Geh, g'stell di net a so! Bal ma'r amal mit oan Schifferl fahrt bei da Nacht...« »Dös mag i gar nimmer hör'n...« »Du werst wohl koa solchane Dummheit net macha, Loisl, und dös geldige Madel auslassen?« »Laß 's guat sei, Muatta. I geh ins Revier, und du laß di net so für 'n Narr'n halten von de Leut! De hätt'n bloß eahna Freud dro.« »De Gneidlin moant's it schlecht, und sie sagt oanmal fürs andersmal...« »Red'n ma von was andern. I sollt dir an Gruaß ausricht'n.« »Vo wem nacha?« »Aa von an Madel, von der Grabner Resei...« »Da is mir nix bekannt...« »Von Lenggrias.« »Grabner? Ah so, de han verwandt mit'n Urtlmüller?« »Und mit ins.« »Da woaß i nix... Jetz paß auf, ziag de guat Jopp'n o und geh ummi...« »D' Urtlmüllerin is do a Stiafschwesta von dir...« »Ja, aber von seiner Verwandtschaft is mir neamd bekannt.« »Vielleicht lernst as amal kenna...« »Sei koa sellana Lattierl, Loisl. Geh ummi, sei g'scheit!« »I bin g'scheit und geh net ummi. Es is a so höchste Zeit, daß i mi auf'n Weg mach...« »Du bist scho so müahsam...« Loisl nahm seinen Rucksack, Gewehr und Wettermantel und hielt lachend der Mutter die Hand zum Abschied hin. »Muaßt as scho verschmerzen, dös viele Berliner Geld...« »Du brauchst mi no föppeln...« »Bleibe im Land, hoaßt's, und nähre dich redlich...« »Wia ko ma sei Glück so mit Füaß'n treten?« »Des sell tua i g'wiß net. Hab i dir den Gruaß scho ausg'richt' vom Grabner Resei?« »Laß mir do mit dera mein Ruah! Was geht mi de o?« »Ko ma net wissen. Adjes!« Er ging, und die Alte brummelte ihm ärgerlich nach; dann fiel ihr ein, daß sie selber zur Gneidlin hinübergehen könnte. »A weng hoamgart'n... vielleicht, daß i was derfrag...«   Loisl saß eingehüllt in seinen Wettermantel unter Fichtenboschen, dicht beim Wechsel; der Kerl sollte ihm nicht auskommen, und wenn es noch so lange dauerte. Es fröstelte ihn. Der Regen hatte aufgehört, und wo sich der Nebel verzog, schimmerte es weiß von den Bergen herunter. Der Hirschberg war angeschneit, der Roßstein und der Kampen. Allerhand Gedanken gingen ihm durch den Kopf, er hatte Zeit dazu. Resei, die schönen Tage auf der Alm, Freude aufs Wiedersehen. Das andere aber, das lag so weit hinter ihm, daß er das Gerede der Mutter unbegreiflich fand. Wie sich die alte Frau so was einbilden konnte und die andere dazu, die Gneidlin! Er streckte sich. Stundenlang so dahocken machte steif. Er überlegte, ob er sich nicht in einen Rindenkobel legen sollte, der kaum hundert Schritte weit weg war; da konnte er auf Daxen ausrasten und ein wenig schlafen. Aber so oft er aufstehen wollte, hielt ihn ein ungewisses Gefühl zurück. Wenn der Kerl doch noch kam? Er blieb und horchte in den Wald hinunter; ein Käuzchen schrie in weiter Entfernung; wenn sich der Wind erhob, ging ein Regenschauer von den Bäumen nieder, und dann klatschten die Tropfen wieder einzeln auf. Er wollte noch bis hundert zählen und dann gehen; je weiter er kam, desto langsamer zählte er. Nein, das war erst recht langweilig, lieber an was Nettes denken, an eine freundliche Almhütte und an einen Platz am offenen Feuer. Da müßte es jetzt behaglich sein. Bst! Es war wie ein Lichtschein gewesen, wie ein leichtes Aufblitzen. Nichts mehr; es war eine Täuschung. Doch! Wieder; diesmal konnte er sich nicht geirrt haben. Loisl beugte sich vor und starrte angestrengt in die Dunkelheit hinunter. Da! Ein Knacken von dürren Zweigen und wieder ein Lichtstrahl, diesmal breiter; er irrte auf dem Boden hin und her. Der Lump hatte eine Fahrradlaterne bei sich und suchte nach der Eingangsstelle des Wechsels. Immer näher. Jetzt war er bis auf wenige Schritte heran... Wart, Hundling! Loisl war leise aufgestanden und schlug den Kerl mit dem Bergstock wuchtig über Genick und Schulter, daß er mit einem Schrei niederfiel. Und schon kniete er auf ihm; der andere wollte sich aufrichten; strampelte mit den Beinen, keuchte, wollte sich mit den Händen einstemmen, aber Loisl hielt ihn fest und drückte ihm das Knie ins Kreuz. »Heb di staad, Kerl, oder i druck dir d' Gurgel z'samm...« »Auslassen... Herrgott... Bluat... Himmiherrgott... laß aus, sag i...« »I laß di scho aus, di! Jetzt g'hörst mei, Bazi hundshäuterner...« Er drückte ihm den Kopf auf den Boden. »Bild dir no koane Schwachheiten ei!« »I tua ja nix... i hab ja nix to...« Loisl fuhr ihm in die Joppentaschen und fand einen Revolver. »Da schau her... guat hast di herg'richt!...« Er nahm ihm seinen Knicker weg und fühlte am Rucksack herum. »Steh auf, Kerl, aber koan Rührer, sunst...« Der Kreillinger erhob sich langsam; er hatte jeden Widerstand aufgegeben. Loisl riß ihm den Rucksack herunter und untersuchte ihn; ein Abschraubstutzen und Schlingen waren darin. »Guate Lust hätt' i und hauet den Lauf in Fetzen in deiner Spitzbuab'nvisaschl... Und jetzt hamm mir no a Rechnung mitanand, für den Schuß neuli...« »I hab net g'schossen...« »Net?« Kreillinger taumelte zurück; eine Maulschelle brannte ihm auf dem Backen, ein paar Faustschläge folgten. »Hör auf... sag' i... hör' auf... Herrgott... ich hab do...« Noch ein paar Schläge, dann faßte Loisl den feigherzigen Burschen, der die Hand schützend vorhielt, an der Brust und warf ihn zurück. Er torkelte den steilen Abhang hinunter, fiel, richtete sich auf und sprang in wilden Sätzen abwärts. Äste knackten, und dann schrie von unten eine wutheisere Stimme herauf: »Dös zahl' ich dir hoam... du... du Hund, du greana...!« Loisl lachte verächtlich. »Zahl' no... Lump... trauriger!« Er packte alles zusammen, suchte mit der Laterne, die am Boden lag und weiterbrannte, den Wechsel ab, nahm die Schlingen und steckte sie in seinen Rucksack. Dann ging er durchs Hochholz zu einer Waldwiese und auf ihr abwärts bis zum Bauern in der Au. Eine halbe Stunde später war er daheim und ging leise über die Stiege, um seine Mutter nicht zu wecken. Die Alte hörte ihn, aber sie rief ihm nicht, wie sonst. Es hatte sie allerhand verdrossen. Am Abend war die Heißin bei der Gneidlin gewesen; als sie hinüberging, nahm sie eine Viehsalbe mit, damit der Besuch nicht nach Neugierde schmeckte. Die Gneidlin ließ die hilfreiche Nachbarin nicht fortgehen, sondern setzte ihr eine Schale Kaffee vor. »Mir san heut alloa«, sagte sie; »d' Köchin von der Herrschaft hilft droben mit beim Einpacken.« »Gengan de schon furt?« »Morg'n namittag roasen s'...« »So...« »Heißin, i sag' dir's, net leicht hat mi was so verdrossen als wia dös, daß dei Loisl auf oamal ausblieben is.« »Ja, schau, er hat halt sein Deanst.« »Den brauchet er wohl nimma, wann er a weng g'scheit g'wen waar. De Jung hat von nix andern mehr g'redt als wia von eahm. Grad Loisl hinum und Loisl herum, und i sag' dir's, heut wann er herkam und fraget, Madel, was is mit uns? sie saget Ja und Amen...« »Woaßt, Gneidlin, selle Leut moanen's oft net a so und san grad freundli am Land herausd...« »Hättst d'as nur amal g'sehg'n, wenn s' bei eahm hibei g'hockt is in da Stub'n. Grad g'lanzete Aug'n hat s' g'habt und grad g'lacht und g'scherzt...« »Geh?« »Und amal is s' mit eahm bis zu da Gartentür, und da hamm s' g'wischpert mitanand, daß i zu da Leni g'sagt hab... i moan allweil, hab i g'sagt, da hat 's was, sag i.« »Ja, warum...« »Han?« »Warum daß nacha dös auf oamal gar g'wen is?« »Dös wann i wissat! Frag' halt dein Loisl!« »Von dem derfrag i nix...« »Bei dem sell'n Schifferlfahr'n müassen s' no ganz valiabt g'wesen sei, und beim Hoamgeh hat sie si bei eahm ei'g'hackelt g'habt...« »Geh?« »Wann i dir's sag. I hab's wohl g'sehg'n von mein Kammafenschta aus, weil's so Mondliacht g'wen is. Jetzt haut er ihr gen a Bussel aufi, han i mir denkt. Aber des sell is nacha do it g'wen; grad, daß s' recht lang von anand Abschied gnumma hamm, und dei Loisl hat si no a zwoa- a dreimal umdraht...« »Na kenn i mi net aus, Gneidlin.« »I mi aa net; den andern Tag is er nimma zuawa ganga; i wart und wart, es geht a Woch' umma und mehra... und koa Loisl laßt si net sehg'n...« »Glaabst du...« »Was moanst?« »Daß de Herrschaft deratweg'n furt roast?« »Mir kam's bald a so für. Sie gengan no net hoam, weil mir's d' Köchin b'stand'n hat; sie roasen no in a Bad...« »Aus lauter Gift, moanst d'?« »Dös laßt si leicht denk'n. Bal de Jung vielleicht g'wart' hat, und dei Loisl bleibt aus...« »Jessas na!« »Bscht! Da kimmt s' grad über d' Stiag'n oba...« »Aber sie singt ja ganz luschti...« »Sie werd's ihr do net o'kenna lass'n...« Die Küchentüre wurde halb geöffnet, und Henny sah herein. »Frau Gneidel, wir brauchten eine gute Schnur... ach, das ist ja Frau Heiß...« Sie ging auf die Alte zu und gab ihr die Hand. »Guten Abend, wie geht es Ihnen?« »Net recht g'machti... wia's halt alte Leut geht.« »Ihr Sohn ist jetzt immer auf der Jagd?« »Leider Gott's...« »Warum... leider?« »Er kunnt'a amal dahoam bleib'n aa; heut is er scho wieder am Berg...« »Er wird eben zu tun haben. Grüßen Sie ihn, wenn ich ihn nicht mehr sehen sollte. – Eine Schnur... Frau Gneidel, nicht wahr?« Henny ging. »Hoscht as g'hört?« fragte die Gneidlin eindringlich. »Was nacha?« »Wia s' dir dös hi'g'rieb'n hat. Krießen Sie ihn, wann ich ihn nicht mehr sä-he.« »Mir is net fürkemma, als wann s' traurig waar.« »Heißin, de Leut hamm an Stolz, de lassen si nix o'kenna...« »I woaß net...« Die Türe ging wieder auf, und Herr Fehse kam in die Küche. »Ich wollte mal fragen, ob Sie nich was Spitziges haben, ich muß 'n Loch in den Lederriemen bohren... da ist ja die Frau Heiß?« »Grüaß Good, Herr...« »'n Tag! Sagen Sie mal, Verehrteste, hat Ihr Sohn nich schon wieder 'ne Schußwunde erhalten?« »A...?« »Schußwunde... das kommt doch wohl öfter vor? Gewöhnlich an Feiertagen, was?« »Er is no nia net aufi g'schossen wor'n...« »Überhaupt nich... das glaube ich Ihnen...« Herr Fehse lachte herzhaft. »Als wia selbigsmal, wo S' ihn g'sehg'n hamm...« »Ich habe nischt gesehen, und was ich nich sehe, glaube ich nicht, genau so wie der alte Gemsenmörder in dem kleinen Hause da drüben...« Die Heißin sah ihn verständnislos an. »Tja – ja, gute Frau, Ihr Sohn versteht die Sache, aber mir kann er nich mehr, sagen Sie ihm, und wenn ich mir mal 'n Loch in den Kopf falle, dann erfinde ich auch 'n Roman. 'n Abend!« Er nickte herablassend und ging. »Jetzt werst als selm glaab'n, daß er spinngiftig is.« »Den han i fei gar it verstand'n... was hat er g'sagt, von an Loch im Kopf...?« »Fuchsteufelswild is er...« »Und daß da Loisl alle Feiertäg aufi g'schossen werd?« »Er hat di halt dableckt...« »Was braucht mi denn der dablecken? Jetzt mag i scho gar nix mehr hör'n.« Und die Heißin schlug die Küchentüre hinter sich zu. Zwei Gendarmen und ein Jäger gingen auf das Kreillinger Anwesen zu. »Ahan! Hat's wieder was?« sagten die Nachbarn, die auf den Wiesen arbeiteten. Der Kommandant Oberzollner rüttelte an der Haustüre; sie war verschlossen. Er versuchte es seitwärts, beim Eingang in die Küche; auch zu. Er schaute durchs Fenster in die Stube; niemand da. Jetzt schlurften Tritte oben auf der Altane, und eine schrille Frauenstimme rief herunter: »Was geit's?« »Staatsbesuch, Frau Kreillinger. Machen S' auf!« »I brauch koan B'suach!« »Nicht lang G'schichten machen, gelt! Sie kennen sich schon aus, es ist nicht das erstemal... Soll ich den Schlosser holen lassen?« Die Stimme entfernte sich, näherte sich unten der Haustüre, ein Schlüssel wurde umgedreht, und dann stand unter der offenen Türe ein altes Weib, das bösartige und scheue Blicke auf die Männer warf. »Was bedeut' nacha dös?« »Machen S' Platz und sträuben S' Ihnen net lang; wir halten Haussuchung. Wo is Ihr Sohn, der Hans Kreillinger?« »Der is heut fruah in d' Stadt eini.« »So?« »Jawohl, in d' Klinik, weil er mißhandelt wor'n is, von so an Lackel, von so an groben...« »Tä... tä... tä! Lassen S' Ihr Maulwerk net so spazierengehen!« »Is vielleicht net wahr? Hinterrucks niederg'schlagen hat 'n der... der..." Sie schrie Loisl an. »Aber dösmal zahlst dir Kösten gnua; da Hans nimmt si an Advikat'n, und der werd dir's scho zoag'n, ob ma'r an Menschen a so mißhandeln derf, der wo gar nix to hat...« Loisl gab keine Antwort. »Beim Schwammerlbrock'n is er g'wen, und da is er in d' Nacht eini kemma und hat si mit da Latern an Weg g'suacht, und da müaßt er si niederschlag'n lassen...« »Jetzt schreien S' net so... gel! Ihren braven Sohn kennen wir, und wenn er d' Steinpilz mit der Rehschling fangt, kommt er halt in Ung'legenheiten... so, und g'redt wird nimmer lang...« Die Alte gab die Türe frei, aber nur für die Gendarmen; als Loisl eintreten wollte, schrie sie: »Koan Jaga laß i net eina! De Mordbrenna laß i net in mei Haus! De wo an Korbi umbracht hamm...« Der Kommandant sagte ruhig: »Wissen S' was, Heiß, bleiben S' heraußen; ich ruf Ihnen, wenn's grad notwendig wär.« Loisl war es recht; er ging hinter das Haus, schon um der Neugierde des Pletschacher Gidi auszuweichen, der am Zaune hinter einer Haselnußstaude lauerte. Vor dem Holzschuppen setzte sich Loisl auf einen Hackklotz, gähnte ein paarmal und wollte auf die Gendarmen warten. Mit einemmal stieß er einen leisen Pfiff aus. Er sah im weichen Boden deutlich die Fußspur des Kreillinger; sie führte zum Holzschuppen und wieder zurück; und noch was Auffälliges, Sägkleie war in der Fährte. Loisl schaute nach. Da stand eine große Kiste, halb mit Sägkleie angefüllt; am Boden lag davon etwas verstreut. Offenbar hatte sich der Kreillinger daran zu schaffen gemacht. Loisl wollte auf die Gendarmen warten und setzte sich draußen wieder hin. Der Kommandant hatte inzwischen mit seinem Untergebenen alles durchsucht und nichts gefunden; Betten, Kästen hatte er durchwühlt, den Boden hatte er abgeklopft, auch in den Kamin hatte er hineingeleuchtet. Anfangs war die Alte mürrisch und verdrossen hintendrein gegangen, allmählich taute sie auf. »Dös woaß ma scho«, sagte sie, »daß de Schandarm eahna Pflicht und Schuldigkeit tean, und da sagt ma nix, aber so a greana Spitzbua, so a Leutschinder, der hat koa Recht da herin. Seit i's denk, müassen mir leiden von dera Bande, an Korbi hamm s' umbrachte und jetzt gang's mit'n Hansen auf a neu's o. Der sell da draußden, der hat eahm Rache g'schwor'n und lüagt auf den arma Menschen aufi...« Ihre Gesprächigkeit machte sie dem Kommandanten nur verdächtiger. »Daß der Kreillinger kein G'wehr hat, das gibt's net«, sagte er. »Also hat er's versteckt...« »G'wiß net, Herr Kommandant. Amal hat er oans g'habt, dös hamm s' eahm gnumma, vorigs Jahr in Kreuth drin.« »Der hat schon lang wieder eins... Aber der Teufel weiß, wo er's hat; wahrscheinlich außerm Haus.« Sie gingen noch mal in die Stube, schauten unter die Bänke, untersuchten die Deckenbalken, nichts. Da fiel dem Kommandanten etwas auf. In der Ecke stand eine Wanduhr, ein langer, bemalter Kasten; der Perpendikel tickte nicht. »Steht die Uhr?« »Scho lang; dös Glump hamm mir oft richten lassen, aber sie geht net...« Der Schandarm trat hinzu, öffnete den Kasten, griff hinein und langte einen gut gearbeiteten, ziemlich neuen Büchszwilling heraus. »Ahan!« lachte der Kommandant. »Ist das kein G'wehr?« fragte er die Alte, die mit vor Wut funkelnden Augen vor ihm stand. »Ich kenn euch ja... ihr... na, vorläufig hamm mir amal den Zwilling. Is nix mehr drin?« »Nein, Herr Kommandant«, meldete der Gendarm. »Jetz gehn wir naus zum Heiß; den wird das G'wehr interessieren; ich glaub, er hat schon amal Bekanntschaft damit g'macht...« »De Büchs g'hört gar it an Hansen«, kreischte die Alte. »De is no vom Korbi da, und dös kann i mit an Eid beschwör'n...« »Dös kommt Ihna net hart an, aber so leicht geht's net, und dös G'wehr is no kein Jahr alt, das seh ich auch. Also, jetzt schauen wir 'naus.« Loisl erklärte die Büchse für nagelneu und gab die Merkmale an. »Das haben wir bald; der Tölzer Büchsenmacher wird's schon wissen... noch was?« »In der Kisten dort sollt ma nachschauen...« Der Gendarm trat hinzu, räumte die Sägkleie weg, und eine Zigarrenschachtel voll Patronen, zwei Rehdecken in Papier eingewickelt und Messingdrähte kamen zum Vorschein. Loisl zeigte auf der einen Rehdecke die deutlichen Spuren einer Drahtschlinge, das arme Tier hatte sich offenbar verzweifelt dagegen gewehrt. »Jetzt werden wir den braven Kreillinger in die richtige Klinik liefern...«, sagte der Kommandant. »Dös hat der Jaga einig'steckt, der Judas!« »Schon recht; wir sind jetzt fertig.« Die Gendarmen nahmen die gefundenen Gegenstände und gingen mit Loisl weg. Die Alte schrie ihnen nach, solange sie in Sehweite waren; lauter Freundliches, was die Nachbarn mit Gelächter und Zurufen erwiderten.   Loisl ging mit den Gendarmen zum Motorsteg. Auf dem Wege begegnete ihm die Familie Fehse, Papa, Mama und Henny, alle zur Abreise fertig. Die Köchin und das Dienstmädchen trugen Taschen und Hutschachteln, und der Knecht der Gneidlin fuhr zwei große Koffer auf dem Schubkarren hintendrein. »Ach... Loisl... sehen wir uns doch noch...«, sagte Henny freundlich. »Fahren Sie heut scho weg?« »Wußten Sie das nicht?« »I bin erst gestern auf d' Nacht hoam kemma... Dös is aber schnell gangen.« »Warum haben Sie sich eigentlich nicht mehr sehen lassen?« »I hab mir denkt, Sie bleiben no länger, und nacha, i war halt auf der Hütten.« »Wenn ich wiederkommen das Fensterln ist Ihnen nicht geschenkt.« »De Straf is net so grimmig, Fräulein, aber...« »Immer noch aber?« Loisl lachte. »Ob's no geht. Zu dem G'spaß g'hört a lediger Bursch.« »Ah?« Sie sah ihn an; es war eine sichtliche Veränderung mit ihm vorgegangen; so viel freier und unbefangener war er. »Heißt das?« Er nickte fröhlich. »Sie waren doch so hartherzig gegen die armen Mädchen hier?« »Es stimmt nimmer alles, was i selbigsmal g'sagt hab.« »Loisl, das ist aber auch schnell gegangen.« »Wia da Blitz; eing'schlag'n und brennt...« »Das müssen Sie mir erzählen...« »Wenn S' wiederkommen, Fräulein, heut hat de G'schicht no koan Schluß.« »Henny!« Die Mama rief es ungeduldig. »Also wenn ich wiederkommen und dann mit einem sehr hübschen Schlußkapitel. Adiö, Loisl!« »Bfüad Good, Fräulein, und vergessen S' an Tegernsee net ganz!« Sie winkte freundlich zurück und eilte dann auf den Motorsteg. Loisl folgte in einiger Entfernung mit den Gendarmen. Herr Fehse blickte zu ihm hinüber; er wurde unruhig, wollte noch ein paar Worte mit dem jungen Mann sprechen und wollte wieder nicht. »Ich möchte eigentlich wissen, warum die Schutzleute hier sind...«, sagte er. »Vermutlich wieder so 'n bayrischer Lederstrumpfroman«, erwiderte die Mama. »Ich will mal...« »Geh nich weg! Das Motorboot muß gleich kommen...« »I – ja doch! Das kommt uns nicht aus.« Er eilte auf Loisl zu. »Sagen Sie mal, hat's da was gegeben?« »Derwischt hamm ma'r oan.« »Erwischt? 'n – Wilderer?« »Ja.« »Hm... wirklich? Nich wieder Mumpitz?« »I versteh net...« Fehse sah den jungen Menschen ernst und vorwurfsvoll an. »Das war nich schön, das hätten Sie nicht machen sollen. Sie merkten natürlich, daß ich Ihnen unbedingt glaubte, und da war's am Ende kein Kunststück. Wirklich nich...« »I woaß net, Herr Fehse...« »Wenn Sie 'n Glas über den Durst getrunken hatten, konnten Sie mir das ungeniert sagen und brauchten mir keinen Bären aufzubinden.« »I versteh koa Wort...« »Heinrich!« Frau Fehse war sehr nervös, denn das Motorboot legte eben an. »Na also, deswegen keine Feindschaft nich! Es war mal tüchtiges Jägerlatein... was? Adiö, Loisl!« Herr Fehse reichte dem Jäger flüchtig die Hand und eilte zu seiner Familie. Loisl sah ihm erstaunt nach. »Jetzt woaß i net...« Aber er mußte auf den Kommandanten achten, der ihm rasch wiederholte, was er tun werde. Die Gendarmen stiegen als die letzten ein. Das Motorboot stieß ab. Henny winkte lächelnd mit der Hand, Herr Fehse nickte immer noch vorwurfsvoll mit dem Kopfe. Adiö – Adiö! Loisl hatte den Hut abgenommen und sah ihnen nach. Dann wandte er sich um und ging langsam den Steg entlang. »Jetzt woaß i net, spinn i oder spinnt er...«   »Guat hast dei Sach g'macht«, sagte der alte Festl zu Loisl. »Is a saubers Jagerstückl, wann ma's so hört. Und der Kerl! No, da bleibt d' Lumperei in der Verwandtschaft. Brav! Schö hast'n abpaßt. Wart, jetzt hab i was für di.« Er nahm ein Rehgewichtl, das neben dem Bilde des berühmten Jägers Grafen Arco hing, von der Wand herunter. »Wia g'fallt's dir? Schaug dir amal de Rosenstöck o!« »Herrgott, is dös was Nobels!« sagte Loisl bewundernd. »So schö perlt, auf und auf.« »Solchene san net viel g'schossen wor'n; i hab den Bock beim Blatten kriagt, auf der Neureuth. Eigentli hätt i 's G'wichtl abliefern müassen, aber der Prinz Karl hat mir's lassen. Er hat g'merkt, wia hart daß i's hergeben hätt. ›B'halt's‹ hat er g'sagt. ›Für dich ist es ein Andenken.‹ Is aa oans blieben an a schöne Pürsch und an den guat'n Herrn. Und jetzt schenk i's dir.« »Geh zua, dös is ja z'viel...« »Nimm's, sag i, wann's dir a Freud macht.« »A Freud wohl, aber...« »G'hört scho dei; bei dir is guat aufg'hoben. Wer woaß, wo's hi'kam, wann i amal stirb.« »Na sag i vergelts Gott, i halt's in Ehren.« »Dös woaß i; und jetzt will i dir was verrat'n, Loisl: i bin a weng harb g'wen auf di de letzt Zeit...« »Waar ja net aus!« »G'stell di net a so, Manndel! Du hast mi schö aufsitzen lassen mit meiner Lug! Was moanst denn, wia mi mei Alte z'sammbissen hat? I mach di woaß Good wia krank, sie verzählt's ihre Kameradinnen – und daweil hockt mei Loisl bei de Summafrischla...« »Mir is Zeit lang wor'n dahoam.« »Freili. Und da hast du dir um a nette Unterhaltung g'schaugt? D'Leitnerin hat di scho vaheirat mit dem saubern Stadtfräulein.« »A so a Schmarrn!« »Schmarrn? Aber g'speist hättst'n do gern?« »Da war gar nix dro...« »Dös sell is z'wider. Von de G'spasseteln, de s'oan nachsag'n, ärgern oan bloß de, wo nix dro is...« Loisl lachte. »Du warst koa Guata...« »Z'guat... dös hoaßt, z'dumm, wia'r a jeder. Wann ma alt is, siecht ma erst, was ma versammt hat. Aber dös da, woaßt, is aa koa Z'sammastand net g'wen...« »Bal i dir sag, Festl...« »Woaß scho. Is a Tandlerei g'wen, wia's de nobligen Fräulein a diam gern hamm. Is mir aa scho passiert, wia'r i jung g'wes'n bi, daß mir so was g'fall'n hätt. Sie waar'n a net z'wider, de G'sellinnen, aber so hint nachi schliaf'n als Beihirschl und z'letzt do vertrieb'n wer'n... dös is nix.« »I hab aber...« »Woaß scho... Schaug dir nur da um was Saubers, wo du da Platzhirsch bist« »Kannt ja leicht sei, daß i oani aufganga hätt...« »Kreuzsakeradi! Was sagst d' jetzt!« Er schaute den sauberen Burschen prüfend an. »Is mir scho fürkemma, als wann du was Bsunders hättst, wia's d' bei der Tür eina bist. Hast am Berg a Schmalstückl auftroffa?« »A ganz richtigs; und feit si nix mit'n Z'sammastand...« »Jetz is recht... und de hat de ander vertrieben?« »Dös hat's ja net braucht.« »I woaß net, Manndel... aber dös is jetzt gleich... Is s' a Hiesige?« »Vo Lenggrias; mehra kann i heut no net sag'n.« »Braucht's net aa, und i wünsch dir halt, daß all's guat nausgeht.« »Es geht scho.« Der Alte schmunzelte und sagte dann: »Jetzt muß i dir no was beicht'n. I hab di a weng schlecht g'macht.« »Schlecht g'macht?« »Ja bei dem sell'n Berliner Herrn.« »Jetzt geht mir a Liacht auf; drum hat der so g'spaßig daherg'redt. Was hast denn g'sagt zu dem?« »Er is zu mir eina kemma und hätt mi gern ausg'fragt; wia viel Wilderer daß i derschossen hab. Wart Manndel! hab i mir denkt, du kimmst mir grad recht. Und weil er von seiner Freundschaft mit'n Loisl g'redt hat, hab i mir denkt, von dera muaß i'n kurier'n. No ja, nacha hab i's eahm so hi'g'rieb'n, als wann dös a Schwindel g'wesen waar mit dein Schuß. Als wann du im Rausch auf an Stoa hi'g'fall'n waarst. I hab schon mehra Leut ang'log'n, aber so schö hat mir no koana aus der Hand g'fressen. Und dir glaabt der nix mehr.« Loisl brach in ein herzhaftes Gelächter aus. »Ah so... jetza... desweg'n hat er g'sagt, i hätt'n net a so o'lüag'n soll'n...« »Nix für unguat, gel?« »G'wiß net, obwohl daß...« »Was?« »I moan, obwohl daß as nimma braucht hätt; i bin scho kuriert g'wen.« »Von dera Medizin hab i nix g'wißt. Daß du am Berg so a heilsams Trankei kriagt hast, da war mir nix bekannt. Aber jetzt bist d' g'sund, und dös is d' Hauptsach.« »Is aa und i dank dir halt schö, daß di du aa no plagt hast für mi.« »Hat leicht sei kinna.« Festl lachte, daß sein weißer Bart wackelte. »Gehst scho?« fragte er, da Loisl aufstand und seine Büchse aus der Ecke holte. »Ja. Heut freu i mi außi ins Revier.« »Na bfüad di!« »Grüaß di Good, alter Planer, und nomal schön Dank fürs Rehg'wichtl!« Loisl machte sich auf den Weg. Es war ein milder Abend; wie flüssiges Gold lag der Sonnenschein auf den Wiesen, und um die Berge war ein feiner Duft. Der Sommer ging zu Ende.